The Project Gutenberg EBook of Deutsche Lyrik seit Liliencron, by Various

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Title: Deutsche Lyrik seit Liliencron

Author: Various

Editor: Hans Bethge

Release Date: March 25, 2009 [EBook #28411]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LYRIK SEIT LILIENCRON ***




Produced by Inka Weide, Wolfgang Menges, Markus Brenner
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    Anmerkungen zur Transkription:

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    Die Lebensdaten des Dichters Paul Scheerbart:
      8. Januar 1866 - 14. Oktober 1915
    werden in anderen Quellen (Wikipedia etc.) mit
      8. Januar 1863 - 15. Oktober 1915 angegeben.




    [Illustration: Detlev von Liliencron]




    Deutsche Lyrik seit Liliencron


           Herausgegeben von
              Hans Bethge


    [Illustration: Verlags-Signet]


          Hesse & Becker Verlag
                 Leipzig

    Einundsiebzigstes bis achtzigstes Tausend

            Mit zehn Bildnissen

    Einband- und Titelentwurf vom Graphiker P. Hartmann
    Druck und Einband von Hesse & Becker in Leipzig




Vorwort.


Dieses Buch besitzt eine innere Einheit nicht. Es umfat die lyrische
Entwicklung von etwa vier Jahrzehnten, deren sichtbares Resultat ein
weitreichender Umsturz der knstlerischen, politischen und sozialen
Begriffe gewesen ist. Das Buch zeigt in engerem Sinne die Entwicklung
von dem naturalistischen Impressionismus Detlev von Liliencrons bis zu
dem erregten Expressionismus Franz Werfels. Es ist der Weg vom betont
sinnlichen zum betont geistigen Erlebnis, den auch die bildende Kunst in
dieser Epoche gegangen ist, der Weg von der lyrischen Stimmung zum
lyrischen Bekenntnis, vom seelischen Klang zum seelischen Schrei. Sehr
reizvolle Etappen liegen auf diesem Wege, die Seiten des vorliegenden
Buches bezeugen es. Wohin der Weg fhrt, ist unklar. Wir wollen hoffen,
da die Reaktion auf die emprerische Khnheit, auf die Manifestation
gepeitschter Gefhle, wie sie die jngste Generation uns darbietet,
glimpflich verluft und da uns wenigstens ein allzublasses Nazarenertum
erspart bleiben mge.

Frhjahr 1921.
                                                            H. B.




Inhalt


                                                        Seite

  Altenberg, Peter
    Liebesgedicht                                          1
    Das Bangen                                             1
    Ljuba                                                  2
    Was kann er fr sie tun?!?                             2

  Arent, Wilhelm
    Das Weltgeheimnis                                      3
    Zwei Glckliche                                        4
    Melancholie                                            4

  Baum, Peter
    Grauen                                                 4
    Liebespsalmen I-IV                                     5
    Nun schweig                                            6
    Der Greis                                              7

  Becher, Johannes R.
    Verfall                                                7
    Der Idiot                                             10
    Musik des Abschieds                                   11

  Bethge, Hans
    Die Hoffende                                          12
    Nach Sonnenuntergang                                  12
    An eine Kunstreiterin I-III                           13
    Wir wehen                                             14
    Vision                                                15
    Hinschlendern                                         15
    Dasein                                                15

  Bierbaum, Otto Julius
    Tanzlied                                              16
    Freundliche Vision                                    17
    Die Kranke                                            17
    Im Wirbel fort                                        17
    Gigerlette                                            18
    Traum durch die Dmmerung                             19
    Jeannette                                             19
    Die schwarze Laute                                    20
    Oft in der stillen Nacht                              20

  Bodman, Emanuel von
    Der Garten                                            22
    Meine Mutter                                          22
    Flocken                                               23
    Wandlung                                              23

  Cal, Walter
    Wir tauchten aus dem Strom                            24
    Der Tod wird uns                                      24
    Es rinnen rote Quellen                                24
    Zwiegesprch                                          25
    Du trumtest                                          26
    Der Heimweg fhrte mich                               26
    Am Flusse                                             26
    Und abermals wirst du                                 27
    Die Andern                                            27

  Conradi, Hermann
    Aus den Schwarzen Blttern:
      Ich wei -- ich wei                                28
      Im Sklavendienst der Lge                           28
    Sommerrosen                                           29
    Lenz                                                  30
    Mein Blick, nun weide dich                            30
    Die mde schon verglhte                              31
    Im Vorberfluge                                       33

  Dubler, Theodor
    Weg                                                   34
    Die Buche                                             34
    Die Droschke                                          35
    Heidentum                                             36
    Die Russin                                            36

  Dauthendey, Max
    La mich in deinem stillen Auge                       37
    Graue Engel                                           37
    Am sen lila Kleefeld                                38
    Winde qulen die Bume                                38
    Die Amseln haben                                      38
    Die Luft so schwer                                    39
    Auf deinem Haupt                                      39
    In deinem Angesicht                                   39
    Unsere Augen                                          40
    Stille weht                                           40
    Die Sommernacht                                       40
    Drinnen im Strau                                     41
    Mchte rollend das Blut aller Verliebten sein         41
    Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht           42
    Der Mond ist wie eine feurige Ros'                    42
    Nachtstrme reiten die Bume krumm                    43
    Wer jagt den Flu vor sich her wie ein Tier?          43
    Die Berge werden wie dunkle Kissen                    43

  David, Jakob Julius
    Mein Lied                                             44
    Im Volkston                                           44
    Nacht                                                 45

  Dehmel, Richard
    Die Harfe                                             46
    Sommerabend                                           47
    Aus banger Brust                                      48
    Ein Stelldichein                                      49
    Ein Grab                                              49
    Stiller Gang                                          50
    Die stille Stadt                                      50
    Manche Nacht                                          51
    Geheimnis                                             51
    Morgenstunde                                          51
    Erhebung                                              52
    Bewegte See                                           52
    Nachtgebet der Braut                                  53
    Ideale Landschaft                                     54
    Aus Zwei Menschen
      I, 1. Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain  54
      I, 16. Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel   55
      I, 23. Kaminfeuer und Morgenrotschimmer             56
      II, 28. Und es rauscht nur und weht                 58

  Donath, Adolph
    Trnen                                                59

  Ehrenstein, Albert
    Auf der hartherzigen Erde                             60
    Verzweiflung                                          61
    Friede                                                61
    Coyllur                                               62
    Wanderers Lied                                        62
    Blind                                                 63
    Dunkel                                                63

  Evers, Franz
    Rosenglut                                             64
    Jugend                                                65
    Abendlied                                             65
    Ein Gastgeschenk                                      66
    Der Knstler                                          66

  Falke, Gustav
    Das Mohnfeld                                          68
    Mrchen                                               69
    Da der Tod uns heiter finde                          69
    Stranddistel                                          70
    Das Grab                                              70
    Spte Rosen                                           71
    Zwei                                                  72

  Finckh, Ludwig
    Einer Frau                                            72
    Abendhimmel                                           73
    Geschenk                                              73

  Flaischlen, Csar
    So regnet es sich langsam ein                         74
    Hab Sonne                                             74
    Ich habe Nchte                                       75
    Einem Kinde                                           75
    Februarschnee                                         76
    Ganz still zuweilen                                   77
    Spruch                                                77

  Forbes-Mosse, Irene
    Gehen und Bleiben                                     78
    Eine Widmung                                          78
    Die fremde Blume                                      78
    Der Brunnen                                           79
    Madlena                                               79

  Greiner, Leo
    Liebe                                                 80
    Unter den Menschen                                    80
    Leben                                                 81
    Regenabend                                            81
    Der Schatten                                          82
    Reise                                                 82

  Hartleben, Otto Erich
    Funkelt dein Auge noch?                               83
    Lili                                                  83
    Die jubelnd nie                                       84
    Ellen                                                 84
    Das welke Blatt                                       85
    Liebesode                                             85
    Gesang des Lebens                                     86
    Im Lande der Torheit                                  86
    Denkst du daran                                       87
    Der Abenteurer                                        87
    Elegie                                                88
    Kinderkpfchen                                        88

  Hasenclever, Walter
    Die Todesanzeige                                      89
    Mein Jngling, du                                     90
    Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett      91
    Wei ich, da Stunden                                 91
    Da von Geheimnissen                                  92
    1917                                                  93

  Hatzfeld, Adolf von
    Die letzte Nacht                                      95
    Grner Sommer                                         96
    Frhlingsmond                                         97
    Abend am See                                          98
    Du Gott                                               98
    Der Teich                                             99

  Herrmann, Max
    Dein Haar hat Lieder                                  99
    Osterlied                                            100
    Trostlied der bangen Regennacht                      100
    Liebe nur kann ewig sein                             101

  Hesse, Hermann
    Der schwarze Ritter                                  102
    Nach Paul Verlaine                                   103
    Elisabeth                                            103
    Die frhe Stunde                                     104
    Lady Rosa                                            104
    Fiesole                                              104

  Heym, Georg
    Die Seefahrer                                        105
    Alle Landschaften haben                              105
    Ophelia I-II                                         106
    Deine Wimpern, die langen                            108

  Hille, Peter
    Maienwind                                            110
    Brautseele                                           110
    Waldesstimme                                         114
    An Gott                                              115
    Abbild                                               115
    Prometheus                                           115
    Abendrte                                            116
    Selige Gre                                         117

  Hofmannsthal, Hugo von
    Vorfrhling                                          117
    Die Beiden                                           119
    Ballade des ueren Lebens                           119
    Manche freilich                                      120
    Terzinen ber Vergnglichkeit                        121
    Erlebnis                                             121
    Dein Antlitz                                         122
    Terzinen                                             123
    Der Jngling in der Landschaft                       124
    Aus Der Tod des Tizian                             124
    Aus Der Abenteurer und die Sngerin                126

  Holz, Arno
    Ein Abschied                                         128
    Ninon                                                129
    Aus Phantasus                                      130
    Vor meinem Fenster                                   133
    Rote Rosen                                           133
    In einem Garten                                      134
    Aus weien Wolken                                    134

  Huch, Ricarda
    Sehnsucht                                            135
    Unersttlich                                         136
    Du                                                   136
    Heimatlos                                            137
    Erinnerung                                           138
    Verstoen                                            138
    Herbst                                               139
    Ankunft im Hades                                     139
    Liebesreime I-III                                    140

  Kurz, Isolde
    Sdliche Weise                                       141
    Die erste Nacht                                      142
    Mdchenliebe                                         142
    Die Nicht-Gewesenen                                  143

  Lasker-Schler, Else
    Wir beide                                            143
    Mairosen                                             144
    Chaos                                                144
    Die Liebe                                            145
    Liebesflug                                           146
    Eva                                                  146
    Mein Volk                                            147
    Mein Liebeslied                                      147
    Mein Wanderlied                                      148
    O, meine schmerzliche Lust                           148
    Maienregen                                           149
    Weltende                                             149
    Mein Liebeslied                                      150

  Liliencron, Detlev von
    Rckblick                                            151
    Tod in hren                                         153
    Am Strande                                           153
    Letzter Gru                                         155
    Der Lndler                                          156
    Wer wei wo                                          157
    In einer groen Stadt                                158
    Vor Last und Lrm                                    158
    Weite Aussicht                                       160
    Erinnerung                                           161
    Kalter Augusttag I-II                                162
    Auf dem Deiche                                       163
    Sizilianen
      Die Insel der Glcklichen                          164
      +Souvenir de la Malmaison+                         164
      Sommernacht                                        164
      Nach der Hhnerjagd                                165
      Der Hohenfriedeberger                              165
    Einer Toten                                          165
    Gestorbene Liebe                                     167
    Der Genius                                           168
    Die Spinnerin von Sankt Peter                        169
    Mrztag                                              170
    Letzter Wunsch                                       170

  Loerke, Oskar
    Frhlingswille                                       171
    Nirwana                                              172
    Hinterhaus                                           172
    Die graue Melodie                                    173
    Inbrunst                                             174

  Lotz, Ernst Wilhelm
    Glanzgesang                                          174
    Der Schwebende                                       176
    Hart stoen sich die Wnde                           177

  Mombert, Alfred
    Das junge Liebchen                                   178
    Ich liege                                            178
    Ja in der Jugend                                     179
    Nun beugt die Nacht                                  179
    Wann ich von dir gehe                                180
    Auf steilem Felsrcken                               180
    Ich mcht' es kosten                                 180
    Schwindsucht                                         181
    Trinkend                                             181
    Im Mondlicht                                         182
    Da splst du bunte Muscheln                          182
    Zwischen zwei dunklen Wogen                          182
    Ich tat groe Dinge                                  183
    Ich lag auf dem Meer                                 183
    Der Mond betrat                                      184
    Mich jammerte                                        184
    Bevor ich                                            185
    Ich hrte den Wind                                   185
    Am Saume                                             186
    An Ufern des Rheins                                  186

  Morgenstern, Christian
    Erster Schnee                                        187
    Vglein Schwermut                                    187
    Welch ein Schweigen                                  187
    Das sind die Reden                                   188
    Das Spinnennetz                                      188
    Verbannung zur Hhe                                  189
    Deine Rosen                                          189
    Der Bach                                             189
    Christus klagt                                       190
    Begegnung                                            191

  Nietzsche, Friedrich
    An den Mistral                                       192
    Vereinsamt                                           194
    Zarathustras Lied                                    195
    Venedig                                              195
    Sils-Maria                                           196
    Die Sonne sinkt I-III                                196

  Rilke, Rainer Maria
    Ernste Stunde                                        198
    Die Blinde                                           199
    Herbst                                               203
    Der Schauende                                        203
    Von den Fontnen                                     205
    Die Entfhrung                                       206
    Fragmente aus verlorenen Tagen                       207
    Spanische Tnzerin                                   209
    Der Fremde                                           210

  Salus, Hugo
    An blauen Frhlingstagen                             211
    Im stillen Hafen                                     211
    Erinnerung                                           211
    Frhlingsfeier                                       212

  Scharf, Ludwig
    Begegnis                                             213
    Blut-Propheten                                       213
    Gebet eines Selbstmrders                            214

  Schaukal, Richard (von)
    Der Fiedler                                          215
    Kophetua                                             215
    An die Baronin Colombine                             216
    Portrt eines spanischen Infanten                    216
    +Pierrot pendu+                                      217
    Musset                                               217
    Kavaliere                                            218
    Goya                                                 218
    Portrt des Marquis de ...                           219
    Der Araber                                           219
    Spt                                                 220

  Scheerbart, Paul
    Dahin!                                               220
    Notturno                                             221
    Tiefernst!                                           221
    Die groe Sehnsucht                                  221

  Schickele, Ren
    Der Knabe im Garten                                  222
    Wenn es Abend wird                                   222
    Ferne Musik                                          223
    Erwartung im Garten                                  224
    Lea                                                  224
    Die Leibwache                                        224

  Schlaf, Johannes
    Sehnsucht                                            226
    Hoffnung                                             226
    Abendgang                                            227
    Trbes Wetter                                        227
    Doppelliebe                                          227

  Schnaich-Carolath, Prinz Emil von
    Albumblatt                                           228
    Der betrbte Landsknecht                             228
    Genrebild                                            229
    Altes Bild                                           230
    Knstlerroman                                        230

  Scholz, Wilhelm von
    In einer Dmmerstunde                                231
    Abschied                                             232
    Heimat                                               233
    Abendgang                                            233
    Der Wandrer                                          234
    Erde                                                 234
    Ich wei es wohl                                     234
    Nchtlicher Weg                                      235
    Am Sller                                            235

  Schrder, Rudolf Alexander
    Aus den Liedern an eine Geliebte
      Nun kam der Abend                                  236
      Die Lge sagst du                                237
      Ich habe keine Schmerzen                           237
      Ach, noch immer glaube ich                         237
      Das Glck ist ein leerer                           237
    Sonett an eine Verstorbene                           238
    Aus dem Buch "Elysium"
      Sie lassen sich am Ufer nieder                     238
      Wenn sie wandeln                                   239
      Leise la sie ihren Reigen                         239

  Schler, Gustav
    Unterdessen                                          240
    Mignon                                               240
    Am Abend                                             241
    Am Kreuzweg                                          241
    Was ist das Glck?                                   242

  Stadler, Ernst
    Reinigung                                            242
    Vorfrhling                                          243
    Was waren Frauen                                     243
    Puppen                                               244
    Glck                                                245

  Sternberg, Leo
    Der Wartende                                         245
    Soviel Lftchen                                      246
    Eine pltzliche Stille                               246
    Jenseits                                             247

  Susman, Margarete
    Im Feld ein Mdchen singt                            247
    Ich liebe unter allen                                248
    So in die still verschneite Nacht                    248
    Kein Liebeswort                                      249

  Trakl, Georg
    Der Herbst des Einsamen                              249
    In den Nachmittag geflstert                         250
    Im Park                                              250
    Landschaft                                           251
    Sommer                                               251
    In Venedig                                           252
    Am Moor                                              253
    Frhling der Seele                                   253
    Elis I-II                                            254

  Walser, Robert
    Morgenstern                                          256
    Langezeit                                            256
    Warum auch                                           257
    Schnee                                               257
    Im Mondschein                                        258
    Mdigkeit                                            258
    Zu philosophisch                                     258
    Brausen                                              259
    Und ging                                             259

  Wedekind, Frank
    Erdgeist                                             260
    Perversitt                                          260
    Ilse                                                 261
    Der Anarchist                                        261
    Waldweben                                            262

  Werfel, Franz
    Wie nichts erkennend                                 263
    Verzweiflung                                         263
    Welche Lust auf Erden denn ist ser                 264
    Ein Lebens-Lied                                      265
    Amore                                                265
    Alte Dienstboten                                     266
    Mondlied eines Mdchens                              268
    Die Leidenschaftlichen                               269
    Die Schwestern von Bozen                             270
    Gesang einer Frau                                    271
    Geheimnis                                            274
    Was ein jeder sogleich nachsprechen soll             274
    Sein und Treiben                                     275
    Gebet um Reinheit                                    275
    Wir nicht                                            277

  Wertheimer, Paul
    Seelen                                               278
    Ostsee                                               278
    Tote Stunde                                          279

  Wolfenstein, Alfred
    Stdter                                              279
    Tanz I-III                                           280
    Musik des Kmpfers                                   282
    Nacht im Dorfe                                       283
    Fahrt                                                284
    Die Stirn                                            285

  Zech, Paul
    Die Huser haben Augen aufgetan                      286
    Bettler im Sptherbst                                286
    Dorf im Mittag                                       287
    Es kam ein Wind                                      287

  Zweig, Stefan
    Singende Fontne                                     288
    Schwler Abend                                       290

  Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfnge          292




Verzeichnis der Bilder


  Detlev von Liliencron
    Nach einer knstlerischen Photographie von Rudolf Dhrkoop, Hamburg

  Max Dauthendey

  Richard Dehmel

  Hugo von Hofmannsthal

  Arno Holz
    Photographie A. Binder, Berlin W 15

  Ricarda Ceconi-Huch

  Else Lasker-Schler
    Atelier Lisi Jessen, Charlottenburg, Bismarckstrae 3

  Alfred Mombert

  Rainer Maria Rilke
    Nach einer Bronzebste von Fritz Huf (Museum zu Winterthur, Schweiz)

  Franz Werfel
    Nach einer knstlerischen Photographie des Ateliers d'Ora, Wien I,
    Wipplingerstr. 26




Peter Altenberg.

Geboren am 9. Mrz 1859 zu Wien, wo er den grten Teil seines Lebens
verbrachte und am 8. Januar 1919 starb.


Liebesgedicht.

    Ich sah dich den Amseln zrtlich Futter streuen --
    Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen --
    Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
    Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.
    Ich sah dich deine idealen Fe ungeniert nackt zeigen,
    Ich sah dich wie eine Frstin dich edel-stolz verneigen.
    Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem
              Freunde sprechen,
    Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen
              Taktfehlers fr ewig brechen -- -- --.
    Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
    Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.
    Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
    Ich sah dich traurig stehn vor trben Gaslaternen.
    Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr
              mysterises Gewebe -- -- --
    Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stren.
    Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!


Das Bangen.

    Mir bangt um dich, Anna -- -- --.
    Weshalb mir bang ist, wei ich nicht,
    Ich wei nur, da mir bang ist.
    Mir ist bang!
    Wie einer Mutter bang ist ohne Grund,
    Noch sind sie alle munter und gesund -- -- --!
    Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange,
    Whrend die anderen noch lange
    Den wolkenlosen Himmel bld betrachten
    Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten.
    Mir bangt, wie einem bangt,
    Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hgel spielen sieht
    Und wei, da nun die Flut vom Land sie abtrennt -- flieht!

    Mir bangt, wie einem bangt,
    Der wei, er wird gehenkt um sieben Uhr frh.
    So, so bangt mir um dich -- -- --
    Du bist _mein Leben_, es bangt mir um _mich_;
    Du aber, du gehst deinen Weg von mir,
    Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir,
    Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen -- -- --
    Und perlt mein Todesschwei auf deinen Pfad hernieder,
    Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!


Ljuba.

    Die da nicht kommen an deinen Tisch,
    Die sind _klger_ als ich!
    Die schtzen sich!
    Ich aber, gleich der Motte im Lichte,
    Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte!
    Ich will lieber in Licht und Hitze sterben,
    Als gesichert um Anna oder Grete werben!
    Die da nicht kommen an deinen Tisch,
    Die sind _dmmer_ als ich!
    Sie schtzen sich!


Was kann er fr sie tun?!?

    Was kann ich fr dich tun?!?
    Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen --
    Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen -- --.
    Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke
              sagen:
    Du hast recht, nur du!
    Ich kann, wenn du nicht da bist, bedrckt und krnklich
              sein -- -- -- --
    Ich kann vor Glck erbeben, trittst du ein -- --.
    Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater
    Und Komplimente ber seine Tochter machen deinem
              Vater.
    Ich kann dir se Mandarinen bringen.
    Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen.
    Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn:
    Was kann ich fr sie tun?!?




Wilhelm Arent.

Geboren am 7. Mrz 1864 zu Berlin, wurde Schauspieler und gab, vielfach
unter Pseudonymen, mehr als zwanzig Gedichtbcher heraus. Er ist in
Berlin verstorben.


Das Weltgeheimnis.

    Sie fanden ihn -- von dstrer Falte
    Durchfurcht die hohe Denkerstirn --,
    Schlaff hing die Hand, die marmorkalte,
    Verloht die heilige Glut im Hirn;

    Die Augen waren sanft geschlossen --
    Ein Lcheln spielte um den Mund --
    Als htt' er jede Huld genossen
    Und jedes Rtsel wr' ihm kund ...


Zwei Glckliche.

    Und sie herzten sich
    Und kten sich
    Lange;
    Endlich schliefen sie ein.
    Lchelnd trumten sie
    Arm in Arm,
    Bis rauh
    Der Morgen kam.


Melancholie.

    Meiner Jugend Trume,
    Wo seid ihr hin?
    Ihr himmlischen Rume,
    Wie fern ich euch bin!

    Drauen grnen die Bume,
    Flur in Blte steht --
    Meine Lieder sind Schume,
    Die der Wind verweht ...




Peter Baum.

Geboren am 30. September 1869 zu Elberfeld, lebte als Schriftsteller in
Berlin, fiel in Frankreich im Sommer 1916. -- Gott und die Trume 1901.


Grauen.

    Das ist das Furchtbare,
    Da ich oft glaube,
    Ich trge deine Augen und deine Haare.
    Da meine Hnde dann hilflos suchen
    Ganz wie die deinen
    Und meine Lippen mich so verfluchen
    Und weinen.

    Jeden Abend berkommst du mich so.

    Zwei ganz gleiche Totenvgel
    Fliegen dann ber den Kirchhof.


Liebespsalmen.

I.

    Deine Nchte klagen in meine Tage,
    Durch mein Trumen rieselt das Blut deiner Fe.
    O ich will dir forttrinken alle Trnen,
    Ich will dich tragen unter meine Wipfel.

    Meine Wipfel sind khl und voll Frieden
    Und baden sich hoch in tiefen Wassern.
    Himmelstiefen tropfen zu uns hernieder,
    Aus ewigen Meeren, durch heilige Wipfel.

    Schlummre du tief in meinen Armen!
    Meine Augen sind stahlharte Engel; die wachen
                ber deinen Frieden.

II.

    Deine Augen leuchten vor Dunkel,
    Und ein spinnendes Weinen
    Deiner schwarzen Haare
    ber das Leinen.
    O dein blasses Gesicht,
    Und wie deine schmalen Hnde
    ber die Kissen suchen --:
    Rhrendes Stammeln
    Eines sprieenden Liedes,
    Das blhen mchte.

    Meine Seele sucht mit dir.

III.

    Wenn die Rosen des Morgens aufstaunen,
    Mchte ich zu dir kommen!
    Ich brchte deiner Stirne khlen Tau
    Und deinen Lippen Lachen.

    In meinen Nchten schreckt mich deine Einsamkeit;
    Schmiege dich tief in die Flgel meiner Seele;
    Dunkel rauschten sie ber die Meere,
    Bis sie zu dir sich fanden.

IV.

    Wenn die Nacht von dannen geht,
    Wollen wir uns aus dunkeln Schalen
    Unser Blut reichen.

    Ein Auge wollen wir sein und eine Seele,
    Schauernd ber der Tler
    Brennend klaren Kelchen.

    Siehst du den Morgenwind? Er trgt
    Schwebendes Leben von Bschen zu Bschen,
    Halm zu Halm.
    Sei du mein! --


Nun schweig.

    Nun schweig und fhle, wie die Schatten wehn;
    Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken,
    Und schwarze Wolken felsenzackig stehn
    Um blanke Dcher, die wie Seen blinken.
    Und suche meine Seele nicht; die liegt
    In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer,
    Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt.


Der Greis.

    Lnder und Seen durchschwommen
    Brnstig allen Fernen.
    Wittre nun in den Nchten
    Nach Lndern ber Sternen.

    Als ich ein Kind war,
    Glnzte so weit mein Teich,
    Hinter jedem Wipfel
    Grnte ein Zukunftsreich.

    Sttzt zu Berg mich, Shne,
    Dicht in meine Nhe,
    Da ich noch einmal
    Die kleine Erde sehe.




Johannes R. Becher.

Geboren am 22 Mai 1891 zu Mnchen. -- Verfall und Triumph 1914. An
Europa 1916. Pan gegen die Zeit 1918. Das Neue Gedicht 1918. Gedichte
fr ein Volk 1919. Gedichte um Lotte 1919. Um Gott 1920.


Verfall.

    Unsere Leiber zerfallen,
    Graben uns singend ein:
    Berauschte Abende wir,
    Nachtsturm- und meerverscharrt.
    Heies Blut vertrocknet,
    Eitergeschwr verrinnt.
    Mund Ohr Auge verhllet
    Schlaf Traum Erde der Wind.

    Gelblich trger Wrmer
    Enggewundener Gang.
    Pochen rollender Strme.
    Wimpern, blutrot lang.
    ... _Bin ich zerbrckelnde Mauer,
    Sule am Wegrand, die schweigt?
    Oder Baum der Trauer
    ber dem Abgrund, geneigt?_ ...
    Ser Geruch der Verwesung,
    Raum, Haus, Haupt erfllend.
    Blumen, flatternde Grser,
    Vgel, Lieder quillend.

    _Ja --, verfaulter Stamm_ ...
    Schimmel. Gechz. Gesthn.
    Unter wimmelnder Himmel Flucht
    Furchtbarer Laut ertnt:
    Pauke. Tube Gedrhn.
    Donner. Wildflammiges Licht.
    Zimbel. Schlagender Ton.
    Trommelgeschrill. Das zerbricht. --

    Der ich mich dir, weite Welt,
    Hingab, leicht vertrauend,
    Sieh, der arme Leib verfllt,
    Doch mein Geist die Heimat schaut.
    Nacht, dein Schlummer trstet mich,
    Mund ruht tief und Arm.
    Heller Tag, du lsest mich
    Auf in Unruh ganz und Harm.

    Da ich keinen Ausweg finde,
    Ach, so weh zerteilt!
    Blende bald, bald blind und Binde.
    Da kein Ku mich heilt!
    Da ich keinen Ausweg finde,
    Trag wohl ich nur Schuld:
    Wildstrom, Blut und Feuerwind,
    Schande, Ungeduld.

    Tag, du herbe Bitternis!
    Nacht, gib Traum und Rat!
    Kot Verzerrung Schnitt und Ri --
    Khle Lagerstatt ...
    Alles mu noch ferne sein,
    Fern, o fern von mir --
    Blh empor im Sternenschein,
    Heimat, ber mir!

    Einmal werde ich am Wege stehn,
    Versonnen, im Anschaun einer groen Stadt.
    Umronnen von goldener Winde Wehn.
    Licht fllt durch der Wolken Flucht matt.
    Verzckte Gestalten, in Wei gehllt ...
    Meine Hnde rhren
    An Himmel, golderfllt,
    Sich ffnend gleich Wundertren.

    Wiesen, Wlder ziehen herauf.
    Gewsser sich wlzen. Brcken.
    Gewlbe. Endloser Strme Lauf.
    Grauer Gebirge Rcken.
    Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.
    Drachen, Erde speiend.
    Aufgerissener Rachen, die Sonne brllt.
    Emprung. Lachen. Geschrei.

    Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.
    Knuel. Gemetzel weit ...
    ... _Wann erscheinest du, ewiger Tag?_
    Oder hat es noch Zeit?
    Wann ertnest du, schallendes Horn,
    Schrei du der Meerflut schwer?
    Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn
    Rufend die Schlfer her? ...


Der Idiot.

    Er schwirrte nchtens durch der groen Stdte Flucht.
              Das traf ihn schwer.
    Auf hohlen Pltzen tosten Glitzer-Feste.
    Staubwirbel bliesen ihn durch grnen Abendhimmel
              flaches Meer.
    Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Palste.

    Und seine Strae warf sich steil empor und schraubte
    Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand,
    Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte,
    Spie Feuer, ri rckwrts sie, da sthnend sie sich
              niederwand.

    Er schlug: die Augen grn, Schaum dick ums Maul,
    Auf heies Pflaster. Sule ward sein Schrei!
    Ganz leise sang ein Droschkengaul --
    Und weie Schleier wehten dicht vorbei.

    Es strzten Trme gro und Mauern drob zusammen.
    Auf allen Dchern tosten Flammen laut.
    Die Dome knieten nieder. Berge schwammen
    Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis berbaut.

    Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.
    Es gellte. Mwenschwrme schreckten auf.
    Bltenwlder wei begruben ihn.


Musik des Abschieds.

    Beginn der Klnge zwischen dir und mir!
    Uralte Snge, die mich hei verfluten --
    Gewhl der Zeiten, die mich wei zerbluten --
    Gelute. Schweigen zwischen mir und dir.

    O Grber, Grten zwischen mir und dir!
    Gespannt die Tnzer unsichtbar auf Seilen --
    Traum-Silber-Pflge, die Eisschollen teilen --
    Die Boten eilen zwischen dir und mir.

    Erbrochene Schlachten. Bunte Vlkerwelten.
    Die Roten Felsen ber Agadir.
    Gesprengte Wlder. Heller Tod der Helden ...
    O dunkle Sprachen zwischen mir und dir.

    Und sah die Meere durch die Himmel flieen.
    Besternte Menschen viel auf Pltzen dicht.
    Fluch deiner Finsternis: verkohlte Wiesen.
    Die Flte ruft. Es reift dein Angesicht.

    Und she Mgde aus dem Brunnen schpfen
    Krug milden Trankes ... und das blde Tier
    Leckt unvertrieben Honig aus den Tpfen ...
    O Fest! O Stunde zwischen dir und mir!

    Dann jagte ich auf unergriffenem Schiffe.
    Denn schroffer Sturm verlschte jede Spur.
    Und durchs Gezisch und durchs Gestrpp der Riffe ...
    Und in den Hnden eine Muschel nur:

    Zerschellt. Genebel. Schdel. Fulnis. Und die Feuchte
    Gefleckter Smpfe. Rudiger Rachen Gier -- --
    Ich aber fhlte: Duft und Pracht und Leuchte!
    O Nacht des Bundes zwischen dir und mir.




Hans Bethge.

Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. -- Die stillen Inseln,
Die Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin.


Die Hoffende.

    Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, --
    Sie sa am offenen Fenster, ganz verwirrt,
    Der Glanz auf ihren Hnden war der Glanz
    Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen
    Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel
    Und alte Blumen und das Lied der Lerche,
    Das alles war in ihm, sie fhlt' es wohl.
    Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und
    Sie war so reich! und nun hob sie die Hand
    Leis auf und kte sie: die ganze Lust,
    Die ganze Qual, das Leben, alles, alles.


Nach Sonnenuntergang.

    Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange,
    Die Dnen glnzten durch die Abendluft.
    Du rhrtest mit dem Schritt der Tnzerin
    Die gelbe Erde an. Ich sa im Garten,
    Und glhnden Herzens fhlt' ich wie du kamst!

    Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte
    Und rissest eine Rose vom Gestruch
    Und ktest sie und warfst sie in die Winde
    Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne!
    Und braun und gttlich glnzten deine Schultern,
    Und herber Duft des Meeres hing an dir.


An eine Kunstreiterin.

I.

    Wie eine Blume, drberhin der Lenz-
    Wind geht; wie eine Tnzerin, die rastend
    Das Echo noch des Rhythmus in sich fhlt,
    Der sie entzckte, und ihm ohne Willen
    Nachgibt: so hockst du vor mir im Gemach,
    Und Duft der Hengste schwebt noch um dein Haar
    Und in den Augen noch der Glanz der Lichter,
    Und deine Hand fhrt ber meine Knie,
    Liebkosend, trumend, so als streife sie
    An eine Welt, mit der sie nichts verbindet,
    Und die ihr fern ist wie das Einst und Nie.

II.

    Du bist der schnste
    Gedanke des Frhlings.

    Du bist der seste Hauch,
    Der am Abend mich anweht.

    Du bist die wilde Verzweiflung
    Aller, die dich lieben.

    Ach, du hast in finstere Nacht
    Auch mich gehllt.

    Wer bist du?

    Du bist der seste Hauch,
    Der am Abend mich anweht.

III.

    Deine feinen Hnde
    Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben.

    An deinen feinen Brsten
    Hngt der Abend in Glanz und Demut.

    Aus deinen verdunkelten Augen
    Weht Khle mich an.

    Die Khle deines Herzens weht mich an
    Aus deinen Augen bei Abend.


Wir wehen ...

    Wir wehen durch die Lfte,
    Grau wie Regen weht,
    Zart wie Dfte der Blumen,
    Bang wie der Flte Lied.

    Wehen mit Eile, sinken
    Nieder in einem Feld,
    Abend hllt khl uns ein,
    Nacht ist so mrchenschn.

    Manche erheben wieder
    Ihre Flgel, wehen
    Weiter, dstere Wolken
    Oder Gerche der Flur.

    Andere bleiben liegen
    In den Hainen und Grten,
    Werden Erde und Halme,
    Spielend im Frhlingshauch.

    Hrst du ein Seufzen im Abend?
    Und ein Lachen im Wind.
    Wer da wehte vorber
    Ach -- und wohin? wohin?


Vision.

    Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du,
    Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken.
    Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst
    Auf den verwilderten Grten, ein Traumgebild
    Der Lenznacht, lockend, schwankend, verfhrerisch --
    Bis da der Nebel stieg von den Wiesen her
    Und du auslschtest, so wie ein Lied auslscht,
    Und rings lag de, schmachtende Finsternis,
    Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen
    Riefen nach dir, o Mondenhauch!


Hinschlendern.

    Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin
    Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen,
    Ein Gru den Mdchen mit den edlen Busen,
    Ein Gru dem Wein, den Blumen und dem Mond,
    Ein stiller Gru den Kranken und Zerwhlten,
    Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen
    Den Wolken und dem Winde und dem Meer,
    Und schlafen, schlafen ... Und in lindem Traume
    Entgleitet alles, und die schnste Stunde
    Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam.


Dasein.

    Mond und Liebe und dann
    Ein Schluck Wein ab und an
    Und dann --
    Herz, warum so trbe?

    Und dann
    Mond und dann Wein
    Und Liebe, -- herbsttrbe
    Verrinnt das Sein.

    Aber manchmal aufglht
    Ein berauschender Funken,
    Dann taumeln wir trunken,
    Bis der Funken versprht.

    Dann das alte Lied:

    Mond und Liebe und dann
    Ein Schluck Wein ab und an.




Otto Julius Bierbaum.

Geboren am 28. Juni 1865 zu Grnberg in Schlesien, absolvierte das
Gymnasium in Wurzen, besuchte die Universitten Zrich, Leipzig, Berlin,
Mnchen, war Redakteur der Neuen deutschen Rundschau, des Pan und
der Insel und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910
starb. -- Erlebte Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894.
Irrgarten der Liebe 1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Flte
1907.


Tanzlied.

    Es ist ein Reihen geschlungen,
    Ein Reihen auf dem grnen Plan,
    Und ist ein Lied gesungen,
    Das hebt mit Sehnen an,

    Mit Sehnen, also se,
    Da Weinen sich mit Lachen paart:
    Hebt, hebt im Tanz die Fe
    Auf lenzeliche Art!


    [Illustration: Max Dauthendey]


Freundliche Vision.

    Nicht im Schlafe hab' ich das getrumt,
    Hell am Tage sah ich's schn vor mir:
    Eine Wiese voller Margeriten;
    Tief ein weies Haus in grnen Bschen;
    Gtterbilder leuchten aus dem Laube.
    Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat,
    Ruhigen Gemtes in die Khle
    Dieses weien Hauses, in den Frieden,
    Der voll Schnheit wartet, da wir kommen.


Die Kranke.

    Ich fhle keinen Schmerz und bin doch krank;
    Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer.
    Ich lebe ab, so wie ein Rad abluft,
    Das von der Feder, die es trieb und hielt,
    Gelst ward. -- Ach, sie pflegen mich so lieb,
    Und dennoch wei ich's, balde ist's vorbei.
    Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil.
    Ich werde ruhig blhn in leichtem Wind,
    Wie meine Blumen, die im Garten sind.


Im Wirbel fort.

    Moosgrn aus Samt ein Band im blonden Haar.
    Ein Frblein rosarot dazwischen war,
    Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr,
    Und es war Mai.

    So kam's, da uns mit Strahlen flitterfein
    Umfdelte der sanfte Sonnenschein;
    Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n.
    Die Knospe sprang.

    Ich htte gern in Treuen sie gehegt,
    Ich htte gern sie mir ans Herz gelegt,
    Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt.
    Wem blht sie nun?


Gigerlette.

    Frulein Gigerlette
    Lud mich ein zum Tee,
    Ihre Toilette
    War gestimmt auf Schnee;
    Ganz wie Pierrette
    War sie angetan.
    Selbst ein Mnch, ich wette,
    She Gigerlette
    Wohlgefllig an.

    War ein rotes Zimmer,
    Drin sie mich empfing,
    Gelber Kerzenschimmer
    In dem Raume hing.
    Und sie war wie immer
    Leben und Esprit.
    Nie vergess' ich's, nimmer:
    Weinrot war das Zimmer,
    Bltenwei war sie.

    Und im Trab mit Vieren
    Fuhren wir zu zweit
    In das Land spazieren,
    Das heit Heiterkeit.
    Da wir nicht verlieren
    Zgel, Ziel und Lauf,
    Sa bei dem Kutschieren
    Mit den heien Vieren
    Amor hinten auf.


Traum durch die Dmmerung.

    Weite Wiesen im Dmmergrau!
    Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn:
    Nun geh' ich zu der schnsten Frau,
    Weit ber Wiesen im Dmmergrau,
    Tief in den Busch von Jasmin.

    Durch Dmmergrau in der Liebe Land;
    Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
    Mich zieht ein weiches, samtenes Band
    Durch Dmmergrau in der Liebe Land,
    In ein blaues, mildes Licht.


Jeannette.

    Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank,
    Und mittendrin ein Mdel schlank,
    Meine lustige, liebe Jeannette.
    Braune Augen hat sie, wunderbar,
    In wilden Ringeln hellbraunes Haar,
    Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, --
    Jeannette! Jeannette!

    Am Fensterbrett ein Efeu steht,
    Durchs grne Geranke die Liebe spht,
    Meine lustige, liebe Jeannette.
    Tre auf! Da liegt mir am Halse das Kind.
    Alleine wir beiden, es singt der Wind
    Das Lied von zweien, die selig sind, --
    Jeannette! Jeannette!


Die schwarze Laute.

    Aus dem Rosenstocke
    Vom Grabe des Christ
    Eine schwarze Laute
    Gebauet ist;
    Der wurden grne Reben
    Zu Saiten
    Gegeben.
    O wehe du, wie selig sang,
    So eross, so jesusbang,
    Die schwarze Rosenlaute.

    Ich hrte sie singen
    In mailichter Nacht,
    Da bin ich zur Liebe
    In Schmerzen erwacht,
    Da wurde meinem Leben
    Die Sehnsucht
    Gegeben.
    O wehe du, wie selig sang,
    So jesuss, so erosbang,
    Die schwarze Rosenlaute.


Oft in der stillen Nacht.

    Oft in der stillen Nacht,
    Wenn zag der Atem geht
    Und sichelblank der Mond
    Am schwarzen Himmel steht,

    Wenn alles ruhig ist
    Und kein Begehren schreit,
    Fhrt meine Seele mich
    In Kindeslande weit.

    Dann seh' ich, wie ich schritt
    Unfest mit Fen klein,
    Und seh' mein Kindesaug'
    Und seh' die Hnde mein,

    Und hre meinen Mund,
    Wie lauter klar er sprach,
    Und senke meinen Kopf
    Und denk' mein Leben nach:

    Bist du, bist du allweg
    Gegangen also rein,
    Wie du gegangen bist
    Auf Kindesfen klein?

    Hast du, hast du allweg
    Gesprochen also klar,
    Wie einsten deines Munds
    Lautleise Stimme war?

    Sahst du, sahst du allweg
    So klar ins Angesicht
    Der Sonne, wie dereinst
    Der Kindesaugen Licht?

    Ich blicke, Sichel, auf
    Zu deiner weien Pracht;
    Tief, tief bin ich betrbt
    Oft in der stillen Nacht.




Emanuel von Bodman.

Geboren am 23. Januar 1874 zu Friedrichshafen am Bodensee. -- Erde 1896.
Neue Lieder 1902. Der Wanderer und der Weg 1908.


Der Garten.

    Das rote Weinlaub hngt von Sonne voll,
    Ich trete ohne Schmerz in deinen Garten,
    Nach langer Zeit. Auf dieser Holzbank schwoll
    Einst unser junges Sehnen, und wir starrten
    In manche blaue Nacht. Nun bist du tot
    Drei bunte Jahre. Die Kastanien fallen.
    Nun ist mir, fhle ich ihr braunes Rot,
    Es mten deine leichten Tritte hallen.
    Noch fliet der alte Tropfsteinquell so klar,
    Und mchtig drckt mich eine se Schwere,
    Als ob der irre Duft von deinem Haar
    Noch irgendwo in diesen Bschen wre.


Meine Mutter ...

    Meine Mutter sang
    ber meine Wiege,
    Bis zu Flur und Stiege
    Flog der se Klang.

    Meine Mutter wand
    Garn im Sonnenscheine,
    Und sie hatte eine
    Zarte weie Hand.

    Mutter war sehr schn,
    Hr' ich alle sagen,
    Und ich will nicht klagen,
    Da ich's nicht gesehn.


Flocken.

    Leise, leise fallen weie Flocken,
    Fall'n wie einstens, als dein Fu mit Beben
    In mein Haus trat, als ich hell erschrocken
    Ahnte, da ein Wunder sich begeben ...

    Als der Nachthauch unsre Pulse khlte,
    Droben lichte Kinderstimmen klangen ...
    Als ich deine schauernden Arme fhlte,
    Die so einzig meinen Hals umschlangen ...

    Als ein trunkner Schrei aus meiner Kehle
    Fuhr, der lang' in meinem Haus gewaltet ...
    Als zum ersten Male deine Seele
    Ihre Zitterflgel froh entfaltet ...


Wandlung.

    Das Leben, glaubte ich, sei rot von Rosen,
    Man brauche nur in sein Gestrpp zu greifen,
    Um hunderte an einem Tag zu streifen ...
    Wohl griff ich Rosen, mehr noch Herbstzeitlosen.

    Die Wnsche warf ich weg; sie narrn mich nimmer.
    Ist so mein Herz um manche Hoffnung leerer,
    Ist es dafr um eine Weisheit schwerer,
    Und mich belebt ein heller, harter Schimmer.

    Ich blicke klter. Doch: schenkt mir im Wandern
    Das Leben pltzlich eine Rose wieder,
    Dann blicke ich wie trunken auf sie nieder:
    Sie glnzt ja rter als die hundert andern.




Walter Cal.

Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November
1904. -- Nachgelassene Schriften 1907.


Wir tauchten aus dem Strom ...

    Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fliet,
    Und wo wir eines waren willenlos,
    Und wandeln nun fr eine kurze Weile
    In argen Fesseln unter Raum und Stunden,
    Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind,
    Und nur mit Blicken, welche trsten sollen,
    Von fern uns winkend -- eine kurze Weile,
    Bis da wir wieder zu dem Strome tauchen
    Und wieder eines sind und willenlos.


Der Tod wird uns ...

    Der Tod wird uns an seine Hnde nehmen,
    Ein Fhrer jener Seelen, welche irrten,
    Und sprechen: Dieses ist der rechte Weg!
    Und weiter sprechen: Dieses ist das Land,
    Nach welchem ihr Verlangen habt und Trnen.
    Dann aber werden wir die Blicke senken
    Und voller Trauer fragen: Dieses nur?


