The Project Gutenberg EBook of Der Mensch ist gut, by Leonhard Frank

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Title: Der Mensch ist gut

Author: Leonhard Frank

Release Date: February 5, 2011 [EBook #35176]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MENSCH IST GUT ***




Produced by Jens Sadowski





Leonhard Frank

Der Mensch ist gut



Sechstes bis fnfzehntes Tausend

Max Rascher, Verlag, Zrich, 1918




Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Zrich




Den kommenden Generationen




Geschrieben 1916 bis Frhling 1917




Inhalt

Der Vater
Die Kriegswitwe
Die Mutter
Das Liebespaar
Die Kriegskrppel








I

Der Vater


   Ihr Otterngezchte, wer hat denn euch gewiesen,
   da ihr dem knftigen Zorn entrinnen werdet?

   Es ist schon die Axt an die Wurzel gelegt.
   Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt,
   wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

      Ev. Matth. Kap. III

Robert war Servierkellner in einem deutschen Hotelrestaurant. Gewhnlich.
Blond. Und wenn er, in devoter Verbeugung erstarrt, vor dem Gaste stand und
eine Bestellung entgegennahm, kroch der Gedanke durch sein Gehirn: jeder
andere Beruf vertrgt sich eher mit der Menschenwrde.

Auf ihn wirkte das hingeschobene Trinkgeld wie eine Ohrfeige, fr die man
sich bedanken mute. Und wenn das Trinkgeld von einem Gaste kam, der rmer
als der Empfangende war, stieg in Roberts verletzter Menschenwrde sichtbar
die Verachtung empor, steigerte sich manchmal zu Rachsucht und Frechheit.
Es kam vor, da Robert solch einem Gaste das Trinkgeld zurckschob.
Vornehmen Gsten Kredit zu gewhren, war ihm eine Erlsung.

Im Jahre 1894 bekam seine Frau den lange vergeblich erwarteten Sohn. Und
Roberts Liebe strzte sich auf dieses Kind. Das bekam alles: ein
Kinderzimmer, sterilisierte Kindermilch, einen federnden Kinderwagen, einen
weilackierten Stall. Hampelmnner. Spter Dampfmaschinchen, Eisenbahnen,
Luftballons, Trommeln, Sbel, Schiegewehrchen. Bleisoldaten. Spter ein
Spazierstckchen, einen Matrosenanzug mit einer Mtze, auf der stand S. M.
S. Hohenzollern, einen rindsledernen Bcherranzen, eine Rechenmaschine mit
roten und weien Kugeln, einen polierten Griffelkasten.

Der Sohn bekam Geigenstunden, mute Klavierspielen lernen. Und durfte das
Gymnasium besuchen. Er sollte studieren. Nicht Kellner werden. Schon mit
zehn Jahren besa der Sohn ein Fahrrad. Und gehrte mit zwlf Jahren der
patriotischen Jugendvereinigung an.

Roberts Dasein erschpfte sich im Dasein des Sohnes. Und der Satz: jeder
Arbeiter ist seines Lohnes wert, war ihm zur Weltanschauung geworden.
Robert flog, die Bestellungen auszufhren, verbeugte sich, dankte frs
Trinkgeld, verbeugte sich, dankte, sparte, scharrte zusammen, rechnete,
strebte, wurde Zimmerkellner, dann Oberkellner, wies heimlichen
Liebesprchen stille Zimmer an fr ein paar Stunden, drckte Augen zu, sank
in einen Abgrund der Liebe fr seinen Sohn, schickte ihn auf die
Universitt, bekam graue Haare, war selig im Dienen, selig in seinem Sohne,
besa hundert Photographien von ihm, hatte die Kinderkleidchen aufgehoben,
das Spielzeug: die Sbelchen, die Gewehrchen, die Bleisoldaten. Das
Mtzchen, auf dem stand S. M. S. Hohenzollern.

Der Sohn war zwanzig Jahre alt. Er bekam die Einberufung an einem Dienstag,
bekam ein halbes Jahr spter das Eiserne Kreuz.

Und im Sommer 1916 bekam Robert die Nachricht, da sein Sohn gefallen war.
Auf dem Felde der Ehre.

Eine Welt war erschlagen.

Der Erschlagene las immer wieder: Gefallen auf dem Felde der Ehre. Den
Zettel trug er bei sich in der Brieftasche, zwischen den Banknoten. Er las
ihn, wenn ein Fremder kam und ein Zimmer verlangte, wenn er an der
Billardecke stand und Bestellungen erwartete, wenn er, von der Glocke
gerufen, durch den langen Gang lief, las ihn, bevor er das Zimmer betrat,
und nachdem er, die bezahlte Rechnung und das Trinkgeld in der Hand, das
Zimmer wieder verlassen hatte. Er las ihn in der Kche, im Weinkeller, auf
dem Klosett. Gefallen auf dem Felde der Ehre. Ehre. Das war ein Wort und
bestand aus vier Buchstaben. Vier Buchstaben, die zusammen eine Lge
bildeten von solch hllischer Macht, da ein ganzes Volk an diese vier
Buchstaben angespannt und von sich selbst in ungeheuerlichstes Leid
hineingezogen hatte werden knnen.

Das Feld der Ehre war nicht sichtbar, nicht vorstellbar, war Robert nicht
begreifbar. Das war kein Feld, kein Acker, war keine Flche, war nicht
Nebel und nicht Luft. Es war das absolute Nichts. Und daran sollte er sich
halten. Sein ganzes Leben lang. Hinter ihm lag nichts, und vor ihm lag
nichts. Robert stand in der Mitte auf dem Nichts.

Seine Hnde servierten, quittierten, empfingen Trinkgelder. Wofr? Es gab
keine Banknoten mehr. Und sein Sparkassenbuch war fr ihn das Feld der
Ehre. Und das Feld der Ehre war nicht begreifbar.

Robert gab die besten Zimmer auf Wunsch um die Hlfte des festgesetzten
Preises ab, gab noch einen Salon dazu, ein Badezimmer. Wurde zum
Servierkellner degradiert. Gab im Restaurant ohne Widerstreben die teueren
Speisen und Weine billiger ab, wenn den Gsten die Rechnung zu hoch
erschien. Wurde daraufhin nur noch zur Mithilfe herangezogen, wenn im
groen Hotelsaal ein Fest, eine Versammlung war.

Gab es etwas Gleichgltigeres, als aus der Lebensstellung verdrngt worden
zu sein? Das alles war nur das Feld der Ehre. War ein absolutes Nichts.

Oft fand er sich in seines Sohnes Zimmer, wohin er whrend des Krieges die
Photographien, Kinderkleidchen, Sbelchen, Trommelchen, Gewehrchen,
Bleisoldaten zusammengetragen hatte, und empfand nichts beim Betrachten
dieser vergilbten und verkratzten berbleibsel, ging, automatisch wie er
eingetreten war, wieder hinaus.

Dieser Zustand, in dem Robert sich nur noch wie eine Maschine bewegte,
dauerte wochenlang, bis eines Tages der Mensch in ihm die Kraft fand, sich
dem Schmerze zu stellen. Seiner Hand entfiel die Photographie des Shnchens
-- in Infanterieuniform, mit prsentiertem Gewehrchen --, und Robert
sauste, von einem Dampfhammerschlag getroffen, hinunter in den Abgrund, das
Herz blogelegt dem Schmerze und der Liebe. Robert schrie. Nur einmal. Und
ganz kurz.

Von etwas Unnennbarem berhrt, wich er der Erlsung, die im Schmerze liegt,
aus.

Und als seine Frau ihn trsten wollte mit den Worten, die sie von dem unter
dem gleichen Leide stehenden Kolonialwarenhndler, Bcker, von der
Nachbarin bernommen hatte: jetzt msse man sich halt damit abfinden,
schrak sie zurck vor Roberts gefhrlich blickenden Augen und schwieg
fernerhin.

Auch Robert schwieg, tat die Arbeit, die man ihm zuwies. Und da man ihn,
der wiederholt Gste fortlaufen lie, ohne da sie bezahlt hatten, nur noch
als Wassertrger im Hotelcaf verwenden wollte, erklrte er sich auch
hierzu bereit.

Robert wute, da etwas geschehen werde. Deshalb ertrug er weiter diese
gefhrliche Ruhe. Denn wie konnte es mglich sein, da nichts geschah durch
ihn, der nichts mehr verlieren konnte, da er schon alles verloren hatte?
Der von einer dnnen Kellnerhaut berzogen war, unter welcher der Mensch
schrie, entsetzlich lautlos der Schmerz, die Liebe schrien? Durch den
geringsten Anla konnte die Haut zerspringen. Dann stieg der Schrei.

Die Kindergewehrchen und Sbelchen hatte er, sich aus den Augen, hinber
ins Hotel getragen und hinter das Klavier gesteckt. Denn wenn er dieses
Spielzeug nur anblickte, brannte ihn die Schuld. Aber wenn er einen mit dem
Kriegsorden verzierten Leutnant bediente, zitterten seine Hnde nicht.

Und als eines Tages ein patriotischer Jugendverein -- halbwchsige Jungen
unter Gewehr -- die Strae herauf und am Hotel vorbei das Lied trug: Kann
dir die Hand nicht geben, dieweil ich eben lad' . . ., fra sich das
Schuldbewutsein glhend in Robert hinein. Denn auch er hatte seinen Sohn
solche Lieder gelehrt und lehren lassen und voll Vaterstolz ihm zugehrt.

In wilder Spannung stand er unterm Hotelportal und fhlte, da sein Sprung
auf die vorbeimarschierenden, schlechtberatenen Jnglinge ein Sprung in die
Luft sein wrde. Denn hinter den Jnglingen und hinter dem Kampfliede stand
etwas, das nicht zu begreifen war: ein unsichtbarer, unkrperlicher Gegner.
Gott hielt ihn zurck vor dem Sprunge. Gott hob ihn auf fr die Minute, da
der Feind greifbar werden wrde, fhlte Robert.

Und eines Tages hatte er den Feind, der im Menschen selbst und nicht auer
ihm ist, so scharf erkannt, da seine Augen die eines schuldbewuten
Mrders wurden. Da geschah es, da Trnen wilden Zornes ihm hinter die
Augen traten, wenn er ein Mdchen sah, das ihren Brutigam, eine Frau, die
ihren Mann, ein Elternpaar, das seinen Sohn verloren hatte und doch lcheln
und wie immer das Glas Bier bestellen konnte.

Einer Mutter, der ihre Sttze frs Alter, ihre Hoffnung, der Zentralpunkt
all ihrer Liebe -- ihr einziger Sohn zerstampft worden war auf dem Felde
der Ehre, und die zu Robert sagte, >jetzt mu man sich halt damit
abfinden<, griff er wild an den Hals.

Gott strich ber des Kellners Hnde und legte dessen pltzlich von Liebe
durchbebten Finger der Mutter sanft auf die Schulter. Denn nicht die Frau
war schuld, nicht sie war der Feind und nicht ihre Worte, sondern das, was
hinter den Worten stand. Und das war etwas, das nicht da war. Es war das
Nichtvorhandensein der Liebe.

Das mrderische Schuldbewutsein brannte die kleine Vaterliebe weg, so da
das Urgefhl der groen Liebe aufstehen konnte in ihm.

In tiefster Demut, in deren Mittelpunkt die unversiegbare Kraft der Liebe
stand, verrichtete er die Arbeit des Pikkolos, trug den Gsten Wasser zu,
splte Glser aus, ging, als die Glocke ihn rief, in den groen Hotelsaal.

Schlosser, Maurer, Schreiner, Spengler, Tapezierer, Glaser -- zerarbeitete
Mnner, die haarigen, abschreckend hlichen Tieren mit Menschenaugen
glichen -- fllten den groen Hotelsaal: die Bauarbeitervereinigung hielt
ihre Jahresversammlung ab.

Robert brachte dem Redner, der auf dem Podium stand, eine Flasche voll
Wasser und hrte, ans Klavier gelehnt, hinter dem die Sbelchen und
Schiegewehre steckten, dem Redner zu.

Der erklrte, da Untersttzungsgelder an arbeitslose und kranke Mitglieder
dieses Jahr nicht ausbezahlt werden knnten. Denn es seien so gut wie keine
Beitrge eingelaufen. Zudem habe man den Mitgliedern, die im Felde standen
-- und die gingen allen andern vor --, fortlaufend Untersttzungsgelder
geschickt. Die Reserven sind aufgebraucht. Die Kasse ist leer.

Siebenhundert Augenpaare von siebenhundert dumpf schweigenden Menschen
blickten ratlos auf den Redner. Die Frauen, deren Kchentpfe leer waren,
und die Frauen, deren Mnner im Felde standen oder schon gefallen waren,
hatten rotgefleckte Wangen bekommen. Die Eisenplatte, die seit zwei Jahren
ber ganz Europa lag, lag sichtbar auch auf diesen siebenhundert in Leid
und Not verkrampften Lasttieren.

Ein kleiner junge hatte das Kinderschiegewehr hinterm Klavier, das auf dem
Podium stand, hervorgezogen und zielte, den Schaft an der grauen Backe,
hinunter auf die siebenhundert reglosen Mnner und Frauen. Alle blickten
auf das Loch des Rohrlaufes aus Weiblech.

Und drauen standen, den Gewehrschaft an der Backe, in Schuld und Snde
Millionen Menschen gegenber Millionen Menschen, die in Schuld und Snde
standen.

Da tat Robert den Sprung. Es war ein ganz langsamer Sprung. Er ging
traumwandlerisch sicher auf den jungen zu, nahm ihm das Spielzeug von der
Backe weg und trat vor, bis an den Rand des Podiums.

Und whrend der Redner Wasser trank und seine Abrechnungslisten
zurechtlegte, sagte Robert:

Das hier ist ein Schiegewehr. Das habe ich . . . ich selbst habe das
meinem jungen gekauft. Damit hat er gespielt. Damit hat er sich unmerklich
die Liebe aus seinem Herzen hinausgespielt. Damit hat er schieen gelernt.
Ich habe ihn das Schieen, habe ihn das Morden gelehrt. Mein Sohn ist
gefallen. Er ist tot. Ich bin sein Mrder . . . Vaterstolz, Ruhmsucht,
Gedankenlosigkeit und Gewohnheit haben mich zum Mrder werden lassen. Und
doch habe ich nur getan, was auch ihr getan habt. Auch von euch hat mancher
seinen Sohn . . . verloren.

Robert hieb das Gewehrchen gegen die Knie und legte die zwei Stcke ruhig
zu seinen Fen nieder. Das htte ich vor fnfzehn Jahren tun mssen
. . . Habt ihr es getan? . . . Also seid auch ihr Mrder.

Unsere Mnner und unsere Shne erschieen Mnner und Shne. Und jene Mnner
und Shne erschieen unsere Mnner und Shne. Und jeder Daheimgebliebene
hofft: mein Mann, mein Sohn kommt zurck; mgen die anderen fallen und
sterben.

Solches kann nur ein Wahnsinniger wnschen . . . Ich frage euch: Ist der
kein Mrder, der ein unschuldiges Kind so erzieht, da es erst zum Mrder
werden mu, bevor es selbst ermordet wird? Wird der so erzogene
Unschuldige, wenn er einen gleichfalls schlechtberatenen Unschuldigen
erschiet, nicht zum Mrder? Es gibt heute in Europa keinen Menschen mehr,
der nicht ein Mrder wre! . . . Wir sind verblendet und Mrder, weil wir
den Gegner auer uns suchen und zu finden glaubten. Nicht der Englnder,
Franzose, Russe und fr diese nicht der Deutsche, sondern in uns selbst ist
der Feind. Und wir sehen deshalb in anderen Menschen den Feind, weil der
tatschliche Feind etwas ist, das nicht da ist. Das Nichtvorhandensein der
Liebe ist der Feind und die Ursache aller Kriege. Ganz Europa weint, weil
ganz Europa nicht mehr lieben kann. Ganz Europa ist wahnsinnig, weil es
nicht lieben kann.

Oder ist es nicht Wahnsinn, wenn ihr euch freut ber die Notiz: zweitausend
franzsische Leichen lagen vor unserer Linie? Ist die Einwohnerschaft von
Paris nicht wahnsinnig, wenn sie sich freut ber die Notiz: zweitausend
deutsche Leichen lagen vor unserer Linie?

Wir schreien vor Schmerz, oder die Augen bleiben trocken vor Schmerz, wenn
unser Sohn fllt. Solange wir nicht ebenso vor Schmerz schreien, wenn ein
Franzose fllt, lieben wir nicht. Solange wir nicht fhlen: ein Mensch, der
uns nichts getan hat, fiel und starb, solange sind wir Wahnsinnige. Denn
dieser Mensch, der fiel und starb, hatte eine Mutter, einen Vater, eine
Frau, die vor Schmerz schreien. War ein Mensch. Wollte so gerne leben! Und
mute sterben. Wofr? Warum? Wir, seine Mrder, lieen ihn sterben, weil
wir nicht lieben.

Robert machte whrend des Sprechens ganz kleine Bewegungen mit der Hand,
da die weie Serviette baumelte. Es war so schwer, auch den anderen
mitzuteilen, was man selbst fhlte und erkannt hatte. Und dabei war das
Ganze doch so einfach, so selbstverstndlich. Aber die Menschen hatten sich
von der Selbstverstndlichkeit weggestellt. Sie hatten die Liebe einfach
vergessen, wie man seinen Schirm stehenlt.

Man braucht ja nur zu lieben, dann fllt kein Schu mehr. Dann ist der
Friede da. Kinder sind wir dann auf unserer Erde . . . Der ganze Erdteil
weint. Daran merkt man doch, da der Erdteil fhig ist zur Liebe. Ganz
hoffnungslos wre erst dann alles, wenn Europa lachen wrde, weil ganz
Europa blutet. Aber es gibt kein Haus in Europa, in dem nicht die Trnen
flieen. Das ist die Liebe, die aus den Menschenaugen heraus weint, weil
sie vertrieben worden ist aus den Herzen der Menschen.

Was tut ihr, wenn jetzt im Augenblick ein euch fremder Mensch in diesen
Saal hereintritt und einem von euch, den er nie gesehen hat, das Bajonett
in den Leib stt? Ihr wrdet den Wahnsinnigen nicht begreifen. Genau
dasselbe tun eure Mnner und Shne; auch sie stoen Mnnern und Shnen, die
sie nie gesehen haben, das Bajonett in den Leib, da der Durchstoene
aufschreit, sich krmmt und fllt. Was hat er eurem Sohne getan? Und was
hat euer Sohn dem getan, der ihm das Bajonett in den Leib stie? . . . Habt
ihr euch schon einmal vorgestellt, auf welche Weise euer junger Sohn, der
so gerne, ach so gerne noch htte leben mgen, sterben mute? . . .
Mdchen, vergegenwrtige dir den letzten Blick deines Brutigams, der
verwundet, drstend sechs Stunden lang in der Sommerhitze im Stacheldraht
hing. Stelle dir seinen letzten furchtbar langen Blick vor.

Frau, sagte Robert zu einer Erbleichenden, leise, da es alle
siebenhundert hrten, was hat dein Mann, den du liebst, der dir Brot und
Kinder gab, dem getan, der ihm das Bajonett in den Leib stie?

Die Frau wimmerte, ihr Kopf sank dem neben ihr Sitzenden auf die Schulter.

Die Menschen sind wahnsinnig, wirklich und wahrhaftig wahnsinnig, weil sie
die Liebe vergessen haben. Und weil sie die Liebe vergessen haben, glauben
sie, es msse alles so sein, wie es ist . . . Unser Volk, wie wir es sehen,
besteht nur noch aus Krppeln und elend aussehenden Kindern, Frauen und
Greisen. Wenn man jetzt noch die Arme und Beine, die losgetrennten
Krperteile, die Millionen zerrissener Leichen, unter denen auch eure Shne
und Mnner sind, von den Schlachtfeldern holen und auf eure Straen werfen
wrde, euch vor die Augen, wrdet ihr auch dann noch sagen: man mu sich
halt damit abfinden? Oder wrdet ihr endlich bereit sein zum Lieben, was
auch dabei herauskomme? Wrdet ihr dann endlich sagen: ich will nicht
leben, wenn ich nicht lieben darf? Wrdet ihr einsehen, da diejenigen, die
euch das Lieben verbieten, Feinde sind? Feinde des Menschen! Volksfeinde!
Seht ihr nicht die Berge zerrissener Menschenleiber? Sie liegen vor euren
Augen, liegen auf euren Straen, da kein Wagen mehr fahren kann und ihr
keinen Schritt mehr machen knnt. Eure Shne! Eure Shne! Eure Mnner!
Vter! Blutig! Zerrissen! Unkenntlich!

Ein Schrei stieg aus der Saalmitte empor. Hinten, beim Saaleingang, erklang
ein tierisches Sthnen. Einem alten Manne fiel die Stirn in die Hand. Ein
Mdchen verlie die Stuhlreihen; sie hatte groe Augen bekommen und strzte
in die Knie.

Wir drfen uns nicht lnger belgen und sagen: nur der Zar, der Kaiser,
der Englnder ist schuld. Robert legte langsam die Hand mit der Serviette
an die Brust: Ich bin schuld. Und du bist schuld. Und du und du . . . Denn
auch wir hatten, ebenso wie der Zar, der Englnder, der Kaiser, der
Millionr und der Milliardr, die Liebe vergessen. Nehmt die Schuld auf
euch, damit ihr der Liebe wieder teilhaftig werden knnt. Denn nur wer hier
sich schuldig fhlt, kann entsndigt werden und wieder lieben.

Und jetzt wisset: die Liebe trgt in sich ein hartes Gebot. Die Liebe sagt:
wer nicht liebt, ist schuldig und bse und soll weichen, damit der Liebe
auf Erden keine Schranken mehr gesetzt werden knnen. Wir wollen fallen und
sterben dafr, da der Liebe die Regierung Europas bergeben werde.

Die Menschengesichter unten im Saale waren aufgelst.

Weitersprechend stieg Robert vom Podium herunter. Alle waren aufgestanden,
drngten ihm nach.

Das Gebot der Liebe ist: wer sich nicht schuldig fhlt, die Schuld nicht
auf sich nimmt, liebt nicht, ist unser Feind und mu weichen. Das ist
Gesetz. Neues Gesetz! Ihr, die ihr nichts mehr verlieren knnt, da ihr
alles schon verloren habt . . .

Roberts Worte gingen unter in den hundertstimmig wiederholten Worten:
Alles verloren! Wir haben nichts mehr zu verlieren! Wir, die wir nichts
mehr zu verlieren haben . . . Nichts! Nichts!

Die Nachricht hatte sich schon verbreitet, als sie durch die Straen zogen.
Voran der Kellner, ohne Hut, im schmierigen Smoking, die Serviette in der
Hand. Die wollen Frieden machen. Die wollen Frieden machen.

Verkuferinnen -- verwaiste Brute -- verlieen den Ladentisch und
schlossen sich an. Zwei Schaufensterreiniger, alte Mnner, lieen die
Leiter stehen und schlossen sich an. Der Wagenfhrer der Elektrischen hrte
das Wort Friede, erstarrte und sprang vom Wagen herunter, schlo sich an.
Die Fahrgste schlossen sich an. In wenigen Minuten hatte sich die Menge
verdreifacht. Und verzehnfachte sich, als Robert, auf dem Platze angelangt,
auf der Brunnenschale stand und sprach. Sein Mund zeichnete den letzten
Satz in weithin sichtbaren Buchstaben an den Himmel: Es ist schon die Axt
an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird
abgehauen und ins Feuer geworfen.

Eine junge Frau stand da und tat nichts als lcheln und Friede sagen.
Reisende, die vom Bahnhof kamen, vergaen alles und schlossen sich an, als
die Menge weiterzog. Flammend. Schnell. Entzndet vom Glauben. Eine Schar
Urlauber, feldmarschmig ausgerstet, das Gewehr quer ber dem Rcken und
das Grauen des Schlachtfeldes in den Augen, schlo sich an. Alte Mtterchen
kamen kaum mit. Kinder bekamen schmale Gesichter vor Staunen und ahnten das
Groe. Ein alter Polizeiwachtmeister mit grauem Spitzbart, das Trauerband
am rechten Arme, bekam fanatische Augen und schlo sich an. Menschen, die
dem Zuge entgegenkamen, machten kehrt, vom Feuer ergriffen. Radfahrer
sausten durch die Straen. Die wollen Frieden machen! Die Wirtshuser
entleerten sich. Werksttten, Baustellen entleerten sich. Transmissionen
standen still. Eine Abteilung Soldaten unter Gewehr wurde mitgerissen.
Gesnge der Liebe ertnten im Marschtempo. Kranke stiegen aus den Betten,
schleppten sich ans Fenster. Kilometerlange Linien von Frauen, schrg
bewegt, trieben aufeinander zu, stieen zum Zuge. Ein Zwanzigjhriger --
Fanatismus und Geist auf der Stirn -- sprang aus einer menschengefllten
Seitengasse heraus, auf den Kellner zu, kte ihn. Und sein heier Blick
ffnete die Herzen.

Die ganze Stadt war aufgestanden und schrie ein Wort. Friede! Das so
gesprochene Wort wurde zu vieltausendstimmigem, gewaltigem Gesange. Alle
Kirchenglocken luteten.





II

Die Kriegswitwe


Ihr Mann war Versicherungsagent gewesen, war gefallen, gestorben.
Kopfschu.

Die Kugel htte ihn auch in die Brust treffen knnen, ins Herz, in die
Lunge. Die Kugel htte ebensogut . . . den Magen meines Mannes zerfetzen
oder die Wirbelsule zersplittern knnen. Der eine stirbt so, der andere
so. Das ist ganz gleich. Tot ist tot . . . Oder ein Bajonettstich in seinen
Unterleib, da mein Mann seine Gedrme, die er nie gesehen hatte, noch ein
paar Minuten lang htte betrachten knnen.

Unwillkrlich legte die Frau schtzend die Hand auf ihren hohen Unterleib:
das Kind des toten Vaters bewegte sich.

Versicherungsagent . . . Er htte ebensogut irgend ein Handwerker,
Kaufmann, Arbeiter, Beamter, Gelehrter sein knnen, ganz gleich was, die
Kugel htte ihn doch getroffen . . . Sauste auf meinen Mann zu und machte
keinen Bogen um ihn herum, machte natrlich keinen Bogen um den armen
Versicherungsagenten herum. Die Kugel whlt ja nicht aus. Trifft jeden
. . . Ich, eine Versicherungsagentenwitwe, knnte ebensogut eine Beamten-
oder Arbeiterwitwe sein. Zwischen mir und allen anderen gibts keinen
Unterschied. Ich bin eine Kriegswitwe. Wie alle. Eine Kriegswitwe . . . Und
wenn meinen Mann eine Granate so zerfetzt und in die Luft gesprengt htte,
da nicht ein Teilchen seines Krpers mehr zu finden gewesen wre? Ganz
gleichgiltig! Tot ist tot . . . Mein Schicksal ist das Schicksal von
Millionen Frauen. Einen Unterschied gibts gar nicht zwischen mir und allen
anderen Frauen . . ., zwischen mir und der Nachbarin, die an der Ecke wohnt
und seit drei Wochen auch keinen Mann mehr hat, zwischen mir und den
. . . Ja wieviel Frauen sinds denn? Zwei Millionen vielleicht, die in ihrem
Zimmer sitzen und, wie ich, an ihren toten Mann denken? Zum Fenster
hinaussehen und an ihren toten Mann denken, Staub wischen, Kinder warten,
Strmpfe stricken, kochen, auf die Arbeit gehen und an ihren toten Mann
denken, an ihren toten Mann denken, toten Mann denken. Sich abends ins Bett
legen und an ihren toten Mann denken. Zwei Millionen vielleicht? Zwischen
all denen und mir gibt es keinen Unterschied. Unsere Mnner sind tot
. . . Der Nachbarin ihr Mann ist in einem Lazarett gestorben. Meiner durch
Kopfschu. War sofort tot. Ganz gleichgiltig . . . Kopfschu! In die Stirn?
Vielleicht bei der Nasenwurzel hinein? Oder durchs Auge hinein? Durch sein
Auge? Ja aber, was geschah mit seinem Auge? Mit seinem lieben Auge. Mit dem
Auge meines lieben Mannes . . . Ist ja ganz gleichgiltig; es ist ganz
gleichgiltig, ob das Auge, die Brust, die Lunge, das Gehirn, der Unterleib
zerfetzt wird. Tot ist tot . . . Millionen Kriegswitwen sitzen wie ich da
und stellen sich vor, wie der Mann eigentlich gestorben sein mag. Es ist
aber ganz gleich, wie er den Tod fand. Fand? Sucht man denn den Tod?
. . . Und ob er jetzt Schlosser oder Student, Fabrikarbeiter oder Bauer,
Gelehrter oder Beamter gewesen wre, ganz gleich. Das ist ganz gleich
. . . Es geht Millionen Frauen so wie mir. Gott sei Dank.

>Wieso denn Gott sei Dank?<

Sie stand schwerfllig auf; die Hand blieb auf die Tischkante gesttzt.
Das lindert. >. . . Was lindert?< . . . Doch, das lindert. Es ist doch
ein Unterschied, da es nicht mir allein, sondern Millionen Frauen so geht.
Ein bedeutender Unterschied. Der Unterschied ist sehr gro. Und es lindert.
Ich wrde es einfach nicht ertragen, wenn es mir allein so ginge. Sich das
nur vorzustellen! Knnte ich es denn ertragen? Ich ganz allein! Das wre
unmglich . . . Es geht Millionen Frauen so wie mir.

Schon eine Weile hatte sie gedankenversunken in den Spiegel gesehen; jetzt
erst bemerkte sie die Miene befriedigter Rachgier in ihrem Gesicht. Und sah
ganz pltzlich Millionen Frauengesichter, schmerzbehangen.

Das lt einen das Unglck leichter ertragen, ertragen . . . Es geht eben
allen so wie mir. Wir mssens ertragen, wir Frauen.

Und wenn du einen Menschen leiden siehst, so verdopple sich dein eigener
Schmerz, heits, glaube ich, in der Bibel. Ganz im Gegenteil. Das lindert.
Entweder lgt die Bibel oder wir Kriegswitwen lgen. Alles ist auch nicht
wahr, was in der Bibel steht. Wir Kriegswitwen lgen nicht. Wer behauptet,
da wir Kriegswitwen lgen! Wir haben unsere Mnner dem Vaterlande
geopfert. Auf dem Altare des Vaterlandes geopfert. Al . . . tar des Vater
. . . landes, schmeckte sie mit der Zunge, sah fernhin, versuchte, sich
den Altar des Vaterlandes vorzustellen. Das gelang ihr nicht.

Immer wieder sah sie den Altar, vor dem sie als Mdchen das erste Abendmahl
genommen hatte, sah Kerzen und das Christusbild. Aber Altar des
Vaterlandes? Gibts denn das berhaupt?

Da machte ihr Wesen einen blitzschnellen Sprung zurck zu dem Glauben: Ich
habe meinen Mann auf dem Altare des Vaterlandes geopfert . . ., wie alle
andern Kriegswitwen auch.

Der Altar steht allerdings nicht in einer Kirche, sondern ist ein mit
Elektrizitt geladener Stacheldrahtzaun, in dem dein Mann hngen geblieben
ist, versuchte der Schmerz zu flstern, also mte man eigentlich sagen:
geopfert im Stacheldrahte des Vaterlandes.

Es gelang ihr, den noch ganz undurchlittenen Schmerz um den toten Mann
wegzuhalten mit den Worten: Er starb den Heldentod frs Vaterland.

Stolz glitt mit diesem Worte in ihr armes Herz hinein.

Die Befriedigung, da es Millionen Frauen so geht, und die Worte:
>Geopfert auf dem Altare des Vaterlandes, Er starb fr eine heilige Sache,
Er starb fr den Sieg unserer Waffen<, sind Betubungsmittel gegen den
Schmerz um deinen geliebten Mann; aber nicht immer kannst du
Betubungsmittel nehmen; einmal wirken sie nicht mehr, flsterte der
Schmerz, der empfunden sein wollte und so fest in Worte eingepackt war, da
seine Stimme von der Kriegswitwe nicht gehrt wurde.

Die Abzementierung des Gefhls, des Schmerzes war undurchdringlich; so
undurchdringlich war die einzementierte Wortplatte -- von den noch im
dunkelsten Geiste alter Jahrhunderte Stehenden einzementiert in das
empfngliche, gedankenlos-glubige Gehirn des Volkes --, da der noch
undurchlittene Schmerz nicht eine Sekunde lang in ihr Herz vordringen
konnte.

Der Gesichtsausdruck der Witwe wurde, da Gefhl und Schmerz nicht flieen
konnten, von Tag zu Tag steinerner. Die Trnen wurden nicht vom Herzen
geschickt; sie liefen von oben weg.

Und der immer steifer werdende Ha gegen den Feind machte sie im Traume zur
Mrderin.

Ein verspteter Brief des toten Mannes kam an. Der Schmerz setzte sich in
den Brief hinein, wollte mit jedem Worte, das die Frau las, ihr ins Herz
springen.

Das war abzementiert.

Er erzhlte vom Schtzengraben, vom Feuer des Feindes, vom Essen. Ich
rauche jetzt viel, das tut gut, schrieb der tote Mann. Und wann werde ich
dich wiedersehen? Sende mir eine wollene Unterjacke; es ist kalt geworden.
Und bleib mir treu.

Die einzementierte Platte rckte; Schmerz scho hei auf. Ganz kurz. Dann
sa die Platte wieder fest. Das eine Sekunde lang ungeheuer verndert
gewesene Witwengesicht wurde wieder steinern.

In ihrem Kopfe war verwirrender Nebel zurckgeblieben, von dem sich vage
der Gedanke loslste: Zwei solche wollene Unterleibchen mssen doch noch
da sein, Trikotleibchen. Da knnte er immer das eine waschen, wenn er das
andere anhat . . . Mssen doch noch da sein.

Der Schrank ffnete sich. Das Unterleibchen wurde bei den zwei rmelenden
gefat, untersucht. Nur den Knopf, mu ich annhen.

Der Schmerz hatte sich im Unterleibchen versteckt; sein Sprung ins
Witwenherz wurde vom Nebel in ihrem Gehirn verhindert.

Whrend sie den Knopf annhte, packte sie in Gedanken das Unterleibchen
schon ein, trugs zur Post: es rollte an die Front, wurde vom toten Mann
ausgepackt, angezogen.

Da verschwand der Nebel. Und ihr ganzes Wesen flchtete hinein in das Wort:
Ich habe meinen Mann auf dem Altare des Vaterlandes geopfert, fr eine
heilige Sache . . ., wie alle andern Frauen auch, wie viele Frauen, wie
zwei Millionen Frauen. . . . Es geht mir nicht allein so.

Sie trug das Leibchen in den Schrank zurck. Da hing eine alte Hose. Bei
den Knien war die Hose etwas heller und herausgedrckt, als seien die Kniee
des Mannes noch in der Hose.

Sie tippte mit dem Zeigefinger gegen das herausgedrckte Hosenknie, in dem
der Schmerz sa, lauernd, sprungbereit.

Und flchtete, den Blick auf die schaukelnde Hose gerichtet, in die kleine
Befriedigung hinein: Die htte er doch nicht mehr lange tragen knnen.

Automatisch ging sie fort, um Einkufe zu machen fr den Haushalt. Lange
htte er die nicht mehr tragen knnen . . . Wenn er zu den Leuten geht, um
sie zu berreden, sich versichern zu lassen, und ist nicht gut angezogen,
wer lt sich da von ihm in die Versicherung aufnehmen . . ., wenn er
schlecht angezogen ist. Die Leute sind ja gleich so mitrauisch.

Sie hatte ein schwarzes Kleid an. Ihr Gesicht war leblos, wei, das Auge
leblos: nicht starr, nicht ruhig, nicht glnzend; es sah tot aus. Die Witwe
sah tot aus. Wie ein Gipsabgu. Mechanisch bewegte sich ihr Krper
vorwrts, in den Kolonialwarenladen hinein.

Aber wenn er abends heim kam, und es waren ihm ein paar Abschlsse
gelungen. Wie schn! Die Prozente! . . . Da sind ein paar ganz Hartnckige.
Gott, wie oft war er schon bei denen! Die sind sehr reich; die Versicherung
wre sehr hoch; und wenn ihm der Abschlu gelingt . . . Die Prozente! Wenn
er vielleicht jetzt noch einmal hinginge, wer wei? . . . Er soll doch noch
einmal hingehen.

Der alte, nach Petroleum riechende Kolonialwarenhndler bediente die
Kriegswitwe mit besonderer und bedeutsamer Zartheit.

Und ihr stieg schmerzhaft schnell die unabnderliche Tatsache wieder ins
Bewutsein, da ihr Mann zu den paar Hartnckigen, die so reich waren, gar
nicht mehr gehen konnte, weil er ja nicht mehr lebte.

Ihr Gesichtsausdruck vernderte sich; und der Kolonialwarenhndler, von
ihrer Miene zum strkeren Bezeugen seines Mitleids aufgefordert, zeigte
deutlicher, da er wohl wisse, was es fr eine Frau bedeute, den Mann
verloren zu haben. Seine gespannte Bereitwilligkeit, wie er ihre
Bestellungen entgegennahm, tat ihr wohl. Mit einem leisen Druck legte er
die gefllte Dte vor sie hin, sah ihr, Oberkrper vorgebeugt, ins Auge.

Und die Hausfrau in ihr versuchte, das Zartgefhl des Kolonialwarenhndlers
zu bentzen: ob sie den Kaffee noch einmal zum alten Preis bekommen knne.

Da hob er die Schultern: das tte ihm leid.

