The Project Gutenberg EBook of Beitrge zur Entdeckung und Erforschung
Africa's., by Gerhard Rohlfs

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Title: Beitrge zur Entdeckung und Erforschung Africa's.
       Berichte aus den Jahren 1870-1875

Author: Gerhard Rohlfs

Release Date: July 13, 2005 [EBook #16280]

Language: German

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Beitrge

zur Entdeckung und Erforschung

Africa's.

Berichte aus den Jahren 1870-1875

von

Gerhard Rohlfs.

       *       *       *       *       *

Leipzig,

Verlag der Drr'schen Buchhandlung

1876

Mit dem Stahlstich-Portrait des Verfassers


Beitrge

zur

Entdeckung und Erforschung Afrika's.

[Illustration: Nach einer Photographie Gerhard Rohlfs]

[Illustration: Handwriting]

Contributions

 la dcouverte cf  l'exploration

de l'Afrique

Rcite des annes 1870-1875

Herr Gerhard Rohlfs

Leipzig

Drr

1876


Beitrge

zur Entdeckung und Erforschung

Afrika's.

Berichte aus den Jahren 1870-1875

von

Gerhard Rohlfs.

       *       *       *       *       *

Leipzig,

Verlag der Drr'schen Buchhandlung

1876







INHALT


1. Der Kanal von Suez
2. Bauten in Afrika
3. Lagos an der Westkste von Afrika
4. Das Gora-Gebirge in Central-Afrika
5. Hflichkeitsformen und Umgangsgebruche bei den Marokkanern
6. Beitrag zur Kenntnis der Sitten der Berber in Marokko
7. Ueber Reiz- und Nahrungsmittel afrikanischer Vlker
8. Aufbruch zur Libyschen Wste
9. Das jetzige Alexandrien
10. Kairo, Hauptstadt von Aegypten
11. Meine Heimkehr aus der Libyschen Wste
12. Bei den Zeltbewohnern in Marokko, eine ethnografische Schilderung






1. Der Kanal von Suez.


Es hat kaum ein groartigeres Unternehmen mehr das Interesse der
gebildeten Welt in Anspruch genommen, als der Durchstich des Isthmus von
Suez, eine Unternehmung, wie sie eben nur der vor nichts
zurckschreckende Geist des 19. Jahrhunderts erdenken konnte. Und keine
Arbeit ist mehr besprochen und beschrieben worden, als gerade dieser
Kanal, Stimmen haben sich dafr und dagegen erhoben; Enthusiasten
wollten den Kanal in ein paar Jahren vollenden, unterschtzten die
Schwierigkeiten, setzten die Kosten zu gering an; ihre Gegner sprachen
von unberwindlichen Hindernissen, vom Niveauunterschiede der beiden zu
verbindenden Meere, von nicht zu besiegenden Sandstrmen der Wste, vom
Mangel an Geld und endlich, falls der Kanal zu Stande kme, von den zu
groen Kosten, welche die Rheder fr ihre durchgehenden Fahrzeuge zu
entrichten haben wrden.

Im Jahre 1854, als Hr. von Lesseps vom Viceknig die Autorisation bekam
zur Anlegung eines maritimen Kanals durch die Landenge, constituirte
sich infolge dessen eine internationale Commission, bestehend aus
Ingenieuren von England, Oesterreich, Spanien, Frankreich, den
Niederlanden und Preuen, um einen Plan auszuarbeiten, und nachdem diese
Commission festgestellt hatte, da kein Niveauunterschied zwischen den
beiden getrennten Meeren vorhanden sei, hatte sie die Bildung des Kanals
von Suez und eine Subscription zur Folge. Die auszufhrenden Arbeiten
waren auf 200 Mill. Frs. veranschlagt worden, welche Summe aufgebracht
wurde. Im Jahre 1859 begannen die ersten Arbeiten unter der
unmittelbaren Direction der Compagnie selbst.

Diese bestanden hauptschlich in Menschenwerk; das gyptische
Gouvernement hatte contractlich 20,000 Fellahin oder Leibeigene zu
liefern, welche eine monatliche Dienstzeit hatten, wobei sie auf Kosten
der Compagnie ernhrt und abgelohnt wurden. Jeden Monat lste ein Haufen
anderer Zwangsarbeiter den alten ab.

Als nun Ende 1865 die Unzulnglichkeit dieser Arbeiten sich
herausstellte, schlo die Compagnie mit dem Hause Borrel und Lavaley
einen Contract, demzufolge das genannte Haus es bernahm, smmtliche
Erdarbeiten, die Ausgrabung und Ausbaggerung des Kanals durch Maschinen
bewerkstelligen zu wollen. Zugleich wurde der Firma Dussaud Frres die
Vollendung der groen Molen von Port-Said berwiesen und die Arbeiten,
welche dieses Haus durch seine colossalen knstlichen Steinblockbauten
in Algier, Cherbourg u.s.w. ausgefhrt und dem man neuerdings noch die
Construction des Hafens von Smyrna bergeben hatte, waren hinlnglich
Brge, da ihnen die Molen von Port-Said wrden ebenbrtig zur Seite
gestellt werden knnen.

Es handelte sich nun aber darum, das gyptische Gouvernement, welches
sich verpflichtet hatte, whrend des Kanalbaues so und so viele Arbeiter
zu liefern, dahin zu bringen, da es fr die jetzt unnthig gewordenen
Menschenkrfte einen quivalenten Theil an Geld gewhrte und die
gyptische Regierung, immer bei der Hand, das Unternehmen auf's
Gromtigste zu frdern, ging auf's Bereitwilligste daraus ein. Inde
stellte es sich heraus, da die Ablsungssumme, welche die Compagnie
verlangte, 54 Mill. Frs. dem Viceknig zu hoch gegriffen schien und man
kam nun berein, sich einem Schiedsrichter zu unterwerfen, wozu beide
Parteien den Kaiser Napoleon whlten. Aber nicht fr 54 Millionen
entschied sich der Kaiser der Franzosen, sondern fr 84 Millionen,
welche die gyptische Regierung der Compagnie zu zahlen habe. Die
anfngliche Schtzung der Compagnie war also bedeutend durch den
Ausspruch des Kaisers Napoleon berboten worden. Man hat behaupten
wollen, der Umstand, da Herr von Lesseps ein Verwandter der Kaiserin
Eugenie ist, habe nicht wenig dazu beigetragen, eine fr die Compagnie
so auerordentlich gnstige Entscheidung herbeizufhren. Auerdem hatte
die Compagnie einen neuen Geldzuschu von 10 Mill. Frs. als
Entschdigung fr die Domne Tel-el-kebir vom Viceknig erhalten.
Trotzdem da nun die ursprnglich veranschlagte Summe von 200 Mill. Frs.
sich so um fast 100 Millionen erhht fand, stellte es sich schon im
kommenden Jahre heraus, da zur Beendigung des Kanals noch wenigstens
100 Millionen erforderlich seien. Deshalb ging Anfang 1868 Herr Lesseps
nach Paris, um eine neue Anleihe zu negociiren. Eine Anleihe als solche
scheiterte inde, es gelang aber Herrn Lesseps eine Lotterie mit
Bewilligung der franzsischen Kammer zu Stande zu bringen, welche bis
Anfang Juni 1868 40-45 Millionen ergab und endlich wurden durch
verschiedene Operationen die finanziellen Schwierigkeiten des Kanalbaues
berwunden.

Nach der damaligen Abmachung sollten die Arbeiten bis zum 1. October
1869 fertig sein und nach den Arbeiten des Hauses Borrel und Lavaley zu
schlieen, konnte dies auch geschehen. Denn um von dem Augenblicke an
den Kanal so herzustellen, da er berall an der Wasserlinie eine Breite
von 100 Meter, an der Basis 22 Meter (an einigen Stellen inde oben 75
Meter und unten blos 12 Meter) mit einer Tiefe von berall 8 Metern
habe, blieben vom Juni 1868 an noch 34 Millionen Kubikmeter Terrain
wegzurumen brig. Mit der Arbeitsfhigkeit, welche Borrel und Lavaley
zu ihrer Disposition hatten und wodurch bis Mai 1868 circa 18 Millionen
Kubikmeter Erdreich weggeschafft wurde und welche im Juli 1868 bis auf
20 Millionen Kubikmeter gesteigert werden konnte, stellte es sich
heraus, da in der That bis Ende des Jahres 1869 der Kanal fertig sein
wrde. Ob aber derselbe dann schon fr die grten Fahrzeuge passirbar
sein wrde, war eine andere Frage; jedenfalls aber konnten Borrel und
Lavaley, die mit der Compagnie bereingekommen waren, eine so und so
groe Menge von Erdreich aus der vorgeschriebenen Linie des Kanals
hinwegzurumen, ihren Verpflichtungen nachkommen. Zur Ausfhrung dieser
groartigen Arbeit hatten Borrel und Lavaley folgende Maschinen, welche
smmtlich entweder in England oder Frankreich und Belgien angefertigt
sind, zur Disposition: a) 10 mechanische Zermalmer; b) 4
Handbaggermaschinen; c) 19 kleine Baggermaschinen; d) 58 groe
Baggermaschinen, von denen 20 mit langen Abgssen; e) 30 Dampfschiffe,
um Schutt wegzufahren, mit Seitenklappen; f) 79 Schuttdampfschiffe mit
Grundklappen, 37 von diesen hielten das Meer; g) 18 Elevateurs; h) 90
schwimmende Chalands mit Schuttkisten; i) 30 Dampfwidder; k) 15
Dampfchalands; l) 60 Locomobilen; m) 15 Locomotiven; n) 20
Dampferdhhler theils fr trockenen, theils nassen Boden; o) 1800
Erdwagen; p) 25 Dampfcanots oder Remorqueurs; q) 200 eiserne Chalands.

Wir brauchen nicht zu erwhnen, da auch noch ein gengendes und
massenhaftes Material von kleinen Gerthen, als Schaufeln, Hacken,
Schiebkarren u.s.w. vorhanden war. Borrel und Lavaley hatten auerdem
eine Arbeitskraft von circa 12,000 Menschen auf dem Platze, welche
theils aus Eingeborenen, die sich freiwillig zum Arbeiten gemeldet
hatten, theils aus Europern bestand. Alle Arbeiten waren contractlich;
erstere bekamen fr 1 Meter Kubikfu 1 Fr. 95 Cent., wo das Terrain
leicht zu bearbeiten war; wo es hingegen, wie in Chalouf, schwierig war,
bis 2 Frs. 45 Cent., die Handwerker und Europer hatten nicht unter 5
Frs. per Tag.

Bald darauf wurden aber wieder viele Stimmen laut, da nach vollendetem
Kanalbaue zwei groe Schiffe neben einander nicht wrden passiren
knnen; inde bei den geringsten Dimensionen von 75 Meter an der
Wasserlinie und 12 Meter an der Basis waren wir berechtigt, anzunehmen,
da dies der Fall sein wrde oder da man dem wrde abhelfen knnen.
Man wollte ferner behaupten, da die Ausfllung der Bitterseen vom
Mittelmeere aus zu rasch vor sich gehen wrde und so durch den
hereinbrechenden Strom der Kanalbau beschdigt, wenn nicht ganz zerstrt
werden knnte. Die Anfllung des Timsahsees im Jahre 1861, wozu nicht
weniger als circa 100 Mill. Kubikmeter Wasser erforderlich waren, welche
dem mittellndischen Meere entzogen wurden, hatte jedoch gezeigt, da
bei so groen Quantitten mit verhltnimig so geringem Falle die
Strmung mit groer Langsamkeit vor sich geht; und so konnte man genau
berechnen, da zur Ausfllung des groen und kleinen Beckens des
Bittersees, welcher wenigstens 20 Mal so viel Volumen Wasser
verschlingen wrde, als der Timsahsee, fast zwei Monate erforderlich
sein mten.

So war, als wir Mitte Juni 1868 den Kanal besuchten, die Sachlage; und
wenn wir auch nicht der Meinung der Pessimisten waren, welche
behaupteten, der Kanal wrde nie fertig, wrde stets wieder versanden
oder auch diese Compagnie wrde nicht die erforderlichen Mittel
aufbringen knnen, um die Bauten zu Ende zu fhren, und es wrde so
selbstverstndlich der Kanal in die Hnde der Englnder bergehen
(beilufig gesagt wre dies gar kein Schaden fr die kommerzielle Welt),
so waren uns doch auch andererseits starke Zweifel aufgestoen, ob der
Kanal schon Ende 1869 der allgemeinen Benutzung wrde bergeben werden
knnen. Denn wenn auch die Firma Borrel und Lavaley die vorgeschriebenen
34 Mill. Kubikmeter Terrain bis Ende 1869 herausgeschafft haben konnte,
so war damit lange noch nicht der Kanal fertig. Vor Allem wre berdies
der Compagnie eine weise Sparsamkeit anzuempfehlen gewesen. Wozu ntzte
es damals, nachdem sie alle Privatarbeiten abgegeben hatte an
Privatunternehmer (Borrel und Lavaley, Dussaud Frres, Couvreur in El
Guisr u.a.m.), einen so groen Stab zu unterhalten? Seitdem die
Compagnie sich nicht mehr direct bei den Arbeiten betheiligte, wie im
Anfange, war es da nicht eine eitle Geldverschleuderung, noch immer
denselben Personalbestand zu haben, welcher unter den hochtnenden Namen
Agence suprieure und Direction gnrale des travaux ein Personal von
ber 200 Leuten (officiell) aufwies, von denen der geringste Beamte
sicher nicht unter 5000 Frs., der Director Herr Voisin 50,000 Frs.
Gehalt bezog?

Man kann von drei Seiten hinkommen, um den Kanal zu besuchen: von
Port-Said, von Ismalia und Suez. Wir gingen im Jahre 1868 von letzterem
Platze aus, uns auf dem Swasserkanal einschiffend, welcher von
Ismalia kommt und in Suez sein Ende hat. Von diesem Orte an bis nach
Ismalia hatte der Kanal eine Lnge von 90 Kilometern, war an der
Wasserlinie berall 14 Meter breit und hatte eine durchschnittliche
Tiefe von 1,20 Meter. Es bestand eine regelmige Post, jedoch konnte
man auch Extradahabien haben, welche von Maulthieren, die immer im
schnellen Trabe oder Galop gehen, gezogen wurden. Der Verkehr war schon
sehr belebt durch kleine Privatschiffe; so bezogen schon damals die
indischen Schiffe und ganz Suez alle Kohlen mittelst des Kanals. Um die
Fhigkeit zu haben, berall halten und aussteigen zu knnen, zogen wir
eine Extradahabie vor, zumal die Posten sehr schmutzig und voller
Ungeziefer waren. Jede Dahabie hat einen Vorraum und einen kleinen
Salon, der fr vier Personen gerumig ist, sogar ein kleines
Ankleidezimmer und Accessoir fehlen nicht. Die unvermeidlichen
Hausthiere mohamedanischer Lnder, lstige kleine Insecten, fehlen aber
auch in den Extradahabien nicht, was auch ganz natrlich ist, da der
Res oder Capitain in Abwesenheit von Passagieren sich sicher nicht zum
Schlafen auf das Dach der Dahabie, sondern aus die Sophas in derselben
legt und seine beiden Leute sicher seinem Beispiel folgen. Man kann,
falls man sich gar nicht aufhlt, die Fahrt von Suez nach Ismalia in
10-12 Stunden machen, inde war es sehr gerathen, einige Stunden in
Chalouf zu bleiben, um die dortigen Arbeiten zu besichtigen. Hier ist
der einzige Ort, wo man auf felsiges Terrain, jedoch von lockerer
Beschaffenheit, stie. Tagtglich fand man hier die schnsten
Versteinerungen, Fische, Sugethiere und Pflanzen. Als wir den tiefen
Graben besuchten, wurde gerade ein ausgezeichnet schner Rckenwirbel
eines Elephanten ausgegraben. Es herrschte in Chalouf ein reges Lebens,
groe Dampfpumpen waren fortwhrend in Thtigkeit, um das eindringende
Wasser, welches der nahe Swasserkanal durchsickern lie,
herauszuschaffen, whrend andere mchtige Maschinen die Erde selbst
angriffen. Nur in Chalouf hatte man jetzt noch das Bild und Profil des
Kanals, da die anderen Strecken zwischen Port-Said und Ismalia alle
angefllt waren. Aber gerade vor Thoresschlu den Kanal entstehen sehen
die riesigen Arbeiten bewundern zu knnen, gerade das hatte einen
besonderen Reiz. Wenn man jetzt nach Vollendung des Durchstiches ber
den Kanal dahinfhrt, kann man sich kaum eine richtige Idee machen von
den Schwierigkeiten, welche besiegt werden muten.

Nebenbei war hier eine ganze Stadt entstanden; es gab Kirchen, Moscheen,
Wirtshuser, Spitler, Cafs u.s.w. Von hier nun wendet sich der
Swasserkanal ab, um die Bitterseen, deren Bassin tiefer ist, als die
Basis des Swasserkanals, zu vermeiden, und bei der groen Hitze, die
im Sommer hier herrscht, zogen wir es vor, diesen Theil des Weges Nachts
zu machen, wo wir dann am anderen Morgen frh in Serapeum eintrafen;
dies liegt am Nordrande der Bitterseen. Vom Swassercanal fhrt eine
Zweigbahn nach Serapeum. Auch hier konnte man die Arbeiten in ihrer
ganzen Groartigkeit bewundern und auch hier hatte sich rasch ein Ort
entwickelt, wie es brigens das Zusammensein so groer Arbeitermassen
von selbst mit sich bringt.

Von Serapeum bis Ismalia sind nur noch 20 Kilometer und bald landete
die Dahabie an dem schnen steinernen Kai; vorbeifahrende Wagen, die
Menge der Schiffe (unter denen manche Dreimaster und stattliche
Mittelmeerdampfer), Kirchthrme, Huser und Hotels, wie man sie nur in
den groen Seestdten findet, berraschen den Reisenden, so da er
glaubt in Europa zu sein.

Ismalia ist eine Stadt von circa 8000 Einwohnern. Nach einem vollkommen
regelmigen Plane gebaut, ist es weit hinaus im Halbkreise von einem
Swasserkanale umgeben, welcher von ppigen Weiden bordirt ist. Man hat
eine katholische und zwei griechische Kirchen, eine Moschee, zwei
Hospitler, von denen eins fr die arabische Bevlkerung bestimmt ist.
Es befinden sich hier die Gebude der Directoren, welche an Pracht und
Bequemlichkeit in nichts den Sommerwohnungen der Frsten nachstehen.
Die Straen sind breit und vor allen Privathusern breite Blumenbeete
und Baumanlagen, was einen reizenden Anblick gewhrt. Namentlich der
Hauptcentralplatz ist eine allerliebste Anlage und obgleich erst seit
zwei Jahren geschaffen, so ppig, als ob sie seit zehn Jahren bestnde.
In Ismalia ist das beste Htel das Htel des voyageurs; es giebt aber
noch fnf oder sechs andere. Natrlich wo Franzosen sind, fehlen nicht
die Cafs chantants und die Roulette; diese ist jetzt in Aegypten so
verbreitet, wie in Californien und namentlich zur Zeit der
Baumwollenperiode wurden oft in den schmutzigsten Winkelbuden Summen
umgesetzt, um die sie die Banken von Homburg, Wiesbaden und Ems htten
beneiden knnen. Aber auch das deutsche Bier hat seinen Weg zum Kanal
gefunden und in Ismalia wie in allen anderen Stdten Aegyptens giebt es
deutsche Bierbrauer, welche ihr Bier von Wien beziehen. Es hatte den
Anschein, als ob Ismalia nach Vollendung des Kanals sein Aufblhen,
welches es den Arbeiten hauptschlich verdankt hatte, einben wrde,
aber jetzt im Bereiche des Eisenbahnnetzes, wird die Stadt doch immer
eine gewisse Wichtigkeit behalten, wenngleich es sich wohl nie zu einer
bedeutenden Stadt hinaufschwingen wird.

Der Timsahsee war jetzt vollkommen angefllt, er ist sdlich von der
Stadt und circa einen halben Kilometer entfernt und hat eine Oberflche
von 60 Hectaren. Der Canal maritime geht an der stlichen Seite
hindurch. Obgleich das auf dem Boden stark aufgehufte Salz, welches
sich beim Hereinlassen des Mittelmeerwassers natrlich auflste,
anfnglich keine Fische leben lie, so ist doch durch die constante
Erneuerung des Wassers, durch den Abflu vom Swasserkanal her, der
Salzgehalt so vermindert, da eine Menge Fische jetzt darin leben,
obgleich der Salzgehalt des Wassers noch bedeutend grer ist, als der
des mittellndischen Meeres. Das Wasser ist brigens hell, wie Krystall,
und ladet Jeden zum Baden ein. Krocodile sind heute nicht mehr zu
frchten (behar el timssah heit Krocodilsee) und eine gute Badeanstalt
am Ufer des Sees sorgt fr alle Bedrfnisse ihrer Clienten.

Von Ismalia bis Port-Said benutzte man damals schon den Canal maritime
der von Port-Said an gerechnet 75 Kilometer lang ist (die Lnge des
ganzen Kanals betrgt bis Suez 160 Kilometer). Es war hier schon
tgliche Dampfverbindung und man legte die Fahrt gewhnlich in acht
Stunden zurck. Die Dampfer, kleine Boote, waren brigens zweckmig
eingerichtet und hatten eine erste und zweite Classe. Der Kanal hatte
hier berall die planmige Breite, aber noch nicht die gehrige Tiefe
zwischen diesen beiden Pltzen. Durch den Balahsee kam man zuerst nach
El Guisr, einem Punkte, der Interesse erregte durch die Ausstellung der
Maschinen des Herrn Couvreux. Diese Maschinen, Excavateurs genannt,
griffen mittelst Dampf das trockene Erdreich an, sind also
Trockenbaggerer; das Swasser wurde nach diesem Orte durch
Dampfdruckmaschinen befrdert. Nichts war eigenthmlicher als der
Anblick der colossalen Dampfbaggerer und der Elevateurs, die man nun von
hier an auf Schritt und Tritt bis Port-Said fand. Es gab Baggerer, die
in _einem_ Tage bis 2000 Kubikmeter heraufholen konnten.

Man passirt dann noch den Ort El Kntara (die Brcke) von circa 2000
Einwohnern, schon frher wichtig als ein Halteplatz von Karavanen, die
nach und von Syrien ziehen. In El Kntara ist eine Kirche, ein Spital
und eine Moschee, dann die sehr sehenswerten Etablissements von Borrel
und Lavaley, welche denen dieser Herren in Chalouf um nichts nachstehen;
natrlich sind diese Werksttten seitdem geschlossen worden.

Der einzige Ort von Wichtigkeit ist nun nur noch El Aech (sprich Aisch),
ein kleines Etablissement circa 15 Kilometer von Port-Said entfernt.
Bald sah man nun schon die hohen Masten der Seefahrer und nach einer
Weile fuhr unser kleiner Dampfer hindurch zwischen seinen groen
Seebrdern aus der Familie der Lloyd, der Messagerie impriale und
anderer Gesellschaften, die wie Riesen auf einen Zwerg, so auch auf
unsere kleine Dampfnuschale herabschauten.

Port-Said ist eine vollkommen europische Stadt und hat jetzt circa
12,000 Einwohner, welche Bevlkerung auer aus Aegyptern hauptschlich
aus Oesterreichern (Dalmatinern), Franzosen, Italienern und Griechen
besteht. Letztere, der Auswurf ihres Landes, machen inde das Leben in
Port-Said ebenso unsicher, wie in Suez und Alexandria. In allen diesen
Stdten konnte man zur Zeit des Kanalbaues tglich einen Mord rechnen;
zum Glck fr die brigen Europer, von denen sie wie die Pest gemieden
werden, schlachteten sie sich meist unter einander selbst ab. Die Stadt
hat einen gyptischen Gouverneur und einen von der Regierung gepflegten
Gesundheitsdienst, fast alle maritimen Staaten sind durch Consuln
vertreten, Deutschland durch Herrn Bronn, welcher frher ebendaselbst
schon Consul von Preuen war. Es giebt Kirchen fr den katholischen und
griechischen Cultus, eine Moschee fr die Mohamedaner, Hospitler und
Klster, in denen nichtsthuende griechische oder katholische Mnche auf
Kosten der Bewohner Port-Saids ihre Buche msten, eine Menge Hotels
(von denen das Htel Pagnon das beste sein soll; wir selbst hatten
unsere Wohnung auf Sr. Majestt Consulat). Cafs mit und ohne Musik,
ffentliche Bder, Clubs, kurz nichts fehlte, um Port-Said als eine
kleine Grostadt bezeichnen zu knnen. Aber auch die Voraussicht, da
Port-Said eine bedeutende Concurrenz Alexandrien machen wrde, hat sich
nicht bewahrheitet. Jetzt nach einem Bestande des Canals von 5 Jahren
knnen wir nur constatiren, da dieser Hafen nicht die Entwicklung
genommen hat, welche man seiner Lage zu Folge berechtigt zu sein
glaubte, voraussetzen zu drfen.

Zum Theil ist der Hafen nicht sicher, trotz der enormen Molen, welche
man construirt hat, zum Theil passiren die Schiffe, welche nach Indien
gehen, rasch ohne sich hier aufzuhalten. Der eigentliche Hafen fr
Aegypten ist eben Alexandria geblieben. Wenn der jetzige Chedive, der ja
so groe Dinge schon geschaffen hat, eines Tages dazu schreiten wrde,
den in unmittelbarer Nhe gelegenen Mensaleh-See auszutrocknen, dann
wrde sich allerdings in der Entwicklung Port-Saids eine wesentliche
Aenderung zu Gunsten der Stadt ergeben.

Sehr sehenswerth war die Fabrikation der groen Steinblcke zur
Construction der beiden Hafenmolen. Wie schon erwhnt, waren es die
Herren Dussaud Frres, welche diese Arbeit bernommen hatten. Jeder
Block hat 10 Kubikmeter Gehalt und wiegt 40,000 Pfund. Das Verfahren,
sie herzustellen, war so einfach wie mglich: Mittelst Sand, welcher aus
dem Hafen gebaggert und mit der vorgeschriebenen Partie Swasser
gemischt wurde, brachte man dieses Gemenge unter eine Zerreibemhle und
that es dann mit Kalk und Cement in gewollter Menge zusammen. Wenn alles
ordentlich durcheinander gemischt war, kam diese Masse in hlzerne
Formen und mute dann zwei Monate trocknen, nach welcher Zeit eine
felsenartige Hrte eintrat.

Seitdem ist in der That der Kanal von Suez am 16. November 1869 erffnet
worden und alle die bsen Conjuncturen, welche man an die
Lebensfhigkeit dieses gigantischen Unternehmens geknpft hatte, haben
sich als eitel Dunst erwiesen.

Ein riesiges Unternehmen, wozu man fnf Jahre Studien, wie Stephan sagt,
und elf Jahre Ausfhrung gebraucht hatte.

Alle seefahrenden Nationen hatten sich bei dieser groartigen Feier
durch ihre Flotten vertreten lassen und von Frstlichkeiten waren der
Kaiser von Oesterreich, der deutsche Kronprinz (damals noch Kronprinz
von Preuen), die Kaiserin Eugenie und Prinz Heinrich der Niederlande
erschienen. Alle waren Gste des Chedive, aber nicht sie allein, sondern
Tausend andere. Ja der Schreiber dieser Zeilen, welcher ebenfalls eine
Einladung erhalten hatte, der er leider eingetretener Umstnde halber
nicht Folge geben konnte, wei aus spterem Besuche in Aegypten, da
eine Menge _ungeladener_ Gste flott sich unter die Geladenen drngte
und auf Kosten des Chedive den Festlichkeiten anwohnte. Man berechnet
die Zahl der damals anwesenden Fremden auf 30,000 Personen.

Der dabei entwickelte Pomp, die Verschwendung, welche ostensibel zur
Schau getragen wurde, sind unbeschreiblich; aber fr den Orient, wo
Alles auf Aeuerlichkeit berechnet ist, kann man sie kaum bertrieben
nennen.

Wenn nun auch der Kanal bei der Erffnung vollstndig planmig
hergestellt war, so war doch im Mai 1871 erst die Ausbaggerung des
Kanals soweit vollendet, da er in seiner ganzen Lnge eine mittlere
Tiefe von 8,50 Meter hatte, so da Schiffe mit 7 Meter Tiefgang
ungehindert den Kanal passiren konnten.

Im ersten Jahre hat man noch, eingeschlossen die Ausbaggerung des
Auenhafens bei Port-Said, 563,060 Kubikmeter ausgerumt, aber eine im
December 1871 vorgenommene Sondirung in einer Entfernung von je 18,50
Meter vorgenommen ergab berall die Tiefe als normal. Es besttigte sich
denn auch, da der Kanal keineswegs so viel zu leiden hatte von den
Sandwehen der Dnen oder vom Abschwemmen der Ufer durch den Wellenschlag
vorbeifahrender Dampfer. Ebenso haben die in Port-Said errichteten Molen
vollkommen gut dem schlechtesten Wetter getrotzt, denn einige Senkungen,
welche man brigens vorausgesehen hatte, haben auf die allgemeine
Sicherheit keinen Einflu gehabt.

Die Leichtigkeit, mit welcher der Verkehr vor sich geht, hat berhaupt
alle die bsartigen Voraussetzungen und Meinungen, die man anfangs mit
der Lebensfhigkeit des Kanals in Verbindung brachte, zu nichte gemacht.



Im Jahre 1870 passirten 486 Schiffe.
 "   "   1871     "     765    "
 "   "   1872     "    1082    "
 "   "   1873     "    1173    "
 "   "   1874     "    1264    "

Seit der Einweihung haben bis Ende 1874 4770 Schiffe den Kanal passirt
mit einem Gesammttonnengehalt von 8,050,338; davon waren circa vier
Fnftel Dampfer und nur ein Fnftel Segler. Die Einnahmen betrugen vom
Beginn der Erffnung bis Ende 1874 78,317,352 Frs. Am besten wird das
stete Wachsen der Einnahme veranschaulicht, wenn wir die des ersten
Jahres mit 5,159,327 Frs. gegen die des Jahres 1874 mit 24,859,383 Frs.
halten.

Wir sehen aber, da bei Weitem der grte Theil der Schiffe den
Englndern gehrt, ihr Land also in Wirklichkeit den grten Nutzen vom
Durchstich der Landenge von Suez gehabt hat. Was wrde Lord Palmerston,
dieser eifrigste Gegner des Suezkanales, gesagt haben, htte er ein
solches Resultat noch erleben knnen.

Die jhrlichen Ausgaben des Kanals waren auf circa 5,000,000 Frs.
veranschlagt, da aber im ersten Semester 1872 die Einnahmen sich schon
auf mehr als eine gleiche Summe bezifferte und da der Transit
fortwhrend im Steigen begriffen ist, so kann man mit Zuversicht der
Zukunft entgegensehen.

Seit dem Juli 1872 hat die Umwandlung des officiellen Tonnengehaltes in
die des sogenannten "gross tonnage" die Einnahmen um 40 bis 50%
gesteigert.

Lngs des ganzen Kanals hatte man von Mitte 1871 Fluthmesser angebracht
auf sechszehn verschiedenen Stationen. Von sechs Uhr Morgens bis sechs
Uhr Abends wird viertelstndlich die Hhe des Wassers, die Schnelligkeit
der Strmung des Wassers und die Windrichtung gemessen, so da man jeden
Augenblick am Tage die Fluthwelle von Port-Said bis Suez in Erfahrung
bringen kann. Das aus dem rothen Meere kommende Wasser fliet gegen das
Mittelmeer mit einer intermittirenden Geschwindigkeit, welches von der
ungleichen Gezeitung beider Meere verursacht wird.

Zu erwhnen ist noch, da die Leuchtthrme von Port-Said und Suez ebenso
wie die, welche lngs des Kanals aufgestellt sind, von electrischem
Lichte erleuchtet werden, der von Port-Said durch magneto-electrische
Maschinen, welche durch Dampf in Thtigkeit gesetzt werden.

Trotz des groen Aufschwungs, den der Kanal genommen hat, knpfen sich
an seine Existenz nicht unwichtige Fragen, welche bei einer eventuellen
Unabhngigkeitserklrung Aegyptens zum Austrag kommen drften.
Jedenfalls besitzen wir aber dermalen in der Verbindung der beiden Meere
ein Werk so groartig, da es bis jetzt durch kein anderes Unternehmen
hnlicher Art bertroffen worden ist.




2. Bauten in Afrika.


Wenn wir hier die Bauweise der in Afrika befindlichen Vlker, soweit es
dessen Norden und Centrum angeht, beschreiben wollen, so sehen wir
selbstverstndlich von den _antiken_ Baudenkmlern ab. Allein die
Schilderung der Bauten, welche wir in Aegypten namhaft machen knnten,
wrde Bnde, oder der, welche wir in den sogenannten Berberstaaten
antreffen, seien es nun Reste der Libyer, Phnicier, Griechen, Rmer und
Christen der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, wrde Folianten
fllen, wenn Jemand sich der Mhe unterziehen wollte, ausschlielich
diesen Gegenstand zu behandeln.

Indem wir aber wiederum Aegypten auer unserem Bereiche lassen, so weit
es die _neuen_ Bauten jetzt lebender Generationen anbetrifft, so glauben
wir damit vollkommen im Rechte zu sein; denn die Palste, die Moscheen,
welche von den jetzigen Herrschern des Landes der Pharaonen errichtet
worden sind, wurden nicht von den Aegyptern selbst erbaut. Auslndische
Architekten leiteten die Construction, und nur die roheste Arbeit wurde
von den Eingeborenen selbst verrichtet.

Anders ist es in den Berberstaaten. Obschon auch hier der
christlich-europische Einflu sich nicht leugnen lt, namentlich bei
den Baulichkeiten von Tripolitanien, Tunesien und Algerien, so finden
wir hier doch noch mehr einheimisches Wesen und Form. Fast ganz rein von
europischen Einflssen hat sich die Bauweise in Marokko gestaltet,
obschon die monumentalen Gebude fast alle aus der Periode her datiren,
wo dieses Reich mit Spanien eng verknpft war.

Die colossalen Bauten von Fes, die Djemma-el-Karuin, die
Djemma-Mulei-Dris, die Palste des Kaisers, drei an der Zahl, das
umfangreiche Schlo des Sultans in Mikenes, die Djemma-el-Fanal in
Marokko selbst, das Lustschlo des Kaisers ebendaselbst, stammen alle
aus der Periode des westlichen Khalifats.

Im heutigen Nordafrika knnen wir die Bauten der Bewohner der Stdte,
die Drfer des sogenannten Tel- oder Atlasgebietes, die Burgen der
Bewohner am Sdwestabhange des Atlas und die Bauten der Oasenbewohner
unterscheiden. Ferner haben wir Zelte, Htten und Hhlen der Bewohner
Nordafrika's in Betracht zu ziehen.

Was nun bei den Husern der Stdte (ich nehme hier Fes, die Hauptstadt
des Kaiserreichs Marokko, als Vorbild) am meisten auffllt, ist, da das
Aeuere vollkommen schmucklos ist, und da mit Ausnahme einer niedrigen
Thr nirgends die Einfrmigkeit einer wei berkalkten Mauer durch
Fenster oder sonstige Oeffnungen unterbrochen wird. Wie bei den alten
rmischen Wohnhusern gruppirt sich Alles um einen Hof, der meistens
rechtwinklig und viereckig ist. Im Hofe selbst befindet sich fast immer
eine Cisterne, die das Regenwasser des ganzen Jahres ansammelt, und da,
wo es mglich ist, in Fes z.B., eine Fontaine mit sprudelndem oder immer
flieendem Wasser. Der Hof selbst ist bei den Vornehmen mit
Marmorplatten oder mit Kieselchen mosaikartig belegt. Aus diesen nun, zu
dem man von der Strae stets durch einen gewundenen Eingang hineinkommt
(damit man nicht von derselben aus direct in's Innere des Hauses sehen
kann), ffnen sich die Zimmer. Dieselben sind uerst lang, und nur
ausnahmsweise haben sie eine Breite von mehr als zwlf Fu. Meist sind
die Zimmer sehr hoch, mindestens immer zwanzig Fu. Wenn ein Wohnzimmer
z.B. vierzig Fu lang wre und fnfundzwanzig Fu Hhe htte, so wrden
marokkanische Architekten diesem Zimmer hchstens acht Fu Breite geben.
Eine groe gewlbte Thr, meist in der Mitte angebracht, fhrt hinein;
dicht neben der Thr, rechts und links, befinden sich zwei kleine
Fenster mit eisernen Gittern, ohne Glas.

Meist sind parterre mehrere solcher Zimmer um den Hof herum, und findet
sich ein zweiter Stock, so ist die obere Anordnung eine hnliche. Es
luft sodann um den Hof eine Sulenhalle herum, zu welcher man oft
mittelst einer im Bau befindlichen steinernen, oft mittelst einer
hlzernen Treppe hinaufkommt. Man liebt es, im Innern der Zimmer in die
Wnde nischenartige Vertiefungen zu machen, welche oft, mit hlzernen
Thren versehen, als kleine Schrnke dienen. Der Fuboden ist meist mit
Fliesen ausgelegt, welche in Fes gearbeitet werden, oft auch mit kleinen
Fliesstckchen, viereckig, dreieckig, sternartig von Form, und von den
verschiedensten Farben. Mit diesen legt man dann die buntesten Muster
zusammen groe Sterne in der Mitte oder der sogenannte Ring des Salomon
bilden immer Hauptfiguren. Diese kleinen Flieschen, von denen ein
einzelnes nicht grer als 1--1-1/2 Zoll ist, sind glnzend glasirt,
heien "Sldj" und werden ebenfalls in Fes fabricirt. Der Gesammtanblick
einer solchen Art ausgelegten Fubodens ist reizend.

Die Wnde im Zimmer sind vollkommen wei, manchmal jedoch mittelst Gyps
in quadratische Felder abgeheilt. Bei den Reichen luft oben,
anscheinend um das Geblk zu untersttzen, ein Kranzgesimse herum, oft
auch eine breite Borte, welche Koransprche enthlt. Da in Marokko,
ausgenommen bei jenen kleinen "Kubbas", welche als Grabsttten fr
Heilige oder Frsten dienen, nirgends das _Gewlbe_ angewendet wird, so
sehen wir die Decke der Palste und Wohnungen _nur_ aus Holz gearbeitet.
Oft wird, um eine solche Decke auszuschmcken, die grte Sorgfalt
entwickelt, nicht nur in Holzschnitzerei, sondern auch in der Auslegung
von Holz, man macht also eine Art "Parquetirung". Dnne, aber uerst
dicht neben einander liegende Balken bilden das Gerippe, darber liegen
Bretter, das Ganze wird dann inwendig teppichartig ausgeschnitzt und oft
mit farbigen Holzstckchen ausgelegt; manchmal enthalten auch die Decken
zwischen ihrem Teppichmuster grobuchstabige Sprche. Diese Art, auf
eine bunte und gefllige Weise die Plafonds zu schmcken, hat sich
vollkommen gut in Marokko erhalten. Statt die vielen Balken, welche den
Plafond sttzen, offen zu zeigen, sind diese auch wohl mit Brettern
beschlagen, welche dann hnlich geschmckt werden.

Thren, Fenster und Nischen zeigen alle jenen bekannten Hufeisenbogen,
den die Araber erfunden haben sollen. Sehr oft sind die Bogen selbst auf
die phantastischste Art wieder ausgewlbt und ausgezackt, so da in
einer Bogenhlfte manchmal bis zehn kleinere Bogen vorkommen. Auch die
Aufstellung von zwei, drei und vier Sulen, dicht bei einander, findet
man heute in Marokko noch in Anwendung. Als ich einen lngeren
Aufenthalt in Uesan beim Hadj Abd-es-Salam, dem Groscherif, hatte,
zeigte ich ihm eines Tages eine Abbildung des Lwenhofes der Alhambra
aus Sedillot's Historie des Arabes. Hadj Abd-es-Salam annectirte das
Buch der Abbildungen wegen (und es ist heute noch in seinem Besitze) und
verreiste dann auf lngere Zeit. Als ich zurckkam, hatte er allerdings
nicht einen Lwenhof, aber in seinem Garten eine reizende Veranda
errichten lassen: ein lngliches Viereck mit nach vorn geffneter Seite.
Die "kannelirten Bogen" wurden von Doppelsulen getragen, der Fuboden
war aus buntem "Sldj" zusammengesetzt zu einem allerliebsten Muster,
und der Plafond von Holz schillerte von blauen und goldenen Feldern.

Die Palste des Sultans, der Groen und Reichen haben ganz hnliche
Anordnung, nur da ihre Wohnungen statt eines Hofes oft drei, vier oder
mehrere Hfe haben und alle Rumlichkeiten bedeutend grer sind.

Was die Moscheen anbetrifft, so finden sich im ganzen westlichen Afrika
(nicht blos in Marokko, welches als eigentliches Westland bei den
Marokkanern den Namen "Rharb-djoani" hat) gar keine, die irgendwie
christliche Reminiscenzen aufkommen lieen. Denn die in Algier
befindliche Moschee, die spter als christliche Kathedrale eingerichtet
wurde, und welche vom letzten Dei kurz vor der Eroberung Algeriens
erbaut worden war, zeigt in ihrer ganzen Anlage allerdings den Styl
einer christlichen Kirche, ist aber auch von christlichen Sclaven und
Renegaten erbaut worden. Fast durchweg zeigen die marokkonischen
Moscheen, sowie die der brigen Berberstaaten einen groen Hof, der
manchmal von einer Sulenhalle umgeben ist. Nach Osten zu vermehren sich
die Sulenhallen zu verschiedenen Schiffen. So zeigt die Karuin in Fes
so viele Sulen, da die ganze Moschee 360 haben soll. Die Sulen
selbst, die auf einer einfachen Basis ruhen, sind ohne Schmuck, und auch
das Capital zeigt groe Einfachheit. Die hufeisenfrmigen Bogen gehen
von Sule zu Sule, so da, wo mehrere Schiffe sind, immer vier Bogen an
einer Sule entspringen. Fast in allen Moscheen kann man, wie berall
bei arabischen Bauten, die grten Unregelmigkeiten beobachten, und
die Abwesenheit von Harmonie und Verhltnis tritt berall zu Tage. Es
ist als ob z.B. die Hhe der Sulen eine beraus gleiche sein mte, so
da man die Sulen fr eine Veranda von zwanzig Fu Breite eben so hoch
macht wie die, welche das Dach einer Moschee sttzen, welche vielleicht
einen Flchenraum von zweihundert Fu Geviert hat.

Die Wnde in den Moscheen, welche letztere im Rharb "Djemma" genannt
werden, sind von auen in der Regel ohne Schmuck, einfrmig und
fensterlos wie die brigen Bauten. Im Innern ist dieselbe Anordnung zu
bemerken wie in den Wohnungen. Die Gebetsnische, "Kybla" genannt, wird
auch heute oft noch durch ein prchtiges Stalactit-Gewlbe berdeckt;
auch diese Kunst hat sich in Marokko erhalten. Diese Stalactit-Gewlbe,
wie man sie genannt hat, sind inde weiter nichts wie einfache
Auswlbungen; der Stalactitenschmuck ist von Gyps. In der eigentlichen
Sculptur haben die Araber berhaupt nie etwas geleistet, da ihnen Bilder
aus Stein zu meieln verboten ist. Ihre ganze Kunstfertigkeit beschrnkt
sich daher auf Stuccoarbeit, und hier lieen sie ihren mathematischen
Formen die Zgel schieen. So findet man denn in Gyps gearbeitet die
wunderbarste Art sich kreuzender Linien.

Wenn der Reisende im Hofe der groen Djemma el Karuin zwei prachtvolle
Marmorfontainen bewundert und dann vielleicht sich selber sagen mchte,
hier haben doch die Araber in Steinarbeit etwas geleistet; so wird seine
Meinung von den Eingeborenen in Fes selbst gleich corrigirt werden:
"Diese Fontainen sind von 'Oeludj', d.h. christlichen Sclaven,
gearbeitet."

Der "Mimber" oder die Treppe, welche in keiner Moschee fehlt, von der
das "Kotba", d.h. das Freitagsgebet, gelesen wird, ist fast immer aus
Holz. Hier bemerken wir ebendasselbe, was wir schon bei den
Mauerarbeiten zu beobachten Gelegenheit hatten. Ebenso wenig, wie die
Araber gelernt haben, aus Stein heraus zu arbeiten, ebenso wenig treffen
wir bei ihnen jene kunstvollen Holzschnitzereien, welche _Krper_ haben.
Die Gebetstreppen sind daher, was die Form anbetrifft, alle roh und
primitiv; aber manchmal ist die Oberflche des Holzes ausgravirt, und
wir finden dann dieselben oder hnliche Linienbilder, welche, wenn sie
mit _krummen_ Linien Bezeichnet sind, "Arabesken" genannt werden, wie
wir dieselben an den Wnden der Mauern in Stucco kennen gelernt haben.

Man kann also keineswegs sagen, da die Araber Afrika's zurckgegangen
sind. Aber so wie man in Sevilla und Granada zur Zeit der Almoraviden
und Almohaden, zur Zeit der grten Glanzperiode der sogenannten
"maurischen Architektur", baute, so baut man noch heute. Man hat
keineswegs verlernt, _ebenso_ zu bauen, aber _Fortschritt_ in der
Architektur ist nirgends zu finden. Man versteht es vollkommen, jene
ogivischen Bogen, jene Porzellanmosaiken, jene Stickereien auf Gyps und
Holz darzustellen, wie zur Zeit der "Abd-er-Rhaman"; wenn man aber
Stillstand in Kunst und Wissenschaft als _Rckschritt_ bezeichnen kann,
dann haben die Araber entschieden Rckschritte gemacht. So haben sie
denn auch keineswegs gelernt, ihren Bauten irgendwie Soliditt zu geben.
Was _heute_ gebaut ist, verfllt _morgen_. Wren die Alhambra und die
Giralda nicht in Spanien, wren sie der Sorglosigkeit einer
mohammedanischen Zeit ausgesetzt, was wrde von diesen Monumenten
arabischer Architektur heute noch erhalten sein? Und wie lange stehen
diese Bauten? Wie lange stehen sie im Verhltni zu den Bauberresten,
die uns Aegypten, Griechenland und Rom berlassen haben, und die,
trotzdem Jahrtausende verstrichen und Zeit und Menschen das Ihrige
thaten, Alles zu vernichten, manchmal in ihren _einzelnen_ Theilen sich
so erhalten haben, als ob sie von gestern wren.

Die Unsoliditt der arabischen Bauten kennzeichnet sich denn nicht nur
in der ueren Architektur, sondern auch in der Benutzung des Materials
bei den Hauptmauern und Pfeilern. In keinem einzigen Gebude der
Berberstaaten finden wir behauene Steine aus Sandstein oder Marmor,
sondern immer nur gebrannte Thonsteine angewandt. Meist aber sind die
groen Mauern, namentlich die von monumentalen Bauten, aus zwischen
Planken schichtweise gepreten Steinen, Cement und Kalk errichtet. Diese
Mauern halten sich aber nur dann einigermaen gegen den Zahn der Zeit,
wenn die uere Bekleidung vollkommen gut und immer wie neu unterhalten
wird; sonst ist binnen Kurzem die Baute dem Ruin ausgesetzt.

Daher liegen denn auch die Bauten, welche von Yussuf ben Taschfin und
Mohammed ben Abd-Allah herrhren, heut in Trmmern, und selbst die,
welche vom letzten oder vorletzten Kaiser errichtet sind, von Mulei
Abd-er-Rhaman-ben-Hischam und Mulei Sliman sind halbe Ruinen. Und ist es
selbst in Aegypten anders, wo doch der europische Geist heute Alles
durchdringen soll? Hrte man nicht oft genug den verstorbenen
_Diebitsch_ klagen, da wenn das letzte Ende an einem Palaste fertig
sei, der Anfang desselben zu verfallen beginne?!

Von den stdtischen Bauten bleiben uns nur noch die Befestigungsmauern
derselben und die kleinen Dome zu erwhnen. Erstere sind durchweg aus
gepreten Mauern errichtet und hinlnglich stark, um alter Artillerie
einige Stunden Widerstand leisten zu knnen. Auf denselben fhrt ein Weg
herum, der nach Auen durch eine mannshohe krenelirte Mauer aus
Backstein geschtzt ist. Man bemerkt nirgends irgend einen Plan,
nirgends fortifikatorischen Sinn, um die Befestigungen irgendwie dem
Terrain anzupassen; nur die Ausdehnung der Stadt selbst giebt das Ma
der ueren Schutzmauer ab. Unterbrochen und flankirt werden diese
Umfestigungsmauern durch viereckige oder runde Thrme, deren Hlfte
auerhalb der Mauern hervorspringt; sie sind in der Regel halb mal hher
und dienen hauptschlich dazu, die Kanonen aufzunehmen. Oft noch durch
Grben beschtzt, bieten auch diese kein ernstliches Hinderni.
Bastionirte Mauern, Auenwerke, mgen es nun Fleschen, Lnetten oder
gekrnte Bastionen sein, kennt man in den Berberstaaten nicht, und wenn
auch die Hauptstadt Fes zwei bedeutende Auenwerke besitzt, so sind
diese nicht von den Arabern errichtet, sondern von Renegaten (Oeludj)
unter der Regierung des Sultan Sliman, Grovaters des jetzt regierenden.
Was die erwhnten kleinen Dome anbetrifft, so dienen sie, wie schon
angefhrt, zu Grabsttten und sind die einzigen Gebude[1], bei denen
der Araber sich in Gewlben versucht hat. Meist ist die Grundform
viereckig, aber _nie rund_. Die Kuppel hingegen oder das Dach ist fast
immer _rund_, hufig achteckig. Bei der Ausschmckung der Wnde und des
Fubodens wird derselbe Plan innegehalten wie oben bei den brigen
Baulichkeiten auseinandergesetzt wurde. Die Wlbung ist meist durch
eingeschobene Holzquerbalken untersttzt. Das Material besteht entweder
aus gebrannten Ziegeln oder unbehauenen Feldsteinen. Man findet diese
Kubba in den Stdten und berall auf dem Lande zerstreut; in den Stdten
bilden sie hufig gleichsam eine Art von Nebenkapelle, die an eine groe
Moschee angebaut ist.

Von den Wohnungen der Landleute nrdlich vom Atlas lt sich nur wenig
sagen. Dieselben bestehen, ob sie nun von Berbern oder Arabern (und es
giebt in den Berberstaaten mehr sehafte Araber, als gewhnlich
angenommen wird) herrhren, immer nur aus einem Zimmer, das hausartig
gebaut ist; oft sind sie aus gestampften Massen, oft auch aus
Feldsteinen aufgebaut. Auf 20 Fu Lnge sind sie circa 8 Fu breit und 8
Fu hoch und von einem circa 6 Fu hohen Strohdache bedeckt. Im Innern
ist der Fuboden gestampfter Lehm; der Plafond besteht aus Rohr, welches
manchmal auf Alo-Balken, manchmal auf anderen Holzsten, die einen
weniger geraden Wuchs haben, ruht.

Sehr hufig sind die Wnde der Mauern auswendig und inwendig gekalkt,
sonst aber ganz ohne Schmuck, mit einer niedrigen, circa 4 Fu hohen
Thr, manchmal mit ogivischem Bogen, manchmal viereckig. Fenster und
Rauchfnge sind nicht vorhanden. Eine Familie hat in der Regel zwei oder
drei solcher Huser, die, durch Mauern verbunden, einen viereckigen Hof
einschlieen, der zugleich Nachts fr das Vieh dient.

Ganz anderer Art sind die Wohnungen der Bewohner sdlich vom groen
Atlas, der Bewohner des Sus- und Nun-Districts. Der fortwhrend
unsichere Zustand jener Gegend hat es nothwendig gemacht, da dort
Jedermann darauf bedacht sein mute, sich Schutz gegen seinen Nachbar zu
suchen. So findet man hier denn auch keineswegs kleine oder groe
Drfer, sondern Burgen. Ein solches Schlo--man kann sie wegen ihres
stattlichen Aussehens in der That so nennen--ist oft so gro, da es
mehrere Familien beherbergt; es giebt feste Burgen, die einen
Quadratraum von 500 Fu einnehmen. Diese Bauten sind circa 50 Fu hoch,
von auen von starken, oft 5 bis 6 Fu breiten Steinmauern (die Steine
sind entweder unregelmig gebrochene oder wie man sie gerade gefunden
hat) aufgefhrt und oben krenelirt. Ein Thor, zuweilen mit einer
Fallthr versehen, und immer so eingerichtet, da aus zwei Seitenzimmern
der Eingang durch Scharten beschossen werden kann, fhrt in einen groen
gerumigen Hof. Dieser, sowie die unteren Gemcher, dienen fr's Vieh.
In den oberen Rumen hlt sich die Bewohnerschaft auf. Zu diesem
Stockwerk fhrt eine aufziehbare Leiter, und das flache Dach, mit
gestampfter, auf Balken ruhender Erde gedeckt, dient zu gleicher Zeit
zur ueren Verteidigung. Eine Cisterne im Innern vervollstndigt das
Ganze. Kellerrume sind aber ebensowenig bekannt wie nrdlich vom Atlas.

Als eigenthmlich der Gebirgslandschaft nrdlich vom Sus erwhne ich
noch die vielen ffentlichen Cisternen modernen Ursprungs. Man findet
sie berall und namentlich lngs der Wege. Sie sind hnlicher Art wie
die rmischen, was die Form anbetrifft, aber weniger solid und weniger
_groartig_ gebaut. In der Regel 20 bis 25 Fu lang auf 8 bis 10 Fu
Breite, sind sie 10 bis 12 Fu tief und erheben sich blos mit dem
_gewlbten_ Dache aus dem Erdboden heraus. Aus ungehauenen Steinen
errichtet, ist das Innere cementirt, und durch ein Loch des Gewlbes
wird das Wasser herausgeschpft; gespeist werden die Cisternen durch
Rinnsale.

Es ist hier nicht der Ort, die Wohnungen der nomadisirenden Vlker
Nordafrika's zu beschreiben; aber auch diese haben mannigfache Formen
und Verschiedenheiten. Das aristokratische Zelt der Uled Sidi Schich,
immer auf der Spitze mit drei Bndeln Straufedern geschmckt,
unterscheidet sich von dem rmlichen Zelte der meisten stlichen Triben,
wie das groe Haus mit mehreren Hfen der Hauptstadt sich von der
einfachen Wohnung des Djerdjuragebirges unterscheidet. Aber nicht
unerwhnt knnen wir die Hhlenwohnungen der Bewohner des
Ghoriangebirges lassen. Meist sind diese Hhlen in Lehmboden
hineingearbeitet, und sind einfache Aushhlungen, in der Regel von
kreisrunder Form. Man bemerkt gewhnlich eine Vorkammer und ein
hinteres, greres Gemach; der Plafond ist wie gewlbt. Oben hinaus
befindet sich meist eine Oeffnung zum Abzuge des Rauches. _Richardson_
will im Ghoriangebirge auch Wohnungen in Felshhlen gesehen haben; es
ist brigens fraglich, ob diese modernen Ursprungs sind. Es ist
wahrscheinlich, da dies antike libysche Hhlen sind, wie man deren
namentlich in Cyrenaica noch viele antrifft.

Betrachten wir nun, nachdem wir einen Ueberblick der Bauten des
nrdlichen Afrika's gewonnen haben, die Wohnungen der Vlkerschaften der
Sahara.

Mit Ausnahme der zum Theil nomadisirenden Tuareg sind alle Bewohner der
Sahara sehaft; denn die Araber, welche in die groe Wste
hineingegangen sind, haben alsbald das Zelt gegen das Haus vertauscht.

Im Grunde kommen bei den Bauten der Oasenbewohner denn auch dieselben
Bauregeln und Plne beim Einrichten ihrer Moscheen und Wohnungen in
Anwendung, wie bei ihren nrdlichen Brdern. Bei der wohlhabenden Classe
befindet sich in ihrer Wohnung meist ein Aufzimmer, d.h. ein
Fremdenzimmer, auf das platte Dach des Hauptgebudes hin errichtet. Wie
immer hat dieses einen Hof, bei den Reichen auch mehrere, und auf den
Hof ffnen sich die langen und schmalen Zimmer. In manchen Oasen sind
die Gebude krenelirt, aber mehr zum Schmucke als zur Vertheidigung.

Wenn aber schon bei den Arabern im Norden auf dem Tel wenig behauene
Steine in Anwendung kommen, so finden wir in der Wste als Material nur
gestampfte Erdmasse oder an der Sonne getrocknete Thonziegel. Alles
Geblk und Holzwerk besteht aus dem Holze der Dattelpalme. Man wird
leicht einsehen, da mit so geringem Material nichts Besonderes in der
Architektur geleistet werden kann.

Dennoch finden wir in den westlichen Oasen der Sahara Manches, was auf
innigen Contact mit Marokko hinweist. Es sind die Grabdenkmale von
Sidi-Hammed-ben Nasser in Tamagrut, Hauptstadt der Oase Draa, dann das
prchtige Grabmal Mulei-Ali-Scherif's bei Abuam, Hauptstadt von Tafilet,
inwendig auf's Reichste mit "Sldj" ausgeschmckt. Ja, man hat sich
sogar nicht gescheut, fr das Dachwerk (die Grabmler sind nicht
gewlbt) Holz vom Atlas kommen zu lassen, und die das spitze Dach
bildenden Balken und Bretter sind hbsch mit arabeskenartigem
Schnitzwerk und Malerei versehen.

Im Uebrigen sind die Moscheen oder Djemmen in den Oasen nach denselben
Grundstzen gebaut; bei den meisten fehlt jedoch ein eigentlicher Thurm
oder Minaret. Ersetzt werden die Minarets durch thurmhnliche, zwei
Stockwerke hohe Anbauten, welche nach oben an Umfang abnehmen. Bei sehr
vielen Gebuden der Vornehmen in den Ortschaften der Oasen finden wir
ebenfalls jene thurmartigen Anbauten, die zuweilen auch als Wartthrme
dienen.

Besonders zu erwhnen sind in der Sahara an den groen Straen noch die
einfachen Bezeichnungen einer Moschee durch Steine. Man deutet
gewissermaen nur den Grundri einer Djemma durch Steine an. Sie werden
jedoch von jeder vorbergehenden Karawane zum Gebet benutzt, und auch
hier zeigt die Ausbuchtung oder Kibla die Gebetsrichtung an.

Die Wohnung der Groen und um so mehr die der rmeren Bevlkerung der
westlichen Oasen sind alle einstckig. Die der ersteren sind oft
kastellartig gebaut und befinden sich dann auerhalb der Ortschaften, so
die Wohnungen der marokkanischen Prinzen in Tafilet, der Schechs in
Tuat, der Huptlinge der Tuareg in Rhat und Air. Architektonische
Verzierungen sind hier fast gar nicht mehr zu finden, nur findet man die
ogivische Thr noch berall vorherrschend. Besonders um sich gegen die
Hitze zu sichern, findet man die Erdwnde der Huser sehr dick und das
Palmbalkendach durch eine enorm hohe Erdschicht berdeckt. Die Thren
sind berall so niedrig, da man nur tief gebckt hineintreten kann.
Aber so vergnglich sind diese Bauten, da ein ausnahmsweise
eintretender Regen oft ganze Ortschaften im wahren Sinne des Worten
hinwegschmilzt.

In den meisten Oasen sind die Stdte und Drfer befestigt; einige
grere haben sogar Thrme an die meist 20 Fu hohe Mauer angebracht.
Die Mauern, oft aus gestampftem Erdboden, oft aus Feldstein, durch Thon
zusammengehalten, erbaut, sind meist krenelirt. Die Thore, welche
hindurchfhren, sind nie gewlbt, meist einthrig und nur so breit, da
ein beladenes Kameel hindurch gehen kann.