Es rinnen rote Quellen ...

    Es rinnen rote Quellen
    Um mein gesegnet Haus;
    Es trnkt ein schwarzer Reiter
    Sein schwarzes Ro daraus.

    Er lehnt schon hundert Jahre
    Vor meinem runden Tor;
    Die Zeit wird ihm nicht lange,
    Ich komme nie hervor.

    Es braucht nur dreier Schritte,
    So kann ich bei ihm stehn,
    So kann ich mit ihm reiten,
    Wie meine Wnsche gehn.

    Das ist so schn zu wissen!
    Ich sag' es tausendmal:
    Es wartet einer drauen!
    Und bleibe doch im Saal.

    Der Reiter schlft im Schatten,
    Sein Panzerhemd blinkt gut;
    Dem Rappen ist sehr schlfrig,
    Mir ist sehr froh zumut!


Zwiegesprch.

    Der Snger:
      Die andern sprachen deinem Herzen vieles,
      Nur meine Lippen blieben stumm, vergib,
      Vor lauter Seligkeiten, da du kamest.

    Beatrix:
      Du irrest, Bruder, und ich hrte dich!

    Der Snger:
      Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm,
      Vor lauter Seligkeiten ohne Worte.

    Beatrix:
      Du irrest, Bruder, und ich hrte dich:
      Die Lippen nicht, ich hrte deine Seele.

    Der Snger:
      Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt,
      Und keine Worte kamen von der Seele.

    Beatrix:
      Du irrest, Bruder, und ich hrte dich,
      Ich hrte deine stumme Seele singen.


Du trumtest ...

    Du trumtest dieses Lebens Wirren ferne,
    Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde
    Und kam und ging gleich einem Wanderer,
    Von dessen Schritte nachts die Straen hallen,
    Der deinem Fenster so vorbergeht,
    Da nur ein Hallen dir von ihm bekannt,
    Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs
    Und seine Seele nicht und seine Stimme;
    Er geht vorber, und der Schritt verhallt,
    Auf deinem Lager horchst du eine Weile:
    Wer ging vorber ..? -- Dann entschlummerst du.


Der Heimweg fhrte mich ...

    Der Heimweg fhrte mich in dieser Nacht
    Zum Parke, welcher voller Stille lag,
    Und viele drre Bltter raschelten.
    Und zwischen zweien hohen dunkeln Stmmen
    Erschien es mir und war mir wohlbekannt
    Und weinte auch und nickt' und lockte sehr;
    Doch als der Wind ein wenig lauter klagte,
    Zerrann es ...


Am Flusse.

    Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
    Trauernd fhrt mein Weg am andern Ufer:
    Keiner wei, ob ihn der andre riefe;
    Allzu heftig rauschen die Gewsser.

    Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
    Du vom rechten, ich vom linken Strande?
    Wollen wir dann in des Stromes Mitte
    Leichten Ruderschlages uns begren?

    Wollen wir die Wasser abwrts gleiten,
    Boot an Boot, und nur gelinde lchelnd,
    Bis das Meer in groem Glanz sich auftut
    Und wir stehn und beide weinen mssen?


Und abermals wirst du ...

    Und abermals wirst du geboren werden
    Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
    Und wirst die Wege gehen allen Lebens,
    In Schmerzen bald und manches Mal in Lcheln.
    Doch steigt aus Dmmerungen einer Nacht
    Gleichwie aus Schchten, die verschttet sind,
    Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
    So wisse du: Der Bruder ruft nach dir,
    Der abermals dem Tode sich entrang
    Gleich dir und abermals das Leben wandelt
    Auf andern Sternen fern und trauervoll.


Die Andern.

    Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen
    Und gehen gleichen Mutes durch das Leben,
    Und ihr in Trnen und Erschtterung;
    Und eines Tages ist es dann geschehen:
    Als eure Trnen immer heier strmten,
    Die mden Hupter immer tiefer sanken,
    Da waren euch die Schwingen lngst gewachsen,
    Da waret ihr im ther lngst entschwunden,
    Da wuten wir und brannten allzu wissend:
    Da Glckes mehr in euern Trnen sei
    Als in dem Lachen unsrer armen Seele.




Hermann Conradi.

Geboren am 12. Juli 1862 zu Jenitz in Anhalt, studierte in Berlin,
Leipzig und Wrzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in
Wrzburg am 8. Mrz 1890. -- Lieder eines Snders 1887.


Aus den Schwarzen Blttern.

XIII.

    Ich wei -- ich wei: Nur wie ein Meteor,
    Das flammend kam, jach sich in Nacht verlor,
    Werd' ich durch unsre Dichtung streifen!
    Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, --
    Wie Sdwind kost -- es gellt wie Trommelklang
    Mein Lied und wird in alle Herzen greifen ...

    Dann bebt's jh aus in schriller Dissonanz ...
    Die Blten sind verdorrt, versprht der Glanz --
    Es streicht der Abendwind durch die Zypressen ...
    Nur wenige weinen ... Sie verstummen bald.
    Was ich getrumt: sie geben ihm Gestalt --
    Ich aber werde bald vergessen ...

IV.

    Im Sklavendienst der Lge
    Hab' ich den Tag verbracht ...
    Nun hat den Gnadenschleier leis
    Herabgesenkt die Nacht.

    Es schweigt vertrumt die Runde,
    Nur raunend der Nachtwind rauscht --
    Ich aber mit brennendem Munde
    Habe Stunde um Stunde
    Mit Geistern aus nchtigem Grunde
    Wilde Zwiesprach' getauscht!

    Hei! Wie er mich umflattert,
    Der Geister toller Schwarm!
    Wie er mich pret mit dunkler Lust
    In seinen Riesenarm!
    Wie Frage er auf Frage
    In meine Seele schreit!
    Und ob ich bang verzage,
    Die Brust mir blutig schlage
    Und bete, da es tage:
    Wie ist der Tag so weit!


Sommerrosen.

    Ich wollte dich mit Rosen berschtten,
    Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar
    Und deines Mieders Knospenrundung schmcken ...

    Als noch der Lenz mit sem Veilchenodem,
    Ein milder Sieger, durch die Lande schritt,
    Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund
    Mit letztem heiem Abschiedsku die Rose,
    Die rote Sommerrose, aufgebrochen,
    Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen,
    Mit roten Rosen deine Schnheit krnen ...

    Nun kam der Sommer ... Und der Rosen Flle
    Seh' ich allorts und alle Stunden blhn ...
    Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen,
    Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen ...
    Selbst einen Bettler sah ich heute lcheln,
    Als sein vertrnter Blick von ungefhr
    Auf einen Korb mit roten Rosen fiel ...

    Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen
    Und schtte sie auf tote Liebesflammen ...
    -- -- --
    Nun schmckt ein andrer wohl dein Knospenmieder,
    Und morgen wohl begegne ich euch beiden ...
    Ich blick' euch lchelnd nach ...
    Und denke ganz aus Zufall
    Bei der Gelegenheit an einen Frhlingstag,
    Da wir uns sahn ... Am Abend dann
    Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann,
    Umduftete uns s der Flieder ...

    Wir aber liebten uns ...
    -- -- --


Lenz.

    Wie ich mich auf den Frhling freue!
    Wie mir das Alte und doch so Neue
    Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt!
    Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter
    Aus vollen Lungen!
    Und doch ist's mir, als ob schon dahinter
    Sehnsuchtsbezwungen
    Leise, ganz leise der Lenz sich regt ...


Mein Blick, nun weide dich ...

    Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal
    An dieses Frhlings satter Bltenflle!
    Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl --
    Mein Herz, sei stille! ...

    Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang!
    Was dich erfllt, den Winden gib's zum Raube! ...
    Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang --
    Dir blieb der Glaube! ...

    O glaube eine winzige Weile nur,
    Da diese Botschaft auch fr dich gebracht ward!
    Umfa noch einmal trunken die Natur,
    Bevor es Nacht ward! ...

    Auf meinen Scheitel streut der Frhlingswind
    Mattweie Blten -- eine letzte Krnung -- -- --
    Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind ...
    Und voll Vershnung ...


Die mde schon verglhte ...

    Die mde schon verglhte,
    Die leise schon verklang,
    Jach ist sie wieder aufgeflammt
    In jauchzendem Gesang!
    Wie Zimbelton, wie Lautenschlag
    Ward meine Liebe wieder wach,
    Die mde schon verglhte,
    Die leise schon verklang ...

    Und heller tnt ihr Rauschen,
    Wie junger Frhlingswind,
    Wenn er in heiem Schpferdrang
    Die Welt dem Licht gewinnt!
    Und das Prophetenwort erlt,
    Da nun der Menschheit Osterfest --
    Ja! Heller tnt ihr Rauschen,
    Wie junger Frhlingswind!

    Und wie durch Nebelschleier
    Die Sonne siegreich bricht,
    Der jungen Flur ein goldnes Band
    Ums Lockenantlitz flicht:
    So berglnzt mit Purpurschein
    Die Liebe nun mein ganzes Sein,
    Giet goldne Feuer nieder
    Und wirbt um neue Lieder ...

    Und nah und ferne quellen
    Blitzende Wellen empor
    An meinem Lebenshorizont
    Aus Dunst und Wolkenflor!
    Gedanken, die mir nie genaht,
    Und Pfade, die ich nie betrat,
    Entsteigen verborgenen Grnden,
    Heilige Kraft zu entznden!

    Die leise schon verklungen,
    Die mde schon verglht:
    Wild ist sie wieder aufgeflammt,
    Im Lenzsturm stark erblht!
    Und lag ich nieder staubbedeckt,
    So hab' ich mich nun aufgereckt,
    Und die Gedanken schweifen
    In groem Weltbegreifen!


Im Vorberfluge.

    Mit metallhartem Rotgelb
    Hat sich des Himmels
    Westliche Wlbung beflammt.

    Mein Auge starrt staunend
    In die leuchtende Blende,
    Die wachsend fortglht,
    Als sei nimmer ihr Ende
    Die lichtlose Nacht ...

    Da streift die brennende
    Lichtwand ein Fittich --
    Der nachtschwarze Fittich
    Eines Dmmerungsvogels ...
    Eine kleine Spanne --
    Und die Weite verschlang ihn.

    Also trgt auch der Mensch
    Mit schwankem Fittich
    Sein zwielichtbefangenes Sein
    Vorber an der stetig leuchtenden
    Kristallwand der Ewigkeit ...

    Er huscht dahin
    Ein Traum -- ein Wahn --
    Auf schmaler Bahn --
    So bald -- so bald
    Raubt seiner Gestalt
    Schattengefge
    Des Nichtseins
    Farblose Wahrheitslge.

    Aber im Fluge --
    Im Vorberfluge --
    Ahnt er das Rtsel
    Der stetig und still
    In sattem Glanze
    Fortdauernden Ewigkeit ...




Theodor Dubler.

Geboren am 17. August 1876 zu Triest. -- Das Nordlicht 1910. Der
sternhelle Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917.


Weg.

    Mit dem Monde will ich wandeln:
    Schlangenwege ber Berge
    Fhren Trume, bringen Schritte
    Durch den Wald dem Monde zu.

    Durch Zypressen staunt er pltzlich,
    Da ich ihm entgegengeh,
    Aus dem lbaum blaut er lchelnd,
    Wenn mich's friedlich talwrts zieht.

    Schlangenwege durch die Wlder
    Bringen mich zum Silbersee:
    Nur ein Nachen auf dem Wasser,
    Heilig oben unser Mond.

    Schlangenwege durch die Wlder
    Fhren mich zu einem Berg.
    Oben steht der Mond und wartet,
    Und ich steige leicht empor.


Die Buche.

    Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub.
    Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken,
    Mein Ausdruck wird ein steberranken,
    Ich bin das Laub, die Krone berm Staub.

    Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun
    Ich fang im Frhling selig an zu reden,
    Ich wende mich in schlichter Art an jeden:
    Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!

    Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh.
    Ich will, da Nebel sich um ste legen,
    Ich mag das Na, ich selber bin der Regen.
    Die Hitze stirbt: ich grne lichterloh!

    Die Winterspflicht erfll' ich ernst und grau.
    Doch schtt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen.
    Er ist noch niemals ohne mich gewesen.
    Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.


Die Droschke.

    Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke.
    Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer.
    Die Droschke und die Gassenflucht sind leer;
    Oft stampft das Tier, da seiner wer gedenke.

    Es halten diese Mhre halb nur die Gelenke,
    Denn an der Deichsel hngt sie immer mehr.
    Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her,
    Da sie zum Warten sich zusammenrenke.

    Aus ihrem Traume scheucht sie das Geznke
    Und oft das geile Lachen aus der Schenke.
    Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit.

    Dann meint sie schlafhaft, da sie heimwrts lenke
    Und hngt sich an sich selbst aus Schlfrigkeit,
    Noch einmal poltern da die Droschkenbnke.


Heidentum.

    Ich mchte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen.
    Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen.
    Mich geben wie das Wasser: abwrtsrinnen.
    Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen.

    Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen.
    Sie wollen mich fr ihre Glut gewinnen.
    Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen.
    Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen.

    Die Wellen wollen sich in mich verlieben.
    Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen?
    Nur wir! wenn alle Wnsche leicht zerstieben.

    Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen,
    Die Wellen tragen meine Kunden weiter:
    Selbst alle Schwermut berschumt sich heiter.


Die Russin.

    Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone.
    Der Frhling verblhte in Beeten und Tpfen.
    Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone,
    Verrankte, verlor sich in offenen Zpfen.

    Ihr griechisches Doppelkreuz grte die Brste,
    Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten,
    Als ob es die Seele sanft wachhalten mte.
    Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten.

    Bald lachten die Sicheln fast mnnlicher Zhne.
    Sie glnzten hinaus zu den horchenden Sternen.
    Es trug schon die Nacht ihre feurige Mhne,
    Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen.

    Die Augen der Russin vermuteten Meere.
    Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille.
    Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere,
    Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille.

    Dann schenkte die Ebne sich khlende Winde.
    Die Russin erwachte und sprte die Klte.
    Zitternd zerband sie die Fenstergewinde,
    Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.




Max Dauthendey.

Geboren am 25. Juli 1867 zu Wrzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java.
-- Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub
1908. Der weie Schlaf 1909. Lusamgrtlein 1909. Weltspuk 1910. Des
groen Krieges Not 1915.


La mich in deinem stillen Auge ...

    La mich in deinem stillen Auge ruhen,
    Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.

    Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick,
    Dein Blick ist gtig wie der weiche Abend.

    Vom dunkeln Horizont der Erde
    Ist nur ein Schritt hinber in den Himmel,
    In deinem Auge endet meine Erde.


Graue Engel ...

    Graue Engel gehen um mich,
    Sehen trauernd auf dich, meine Seele,
    Sie stehen mit lahmen Flgeln
    An Aschenhgeln und sinnen;
    Drauen und drinnen ist es Abend, meine Seele.


Am sen lila Kleefeld ...

    Am sen lila Kleefeld vorbei,
    Zu den Tannen, den zwei,
    Mit der Bank inmitten,
    Dort zieht wie ein weicher Fltenlaut
    Der sanfte Fjord,
    Blau im Schilfgrn ausgeschnitten.

    Gib mir die Hand.
    Die beiden Tannen stehen so still,
    Ich will dir sagen,
    Was die Stille rings verschweigen will.
    Gib mir die Hand ...
    Gib mir in deiner Hand dein Herz.


Winde qulen die Bume ...

    Winde qulen die Bume,
    Die Bltter frieren und gilben.

    Menschen, noch braun die Sommerwangen,
    Aber die Lippen sangen die letzten Silben.
    Bald ist das Lied zergangen.


Die Amseln haben ...

    Die Amseln haben Sonne getrunken,
    Aus allen Grten strahlen die Lieder,
    In allen Herzen nisten die Amseln,
    Und alle Herzen werden zu Grten
    Und blhen wieder.

    Nun wachsen der Erde die groen Flgel,
    Und allen Trumen neues Gefieder,
    Alle Menschen werden wie Vgel
    Und bauen Nester im Blauen.

    Nun sprechen die Bume in grnem Gedrnge,
    Und rauschen Gesnge zur hohen Sonne,
    In allen Seelen badet die Sonne,
    Alle Wasser stehen in Flammen,
    Frhling bringt Wasser und Feuer
    Liebend zusammen.


Die Luft so schwer ...

    Die Luft so schwer,
    Wolken stehen wei und still,
    Der Himmel hohl und aschenleer,
    Ein Rabenschrei --,
    Und kreischt vorbei.
    Die Bume stehen kalt umher,
    Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.


Auf deinem Haupt ...

    Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone,
    Davon glht nun dein Haar so goldenrot und stolz.
    Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied
    Der tiefen ungeweinten Trnen.

    Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen?
    Man knnte whnen,
    Du habest nie dich selbst gesehn,
    So arm bist du.


In deinem Angesicht ...

    In deinem Angesicht
    Schwebt Stille.
    Stille, welche in sommerschweren Wldern lebt,
    Auf abendblauem Berge,
    Und im Blumenkelche.
    Eine Stille, warm und licht,
    Die ohne Laut vornehme Laute spricht.


Unsere Augen ...

    Unsere Augen so leer,
    Unsere Ksse so welk,
    Wir weinen und schweigen,
    Unsere Herzen schlagen nicht mehr.

    Die Schwalben sammeln sich drauen am Meer
    Die Schwalben scheiden,
    Sie kommen wieder,
    Aber nie mehr uns beiden.


Stille weht ...

        Stille weht in das Haus,
        Fhlst du den Atem des Mondes,
        Lse dein Haar,
        Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus.
        Hrst du, das Meer unten am Strand
        Wirft die Schtze ans Land;
    Sonst wuchsen im Mond Wnsche, ein Heer,
    Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.


Die Sommernacht ...

    Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten
    Und schwer zufrieden mit den reichen Bumen.
    Derselbe Mond, der all die groen Bume klein gesehen,
    Vor dem die dunkeln Bltter staunend glnzen,
    Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.

    Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht,
    Sehr khl vom kaltgewordnen Schwei der Erde.
    Und immer kommt und geht darin der Mond
    Und wird nicht mde, nie, und kommt und geht.
    Doch auszudenken, da wir mde einst
    Fr immer gehn, unwissend mit uns selbst.


Drinnen im Strau.

    Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrau,
    Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus.
    Den Strau umschlieen die grnen Bume und Wiesen,
    Und leicht schwebt ber der goldenen Helle
    Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle.
    Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strau,
    Wie die Kfer trunken, und finden nicht mehr heraus.


Mchte rollend das Blut aller Verliebten sein.

    Ich mchte mir Freuden wie aus roten Steinbrchen brechen,
    Mchte Brcken schlagen tief in die Wolken hinein;
    Mchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Trmen,
    Wie Laubbume ragen und mit den Frhlingen strmen
    Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen.
    Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein,
    Drinnen Burschen die Mdchen suchen und fassen.
    Mchte rollend das Blut aller Verliebten sein
    Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen.


Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.

    Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht:
    Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.
    Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf,
    Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf.
    Ein groer Baum streckt seine Krone himmelan,
    Als ob die Nacht ihn weit fortrcken kann.

    Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten
    Vom Tag und von Gedanken und von Taten.
    Und alle Dinge sind stumm und verblichen,
    Als wren sie verstohlen ausgewichen.
    Sie alle haben nur verschwinden mssen,
    Damit die scheuen Lippen sich finden und kssen.


Der Mond ist wie eine feurige Ros'.

    Der Mond geht gro aus dem Abend hervor,
    Steht ber dem Schlo und dem Gartentor
    Und lt sanft glhend die Erde los.
    Der Mond ist wie eine feurige Ros',
    Die meine Liebste im Garten verlor.

    Mein Schatten an den steinernen Wnden
    Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
    Ich werde den Mohren hinsenden,
    Er hebe die Rose vorsichtig auf
    Und bringe sie ihr in den dunklen Hnden.


Nachtstrme reiten die Bume krumm.

    Statt der Blumen und Bltter, die sich sonst regen,
    Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen.
    Am Himmel gehen Nebel und Nsse um,
    Und Nachtstrme reiten die Bume krumm.

    Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren,
    Die alten Lieder sind nur Trume hinter sieben Toren.
    Die Geliebte ging weit in den Nebel fort,
    Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort.


Wer jagt den Flu vor sich her wie ein Tier?

    Wer hat die Wolken zerbeult?
    Wer heult vom Berg wie von einem Turm?
    Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm?
    Wer jagt den Flu vor sich her wie ein Tier?
    Wer ist es, der drauen wild aufsthnen mu?
    Wem ist seine Qual hell wtend Genu?
    Und wer verflucht sich finster und stier?
    Ist es die Nacht?
    Oder ein Stck Schatten von mir?


Die Berge werden wie dunkle Kissen.

    In der gelben und grnlichen Abendhelle
    Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle.
    bern Flu kommt der Hunde verhetztes Gebelle.

    Noch immer sind Schritte am Pflaster drauen.
    Sie kommen und gehen in kurzen Pausen,
    Als ob da Schritte ohne Menschen hausen.

    Die Berge werden wie dunkle Kissen,
    Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen.
    Der Himmel steht wie ein sehnschtig Aug' hell aufgerissen.




Jakob Julius David.

Geboren am 6. Februar 1859 zu Weikirchen in Mhren, studierte deutsche
Philologie in Wien, lebte daselbst als Schriftsteller und starb am 20.
November 1906. -- Gedichte 1892.


Mein Lied.

    Ich wei, mein Lied wird nie gesungen
    Von jungen Stimmen hell im Chor;
    Doch sagt's, vom Dmmern lind bezwungen,
    Vielleicht ein Trumer gern sich vor.
    Ob vieles zur Vollendung fehle,
    Er hrt, in Lauten trb und bang,
    Das Atmen einer mden Seele,
    Die hart um Licht und Leben rang.

    Es dunkelt. Und wenn lind und leise
    So Form wie Farbe rings verschwimmt,
    Erklingt in meiner Brust die Weise,
    So dmmerfroh und unbestimmt.
    Und wenn dann, tief in seinem Innern,
    Ein Abglanz meines Leids ersteht,
    Soll er des Dichters sich erinnern,
    Des Name lngst im Wind verweht ...


Im Volkston.

    Ich hab' kein Haus, ich hab' kein Nest,
    Ich hab' kein Hochzeit und kein Fest;
    Ich hab' kein Hof, ich hab' kein Feld,
    Ich hab' kein Heimat auf der Welt.
    Am Himmel selbst der Schauerstrich,
    Den frchten sie nicht so wie mich;
    Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht schlecht --
    Und so, gerade so ist's recht ...


Nacht.

    Schon deckt beschattend dein Gefieder
    Des Tages Licht, du nahst mit Macht.
    Auf starken Schwingen steigst du nieder,
    Du meine Mutter, stolze Nacht!
    Nun ffnen sich der Seele Pforten,
    So streng geschlossen kaum zuvor,
    Und meinem Weh und seinen Worten
    Leihst du dein mir geneigtes Ohr.

    Nun stehn die Gassen d' und dster
    Und, wie in ewig regem Leid,
    Haucht sein verhallendes Geflster
    Dein Wind durch deine Einsamkeit;
    Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier --
    Den Blick beirrt' es kaum zuvor --
    Doch riesenhaft und ungeheuer
    Wchst wahrhaft Groes nun empor.

    Ich liebe dich, bin dir entsprungen,
    Und feind dem Tag, so laut und dreist!
    Das Wenige, das mir gelungen,
    Du gabst es dem verwandten Geist;
    Dein Anhauch ist es, der zur Lohe
    Der Seele trbes Licht entfacht --
    Sei mir willkommen, ernste hohe,
    Sei mir gegrt, ersehnte Nacht!




Richard Dehmel.

Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg.
Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882-87 Philosophie,
Naturwissenschaft und Sozialkonomie, wohnte zunchst in Berlin, reiste
dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8.
Februar 1920. -- Erlsungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensbltter
1895. Weib und Welt 1896. Ausgewhlte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903.
Verwandlungen der Venus 1907. Schne wilde Welt 1913.


Die Harfe.

    Unruhig steht der hohe Kiefernforst;
    Die Wolken wlzen sich von Ost nach Westen.
    Lautlos und hastig ziehn die Krhn zu Horst;
    Dumpf tnt die Waldung aus den braunen sten,
    Und dumpfer tnt mein Schritt.

    Hier ber diese Hgel ging ich schon,
    Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,
    Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton
    Die Arme hob und ins Erhabne spannte,
    Ihr Riesenstmme rings.

    In groen Zwischenrumen, kaum bewegt,
    Erheben sich die graugewordnen Schfte;
    Durch ihre grngebliebnen Kronen fegt
    Die Wucht der lauten und verhaltnen Krfte
    Wie damals.

    Und _eine_ steht, wie eines Erdgotts Hand
    In fnf gewaltige Finger hochgespalten;
    Die glnzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand
    Und langt noch hher als die starren alten
    Einsamen Stmme.

    Durch die fnf Finger geht ein zher Kampf,
    Als wollten sie sich aneinanderzwngen;
    Durch ihre Kuppen whlt und spielt ein Krampf,
    Als rissen sie mit Inbrunst an den Strngen
    Einer verwunschnen Harfe.

    Und von der Harfe kommt ein Himmelston
    Und pflanzt sich mchtig fort von Ost nach Westen.
    Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon:
    Dumpf tnt die Waldung aus den braunen sten:
    Komm, Sturm, erhre mich!

    Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt,
    Die mchtig ganz in meine wrde passen!
    Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt!
    Die ganze Hand, die konnte niemand fassen!
    Da ballt' ich sie zur Faust.

    Ich habe mit Inbrnsten jeder Art
    Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen.
    Ich steh' und prfe die bestandne Fahrt:
    Nur _eine_ Inbrunst lt sich treu ertragen:
    Zur ganzen Welt.

    Komm, Sturm der Allmacht, schttel den starren Forst!
    Schttelst auch mich, du urweltliches Treiben.
    In scheuen Haufen ziehn die Krhn zu Horst;
    Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben,
    Welt! --


Sommerabend.

    Klar ruhn die Lfte auf der weiten Flur;
    Fern dampft der See, das hohe Rhricht flimmert,
    Im Schilf verglht die letzte Sonnenspur,
    Ein blasses Wlkchen rtet sich und schimmert.

    Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton,
    Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde;
    Im stillen Walde steht die Dmmrung schon,
    Der Hirte sammelt seine satte Herde.

    Im jungen Roggen rhrt sich nicht ein Halm,
    Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;
    Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.
    So sei doch _froh_, mein Herz, in all dem Frieden!


Aus banger Brust.

    Die Rosen leuchten immer noch,
    Die dunkeln Bltter zittern sacht;
    Ich bin im Grase aufgewacht,
    O kmst du doch,
    Es ist so tiefe Mitternacht.

    Den Mond verdeckt das Gartentor,
    Sein Licht fliet ber in den See,
    Die Weiden warten still empor,
    Mein Nacken whlt im feuchten Klee;
    So liebt' ich dich noch nie zuvor!

    So hab' ich es noch nie gewut,
    So oft ich deinen Hals umschlo
    Und blind dein Innerstes geno,
    Warum du so aus banger Brust
    Aufsthntest, wenn ich berflo.

    O jetzt, o httest du gesehn,
    Wie dort das Glhwurmprchen kroch!
    Ich will nie wieder von dir gehn!
    O kmst du doch!
    Die Rosen leuchten immer noch.


    [Illustration: Richard Dehmel]


Ein Stelldichein.

    So war's auch damals schon. So lautlos
    Verhing die dumpfe Luft das Land,
    Und unterm Dach der Trauerbuche
    Verfingen sich am Gartenrand
    Die Bltendnste des Holunders;
    Stumm nahm sie meine schwle Hand,
    Stumm vor Glck.

    Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
    Du blasses Licht da drben im Geschwele,
    Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch --
    Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
    Was starrst du mich so gottesugig an?
    Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was qule
    Ich mich mit fremdem Unglck ab ...

    Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
    Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
    Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
    Still hngt das Laub am feuchten Strauch,
    Als htten alle Bltter Gift getrunken;
    So still liegt sie nun auch.
    Ich wnsche mir den Tod.


Ein Grab.

    Das sind die Abende, die bleich verfrhten.
    Die Georginen, die im Sonnenscheine
    Wie rot und gelbe letzte Rosen glhten,
    Stehn fahl, Rosetten aus verfrbtem Steine.
    Der Nebel klebt an unsern Hten.

    Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz
    Umgittert _eine_, die zu frh verblich.
    Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.
    Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;
    Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.


Stiller Gang.

    Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
    ber den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
    Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
    Bald kommt die Nacht; ich mu mich trennen.
    Ein Kfer surrt an meinem Ohr vorbei.
    Vorbei.


Die stille Stadt.

    Liegt eine Stadt im Tale,
    Ein blasser Tag vergeht;
    Es wird nicht lange dauern mehr,
    Bis weder Mond noch Sterne,
    Nur Nacht am Himmel steht.

    Von allen Bergen drcken
    Nebel auf die Stadt;
    Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
    Kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
    Kaum Trme noch und Brcken.

    Doch als den Wandrer graute,
    Da ging ein Lichtlein auf im Grund;
    Und durch den Rauch und Nebel
    Begann ein leiser Lobgesang
    Aus Kindermund.


Manche Nacht.

    Wenn die Felder sich verdunkeln,
    Fhl' ich, wird mein Auge heller;
    Schon versucht ein Stern zu funkeln,
    Und die Grillen wispern schneller.

    Jeder Laut wird bilderreicher,
    Das Gewohnte sonderbarer,
    Hinterm Wald der Himmel bleicher,
    Jeder Wipfel hebt sich klarer.

    Und du merkst es nicht im Schreiten,
    Wie das Licht verhundertfltigt
    Sich entringt den Dunkelheiten.
    Pltzlich stehst du berwltigt.


Geheimnis.

    In die dunkle Bergschlucht
    Kehrt der Mond zurck.
    Eine Stimme singt am Wassersturz:
    O Geliebtes,
    Deine hchste Wonne
    Und dein tiefster Schmerz
    Sind mein Glck --


Morgenstunde.

    Ob du wohl auch so schlaflos liegst
    Und dich in wachen Trumen wiegst,
    Vor Glck, wie sehr die Sehnsucht brennt?
    Ich starr ins dunkle Firmament:
    Der Morgenstern, in groem Bogen,
    Ist langsam lngst heraufgezogen
    Und lt mich lchelnd fhlen, was uns trennt.

    Vor meinen schwachen Augen
    -- Nun wei ich doch, zu was sie taugen --
    Strahlt er, je hher her, je flimmernder.
    Weihnchtig glnzt die graue Stille.
    O zgre, Alltag! Ohne Brille
    Sieht man die Welt unendlich schimmernder.

    Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
    Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser,
    Die du mir gestern heimlich brachtest.
    Und wenn du mich dafr auslachtest:
    Sanft nehm' ich sie von ihrer Sttte
    Und leg' sie auf mein warmes Bette
    Und fhle lchelnd, wie du nach mir schmachtest.


Erhebung.

    Gib mir nur die Hand,
    Nur den Finger, dann
    Seh' ich diesen ganzen Erdkreis
    Als mein Eigen an!

    O, wie blht mein Land!
    Sieh dir's doch nur an,
    Da es mit uns ber die Wolken
    In die Sonne kann!


Bewegte See.

    Noch _einmal so_! Im Nebel durch den Sturm:
    Das Segel knatterte, die Schiffer schrien,
    Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm,
    Ich fhlte deine Angst in meinen Knien
    Und sah dein stolz und fremd Gesicht.

    Noch einmal wollte mir dein Auge drohn,
    Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,
    Doch in den Wellen rang ein Ton
    Wie das Gewein von einem Kinde --
    Da wehrtest du mir nicht:

    Um meine Lippen lag dein na wild Haar,
    Um deine Schulter lag mein Arm gezogen,
    Und unsern Ku verste wunderbar
    Der Schaum der salzigen Sturzwogen --
    Da schrie ich laut vor Freude auf.

    Noch _einmal so_! Was tust du jetzt so kalt,
    Hast du denn Furcht vorm offnen Meere!
    Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald!
    Im Hafennebel tanzt die Fhre --
    Hinaus! hinauf!


Nachtgebet der Braut.

    O mein Geliebter -- in die Kissen
    Bet' ich nach dir, ins Firmament!
    O knnt' ich sagen, drft' er wissen,
    Wie meine Einsamkeit mich brennt!

    O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!
    O la ihn mir im Traume nahn,
    Mich wie die Erde um ihn schwingen
    Und seinen Sonnenku empfahn

    Und seine Flammenkrfte trinken,
    Ihm Flammen, Flammen wiedersprhn,
    O Welt, bis wir zusammensinken
    In berirdischem Erglhn!

    O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!
    O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!
    O Traum der Erde: Sonne, Sonne!
    O mein Geliebter -- mein Gemahl --


Ideale Landschaft.

    Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,
    Und eine hohe Abendklarheit war,
    Und sahst nur immer weg von mir,
    Ins Licht, ins Licht --
    Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.


Aus Zwei Menschen.

I, 1.

    Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
    Der Mond luft mit, sie schaun hinein.
    Der Mond luft ber hohe Eichen;
    Kein Wlkchen trbt das Himmelslicht,
    In das die schwarzen Zacken reichen.
    Die Stimme eines Weibes spricht:

    Ich trag' ein Kind, und nit von dir,
    Ich geh' in Snde neben dir.
    Ich hab' mich schwer an mir vergangen.
    Ich glaubte nicht mehr an ein Glck
    Und hatte doch ein schwer Verlangen
    Nach Lebensinhalt, nach Mutterglck
    Und Pflicht; da hab' ich mich erfrecht,
    Da lie ich schaudernd mein Geschlecht
    Von einem fremden Mann umfangen,
    Und hab' mich noch dafr gesegnet.
    Nun hat das Leben sich gercht:
    Nun bin ich dir, o dir, begegnet.

    Sie geht mit ungelenkem Schritt.
    Sie schaut empor; der Mond luft mit.
    Ihr dunkler Blick ertrinkt im Licht.
    Die Stimme eines Mannes spricht:

    Das Kind, das du empfangen hast,
    Sei deiner Seele keine Last,
    O sieh, wie klar das Weltall schimmert!
    Es ist ein Glanz um alles her;
    Du treibst mit mir auf kaltem Meer,
    Doch eine eigne Wrme flimmert
    Von dir in mich, von mir in dich.
    Die wird das fremde Kind verklren,
    Du wirst es mir, von mir gebren.
    Du hast den Glanz in mich gebracht,
    Du hast mich selbst zum Kind gemacht.

    Er fat sie um die starken Hften.
    Ihr Atem kt sich in den Lften.
    Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

I, 16.

    Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel.
    Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel:
    Ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin.
    Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bgel.
    Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann fhrt die Zgel.

    Jetzt reckt er das Kinn:
    Lea! seit meinen Jugendjahren
    Bin ich nicht so im Fluge gefahren,
    So rasend noch nie.
    Aber noch rasender war's gestern morgen,
    Als ich im Sturm deinen Namen schrie
    Und, als wre mein Gott drin verborgen,
    Mit ihm rang um dich, Knie an Knie:
    Schleife mich, Sturmgott, um die Erde,
    Sei sie unrein, sei sie rein!
    Gnne mir nur kein Glck am Herde,
    Hingerissen will ich sein! --
    Sage mir, du, ich frage dich: schreit
    _Dein Gott auch so meinen_ Namen?
    Peitscht dich der Schnee auch wie Frhlingssamen?
    Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?!

    Er reit ihr die Peitsche weg; die Rappen schumen schon.
    Die Zgel schlackern; die Bgel bumen schon.
    Das Weib umschlingt ihn fallbereit:

    Nenn's nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn!
    Lukas! ich hab' in manchen furchtbaren Wochen
    Dagelegen wie zerbrochen
    Und wute doch: ich will, mu, willmu fliegen!
    Ja, Lux: rase! la brechen, la biegen!
    Mir wiegt ein Gefhl der Erleuchtung die Brste,
    Als ob es die Sonne blind machen mte!
    Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstche,
    Und wenn mir dein Sturmgott den Atem brche,
    Ich lasse mich wiegen, du -- wiegen -- wiegen --

    Sie starrt verzckt in das wilde Gewimmel.
    Zwei Menschen glauben sich im Himmel.

I, 23.

    Kaminfeuer und Morgenrotschimmer
    Schmcken ein hohes Damenzimmer.
    Ein Weib erhebt aus meergrner Seide
    Ihre nackten Arme beide
    Vor einem Mann breit in die Luft
    Und lacht, umschwebt von Mandelduft:

    Ich glaub', ich bin noch immer schn;
    Mein Kind hat mir nichts weggenommen.
    Und httst mich eben baden sehn,
    Du wrst mit mir gen Himmel geschwommen!
    Was stehst denn wieder wie im Schlaf?
    O Lux, was bist du fr ein -- Schaf!

    Er lchelt eigen, sie merkt es nicht:
    Er senkt, scheinbar grbelnd, sein scharfes Gesicht.
    Sein Fu streichelt ein Eisbrfell.
    Er fragt halbhell:

    Schnheit? -- das ist mir nichts als Hlle
    Um irgend eine Liebreizflle.
    Der Reiz zur Liebe und zum Leben,
    Wenn den die Reize einer Gestalt
    Mir wie aus eigner Seele eingeben,
    Dann bin ich -- schn in ihrer Gewalt;
    Sonst sind sie angeflogne Schume,
    Nachwehen toter Knstlertrume.
    Du wrdest ja Raffael nicht entzcken:
    Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen.
    Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen.
    Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrcken
    Taugen zu keiner klassischen Ode,
    Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode.
    Aber -- jetzt will ich die Augen zudrcken,
    Will nichts mehr fhlen als deinen Bann,
    Nichts kssen als deine Wildkatzenstirne;
    Und wrst du die durchtriebenste Dirne,
    Du wirst mir eine Heilige dann --

    Prfend blicken zwei Seelen einander an.

II, 28.

    Und es rauscht nur und weht.
    Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen;
    Es kommen wohl Vgel durch die Glut geflogen,
    Die blaue Glut, die stumm und stet
    Die Dnen umschlingt.
    Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden
    Und nimmt ihre Trume und gibt sie den Wellen, den Winden.
    Die Seele eines Weibes singt:

    O la mich still so liegen,
    An deiner Brust, die Augen zu.
    Ich sehe zwei Wolken fliegen,
    Die eine Sonne wiegen;
    Wo sind wir, du? --

    Und es rauscht und weht.
    Es liegt eine Dne, wohl zwischen tausend andern.
    Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern,
    Der ber den bleichen wilden Hgeln steht
    Und golden schwingt.
    Die Seele eines Mannes singt:

    Still, la uns weiterfliegen,
    Beide die Augen zu.
    Ich sehe zwei Meere liegen,
    Die einen Himmel wiegen.
    O du --

    Es rauscht, es weht;
    ber die heien Hhenzge geht
    Hher und hher der goldne Schein
    Ins Blaue hinein,
    Wo das Dunkel schwebt.
    Und aus dem Dunkel herber, auf groen Wogen,
    Kommt die Einsamkeit gezogen.
    Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt,
    Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden,
    Die will uns wohl endlich leibeigen werden:
    Es schwellen die Wogen herber, wie Herzen klingen,
    Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen --




Adolph Donath.

Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in Mhren. -- Tage und Nchte
1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901.


Trnen.

    Wenn ich leide, wenn ich dulde,
    Wandern meine kranken Trnen
    Fort in meine ferne Heimat,
    Wo die gute Mutter wohnt.

    Und die gute Mutter ffnet
    Ihre kleinen weichen Hnde,
    Betet fr den schwachen Dulder,
    Der die Trnen heimgesandt.

    Segnend legt sie dann die kranken
    In ein stilles, feines Kstchen,
    Das aus Seele sie gezimmert,
    Das nur sie erschlieen kann,

    Und sie pflegt die kranken Trnen
    Wie ein Grtner, der sein Leben,
    Seine edle, stumme Gte
    Zarten Bltenknospen weiht ...

    Wenn ich einst in Freudestunden
    Zitternd nach den Trnen frage,
    Kt mir meine gute Mutter
    Schnell den Dank vom Herzen weg.




Albert Ehrenstein.

Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. -- Die weie Zeit, 1914. Der
Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brdern, 1918.
Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.


Auf der hartherzigen Erde.

    Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu,
    Mich freut der weie Tanz der Gestirne,
    Hell aufglnzend der Huf eines Pferdes,
    Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn,
    Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache,
    Schwatzen der Spatzen auf drrem Gezweig.
    Aber nicht blht mir Freund noch Feind auf der Erde,
    Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin.

    Ich zertrat das Gebot:
    Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!
    Dster umwandle ich mich,
    Vermeidend die Mdchen und Mnner,
    Seit mein weiches, bluttrnendes Herz
    Im Staube zerstieen, die ich verehrte.
    Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn
    Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte.
    Ich, der Frstelnde, lebe dies weiter. Lange noch.
    Ferne Wege schluchze ich durch die Wste.


Verzweiflung.

    Wochen, Wochen sprach ich kein Wort;
    Ich lebe einsam, verdorrt.
    Am Himmel zwitschert kein Stern.
    Ich strbe so gern.

    Meine Augen betrbt die Enge,
    Ich verkrieche mich in einen Winkel,
    Klein mchte ich sein wie eine Spinne,
    Aber niemand zerdrckt mich.

    Keinem habe ich Schlimmes getan,
    Allen Guten half ich ein wenig.
    Glck, dich soll ich nicht haben.
    Man will mich nicht lebend begraben.


Friede.

    Die Bume lauschen dem Regenbogen,
    Tauquelle grnt in junge Stille,
    Drei Lmmer weiden ihre Weie,
    Sanftbach schlrft Mdchen in sein Bad.

    Rotsonne rollt sich abendnieder,
    Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben.
    Dunkel ber Flut und Flur.

    Froschwanderer springt groen Auges,
    Die graue Wiese hpft leis mit.
    Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne.
    Der Heimwehwind weht gute Nacht.


Coyllur.

    Grenz ich an dich im Grenzenlosen?
    Retten mich aus Todestosen Mdchenrosen?
    Ihr Ksse fern, wild ringend Kosen
    -- Steht schon still die Liebesuhr?
              Coyllur!

    Die, ein Kind, bei mir geruht,
    O, wie warst du traulich-gut!
    Gift vergllte mein Herzblut,
    Seit dein Schweigen mich durchfuhr,
              Coyllur!

    Nacht um Nacht ich nie entschlief,
    Wochenewig trnkte mich kein Brief,
    Auf eine Karte wartend tief
    Meiner harrte harte Kur,
              Coyllur!

    Wort starb mir im toten Hain.
    Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein
    Dacht ich dein.
    Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour,
              Coyllur!


Wanderers Lied.

    Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
    Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
    Keuschheit kennen sie nicht;
    Tanzen mchte ich auf ihren Huptern.

    Mdchen, das ich liebe,
    Seele der Seelen du,
    Auserwhlte, Lichtgeschaffene,
    Nie sahst du mich an,
    Dein Scho war nicht bereit,
    Zu Asche brannte mein Herz.

    Ich kenne die Zhne der Hunde,
    In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
    Ein Sieb-Dach ist ber meinem Haupte,
    Schimmel freut sich an den Wnden,
    Gute Ritzen sind fr den Regen da.

    Tte dich! spricht mein Messer zu mir.
    Im Kote liege ich;
    Hoch ber mir, in Karossen befahren
    Meine Feinde den Mondregenbogen.


Blind.

    Tag um Tag
    Stirbt -- ich bin?
    Wo geht meine Zeit denn hin?

    Traum versank,
    Nacht ist Spiel,
    Schlaf das Gut,
    Tod das Ziel.

    Erde, Stern
    Klingt nur so,
    Ort ist Ort, wer wei wo?


Dunkel.

    Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese,
    Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese,
    Bravem Schlaf in treuer Bucht.
    Herr, gib mir die Blte, mir die Frucht.

    Willst du, o Gott, mich niemals gtig gren?
    Almosen gibst du Bettlern, Shnen des Weges,
    Khles Wasser der Forelle,
    Seelenantlitz einem Mdchen.

    Mir nur, da ich Trn an Trne weine,
    Eule unter Kuzen werde --
    Selig kleine Schottersteine
    Mtterlich umwrmt sie Erde.

    Ratten! Fresset meine Eingeweide!
    Zerspell mich, Fels, ertrnk mich, Furt!
    Was starb ich nicht vor der Geburt?
    Aufstrahlt mir nie das Land der Freude.




Franz Evers.

Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. -- Fundamente 1892. Eva
1893. Knigslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896.
Paradiese 1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901.


Rosenglut.

    An manchem Abend weht mich Sehnsucht an,
    Dann fhl' ich, wie du liebend zu mir strebst,
    Und halberregte Wnsche spr' ich dann
    Und wie du nach mir bebst.
    Dann mu dein Blut von neuen Wundern trumen,
    Weil so das meine klingt und loht,
    Vor meinem Haus, von allen Bumen
    Lockt glhender das Abendrot.

    Wenn dann die Wchter von den Trmen blasen,
    Will ganz mein Herz nach dir vergehn ..
    Ich glaube dich ber den stillen Rasen
    Mit lauter Rosen kommen zu sehn ...


Jugend.

    Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
    Wit ihr, wo der steht?
    Da sprach der Hirtenknabe
    Sein Morgengebet.
    Trieb die Schafe dann auf die Weide
    Hin durch den sonnigen Raum;
    ber die blhende Heide
    Trumte sein junger Traum.

    Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
    Wit ihr, wo der steht?
    Da sprach eine junge Dirne
    Ihr Abendgebet.
    Und der Wind kam von der Heiden
    Und kte ihres Kleides Saum ..
    Die beiden, die beiden
    Trumten den ersten Traum.


Abendlied.