Sofort verschlo sich ihr Gesicht. Und wie ein Grammophon >Die Wacht am
Rhein<, spielte ihr wundes Gehirn automatisch: >Ich habe meinen Mann auf
dem Altare des Vaterlandes geopfert, fr die Verteidigung des Vaterlandes,
des heimatlichen Herdes hingegeben; er ist auf dem Felde der Ehre gefallen,
damit dieser schmutzige Krmer weiter sorglos seine Kaffee verkaufen kann,
und mir gibt er ihn nicht zum alten Preis.<

Der Kolonialwarenhndler hob das Klappbrett des Ladentisches, schlpfte
vor, ffnete hflich die Tr: Die enormen Einkaufspreise jetzt. Nicht zu
sagen. Es tte ihm ja wirklich sehr leid, aber da sei nichts zu machen.

Tief beleidigt und scharfen Ha in den Augen, verlie sie den Laden.

Ein Schaufensterspiegel zeigte ihr, da sie gebeugter ging, als es ihr
momentaner Seelenzustand verlangt htte. Bewut brachte sie den
Gesichtsausdruck in bereinstimmung mit ihrer Krperhaltung und ging
gebeugt und langsam weiter,

vorber an einem spielenden Kinde, das, seinen mit Ahnung gefllten Blick
zu ihr emporgerichtet, im Halbkreise auswich und ihr nachsah.

Da sie eine Kriegswitwe war, konnte jeder sehen. Auch die Leute im
Trambahnwagen fhlten das sofort, schlossen jedoch die Augen. Denn da war
nichts zu machen. Krieg ist Krieg. Und dabei fallen Mnner. Alles Mitleid
ntzt nichts. Mitleid ist hier Schwche. Auerdem gehts vielen so. Die
Kriegswitwe stierte wie ein Mensch, der in seinem Blute liegt. Und alle
gehen vorber. Sie steckten die Gesichter in die noch feuchten Zeitungen,
lasen die neueste Siegesnachricht: wieviel Feinde gefangen, wieviel
gefallen waren, freuten sich und nahmen sich konzentriert vor: >Mich solls
nicht packen . . . Aber denen werden wirs zeigen!<

Siebentausend! las laut ein gutmtig aussehender alter Mann und sah die
Kriegswitwe an. Siebentausend Gefangene! Ungeheuer blutige Verluste! Berge
von feindlichen Leichen!

Gesichter glnzten. Freudenworte sprangen durch den Wagen. Hnde
flatterten. Befriedigter Ha sa auf den Bnken.

Die bisher tot und blau gewesenen Augen der Agentenwitwe waren schwarz
geworden vor befriedigter Rachgier. Was steht da? Berge von feindlichen
Leichen? Berge?

Da trat, gleich einem Fremden, der unerwartet und unerwnscht in eine
geschlossene Gesellschaft eindringt, von der Plattform aus der Kellner in
den Trrahmen: ber was freut ihr euch denn so? ber was? . . . Weil jetzt
wieder einige tausend Euresgleichen auf dem Felde der . . . Ehre liegen?
Blutig und zerfetzt! Noch atmend oder schon tot! . . . Vielleicht ist auch
Ihr Sohn unter den zerstampften Opfern. Und liegt seit der gestrigen
Schlacht ohne Hilfe schwer verwundet zwischen Toten und glotzt zu seinem
Beine hin, das zwei Meter von ihm entfernt liegt. Glauben Sie denn, da Ihr
Sohn den wahren Grund gekannt hat, der ihn veranlate, zum Mrder zu
werden, bevor er selbst ermordet wurde? fragte er, mhsam seine Erregung
bndigend, den gutmtig aussehenden alten Mann,

in dessen Gesicht die Siegesfreude fassungslosem Staunen wich.

Der Zwanzigjhrige, der seit dem Tage, da der Kellner in seiner Heimatstadt
die Herzen fr die Liebe aufgerissen hatte, mit durch das Land und durch
die Stdte fuhr und, scheinbar ganz unbeteiligt, auf der Plattform stand,
machte pltzlich einen schnellen Schritt in den Wagen hinein, auf den
Offizier zu, der abweisende Glasaugen bekam: Steht auf gegen den Krieg.
Protestiert! Alle! Alle!

Sie sind ruhig jetzt! Hier wird nicht so gesprochen, sagte der Schaffner.

Bleibt nicht sitzen in eurer Freude darber, da Ochsen und Klber humaner
als Menschen, humaner als eure Mnner und Shne geschlachtet werden.

Sekundenlang stand das Schreckgespenst der Wahrheit im Wagen.

Wenn man's richtig berlegt, sind das natrlich auch Menschen . . . die
Feinde, sagte jemand und wunderte sich, da er diese Worte gesprochen
hatte.

Da wurden alle erlst vom gutmtigen alten Manne, der sich schon wieder
beruhigt hatte: Ja, Menschen! Warum haben sie uns dann berfallen? . . .
Htten wir uns nicht verteidigen sollen?

Das Leben kehrte zurck: Kpfe nickten. Augen blickten glnzend und hart.
Die Agentenwitwe richtete sich straff auf.

Der Kellner blickte hilflos wie ein Toter.

Der gutmtige Alte stie mit dem Zeigefinger auf seine Zeitung und rief,
hassend und frohlockend: Unsere Verluste sind ja ganz gering. Hier steht's
ja.

Immer heit es: >Unsere Verluste sind gering<. Wie steht's dann damit, da
wir bis jetzt schon mehr als zwei Millionen Tote haben? Und wie viele sind,
so wie ich, fr das ganze Leben ruiniert? fragte ein invalider Soldat, in
einem Tonfalle, der aus einer anderen Haquelle kam, und starrte
unbekmmert dem Offizier ins Gesicht.

Berge von feindlichen Leichen! wiederholte der Alte und faltete die
Zeitung zusammen.

Der Schmerz um den toten Mann war von einem Leichenhaufen zugedeckt. Erregt
vom befriedigten Hasse, schritt die Agentenwitwe aus dem Wagen hinaus, die
Mundwinkel in die Wangen zurckgezogen, da die Lippen verschwunden waren
und ihr mit Rachgier geflltes Gesicht voller erschien.

Die Zeit ging hin. Mit Hilfe des Glaubens, da ihr Mann fr eine heilige
Sache, fr den endlichen Sieg gestorben sei, auf dem Felde der Ehre, und
mit der lindernden Tatsache, da es Millionen Frauen so ging wie ihr, hielt
sie den Schmerz auch noch whrend der nchsten Wochen von sich weg.

Glubiger schickten Rechnungen, dann Mahnungen, dann Drohbriefe, in denen
noch der Satz stand: die Zeiten seien schlecht, jetzt brauche jeder sein
Geld; dann kurze Mitteilungen, in denen die Pfndung unverschleiert
angekndigt wurde.

Das hatte die Kriegswitwe, deren Mann doch auf dem Felde der Ehre gefallen
war, nicht fr mglich gehalten. Diese Rcksichtslosigkeit und
Ungerechtigkeit bertraf alles, was ihr bisher widerfahren war, bertraf,
wenn sie genau berlegte, sogar die Ungerechtigkeit, da ihr Mann, gerade
ihr Mann, der arme Versicherungsagent, der doch, wei der liebe Gott, schon
vor dem Kriege in Not und Krieg gestanden war, in den Krieg hatte ziehen
und fallen mssen.

Monatelang trug sie noch das Gefhl und das gepeinigte Gesicht eines
unschuldig verfolgten Menschen herum, bis sie, tglich und durch
verschiedenerlei Erlebnisse immer wieder daraufgestoen, einsehen mute,
da das Leben keine Rcksicht auf ihr Schicksal nahm, das ja schlielich
das Schicksal von Millionen Kriegswitwen war, sondern offenbar kra
weiterschritt, ganz unverndert, was die Geld- und Selbstsucht anlangte.

Dieser bitteren Erkenntnis setzte sie anfangs soviel Hrte und dunkle Wut
entgegen, wie in einem Menschenkrper Platz hat.

Aber das Leben war noch hrter und mrbte tglich und mit mrderischer
Monotonie weiter, bis die Witwe dieser aussichtslosen Wut mde wurde.

Der noch undurchlittene Schmerz hatte Zeit, konnte warten, bis die
Schutzwehren -- der Altar des Vaterlandes, das Feld der Ehre und die
lindernde Tatsache, da es zwei Millionen Frauen so erging -- ins Nichts
zurckstrzten und das Herz der Kriegswitwe blogelegt war fr den Sprung
des Schmerzes, hinein ins Witwenherz.

Und was dem Tage nicht ganz gelang, vollbrachten die Trume. Dem Tage, da
ein Bekannter es sich wohl sein lie bei der Bemerkung: Liebe Frau, die
Zeit lindert jedes Leid, folgte die Traumnacht, in der der Schmerz
erstaunlich deutlich erklrte: Aber den noch undurchlittenen Schmerz kann
die Zeit nicht lindern. Kann Liebe vergehen, bevor sie da war und empfunden
worden ist? . . . Erst mu der wahnsinnig singende, mrderische Schmerz
empfunden worden sein, ehe die Zeit ihn lindern kann.

In derselben Nacht trumte die Witwe: der Mann kommt zu spt nach Hause.
Sie liegt schon lange im Bett. Sie ist bse, schimpft: Wo bleibst du
denn! Je, je, ich kann mich doch auch einmal ein bichen unterhalten.
So! Und ich?

Er zieht sich aus (jede seiner Bewegungen ist ihr genau bekannt), legt sich
neben sie ins Ehebett. Sie beobachtet alles durch die Wimpern, hrt seinen
Erleichterungsseufzer und wartet auf des Mannes verlangende Hand, hstelt,
um ihm die Annherung zu erleichtern, bewegt den Krper, lockt, bis der
Mann zu ihr schlpft.

Alles knnte schn sein, wenn sie nicht pltzlich merkte, da nicht ihr
Mann, sondern ein Fremder sie umfangen will.

Es erfhrts ja niemand, sagt der Fremde. Und sie denkt: das ist wahr, es
erfhrts ja niemand. Ist bereit. Und alles wre in Ordnung, wenn nicht im
Rebenzimmer ein Mensch herumginge, der jeden Moment ins Schlafzimmer kommen
konnte. Dieser Mensch ist der Schmerz um den toten Mann, hat eine feldgraue
Uniform an, das Gewehr quer ber dem Rcken.

Jetzt steht er unterm Trrahmen, ist aber nicht mehr der Schmerz in
Uniform, sondern der Fremde, whrend bei ihr im Bett der Schmerz liegt, der
zugleich ihr Mann ist.

Sie will ihren Mann zu sich nehmen und kann nicht, weil der im Trrahmen
stehende Fremde nicht wegsieht. Und wie der Fremde endlich geht, die Tr
hinter sich zuschlgt und die Treppe hinunterpoltert, kann der Mann seine
Uniform nicht ausziehen. Und immer ist das Gewehr zwischen ihm und der
Frau.

Das Gewehr knnte losgehen, sagt sie, nimm das Gewehr weg. Sie will ihm
helfen.

Und erwacht. Ruft nach ihrem Manne, horcht. Und tastet das Ehebett ab. So
eine Gemeinheit! Jetzt ist er noch nicht heimgekommen. Sie schimpft:
Dieser Lump!

Der Mann lacht: Schon seit zwei Stunden liege ich neben dir, und, du hast
es nicht bemerkt.

Sie ist froh, lacht auch. Er zieht sich aus, kommt zu ihr. Und wieder liegt
das Gewehr, in dessen Rohrlauf ein Blumenstrau steckt, hindernd zwischen
ihnen. Nimms doch weg . . . Warte, ich drehe das Licht an.

Die Hand am Schalter, erwacht sie diesmal wirklich, dreht das Licht an,
sucht neben sich im leeren Bett. Der gemeine Kerl ist noch nicht da.

Jetzt erst ergreift eine dunkle Faust das Herz. Und wie sie dem Schmerze
entfliehen will aus den Worten: Er ist den Heldentod gestorben, pret die
Faust das Herz zusammen.

Wie allen andern Frauen auch, geht es mir, will sie flstern. Und ihre
Lippen formen diese Buchstaben nicht. Die Begriffe >Altar des Vaterlandes,
Heldentod, Feld der Ehre< zerflattern, sinken ins Nichts zurck vor der
entsetzlichen Wirklichkeit, da der Mann niemals mehr zu ihr kommen kann.

Und wie ein Mensch, der ein auf seiner Handflche liegendes Brettchen unter
die Bohrmaschine hlt, schmerzlos das monotone Whlen des Bohrers fhlt,
empfand sie, starren Auges, noch schmerzlos, das rapide, unabnderlich
nherkommende Bohren, bis pltzlich der Schmerz das letzte Hindernis
durchstoen hatte und, wie der Bohrer in die Handflche, hineinsauste ins
Herz der noch schlaftrunkenen Kriegswitwe.

Sekndlich und mit der ganzen Kraft ihres Wesens versuchte sie, die
Begriffe >Heilige Sache, Altar, Feld der Ehre, Heldentod< als
Betubungsmittel dem Schmerze wieder entgegenzustemmen.

Es gelang ihr nicht mehr, diese Begriffe wie bisher mit Glauben an sie, mit
falscher Empfindung, mit irgend einer Bedeutung zu fllen. Da lste sich
auch der Ha gegen den Feind in nichts auf.

Und der Schmerz um den toten Mann war, in den Zeitraum weniger Sekunden
zusammengepret, ganz pltzlich so unmenschlich furchtbar, da die Witwe,
wollte sie nicht im Augenblick Besinnung und Verstand einben, mit einem
gewaltigen innerlichen Sprung von ihrem Leben der Lge, Gedankenlosigkeit
und Selbstsucht heraus -- ins hhere Menschentum hineinspringen mute. Sie
hatte das tief entsetzliche Gefhl, die Kraft ihres Wesens reiche nicht aus
zum Sprunge, umklammerte, aufrecht im Bette sitzend, mit beiden Hnden den
Hals, den Wahnsinnsschrei abzuwrgen, der gurgelnd hervorquirlte. Flog aus
dem Bett in den Rock hinein. Und raste, halb angekleidet, durch die
Straen. Suchte sich eines Menschen zu entsinnen, der, vom gleichen
Seelenschlag zertrmmert, ihren vom Wahnsinn schon bedrohten Zustand
begreifen knnte. Und fand keinen in ihrer Welt. Alle trsteten sich selbst
und wollten sie trsten mit dem Altare des Vaterlandes, mit dem Felde der
Ehre.

Pltzlich sprang aus diesen trostlosen Worten der Kellner heraus und in den
Trrahmen der Straenbahn: >Steht auf! Auf! Protestiert! Alle! . . . Glaubt
ihr denn, da eure Shne, eure Mnner den wahren Grund kannten, der sie
veranlate, Menschen zu morden, bevor sie selbst ermordet wurden? . . .
Bleibt nicht sitzen in eurer Freude darber, da Ochsen und Klber humaner
als Menschen, humaner als eure Shne und Mnner geschlachtet werden.<

Dunkel stieg der Protest in ihr auf.

Gegen Abend traf sie im Laden des Kolonialwarenhndlers mit der an der Ecke
wohnenden jungen Arbeiterwitwe zusammen, deren Mann im Lazarett verendet
war.

Die war in den wenigen Monaten eine alte Frau geworden; ihre Augen, durch
das Weinen blutrot und um die Hlfte verkleinert, glichen nicht mehr
Menschenaugen, sondern furchtbaren Wunden, die sich tief in die Hhlen
hineingefressen hatten. Ihr Mann war erschlagen. Ihre Welt war erschlagen.
Sie war erschlagen. Lebte nicht mehr.

Ihrem tdlichen Schicksale unterstellt, lehnte sie zermrbt und verbraucht
am Ladentisch.

Und als der Kolonialwarenhndler den Tagesbericht vorlas: Unsere
todesmutigen Helden verteidigten mit bewunderungswrdiger Tapferkeit
. . . jeden Handbreit Boden, bat sie mit dnner Stimme, er mge ihr doch
die drei Dten zusammen in eine Dte geben, so sei's leichter zu tragen.

Handbreit Boden! Handbreit! schrie die Agentenwitwe und erblickte, von
Wut und Abscheu in die Vision hochgerissen, ein nur handgroes Stck Erde,
auf dem sich eine ungeheure Pyramide von hunderttausend zerfetzten Siegern
und Besiegten erhob.

Der alte Kolonialwarenhndler erschrak, als seinem beifallslsternen
Patriotenblick ein von Mordwut verzerrtes, wildes Frauenantlitz
entgegengestellt wurde. Instinktiv flchtete er in das Wort hinein: Sie
sterben den Heldentod, auf dem Felde der Ehre.

Ja, Feld der Ehre! Ihr habt meinen Mann erschlagen. Mein Mann ist tot.
Tot!

Aber Frau! Und die Heimaterde? Die mu doch schlielich verteidigt werden.
Unsere heiligsten Gter stehen auf dem Spiele.

Die Gedankenfetzen: >Gter, heilig . . . Gterschuppen steht auf dem
Spiele, Heimat . . . Brsenspiel mit Heimaterde<, passierten das
Witwengehirn. Sie schleuderte die gefllte Dte zurck. A was! Heiligste
Gter! Mein Mann war mein heiligstes Gut. Er lebte, hatte Augen, verstehen
Sie -- Augen! Hatte Arme, die er um mich herumlegen konnte, und hatte
. . . hatte, hatte, hatte -- war mein Mann. Ja, glotzen Sie mich nur an,
ist mir gleichgiltig. Was sind denn eigentlich die heiligsten Gter? Wo
denn? Ich hab sie nicht. Ich habe keine. Heiligste Gter! Heilig! Nichts
als Lge und Schwindel. Schwindel! Ah . . . ihr Hunde!

Aber Frau! Sie machen sich ja unglcklich, werden eingesperrt. Sie werden
eingesperrt, das prophezeie ich Ihnen, wenn Sie so ber . . . unsere
heiligsten Gter sprechen.

Ich, eingesperrt?

Unvermittelt fhlte der Kaufmann die Macht der Kriegswitwe, legte einen
geradeliegenden Notizblock gerade.

Alter Schmerz hatte der anderen Kriegswitwe die Brauen hochgezogen, da die
Stirn nur noch aus drei dicken Querfalten bestand. Aus ihren Wunden liefen
zwei Trnen heraus, glitten schnell in die Wangenlcher, in den offenen
Mund hinein. Ob sie noch etwas Malzkaffee dazu bekommen knne. Ihre
langsame Hand schob das Geldstck hin.

Wieviel Kaffeemalz? Ah so, es gibt keinen mehr.

Einsperren? Das wollen wir sehen, ob die mich auch noch einsperren.

Liebe Frau, hier drfen Sie nicht so reden, hier bei mir . . . Sie mssen
sich trsten, mssen sich trsten. Da hilft alles nichts. Vielen geht es so
wie Ihnen. Ja, es geht Millionen so.

Dann halt adieu, wenn Sie keinen Malzkaffee haben, sagte die andere
Kriegswitwe. Das Trnenwasser lief in den gewohnten Bahnen herunter,
schaukelte am Kinn. Die mit den drei kleinen Dten gefllte groe Dte in
die konkave Brust hineingepret, ging sie langsam hinaus.

Was gehen mich die andern an. Und wenn es zehn Millionen so geht. Das gibt
mir meinen Mann nicht zurck. Der Schmerz hockte und hpfte in ihrem
zuckenden Gesicht. Mein Mann ist fort, tot, weg, kommt nie mehr, nie mehr.
Verstehen Sie: nie mehr!

Ist ja wahr, aber warum sagen Sie denn mir das alles? Habe ich den Krieg
gemacht? Warum sagen Sie mir das alles?

Warum? fragte sie in ungeheuerem Erstaunen. Warum kommen Sie mir mit
Ihrem Felde der Ehre, mit Ihrem Heldentod, mit Ihren heiligsten Gtern
daher? Sie . . . stehen da und verkaufen Ihr Zeug.

Wir werden siegen, sagte der Mann einfach. Dann ist der Krieg aus.

Als hatte er ihr eine weiglhende Eisenstange wie eine Lngsachse in den
Krper gestoen, bei der Schdeldecke hinein und beim Unterleib heraus,
drehte sie sich einmal blitzschnell um sich selbst, herumgeschleudert vom
hllischen Schmerze, der ihr Herz gesprengt hatte mit der Vorstellung: der
Krieg ist aus, alle Menschen freuen sich grenzenlos . . ., und mein Mann
ist tot, kommt nicht zurck. Kommt nie mehr! Und was wird dann mit mir?
He? Sie! He, was wird dann mit mir? He! He!

Sagen Sie mal, bin ich denn schuld daran? Sie tun ja gerade, als ob ich
. . . Was kann ich dafr.

Von einem Blitze der Intuition grellwei erleuchtet, erkannte sie: Ja, du
bist schuld, du, du . . . ihr Hunde! Ihr alle seid schuld daran. Alle!

Da konnte der Kaufmann nur die Schultern heben, wie er tat, wenn er eine
Ware nicht billiger abgeben wollte.

Und als sie schon hinausgerast war auf die verkehrsreiche Strae, sprach er
noch: Sie werden todsicher eingesperrt. Sie sperrt man ja glatt ein. Sah
die Banknote liegen. Und ihr Geld vergit sie auch noch. Die scheint
endgiltig nrrisch zu sein . . . Was wnschen Sie?

Die Kundin wnschte Petroleum, stellte die Kanne auf den Ladentisch.

Na, jetzt das ist mir aber eine, begann er und erzhlte der neuen Kundin
die ganze Sache. . . . Was sagen Sie dazu?

Recht hat sie, erklrte die Frau mrrisch. Was haben denn wir davon,
wenn die Land erobern. Wir haben nichts davon.

Ist Ihr Mann auch im Krieg?

Schon tot ist er, wenn Sie's wissen wollen.

Er starb fr unsere gerechte Sache, Frau, mssen Sie sich sagen.

Ja, Sache, sagte die Frau, dumpf wie ein Hund, der verhalten knurrt. Dann
sagte sie noch, was sie jedem sagte: Sie haben seinen Kopf nicht gefunden.
Nur das Andere. Die Erkennungsmarke war weg; deshalb wollten sie mir erst
keine Untersttzung geben.

Aber jetzt bekommen Sie doch, wie?

Meine zwei Shne sind auch schon verreckt. Im Westen.

Jetzt bekommen Sie doch?

Ich pfeif darauf. Verdiene mir selbst mein Geld. Will nichts haben von
diesen . . .

Der vorsichtige Kolonialwarenhndler schnitt das Gesprch ab; denn neue
Kunden waren eingetreten. Nun, was sollst du holen?

Das Kind streckte sich, legte das in Papier eingewickelte Geld auf den
Ladentisch.

Da vorne auf dem Platz ist eine Menschenansammlung. Jemand spricht gegen
den Krieg, erzhlte ein grauer Alter, der Zigarren verlangte. Und
pltzlich kommt eine Frau gesprungen. Ganz auer sich. Die schreit und
schimpft nicht schlecht . . . Was will der Schutzmann machen: -- es ist
eine Kriegswitwe.

So, schreit sie? Die wird natrlich eingelocht . . ., wenn sie solche
Sachen daherredet.

Nun, so ohne weiteres kann man eine, die ihren Mann im Kriege verloren
hat, auch nicht einsperren . . . Wenn sie doch ihren Mann verloren hat. Das
ist keine Kleinigkeit.

Aber das Vaterland ist doch schlielich auch keine Kleinigkeit. Und
. . . unsere Kultur, was?

Whrend der Alte seine Zigarre anzndete: Schon recht, gewi . . .
Vaterland . . . gewi . . ., aber wenn eine ihren Mann . . .

Na ja, da haben Sie auch wieder recht.

. . . verloren hat, kann sie schon rabiat werden. Das ist zu verstehen
. . . Es ist ein Riesenmenschenauflauf. Dreitausend Menschen, schtze ich.
Knnen auch viertausend sein. Die Frauen schreien . . . Gerade als ob sie
am Kreuz hingen, als ob jede an einem Kreuz hinge. Der Redner kann nicht
mehr weitersprechen . . . Ich bin weggegangen. Will nichts zu tun haben mit
so was. Bin ein alter Mann. brigens habe er sich schon lange gewundert,
da bis jetzt nicht mehr Kriegswitwen . . .

Ja, es ist schon am besten, man kmmert sich nicht darum.

Auch manche von den Mnnern, die um die schreiende Agentenwitwe, um den
verstummten Kellner herumstanden, dachten das. Die Frauen dachten das
nicht; es waren viele Kriegswitwen darunter und Mtter, die ihre Shne
verloren hatten.

Der Schutzmann sagte: Schreien Sie jetzt nicht mehr.

Die Agentenwitwe schrie: Ich schreie!

Ein Brger dachte: man kann's ihr nicht verdenken. Und ging nach Hause.

Die Trambahnwagen konnten nicht weiterfahren. Droschkenkutscher standen auf
den Bcken, Fahrgste streckten die Oberkrper, schief wie gotische
Gestalten, aus den Wagenfenstern heraus. Die Menge vergrerte sich rapid.
Auch die Seitengassen, die zum Platze fhrten, waren schon schwarz von
Menschen.

Der Schutzmann fate die Kriegswitwe am Arme: Gehen Sie jetzt heim.

Loslassen! Loslassen!

Heim? Habe ich denn ein Heim? Ihr Lachen war Tiergebrll, ri
Hohngelchter aus tausend Frauenmndern heraus. Sie hatte sich mit einem
kurzen Ruck losgemacht von der Schutzmannsfaust.

Ein Frauengesicht, hhnisch und gefhrlich, scho dem Schutzmann vor die
Augen: Gehen Sie einmal nach Hause in ein Heim, in dem niemand mehr ist.

Auseinander jetzt! rief der Schutzmann. Macht euch nicht unglcklich.

Das war fr alle Kriegswitwen zum Lachen.

Bin schon unglcklich. Mehr kann ichs nicht werden, schrie die
Agentenwitwe, immer mit dem gleichen schmerzdurchtobten Tiergebrll.

Dieselbe Gefhlswelle bewegte gleichzeitig alle Witwenleiber. Und alle
Mnder schrien dem Schutzmann und einander zu: Wir sind schon unglcklich.
Unglcklich!

Die Macht der Frauen war sehr gro.

Der Schutzmann sah pltzlich wie ein hilfloses Kind aus.

Da krachte ein Schu. Knapp neben dem Zwanzigjhrigen.

Menschenohren horchten, da es nachtstill wurde. Dann stieg der
tausendfache, wilde und ganz wortlose Schrei. Das klang in der Ferne wie
Kirchengesang.

Johlen. Gebrlle. Die Menge war ein einziger, langsam bewegter Riesenkrper
geworden. Der Schu hatte die Gemter von Zwang und Ordnung entbunden und
in anarchische Freiheit hineingestellt.

Der Schutzmann drckte sich, seitwrts gedreht, durch die drohend enge
Menschengasse durch und verschwand.

Jetzt erst bemerkten der Zwanzigjhrige und die Nchststehenden, da nicht
ein Schu gefallen, sondern ein Automobilschlauch geplatzt war.

Die Agentenwitwe machte mit den Hnden ganz kleine, gebundene Bewegungen,
die mit den Zuckungen ihres Gesichtes korrespondierten, und bemhte sich,
den andern zu erklren, wie qualvoll es sei, wenn ihr ein alter Anzug, ein
Trikotleibchen, eine gebrauchte Hose des toten Mannes vor die Augen komme.
Ich sehe den Stuhl an, auf dem sonst mein Mann gesessen war, sehe den
Stuhl an . . . Und wenn ich unsern Sekretr ansehe, vor dem oft mein Mann
gestanden war, ist das gar kein Sekretr mehr . . .

Alle sahen in der Zimmerecke den lackierten Muschel-Sekretr stehen, der
die unabnderlich sich gleich bleibende Einsamkeit war und jede aufkeimende
Hoffnung erschlug. Qualvolle Hilflosigkeit strich lautlos ber die
Menschengesichter und erzeugte bei allen den toten Blick.

Da griff der Kellner auf den Grund der Sehnsucht und rief: Wir wollen
Frieden machen!

Sofort ffneten sich die Menschengesichter; eine Wolke heien Gefhles
ballte sich zusammen und platzte: das Wort >Friede< donnerte hoch,
umdonnerte minutenlang den Kellner, der auf einem leeren Lastwagen stand
und sich unter tiefer Qual den Entschlu abrang, in die pltzlich
entstehende, offene, fruchtbare Stille die kalte Wahrheit hineinzustoen:

Aber wir knnen nur dann helfen, Frieden zu machen, wenn wir wissen und
zugeben, da auch wir den Krieg mitverschuldet haben.

Was sagt der? Was? Die Agentenwitwe war vor Emprung und Staunen gelhmt.

Nur wer denkt und die Menschen liebt, kann ihnen den Frieden bringen
. . . Wir denken nicht und lieben nur uns selbst.

Die Gesichter vernderten, verschlossen sich; eine leere Flche entstand
zwischen der Menge und dem Kellner.

Der sagte: Schon vor dem Kriege war die Liebe tot in uns. Wir waren
gedankenlose, meinungslose Maschinen. Deshalb hat jeder Einzelne von uns
den Krieg mitverschuldet.

Krieg mitverschuldet? Wir haben den Krieg nicht gewollt. Das Volk nicht!
. . . Wir nicht! Eine Welle des Zornes bewegte die Menge.

Lat euch das sagen. Das mt ihr euch sagen lassen. Wir mssen erst
umkehren zur Wahrheit: wir hatten das Gute -- die Liebe -- vergessen; wir
hatten uns gar nicht berlegt, was gut ist; wir haben berhaupt nichts
berlegt, berhaupt nicht gedacht und Zeit unseres Lebens das Bse wachsen
lassen, bis es uns zur Gewohnheit geworden war, und wir mit entsetzlicher
Selbstverstndlichkeit glaubten, da das Bse -- Egoismus, Gewalt, Macht,
Erfolg, Geld und Autoritt -- das Erstrebenswerteste im menschlichen Dasein
sei. Und dieses zur Selbstverstndlichkeit gewordene, kalte, mrderische
Prinzip jeden Europers, den Mitmenschen bervorteilen zu wollen, mute die
Menschen dazu fhren, da sie am Ende einander erschlagen . . . Dann wird
von Ehre, Heldenmut, Heldentod, von einem Felde der Ehre gesprochen.

Da flog, die Zustimmungsrufe auseinanderschneidend, die Agentenwitwe durch
die vor ihren geballten Hnden entstehende Menschengasse durch, bis zum
Wagen. Ihr Schmerz hatte sich gegen den ersten gedreht, der anderer Meinung
war als sie. Krieg mitverschuldet? Wir? Mein Mann? Mein Mann wollte nur
leben, schrie sie fassungslos. Kletterte hinauf. Wurde heruntergezogen.
Kletterte wieder halb hinauf. Erleben, das keinen Widerstand mehr fand,
durchstrmte und befreite sie.

Noch bevor sie vom Wagen wieder losgerissen werden konnte, beugte sich der
Kellner herab und berhrte mit seiner Hand sanft ihren zerrauften Scheitel.

Red du nicht so weiter, drohte ein Arbeiter.

Johlende, halbwchsige Burschen, zum Kriege noch nicht tauglich, klebten
auf den Mauervorsprngen.

Wir alle haben rcksichtslos nach nichts anderem gestrebt, als so viel
Erfolg wie nur mglich zu haben, unbekmmert, da wir dadurch das Bild
unserer Seele zerstrten, unbekmmert, ob dadurch ein Mitmensch ins Leid
und in das Elend sank. Wie ich, habt auch ihr die erfolgreichsten
Gewaltttigen, die am meisten Macht, Besitz und Autoritt auf sich
vereinigen, gedankenlos als Autoritten anerkannt und bewundert . . . Wir
alle waren stolz, wenn unsere schlecht beratenen Kinder patriotische Kampf-
und Mordlieder sangen. Und als die mchtigen Autoritten die Truppen
marschieren lieen, jubelten wir und waren begeistert. Wir jubelten, als
die ersten Siegesnachrichten einliefen. Wir jubelten. Und kmmerten uns
nicht darum, da beim Erstrmen einer Festung fnfzigtausend Menschen
zerrissen werden. Zerrissen werden muten, damit durch diesen ungeheuer
verbrecherischen Gewaltakt die Erfolgreichsten noch mehr Macht, die
Besitzenden noch mehr Besitz bekommen knnen. Wir kmmerten uns nicht
darum, weil wir selbst nichts anderes als das Verlangen nach Erfolg, Besitz
und Macht in uns trugen. Und dieses Verlangen logen wir um in Patriotismus.
Wir mssen den Frieden bringen. Wir haben den Krieg mitverschuldet. Wir
sind Mrder. Wir mssen uns entsndigen.

Gefhrliches Murren wuchs an, verdichtete sich zu einzelnen Zornrufen, die
sich schnell aneinanderreihten, bis zuletzt ein einziger langer Schrei, so
dick wie der Platz, zum Himmel stieg.

Den Tumult durchstach die sich berschlagende Stimme der Agentenwitwe: ihr
Mann sei kein Mrder gewesen. Kein Mrder! Mein Mann nicht! Kein Mrder!
Ihr Wort >Mrder< tanzte messerscharf und hoch ber das zusammengeballte
Brllen der Menge hin. Sie taste, streckte ihre Hnde, halb flehend und
halb wrggespreizt, zum Kellner hoch.

Der trug in den Gesichtszgen die Khnheit eines Menschen, welcher infolge
bergroen persnlichen Leides persnliche Gefahr nicht mehr frchtet und
persnliches Leid nicht mehr kennt.

Ein junger Mensch, fanatisiert und bleich, klrte erregt die
Nchststehenden auf: das sei ein Mensch, der's gut meine.

Ja, gut meine! Krieg mitverschuldet! Mein Mann Krieg mitverschuldet!

Ruhe jetzt! . . . Ruhe! Das Wort wurde von dieser Gruppe weitergegeben,
lief in Diagonalen kreuz und quer. Und erzeugte schnell erwartungsvolle
Stille fr den Sprecher.

Wir haben erst dann das Recht, nach dem Frieden zu rufen, wenn wir nicht
mehr, wie bisher, gedankenlos und meinungslos falsche Pflichten erfllen.
Und wir knnen erst dann den Frieden auf Erden verwirklichen, wenn wir
aufhren, die groen Nichtigkeiten in den Mittelpunkt des Lebens zu
stellen, wenn wir keine entseelten, gewohnheitsmig funktionierenden
Besitzanhufungs-Automaten mehr sind, sondern Wesen mit dem gttlichen
Wissen, da jeder Mensch unser Bruder ist, da alle Menschen dieser Erde
Trger der ewigen Seele sind, und da das Wort: >In dem Augenblicke, da du
dir vornimmst, einem Menschen zu schaden, hast du schon dir selbst
geschadet<, unumstliches, gttliches Gesetz ist.

Nur der Mensch, der sich zu seiner Seele bekennt, die ihm verbietet, dem
Bruder zu schaden, ist reich, steht ununterbrochen im glhenden Flu der
Gefhle. Wir sind ganz verarmt . . . Das gewohnheitsmige bervorteilen
des Mitmenschen, das Verlangen nach Besitz und die gewohnheitsmige
Anhufung von Besitz, weswegen die Europer heute einander erschlagen
mssen, haben uns ganz erniedrigt, gemein und arm gemacht . . . Die
Kathedrale der Seele ist zusammengebrochen im Europer. Deshalb wird er
Offizier, Staatsbeamter, Brseaner, deshalb ist er habgierig, brutal,
elegant, schuftig, gebildet, deshalb stiehlt er, raubt und wuchert, wird
reich, bleibt arm, mordet, duelliert sich, macht Kriege und Geschfte, lt
Erfolglosere fr sich arbeiten, so schwer fr sich arbeiten, da der groen
Mehrzahl des Volkes nicht eine Minute Zeit zur Selbstbesinnung bleibt, so
da auch diese Armen nicht mehr an die Liebe im Menschen glauben knnen,
und ihr ganzes entgttlichtes Streben darauf richten mssen, ebenfalls in
die Klasse der Besitzenden aufzurcken.

Wir alle -- Reiche und Arme -- sind brutal wie Mrder, schamlos und gierig
wie harte Wucherer, wir alle sind Offiziere und Brseaner, auch wenn wir
erfolglose Sklaven geblieben sind . . . Glckliche, unendlich reiche Kinder
knnten wir sein auf unserer unendlich reichen Erde, und sind erfolggierige
Geldmenschen, bedauernswerte, erlebnisarme Schurken, die zu staatlich
sanktionierten Mrdern wurden. Der Krieg ist durch den Krieg nur sichtbarer
geworden.

Die Menge, berhrt vom Worte des Kellners, war schwankend geworden; nie
empfundene Gefhle standen auf, gerieten in Schwingung, erklangen und
verdichteten sich zu vereinzelten Zustimmungsrufen.

Da schrie die Agentenwitwe einen Satz, der die Nchststehenden in den
Mittelpunkt des Gefhles traf und, mit Zustzen versehen und von Mund zu
Mund weitergegeben, die Menge durchlief, so da den Kellner pltzlich die
tausendfach gebrllten Schreifetzen umtosten: Ganze Volk! Leid gestrzt!
. . . Millionen Tote! . . . Hunger! Kriegsgewinne! Hallunken!

Im tiefsten Grunde des Brllens klang ein ferner Jubel mit.

Mit der ganzen Kraft seines Wesens versuchte der Kellner, die Menge erst
auf der Irrtumsspirale zurckzufhren bis zum Ausgangspunkt, wo die
Wahrheit steht, whrend die Agentenwitwe ohne Besinnen mit den Irrtmern
vorwrtsstrmen wollte und die ganze Menge geschlossen hinter sich hatte.

