The Project Gutenberg EBook of Der Dichter in Dollarica by Ernst von
Wolzogen



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Title: Der Dichter in Dollarica

Author: Ernst von Wolzogen

Release Date: August 1, 2012 [Ebook #40391]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***





                         Der Dichter in Dollarica





              Verlag von F. Fontane & Co., Berlin-Grunewald

                            _Es erschien von_

                           *Ernst von Wolzogen*

                                 _Romane_

                        Ecce ego - Erst komme ich
                Die Grossherzogin a. D. | Die Entgleisten
                          Der Erzketzer. 2 Bde.

                                _Novellen_

     Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte
          Die rote Franz | Fahnenflucht | Seltsame Geschichten
  Der Topf der Danaiden und andere Geschichten aus der deutschen Boheme
           Da werden Weiber zu Hyaenen | Heiteres und Weiteres
                     Erlebtes Erlauschtes Erlogenes
          Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien
                   Geschichten von lieben suessen Maedeln

                                 _Verse_

Verse zu meinem Leben (Selbstbiographie mit einer Heliogravuere Wolzogens)

                                _Theater_

                    Der unverstandene Mann (Komoedie)
            Daniela Weert (Schauspiel) | Unjamwewe (Komoedie)
                      Lumpengesindel (Tragikomoedie)
                              Die Maibraut
                   (Ein Weihespiel in drei Handlungen)

                              _Essays_ usw.

Des Schlesischen Ritters Hans von Schweinichen eigene Lebensbeschreibung
                (Neu herausgegeben von _E. von Wolzogen_)
    Augurenbriefe. Bd. I. | Ansichten und Aussichten (Ein Erntebuch)
                      Linksum kehrt schwenkt - Trab!

                       _Eheliches Andichtbuechlein_

     Herausgegeben von _Ernst Ludwig_ und _Elsa Laura von Wolzogen_
                       Buchschmuck von _J. Martini_





                                  *Der*
                         *Dichter in Dollarica*

                    Blumen-, Frucht- und Dornenstuecke
             aus dem Maerchenlande der unbedingten Gegenwart

                                   von

                            Ernst von Wolzogen


Zweite Auflage


Berlin 1912, F. Fontane & Co.





      Auf Grund des U.-G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschuetzt

Die erste und zweite Auflage dieses Buches ist in 2220 Exemplaren gedruckt
                  und wurde im Jahre 1912 herausgegeben.




                                Altenburg
                       Pierersche Hofbuchdruckerei
                           Stephan Geibel & Co.





                    The Germanistic Society of America


    to whom I am deeply indebted for the opportunity of seeing
    America, may kindly accept this document of how I saw America as a
    token of my sincere gratitude, and may humour it as genially as it
    was conceived.





                            ZUR VERSTAeNDIGUNG.


Ich gehoere zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen und nichtige
Klugschwaetzen eilfertiger Reisender ueber fremde Laender, Voelker,
Einrichtungen und Sitten durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun
gleichwohl verleiten liess, nach einem Aufenthalt von nur drei Monaten,
dennoch meine Reiseeindruecke aus den Vereinigten Staaten zu Papier zu
bringen und sogar in Buchform herauszugeben, so muss ich wohl meinem
Unterfangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte Leute
ihm nicht von vornherein den Zutritt in den Bereich ihrer Aufmerksamkeit
verweigern.

Ich wurde als Gast der _Germanistic Society of America_ zu einer Reihe von
Vorlesungen und Vortraegen an neunzehn Universitaeten und Colleges, sowie in
zahlreichen deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang
November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den oestlichen, noerdlichen und
mittelwestlichen Staaten auf. Die oft geruehmte grossartige und herzliche
Gastfreundschaft nicht nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der
fuer deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung interessierten
akademischen Kreise des Landes, sorgte in ueberaus umsichtiger Weise dafuer,
dass wir - denn meine reizendere Haelfte begleitete mich samt ihrer
tatbereiten Laute - in all den zahlreichen grossen und kleinen Staedten, die
wir beruehrten, moeglichst viel und moeglichst Eigenartiges und Bedeutsames
von dem wunderreichen Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im
allgemeinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmaessigen
Vorfuehrungen, die liebenswuerdige Komitees hastig vorbei sausenden
Ehrengaesten zuliebe von den Sitten und Gebraeuchen der Einwohner
veranstalten, nicht gerade fuer die sichersten Quellen ernsthafter
Belehrung zu halten und sich vergnueglich ins Faeustchen zu lachen, wenn der
also Gefeierte hinterher dankbaren und kindlichen Gemuets all dies
freundliche Geflunker fuer bare Muenze nimmt und daraufhin mit wichtiger
Kennermiene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverstaendlich
wurde ich wie jeder andere prominente Reisende schon bei der Einfahrt in
den Hafen von New York von den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie
mir Amerika gefiele; selbstverstaendlich begleitete mich diese
unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverstaendlich
machten die Herren Reporter, je nach ihrem Witz und ihrer stilistischen
Begabung, aus meinen verlegenen, duerftigen Antworten in ihren Interviews,
was ihnen gut duenkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach
meiner Ankunft gefragt, ob ich gedaechte, ein Buch ueber Amerika zu
schreiben, und habe diese Zumutung damals mit ehrlichem Erschrecken weit
von mir gewiesen. So lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der taeglich
und stuendlich in buntester Abwechslung am Auge vorueberhastenden, einander
ueberstuerzenden Erlebnisse und Begegnungen stand, erschien es mir auch
wirklich ein unmoegliches Unterfangen, diese Eindruecke auch nur
beschreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel weniger darueber
ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. Dass ich nicht voellig die Tinte
wuerde halten koennen, dass vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch
das Fenster des Expresszuges ein paar Feuilletons herausspringen wuerden,
lag ja freilich bei meiner berufsmaessigen Zugehoerigkeit zur Schreiberzunft
nahe; aber den Mut und die Lust zu einer erschoepfenden Bearbeitung meiner
Reisebeute gewann ich doch erst allmaehlich in der stillen Beschaulichkeit
meines fruchtbaren Darmstaedter Poetenwinkels. Ich schrieb erst einmal
kunterbunt alles zusammen, was mein Gedaechtnis und meine Notizen mir von
Gehoertem und Geschautem bewahrten, und was mir schon drueben weiteren
Nachdenkens wert erschienen war. Und dann schleppte ich mir einen Stoss
guter Buecher ueber die Vereinigten Staaten zusammen, verglich die darin
niedergelegten Anschauungen eingeborener und auslaendischer Kenner des
Landes und bewaehrter Beobachter mit den Eindruecken, die ich selbst
empfangen, und erst nach Beendigung dieser klaerenden Vorarbeit begann ich
mich fuer berechtigt zu halten, dem grossen Publikum, das bei einer
gerechten Beurteilung der neuen Welt interessiert ist, meine Meinung
aufzutischen.

Es versteht sich wohl von selbst, dass ich mir trotz dieser gewissenhaften
Vorbereitung durchaus nicht einbilde, mein Urteil koennte neben dem
eingeborener gruendlicher Kenner des Landes oder ernsthafter
wissenschaftlicher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; darum habe
ich schon im Titel meines Buches den Nachdruck auf den _Dichter_ gelegt.
Ein Dichter ist, wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden
darf, "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Sein Schauen ist freilich
ein anderes als das des gelehrten Forschers: waehrend dieser geradlinig
rueckwaerts oder voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift
des Dichters Auge ueber den ganzen Horizont rund um und erfasst dennoch im
Voruebergleiten eine ganze Menge bedeutsamer Einzelheiten der naechsten
Umgebung. Sein Geist liebt es, Bruecken zu schlagen vom Kleinsten zum
Groessten. Moegen diese Bruecken oft auch luftig genug, mehr aus bunten
Regenbogenfarben als aus soliden Balken zusammengezimmert sein, wertlos
ist darum die dichterische Betrachtungsweise gewiss nicht; denn oft ahnt er
mit dem sicheren Instinkt des schoepferischen Geistes grosse, bedeutsame
Zusammenhaenge, die dem scharfen Auge des Forschers verborgen bleiben, weil
dem sein Gewissen nicht erlaubt, bei seinen Feststellungen unbekannte
Groessen in Rechnung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition und
den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme ich fuer mich in
Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit fuer dichterische Freiheit zu
beanspruchen. Ich gehoere nicht zu den Leuten, die sich durch glaenzende
Aeusserlichkeiten leicht blenden lassen, auch nicht zu den misstrauischen
Duckmaeusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich angelegen sein
lassen, drueben in dem merkwuerdigen Lande der unbedingten Gegenwart, wo es
irgend anging, die Meinung gescheiter, mir zuverlaessig erscheinender
Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen zu vervollstaendigen, zu
klaeren und zu berichtigen. Dabei ist es mir nun allerdings ueberaus haeufig
begegnet, dass der Sachverstaendige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande
war, den Sachverstaendigen A., der 27 Jahre im Lande war, fuer einen
ausgemachten Esel erklaerte, und dass der Sachverstaendige C., der 50 Jahre
im Lande war, zur Entscheidung aufgerufen, beiden als elenden Gruenhoernern
jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun eine alte Erfahrung,
die jeder mit einem klaren Blick begabte gebildete Reisende schon
bestaetigt gefunden haben wird, dass sich der Eingeborene eines Landes oft
gerade der auffallendsten Eigentuemlichkeiten desselben nicht bewusst ist,
weil ihm eben der Massstab zur Vergleichung fehlt und weil ihm naturgemaess
das Gewohnte als das Selbstverstaendliche erscheint. Ebenso verliert auch
der Einwanderer, je laenger er in dem neuen Lande weilt, desto mehr den
Blick fuer seine Besonderheit. Ihm duenkt vieles Neue bedeutsam, weil er es
unter seinen Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiss, dass man drueben
in der alten Heimat vielleicht schon laengst ueber den betreffenden Zustand
hinaus gekommen ist, waehrend ihm Dinge, die dem Fremden als hoechst
eigenartig auffallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil sie
fuer ihn Alltaeglichkeiten geworden sind. Aus diesem Grunde koennen selbst
des fluechtigen Besuchers erste Eindruecke von ganz erheblicher Bedeutung
werden. Es ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle
Dokumente als wissenschaftlich beweiskraeftig anzunehmen, denn mit Hilfe
der Statistik kann man bekanntlich ebenso wie mit Hilfe der Etymologie
alles Beliebige beweisen, und dass behoerdliche Urkunden auch nicht immer
direkt aus goettlicher Inspiration hervorgehen, duerfte wohl zugegeben
werden. Es bleibt also unter allen Umstaenden fuer das dichterische Schauen
ein weites Feld erspriesslicher Taetigkeit uebrig. Und der _Forscher_, der
den _Seher_ verachtet, gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im
Kalender die Laterne zu Hause laesst, auch wenn dicke Wolken das freundliche
Gestirn dauernd verfinstern.

Ein wie schwieriges, unter Umstaenden sogar lebensgefaehrliches Unterfangen
es sei, auch mit dem ernstlichsten Bemuehen um Gerechtigkeit ueber
Jung-Amerika zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung
erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drueben taten. Ich habe, was wohl
niemand einem Poeten verargen wird, ernsthafte Dinge ernst und minder
bedeutsame Aeusserlichkeiten lustig behandelt und mich auch
selbstverstaendlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise
der heiteren Wirkung zuliebe keck zu uebertreiben und noetigenfalls sogar
ein Weniges dazu zu luegen, in der sicheren Erwartung, dass der
amerikanische Humor, der ja bekanntlich in der grotesken Uebertreibung sich
am besten gefaellt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen finden
wuerde. Darin scheine ich mich jedoch gruendlich getaeuscht zu haben, und
Henry F. Urban, der humoristische Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft
genaue Kenner seiner Bewohner, duerfte doch wohl recht haben mit seiner
Behauptung, dass der richtige Dollaricaner keinen Sinn fuer Satire habe,
wenigstens nicht sofern sie sich auf ihn selbst und sein Land bezieht. So
erklaert sich auch die fuer uns merkwuerdige Erscheinung, dass dieses so
humorbegabte und zu derben Spaessen aufgelegte Volk noch keine politischen
Witzblaetter besitzt. Der Dollaricaner sieht eben fortwaehrend vor seinen
Augen die Wuestenei sich in ueppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstaedte aus
elenden Ansiedlungen sich quasi ueber Nacht entwickeln, eine luxurioese
Tipptopp-Kultur urploetzlich, wie den glaenzenden Schmetterling aus der
unscheinbaren Puppe, aus dem Chaos herausschluepfen - da ist es freilich
begreiflich, dass sein Herz von unbaendigem Stolze auf sein Wunderland und
auf die Tatkraft seiner Bewohner geschwellt ist. Dieser schoene Stolz geht
nun aber so weit, dass er jeden fuer einen verleumderischen Schurken
erklaert, der nicht alles und jedes fuer vollkommen und unvergleichlich
haelt, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, und dass er nicht nur dem
auslaendischen Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede
kritische Anwandlung fuerchterlich uebel nimmt. Die englischen Zeitungen
haben sich vornehmlich an meine Spaesse und Uebertreibungen gehalten und mich
wie gaenzlich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten festgenagelt
und darum ihrem Publikum als unwissenden, leichtfertigen Verleumder
hingestellt; meine ehemaligen deutschen Landsleute aber haben sogar
Entruestungsmeetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der
auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, dass sie im allgemeinen an
koerperlichen Vorzuegen hinter den Yankees zurueckstehen, und dass sie nicht
verstanden haben, sich rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen
Einfluss zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmaessiges Uebergewicht,
sondern auch als hervorragendste Kulturtraeger rechtens zu beanspruchen
gehabt haetten. Fuer diese Missetat haben mich zahlreiche
deutsch-amerikanische Blaetter, vornehmlich minder betraechtliche
Provinzorgane, mit den liebenswuerdigsten Schmeichelnamen bedacht, unter
denen wohl 'krummer Hund' noch der mildeste war, und zahlreiche
Privatpersonen haben mich brieflich ihrer vorzueglichsten Tiefachtung
versichert und mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die
Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. Nun, ich darf
mir wohl erlauben, diese seltsamen Blueten patriotischer Entruestung nicht
allzu tragisch zu nehmen, da ausser solchen robusten Kundgebungen mir doch
auch zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, welche im
Gegensatz zu jener Knueppelpolemik durchweg aus den oberen geistigen
Regionen herstammten. Ich habe uebrigens die in jenem Aufsatz ueber die
Yankeerasse, der so viel boeses Blut gemacht hat, niedergelegten Ansichten
in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches begruendet und erweitert.
Es versteht sich von selbst, dass ich jedem dankbar sein werde, der mir
beweist, dass ich da und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir
zur Pflicht machen, Irrtuemer zu berichtigen, soweit etwaige Neuauflagen
die Gelegenheit dazu geben sollten.

Zusammenfassend betone ich also noch einmal, dass dies Buch weder
wissenschaftlichen Wert beansprucht, noch etwa ein Fuehrer fuer Reisende
sein soll, dagegen auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben
beabsichtigt. Es ist fuer uns Europaeer von groesster Wichtigkeit, uns klare
Vorstellungen von diesem Lande ohne Vergangenheit zu verschaffen, das fuer
uns einen Spiegel unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten
Staaten zu reisen bedeutet fuer den wissbegierigen Europaeer soviel, wie es
fuer die Unschuld vom Lande bedeutet, zur Kartenschlaegerin zu gehen, nur
mit dem Unterschiede, dass das, was wir drueben ueber unsere Zukunft
erfahren, kein plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. Je
mehr wir mit unserer Vergangenheit aufraeumen, je rueckhaltloser wir uns von
dem reissenden Strome der modernen Entwicklung mit forttragen lassen, desto
sicherer werden sich unsere Zustaende und unser Charakter amerikanisieren;
und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der Gegenwart so genau
wie moeglich betrachten, und darum hat jeder, dem eine gute Beobachtung und
ein gesundes Urteil zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, ueber
Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt.

Ich kann dies Vorwort nicht beschliessen, ohne meinen verehrten Goennern und
neugewonnenen lieben Freunden da drueben, vornehmlich der Germanistic
Society, den oertlichen Veranstaltern meiner Vortraege, den leitenden
Persoenlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden so umsichtigen
und eifrigen Managern meiner Rundreise, den Herren Professor Rudolf Tombo
jun. und Paul C. Holter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen fuer die
herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem Schaffen zuteil
werden liessen, wie fuer die grosse Muehe, die sie so erfolgreich aufwendeten,
um mir in der kurzen Zeit diese reiche Fuelle von Eindruecken zu
verschaffen.

_Darmstadt_, im Oktober 1911.
                                     *Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.*





                           INHALTSVERZEICHNIS.


      Zur Verstaendigung                                    VII
 1.   Als Mauernweiler in Dollarica                          1
 2.   Die Yankeerasse                                       20
 3.   Der Yankee als Erzieher                               32
 4.   Das Universitaetsleben in der Union                    41
 5.   Oeffentliche und private Moral                         64
 6.   Liebe und Ehe                                         79
 7.   Die Dienstbotenfrage                                  94
 8.   Die Kochkunst der Yankees                            110
 9.   Kuenstlerische Kultur                                 122
10.   Vom Theater im Yankeelande                           135
11.   Die amerikanische Presse                             149
12.   Von der demokratischen Gesellschaft                  169
13.   Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht   186
14.   Die Landschaft                                       207
15.   Dollaricas infamster Schurke                         220
16.   Baedekereien fuer Amerikafahrer                       232
17.   Was koennen wir von Amerika lernen?                   250
18.   Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel        273
      Buecherverzeichnis                                    284
      Namen- und Sachregister                              285






                      ALS MAUERNWEILER IN DOLLARICA.


Ein rechtschaffener "teutscher Tichter" schlaegt drei Kreuze vor dem
Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau,
der seinerzeit aus Begeisterung fuer die Freiheit und fuer die biederen
Rothaeute hinuebersegelte, hat bekanntlich das naechste Retourschiff benutzt,
und sein Entsetzen hat ihn das Wort praegen lassen von dem Lande, in
welchem die Voegel keine Lieder und die Blumen keinen Duft haetten. (Eine
Behauptung, die uebrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron
mochte kein intimes Verhaeltnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie
gar keine Miene machte, ihm von ihrem Ueberfluss an Dollars etwas abzugeben.
Ich vermute, dass sie ihn zunaechst hat Flaschen spuelen lassen, eine Pruefung
auf die maennliche Tuechtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und
sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensanspruechen beschwerten, zu grober
Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunaechst einmal
auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines
galanten Raeubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate
im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und
bescherte uns, als Frucht seines fleissigen Studiums, sein schoenes und
gerechtes Buch "Das Land der Zukunft". Dafuer war aber auch Polenz kein
solch naerrischer Lyriker, der in zornige Traenen ausbricht, wenn ihm ein
fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen
schlagen und Affen auf Lindenbaeumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau,
der welt-, witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat
eine Masse von Eindruecken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen
mit "gewandter Feder" feuilletonistisch aufgespiesst; gelegentlich der
grossen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der
und jener aus unserem Federvolke mit drueben gewesen, um mit mehr oder
minder leichtsinniger Wichtigkeit den Massstab seiner kleinen Person an die
Ungeheuerlichkeit der Verhaeltnisse da drueben zu legen, und sie sind alle,
durch starke Eindruecke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige
hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der
germanistischen Fakultaeten und Unterstuetzung etlicher fuer deutsche Kunst
und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Maezene die _Germanistic
Society of America_ gegruendet haben, ist es moeglich geworden, richtigen
deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Ruecksicht auf Geldverdienst und
etwaige lyrische Sentimentalitaeten, die grosse Kinderstube im fernen
Westen, das Maerchenland der absoluten Gegenwaertigkeit, zu zeigen und
andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend
vorzufuehren. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krueger,
Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren
deutschen Landsleuten drueben, sowie den fuer deutsche Geistesart
interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der
Gegenwart zu bringen.

(M1)

Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitaeten und
Colleges, sowie fuenfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe
dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreissig Jahre
deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persoenlicher
Eindruecke und Begegnungen durchgenommen, oder mich ueber das Theater der
deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstuetzung meiner Frau
die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und dass
ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in
die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen liess,
da leuchteten die Augen, da war der Jubel gross, und die gewohnten
Redensarten eines hoeflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie
haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach
getaner Arbeit heimwaerts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da
behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun
nicht etwa heissen, dass ich mich ueber eine laue Aufnahme oder ueber
Unverstaendnis zu beklagen gehabt haette. Ganz im Gegenteil: man muss bei uns
schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren
Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, dass ich diesen
lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem
Umstande zu verdanken hatte, dass ich einen wichtigen Teil meines Wesens
vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst
gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die
Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermassen; das ist der
Grund, weshalb mir's drueben so gut gegangen ist. Ich wusste schon vorher
genug ueber den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefaehr
beurteilen zu koennen, welche meiner Werke und Anschauungen fuer drueben
moeglich waeren und welche nicht. Und da musste von vornherein vieles von dem
als unmoeglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten
Erfolge geholt und meiner literarischen Persoenlichkeit ueberhaupt erst
feste Umrisse gegeben habe. Die Natuerlichkeiten der Erotik sind bei den
Angloamerikanern ebenso von der oeffentlichen Besprechung und
kuenstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die
Deutsch-Amerikaner, die lange genug drueben gelebt haben, sind immerhin von
diesem Puritanertum soweit angesteckt, dass die Grenzen des kuenstlerisch
Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen
Familienblatt aelteren Stils. Du lieber Himmel - und ich bin der Verfasser
des "Dritten Geschlechts", der "Geschichten von lieben suessen Maedeln" und
gar "des Erzketzers" und habe niemals einen Beitrag zur "Gartenlaube" oder
zum "Daheim" geliefert! Selbstverstaendlich hatte ich wohl ausnahmslos an
jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose
Leute unter meinem Publikum, die sich gerne haetten staerker beschwoeren
lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nuetzlich
machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und
besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewuerfelten
Deutsch-Amerikanern.

(M2)

Mit den Versen gab's wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf
die moderne Technik mussten ja in dem Lande der technischen Hochkultur
zuenden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste
verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastuecken hatte ich meine liebe
Not, und bei meinen Streifzuegen durch die deutsche Literatur der letzten
dreissig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem
gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner
Lieblingsfiguren etwas laenger verweilte oder den Versuch machte, ein
bisschen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein
suggestives Gaehnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll
gespannten Zuege zu erschlaffen begannen. Da musste ich mich denn beeilen,
mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten
Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so
vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem
kindlichen Standpunkt, dass sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern
auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem
Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muss so gut wie der
Universitaetsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er
sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg
haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten
Gegenstaenden humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche
Universitaetssitzung mitgemacht, bei welcher der Praesident der Universitaet
eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben
hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man sass in Ueberziehern und
Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung
gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten
erzaehlte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwaermte sich die
frierende Gesellschaft an lautem Gelaechter. In dem amerikanischen
nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, muss die erbauliche
Abwechslung zwischen Leichenaufhaeufung unter Revolvergeknatter und
sentimentaler Ruehrung ueber unmenschliche Edelmutsausbrueche (vom obligaten
Tremolo der Geigen begleitet) in regelmaessigen Abstaenden von derben
Clownspaessen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu
bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie
ihm der "Tristan" gefallen habe, achselzuckend erwiderte: "Nu, mer lacht",
koennte hier leicht manches Gegenstueck finden. Das ist nun etwa nicht als
besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der
Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenueber genau denselben
Standpunkt: er schaetzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die
geistige Erhebung durch tragische Erschuetterung vermag er ebensowenig zu
geniessen, wie die rein aesthetische Freude an der schoenen Form; sein
Interesse haengt rein am Stofflichen, am groeblich Sinnfaelligen, an der
handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute
und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen
aesthetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverstaendlich, dass
es dort im Verhaeltnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger aesthetisch
interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute
koennen von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum
weitaus ueberwiegenden Teil von gaenzlich amusischer Herkunft sind. Die
deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus
machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu
erhalten, setzen sich zusammen aus den Ueberresten der achtundvierziger
Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit
akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Aerzte,
Kuenstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen
nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe
hier ihr Glueck gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine
hoehere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine
sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein kuenstlerischen und
literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach
Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen
Anspruechen. Man darf also nicht erwarten, fuer irgend welche
wissenschaftlichen oder kuenstlerischen Darbietungen in den Vereinigten
Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu
finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften,
kaufmaennischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man
kann aber sicher sein, ueberall unter seinen Zuhoerern eine Anzahl fein
gebildeter und verstaendnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine
kleine Minderheit sein mag. Fuer diese Minderheit wird man dann aber, wenn
man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen
im Geiste nach Moeglichkeit durch Konzessionen an ihr
Unterhaltungsbeduerfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen
freilich bei solchen ueberraschenden Ausbruechen kindlicher Heiterkeit kalt
ueberlaufen. Im Hoersaal der Universitaet zu Rochester wollten sich Studenten
deutscher Abkunft halb tot lachen ueber die von mir berichtete traurige
Tatsache, dass Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den
Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal
der Universitaetsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High
School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor
Vergnuegen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Grossmutter
Schlangenkoechin uebersetzte. Ueber die Fischlein, die die boese Hexe mit
einem Stock im Krautgaertlein faengt, und gar ueber "_The black and tan
Doggie, that burst into a thousand pieces_" (das schwarzbraune Huendlein,
das in tausend Stuecke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und
meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Traenen zu ruehren
gedachte, war blass vor Schrecken, - hat sie aber dann doch zu packen
gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des
deutschen Maerchenstiles so siebenfach versiegelt ist.

(M3)

Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer
hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche
Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muss, als
Fuerstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die
Provinzen bereisende bessere Fuerstlichkeit wird man naemlich in den
Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als grosses Tier, als
illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das
einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des
Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den
Leib ruecken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Saeubern und
Ausruhen goennt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die
einzelnen Vortragsstaedte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa
Berlin und Neapel!) muss man mehrere Interviews ueber sich ergehen lassen,
bei denen einen der stete Zweifel nervoes macht, wer von beiden der groessere
Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee
wieder an, um einem die Sehenswuerdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu
bemerken ist, dass im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis
hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt
genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht
einziger Ausnahme von Boston und Washington), dass die Kriegerdenkmaeler
noch erheblich fuerchterlicher sind als bei uns, und man die beruehmtesten
Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden
diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wuesten Steinhaufen der
Citys hinaus ins Land fuehren und man einen schoenen Tag erwischt.
Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgaerten wie
bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind
selbst die zum Gaehnen einfoermigen gemuetlichen Holzhaeuschen, mit denen auch
sehr wohlhabende Amerikaner gluecklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu
sehen. Nachdem der aesthetische Graus der Staedte dergestalt ueberstanden
ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und
gemuetlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines
Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die
amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen
ausgeuebt werden, ist ueber alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen
Gelegenheiten das Menue nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine
Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife
Foermlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geaergert zu werden. Nicht
selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h.
nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultaet, wenn
der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und
Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig
kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form
der "reception". Man hoert alle Namen, schuettelt alle Haende, schwaetzt ein
Stuendchen herum und hat im Fluge einen oberflaechlichen Eindruck von dem
Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich
interessante Persoenlichkeit fluechtig angebohrt. Ist man an ein Komitee
geraten, das bereits Erfahrungen mit europaeischen Nerven gemacht hat, so
darf man sich zu einem Ruhestuendchen zurueckziehen, andernfalls geht es
ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur
Besichtigung der Universitaetsinstitute, der Bibliotheken, der
Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch
immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch
mindestens zum Buergermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, dass
so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den
meisten Faellen groesser als das Koenigreich Bayern, in einigen Faellen sogar
groesser als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt ueber die leichte
Zugaenglichkeit und jeder steifen Foermlichkeit abholde Art dieser grossen
Herren. Sie haben natuerlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie
beteuern, ueber die Bekanntschaft entzueckt zu sein, und stellen sich aufs
Liebenswuerdigste unseren Wuenschen zur Verfuegung. Mittlerweile wird es dann
Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne
mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend
gut, und man muss sein bisschen Witz gehoerig zusammennehmen, um diesem
nationalen Talente gegenueber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den
Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche
Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte,
stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmoegliche Masse von Speisen und
ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten
eingepumpt zu bekommen. Grosse offizielle Festessen dehnen sich freilich
auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Laenge des Menues, sondern nur
wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem
Dessert zu oeffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach
parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschoepft ist, beginnt
erst der echt amerikanische Hauptspass, indem der _Toastmaster_ noch unter
den besonders prominenten, durch ihre Eigenart beruehmten oder beruechtigten
Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten dass einer
auf solche Reizung nicht reagiert. Natuerlich reitet bei dieser Gelegenheit
jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder
gedankenreiches Eigengut zutage gefoerdert wird. Schlimm ist es, wenn man
unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muss, wie das gar nicht
selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert
ist, erst beim Besteigen der Rednertribuene vom Vorsitzenden zugeraunt
wird, dass man doch gefaelligst nur eine Stunde lang sprechen moege - ueber
ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gruendlich zu erledigen waere! Diese
beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverstaendlich an,
dass ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschaeft daraus macht, oeffentliche
Vortraege zu halten, jederzeit und unter allen Umstaenden bereit sein muesste,
sie aus der Pistole zu schiessen. Dass wir schwaechlichen Ostleute zu jeder
geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht
zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgueltig,
wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst geniesst oder seine Bildung
bereichert; offene Tueren, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und
klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und
probende Gesangvereine ueber dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich
ging an einem Universitaetshoersaal vorbei, dessen Tuer sperrangelweit offen
stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf
und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig
nachschreibenden Hoerer liessen sich dadurch auch nur im geringsten stoeren.
In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten,
ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruss, dass
ich einen weissen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das
elektrische Licht versagte; wir sassen also bei einigen Notlampen im
Finstern, und ich trug eine ruehrende Geschichte vom bitteren Leiden und
Sterben eines schwindsuechtigen Maedchens unter der rhythmischen Begleitung
zweier melodisch knallender Heizkoerper vor. Natuerlich war ich nahe daran,
aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese
stimmungsmordenden Umstaende nicht im mindesten beruehrt zu werden. Der
Vorsitzende bat fuer diese Uebelstaende um Entschuldigung, und damit war es
gut. Der Amerikaner fuegt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter
Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um fuer sein Geld Kunst zu geniessen
oder Weisheit zu schluerfen, so fuehrt er diesen Vorsatz auch unter den
widrigsten Verhaeltnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und
seine Nerven parieren ihm so absolut, dass er imstande ist, durch einfachen
Willensakt waehrend des zartesten Pianissimos einer Saengerin den knallenden
Heizkoerper oder die laeutende Lokomotive nicht zu hoeren.