Ist der ganze Tel wie berset mit jenen kleinen Domgrabmlern, so
lassen sich die der groen Sahara, welche an Ausdehnung so gro wie
Australien ist, zhlen. Die Grabmonumente sind der einfachsten Art; ein
Haufen Steine, manchmal am Kopfende durch einen besonders groen
angezeichnet, das ist die letzte Grabsttte der Wstenbewohner.

Vor allen anderen Oasen zeichnen sich jedoch in der Bauweise zwei aus,
die Oasen von Siuah und Rhadames, und wenn nicht schon die
bereinstimmende Aussage der Bewohner dieser Ortschaften ihren
verwandtschaftlichen Ursprung bezeugte, wenn nicht dies schon bewiesen
wre durch ihre selbe Sprache, welche, obschon beide Oerter durch einen
Raum getrennt sind, der durchaus Wste ist und in gerader Linie
wenigstens so viel betrgt, wie von Paris bis Knigsberg, so wrde die
innige Verwandtschaft, welche sich in der Bauweise beider Oerter
kundgiebt, gleich auf gemeinsamen Ursprung hinweisen.

Was besonders die Bauart beider Oerter auszeichnet, sind die Hhe der
Wohnungen und die bedeckten Straen, welche mehr unterirdischen Gngen
gleichen, als offenen Wegen. In Rhadames sowohl wie in der heutigen
Hauptstadt des alten Ammonium, in Siuah, sind die meisten Huser drei
Stock, ja in Siuah viele fnf Stockwerke hoch. Whrend aber im reichen
Rhadames sowohl im Innern der Huser als im Aeuern sich ein gewisser
Luxus kund giebt, alle geweit ist, und die Mauern meist aus, wenn auch
unbehauenen, Steinen gebaut sind, so macht man in Siuah die Wohnungen
nur aus Lehm, und trotzdem die architektonischen Vorbilder der Aegypter
und Griechen noch heute vor Augen stehen, sind sie hchst mangelhaft
gebaut. Die Wohnungen der Rhadamser und Siuahner unterscheiden sich auch
noch dadurch von den brigen Wohnhusern in der Sahara, da sie keinen,
oder selten doch nur einen sehr kleinen Hof im Innern haben: Alles ist
in Zimmer und kleine Gemcher getheilt. Oben mit platten Dchern
versehen, bilden diese Dcher in Rhadamas zugleich die _Straen_ fr die
Frauen. Obschon durch Brustwehr von einander getrennt, werden diese von
den Frauen berklettert, und ihr _Verkehr_ findet nur ber den Kpfen
der Mnner statt. In Rhadames herrscht Hufeisenform bei der Thrbildung,
in Siuah eine viereckige Form vor.

Natrlich nicht zum Nomadisiren eingerichtet, verdienen die Palmenhtten
der Beni Mohammed in Draa und Tafilet und einzelner Familien in Audjila
und Fesan noch Erwhnung; sie sind vollkommen kunstlos aus Palmenzweigen
errichtet, bald mit plattem, bald mit spitz zulaufendem Dache versehen,
und auch dieses Dach ist aus Palmenzweigen gefertigt. In Fesan und
Audjila sind die Seitenmauern dieser Htten, welche manchmal viereckig,
manchmal rund sind, zuweilen aus Stein oder Thon, und die Thren immer
so niedrig, das man hindurch _kriechen_ mu.

Vortheilhaft, was Reinlichkeit und symmetrische Anordnung betrifft,
zeichnen sich die Wohnungen der Tebu aus. In Kauar sind sie kreisrund;
die Seitenwnde sind aus Stein brusthoch ausgefhrt und dann berdeckt
mit Palmenreisern, Stroh und Matten. Dr. _Nachtigal_ sagt von den
Bewohnern Tibesti's: "Alle ihre Wohnungen so kunstlos, und einfach sie
sind, zeichnen sich durch die grte Nettigkeit und Sauberkeit vor denen
ihrer arabischen und fesanischen Nachbarn vortheilhaft aus. Vor der
Htte haben sie nicht selten einen gehrteten Erd- oder Lehmplatz, der
frisch mit Sand bestreut wird, und die hervorragenden Mnner eine Art
offener Halle, ebenfalls aus Palmenzweigen geflochten, vor ihrer
Wohnung, in der sie Besuche empfangen."

Es bleibt uns nur noch brig, die bewegliche Wohnung der nomadisirenden
Bevlkerung der Sahara zu beschreiben, das Zelt der Tuareg. Der Araber
ist eigenthmlicher Weise in der groen Sahara nie heimisch geworden.
Ist er ja dahin gedrungen, so hat er sich sehaft gemacht. So haben die
Mehammedin in Draa und Tafilet das Zelt gegen die Palmenhtten
vertauscht. Die einzelnen Familien aber, die wir in Fesan, Rhat und
anderen sdlichen Oasen finden, haben Huser. Nur die nach Kanem
vertriebenen Uled Sliman haben bis jetzt das Zelt bewahrt, aber es ist
kaum zu bezweifeln, da auch sie ber kurz oder lang das bewegliche Haus
mit dem festen vertauschen werden, wie die Schoa und
Uled-Raschid-Araber, die noch weiter im Innern Afrika's sich eine neue
Heimat mitten zwischen den Negern grndeten.

Das Zelt der Tuareg ist sehr einfacher Art. Im Allgemeinen der
lnglichen Form der Araberzelte entsprechend, sind die Tuaregzelte
bedeutend kleiner und niedriger. Kaum sechs Personen haben in ihrem
Tuaregzelte Platz. In einem Araberzelte wird das Dach immer durch zwei,
im Tuaregzelte durch eine Zeltstange untersttzt. Der Stoff besteht bei
jenen aus grobem Haar und wollenen Zeugen, bei diesen aus gegerbtem
Leder. Nach Duveyrier sind die Lederzelte oft roth gefrbt und gut
genht.

In Centralafrika angekommen, bemerken wir vorweg, da wir _nirgends_
Wohnungen nicht sehafter Vlker haben; denn die frher nomadisirenden
Pullo haben mit der Erreichung ihrer grten Ausdehnbarkeit sich jetzt
berall dauernde Wohnungen gebaut. Die Stmme aber, die vom Nomadenvolke
par exellence, dem arabischen, abstammen und bis nach Centralafrika
vorgedrungen sind--ich nenne davon nur die Schua-Araber westlich und
sdwestlich vom Tschad--selbst diese haben lngst ihr Zelt, diese
luftige Behausung der Jger- und Hirten-Vlker, aufgegeben und sich nach
Art der Neger in soliden Bauten sehaft gemacht.

Man kann bei den Negern Centralafrika's hauptschlich drei Arten von
Wohnungen unterscheiden: groe aus Thon oder Luftziegeln erbaute Huser,
welche offenbar unter arabisch-berberischem Einflu entstanden sind,
verschiedene Httenwohnungen runder Form, entweder aus Strohmatten oder
aus Thon oder Luftziegeln errichtet, und endlich groe Huser mit
Giebeldchern, vielleicht durch europischen Einflu von der Kste aus
nach Afrika verpflanzt.

In allen uns bekannten Lndern Centralafrika's, Bornu, Bagermi, Socoto,
Gando, Uadai, Adamaua, Bautschi und anderen, sind die Wohnungen der
Frsten, der Groen des Reichs, der vornehmen Kaufleute, die Moscheen
und Bethuser aus soliden Mauern mit flachen Dchern errichtet. Es
scheint sogar, da man einzeln, obschon nie mit behauenen Steinen, so
doch an manchen Orten mit _gebrannten_ Ziegeln gebaut habe. So will
_Barth_ in Massena (III. S. 346) Gebude aus _wirklich gebrannten_
Backsteinen beobachtet haben und er erwhnt bei der Gelegenheit: "auch
die alte Birni (Hauptstadt) von Bornu soll aus Backsteinen gebaut
gewesen sein."

Was uns anbetrifft, so haben wir jedoch _nirgends_ im "schwarzen Afrika"
gebrannte Steine in Anwendung gesehen, nur Luftziegel und aus
Thonziegeln und aus Thon aufgelegte oder geprete Mauern. Zu den groen
Gebuden der Frsten, fast ohne Ausnahme ein Stock hoch, sind trotzdem
verhltnimig dicke Mauern genommen, um das starke, mit Thon berlegte
Dachgeblk tragen zu knnen. Von auen sieht eine solche Burg meist
einfrmig aus, da oft nur Eine Thr Unterbrechung in die schlichte Wand
bringt. Sehr oft ist brigens die Brstung des flachen Daches auf
phantastische Art geziert. Das Innere einer solchen Frstenwohnung
enthlt groe Zimmer und Hofrume.

Erstere erhalten Licht durch die Thren und manchmal durch groe
viereckige Oeffnungen, die sich in den Wnden befinden, welche nach den
Hfen zu gerichtet sind; oft sind die Gemcher vollkommen dunkel. Wenn
die Rume sehr gro sind, so wird die Spannung der Deckbalken durch
kolossale Thonpfeiler gesttzt. In einigen Hauptstdten sehen wir sogar
Bogen, hufeisenfrmig gewlbt, die Decke untersttzen; wie die Pfeiler
sind dieselben aus gehrtetem Thon. So finden wir bei _Barth's_ (II.
124) Beschreibung des Palastes von _Kano_: "Die Gemcher sind nicht sehr
dunkel, das Hauptgemach ist aber sehr schn, ja groartig zu nennen. Der
ganze Charakter desselben machte um so mehr Eindruck, da die Tragbalken
nicht zu sehen waren, whrend zwei groe Kreuzbogen, aus demselben
Material wie die Wnde, beraus sauber geglttet und reich verziert, das
Ganze zu tragen schienen. In der hinteren Wand waren zwei gerumige
Nischen, in deren einer der Frst Platz zu nehmen pflegt."

In derselben groartigen Weise sind in centralafrikanischen Lndern die
Wohnungen der Frsten eingerichtet, die sich dem Islam in die Arme
geworfen haben; der Einflu der Trger der Religion ist unverkennbar.

In diesen dem Islam zum Theil huldigenden Staaten sind die Moscheen
hnlich wie die in den nordafrikanischen Staaten erbaut, nur noch aus
bedeutend schlechterem Material; denn wenn gebrannte Steine in Bornu,
Bagermi, Uadai, Adamaua, Kano, Gando und noch anderen Negerknigreichen
nicht im Gebrauche sind, so hat man auch keinen Kalk, oder wenigstens
versteht man ihn nicht zu brennen und zu bereiten, das heit zu lschen.
Im groen Knigreich Bornu kommen Kalkgesteine berdies nicht vor oder
wren nur von den angrenzenden Lndern unter den grten Mhseligkeiten
zu beziehen. Aus den zahlreichen Conchylien des Tschad-See's und der
Flsse aber verstehen die Neger keinen Kalk zu brennen. So bleibt ihnen
denn weiter nichts Anderes brig, als die Luftziegel durch Thon zu
verbinden oder aus Thon und Sand zusammengepret die Hauswnde zu
bilden.

Man findet hufig die Wnde der Moscheen und die Wohnungen der Groen
wie geweit; es rhrt dies nicht von einer Verkalkung oder Vergypsung
her, sondern ist einfach ein Ueberstrich von einem sehr weien und
feinen Thon. Dieser ist so fett und fein, da er gar keine
Sandpartikelchen enthlt; ganz in der Nhe von Kuka findet man im
Nordwesten der Stadt mchtige Lager davon einige Fu tief unter dem
schwarzen Humus.

Architektonisch zeichnen sich die Moscheen keineswegs aus. Etwa 20 Fu
hohe, aus Thon aufgefhrte Mauern umgeben einen offenen Hofraum; nach
der nach Mekka gerichteten Seite sind durch plumpe, vier- oder
achteckige Erdpfeiler gebildete Bogengnge, meist in zwei oder drei
Reihen, vorhanden, die dann ein oder zwei Schiffe, wenn man diese so
nennen will, bilden. Nach dieser Seite zu befinden sich auch die Kibla
und das Mimber. Irgend eine Ecke einer solchen Moschee bildet eine
thurmartige Erhhung, und dient als Minaret oder Sma.

Hier wollen wir denn auch der Befestigungen erwhnen, wie sie in den
meisten centralafrikanischen Stdten blich sind.

Im Vergleich zu dem schlechten Mauerwerk der heutigen Araber- und
Berberstdte in Nordafrika und in Anbetracht, da in Centralafrika
nirgends beim Kriegfhren Feuerwaffen groen Kalibers gebraucht werden,
sind dieselben sehr gut zu nennen. Die Befestigungen der
Negerortschaften sind derart angelegt, da man sieht, dieselben sind
ganz ihren Verhltnissen und ihren Umstnden angemessen, fr dortige
eventuell sich ereignende Flle geschaffen.

Meist sind die Lehm- oder Thonmauern nach auen zu fast steil oder doch
nur sehr wenig gebscht abfallend, circa 20 bis 30 Fu hoch und fast
immer mit einem tiefen, jedoch nicht sehr breiten Graben nach auen
umgeben. Kuka z.B. hat eine Mauer aus hartem Thon, die circa 25 Fu hoch
ist und nach auen zu fast senkrecht in einen 12 Fu tiefen Graben
abfllt. Nach innen jedoch verbreitert sie sich dachartig durch Stufen
nach unten, derart, da oben die uerste Kante, welche zugleich als
Brustwehr dient, circa 4 Fu hoch und nur circa 2 Fu breit ist, whrend
die Basis der ganzen Umfassungsmauer ebenso breit wie hoch ist. Die
Thore durch solche Erdmauern oder Erdwlle sind manchmal berdacht,
manchmal offen; immer aber ist unten die Thr enger als oben und vor
Erdnachsturz durch Geblkauskleidung geschtzt. In den Stdten groer
Reiche sind die Grben ordentlich berbrckt mittelst soliden
Balkenwerks, so da die schwersten Lastthiere hinber passiren knnen.
Nicht so ist es bei den kleineren Stdten auf der Grenze des Islam und
des Heidenthums.

Sdlich von Keffi-abd-es-Senga begegnete es mir mehrere Male, da ich
vom Besuche einer solchen schwer zugnglichen Stadt abstehen mute.
Ueber den allerdings nicht sehr breiten, aber tiefen Graben fhrte zum
Thore der Stadt nur _Ein einziger schwankender Palmstamm_. Meine noch
dazu mit groen Elfenbeinzhnen beladenen Begleiter gingen sicher und
festen Schrittes hinber; vom Schwindel ergriffen, wollte ich inde
solch ein Seiltnzerkunststck nicht wagen und blieb zurck. Ja, selbst
als eines Tages schon alle Diener hinber waren, und nach einem
anstrengenden Marsch ein lukullisches Negermahl winkte, konnte ich es
doch nicht ber mich bringen, ber einen so schwankenden Stamm dahin zu
schreiten. Ich versuchte hinber zu klettern, fand aber bald, da die
Neger mich auslachten, und ich verzichtete auf diese Art, ihre Stadt zu
besuchen, da ich zu sehr in ihrer Achtung sinken wrde. Auch widerstand
ich dem Anerbieten, die Schultern eines der Neger zu besteigen; es blieb
nichts Anderes brig, als auf den Besuch der Stadt zu verzichten.

Einzelne Stdte haben auer dem Walle und dem ueren Graben noch einen
inneren und fgen Verhaue und Dornhecken hinzu, um dem Feinde das
Annhern zu erschweren. So berichtet _Barth_ II. S. 211 von den Manga,
da sie auer der Erdmauer und dem Graben noch ein Dornverhack hatten,
das sich 10 Fu dick auerhalb herumzog; in Band II. S. 184 von
Birmenaua, da dies ein kleiner, aber stark befestigter Ort sei mit zwei
Grben, einem innerhalb, einem auerhalb der Mauer.

Am unvollkommensten finden wir die Htten da, wo der mohammedanische
Glaube Eingang gefunden hat. So im ganzen Norden von Centralafrika. Eine
Htte in Kuka von runder, nach oben spitz zulaufender Form hat circa 12
bis 15 Fu an der Basis im Durchmesser. Das aus Holz oder Rohr
ausgefhrte Gerst ist mit Stroh berdeckt; eine Thr, oft gewlbt, oft
eckig, bildet den Eingang. Aber selbst hier, wo in der Stadt der Frst
und alle Groen, wie die reichen Kaufleute Thonwohnungen haben, bildet
die Htte die Nationalbehausung. Das Innere ist uerst reinlich
gehalten und enthlt manchmal eine mannshohe Scheidewand aus Matten, um
verschiedene Familienglieder von andern abzusondern. Wenigstens zwei,
oft drei bis vier solcher Htten bilden ein Haus, ein Gehft.
Umschlossen sind sie von einer thnernen Mauer, oderauch von
bermannshohen Matten, welche durch in die Erde gerammte Stmme aufrecht
gehalten werden.

Am schnsten finden wir die Htten da, wo sie vollkommen aus _eigenem_
Bautriebe der Neger hervorgegangen sind, bei den Negern, die noch dem
Heidenthum anhangen.

So berichtet _Barth_ von den Marghi-Htten (II. S. 463): "Die Htten
haben vor ihrer Thr Rohrschwellen, die manchmal umklappbar sind, und
inwendig sind die Fubden schon gepflastert;" oder II. S. 525 von
Adamaua: "In Ssarau besteht eine Wohnung aus mehreren Htten mit
Lehmwnden und vortrefflich geflochtenem Rohrdach; diese Htten sind
durch Lehmwnde mit einander verbunden, so da das Ganze ein
abgerundetes Dreieck bildet. Die eine Htte bildet den Eingang, die
anderen beiden sind fr die Frauen. Die Eingangshtte hat eine 3-1/2 Fu
hohe und 16 Zoll breite _eifrmige_ Thr; es befindet sich hier ein
Ruhebett, 7 Fu lang und 5 Fu breit und 3 Fu ber der Flur, auerdem
eine Feuerstelle. Die hellbraunen Wnde der Htte sind mit allerdings
nicht kunstvollen Gegenstnden von weier Farbe bemalt. Die beiden
andere Htten sind hnlich, enthalten zwei Rohrbetten, wovon eins fr
die Frau durch eine Scheidewand von dem brigen Raume der Htte getrennt
ist. Diese 5 Fu hohe und 4 Zoll dicke Scheidewand ist ebenfalls braun
und mit weien Streifen geziert; oben ist sie durch abwechselnd
schalenartige und pyramidale Aufstze gekrnt, welche ebenfalls
verschiedene Farbe haben. Die Thren sind auch hier _eifrmig_ und noch
kleiner, nur 2 Fu hoch und 10 Zoll breit. Diese heimlichen Wohnungen
bertreffen durch Harmonie der Farbentne ihre Schwestern" u.s.w.

Am vollkommsten fand _Barth_ den Httenbau wohl im Lande der Musgu. So
berichtet er II. S. 158: "Jeder Hof hat drei bis sechs Htten, sie sind
aus Thon, und die Umschlieungsmauer bei den Wohlhabenden aus demselben
Material die der Aermeren aus Rohr und Holz. Die Dcher sind mit
Sorgfalt gedeckt und weit besser als Strohdcher. _Die Musguhtten
zeigen in der Form ihrer Giebelung selbst Spuren verschiedener Style,
die vielleicht auf eine gewisse Stufenfolge im Leben zurckzufhren
sind_."

Ueberall findet man in diesen Gehften, die nicht nur die Stdte und
Drfer zusammensetzen, sondern da, wo die Sicherheit der Gegend es
zult, auch ber die Landschaften vereinzelt anzutreffen sind, die dem
Neger so unentbehrlichen Nebenbaulichkeiten. Wir erwhnen hier zuerst
des Schattendaches, welches man in jeder Wohnung antrifft.

Diese Schattendcher ruhen auf 4 oder 6 Pfhlen, welche nur oben mit
einem dicken Strohdache oder Mattenwerk bedeckt sind. Unter ihnen ist
gewhnlich ein Rohrbett und Platz genug, da auch die Hausfrau ihre
Arbeiten im Schatten verrichten kann. Dann findet man in jedem Hofraum
groe Thonbehlter, oft auf Steinen ruhend, zum Aufbewahren von Korn;
manchmal sind sie sehr knstlich eingerichtet. _Barth_ sagt III. S. 158
bei der Beschreibung eines Musgu-Hofes: "Jeder Hofraum hat einen 12 bis
15 Fu hohen Kornbehlter aus Thon und ein Schattendach. Die
Kornbehlter haben ein gewlbtes, ebenfalls aus Thon bestehendes Dach
mit einer aufspringenden Mndung, welche wieder von einem kleinen
Strohdache geschtzt wird." An einer andern Stelle sagt _Barth_: "Die
Kornbehlter auf 2 Fu Unterlagen haben eine Hhe von 15 Fu und
verjngen sich nach oben. Sie haben nur eine Oeffnung am oberen Theile
und sind hnlich den gyptischen Taubenhusern." Auerdem findet man
hufig Veranden vor den Htten und berdachte Kochstellen.

Die vollendetsten Htten trifft man, wie schon gesagt, da, wo das
Heidenthum herrscht. Eine Htte hat in der Regel 15 Fu Durchmesser, und
die Thonwnde, oft dick, oft nur 1/2 Fu dnn, sind in der Regel 4 bis 5
Fu ber der Erde. Das Dach ruht ganz frei auf dem runden Thonbau; in
den meisten Gegenden wird es zu ebener Erde fertig gebaut und vollendet
erst auf die Thonmauer gleichsam wie ein Deckel gelegt. Der Boden ist
berall festgestampft und bildet manchmal einen aus kleinen Steinchen
zusammengegossenen Mosaik.

Im Innern der Htte sind verschiedene Scheidewnde und auer dem
beweglichen Rohrbette befindet sich wenigstens ein festes Thonbett
darin. In kalten Gegenden, z.B. auf dem Gora-Gebirge, beobachtete ich,
da die Thonbetten hohl und von _inwendig zu heizen_ waren. Die grte
Sorgfalt wird immer auf die Eingangshtten verwendet; diese haben
natrlich immer zwei Thren. Eine Htte des Sultans von Akun, den ich
besuchte, zeigte sogar zwei Dcher, wovon das obere offenbar nur zum
Schmuck angebracht ist. Manche Eingangshtten sind colossal gro, sowie
die des Sultans von Keffi-abd-es-Senga; diese diente zugleich als
Versammlungort seiner Gste, war viereckig und hatte mit einem
auerordentlich hohen Dache eine Veranda verbunden.

Eine hnlich groe Empfangshalle traf Schweinfurth auf seiner Reise im
stlichen Centralafrika. Die L.I. Zeitung Nr. 1542 vom Jahre 1873 giebt
ein anschauliches Bild davon. Die groe Festhalle, in der Schweinfurth
empfangen wurde, war von vielen Hundert Menschen gefllt. Es waren die
achtzig Lieblingsweiber des Knigs Munsa anwesend, eine Musikbande und
alle seine Trabanten. Die Empfangshalle selbst hatte die Form unserer
modernen groen Eisenbahnhallen.

Die kunstlosen Htten der Bassa-Neger auf den Inseln des Bnue verdienen
hier insofern nur einer Erwhnung, als wir hier inmitten Afrika's auch
auf "Pfahlbauten" stoen.

Einen Uebergang zu den, wie es scheint, von den Europern von der Kste
her eingefhrten groen Giebelhusern und den Htten der Neger bilden
die seltsamen Wohnungen der Kado-Neger in Segseg, die gewissermaen aus
Haus und Htte zusammengesetzt sind. Zwei circa 25 Fu von einander
entfernte Htten sind durch ein Haus oder einen Gang verbunden, und das
Dach bildet mit den beiden Dchern der Htte ein Ganzes. Nur die eine
Htte hat eine Thr, der Gang und die zweite Htte haben nur runde
Lcher, um dem Lichte Eingang zu verschaffen.

Hier zu erwhnen sind auch noch jene kleinen Htten fr die Fetische.
Manchmal sind dies nur auf Pfhlen ruhende Strohdcher, unter welchen
die Gtter Schutz gegen die Sonne und den Regen finden, manchmal aber
auch ordentlich eingerichtete Htten. Aber jedesmal findet man sie in
bedeutend verkleinertem Mastabe. Eine Fetischhtte ist nie hher als 4
bis 5 Fu und hat an der Basis gewhnlich 3 bis 4 Fu Durchmesser. Oft
steht ein Fetisch oder eine ganze Fetischfamilie nur auf einem
Thonteller, der circa 1 Fu hoch, nach oben sich verjngt und circa 3
bis 4 Fu im Durchmesser hat. Auerdem hat jede Htte in den Gegenden,
wo Fetischismus betrieben wird, einen Fetisch in seiner Htte, der oft
aus Thon oder Holz geformt, oft aber nur ein Bild oder Relief an der
Httenwand ist.

Je mehr man sich dem Niger nhert, desto andere Bauformen finden wir
gng und gbe. Freilich bleibt auch hier die runde Htte noch immer die
eigentliche Nationalbehausung der Neger; aber wir finden nun bei den
Wohnungen der Frsten, der Groen und Reichen keineswegs mehr groe,
nach arabischer Art mit plattem Dache versehene Huser, sondern Gebude,
die nach Art der europischen ein Giebeldach haben. In Imaha, in
Ogbomoscho und Ibadan haben die Frsten die groartigsten Giebelbauten,
bei denen europischer Einflu wohl kaum zu leugnen ist.

Die Frstenwohnung in Illori ist der Art, da sie ein lngliches Viereck
von 150 Fu Lnge auf 30 Fu Breite bildet. Die Seitenmauern, circa 6
Fu hoch und 2 Zoll dick, aus gestampftem Thon errichtet, tragen ein
unverhltnimiges hohes Strohdach  cheval, dessen berstehende
Seitenwnde ber die Mauern hinausreichen, so da sie fast den Erdboden
berhren. Der Raum, der hierdurch entsteht, giebt einen schattigen
Ruheplatz fr die zahlreichen Sclaven ab. Im Innern luft lngs der
einen Wand ein Corridor, und von diesem aus kommt man mittelst niedriger
Thren in die verschiedenen Zimmer, von denen einige einen aparten
Bodenabschlu haben, andere aber frei bis unter das Dach hinaufreichen.

Hchst eigenthmlich fand Dr. Nachtigal die heidnischen Bewohner im
sdlichen Bagermi wohnen. Fortwhrend den Ueberfllen der
mohammedanischen Bevlkerung ausgesetzt, haben sie ihre Wohnungen gleich
den Vgeln auf den Bumen errichtet, und der gewaltige Baumwollenbaum
(Bembax. cottontree) eignet sich vortrefflich dazu, derartige
Behausungen zu empfangen: Der Baumwollenbaum gehrt zu den Riesen der
centralafrikanischen Vegetation. Ungefhr 50 Fu hoch vom Boden, gehen
von seinem colossalen Stamme starke horizontal verlaufende Aeste ab. Auf
diese legen die Bagermi-Bewohner Balken und errichten darauf ihre
Htten; selbst der Viehstand wird in Zeiten der Gefahr mit nach oben
gezogen. Mittelst einer aufziehbaren Strickleiter gelangen die
Eigentmer hinauf. In der Nacht werden nach Nachtigal nie
Feindseligkeiten unternommen, so da whrend dieser Zeit die Inwohner
eines solchen Baumdorfes ihre Vorrthe an Wasser und Lebensmitteln
machen knnen. Und da in Bagermi der Gebrauch der Schiewaffe noch nicht
eingefhrt ist, so gewinnen die Besitzer in ihren hohen, luftigen Bauten
eine ziemliche Sicherheit.

Je mehr man sich der Kste nhert, desto mehr schwindet die Htte, und
wenn in den Ortschaften des Konggebirges oder an den Abhngen desselben
auch die Huser der privaten nicht alle jene groen kasernenartigen
Dimensionen haben, so lt sich doch in der Anlage der europische
Einflu auf den ersten Blick heraussehen. Gebrannte und behauene Steine
findet man erst, wenn man die Kstenstdte Afrika's selbst, mithin das
europische Element erreicht hat.

FOOTNOTES:

[Footnote 1: Allerdings sind in Marokko in den sogenannten "maurischen
Bdern" auch gewlbte Kuppeln, aber diese Gewlbe sind entweder durch
horizontal eingeschobene Balken gebildet und getragen, oder durch
Uebertragung horizontal gelegter Steine gebildet, hnlich wie man es in
den gewlbten Kammern der griechischen Thesauren beobachtet.]




3. Lagos an der Westkste von Afrika.


Keine Stadt an der Westkste von Afrika, vom Cap Spartel an gerechnet,
bis zum Cap der guten Hoffnung, hat in den letzten Jahren einen so
raschen Aufschwung genommen wie Lagos. Unter dem 6 26' nrdlicher
Breite und dem 3 22' stlicher L. v. Gr. gelegen (nach anderen 6 28'
n. Br. und 3 26' stl. L. v. Gr.), war Lagos bis zum Jahre 1851
portugiesische Schutzstadt und Hauptexportstadt fr den Sclavenhandel.
In diesem Jahre vertrieb ein eingeborener Frst, Namens Kosoko, den
rechtmigen Knig Akitoye, weil dieser auf Betrieb Englands den
Sclavenhandel unterdrckt hatte. Kosoko wurde von den Englndern wieder
verjagt und der rechtmige Knig wieder eingesetzt. Aber trotzdem
florirte die Negerausfuhr fort, die um so schwieriger hier zu berwachen
und zu verhindern war, als der Kstenstrich wegen Lagunenbildung
zahlreiche Verstecke und Schlupfwinkel bietet, wohin sich die
Sclavenhndler bei drohender Gefahr zurckziehen konnten.

Am 6. August 1861 erschien deshalb das englische Kriegsschiff
Prometheus, Com. Bedingfeld; Lagos wurde genommen und zur englischen
Colonie erklrt. Zum Scheine lie man jedoch den Sohn Akitoye's, Docemo,
als Knig bestehen, er behielt jedoch nur den Titel.

Von den Eingeborenen Eko, auch Oni genannt, erhielt Lagos seinen Namen
von den Portugiesen. Es liegt auf einer halbmondfrmigen Insel, hat im
Sden das Meer, im Norden die die Insel vom Festland trennende Lagune,
und ist von den brigen schmalen Kstenstrichen oder Inseln, welche im
Osten und Westen sich fortziehen, durch enge Meeresarme getrennt. Das
Festland ist circa 15 engl. Meilen entfernt. Von den schmalen
Landstreifen, welche ursprnglich Festland gewesen sind, und die
manchmal 3, manchmal bis 10 englische Meilen breit sind, gehrt ein
60-70 englische Meilen langes Stck jetzt den Englndern. Alle diese
Streifen sind mit dichtester Vegetation bedeckt, meistens mit
Mangroven-Buschwerk bestanden, das von schlanken Cocosnupalmen berragt
wird, whrend gleich am Festlande jene undurchdringlichen Urwlder
beginnen, in denen die Oelpalme und der Baumwollenbaum die
hervorragendste Rolle spielen.

Hlt man sich fr kurze Zeit in diesem von der Natur so verschwenderisch
ausgestatteten Lande auf, so sollte man glauben, es sei hier ein ewiges
Paradies was das Klima anbetrifft: man glaubt in einer ewig
frhlingsmigen Natur zu leben. Balsamische Dfte durchziehen die Luft,
der tiefblaue Himmel, das saftige Grn der ppigen Pflanzenwelt, in der
Ferne das tiefblaue wogende Meer, lassen den Gedanken nicht aufkommen,
da jeder Athemzug dem Krper giftige Substanzen zufhrt; und doch ist
dem so, wie die groe Sterblichkeit der Eingeborenen sowohl wie die der
Europer ergiebt. Eben die lagunenartige Gegend, die Ausdnstungen der
See, die vermodernden Pflanzentheile der nahen Smpfe, die Vermischung
von Salz- und Swasser nehmen alle Theil an jenen Krankheiten, die den
Menschen so gefhrlich sind, und meist rasch und tdtlich verlaufen.

Die mittlere Temperatur von Lagos ist unbekannt, drfte aber zwischen
20 und 22[2] sein. Der niedrigste beobachtete Thermometerstand war 15
C., der hchste 35. Barometrische Aufzeichnungen von Lagos liegen gar
nicht vor. Als hygrometrische Beobachtungen wurden mir 0,2 und 25
genannt, inde nicht dabei gesagt, mit welchem Instrument und nach
welchem Systeme dieselben gefunden worden sind. Die fallende Wassermenge
wird wohl der von Gabun gleichkommen, wo man in einem Jahr 250" Regen
beobachtet hat. Die nasse Jahreszeit whrt von April und Mai bis August
und September und in dieser Zeit sind fast tglich die heftigsten
Tornados (Gewitterregen) bei herrschendem Ostwinde. Im November,
December, Januar und Februar ist fast nie Regen beobachtet worden. Der
herrschende Wind der trockenen Jahreszeit ist West und Nordwest. In
dieser Periode herrscht Nachts vollkommene Windstille; erst gegen 9 Uhr
Morgens springt der Wind auf, um bis nach Sonnenuntergang als starke
Brise zu blasen. Im Januar wird hauptschlich der Harmattan beobachtet,
vom Innern her wehend, und von welchem die dort lebenden Europer noch
immer glauben, da es Nebel sei, whrend es nichts Anderes ist, als ein
zerflossener Rauch jener groen innerafrikanischen Wald- und Grasbrnde,
die sich manchmal ber Strecken verbreiten, die Tausende von
Quadratmeilen einnehmen. Zu dieser Zeit ist der Gesundheitszustand am
besten, namentlich auf uere Hautkrankheiten bt der Harmattan einen
beraus wohlthtigen Einflu aus.

Hauptschlich dort beobachtete Krankheiten sind, was auf die Europer
sich bezieht, Malaria und bsartige Wechselfieber, Dyssenterien und
Leberkrankheiten. Cholera und gelbes Fieber sind in Lagos nie
aufgetreten. Es ist brigens wohl in Betracht zu ziehen, da die meisten
Europer durch ihr eignes unmiges Leben sich derartige Krankheiten
zuziehen. Whrend das weiche, erschlaffende Leben eine mige
Lebensweise, namentlich Enthaltsamkeit von trockenen Weinen und
Liqueuren, empfiehlt, findet man hier, wie fast berall in den Colonien,
vorzugsweise spanische Weine, Sparkling Hock[3] und Brandy im Gebrauch,
und die schwelgerischen Tafeln, die dort stets dem Magen vorgestellt
werden, rufen denn nur zu rasch jene Krankeiten hervor, denen die
Europer zum Opfer fallen, auf dem Sterbebette noch das mrderische
Klima verfluchend. Bei den Negern beobachtet man auerdem noch den
Guineawurm, Elephantiasis, Pocken, Lepra, Krakra (eine widerliche
Krankheit) und Yaws, eine Art von bser Frambsie.

Die Bevlkerung der Schwarzen besteht aus Eingeborenen und dorthin
eingewanderten und transportirten Negern. Erstere gehren alle zu den
Stmmen der groen Yoruba-Familie. Ohne so schn und hell zu sein wie
die Pullo, sind die Yoruba keineswegs vollkommen schwarz, sondern haben
mehr brunliche Hautfarbe. Sie haben sanfte, nicht stark prononcirte
Gesichtszge, und werden von den dortigen Europern fr die besten und
gutmtigsten aller Neger gehalten. Als die Portugiesen zuerst nach Lagos
kamen, fanden sie die Eingeborenen sehr geschickt in Verfertigung von
Matten und Strohflechtereien, die sie auch noch so zart und fein zu
flechten wissen, da man daraus Kleidungsstcke machen knnte, und die
zum Theil auch von den Eingeborenen in frheren Zeiten als solche
benutzt wurden. Baumwollenweberei, Frberei, Ledergerberei, vorzgliche
Holzschnitzerei, Tpferkunst und die Verarbeitung edler und unedler
Metalle waren den Eingeborenen von Lagos bekannt, als die Europer
dorthin kamen. Man kann ihre Zahl auf 35-40,000 schtzen. Haussa-Neger
bilden das zweite Element, sie sind durch etwa 1000 Individuen
vertreten. Die brigen endlich sind Acra-, Fanti- und Kru-Neger, etwa
2000 Seelen stark, und einzelne von verschiedenen anderen Horden. Alle
diese sind ursprnglich freie, in Lagos von jeher sehafte Neger, dann
aus dem Innern und von der Kste als Freie Eingewanderte, oder aber
ursprnglich gewesene Sclaven und deren Nachkommen und zum Theil aus dem
britischen Westindien, von Sierra Leone, Gambien, Liberien, Brasilien
oder Cuba zurcktransportirte, gekaperte ehemalige Sclaven. Allein die
von Sierra Leone gekommenen Neger schtzt man auf 4000 Seelen.

Was die Europer anbetrifft, so ist deren Zahl durchschnittlich gegen
100, von denen etwa 60 Englnder, 20 Deutsche und Franzosen sind, und
die brigen aus Spaniern, Portugiesen und Italienern bestehen.

Der Cultus der Eingeborenen, die noch nicht zum Christenthume
bergetreten sind, ist Fetischdienst. Vornehmlich werden Bume
fetischirt, aber auch Thiere, z.B. Hunde, stehen in Verehrung. Die
Anbetung von kleinen, aus Holz und Thon gearbeiteten Gtzenbildern ist
sehr allgemein; Herr Philippi aus Potsdam, der sich 13 Jahre in Lagos
aufhielt, besitzt eine ganze Sammlung jener kleinen interessanten
Gottheiten. Auer den allgemein heilig gehaltenen Thieren hat dann noch
jeder Neger sein Privatheiligthier, von dem er dann natrlich auch nicht
essen darf, whrend die Uebrigen, wenn diese Thiere zu den geniebaren
zhlen, davon essen. So durfte der Huptling Tappa, eine persnliche
Bekanntschaft von mir, keine Hhner essen, Docemo, der Knig, keine
weien Tauben. Jeder hat so seine speciellen Gttchen, die gewissermaen
als Heiligen den betreffenden Individuen dienen und in den Wohnungen den
Ehrenplatz einnehmen. Im Ganzen mgen gegen 25000 Heiden in Lagos sein.
Fr die Umwandlung in Christen thut die englische Regierung officiell
seit einigen Jahren nichts mehr, legt aber auch den Missionren,
einerlei, von welcher Kirche sie abgeschickt worden sind, keine
Hindernisse in den Weg.

Als Nichtchristen zhlen zunchst die Mohammedaner; ihnen gehren
besonders alle Haussa-Neger an, aber auch viele Yoruba. Der Islam hat
sich quer durch Afrika seinen Weg gebahnt, er wird um so mehr von den
Negern angenommen, als die moralischen Vorschriften besser mit den
alten hergebrachten Leben harmoniren, berdies die den Mohammedanismus
predigenden Lehrer gleich Sitten und Gebruche der Schwarzen selbst
annehmen, und nur die Formen und ueren Gebruche ihres Glaubens
verlangen. Auerdem predigt der Islam Hochmuth. "Sobald ihr Glubige
seid, steht ihr ber Christen und Juden, ihr gehrt dann zum
ausgewhlten Volke, ihr seid dann gut =par exellence=." Eine solche
Lehre gefllt den unmndigen Negern. Es gefllt ihnen das weit besser,
als: "Ihr knnt das Himmelreich nur durch Bue und Glauben gewinnen,
Snder bleibt ihr aber immer; seid demthig, verachtet den Reichtum &c."
Zudem ist der christliche Missionr in unseren Tagen nicht im Stande,
auf das Niveau der Eingeborenen hinabzusteigen, whrend er ebenso wenig
vermag, diesen zu sich heraufzuziehen, das heit ihm die ueren
Annehmlichkeiten des Lebens zu bieten, unter denen er selbst seine
Existenz hat. Wie kann ein armer Neger sich denken, da die Lehre
richtig sei, wo man ihm Verachtung des Reichthums, Migung, Demuth und
Bue predigt, und er dies von solchen Mnnern hrt, die gut bekleidet
sind, die schne Huser haben, Mbel besitzen, wie er sich sie nie
anschaffen kann, und ber Geld in Hlle und Flle (nach den Anschauungen
der Neger) gebieten? Denn wenn auch nach europischen Begriffen die
Missionre nicht allzuglnzend und reich ausgestattet sind, so sind sie
es doch den Eingeborenen gegenber. Ganz anders tritt der Mohammedaner
auf: er hat nicht mehr als der Neger, er verdient seinen Lebensunterhalt
durch seine Arbeit, durch Handel; der Eingeborene sieht, wenn der
mohammedanische Lehrer zu Wohlstand kommt, woher und wie derselbe
gewonnen ist. Kein mohammedanischer Apostel hat irgendwie Gehalt, er
bekehrt, um einen neuen Glubigen zu gewinnen, ganz aus eigenem
Antriebe, ohne von einer Gesellschaft ermchtigt zu sein. Er glaubt auch
nicht einmal, da dies fr ihn selbst ein groes Werk sei, er meint
dadurch nur die Seele des Bekehrten gerettet zu haben, welche nun wrdig
ist, mit ihm nach dem irdischen Tode die verheienen Freuden des
Paradieses zu theilen.

Die Zahl der Mohammedaner wird auf 4000 geschtzt, und scheint dieselbe
noch fortwhrend zuzunehmen.

Was die Christen anbetrifft, so haben wir verschiedene
Glaubensrichtungen in Lagos vertreten, und dies Nichteinheitliche der
Lehre Jesu trgt gewi dazu bei, bei Ausbreitung des Glaubens die
Eingeborenen stutzig zu machen.

Von den Protestanten finden wir die englische _high church_ durch die
_church missionary society_ vertreten, etwa 1000 Seelen; die Wesleyaner
etwa 700 Seelen, und amerikanische Baptisten etwa 30 Seelen. Die
rmisch-katholische Kirche ist hauptschlich durch 3-400 sogenannte
_emancipados_ (ehemalige Sclaven) aus Brasilien und Cuba reprsentirt.
Die deutschen Protestanten halten sich zur Hochkirche. Im ganzen beluft
sich die Zahl der Christen in Lagos auf 3500. Fr die Protestanten
besteht ein Seminar mit einem weien und einem schwarzen Lehrer und etwa
20 Zglingen; ein Mdcheninstitut unter einem weien Lehrer und einer
weien und einer schwarzen Lehrerin mit etwa 20 Schlerinnen; vier
gemischte Volksschulen mit 8 Lehrern und 430 Schlern; drei kleine
Kinderschulen mit 5 Lehrerinnen und 320 Schlern. Die Wesleyaner haben
auerdem eine Schule mit 3 Lehrern und 170 Schlern. Ueber die Schulen
der rmisch-katholischen Mission liegen keine numerischen Nachrichten
vor.

Die Mohammedaner sorgen fr die Bildung ihrer Glubigen durch Gebete in
der Hauptmoschee, sie haben 12 bis 16 kleinere Betpltze, die zum Theil
Medressen (Schulen) sind, in denen jedoch weiter nichts gelehrt wird,
als mechanisch Koransprche herzusagen. Fast mit Sicherheit kann man
behaupten, da die Lehrer selbst den Sinn der Sprche und Gebete nicht
verstehen. Nach den Begriffen der modernen Apostel des Islam ist das
auch nicht nthig, da Gott selbst Arabisch versteht, also wohl wei, was
die Glubigen beten.

Die Regierung besteht derzeit aus einem Gouverneur (von der
Kriegsflotte), einem Colonialsecretr, einem Oberrichter (_high
justice_), einem Ingenieur, einem Colonialarzt, einem Schatzmeister und
zwei Polizei-Inspectoren mit 45 Constablern. Das Geschwornengericht ist
aus Weien und Schwarzen zusammengesetzt. Als Garnison steht in Lagos
eine Compagnie westindischer schwarzer Soldaten, und in letzterer Zeit
sind darunter als Ergnzung vorzugsweise Haussa-Leute aufgenommen
worden. Auerdem steht der Regierung ein Kanonenboot I.M. der Knigin zu
Gebote. In Lagos residiren ein norddeutsches, ein franzsisches und ein
italienisches Consulat.

Whrend Lagos frher krumme, winkelige Straen hatte, an beiden Seiten
von Negerhtten besumt, wird jetzt der Ort durch sehr breite, gerade
Straen durchzogen, die Nachts beleuchtet sind. Man unterscheidet vier
Hauptstadttheile, Okofagi, Ologbowa, Offi und Egga. In letzterem
befindet sich der Palast von Knig Docemo, der aussieht wie eine groe
Bude. Das Haus, welches der Gouverneur bewohnt, ganz aus Eisen errichtet
und fertig von England gebracht, befindet sich, wie die meisten
Wohnungen der Europer, auf der der See zugekehrten Seite der Insel.
Gleich daneben liegt die prachtvolle ehemalige O'Swaldische Factorei,
die seit einigen Jahren in die Hnde eines anderen Hamburger Hauses
bergegangen ist.

An ffentlichen Gebuden erwhnen wir noch das Colonial-Secretariat, das
neue, aus Backstein errichtete Rathhaus, in dem zugleich der Gerichtshof
ist, eine Caserne mit Spitaleinrichtung, ein Colonial-Hospital mit 20
Betten, das jedoch viel zu wnschen brig lt, ein Zollhaus mit Krahn,
endlich 10 Kirchen fr Protestanten und eine im Bau begriffene fr
Katholiken.

Die Huser der Europer sind zweckmig und meist aus gebrannten Ziegeln
aufgefhrt und fast alle von kleinen Grten umgeben. Cocospalmen,
Brodfruchtbume und Mangos gewhren Schatten; an wohlschmeckenden
Frchten sind die Ananas von Lagos als ganz vorzglich
hervorzuheben.--Die Stadt hat auerdem mehrere kleine Dampfer, welche
die groen Dampfschiffe und Segler, welche die Barre nicht passiren
knnen, befrachten und ausladen, Hunderte von kleinen Schiffen, alle
numerirt und den Eingeborenen gehrend, unterhalten den Verkehr mit dem
Festlande, hauptschlich mit der Stadt Ikorodu. Sehr angenehm fr die
Bewohner von Lagos ist, da die Lagunen nicht nur uerst fischreich
sind, sondern jahraus, jahrein tglich so viel Austern und Granaten
(_Crangon vulgaris_) gefangen werden, wie es die Bedrfnisse erheischen.
Deshalb ist denn auch die Fischerei eine der Hauptbeschftigungen des
Volkes; aber auerdem finden wir alle Handwerker vertreten, als
Schreiner, Maurer, Zimmerleute, Schneider, Schuster, Schmiede, Schlosser
&c.

Die Europer sind fast durchaus Handelsleute; es giebt Engros-Huser,
sogenannte Factoreien, und Detailisten. Groe Factoreien giebt es circa
20, von denen die Hamburgische von O'Swald die bedeutendste war, die
sogar der Factorei der West-African-Company den Rang abgelaufen hatte.

Export und Import haben unter der englischen Regierung einen bedeutenden
Aufschwung genommen, was natrlich auf die Einknfte der Colonie
bedeutend nachgewirkt hat. 1862 betrug die Einnahme 5000 Pfd. St., im
Jahre 1867 schon 30,000 Pfd. St. Nach dem Blaubuche betrug 1867 der
Werth der exportirten Waaren 51,313 Pfd. St., der Werth der importirten
Gegenstnde ist nicht angegeben, Lagos hatte aber 1868 an Zollgebhren
(vom Export wird nicht gezollt) eine Einnahme von 35,000 Pfd. St.[4],
aus anderen Quellen noch 4000 Pfd. St., also im Ganzen fast 40,000 Pfd.
St.

Exportirt wird hauptschlich Indigo, Grundnsse (=Arachis=),
Elfenbein, Mais, Baumwolle (1867 fr 7112 Tons, die Tonne zu 2000
Pfund), Goro- oder Kolansse[5], welche nach Brasilien und Sierra Leone
verschickt werden, endlich Oel- und Palmnsse. Oel wurde 1867 im Gewicht
von 12,414 Tonnen, Nsse 9600 Tonnen exportirt. Die Nsse wurden im
Anfang gar nicht benutzt, es ist das Verdienst der O'Swald'schen
Factorei, dieses Product der _Elaeis guineensis_ zuerst ausgentzt zu
haben. Die Nu enthlt nmlich bedeutende Mengen von Stearin, das Oel
wird zum Schmieren und zur Seifefabrikation benutzt.

Man fhrt ein: Cawries (=kauri, kungena, kerdi, eloda-Cypraea moneta
L.=), jene kleinen Muscheln aus den ostindischen Gewssern, die als
Scheidemnze dienen im grten Theil von Centralafrika, Rollen- und
Blttertabak von Brasilien, Waffen, Pulver, Stabeisen, Messingdraht,
Perlen, Spiegel, Messer, Manufacturen, Salz, Spirituosen. Von
Spirituosen, Cawries und Tabak wird 6 Proc. Eingangszoll erhoben.

Im Jahre 1873 arbeitete der Brgermeister von Lagos, Mr. Goldsworthy,
zusammen mit dem Gouverneur Herrn Glover, um neue Handelsstraen nach
dem Innern zu erffnen. Im vergangenen Jahre machte Goldsworthy eine
Reise von 200 englischen Meilen in nordstlicher Richtung und berhrte
dabei die Gebiete von Ikale, eine wald- und sumpfreiche Gegend mit
einzelnen angebauten Strichen, und von Onodo, einer Hgelkette lngs
der Kste und von Ife berhrt. Es gelang ihm, die Kmpfe zwischen
einzelnen Stmmen zu beendigen und wahrscheinlich auch das Efou-Gebiet
durch eine neue Handelsstrae zu erffnen.

Werfen wir schlielich einen Rckblick auf Lagos, heute die volkreichste
Stadt an der ganzen Westkste von Afrika, so bemerken wir, da der Ort
hauptschlich unter der freisinnigen englischen Administration rascheren
Aufschwung genommen hat wie andere Punkte in Afrika. Selbst das Klima
scheint sich durch gute sanittspolizeiliche Maregeln, als Erweiterung
der Straen, Pflasterung der Wege, Ausrottung der nchsten Dschengel-und
Mangroven-Bsche verbessert zu haben; in frheren Jahren trafen auf die
weie Bevlkerung wenigstens 20 Todesflle, in den letzten Jahren ist
das Verhltni jedes Jahr gnstiger geworden. 1869 ist, freilich wohl
ausnahmsweise, nur Einer von der circa 100 Kpfe starken weien
Bevlkerung gestorben.

Auch die Gesittung und Civilisation nimmt unter den Eingeborenen
erfreulich zu. Wenn Europer, und besonders die Missionre, beherzigen
wollten, da ein Volk, welches seither fortwhrend von der Cultur der
civilisirten Vlker abgeschlossen gewesen, von einem primitiven
Standpunkte sehr schwer innerhalb einiger Jahre auf eine solche
Culturstufe gebracht werden kann, wozu wir selbst fast 2000 Jahre
gebraucht haben, so wrden sie langsamer vorgehen und mehr Geduld haben
mit ihren Civilisationsbemhungen. Wenn man die heutigen Neger
betrachtet, namentlich die Bewohner jener groen Reiche Centralafrika's,
und vergleicht den Zustand dieser Vlker und Lnder mit jenen von
Europa vor circa 2000 Jahren (natrlich Griechen und Rmer ausgenommen),
so wird jeder Mensch, der unbefangen urtheilt, sagen: der Vortheil ist
hier auf Seiten der Schwarzen. Die groen Staaten Bornu, Sokoto und
Gando &c. legen glnzendes Zeugni ab, wie weit ohne europische
Einflsse die Neger fhig sind, sich zu civilisiren, und General
Faidherbe hat gewi nicht Unrecht, wenn er die Schwarzen als fr
Civilisation empfnglicher hlt, als Berber und Araber.

Aber trotzdem und trotz vieler glnzenden Beispiele, die eben beweisen,
da selbst in krzester Zeit der Neger bei sorgfltiger Erziehung sich
vollkommen mit dem Weien gleichzustellen wei (ich erinnere nur an
Bischof Crowther, an Senator Revels, welcher Letztere jngst im Senate
der Vereinigten Staaten seine erste Rede, die als oratorisches
Meisterwerk dasteht, gehalten hat), wage ich nicht zu behaupten, da die
Neger eine Zukunft vor sich haben; sie werden am Ende von den Weien
absorbirt werden.

Wir sehen in Centralafrika, da die Pullo, welche sich als herrschendes
Volk groe Negerreiche unterworfen haben, heute, nach noch nicht 100
Jahren, vollkommen von den Negern assimilirt worden sind. Obschon die
Pullo noch die herrschenden sind, auch ihre Pullo-Sprache noch reden,
sind sie fast ganz schwarz geworden und alle reden heute neben ihrem
Pullo die Sprache der Stmme, ber welche sie herrschen. Ebenso haben
die Araber in Centralafrika, z.B. die Schoa, fast nur noch ihre Sprache
erhalten. Und so wird es den Negern ergehen den Weien gegenber, wenn
sie nicht durch eine zu rasch mit ihnen vorgenommene
Civilisationsmethode (namentlich durch unpassende Bekehrungsversuche)
vorher ausgerottet werden. Ist dies nicht der Fall, so werden sie
langsam verdrngt werden von den Weien, wenn sich einmal fr diese das
Bedrfni herausstellen sollte, Afrika so ernstlich in Angriff zu
nehmen, wie man es mit Amerika und jngst mit Australien gethan hat.

FOOTNOTES:

[Footnote 2: Hunderttheilig.]

[Footnote 3: Rheinwein wird von den Englndern meist als Schaumwein
getrunken.]

[Footnote 4: Fast Alles zahlt 4 Proc. nur einige Artikel 6 Proc.]

[Footnote 5: Als ich 1867 von Lagos nach Europa zurckkehrte, gelang es
mir, Goro-Nsse ganz frisch heimzubringen. Unser nun verewigter Liebig,
dem ich dieselben zur Untersuchung einschickte, fand die Nsse sehr
reichhaltig an Coffein; auerdem gelang es ihm, im botanischen Garten zu
Mnchen aus einer der Nsse einen Baum heranzuziehen, der im vorigen
Sommer schon eine Hhe von 5 Fu erreicht hatte und laut eines Briefes
vom 9.d.M. von Liebig fortfhrt, sehr gut zu gedeihen.]




4. Das Gora-Gebirge in Central-Afrika.


Einer der wichtigsten Gebirgsstcke im bekannten Centralafrika ist das
Gora-Gebirge, denn hier ist die Wasserscheide zwischen dem Tschad-See
einerseits und dem mchtigen Niger andererseits. Zudem entspringt hier
der Gongolaflu, einer der bedeutendsten Nebenflsse des Bnue, sowie
eine Menge kleinere Flsse, die direct in den Bnue (dieser ist der
bedeutendste Nebenflu des Niger, und vielleicht ebenso bedeutend als
dieser) sich werfen.

Das Gora-Gebirge erreicht eine absolute Hhe von mehr als 7000 Fu und
besteht seiner Hauptmasse nach aus Granit, doch sind an den unteren
Abhngen auch alle anderen Gesteinsarten vertreten. Das Gebirge scheint
sehr mineralisch zu sein, die Bewohner haben Antimon-, Zinn- und
Eisenminen; ber das Vorkommen von Gold ist den Eingebornen inde nichts
bekannt, noch weniger lt sich sagen, ob Silber vorhanden sei, welches
berhaupt in Centralafrika noch nicht gefunden worden ist. Der Boden
besteht fast durchweg aus einem festen rthlichen Lehm und Thon, doch
sieht man mitunter auch ausgedehnte Strecken mit schwarzem Humus
bedeckt. Die hervorragendsten Berggipfel sind der Saranda, westlich von
Bautschi (Jacoba) gelegen, der Goa- und der Gora-Knotenpunkt, von dem
das ganze ausgedehnte Gebirge seinen Namen hat, und von dem die Wasser
hauptschlich entspringen, welche dem Niger, Bnue und dem Tschad
zueilen.

Was Naturschnheiten anbelangt, so wird es kaum ein Gebirge geben,
welches hierin die Goraberge bertrifft. Ueberall bewaldete Hhen, oft
steil emporragende Felsen, rieselnde Bche, spritzende Wasserflle,
herrliche Steilschluchten. Hie und da wieder ein Stck Ackerland um
kleine Ortschaften herumliegend, ppige Grten mit Bananen, Gundabumen,
Erdnssen und einigen Gemsen--dies das Gesammtbild, wie sich das
Gora-Gebirge dem Wanderer zeigt. Ja, wenn nicht die eigenthmlichen
konischen Dcher der Htten, welche jene Negerdrfer zusammensetzen,
wenn nicht bei nherer Betrachtung die einzelnen Bume der dichten
Wlder, wenn nicht hie und da die schwarze Gestalt eines mit Bogen und
Pfeil bewaffneten Eingeborenen einen daran erinnerten, da man sich
zwischen dem 9. und 11. Grade N. Br. befnde, so wrde man eher glauben,
in einer ppigen europischen Gebirgslandschaft zu sein, als in einer
afrikanischen Tropengegend.

Bis auf den Kamm des Gebirges hat man es meist mit denselben Bumen zu
thun, wie sie in Bornu vorkommen, aber darunter befinden sich manche
fruchttragende, die in den Tschadebenen nicht vorkommen. Auf der
westlichen Seite treten hingegen die Baumarten in den Vordergrund, wie
sie das Nilthal vorzugsweise aufweist, und namentlich sind es
ausgedehnte Wlder des Butterbaumes, _Bassia Parki_, die nun
vorherrschen. In den niederen Theilen zeigen sich Bananen und der
herrliche Gunda-Baum berall wild. Indigo, zum Theil wild, Baumwolle und
Tabak gezchtet, kommen allerwrts vor. Der Wald liefert die
Yams-Wurzeln, die auch gebaut werden, ebenso pflanzen die Eingeborenen
in ihrem Garten Ingwer, verschiedene Zwiebeln, Erdnsse und Kohlsorten.

In einer so ppigen Gegend ist natrlich die Thierwelt sehr reich
vertreten: die niedere sowohl wie die geflgelte zeigt dem Europer auf
Schritt und Tritt Neues. Reiende Thiere, namentlich Panther und
Leoparden, sind in den Schluchten der Berge nichts Seltenes, doch sind
sie keineswegs so hufig, da dadurch irgendwie die Sicherheit der
Reisenden gefhrdet wrde.

Sehr zahlreich sind allerdings die Hynen und Bffel vertreten; Giraffen
kommen hier im Gebirge nirgends vor; Elephanten, Nashrner und
Flupferde treten erst am Bnue und Niger auf; ebenso fehlt hier der
Gorilla-Affe, nur Paviane und Hundsaffen sind in erstaunlicher Menge
vertreten. Wie berall, wo das Land von Ameisen beherrscht wird, ist
auch der Ameisenbr anzutreffen, und jene ungeheueren Thonpyramiden,
welche man ber das ganze Land zerstreut sieht, sind oft von der Kralle
des Ameisenbrs angebohrt. Diese Pyramiden, von denen auch schon durch
Photographie fixirte Ansichten existiren, verleihen der Landschaft einen
eigenthmlichen Reiz. Man beobachtet welche von einer Hhe von ber 20
Fu.

Die Bewohner des Gora-Gebirges sind echte Neger und gehrten ehedem zum
groen Reiche der Haussa-Neger. Bei der Invasion der Pullo wurden sie
unterjocht, und jetzt bildet das Gora-Gebirge einen Theil des
Kaiserreichs Sokoto. Zum Theil gehrt es zu den Knigreichen Bautschi
und Kano, zum Theil zu denen von Saria und Keffi-abd-es-Senga, welche
alle dem Kaiser von Sokoto unterthan sind.