Noch einmal gelang es ihm, die anarchisch bewegte Menge aufzuhalten und
still werden zu lassen, da er sagte: Unsere Autoritten konnten uns
marschieren lassen, jeden Einzelnen von uns als Menschenmetzger anstellen
und ganz Europa in ein Menschenschlachthaus verwandeln, weil unsere
Lebensauffassung entsetzlich genau ihrer Lebensauffassung entspricht. Weil
wir, in notwendiger Folge unserer Gedankenlosigkeit, Meinungslosigkeit,
unseres Verlangens nach Geachtetwerden, nach Besitz, Stellung und Macht,
bisher immer nur die Luft geatmet, die Worte gesprochen, die Gedanken
gedacht und nach den Gefhlen gehandelt haben, die uns von der Autoritt
geliefert worden sind . . . Von der Autoritt, die mit dem gleichen Munde,
mit dem sie den Befehl zum Feuern auf Menschen gibt, uns von Zivilisation
spricht. Bedeutet das nicht, von allem Anfang an in der Lge ertrunken
sein, von Zivilisation zu sprechen, solange noch durch jede Strae Europas
Menschen gehen, die an der Seite Messer hngen haben, dafr bestimmt, in
Menschenleiber hineingebohrt zu werden? Zivilisation!

Zehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Warum? Fr was sind diese zehn
Millionen Menschen gestorben? Hat ein einziger von euch darber
nachgedacht, weshalb die Europer ihre Jugend, ihre Jnglinge abschlachten?
Warum dieser Krieg ausgebrochen ist? Ausbrechen mute! Er wartete. Lange,

bis ein abgearbeiteter Mann die fr ihn selbst verbraucht und nicht mehr
berzeugend klingende Antwort gab: Unser Volk ist angegriffen worden und
mute sich verteidigen.

Getroffen von diesem oft vernommenen Satze, rief der Kellner: Und ich sage
euch, so lautet -- und mit mindstens demselben Recht wie bei unserem Volke
-- die Antwort von jedem Volke, von jedem Einzelnen jeden Volkes; von den
neunzigjhrigen Greisinnen, die nur noch lallen knnen, bis zum
Premierminister jeden Volkes lautet die Antwort: >Wir sind angegriffen
worden und muten uns verteidigen.< . . . Wie kommt das? Wo ist die
Wahrheit?

Die Wahrheit ist, da ein meinungsloses, kritikloses Volk gar nicht wissen
kann, ob es angegriffen wurde oder angegriffen hat, und da nichts leichter
war, als es glauben zu machen, es sei angegriffen worden. Die furchtbare
Wahrheit ist, da die falschen Ideale, deren vollkommener Sieg den Tod der
Ideale -- der Menschlichkeit, der Liebe -- bedeuten wrde, da diese
Lgenideale -- Macht, Gewalt, Erfolg, Autorittsglaube, Heldentum,
Weltherrschaft, Vaterlandsverteidigung -- im Gehirne jeden Europers ein
solch mchtiges Eigenleben fhrten, da jeder zum Schieen bereit war.

Ich sage euch: die Kultur eines Volkes ist unabhngig von der
Besitzanhufung. Die Gre eines Volkes liegt nicht in seinen
Interessensphren, nicht bei seinen Rohstoffquellen, nicht auf seinen
Absatzgebieten. Gre, Kultur, Glck und Zukunft eines Volkes liegen
niemals auf dem Wasser. Aber der geistige Tod eines Volkes liegt in seinen
Geldschrnken. Der Geist Europas, die Menschlichkeit und die Liebe sind im
Gelde erstarrt, Und das bedingt mit entsetzlicher Sicherheit das Elend, die
Zukunftslosigkeit, den Untergang des europischen Menschen.

Auch die Agentenwitwe war erstarrt. Auch die Menge war erstarrt und qulend
still.

Die robuste Kriegswitwe, von deren Mann der Kopf und die Erkennungsmarke
nicht hatten gefunden werden knnen, stellte ihre Petroleumkanne auf den
Wagen, zu Fen des Kellners. Alle Fenster, rund um den Platz, waren
schwarz von Menschen.

Der Kellner, tief leidend unter dem Gesetze, da die Liebe hart sein mu,
weil sie das Herz der Wahrheit ist, redete eindringlich hinunter zum
dsteren Gesicht: Wir haben zugesehen, wie Kampfparteien gebildet wurden;
wir haben Kanonen, Schiffe, gewaltige Menschenmordmaschinen erfunden,
gebaut. Bezahlt. Bewundert! Trotzdem wir hatten wissen knnen, da die von
uns bezahlten, bewunderten Massenmordmaschinen eines Tages sich gegen die
Menschheit und auch gegen die Brust unserer Mnner, Shne, Vter richten
wrden. Das war unausbleiblich . . . Dann wird gesagt und geglaubt, von den
meinungslosen, gedankenlosen, von den immer noch gedankenlosen Volksmassen
geglaubt: wir sind angegriffen worden und mssen das Vaterland verteidigen,
unsere Kultur schtzen. Es wird von Heldentum und von einem Felde der Ehre
gesprochen . . . War alle Ehre nicht schon tot, noch bevor der Krieg
begonnen hatte? Ist es eine Ehre, ist es Heldentum, um Besitz und Macht und
fr falsche Ideale Menschen zu erschlagen? Wenn das Ehre ist, dann wollen
wir ehrlos sein, um wieder ehrenvoll leben zu knnen. Wenn das Heldentum
ist, dann wollen wir Feiglinge sein, damit der Mut in dieser Welt nicht
aussterbe . . . Man spricht von Zivilisation. Ist das Zivilisation, da
ganz Europa schon vor dem Kriege ein einziger groer Fabriksaal war, in dem
nicht Menschen lebten, sondern Maschinen automatisch sich bewegten?
Maschinen aus Fleisch und Blut, die nicht mehr denken, keine Meinung haben,
keine Erinnerung mehr daran haben, da sie einmal Menschen waren, sondern
wie die Maschinen aus Stahl, die sie bedienen, betrieben werden? Betrieben
werden von der Notdurft, von dem Verlangen nach Achtung der Mitmaschinen,
vom Verlangen nach Besitz, betrieben von Gewohnheit, Egoismus und Lge.
Lge, in der die europische Menschheit ertrunken ist, so da es keinen
Europer mehr gibt, der eine eigene Meinung htte, keinen, der das Feuer
der Wahrheit in den Augen trge . . . Wenn das Vernunft ist, dann wollen
wir unvernnftig sein, dann wollen wir wahnsinnig sein, damit die
Weltvernunft sich in uns am Leben erhalten kann. Wenn das ntzlich ist,
dann wollen wir unntze Menschen sein. Wenn das Resultat der Organisation
und Ordnung ist, da die Menschheit verelendet, blutet und sich abwrgt,
dann wollen wir diese mrderische Ordnung sprengen mit Unordnung, damit der
Sinn des Lebens sich wieder manifestieren kann. Wenn Organisation, Ordnung,
Gewalt, Macht, Gewohnheit, Meinungslosigkeit, Lge, Besitz und Egoismus
. . . Zivilisation ergibt, dann wollen wir Wilde sein, wollen wir die Liebe
im Herzen tragen und das Gesetz: jeder liebe jeden, so wird jeder von allen
geliebt . . . Das wollt ihr nicht? Habt den Mut, Menschen zu erschlagen und
nicht den Mut, Menschen zu lieben? Weil ihr lieben wrdet, aber die anderen
euch nicht lieben, sondern ausntzen und erdrcken wrden? Wollt nicht
Mrtyrer sein? Da Mrtyrer ausgentzt, erdrckt, eingesperrt und
hingerichtet werden . . ., weil sie lieben? Es fliege die Frage donnernd
ber den Erdball: was ist menschenwrdiger und ehrenvoller, Menschen, die
uns nichts angetan haben, im Kriege zu erschlagen und selbst zu sterben,
oder dafr zu leiden und zu sterben, da der Liebe die Regierung der Erde
bergeben werde?

Der Blick der schweigenden Menge fragte dumpf zurck. Zwei Equipagenpferde,
zwischen Menschen eingekeilt, bewegten sich. Die Agentenwitwe fhlte
krperlich, wie, von ihrer Seele berglnzt, die Finsternis in ihr zur
blendend weien Flche wurde. Ihr Gesicht war pltzlich trnenna.

Der Kellner warf die Hand an den Hals, die andere in den Nacken; seine
Augen wurden gro und sahen:

Zehn Millionen Leichen! Zehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Das
flieende Blut dieser zehn Millionen Ermordeten -- vierzig Millionen Liter
dampfendes Menschenblut -- knnte einen ganzen Tag lang die riesenhafte
Wassermenge des Niagarafalles ersetzen und durch seine Sturzkraft den
elektrischen Strom fr eine ganze Weltstadt liefern . . . Smtliches
Rollmaterial der Eisenbahnen von ganz Preuen wrde nicht ausreichen,
allein die losgetrennten Kpfe dieser zehn Millionen Ermordeten auf einmal
zu transportieren. Zivilisation! . . . Stellt euch den phantastisch langen
Eisenbahnzug vor: es steht der erste Wagen schon in Mnchen, im Berliner
Hauptbahnhof noch der letzte, und alle sind gefllt mit blutigen
Menschenkpfen. Zivilisation! . . . Man lege die zehn Millionen armen
ermordeten Mrder Kopf an Kopf, Fusohlen an Fusohlen! Das gibt eine
sechzehntausend Kilometer lange, lckenlose Leichenlinie, ein
sechzehntausend Kilometer -- nicht Meter -- Kilometer langes Grab, das ganz
Deutschland umspannt. Sechzehntausend Kilometer Leichen! Zivilisation!

Ein wildes Schluchzen, das wie das Bellen eines Hundes klang. Aufgelste
Gesichter drehten sich einander zu. Weit offene Augen. Wortloses Fragen.
Die Agentenwitwe sah Farben kreisen. Und taumelte dem Nchststehenden an
die Brust.

Das Gesicht der Menge leuchtete wieder wei auf.

Ich sage euch: von diesem Zeitalter der Ntzlichkeit, Ordnung,
Organisation und Vernunft, von diesem Zeitalter des Egoismus, des Geldes,
der Macht, Gewalt, Lge und Autoritt wird nichts brig bleiben als ein
Grauen davor und fr die noch spteren Geschlechter ein Gelchter.

Da spannte er weit die Arme aus, da hinter ihm der von der Abendsonne
rosig beleuchtete Kirchturm zum riesenhaften Kreuzespfahl wurde:

Wir wollen uns jetzt endlich besinnen. Wollen denken. Uns daran erinnern,
da der Mensch gut und unser Bruder ist. Wir wollen endlich herausreien
aus unseren Herzen: die Gewohnheit, die Lge, die Gewinnsucht, die
Bewunderung der Gewalt, Autoritt und Macht, damit nicht auch der Same der
noch ungeborenen Geschlechter den Keim in sich trage zu neuem Morde.

Pltzlich klang Kraft und groes Flehen in seiner Stimme:

Jeden Tag werden zehntausend Menschen gettet, die so gerne, ach so gerne
noch htten leben wollen. Und doch sitzt der Schuster wie sonst in seiner
Werkstatt, besohlt Stiefel, macht der Schreiner Mbel, steht der
Fabrikarbeiter vor der Maschine, den ganzen Tag, der Kaufmann hinterm
Ladentisch; es schreibt der Beamte Kanzleibogen voll und der Buchhalter
rechnet, der Kellner bedient . . ., whrend jeden Tag zehntausend Menschen
fallen und verenden, die vorher selbst Menschen tten muten. Welch ein
wahnwitziger, gedankenloser Egoismus! Wenn wir das Recht nicht verlieren
wollen, uns noch Menschen zu heien, dann mssen wir ohne Besinnen von den
Hmmern, Hobeln, Schreibpulten und Maschinen weglaufen auf die Strae, den
Nchstbesten am Arme packen, ihn packen, und unsere Stimme mu ihm das Herz
durchgellen: >Es werden jeden Tag zehntausend Menschen erschlagen. Was
sollen wir tun? Wie drfen wir arbeiten, unserem Verdienste nachgehen,
schlafen, essen, whrend jeden Tag zehntausend Menschen ermordet werden?
Das darf nicht sein. Was sollen wir tun?< . . . Ich rufe euch zu, ich trage
die Worte in euere Herzen hinein: wer heute, da tglich zehntausend
Menschen grauenvoll verenden, seine Hand hebt zur Arbeit, ist ein Mrder.
Denn er lt Menschen tten und fragt nicht: was soll ich tun, da sie
nicht erschlagen werden.

Da erbrach, ihre Petroleumkanne schwingend, die robuste Kriegswitwe ein
wildes Gelchter.

Und die Stze: Man mu doch leben; was bleibt uns brig; wir mssen doch
verdienen, essen, sprangen, von ihr zuerst geschrien, aus tausend Mndern
heraus, dem verstummten Redner entgegen. Es schwoll der Tumult, vom Hasse
in ein Ganzes zusammengeschmolzen, und stie den Schrei ab und zum Himmel
empor: Was sollen wir denn tun! Was? Was sollen wir tun?

Das war eine furchtbare Frage. Eine Frage, rund umstellt von grinsenden
Ungeheuern, die eine Antwort nicht hereinlassen wollten.

>Wenn ich ihnen sage: jede Arbeitsleistung fgt sich in das Getriebe ein,
das die Fortsetzung des tglichen Massenmordes ermglicht, deshalb wird der
Schlosser, der heute eine Schraube dreht, praktisch zum Mrder, wie auch
der Bcker, der heute Brot backt, rufen sie: wir mssen doch verdienen,
leben, essen und deshalb arbeiten.<

>Aber das drft ihr nicht. Arbeiten drft ihr nicht. Arbeiten ist heute
Mord.<

Das weie Gesicht der Menge war eine Frage, die gleich einer Lichtreklame
selbstttig die blutrote Antwort Revolution langsam, Buchstabe nach
Buchstabe, an den dunklen Himmel schrieb.

Die tdlich bedrohte Liebe, die dem Untergange nahe Menschlichkeit, die den
Kellner gewhlt, ihn aus dem mrderischen Wahnsinn dieses Zeitalters
herausgehoben und ihm das Wort auf die Lippen gegeben hatte, erleuchtete
ihn, so da die ewige Seele, fr alle sichtbar, ihm in die weitgeffneten
Augen trat:

Wir wollen nicht das Unmgliche versuchen: die Gewalt mit Gewalt
auszurotten. Wir wollen nicht tten. Aber von dieser Sekunde an soll alle
Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit wrde noch im Dienste dieses Zeitalters des
organisierten Mordes stehen. Das Zeitalter des Egoismus und des Geldes, der
organisierten Gewalt und der Lge hat in dieser weien Sekunde, hat in uns
eben sein Ende erreicht. Zwischen zwei Zeitalter schiebt sich eine Pause
ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wollen ber die Erde, durch die
Stdte, durch die Straen gehen und im Geiste des kommenden neuen
Zeitalters, des Zeitalters der Liebe, das eben begonnen hat, jedem sagen:
>Wir sind Brder. Der Mensch ist gut.< Das sei unser einziges Handeln in
der Pause zwischen den Zeitaltern. Wir wollen mit solch berzeugender Kraft
des Glaubens sagen: >Der Mensch ist gut<, da auch der von uns
Angesprochene das tief in ihm verschttete Gefhl >der Mensch ist gut<,
unter hellen Schauern empfindet und uns bittet: >Mein Haus ist dein Haus,
mein Brot ist dein Brot.< Eine Welle der Liebe wird die Herzen der Menschen
ffnen im Angesichte der ungeheuerlichsten Menschheitsschndung.

Und wenn der Zehnmillionenmord, den jeder Einzelne von uns mitverschuldet
hat, Martyrium von uns verlangt, wenn die Menschheitsfeinde Gewalt gegen
uns anrollen lassen, so wollen wir uns sagen: >Wir haben erschlagen,
gelitten, geblutet, gearbeitet fr falsche, lgenhafte Ideale, sind
schuldig, sind Mrder geworden; wir wollen uns entsndigen, wollen den
gegen uns gehetzten Brdern, dem Heere der Gewalt, uns als stilles,
unberwindlich starkes Heer des Geistes und der Verbrderung
entgegenstellen, bereit zum Leiden fr das ewig unverrckbare Ideal der
Menschheit: fr die Liebe.< Und unsere Brder werden, bezwungen von unserem
Glauben an das Gute im Menschen, in ihren Augen pltzlich die Frage tragen,
die zugleich die Antwort ist: der Mensch ist gut.

Der Mensch ist gut. Er ist gut. Geht hin, jeder durch seine Strae, in die
Huser, lutet, klopft an. Und verkndet den Satz des neuen Zeitalters:
>Der Mensch ist gut.< . . . Es stehen die Transmissionen! Es stehen die
Maschinen! Die Arbeit ruhe! Die Zeit steht. Heutige Gesnge der Liebe
durchfliegen die Stdte, ffnen die Herzen, die Tore der Palste, die
Magazine. Und Menschenarme, die dem Morde dienten, umfangen jetzt den
Bruder . . . Und wenn wir dann in diesem Geiste wieder zu arbeiten
beginnen, wird unsere Arbeit nicht mehr Mord sein, sondern Geschenk fr den
Bruder, und seine Arbeit Geschenk fr uns . . . Jetzt ruhe die Arbeit. Die
Zeit steht. Die Pause zwischen zwei Zeitaltern ist da.

Das Gesicht der Agentenwitwe war von wilder Hingabe zerklftet; das Kind in
ihrem Leibe bewegte sich.

Da geschah etwas Unerwartetes: ein brtiger Herr sprang aus seiner
eleganten Equipage heraus, stand auf dem Bock und brllte: Landesverrter!
Vaterlandsverrter! Herunter mit dem Schuft, der den Sieg, der das
Durchhalten unseres Volkes verhindern will! Wutspeichel spritzte aus
seinem Munde heraus.

Das weie Profil der Menge drehte sich dem Brtigen zu.

Der warf die Fuste vor und bewegte sie, in groem Bogen die Menge
berdachend, wagrecht ber die Kpfe weg, stie sie himmelwrts und knallte
sie auf seine Brust:

Mein einziger Sohn ist gefallen. Auf dem Felde der Ehre! Ist tot. Und
dieser bleiche Schuft wagt es, das Volk gegen das Vaterland aufzuhetzen.
Tausendfachen Tod diesem bestochenen Hundsfott, der den Sieg verhindern
will! Umsonst wre mein Sohn gestorben. Umsonst wren alle Shne und Vter
gestorben. Millionen wren umsonst gefallen. Alles Blut wrde umsonst
geflossen sein, wre der Sieg nicht unser. Er ri den Browning aus der
Hintertasche.

So still war es auf einem Platze nie gewesen.

Der Kellner sagte: Mein junger Sohn ist gefallen. Umsonst wre sein und
alles Todesblut geflossen, wenn in diesem dampfenden roten Meere auch
diesmal das Prinzip des Egoismus, der Gewalt und der Macht nicht verlschen
wrde, umsonst, wenn die Liebe auch nach diesem Kriege das Menschenherz
nicht berhren knnte. Umsonst die den Himmel verdunkelnde
Menschheitsschndung, wenn aus Lge, Macht, Gewalt, wenn aus Mord . . .
Sieg hervorgeht, der den neuen Krieg in sich tragen mu. Nicht Demtigung
fr ein Volk sei das Ende und der neue Anfang, sondern Demut aller Vlker
. . . Demut, die tiefen Glanz, Stille, Menschlichkeit und Lebensfreude in
sich schliet.

Der Brtige war fassungslos. Schuft! Und das Vaterland? Unser heiliges
Vaterland? Unsere heiligsten Gter? Unser Vaterland!

Dunkle, unbezhmbare Wut war urpltzlich in der robusten Kriegswitwe
entstanden. Da stieg, von ihr entladen, ein vielstimmiger Protestschrei,
der erst an seinem Ende in helles Gelchter und in den Hohnruf: Heiligste
Gter! zersplitterte.

Die Morgenrte einer kommenden Zeit traf das Gesicht des verblfften
Brtigen; er legte den Browning neben sich auf den Bock.

Der Kellner sagte weich: Das Vaterland ist eine Gasse, in der wir als
Kinder am Abend gespielt haben, ist ein von der Petroleumlampe sanft
beleuchtetes Tischrund, ist das Schaufenster des Kolonialwarenhndlers im
Nachbarhause; das Vaterland ist im Garten der Nubaum, auf dessen Frchte
wir gewartet haben, ist ein Flutal, die Biegung eines Flutales; das
Vaterland ist eine altersgraue Holzpforte an der Rckseite des Gartens, ist
der Geruch von pfeln, die auf dem Ofen brieten, ist Kaffee- und
Kuchengeruch im durchwrmten Elternhause, durch Wiesen ein schmaler Pfad,
der zur Stadt zurck oder aus der Stadt hinausfhrt, ist ein Gang auf
diesem Pfade, das Verklingen eines Kinderliedes, das Abendluten an einem
bestimmten Tage unserer Kindheit . . . Nicht der Staat -- die Organisation
der Lge, Macht, Gewalt und Autoritt -- ist das Vaterland fr den
Menschen, sondern die Erinnerung an freundliche Minuten der Kinderzeit, die
Erinnerung an die von Hoffnung noch verschnten Blicke ins zuknftige
Leben.

In diesem Momente, da er das Gesicht der Menge ansah, erkannte er
entsetzlich klar, da bei der groen Mehrzahl auch diese Erinnerungen vom
ununterbrochenen Lebenskampfe, von den Leiden des Krieges, vom Hasse gegen
seine Entfeler aufgefressen worden waren, und fhlte, da ein Wort der
Liebe jetzt noch nicht vordringen konnte bis zu diesen verarmten,
haverkrampften Witwenherzen. Nur bei wenigen war der suchende Kinderblick
wieder erwacht und zum Rckblick auf das vergangene Leben geworden.

Und als der Brtige der Witwen nicht mehr vorhandene Gefhle fr das
Vaterland erneuern wollte mit dem Worte national, stieg aus des Kellners
pltzlicher Hoffnungslosigkeit, die Liebe in die Herzen fhren zu knnen,
Zorn auf, der zur Menge hinunter den Satz trug: International ist alles
Groe: die Kunst, der Gedanke, der Glaube, die Sinne, das Leben, der Tod.

Und der Zwanzigjhrige schrie zurck: Es gibt National-Banken,
National-Speisen, National-Registrierkassen, National-Hymnen.

Vor Wut verlor der Brtige die Sprache, konnte das Gegenargument, da auch
die Sprache national sei, nicht finden und griff automatisch zum Browning,
um mit dem zu argumentieren.

Der robusten Witwe mit der Petroleumkanne waren der Brtige und sein
Gefhrt zu elegant. Noch bevor er den Mund wieder ffnen und den Browning
heben konnte, rief sie unwirsch: Halt's Maul, du! Und ihr Wort war von
einer Armgebrde begleitet, die hundert Fuste mit in die Hhe ri. Sie
strzte zum Bock, kletterte hinauf.

Sein Wutschrei: Verrterisches Pbelpack! Man wird euch einsperren. Alle
einsperren! gab das Signal fr alle zum Sturze auf den Brtigen, so da
der Browningschu, der dem Kellner gegolten hatte, schrghoch ging und den
Kirchturm traf.

Ein Schrei dauerte minutenlang.

Uns knnt ihr nicht einsperren. Zwei Millionen Kriegswitwen knnt ihr
nicht einsperren.

Der Petroleumstrahl scho farblos durch die Luft.

Hochgebumte Pferde. Die Equipage brannte hell und farbig. Wurde von den
rasenden Pferden zerstrerisch schnell ber den Platz und die Strae hinauf
getragen, von der strmenden Menge verfolgt.

Die robuste Kriegswitwe stand, ringend mit dem Brtigen, flammenumloht auf
dem Bocke.

Eine Anzahl Witwen und Mtter, im Blick noch das groe Fragen, blieben
zgernd zurck.

Die Agentenwitwe trug im schmerzdurchwirkten, aufgelsten Gesicht den
unbegreiflich tiefen Glanz stiller Bereitschaft, als sie zum Kellner trat,
der in der Dmmerung erschpft an der Hausmauer lehnte und auf das in der
Ferne verklingende, fanatische Triumphgebrll der Kriegswitwen lauschte. Er
glaubte, den anhaltenden, zndenden Schrei der robusten Witwe
herauszuhren.

Teile von Gedanken, fr die er vorhin Worte nicht gefunden hatte, kehrten
wieder: >Die Gewalt, den Menschen gelehrt und aufgezwungen, untersteht dem
furchtbaren Gesetze alles Bsen, mu weiter wirken . . . Wer in dieser Welt
der Schmerzen das Leid nicht auf sich nehmen kann, bleibt bse.<

Er blickte zur Agentenwitwe hin, die in ungeheurer Befreiung vor dem neuen
Anfang stand, entrckt, wie vor einer Wiege, in der sie selbst lag. Horchte
auf das ganz ferne Knallen mehrerer Schsse. (Das strker werdende ferne
Gebrll wurde wieder hrbar, schwach, wie das Summen einer Fliege.)

>Revolution steht auf den Stirnen der Menschen; und was auf den Stirnen der
Menschen steht, wird Ereignis.<

Von schwarzen Blitzen durchzuckt, brach aus seinem Herzen lautlos donnernd
die entscheidende Menschheitsfrage heraus: >Werden Wille und Sehnsucht die
Gewalt sprengen, die Finsternis durchstoen, den Geist befreien und sich
von ihm fhren lassen in das Land der Seele, wo die tiefste, die radikalste
Revolution, die Revolution der Liebe zum Ereignis werden kann? Oder wird
auch jetzt die Gewalt weiter bestehen und weiter siegen ber Freiheit,
Gleichheit, Brderlichkeit, die der Menschheitszukunft in ewigem Flusse
immer neu geboren werden vom tiefsten Sinne der Welt: von der Liebe?<

Der Platz, vom Tumulte verlassen, sah verbraucht aus.

Dmmerung, Luft und Sein gebaren auf ihm eine stille Sekunde.




III

Die Mutter


Ihr Sohn war nicht als Freiwilliger an die Front gefahren.

Wenn die Mutter aus dem Bette stieg, um sechs Uhr morgens, sah sie ihren
Sohn. Sah ihn, wenn sie in der noch kalten Kche stand. Sah ihn im
Hausflur. In der Holzlage. Im Keller. Auf der Strae. Immer.

Durch ihren Schlaf schreitet der Sohn durch; er marschiert durch. Wird
kleiner, nebelig, verschwindet. Und marschiert trotzdem ununterbrochen
durch. Durch jeden Schlaf. Durch jede Nacht und jeden Traum.

Der Sohn sitzt auf einem Stuhle, an der verschwimmenden Peripherie des
schweren Angsttraumes, der an ihr Bett den harten Hauswirt stellt: Jetzt
endlich das Geld fr die Miete!

Drohender Hauswirt, alle Qual der Pfennigsorgen, alle Mhe und Not der
Tglichkeiten werden gewichtlos, verdunsten; denn der Stuhl mit dem Sohne
rckt in den Mittelpunkt des Traumes, ihr auf die Brust.

Sie wischt den Staub von den lackierten Muschelmbeln; der Sohn steht neben
ihr, begleitet sie: vom Schrank zur Kommode, vom Bett zum Tisch.

Sie sieht ihn und sich hinauswandern zur Kaserne. Viele junge Mnner, noch
in Zivilkleidern. rmliche Kfferchen und Pappschachteln. Viele Menschen
stehen vor der Kasernenhofmauer: Frauen, Kinder, Brute, Mtter. Machtlos.

Diese entsetzlich kalte, mitleidlose Eisenkonstruktion der Bahnhofshalle.
Stumme und weinende Mtter und Frauen. Trockene Gaumen. Zerrissenes Lcheln
der jungen Soldaten. Wie Leichen mit Blumen geschmckt. Wilde, mit Blumen
geschmckte Machtlosigkeit.

Der Zug fhrt ab. Er fhrt. Fhrt. Verschwindet.

Einsames, furchtbares Nachhausegehen.

Zwischen der Mutter Hand und den Deckel des Kochtopfes schiebt sich die
graue Gestalt des Sohnes. Die berlegung, ob das Gemse noch etwas Salz
brauche, wird zerschnitten vom Sohne, der in den Schtzengraben springt.
Immer wieder rasend schnell in den Schtzengraben springt, aus dem heraus
die Bajonette nach ihm stoen.

Jeder Gedanke wurde vom Denken an ihren Sohn durchschnitten.

Whrend der Bcker das Brot fr sie einwickelte, entdeckte sie in einer von
weien Schuwlkchen bsartig still belebten, den Flachlandschaft, die sie
nie gesehen hatte, den Sohn, wie er mit der ihm eigenen Handbewegung sich
ber das rechte Auge streicht.

Und in dem Moment, da sie sagte: Frisches Brot wre mir lieber gewesen,
streckt der Sohn den Kopf zu weit aus dem Schtzengraben heraus.

Entsetzt lie sie das Brot auf den Ladentisch zurckfallen, prete beide
Fuste an die Wangen und starrte; sieht, wie der feindliche Soldat auf den
Kopf des Sohnes zielt.

Jesus! Kind, wie kannst du mir . . .

Sohn beugt sich zum Kameraden hinab.

. . . das antun.

Der feindliche Soldat senkt das Gewehr.

Morgen gibt es wieder frisches Brot.

Die Mutter verlie die Bckerei, den Blick stier auf der Szene: der
gegnerische Soldat lugt, das Gewehr wieder schubereit an der Backe, zum
hinabgebeugten Sohn hinber.

Wenn er sich jetzt aufrichtet. Mein Gott, wenn er sich aufrichtet . . .
Allmchtiger Gott, lasse den Kameraden eine Geschichte erzhlen, damit mein
Sohn zuhrt, sich nicht aufrichtet. Lasse den Kameraden eine Bitte
aussprechen, die mein guter Sohn erfllen wird, so da er sich nicht
aufrichtet.

Das feindliche Gewehr sinkt.

Da steigt des Sohnes Kopf: das feindliche Gewehr hebt sich zur
entsetzlichen Wagrechten.

Ein Schrei der Mutter.

Sie glotzte auf die zwei langhaarigen Hunde, die knapp vor ihr aufeinander
losfuhren. Gefletschte Zhne. Ineinander verbissene Muler.

(Graue Gestalten verlassen den Graben, huschen farblos ber die farblose
Flche. Wildes, entsetzlich lautloses Handgemenge.)

Die Mutter strzte sich zwischen die zwei kmpfenden Hunde, die der Sohn
und der gegnerische Soldat sind. Mit ihren alten, von der Lebensarbeit
stumpf gewordenen Hnden ri sie die Hunde auseinander, die knurrend in
entgegengesetzten Richtungen forttrabten. (Die farblosen Gestalten huschen
in die Grben zurck.)

Die Mutter lehnt atmend an der Hausmauer und vernimmt das lautlose Sthnen,
das aufsteigt vom tiefsten Urgrund des Weiblichen, vom mystischen Punkt:
Mutterliebe.

Die Mutter hat whrend der drei Kriegsjahre gelernt, vollkommen lautlos zu
sthnen. Denn wrde ihr und aller Mtter Sthnen Ton, ganz Europa wrde Tag
und Nacht ununterbrochen klingen von wildklagendem, dumpfem Sthnen, fr
das noch keine Sprache Worte gefunden hat.

ber Europa lastet Stille, das qualvollste Leid: das >Leid Machtlosigkeit<.
Furchtbarste Stille, unter der Menschenherzen sich krmmen. Lebendem Wurme
am Angelhaken ist kein Ton gegeben.

Und an den Fronten zucken, in geistschnderischem Kreise aufgestellt, die
Rohrlufe der Geschtze vor, gleiten zurck, zucken, vor, zurck, werden
hei: ein Donnerkreis. Kreis von Blut. Zerfetzten Menschenleibern.
Losgetrennten Armen, Beinen. Ein Riesen-Kreis-Grab umspannt das stille
Europa. Grab-Blut-Geschtzdiagonalen durchschneiden es, grenzen stille
Leidbezirke ab, in denen die Mutter Europas bebend kniet, nicht atmen kann.
Denn sie hrt den Schu krachen, sieht die Kugel fliegen, auf den Sohn zu,
sieht Milliarden Kugeln fliegen. Denn sie sieht bestndig eine Kugel
fliegen. Auf den Sohn zu.

Das Herz tut ihr weh. Tag und Nacht. Schon drei Jahre lang. Drei
Ewigkeiten.

Die Mutter -- ein wandelndes, verzerrtes Herz, das Antlitz, Gehirn und
Augen bekommen hatte, die kopflose Mutter, die nur noch mit dem Herzen
dachte und sah, deren Gefhl die Last, die Angst, die Schmerzen, das Leid,
den Jammer ganz Europas trug, die europische Mutter eilte, das Brot gegen
die schlaffen Hautscke ihrer Brust gedrckt, nach Hause, den Feldpostbrief
zu erwarten, der den krachenden, blutigen Kreis des Menschenmordens --
vielleicht, vielleicht doch nicht, vielleicht doch -- verlassen haben und
mit der nchsten Post in der verdsterten Vorstadtwohnung eintreffen
konnte.

Sie eilte. Ihre Gedanken, alle vom Herzen gedacht, eilen voraus: sehen den
Brieftrger.

Der winkt. >Ich habe etwas fr Sie<, sucht, reicht ihr einen Brief. >Halt,
noch etwas.< Reicht ihr noch zwei. Noch fnf. Reicht ihr eine Hand voll
Briefe. Alle sind vom Sohne. Sie rennt mit den Briefen die Treppe hinauf.

Und biegt in die leere Gasse ein. Blickt: >Kein Brieftrger.<

Whrend sie die Treppe hinaufsteigt, sieht sie den Sohn, wie er vor dem
Leutnant steht.

Der sagt: >Wenn ich noch einmal bemerke, da Sie absichtlich nicht
schieen, melde ich Sie. Dann werden Sie erschossen.<

Von wilder Angst befallen, bleibt die Mutter auf dem Treppenabsatze stehen
und fleht: Schiee!

Der Sohn hebt das Gewehr, zielt auf den Franzosen.

Die Mutter sieht die franzsische Mutter, die in Paris am Fenster sitzt und
an ihren Sohn denkt, auf den in diesem Augenblicke gezielt wird vom Sohne.

Die Mutter schreit: Schiee nicht!

Der Leutnant: >Schieen! Oder Sie werden erschossen.<

Fleht die Mutter: Schiee! O Gott, schiee! Sieht die franzsische
Mutter. Nicht! Schiee nicht!

Lt das Gewehr sinken. >Ich schiee nicht, Herr Leutnant.<

>Ihn sofort abfhren<, befiehlt der Leutnant.

Und die Mutter brllt: Um Gotteswillen! Schiee! Schiee!

Da reit der Sohn das Gewehr an die Backe, zielt: der Franzose wirft die
Hnde hoch, krmmt sich und strzt aufs Gesicht.

Die Mutter pret die Hand aufs Herz, deutet entsetzt mit der Rechten nach
Paris zum Fenster, wo die franzsische Mutter sitzt, eben den amtlichen
Brief ffnet und liest: Ist gefallen. Sieht, wie die franzsische Mutter
aufschreit, glsern glotzt.

Langsam, wie mit einer furchtbaren Mordtat belastet, steigt die Mutter die
zweite Treppe hinauf, und ihr sehendes Herz verfolgt den mrderischen Lauf
der Kugel, die durch den Franzosen durch und weiter fliegt, nach Paris, der
franzsischen Mutter ins Herz.

Aber der Sohn lebt, wird nicht erschossen, weil er erschossen hat, auf das
Flehen der Mutter hin.

Immerzu sieht das Herz der Mutter, wie die Kugel ihres Sohnes den Franzosen
durchschlgt, weitersaust, bis nach Paris: der franzsischen Mutter ins
Herz.

Schritte klingen auf der Gasse. Blitzschnell fhrt ihr Oberkrper durchs
Fenster: >Nicht der Brieftrger.<

Ungedacht, ungewollt, dunkel steigt vom Urgrund des Seins schicksalhaft das
Gesetz Schuld und Shne auf und stellt die Mutter vor die tdliche
Gewiheit: der zum Mrder gewordene Sohn wird ermordet werden.

Ihr Oberkrper fhrt durchs Fenster. Der Blick blitzt die Gasse hinunter,
die Gasse hinauf. Kein Brieftrger.

Und wie sie den Blick zurckzieht: -- Landschaft mit knstlich
aufgeworfenen Hgeln. Schutzwehre, Dmme, Hecken. Ausgetretene, lehmige
Pfade.

>Wir schleppen die mit Munition gefllten Bastkrbe an die vorderste Linie.
ber uns zeichnen Granaten drohende Bogen an den Himmel. Weie Explosionen.
Links und rechts, vor und hinter uns. Erdwolken. Leichen. Menschenteile.
Unermelich furchtbar<, hatte der Sohn geschrieben.

Die Mutter sieht, wie weiter rckwrts, noch in Sicherheit vor den
einschlagenden Granaten, der Sohn und der Kamerad den Munitionskorb
hochheben, ihn vorschleppen in die rote Feuerwolke.

Und kann den Sohn nicht zurckhalten, ihn nicht zurckreien, ist machtlos.

>Hat es gelutet?< Sie zerrt die Tr auf. Stiert in den leeren Hausflur.

Und als die Wohnungsglocke spter wirklich lutete und das Aufreien der
Tr den Brieftrger zeigte, griff die Hand der Mutter nach einer Postkarte,
auf der stand: >Den verehrlichen Mitgliedern zur Kenntnis, da der
Gesangverein >Frohsinn< bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen
mu, da immer mehr Snger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es
keinen Zweck mehr hat. Der Schriftfhrer<.

Sie legte die Karte auf den Tisch, neben den Suppenteller des Vaters.
Nchste Post . . . Jetzt kann vor vier Stunden kein Brief kommen. Vom
Sohne,

der in diesem selben Augenblicke, da seine Mutter das in Angst, Qual und
Machtlosigkeit dachte, im Schtzengraben auf einer Munitionskiste sa.

Seine lehmgelbe Hand hielt einen Brief, den er selbst vor lnger als einem
Jahre in einem Schtzengraben in Ruland an eine imaginre Person
geschrieben, abgesandt und jetzt, machtlos eingemauert in einen
Schtzengraben der Westfront, zurckbekommen hatte, mit der Aufschrift:
Adressat unbekannt.