(M4)

Die grosse _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken fuer beruehmte
Mauernweiler, diese echt amerikanische "Hetz", pflegt nach dem Vortrag des
zu feiernden Gastes in einem moeglichst grossen Saale stattzufinden. Der
Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im
Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann
sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines
scharmanten Menschen sein, ohne dass es ihm einfallen wird, sich selber
vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen
Hoeflichkeit sich bemuessigt fuehlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table
d'hote-Bekanntschaft gegenueber die Hacken zusammenzuschlagen und mit
kommentmaessig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: "Sie gestatten, mein
Name ist Mueller," so riskiert er, dass der Angeredete, ohne sich von seinem
Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit
gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurueckgibt: "_Aoh,
is that so?_" Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten
bekannt zu werden. Auslaendische Beruehmtheiten interessieren ihn brennend,
und fuer Leute mit schoenen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine
besondere Schwaeche, aber niemals wuerde er sich einfallen lassen, eine
formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft
nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man
sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfuellen
unter anderen Veranstaltungen auch die beruechtigten _receptions_. Jeder,
der nur irgendwelche Beruehrungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphaere
oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemueht sich, eine Einladung
zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser
hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in
musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine
Saeule an der Schmalseite des grossen Saales und meine Frau an eine andere
Saeule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein
_Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher =
Einfuehrer). Von diesen wird vorausgesetzt, dass sie wie ein Hofmarschall
alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In
langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die
Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wuenschen, und der Usher
waltet seines Amtes. "Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John
Dubbleju Weber (sprich: Uebbaeh) vorzustellen. Einer der prominentesten
Buerger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begruender, denn er hat
vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle
stand, den ersten Laden fuer baumwollene Taschentuecher, Whisky, Kautabak
und Schiesspulver eroeffnet."

"_How do you do, Mister Uolsogen?_" gurgelt Mister John Dubbleju Uebbaeh
aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie
mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. "Komme Se mal zu mir, da wer' ich
Se mal was Scheenes sseigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn
se Aentiquitis gleicht." (Antiquitaeten gern hat).

Und Missis Uebbaeh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons
in den Ohrlappen, grinst mich muetterlich bewegt an und versichert,
entzueckt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter,
und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, dass ich gluecklich sei,
Persoenlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser
beruehmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht
haetten.

"_Move on, please!_" sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar
sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O.
Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) bekannt macht. Mister
Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) ist mit sieben Cents in der
Tasche vor fuenfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein
Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen
hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des
Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar
wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Bloesse
mit Brillanten fuer etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betruebt
(_so awfully sorry!_), dass ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann,
denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen
von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Buechern gelesen,
darunter natuerlich auch meinen entzueckenden "Herrgottsschnitzer von
Oberammergau" und meinen reizenden "Huettenbesitzer" und ueberhaupt beinahe
alles. Leider habe das Maedchen die Mumps.

Beschaemt und tief geruehrt bekenne ich, dass diese genaue Kenntnis meines
dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefuehl einer wahren
Popularitaet auf zwei Hemisphaeren voll empfinden lasse.

Mister Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) quetscht mir bewegt die
Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) hat noch eine
Frage auf den ueppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwuerdigen
Greis in weissem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und
geistvoll geschnitten, als den beruehmten Professor der Ethik, Dr. James
Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der beruehmte Gelehrte ist so steinalt,
dass ich ihm aufs Wort geglaubt haette, wenn er mir versichert haette, dass
bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch
letzterer uebrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein
1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehoert
haetten. "Froh, Sie zu treffen, Baron", beginnt der grosse Gelehrte, mir
kraeftig die Hand drueckend, und wissend, dass ihm nicht viel Zeit gegeben
ist, knuepft er gleich eine Frage ueber den Stand der Ethik in Deutschland
als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewusste Ausdrucksform der
Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glueck, dass ich jahrelang eifriges
Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbraeu-Ausschankes in der
Franzoesischen Strasse in Berlin gewesen bin und erklaere ihm, dass wir in der
Ethik durchaus obenauf, _up to date_ waeren und ueberhaupt...

"_Move on, please!_" ruft der unerbittliche Usher, und der grosse Gelehrte
bezaehmt laechelnd seinen Wissensdurst und laesst sich ohne Murren weiter
schieben.

Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultaet an die Reihe, mit denen ich im
Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees,
die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsaechlich
den "Kraft-Mayr" gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer
Maedchenschule, die just meine "Gloriahose" in ihrer Klasse uebersetzen laesst
- lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen
zurueckziehen moechte - es hilft nichts: "_Move on, please!_" kommandiert
die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanstaendig schieben sich
die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und
feste Saeulen der Buergerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Maennlein
und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit groesserer oder
geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschuettelt und versichert hatten, dass
sie _so_ gluecklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten spaeter an
der naechsten Saeule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos
so gluecklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe:
lustige Studentinnen, die mit einem vergnuegten Knall in die Hand
einschlagen und die Affaere mit dem stereotypen "_How d'ye do?_" moeglichst
rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen
versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr
grossen roten und kalten Haenden, der mir sein deutsches
Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte ueberreicht, ihm da etwas
hineinzuschreiben.

"Stehe ich drin in diesem Leitfaden?" frage ich den glatten Juengling.

"Ich bin betruebt, nein zu sagen," laechelte er verlegen, und ich attestiere
es ihm schriftlich in sein Buch hinein, dass das eine ganz miserable
Literaturgeschichte sei.

(M5)

Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein.
Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas
aehnliches und selbstverstaendlich das entsetzliche Eiswasser oder den
unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften
beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese
"reception" gluecklich geworden seien. Die sind mit uns voellig einig
darueber, das solche Veranstaltungen der groesste Bloedsinn von der Welt
seien, so ungeeignet wie moeglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen
Kennenlernens zu erfuellen. Aber trotzdem: wenn das naechste Mal zur
Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen
Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis
Waddlepaddledaddle (oder so was aehnliches) mit ihren saemtlichen Brillanten
und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps ueberstanden haben
wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbaeh, der eigentliche Gruender des
jetzt so bluehenden Gemeinwesens, und die saemtlichen anderen Prominenten
der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjaehrige
James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe
stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht
beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung fuer den richtigen
Amerikaner, sagen zu duerfen: "Da und da traf ich den beruehmten X. und
schuettelte Haende mit ihm." Der Praesident der Vereinigten Staaten hat das
Vergnuegen, alljaehrlich bei der grossen Neujahrsreception Tausenden von
Menschen die Haende zu schuetteln und jedem einzeln zu versichern, dass er
_so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach
Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48
Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub's gerne, dass er das
noetig hatte, denn der musste taeglich Bankette und Receptions mitmachen, bei
denen noch x-mal so viel Haende zu schuetteln und Trinksprueche zu
beantworten waren, abgesehen davon, dass er im Laufe des Tages auch noch
saemtliche Kriegerdenkmaeler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe,
Preisbullen und Deckhengste besichtigen musste. Auch mir, dem bescheidenen
Dichter, wurde der beruehmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen
hochmuetig starren Monokelaugen vorgefuehrt, auch vor mir taenzelte der
kokette Racker, die x-fach preisgekroente Jerseykuh, auch mir zu Ehren
wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber fuer
mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten
Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Fuer unseren
ungluecklichen Repraesentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von
frueh bis in die spaete Nacht tagtaeglich im Geschirr. Seine Nervenleistung
war so enorm, dass sie schliesslich sogar den Amerikanern imponiert hat.

Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den
Fremdling, und waere er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: "Wie
gefaellt Ihnen Amerika?" Sie sollten eigentlich fragen: "Wie halten Sie
Amerika aus?" Denn das ist, wenigstens fuer den offiziell herumgezeigten
Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drueben. Mein Gott, es ist eben
ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen
Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Groesse, Neuheit, Kuehnheit
aller ihrer Unternehmungen, dass jeder Amerikaner den Kitzel in sich
verspuert, jeden Fremden, der auf der Strasse irgend etwas anstaunt, zu
fragen: "Na, was sagen Sie dazu, elender Europaeer, bartbewachsenes
Blassgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drueben nicht!"

(M6)

In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin
interviewt. Selbstverstaendlich: "_How do you like America_" usw., und dann
kam die verfaengliche Frage: "Und was denken Sie von unserer Kultur?" Da
kratzte ich mir den Kopf und sagte: "Mein liebes Fraeulein, in diese
Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht." Und nun schlug das suesse Ding seine
wunderschoenen Augen mit einem so traurig enttaeuschten, kindlich
erschrockenen Blick zu mir empor - ich werde diesen ruehrenden Blick nie
vergessen! Und um Ihrer schoenen traurigen Augen willen, reizendes Fraeulein
von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindruecke von meiner
Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, dass bei diesem grossen
Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke,
unanstaendig gesunde Jugend ist.





                             DIE YANKEERASSE.


(M7)

Es ist ein weitverbreiteter europaeischer Irrtum, dass sich in den
Vereinigten Staaten Nordamerikas allmaehlich durch energisches Umruehren
eines ueberaus buntscheckigen Voelkergemisches die Bildung einer neuen Rasse
vollziehe. Ich gestehe, dass ich mich, bevor ich selber drueben war,
gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukuenftigen
form- und farblosen Voelkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit
offenen Augen und ohne vorgefasste Meinung sich die Menschen in den
Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts
weis machen laesst, der muss zu der Erkenntnis kommen, dass es drueben (mit
Ausnahme der suedlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvoelker gibt.
_Der Yankee aber ist ein reiner Grossbritannier oder, wenn man will, eine
Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut
staerker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen
Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den
britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden - drei
Jahrhunderte voll harter Kaempfe, wilder Arbeit und glaenzender Erfolge -
haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsaechsischen
und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der
neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden
Charakter aufzwingen muessen. Angelsaechsisch im Wesen des Yankees ist sein
Kolonisationstalent, seine Zaehigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine
nuechterne Beschraenkung auf das Naechstliegende, Nuetzliche,
Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag
zurueckzufuehren sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges
Spielertemperament, seine Begeisterungsfaehigkeit und seine leichte
Zugaenglichkeit fuer alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Saeufer und
Raufbold einigermassen beruechtigte Irlaender spielt in der Weltgeschichte
gewiss keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus
Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit ueblerer Geselle. Mit den
argen Schwaechen des Iren konnte seine katholisch gefaerbte Phantastik, sein
kindlich liebenswuerdiger Frohsinn immerhin versoehnen, waehrend die
sittenstrenge Lebensfuehrung und die ehrenhafte Geschaeftstuechtigkeit des
Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen,
boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schoene
und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusoehnen. "Der Herr ist mit uns",
war das Feldgeschrei der Pilgervaeter - aber dieser Herr war eben ein
grimmiger Spezialgott fuer die Rechtglaeubigen, d. h. also fuer die blinden
Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte
sein auserwaehltes Volk dazu, die Rothaeute mit Feuerwasser und Feuerwaffen
auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu zuechtigen. Wenn drueben nicht
anfangs die Menschen so rar und die Haende so notwendig gewesen waeren,
haetten diese europaeischen Berserker gerade so eifervoll wie die
Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten
und protestantische Sektierer gewuetet, so aber begnuegten sie sich damit,
alle denkenden Koepfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen
geschaeftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein
amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, dass bei den Puritanern ausser
Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer
Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Buerger vorgeschrieben, wie er
sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu
denken und wie er zu fuehlen habe. Selbstverstaendlich waeren diese Menschen
niemals die Begruender des groessten demokratischen Freistaates der Welt
geworden, wenn nicht ihre geschaeftlichen Interessen sie gezwungen haetten,
allmaehlich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsaetzen fallen zu
lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtruennigen, grimmig
verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegruendet, war die erste,
welche religioese Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsaetze einfuehrte,
und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien,
dass die frommen Vaeter am geschaeftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln
begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsaechsischen
Rasse der praktische Nutzen ueber allen Idealen gestanden, und ihr klarer,
nuechterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz
ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Traeumereien und eigensinnige
Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter
of fact_, und diese Eigenschaft hat die Englaender befaehigt, die
mustergueltigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren grossen Stiles
und kaltbluetige Geschaefts-Politiker zu werden. Fuer das Klima des
noerdlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die
denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevoelkerung war trotz ihrer
Kriegstuechtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenueber
verloren, denn die Indianer waren fromm naturglaeubig und darum hilflos
abhaengig von der Natur, die fuer die naturfeindlichen Puritaner nur ein
Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung
keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die
unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsaechsischen Rasse zu
verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische
Steifheit und langweilige Ehrpusslichkeit und erzeugte in der Vereinigung
jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgaengern, von willensstarken
Optimisten, dem allein das grosse Werk gelingen konnte, durch die Steppe,
durch die Wueste und ueber das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den ueppigen
Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer
Herrenrasse aufzuschwingen, der alle uebrigen von Europa nachdringenden
Voelker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mussten, wie die ungluecklichen
Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel
in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit,
dass er sich nicht einmal im Spass, d. h. im freien Verhaeltnis, viel weniger
in der Ehe, mit den Angehoerigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen
riesigen Kontinent bevoelkern, vermischt. Fuer die lateinischen Eroberer
Suedamerikas und auch der suedlichen Laender des noerdlichen Kontinents hat es
immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch
mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen?
Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das
fuer jede hoehere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfaehig, in
Leidenschaften verlottert oder in Traegheit versumpft. Solches
Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch
friedliche Mittel zu einer hoeheren Kultur emporzufuehren, denn
_Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so
mancher suedamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat
sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der groesste Luxusartikel im Lande
waren, niemals mit Indianermaedchen beholfen; seine Vernunft begeisterte
ihn zu der Grosstat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in
einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige
Moeglichkeit gewaehrte, die Plantagenwirtschaft der ueppig fruchtbaren Laender
des heissen Suedens durchzufuehren. Dennoch haelt er es bis auf den heutigen
Tag fuer die groesste Schande, die ein Weisser auf sich laden kann, sich
geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu
vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa
heruebergekommenen anderen weissen Rassen, die Romanen, die Slawen, die
Juden, ja selbst die ihm naechst verwandten Deutschen und Franzosen als
Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiss heisst er alle Voelker der Erde
vorlaeufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in
seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so
lange sie sich bescheiden gebaerden und mit Eifer nuetzlich machen, gut
gebrauchen kann. Er gewaehrt diesen Fremden das Buergerrecht, er laesst sie an
allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts
dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen,
als ihnen irgend moeglich ist, aber er weiss sie ueberaus geschickt von den
einflussreichen Staatsaemtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht
uebermaessig beflissen, um ihre schoenen Toechter zu freien oder seine schoenen
Toechter ihnen ins Haus zu fuehren. Als im Februar dieses Jahres die Tochter
des Milliardaers Jay Gould - nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen
oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen
englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren
Eltern aus allen Laendern der Union entruestete Protestkundgebungen, ja
sogar offene Drohungen, dass das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern
werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veroeffentlichten
Drohbriefe hiess: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der
freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sproesslinge
entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus
diesem Beispiel, dass der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das
eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbaermlich leicht werden bei uns in
Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine
Gelegenheit findet, den verblassten Glanz eines alten Wappens durch die
Mitgift einer juedischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Juedin
heiratet - der Fall duerfte uebrigens selten genug vorkommen - so tut er es
sicher aus Liebe, wie denn ueberhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne
unter den Yankees aeusserst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist,
den Toechtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermoegens in Gestalt
einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das
Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Faehigkeiten und zu seinem
Glueck hat, macht tatsaechlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren,
und damit ist auch schon eine starke Gewaehr fuer die Aufrechterhaltung
einer kraeftigen Rasse durch natuerliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte
Stellung der Frau spielt selbstverstaendlich unter den guenstigen
Bedingungen fuer die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die
Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen
Pionieren wie eine Halbgoettin verehrt, wie ein Kaetzchen verhaetschelt
worden. Niemals wurde ihr harte koerperliche Arbeit zugemutet, niemals
wurde ihren Schwaechen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer
sah es der Mann als eine gern geuebte Pflicht an, seine Kraefte bis aufs
aeusserste anzustrengen, um es der Frau zu ermoeglichen, sich gut zu naehren,
schoen zu kleiden und in Musse ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge
dieser Behandlung war die, dass sich die Yankee-Frau, wenigstens
koerperlich, zur schoensten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese
Schoenheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten
Europaeern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame
Ueppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie
den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fusses
und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn fuer Eleganz, in ihrem
aparten Geschmack fuer Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens
sehr nahe. Da sich diese schoene und verwoehnte Frau nur aeusserst selten zu
mehr als zwei Kindern bequemt, erhaelt sie sich lange jung und frisch, und
man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche,
muntere und huebsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt.
Uebrigens hat die Rasse von England den Sinn fuer vernuenftige Koerperkultur,
besonders fuer peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft
ist auch den Maennern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten
Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten
muessen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze
und Kaelte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den boesen Fiebern der
Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wuesteneien raffte das
widerstandsunfaehige Menschenmaterial hinweg und liess nur die Staerksten mit
dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von
Muskel- und Nervenkraft, wovon die Maennlichkeit der Nation noch auf eine
gute Weile zu zehren haben wird. Ausserdem ist es durch Gesetz streng
verboten, Kranke oder gar Krueppel aus der alten Welt an den Gestaden der
neuen landen zu lassen.

(M8)

Unmittelbar nach meiner Rueckkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes
Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste groessere Versammlung deutscher
Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefaehr vier Monaten wieder
vor Augen kam. Und ich muss gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu
erschuettert ueber den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen,
diese Bierbaeuche, Kahlkoepfe, X- und Saebelbeine, diese verpustelten und
verpickelten, graemlich grauen, brutalen oder schwaechlichen, gierigen oder
aergerlich verknitterten Gesichter gehoerten also meinen lieben Landsleuten!
Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden,
geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen kaesbleichen, blassaeugig
bloeden, stumpfnasigen, schiefzaehnigen, feuchthaendigen und dickbeinigen
Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fuerderhin ihren Nachwuchs
zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiss war es ein tueckischer
Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongress von
Missgeburten stossen liess, aber dass unsere arg vermanschte Rasse immer noch
von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer koerperlichen
Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten
Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach
englischem Muster betaetigten Saeuglingspflege und einer vernunft- und
naturgemaessen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschoenern
beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drueben in den Vereinigten
Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten
Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem
deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und
angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht
schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die
guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche
Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Faellen Toilette machen und scheint
im hoeheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser
Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, koerperlich
glaenzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist,
den Kindern die Ueberzeugung beizubringen, dass es ein unueberschaetzbarer
Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, dass sich
alle uebrigen Weltteile, alle uebrigen Voelker nicht im entferntesten mit der
unerhoerten Vorzueglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen
Yankeerasse messen koennten. Selbstverstaendlich lernt das Kind die
englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern
jemals moeglich wird. Es kommt dazu, dass das amerikanische Leben, die ganze
Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder ausserordentlich schaerft.
Da koennen nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und
sich darueber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an
boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehoert, wie ein
Yankeebuebchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen
mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten haette, veraechtlich die
Achsel zuckend entgegnete: "Ich wuerde mich doch nicht darum kuemmern, was
der olle Dutchman sagt." ("_I would'nt care, what that old Dutchman
says._") So wird es selbstverstaendlich der Kinder groesster Ehrgeiz, in
ihrem Aeusseren zunaechst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem
Wirtsvolk anzuaehneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemaess bei
den geistig beweglichsten Kindern am staerksten. Es ist erstaunlich, wie
rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern
unaehnlich werden. Die Soehne schiessen um Kopfeslaenge ueber ihren Vater
hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die
Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejuengling mit der
aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald
fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Moebeln herum, und er
trifft mit toedlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der
entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjaehrige Toechterchen aber kann
seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so
unaehnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter.
Die Yankee-Miss fuehrt in ihrer kecken Selbstaendigkeit ein so
beneidenswertes Dasein, dass jedes deutsche Maedchen, wenn anders es nicht
voellig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Haenden und Fuessen dagegen
straeuben muesste, sich von einer toerichten Mutter gewaltsam zu einem
aengstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und erroetenden,
Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.

(M9)

So spornt das Beispiel der staerkeren und gesunderen Rasse die koerperlich
und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer
maechtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen
Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten
Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind - und dennoch verhaelt
sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenueber
in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich sproede. Er sieht die Deutschen
sehr gern in seinem Lande, er schaetzt sie hoch als ehrliche, anstaendige
Menschen, die der politischen Korruption einen zaehen Widerstand
entgegensetzen, die mit ihren geschickten Haenden, ihrem Fleiss, ihrer
Geduld zu allen feineren Handwerken vorzueglich geeignet und mit ihrer
Klugheit und Gewissenhaftigkeit fuer allerlei ruhige Aemter, die dem Yankee
zu langweilig sind, und schliesslich auch in der Kunst und Wissenschaft
ganz hervorragend brauchbar sind - und dennoch gibt er ihnen seine Toechter
nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehoerigen der
romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Voelker. Sie hocken
alle in gewissen Stadtvierteln oder Strassenzuegen der Grossstaedte, oder in
kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl
mit allen Rechten des freien Buergers der Vereinigten Staaten ausgestattet,
fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es
ebenso wie in Europa zum grossen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht.
Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsaetzen der Gesetze und
Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der
Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im aerztlichen Beruf
haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne
ihrer Mitglieder sind als Inhaber grosser Bankhaeuser zu einem
weltumspannenden Einfluss gelangt, und dennoch haust die grosse Masse
derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees wuerden, wenn
man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die
Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger
findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher
Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten
Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden ueberhaupt nicht
zugelassen!

Wenn die Deutschen in der Zeit der grossen Massenauswanderung, als auf dem
nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert
waren, fuer sich ein solches Neuland erobert, zaeh festgehalten, und alle
neu zustroemenden Landsleute haetten zwingen koennen, sich dort gleichfalls
anzusiedeln, dann haetten die Deutschen einen starken Staat im Staate
bilden koennen und ihre Selbstaendigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie
sich dem Staatenbund angeschlossen haetten. Diese Gelegenheit ist endgueltig
verpasst. Aber damit sie in den anderen jungfraeulichen Weltgegenden nicht
abermals verpasst werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von
den Yankees, was das unerschuetterliche Kraftbewusstsein einer starken,
gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhaelt!





                         DER YANKEE ALS ERZIEHER.


(M10)

Die alte Erfahrung, dass junge Eltern sehr haeufig bessere Erzieher ihrer
Kinder sind als aeltere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende
Bestaetigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die uebrigen Buerger der
Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief
befangen in dem glueckseligen Taumel des Kraftueberschusses, dass sie ihre
kluegsten wie ihre duemmsten Streiche mit der gleichen schoenen Begeisterung
verueben und mit reizender Naivitaet dem eigenen Verdienst gutschreiben, was
sie oft doch nur gluecklichen Umstaenden zu verdanken haben. Der leichte
Erfolg, der den kraftvollen und ruecksichtslosen Ausbeutern jenes
jungfraeulichen Kontinents voll ungehobener Naturschaetze zu teil wurde, hat
die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und
diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswuerdigste
Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an
morgen, grundsaetzlich nicht an uebermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt
vor keinem Hindernis und troestet sich ueber alle Schwierigkeiten hinweg mit
dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen!
Weist ein Aussenstehender auf offenbare Schwaechen hin, so erwidert der
Yankee gut gelaunt: "Nun ja, Sie moegen recht haben; aber Sie sehen ja, wir
leben auch so, und wir leben recht gut!" Man laesst sich alle
Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an
ein jaehes Auf und Nieder von Ueberfluss und Mangel, von absoluter geistiger
Oede und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen Uebergaenge von
eisiger Kaelte zu gluehender Hitze gewoehnt ist. Aus dieser Quelle entspringt
der siegessichere Optimismus und die heisse Vaterlandsliebe des
amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverstaendlich alles
Amerikanische als das Beste, das Groesste, das Schoenste in der Welt, und das
juenglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso
charakteristisch fuer die Nation, wie ihre Vorliebe fuer unsinnige
Kraftproben, naerrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und laermende
Vergnuegungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis
in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben,
alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltaegliche
Erscheinungen.

(M11)

Es versteht sich von selbst, dass so geartete erwachsene Menschen fuer das
Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verstaendnis haben muessen,
als das gesetzte, bequemlich wuerdevolle Alter der Kulturvoelker unserer
alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige
Kritik und damit sehr haeufig auch den steten missmutigen Zweifel gelernt
hat. Die geistige Ueberlegenheit hoert auf, ein gluecklicher Erziehungsfaktor
zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr
geraet sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es
andererseits richtig ist, dass der Einfluss der Kameradschaft die Jugend
besser zu erziehen vermoege, als das Beispiel des Alters, so sind
zweifellos junge Voelker uns als Erzieher ueberlegen. Der Yankee vergoettert
sein Kind. Erstens einmal, weil es ueberhaupt ein rarer Artikel ist, und
zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt
gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, dass eine so stolze,
exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein muesste, die Reichtuemer
ihres Landes und die vielen glaenzenden Lebensaussichten lieber ihrer
eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzufuehren, als sie den
einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen
Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser
nahe liegenden Erwaegung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten
mehr als zwei Kinder hat, so erklaert sich das aus der eigenartigen
Stellung, die die Frau im noerdlichen Amerika einnimmt. Sie war in den
ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer
Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwuerfigen
Verehrung. Der glueckliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle
Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefaehrtin die Moeglichkeit zu gewaehren,
ihre Schoenheit, ihre geistige und koerperliche Beweglichkeit bis ins Alter
zu pflegen. Die Ansicht, dass es fuer den Mann die denkbar groesste Schande
sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja
schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, dass sie unter
den besonderen Verhaeltnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande
noch verstaerkt und sogar unvernuenftig uebertrieben werden musste. So wurde
also auch das Wochenbett unter die schweren koerperlichen Leistungen
gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht oefters zumuten duerfe, als der
Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So
ist es erklaerlich, dass bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die
ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, aeusserst selten sind. Die
wenigen vorhandenen Kinder profitieren natuerlich am meisten bei diesem
Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den
guenstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begueterte, sondern auch
das auf seine Arbeit angewiesene Maedchen in den Vereinigten Staaten hat,
erklaert es sich, dass die Geburt eines Knaben durchaus nicht hoeher
eingeschaetzt wird, als die eines Maedchens. Eine vernuenftige
Saeuglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft ueber den ganzen
Kontinent. Die Eltern sind von einer ruehrenden Geduld und Nachsicht den
Kleinen gegenueber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhoerte Roheit.
Kinderzucht in unserem Sinne wird drueben wohl nur noch von manchen der
eingewanderten Fremdvoelker, vornehmlich in deutschen Familien versucht,
aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den
Vergleich belehrt, dass sie es nicht noetig haben, sich in dem freien Lande
eine unwuerdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern
erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und
unertraeglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren
des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hueten,
deren Selbstaendigkeit zu unterdruecken. Sie geben sich die erdenklichste
Muehe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu
stimmen und behandeln die unverschaemten Gernegrosse, sobald sie aus dem
Alter der suessen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit
Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die
Kinder auch sehr fruehe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den
untersten Staenden, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die
laecherlichsten Knirpse oft schon zu selbstaendigen Unternehmern, zu fixen
kleinen Handelsleuten macht.

(M12)

Die oeffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche
Bezeichnung hat man allgemein uebernommen), sowie Volksschule
(Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder
Universitaeten. Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist
Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder saemtlicher eingewanderter
Fremdvoelker sofort fuer die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die
jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen
Juden, Syrer und Chinesen zunaechst einmal den Grundsatz eingetrichtert,
dass alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die
Verfassung der Vereinigten Staaten wird als hoechste Leistung idealen
demokratischen Buergersinnes auswendig gelernt. (Sie ist uebrigens
tatsaechlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und
edler, vernuenftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen
Heldenbeispielen nicht eben ueberreiche Geschichte des Staatenbundes gilt
als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der uebrigen Welt
dagegen als unbetraechtlich. So vernuenftig und so schoen nun auch dieser
heisse Eifer in der Foerderung der Vaterlandsliebe ist, so verfuehrt er doch
naturgemaess leicht zu ebenso groeblichen Faelschungen und Unterschlagungen
von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefaerbten Darstellungen
der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschaetzten
Schulbuch, "_History of the American Nation_" von Andrew C. Mc Laughlin,
Geschichtsprofessor an der Universitaet von Michigan, das ich mir zu meiner
eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte
Spalten umfassenden Index das Stichwort "_German_" gar nicht vor! Der
grosse und ruehmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als
Kaempfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den
verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird voellig mit Stillschweigen
uebergangen und nur der Baron Steuben fluechtig als nuetzlicher militaerischer
Drillmeister erwaehnt! Das ist ein etwas starkes Stueck und will gar nicht
dazu stimmen, dass die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem
Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der haeuslichen wie der oeffentlichen
Erziehungskunst laut verkuendet wird. Man darf es wohl den Amerikanern
glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch
die eigene Beobachtung genuegend bestaetigt gefunden zu haben, dass es ihrer
Erziehung gelinge, feige Luege und Heuchelei den Kindern schimpflicher
erscheinen zu lassen, als selbst gefaehrliche Streiche des Uebermuts und
sogar Ausbrueche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner luegt zwar, wenn es
sein Vorteil erheischt, aerger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich
dem Staate gegenueber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau - seine
Luegenkuenste werden sogar, wenn er Geschaeftsmann und Politiker ist, als
_smartness_ bewundert - aber das amerikanische Kind fuehlt sich nicht so
leicht zur Luege veranlasst, weil es nicht in steter Furcht vor Pruegeln und
sauertoepfischen Mienen aufwaechst. Auch die Schule laesst keinerlei
Duckmaeuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung,
anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Paedagogik geht darauf aus, das
Ehrgefuehl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist
ausserordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften
Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschaemung. Dadurch, dass sie
die Leistungen koerperlicher Tuechtigkeit kaum minder hoch einschaetzt als
die geistige Befaehigung, schafft sie auch fuer die minder Begabten, aber
wenigstens koerperlich gewandten und mutigen Schueler eine Moeglichkeit,
ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schueler, die sowohl in den
_Athletiks_ wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im
Laufe der Schuljahre in den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen
und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Buecherpreisen und
dergl., und diese Trophaeen aus der Schulzeit machen noch in hoeherem Alter
den groessten Stolz der Inhaber aus.

(M13)

Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin
beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute.
Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und
lebhafter, ungebaerdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der
meisten anderen Voelker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die
Lehrkraefte sind zum ueberwiegenden Teil weibliche) einer grossen Klasse von
tobsuechtigen Buben und ausgelassenen Maedels gegenueber vor. Schlagen darf
sie nicht, auch wenn sie koerperlich imstande waere, diese wilden Rangen zu
bewaeltigen. Wuestes Anschreien ist auch verpoent; wie soll sie also mit
einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzaehlt in seinem
Buche "Das amerikanische Volk" ein huebsches Beispiel, wie solch eine schon
fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde.
Sie erklaerte naemlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt,
sich die Schwindsucht an den Hals zu aergern, sie moechten sich gefaelligst
allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Praesidenten, einen
Vizepraesidenten und was sonst fuer Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte
zu waehlen und mache dann diese selbstgewaehlte Regierung fuer
Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene
_common sense_, d. h. der Instinkt fuer das Vernuenftige, brachte diese
schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu,
den besten und gesittetsten Schueler der Klasse zum Praesidenten und den
staerksten und gewalttaetigsten zum Vizepraesidenten zu erwaehlen. Der erstere
suchte durch vernuenftige Ueberredung einzuwirken, und der Vizepraesident,
als Haupt der Exekutive, verpruegelte eigenhaendig die unbotmaessigen Elemente
dergestalt, dass sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fuegen. Die
junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse ruehmen. Die
Selbstverwaltung spielt ueberhaupt eine grosse Rolle im amerikanischen
Schulwesen. Schuelerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns
unterdrueckt, sondern im Gegenteil beguenstigt. Die Lehrer unterweisen diese
Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur
darueber, dass keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen
stattfinden. Der schlimme Anreiz zur fruehzeitigen Nachahmung eines
studentischen Saufkomments fehlt den Schuelern der amerikanischen
Mittelschulen vollstaendig, da ein solcher auf den Universitaeten nicht
existiert. Und so laeuft die Haupttaetigkeit aller Schuelerverbindungen auf
Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachaeffung des politischen Lebens im
kleinen, auf Uebung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist
denn auch der, dass der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten
die rhetorische Phrase ausserordentlich gelaeufig beherrschen lernt und dass
die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzueglichen
Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den
Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf
gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an
Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlaessig
den im allgemeinen aeusserst hellen und lernbegierigen Koepfen
eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine hoechst
wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen Einwanderer durch
deren Kinder erziehen laesst. Selbstverstaendlich erlernen diese die
englische Sprache sehr viel rascher und gruendlicher als die Eltern und
werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern
ihrer Eltern in bezug auf Koerperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind,
das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird
seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Noetige zur Behebung
solcher Maengel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fuehlen sich
so beschaemt durch diese Massnahme, dass sie es in den meisten Faellen auch
bei Eltern, die einem Volke angehoeren, dem die Pflege des Drecks ein
Gegenstand religioeser Ueberzeugung ist, durchsetzen werden, dass um der
Schule willen Seife, Zahnbuerste, Kamm usw. mit der der angelsaechsischen
Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen
Faellen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher
Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen
der Eltern; oder die Angehoerigen besonderer sozialer Hilfsvereine
unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich
unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schaemen und bringen es noch auf
ihre alten Tage ueber sich, dem Weidwerk auf den eigenen Koepfen nachzugehen
und die ehrwuerdige Patina des waermenden Drecks, den sie aus Europa oder
Asien ueber das Weltmeer mit hinueber gebracht haben, den ungemuetlichen
Idealen moderner Hygiene zu opfern.