Mit Ausnahme der Stdtebewohner gehen alle Eingeborenen vollkommen nackt
und sind Heiden. Die Frauen tragen Ringe und Spangen um Arme und
Fuknchel, jedoch durchbohren sie die Ohrlappen nicht wie die
europischen Frauen, ihr Haar tragen sie ohne Schmuck und kurz
abgeschnitten, whrend die Mnner es nach Art der Bornu-Frauen helmartig
zu einem Wulst zusammenwachsen lassen. Um den Leib tragen die Frauen
einen Ledergurt der vorn und hinten mit Blttern behangen wird, um damit
die Blen zu bedecken; die Mnner tragen ein Schurzfell, oft kunstvoll
gestickt und mit vielen kleinen Muscheln geschmckt. Die Mnner sind
immer bewaffnet: ein Bogen, ein Kcher mit vergifteten Pfeilen und oft
ein gerades, in Hagen oder Solingen verfertigtes Schwert macht ihre
Rstung aus.

Ihre Religion ist Fetischdienst, obschon die ber sie herrschenden Pullo
den Islam angenommen haben. Aber obgleich sie Heiden sind, stehen sie
keineswegs auf einer ganz niederen Stufe der Cultur; ihre Htten sind so
regelmig und gut angelegt, da man ihnen gewissermaen Sinn fr
Architektur und Geschmack nachsagen mu; der Boden ist eine Art Mosaik,
welcher von den Frauen eingegossen und festgeklopft wird. Ihre
Hauseinrichtungen, was Tpfe, Holzschnitzereien und andere Gegenstnde
anbetrifft, sind kunstvoll und mit Eleganz gearbeitet, ihre Werkzeuge
verfertigen sie selbst aus Eisen. Um im Winter auf den hher gelegenen
Bergtheilen sich besser gegen die Klte schtzen zu knnen, haben sie
in ihren Htten eigene thnerne Feuerbetten angebracht. Dieselben
bestehen aus thnernen Bnken, die inwendig hohl sind; hierin wird Feuer
gemacht und so gewhren sie dem darauf liegenden, der die schroffe Hitze
durch Felle und Matten dmpft, eine angenehme Wrme.

Einer der Hauptstmme ist der der Bolo-Neger, aber je mehr man nach dem
Sden kommt, desto verschiedener werden die Bewohner, was Sprache
anbetrifft, und fast tglich hat man einen anderen Stamm vor sich. Schon
der Umstand, da sie mich als ersten Weien unbehelligt ihr Gebirge
durchziehen lieen, spricht zu ihren Gunsten. Allerdings machte auf sie
das Erscheinen eines Weien den grten Eindruck, und sie bekundeten das
dadurch, da hufig Mnner und Frauen herbeikamen, um mich zu befhlen,
ob ich auch wirklich aus Fleisch und Blut sei, oder da die ganze Jugend
eines Ortes hinter uns drein zog und "=Thoraua, Thoraua=" (Weier,
Weier) rief; aber nirgends war irgend von einem feindseligen Worte,
geschweige einer beleidigenden Handlung gegen mich die Rede. Im
Gegentheil, oft gab man mir zu verstehen, ich mchte doch bald nach
ihren Gegenden zurckkommen.




5. Hflichkeitsformen und Umgangsgebruche bei den Marokkanern.


"Es ssalamu alikum" ist die allgemeine Begrung der Glubigen, der
Araber, und folglich aller Marokkaner, die der allein seligmachenden
Kirche Mohammeds anhngen. "Alikum ssalam" ist die Antwort. Beiderseits
mu der Gru immer mit sichtbarem Ernste, mit einer gewissen
Feierlichkeit ausgesprochen werden; ein freundlich lchelndes Gesicht
wrde man fr ganz unpassend halten.

Wie die mohammedanische Religion am Ende weiter nichts will, als die
ganze Menschheit unter _einen_ religisen Hut bringen, und dies dadurch
zu erreichen hofft, da sie jeden anderen glauben als absolut falsch
verwirft, so hat dieselbe auf alle Vlker, die den Islam bekennen, einen
merkwrdig nivellirenden Einflu ausgebt. Und wie hauptschlich Gewicht
auf das _wrtliche Glaubensbekenntni_ gelegt wird und eine
fortschreitende _Entwickelung_ in der Religion auf's Strengste verpnt
ist, so sehen wir, da alle den Islam bekennenden Vlker dahin gekommen
sind, wohin der Buchstabenglaube fhrt: zur offenen Heuchelei,
Scheinheiligkeit und zu einer entsetzlichen Verdummung und Verthierung
des Volkes.

Durch Alles, was die mohammedanischen Vlker thun und reden, zieht sich
immer ein heuchlerischer, muckerhafter und pharisischer Hauch, auch in
Hflichkeiten. Der durch den Gebrauch Mohammed's geheiligte Gru: "Der
Gru (Gottes) sei mit Euch" wird daher auch nie an Unglubige
verschwendet. Ein chter Mohammedaner wrde glauben, ewig verdammt zu
werden, wenn er hierin nicht einen strengen Unterschied machte. Tritt er
in eine Versammlung, wo Juden und Christen zugegen sind, so unterlt er
nie zu sagen: "=Ssalam-ala-hali=," Gru meinen Leuten, oder will er
den Unterschied noch mehr hervortreten lassen, so sagt er:
"=Ssalam-ala-hal-es-ssalam=," Gru den Leuten des Grues, d.h. den
Mohammedanern, da selbstverstndlich den unglubigen Hunden kein Gru
zukommt. Oder auch man sagt. "Gru Denen, welche die Religion befolgen,"
womit selbstverstndlich die allein seligmachende Religion des Islam
gemeint ist, alle anderen Religionen, die christliche, die jdische &c.,
fhren den Menschen direct vom Diesseits in die Hlle.

Will ein Marokkaner recht hflich gegen einen Christen oder Juden sein,
d.h. ihn beim Begegnen zuerst anreden, so sagt er wohl:
"=Allah-iaunek=," Gott helfe dir, oder auch: Gott gebe dir zu
essen. Nie aber wrde er einen Glaubensgenossen so anreden, denn Alles,
auch die Hflichkeitsbezeigungen, sind streng vorgeschriebene
Redensarten und Handlungen.

Und es ist eigenthmlich: whrend uerlich eine gewisse Gleichheit der
Menschen zu existiren scheint,--denn der rmste Mann im Lande ist nicht
sicher, eines Tages zum ersten Minister oder gar zum Sultan, zum Chalif
(des gndigen Herrn Mohammed) gemacht zu werden,--herrscht dennoch ein
strenger Unterschied in den Frmlichkeiten und Gebruchen des Umgangs
zwischen Hohen und Niedern, zwischen Armen und Reichen, zwischen
Schriftgelehrten und Laien, zwischen Schrfa[6] und anderen gewhnlichen
Sterblichen. Ist es nicht hnlich so in der ppstlichen Kirche? Der
Sultan von Marokko betrachtet sich als den rechtmigen Nachfolger
Mohammeds, als seinen Verweser auf Erden. Seiner Idee nach gehrt von
Rechtswegen die ganze Erde ihm: "Jeder kann Sultan oder Beherrscher der
Glubigen werden, vornehmlich aber die vom Blute Mohammeds"[7]. Der
Papst andererseits betrachtet sich als rechtmigen Nachfolger Petri
(oder als Stellvertreter Jesu Christi, d.h. eigentlich Gottes), seiner
Meinung nach gehrt von Rechtswegen die Herrschaft ber die ganze Erde
ihm, jeder kann Papst werden, der den Laienstand mit dem schwarzen
Gewande vertauscht; wie der Sultan von Marokko, behauptet er, nicht
fehlen zu knnen. Wo ist da der Unterschied vor dem _unparteiischen_
Menschen? Aber eben so gro, wie er in der ppstlichen Kirche zwischen
dem mit dreifach goldener Krone bedeckten Papste und dem einfachsten
Priester der Kirche oder gar dem Bettler ist, so gro ist auch der
Abstand zwischen dem von seinen tausend Weibern umgebenen Sultan und dem
rmsten Faki des mohammedanischen Reiches.

Wie es bei uns verschiedene Anreden giebt, so auch bei den Marokkanern.
Der Sultan hat den Titel _Sidina_, unser "gndiger Herr"; der Scherif,
d.h. ein Nachkomme Mohammeds, den Titel _Sidi_ oder _Mulei_, d.h. mein
Herr; eine Scheriffrau den Titel _Lella_; einen andern Menschen redet
man mit _Si_, _Herr_, an, welches Si dem Namen vorgesetzt wird, _aber
nur, wenn er lesen und schreiben kann_. Andere ganz gewhnliche Menschen
nennt man einfach bei Namen, sowohl Mnner und Frauen, wie Kinder. Will
man solche rufen, so kann man ohne zu verstoen, falls der Mann
unbekannt ist, sagen: =ia radjel=, o Mann; =ia marra=, o Frau;
=ia uld=, o Sohn; =ia bent= oder =ia bekra=, o Tochter, o
Jungfrau.

Man mu sich wohl hten, in Marokko den Titel _Sidi_, mein Herr,
gewhnlichen Menschen zu geben, nur die Juden mssen alle Glubigen so
anreden. Auch die Minister, Agha, Kaid, Mufti, Kadi, Imam u.s.w. haben,
falls sie nicht Schrfa sind, kein Recht auf den Titel Sidi.

Beim _Begren_ sagt man bis Mittag: Dein Tag sei gut; von Mittag bis
Abend: Dein Abend sei gut. Zu jeder Stunde kann man sagen: Sei
willkommen.

Wenn auch vollkommen Unbekannte beim ersten Anreden sich duzen, so ist
das Duzen doch nicht ausschlielich im Gebrauch. Es wrde unschicklich
sein, den Sultan anders anzureden, als in der zweiten Person Pluralis,
ebenso lieben es auch vornehme Personen, namentlich Religionsmnner,
sich in der zweiten Person Pluralis anreden zu lassen. Auch Kinder
pflegen ihre Eltern mit "Ihr" anzureden. Der gebruchlichste Gru,
=es ssalamu alikum=, ist ebenfalls in der zweiten Person Pluralis.

Da eine Begrung zwischen Leuten, die sich seit Langem nicht gesehen,
immer unendlich lange dauert, manchmal eine halbe Stunde, so hat man die
verschiedensten Redensarten, um sich nach dem wechselseitigen Befinden
zu erkundigen., "Wie ist dein Zustand?" "Wie ist deine Zeit?" "Wie bist
du?" "Wie ist dein Wie?" "Wie bist du gemacht?" u.s.w. Alle diese
Redensarten werden mit monotoner Stimme wiederholt und man hat wohl
Acht, dieselben mit hufigen "Gott sei gelobt", "o gndiger Herr
Mohammed" zu untermischen. Je fterer man Letzteres thut, desto besser
und frommer glaubt man zu sein und fr desto heiliger wird man gehalten.

Es wrde ein groes Verbrechen sein, bei den Leuten arabischen Blutes
sich nach dem Befinden der Frau des Anderen zu erkundigen. Und wenn sie
am Rande des Grabes stnde, drfte man das nicht direct thun. Selbst der
Vater, der Bruder wrde es nicht fr decent halten, seinen
Schwiegersohn, seinen Schwager ohne Umschweife nach der Gesundheit
seiner Tochter, seiner Schwester zu fragen.

Da aber der Marokkaner ebenso gut den Trieb der Neugier besitzt, wie
wir, so braucht er dann allerlei Umwege, um sich nach dem Befinden einer
Frau zu erkundigen: "Wie befinden sich Adams Kinder?" d.h. alle
Menschen, die Frauen also auch; oder: "Wie geht es dem Zelte?" d.h. mit
Allem was darin ist; oder: "Wie geht es der Familie?"--"Wie befinden
sich deine Leute?" u.s.w.

Der _Ku_ ist allgemein verbreitet. Dennoch kennt man nicht den Ku der
Liebe: den auf den Mund. Man begegnet einander, ergreift die Rechte,
ohne sie zu drcken, und kt sodann seinen _eigenen_ Zeigefinger. Will
man ber die Begegnung recht seine Freude ausdrcken, so wird diese
Procedur sechs- bis achtmal wiederholt. Ein Untergebener kt einem
Vornehmen den Saum seines Kleides oder ist dieser zu Pferde, das Knie,
die Fe; ist der zu Begrende ein groer Heiliger, so kann man auch
dessen Pferd oder irgend einen beliebigen ihm gehrigen Gegenstand
kssen.

Wei der Vornehme oder der Heilige, da der Begrer Geld hat oder Geld
schenken will, so giebt er wohl seine Hand zum Kssen, legt dieselbe
segnend auf den Kopf oder wehrt die demthige Geberde des Begrers mit
Worten ab. Ist ein Untergebener zu Pferde, so steigt er schon von Weitem
ab, um einen hher Stehenden zu begren. Zwei Gleiche kssen sich wohl
die Wangen, und will ein Vornehmer oder ein Heiliger Jemand besonders
auszeichnen, so kt er diesem die Stirn. Kommt ein Vornehmer, so
erheben sich alle Anwesenden und verbeugen sich mit vor der Brust
gekreuzten Armen. Vor dem Sultan, vor dem Groscherif kann man sich auch
auf die Erde werfen, wie beim Gebet, und die Stirn auf den Boden
drcken: "=Allah-itohl-amreck=!" Gott verlngere die Existenz
deiner Seele, ruft man.

Der Marokkaner verlt eine Versammlung ohne Gru; nur wenn er auf
lngere Zeit verreisen wollte, wrde er es fr nthig halten, sich
frmlich und durch Worte zu verabschieden. Ist aber ein sehr vornehmer
Mann, ein Heiliger in der Versammlung, so geht man zu ihm, kt seine
Knie, seine Hand oder den Saum seines Kleides und verabschiedet sich
dann, ohne ein Wort zu sagen.

Schon an anderen Orten ist darauf hingewiesen worden, wie die
marokkanische Geistlichkeit, wenn von einer solchen die Rede sein kann,
ebensoviel auf uere Ehrenbezeigungen hlt, wie die der europischen
Christenheit. Wenn es auch dort nicht Sitte ist, da sie sich kenntlich
macht von den Laien durch besondere Tracht (schwarzer Anzug, weie
Cravate), so liebt es doch Jeder, der sich vorzugsweise dem Studium der
Religion hingiebt, da man ihn zuerst grt, da er den Ehrenplatz
erhlt und da man auf ihn die meiste Rcksicht nehme. In einem so durch
die Religion fanatisirten Lande ist es daher jedem Reisenden dringend
anzurathen, sich mit dieser Klasse von Menschen gut zu stellen, und da
die mohammedanische Geistlichkeit ebenso wie die christliche besondere
Vorliebe fr Geld hat, weil dieses als die erste Bedingung zur
Herrschaft erscheint, so ist es wohl gerathen, den frommen Leuten davon
soviel wie mglich zukommen zu lassen. Wie richtig handelte z.B. Ali Bey
in dieser Beziehung bei seinen Reisen durch Marokko.

Alle Hflichkeitsbezeigungen in Marokko mssen in fromme Redensarten
gekleidet sein. =Allah-iatik-ssaha, Allah-iaunik=, Gott gebe dir
Kraft, Gott helfe dir, ruft man einem Arbeitenden zu, und wenn einer
niest, so rufe ihm ein =Nedjak-Allah=, Gott rette dich, zu; der
Niesende dankt mit "=R'hamek-Allah=", Gott sei dir gndig.

Eine Sitte oder vielmehr Unsitte existirt, die man in Europa auf's
Hchste anstig finden wrde: das laute Aufstoen whrend des Essens
und gleich hernach. Der Aufstoende ruft dann selbstgefllig
"=Stafhr-Allah=", Gott verzeih' es, oder "=Hamd-Allah=". Gott
sei gelobt. Er betrachtet das als Zeichen, da der Appetit jetzt
gestillt sei, und ebenso fassen die Mitessenden es auf, die ihn
vielleicht heimlicherweise um dies seh- und hrbare Zeichen seines
gesunden Magens beneiden. Jedes Essen, jeder Trunk wird begonnen, wie
berhaupt Alles was man unternimmt, mit =Bsm-Allah=, im Namen
Gottes. Und es wrde vollkommen gegen alle Sitte sein, _aufrecht
stehend_ zu essen oder zu trinken. Dem Trinkenden wird ein:
"=Ssaha=", Gesundheit, zugerufen.

Es wrde nicht nur ein Versto gegen den guten Anstand sein, wollte man
mit der linken Hand essen, sondern auch den Religionsvorschriften
entgegen sein. Die linke Hand, welche zu gewissen Ablutionen benutzt
wird, gilt fr unrein, nur der _Teufel_, der sich aus religisen
Vorschriften nichts macht, bedient sich seiner Linken. Man darf sich bei
dem _Essen_ nie des _Messers_ bedienen, namentlich das Brod darf _nicht
geschnitten_, sondern mu _gebrochen_ werden. Vor und nach dem Essen mu
man sich die Hnde und nach dem Essen die Hnde und den Mund aussplen,
aber sorgfltig darauf achten, da das zum Mundaussplen benutzte
_Wasser nur aus der hohlen Hand_, nicht aus einem Gefe genommen wird.
Zum Reinigen des Mundes bedient der wohlerzogene Mann sich nur des
Daumens und Zeigefingers seiner Rechten. Man soll nicht zu schnell
essen, und Derjenige, der einen Vornehmen oder hher im Range Stehenden
bei sich empfngt, darf sich nicht mit an die Schssel setzen, sondern
mu durch Aufwarten seine Sorgfalt fr den Besuch bekunden. Der
Besuchende selbst wrde sehr gegen die Lebensart verstoen, wollte er
sich um seine Bagage oder um seine Diener bekmmern. Da diese in Obhut
genommen, da die Dienerschaft mit Speise und Trank versehen, da die
Thiere abgefttert werden, darf ihn nicht kmmern, es ist das Sache des
Wirthes. Prsentirt man dir eine Tasse Thee oder Kaffee, so trinke sie
nicht rasch aus, sondern nimm das Getrnk _schlrfend_ zu dir; wenn du
beim Speisen bist, so unterlasse es nie, die Hinzukommenden zum Mitessen
einzuladen, und diese, falls sie gleiches Ranges sind, erzeigen sich als
wohlerzogene Leute, wenn sie wenigstens einen _Bissen_ mitessen, selbst
wenn sie satt sind. Sind sie aber niederer Herkunft, so drfen sie das
Anerbieten nicht annehmen; sind sie hungrig, so erfordert es der
Anstand, sich zu setzen und zu _warten_, bis man ihnen die Ueberreste
reicht.

Gewisse Gebruche, als von den unseren abweichend, sind noch besonders
hervorzuheben:

Man darf keinen brennenden Spahn mit dem Hauche auslschen, sondern nur
durch Hin- und Herfahren durch die Luft. Wenn man Feuer verlangt zu
einer Pfeife oder um Etwas anzuznden, so sage man nicht: "gieb mir
Feuer," "=attininar=", denn "=nar=" bedeutet auch das
hllische Feuer, sondern man sagt: "=attini-l'afiah=". Das Wort
"=l'afia=" bedeutet Leben, Gesundheit und Feuer, oder
"=attini-djemra=", gieb mir eine Kohle.

Hchst unanstndig wrde es sein, _aufrechtstehend_ ein Bedrfni zu
verrichten, man mu das in hockender Stellung thun und hernach die
Ablution nicht verabsumen, oder wo Wasser fehlt, die Ablution durch
Sand vollziehen.

Man vermeide, mit Schuhen ein Zimmer oder gar eine Moschee zu betreten;
an der Schwelle der Thr mssen sie zurckgelassen werden. Sobald man
Jemand auf der Strae anreden will und hat ihm etwas Ausfhrliches zu
sagen, dann bleibe man nicht stehen, sondern hocke nieder, _denn im
Stehen lange zu sprechen ist unanstndig_.

Einen Bittenden mu man nie durch eine _abschlgige_ Antwort beleidigen;
"=in-schah-Allah=," so Gott will, sagt man, oder ist der Bittende
zudringlich: "=Rbi-atik=", Gott wird _dir_ geben; ein guter
Mohammedaner darf keinen Zweifel an der Gromuth Gottes hegen.

Begeht man eine Ungeschicklichkeit, zerbricht oder wirft man aus
Versehen Etwas um, _so verflucht man zuerst den Teufel_, denn der ist
die Ursache alles Uebels; erst dann sagt man: "=smah-li=", verzeih
mir, "=ma-fi-schi-bass=", ist kein Uebel dabei, erwiedert der
Besitzer _laut, innerlich_ aber den Urheber und Teufel zum Teufel
wnschend. Sehr bequem fr alle Unflle sind auch die Redensarten:
"=Mektub-Allah=," es war bei Gott geschrieben, oder
"=Hakum-Allah=," es war von Gott befohlen, oder wenn man einen
lstigen Frager durch eine gerade Antwort nicht befriedigen will:
"=Baid-alia, cha-bar-and-Allah=", das ist weit von mir, Gott wei
es, oder "=Arbi-iarf=," Gott wei es.

Hat man sonst nichts zu thun, stockt eine Unterhaltung, so ruft man
einfach: =Allah= oder =Rbi=, d.h. Gott, _Meister_, oder
=Allah-akbar=, Gott ist der Grte, oder man bezeugt, da Gott ein
einiger und Mohammed sein Gesandter ist, oder endlich, _man verflucht
die Christen_. Grund und Anla zu diesen Reden brauchen nicht vorhanden
zu sein, es gehrt aber zum _guten Ton_, sie so oft wie mglich
auszustoen.

Fr eine empfangene Wohlthat mu immer gedankt werden, wre sie auch
noch so gering: =Allah-ikter-cheirek=, Gott vermehre dein Gut, oder
=Allah-iberk-fik=, Gott segne dich.

Auf das Versprechen eines Marokkaners ist nichts zu geben, wenn er auch
von Hflichkeit berflieen wrde und die heiligsten Eide, wie "beim
Haupte des Propheten, bei Gott dem Allmchtigen" &c. geschworen hatte.
Es erheischt dann aber auch die gute Sitte, da man dergleichen Schwre
nicht genau nimmt, nicht daran erinnert.

Ist man zum Besuche, so mu man sich ja hten, die Gegenstnde oder den
Besitz des Wirthes zu loben, es knnte das den Verdacht erwecken, als
wolle man Etwas geschenkt haben. Thut man es ja, so fge man immer
hinzu: =Mabruk=. Lobt man z.B. ein Pferd: =mabruk el aud=, das
Pferd mge dir glcklich sein, oder lobt man ein Kind: =Allah itohl
amru=, Gott verlngere seine Existenz. Lobt man einen Abwesenden, so
ist es hflich, wenn man seine Eigenschaften vergleicht mit denen
Desjenigen, zu dem man spricht: "ich traf letzthin mit Mohammed Ben Omar
zusammen, der ebenso viel Geist, ebensoviel Ueberlegung besitzt, _wie du
selbst_." Ueberhaupt ist es Norm, Jedem die grten Schmeicheleien
geradezu ins Gesicht zu sagen: "Bei Gott, wie geistreich du bist,
Niemand ist, wenn es Gott gefllt, so gromthig, wie du; ich habe, Gott
stehe mir bei, noch keinen so guten Reiter gesehen, wie du einer bist"
u.s.w. Der Geschmeichelte antwortet mit "=Kulschi-and-Allah=",
Alles steht bei Gott, oder mit sonst einer frommen Redensart.

Bei gewissen Ereignissen im menschlichen Leben haben die Marokkaner ihre
unvernderlichen Hflichkeitsphrasen. Bei einer Verheirathung: "Gebe
Gott, da sie dein Zelt flle" (mit Kindern). Wenn ein mnnlicher
Sprling geboren wird: "Das Kind mge dir Glck bringen." Zu einem
Erkrankten: "Sorge nicht, Gott hat die Zahl deiner Krankheitstage
gezhlt;" zu Einem, der im Gefecht verwundet wurde: "Du bist glcklich,
Gott hat dich gezeichnet, um dich nicht (beim jngsten Gericht oder beim
Eintritt ins Paradies) zu vergessen." Will man Jemand ber den Verlust
eines Angehrigen trsten: "Seit dem Tage, wo er empfangen wurde, stand
sein Tod im Buche Gottes", oder: "es war bei Gott geschrieben."

Ueber den Verlust der Frau trstet man noch besonders mit: "Halt deinen
Schmerz an, Gott wird diesen Verlust ersetzen."

Alle diese Redensarten sind _unvernderlich_, wie bei uns "guten Tag",
"wie gehts" &c. Die Marokkaner haben aber auch noch andere Mittel, um
sich unbemerkt oder durch Zeichensprache ihre Gedanken mitzutheilen. Zum
Beispiel in einer Versammlung wre es vielleicht wnschenswerth, irgend
Jemand ber die Gesinnung oder Absicht dieses oder jenes aufzuklren. Er
blinzelt ihm mit dem Auge zu, reibt die beiden Zeigefinger an einander,
d.h. wir sind oder ihr seid Freunde und verstehen uns oder ihr seid
Gesinnungsgenossen. Ein _kreuzweises Sgen der beiden Zeigefinger_
wrde Feindschaft andeuten. Dergleichen conventionelle Zeichen haben die
Marokkaner sehr viele, wodurch sie reden knnen, ohne damit in eine
allgemeine Unterhaltung eingreifen zu mssen. Und es wird keineswegs als
ein Act der Unhflichkeit betrachtet, sich solcher Zeichen zu bedienen.

FOOTNOTES:

[Footnote 6: Nachkommen des Mohammed.]

[Footnote 7: Sollte ja Einer auf den Thron kommen, der nicht Scherif
wre, so wrde er kraft der Infallibilitt, die jeder Sultan der
Glubigen besitzt, schon Papiere beibringen, um zu beweisen, da er doch
Mohammeds Blut in seinen Adern habe.]




6. Beitrag zur Kenntni der Sitten der Berber in Marokko.


Die Berber, welche Nordafrika und besonders den nordwestlichen Theil des
Atlas von Marokko bewohnen, haben mehr als andere dem Islam huldigende
Vlker ihre eigenen Sitten und Gebruche beibehalten. Zum groen Theile
ist die Gemeinsamkeit der Sprache Ursache dieser Eigenthmlichkeit; denn
wie gro auch der Raum ist, den die Berbersprache einnimmt, vom
atlantischen Ocean bis zum rothen Meere, so sind die Dialekte derselben
keineswegs der Art, da nicht eine Verstndigung zwischen den
verschiedenen Stmmen mglich wre.

Vorzugsweise finden wir aber Berber in Marokko, denn es drften von der
Gesammtbevlkerung des Landes zwei Drittel berberischen und nur ein
Drittel arabischen Blutes sein: schlank von Wuchs, wei von Hautfarbe,
zeigen die Berber berhaupt alle die Merkmale, die wir gewohnt sind, der
kaukasischen Race beizulegen; da sie die Abkmmlinge der alten Mauren
oder Numider sind, welche unter verschiedenen Namen, als Gtuler,
Autolaler &c., fast dieselben Gegenden inne hatten, die wir heute von
den Berberstmmen bewohnt sehen,--daran zweifelt Niemand.

So finden wir denn auch heute die Berber so leben, wie sie es vor
tausend Jahren gewohnt waren, d.h. ein Theil von ihnen wohnt in Stdten,
wenn man grere befestigte Ortschaften so nennen will, ein anderer
Theil aber wohnt nomadisirend, wie das Mela am Schlusse seines dritten
Buches schon hervorhebt: =hominum pars silvas frequentant et--pars in
ubibus agunt=, und da heute noch dieselben Verhltnisse in Bezug auf
dies Land und diese Vlker gang und gebe sind, da wir auch heute kaum
mehr vom Inneren Marokkos wissen, als unsere geistigen Vorfahren, die
Griechen und Rmer, das wird dann klar, wenn wir die Worte des Plinius
unterschreiben: "ich wundere mich aber nicht sehr, da Rittern und
Denen, welche aus diesem Orden in den Senat traten, Manches unbekannt
geblieben war; aber darber wundere ich mich, da es auch der Luxus
nicht erforscht hat. Die Macht desselben ist die wirksamste und grte.
Denn man durchsucht ja die Wlder um Elfenbein, und alle gtulischen
Klippen um Stachel- und Purpurschnecken[8]."

Ist es nicht, als ob dieser Passus heute geschrieben sei? Auch heute, wo
der Luxus noch die grte Macht ist, ist es demselben nicht gelungen,
Marokko der Civilisation zu ffnen, vielleicht aber auch, weil eben der
rechte Luxusartikel, der gerade den Bewohnern genehm wre, noch nicht
gefunden worden ist.

Der vor ohngefhr tausend Jahren den Berbern aufgedrungene Islam hat
wenig, oder fast kann man sagen, gar keine Vernderungen in den
Anschauungen und in der Lebensweise der Berber hervorgebracht. Die Lehre
Mohammeds, _nur_ in der arabischen Sprache gelehrt, ist fr diese
Vlker, von denen nur ausnahmsweise ein Individuum der Koransprache
mchtig ist, ein todter Buchstabe geblieben; sogar die ueren
Vorschriften und Gebruche, die der Prophet seinen Anhngern
vorgeschrieben hat, sind fr Berber nicht vorhanden.

Nur Eins hat der Islam auch zur Folge gehabt, was ja berhaupt allen
hierarchischen Religionen nur eigen ist und ohne das sie nicht wrden
existiren knnen: das Verdammen einer jeden anderen Religion und Ha und
Verachtung gegen alle Die, welche nicht das glauben, was man selbst
glaubt. Natrlich schliet das ein, da man die eigne Lehre, den eignen
Glauben fr den allein richtigen und allein seligmachenden hlt.

Deshalb ist denn auch die Feindschaft, welche Berber gegen andere Vlker
hegen, fast nur eine aus der Religion entspringende; obschon sie nichts
vom eigentlichen Islam verstehen, hassen und befeinden sie alle die
Vlker, die eine andere Religion haben.

Es ist daher falsch, wenn Richardson und andere Reisende behauptet
haben, da die in Marokko unter den Berbern ansssigen Juden besser
gehalten seien, als die unter den Arabern wohnenden. Die Unterdrckung
derselben, ihre schimpfliche Stellung ist unter den Berbern ebenso gro
und in die Augen springend, wie unter den Arabern.

Was das husliche Leben anbetrifft, so liegt zwischen Berbern und den
brigen Mohammedanern der wesentlichste Unterschied in der Stellung der
Frau; aber auch in allen brigen, die Sitten und Gebruche betreffenden
Dingen lassen die Berber bis zum heutigen Tage sich vielmehr vom
_Herkommen_ leiten, als von den Gesetzen des Koran. Aus diesem haben sie
eben nur _das_ angenommen, was ihrer Eitelkeit und Einbildungskraft
schmeichelte. So pflegt denn auch die Heirath vollkommen nach dem
Herkommen, el Ada genannt, stattzufinden. Inde hat die Frau dennoch
nicht die gleichberechtigte Stellung, wie sie die Frau heute bei _uns_
einnimmt, sondern wird mehr als Eigenthum des Mannes, als etwas zum
brigen Vermgen Gehrendes betrachtet.

In der Heirath _nach uraltem Brauche_, =Suadj el Djidi= oder
Gaislein-Heirath, so genannt, weil das Schlachten eines jungen Zickleins
die eheliche Verbindung besiegelt, verpflichtet sich der Gatte, dem
Vater seiner Zuknftigen 60 Metkal zu zahlen. Hat er das Geld nicht
disponibel, so zhlt er auf seine Freunde, und am Schlachttage verfehlen
diese auch nicht, sich einzustellen und Jeder legt dem Freier ein
kleines Geschenk zu Fen. Im Fall der Freier gar keinen Wohnsitz hat,
beeilen sie sich, Steine herbeizubringen; ein Haus, wir wrden sagen ein
Stall, wchst schnell aus der Erde, schlanke Alo-Stmme giebt es genug
als Geblk und die groen und langen Rindenstcke der Korkeiche bedecken
die Wohnung. Wenn aber die zur Ehe Verlangte von den Angehrigen dem
Freier aus irgend einem Grunde verweigert wird[9], dann mssen sie,
falls der Liebende auf seinem Heirathsprojecte besteht, wohl aufpassen,
da sie ihm keine Gelegenheit geben, sich der Wohnung der Geliebten zu
nhern. Thut und kann er das, gelingt es ihm, unvermerkt auf der
Schwelle seiner Ersehnten ein Gaislein zu opfern, dann ist sie ohne
Widerruf mit ihm verlobt und ihre Anverwandten wrden sich der
Mibilligung, ja der Feindschaft Aller aussetzen, wollten sie jetzt noch
der Heirath hemmend in den Weg treten.

In einigen Triben ist es Sitte, da die sich Vermhlende vor der
Hochzeit von ihren Verwandten auf einem Maulthiere durch das Dorf oder
durch den Duar (Zeltdorf) gefhrt wird. Ueberall ertnt das gellende
Geschrei und Gejauchze der Frauen, die jungen Leute lassen fleiig das
Pulver sprechen. Vor jedem Hause, vor jedem Zelte, vor welchem sie
vorbei kommt, beeilt man sich, eine kleine Gabe herauszutragen: hier
sind in einem Strohteller groe Bohnen, dort wird Gerste, hier werden
trockene Feigen, dort Rosinen prsentirt. Die junge Dame nimmt von allen
Sachen eine Hand voll, kt sie und wirft dann das Ergriffene auf den
Teller zurck. Aber hinterher schreitet irgend eine ihrer lteren
Verwandten, die nun Alles in einen groen Sack einheimst: zur Aussteuer
fr die Neuvermhlten.

Sobald man sich der Wohnung oder dem Zelte des Gatten nhert, wird die
Braut von anderen Frauen umringt, sie geben ihr einen Topf mit flssiger
Butter, in die sie die Hnde tauchen mu als Zeichen des steten
Ueberflusses im Haushalte, und sodann ein Ei, welches sie zwischen den
Ohren des Maulthieres zerschlagen mu, um dadurch bse Zaubereien
unschdlich zu machen. An der Schwelle der Wohnung prsentirt man der
Frau einen Trunk Buttermilch und sie selbst ergreift eine Hand voll Korn
und Salz um dasselbe ebenfalls als Zeichen des Reichthums und Segens
rechts und links auszustreuen.

Jetzt ergreift der Mann Besitz von seiner Braut und zum Zeichen schiet
er in unmittelbarer Nhe vor ihren Fen eine Flinte ab, er ergreift das
junge Mdchen und zieht sie ins Innere der Wohnung, whrend die
Verwandten sich zur allgemeinen Belustigung zurckziehen. Ein zweiter
Schu im Innern der Behausung ertnt, Zeichen, da die Heirath vollzogen
ist; die junge Frau erscheint bald darauf an der Hand ihres Gatten, Tanz
und Schmausereien, woran das junge Paar Theil nimmt, beschlieen die
Festlichkeit.

Die Frau ist, wie gesagt, ein Besitz, wie jedes andere Eigenthum des
Mannes, wenigstens bei gewissen Stmmen des Atlas. Stirbt ihr Mann, so
wird der mnnliche Anverwandte, der der Wittwe zuerst seinen Hak
(groes wollenes Umschlagtuch)[10] berwirft, ihr rechtmiger Gemahl.
Zugleich ist er aber auch verpflichtet, fr die etwaigen Kinder zu
sorgen und deren Vermgen zu verwalten.

Scheidungen finden bei den Berbern statt, aber nie auf so leichte und
grundlose Weise, wie bei den Arabern oder sonstigen Mohammedanern, wie
denn berhaupt alle Berber, mgen sie nun unter dem Namen Tuareg bei
Timbuktu wohnen oder als Kabylen im Djurdjura hausen, entschiedene
Feinde der Polygamie sind. Grund zur Scheidung ist Kinderlosigkeit
(Berber wie Araber halten Kinderlosigkeit immer fr Sterilitt der
Frauen); der Vater der zurckgeschickten Frau mu das Morgengeld wieder
herausgeben. Ebenso, falls die Frau Infirmitten bei der Verheirathung
zeigte oder gar schon ihre Virginitas verloren hat, kann sie darauf
rechnen, auf der Stelle zurckgeschickt zu werden.

Die Tochter ist manchmal dazu bestimmt, das Leben ihres Vaters oder
Bruders mittelst ihrer Sclaverei zu erkaufen, aber nie wrde sie fr
einen Oheim, Grovater, Vetter oder sonstigen noch entfernteren
Verwandten mit ihrer Person eintreten knnen; auch herrscht diese Sitte
nur bei einigen Berberstmmen. Jemand begeht z.B. einen Mord oder
Todtschlag in einer anderen Familie, hat aber nicht die Mittel, um die
Diya, d.h. das Blutgeld, bezahlen zu knnen; will er nun nicht selbst
das Leben opfern, so kann er dem anderen Stamme seine Tochter oder
Schwester als Sclavin berlassen. Diese verliert dadurch vllig die
Rechte einer Freien, wird ebenso angesehen, wie eine Chadem (schwarze
Sclavin) und ist nun vollkommen Eigenthum der anderen Familie geworden.
Aber oft genug kommt es vor, da die Sclavin, wenn sie jung und hbsch
ist, das Herz eines Jnglings ihrer neuen Herrschaft erobert, ihn
heirathet, dadurch frei und dann zugleich das Freundschaftsband zwischen
zwei ehemals feindlichen Stmmen wird.

Es kommt hufig vor, da zwei Mnner einen Tausch mit ihren Frauen auf
ganz friedliche Weise zu Wege bringen; derjenige, der das in Beider
Augen hlichere und weniger werthvolle Weib besitzt, d.h. ein solches,
welches weniger jung und fett als das des Anderen ist, mu einiges Gold
darauf zahlen. Hat aber Jemand seine Tochter einem jungen Manne
versprochen und lt sich nachher durch Habgier bewegen, sein Wort nicht
zu halten, so entsteht Krieg. Die ganze Familie, die ganze Tribe nimmt
sich sodann des Brutigams an und sucht mit Gewalt dessen Ansprche
geltend zu machen. Ehebruch und Verfhrungen sind uerst selten, und
obschon in rohen Formen, halten die Berber groe Stcke auf
Familienleben. Aus einer im October 1858 verffentlichten Gesetzgebung
der Kabylen vom Orte Thaslent ersehen wir auch, da es den Mnnern
besagter Ortschaft verboten war, mit den Frauen zu disputiren, einerlei,
ob die Frau angreifender Theil war oder nicht. Hatte inde die Frau
erwiesenermaen zuerst angefangen, so mute ihr Mann Strafe zahlen,
sonst aber der, welcher mit ihr Streit gesucht hatte. Die grten und
heiligsten Pflichten glaubt aber der Berber fr sein Gemeinwesen, fr
seinen Stamm zu haben. Ist dem Araber zuerst die Religion die
Hauptsache, wie denn Mohammed berhaupt, gerade wie es in der rmischen
Kirche gelehrt wird, die Nationalitt auslschen will, um an deren
Stelle einen Religionsstaat zu setzen, so hat der Berber, trotzdem auch
er den Islam angenommen hat, dies nie begreifen knnen. Wenn der Berber
sich auch vorzugsweise gern mit seinem Schwerte gegen die Christen
wendet, so ist's ihm im nchsten Augenblicke aber auch ganz gleich,
dasselbe gegen jedweden Mohammedaner zu ziehen, sobald sich dieser gegen
ihn oder gar gegen seinen Stamm vergangen hat. Der Araber fhrt auch
Krieg gegen Mohammedaner; die wthendsten Kmpfe sind ja zwischen
Stmmen arabischen Blutes oder zwischen Arabern und Trken gefochten
worden und entbrennen auch jetzt noch immer wieder. Aber heuchlerischer
Weise gestehen sie das nicht zu, sie behaupten nur gegen die Unglubigen
zu kmpfen, und die Araber Algeriens z.B., die einst fortwhrend mit
ihrer trkisch-mohammedanischen Regierung in Fehde lagen und die so
erbittert gegenseitig auf einander waren, da sie nicht wuten, auf
welch grausamste Weise sie einander tdten sollten--diese selben Araber
haben jetzt ganz und gar ihre grausame trkische Herrschaft vergessen.
Hrt man sie sprechen, so waren die Trken die mildesten, gerechtesten,
gottesfrchtigsten Herrscher, sie waren ja vor allen Dingen "Glubige",
die Franzosen aber sind Unglubige, mgen sie noch so gut regieren, sie
bleiben aus religisem Hasse immer fr die Araber die "christlichen
Hunde". Fragt man einen Araber: wrdest du gegen die "Glubigen"
kmpfen? so wird er sicher antworten: "Beim Haupte Mohammeds, Gott hat
es verboten, Gottes Name sei gelobt."

Der Berber kennt von solchen Heucheleien nichts, und durch manche Stmme
bin ich gekommen, die so wenig auf ihren Islam geben, da man von ihnen
sagte, sie sind so ruberisch und diebisch, da, wenn Mohammed in eigner
Person kme und habe ein anstndiges Kleid an, sie (die Berber) nicht
anstehen wrden, den Propheten auszuplndern.

Wenn ich vorhin anfhrte, da die Ehre der Familie und des eignen
Stammes den Berbern als das Hchste gilt, so ist dies so zu verstehen,
da sie z.B. denjenigen ihrer Leute keineswegs fr ehrlos halten, der
einen Fremden bestiehlt; aber ehrlos wrde es sei, wollte Jemand einen
von einem anderen Stamme, der einmal Zutritt erhalten hat oder der gar
die Anaya[11] des Stammes besitzt, bestehlen oder gar ermorden. Da aber
doch solche Flle vorkommen, ersieht man daraus, da die Berber hierber
und hiergegen ihre eigenen (arabisch) geschriebenen Gesetze haben, die
nicht wie die meisten Gesetze der brigen Mohammedaner auf den Koran
fuen, sondern aus uralten Ueberlieferungen bestehen und wohl erst im
Laufe der Jahrhunderte von der Tholba zu Papier gebracht wurden. Wie
stark ist z.B. der Gemeinsinn ausgeprgt, wenn es in einem alten
Kabylengesetze heit: "Der, dem eine Kuh, ein Ochse oder ein Schaf
stirbt, hat das Recht, die Gemeinde zu zwingen, das Fleisch des Thieres
zu kaufen als eine Hlfeleistung.--So will es der Gebrauch." Dies Gesetz
ist in mehr als einer Hinsicht interessant. Der Verlust des Viehes wird
dem Eigentmer dadurch einigermaen verst, weil er das Fleisch doch
wenigstens verwerthen kann; der Gebrauch will, da die Quantitt, die
Jeder nehmen mu, vom Chef des Ortes bestimmt wird. Sodann ist aber
dieses Gesetz zugleich ein Schlag dem Koran ins Gesicht, denn Mohammed
sagt ausdrcklich, da Fleisch von gestorbenen oder gefallenen Thieren
als unrein fr jeden Mohammedaner "=harem=" d.h. verboten ist. Aber
was ist dem Berber der Koran, wenn es gilt: Einer fr Alle, Alle fr
Einen!

Wie stark im Sinne der Gemeinde-Interessen ist nicht auch folgendes
Gesetz: "Der, welcher ein Haus, einen Obstgarten, ein Feld oder einen
Gemsegarten an Individuen eines anderen Dorfes verkauft, mu davon
seine Brder, Verwandte, Geschftsfreunde und die Leute seines Dorfes
berhaupt benachrichtigen, und wenn diese den Kauf rckgngig machen und
sich den Kufer substituiren wollen, so haben sie demselben innerhalb
dreier Tage den Kaufschilling zurckzuerstatten[12]." Durch dieses
Gesetz konnte die Gemeinde verhten, da irgend ein ihr miliebiges
fremdes Individuum bei ihr Zutritt bekam. Es ist wahr, die Gesetze
wechseln bei jeder Tribe, von Dorf zu Dorf, und es ist das ein sicheres
Zeichen, da seit langer Zeit den Berbern die einheitliche Leitung
fehlt; aber im Ganzen beruhen sie doch auf denselben Grundstzen. Es ist
eigenthmlich und auch das bekundet das hohe Alter solcher
Gesetzsammlungen, da die Berber dafr den Ausdruck "=kanon=", ein
Wort, das offenbar griechischen Ursprungs ist, haben und welches, wie
General Daumas meint, eine christliche Reminiscenz in sich schliet.

In der Gesetzsammlung der Ortschaften, Thaurirt und Amokrom, der groen
Kabylie, vom Herrn Aucapitaine herausgegeben, finden wir ebenfalls die
weltlichen und Gemeinde-Angelegenheiten den kirchlichen bergeordnet und
ausdrcklich hervorgehoben: "Wer sich ins Einvernehmen mit Schrfa, als
da sind vom Stamme der Uled-Ali, Icheliden oder anderen Marabutin setzt,
zahlt 50 Realen Strafe." Wenn man nun wei, da die Schrfa, d.h. die
Nachkommen Mohammeds, unter den Mohammedanern ohngefhr dieselbe Rolle
spielen, wie bei uns die Jesuiten, die sich fr die besten Nachfolger
Jesu halten, so wird man nicht umhin knnen, den weisen Sinn und den
gesunden Verstand der Berber zu bewundern.

Die von den Alten schon erwhnte Vorliebe der Berber fr Schmucksachen
und schne Kleidung[13] besteht auch heute noch. Der grte Ehrgeiz der
Berber besteht darin, in den Besitz eines Tuch-Burnus von schreiendsten
Farben zu kommen, hochroth und gelb sind als Farben besonders beliebt;
kann er es ermglichen, einen solchen mit Goldstickerei zu kaufen, so
dnkt er sich ein Knig zu sein. Das Haar tragen die Berber heute nicht
mehr nach einer bestimmten Vorschrift, wie es ehedem vielleicht Sitte
gewesen ist, meist wird der Kopf sogar ganz kahl rasirt, aber alle
halten darauf, einen Zopf stehen zu lassen, meist vom Hinterhaupte
ausgehend. Das Haar der Berber ist durchweg schwarz; die einzelnen
blonden Individuen, die man vorzugsweise im Djurdjura-Gebirge in
Riffpartien und berhaupt lngs des Mittelmeeres findet, sind allerdings
manchmal durch einzelne Familien hindurchgehend, aber doch nur
vereinzelt. Ob diese Blonden von gothischer Abkunft, ob sie vandalischen
Ursprungs sind, das wird schwerlich je festgestellt werden; es ist das
auch fr das Berbervolk in seiner Gesammtheit hchst gleichgltig, da
der Berber im Ganzen schwarzhaarig ist.

Es giebt wohl wenig Berberstmme, die nicht Ringe als Schmuck in
Gebrauch haben; hier sind es groe Ohrringe, manchmal 2-3 Zoll gro und
aus Silber bestehend, dort kleinere; hier haben ganze Stmme die
Gewohnheit, Oberarm-Ringe zu tragen aus Serpentinstein[14] oder Metall,
dort werden die verschiedenen Finger mit Ringen berladen. Und fast
scheint es, als ob die Mnner bei den Berbern der eitlere Theil wren.
Allerdings tragen die Frauen die blichen Furinge, manchmal werden
mehrere ber einen Knchel gezwngt; allerdings haben sie ihre Agraffen,
Fingerringe und Haargeschmeide, aber schon das fast durchweg dunkle
Costm der Frauen aus dunkelblauem Kattun (was in der That bei den
meisten Berberfrauen blich ist) zeigt, da die Frauen weniger auf
hervortretende Toiletten geben.

Was die Waffen der Berber anbetrifft, so sind Bogen und Pfeile lngst
durch Schiewaffen verdrngt, nur einige Stmme im groen Atlas, sowie
die Tuareg machen Gebrauch von der Lanze. Alle Berber haben kurze breite
Dolche, viele tragen sie befestigt am Arme, so die Tuareg und die Berber
sdlich vom Atlas, andere haben sie im Leibgrtel stecken oder an einer
Schnur hngen. Ihr Schwert ist sdlich vom Atlas mehr von gerader Form,
nrdlich vom Gebirge ist es das schwach gekrmmte marokkanische; die
Schuwaffen bestehen aus Lunten- und Steinschloflinten.

Weil der Islam, der wie andere monotheistische Religionen leicht zu
einer unumschrnkten Priesterherrschaft fhrt, bei den Berbern nicht den
Eingang gefunden hat, wie bei den Arabern, so haben jene sich einen weit
greren Grad von Freiheit und Freiheitsliebe bewahrt, und weil sie mehr
Sinn fr Freiheit haben, deshalb sind sie, man kann es wohl behaupten,
besser als die Araber. Die geknechteten Menschen, einerlei, ob sie von
einer fremden Gewalt oder von einer fremden Nation bedrckt oder von
einer einheimischen, z.B. ihrer eignen Regierung oder ihrer
Geistlichkeit, als Sclaven gebraucht werden, haben sich stets als die
schlechtesten und sittlich am niedrigsten stehenden erwiesen. Deshalb
sind die Araber so heruntergekommen, weil sie alle ihre Tholba fr
unfehlbar hielten und Alles glaubten, was im Koran stand. Deshalb stehen
die Griechen auf so niedriger Stufe geistiger Entwicklung, weil sie von
den Trken als Sclaven behandelt wurden; deshalb sind Franzosen, Spanier
und andere romanische Vlker weit in sittlicher Beziehung hinter den
freidenkenden protestantischen Germanen zurck. Wir sehen also deutlich,
da ein Volk, je mehr es auf seine Religionsbungen verwendet, sittlich
um so mehr verkommen ist; denn ohne ungerecht zu sein, knnen wir sagen,
da durchschnittlich mehr Sittlichkeit und mehr Bildung in den
protestantischen Lndern herrscht. Die statistischen Zahlen nennen den
Unterschied Derer, die lesen und schreiben knnen, und geben Aufschlu
darber, wo grere Achtung vor dem Gesetz und dem ffentlichen
Eigenthum besteht und weniger Verbrechen begangen werden, ob in den
protestantischen, ob in den katholischen Lndern. Aber Niemand wird wohl
behaupten, die Protestanten seien religiser (freilich sagen unsere
Religionslehrer, die wahre Religion sei nicht bei den Katholiken) als
die Katholiken. Im Gegentheil; die Katholiken gehen fleiiger zur
Kirche, ihr Glaube ist viel inniger und fester, ihre frommen Stiftungen
zahlreicher, ihr ganzes kirchliches Leben ausgedehnter. Aber was ihnen
fehlt, ist die Freiheit des Denkens und die Schulbildung, welche, um den
Menschen sittlich zu machen, nothwendig ist. Ganz ebenso ist es mit den
Mohammedanern; gewhnt, nur das zu glauben, was ihnen ihr "_Buch_" sagt,
weil dabei eine gewisse Classe von Menschen am besten wegkommt, haben
sie sich zu Sclaven dieses "Buches" und dieser Classe von Menschen
gemacht. Sie haben lngst aufgehrt, darber nachzudenken, oder haben
sich eigentlich nie zu dem Gedanken emporschwingen knnen, ihr "Buch"
einer Kritik zu unterwerfen--der blinde Glaube hat sie dahin gebracht,
wohin sie gekommen sind, und andere Vlker, die im blinden Glauben dahin
leben, werden ihnen folgen.

Der Berber ist davor bewahrt worden: ohne gerade Kritik an den Islam zu
legen, ist er indifferent geblieben. Ohne Contact mit anderen Vlkern
hat er allerdings in Bildung und Gesittung keinen hheren Standpunkt
eingenommen, aber er ist frei geblieben und, wie gesagt, die Freiheit
hat ihn geadelt.

Offenbar wrde der Berber deshalb auch eine Zukunft haben, kme er mit
gesitteten Nationen in Berhrung, die frei in Beziehung auf Religion
denken. Die Franzosen constatiren mit Genugthuung, da mit den Berbern
Algeriens leichter umzugehen sei, da sie sich eher der Civilisation
geneigt zeigen, als die Araber. General Faidherbe, einer der besten
Kenner der Vlker Nordafrika's hat dies wiederholt ausgesprochen.

Was die jetzige Lebensweise der Berber anbetrifft, so ist, wie schon
erwhnt, ein Theil in festen Ortschaften, ein Theil in Zelten wohnhaft,
aber mit Ausnahme der Tuareg treiben sie alle Ackerbau. Auch die in
Zelten auf den Abhngen des groen Atlas lebenden Berber haben ihre
Aecker. Ebenso treiben alle Berber Viehzucht, vorzugsweise die
Zeltbewohner. Auf dem Tell, d.h. dem fruchtreichen Erdboden, halten sie
Rinder-, Schaf- und Ziegenheerden; in der Sahara legen sie sich auf
Kamelzucht. Eigen ist allen die Vorliebe fr das Pferd. Mit Recht wird
das Berberpferd ebenso hoch geschtzt, wie das arabische.

Die Nahrung der Berber ist einfach und fast nur vegetabilisch. Der
hchste Genu ist ihnen eine Schssel Kuskussu, eine Mehlspeise, die aus
Gerste oder Weizen bereitet wird und die auch von den Tuareg als das
=Non plus ultra= aller Gerichte geschtzt wird. Eigentliches Brod
in unserem Sinne ist den Berbern nicht bekannt, wohl aber machen sie
Mehlfladen auf einer Stein- oder Eisenplatte. Oder auch Mehl wird
geknetet, mit Speck und Datteln durchsetzt und auf heiem Sande gar
gebacken. Bei allen Berbern werden nur zwei Hauptmahlzeiten, die Morgens
und Abends stattfinden, genossen; letztere ist die reichlichere. Man it
allgemein mit der Hand und aus _einer_ Schssel, die Frauen und Kinder
getrennt von den erwachsenen Mnnern; fr Suppen und flssige Speisen
hat man hlzerne Lffel. Wenn aber z.B. fnf oder sieben Personen aus
einer Schssel Suppe essen, so hat man in der Regel nicht mehr als
zwei, hchstens drei Lffel, welche im Kreise herumgehen. Natrlich
wird, da den Berbern alle Mbel, wie Sthle, Bnke und Tische, abgeben,
auf der Erde hockend gesessen, die Schssel selbst, am Boden stehend,
bleibt in der Mitte. Wird ein Getrnk, sei es nun saure Milch oder
Wasser, herumgereicht, so kreist die Schssel ebenfalls, und wie bei
Arabern, ist es vergnnt, _stehend_ zu essen oder zu trinken.

Was die geistigen Fhigkeiten der Berber betrifft, so stehen sie
mindestens aus derselben Stufe, wie die Araber, wenn nicht _jetzt_
hher. Da sie bedeutend empfnglicher fr Civilisation sind, als die
Araber Nordafrika's, habe ich schon hervorgehoben; der freiwillige
Besuch, den Tuareg-Huptlinge vor einigen Jahren in Paris machten, ist
ein glnzendes Zeugni davon. In Algerien arbeiten Berber des
Djurdjura-Gebirges oder aus dem marokkanischen groen Atlas gern bei
Christen; der durch die Religion fanatistrte Araber faullenzt und
hungert lieber, als da er sich herabliee, bei den Christen zu
arbeiten. Aber zu einer guten Entwicklung des Berbervolkes wre
allerdings der Contact mit religis vorurtheilsfreien Nationen,
namentlich protestantischen, nothwendig.

FOOTNOTES:

[Footnote 8: Plinius, Naturgeschichte Bd. 5.]

[Footnote 9: =v. Feraud, reveue africaine 1862=.]

[Footnote 10: =v. Feraud, revue africaine 1862=.]

[Footnote 11: Anaya ist das, was die Araber Aman, d.h. Sicherheitsbrief,
=sauf conduit= nennen.]

[Footnote 12: =Journal Akhbar, Algr 1858=.]

[Footnote 13: _Strabo_ im XVII. Buche, bersetzt v. _Venzel_: "Sie
trufeln sich sorgfltig ihr Haupthaar und ihren Bart, tragen zur Zierde
Gold auf den Kleidern, reinigen sich die Zhne, beschneiden die Ngel
und selten wird man, wenn sie miteinander spazieren gehen, sehen, dass
Einer dem anderen gar zu nahe kommt, aus Furcht die Frisur desselben zu
verderben."]

[Footnote 14: Werden in Europa zu diesem Gebrauche verfertigt und von
Mogador und anderen Hafenstdten aus importiert.]




7. Ueber Reiz- und Nahrungsmittel afrikanischer Vlker.


1. _Goro- oder Kola-Nu_.

Die Goro- oder Kola-Nu, =cola acuminata R. Br.= oder =sterculia
acuminata Pal.=, ist eines der verbreitetsten Reizmittel bei den
centralafrikanischen Vlkern. Diese Nu, von der Gre einer dicken
Kastanie, wchst auf einem staudenartigen Baume, welcher hnlich dem
Kaffeebaume ist. Die Bltter desselben sind gummibaumartig. Man findet
diesen Baum oder diese Staude an der ganzen Westkste von Afrika,
hauptschlich auf dem sogenannten Kong-Gebirge, aber nach dem Innern zu
scheint dieselbe nicht weit vorgedrungen zu sein; auf dem Gora-Gebirge
z.B., einem Gebirgsstock, zwischen Tschad-See, Bnue und Niger gelegen,
fehlt die Goro-Staude. Wild wchst sie in einer Oertlichkeit, Namens
Gondja. Oestlich von Sierra Leone scheint aber die Goro-Staude auch
durch die Neger angebaut zu werden.

Heinrich Barth sagt, da die in Timbuktu vorkommende Goro- oder, wie er
schreibt, Guro-Nu aus den Provinzen von Tamgrera, von Tente und Koni
komme, da die auf dem Markte von Kano vorkommende hingegen aus der
nrdlichen Provinz Assanti's komme, von einer Stadt, Namens Sselga.

Man unterscheidet die echte Goro-Nu, deren Inneres dunkelrosenfarbig,
von angenehmem bitteren Geschmacke und nicht schleimartig ist, mit einer
Abart derselben, ebenfalls inwendig roth, aber weniger bitter und einen
gummiartigen Schleim beim Zerkauen abgebend. Diese beiden sind bekannt
unter dem Namen =sterculia acuminata=. Sodann die weie oder
unechte Goro-Nu, die nur an der Kste vorkommt und am wenigsten bitter
ist. Es ist dies die =sterculia macrocarpa=.

Nach Barth unterscheidet man sodann in Kano je nach der Gre der Frucht
vier besondere Arten: =guria=, die grte, oft 1-1/2 bis zwei Zoll
im Durchmesser haltend, die =marssakatu=, die =soara-n-naga=
und die =mena=. Nach ihm (Band V. S. 28) unterscheidet man in Kano
dann die je nach der Jahreszeit geernteten: die =dja-n-karagu=, die
erste, welche Ende Februar, die =gummaguri=, die spter und die
=nata=, welche zuletzt gesammelt wird und die sich am lngsten
halten soll. In Timbuktu fand Barth drei verschiedene Arten. Aber alle
diese Unterschiede sind nicht durch wesentliche Verschiedenheiten der
Nu selbst bedingt, sondern bestehen nur in willkrlich oder durch
Gewohnheit angenommenen Merkmalen der Neger.

Wird die Goro-Nu alt und trocken, so wird die Oberflche mehr runzlig
und das Fleisch erhrtet fast wie Holz und nimmt eine braunrothe Frbung
an. In diesem Zustande wird sie Kola-Nu genannt, denn nur frische Nsse
heien Goro. Der Geschmack der Nu ist aromatisch bitter, etwas
adstringirend und zerkaut frbt sie den Speichel gelb-rthlich. Sie
hinterlt einen slichen, sholzartigen Nachgeschmack. Es unterliegt
keinem Zweifel, da die Goro-Nu auch tonisch wirkt. Dieser angenehme,
bitter-se Geschmack ist aber nur bei frischen Nssen zu bemerken,
getrocknet verlieren die Kola-Nsse fast jeden Geschmack, es ist dann
fast, kaut man sie, als ob man ungebrannte Kaffeebohnen kaute. Aber auch
in diesem Zustande mssen sie noch wirksame Bestandtheile besitzen, denn
nur so kann man es sich erklren, da die Kola-Nsse noch eine so groe
Verbreitung und Anwendung haben.