Als er beginnen wollte, zu lesen, brllte das tausendfache Brllen der
Geschtze ihm zu, er brauche nicht den Brief zu lesen, er knne die
Wirklichkeit ablesen, die entsetzlich genau der an der Ostfront gleiche.

Er hob den Blick: eine weite, de, gelbliche, leere Flche, stellenweise
dicht bedeckt mit alten und frischen Leichen, langsam sich bewegenden
Verwundeten, die nicht geholt werden konnten und langsam starben.

>Alles geschieht nahe der Erde. Niedrig, tckisch, gefhrlich, flchig,
farblos, grau . . . Frischfrhliche Reiterattacken, nach denen wir uns auch
vor dem Kriege nicht gesehnt hatten, gibt es nicht mehr<, las er. Und sah
hinaus: der Brief aus gelber Erde lag flach aufgeschlagen vor ihm.

Zwischen dem feindlichen Graben und dem des Sohnes lagen sie: flach, schon
halb in die Erde versunken. Tote. Eigentlich nur Uniformfetzen; Gesichter
und Hnde waren schon der Erde gleich geworden. Eine zweite Erdschicht, die
aus Toten bestand. Ganz nahe beim Sohn lag ein Toter und glotzte blau. Auch
der konnte, obwohl er kaum zwei Meter entfernt lag, nicht geholt werden.
Denn hob sich nur ein Kopf, so hoben sich zehn feindliche Gewehre. Der Tote
lag schon sechs Wochen vor dem Graben, glotzte und stank. Das Wimmern des
Verwundeten, der neben dem Toten lag, hrte nie auf. Horte seit drei Tagen
und seit drei langen Nchten nie auf.

>Brand- und Leichengestank ist unsere Luft. Seit drei Jahren<, las der
Sohn.

Und betrachtete seinen links neben ihm hockenden Kameraden, der
gesund-rote, dicke, feste Backen hatte und, vollkommen gleichgiltig
gegenber all dem Entsetzlichen, das um ihn herum geschah, vor sich hin
glotzte. Apathisch. Stumpf. Entseelt.

>So weit bin ich noch nicht. Ich schreibe noch Briefe. An die Mutter. An
die Mutter. Schreibe alles Elend, alle Schmach, alles Grauen aus mir
heraus, um atmen zu knnen. An die Mutter . . . Und dann kann die Mutter
nicht atmen.<

Ein qualvolles Lcheln der Selbstverachtung zog seinen linken Mundwinkel
herunter, bei der Erinnerung, da er, damit seine seit drei Jahren im
Zeichen von Blut-, Brandstiftungs- und Morddunst stehenden Gefhle nicht
ganz unkontrolliert bleiben, ihm die Seele nicht auf Lebenszeit verhrten
sollten, immer wieder Briefe geschrieben hatte. Viele Briefe. An die
Mutter. Beichten. Anklagen. Selbstanklagen. Schreie. An fingierte
Adressaten. Nicht mehr an die Mutter. Um die Mutter zu schonen. Briefe.
Briefe. Um sich mitzuteilen. Um nicht zu vergessen. Um sich der
Furchtbarkeiten bewut zu bleiben. Um nicht ein ebenso vollkommen
fatalistischer, vollkommen abgestumpfter, gegen alle Entsetzlichkeiten
gleichgiltig gewordener, maschinierter Mrder zu werden, wie sein neben ihm
hockender armer Kamerad, der sich die Seele aus dem Leibe hinausgemordet
hatte. Der auf Befehl geschossen hatte. Geschossen hatte. Weiter scho,
scho, scho. Automatisch wie ein automatisches Gewehr.

>Hinter uns, mrderisch genau eingestellt, kracht die Geschtzkette,
schleudert Granaten ber uns weg in die feindlichen Stellungen.
Ununterbrochen. Ununterbrochen Mord! Tag und Nacht. Zahllose Granaten, die
den ununterbrochen herberfliegenden Granaten begegnen. An der ganzen Front
entlang. Laut meckerndes Maschinengewehrfeuer. Menschen fallen und sind
still. Menschen fallen, sthnen, brllen, wimmern, bellen. Fernes
Maschinengewehrfeuer. Gegnerisches Maschinengewehrfeuer. Bomben und Minen
platzen. Schuwlkchen. Zahllose Schuwlkchen, soweit ich sehen kann
. . . Alles flach, grau, farblos, tckisch.<

Der Sohn sah auf: sah alles, was er gelesen hatte. Und sein vor Entsetzen
kranker Blick traf heute zum tausendsten Male den Soldaten, der schwer
verwundet und lebendig seit fnf Tagen und fnf langen Nchten im
Stacheldrahte hing, grauenhaft langsam die Glieder bewegte. Ganz lautlos.
Immer matter. Manchmal schrie er. Immer den gleichen Ton, fr den noch
keine Sprache das Wort gefunden hat.

Ein Mensch schreit, fhlte des Sohnes ganzes Wesen. Ein Mensch schreit.

>Menschen, Millionen Menschen, Menschen schieen aufeinander, ermorden,
erschlagen, erwrgen, zerfetzen einander. Seit drei Jahren. Warum?<

Interesse und gleichzeitig Staunen darber, da er sich fr einen Gedanken
noch interessierte, berhrte den Sohn, als er las:

>Aber nicht gegen das, was hier im Felde geschieht, mu gekmpft werden.
Denn diese paradoxe Menschenschlchterei ist nur vordergrndlich, ist nur
die Oberflchenwirkung des gemeinen Geistes im Lande. Wenn dieser
ruberische Geist, der als das lgenhafte Ideal Nationalismus gepredigt
und gefeiert wird, berwunden ist, verrosten die Geschtze von selbst.

   Wir wollen uns opfern,
   wollen lieben,
   denkend die Gefhle sieben,
   da der Prsident der Erde
   Prsident der Liebe werde.<

Der Leutnant, den Revolver in der Knabenfaust, schritt gebeugt durch den
Graben, vorbei am Sohne, vorbei am Kameraden, der zielte und scho.

Lautlos, ununterbrochen und qualvoll langsam bewegte der im Stacheldraht
hngende Soldat die Glieder.

Der Sohn suchte die Stze, die er vor einem halben Jahre geschrieben hatte.
>Gestern ist ein Kamerad neben mir Mensch geworden. Er legte das Gewehr
weg, sah uns an, lchelte beseligt. Und als der Vorgesetzte befahl: Nicht
lachen! Schieen! lchelte der Mensch ihn an und schttelte den Kopf. Mit
welch kindlicher, grenzenloser Liebe lchelte er uns an. Er hatte durch
eine mystische Kraftkurve den Geist der Disziplin, der Knechtschaft, den
Geist des Militarismus berwunden, war wieder Mensch: war wahnsinnig
geworden. Er wurde ins Irrenhaus gebracht. Es hie, er wrde wieder gesund
werden, wieder schieen knnen. Vielleicht schiet er jetzt auf dem
Balkan.<

Das Geschtzfeuer war immer wilder geworden, hatte sich vervielfacht, stieg
rasend an. Die einschlagenden Granaten rissen Unterstnde, Ballen und
Menschen auseinander. Trotzdem verlieen, vom Befehle vorgestoen, lange,
dichte Reihen lehmiger Gestalten die gegnerischen Grben, wurden vom
flankierenden Maschinengewehrfeuer glatt auf die Erde gestrichen.

Heulen. Schreie. Wimmern, zuckende Krper. Augen glotzten tot. Ungezhlte
frische Leichen lagen auf den alten Leichen.

Und nach dem abschlieenden wilden Grabenkampfe las der Sohn:
>Hunderttausende berwinden den Militarismus durch den Wahnsinn. Zehn
Millionen verwesen. Zehn Millionen sind Krppel. Und von den brigen werden
die meisten als przis funktionierende Mordmaschinen heimkehren. Wie den
Kindern das ABC, hat man ihnen den Geist der Gewalt eingepflanzt. Der
sitzt. Mu weiter wirken. Mein neben mir hockender einfacher Mordkamerad,
der reine Reprsentant seiner Millionen einfacher Mordkameraden, wird in
der Heimat automatisch jeden niederstechen wollen, der Recht vor Gewalt zu
setzen versucht. Auch der wildeste Schmerzensschrei berhrt die im tglich
gleichen Laufe von drei Jahren gegen alle Entsetzlichkeiten abgestumpften
reinen Trger der Gewalt nicht mehr. Wie auch euch in der Heimat das Leid
der Menschen nicht mehr trifft, da ihr, ohne den Verstand zu verlieren, in
der Zeitung lesen knnt: dreiigtausend sind gefallen.<

Da erlebte der Sohn etwas, dem er sich nicht entziehen konnte: er fhlte,
wie seine rechte Krperhlfte dagegen war, diesen Brief doch noch an die
Mutter zu senden; und fhlte gleichzeitig, wie die Herzseite ihn zwang, den
Brief abzuschicken an die Mutter: das einzige europische Wesen, das
niemals abgestumpft und gleichgiltig werden konnte gegenber dem Leide der
Menschen, die alle von Mttern geboren wurden.

Vergebens versuchte er, das immer noch von Sekunde zu Sekunde rasend
ansteigende Artilleriefeuer nicht zu hren. Die Erde knallte. Seine Ohren
knallten. Sein Gehirn knallte. Er sah, wie der Hammer des neben ihm
hngenden Telephons trommelte, las von des Leutnants Lippen das auf die
Membrane gebrllte Wort Jawohl ab. Und wute, da die Todesstunde
gekommen war fr die Grabenbesatzung, die zum Sturmangriffe vorgeschickt
wurde.

Fuste packten die Gewehre. Bajonette starrten. Graue Gestalten, im Graben
eng zusammengedrngt. Das waren keine Menschengesichter mehr. Gesichter aus
Glas. Augen aus Glas. Das Denken, jede berlegung war aus dem Sein der
Soldaten hinausgefallen.

Auch der Sohn steckt das Bajonett auf den Rohrlauf, denkt noch: >Und dann
kann die Mutter nicht atmen, wenn sie den Brief bekommt.< Denkt: >Falle
ich?< Und wurde vom Befehle vorgestoen,

whrend die Mutter machtlos am Etische stand und des Vaters Suppenteller
fllte.

Ihr abwesender Blick traf die farbige Photographie des beliebtesten
Heerfhrers, die der Vater gekauft und an die Wand gehngt hatte. Der lange
Perpendikel der hher hngenden Schwarzwlderuhr schwang ber dem Gesichte
des Heerfhrers hin und her.

Genau senkrecht unter dem bestndig berquerten Heerfhrergesicht sa der
Vater und las zur Suppe >Ein khnes Patrouillenstckchen< in der Zeitung.

Die Mutter wute nicht, ob sie sich den Sohn hinter der Front oder in der
vorderen Linie denken sollte,

whrend in dieser Sekunde der Sohn, von geschwungenen Gewehrkolben und
wildglotzenden Menschengesichtern berdacht, im feindlichen Graben ins Knie
glitschte.

>. . . und machte ihn kurzerhand nieder<, las der Vater zu Ende. . . . Was
gibts denn?

Es ist wieder kein Brief gekommen.

Nein, was du zu essen hast . . . Wird schon kommen. Ist ja noch immer
gekommen.

Dann las er den Leitartikel, in dem geschrieben stand, da das Volk, in
unerschtterlichem Vertrauen zu seiner bewhrten Regierung, ausharren und
infolge seiner Einigkeit neugestrkt aus diesem blutigen Ringen hervorgehen
werde. Angefangen bei den geistigen Spitzen und durch alle Volksschichten
durch, wisse jeder Soldat, jeder Heim-Krieger, jedes Schulkind, da dieser
Krieg, ein uns aufgezwungener Krieg sei, und da das Vaterland in Gefahr
war.

Das las er der Mutter vor. Und sagte: Da ist wieder einmal alles ganz klar
auseinandergesetzt . . . Diese auslndischen Sakramentslumpen!

Die Mutter htte nicht sagen knnen, weshalb sie unter die Uhr trat und den
Perpendikel anhielt, so da er das Gesicht des beliebten Heerfhrers in
zwei Teile schnitt. Sie sagte mde: Woher soll denn ein Schulkind wissen,
ob uns der Krieg aufgezwungen worden ist . . . Und auch wir gewhnlichen
Leute, was wissen denn wir davon.

Das wei doch jeder Mensch. Und die Kinder . . ., fr was sind denn die
Schullehrer da. Und wir, wir knnens doch jeden Tag in der Zeitung lesen
. . . Was gibts denn?

. . . Nur diese Karte ist gekommen . . . I halt noch einen Teller Suppe.
Vor dem Metzgerladen sind zwei Polizisten und vielleicht dreihundert Frauen
gestanden. Ich habe nichts mehr bekommen.

Httest eben frher dort sein mssen . . . Wenn nur dieser Saukrieg einmal
ein Ende htte . . . Diese auslndischen Sakramentslumpen!

Hungerschwche und Angst um den Sohn, den sie pltzlich lautlos auf das
Gesicht strzen sah, verdunkelte der Mutter den Blick. Und als sie wieder
sehen konnte und den alten Vater betrachtete, der schwer arbeiten mute und
stark abgemagert war, weil er oft nur eine Wassersuppe vorgestellt bekam,
schob sie ihm ihren Teller hin. Das Vaterland war in Gefahr? Nun und
jetzt? Eine grere Gefahr fr das Vaterland ist berhaupt nicht mglich.
Jetzt ist das ganze Volk in Gefahr. Ich wei ja nicht -- ich brauche aber
nur in seinem Briefe nachzulesen --, wieviel schon gefallen sind, und
wieviel Krppel sind und wieviel im Lande krank werden und sterben, weil
sie so wenig zu essen haben. Und die Kinder, die so aufwachsen! Schau sie
nur einmal an. Und da sie jahrelang nur von Mord reden hren. Was werden
denn das fr Menschen. Von uns alten Leuten will ich ganz schweigen. Und
von den Soldaten drauen sollen ja so viele krank sein. Du weit schon
wie.

Was der dir immer schreibt.

Da das Volk jetzt in allergrter Gefahr ist, das kann man leicht wissen.
Das wei jeder. Dazu braucht man nicht viel Verstand zu haben . . . Der
Krieg wre auch sicher gar nicht gekommen, wenn die vorher gewut htten,
was jetzt daraus geworden ist. Die haben sich einfach verrechnet. Und
grauenhafter Weise nicht wie der Kaufmann nur um eine Geldsumme, sondern um
das Blut von Millionen. Um das Blut unserer Shne. Jetzt wrden sie nicht
mehr anfangen . . . In seinem letzten Briefe schreibt er: >Der Schu, der
den Einzelnen trifft, hat das ganze Volk in die Brust getroffen.< Und so
ist es.

Brust getroffen! Wenn wir doch siegen!

Was gibts da noch zu siegen, wenn die Lebenskraft, ja, >die beste
Lebenskraft des Volkes<, schreibt er, >versiegt ist durch den Tod von
Millionen junger Mnner; wenn das Volk nur noch aus Verrohten und aus
Krppeln, Kranken, Irrsinnigen, verhungerten Kindern und Frauen und aus
ganz alten Leuten besteht<.

Ja warum nicht gar. Er klammerte sich an seine Zeitung an, las die
neueste Siegesnachricht des Kriegsberichterstatters: in sein sofort wieder
beruhigtes Gehirn lie sich ein Ausschnitt leichenbedeckte Erde nieder. >.
. . in einer seitlichen Ausdehnung von mindestens 500 Metern, bei reichlich
achtzig Meter Tiefe . . . Von unseren sturmerprobten Stotruppen im
Handgemenge unter auffallend geringen Verlusten mit einer Bravour genommen,
die . . .<

Lies das, dann kommst du gleich auf andere Gedanken.

Ja, ich will die Zeitung gar nicht mehr lesen. In der des Denkens
ungewohnten Mutter lste sich ein Gefhl los und sank bleischwer in die
Worte hinein: . . . Wenn nur alle einmal nicht mehr daran denken wollten,
was in der Zeitung steht; wenn nur alle einmal an die Menschen denken
wollten, die jetzt da sterben mssen.

Das ist ja Unsinn. Der Vater packte die Zeitung fester, sah den leeren
Suppenteller an, sah die danebenliegende Postkarte. Und was ist denn das?

. . . Nur diese Karte ist gekommen.

. . . da der Gesangverein >Frohsinn< bis auf weiteres die Singproben
ausfallen lassen mu, da immer mehr Snger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt
sind und es keinen Zweck mehr hat.

Eine schwarze, durch nichts auszufllende Lcke tat sich auf in seinem
Leben. Er suchte in der Zeitung nach Fettgedrucktem.

Keinen Zweck mehr hat. Unsinn!

Pltzlich schrie er wtend die verstrt blickende Mutter an: Warum hltst
du denn die Uhr auf, begann noch einmal, >Ein khnes Patrouillenstckchen<
zu lesen.

Dann ist ja gar kein Zusammenhalt mehr, wenn die Proben jetzt ganz
ausfallen . . . Singen htten wir immer noch knnen, sagte der Vater,

whrend der Sohn, verdreckt, mit Menschenblut bespritzt und vor Grauen und
Entsetzen glsern glotzend, mit den wenigen noch briggebliebenen,
verdreckten und mit Menschenblut besudelten Kameraden ber die gefallenen
Kameraden weg, wieder zurck in den Graben taumelte.

Die Artillerie arbeitete weiter. Die Schsse krachten in rasender Folge.
Der Sohn fiel sofort in Schlaf.

Die Mutter trat unter die Uhr: der Perpendikel schwang weiter hin und her
ber dem Gesichte des beliebten Heerfhrers. Das sah in dem dstern
Hofzimmer aus, als htte der Heerfhrer an Stelle des Gehirns eine
Maschinerie, die unabnderlich weiterging, wenn nicht ein Mensch vortrat
und sie aufhielt.

Wenn nicht ein Mensch oder Gott selbst vortrat.

So eine wunderschne, unbeschreiblich se, herrlich durch den Weltenraum
schwingende Musik hatte der Sohn noch nie gehrt. Wer sie vernahm, wurde
gut. Scharfrichter warf das Beil weg, strzte in die Knie zu dem am Blocke
knieenden Mrder. Und beide begriffen ihr frheres Leben nicht mehr.

Der Sohn fragte den guten Herrn, der ihn in den deckenlosen, vom
Sternenfirmament blau berdachten Saal gefhrt hatte, wer diese Musik
geschrieben habe.

Der gute Herr mit den traurigen Augen flsterte: Diese Musik htte ein
Soldat geschrieben, der gefallen ist.

Ach, flsterte der Sohn, fhlte aber im selben Augenblicke, wie sein
ganzes Wesen sich in weiflieendes Glck verwandelte. Denn pltzlich sah
er >Die einfache Stadt<: Gebude von solch unsglich durchseelter
Architektur, da, im Angesichte dieser gttlichen Klarheit, alle schweren,
dunklen Gefhle aus den Menschen hinaus- und in das Nichts zurckfielen.
Der Sohn stand so im Glcke, da er kaum wagte, es zu betasten mit der
Frage: Wer hat diese Stadt gebaut ?

Die Lippen des guten Herrn bebten.

Nein! Schweig, flsterte der Sohn, entsetzt, wie nie in seinem Leben.

Wahrlich, diese Stadt htte ein Soldat gebaut, der gefallen ist.

Da verschwand die Stadt. Und der Sohn hielt >Das Buch der
Menschheitszukunft< in der Hand. Und las in einer Sekunde das ganze Buch
von Anfang bis zu Ende. Denn ffnete man es, so flossen alle seine Bilder
und Gedanken zusammen in ein einziges Wort. Und wessen Seele von diesem
Wort berhrt wurde, der war erlst und gut. Liebe stand auf seinem
Angesichte. Da brauchen wir dieses herrliche, allmchtige >Buch der
Menschheitszukunft< ja nur vor das Auge der Menschheit zu legen, und die
Welt ist von allem Bsen erlst und der milden Regierung der Liebe
heimgegeben. O, flieende Verschwisterung, flsterte der Sohn. Wer hat
denn dieses Buch geschrieben?

Das hatte ein junger Dichter geschrieben, der gefallen ist.

Schwarzer Donner klang von fernher.

Von seiner klagenden Seele getragen, flog der Sohn erbebend vor die dunkle
Frage hin: Welcher Nation gehrten diese Toten an ?

Das Gesicht des guten Herrn wurde zu zwei trostlos weinenden Augen, deren
Blick langsam und deutlich die Worte sprach: Das wei man nicht.

Pltzlich sah, mit allen grausigen Einzelheiten, der Trumende, was er vor
einer halben Stunde beim Sturmangriff wirklich erlebt und gesehen hatte:
das leinenwei gewordene Gesicht des jungen Franzosen, der in das Bajonett
des Sohnes hineingerannt war.

Und er brllte in der ewigen Sekunde, die zwischen Schlaf und Wachsein
stand, dem zum Unteroffizier werdenden guten Herrn in unermelichem
Entsetzen zu: Aber ich wei es. Ich!

Auf! Noch ein Sturmangriff! schrie der Unteroffizier, der den Sohn
wachgerttelt hatte.

Ich! . . . Ich wei es.

Warum schlafen Sie denn dann?

Der ganze Himmel donnerte. Von Menschenblut noch durchnte Soldaten, im
Graben eng zusammengedrngt. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas.

Die Welle entseelter Menschen wurde vom Befehle vorgestoen. Und das zu
einem einzigen ungeheuren, erderschtternden Knall zusammentnende Knallen
der mit rasender Schnelligkeit feuernden Geschtzkette wurde mild
berflstert von des Sohnes Seele, die ihm gebot, zu shnen, indem er
sterbe, damit er lebe.

Er stand reglos, umtobt von den in wildem Kampfe ineinander Verbissenen.
Hier, im Mittelpunkte des Knallens, war es totenstill. Es wurde
handwerklich und ganz lautlos gemordet.

Eine nachkindliche, zweite Naivett beseelte ihn mit der Frage: Weshalb
tun die Menschen das? Das darf kein Mensch befehlen. Kein Mensch darf
diesem Befehle folgen.

Die Sekunde gebar ihm ein letztes, noch irdisches Bild: er sah den ganzen
Erdball sich zu einer Trommel ordnen, auf der der Militarismus mit Granaten
einen Wirbel schlug.

>Menschen, die einander nie gesehen, einander nichts getan haben, Menschen,
die sich lieben, ja, sich lieben, Kameraden, Kameraden erschlagen
einander<, fhlte er noch, vom Jenseits schon berhrt. Und das schon nicht
mehr gedachte, nicht mehr gefhlte, als zerflieendes, jenseitiges Bild
geschaute Ahnen besuchte ihn: >Die Seele, die den ganzen Umfang dieser
Furchtbarkeiten she, mte sterben; die Seele macht das Auge zu.<

Die Augen des Sohnes, der inmitten von mordenden und fallenden Menschen
reglos stehen blieb, waren weit geffnet.

Das Bajonett fuhr unterm Kinn beim Halse hinein, durch den Kopf: sein
Krper schlug, wie der Akrobat, einen Bogen nach rckwrts, da die
Fusohlen und die Handflchen die Erde berhrten, und verharrte tot, von
Leichen gesttzt, in dieser Stellung, einem Brckenbogen gleich.

Die Mutter, die unter der Haustr stand und auf den Brieftrger wartete,
baute sich das Glck auf, da der Sohn leicht verwundet und auf diese Weise
dem Unausdenkbaren entronnen sei. Er befindet sich schon auf der Heimreise.
Er kommt sogar mit einem frheren Zuge an, als die Mutter erwartet hat.
>Gut, da ich frher da war<, fhlt sie. Und steht in der Bahnhofshalle, an
das Gitter gelehnt, blickt hinaus, die Schienen entlang, auf denen der Zug
eben einluft. >Entronnen<, fhlt sie, >entronnen<, sieht, wie der Sohn aus
dem Zuge herausspringt und schon von ferne den verwundeten Arm grend
hebt. >Eine kleine, ganz ungefhrliche Verwundung, sonst knnte er den Arm
ja nicht heben. Glcklich dem Tode entronnen<, fhlt immerzu die Mutter,
fhlt gleichzeitig immerzu das schwarze Gespenst, da ja alles nur ein
Wunsch von ihr war. Und springt, lautlos jubelnd, in das Glck hinein: dem
Sohne an die Brust.

Der Postbote bog langsam um die Ecke, den sortierenden Blick auf die Briefe
in seiner Hand gerichtet. Und die Mutter strzte in die Wirklichkeit
zurck: dem lchelnden Postboten entgegen, der ihr den seit vierzehn Tagen
und vierzehn Nchten erwarteten Brief gab; einen der Beruhigungsbriefe des
Sohnes, in denen er, gepeinigt von Selbstanklagen und in Angst um die
Mutter, seine mit Schrecknissen angefllten Beichtbriefe wirkungslos zu
machen versuchte.

>Eigentlich, genau besehen, weit Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war
krperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, krperlich nie so gesund wie
jetzt<, schrieb der tote Sohn. >Und wenn ich zurckkomme, dann gehen Du und
ich zusammen einige Wochen aufs Land. Einmal sind wir vornehm und gehen
auch aufs Land. So viel Geld habe ich gespart. Wir wohnen an einem Flusse.
Direkt, am Flusse. Du in einem sonnigen Zimmer, ich daneben; es ist eine
Verbindungstr da. Unsere Fenster gehen auf den Flu hinaus. Hinter dem
Flusse sind die Hgel, steht der Wald. Es wird gerade Frhling sein, wenn
ich zurckkomme. Solltest mich sehen: so gesund wie jetzt war ich nie<,
wiederholte der Sohn, der, von Leichen gesttzt, als toter, verwesender
Brckenbogen zwischen den Schtzengrben stand.

Das Glck flo breit in der Mutter.

Wie immer, wenn sie einen Brief erhalten hatte, war ihr der Sohn so nahe,
da sie seine krperliche Anwesenheit fhlte, mit ihm sprach, ihm
Ratschlge erteilte, solche von ihm annahm, ihm Vorwrfe machte. >Jetzt
setze dich einmal dorthin, dort in die Kanapee-Ecke.<

>Nun, also jetzt sitze ich.<

>Sieh mal, du weit doch, da der Vater fr nichts Interesse hat, als nur
fr seine Zeitung und fr seinen Gesangverein.<

>Aber das kann ja vielleicht gar nicht anders sein, Mutter. Er ist
fnfundsechzig Jahre alt und steht seit fnfzig Jahren tglich von frh
sechs bis abends sechs an der Hobelbank. So ist er aufgewachsen; so ist er
alt geworden. Deshalb hat er nichts als seine Zeitung und seinen
Gesangverein.<

>Aber er konnte sich doch denken . . .<

>Er hat lngst vergessen mssen, da er ein Mensch ist, Mutter. Abgerackert
und totmde ist er seit fnfzig Jahren am Feierabend. Er darf nicht denken;
denn sonst wrde er sich vielleicht daran erinnern, da er einmal ein
Mensch war.<

>Davon wollte ich berhaupt gar nicht reden. Ich wollte ja . . .<

Der Sohn sa nicht mehr in der Kanapee-Ecke. Er war, vom Tode bedroht, in
der vordersten Linie.

>Ich wollte ja den einundneunzigsten Psalm beten<, dachte die Mutter, die
im Laufe eines Lebens immer sich gleichgebliebener grauer Not und absoluter
Aussichtslosigkeit, da jemals eine Besserung eintreten knnte, ihren
Glauben verloren und das Beten verlernt hatte; die fnfundsechzig Jahre
unter der Eisenplatte geatmet hatte, unter der die europischen Trger der
Armut stehen und vergehen, und durch die sie hoffnungslos getrennt bleiben
vom Geiste, vom Lichte, vom Leben, vom Menschentum. Nur wenn der Sohn auf
dem wsten Wege, der, durch die Eisenplatte, empor zum Geiste fhrt, von
einer Gefahr bedroht gewesen war, hatte die Mutter den einundneunzigsten
Psalm gebetet.

Sie mute nicht suchen: die Bibel, immer nur und oft an dieser Stelle
gebraucht, tat sich beim einundneunzigsten Psalm auf. Und die Mutter sah,
wie die auf ihren Sohn zusausenden Kugeln, vom Gebete in ihrem mrderischen
Fluge aufgehalten, vor des Sohnes Brust senkrecht zu Boden fielen, als sie
die mit Bleistift unterstrichenen Stellen wiederholte:

Wer unter dem Schirm des Hchsten sitzt, und unter dem Schatten des
Allmchtigen bleibt,

der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf
den ich hoffe.

. . . Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

da du nicht erschrecken mssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen,
die des Tages fliegen,

vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im
Mittage verderbt.

Ob tausend fallen zu deiner Seite, und zehntausend zu deiner Rechten, so
wird es doch dich nicht treffen,

betete die Mutter, Und blieb, in Hoffnung und in dstere Angst gespalten,
sitzen und war nicht erlst.

Denn die Welt war nicht erlst, da nicht alle Menschen gleich den Mttern
und nicht alle Mtter . . . Mtter waren.

Der Brief, den der Sohn in Ruland an eine imaginre Person geschrieben,
nach einem halben Jahre an der Westfront zurckerhalten und doch noch an
die Mutter geschickt hatte, traf erst Wochen nach dem Tode des Sohnes ein,
zu einer Zeit, in der die Mutter noch immer nicht wute, da der Sohn schon
gefallen war. Von den fetten Schtzengrabenratten schon halb aufgefressen
war.

Der Sohn hatte vergessen, die berschrift zu ndern; die bebende Mutter
las:

Sehr geehrter Herr, erlauben Sie mir, Ihnen den Seelenzustand meines
Freundes zu schildern. Es ist Ihnen gewi auch schon widerfahren, da Sie
beim Hinabsteigen einer Ihnen seit Jahren vertrauten Treppe, im Dunkeln vor
der letzten Stufe irrtmlich vermuteten, schon ganz unten zu sein: Ihr zum
Ausschreiten vorgestrecktes Bein findet keinen Boden. Sie kennen diese
krperliche Erschtterung, die so pltzlich eintritt, da Dunkelheit und
Tiefe, in die Ihr Bein versinkt, in die Hhe und in das berraschte Gehirn
hineinsausen und einen seelischen Schreck verursachen. Stellen Sie sich
vor, Sie wrden drei Jahre lang, so ununterbrochen wie Sie atmen, in diese
unerwartet vor Ihnen sich auftuende Tiefe hineintreten, drei Jahre lang
ununterbrochen diesen kleinen Seelenschreck erleben. Und stellen Sie sich
jetzt, wenn Sie knnen, diese bestndige Seelenerschtterung millionenfach
gesteigert vor.

Dagegen gibt es, wie unglaublich Ihnen das auch erscheinen mag, ein
Hilfsmittel. Die Gewohnheit. Die meisten Menschen vermgen an Stelle ihrer
Seele die Gewohnheit zu setzen. Das tun die Millionen entseelten Soldaten,
die dann gewohnheitsmig weiterschieen, weiter ihre Gewehrkolben in
feuchte Menschengehirne hineinschlagen, weiter das leise zischende Bajonett
in weiche Unterleiber hineinstoen und nicht erschttert werden, weil der
sich Krmmende genau so glotzt wie der, der sich gestern krmmte und fiel.

Es gibt, sehr geehrter Herr, noch ein Mittel. Den Wahnsinn. Diesen Vorgang
brauche ich Ihnen nicht nher zu erklren; ich brauche Ihnen einstweilen
(denn ich werde Ihnen noch viele Briefe schreiben) nur zu sagen, da die
Trger einer strkeren Seele, eines empfindlicheren Gewissens sich in die
Gewohnheit nicht hineinzuretten vermgen und deshalb natrlich wahnsinnig
werden mssen.

Ich habe versucht, Ihnen die Seelenerschtterung begreiflich zu machen, die
ein drei Jahre lang uns unterbrochen treppab steigender Mensch empfnde,
der drei Jahre lang bei jeder Stufe ununterbrochen mit dem zum Ausschreiten
vorgestreckten Bein in die nicht erwartete Tiefe snke. Und habe gesagt,
da diese bestndige Seelenerschtterung beim Frontsoldaten millionenfach
gesteigert ist. Setzen Sie beispielsweise an Stelle der nicht mehr
erwarteten Treppenstufe folgenden unwahrscheinlichen Vorgang (auch die
Menschenschlchterei ist absolut unwahrscheinlich): Sie mieten ein
mbliertes Zimmer im vierten Stock und ffnen zum erstenmal die Balkontr,
treten hinaus, um sich an der schnen Fernsicht zu erfreuen, und strzen
hinunter, weil hinter der Tr kein Balkon ist. Stellen Sie sich vor allem
den Moment vor, in dem Ihr berraschtes Bewutsein in blitzartiger
Erschtterung erkennt, da kein Balkon da ist und da Sie rettungslos
hinunter in die Tiefe strzen mssen. Da der Mensch Mitgefhl mit seinem
Nchsten hat, werden Sie, auch wenn Sie nicht dieser Unglckliche sind,
sondern unten auf der Strae stehen und zusehen, wie ein Mensch vom vierten
Stocke herabstrzt, ebenfalls diese pltzliche Seelenerschtterung erleben.
Und wenn Sie eine Woche lang ununterbrochen zusehen mten, wie Menschen
aus dem vierten Stocke herabstrzen, wrden Sie endlich zu lachen beginnen,
das heit, wahnsinnig werden. Oder Sie wrden die Augen zumachen, das
heit, sich allmhlich daran gewhnen, da Menschen vom vierten Stocke
herabsttzen.

Vergegenwrtigen Sie sich jetzt, wenn Sie knnen, diesen Seelenschlag in
unausrechenbarer Steigerung und ununterbrochen drei Jahre lang erfolgend,
dann werden Sie begreifen, da die groe Mehrzahl meiner armen Kameraden
sich in die Gewohnheit und die brigen sich in den Wahnsinn hinein retten
mssen.

Und nun bitte ich Sie, eine Seele schreit in Todesnot, ich bitte Sie, raten
Sie mir, was soll mein Freund tun, der nicht wahnsinnig und auch nicht eine
gewohnheitsmig funktionierende Mordmaschine werden kann, da er, gttlich
auserkoren, Trger eines bestndig wachen Gewissens, Trger einer bestndig
flieenden Seele ist.

Ich bitte Sie, verschieben Sie jede noch so wichtige Ttigkeit und
beantworten Sie mir erst diese Frage, wenn Sie eine Antwort auf diese Frage
haben. Legen Sie diese Frage allen Ihren Freunden und Bekannten, legen Sie
diese Frage der ganzen Menschheit vor. Eine Seele wartet auf Antwort.

Sollte jedoch Ihre Antwort sein, da meine Ausfhrungen die
gefhlsmathematische Notwendigkeit ergeben, solch einem Menschen bleibe
nichts anderes brig, als zu fallen und zu sterben, dann brauchen Sie mir
nicht zu antworten, da ich selbst schon seit langer Zeit diese Antwort auf
die Frage meines Freundes bereithalte. Sollten Sie und die Welt dieselbe
Antwort haben, so wrde die Erfahrungstatsache, da unter den Gefallenen
immer die Besten des Volkes sind, zu der seelischen Gesetzmigkeit erhoben
werden, da unter den Gefallenen die Besten des Volkes sein mssen. Da die
erkorenen, jungen Trger der Wahrheit fallen mssen. Da die jungen,
feurigen Trger des ewig unverrckbaren Menschheitsideales >Liebe< fallen
mssen. Da die jungen Dichter nicht zurckkehren knnen. Da bei ihnen
allen einmal der Augenblick kommen mu, in dem sie ganz bei sich selbst
angelangt sind, ihr Krper sich bedingungslos der Seele unterordnet und
ohne Gegenwehr den Todeshieb empfngt . . .

Weiter las die Mutter nicht. Die Mglichkeit, weiter zu lesen, war nicht
mehr vorhanden; die Denkfhigkeit war aus der Mutter hinausgefallen. Und
ihr Gefhl war abgekapselt. Sie sa ganz unbewegt am Tische und sah
interesselos den zweiten Brief an, den sie noch nicht geffnet hatte, weil
die Adresse nicht vom Sohne geschrieben war.

Dieses amtliche Schreiben enthielt die kurze Nachricht, da der Sohn
gefallen sei. Auf dem Felde der Ehre. Die ahnungslose Mutter lie das
Schreiben unerffnet liegen.

Pltzlich und schnell, als drfe nicht eine Sekunde Zeit verloren werden,
wurde ihr Krper vor die Kommode gestellt; sie nahm aus dem Drahtkrbchen,
das einen bemalten Porzellanboden hatte, den alten Trostbrief heraus und
las:

>Eigentlich, genau besehen, weit Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war
krperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, krperlich nie so gesund wie
jetzt . . . Zurckkomme, dann gehen Du und ich einige Wochen aufs Land
. . . In einem sonnigen Zimmer, ich daneben . . . Verbindungstr da . . .
Gerade Frhling sein . . .<

Neue Hoffnung durchbrach die Kruste. Und in der Mutter stand ein ungeheurer
Wille auf, den Sohn aus der Todesgefahr heraus-, in diese Frhlingswochen
hineinzureien, wo nur noch Glanz und Liebe war.

Ihr werde es gelingen, bis zum Kaiser vorzudringen. Und wenn es nicht
anders ginge, sie werde hinauslaufen an die Front, in den Schtzengraben
und ihren Sohn holen. Sie werde sagen: >Das ist mein Sohn. Mein! Mein
Sohn!< Es gibt Mittel und Wege. Mittel und Wege. Viele Mittel und Wege.
Ich werde totkrank, damit der Sohn Urlaub bekommt. Was auch geschieht, ich
lasse ihn nicht mehr fort. Ich werde ihn einsperren. Ich werde ihn
verstmmeln. Verstecken. Keller. Wald. Meinen Sohn in meinen Leib
zurcknehmen.

Automatisch ffnete sie das amtliche Schreiben. Las: >Feld der Ehre
gefallen<.