                   DAS UNIVERSITAeTSLEBEN IN DER UNION.


(M14)

Wer sich ueber die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der
europaeischen Kultur klar werden will, der moege sich nur ordentlich umsehen
auf den Staetten, wo die geistigen Werte in gangbare Muenze umgesetzt und
die grossen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, naemlich
- auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Buerger gewesen ist,
dem muss zunaechst unfehlbar der grosse Unterschied zwischen hueben und drueben
in der aeusseren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen.
Abgesehen davon, dass selbstverstaendlich der groteske Typus des Studiosus
Sueffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten,
kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmuetig blasierten
ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach
dem Typus unseres heissbeflissenen Juengers der Wissenschaft um, nach den
stubenbleichen Brillentraegern, den vertraeumten oder fruehzeitig
zergruebelten Denkerkoepfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren
ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres
Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drueben sieht man
nur frische, derbe Jungens und Maedels; die ersteren haeufig noch baerenhaft
tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der frueheren Reife
ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft
machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der groesseren oder
geringeren Zierlichkeit der Gliedmassen und Verfeinerung der Manieren. Im
Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleichartigkeit.
Die Studierenden der beiden ersten Semester werden _Freshmen_ genannt, der
zweite Jahrgang _Sophomors_, der dritte Jahrgang _Juniors_, der vierte
Jahrgang _Seniors_. Alle zusammen sind die _Undergraduates_, und was nach
dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem
Staatsexamen, noch weiter studiert, _Postgraduates_; als aeusserliches
Kennzeichen fuehren sie verschieden gefaerbte Knoepfe auf ihren Oxfordbaretts
oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17
und 19 Jahren zur Universitaet oder in die Colleges; aber nicht, wie bei
uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen
Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedaechtigen
Schritt vorwaerts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn
auch auf der Universitaet und im College sind die jungen Leute einer
Disziplin unterworfen, die ihre persoenliche Freiheit immerhin beschraenkt.
Sie wohnen in sogenannten _Dormitories_ (Schlafhaeusern), wo sie, je nach
ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten
nehmen sie gemeinsam in einer grossen Halle ein, wo sie fuer billiges Geld
eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An
denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind
fuer die Maedchen besondere Schlafhaeuser und meist auch Speisesaele
vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und
besondere Spielplaetze; dagegen haeufig gemeinsame Klublokale, wo sie
Tanzvergnuegungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder
Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren
Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (_Fraternities_ und
_Sororities_). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein.
Sie bezeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit
Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines
Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein grosses
Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen koennen
sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft
leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Haeuser, in denen sie, zum
Teil sogar recht luxurioes, wie Gentlemen und Ladies der besten
Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten
dieser Verbindungshaeuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten
behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser
Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer
wieder von dem natuerlichen Drange des Menschen nach aristokratischer
Absonderung durchbrochen wird; nur, dass es in der grossen Republik ein
selbstverstaendliches Gebot anstaendiger Gesinnung ist, Vorzuege der Geburt
und des Besitzes nicht durch anmassendes Wesen gegenueber den vom Glueck
weniger Beguenstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich
jemals beobachten koennen, dass arme Studenten und Studentinnen, die sich
durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste muehsam
durchschlagen muessen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen
unterwuerfig kriechen, oder dass jene sich diesen gegenueber einen
ueberheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnaehmen. In allen
gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der
Stolz auf ihre Alma mater aeussert sich bei allen festlichen Gelegenheiten,
namentlich bei den sportlichen Wettkaempfen mit anderen Hochschulen, in
einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen
besonderen _Cheer_, d. h. _Hochruf_, nach Rhythmus und Melodie
verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die
sportlichen Siege gefeiert, bei den grossen Wettkaempfen muss er gleich dem
Kriegsruf wilder Voelkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer
einmal - etwa gar in dem beruehmten _Stadion_ der zwanzigtausend Menschen
fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fussballmatch zwischen
Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht
vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in
den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Maersche zum besten gibt
und waehrend des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute
Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der
beiden Musikkorps sind Angehoerige der betreffenden Parteien aufgestellt,
welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den _College-Cheer_
intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gaenzlich
unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Blaeser dirigieren. Und dann
fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die
anwesenden frueheren Studierenden der betreffenden Universitaet und deren
ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit
einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, dass dem unbeteiligten Fremdling
darueber Hoeren und Sehen vergeht. Man springt auf die Baenke, man schwenkt
Taschentuecher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den
Schultern und schuetteln und stossen sich, um einander aufmerksam zu machen
auf spannende Momente oder sich zu groesserer Begeisterung fuer die Sieger
aufzuruetteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts
versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehuellten Knaeuel
grotesk bekleideter Juenglinge, der sich balgend auf dem Boden waelzt, wobei
ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Faeusten den Wind
ausblaest (_to blow the wind out_) oder die schweren Sportstiefel unter die
Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem
wuesten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Spruengen, wie ein junger
Hirsch, unter dem betaeubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit
begeisterten Landsleuten ueber den Kampfplatz stuermt.

(M15)

In diesen Wettspielen der hoechst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man
staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvoelker eine hoechst
eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schoenheit und Anmut der
nackten Griechen fehlt freilich voellig bei dieser unfoermlich wattierten,
mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgeruesteten Yankeemannschaft, aber
die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und
Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht,
kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreissender gewesen
sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das
Nasenbein oder sonstige Extremitaeten geknickt wurden, so stolz wie die
Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten
bis aufs Blut peitschen liess.

(M16)

Diese hohe Wertschaetzung der koerperlichen Tuechtigkeit, die uebrigens
keineswegs nur auf das maennliche Geschlecht beschraenkt ist, traegt sehr
viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus
eigenartiges Gepraege zu verleihen. Ich habe mir des oefteren erlaubt,
amerikanischen Studenten gegenueber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, dass
diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschlaeger, Ruderer,
Wettlaeufer und Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer
wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmaessig die Antwort
bekommen, dass meine Zweifel durchaus unbegruendet, vielmehr unter den
hervorragenden Athleten haeufig auch die tuechtigsten wissenschaftlichen
Begabungen, zum mindesten aber die fleissigsten Bueffler zu finden seien.
Weit weniger sichere und selbstbewusste Antworten dagegen erhielt ich, wenn
ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar
nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hiess es meist: "Ach,
darueber zerbrechen wir uns vorlaeufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen
gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti
oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht." Ein
anderer sagt: "O, ich trete einfach in das Geschaeft meines Vaters ein, da
brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans." Da die
englische Sprache keinen praezisen Ausdruck fuer Weltanschauung kennt, so
ist es ueberhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu
machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen
Volkes sitzt ihm so tief im Gebluet, dass er kaum begreift, wie man sich von
Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden
Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen koenne. Er fuehlt nicht
den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu ueben,
weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen
Erfahrung ueberall bestaetigt findet, dass fuer einen Buerger der Vereinigten
Staaten ueberall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Betaetigung seiner
Kraefte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft
gesund fuer Leib und Seele - aber fuer die wissenschaftliche Erkenntnis ist
sie nichts weniger als foerderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem
Gegebenen bleibt eben kein Platz fuer den fruchtbaren Zweifel und fuer die
Unersaettlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im
allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare
praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller
amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf
eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach
seine natuerlichen Instinkte sich freudig draengen, so sind auch die
Universitaeten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu zuechten, sondern ihre
Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das
_refinement_ der hoeheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu
geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische
Student glaubt an sein Lehrbuch und schwoert auf die Worte seines Lehrers.
Er lernt fleissig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschraenkt
sich auf die Faecher, die ihm fuer seinen kuenftigen Beruf als notwendig
vorgeschrieben sind. Ueberfluessige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit,
sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schoengeist zu glaenzen, und um sich
von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den
Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der
Ehrgeiz, den Prometheusfunken schoepferischen Instinktes, der etwa in den
jungen Koepfen seiner Hoerer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen
und die Methoden selbstaendiger wissenschaftlicher Forschung diesen
zukuenftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begnuegt sich meistens damit,
sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und
Aufgabenstellen dafuer, dass sie sich dies Fachwissen gruendlich einpraegen.
Er ist daher in weitaus den meisten Faellen nach unseren Begriffen selber
gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein
Experte, ein Korrepetitor. Unter den ueberaus zahlreichen Professoren
deutscher Abstammung, die es drueben als Universitaetslehrer zu grossem
Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals
wissenschaftlich betaetigt hat und als einfacher Toechterschul-, Real- oder
Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene
Handlanger der Wissenschaft drueben als gute Paedagogen, bei denen die
Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu
Hochschullehrern aufzuruecken. Anstandshalber pflegen sie dann einen
Leitfaden, ein Kompendium oder eine populaere Darstellung ihres speziellen
Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten
der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die
meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und
pauken dies gewissenhaft den Schuelern ein. Schueler bleiben die Studenten
ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der
_Freshman_ birgt in seinem Schaedel keineswegs jene beaengstigende Masse
verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schueler
im Abiturientenexamen nachweisen muss. In den philologischen Faechern,
namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines
deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und
Geographie weiss er vielleicht so viel, dass er bei uns das
Einjaehrigenexamen bestehen koennte, und in den Realien etwas mehr. Wer also
eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer
Obersekunda und Prima erst auf der Universitaet durch; die uebrigen werfen
sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie spaeter ihren Beruf zu machen
gedenken. Es gibt besondere Drillanstalten fuer Juristen, fuer Mediziner,
fuer Theologen - die letzteren werden von den einzelnen Denominationen
(Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am staerksten besucht und am
glaenzendsten ausgestattet sind die Institute fuer die technischen Berufe,
die chemischen und physikalischen Laboratorien, die
Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen fuer den
Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw.
usw. Weitaus die meisten Universitaeten sind im Grunde nichts anderes als
technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultaet, eine
juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind,
ganz aehnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen
ueber Nationaloekonomie, Literatur und Kunstgeschichte, ueber Philosophie und
dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstaende gehalten
werden. Es ist ja sehr begreiflich, dass vorlaeufig noch die weitaus
ueberwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich
nach den Berufen draengt, welche noch auf lange Zeit hinaus die groesste
praktische Bedeutung haben werden. Fuer Hoch- und Tiefbauingenieure,
Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker
gibt es selbstverstaendlich in dem Riesenkontinent mit den grossen, noch
unerschoepften Moeglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als fuer die
Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an
Ehrfurcht grenzende Hochachtung fuer die seltsamen Idealisten, welche,
anstatt ihre Schoepfkellen unter die zurzeit noch ueppig sprudelnden
Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten
Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach
Regenwuermern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Kaeuze, die
imstande sind, sagen wir ueber das Alpha privativum im Griechischen dicke
Waelzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung
irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung
keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar
solche Kaeuze - sie sind uebrigens fast alle Deutsche - sehr gut und ist
besonders stolz auf ihren Besitz - aus demselben Grunde, aus welchem man
unerhoerte Summen aufwendet, um allen moeglichen alten Troedel aus Europa
neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und oeffentlichen
Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen,
dass man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten
koenne und dass man keineswegs den uebeln Ruf verdiene, ein Volk von
Emporkoemmlingen zu sein, das nur fuer materielle Dinge Achtung und
Verstaendnis besitze.

(M17)

Es ist charakteristisch, dass es drueben Privatgelehrte wohl ueberhaupt nicht
gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren
praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer
Universitaetsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als
sorgfaeltig unter Glas verwahrte Raritaet. Es gibt also auch kein gelehrtes
Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen
wir das junge Land nur beneiden koennen. Jeder akademische Buerger ist
imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat,
spaeter praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen
Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt,
der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde
findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur
einen Stoss zu geben und die Annehmlichkeiten einer oestlichen Grossstadt mit
der Langenweile eines wildwestlichen Standquartiers zu vertauschen, so
wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben
Geschaeftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernuenftiges. Seine Bildung braucht
ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft
schicken ihre Soehne scharenweise auf die Universitaeten, um sich dort
allgemeine Bildung und nuetzliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das fuer
die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende
Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Uebrigens
finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen
Lehrtaetigkeit widmen wollen, als _Postgraduates_ auch in Amerika reichlich
Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt
weder an hervorragenden Kapazitaeten in fast allen wissenschaftlichen
Faechern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind ueberaus reich
ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete
werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie
sicher Maezene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermoeglichen,
wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten.

(M18)

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass die Frische und Freudigkeit,
die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft
auffaellt, die glueckliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller
Verhaeltnisse drueben ist. Der junge Mensch kommt nicht als ueberfuettertes
Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schoensten
Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht
einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch
ohnmaechtiges Zaehneknirschen wider ein verhasstes System und deren lebendige
Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern
entgegen und braucht sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu
quaelen: wozu bueffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein
Wissen auch ein sicheres Auskommen gewaehren, oder wird die einzige
Vergeltung fuer dein hoeheres Streben darin bestehen, dass du einst als
abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein duerftiges
Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewoehnliche Amerikaner durch das
Bewusstsein, dass ihm alle Wege offen stehen, zur hoechsten Anspannung seiner
Kraefte angefeuert wird, so muss dieser Auftrieb natuerlich noch viel staerker
sein bei den jungen Auserwaehlten der Nation, die ja den Wettlauf um die
hoechst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen naeher an diesem Ziele
beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer
Verehrung zu jedem jungen _Harvard-Yale-Columbia-Cornellman_ wie zu einem
hoeheren Wesen auf, denn er weiss, dass diese strammen Burschen einst die
Richter, die Aerzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und dass ohne
Zweifel geniale Erfinder, Kulturfoerderer grossen Stils, auch wohl
Praesidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe
Wertschaetzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schoensten
Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute
aus einfachsten Verhaeltnissen fuerstliche Stiftungen fuer wissenschaftliche
Zwecke machen. Sobald eine Universitaet in Verlegenheit ist, woher sie das
Geld beschaffen soll fuer notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer
Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort
Praesident genannt, nur ein paar notorische Millionaere der Stadt oder des
Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die noetige
Summe zusammenzubringen. Unsere Grossindustriellen spenden ihre
Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schoene Orden zu bekommen;
drueben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebaeude, ein Laboratorium, eine
Klinik ihren Namen traegt. Der Holzhaendler Cornell hat die nach ihm
genannte, jetzt hoch beruehmte Universitaet von Ithaka ganz und gar aus
eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so
eifrige Nachahmung gefunden, dass heute schon die wissensdurstigen jungen
Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere
Heimat zu verlassen brauchen, um hoeheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt
schon eher zu viel als zu wenig Universitaeten und Colleges(2). Die grosse
Wertschaetzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes aeussert sich
manchmal auch in einer Weise, die uns einigermassen naiv erscheint. Die
Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der
ganzen Welt fertig herueber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast
ausschliesslich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint
dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen
Zauberkuensten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische
Lehrer in der Oeffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa.
Waehrend z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem
Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird
er in den Vereinigten Staaten als sachverstaendiger Berater und taetiger
Mitarbeiter zu allen oeffentlichen Angelegenheiten herangezogen. Er
schreibt fleissig fuer die Tageszeitungen, er haelt populaere Vortraege, er
beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen
diplomatischen Betaetigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D.
White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen
Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten
einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der
Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben
muss.

(M19)

Eine schoene Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beitraegt, die
geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu foerdern, ist
die, dass man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstaedte mit
landschaftlich schoener Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberuehmten
Universitaeten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington
und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der _Campus_, d. h. das
Gelaende der Universitaet, befindet sich ausserhalb der Ortschaften, mit
Vorliebe auf Anhoehen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch
ein ueppiger alter Baumwuchs der schaendlichen Waldvernichtung der ersten
Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander
gedraengt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so dass
die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich
Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist
selbstverstaendlich ueberall reichlich gegeben, wie man sich denn ueberhaupt
einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettlaeuft usw. gar nicht
vorstellen kann. Die kleinen Staedte bieten so gut wie keine Ablenkung oder
gar gefaehrliche Versuchung fuer die jungen Leute. Was sie brauchen an edler
geistiger Zerstreuung, an kuenstlerischer Anregung, das schaffen sie sich
selbst in ihren Vereinen fuer Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und
festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und
Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universitaet
herum und verdienen sich ein huebsches Geld mit Konzerten, das sie nicht
selten dazu verwenden, hervorragende Saenger und Virtuosen kommen zu lassen
und ihren Kommilitonen vorzufuehren, ja wohl gar hauptstaedtische
Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer
und bevorzugten Schueler der Berkley-University von Kalifornien alljaehrlich
in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und
Blockhuetten, die zum Teil im Geaest der riesigen Mammutbaeume (Sequoia
gigantea) errichtet werden und betreiben waehrend dieser Zeit die
Einstudierung und Auffuehrung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel.
_Bohemian Jinks_ nennen sie diese Freilichtspiele (etwa "zigeunerische
Luftspruenge" zu uebersetzen), fuer die sie aus eignen Kraeften Dichtung,
Musik, Kostueme und Darsteller liefern. Waehrend dieser heiligen
Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es
werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von
jungen Maennern dargestellt. Im uebrigen sorgt die an den meisten
Hochschulen bestehende _Coeducation_ (kurz _Coed_ genannt) dafuer, dass die
jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren
im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes
Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom
zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die
jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast
jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein _best girl_, mit dem
er "geht", wie man bei uns sagen wuerde. Diese Kameradschaften sind aber
durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit der
_collage_ des franzoesischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu
standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von
sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen
schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau
wissenschaftlichen Geistes der Ruecksichtnahme auf die weiblichen Studenten
zu.

Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den
gemischten Universitaeten. Ich wuesste nicht, wo ein junges Maedchen mit
starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben waere, als z. B. in
Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser
Frauenakademie durchblaettert, erstaunt man ueber die schier fabelhaften
Bildungsmoeglichkeiten, die hier den Toechtern der Neuen Welt geboten
werden. 17 maennliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und
Assistenten lehren an dieser ueberaus reich dotierten Hochschule. Um
aufgenommen zu werden, muss die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte
1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten
Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die
Anzahl der Punkte bedeutet naemlich die Anzahl der Jahre, die der Schueler,
bei durchschnittlich 5 woechentlichen Stunden, auf den betreffenden
Gegenstand verwendet haben muss, und durch ein Abgangszeugnis oder ein
Examen muss er beweisen, dass er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um
einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte
zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung
angekuendigten Vorlesungen aufzaehlen:

(M20)
       1.   Elementarkursus, Grammatik, Uebungen im Sprechen, Lektuere,
            Auswendiglernen von Gedichten.
     2-4.   Vorbereitungskurse fuer deutsche Literaturgeschichte.
       5.   Repetitions- und Erweiterungskurs fuer Grammatik und Stil.
       6.   Freie Reproduktion. Buehnendeutsch. Uebungen im muendlichen und
            schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in
            Amerika erschienener Texte.
       7.   Uebungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluss an die
            Literaturgeschichte.
       8.   Geschichte der deutschen Sprache.
       9.   Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Goetter- und
            Heldensagen).
      10.   Goethes Leben und Werke.
      11.   Das Drama des 19. Jahrhunderts.
      12.   Der deutsche Roman.
      13.   Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs.
      14.   Literaturgeschichte bis Goethe.
      15.   Mittelhochdeutsch.
      16.   Die romantische Schule.
      17.   Lessing als Dramatiker und Kritiker.
      18.   Schiller als Philosoph und Aesthetiker.
      19.   Goethes Faust.
      20.   Schillers Leben und Werke.
      21.   Stiluebungen.
      22.   Gotisch.
      23.   Die deutsche Lyrik und Ballade.
24 u. 25.   Studien zur modernen deutschen Sprache.

(M21)

Demgegenueber stehen 45 Vorlesungen ueber englische Sprache und Literatur,
21 ueber Geschichte, 29 ueber Hygiene und koerperliche Ausbildung, wobei
Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind.
Ferner 18 Vorlesungen ueber lateinische Sprache und Literatur, 11 ueber
reine und 5 ueber angewandte Mathematik, 18 ueber Musik, 29 ueber Philosophie
und Psychologie, 19 ueber Soziologie und Nationaloekonomie, 6 ueber
Astronomie usw. usw. Die jungen Maedchen duerfen aber keineswegs nach ihrem
Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist
ihnen vorgeschrieben, und sie koennen nicht zu den hoeheren Offenbarungen
vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, dass ihnen die
niederen Grade gelaeufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune
bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser
zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf
der eignen niedlichen Buehne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu
vergnuegen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren,
so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus
reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehoeren, ihre eignen
Haeuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages
sich darbieten. Das Gebaeude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr huebsch
das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Faecher
sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser
Akademie, die sich also darauf beschraenkt, den jungen Damen eine
humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu
vermitteln. Wenn die Qualitaet der Lehrenden auch nur einigermassen der
landschaftlichen Schoenheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller
praktischen Einrichtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das
gegenwaertige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und
Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt
deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht
sein sollen. Unter den Studierenden sind Toechter fast aller
Bevoelkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb
gesunden, ein bisschen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Buergertoechter
der staedtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitaeten mit _Coed_.
Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Toechtern der vornehmeren
Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen
letzteren die spezifisch amerikanischen Schoenheiten sind. Das kommt daher,
dass die Amerikanerin die Schoenheit als einen Beruf fuer sich betrachtet,
als ein Kapital, das unter allen Umstaenden sich reichlich verzinst. Die
jungen Schoenheiten suchen ihre Erfolge ausschliesslich auf dem Parkett des
Salons, und die noetige Fertigkeit zur Lieferung des seichten
Salongeschwaetzes, mit dem sich drueben die elegante Welt der Amuesierlinge
begnuegt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und
ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, dass das
amerikanische Salongeschwaetz kaum auf der geistigen Hoehe des englischen,
dagegen noch betraechtlich unter der des franzoesischen und deutschen
Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann
man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann
und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, dass man mit ihnen wie mit
gebildeten Menschen reden duerfe - und man wird sich selten enttaeuscht
sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen
Toechterchen, ohne sie gerade zu Gelehrten zu machen, eine solide
weltlaeufige Bildung zu verschaffen, taeten gut, sie auf die amerikanischen
Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes
mitbringen sollten, als einen abgehaerteten geschmeidigen Koerper,
vernuenftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten
Dingen, so wuerde das immerhin wertvoller fuer sie sein, als was die
ueblichen Pensionate der franzoesischen Schweiz oder die Klosterschulen fuer
die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen.

(M22)

Mir persoenlich scheint ueberhaupt das ganze amerikanische
Unterrichtssystem, und besonders das der Universitaeten, gerade fuer uns
sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein
vernuenftig beduenken, dass die Zuegellockerung der strengen Schuldisziplin
zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20.
Jahre erfolgt, und dass dann die ueberschaeumende Kraft des ungebaerdigen
Juenglings bezw. des lebenshungrigen Maedchens nicht sofort in eine
schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem
Wohlwollen und Verstaendnis fuer die Jugend geleitet wird. Es ist ueberaus
bezeichnend, dass, wie die kuerzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete
Umfrage bei einer grossen Anzahl bekannter fuehrender Deutscher bewiesen
hat, ausser den spaeteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmaennern
und Theologen, fast saemtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit fuer die
schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklaerten; wogegen umgekehrt in
Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schueler- und
Studentenzeit als auf die schoenste seines Lebens zurueckblickt. Moegen
unsere hoechsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich fuer die
besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie ausser acht
gelassen werden, dass von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten,
die alljaehrlich unseren Universitaeten zustreben, doch nur eine
verhaeltnismaessig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich
traegt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universitaet die denkbar
beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwaehlten
willen aber wird die gewaltige Ueberzahl mehr auf das Praktische
gerichteter Geister, aus denen zwar keine schoepferischen Gedanken, wohl
aber viel nuetzliche Lebensarbeit herauszuholen waere, durch ein System
vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhasstes
Schrecknis bleiben muss. Dieses System zuechtet Noergler und Hasser, es ist
auch schuld daran, dass jener garstige Hochmut sich in den Koepfen der
Auserwaehlten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme
Volksfeindschaft hineintreibt und gaenzlich schiefe Lebensanschauungen in
ihnen gross zieht; es ist aber auch schuld daran, dass so viel
hoffnungsvolle Jugend auf den Universitaeten verbummelt. Sollte nicht
schliesslich ein junges Geschlecht von frohen, fuer die hoechsten Berufe der
Gegenwart gut ausgeruesteten Akademikern auch unserer Nation von groesserem
Werte sein, als die jetzige Ueberfuelle an wirklichen und verunglueckten
Gelehrten? Ich bin ueberzeugt, dass wir durch eine teilweise
Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzuegen nichts
einbuessen wuerden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden,
ebenso wie das kuenstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets
eine Besonderheit des deutschen Universitaetslehrers und Studenten bleiben,
einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die
Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine grossen Philosophen,
Dichter, schoepferischen Forscher hervorgebracht, weil ihr Schulsystem zu
diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als
Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten
Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der
starken Inanspruchnahme aller geistigen Kraefte durch rein praktische
Aufgaben ueberhaupt noch gar keine Moeglichkeit gehabt haben, nach jener
Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbstaendige Wissenschaft und eine
nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den
verschiedenartigen Voelkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine
neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan
sein wird, dass alle feineren Geister fuer die Beschaeftigung mit den
vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu
hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich
viel geaendert werden muessen. Die wissenschaftlichen Leistungen der
Studierenden werden selbstverstaendlich gleichen Schritt halten mit denen
der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher
durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein
hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen
Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; fuer Amerika
ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die
beliebten demokratischen Vorurteile laechelnd beiseite schiebt. Es wird
aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch
bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der
wissenschaftlichen Kritik sich ueberhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt
gebieten laesst, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst koennen
wir von dem amerikanischen Volke verlangen, dass es grosse Kuenstler und
originale Denker hervorbringe. In den regsamsten Koepfen, in den tiefsten
Gemuetern dieses Volkes ist schon jetzt eine grosse Sehnsucht lebendig nach
jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate
europaeischer Arbeit nuetzlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege
und Setzer neuer Ziele werden koennen. Das beweist der ungeheure Zulauf,
welchen die oeffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vortraege der
Wanderredner und besonders gemeinnuetzige Institute, wie die Sommerschule
in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel
wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andaechtig
den Vortraegen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europaeer
werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch laenger unseren
Vorrang des weisen Alters behalten und der maechtig emporstrebenden Neuen
Welt die Leitsaetze fuer ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung
liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, dass man von der Jugend immer
lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber
schwerlich jemals ueberfluegeln koennen. Wir werden an ihr alsdann keinen
verhoehnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden
besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben
Hoechstzielen wahrer Kultur nach.





                      OeFFENTLICHE UND PRIVATE MORAL.


Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen
sich allgemein darueber, dass sie gezwungen seien, ihre Berichte den
Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu faerben und so dazu
beizutragen, dass diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Dass sie
Ungluecksfaelle nur kabeln duerfen, wenn sich ueber zehn Tote ergeben haben,
ist ja eine ganz weise Beschraenkung, aber dass sie sich genoetigt sehen,
immer nur sensationelle Faelle von wuester Korruption in der Politik, in der
Rechtsprechung, im Gebaren der grossen Truste, offenbare Verruecktheiten und
groteske Reklamemanoever auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels
und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schliesslich groebste
Familienskandale aus der Welt der Milliardaere zu berichten, das ist doch
recht bedenklich. Selbstverstaendlich sind gerade die guten Buerger jeder
Nation ueberzeugt, dass die allgemeine Ordnung der Dinge, die oeffentliche
wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem
anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natuerliche Neigung zur
Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der
oeffentlichen Aufklaerung, zu unterstuetzen; denn die Unterschaetzung fremder
und noch dazu rasseverwandter Voelker kann unter Umstaenden doch recht ueble
Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut
aufgemacht und aufmerksam zugehoert hat, wenn er wohlunterrichtete Leute
drueben die Verhaeltnisse besprechen hoerte, gestattet, mein bescheidenes
Teil zur Aufklaerung ueber die wichtige Frage der oeffentlichen und privaten
Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen.