Die Araber, welche mit den Sudanlndern Verbindung haben, schreiben der
Goro-Nu aber auch eine starke erotische Kraft zu und gerade dieser
Eigenschaften wegen kauen sie dieselbe; auerdem behaupten sie, und dies
gewi mit Recht, da die Nu Appetit erregend sei und namentlich der
Tabak besonders gut darauf schmecke.

Natrlich kann sich, was rumliche Verbreitung anbetrifft, die Goro-Nu
keineswegs mit Thee, Kaffee, Tabak, Opium oder gar alkoholartigen
Getrnken messen; wenn wir aber bedenken, da mehr oder weniger alle
Bewohner des nrdlichen und nordcentralafrikanischen Continents von
diesem Stimulans Gebrauch machen, so liegt doch wohl die Frage nahe,
_weshalb_ ist die Goro-Nu so allgemein in Aufnahme gekommen, _warum_
ist dieselbe heute gewissen Stmmen centralafrikanischer Vlker ebenso
unentbehrlich geworden, wie den meisten civilisirten Vlkern der Thee
oder Kaffee?

Die meisten Individuen, die Gebrauch von Thee oder Kaffee machen,
wissen nichts von den eigentlichen chemischen Eigenschaften dieser
Vegetabilien. Sie haben wohl nie von Koffein gehrt; sie wrden gar
nicht verstehen, wollte man ihnen sagen, da unsere Physiologen und
Chemiker dem Thee und Kaffee directe Wirkungen auf das Gehirn
zuschreiben, und dennoch genieen sie unablssig entweder das eine oder
das andere Getrnk oder auch beide; sie wrden sich vollkommen
unglcklich fhlen, wollte man sie dieser Gensse berauben. Die schon
mehr Verstndigen versuchen wohl die Ausrede, der Kaffee wirke tonisch,
der Thee adstringirend, aber der groe Haufe nimmt Kaffee und Thee zu
sich, weil beide Getrnke ihm _unbewut_ ein _undefinirbares_ Vergngen
und Wohlbehagen verschaffen.

Als ich von meiner Reise nach Centralafrika auf dem Rckwege Sierra
Leone berhrte, fand ich in der Hauptstadt dieser Halbinsel, in
Freetown, auf dem dortigen Markte einen groen Vorrath Goro-Nsse beider
Arten. Ganz auf dieselbe Art verpackt, wie die Neger sie von den
Kstenlndern in das Innere von Afrika forttransportiren, d.h. zwischen
feuchtem Moose gelagert und das Ganze in einem Bastkorbe verpackt, nahm
ich einen solchen Korb voll mit nach Europa; die Nsse hielten sich
vortrefflich frisch. In Deutschland angekommen, schickte ich denn auch
sogleich an meinen Gnner und Freund, unseren berhmten Chemiker, Baron
Liebig, eine Partie Nsse. Eine davon, welche gepflanzt wurde (im
botanischen Garten der Universitt), gedieh bis zum Jahre 1869 zu einer
krftigen Staude mit prchtigen, saftgrnen Blttern. Aber am
interessantesten war fr mich, da v. Liebig mir mittheilte, da er in
den Goro-Nssen mehr Koffen gefunden habe, als verhltnismig in den
Kaffeebohnen selbst vorkomme. Man kann also dreist sagen, da auch bei
der Goro-Nu, wie beim Kaffee oder Thee, das unbewut Anziehende der
Koffenstoff ist.

Der Preis der Goro-Nu ist sehr verschieden, je nach der Oertlichkeit
und je nach der Gre und Art der Frucht. Weie Nsse gelten an der
Kste Westafrika's 3000 Stck einen M.-Th.-Thaler, also das Stck eine
Muschel. Rothe, namentlich wenn sie gro sind, gelten aber auch hier
oder in der eigentlichen Heimath das Stck fnf Muscheln. Nach Barth
schwankt je nach der Jahreszeit, nach ihrer Gre und Gte der Preis
einer Nu in Timbuktu zwischen 10 und 1000 Muscheln. In Kuka steigt der
Preis bei schlechten Ernten, bei mangelhaftem Transport (ein Esel kann
circa 6000 Nsse transportiren), oder bei gehemmtem Karawanenverkehr,
manchmal auf 500, ja auf 1000 Muscheln fr eine einzelne Nu. Aber so
gro ist die Begierde der Neger nach diesem Artikel, da auch dann sich
noch Kufer finden. Unter solchen Umstnden theilt man sich gegenseitig
die kleinsten Stcke mit, ja unter den gewhnlichen Leuten ist so wenig
Ekel, da sie keineswegs Ansto daran nehmen, von einem besser Situirten
ein schon halb ausgesogenes und abgekautes Stckchen Nu zu empfangen,
es in den Mund zu nehmen, um es vollends seiner bittern und aromatischen
Substanz zu berauben.

In allen Lndern Bornu's, Socoto's, Gando's, Yoruba's &c. ist die
Uebersendung eines mit Goro-Nssen gefllten Korbes Seitens des Sultans
oder Frsten an den Fremden das Zeichen der Freundschaft und des
Willkommens. Je grer die Nsse, je gefllter der Korb ist, eines um
so besseren Empfanges kann man versichert sein. Und wie der Trke jeden
Besucher mit einer Pfeife und einer Tasse Kaffee ehrt, so gehrt es mit
zum guten Ton in den civilisirten Negerlndern, dem Fremden mit einer
Goro-Nu aufzuwarten. Sind die Nsse selten oder wegen der Jahreszeit
oder des Transportes theuer, so theilt man sie mit seinem Gefhrten.


2. _Tabak_.

Von allen betubenden Mitteln, die zugleich aufregend wirken, ist wohl
keines verbreiteter als Tabak, und wenn man zu der Annahme berechtigt
ist, da die Tabakpflanze sich _nur_ von Amerika aus verbreitet hat,
Amerika aber erst seit einigen Jahrhunderten fr die brige Welt
erschlossen wurde, so mu man noch mehr staunen. Afrika, dieser compacte
Erdtheil, der sich allen Culturbestrebungen bis jetzt verschlossen
gezeigt hat, hat die Tabakspflanze bis zu seinem innersten Centrum
dringen lassen. Nicht etwa, da der Tabak, einmal eingefhrt, sich
selbst den Weg gebahnt htte, wie gewisse Culturpflanzen und auch
Unkraute es thun, indem sie mit unwiderstehlicher Macht _von selbst_
vorwrts dringen, es sind die Menschen, die Eingeborenen dieses
Erdtheiles selbst die Trger und Verbreiter dieser Pflanze gewesen. Und
es giebt wohl keine Art und Weise, den Tabak zu nehmen, die nicht in
Afrika Anwendung fnde; hier raucht man, dort wird geschnupft, hier kaut
man, dort wird Tabak als medizinisches Heilmittel gebraucht. Ja,
Duveyrier[15] behauptet sogar, "da arabische Frauen, mit elf Jahren
verheirathet, Mtter mit zwlf Jahren, mit zwanzig Jahren schon
Greisinnen, den Tabak als ein Aphrodisiacum gebrauchen, indem sie sich
gewisse Krpertheile mit pulverisirtem Tabak bestreuen".

Von verschiedenen Forschern ist die Frage ausgeworfen worden, ob bei der
in Afrika durchgngigen Verbreitung des Tabaks die Pflanze nicht dort,
wie in Amerika, _ureinheimisch_ gewesen sein knne. Ich wage hierber
kaum eine Meinung, vielweniger noch eine Entscheidung abzugeben. Am
verbreitetsten in Afrika ist jedenfalls der Bauerntabak, =Nicotiana
rustica=; aber auch der virginische Tabak, =N. tabacum L.=,
findet sich in Afrika. Schweinfurth fand ihn bei den Monbuttos und im
Tell von Algerien wird er durchweg gebaut. Inde ist es, meine ich, kaum
ein Grund, zu glauben, Nicotiana rustica drfe darum ureinheimisch in
Afrika sein, weil einige Vlker ein eignes Wort dafr in ihrer Sprache
besitzen und nicht eins, welches von "Tabak" abgeleitet sei oder damit
in Verbindung stehe; auch fr andere Gegenstnde, von denen wir bestimmt
wissen, da sie ihnen von Auen zugebracht sind, haben sie oft genug das
Originalwort verworfen und dafr ein neues, von ihnen erfundenes oder
aus ihrer Sprache entlehntes an die Stelle gesetzt. Sodann kommt noch in
Betracht: kann die =Nicotiana rustica= auf anderem Boden und unter
anderen klimatischen Verhltnissen sich in tabacum veredeln oder ist
eine Rckbildung von einer zur anderen Seite unmglich? Verschiedene
Tabakbauern haben mir gesagt, da derartige Beobachtungen gemacht wren.

Am allgemeinsten ist unter den verschiedenen Weisen den Tabak zu
nehmen, das Rauchen verbreitet, und wenn es auch Stmme und Vlker
giebt, die blos schnupfen oder kauen, so giebt es andererseits auch
Vlker in Afrika, bei denen Mnner und Frauen, ohne Ausnahme, der
Gewohnheit des Rauchens huldigen. So z.B. die Kadje- und Bussa-Neger,
die Tuareg. "=Chez les Touareg=," sagt Henry Duoeyrier S. 184,
"=hommes et femmes fument et quoique la fume du tabac rustique soit
trs acre, hommes et femmes la rendent par le nez=."

Unsere Damen in Europa knnten also an den afrikanischen in dieser
Beziehung lernen, denn mit Ausnahme der polnischen Aristokratie rauchen
bei den _brigen_ europischen Vlkern nur die Damen des =demi
monde=.

Whrend aber wir Europer zum grten Theile den Tabaksrauch nur in die
Mundhhle einziehen, saugen die afrikanischen Vlker den Rauch derart
ein, da die _ganze Lunge_ davon erfllt wird: der immer mehr oder
weniger mit Nicotin geschwngerte Tabak tritt also bei ihnen vermittelst
der Lungenblschen und der Capillarblutgefe direct ins Blut ber.
Natrlich folgt daraus, da bei diesen Leuten ein schneller Rausch
eintritt. Dieser Tabaksrausch scheint aber aller angenehmen
Eigenschaften zu entbehren, vielmehr nur in einer Art von
Bewutlosigkeit zu bestehen.

Fr die allgemeine Verbreitung des Tabaks spricht auch noch der Umstand,
da man in Afrika die einfachsten Gefe, um den Tabak "rauchen" zu
machen, nebst dem raffinirtesten, der Narghile, im Gebrauch hat. Ed.
Mohr sagt aus, da die Matchele-Neger einen Kegel aus Thonerde auf dem
Boden formen, oben eine topfartige Hhlung hineindrcken, diese mit
Kohlen etwas trocken brennen und siehe da, der Pfeifenkopf ist fertig.
Sie fllen Tabakbltter hinein, bohren seitwrts ein Rohr ein, und
nachdem nun das Kraut entzndet, kann das Rauchen beginnen. Weit
complicirter ist das von Fritsch u.A. beobachtete Rauchen aus
Antilopenhrnern, die schon eine rohe und primitive Narghile-Flaschen
andeuten. Ganz auf hnliche Art rauchen Abessinier und Galastmme aus
Thonkrgen oder Flaschenkrbissen. Von den Monbutto sagt Dr.
Schweinfurth[16]: "Sie rauchen aus einer Pfeife primitivster, aber
durchaus praktischer Art, indem sie als Rohr die Mittelrippe eines
Bananenblattes verwenden. Die vornehmsten unter ihnen lassen sich inde
von ihren Schmieden ein eisernes Rohr, gleichfalls von den Dimensionen
des aus Bananenlaub geschnittenen (etwa fnf Fu lang), herstellen. Das
untere Ende dieses Rohrs ist geschlossen und statt dessen seitlich, kurz
vor dem Ende, ein Einschnitt gemacht, in welchen eine mit Tabak gefllte
_Dte von Bananenlaub_ gesteckt wird, die als Pfeifenkopf dient."

Aber wer wollte alle die Arten und Weisen aufzhlen, auf welche
afrikanische Vlker Tabak rauchen. Ich fhre nur noch an, da die an den
Ufern des Bnue lebenden Stmme den Tabak aus Thonkpfen rauchen,
hnlich den unsern, und daran haben sie so lange Rohre, da die Pfeife
im Stehen geraucht werden kann. Diese Stmme, namentlich die
Bassa-Neger, sind so verpicht auf's Rauchen, da sie z.B., gehen sie zu
Boot, eigens im Schiffe ein Feuer unterhalten, um jederzeit ihre Pfeife
wieder anznden zu knnen. Die in den Berberstaaten nomadisirenden oder
sehaften Berber und Araber bedienen sich ohne Ausnahme eines
_Rhrenknochens_ vom Schafe oder von einer Ziege. In das eine Ende der
Knochenrhre wird der Tabak eingestopft und dann direct durchs andere
Ende der Dampf eingesogen. Die Stdtebewohner Nordafrika's huldigen der
Narghile oder den Papiercigaretten. Die eigentliche Cigarre, also das
Tabakrauchen unmittelbar, hat bei den Eingeborenen Afrika's bis jetzt
wenig Anklang gefunden.

Weniger gebruchlich ist in Afrika die Sitte des Tabakkauens. Ich selbst
beobachtete das Tabakkauen nur bei Tebu und einigen Negerstmmen am
Tschad-See. Man nimmt dazu keinen besonders prparirten Tabak, sondern
dieselben Bltter, welche Andere auch geraucht haben wrden. Aber
allgemein ist Brauch, den Saft des zerkauten Tabaks noch dadurch zu
verschrfen, da man Trona (kohlensaures Natron), welches in vielen
Theilen Afrika's gefunden wird, hinzusetzt. Besondere Behlter, des
Beschreibens werth, um Tabak und Trona aufzubewahren, haben die
Eingeborenen nicht; irgend ein alter Lappen oder der Zipfel eines
Kleides dient dazu.

Noch weniger gebruchlich ist das Prisen, es ist gewissermaen
Privilegium vornehmer Eingeborener. Der zu schnupfende Tabak wird
uerst fein gestoen und sodann mischen die meisten dazu noch ein
Achtel kohlensaures Natron. Reiche und angesehene Leute in Marokko
erlauben sich heute auch den Gebrauch einer europischen
Schnupftabaks-Dose oder sie haben eine aus Ebenholz gefertigte groe
Birne, welche den Schnupftabak birgt. Aber in letzterer ist immer nur
ein kleines Loch, verschlossen durch einen hlzernen Stpsel. Und
hierbei bemerke ich, da die frommen mohammedanischen Leute wie bei
uns[17] das Rauchen fr sndhafter halten, als das Schnupfen. In Marokko
rauchen selten die Schriftgelehrten, aber alle schnupfen. Zum
Aufbewahren des Schnupftabaks haben die Vlker von Mandara eine
ausgehhlte Bohne, Schotensame eines Baumes. Diese Bohnen haben
anderthalb bis zwei Zoll Durchmesser, sind aber ganz glatt; durch eine
kleine Oeffnung bringt man den Tabak hinein und heraus. Eine sehr
beliebte Methode, den Schnupftabak aufzubewahren, ist, ihn in ein Stck
Zuckerrohr zu schtten, dessen eines Ende mit einem alten Lappen
verschlossen wird.--Afrika hat jedenfalls eine bedeutende Zukunft fr
den Anbau des Tabaks. Die in Algerien gezogenen Tabakssorten sind
vortrefflich, aus Centralafrika von mir mitgebrachte Sorten (auf dem
Markte von Kuka gekauft) wurden in Bremen fr ausgezeichnet erklrt. Und
der Tabak scheint in Afrika berall zu gedeihen, denn selbst in den
heiesten Oasen der Sahara findet man Tabaksfelder und jeder Neger zieht
in der Regel seinen Tabaksbedarf in seinem eigenen Garten.


3. _Kaffee und Thee, Lakbi, Tetsch und andere alcoholartige Getrnke_.

Man kann keineswegs behaupten, da Kaffee irgendwo in Afrika ein so
nationales Getrnk geworden ist, wie bei verschiedenen Vlkern in
Europa. Und gerade da, wo er am billigsten fr das Volk herzustellen
wre, scheint er am wenigsten im Gebrauch zu sein, nmlich in den
sdabessinischen Provinzen. Dort, wo die Staude oder der Kaffeebaum
berall wild wachsen und von wo sie erst im Anfange des 15. Jahrhunderts
nach Arabien importirt wurden, scheinen die umwohnenden Vlker kaum die
Anwendung der Bohne zu kennen; die Abessinier aber trinken keinen
Kaffee, weil sie dadurch zu sndigen glauben, sie meinen nmlich,
Kaffeetrinken sei nur den Mohammedanern eigen.

Der Kaffee wird in Afrika berall ohne Milch genommen, und die Art ihn
durchzuseihen, ihn zu filtriren oder blos durch einen Aufgu heien
Wassers herzustellen, ist ungebruchlich. "Kaffee machen" ist bei allen
afrikanischen Vlkern nur eine "=decoctio="[18]. Und zwar wird nur
nach augenblicklichem Bedarfe Kaffee fr eine Person, hchstens fr drei
bis vier Personen, in kleinen Gefen gekocht. Der auf's Feinste zu Mehl
gestoene Kaffee wird in ein kleines eisernes, mit kochend heiem Wasser
geflltes Gef gethan, dann lt man diese Mischung einige Male ber
Kohlen aufkochen und das Getrnk ist fertig. Diese Kochgefe sind so
klein, da wenn z.B. fr eine Person Kaffee bereitet wird, dasselbe
auch kein greres Quantum Wasser aufnehmen kann, als jene bekannten
sogenannten trkischen Tassen fassen.

In ganz Afrika, von Aegypten bis Marokko, von Tripolis bis nach Kuka,
wird auf _diese_ Art der Kaffee bereitet. Aber wie Kaffee in allen
diesen Lndern nur als eine Leckerei betrachtet wird, so findet man
Kaffeehuser nur in greren Orten; bei nomadisirenden Stmmen erlaubt
sich hchstens noch der Schech oder Kaid einer Tribe den Luxus einer
tglichen Tasse Kaffee; berhaupt kann man sagen, ist Kaffeeverbreitung
nur nrdlich vom Atlas. In den Oasen Tafilet, Draa und Tuat sind die
wenigen Kaffeehuser zu zhlen und die Besitzer mssen meistenteils noch
irgend einen anderen Erwerbszweig nebenbei betreiben, um leben zu
knnen. In Fesan besteht nur Ein Kaffeehaus in der Hauptstadt Mursuck,
und der Eigentmer ist ein nach diesem Orte verbannter Trke, sonst
wrde vielleicht gar keins vorhanden sein. In Kuka, in Bautschi, in
Kano, in Timbuktu sind Kaffeehuser unbekannt. Man kann also im
Allgemeinen sagen, sdlich vom 30 nrdlicher Breite hrt in Afrika der
Gebrauch des Kaffee's auf; denn wenn auch behauptet wird[19]: "der Sohn
der Wste trinkt seinen Kaffee ungemischt und den schwarzen, aber
wahrhaften Satz sammt dem Aufgu; zuweilen bringt er es auf 80 Schlchen
am Tage," so ist Ersteres richtig, alle Mohammedaner trinken den Kaffee
mit dem Satze; aber wo wre der Beduine, und wre er selbst Chef einer
Tribe, der die Mittel htte, 80 Tassen Kaffee zu bezahlen? Kaffee ist
nur Luxusgetrnk in ganz Afrika, d.h. in dem Sinne, als Kaffee im
Allgemeinen zu theuer ist, um als Volksnahrungs- oder Reizmittel gelten
zu knnen. Schon der erste Anla, wie der Kaffee unter den Arabern in
Yemen Aufnahme gefunden, spricht dafr, wenn auch das Ganze eine Fabel
ist, da in demselben Etwas enthalten sein mu, was eine
unwiderstehliche Anziehungskraft ausbt. Man erzhlt nmlich, ein armer
Derwisch habe bemerkt, da seine Schafe und Ziegen jedesmal nach dem
Abweiden einer gewissen Staude uerst heiter und lustig gewesen seien,
und als er sodann selbst von dieser Staude Bltter genossen, habe er
dieselbe Wirkung versprt.

Die Sitte, Gischr, d.h. einen Absud von Kaffeehlsen zu trinken, wie Hr.
v. Maltzan dies in Sdarabien beobachtete, kennt man in Afrika nicht. Es
hat dies brigens gar nichts zu Verwunderndes. Denn nach Untersuchungen
von Stenhouse enthalten die Bltter des Kaffeebaumes mehr Koffein als
die Bohnen[20], also werden die Hlsen der Bohnen auch wohl das
belebende Princip enthalten. Ebenso fand ich nicht den Gebrauch des
Milchzugieens, den Maltzan auch an einigen Orten Sdarabiens
beobachtete. Abeken auf seiner Reise nach Obergypten und Nubien fand
dort Leute, die eine Abkochung aus rohen, ungebrannten Bohnen
bereiteten. Abeken fand diese Kaffeebereitung so angenehm und
schmackhaft, da er in seinen letzten Lebensjahren immer nur eine
Decoction aus ungebrannten Bohnen trank. Mir ist dieser Gebrauch
nirgends vorgekommen.

Noch weniger hat sich der Thee einbrgern knnen; aber whrend der
Kaffeegebrauch im Osten von Nordafrika vorwiegend ist--denn Aegypten
allein consumirt mehr Kaffee, als Tripolitanien, Tunesien, Algerien,
Marokko und die Sudanlnder zusammen--ist hingegen der Verbrauch von
Thee im Westen von Nordafrika grer. Marokko bezieht mehr Thee als alle
brigen Lnder Nordafrikas zusammen. Whrend nach Marokko jhrlich
wenigstens 5000 Kisten Thee importirt werden, bedarf Aegypten, welches
doch eine ungefhr gleiche Bevlkerung hat, so wenig, da unter den
amtlich genannten Einfuhrartikeln vom Jahre 1868 Thee nicht genannt
wird. Bibra[21] in seinem unten citirten Werke hat also vollkommen
Recht, wenn er S. 66 sagt: "Von zweien solcher Aufgugetrnke mit allen
ihren physiologischen Wirkungen auf den Organismus ist eins aber sicher
berflssig," und hier hat der Instinct der Menge entschieden. Beide
herrschen nirgends neben einander, sondern eines derselben wird stets
als Luxusgetrnk consumirt und erscheint nur ausnahmsweise irgend einem
einzelnen Individuum angemessener, als das allgemein eingefhrte. Im
Sden findet man auf allen groen Mrkten, so in Kuka, wie in Kano,
Saria und Timbuktu, Thee zu kaufen.

Thee wird in Afrika nie allein bereitet; der Eingeborene von Aegypten
schttet ebenso gut wie der Tunesier und Marokkaner zu den Theeblttern
einige Mnzbltter oder auch Absynth, Luisa und andere aromatische
Kruter. Denn so wie man in Marokko den Thee braut, so wird er in ganz
Afrika bereitet. Marokko ist ja der Religionsstaat schlechtweg, und wie
alle mohammedanischen Afrikaner Malekiten sind wie die Maghrebiner, so
bekommen sie auch vorzugsweise von Marokko in allen Gebruchen,
namentlich wenn diese irgendwie mit der Religion in Verbindung stehen,
ihre Parole. Thee ist aber ein religises Getrnk. Es _giebt_ fromme
Schriftgelehrte, die Kaffee nicht trinken, weil Kaffee _gebrannt_ werden
mu, Mohammed aber an irgend einer Stelle im Koran sagt: "Alles, was
verbrannt ist, ist verboten."

Die Afrikaner trinken nur grnen Thee, eine ziemlich geringe Sorte, der
ihnen fast ausschlielich von den Englndern zugefhrt wird. Die
eigenthmliche Sitte, die Barth in Timbuktu beobachtete, da man Thee
und Zucker zusammen verkauft, als ob beide Waaren unzertrennlich wren,
beobachtete ich auch an verschiedenen Orten. Denn wenn man in Afrika bei
den Meisten bemerkt, da sie den Kaffee bitter trinken, pflegen sie den
Thee jedoch so stark zu sen, da an vielen Orten Thee ohne Zucker und
Zucker ohne Thee nicht gedacht oder verkauft werden kann. Man kennt
nirgends die Sitte, Thee und Milch zusammen zu mischen. In vielen
Stdten Nordafrika's genieen statt des Thee's verschiedene Leute einen
Aufgu von Gewrzen. Ingwer, Nelken, Muscatblthen werden mit heiem
Wasser bergossen und zu dieser Infusion etwas Zucker gesetzt.

Bedeutend volkstmlicher ist Lakbi, ein aus dem Safte der Dattelpalme
gewonnenes Getrnk. Man findet Lakbi in ganz Nordafrika im Gebrauch vom
c.25 .L.v.F. an, dann im Westen von Nun, im Draathal, in Tafilet und
Tuat wird nirgends Lakbi getrunken. Aber in Djerid, in den Oasen
sdlich von Konstantine, in ganz Tripolitanien, einschlielich der
groen Oase Fesan bis nach Aegypten hin, findet man in allen Palmhainen
immer Bume, die angezapft sind. Man zieht die mnnliche Palme zum
Anzapfen vor, einmal weil dieser Baum weniger Werth hat, dann auch, weil
der Saft der mnnlichen Palme krftiger sein soll. Das Anzapfen wird
derart gemacht, da oben der jngste Spro ausgehoben wird; dann wird
eine Rinne nach dem ueren Umfange gearbeitet und darunter ein Krug
oder Topf befestigt. Im Frhjahr kann man in den ersten Tagen des
Anzapfens bis zu 5 Liter erhalten. Die anfangs etwas milchige, fast
widerlich s schmeckende Flssigkeit wird nach Verlauf von 24-36
Stunden suerlich, fngt an zu ghren und entwickelt nun Alcohol. In
diesem Zustande ist Lakbi berauschender als Bier, aber schon nach
abermals 24 Stunden bildet dies Spiritus haltende Getrnk sich in Essig
um. Den von Rppel erwhnten _Dattelwein_, "ein widerlich ses Getrnk,
aus halbgegohrenem Datteldecoct bereitet", habe ich nirgends
angetroffen.

Bedeutend beschrnkter ist Meth, Tetsch oder Honigwein. Man kann sagen,
da dies Getrnk eigentlich nur in Abessinien und den nchst
angrenzenden Lndern getrunken wird. Die Bereitung des Tetsch geschieht
in Abessinien hnlich wie in England und bei uns, nur da statt Hefen
und Hopfen eine andere bittere Pflanze, Amdat genannt, hinzu gethan
wird. Das Getrnk wird in Abessinien gewhnlich in groen Rindshrnern
aufbewahrt, auch die Becher zum Trinken bestehen aus Horn. Tetsch ist
sehr berauschend. Ausnahmsweise bereiten auch centralafrikanische Vlker
Honigwein, aber meistens stellen diese ihr bei uns Europern unter dem
Namen Busa oder auch Merissa bekanntes, berauschendes Getrnk aus
Getreide her. Es gehrt schon ein guter Magen und ein wenig whlerischer
Geschmack dazu, um das abscheuliche Getrnk genieen zu knnen. Und da
Busa und Merissa wenig alkoholartig sind, so gehren schon ungeheure
Quantitten dazu, wie sie eben nur ein Negermagen zu bergen vermag, um
nur einigermaen Wirkung zu spren. Dennoch haben verschiedene
Reisende[22] sich an dies schon uerlich so widerlich
(chocoladenfarbig) aussehende Getrnk gewhnen knnen. Die Maba in Wadai
vertilgen ungeheure Quantitten von Merissa, ebenso wird in Bagermi, in
Mandala stark Busa getrunken; in Bornu, namentlich in der Hauptstadt
Kuka, weniger.

Von den Eingeborenen Afrika's wird Wein nur in Marokko und Tunis
bereitet. Die Weinrebe kommt allerdings wohl in Abessinien vor, aber nur
in einzelnen Stauden. Ebenso findet man in Untergypten Weinreben, auch
im Norden von Tripolitanien, aber nur Europer bereiten etwas Wein
davon. Es liegt das eben in den Verhltnissen Nordafrika's, das jetzt
ganz in den Hnden der Mohammedaner sich befindet, denen Wein
bekanntlich verboten ist. Aber wie trefflich der Wein in Nordafrika
wird, sieht man aus den Sorten, die jetzt von Algerien aus auf den Markt
kommen; sie stehen an Gte den spanischen nicht nach. Im Weinlande
Marokko aber verlegen sich trotz des Verbotes ihres Propheten genug
Leute auf Weinbereitung und Weintrinken. Aber der Wein, den die
Marokkaner durch Kochen herstellen, ist, obwohl sehr stark von
Geschmack, herzlich schlecht und von Farbe ebenso abstoend. Blume ist
gar nicht vorhanden. Der Gebrauch des Weines in Marokko ist mehr auf dem
Lande als in der Stadt zu Hause. Man nennt den Wein =Ssammed=,
=Hammed= oder =Schrab=.

Die in Nordafrika sehaften Juden bereiten auch Schnaps aus Feigen,
Rosinen und Datteln. Jeder Jude fast hat seinen eignen kleinen
Destillationsapparat im Hause und macht sich nach seinen Bedrfnissen
seinen Schnaps selbst. Der Schnaps der Juden ist gut, auch nicht zu
stark, besonders rein im Geschmack. Man wrde Unrecht thun, wollte man
sagen, die einzelnen Juden seien Sufer; obschon sie alle Schnaps
trinken, sind sie im Ganzen sehr mig darin. Desto mehr haben sie von
der mohammedanischen Geistlichkeit zu leiden; oft dringt ein Thaleb oder
auch ein Scherif in ein jdisches Haus, bemchtigt sich des ganzen
Schnapsvorrathes, um sich wie eine Bestie damit vollzusaufen; der arme
Jude kann in dem Falle noch froh sein, wenn er ohne Prgel dabei
wegkommt.

Sonst ist beim eigentlichen Volke in Nordafrika das Schnapstrinken nicht
gebruchlich, erst wenn man den Niger erreicht hat, in den
Yorubalndern, also der Kste zu, stt man auf ganze Karawanen mit
Kisten, welche Schnapsflaschen enthalten. Hier an der ganzen Westkste
von Afrika huldigen die Schwarzen dem Gotte "Schnaps". Und welch'
entsetzliches Getrnk, das vorzugsweise in Frankreich und Deutschland
fabricirt wird, wird ihnen zugefhrt. Es unterliegt denn auch wohl
keinem Zweifel da nicht Kriege, wohl aber dieses entsetzliche Gift jene
Vlker in krzester Zeit ausrotten und vertilgen werden. Denn diese
Vlker trinken nicht, sondern saufen, wenn sie Schnaps besitzen, so
lange, bis sie wie todt auf dem Platze liegen bleiben. Und Schnaps
knnen sie ohne Mhe und ohne groe Arbeit haben. Wenn auch der
Sclavenhandel frher die Mittel zum Schnaps fr die Groen jener Lnder
geben mute, oder die Knige auch direct ihre Unterthanen gegen Fsser
Schnaps weggaben, so geht dies allerdings jetzt nicht mehr, denn an der
Westkste von Afrika ist dem Sclavenhandel wohl ein Ende gemacht. Aber
dafr tauscht sich gegen Palml, gegen Palmnsse jetzt Jeder seinen
Schnapsbedarf ein und die Wlder sind ja vorlufig an Oelpalmen so
reich, da an Mangel nicht zu denken ist. Whrend also frher nur die
Knige und Vornehmen der Schwarzen Schnaps trinken konnten, kann jetzt
Jeder diesen Artikel bekommen, der das Glck hat, den Europern Nsse
oder Oel zu bringen. Der Schnaps wird eher mit den Schwarzen fertig
werden, als es das Schwert oder die Flinte des Europers vermchte.


4. _Opium und Haschisch_.

In Afrika hat Opium nur geringen Anhang gefunden und wahrscheinlich ist
dies Betubungsmittel erst durch die Trken den Eingeborenen dieses
Continents mitgetheilt worden. Die Mohnpflanze, dieselbe, wie die bei
uns in Europa gezogene, entwickelt bei anderen klimatischen
Verhltnissen in Afrika und Asien jene Eigenschaften, gute und bse, die
in der Heilkunde so segensreich wirken, aber bei unntzem und
bermigem Gebrauche sich als eines der bewhrtesten Mittel erweisen,
ganze Vlker der Erde ohne Pulver und Blei von derselben verschwinden
zu machen.

Um Opium zu erzielen, bauen die Eingeborenen Afrika's die Mohnpflanze
nur in Aegypten und zwar heute, nach Schweinfurth, _nur_ in Obergypten.
Und dem Anbaue des Zuckerrohrs und der Baumwolle wird der Mohn in
Aegypten wohl bald ganz weichen mssen. Sodann wird aber auch in
Marokko, namentlich in der Oase Tuat dieses Landes, Mohn des Opiums
wegen angebaut, aber immer nur der Art, da der Gewinn des Mohnsamens
behufs Oelbereitung die Hauptsache bleibt, indem die Kpfe nur
oberflchlich geritzt werden, damit der Samen seiner Hlsung unberaubt
zur Reife kommen kann. Man kann deshalb auch sagen, da der Gebrauch des
Opiums sich nur auf die Stdtebewohner beschrnkt und zwar nur in
Nordafrika.

Man raucht den Opium oder man nimmt das Extract in Form von kleinen
Stckchen oder Pillen. Aber nicht wie im Orient raucht man Opium allein,
indem man ein Stckchen in eine kleine Pfeife bringt, eine Flamme
darber streichen lt und den heien Opiumrauch einathmet, sondern man
legt das Extract aus eine Narghile und so vermischt man Tabak-und
Opium-Narcose. In Aegypten, namentlich in Damiette, sah ich inde auch
Opium allein und direct rauchen.

Das in Marokko verbrauchte Opium darf in den groen Stdten nur durch
von der Regierung bestellte Leute, die meistens auch den Tabakverkauf
haben, verkauft werden. Frher wurde nur gyptisches Opium verkauft,
welches Pilger von ihrer Reise in kleinen, 2-3 Zoll groen Kuchen, die
einen Zoll dick waren, mitbrachten. Jetzt wird in Marokko meistens aus
Frankreich importirtes Opium, =opium cr=. d.h. wsseriges
Opiumextract, gebraucht, nur in einzelnen Gegenden stellt man selbst
Opium her. In Tuat, der groen sdlich vom Atlas gelegenen Oase, fand
ich die meisten Opiumesser und zwar Leute, die es so weit gebracht
hatten, da sie ohne Opium nicht mehr existiren konnten; in dieser Oase
waren auch alle anderen Berauschungsmittel unbekannt. Leider giebt es
aber auch in Afrika Europer genug, die sich dem Opiumgenusse hingeben.
Einer der gelehrtesten Mnner in Keilschriften war derart dem Opium
zugethan, da er ohne dasselbe zu leben vollkommen unfhig war, er nahm
Opium in roher Form und rauchte Tabak, den er in Opiumtinctur gelegt und
macerirt hatte. Schon seit Jahren ist er dem Gifte erlegen. Ich selbst
hatte unter Opiumgenu monatelang zu leiden.

Erkrankt in Rhadames an einer blutigen Dyssenterie, hatte ich groe
Gaben von Opium genommen und konnte ich mich des Gebrauchs nicht
entschlagen, da ein Aufhren im Opiumessen oder auch nur ein Vermindern
der Gaben gleich wieder heftige Diarrhen zur Folge hatte, bis pltzlich
der Genu frischer Datteln (die sonst in der Regel gegenteilig wirken)
Besserung erzielte.

Keineswegs befand ich mich dabei in einem angenehmen Zustande;
allerdings ist das "Bessersein", das Befreitsein von einer lstigen
Krankheit schon Etwas, allerdings versprt man eine Erleichterung, eine
Behendigkeit in allen Gliedern, aber angenehme Empfindungen, sensuelle
Erregungen traten nie bei mir ein. Es ist ja auch vollkommen constatirt,
da bestndiger Opiumgenu erotisch dmpfend ist. Das Haschen, das
Jagen nach Opium hat wohl nur seinen Grund darin, da es ein gewisses
Wohlbehagen, eine _krperliche_ und in Folge davon auch eine geistige
Gleichgltigkeit gegen Alles, was Einen umgiebt, mit sich im Gefolge
hat.

Viel verbreiteter als Opium ist Haschisch in Afrika. Aber die Angabe v.
Bibra's, da es 300 Millionen Haschischesser auf der Erde berhaupt
gebe, mchte ich doch nicht unterschreiben. In Afrika z.B., wo von
Marokko jedenfalls das grte Contingent gestellt wird, wrde man
hchstens sagen knnen, da von der ungefhren Bevlkerung dieses
Landes, die man auf circa 6,500,000 Seelen rechnen kann, hchstens die
Hlfte Haschisch nimmt. Von Westen nach dem Osten nimmt in Afrika der
Hanfgenu ab, ebenso von Norden nach Sden. In Tunis, in Algerien giebt
es noch viele Haschischkneipen, weniger schon in Tripolitanien und
Aegypten. Schweinfurth fand Hanfesser nur im Delta, doch kommen sie
sporadisch auch wohl noch weiter nach dem Sden zu vor. In Fesan baut
man Hanf nur an einzelnen Orten, nach Duveyrier besonders in Tragen.
Frauen huldigen sehr selten in Afrika dem Hanfe. Im Sden wird nur
vereinzelt =cannabis indica= genommen und ist dort wohl von den
Arabern importirt worden, entgegengesetzt der Ansicht von Escayrac de
Lauture, der die cannabis indica aus dem Sden stammen lassen will.
Hervorgerufen war wohl diese Ansicht dadurch, da man frher glaubte,
die cannabis indica sei unterschieden von der =cannabis sativa=.
Das ist nicht der Fall. Auch hier bringen die topographischen und
klimatischen Einflsse bei _derselben_ Pflanze nur andere und zwar im
Sden krftigere Eigenschaften hervor.

Aber wie die Eigenschaften des Hanfes je mehr und mehr nach Norden an
Wirksamkeit zu verlieren scheinen, so scheint auch die Empfnglichkeit
fr dies Narcoticum im Norden schwieriger vor sich zu gehen, als in
einem sdlichen Klima[23]. Professor Preyer in Jena konnte mit guten
Haschischblttern, die ich frisch und direct von Tripolis hatte kommen
lassen, keine besonderen Rauschresultate erzielen; v. Liebig fand in
Blttern derselben Sendung keine anderen wirksamen Bestandtheile, als in
der =cannabis sativa=.

Man knnte also fast sagen, um eines vollkommenen Rausches theilhaftig
zu werden, mu man in sdlichen Lndern gezogenen Hanf in sdlichen
Lndern nehmen.

Ich habe an anderen Orten meine an mir selbst angestellten Beobachtungen
niedergelegt. Und wenn ich diesen im Jahre 1866 angestellten Versuch mit
denen vergleiche, die Dr. Lay, Dr. Moreau, v. Bibra, Dr. Baierlacher u.
A. vorgenommen, so kann ich nur besttigen, da in der Hauptsache meine
Empfindungen mit denen der genannten Beobachter bereinstimmen.

Der wirksame Stoff in der cannabis indica ist ein von Gastinel
hergestelltes und von ihm Haschischin genanntes Alcaloid von schner
grner, jedoch nicht von Chlorophyll herrhrender Farbe. Genommen wird
Hanf in Theeform oder man pulverisirt die getrockneten Bltter und
schluckt sie mit Wasser hinab, oder man raucht dieselben, oder sie
werden zu einer mit Zucker und Gewrzen verarbeiteten Pastete, "Madjun"
genannt, gegessen[24]. Letztere Form findet man nur in den Stdten.

Fast in ganz Afrika wird vorzugsweise Hanf _geraucht_, wenigstens fngt
man hiermit an; erst im zweiten Stadium wird Haschisch gegessen. Das
Rauchen hat einfach deshalb nicht so groen Erfolg, weil selbst gebte
Veteranen im Narghilerauchen es schwer vertragen, den beienden und
tzenden Dampf durch die Lunge direct mit dem Blute in Berhrung zu
bringen. Es ist deshalb auch bertrieben, wenn einzelne Reisende
berichten, es gebe Hanfraucher, die es bis auf 30 Pfeifen und mehr
tglich bringen knnten. Abgesehen davon, da die Haschischpfeifenkpfe
nicht grer sind, als das Viertel eines Fingerhutes einer Dame, so
ziehen die auf Hanf erpichtesten Raucher selten mehr als zwei bis drei
Zge aus dem Pfeifchen, pausiren sodann lange Zeit oder lassen die
Pfeife ausgehen, oder aber, wenn sie reich und gromthig sind, reichen
sie die Pfeife zum Mitrauchen einem Nebensitzenden.

Das wirksame Princip des Hanfes sitzt besonders in den Blttern und den
feinsten Stengeln und zwar zu der Zeit, wenn der Same eben reif geworden
ist. Im Samen selbst, der stark lartig ist, scheint Haschischin wenig
oder gar nicht enthalten zu sein; die Haschischesser werfen denn auch
den Samen fort, wenn sie die Bltter bereiten. In den Lndern Afrika's,
die ich durchreist habe, habe ich nie von einem Harz, "Churrus"
genannt[25], welches aus den Blttern schwitzt, reden hren, noch habe
ich es selbst zu sehen bekommen.

Die Wirkungen des Haschisch lassen sich dahin zusammenfassen, da im
Anfange bei kleinen Dosen die Elust stark angeregt wird, whrend
fortgesetzter Gebrauch und groe Dosen eine Strung aller Lebensprozesse
im Krper bewirken. Wem cannabis indica zur Gewohnheit geworden ist,
kann sich davon schwerer entwhnen, als der Trunkenbold von
alkoholartigen Getrnken, der Opiophage vom Opium. Auf das Nervensystem
wirkt nach den Resultaten der Versuche, die als glaubwrdig vorliegen,
das Haschisch so, da mit einer Erleichterung im "Fhlen alles
Krperlichen" (man glaubt zu schweben) eine groe momentane
_Gedchtnistrke_ verbunden ist, man erinnert sich an Ereignisse,
welche einem seit Jahren nicht mehr ins Gedchtni gekommen sind. Und
auch krperlich scheinen die Gegenstnde sich zu _vergrern_ und zu
_verlngern_: Straen werden endlos, Huser scheinen in den Himmel
hineinzuragen. Dr. Mornau sagt treffend[26]: "Die Grenzen der
Mglichkeit, das Ma des Raumes in der Zeit hren auf, die Secunde ist
ein Jahrhundert und mit einem Schritte berschreitet man die Welt;" und
weiter sagt derselbe Beobachter: "im Gehen sei ihm eine Strae unendlich
verlngert vorgekommen." Ganz dieselben Beobachtungen habe ich auch
gemacht.

Es kommen sodann schlielich bei geringstem Anlasse Sinnestuschungen
vor, eine unbemalte Wand erscheint in den schnsten Farben, das Gquieke
einer Thr ertnt wie symphonische Concerte und wenn einerseits das
Gedchtni neu belebt erscheint, vergit man oft bei einem ganz kurzen
Redesatze den Anfang desselben, als ob man seit Stunden geredet htte.

So achtungswerth aber auch die Namen gewisser Reisenden sind, so mchte
ich nicht die Ansicht mit vertreten, da Haschisch eine Wirkung
hervorrufen knnte, einen Menschen, wie Treevelgar erzhlt, in
zehntgige Katalepsie zu versetzen. Dagegen finde ich den von
O'Shangnessy[27] mitgetheilen Fall von einer durch Haschisch bewirkten
_vorbergehenden_ Katalepsie vollkommen glaubwrdig. Fallen doch fast
alle veralteten Hanfesser in eine mehr oder weniger lange anhaltende
Starrsucht.

Jedenfalls wird man nicht zu viel sagen, wenn man behauptet, da die
cannabis indica, eines der heftigsten Reizmittel, im Stande ist, nicht
nur die herrlichsten Empfindungen, die bezauberndsten Bilder zu
schaffen, sondern auch den Menschen gewissermaen momentan der Erde zu
entrcken, aber auch andererseits wegen des Giftes, das darin liegt,
eines der gefhrlichsten Prparate, das mit unwiderstehlicher Gewalt den
Menschen, der sich ihm hingegeben, festhlt und nach Kurzem tdtet.

FOOTNOTES:

[Footnote 15:= Les Touareg du Nord, p. 185=.]

[Footnote 16: Zeitschr. der Gesellsch. fr Erdk. VII. Bd. V. Heft.]

[Footnote 17: Papst Urban VIII. erlie 1624 eine Bulle gegen das
Tabakschnupfen in den Kirchen, aber trotz dieses unfehlbaren Edicts
schnupfen heute fast alle Priester in den Kirchen wie _auerhalb_.]

[Footnote 18: Europische Aerzte verordnen brigens auch nur eine
=decoctio=, keine =infusio= des Kaffee's]

[Footnote 19: Ausland 1872. S. 948.]

[Footnote 20: Dr. v. Bibra, Narcotische Genumittel. Nrnberg 1855.]

[Footnote 21: Dr. v. Bibra, Narcotische Genumittel.]

[Footnote 22: Auch Schweinfurth sagt, er habe auf seiner letzten Reise
ein gutes, dem deutschen Biere hnliches Getrnk gefunden.]

[Footnote 23: Globus 1866 und Land und Leute in Afrika, Rthmann, Bremen
1870]

[Footnote 24: Ich fhre hier an, da wenn Europer mit Hanf Versuche
anstellen wollen, sie sich mit grter Vorsicht dabei des Madjun
bedienen mgen, da in der Regel auch Cantharibenpulver dazwischen
gemischt ist.]

[Footnote 25: v. Bibra, S. 266.]

[Footnote 26: v. Bibra, S. 272.]

[Footnote 27: v. Bibra, S. 284.]




8. Aufbruch zur Libyschen Wste.


"Wie ein Afrikareisender mit einer Schlittenpartie seine Reise in die
Libysche Wste antritt", htte ich dieses Mal mein Tagebuch
berschreiben knnen. Das ist auch wohl noch nicht dagewesen, und
doch,--denn als ich meine zweite Reise antrat, mute ich ja auch nach
einigen Tagemrschen, wenn auch nicht durch oder ber Schnee, so doch
daran vorbei und noch dazu in Afrika selbst, auf dem groen Atlas.

Diesmal galt es nun zwar nicht, den mit Schnee bedeckten Atlas zu
bersteigen, sondern auf angenehmste Weise ber den herrlichsten aller
Alpenpsse zu kutschiren, ber den Splgen. Am Morgen in der Frhe
sollte es weiter gehen, und so geschah es auch. Eine ziemlich zahlreiche
Reisegesellschaft, drei groe Postwagen voll Menschen beiderlei
Geschlechts, von jeglichem Alter, von jedem Stande. Ich hatte fr mich
einen Coupplatz bekommen und Nol[28] im selben Wagen einen
Interieurplatz. Neben mir (die Coups haben nur zwei Pltze) sa noch
eine junge Dame, ein Mdchen, ein Backfisch, ein Kind--eine jede dieser
Bezeichnungen wrde auf sie gepat haben--nicht hbsch, nicht hlich,
Schweizern, mit einer entsetzlichen Aussprache des Deutschen und
ungemein schchtern, verlegen und blde. Der Backfisch, nennen wir sie
so, war in Belfort in Pension gewesen, um Franzsisch zu lernen; unter
der Zeit waren seine Eltern von der Schweiz, wo sie ansssig gewesen
waren, nach Bergamo gezogen und jetzt, nach beendigtem Cursus, sollte
der Backfisch wieder heim zu den Eltern. Und das ging ganz gut, wie ein
Packet wurde er befrdert. In Chur logirten wir z.B. im "Luckmanier"
zusammen, der Backfisch wurde von der Wirthin empfangen u. Abends, als
der Wirth gehrt hatte, ich reise nach Italien, kam er zu mir, ob ich
nicht den Backfisch unter meine Obhut bis Como oder Lecco nehmen wolle,
dort wrde er von verwandten Fischern in Empfang genommen werden.
Natrlich sagte ich nicht "nein" und merkwrdig genug traf es sich, da
im Interieur eine nach--der Trkei, nach Trapezunt reisende Dame sich
unter Nol's Schutz begab.

Ich unterlasse es, von den Schnheiten der =Via mala= zu sprechen,
offenbar der schnste und groartigste Pa, der ber die Alpen fhrt und
welcher, da der Baumbestand aus Nadelhlzern besteht, zu jeder Zeit grn
ist. Ja, ich mchte sagen, der naturschnheitliche Reiz wird im Winter
eher erhht, als vermindert durch die starken Contraste des
blendendweien Schnees und des tiefen, fast schwarzen Grns der Fichten
und Kiefern. Als smmtliche Passagiere obligaterweise an der Stelle
ausgestiegen waren, wo die =Via mala= am engsten ist und wo eine
Brcke ber den Schlund fhrt, die man auch Teufelsbrcke htte nennen
knnen, ging es weiter und Mittags erreichten wir Splgen.

Eine gemeinschaftliche =Table d'hte= brachte alle Reisenden
zusammen und der gute Veltliner Wein, wie das warme Zimmer fhrten eine
recht animirte Unterhaltung herbei, denn zur Hlfte waren die Reisenden
Italiener, welche, froh, bald die Grenze ihrer =cara Italia=
erreicht zu haben, nicht verfehlten, ein Glas mehr, als gewhnlich, zu
trinken. Mit dem Orte Splgen hat man aber keineswegs die Pahhe
erreicht. Im Gegentheil, jetzt beginnt erst das _steile_ Steigen und
eine Viertelstunde oberhalb des Dorfes fanden wir ein ganzes
Schlittendept. Die Postkutschen wurden verlassen und je Zwei wurden in
einen eleganten Schlitten gepackt; wir hatten die Schneegrenze erreicht.
Natrlich geht dieselbe im December noch tiefer, bis Chur selbst,
hinunter und fngt im Januar und Februar gar unterhalb Chur an, aber im
November und October fllt Schnee nur bis Splgen und etwas oberhalb.

Hatten wir am Tage vorher abscheulich nebliges Wetter gehabt, so war
unsere =Via-mala=-Tour, unsere Schlittenpartie ber den Splgen,
durch den sonnigsten, italienischen Himmel verherrlicht. Aber kalt war
es. Trotz des Sdwindes, der allerdings stundenlang ber Gletscher und
Schneefelder fegte, fror man bis auf's Innerste. Wie froh war ich, da
ich meinen grauen Mantel und die Pelzdecke mitgenommen hatte. Drei
Stunden brauchten wir zu dieser Schlittenfahrt und man kann sich einen
Begriff machen, welche Schneemassen im Laufe des Winters auf den Alpen
angehuft werden, wenn ich sage, da wir manchmal Stellen passirten, wo
der Schnee schon (durch Anwehen) 10-12' hoch lag. Auf der Sdseite, noch
mitten im Schnee, liegt die italienische Douane, whrend man die Grenze
schon frher auf der Kante des Passes selbst passirt hat.

Die Zollbeamten waren diesmal uerst milde; hielten sie mich fr irgend
eine besondere Persnlichkeit (denn in den Augen aller dieser Leute
passirte Nol immer als mein Diener), oder ist die Praxis berhaupt
milder geworden, genug, es wurde nur ein Koffer pro forma geffnet und
damit war Alles fertig. Ich war namentlich froh wegen meiner Patronen,
die ich ja gern versteuert htte, von denen ich aber frchten mute, sie
wrden confiscirt werden.

Bald darauf erreichten wir die sdliche Schneegrenze und in ebenso guten
Postkutschen ging es weiter. Den herrlichen Punkt, wo ein Giebach ins
Thal hinab braust und wo man der Fernsicht halber eigens eine Kanzel
erbaut hat, von der man die schnste Aussicht genieen kann, passirten
wir noch eben bei Licht, dann noch eine halbe Stunde das schnste
Alpenglhen, wie ich es nie leuchtender und intensiver gesehen habe, und
tiefe Nacht senkte sich rasch auf uns herab. Nach zwei Stunden, d.h. um
6-1/2 Uhr Abends, waren wir in Chiavenna.

Das Hotel zur Post, von dem Herrn Schreiber gehalten, ist berhmt in
ganz Italien und auch wir konnten mit dem Nachtmahl, welches uns
aufgetischt wurde, nur zufrieden sein; ja, das Lob seines Valtelliner
machte, da er uns noch eine Flasche, natrlich fr unser Geld,
heraufholte. Wir schieden um 10 Uhr als gute Freunde (im ganzen Htel
ist nur deutsche Bedienung) und weiter ging's bis Colico, welchen Ort
wir um 1 Uhr Nachts erreichten. In Colico selbst wurde nur umgeladen in
einen anderen Wagen, der nach Lecco bestimmt war.

Aus dieser schnen Tour lngs des Lago di Como, die ich brigens zu
Lande schon einmal, zur See schon mehreremal gemacht habe, merkten wir
nun zwar nichts von den Reizen der Natur, aber die milderen Lfte und
zur Seite des Wagens die belaubten Olivenbume bekundeten auch so genug,
da wir uns auf der anderen Seite der Alpen befnden.

In Lecco angekommen, wurde ich des kleinen Backfisches ledig. Als wir
uns aus dem Omnibus Einer nach dem Anderen entwickelten, stand ein Herr
bereit: "Sind Sie Frulein Mller?" (Meier, Schulze oder Schmidt, so
ungefhr klingt der Name). "Ja, ich bin es." Und damit fiel die junge
Dame in verwandtschaftliche Arme.

Wir Anderen fuhren von Lecco gleich mit der Bahn bis Mailand weiter und
direct ins Htel Reichmann, nchtigten daselbst und fuhren ohne
Unterbrechung nach Brindisi, wo wir Abends um 10 Uhr anlangten. Von den
anderen Herren war noch Niemand hier, ich vermuthete, Alle seien wegen
des Choleragerchtes ber Triest gegangen. Zu meiner Freude hrte ich
aber bald darauf, da die Cholera erloschen sei.

In Brindisi ist ein vorzgliches Htel, das des =Indes orientales=.
Die Absicht, in eine Locomda zu gehen, gab ich auf, da ein
italienischer Reisegefhrte mir unterwegs sagte, man bekme dort
unfehlbar =pedocchi= d.h. die Thierchen, welche die Franzosen im
Gegensatze zu den Flhen, der leichten Cavallerie, die schwere nennen.
Nher brauche ich diese menschenfreundlichen Thierchen wohl nicht zu
bezeichnen. Ich dachte aber, es ist noch frh genug; wenn man sich ihrer
in Afrika nicht wird erwehren _knnen_, dann mu man mit ihnen
haushalten.

Komisch erschien mir die Extravaganz der italienischen Damen in den
neuesten Moden: fuhohe Chignons aller mglichen Formen, selbst die
Hrner der Pullo-Frauen[29], die Wulste der Mandara-Damen[30] sind nicht
ausgeschlossen; ich glaube, keine Damen der Welt entwickeln so viel
Phantasie in der Herstellung aller nur mglichen Haartouren, als die
schnen Milaneserinnen. Sehr hufig sieht man vorn auf der Stirn kleine
Lckchen glatt angeklebt mit Pomade, ein entsetzlich schlechter
Geschmack. Alles dies gilt nur von der vornehmen Welt, das Volk ist in
dieser Beziehung vernnftiger.

Mein Zimmer in der Bel-Etage des Htels von Brindisi ging auf den Hafen,
und wenn auch keine groartige Aussicht geboten ist, so hat man doch
immer ein belebtes Bild.

Ich verbrachte meine Zeit damit, da ich dem englischen Consul einen
Besuch machte, um seine herrliche Sammlung von Antiken u.s.w. zu
besehen. Er empfing mich sehr freundlich und hatte, wie er sagte, aus
der "Times" schon mein Kommen ber Brindisi erfahren. Sodann suchte ich
den Archidiakon Farentini auf, der die Bibliothek unter sich hat, in der
sich nebenbei ebenfalls ein kleines archologisches Museum befindet,
welches einzelne hbsche Sachen, z.B. ein prachtvolles Lacrimale[31] und
interessante Broncestatuetten enthlt. Bei der Gelegenheit zeigte er mir
auch eine hchst merkwrdige Vase, welche sich im Reliquien-Schreine des
Doms befindet, von so feinkrnigem Granit, wie ich ihn nie gesehen. Sie
soll durch Kreuzfahrer aus Palstina gekommen sein, so sagen die
ltesten Chroniken. Ob sie, wie Pater Farentini behauptet, phnicischen
Ursprunges ist, wage ich nicht zu besttigen. Nach dem Volksglauben
ltester Zeit soll dies dieselbe Vase sein, in der Jesus Wasser in Wein
verwandelt hat. Pater Giov. Farentini fgte aber hinzu: "Ich fr meinen
Theil halte sie nur werth als ein hchst interessantes Kunstwerk, die
damit verknpfte heilige Legende berlassen wir dem Volke." Ein
liebenswrdiger alter Mann, dieser Domherr, der sich ein ber das andere
Mal selbst besegnete (=benedetto io=), da er meine Bekanntschaft
gemacht habe. Am nchsten Tage wollte er mir noch einige
Merkwrdigkeiten in der Stadt und Umgegend zeigen, obschon Brindisi in
dieser Beziehung sehr arm ist.

Nur langsam erholt sich diese einst so wichtige Stadt, welche im
Alterthum ber 100,000 Einwohner, jetzt kaum 10,000 Seelen hat.

Strabo, welcher ausfhrlich von dieser alten Stadt handelt, sagt[32].
Brundusium soll, wie gesagt wird, eine Colonie der Kreter sein, die mit
dem Theseus aus Knossus dahin kamen. Sodann lobt Strabo den Hafen der
Stadt, nach ihm ungleich besser als der Tarents, und fgt hinzu, dieser,
wie es dem Anscheine nach aussieht, einzige Hafen theilt sich inwendig
in eine Menge kleinerer Busen, so da der gesammte Hafen die Gestalt
eines Hirschkopfes bekommt, daher die Stadt auch ihren Namen erhalten
haben soll, denn in der Sprache der Messapier heit ein Hirschkopf
Brundusium.

Brundusium ist auch nach Strabo der gewhnliche Hafen, aus dem man
ausfhrt, wenn man nach Griechenland oder Asien bersetzen will, und
alle Griechen und Asiaten landen auch hier, wenn sie Rom sehen wollen.
Brundusium gilt als Geburtssttte des Tragdiendichters Pacuvius, und
Virgil ist hier gestorben.

Mit dem Zusammensinken des rmischen Reiches hrte die Blthe der Stadt
aus, natrlich weil der Verkehr zwischen Morgenland und Abendland
stockte. Und als dann zur Zeit der Kreuzzge auf einmal wieder ein
lebhafter, wenn auch feindlicher Zusammensto zwischen Occident und
Orient stattfand, hob sich Brundusium rasch wieder und erlangte eine
Einwohnerzahl, die auf 60,000 Seelen veranschlagt wird. Kaiser
Barbarossa bevorzugte namentlich den Hafen und er ist auch der Erbauer
des Castells. Mit dem Falle Jerusalems, mit der Beendigung der
Kreuzzge hing auch der Verfall Brundusiums zusammen.

Erst jetzt, wo Brindisi wieder Hauptausgangspunkt und Ankunftsort fr
Abendland und Morgenland geworden ist, hebt sich die Stadt wieder. Da
aber jetzt die diese Strae Ziehenden bei Weitem nicht so lange im Hafen
weilen wie im Alterthum, so ist der Aufschwung der Stadt ein viel
langsamerer. Aber Brindisi wird jedenfalls, wird diese Linie
beibehalten, immer eine gewisse Wichtigkeit bewahren.