    Du ferne Flte
    Hinter dem Hgel dort,
    Wie sprichst du glhenden Klangs,
    Was mein Herz verschweigen mu,
    Wie bebst du zitternd dahin
    ber die Apfelblten im Mondlicht,
    Da die Schatten der Bume
    Zu schwinden scheinen
    Und alles in Glanz getauchte
    Selige Sehnsucht wird,
    Aus Menschenschmerz leise sich ringend:
    Selige Lebensglut.
    Einsame Stimme du
    Hinter dem Hgel dort,
    Mein Herz, mein Herz sprichst du aus.


Ein Gastgeschenk.

    Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer;
    Die Rosen blhten auf; das Fenster klang.
    Und von den Grten drauen kam noch immer
    Der weiche sehnsuchtsvolle Jnglingssang.

    Du hingst an mir, und deine Augen glnzten;
    Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand ...
    Und Abendlichter, die dich rot umkrnzten,
    Und selige Sehnsucht, die dich mir verband.

    Und nichts als goldne Flle um uns beide:
    Die bebenden Hnde und der taumelnde Mund ...
    Der junge Grtner drauen sang sein Lied vom Leide,
    Das zitterte von dir und war so wund --

    Du aber lcheltest.


Der Knstler.

    Es liegt ein Plan in einem weiten Tal,
    Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen
    Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht.
    Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet,
    Ist so von ungekanntem Sehnen schwer,
    Da du dich kaum hindurchzufinden wagst.
    Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken,
    Von einer Ruhe, die du kaum empfunden,
    In einem Licht, das Farben voller macht.
    Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut,
    Auf da es doch vertraute Laute wecke,
    Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad.
    Denn weich und mild ist nebenan der Rasen,
    Der weithin das Gerusch des Lebens dmpft.
    Inmitten, wo drei alte Rieseneschen
    Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen,
    Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbschen.
    Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar
    Und knieen dann. Und wenn es Abend ist,
    Empfangen sie den Tau der Gnadensonne,
    Die sacht und sicher ihre Stirnen klrt,
    Die weien Menschenstirnen. Heil den Helden,
    Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!

    So kndete der alte Snger mir,
    Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern;
    Und heute schon fand ich die klaren Wege.
    Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald
    Blst nur ein Hirte noch, und hin und wieder
    Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen,
    Die mir zu folgen wnschen. Sonst ist Ruhe.
    Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe,
    Der sich in bleichem blulichem Zerschweben
    Im Laub der Eschen fngt. Der Abend duftet.
    Der Rasen ruht in weichem Schlummer da.
    Mein Mantel drckt so schwer in diesem Land,
    Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar,
    Ich bringe meine Menschensehnsucht dar,
    Und fhle meine Seele ganz erwachen.
    Und wie die Rosen strker sich entfachen
    Im Abendglhn, sinkt nun auf mein entbltes
    Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist ...
    Ich sehe, was mein Auge nicht vergit,
    Und was ich schaue, ist der Wunder grtes:
            Dich, du formender Gott!




Gustav Falke.

Geboren am 11. Januar 1853 zu Lbeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er
am 8. Februar 1916 starb. -- Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht
1893. Zwischen zwei Nchten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899.
Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.


Das Mohnfeld.

    Es war einmal, ich wei nicht wann
    Und wei nicht wo. Vielleicht ein Traum.
    Ich trat aus einem schwarzen Tann
    An einen stillen Wiesensaum.

    Und auf der stillen Wiese stand
    Rings Mohn bei Mohn und unbewegt,
    Und war bis an den fernsten Rand
    Der rote Teppich hingelegt.

    Und auf dem roten Teppich lag,
    Von tausend Blumen angeblickt,
    Ein schner, mder Sommertag,
    Im ersten Schlummer eingenickt.

    Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt
    Hat er sich tief ins Kraut geduckt,
    Bis an die Lffel zugedeckt,
    Nur einer hat herausgeguckt.

    Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug
    Bewegte kaum die Abendluft.
    Ich sah kaum, wie der Flgel schlug,
    Ein schwarzer Strich im Dmmerduft.

    Es war einmal, ich wei nicht wo.
    Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her.
    Ich seh' nur noch, und immer so,
    Das stille, rote Blumenmeer.


Mrchen.

    In deiner lieben Nhe
    Bin ich so glcklich. Ich mein',
    Ich mte wieder der wilde,
    Selige Knabe sein.

    Das macht deiner sen Jugend
    Sonniger Frhlingshauch.
    Ich hab' dich so lieb. Und drauen
    Blhen die Rosen ja auch.

    O Traum der goldenen Tage!
    Herz, es war einmal.
    Abendwolken wandern
    ber mein Jugendtal.


Da der Tod uns heiter finde.

    Lat uns Blumen pflcken gehn,
    Letzte Astern, spte Rosen.
    Morgen werden Strme tosen
    Und den bunten Schmuck verwehn.

    Auch den Becher holt hervor,
    Frhlich lat uns sein und trinken.
    Morgen werden Schatten sinken,
    Und es schweigt der laute Chor.

    Wit ihr wo ein holdes Kind,
    Teilt mit ihm die letzten Blten!
    Die noch heut in Liebe glhten,
    Morgen sind die Augen blind.

    Scherzt und kt und trinkt und lacht,
    Eh' wir uns zum Abschied rsten.
    Drben winkt von fremden Ksten
    Eine sternenlose Nacht.

    Horch. Schon meldet sich ihr Wehn.
    Da der Tod uns heiter finde!
    Singend unterm Kranzgewinde
    Lat uns ihm entgegengehn.


Stranddistel.

    Das Frulein ging am Meeresstrand
    Durch weien, bleichen Sand, bis rot
    Ein schchtern Blmchen sich ihr bot,
    Sie brach's und warf es aus der Hand.

    Und bckte nach der Distel sich,
    Die rauh und grau daneben stand.
    Die trotzte ihrer kleinen Hand
    Und wehrte sich mit scharfem Stich.

    Sie brach sie doch und ging und sang
    Ein mdes Lied mit mdem Mund,
    Das berm abendschwarzen Sund
    Im Wind verwehte und verklang.


Das Grab.

    Ein frischer Hgel ist's, darauf
    Drei rote Tulpen flammen.
    Zwei schwarze Taxusstauden stehn
    Und stecken die Kpfe zusammen.

    Und tuscheln ber ein weies Kreuz,
    Darauf mit Gold geschrieben
    Ein Mdchenname, darunter ein
    Spruch vom himmlischen Lieben.

    Wer hat das junge Ding gekannt?
    Wer zndete die drei roten
    Flammen ber ihr Bettlein an? --
    Was kmmern mich die Toten.

    Ich hab' zu Haus ein krankes Weib,
    Der will ich drei Rosen bringen,
    Drei rote Rosen, und will ihr leis
    Ein Lied vom Leben singen.


Spte Rosen.

    Jahrelang sehnten wir uns,
    Einen Garten unser zu nennen,
    Darin eine khle Laube steht
    Und rote Rosen brennen.

    Nun steht das Grtchen im ersten Grn,
    Die Laube in dichten Reben.
    Und die erste Rose will
    Uns all ihre Schnheit geben.

    Wie sind nun deine Wangen so bla
    Und so mde deine Hnde.
    Wenn ich nun aus den Rosen dir
    Ein rotes Krnzlein bnde,

    Und setzte es auf dein schwarzes Haar,
    Wie sollt' ich es ertragen,
    Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor
    Zwei stille Augen klagen.


Zwei.

    Drben du, mir deine weie
    Rose bers Wasser zeigend,
    Hben ich, dir meine dunkle
    Sehnschtig entgegenneigend.

    In dem breiten Strome, der uns
    Scheidet, zittern unsre blassen
    Schatten, die vergebens suchen
    Sich zu finden, sich zu fassen.

    Und so stehn wir, unser Stammeln
    Stirbt im Wind, im Wellenrauschen,
    Und wir knnen nichts als unsre
    Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.

    Leis, gespenstisch, zwischen unsern
    Dunklen Ufern schwimmt ein wilder
    Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken
    Unsre blassen Spiegelbilder.




Ludwig Finckh.

Geboren am 21. Mrz 1876 zu Reutlingen. -- Fraue du, du Se 1900. Rosen
1905.


Einer Frau.

    Das dank' ich dir:
    Ein Lcheln auf dem Munde,
    Die Rosen da, und hier
    Die leise Wunde.

    Das dank' ich dir,
    Ein Glck im Todeshauche:
    Da ich mich nicht vor mir
    Zu schmen brauche.


Abendhimmel.

    Tiefdunkelroter Scharlachschein
    Versickerte an Wolkenreihn,
    Die klar von Silber flossen.
    Der Himmel war wie roter Wein.
    Was mochte dort zu feiern sein?
    Wer hat den Wein vergossen?


Geschenk.

    Dies schick' ich dir, mein Liebling, zum Geburtstag.

    Zwei weie Tauben, deren weich Gefieder
    In einem Tempel Indiens geleuchtet,
    Und deren Kropf mit edlem Hanf gefllt war,
    Den braune Mdchen auf den Feldern pflckten.
    Sie sangen leise, dachten an den Liebsten.
    Sei diesen Tauben gut, sie sind wie Schneefall,
    Bevor er noch die weie Erde kte,
    Und ohne Makel, nimm sie auf die Schulter,
    Beglcke sie an deiner Wang' zu schlafen,
    Die weich und schneeig ist wie ihr Gefieder,
    Und sich im Nest zu trumen in der Heimat.
    Nimm Wischi und Schiwinda gtig auf.
    In Simla waren sie der Liebe Gtter,
    Und alles Volk lag tglich auf den Knien
    Und betete. Sie schnbelten sich zrtlich.
    Ich raubte sie, an deine Wange denkend.
    Dies schick' ich dir, mein Liebling, heute frh
    Durch einen braunen Boten, windbeflgelt
    Und stumm, mit einem Krbchen morgenfrischer
    Feuriger Ksse. La sie dir gut munden.




Csar Flaischlen.

Geboren am 12. Mai 1864 zu Stuttgart; lebte in Berlin, wo er am 16.
Oktober 1920 starb. -- Nachtschatten 1884. Vom Haselnuroi 1891. Von
Alltag und Sonne 1898. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens 1900.


So regnet es sich langsam ein ...

    So regnet es sich langsam ein und immer krzer
              wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein.
    Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen
              stehn ..
    gib mir die Hand und komm ... wir wollen sie
              uns pflcken gehn ..
    Es werden wohl die letzten sein!


Hab Sonne ...

    Hab Sonne im Herzen,
    Ob's strmt oder schneit,
    Ob der Himmel voll Wolken,
    Die Erde voll Streit!
    Hab Sonne im Herzen,
    Dann komme was mag!
    Das leuchtet voll Licht dir
    Den dunkelsten Tag!

    Hab ein Lied auf den Lippen,
    Mit frhlichem Klang,
    Und macht auch des Alltags
    Gedrnge dich bang!
    Hab ein Lied auf den Lippen,
    Dann komme was mag!
    Das hilft dir verwinden
    Den einsamsten Tag!

    Hab ein Wort auch fr andre
    In Sorg' und in Pein
    Und sag, was dich selber
    So frohgemut lt sein:
    Hab ein Lied auf den Lippen,
    Verlier nie den Mut,
    Hab Sonne im Herzen,
    Und alles wird gut!


Ich habe Nchte ...

    Ich habe Nchte dafr geopfert,
    Ich habe Herzblut daran gegeben,
    Und feige Buben nun kommen und heben
    Die Hand auf gegen das fertige Werk.
    -- -- --
    Das schmerzt!

    Und doch:
    Glckt euch, es wirklich zu zertrmmern, ... gut!
    Dann war's nicht echt!
    Dann glckte mir nicht, was ich wollte ...
    Und .. ihr .. habt .. recht!


Einem Kinde.

    Sei nicht traurig,
    Sei nicht traurig ...
    Es ist heute nur
    So trbe,
    Es ist heute nur
    So schwer!

    Morgen blitzt die Sonne wieder,
    Rosen leuchten wei und rot,
    Und mit lauter Lerchenliedern
    Jubelt's in den hellen Morgen,
    Jubelt's in den blauen Himmel
    Siegreich ber Leid und Not ...

    Quillt und schwillt mit jungen Krften,
    Quillt und schwillt mit junger Lust
    Lebenswarm dir in die Brust;
    Weckt und wappnet deine Seele
    Glaubensfroh zu neuer Wehr ...

    Sei nicht zag drum,
    Sei nicht traurig ...
    Es ist heute nur
    So trbe,
    Es ist heute nur
    So schwer!


Februarschnee ...

    Februarschnee
    Tut nicht mehr weh,
    Denn der Mrz ist in der Nh'!
             Aber im Mrz
             Hte das Herz,
    Da es zu frh nicht knospen will!
    Warte, warte und sei still!
    Und wr' der sonnigste Sonnenschein,
    Und wr' es noch so grn auf Erden,
    Warte, warte und sei still:
    Es mu erst April gewesen sein,
    Bevor es Mai kann werden!


Ganz still zuweilen ...

    Ganz still zuweilen wie ein Traum
    Klingt in dir auf ein fernes Lied ..
    Du weit nicht, wie es pltzlich kam,
    Du weit nicht, was es von dir will ...
    Und wie ein Traum ganz leis und still
    Verklingt es wieder, wie es kam ...

    Wie pltzlich mitten im Gewhl
    Der Strae, mitten oft im Winter
    Ein Hauch von Rosen dich umweht,
    Oder wie dann und wann ein Bild
    Aus lngstvergessenen Kindertagen
    Mit fragenden Augen vor dir steht ...

    Ganz still und leise, wie ein Traum ...
    Du weit nicht, wie es pltzlich kam,
    Du weit nicht, was es von dir will,
    Und wie ein Traum ganz leis und still
    Verblat es wieder, wie es kam.


Spruch.

    Lieber auf eigene Rechnung
          Ein Lump sein,
    Als ein feiner Herr
          Auf Pump sein!
          Dieweil:
    Wer ein solcher auf Pump ist,
    Nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist.




Irene Forbes-Mosse.

Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. -- Mezzavoce 1901. Peregrinas
Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905.


Gehen und Bleiben.

    Mancher ist betrbt gegangen
    In die Winternacht hinaus,
    Sah mit zehrendem Verlangen
    Heller Fenster freundlich Prangen,
    Lichterflltes, warmes Haus.

    Hinter jenen hellen Scheiben
    Sah ein anderer ihm nach,
    Starrte in das Flockentreiben ...
    Freiheit, seufzt er, aber Bleiben,
    Bleiben sthnt das schwere Dach!


Eine Widmung.

    Mein Herz so ganz in dir beglckt,
    Mit Mrchenblumen ausgeschmckt,
    Ein dir geweihter Schrein:
    Wenn auch die Frchte nicht gereift,
    Weil sie der Frost zu frh gestreift,
    Die Blten waren dein, mein Herz,
    Die Blten waren dein.


Die fremde Blume.

    So lange blieb sie festgeschlossen, stille,
    Als wre alle Kraft in ihr erstorben,
    Es fehlte ihr zum Blhen Lust und Wille,
    Seit der berhmte Grtner sie erworben.

    Sie stand im Garten rein und wohlgehalten,
    Ein Paradies mit grnlackierten Kannen,
    Wo alle Blumen pnktlich sich entfalten
    Und Menschenhnde sie auf Stbe spannen.

    Man warf sie endlich fort, ein armes Mdchen
    Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer,
    Die Tauben gurrten dort am grnen Ldchen,
    Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer,

    Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne,
    Und rings versank des Lebens Hast und Mhen,
    Ein warmer Regen fiel, dann zndeten die Sterne
    Ihr Freundeslicht ... da fing sie an zu blhen!


Der Brunnen.

    Ich sa im Glhn der toten Mittagsstunde,
    Und alles Leben schien so bla und weit,
    Die Gtter trumten um mich in der Runde,
    Der Brunnen flsterte: Trink und gesunde,
    Ich bin das Wasser der Vergessenheit!

    Ich sa in Nacht und schickte die Gedanken
    In jene Tage, da wir froh und jung,
    Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken:
    Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken,
    Ich bin das Wasser der Erinnerung!


Madlena.

    Das Kind Madlena hat so hell gesungen,
    Als sie im Haselholz sich Nsse las,
    Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen
    Bei Glhwurms Leuchten, berm Wiesengras.
    Das Kind Madlena hrte fremde Zungen,
    Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn sa ...
    Die dstern Grten haben sie verschlungen,
    Fern tnt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!




Leo Greiner.

Geboren am 1. April 1876 zu Brnn in Mhren. -- Das Tagebuch 1906.


Liebe.

    Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt
    An einem Eschenbaum zusammentrafen.
    Wir glitten einsam im entrckten Feld
    Und suchten spte Herberg, um zu schlafen.
    Und standen _einen_ tiefen Augenblick
    Uralt bekannt uns gegenber
    Und grten uns und wuchsen bis ans Glck.
    Dann sanken wir hinber und herber,
    Zerfallend in die alte Nacht zurck.


Unter den Menschen.

    Ich hab' es nie so tief gewut,
    Was heimlich webt, wo Menschen mich umdrngen:
    Was ich im Wind verschttet, Rausch und Lust,
    Was ich an Leid begrub auf stillen Gngen,
    Flutet von euch zurck in meine Brust.
    Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn,
    Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt,
    Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn
    Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt:
    Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt,
    Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt,
    Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt,
    Ein goldner Abend, trauerberdunkelt.
    Was ich im Wein verga, im Abend litt,
    Trgt Brust um Brust in ihre Stille mit.
    Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht
    Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht.


    [Illustration: Hugo v. Hofmannsthal]


Leben.

    Und immer fremder sind mir Tag und Rume ...

    Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
    Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln Bume,
    Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort.
    Und Grten stehn im abendlichen Land,
    Ihr Schatten grt mich khl und altbekannt.

    Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
    Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
    Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund
    Und lchle tief und kann mich nicht erinnern.


Regenabend.

    Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt,
    Der Nebel wankend bern Berg gefunden,
    Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trbt,
    Spr' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden
    Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt,
    Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen,
    Die dunkle Worte rufen ber Feld,
    Das Sterben nicht mit Namen nennen,
    Das jetzt verhllt durchwandert meine Welt.
    Ich wei nur: irgendwo im Sternenschein
    Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Snde,
    Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde,
    In einem Becher welkt der khle Wein,
    Und alles geht und winkt und schwindet fern,
    Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.


Der Schatten.

    Zwischen mir und meinem trunknen Leben
    Wrmt ein Schatten sich an meiner Glut.
    Wnschend saust mein ungestilltes Blut,
    Doch er raubt mir schon im Niederschweben
    Jeden Traum und jedes goldne Gut.
    Meiner Schtze waren funkelnd viele,
    Doch ich fhl' an meines Bechers Rand
    _Seines_ Schattenmundes wilde Khle
    Und am Griffe _seine_ Schattenhand.
    Schritt ich so verloren in die Lande,
    Lie mein Wandern keine Spur zurck.
    _Seine_ Spuren, halb verweht im Sande,
    Sah mein schauernd rckgewandter Blick.
    Selbst von meines Schlummers Grunde heben
    Seine Hnde jeden Schatz der Lust:
    Schlafen mu ich steinern, traumbewut
    Zwischen mir und meinem trunknen Leben.


Reife.

    Nacht, die aus den Sternen quillt,
    Schmieg dich fester um mein Leben!
    Was genommen und gegeben,
    Ist vollendet und erfllt.

    Wie ein Brunnen ist mein Blick:
    Alle Eimer, die sich hoben,
    Kehren berfllt von oben
    Mit gekhltem Licht zurck.




Otto Erich Hartleben.

Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde
Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er
seinen Aufenthalt frher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am
Gardasee, wo er als Prsident der Akademie fr unangewandte
Wissenschaften zu Sal am 11. Februar 1905 starb. -- +Pierrot lunaire+
1892. Meine Verse 1895. Von reifen Frchten 1903. Der Halkyonier 1903.


Funkelt dein Auge noch?

    Die du so fern bist in der groen Stadt,
    Ich gre dich, die mein vergessen hat.

    Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht,
    Stunden des Glcks mit mir verbracht, verlacht;

    Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund --
    Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?


Lili.

    ... Als ich dann wieder in die Heimat kam --
    Im Frhling war's, die Hyazinthen blhten --
    Da war sie tot -- von fremden, kalten Menschen
    Hinausgetragen in ein kahles Grab. -- --
    Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurck
    In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin
    Sprach schmunzelnd: Gott! Die Menschen sind nicht rar.
    Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer!
    Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein
    Darin -- ganz jung noch -- mit so lustigen Fchen.
    Woll'n Sie sie sehn?
    -- --
    Und ich erfuhr, wie sie gestorben war.
    Vor ihren Augen, whrend sie in Qualen
    Ohnmchtig dalag, hatten -- ihre Schwestern
    Begierig ihrer Habe sich bemchtigt:
    Sparkassenbcher, Kleider, Schmuck und Wsche
    Aus allen Ksten sich hervorgesucht
    Und umgepackt in einen groen Korb. --

    Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben
    Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert
    Mit groen, schwarzen Augen umgeschaut
    Und hatte .. gelchelt ...
    -- --
    Mir ist .. als ob ich dieses Lcheln she!


Die jubelnd nie ...

    Die jubelnd nie den berschumten Becher
    Gehoben in der heiligen Mitternacht,
    Und denen nie ein dunkles Mdchenauge,
    Zur Snde lockend, sprhend zugelacht --

    Die nie den ernsten Tand der Welt vergaen
    Und freudig nie dem Strudel sich vertraut --
    O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben ...
    Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!


Ellen.

    Mein armer Kopf lag still in deinem Scho
    Und dachte, dachte, bis er mde wurde.
    Du hattest deine leichte, milde Hand
    Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen;
    Und gar ein Zauber schien mir auszugehn
    Von deinen weien Fingern: Frieden sandten
    Sie nieder in mein Hirn, und allgemach
    Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn,
    Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod.


Das welke Blatt.

    In ihren Locken haftete ein welkes Blatt,
    Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg
    Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir,
    Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn,
    Den stillen Zeugen stillgenoner, heiliger Lust,
    Und heimlich, glcklich lchelnd schritt ich neben ihr,
    Indes ein schwellend Suseln durch die Kronen ging.

    Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht,
    Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt.
    Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah,
    Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein,
    Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da?

    Ich zeigt' es schweigend. -- Eine dunkle Welle Bluts
    Flo ber ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann
    Schien pltzlich sie der heien Wnsche eingedenk --
    Ein jher Blitz hingebungsschwler, starker Glut
    Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr,
    Und berwltigt bebte mir das bange Herz!
    Ich fate zuckend ihre Hand und prete sie
    An meinen Mund und kte sie zum letztenmal,
    Indes ein schwellend Suseln durch die Kronen ging.


Liebesode.

    Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein.
    Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind,
    Und unsrer Atemzge Frieden
    Trug er hinaus in die helle Mondnacht. --

    Und aus dem Garten tastete zagend sich
    Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett
    Und gab uns wundervolle Trume,
    Trume des Rausches -- so reich an Sehnsucht!


Gesang des Lebens.

    Gro ist das Leben und reich!
    Ewige Gtter schenkten es uns,
    Lchelnder Gte voll,
    Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen.

    Aber arm ist des Menschen Herz!
    Schnell verzagt, vergit es der reifenden Frchte.
    Immer wieder mit leeren Hnden
    Sitzt der Bettler an staubiger Strae,
    Drauf das Glck mit den tnenden Rdern
    Leuchtend vorbeifuhr.


Im Lande der Torheit.

    Im Lande der Torheit kt' ich die Hnde der schnen Fraun,
    Sie waren schmeichelnd und wei, mit blitzenden Ringen geschmckt.
    Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort,
    Und eitel geno ich des eigenen spielenden bermuts.

    Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab:
    Ich sah und fhlte die Hnde meiner lieben Frau,
    Die weich und still in ruhender Gte sich nach mir
    Hersehnen aus der Ferne -- deine Hnde, die
    Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt --
    Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst
    Im Tode diese Hnde stummen Trost verleihn.


Denkst du daran ...

    Denkst du daran, wie du zum erstenmal
    Aus deiner Heimatberge dsterm Forst
    Aus dunklem Tannengrn des hohen Harzes
    Als Knabe niederschautest in die Ebne? --
    Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus.
    Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen
    Vor dir hinab wie Bltter eines Fchers,
    Entfaltet an den runden, sanften Hgeln --
    Und also farbig rings die weite Welt!
    Und reichlicher und dreimal leuchtender
    Als drinnen in den schwarzen Tannenwldern
    Schien drberhin das Sonnengold zu gluten ...
    Die Welt ist bunt! -- O wr' sie bunt geblieben.


Der Abenteurer.

    Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zurck
    Und meldet den Gefhrten: Ich betrat mein Reich,
    Als Frsten sehen sie mich wieder, oder nie. --
    Was steht ihr noch und zaudert? Lat mich nun allein,
    Allein mit meinem guten Schwert und meinem Ro --
    Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. --
    Lebt wohl! -- dem wandelbaren Meere kehr' ich heut
    Den Rcken zu -- mein Auge sucht die Burgen auf,
    In deren Mauern sich der Feige sicher fhlt.
    Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. --

    Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein,
    An Menschenschdel -- mich zu schrecken sind sie wohl
    Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut?
    Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe ber sie hinweg:
    Sie waren nicht, der ich bin -- darum fielen sie.


Elegie.

    Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du,
    Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst,
    O la aus deinen schweren Flechten braune Nacht
    Um meine Sinne strmen -- la Vergessenheit
    Sich breiten ber niegestillte Lust und Qual.
    Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald,
    Ins Morgenrot, durch streifende Lfte ging der Weg.
    Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm
    Und glaubten an den Frhling, als der Schnee noch lag ...
    -- Du sollst nicht weinen -- gib mir deine liebe Hand! --

    Der Frhling kam, uns beide fand er nicht vereint;
    In Sommernchten duftete s der Lindenbaum --
    Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein.
    Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee.
    Doch still aus Schmerzen spriet uns wohl ein sptes Glck,
    Das leise webt und langsam um uns beide her.
    La uns umhllt von deinen braunen Haaren sein,
    Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du.


Kinderkpfchen.

    In scheuer Lust -- doch nimmermehr verschmt --
    Hobst du die runden, weien Arme auf
    Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd
    Dein Bild im Spiegel ...

    Ich aber stand entfesselt hinter dir
    Und sah in deinen vollen, blanken Schultern
    Die beiden Grbchen ...

    Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder
    Zum Ku ...
    Es ward mir klar, wie du den Gttern still
    Vertraut -- gar innig wohl befreundet bist.

    Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise
    Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund --
    Und also lieblich, Menschensinn verwirrend,
    Blieb ihres Grues Spur in deinem Fleisch.




Walter Hasenclever.

Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. -- Der Jngling 1913. Tod und
Auferstehung 1917.


Die Todesanzeige.

    Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekmmertem Traum,
    Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum.
    Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind:
    Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.
    Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin:
    Ich wei, da ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin.
    Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank.
    Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank.
    Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein,
    Hat aus heien Augen geweint in den Flu hinein?
    Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grnes glht,
    Frhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen md.
    Mute in Husern essen mit Menschen, feindlich und fremd,
    Schlafen in kalten Gemchern, frierend, ohne Hemd, --
    Die Mutter hat ihm geholfen mit Wsche und etwas Geld;
    Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt.
    Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt.
    Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt.
    Nun strmt dein lchelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar,
    Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzndet sich kindlich dein Haar;
    Sieh -- in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort;
    Es trgt auf silbernen Flgeln dich aus der Vergessenheit fort.
    Eh ich nun ffne die Lden nach schwerer, trauriger Nacht:
    Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glcklich gemacht.


Mein Jngling, du ...

    Mein Jngling, du, ich liebe dich vor allen,
    Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint!
    Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen;
    Gewi, du bist nicht glcklich, hast geweint.
    Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens,
    Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual,
    Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens,
    Dein Geist wird brgerlich, dein Kopf wird kahl.
    Willst du nicht mit mir gehn und mich erhren!
    Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein.
    Einst auf Prrien, jetzt in Geisterchren
    Will ich dich rufen und will bei dir sein!



Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.

    Kleine Schwester Irene,
    Bei den Cholerakranken;
    Lila Blumen sanken
    Auf Abendkhne.
    Srge wachsen. Sturm.
    Antreten. Trommel. Tod.
    Offizier an Grabes Turm
    Schnarrt Ehre, Gebot.
    Weier hinter Hgeln
    Lemberg, Freude scheint.
    Automobile flgeln.
    Baracken blutbeweint.
    rzte ohne Narkose,
    Beine ab, zerstampft.
    Kleine Schwester, Rose,
    Sei den Toten sanft!


Wei ich, da Stunden ...

    Wei ich, da Stunden, in ungezhlten,
    Pariserinnen sind auf den Boulevards;
    Da klein in Zimmern und gequlten,
    Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars?
    Ist mir im Park, durch den ich gehe,
    Ein Gefhl von Rot oder Blau --
    Berg und Flu mit sinkender Nhe,
    Das Gesicht einer alternden Frau?
    Bei der Baronin Porzellan und Eise
    Hypnotisiert mich elektrischer Draht;
    Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad,
    Denn es mnden in gleiche Kreise
    Meer und Spur und kindliche Weise,
    Die man am Abend vernommen hat.
    Aber keine der funkelnden Gesten
    Wird mich erhalten, wird mich betrgen;
    Bin ich ein Vogel, mde von Flgen,
    Schwebend in der Wolke des Falls:
    Steigen unten aus Tnzen und Festen
    Die verschlungenen Kurven des Alls.


Da von Geheimnissen ...

    Da von Geheimnissen, die uns umtnten,
    Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt;
    Da von Begierden, Tanz und Mdchen, denen wir frnten,
    Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vorberschwebt.
    Da wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte
    Wachsen sehn aus den Buchlden der heimischen Stadt,
    Als der Ruhm schon unsterblich die groen Gesichte
    Im Kfig des kleinen, blauen Umschlags entzndet hat.
    Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Brcken,
    Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer;
    Saen im Damensalon und atmeten mit Entzcken
    Goldne Tische gekruselt im Dufte von Rosen und Teer.
    Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden
    Langsam aus wehenden Tchern, Musik, vielen Trnen fort,
    Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden;
    Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort.
    Sind wir die gleichen Straen wie jene gezogen?
    Ferne schon den strmenden Krnzen entrckt,
    In eroberter Stadt auf dem hchsten Bogen
    Stehn wir, ber die fliehende Wolke unsrer Erinnerung gebckt.
    Sdseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde,
    Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus,
    Es steigen in einer begeisterten Stunde
    Viele Verlorene dankbar aus den Kanlen heraus.
    Wenn der Leuchttrme einst entzndetes Feuer
    Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht:
    Ihr Gefhrten des Lebens, wie seid ihr uns teuer,
    Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht.


1917.

    Halte wach den Ha. Halte wach das Leid.
    Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.

    Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier,
    Ein Mensch ist gettet, er gleicht nicht dir.

    Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug
    Einer Mutter, die ihre Kleinen trug

    Aus dem rauchenden Kessel der brllenden Schlacht,
    Das Unglck ist nicht von dir gemacht.

    Heran zu dem elenden Leichenschrein,
    Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.

    Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
    Falle nieder, du, sei angeklagt.

    Empfange die ungeliebte Qual
    Aller Verstonen in diesem Mal.

    Ein letztes Aug', das am ther trinkt,
    Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;

    Die brennende Wildnis der schreienden Luft,
    Den rohen Sto in die kalte Gruft.

    Wenn etwas in deiner Seele bebt,
    Das dies Grauen noch berlebt,

    So la es wachsen, auferstehn
    Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.

    Tritt mit der Posaune des Jngsten Gerichts
    Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!

    Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,
    Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:

    Da in der Menschen Mord, Verrat
    Einst wieder leuchte die gute Tat;

    Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn
    Schweb am gestirnten Himmel hin.

    Da die Sonn, die auf Gute und Bse scheint,
    Durch soviel Strme der Welt geweint,

    Gepulst durch unser aller Schlag,
    Einst wieder strahle gerechtem Tag.

    Halte wach den Ha. Halte wach das Leid.
    Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.




Adolf von Hatzfeld.

Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. -- An Gott 1919.


Die letzte Nacht.

    Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht,
    Empfngt mich endlich meine letzte Nacht.
    Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit.
    Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit.
    Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben,
    Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben.
    Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht,
    Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht.
    Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht.
    Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam,
    Ist tiefster Trug und angefllt von Scham.
    Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht
    Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht.
    Ich hre, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht.
    Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben.
    Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben.
    Es wchst ein groer Schein auf allen Wegen,
    Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen:

    O Erde, Erde, die du trankst mein Blut,
    Wie warst du voller Se und wie gut,
    Da du mich mit den Hnden an die Pole angeschlagen,
    Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mute tragen.
    Ich war dein Acker, du Erde, du pflgtest ihn gut.
    Aus allen Poren erscho mein Blut.
    Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust,
    Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust,
    Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewut,
    Bis ich den groen Planeten in Liebe umpret.
    Noch ber mein letztes Sterben halt ich dich fest.
    So nehmt, ihr springenden Bche, aus mir euern Lauf.
    Es blhen aus meinem Blute alle Blumen auf.
    Ich grne und dufte aus jedem Rosenstrauch
    Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch,
    Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt.
    O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt,
    Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat.
    Sieh, meine Seele ist mde wie ein herbstliches Blatt.
    Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch,
    In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.


Grner Sommer.

    Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet
    Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt.
    Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut,
    Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt.
    Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschwrmten Ruhe.

    So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet.
    Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus.
    Auf mich senkt sich die Mdigkeit des Blaus,
    Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne
    Staut schlfrig sich das dunkle Blut.
    Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort,
    Wie Bachgelchter hier: Die Welt ist gut,
    Und lchelnd trgt es mich ins Trumen fort.

    Gott rekelt sich in dieser ausgeschwrmten Ruhe.
    Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen.
    Ein Kfer ist ihm ins Gesicht geflogen.
    Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe
    Und zirpt an ihm vorbei: Erschrick, erschrick!
    Gott aber ist nach tausend Schpfungsjahren
    Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren,
    Und lchelnd ruht auf seiner Welt der Blick.

    Ich wache auf. Der Donner grollt.
    Mein Blut hat ausgetollt.
    Mein Mut wird nicht verfhrt. Es schweigt der Wille.
    Und eine Grille geigt von neuem mich in eine grne Stille.


Frhlingsmond.

    Noch hngt ein scheues Vogellied im dnnen Laubgeste
    Und wird ein groer Wind. Mit mchtiger Gebrde
    Stt die Erde, die lngst den heien Saft
    In Millionen Samenkrner prete,
    Geburten aus in Mutterleidenschaft
    Und trgt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft,
    Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde.

    Jetzt bumen Meere ihre Pantherleiber.
    Die Sterne strzen zum Planetenball.
    In diesen Nchten sthnen tausend Weiber
    Und werfen tausend Kinder in das All.
    Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen.
    Die Quellen sind der Tler Bltenlauf.
    Den Duft von Wldern tragen junge Bienen,
    Und Tage tauen blau zu Blumen auf.
    Geliebte gehn mit weien Brstehgeln
    Und einem Lcheln, das von selbst begann,
    Durch se Nchte, gehen wie mit Flgeln
    Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann.

    Ein scheues Vogellied hngt noch im Laubgeste.
    Vom Horizonte schwebt der junge Mond
    Wie eine Knospe, die sich zrtlich schont,
    Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste.
    Der Knospenmond blht erst zum Sommerfeste.
    So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst.
    Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn prete,
    Verheit uns schon die Rose seiner Gunst.


Abend am See.

    Schon taucht der Mond aus dem entzckten Bade
    Der Wellen leis zur Silberbahn empor.
    In unsern Herzen schwingt die groe Gnade.
    Wir sitzen seligruhend am Gestade
    Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr.
    O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor
    In meines Lebens Kampf und Qual und Hast,
    Sieh unser Herz in Demut eingefat
    Und sei der Seelen seltner schner Gast.
    Die Nacht erduftet von des Mondes Blte
    So grenzenlos. Andchtig atmen wir.
    Der Sternenhimmel deiner groen Gte
    Ist sanft wie sie und leise ber mir.
    Aus wunden Hnden haben wir die Ruder
    Zurckgelegt in das bewegte Boot.
    Nach unsres Lebens Ha und Schuld und Not
    Nennst den Geliebten still du deinen Bruder.


Du Gott.

    Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden,
    Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet.
    Die Erde meines Leibes reit du auf in Wunden.
    Zu tiefer Tler hartem Abgrund schluchtet
    Mir deine schwere Hand die schnen runden
    Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet,
    In jeder Not von tausend Todesstunden
    Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet.

    Und dieses wei ich, da ich dein bin, dein, ganz dein.
    Was frommt es, zu entfliehn zu leichten Tnzerein,
    Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest?

    Aus meinem Ha hrst du nur Liebe schrein,
    Da ich ganz dein bin, dein in Pein und Tnzerein,
    Da ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest.


Der Teich.

    Nur der Wind wei, wie ich einsam leide,
    Wie die Luft, der Himmel mich beschwert.
    Bruder Wind, wir flogen einmal beide
    Durch die Luft und durch den Himmel hin.
    Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam.
    Ewige Fernen haben uns genhrt.
    Wasserwolken haben mich getragen,
    Bis in Regenfunken ewig einsam
    Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt.
    Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen,
    Wie die leichten Wolken meine Seele,
    Meine schne Seele, mit.




Max Herrmann.

Geboren am 23. Mai 1886 zu Neie. -- Verbannung 1919.


Dein Haar hat Lieder ...

    Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
    Und sanfte Abende am Meer --
    O glckte mir die Welt! O bliebe
    Mein Tag nicht stets unselig leer!

    So kann ich nichts, als matt verlegen
    Vertrsten oder wehe tun,
    Und von den wundersamsten Wegen
    Bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

    Und meine Trume sind wie Diebe,
    Und meine Freuden frieren sehr --
    Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
    Und sanfte Abende am Meer.


Osterlied.

    Alle Frhlingsblue,
    Jedes frische Feld,
    Wenn ich ohne Reue
    Schwrmend mich erfreue
    An der warmen Welt:

    Wird in deinen lichten
    Gliedern hchstes Glck,
    Und in himmlisch schlichten,
    Dmmernden Gedichten
    Bleibt sein Duft zurck!


Trostlied der bangen Regennacht.

    Keine Furcht der Erde
    Kann uns bange tun:
    Sieh, wie sanft die Pferde
    Wang' an Wange ruhn!

    Ganz allein gelassen
    In der bittern Nacht,
    Wo der Wind die blassen
    Weiden zittern macht,

    Wo ein siecher Regen
    Bs, sehnschtig rinnt,
    An viel fremden Wegen
    Bettler flchtig sind,

    Ruhn sie Wang' an Wange,
    Wie Erlste ruhn,
    Keine Furcht kann bange
    Ihrer Inbrunst tun.

    Alles, was sie leiden,
    Schlummert Haupt an Haupt --
    Und die blassen Weiden
    Stehn wie lenzbelaubt.


Liebe nur kann ewig sein.

    Gottes Krallenhand zerreit den kranken
    Abendhimmel der verhaten Stadt,
    Aus der Sterne welken Rosenranken
    Schttelt er des Monds vergilbtes Blatt.

    Jh ist wie von fieberschweren Fusten
    Alles Licht der Straen abgewrgt,
    In den goldnen Augen seiner treusten
    Trme sich das letzte Dunkel birgt.

    Der Palste fahles Glas erblindet,
    Und der Park bricht taumelnd in die Knie,
    Mit entseeltem Todesseufzer schwindet
    Der zermalmten Pltze Melodie.

    Und das Schlpfrige verfemter Keller
    Speit sein krppelhaftes Krchzen aus --
    Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller
    Zrtlichkeit das letzte Vorstadthaus.

    Wird zum Streicheln ber der Ruine
    Einer Schdelsttte, die ihn rhrt,
    Da zum Aufgang seiner Liebesmiene
    Eines Segnenden Gebrde fhrt.




Hermann Hesse.

Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. -- Gedichte 1902. Musik
des Einsamen 1915.


Der schwarze Ritter.

    Ich reite stumm aus dem Turnier,
    Ich trage aller Siege Namen.
    Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
    Tief. Aber keine winkt nach mir.

    Ich singe zu der Harfe Ton,
    Aus der die tiefen Laute steigen.
    Alle Harfner lauschen und schweigen,
    Aber die holden Frauen sind entflohn.

    In meines Wappens schwarzem Feld
    Sind hundert Krnze aufgehangen,
    Die gold von hundert Siegen prangen.
    Aber der Kranz der Liebe fehlt.

    An meinem Sarge werden sich bcken
    Ritter und Snger und werden ihn
    Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin,
    Aber keine Rose wird ihn schmcken.


Nach Paul Verlaine.

    Ich trume wieder von der Unbekannten,
    Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.

    Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
    Mir aus der Stirn mit Hnden wunderbar.

    Und sie versteht mein rtselhaftes Wesen
    Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.

    Du fragst mich: ist sie blond? Ich wei es nicht.
    Doch wie ein Mrchen ist ihr Angesicht.

    Und wie sie heit? Ich wei nicht. Doch es klingt
    Ihr Name s, wie wenn die Ferne singt --

    Wie _eines_ Name, den du Liebling heit
    Und den du ferne und verloren weit.

    Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
    Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.


Elisabeth.

    Ich soll erzhlen,
    Die Nacht ist schon spt --
    Willst du mich qulen,
    Schne Elisabeth?

    Daran ich dichte
    Und du dazu,
    Meine Liebesgeschichte
    Ist dieser Abend und du.

    Du mut nicht stren,
    Die Reime verwehn.
    Bald wirst du sie hren,
    Hren und nicht verstehn.


Die frhe Stunde.

    Silbern berflogen
    Ruhet das Feld und schweigt,
    Ein Jger hebt seinen Bogen,
    Der Wald rauscht und eine Lerche steigt.

    Der Wald rauscht und eine zweite
    Steigt auf und fllt.
    Ein Jger hebt seine Beute,
    Und der Tag tritt in die Welt.


Lady Rosa.

    Du mit der Stirne voller Licht,
    Du mit den wunderbaren
    Braunaugen und den seidnen Haaren,
    Ich kenne dich! Du aber kennst mich nicht.

    Du mit dem klaren Angesicht,
    Du Zarte mit deinen leisen,
    Fremdlndischen, sen Liederweisen,
    Ich liebe dich! Du aber kennst mich nicht.


Fiesole.

    ber mir im Blauen reisen
    Wolken, die mich heimwrts weisen.

    Heimwrts in die namenlose Ferne,
    In das Land des Friedens und der Sterne.

    Heimat! Soll ich deine blauen
    Schnen Ufer niemals schauen?

    Dennoch ist mir, hier im Sden mten
    Nah sein und erreichbar deine Ksten.




Georg Heym.

Geboren am 30. Oktober 1887 zu Hirschberg in Schlesien; ertrank am 16.
Januar 1912 beim Eislaufen in der Havel bei Schwanenwerder, in der
Umgebung Berlins. -- Der ewige Tag 1911. +Umbra vitae+ 1912.


Die Seefahrer.

    Die Stirnen der Lnder, rot und edel wie Kronen,
    Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag,
    Und die rauschenden Krnze der Wlder thronen
    Unter des Feuers drhnendem Flgelschlag.

    Die zerflackenden Bume mit Trauer zu schwrzen,
    Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut,
    Untergehend, schon fern. Wie ber sterbenden Herzen
    Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.

    Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere.
    Unsere Hnde brannten wie Kerzen an.
    Und wir sahen die Adern darin, und das schwere
    Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.

    Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen
    Trostlos mit schrgem Segel ins Weite hinaus.
    Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen,
    In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.

    Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
    Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
    Purpurn schwebend im All, wie mit schnem Gesange
    ber den klingenden Grnden der Seele ein Traum.


Alle Landschaften haben ...

    Alle Landschaften haben
    Sich mit Blau erfllt.
    Alle Bsche und Bume des Stromes,
    Der weit in den Norden schwillt.

    Leichte Geschwader, Wolken,
    Weie Segel dicht,
    Die Gestade des Himmels dahinter
    Zergehen in Wind und Licht.

    Wenn die Abende sinken
    Und wir schlafen ein,
    Gehen die Trume, die schnen,
    Mit leichten Fen herein.

    Zimbeln lassen sie klingen
    In den Hnden licht.
    Manche flstern und halten
    Kerzen vor ihr Gesicht.


Ophelia.

I.

    Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
    Und die beringten Hnde auf der Flut
    Wie Flossen, also treibt sie durch die Schatten
    Des groen Urwalds, der im Wasser ruht.

    Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
    Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
    Warum sie starb? Warum sie so allein
    Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

    Im dichten Rhricht steht der Wind. Er scheucht
    Wie eine Hand die Fledermuse auf.
    Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht,
    Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

    Wie Nachtgewlk. Ein langer, weier Aal
    Schlpft ber ihre Brust. Ein Glhwurm scheint
    Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
    Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.

II.

    Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schwei.
    Der Felder gelbe Winde schlafen still.
    Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
    Der Schwne Fittich berdacht sie wei.

    Die blauen Lider schatten sanft herab.
    Und bei der Sensen blanken Melodien
    Trumt sie von eines Kusses Karmoisin
    Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

    Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer drhnt
    Der Schall der Stdte. Wo durch Dmme zwingt
    Der weie Strom. Der Widerhall erklingt
    Mit weitem Echo. Wo herunter tnt

    Hall voller Straen, Glocken und Gelut.
    Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
    In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
    In dem ein Kran mit Riesenarmen drut,

    Mit schwarzer Stirn, ein mchtiger Tyrann,
    Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
    Last schwerer Brcken, die darber ziehn
    Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.

    Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit,
    Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
    Mit groem Fittich auf ein dunkler Harm,
    Der schattet ber beide Ufer breit.

    Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
    Der westlich hohe Tag des Sommers spt,
    Wo in dem Dunkelgrn der Wiesen steht
    Des fernen Abends zarte Mdigkeit.

    Der Strom trgt weit sie fort, die untertaucht,
    Durch manchen Winters trauervollen Port.
    Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
    Davon der Horizont wie Feuer raucht.


Deine Wimpern, die langen ...

    Deine Wimpern, die langen,
    Deiner Augen dunkle Wasser,
    La mich tauchen darein,
    La mich zur Tiefe gehn.

    Steigt der Bergmann zum Schacht
    Und schwankt seine trbe Lampe
    ber der Erze Tor,
    Hoch an der Schattenwand,

    Sieh, ich steige hinab,
    In deinem Scho zu vergessen,
    Fern was von oben drhnt,
    Helle und Qual und Tag.

    An den Feldern verwchst,
    Wo der Wind steht, trunken vom Korn,
    Hoher Dorn, hoch und krank
    Gegen das Himmelsblau.

    Gib mir die Hand,
    Wir wollen einander verwachsen,
    Einem Wind Beute,
    Einsamer Vgel Flug,

    Hren im Sommer
    Die Orgel der matten Gewitter,
    Baden in Herbsteslicht,
    Am Ufer des blauen Tags.

    Manchmal wollen wir stehn
    Am Rand des dunklen Brunnens,
    Tief in die Stille zu sehn,
    Unsere Liebe zu suchen.

    Oder wir treten hinaus
    Vom Schatten der goldenen Wlder,
    Gro in ein Abendrot,
    Das dir berhrt sanft die Stirn.

    Gttliche Trauer,
    Schweige der ewigen Liebe.
    Hebe den Krug herauf,
    Trinke den Schlaf.

    Einmal am Ende zu stehen,
    Wo Meer in gelblichen Flecken
    Leise schwimmt schon herein
    Zu der September Bucht.

    Oben zu ruhn
    Im Hause der drftigen Blumen,
    ber die Felsen hinab
    Singt und zittert der Wind.

    Doch von der Pappel,
    Die ragt im Ewigen Blauen,
    Fllt schon ein braunes Blatt,
    Ruht auf dem Nacken dir aus.




Peter Hille.

Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde
Schriftsteller, fhrte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und
Holland auf und lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee
bei Berlin am 7. Mai 1904. -- Gesammelte Werke 1904.


Maienwind.

    Mutwillige Mdchenwnsche
    Haben Flieder
    Niedergebogen,
    Blauen und weien.
    Wie Tauben sind sie weitergeflogen,
    Mit Wangen, wilden und heien.

    Hoch in warmen, schelmischen Hnden
    Haschender Sonne
    Geschwungene Strahlen.
    Hellbehende Wonne
    Weier Kleider
    Weht.

    Mutwillige Mdchenwnsche
    Haben sich Flieder
    Niedergebogen,
    Blauen und weien, --
      Sind weitergezogen ...


Brautseele.

    Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe,
    Wie tief im Hain
    Das Herz des Frhlings zittert.
    Ja, du mein heftiges Herz,
    Wir haben Frhling!
    Auf einmal ist nun alles Blhen da!
    Meine freudigen Wangen
    Sind aufgegangen
    Fromm nach deinen Kssen.
    Gefhrlich bist du, o Frhling,
    Und verwirrt;
    Wie von heftiger Se
    Prangenden Weines
    Pocht meine Seele.
    Wie er so sinnend mich streichelt
    Mit seinen Strahlen allen,
    Und schlafen mchte ich
    Immerzu.
    So trume ich vom eigenen Blute
    Und bin so wach
    Von mir,
    So erschrocken,
    Wie man wohl aufhorcht
    Im flsternden Herzen der Nacht.
    Wie Sterne, die nicht schlafen knnen,
    Stehn meine Augen!
    Und bin doch so mde,
    So sonderbar mde.
    Sind wir Mdchen nicht alle so sonderbar mde
    Um diese Zeit?
    Das macht, du bist um uns,
    Du bist ein Zauberer.
    In Bumen und Menschen
    Zauberst du
    Ein Sehnen und Dehnen,
    Ein mdes, verlangendes Ghnen.

    Ja, ja, ihr Gespielinnen,
    Der kennt euch!
    Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen,
    Er ist ja Weib wie ihr
    Und eine heimliche, schelmische Strke.
    Frhling, sag, was machst du mit uns,
    Da wir alle so sprossend mde sind?
    Wir fhlen dich ganz in uns.
    Du durchtnst uns,
    Tust mit uns ganz das Leben!
    Ja, wir beben Leben!
    Fromm atmet in uns eine Andacht,
    Und wohlig will es werden
    Rings auf der sprossenden Erden.
    Wie wir uns regen,
    Da ist immer ein heimliches Bewegen.
    Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel,
    Der uns erquickt und uns darreicht,
    Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle,
    Und immer wird uns leise
    S von uns;
    So zeigt es uns, verrt es uns,
    Wie s wir sind
    Fr den einen, andern.

    O komm!
    Ich bin ja so s
    Nach dir!
    O komm!
    Ich bin ja so schn
    Nach dir!
    Ich, deine lebendige,
    Deine wartende Zier,
    Vergehe nach dir!
    Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, --
    O komm!
    Komm du dem Alter, dem Welken zuvor!

    Ein Sehnen geht in allen Blumen
    Und will dich holen mit Farben und Duft,
    Und alles, was schn ist auf dieser Weltwiese,
    Ist nur aus Sehnen und Liebe schn.
    Lieblich schlau
    ben wir Schnheit
    So lange vor euch,
    Bis da ihr kommt!
    Schchtern, schelmisch
    Spielt sich unsere arme
    Lodernde Seele
    Hin vor euch!

    Dann, dann!
    Dann kommen zwei lodernde Sonnen
    In meinen Tag;
    Du mein doppelter Tag
    Mit deinen beiden Sonnen!
    Du! du!
    Und deine Hand!
    Meines Mundes duftende Blte
    Vergeht vor deiner Gte.
    Und meine Wangen
    Sind aufgegangen,
    Wie meine Flechten
    Vor deiner Rechten!
    Ja, du hast recht, gltte sie nur,
    Du meine wirrglhende Sonne!

    Rufe, locke alles heraus
    Aus deiner Erde, du mein Lenz!
    Du hast ja gleich zwei Sonnen,
    Und eine brauchen wir nur am Himmel.
    Und diese beiden Sonnen erzhlen dich mir
    Wie du aufgewachsen und wo du
    Gewachsen fr mich!
    Wie der heilige Wein Palstinas
    Den Heiland mir ansagt,
    Sein Seelenfrhlicht,
    Sein wrmendes Wandeln.
    O, wie da alles aufsteht!
    Feierlich, rauschend!
    Vorbereitend!

    O komm!
    Ich bin ja so schn nach dir!
    O la mich weinen
    Trnen der Braut,
    Trnen, du Bser,
    Da ich so lange warten mute auf dich!
    Das tut so wohl!
    Meine Seele badet.
    Dann kommt sie zu dir.
    Ja?


    [Illustration: Arno Holz]


Waldesstimme.

    Wie deine grngoldnen Augen funkeln,
    Wald, du mosiger Trumer!
    Wie deine Gedanken dunkeln,
    Einsiedel, schwer von Leben,
    Saftseufzender Tagesversumer!

    ber der Wipfel Hin- und Wiederschweben
    Wie's Atem holt und voller wogt und braust
    Und weiter zieht --
                        und stille wird --
                                           und saust.

    ber der Wipfel Hin- und Wiederschweben
    Hoch droben steht ein ernster Ton,
    Dem lauschten tausend Jahre schon
    Und werden tausend Jahre lauschen ...
    Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.


An Gott.

    Deine Himmel sind mir viel zu s:
    Gib mir, mit freier Brust zu ragen,
    Mit dir die Welten zu ertragen,
    Wo du bist!


Abbild.

    Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du.
    Zwei flinke Fittiche weier Mwen
    Deine beiden Fe.
    Und dir im lieben Blute auf
    Steigt ein blauer Hauch
    Und sind die Dinge darin
    Alle ein Wunder.


Prometheus.

    Entgegengeschmiedet
    Auf schroffem Fels
    Den Pfeilen der Sonne,
    Dem Hagelgeprassel,
    Trotz' ich, Olympier, dir.
    Der wiederwachsenden Leber
    Zuckende Fibern
    Hackt mir des Geiers Bi
    Aus klaffender Wunde.

    Ein Wimmern, glaubtest,
    Olympier, du,
    Wrden die rauschenden Winde
    Ins hochaufhorchende
    Ohr dir tragen?
    Nicht reut mich der Mensch,
    Der Leben und Feuer mir dankt,
    Nicht fleh' ich Entfelung von dir.

    Jahrhunderte will ich
    Felsentrotzig durchdauern,
    Jahrtausende,
    Wenn dir die Lust nicht schwindet,
    Wenn der Trotzende nicht
    Zu glcklich dir scheint.


Abendrte.

    Sieh da droben die Rosen! Ein glher Jubel!
    Die Wangen der Nacht
    In Scharlach und Purpurpracht.

    Nun ist da droben Hochzeit:
    Die Knigskinder des Himmelreiches.

    Strenge Augen erster Schnheit,
    Frieden frierend,
    Wie vor kmpfend heien Rosen
    Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate,
    Des Samtes tiefenweiches Blut,
    Gebettet in des Schnees nachtgeflammte,
    Flockenzarte Wrme: den hehren Hermelin.

    Die Krnze nehmen sie von herben Scheiteln ab
    Und heben Bechertau an ihres Lebens
    Rtlich reine Kelche,
    Und verwunden
    Die Verklrung
    Saftigherber Frchte.

    Des strengen Lagers scheue Falten warten ..

    Wie entsetzlich ist Schnheit! ..

    Wie eine Siegesfahne hlt
    Der Himmel
    Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht.
    Der Sieger sinkt.
    Die Nacht fllt in den Wein.


    Selige Gre.

    Blulicher Flieder.
    Ist das ein Gren!
    Wirbelnde Lieder
    Wehen herber, --
    Strben lieber.
    Seligsein -- und das heit ben.




Hugo von Hofmannsthal.

Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. -- Gesammelte Gedichte 1907.


Vorfrhling.

    Es luft der Frhlingswind
    Durch kahle Alleen,
    Seltsame Dinge sind
    In seinem Wehn.

    Er hat sich gewiegt,
    Wo Weinen war,
    Und hat sich geschmiegt
    In zerrttetes Haar.

    Er schttelte nieder
    Akazienblten
    Und khlte die Glieder,
    Die atmend glhten,

    Lippen im Lachen
    Hat er berhrt,
    Die weichen und wachen
    Fluren durchsprt,

    Er glitt durch die Flte
    Als schluchzender Schrei,
    An dmmernder Rte
    Flog er vorbei,

    Er flog mit Schweigen
    Durch flsternde Zimmer
    Und lschte mit Neigen
    Der Ampel Schimmer.

    Es luft der Frhlingswind
    Durch kahle Alleen,
    Seltsame Dinge sind
    In seinem Wehn.

    Durch die glatten
    Kahlen Alleen
    Treibt sein Wehen
    Blasse Schatten

    Und den Duft,
    Den er gebracht,
    Von wo er gekommen
    Seit gestern nacht.


Die Beiden.

    Sie trug den Becher in der Hand,
    Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand.
    So leicht und sicher war ihr Gang,
    Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

    So leicht und fest war seine Hand:
    Er sa auf einem jungen Pferde,
    Und mit nachlssiger Gebrde
    Erzwang er, da es zitternd stand.

    Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
    Den leichten Becher nehmen sollte,
    So war es beiden allzu schwer:
    Denn beide bebten sie so sehr,
    Da keine Hand die andre fand
    Und dunkler Wein am Boden rollte.


Ballade des ueren Lebens.

    Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
    Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
    Und alle Menschen gehen ihrer Wege.

    Und se Frchte werden aus den herben
    Und fallen nachts wie tote Vgel nieder
    Und liegen wenig Tage und verderben.

    Und immer weht der Wind, und immer wieder
    Vernehmen wir und reden viele Worte
    Und spren Lust und Mdigkeit der Glieder.

    Und Straen laufen durch das Gras, und Orte
    Sind da und dort, voll Fackeln, Bumen, Teichen
    Und drohende, und totenhaft verdorrte ...

    Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
    Einander nie? und sind unzhlig viele?
    Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

    Was frommt das alles uns und diese Spiele,
    Die wir doch gro und ewig einsam sind
    Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?

    Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?
    Und dennoch sagt der viel, der Abend sagt,
    Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt

    Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.


Manche freilich ...

    Manche freilich mssen drunten sterben,
    Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
    Andre wohnen bei dem Steuer droben,
    Kennen Vogelflug und die Lnder der Sterne.

    Manche liegen immer mit schweren Gliedern
    Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
    Andern sind die Sthle gerichtet
    Bei den Sibyllen, den Kniginnen,
    Und da sitzen sie wie zu Hause,
    Leichten Hauptes und leichter Hnde.

    Doch ein Schatten fllt von jenen Leben
    In die anderen Leben hinber,
    Und die leichten sind an die schweren
    Wie an Luft und Erde gebunden:

    Ganz vergessener Vlker Mdigkeiten
    Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
    Noch weghalten von der erschrockenen Seele
    Stummes Niederfallen ferner Sterne.

    Viele Geschicke weben neben dem meinen,
    Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
    Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
    Schlanke Flamme oder schmale Leier.


Terzinen ber Vergnglichkeit.

    Noch spr' ich ihren Atem auf den Wangen:
    Wie kann das sein, da diese nahen Tage
    Fort sind, fr immer fort, und ganz vergangen?

    Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
    Und viel zu grauenvoll, als da man klage:
    Da alles gleitet und vorberrinnt

    Und da mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
    Herberglitt aus einem kleinen Kind,
    Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

    Dann: da ich auch vor hundert Jahren war,
    Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
    Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar.

    So eins mit mir als wie mein eignes Haar.


Erlebnis.

    Mit silbergrauem Dufte war das Tal
    Der Dmmerung erfllt, wie wenn der Mond
    Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
    Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales
    Verschwammen meine dmmernden Gedanken,
    Und still versank ich in dem webenden
    Durchsicht'gen Meere und verlie das Leben.
    Wie wunderbare Blumen waren da,
    Mit Kelchen dunkelglhend! Pflanzendickicht,
    Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
    In warmen Strmen drang und glomm. Das Ganze
    War angefllt mit einem tiefen Schwellen
    Schwermtiger Musik. Und dieses wut' ich,
    Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wut' es:
    Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
    Gewaltig sehnend, s und dunkelglhend,
    Verwandt der tiefsten Schwermut.
                                     Aber seltsam!
    Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
    In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
    Wie einer weint, wenn er auf groem Seeschiff
    Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
    Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
    Der Vaterstadt vorberfhrt. Da sieht er
    Die Gassen, hrt die Brunnen rauschen, riecht
    Den Duft der Fliederbsche, sieht sich selber
    Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
    Die ngstlich sind und weinen wollen, sieht
    Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer --
    Das groe Seeschiff aber trgt ihn weiter,
    Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
    Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.


Dein Antlitz ...

    Dein Antlitz war mit Trumen ganz beladen.
    Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
    Wie stieg das auf! da ich mich einmal schon
    In frhern Nchten vllig hingegeben
    Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,
    Wo auf den leeren Hngen auseinander
    Die magern Bume standen und dazwischen
    Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
    Und durch die Stille hin die immer frischen
    Und immer fremden silberweien Wasser
    Der Flu hinrauschen lie, wie stieg das auf!

    Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen
    Und ihrer Schnheit, die unfruchtbar war,
    Hingab ich mich in groer Sehnsucht ganz,
    Wie jetzt fr das Anschaun von deinem Haar
    Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!


Terzinen.

    Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Trumen,
    Und Trume schlagen so die Augen auf
    Wie kleine Kinder unter Kirschenbumen,

    Aus deren Krone den blagoldnen Lauf
    Der Vollmond anhebt durch die groe Nacht.
    .. Nicht anders tauchen unsre Trume auf,

    Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht,
    Nicht minder gro im Auf- und Niederschweben
    Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.

    Das Innerste ist offen ihrem Weben,
    Wie Geisterhnde in versperrtem Raum
    Sind sie in uns und haben immer Leben.

    Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.


Der Jngling in der Landschaft.

    Die Grtner legten ihre Beete frei,
    Und viele Bettler waren berall,
    Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krcken,
    Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen,
    Dem starken Duft der schwachen Frhlingsblumen.

    Die nackten Bume lieen alles frei:
    Man sah den Flu hinab und sah den Markt
    Und viele Kinder spielen lngs den Teichen.
    Durch diese Landschaft ging er langsam hin
    Und fhlte ihre Macht und wute, da
    Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.

    Auf jene fremden Kinder ging er zu
    Und war bereit, an unbekannter Schwelle
    Ein neues Leben dienend hinzubringen.
    Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,
    Die frhern Wege und Erinnerung
    Verschlungner Finger und getauschter Seelen
    Fr mehr als nichtigen Besitz zu achten.
    Der Duft der Blumen redete ihm nur
    Von fremder Schnheit, und die neue Luft
    Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:
    Nur da er dienen durfte, freute ihn.


Aus Der Tod des Tizian.

    _Gianino_ spricht:

    Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,
    Die atmende, ein rtselhaftes Rufen.
    Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.
    Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,
    So lag sie, horchend in das groe Dunkel,
    Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.
    Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel
    Hernieder auf die weiche, wache Flur.
    Und alle Frchte schweren Blutes schwollen
    Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen,
    Und alle Brunnen glnzten seinem Ziehn,
    Und es erwachten schwere Harmonien.
    Und wo die Wolkenschatten hastig glitten,
    War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten ...
    Leis stand ich auf -- ich war an dich geschmiegt --
    Da schwebte durch die Nacht ein ses Tnen,
    Als hrte man die Flte leise sthnen,
    Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt
    Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht,
    Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet.
    Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten;
    Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten,
    Wo sich die offenen Granaten wiegen,
    Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen,
    Und viele saugen, auf das Rot gesunken,
    Von ncht'gem Duft und reifem Safte trunken.
    Und wie des Dunkels leiser Atemzug
    Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug,
    Da schien es mir wie das Vorberschweifen
    Von einem weichen, wogenden Gewand
    Und die Berhrung einer warmen Hand.
    In weien, seidig weien Mondesstreifen
    War liebestoller Mcken dichter Tanz,
    Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz
    Und pltscherte und blinkte auf und nieder.
    Ich wei es heut nicht, ob's die Schwne waren,
    Ob badender Najaden weie Glieder,
    Und wie ein ser Duft von Frauenhaaren
    Vermischte sich dem Duft der Aloe ...
    Und was da war, ist mir in eins verflossen:
    In eine berstarke, schwere Pracht,
    Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.


Aus Der Abenteurer und die Sngerin.

    Der _Baron_ spricht:

    Ich will hier Feste geben. Schaff mir Lwen,
    Die Blumenstrue aus dem Rachen werfen!
    Vergoldete Delphine stell vors Tor,
    Die roten Wein ins grne Wasser spein!
    Nicht drei, nicht fnf, zehn Diener nimm mir auf
    Und schaff Livreen. An den Treppen sollen
    Drei Gondeln hngen voller Musikanten
    In meinen Farben.
    Ich will den Kampanile um und um
    In Rosen und Narzissen wickeln. Droben
    Auf seiner hchsten Spitze sollen Flammen
    Von Sandelholz, genhrt mit Rosenl,
    Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen.
    Ich mach' aus dem Kanal ein flieend Feuer,
    Streu so viel Blumen aus, da alle Tauben
    Betubt am Boden flattern, so viel Fackeln,
    Da sich die Fische angstvoll in den Grund
    Des Meeres bohren, da Europa sich
    Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht
    In einem dunkleren Gemach versteckt
    Und da ihr Stier geblendet laut aufbrllt!
    Mach Dichtertrume wahr, stampf aus dem Grab
    Den Veronese und den Aretin,
    Spann Greise vor, bau eine Pyramide
    Aus Leibern junger Mdchen, welche singen!
    Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern
    Und ihre ehrnen Nstern blhn vor Lust!
    Die oben liegen in den bleiernen Kammern
    Und ihre Ngel bohren in die Wand,
    Die sollen innehalten und schon meinen,
    Der Jngste Tag ist da, und da die Engel
    Mit rosenen Hnden und dem wilden Duft
    Der Schwingen niederstrzend jetzt das Dach
    Von Blei hinweg, herein den Himmel reien! ...

                    *  *  *

    _Derselbe_ spricht:

    O httest du gelernt wie ich zu leben,
    Dir wre wohl.
    Ich achte diese Welt nach ihrem Wert,
    Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen
    So lange werfen soll, als Tag' und Nchte
    Mich wie ein chzend Fahrzeug noch ertragen.
    Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt
    Des Henkers schlrfen hrn im Morgengrauen
    Und sich zusammenziehen wie ein Igel,
    Gestrubt vor Angst und starrend noch von Leben!
    Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm
    Die Welt einsaugen, ber Berge hin!
    Die Stdte drunten, funkeln wie die Augen!
    Die Segel drauen, vollgeblht wie Brste!
    Die weien Arme! Die von Schluchzen dunklen
    Verfhrten Kehlen! Dann die Herzoginnen
    Im Spitzenbette weinen lassen und
    Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht?

    Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres
    Als hier im Zimmer auf und nieder gehn,
    Sich Wein einschenken, essen, schlafen, kssen
    Und drauen an der Tr den wilden Atem
    Von _einem_ gehen hren oder _einer_,
    Die lauert und in der geballten Faust
    Den Tod hlt, deinen oder ihren Tod! ...




Arno Holz.

Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreuen. Lebt seit 1875 in
Berlin. -- Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899. Groe
Insel-Ausgabe 1916. Des berhmbten Schffers Dafnis slbst
verfrtigte, smbtliche Fre- Sauffund Venus-Lieder benebst angehnckten
Auffrichtigen und Reuemchtigen Bu-Thrnen 1904. Das ausgewhlte Werk
1919.


Ein Abschied.

    Sein Freund, der Trmer, war noch wach,
    wie Silber gleite das Rathausdach,
    und drber stand der Mond.

    Er wute kaum, wie schwer er litt,
    doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt,
    und das Rnzel drckte ihn.

    Die Gasse war so lang, so lang,
    und dazu noch die Stimme, die ber ihm sang:
    Wann's Mailfterl weht!

    Jetzt bog sich ein Fliederstrauch ber den Zaun,
    und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun,
    stand wei vor dem Domportal.

    Hier stand er eine Weile still
    und hrte, wie eine Dohle schrill
    hoch oben ums Turmkreuz pfiff.

    Dann lschte links in dem kleinen Haus
    der Lwenwirt seine Lichter aus,
    und die Domuhr schlug langsam zehn.

    Die Brunnen rauschten wie im Traum,
    die Nachtigall schlug im Lindenbaum,
    und alles war wie sonst!

    Da ri er die Rose sich aus dem Rock
    und stie sie ins Pflaster mit seinem Stock,
    da die Funken stoben, und ging.

    Das Lmpchen flackerte rot berm Tor,
    und der Wald, in den sich sein Weg verlor,
    stand schwarz im Mondlicht da.

    Er schritt und schritt, ein Kuzchen schrie,
    die Farren reichten ihm bis bers Knie,
    und der Sankt-Jakobs-Quell pltscherte ...

    Erst droben auf dem Heiligenstein
    fiel ihm noch einmal alles ein,
    als der Weg um die Buche bog.

    Die Bltter rauschten, er stand und stand
    und sah hinunter unverwandt,
    wo die Dcher funkelten!

    Dort stand der Garten und dort das Haus,
    und jetzt war das aus, und jetzt war das aus,
    und -- die Dcher funkelten!

    Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm:
    Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm!
    Doch er kam nie wieder.


    [Illustration: Ricarda Ceconi-Huch]


Ninon.

    Ninon heit sie. Ihre Mutter
    handelt nachts mit Apfelsinen
    an der Weidendammer Brcke.
    Doch sie selbst ist Kammerktzchen.

    Stckelschhchen. Sehr kokett.
    Sehr kokett sitzt auch ihr Hubchen,
    das auf ihrem krausen Kpfchen
    wei und niedlich balanciert.

    Doch der kleine Marmorschlingel,
    der dem Spiegel visavis
    grad vor einem Makartstrau hockt,
    lt sich dadurch nicht verblffen.

    Immer, wenn ihr Pfauenwedel
    ihn frhmorgens abstubt, lacht er.
    Ja, die Stutzuhr kann sogar
    deutlich hren, was er sagt:

    Tu mir den Gefallen, Kind, und
    kokettiere nicht so viel!
    Ninon nennt die gndige Frau dich?
    Geh, du heit ja gar nicht so!

    Martha heit du. Dein Papa
    war der gndige Herr von Dingsda.
    Vor drei Wochen in Neuyork
    starb er als Konditorlehrling.

    Deine Mutter lebt. Sie schielt,
    hinkt und schnupft. Im brigen
    handelt sie mit Apfelsinen
    an der Weidendammer Brcke.


Aus Phantasus.

    Ihr Dach stie fast bis an die Sterne,
    vom Hof her stampfte die Fabrik.
    Es war die richtige Mietskaserne
    mit Flur- und Leiermannsmusik!
    Im Keller nistete die Ratte,
    Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier,
    und bis ins fnfte Stockwerk hatte
    das Vorstadtelend sein Quartier.

    Dort sa er nachts vor seinem Lichte
    -- duck nieder, nieder, wilder Hohn! --
    und fieberte und schrieb Gedichte,
    ein Trumer, ein verlorner Sohn!
    Sein Stbchen konnte grade fassen
    ein Tischchen und ein schmales Bett;
    er war so arm und so verlassen,
    wie jener Gott aus Nazareth!

    Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
    die Welt, ihn aus: Er ist verrckt! --
    ihm hatte leuchtend auf die Stirne
    der Genius seinen Ku gedrckt!
    Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,
    er zitternd Vers an Vers gereiht,
    dann schien auf ewig ihm versunken
    die Welt und ihre Nchternheit.

    In Fetzen hing ihm seine Bluse,
    sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,
    er aber stammelte: O Muse!
    und wute nichts von seiner Not.
    Er sa nur still vor seinem Lichte,
    allnchtlich, wenn der Tag entflohn,
    und fieberte und schrieb Gedichte,
    ein Trumer, ein verlorner Sohn!

                  *  *  *

    Die Nacht liegt in den letzten Zgen,
    der Regen tropft, der Nebel spinnt ...
    O, da die Mrchen immer lgen,
    die Mrchen, die die Jugend sinnt!
    Wie lieblich hat sich einst getrunken
    der Hoffnung goldner Feuerwein!
    Und jetzt? Erbarmungslos versunken
    in dieses Elend der Spelunken --
    O Sonnenschein! O Sonnenschein!

    Nur einmal, einmal noch im Traume
    lat mich hinaus, o Gott, hinaus!
    Denn s rauscht's nachts im Lindenbaume
    vor meines Vaters Frsterhaus.
    Der Mond lugt golden um den Giebel,
    der Vater trumt von Mars-la-Tour,
    lieb Mtterchen studiert die Bibel,
    ihr Nestling koloriert die Fibel,
    und leise, leise tickt die Uhr.

    O goldne Lenznacht der Jasminen,
    o wr ich niemals dir entrckt!
    Das ewige Rdern der Maschinen
    hat mir das Hirn zerpflckt, zerstckt!
    Einst schlich ich aus dem Haus der Vter
    nachts in die Welt mich, wie ein Dieb,
    und heut -- drei kurze Jhrchen spter! --
    wie ein geschlagener Missetter,
    schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib!

    Wozu dein armes Hirn zerwhlen?
    Du grbelst, und die Weltlust lacht!
    Denn von Gedanken, von Gefhlen
    hat noch kein Mensch sich satt gemacht!
    Ja, recht hat, o du se Mutter,
    dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust:
    Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther?
    Dem Elend dnkt ein Stckchen Butter
    erhabner als der ganze Faust!


Vor meinem Fenster ...

            Vor meinem Fenster
             singt ein Vogel.

    Still hr ich zu; mein Herz vergeht.

                Er singt,
    was ich als Kind ... so ganz besa
          und dann -- vergessen!


Rote Rosen ...

                Rote Rosen
      winden sich um meine dstre Lanze.

         Durch weie Lilienwlder
          schnaubt mein Hengst.

            Aus grnen Seeen,
             Schilf im Haar,
    tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun.

           Ich reite wie aus Erz.

                  Immer,
              dicht vor mir,
          fliegt der Vogel Phnix
                und singt.


In einem Garten ...

    In einem Garten, unter dunklen Bumen,
                 erwarten wir
             die Frhlingsnacht.
                    Noch
              glnzt kein Stern.

             Die Bsche schweigen.

                   Pltzlich,
              aus einem Fenster,
                     leise,
              getragen, schwellend,
      die tiefen, klaren, reinen, lichten,
            glutend golddurchwirkten
                     Tne
                  einer Geige.

              Der Goldregen blinkt,
               der Flieder duftet,
    in unseren Herzen -- geht der Mond auf!


Aus weien Wolken ...

                        Aus weien Wolken,
    schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend,
           schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schlo!

                Spiegelnde Seeen, selige Wiesen,
             singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!

         In seinen hohen, gleienden, glitzernden Hallen
                            wohnen
                       die alten Gtter!

                          Noch immer,
                            abends,
                 wenn die Sonne purpurn sinkt,
                     glhn seine Grten;
               vor ihren Wundern bebt mein Herz
                    und lange ... steh ich.

                         Sehnschtig!

                    Dann naht die Nacht,
                    die Luft verlischt,
           wie zitterndes Silber blinkt das Meer,
                 und ber die ganze Welt hin
              webt ein Duft ... wie von Rosen!




Ricarda Huch.

Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Zrich und wurde
dort 1891 als eine der ersten Frauen zum +Dr. phil.+ promoviert. --
Gedichte 1891. Neue Gedichte 1907.


Sehnsucht.

    Um bei dir zu sein,
    Trg' ich Not und Fhrde,
    Lie' ich Freund und Haus
    Und die Flle der Erde.

    Mich verlangt nach dir,
    Wie die Flut nach dem Strande,
    Wie die Schwalbe im Herbst
    Nach dem sdlichen Lande.

    Wie den Alpsohn heim,
    Wenn er denkt, nachts alleine,
    An die Berge voll Schnee
    Im Mondenscheine.


Unersttlich.

    Ganz mit Frhling und Sonnenstrahl,
    Klang und duftendem Bltengu
    Mein verlangendes Herz einmal
    Fll mir, seliger berflu!

    Gib mir ewiger Jugend Glanz,
    Gib mir ewigen Lebens Kraft,
    Gib im flchtigen Stundentanz
    Ewig wirkende Leidenschaft!

    Aus dem Meere des Wissens la
    Satt mich trinken in tiefem Zug!
    Gib von Liebe und gib von Ha
    Meiner Seele einmal genug.

    Gib, da Tau der Erfllung mir
    In die Schale des Herzens fliet,
    Bis sie, selber verschwendend, ihr
    berschumendes Glck ergiet!


Du.

    Seit du mir ferne bist,
    Hab' ich nur Leid,
    Wei ich, was Sehnsucht ist
    Und freudenlose Zeit.

    Ich hab' an dich gedacht
    Ohn' Unterla
    Und weine jede Nacht
    Nach dir mein Kissen na.

    Und schliet mein Auge zu
    Des Schlafes Band,
    So whn' ich, das tust du
    Mit deiner weichen Hand.


Heimatlos.

    Hr mich, Mutter, hre mich in deinem dunkeln Grabe,
    Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe.
    Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume,
    Zeige mir das Land, das se Vaterland, im Traume.
    La mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne
    Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne,
    Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben!
    Meine Brder, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben.
    Wr' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen;
    Wr' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen.
    Denn ich mag nicht, mag nicht lnger in der Fremde weilen,
    Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen.
    Km' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle,
    Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle;
    Ksse werden, Trnen auf die alten Steine brennen,
    Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen.
    -- Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter,
    Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter.
    An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begren
    Und die Wanderschuh' dir lsen von den wunden Fen. --


Erinnerung.

    Einmal vor manchem Jahre
    War ich ein Baum am Bergesrand,
    Und meine Birkenhaare
    Kmmte der Mond mit weier Hand.

    Hoch berm Abgrund hing ich
    Windebewegt auf schroffem Stein.
    Tanzende Wolken fing ich
    Mir als vergnglich Spielzeug ein.

    Fhlte nichts im Gemte
    Weder von Wonne noch von Leid,
    Rauschte, verwelkte, blhte,
    In meinem Schatten schlief die Zeit.


Verstoen.

    Ich wei, da ich sterben mu
    An deinem Lieben.
    Du hast mich ins Elend getrieben
    Mit deinem Ku.

    Ich irre verbannt, allein
    Und ohne Frieden,
    Seit ich von der Welt mich geschieden,
    Um dein zu sein.

    Nie werd' ich mein Vaterland,
    Das se, schauen;
    Nie wirst du den Herd fr uns bauen
    Mit froher Hand.

    Oft streckst du die Arme aus,
    Wenn ich dir fehle.
    So fern bin ich; nur meine Seele
    Irrt um dein Haus.


Herbst.

    Herbst ist es, siehst du die Bltter fallen?
    Nicht wie die Welkenden fromm
    Wollen wir beide zu Tode wallen --
    Ksse mich, komm!

    Wolkenjagd oben in fernen Rumen!
    Kstlich und wonnevoll
    Ist es, die Perlen vom Wein zu schumen,
    bermutstoll.

    Aber noch herrlicher ist's, zu schlrfen
    Alles in einem Zug!
    Greste Flle, doch dem Bedrfen
    Nimmer genug!

    La uns das weinleere Glas zerschmettern,
    Komm von dem Gipfel ins Grab,
    Gleich unverletzlichen ewigen Gttern
    Lchelnd hinab!


Ankunft im Hades.

    In des Hades Grfte trat ein neuer Gast.
    Sei, Genosse, uns willkommen!
    Sprich, was du vernommen
    Auf der Erde schnen Fluren hast.

    Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz
    Und von rosenroten Wangen;
    Sag, ob frhlich schwangen
    Kleine Mcken den geschwinden Tanz.

    Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond?
    ber unsern Leichensteinen
    Sahst du uns beweinen
    Jene Schar, die froh im Lichte wohnt?

    Ihnen strmt der Trnen holder Tau,
    Der befreit und lst die Schmerzen,
    Wie das Eis im Mrzen
    Frhlingswinde wonnevoll und lau.

    -- Lenz war droben, da von dannen ich gemut.
    Mit hinab in eure Grfte
    Nahm ich Veilchendfte:
    Diesen vollen Strau an meiner Brust. --

    Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual
    Mu auch Tantalus sich wenden;
    Jh aus m'gen Hnden
    Strzt der Stein des Sisyphus zu Tal.


Liebesreime.

I.

    Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied
    Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang;
    Hrt' ich jemals wieder einen sen Klang,
    Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied?
    Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief,
    O, wie wurde mir dabei die Seele weit;
    Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief,
    Hr' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.

II.

    Ich hatte so viel dir zu berichten,
    Neuigkeiten, allerhand Geschichten;
    Aber nun bist du auf einmal so nah
    Mit diesem Kinn und diesen Wangen,
    Alle Gedanken sind mir vergangen --
    Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde,
    Nur eine Spanne von meinem Munde,
    Den ich so lange, die Lippen zerbeiend, von weitem sah!

III.

    Einen guten Grund hat's, da mein Liebchen
    ber alles schn und herrlich ist geraten:
    Denn mit Lenztau ward getauft das Bbchen,
    Mond und Sonne waren seine Paten.
    Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:
    Wenn er aufschaut, glhen alle Herzen.
    Und der Mond kt' ihm den Mund von ferne:
    Wenn er lchelt, klingen alle Sterne.




Isolde Kurz.

Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters
Hermann Kurz; lebt, unvermhlt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz.
-- Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.


Sdliche Weise.

    Du sprichst von Snde gleich und ew'gen Flammen,
    Will ich ein Stndchen nur mit dir verkosen,
    Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.

    Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, --
    Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,
    Ich aber bin einst Ministrant gewesen.

    Er sagte: Fromme Christen, lat euch raten!
    Ihr mt fr jeden ungekten Ku
    Einhundert Jhrlein in der Hlle braten.


Die erste Nacht.

    Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.
    O, wo ist aller Glanz, der dich umgab?
    In kalter Erde ist dein Bett gemacht.
    Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?

    Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,
    Nachtvgel schrein, vom Wind emporgescheucht,
    Kein Lmpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl
    Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.

    Die Stunden schleichen -- schlfst du bis zum Tag?
    Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?
    Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,
    Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?


Mdchenliebe.

    Nchtlich war's am stillen Weiher,
    Wo ich ihm zur Seite stand,
    Als im Wind mein langer Schleier
    Sich um seinen Nacken wand.

    Ach, was lie ich's nur geschehen!
    Da er fest den Knoten schlang,
    Mich an seiner Hand zu gehen,
    Ein gefangnes Fllen, zwang!

    Denn seitdem auf allen Wegen
    Fhlt' ich unzerreilich stets
    ber mich und ihn sich legen
    Magisch jenes Schleiers Netz.

    Seit mich gar sein Arm umwindet,
    Schwand der Freiheit letzter Rest.
    Fessel, die uns beide bindet,
    Liebe Fessel, halte fest!


Die Nicht-Gewesenen.

    ber ein Glck, das du flchtig besessen,
    Trstet Erinnern, trstet Vergessen,
    Trstet die alles heilende Zeit.
    Aber die Trume, die nie errungnen,
    Nie vergenen und nie bezwungnen,
    Nimmer verlt dich ihr sehnendes Leid.




Else Lasker-Schler.

Gedichte aus den gesammelten Bchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.


Wir beide.

    Der Abend weht Sehnen aus Bltense,
    Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,
    Und Engelkpfchen gucken berm Himmelsstreif,
    Und wir beide sind im Paradiese.

    Und uns gehrt das ganze bunte Leben,
    Das blaue, groe Bilderbuch mit Sternen,
    Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen
    Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!

    Der liebe Gott trumt seinen Kindertraum
    Vom Paradies -- von seinen zwei Gespielen,
    Und groe Blumen sehn uns an von Dornenstielen ...

    Die dstere Erde hing noch grn am Baum.


Mairosen.

    Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,
    Mich nicht zu verfhren,
    Zwischen Mairosen htte er fast

    Sein Wort gebrochen,
    Aber er machte drei Kreuze
    Und ich glaubte hei zu erfrieren.

    Nun lieg' ich im dstern Nadelwald,
    Und der Herbst saust kalte Nordostlieder
    ber meine Lenzglieder.

    Aber wenn es wieder warm wird,
    Wnsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit
    Und wir -- spielen dann unter den Mairosen ...


Chaos.

    Die Sterne fliehen schreckensbleich
    Vom Himmel meiner Einsamkeit,
    Und das schwarze Auge der Mitternacht
    Starrt nher und nher.

    Ich finde mich nicht wieder
    In dieser Todverlassenheit!
    Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit
    Zwischen grauer Nacht der Urangst ...

    Ich wollte, ein Schmerzen rege sich
    Und strze mich grausam nieder
    Und ri mich jh an mich!
    Und es lege eine Schpferlust
    Mich wieder in meine Heimat
          Unter der Mutterbrust.

    Meine Mutterheimat ist seeleleer,
    Es blhen dort keine Rosen
    Im warmen Odem mehr. --
    ... Mcht' einen Herzallerliebsten haben!
    Und mich in seinem Fleisch vergraben.


    [Illustration: Else Lasker-Schler]


Die Liebe.

    Es rauscht durch unseren Schlaf
    Ein feines Wehen wie Seide,
    Wie pochendes Erblhen
    ber uns beide.

    Und ich werde heimwrts
    Von deinem Atem getragen,
    Durch verzauberte Mrchen,
    Durch verschttete Sagen.

    Und mein Dornenlcheln spielt
    Mit deinen urtiefen Zgen,
    Und es kommen die Erden
    Sich an uns zu schmiegen.

    Es rauscht durch unseren Schlaf
    Ein feines Wehen wie Seide --
    Der weltalte Traum
    Segnet uns beide.


Liebesflug.

    Drei Strme liebt' ich ihn eher wie er mich,
    Jh schrien seine Lippen,
    Wie der geffnete Erdmund!
    Und Grten berauschten am Mairegen sich.

    Und wir griffen unsere Hnde,
    Die verlteten wie Ringe sich.
    Und er sprang mit mir auf die Lfte
    Gotthin, bis der Atem verstrich.

    Dann kam ein leuchtender Sommertag
    Wie eine glckselige Mutter.
    Und die Mdchen blickten schwrmerisch,
    Nur meine Seele lag md' und zag.


Eva.

    Du hast deinen Kopf tief ber mich gesenkt,
    Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,
    Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit
    Wie die Blten der Bume Edens waren.

    Und die keimende Liebe ist meine Seele,
    O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,
    Und du zitterst von Ahnungen
    Und weit nicht, warum deine Trume sthnen.

    Und ich liege schwer auf deinem Leben,
    Wie eine tausendstmmige Erinnerung.
    Und du bist so blindjung, so adamjung ...
    Du hast deinen Kopf tief ber mich gesenkt.


Mein Volk.

    Der Fels wird morsch,
    Dem ich entspringe
    Und meine Gotteslieder singe ...
    Jh strz' ich vom Weg
    Und riesele ganz in mir
    Fernab, allein ber Klagegestein
    Dem Meer zu.

    Hab' mich so abgestrmt
    Von meines Blutes
    Mostvergorenheit.
    Und immer, immer noch der Widerhall
    In mir,
    Wenn schauerlich gen Ost
    Das morsche Felsgebein,
    Mein Volk,
    Zu Gott schreit.


Mein Liebeslied.

    Wie ein heimlicher Brunnen
    Murmelt mein Blut,
    Immer von dir, immer von mir.
    Unter dem taumelnden Mond
    Tanzen meine nackten, suchenden Trume,
    Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,
    Leise ber dstere Hecken.
    O, deine Lippen sind sonnig ...
    Diese Rauschedfte deiner Lippen ...
    Und aus blauen Dolden, silberumringt
    Lchelst du ... du, du.
    Immer das schlngelnde Geriesel
      Auf meiner Haut
    ber die Schultern hinweg --
      Ich lausche ...
    Wie ein heimlicher Brunnen
    Murmelt mein Blut ...


Mein Wanderlied.

    Zwlf Morgenhellen weit
    Verschallt der Geist der Mitternacht,
    Und meine Lippen haben ausgedacht
    In stolzer Linie mit der Ewigkeit.

    Torabwrts schreitet das Verflossene,
    Indessen meine Seele sich im Glanz der Lsung bricht,
    Ihr tausendheies, weies Licht
    Scheint mir voran ins Ungegossene.

    Und ich wachse ber all Erinnern weit.
    So fern Musik ... und zwischen Kampf und Frieden
    Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,
    Und sind die Ziele hinter aller Zeit.


O, meine schmerzliche Lust.

    Mein Traum ist eine junge, wilde Weide
    Und schmachtet in der Drre.
    Wie die Kleider um den Tag brennen ...
    Alle Lande bumen sich.
    Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche
    Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel
    Tuuh! Tuuh!
    Wie die Silberhren
    Um meine Fe sieden ...
    O, meine schmerzliche Lust
    Weint wie ein Kind.


Maienregen.

    Du hast deine warme Seele
    Um mein verwittertes Herz geschlungen,
    Und all seine dunkeln Tne
    Sind wie ferne Donner verklungen.

    Aber es kann nicht mehr jauchzen
    Mit seiner wilden Wunde,
    Und wunschlos in deinem Arme
    Liegt mein Mund auf deinem Munde.

    Und ich hre dich leise weinen,
    Und es ist -- die Nacht bewegt sich kaum --
    Als fiele ein Maienregen
    Auf meinen greisen Traum.


Weltende.

    Es ist ein Weinen in der Welt,
    Als ob der liebe Gott gestorben wr',
    Und der bleierne Schatten, der niederfllt,
    Lastet grabesschwer.

    Komm, wir wollen uns nher verbergen ...
    Das Leben liegt in Aller Herzen
    Wie in Srgen.

    Du! wir wollen uns tief kssen ...
    Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
    An der wir sterben mssen.


Mein Liebeslied.

    Auf deinen Wangen liegen
    Goldene Tauben.

    Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,
    Dein Blut rauscht, wie mein Blut --

    S
    An Himbeerstruchern vorbei.

    O, ich denke an dich -- --
    Die Nacht frage nur.

    Niemand kann so schn
    Mit deinen Hnden spielen,

    Schlsser bauen, wie ich
    Aus Goldfinger;

    Burgen mit hohen Trmen!
    Strandruber sind wir dann.

    Wenn du da bist,
    Bin ich immer reich.

    Du nimmst mich so zu dir,
    Ich sehe dein Herz sternen.

    Schillernde Eidechsen
    Sind dein Geweide.

    Du bist ganz aus Gold --
    Alle Lippen halten den Atem an.




Detlev von Liliencron.

Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner
Vaterstadt, trat 1863 beim westflischen Fsilierregiment Nr. 37 in
Mainz ein, nahm an den Kriegen 1866 und 1870-71 teil, wurde mehrmals
verwundet, nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika,
kehrte zurck, wurde Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er
die Adjutantenritte schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er lngere
Zeit in Altona gewohnt hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei
Hamburg. Er starb dort am 22. Juli 1909. -- Seine frher unter andern
Titeln erschienenen Gedichtbcher heien jetzt: Kampf und Spiele. Kmpfe
und Ziele. Nebel und Sonne. Bunte Beute. Ausgewhlte Gedichte. Poggfred.
Gute Nacht.


Rckblick.