(M23)

Die Korruption in der Politik ist ein oeffentliches Geheimnis und wird von
niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl
der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes
und besonders des Umstandes, dass sich alle vier Jahre verfassungsgemaess ein
Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen muss. Dass jeder neue
Praesident, Gouverneur, Buergermeister usw. seine guten Freunde und
Verwandten in die eintraeglichsten und einflussreichsten Stellungen zu
bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darueber
nicht weiter zu entruesten; aber die ebenso selbstverstaendliche Folge, dass
der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwaehrend in
Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschaeftigten Staatsbuerger natuerlich
unmoeglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern.
Er muss notgedrungen diese Betaetigung Leuten ueberlassen, die daraus einen
Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der
Geschaeftspolitiker. Da selbstverstaendlich diese, die sogenannten Bosse,
nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden koennen, so schaffen
sie sich ihre Einkuenfte dadurch, dass sie sich fuer die Unterstuetzung bei
Wahlen, fuer die Erlangung von oeffentlichen Aemtern, von Privilegien und
Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres
ein, dass sich nicht die Bluete der Nation, sondern nur machthungrige und
geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschaeft hergeben, und
dass diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem
intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu
verhelfen, sondern demjenigen, der am meisten zahlt. Da es nur zwei grosse
politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier
Jahre die Chance eines voelligen Systemwechsels durch den Sieg der
Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen Aemter, die ganze
Beamtenschaft, vom Praesidenten bis zum Ofenheizer im Weissen Hause, an die
Anhaenger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Boss am besten
geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, dass bei solchem System Staat
und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte fuer noch
schlechtere einzutauschen, und dass die oeffentliche Moral dadurch
schaendlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen
wollen, dass die Vereinigten Staaten bisher noch immer tuechtige, zum
mindesten doch anstaendige Praesidenten gehabt haben, und dass in die
obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige
Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man
den hochentwickelten _common __sens_, den gesunden Menschenverstand der
fuehrenden angelsaechsischen Rasse in Betracht zieht. Der anstaendige
Geschaeftsmann und die hoeher gebildeten Klassen ueberhaupt kuemmern sich um
das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit
dem gluecklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die
tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch
die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, dass die Bosse irgend
etwas im Schilde fuehren, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die
Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der
Verfassung geht, so tun sich ein paar einflussreiche Leute von tadellosem
Leumund zusammen - die fuehrenden Deutschen sind immer bei dieser
Anstandspartei zu finden - und klaeren durch geeignete Massnahmen die Massen
der Waehler ueber den Unfug auf, der veruebt werden soll. Und siehe da: immer
gelingt es der Wucht der oeffentlichen Meinung, wenigstens die groebsten
Schandtaten zu verhindern, die unmoeglichsten Kandidaten beiseite zu
schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die
Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unuebertreffliches Werk
genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souveraene Volk durch
seine Erwaehlten in den Einzelstaaten machen laesst, werden fuer vorzueglich
gehalten. Das ewig verdrossene Noergeln an den Gesetzen und oeffentlichen
Einrichtungen, jenes hoechste Vergnuegen des deutschen Bierbankpolitikers,
kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fuegt sich sogar in
Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, dass anders die Ordnung nicht
aufrechterhalten werden kann. Im uebrigen aber tut doch jeder, was ihm
beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram
passen. Man weiss, dass die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den
Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man weiss, dass sogar die
Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter
zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den
schreiendsten Missstaenden schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben
laesst, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenraender beschmutzt
und daher den Pfuetzen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine
persoenliche Bewegungsfreiheit und seine geschaeftlichen Unternehmungen
nicht empfindlich stoeren, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und
goennt den zahlreichen Mitbuergern, die von den Maengeln dieser Gesetze
leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschaeftsleuten und
geistvollen Hochstaplern, ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten
Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Koenigen
der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums koennen ja ueberhaupt
die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst juengst wieder in dem
vorsichtig weitmaschig abgefassten Urteil des obersten Gerichtshofes in
Sachen des Oeltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz grossen Herren, in deren
Macht es steht, die Bundesarmee gegen missliebige Nachbarn mobil zu machen,
oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzaehlige Betriebe lahmzulegen,
Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureissen, mit denen
huetet sich natuerlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der
Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die
kleineren Machthaber irgendwie laestig, so versteht man ihnen selbst in dem
Falle beizukommen, dass die Behoerde gegen sie ihre Pflicht vernachlaessigt.

(M24)

Ein huebsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in
St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst
unertraeglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale
herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte fruehlingsheiter
vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt
einfuhr, verblasste ploetzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten
Fettfleck in einer Wand gleichmaessig grauen, schweflig riechenden Nebels,
der selbst die naechsten Gegenstaende nur in verschwommenen Umrissen
erscheinen liess. In den Haeusern herrschte eine erstickende, verbrauchte
Luft, weil man kein Fenster oeffnen konnte, ohne dass sofort eine dichte
Russschicht, wie von einer schwer blakenden Oellampe, sich auf alle
Gegenstaende im Zimmer legte. Wenn man ueber die Strasse ging, waren Kragen
und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einliess, so
schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll
von Entruestungsartikeln ueber diesen schmachvollen Zustand. Ueberall
erschollen laut die Stimmen der Sachverstaendigen mit Vorschlaegen zur
Beseitigung des Uebels. Man erinnerte sich ploetzlich wieder, dass es im
Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzuegliche gesetzliche
Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen
Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und aehnlichen
Massnahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer
hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu stuerzen wegen
dieser aergerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der
Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermassen guenstig
wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden
Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen
mussten, ihre Lungen genuegend mit Sauerstoff fuettern. Es musste wohl immer
noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute
Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmaessigen Umbauten zu
bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, dass ein
vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um
ein moeglichst grosses Damenpublikum fuer ihre Zwecke herbeizuziehen,
kuendigten sie mit gehoeriger Reklame ein Konzert meiner Frau an.
Vierzehnhundert Frauen und Maedchen aus den besten Kreisen wurden hierzu
zusammengetrommelt und nach Schluss der musikalischen Darbietungen ersuchte
die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich ueber
die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. Es war alles so gut
vorbereitet, dass in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine grosse
Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus
gewaehlt und die notwendigen Mittel zur Ausfuehrung des Planes gezeichnet
waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft uebernahm es
naemlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit
Weichkohlenfeuerung einzudringen und noetigenfalls Tag und Nacht Patrouille
zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Missachter der Gesetze
zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebuehrend bestraft und die
vorgeschriebenen Massnahmen gegen den Rauch tatsaechlich ausgefuehrt waren.
Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor
energischen Frauen kapituliert der Yankee immer.

(M25)

Die Zuversicht, dass aus allen Schwierigkeiten und Uebelstaenden, wenn auch
vielleicht erst im Moment der hoechsten Gefahr, und wenn sie bis zur
Unertraeglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die
Rettung kommen muss, erhaelt dem Volke seinen optimistischen Gleichmut.
Selbstverstaendlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor
Paragraphen oder Untertaenigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergraebt sogar
recht bedenklich die Disziplin, ohne die schliesslich keine Ordnung
irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und
Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege
bis zum Grabe von den Behoerden so ruecksichtsvoll eingezaeunt wird, kann man
sich drueben fast voellig sparen, da sie doch keine Beachtung finden wuerden;
aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, dass Vorsicht, Unterordnung,
Geduld und Ruecksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da uebt er sie
auch ohne Warnungstafeln und ohne Einschuechterung durch saebelfuchtelnde
Schutzleute aus. Dem Europaeer faellt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im
Strassenverkehr der Grossstaedte sehr angenehm auf; nie hoert man wild
aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedraenge; nie werden
Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit
einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Strassenkreuzungen den
kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung
ab, dass um 6 Uhr abends alle Geschaefte geschlossen werden. In den Strassen-
und Untergrundbahnen, in ueberfuellten Lokalen jeder Art macht jedermann
bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in
der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschaeftsschlusses war, so
waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, dass der
beruehmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da draengte sich auf
einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen
Schaukelpferd herein. Die Maenner auf der hinteren Plattform schufen der
Frau mit kraeftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins
Schwanken, man trampelte sich gegenseitig kraeftig auf den Zehen herum, die
hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stiessen einigen
Passagieren in die Baeuche oder gegen die Kniescheiben - und dennoch zeigte
sich niemand gekraenkt oder nervoes gereizt. Mit ein paar gutmuetigen
Scherzen ging man ueber die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns waere ein
Sturm der Entruestung losgebrochen. Auch der eiligste Geschaeftsmann wartet
geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und
niemals wird ein hoeher Gestellter versuchen, fuer sich Ausnahmemassregeln
durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der
oeffentlichen Hygiene werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem
vernuenftigen Menschen klar ist.

(M26)

Hoechst merkwuerdig ist die Art, wie der Yankee oeffentliche Fragen loest, die
anderwaerts der Polizei die allergroessten Schwierigkeiten machen und ueber
die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die
Koepfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee naemlich
einfach dadurch, dass er erklaert, sie existierten gar nicht. Der
Prostitution z. B. ist im Gesetze ueberhaupt nicht Erwaehnung getan, und in
den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Maennern nennt man
die Prostitution verschaemt "das soziale Uebel" (_the social evel_), aber in
der Oeffentlichkeit erwaehnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals,
weil die jungen Maedchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und
weil man annimmt, dass der Amerikaner ueberhaupt viel zu anstaendig sei, um
irgendwelcher heimlicher Notbehelfe fuer die Forderungen seines Trieblebens
zu beduerfen. Dessenungeachtet weiss selbstverstaendlich jeder erwachsene
Mensch, dass die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten,
auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer gross ist. Die Polizei hat dafuer
zu sorgen, dass die Oeffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat
also nicht nur die oeffentlichen Haeuser, sondern auch jede einzeln
flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die oeffentlichen
Gerichtshoefe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten
beschaeftigen muessten, so koennte es nicht ausbleiben, dass das Publikum auf
diese Dinge aufmerksam wuerde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze
des Totschweigens unverbruechlich treu blieben. Folglich duldet es die
Behoerde wissentlich, dass die Polizeiorgane sich von den Uebeltaeterinnen
dafuer bezahlen lassen, dass sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und dass
die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafuer
entrichten, dass sie sie vor Konflikten mit Behoerden bewahren.
Selbstverstaendlich erhalten solche Haeuser keine polizeilichen
Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien
Prostitution. In den Adressbuechern figurieren jene Damen als Ladnerinnen,
Naeherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhaeuser
werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevoelkert,
und zwar vornehmlich mit - wahlfaehigen Maennern! Man bedient sich zu diesem
Zweck der Namen laengst verzogener oder gar verstorbener Persoenlichkeiten.
Durch dieses schlaue Manoever waechst bei den Wahlen dem Boss fuer jede
Gefangene einer solchen Lasterstaette ein Wahlzettel fuer seine Partei zu.
Eine Folge dieser unerhoerten Heuchelei ist auch die, dass die Bestrebungen
des internationalen Vereins gegen den Maedchenhandel in den Vereinigten
Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschaefte, der
weisse Sklavenhandel, blueht im Gegenteil in den nordamerikanischen grossen
Hafenplaetzen wo moeglich noch ueppiger als in denen Suedamerikas. Die dunkeln
Ehrenmaenner, die sich mit diesem schmutzigen Geschaeft befassen,
ausschliesslich galizische, ungarische und rumaenische Juden, fuehren der
Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche
Summen zu.

Es ist juengst ein Roman ueber diese Zustaende erschienen: "_The House of
Bondage, by Reginald Wright Kaufmann_". Es duerfte wohl das erstemal sein,
dass in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der
Dichtung eroertert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine
literarische Qualitaet anbetrifft, nicht entfernt mit Else Jerusalems "Der
heilige Scarabaeus" messen, und es ist bezeichnend, dass der mutige
Verfasser selbst mit dem groessten Eifer betont, er habe in diesem Werke
nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten
wollen. Im Anhang des Buches sind all die behoerdlichen Aktenstuecke
abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers
gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehoert, ob die Zeitungen
angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen
heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behoerden
zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die
niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbusse an ihren
Einkuenften erleiden wuerden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen
schoenen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, dass der junge
Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen
Einwanderern vertretenen Sprachen uebersetzen und in vielen Tausenden von
Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Toechter ja
hauptsaechlich gefaehrdet sind, verteilen liess. So kann wenigstens nicht
mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Maedchen dafuer verantwortlich
gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller
geraten.

(M27)

Fuer uns Europaeer ist es schwer begreiflich, dass in demselben Lande, in
welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte
in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den
Reportern sicher ist, aus Anstandsruecksichten in der gesamten Tagespresse
kein Wort ueber ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des
beruehmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben
hier den fuer uns ueberaus seltsamen Fall, dass selbst der indiskreteste und
von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der
Journalisten aus Patriotismus eine verblueffende Selbstverleugnung uebt. Die
verehrten Pilgervaeter schon haben das Dogma aufgestellt, dass in den
Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert
sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe
wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt,
der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen
oder auf einer einsamen Insel wohnen koenne, ohne menschliche Begierden zu
verspueren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht
sagt, dass seine smarten Geschaeftsleute die groessten Gauner der Welt seien;
aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller duerfen es nicht
wagen, einen Yankee als Verfuehrer der Unschuld hinzustellen. Die
schaerfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, muessen
dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem
Heimatlande unmoeglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses
starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, dass es im
Yankeelande eine pornographische Literatur ueberhaupt nicht gibt, dass die
schluepfrigen franzoesischen Schwaenke der Buehne ferngehalten und der Import
von pikanter Lektuere, Bildern und dergleichen hoechstens auf ganz
versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muss auch unbedingt zugegeben
werden, dass der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine
starke koerperliche Betaetigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen
ungesunder Reizungen durch schlechte Lektuere dem jungen Mann, zumal der
gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen
bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Masse vorhanden sein
duerfte. Es ist richtig, dass kein Yankee sich durch gewandtes Erzaehlen von
Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und dass man selbst in
intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluss des Alkohols schwerlich
jemals die Sauglocke laeuten hoert. Es ist auch richtig, dass ein junger Mann
von guter Familie, der ein junges Maedchen aus seinem Gesellschaftskreise
kompromittiert und sitzen laesst, der Aechtung seiner Standesgenossen
verfaellt - aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Ueberzeugung das
Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenueber unbedingt zur Nachahmung
empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu foerdern,
die den weniger vom Glueck beguenstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt,
und ausserdem die Poesie der Liebe schwer schaedigt. Wie in allen
gesellschaftlichen Fragen, so wird naemlich auch in bezug auf die Erotik
das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall
der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehoerigen
der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begueterte junge Mann,
der die groesste Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen
seines Kreises auch bei staerkster Versuchung nicht missbrauchen wuerde,
macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine
fesche Manikuere, Typewriterin oder sonst eine huebsche Angestellte aus dem
Geschaeft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in
seinem Kreise auch keineswegs uebelgenommen, wenn er nur von seiner
Liebschaft kein grosses Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein
Maedchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise
einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft,
die sich die beste zu nennen beliebt, dieselbe niedertraechtige Doppelmoral
wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brueder mit geschliffenen
Saebeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten,
aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glueck und der Ehre
anderer Maedchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung
ist vielleicht nur der, dass drueben der Ruf des verfluchten Schwerenoeters
dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und dass ein Maedchen
aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den hoeheren
geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der hoeheren Gesellschaft
aufgenommen zu werden, falls es sich nur _ladylike_ zu benehmen versteht;
dagegen faellt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die
Gefuehlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien
Liebesverhaeltnisses drueben herrscht. Der Yankee hat fuer die illegitime
Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache uebrig. Selbst der
Ausdruck _Sweetheart_ hat einen veraechtlichen Nebenklang bekommen. Die
amerikanische Moral bekreuzt sich entruestet vor dem "Verhaeltnis" des
Deutschen oder vor der "Collage" des franzoesischen Studenten. Die
amerikanische junge Dame wuerde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich
liebenden deutschen "Gretchens" oder der franzoesischen Grisette nicht nur
fuer _shocking_, sondern besonders fuer entsetzlich dumm halten; denn sie
ist gewohnt, moeglichst viel zu fordern und moeglichst wenig dafuer zu
gewaehren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstueck ist folglich die
poetische Verklaerung eines freien Liebesverhaeltnisses voellig unmoeglich.
Ein Autor, der dergleichen wagen wuerde, und sei er selbst ein Mann von
anerkannter Bedeutung, wuerde nicht nur den Absatz seines Buches schwer
schaedigen, sondern sich auch gesellschaftlich unmoeglich machen. Ob bei
dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu
entscheiden, sicher nur duenkt es mich, dass die Heiligkeit der Liebe viel
dabei verliert. Manche Aeusserungen dieser einseitigen
christlich-pfaeffischen Moralauffassung erscheinen uns Europaeern ja
geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glueck hat,
sein geraubtes Schaefchen ganz gut drueben ins Trockene bringen und unter
Umstaenden sogar sich wieder zu allen buergerlichen Ehren emporarbeiten;
landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muss er gewaertig
sein, dass er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu
heiraten, oder umgehend nach Europa zurueckzukehren. Auf jedem Ozeandampfer
wachen scharfe Yankeeaugen ueber dem Benehmen der paarweise Reisenden, und
wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann
sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu
werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen
Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem
die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenueber zu
bewahren, die den groessten Teil ihrer Jugend jetzt schon als
Begleiterscheinung der koerperlichen Reinlichkeit und der vernuenftigen
Erziehung auszeichnet, so duerfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen
der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber muessen wir
uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Ueberlegenheit mit einem
grossen Fragezeichen zu versehen.





                              LIEBE UND EHE.


(M28)

So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so
viele Geschaefts- und Familienbeziehungen die Voelker diesseits und jenseits
des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade ueber manche wichtige
grundlegende Verhaeltnisse die groebsten Missverstaendnisse. Was wissen wir
Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen
in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen
Milliardaerstoechtern und europaeischen Aristokraten, von Millionenerbinnen
oder Gattinnen von Industriekoenigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder
Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die
ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik ueber die Scheidungen in
den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen
Erscheinungen schliessen zu duerfen, dass die Yankees ueber die Heiligkeit der
Ehe aeusserst frivol denken und ihre Toechter nur als Ware, als Tauschobjekt
fuer gute gesellschaftliche und geschaeftliche Beziehungen betrachten
muessten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken
Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemaedchen
nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus
naechster Naehe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren,
der duerfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen
wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und
Gewohnheiten der paar Hundert Multimillionaere und denen der
ueberwaeltigenden Mehrheit des uebrigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte
nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu
offenbaren, dass Frauen desto ungluecklicher, unzufriedener und zu toerichten
Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte
Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft bestaetigt finden koennen, wie
irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionaers, die ganz in
gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen
Hetze von Vergnuegen zu Vergnuegen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von
bloss spielerischer bis zu wirklich angreifender Taetigkeit aufreibt, dabei
drei- bis viermal taeglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe
ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen ruecksichtslos
befriedigen kann, die muss natuerlich, falls sie nicht einen unverwuestlich
guten Kern besitzt, ihre Nervenueberreizung irgendwie buessen. Die tollen
Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur
Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerruetteten
koerperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken.
Ebenso begreiflich ist es, dass die Maenner jenes Kreises, sobald der
aufgehaeufte Dollarberg ihnen bis ueber die Nase steigt und sie zu ersticken
droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunaechst dazu
zu fuehren pflegen, dass sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsaetze
vergessen und mit ihrem Ueberfluss das einzige zu erreichen trachten, was
drueben fuer kein Geld zu haben ist, naemlich einen Abglanz feudaler
Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fuersten- und
Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen koennen, ohne sich laecherlich zu
machen, so kaufen sie diese schoenen Dinge ihren ehrgeizigen Toechtern und
fuettern ihre Eitelkeit mit dem Bewusstsein, mit dem aeltesten Adel Europas
wenigstens verschwaegert zu sein und als Grosspapas Prinzlein und Komtesslein
auf ihren Knien schaukeln zu duerfen. Und dennoch ist gerade fuer die
Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Maedchenschacher.
Man darf getrost behaupten, dass in keinem Lande der Welt den Toechtern eine
groessere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten
Staaten, und dass auch nirgends das Spekulieren der jungen Maenner mit einer
fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist naemlich durchaus nicht
Sitte, den Toechtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute
machen hiervon eine Ausnahme. In der ueberwaeltigenden Mehrzahl der
Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten
Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber
als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief
zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwaehlten seiner
Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine
faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich
behaglich raekeln duerften. Die jungen Leute moegen sich im stillen auf die
fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich
gefaelligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem
eignen Verdienst gestalten. Dieser hoechst vernuenftige und gesunde
Grundsatz fuehrt zu der selbstverstaendlichen Folge, dass drueben viel mehr
aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Ausserdem wird aber auch viel
frueher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine
fruehe Selbstaendigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die
Lebensverhaeltnisse heute wenigstens noch so sind, dass ein junger Mensch,
der etwas gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel frueher als bei uns zu
einem leidlich anstaendigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am
Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau
ernaehren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der
Haeuslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Maedchen suchen, das
auch in einem praktischen Beruf taetig ist und ein selbstaendiges Einkommen
daraus bezieht. Wer in der teuren Grossstadt noch nicht imstande waere, von
seinem Einkommen eine duerftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet
weit draussen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen
Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft
sich leisten kann. Die vernuenftige Erziehung, bei der die beiden
Geschlechter stets auf dem Fusse der Gleichberechtigung und der guten
Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus
den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und
keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und
schoenste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge
Europaeer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel
einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, dass, wie gesagt, ein
sehr grosser Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine
Existenz zu begruenden beginnt, wo er keinen menschenwuerdigen Ersatz fuer
die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schliesslich gibt es
in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen
Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein
eingefuehrte Sitte. Es gilt naemlich in der Yankeefamilie als ganz
selbstverstaendlich, dass der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie
selbstaendig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen
Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernuenftig ist, die
geschaeftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht fuer
gefuehlsroh zu halten, so erwaegt man im Familienrate in aller Gemuetsruhe,
wie viel jedes einzelne Kind im Verhaeltnis zu den Aufwendungen, die fuer
seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den
Eltern zurueck zu erstatten habe. Man hoert selten davon, dass sich ein uebel
geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel
weniger davon, dass die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und
erwachsenen Kindern unter solcher Geschaeftspraxis leide. Die Eltern
spannen vielmehr ihre Kraefte aufs aeusserste an, um ihren Kindern eine
moeglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, dass sich das
aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden
durch diese geheiligte Sitte von frueh an in ihrem Pflichtbewusstsein und in
ihrer selbstlosen Schaetzung des Familienlebens gestaerkt. Waehrend also
unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten
Selbstsuechtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern
noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um
den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen
geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon
bedenklich muerbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und
Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Maennermaterial
fuer den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantitaet auf
Lager zu haben. Von nicht zu unterschaetzender Bedeutung duenkt mich auch
der Umstand, dass die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie
kennt, indem naemlich das Fuerwort _thou_, also das eigentliche du, nur noch
in der Poesie und im Gebet angewendet wird, waehrend _you_ - gleich Ihr -
schon seit Jahrhunderten ausschliesslich als Anrede bei Hoch und Niedrig in
den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es faellt
also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das
foermliche Sie bei uns errichtet, und der Uebergang zwischen einer blossen
guten Bekanntschaft in hoeflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe
markiert sich aeusserlich gar nicht. Die jungen Maenner und Maedchen, die
durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr
der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fuss gekommen
sind, behalten uebrigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen,
bis ins heiratsfaehige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von
jungen Maedchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fusse stehen;
ein junges Maedchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater,
morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, uebermorgen von ihrem
Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne dass die ganze Freundschaft,
Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darueber die Koepfe
zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen
zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer
ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu
leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art,
wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschaeftigung, den Flirt, ausuebt,
wenig erbaut sein. Deutsche junge Maedchen, die schon als Erwachsene
hinueber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese Verhaeltnisse wenig
nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und
darin rasche Fortschritte machen, so aergert es sie doch, dass sie nie
wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Maennern eigentlich daran
sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und
einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht,
als bei uns. Der junge Amerikaner der hoeheren Schichten kann jahrelang
ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Toechtern seines Kreises
unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz ueberraschend
irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht gross darueber
wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und
ihn urploetzlich mit der Frage ueberrascht: "Was meinst du, Jim, wir koennten
doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?" Der jungen Amerikanerin
geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Maedchen ab, als ob der
freie Verkehr mit jungen Maennern zu einer Ueberrumpelung in einer schwuelen
Stunde fuehren koennte, denn sie weiss ganz genau, dass der junge Mann, der
einen solchen Vertrauensbruch begehen wuerde, der lebenslangen Aechtung in
seinem Kreise verfallen wuerde. Sie weiss ebenso genau, dass ihr Freund,
falls sein Temperament ihm keine Ruhe laesst, aussereheliche Freuden bei den
leichten Maedchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens
auch nicht besonders uebel nehmen. Aus solchen Anschauungen und
Gewohnheiten erklaert es sich, dass in den Vereinigten Staaten der Typus Don
Juan, der kecke Herzensbrecher, gefaehrliche Schwerenoeter und verfluchte
Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Maennlichkeit darstellt, weder
dem Geschmack der Maenner, noch dem der Frauen nach, sondern dass dieses
Ideal vielmehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschuetzer weiblicher
Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schoenen
laechelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie
der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, faellt durch solche
Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen
Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos
sich hingebende und schwaermerisch sich aufopfernde junge Maedchen wuerde
nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine
dumme Gans sein. Und dem maennischen Mann, dem ruecksichtslosen Eroberer,
dem Schrecken und der suessen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, wuerde
einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden.
Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch
gar nicht vor. "Das suesse Maedel", wie Schnitzler und ich es novellistisch
verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertuer der Uebersetzung keinen
Einlass in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman "Das dritte
Geschlecht" liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische
Uebersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin
gepredigte Philosophie der Liebe _shocking_ ist. Ueberaus lehrreich war fuer
mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama "_The easiest way_"
(der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter,
der drueben als ein kuehner Pfadfinder gilt. Das freie Verhaeltnis eines
reichen Geschaeftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt
der Handlung. Das Maedchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der buergerlichen
Anstaendigkeit und dem behoerdlich approbierten heiligen Ehestand. Der
Verfasser jedoch scheint es als selbstverstaendlich anzusehen, dass solche
gefallenen Maedchen niemals die Kraft finden koennen, einem faulen, eiteln
Genussleben zu entsagen. Er laesst ihren Aushaelter mit seiner trotz aller
Grossmut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Maedchen im
Sumpf zu Grunde gehen. Fuer amerikanische Begriffe war es, wie gesagt,
schon eine ungeheure Kuehnheit, solch ein illegitimes Verhaeltnis ueberhaupt
auf die Buehne zu bringen. Ertraeglich wurde diese Kuehnheit fuer das
Theaterpublikum drueben nur durch den moralischen Standpunkt, den der
Verfasser einnahm. Sein grausamer Schluss entsetzte freilich die zarten
Gemueter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die
verlogene Sentimentalitaet einer Kameliendame, als der aus Mitleid und
tiefem Verstaendnis fuer alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der
modernen europaeischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so
spaehen wir Deutsche auch in der Oeffentlichkeit vergebens nach den uns
vertrauten Aeusserungen der Verliebtheit. Liebespaerchen, welche in dunkeln
Ecken von Biergaerten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem
Glase trinken, von einem Butterbrot abbeissen, oder etwa gar im
Eisenbahncoupe wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich
fortwaehrend zaertlich taetscheln und heimlich druecken, duerften wohl drueben
zu den Unmoeglichkeiten gehoeren. Kaum dass man einmal auf den Bahnhoefen
Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich kuessen sieht. Ob deswegen die
Amerikanerin weniger zaertlich oder gar feurig sei, als europaeische Frauen,
wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin
verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhaeltnis mit
einer solchen gehabt.

(M29)

Der Sinn fuer Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs
gaenzlich ab, was man daraus erkennen kann, dass abenteuerliche Entfuehrungen
viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber
freilich, was will eine Entfuehrung in dem Lande der Freiheit gross
bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg
freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat beduerfen die Toechter in den meisten
Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht,
einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge
Maedchen heiraten bloss, weil ihnen das Entfuehrtwerden so viel Spass macht.
Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und
sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern praesentieren kann. Man
braucht bekanntlich drueben nicht drei Wochen zu haengen oder in der Kirche
aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zustaendigen
Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald
man beschwoert, dass keine gesetzlichen Hinderungsgruende vorliegen. Mit
diesem Schein geht man zum naechsten besten Pastor und laesst sich auf der
Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben.
Gluecklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen.
Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten
sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem
Staate auf Schwierigkeiten stoesst, der verfuegt sich eben in einen
weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert hoechstens, dass er sich
dort einige Zeit aufhalten muss, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze
geniessen darf. Es koennte wunder nehmen, dass dieselben Yankees, die
vielfach noch sehr puritanisch streng ueber die Ehe denken, die Scheidung
so ueberaus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, dass hier,
wie so oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen
hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhaeltnisse des
jungen Landes beguenstigen das fruehe Heiraten; da nun aber ein despotisches
Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundsaetze
ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die
Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus
noch nicht faehig sind, sich ueber ihre eigenen sittlichen Kraefte, noch ueber
die Kaempfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen
Lebensverhaeltnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich
folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Waere
nun diesen ungluecklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmoeglich
gemacht oder auch nur betraechtlich erschwert, so wuerde bald das ganze Land
ueberschwemmt sein von veraergerten, zaehneknirschenden, entmutigten
Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten
wuerden. So aber weiss jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich
groeblich getaeuscht, nun dann ist's auch weiter nicht schlimm; eine
Scheidung kostet nicht den Kopf, und das naechste Mal kann ich es ja besser
treffen. Selbstverstaendlich wird die leichte Scheidungsmoeglichkeit aus
blosser Veraenderungssucht viel missbraucht werden, aber sicherlich nicht so
viel, wie aengstliche Gemueter sich vorstellen moegen, denn die liebe
Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu baendigen. Das
Anstands- und Gerechtigkeitsgefuehl des Mannes, besonders bei einer
allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und
zur Haeuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umstaenden einen starken
Schutzwall wider den ruecksichtslosen Leichtsinn auf. Uebrigens ist die
Gefahr der ungluecklichen Ehen auch schon dadurch herabgemindert, dass die
ganze Yankeerasse nuechterner denkt als wir und sich daher ueber Liebe und
Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist ueberhaupt dieses Volkes
Sache nicht, es wird daher um so staerker von der Tradition beherrscht, ist
auch von den Einfluessen der Erziehung, der Schule abhaengiger und darum in
seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemuet als wir. Durch
diese Gleichartigkeit faellt von vornherein der bei uns haeufigste Grund der
Ehestoerung fort. Hyperaesthetische, dekadente Maenner oder verzwickte
Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele
schwierigster Ehegesponse herumlaufen, duerfte man drueben nur sehr selten
antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann fuer die
Frau bequemer als der deutsche. Er fuehlt sich durch ihre nach unseren
Begriffen oft unverschaemten Ansprueche nicht weiter gekraenkt, weil ihm die
Verehrung fuer das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es duenkt
ihm ganz in der Ordnung, dass einer fuer das Vergnuegen, mit einer huebschen
und eleganten Frau prahlen zu duerfen, einen gehoerigen Preis zahlen, d. h.
bis an sein Lebensende sich maechtig anstrengen muss. Wie der Mann das viele
Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgueltig, denn fuer ihr
gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder
mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider
Industriekapitaen, Beamter, Anwalt, Arzt oder Kuenstler ist. Der
gesellschaftliche Rang des Gatten haengt vielmehr davon ab, ob er einer
mehr oder minder alten Familie angehoert, die schon lange Wohlstand und
Ansehen geniesst, oder ob er ein Emporkoemmling ist, von dem man in der
guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiss. Eine gescheite und reizvolle
Frau kann die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes wesentlich
verbessern, indem sie mit Kreisen in Fuehlung kommt, die ueber denen stehen,
aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie haelt es darum auch fuer ihre
vornehmste Pflicht, sich ihre Schoenheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu
machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche
gesellschaftlich geschickten Frauen gemuetlos und geistig beschraenkt sind,
dann koennen sie natuerlich auch den geduldigsten Mann durch ihre toerichten
Ansprueche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug
genug, sich gerade dann, wenn sie die aergsten Zumutungen an seinen
Geldbeutel und seine Geduld stellen, die groesste Muehe zu geben, ihn bei
guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eifersuechtige, keifende, den
Hausschluessel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den "Fliegenden
Blaettern" wird man drueben nicht oft finden; dagegen ist die putzsuechtige,
mit dem Scheckbuch des Gatten taeglich die Warenhaeuser heimsuchende und
ihre Zeit in nichtigen Vergnuegungen und spielerischer Vereinstaetigkeit
verzettelnde Hausfrau sicher noch haeufiger zu finden als bei uns. Es waere
aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die
Faehigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man
hoert sogar nicht selten von jungen Maedchen aus wohlhabenden Familien, die
mit ihrem Erwaehlten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter
rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die
Amerikanerin in beschraenkten Verhaeltnissen beinahe so gut wie die
Franzoesin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut
anzuziehen und ihren Koerper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die
Frau, die nur unter furchtbarem Getoese die Haushaltungsmaschine in Gang zu
halten versteht, immer seufzt und stoehnt, nie angezogen ist, und, sobald
sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr Aeusseres, ihre kleinen Talente und
ihren Bildungstrieb vernachlaessigt, die soll drueben angeblich nicht
existieren - auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist
eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten wuerde, und ihre
Toechter spielen Klavier und besuchen die hoeheren Schulen. Die arbeitende
Frau des Mittelstandes mag zwar nuechtern und uninteressant sein, aber sie
teilt doch meistens die gluecklichste Eigenschaft ihrer Rasse, naemlich die
leichte Anpassungsfaehigkeit an die verschiedenen Gluecksumstaende. Es wird
nicht oft vorkommen, dass eine Frau ihren Mann, wenn er ploetzlich zu grossem
Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch
schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren
sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen
Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschoepfen
noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu
Freiwild fuer die illegitimen Begierden der Maenner bestimmt hat. Einige
gefaellige Amerikaner veranstalteten zum Vergnuegen des Gefolges unseres
Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime
Abendgesellschaft - fuer jeden der Herren war ein gefaelliges Chorusgirl
eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Maedchen war so
anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, dass die Herren glaubten,
einer Einladung in ein feines Toechterpensionat gefolgt zu sein und gar
nicht genug Ruehmens von dieser liebenswuerdig kaschierten Frivolitaet machen
konnten.