Die Stadt selbst macht auch nur einen sehr drftigen Eindruck; zwar sind
die Straen mit herrlichen Quadern gepflastert, aber meist sehr schmal,
die Huser zum grten Theile einstckig, und dann macht es einen hchst
traurigen Eindruck, da so viele Bauten unvollendet gelassen, zum Theil
schon wieder Ruine geworden sind. Was war die Ursache davon? Hatte man
kein Geld, keine Lust zum Weiterbauen? Aber wie erquickt Einen das
herrliche Grn, wie lcheln Einem die allbekannten Opuntien und
langbltterigen Alos zu, wie bekannt und heimisch winkt der hohe
Palmbaum! Dazu das lebendige Treiben auf der Strae. Die wirklich
madonnenhaften Antlitze der jungen Mdchen, denn eine durchweg schne
Bevlkerung ist in Apulien und namentlich der weibliche Theil, ist fast
durchaus schn zu nennen.

Und so wie es ist mu es auch sein; ich mchte nichts von dem wissen,
wie wir uns Italien seit jeher vorgestellt haben und wie es in der That
ist. Da scandalirt man ber den Schmutz[33] der neapolitanischen
Bevlkerung, ber die =shocking= Nacktheit der dort
herumlaufenden, herumkriechenden Kinder, aber man mache einmal aus
Neapel eine nach hollndischer Art abgewaschene Stadt--und Neapel ist
nicht mehr Neapel.

Ein ununterbrochener Regen go herab, auf der Post fand ich einen Brief
von Ernst[34], dem an der Grenze die Patronen confiscirt waren, der
sonst aber wohlbehalten mit Taubert[35] in Triest angekommen war. Auch
Jordan[36] schrieb von dort vom 20.: er sei mit Remel[37] und drei
Dienern in Triest angekommen, habe meine beiden Diener gefunden und
Freitag Nachts htten sie sich an Bord begeben. Zittel[38] und
Schweinfurth[39] knnten nun mglicherweise am selben Abend noch hierher
kommen, wenn sie nicht auch die Route Triest genommen htten; am Abend
vorher hatte ich sie vergebens erwartet.

Als ich meine Briefe postirt hatte, legte sich der Platzregen, welcher
den ganzen Morgen mit ununterbrochener Wuth herabgestrmt war, und bald
darauf erschien der Archidiakon Farentini, um mich abzuholen. Er zeigte
mir zuerst eine hchst merkwrdige Kirche, eine sehr alte Baute, die
ursprnglich frei angelegt, spter durch den Ueberbau einer anderen
Kirche zu einer Krypta gemacht und jetzt wieder durch Hinwegrumung des
umgebenden Terrains eine berirdische Kirche geworden ist. Sie rhrt aus
dem 5. oder 6. Jahrhundert her. Sodann gingen wir nach einer Rotunde,
einer Ruine, von der die Reisebcher behaupten, sie sei als christliche
Kirche gebaut, was inde keineswegs erwiesen ist. Jedenfalls rhren die
Sulen, die Capitler von verschiedener Ordnung von alten rmischen oder
griechischen Tempeln her. Es war mittlerweile dunkel geworden und wir
verabschiedeten uns von einander.

Bei meiner Nachhausekunft fand ich Zittel und Ascherson vor. Sie waren
beide ber Rom und Neapel Nachmittags in Brindisi eingetroffen und
Ascherson hatte den kurzen Aufenthalt schon benutzt, um zu botanisiren;
ganz mit Pflanzen beladen kam er nach Hause. Wir dinirten noch
gemeinschaftlich und gingen dann um 7 Uhr an Bord. Zuerst hatten Nol
und ich, Ascherson und Zittel je eine Cajte fr uns, als aber dann in
unsere Cabinen noch fremde Leute hineingesteckt wurden, tauschten wir
derart, da wir Vier zusammenkamen. Ich konnte die Nacht gar nicht
schlafen, die Betten waren sehr hart und schmal und gegen Morgen
entstand ein Hllenlrm, denn um 3 Uhr kam ein Londoner Expretrain, den
auch Schweinfurth benutzt hatte, von Bologna und um 8 Uhr Morgens kurz
vor Frhstckszeit, als wir auf dem Deck erschienen, waren wir schon
=en route=; es war kstliches Wetter, das Meer leicht gewellt, was
aber dem sehr groen Dampfer keine Bewegung verursachte.

Um 10 Uhr Morgens fuhren wir bei der griechischen Stadt Navarin vorbei;
auch an dem Tage herrliches Wetter, wenn auch etwas trber. Je mehr wir
nach dem Sden kamen, desto milder wurde die Lufttemperatur und Abends
hatten wir immer das schnste Meerleuchten, und die Zeit wre gewi so
angenehm wie mglich vergangen, wenn nicht Regenwetter eingetreten wre,
welches uns nthigte unter Deck zu bleiben. Die letzten beiden Tage
hatten wir sogar Sturm; Zittel und Ascherson waren seekrank,
Schweinfurth, Nol und ich hielten uns vortrefflich; aber Zittel mute
einen ganzen Tag im Bette liegen, da er sich stark erkltet hatte und
heftige Halsschmerzen bekam. Und doch war es so warm. 20 Grad im
Schatten.

Um 12 Uhr Mittags kamen wir in den Hafen von Alexandrien; wir muten die
Quarantne am Bord des Schiffes bis bermorgen Mittag halten. Alle
Sachen waren angekommen und alles Andere war von Menshausen, einem
deutschen Kaufmanne, besorgt. Der Viceknig war in Kairo und v. Jasmund
auch, der dort sich augenblicklich mit dem Prinzen von Hohenzollern
aufhielt. In Alexandria war projectirt, nur einen Tag zu bleiben, in
Kairo drei bis vier, um dann gleich bis Minieh oder Siut (Hauptstadt von
Obergypten am Nil) vorwrts zu gehen.

Welch' bewegtes Leben hier in Skendria oder Alexandria! Wir lagen am
Eingange des Hafens auf der Rhede. Rechts der schne Mex-Palast von Said
Pascha, links der Leuchtthurm und der schneeweie Palast von Mehemed
Ali, der Mastenwald, mit der Stadt im Hintergrunde vor uns. In der Ferne
ein ppiger Palmenwald: dies das Panorama von unserem Schiffe. Auf dem
Schiffe selbst zerlumpte Soldaten mit gelber Schrpe, Abzeichen der
Quarantne. Dafr, da ich mit Menshausen sprach, kam der wie ein
Bnkelsnger aussehende Soldat gleich mit offener Hand auf mich los:
"=nrid backschisch=", "ich mchte Trinkgeld." Er war sehr
bedonnert, als ich ihn in arabischer Sprache fragte, wie er dazu kme
und mit welchem Rechte er bettele. Natrlich gab ich ihm trotzdem sein
Backschisch.

Schweinfurth war wieder hergestellt und Zittel und Ascherson natrlich
wie durch Zauber ihrer Krankheit hier im sicheren Hafen berhoben. Mit
den brigen Herren auf dem Lloydschiffe, welches auch gekommen war und
einen Flintenschu weit von uns lag, tauschten wir, sobald wir uns
durchs Fernrohr erkannten, laute Hurrahrufe aus und spter kamen Jordan
und Remel herber, um uns (natrlich immer in respectvoller Distance,
da sie fnf, wir aber nur zwei Tage Quarantne halten sollten) zu
begren. Die Armen muten darauf aber das Schiff verlassen, um am Lande
die Quarantne abzuhalten. Das ist langweilig und kostspielig fr sie;
aber amsant mute es ihnen sein, die zahlreichen Pilger zu beobachten,
welche, an dem Tage von Marokko kommend, ein englischer Dampfer gebracht
hatte, etwa 1000 an der Zahl. Das war ein sonderbarer Anblick; ein
bunteres Bild konnte man kaum sehen, als sie in kleinen Barken zu 8-10
Mann nach dem Quarantne-Gebude geschafft wurden. Aber bunt kann man
eigentlich nicht sagen, weil alle entweder in einem schmutziggrauen,
schmutzigbraunen oder schwarzen Burnus eingewickelt waren und offenbar
die schlechtesten Gewnder trugen, die sie berhaupt in ihrer Heimath
von ihren Angehrigen hatten auftreiben knnen. Wie merkwrdig, da sich
dieser Pilgerzug mitten durch die civilisirtesten Lnder und Vlker
hindurch immer noch erhlt, denn eine Abnahme des Pilgerns ist wohl kaum
zu spren. Und wie merkwrdig, da die christlichen Englnder es heute
unternehmen, die fanatischen Glubigen zu ihrer heiligen Sttte zu
fhren. Auf der einen Seite geben sie jhrlich Hunderttausende von Pfund
Sterling aus, um dem Umsichgreifen des Islam durch christliche Missionen
ein Ziel zu setzen, auf der anderen Seite leisten sie demselben Vorschub
dadurch, da sie das Pilgern erleichtern, denn es kann nicht gelugnet
werden, da die jhrlichen Zusammenknfte am Berge Ararat und beim
schwarzen Steine in Mekka die Mohammedaner zu immer neuem Fanatismus
anfachen. Das ist bei den mohammedanischen Pilgerfahrten so gut der
Fall, wie bei den katholischen. Uebrigens Angesichts unserer eigenen
Pilgerreisen inmitten des civilisirten Europa ist es kaum erlaubt,
darber zu staunen; denn dem Unparteiischen mu es schlielich einerlei
sein, ob er in Nordafrika dumme Schafheerden nach Mekka strmen sieht,
oder solche von Frankreich, von Belgien, vom Rhein aus auf dem Wege nach
Rom erblickt. Hier sowohl wie dort wird Dasselbe erstrebt: In Mekka wie
in Rom ist fr den Hohenpriester die Hauptsache, Geld zu bekommen, fr
die Pilger, sich Verdienste und Vergebung der Snden zu erwerben. Einen
Unterschied vermgen wir absolut nicht zu finden. Dummheit und
Aberglaube sind bei den Mohammedanern wie Christen die Triebfedern.

Langeweile hatten wir an Bord nicht; die Passagiere waren noch fast alle
geblieben, nur die India-Reisenden gingen am selben Tage mit einem
direct nach Suez gehenden Zuge ab. Ein solcher Quarantne-Zug wird
verschlossen, darf nirgends halten und ohne Aufenthalt geht es in Suez
wieder an Bord. Der Hafen ist ungemein belebt; Dampfer kommen und gehen;
einige, die von inficirten Hfen kommen, werden mit der gelben Flagge,
dem Abzeichen, da sie in Quarantne sind, geschmckt; andere, die aus
gesunden Hfen ausgelaufen sind, bleiben ohne gelbes Abzeichen und
drfen gleich mit der Stadt communiciren.

Endlich schlug die ersehnte Stunde: zwei Cavassen vom Generalconsulat
kamen an Bord, und uns und unsere Sachen einladend ging es fort und bald
darauf hielten wir vor Abbat's Htel, an einem der schnsten Pltze
Alexandriens gelegen. Ich ging zuerst zu Menshausen und dann auf's
Consulat. Herr v. Jasmund empfing mich sehr freundlich. Fr den Abend
war ich mit allen meinen Begleitern zum Essen auf's Consulat geladen.

Jordan und Remel waren gestern Abend auch noch aus der Quarantne
befreit werden, welche also keineswegs so streng beobachtet und gehalten
wurde, wie ursprnglich war angeordnet worden, und so waren wir denn
Alle vereint im Htel Abbat, wo wir zum ersten Male erfahren sollten,
mit gyptischen Preisen zu rechnen. Allein fr die Diener mute ich
tglich 40 Frcs. ausgeben. Im Uebrigen konnte man mit den Zimmern, dem
Essen und der Bedienung zufrieden sein, obschon die Htels in
Alexandrien nicht so gut sind, wie die in Kairo, da in der Hafenstadt
die Passagiere nur ein bis zwei Tage zu bleiben pflegen, wogegen sie in
Kairo manchmal Monate lang weilen.

In Alexandria wurde meine ganze Zeit durch geschftliche Angelegenheiten
in Anspruch genommen. Nur Abends hatten wir Ruhe, uns an einem Glase
Bier zu erlaben.

Bei unserer demnchstigen Abreise von Alexandrien war am Schalter wieder
eine entsetzliche Wirthschaft: Es ist unglaublich, mit welcher
Gemthsruhe der Billeteur die sich drngenden und ungeduldigen Reisenden
am Schalter abfertigt. Werden sie gar zu lstig, hrt er einige
"=goddam=" oder "=au sacre nom de Dieu=" oder
Kreuz-Millionen-Donnerwetter, dann entfernt er sich fr fnf Minuten,
nimmt eine Tasse Kaffee, um mit neuen Krften dem Publicum
entgegentreten zu knnen. Endlich war an mich die Reihe gekommen, ich
hatte meine Billets, die Bagage wurde eingeschrieben und bald darauf
ging's fort. Da Ascherson, Jordan und Remel noch zurckblieben, um mit
einem anderen Zuge nachzufahren, so lud Herr v. Jasmund uns ein, in sein
Coup zu steigen. Die Generalkonsuln in Alexandrien bekommen jedesmal
ein eigenes Coup, wenn sie reisen.

Ich unterlasse es, ber die Fahrt auch nur ein Wort zu sagen, doch mu
ich erwhnen, da wir in Kassar Sayet, beim Uebergange des linken
Nilarmes, mit Nubar Pascha, der von Kairo nach Alexandria fuhr,
zusammenkamen und demselben vorgestellt wurden. Eigenthmlich, ich hatte
mir den Mann ganz anders gedacht, mehr diplomatenmig, d.h. wie bei uns
die Staatsmnner auszusehen pflegen. Damit will ich aber keineswegs
sagen, da Nubar eine gewhnliche Physiognomie habe, im Gegentheil,
namentlich sein Auge ist wunderschn. Im Franzsischen drckt er sich
gewandt aus. Er theilte uns mit, der Viceknig wnsche der Expedition
einen so wenig officiellen Anstrich wie mglich zu geben und deshalb
mten wir von einer militrischen Escorte abstehen. Dahingegen
garantire er absolute Sicherheit der Gegend zwischen dem Nil und den
Uah-Oasen. Die Unterredung dauerte nur kurze Zeit, da die Zge bald
darauf wieder abfuhren. Mir war nichts angenehmer, aus der lstigen
Escorte ledig zu sein. Wie ich denn berhaupt bemerken mu, da der
Gedanke einer militrischen Begleitung keineswegs von mir, sondern
ursprnglich vom Chedive selbst ausging und zwar so gestellt wurde, da
ich glauben mute, dem Chedive sei daran gelegen, eine militrische
Bedeckung mitzugeben.

Mit dem Zuge, den wir benutzten, erreicht man Kairo in fnftehalb
Stunden. Um 1 Uhr waren wir denn auch angelangt, nachdem schon lngere
Zeit vorher die Pyramiden, die Grber der Chalifen, die schlanken
Minarets der Mohammed-Ali-Moschee ihren Willkommengru uns entgegen
gesandt hatten.

Angekommen, begaben wir uns sogleich ins Nil-Htel, nachdem ich vorher
vergeblich versucht hatte, die Diener in einem billigeren Htel
unterzubringen. Nachmittags besuchten wir das Consulat, fanden aber, da
unser deutscher Viceconsul Travers auf einer Tour nach Minieh war, um
den Prinzen von Hohenzollern dorthin zu begleiten. Abends waren wir im
Theater und hrten die "Aida" von Verdi, welche in dieser Saison zum
ersten Male aufgefhrt wurde. Wer htte nicht von den Wundern gehrt,
welche der Chedive durch Zaubergewalt in seiner Hauptstadt seit Jahren
entstehen lt? Wenn auch nicht alle gleich an Pracht, wie solche bei
Erffnung des Suez-Kanals dem Auge sich darbot, zeigen doch die Werke,
welche der Viceknig seitdem nach und nach ins Leben rief, um die
Freuden des Lebens durch Kunstgensse zu erhhen, einen derartig groen
Anstrich, da es sich wohl verlohnt, dabei zu verweilen.

Einen Lieblingsgedanken, eine Oper zu besitzen, verwirklichte Ismael
Pascha bald, nachdem die Feierlichkeiten der Kanalerffnung vorber
waren, indem er auf dem prchtigen Esbekieh-Platze ein Gebude mit
Allem, was dazu gehrt, fr eine italienische Oper herrichten lie. Um
dasselbe wrdig einzuweihen, veranlate er den Mastro Verdi, eigens
eine Oper dafr zu componiren. Den geschichtlichen Stoff lieferte
Mariette, die literarische Redaction besorgte Ghislanzoni.

Prcis 8 Uhr begann man mit der Ouverture, welche von einem vollkommen
eingebten Orchester meisterhaft vorgetragen wurde. Ebenso tadellos war
die ganze Auffhrung. Snger und Sngerinnen sind durchweg ersten
Ranges, namentlich der Tenor (Radames) Sigr. Fancelli, von einer Strke
und Hhe der Stimme, wie man ihn gewi selten an einer der grten
Bhnen Deutschlands findet. Was die Sngerinnen anbetrifft, so waren
dieselben in der Saison nur aus Deutschland recrutirt, die Aida wurde
von Frulein Stolz, Amneris von Frulein Waldmann reprsentirt. Beide
waren in ihrer Art vorzglich.

Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, da man bei der Costmirung auf
grte Genauigkeit gesehen hat, um Kleidung und alte Gegenstnde so
herzustellen, wie sie durch die Aegyptologen uns bekannt und wie sie
uns in den Museen aufbewahrt sind. Dazu ist Alles mit einer Pracht
hergerichtet, wie es eben nur ein Frst zu leisten vermag, dessen Mittel
fast unbeschrnkt sind.

Was das Sujet anbetrifft, so ist es der gyptischen Geschichte
entnommen. Aegypten und Abessinien liegen seit Jahren in Krieg
miteinander. Der Feldherr des Knigs von Aegypten, Namens Radames hat
die Tochter des thiopischen Knigs Amonasro, Namens Aida, gefangen
genommen, er giebt sie der Tochter seines gyptischen Knigs, Namens
Amneris, zur Sclavin. Radames verliebt sich aber in Aida und wird von
Aida wieder geliebt. Spter wird der thiopische Knig Amonasro auch
noch gefangen genommen. Amonasro und Aida finden sich wieder, Beide,
Vater und Tochter, Gefangene am gyptischen Hofe. Man begnadigt Beide
und will sie ziehen lassen. Amonasro aber berredet seine Tochter, die
Liebe Radames' zubenutzen, um ihn ber einen Kriegsplan auszuforschen;
sie weicht endlich den Bitten des Vaters und Radames widersteht nicht
dem Flehen der Aida. Er fngt an, den Plan zu verrathen, aber gerade in
dem Momente kommt Amneris hinzu. Radames flieht nicht, er klagt sich
selbst an, die Knigstochter berliefert ihn aus Eifersucht den
Priestern, er wird zum Tode verurtheilt und kann dann trotz der bitteren
Reue der Amneris nicht gerettet werden. Lebendig in einem Grabe
eingemauert, theilt Aida freiwillig sein Loos.

Eine solche Auffhrung, wie sie in Kairo Statt hatte, mu selbst den
verwhntesten Geschmack befriedigen. Die Musik freilich wird wohl nicht
berall Beifall finden. Die Freunde der Harmonie werden sagen, es sind
zu viel Wagner'sche Anklnge vorhanden, die Wagnerianer werden die Musik
zu dnn und zu wenig berwltigend finden. In der That ist Verdi bei
dieser Composition ganz aus seiner Rolle gefallen. Der Componist des
"Ernani", des "Trovatore" hat sich im Wagnerianismus versuchen wollen,
aber nichts als zwangvolle Stze sind entstanden, welche das Publicum
kalt lassen.

Die innere Einrichtung des Opernhauses ist reizend. Die Bhne ist
verhltnimig gro, ebenso der Orchesterraum. Links hat der Chedive
eine Prosceniumsloge, die gleich hoch _allen_ Logenreihen ist, darunter
eine kleine dicht am Orchester. Rechts ist die chedivische Haremsloge,
durch ein so feines Eisengitter verschleiert, da die Meisten glauben,
dies weie Gewebe seien Tllgardinen, aber in der That besteht es aus
dem feinsten Eisendraht. Daran schlieen sich vier andere, hnlich
verschleierte Logen, fr andere Haremsdamen hoher Wrdentrger.

Das Opernhaus hat vier Logenreihen bereinander. Im ersten Stock, also
parallel mit den Logen ersten Ranges, befindet sich ein groes und
frstlich eingerichtetes Foyer, zugnglich fr Jedermann. Daneben sind
Restaurationslocale, die man brigens auch unten findet.

Zu der Zeit wurde das Opernhaus erheblich vergrert, weil die damaligen
Rume zur Aufbewahrung der Decorationen keineswegs gengten.

Am folgenden Tage wurden wir um 10-1/2 Uhr zum Viceknige befohlen; wir
holten Herrn v. Jasmund ab. Der Viceknig residirt in einem neuen Palais
im neuen Stadttheile Ismaelia. Nach wenigen Vorstellungen, die zwischen
Ali Pascha, dem Ceremonienmeister und dann einem Anderen, der der
Grosiegelbewahrer ist, stattfanden, fhrte man uns die Treppe hinauf,
wo wir oben vom Viceknige empfangen wurden. Aus dem groen Saale fhrte
er uns in ein kleines Zimmer. Die Unterhaltnng drehte sich natrlich nur
um die Expedition. Zuerst aber, nachdem wir vorgestellt waren, hielt
Herr v. Jasmund einen kleinen =speech=, worin er dem Viceknige
dankte fr das, was er fr die wissenschaftliche Expedition gethan. Dann
erwiderte der Viceknig, wie glcklich er sich schtze, mit solchen
Leuten eine solche Expedition organisiren zu knnen, und dann stattete
ich meine Gre ab und dankte im Namen des Kaisers und Knigs. Als ich
dies sagte, erhob sich der Chedive von seinem Platze, aus Ehrfurcht vor
dem Namen Sr. Majestt und Sr. Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen.

Hierauf war lange Unterhaltung (die Audienz dauerte 3/4 Stunden) ber
die Expedition und hierbei beklagte sich der Viceknig bitter ber
Bakers Expedition, der unntz Menschenblut vergossen und fr Abschaffung
des Sclavenhandels nichts gethan habe. Diese vom Viceknige gesprochenen
Worte bekrftigten also in der That, da Sir Samuel gar nichts erreicht
hat, da seine Expedition vielmehr nach der Aussage des Chedive nur
unheilvoll wirkte. Ich begriff nun auch, warum die gyptische Regierung
meiner Expedition so wenig officiellen Charakter, wie mglich, geben
wollte. Gegen Samuel Baker scheint der Chedive jedoch sich ganz anders
geuert zu haben; wenigstens lesen wir in Bakers "Ismailia", da der
Chedive seine Dienste durch die Verleihung des Osmanieh-Orden belohnte,
und da Baker selbst meint, sein fester Glaube auf die Untersttzung der
Vorsehung sei nicht unbelohnt geblieben, also seine Aufgaben fr gelst
hielt. Das kann ich besttigen, da der Chedive keineswegs gesonnen
schien, die Baker'sche Expedition aufzugeben, sondern in Colonel Gordon
einen wrdigen Mann fand, der da wieder anknpfte, wo Baker sein
Unternehmen abgebrochen hatte.

Der Viceknig, 1830 geboren, also jetzt 45 Jahre alt, hat eine
gedrungene Gestalt, ein sympathisches Gesicht, freundliche Augen, im
Ganzen ein sehr intelligentes Aeuere. Jedenfalls, nach seiner
Physiognomie zu schlieen, ein Mann, der mehr liebt, das Gute zu thun,
als das Bse.

Als wir uns verabschiedet hatten, begab ich mich mit v. Jasmund nach
seinem Htel, um noch einige Punkte wegen des Dampfers, der Kamele &c.
zu prcisiren und zu Papier zu bringen.

Darber war es Mittag geworden. Nach Tische kam Jasmund, mich abzuholen
zu einem Besuche bei Hussein Pascha, dem zweiten Sohne des Viceknigs,
der den ffentlichen Arbeiten vorsteht. Es handelte sich nmlich darum,
die Papiere bezglich des Nivellements der Eisenbahnstrecke von Siut zu
bekommen, damit wir bei unserem Vorgehen von diesem Punkte eine
bestimmte Basis htten. Hussein wohnt auf der Kasbah und im selben
Palais oder Harem, in welchem der groe Mohammed Ali sein Leben
ausgehaucht hat. Ein groartiges Gebude von colossalen Dimensionen,
dessen Bel-Etage ein immenses Kreuz bildet, derart, da 1 das
Audienzzimmer, 2 den Saal und 3, 3, 3 noch andere Zimmer umfassen. Wie
im chedivischen Palaste, war auch hier Alles auf's Geschmachvollste,
auf's Reichste und ohne Ueberladung decorirt. Aber die Kasbah hat nicht
nur diesen einen Palast, sondern es ist dies ein Complex von Forts,
Schlssern und Moscheen. Da ist z.B. das Palais, in dem der Viceknig
die Beiramsfestlichkeiten abhlt, da ist vor Allem die ganz aus
Alabaster, oder besser gesagt, aus gyptischem Marmor erbaute Moschee
Mehemed Ali's.

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Mgen nun auch die Architekten sagen, was sie wollen, mgen sie
behaupten, diese Bauten zeigen keinen bestimmten Stil, mgen sie
glauben, die Minarets seien im Verhltnis zu ihrer bedeutenden Hhe zu
dnn oder zu wenig umfangreich, es steht fest, da gerade diese Moschee
eine der Hauptzierden Kairos ist, da man ohne sie sich Kairo nicht mehr
vorstellen knnte. Und in ihren einzelnen Theilen wie im Ganzen kann man
sie nur schn nennen, im Innern, wie im Aeuern. Nur der hliche
Uhrthurm auf der Westfaade des Hofes, aus Holz erbaut, pat nicht zum
Ensemble. Wir besuchten natrlich auch das Innere, es wurden uns die
obligaten Schuhe bergezogen, aber ich merkte einen Fortschritt, sie
waren nicht wie frher aus Stroh, sondern aus Tuch und wurden
festgebunden durch Bnder.

Eine stark vergitterte Abtheilung wurde mir gezeigt und gesagt, es sei
das der Ort, wo eventuell der trkische Sultan seinen Sitz nhme; dies
scheint mir problematisch, ich glaube vielmehr, es ist eine Einrichtung
fr den Harem.

Nachdem wir dann die unvergleichlich schne Aussicht von dem Punkte aus
genossen hatten, wo beim Massacre der Mameluken einer derselben sich
durch einen khnen Sprung in die Tiefe gerettet haben soll, ein Punkt,
von welchem aus man die Stadt, die Grber der Chalifen, das rothe
Gebirge (=Gebel ahmer=), das Mokhatan-Gebirge, die Pyramiden, den
Nil, ein groes Stck des ppigen Nil-Delta und die unendliche Sahara
berblickt, ein Punkt, von dem aus man das vollkommenste Bild ber
Aegypten gewinnt, wo man den Charakter dieses Landes mit einem Blick
berschauen kann--nachdem wir dies in uns aufgenommen, stiegen wir zur
Hassan-Moschee, am Fue der Kasbah gelegen, hinab.

Die Hassan- Moschee gilt berall als die schnste Moschee von Kairo und
doch keineswegs mit Recht. Die Groartigkeit der Steinmauern bestreite
ich nicht, aber die schon zugeschnittenen Quadern wurden von den
Pyramiden entnommen. Die Zartheit, das Khne des Tropfsteingewlbes, das
Unglaubliche der Stalaktiten-Kuppeln gebe ich gern zu, aber das Material
dazu ist von Holz, und mit Widerwillen fast wird man hier an das
Vergngliche, an das Unsolide aller maurischen Bauten erinnert. Dazu
kommt, da diese Holz-Stalaktiten-Bauten derart vernachlssigt und
zerfallen sind, da alle Schnheit schon zu Grunde gegangen ist.

Was aber fr den mit der religisen Geschichte der Mohammedaner
Vertrauten ungleich mehr auffllt, ist der Grundri der Moschee. Bis
jetzt hat noch kein Architekt darauf aufmerksam gemacht. Im
gewhnlichen Stil besteht nmlich jede Moschee aus zwei Krpern: dem
bedeckten, nach Osten gerichteten Theile, aus manchmal vielen
Sulenhallen bestehend, und dem unbedeckten Hofe im Westen, beide in der
Regel viereckig. Die Hassan-Moschee aber hat im Hofe als Grundri ein
vollkommenes _Kreuz_. Wenn man wei, wie furchtbar der Moslim Alles
hat, was nur irgendwie an die Form des Kreuzes erinnert, so mu man
sich wundern, da dies hier so prgnant zum Ausdruck gekommen ist.
Jedenfalls ist es unbewut geschehen, denn der uns begleitende Priester
gab mir den Schlssel dazu folgendermaen: Jeder der Kreuzflgel,
welche, beilufig gesagt, berwlbt sind, dient zur Aufnahme der
Anhnger der vier rechtglubigen Bekenner, so da in dem einen die
Malekiten, im anderen die Schaffeten, im dritten die Hambaliten, im
vierten die Hanesiten Platz finden. Sultan Hassan liegt in der Moschee
begraben und rund um sein Grab sieht man die unvertilgbaren Spuren von
Blutlachen, Zeugen der Ermordung von Mameluken, welche sich beim
Massacre in die Moschee geflchtet hatten.

Hiernach begleiteten wir v. Jasmund nach Hause und fuhren, Zittel und
ich, sodann zu Mariette Bei, dem Director des Bulac-Museums, fanden ihn
aber nicht zu Hause. Das Museum konnten wir auch nur sehr flchtig
besehen, da es dunkel wurde.

Nach dem Essen gingen die Anderen noch etwas spazieren, ich schrieb,
machte auch einen Gang auf die Esbekieh und hiernach trafen Zittel und
ich uns wieder im Nil-Htel. Wir saen Abends noch lange im Mondschein,
der Mond stand hoch, fast im Zenith ber uns. Die blhenden, wie
Heliotrop duftenden Akazien, die milden Lfte, Alles war zauberisch
schn. Solche duftende ruhige Nchte giebt es nur in Nordafrika, wo die
Nchte Winters und Sommers sich fast stets durch absolute Windlosigkeit
der Atmosphre auszeichnen.

Ein wichtiges Geschft war dann noch abzuwickeln, nmlich gute Diener zu
engagiren. Eine gewisse Erleichterung gewhrte Kairo in sofern, als alle
unbeschftigten fremden Leute, alte und junge, in der Stadt einem Schich
unterstehen, der, so lange sie in Kairo sind, fr ihr Betragen der
Polizei haftbar ist. Dieser Schich besorgte mir sodann Leute, so viel
ich brauchte, und da auerdem die Polizei sich noch drein mischte,
konnte ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, gute und brave Leute
engagirt zu haben. Gleich von vornherein kann ich dies auch hier
besttigen, denn im Ganzen hatten wir recht treue Diener; und wenn
selbst der fromme Doctor der Theologie, welcher Prof. Ascherson's Diener
war, diesen so unverschmt betrog, so folgte er wohl nur religisen
Motiven oder glaubte vielmehr seine Betrgereien durch den Mantel der
Religion bedecken zu knnen. Ein alter Diener, den ich in Tripolis aus
der Sclaverei befreit und ber Cyrenaica und Siuah hierher gebracht
hatte, fand mich hier wieder. Es war rhrend, als er kam, mir die Hand
kte, weinte und mir das Certificat zurckstellte mit den Worten:
"Jetzt brauche ich es nicht mehr, jetzt habe ich Dich wiedergefunden."

Nachdem viele Einkufe besorgt waren, gingen wir sodann zur Sitzung des
=Institut d'gypte=, wo man uns zu Ehren eine Versammlung anberaumt
hatte. Da waren alle Notabilitten der Wissenschaft Aegyptens
vertreten. Mariette Bei, der berhmte Aegyptolog, prsidirte. Die
Sitzung war in einem Saale des Ministeriums des Innern. Nach einer
einleitenden Rede und nach Verlesung des =procs verbal= der
letzten Verhandlung verlas ich eine Rede in franzsischer Sprache. Es
war recht feierlich, v. Jasmund war auch da und Schweinfurth von
Alexandrien herber gekommen.

Nach diesem kurzen Aufenthalte in Alexandrien und Kairo wurde Siut
erreicht, von wo die eigentliche Expedition beginnen sollte. Aber gleich
beim Beginne stellten sich die Schwierigkeiten bedeutend grer heraus,
als man vermuthet hatte, denn es galt, die Kamele mit Futter zu beladen,
da man sich Angesichts einer absolut vegetationslosen Wste befand.
Nachdem die Bohnen, welche zu einer Reise von zwanzig Tagen nothwendig
wurden, an Ort und Stelle waren, traten wir am 18. December den Marsch
in die Wste an. Dieselbe offenbarte denn auch gleich an den ersten
Tagen ihre ganzen Schrecken und Gefahren, denn man befand sich in der
trostlosesten Einde. Allerdings nicht so vegetationslos, da nicht hier
und da noch einige Kruter gesprot htten, aber keineswegs so
krautreich, da man darin htte Kamele weiden knnen.

Nur dieser Theil der Sahara, die sogenannte Libysche Wste, kennzeichnet
sich durch eine so auerordentliche Armuth an Pflanzen, denn in der
ganzen brigen Sahara nehmen Karawanen nie Futter fr die Kamele mit,
sondern die Thiere begngen sich mit dem, was sie unterwegs finden. Nur
sdlich von Tedjerri in Fessan hat man auch ein Terrain zu durchziehen,
wo man fr einige Tage Datteln als Kamelfutter mitzunehmen pflegt.

Wir erreichten dann zunchst die kleine Oase Farafrah, keineswegs dem
Nil zunchst gelegen, im Gegentheil, sie ist von Sinah am Nil die
entfernteste. Aber ich hatte diesen Weg vorgezogen, weil er ein
vollkommen neuer, _noch nie von Europern begangener_ war. Das
Erscheinen einer so groen Karavane, 100 Kamele und circa 80 Mann, rief
natrlich die grte Angst, der alsbald das Staunen folgte, bei den
Eingeborenen hervor, aber als sie schnell gewahr wurden, da wir in
friedlicher Absicht gekommen waren, etablirte sich ein leidliches
Verhltni zwischen uns, soweit der Fanatismus der Bewohner es
gestattete.

Sodann muten wir nach einigen Tagen uns nach Dachel wenden, da wir in
Farafrah weder fr uns noch fr unsere Kamele Vorrthe auftreiben
konnten. Wir folgten derselben Route, welche vor uns Cailliaud gezogen
war, und erreichten nach einer Woche diese freundlichste aller
Uah-Oasen. Und so freundlich uns die Landschaft und der Hauptort Gasr
entgegenlachten, so zuvorkommend wurden wir hier auch empfangen von der
Behrde und der ganzen Bevlkerung. Erwhnen mu ich allerdings, da die
Farafrenser ber unsere Ankunft noch nicht unterrichtet waren, als wir
dort eintrafen, in Dachel hingegen die Behrde von Siut aus schon
instruirt war, uns freundlich aufzunehmen.

Aber auch hier in Dachel waren die Vorrthe nicht so reichlich, wie man
uns es vorgespiegelt hatte, und ich war gezwungen, nach Siut
zurckzusenden, um sechzig neue Kamelladungen Bohnen kommen zu lassen.
Aber ehe dieselben eintrafen, vermochte ich Prof. Jordan, vorauszugehen.
Freilich hatte er mit groen Schwierigkeiten zu kmpfen, aber als dann
Zittel auch bald nachrcken konnte, wurde abermals weiter vorgegangen
und die Expedition erreichte fast den 27 O.L. v. Gr. und blieb vor
einer mchtigen, von Norden nach Sden streichenden Dne liegen. Hier
fand ich dieselbe lagern, als ich selbst nach einiger Zeit dort eintraf.

Eine Recognoscirung, die Zittel zu Fue schon vorher gemacht hatte, eine
andere, die ich selbst mit Prof. Jordan unternahm, stellte nun zur
Evidenz heraus, da an ein weiteres Vorgehen nach Westen nicht zu denken
sei. Wir befanden uns Angesichts eines Sandmeeres, welches aus 100-150
Meter hohen Sandketten mit steilen Bschungen bestand. Die Zwischenrume
zwischen diesen Sandketten waren ebenfalls mit Sand bedeckt, zeigten
_kein nacktes Gestein_. Es traten nun zwei entscheidende Grnde ein, die
uns zwangen, von weiterem Vorgehen nach Westen abzustehen. Erstens waren
es die hohen, von _Norden nach Sden_ ziehenden Dnen, welche zu _jeder
Uebersteigung_ mehrere Stunden nthig machten und wodurch wir sodann
hchstens per Tag 20 Kilometer htten vordringen knnen mit der
_gewissen_ Aussicht, nach acht Tagen smmtliche Kamele todt oder
"=batal="[40] gehabt zu haben. Zweitens war es unmglich, im
Sandmeer Wegzeichen zu errichten; der geringste Samum wrde sie umgeweht
haben; mithin war eine weitere Deptbildung, die unumgnglich
nothwendig war, sowie eine constante Verbindung mit dem Hauptdept
Dachel nicht zu ermglichen.

Sobald daher das Unausfhrbare, Kufra von Westen aus mit den uns zu
Gebote stehenden Locomobilen zu erreichen, constatirt war, beschlossen
wir, mit den Dnen nach Norden zu gehen, um womglich einen Durchgang,
ein Aufhren der Dnen zu finden oder Siuah zu erreichen. Die Dnen
hrten nicht auf, wir waren whrend 14 Tagen stets zwischen hohen Ketten
von Sandbergen und legten einen der sonderbarsten Mrsche zurck, welche
je in Afrika gemacht worden sind. _Ohne Fhrer_ waren wir, wie das
Schiff auf dem Meere, nur dem Compa vertrauend, angewiesen, der einmal
angenommenen Richtung zu folgen. War diese falsch oder wren wir durch
die ftere nothwendig werdende Uebersteigung der Dnen zu weit
abgekommen, so mute voraussichtlich Siuah verfehlt werden[41]. Oder
wren wir von einem _mehrtgigen_ Samum berrascht worden, so wre
voraussichtlich unser Loos ein noch schlimmeres gewesen, indem wir nur
fr eine bestimmte Zahl von Tagen Wasser hatten. Ich konnte es berhaupt
nur bernehmen, die Karavane nach Siuah zu fhren, weil ich dort bekannt
war und die Formation der Ufer und die Lage der Seen stlich und
westlich von Siuah mir noch vor Augen stand. Ich brauchte deshalb nicht
zu frchten, falls ich zu weit westlich oder stlich herauskme,
unorientirt zu bleiben.

Und glcklich erreichten wir denn auch die Oase des Jupiter Ammon, wo
wir bei der Behrde den freundlichsten Empfang fanden. Schon nach
wenigen Tagen brachen wir wieder auf, gingen bis Setra zusammen in
stlicher Richtung und sodann trennten Zittel und ich uns von Jordan, um
wiederum _ohne Fhrer und auf nie begangenem_ Wege direct nach Farafrah
zu gehen, whrend Jordan mit einem in Siuah gemietheten Fhrer nach
Uah-el-behari ging, um die auf den Karten verzeichneten Behar-bela-ma zu
untersuchen.

Farafrah wurde glcklich von uns erreicht, vonwo Zittel sogleich nach
Dachel weiter ging, um unseren dortigen um uns in Sorge lebenden
Gefhrten die Nachricht unserer glcklichen Rckkehr zu bermitteln. Ich
selbst blieb noch einen Tag lnger in Farafrah und ging dann auf
_neuem_, noch nie begangenem Wege nach Dachel, hauptschlich um die
Gebirgszge zu durchschneiden, welche wir frher im Westen von unserem
ersten Marsche von Farafrah nach Dachel erblickt hatten. In Dachel
vereinten wir uns dann nach einigen Tagen zu gemeinsamem Vorgehen ber
Chargeh nach Esneh, welches wir am 1. April ohne Unfall erreichten.

Ich komme nun auf die Resultate zu sprechen und hebe hervor, da uns
auer der allgemeinen Erforschung der Libyschen Wste hauptschlich zwei
Punkte als beachtenswerth waren bezeichnet worden: die Untersuchung der
verschiedenen Behar-bela-ma und die Depression der Libyschen Wste.

Ein Bahr-bela-ma von Dachel ausgehend und nordstlich von Beharieh in
das von Ost nach West gerichtete Bahr-bela-ma von Pacho und Belzoni
mndend existirt nicht. Es breitet sich zwischen ihnen ein einzig
Kalksteinplateau ber 300 Meter hoch aus. In der Sitzung des =Institut
gyptien= hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht, da Bahr-bela-ma
in der Sahara nichts ist, als das gleichbedeutende Wort Wadi, das
hundertmal vorkommt. Wenn es sich aber durch die geographischen
Verhltnisse bestimmt erweisen lt, da ein Bahr-bela-ma als eine
Lngseinsenkung nicht existirt, so ist andererseits durch die
geologische Untersuchung des Bodens auf das Schlagendste nachgewiesen,
da der Nil nie in dieser Richtung hat flieen knnen. Nirgends wurden
von unserer Expedition fluviatile Niederschlge, sondern berall nur
maritime Bildungen constatirt. Das Bahr-bela-ma als ein continuirliches
Thal, oder gar als ein westliches Flubett des Nil mu daher definitiv
aus der Welt geschafft und von den Karten gestrichen werden.

Die zweite zu lsende Aufgabe betraf die Depressionsfrage, ob nmlich
die von mir 1869 entdeckte Depression sich ber die ganze Libysche Wste
erstreckt, oder vielmehr von dem Libyschen Kstenplateau (diesen
Ausdruck mchte ich vorschlagen fr den jetzt gebruchlichen "Libysches
Wstenplateau") sich bedeutend nach Sden zu ausdehnt. Hierin lag
zugleich die Aufgabe einer Erforschung der ganzen Libyschen Wste; denn
als Endziel war die Erreichung der Oase Kufra in Aussicht genommen.

Gleich beim Verlassen der Oase Dachel konnten wir eine merkliche
Steigerung beobachten, wie ja berhaupt, mit Ausnahme von Siuah, alle
Uah-Oasen hher als der Ocean gelegen sind und nur relativ Depressionen
bilden. In Regenfeld waren wir schon ber 300 M. gestiegen, und als wir
dann nach Nord einige Grade zu West den Weg fortsetzten, fanden wir zwar
eine allmlige Absenkung aber erst in Siuah konnten wir eine eigentliche
absolute Depression constatiren. Die Producte des Meeres, die hier
gefunden wurden, die Abwesenheit von Swasserbildungen oder gar von
Nilschlamm schlieen aber auch hier jeden Gedanken aus, da der Nil sich
durch diese Depression in die Syrte ergossen habe.

Unser Vormarsch in Regenfeld war verhindert worden durch hohe Sanddnen,
welche von NNW. zu SSO. Richtung hatten und 100-150 M. hoch waren. Ein
Vormarsch in westlicher Richtung war somit unmglich geworden, theils
wegen der Kamele und theils weil aus Mangel an Wegweisern keine
Depositorien mehr angelegt werden konnten. Denn zwischen den Dnen war
nicht etwa bloses Gestein, sondern tiefer Sand, welcher das Errichten
von Wegzeichen unmglich machte. Wir hatten also Ein einziges Sandmeer
vor uns, nur unterbrochen durch 1--1-1/2 Kilometer auseinanderstehende
Sandketten.

Die Sanddnen sind Meeresprodukt; ihre Formenvernderungen sind im
Allgemeinen constant. Da die Winde, die hier meist von NNW. nach SSO.
wehen, whrend der Chamsin gleiche Richtung, aber aus entgegengesetztem
Pole hat, sie verursachen, glaube ich nicht; denn dann mten sie in der
Grundform in der dem Winde entgegengesetzten Richtung laufen, sie
verlaufen aber mit dem Winde.

Was die Wrmeverhltnisse anbetrifft, so hatten wir diesmal sehr geringe
Schwankungen. Whrend auf frheren Reisen in der Wste im Winter eine
Differenz von 30 beobachtet wurde, hatten wir diesmal im Februar,
welcher sich als der klteste Monat herausstellte, einen Unterschied,
der bedeutend geringer war, wenig mehr als die Hlfte. Eine mittlere
Zahl kann ich noch nicht aus meinen viermal tglich angestellten
Beobachtungen geben. Aber im Februar hatten wir sieben Tage, wo das
Thermometer unter Null war, und am 16. zeigte das Thermometer sogar -5.
Die grte Wrme, welche im Februar beobachtet wurde, betrug nicht mehr
als 24 und dies nur an zwei Tagen. Auffallend war die Erscheinung eines
dreitgigen Regens in der Libyschen Wste, und zwar erstreckte sich
dieser Regenfall ber ein ziemlich groes Terrain: denn in Dachel und
Farafrah hatte es an denselben Tagen auch geregnet, whrend man aber in
dem dem Mittelmeere nher gelegenen Siuah keinen feuchten Niederschlag
gehabt hatte. So war denn auch der Feuchtigkeitsgehalt der Wste ein
ungemein bedeutender und nur, wenn Sdwind eintrat, zeigte sich
pltzlich eine auffallende Trockenheit in der Atmosphre. Leider muten
Untersuchungen ber den Electricittgehalt der Luft ausgesetzt werden,
weil die magnetische Nadel des mitgenommenen Electrometers sich als zu
schwach erwies; sie reagirte gar nicht. Aeuerst interessant waren die
Untersuchungen ber Ozongehalt, wie man sich aus den demnchst zur
Verffentlichung kommenden Beobachtungen Zittels wird berzeugen knnen.
Je offener der Himmel war, und je entfernter wir von bewohnten Pltzen
waren, desto mehr Ozon wurde bemerkt. Bei herrschendem Samum war uerst
wenig Ozon vorhanden.

Ich unterlasse es hier, ausfhrlich ber die von uns angetroffenen
Vlker in den Oasen zu reden. Bekannt ist, da die Bevlkerung von Siuah
berberischer Herkunft ist. In Uah-el-Beharieh, Farafrah und Dachel ist
zweifelsohne die Abstammung der Bewohner dieselbe, wie die der Fellahin
im Nilthale; doch haben sich in Uah-el-Beharieh und Dachel einzelne
Araber frher sehaft gemacht. Hervorheben mte ich noch, da es Prof.
Ascherson gelungen ist, nachzuweisen, da nicht Farafrah die Oase
Trinythis der Alten ist, sondern da dieser Name mit der =Oasis
magna= in Verbindung gebracht werden mu.

Was die archologischen Ergebnisse anbetrifft, so beruhen dieselben auf
genauen photographischen Bildern, welche die Expedition von den Tempeln
in Chargeh und Dachel gemacht hat. Zu diesem Behufe mute der Tempel in
Dachel erst ganz vom Schutte und Sand ausgerumt und zum Theil 50
Centner schwere Blcke entfernt werden. Prof. Ebers in Leipzig, der die
Gte hatte, die Bilder durchzusehen, hat auf den Tempelwnden von Dachel
den Namen des Kaisers Vespasian gelesen und der berhmte Aegyptologe ist
der Ansicht, da die feineren Skulpturen von allgemeinen Knstlern
hergestellt seien, whrend die grberen von Dachelaner Steinhauern
selbst ausgefhrt worden wren. Viel ergiebiger und interessanter
zeigten sich die Inschriften des Tempels von Chargeh. Wir sehen dort den
opfernden Knig Darius, dem Ammon Libationen und Rauchopfer anbietend.
Darius wird als Liebling des Ammon von "Heb" (dies der alte Name fr
Chargeh) bezeichnet, auch ein bisher Ebers unbekannter Vorname des
Darius, "Basetut", ist angefhrt. Nach Ebers wurde der Tempel von
Chargeh erst nach dem Tode Darius vollendet; daher die vielen leeren
Knigsschilder, welche ursprnglich fr den Namen des Darius bestimmt
waren. Die sehr interessanten Inschriften, schrieb mir Ebers, beweisen,
da das ganze gyptische Pantheon, Ammon an der Spitze, in der Oase
verehrt wurde, da dort eine gyptische Priesterschaft mit reichlicher
Versorgung dem Cultus vorstand, da Chargeh Heb hie, da Darius als
Knig Aegypten und wahrscheinlich auch die Oasen besucht hat. Da auf
einer der Platten, welche in Kairo Brugsch vorgelegt wurde, dieser
Gelehrte den alten Namen der Hauptstadt der Oase Dachel als "Mondstadt"
bezeichnet fand, glaube ich schon mitgetheilt zu haben.

In Betreff der Ausbeute der mich begleitenden Fachgelehrten kann ich
noch nichts Detaillirtes mittheilen. Inde gereicht es mir zur Freude,
sagen zu knnen, da die botanischen Ergebnisse des Prof. Ascherson
keineswegs so gering gewesen ist, wie wir frchteten. Gab es auch
manchmal ganz vegetationslose Strecken, so boten aber gerade die Oasen
in der Zeit, als wir dort waren, ein um so reicheres Pflanzenleben.
Prof. Jordan hat alle wichtigen Punkte astronomisch bestimmt. Tglich
wurden Breitenbestimmungen gemacht und die Declination der Magnetnadel
notirt. Und was Zittel anbetrifft, so sind dessen Funde in
palontologischer Beziehung wahrhaft berraschend gewesen. Der Wahn der
einfrmigen Numinulitenformation, welche man frher fr die ganze
Libysche Wste annahm, ist somit grndlich zerstrt.

Dies die wissenschaftlichen Resultate der Expedition. Praktische hat
dieselbe keine aufzuweisen, wenn nicht das bewiesen wre, da der
Europer in Afrika auch ohne Fhrer reisen kann, da durch Mitnahme von
eisernen Wasserbehltern man in der Wste nicht blos Wege, wo Brunnen
oder Wasserlcher sind, zu nehmen braucht, sondern monatelang ohne
solche existieren kann. Selbst die ausgedehnten Eisensrunde werden nie
zu verwerthen sein, weil es in der Libyschen Wste an zwei Bedingungen,
sie zu verarbeiten, fehlt: Kohlen und Wasser. Aber praktische Resultate
hat die Expedition auch nie erzielen wollen, und obschon dieselbe Kufra
aus unberwindlichen Hindernissen nicht erreichen konnte, wird nicht
bestritten werden knnen, da sie der Hauptsache nach ihre Aufgaben
gelst und auf alle Flle in Anstrebung des vorgesteckten Zieles ihre
Pflicht gethan hat.

FOOTNOTES:

[Footnote 28: Nol ist der junge stattliche Afrikaner, welcher in Folge
der Bestimmung Sr. Maj. des Kaisers von Deutschland in Lichtenfelde bei
Berlin eine deutschen Begriffen entsprechende Bildung geno, nun aber,
da ihm das nrdliche Klima nicht bekam, auf Befehl des Kaisers mit nach
Aegypten ging, um dort noch eine weitere Ausbildung zu erhalten.]

[Footnote 29: Centralafrikanischer Volksstamm.]

[Footnote 30: Mandara ist eine Landschaft in Nordafrika, welche von
einem eigenthmlichen Negervolke von brigens ausgezeichneter
Krperbildung bewohnt wird.]

[Footnote 31: Das ist eines jener Thrnenglser, die sich oft in Grbern
der Alten bei Todtenurnen finden und worin angeblich die Hinterbliebenen
den Verstorbenen ihre Thrnen mitgaben.]

[Footnote 32: Buch VI, S.10, deutsche Uebersetzung von Penzel.]

[Footnote 33: Den Schmutz der internationalen Waggons verdamme ich
trotzdem.]

[Footnote 34: Mein deutscher Diener.]

[Footnote 35: Herrn Remel's Diener.]

[Footnote 36: Der Astronom der Expedition.]

[Footnote 37: Photograph.]

[Footnote 38: Archeolog und Geodt.]

[Footnote 39: Schweinfurth reiste im selben Winter nach Chargeh, aber
unabhaengig von der Expedition.]

[Footnote 40: =Batal= = tragunfhig.]

[Footnote 41: Eine Breitenbeobachtung konnte Jordan freilich Abends
machen, aber zu einer Lngen-Nahme fehlte die Zeit.]




9. Das jetzige Alexandrien.


Mehr als zweiundzwanzig Hundert Jahre steht die Stadt, welche den Namen
des groen Mannes trgt, der nach Aegypten gekommen war, um im
weltberhmten Orakelheiligthum des Ammonium die Frage zu stellen, ob er
wirklich ein Sohn des Zeus sei. Gewaltig sind die Strme der
menschlichen Geschichte ber die Stadt dahingebraust, welche einst der
Glanzpunkt der Welt in wissenschaftlicher und commerzieller Beziehung
war. Alexandrien, die Stadt des Museum und Serapeum, war aber trotz
seiner Weltlage im Jahre 1790 so herabgekommen, da, als die Franzosen
unter Bonaparte landeten, es nur mehr circa 6000 Einwohner hatte. Es
gehrte aber auch die ganze Wirtschaft knechtischer Beys dazu, um ein
Land und die Stdte so ruiniren zu knnen, wie wir Aegypten und seine
Oerter am Anfang dieses Jahrhunderts sehen. Verwundert fragt man sich:
wie war es mglich, da eine Stadt, so ungemein gnstig gelegen, so tief
hatte sinken knnen?

In der That hat Alexandrien, wie keine andere Stadt am Mittelmeere, eine
vorteilhafte Lage. Wegen des ausgezeichneten Hafens braucht es nicht zu
befrchten, von Port Said, das allerdings an der Mndung des Kanals von
Suez liegt, berflgelt zu werden, und mittelst der Eisenbahnen und
Dampfschiffe auf den Kanlen ist es ohnedie mit dem groen Kanal in
intimster Beziehung. Alexandrien liegt an einer der grten
Verkehrsadern unserer Zeit, einer Verkehrsstrae, welche voraussichtlich
immer als eine der am lebhaftesten pulsirenden Handelswege fortbestehen
wird. Aber nicht allein das ist es, gleichsam als Etape zwischen
Ostindien und Oceanien einerseits und Europa andererseits zu dienen; die
Stadt Alexander des Groen liegt an der Mndung des einzigen schiffbaren
Flusses von Nordafrika, welcher mit seiner mchtigen Verstelung ein
ungeheures Gebiet beherrscht. Welche Zukunft erschliet sich der Stadt,
wenn die Producte aus Centralafrika nilabwrts ihr zugefhrt werden.
Denn jetzt vermittelt der Nil blos Das, was an Erzeugnissen lngs seines
300 Meilen langen Stammes producirt wird. Welche Zukunft wird aber
Alexandrien haben, wenn die Felsen der Katarakte gesprengt und man mit
Dampfschiffen direct vom Mittelmeere bis zu den See'n Innerafrikas, den
groen Wasserreservoirs des Nils, wird fahren knnen!

Aber wenn man auch Alexandrien ein immer mehr gnstig sich gestaltendes
Prognostikon stellen kann, so hat die Stadt keineswegs Ursache, mit
ihrer heutigen Entwickelung unzufrieden zu sein. Es ist der Grovater
des jetzigen Chedive, Mohammed Ali, dem die Stadt ihren jetzigen
Aufschwung verdankt. Dadurch, da er der Stadt den Kanal herstellte,
wurde ihr nicht nur gutes Trinkwasser, sondern auch ein leichter
Verkehrsweg mit dem Innern geschaffen. Mohammed Ali war auch der Erste,
welcher den Schiffen der christlichen Nationen den Eingang in den alten
Hafen erffnete; bis vor seiner Regierung muten sie den neuen, wenig
sicheren Hafen benutzen.

Alexandrien mit etwa 200,000 Einwohnern zerfllt in zwei Stadttheile,
von denen der eine von der europischen Bevlkerung der andere von den
Eingeborenen bewohnt wird. Der arabische[42] Stadttheil ist im
Nordwesten und Westen gelegen; die Straen sind eng, unregelmig, im
Sommer staubig, im Winter mit undurchdringlichem Schmutz erfllt; die
Huser sind meist einstckig und hchst launenhaft gebaut. Hier steht
eins mit halber Front, diagonalartig zur Strae, dort hngt eins mit dem
oberen Stockwerk ber; hier ist eins in die Strae selbst hineingebaut,
dort ist eins, welches einen weiten Hof vor sich hat. Fenster sind
sprlich vorhanden, namentlich im Erdgeschosse; ist eine Bel-Etage
vorhanden, so findet man hufig sehr viele, mit feinem Holzgitter
verschlossene Fenster. Sehr praktisch ist der zickzackartige Bau des
oberen Geschosses, der Art, da regelmig vorspringende Winkel, mit
Fenstern versehen, angelegt sind. Alte Gebude findet man in der
Alexandrinischen Araberstadt fast gar nicht, so da sie keineswegs ein
interessantes Aussehen hat, sich hchstens gut bei Mondscheinbeleuchtung
ausnimmt. So durchzogen wir sie denn auch eines Abends, ehe wir die
libysche Expedition antraten, und besuchten sodann ein Kaffeehaus der
Eingeborenen, um eine Mokka zu schlrfen und einen Tschibuk zu saugen.
Aber auch hier fngt die Civilisation an, mit mchtiger Gewalt
einzudringen. Im ganzen arabischen Viertel ist jetzt Gasbeleuchtung. Wie
lange wird es dauern und die Straen werden gepflastert, sie werden
gerade gemacht, besprengt, mit schattigen Bumen bepflanzt und statt der
kleinen Gewlbe und Boutiken mit prchtigen Verkaufslden geschmckt
werden. Das Letztere wre namentlich wnschenswert; denn gezwungen durch
die Kleinheit ihrer Verkaufsbuden, rcken die Kaufleute ihre Waaren weit
in die Straen hinein, verengern so die Passage und fllen die Luft mit
den sich mischenden Gerchen gekochter Speisen, frischen Gemsen, rohen
Fleisches, kurz aller Gegenstnde, die sie feil haben.

Das muselmnnische Alexandrien hat hundert Moscheen, von denen jedoch
keine einzige ausgezeichnet und berhmt ist, verschiedene Sauya[43] und
Medressen[44] und eine Menge Funduks und Karawanseraien, um Menschen und
Thiere zu beherbergen. Es versteht sich von selbst, da in diesen
Funduks nur die Eingeborenen logiren. Die Bevlkerung des arabischen
Theiles von Alexandrien betrgt etwa 100,000 Einwohner, also die Hlfte
der Gesammtbevlkerung.

Ganz anders erscheint das europische Quartier, welches, wie aus dem
frher Gesagten hervorgeht, eine eigentliche Schpfung der Neuzeit ist.
Breite und gerade Straen, zum Theil mit schnen Baumreihen bestanden,
hier und da ein reizender Platz mit immergrnen Pflanzen und duftigen
Blumen, an den Seiten prchtige, mehrstckige Huser, massive Bauten
mit den elegantesten Lden, herrliches Pflaster (die Steine dazu hat
man von Triest kommen lassen, _jedes Stck_ hat circa 5 Francs gekostet
bei einer Gre von 15 Zentimeter quadratischer Oberflche auf 20
Centimeter Tiefe), mit schnem Trottoir fr Fugnger, machen das
europische Alexandrien zu einer der schnsten Stdte am Mittelmeere.
Dazu kommt eine ausreichende Gasbeleuchtung und eine knstliche
Wasseranstalt (auch die arabische Stadt wird mit Wasser aus derselben
versorgt), welche bei Moharrem-Bai Nilwasser in ein Reservoir pumpt, aus
der die ganze Stadt mit dem besten Trinkwasser der Welt versorgt
wird[45]. Der mittlere Verbrauch von Wasser beluft sich auf 8000
kubische Meter tglich.