Wer denn? Wer? Sah auf.

Die glnzende Kante des lackierten Kleiderschrankes, das Gesicht des
beliebtesten Heerfhrers, der hin- und herschwingende Perpendikel strzten
auf sie zu.

Ohne den Bruchteil einer Sekunde zu warten, machte sie eine blitzschnelle
Drehung trwrts. Und flog schreilos aus dem Zimmer, den dunklen Gang vor,
aus der Wohnung hinaus, die Treppe hinunter, die Gasse hinunter, die breite
Asphaltstrae hinunter. Immer in der Mitte: schwarz, vornberstrzend,
lautlos. Sie hatte Filzschuhe an.

Passanten blieben stehen; es bildeten sich Gruppen. Was hat sie? Das
selten berhrte Gefhl gedankenlos lebender Menschen wurde von etwas
Unbegreiflichem getroffen. Kein einziger wute, da es die absolute
Ziellosigkeit war, die sie erschttert aus dem Rennen der Mutter
herausfhlten. Und als ein junger Arbeitet das amtliche Schreiben, das er
gefunden und aufgehoben hatte, vorlas, sanken die Worte in die
aufspringenden Herzen hinein. Junge Leute galoppierten der Mutter nach.

Sie hetzte durch Stadtviertel, dem Schrei entgegen, der zusammengeballt in
ihrem Halse sa und nicht durch konnte.

In allen Straen bildeten sich Gruppen betroffener Menschen, die von den
Nachspringenden ber das Unglck der Mutter aufgeklrt wurden, sich ihnen
anschlossen.

Eine Kompanie junger Soldaten, feldmarschmig ausgerstet,
blumengeschmckt, singend auf dem Wege zum Bahnhof, sauste auf die Mutter
zu und im Fluge an der Rasenden vorbei.

. . . dir die Hand nicht geben . . .

Ein Lastfuhrwerk. Ein Schutzmann zu Pferde.

. . . dieweil ich eben lad' . . .

Schon weit hinter ihr verklingend.

Erst Minuten spter sprengte das von ihrer Seele im Fluge aufgenommene
Mordlied den Schrei, der sich im Halse zusammengeballt hatte.

Der Schrei platzte. Die Mutter schrie und rannte. Schrie lnger als ein
Atemzug reicht. Stolperte. Fiel nicht. Holte Atem. Schrie weiter.

Das war kein Klagegeschrei. Rennen und Schrei kamen aus einer Quelle und
verschmolzen in Eins. Stille auf der ganzen Erde. Nur die europische
Mutter schrie. Schrie jetzt die unterdrckten Schreie dreier Jahre.

Niemand wagte den Versuch, sie aufzuhalten. Denn hier schrie nicht ein
Mensch; hier schrie die Menschheit. Alle fhlten das.

Und eher knnte es einem neben dem Geleise Stehenden gelingen, den
heransausenden D-Zug mit dem Zeigefinger aufzuhalten, als da es aller
Macht der Welt zusammen gelnge, Schweigen zu erzwingen, wenn die
getroffene Menschheit schreit.

Der Schrei wurde gehrt. In Paris, London, Rom, in Amerika, in Kasernen und
in Dachkammern. Er wurde in Petersburg gehrt. Er sauste hinein in die
Herzen. Und er ri die Herzen der Menge auf, die der springenden Mutter
straenentlang folgte.

Die ganze Stadt fhlte zum ersten Male pltzlich den Tod der Millionen
Shne, das Leid der Millionen Mtter, da sie das Leid dieser einen Mutter
sah.

Ihr Schrei war schon nicht mehr der einer Frau; er war tief und rauh
geworden, geschlechtlos: ein Menschenschrei, unterbrochen von kurzen
Atempausen, in denen das horchende Herz der Menschheit stockte.

Ein junger Schutzmann berholte galoppierend die gewaltige Menge und packte
den Arm der schreienden Mutter, die mit dem Schutzmann weitersprang, als
habe sie einen brderlichen Leidensgenossen bekommen. Seine Hand wurde lahm
und sank, als er, beim Blick in ihr Gesicht, fhlte, da er dem Schmerze
der Menschheit ins Gesicht sah.

Jetzt erst stieg der tausendstimmige Entrstungsschrei der Menge, getragen
wie ein Choral, und der junge Schutzmann ahnte, von diesem Tone tief
getroffen, da hier nicht Sensation, sondern der unbesiegbare Geist der
Menschlichkeit sich kundtat.

Hemmungslos, blind fr alle Hindernisse, sprang die vornberstrzende
Mutter wie eine schwarze Kegelkugel die Asphaltstrae, die vom Dome
abgeschlossen war, hinauf, durch das offene Portal in die Kirche hinein,
lautlos weiter geradeaus, durch den Mittelgang, bis vor den Altar,

ber dem der Sohn am Kreuze hing und hinuntersah zum Priester, der, von
Kindheit an in der Lge versunken und ertrunken, eben zum schmerzverzerrten
Gesicht empor log:

. . . der du unseren Waffen deinen gttlichen Beistand schenktest, Lob und
Preis und Dank sei dir, der du unsere Waffen gesegnet und mit Sieg gekrnet
hast.

Sie rannte die drei Stufen hinauf, prallte gegen den Priester.

Durch alle Tren drngte die Menge herein. Und die Veranlassung dazu
verbreitete sich schnell unter den Kirchenbesuchern: fast nur alten Frauen,
von denen die meisten ihrer Shne beraubt waren. Mtter, die, von tdlicher
Verzweiflung getrieben, ihre letzte Zuflucht bei Gott suchten, und von
Gott, von der Liebe getrennt blieben durch die Lgenmauer, die der um Sieg
und Segen fr unsere Waffen und um Verderben und Tod fr den Feind bittende
Priester vor ihren Seelen auftrmte.

Die Mutter vernahm seine letzten Worte und stand, wie von Gott gesandt,
eine ewige Sekunde aufgerichtet vor dem Priester. Da flog das von Gott
selbst ihr auf die Lippen gegebene Wort Lge! durch die Kirche und zerri
die ungeheure Spannung.

Sie warf in einem wilden Schwung die Hnde empor zum schmerzverzerrten
Sohne. Der gengstigte Priester wollte die Mutter wegreien. Whrend des
kurzen Kampfes prallten beide gegen den Altar:

der Sohn schwankte und neigte sich und sank nach vorne in die empfangenden
Arme der Mutter.

Der entsetzte Priester trat zurck.

Ein Hauch zog durch die Kirche, verdichtete sich zu vielstimmigem Geflster
und wurde ein Ton, den die Orgel aufnahm und motivisch mit dem melodisch
ansteigenden Vorspiele verband.

Die erhhte Mutter stand, das Gesicht den Gesichtern zugedreht, den
umschlungenen Sohn an der Brust, reglos vor dem Altare, entschlossen zum
Sturme gegen Gewalt und Mord. Und alle sahen, da sie das persnliche Leid
hinter sich gelassen hatte und nach dem wilden Schmerzenslauf durch die
Stadt in dieser Sekunde den dunklen Mchten entronnen und eingetreten war
in die weiflieende Liebe.

Ganz in ruhevollem Glanze versunken, stieg die Verklrte die drei Stufen
herunter, ging langsam durch den Mittelgang.

Und die unglcklichen Mtter brachen, vom Unnennbaren berhrt, los von der
Lge und folgten. Es wurde kein Wort gesprochen, und nicht ein Mensch blieb
zurck.

Nur noch der Priester stand seitwrts neben dem Altare, die weitgeffneten
Augen auf die einmtig Abziehenden gerichtet. Da brach sein Kopf auf die
Brust, als habe er einen Hammerschlag in den Nacken bekommen. Er hob das
nicht wieder zu erkennende Gesicht und folgte

dem Zuge, der schweigend und mit gttlicher Selbstverstndlichkeit die
Stadt durchzog und von Minute zu Minute mchtiger anschwoll, bestndig
vergrert durch die pltzlich Sehendgewordenen.

Drei Jahre, gefllt mit Begeisterung, mit Blut, mit zehnmillionenfachem
Morde, mit Glauben an die Lge, mit Standhaftigkeit, Arbeit, Hunger, mit
Leid und Leid und Leid waren durchschritten. Nichts war unversucht
geblieben; alles war ertragen worden. Vergebens. Der blutige Kreis hatte
keinen Ausweg.

Jetzt schritten die Menschen geschlossen und still in den Ausweg: in die
Wahrheit hinein. Ohne Worte der Erklrung. Die Neuhinzukommenden fragten
nicht. Niemand sprach ein Wort. Die Wahrheit braucht nicht den Ton. Die
Wahrheit ist still.

Der fr die Menschen am Kreuze gestorbene Sohn, von der Mutter Europas dem
Kriege vor das Mordgesicht gehalten, ffnete von neuem die Herzen fr die
Liebe, deren weiglhender Strom den kilometerlangen Zug bestndig
durchflo und allen Widerstand der noch von dunklen Mchten Gefesselten
verbrannte.

Aus den Augen eines reitenden Schutzmannes, der den Zug begleitete, brach
pltzlich das innere Licht. Er stieg ab.

Und das Pferd, getrennt von seinem Herrn, ganz verbunden mit den Menschen,
schritt mit und blickte tief, kindlich und gut.

Stumpfe Menschen, vom Leide ausgehhlt, empfingen den Keim neuen Lebens.
Vter, Mtter, Kriegswitwen, Krppel, in den mildglnzenden Augen die
unmebar tiefe Freude von Menschen, die alles hingegeben und verloren
hatten und nun pltzlich zusammen mit Brdern gingen.

Von Zweifel und Frage nicht berhrt, dicht hintereinander, fast am Platze
marschierend, dem Ziele zu, das alle im Herzen trugen.

Ein endloser, schweigender Zug von Brdern, dem Menschheitsziele entgegen,
ber den Untergang hinaus, hinein in das neue Zeitalter, das im Zeichen der
Wahrheit, der Freiheit und der Liebe steht.

Sie schritten ganz langsam eine breite, unabsehbar lange Asphaltstrae
hinunter und nahmen, tief vertraut mit der Atmosphre der groen Zeitwende,
in der die Ereignisse ohne Frage und Antwort begriffen werden, mit
gttlicher Selbstverstndlichkeit wahr, da ihrem Zuge ein gewaltig langer
Bruderzug entgegenkam. Ganz langsam und schweigend.

Voran der Kellner, auf dessen von Mund zu Mund getragenes Wort Millionen
horchten.

Neben ihm die Versicherungsagentenwitwe, die vom Kellner dem Hasse
entrissen und in den tieferen, in den radikalsten Protest gegen den Mord:
in die Liebe gestellt worden war.

Der von diesen beiden angefhrte Revolutionszug der Liebe traf mit dem
unabsehbar langen Revolutionszug der Liebe, den die Mutter und der
Gekreuzigte anfhrten, bei einer asphaltierten, breiten Querstrae
zusammen.

Keine Frage. Keine Erklrung. Kellner und Agentenwitwe und die Mutter mit
dem gekreuzigten Sohne blieben voreinander stehen, Auge in Auge.

Die Seitwrtsgehenden beider Zge bogen links und rechts in die Querstrae
ein: ordneten sich zu einem riesenhaft groen, schwarzen Menschenkreuz, zu
dessen Mittelstck das neben der Mutter stehenbleibende, reiterlose Pferd
des Schutzmannes wurde.

Unvermittelt kam die Erleuchtung ber abgearbeitete, vom Hunger geschwchte
Menschen. Sie lsten sich los, standen pltzlich auf Balkonen.

Und sprachen hinunter zum schwarzen Menschenkreuz, in dessen Mitte der
gekreuzigte Sohn ragte.

Das zu den Rednern emporgerichtete Gesicht der verbrderten Menge leuchtete
wei. Und die Worte des neuen Zeitalters sanken, wie vor zweitausend
Jahren, hinein in die durch mrderisches Leid wieder fr die Liebe bereit
gewordenen Menschen.




IV

Das Liebespaar


Frh um fnf Uhr lutete die Wohnungsglocke langgezogen in den Traum des
Rechtsanwaltes hinein.

Der Schlaftrunkene tappte durch den dunklen Wohnungsflur zur verschlossenen
Tr. Wer ist da?

Die Polizei.

Sofort fiel ihm ein, da er am Tage vorher in einer Gesellschaft gesagt
hatte: Der Hotelkellner, der die revolutionren Friedensdemonstrationen
verursacht und dabei den Leuten erklrt, da militrische Eroberungen
menschenunwrdig und militrische Siege nicht magebend sind fr den
inneren Wert einer Nation, leistet fr die Zukunft des Volkes mehr als
unser berhmtester Heerfhrer.

Und jetzt lassen mich die Scharfrichter der Menschlichkeit verhaften,
dachte der Rechtsanwalt und ffnete. Wen suchen Sie?

Der bin ich selbst.

Sie mchten ins Leichenschauhaus kommen, Herr Doktor. Dort ist ein
Selbstmrder eingeliefert worden, bei dem nur Ihre Visitenkarte gefunden
wurde. Sonst nichts.

Sonst nichts? . . . Ich meine, sonst liegt nichts vor?

Sie mchten feststellen, wer der Selbstmrder ist.

Noch Morgenstille in Berlin. Dmmerung in den Asphaltstraen.

Eine leicht bewegte, in Viererreihen streng geordnete Menschenmenge steht
an der Markthalle entlang. Grau, spukhaft und ungeheuer bedrckt.

Auf was warten die Leute? fragte der Anwalt einen alten Arbeiter, der
zerrissene, mit Bindfaden geflickte Lackschuhe anhatte.

Es gibt stdtische Fische . . . Um ein Uhr mittags beginnt der Verkauf.

Und da stehen die Leute jetzt schon hier? Frh um fnf Uhr?

Wie die Worte klingen in der Stille, dachte er.

Wir stehen schon seit gestern abend um zehn Uhr hier . . . Die
Rckwrtigen, die erst gegen Mitternacht gekommen sind, kriegen
wahrscheinlich nichts . . . Vielleicht aber doch; wahrscheinlich aber
nicht.

Der Anwalt ging mit dem Schutzmann weiter. >Man hat diesem wunderbaren,
geistig entsetzlich ruinierten Volk die Pflicht, fr den Staat zu leben und
zu sterben, eingegeben, und an diesem Brocken wrgen die siebzig Millionen
-- daheim und an den Fronten -- so lange, bis sie erstickt sein werden im
Dienste eines Staates, dessen Geist -- vorsichtig gesprochen -- schwer
mitschuldig ist am Kriege. Millionen sind schon an dieser falschen Pflicht
erstickt. Wann wird dieses Volk ebenso stoisch fr die Freiheit dulden?<

Hier ist das Leichenschauhaus.

Danke. Ich schreibe den Bericht heute noch an das Polizeiprsidium. >Wenn
tglich Tausende an der Front krepieren, weshalb da nicht tglich Hunderte
in der Stadt fr die hohe Idee? Fr die Freiheit? Fr die Verbrderung?
. . . Wo ist der Idealismus dieses Volkes geblieben?<

Der lag im Leichenschauhause, in Gestalt von momentan zwanzig
Selbstmrdern, die, ohne zu revoltieren, protestlos die Kulturgemeinschaft
verlassen hatten.

Ein mit den letzten Errungenschaften der Hygiene ausgestatteter Raum: groe
Glasscheiben, groe Ventilatoren, groe Eisblcke, die langsam schmolzen
und die Leichen frisch erhielten. Kein Gestank. Peinlichste Ordnung,

etwas gestrt, dadurch, da fnf Selbstmrder, fr welche Pritschen nicht
brig geblieben waren, auf dem reingewaschenen, weien Steinplattenboden
lagen.

>Jetzt, beim Morgengrauen, wird an den Fronten die phantastisch wilde
Mrderei armer Menschen schon wieder begonnen haben<, dachte der Anwalt und
betrachtete die zwei Erhngten, die, schief und steif, in der Ecke hockten,
nebeneinander: ein Ehepaar, dem der Krieg zum Stricke geworden war. Aus den
weitaufgerissenen Mndern heraus strotzten die zwei Zungen: dick, steif,
lang, blau.

>Und wieviele Mtter, Brute und Vter Europas liegen in dieser Sekunde
wachend in den Betten, mit starr offenen, sehenden Augen? . . . Es gibt
stdtische Fische<, dachte der Anwalt. >So beginnt der Tag.<

Beim Fenster lag ein Haufen blutiger Dreck, Gedrme, Knochen: ein alter
Mann, der vom vierten Stocke aus hinunter auf das Pflaster gesprungen war,
nachdem sein Sohn den Heldentod gefunden hatte.

Auf dem niedrigen, breiten Fenstersims, in das die Dampfheizung eingebaut
war, lag langgestreckt eine sehr elegante, leichtgeschminkte alte Dame, die
Gift genommen hatte und mit ihren toten Augen einen toten Jngling
anstarrte, dessen Lippen leises Erstaunen offen hielten.

>Und wie haben der alte Mann und die alte Dame und der Knabe gelitten,
bevor sie den letzten Schritt taten? Und wie die Millionen Soldaten, bevor
sie ins Nichts strzten?<

Die brigen sechzehn Kriegsselbstmrder lagen langgestreckt oder
krampfkrumm, blutig oder giftbleich auf den abwaschbaren, weilackierten
Pritschen, ber denen die drei groen Horizontalventilatoren kreisten. Auch
in die Fenster waren sausende Ventilatoren eingebaut, die das Wort >Krieg<
Tag und Nacht in die Lnge zogen.

Der Leichenwrter fhrte den Anwalt zu dem vierzigjhrigen Manne, der, von
links gezhlt, auf der fnften Pritsche lag und ein ungeheuer klagendes,
zart hellblaues Gesicht hatte.

Der Anwalt erkannte in der Leiche sofort den Philosophen, dessen
Einleitungsband einer >Gegensatzphilosophie< erst krzlich erschienen war.

Schrecken und Zorn wechselten in schneller Folge in den Augen des Anwaltes,
beim Erblicken dieses hellblauen Gesichtes, das erstarrt war in der Klage
darber, da ein dreist-materialistisches, ungeistiges Zeitalter nicht
erlaubt hatte, das Lebenswerk aufzubauen und zu vollenden.

Weshalb hat er sich denn umgebracht? Weshalb denn?

Wei nicht. Aber gewhnlich liegt die Einberufung zum Militrdienst auf
dem Tische; oder die Nachricht, da der Mann gefallen ist, der Sohn . . .
Bei dem Mdchen dort wars der Brutigam. Er deutete auf das Mdchen, das,
von links gezhlt, auf der sechsten Pritsche neben dem Philosophen lag und
wie er ein zart hellblaues Gesicht hatte.

Beide hatten sich mit Gas vergiftet.

Weshalb griff er denn dem Schicksal vor? Er htte sich doch sagen knnen:
nicht alle fallen an der Front.

So habe ich bis vor zwei Jahren auch gedacht; seither habe ich mit vielen
Angehrigen gesprochen . . . Es ist bei vielen nicht die Furcht vor dem
Tode; es ist die Furcht vor der Kaserne. Es gibt Leute, die den Kasernenhof
. . . und so weiter, nicht ertragen. Der Leichenwrter setzte sich,
sttzte den Ellenbogen auf eine Bahre, auf der eine Wasserleiche lag: ein
schlammiges, grnes Etwas ohne Nase und Augen. Der Bauch war hoch
aufgetrieben. Wasser tropfte immer noch gleichmig von der reinen, weien
Bahre hinunter auf den reinen, weien Boden. Die Leiche war drei Wochen
lang geschwommen.

>Ist das Leichenschauhaus auch ein Feld der Ehre, auf dem Menschen liegen,
die gestorben sind fr des Reiches Gre und Weltmachtstellung?< . . . Wer
ist dieser Ertrunkene?

Das wei man nicht. Zurzeit werden siebzehn Leute in Berlin vermit. Einer
von diesen ist er . . . Man kommt gar nicht mehr zu sich. Der
Leichenwrter war stark abgemagert, sah bermdet und schwindschtig aus
und trug ein offenes Hemd mit Schillerkragen.

Viel zu tun? . . . >Weshalb frage ich ihn das?<

Es geht ununterbrochen. Ununterbrochen! Jeden Tag werden durchschnittlich
acht bis zehn Selbstmrder eingeliefert . . . Vor dem Kriege einer,
hchstens zwei im Tage.

Jeden Tag acht? Allein in Berlin? Dabei werden lngst nicht alle
Selbstmrder ins Leichenschauhaus gebracht, wei ich aus Erfahrung, dachte
der Anwalt. Elektrisches Licht ist auch hier? >. . . Weshalb frage ich
das?<

Ein paar Sekunden blieb es still im Schauhause. Die Morgendmmerung lag
noch ber den Leichen, schmolz sie zusammen zu einer dunklen Masse.

Ja, auch elektrisches Licht . . . Und rollbare Pritschen. Elektrische
Weckapparate. Dynamoventilatoren. berhaupt das Allerneueste auf diesem
Gebiete . . . Dieses Luftsaugrhrensystem ist ganz neu. Er stand mde auf,
drehte am Schalter; drei Bogenlampen zischten, spritzten grellweies Licht:

die zwanzig Leichen schienen lebendig geworden zu sein. Stille und wilde
Gesichter. Manche sahen aus, als wollten sie etwas sagen.

Auch ein Sauerstoffapparat fr die mit Gas Vergifteten ist da. Und ein
kleines Wartezimmer fr die Angehrigen. Nebenan wohne ich.

Wohnen Sie? . . . Alles tadellos. >. . . Was geschieht mit diesem Volke?
Warum ruiniert man dieses Volk? Dieses geduldige, fleiige, tchtige,
temperamentlose, grndliche Volk, das protestlos alle Qualen des Daseins
trgt und protestlos stirbt, an der Front und in der Stadt. Dieses
Duldervolk, dem mit Hilfe des denkbar raffiniertesten Systems das Denken
und damit schon von vornherein jeder Einzelprotest unmglich gemacht worden
ist . . . Wenn es endlich einmal protestiert, wird sein Protest geduldig,
fleiig, temperamentlos und ungeheuer grndlich, ungeheuer blutig sein
. . . falls seine Herren in dem von Gott gesetzten Augenblick nicht
freiwillig gehen.<

Ohne gefragt worden zu sein, sagte der Wrter: Ich fhre eine Statistik
der Todesarten Berliner Selbstmrder. Momentan habe ich drei Erhngte, fnf
Wasserleichen, zwei Giftleichen, sieben Gasleichen, drei, die sich aus dem
Fenster gestrzt haben, und nur einen, der sich erschossen hat; einen
Soldaten, der auf Urlaub war. Dort liegt er . . . Die Pritschen reichen
nicht mehr aus. Am hufigsten sind die Gasleichen.

Wei man, weshalb sich der Soldat erschossen hat?

Wird seine Frau nicht so vorgefunden haben, wie sich das gehrt. Oder er
wollte nicht mehr hinaus. Viele wollen nicht mehr hinaus . . . Der Mann
bringt sich wegen seiner Frau um. Und die Frauen bringen sich um, weil die
Mnner gefallen sind. So lscht kreuzweise Eines das Andere aus. Er
deutete auf das Mdchen, das neben dem Philosophen lag: Das ist eine
Ladnerin; bei ihr wars der Brutigam.

Das haben Sie mir schon gesagt. >. . . Und jetzt liegt der Philosoph
neben der Ladnerin. Der Knabe neben der alten Dame. Die Wasserleiche neben
der Giftleiche. Und am hufigsten sind die Gasleichen. Und an der Front
liegen Millionen Leichen. Und in Berlin lebt, siegt und verdient man
weiter. Die Elektrischen fahren. Und in den Theatern wird gespielt. Und
darauf ist man stolz. Denn das ist ein Zeichen von Kultur.< Haben Sie von
der revolutionren Friedensdemonstration gehrt?

Der Leichenwrter gab keine Antwort; er wischte wieder das Wasser auf, das
von der Leiche heruntergetropft war auf den weien Steinplattenboden.

Pltzlich zerbrach ein letzter Widerstand, eine letzte Vorsicht im Anwalt:
er entschlo sich, sofort den Hotelkellner aufzusuchen.

Unwillkrlich drehte er beim Abschiednehmen das Licht aus. Die Leichen
schwammen wieder zu einer dunklen Masse zusammen.

Die Rechnung des Leichenwrters war einfach: >Da sich in Berlin, das drei
Millionen Einwohner hat, in den letzten drei Jahren achttausendfnfhundert
Menschen wegen des Krieges umgebracht haben, werden sich in ganz
Deutschland, das siebzig Millionen Einwohner hat, wohl
hundertneunzigtausend Menschen wegen des Krieges das Leben genommen haben
. . . Und wieviele sind aus Gram ber den Heldentod ihrer Angehrigen
allmhlich eingegangen? Und wieviele sind wahnsinnig geworden? Und wieviele
Protestler sitzen im Zuchthause? Wieviel Schwache, Widerstandsunfhige sind
krank geworden und eingegangen, bei denen der Befund des Arztes nur htte
lauten knnen: eigentlich sind sie verhungert?<

Der Wrter war ein vorsichtiger Mann; er stand in seinem Privatzimmer vor
dem Tisch und wog seine Tagesbrotration pedantisch genau ab; er wollte
nicht verhungern; er wollte den Krieg berleben; er war interessiert, zu
erfahren, welches positive Resultat das Leid und der Tod so vieler Menschen
nun eigentlich haben werde.

>Das sind die Hinterlandkriegstoten: bis jetzt, vorsichtig gerechnet,
hundertneunzigtausend Kriegsselbstmrder in Deutschland. Macht mindestens
eine Million Selbstmrder in allen kriegfhrenden Nationen zusammen. Kommen
hinzu die zehn Millionen Heldentote. Total: elf Millionen Tote . . . Kommen
hinzu die zehn Millionen lebens- und arbeitsunfhig gewordenen Krppel. Und
fnfhundert . . . nein achthundert, nein tausend verpulverte Milliarden,
fr die den Zins zu erschuften, den arbeitenden Massen berlassen werden
wird . . . Wenn ich nun noch das leider nicht zahlenmig errechenbare
Seelenleid der Hinterbliebenen als unbekannte Pauschalgre hinzunehme,
habe ich ein Recht, auf das positive Resultat, das dieser ungeheure
Gesamteinsatz zeitigen wird, neugierig zu sein.<

Er betrachtete, mit diesem Gedanken beschftigt, das von einer mchtigen
elektrischen Glocke berdachte Klappensystem, das -- wie das Klappensystem
in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern -- durch elektrische
Drahtleitung mit den Toten verbunden war. Gift- und Gasleichen und solche,
bei denen die Todesursache nicht bekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt
mit dem Weckapparat. Ein Erwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung
lste den Kontakt aus.

Eine Weile sa der Wrter ganz reglos am Tische; er hrte nur das Rauschen
der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in einen
Gefhlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammenfassenden
Schlusse: >Wenn man sich berlegt, da alle, da auch die kompliziertesten,
phantastischesten Scheulichkeiten, die sich ein Menschengehirn auszudenken
vermag, in diesem Kriege begangen worden sind, da man sich keine
Grausamkeit, keine Ungerechtigkeit, keine Niedertracht ausdenken kann, die
nicht begangen worden wre, und da, auer diesem Vorstellbaren zahllose
Schandtaten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist
Jeder, der im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im
Zuchthause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein
robustes, gemeines, erbrmliches Individuum. Ein anstndiger Mensch, ein
Mensch ertrgt das Leben nicht, in dem solches mglich ist und auch noch
als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzigtausend
Kriegsselbstmrdern waren -- und in den Irrenhusern und Zuchthusern sind
-- die anstndigsten, edelsten Menschen unseres Volkes.<

Da ri das markerschtternde Luten der Totenglocke den Wrter aus der
Tiefe des Gefhlstrichters heraus. Im selben Moment sah er, da eine Klappe
gefallen war, sah die Zahl 6. Einer aufgewacht! Strzte hinber in die
Leichenhalle.

Und wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung: >tot ist
tot; und lebendig ist lebendig<, von einem gewaltigen Schrecken in den
Trrahmen festgenagelt:

denn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst vor
einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, saen aufrecht
auf den Pritschen.

Schneller, als die Frage: >Sind die Gasleichen vielleicht infolge der ganz
besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?< in
seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten
Schluchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundstcke zwischen
die Lippen. Tief einatmen! Und rannte zum Apparat zurck, drehte die
Kurbel.

Die mchtige Totenglocke lutete weiter.

Ein Lcheln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen Ferne des
Todes mit herber ins Leben gebracht, sa zwischen den halbgeschlossenen
Augenlidern des Philosophen.

Die weigesichtige Ladnerin hatte das klare Gefhl, da sie wieder bei
Bewutsein war, noch nicht erlangt.

Tief . . . gleichmig und tief . . . einatmen und ausatmen . . . und
einatmen, bat der kurbelnde Wrter.

Die summenden Horizontalventilatoren bestimmten das Atemtempo. Die achtzehn
nicht wiedererwachten Leichen umgaben -- wie an den Fronten die Heldentoten
ihre noch mordenden Kameraden -- bleich und blau, steif und krumm, blutig,
totenstill und ungeheuer interesselos die zwei Atmenden.

Der Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: >Ich hatte die
Einberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war . . .
tot im Leichenschauhause gelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden sie
mich wohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten
auferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male
versuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um ihn
fr den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch Christus,
nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch einmal
gekreuzigt.< Das ferne, kleine Lcheln der Befriedigung steckte noch immer
zwischen seinen halbgeschlossenen Augenlidern.

Whrend er folgsam atmete, sa er in Gedanken schon wieder am Schreibtisch
bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und Idee dem
Kasernenhofgeist entgegengesetzt waren.

Einatmen! Ausatmen! Tief atmen! Der Wrter schaltete den Strom fr den
elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein,

sprang hinber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee fr die
Wiedererwachten zu kochen.

Die Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohrenbetubend.

Elementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als sie die
dunkelvioletten Zungen der Erhngten, die aufgetriebene Wasserleiche, den
Haufen blutigen Drecks, Gedrme und Knochen erblickte.

Vom Grauen wurde ihr Oberkrper auf die Pritsche zurckgedrckt; sie wandte
hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das Leben aufrecht auf
der Pritsche sa, streckte ihre flehende Hand aus.

Und pltzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand in Hand und
senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern: der Philosoph aus
Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Schrfung seiner
Erkenntnisfhigkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert zu werden
brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den Wahnsinn
hineinzugleiten.

Der Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Verdienst und
Privatvermgen hatte er sich daran gewhnen mssen, krperliche Schlge
schnell zu berwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder folgsam ein-
und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, ltlichen Mdchen,
die, damit ihre glcklicheren Schwestern gepflegt, sorgenlos und mit
uerlichem Glanze umgeben im Leben stehen knnen, sich fr einen
Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine der ewig gleichen
Tglichkeiten einspannen lassen mssen und sich ihre Brautausstattung --
einmal drei Hemden, im nchsten Jahre die Bettstellen, dann die Matratzen,
hin und wieder ein Stck von der Kcheneinrichtung -- allmhlich anschaffen
und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon still geworden ist und die
Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben liegt, dem Brutigam in eine nur
etwas anders geartete Tretmaschine folgen.

Dieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der
Brutigam war zerstampft worden.

>Auf dem Felde der Ehre. Fr Deutschlands Weltmachtstellung. Fr Kaiser und
Reich und Erzgruben und Eisenbahnkonzessionen<, dachte der Leichenwrter.

Und der Philosoph dachte: >Zwei sehen einander, werden miteinander bekannt.
Und heiraten, ohne einander zu kennen. Dreiig Jahre spter kennen sie
einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, wei der andere immer
noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war. Denn jeder gibt
sich sein Leben lang die grte Mhe, nur ja nicht zu erfahren, wie und wer
er selbst ist. Wie knnte er da die Fhigkeit besitzen, zu erkennen, wer
ein Anderer ist? . . . Wenn aber zwei tot im Leichenschauhause
zusammentreffen, miteinander wieder aufwachen, sozusagen als Geschwister
von der >Allmutter Nichts< neu geboren werden --<

Der Philosoph betrachtete die Dampfheizung, die Warmwassereinrichtung mit
den vernickelten Hhnen und der groen, weiglasierten Schssel darunter.
>Diesen Komfort werden wir allerdings nicht haben in unserer Wohnung.<

Der Wrter kam mit dem Tee zurck. Sie atmen nicht?

Sagen Sie mir, fragte der Philosoph dagegen, fr was ist denn eigentlich
die Dampfheizung ntig in diesem Hause, wo doch fr einen glatten Betrieb
die erste Grundbedingung ist, da alles . . . frisch bleibt?

Ganz leichter Tee. Und ohne Zucker mu er getrunken werden . . . Wenn ich
in einem kalten Winter die Temperatur von wenigstens ein Grad ber Null
nicht beibehalten knnte, mte ich ja die Wasserleichen von den Pritschen
loseisen.

Also alles bedacht! Hier wenigstens ist fr alles gesorgt, wie?

Ja, hier fehlt nichts . . . Die Organisation fr die Toten ist bei uns
einwandfrei. Und die Organisation fr das Massensterben ist, wie wir jetzt
zugeben mssen, bei uns ebenfalls einwandfrei.

Sie sind also auch gegen den Krieg? Der Philosoph betrachtete die
achtzehn Selbstmrder, die blauzngig, starrgesichtig und stumm gegen den
Krieg protestierten. . . . Dieses Leichenschauhaus ist ja geradezu ein
pazifistischer Schlupfwinkel. Er stieg von der Pritsche herunter.

Die Ladnerin hatte das Mundstck noch zwischen den Lippen, sah aus wie ein
Kind, das in ein Spielzeug blst.

>Am allermeisten, mehr als die graue Not ihres Lebens und mehr als ihr
Selbstmordversuch, rhrt mich an ihr die Spitzen-Halskrause: dieses
schchterne, miglckte Bestreben, schn zu erscheinen<, dachte der
Philosoph.

                                * * *

Die Truppen nherten sich im Laufschritt. Der vorauswippende Leutnant, mit
geschultertem Degen, schien nur aus einer Brust zu bestehen.

Ob sie schieen werden? Der Rechtsanwalt ri den Philosophen in ein Haus.
Hat noch einen Ausgang. Durch die andere Tr kommen wir auf den Platz und
nher an das Denkmal heran.

Eine gewaltige Menschenmenge. Auf dem Sockel des Denkmals stand der
Kellner.

Die beiden verstanden keines seiner Worte. Hrten nur das fanatische
Bravogebrll von der anderen Seite herberklingen.

Hoch auf dem Maste, knapp unter dem weiviolett leuchtenden
Bogenlampen-Dreistern, hing der Zwanzigjhrige. Mit wilder Krpergebrde.

Den werden sie herunterknallen.

In der Allee stand eine lange Reihe Fuhrwerke, die den Platz nicht
berqueren konnten.

Pltzlich hing an Stelle des Zwanzigjhrigen hoch am Lampenmaste ein
flatternder, roter Fetzen.

Das tausendfache Jauchzen wurde von den im Laufschritt ankommenden Truppen
auseinandergeschnitten. Die Menge -- junge Burschen und hauptschlich
Frauen mit aufgelsten Gesichtern -- wich durch das dreiteilige Tor und in
die Parkanlage zurck.

Eine knabenhaft hohe Kommandostimme. Klatschen auf Gewehrkolben. Drohendes
Gelchter. Fliehende, dunkle Rcken.

Eine Frau mit loderndem Antlitz trat vor: Schiet! Schiet! Sie wurde
verhaftet.

Der Kellner stand dicht beim Leutnant und sah ihm in die Augen.

Als der Philosophiedoktor und der Rechtsanwalt den Platz schon verlassen
hatten und sich umwandten, sahen sie, wie ein Soldat am Lampenmaste
emporkletterte und die Hand nach dem roten Fetzen ausstreckte.

Es ist doch nicht unmglich, da die revolutionre Geistigkeit das letzte,
entscheidende Wort haben wird, sagte der Anwalt.

Sie gingen eilig durch eine menschenleere Geschftsstrae; nur in der Ferne
rannte ein dunkler Frauentrupp davon.

Leider ist die revolutionre Geistigkeit, bis auf zwei oder fnf
halbverhungerte Vertreter, die gleich Irrsinnigen in einem Blut- und
Lgenmeere ohne Balken machtlos herumschwimmen, schon in den Massengrbern
oder in den Zuchthusern. Das mu zu ihrer Ehrenrettung den kommenden
Generationen gesagt werden . . . Hier! Sehen Sie, hier!

Das Schaufenster war eingeschlagen; der Lebensmittelladen leergeplndert.
Frauen hatten die Gelegenheit, da Polizei und Truppen auf dem Platze
beschftigt waren, schnell benutzt.

Das ist nackter Hunger. Kein revolutionrer Geist, sagte der Philosoph.
Und hob einen gerucherten Fisch von der Strae auf. . . . Wegen des
Fisches und auch aus Kameradschaftlichkeit.

Er schob ihn unter seinen schwarzen Havelock. Dieses rapid ins
Geldverdienen hineingeratene Volk hat, aus einem den Materialismus heraus,
vor dem Kriege >Hoch< geschrien, bei Kriegsausbruch nichts, als >Hoch<
geschrien. Und jetzt schreit es nur deshalb nicht mehr >Hoch<, weil der
Magen schreit.

Wenn aber in jenem entscheidenden Moment die Fhrer nicht abgeschwenkt
wren, in das Lager, das sie bis dahin bekmpft hatten? Dann wrden
wenigstens die . . . organisierten Massen schon lange in den Protest
hineinmarschiert sein, ebenso geschlossen, wie sie in den Krieg marschiert
sind.