(M30)

Man mag diese unzweifelhaften Vorzuege als Aeusserlichkeiten gering
einschaetzen und ihnen gegenueber die Gemuetstiefe, die Pflichttreue, die
enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Muetterlichkeit der deutschen
Frau als das Groessere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die
Liebesfaehigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht
leugnen, dass durch Gesetz, Sitte und Herkommen fuer den heiligen Ehestand
drueben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem
Zweifel unterliegen, dass die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke
das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt.





                          DIE DIENSTBOTENFRAGE.


(M31)

Es war in Philadelphia. Mir gegenueber im zweiten Stockwerk eines netten,
epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen
beschaeftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Fluegelfenster, sondern
ausschliesslich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein
behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer
rasch vorueber brausenden Strassensensation fast unmoeglich machen. Denn die
Fenster sind fast durchweg so niedrig ueber dem Fussboden angebracht, dass
die bewegliche untere Haelfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur
Brusthoehe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so muss man, um nicht
etwa das Uebergewicht zu verlieren und kopfueber hinauszupurzeln, schon auf
den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem
schlechten Funktionieren der Sperrfedern gekoepft zu werden, unter die
glaeserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem
Fensterbrett gemuetlich gemacht; das eine Bein hing auf die Strasse hinaus,
obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Waehrend er
sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedaechtig auf
dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale
Seitenstrasse hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein
Eckhaus). Da doch vorlaeufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er
sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwaerts. Er
dachte offenbar angestrengt ueber das Problem nach, wie er wohl, ohne sein
kostbares Leben zu gefaehrden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem
Oberkoerper rueckwaerts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen
in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von aussen reinigen
koennte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstueckchen sich nicht aufgelegt
fuehlte, so schuettelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er
mit ausgestreckter Hand ueber sich emporreichen koennte. Die Fingerspitzen
langten nur gerade ein weniges ueber die mittlere Rahmenleiste hinaus; das
genuegte ihm aber vorlaeufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am
aeusseren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf
erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des
hinaufgeschobenen Fensters. Er liess sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne
deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere
Scheibe seiner Meinung nach genuegend sauber war, nahm er wieder auf dem
Fensterbrett Platz und liess sein linkes Bein, dessen zierliches
Plattfuesschen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins
Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untaetig vor sich hingetraeumt
hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhaelfte
herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von aussen zu bearbeiten. Es dauerte
sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen,
und als er es endlich gluecklich los hatte und nun versuchte, die schwere
Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu stuetzen, dass ein genuegend grosser
Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er
alsbald, dass er sich dadurch in eine hoechst unbequeme Lage begeben und
besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also
stoehnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich mit dem
Aermel ueber den Schaedel und fletschte zornig sein anmutiges "G'friess" gegen
die Scheibe hinauf - gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der
Kommode boese sind, an der sie sich gestossen haben. Ploetzlich verklaerte
sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne liess sich
Militaermusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde
ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie moeglich und
spaehte die breite Hauptstrasse hinunter. Etwas ganz besonders
Herzerhebendes musste da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in
die Haende und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreissend, die
lachenden Zaehne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster
hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den
seltenen Anblick eines militaerischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen.
Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz
spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine
uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger
Parademarsch, inszeniert von einem politischen Boss und ausgefuehrt von
einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner
gesetzten Alters, wohl genaehrt, sauber und glatt rasiert, alle mit den
gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hueten und
denselben Bambusstoecken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre
aufrecht an die Schulter gedrueckt trugen, wie ehemals unser Militaer bei
dem Griff "fasst das Gewehr an". Ein gerade zu Besuch anwesender
Eingeborener erklaerte mir, dass die Parteikasse die Ausruestung an
Gamaschen, Schlipsen, Hueten und Spazierstoecken stelle und diese
oeffentlichen Umzuege ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener
Mitbuerger von Zeit zu Zeit veranstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie
gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhoert
fetter schwarzer Schutzmann, der an der Strassenkreuzung postiert war,
fuehrte vor Vergnuegen ueber diesen gelungenen Aufzug einen veritablen
Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster
putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergnuegen ueber solchen grotesken Anblick
und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd
zwischen den Schenkeln haette. Offenbar gehoerten der cancanierende
Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der
Demonstranten an und fuehlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer
Vertrauensmaenner in ihren patriotischen Gefuehlen angenehm gekitzelt. - Bis
der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverstaendlich
der farbige Juengling gegenueber nicht daran, sein Fenster wieder
vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und
hielt es nachdenklich in der Hand, waehrend seine schwarzen Sammetaugen
sich bekuemmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine
Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Ploetzlich kam wieder
Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf
ueber die Schulter und aeugte hoechst gespannt die Avenue hinauf. -
Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt,
paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre
mit Nickelknoepfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren
waren auf dem Wege zum Oberbuergermeister, um feierlich bei ihm vorstellig
zu werden, dass er die fromme Quaekerstadt beschuetzen moege vor dem
Satansgreuel der Salome von Richard Strauss, deren Auffuehrung in
Philadelphia eine fremde Operntruppe angekuendigt hatte. Es waere eigentlich
passend gewesen, dass der fette schwarze Schutzmann an der Strassenkreuzung
bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgefuehrt haette. Aber
er schien zu Richard Strauss und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen
zu haben, denn er liess die Parade ohne sichtliche Gemuetsbewegung
vorueberziehen und sorgte nur dafuer, den Wagenverkehr derweil zu baendigen.
- Mein Fensterputzer stierte bloed der schwarzen Prozession nach, bis sie
um die Ecke verschwunden war; dann fuehrte er mit seinem kalt gewordenen
Spielbein einige Freiuebungen aus und war eben dabei, tatsaechlich seinen
Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer
fluechtigen Waesche von aussen zu wagen, als es vom naechsten Kirchturm zwoelf
schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein ueber das Fensterbrett und
der schwarze Juengling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, dass
er am naechsten Ersten um eine Lohnerhoehung eingekommen ist.

(M32)

Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers duerfte einigermassen typisch
sein fuer den Eifer, mit dem haeusliche Dienstleistungen in den Vereinigten
Staaten verrichtet werden. Gewiss arbeitet ein frisch von Europa
eingewandertes Hausmaedchen fleissiger und gruendlicher, dafuer ist es aber
auch sehr viel anmassender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der
Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er
ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller
Fragen, nicht nur fuer die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die
ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen _Butler_
(Haushofmeister), einen franzoesischen _Valet de chambre_, einen
italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassischer
Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche
irische Maedchen. Fuer Geld, d. h. fuer sehr viel Geld ist natuerlich auch
eine aristokratisch luxurioese, gut gedrillte Dienerschaft in den
Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem
Vermoegen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von
Regierungspraesidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten
Schriftsteller besitzen, koennen sich eine perfekte Koechin und noch ein
tuechtiges Stubenmaedchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Koechin, die
etwas Essbares zu kochen imstande ist, duerfte unter 100 Mk. Monatslohn
nicht zu haben sein, und 10 Dollars muss man sogar fuer einen frisch
importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits
ein paar Monate im Lande, so dass sie sowohl von der Sprache wie von dem
Wesen ihrer staatsbuergerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie
mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche
genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, dass sie
ausser dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuraeumen
haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das _Parlor_ (Wohnzimmer)
bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und
selbstverstaendlich ohne Kuendigung abziehen duerfen, sobald es ihnen
beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese
Damen grundsaetzlich nicht, dazu muessen extra Nigger, Chinesen, Polacken
oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau
irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder
landesueblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Fraeulein
achselzuckend: "_That's not my business, Ma'm_" - und fertig. Ein Maedchen,
das fuer die Kueche angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem
Hausherrn einen Knopf annaehen; und ein Hausmaedchen wird sich auch im Falle
der hoechsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Toepfchen zu
setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu
putzen, waere ungefaehr gleichbedeutend mit schwerer koerperlicher
Misshandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann
geheiratet hatte, erzaehlte mir, dass sie, um den Schwierigkeiten der
Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhaengliche
Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war.
Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbuerste vor die Fuesse
geworfen und erklaert, dass sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche
entwuerdigende Zumutung noch laenger gestellt wuerde. An einer
Frauenuniversitaet, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das
einzige fuer maennliche Gaeste reservierte Zimmer zum Uebernachten angewiesen,
in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur
Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schoen poliertes
Mahagonikaestchen, und als ich es neugierig oeffnete, fand ich darin ein
komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof musste sich also auch hoechst
eigenhaendig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversitaet
natuerlich keinen oeffentlichen Wichsier gab. Dass gerade gegen die
ehrenhafte Betaetigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht,
ist um so merkwuerdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst
durchaus nicht fuer unter seiner Wuerde haelt, seine Karriere als Inhaber
eines Strassenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen
Multimillionaere in diesem Geschaeft den Grundstock ihres Vermoegens legten!

(M33)

Deutsche Dienstmaedchen gibt es schon lange kaum mehr; die meisten der
Damen, die so anfingen, fahren heute in ihrem eignen Auto spazieren. Denn
wenn sie auch nur eine Ahnung von der edlen Kochkunst hatten und
einigermassen nett anzusehen waren, wurden sie mit Wonne von besser
situierten Landsleuten geheiratet. Auch die einstmals als Hausmaedchen
besonders beliebten Irinnen trifft man heute hoechstens noch in sehr
vornehmen Hotels in dieser Stellung an. Im Westen soll es noch schlimmer
sein als im Osten. In San Franzisco verdient ein Maurer 7 $, also gegen 30
Mk. pro Tag! Selbstverstaendlich denken seine Toechter nicht daran, in
Dienst zu gehen, auch nicht in die Fabrik. Sie spielen lieber Klavier und
gehen in echten Ponypelzen spazieren. Gegenwaertig sind Ungarinnen
besonders gefragt, und wer eine solche dralle, hochgestiefelte Pusstadirne
nicht erschwingen kann, der nimmt mit einer Kroatin, Slowakin, Ruthenin
oder dergleichen vorlieb. Wer aber dem ewigen Aerger und der ewigen Angst,
ob er morgen noch auf die Unterstuetzung seiner Perle zu rechnen oder
abermals den Gang aufs Mietsbureau anzutreten haben werde, seiner
Konstitution nicht zutraut, oder als echter Demokrat zu feinfuehlig ist, um
Menschen seinesgleichen, freie Mitbuerger in unwuerdiger Abhaengigkeit zu
erhalten, der verzichtet ueberhaupt auf haeusliche Dienstboten. Und zu
diesen vernuenftigen Leuten gehoeren fast alle Maenner, die das Glueck hatten,
eine Frau zu erwischen, die von Kueche und Haushalt etwas versteht, und der
eine rege Betaetigung im eignen Heim mehr Freude macht, als das fade
Gesellschaftsleben und die Hetze von Verein zu Verein, von Vergnuegen zu
Vergnuegen.

(M34)

An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine
der reizenden laendlichen Universitaeten des Nordens eine meiner neuen
Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein
hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreissigern, der in einen
hoechst eleganten Sealskinpelz gehuellt, einen glaenzend gebuegelten
Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder
Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zaehnen - einen eleganten
Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse fuer seinen
gluecklicherweise schlummernden Sproessling heuchelnd, begruesste ich den Herrn
Professor. Er mochte mir wohl anmerken, dass mir begriffsstutzigen Europaeer
seine vaeterliche Betaetigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und
erklaerte mir aus freien Stuecken den Zusammenhang. "_Look here_", sagte er,
"wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines
Einkommen; wir koennen uns keine Dienstboten halten - ausserdem ziehen wir
es vor, in unserer zaertlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und
wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darueber zerbrechen, wie wir aus
unserer Mary oder Jane die groesstmoegliche Arbeitsleistung herausziehen
koennten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbuergerin zu nahe zu treten. Wir
haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die
groeblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die
Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausraeumt und die Muellkasten vor
die Tuer stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute frueh
z. B. habe ich zunaechst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung
geschuert und Kohlen nachgefuellt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine
Frau nicht ganz wohl ist, und das Fruehstueck fuer uns beide hergerichtet.
Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer
Haustuer und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in
einen Gentleman verwandelt. Da es darueber fuer die Kirche zu spaet geworden
war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines
vorlaeufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu
verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Kueche, und wenn
meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im
Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbuechse gewaermt
habe. Vor dem Schlafengehen schuette ich dann noch einmal im Keller Kohlen
auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die
Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren."

"Sehr schoen," sagte ich in ehrlicher Anerkennung. "Aber das nimmt Ihnen
doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun frueh morgens eine Vorlesung
haben, was machen Sie dann?"

"_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde frueher auf," lachte er vergnuegt,
"und gehe abends eine Stunde frueher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich
habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist,
kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am
Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten
ueberhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch
nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon
einmal 50 Leute eingeladen gehabt."

"Nicht moeglich! Wie haben Sie denn das angestellt?"

"O, sehr einfach. Wir besitzen Service fuer 12 Personen, also waren wir 12
Personen zum Lunch. Natuerlich haben wir kein Esszimmer, in dem 12 Personen
bei Tische sitzen koennten, es musste sich also jeder setzen, wo er gerade
Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein
Besteck, und darauf wurden die Schuesseln, eine nach der anderen,
herumgereicht - alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht
es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natuerlich hatten wir dabei
Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Maedchen, sondern zwei meiner Studentinnen;
die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann
die uebrigen 38 Personen - die wurden aber nur mit geistigen Genuessen
traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen
Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige
Floetensolos. Ausserdem konnten wir sogar noch mit der beruehmtesten
Schoenheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise
befand, aufwarten!" - -

Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernuenftigen
Amerikaner von aehnlicher gesellschaftlicher Position und Vermoegenslage.
Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversitaet zu einem intimen
Diner geladen. Waehrend des Essens stiess mich meine Frau unter dem Tisch
mit dem Fusse und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die
bedienende Maid, die in ihrem weissen Kleid, mit dem weissen getollten
Haeubchen auf dem ueppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswuerdigkeit
darstellte. Wir drueckten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies
durch warnendes Raeuspern abgelehnt wurde, auf Franzoesisch, dann auf
Italienisch unsere Bewunderung fuer dieses nicht nur ungewoehnlich huebsche,
sondern auch ungewoehnlich intelligent aussehende Hausmaedchen aus. Da aber
fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schoene Blondine bekam
einen roten Kopf und hastete in groesster Verlegenheit hinaus. Und nun wurde
uns anvertraut, dass dieses reizende Servierfraeulein eine junge akademische
Kollegin von Fraeulein Professor sei, naemlich - die Privatdozentin fuer
Sanskrit!

(M35)

Das Merkwuerdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der
Umstand sein, dass es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen fuer
Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr huebsch sind, als vielmehr,
dass in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die
gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der
liebenswuerdigsten Weise gegenseitig in ihren haeuslichen Schwierigkeiten
aushelfen, waehrend gerade die untersten, auf koerperliche Arbeit
angewiesenen Staende die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande
anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch
entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Ruecksicht wie die
rohen Eier behandelt werden muessen, damit sie nicht gleich wieder
fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei
uns wohl ueberhaupt nicht geben duerfte, ziehen doch die Maedchen die
unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und
Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor.
Gehorchen zu sollen ist eben fuer den Amerikaner die furchtbarste Zumutung,
die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut noetig
hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurueckgelegt hat, sucht er sich
selbstaendig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes,
der auf der Strasse Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft,
fuehlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten
haeuslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen
hat. Es kommt noch dazu, dass dem Buerger der Neuen Welt nicht nur jedes
Gefuehl fuer die Schoenheit und Wuerde des sich Einfuegens in ein
patriarchalisches Abhaengigkeitsverhaeltnis von Herr und Knecht, von Meister
und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu
dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder fuer das einer bei uns
erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drueben alle Spieler und
Gluecksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade
bietet, und treiben es nur so lange - _until a better job turns up_ -, bis
sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drueben fuehlt sich
einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in
den weissen Anzug eines New Yorker Strassenkehrers stecken lassen muesste, so
zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, dass er berufen sein
koennte, uebers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in
Oklahama zu sein und auf der Hoehe seines Lebens in den Senatspalast von
Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem
Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich
nicht sicher, ob er nicht uebers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder
Truthaehne en gros zuechtet. Daher kommt es, dass auf dem Gebiete der
persoenlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine
fachmaennische Tuechtigkeit und Zuverlaessigkeit existiert. In Madison
(Wisconsin) liess ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch
einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, dass der
neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn
eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkaeufer in einer
geraeucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine
Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff loeten lassen. Man schickte mich
von Pontius zu Pilatus ueber fuenf Instanzen hinweg; endlich, in einer
Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten
und Hin- und Herreden ueber Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu
ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach
ein paar Minuten meinen Stock zurueck. Der aeusserst geschickte
Silberarbeiter hatte das losgeloeste Monogramm allerdings mit dem Loetrohr
befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und
als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, musste ich die
Entdeckung machen, dass das Monogramm endgueltig verloren war, nachdem es 14
Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt
sich eben in diesem grossen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit
der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht
gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwuerde so ueberaus hoch
einschaetzt, dass er die Handarbeit und gar das persoenliche Dienstverhaeltnis
verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das aeusserste
an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu
lassen und die unumgaenglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil
die Dienstboten so rar, so teuer und so ueberaus bequem sind, lieben sie
z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast
ausschliesslich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar
nicht schneiden kann, die dafuer aber auch durch einfaches Durchziehen
durch heisses Wasser und Abtrocknen zu saeubern sind. Da es nun aber Messer
mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverstaendlich auch
keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Gefluegel macht man durch
Zerreissen zwischen Gabel und Messer einigermassen mundgerecht. Im
allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer
breifoermigen Gestalt her, sodass sie nur einfach in den aufgesperrten
Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel
kostbare Zeit.

Vorlaeufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen,
suedeuropaeischen und westasiatischen Voelkerschaften statt. So lange diesen
noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer
Bedeutung als selbstherrliche Buerger der glorreichsten Republik der Welt
nicht bewusst sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus
angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmaedchen und dergl. her. Aber,
wie gesagt, immer nur bis der bessere "Job" auftaucht, dann gesellen sie
sich alsbald der stolzen Klasse der selbstaendigen Unternehmer zu. Wenn nun
aber einmal das Land voll ist, so dass es seine Tore vor den Einwanderern
zusperren muss - wer soll dann all die haeusliche und sonstige, niemals
voellig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese
kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew
D. White, dem frueheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich
seinen schoenen weissen Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt
laechelnd zur Antwort: "Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten.
Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder
so. Warum sollen wir uns die Koepfe unserer Enkel zerbrechen?"

(M36)

Hm! allerdings - man hat schon Bronzemesser eingefuehrt und auf Braten
verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein
abends selber aufdecken muss, auch morgens selber machen; man kann auch
seine Frau hinten zuknoepfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden,
aber man kann schliesslich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen,
Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gaenzlich und unter allen
Umstaenden verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch
wenigstens unter gewissen Verhaeltnissen die Hilfe von Leuten voraus, die
nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu
besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst
einmal selbstaendige Unternehmer geworden sind?

Ich muss gestehen, mein beschraenktes Europaeergehirn ist, so oft es ueber
diese Frage nachgedacht hat, schliesslich immer wieder zu demselben Schluss
gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die
Sklaverei mindestens 100 Jahre zu frueh aufgehoben!_





                        DIE KOCHKUNST DER YANKEES.


Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Koechinnen beschaeftigt habe,
duerfte es angebracht sein, im Anschluss ein wenig in die amerikanische
Kueche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, dass der Weg zum
Herzen des Mannes durch den Magen fuehre, duerfte es noch sehr lange dauern,
bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Maennerwelt einer
auch nur annaehernd aehnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder
die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten
Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die grosse
Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger
Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern.
Wie lange ist es denn ueberhaupt her, dass sich die Besiedler der neuen Welt
des Segens sicherer behaglicher Haeuslichkeit erfreuen? Viele der jetzt
ueppig bluehenden Grossstaedte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz
wenige ueber ein Jahrhundert alt. Der wuesten Raubbau treibende
angelsaechsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem
Blockhause hauste, briet sich ueber dem offenen Feuer am Spiess seinen
Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien
irgend etwas zurecht, was einer geniessbaren Speise vielleicht entfernt
aehnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung
sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermassen vertrauen Frauen -
unter den Britinnen sind sie nicht besonders haeufig - eine Maennerwelt vor,
die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in
neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende
Abnehmer fuer alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch
bewaehrte Meister der Kochkunst ueber den Ozean zu ziehen; aber die traten
selbstverstaendlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten
Restaurants und der Milliardaere ein und konnten folglich nicht fuer die
breite Masse des maessig begueterten Buergertums erziehlich wirken. Die
amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im
Vergleich zu ihrer barbarischen Kueche natuerlich die Speisekarte der
Kulturvoelker lauter ueberraschende Offenbarungen bietet.

(M37)

Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in
Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Kueche. Das
Haupterfordernis der Essbarkeit ist fuer den Yankee die Suesse. Alles, was suess
ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz
groesster Muehe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein
Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen waere.
So ist Suessigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf
entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Fruehstueck geht der Genuss von
Fruechten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge
von Streuzucker mit dem Loeffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt:
das Fruchtessen vor dem Fruehstueck ist die einzige nationale Speisesitte,
die ich Europaeern zur Nachahmung empfehlen moechte. Die wundervoll saftige
Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist hoechst erfrischend und
bekoemmlich.) In einem ueppigeren Haushalt ist schon der Fruehstueckstisch
reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak,
Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art
werden von den Maennern bevorzugt, waehrend die Frauen und Kinder eine grosse
Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfuegung
haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz:
alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Gruetze,
Graupen, Flocken, Faeden oder papierduennen Schnipfeln, roh, gekocht oder
geroestet und werden groesstenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angeruehrt.
Duenne Eierkuchen werden mit uebersuessen Fruchtsaeften uebergossen, und der
Toast sowie die meist gleichfalls suessen Semmeln mit Fruchtgelees und
Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe fuer den Genuss von Suessigkeiten von
Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder
oder auf die wohlhabenden Klassen beschraenkt, sondern sie ist ganz
offenbar eine nationale Raserei.

Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafes im Wienerischen Sinne. Als
ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift
"Coffeehouse" erblickte, stuermte ich begeistert in das Lokal. Es war eine
grosse reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und
Stuehle, nur den Waenden entlang zogen sich Holzbaenke, die durch
Zwischenwaende in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen
trennenden Seitenwaenden waren genuegend breite, rund geschnittene Bretter
angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu koennen. Am
Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die
herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke
vernickelte Samovars fuer Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen
Kaffeehauses bestand aber ausschliesslich aus Droschkenkutschern,
Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat
das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anstaendig, und den ganz
vorzueglichen und fuer New-Yorker Verhaeltnisse sehr billigen Schaum- und
Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses
robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermaeuliger Schuljungens zu.

(M38)

Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der
hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene.
Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von
Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besaenftigt die ungebaerdigen
Saeuglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er
kehrt bei grossen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als
Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpoenten Alkohol und bewirkt,
dass die Amerikaner sich der besten Zahnaerzte der Welt erfreuen - denn das
schroffe Durchsetzen siedheisser Suppen und gluehender Breie mit Eiswasser
und Icecream koennen selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz
springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umspuelten, schutzlosen
Zaehne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat
jedermann fortwaehrend den Zahnarzt noetig, und man braucht sich nicht zu
wundern, Kanalausraeumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu
sehen wie die koestlichste Maimorgenstunde.

(M39)

Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den
Mangel an Dienstpersonal die Kueche und die Tafelgewohnheiten beeinflusst
werden. Ich bemerkte, dass durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer
zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewaeltigenden
Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten,
Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsruecken oder Schlegel so gut wie gar nicht
auf den Tisch. Das nationale angelsaechsische blutruenstige Roastbeef,
drueben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, muss man von
der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn
man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels
der Gabel oder der Finger durch die Zaehne zu ziehen. Uebrigens sind diese
Ochsenrippenstuecke neben den sehr ueppigen und teuren Rinds- und
Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft
zubereitet zu sein pflegt, waehrend Kalbskoteletten und Schnitzel meistens
ungeniessbar sind. Als niedliches Kuriosum moechte ich erwaehnen, dass ich
einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten
bekam! Gefluegel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu
unwahrscheinlichen Dimensionen herangezuechtet. Ich habe Hennen gesehen,
die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das
Fleisch dieser abnorm grossen Tiere ist dafuer auch wenig zart, und die
Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das
Brustfleisch; es wird beim Braten braun und muerbe, waehrend das weisse
Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der
Genuss selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, suessliche
Mehltunke verkuemmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen
Kuechenpersonals auf eine zu harte Probe stellen wuerde, so muss man sich,
wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder
Abendmahlzeit einschliesslich des Kompotts auf ein und denselben Teller
packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang
lebten, bestand die sonderbare Sitte, dass nach der Suppe warme Teller mit
einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -laenge, verabfolgt
wurden, selbstverstaendlich in einer seimig-suessen Sauce versteckt.
(Uebrigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen
Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den
Fluss- und Suessseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt,
beziehungsweise misstrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der
ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten
verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten,
Rouladen und dergleichen aehnlich, in irgendeiner mehlweissen oder
kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu
verschiedene Gemuese, unter denen gruene Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl
die geniessbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale
im ganzen gebacken - man bricht sie auf und schaelt sie mit dem Teeloeffel
heraus; recht empfehlenswert - oder als Brei, oder klossartig, oder
gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_,
Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst
warnen moechte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und
schmecken leider auch so aehnlich.

All diese Genussmittel, noch um diverse eingekochte Fruechte vermehrt,
arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller,
und man kann von Glueck sagen, wenn einem die Graeten nicht in die gruenen
Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehoehlte Kartoffelpelle und die
Huehnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es
ueberhaupt nicht. Der Ersatz dafuer, und ueberhaupt das einzige einheimische
Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drueben
aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint - moeglicherweise wird es aber
auch aus Abfaellen der Schuhfabrikation kuenstlich hergestellt. Alles uebrige
Wild haben die begeisterten Freischuetzen in den kultivierteren Staaten
schon laengst abgeschossen - bis auf die Ratten und die Klapperschlangen.
Hat man die essbaren Bestandteile der wuesten Speisenaufhaeufung auf seinem
Universalteller herausgefuttert, so bilden die Ueberbleibsel ein aesthetisch
reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner
Bestand jedes amerikanischen Menues sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf
dem einfachsten buergerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer
Schuessel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen
Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, dass noch kein
Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie
des amerikanischen Kochkuenstlers orgiastische Triumphe.

(M40)

Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch
einem amerikanischen Salat zu finden waere. Den Grundstock bilden ein bis
drei grosse gruene Blaetter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu
entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und Oel geschuettet
und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder kuehner Aufbau von allem
moeglichen und unmoeglichen Suessem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem,
Weichem, Fluessigem, Geniessbarem und Ungeniessbarem vollzogen. In einem
feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel
zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit
ausserordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein
und der Zunge nach ungefaehr folgendermassen analysieren moechte: zwei
Blaetter Salat mit je fuenf Tropfen Essig und Oel, darauf eine Scheibe
frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weisses Huehnerfleisch,
einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein
Klecks Butter, mit Streuzucker durchgeruehrt, ein Teeloeffel
Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf.
Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt - wie mein Freund,
der Rechtsanwalt in Landau, sagen wuerde - wie Oel und Werg! Diese
kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen
Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder
gebildeten Familien ist man natuerlich weniger waehlerisch und verwendet zur
Salatbereitung die naechstliegenden Gegenstaende, also in erster Reihe die
mehr oder minder traurigen Ueberreste frueherer Mahlzeiten, soweit sie
essbaren Naturprodukten einigermassen noch aehnlich sehen. Fehlt es aber zum
Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein
geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstoecke drueben ausser
Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken
stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trueffel taeuschend ersetzen,
zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem
Zucker kandiert werden. Salat von Fischgraeten, Kalmus und Bananen, mit
roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein;
ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders
anregenden Mahlzeit - ertraeumt!

Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht,
wird regelmaessig ein derbes Stueck Kaese beigefuegt; zu welchem Zwecke, weiss
ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte
ich den Kaese instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn fuer ein Stueck
Radiergummi, den ich in meinem Geschaeft immer brauchen kann. Befindet sich
Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich,
fuelle auch womoeglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in
Amerika von ganz vorzueglicher Qualitaet - und man weiss ja nie, wie's kommen
mag! Was meine Person betrifft, so muss ich gestehen, dass ich mich waehrend
der ganzen Boardinghouse-Periode kuemmerlich von Austern und Hummern
genaehrt habe, denn die sind von unvergleichlicher Guete, Groesse und
Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das
man - neben Stiefeln - als billig bezeichnen kann. Europaeer von noch nicht
genuegend fortgeschrittener Perversitaet moechte ich jedoch vor den _Clams_
warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter
Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verfuehren
koennte.

Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind uebrigens sehr selten,
und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europaeischen Geniessers.
Im vornehmsten Hotel in Buffalo "Zum Irokesen" sollte ich zum erstenmal
die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon
in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen
halben Meter hohes, zylindrisches Silbergeraet mit einer oben
herausragenden, durch einen derben Querbalken betaetigten Schraube. Ein
einsamer Speiser liess sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung
sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war
dieser wuchtige Geselle mit dem roemischen Imperatorenkopf ein Geniesser
hoeherer Grade. Nach laengerer Zeit brachte man eine grosse verdeckte
silberne Schuessel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei
Kellner trugen dann jenen raetselhaften schweren Silbergegenstand herbei
und schraubten dessen obere Haelfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit
feierlicher Miene den Deckel der Silberschuessel auf und spiesste von den
beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Voegeln (Enten waren es
meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Muehe in jenen Zylinder
hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit
Anstrengung beider Haende betaetigt wurde. Aus einer Ausflussoeffnung am Boden
des Gefaesses rann dickes, schwaerzliches Blut in eine vorgehaltene Schale.
Dieses Blut wurde mit allerlei Gewuerzen angeruehrt und schliesslich als
Sauce ueber den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische
Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere
mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern waere es weiter
nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit
Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu spuelen pflegt.