Auf dem Platze Mohammed Ali's, auch =Place des consuls= genannt,
concentrirt sich am meisten das europische Leben; hier sieht man die
glnzendsten Lden, hier ist das franzsische Generalconsulat, das
Stadthaus, mehrere groe Hotels und seit zwei Jahren--Allah und Mohammed
verzeihe dem Chedive und seinen Rthen diese christliche oder vielmehr
heidnische Ketzerei--erhebt sich inmitten der breiten Allee die ber
lebensgroe Statue des Begrnders der jetzigen Dynastie. Die Statue
Mohammed Alis ist aus Bronce und im Ganzen 11,50 Meter hoch, wovon 6,50
Meter auf das aus toscanischem Marmor gemeielte Piedestal kommen,
whrend die Reiterstatue selbst 5 Meter hoch ist. Die Statue ist von
prachtvoller Wirkung. Mohammed Ali in orientalischer Tracht, den Kopf
beturbant, sitzt in gebietender Stellung zu Ro, seinem energischen
Gesichtsausdruck sieht man es an, da er der Mann ist, welcher das
trkische Joch abschttelte, der, htten nicht die Gromchte ihr Veto
dazwischen gerufen, sein Schwert bis nach Stambul selbst hineingetragen
haben wrde. Furchtsam umstehen die Fellahin das Denkmal, fromme Flche
und Verwnschungen murmelt der scheinheilige Taleb oder Faki beim
Anblick dieses gewaltigen Mannes; am liebsten wrde er gleich das "Bild"
vernichten. Aber der Preis und die Belohnung, welche er sich dafr im
Paradies unfehlbar erwerben wrde, scheint doch nicht so sicher zu sein,
als die irdische Strafe, welche einem solchen Versuche auf der Stelle
folgen wrde. Ismael, der jetzige Regent von Aegypten, kennt seine
Leute, er wei, was er ihnen bieten kann und er wei, da der
einigermaen denkende Mohammedaner heute der irdischen Belohnung und der
irdischen Strafe vor den unsicheren zuknftigen Versprechungen oder den
jenseitigen Qualen den Vorzug giebt. =Tout comme chez nous=. Wer
frchtet sich heute bei uns vor den Flammen der Hlle und vor der
Aussicht, Milliarden von Jahren dem Allerhchsten ein Hallelujah zu
singen!--Aber das irdische Gesetz und das eigne Pflichtgefhl, die Liebe
zum Guten und Schnen, der Ha des Bsen und Hlichen, welche uns
_jetzt_ schon erblich, mchte ich sagen, berliefert werden, das sind
heute die groen Triebfedern, welche die menschliche Ordnung und
Gesellschaft zusammenhalten mssen.

Da fr die religisen Bedrfnisse der Europer reichlich gesorgt ist,
versteht sich von selbst in einer orientalischen Stadt, wo die meisten
Europer Katholiken sind oder der griechischen Kirche angehren. Es
giebt 3 katholische Kirchen, 4 fr den griechischen Ritus, 3
protestantische, 1 koptische und 1 maronitische Kirche. Die Juden haben
3 Synagogen. Da Mnche und Klster nicht fehlen in einer so groen
Stadt am Mittelmeere, der Geburtssttte so vieler Religionen, braucht
wohl kaum gesagt zu werden. Der koptische Patriarch residirt auch in der
Regel in Alexandrien.--An Wohlthtigkeitsanstalten besitzt die Stadt 4
Hospitler, das fr Militr und Civilpersonen eingerichtete
Gouvernementshospital, das allgemeine europische Hospital, das
Diaconissenhospital und ein griechisches. Von den barmherzigen
Schwestern wird auch ein Findlinghaus geleitet.--Die Schulen sind alle
in den Hnden der Geistlichkeit, aber es drfte, seit Herr Dor, ein
Schweizer, die Leitung des Unterrichts in Aegypten bernommen hat, bald
eine gnstige Vernderung eintreten; auch eine deutsche Schule ist unter
den Auspicien des deutschen Generalconsulats gegrndet worden. Von den
brigen europischen Schulen nenne ich das Institut der Lazaristen
(=collge des Lazaristes=), hnlich eingerichtet, wie ein
franzsisches Lyceum: man unterrichtet in franzsischer Sprache
Lateinisch und Griechisch. Das Arabische, Neugriechische, Italienische
ist facultativ. Englisch und Zeichnen und Musikunterricht werden
besonders bezahlt, der Pensionpreis betrgt 1000 Francs jhrlich. Die 12
Lehrer sind smmtlich Geistliche. Die Schule wurde 1873 von 60 Schlern
besucht. Das italienische Lyceum steht unter italienischer
Regierungscontrole; die Zahl der Schler betrug 255 im selben Jahre. Die
Schule der schottischen Kirche, die der apostolischen Amerikaner, die
der Griechen, die allgemeine, unter dem Protectorat des gyptischen
Erbprinzen stehende Schule mit unentgeltlichem Unterricht sind alle mehr
oder weniger stark frequentirt. Auch die Juden haben eine von etwa 120
Schlern besuchte Anstalt. Auerdem giebt es 6 Mdchenschulen. Sowohl
von den Kirchen, wie auch von den Schulen haben mehrere ein monumentales
Aeuere.

Die Vereinigung der ersten Gelehrten, welche jedoch kein eignes Gebude
besitzen, ich meine =l'Institut gyptien= ist seit Anfang dieses
Jahres nach Kairo verlegt worden. Es giebt sodann viele
Wohlthtigkeitsvereine und auch gesellige; von den letzteren sind die
bedeutendsten der Brsencirkel, der philharmonische Gesellschaftskreis,
vorwiegend aus Franzosen bestehend, und der Club der Deutschen. Fr das
geistige Leben ist durch eine ffentliche Bibliothek und durch das
Erscheinen von 9 Zeitungen gesorgt, von denen 3 in italienischer, 1 in
englischer, 2 in griechischer und die brigen in franzsischer Sprache
erscheinen.

Im hbsch gelegenen und elegant erbauten Siziniatheater werden
italienische Opern aufgefhrt, auerdem giebt es noch ein kleines
Theater, Namens Alsieri. Erwhnen wir schlielich noch, da
franzsische, englische, italienische und griechische Freimaurerlogen in
Alexandrien sind, im Ganzen 8, an der Zahl, so glauben wir aller
Anstalten Erwhnung gethan zu haben. Nur mchte ich fr etwaige nach
Aegypten Reisende hervorheben, da es dort eine Reihe guter Htels
giebt, von denen 2 ersten Ranges, da Kaffeehuser und Restaurationen in
groer Anzahl vorhanden sind, ja da es sogar viele deutsche Bierstuben
giebt, wo Wiener Bier verzapft wird. In der Stadt Alexander des Groen,
des Ptolemus Philadelphus, deutsches Bier von deutschen Jungfrauen
geschenkt! In der Stadt des Pompejus, der Cleopatra Gas- und
Dampffabriken! Welche Gegenstze und doch so gro nicht, wie man denkt!
Denn in der Stadt, wo das weltberhmte Museum mit 700,000 Bchern oder
vielmehr Schriftrollen war und die im Serapeum eine zweite Bibliothek
mit 200,000 Bnden besa und deren Straen eben so wohl und gerade
angelegt waren, wie jetzt die des europischen Viertels[46], in der zur
Zeit, als die Rmer die Herrschaft antraten, nach Diodorus Siculus fast
eine Million Einwohner sich befanden, soll die Zukunft erst wieder eine
gleiche Blthe und Bevlkerung hervorbringen, wie wir solche zu Zeiten
der Ptolemer dort vorfanden.

Von den 200,000 Einwohnern kommen auf die europische Bevlkerung von
Alexandrien circa 100,000 Seelen[47] und sind dahin auch die Trken und
ihre Descendenz zu rechnen, mit einem ziemlich zahlreichen Contingent.
Sie bewohnen die Halbinsel, welche, ehedem als selbe nur durch einen
steinernen Damm mit dem Festlande verbunden war, Insel Pharos hie. Die
Straen dieses Viertels sind auch ziemlich breit und gerade, und besser
im Stande gehalten als im arabischen Viertel. Hier wohnen die Paschas,
Beys, Effendis und hohen Wrdentrger des Knigreichs. An der
westlichen, uersten Spitze des Vorgebirges =Ras es Tin= oder
Feigenvorgebirge genannt, lie Mohammed Ali ein nach dem Plane des
Serail in Konstantinopel erbautes Schlo errichten. Dasselbe wird noch
von dem Viceknig benutzt; auch Harem und Dienstzimmer fr die Minister
befinden sich in demselben. Das Harem steht ganz isolirt inmitten des
schnen Gartens. Dicht daneben ist auch das Arsenal.

Der alte Hafen von Alexandrien hat seit 1870 eine vollkommene Umwandlung
erlitten, indem die groartigsten Molenbauten[48] ganz neue Bassins
schufen. Im Jahre 1876 wird Alexandrien ein ueres Hafenbecken besitzen
mit einer Oberflche von 350 Hektaren und einer Tiefe von wenigstens 10
Meter. Dieser Vorhafen wird nach der offenen Seite durch einen
Wellenbrecher geschtzt sein, welcher 2340 Meter lang und 8 Meter hoch
sein soll. Die Blcke dazu werden zum Theil knstlich hergestellt und
werden 20,000 benthigt, jeder 10 Kubikmeter gro und 20 Tonnen[49]
wiegend. Dieser Wogenbrecher hat zwei Eingnge, einer zwischen dem
Nordende und =Ras el Tin=, 600 Meter breit, fr kleinere Schiffe,
ein anderer am sdlichen Ende, 800 Meter breit, fr groe Fahrzeuge.

Das innere Hafenbecken wird 72 Hektaren Oberflche haben und wenigstens
8,50 Meter tief sein. Auch dieser Hafen wird durch besondere Molen
geschtzt sein und hydraulische Krne zur Leichterung der Schiffe
erhalten. Die jhrliche Schiffsbewegung beluft sich jetzt auf circa
3000 einkommende und ebenso viel ausfahrende Schiffe mit einem Gehalt
von circa 1,500,000 Tonnen.

Der "Guide" von Franois Levernay, dem wir die Zahlen fr diesen Aufsatz
entnommen, giebt die mittlere Jahrestemperatur von Alexandrien zu +20
C. an, mit einem Maximum von 27 und einem Minimum von 7. Ich glaube,
sorgfltiger angestellte Beobachtungen wrden eine um einige Grad
wrmere Temperatur ergeben. In Alexandrien ist noch nie Frost beobachtet
worden; in der Libyschen Wste, obschon sich dieselbe bedeutend weiter
nach Sden erstreckt, fllt das Thermometer jeden Winter unter Null. Der
klteste Monat in Alexandrien ist der Januar, Juli und August sind die
heieste Zeit. Der Nord und Nord-Nord-West-Wind sind, wie in ganz
Untergypten, die vorherrschenden, erst Ende April und im Mai weht der
Chamsin (d.h. der whrend 50 Tagen wehende Sd-Sd-Ost-Wind) und bringt
oft eine unertrgliche Hitze, die jedoch nur whrend des Windes selbst
anhlt. Whrend des Chamsin ist selbst am Meeresstrande die Luft kaum
mit Feuchtigkeit geschwngert, whrend der brigen Monate ist aber
gerade in Alexandrien ein ungemein hoher Feuchtigkeitsgehalt, was den
Aufenthalt in den Sptsommerwochen so unangenehm macht. Die Quantitt
des Regenfalls variirt zwischen 100 und 335 Mm. jhrlich; doch macht man
auch hier die Wahrnehmung, da mit der steigenden Baumcultur auch die
Menge des Regenfalles sich jhrlich in Alexandrien vermehrt. Strme sind
in Alexandrien selten, Hagel fllt durchschnittlich ein- oder zweimal
des Jahres, im Mrz oder April; Nebel, aber von kurzer Dauer, treten im
Mrz, November und December auf.

Wie der Chedive, der Hof und die ganze Regierung im Sommer von Kairo
nach Alexandrien bersiedeln, der frischen Meeresbrisen wegen, so
folgen auch die meisten Europer diesem Beispiel. Aber sie wohnen dann
weniger in Alexandrien selbst, als im nahe gelegenen Ramleh, einem Orte,
welcher vor wenigen Jahren seinen Namen (Sand) noch verdiente, jetzt
aber ein reizender Villencomplex geworden ist. Ramleh hat im Sommer
6500, im Winter 3200 Einwohner und man findet dort alle Annehmlichkeiten
einer Villegiatur. Griechische, franzsische und italienische Schulen,
Schauspiele, Restaurants und ein Htel deutet darauf hin, da Ramleh
binnen Kurzem das Scheveningen Alexandriens sein wird.

Aber auch an reizenden Spaziergngen fehlt es den Alexandrinern nicht.
Lngs des Mahmudie-Kanals findet man an den Seiten schattiger Alleen die
herrlichsten Grten und darin versteckt die geschmackvollsten Villen.
Keine herrlichere Spazierfahrt kann man sich denken, als lngs dieses
von Hunderten von greren und kleineren Schiffen, sowie von eleganten
Dahabien belebten Kanals. Auch der ffentliche Garten ist hier gelegen,
wo tgliche Militrmusik die elegante Welt anzieht. Wenn man Abends die
Hunderte von feinen Landauern mit den schnen griechischen Damen in
elegantester Toilette daherfahren sieht, dann glaubt man nicht in Afrika
zu sein, sondern man denkt unwillkrlich an die wagenbelebte Chiaja in
Neapel. Aber es ist Alles erst im Werden, denn mit Sicherheit fast lt
sich voraussagen, da Alexandrien wieder werden wird, was es war, ein
Emporium fr den Welthandel, die bedeutendste Handelsstadt des
Mittelmeeres.

FOOTNOTES:

[Footnote 42: Wenn ich "arabisch" sage, so ist damit die eingeborne
Bevlkerung von Aegypten gemeint, welche aber keineswegs arabisch ist.
Ich folge in dieser Bezeichnung nur einen angenommenen Gebrauche.]

[Footnote 43: Sauha ist Kloster, Hochschule und Asyl; letzteres hat aber
in Aegypten heute keine Bedeutung mehr.]

[Footnote 44: Medressa ist Schule.]

[Footnote 45: Die Eingeborenen und auch fremde Araber und Berber
behaupten, da das Nilwasser das seste und beste Wasser der Welt sei
und sagen wie die Rmer von ihrer Fontana Trevi, wer einmal aus dem Nil
getrunken habe, den zge es immer wieder nach Aegypten hin.]

[Footnote 46: Siehe Tafel 5, Zeitschrift fr Erdkunde 1872. Kiepert, Zur
Topographie des alten Alexandrien.]

[Footnote 47: Der Zahl nach kommen zuerst Griechen, dann Italiener, dann
Englnder (Maltheser), dann Franzosen, endlich Deutsche; die brigen
Nationen sind in geringer Zahl vorhanden.]

[Footnote 48: Die Kosten dieser Bauten, mit deren Ausfhrung das Haus
Greenfield u. Comp. betraut ist, sind auf 50,000,000 Francs
veranschlagt. (=Guide annuaire d'gypte 1873=.)]

[Footnote 49: Eine Tonne gleich 2240 Pfund.]




10. Kairo, Hauptstadt von Aegypten.


Ehe wir die Beschreibung von Aegyptens Hauptstadt unternehmen, kehren
wir zur Vergangenheit zurck und besonders auch kmmern wir uns um die
Etymologie des Namens der Stadt selbst. Die modernen Vlker haben alle
mehr oder weniger eine gleiche Benennung. Wir Deutsche schreiben Cairo
und Kairo und sprechen Kairo oder Karo; die Franzosen sagen und
schreiben. =Caire= oder =le grand Caire=; die Englnder
schreiben Cairo, ebenso die Italiener, welche aber Karo sprechen. Der
gemeine Mann Aegyptens wei aber von "Kairo" nichts, denn selbst das
Wort "=el Khira=", die Unterjocherin[50], welche Veranlassung zur
Bildung des Wortes Karo gewesen, ist nur den Gebildeten bekannt. Das
Volk der Hauptstadt, sowie die Eingeborenen des Landes nennen die Stadt
Masr. Auch dieses Wort finden wir von den Europern auf die
verschiedenste Art geschrieben: Masr, Misr, Messr, Masser, Messer und
noch einige andere Schreibarten.

In der nachfolgenden Erklrung dieses Namens folge ich durchaus der
Auseinandersetzung des gelehrten Orientalisten Wetzstein in Berlin, der
die Gte hatte, mir seine bezglichen Forschungen hierber mitzutheilen,
die um so werthvoller sind, weil sie zum Theil neue Gesichtspunkte
erffnen und vollkommen originell sind.

Wetzstein sagt: Die Hauptstadt Aegyptens heit bekanntlich im Lande
selbst Misr[51]. Da nun dieser Name ursprnglich der Name des ganzen
Landes ist, denn schon im alten Testamente hie Aegypten Misraim, so hat
man hier eine Uebertragung des Landnamens auf die Landeshauptstadt zu
constatiren; =medinat Misr=, die Hauptstadt Aegyptens, ist also zur
Stadt Misr geworden. Fr eine solche Uebertragung bietet die
geographische Nomenclatur der Araber viele Beispiele. Hier nur einige:
Syrien hie bei den Arabern der Halbinsel schon in den ltesten Zeiten
Schm, d.h. das Nordland, und sein Hauptmarkt, bis wohin die arabischen
Karavanen gingen, war in vormohammedanischer Zeit Bosr, die Hauptstadt
Haurn's; eine Reise nach Syrien war also in der Regel fr die Araber
gleichbedeutend mit der Reise nach Bosr. Daher heit bei ihnen in jener
Zeit Bosr immer Schm im Sinne von "Markt" von Schm (Syrien). Als nun
in den ersten Jahrhunderten des Islam Bosr verdete und die Karavanen
bis Damask gehen muten, ging die Benennung Schm naturgem auf die
Stadt ber, so da der Name Damaskus vollstndig unterging[52] und
Schm seitdem zugleich Syrien und Damask bedeutet. Nur blieb an den
Ruinen von Bosr noch der Name Alt-Schm (trkisch: Eski-Schm) haften.

Ein anderes Beispiel: Die Hauptstadt von Bahrein, d.h. von dem
nordstlichen Kstenstriche der arabischen Halbinsel, war im Alterthum
der berhmte Handelsplatz Gerrha (arabisch H'gr), der Ausgangs- und
Zielpunkt der aus und nach Bahrein expedirten Karawanen. Auch dieses
Emporium verlor unter den Arabern seinen Eigennamen und nahm den des
Landes Bahrein an.

Dasselbe geschah mit der alten Hauptstadt Jemma, dem heutigen
Wahabiten-Reiche, westlich von Bahrein. Sie hie Hagr; aber die
arabischen Geographen erwhnen selten diesen Namen. Meistens nennen sie
die Stadt entweder Medinat-el-Jemma oder geradezu Jemma, wie das Land
selbst. Diesen Beispielen fgen wir noch die Stadt Ramla (bei Lydda)
bei, welche bis zum Beginn der Kreuzzge von groem Umfange und
Hauptstadt der Provinz Felistin (damals Westpalstina) war; sie wird in
den arabischen Schriften jener Zeit geradezu Felistin im Sinne von
"Hauptstadt Palstina's" genannt. Liest man, Jemand habe in Felistin
bernachtet, oder von Felistin nach Jh oder Jerusalem sei eine
Tagereise, so ist immer Ramla gemeint.

Diese Bezeichnungsweise ist oft verwirrend und kann das Verstndni
einer geographischen oder historischen Angabe erschweren. Entstanden
wird sie sein durch die Redeweise der Karawanen, insofern z.B. die aus
Arabien abgehende Kfilat-Misr, Karawane von Misr, immer zugleich die
nach dessen Hauptstadt dirigirte war, und man darf annehmen, da Misr
schon Jahrhunderte lang _vor dem Islam_ bei den Arabern jene doppelte
Bedeutung hatte.

Uebrigens wre auch folgende Erklrung denkbar: Unter den Ptolemern
entstand zwischen Heliopolis und Memphis ein Waffenplatz, der
wahrscheinlich das volkreiche Memphis im Zaume halten sollte und zur
Erinnerung an Alexander's Feldzug in Asien Babylon genannt wurde. Nach
und nach verdete Memphis, indem es einen kleinen Theil seiner
Bevlkerung und seines Baumaterials an dieses Babylon abgab, welches in
den ersten Jahrhunderten der christlichen Aera (abgesehen von
Alexandrien) der Hauptort Aegyptens geworden zu sein scheint. Denn als
des Chalifen Omar's Feldherr ='Amr-ibn-el-'[s,]= im Jahre 19 der
Higra Babylon erobert hatte, befand er sich thatschlich im Besitze des
ganzen Landes und brauchte nur noch Alexandrien zu erobern. Dieses
Babylon hie nun zum Unterschiede von der berhmten gleichnamigen Stadt
am Euphrat "das gyptische Babylon", Bbelin Misr, welche Bezeichnung
sich, da die Araber lange Ortsnamen hassen, in Misr verkrzte, so da
Land und Landeshauptstadt gleichnamig wurden. Doch ist die =primo
loco= gegebene Erklrung dieser unbedingt vorzuziehen.

Die brigen Namen der Hauptstadt Aegyptens anlangend, so hie dieselbe
in den ersten Jahrhunderten des Islam el Fostt aus folgender
Veranlassung. Als der vorerwhnte ='Amr-ibn-el-'[s,]= Babylon
belagerte, stand sein Lager an der Nordseite der Stadt, und um sein
Zelt, welches el Fostt hie, bildete sich nach und nach eine
Baracken-und Httenstadt, die sich erhielt und vergrerte, da ein Theil
des Lagers auch nach Eroberung der Stadt stehen blieb. Diese nomadische
Niederlassung verwandelte sich nach und nach in eine Vorstadt Babylons,
die nach ihrem Mittelpunkte dem ehemaligen Feldherrn-Zelte, el Fostt
genannt und deren Name allmlig auf die ganze Stadt angewendet wurde, so
da die alte Benennung Babylon auer Brauch kam. Doch findet man sie
noch bei den Geographen, welche sie bald Babeljn, bald Hisn-el-In
(Festung des In) schreiben, indem die erste Silbe, welche man fr das
arabische =Bab= Thor hielt, wegfiel.

Der Name el Fostt wurde seit der Occupation Aegyptens durch den
Fatimiten =el Moizz li-din-Allah= (369 d.H.) verdrngt. Als Ganhal,
sein Feldherr, mit dem westafrikanischen Heere vor die Hauptstadt
rckte, ging er mit der Bevlkerung den Vertrag ein, da seine Soldaten
die Stadt selbst nicht betreten, sondern auerhalb derselben in Baracken
und Zelten untergebracht werden sollten. Dieses Lager, welches sich wie
350 Jahre frher dasjenige des ='Amr-ibn-el-'[s,]= allmlig in
eine militrische Colonie verwandelte und zugleich die Unterwrfigkeit
der Stadt gewhrleistete, erhielt den Namen el Khira "die
Unterjocherin", der sich gerade wie frher el Fostt der ganzen Stadt
mittheilte.

Man unterscheidet bis auf den heutigen Tag die Stadttheile el Khira, el
Fostt und das ursprngliche Misr. In amtlichen Acten, bei denen es auf
Genauigkeit der Ortsangaben ankommt, heit die Stadt Khirat Misr "Kairo
in Aegypten", oder auch Misr el Khira, was der gewhnliche Mann als die
"siegreiche Stadt Misr" deutet.

Indem wir so der Auseinandersetzung des gelehrten Orientalen folgten,
fgen wir noch hinzu, da Wetzstein etymologisch das Wort Misr
simitischen Ursprungs erklrt und sich der Ansicht zuneigt, es bedeute
"die beiden eingeschlossenen Lnder", nmlich Ober- und Unter-Aegypten.
Wetzstein meint nmlich: "gehre diese Benennung ursprnglich einer
altgyptischen, d.h. einer Ruschitischen Sprache an, so liee sich
nichts ber ihre Bedeutung sagen, denn das Koptische sei ein zu
verkommenes Idiom und das Hieroglyphische mit seinen Schwestern eine zu
unbekannte Sprachform, als da sie Aufschlsse geben knnten."

Genug! Wenn auch nicht an derselben Stelle gelegen, wissen wir und
mssen das festhalten, da die heutige Hauptstadt der Aegypter bei den
Alten Babylon (bei den lateinischen Schriftstellern Babylonia), bei den
ersten Arabern Fostt hie und da sie heute bei den Europern mit den
verschiedenen Variationen Kairo, bei den Aegyptern selbst Masr genannt
wird. Die Namen Masr el-kahirah als Neustadt oder Masr el-attica als
Altstadt haben nur officiellen Sprachgebrauch erlangt.

Man hat behaupten wollen, die Vorgngerin Kairo's, die Stadt Memphis,
sei gnstiger gelegen gewesen, als die jetzige Hauptstadt Aegyptens. Ich
wte nicht, worauf man dieses Urtheil sttzen wollte. Der natrlich
vortheilhafteste Platz wre wohl an der Spitze des Delta's selbst
gewesen, aber die Entwicklung der Stadt selbst zeugt, da man keineswegs
eine ungnstige Position zur Anlage einer Stadt gewhlt habe. Es ist
heute freilich leicht zu sagen, die und die Stadt hat eine uerst
gnstige geographische Lage. In unserer Zeit der Eisenbahnen, der
Kunststraen, der Kanle &c. berlt man sich gar zu leicht der
Ansicht, die natrliche Lage der Stadt habe das Blhen und Gedeihen
derselben verursacht, wenn es doch nichts Anderes war als eben jene
modernen Kunstmittel.

Kairo liegt auf dem 30 2' 4'' N.B. und auf dem 28 58' 30'' O.L. von
Paris. Die Erhebung der Stadt ber dem Meere betrgt durchschnittlich 13
Meter; obschon einzelne Stadtteile hher sind, so liegt die
Hassan-Moschee 30 Meter hher, als der Spiegel des Mittelmeeres.

Die mittlere Jahrestemperatur ist 23 C. Selten fllt im Winter der
Thermometer unter 10 und steigt nur whrend der Zeit der Chamsinwinde
auf ber 40. Whrend frher feuchter Niederschlag zu den Seltenheiten
gehrte, hat man die Beobachtung gemacht, da jetzt mit jedem Jahre die
Regenflle im Zunehmen begriffen sind; offenbar Folge der so sehr
vermehrten Baumpflanzungen in der Stadt selbst und in der nchsten
Umgebung derselben. Aber es liegen noch keine bestimmten Daten hierber
vor und so heben wir eben nur die allgemeine Thatsache hervor.

Obschon man wegen der immerhin bedeutenden Hitze nicht sagen kann, da
Kairo ein angenehmes Klima habe, so kann man doch auch keineswegs
behaupten, es sei eine ungesunde Stadt. Im Sommer pflegen wegen der
unertrglichen Hitze die dort wohnenden Europer, auch der Hof, die
ersten Wrdentrger und reiche Eingeborene die Stadt zu meiden. Im
Winter hingegen ist sie Aufenthaltsort zahlreicher Reisender und noch
zahlreicherer Kranker, welche dort Herstellung ihrer Gesundheit zu
finden hoffen. Namentlich fr Schwindschtige wird die Luft Kairo's und,
wie es scheint, mit Recht, empfohlen. Die sogenannte gyptische
Augenkrankheit eine Entzndung der Schleimhaut, der Conjunctiva des
Auges, sowohl des Augapfels, als auch der Augenlider, welche ansteckend
und in Aegypten endemisch ist, eine seit Hippokrates Zeit bekannte
Krankheit, wurde durch die franzsische Invasion unter Napoleon I. und
durch die Englnder nach Europa gebracht; inde befllt sie
erwiesenermaen Europer weniger, als die Eingeborenen und Letztere
werden besonders davon afficirt, weil sie nicht durch grte
Reinlichkeit die fortwhrenden schdlichen Einwirkungen des Staubes, von
dem die Luft stets geschwngert ist, unwirksam machen. Und zwar wirkt
der Staub, der unmittelbar in den Straen aufgewirbelt wird und aus den
kleinsten Partikeln zersetzter organischer Stoffe besteht, ebenso
schdlich, als der kaum sichtbare Staub der Samum-Winde. Woran die
Europer am meisten leiden, das sind Krankheiten der Leber und der Milz,
letztere zum Theil hervorgerufen durch tertire Wechselfieber, und sind
erstere radical nur zu heilen durch Ortsvernderung, durch Rckkehr nach
Europa. Die Pest kommt seit Jahren nicht mehr in Kairo vor und die
Cholera eben auch nicht hufiger, als in Europa.

Kairo ist eine unbefestigte Stadt, denn was die Ksbah betrifft, welche
ursprnglich zur Verteidigung der Chalifenstadt diente, nebst hohen
Mauern, welche im Mittelalter die Stadt umfriedigten, so ist erstere
lngst ihres Festungscharakters beraubt, letztere aber sind geschleift
und abgetragen worden, oder in Ruinen zerfallen. Jedoch zahlreiche
Mauern im Innern der Stadt, ehemals uere Stadtmauern, zeugen von der
bestndigen Umwandlung und Vergrerung der Stadt, sowie die jetzige
uere Mauer ebenfalls schon inmitten der Hauptstadt sich befindet.
Heute ist es kaum noch gestattet, von Masr el Khirah, von Masr el
Attika, von Bulak u.s.w. als unterschiedlichen Stdten zu reden,
namentlich wird es ebenso falsch sein, zu sagen, Bulak sei als _Hafen_
Kairo's von dieser _Stadt_ zu unterscheiden, sowie man Unrecht htte,
Moabit nicht zu Berlin zu rechnen. Heute liegt in der That Kairo am Nil:
Bulak ist ein Stadttheil der Hauptstadt geworden. Hchstens darf man
jetzt noch den Unterschied zwischen _dem_ Stadttheile machen, der seinen
_morgenlndischen_ Charakter bewahrt hat und dem, der ganz _europisch_
ist.

Der erste Stadttheil, der sich an die Citadelle lehnt, welche selbst auf
einem der uersten Auslufer des Mokattam-Gebirges gelegen ist, den man
unter dem Namen Chalifenstadt begreifen kann, ist ein groes Labyrinth
krummer und enger Straen, oft durch Ueberbauten dunkel und so
unscheinbar, da man meinen sollte, man befnde sich in einer Gasse des
Hauptortes der Oase des Jupiter Ammon. Hier kennt man kein Pflaster,
hier giebt es Abends keine Beleuchtung, geschweige denn von Gas zu
reden; zahlreiche Sackgassen ntigen den nicht Eingeweihten, stets auf
seine Schritte zurckzukommen, vom Eintritt eines bestimmten Platzes an
bis zu einer bestimmten Grenze wird der Fremde, passirt er Nachts diesen
Stadttheil, von einer klaffenden Meute hungriger Hunde verfolgt, welche
wild und herrenlos, wie sie sind, doch unter sich eine genaue
Besitzeintheilung hergestellt haben der Art, da immer ein Theil eines
Quartiers oder einer Strae von einer Meute besetzt gehalten wird, die
auf's Eifrigste ber die Unverletzlichkeit ihres Territoriums wacht.
Wehe dem Fremden, der Nachts ohne Stock durch eine von diesen wilden
Bestien bewachte Strae geht, namentlich wenn er ein Unglubiger und in
europischer Tracht ist; aber noch mehr wehe, wenn einer ihres Gleichen,
ein fremder Hund, sich unter sie verirren sollte, er ist unrettbar
verloren, gelingt es ihm nicht, auf sein eignes Gebiet zurckzuflchten.

Aber nicht immer haben wir enge und unscheinbare Gassen, in diesem
Ur-Kairo ist Alles Ueberraschung. Hier giebt es auch Moscheen von allen
Formen und allen Farben, einfache und prachtvolle, reich mit Arabesken
und Sculpturen geschmckte und solche, welche uerlich nur eine nackte
Wand zeigen. Hier bemerkt man auch jene reich sculptirten Brunnen,
meistens fromme Stiftungen, welche bis vor Kurzem, wo das Trinkwasser in
Kairo so sprlich war, zu den grten Wohlthaten zhlten, die ein
frommer Moslim seiner Vaterstadt vermachen konnte. Hier findet man auch
jene reizenden Muscharabiehen aus Holz geschnitzt, welche die Eifersucht
des gestrengen Haremgebieters erfand. Muscharabiehen sind Jalousien,
welche sich stark ausgebuchtet vor den Fenstern befinden. Sie sind auf's
Kunstvollste aus Holz geschnitzt, oft so fein und zierlich, da es sich
von Weitem wie Filigran-Arbeit ausnimmt. Geheimnisvoll ragen sie im
Halbdunkel der Straen aus den Husern hervor; manchmal scheinen sie
sich bei den berhngenden Etagen der Huser zu berhren. Dahinter
lauert die junge Frau des Hausherrn, verlangende Blicke wirft sie auf
das Leben zu ihren Fen, sie hrt es, sie sieht auch Alles, ohne selbst
bemerkt zu werden; glhend errthet sie, wenn ein jugendlicher Frangi
vorbergeht, der ihr viel vorteilhafter dnkt, als jener alte,
weibrtige Mann, dem sie gezwungen war, ihr Leben zu opfern. Da
erblickt sie gar in einer Carrosse dahersausend zwei hbsche
Christendamen, sie sind unverschleiert. Sie lcheln, sie freuen sich des
Lebens, whrend sie selbst, die Aermste, hinter ihrer Muscharabieh eine
Thrne im Auge zerdrckt und ihr freudenloses Leben beklagt! Aber was
ist das? Da biegt um die Ecke ein eleganter Phaton, laut schreiend vor
ihm rufen die Lufer ihr ewiges "=Guarda, Guarda=" oder
=schemalak ia chodja, l'iminak=[53]. Darin sitzen im Wagen zwei
reizende Moslemata[54], kaum verschleiert die dnne Tllspitze ihr
frhlich lchelndes Gesicht; sie scheinen aber auch gar keine Lust zu
haben, ihr Antlitz verbergen zu wollen, im Gegentheil, man sieht, da
sie nur scheinbar diesen Zwang mitmachen. Es sind Prinzessinnen, Tchter
oder Nichten des Chedive; ahnungsvoll zieht sich unsere Schne aus
ihrer Muscharabieh zurck; ein dunkles Gefhl sagt ihr, da auch fr
ihres Gleichen bald die Stunde der Befreiung schlagen wird.

Hier finden wir auch jene groen Bazarstraen, wo die Produkte der drei
Erdtheile sich einander begegnen und wo in immer geschftiger Weise
whrend des ganzen Tages das regste Leben und Treiben herrscht und
Gro-und Kleinhandel getrieben wird. Von einigen dieser Bazars soll
spter noch die Rede sein.

Der andere Stadttheil, ganz neu und vorzugsweise eine Schpfung des
jetzigen Chedive, daher auch Ismaelia genannt, mit seinen seenartigen
Grten, seinen breiten wohlgepflasterten und tglich besprengten
Straen, seinen Palsten und Theatern, seinen Gascandelabern und
prachtvollen Lden ist vollkommen europisch. Dies moderne Kairo,
welches heute schon von den Fluthen des Nils berhrt wird, steht in
Nichts den schnsten Stdten Europas nach. Was luxurise Ausstattung der
Gebude und ihrer Fanden anbetrifft, so knnen sich die der gyptischen
Hauptstadt ganz messen mit denen am Ring in Wien oder denen der
Boulevards von Paris.

Mit Recht sagt Levernay (=guide annuaire d'gypte 1873 p. 254=):
Hier ist die Vereinigung des Orients mit dem Occident, hier ist das
Symbol der religisen Freiheit; hier ist das Bndni der Handelsfreiheit
(?)[55] und der Vlkergemeinschaft; findet man nicht in dieser Stadt
zusammenlebend den flachshaarigen Scandinavier an der Seite des
wollhaarigen Furer, den fanatischen Magrebiner von der Kste des
atlantischen Oceans an der Seite des gelbhutigen Indiers oder den
sdlichen Araber mit kaffeebrauner Haut an der Seite des
halbeuropischen Trken? Und dazwischen Tartaren, Perser, Turkomannen,
Kurden und Chinesen. Ja, hier sieht man Hand in Hand gehend den
gelehrtesten Professor aus der Hauptstadt der Denker mit dem von Steppe
zu Steppe vagabondirenden Nomaden, welcher, ohne Gesetze lebend, nur
seinem eigenen Willen folgt. Ja, es ist ein eigenthmliches Leben in
Kairo und glcklich Der, welcher Empfngnis hat fr die Sitten fremder
Vlker oder der gar die Gabe besitzt, dem Gedankengange der Eingeborenen
momentan folgen zu knnen. Hier an der ltesten Wiege menschlicher
Cultur reichen sich Tag fr Tag Asiaten, Europer und Afrikaner die
Hand, und wie schon zu verschiedenen Malen von hier aus die menschliche
Entwickelung zu ihren jeweiligen hchstem Triumphen gelangte, so scheint
auch jetzt ein neues Leben, ein neues gewaltiges Ringen zum
Vorwrtskommen erwacht zu sein.

Die Zahl der Bevlkerung von Kairo drfte man auf circa 400,000 Seelen
fr das Jahr 1875 beziffern. Genaue statistische Erhebungen sind in
mohammedanischen Stdten zur Zeit noch nicht auszufhren. Denn selbst
wenn eine amtliche Zhlung vorgenommen wird, so stt diese immer auf
unberwindliche Hindernisse wegen der Haremverhltnisse und der
weiblichen Sclaven.

Von diesen 400,000 Einwohnern drften incl. 800 Perser etwa 20,000
Europer sein. Aber man denke nicht, da etwa die 380,000 verbleibenden
Menschen alle einer Nationalitt angehren. Da sind die verschiedensten
schwarzen Stmme, da sind Syrier, chte Araber, seit Jahrhunderten in
Aegypten lebende Araber, Inder, Chinesen, endlich Fellahin und Kopten
und eine groe Anzahl von Trken. Alle diese stellt man, obschon sie es
keineswegs sind, als "Eingeborene" oder "Rechtglubige" den fremden
Europern gegenber. Da man die Perser ebenfalls als besondere
Nationalitt trennt, verdanken sie dem Umstande, weil sie in Aegypten
besondere Consuln haben.

Man zhlte im Jahre 1873 in Kairo 4200 Griechen, 7000 Italiener, 4000
Franzosen, 1600 Englnder, 1200 Oestreicher und Ungarn, 800 Deutsche,
500 Perser, 120 Spanier, 50 Russen, 25 Belgier, 9 Brasilianer, 5
Portugiesen, 2 Schweden und 1 Nordamerikaner. Was die letzte Zahl
anbetrifft, so scheint sie uns nicht richtig zu sein, da allein in der
chedivischen Armee an hundert nordamerikanische Officiere dienen, von
denen wir bei den eigenen Verhltnissen in Aegypten kaum glauben knnen,
da sie ihre Nationalitt aufgegeben haben. Wenn wir berhaupt zu diesen
Zahlen grere Zuversicht haben drfen, weil sie eben auf amtliche
Ermittelung der bezglichen Consulate fuen, so sind sie doch auch noch
fern davon, eine so absolute Sicherheit zu gewhren, wie wir gewohnt
sind, von unseren amtlichen, statistischen Erhebungen zu erwarten.

Kairo hat wenigstens 300 Moscheen, wenn man alle kleinen Kapellen und
Bethuser mitrechnet, also ein Gotteshaus auf circa 1200 Individuen;
denn von den 400,000 Einwohnern sind, wenn wir die Kopten mitrechnen,
wenigstens 50,000 Christen. Diese letzteren haben 44 Kirchen, was
ohngefhr dasselbe Verhltni ergiebt, und rechnet man in Kairo 7000
Juden und fr dieselben 13 Synagogen, so erhlt man das Resultat, da
diese am gnstigsten daran sind, denn es beziffert sich fr sie die Zahl
der zu einem Tempel Gehrigen auf einige mehr als 500.

In der Hauptstadt des Chedive herrscht natrlich die vollste religise
Freiheit, aber erst seit einigen Jahren. Wie aber Alles, was malos ist,
zu Unzutrglichkeiten fhrt, so auch diese vollkommene religise
Freiheit. Es offenbart sich dies am meisten bei jenen groen
mohammedanischen Prozessionen, welche oft stundenlang den Verkehr auf
den Straen hemmen. Die Zeiten sind allerdings lngst vorber, wo ein
Andersdenkender beim Zuschauen einer solchen mohammedanischen Prozession
sein Leben gefhrdet sah, und da die Muselmanen ja berhaupt nicht die
Sitte des Hutabnehmens haben, so ist vom "Huteintreiben" oder
"Hutabschlagen", wie das in unseren toleranten und civilisirten Lndern
vorkommt, nie die Rede.

Unerwhnt darf man auch nicht lassen, da dies die einzigen
Ausschreitungen sind, welche sich der Cult dem staatlichen Gemeinwesen
gegenber erlaubt, denn nicht wrde der unbestraft bleiben, wre er ein
auch noch so hoher Geistlicher, der sich dem Staats-Gesetze widersetzen
wollte.

Ueberhaupt lebt man in keinem Lande der Welt so sicher als in Aegypten
und speciell in Kairo. Es ist wahr, da auch hier manchmal groe
Diebsthle verbt werden, und ich erinnere nur an den berhmten
Diamantendiebstahl Ende des Jahres 1874; aber er wurde in dem
europischen Viertel und von Europern vollzogen. Von Mordtaten,
Raubanfllen und greren Verbrechen hrt man fast nie.

Wenden wir uns zu einzelnen groen Bauten und Anlagen, so zieht vor
allen im alten Stadttheile die Citadelle unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Schon von Weitem, wenn man mit der Bahn sich nhert, sieht man die hohe
Kuppel und die eleganten schlanken Minarets der Moschee des Mohammed
Ali, welche die Citadelle als krnendes Werk berragt. Denn die
Citadelle ist keineswegs _eine_ Baute, sondern besteht aus verschiedenen
fortifikatorischen Gebuden, aus Palsten, Kasernen und kleineren
Gebuden. Aber der aus Alabaster errichtete Dom, unter dem die Gebeine
des groen Begrnders der beutigen Dynastie ruhen, mit seinen imposanten
Formen, in seiner dominirenden Lage, ist doch das Gebude, welches den
Fremden am meisten fesselt.

Hier auf der Citadelle ist auch der berhmte Brunnen in den Fels
hinabgehauen; er ist fast 100 Meter tief und so breit, da man bis zur
Quelle mittelst Stufen hinabsteigen kann. Er heit Josephs-Brunnen, hat
aber nichts mit dem biblischen Joseph gemein, sondern wurde von Joseph
ben Agub oder Saladin, dem ersten aglubitischen Sultan, erbaut, damit im
Falle einer Belagerung die Citadelle nicht des Wassers ermangele.
Mittelst zweier Schpfrder (=Norias oder Sakias=) wird das Wasser
an die Oberflche gehoben. Der Anblick von der Plattform der Citadelle
auf die groe Stadt zu ihren Fen, auf Bulak, Rodha und den gewaltigen
Nil, auf die Pyramiden und im Hintergrunde die mit dem Himmel
verschwimmende Sahara gehrt zu dem Groartigsten, was man sich denken
kann; die khnste Phantasie findet hier ihre Befriedigung. Und wenn man
das Glck hat, bei der Betrachtung dieses Bildes die ber dem
Mokattam-Gebirge heraufsteigende Sonne als Frhbeleuchtung zu haben, so
spottet das Ganze jeder Beschreibung, und selbst der eingebildetste
Pedant, der nrgelndste Philister wird von der Groartigkeit dieses
Panoramas berwltigt werden.

Von den brigen Moscheen nennen wir zuerst die des Amru, die lteste,
ungefhr um 640 errichtete, aber von ihrer ehemaligen Pracht ist wenig
mehr brig. Bei allen mohammedanischen Gotteshusern, wie auch bei ihren
Profanbauten kann man die Bemerkung machen, da die Mohammedaner mit
groer Vorliebe Bauten unternehmen, aber nie daran denken, ihre Bauten
zu _erhalten_. Die Amru-Moschee ist ein Rechteck von 120 Meter zu 75
Meter. Der Sulenwald an der Ostseite des Hofes aus 21 Sulenreihen, in
jeder Reihe 6 Sulen, ist imposant.

Interessant fr die Geschichte der Architektur ist die im Jahre 877 von
Ahmed ebn Tulun erbaute Moschee, 80 M. lang aus 76 M. Breite. Man findet
schon ogivische Bogen in Anwendung und auerdem die Wnde mit Kusischen
Legenden geschmckt. Nach arabischen Inschriften soll der das Gebude
umgebende Karnies aus zusammengestampftem Amber gemacht gewesen sein, um
den Eintretenden Wohlgerche zuzufhren. Jetzt ist nichts mehr davon zu
bemerken und auch diese Moschee zeigt Verfall.

Die groe und glnzende el Asar-Moschee ist insofern von Wichtigkeit,
als mit ihr die Hochschule verknpft ist, die bedeutendste der ganzen
mohammedanischen Welt. Fast 10,000 Studenten folgen hier dem Unterrichte
von ber 300 Professoren. Es wird aber fast nichts, als Religion gelehrt
und besonders sind es die vier rechtglubigen Riten, die Hambaliten,
Schaffeten, Hanesiten und Malekiten, welche hier ihre Vorlesungen
halten. Schaffeten und Malekiten haben die meisten Zuhrer: erstere
ber 4500, letztere 3700. Die Hanesiten, wozu sich alle Trken rechnen,
haben ca. 1000, die Hambaliten nur ca. 50 Studenten. Alle diese Schler
haben freien Unterricht und freie Kost nebst Bekleidung, ebenso sind
auch die Professoren vom Staate besoldet. Auer Religion wird etwas
Poesie, Grammatik und Gesetzgebung, letztere natrlich auf Koran und
Sunnah basirt, getrieben. Mit dieser Moschee ist verbunden ein groes
Blinden-Hospital, eine Sauya fr Pilger, deren Asylrecht heute aber im
Strome der Civilisation untergegangen ist.

Eine merkwrdige Universitt, wo man weiter nichts treibt, als religise
Forschungen, ber nichts Anderes nachdenkt, als ber Dinge, die
auerhalb dem Bereiche des Wirklichen liegen und deren Resultate deshalb
fr das Land, fr die Menschheit von gar keinem Nutzen sind.

Die Moschee, welche am meisten die Bewunderung der Europer auf sich
zieht, die Hassan-Moschee, hat mich immer ziemlich kalt gelassen. Zum
Theil kommt das wohl daher, da ich nie Vorliebe fr jenen _unmglichen_
Stalactitenbau habe gewinnen knnen, zum Theil, da einen die Quadern zu
sehr an die Bauten der alten Aegypter erinnern. Solche Vandalen, die
nicht die Energie besitzen, zu einem so groartigen Gebude eigenes
Material zu nehmen, sondern andere Bauten _zerstren_, um sie zu den
ihrigen zu benutzen, soll man die wohl achten? Und sieht man nun gar,
wie die famosen Stalactiten-Nischen in der Hassan-Moschee nicht aus
Stucco oder Stein bestehen, sondern elende Holznachbildung sind, so
schwindet vollends alle Sympathie. Die Moschee wurde 1356 vom Sultan
Hassan erbaut. Das danebenstehende Minaret hat 80 Meter Hhe; fgt man
die Hhe des Bodens, auf dem die Moschee erbaut ist--30 Meter--hinzu, so
hat man die Hhe von Assuan.

Ich bergehe die brigen Moscheen, welche alle, wie z.B. die von Kalaum
auch el Barkuk genannt, oder die von Sitti Seinab oder die der Hassanein
oder die von el Moged fr diejenigen, welche sich fr
gyptisch-mohammedanische Architektur interessieren, sehenswerth sind,
deren Besuch man sich aber sonst ersparen kann.

In der Stadt selbst hat der Chedive merkwrdiger Weise keinen einzigen
Palast, der von Auen irgendwie Anspruch auf architektonische Schnheit
machen knnte.

Wie alle gouvernementalen Gebude ist seine dermalige Wohnung ein
uerst fensterreiches Gebude, _ganz ohne Styl_. Inwendig lassen diese
chedivischen Palste allerdings nichts zu wnschen brig, weder an
Eleganz noch an Pracht, noch auch an Geschmack der Decoration oder an
zweckmiger Raumvertheilung.

Die neue Brse, die Bibliothek, die Wohnungen der ersten Beamten
zeichnen sich durch nichts Besonderes aus. Was die Bibliothek
anbetrifft, so besitzt dieselbe ca. 30,000 arabische Bnde, fast nur
Handschriften, darunter viele uerst kostbare. Da sieht man vor allen
anderen jene Bcher von auerordentlicher Gre, deren Buchstaben von
Gold mit so groer Regelmigkeit gemalt erscheinen, da man meinen
sollte, sie seien gedruckt. Natrlich ist der Inhalt weiter nichts als
der Text des Koran.

Will man schne Gebude modernsten Styls, villenartig gebaut, von
reizenden Grten umgeben sehen, so wandere man durch den neuen
Stadttheil. Hier liegt auch die schmucke deutsche protestantische
Kirche, hier hat der Minister der Justiz, jetzt Scherif Pascha, sein von
feenhaften Grten umgebenes Palais.

Was die Theatergebude betrifft, so lt sich bezglich der Bauten
selbst nichts sagen, als da es provisorische Gebude sind, bestimmt,
mit der Zeit anderen monumentalen Platz zu machen. Was aber innere
Ausstattung, Inscenirung, Personal und Leitung betrifft, so stehen
sowohl die chedivische italienische Oper, als auch das franzsische
Schauspiel unseren ersten und besten Bhnen wrdig zur Seite. Hierber
herrscht nur eine Stimme.

Den grten Zauber und Reiz besitzt Neu-Kairo heute in jenem
Esbekieh-Garten, mitten in der Stadt gelegen, den ich selbst noch bis
zum Jahre 1868 als einen groen pftzenreichen Platz von hohen Sykomoren
beschattet gekannt habe. Umfriedigt von Prachtbauten, hnlich wie die
der Rue Rivoli zu Paris, ist der harten von einem hohen eisernen Gitter
umgeben. Zahlreiche Thore, deren Eingnge mit Selbstzhlern versehen
sind, geben Einla. Bei dem sonderbaren Hange der Orientalen, stunden-,
ja tagelang faulenzend auf irgend einem einladenden Platze sich dem
=Dolce far niente= hinzugeben, war die Vorschrift, ein
unbedeutendes Entre zu erheben, unerllich, denn nur durch eine solche
Maregel konnte der prchtige Park rein gehalten werden von jenem
ungemein stark in Kairo vertretenen Contingent, das seine Sache auf
nichts gestellt hat und hchstens vom bequemsten Betteln lebt und
sicherlich mit angeborener Frechheit die schnsten und anziehendsten
Punkte des groen Gartens in Besitz genommen haben wrde.

Es ist wunderbar, wenn man die Beschreibungen frherer Reisender
durchgeht und liest, was die Esbekieh _war_ und nun staunt, was sie
jetzt ist.

Die ganze Esbekieh-Anlage von achteckiger Form mit einem Umfange von 940
Meter nimmt ein Areal von ca. 82,500 Quadratmetern ein. Die Lnge der
Wege betrgt 2 Kilometer 300 Meter. Das Flchen und die von ihm
gebildeten Teiche, Alles durch Kunst geschaffen, bedecken eine
Oberflche von fast 5000 Quadratmeter. Die Teiche sind 2 Meter tief.

Auer den kostbarsten Gewchsen aller Lnder und Zonen, welche trotz des
kurzen Zeitraumes ihres jetzigen Bestandes dort seit 20 Jahren gegrnt
zu haben scheinen, findet der Spaziergnger in diesem Garten Alles
vereint, was nur das Leben angenehm macht. Da sind reizende Buden, wo
Liqueure, Eis und Scherbets verkauft werden. Hier ist eine Bierhalle, wo
das beste Drehersche oder Mnchener Bier in Eis dem durstigen
Nordlnder Labung bietet, Kaffeehuser mit reizenden Kiosken gut
eingerichtete Restaurationen, ein kleines Theater-Concert, ein
arabisches Kaffeehaus, Schaukeln, Carroussels, verschiedene andere
Kioske und Sammelpltze, endlich =last not least= eine Grotte[56]
aus Tuffsteinen, die ganz und gar auf's Treueste die Natur nachahmt und
aus der das Wasser in Cascaden hervorsprudelt, welches die See'n und den
Bach speist.

Diese Grotte ist von einem knstlich aufgebauten Pic berragt, aus
groen Tropfsteinblcken und Steinen errichtet. Man gelangt hinauf
mittelst eines schattigen Weges oder auch auf ueren und inneren
Pfaden, die man durch den knstlich geschaffenen Fels gearbeitet hat.
Ans der obersten Spitze hat man ein Belvedere angebracht, von wo aus man
nicht nur den ganzen Garten bersehen kann, sondern von dem aus auch das
ganze Panorama von Kairo zu den Fen des entzckten Beschauers
liegt.--Die Eisenarbeiten sind alle in Paris gefertigt.

Der Esbekieh-Garten bedarf zur Speisung seiner Springbrunnen, zum
Besprengen der Wege, zum Unterhalten der Teiche eines tglichen
Wasserquantums von 800 Kubikmeter; die Erleuchtung bei Abend, welche
feenhaft ist, wird durch 106 Candelaber bewerkstelligt; alle diese
Candelaber haben Blumenform, 5 Zweige mit je 5 Tulpen, so da im Ganzen
allabendlich 2500 Flammen brennen. Dazu spielt jeden Tag, sobald die
Sonne sich unter den Horizont senkt, ein ausgezeichnetes
Militrorchester europische Symphonien und Stcke, auch wohl arabische
Weisen, welch' letztere ungemein an Wagner'sche Compositionen erinnern.

Leider ist der Esbekieh-Garten lange nicht so besucht, wie er es
verdiente, es ist eine fr Kairo zu vornehme Anstalt; nicht etwa, weil
das niedrige Entre von den Besuchern als unerschwinglich bezeichnet
wrde; es sind auch die Gensse innerhalb desselben dem Publicum zu
theuer. Dazu kommt, da das vornehme europische Publicum, an der Spitze
die Vertreter der europischen Lnder, blasirt, das vornehme
mohammedanische apathisch und unempfnglich fr solche Gensse sich
verhlt, der gewhnliche Mittelstand der Eingeborenen aber in diesem
Entre gleich eine Steuer des Chedive wittert und der gemeine
europische Mann lieber in den brigen Vergngungslocalen Kairo's seine
Unterhaltung sucht.

Diese sind keineswegs in geringer Anzahl vorhanden. Der Deutsche findet
in zahllosen Bierhusern lngs der Esbekieh nicht nur Drehersches,
sondern auch bairisches Bier und zwar wohlgekhlt in Eis; der Franzose
findet berall seine Caf's; der Italiener findet in den Conditoreien
und auf der Strae seine Sorbetti und in zahlreichen Restaurants kann
der Englnder, von Englndern bedient, sein Beefsteak und sein Glas
"=half and half=" trinken. Nur der russische Traktir fehlt noch,
aber wie lange wird es dauern und irgend ein speculativer Kopf erbaut
ein solches mit einer mchtigen Orgel versehen an der Seite einer Fonda,
wo man =Polenta= und =Olla potrida= verkauft.

Denn wenn man Abends durch die auf's Glnzendste von Gas beleuchteten
Straen geht und hrt, wie einem allerorts Musik entgegenschallt, hier
des Italieners "=o che la morte honora=" oder "=madre in felice
corro a salvarti=" dort des Deutschen "Wacht am Rhein"; hier des
Franzosen "=partant pour la Syrie=" dort des Englnders "=god
save the queen=", wenn man sieht, da alle diese Musikbanden aus
nationalen Krften bestehen (Kaffee- und Weinhuser mit deutschen und
deutsch-bhmischen Musikbanden, Sngern und Sngerinnen giebt es ein
Dutzend in Kairo), so sollte man nicht glauben, in der Stadt zu sein,
welche noch bis vor wenigen Jahren als das chteste Bild einer
orientalischen Stadt hingestellt wurde.

Und geht man gar in die elegant eingerichteten Spielsalons, wo hier eine
Roulette, dort Knig Pharao den Gsten das Geld aus der Tasche lockt und
die meistens als Aushngeschild die elegantesten =Cafs chantants=
oder auch kleine Theater mit Ballerinen zeigen, so sollte man nicht
meinen, da man nur einige Stunden weit von den Pyramiden des Cheops und
des Cephren sich befnde.

Aber trotz dieses modernen Kairo ist noch ein gut Stck Alt-Kairo, d.h.
orientalischer Stadt brig. Jedoch verschwindet es allmlig schneller
und schneller, und vielleicht schon nach einem Menschenalter wird jene
alte orientalische Stadt, jene Stadt mit den maurischen Hufeisenbauten,
mit den schlanken Minarets, mit den engen berdachten Gassen und ihren
noch engeren Kauflden--sie wird verschwunden sein, und finden knnen
wir sie dann nur noch in den Bchern und Reiseberichten Derer, welche
sie zu der Zeit besuchten. Und um so spurloser wird das alte Kairo vom
Erdboden verschwinden, als die Wohnungen der Eingeborenen aus losem,
schlechtem Material errichtet und selbst die Moscheen und Palste aus
Quadern erbaut sind, welche man von alten Monumentalbauten
zusammengeschleppt hat; sind doch jetzt schon _alle_ Moscheen und die
Mehrzahl der Palste frherer Viceknige halbe Ruinen.

Wenn man aber sieht, mit welcher Rcksichtslosigkeit mitten durch die
Quartiere der Eingeborenen eine gerade breite Strae gezogen wird, wie
man weder die Medressen (Schulen) noch die Moscheen schont, wie man
Untiefen auffllt, Hgel abtrgt, dann mu man staunen ob der Energie
des Chedive. Aber "Gott soll ihn ewig mit den unglubigen Christenhunden
brennen lassen!" murmelt der fromme Mohammedaner, der aus seinem Heim
vertrieben wird, welches seine Vorfahren inne gehabt hatten und wo er
selbst schon seit Jahren wohnte. Aber er "murmelt" es nur, offen es
auszusprechen, wagt er nicht. Ja er preist sich glcklich, wenn die
chedivische Regierung ihm _umsonst_ ein Stck Land anweist in einem ganz
anderen Viertel der Stadt, mit der Erlaubnis, ein Haus zu bauen nach
europischem Style.

So vollziehen sich die Expropriationen in Aegypten und speciell in
Kairo. Von Entschdigungen ist nirgends eine Rede. Sobald der Chedive
beschlossen hat, eine Strae durch den orientalischen Stadttheil zu
legen, wie er sich solche auf dem Plane der Stadt vorzeichnet, erhalten
die betreffenden Anwohner des Viertels Befehl, innerhalb einiger Tage
ihre Immobilien zu rumen. Von Entschdigung wird nicht gesprochen; nur
wenn europische Unterthanen von einer solchen Maregel betroffen
werden, dann bekommen sie vollen Ersatz fr ihr genommenes
Grundeigentum.

Die Strae, welche frher als Glanzpunkt des europischen Lebens galt,
die Muski, ist heute entthront; zwar findet man immer noch elegante
Lden, aber elegantere giebt es in der Ismaelia (der neue Stadttheil von
Kairo) und die Strae ist viel zu eng, als da sie jemals ihren Rang
wieder einnehmen knnte, nmlich die "Unter den Linden" Kairo's zu sein.
Dazu kommt noch, da man aus Utilittsrcksichten geglaubt hat, davon
abstehen zu mssen, sie mit Pflasterung zu versehen. Aber die Muski ist
noch immer das Herz von Kairo, hier pulsirt das grte Leben, welches in
seinem Dahinfluthen Aehnliches zeigt mit den Wogen des Strand von
London. Hier ist auch die Vermittelungsstrae vom modernen europischen
zum alten orientalischen Kairo.

Wandern wir rasch durch die verschiedenen orientalischen Quartiere,
durch die Bazars, ehe sie fr immer verschwinden, um einer modernen
"=Avenue=" oder einem "=Boulevard=" Platz zu machen.