Und ebenso ahnungslos, wie sie in den Krieg marschiert sind . . . Daran
knnen Sie das menschenunwrdige und beraus gefhrliche System einer
Organisation erkennen, die ihre Mitglieder nur fr den Klassenkampf um
materielle Vorteile drillt, sie in allen Stdten jhrlich in
dreihundertfnfundsechzig Parteiversammlungen nur zum Durchbringen von
Resolutionen im politischen Parteiinteresse benutzt, anstatt sie . . .
geistig zu befreien, sie zu denkenden Menschen eigener Entschlufhigkeit
fr das Gute zu machen . . . Da braucht sich im entscheidenden Moment nur
der Hauptfhrer als Dummkopf zu erweisen, braucht nur der Hauptfhrer zum
Verrterchen zu werden, und die . . . organisierten, denkunfhigen Massen
schwenken mit ab, folgen ihm in den Krieg, ebenso geschlossen, wie sie ihm
in den Protest gefolgt wren . . . Die Geistigkeit ist verurteilt, unttig
am Rande dieses Krieges zu verharren. Denn zwischen ihr und dem Volke
besteht nicht der geringste bewute Kontakt. Und selbst der Tod der
Millionen konnte bei den Hinterbliebenen nicht den geringsten
geistesverwandten Gefhlsprotest auslsen. Nur der Magen protestiert. Das
ist Materialismus. Christus und Kant, Schiller und Goethe sind vor dem
Kriege fr eine Leberwurst, fr drei Mark Wochenlohn mehr, fr eine Wohnung
mit Dampfheizung, fr das Aufrcken in die ungeistige brgerliche
Lebenshaltung, oder fr das Verharren in ihr hingegeben worden.
Materialismus: angefangen beim entseelten, maschinierten Fabrikarbeiter,
ber den vor Bequemlichkeit stinkenden Kanapeebrger und ber den
Kapitalisten, den modernen Philosophen und Dichter weg, bis hinunter zum
ersten Diener des Staates. Hier haben Sie die Ursache des Krieges . . .
Dieser gewaltige Block von Egoismus, Gemeinheit und granitener Dummheit
kann schwerlich von heute auf morgen gesprengt werden.

Und deshalb, meinen Sie, bleibt Ihnen nichts anderes brig, als den
Gashahn zu ffnen, wenn die Einberufung kommt?

Es gbe noch etwas anderes: ich knnte (>weg von meinem Werke, weg von
meinem Werke<) den Sprung in die blutnasse Gegenwart, den Sprung ins
blutnasse Volk machen und, gleich den vielen dunklen Volksexistenzen, die
vom Gifte der Organisation verschont geblieben sind und deshalb
protestierend auf die Strae steigen konnten, zusammen mit den, vor
Machtlosigkeit schon irrsinnig gewordenen, wenigen jungen Dichtern, die
noch leben, unter bestndiger Todesgefahr versuchen, das wegzureden, was
seit Jahrzehnten in das Volk hineingeredet worden ist . . . Der dritte Weg,
den der Stellungsbefehl dem Untertanen aufreit, existiert fr mich nicht.
Da das tiefste Wort von Jesus Christus: >Jede Snde kann euch vergeben
werden, nur die Snde wider den Geist nicht<, sich mit meiner
Weltanschauung scharf deckt, kann ich nicht in den Kasernenhof gehen, oder
ins Kriegspresseamt, oder in irgend ein Ernhrungsamt . . . Ich bin mit
einer Ladnerin und mit meiner Philosophie verheiratet. Und kann zur Not in
ein Christushoch, in ein Sokrateshoch, in ein Kanthoch einstimmen. In ein
Hindenburghoch oder in ein Kaiserhoch kann ich nicht einstimmen; denn ich
bin kein Sozialdemokrat.

Das Sprechen hatte ihn angestrengt und erregt; ein Abglanz geistiger
Heiterkeit war nie ganz aus seinem Gesichte verschwunden.

Und entstand wieder, als er, heftig atmend im vierten Stocke angelangt,
seine Frau begrte.

Die scheintot gewesene Ladnerin hatte sich wenig verndert; die
Spitzenkrause schmckte noch ihren kindlich-dnnen Hals. Und in ihren Augen
stand der innere Blick, den Menschen haben, die halb dem Tode gehren.

Behutsam fhrte er seine schon schwangere Frau in den niedrigen,
schiefdeckigen Raum, der Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Kche in einem
war.

Und sah pltzlich, da auf dem weigescheuerten Kchentisch, den er auch
als Schreibtisch benutzte, wieder ein Stellungsbefehl lag.

Der ungeheure Schrecken, gepaart mit augenblicklichem Erkennen seiner
Situation, ri ihn sofort auf die reine Flche, wo alle Dinge und Gedanken
im schrfsten Lichte stehen, so da keinerlei Ausflucht, Vorspiegelung,
Selbstbelgung mehr mglich ist.

Da fhlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in sein
geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz
Gottes, als er dachte:

>Es gibt zwei Pole: das korrumpierte, krummgenagelte Weltgeschehen und das
hchste, herrlichste Ziel fr den Menschen: das >Reine Ich< und eine
menschliche Gemeinschaft, fr die er als Reines Ich handeln, leben und auch
sein Leben hingeben kann. Diesem Ziele kann der Mensch nur so lange
zustreben, solange er mit der Korruption, der Lge, dem Zwange, dem
Ungeiste unablssig kmpft. In dem Moment, da er eine Handlung begeht, die
zu diesem Streben im Widerspruche steht, ist die Linie gebrochen. Der
Mensch, der fr eine, fr seine Idee kmpft und stirbt, ist gro, denn er
kmpft und stirbt auf dem Wege zu sich, stirbt im Kampfe um sein Reines
Ich. Der Mensch, der sich zwingen lt, zu handeln, zu kmpfen, zu sterben
fr eine Idee, die zu dem Streben nach seinem Ich im Widersprche steht,
ist der rmste der Armen; denn er verliert das Kostbarste, das einzige, das
der Mensch in Wahrheit besitzen kann: verliert sein Ich, verliert sich, ist
nicht mehr, wird von den andern, die selbst nicht sind, besessen.<

In Gedanken las er das Wort >Stellungsbefehl<.

>. . . Wenn ich dieser Aufforderung, mich zu stellen -- wem stellen? ich
habe mich nur mir selbst, nur der reinen Idee zu stellen, und einer
menschlichen Gemeinschaft nur dann, wenn sie das Streben der Menschen nach
ihrem Ich als berechtigt anerkennt und fordert -- wenn ich dieser
Aufforderung folge, werde ich, zusammen mit einer Reihe von Menschen,
vermutlich zuerst im Kasernenhof aufgestellt, in dem der Grundsatz
herrscht: >Du hast keine eigene Meinung zu haben<. Und der Grundsatz:
>Macht und Gewalt stehen ber Geist und Recht<. Ein Unteroffizier, ein
Vorgesetzter -- nur das Reine Ich ist mein Vorgesetzter -- ein
Unteroffizier, ein Mensch, der sich, der sein Selbst aufgegeben hat, also
nicht mehr ist, ein Etwas wird im Auftrage derer, die ihn besitzen, sagen:
>Das drft ihr nicht tun; und das mt ihr tun.< Ich werde also gezwungen,
irgend etwas zu tun, oder nicht zu tun. Gezwungen! Das heit: ich werde
schlecht behandelt, eingesperrt, oder erschossen, wenn ich mich diesem
Zwange nicht fge. Mit andern Worten: ich werde erschossen, wenn ich weiter
gehe auf dem Wege, der zur Wahrheit, zum Geiste, zu Gott, zum Reinen Ich
fhrt . . . Ich werde erschossen, wenn ich mich bemhe, so zu sein, wie ich
bin!<

Der Philosoph rief seine Frau, die im Hintergrunde des Zimmers reglos am
kalten Gasherd sa, vom Dunkel schon halb verschlungen.

Weit du, was Militarismus ist?

Sie wollte antworten: >Wenn uns das Einzige, das Liebste, das wir haben,
genommen, erschlagen wird.< Und sagte: Du meinst die Schiffe, die Kanonen
. . . die Rstungen. Sie konnte nicht weinen.

Nein, diese Sachen aus Stahl und Eisen, die dem Volke so viel Geld und
Arbeitsschwei kosten, sind ungefhrlich, verglichen mit dem, was
Militarismus ist. Gefhrlich und ttlich ist der geistige Zwang, der
negative Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich
gegen den Geist richtet . . . Ich werde dir an einem Vorfall erklren, was
Militarismus ist.

>Er will mir nur deshalb erklren, was Militarismus ist, um mir begreiflich
zu machen, da ihm nichts anderes brig bleibe, als sich umzubringen<,
fhlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Einwnde zerflattern.

Was ich dir jetzt erzhle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen
haben das berichtet:

Ein deutscher Soldat, der ein Stck der Grenze zwischen Deutschland und der
Schweiz zu bewachen hatte, sah, wie ein Mensch ber die Grenze sprang. Die
Pflicht dieses Soldaten war, hrst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und
sofort auf diesen Menschen zu schieen, diesem Menschen dadurch, da er ihn
verwundete oder erscho, das Passieren der Grenze unmglich zu machen. Das
war seine . . . Pflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf
gegen diese . . . Pflicht. Er wollte nicht schieen und . . . scho. Sah,
wie der Getroffene fiel, sich bumte und verrchelte. Und wurde . . .
wahnsinnig. Der Widerstand gegen das Morden mu also sehr stark gewesen
sein; aber die Disziplin war noch etwas strker . . . Hier hast du auf der
einen Seite, reprsentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften
des Volkes, und auf der andern Seite, gleichfalls reprsentiert durch
diesen Soldaten, den Militarismus.

Die Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen.

Du meinst, sagte der Philosoph, der Soldat htte ja nur so zu tun
brauchen, als ziele er, htte in die Luft schieen knnen. Das wre dann
sozusagen nur eine kleine Notlge gewesen. Aber selbst dies lassen die
Disziplin und das falsche Pflichtbewutsein, die seit Generationen mit
allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind, nicht zu
. . . Auerdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von seinen
Kameraden nicht fr empfindlich und schwchlich gehalten zu werden. Dieses
falsche Ehrgefhl, das sich allmhlich beim ganzen Volke herausgebildet
hat, ist das Allergefhrlichste. Einem Menschen ohne Besinnen einen
gutgezielten ttlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre;
ihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenrhrig . . . Dieser arme,
bedauernswerte Mann will nicht schieen, zielt schnell und genau, schiet,
trifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.

Du mut hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau. Das hatten nur
ihre Lippen gesprochen.

Nein! . . . Hre, ein vielleicht noch klareres Beispiel dafr, was
Militarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigjhrigen
Bauern zu erschieen. Das war in Serbien. Der Soldat wei nicht einmal,
weshalb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl,
in dem stand, da er den Alten in das zwei Stunden entfernt liegende Dorf
zu fhren und dort zu erschieen habe . . . Sein ganzes Wesen, das heit,
sein eigenes Wesen emprt sich dagegen, diesen vollkommen wehrlosen alten
Mann zu erschieen, dessen Verbrechen er nicht einmal kennt, und der auf
dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in einer Sprache, die
der Soldat nicht versteht, und mit Trnen und Gebrden, die der Soldat
ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang kmpft der Soldat, whrend er neben
dem Opfer ber Feld geht, mit seinem Gewissen, hinter dem starr die Pflicht
und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat fr sich persnlich folgende
Lsung gefunden: er scho zuerst den Alten nieder, und dann erscho er sich
selbst . . . Jetzt meinst du vermutlich wieder: wenn sein Gewissen, der
dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem eigenen Ich, nicht zulie,
den Alten zu erschieen, ohne auch sich selbst zu erschieen, htte er doch
wenigstens nur sich selbst erschieen und den Alten laufen lassen sollen
. . . Aber das wre ja gegen die Disziplin, wre ja eine Pflichtverletzung
und wre ehrenrhrig gewesen. Das eben ist Militarismus. Nicht die Kanonen,
sondern der negative Geist des Zwanges ist der Militarismus, den der
Grenzsoldat und dieser Soldat als gegen den Geist, gegen das Gewissen,
gegen ihr eigenes Ich gerichtet empfunden haben, und den gleich ihnen noch
viele empfinden. Diese erleiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen
dunkel das vor Gott und den Menschen sndhafte dieses Geistes, leiden unter
diesem Geiste. Und knnen sich nicht vor ihm retten. Millionen andere --
nicht nur die Soldaten, sondern das Volk in seiner groen Mehrzahl --
haben, zwar nicht vor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar
vorhandenen, eigenen Selbst -- das Recht, im Dienste dieses Geistes zu
kmpfen, Menschen zu ermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem
guten Glauben, nicht zu morden, sondern fr ein Ideal zu kmpfen, fr ein
Vaterland, fr den Staat, fr eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt
und erhalten zu werden. Man hat sie von ihrer frhesten Kindheit an mit
diesem Geiste getrnkt und gefttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem
Geiste total ertrnkt. Sie sind fr ihre Handlungen nicht verantwortlich zu
machen. Denn sie konnten zu eigenem Denken, zu der Fhigkeit, sich
moralisch zu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen;
sie sind nicht, sind nicht vorhanden, sind keine Menschen, sondern
denkunfhige, seelenlose, unverantwortliche Automaten, die funktionieren
. . . Verstehst du jetzt, da es sehr schwer sein wird, den Militarismus
umzubringen?

Er bekam keine Antwort; die Frau war ganz pltzlich, von einer Sekunde zur
andern, eingeschlafen.

Unter dem Philosophen versank die Welt. Sein Wesen wurde grau vor
Einsamkeit.

Erst Minuten spter betrachtete er wieder das Gesicht der Schlafenden, das
den Ausdruck furchtbarster Trauer und Klage trug.

Sie sieht aus wie ein ungeborenes Wesen, das klagt, weil es nicht geboren
werden kann, dachte der Philosoph. Und wute pltzlich: >Sie ist
eingeschlafen, weil sie erkannt hat, da sie selbst eines dieser Wesen ist,
die zu eigenem Denken, zu eigenem Leben, zu sich selbst nicht kommen
durften.<

Wilde Liebe und schmerzdurchtobtes Erbarmen drckte des Philosophen Kopf
auf die Tischplatte. Vor seinem inneren Gesicht stand klar der Gedanke:
>Fr eine Gemeinschaft zu handeln, deren Geist die Mitglieder zwingt, nicht
zu denken, kein eigenes Leben, kein eigenes Ich, kein warnendes Gewissen zu
haben, sondern seelenlose, unverantwortliche Automaten zu sein, die, wenn
sie nicht jede befohlene Schandtat willenlos ausfhren, eingesperrt oder
erschossen werden, fr eine solche Gemeinschaft zu handeln, ist ein
Verbrechen wider den Geist, das nicht vergeben werden kann. Es bleibt die
sittliche Pflicht gegen Gott, gegen unser reines Ich, diese Gemeinschaft zu
bekmpfen und damit fr die Mglichkeit zu arbeiten, da einmal eine
Gemeinschaft entstehe, in welcher der Mensch . . . gut sein darf, in
welcher der Mensch er selbst, ein Ich, ein fr seine Handlungen moralisch
verantwortliches Ich und als solches . . . gut, das bedeutet: fr die
Gemeinschaft sein kann.<

Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.

Der Philosoph hob den Kopf; die Frau hatte aus dem Schlafe gesprochen. Ihr
Gesicht war trnenna. Durch eine leise Berhrung erwachte sie sofort.

Er sprach eindringlich und sanft: Nehmen wir einmal an, ich kme nur in
ein Bureau. Und mte nur ganz untergeordnete Arbeiten verrichten . . .
Vielleicht nur Stellungsbefehle ausfllen, mit den Namen derer, die
daraufhin, meinungslos-pflichtbewut oder vielleicht gegen ihren Willen,
sich einfinden und, nach der Ausbildung, Menschen erschlagen oder selbst
sterben wrden fr eine Gemeinschaft, deren Geist schwer mitschuldig ist an
diesem Kriege.

Ich wei nichts mehr. Die Frau htte schwren knnen, da sie diese vier
Worte nicht gesagt habe.

Es knnte aber auch sein, da ich, eingefgt als meinungsloser Handlanger
in die Maschinerie dieses hllischen Geistes, den Befehl schreiben mte:

>Sie haben den Mann, namens so und so, serbischer Staatsangehrigkeit,
siebzig Jahre alt, nach . . . zu fhren und ihn dort zu erschieen.<

Was sollte ich dann tun?

Nach minutenlanger Stille fragte er noch einmal: Was sollte ich dann tun?

Die Frau wute und gab auch diesmal keine Antwort. Aus ihren Augen heraus
fragte stumm das ganze Volk: >Was sollen wir denn tun?<

In der Stube stand schon die Finsternis. Und in ihr die dunkle Gewalt, die
den Krper tten kann.

Da fhlte pltzlich der Philosoph, wie im tiefsten Urgrund seiner Seele, im
mystischen Punkt, die Flamme entstand, die rapid zur Feuersbrunst wurde und
seine Bereitschaft, sich wieder protestlos ins Leichenschauhaus zu legen,
sekndlich verbrannte.

In ihm stand ein ungeheurer Wille auf: die Bereitschaft eines tdlich
verzweifelten reinen Geistes, sich der Notdurft der Gegenwart
anheimzugeben.

Von dieser Stunde an begann der strmische Pilgergang.

Die schwangere Frau hatte nur ein wollenes Brusttuch mitgenommen aus ihrer
Wohnung, in die sie nicht mehr zurckkehrten. Der Stellungsbefehl lag auf
dem Tische.

Aus der unvermittelt in ihm entstandenen wilden Hoffnung, da das unmebare
Leid dreier Kriegsjahre den Aufstieg des Menschenrechtes ermglicht habe,
wuchs dem Philosophen die Kraft zu dem Versuche, den vergewaltigten
Menschen zu erklren, weshalb ihr Ausharren und ihre Arbeit Mord und gegen
sie selbst gerichtet sei.

Seine Stimme hallte durch die Stadtviertel, in denen der Gestank der Armut
und des Hungers stand.

Die >Unbekannten<: dunkle Existenzen, aus dem nie versiegbaren Behlter der
Volksseele pltzlich emporgestoen in die ewige Freiheitsidee, stiegen auf
die Strae. Volk, dem Zwange entrissen, ins Menschentum hochgerissen, stieg
auf die Strae.

Und whrend die Fhrer des Volkes in blutberstrmter Bescheidenheit weiter
ber kleine Reformen resultatlos diskutierten, weiter unverdrossen neue
besetzte Lnder, neue Versenkungen und neue Kriegserklrungen buchten,
neuen Zwangserlassen gegen das gemarterte Volk und neuen Dankadressen an
die Sieger zustimmten, whrend so das Volk zu Millionen im Blute ersoff,
versuchten in der berreif gewordenen Zeit der Philosoph und seine
Anhnger, zusammen mit dem Kellner und dem Zwanzigjhrigen, die gequlten,
vergewaltigten Herzen fr die Idee der Freiheit und der Liebe aufzureien.
Versuchte mit letzter Hingabe der Philosoph, dem Volke zu zeigen, auf
welcher Seite im Lande der Feind, die Brutalitt und die Dummheit waren.

Das Netz malosen Leides und dunklen Aufruhrs lag ber der Stadt.

Erst bei der wuchtigen Massenerhebung gegen den Raubrittergeist einiger
zehntausend mittelalterlicher Existenzen, gegen den Raubrittergeist, der
den Krieg losgebunden hat, traf die Gewalt den Philosophen, als er in der
Menschengasse, die von herangaloppierenden Schutzleuten in die Menge
hineingeritten worden war, das Recht des Menschen proklamierte; vor dem
Leutnant,

der den Befehl zum Feuern gab.

Die Frau ging langsam auf den Ermordeten zu: schritt langsam hinein in die
zweite Gewehrsalve junger Soldaten, die, bleich und im Herzen schon emprt,
noch in der falschen Pflicht standen. Die vierzig- und fnfzigjhrigen
Landsturmmnner hatten sich geweigert, ins Volk und damit sich selbst ins
Herz zu schieen.

Am andern Morgen lagen der Philosoph und die Ladnerin, als Reprsentanten
des Volkes, wieder im Leichenschauhause, nebeneinander.

Die Idee, die nicht erschossen werden kann, brach in Millionen Herzen ein.

Der Wrter stand vor dem Paare. Und pltzlich rckte er die zwei Pritschen
dicht zusammen. >Man liebt doch die Menschen. Liebt doch die Menschen
. . . Die armen Menschen.<

Das Leichenschauhaus war vergrert, die Wand, die das Zimmer des Wrters
und das Wartezimmer fr die Angehrigen abgesondert hatte, war
herausgebrochen, der weie Steinplattenboden fortgesetzt und die Pritschen
um sechzehn Stck vermehrt worden.

Der Bruch war, wie bei Typenmbeln, die glatt aneinander gefgt werden
knnen, nicht zu bemerken.

Ein vierter, neuer Horizontalventilator kreiste zusammen mit den drei alten
ber den zweiunddreiig Leichen.





V

Die Kriegskrppel


>Die Metzgerkche< ist ein sehr groer Raum, doppelt so lang wie breit, und
so niedrig, da der Stabsarzt, im langen, von frischem und altem
Menschenblute steif gewordenen Operationsmantel, die Handflche an die
Decke legen kann.

>Ein Kino htte man hier nicht einrichten drfen. Ein Kino nicht<, fllt
ihm immer wieder ein. Denn schlielich sind alle seine Wnsche
zusammengeflossen in den einen unerfllbaren Wunsch, wieder einmal ruhig in
einem Kino sitzen zu drfen.

Auf dem Steinplattenboden Strohsack neben Strohsack. Auf jedem Strohsack
ein Mensch; auf jedem Strohsack das, was von einem Menschen briggeblieben
ist. Zugedeckt bis zum Kinn:

Die abgesgten Hnde, Arme, Fe, Beine schwimmen in Blut, Watte und Eiter
in einem meterhohen, zwei Meter breiten, fahrbaren Kbel, der bei der Tr
in der Ecke steht und jeden Abend ausgeleert wird. Tadellose Ordnung. Kein
Strohhalm auf den nur zwanzig Zentimeter breiten Zwischengngen und im
Mittelgang. Fnf Reihen Strohscke.

Der mit Zinkblech beschlagene Operationstisch steht im Mittelgang.

Die Fenster werden geschlossen. Und drei Minuten spter steht wieder der
dicke, warme Gestank von faulenden, brandigen Wunden, Eiter, altem Blute,
Todesschwei, Schmerzausdnstung, Karbol und Lysol in der Metzgerkche, so
da ein gesunder, krftiger Mensch, der, an frische Luft gewhnt,
hereintritt, eine Minute spter Farben vor seinen Augen kreisen sieht und
den Boden unter seinen Fen schwanken fhlt.

In der Metzgerkche, knapp hinter der Front, wird die erste Hilfe gewhrt.
Schnell. Keine Sekunde Zeitverlust. Hier wird amputiert. In die
Metzgerkche werden, direkt vom Schlachtfeld weg, die
Amputationsbedrftigen geschleppt, wahllos: Offiziere und Soldaten. Eine
Viertelstunde Zeitverlust kann den Tod bedeuten.

Diejenigen Amputierten, die nicht bewutlos sind, nicht schlafen und doch
reglos liegen, ganz unbeweglich und lautlos liegen, glnzende Fieberkugeln
im Gesicht, sind verloren, entschweben schon.

Die andern brllen, schmeien sich hoch, krmmen, winden sich, wimmern wie
neugeborene Katzen, lachen im Fieberirrsinn oder bewegen die verstmmelten
Krper ganz langsam, aber ununterbrochen.

Das Leben der Glcklichsten besteht abwechselnd darin, da sie aus der
Ohnmacht erwachen und wieder ohnmchtig werden. Dazu trgt der dicke
Gestank bei. Es ist nicht sehr hell in der Metzgerkche.

Der Stabsarzt mu nach ein bis zwei Amputationen, mu nach jeder halben
Stunde hinaus in die Luft, damit ihm whrend der nchsten Amputation die
Sge, das Messer nicht aus der Hand fllt.

Jeden Tag werden vier bis sechs Tote hinausgetragen.

Frisches Stroh, frische Leintcher. Frische Verwundete. Kein Halm auf den
Zwischengngen. Ordnung. Der Gliederkbel in der Ecke fllt sich. Und leert
sich pnktlich um sechs Uhr abends. Die Strohscke liegen genau
ausgerichtet in linealgeraden Reihen.

Der Stabsarzt sgt.

In die Metzgerkche kommt keine Zeitung. Hier wird gelitten. Hier
interessiert man sich nicht fr Siegesnachrichten und nicht fr
Lgennachrichten. Hier interessiert man sich fr das Bein, das abgesgt
wurde und vom Sanitter eben in den Kbel geworfen wird. Man will sein Bein
wiederhaben. Es noch einmal in die Hnde nehmen. Man will es betrachten.
Sehr genau betrachten.

Mein Bein! Es ist mein Bein. Meines! Mein Bein! Zuerst schreit er nach
seinem Beine, dann bettelt er: Gib her. Komm, gib her. Gib mir's.

Der Bettelnde liegt nicht in den Fensterreihen; er liegt in der dunklen
Reihe, im vierten Bett, von der Rckwand aus gezhlt. Er mu doch wieder
schreien, das Schmerzgebrll, Gewimmer, Geheule berschreien, damit der
Sanitter ihn hrt.

So ein Unsinn! Verfluchter Unsinn! schimpft der erschpfte Sanitter. Und
trgt dem Bettelnden ein langes Bein, das zwischen dem Knie und der
Schnittflche am Schenkel ein furchtbares, tiefes, brandiges, stinkendes
Loch hat. Legt es ihm waagrecht auf die gierig ausgestreckten Hnde.

Der Soldat betrachtet, die Augen weit aufgerissen, von einem mystischen
Schauer durchjagt, das lange, schwere Bein, das zwanzig Jahre ihm gehrt
hat, hlt es weg von sich, immer weiter weg, weicht mit dem Oberkrper
immer weiter zurck. Und schmeit das Bein, pltzlich von tdlichem Ekel
geschttelt, in den Mittelgang. Brllt: Das ist nicht mein Bein.

Es war nicht sein Bein. Der erschpfte Sanitter hatte ein falsches Bein
aus dem Kbel herausgezogen.

Der Mann im vierten Bett ist jetzt ruhig. Er ist ohnmchtig geworden.

Der neben ihm Liegende, der auch nur noch ein Bein hat, dreht das Gesicht
zum Ohnmchtigen hin und sagt zu ihm: Du schlfst ein, Lieber, und hast
zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein. Dabei
lchelt er: ein Lcheln, das dafr zeugt, da die gramvollste
Hoffnungslosigkeit mit einem Lcheln ausgedrckt werden kann. Schlfst
ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch
ein Bein. Diesen Satz hat er gefunden und sagt ihn immer wieder.

Das vierte Bett in der dunklen Reihe, von der Rckwand aus gezhlt, qult
den Stabsarzt. Mit diesem vierten Bett hat er Unglck. Entweder sterben ihm
die Inhaber des vierten Bettes unter der Sge, oder sie fhren sich ganz
besonders wild auf.

>Wieder das vierte Bett<, denkt der Stabsarzt, krank vor berarbeitung,
wirft einen Blick auf das Bein, das noch im Mittelgang liegt und die
tadellose Ordnung strt. Einen Blick zur niedrigen Decke. >Ein Kino htte
man hier nicht einrichten drfen. Ein Kino nicht.< Und sgt vorsichtig und
mit Kraft den Oberarmknochen knapp unterm Schulterblatt durch.

Der Soldat auf dem Operationstisch, ein uniformierter Knabe, hat nur eine
blutnasse Hose an. Der Oberkrper ist mager. Schmale Brust. Unausgewachsen.
Der Knabe ist bewutlos. Die blauen Lippen sind fest aufeinandergepret.
Nur beim rechten Mundwinkel ist ein kleines, ganz rundes Loch
offengeblieben wie bei einem total erschpften Wettlufer, der durch einen
Mundwinkel die Luftmassen hinausstt.

Manchmal schreien und sthnen gleichzeitig alle Verwundeten wilder auf, als
wrden in dieser Sekunde alle Wunden von einem bsen Weltgeist betastet.
Dann werden die Mittel angewandt.

Es werden verschiedene Mittel angewandt, um den Schmerz ertrglicher zu
machen. Der eine hat gefunden, da der Schmerz geringer wird, wenn er die
Zunge herausstreckt, mit all seiner Kraft die Zunge so weit wie nur irgend
mglich herausstreckt. Noch einen Millimeter weiter. Er hockt aufgerichtet
im Strohsack, die Zunge lang und blau geblkt, und keucht.

Ein anderer kann sich nur helfen, wenn er Uu! schreit. Er hat das
Alphabet durchprobiert. E hilft ihm nicht. I hilft ihm nicht. Nur U. Er
brllt mit der ganzen Kraft seiner Lungen: Uu!

Der Stabsarzt sgt.

Einer mu, die Muskeln angespannt, den Arm senkrecht emporrecken und die
Luft zurckhalten, so lange zurckhalten, bis der Schrei als wild
ansteigendes O! aus seinem Munde herausplatzt. Das hilft ihm.

Der Stabsarzt sgt.

Langsam und unaufhrlich schwingt einer den Oberkrper hin und her. Wenn er
das nicht tut, kann er den Schmerz nicht aushalten.

Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.

Einer schlrft, als habe er einen zu heien Bissen im Munde. Bewegung bei
der Tr: zwei Amputationsbedrftige werden hereingetragen.

Ganz unmglich! Kein Platz! Dabei sgt der Stabsarzt weiter, ein dnnes
Handgelenk durch.

Die Bahrentrger bleiben stehen. Ratlos.

Tragt sie hinber in den >Tanzsaal<.

Zu Befehl! Aber in den Tanzsaal haben wir eben sechs getragen. Man hat uns
hierher geschickt. Der Tanzsaal ist berfllt.

Uu . . . !

Hier auch! Voll! Voll! Alles voll! Kein Platz mehr!

Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.

Der Oberkrper kreist langsam und ununterbrochen.

Es wird Platz gemacht: die Strohscke werden noch enger zusammengeschoben,
so da auch die Zwischenrume von zwanzig Zentimetern nicht mehr da sind.
Ein einziges, langes, genau ausgerichtetes, brllendes, sthnendes,
wimmerndes, ordentliches Schmerzenslager.

Als wild ansteigendes O! platzt der Schrei aus dem Munde heraus, whrend
die Bahrentrger gehen.

Die Zunge blkt lang und blau. Warmer, dicker Gestank. Die Metzgerkche ist
nur eine kleine Nebenabteilung vom immer vollen >Tanzsaal<, der fnfmal
mehr Strohscke fat als die Metzgerkche.

>Und wieviel Tanzsle gibt es in Europa? Wie viele, in denen erste Hilfe
gewhrt wird? Und wie viele, in denen solche liegen, die in Schmerzen auf
die Heilung warten? Wie viele Schmerzenslager gibt es knapp hinter der
Front? Und wie viele in allen Stdten und Stdtchen des Heimatlandes? Wie
viele in Ruland, Frankreich, England, Italien? Wie viele Schmerzenslager
gibt es in Europa?

Fr was, fr wen leiden diese Millionen ihre Schmerzen? Warum mssen
Millionen Menschenbeine, Millionen Arme abgesgt werden? Fr was wird
gekmpft und ermordet? Und verstmmelt und gesgt und gelitten? Fr was ist
dieser Krieg? Fr was?< denkt der Stabsarzt und schneidet erst sauber und
exakt ein Pfund Menschenfleisch aus einem Oberschenkel heraus, bevor er zu
sgen beginnt. >. . . Viel zu niedrig fr ein Kino.< Farben kreisen vor
seinen Augen.

Den Gekreuzigten in der Metzgerkche ist es ganz gleichgltig, ob sie knapp
hinter der Front, oder in der Heimatstadt, oder gefangen in Feindesland,
oder in einem indischen Urwald sich winden, Uu schreien, O, die Zunge
blken, fein wie neugeborene Katzen wimmern. Und wer den Krieg gewinnt, das
ist ihnen so gleichgiltig wie der Schneefall von vorgestern.

>Der Brgermeister irgendeines kleinen Dorfes soll ganz allein den
Weltkrieg gewinnen, wenn dadurch meine Schmerzen nur um einen Grad geringer
werden. Und wenn ich mein Bein wieder htte<, denkt der pltzlich ganz
schmerzlos und gefhrlich still liegende, zwanzigjhrige Dichter, der schon
entschwebt, >mein weies, langes, hunderttausend Kilometer langes Bein mit
dem herrlichen Knie wieder htte, wrde ich das Leben lieben so ewig wie
. . . die Sonne

   tnt, nach alter Weise,
   In Brudersphren Wettgesang,
   Und ihre vorgeschriebne Reise
   Vollendet sie mit Donnergang.<

>Mein Bein! das heit, wenn ich mein Bein wieder htte, wre ja berhaupt
gar nicht Krieg . . . Krieg ist ja gar nicht mglich. Krieg gibt es nicht.
Krieg ist Einbildung, Ist Lge. Mein Bein allein ist die Wahrheit.< Die
Wahrheit, sagte er laut und deutlich in die Metzgerkche hinein. Und
schliet die Augen.

Fnf Minuten spter wird er tot hinausgetragen.

Frisches Stroh. Frische Leintcher. Kein Strohhalm im Mittelgang. Ordnung.
Eine Fusohle ragt ber den Rand des Gliederkbels heraus.

Der andere Beinlose dreht sich um und sagt zum frischen, leeren Strohsack:
Du schlfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast
du nur noch ein Bein.

Die Augen des jungen, krftigen Bauschlossers im Nebenbett glotzen glanzlos
und wtend. Er hat keinen rechten Arm mehr. Mchtiger Brustkasten. Gesundes
Blut. Mchtige Muskeln, gewlbt, glatt. Wie gelt. Er wei, da er alles
berstehen wird, knirscht den Schmerz nieder. Und grbelt in seine Zukunft
hinein: >Ein Dbelloch werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr schlagen
. . . Knstlicher Arm? . . . Ist Scheie. Mit einem knstlichen Arm schlgt
keiner ein Dbelloch in harten Stein . . . Ein Bein, meinethalben ein Bein;
warum fehlt nicht das rechte Bein, anstatt des rechten Armes. Das Bein! Das
Bein!<

Im ersten Bett der Fensterreihe, bei der Tr, liegt ein junger Offizier,
der kein Bein mehr hat. Seine Gedanken steigen auf, ber sich windende,
brllende Menschen weg, bis zum Strohsack des Schlossers, und schieben sich
zwischen dessen Verzweiflungsgrbelei als gedachte Gegenreden hinein: >Wenn
nur ein Arm fehlen wrde. Ein Arm! Ich wrde mir einen weiten Mantel machen
lassen. Weite rmel. Knstliche Hand in der Tasche. Und auf der Strae
wrde kein Mensch etwas bemerken. Auch mit den Frauen wre es nicht so arg,
lange nicht so arg. Aber wenn ein Bein fehlt. Bei einer Frau sein . . . und
nur ein Bein.<

>Mir kann doch niemand weismachen, da einer, der einen knstlichen rechten
Arm hat, mit der Schrubbfeile arbeiten kann. Aber ohne Bein geht das
alles.<

>Und reiten? Mit einem Bein?<

>Oder schmieden und schweien kann . . .<

>Bei einer Frau liegen, mit nur einem Bein.<

>. . . oder nieten, oder eine Schlofalle feilen, die genau passen mu
. . . mit einem knstlichen Arm? Ja, Scheie . . . Warum fehlt mir nicht
ein Bein? Ein Bein!<

>Tanzen ohne Bein? . . . Ausgetanzt! . . . Ohne Arm kann man tanzen . . .
Alles ist aus.<

>Ohne Arm . . . Mein ganzes Geschft ist futsch.<

Beide haben whrend der letzten Tage alle Mglichkeiten abgegrbelt. Und
pltzlich stellen sie sich der Wahrheit: gestehen sich ein, da es sich im
Grunde ja gar nicht um das nicht mehr Tanzen-, Reiten-, Feilen-,
Schmiedenknnen handelt, sondern nur um das schne Bein, einzig und allein
um den prachtvollen, dicken Arm. Um mein, mein, mein Bein, meinen Arm,
meinen, meinen Arm. Um meinen! Meinetwegen nie mehr tanzen, nie mehr
reiten, und mgen sich die Weiber zweibeinige Mnner nehmen, wenn ich nur
mein schlankes Bein wieder htte . . . Ich scheie ja auf das ganze
Schlosserhandwerk; ich werde Landstreicher; wenn ich nur meinen Arm wieder
htte, wieder htte, wieder htte.

>Meinetwegen blind sein.< Beinahe gleichzeitig steigt diese berlegung in
beiden auf. >Nur das Bein, nur den groen, starken Arm wieder haben. In
Gottes Namen blind sein; aber die Glieder beisammen haben<, denken sie
tausendmal im Tag, tausendmal in der Nacht. >Lieber blind sein.<

Und der neben dem Gliederkbel liegende blinde Soldat, dessen schwere
Schenkelwunde berraschenderweise verheilte, so da eine Amputation nicht
ntig ist, denkt ununterbrochen und wird sein ganzes Leben lang denken:
>Meinetwegen beide Beine weg, beide Arme weg. Nur nicht blind sein. Nicht
blind sein. Nie mehr sehen . . . Ich werde meine Frau nie mehr sehen. Nie
. . . mehr . . . meine Frau sehen . . . Und wer fhrt mich? . . . Und nie
mehr eine Strae sehen . . . Wie sieht ein Pferd aus? Braun. Es gibt auch
Schimmel . . . Und die Hunde? Wie laufen sie? Wie laufen die Hunde? Und und
und und . . .< Tausend Gegenstnde strzen vorbei. Zuletzt versucht er
krampfhaft, sich vorzustellen, wie das Gepcknetz in einem Eisenbahnwagen
aussieht. Das gelingt ihm nicht. Er schlft darber ein. Und sieht sofort
wieder alles. Strahlender Helligkeit weicht die Finsternis, die, begleitet
von einem wild ansteigenden O-Schrei, von langgezogenem U-Gebrll, von ganz
feinem Wimmern neugeborener Katzen, von der Erdkugel hinunterstrzt.