(M41)

Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und
Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeekueche gewoehnlichen
Schlages nicht zu befreunden vermag, faehrt am besten, wenn er sich in
eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehaeuser
begibt, die seine heimische Kueche pflegen. Man kann in dem teuren New
York, und wohl auch in den meisten der ganz grossen Staedte, franzoesisch,
deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und
koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen,
in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York
wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants
ebenso schmerzlich wie Wiener Cafes vermisst. Ich meine, hier waere noch
eine Kulturmission fuer die Einwanderer der oesterreichischen Kronlaender zu
erfuellen. Wenn ich drueben irgendwo ein Stueck Rindfleisch mit Beilage, wie
bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen haette, ich haette es knieend
verzehrt und hernach stehend die oesterreichische Nationalhymne gesungen.
Und die Einfuehrung des Berliner Systems Kempinski, naemlich eine grosse
Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualitaet zu einem sehr billigen
Einheitspreis zu geben, koennte eine Revolution des Ernaehrungswesens drueben
hervorbringen. Bis dahin muss der deutsche andachtsvolle Geniesser mit
heisser Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drueben
fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen
Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen.

(M42)

Beim richtigen Yankee scheinen es uebrigens nicht die Geschmackswarzen zu
sein, welche ihm den Genuss beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die
Kinnbacken und die Speicheldruesen. Das Kauen und das Schlucken an sich
macht diese einfachen Naturkinder gluecklich. Wer zum erstenmal nach den
Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darueber wundern, hier
einem Volke von Wiederkaeuern zu begegnen. In der Strassenbahn, in den
Geschaeften, in den Vergnuegungslokalen wie auf der Strasse sind die
Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein
Widerschein von Zufriedenheit ueberstrahlt von dieser Kinnbackenbetaetigung
aus die Gesichter. Junge huebsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum
Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschaeft zurueckkehren. Die Soldaten
kauen beim Exerzieren; sie wuerden sicher auch kauend ihre Schlachten
schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er
seine Liebeserklaerung macht, und seine Erwaehlte erwidert erroetend: "Mum
mum mum - tschap tschap, sprechen Sie mit Mama." Und der gewaltige, 125
Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim
Kragen mit dem Ausruf: "Dscham dscham - ich verhafte Sie - mum mum - im
Namen des Gesetzes!" Ein Stueckchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_)
zwischen die Backzaehne geschoben, beglueckt alle diese Leute wie den
Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Taeuschung ein, in
der besten aller Welten zu leben. Waere Cartesius als Yankee zur Welt
gekommen, er haette sicher sein beruehmtes "cogito ergo sum" abgewandelt in:
"Ich kaue, folglich bin ich."





                          KUeNSTLERISCHE KULTUR.


Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue
Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen
Schoenheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse
imponiert, was viel gekostet hat, das muss nach den Begriffen des
Durchschnittsamerikaners auch schoen sein.

(M43)

Es ist mir als hoechst bezeichnend aufgefallen, dass selbst hochgebildete
Leute enttaeuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal
durch New York gefuehrt wird, sich weder durch die beruehmten Wolkenkratzer,
noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an oeffentlichen
Prachtbauten, noch etwa durch die glaenzende elektrische Lichtreklame fuer
aesthetisch besiegt erklaert. Allerdings vermoegen diese himmelhohen Kasten
mit den unzaehligen Fensterloechern unter Umstaenden schoen zu wirken. Wenn
man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der
Daemmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so koennen sie einen
traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen
Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie
vornehmlich das Gebaeude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft,
sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack
wird die ideale Schoenheit der neuen Staatsbibliothek in weissem Marmor oder
die Genialitaet des neuen Empfangsgebaeudes der Pennsylvaniabahn bestreiten.
Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur
als mechanische Kunststuecke, sondern auch als witzige Erfindungen und
farbiger Augenschmaus hoechst amuesant. Aber all diese Schoenheit, Groesse und
kuenstlerisch idealisierte Zweckmaessigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan
organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter
Banalitaet und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es,
die in weitaus den meisten Faellen die Wirkung der Schoenheit des einzelnen
zerstoert. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die
geographische Lage bedingten ueberaus vernuenftigen und klaren Plane
angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schoenheitsfeindlichkeit
der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der
kuenstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Palaeste stehen neben oeden
Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken;
entzueckende, gruenbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt
zwischen Metzger- und Gruenkramlaeden, oeffentliche Gebaeude von edlen
Proportionen und mit praechtigen Fassaden neben wuesten Kasten fuer Bureau-
und Werkstattzwecke, an deren Strassenfronten scheussliche rotgestrichene
Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen.

Selbst in der Fuenften Avenue, der Strasse der prunkvollsten Laeden und der
Residenz der Milliardaere, finden sich noch genug solcher barbarischen
Scheusslichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die
Nebenstrassen, wo die kleinen Einfamilienhaeuser stehen, zeigen selbst in
den besseren Gegenden ein hoechst langweiliges Einerlei. Auch die
nuechternsten modernen Staedte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe,
fallen den amerikanischen gegenueber immerhin noch angenehm auf durch ihre
strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, waehrend die enorm reiche
Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anstaendige Pflasterung
und Strassenreinigung durchzufuehren vermochte. Der Fahrdamm der Fuenften
Avenue besteht aus Loechern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein
Stueck Asphalt liegen geblieben ist. Oberflaechliche Reparaturen werden in
der Weise ausgefuehrt, dass man mitten auf der Strasse zur Freude der
Gassenbuben in diesen Loechern Feuer anzuendet; dann schmilzt der Asphalt
ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Raender. Wem der
Arzt eine Vibrationsmassage gegen Traegheit der Unterleibsorgane verordnet
hat, der braucht nur auf dieser Fuenften Avenue - oder besser noch auf den
gepflasterten Hauptstrassen des nordoestlichen Teiles von Philadelphia -
eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei
der Zirbeldruese und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.

Es ist merkwuerdig, dass derselbe Amerikaner, den das wueste Durcheinander in
der Aussenseite seiner Staedte so wenig zu genieren scheint, doch fast
durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und
Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist fuer die Herrenkleidung England,
fuer die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster
werden doch fuer den amerikanischen Geschmack einigermassen abgeaendert, und
was dabei herauskommt, ist meist zweckmaessig und apart. In der
Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee ausserordentlich konservativ, und
der Kolonialstil ist immer noch massgebend. Das moderne deutsche
Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluss ausgeuebt; dafuer sieht man auch
nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos
zusammengewuerfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurueckgebliebenen
deutschen Spiessbuergers. Man haelt zaeh fest an der guten englischen
Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnraeume
als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben,
die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.

(M44)

Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe fuer Schaukelstuehle. Ich habe
Zimmer angetroffen, in denen ueberhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen
vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu
gehoerte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnueren oder seinen Koffer zu
packen; denn wenn man seinen Fuss auf solch ein ungemein niedriges Moebel
setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so dass
man also auf einem Bein dem fluechtigen Stuhl nachhuepfen muss, bis er an der
Wand einen Stuetzpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen
aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener
Rockingchairs und beginnt vergnuegt das Packgeschaeft. Sobald der sich
fuellende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze ueberschreitet, neigen sich die
stuetzenden Stuehle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen
den Lehnen durch; es ist sehr amuesant, unter solchen Umstaenden seinen
Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit
einladend aussehenden Sitzmoebeln gemacht, die nicht nur vor- und
rueckwaerts, sondern auch seitwaerts schaukelten. Auf diesen heimtueckischen
Mokierstuehlen kann man sich ebenso famos fuer das Kamelreiten trainieren,
wie auf den einfachen Rockers fuer die Seefahrt. Vermutlich haben die immer
praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge.

So nett und gemuetlich nun auch eine solche amerikanische
Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen
Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben ueberall dieselbe
ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common
__Wealth Avenue_ in Boston hinunter - nebenbei bemerkt eine der schoensten
Strassen, die mir ueberhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich
hier nur vornehme Familienhaeuser, die als besondere Eigentuemlichkeit grosse
Spiegelscheiben im Erdgeschoss aufweisen. Man kann also von der Strasse aus
in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schoenen
schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der
Strasse abschloss, der praechtigen Tueren und anderer reizvoller Einzelheiten.
Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: "Was wollen
Sie wetten? Unter den zwoelf naechsten Haeusern von hier aus finden wir
mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere
Einrichtung konstatieren koennen." Und richtig, so war es auch. Aber nicht
nur in sechs, sondern in neun von diesen Haeusern stand ueberall in
derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Saeule mit demselben Blumenkuebel
darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand
befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit
den Portraets der Eltern oder Grosseltern darueber usw. usw. Immerhin kann
man sich diese ermuedende Uniformitaet gefallen lassen, da sie doch
wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbuergt.
Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den
Palaesten ungebuehrlich rasch reich gewordener Emporkoemmlinge - gerade wie
bei uns.

(M45)

Merkwuerdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner
Vergnuegungen und kuenstlerischen Betaetigungen doch noch recht unkultiviert
zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und
hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der
Photographie, im Buchgewerbe. Waehrend die amerikanischen Museen zum
weitaus groessten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverstaendnis ihrer
freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch
und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Kuenstler
einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden
Entwicklung der Plastik kann selbstverstaendlich in einem Lande, das die
Scheu vor der Nacktheit in der Kunst laengst noch nicht ueberwunden hat,
keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, dass auf der Weltausstellung in
Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkoerper als
Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem
voellig neuen Anblick dermassen gefangen, dass er ueberhaupt fuer nichts
anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen
starr in die Hoehe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei
kopfschuettelnd vor sich hinseufzte: "_Oh good Lord, what tits, what
tits!_"

Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich
in der Oeffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der
Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn
ausser etlichen anstaendigen Portraetstatuen, naturalistischen Kriegergruppen
und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten
nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persoenlich
in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania):
auf einer sehr hohen schlanken Saeule ein moderner Militaertrompeter; und im
Schalltrichter seines Instrumentes ergluehte nachts eine elektrische Birne!

(M46)

Allerdings haben die amerikanischen Kuenstler ihre Techniken vom Auslande
gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden
Kuensten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis
jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige
musikalische Spezialitaet, die sich zurzeit als echt amerikanisch
ansprechen laesst, naemlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_
(eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus fuer Taenze und derbe
Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurueckzufuehren.
Es laesst sich aber nicht leugnen, dass fuer gute Musik heute schon ein recht
grosses und verstaendnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, dass
an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hoerers erst seit wenigen
Jahrzehnten von europaeischen Kuenstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es
doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, dass man heute schon den
"Parsival" vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhoererschaft geben kann,
und dass Konzertprogramme, die ausschliesslich aus Beethoven, Brahms, Hugo
Wolf und aehnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, grosse Scharen anziehen
und begeistern. Allerdings finden bei einer grossen Masse selbst der
hoeheren Schichten auch stillose Programme, in denen aergste Banalitaeten mit
echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall - aber koennen wir das
in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, dass
bei uns kein Kuenstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen wuerde,
dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir
Deutschen duerfen uns ruehmen, auf musikalischem Gebiet uns die
Meistbeguenstigung fuer unseren Import von Kunstwerken, Kuenstlern und
Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen
Musikanten aber auch arbeiten muessen, in welchen harten steinigen Boden
haben sie oft ihre Pflugschar druecken muessen, um ueberhaupt erst den Boden
fuer ihre Saat zu bereiten.

Ich habe in der Person des Saengers Max Friedrich einen solchen Veteranen
von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20-30 Jahren
hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den
lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Loewe
und Franz vorzusingen, da gaehnte und hoehnte man ihn aus. Aber er liess
nicht locker, er liess sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von
seiner heiligen Ueberzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen
seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Kuenstler mit
einem vornehmen Programm sich ueberall in der ganzen Union hoeren lassen
kann, ohne fuerchten zu muessen, von entruesteten Cowboys mit dem Schiesseisen
vom Podium gejagt zu werden.

Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spaerlich aus
amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthaeusler und Abenteurer in der
Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgervaeter haben
irgendwelche Keime zur kuenstlerischen Entwicklung mit heruebergebracht. Und
bis die grossen Kriege durchgekaempft, die Naturschaetze erschlossen, das
ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht
worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu
tun, um Musse zu kuenstlerischer Betaetigung zu finden. Gegenwaertig ist diese
Musse freilich schon fuer viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch
keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches
Beduerfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als
Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Hoechstgebildeten
aufgegangen, die grosse Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmueckenden
Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich
alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und geduengten
Kulturlandes. Sie wurzelt in der fruehesten Vergangenheit der Voelker, in
deren untersten Schichten, und ihr Wachstum staerkte sich an den Hemmungen,
die sie zu ueberwinden hatte. Ausserdem kann Kunst unmoeglich von einem Volke
hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische
Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Kuenstler ist ein geborener
Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und
Philistern, eine hochmuetige Scheidewand errichtet.

Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem
Instinkt des Kuenstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betaetigung
schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre
Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten
Zeiten koenigliche Saenger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine
historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo
immer gegenwaertige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt
fertig uebernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst
vernuenftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als
Abkoemmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverstaendlich eine
angeborene Vorliebe fuer die englische Kunst und werden die von dort
empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen
Einwanderer sich instinktmaessig an die deutschen Vorbilder klammern werden.
Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natuerlich ihren
Einfluss auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt
auf die Architektur einen bestimmenden Einfluss ausueben. Darum ist es
selbstverstaendlich, dass in diesen beiden Kuensten zunaechst eigenartige
Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwaertig schon vorhanden sind.
Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt,
auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten
mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, dass allein schon aus
diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne
weiteres begreifen laesst. Das schliesst natuerlich nicht aus, dass geborene
Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen
koennen, deren auslaendische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben
und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die
Voelkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehoert und eine wirkliche
chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden
haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln,
aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst
hervorgehen muesste.

(M47)

Wie die Dinge heute noch liegen, waere aber beispielsweise ein jugendlicher
Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben moechte, das Hungerleiderdasein
eines deutschen oder franzoesischen Poeten zu fuehren, eine undenkbare
komische Figur. Der poetisch begabte Juengling faengt drueben mit der
Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden
Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben
mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider
den Geschmack der Zeit und der grossen Masse aufzulehnen. Auch wenn er
Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht
ruecksichtslos damit erschrecken, sondern es allmaehlich vorzubereiten
suchen. Die Beschaeftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen
Dingen ist eben drueben ein vornehmer Zeitvertreib fuer Ausnahmemenschen,
besonders also fuer solche, die keine Sorge um das taegliche Brot mehr
drueckt. Man setzt auch voraus, dass der Mann, der einen Beruf aus dem
Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei,
also ein gut angezogenes Mitglied der auserwaehlten Gesellschaft mit
normalen Manieren und auch einigermassen normalen Gesinnungen. Es ist
bezeichnend, dass der Name _Bohemiens_, der fuer Kuenstler- und
Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht
wohlhabender Maenner gewaehlt wird, die es sich leisten koennen, ihre
festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts
als franzoesischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon
deshalb drueben unmoeglich gedeihen, weil es keine Kaffeehaeuser gibt. Es
kommt vorlaeufig auch noch selten vor, dass kuenstlerische, besonders
literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in
denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist.
In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler
und Tapezierer ist - Hugo Bertsch heisst er - aber der schreibt Deutsch und
ist aus Reichelsheim i. O. gebuertig.

Bemerkenswert ist, dass einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit
begonnen haben, sich von der herrschenden Pruederie und Konvention
freizumachen und die amerikanische Buehne fuer moderne Probleme zu erobern,
naemlich der anderwaerts von mir schon erwaehnte Walter von unten
heraufgekommen ist, gehoerig gehungert und im Zentralpark gepennt hat,
bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack
London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Faerbung
auszeichnet, hat als Goldgraeber angefangen, obwohl er eine gute
wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn
gleichfalls als Goldgraeber und betaetigte sich nacheinander als Lehrer,
Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch
Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem
Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber
wegen schlechter Auffuehrung von der Universitaet und der Militaerakademie
relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem beruehmten
Dichter entwickelte. Walt Whitman, urspruenglich gleichfalls Buchdrucker,
gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig
Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus hoeheren Kreisen und
erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betaetigte sich zunaechst
als Rechtsanwalt.

(M48)

Es scheint also, dass auch im neuen Lande das alte Gesetz, dass die
kuenstlerischen Kraefte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem
Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glueckliche Bewohner so gern
alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schoepfungswerk, haben
natuerlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die
vernuenftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgaengige Ware zu
liefern, und marktgaengig ist, was dem Unterhaltungs- und
Sensationsbeduerfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika,
folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschaeft zu
machen fuer diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen.
Dieser Geschmack heisst aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im
Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei
den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es muessen daher auch
ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das
Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf
strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein.
Sicherlich wuerde die Entwicklung des kuenstlerischen Geschmacks bei dem
amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder aengstlich noch
begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die
Tagespresse die mehr als kindliche Oberflaechlichkeit des Urteils in
unverantwortlicher Weise naehrte. Aber das ist ein Kapital fuer sich.





                       VOM THEATER IM YANKEELANDE.


Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die
Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten heruebergenommen,
nur dass die Qualitaet ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl
noch um einiges hinter den besten englischen zurueckbleibt, was bei dem
Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hueben wie
drueben ist fuer das Drama hohen Stiles kein grosses Publikum vorhanden, und
darum suchen Buehnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die
grosse Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und
Massenentfaltung anzulocken. Fuer das moderne Gesellschaftsdrama und das
feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders haeufig
vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge - mit
verschwindend wenigen Ausnahmen - vom Konventionellen zum Individuellen
aufgerueckt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten
Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten fuer das
Rollenfach, in welches aeussere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie
verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein
Stueck laeuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist
wohl allgemein bekannt, dass man drueben Theater mit wechselndem Repertoir
bisher noch nicht kennt. Fuer jedes neue Stueck wird eine Truppe
zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert
die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzuloesen, sobald seine Zugkraft
erschoepft ist. Wer also drueben die Schauspielerei zum Beruf erwaehlt, der
muss schon ueber recht betraechtliche Reserven an Koerper- und Geisteskraft
verfuegen, wenn er nicht der sicheren Verbloedung und der unheilbaren
Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten
ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach kuenstlerischen
Grundsaetzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von
einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gruendung des _New
Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschraenkte
Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tuechtiger
Schauspieler zur Verfuegung stand, auch die Leitung in keineswegs
ungeschickten Haenden lag. Ich habe in diesem Theater eine Auffuehrung von
Maeterlinks "Der blaue Vogel" gesehen, die in bezug auf die
darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf kuenstlerische
Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch
gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten
Spielzeit als vorlaeufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gruende fuer
dieses seltsame Fiasko ins Feld gefuehrt; mir scheint der erheblichste und
zugleich auch betrueblichste der zu sein, dass fuer das Schauspiel die Anzahl
der kuenstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein
solches Unternehmen geschaeftlich halten zu koennen. Man ist es einfach noch
nicht gewoehnt in jenen Gesellschaftskreisen, die fuer den Besuch eines den
Anspruechen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen,
taeglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womoeglich gar wegen einer
Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in
seinen haeuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stoeren zu
lassen. Wenn es die grosse Oper gilt, nimmt man freilich alle moeglichen
Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die grosse Oper, die
_muss_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Saenger nicht alle Tage
grosse Partien singen koennen; und ausserdem gehoert die grosse Oper auch mehr
zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen
Opfer bringen muss, als zu den blossen kuenstlerischen Unterhaltungen. Ein
vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir wuerde ohne Zweifel
ebensogut moeglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan
Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Grosswuerdentraegern der
demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ waere, auch in diesem
Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu
treffen. Bis dahin aber und bis ein maechtig aufbluehendes nationales Drama
des Yankeetums nach einer nationalen Buehne schreit, wird noch viel Wasser
den Hudson hinunterlaufen.

(M49)

Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als
mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem
es vorlaeufig ganz gleichgueltig sein kann, ob ihm einheimische Kraefte als
Komponisten und als Saenger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren
Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken.
Im uebrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld
zur Verfuegung ist, vorausgesetzt dass die Leitung nicht gaenzlich unfaehig
ist. Mit dem noetigen Geld kann man sich nicht nur die besten Saenger und
Saengerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und
Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die
_Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, waere es
moeglich, ein genuegend zahlreiches Personal von Saengern und Saengerinnen,
darunter die beruehmtesten Kuenstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um
damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die
franzoesischen franzoesisch und die italienischen italienisch darzustellen?!
Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise fuer unsere
Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch
durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt
wird. Es ist also selbstverstaendlich, dass keine Opernbuehne Europas an
Grossartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es
versteht sich also auch ganz von selbst, dass man in diesem Theater
Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an aeusserem Glanz, sondern auch
an echter kuenstlerischer Qualitaet alles uebertreffen, was selbst Wien,
Berlin, Muenchen, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten
vermoegen. Andererseits treten aber freilich auch die grossen Gefahren
dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines
hingebenden kuenstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und
Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der
leitenden Kraefte ein Missgriff erfolgt ist oder diese Kraefte die Lust
verlieren, fuer das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu
tun. Aber schliesslich wird ueberall mit Wasser gekocht, und eine
ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter
Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls
ungerecht und toericht von uns Europaeern, die glaenzenden Veranstaltungen
der Metropolitan-Oper geringschaetzig als eitel Blendwerk abzutun. Die
Herren Milliardaere bekommen fuer ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst
geliefert.

(M50)

Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komoedienspiel erlebt
habe, fand ich in einem der fuenf jiddischen Theater an der Bowery, dem New
Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu
Tausenden beieinander hocken. "_The Miners_" (die Bergleute) hiess das
Theater, unansehnlich von aussen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen
veraltet von innen. Es wird nur zwei, hoechstens dreimal die Woche gespielt
an diesen kleinen Dialektbuehnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das
Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die
besseren Leute im ersten Rang, die grossen Glaubensgenossen, die schon ihr
Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter
und kleinen Gewerbetreibenden, aermlich und schaebig anzuschauen, mit
steifen kleinen Hueten oder schmutzigen russischen Muetzen auf dem Kopf. Sie
sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge,
_David Kessler_, zu sehen, der zugleich der kuenstlerische und geschaeftliche
Leiter des Unternehmens ist. Das Stueck hiess: "Jankel, der Schmied", von
_David Pinsky_, einem juedischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt
durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der
juedischen Kleinbuerger in Russland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stueck
Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Buehne
seit Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" kaum mehr dagewesen ist. Und diese
heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere
mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schoenheit, Licht und
Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes
Geschnatter vollfuehren, dass einem die Ohren gellen, sie lauschen
andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre
nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen
Einblick in unsaeglich traurige Familienverhaeltnisse und widrige
Menschenseelen, sie nehmen all dies Haessliche mit gelassenem Ernst hin und
begruessen die derben Spaesse oder auch die wenigen idyllisch gemuetvollen
Lichtblicke in dieser trostlosen Oede mit dankbarem Gelaechter und
begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen
Kunst auch fuer den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls
wuerdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des
Dichters die wirklich vollendete Leistung saemtlicher Darsteller; denn
nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Kessler, ist ein
wirklich grosser Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter
geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler
und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen,
als ob sie einfach sich selber ohne jede Ruecksicht auf die Optik der Buehne
und die Sinne der Zuschauer darzustellen haetten. Im Zwischenakt machte ich
die Bekanntschaft David Kesslers und war nicht wenig erstaunt aus seinem
Munde zu hoeren, dass ausser ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner
Truppe vorhanden seien, sondern dass er sich die Leute von ueberallher
zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzuegliche
komische Episodenspieler handelt tagsueber mit alten Hosen, diese schlichte
sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemuetstoene findet, ist
vielleicht Dienstmaedchen in einer besseren juedischen Familie, und diese
ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel
auf ihrem ehrwuerdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzaehlt uns mit
stolz aufleuchtenden Augen, dass sie mit ihrer Haende Arbeit ihren einzigen
Sohn so weit gebracht habe, dass er nun schon als Advokat in dem fremden
Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glaenzenden Zukunft
entgegengehe. Am Schluss des Stueckes bricht ein tobender Beifall los, der
sich sonderbarerweise ausser in Klatschen und wildem Trampeln auch in
gellenden Pfiffen aeussert, und sobald David Kessler auf der Buehne erscheint,
rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: "_Speech, speech!_" Der derbe
vierschroetige Gesell steht unschluessig mit niedergeschlagenen Augen da,
und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber
zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da
macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm
in der Richtung, von wo der Ruf kam. "Wer Musik haben will," ruft er in
kaum unterdrueckter Entruestung, "der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist
nicht der Ort fuer trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische
Kunst mit heissem Bemuehen fuer unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit
einer Reihe von Jahren und tue mein Aeusserstes, um euch, meinen armen
Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr
sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt fuer Schritt habe ich
versucht, euch zum Kunstbeduerfnis und Kunstverstaendnis zu erziehen, mit
dem Einfachsten und Verstaendlichsten habe ich angefangen, um euch
vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und
jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!"

(M51)

Es duerfte selbst fuer den abendlaendischen Juden schwer sein, das
russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hoert sich allmaehlich
hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu
folgen, und so glaube ich, dass ich auch den Gedankengang dieser aus echter
Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe.
Ganz still und beschaemt sassen die Zuschauer da, und die juengeren Leute
besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den
das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht
seines Volkes nach Kunst, nach taetiger Beteiligung an den hoeheren
Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die grossen Erfolge
hin, die juedische Dramatiker, juedische Darsteller vornehmlich auf der
deutschen Buehne gefunden haetten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max
Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel
hervorgezogen und zahlreichen anderen juedischen Kuenstlern Gelegenheit
gegeben habe, ihre grosse Begabung von dem anspruchsvollsten und
kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen
ersten grossen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit
seinen besten Kraeften immer eifriger an der Aufwaertsentwicklung der
modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden
und verliess unter donnernden Cheers die Buehne.

Nachdem ich gesehen habe, was beliebige Dilettanten, auf gut Glueck
herausgegriffen aus den unteren Schichten dieser in die westlichste aller
Kulturen verschlagenen Orientalen, fuer ein starkes Talent zur
Menschendarstellung, d. h. also zur kuenstlerischen Selbstentaeusserung
besitzen, habe ich begriffen, woher es kommt, dass in allen Kulturlaendern
gerade das Theater von Angehoerigen dieser Rasse ueberschwemmt wird.
Geldgier und Ruhmsucht sind in diesem Falle sicher nicht die Triebkraefte;
denn es gibt genug juedische Schauspieler, die nicht im hellen Sonnenlichte
des Glueckes sitzen, und die ebenso wie ihre arischen Kollegen aus reiner
Begeisterung fuer die Kunst frieren und darben. Denn gleichwie diese Rasse
eine Neigung zur Spitzfindigkeit des Denkens, zum knifflichen Problem
stellen, eine besondere Geschicklichkeit im Raetselraten und in raschen
Kombinationen des Witzes ihr eigen nennt, die sie fuer die Juristerei
besonders geeignet erscheinen laesst und ihren Handelsunternehmungen und
Geldspekulationen so oft einen kuehn-fantastischen Anstrich verleiht, so
mag, im Verein mit solcher geistigen Disposition, auch der
jahrhundertelange Druck, der auf dem Gemuet dieses Volkes lastete, die
naive Lust am Mummenschanz zu der starken Sehnsucht hinauf gesteigert
haben, wenigstens gelegentlich durch das Mittel des kuenstlerischen
Selbstbetruges ueber das gedrueckte Ich der Wirklichkeit hinauszukommen und
im Rampenlichte Koenige, Helden und glueckliche Liebhaber vorzustellen. Es
ist ueberhaupt charakteristisch, dass gerade diejenigen Voelker, deren
Einwanderer sich in der Neuen Welt noch am fremdesten, am wenigsten von
der Sympathie der dort herrschenden Rassen gestuetzt fuehlen, am eifrigsten
und mit dem groessten Erfolg ihr nationales Theater pflegen. Neben den Juden
sind dies die Chinesen, die gleichfalls in New York und San Franzisco
stehende Buehnen unterhalten. Die Italiener und die Franzosen sehen ja an
der grossen Oper ihre nationale Kunst glaenzend vertreten, aber auch sie
werden vermutlich ebenso wie die Griechen und die zahlreichen Angehoerigen
der verschiedenen slawischen Volksstaemme eifrig Liebhabertheater spielen.
Ich habe leider davon nichts zu Gesicht bekommen.