    Eh mir aus der Scheide scho
    Blitz und blank der Degen,
    Lie noch einmal Mann und Ro
    Kurzer Rast ich pflegen.

    Und die Hand als Augenschild,
    Meine Lider sanken,
    Rasch vorbei, ein wechselnd Bild,
    Flogen die Gedanken.

    Kinderland, du Zauberland,
    Haus und Hof und Hecken.
    Hinter blauer Wlderwand
    Spielt die Welt Verstecken.

    Weiter nun in bunten Reihn
    Zog mein wstes Leben.
    Wenig Taten, vieler Schein,
    Windige Spinneweben.

    Wrfel, Weiber, Wein, Gesang,
    Jugendrasche Quelle,
    Und im wilden Wogendrang
    Schwamm ich mit der Welle ...

    Doch Dragoner glnzen hell
    Dort an jenem Hgel.
    An die Pferde! Fertig! Schnell
    Klebt der Sporn am Bgel.

    Zgel fest, Fanfarenruf,
    Donnernd schwappt der Rasen.
    Bald sind wir mit flchtigem Huf
    An den Feind geblasen.

    Anprall, Fluch und Sto und Hieb,
    Kann den Arm nicht sparen,
    Wo mir Helm und Handschuh blieb,
    Hab' ich nicht erfahren.

    Sattelleere, Sturz und Staub,
    Klingenkreuz und Scharten.
    Trunken schwenkt die Faust den Raub
    Flatternd der Standarten.

    Tuschend gleicht des Feindes Flucht
    Tollgehetzten Hammeln.
    Freudig ruft in Wald und Schlucht
    Mein Signal zum Sammeln.

    Schwei und Blut an Stirn und Schwert,
    La es tropfen, tropfen.
    Dankbar mu ich meinem Pferd
    Hals und Mhne klopfen.

    Nchtens dann beim Feuerschein,
    Nach des Kampfes Mhe,
    Fielen mir Gedanken ein
    Aus des Tages Frhe.

    Schwamm ich viele Jahre lang
    Steuerlos im Leben,
    Hat mir heut der scharfe Gang
    Wink und Ziel gegeben.


Tod in hren.

    Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,
    Liegt ein Soldat, unaufgefunden,
    Zwei Tage schon, zwei Nchte schon,
    Mit schweren Wunden, unverbunden.

    Durstberqult und fieberwild,
    Im Todeskampf den Kopf erhoben.
    Ein letzter Traum, ein letztes Bild,
    Sein brechend Auge schlgt nach oben.

    Die Sense sirrt im hrenfeld,
    Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,
    Ade, ade, du Heimatwelt --
    Und beugt das Haupt, und ist verschieden.


Am Strande.

    Der lange Junitag war hei gewesen,
    Ich sa im Garten einer Fischerhtte,
    Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt
    Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,
    Der Goldlack blht, und Tulpen, Mohn und Rosen
    In burisch buntem Durcheinander prunken.
    Es war die Nacht schon im Begriff, dem Tage
    Die Riegel vorzuschieben; stiller ward
    Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich
    In hoher Luft; und aus der Nhe schlug
    Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.
    Im Gutenacht der Sonne blinkerten
    Die Scheiben kleiner Huser auf der Insel,
    Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.
    Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,
    Gleich einer Knigin, voll hoher Wrde,
    Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck
    Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.
    Sie alle winken ihre letzten Gre
    Den letzten Streifen ihrer Heimat zu.
    In manchen Bart mag nun die Mannestrne,
    So selten sonst, unaufgehalten tropfen.
    In manches Herz, das lngst im Sturz und Sto
    Der Lebenswellen hart und starr geworden,
    Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.
    Doch vorwrts, vorwrts ins gelobte Land!
    Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kmpfen,
    Befiehlt dem einen, fr sein Weib zu sorgen,
    Und fr sich selbst dem andern. Jeder so
    Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen,
    Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht.
    Geboren werden, leiden dann und sterben,
    Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.
    Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,
    Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,
    Ein oft getrumtes, groes Glck zu finden.
    Das Glck heit Gold, und Gold heit ruhig leben:
    Vom sichern Sitze des Amphitheaters
    In die Arena lchelnd niederschaun,
    Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird
    Vom Tigertier der Armut und der Schulden ...

    Das Schiff ist lngst getaucht ins tiefe Dunkel.
    Bleischwere Stille grbt sich in den Strom,
    Indessen aus der Kegelbahn im Dorf
    Beim Schein der Lampe noch die Gste zechen.
    In gleichen Zwischenrumen bellt ein Hund,
    Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.


Letzter Gru.

    Herbsttag, und doch wie weiches Frhlingswetter,
    Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke,
    Ein Sarg schien unter Gramgelut zu sinken,
    Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.

    Da kamst du, keine Tuschung, mir entgegen,
    Wir hatten gestern Abschied schon genommen,
    Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern,
    Was mute noch einmal die Marter kommen.

    Ich grte dich, und sah dein freundlich Danken;
    Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet.
    Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen,
    Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.

    Im Schmerz grub ich die Linke in den Dornbusch
    Und lie die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen,
    Ein letzter Gru von dir, von mir -- vorber,
    Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.

    Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen,
    Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet,
    Die roten Strme sind zurckgeflossen,
    Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.


Der Lndler.

    Auf die Terrasse war ich hinbefohlen,
    Der jugendfrischen, schnen, geistvollen,
    Holdseligen Prinzessin vorzulesen.
    Ich whlte Tasso.
                      Durch den Sommerabend
    Umschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt.
    Die Sonne war gesunken. Rot Gewlk
    Stand hellgetnt, mit Blau vermischt, im Westen.
    Der Garten vor uns, tief gelegen, hllt
    Sich ein in dunkle Schatten mehr und mehr.
    Und eine Nachtigall beginnt.
                                 Der Diener
    Setzt auf den Tisch die Lampen, deren Licht
    Nicht durch den schwchsten Zug ins Flackern kommt.
    Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik.
    Und deutlich aus der Finsternis heraus,
    Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster.
    Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.

    Zuweilen, wenn die Tr geffnet steht,
    Erschallt Gestampf, der Brummba, Kreischen, Jauchzen.
    Unbndig scheint die Freude dort zu herrschen.
    Ich trage unterdessen weiter vor,
    Wie flchtige Bilder, unbewut, den Trubel
    Im Tal an mir vorberziehen lassend,
    Und jene Verse hab' ich grad getroffen:
    Beschrnkt der Rand des Bechers einen Wein,
    Der schumend wallt und brausend berquillt?
    Als ich die Lider hob und die Prinze,
    Die sumig ihre Linke dem Gelnder
    Hinber ruhen lt, erblicke, wie sie,
    Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut,
    Das braune Auge trumerisch, sehnschtig
    Hinuntersendet auf den frhlichen Lndler.

    Wie wr' es, fnden wohl Durchlaucht Vergngen,
    Dem frohen Reigen dort sich anzuschlieen?
    Und sie, ein Seufzer: Ach, ich tt's so gern!

    Wenn ich's nur bringen knnte, wiedergeben,
    Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward,
    Das so, das gern, wenn ich's nur treffen knnte,
    Wie sie das sagte: Ach, ich tt's so gern!


Wer wei wo.

    Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,
    Auf rozerstampften Sommerhalm
    Die Sonne schien.
    Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,
    Und mancher kehrte nicht nach Haus
    Einst von Kolin.

    Ein Junker auch, ein Knabe noch,
    Der heut das erste Pulver roch,
    Er mut' dahin.
    Wie hoch er auch die Fahne schwang,
    Der Tod in seinen Arm ihn zwang.
    Er mut' dahin.

    Ihm nahe lag ein frommes Buch,
    Das stets der Junker bei sich trug,
    Am Degenknauf.
    Ein Grenadier von Bevern fand
    Den kleinen erdbeschmutzten Band
    Und hob ihn auf.

    Und brachte heim mit schnellem Fu
    Dem Vater diesen letzten Gru,
    Der klang nicht froh.
    Dann schrieb hinein die Zitterhand:
    Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.
    Wer wei wo.

    Und der gesungen dieses Lied,
    Und der es liest, im Leben zieht
    Noch frisch und froh.
    Doch einst bin ich, und bist auch du,
    Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',
    Wer wei wo.


In einer groen Stadt.

    Es treibt vorber mir im Meer der Stadt
    Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
    Ein Blick ins Auge, und vorber schon.
        Der Orgeldreher dreht sein Lied.

    Es tropft vorber mir ins Meer des Nichts
    Bald der, bald jener, einer nach dem andern.
    Ein Blick auf seinen Sarg, vorber schon.
        Der Orgeldreher dreht sein Lied.

    Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt.
    Querweg die Menschen, einer nach dem andern.
    Ein Blick auf meinen Sarg, vorber schon.
        Der Orgeldreher dreht sein Lied.


Vor Last und Lrm.

    Die frhste Sonne legt sich bers Feld,
    Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.
    Aus dem im letzten Traum verstrickten Stdtchen
    Bin ich dem Tore schon weitab entrckt.
    Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?
    Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte,
    Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln.
    Das linke Knie hat er herangezogen;
    Mit offnen Lippen schnarcht der wste Kerl.
    Vorber -- schon verliert sich das Gerusch.
    Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?
    Ein kleiner, weier Bologneserhund
    Mit blutgerteten Behangesspitzen,
    Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.
    Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.
    Ist's Tante Minnas ser Liebling nicht?
    Wenn die das wte, was Bijou ergtzt:
    Er whlt mit seinem Schnuzchen emsiglich
    Im Eingeweide eines toten Fuchses.
    Als ich ihm in die Nh' gekommen, drckt er
    Ein Vorderpftchen auf den Balg des Aases
    Und duckt den Kopf und ugt mich mrrisch an;
    Sein ganzer Krper bleibt unregbar stehn,
    Nur seine Augen folgen meinem Schritt.
    Vorber -- lautlos alles noch und ruhig.
    Auf einer Pflugschar gleit im grellsten Wei
    Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest.
    Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,
    Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.
    Unendlich schwach hr' ich die Trommeln wirbeln,
    Die Hrner: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --
    Geschla -- -- -- fen.

    Die Strae, die mein Fu lebendig geht,
    Zieht sich in schnurgerader Linie hin,
    Auf zehn Minuten hab' ich bersicht.
    Just, wo fr mich der Weg den Anfang nimmt,
    Erscheint ein Punkt, der grer wird und grer.
    Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!
    Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch
    Und winke, und ein Fhnchen zeigt sich auch
    In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.
    An meinen Stock knpf' ich das Banner an,
    Und an den Sonnenschirm das ihre sie.
    Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,
    Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.
    Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;
    Und tutet: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --
    Geschla -- -- -- fen.

    Mein Antlitz glht in freudigster Erwartung,
    Die Kehle ist mir fast wie zugeschnrt,
    Wie schlgt mein Herz, wie atmet meine Brust.

    Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,
    Wie sonderbar, verkrzt sich unsre Eile.
    Sind wir beschmt? Auf ihren Wangen flog
    Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.
    Nun lchelt sie. Das Kpfchen biegt sich etwas
    Nach rechts und rckwrts; ja, und dann, und dann --

    Indessen brechen Horn und Trommel ab --
    Stumm wie der mnchverlane Klostergang
    Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille.


Weite Aussicht.

    Steht eine Mhle am Himmelsrand,
    Scharfgezeichnet gegen musegraue Wetterwand,
    Und mahlt immerzu, immerzu.

    Hinter der Mhle am Himmelsrand,
    Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mhle, allbekannt,
    Mahlt immerzu, immerzu.


Erinnerung.

    Die groen Feuer warfen ihren Schein
    Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben.
    Wir Offiziere saen um den Holzsto
    Und tranken Glhwein, sternenberscheitelt.
    So manches Wort, das in der Sommernacht
    Im Flstern oder laut gesprochen wird,
    Verweht der Wind, begrbt das stille Feld.
    Die Musketiere sangen: Stra -- a -- burg.
    O Stra -- a -- burg ... Da fhlt' ich eine Hand,
    Die leise sich auf meine Schulter legte.
    Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer,
    Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern
    Quartier gehabt; der nun, verabredet,
    Mit seinem Tchterchen gekommen war.
    Ein Mdel, jung gleich einer Apfelblte,
    Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt.
    Der Alte mute neben uns sich setzen,
    Und whrend ihm das Glas die Freunde fllten,
    Fhrt' ich, von allem ihr Erklrung gebend,
    Das Mdchen langsam durch die Lagerreihen.
    Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund,
    Ihr lchelnd und ihr staunend groes Auge.
    Wie schn sie war, wenn sie beim Feuer stand,
    Und rote Funken knisternd uns umtanzten.
    Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel
    Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen.
    Und einmal, als Soldaten, ausstaffiert
    Als Storch und Br, uns ihre Knste zeigten,
    Da lehnte flchtig sie, beinah erschrocken,
    An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz.
    Wir traten zgernd dann den Rckweg an,
    -- Es stahl der Mond sich eben in die Bume,
    Und in der Ferne, bei den Doppelposten,
    Fiel dumpf verhallend durch den Wald ein Schu. --
    Wir gingen Hand in Hand,
    Und so, halb stehend, halb im Weitergehn,
    Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren.
    Ich fhlte, wie die jungen Lippen mir
    Entgegenkamen, und ich seh' noch heut
    Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten ...
    Als lngst der Alte mit ihr weggegangen,
    Sa ich im Kreise meiner Kameraden
    Und dachte voller Sehnsucht an das Mdchen,
    Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken.
    Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt
    Und deckte sorgsam mir den Mantel ber.
    Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,
    Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.


Kalter Augusttag.

I.

    Wir standen unter alten Riesenulmen,
    An unseres Gartens Rand. Mein Arm umschlang
    Die schlanke Hfte dir. Es lag dein Haupt,
    Das schne, blasse, still an meiner Schulter.
    Ein kalter Hauch drang uns entgegen; frstelnd
    Zogst fester du das Tuch um deinen Hals.
    In grauer Luft, unbersehbar, lag
    Der Wiesen grnes Flachland ausgebreitet.
    Wie deutlich hrten wir den Jungen schelten
    Auf seine Khe, immer hr' ich noch
    Dein frhlich Lachen, als uns die gesunden,
    Vom Winde hergetragnen Worte trafen.
    Und eine de, nordisch unbehaglich,
    Durchfror die Landschaft. Krhen stolperten,
    Laut krchzend, bern Garten. Schlfrig zog
    Am Horizont die Mhle ihre Kreise.
    Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah
    Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glcks.
    Und langsam kehrten wir zurck ins Haus.

II.

    Und wieder stand ich unter unsern Ulmen,
    Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus
    In lichten Frhlingstag: Der Junge pfiff
    Ein lustig Liedchen seinen Khen; glnzend
    Im Licht umkreisten Krhen hohe Bume,
    In blauer Luft schaut' ich am Horizont
    Die Mhle schnell im Wind die Flgel drehn.
    Und doch, ich sah nur graue Todesnebel,
    Und teilnahmlos kehrt' ich zurck ins Haus.


Auf dem Deiche.

    Es ebbt. Langsam dem Schlamm und Schlick umher
    Enttauchen alte Wracks und Besenbaken,
    Und traurig hllt ein graues Nebellaken
    Die Hallig ein, die Watten und das Meer.

    Der Himmel schweigt, die Welt ist freudenleer.
    Nachrichten, Teufel, die mich oft erschraken,
    Sind Engel gegen solchen Widerhaken,
    Den heut ins Herz mir whlt ein rauher Speer.

    Wie sonderbar! Ich wollte schon verzagen
    Und mich ergeben ohne Manneswrde,
    Da blitzt ein Bild empor aus fernen Tagen:

    Auf meiner Stute ber Heck' und Hrde
    Weit der Schwadron voran seh' ich mich jagen
    In Schlacht und Sieg, entlastet aller Brde.


Sizilianen.

Die Insel der Glcklichen.

    Das Hngelmpchen qualmt im warmen Stalle,
    In dem behaglich sich zwei Khe fhlen.
    Der Hahn, die Hennen, um den Spro die Kralle,
    Trumen vom wunderbaren Dngerwhlen.
    Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle
    Dem Brderchen ein Lied mit Zartgefhlen.
    Und Knaben, Khe, Hhner lassen alle
    Getrost den Strom der Welt vorbersplen.

+Souvenir de la Malmaison.+

    Die menschenblasse Rose legte ich
    Auf deine kalten, berkreuzten Hnde,
    Und strich dein Haar zurck und pflegte dich,
    Ob ich dein jubelnd Leben wiederfnde.
    Im Zimmer, irrgeflogen, regte sich
    Ein Schmetterling, die alte Grablegende.
    Dein Sarg schlo zu, der Kummer fegte mich
    In fernes Land aus trostlosem Gelnde.

Sommernacht.

    An ferne Berge schlug die Donnerkeulen
    Ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter,
    Die Bauern zogen heim auf mden Gulen,
    Und singend kehrte Winzervolk und Schnitter.
    Auf allen Dchern qualmten blaue Sulen
    Gengsam himmelan, ein luftig Gitter.
    Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,
    Einsam aus einer Laube klingt die Zither.

Nach der Hhnerjagd.

    Erhitzt und mde, durstig, stark verbrannt,
    Kehr' ich in meine Waldherberge ein.
    Gewehr und Mtze hng' ich an die Wand,
    Den Eimer sucht mein Hund und schlappt ihn rein.
    Die junge Witwe lehnt am Schenkenstand,
    Freundarm und stumm, im letzten Abendschein,
    Dann lchelt sie verstohlen, abgewandt,
    Der Gste Aufbruch lt uns bald allein.

Der Hohenfriedeberger.

    Die Instrumente her! da ihr euch sputet,
    Wenn einst der Tod macht in mein Buch den Klecks,
    Den groen Klecks, der alles berflutet.
    Den Schlachtentrumpfer blast, und nicht perplex!
    Den Hohenfriedeberger trommelt, tutet,
    Mit seinen Pauken sei mein Leben ex!
    Und komm' ich oben an so unvermutet,
    Aufbrll' ich: Vivat Fridericus Rex!


Einer Toten.

    Ach, da du lebtest!
                         Tausend schwarze Krhen,
    Die mich umflatterten auf allen Wegen,
    Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
    Die weien Tauben deiner Frhlichkeit.
    Da du noch lebtest!
                         Schwer und kalt bedrngt
    Die Erde deinen Sarg und hlt dich fest.
    Ich geh' nicht hin, ich finde dich nicht mehr.
    Und Wiedersehn?
                    Was soll ein Wiedersehn,
    Wenn wir zusammen Hosianna singen,
    Und ich dein Lachen nicht mehr hren kann?
    Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost:

    Der Tag ist heut so schn. Wo ist Chasseur?
    Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux,
    Und geh ins Feld, die Hhner halten noch.
    Doch bieg nicht in das Buchenwldchen ab,
    Und leg dich nicht ins Moos und trume nicht.
    Pa auf die Hhner und sei nicht zerstreut,
    Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte.
    Und alle Orgeldreher heut verwnsch' ich,
    Die luftgetragnen Ton von fernen Drfern
    Dir zusenden, ich seh' dann keine Hhner.
    Und doch, die braune Heide liegt so still,
    Dich rhrt ihr Zauber, la dich nur bestricken.

    Wir essen heute abend Erbsensuppe,
    Und der Margaux hat schon die Zimmerwrme;
    Bring also Hunger mit und gute Laune.
    Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern.
    Und willst du mehr, wir gehen an den Flgel
    Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms.
    Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn.
    Du lieber Himmel, deine Glubiger
    Sind keine Teufel, die dich braten knnen,
    Und alles wird sich machen.
                                Hier noch eins:
    Ich tat dir guten Kognak in die Flasche;
    Gr Heide mir und Wald und all die Felder,
    Die abseits liegen, und vergi die Schulden.
    Ich seh' indessen in der Kche nach,
    Da uns die Erbsensuppe nicht verbrennt.

    Da du noch lebtest!
                         Tausend schwarze Krhen,
    Die mich umflatterten auf allen Wegen,
    Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten,
    Die weien Tauben deiner Frhlichkeit.
    Ach, da du lebtest!


Gestorbene Liebe.

    In nackter Wste ruht ein Lwenpaar,
    Das gelbe Fell vom gelben Sand abhebend.
    Im Schlafe dehnen sich die trgen Glieder.
    Erwachend, leckt bedchtig eins das andre,
    Und streckt und reckt sich, ghnt, und schlft von neuem.

    Ein zweiter Leuenherr zeigt sich in Fernen.
    Er nhert sich, er stockt, als die Genossen
    Er unbekmmert vor sich liegen sieht.
    Nun peitscht sein Schweif, nach Katzenart, die Erde,
    Er reit den Rachen auf wie eine Torfahrt,
    Und Donner rollt ihm aus dem heien Schlunde.
    Er kauert sich, und knurrt, und ugt hinber.

    Schwerfllig wird das Eheprchen munter,
    Schwerfllig kommt es endlich auf die Beine.
    Der zweite Nobel holt zum Sprunge aus,
    Und springt, und springt dem Weibchen an die Seite.
    Das Weibchen dann trabt mit dem Seladon
    Gemtlich einem Felsendache zu.
    Das Mnnchen stutzt, will brllen, schweigt,
    Und legt sich wieder nieder: Lat ehr lopen.


Der Genius.

    Gewitter drckt auf Sanssouci,
    Ich stand im Park und schaute
    Zum Schlo hinan, das ein Genie
    Fr seine Seele baute.

    Und Nacht: Aus schwarzer Pracht ein Blitz,
    Vom Himmel jh gesendet,
    Und oben steht der Alte Fritz,
    Wo die Terrasse endet.

    Ein Augenblick! Grell, beinernbla,
    Den Krckstock schrg zur Erde,
    Verachtung steint und Menschenha
    Ihm Antlitz und Gebrde.

    Einsamer Knig, mir ein Gott,
    Ich sah an deinem Munde
    Den herben Zug von Stolz und Spott
    Aus deiner Sterbestunde.

    Denselben Zug, der streng und hart
    Verrt die Adelsgeister,
    Der aus der Totenmaske starrt
    Bei jedem groen Meister.


Die Spinnerin von Sankt Peter.

    Auf der Magdalenenspitze
    In den Dnen von Sankt Peter
    Sitzt in hellen Sommernchten
    Stumm die schne Frau Maleen.

    Ihr zur Seite steht das Spinnrad,
    Doch die Hnde ruhn im Schoe,
    Ihrer Augen Sehnsuchtsketten
    Ankern in der wilden See.

    Sieht sie einer aus der Ferne,
    Macht er schaudernd kehrt. Ihr Schatten
    Bringt ihm noch vor Jahreswende
    Unglck oder Tod ins Haus.

    Gestern in der Julimondluft
    Sah ich sie aus groer Weite.
    Pltzlich zog mich toller Frwitz,
    In der Nhe sie zu sehn.

    Tiefe Ruhe. Flutgewisper.
    Nur die Dneneule flattert
    Leise, wie mit Vampirflgeln,
    Wohlig durch die weiche Nacht.

    Nah und nher, immer nher,
    Zagen Schrittes, offnen Mundes,
    Mit weitaufgerinen Augen,
    Komm' ich endlich zu ihr hin.

    Und mich dnkt, die dort ich finde,
    Ist nicht mehr als eine Puppe,
    Eine Puppe aus dem Vorstadt-
    Wachsfigurenkabinett.

    Da -- entsetzlich! dreht sie langsam,
    Lautlos-ruckweis wie ein Uhrwerk,
    Ihre Stirn nach meiner Stirne:
    Grinst mich eine Leiche an?

    Ohnmchtig brach ich zusammen,
    Bis der Morgentau mich weckte.
    Kalt und keusch, unendlich einsam
    Lag das unbewegte Meer.


Mrztag.

    Wolkenschatten fliehen ber Felder,
    Blau umdunstet stehen ferne Wlder.

    Kraniche, die hoch die Luft durchpflgen,
    Kommen schreiend an in Wanderzgen.

    Lerchen steigen schon in lauten Schwrmen
    berall ein erstes Frhlingslrmen.

    Lustig flattern, Mdchen, deine Bnder,
    Kurzes Glck trumt durch die weiten Lnder.

    Kurzes Glck schwamm mit den Wolkenmassen,
    Wollt' es halten, mut' es schwimmen lassen.


Letzter Wunsch.

              Den Hengst, den Hengst!
              Gebt meinen Hengst mir!
    Schaum spritzt ihm vom Zgel, seine Flanken zittern.
    Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet.
              Gebt meinen Hengst mir,
              Den Hengst, den Hengst!

              Mir nach, mir nach!
              Degen heraus jetzt!
    Sturmmarsch hr' ich schlagen, hre euer Hurra.
    In Rauch und Blut seh' ich euch, in Rauch und Flammen.
              Degen heraus jetzt,
              Mir nach, mir nach!

              Zum Sieg, zum Sieg!
              Erde, erbebe!
    Pulverdampf und Leichen. Vorwrts ohne Wanken.
    Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Fahnen flattern.
              Erde, erbebe,
              Zum Sieg, zum Sieg!

              Komm, Tod! komm, Tod!
              Feind ist erschlagen!
    Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Auge:
    Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe!
              Feind ist erschlagen!
              Komm, Tod! komm, Tod!




Oskar Loerke.

Geboren am 13. Mrz 1884 zu Jungen im Kreise Schwetz, Westpreuen. --
Wanderschaft 1911. Gedichte 1916.


Frhlingswille.

    Bei einer stehn im Fensterrahmen,
    Im Wechselwort das Herz erschttern,
    Und leise fort -- es gibt kein Amen --
    Von unsern Mttern
    Sprechen und der Mtter Mttern
    Und den Urmttern ...

    Und atmen in die Blust der Kirschen,
    Gezhmte wilde Enten fttern,
    Und singen von den weien Hirschen
    Und von den Mttern
    Und der Mtter Mttern
    Und den Urmttern ...

    Bei gelbem Wein die Nacht verzechen,
    Nach Ewigkeit umschlungen sthnen,
    Und von den Abenteuern sprechen,
    Die unsren Shnen
    Begegnen und den Shnen
    Der Enkelshne ...


Nirwana.

    Das Tal ist wie aus klarem Golde,
    Es stehn im Tale ohne Hauch
    Die Bume schief wie Trunkenbolde
    An Seen diamantenen Lichts.

    Das Tal vergeht zu goldnem Rauch
    Und dann zu goldnem Traume
    Und dann zu goldnem Raume
    Und dann zu goldnem Nichts.


Hinterhaus.

           In kalten, steifen Engen,
           An gelben Schornsteinlngen,
           Verirrten Schieferdchern,
           Verstaubten Lukenfchern,
           An braunen glatten Rhren,
           An roten Drahtes hren,
           Verblichnen blauen Flecken
           Und blechbehuften Ecken
    Liegt Sonne, wie nach Winkelma gemessen
    Und wie von einem Handwerksmann vergessen.

           Hier hinter Luken wimmeln,
           In Kellerlchern schimmeln
           Und tanzen unter Sparren
           Wir galgenfrohen Narren,
           Die sich in Kammern bcken,
           Doch ihre Wnde schmcken
           Mit goldnen Sterntapeten,
           Weil wir vom Himmel wehten,
    Wir Fetzen Licht, nach Winkelma gemessen
    Und wie von einem Handwerksmann vergessen.


Die graue Melodie.

    Ja? Gab es Tage, wo ich selbst Komet
    Und wenn soviel nicht, eines Sterns Trabant
    Mich glaubte? Aber nichts ist doch so stet
    Wie diese harte Melodie: Sand, Sand,
                    Sand, Sand.

    Und so wird Morgen, und so wird es spt,
    Ich zog mich an, ich zieh mich wieder aus,
    Und wie mein Mund das Licht vom Dochte weht,
    Verweht ein Mund den Tag, ein Kartenhaus,
                    Ein Kartenhaus.

    Der Tag war bunt, hat Bild mit Bild getauscht,
    Doch prfe ich, wie war er wirr gestckt!
    Wie oft hat mich das Leben denn berauscht,
    Und geht doch hin!! -- und viele hat's beglckt,
                    Beglckt.


Inbrunst.

    Die Sterne sind zu gro und muten wohl deshalb
    So weit hinaus, und sie erhellen nichts bei uns.
    Der Wind stieg tastend aus der Nacht des Weltenbrunns.
    Er sitzt den Heimathgeln auf der Brust als Alp.

    Die Wolken fahren auf wie Schiffe vor der Schlacht.
    Ist mir die Sehnsucht ferner Welten zugeirrt?
    Du, Erde, bist mein Saal, doch meine Seele wird
    Auf einem andern Sterne schlafen diese Nacht.




Ernst Wilhelm Lotz.

Geboren 1890 zu Culm an der Weichsel, fiel am 26. September 1914 in
Frankreich. -- Wolkenberflaggt 1917.


Glanzgesang.

    Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen,
    Ich war ein Fhnrich und ein junger Offizier.
    Doch jene Tage, die vertrumt manchmal in meine Nchte ragen,
    Gehren nicht mehr mir.

    Im groen Trott bin ich auf harten Straen mitgeschritten,
    Vom Staub der Mrsche und vom grnen Wind besonnt.
    Ich bin durch staunende Drfer, durch Strme und alte Stdte geritten,
    Und das Leben war wehend blond.

    Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale
    Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht,
    Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale,
    Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.

    So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen,
    In groe Kontore, die staubig rochen herein,
    Da mute ich meinen Rcken zur Sichel biegen
    Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bcher reihn.

    Und irgendwo hingen die grnen Ksten der Fernen,
    Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht,
    Wei rasteten Karawanen an Wsten-Zisternen,
    Die Hupter glubig nach Osten gedreht.

    Auf Ozeanen zogen die groen Fronten
    Der Schiffe, von fliegenden Fischen khl berschwirrt
    Und breiter Prrien glitzernde Horizonte
    Umkreisten Gespanne, fr lange Fahrten geschirrt.

    Von Kameruns unergrndlichen Wldern umsungen,
    Vom mrderischen Brodem des Bodens umloht,
    Gehorchten zitternde Wilde, von Geieln der Weien umschwungen,
    Und schwarz von Kannibalen der glhenden Wlder umdroht!

    Amerikas groe Stdte brausten im Grauen,
    Die Riesenkrne griffen mit heiserm Geschrei
    In die Buche der Schiffe, die Frachten zu stauen,
    Und Eisenbahnen donnerten landwrts vom Kai. -- --

    So hab' ich nachbarlich alle Zonen gesehen,
    Rings von den Pulten grnten die Inseln der Welt,
    Ich fhlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen,
    Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. -- -- --

    Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden!
    Und strmte mit wtendem Lachen zur Tre hinaus.
    Und sa durch Tage und Nchte mit satten und platten
    Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.

    Und einmal sank ich rckwrts in die Kissen,
    Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. --
    Da sah ich: da in vagen Finsternissen
    Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.


Der Schwebende.

    Meine Jugend hngt um mich wie Schlaf.
    Dickicht, Lichter -- berieselt. Garten. Ein blitzender See.
    Und drber geweht die Wolken, die zgernden, leichten.

    Irrlichternd spiele ich durch greise Straen,
    Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster
    Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf.

    Da heb' ich meine lchelnd schmalen Hnde
    Und breite einen Schleier von Musik
    Sehr s und mde machend um mich aus.

    Und meine Fe treten in den Garten,
    Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglhend,
    Sthnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai.

    Da schttle ich mein weiches Haar im Winde,
    Und rote Dfte reifer Sommertrume
    Umwiegen meinen silberleichten Gang.

    Bla friert ein Fenster, angelehnt im Winde,
    Draus heiser greller Schrei und Weinen singen
    Um einen Toten auf der dunklen Fahrt.

    Ich schliee meine Augen, schwere Wimpern,
    Und sehe Lndereien grn vor Sden,
    Und Fernen zrtlich weit fr Trumereien.

    Ein glnzend helles Kaffeehaus, voll Stimmen
    Und voll Gebrden, lichtet sich, zerteilt.
    An blanken Tischen sitzen meine Freunde.

    Sie sprechen helle Worte in das Licht.
    Und jeder spricht fr sich und sagt es deutlich,
    Und alle singen schwer im tiefen Chor:

    Drei Worte, die ich nie begreifen werde,
    Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen,
    Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.


    [Illustration: Alfred Mombert]


Hart stoen sich die Wnde in den Straen.

    Hart stoen sich die Wnde in den Straen,
    Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
    Und Kaffeehuser schweben im Geleucht
    Der Scheiben, hoch gefllt mit wiehernden Grimassen.

    Wir sind nach Sden krank, nach Fernen, Wind,
    Nach Wldern, fremd von ungekhlten Lsten,
    Und Wstengrteln, die voll Sommer sind,
    Nach weien Meeren, brodelnd an besonnte Ksten.

    Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
    Es mten Pantherinnen sein, gefhrlich zart,
    In einem wild gekochten Fieberland geboren.
    Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

    Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
    Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
    Wir leuchten leise. -- Doch wir knnten brennen.
    Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.




Alfred Mombert.

Geboren am 6. Februar 1872 zu Karlsruhe. -- Tag und Nacht 1894. Der
Glhende 1896. Die Schpfung 1897. Der Denker 1901. Die Blte des Chaos
1905. Der Sonne-Geist 1905. Aeon 1907, 1910, 1911. Der himmlische Becher
1909. Der Held der Erde 1919.


Das junge Liebchen ...

    Das junge Liebchen sa bei mir am Tisch.
    Ich a und trank und weinte bitterlich.

    Es hatt' ein zartes Linnen aufgelegt.
    Das war aus seinem Hemdelein genht.

    Es bot mir dar ein silbern Becherlein,
    Da war sein eigen Blut darin.

    Es reichte mir vom frischen Brot den Laib.
    Das war sein eigner liebewarmer Leib.

    Dann lchelt' es geheim und sonderbar,
    Steckte eine Rose sich ins Haar. --


Ich liege ...

    Ich liege mit einer Frau im offnen Fenster.
    Die beiden Arme ruhen beieinander.
    Wir schaun hinab in ein Blumengrtchen.
    Blicken beide stumm auf eine rote Nelke.
    Wir wissen, da wir jetzt und so uns lieben.
    Auch: da wir niemals mehr uns lieben werden
    Nach diesem Augenblick.


Ja in der Jugend ...

    Ja in der Jugend war ich der starke Junge,
    Schleppte die strksten Helden an meinem Tau;
    Aber da wsserte mir die Zunge,
    Und da hing ich am Arm einer Ehefrau.

    Ich hab' eine schne Tochter, einen stolzen Sohn.
    Die lehnen rechts und links an meinem steilen Thron.
    Ich bin in der Hhe der Kaiser.
    Aber mein Haar wird stndlich weier.
    Sie lcheln, sie flstern in der Tiefe in geheimem Ton.


Nun beugt die Nacht ...

    Nun beugt die Nacht sich singend ber mich.
    Ich ward erwhlter Liebling der Natur.
    In einer Barke liegend
    Einen blauen Strom hinab durch grne Landschaft,
    Die Sonneseele ber mir, Fahnen
    Am Ufer, tnt Musik, und Festtagmenschen --
    O Seele! volles, volles Leben!
    Einem schumenden Silberwassersturze treib' ich zu.
    Stolze Klippen! jubelnd grt euch
    Das reichste Herz! seid wrdig,
    Schmettert khn hinab!


Wann ich von dir gehe ...

    Wann ich von dir gehe,
    Noch schallt die Marmortreppe unter mir,
    Verwandelt sich mein Antlitz, meine Haltung --
    Werd' ich zum Wurm? -- werd' ich zum Engel?

    Aus dunklen Wldern kam ich her zu dir
    In die strahlende Marmorstadt.
    Ksse mich
    In goldenen Strhnen!
    Doch in mir sind die dunklen Eibenwlder.


Auf steilem Felsrcken ...

    Auf steilem Felsrcken hingestreckt mchtig ein Weib,
    Ein einzig fhlend Auge der weie weiche Leib.
    Zugepret krampfhaft das winzige graue Augenpaar:
    Sieghaft droben die Sonne. Die Sonne sieghaft, ruhend klar.
    Sie zuckt! bumt! windet sich! empor! schimmernd in Qual!
    Goldene Strme: es schumt ihr wild Haar zu Tal.
    Und eins -- immer eins das weie Ringen spricht:
    Schmerzvoll ist das Licht!


Ich mcht' es kosten ...

    Ich mcht' es kosten, in seliger Neugier,
    Das was man Tod nennt.
    Manche lange Nacht
    Hab' ich gekostet, was so fremd mir war,
    So bermchtig, wie kein Tod es sein kann.
    Ich stand oft an jener feinsten Linie
    Und war wohl schon mit halber Seele drben.
    Ich hab' das nicht gewollt; es war ein Leiden.
    Nur eine Stimmung krftigte ich mir.
    Ein Kinderlcheln meinen Seelewundern.
    Am Ende flieen nun die Freudetrnen.
    Wo bist du, Sehnsucht? -- Alles ist Erfllung.


Schwindsucht.

    Aus einer Wallfahrtskirche treten sie,
    Drin wunderttig eine Heilige wirkt.
    Ein junger Mann und eine blasse Frau.
    Sie fhren sich an der Hand wie Kinder,
    Die scheu verstohlen Zuckerwerk genascht.
    Ein mdes Lcheln hit sich auf Halbmast.
    Nun bin ich bald gesund, du ser Mann ...
    Nun bist du bald gesund, mein ses Weib ...


Trinkend ...

    Trinkend hatt' ich erharrt
    Deine Gegenwart.
    Und nun du eingetreten,
    Ist alles schn und stille,
    Du und deine feierlichen Reden,
    Lchelnd ruht mein Wille.

    Du und dein Samt- und Sternekleid.
    Ich und meine schaffende Vergangenheit.

    Und ich bemerke wein- und glutselig:
    Die Krone, die um deine Schlfen blitzt und dmmert,
    Hab' ich vor tausend Jahren zurechtgehmmert.


Im Mondlicht ...

    Im Mondlicht und im Sonnelicht
    Schrieb ich mein Gedicht,
    Seltener im Sternelicht.
    Die kleineren Lichter
    berlie ich dem guten deutschen Dichter.


Da splst du bunte Muscheln ...

    Da splst du bunte Muscheln an den Strand
    Zum Spiel fr die alte Schpferhand.
    Und so ruhend Hand in Hand mit dir
    Fhl' ich das Unvergngliche in mir.
    In blauer Luft der Adler schreit.
    O feuchter Wind! o khle Zeit!
    Ein spielend Kind,
    Ein Kind mit uferloser Vergangenheit.
    O Lcheln, das aus meinem Menschenherzen fliet
    Und sich in trnendem Gesang vergiet.
    Du Glut und Pracht!
    Du meine Schpfermacht!
    Du Meer! Du Sonne! -- Adlerschrei! --
    Und immer die groe Melodie dabei.


Zwischen zwei dunklen Wogen ...

    Zwischen zwei dunklen Wogen liegend,
    Ihren Untertanentrotz mir niederbiegend,
    Ruf' ich meine Machtstunde auf.
    Alsobald schwebt der Nachtplanet herauf,
    Er lagert hoch ber der glnzenden Ozeanflche
    Am Stamm der himmeldunklen Esche.
    Drhnende Stunde der feierlichen Achtung,
    Der schweigenden Betrachtung.
    Einst war hier nichts als mein Beruf.
    Heut lieg' ich krperlich in groen Trumen
    Zwischen weien Wogenschumen,
    Und rede mit dem Licht, das ich erschuf.


Ich tat groe Dinge ...

    Ich tat groe Dinge,
    Und gab dem Saturn wundervolle Ringe.
    Aber da sah ich dann alles von selber geschehen,
    Nichts mehr warten und stehen,
    Mein Geist geriet in Zwang,
    Hinein in frchterlichen Zusammenhang,
    Da ich wahnsinnig in einer Kette rang.
    Seit der Zeit schaff' ich nichts Neues mehr.
    Sonne und Mond sind mein einziger Verkehr.
    Vielleicht noch das Feuer, vielleicht noch das Meer.
    Weite Stillen
    berwlben meinen Willen.
    Unsichtbare Geigen
    Bereden mich, zu schweigen.


Ich lag auf dem Meer ...

    Ich lag auf dem Meer, ber mir wlzte sich das Licht.
    Ich sah: von einer glnzenden Klippe
    Banden weier Vgel aufschwirren.
    Ich schleuderte ein Seil, sie einzufangen.
    Weie Tiere, Traum, Phantasie und Meer.
    Weie Tiere: ewige Glanz-Wiederkehr.


Der Mond betrat ...

    Der Mond betrat der Urnacht Land
    Hinter meiner tastenden Fhrerhand.
    In einem Tal, im neu beleuchteten Reiche
    Fanden wir liegen eine groe Leiche,
    Die uns fremd war, einsam, ohne Namen.
    Saen; aufgesttzt ins dunkle Antlitz starrend;
    Traumhaft; einen Gedanken erharrend.
    Und wir haben
    Flsternd uns beraten;
    Den Toten im Felsgebirg begraben.
    Doch wohin wir forschend spter kamen,
    Fanden wir die Spuren seiner Taten.


Mich jammerte ...

    Mich jammerte dein graues Dmmerweh,
    Ich legte dich sanft hin auf weien Schnee.
    Ordnete dein rotes Flammenhaar,
    Das einst so schmerzhaft, hier so selig war.
    Und kniend im Schnee und ber dich geschoben
    Hab' ich aus deiner grnen Augentiefe
    Einen schnen Stern gehoben.

                  *  *  *

    Sterne schwimmen auf den milden Fluten,
    Die alles tragen.
    Was willst du noch sagen,
    Du Glnzende, in deinen Abendgluten!


Bevor ich ...

    Bevor ich diesen Inselstrand verlie,
    Entdeckte ich letztmals streifend eine Hhle,
    Da drinnen ward mir eine neue Seele,
    Die mir ein hchstes Glck verhie.

    Und so sa ich lange,
    Ein tiefes Lcheln auf meiner Wange.
    Vom Licht umzittert in der Dmmerkhle.
    Glhend in einem neuen
    Heimat-Urgefhle.

                  *  *  *

    Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stie.
    Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies.
    Es war zur Nacht, da ich den Strand verlie.
    Mein Boot lag in der Mondquelle.
    Ich stand in vollendeter Helle.
    Ich stand schlafhnlich starr auf silbernem Kies.


Ich hrte den Wind ...

    Ich hrte den Wind durch die Eichenkronen streichen.
    Mein Herz war khl wie die Teiche meiner Heimat.
    Die weien Wolken ber den grnen Hgeln!
    Dann kam die Schwalbe, die Schwalbe bers Meer.

                  *  *  *

    Ein Haus ... Nur der Grille Stimme klang
    In die stillen Bereiche.
    Manchmal, eines Mdchens khler Sang,
    Der wellengleiche.
    Und ein Kind, ein Knabe lag tagelang
    Am zitternden Teiche.


Am Saume ...

    Am Saume eines fruchtbewachsenen Berges,
    Felsig in die Klarheit tauchte der Gipfel,
    Stand ich im Zwiegesprch mit einem Weibe.
    Die starken Schultern glnzten in der Dmmerung,
    Es ruhte hoheitvoll der nackte Leib.
    Wir blickten redend, sinnend in die Landschaft
    ber reiche Wiesen, violette Strme,
    Bume dunkelten am Himmel,
    Leise brausend sprach fernher ein Meer.
    Manchmal schritten Gestalten:
    Erzengel, in groem Abend
    An uns vorber: grten:
    Und wnschten uns und unsern Kindern Heil.


An Ufern des Rheins ...

    An Ufern des Rheins auf weien Rossen
    Sprengen wir, Freunde!
    Sie schleudern die Mhnen,
    Sie wiehern auf zum Morgenstern!

    Wir sind schn gekrnzt mit Erde-Freuden
    Und trunken wunderbar des Sieger-Weins --
    Es sind Wogen-Rosse! die weien Rosse!
    Da sprengen sie uns in die Fluten des Rheins!

    Wir sind jung, im Feuer zeugerisch,
    Welten nahe -- Erde fern --
    Es sind ther-Rosse! die weien Rosse!
    Da sprengen sie uns auf zum Morgenstern!




Christian Morgenstern.

Geboren am 6. Mai 1871 zu Mnchen, lebte als Schriftsteller in Berlin;
starb am 31. Mrz 1914 in Meran. -- In Phantas Schlo 1895. +Horatius
travestitus+ 1896. Auf vielen Wegen 1897. Ich und die Welt 1898. Ein
Sommer 1899. Und aber rndet sich ein Kranz 1902. Galgenlieder 1905.
Melancholie 1904. Palmstrm 1910. Einkehr 1910. Palma Kunkel 1916. Der
Gingganz 1919.


Erster Schnee.

    Aus silbergrauen Grnden tritt
    Ein schlankes Reh
    Im winterlichen Wald
    Und prft vorsichtig, Schritt fr Schritt,
    Den reinen, khlen, frischgefallenen Schnee.

    Und deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.


Vglein Schwermut.

    Ein schwarzes Vglein fliegt ber die Welt,
    Das singt so todestraurig ...
    Wer es hrt, der hrt nichts anderes mehr,
    Wer es hrt, der tut sich ein Leides an,
    Der mag keine Sonne mehr schauen.
    Allmitternacht, Allmitternacht
    Ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
    Der streichelt's leis und spricht ihm zu:
    Flieg, mein Vgelein! Flieg, mein Vgelein!
    Und wieder fliegt's fltend ber die Welt.


Welch ein Schweigen ...

    Welch ein Schweigen, welch ein Frieden
    In dem stillen Alpentale.
    Laute Welt ruht abgeschieden.
    Silbern schwankt des Mondes Schale.

    Von den Wiesen strmt ein Dften.
    Aus den Wldern lugt das Dunkel.
    Brausend aus geheimen Klften
    Bricht der Bche fahl Gefunkel.

    berm Saum der letzten Bume
    Weie Wnde stehn und steigen
    In die blauen Sternenrume.
    Welch ein Frieden, welch ein Schweigen!