Der brtige Bauer hockt aufgerichtet in seinem Strohsack und winkt den
Sanitter heran, in ungeheurer Spannung. Er winkt, macht: Pst!

Nun, was denn?

Es mute also nicht abgenommen werden? Aber furchtbare Schmerzen habe ich
in der Wade.

Der Sanitter hat gehrt, da es Reflexgefhle gibt. Er sagt beruhigend:
Das sind nur Reflexschmerzen.

Des Bauern Bein mit der schmerzenden Wade liegt schon seit zwei Stunden im
Gliederkbel.

So, nur Reflexschmerzen? Aber die Wade zieht und brennt und reit . . .
So, nur Reflexschmerzen? fragt er noch einmal und steigt zu kirchturmhohem
Glck empor; denn jetzt wei er ja ganz bestimmt, da er sein Bein noch
hat. Und sinkt beseligt in Ohnmacht.

Aus der er wieder erwachen wird.

Der fiebernde Stabsarzt kann nicht mehr; er sieht den reglos und
langgestreckt auf dem Operationstisch liegenden Menschenkrper doppelt.
>Und wenn ich den Arm erst heute abend abnehme, stirbt der Mann vielleicht.
Und wenn ich den Arm erst morgen frh abnehme, stirbt der Mann sicher.< Der
Stabsarzt beginnt. Sein kleiner, leichenblasser Unterarzt taumelt schon wie
ein leicht Angetrunkener.

Der Stabsarzt schneidet und denkt: >Krieg<.

Er denkt: >Dieses Wort Krieg offenbart den gedankenlosen Menschen nicht
den billionsten Teil von der unmebaren Menge Ungeheuerlichkeiten, die mit
dem Worte Krieg bezeichnet werden . . . Das Wort selbst ist schwach wie
der Atemzug eines Suglings; und verglichen mit dem Inhalte des Wortes
Krieg, ist ein Taifun, der Schiffe und Stdte und Inseln verschlingt, nur
ein Atemzug eines Suglings . . . Krieg ist ein Wort von fnf Buchstaben.
Und wenn es ohne e geschrieben wrde, htte es nur vier Buchstaben<, denkt
der fiebernde Stabsarzt. Dabei operiert er.

Der Stabsarzt hat in einer klinischen Wochenschrift einen Artikel ber
Staatenbevlkerungspolitik gelesen: einen statistischen Bericht, in dem als
>Minimalzahl< zehn Millionen Gefallene angegeben sind.

Als Minimalzahl . . . Minimalzahl zehn Millionen Tote. Das ergibt die
Minimalzahl, vorsichtig angenommen, die Minimalzahl . . . nur ja sehr
behutsam und vorsichtig, flstert lautlos der Stabsarzt sich selbst zu und
legt sehr behutsam und vorsichtig mit dem Messer den Oberschenkelknochen
frei, die Minimalzahl von fnf Millionen Amputierten.

Uu . . . ! Uu . . . !

Der Stabsarzt richtet sich auf, betrachtet den nackten Mann, bersieht mit
einem Blicke den eingeschrumpften Geschlechtsteil, die abgebundenen
Hauptadern, den fr die Sge freigelegten Knochen. >Sieht aus wie eine
Stange des Lebens . . . Er liegt so, still, so langgestreckt. Seine Lippen
sind so blau. Himmelblau . . . Und drauen donnern die Geschtze. Donnern
seit drei Jahren die Geschtze. Warum? Wann wird man darber nachzudenken
beginnen? . . . Donnern stille und langgestreckt liegende Menschen zu mir
in die Metzgerkche herein.<

Er betrachtet die Sgezinken, die ganz eng beieinander und schon stumpf
sind. >Knochenmehl vom Arme mischt sich mit dem Knochenmehl vom Bein.<
Betrachtet den eingeschrumpften Geschlechtsteil. >Das Leben schrumpft ein
. . . Minimalzahl fnf Millionen Amputierte. Minimalzahl . . . jeden Tag,
seit drei Jahren, von frh bis in die Nacht hinein, jeden Tag: sgen,
sgen, sgen . . . und wenn das Wort mit e geschrieben wrde, hie es:
Segen . . . Sge ich Arme, Beine, Hnde ab. Sgte fnf Millionen Beine,
Arme, Hnde ab. Ich allein, der Stabsarzt von Europa.<

Er legt, wie der Schreiner an das Brett, den Daumennagel an den Knochen,
setzt die Sge an, sgt und rechnet: >Siebzig Zentimeter lang ist ein
Menschenbein. Der Arm nur sechzig.<

>Die Lnge der abgeschnittenen Hnde, Arme, Beine ineinander gerechnet,
ergibt -- vorsichtig . . ., sehr . . . vorsichtig . . . sein --, eine
Minimaldurchschnittslnge von fnfzig Zentimeter fr das amputierte Glied.
Fnf Millionen amputierte Glieder mit einer Durchschnittslnge von je
fnfzig Zentimeter ergeben zwei Millionen fnfhunderttausend Meter . . .
sind gleich zweitausendfnfhundert Kilometer Menschenglied.<

Uu . . .!

>Der Herr segne und behte euch Amputierte, er lasse sein Angesicht
leuchten ber euch und gebe euch seinen Segen, Segen . . . sgen, sgen,
absgen. Zweitausendfnfhundert Kilometer Menschenglied absgen . . . Bei
der Peripherie von Berlin das Menschengliedgeleise begonnen: die zwei
ersten Arme in Geleisespannweite niedergelegt. Dann zwei Beine, dann zwei
Arme, dann zwei Beine, Arme, Beine, Arme, zwischenraumlos zusammengefgt,
als Geleise gelegt, bis nach Essen. Um Essen herum. Und -- vorbei an
Drfern, Stdten, vielen Drfern, bergauf, bergab, Flulufe, Wlder,
Felder entlang -- flach nach Berlin zurck und herum, bis die Hnde der
zwei letzten Arme die Hnde der zwei ersten Arme fassen knnen . . . Ein
Geleise von blutigen, brandigen, stinkenden, amputierten, jungen
Menschengliedern, durch Schwellen abgeschnittener Menschenhnde verstrkt
und zusammengehalten. Ein Gliedergeleise, herumgelegt um den Militarismus:
ein Menschengliederkranz, der umgelogen wird in einen Lorbeerkranz.<

Uu . . .!

>Wer fhrt auf diesem Geleise? Wer setzt sich diesen Gliederlorbeerkranz
aufs Haupt?< grbelt der sgende, fiebernde Stabsarzt. >Wer? Wer setzt ihn
auf? Will ihn am dsteren Ende vielleicht doch niemand aufsetzen?<

Der Spalt klafft; der Knochen ist durchgesgt. Er rckt das Bein bis ans
Ende des Operationstisches, so da der Soldat pltzlich ein kurzes und ein
sehr langes Bein hat. Denn der Stabsarzt sieht den Zwischenraum nicht; er
sieht nur noch Beine, Millionen Beine, alle von ihm allein abgesgt. Sieht
Farben: Rot, das in Violett bergeht und zu einer gelbumrandeten,
giftgrnen Scheibe wird, in deren Mittelpunkt klar und scharf der Gedanke
steht: >Die Herren, die mit einem Worte, mit einem Wunsche, mit einem
Traume, mit einem Gedanken, mit einem Befehle dazu beigetragen haben, da
dieser Krieg kam, mssen an Ketten gelegt werden.<

Pltzlich wei er mit lautlos donnernder Gewiheit: >Werden an Ketten
gelegt werden<, und beugt sich tief und treu zu seiner blutigen Arbeit
hinunter.

Bewegung bei der Tr: acht Krankentrger marschieren hintereinander herein,
mit vier Bahren, auf denen zwei ganz stille Mnner liegen, ein brllender
und einer, dessen zersplittertes Bein, nur noch durch die Haut gehalten,
verdreht am Rumpfe hngt. Die Ferse steht nach oben.

Der Stabsarzt sagt sehr ruhig: Hier ist kein Platz mehr.

Der brtige Bauer erwacht aus der Ohnmacht, hat unertrgliche Schmerzen im
Bein, das er nicht mehr hat. Und ist ungeheuer glcklich. Schiebt die Hand
vorsichtig unter die Decke zum schmerzenden Beine, greift behutsam an die
Schmerzen und greift doch kein Bein.

Diesmal mt ihr die Leute in den Tanzsaal hinbertragen.

Der blonde Soldat hockt aufgerichtet im Bett, blkt die Zunge lang und blau
und keucht. Sein Nachbar kreist den berkrper, langsam und ununterbrochen.
Der O-Schrei platzt.

Zu Befehl! Aber der Tanzsaal ist berfllt.

Uu . . .!

Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.

Uu . . .!

Drben beim Tanzsaal ist ein groes Klosett; legt die Leute ins Klosett.

Der mit Glck, Schmerzen und Zuversicht, ausgefllte brtige Bauer wundert
sich ber seine Ungeschicklichkeit, das Bein nicht zu finden, das ihm so
entsetzlich weh tut. Er greift resoluter an die Schmerzzentrale und langt
immer ins Leere. Tastet den wtenden Schmerz der ganzen Lnge nach ab und
hat dabei ganz unbegreiflicherweise doch die Empfindung, immerzu in die
Luft zu langen, trotzdem er den Schmerz gleichsam in der Hand hlt.

Auch das Klosett ist besetzt, Herr Stabsarzt.

Uu . . .!

Der Stabsarzt, tief und treu bei der Arbeit und innerlich erleuchtet von
der Gewiheit: >Werden alle an Ketten gelegt werden<, sagt weich: Meine
Kollegen drfen halt das Klosett nicht bentzen; sie mssen hinters Haus
gehen.

Der brtige Bauer winkt: Pst!

Das sind nur Reflexschmerzen, beruhigt der Sanitter.

Ein Lcheln wchst in der Metzgerkche, wchst im Gesicht des ersten
Bahrentrgers: Nicht so besetzt, Herr Stabsarzt. Von Kranken besetzt. Es
liegen zehn Kranke im Klosett . . . berall. Ganz berfllt.

Welcher Mensch wei, woher das Lachen kommt? Der Stabsarzt erinnert sich,
da er bei seiner Konfirmation in dem Moment, da ihm der Pfarrer den Kelch
mit dem Blute des Herrn an die Lippen ansetzte, gelacht hat, lachen mute,
in das Blut des Herrn hineingelacht hat.

Der Stabsarzt lacht. Das Lachen donnert unterirdisch in ihm, quirlt zum
Halse empor. Und platzt heraus. Er lacht und sgt. Er meckert, brllt,
winselt, lacht in allen Tongraden. Und sgt.

Sprechen kann er nicht. Nur seine Hand, die das Messer hlt, sagt: >Bitte,
abstellen. Stellt nur ab.<

Der brtige Bauer sieht pltzlich wie ein Christus aus, schlgt, den Blick
noch geradeaus auf die Wand geheftet, die Decke zurck, senkt den Blick.
Und sieht, da da, wo die ungeheuren Schmerzen sind, kein Bein ist.
Blitzschnell saust er vom kirchturmhohen Glck herunter, kommt ins Bett zu
hocken und glotzt. Glotzt den groen, weien Verbandstumpf an, der knapp
unterm Rumpfe sitzt. In seinem Gehirn ist gar nichts. Nicht der fernste
Abglanz eines Gedankens ist in seinem Gehirn. Das Gehirn ist leer. Er
gleitet in die Ohnmacht hinein,

Die vier Bahren werden in den Mittelgang gestellt. Verstellen den
Mittelgang.

Ja aber! ja aber! schreit der Stabsarzt auf und springt, das blitzende
Messer in der Hand, zur ersten Bahre, trennt mit einem schnellen Schnitt
das ganz lose hngende Bein vom Rumpfe. Ja aber! ja aber! Der Mann . . .
>verblutet ja<, will er sagen, und sagt: . . . ist ja schon tot.

Aus den Hauptadern tropft noch das wunderbar rote Blut heraus. Ist
verblutet . . . Den knnt ihr gleich wieder mitnehmen, sagt der Stabsarzt,
reicht dem Sanitter das Bein. Und wird pltzlich zur Karussellachse der
Welt, die sich schwankend um ihn zu drehen beginnt. Farben kreisen. Grn
herrscht vor. Vorbei gleiten der Pfarrer mit dem Kelche, der brtige Bauer,
der Gliederkbel, das vierte Bett. Die Geschtze donnern. Die lang und blau
geblkte Zunge gleitet vorbei und verlngert sich aus sich selbst heraus,
wird ungeheuer lang, saust aus sich heraus und vorwrts, unbegreiflich
schnell hinaus an die Peripherie der Welt, rundet sich zum weltumspannenden
Menschengliederkranze, in dessen Mitte ganz allein der Stabsarzt steht und
schwankt und sanft und weich in Ohnmacht gleitet. Alles gleitet.

Uu . . .!

                                * * *

Der Lazarettzug mit Irren, die durch das Grauen oder durch die
Schuverletzung in das gewaltige Heer der Lebendig-Toten eingereiht worden
sind, mit Blinden, deren feste Arbeitshnde sich in kraftlose,
durchsichtige Krankenhnde verwandelt haben, mit Amputierten, mit
Schwerverwundeten, kriecht langsam durch die Landschaft, bohrt sich ganz
langsam vorwrts in die heimatliche Landschaft hinein. Frhherbst.

Zweiundzwanzig, sagt das Kind, das an der Landstraenschranke steht und
dem Zuge nachsieht.

Es sind nur zwanzig Wagen; das Kind hat die Lokomotive und den Tender
mitgezhlt. In jedem Wagen zwanzig Kranke, langgestreckt und unbeweglich in
den bereinander befestigten Betten.

Die Blinden stehen im Laufgang an den Fenstern und schauen hinaus in die
wunderbare, schimmernde Herbstlandschaft. Sie fhlen die Sonne und sehen
die Finsternis.

Die Irrsinnigen sind beisammen in einem Wagen. Eine Bank an den vier Wnden
entlang. Gengend viel Sitzpltze. Aber alle Irren hocken am Boden, in
einem dreifachen Kreise, und lachen, lcheln, schwtzen, schweigen,
schtteln schlau den Kopf. Nur einer steht. Er betrachtet die Wand. Er
betrachtet seit sechzig Stunden die Wand.

Im Wagen hinter dem Tender ist die Apotheke und das Operationszimmer, mit
dem Zinkblechtisch in der Mitte. Im vorletzten Wagen schlafen die
Sanittssoldaten. Im letzten Wagen des Zuges liegen die, die whrend der
Reise verendet sind. Der letzte Wagen fllt sich allmhlich.

Niemand wei den Grund, auch der Stabsarzt wei nicht, weshalb die Irren,
die kurz vorher noch lachend und schwtzend in dreifachem Kreise am Boden
gehockt sind, jetzt ganz still an den vier Wnden entlang auf der Bank
sitzen. Einer dicht neben dem andern. Aufrecht. Schweigend. Blicklos. Alle
Hnde liegen auf den Schenkeln. Ernste Puppen.

Ein Irrsinniger, ganz unverwundet, ein dreiigjhriger Mensch, in dessen
ernstem Gesicht noch die Zge frheren Geistes zu sehen sind, steht auf,
streckt ein geffnetes, leeres Streichholzschchtelchen dem Stabsarzt hin
und sagt: Sehn Sie, hier sind die Augen meiner Mutter. Meine Mutter hat
sich um mich die Augen herausgeweint und sie mir in diesem Schchtelchen
zugeschickt . . . Braune Augen. Sie hat sie sich herausgeweint.

Ja, das stimmt, sagt der Stabsarzt, der in vielen >Metzgerkchen< und
>Tanzslen< drei Jahre lang knapp hinter der Front amputiert hat und, von
einem Plane, von einem Entschlusse, von einer scharf umrissenen Absicht
pltzlich erleuchtet, sofort nach dem Erwachen aus der Ohnmacht Urlaub
verlangt und erhalten hat.

Der Stabsarzt liebt die Nebenwege und Winkelzge nicht. Nach seiner Meinung
sind das herrschende europische Winkelzugsystem, die Halbheiten, der
Lgenknuel mit schuld am Kriege.

>Wenn mich der Oberst fragt, warum ich Urlaub haben will, antworte ich
nicht: Weil ich berarbeitet bin, sondern ich sage zu ihm: Ich habe drei
Jahre lang Soldatenbeine und -arme abgesgt; jetzt habe ich die Absicht,
dafr zu wirken, da Soldatenbeine nicht mehr abgesgt werden. Dazu mu ich
ins Land zurck.<

In zwei Ecken erheben sich ganz gleichzeitig zwei Irre; sie hocken auf den
Boden nieder. Und unversehens steht der Stabsarzt wieder im Mittelpunkt
eines dreifachen Kreises von Irren, die am Boden hocken, lcheln, lachen,
schweigen, schwtzen. Einer schreit lustig und ausdauernd B! zur
Wagendecke empor. Dabei schliet er die Augen; seine Nase bekommt Runzeln,
und der gespitzte Mund wirkt klein und rund. B!

Der Stabsarzt wird von der Alarmglocke aus dem Wagen der Irrsinnigen
herausgerissen. Und springt, schneller als der Zug fhrt, in der
Fahrtrichtung den Gang vor, in einen Wagen. Und hinein in die Blutlache am
Boden.

Der von den Schmerzen auf die Pritsche festgenagelte, reglos liegende
Soldat kann nur mit seinen Augen den Stabsarzt aufmerksam machen auf den
Kameraden, fr den er gelutet hat.

Der Kamerad hat den Verband von seiner zerfetzten Hfte heruntergerissen,
ist dabei aus dem Bett gestrzt, macht ein sehr befriedigtes Gesicht und
ist schon tot. Er wird, vorbei an den Blinden, die fragend und tot blicken,
hintergetragen in den Leichenwagen. Ein armlanger, scharfzackiger Fetzen
von einem groen Gescho hat ihm die rechte Bauchwand eingedrckt, die
Hfte zersplittert und die Hoden weggerissen. Zehn Tage und zehn lange
Nchte hat er gebraucht zu dem Entschlusse, den Verband herunterzureien.

Alle liegen, von den Schmerzen auf die Pritschen festgenagelt, reglos wie
Tote. Jeder fhlt dem nchsten Sto entgegen, der bei jeder
Schienenverbindung erfolgt. In jeder Sekunde ein Sto, hinein in die
Schmerzzentrale.

Das schmale, lange, rollende Spital, gefllt mit dickem Karbol- und
Wundgestank, tastet sich, von frischer Luft umspielt, durch die
schwerfarbige, schimmernde Herbstlandschaft, vorber an den Grenzdrfern,
deren Bewohner an den Schranken stehen, Hte und Taschentcher schwenken,
Hurra! schreien. Viele Militrzge, mit Truppen, die an die Front oder in
Urlaub fahren, passieren diese Gegend.

Der Sanitter steht am Fenster und schttelt den Kopf, winkt mit der Hand
ab; die schon zum Hurraschreien aufgerissenen Mnder bleiben rund und
lautlos offen. Langsam kriecht der Zug vorber an den Verstummten, die nur
die Hinterkopfe der liegenden Soldaten sehen. Die Kolbenstange der
Lokomotive steigt, greift vorsichtig und behutsam wie die Hand eines
Taschendiebes vor, sinkt, zieht zurck, stiehlt sich vor. Langsam.

Der Stabsarzt kann die Gefhle der Dorfbewohner am Aussehen und an der Lage
des Dorfes erkennen, an der Profillinie der umliegenden Wlder und Hgel;
daran, wie das Dorf in die Landschaft hineinkomponiert ist, erkennt der
Stabsarzt: >Die werden nicht hurra schreien.< Der Stabsarzt macht ber
viele Gedankenzwischenglieder weg einen Sprung zu dem Gedanken: >Die
Landschaft ist das Vaterland fr den Menschen, die Heimat; nicht der
Staat.<

>Die schnen Felder, die schnen Felder, oh, das Vaterland<, denkt der
Soldat, der fr den Kameraden gelutet hat und hinaussieht auf die Felder,
die, langsam und sanft einen Bogen beschreibend, an seinen Augen
vorberziehen. Er hat seit langer Zeit die heimatliche Erde nicht gesehen.
Und in die Weichheit seines Herzens brennt sich tief das unabnderliche
Unglck ein: Was sind fr mich die schnen Felder, die Wlder, das
Vaterland . . . Mein Arm, den ich nicht mehr habe, ist mein Vaterland
. . ., das ich nicht mehr habe.

Und der Bauer, im Bett ber ihm, wei, da krftige Beine vor Mdigkeit
singen, wenn man einen kilometerlangen Acker Furche neben Furche umgelegt
hat, und wei, da er nie mehr pflgen wird, da er nur noch ein Bein hat.

>Schn, schn, wunderbar, aber nicht fr mich<, ist der Gedanke, der in
jedem Wagen von zwanzig auf Lebenszeit ins Siechtum gestellten Soldaten
gedacht wird, von dreihundertfnfzehn Soldaten gedacht wird. Fnf sind
whrend der Reise gestorben. Und die fnfundzwanzig Irren leben auf einem
anderen Planeten.

>Das Unikum<, ein Soldat, dem beide Arme und beide Beine fehlen, auch
dieser Rumpf denkt noch; er denkt: >Schn, schn, wunderbar, aber nicht fr
mich.<

>Was ntzen mir die schnen Auen.< Diese Verszeile, die am Morgen ein irrer
Soldat in den Wagen hineingerufen hat, entsteht immer wieder im Gehirn des
Unikums. Meistens schlft er; er schlft ein mit der Verszeile: >Was ntzen
mir die schnen Auen.<

Er ist nicht der einzige, dem der Stabsarzt beide Arme und beide Beine
amputiert hat; aber alle anderen sind gestorben. Das Unikum ist am Leben
geblieben.

Der Stabsarzt schlgt die Decke zurck, betrachtet das Unikum und denkt:
>Wie schmal ist der Zug im Vergleiche zu der weiten Breite der Landschaft,
durch die er fhrt . . . deshalb fhrt auch die Landschaft nicht durch den
schmalen Zug, sondern der Zug fhrt durch die breite Landschaft.<

Derartig berspitzte Gedanken hat der Stabsarzt oft in der letzten Zeit.
Mit ihnen will er die Realitt festhalten. Die Realitt, die er im Laufe
von drei Jahren, ausgefllt mit Gliederabschneiden, in einer solchen
Furchtbarkeit kennengelernt hat, da er oft stundenlang an das
Vorhandensein der Realitt nicht glauben kann. Aber er rechnet mit ihr,
will mit ihr rechnen. Seine Absicht, wegen der er Urlaub genommen hat,
veranlat ihn, sich die Realitt nicht entgleiten zu lassen. Er will die
furchtbare Realitt in den Dienst seiner Absicht stellen.

Deshalb erlst er auch das Unikum nicht mit einer Dosis Morphium, obwohl
er, der Trger eines tiefen, von eigener Meinung diktierten
Verantwortungsgefhls, schon viele, die nicht so elend waren, durch
Morphium erlst hat.

Knapp unter den Schulterblttern, knapp unter dem Rumpfe starren die
Gliederstumpfe. Rosaviolett. Nach obenhin braungrne Rnder. Die Spitzen,
zusammengedrehte Migewchse aus Muskelstrngen und Haut, sind grau.

Wie der Sugling im Kinderwagen, ist der Rumpf auf die Bettpritsche
festgeschnallt. Dem Rumpfe wird das Gesicht gewaschen. Dem Rumpfe wird die
Nase geputzt. Der Rumpf wird gefttert. Der Rumpf wird auf das Klosett
gesetzt. Wird dabei gehalten. Der Rumpf hat noch einen Geschlechtsteil. hat
Augen, in denen die Seele steht, hat einen Mund, mit dem er sagt:

Bitte, Herr Stabsarzt, sagen Sie mir, wie soll ich leben? Was soll ich
tun? Was soll ich tun?

>Diese Frage soll einer von den Herren beantworten, die an Ketten gelegt
werden<, denkt der Stabsarzt. Und schweigt; denn er wei die Antwort nicht.

Hurra . . . a!

Der langgezogene Schrei eleganter Sommerfrischler, die an der Schranke
stehen, trifft die Ohren von dreihundertfnfzehn still und langgestreckt
liegenden Schwerverwundeten, trifft die Ohren des Rumpfes.

Was soll ich tun, Herr Stabsarzt?

Der Sanitter steht am Fenster, schttelt den Kopf, versucht, mit der
abwinkenden Hand die Begeisterungsschreie in die Mnder zurckzudrcken.

Hurra . . . a!

Der Stabsarzt zieht den Blick von dem Stck angeschnallten Menschenfleisch
zurck; er sieht die weiche, schmachtende Hftlinie der schnen Blondine,
deren hochgestreckte Hand mit dem Spitzentchlein winkt, vorbergleiten.
Und wei die Antwort nicht. >Diese entzckende Krperlinie . . . Wie schn.
Wunderschn. Aber dumm, so dumm.<

. . . a!

Die behutsam vorgreifende Kolbenstange der Lokomotive zieht den Zug am
anhaltenden Schrei vorber. Langsam.

Schmeckt Ihnen das Essen? fragt der Stabsarzt. Und wendet sich weg. Denn
er fhlt wieder, da ihm der Glaube an das Vorhandensein der Realitt
entgleiten will, beim Anblick des Rumpfes.

Zu Befehl, Herr Stabsarzt!

>Zu Befehl! . . . Das ist nicht mglich. Nicht mglich! Da er zu Befehl
gesagt hat<, schreit innerlich der tief entsetzte Stabsarzt. >Nicht
mglich!< . . . Der seelenmordende Herrengeist, der Geist der Knechtschaft,
Disziplin, Unterordnung und der falschen Pflichterfllung, der selbst
diesen Rumpf noch sagen lt >zu Befehl<, hat den Krieg losgebunden.

Der Stabsarzt denkt noch brennend scharf, da dieser hllische Ungeist,
hinter dem schuldig und starr und gewaltig und gierig das Kapital steht,
mit Halbheiten, mit kleinen oder groen Reformen nicht berwunden werden
kann; und wird von einer Empfindung, die vom tiefsten Urgrunde des Seins
aufsteigt, pltzlich zum Rumpfe zurck und auf die Knie gerissen.

Unbewutes Zartgefhl veranlat ihn, die Hnde nicht zu gebrauchen, da ja
auch der Rumpf Hnde nicht gebrauchen kann in dieser groen Sekunde, in der
das Wort Bruder wiedergeboren, neugeboren, der Wahrheit und der
Menschheit zurckgegeben wird vom Stabsarzt, der, die Hnde auf dem Rcken,
die Augen, die Stirn, die Wangen des Rumpfes kt und in wilder Hingabe
Bruder sagt. Wir sind Brder. Du und ich sind Brder.

Zwanzig erschtterten Soldaten wird das verarmte Herz berhrt von dem Worte
Bruder. Nicht mehr erhofftes Glck steht gro im Wagen.

Der Stabsarzt steht in der Mitte und verkndet allen das neue, das wieder
erneute Gesetz der Liebe: Ich sage euch: wir sind Brder. Er sagt das
Wort laut, nicht weich. Die Wahrheit klingt im Tonfall seiner Stimme.

Finsternis reit entzwei; die Morgenrte der neuen Zeit steigt, trifft und
verklrt die zwanzig Soldatengesichter.

Verknde einem zu lebenslnglichem Zuchthause Verurteilten, der schon zehn
Jahre, Nacht um Nacht, dreitausendfnfhundert lange Tage in der gleichen
Zelle geatmet hat und der wei, da er diese Zelle nie verlassen wird,
verknde ihm pltzlich, er sei frei, knne gehen, knne jetzt sofort
hinausgehen in die Freiheit, so wird er noch eine halbe Stunde in seiner
Zelle bleiben wollen. Das pltzliche Glck ist so ungeheuer gro, da es
ihn zu verbrennen droht.

Auch der Rumpf wagt nicht, sich dem Glcke sofort zu berlassen. Schon
allein die ihn pltzlich durchflieende Gewiheit, da auch fr ihn ein
Glck noch mglich ist, kann seine Seele verwirren. Er wagt noch nicht, das
Wort Bruder zu flstern, und wei, da er es flstern, sprechen, beten
wird. Bruder. So schlft er ein. Und trumt sofort die wunderbare
Antwort, die ihm der Stabsarzt gab auf die Frage: Was soll ich tun?
. . . Bruder.

Der revolutionre Geist der Liebe durchdringt den Zug, dringt in alle
Wagen, in die Herzen aller Soldaten ein. Und wird von der Lokomotive
langsam in das Innere des Landes getragen, der Absicht des Stabsarztes zu
dienen, der im Gang bei den Blinden steht, vor einem Soldaten, der kein
Gesicht mehr hat.

Von der Stelle, wo das Kinn war, bis zum Haaransatz bei der Stirn: -- eine
Flche. Oben verbreitert durch die Ohren. Kein Mund. Keine Zhne. Keine
Nase. Keine Augen. Alles ist weg. Zwei Lcher, wo die Nase war. Ein
kleines, lippen- und formloses, narbiges, schiefes Loch, wo der Mund war.
Die Augenlider, die Augenbrauen, die Augen sind ganz weg: eine grauenvolle
Flche, entstellt durch farbige Narben und Migewchse aus Haut.

Der Stabsarzt sieht die flache, leere Riesennarbe an und fragt: Sagen Sie,
Lieber, erkennen Sie Ihre Kameraden schon an der Stimme?

Der Soldat macht eine ungeheure Anstrengung, ein Wort zu formen. Die rote
Zungenspitze durchstt immer wieder das schiefe, lippenlose Loch. Er
gestikuliert mit den Hnden.

Jetzt erst erinnert sich der Stabsarzt, da der Mann nicht sprechen kann,
weil er keinen Mund, keine Zhne mehr hat. Und drckt in grenzenloser Liebe
die Narbe an seine Wangen.

Der Gefhlssturm, der den Soldaten durchfliegt, wird nicht sichtbar, da der
Soldat kein Antlitz hat. In wilder Erregung tastet er nach der
Menschenhand, pret sie. Und steht im Glcke, das nicht sichtbar werden
kann.

Der Stabsarzt verkndet den Blinden das neue, das erneute Gesetz.

Herzen ziehen sich zusammen. Krampfhaft. Schmerzlich. Und ffnen sich weit.

Die Alarmglocke ruft. Zusammen mit dem aufgeregt winkenden Sanitter
springt der Stabsarzt in den Wagen der Irrsinnigen hinein.

Das in der Lokomotive ber dem Manometer angebrachte Telephon klingelt. Der
Lokomotivfhrer wird hastig aufgefordert, schneller zu fahren und im
nchsten Dorfe zu halten.

Ein Irrer hat sich unterm Knie die Sehnen, die Hauptadern, die
tieferliegenden Arterien durchschnitten, die ganze Wade weggeschnitzt. Bis
zum Knochen. Das Blut strmt. Niemand wei, woher er die kleine
Giletterasierklinge hat.

Alle Irren sitzen dicht nebeneinander an den vier Wnden entlang, reglos
auf der Bank. Ernstes Publikum. Der Schwerverwundete wird hinausgetragen.
An den Blinden vorbei. In den Operationswagen.

Die Apfelbaumallee gleitet schnell nach rckwrts. Schneller. Saust nach
rckwrts. Die Ste erfolgen schneller, heftiger. Schmerzensschreie werden
laut.

Telegraphenstangen, ein vereinzelt stehendes Haus, ein pflgender Bauer,
eine Scheune strzen nach rckwrts. Die weie Landstrae saust mit dem
Zuge.

Der Irre ist schon entkleidet. Liegt auf dem Operationstisch. Wehrt sich
wtend. Kann schwer gehalten werden. Donnernd ber eine Brcke, Wasser
blitzt auf.

Das Blut strmt dick. Wird vom Herzen stoweise zu den offenen Adern
hinausgepumpt. Der Stabsarzt kann die Adern des Wtenden nicht abbinden.
Lt ihn festschnallen. thermaske.

Der Turm der Dorfkirche erscheint gleichzeitig mit dem Ertnen des
langgezogenen Warnungspfiffes.

Die Mtze des herbeieilenden Stationsvorstandes leuchtet rot auf. Und
whrend der Zug einluft und, unter Schmerzen fr die Verwundeten, heftig
stoend allmhlich auf ein Nebengeleise rangiert wird, ist der Stabsarzt
schon mitten in der blutigen Arbeit.

Der Zug steht.

Jetzt erst vernehmen die still werdenden Bauernkinder das laute,
vielstimmige Sthnen.

Der Stabsarzt arbeitet hastig. Die obere Gesichtshlfte des Narkotisierten
gewhrt den Anblick eines friedlich Schlafenden; der ganz schmal geffnete,
starre Mund lchelt ein spitziges, bewut boshaftes Lcheln. >Ich sterbe
doch.<

>Ich mu das Bein retten . . . Gerade dein Lcheln veranlat mich, das Bein
zu retten<, denkt der Stabsarzt, whrend er mit der Sonde arbeitet, mit der
Pinzette die Arterien zurechtlegt in ihre anatomische Ordnung, die Arterien
und die Hauptschlagadern abklemmt, die durchschnittene, zurckgeschnellte
Sehne hervorzerrt. Schnell, exakt, fast schon automatisch. >Wrst du
unheilbar irr, dann wrdest du mir nicht dieses schadenfrohe Lcheln zeigen
knnen, das deiner Tat so genau entspricht. Bist heilbar. Und kannst deine
Beine brauchen!<

Dabei sieht er, so oft er den Kopf hebt, ber die Bauernkinder, die auf den
Zehenspitzen stehen und doch nur die blutigen Arzthnde sehen knnen,
schnell hinweg und zur Gterhalle, wo eine Menschenansammlung ist, die sich
bestndig vergrert: Weiber, Bauern, einige Soldaten, die auf Urlaub sind.
Die rote Mtze des Stationsvorstehers. Auf einer Kiste steht ein Mensch und
spricht.

Satzfetzen dringen bis zum Stabsarzt herber.

Ein kleiner Bauernjunge neigt sich zu einem andern, flstert, deutet mit
dem Zeigefinger. Er hat ein Instrument aufblitzen sehen. Sein Mund bleibt
offen.

. . . und wenn im Kriege fremdes Land erobert wird, dann ist das gar keine
Ehre, sondern Raub, hrt der Stabsarzt, wundert sich, da jetzt das
boshafte Lcheln verschwunden ist.

Wenn ein Bauer glaubt, er knne, nur weil er krftiger ist, einem
schwcheren Bauern Land wegnehmen, dann ist er kein Ehrenmann, sondern ein
Ruber.

Der Stabsarzt vernimmt zustimmende Antworten. Und einen lauten Zuruf. Sein
Staunen wird zu Befriedigung. Seine Absicht steht gro und ausfhrbar vor
ihm.

. . . natrlich, da haben Sie ganz recht, natrlich ist der Bauer auerdem
noch dumm. Denn er wird gestraft. Mu gestraft werden.

>Werden an Ketten gelegt werden.<

Es wird einen Proze geben. Streit und Ha . . . Ebenso ist es, wenn im
Kriege Land erobert wird: Ha, Vergeltung. Ein neuer Krieg.

>Ist denn das wirklich eine Frau? Eine Frau?< denkt der Stabsarzt und hrt
sie sagen:

Mein Mann war Versicherungsagent . . .

Die Glocke der Dorfkirche beginnt zu luten, bertnt die weiteren Worte.
Der D-Zug saust durch die Station. Der Operierte wird vorsichtig vom Tische
heruntergehoben.

Die Art, wie die Bauersleute um die Sprechende herumstehen, zuhren, kommt
dem Stabsarzt bekannt vor. >Das Ganze sieht improvisiert aus.< Der
Stabsarzt mchte hingehen. >Und vielleicht fnf Minuten lang sprechen
. . . Drei Minuten Zeit knnte ich mir vielleicht nehmen.<

Das Sthnen der dreihundertfnfzehn Soldaten klingt zusammen in einen Ton.
Im Wagen der Irrsinnigen platzt eine Lachsalve.

Der Stationsvorsteher springt von der Menschenansammlung weg zum
Lazarettzug: der Schnellzug sei durch; der Lazarettzug msse jetzt
weiterfahren, damit die Strecke frei werde.

>Tatschlich, der Vorsteher luft gleich wieder hin. Interessiert sich.<
Das freut den Stabsarzt sehr. Jetzt erst erinnert er sich, da er, wenn der
Zug langsam an den Drfern vorbergefahren war, vor den Kneipen, vor den
Kirchen, vor den Rathusern schon fters solche improvisiert aussehenden
Gruppen herumstehender Bauern bemerkt hat, die aussahen, als warteten sie
auf etwas.

>Hat die alte Ordnung, Zucht und Meinungslosigkeit Risse bekommen? Ist auf
unkontrollierbaren Wegen der neue Geist schon bis zu den Bauern gedrungen?
. . . Die Bewohner vieler Drfer haben nicht hurra geschrien, sind stumm
und nachdenklich an den Schranken gestanden, im auffallenden Gegensatze zu
den noch hurra schreienden Bewohnern der Grenzdrfer.<

Der Zug hat nach mehrfachem Vor- und Rckwrtsfahren, unter Pfiffen und
Puffersten und unter Wimmern, Sthnen und Keuchen der Verwundeten das
Hauptgeleise wieder erreicht. Und rollt.

Whrend der Stabsarzt zurckblickt und sieht, wie der Weichensteller aus
dem Hebelhuschen schnell heraus und auch auf die Gruppe zuluft, stoen
seine Gedanken vor in die kommende Zeit. Er empfindet das erstemal in
seinem Leben, mit einer ihn tief berhrenden Feierlichkeit, da der Gedanke
Macht und Wirkung erlangt hat; da die Untertanen, die bisher als
meinungslose, gedankenlose Einzelzellen dem nationalen
Riesenuniversalgehirn willen- und machtlos zugeteilt und untergeordnet
waren, begonnen haben, sich loszureien, Einzelwesen mit eigenem Gehirn,
eigener Meinung zu werden.