(M52)

Aber seltsam muss es uns Deutsche beruehren, dass dies ungeheure Neuland, als
welches Deutschland es in musikalischer Beziehung ueberhaupt erst urbar
gemacht und vollstaendig mit der Saat bestellt hat, die in Gestalt der
grossen Oper und eines bluehenden Konzertlebens glaenzend aufgegangen ist,
doch kein deutsches Schauspielhaus von einiger Bedeutung mehr am Leben zu
erhalten vermag. Wenn man bedenkt, dass der herrschenden Yankeerasse mit
ihren 20 400 000 Koepfen 18 400 000 Amerikaner deutscher Abstammung
gegenueberstehen, dass New York dem Prozentsatz der Einwohner deutscher
Abstammung nach die zweitgroesste deutsche Stadt der Welt ist, so muss man
sich bass verwundern, dass die wenigen stehenden deutschen Buehnen in den
Vereinigten Staaten nicht nur kuenstlerisch immer mehr zurueckgehen, sondern
auch meistens mit schweren Existenzsorgen zu kaempfen haben. Bei laengerem
Hinschauen und ruhiger Ueberlegung wird diese traurige Tatsache allerdings
verstaendlich. Die Nachkommen der Einwanderer beherrschen fast ausnahmslos
das Englische schon besser als ihre Muttersprache, in der zweiten
Generation haben es die meisten wohl schon ganz vergessen. Ferner ist zu
bedenken, dass die weitaus ueberwiegende Zahl der Einwanderer den wenig
gebildeten Staenden entstammt, bei denen naturgemaess von einem starken
Pflichtbewusstsein als deutsche Kulturtraeger nicht die Rede sein kann. Wenn
nun schon die Vaeter der fremden Sprache und damit der fremden
kuenstlerischen Kultur kaum irgendwelchen Widerstand entgegensetzen, so
wird dies bei ihren Kindern und Kindeskindern erst recht nicht der Fall
sein. Es bleibt also von den 18 Millionen als befaehigte Geniesser und
berufene Foerderer des deutschen Dramas nur ein verhaeltnismaessig kleiner
Bruchteil uebrig, dessen Mitglieder zudem ueber den ganzen weiten Kontinent
verstreut sind. Nun wird freilich in sehr vielen der zahllosen deutschen
Vereine nicht nur das deutsche Lied, sondern auch die deutsche Poesie mit
schoenem Eifer gepflegt; es gibt auch reiche Deutsche genug, die nicht nur
zugunsten eines Liebhabertheaters, an dem ihre Toechter und Soehne
mitspielen, sondern auch zugunsten einer oeffentlichen Buehne tief in ihre
Taschen zu greifen bereit sind; aber nun taucht die andere grosse
Schwierigkeit auf: Fuer welche Gattung deutscher Dramatik soll dies Geld
gespendet, dieser ruehrende Eifer aufgewendet werden? Ausser den paar
akademischen Lehrern deutscher Literatur und einigen auf der Hoehe der
Bildung stehenden berufsmaessigen Kritikern haben doch nur verschwindend
wenige Deutsch-Amerikaner ein so starkes Interesse an der Entwicklung
speziell des Theaters, dass sie dem wunderlich sprunghaften Werdegang
unseres Dramas in den letzten vier Jahrzehnten zu folgen imstande gewesen
waeren. Die internationale Mode hat lediglich das Musikdrama Wagners und
seiner Nachfolger gestuetzt. Die Schulen Ibsens und der Naturalisten, der
Neuromantiker, der Symbolisten, Satanisten, und wie sie sonst noch heissen
moegen, deren Modeglanz oft schon verblasst war, bevor ernsthafte Leute sich
noch ueber ihren inneren Wert klar geworden waren, sie konnten zwar das
deutsche Theaterleben stark anregen, besassen aber nicht die Kraft, zumeist
auch nicht einmal die Zeit, fruchtbar in die Ferne zu wirken. Die staerkste
Auswanderung gebildeter Deutscher erfolgte aber in den Sturmjahren um 48
herum und in den ersten Jahren nach 1870. Die Begriffe vom deutschen
Drama, die also unsere wichtigsten Kulturtraeger mit herueberbrachten,
stammen noch aus der Zeit, als auf unserem Theater ein blasses Epigonentum
herrschte. Von den aufregenden Kaempfen, die in den letzten vier
Jahrzehnten unsere dramatischen Dichter nicht zur Ruhe kommen liessen und
unseren Geschmack revolutionierten, hat das Deutschtum ueberm Ozean kaum
einen Hauch verspuert. Was ist begreiflicher, als dass der Leiter eines
deutschen Theaters in Amerika in der Aufstellung seines Repertoirs
moeglichst sicher gehen will? Da er mit gutem Grunde befuerchten muss, sein
Stammpublikum durch allzuviel Ibsen und Hauptmann zu langweilen, durch
Ernst Hardt und Herbert Eulenberg vor den Kopf zu stossen und durch Frank
Wedekind zu entruesten, weil die angelsaechsische Geistesenge und Pruederie
bei langem Aufenthalt im Lande schliesslich doch auch auf die kecksten
Deutschen abfaerbt, so wird er sich darauf beschraenken, neben den
Klassikern das harmlose Familienlustspiel und das gesinnungstuechtige
Thesenstueck zu geben. Diese dramatische Kost wird nun allerdings auch den
ganz anspruchslos und lammfromm gewordenen Deutsch-Amerikaner nicht zum
entruesteten Widerspruch reizen; sie wird ihm aber auch nichts zu geben
vermoegen, was sein Gemuet in gesunde Wallung bringen und seinem Kopf zu
denken geben koennte. Die sozialen Verhaeltnisse, auf denen das deutsche
Familienstueck beruht, die Konflikte, die durch Standesvorurteile oder
durch spiessbuergerliche Beschraenktheit entstehen, auch manche
Lieblingsfiguren dieser Gattung, der Schwerenoeter in Uniform, der
Backfisch, der schuechterne Kandidat usw. usw., sind ihm gaenzlich fremd
geworden. Wie sollten ihn Menschen und Verhaeltnisse auf der Buehne
interessieren, die er in seiner Umwelt niemals gesehen hat? Neuerdings
sind einzelne deutsche Theaterleiter auf den Ausweg verfallen, auch die
deutsche Operette in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine ungluecklichere Idee
konnten sie wohl nicht gut auftreiben; denn was gibt es auf theatralischem
Gebiete Abschreckenderes und Jaemmerlicheres als eine Operette, mit
unzulaenglichen Mitteln dargestellt? Zudem ist in den Vereinigten Staaten
an Operettenbuehnen wahrlich kein Mangel, und was Wien an Schlagern
produziert, wird unfehlbar auf diesen Buehnen mit allem Pomp inszeniert und
von den zugkraeftigsten Spezialisten dieser Gattung dargestellt. Die
Besonderheit der amerikanischen Operettendarstellung besteht darin, dass in
ihr keiner der Darsteller auch nur eine Minute lang seine Gliedmassen ruhig
halten kann; jede Note schier wird mit einer Geste begleitet, und sobald
ein flotter Rhythmus einsetzt, beginnen Chor und Solisten mit allen
verfuegbaren Extremitaeten zu zucken, zu schlenkern, zu stossen und zu
schleudern - kurz, es ist ein wirbelndes Durcheinander taktmaessig in
Schwung gebrachter Beine und Arme, von verzweifelten Anstrengungen
ausgepumpter Lungen und heiser geschriener Stimmritzen begleitet. Wie arg
nun auch dieser Stil einem gebildeten Geschmack auf die Nerven gehen mag,
er ist einmal der herrschende geworden, und kein sesshafter amerikanischer
Buerger wird sich eine Operette anders vorstellen koennen, denn als eine
solche prunkvoll inszenierte, herrlich gewandete Universalzappelei mit
Musikbegleitung. Was soll ihm unter solchen Umstaenden eine deutsche
Operette bieten, die fuer den Mangel an kostspieliger Inszenierung und
geschmackvoller Kostuemierung keineswegs durch glaenzende Leistungen des
Orchesters und der Saenger zu entschaedigen vermag? Sie kann nur dazu
beitragen, seine Achtung vor dem deutschen Theaterwesen noch mehr
herabzusetzen, als es Klassikervorstellungen mit duerftiger Ausstattung und
mittelmaessigen Schauspielern schon zu Wege gebracht haben. Das Interesse
fuer deutsches Theater und die Hochachtung vor der Leistungsfaehigkeit der
deutschen dramatischen Kunst kann meines Erachtens da drueben nur dadurch
wieder erweckt werden, dass _von Deutschland aus_ grosse Mittel aufgewendet
werden, um Gastspiele ganz hervorragender Truppen mit allerersten
Schauspielern, bedeutenden Regisseuren und glaenzender Ausstattung in den
deutschen Hauptstaedten der Union zu ermoeglichen. Mit zweiter Garnitur und
mit abgeblassten Sternen in Dollarica zu arbeiten, hat gar keinen Sinn.
Wenn _Max Reinhardt_ seinen Plan verwirklicht, seinen "Oedipus", "Faust"
und andere geniale Inszenierungen nach Amerika zu bringen, so wird er ganz
sicher nicht nur gute Geschaefte machen und persoenlich einen grossartigen
Erfolg erzielen, sondern er wird auch die Ehre der deutschen
theatralischen Kunst wiederherstellen und fuer die Zukunft eine neue
Moeglichkeit schaffen, ein gutes deutsches Theater staendig drueben zu
erhalten. Die Amerikaner wollen zunaechst einmal verbluefft sein; es muss
ihnen etwas noch nicht Dagewesenes gebracht werden. Eine Bombenreklame muss
auch das ganze gebildete Publikum _englischer Zunge_ in dies Unternehmen
locken, und dies gesamte Publikum englischer Zunge muss vor Neid bersten
und zu dem Gestaendnis gezwungen werden, dass es dergleichen in seinem
Theater noch nicht erlebt habe. Und der Stolz auf diesen Neid der Yankees
wird das Solidaritaetsgefuehl der Deutsch-Amerikaner aufstacheln. Die
Schecks fuer einen deutschen Theaterfonds werden sich zu einem Berge
aufhaeufen, und so gut, wie die jetzigen italienischen Leiter der grossen
Oper sich unsere ersten Saenger, Saengerinnen und Kapellmeister
herueberkommen lassen, werden in Zukunft Unternehmer grossen Stils die
Mittel besitzen, sich unsere hervorragendsten Regisseure und Schauspieler
zu kaufen. Und wenngleich die grosse Sensation, die das deutsche Theater in
Mode bringt, von Sophokles und Goethe ausging, so wird sie in der Folge
doch sogar die Denkfaulheit und die Pruederie des amerikanischen
Durchschnittsmenschen besiegen und auch kuehnere Neutoener unter den
lebenden Dramatikern zu Worte kommen lassen. Wenn dann gegen den Geist des
deutschen Dramas in den Zeitungen ein ebenso lauter Kampf entbrennt und
ebenso heftig von den Kanzeln gedonnert wird, wie es gegen Richard Strauss'
letzte Opernwerke geschah, so wird manch ein geplagter deutscher
Theaterdirektor seinen Kahn schmunzelnd wieder flott werden sehen, und es
wird sogar - was schliesslich doch wohl das Beste dabei ist - wieder ein
tuechtiges Stueck Arbeit in der Richtung der kulturellen Germanisierung
Amerikas geleistet werden koennen.





                        DIE AMERIKANISCHE PRESSE.


In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia
Universitaet zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten
richtete, fand ich folgende hoechst bezeichnende Worte ueber die
amerikanische Presse, die ich hier in Uebersetzung geben will: "Einen guten
Massstab fuer die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem
Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre
Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolitaet, ihre Skrupellosigkeit. Mir
scheint es manchmal wirklich besser, ueberhaupt keine Zeitungen zu lesen,
selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an
Verstaendnis fuer die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des
amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten ueber
unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fussballspiel
sechs Spalten und einer grossen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen
zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was
sein _sollte_ und dem, was praktisch _ist_. Amerikanische Lorbeeren gruenen
fuer die gigantischen Industriehaeuptlinge: wenn das Leben eines solchen
bedroht oder gar ausgeloescht ist, so muessen ganze Morgen herrlichen Waldes
fallen, um das Material zu liefern fuer das Papier, das notwendig ist, um
seine Verdienste in das gehoerige Licht zu setzen, wohingegen unser groesster
Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines
einzigen Baumes genuegt fuer die paar kurzen, unauffaelligen Saetzchen, die
ueber seine Krankheit und seinen Tod berichten. Vergleichen Sie einmal die
Ausfuehrungen der britischen und der amerikanischen Presse ueber einen solch
leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren
allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser
Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern koennen. Ueber einen noch viel
moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse
vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung ueber die Konstruktion der
Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische
Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des
Reiches gehalten wurde, in voller Ausfuehrlichkeit in seinem Morgenblatt;
er bekommt also in seiner Eigenschaft als Waehler sein Material aus erster
Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs."

(M53)

Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners moege mir
als Schild dienen gegen die empoerten Anfeindungen amerikanischer
Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als
einen Ausfluss bornierten europaeischen Neides hinstellen wuerden. Jeder
ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen
muessen, dass wir Europaeer ein gutes Recht haben, ueber das kulturelle Niveau
der Buerger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so
lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns
Meinung ist selbstverstaendlich auch die aller fein empfindenden und fuer
den guten Ruf ihrer Geisteshoehe besorgten Amerikaner; aber der Umstand,
dass der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist,
eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, dass der schlechte
Geschmack bei der erdrueckenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand
der Zeitungsverleger noch nicht ausschliesslich aus reinen Idealisten
besteht, denen kein Geldopfer gross genug ist zur Hebung des geistigen
Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverstaendlich die Zeitung nach
dem Geschmack ihrer Kaeufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in
den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als
stilistisches Geschick genug besaessen, um auch einem erheblich
anspruchsvolleren Publikum zu genuegen. Es duenkt mich sogar nicht
unwahrscheinlich, dass in dem Lande der glaenzenden Redner, der scharfen,
witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene
Journalisten vorhanden sein duerften, als in manchen Laendern der Alten
Welt; wie aber gegenwaertig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen,
haben die skrupellosen fixen Reporter das Uebergewicht, und die besten
Koepfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder
schrauben, dem Zwange der Verhaeltnisse gehorchend, ihr Geistesniveau
absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist,
erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als fuer Kinder
und Unmuendige zugeschnitten. Selbstverstaendlich ist drueben, wie
schliesslich auch ueberall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied
zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blaettern und der
gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das
Betruebliche dabei ist eben, dass das Modernste auch das Schlechteste
bedeutet, und dass die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren
aelteren Blaetter zwingt, wenigstens in der aeusseren Aufmachung sich immer
mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.

(M54)

Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin,
sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere ausserordentlich
fortgeschrittene Technik ist noch nicht imstande, fuer den Rotationsdruck
auf Zeitungspapier in Massenauflagen kuenstlerisch wirkende Bilder
herzustellen, abgesehen davon, dass es auch nur in sehr seltenen
Ausnahmefaellen moeglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger
Stunden flotte kuenstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich
also fuer den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln
koennen, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was
dabei fuer den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen
mit dem Kodak nachlaeuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffaengt und
die beruehmten Zeitgenossen tueckisch im Voruebergehen knipst, das erleben
wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften.
Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfuegen
wenigstens ueber ein besseres Papier und mehr Zeit fuer sorgfaeltige
technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des taeglichen Rotationsbetriebes wird
aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus
der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur
eines Raubmoerders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland,
gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung fuer ein Kutscherblatt an, und
der bessere Mensch schaemt sich, damit einen geraeucherten Hering
einzuwickeln.

(M55)

In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewusst, ueberhaupt keine
unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blaetter,
die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern
schuldig zu sein, wenigstens Portraets vom Tage und humoristische Beigaben
zu bringen. In den ausdruecklich fuer den Geschmack der grossen Masse
bestimmten Blaettern aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen
Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drueben die gelbe genannt,
laesst auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und
Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der
Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: "_287 Menschen verkohlt_", oder
"_Rabenmutter laesst sieben Kinder verhungern_", oder "_Das Arnoldmaedchen
mit Liebhaber in Neapel gesehen_" - wobei zu bemerken ist, dass "das
Arnoldmaedchen" die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten
Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbruellen ihres Herzeleides wie
oeffentlich geohrfeigt vorkommen muss! Dann folgen grosse Portraets der
Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wuest hingekleckste Darstellungen
der grossen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmaedchens als Baby, als
Schulmaedel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entfuehrers. Falls der
letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden
konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natuerlich
auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme ueber das gerade
vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Ungluecks-,
Verbrechens- oder Skandalchronik fuellen die erste und vielleicht auch noch
die zweite Seite aus; noetigenfalls schliessen sich hier die Schauer- und
Trauerfaelle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen
an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, dass alle die
Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik "Ungluecksfaelle und Verbrechen"
in moeglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit
lebhaftem Interesse gelesen werden, drueben an erster Stelle stehen und den
meisten Raum beanspruchen, selbst in Blaettern, die fuer anstaendig gelten.
Den Sportereignissen werden tagtaeglich, winters und sommers, viele, viele
Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt
schliesslich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem gruenen Felde in
irgendeinem Sport eifrig betaetigt, einmal dazu, seine interessanten Zuege
in der Zeitung festgehalten zu sehen, und dass das der jugendlichen
Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich - weniger begreiflich jedoch,
dass die Nation es nicht muede wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs,
Dicks, Johns und Jacks zum Fruehstueck serviert zu kriegen. Alle prominenten
Persoenlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden
fleissig interviewt und selbstverstaendlich abgebildet. Mehr oder minder
harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des
Tagesinteresses stehenden Personen fuellen zahlreiche Spalten, und Big Bill
(der Praesident Taft) muss sich's gefallen lassen, ebenso burschikos
angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene
Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen,
verfaellt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die
Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weissen Hause _The
Spinster Aunt_ Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Praesidenten, im
Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhaendig Lebkuchen und
andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren
gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblaettern nur in
Zeiten der Wahlkaempfe einen grossen Raum ein, und die Sprache, die sie dann
fuehrt, zeichnet sich durch hahnebuechene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr
recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene,
gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen
breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns "Hof und
Gesellschaft" ueberschrieben zu sein pflegt. Waehrend aber bei uns nur die
regierenden Haeuser, der hoechste Adel und ganz wenige grosse
Persoenlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Oeffentlichkeit
sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtaeglich von dem Leben und
Treiben nicht nur ihrer hoechsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionaere und
Modeberuehmtheiten, sondern ueber alle ihre besser gestellten Mitbuerger,
soweit sie ein Haus ausmachen. "Mister und Missis Habakuk J. Flips von
132. Strasse W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret
Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gaeste eingeladen. Unter
den prominenten Persoenlichkeiten bemerkte man ... usw." So geht es
spaltenlang fort waehrend der ganzen Saison. Wenn Damen aus der
Gesellschaft fuer die Wohltaetigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten,
so bringt die Presse die Portraits saemtlicher Patronessen und ausfuehrliche
Berichte; ebenso wenn ein bekannter Buerger der Stadt eine grosse Reise
unternimmt, wenn seine Tochter als Schoenheit in der Gesellschaft Aufsehen
erregt, oder sein Sohn beim Fussballspiel einige Rippen eingetreten kriegt,
oder sein zu drei Viertel verkalkter Grossvater achtzig Jahre alt wird -
kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und
traegt zu der fuerchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze
Pressunwesen darstellt, am meisten bei. Ueber Theater und Musik kann man
unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in
weit groesserer Ausdehnung das alberne Gewaesch der Reporter finden, ebenso
wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem
sachverstaendigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gaenzlich
unqualifizierte Volksstimme, das Gaensegeschnatter des Salons und der
bloedeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von
Nichtigkeiten doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel
erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die
abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschaeftsreklamen zu
unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf ueber irgendeine brennende, sagen
wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen
Ausfuehrungen, bis ploetzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem
Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umraendert, die
Reklame eines Apothekers fuer sein neues Abfuehrmittel hinein; oder ich
erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen
Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener
Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfuer befindet sich in allen besseren
Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Ploetzlich wird eine reizende
Bosheit ueber die Liebe durch das sich breit hereindraengende Inserat einer
Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Ueberschritt:
"Waehle dir nie dein Leichenbestattungsgeschaeft aus persoenlicher
Freundschaft, denn wenn du das tust," geht es nun in kleinem Druck weiter,
"so schaedigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualitaet
Leichenbestattung zukommen laesst, und laedst zweitens den Hinterbliebenen
eine Schuldenlast auf, fuer die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein
kleines Unternehmen, das jaehrlich nur wenige Begraebnisse zu liefern hat,
selbstverstaendlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein grosses
von unserem Rang, und dennoch viel hoehere Preise berechnen muss, weil es ja
auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem
Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur
Erweisung der letzten Ehre fuer seine teuren Verblichenen sich wuenschen
kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen begraben
lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und
Bruderschaften zu unserer Verfuegung." Doppelstrich, - und dann geht es
weiter im Text. So muss ich ungluecklicher Zeitungsleser mir meine
Reflexionen ueber die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der
Leichenwaescherin stoeren lassen; kann keinen Leitartikel bewaeltigen, ohne
peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder
mangelhafte Darmtaetigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den
harmlosen Roman in der Beilage schmoekern will, halten mir die eifrigen
Verkaeufer aller moeglichen Waren fortwaehrend ihre Muster mit lautem
Geschrei unter die Nase.

(M56)

Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen
Unterbrechungen nur mit den Gefuehlen vergleichen, die das Telephon im
Busen des modernen Menschen ausloest, wenn es ihm ruecksichtslos in seinen
Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier
hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, dass der
Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt.
Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr
alle seine freien Augenblicke, selbst waehrend der Geschaeftsstunden, und es
ist fuer den denkenden Europaeer hoechst verwunderlich zu beobachten, wie
Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des
Alters und Geschlechts, den naemlichen intellektuellen Schlangenfrass
geduldig und sogar wohlig hinunterwuergen. Man traut seinen Augen nicht,
wenn man einen ehrwuerdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn
betraechtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte
humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung
erscheint naemlich, ich weiss nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits,
tagtaeglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im
Stile unseres "kleinen Moritz". Die scheusslichen Fratzen, welche sich die
amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietes anzuschminken pflegen, fanden
vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden
Karikaturenzeichnungen der Tagesblaetter, und diesen Fratzen haengen Zettel
aus dem Munde, auf denen ihre erschuetternd witzigen Aussprueche verzeichnet
stehen. Gewiss koennen auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung
einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen - die goldig harmlosen
Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blaettern tagtaeglich diesen
Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in
Buntdruck!

Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche
Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das
der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt,
beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an
eine beliebige Redaktion und setzt voraus, dass er da eine prompte Auskunft
auf alle erdenklichen Fragen erhaelt. Die Naivitaet der guten Leute geht
soweit, dass sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse
anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne
Abteilung fuer solche vertraulichen Auskuenfte, die manchmal in ganz
ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spasshaften Redakteur zur
ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine
angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik "Die Frau und
ihre Interessen" folgende Anfrage aus dem Leserkreise: "Liebes Fraeulein
Libbey!" - das ist die Redaktrice dieser Abteilung - "Schreiber dieses ist
ein junger Mann, welcher in einer Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit
dem schoenen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame,
und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht
die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in
der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame
von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wuenschen sollte,
wuerden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A."

Antwort: "Ja, das koennte Ihnen schon vorwaerts helfen."

Ist das nicht ruehrend niedlich?

(M57)

Eine allbekannte Eigentuemlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind die
_Head lines_ (Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann,
welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen
auffallenden, kurz orientierenden Ueberschriften zu versehen, und dieser
Mann wird gut bezahlt. Der europaeische Leser laeuft anfangs blau an vor Wut
ueber diese graesslichen _Head lines_; er fuehlt sich zum Idioten erniedrigt,
weil man durch diese Ueberschriften, die jeden Artikel alle Nase lang
zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdruecken will,
dass man ihn fuer zu stumpfsinnig halte, als dass er imstande sei, sich
selber ueber den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er aergert sich
noch ganz besonders ueber die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei
Berichten ueber Aeusserungen hervorragender Persoenlichkeiten zu Tagesfragen
den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und
gesperrt gedruckt: "_Sagt, Kalifrage nicht schuld_", und erst in dem in
Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuss gesetzten Text erfaehrt man,
dass es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin handele, der die
Mutmassung zurueckweise, dass seine Haltung in der Kalifrage die Ursache
seiner Abberufung gebildet habe. - Ein Bericht ueber mein und meiner Frau
Auftreten in einem Universitaetshoersaal war beispielsweise ueberschrieben:
"_Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hoererschaft_". Oder ein
Mordbericht ist ueberschrieben: "_Pfeift Signal aus Liebestagen, toetet
sodann Frau_". Genug der Beispiele. Aber derselbe Europaeer, der anfangs
mit knapper Not dem Schlagfluss entging vor Aerger ueber so viel Kinderei und
grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die
Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsaechlich den
Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wuesten Haufen
aufgetuermten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der
Headlines ist man naemlich imstande, die umfaenglichste Tageszeitung in fuenf
Minuten zu erledigen, waehrend man reichlich fuenf Stunden brauchen wuerde,
wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im
Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.

(M58)

Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel
dafuer anzufuehren, was der Amerikaner unter journalistischer _Smartness_
versteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft frueh
morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wuenschte. Ich merkte
sehr bald, dass der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen
Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch laechelnd ein, dass ihn
nur der "Baron" veranlasst habe, uns so ruecksichtslos zu ueberfallen, ehe
wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespuelt hatten. Da in jenen
Tagen die Auffuehrung von Richard Strauss' "Salome" in Chicago viel Staub
aufwirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob
ihr Stadtoberhaupt die Auffuehrung dieses gotteslaesterlichen Werkes
gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich
ueber meine Beziehungen zu Strauss und meine Ansicht ueber "Salome"
auszufragen. Er stenographierte fleissig, und wir brachten, wie mir schien,
ein ganz nettes Feuilleton zustande. Hoechst vergnuegt zog er mit seiner
Beute ab. Bereits eine Stunde spaeter wurden wir von seiner Redaktion
angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz bloedsinniges
Gewaesch abgeliefert, wir sollten doch die ueberfluessige Belaestigung
entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion
freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser
Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen
Kollegen fuer einen Trottel erklaert hatte, liess er sich ein Bild von meiner
Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Maenner gefielen, ob
ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbaerte, was
sie von den Humpelroecken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen
beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fuerchtete - und
dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe
seines hoechst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es
wurde uns nachher von vielen Leuten bestaetigt, dass das Publikum
tatsaechlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage
spaeter waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein
reizendes Heim und eine aus belangreichen Maennern und interessanten Frauen
anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine
hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.

(M59)

Ich glaube, aus dieser und manchen aehnlichen Erfahrung schliessen zu
duerfen, dass der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer
einen Rueckschluss zulasse auf mangelhafte Befaehigung der amerikanischen
Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfuegen nicht selten
ueber eine sehr gute Bildung, ueber eine hoechst gewandte Feder, einen
schlagfertigen Witz, und es waere sehr wohl moeglich, mit denselben
Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen.
In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach
ueberlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die
Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblaetter
meist weit uebertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und
Weise, wie die Zeitung oft tatkraeftig in oeffentliche Angelegenheiten von
Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist
zum Volksmanne grossen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und
Unterdrueckten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung
erfuellen. Ich brauche wohl nur die Namen _New-York Herald_ und _Henry M.
Stanley_ zu nennen! Es betaetigen sich eben im Journalismus nicht nur
Leute, "die ihren Beruf verfehlt haben," nicht nur Klugschwaetzer und
Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies - weil sie wissen,
dass aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein
Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Praesident der Republik!
Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, dass unter den
hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche
deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks
ist ein Deutscher; in dem am _Boston Transcript_, einer in geistigen
Dingen fuehrenden Tageszeitung, angestellten Redakteur fuer literarische
Angelegenheiten entdeckte ich einen ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er
schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im
Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Moeglichkeiten
zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend
niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger
schuld, die sich an das gefaehrliche Goethewort halten: "Wer vieles bringt,
wird manchem etwas bringen."

Eine Zeitung fuer jedermann aus dem Volke kann es aber vernuenftigerweise
ueberhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut,
bedeutet fuer einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine
weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt
vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gaehnen usw. usw. Eine
Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur fuer den Geschmack,
sondern auch fuer die guten Sitten und sogar fuer das Denkvermoegen ihrer
Leser, indem sie allgemein verstaendlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem
Geschmack und dem beschraenkten Begriffsvermoegen der geistig Minderwertigen
herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine
Konzessionen macht und den Erbaermlichkeiten gegenueber, die die Wogen des
Lebens tagtaeglich ans Ufer der Oeffentlichkeit schleudern, gewissermassen
die Funktionen der Gesundheitspolizei ausuebt, dadurch dass sie alle uebel
riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum
Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jaemmerliche
Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse
gegenueber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis,
geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Dass sie, wie ich in den
Ausfuehrungen ueber oeffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz
ihrer indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten
Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen
gegenueber eine geradezu aengstlich pruede Zurueckhaltung ausuebt, verringert
die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwoert, nicht im geringsten,
wenn anders man zugibt, dass Moral keineswegs im Nichtswissen um die
Natuerlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, dass man
seinen Mitmenschen gegenueber eine anstaendige Gesinnung betaetigt und seine
schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum
obersten Richter ueber die Moral und den gesunden Menschenverstand zum
Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der traegt notwendig zur
Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe
Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet
ihn in den Sumpf der toedlichsten Trivialitaet hinein. Es ist sehr schwer,
sich da wieder herauszurappeln.

(M60)

Auch dafuer liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel;
anstatt dass naemlich, um die Geringwertigkeit des taeglichen Massenfutters
auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf
nahrhafte Qualitaet der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen,
sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem boesen Beispiel der
Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden
Preis! Ich weiss nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das
absichtlich den Kreis seiner Leser einschraenkte, um zwanglos zu einer
Gemeinde von Auserwaehlten sprechen zu duerfen. Weil der Hunger nach
Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genaehrt, nunmehr
bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so
glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- und Monatsschriften
Rechnung tragen zu muessen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel
waere. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern
sie einem achselzuckend: "Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere
Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz
die Leser weg." Dieser eine Sensationsartikel, der zum Aerger
geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen
Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen,
liebenswuerdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der
literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der
Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Waehrend
meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene
Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, dass in New York
taeglich etliche hunderttausend Stueck faule Eier importiert wuerden, und dass
saemtliche Zuckerbaecker ihre appetitlichen Suessigkeiten grundsaetzlich nur
aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch aelterem Rufe
entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefaehrlichen Ignoranz
der amerikanischen Aerzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als
Beispiel erzaehlt, dass ein Chirurg mit grosser Praxis eine Reise ins Ausland
unternehmen wollte und seine Patienten einem aelteren, angesehenen Kollegen
empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgefuehrt
hatte, die aber neuerdings wieder ueber Schmerzen klagte. Der aeltere
Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere
Diagnose als Blinddarmentzuendung stellen koennen. Schliesslich sei der
Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, dass sie selber auf eine
nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, dass der Blinddarm,
und zwar in scheusslicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der juengere
Kollege dann zurueckkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation
erfuhr, habe er totenblass ausgerufen: "Mein Gott, was habe _ich_ dann da
der Dame herausgeschnitten!?" Ich muesste mich sehr taeuschen, wenn ich
diesen Scherz nicht schon vor dreissig Jahren in Deutschland gehoert haette;
aber er genuegte, gehoerig aufgefrischt, um die saemtlichen medizinischen
Fakultaeten, die ganze Aerzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen
und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene
tuechtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht
aus diesen Beispielen, dass sich der Sensationsgier zuliebe selbst die fuer
die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit
der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der
ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafuer
klingt freilich plausibel genug: "Was wollen Sie?" sagen einem die
Herausgeber, "die Wissenden taeuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff,
die amuesieren sich nur darueber, und im uebrigen wird so unendlich viel
gedruckt und gelesen, dass das Publikum es ja doch nicht alles behalten
kann. Wenn also die aergsten Luegen wirklich einmal nicht einwandfrei
dementiert werden sollten, so vergisst sie das Publikum doch sicher ueber
der naechsten Sensation. Wo bleibt also der grosse Schaden, den wir stiften
sollen?"

Es muss allerdings zugegeben werden, dass unter den besonderen
amerikanischen Verhaeltnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er
bei uns in Deutschland sein wuerde, weil dort verhaeltnismaessig nur wenige
Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Grossstaedter zumal kauft sich
seine Zeitung und selbst seine Wochen- und Monatsschrift auf der Strasse,
und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also
die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in
demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und
uebermorgen gelb - wenn er noch seinen eignen gruenen Optimismus hinzutut,
ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schliesslich doch das Weiss
der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verbloedung durch die Presse ist also
schliesslich doch nicht so gross, wenigstens fuer den an sich schon freieren
Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, dass unter den etlichen 90 Millionen
Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevoelkern, nur wenige Tausend
noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt
ist, fuer wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor
der uebrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die
Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu
beurteilen, die sie sich gefallen laesst.

(M61)

Es sei uebrigens nachdruecklich betont, dass wenigstens ein Teil der
deutschen Presse Amerikas, und besonders der fuehrenden Blaetter New Yorks,
sich die redlichste Muehe gibt, sich ueber den Standard der englischen
Presse zu erheben. In den grossen deutschen Zeitungen findet man, besonders
ueber das Ausland, eine bei weitem ausfuehrlichere und zuverlaessigere
Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was
beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an
Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualitaet und Quantitaet
von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die grosse Mehrzahl
der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich ueberraschend schnell in
Dingen des Ungeschmacks und der oberflaechlichen Neugier, und so zwingt der
Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blaetter, manchen betrueblichen
Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es ueberhaupt moeglich, diesem
rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem grossen demokratischen
Freistaat, in dem die Masse sich zum allmaechtigen Tyrannen aufgeschwungen
hat? Ich habe an anderer Stelle ausgefuehrt, dass es die natuerliche Tendenz
jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu
entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege
dazu. Die Zeit muss kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug
ist, um die geistige Fuehrung an sich zu reissen. Eine aristokratische
Kultur aber laesst sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete
Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvoelker rechnen, wenn
sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den
Geschmack der Masse zu vergewaltigen.