Das sind die Reden ...

    Das sind die Reden, die mir lieb vor allen:
    Die Wsserlein, vom hohen Felsen rinnend,
    Mein ganzes Herz mit ihrer Lust gewinnend,
    Ohn' End' zum tiefen Grund hinabzufallen.

    Du Wiegenlied vor allen Wiegenliedern,
    Zur Ewigkeit hinweg vom Eintag wiegend,
    Das laute Selbst zu jener Ruh' besiegend,
    Die keine leeren Klagen mehr erniedern!


Das Spinnennetz.

    O sieh das Spinnennetz im Morgensonnenschein,
    Wie es vom Tau noch voll kristallner Tropfen hngt!
    Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht,
    Die in den silbergrauen Maschen hier und dort
    So flchtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt.
    Sieh, so ist alles Glck. So hngt es flchtig sich
    In unsrer Tage schwankendes Gespinst,
    Und es erschauert unter seiner kstlichen Last
    Des Majaschleiers weltdurchwallendes Geweb.


Verbannung zur Hhe.

    Noch niemals fiel es irgend einem Volke ein,
    Zu schenken einem Dichter einen hohen Berg,
    Mit dem Beding, von ihm herabzusteigen nur,
    Um ihm zu bringen diesem Ebenbrtiges.
    Ja, bannen mt' es selbst das allzu schweifende
    Geschlecht der Dichter an so hohen Aufenthalt,
    Wo nur das Hchste recht hat und der Dinge Ma,
    Gereckt ins Ungemeine, seinen Blick entwhnt
    Des bunt zuflligen Wirbels, drein sein Tag ihn warf.


Deine Rosen.

    Deine Rosen an der Brust,
    Sitz' ich unter fremden Menschen,
    La sie reden, la sie lrmen,
    Jung Geheimnis tief im Herzen.

    Wenn ich einstimm' in ihr Lachen,
    Ist's das Lachen meiner Liebe;
    Wenn ich ernst dem Nachbar lausche,
    Lausch' ich selig still nach innen.

    Einen ganzen langen Abend
    Mu ich fern dir, Liebster, weilen,
    Kssend heimlich, ohne Ende,
    Deine Rosen an der Brust.


Der Bach.

    Wie der wilde Gletscherbach
    Selber sich entgegenbraust,
    Auf sein wogendes Gejach'
    Wei zurckgekraust!

    So der Einzelne der Zeit
    Zornerfllt entgegenschwillt.
    Doch die rollt zur Ewigkeit.
    Und alles ist ein Bild.


Christus klagt:

    Wachet und betet mit mir!
    Meine Seele ist traurig
    Bis in den Tod.
    Wachet und betet!
    _Mit_ mir!
    Eure Augen
    Sind voll Schlafes --
    Knnt ihr nicht wachen?
    Ich gehe,
    Euch mein Letztes zu geben --
    Und ihr schlaft ...
    Einsam stehe ich
    Unter Schlafenden,
    Einsam vollbring' ich
    Das Werk meiner schwersten Stunde.
    Wachet und betet mit mir!
    _Knnt_ ihr nicht wachen?
    Ihr alle seid in mir,
    Aber in wem bin ich?
    Was wit ihr
    Von meiner Liebe,
    Was wit ihr
    Vom Schmerz meiner Seele!
    O einsam!
    Einsam!
    Ich sterbe fr euch --
    Und ihr schlaft!
    Ihr _schlaft_!


Begegnung.

    Wir saen an zwei Tischen -- wo? -- im All ...
    Was Schenke, Stadt, Land, Stern -- was tut's dazu.
    Wir saen irgendwo im Reich des Lebens ...
    Wir saen an zwei Tischen, hier und dort.

    Und meine Seele brannte: Fremdes Mdchen,
    Wenn ich in deine Augen dichten drfte --
    Wenn dieser knigliche Mund mich lohnte --
    Und diese knigliche Hand mich krnte --!

    Und deine Seele brannte: Fremder Jngling,
    Wer bist du, da du mich so tief erregest --
    Da ich die Kniee dir umfassen mchte --
    Und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster!

    Und unsre Seelen schlugen fast zusammen.
    Doch jeder blieb an seinem starren Tisch --
    Und stand zuletzt mit denen um ihn auf --
    Und ging hinaus --. Und sahn uns nimmer mehr.




Friedrich Nietzsche.

Geboren am 15. Oktober 1844 zu Rcken bei Ltzen, verlebte seine
Schulzeit in Naumburg und Schulpforta, studierte, besonders unter
Ritschl, in Bonn und Leipzig, wurde 1869 durch Ritschls Vermittlung
Professor an der Universitt Basel, trat zu Jakob Burckhardt und Richard
Wagner in nahe Beziehungen und zu dem letzteren spter in offenen
Gegensatz. 1879 wurde er so krank, da er seine Professur niederlegen
mute, er lebte lngere Zeit im Engadin, fiel in Wahnsinn und starb,
ohne seine Geisteskraft wiedererlangt zu haben, am 25. August 1900 zu
Weimar. -- Gedichte und Sprche 1898.


An den Mistral.

Ein Tanzlied.

    Mistralwind, du Wolkenjger,
    Trbsalmrder, Himmelsfeger,
    Brausender, wie lieb' ich dich!
    Sind wir zwei nicht _eines_ Schoes
    Erstlingsgabe, _eines_ Loses
    Vorbestimmte ewiglich?

    Hier auf glatten Felsenwegen
    Lauf' ich tanzend dir entgegen,
    Tanzend, wie du pfeifst und singst:
    Der du ohne Schiff und Ruder
    Als der Freiheit freister Bruder
    ber wilde Meere springst.

    Kaum erwacht, hrt' ich dein Rufen,
    Strmte zu den Felsenstufen,
    Hin zur gelben Wand am Meer.
    Hei! da kamst du schon gleich hellen
    Diamantnen Stromesschnellen
    Sieghaft von den Bergen her.

    Auf den ebnen Himmelstennen
    Sah ich deine Rosse rennen,
    Sah den Wagen, der dich trgt,
    Sah die Hand dir selber zcken,
    Wenn sie auf der Rosse Rcken
    Blitzesgleich die Geiel schlgt, --

    Sah dich aus dem Wagen springen,
    Schneller dich hinabzuschwingen,
    Sah dich wie zum Pfeil verkrzt
    Senkrecht in die Tiefe stoen, --
    Wie ein Goldstrahl durch die Rosen
    Erster Morgenrten strzt.

    Tanze nun auf tausend Rcken,
    Wellenrcken, Wellentcken --
    Heil, wer _neue_ Tnze schafft!
    Tanzen wir in tausend Weisen,
    Frei -- sei _unsre_ Kunst geheien,
    Frhlich -- _unsre_ Wissenschaft!

    Raffen wir von jeder Blume
    Eine Blte uns zum Ruhme
    Und zwei Bltter noch zum Kranz!
    Tanzen wir gleich Troubadouren
    Zwischen Heiligen und Huren,
    Zwischen Gott und Welt den Tanz!

    Wer nicht tanzen kann mit Winden,
    Wer sich wickeln mu mit Binden,
    Angebunden, Krppelgreis,
    Wer da gleicht den Heuchelhnsen,
    Ehrentlpeln, Tugendgnsen,
    Fort aus unsrem Paradeis!

    Wirbeln wir den Staub der Straen
    Allen Kranken in die Nasen,
    Scheuchen wir die Krankenbrut!
    Lsen wir die ganze Kste
    Von dem Odem drrer Brste,
    Von den Augen ohne Mut!

    Jagen wir die Himmelstrber,
    Weltenschwrzer, Wolkenschieber,
    Hellen wir das Himmelreich!
    Brausen wir ... oh aller freien
    Geister Geist, mit dir zu zweien
    _Braust_ mein Glck dem Sturme gleich. --

    Und da ewig das Gedchtnis
    Solchen Glcks, nimm sein Vermchtnis,
    Nimm den _Kranz_ hier mit hinauf!
    Wirf ihn hher, ferner, weiter,
    Strm' empor die Himmelsleiter,
    Hng' ihn -- an den Sternen auf!


Vereinsamt.

    Die Krhen schrein
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schnein, --
    Wohl dem, der jetzt noch -- Heimat hat!

    Nun stehst du starr,
    Schaust rckwrts, ach! wie lange schon!
    Was bist du Narr
    Vor Winters in die Welt entflohn?

    Die Welt -- ein Tor
    Zu tausend Wsten stumm und kalt!
    Wer _das_ verlor,
    Was du verlorst, macht nirgends Halt.

    Nun stehst du bleich,
    Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
    Dem Rauche gleich,
    Der stets nach kltern Himmeln sucht.

    Flieg, Vogel, schnarr
    Dein Lied im Wstenvogel-Ton! --
    Versteck, du Narr,
    Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

    Die Krhen schrein
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schnein, --
    Weh dem, der keine Heimat hat!


Zarathustras Lied.

    O Mensch! Gib acht!
    Was spricht die tiefe Mitternacht?
    Ich schlief, ich schlief --,
    Aus tiefem Traum bin ich erwacht: --
    Die Welt ist tief,
    Und tiefer als der Tag gedacht.
    Tief ist ihr Weh --,
    Lust -- tiefer noch als Herzeleid!
    Weh spricht: Vergeh!
    Doch alle Lust will Ewigkeit! --
    Will tiefe, tiefe Ewigkeit!


Venedig.

    An der Brcke stand
    Jngst ich in brauner Nacht.
    Fernher kam Gesang:
    Goldener Tropfen quoll's
    ber die zitternde Flche weg.
    Gondeln, Lichter, Musik --
    Trunken schwamm's in die Dmm'rung hinaus ...

    Meine Seele, ein Saitenspiel,
    Sang sich, unsichtbar berhrt,
    Heimlich ein Gondellied dazu,
    Zitternd vor bunter Seligkeit.
    -- Hrte jemand ihr zu? ...


Sils-Maria.

    Hier sa ich, wartend, wartend, -- doch auf nichts,
    Jenseits von Gut und Bse, bald des Lichts

    Genieend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
    Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

    Da, pltzlich, Freundin! wurde eins zu zwei --
    -- Und Zarathustra ging an mir vorbei ...


Die Sonne sinkt ...

I.

    Nicht lange durstest du noch,
      Verbranntes Herz!
    Verheiung ist in der Luft,
    Aus unbekannten Mndern blst mich's an,
      -- Die groe Khle kommt ...

    Meine Sonne stand hei ber mir im Mittage:
    Seid mir gegrt, da ihr kommt,
      Ihr pltzlichen Winde,
    Ihr khlen Geister des Nachmittags!
    Die Luft geht fremd und rein,
    Schielt nicht mit schiefem
      Verfhrerblick
    Die Nacht mich an? ...
    Bleib stark, mein tapfres Herz!
    Frag nicht: warum? --

II.

    Tag meines Lebens!
    Die Sonne sinkt.
    Schon steht die glatte
      Flut umgldet.
    Warm atmet der Fels:
      Schlief wohl zu Mittag
    Das Glck auf ihm seinen Mittagsschlaf?
      In grnen Lichtern
    Spielt Glck noch der braune Abgrund herauf.

    Tag meines Lebens!
    Gen Abend geht's!
    Schon glht dein Auge
      Halb gebrochen,
    Schon quillt deines Taus
      Trnengetrufel,
    Schon luft still ber weie Meere
    Deiner Liebe Purpur,
    Deine letzte zgernde Seligkeit ...

III.

    Heiterkeit, gldene, komm!
      Du des Todes
    Heimlichster, sester Vorgenu!
    -- Lief ich zu rasch meines Wegs?
    Jetzt erst, wo der Fu mde ward,
      Holt dein Blick mich noch ein,
      Holt dein _Glck_ mich noch ein.

    Rings nur Welle und Spiel.
      Was je schwer war,
    Sank in blaue Vergessenheit, --
    Mig steht nun mein Kahn.
    Sturm und Fahrt -- wie verlernt' er das!
      Wunsch und Hoffen ertrank,
      Glatt liegt Seele und Meer.

    _Siebente_ Einsamkeit!
      Nie empfand ich
    Nher mir se Sicherheit,
    Wrmer der Sonne Blick.
    -- Glht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
      Silbern, leicht, ein Fisch,
      Schwimmt nun mein Nachen hinaus ...




Rainer Maria Rilke.

Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. -- Erste Gedichte 1895. Frhe
Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue
Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.


Ernste Stunde.

    Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
    Ohne Grund weint in der Welt,
    Weint ber mich.

    Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
    Ohne Grund lacht in der Nacht,
    Lacht mich aus.

    Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
    Ohne Grund geht in der Welt,
    Geht zu mir.

    Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
    Ohne Grund stirbt in der Welt,
    Sieht mich an.


Die Blinde.

    Der Fremde:
      Du bist nicht bang, davon zu sprechen?

    Die Blinde:
      Nein.
      Es ist so ferne. Das war eine andre.
      Die damals sah, die laut und schauend lebte,
      Die starb.

    Der Fremde:
      Und hatte einen schweren Tod?

    Die Blinde:
      Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
      Stark mu man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.

    Der Fremde:
      Sie war dir fremd?

    Die Blinde:
      -- Oder: sie ist's geworden.
      Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. --
      Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.
      Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,
      Die in den Dingen blht und reift,
      War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
      Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
      Wie aufgewhlte Erde offen da und trank
      Den kalten Regen meiner Trnen,
      Der aus den toten Augen unaufhrlich
      Und leise strmte, wie aus leeren Himmeln,
      Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.
      Und mein Gehr war gro und allem offen.
      Ich hrte Dinge, die nicht hrbar sind:
      Die Zeit, die ber meine Haare flo,
      Die Stille, die in zarten Glsern klang,
      Und fhlte: nah bei meinen Hnden ging
      Der Atem einer groen weien Rose.
      Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht
      Und glaubte einen hellen Streif zu sehn,
      Der wachsen wrde wie ein Tag;
      Und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
      Der lngst in meinen Hnden lag.
      Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer
      Hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
      Der Mutter rief ich: Du, komm her!
      Mach Licht!
      Und horchte. Lange, lange blieb es still,
      Und meine Kissen fhlte ich versteinen, --
      Dann war's, als sh ich etwas scheinen:
      Das war der Mutter wehes Weinen,
      An das ich nicht mehr denken will.
      Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:
      Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum
      Mir vom Gesicht und von der Brust.
      Du mut ihn heben, hochheben,
      Mut ihn wieder den Sternen geben;
      Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.
      Aber sprech ich zu dir, Mutter?
      Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?
      Wer ist denn hinter dem Vorhang? -- Winter?
      Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
      Oder: Tag? ... Tag!
      Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
      Fehl ich denn nirgends?
      Fragt denn niemand nach mir?
      Sind wir denn ganz vergessen?
      _Wir?_ ... Aber du bist ja dort;
      Du hast ja noch alles, nicht?
      Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemht,
      Ihm wohlzutun.
      Wenn deine Augen ruhn
      Und wenn sie noch so md waren,
      Sie knnen wieder steigen.
      ... Meine schweigen.
      Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
      Meine Spiegel werden zufrieren.
      In meinen Bchern werden die Zeilen verwachsen.
      Meine Vgel werden in den Gassen
      Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
      Nichts ist mehr mit mir verbunden.
      Ich bin von allem verlassen. --
      Ich bin eine Insel.

    Der Fremde:
      Und ich bin ber das Meer gekommen.

    Die Blinde:
      Wie? Auf die Insel? ... Hergekommen?

    Der Fremde:
      Ich bin noch im Kahne.
      Ich habe ihn leise angelegt --
      An dich. Er ist bewegt:
      Seine Fahne weht landein.

    Die Blinde:
      Ich bin eine Insel und allein.
      Ich bin reich.
      Zuerst, als die alten Wege noch waren
      In meinen Nerven, ausgefahren
      Von vielem Gebrauch:
      Da litt ich auch.
      Alles ging mir aus dem Herzen fort,
      Ich wute erst nicht wohin;
      Aber dann fand ich sie alle dort,
      Alle Gefhle, das, was ich bin,
      Stand versammelt und drngte und schrie
      An den vermauerten Augen, die sich nicht rhrten.
      Alle meine verfhrten Gefhle ...
      Ich wei nicht, ob sie Jahre so standen,
      Aber ich wei von den Wochen,
      Da sie alle zurckkamen gebrochen
      Und niemanden erkannten.

      Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
      Ich wei ihn nicht mehr.
      Jetzt geht alles in mir umher,
      Sicher und sorglos; wie Genesende
      Gehn die Gefhle, genieend das Gehn,
      Durch meines Leibes dunkles Haus.
      Einige sind Lesende
      ber Erinnerungen;
      Aber die jungen
      Sehn alle hinaus.
      Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
      Ist mein Gewand von Glas.
      Meine Stirne sieht, meine Hand las
      Gedichte in anderen Hnden.
      Mein Fu spricht mit den Steinen, die er betritt,
      Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit
      Aus den tglichen Wnden.
      Ich mu nichts mehr entbehren jetzt,
      Alle Farben sind bersetzt
      In Gerusch und Geruch.
      Und sie klingen unendlich schn
      Als Tne.
      Was soll mir ein Buch?

      In den Bumen blttert der Wind;
      Und ich wei, was dorten fr Worte sind,
      Und wiederhole sie manchmal leis.
      Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,
      Findet meine Augen nicht ...

    Der Fremde (leise):
      Ich wei.


Herbst.

    Die Bltter fallen, fallen wie von weit,
    Als welkten in den Himmeln ferne Grten;
    Sie fallen mit verneinender Gebrde.

    Und in den Nchten fllt die schwere Erde
    Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

    Wir alle fallen. Diese Hand da fllt.
    Und sieh dir andre an: es ist in allen.

    Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
    Unendlich sanft in seinen Hnden hlt.


Der Schauende.

    Ich sehe den Bumen die Strme an,
    Die aus laugewordenen Tagen
    An meine ngstlichen Fenster schlagen,
    Und hre die Fernen Dinge sagen,
    Die ich nicht ohne Freund ertragen,
    Nicht ohne Schwester lieben kann.

    Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
    Geht durch den Wald und durch die Zeit,
    Und alles ist wie ohne Alter:
    Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
    Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

    Wie ist das klein, womit wir ringen,
    Was mit uns ringt, wie ist das gro;
    Lieen wir, hnlicher den Dingen,
    Uns so vom groen Sturm bezwingen, --
    Wir wrden weit und namenlos.

    Was wir besiegen, ist das Kleine,
    Und der Erfolg selbst macht uns klein.
    Das Ewige und Ungemeine
    Will nicht von uns gebogen sein.
    Das ist der Engel, der den Ringern
    Des Alten Testaments erschien:
    Wenn seiner Widersacher Sehnen
    Im Kampfe sich metallen dehnen,
    Fhlt er sie unter seinen Fingern
    Wie Saiten tiefer Melodien.

    Wen dieser Engel berwand,
    Welcher so oft auf Kampf verzichtet,
    Der geht gerecht und aufgerichtet
    Und gro aus jener harten Hand,
    Die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
    Die Siege laden ihn nicht ein.
    Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte
    Von immer Grerem zu sein.


Von den Fontnen.

    Auf einmal wei ich viel von den Fontnen,
    Den unbegreiflichen Bumen aus Glas.
    Ich knnte reden wie von eignen Trnen,
    Die ich, ergriffen von sehr groen Trumen,
    Einmal vergeudete und dann verga.

    Verga ich denn, da Himmel Hnde reichen
    Zu vielen Dingen und in das Gedrnge?
    Sah ich nicht immer Groheit ohnegleichen
    Im Aufstieg alter Parke vor den weichen
    Erwartungsvollen Abenden, -- in bleichen
    Aus fremden Mdchen steigenden Gesngen,
    Die berflieen aus der Melodie
    Und wirklich werden und als mten sie
    Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?

    Ich mu mich nur erinnern an das alles,
    Was an Fontnen und an mir geschah, --
    Dann fhl ich auch die Last des Niederfalles,
    In welcher ich die Wasser wiedersah:
    Und wei von Zweigen, die sich abwrts wandten,
    Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,
    Von Teichen, welche nur die Uferkanten
    Schwachsinnig und verschoben wiederholten,
    Von Abendhimmeln, welche von verkohlten
    Westlichen Wldern ganz entfremdet traten,
    Sich anders wlbten, dunkelten und taten,
    Als wr das nicht die Welt, die sie gemeint ...

    Verga ich denn, da Stern bei Stern versteint
    Und sich verschliet gegen die Nachbargloben?
    Da sich die Welten nur noch wie verweint
    Im Raum erkennen? -- Vielleicht sind wir oben
    In Himmel andrer Wesen eingewoben,
    Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben
    Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele
    Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele
    Von fremden Flchen, die uns nie erreichen,
    Nachbaren eines Gottes, den sie meinen
    In unsrer Hhe, wenn sie einsam weinen,
    An den sie glauben und den sie verlieren,
    Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren
    Suchenden Lampen, flchtig und verweht,
    ber unsere zerstreuten Gesichter geht ...


Die Entfhrung.

    Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen
    Entwichen, um die Nacht und den Wind
    (Weil sie drinnen so anders sind)
    Drauen zu sehn an ihrem Beginnen;

    Doch keine Sturmnacht hatte gewi
    Den riesigen Park so in Stcke gerissen,
    Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerri,

    Da er sie nahm von der seidenen Leiter
    Und sie weitertrug, weiter, weiter:

    Bis der Wagen alles war.

    Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
    Um den verhalten das Jagen stand
    Und die Gefahr.
    Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
    Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
    Sie kroch in ihren Mantelkragen
    Und befhlte ihr Haar, als bliebe es hier,
    Und hrte fremd einen Fremden sagen:
    Ichbinbeidir.


Fragmente aus verlorenen Tagen.

    Wie Vgel, welche sich gewhnt ans Gehn
    Und immer schwerer werden, wie im Fallen:
    Die Erde saugt aus ihren langen Krallen
    Die mutige Erinnerung von allen
    Den groen Dingen, welche hoch geschehn,
    Und macht sie fast zu Blttern, die sich dicht
    Am Boden halten --
    Wie Gewchse, die,
    Kaum aufwrts wachsend, in die Erde kriechen,
    In schwarzen Schollen unlebendig licht
    Und weich und feucht versinken und versiechen,
    Wie irre Kinder, -- wie ein Angesicht
    In einem Sarg, -- wie frohe Hnde, welche
    Unschlssig werden, weil im vollen Kelche
    Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, --
    Wie Hilferufe, die im Abendwind
    Begegnen vielen dunklen groen Glocken, --
    Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,
    Wie Gassen, die verrufen sind, -- wie Locken,
    Darinnen Edelsteine blind geworden sind, --
    Wie Morgen im April
    Vor allen vielen Fenstern des Spitales:
    Die Kranken drngen sich am Saum des Saales
    Und schaun: die Gnade eines frhen Strahles
    Macht alle Gassen frhlinglich und weit;
    Sie sehen nur die helle Herrlichkeit,
    Welche die Huser jung und lachend macht,
    Und wissen nicht, da schon die ganze Nacht
    Ein Sturm die Kleider von den Himmeln reit,
    Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist,
    Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust
    Und der den Dingen alle Brde
    Von ihren Schultern nimmt, --
    Da etwas drauen gro ist und ergrimmt,
    Da drauen die Gewalt geht, eine Faust,
    Die jeden von den Kranken wrgen wrde
    Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. --
    ... Wie lange Nchte in verwelkten Lauben,
    Die schon zerrissen sind auf allen Seiten
    Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,
    Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, --
    Wie nackte Mdchen, kommend ber Steine,
    Wie Trunkene in einem Birkenhaine, --
    Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen
    Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter
    Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter
    Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen.
    Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen
    Und dann versterben, so da keiner je
    Abwenden knnte das verhngte Weh,
    Wie volle Rosen, knstlich aufgezogen
    Im blauen Treibhaus, wo die Lfte logen,
    Und dann vom bermut in groem Bogen
    Hinausgestreut in den verwehten Schnee, --
    Wie eine Erde, die nicht kreisen kann,
    Weil zuviel Tote ihr Gefhl beschweren,
    Wie ein erschlagener verscharrter Mann,
    Dem sich die Hnde gegen Wurzeln wehren, --
    Wie eine von den hohen, schlanken, roten
    Hochsommerblumen, welche unerlst
    Ganz pltzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,
    Weil ihre Wurzel unten an Trkisen
    Im Ohrgehnge einer Toten
    Stt ...

    Und mancher Tage Stunden waren so,
    Als formte wer mein Abbild irgendwo,
    Um es mit Nadeln langsam zu mihandeln.
    Ich sprte jede Spitze seiner Spiele,
    Und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
    In welchem alle Dinge sich verwandeln.


    [Illustration: Rainer Maria Rilke]


Spanische Tnzerin.

    Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei,
    Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten
    Zuckende Zungen streckt --: beginnt im Kreis
    Naher Beschauer hastig, hell und hei
    Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.

    Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar.

    Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar
    Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
    Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
    Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,
    Die nackten Arme wach und klappernd strecken.

    Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp,
    Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
    Sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde
    Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
    Und flammt noch immer und ergibt sich nicht --.
    Doch sieghaft, sicher und mit einem sen
    Grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht
    Und stampft es aus mit kleinen festen Fen.


Der Fremde.

    Ohne Sorgfalt, was die Nchsten dchten,
    Die er mde nicht mehr fragen hie,
    Ging er wieder fort; verlor, verlie --.
    Denn er hing an solchen Reisenchten

    Anders als an jeder Liebesnacht.
    Wunderbare hatte er durchwacht,
    Die mit starken Sternen berzogen
    Enge Fernen auseinanderbogen
    Und sich wandelten wie eine Schlacht;

    Andre, die mit in den Mond gestreuten
    Drfern, wie mit hingehaltnen Beuten,
    Sich ergaben, oder durch geschonte
    Parke graue Edelsitze zeigten,
    Die er gerne in dem hingeneigten
    Haupte einen Augenblick bewohnte,
    Tiefer wissend, da man nirgends bleibt;
    Und schon sah er bei dem nchsten Biegen
    Wieder Wege, Brcken, Lnder liegen
    Bis an Stdte, die man bertreibt.

    Und dies alles immer unbegehrend
    Hinzulassen, schien ihm mehr als seines
    Lebens Lust, Besitz und Ruhm.
    Doch auf fremden Pltzen war ihm eines
    Tglich ausgetretnen Brunnensteines
    Mulde manchmal wie ein Eigentum.




Hugo Salus.

Geboren am 3. August 1866 zu Leipa in Bhmen, studierte Medizin in Prag
und lebt daselbst als Frauenarzt. -- Gedichte 1897. Neue Gedichte 1899.
Ehefrhling 1899. Reigen 1900. Ernte 1903. Neue Garben 1904. Die
Blumenschale 1907.


An blauen Frhlingstagen.

    Vom stolzen Glck des eignen Werts getragen,
    Als brcht' ihr Blhn der Landschaft erst Gewinn,
    Gehn schne Fraun an blauen Frhlingstagen
    Wie Kniginnen durch die Menge hin;
    Als htt' der Knabe Frhling nur im Sinn,
    Das Krnungsvlie um ihren Leib zu schlagen
    Und, wie ein Page, seiner Knigin
    Mit stillem Dank die Schleppe nachzutragen ...


Im stillen Hafen.

    Dies ist mein Glck: in allen Bitternissen
    Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen,
    Das mdchenhaft und hold und lieb und rein
    Nichts andres wnscht, als mein, nur mein zu sein;
    Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange
    Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind,
    Mit feuchten Augen, die voll Gte sind,
    Fr Gaben dankt, die -- ich empfange.


Erinnerung.

    Znd festlich im Salon die Kerzen an,
    Zieh aneinander erst des Vorhangs Spitzen,
    Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann,
    Dort la uns, uns umarmend, niedersitzen.

    Denn sieh, an solchem Winterabend oft
    Bin als Student ich durch die Stadt gegangen.
    Mein Auge, das Erfllung nie gehofft,
    Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen.

    An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht,
    An Fenstern, draus ich frohe Stimmen hrte,
    An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht,
    Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte.

    Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh,
    Das Glck vertieft sich mir in diesen Rumen:
    Lehn fest dein Haupt an mich, geliebte Frau,
    Recht fest an mich -- und la mich trumen, trumen!


Frhlingsfeier.

    Ein Bltenzweig, blarosa, wei und grn,
    Die Welt hat tausend solcher Bltenste,
    Da darf der eine auch fr uns erblhn
    Und darf verblhn bei unserm Liebesfeste.

    Befrei das schwere Haar von Kamm und Band
    Und la die schwarzen Fluten niederwallen
    Auf dieses blumenhelle Lenzgewand,
    Und la die neidischen Achselspangen fallen!

    Nun nimm den Bltenzweig -- wie wunderbar
    Die Blten glhn von deines Pulses Schlgen! --
    Und rhre mir die Stirne und das Haar
    Und sprich dazu den heiligen Frhlingssegen:

    Blick auf, der Lenz ist kommen ber Nacht,
    Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!
    Ich blicke auf; der Frhling ist erwacht;
    Ich halt' den ganzen Frhling in den Armen!




Ludwig Scharf.

Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. -- Lieder eines Menschen 1892.
Tschandala-Lieder 1905.


Begegnis.

    Und als ich gegen den Marktplatz kam,
    Beim Torweg unter dem Rathaus,
    Da strmten die Menschen kreuz und quer,
    Zweibeinig ein jeder und gradaus.

    Sie waren gar wohl in Kleider gehllt,
    So Kinder wie Mnner und Weiber,
    Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt,
    Aufrecht balancierend die Leiber.

    Fremd zogen sie aneinander vorbei
    Mit groen begegnenden Blicken
    Und geschlossenem Mund, ein jeder fr sich,
    Ein jeder mit seinen Geschicken.

    Ein jeder mit einem sehnenden Drang
    Nach fernen Husern und Tren,
    Ein jeder fortgezogen wie blind
    An unsichtbaren Schnren.

    Ein jeder beladen mit Erdenweh,
    Ob auch sein Mund mal lache --
    Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum
    Und verstrickt in den Wahn, da er wache.


Blut-Propheten.

    Wir trumen ber die Erde hin,
    Wir kennen nicht oben noch unten,
    Wir horchen nur in die Erde hinein,
    Wir verstehen nur ihre Wunden.

    Und liegen wie trumend am Boden hin,
    Dann sind wir selbst fast Erden,
    Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb
    Sie bewut den Lebendigsten werden.

    Und wir fhlen den Durst nach Blut, nach Blut
    Der ausgetrockneten Erde,
    Da einer verjngten Lebensbrut
    Ein saftiges Erdreich werde.

    Wir trumen ber die Erde hin:
    Tut Bue, Bue in Zeiten!
    Doch wir wissen genau, es kommt der Tag,
    Den wir ahnend frh prophezeiten.


Gebet eines Selbstmrders.

    Stille! oh stille!
    Hier schlgt ein letztes Herz,
    Zerrinnt ein letzter Wille,
    Verhallt im Nichts ein Schmerz.

    Verbluten hier im Sande
    An dieses Ufers Rand,
    Im Angesicht der Sterne
    Und jener Wolkenwand --

    Ja, jener Nacht von Wolken,
    Die drohend rckt heran,
    Die dir den letzten Ausblick
    Gar bald verfinstern kann!

    Drum still, mein Herz! Verblute
    In dieser stillen Nacht,
    Solang ob Tod und Leben
    Dir zusteht noch die Macht!

    Denn weh, sie werden kommen,
    Dich binden recht und schlecht,
    Dein letztes Gut zu nehmen --
    Dies hliche Geschlecht.

    Doch stille, oh stille!
    Und stre nicht die Ruh:
    Es strebt ein letzter Wille
    Dem letzten Glcke zu ...




Richard (von) Schaukal.

Geboren am 27. Mai 1874 zu Brnn in Mhren, studierte Jurisprudenz in
Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. -- Gedichte 1893. Verse
1896. Meine Grten 1897. Tristia 1898. Tage und Trume 1899. Sehnsucht
1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und Trume 1902.
Ausgewhlte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei Bnden 1909. Das Buch
der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte 1914. Eherne
Sonette 1914. Standbilder und Denkmnzen 1915. Kriegslieder aus
sterreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe
1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915.
Kriegslieder aus sterreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916.
Gedichte (1892-1918) 1918.


Der Fiedler.

    Ein Spielmann auf seiner Geige strich.
    Es klang so rot, so kniglich.
    Das harte Kinn lag auf der Fiedel.

    Ein Knabe ging und stand und blieb.
    Und jeder Strich war ein Sensenhieb.
    -- -- Den andern war's nur ein Straenliedel.


Kophetua.

    Knig Kophetua hob seine goldene Krone
    Von den goldenen Locken und schwieg.
    Auf sein Schwert gesttzt ging er und stieg
    ber die steilen Stufen, und ohne
    Sich umzusehn, lie er die staunende Schar.

    Oben sa in mondlichtschimmernder Blsse
    Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten
    Haare gehllt. Ein groes Verzichten
    Lag in ihrer Augen blinkender Nsse.
    Und so trumte sie, jeglichen Schmuckes bar.

    Knig Kophetua legte die goldene Krone
    ber die eisengersteten Knie und harrte
    Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte
    Magd erblicke, flehentlich, ohne
    Sich umzusehn, wo sein Gefolge war ...


An die Baronin Colombine.

    Baronin Colombine ist so zierlich und zart.
    Ich zupfe die Mandoline -- leider noch keinen Bart.

    Baronin Colombine, nimm dich in acht:
    Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht.

    Baronin Colombine, lach nicht so laut!
    Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut!

    Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh.
    Ins Wasser die Mandoline -- und mich dazu!


Portrt eines spanischen Infanten von Diego Velasquez.

    Mit blutgemiedener langer schmaler Hand,
    Feinen Fingern, die den Duft der weien Rosen fhlen,
    Manchmal mager und md in warmen Damenhaaren whlen,
    Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt.
    Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand,
    Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich,
    Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund,
    Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund.
    Manchmal bin ich mit hlichen Zwergen weich:
    Ich beschenke sie reich --
    Und peitsche sie wieder wund.
    Mit dichten Schleiern schtz' ich mich vor dem Morgenrot:
    Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod.


+Pierrot pendu.+

    Und ich sah dich nachts an der Laterne:
    Bleich und traurig hingst du, Pierrot,
    Trbe schimmerten die spten Sterne,
    Als dein alter Freund, der Mond, entfloh.

    Da im Gassendunkel deine Zge
    Schmerzlich schienen und gedankenbang,
    Sann ich ber deines Lebens Lge,
    Armer Narr am selbstgeknpften Strang.

    Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten,
    Rhrte leise nur an deiner Hand.
    Husch, ein Schatten war hinweggeglitten,
    Der verstohlen mir im Rcken stand.


Musset.

    Ich liege mit der Zigarette
    Bis an den Morgen -- o das bse Licht! --
    Md ohne Schlaf im Seidenbette
    Meiner geliebten kleinen Ninette
    Und krusle den Rauch zu einem Gedicht.

    Was hast du mit meinem Leben getan!
    Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine,
    Deine marmornen runden Beine,
    Fange ich fast zu weinen an
    Um die ewig verlorene Eine.

    Ninette, du hast verdnntes bleiches
    Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer:
    Wo nehm' ich den Mut fr heute her?
    Snke ich doch in dein faltenreiches
    Morgengewand gehllt ins Meer!


Kavaliere.

    Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken,
    Den Degenkorb von der Krusel-Manschette
    Zierlich bedeckt: sie denken
    An eine Frau in weiem Spitzenbette;
    Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt,
    Sie singen: Groer Gott, dich lobt
    Die glubige Gemeinde;
    Vernichte unsre Feinde!


Goya.

    Ich habe die lange schwle Nacht
    Bei einer jungen Dame verbracht:
    Nun liegt sie und trumt mit offenen Lippen von meinem Nacken ...
    Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen!
    Steht nicht herum und gafft so ledern!
    Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern
    Oder kitzle eure dnnen Waden
    Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden,
    Ich bin ein Grande im offnen Hemd.
    Ich liebe das Licht, das die Welt berschwemmt,
    Ich liebe ein Pferd,
    Das bumend sich gegen den Zgel wehrt,
    Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt.
    Dem Knig lass' ich sagen, er solle
    Klopfen, wenn er mich stren wolle.


Portrt des Marquis de ...

    Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd,
    Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert:
    Ich lie es bei einer Dame liegen.

    Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen:
    Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren:
    Stre mich keiner von euch Tieren!


Der Araber.

    Ich schlich mich an das Ro heran,
    Das wiehernd und mit rundem Rcken
    Ins Eisen beiend stand. Es packen
    An seiner Mhne und die Hacken

    Der Fersen, einmal oben, stark
    Ihm in die Weichen drngen, war
    Ein Augenblick. Ich sprte gar
    Nicht mehr, da uns der Wald schon barg

    Vor der bewundernden und scheuen Schar:
    So war es durch die Uferauen
    Gerast. Erst als mein flatternd Haar
    Ein Ast berhrt, begann ich umzuschauen.


Spt.

    Spt, wenn die alte Uhr geschlagen
    Und wieder Stille dich umwirbt,
    Das Pendel geht, die Lampe zirpt,
    Steigt es empor aus alten Tagen
    Und fllt mit Geistergru die Luft
    Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen
    Nach einem lngst verhauchten Duft,
    Nach einer fernen khlen Gruft,
    Nach Wind im Wald an Bergeslehnen.




Paul Scheerbart.

Geboren am 8. Januar 1866 zu Danzig, starb am 14. Oktober 1915 zu
Lichterfelde bei Berlin. -- Kater-Poesie 1909.


Dahin!

    Singe nicht so hell und laut,
    Da ich wieder einsam bin!
    Ach, fhlst du nicht, worber
         Ich trber werde?

    Lache nicht so toll und dumm,
    Da ich ernst und anders bin!
    Nein, weit du nicht, worber
         Ich trber werde?

    Frage nicht so klug und hart!
    Das hat alles keinen Sinn!
    Was? Ahnst du nicht, worber
         Ich trber werde?

    Sieh, ich liebe dich nicht mehr,
    All mein Lieben ist dahin!
    Begreifst du jetzt, worber
         Ich trber werde?


Notturno.

    Ich liege ganz still.
    Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
    Eine groe Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
    Diese Sehnsucht -- nach -- ich wei nicht was!
    Das macht so traurig.
    Ich mchte -- ich wei nicht was!
    Ich denke an ferne, ferne Zeiten ...


Tiefernst!

    Mir ist, als ob der Friede
    Sich in meine Seele legt --
    So wundersam bewegt!
    Der Pappeln Wipfel flstern.
    Wir sitzen still und schweigen.
    -- -- --
    Wir wollen noch einmal trinken --
    Und dann -- betrunken sein!


Die groe Sehnsucht.

    Wenn die groe Sehnsucht wieder kommt,
    Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
    Und ich mchte weinend niedersinken --
    Und dann mcht' ich wieder malos trinken.




Ren Schickele.

Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsa). -- Die Leibwache 1914.
Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915.


Der Knabe im Garten.

    Ich will meine bloen Hnde aneinander legen
    Und sie schwer versinken lassen,
    Da es Abend wird, als wren sie Geliebte.
    Maiglocken luten in der Dmmerung,
    Und weie Dfteschleier senken sich auf uns,
    Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen.
    Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen,
    Die Syringen quellen aus den Bschen,
    Eine helle Rose schmilzt am Boden ...
    Wir alle sind einander gut.
    Drauen durch die blaue Nacht
    Hren wir gedmpft die Stunden schlagen.


Wenn es Abend wird.

    Die Engel der Liebkosung steigen nieder,
    Von weitem kommen deine Hnde wieder,
    Und deine Augen sind so mild, so weit,
    Da alle Dinge drin verklrt gen Himmel fahren.

    Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine
              Worte sangen,
    Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gesprt, lebt
              brnstiges Verlangen,
    Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll
              Dunkel waren.

    Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten,
    Da ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel
              warten.
    Die Bume werden atemlos und stehn beklommen,
    Die Bche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht
              dein Kommen,
    Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht.
    O wunderbare Trunkenheit!


Ferne Musik.

    Die glatten, leisen,
    Lustwarmen Weisen,
    Die sich verschlingen
    Und im Reigen singen
    Von Sommertagen,

    Erinnern mich Schweren,
    Wie auf Blumenfhren
    Mit glnzenden Wangen
    Frauen sangen,
    Von Blue getragen,

    Und da am Ende
    Der Fahrt die Hnde,
    Die blitzend bewegten,
    Sich nicht mehr regten
    Und entgeistert lagen

    In jedem Scho,
    So sehnsuchtslos,
    Die Umarmungen boten,
    Wie die Steine der Toten
    Im Mondlicht ragen.


Erwartung im Garten.

    Hab ich doch alles nun gekt,
    Die Blumen, die Grser und
    Den zitternden Sperling in meiner Hand,
    Den Tau der sanften Kressen
    Und selbst die Wolken am Himmel, --
    Kommst Du noch immer nicht?


Lea.

    Wir hielten uns umschlungen
    In unserm groen Ha,
    Ich hab dir schwren mssen,
    Da ich von dir nie la.
    Wir hielten uns umschlungen
    In unsrer groen Lust,
    Du hast mir zugeschrieen,
    Da du mich lieben mut.

    Dann hobst du dich und standest,
    Gelst war unser Bund,
    Und sprachst die Abschiedsworte
    Mit nie gektem Mund.


Die Leibwache.

    Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
    Ich wei, da doch ein Schein von meinem Blut,
    Wo ich mich rhre, wo ich raste, mich umflammt
    Wie eine groe Glorie innerlicher Glut.
    Darin ist alles das enthalten, was die Vter,
    Ob sie Soldaten, Bauern, Snder oder Beter,
    Von ihrem Innersten ins uere geglht,
    Da es mein eigen Blut noch heute fhlt.

    Denn ja, ich fhl's wie Rstung, Schild und Feuerwall
    Und Festung, die mich berall umgibt,
    Und wieder so, da es der Schpfung wirren Schwall
    Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstubchen siebt,
    Damit in meiner Augen Nhe kommt
    Nur, was fr Ewigkeiten ihnen frommt,
    Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlgt
    Und darin grbt, wes Wachstum dies mein Herz vertrgt;

    Und was es tiefer noch verankert in den Grund,
    Von dem ich nichts wei, als da zu Beginn
    Ein heier Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund
    Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin.
    Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren!
    Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren,
    Heb ich die Hand, so winken tausend Hnde mit,
    Und halte ich, so hlt mit mir der Geisterritt.

    Im Schlaf spr ich sie wie im Biwak um mich her,
    Sie liegen da, die Zgel umgehngt,
    Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer,
    Und manchmal, wenn sich einer an den andern drngt,
    Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen
    In meinem Krper bebt wie Niederfallen
    Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibl.
    Dann ist's, da ich das Herz der Mtter zittern fhl!

    Dann ist's, da wild und s die Liebe berfliet
    In mir und jeder Kreatur,
    Rakete um Rakete in den Himmel schiet,
    Im Dunkel still steht jede Uhr.
    Und klare Meere spiegeln lichte Sterne,
    Die Frchte zeigen schamlos ihre Kerne,
    Es strmt ein Licht von mir zum fernsten Land,
    Es schlgt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand.

    Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt,
    Ich wei trotzdem: ein Schein von meinem Blut,
    Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt
    Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut.
    Darin ist alles das enthalten, was die Vter,
    Ob sie Soldaten, Bauern, Snder oder Beter,
    Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut.




Johannes Schlaf.

Geboren am 21. Juni 1862 zu Querfurt in der Provinz Sachsen. --
Helldunkel 1899. Das Sommerlied 1905.


Sehnsucht.

    Wie ich dich berall sehe, du Meine
    Und Eine!
    Immer du so fern-nah!
    Gegenwrtig und doch nicht da!
    Immer nur Spuren und Spuren --
    Viel, ach! wie viel!
    Im Wandern folg' ich ihnen,
    Zu welchem Ziel?
    O du, o Dunkelgewillte!
    Wann, wo empfngt der Niegestillte
    Seine Ruh? --


Hoffnung.

    Ein weies Grau hllt weit den Himmel ein.
    Ein stumpfer Glanz liegt auf den Uferweiden.
    Trge, mit gurgelnden Wellen treibt der gelbe Strom.
    Ich mu mich noch bescheiden.
    Ich will noch ein Stckchen so weitergehn.
    Bald mssen ja alle Hhn
    In hellen Frhrotfeuern stehn ...


Abendgang.

    Und ich fhrte das blonde Jungfrulein
    In den weiten, schleiernden Abendfrieden hinein.

    Nebel ber die Wiesen gingen,
    Und vom Bache durch das braune Dunkel kam ein Singen.
    Am Himmel alle unsre goldenen Geigen hingen.

    Die tnten so sacht und fein. --


Trbes Wetter.

    Das Meer! -- Das Meer -- --
    Die grauen Wolken hingen so trb und schwer.
    Ich sah nur ein weites Armebreiten,
    Und wie ein dunkelser Heimatston kam's her
    Aus den nebelverhllten, schluchzenden Weiten. --


Doppelliebe.

    Wie eigen ich dich einst kte!

    Du lagst in deinem Sessel
    Und decktest schelmisch
    Die Hand vors Gesicht.
    ber den Fingern
    Waren nur deine Augen zu sehn,
    Deine Augen. --

    So fern pltzlich
    Und eigen. --
    Und ich erschrak.

    Zwei andre Augen sah ich,
    Zwei ferne Augen.
    Die Augen der andern ...

    Und da bog es mich zu dir,
    Und leise
    Kt' ich --
    Diese Augen ...




Prinz Emil von Schnaich-Carolath.