Da ist der Khan el Khalil im Gammeliah-Quartier; der Name rhrt daher,
weil hier die Kamele (Gammel, Gemmel oder Djemel) ihre Waaren aufnehmen
und abladen. Hier sind alle orientalischen Artikel zu haben. An
endlosen, nicht sehr breiten berdachten Straen hocken in engen
Verkaufslden die Eigentmer. Die Lden sind meistens so eng, da Alles
und Jedes im Bereiche des Hockenden ist. Hier finden wir alle Requisiten
des orientalischen Rauchers. Hier sieht man jene reichen Teppiche aus
Persien oder Damask, elegante orientalische Stoffe, Elfenbein und
Strauenfedern und im Allgemeinen alle Artikel aus dem Sudan und Asien;
reich eingelegte Waffen, Schmucksachen, unverarbeitete Edelsteine, Vasen
etc. Die Hauptmarkttage von Khan el Khalil sind Montags und Donnerstags.

Diese groe Markthalle, wo fast ausschlielich eingeborene Kaufleute
ihre Buden haben, wo aber manches europische Haus mit groen Summen
betheiligt ist, hat natrlich an allen Ecken und Enden feste und
"fliegende" Caf's. Erstere sind solche, wo der Kauadji eine grere
oder kleinere Rumlichkeit besitzt, welche von seinen Gsten besucht
wird, in denen man mitunter auch Musik findet. Letztere bestehen auf der
Strae selbst einfach aus einem kleinen Kochapparat, wo Kaffee bereitet
wird, den der Caftier seinen bestimmten Kunden zutrgt. Jeder
Budenbesitzer schlrft mehrere Male des Tages seinen Mokka, und da
grere Kufe, welche natrlich lngere Zeit in Anspruch nehmen, nur mit
einer Tasse Kaffee in der Hand abgemacht werden, so haben solche
fliegende Cafetiers auch eine ganz gute Kundschaft.

Hier findet man vereinzelt auch jene Haschisch-Buden, d.h. Kaffeehuser,
wo neben dem Tabaksrauchapparat, der in Narghileh, Tschibuck und
Cigaretten besteht, vorzugsweise Haschisch geraucht und gegessen wird.

Gehen wir weiter, so kommen wir zum Hamsani-Bazar, wo man hauptschlich
Parfmerien, Papier, Porzellan, Krystallsachen, Kattunstoffe, Kramwaaren
und Arzneien kaufen kann. Erstere, die Parfmerien, sind bei den
Orientalen ein stark begehrter Gegenstand. Im Allgemeinen haben sie auch
Vorliebe fr dieselben Wohlgerche, wie wir Europer, aber bei
einzelnen, welche bei uns die seine Gesellschaft schon zu "=mauvais
odeur=" rechnet und welcher sich bei uns nur der =demi monde=
bedient, nmlich Moschus und Patschuli--diese erklrt der Orientale als
den Inbegrif des Vollkommensten, was man dem Geruchsorgan bieten knne.

Auch in vergangenen Jahrhunderten war dies so, die Liebhaberei fr
derartige Dfte ist nicht neu. Als Beweis fhre ich Leo[57] an, der in
seiner Beschreibung "von der sehr groen und bewunderungswrdigen Stadt
Kairo" sagt: "Auf einer anderen Seite (er hatte soeben das auch zu
seiner Zeit so heiende Can el Halili beschrieben) der erwhnten Strae
ist eine Gegend fr Diejenigen, die mit Rucherwerken, z.B. Zibeth,
Moschus, Ambra und Benzoin handeln; diese Wohlgerche sind in solcher
Menge vorhanden, da wenn Jemand 25 Pfund verlangt, man ihm wohl 100
Pfund zeigen kann."

Hieran reihen sich noch andere Bazars, der von Gurich, wo hauptschlich
Seidenstoffe, Wollfabrikate und Tuche verkauft werden; ein eigener
Zuckerbazar fehlt auch nicht und auch ein Waffenbazar dicht bei der
berhmten Hassan-Moschee existirt noch immer. Man findet hier
europische und gyptische Waffen, das Material inde, die Klingen,
Lufe und Schlsser kommen vom Abendlande, nur die Zusammensetzung und
die Ausbesserungen werden hier vorgenommen.

Der Waffenmarkt hat brigens bedeutend abgenommen, seitdem das
Faustrecht in Aegypten aufgehrt hat, an der Tagesordnung zu sein.
Jeder Eingeborene sucht allerdings auch heute noch seinen Stolz darin,
dermaleinst eine Flinte zu besitzen, um der Jagd, die ja in Aegypten
frei ist, frhnen zu knnen; aber eine _Notwendigkeit_, eine Waffe zu
haben und zu tragen, wie das frher der Fall war, namentlich vor
Mohammed-Alis Zeiten, die liegt heute nicht mehr vor.

Wenn nun auch Kairo nicht die erste Handelsstadt des Pharaonenreiches
ist, das ist heute Alexandrien, so ist der Warenumsatz und geschftliche
Verkehr doch immerhin ein bedeutender und durchaus der Einwohnerzahl
Kairos gem.

Der Haupthandel, namentlich der Engros-Handel, befindet sich in den
Hnden der Griechen, nach ihnen kommen die Englnder, Italiener,
Franzosen und Deutschen; aber der grte Kaufmann, der, welcher allein
mehr Geschfte macht, als alle Eingeborenen und Auslnder
zusammengenommen, das ist der Chedive. Noch grer, denn als Regent,
zeigt sich Ismael als Geschftsmann.

Die kaufmnnischen Geschfte werden zwischen den Eingeborenen und
europischen Handelsleuten mittelst Makler (arab. =samsar=,
italienisch =sensale=) abgemacht. Meist wird der Verkauf mittelst
Credit abgeschlossen, selten gleich baare Zahlung geleistet. Gewhnlich
sind die Eingeborenen die pnktlichsten Zahler, obschon sie es auch an
der knauserigsten Feilscherei nicht fehlen lassen und um einen Para mehr
oder weniger Himmel und Hlle in Bewegung setzen mchten.

Unter den Ausfuhrartikeln, welche stets in Kairo lagern, nennen wir als
wichtig: Gummi, Elfenbein, Sennesbltter, Datteln, Weihrauch,
Perlmutter, sogenannter Mokkakaffee, der aber zum grten Theil aus den
Landstrichen sdlich von Abessynien kommt, Strauenfedern, Felle, Opium,
Schildpatt, Tamarinden, Wachs, Knochen, Hrner, Lumpen.

In industrieller Beziehung steht die Fabrikation von halbseidenen
Stoffen oben an. Es giebt in Kairo augenblicklich 500 Webesthle, welche
jenen unter dem Namen Kutnieh oder Alagieh bekannten halbseidenen Stoff
fabriciren. Ferner ist die Zahl der Indigofrbereien nicht unbedeutend;
fast alle Kattunstoffe werden ungefrbt importirt, aber die Eingeborenen
tragen sie nur indigogefrbt.

Auch die Gerbereien werden =en gros= betrieben. Die Bewohner von
Kairo verstehen ebenso gut das Leder zu gerben und zuzubereiten, wie die
von Cordova, von Marokko oder Saffi, von welchen Stdten die feinen
Leder ihre speciellen Namen als Corduan, Maroccain oder Saffian erhalten
haben. Auch Posamentirarbeiten, Mattenflechterei und Korbmacherei
erfreut sich in der Hauptstadt eines groen Aufschwunges.

Wollstoffe, grobe Leinwand, welche vorzglich in Fayum gewebt wird,
haben in Kairo ihren hauptschlichsten Umsatz fr das ganze Land. In
Bulak giebt es eine Papierfabrik, eine Kanonengieerei und eine
bedeutende Schiffswerft. Bulak mu jetzt berhaupt schon als ein
integrirender Stadttheil Kairo's betrachtet werden, und da wollen wir
nicht unerwhnt lassen, da das Sehenswertheste in diesem Stadttheile
das von Herrn _Mariette_ gegrndete gyptologische Museum ist.

Auch ein Irrenhaus, ein Bagno fr weibliche Verbrecher, eine Kunst- und
Gewerbeschule, das Arsenal, eine arabische und persische Druckerei
befinden sich in Bulak.

Und =vis--vis= von Bulak ist die Perle des Nils, der Palast und
Garten von Gesirah. Wer je einmal die Wundermrchen von "Tausend und
Eine Nacht" gelesen hat, der glaubt, da hier diese Zaubereien
Wirklichkeit geworden sind. Der Palast selbst erinnert an das
Meisterstck der Alhambra, den Lwenhof. Der Garten aber bertrifft an
Ueppigkeit der Pflanzen, an prachtvollen Anlagen, an seltenen exotischen
Gewchsen selbst noch den der Esbekieh inmitten der Hauptstadt.

Die Graspltze, Stauden und Blumen, die Statuetten, Grotten,
Felspartien, Bche, Brcken, Candelaber, Springbrunnen &c., alles dies
belebt von Thieren aller Art und Gre, machen diesen Garten zu einer
Zauberei eigner Art. Namentlich Abends und Nachts, wenn einer jener
officiellen chedivischen Blle abgehalten wird, glaubt man beim Lichte
jener 1000 Gasflammen der Wirklichkeit entrckt zu sein.

In der Mitte des Gartens ist jener herrliche Salamlik, ein Sommerpalast
des Chedive, von einem Walde von Sulen getragen.

Eine Zierde dieses Wundergartens wird das Aquarium sein, welches von
eben jenem fhigen Baumeister errichtet wird, Herrn _Combay_, welcher
die prachtvolle Grotte im Esbekieh-Garten erbaut hat. Dasselbe erhlt
eine Grundflche von 4800 Quadratmetern und besteht aus zwei Etagen. Die
Idee ist ebenso groartig, wie khn. Die prchtig nachgebildeten
Stalaktiten, welche vom Gewlbe herab sich in die Grotten senken, die
Korallen und Seegewchse, welche vom Boden aufsteigen, wirken wunderbar,
und hier auf der Grenze zweier Meere, des rothen und des
mittellndischen, inmitten eines der mchtigsten Strme der Erde werden
wir bald ein Aquarium besitzen, wie kein zweites auf der Welt, welches
jedenfalls an Reichhaltigkeit lebender Bewohner von Salz- und Swasser
selbst die Aquarien von Brighton und Neapel aus dem Felde schlagen wird.

Wie Bulak heute nur ein Theil Kairo's ist, so ist Masr el Attikah
(Alt-Kairo, frher officiell so unterschieden als abgetrennte Stadt vom
eigentlichen Masr, whrend wir im Verlaufe dieser Abhandlung mit
Alt-Kairo das bezeichnen, was orientalisch ist, und Neu-Kairo das
nennen, was neu ist, also vorzglich den Stadttheil Ismaelia) es
ebenfalls.

Geht man von der Esbekieh aus ber den Abdin-Platz bei der Sitti Seinab
vorbei, so befindet man sich angesichts des protestantischen und
katholischen Kirchhofs und angesichts jenes Riesen-Aquaducts, den
Saladin herstellen lie, um dadurch die Befestigungen der Citadelle zu
vervollstndigen. Diese Wasserleitung ruht auf 289 Bogen und hat eine
Lnge von etwas ber 2 Quadrat-Meilen. Eine schattige Alle fhrt, sobald
man unter der Wasserleitung durch ist, nach Masr el Attikah.

Von den 8 christlichen Kirchen, welche hier sind, ist fr den Fremden
die am interessantesten, in welcher das Huschen sich befindet, worin
nach der Legende die heilige Familie geweilt haben soll; sie gehrt den
nichtunirten Griechen.

Gegenber liegt die Insel Rhoda, welche zwar nicht zur Stadt Kairo
gehrt, aber wegen des hier befindlichen Nilmessers, Mekias von den
Eingeborenen[58] genannt, welcher sich ursprnglich in Memphis befand,
wird gewi jeder Europer, der als Reisender nach Aegypten kommt, zur
Insel hinberfahren.

Aber auch auf dieser Insel giebt es prchtige Palste und Grten,
namentlich der Palast von Ibrahim Pascha ist eines Besuches werth. Auf
dem sdlichsten Ende der Insel befindet sich eine Pulvermhle.

Masr el Attikah ist mit Bulak durch eine Reihe schner Palste, Villen
und Grten verbunden. Das Palais von Soliman Pascha, unmittelbar am Nil
gelegen, der Khalig-Kanal, bei dem alljhrlich die Festlichkeiten
stattfinden, welche bei der Nilberschwemmung seit Tausenden von Jahren
gefeiert werden, eine groe Salpeterfabrik, das groe Hospital Gasr el
Ain, welches sowohl fr Militr- als Civilpersonen eingerichtet ist,
endlich das groe Schlo Gasr el Nil, ein Hospital und eine ungeheure
Kaserne, alle diese Bauten bereiten den Wanderer gewissermaen auf eine
der kolossalsten Thaten des Chedive vor, welche derselbe im Verlaufe
seiner so wirksamen und ruhmgekrnten Regierung hat ausfhren lassen.
Wir meinen die feste Nilbrcke, im Februar 1872 eingeweiht; sie hat eine
Lnge von 406 Meter, hat auf dem rechten Nilufer eine Drehscheibe von 30
Meter Durchschnitt auf einem Thurme ruhend, der 50 Fu tief in das
Nilbett eingesenkt ist. Die Brcke hat 2,300,000 Frcs. gekostet.
Ebenbrtig stellt sie sich den besten Brckenbauten der civilisirten
Staaten an die Seite.

Aber wir halten, am anderen Ufer des Nils angekommen, an, denn die
Beschreibung von Giseh, welches jetzt die Abfahrtsstation fr
Ober-Aegypten mit der Bahn geworden ist, die Pyramiden, auf der anderen
Seite der versteinerten Welt Matarieh und Heliopolis, die Abassieh und
die heien Bder von Hamman Heluan gehren nicht in den Rahmen dieses
Bildes, der ja nur eine Uebersicht von Kairo, wie es jetzt ist,
entwerfen sollte.

Eigenthmlich genug, da die Generalconsulate und politischen Agenturen
nicht in der Hauptstadt Aegyptens, sondern in Alexandrien sind. Dasselbe
sehen wir sich wiederholen am westlichsten Punkte von Afrika, in
Marokko, mit dem Unterschiede, da im Innern von Marokko berhaupt noch
keine Vertreter christlicher Mchte zu finden sind, whrend Tanger von
den Staaten, die sich am meisten fr das Land interessiren.
Generalconsulate und Viceconsulate, beide von _einer_ Macht, beherbergt.
Kairo hat blos Consulate.

Der Grund dieser Abnormitt, dieser stiefmtterlichen Behandlung der
Hauptstadt schreibt sich aus den alten Zeiten her, wo der Christ sich
jede Art roher Behandlung gefallen lassen mute. Wurde nun einmal ein
einfacher Consul geohrfeigt von einem Mameluk oder gyptischen Pascha,
so konnte das eher verschmerzt werden; wurde aber ein Generalconsul mit
Fen getreten, so mute man schon Notiz davon nehmen[59]. Zudem konnte
ein Generalconsul eher in einer Hafenstadt geschtzt werden, als im
Innern des Landes.

Da aber alle diese Ursachen lngst aufgehrt haben, so sollte auch jener
abnorme Zustand aufhren. Oder denkt man vielleicht, mit der
Souvernitt von Aegypten mten ohnedies neue diplomatische
Verbindungen eintreten und die Unabhngigkeit des Landes werde wohl
nicht lange mehr auf sich warten lassen? Das einzige Land Persien hat
sein Viceconsulat in Alexandrien, sein Generalconsulat aber in Kairo,
und auch dies besttigt meine vorhin ausgesprochene Ursache.

Die verschiedenen christlichen Gemeinschaften in Kairo haben fast alle
ihre eigenen Kirchen, so die katholische der Vter des heiligen Grabes,
die unirten Griechen, die orthodoxen Griechen, die katholischen
Armenier, die nichtkatholischen Armenier, die unirten Syrier, die
katholischen Maroniten, die reformirten deutsch-franzsischen Christen,
die amerikanischen Protestanten, die katholischen Kopten und die
Jesuiten.

Auch die Juden theilen sich in Talmudisten und Thoraimisten, d.h.
solche, welche nur das Gesetz Moses anerkennen.

Das Schulwesen in Kairo hat einen ganz neuen Aufschwung genommen unter
der umsichtigen Leitung des Schweizers, Herrn Dohr. Sein Hauptstreben
ist dahin gerichtet, die weibliche mohammedanische Jugend der Bildung
theilhaftig werden zu lassen, derer sie bedarf, und wenn dies gelingt,
so ist damit ein Hauptfactor zur wirklichen Civilisation des ganzen
Volkes gegeben.

Hospitler giebt es zwei, das schon genannte in Gasr el Nil, welches
jhrlich an 5000 Kranke aufnimmt, und das europische, dessen Kranke in
den Flgeln des groen Gasr el Ain untergebracht werden. Die Aufnahme
der Kranken ist hier nicht gratis, sondern der Patient zahlt je 12, 6
und 3 Frcs. fr den Tag. Dies Hospital steht unter Aufsicht eines der
Consuln, welche zu diesem Zwecke einen der Ihrigen alljhrlich hierzu
auserwhlen.

Sollen wir schlielich noch ein Wort ber die Absteigequartiere der
Europer sagen, so beginnen wir mit dem sowohl uerlich, wie innerlich
gleich groartig ausgestatteten New-Htel, an der Esbekieh gelegen; es
ist Eigenthum des Chedive und wird besonders von nach Indien reisenden
Englndern besucht.

Schaper's Htel, jetzt Herrn Zech, einem Schwaben, gehrig, ebenfalls am
Esbekieh-Platz gelegen, besonders von vornehmen Reisenden frequentirt;
Art und Weise durchaus englisch.

Nil-Htel am Ende einer von der Muskistrae ausgehenden Sackgasse,
besonders von Deutschen und Nordamerikanern besucht, mit reizendem
Garten und trefflicher deutscher Bedienung bei vorzglicher
franzsischer Kche.

Andere Htels ersten Ranges, wie =Htel d'Orient=, =Htel des
Ambassadeurs=, =Htel Royal= sind gleichfalls zu empfehlen. Auch
gute Htels zweiten Ranges fehlen nicht, z.B. =Htel des Colonies, de
France, des Princes, du Commerce= u.a.

Mit allen Hotels sind europische Bder verknpft; von den zahlreichen
maurischen Bdern ist das den Europern am meisten zu empfehlende das
Bad Tombaly nahe dem Scharieh-Thore.

Das ist das Kairo im Jahre 1875; heute schon halb eine europische
Stadt, wird diese Sttte uralter gyptischer Cultur--denn Kairo ist doch
eigentlich weiter nichts, als ein verjngtes Memphis--bald wieder ein
neues, ganz der neuesten Civilisation und Cultur sich anpassendes Kleid
angelegt haben und nach Abschttelung des Staubes und der Asche wie ein
Phnix aus derselben emporsteigen.

FOOTNOTES:

[Footnote 50: Uebersetzung nach Wetzstein; andere bersetzen auch "die
Siegerin".]

[Footnote 51: Ich folge _hier_ der Schreibweise Wetzsteins.]

[Footnote 52: Es ist dies in sofern interessant, als das Umgekehrte
Regel ist, wenigstens in der Neuzeit. Von verschiedenen Vlkern wird das
trkische Reich nach seiner Hauptstadt Stambul genannt, also das Land
nach der Hauptstadt. Im ganzen Orient benennt man das Kaiserreich der
Preuen nach seiner alten Hauptstadt Muscu. Wir selbst nennen die
Berberstaaten Tripolis, Tunis, Algier nach ihren Hauptstdten. In
Deutschland haben die kleinen Lnder fast alle ihre Benennung nach den
Hauptstdten.]

[Footnote 53: Aufgepat, aufgepat, rechts Herr, links!]

[Footnote 54: Weiblicher Plural von Moslim.]

[Footnote 55: Was das anbetrifft, so mssen wir doch anderer Meinung
sein. In einem Lande, wo eigentlich nur _ein_ Kaufmann ist, nmlich der
Chedive, kann von Handelsfreiheit nicht wohl die Rede sein.]

[Footnote 56: Siehe p. 275: =guide annuaire par Fr. Levernay=.]

[Footnote 57: Uebersetzung von Lorsbach p. 519.]

[Footnote 58: [Greek: neiloschopion] der Griechen.]

[Footnote 59: Der Schlag mit dem Fliegenwedel ins Gesicht des
franzsischen Consuls in Algier fhrte zur Unterwerfung der
Regentschaft; leider wurden hnliche Insulten von anderen Mchten nicht
so energisch geahndet, sonst htte das Piratenwesen etc. nicht
aufkommen, wenigstens nie eine solche Macht werden knnen und die
schndliche Menschenruberei, welche bis 1830 trotz der europischen
Mchte von den muselmanischen Beys und Deys betrieben wurde, wre viel
eher unterdrckt und ausgerottet worden.]




11. Meine Heimkehr aus der Libyschen Wste.


Schon einen halben Tag vorher, als wir noch inmitten der desten
Steinwste waren, bemerkten wir die Nhe des lebenspendenden Nilthales.
Es war gegen 2 Uhr Nachmittags, und in verschiedenen Gruppen zu Fu
gehend waren wir den langsamen Kamelen vorausgeeilt; wir unterhielten
uns gerade ber die Mglichkeit, noch am selben Abende oder frh am
Morgen an's Nilthal zu kommen, als lautes Gejodel hinter uns ausbrach.
Es waren unsere Diener, die nun heranstrmten und uns auf eine hohe
Dampfsule aufmerksam machten, die gerade vor uns im Osten majesttisch
gen Himmel aufwirbelte. Sie konnte nur aus einem jener
Fabrikschornsteine herrhren, welche man jetzt in Aegypten, vom Delta an
bis nach Assuom hinauf, als Zeugen einer hheren Kultur antrifft.

Mit erneuertem Eifer eilten wir voran und eine Stunde vor
Sonnenuntergang hatten wir den Rand der Sahara, das felsige Steil-Ufer
des Nil, erreicht. Ja, auf einem erhhten Vorsprunge konnten wir, in
weiter Entfernung allerdings, den Nil selbst und seinen grnen Rahmen,
die schlanken Palmen, erkennen. Sobald die Kamele herangekommen waren,
wurde dann noch mit Vorsicht der Abstieg ausgefhrt, wollten wir doch
vor allen Dingen noch am selben Abende der traurigen Hammada (steinigen
Hochebene) entfliehen und der Wste fr immer Lebewohl sagen.

Aber wenn wir auch die Genugthuung hatten, am Fue des felsigen Ufers
unsere Zelte aufschlagen zu knnen, so war es doch zu spt geworden, um
das eigentliche Nilthal, das, welches unter der unmittelbaren Einwirkung
des belebenden Wassers steht, erreichen zu knnen. Die Schwierigkeiten,
die beladenen Kamele durch die enge, abschssige Felsspalte
hinabzutreiben, waren so gro, da es schon dunkelte, als wir unten am
Ausgange der majesttischen Schlucht ankamen. Aber ein prachtvoller
Lagerplatz war es. Da standen unsere Zelte am Fue der jh abfallenden
Kalkwnde, vor uns ffneten sie sich, der Ausgang winkte uns Leben
entgegen, hinter uns thrmten sie sich himmelhoch auf, eine riesige
Mauer als Scheidewand der ewig todten Sahara vom fruchtbarsten Thale der
Welt. Und nun ging der Mond auf und ergo sein Licht ber unser
malerisches Lager; die Feuer prasselten, behaglich hatten sich die mden
Kamele in den weichen Sand gestreckt und zermalmten langsam ihr
wohlverdientes Futter; die deutschen Diener provocirten jubelnd durch
Revolver und Gewehrschsse das vielfache Echo, whrend wir Anderen uns
vor unsere Zelte gesetzt hatten und die Freuden der Nilreise erwogen,
welche wir sicher schon am andern Tage antreten zu knnen hofften.

Das war unser letztes Lager, unsere letzte Wstennacht, die gewi Jedem
von uns unvergelich sein wird.

Frher als sonst waren wir am anderen Morgen bereit. Schnell wurden die
Zelte gerollt, die Kamele beladen und vorwrts ging es. Aber so schnell
war dennoch Esneh, wo wir uns einzuschiffen hoffen konnten, nicht
erreicht. Wir waren allerdings im Nilthale, aber noch weit von Esneh,
dessen Palmen noch nicht einmal zu sehen waren. Ein regelrechter
Tagemarsch mute noch zurckgelegt werden und zwar kein angenehmer, denn
das Thermometer zeigte im Schatten ber 30 Grad. Inde zogen wir immer
lngs der fruchtbaren Nilfelder nach Sden und rechts das hohe Ufer bot
in seiner wechselvollen Form Unterhaltung genug, um die Zeit rasch
schwinden zu machen.

Nachmittags erreichten wir denn auch die ersten menschlichen Bauten,
zwar nur Ruinen, aber interessanter Art. Es waren die Reste eines
ehemaligen bedeutenden koptischen Klosters, welches auch heute noch fr
die gyptischen Christen ein berhmter Wallfahrtsort ist. Hierher kam in
der Mitte des vierten Jahrhunderts der Pater Pachomius, ein Held der
koptischen Kirche. Die Kirche des Klosters, eine Rotunde, ist noch gut
erhalten, ja einige Zellen, mit Matten belegt, geben Zeugni, da
manchmal Tage lang noch Gottesdienst hier verrichtet wird. Einige in
Stein gehauene griechische Inschriften deuten auf das hohe Alter des
merkwrdigen Klosters hin. Am interessantesten sind aber die hbschen
Mausoleen in der Nhe des Klosters; hier ruhen die Gebeine der
christlichen Mrtyrer, welche im Jahre 303 n. Chr. auf Befehl vom Kaiser
Diocletian hingerichtet wurden. Reizende Grabkapellen, deren hbsche
architektonische Formen sich nur vergleichen lassen mit der berhmten
Nekropolis in Chargeh und die um so bemerkenswerter sind, weil sie zu
den wenigen Bauberresten gehren, welche aus _ungebrannten_ Thonziegeln
errichtet sind.

Jetzt tauchten auch die Grten von Esneh auf und bald darauf erblickte
man die greren Gebude und die schlanken Minarets der Moscheen. Unser
Factotum, Mohammed Daud, hatte ich vorausgeschickt, um uns beim Mudir
anzumelden, und eine halbe Stunde vor der Stadt kam uns auf einem
prchtigen weien Berberhengste der Unter-Mudir entgegen, um uns
willkommen zu heien. Zittel und ich waren vorausgegangen und betraten
bald darauf das hbsche Lustschlo des Chedive, unmittelbar am Nil
gelegen.

Sobald wir im Schlosse, welches der Chedive ganz zu unserer Verfgung
gestellt hatte, eingerichtet waren, namentlich Jeder von uns sein Zimmer
in Besitz genommen hatte, stellten sich die Honoratioren der Stadt ein
und im groen Saale wurde Empfang gehalten. Wir aber forschten vor
Allem, ob in Esneh ein Trunk Bier zu haben sei, und siehe da, die Stadt
erwies sich in dieser Beziehung sehr civilisirt, denn bald darauf
standen vermiedene Flaschen Ale auf dem Tische. Seltsames Verlangen,
welches wohl nur der Deutsche, vielleicht auch der Englnder
besitzt--ich glaube, in Esneh ist whrend der kurzen Zeit unseres
Aufenthalts so viel Bier wie nie vorher verkauft worden.

Das Schlo des Viceknigs war reizend gelegen, obschon es sich sonst
keineswegs durch architektonische Schnheit auszeichnete. Von Mohammed
Ali erbaut, der fast jeden Winter einige Monate in Esneh zuzubringen
pflegte, zeigt es im Allgemeinen dieselbe Anordnung der vicekniglichen
Palais aus jener Periode, d.h. lnglich viereckig ist das innere
Parterre durch ein groes Kreuz getheilt. Sonderbare Vorliebe, welche
die Aegypter fr's Kreuz besitzen, denn sogar die berhmte
Mulei-Hassan-Moschee in Kairo zeigt ja, wie ich frher schon erwhnte,
in der Grundform ein Kreuz. In der Bel-Etage war ein groer Saal mit
verschiedenen Zimmern daneben; letztere hatten wir unter uns vertheilt;
der Salon, nach trkischer Sitte nur mit einem Divan, der sich rund um
die Wnde zog, mblirt, diente als gemeinsames Speisezimmer und als
Empfangszimmer. Die Teppiche waren beraus schn und auch die
Mbelstoffe, Gardinen etc. waren einst schn gewesen, aber vom Zahne der
Zeit etwas angegriffen.

Ich schlief in der ersten Nacht im Bette Mohammed Ali's, aber in den
folgenden Nchten zog ich mein Feldbett doch vor. In den Wandschrnken
der Zimmer fand sich berdies der reichste Vorrath von Leinenzeug,
seidenen und wollenen Decken, Kissen etc., vielleicht seit zwanzig
Jahren unberhrt liegend, denn der jetzige Chedive und seine beiden
Vorgnger haben nie in diesem Palaste genchtigt.

Ringsum ist ein reizender Garten, da wetteifern Palmen mit Oliven,
Feigen mit Agaven, Granaten mit Orangen in ewig grner Pracht, wer am
ersten seine duftenden Blthen offenbaren soll. Und vor dem Palais
selbst ist, ehe man zu den Fluthen des Nils kommt, ein zweiter schner
Platz, stets schattig, denn herrliche Lebek-Akazien berwlben ihn.

Unsere Freude, den Nil erreicht zu haben, wieder in civilisirter
Umgebung sein zu knnen, wurde aber etwas getrbt, weil kein Dampfer, um
uns zu holen, gekommen war. Leider war der Brief, den ich von der
Jupiter-Ammons-Oase aus an unseren Generalconsul in Alexandrien
geschickt hatte, acht Tage spter angekommen, durch die unverzeihliche
Nachlssigkeit des arabischen Boten, welcher geglaubt hatte. "Acht Tage
frher oder acht Tage spter, was macht das aus?" So fanden wir nur ein
Telegramm vor, welches besagte, es sei Befehl gegeben, uns von Assuan
her eine Dahabieh zu besorgen, da Dampfer des niedrigen Wasserstandes
wegen nicht mehr fahren knnten. Letzteres war nun allerdings eine
Unwahrheit, aber jedenfalls war die Zeit zu kurz geworden, um jetzt noch
einen Dampfer von Kairo zu erwarten.

Wir muten uns also mit Geduld in unser Schicksal ergeben und Jeder
nutzte die Zeit aus, so gut es ging. Zittel durchforschte noch einmal
die interessanten Schichten des Nilufers, Jordan operirte mit dem
Theodolit, Ascherson suchte mit seinem Diener Korb Pflanzen und Herr
Remel photographirte im Tempel; nur ich selbst hatte meine Thtigkeit
geschlossen, denn mit der Erreichung des Nils hatte die Reise ihr Ende
erreicht. Aber ganz unthtig war ich auch nicht, lag mir doch ob, unsere
ganze Expedition noch stromabwrts bis zum Mittelmeere zu fhren, und da
gab es noch Mancherlei zu besorgen und anzuordnen.

Esneh mit circa 7000 Einwohnern ist gnstiger gelegen, als Siut,
insofern als es unmittelbar am Nil liegt, aber dennoch ist letztere
Stadt bedeutend wichtiger fr Handel und Wandel. Der jetzige Name Esneh
ist der alte, ursprnglich gyptische, wie Quatremre und Champollion
aus koptischen Urkunden nachgewiesen haben. Letzterer bringt das Wort
mit =Sna= was auf koptisch Garten bedeutet, in Verbindung. Der
griechische Name Latopolis kommt, wie Strabo (Bd. XVII, S. 817) sagt,
von der Verehrung des Fisches Latos her, dem hier mit Minerva gttliche
Ehre erwiesen wurde. Dies bezeugt der prchtige Tempel, dessen Vorhalle,
unter Mohammed Ali's Regierung blogelegt, zu den wohlerhaltensten
Denkmlern gehrt, welche Aegypten besitzt.

Im Ganzen genommen liegt Esneh uerst malerisch auf circa 25-30 Fu
hohem Nilufer. Der Palast des Chedive, die groe Cavallerie-Caserne,
welche jetzt allerdings leer steht und welcher der Verfall droht, das
Mudirats-Gebude, die Wohnung des Schich el Bled, alle am Nil gelegen,
dann die groe Zahl der imposanten und bunt bekalkten Taubenschlge
verleihen der Stadt ein greres Aussehen, als sie in Wirklichkeit hat.
Ich habe frher schon dieser colossalen Taubenschlge erwhnt; ein
einziger solcher Thurm, viel luxuriser gebaut, als die danebenstehende
menschliche Wohnung, beherbergt oft 500 und mehr Tauben. Hauptzweck der
Taubenzucht ist die Erzielung von Guano, und Leute in Esneh gaben mir
die Versicherung, da der Jahresbetrag eines groen Taubenschlags oft
fr 40 bis 50 Ducaten Guano betrage. Man sieht also, da nicht allein
die Gewsser des Nils es sind, welche die fruchtbaren Fluren erzeugen,
sondern da auch noch durch Dnger nachgeholfen werden mu.

Und da ich doch einmal bei den Tauben verweile, mchte ich hier die
interessante, schon von Darwin mitgeteilte Thatsache hervorheben, da
die Tauben, um zu trinken, direct in den Nil fliegen; natrlich gehen
sie in so seichtes Wasser, da sie Grund finden. Aber wie lange wird es
dauern und Gewohnheit, Notwendigkeit und Zuchtwahl werden
zusammenwirken, es werden sich Schwimmhutchen an den Fen bilden und
nach 10,000 Jahren oder mehr hat Aegypten vielleicht schwimmende Tauben.

Eine Eigenthmlichkeit hat Esneh noch, welche sich vielleicht in den
anderen gyptischen Stdten auch findet, aber nicht so hervortritt,
nmlich ein ganzes Viertel, wo nur Hetren wohnen. In der Nhe sind
trkische Kaffeehuser und von da konnten wir die interessantesten
Beobachtungen anstellen. Da sah man eine ganze ethnographische
Musterkarte weiblicher Geschpfe: hier eine blendend weie
Deltabewohnerin, vielleicht mit tscherkessischem Blute in ihren Adern,
dort eine pechschwarze Dame aus Fur, hier eine rothe Dongolanerin, dort
eine Fellahin aus dem Nilthal mit goldgelber Haut und groen schwarzen
Augen, hier eine Jdin, dort eine Christin, hier eine Mohammedanerin,
dort eine Schwarze, welche vielleicht noch Heidin war, kurz, fast alle
Racen, jedes Alter und jede Religion war vertreten.

Wir luden diese zuvorkommenden Wesen ein, uns im Palais einen Besuch zu
machen, aber da erfuhren wir, da sie aus der Grenze ihres Stadtviertels
ohne besondere Erlaubni des Gouverneurs nicht herausgehen durften.
Unser Photograph, Herr Remel, wollte nmlich ein Gesammtbild dieser
ethnographisch interessanten Frauen herstellen. Die Erlaubni war inde
schnell erwirkt. Unter Fhrung des Unter-Mudir und verschiedener
Polizisten erschienen sie Nachmittags, gewi 30 an der Zahl, im Garten
des chedivischen Palais. Alle waren im hchsten Putze und die Aermste
hatte mindestens 40-50 Goldstcke zu einer Kette vereint um den Hals.
Groe goldene und silberne Armbnder, Fuspangen, bunte Kleider,
goldgestickte Schuhe, Alles hatten sie angethan, um mglichst
vorteilhaft zu erscheinen. Natrlich mute die Sitzung bezahlt werden,
aber es gelang Herrn Remel doch, zwei hchst gelungene Aufnahmen zu
machen.

Sonst hat die Stadt nichts von Interesse; der Marktplatz, die Buden, die
Straen sind eng und klein, aber es ist Alles zu haben. Mehrere von
Griechen gehaltene Schenken sind mit leiblichen Bedrfnissen aller Art
wohl versehen.

Doch noch einmal kehren wir zurck zu dem Tempel, der gleich hinter dem
Marktplatze gelegen ist und sicher zu den staunenswertesten Denkmlern
Aegyptens gehrt. Dabei kam mir der Gedanke, wie angenehm es fr uns
gewesen war, diese alten gyptischen Bauten immer in aufsteigender Weise
kennen gelernt zu haben. Nachdem wir zuerst auf unserer Hinreise die
ziemlich kunstlos gearbeiteten Hypogeen (Katakomben) von Beni Hassan,
die Grfte von Siut, gesehen, waren wir zum kleinen Tempel in Dachel,
dann aber zum viel prchtigeren groen von Chargeh gekommen und nun
hatten wir hier ein Werk vor uns, das uns die Pracht und die
Herrlichkeit der gyptischen Baukunst auf's Vollkommenste
vergegenwrtigte. Leider ist der grte Theil des Tempels noch unter
Schutt, nur der Porticus ist zugnglich. Aber seine gewaltigen
Dimensionen deuten genugsam auf die bedeutenden Bauten hin, welche uns
augenblicklich der neidische Boden zusammengefallener Htten und Huser
verbirgt.

24 Sulen, ber 33 Fu hoch, in vier Reihen stehend, mit einer
Peripherie von 16 Fu jede Sule, lassen in diesem Vortempel nur ahnen,
welche groartige Verhltnisse dahinter liegen. Die franzsische
Expedition schtzt die Grundflche des ganzen Tempels auf 5000
Quadratmeter, und Alles ist mit Hieroglyphen und bildlichen
Darstellungen bedeckt. "Knnte ein Steinmetz auch ein Zehntel
Quadratmeter in _einem_ Tage mit solchen Hieroglyphen bedecken, so wren
doch 50,000 Tage zur Beendigung der ganzen Decoration nthig[60]."

Man sieht berall den Widderkopf des Jupiter Ammon; auch ber der Thr,
welche ins Innere des Tempels fhrt und die vermauert ist, sieht man ein
widderkpfiges Bild. Die Sulen, deren Architrav, die Decke des Tempels
sind alle wohl erhalten und die _erhaben_ gearbeiteten Hieroglyphen im
Innern des Porticus sind von einer Genauigkeit der Arbeit, als ob sie
erst gestern aus der Hand des Knstlers hervorgegangen wren. Warum sind
in dem Innern der Tempel die Hieroglyphen erhaben, an der ueren Seite
aber meist vertieft gearbeitet? Das sind Fragen, die Einem einfallen;
vielleicht hat ein Brugsch oder Lepsius, oder gar schon Champollion
darauf geantwortet. Ich wei es nicht, ich verweise daher den, der sich
mit diesen Gegenstnden eingehend beschftigen will, auf die dahin
einschlgige Literatur. Interesse hat eine solche Baute gewi fr
Jedermann; auch der Gleichgltigste mu bewundern und selbst der
blasirteste Mensch mu verstummen unter dem mchtigen Eindrucke dieses
Menschenwerks. Schade, da die Dunkelheit nicht erlaubt, die
Deckengemlde genauer zu betrachten, wo namentlich ein Thierkreis, durch
die Sauberkeit seiner Arbeit ausgezeichnet, von groem Interesse sein
soll. Ich habe ihn nicht gesehen; die Dunkelheit wird hervorgebracht
durch Schutt, der, fast so hoch wie der Tempel selbst, davor liegt; man
mu mittelst einer Treppe hinabsteigen.

Fnf Tage waren wir in Esneh, von Assuan kam immer noch kein Schiff. Am
vierten Tage aber hatten wir schon einen Entschlu gefat. Vertraut mit
den Versprechungen, welche gyptische Beamte zu machen, aber nicht zu
halten pflegen, hatten wir eingesehen, da auf eine Dahabieh nicht zu
rechnen sei. "Kairo ist weit und der Chedive thront hoch", denken auch
die gyptischen Mudire in Obergypten. Mglich, da keine Dahabieh in
Assuan zu haben war, mglich, da man dahin noch gar nicht um eine
solche telegraphirt hatte; genug, es kam keine.

Aber in Esneh selbst fanden sich zwei allerdings kleine, aber doch
taugliche Schiffe, und mit Hlfe des Mudir wurden sie gemiethet. Der
Mudir verstand etwas Englisch und war einer der besten gyptischen
Provinzialbeamten, den ich noch gesehen hatte: Wie fein und
"=gentlemanlike=" war sein Benehmen gegen das des Siuter Mudir, der
ein ehemaliger Sclave von Abbas Pascha war! Der Mudir von Esneh hatte
aber auch frher an der Spitze der Asisieh-Dampfer-Compagnie gestanden,
er war noch frher See-Capitain gewesen und hatte als solcher die Welt
kennen gelernt.

Auch die anderen Honoratioren der Stadt waren ordentliche Leute. Da war
der Unter-Mudir, ein sehr geflliger Mann; da war der Medicinalrath, der
etwas Franzsisch redete, sich auch eine gyptische Zeitung, die in
franzsischer Sprache erschien, hielt, sie nur nie las. Er war so
liebenswrdig, sie mir tglich zu schicken, aber ich gestehe, nachdem
ich einige Mal dies Blatt, "=l'Egypte=" genannt, durchgesehen
hatte, stand ich ebenfalls davon ab, es zu lesen. Kann man sich einen
langweiligeren Inhalt denken: einige amtliche Bekanntmachungen, Auszge
aus den Verhandlungen irgend welcher obscurer franzsischer
Gesellschaften, irgend ein franzsischer Sensationsroman und einige
Annoncen. Selbst telegraphische Berichte waren nicht einmal vorhanden
und politische Nachrichten, Leitartikel oder sonstige Raisonnements
fehlten gnzlich. Glckliche gyptische Beamte, die mit einem solchen
officiellen Blatte abgespeist werden, "=l'Egypte=" ist das Organ
der Regierung.

Da war dann noch der Mufti, der Kadhi, der Schich el Midjelis[61], der
Ukil[62] des Palais des Viceknigs und einige andere Notablen, die uns
alle Abende einen Besuch machten; aber einen kurzen, das mu ich zu
ihrer Ehre nachrhmen; die langen Sitzungen, wie sie uns von der Behrde
in Dachel tglich aufoctroyirt wurden, hatten wir hier nicht mehr zu
erdulden.

Bezaubernd in gewisser Weise waren auch die Tage in Esneh, so recht
fr's =Dolce far niente= angethan. Wenn des Morgens in die offenen
Fenster hinein die sich mischenden Dfte des Jasmin und Orangenbaumes
zogen, wenn die Schwalben ihr jubelndes Zwitschern erschallen lieen und
wir selbst, Zittel und ich, uns auf die Terrasse begaben, um in aller
Ruhe Kaffee zu schlrfen, zu schreiben oder zu lesen,--oder aber, wenn
Abends die Sonne sich hinter die Nilufer gesenkt hatte und nun die
gegenberliegenden weilichen Kalkberge in den herrlichsten Farben
geschmckt prangten, der Himmel und der Nil selbst von ganz anderen
Tinten bergossen erschien, als man es je anderswo schauen mag--so
lieen alle diese Bilder Eindrcke zurck, welche nur Der zu wrdigen
wei, der selbst Aehnliches erlebt und gesehen hat.

Mittags hatten wir die Dahabiehen gemiethet, Nachmittags um 5 Uhr
konnten wir schon abfahren. Aber die Dahabiehen sind keineswegs alle von
gleicher Beschaffenheit. Man hat sehr groe und schne, so wie die
europischen Nilreisenden sich dieselben in Kairo zu einer Reise auf dem
Nil miethen; man hat kleinere fr eingeborene Reisende und solche, die
gleichsam fr den Waarentransport eingerichtet sind.

Uns standen zwei kleinere zu Gebote, die mit vielen Nachtheilen den
Vortheil verbanden, da sie schneller fortzubewegen und besonders, da
sie bedeutend billiger waren, als die groen Dahabiehen. Wir verteilten
uns also in die zwei Schiffchen und zwar so, da Zittel, Ascherson und
ich mit zwei europischen Dienern das eine, Herr Remel und Jordan mit
drei ebenfalls europischen Dienern das andere Schiff einnahmen.
Rumlich waren letztere besser daran, als wir, denn bei gleich groen
Cajten waren sie zu Zweien, wir aber zu Dreien. Jedes Schiff hatte
nmlich an seinem hinteren Theile zwei kleine Cabinen; in unserem
bezogen Zittel und ich die eine, Ascherson die andere; letztere diente
zugleich als Speisesaal und als Ort, wo unsere Kisten standen; beide
Cajten waren durch einen nicht nher zu bezeichnenden Ort getrennt,
dessen unangenehme Einschaltung wir aber dadurch unschdlich machten,
da wir uns Allen den Zutritt verboten.

Oben auf den beiden Cajten wurde gesteuert, dort schliefen der Rais,
unsere beiden europischen Diener und der Schich unserer eingeborenen
Leute. Die Mitte des Schiffes hatte Raum fr den Mastbaum, fr drei
improvisirte Bnke, welche die sechs Ruderer inne hatten, und unter Deck
war unsere Bagage; ganz am Vordertheile des Schiffes befand sich eine
Art von Kche. Das war die Einrichtung des Schiffes. An Mbeln hatten
wir Feldtische und Sthle von einem Dampfschiffe des Chedive, welches
vor Kurzem bei den Ssilsilla-Bergen oberhalb Esneh gescheitert war.
Unsere eignen Feldsthle waren durch die Reise ganz unbrauchbar
geworden.

An Proviant hatten wir drei Schafe, mehrere Puter, Eier, Mehl, Butter,
Reis, Linsen, Brod, Kaffee, Wein und Bier; in dieser Beziehung waren wir
also wohl versorgt, und um ja zu vermeiden, da an Bord des anderen
Schiffes nicht Unzufriedenheit ausbrche, theilte ich die Lebensmittel
und Getrnke stets so, da jedes Schiff die Hlfte bekam, trotzdem wir
zu drei Herren, das andere Fahrzeug aber nur mit zweien besetzt war.

Langsam entschwand Esneh unseren Blicken. Es war der erste Abend, den
wir wieder auf dem Nil verlebten, ein herrlicher in jeder Art, und nun
konnten wir auch schon mit ziemlicher Gewiheit vorher berechnen, wann
wir in Kairo, wann wir in Alexandria und wann wir in Neapel sein wrden,
besonders Zittel und ich, die wir gemeinsam zurckreisen wollten, wir
gaben uns oft diesem frohen Gedanken hin. Da saen wir nun oben auf der
Cabine, ein Glas Bier vor uns, schauten auf die in prchtigen Farben
schimmernden Berge, auf die ruhigen Fluthen des Nil, auf die Barken, die
leise darber hinglitten, auf die friedlichen Ufer, wo hier ein Schfer
seine Heerde heimtrieb, dort Bffel, die das steile Gehnge
hinanklommen, hier Mnner mit Sicheln bewaffnet, Heubndel einheimsend,
hier die jungen Fellahmdchen, die Khe zum Melken herantreibend,--ein
Bild der Ruhe und des Friedens. Und diese Leute sollen so bedrckt sein,
da sie kaum mehr das Geld erschwingen knnen? So fragte ich mich beim
Anblick dieses Bildes. Es leuchtete doch nur Zufriedenheit und Frohsinn
aus aller Leute Gesicht. Hier wurde laut gelacht, dort wurde gesungen.
Wie stimmt das mit den Klagen ber unerschwingliche Steuern?

Ach, es ist leider nur zu wahr, in Aegypten giebt es wohl gar keine
Gegenstnde mehr, die unbesteuert sind und die Steuern sind wirklich fr
das Volk fast unerschwinglich. Die Zufriedenheit und der frohe Sinn, die
ewige Heiterkeit der armen Fellahin erklrt sich nur daraus, da sie es
nie besser gewohnt waren. Seit mehr als 4000 Jahren immer im
Sclavenjoch, ist es einer Generation am Ende einerlei, ob sie mehr
bezahlen mu, als die andern frher bezahlten. Auch die Vter haben
keine Reichthmer gesammelt und haben, trotzdem sie vielleicht weniger
steuerten, auch nichts hinterlassen.

Was war das? Da tnte von der anderen Barke mit einem Male "Ein lustiger
Musikante marschirte einst am Nil" &c. herber und hernach noch andere
Lieder. Das Singen ist ansteckend; wir antworteten und so etablirten
sich Wechselgesnge oder auch, wenn die beiden Barken ganz nahe waren,
sangen wir zusammen. Zittel mit seiner wirklich schnen Stimme mute die
Palme zuerkannt werden,--doch nein, ich bertraf ihn. Denn wenn ich mit
der Kraft meines ganzen Krpers und mit unbeschreiblichem Ausdruck mein
Schnadahpfln sang, dann folgte immer ein allgemeines "bis, bis, noch
ein Mal!" Ja, wie von einem Niemann oder Betz, wie von einer Lucca oder
Patti (ich vereinige den Zauber und den Schmelz der verschiedensten
Stimmen, einerlei, ob aus mnnlichen oder weiblichen Kehlen) wurde stets
mein Lied drei oder vier Mal zu hren verlangt.

Die Nchte auf dem Schiffe waren nicht allzu angenehm. Da Ungeziefer
der verschiedensten Art einheimisch war, sollten wir bald genug
erfahren, aber in unserem Fahrzeuge waren auerdem noch Wasserratten,
die auf lstige Art oft unseren ohnedies nicht festen Schlaf strten.
Ja, eines Nachts sprang eine freche Ratte durch das kleine Fenster
gerade auf mein Gesicht und als ich erschreckt in die Hhe fuhr, mit
einem Satze auf Zittels Kopf, der dicht an meiner Seite schlief. Als sie
auch hier keinen angenehmen Empfang fand, verschwand sie in unserem
Brodkorbe, den sie sich als Lieblingsaufenthalt ausersehen hatte.

Das war die erste Nacht, aber man gewhnte sich an derartige
Unannehmlichkeiten, und die mchtig wirkende Sonnengluth bei Tage suchte
man durch leichtere Kleidung zu dmpfen, oder es wurde an seichten
Stellen ein Bad genommen, das freilich nur eine momentane Abkhlung
bewirkte.

Wir nherten uns Theben, wo reich die Wohnungen sind an Besitzthum:

     "Hundert hat sie der Thor', und es ziehen zweihundert aus jedem,
     Rstige Mnner zum Streit mit Rossen daher und Geschirren."

So singt Homer, aber ach!--nur Ruinen deuten heute noch auf die einstige
Gre der Stadt, nach der im grauesten Alterthume, wie Herodot uns sagt,
ganz Aegypten genannt wurde.

Pocht nur, ihr modernen Stdte und Staaten, auf eure Unvergnglichkeit,
du prahlerisches Rom mit deinen paar Tausend Jahren nennst dich die
"ewige Stadt". Blicke auf Theben zurck, dem nicht einmal der Name
geblieben ist. Ja, es ist traurig, die heutigen Bewohner des Ortes
kennen den Namen Theben nicht. Angesichts der colossalen Ruinen,
Angesichts eines Tempels, in welchem der Dom von St. Peter fnfmal
stehen kann, ahnen sie nicht einmal die Bedeutung und die Macht, die
frher diese Sttte hatte.

Man htte es sich selbst nie verzeihen knnen, bei Theben
vorbeizufahren, ohne wenigstens die hauptschlichsten Denkmler gesehen
zu haben. "Auf Luxor zu halten!" riefen wir, und siehe da: auf einem
stattlichen Hause unmittelbar am Nil flatterte eine groe deutsche Fahne
empor. Auf dem deutschen Consulate hatte man zwei mit deutschen Flaggen
versehene Dahabiehen bemerkt, und da man ohnedies von unserer Ankunft
unterrichtet war, wollte uns der Consul dadurch eine Aufmerksamkeit
beweisen. Des Consuls Salutschsse wurden von unseren Schiffen sogleich
erwidert und bald darauf legten wir dicht bei seinem Hause vor Anker und
begaben uns hinauf. Ein liebenswrdiger Mann, dieser Vertreter
Deutschlands, dem nur Eins fehlt, nmlich Gehalt, was doch immerhin
nothwendig wre bei der fteren Reprsentation und der Gastfreundschaft,
welche dieser freundliche Kopte allen Deutschen erweist. Es wre dies um
so wnschenswerther, als die Vertreter der brigen Mchte in Theben,
z.B. die von England, Frankreich und Oesterreich, auch Gehalt beziehen.
Allerdings sind dort keine Deutschen zu beschtzen oder sonst irgendwie
deutsche Interessen wahrzunehmen, aber wenn man schon einmal die
Nothwendigkeit eines deutschen Consuls fr einen Ort anerkannt hat, dann
soll man ihn auch honoriren.

Es macht einen angenehmen Eindruck, im Hause des Consuls einen
europisch eingerichteten Salon zu finden, an den Wnden: unseren
Kaiser, den Kronprinzen, die Schlachten mit den Franzosen und
verschiedene Photographien von Deutschen, die Luxor, so heit dieser
Theil von Theben, wo die Consulate sich befinden, besucht haben.

Hier befindet sich auch das berhmte Fremdenbuch, worin Englnder und
Franzosen unsern Lepsius so begeiferten, indem sie unkluger Weise ihm
die Zerstrung der Ruinen schuld gaben. Kindischere Bemerkungen ber die
Trmmerfelder von Theben sind wohl nie geschrieben worden. Sie bedachten
wohl nicht, da Theben schon zur Zeit Strabo's zerstrt war. Strabo
(Bd. XVII, S. 816) sagt ausdrcklich: "Es ist mit Tempeln, die
grtenteils von Chambyses zerstrt worden sind, erfllet und wird
gegenwrtig als kleiner Flecken bewohnt &c." Also schon vor ca. 1900
Jahren war Theben, so wie es heute ist, aber vor ca. 3500 Jahren war es
in seiner Glanzperiode, an Rom dachte man damals noch nicht. Dies
Fremdenbuch wurde von Dmichen, als er unseren Kronprinzen auf seiner
gyptischen Reise begleitete, an Lepsius geschickt, der es zurcksandte
mit der einfachen Bemerkung, er habe Kenntni davon genommen. Auf dem
Consulate sind brigens zwei Fremdenbcher, ein allgemeines und ein nur
fr Deutsche bestimmtes. Das allgemeine Album rhrt noch aus der Zeit
her, wo der Consul verschiedene andere Nationen gleichzeitig mit
vertrat.

Das Verbrechen von Lepsius bestand in Wirklichkeit darin, da er viele
der Tempel von Schutt reinigen lie und zu der Zeit die Erlaubni
erhielt, gefundene Kunstgegenstnde nach Berlin bringen zu drfen; aber
zerbrochen hat Lepsius nichts. Eine solche Barbarei z.B., wie das
Ausbrechen des Thierkreises aus dem Tempel zu Dendera ist, ist nie von
Deutschen begangen worden. Derselbe ist jetzt im Louvre.

Nach einem kurzen Besuche auf dem Consulate, wo der bliche Kaffee,
Scherbet und Araki geschlrft und ein Tschibuk geraucht wurde, gingen
wir sodann, den Tempel von Luxor zu sehen und ritten darauf nach dem
Heiligthum von Karnak, dem grten Gebude der Erde, welches jemals
einer Gottheit geweiht war. Da eine Beschreibung dieser Bauten mit ihren
Obelisken, Pylonen und Sphinxen nicht in meiner Absicht liegt, so fahre
ich gleich fort im Berichten unserer Erlebnisse.

Wir waren Abends am Bord unseres Schiffes, schwelgend in der Erinnerung
an jene staunenswerten Kunstwerke lngst vergangener Generationen, nicht
vergangener Vlker, denn die heutigen Nilthalbewohner sind doch am Ende
nur die Abkmmlinge jener Titanen, welche diese Riesenwerke aufbauten,
deren Kraft und Schnheit wir jetzt tglich zu bewundern Gelegenheit
hatten.

Und der folgende Tag sollte fast einen noch greren Genu gewhren: wir
setzten hinber auf die andere Seite des Nils, auf die linke, um die
Knigsgrber, die Memnon-Colosse, das Rameseum mit seinen herrlichen
Bildwerken &c. in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Tag ging damit hin
und dennoch sahen wir keineswegs alle Denkmler, sondern nur die
bemerkenswerthesten. Dankend mu ich erwhnen, da uns vom Consulate ein
sehr intelligenter Fhrer mitgegeben war, ein geborener Schlauberger,
der dadurch die Backschische der Deutschen reichlicher zu flieen machen
hoffte, da er bei jeder Gelegenheit, und wenn diese auch von einem
Steingemuer (in Ermangelung eines Zaunes) gebrochen werden mute, auf
die Franzosen schimpfte, wie er andererseits muthmalich nicht
verfehlte, auf die Deutschen zu schimpfen, wenn er Franzosen zu fhren
hatte.

Abends vereinigte uns ein solennes Souper auf dem Consulate. Man mu
aber ein solches Essen mitgemacht haben, um ber die Zahl der Gnge und
Gerichte einen Begriff zu erhalten. Einigermaen wird man sich eine Idee
machen knnen, wenn ich sage, da drei unserer complicirtesten Diners
zusammengesetzt etwa ein koptisches bilden wrden. Um uns besonders zu
ehren und uns ganz in die koptische Sitte einzufhren, hatte der Consul
es auf einer messingenen Riesenschssel auftragen lassen, und whrend er
selbst die Honneurs machte, ohne am Essen Theil zu nehmen, bat er uns,
mit den Fingern zuzugreifen. Sein Sohn aber, ein liebenswrdiger junger
Mann, der gut Englisch und etwas Deutsch sprach, nahm Theil an unserem
Mahle. Als ich aber sah, da einige von unserer Gesellschaft ber das
adamitische Essen ungeduldig zu werden anfingen (der Gang nach den
Knigsgrften war ganz danach gewesen, den Appetit mehr als gewhnlich
zu reizen), bat ich den Consul, Messer und Gabeln bringen zu lassen, und
nun ging es rascher von Statten. Aber fast htte man sich diese wieder
weggewnscht, denn es folgten so viele Gerichte, so viele Speisen, da
es kaum mglich war, von allen auch nur zu kosten. Rothwein, Champagner,
dann und wann ein Glschen Araki, um den Magen zu schnellerer
Bewltigung der Speisen zu reizen, bildeten das Getrnk und am Schlusse
selbstverstndlich eine Tasse Mokka mit dem Tschibuk.

Es war schon dunkel, als wir dankend vom Consul Abschied nahmen, uns an
Bord begaben und noch am selbigen Abend abfuhren. Da erleuchteten, als
wir dem Consulate gegenber waren, bengalische Flammen sein Haus und
gluthbergossen zeigte sich daneben der Tempel von Luxor mit seinem
hohen Obelisk, dessen Bruder jetzt auf dem Concordienplatze in Paris
steht. Flinten- und Revolverschsse tnten dazwischen als Gru fr uns
in die Heimath. Aber diesmal konnten wir den liebenswrdigen Consul
berbieten, denn wir hatten noch viel Magnesiumdraht brig behalten: wie
durch Zauber erhellten wir die ganze Gegend mit sonnengleichem Lichte,
noch einmal sahen wir den Karnaktempel, Medinet Abu, die Memnonssulen,
das Rameseum und alle die Herrlichkeiten der alten hundertthorigen Stadt
und dann war lautlose Stille und tiefschwarze Nacht hllte uns ein,
selbst die Ruderer sangen nicht, sondern trieben durch leise
Ruderschlge die Schiffe gen Norden.

Nachts kamen die Schiffe meistens auseinander; das, worauf Jordan war,
hatte, weil es kleiner war, zwei Ruderer weniger; der Rais (Capitain)
schlief gern, das Fahrwasser schien er nicht zu kennen, so da es hufig
aufrannte, aber des Morgens kamen wir doch immer wieder zusammen.