>Sie beginnen zu denken. Das ungeheure Leid hat die Verkalkung zerbrochen.
Der Geist zieht ber das Land. Das Alte bricht auseinander, getroffen vom
Leide und von der wilden Sehnsucht nach Freiheit. Die einzelnen und das
Volk wollen ihr Schicksal selbst gestalten. Der einzelne beginnt zu
denken.<

Mit feierlicher Gewiheit wei der Stabsarzt, da der Anbruch des neuen
Zeitalters, in dem der Mensch gut sein darf, nahe herbeigekommen ist.
Frohlockend fhlt er, da seiner Absicht, der neuen Zeit, dem neuen Geiste,
dem revolutionren Geiste der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen, die
Ereignisse entgegenkommen.

Damit, wie der Stabsarzt durch den Gang und durch die Wagen schreitet, zu
den Verwundeten spricht, sie anblickt, revolutioniert er den ganzen Zug.
Das berzeugende liegt mehr im Tone seiner Stimme und im Ausdruck seines
Gesichtes als in den Worten, mit denen der Stabsarzt ohne Ha und ohne
Freude den Soldaten beweist: Die werden an Ketten gelegt werden.

Augen glnzen. Verehrung und strmische Liebe empfngt berall den
Stabsarzt.

Er bittet zwei Sanitter, einen hilflosen Krppel vom Bett herunterzuheben.
Der Krppel soll zeigen, ob er schon laufen kann; er bekommt seine zwei
Spazierstckchen in die Hand. Die Stckchen sind nur fnfzig Zentimeter
hoch. Der Krppel gewhrt den Anblick eines halbgeffneten Taschenmessers.
Der Krppel ist ein rechter Winkel. Ein Gescho hat ihm den Rckenwirbel
zersplittert. Und der Rckenwirbel ist falsch zusammengewachsen. Der
Krppel kann sich nicht aufrichten. Kann sich in seinem Leben nie mehr
aufrichten. Er geht, ein wandelnder rechter Winkel, am Stabsarzt vorber,
wendet sich um, langsam wie eine Kuh, hebt mhsam das Gesicht, fragt den
Stabsarzt mit den Augen. Und mu den Kopf gleich wieder sinken lassen: das
Gesicht steht wieder horizontal zum Boden. Der Mensch mit den zwei
niedrigen Spazierstckchen sieht aus wie ein vierbeiniges Tier.

Der Stabsarzt berlegt, was er schon whrend der ganzen Reise berlegte: ob
er wagen soll, den Rckenwirbel noch einmal zu brechen und den Mann
aufzurichten, damit der Wirbel richtig zusammenwachsen kann. >Es ist fast
unmglich, eine tdliche Verletzung des Rckenmarkes dabei zu vermeiden<,
denkt der Stabsarzt. Denkt: >Werden an Ketten gelegt werden.<

Und lt den Menschenwinkel wieder auf das Bett zurcklegen.

Und im Grunde sind wir alle Kameraden, sagt zu sich selbst ein Soldat,
der sich vorstellt, da auf vielen Geleisen von Europa langsam solche Zge
fahren, gefllt mit Krppeln, Irren, Blinden. Sie haben uns verwundet, wir
haben sie verwundet. Und im Grunde sind wir alle Kameraden.

Das lange, schmale Spital schiebt sich durch die schon abendliche
Herbstlandschaft. Der Stabsarzt mu immer wieder das Wort >Auflsung<
denken, wenn er vom Fenster aus die improvisierten Gruppen herumstehender
Bauern sieht. Auch einen mit hinkenden Soldaten untermischten groen Zug
von Bauern, dem ein Kruzifix und eine rote Fahne vorangetragen werden,
berholt langsam das Spital. An die Realitt dieses Ereignisses will der
Stabsarzt nicht glauben. Erst die Einzelheiten berzeugen ihn: ein
Feldarbeiter, der seine Hacke schultert, eine Ackerfurche entlangluft und
sich dem Zuge der Bauern anschliet; ein beinloser Soldat, der, neben der
Fahne, mitkrckt; die lange Staubwolke, die hinter dem Zuge steht.

Der rote Schein der untergehenden Sonne trifft den Zug, das Kruzifix,
durchleuchtet rosa die Staubwolke und glhend die rote Fahne.

>Die Herren trieben die Lge auf die Spitze: sie befahlen, die
Kirchenglocken in Geschosse umzugieen, und die Priester gebrauchten zu
diesem Befehle die Worte Gott und Christentum. Sie vergaen, da der
Untertan begonnen hat, zu denken.<

Die Hauptstrae eines Stdtchens, an dem das Spital vorbeikriecht, ist
schwarz von langsam sich bewegenden Menschen.

>Das Leid zog durch das ganze Volk, lie sich in jedem Hause nieder. Das
Leid entfesselt das Ereignis.<

Im Stabsarzt lt sich die Stille nieder, voll und schn wie die Nacht, aus
der das Frhrot bricht.

berrascht bleibt er vor dem Wagen der Irrsinnigen stehen: sie hocken nicht
am Boden in dreifachem Kreise, sitzen nicht, ernsten Puppen gleich, reglos
an den Wnden entlang, sondern gehen alle im Wagen umher, um einander
herum, in Schlangenlinien kreuz und quer, bestndig und unregelmig,
meditierend, gestikulierend, den Blick zu Boden gerichtet. Tief mit sich
selbst beschftigt. Der Schein der untergehenden Sonne trifft rot ihre
Gesichter.

Ein Irrer wendet sich pltzlich um, geht schnell auf den Stabsarzt zu und
sagt: Jehova sitzt in meinem Bauche . . . Jehova ist eine der Wissenschaft
ganz unbekannte Masse. Er lchelt den Stabsarzt wohlwollend, mitleidig und
mit einem Schein von Schadenfreude an, weil der davon nichts wei. Hebt die
Schultern: Tut mir leid, eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.

Erst als der Stabsarzt den zweiten Alarmruf vernimmt, klingt auch der
erste, den er berhrt hat, in seinen Ohren.

Der bermdete Sanitter, der den operierten Irren bewachen sollte, war
sitzend eingeschlafen und zu spt aus dem Schlafe aufgefahren.

Die blutigen Fetzen des Verbandes liegen auf dem Boden, im blutnassen Bett,
hngen vom Bein herunter. Fleischfetzen hngen vom Bein herunter. Der
Operierte hat die sorgfltige Arbeit des Stabsarztes zerstrt. Hat die
Fingerngel in die Wunde tief hineingebohrt und alles herausgerissen. Das
Herz pumpt das Blut stoweise zu den offenen Adern hinaus. Der Mann ist bei
Bewutsein und keucht. Das Bein ist verwstet. Mu amputiert werden.

Der Kranke liegt still, blickt den Stabsarzt wie aus einem tiefen Abgrunde
heraus ruhig und mde an. Und sagt pltzlich, langsam und klar: Lassen Sie
bitte. Will nicht.

Der Stabsarzt bittet zgernd zwei Sanitter, den Blutberstrmten in den
Operationswagen zu tragen.

Und wendet sich um zu einem anderen Kranken, der vorgebeugt auf dem Stuhle
sitzt und, mit jedem Buchstaben mehrere Male Atem holend, Herr Stabsarzt
zu sagen versucht.

Der Mann hat einen Schu in den Magen bekommen. Das Zwerchfell ist
verletzt. Luft ist in die Brusthhle eingedrungen und komprimiert die
Lunge. Unaufhrliche schwerste Atemnot. Auch wenn er nicht spricht, mu er
ununterbrochen in rasender Folge Atem holen. Sein Gesicht ist blau. Er ist
total abgemagert. Sieht zum Stabsarzt auf mit einem Blicke, der aus Bitten,
Frage und Angst besteht. Und atmet. Und atmet. Schnell wie ein Hund, der
einem Automobil nachgerast ist. Er will am Leben bleiben. Sein bittender
Angstblick fragt, ob es ihm einmal wieder besser gehen werde.

Ja, es wird besser werden, sagt der Stabsarzt. Und denkt: >Im Laufe von
drei bis vier Jahren . . ., wenn nicht vorher seine Kraft schon erschpft
und seine komprimierte Lunge nicht schon vorher abgestorben ist.<

Schon oft hat der Stabsarzt berlegt, welcher von seinen Kranken der
Beklagenswerteste sei. Und hat sich, wenn er machtlos vor diesem Atmenden
stand, der whrend des ganzen Tages und in den schlaflosen Nchten nie eine
Sekunde lang von seiner schweren Not zu erlsen ist, fr ihn entschieden.

Und wenn er dann vor dem Rumpfe steht -- -- --

Und wenn er vor dem Menschen steht, der keine Augenbrauen, keine
Augenlider, keine Augen, keine Nase, keinen Mund, kein Gesicht mehr hat --
-- --

Und wenn er vor dem >Rechten Menschenwinkel< steht --

Und wenn er im Wagen der Irrsinnigen steht -- -- --

Langsam kriecht der Zug durch die breite Landschaft in den Abend hinein.

Der Stabsarzt steht vor dem Operationstisch. >Das Kniegelenk wenigstens
kann gerettet werden<, denkt er. Und beginnt: klemmt die Hauptadern und die
tieferliegenden Arterien ab, zerrt so weit wie mglich die Sehne vor, die
unter dem Stumpfe verwachsen und, zusammen mit der Haut und den
Muskelstrngen, das Polster fr das knstliche Glied liefern soll.

Der langsam fahrende Zug klappert dazu langsam die Melodie von
>Deutschland, Deutschland ber alles<, trpfelt die Melodie in das
vergebens widerstrebende Gehirn des Stabsarztes hinein. Er will dem
langsamen Tempo des Zuges die Melodie von >Nun danket alle Gott<
unterlegen. Es gelingt ihm nicht. >Deutschland, Deutschland ber alles<
behauptet sich hartnckig.

Furchtbare Wildheit erstarrt im Gesichte des Stabsarztes. Der Knochen ist
durchgesgt. Unterm Knie. Der Sanitter schiebt das abgesgte Bein zur
Seite.

Der Amputierte liegt reglos. Seine Lippen sind wei.

>Sein Mund weint . . . Kann denn ein Mund weinen?< denkt der Stabsarzt,
nimmt die Metallklemmen von den Adern ab, reinigt noch einmal sorgfltig
die blutrnstige Innenseite der aufgesparten Haut.

Und whrend er die Hautlappen und die durchschnittenen Muskelstrnge unter
dem Stumpfe miteinander verbindet, klappert langsam der Zug weiter sein
>Deutschland, Deutschland ber alles<. Und zu der Melodie entstehen im
Gehirn des Stabsarztes pltzlich von selbst neue Worte, fallen in sein
Herz:

   Dunkle, wilde Leidenssphre
   Hllet die Millionen ein.
   Seht das neue Feld der Ehre:
   Kampf um Liebe, Recht und Sein!
   Die gewaltgen Krppelheere
   Brechen in den Lichtkreis ein
   Jener groen, tiefen Lehre:
   Menschen werden Brder sein.

Eine weithin bersehbare Ebene, die schon in abendblauer Dmmerung liegt.
Der Zug schleicht langsam weiter, vorber an groen Reklametafeln.

Der Stabsarzt denkt: >Von allen Seiten kommen die langen, schmalen Spitale
ins Land, auf allen Geleisen tragen die Lazarettzge die Krppel ins Land.
Tglich seit drei Jahren. In alle Stdte, in alle Stdtchen, in alle
Drfer.<

Er sieht in der Ferne die niedere, schwarze Silhouette von Berlin. Das ist
das Ziel der Reise.

Er will nicht glauben, da dies die Sonne ist: eine ganz kleine Scheibe,
nicht grer als eine halbierte Blutorange, steht tief am gefleckten Himmel
krank und dster hinter Berlin.

>Wie eine tdliche Wunde.<

   Dunkle, wilde Leidenssphre
   Hllet die Millionen ein,

singt der Stabsarzt im Tempo des Zuges und trocknet, den Blick auf Berlin
gerichtet, die Hnde ab am Tuche, das sich rosa frbt.

                                * * *

Wenn Sie den Vertrag nicht einhalten, gerate ich mit meiner ganzen Familie
ins Elend.

Das tte mir ja sehr leid, wirklich sehr leid . . . Aber in unserer
Branche mu, wie Sie ja wissen werden, mein Vertreter fortwhrend mit in
der Regel sehr vornehmen und, sagen wir . . . empfindlichen Damen verkehren
und unterhandeln. Im Geschftsinteresse. Er mu diese Damen unausgesetzt
mit allen mglichen Feinheiten bearbeiten. Das verlangt nun einmal das
Geschftsinteresse. Es handelt sich in jedem einzelnen Falle um den Gewinn
oder den Ausfall von Tausenden. Sehen Sie ein, mein Vertreter mu diesen
Damen doch . . . die Hand geben knnen. Das zum Beispiel ist unbedingt
notwendig. Aber Sie knnen das nicht . . . gut, da Sie ja keine Hnde haben
. . . Tut mir ja wirklich sehr leid, aber diesen Direktorposten knnen Sie
nicht versehen. Das ist unmglich.

Das mag ja . . .

Wirklich unmglich!

. . . vor dem Kriege so gewesen sein, . . .

Ganz und gar unmglich!

. . . aber fr jetzt, fr diese Zeit gilt das sicher nicht mehr. Jetzt ist
doch jeder anstndige Mensch in dieser Hinsicht rcksichtsvoll. Jetzt stt
sich doch niemand daran, stt sich doch eine noch so vornehme Dame nicht
daran, da ein Mensch . . . keine Hnde hat.

Jetzt? Gewi, jetzt vielleicht noch nicht. Aber -- es tut mir ja wirklich
sehr leid, Ihnen das sagen zu mssen -- meiner Meinung nach wird das nicht
immer so bleiben. Es wird nicht einmal allzu lange so bleiben . . . Das
Leben geht weiter. Bekanntlich. Und ich brauche fr mein groes,
erstklassiges Unternehmen einen reprsentativen Vertreter, der im vollen
Besitze seiner, sagen wir . . . gesellschaftlichen Fhigkeiten ist. Das
begreifen Sie. Ja wirklich leid . . . Eine entsprechende Entschdigung --
in Grenzen.

Danke. Da bleibt mir nichts anderes brig, als mich auf den gesetzlichen
Rechtsstandpunkt zu stellen. Ihr frherer Vertreter hat, whrend Sie im
Militrdienste waren und bevor er selbst einrcken mute, einen
rechtsgltigen Vertrag mit mir abgeschlossen. Er war von Ihnen ermchtigt,
Angestelltenvertrge abzuschlieen. Der Vertrag ist juristisch
unanfechtbar.

Also tun Sie mir den Gefallen und reden Sie nicht von Vertrgen. Vertrge
sind nur . . . Papier. Kanzleipapier.

Auch der verstmmelte Herr erhebt sich. Darin wird Ihnen kein Richter der
Welt, kein objektiver Richter recht geben. Keiner wird sagen, Vertrge
seien nur Papier.

Mglich. Aber, sagen Sie selbst, was kann ich tun? Es handelt sich hier um
den exponiertesten, wichtigsten Posten meines ganzen Unternehmens. Halte
ich den Vertrag ein, dann wird meine Firma mit mathematischer Sicherheit
von der Konkurrenz berflgelt. Und in der Not . . . was tut ein Mensch,
der vorwrtskommen will, der etwas erreichen will, sagen wir, ein
bestimmtes Ziel erreichen will, was tut der nicht alles in der Not . . .
Wir haben in dieser Hinsicht schon ganz andere Dinge erlebt.

Der Herr ohne Hnde fragt noch ganz ruhig: Und wenn nun alle nach . . .
diesem Prinzip handeln wrden? Wenn das ganze Geschftsleben unseres Landes
nach dem Prinzip: Vertrge sind nur Kanzleibogen, gehandhabt wrde?

Der Kaufmann hebt die Schultern. Jeder sehe, wie er fertig werde . . .
Soweit wie mglich will ich ja gerne die Sache wiedergutmachen.

Ich sage Ihnen aber: Verpflichtungen mssen eingehalten werden. Vertrge
mssen eingehalten werden. Das ist ein moralisches Gesetz, das in ganz
Europa sogar zum geschriebenen Gesetze erhoben worden ist. Das Gesicht des
Verstmmelten wird dunkelrot. Und ich sage Ihnen: es gibt im deutschen
Volke noch Menschen, die das Raubsystem nicht mitmachen. Die unser Volk
wieder rehabilitieren werden . . . Auf Kosten der Straenruber Ihrer Art.

Das ist eine Beleidigung. Ich kann Sie belangen, schreit der Kaufmann in
falschem Zorn.

Der Verstmmelte geht. Sein Schicksal ist das Schicksal der
Kriegsbeschdigten.

Hunderttausende werden mit hnlichen Grnden abgefertigt von den
Unternehmern. Hunderttausende -- Schlosser, Schreiner, Spengler, Maurer,
Schmiede, Bergleute, Handlanger, Taglhner, Erdarbeiter, Bauarbeiter --
verlassen als Abgewiesene, still geworden und hoffnungslos, die Fabriken,
die Werksttten, die Baubros. In den Arbeitsnachweisen hngen Tafeln, auf
denen steht: >Fr diese Arbeiten kommen nur krftige, unbeschdigte Leute
in Frage.< >Krftige, unbeschdigte Leute haben den Vorzug.< >Fr diese
Stellen kommen . . .<

In keinem Berliner Grandhotel sind Servierkellner angestellt, die
knstliche Hnde haben. Der Anblick einer Kunsthand verschlgt kultivierten
Gsten, die fnfzehn Mark fr das Diner bezahlen, den Appetit. Sie bezahlen
in einem anderen Grandhotel lieber zwanzig Mark fr das Diner und lassen
sich dafr von gepflegten Hnden bedienen, die gewachsen sind. Das wei der
gebildete Hotelier. Aber sein Konkurrent wei das auch. Der Servierkellner
begreift das auch sehr schnell und wird Zuhlter oder Bordellwirt.

Kinder und Frauen, die sich whrend des Krieges in die Berufe eingearbeitet
haben, lassen sich nicht verdrngen, werden von den Unternehmern den
Krppeln vorgezogen. Nur wenn groe Auftrge schnell ausgefhrt werden
mssen und Mangel an tchtigen Arbeitskrften ist, stellt der Unternehmer
Krppel vorbergehend ein. Auf Akkordarbeit. Die Entlohnung entspricht
genau der Leistung. Die Leistung bleibt weit zurck hinter der des
unbeschdigten Arbeiters. Der Krppel wird entlassen, sobald Ersatz fr ihn
zu haben ist.

Fr Sentimentalitt ist jetzt nicht die Zeit. Jetzt nicht. Gewaltige
Steuern. Atemlose Hetze des Unternehmers nach Verdienst. Sein oder
Untergang.

Das Tempo eines Kartonagenarbeiters, der, wenn er das Allerntigste
verdienen will, jetzt nicht mehr in zwlf Minuten vierzehnhundertmal,
sondern sechzehnhundertmal in zehn Minuten denselben Handgriff machen mu,
kann der Beschdigte, auch wenn ihm nur ein halber Finger fehlt, nicht
einhalten.

Das Mitleid mit den invaliden Vaterlandsverteidigern fliegt weg. Das Wort
des Kaufmanns >Das Leben geht weiter< schlgt seinen Bogen ber die
Enterbten des Lebens.

Und gegen die verkrppelten Kopfarbeiter -- Lehrer, Wissenschaftler, Bank-,
Magistrats- und Staatsbeamten -- holt das Leben von einer andern Seite her
aus: junge, streng erzogene Brgermdchen vertrauen einander freimtig den
Entschlu an, Krppel zu heiraten, um versorgt zu sein, und sich dann an
den Gesunden, die selten und nicht zu haben sind, schadlos zu halten. Das
werde jeder Mensch begreifen.

Der verstmmelte junge Kaufmann steht noch im kostbar und geschmackvoll
eingerichteten Vorraume des Geschftspalastes. Sieht wie eine jener
vornehmen Damen vorfhrt, vom Besitzer devot empfangen wird. Und begreift
in einer Sekunde, da das Leben weitergeht. Sein knabenhafter Glaube an die
strmende Dankbarkeit gegenber den tapferen Opfern des Krieges fliegt weg,
als er die Verbeugung und das zerflieende Gesicht des Geschftsinhabers
sieht, hinter dessen Rcken das Unternehmen zittert und wackelt und die
gewaltigen Steuern und die rcksichtslos strebende Konkurrenz grinsen.

Die heimatlosen, alternden Landstreicher, die Leierkastenmnner, die
verkrppelten Bettler, die an der Hausmauer auf dem Pflaster hocken und den
Filz vorstrecken, sind keine aussterbenden Erscheinungen einer alten Zeit
mehr, sondern zhlen nach Hunderttausenden.

Ich habe >Uu!< geschrien. Tag und Nacht >Uu!< geschrien. Das half mir,
erzhlt in der Stadtbahn der verstmmelte Kaufmann einem jungen Burschen.

Der Stabsarzt nennt seinen Namen. Wird erkannt. Und lt sich die Adresse
des Verstmmelten geben. Nichts sonst wird gesprochen. >Ist auch nicht
ntig<, fhlen beide.

Es liegt in der leidgesttigten Zeit, da Dinge, die frher erklrt werden
muten, jetzt als Selbstverstndlichkeit ohne Erklrung von manchen Leuten
begriffen werden.

Die Absicht, die den Stabsarzt veranlat, in Fhlung zu bleiben mit den
dreihundertfnfzehn revolutionierten, invaliden Soldaten, die in Berliner
Irrenhusern, Krankenhusern und zum Teile bei ihren Angehrigen
untergebracht sind, fhrt ihn auch mit dem Kellner zusammen.

Der Kellner sagt unvermittelt: Uns alle wird man hinrichten . . . vorher.
Und das kleine Lcheln zeigt seine absolute Bereitschaft zum Sterben fr
die Idee.

Die Stille steht im Zimmer.

Sehen Sie, sagt der Stabsarzt, das knnen die Herren heute nicht mehr
wagen; sie wissen, da fr jeden Platz, der heute auf diese Weise frei
wird, sofort hundert Anwrter da sind, hinter denen Millionen Anhnger
stehen. Heute ist das so . . . Auch der mutige Sozialist sitzt nicht
umsonst im Zuchthause; dieses Ereignis bohrt in hunderttausend Kpfen.

Der Zwanzigjhrige sagt: Zum Beispiel knnte man die ganz hartnckigen
Untertanen auch auffordern: gut, stellt euch einmal glatt auf den
Standpunkt der Regierung: >Kriege mssen sein. Sieg bringt Macht und
Reichtum.< Und jetzt betrachtet das Resultat: Millionen Tote! Millionen
Krppel! Elend und Leid in jedem Hause! In jeder Familie! Ein
ausgehungertes Volk! Syphilis! Tuberkulose! Tuberkulose! Hundert Milliarden
Schulden, fr die wir, unsere Kinder und Kindeskinder die Zinsen erarbeiten
sollen! Und die ganze Welt gegen uns! . . . Und jetzt fragt euch: Htten
zwlf Mnner, die aus dem Vertrauen der Massen emporgestoen, das nicht
verhindern knnen? Nicht verhindern knnen, da die ganze Welt gegen uns
aufsteht? Besitzen diese Mnner aus dem Volke nicht so viel einfache
Lebensklugheit, da sie diesen Krieg und den Zusammensto der ganzen Welt
gegen uns htten verhindern knnen?

Der verstmmelte junge Kaufmann tritt ein; er kommt von der Unterredung mit
dem Besitzer des Geschftspalastes, erzhlt sachlich, was er eben erlebt
hat. Und geht wieder.

>Solche und Milliarden hnliche Erlebnisse, dazu der Hunger, die
phantastischen Steuern und Milliarden andere Erlebnisse<, denkt der
Stabsarzt und denkt an die >Metzgerkche<, >ballen sich zusammen . . . Und
platzen endlich.<

Jemand sagt: Wirklich, eine Sekunde spielt jetzt labil im Raume, schwebt
jetzt labil zwischen zwei Ewigkeiten. In dieser Sekunde geschieht der neue
Anfang.

Und der Stabsarzt denkt: >Man kann nur auf die Sekunde warten, lauern, in
der das Leid so ungeheuer geworden ist, da das Volk nicht mehr nur leidet,
sondern auch darber nachzudenken beginnt, was und wer dieses ungeheure
Leid verursacht hat. Man mu fhlen, wann dieser Augenblick da ist. Dann
mu man die Sekunde aufreien. Den letzten kleinen Sto geben.< Er denkt
brennend an die zwischen zwei Ewigkeiten labil spielende Sekunde, der sich
die Ereignisse nhern. >Vielleicht schon morgen? In einem Monat? In einem
Jahre? In einer Woche? . . . In einer Woche?<

Der Zwanzigjhrige bemht sich, den Gedanken zu formulieren, da die
Bewegung nicht vom Hunger -- wenigstens nicht vom Hunger allein -- ihren
Antrieb bekommen drfe. Das ist nicht durchgreifend genug und reicht nicht
weit . . . Dreht sich ins Alte zurck.

Der Mensch ist gut, sagt der Kellner. Das Gute im Menschen und das
unermelich furchtbare Leid werden die Bewegung verursachen.

>Die Leidtragenden<, denkt der Stabsarzt, denkt an die
zweitausendfnfhundert Kilometer amputiertes Menschenglied.

Und der Kellner sieht die Agentenwitwe, die fanatisierten Kriegswitwen. Er
sieht die Mutter, die den gekreuzigten Sohn dem gewaltigen Zuge der Mtter
vorantrgt.

Alle schweigen. Alle glauben an die Sekunde.

Und pltzlich gewhren alle den Anblick von zertrmmerten Kindheiten, von
seelisch restlos erschpften Menschen, denen nichts mehr geblieben ist als
ihre Idee und der Ausblick in die nahe Zukunft.

Da tritt dieser Mensch ein, ber den ein Wort auszusagen, dessen Namen zu
nennen, keine Tortur der Welt von den im Zimmer Versammelten erzwingen
kann.

Und drauen in den Straen der Millionenstadt, in allen Husern aller
Stdte, in allen Drfern arbeitet das Leid, rundet sich die Zeit, rollt der
Sekunde entgegen.

Massenstreiks, nicht nur vom Hunger verursacht, entstehen von einem Tage
zum andern, brechen aus, brauchen nicht gemacht, nicht organisiert zu
werden. Sind da: Pltzlich legen Hunderttausende das Werkzeug hin. Trotz
des raffiniert und glnzend organisierten Zwanges, ruhen die Maschinen.

Aus jedem Fenster jeden Hauses schaut dunkel das Leid heraus. Es gibt
keinen Pflasterstein mehr, der nicht schon vom Leide berhrt worden ist.
Denn es gibt keinen Menschen mehr, den das Leid nicht schon getroffen hat.
Und verwandelt hat.

Und das Ungeheuerste wird zum Ereignis: es kommt vor, da man auf der
Strae Menschen begegnet, denen man ansieht, da sie nicht nur leiden,
sondern auch . . . denken.

Der Stabsarzt, immer unterwegs, von Krankenhaus zu Krankenhaus, von Krppel
zu Krppel, blickt auf der Strae die Menschengesichter an und denkt: >Der
Geist bricht los. Und wo der Geist losbricht und Macht und Wirkung erlangt,
gehen die Herren der Gewalt von selbst . . ., wenn sie klug sind.<

                                * * *

Seismographen, die ausschlagen, noch bevor das Erdbeben Ereignis ist, gibt
es nicht. Es gibt Seelenseismographen, Menschen, die fhlen, wann die
Sekunde da ist, in der das verhrtete, versteinerte Leid eines ganzen,
niedergehaltenen, unermelich gequlten Volkes pltzlich in Flu gert und
die Dmme des organisierten Zwanges, der Gewalt, der Lge, der Autoritt,
der falschen Pflicht sprengt.

An diesem Tage reit der Stabsarzt die erste Sekunde des neuen Zeitalters
auf:

mit einem Krppelzuge, der schon frh um neun Uhr aus zwanzigtausend
amputierten Soldaten besteht.

Eine halbe Stunde spter fnfzigtausend; das Leid schmettert die
niedergehaltenen, pltzlich fanatisierten Arbeitermassen in den Zug hinein.
Jedes Lazarett am Weg wird vom vorberwallenden Krppelzuge ausgesaugt.

Blinde, die Hand auf den Schultern der Armlosen. Irre, die ernst und
schweigend, aufgeregt sprechend, glubig lchelnd, mitgehen. Beinlose in
Selbstfahrern. Zwischen Krcken rhythmisch baumelnde Soldatenkrper. Hinken
der Invaliden. Stampfen der Stcke, Krcken und Kunstbeine auf dem Asphalt.

Ein grauer Zug. Stiller Zug. Endlos. Langsam durch die Straen. Nicht einem
Ziele zu. Sie bewegen sich im Ziele. Tragen das Ziel in sich. Sind selbst
das Ziel: denkende Seelentrger.

Sie sprechen nicht. Beratschlagen sich nicht. Das verlorene Augenlicht, die
Gliederstumpfe, der entschwundene Verstand, das losgebrochene Leid des
ganzen Volkes spricht: lehrt alle leiddurchseuchten Zuschauer,
Spaziergnger und Geschftigen in einer Sekunde das Abc: >Einander zu
erschlagen, einander zu zerfetzen, ist der Sinn des Lebens nicht.<

Bei den Zuschauern platzt die dnne Haut. Ekstase flammt. Schreie steigen.
Die Wahrheit gert in Flu. Die Seele tagt. Und reiht die Trger der
befreiten Seele ein in den Zug.

Kein Mensch bleibt zurck. Die durchkrckten Straen sind leergesaugt.

Kleine Trupps stoen aus den Nebengassen im Laufschritt auf den Zug zu.

Siebzig Fensterausschnitte eines Lazaretts, dicht ausgefllt mit den Kpfen
heiblickender Soldaten, werden pltzlich siebzig leere, schwarze Lcher:
und dreihundert Krppel und Invalide, noch in der blauweigestreiften
Anstaltskleidung, humpeln, hinken, schwanken, krcken mit dem Zuge.

Kinder, auf dem Wege in die Schule, verlngern den Zug. Verzweifelte, auf
dem Wege zur Kirche, verlngern den Zug. Die Bewohner der engen Gassen, in
denen der Gestank der Armut steht, verlngern den Zug. Aus den
Parterrefenstern einer Fabrik springen die Arbeiter heraus.

Zwei Regimenter siebzehnjhriger Infanteristen, auf dem Wege zum
Religionsunterricht, werden geschluckt.

Dem Zuge voran fhrt langsam ein flacher Lastwagen, auf dem sonst
mehlgefllte Scke transportiert werden. Zwlf krftige Mnner, die
zusammen fnf Arme und sieben Beine haben, stehen und sitzen auf dem Wagen.
An der Lngsstange, an der sonst das zum Schutze fr das Transportgut
bestimmte Segeltuch befestigt ist, hngen groe, farbige Papierlampions.
Blau. Rot. Grn. Violett. Rot. Ein Reihe schaukelnder, erleuchteter
Papierlampions. Auch die Sonne leuchtet.

Der Atmende, dem ein Gescho den Magen und das Zwerchfell verletzt hat, ist
um acht Uhr frh verendet. Sein noch uniformierter Leichnam sitzt neben dem
Kutscher auf dem Bock. Die angebundene Leiche wackelt. Das Gesicht ist
weilich-grn. Die toten Augen sind offen.

Von der Stange, an der die leuchtenden Papierlampions schaukeln, hngt ein
Seil herunter; und in der Schlinge, die unter den Armen um die Brust
herumgelegt ist, hngt der Soldat, der kein Kinn, keinen Mund, keine Nase,
keine Augen, kein Gesicht mehr hat. Links von ihm hngt ein Seil herunter,
das den >Rechten Menschenwinkel< hlt. Er sttzt sich auf seine fnfzig
Zentimeter hohen Spazierstckchen. Die Asphaltstrae gleitet vorber unter
seinem Gesicht, das der Krieg horizontal gestellt hat.

In der Mitte hockt der Rumpf erhht auf einem thronartigen Aufbau mit
Rckenlehnen, an welcher der Rumpf festgeschnallt ist. Der Rumpf ist nackt.
Eine Infanteriemtze sitzt schief auf seinem Kopfe. Die inkarnierte Liebe
lebt in seinen tiefen, ruhigen Augen.

Untertanen, die ihn erblicken, bekommen weie Lippen, erleben die Sekunde.
Menschen, die ihn erblicken, brllen auf und brechen brllend in die Knie.
Kinderhnden entfallen die kleinen Spielzeug-Degen, das Schiegewehrchen
aus Blech. Elegante Damen brechen im Weinen zusammen und erheben sich als
Magdalenen.

Jesus Christus allein hat, als er am Kreuze hing und fr die Menschheit
starb, im Leiden so tiefstes Glck der Liebe empfunden, wie der nackte, von
farbigen Lampions beleuchtete, auf den Thron des Krieges festgeschnallte
Rumpf empfindet.

Schutzleute erbleichen, erlahmen, erleben die Sekunde. Sein Anblick saugt
die Strae leer. Saugt die Menschen aus den Husern heraus. Aus den
Ladengeschften heraus. Aus der Lge heraus. In die Wahrheit, in die Liebe
hinein.

Es gibt keinen Soldaten, der den Befehl, auf den Rumpf zu schieen,
ausfhrt. Die Division, die hineinschiet in den Zug der Krppel, in den
Zug der Kameraden, gibt es nicht.

Die Rollden der Geschfte, an denen der Zug vorberwallt, rasseln
herunter. Ladnerinnen, Hausdiener, Liftjungen schlieen sich an. Staunende
Kommis zgern, begreifen das Ereignis, da die vom Leide durchstrmten
Bewohner der Millionenstadt in Bewegung geraten sind, und schlieen sich
an.

Der Zug schliet die Werksttten, schliet die Bros, schliet die
Geschfte, schliet die Fabriken. Der Zug zieht durch lange
Geschftsstraen, in denen er noch nicht gewesen ist. Und doch sind alle
Rollden schon heruntergelassen. Das Ereignis fliegt dem Zuge voraus. Es
gibt in der ganzen Stadt keinen Menschen mehr, dessen Seele nicht schon
berhrt worden ist von dem Ereignis.

In den Vorstdten bilden sich schnell marschierende Zge, die zum Hauptzuge
stoen.

Aus den letzten Fabriken brechen die Arbeiter aus: Fanatismus in den
lverschmierten, ruigen, bleichen Gesichtern.

Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, spricht zu den
Arbeitern. Und deutet auf den Wagen, von dem der Rumpf pyramidisch
aufsteigt als nacktes Symbol des Krieges.

Gewaltige Zge leiddurchtobter Mtter, Kriegswitwen, Vter, Brute stoen
im Eiltempo durch die Menge, lsen sich auf, bilden sich neu.

Die Bekenner der Wahrheit verlassen die aufspringenden Zuchthauszellen,
finden den Zug, gefhrt von dem einen, dessen Namen die ganze Menschheit
kennt und ehrt: Liebknecht!

Die breiten, unbersehbar langen Asphaltstraen sind zu schmal und zu kurz
fr den Zug. Der Zug schwillt von Sekunde zu Sekunde. Strmt ber. Steht.
Ist kein Zug mehr. Alle Straen stehen voll Menschen.

Die entfesselten Bewohner der Millionenstadt stehen.

Pltzlich fliegt die Nachricht von Herz zu Herz, da auch in den groen
Provinzstdten das Leid geplatzt ist und die Menschen zusammengeschweit
hat in Zge von Frauen, die ihre Mnner, von Mttern und Vtern, die ihre
Kinder, von zahllosen Kindern, die ihre Vter, von Soldaten, die ihre
Glieder, von Blinden, die das Augenlicht, von Irren, die den Verstand
verloren haben.

Das ganze vergewaltigte Volk steht.

Die uniformierte Leiche des Atmenden auf dem Bocke glotzt tot und wackelt.
An seinem Seile schwankt rhythmisch der rechte Menschenwinkel. Der Krieg
ist plakatiert auf der Riesennarbe, die an der Stelle des Menschengesichtes
grinst. Der nackte Rumpf thront erhht und blickt die Menschheit an.

Hingabe reit die Untertanen hoch ins Menschentum. Leidausstrmende
Freiheitsschreie ordnen sich zu Liebesgesngen. In den Gesngen der Liebe
pulst die Ekstase der Verbrderung und Freiheit.

Die vom Blitz der Liebe getroffene, erleuchtete und dem Zwange entrissene
Militrwache des Gebudes, in dem der Herr und alle Machthaber versammelt
sind, wird aus der Wachstube herausgesaugt und geschluckt vom
Revolutionsheere der Kameraden, in deren Augen die Freiheit brennt.

Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, geht ganz allein
durch das Tor; In das Gebude hinein.

In dieser weien Sekunde wird es vor dem Gebude totenstill.

Die Stille wirft Wellen, breitet sich aus; eine Bewegung zieht ber den
Platz:

die Menge, die Menschheit steht, steil durchstoen und im Tiefsten berhrt
von dem Triumphe, das zuknftige Geschehen in das Zeichen der groen Liebe
gestellt zu haben, und blickt empor zum Fenster, an dem, neben dem Herrn in
Uniform und den Gesichtern der Machthaber, der Mensch erscheint und
herunterdeutet:

Der Atem setzt aus.

Der Mensch tritt vom Fenster zurck. Die Gesichter verschwinden. Die
Uniform verschwindet.

Verschwindet aus der Welt.

Minuten spter telegraphieren die vor den Morseapparaten sitzenden Beamten,
die kurz vorher noch Bekanntmachungen, Erlasse, Befehle, Zwangsverordnungen
in das gemarterte Volk hineingestoen haben, die Namen der neuen Mnner:
den Aufstieg der Freiheit und der Liebe ins Land.







End of the Project Gutenberg EBook of Der Mensch ist gut, by Leonhard Frank

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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