Geboren am 8. April 1852 zu Breslau, wurde Dragoneroffizier, nahm den
Abschied, war viel auf Reisen und lebte zuletzt auf Schlo Haseldorf in
Holstein, wo er am 30. April 1908 verstarb. -- Lieder an eine Verlorne
1878. Dichtungen 1883. Gedichte 1903.


Albumblatt.

    Hab nicht zu lieb die knospende Rose;
    Es flge gar bald
    Ohn' Heimat, ohn' Halt
    Ihr Duft dir vorber ins Uferlose.

    Unsterblich ist der Schmerz allein.
    Was nie du besessen,
    Ersehnt, nie vergessen,
    Wird deines Himmels Grundbau sein.


Der betrbte Landsknecht.

    Das Land durchstrmt der Regen,
    Singschwne sdwrts ziehn,
    Nun will aufs Herz ich legen
    Ein Struchen Rosmarin.

    Das haben zwei Hnde, zwei schmale,
    Durchflochten mit schwarzem Band,
    Drauf haben zum letzten Male
    Zwei Mdchenlippen gebrannt.

    Hoch braust ein Krieg durch Flandern,
    Dort mu gewrfelt sein,
    Die Werbetrommeln wandern
    Um Jlich und Bei-Rhein.

    Nach Spanien ber die Schelde
    Zieht gleiender Heerestrab;
    Herr Christ, hilf allen zu Gelde,
    Uns beiden gib ein Grab.

    Drauf sollen zwei Linden wiegen
    Die Wipfel glckbesonnt,
    Draus sollen zwei Herzen fliegen,
    Die nimmer sich trennen gekonnt.


Genrebild.

    Herr Holger am Kamine sitzt,
    Sein Brackhund bei ihm wacht,
    Nacht ist's, die Flamme springt und blitzt
    Und der Klotz in der Lohe kracht.

    Herr Holger in Sinnen versunken ist,
    Er wirrt des Bartes Flaum.
    Es streckt die Bracke den Widerrist,
    Und beide sinken in Traum.

    Es denkt der Hund an einen Tag,
    Da die Heide hilfefern,
    Da der Keiler ber Herrn Holger lag
    Und er befreit' den Herrn. --

    Herr Holger martert seine Stirn
    In Sinnen schwer und stumm:
    Wie er zu Willen einer Dirn
    Den Blutsfreund brchte um.


Altes Bild.

    Der Markusdom, der bunte, klangumtnte,
    Hat seine Pforten ghnend aufgeschlagen,
    Am Hochaltar, wo Priester Kerzen tragen,
    Thront stolz der Doge, der vom Volk gekrnte.

    Es lehnt an ihm in mdchenhaftem Zagen
    Sein junges Weib, das holde, glckverschnte.
    Ein Page, der an Schleppendienst gewhnte,
    Kniet stumm dabei in Puffenwams und Kragen.

    Der Weihrauch dampft, zu Ende geht die Messe,
    Es blickt verklrt die schne Dogaresse ...
    Doch sehen knnt ihr, wenn ihr nher tretet,

    Da tief im Samt, dem dunkelvioletten,
    Des Pagen Hand und ihre sich verketten --
    Der alte Doge kniet im Stuhl und betet.


Knstlerroman.

    Als tot auf schlechtem Gasthofbette lag
    Sein junges Weib bei Unschlittkerzenflammen,
    Da schob Papier, verstreutes, er zusammen,
    Und schrieb darauf bis an den grauen Tag.

    Es ward an Inhalt und an sem Schalle
    Ein also groes, ewiges Gedicht,
    Da die Genossen es verstanden nicht,
    Und schweigend wichen, tiefergriffen alle.

    Er aber blieb allein mit einem Sarg,
    Darin begrub er seine Jugendliebe --
    Und jenes Buch, das ew'gen Ruhm verbarg,
    Und das kein Denker leichthin nach ihm schriebe,

    Er schob es unters fahle Goldgelock
    Als Ruhekissen fr die schne Tote,
    Und ri sich aus den Hecken einen Stock
    Und schritt hinaus ins Morgenlicht, das rote.




Wilhelm von Scholz.

Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. -- Frhlingsfahrt 1896. Der Spiegel
1902. Neue Gedichte 1913.


In einer Dmmerstunde.

    Ich wohne, wo die Wolken gehn,
    Stillhoch in einer Dmmerstunde;
    Waldtiefer Bume Wipfel stehn
    Um meinen Tisch in naher Runde,
    Die gern mein Licht im Abend sehn.

    Alt ist der Leuchter, der es trgt,
    Alt sind die Bume, die es schauen,
    Die Flamm' ist alt, die sich bewegt
    Und flattert durch das ewige Grauen,
    Wenn die uralte Luft sich regt.

    Flsternd umkreist die Dmmerung
    Mich und mein Licht, das nach ihr greift.
    So alt ist alles, ich so jung --
    Da ist's, als ob ein Wort mich streift,
    Das rings um mich zur Flle reift.

    Du bist so alt als alle wir --
    Sprach es das Licht, sprach es der Baum,
    Sprach's der zersprungne Tisch vor mir,
    Sprach's um mich her der Dmmertraum?
    Ich fhl' es dunkel jetzt und hier.

    Wie lcheln doch die ewigen Dinge,
    Wenn solch ein Strudel Erdenzeit,
    Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe,
    Aufbraust in ihrer Einsamkeit --
    Wie lcheln doch die ewigen Dinge!

    Sie lcheln mich in ihre Ruh --
    Nun rag' auch ich uralt vom Grunde.
    Du Flamme, warum zitterst du?
    Bist du ein Wort aus meinem Munde,
    Rief dich die Dmmerung mir zu? --


Abschied.

    Oft, wenn die stille Mitternacht
    Einsam im dunkeln Parke wacht,
    Wenn meine Fenster offen stehn,
    Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet
    Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet,
    Dann wei ich, da mich deine Augen sehn
          In dieser stillen Mitternacht.

    Doch dieser Erde weit entschwebt
    Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt:
    Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht,
    Der See, der ber seine Ufer lauscht.
    In ewige Fernen treiben wir dahin:
    Du kennst den Ort nicht, wo ich bin
          In dieser stillen Mitternacht.

    Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist bla.
    Von Schauer wird mein Auge na,
    Und tausend Wnsche werden wach.
    Doch schneller treibt der Park und das Gemach
    Hin in den fernenklaren Raum --
    Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum
          In dieser stillen Mitternacht.


Heimat.

    Eine Heimat hat der Mensch,
    Doch er wird nicht drin geboren --
    Mu sie suchen traumverloren,
    Wenn das Heimweh ihn ergreift.

    Aber geht er nicht in Trumen,
    Geht er achtlos ihr vorber,
    Und es wird das Herz ihm pltzlich
    Schwer bei ihren letzten Bumen.


Abendgang.

    Das ist unser schweigender Abendgang.
    Herbst. Bltter fallen wegentlang.
    Nasse ste tragen den Himmel, der bleich
    Und dunstig niederhngt ber den Teich.

    Die Brcke. Trber Laternenschein
    Fllt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein.
    Vorber. Dunkel wie Menschen stehn
    Die Bume und sehn uns weitergehn.


Der Wandrer.

    Schwermtig wchst mein Frieden
    In Herbst und Einsamkeit.
    Mein Weg zur Dmmerzeit
    Vergraut wie abgeschieden.

    Ich fhle mich Gestalt
    Und Wesen tief vertauschen;
    Wildfremde Schritte rauschen
    Durchs Blattgewirr im Wald.

    Still geh' ich, schattenlos
    Im Grau, als wandle sich
    Der lange Weg in mich,
    Auf dem ich wurde gro.

    Da ich der Wandrer bin,
    Der diesen Weg gegangen,
    Sind Worte, die verklangen,
    Und haben keinen Sinn.


Erde.

    Das ist der Erde furchtbares Gewicht:
    Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten,
    Zu tauchen in das erdenfremde Licht,
    Da sich die Meere unter dir gestalten,
    Winzig die Wolken unter dir verwehn,
    Und zitterst nicht --
    So fliegt die Erde auf in deine Hhn.


Ich wei es wohl ...

    Ich wei es wohl, wie du zur Ruh dich legst,
    Wenn mde dich die Mitternacht umfngt.
    Du gehst vertrumt im Zimmer auf und ab,
    Schaust das unwillige Schweigen an der Wand,
    Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht.
    Dann sprichst du leise in den Kerzenschein,
    Als ob gleichgltig ihn ein andrer sprche,
    Meinen Namen, horchst -- hrst ihn und erglhst ...
    Und deine sen Hnde kssend, schlfst du ein.


Nchtlicher Weg.

    Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht.
    Mein Mantel flattert durch die Nacht,
    Streift welkes Laub am Boden mit;
    Und wo die ste wie Gestalten
    Hoch ber mir die Hnde halten,
    Folgt Zittern meinem festen Schritt.

    Und leis an mir herniederglitt,
    Als woll's im feuchten Gras erkalten,
    Was in mir kmpfte, rang und litt;
    Was ich in mir fr schlecht gehalten,
    Das nahm die Nacht im Atem mit.

    Und stiller meine Schritte hallten,
    Wie eines fremden Freundes Tritt.


Am Sller.

    In Wirbeln geht der Strom durchs Tal.
    Die Bltter wirbeln auf Sller und Saal.
    Tief herbstlich naht die frhe Nacht,
    Die unsere einsame Fackel entfacht.

    Und wie die Sterne schweigend steigen,
    Werden der Erde wir zu eigen.
    Nachtdunkel hat so wilde Weisen --
    Wir fassen uns, uns zu umkreisen.

    Der Sternsaal mu sich rasend drehn
    In seiner Ferne.
    Im ganzen Raum der Welten stehn
    Nur deine Augensterne.

    Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub,
    Wir sind, was wir werden:
    Kreisende Erden,
    Wirbelnder Staub.




Rudolf Alexander Schrder.

Geboren am 26. Januar 1878 zu Bremen. -- Unmut 1899. Lieder an eine
Geliebte 1900. Sprche in Reimen 1900. An Belinde 1902. Sonette an eine
Verstorbene 1905. Elysium 1906.


Aus den Liedern an eine Geliebte.

    Nun kam der Abend.

    Die Sonne geht ins Meer,
    Der Wind ruht im Laub,
    Den sanften Weg entlang
    Ziehen die Herden heimwrts.

    Sieh, wie die milden Berge
    In Dunkelheit verhllt sind --
    Im Tal
    Blinken Lichter auf.

    Wanderer, wohin eilst du?
    Nach Hause.

    Wohin eilst du?

       *       *       *       *       *

    Die Lge sagst du
    Und Die Wahrheit
    Und redest wie ein Narr.

    Sage Die Liebe
    Und du redest wie ein Weiser.

       *       *       *       *       *

    Ich habe keine Schmerzen:
    Aber die Sehnsucht verzehrt mich.

    Ich habe keine Sehnsucht:
    Aber mein Verlangen macht mich unruhig.

    Ich habe kein Verlangen:
    Aber meine Schmerzen qulen mich!

       *       *       *       *       *

    Ach, noch immer glaube ich,
    Wenn ein Klang die Luft aufweckt,
    Da deine Stimme
    Im Zweiggewirr der Bume,
    In Blumen, Gebsch und Grsern
    Nachzitternd sich gefangenhlt.

    Ach, noch immer glaube ich,
    Wenn ein Duft
    Von ungefhr
    Auf Windflgeln
    Zu mir kommt,

    Da es dein Atem sei.

    Ach, noch immer glaube ich,
    Da ich nicht ganz verlassen sei.

       *       *       *       *       *

    Das Glck ist ein leerer Schall;
    Und der Schmerz ist ein Name.
    Was uns von allem bleibt,
    Ist: allein zu sein.
    Und ist uns allen ein Los,
    Da wir viele Gter haben
    Und darben mssen.


Sonett an eine Verstorbene.

    An jedem Tage gibt's ein Abschiednehmen;
    Und irgend etwas, das uns angehrt,
    Wird jeden Augenblick fr uns zerstrt
    Und wandelt hin zu den vergessenen Schemen.

    Wohl, ber dieses soll sich keiner grmen,
    Weil immer auch ein Neues uns betrt;
    Und kein Verlassen ist so unerhrt,
    Dem wir uns nicht zu guter Letzt bequemen.

    So gehn auch wir, und lassen alle Welt
    Und sind nicht mehr; und jenes Wort: Gewesen
    Erklingt von uns, wie wir's von vielem sagen.

    Doch da auch du dich denen zugesellt,
    Von denen wir nur noch den Namen lesen,
    Mein Herze will das nicht, und will's nicht tragen!


Aus dem Buch Elysium.

    Sie lassen sich am Ufer nieder,
    Sie legen ihre reinen Glieder
    Auf leichten Sand.

    Entschlummern sie, so ist ihr Trumen
    Wie das von Wellen oder Bumen
    Voll Unbestand.

    Sie sind so schn, weil sie im Fcheln
    Der reinen Lfte immer lcheln,
    Wie ausgeshnt.

    Sie singen auch. -- Wer mchte hren,
    Was diesen Nachtigallen-Chren
    Ganz klar enttnt?

    Sie wandeln ber sanfte Matten
    Ins grne Dunkel khler Schatten,
    Sie schwinden hin.

    -- Oh holde Seelen, voll Beglckte,
    Ihr nicht Geplagte, nicht Entzckte,
    Ihr ohne Sinn!

       *       *       *       *       *

    Wenn sie wandeln, drckt dem Wiesenrain
    Sich der schattenhafte Fu nicht ein.

    Wenn sie ruhn, so ist der leichte Gast
    Seiner Lagersttte keine Last.

    Wenn sie wnschen, das ist flchtig auch,
    Kaum ein Traum, ein Atemzug, ein Hauch.

    Wenn sie lieben, das ist kaum ein Blick,
    Kaum ein Gru. -- So leicht ist dort das Glck.

    Alles ist ja leicht im untern Reich. --
    Leichte Schatten, wir begren euch!

       *       *       *       *       *

    Leise la sie ihren Reigen fhren,
    Ohne ihre Schwermut anzurhren.

    La sie trumend dir vorber hasten,
    Ohne ihre Leere zu belasten.

    Sorge nicht, sie heute zu verstehen,
    Denn dir wird wie ihnen bald geschehen.

    Freue dich, da sie dich nicht erreichen,
    Morgen, morgen bist du ihresgleichen.




Gustav Schler.

Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. -- Gedichte 1900.
Meine grne Erde 1904. Auf den Strmen der Welt zu den Meeren Gottes
1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit 1914.


    Unterdessen.

    Schnheit ist Atem. Aber Brot ist Brot.
    Und Tausend hungern. Und die Mhlen mahlen.
    Und Knigstische wissen nichts von Not.
    Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen.

    Und Mtter fiebern, wie kein Fieber schlgt,
    Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern.
    Die Mtter hren's, da man Bretter trgt,
    Um einen rohen Armensarg zu zimmern.

    Und unterdessen lauscht die heilige Nacht,
    Und unterdessen wird das Licht erkoren,
    Und unterdessen hat die Schnheit acht
    Auf jede Perle, die der Tau geboren.


Mignon.

    Wer in die Nacht geht, mt' mich sehn
    Am Wege auf dem Stein --
    Mein Krug und Wanderstecken stehn
    Im hellen Mondenschein.

    Die Schuhe hab' ich abgetan,
    Das Haar ist aufgelst,
    Ich hab', als wt' ich keinen nahn,
    Auch meine Brust entblt.

    Der Nachthauch khlt mich wie ein Bad.
    Alle Wanderer ferne gehn. --
    Nur wer die Erde begraben hat,
    Kann mich hier sitzen sehn.


Am Abend.

    Komm, denn der Abend kommt.
    Wir haben ihn so wild ersehnt.
    Nun ist er da. Wie er im Mantel
    Sich an die alten Pappeln lehnt.

    Jetzt schlgt er seine Wimpern auf
    Und sieht uns an und nickt uns zu.
    Hat er nicht ganz dieselben Augen,
    Nicht ganz denselben Mund wie du?


Am Kreuzweg.

    Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang:
    Ein altes deutsches wehes Liebeslied,
    Von Lieb' und Not
    Und Treu' und Tod.
    Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht,
    Lauscht lang'.
    Der Kauz schrie so entsetzlich schrill,
    Der hat ihn auch gesehn.
    Das Lied schweigt still.
    Der Schatten bleibt noch immer stehn.


Was ist das Glck?

    Was ist das Glck?
    Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen?
    Ein Siegen,
    Ein Augenblick,
    Wo du der Sonne jauchzend winkst
    Und dann versinkst?
    Oder ist es das treue Schauen,
    Wie sich Wolken aus Wolken bauen,
    Bis sich eine mit rotem Rand
    Hoch hinstellt ber dein Ernteland?




Ernst Stadler.

Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des
Weltkrieges im Westen. -- Prludien 1904. Der Aufbruch 1914.


Reinigung.

    Lsche alle deine Tag' und Nchte aus!
    Rume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
    La Regendunkel ber deine Schollen niedergehn!
    Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! --
    Fhlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
    Schon bist du selig in dir selbst allein
    Und wie mit Auferstehungslicht umhangen --
    Hrst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
    Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
    Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.


Vorfrhling.

    In dieser Mrznacht trat ich spt aus meinem Haus.
    Die Straen waren aufgewhlt von Lenzgeruch und
              grnem Saatregen.
    Winde schlugen an. Durch die verstrte Husersenkung
              ging ich weit hinaus
    Bis zu dem unbedeckten Wall und sprte: meinem
              Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.

    In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.
    Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute
              rollten.
    Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten
              eingebrannt
    War schon die Blue hoher Morgenstunden, die ins
              Weite fhren sollten.

    Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen
              Fernen.
    berm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten,
              wuchsen helle Bahnen,
    In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in
              umwehten Sternen.
    In meinem Herzen lag ein Strmen wie von aufgerollten
              Fahnen.


Was waren Frauen ...

    Was waren Frauen anders dir als Spiel,
    Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden:
    Du hast nie andres als ein Stck von dir gefunden,
    Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel.

    Du strebtest, dich im Hellen zu befreien,
    Und wolltest untergehn in wolkig trber Flut --
    Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen
    Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut.

    Du stiegst, dein Leben hher aufzutrmen,
    In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verlie,
    Und sahst erschauernd deinen Dmon dich umstrmen,
    Wenn deinen dnnen Traum der Tag durchstie.


Puppen.

    Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare,
              spttisch und kokett in den Vitrinen
    Wie einst beim Menuett. Der Schnen Hnde schrzen
              wie zum Spiel die Krinolinen
    Und lassen weich gewlbte Knchel ber Seidenschuhe
              blhn. Die Kavaliere reichen
    Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre
              feinen frechen Worte, scheint es, streichen
    Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in
              khlem Lcheln ber ihrem Mund erstarren,
    Indes die Schnen in den wohlerwognen Attitden
              sanft und trumerisch verharren.
    So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den
              verschwiegnen Schrnken
    Hochmtig, khl und fern und scheinen langvergenen
              Abenteuern nachzudenken.
    Nur wenn die Kerzen trber flackern, hebt ihr dnnes
              Blut sich seltsam an zu wirren:
    Dann fallen Funken in ihr Auge. Heie Worte scheinen
              in der Luft zu schwirren.
    Der Schnen Leib erbebt. Im zarten Puder der
              geschminkten Wangen gleit
    Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und
              Untergang verheit.


Glck.

    Nun sind vor meines Glckes Stimme alle Sehnsuchtsvgel
              weggeflogen.
    Ich schaue still den Wolken zu, die ber meinem Fenster
              in die Blue jagen --
    Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Ksten fortzutragen,
    Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich
              ins Weite zogen.
    In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen.
    Ich fhle deines Herzens Schlag, der ber meinem
              Herzen zuckt.
    Ich steige selig in die Kammer meines Glckes nieder,
    Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige
              Gefieder
    Zu sommerdunklem Traum das Kpfchen niederduckt.




Leo Sternberg.

Geboren am 7. Oktober 1876 zu Limburg a. d. Lahn. -- Ksten 1904. Fahnen
1907. Neue Gedichte 1908.


Der Wartende.

    Geffnet sind meine Fenster;
    Ich trete zum einen, zum andern --
    Aber der Vogel der Ferne
    Fliegt nicht herein.

    Ich schliee die Augen und sage
    Mir fest: Er kommt nicht! Ich denke:
    Pltzlich schlgst du den Blick auf,
    Und -- er ist da! ...

    Und -- er ist _nicht_ da! Vergebens!
    Wieder warten! Warten!
    Durch die verengte Kehle
    Drckt sich ein Kiesel hinab.

    Wie, wenn es Nacht wrde? Nein! ...
    -- Herz, wie du eilst! -- Und ich mte
    Schlieen die Fenster? Der Vogel
    Kme nicht mehr? ...


Soviel Lftchen ...

    Soviel Lftchen wehn und vergehn,
    Soviel Klnge durchziehen mich leis.
    Was mgen sie singen? Fr wen?
    Wer wei!

    Kaum da du flstern hrst
    Und achtest, was es sei;
    Wie wenn du Geister strst --
    Vorbei.

    Nur manchmal im Leben ein Ton,
    Ein Wort, ein Gedankenstrahl --
    Du fragst: Wo vernahm ich's doch schon
    Einmal?


Eine pltzliche Stille ...

    Eine pltzliche Stille kommt oft,
    Als ob das Weltgewhl
    Die Sekunde jetzt stockte
    Und zwischen geraden Wnden
    Eine einzige schmale Bahn
    Freilegte von mir zu dir:
    Dann denkst du an mich.
    Und wie durch die Furt voreinst
    Des gespaltenen Meers,
    Zieht gelassen ein Traum
    Auf inniger Gasse
    Jenem Ufer zu.


Jenseits.

    Die Glocken luten dann wie jeden Tag ...
    An meinem Fenster wird einer trumend stehn,
    und der gewlbte Berg, der drben lag,
    wird -- abendgrau -- wie ein Grab aussehn
    und der Baum darauf, wie ein Baum auf einem Grab.

    Indessen werden die Stern' ber meinem Grab aufgehn ...
    Der Fremde tritt vom Fenster ins Zimmer hinein;
    von seiner Welt nicht mehr aufzusehn,
    nimmt er den Arbeitssessel wieder ein --
    Ich liege drauen allein, wie ich im Leben war.

    Und selbst die Toten neben mir werden mich nicht verstehn ...
    Dann werde ich aufstehn und zu Gott gehn,
    da _er_ mich behalte nun,
    oder mir sonst etwas aufgebe zu tun,
    oder die Flamme austrete --
    Dann werde ich ruhn.




Margarete Susman.


Im Feld ein Mdchen singt ...

    Im Feld ein Mdchen singt --
    Vielleicht ist ihr Liebster gestorben,
    Vielleicht ist ihr Glck verdorben,
    Da ihr Lied so traurig klingt.

    Das Abendrot verglht --
    Die Weiden stehn und schweigen --
    Und immer noch so eigen
    Tnt fern das traurige Lied.

    Der letzte Ton verklingt. --
    Ich mchte zu ihr gehen.
    Wir mten uns wohl verstehen,
    Da sie so traurig singt.


Ich liebe unter allen ...

    Ich liebe unter allen die am meisten,
    Die unsichtbare Kronen tragen.
    Wohl lieb' ich auch die heitern jungen Hupter,
    Auf deren Locken Rosenkrnze liegen,
    Das Haupt, das sinnende Gedanken beugten,
    Der Demut frommgesenkte Kinderstirn;
    Doch lieb' ich unter allen die am meisten,
    Die frei und kniglich im Leben stehn
    Und unsichtbare Kronen tragen.


So in die still verschneite Nacht ...

    So in die still verschneite Nacht
    Blick' ich hinaus;
    Die alte Sehnsucht ist erwacht
    Und singt und flstert, weint und lacht
    Und lacht mich aus.

    Sie zieht um mich den Zauberkreis
    Von Wunsch und Wahn;
    Sie spricht wie du so scheu und leis;
    Sie starrt mich an so traurig hei,
    Wie du getan.


Kein Liebeswort ...

    Kein Liebeswort ist zwischen uns gefallen.
    Du hast mir nicht einmal die Hand gekt,
    Wie mancher tat, der mir nicht teuer war.
    Ich sprach mit dir wie mit den andern allen.
    Der du mir Licht und Luft gewesen bist
    Und Lebensodem dieses ganze Jahr.

    Doch das, was deine Augen mir verkndet,
    Die leuchtenden Verrter, halt' ich fest,
    Sowie in Sturm und Schnee ein armes Kind
    Sein Pppchen hlt und wunderherrlich findet
    Und immer wieder zrtlich an sich pret,
    Neidlos auf die, die reich und glcklich sind.




Georg Trakl.

Geboren am 3. Februar 1887 zu Salzburg, gestorben am 3. November 1914 im
Garnisonlazarett zu Krakau. -- Gedichte 1914. Sebastian im Traum 1914.
Gesammelte Dichtungen 1919.


Der Herbst des Einsamen.

    Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Flle,
    Vergilbter Glanz von schnen Sommertagen.
    Ein reines Blau tritt aus verfallener Hlle;
    Der Flug der Vgel tnt von alten Sagen.
    Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
    Erfllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

    Und hier und dort ein Kreuz auf dem Hgel;
    Im roten Wald verliert sich eine Herde.
    Die Wolke wandert bern Weiherspiegel;
    Es ruht des Landmanns ruhige Gebrde.
    Sehr leise rhrt des Abends blauer Flgel
    Ein Dach von drrem Stroh, die schwarze Erde.

    Bald nisten Sterne in des Mden Brauen;
    In khle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
    Und Engel treten leise aus den blauen
    Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
    Es rauscht das Rohr; anfllt ein knchern Grauen,
    Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.


In den Nachmittag geflstert.

    Sonne, herbstlich dnn und zag,
    Und das Obst fllt von den Bumen.
    Stille wohnt in blauen Rumen
    Einen langen Nachmittag.

    Sterbeklnge von Metall;
    Und ein weies Tier bricht nieder.
    Brauner Mdchen rauhe Lieder
    Sind verweht im Bltterfall.

    Stirne Gottes Farben trumt,
    Sprt des Wahnsinns sanfte Flgel.
    Schatten drehen sich am Hgel
    Von Verwesung schwarz umsumt.

    Dmmerung voll Ruh und Wein;
    Traurige Gitarren rinnen.
    Und zur milden Lampe drinnen
    Kehrst du wie im Traume ein.


Im Park.

    Wieder wandelnd im alten Park,
    O! Stille gelb und roter Blumen.
    Ihr auch trauert, ihr sanften Gtter,
    Und das herbstliche Gold der Ulme.
    Reglos ragt am blulichen Weiher
    Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel.
    O! dann neige auch du die Stirne
    Vor der Ahnen verfallenem Marmor.


Landschaft.

    Septemberabend; traurig tnen die dunklen Rufe der
              Hirten
    Durch das dmmernde Dorf; Feuer sprht in der
              Schmiede.
    Gewaltig bumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen
              Locken der Magd
    Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nstern.
    Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der
              Hirschkuh,
    Und die gelben Blumen des Herbstes
    Neigen sich sprachlos ber das blaue Antlitz des Teichs.
    In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern
              mit dunklen Gesichtern die Fledermuse.


Sommer.

    Am Abend schweigt die Klage
    Des Kuckucks im Wald.
    Tiefer neigt sich das Korn,
    Der rote Mohn.

    Schwarzes Gewitter droht
    ber dem Hgel.
    Das alte Lied der Grille
    Erstirbt im Feld.

    Nimmer regt sich das Laub
    Der Kastanie.
    Auf der Wendeltreppe
    Rauscht dein Kleid.

    Stille leuchtet die Kerze
    Im dunklen Zimmer;
    Eine silberne Hand
    Lschte sie aus.

    Windstille, sternlose Nacht.


In Venedig.

    Stille in nchtigem Zimmer.
    Silbern flackert der Leuchter
    Vor dem singenden Odem
    Des Einsamen;
    Zaubrisches Rosengewlk.

    Schwrzlicher Fliegenschwarm
    Verdunkelt den steinernen Raum,
    Und es starrt von der Qual
    Des goldenen Tags das Haupt
    Des Heimatlosen.

    Reglos nachtet das Meer.
    Stern und schwrzliche Fahrt
    Entschwand am Kanal.
    Kind, dein krnkliches Lcheln
    Folgte mir leise im Schlaf.


Am Moor.

    Wanderer im schwarzen Wind; leise flstert das drre Rohr
    In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
    Ein Zug von wilden Vgeln folgt;
    Quere ber finsteren Wassern.

    Aufruhr. In verfallener Htte
    Aufflattert mit schwarzen Flgeln die Fulnis;
    Verkrppelte Birken seufzen im Wind.

    Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
    Die sanfte Schwermut grasender Herden,
    Erscheinung der Nacht: Krten tauchen aus silbernen Wassern.


Frhling der Seele.

    Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen strzt der Wind,
    Das Blau des Frhlings winkt durch brechendes Gest,
    Purpurner Nachttau und es erlschen rings die Sterne.
    Grnlich dmmert der Flu, silbern die alten Alleen
    Und die Trme der Stadt. O sanfte Trunkenheit
    Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel
    In kindlichen Grten. Schon lichtet sich der rosige Flor.

    Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,
    Das schreitende Tier; Grnendes, Bltengezweig
    Rhrt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.
    Leise tnt die Sonne im Rosengewlk am Hgel.
    Gro ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Flu.

    Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,
    Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht
    Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.
    Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung
    Des Waldes und Mittag war und gro das Schweigen des Tiers;
    Weie unter wilder Eiche, und es blhte silbern der Dorn.
    Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.

    Dunkler umflieen die Wasser die schnen Spiele der Fische.
    Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;
    Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dmmert
    Blue ber dem verhauenen Wald und es lutet
    Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.
    Stille blht die Myrte ber den weien Lidern des Toten.

    Leise tnen die Wasser im sinkenden Nachmittag
    Und es grnet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind;
    Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhgel.


Elis.

I.

    Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags.
    Unter alten Eichen
    Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.

    Ihre Blue spiegelt den Schlummer der Liebenden.
    An deinem Mund
    Verstummten ihre rosigen Seufzer.

    Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein.
    Ein guter Hirt
    Fhrt seine Herde am Waldsaum hin.
    O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.

    Leise sinkt
    An kahlen Mauern des lbaums blaue Stille,
    Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang.

    Ein goldener Kahn
    Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.

II.

    Ein sanftes Glockenspiel tnt in Elis' Brust
    Am Abend,
    Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.

    Ein blaues Wild
    Blutet leise im Dornengestrpp.

    Ein brauner Baum steht abgeschieden da;
    Seine blauen Frchte fielen von ihm.

    Zeichen und Sterne
    Versinken leise im Abendweiher.

    Hinter dem Hgel ist es Winter geworden.

    Blaue Tauben
    Trinken nachts den eisigen Schwei,
    Der von Elis' kristallener Stirne rinnt.

    Immer tnt
    An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.




Robert Walser.

Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. -- Gedichte 1908.


Morgenstern.

    Ich mache das Fenster auf,
    Es ist dunkle Morgenhelle.
    Das Schneien hrte schon auf,
    Ein groer Stern ist an seiner Stelle.

    Der Stern, der Stern
    Ist wunderbar schn.
    Wei von Schnee ist die Fern',
    Wei von Schnee alle Hhn.

    Heilige, frische
    Morgenruh' in der Welt.
    Jeder Laut deutlich fllt;
    Die Dcher glnzen wie Kindertische.

    So still und wei:
    Eine groe, schne Einde,
    Deren kalte Stille jede
    uerung strt; in mir brennt's hei.


Langezeit.

    Ich tu' mir Zwang,
    Zu scherzen und lachen,
    Was soll ich machen,
    Die Zeit ist lang.

    Gewohnten Gang
    Im mden Herzen
    Gehn alte Schmerzen,
    Die Zeit ist lang.

    Ich mu den Hang
    Zu weinen bezwingen,
    Nebst andern Dingen,
    Die Zeit ist lang.


Warum auch.

    Und als ein solcher klarer
    Tag hastig nun wiederkam,
    Sprach er voll ruhiger, wahrer
    Entschlossenheit langsam:
    Nun soll es anders sein,
    Ich strze mich in den Kampf hinein;
    Ich will gleich so vielen andern
    Aus der Welt tragen helfen das Leid,
    Will leiden und wandern,
    Bis das Volk befreit.
    Will nie mehr mde mich niederlegen;
    Geschehen soll etwas.
    Da berkam ihn ein Erwgen,
    Ein Schlummer: ach, la doch das.


Schnee.

    Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde
    Mit weier Beschwerde, so weit, so weit.

    Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel,
    Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee.

    Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite,
    Die weiverschneite Welt macht mich schwach.

    So da erst klein, dann gro mein Sehnen
    Sich drngt zu Trnen, in mich hinein.


Im Mondschein.

    Ich dachte gestern nacht,
    Die Sterne mssen singen,
    Als ich aufgewacht
    Und es leise hrte klingen.

    Es war aber eine Handharfe,
    Die durch die Rume drang,
    Und durch die kalte, scharfe
    Nacht klang es so bang.

    Dachte so verlornem Ringen,
    Gebeten und Flchen nach,
    Und noch lange hrt' ich es singen,
    Lag lang' noch wach.


Mdigkeit.

    Entfhr' mich, wie ich bin;
    Sieh, mein verirrter Sinn
    Weist von sich diese Welt,
    Die ihn nicht mehr erhellt.
    Komm, o ich werde brav
    Und selig stille sein
    In deinem dichten Schein,
    Heiliger, ser Schlaf.


Zu philosophisch.

    Wie geisterhaft im Sinken
    Und Steigen ist mein Leben.
    Stets seh' ich mich mir winken,
    Dem Winkenden entschweben.

    Ich seh' mich als Gelchter,
    Als tiefe Trauer wieder,
    Als wsten Redeflechter;
    Doch alles dies sinkt nieder.

    Und ist zu allen Zeiten
    Wohl niemals recht gewesen.
    Ich bin vergene Weiten
    Zu wandern auserlesen.


Brausen.

    Es braust noch immer in der Welt,
    Das Brausen hrt doch niemals auf;
    Ich liebe -- es hrt niemals auf,
    Es braust ein Lieben durch die Welt.
    Und ob ich auch ein Feigling bin,
    Und ob du auch ein Kranker bist:
    Du liebst, wenn du es auch nicht bist,
    Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin.
    Es braust, und ich steh' horchend still,
    Ich wei, ich hasse den und den,
    Es ntzt mir nichts; wie ich auch will:
    Ich liebe alles, so auch den.
    Dann gibt es Stunden, wo ich wei,
    Da wir vor Liebe alle hei.


Und ging.

    Er schwenkte leise seinen Hut
    Und ging, heit es vom Wandersmann.
    Er ri die Bltter von dem Baum
    Und ging, heit es vom rauhen Herbst.
    Sie teilte lchelnd Gnaden aus
    Und ging, heit's von der Majestt.
    Es klopfte nchtlich an die Tr
    Und ging, heit es vom Herzeleid.
    Er zeigte weinend auf sein Herz
    Und ging, heit es vom armen Mann.




Frank Wedekind.

Geboren am 24. Juli 1864 in Hannover, gestorben am 9. Mrz 1918 in
Mnchen. -- Die vier Jahreszeiten 1905.


Erdgeist.

    Greife wacker nach der Snde;
    Aus der Snde wchst Genu.
    Ach, du gleichest einem Kinde,
    Dem man alles zeigen mu.

    Meide nicht die ird'schen Schtze:
    Wo sie liegen, nimm sie mit.
    Hat die Welt doch nur Gesetze,
    Da man sie mit Fen tritt.

    Glcklich, wer geschickt und heiter
    ber frische Grber hopst.
    Tanzend auf der Galgenleiter
    Hat sich keiner noch gemopst.


Perversitt.

    Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen,
    Mit hohlen Augen und mit dnnen Armen
    Huscht scheu hervor, instndig mein Erbarmen
    Anflehend, stotternd, schlotternd, furchtbefangen.

    Eisig sein Krper, glhend sein Verlangen,
    Mht sich's frostbebend, menschlich zu erwarmen.
    Vergebne Qual; erschlafft in meinen Armen,
    Bewimmert es sein Hoffen und sein Bangen.

    Beschmt schleicht sich's von hinnen, chzend, siechend,
    Nachts bettelnd und bei Tage sich verkriechend,
    Heut in Verzweiflung, morgen in Verzcktheit;

    Verfllt gemach schmerzstillender Verrcktheit,
    Stutzt, lacht, jauchzt todesfroh, und, der Gewandung
    Vom Gischt beraubt, zerschellt es in der Brandung.


Ilse.

    Ich war ein Kind von fnfzehn Jahren,
    Ein reines unschuldsvolles Kind,
    Als ich zum erstenmal erfahren,
    Wie s der Liebe Freuden sind.

    Er nahm mich um den Leib und lachte
    Und flsterte: O welch ein Glck!
    Und dabei bog er sachte, sachte
    Mein Kpfchen auf das Pfhl zurck.

    Seit jenem Tag lieb' ich sie alle,
    Des Lebens schnster Lenz ist mein;
    Und wenn ich keinem mehr gefalle,
    Dann will ich gern begraben sein.


Der Anarchist.

    Reicht mir in der Todesstunde
    Nicht in Gnaden den Pokal!
    Von des Weibes heiem Munde
    Lat mich trinken noch einmal!

    Mgt ihr sinnlos euch berauschen,
    Wenn mein Blut zerrinnt im Sand.
    Meinen Ku mag sie nicht tauschen
    Auch fr Brot aus Henkershand.

    Einen Sohn wird sie gebren,
    Dem mein Kreuz im Herzen steht,
    Der fr seiner Mutter Zhren
    Eurer Kinder Hupter mht.


Waldweben.

    Zwischen duftigen Bschen
    Stie ich auf einen Quell;
    Meinen Mund zu erfrischen,
    Dnkt' er mich rein und hell.

    Als ich mich satt getrunken,
    Trumend wankt' ich zur Stadt,
    Bin aufs Lager gesunken,
    Fiebernd und todesmatt.

    Hat kein Arzt sich gefunden,
    Dessen Kunst mich geheilt;
    Werd' auch nimmer gesunden,
    Bis mich der Tod ereilt. --

    Ei du mein durstiger Knabe,
    Streife nicht durchs Gebsch;
    Bleib bei der Mutter und labe
    Fromm dich am Kaffeetisch.




Franz Werfel.

Geboren am 10. September 1890 zu Prag. -- Der Weltfreund 1911. Wir sind
1913. Einander 1915. Gesnge aus den drei Reichen 1917. Der Gerichtstag
1920.


Wie nichts erkennend.

    Ich reichte einem Kranken meine Hand
    Und gab ihm Wunsch und Mitgefhl bekannt.
    Doch whrend treulich meine Worte waren,
    Sprach wohl ein Herz, das nur sich selbst empfand.
    Mittglich sah ich einen Droschkenstand,
    Wo sich beweglich alte Gule sonnten.
    Da hat ein klarer Kopf sich umgewandt
    Und tief durchfhlt traf mich ein schweres Auge.
    Bin aber dumpf des eigenen Wegs gerannt
    Und nicht durchflo mich dieses Bruderleben.

    Am Abend hab' ich heies Wort genannt.
    Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht nannt ich mein.
    Hah, Mein und Mein! Und immer diese Wand!
    Warum bin ich nicht durch die Welt gespannt,
    Allfhlend gleicherzeit in Tier und Bumen,
    In Knecht und Ofen, Mensch und Gegenstand?!
    So ist's mein Teil, sternhaft dahinzurollen,
    Gebunden zwar, doch niemandem verwandt,
    Wie nichts erkennend, so auch unerkannt.


Verzweiflung.

    Nacht kam herein.
    Und morgen, whnen wir, ist Tag.
    Da gehn die Wagen wieder
    Und an den Tren lutet es.

    Die Mutter mein sitzt da.
    Ihr Antlitz ist nicht meins.
    Sie redet viel an mich.
    Ich denk an fremdes Nichts.

    Die Schwester mein lacht auf.
    Leicht knnte ich sie hassen.
    In meiner de brodelt
    Schon ein gemeines Wort.

    Ich bin so zugebaut!
    Und alles rauscht nach Liebe.
    Ich auch nach Liebe weine
    Und hab doch keinen gern.


Welche Lust auf Erden denn ist ser.

    Taucht nur, senkt nur eure wilden Fratzen
    In mein reines flieendes Wesen!
    Diese Seele brandzuschatzen,
    Seid ihr alle, allesamt erlesen.

    Mrtyrer, gegrt, wollstige Ber!
    Heil dem Busen durch und durch geschlagen!
    Welche Lust auf Erden denn ist ser,
    Als verwundet werden und nichts sagen.

    Komm, Verrter, da ich dich erbose,
    Du mit mden Hnden, list'ger Spher!
    Hier Gesicht und Brust!! Mit jedem Stoe
    Bin ich ja dem Tempo Gottes nher!


Ein Lebens-Lied.

    Da einmal mein dies Leben war,
    Da in ihm jene Kiefern standen
    Und Ufer schlafend sich vorberwanden,
    Da ich in Wldern aufschrie sonderbar.
    Da einmal mein dies Leben war!

    Wo Ufer schlafend sich vorberwanden,
    Was trug der Flu mit Schilf und Wolk' davon?
    Wo bin ich -- und ich hre noch den Ton
    Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
    Wo Ufer schlafend sich vorberwanden.

    Wo bin ich -- und ich hre noch den Ton
    Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
    Kastanien- und Laternensprache waren
    Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?
    Wo bin ich -- und ich hre noch den Ton?

    Kastanien- und Laternensprache waren
    Noch da und Atem einer breiten Schar.
    Und mein war ein Gefhl von Gang und Haaren.
    O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,
    Da einmal mein dies Leben war!


Amore.

    Wenn noch die Eitelkeit
    Das Auge dir entweiht,
    Ist kommen nicht die Zeit.

    Solang du noch willst stehn
    Auf Podien, gesehn,
    Kann Glcks dir nicht geschehn.

    Wer sich noch nicht zerbrach,
    Sich ffnend jeder Schmach,
    Ist Gottes noch nicht wach.

    Wer noch mit Eifer spitzt,
    Da er ein Weib besitzt,
    Ist noch nicht ausgewitzt.

    Erst wenn ein Mensch zerging
    In jedem Tier und Ding,
    Zu lieben er anfing.

    Erst wer Erfllung floh,
    Wchst an zum Hchsten so,
    Wird letzter Sehnsucht froh.

    Erst wer sich jauchzend bot
    Der Schande und der Not
    Und zehnfach jedem Tod,

    Im heiligsten Verzicht,
    Vor Liebe ihm zerbricht
    Sein irdisch Angesicht!

    Wohin schwillt er empor?
    Was schwingt er berm Chor
    Unendlich sein amor'!!


Alte Dienstboten.

    In dem sanften Wallen der alten Frhlinge
    Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
    Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
    Der Sonntag fllt mit seinem zarten Tod die Strae aus.
    Sein letzter Odem trgt den Schall von Ruderschlgen,
    Von Ufer, Hgelton und Klang von Weggesprchen her.
    Die alten Mgde haben gtige Hte auf,
    Mild von Vergangenheit und kaum entlchelnd mehr.
    Nur manche Masche oder khne Rose schlgt zum Flug die Flgel auf.
    Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gru und altem Nicken,
    Eh' sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.

    Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Hnden
    Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frhen Tag.
    Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
    Klirrt ein Geschirr, ist Kche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
    Im Hof ist Lrm, im Herd die ewige Kohle.
    Sie hren auf dem Gang das Schlrfen ihrer Sohle,
    Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
    Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
    Schon keift die Herrin auf, die aus der Tre fuhr ...
    Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rcken
    Sind die bereit sich neu zu ewigem Dienst zu bcken.

    Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
    Ich wei, da diese alten geisterhaften Leben
    Sich ohne Ende ber meins erheben,
    Das voll von Hoffart Worte machen mag.
    Nur uns zu prfen gab uns Gott den Tag,
    Allein des Tages Sinn heit Heiligkeit.
    O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schliet,
    O Einfalt, die nichts wei und nichts geniet,
    O Licht am Abend berm Tisch gebckt!
    Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Hnden,
    Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!


Mondlied eines Mdchens.

    Ich liege in glsernem Wachen,
    Gelst mein Haar und Gesicht.
    Am Boden in langsamen Lachen
    Schwebt Mond, das unselige Licht.

    Und wie mir die tdliche Helle
    Die Stirn und das Auge befhlt,
    Zerrinn ich und bin eine Welle,
    Gekruselt, entfhrt und gesplt.

    Die Mutter atmet daneben,
    Der Vater schlft auf und ab.
    Ich habe Angst um das Leben
    Von allen, die ich liebhab.

    Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer
    Erzengel mit schrecklichem Schwert.
    Ins Ohr weint mir immer, mir immer
    Ein Kind, das mir nicht gehrt.

    Nachtlampe von tausend Betten
    Des Leidens, der Mond mir scheint.
    Ich mchte viel Schluchzendes retten,
    Und bin es doch selbst, die weint.

    All Ding im Zimmer verlassen,
    Der Schuh, und der Tisch, und die Wand ...
    Ich mchte das Ferne anfassen,
    Nur sein eine streichelnde Hand!

    Ich mchte mit Frstelnden spielen
    Und halten die Kalten im Arm!
    Ich fhle, die Reichen und Vielen
    Sind Kinder vor mir und so arm!

    Fr alle mu ich mich sorgen,
    Mein Schlaf ist glsern und schwebt ...
    Ich horche, wie in den Morgen
    Der Atem von allen sich hebt.

    Im Fenster wehn Bume zerrissen,
    Viel Himmel sind windig in Ruh.
    Ich decke mit meinen Kissen
    Die frierenden Welten zu.