Unser Botaniker Abu Haschisch erwarb sich, wie berall in den Oasen, so
auch bei unseren Matrosen, schnell die Sympathie derselben; sie hatten
ein Gedicht auf ihn gemacht und unterlieen nicht, ihn mehrere Male
tglich zu besingen. Da war in ihrer Poesie von einem Garten, von
Granatblthen, von Pflanzen, von einem Quell die Rede, und namentlich
wurde in gebundenen Worten sein Hemd besungen, welches diese Ehre durch
einen ungeheuren Tintenklecks erworben hatte. Am Tage war nmlich die
Hitze so gro, da wir Alle, wie schon erwhnt, in einem mglichst
leichten Costm auftraten.

Hatten wir in Theben das groartigste der gyptischen Baukunst
betrachten knnen, so bot uns Dendera Gelegenheit, den Triumph der
griechischen und gyptischen Architektur zu bewundern; denn der
Denderatempel, vollkommen von Schutt befreit und in allen Theilen
erhalten, ist das Vollendetste, was von den neueren gyptischen
Bauwerken noch erhalten ist.

Sodann fuhren wir ohne weiteren Aufenthalt (nur in Girgeh wurde eine
Stunde angehalten, um Proviant einzunehmen) nach Siut, von wo aus unsere
Expedition abgegangen war. Obgleich wir in frher Morgenstunde, um 6
Uhr, landeten, war Herr Khaiat, des deutschen Consuls Sohn, schon in
Homra, dem Hasenplatze von Sint. In der Erwartung, da wir kommen
wrden, hatte er die ganze Nacht dort zugebracht. Hier hatten wir einen
lngeren Anfenthalt, Jordan hatte noch eine astronomische Messung zu
machen, sodann waren noch smmtliche Kisten, unsere Sammlungen
enthaltend, an Bord zu nehmen. Whrend der Zeit lie es sich das
Consulat nicht nehmen, ein Frhstck zu arrangiren. Dem Consul und
seinem Sohne, welche von der koptischen zur reformirt-koptischen Kirche
bergetreten sind, pflichten wir den grten Dank. Whrend der ganzen
Expedition haben Beide mit unermdlicher Sorgfalt mit uns Verbindung
gehalten, unsere Post besorgt, uns Lebensmittel und Alles, was sonst
nthig war, nachgeschickt. Ohne sie wre der Verlauf der ganzen
Expedition keineswegs so zusammenhngend und ohne Strung von Statten
gegangen.

Durch ihre Vermittlung gelang es uns auch, die Erlaubni zu bekommen,
uns einem Dampfer eines Pascha's anhngen zu drfen, zwar nur bis
Monfalut, aber wir gewannen dadurch doch bedeutend an Zeit. Und dann
erreichten wir bald mit gnstigem Chamsin-Winde[63] Rhoda, die
sdlichste Eisenbahnstation. Abends dort angekommen, gelang es uns noch
am selben Tage, alle unsere Bagage auszuladen und in einem Gepckwagen
der Eisenbahn zu verpacken. Der Chedive hatte uns bereitwilligst freie
Fahrt bis Kairo bewilligt. Die Nacht, welche wir in zwei Zimmern des
Stationsgebudes zubrachten, gehrte allerdings nicht zu den
angenehmsten: Schnaken und tausend Insecten plagten uns derart, da an
Schlaf nicht zu denken war.

Anderen Tages fhlte man sich fast wie in Europa; die Eisenbahn hat
etwas eigenthmlich Heimisches; da, wo das Dampfro schnaubt, glaubt man
schon mit einem Fue wieder in der Heimath zu sein, und in der That, von
Rhoda aus steht man ja mit jedem greren Orte Europas, ja der ganzen
Welt in ununterbrochener Dampffahrt-Verbindung. Vorsorglich hatte ich
Herrn Friedmann, dem Besitzer des Nil-Htel, telegraphirt, uns Wagen an
der Station Giseh bei Kairo bereit zu halten; wir fanden solche auch und
im Trapp ging's dann nach der Chalifenstadt hinein, durch die schne
neue Allee von Lebeckbumen, die, wie durch Zauber entstanden, von Kairo
bis zu den Pyramiden fhrt, ber die neue Brcke und dann direct ins
Nilhtel, den sichersten Hafen fr Reisende, welche, wie wir, so lange
den civilisirten Genssen fern gestanden hatten.

Und wie sahen wir aus! Als wir das Htel betraten, riefen mir zwei
Amerikanerinnen "=shocking, shocking=" entgegen und flohen in den
Gartenpavillon. Vor einem Spiegel sah ich denn auch, da ich keineswegs
ein gesellschaftsmiges Aussehen hatte; Schwei, Staub und Hitze von
der Eisenbahnfahrt hatten mein Gesicht, das ohnehin verbrannt war, zu
einem Mohrenantlitz gestempelt, in allen mglichen dunkeln Farben
schillernd. Ein Bad brachte jedoch Alles in Ordnung und Abends bei der
=Table d'hte= fand unsere ganze Reisegesellschaft einen
freundlichen Empfang.

Ueber meinen Aufenthalt in Kairo habe ich diesmal nicht viel zu sagen.
Natrlich wurden wir vom Chedive wieder in Audienz empfangen, auch war
abermals eine Sitzung des Institut =gyptien= und Gesellschaften
bei unseren Freunden--uns aber zog es, je nher wir Europa kamen, desto
mchtiger der Heimath entgegen.

Zittel's und mein ursprnglicher Plan, unsere resp. Frauen nach Cairo
kommen zu lassen, mute aufgegeben werden. Die Hitze und der Staub waren
nun schon so unertrglich, da die Damen von einer solchen Reise keine
Annehmlichkeit und keinen Genu gehabt htten, aber dafr gaben wir uns
in Neapel Rendezvous. Und nachdem alles Geschftliche abgewickelt war,
ging es in Alexandria an Bord. Zittel und ich hatten uns fr das
franzsische Boot entschieden, aber es war so bervoll, da wir keine
Cabine bekommen konnten, sondern uns blos mit einem Platze erster Classe
ohne Bett begngen muten. Das war freilich schlimm, denn es standen uns
noch immerhin vier Nchte bevor. Zittel eroberte sich inde eines der
zwei Sophas und ich begngte mich mit einem Seitentische oberhalb seines
Lagers. Eine eigenthmliche Gesellschaft war am Bord dieses Dampfers,
ein Abbild des heutigen Franzosenthums. Mit Ausnahme von einigen
Amerikanern und uns bestand die ganze Passagiergesellschaft aus
Schauspielern, Pfaffen und Pfffinnen--Kirche und Theater.

Da war ein Kapuzinermnch, da waren Augustiner, Dominikaner und einige
Weltgeistliche, im Ganzen, mit einem protestantischen Reverend, vierzehn
heilige Leute; da waren Schwestern vom heiligen Herzen Jesu und andere
auffallend gekleidete Nonnen; den ganzen Tag hatten sie ein kleines
Brevier in der Hand und den unvermeidlichen Rosenkranz, welchen
Buddhisten, Mohammedaner und Katholiken in brderlicher Liebe
gleichmig als Gebetzhler adoptirt haben.

Nicht so langweilig wie diese augenverdrehende Gesellschaft war das
lustige Theatervlkchen, ja eines Abends hatten wir sogar den Genu, von
einer der Damen, mit Begleitung des am Bord befindlichen Pianos, hbsche
Lieder vorgetragen zu hren. Nirgends ist man auf dem Mittelmeere besser
aufgehoben, als an Bord der franzsischen Messagerie nationale[64]. Die
Officiere wie der Capitain sind meist gebildete, liebenswrdige Leute
und, bei der weltverbreiteten Bedeutung dieser franzsischen Dampfer,
sind sie frei von jener krankhaften Neigung, in jedem Deutschen einen
Feind zu sehen. Die Cabinen sind vortrefflich und jede nur zu zwei
Betten eingerichtet. Die Kche vorzglich, ebenso die Getrnke.

Wir hatten die Annehmlichkeit, an einem kleinen Tische allein zu
speisen, nur zwei Yankees, die Erbauer der Pacific-Bahn, ein
gyptisch-arabischer Kaufmann, ein Jude und der katholische Patriarch
von Jerusalem waren unsere Genossen. Man kann sich denken, da da die
Unterhaltung eine uerst mannigfaltige war, wenngleich die
Verschiedenartigkeit der Sprachen bisweilen wohl etwas hindernd
erschien.

Die Fahrt durch die unvergleichlich schne Meerenge von Messina, die
Einfahrt in den Busen von Neapel werden fr Jeden von uns gewi
unvergelich sei. Da ankerten wir nun im Angesichte der stolzen Knigin
des Mittelmeeres, ungeduldig des Zeichens gewrtig, das Schiff verlassen
zu drfen. Eifrig suchten wir unter den hundert kleinen Booten, die den
Dampfer umkreisten, ob nicht in einem unsere Frauen sein knnten. Aber
vergebens, keine blonde Dame war unter ihnen. Hier war ein Boot mit
hbschen schwarzen Damen, auf Verwandte wartend, dort waren Hteldiener,
um Fremde zu angeln; hier hatte ein Policinello in schaukelnder Jolle
sein Theater aufgestellt, hier trillerte ein Leierkasten, dort kam ein
Schiff mit Mnchen, ja es drngte sich sogar eine ganze Musikbande
heran; aber so sehr wir auch suchten, unsere Frauen waren nicht
erschienen.

Endlich erlaubte man uns, an's Land zu gehen. Die italienische Douane
war hflich und nachsichtig, und in schneller Fahrt eilten wir zum
=Htel de Russie=, =vis--vis= von St. Lucia unmittelbar am
Golf gelegen. Aber eine neue Enttuschung erwartete uns: "Zwei Damen
logiren hier nicht," sagte uns der Portier.--Aber eine genauere
Nachforschung Zittel's brachte uns die Gewiheit, da am Abend vorher
unsere Frauen angekommen, doch momentan spazieren gefahren seien. Man
kann sich unsere Ungeduld denken, die inde eine nicht zu lange Probe
zu bestehen hatte; denn kaum hatten wir Jeder unser Zimmer bezogen, als
mchtig groe Camelien-Bouquets hineingeworfen wurden und gleich mit
ihnen die Frauen hereinstrmten. Ein Wiedersehen nach fnfmonatlicher
Trennung kann Jeder, der verheirathet ist, sich ausmalen, zumal wenn so
weite Rume, so beschwerlich zu durchziehende Gegenden von der Heimath
einen entfernten.

Ich verweile nicht bei Neapel, wo an einigen angenehm verlebten Tagen
die Reize dieser bevorzugten Stadt uns den freundlichsten Empfang auf
europischem Boden bereiteten. Die Chiaja, das neue zoologische Institut
unter der Direction des Deutschen Dorn[65], eines hervorragenden
Gelehrten, Sorrent, Capri und Abends unter den Fischerhallen von St.
Lucia bilden unverwischliche Glanzpunkte Neapels. In Pompeji war ich mit
Baron v. Keudell, einer alten Bekanntschaft von mir, zusammengetroffen;
Se. Excellenz lud mich freundlich ein, ihn in Rom zu besuchen. Der
Einladung folgend, traf es sich aber so unglcklich, da wir an dem
Abende, wo meine Frau und ich den Vorzug haben sollten, bei ihm
zuzubringen, nicht zu Hause waren, da wir die Einladung zu spt erhalten
hatten; am anderen Morgen vor der Abreise hatte ich inde Gelegenheit,
die prachtvolle Wohnung der deutschen Gesandtschaft auf dem Capitol zu
bewundern. Herr v. Keudell zeigte mir selbst die Rumlichkeiten, den
Garten und die kstliche Aussicht.

"_Nach Deutschland_" drngte es immer lebhafter in mir, und nur in
Mailand, der Stadt des Marmor-Doms, hatten wir dann noch einen
eintgigen Aufenthalt. Im Htel Reichmann fanden wir eine ganz
freundliche Aufnahme, und wenn dies Hotel eine kleine Weile seinen
Nimbus einben konnte, so ist derselbe seit Kurzem wieder hergestellt.
Herr Reichmann =jun.= verwaltet jetzt auf's Ausgezeichnetste dies
von den Deutschen am liebsten besuchte Htel.

FOOTNOTES:

[Footnote 60: =Jollois description p. 14=.]

[Footnote 61: Prsident des Gemeinderathes.]

[Footnote 62: Verwalter.]

[Footnote 63: Chamsin heit fnfzig, die Eingeborenen nennen diesen Wind
so, weil er 50 Tage lang wehen soll aus SSO.]

[Footnote 64: =Messagerie nationale= hat, wenn Frankreich
Kaiserreich oder Knigreich ist, den Titel =m. impriale= oder
=m. royale=.]

[Footnote 65: Kein Deutscher, der Neapel besucht, sollte versumen, das
Gebude des zoologischen Instituts, an der Chiaja gelegen, zu besuchen.
Dort bekommt man den besten Begriff eines reichen Aquariums, wie ein
solches weder in Brighton, noch Hamburg oder Berlin vorhanden ist.]




12. Bei den Zeltbewohnern in Marokko, eine ethnographische Schilderung.


_Geburt, Beschneidung, Hochzeit und Begrbni._

Wie geschftig die Frauen seit dem Morgen schon die Esel
zusammentreiben! Unter Lachen und Schreien haben die Knaben und
Jnglinge dabei geholfen, die Langohren vor einem groen Zelte (es
gehrt dem Kaid Abu Ssalam) zusammenzuhalten.

Heute wird eine groe Festlichkeit vor sich gehen; man erwartet
stndlich die Entbindung der zweiten Frau des Kaids, der Lella Mariam,
einer jungen, reizenden Frau von vornehmstem Zelte. Kaid Abu Ssalam, der
selbst nicht aus dem Geschlechte Mohammed's ist, sonst aber auch aus
einem groen Zelte[66] stammt, hat durch seinen Reichthum es mglich
gemacht, eine Scherifa zur Frau zu bekommen, d.h. eine Dame vom Stamme
des Propheten. Um so mehr ist das zu bewundern, als Abu Ssalam schon
eine Frau besitzt und Lella Mariam nicht nur jung und schn, ihr Alter
betrug 15 Jahre, sondern auch reich ist. Aber welch' stattlicher Mann
ist auch Kaid Abu Ssalam und wie geachtet und unabhngig im ganzen
Lande! Selbst der Sultan liebt ihn.

Vom Stamme der Beni-Amer hatte er vor etwa 30 Jahren, als die
Unglubigen das Gebiet von Tlemen besetzten, die dortige Gegend
verlassen und nach einer dreijhrigen Wanderung, immer nach Westen
ziehend und oft genug mit der langen Flinte sich einen Weg bahnend, hat
er den eigentlichen Westen erreicht, den Rharb el djoani, das gelobte
Land der Glubigen. Der Sultan ertheilte gern die Erlaubnis zum Bleiben,
und nachdem die blichen Abgaben geregelt waren, erhielt Abu Ssalam, es
war das schon zu Lebzeiten des Sultans Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam,
die Erlaubni, seinen Stamm an die Ufer des Ued Ssebu zu fhren.

Abu Ssalam herrschte ber drei Duar (Zeltdrfer), von denen das grere
sich aus circa 30 Zelten zusammensetzte und dem er selbst vorstand; die
beiden kleineren, aus je 20 und 24 Zelten aufgeschlagen, waren von
seinen jngeren Brdern beherrscht. Bei dem Jngsten lebte auerdem noch
ihr gemeinschaftlicher Vater, der Hadj Omar-ben-Edris, der aber schon
lange die Kaidschaft an seinen ltesten Sohn abgetreten hatte.

Die drei Duar, so ziemlich in einer Linie gelegen, machten Front nach
Westen und lehnten sich an einen Bergrcken; hier bestand derselbe aus
herrlichen Wiesen, whrend nach dem Gipfel zu immergrne Bume, aus
Korkeichen, Lentisken und Juniperen bestehend, den Berg bedeckten. Etwa
eine Viertelstunde unterhalb der drei Zeltdrfer schlngelte sich der
Ued Ssebu vorbei und ganz in der Ferne erglnzte der blaue Ocean. Der
Raum zwischen den Drfern und dem Flusse war durchweg beackert, aber
unmittelbar neben den Zeltdrfern befanden sich auch kleine
Gemsegrtchen, eingezunt von groen Dorngebschen des stacheligen
Lotusstrauches, das, obschon todt, dennoch hinlnglichen Schutz gewhrte
gegen weidende Thiere.

Von dem groen Zelte Abu Ssalam's also zogen sie ab, eine ganze Karawane
lachender Frauen und Mdchen, einige zwanzig Esel mit leeren ledernen
Schluchen beladen vor sich hertreibend. Wohl manche mochte hoffen,
heute bei der Festlichkeit das Herz eines Jnglings zu fesseln; die
jungen Mdchen erzhlten sich, wie viele Armbnder sie anlegen wrden.
Da sagte eine Andere, sie wrde ihr Haar frisch machen lassen[67], und
unter Jubeln und Lachen war der Ssebu erreicht.

Das Fllen der Schluche aus einem mchtigen Strome ist leichte Arbeit.
Die jungen Mdchen gingen bis an die Knie in den Strom, lieen das
Wasser hineinlaufen und nachdem sodann noch Einige die Zeit benutzten,
ein Bad zu nehmen, wurden die Schluche, je zwei, einem Esel aufgeladen
und zurck ging es zum Duar.

Unter der Zeit war die Geburt vor sich gegangen und Abu Ssalam's grter
Wunsch war erfllt, seine junge Frau hatte ihm einen krftigen Knaben
geschenkt. Zu Ehren seines Vaters erhielt derselbe noch _am selben Tage_
den Namen Omar. Es ist Sitte, da das Namengeben noch am Tage der Geburt
geschieht. Wie war nun die Geburt vor sich gegangen? Wir knnen nur nach
Hrensagen berichten, denn nie, und wenn auch die Frau dadurch vom Tode
htte gerettet werden knnen, darf ein Mann, ein Arzt oder Geburtshelfer
bei einem solchen Acte zugegen sein.

Es scheint, da bei Lella Mariam die Geburt leicht von Statten ging;
Abends vorher waren Hlfsweiber gekommen, und als am anderen Morgen die
Frauen vom Wasserholen zurckkamen, ertnte durch die Duar der Ruf:
"=El Hamd ul Lahi mabruck uldo=", "Gott sei gelobt, der Sohn sei
ihm zum Segen". Und vor dem Zelte, aus einem Arbater Teppiche, sa Abu
Ssalam und empfing die Glckwnsche der mnnlichen Bevlkerung der drei
Zeltdrfer. Auch manche alte Frau, ja manches junge Mdchen kam herbei,
beugte rasch ein Knie und kte Abu Ssalam's Hand den Gru flsternd:
"=Rbi ithol amru=", Gott verlngere seine Existenz. Und er konnte
recht stolz sein, unser Abu Ssalam; sein heier Wunsch, einen
Nachfolger, einen Sohn zu haben, war erfllt. Zwar sein Stamm konnte so
leicht nicht aussterben; den Stammbaum direct bis zum Chalifen Omar
zurckfhrend, waren die Beni-Amer jetzt einer der mchtigsten Stmme
unter den Arabern, ihre Duar zogen sich durch ganz Nordafrika. Seine
eignen Leute nherer Verwandtschaft, die er nach dem Rharb (Marokko)
gefhrt hatte, zhlten ber 100 Leute mnnlichen Geschlechts. Genau
hatte Abu Ssalam sie nie gezhlt, denn ein rechter Glubiger zhlt die
Seinigen nicht. Aber er selbst hatte von seiner zuerst angeheirateten
Frau Minana nur zwei Tchter, und Minana mit ihren 21 Jahren schien ihm
wenig Hoffnung zu machen, ihm noch einen Sohn zu geben. Daher hatte er
denn auch vor etwa neun Monaten die liebliche Lella Mariam geheirathet.

Jede Vorkehrung war aber auch diesmal getroffen worden, damit Abu Ssalam
einen Sohn bekme. Er selbst war nicht nur vor mehreren Monaten nach
Uesan gepilgert, um die Intervention Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's
anzurufen, er hatte sogar das feste Versprechen Sidi's[68] erlangt, da
der Allerhchste ihm einen Sohn schenken wrde, und der Groscherif
hatte freundlich dafr ein Pferd als Geschenk anzunehmen geruht; ja, um
ganz sicher zu gehen, war er nach Fes zum Grabmal Mulei Edris gepilgert
und hatte den Tholba (Schriftgelehrten) der Djemma (Gotteshaus) des
Mulei Edris fnfzig Duros geopfert; mute da Allah ihm nicht einen Sohn
schenken?

"Gott segne den Groscherif!" rief Abu Ssalam, "Gott gewhre Mulei Edris
alle Freuden des Paradieses," fgte er hinzu, "denn sie waren es, die
mir den Knaben schenkten." Und da kam auch schon Lella Mariam aus dem
kleinen Zelte, welches neben dem Zelte ihres Mannes war, nicht in
Festgewndern, aber doch in einen neuen Haik gehllt. Sie hatte vor sich
das Knblein und niederknieend legte sie den neuen Familienstammhalter
vor ihren Gatten hin. Sie selbst in aufgelstem Haare[69], da sie genau
nach den Vorschriften des Gesandten Gottes lebte, hielt sich knieend
abseits, da ihr Mann sie doch nicht, weil sie unrein war, berhren
durfte. Nachdem die junge Mutter und das Knblein den Segen vom Manne
und Vater erhalten und der daneben sitzende Fakih (Doctor der Theologie)
der Zeltdrfer das Ftah (erstes Capitel des Koran) gebetet hatte, ging
sie ins Zelt zurck; schon am anderen Morgen machte sich die junge Frau
an ihre gewhnlichen Beschftigungen, denn ein Wochenbett abhalten, wie
bei uns die Frauen in Europa es zu thun gewohnt sind, kennt man in
Marokko nicht.

Am selben Abend aber war groes Festessen vor dem Zelte Abu Ssalam's. Er
hatte viele Hammel und Ziegen schlachten lassen zu Ehren des Tages und
die Frauen des Duars hatten den ganzen Tag Kuskussu bereiten mssen, der
in greren hlzernen Schsseln fr die Gste hingesetzt wurde.

Was mich anbetrifft, so wollte ich gern Nheres ber den Geburtsact
erfahren. Auf mein Befragen erzhlte man mir, es sei Sitte, wenn eine
Frau in Nthen sei, so lasse man zuerst einen Fakih kommen, der durch
Weihrauch und fromme Sprche den Teufel zu bannen versuche, denn der
Teufel ist auch in Marokko die Ursache allen Uebels. Hilft das nicht, so
bekommt die Frau Koransprche, die auf eine hlzerne Tafel geschrieben
werden, zu trinken, indem die Sprche von der Tafel abgewaschen werden;
hilft auch das Verfahren noch nicht, so werden Koransprche auf Papier
geschrieben, zerstampft und mit Wasser gemischt der Leidenden
eingegeben. Aber manchmal hat der Satan das Weib derart in Besitz
genommen, da er selbst durch das heilige Buch nicht ausgetrieben wird.
Dann werden allerlei Amulete angewandt, z.B. die in ein Ledersckchen
eingenhten Haare eines groen Heiligen, die man der Kreienden auf die
Brust legt, oder Wasser vom Brunnen Semsem, welches man ihr zu trinken
giebt, oder Staub aus dem Tempel von Mekka[70], welchen man auf ihr
Ruhebett legt. In einigen Fllen lt sodann der Teufel seine Beute los
und der Vorgang erfolgt fr die Mutter auf glckliche Weise. Es kommen
jedoch genug Flle vor, wo der Iblis (Teufel) derart sich des Weibes
bemchtigt, da er keinem Mittel weichen will; die Hlfsweiber nehmen
dann selbst den Kampf mit ihm auf. Unter Beschwrungen und fortwhrend
rufend: =Rham-ek-Lab=! (Gott erbarme sich Deiner!) wird die Frau
ergriffen, ein starkes Band um den Rcken und unter die Achsel
durchgeschlungen und so in die Luft gezogen. Dadurch wollen sie die
Wehen beschleunigen, und zeigt sich mglicherweise ein Theil des Kindes,
entweder der Kopf oder die Fe, so versuchen sie, diese Theile zu
ergreifen und durch starkes Reien und Ziehen das Kind zu Tage zu
befrdern. Nur selten gelingt das, meist wird das Kind zerrissen und
fast immer ist der Tod der Mutter Folge dieses barbarischen Verfahrens:
Gott verfluche den Teufel!

Der kleine Omar wuchs krftig heran; wie sollte er auch nicht! Zwei
Jahre hatte ihn seine Mutter Lella Mariam selbst gesugt und nur wenig
war er whrend dieser Zeit Tags vom Rcken seiner Mutter gekommen und
Nachts aus dem Schooe derselben. Denn die Frauen pflegen ihre Kinder so
aufzuziehen, da sie mit Ausnahme der Augenblicke, wo dem Kleinen die
Brust gereicht wird, Tags ber in einer Falte des Haiks (groes
Umschlagetuch) auf dem Rcken der Mutter in _reitender_ Stellung sich
befinden. Es hat das zur Folge, da die meisten Marokkaner sowohl
mnnlichen wie weiblichen Geschlechtes Sbelbeine haben. Nachts aber
ruht das Kindchen vor seiner Mutter, die whrend der zwei Jahre
bestndig allein lebt, obschon es ihrem Manne nach Ablauf von drei
Perioden gestattet ist, sie wieder zu besuchen und mit ihr Umgang zu
pflegen. Nachdem die zwei Jahre vorbei waren und Omar statt der sen
Muttermilch jetzt saure Buttermilch und Abends Kuskussu zu essen bekam,
wurde ihm auch zum ersten Male das Kopfhaar geschoren; aber sein Vater
Abu Ssalam gab wohl Acht, da am Scheitel des Kopfes eine Locke, Gotaya,
sowie an der rechten Seite des Kopfes auerdem ein Streifen von Haaren
in der Form eines Halbmondes stehen blieb, denn die Kinder der Beni-Amer
hatten seit undenklichen Zeiten einen solchen Schmuck getragen. Am
selben Tage gab er seinem Zelte[71] einen Hammel zum Besten, sonstige
Festlichkeiten fanden nicht statt.

Dafr wurde aber die Beschneidung Omar's in seinem achten Jahre desto
festlicher begangen. Omar war jetzt ein krftiger Bursche geworden;
fortwhrend in der freien Natur hatte er tagelang die Schafe und Ziegen
seines Vaters mit hten helfen und gewhnlich auch das Pferd mit zur
Schwemme reiten mssen; er verstand es schon, die eignen Kamele oder die
der etwa ankommenden Fremden mit niederknien zu machen und der
Thaleb[72] der Zeltdrfer hatte ihn das erste Capitel des Koran gelehrt.

Der feierliche Augenblick war gekommen, wodurch der kleine Omar jetzt in
die Gemeinschaft der Muselmanen aufgenommen werden sollte. Um den Glanz
des Festes noch mehr zu erhhen, hatte Abu Ssalam es bernommen,
smmtliche gleichalterige Knaben der drei Zeltdrfer der Beni-Amer, und
es waren deren noch sieben, auf seine Kosten beschneiden zu lassen. Ja,
ohne den Neid und die Migunst seines eignen Fakih's (Doctor der
Theologie) und der Tholba[73] der Duars zu erregen, weil sie auch ihre
Gebhren bekamen, hatte er einen in hohem Ansehen stehenden
Schriftgelehrten aus Fes kommen lassen. Die Gebhr fr die Beschneidung,
3 Metkal, erlegte er im Voraus. Wie reich aber mute Abu Ssalam sein,
da er so groe Summen zahlen konnte, denn zahlte er doch, wie schon
gesagt, seinen eignen Schriftgelehrten die nmliche Summe. Und wenn man
bedenkt, da man in Marokko fr die Beschneidung sonst nichts zu
bezahlen braucht, der bemittelte Mann hchstens eine Ma Korn oder ein
Huhn oder einige Eier dem Schriftgelehrten fr seine Bemhung giebt, so
kann man ermessen, wie freudig die Eltern ihre Shne herbeibrachten. Das
Glck, vom heiligen Sidi Mussa aus Fes beschnitten zu werden, war zu
gro. Abu Ssalam aber hatte es von jeher als eine Regel der Klugheit
betrachtet, mit den heiligen Leuten, mit der Geistlichkeit, auf gutem
Fue zu leben und er hatte lngst eingesehen, da man mit der
Geistlichkeit nur dann auf gutem Fue lebt, _wenn man sie tchtig
zahlt_. Aber dafr war er auch des Paradieses sicher; der Segen, den sie
ihm ertheilten, war _lnger_ als der fr die brigen Glubigen, und
durch die vielen Wohlthaten, die er den Fakih's und Tholba erwiesen
hatte und noch immer erwies, war Abu Ssalam selbst in den Ruf groer
Frmmigkeit gekommen.

Die acht Knaben wurden vor das Djemmazelt[74] in einer Reihe
aufgestellt, und nachdem vom Fakih Sidi Mussa ein langes Gebet war
gesprochen worden, ging er auf Omar zu, der von seinem Vater gehalten
und ermahnt wurde, standhaft zu sein, ergriff sodann das Prputium und
trennte es mit einem raschen Schnitte von der brigen Haut; das noch
brig gebliebene Frenulum wurde mit einem zweiten Schnitte getrennt und
sodann kam ein anderer Thaleb und streuete pulverisirten Schb (Alaun)
auf die blutenden Rnder. Standhaft hatte der Knabe Omar ausgehalten,
seine Zhne zusammenbeiend murmelte er fortwhrend: "Gott ist der
grte, es giebt nur einen Gott." Sein Vater trug ihn, Omar war fast
ohnmchtig geworden, nun gleich ins vterliche Haus zurck, whrend ein
Sclave ein ganz neues Hemd und eine neue weiwollene Djilaba[75] vor ihm
hertrug, Festgeschenke seines Vaters, welche aber erst angelegt werden
durften, wenn der Kranke vollkommen genesen war. Die Beschneidung der
brigen Knaben erfolgte auf dieselbe Weise, nur da einige von ihnen ein
entsetzliches Geschrei ausstieen, und merkwrdiger Weise war einer
unter ihnen ohne Prputium, oder doch nur mit einer Andeutung davon.
Natrlich wurde er gleich fr heilig erklrt, denn wie selten trifft es
sich, da ein Mensch beschnitten zur Welt kommt. Die Geschichte (d.h.
nach der Auffassung der Marokkaner) nennt nur Mulei Edris, Sidna
Mohammed, Sidna Brahim, Sidna Daud und Sidna Mussa als von Gott
beschnittene Leute, d.h. ohne Prputium zur Welt gekommen. Der so
ausgezeichnete Knabe, Namens Hamd-Allahi, hat denn auch spter eine
wichtige Rolle gespielt; er war von Gott beschnitten, er war ein
Heiliger vor Gott und wer wei, ob er nicht einst berufen ist, alle
Menschen zum Islam zurckzufhren, damit alle Menschen des Paradieses
teilhaftig werden, das Gott ihnen durch seinen Liebling Mohammed
verheien hat.

Aber wie segensreich sollte berhaupt diese Beschneidung fr die acht
Knaben werden, wie berhaupt fr den ganzen Stamm der Beni-Amer! Die
Beschneidung nmlich war vollzogen worden mit einem Mus min Hedjr[76]
(Steinmesser). Seit undenklichen Zeiten vererbte sich ein Steinmesser
vom Vater auf den Sohn in diesem Stamme der Beni-Amer, und einer
schriftlichen Tradition zu Folge soll die Beschneiduug Sidni Omar's, des
Stammvaters der Beni-Amer und zweiten Chalifen, mit diesem selben Messer
vorgenommen worden sein. Wie ein Heiligthum wurde dasselbe in der
Familie bewahrt, und selbst als es bei der Eroberung der Provinz Tlemsen
durch die Unglubigen, bei der Plnderung des Duars durch die
Christenhunde, verloren gegangen war, kam es durch ein Wunder wieder in
den Besitz des Kaids Abu Ssalam. Der Chalif Sidni Omar hatte es ihm
selbst eines Nachts zurckgebracht, er fand es unter seinem Kopfkissen.
Alle umliegenden Stmme beneideten die Beni-Amer um einen so kstlichen
Schatz. Die meisten Marokkaner lassen sich mit gewhnlichen Rasirmessern
beschneiden, d.h. diese haben den Namen Rasirmesser, sind aber weiter
nichts, als die elendesten Klingen dieser Art.

Omar verbrachte nun die nchsten Jahre damit, den Koran zu lernen, d.h.
schriftlich und auswendig; denn heute gilt es in Marokko fr einen Mann,
der einst Kaid seines Stammes sein will, fr unerllich, _selbst_ lesen
und schreiben zu knnen. Nicht, als ob er jemals diese Wissenschaften
praktisch verwerthen wrde, aber es gehrt zum guten Ton, und wie auch
in Marokko in dieser Beziehung die Mode anfngt, unerbittlich zu sein,
so mute sich Omar den langweiligen Unterrichtsstunden im Koranlesen und
Buchstabenmalen unterwerfen. Sein Vater war glcklicher gewesen; zu
seiner Zeit erheischte man noch nicht von den jungen Leuten, Lesen und
Schreiben zu lernen. Omar machte dann in Gemeinsamkeit mit seinem Vater
mehrere Reisen in Marokko, denn Kaid Abu Ssalam hatte den Entschlu
gefat, die Pilgerfahrt nach Mekka erst dann zu machen, wenn sein Sohn
eine Frau habe: dann solle die ganze Familie das Haus Gottes besuchen.
Aber er lernte doch Fes kennen, er sah in Mikenes den Sultan, er
unternahm eine Siara (Pilgerreise) nach der heiligen Stadt Uesan, er kam
nach Tanger, um dort die Feuerschiffe der unglubigen Hunde zu
bewundern, und hatte das achtzehnte Jahr erreicht, um daran denken zu
knnen, eine Frau zu nehmen.

Bei den freien Zeltbewohnern Marokko's ist es keineswegs Sitte, da die
Frauen sich verschleiern, wie in den Stdten; Jnglinge und Jungfrauen
haben daher auch Gelegenheit, sich zu sehen, kennen zu lernen und zu
lieben. Auf dem Lande werden daher auch hufig genug Heirathen aus
wahrer Neigung geschlossen. Omar hatte seit lngerer Zeit Gelegenheit
gehabt, die Reize und Vorzge eines jungen Mdchens kennen zu lernen,
welches nur einige Stunden von seinem Duar entfernt lebte. Es war das
Aischa bent Abu Thaleb vom Stamme der Uled Hassan. Die beiden Vter
waren seit Langem durch Freundschaft verbunden; der Duar der Uled Hassan
lag auf dem Wege vom Ssebu nach Fes. Wenn nun Abu Ssalam nach der
Hauptstadt reiste, was hufig genug vorkam, so nchtigte er nicht im
allgemeinen Dar diaf (Fremdenzelt) der Uled Hassan, sondern ging zum
Zeltendes Abu Thaleb selbst, und umgekehrt machte es dieser so, wenn
sein Weg ihn in die Nhe des Ued Ssebu fhrte.

Omar war dann mehrere Male in Begleitung seines Vaters gewesen und seit
vier Jahren war ihm die wunderbare Schnheit Aischa's aufgefallen;
Aischa selbst mochte, als er sie zum ersten Male sah, 10 Jahre alt sein,
jetzt hatte sie 14. Kein Mdchen hatte seiner Meinung nach so feurige
Gazellenaugen, keine hatte einen kleineren Granatmund und lngeres
schwarzes Haar, keine hatte so volle Formen und kleinere Hnde und Fe.

In seinen Augen verstand kein anderes Mdchen so gut die Ziegen zu
melken wie Aischa, oder mit gleich lieblicher Anmuth einen Teller Brod
anzubieten oder eine Schale mit Milch zu credenzen. Aber was war Alles
dies gegen den Zauber ihrer Stimme? Zwar hatte Omar selbst nur einmal
mit ihr gesprochen, als er ermdet das Zelt ihres Vaters erreichte und
um einen Trunk Wasser bat. Da scho Aischa wie ein Reh davon, und aus
dem Schlauche eine Tasse fllend, berreichte sie dieselbe mit den
Worten: "=Bism Allah=!" (im Namen Gottes). Das war Alles, was
Aischa direct zu ihm gesprochen hatte. Aber von dem Augenblicke sagte
Omar zu sich: "Du kannst nur Aischa zum Weibe nehmen und keine andere."
Er glaubte nun auch zu wissen, da Aischa gern seine Frau werden wrde,
er schien bei ihr eine gewisse Sympathie fr sich bemerkt zu haben, und
ohne da man mit Worten seine Gedanken auszutauschen braucht, merken
die jungen Leute in Marokko ebenso leicht wie bei uns, was Liebe ist.

Omar war im Frhling, nur von Gefhrten und Sclaven begleitet, von Fes
zurckgekommen, er hatte wieder bei Abu Thaleb die Nacht zugebracht, er
hatte die groen Augen Aischa's wiedergesehen, er hatte sie plaudern
hren mit ihren Gespielinnen und von dem Augenblicke war sein Entschlu
gefat. Als er am anderen Abend den eignen elterlichen Duar erreichte,
rief er seine Mutter bei Seite; er gestand ihr seine Liebe zu Aischa und
bat sie, mit dem Vater deshalb zu sprechen.

Obschon seine Mutter, Lella Mariam, eigentlich ein anderes junges
Mdchen fr ihren Sohn im Auge hatte, er sollte eine weitlufige
Verwandte, die ebenfalls Scherifa (aus dem Stamme des Propheten) war,
heirathen, so lag ihr das Glck ihres einzigen Sohnes doch viel zu sehr
am Herzen, als da sie htte Schwierigkeiten erheben wollen. Zudem wute
sie wohl, da, obwohl sie groen Einflu auf ihren Mann hatte, die
Entscheidung einer so wichtigen Angelegenheit von ihm abhing. Sie
beeilte sich daher, ihrem Manne Mittheilung davon zu machen, und
wunderte sich, da derselbe ihres Sohnes Liebe ziemlich gleichgltig,
fast kalt aufnahm.

Kaid Abu Ssalam war ein praktischer Mann, auch er hatte lngst eine
Schwiegertochter im Auge; das war aber keineswegs Aischa, die Tochter
seines armen Freundes, sondern Sasia, die Tochter eines reichen Kaids
der Uled Sidi Schich, deren Zelte in der Nhe von Udjda standen. Seit
Jahren hatten die Vter dieses Project genhrt. Die Uled Sidi Schich
waren ebenfalls aus der Provinz Tlemsen vertrieben, aber sie waren nur
ber die Grenze gegangen. Safia mute um diese Zeit etwa 13 Jahre alt
sein und noch vor Kurzem hatte ihr Vater an Abu Ssalam geschrieben, nach
Udjda zu kommen und seinen Sohn mitzubringen und dieser hatte es
versprochen.--Jetzt sollte aus dieser Heirath, die Abu Ssalam fast schon
als abgemacht fand, nichts werden, er sollte sein Wort brechen.--Aber
Omar, der einzige Sohn, kam selbst, er beschwor den Vater, ihm Aischa zu
verschaffen, er wrde sterben, wenn Aischa nicht sein Weib wrde, und
dann flehte die Mutter, Lella Mariam, zu Gunsten des Sohnes; wie konnte
da der Vater, der Gatte widerstehen?

Vor allen Dingen schickte er daher Leute ab an den Kaid der Uled Sidi
Schichs, um ihm anzuzeigen, er knne und wolle sein Versprechen nicht
halten, sein Sohn Omar habe sich eine andere Frau genommen. Sodann ging
man gleich an die Brautwerbung, um jetzt die Hochzeit so rasch wie
mglich zum Abschlu zu bringen.

Unter dem Vorwande, nach Fes reisen zu wollen, brach Abu Ssalam, von
seiner Frau Mariam begleitet, auf und erreichte Nachmittags den Duar der
Uled Hassen, um bei seinem Freunde Abu Thaleb abzusteigen. Die
Begleitung der Lella Mariam erregte natrlich das grte Aufsehen und im
ganzen Zeltdorfe flsterten die Frauen und jungen Mdchen ber dieses
Ereigni und prophezeiheten eine baldige Hochzeit. Abu Thaleb, der, wie
schon gesagt, nicht begtert war, besa nur ein Zelt, aber durch eine
Scheidewand von wollenen Stoffen war eine Abtheilung fr seine Frau
hergestellt und in diese begab sich sogleich Lella Mariam zur Mutter
Aischa's.

Sie fing damit an, von gleichgltigen Sachen zu sprechen und kam dann
allmlig auf die Vorzge ihres Sohnes; sie pries dessen Kraft und
Schnheit, sie deutete an, da er dereinst Kaid seiner Stmme werden
wrde, sie betonte, da er von vterlicher Seite das Blut des Chalifen
Omar, von mtterlicher das des Propheten habe und meinte schlielich,
da jedes Mdchen glcklich sein msse, das er sich als Frau auserwhlen
wrde. Sodann fgte sie noch hinzu, da Aischa ein hbsches und
tugendhaftes Mdchen sei, die wohl fr Omar passen mchte. Aischa, wohl
ahnend was kommen wrde, war gleich im Anfange dem Zelte entschlpft und
hatte sich drauen etwas zu thun gemacht. Die Mutter Aischa's hingegen
hatte nicht genug Lob fr ihre Tochter, keine sei so schlau wie sie,
keine verstehe so dauerhafte Haiks (Umschlagetcher) zu weben wie sie,
keine verstehe die Kgelchen zum Kuskussu so fein zu reiben wie sie und
ihre Keuschheit und Sittsamkeit sei ber alles Lob erhaben; aber
schlielich meinte auch sie, da Aischa wohl fr Omar passen wrde.

Als nach dem Abendessen, welches die beiden Mnner gemeinsam eingenommen
hatten, ein jeder sich mit seiner Frau allein befand,--Aischa selbst war
fr die Nacht zu einer Freundin gegangen,--erfuhren sie von ihren Frauen
den Gedankenaustausch und Abu Ssalam beschlo nun, am anderen Morgen von
Aischa's Vater ihre Hand fr seinen Sohn zu verlangen. Ob Aischa
einwilligen wrde, daran dachte er wenig, zumal er nach seines Sohnes
Worten vermuthen durfte, da eine gegenseitige Neigung vorhanden sei.

Da Kaid Abu Ssalam entschlossen, seinem Sohne (er hatte ja nur den
einzigen) schon bei Lebzeiten einen Theil seiner Heerden abzutreten, so
war er bald mit Aischa's Vater, dem Abu Thaleb, einig, er bezahlte ihm
200 Duoros, also einen bedeutend hheren Preis[77], als sonst blich
ist. Es wurde auerdem festgesetzt, da Aischa drei neue silberne
Spangen (um das Gewand festzustecken), zwei silberne Armbnder, zwei
silberne Furinge, im Ganzen im Gewichte von fnf Pfund Silber, bekme,
da sie zwei Sack Korn, eine neue groe kupferne Gidra[78], einen
Teppich von Arbat, im Werthe von 20 Duoros, ein neues Hemd, einen neuen
Haik, ein neues seidenes Kopftuch und eine neue seidene Schrze als
Aussteuer bekme, da endlich das Maulthier, auf dem sie hergeleitet
wrde, Eigenthum ihres Mannes bliebe. Es war also genau so viel der
Braut an Gegenstnden mitzugeben, als der Schwiegervater dem Abu Thaleb
an Geld gezahlt hatte; einer alten Sitte gem hatte berdies Aischa
noch fr ihren Zuknftigen das Hemd selbst zu nhen, welches er am
Hochzeitstage zu tragen hatte, auch eine rothe Mtze mute sie ihm
mitbringen, wofr der Brutigam am Festtage der Braut einen silbernen
Ring und eine Halsschnur von Bernstein berreichte.

Nachdem die beiden Vter dieses unter sich abgemacht hatten, begaben
sie sich zum Kadhi der Uled Hassan, wo alle diese Bestimmungen zu Papier
gebracht und von Beiden unterzeichnet wurden; auch wurde der Tag der
Heimfhrung der Braut, der Hochzeitstag, bestimmt und Alles dies durch
ein gemeinsames Ftah (Segen, d.h. das erste Capitel des Koran wird
gesprochen) besiegelt.

Abu Ssalam mit seiner Ehehlfte zog sodann eiligst nach Hause, denn da
die Hochzeit schon nach acht Tagen stattfinden sollte, muten jetzt
rasch die Vorbereitungen zur Festlichkeit gemacht werden. Es muten die
Einladungen ergehen an nahe wohnende Freunde, Geschenke fr die
Geistlichkeit muten gemacht werden, damit diese den Segen Gottes auf
das neue Ehepaar herabflehe, Lmmer und Ziegen muten ausgesucht werden
zum Schlachten, und Tag fr Tag waren die Frauen der drei Duar
beschftigt, Kuskussukgelchen[79] zu rollen, denn Hunderte von Personen
waren am Hochzeitstage zu bewirthen.

So nahete der Tag. Einige Tage vorher sa Aischa schon mit umwickelten
Hnden und Fen; denn whrend sonst die+ Frauen es fr gengend halten,
whrend einer Nacht, um eine rothe Frbung hervorzubringen, ihre
Gliedmaen in zerstampftes Hennahkraut einzuwickeln, hatte Aischa's
Mutter, um eine recht rothe Farbe hervorzurufen, es fr nothwendig
gehalten, dies whrend mehrerer Tage hindurch zu thun. Ihre Augenlider
wurden mit Kohl geschwrzt, ebenso die Brauen, und auf ihre Stirn
hatte ihre Mutter ihr ein reizendes Blmchen gezeichnet, whrend auf die
Auenflche der rothen Hand verschiedene schwarze Zickzacklinien gemalt
wurden. Ihre Freundinnen und Gespielinnen waren alsdann behlflich, sie
anzukleiden, nachdem Aischa im nahen Flusse ein Bad mit ihnen genommen
hatte. Aber weniger prunkvoll, wie dies die Stdterinnen zu thun
pflegen, war das bald geschehen: ein seidenes Tuch um den Kopf
geschlungen, nur mit Mhe das lange hervorquellende Haar zurckhaltend,
welches sorgfltig gekmmt, gelt und geflochten war, ein neues Hemd,
ein neuer weier Haik, der ber den Kopf und um den ganzen Leib
geschlungen wurde, eine seidene Schrze von Fes, das war nebst rothen
Pantffelchen an den Fen der ganze Anzug; denn Hosen, Westen, Kaftane
und dergleichen Kleider, wie sie die Stdterinnen in Fes, Mikenes oder
einer anderen Stadt tragen, kennen die Tchter eines Zeltes nicht.
Sodann wurde Aischa mit Rosenwasser bersprengt, mit Bochor und Djaui
(Sandelholz und Weihrauch) durchruchert und in die Kubba auf's
Maulthier gesetzt.

Unter Thrnen hatte sie Abschied von ihrer Mutter und von ihren
Freundinnen genommen, denn die Sitte erheischte, da diese daheim
blieben; nur die mnnliche Bevlkerung der Uled Hassan und zu beiden
Seiten des Maulthieres zwei ehrwrdige Greise, ihr Vater und ihr Oheim
vterlicher Seits, begleiteten sie. Frh aufgebrochen, waren sie schon
Mittags Angesichts der drei Duar der Beni-Amer, und sobald der Zug
sichtbar war, kamen smmtliche Leute der Beni-Amer und viele Fremde der
Umgegend, die Pferde hatten, auf sie losgesprengt und bewillkommneten
die Braut durch Flintenschsse. Der Brutigam war aber nicht dabei.

Im Duar des Brutigams selbst angekommen, wurde sie sogleich nach dem
Zelte ihrer Schwiegermutter gefhrt, und jetzt, unter lauter ihr fremden
Frauen, zeigte sie sich zum ersten Male ihren neuen weiblichen
Verwandten; denn wenn die Frauen des Zeltes auch nicht verschleiert
sind, so war Aischa doch in der Kubba, d.h. in einer Art Kfig, der auf
dem Maulthiere ruhte, hergekommen und war somit allen Blicken entzogen.
Die Frauen verbringen jetzt die Zeit mit Essen und Trinken. Unterde
haben sich aber auch die Mnner versammelt, sie ziehen vor das Zelt des
Brutigams, der, in neue Gewnder gehllt, heraustritt. Sein Kopf ist
vollkommen mit einem Turban umwickelt, nur ein schmaler Spalt fr die
Augen ist gelassen. Man heit ihn ein Pferd besteigen und sodann reiten
Alle aus dem Duar heraus, um ein Lab, d.h. ein Wettrennen mit Schieen,
abzuhalten. Der Brutigam allein nimmt nicht Theil. Er hlt gegenber
dem Zelte, wo man wei, da die Braut mit den brigen alten und jungen
Frauen sich aufhlt, und nimmt so gewissermaen Angesichts seiner Braut
eine Parade ab. Weder kann er sie sehen, noch sie ihn, denn das Zelt ist
bis auf einige Schlitze dicht zusammengezogen und sein Kopf ist
verhllt. Endlich ergreift, nachdem Alle schon mehrere Male das Pulver
haben sprechen lassen, Omar ebenfalls eine Flinte, er schwingt sie um
seinen Kopf, er saust davon, macht Kehrt, um im rasendsten Ritte auf's
Zelt seiner Braut loszugehen, und angekommen, drckt er seine Flinte ab,
schwenkt seitwrts, nachdem er noch die Flinte hoch in die Luft
geschleudert und geschickt wieder aufgefangen hat.

Es wird Abend und der Brutigam wird nach seinem Zelte zurckgefhrt.
Nun beginnen allgemeine Schmausereien; aber die Frauen, immer in ihrer
Mitte noch die Braut Aischa behaltend, setzen den Kampf gegen die
Kuskussuschsseln allein fort, frischen Muth dazu dann und wann durch
eine Tasse stark mit Mnze aromatisirten Thee's schlrfend. Die meisten
Mnner und Jnglinge essen im Freien, denn die Zelte bieten weder Raum
noch Helligkeit, nur der Brutigam bleibt allein. Es scheint sich ein
wahrer Wettstreit unter den Gsten im Essen zu entwickeln; aber wenn man
wei, wie ausnahmsweise und selten in Marokko den Leuten die Gelegenheit
geboten wird, Fleisch zu essen, so kann man sich vorstellen, wie es dann
bei einem Mahle hergeht, wo Fleisch in Hlle und Flle vorhanden ist und
man seine Hflichkeit und Freude am besten dadurch kund zu geben meint,
wenn man so viel it, als man berhaupt nur essen kann.

Die Dunkelheit ist nun vllig hereingebrochen. Da sieht man pltzlich
aus dem Zelte der Frauen einen Zug herauskommen, voran die Braut, sie
allein verschleiert; ihr zur Seite gehen andere junge Mdchen, in der
einen Hand eine Papierlaterne tragend, in der anderen ein mit
Rosenwasser geschwngertes Tuch, womit sie der Braut wohlriechende Luft
zuwehen; andere Frauen, und zwar zunchst die Schwiegermutter Lella
Mariam, folgen, alle haben Laternen. Sie gehen auf das Zelt Omars zu,
der fortwhrend allein geblieben war, und da von der anderen Seite auch
die Mnner herbeigekommen waren, so ruft Abu Thaleb: "Omar ben Abu
Ssalam, bist Du im Zelte, so erscheine und bezeuge im Namen des einigen
Gottes, da Du meine Tochter Aischa als Deine Frau aufnehmen und
ernhren willst." Omar erschien und bezeugte es im Namen Gottes. Sodann
ruft sein Vater: "Ich bezeuge im Namen des Hchsten, da ich an Abu
Thaleb 200 Duro gezahlt habe; hast Du sie bekommen, o Freund?"--"Mit
Hlfe Gottes habe ich das Geld empfangen und la Deinen Sohn morgen
zeugen, ob die Morgengabe Aischa's richtig ist."--Darauf wurde das Ftah
gebetet und die Mutter Omars, die Braut ihm zuschiebend, schlug das Zelt
ber Beide herab, und Omar und Aischa lagen einander in den Armen.

Drauen wurden aber die Schwelgereien im Essen fortgesetzt. Kaid Abu
Ssalam hatte Snger und Lautenspieler kommen lassen, Tnzerinnen hatten
sich eingestellt, kurz, es fehlte nichts einer, einem so reichen und
mchtigen Kaid wrdigen Hochzeitsfeier. Aber strmischer Jubel brach
los, als einige Zeit nachher Lella Mariam, die Mutter Omar's, die vor
dem Zelte Platz genommen hatte, aufstand und ein Hemd, das der gewesenen
Braut Aischa, durch die Luft schwenkte. Das Hemd enthielt Blutstropfen,
Omar konnte also den sichtbaren Beweis der Jungfrulichkeit seiner Braut
liefern und dieser mute Allen, die an der Hochzeitsfeier Theil nahmen,
gezeigt werden. Kann dieser nicht beigebracht werden, so ist berhaupt
die Heirath, _wenn der Gatte will_, als nicht geschehen zu betrachten.

Drei Tage dauerten diese Schmausereien, whrend welcher Zeit aber das
junge Paar meistens allein blieb, um ganz das Glck der ersten Liebe zu
genieen; vielleicht htte auch Kaid Abu Ssalam die Festlichkeit noch
lnger ausgedehnt, da bei sehr reichen Familien acht Tage lang festirt
wird, wenn nicht ein Ereigni eingetreten wre, das den Lustbarkeiten
ein jhes Ende setzte.

Wohl durch zu viele Arbeit, die der alte Omar, Vater Abu Thalebs, seinem
Magen aufgebrdet hatte, vielleicht auch durch Ueberma des sonst
ungewohnten Fleischgenusses, erkrankte er und schon nach einigen Stunden
hatte er aufgehrt zu leben.

Sobald man den Tod des alten Omar als sicher constatirt hatte, wurden
alle alten Weiber vor sein Zelt beordert, um das Klagen und Weinen zu
besorgen, whrend die Mnner den noch warmen Leichnam wuschen,
rucherten und in ein neues Stck Kattun einwickelten. Dies dauerte
einige Stunden, sodann wurde eine Tragbahre geholt und der Verstorbene
hinaufgelegt, denn bei den Zeltbewohnern herrscht die Sitte, den Todten
in einen Sarg oder eine Truhe zu legen, nicht. Vier Mnner bemchtigten
sich der Bahre und sodann ging es fort in so schnellem Schritte, als
man, ohne zu laufen, nur gehen konnte. Bestndig wurde nach einfrmiger
Melodie gesungen: =Lah illaha Il Allaha=, und wenn dies etwa
hundert Mal wiederholt worden war, bildete der Satz: =Mohammed ressul
ul Lah= den Schlu, um aber gleich wieder von vorn anzufangen. Alle
zwanzig Schritte lsten sich die Leute im Tragen ab, damit Jeder der
Ehre, den Todten zur letzten Sttte zu tragen, theilhaftig werden knne.
Nach dem Gottesacker der Beni-Amer, der ziemlich entfernt vom Duar
gelegen war, waren aber schon vorher einige Leute geschickt worden, um
die Gruft zu bereiten, und als der Trauerzug ankam, war Alles in
Ordnung.

Ein letztes Ftah wurde gebetet und die Sure: "Sag', Gott ist der
Einzige und Ewige. Gott zeugt nicht und ist nicht gezeugt und kein
Geschpf gleicht ihm," wurde von allen Anwesenden gelesen[80] und darauf
unter dem Ausrufe: "=Bism Allah=!" (im Namen Gottes) der Leichnam
in die Gruft gelegt. Ein Jeder der Anwesenden warf eine Hand voll Sand
auf den Krper und hierauf wurde durch Hacken die Grube schnell mit Erde
gefllt. Damit nicht etwa Hynen das Grab erffnen knnten, wurden
sodann zum Schlusse schwere Steine ber das Ganze gelegt. Zurck wurde
der Weg eben so rasch und ebenfalls unter dem Gesange: "=Lah illaha Il
Allaha=" gemacht. Acht Tage lang muten auerdem Trauerweiber, die
zum Theil bezahlt waren, klagen und weinen, die Mnner aber gingen ihren
gewhnlichen Beschftigungen nach, pflegten sich aber auch Abends beim
Trauerzelte einzufinden, weniger um der Vorzge und Tugenden zu
gedenken, die der verstorbene Omar ben Edris gehabt haben sollte, als um
an der Mahlzeit Theil zu nehmen, die sein Sohn whrend der achttgigen
Klagezeit allen Mittrauernden spenden mute. Die Trauer durch besondere
Kleider, z.B. schwarze Gewnder, auszudrcken, ist aber bei den
Zeltbewohnern so wenig Sitte, wie bei den mohammedanischen Stdtern.

Da der Kaid der Uled Sidi Schich die Krnkung nicht ruhig hinnahm, weil
man seine Tochter verschmht hatte, versteht sich von selbst. Und so
erschien er denn eines Tages mit zwanzig Reitern nach gefahrvollen
Mrschen; es gelang ihm auch, eine Nachts auengebliebene Heerde
fortzutreiben. Doch die schnell aufgebotenen Beni-Amer, im Verein mit
einigen Uled Hassan, ereilten die Ruber, ein kurzes Gefecht entspann
sich, einige Kugeln wurden gewechselt. Die Uled Sidi Schich zogen
natrlich den Krzeren, im Triumphe wurde die geraubte Heerde
zurckgebracht und seit der Zeit lebt Omar zufrieden und ruhig am Ued
Ssebu, lebt wie sein Vater und seine Vorfahren gelebt hatten und wie
seine Shne und Nachkommen unwandelbar nach denselben Sitten und
Gebruchen weiter leben werden.

FOOTNOTES:

[Footnote 66: Wie man bei uns sagt, er stammt aus einem groen Hause, so
sagt man in Marokko min cheima kebira ("von einem groen Zelte").]

[Footnote 67: In Marokko flechten und kmmen die Frauen und Mdchen ihr
Haar keineswegs alle Tage, sondern nur bei festlichen Gelegenheiten.]

[Footnote 68: Sidi ist der Titel des Groscherifs der heiligen Stadt
Uesan.]

[Footnote 69: Mohammed sagt im Koran: "Niemand trage seine Haare in
Flechten bis zu den Schultern herab." Weil, S. 251.]

[Footnote 70: Obschon es Mohammed ausdrcklich verboten ist, Staub aus
dem Tempel von Mekka als Reliquie mitzunehmen, thun es die meisten
marokkanischen Pilger doch.]

[Footnote 71: Man sagt so, natrlich sind die Insassen des Zeltes
gemeint.]

[Footnote 72: Schreiber.]

[Footnote 73: Plural von Thaleb.]

[Footnote 74: In jedem marokkanischen Duar befindet sich ein Zelt, das
zum Abhalten des freitglichen Chothagebetes bestimmt ist und Situn el
Djemma heit; in der Regel dient es auch als Herberge fr Fremde und
heit dann Situn el Diaf.]

[Footnote 75: Wollenes Uebergewand.]

[Footnote 76: In einzelnen Familien haben sich behufs der Beschneidung
Steinmesser oder vielmehr scharfe Steinscherben vom Vater auf den Sohn
vererbt und wahrscheinlich sind sie aus Arabien mit herbergebracht
worden.]

[Footnote 77: Der gewhnliche Preis ist auf 60 franzsische Thaler, in
Marokko Doro oder Duoro genannt, fixiert.]

[Footnote 78: Kupferner Kessel.]

[Footnote 79: Die Kuskussukgelchen aus Weizen- oder Gerstenmehl, auf
einem Palm- oder Strohteller gerieben, sind von der Gre unserer
Perlgrtze. Getrocknet halten sie sich monatelang, ja ber ein Jahr. Man
nimmt sie auch als Provision auf Reisen mit.]

[Footnote 80: Der Araber braucht das Wort "ikra" er liest, nicht blos
von der Handlung in unserem Sinne, d.h. wenn man aus einem Buche etwas
abliest, sondern auch, wenn Jemand aus dem Koran oder sonst einem Buche
ein Capitel hersagt.]


Leipzig,

Druck von Alexander Edelmann.






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Erforschung Africa's., by Gerhard Rohlfs

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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