Die Leidenschaftlichen.

    Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten
    Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten!
    Nein alle, die in dreizehn Dezembernchten
    Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich rchten
    Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten,
    Die Eiferschtigen all, die ihr Blut stauten,
    In Droschken weinten, in Slen sich erfrechten!
    Die durchgefallnen tiefen Atmer,
    Snger, die mit bezechten
    Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen,
    Sie werden sein zu dir emporgerissen,
    Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten!

    Es werden wandeln in deinen Grten
    Nicht nur die Demtigen und Beschwerten,
    Nein alle, die leuchteten und verehrten!
    Mdchen, die in Konzerten erkrankten,
    Weil ihre Wangen zu bleich sich verklrten,
    Blicke aus Augen, die dankten --
    Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten
    Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben,
    Werden sie lodern weiter und loben,
    Leichte Feuer wandelnd in deinen Grten!

    Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen
    Nicht die allein, die deinen Namen riefen,
    Nein alle, die in den Nchten nicht schliefen!
    Die am Morgen ihr Herz mit beiden Hnden huften
    Wie Flamme, und liefen
    Tiefatmend, blind, in unbekannten Luften.
    Ein Ksten-Wind zuckt in Selbstmrderbriefen.
    Die Knaben haben Meere nicht verstanden,
    So brannten sie sich ab in Hieroglyphen.
    Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen
    Eisernen Kreuzen der Konfirmanden.
    Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden --
    Die hier unruheten aus deinen Tiefen,
    Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen.


Die Schwestern von Bozen.

    Zwei Schwestern sah ich heut auf morgendlicher Au.
    Sie schwebten lerchenfrh und schwrmten in das Blau,
    Und waren angetan khl in Gewande wei.
    Doch auf ihren Schrzen war
    Von trockenem Blut ein Rost und dumpfer Kreis.
    Sie aber tief umschlungen schritten wunderbar.

    Ich trat sie an die Schwebenden, und fragte leis:
    Schwestern, von welchem Schein sind eurer Augen Scheine froh?
    Kommt ihr nicht aus den Slen, wo
    Die eingetrnkte Maske auf das arme Antlitz sinkt,
    Und in die weien Stoffe Blut und Eiter dringt?
    Geht ihr nicht durch die Fulnis schwerer Zimmer ein und aus?
    Tragt ihr nicht Schsseln Unrats mild mit euch hinaus?
    Und habt in eurem Opfer keinen Tag und keine Stunde Lust,
    Drft nicht in das Theater gehn und nicht im Grnen sitzen unbewut!

    Die beiden Schwestern aber sahn mich an mit einem Schaun,
    Mit einem Blick voll tiefstem Jenseits sahn mich an die beiden Fraun.
    Mit einem Blick, den ich, ein niedrer Laie, noch nicht ganz verstand,
    Und doch geschah es, da mich Weinen berwand.
    Ich sah ein Licht steigen, das sich dem Wiesen-Ku entreit.
    Es ahnte eine tiefste Wollust mein entzckter Geist.
    Mir war von unbetretner Freude offenbar ein letztes Ziel ...

    Von ferne fhlt ich lachen leicht
    Das Schwesternpaar, wie's nun entweicht,
    Und schwindet tiefumschlungen in ein zrtlich frhes Glockenspiel.


Gesang einer Frau.

    Warum, warum diese neue Angst?: Die Welt ist schon so oft!
    Und Oft ein Wort, das fort und fort ins Ohr tropft unverhofft.
    Ein rundes Wort, ein runder Laut, der endet und beschliet.
    Mir graut vor meinem Haar,
    Es war so oft, meine Hand war oft, mein Mund war oft, war, war!
    Meine Zunge war oft, meine Brust und was er geniet.
    Mir graut, es graut auch meinem Haar.
    Oft -- ist unfaliche Gefahr.

    Ich kann die Blumen nicht sehn auf dem Tisch, sie machen mich krank.
    Mein Geliebter hat einen verrterischen Gang.
    Oft und Gewohnt sein aufgeknpftes Freundespaar
    Wischt sich die Stiefel nicht ab. Sie spucken gar
    Und blasen Zigarrenrauch in mein Haar.
    Oft ist mein Feind und schon lang.

    O diese schrecklichen Frhen. Sie tragen Altes auf ihren Glocken her.
    Wie bin ich von weitem und lang schon her.
    Nun kann ich mich gar nicht erinnern mehr.
    Wie man sich lachend auf die Fuspitzen stellt,
    Das entfiel dem Gedchtnis meiner Fe, dem viel entfllt.

    Trbsinn heit vierfach meine Jahreszeit,
    Im Winter frcht' ich den Frhling, im Frhling die scharfe Zeit,
    Und doch mcht' ich alles halten, was mich vermaledeit.

    Nein, nein! Ach! Wie ist mir das doch hassenswert!
    Wie alles an mir vergeht, mchte auch ich vergehn.
    Verzehrt sein, vergehn, eingehn in einen hohen Wert.

    Lieben, lieben zum erstenmal,
    Wo Liebe nicht verlischt mit dem Wangenmal,
    Nicht jeder Ku, verhauchend, wird Betrug,
    Und Ekel durch die Morgenlumpen lugt!
    Eingehn in ein reines weies Wei!
    Weie Schrzen tragen, weies Kleid und eine Farbe nur sehr: Wei!
    Mein Gesicht vergessen, keine Zeit haben, immer ein
              Werk haben, immer tun,
    Nur am Abend ins Gebet hinberruhn!
    O Leidenschaft!

    Nun schimpft zum Fenster ein Regen herein.
    Auch der Regen ist oft. Ich zhle die Feinde nicht.
    Ich fhle nur meine Augen. Wohin ist mein Gesicht?
    Frher lebte ich seine Farben und flog unendlich in alles ein,
    Von unten, von der Seite, streichelte alles mit meinem Schein.
    Jetzt ist in mir solch eine Beschwerlichkeit.
    Ich bin leicht, ich bin leicht, aber mein Antlitz neigt,
    Neigt sich zu allem nieder, als wr' ich sehr gro und sehr weit,
    Und alles ist nur bedacht, da es sich hflich zeigt.

    Wo bin ich denn? O Himmelsrose, die mich in die Mitte klemmt!
    Ich sitze auf meinem Bettrand im Hemd,
    Und schaue auf meinen edel ermatteten Fu,
    Der mich entzckt, da ich fast weinen mu.
    Und doch ist in meinen sen Beinen schon etwas, das man verhngt ...


    [Illustration: Franz Werfel]


Geheimnis.

    So reich bist du, als du trnenreich bist.
    So frei bist du, als du dich selbst berspringst,
    So wahr bist du, als du dich kannst verwerfen.
    So gro bist du, als klein vor dir der Tod ist.
    So tief bist du Wunder,
    Als du tiefe Wunder siehst!


Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.

    Niemals wieder will ich
    Eines Menschen Antlitz verlachen.
    Niemals wieder will ich
    Eines Menschen Wesen richten.

    Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen.
    Wohl gibt es Kuppler-Augen.
    Wohl gibt es Vielfra-Lippen.

    Aber pltzlich
    Aus der dumpfen Rede
    Des leichthin Gerichteten,
    Aus einem hilflosen Schulterzucken
    Wehte mir zarter Lindenduft
    Unserer fernen seligen Heimat,
    Und ich bereute gerissenes Urteil.

    Noch im schlammigsten Antlitz
    Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.
    Die gierigen Herzen greifen nach Kot --
    Aber in jedem
    Geborenen Menschen
    Ist mir die Heimkunft des Heilands verheien.


Sein und Treiben.

    Erkennen ist noch Hast.
    Auch Knnen ist Unrast.
    Wer wirklich ist, der ist!
    Der wohlgeborene Hund darf sein.
    Der migeborene Hund mu springen.


Gebet um Reinheit.

    Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die
              alte, immergleiche.
    Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten
              im Wunder.
    Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend
              des tiefen Zeichens,
    Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die
              beschmutzten Hnde splen.

    O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu trnken
              und zu reinigen!
    O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
    Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner Khle Gewhr,
              da du springst und splst,
    Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem
              sen Geflle?

    Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte
              des Lampenkreises.
    Ich halte dir meine beschmutzten Hnde hin, wie ein
              Kind, das am Abend der Waschung wartet.
    Nach einem lgnerischen Tage will ich mich sammeln,
              um in dieser Spanne wahr zu sein.
    Ich will mich in meiner Hrde zusammendrngen, bis
              das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.

    Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde
              gesungen,
    Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm
              hier wider meinen Feind!
    Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben
              einander nicht einmal so sehr, um uns Feinde zu sein.
    Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind,
              der mich berennt und an alle meine Tore pocht.

    Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem
              Tisch sitzt und Vllerei treibt,
    Whrend ich meine verdorrten Hnde falte und darbe,
              und sich am Fenster die Hungrigen drngen.
    Ich habe einen Feind, der aufstoend nach der Mahlzeit
              seine Zigarre raucht und fett wird,
    Whrend ich immer geringer werde und zusehn mu,
              wie er das Gut meiner Seele verprat.

    Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle
              Rede in Geschwtz verkehrt und in Selbstbetrug.
    Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch
              macht, und meine Liebe mit Trgheit erstickt.
    Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit
              verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,
    Der ich doch ein Meister der gttlichen Gensse bin.

    Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein
              Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?
    Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit?
              Reinige, einige mich, o du Gewsser!
    Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit
              eh und je ber die Zahl Zwei.
    Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine
              Hnde hin zur Waschung.

    Befreie mich, reinige mich, mein Vater, tte diesen
              Feind, tte mich, ertrnke diesen Mich!
    Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig
              die einfach Guten, selig die einfach Bsen!
    Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen,
              die zu- und abnehmenden Gegenspieler.
    O heilig Gewsser, um dein und meiner Gre willen,
              hilf mir!


Wir nicht.

    Ich lauschte in die Krone des Baums; -- da hie es im Laub:
                        Noch -- nicht!
    Ich legte das Ohr an die Erde; -- da klopft's unter Kraut und Staub:
                        Noch -- nicht!
    Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste:
                         Du -- nicht!
                     Das war mein Gericht.
                     Ich verwarf mein Lied,
        Und das lsterne Herz, das sich nicht beschied.
    Ich trat auf die Strae. Sie strmte schon abendlich.
    Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht.
    Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob,
    Und wute: Auch ich, vom lauen Trug entstellt,
    Werde nochmals begonnen, weil neu ein Scho mich hlt
    Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod,
    Und weinend pries ich allen Samen in der Welt.




Paul Wertheimer.

Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. -- Gedichte 1896. Neue Gedichte
1904. Im Lande der Torheit 1910.


Seelen.

    Du weit, wir bleiben einsam: Du und ich,
    Wie Stmme, tief in Gold und Blau getaucht,
    Mit freien Kronen, die der Seewind kt ...
    So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
    Doch zwischen beiden webt ein feines Licht
    Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
    Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin ...


Ostsee.

    Da lieg' ich an dem weien Ostseestrande.
    Das Meer ... Das Meer! Mein wahrgewordner Traum!
    Ich bin vergraben in dem feinen Sande
    Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum.

    Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten
    Hinauf-, hinunterwrts die grne Bahn.
    O meines jungen Traums Unendlichkeiten!
    Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn.

    Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen
    Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut,
    Und von des Meeres kniglichen Gnaden
    Und von der Kraft, die lchelnd in mir ruht!


Tote Stunde.

    Menschen sterben von mir ab wie Blten
    Meines lieben Baumes vor dem Fenster.
    Gestern war er noch voll rot und weien
    Glanzes, sieh, nun ist er grn und keimend.
    Hat ein Wandrer an dem Stamm geschttelt --
    Solch ein aufrecht-groer Lebensschreiter?
    Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige?
    Murmelte der Wind zur Nacht von neuen,
    Ahnungsvollen, ungewissen Dingen --
    Und die Blten stoben hin erschrocken
    Und sie fielen weit, weit ab und starben ...




Alfred Wolfenstein.

Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. -- Die gottlosen Jahre 1914. Die
Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher Kmpfer 1919.


Stdter.

    Nah wie Lcher eines Siebes stehn
    Fenster beieinander, drngend fassen
    Huser sich so dicht an, da die Straen
    Grau geschwollen wie Gewrgte sehn.

    Ineinander dicht hineingehakt
    Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
    Leute, wo die Blicke eng ausladen
    Und Begierde ineinanderragt.

    Unsre Wnde sind so dnn wie Haut,
    Da ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
    Flstern dringt hinber wie Gegrle --

    Und wie stumm in abgeschloner Hhle
    Unberhrt und ungeschaut
    Steht doch jeder fern und fhlt: alleine.


Tanz.

I.

    Sie wirbelt weich
    Die Hnde schwingend vor ..
    Sie rollt auf Zehen starr zurck:
    Steht gipfelnd von Musik umflossen,
    Silbern sichtbar in die Luft gegossen!

    Sie schmilzt hinab
    Und hebt zu kreisen an
    Um ihrer Seele stillsten Punkt,
    Wie Schnee, um sein Gebirge flieend,
    In immer weichere Hand sich gieend,

    Wie Wasser wei ..
    Dick schwellen aus der Wand
    Der Lampen blutige Fden an
    Und sinken pltzlich ..: Sie steht funkelnd
    Da, steil gezackt, geprgt im Dunkeln!

II.

    Sie schweift den Fu wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis,
    Sie spitzt den Fu wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz,
    Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis --
    Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz.

    Von Sulen schielt das Breitgesicht der Decke wei
    Herab auf ihrer schnellen Brste Blitz und Blitz,
    Aus vorgewlbten Mulern blst es gelb und hei,
    Ihr Lichtknie schluckt der ungerhrten Augen Schlitz!

    Da schttelt sie sich zagender: O falle, Gier!
    Da wirft sie sich in Lfte fort -- Doch immer schwingt
    Die Schnheit wie ein Bumerang zurck zu ihr,
    Da jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt.

    Rot hngt des Vorhangs offner Wundrand ber ihr,
    Rauch hhnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt,
    Ihr Tanz verlscht nicht, angespritzt von Staub und Bier,
    Noch immer klatschen Fuste, bis Musik noch klingt.

III.

    So flieh, enttanze
    In dich! du Unsichtbare!
    Wie ein rasendes Rad innen schwindet --
    Schon hllen Wellen dich und bleichen
    Die Gier, im Saale sitzen Leichen --

    Du, neu geboren
    Auf einen andern Stern hin!
    In eignen immer wildren Sturmleib,
    In Fu und Brust und Stirn verflogen,
    Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen.

    Und fliet zusammen
    Mit sich -- und fhlt nur Tanzen,
    Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen --
    Es hebt sie einsames Gefieder
    Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder.


Musik des Kmpfers.

    Von Stern zu Stern
    Wie an schwankenden Ringen
    Sausen wir durch die Welt.

    Vom Dunkel zur Freundschaft,
    Von Freundschaft zur schaffenden Einsamkeit schwingen
    Wir uns durch die Erde.

    Aber das steigt nicht
    Vom Seufzen zum Singen:
    Dahinter winkt wieder Finsternis, und wieder Licht.

    Wie Sturm, Blitz und Flu
    Miteinander verschlingen
    Sich ewig in uns, ewig zugleich:

    Dunkles Tasten an der Wahrheit Wand,
    Feuriger Freundschaft Weltdurchdringen,
    Zeugung der Wahrheit und Welt aus uns!

    Drei Gewalten, die um jedes
    Kmpfers Seele miteinander ringen,
    Heben ihn nur himmlisch ber sich empor!

    Schpfung kreist
    Aus ihrem An-einander-klingen:
    Aus Musik des Kmpfers wchst rings Gottes Geist.


Nacht im Dorfe.

    Vor der verschlungnen Finsternis sthnt,
    Sthnt mein Mund,
    Ich an Lrmen unruhig gewhnt,
    Starre suchend rund:

    Berge von Bumen behaart ruhn
    Schwarz wst herein,
    Was ihre Straen nun tun,
    uert kein Schein, kein Schrei'n.

    Aber ein wenig sich zu irrn
    Wnscht, wnscht mein Ohr!
    Schwnge nur eines Kfers Schwirrn
    Mir ein Auto vor.

    Wre nur ein Fenster drben bewohnt,
    Doch im gewlbten Haus
    Nichts als Sterne und hohlen Mond
    -- Halt ich nicht aus --

    Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allmchtig umstellt,
    Fremd, fremd und nah --
    Durch den See noch nher geschwellt
    Liegt es lautlos da.

    Aber glaubt mich nicht schwach.
    Da ich -- soeben die Stadt noch gehat,
    Nun das Land flieh --: es ist nur die Nacht,
    Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefat --

    Wie du tot oder tausendfach unbekannt
    Mein schwarzes Bett umlangst,
    Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand,
    Gottlose Angst --


Fahrt.

    Der D-Zug schreit und steigert sich, der Mond steht hell --
    O Einklang aller Fe langsam -- Fe schnell!
    Die Herzen schlagen
    Auf blanker Schiene mit den Wagen.

    Wir sind ein Schwarm dem sprden Schritt der Stdte fern!
    Ihr Huser fort! mit uns fhrt eisern nur der Stern.
    Die Drfer blinken,
    Von unserm Sturm verlscht versinken.

    Versenken wir das Aschengrau der Abendwelt!
    Wie gutes Blut zerschmilzt der Zug, was uns umstellt.
    Gebirge gleiten
    In Seen .. ins Meer der Schnelligkeiten.

    Doch wir gezackt wie Wolken aus dem glatten Meer
    Mit einem Atem dampfen wir darber her
    Und brausend sehen
    Wir brausendere Sterne stehen ..

    Seht auf, seht auf .. da steigt und schreit und hebt der Zug
    Uns hoch in Glanz .. das Gleis verstummt .. die Nacht wird Flug ..
    Wir alle flammen
    Im wildren Schmelz des Sterns zusammen!

    Und nagelt uns die Bremse auf Stationen fest,
    Wir fahren noch .. ins muffige Hotel gepret!
    Aus Fenstern neigen
    Wir uns und sausen Sternenreigen.


Die Stirn.

    Himmel baut sich um die Brust mir bis zum Kiefer,
    Aber durchbrechend sein Dach
    Sprot mein Auge frei hinaus, indes die Hften tiefer
    Stehen in Wiese und Luft, grnem und blauem Gemach!

    Aber durchbrechend das Dach -- in welchen Rumen
    Wchst mein Haupt? Unten in Meer
    Und Wald und irdischen Maschinen schumen
    Die Dinge lrmend und schwer --

    Dennoch nur wie leiser Schlaf in engen Wnden,
    Wie ein bescheidenes Spiel!
    Aber riesig ber Himmelsschultern, Bergeslenden,
    Schwebt die Stirn, -- Sonne auf schmchtigem Stiel,

    Drache, unerschpflich ber seinen Hlsen,
    Mond ber Ebbe und Flut,
    Hochgebirg ber allen Felsen,
    Reicht die Stirn in jede Glut!

    In das Schicksal reicht die Stirn -- und kann nicht siegen,
    Aber singen! -- bis sie dem Schicksal gleicht an Glanz,
    Aus der Erde klingend weltallgebogne Spiralen durchfliegen,
    Bis sie hoch in den Sternen -- mit Menschen sich trifft im Tanz.




Paul Zech.

Geboren am 19. Februar 1881 zu Briesen. -- Schollenbruch 1912. Die
eiserne Brcke 1913. Der Wald 1914. Das schwarze Revier 1914. Der
feurige Busch 1919. Golgatha 1919. Das Terzett der Sterne 1920. +Venus
consolatrix+ 1921.


Die Huser haben Augen aufgetan ...

    Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind
    und mauerhart in dem Vorbersplen
    gehetzter Stunden; Wind bringt von den Mhlen
    gekhlten Tau und geisterhaftes Blau.

    Die Huser haben Augen aufgetan,
    Stern unter Sternen ist die Erde wieder,
    die Brcken tauchen in das Flubett nieder
    und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn.

    Gestalten wachsen gro aus jedem Strauch,
    die Wipfel wehen fort wie trger Rauch
    und Tler werfen Berge ab, die lange drckten.

    Die Menschen aber staunen mit entrckten
    Gesichtern in der Sterne Silberschwall
    und sind wie Frchte reif und s zum Fall.


Bettler im Sptherbst.

    Den leeren Ranzen lssig umgesackt
    und grnen Filzhut windschief auf den Strhnen,
    so schiebt er sich ins Dorf, wo sattes Ghnen
    rauchwirbelnd ber feuchte Dcher flackt.

    Er probt mit langen Fingern, die von Gicht
    krummstehn, das Tr-an-klopfen,
    und weitet Taschen aus zum Brotverstopfen
    und setzt in Kummerfalten das Gesicht.

    Sturm orgelt lauter auf in den Kaminen
    und Tor an Tor knirscht krachend im Verschlu ....
    Armselig, wer nun wandern, wandern mu.

    Man wirft aus Fenstern Fuste jhzornschwer,
    und hetzt Gebrll von Hunden hinterher.
    ... Der Nebel gittert graue Eisgardinen.


Dorf im Mittag.

    Das Dorf liegt aufgebahrt. Ein Wetterriegel
    schiebt schwarz sich vor: die Sonne abzusperrn.
    Doch die steil abgeschrgten Dcherziegel
    halten die Hitze unter rotem Siegel
    zitternd von aller Khle fern.

    Verzweifelt strebt der Rauch aus den Kaminen
    in den verbleiten Horizont empor.
    Die Fenster ruhn verschlossen in Gardinen,
    und des Gesindes abgespannte Mienen
    beschattet tief des Schlafes Flor,

    bis wie ein Traumschrei aus den Schlummerzellen
    die Dreschmaschine heult und wie ein Pfeil
    in angestrengtem Vorwrtsschnellen
    die Luft zerschneidet, messerscharf und steil.


Es kam ein Wind ...

    Es kam ein Wind von Frhlingsland,
    der ri vom Strom das Silberband
    und lie die blauen Schimmerwellen tanzen.

    Da fiel der Nebel wie zerschlitzt
    ins Uferrohr, das, rot beglitzt,
    emporwuchs wie ein Wald von goldnen Lanzen.

    Und alle Wiesen wurden wasserfrei,
    Alarm beflammte Kuckucksruf und Kiebitzschrei,
    bis, losgelassen von den Farmen,

    die jungen Pferde Funken schlugen querfeldein,
    als mten sie im Fliegen noch den Stein
    vor lauter Blut umarmen.




Stefan Zweig.

Geboren am 28. November 1881 zu Wien. -- Gesammelte Gedichte 1921.


Singende Fontne.

    Blauer Blick des Mondescheines
    Khlte meines Zimmers Wand;
    Da hrt' ich die Stimme eines,
    Der im Dunkel unten stand.

    Und wie ich die Scheibe staunend
    In den Garten niederbog,
    War es Singen, s und raunend,
    Das zu mir ans Fenster flog.

    Keinen sah ich. Nur im Dunkeln
    Blinkte das erhellte Spiel
    Der Fontne, die mit Funkeln
    Zwischen Busch und Bume fiel.

    Unruhvoll und doch bestndig
    Schien das silberne Getn
    Wie ein lautes Herz lebendig
    Durch die Brust der Nacht zu gehn.

    Und ich fragte: Warum rauschst du
    Heute mir zum erstenmal? --
    Und ich horchte: Warum lauschst du
    Heute mir zum erstenmal?

    In das heie Gold der Tage,
    Stumm im Steigen, Lied im Fall,
    Durch den Samt der Nchte trage
    Stet ich den erregten Schwall

    Meiner eignen berflle,
    Und du, der mir nahe ruhst,
    Wirst erst durch den Gru der Stille
    Unsrer Brderschaft bewut?

    Hast du nie denn an der Schwelle
    Des Erwachens wirr gefhlt,
    Da dir eine lautre Welle
    Nchtens durch dein Herz gesplt,

    Da mein Singen dich durchwebte
    Und im Schlafe aufwrts schwoll,
    Bis es Blut um Blute lebte
    Und an deine Lippen quoll,

    Bis als Lied der eingeengte
    Schauer einer fremden Lust,
    Die ein Traum in dich versenkte,
    Wild aufbrach aus deiner Brust?

    So in dein Geschick verflechte
    Ich mir meines Lebens Spur,
    Und bin doch im Kreis der Mchte
    Eine leise Stimme nur,

    Eines von den stummen Dingen,
    Die dein Wesen zauberhaft
    Und geheimnisvoll durchdringen,
    Und von deren steter Kraft

    Nur verloren-leise Kunde
    Manchmal deine Seele fat,
    Wenn du dich hinab zum Grunde
    Eines Traums getastet hast.

    Immer ferner schien der Schimmer,
    Immer dunkler Wort und Sinn,
    Doch mein Herz lauschte noch immer
    Nach der weien Stimme hin,

    Die vom Garten, bald wie Trauer,
    Bald wie Lcheln, wundersam
    ber Bume, Busch und Mauer
    Schwebend an mein Lager kam,

    Und an meine Brust sich schmiegend
    Ihrer Worte Wiege schwang,
    Bis ich, fern im Schlummer liegend,
    Glanz nur fhlte und Gesang.


Schwler Abend.

    Ist es schon Abend? Ich will nicht hinaus,
    Vergeblich flimmert ihr, o buhlerische Sterne!
    Fa mich doch enger, du vertrautes Haus,
    Rei mich an dich, gib mich nicht an die Ferne,
    Lieg nicht so trg, so stumm, so atemlos,
    Sprich jetzt zu mir! Ich brauche einen,
    Der zu mir spricht in dieser Zwielichtstunde,
    Hrst du: Ich brauche einen, sei es blo
    Das Ticken einer Uhr, ein Kinderweinen,
    Das Knurren nur von einem nahen Hunde,
    Nur nicht dies frstelnde Verlassenscheinen,
    Nur Etwas, das dies drohende Gewicht
    Der ganz verstummten Stube von mir hlt,
    Und da des Herzens Hammer nicht
    So ohne Antwort in die Stille fllt!

    Haus, halt mich fest! Zu viel
    Von meinen Nchten hab' ich hingegeben
    An dieses sinnlich aufgepeitschte Spiel.
    Wie bin ich md, die abenteuerlich
    Erregte Luft, die lichterlose Schwle
    Der stummen Gassen an mein Kleid, an mich,
    Und endlich flackernd in mir selbst zu fhlen.
    Schlie du mich, Buch, in deine dunklen Zeilen,
    Senkt, Briefe, ihr dies in die Ferne Streben
    In lieber Menschen Bild, in eine Frau,
    Beschwichtigt ihr das nun vom Abend lau
    Aufschwlend unerklrliche Verlangen,
    Des Blutes Unruh in die Nacht zu jagen!
    Dies willenlose Durch-die-Gassen-Treiben,
    Ob mich nicht Etwas aus dem Dunkel will,
    Dies lstern Sphn, dies angespannte Hangen
    An jeder mattbeglnzten Fensterscheibe --
    Wird dieses knabenhaft verworrne Treiben
    Denn noch nicht in mir still?

    Nein, halt mich, Haus! Verschlie mit dunklen Scheiben
    All meine Unrast: und ich bleibe dein.
    Ich selbst will ja den Abend so, nur so,
    Wie er den andern ist: ein Mdesein,
    Nur so,
    Als sinke mit den schwindenden Kulissen
    Ein buntes Spiel in bilderlose Rume.
    Nicht will ich mehr. Vielleicht noch irgendwo
    Freund oder Frau, ein mir Vertrautes wissen, --
    Und dann nur Trume, bilderlose Trume.




Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfnge.


Ach, da du lebtest! 165.

Ach, noch immer glaube ich 237.

Alle Frhlingsblue 100.

Alle Landschaften haben 105.

Als ich dann wieder in die Heimat kam 83.

Als ich erwachte heut morgen 89.

Als tot auf schlechtem Gasthofbette 230.

Am Abend schweigt die Klage 251.

Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind 286.

Am Saume eines fruchtbewachsenen 186.

Am Schlehdorn, am Schlehdorn 65.

Am sen lila Kleefeld 38.

An der Brcke stand 195.

An ferne Berge schlug 164.

An jedem Tage gibt's 238.

An manchem Abend 64.

An Ufern des Rheins 186.

Auf Blut und Leichen 157.

Auf deinem Haupt schmolz 39.

Auf deinen Wangen liegen 150.

Auf der Magdalenenspitze 169.

Auf die Terrasse war ich 156.

Auf einmal wei ich viel 205.

Auf steilem Felsrcken hingestreckt 180.

Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen 253.

Aus dem Rosenstocke 20.

Aus einer Wallfahrtskirche 181.

Aus silbergrauen Grnden 187.

Aus weien Wolken 134.


Baronin Colombine 216.

Beginn der Klnge zwischen dir und mir! 11.

Bei einer stehn im Fensterrahmen 171.

Bevor ich diesen Inselstrand verlie 185.

Blauer Blick des Mondescheines 288.

Blulicher Flieder 117.


Da lieg' ich an dem weien Ostseestrande 278.

Da splst du bunte Muscheln 182.

Das dank' ich dir 72.

Das Dorf liegt aufgebahrt 287.

Das Frulein ging am Meeresstrand 70.

Das Gewand meiner Seele 110.

Das Glck ist ein leerer Schall 237.

Das Hngelmpchen qualmt 164.

Das ist das Furchtbare 4.

Das ist der Erde furchtbares 234.

Das ist unser schweigender 233.

Das junge Liebchen sa bei mir 178.

Das Kind Madlena 79.

Das Land durchstrmt der Regen 228.

Das Leben, glaubte ich, sei rot 23.

Das Meer! -- Das Meer -- -- 227.

Das rote Weinlaub hngt 22.

Das sind die Abende 49.

Das sind die Reden 188.

Das Tal ist wie aus klarem Golde 172.

Da einmal mein dies Leben war 265.

Da von Geheimnissen 92.

Dein Antlitz war mit Trumen 122.

Dein Haar hat Lieder 99.

Deine Augen leuchten 5.

Deine feinen Hnde 13.

Deine Himmel sind mir viel zu s 115.

Deine Nchte klagen 5.

Deine Rosen an der Brust 189.

Deine Wimpern, die langen 108.

Dem Rauch einer Lokomotive 60.

Den Hengst, den Hengst! 170.

Den leeren Ranzen lssig umgesackt 286.

Denkst du daran, wie du 87.

Der Abend graut 50.

Der Abend weht Sehnen 143.

Der Abendhimmel leuchtet 41.

Der dunkle Herbst kehrt ein 249.

Der D-Zug schreit und steigert sich 284.

Der Fels wird morsch 147.

Der Heimweg fhrte mich 26.

Der lange Junitag 153.

Der Markusturm, der bunte 230.

Der Mond betrat der Urnacht Land 184.

Der Mond geht gro 42.

Der Tod wird uns an seine Hnde nehmen 24.

Die Amseln haben Sonne 38.

Die andern sprachen 25.

Die Bume lauschen 61.

Die Bltter fallen 203.

Die Buche sagt: Mein Walten 34.

Die da nicht kommen 2.

Die du so fern bist 83.

Die Dunkelheit hat alle Wege 42.

Die Engel der Liebkosung 222.

Die frhste Sonne legt sich 158.

Die Grtner legten ihre Beete 124.

Die glatten, leisen, lustwarmen Weisen 223.

Die Glocken luten dann 247.

Die groen Feuer warfen 161.

Die Hand ganz lang im Grase 96.

Die Instrumente her! 165.

Die jubelnd nie den berschumten Becher 84.

Die Krhen schrein 194.

Die Luft so schwer 39.

Die Lge sagst du 237.

Die menschenblasse Rose 164.

Die mde schon verglhte 31.

Die Rosen leuchten immer noch 48.

Die Sommernacht, und andachtvoll 40.

Die Sterne fliehen schreckensbleich 144.

Die Sterne sind zu gro 174.

Die Stirnen der Lnder 105.

Dies ist mein Glck 211.

Dies schick' ich dir, mein Liebling 73.

Drei Strme liebt' ich ihn 146.

Drben du, mir deine weie 72.

Du bist der schnste 13.

Du bist nicht bang, davon zu sprechen 199.

Du ferne Flte 65.

Du Gott, ich hasse dich 98.

Du hast deine warme Seele 149.

Du hast deinen Kopf tief ber mich gesenkt 146.

Du hattest einen Glanz 54.

Du kamst, erregt 12.

Du meines Blutes Unruh 88.

Du mit der Stirne voller Licht 104.

Du sprichst von Snde gleich 141.

Du trumtest dieses Lebens Wirren 26.

Du weit, wir bleiben einsam 278.


Eh' mir aus der Scheide scho 115.

Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch 19.

Ein Bltenzweig, blarosa 212.

Ein frischer Hgel ist's 70.

Ein sanftes Glockenspiel 255.

Ein schwarzes Vglein 187.

Ein Spielmann auf seiner Geige strich 215.

Ein Wagen steht vor einer 35.

Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen 260.

Ein weies Grau hllt weit 226.

Eine Heimat hat der Mensch 233.

Eine pltzliche Stille 246.

Einen guten Grund hat's 141.

Einmal vor manchem Jahre 138.

Entfhr' mich, wie ich bin 258.

Entgegengeschmiedet auf schroffem Fels 115.

Er hat seinen heiligen Schwestern 144.

Er schwenkte leise seinen Hut 259.

Er schwirrte nchtens 10.

Erhitzt und mde, durstig 165.

Erkennen ist noch Hast 275.

Es braust noch immer in der Welt 259.

Es ebbt. Langsam dem Schlamm 163.

Es ist ein Reihen geschlungen 16.

Es ist ein Weinen in der Welt 149.

Es kam ein Wind von Frhlingsland 287.

Es luft der Frhlingswind 117.

Es liegt ein Plan in einem weiten 66.

Es rauscht durch unseren Schlaf 145.

Es rinnen rote Quellen 24.

Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde 257.

Es treibt vorber mir 158.

Es war einmal, ich wei nicht wann 68.


Februarschnee tut nicht mehr weh 76.

Frulein Gigerlette 18.


Ganz mit Frhling und Sonnenstrahl 136.

Ganz still zuweilen wie ein Traum 77.

Geffnet sind meine Fenster 245.

Gewitter drckt auf Sanssouci 168.

Gib mir nur die Hand 52.

Gottes Krallenhand zerreit 101.

Graue Engel gehen um mich 37.

Greife wacker nach der Snde 260.

Grenz' ich an dich im Grenzenlosen 62.

Gro ist das Leben und reich 86.


Hab' ich doch alles nun gekt 224.

Hab' nicht zu lieb die knospende Rose 228.

Hab' Sonne im Herzen 74.

Halte mir einer von euch Laffen 219.

Halte wach den Ha 93.

Hart stoen sich die Wnde 177.

Heiterkeit, gldene, komm! 197.

Herbst ist es, siehst du die Bltter 139.

Herbsttag, und doch wie weiches 155.

Herr Holger am Kamine sitzt 229.

Hier ist das Land. So rudert 87.

Hier sa ich, wartend 196.

Himmel baut sich um die Brust 285.

Hr' mich, Mutter, hre mich! 137.


Ich dachte gestern nacht 258.

Ich fhle keinen Schmerz 17.

Ich hab' es nie so tief gewut 80.

Ich hab' kein Haus 44.

Ich habe die lange schwle Nacht 218.

Ich habe keine Schmerzen 237.

Ich habe Nchte dafr geopfert 75.

Ich hatte so viel dir zu berichten 141.

Ich hrte den Wind 185.

Ich lag auf dem Meer 183.

Ich lauschte in die Krone des Baums 277.

Ich liebe unter allen 248.

Ich liege ganz still 221.

Ich liege in glsernem Wachen 268.

Ich liege mit der Zigarette 217.

Ich liege mit einer Frau 178.

Ich mache das Fenster auf 256.

Ich mcht' es kosten 180.

Ich mchte mir Freuden 41.

Ich mchte wandern 36.

Ich reichte einem Kranken 263.

Ich reite stumm aus dem Turnier 102.

Ich sah dich den Amseln 1.

Ich sah sie einst. Sie stand 36.

Ich sa im Glhn der toten 79.

Ich schlich mich an das Ro heran 219.

Ich sehe den Bumen die Strme an 203.

Ich soll erzhlen 103.

Ich tat groe Dinge 183.

Ich trume wieder 103.

Ich tu' mir Zwang 256.

Ich war ein Kind von fnfzehn Jahren 261.

Ich wei, da ich sterben mu 138.

Ich wei es wohl, wie du 234.

Ich wei -- ich wei 28.

Ich wei, mein Lied wird 44.

Ich will hier Feste geben 126.

Ich will meine bloen Hnde 222.

Ich wohne, wo die Wolken gehn 231.

Ich wollte dich mit Rosen 29.

Ihr Dach stie fast bis an die Sterne 130.

Im Arm der Liebe 85.

Im Feld ein Mdchen singt 247.

Im Haar ein Nest von jungen 106.

Im Lande der Torheit 86.

Im Mondlicht und im Sonnelicht 182.

Im Schimmer des Mondes 15.

Im Sklavendienst der Lge 28.

Im Weizenfeld, in Korn und Mohn 153.

In deinem Angesicht 39.

In deiner lieben Nhe 69.

In dem sanften Wallen 266.

In der gelben und grnlichen 43.

In des Hades Grfte 139.

In die dunkle Bergschlucht 51.

In dieser Mrznacht 243.

In einem Garten, unter dunklen 134.

In ihren Locken haftete 85.

In kalten, steifen Engen 172.

In nackter Wste ruht 167.

In scheuer Lust -- doch nimmermehr 88.

In Wirbeln geht der Strom 235.

Ist es schon Abend? 290.


Ja? Gab es Tage, wo ich selbst 173.

Ja, in der Jugend war ich 179.

Jahrelang sehnten wir uns 71.

Jetzt, da ich zehn Jahrtausende 95.

Jetzt kommt die Nacht 142.


Kaminfeuer und Morgenrotschimmer 56.

Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken 218.

Kein Liebeswort 249.

Keine Furcht der Erde 100.

Klar ruhn die Lfte 47.

Kleine Schwester Irene 91.

Komm, denn der Abend kommt 241.

Knig Kophetua 215.

Korn. Saaten. Und des Mittags 107.


Lnder und Seen durchschwommen 7.

La mich in deinem stillen Auge 37.

La uns Blumen pflcken gehn 69.

Leise la sie ihren Reigen fhren 239.

Leise, leise fallen weie Flocken 23.

Lieber auf eigene Rechnung 77.

Liegt eine Stadt im Tale 50.

Lsche alle deine Tag' 242.


Manche freilich mssen drunten sterben 120.

Mancher ist betrbt gegangen 78.

Mein armer Kopf lag still 84.

Mein Blick, nun weide dich 30.

Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten 269.

Mein Herz so ganz in dir beglckt 78.

Mein Jngling, du, ich liebe dich 90.

Mein Traum ist eine junge, wilde Weide 148.

Meine Freunde sind schwank wie Rohr 62.

Meine Jugend hngt um mich 176.

Meine Mutter sang 22.

Meiner Jugend Trume 4.

Menschen sterben von mir ab 279.

Mich jammerte dein graues Dmmerweh 184.

Mir bangt um dich 1.

Mir ist, als ob der Friede 221.

Mir war, als ginge 124.

Mistralwind, du Wolkenjger 192.

Mit blutgemiedener langer schmaler Hand 216.

Mit dem Monde will ich wandeln 34.

Mit leisem Herzen 66.

Mit metallhartem Rotgelb 33.

Mit silbergrauem Dufte 121.

Mond, alte Blumen 12.

Mond und Liebe 15.

Moosgrn aus Samt 17.

Mutwillige Mdchenwnsche 110.


Nacht, die aus den Sternen quillt 82.

Nacht kam herein. Und morgen 263.

Nchtlich war's am stillen Weiher 142.

Nah wie Lcher eines Siebes 279.

Nicht der Nachtigall 140.

Nicht im Schlafe hab' ich das getrumt 17.

Nicht lange durstest du noch 196.

Niemals wieder will ich 274.

Ninon heit sie. Ihre Mutter 129.

Noch _einmal so_! Im Nebel 52.

Noch hngt ein scheues Vogellied 97.

Noch niemals fiel es 189.

Noch spr' ich ihren Atem 121.

Nun beugt die Nacht sich singend 179.

Nun kam der Abend 236.

Nun schweig und fhle 6.

Nun sind vor meines Glckes Stimme 245.

Nun wieder, mein Vater, ist kommen 275.

Nur der Wind wei 99.


O httest du gelernt 127.

O mein Geliebter -- in die Kissen 53.

O Mensch! Gib acht! 195.

O sieh das Spinnennetz 188.

Ob du wohl auch so schlaflos liegst 51.

Oft in der stillen Nacht 20.

Oft war sie als Kind 206.

Oft, wenn die stille Mitternacht 232.

Ohne Sorgfalt, was die Nchsten 210.


Reicht mir in der Todesstunde 261.

Rote Rosen winden sich 133.


Schon deckt beschattend 45.

Schon taucht der Mond 98.

Schnheit ist Atem 240.

Schwer schweigt der Wald 235.

Schwermtig wchst mein Frieden 234.

Seele meines Weibes 115.

Sei nicht traurig 75.

Sein Freund, der Trmer 128.

Seit du mir ferne bist 136.

Septemberabend; traurig tnen 251.

Sie fanden ihn -- 3.

Sie lassen sich am Ufer nieder 238.

Sie schweift den Fu wie Pfaunrad aus 280.

Sie stehn im Schein der Kerzen 244.

Sie trug den Becher in der Hand 119.

Sie wirbelt weich, die Hnde schwingend, vor 280.

Sieh da droben die Rosen! 116.

Silbern berflogen 104.

Singe nicht so hell und laut 220.

So flieh, enttanze 281.

So regnet es sich langsam ein 74.

So reich bist du 274.

So in die still verschneite Nacht 248.

So lange blieb sie fest geschlossen 78.

So war's auch damals schon 49.

Sonne, herbstlich dnn und zag 250.

Soviel Lftchen wehn und vergehn 246.

Spt, wenn die alte Uhr geschlagen 220.

Statt der Blumen und Bltter 43.

Steht eine Mhle am Himmelsrand 160.

Stille in nchtigem Zimmer 252.

Stille! oh stille! 214.

Stille weht in das Haus 40.


Tag meines Lebens 197.

Tag um Tag 63.

Taucht nur, senkt nur eure wilden 264.

Tiefdunkelroter Scharlachschein 73.

Trauernd stehst du 26.

Traumhaft hinschlendern 15.

Trinkend hatt' ich erharrt 181.


ber ein Glck, das du flchtig 143.

ber mir im Blauen 104.

Um bei dir zu sein 135.

Und abermals wirst du 27.

Und als ein solcher klarer 257.

Und als ich gegen den Marktplatz kam 213.

Und bin ich auch in mancher Stunde 224.

Und es rauscht nur und weht 58.

Und ich fhrte das blonde 227.

Und ich sah dich nachts 217.

Und immer fremder sind mir 81.

Und Kinder wachsen auf 119.

Und sie herzten sich 4.

Unruhig steht der hohe Kiefernforst 46.

Unsere Augen so leer 40.

Unsere Leiber zerfallen 7.


Vollkommen ist die Stille 254.

Vom Dorf her durch die Nacht 241.

Vom stolzen Glck des eignen Werts 211.

Von blauem Tuch umspannt 174.

Von Stern zu Stern 282.

Vor der verschlungnen Finsternis 283.

Vor meinem Fenster singt ein Vogel 133.


Wachet und betet mit mir! 190.

Wanderer im schwarzen Wind 253.

Wann ich von dir gehe 180.

Warum, warum diese neue Angst? 271.

Was ist das Glck? 242.

Was kann ich fr dich tun?!? 2.

Was waren Frauen 243.

Wei ich, da Stunden 91.

Weite Wiesen im Dmmergrau! 19.

Welch ein Schweigen 187.

Wenn die Felder sich verdunkeln 51.

Wenn die groe Sehnsucht wieder kommt 221.

Wenn die Nacht von dannen geht 6.

Wenn die Rosen des Morgens 6.

Wenn ich leide, wenn ich dulde 59.

Wenn kalt der Regen 81.

Wenn noch die Eitelkeit 265.

Wenn sie wandeln 239.

Wer hat die Wolken zerbeult? 43.

Wer in die Nacht geht 240.

Wer jetzt weint irgendwo 198.

Wie deine grngoldnen Augen 114.

Wie der wilde Gletscherbach 189.

Wie eigen ich dich einst kte! 227.

Wie ein heimlicher Brunnen 147.

Wie eine Blume, drberhin 13.

Wie geisterhaft im Sinken 258.

Wie ich dich berall sehe 226.

Wie ich mich auf den Frhling freue! 30.

Wie in der Hand ein Schwefelzndholz 209.

Wie lang' schon darb' ich 63.

Wie Vgel, welche sich gewhnt 207.

Wieder wandelnd im alten Park 250.

Winde qulen die Bume 38.

Wie hielten uns umschlungen 224.

Wir haben wohl ein Lachen 27.

Wir saen an zwei Tischen 191.

Wir sind aus solchem Zeug 123.

Wir sind zwei Schatten 80.

Wir standen unter alten 162.

Wir tauchten aus dem Strom 24.

Wir trumen ber die Erde hin 213.

Wir wehen durch die Lfte 14.

Wochen, Wochen sprach ich 61.

Wolkenschatten fliehen 170.


Znd festlich im Salon 211.

Zwei Menschen gehn 54.

Zwei Schwestern sah ich heut 270.

Zwischen duftigen Bschen 262.

Zwischen mir und meinem trunknen Leben 82.

Zwischen zwei dunklen Wogen 182.

Zwischen zwei Rappen 55.

Zwlf Morgenhellen weit 148.





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1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.net),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