                   VON DER DEMOKRATISCHEN GESELLSCHAFT.


(M62)

Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt
sind, und es sich leisten koennen, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu
besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Faellen, dass sie mit
staunender Genugtuung den grossen Aufschwung des Vaterlandes in
wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und
kuenstlerischer Beziehung wahrgenommen, dass sie mit stiller Ruehrung so
manche treu behuetete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswuerdige alte
Sitten und Gebraeuche, feuchtfroehliche Kneipwinkel und traute Gemuetlichkeit
im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestaerkt
haetten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der
Neuen Welt schmerzlich vermissten und ihr Leben nicht lieber mehr oder
minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des
Rentners in der alten Heimat beschliessen wollten, da bekommt man fast
immer zur Antwort: "Nein, Wurzel fassen koennte ich auch in dem ueppigen
modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so
habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit.
Ihr fuehlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollstaendig
in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren grossen und kleinen
Fuersten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und
aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gaengeln
und behueten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzaeunt von Warnungs-
und Verordnungstafeln, der freie Entschluss und die freie Meinung trauen
sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis
oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu
bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schoene Sache,
aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muss doch mit zu viel
Demuetigungen des Selbstbewusstseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen
Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends laecherlich und
unertraeglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmoeglichsten
Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuraeumen.
Das sind die Gruende, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die
Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht
mehr heimisch werden kann." Und dann werden einem allerlei blamabel
komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil ueber unsere
Unfreiheit erhaerten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur
Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des
Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken
schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte
Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Muetze, der mit Papieren in der Hand
auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein
Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische
Angst der Gastgeber vor Verstoessen gegen die Rangordnung bei Einladungen in
ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die
umstaendlichen Hoeflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander -
und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit
mehr sind.

Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Auslaender zu veruebeln,
wenn er diese Dinge bei uns mit ironischer Heiterkeit oder gar mit
bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist fuer uns nur die: lebt man in der
demokratischen Gesellschaft der groessten amerikanischen Republik wirklich
so sehr viel freier? Und ist es ueberhaupt moeglich, ein friedliches
Nebeneinanderleben von Menschen, eine oeffentliche Ordnung, Sicherung des
Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne
Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschraenken und ohne
Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die
republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr
energisch verneint. Ich wuesste nicht, wo in der Welt mehr und eifriger
Gesetze fabriziert wuerden, als gerade in der Union, wo nicht nur im
Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen saemtlicher 44
Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die
wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen
weitgehende Ergaenzungen erfahren. Gewiss, unsere Verordnungswut, unsere
kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schoene Stunde und reizen
die Galle oefter als das Zwerchfell - aber ist das drueben so sehr viel
besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reisst
mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin
mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in
Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Strasse
ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe
belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen
lasse; wenn ich ein schoenes Maedchen bewundernd anblicke, riskiere ich,
durchgepruegelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack
und weisser Weste betrete, werde ich durch veraechtliche Blicke in den Boden
gebohrt. In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen
Unterschied der Staende, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren
deutlichsten Ausdruck darin finden, dass auf der Eisenbahn nur eine einzige
Wagenklasse fuer alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit
nur bei langsamen Lokalzuegen durchgefuehrt, die der "bessere Mensch" ja
doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite
Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern,
Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmaedchen und Viehtreibern in die Car
mit den graesslich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen,
sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft
und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem grossen luftigen, schoen
ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu
benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und
Rauchkabinett, Speisewagen, Buefettwagen mit Schreibgelegenheit und
reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich
sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter,
manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder
besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse fuehre. Fuehle ich mich
aber so ausserordentlich _prominent_, dass mir auch diese Gesellschaft noch
zu ordinaer ist, gehoere ich also nach deutschen Begriffen zu den
_erstklassigen_ Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe
mir dafuer ein _Compartement_, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum
innerhalb des grossen Pullman-Wagens, in dem ich ueber ueppige Salonmoebel
verfuege und nachts auch allein schlafen kann, waehrend die Leute zweiter
Klasse, Maennlein und Weiblein pele-mele, der Laenge nach hinter einem
gruenen Vorhang uebereinander geschichtet und sorgfaeltig von der frischen
Luft abgeschlossen werden. Selbstverstaendlich kann man es, ebenso wie bei
uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn
es ihm Spass macht, fuer sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drueben
etwa ein Cowboy in verwegenem Raeuberaufzug sich fuer seine zerknitterten
Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird
er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch
spucken darf, bald genug ungemuetlich fuehlen und ganz bescheiden in den
Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas
anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer duenkelhaften
Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse fuer die
Leute mit der ganz schmalen Boerse - die Eisenbahnkoenige im Lande der
Freiheit und Gleichheit denken aber natuerlich nicht daran, diesem
Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzufuehren. Dass - in
den Suedstaaten wenigstens - Neger in der Eisen- und selbst in der
Strassenbahn im besonderen Wagen fahren muessen, ist ja eine weltbekannte,
echt demokratische Einrichtung.

(M63)

Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, dass auch in der grossen Republik
dafuer gesorgt ist, dass der freie Kulturmensch sich hie und da an
Gesetzestafeln Beulen stoesst und wegen laecherlicher Bevormundung gerade so
schoen die Kraenke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir naeher zusehen,
welchen Maechten es denn zu danken sei, dass wir drueben nicht vor lauter
Freiheit allzu uebermuetig werden, so stossen wir in den meisten Faellen auf -
_die alte Tante_! Ich fuer meinen Teil muss gestehen, dass mir diese alte
Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Tueren
einschlaegt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Koerperschaften die
Fenster des Sitzungssaales einschmeisst und am liebsten alle freie
Froehlichkeit durch ihr sauertoepfisches Geplaerr ersticken moechte, bei
weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das
ist ueberhaupt die ueble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den
Amerikanern, dass sie so leicht vor den verruecktesten Anschlaegen boshafter
und beschraenkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der
Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe
boesartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem
erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spuelen, oder
mir ein harmloses Glas Bier durch eine Luege zu erschleichen(3), dieselbe
auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase
zusperrt, mir jede schoene kuenstlerische Nacktheit mit Feigenblaettern
verschandelt und sogar meine Lektuere kontrolliert, indem sie die Tore des
Freistaates gegen die Einfuhr "freier" Buecher verschliesst und dem
einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und
Gedankenkreise beruehren zu lassen, die _sie_ fuer anstoessig erklaert! Dass
diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die
Vergnuegungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gaenzlich auszurotten
vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, dass sie eine
scheussliche und laecherliche Heuchelei zuechtet und auf kuenstlerischem und
wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin betraechtlich
hemmt. Da es dem Buerger der Vereinigten Staaten an so vielen Plaetzen
verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Nass zu loeschen, so verlernt
er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getraenken und berauscht sich
bei verschlossenen Tueren an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der
Genuss des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch
nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben,
ganz und gar von dieser unter Umstaenden sogar bildenden Unterhaltung
auszuschliessen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen
unter dem Namen _Sacred Concert_ zu gestatten, wobei aber Kostuem und Tanz
fortfallen muessen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York
am Sonntag nachmittag "Madame Bonivard", der franzoesische Schwank von der
alten Balletteuse, als _geistliches Konzert_ gegeben!

(M64)

Und wenn die Amerikaner behaupten, dass es einen Kastengeist oder ueberhaupt
gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muss ich mir
erlauben, auch dahinter ein grosses Fragezeichen zu machen. Die Abkommen
der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner
Handwerker, die 1620 mit der "Mayflower" landeten, entwickeln einen
Adelstick, der unsere blaubluetigsten ostelbischen Junker neidisch machen
koennte. Ganz natuerlich: denn ein Amerikaner, der seine Grosseltern noch
kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt,
die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich
rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen
Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehraeuber gewesen sein und am Galgen
geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere
geniessen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen
koeniglicher Haeuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel aeusserlich
erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines
gesellschaftlichen Kreises dafuer, dass er nicht mit der Krapuele verwechselt
werden kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten
Vierhundert hineinzukommen, als an den Hoefen europaeischer Kaiser und
Koenige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den
Hofgeschichtsschreibern Faelschungen und Unterschlagungen begehen lassen,
um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so
scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um
unangenehme Veroeffentlichungen ueber ihre Ahnen zu hintertreiben.
Nachschlagewerke wie "Wer ist wer?" spielen drueben eine Rolle wie bei uns
der "Gotha". Die guten alten Familien schuetteln ihre Bekanntschaften durch
sieben Siebe, bevor sie sie ihres naeheren Umganges wuerdigen, und die
Emporkoemmlinge, moegen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein hoeheres
Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Haeuser
zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer juengeren Prinzen oder
Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drueben offiziell
nicht, dafuer recken sich aber die guten Leute in den Theater- und
Konzertsaelen die Haelse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren
Diplomaten zu bestaunen und schmuecken ihre Knopfloecher mit Vereinszeichen
in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden
von weitem wenigstens sehr aehnlich sehen. Und jeder Buerger, der durch sein
geschaeftliches Glueck oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten
geraten ist, traegt eifrig dafuer Sorge, so oft wie irgend moeglich in den
Zeitungen erwaehnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine
gesellschaftliche Stellung ungemein erhoeht. Die guten Republikaner
scheinen ein vortreffliches Gedaechtnis sowohl fuer die
Zeitungsberuehmtheiten wie fuer die Familienverhaeltnisse aller ihrer grossen
Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders
die Damen ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit
wem nicht. Sie haben ihre Liste der _moeglichen_ Menschen so sicher im
Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium
die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von
hueben und drueben ist also nicht gar so gross - nur dass die europaeischen
Raubritter doch wenigstens urspruenglich Sprossen erlesensten Blutes waren
und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Raeuberei verfuehrt
wurden. Drueben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primaere und
wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von
ungeheuren Vermoegen gehoert neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit,
Phantasie und Wagemut noch immer eine grosse Portion Ruecksichts- und
Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und
Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als
jedes andere. _Pluckyness_ ist heute noch ein hoechstes Lob fuer einen
Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm fuer
einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit
Hochgenuss studieren will, der lese die kuerzlich erschienenen Memoiren des
alten Gauners Drew(4). Darin kommt eine koestliche Anekdote vor, wie er
einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute
Gelegenheit benutzt und fuer ein Spottgeld eine ganze Herde hoechst
minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New
York und liess die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und
erbaermlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und
sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des
misstrauischen alten Geschaeftsfreundes liess er seine Herde saufen, saufen,
saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbaeuchen eine unerhoert strotzende
Gesundheit vortaeuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen
glaenzenden Preis. Dieses Schwindelmanoever hat eine sozusagen klassische
Beruehmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch
Vortaeuschung grosser Rentabilitaet bei gesundem finanziellem Fundament in
die Hoehe zu treiben "_Watering the stock_" die Herde waessern - denn das
Wort _stock_ bedeutet sowohl Aktie wie Herde. - Natuerlich faellt es mir gar
nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Geluesten einen Vorwurf
machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestaetigung meiner
Ueberzeugung, dass das Streben nach Zuechtung einer Aristokratie ein
Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwaerts- und Hochkommen
anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller staerkeren,
wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwaechlingen
abzusondern.

(M65)

Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Fuehrers der
Sozialdemokratie zu vernehmen, dass es in den Vereinigten Staaten so
ausserordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute
keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns
bekaempft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste - und
dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren
gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militaerische Drill sitzt seit etwa
fuenf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten
erzogen; dem freien Buerger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der
Welt so verhasst als wie Disziplin. Obwohl drueben die Herdeninstinkte noch
viel staerker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu
weitgehender Differenzierung der Persoenlichkeit fuehrt, so ist doch jeder
Einzelne als Republikaner viel eifersuechtiger auf seine persoenliche
Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel ueber die Dienstbotenfrage habe ich
diesen Punkt beruehrt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische
Eitelkeit, wie ich es nennen moechte, in der Frage der Rekrutierung des
stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus
naiv glorifiziert und liebenswuerdig verhaetschelt. Es braucht nur ein
Bataillon mit klingendem Spiel durch die Strassen zu ziehen, und alles ist
tief geruehrt vor nationaler Begeisterung - aber dienen will niemand, und
die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchfuehrbar. Die Regierung sieht
sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate
muessen mit schreienden Farben die Soehne des Vaterlandes zum Heeresdienst
verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen
und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende
Offiziere, den Arm in vaeterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner
Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespraech einherwandeln;
und auf den Schmuckplaetzen grosser Staedte etablieren sich Feldwebel und
harren unter aehnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die
es geluestet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber muessen
reden koennen wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken
voll lustiger Schwaenke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken
- denn Freund Alkohol muss meistens ein uebriges tun, um den schwankenden
Heldenjuengling soweit zu bringen, dass er Handgeld annimmt. Uebrigens
versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische
duerfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht
wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kraefte gehoerig
angespannt, aber dafuer wird auch der gemeine Mann wie ein anstaendiger
Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte
hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen fuer Unterhaltung und Erholung
dafuer gesorgt, dass er nicht von Kraeften komme und bei guter Laune bleibe.
Die Liebenswuerdigkeit eines praechtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten
in Columbus (Ohio) liess mich einen Einblick in das Kasernenleben tun.
Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne
Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er
krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten
Hospital die denkbar sorgfaeltigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um
6 Uhr in einer eigens dafuer bestimmten grossen Halle mit den Kameraden ein
und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten
Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck
gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine
vorzuegliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemuese und hinterher
anstaendigen Kaffee mit delikatem Weissbrot. Selbstverstaendlich haben sie
auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem
Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreussischen
Begriffen nicht weit her, dafuer wird aber die Entschlussfaehigkeit des
einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem
Erfolge anerzogen. Dass die Loehnung eine ungleich viel bessere ist als bei
uns, ist wohl selbstverstaendlich. Der amerikanische Soldat koennte also den
unsrigen hoechstens in dem einen Punkte beneiden, dass er keine so bunte und
blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafuer ist die seinige aber auch
viel bequemer als die unsrige und ausserdem ein sichererer Schutz als der
festeste Kuerass, denn ihre staubgraue Farbe macht den Mann schon in einer
Entfernung von etwa 300 Meter voellig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst
erzaehlte mir, dass sie eines schoenen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe
abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa
350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen
bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst
befluegelt, sei sie vorwaerts gestuerzt und - nach ein paar Minuten sei der
schmerzlich Vermisste erst schattengleich, dann immer deutlicher und
kompakter wieder auf dem Ruecken seines Pferdes erschienen. Es wuerde also
aus der Hoehe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer
amerikanischen Armee unter Umstaenden ueberhaupt nichts zu sehen sein. Doch
dies nur nebenbei.

(M66)

Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete
Soeldnertruppe einem grossen, intelligent geleiteten Volksheer gegenueber
standzuhalten vermoege, wird ueber kurz oder lang doch einmal zur
Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, dass die Japs ein
aeusserst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die
amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap
Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den
ihm zur Begruessung entgegengeschickten hohen Wuerdentraegern des japanischen
Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos
freundliche Gesicht eines Mannes, der laengere Zeit bei ihm als Gaertner
angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie
wissen tatsaechlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Plaene von
langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte
behaupten, dass die pacifischen Republiken Suedamerikas schon alle durch die
Versprechungen der Japaner fuer deren Zwecke eingefangen und bereit seien,
beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Kueste zu bemaechtigen,
dem grossen Bruder in den Ruecken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es
aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann wuerde es
eine ueberaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es
gibt ueber die Rocky Mountains nur fuenf einigermassen gangbare Paesse, die
militaerisch leicht zuzuschliessen sind. Nur angesichts eines solchen
nationalen Ungluecks wuerde die gluehende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich
zur Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht hinreissen lassen. Ich glaube,
sie waere ein Segen fuer das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an
persoenlicher Opferwilligkeit macht sich ueberall als Hemmnis fuer den
Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im
Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Russland, durch Angst und Schrecken
muehsam aufrecht erhalten werden muss, schafft ueberhaupt erst die
Vorbedingungen fuer das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und
Einrichtungen.

(M67)

Die Freiheit, welche die Buerger der Vereinigten Staaten tatsaechlich vor
uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden muessen, besteht
also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen
Verhoehnung der Gesetze und in der geringen Empfindung fuer die Wichtigkeit
einer aengstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und
Berufsehre, als vielmehr darin, dass drueben tatsaechlich jede Energie, jedes
Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiss,
wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat,
der kann sicher sein, ein Feld fuer Betaetigung seiner Kraefte zu finden,
Ohren, die auf ihn hoeren und Haende, die ihm vorwaerts helfen. Gute
Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflussreiche Goenner und ererbtes
Betriebskapital sind selbstverstaendlich auch drueben eine wertvolle
Vorbedingung; aber der wirklich Tuechtige kann auch ohne all das sicher
sein, vorwaerts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit
duenkelhafter Aengstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk
errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll
Einlassheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und
gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreissen; das Beste an
der demokratischen Freiheit ist es, dass sie einen solchen Bretterzaun
zwischen Regierung und "Untertan", zwischen Behoerde und Publikum nicht
duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest,
dass nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen
da sei; dagegen entspringt aus dem Bewusstsein des freien Buergers, dass
nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich fuer sein Geld eine Regierung
nach seinem Geschmack leisten koenne, jenes Herrenbewusstsein, das die wahre
Menschenwuerde erst zur rechten Bluete bringt. Dieses Herrenbewusstsein ist
aber auch der grimmigste Feind aller Duckmaeuserei, Neidhammelei,
Noergelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene
beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spiessertums,
naemlich einerseits der untertaenigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende
und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel haeufigere, auf
alles schimpfende und doch nie zur Selbsthuelfe greifende Spiesser duerften
in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den oedesten Kleinstaedten zu
finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren
Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten
Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden ueberall in
der Oeffentlichkeit, nicht nur in den grossartigen Organisationen der
Wohltaetigkeit, der Erziehung, der Fuersorge fuer die physisch und moralisch
Kranken, in den koeniglichen Stiftungen der Milliardaere, sondern in vielen
kleinen Zuegen, die beweisen, dass auch der aermste dieser freien Buerger an
jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das fuer die
genialen Diebe grossen Stils so viel laechelndes Verstaendnis uebrig hat, das
auf der Strasse liegende Eigentum des Naechsten auffallend respektiert. Wenn
der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er
seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen
will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf.
Man hoert nie davon, dass sich jemand an dem angesammelten Kleingeld
vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt fuer Drucksachen und
dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und
keinem kommt der Gedanke, dass sie da fortgenommen werden koennten; ja noch
mehr: man sieht in den Strassen massenhaft herrenlose Automobile
herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten koennen sich nur
sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der
Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kaelte geschuetzt
- und man hoert selten oder nie davon, dass ein Auto oder auch nur eine
solche Decke von der Strasse weg gestohlen worden waere. Bei hellichtem Tage
bandenweise in einen Laden oder in einen _Saloon_ einfallen und Inhaber
wie Kunden auspluendern, das ist guter Sport, das ist fesch, wuerde der
Wiener sagen; aber von der Strasse etwas fortnehmen, das ist gemeiner
Vertrauensmissbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der
Kleine, der sich von dem Grossen geschaedigt und schlecht behandelt fuehlt,
setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter ist leicht mit dem Streik bei
der Hand, wenn er die grossen Geldsaecke allzu zugeknoepft findet. Aber es
faellt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um
seinen Ueberfluss. Weiss er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren,
dass sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, dass die Kerle
eben einen guten Kopf, Fleiss, Energie und Glueck gehabt haben - ihm selber
oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen.
Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der
Weizen des Sozialismus drueben nicht bluehen will.

Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen koennte, einige Schiffsladungen
voll Philister, Spiesser, Paragraphenreiter, Schulfuechse,
Bureaukratsbuersten und Einfaltspinsel hinueber zu schaffen, um bei Bruder
Jonathan einen mehrjaehrigen Kursus zwecks Charakterverbesserung
durchzumachen?





           WIE DER YANKEE SEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL MACHT.


Es war eine der kluegsten Massnahmen der Unionsbegruender, dass sie in ihrer
Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie ueberall in
der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung
Nordamerikas die Verquickung des religioesen Elements mit der Politik die
uebelsten Folgen gehabt. Die bischoefliche Kirche Englands, die papistische
wie die protestantische, hatte natuerlich versucht, ihre Herrschaft auch
auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen
Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgervaeter, das heisst
jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Haelfte des siebzehnten
Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich
weit unduldsamer erwiesen als selbst die roemische Pfaffenherrschaft in den
spanischen Suedstaaten. Sie waeren am liebsten mit Inquisition und
Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen.
Aber wie diese Pilgervaeter ueber dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch
niemals vergassen, ihre weltlichen Geschaefte als geriebene Kaufleute
intensiv zu foerdern, so liess sich auch der vielgeruehmte _Common __sence_
ihrer angelsaechsischen Rasse selbst durch religioese Inbrunst nicht voellig
unterdruecken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende
Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen
Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen
Zusammenhalt angewiesenen Buergern erzeugt. Neugegruendete Staedte und
Staaten wurden entvoelkert, abtruennige Sektierer fanden grossen Zulauf und
gruendeten neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der
alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat
Maine, der als erster voellige Religionsfreiheit eingefuehrt hatte,
auffaellig rasch emporbluehte, begannen doch auch den starren Puritanern die
Augen aufzugehen.

(M68)

Und so kam es, dass nach der gewaltsamen Losreissung vom alten Vaterlande
die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz
erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist
dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatsaechlich in den
Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die
Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, dass die Grundsaetze einer
Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die
Vielehe bei den Mormonen. Ausserdem hat sie in weiser Voraussicht der
Ansammlung uebermaessigen Kirchensvermoegen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser
Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in
unzaehlige Sekten, die aber keineswegs eine Schwaechung, sondern vielmehr
eine Staerkung des religioesen Lebens bedeuten. Philosophisches und
besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen,
dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch
Begeisterungsfaehigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit
heute noch kindlich denkunreif, und so erklaert es sich, dass die Bibel ihm
noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natuerlich aber liest jedes
grueblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes
heraus. Und wer Beredsamkeit und Zaehigkeit genug besitzt, vermag Anhaenger
um sich zu scharen und eine unabhaengige Gemeinde zu gruenden. Die
Opferwilligkeit, die dazu gehoert, eine solche Gemeinde, Sekte oder Kirche
(_Denomination_) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis
ab fuer die Staerke des religioesen Beduerfnisses. Freigeister in unserem
Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst
hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geuebt. Die Tradition hat die
Bibelglaeubigkeit der Vorvaeter so lebendig erhalten, dass es heute noch,
ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes
geblieben ist, seinen Eifer fuer das Christentum irgendwie zu betaetigen.
Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher
oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen haelt fest
zusammen wie ueberall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie
gruendet ihre Macht auf das irische Element und erhaelt staendigen Zuwachs
durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie
ist, traegt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den
geistig minderwertigsten Einwanderern ueppig ins Kraut schiessenden Stolz
auf die persoenliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so
aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen
versucht sie mit allen moeglichen Mitteln Einfluss zu gewinnen. Die
bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irlaender, die bekannte
Tammany Hall im Staate New-York, uebt offensichtlich eine grosse politische
Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische
Irlaender in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefaehrlicher
Weise zu betaetigen, darueber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst
sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass der
nuechterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbuergerliches Wohlbefinden
und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien
uebers Ohr hauen lassen sollte.

(M69)

Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so
ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo
sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betaetigen.
Selbstverstaendlich wird in saemtlichen Kirchen und Betsaelen Nordamerikas -
man zaehlt gegenwaertig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer
Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse - der christliche
Grundsatz gepredigt, dass vor Gott alle Menschen gleich seien; in
Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischoefliche Hochkirche nur fuer
die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren praechtigen Kathedralen
kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf
einen ersten Rangplatz in der grossen Oper. Ein beliebiger Mensch der
minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im voruebergehen in
solch eine Kirche einzukehren, wuerde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz
finden, sondern sich auch durch die entruesteten Blicke der Stammgaeste
energisch hinausgeekelt fuehlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine
Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre
Karriere haeufig ihren glaenzenden Eigenschaften als Tischredner,
Bridgespieler, Musikdilettanten und Taenzer. Die Kirche der geistigen
Aristokratie, der wohl der groesste Teil der akademischen Welt angehoert, ist
die _Unitarian Church_. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur
den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie
treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen fuer
ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen,
vornehmlich bei ihrem beruehmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den
groessten religioesen Eifer entfalten natuerlich die kleineren Denominationen,
deren Prediger oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die
Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre
Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergnuegte musikalisch
deklamatorische Unterhaltungen oder schweisstreibende Leibesuebungen
veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den
Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame
dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker Uebertreibung Rechnung
tragen muessen. Am spasshaftesten muss es wohl in den Negerkirchen zugehen.
Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesaenge der Nigger gehoert hat, deren
Eigentuemlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung
von Himmel und Hoelle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der
Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der
Weihe eines Negergottesdienstes machen koennen. Der Rhythmus afrikanischer
Kriegs- und Geisterbeschwoerungstaenze sitzt diesem kindhaft gebliebenen
Volke eben noch so fest in den Knochen, dass auch seine religioesen Gefuehle
bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen.

(M70)

Um einen Begriff von dem Ton dieser religioesen Niggerpoesie zu geben, habe
ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu uebersetzen, wobei freilich zu
bedenken ist, dass die Eigentuemlichkeiten des Negerdialektes schon darum
jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch
kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet
folgendermassen: "Jossua fit de battle ob de Jerico".

  Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho - so froh!
  Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho -
  und die Mauern purzeln um - glatt um!

  Kommt Brueder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, lasst uns eilen,
  da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.
  Wir waehlen uns zum Text - die Deutung, die liegt nah:
  "Der Herr rief: Moses, Moses! - und der Mann sprach: Ich bin da!"
              O Daniel!
  Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,
  und die Mauern purzeln um, glatt um.

    Nu, oll' Pharo von Aegypten - klueger war kein Mensch gebor'n -
  und er kriegt die Judenkinder 'ran zur Arbeit in sei'm Korn.
  Schliesslich liess der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,
  dass der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen moecht'.
              O Daniel usw.

    Sollt er aber dies verweigern! - o verdammt - dann ging's ihm schlimm.
  Auf Aegypten wollt er leeren kuebelweise seinen Grimm.
  So geschah's. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.
  Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfaehrt.
              O Daniel usw.

    Tolle Sachen dreht der Herrgott - und nicht nur in alter Zeit,
  nicht fuer Israel nur - Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!
  Seine Liebe reicht fuer uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt
  mich meinem Massa, dass die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.
              O Daniel usw.

Besonders interessant ist es, dass, wie auch in den aeltesten Zeiten des
Volksliedes der europaeischen Kulturlaender, das eigentlich sinnvolle
Gedicht von einem Solosaenger vorgetragen wird, waehrend der Chor sich durch
ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In
obigem Lied singt also der Chor: so froh - glatt um - o Daniel - und
wiederholt am Schlusse jedes Verses die ausser Zusammenhang mit dem Inhalt
stehenden Einleitungszeilen: "Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho".

Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich
vergeblich bemueht habe, lautet hoechst charakteristisch:

                               Der Vorsaenger:
  O der Gaensekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn -
  Mein Herr schreibt meine Zeit ein.
  Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schaedel auch
  alle Haare dir gezaehlt. Weisst du das nicht?
  Oder meinst du, dass der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht
  von 'nem Walfisch unterscheiden sollte koennen?

                                   Chor:
  Suendige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,
  denn mein Herrgott schreibt es ein.

                                 Vorsaenger:
  Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht -
  mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.
  Du erwarte nicht vom Nachbar, dass er deiner Seele durchhilft,
  deine Suenden muessen braten wie die Huehnchen auf dem Hofe.

                                   Chor:
  Also suendige lieber nicht usw.

In einem anderen Liede wird den armen Suendern angeraten, sich ja
rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen,
denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm.

Es waere aber ein grosser Irrtum, anzunehmen, dass die groteske Form dieser
religioesen Gesaenge nur der Lust der Nigger an kindischer Spassmacherei
zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden
von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als
komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja
aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute veraengstigter Seelen in
armen gequaelten Leibern. Und die religioese Inbrunst, die aus ihnen
spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie.
Uebrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar,
was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht
haben, sowie auch die Negermusik die einzige originelle musikalische
Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet.

(M71)

Das weisse Gegenstueck zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist
die Heilsarmee, die Kirche der Alleraermsten und Untersten. Zeichnen sich
ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so
erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische
Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfuegen
oft sogar ueber sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten.
Ausserdem passt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesaenge, die Vorliebe
fuer die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von
Himmel und Hoelle vortrefflich zu ihren schwarzen, wuesten Gesichtern mit
den sanften schwaermerischen Augen. Wenn aber weisse Menschen unter einem
noerdlichen Himmelsstrich ihre religioesen Gefuehle in der Form einer mehr
als barbarischen Musikuebung mit grauenhaftem Gesang und misstoenender
Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Strasse ausueben und sich in
ihren Predigten wie ihren Gesaengen eines Jargons bedienen, der weder fuer
den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch fuer die schlichte
Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verstaendnis besitzt, so
muss einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial
fuehlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung
versagen; sie allein von allen religioesen Gemeinschaften hat es vermocht,
den natuerlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen
Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jaemmerlichsten Elend zu
ueberwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit
und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; sie
speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie
gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gaenzlich
Verzweifelten, von der Gesellschaft voellig aufgegebenen doch noch zu einem
menschenwuerdigen Dasein. Der grosse Erfolg, den sie auf der ganzen
christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, dass sie sich auf die
Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat,
versteht, und dass die sinnfaelligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer
Propaganda anwendet, die richtigen sind.

Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund
so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer
gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer
Aufklaerung durch die Schule und unserer bewundernswuerdigen sozialen
Hilfsarbeit gebracht, dass in unseren prunkenden Weltstaedten ueberall noch
Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit
fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen
beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte
Wohltaetigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die
_Legal Aid Society_ zum Beispiel gewaehrt den Aermsten und Unwissendsten
unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemuehungen um die Besserung erblich
belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener
gegen das Zurueckgleiten in ihr frueheres Leben haben grossartige Erfolge
aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter
Menschenliebe - und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer
scheusslichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!

(M72)

Wenn man die Verbreitung und die laute Betaetigung der Heilsarmee als
Massstab fuer die Gesittung eines Volkes annimmt, so muesste in dieser
Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Voelkern
stehen. Ich meine aber, dass dieser Massstab doch vielleicht zu einem
ungerechten Urteil verfuehrt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt
wohl die groessere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine
Folgeerscheinung des unerhoert raschen Emporschiessens einer rein
technischen Zivilisation und des dadurch gefoerderten unnatuerlichen raschen
Wachstums der Staedte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern
Halt, und die unmittelbare Beruehrung mit der erhabenen Natur, mit der zu
Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Aermsten edle
Freuden - Seelenfrieden wenigstens -, waehrend in der Grossstadt alle diese
idealen Gueter nur fuer die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen
verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so
fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je
mehr sich Riesenvermoegen in den Haenden weniger zusammenfinden, je mehr
eine glaenzende Luxuskultur sich in der Oeffentlichkeit breit macht, desto
sicherer verfaellt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der
Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil ueber den
Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schliesst. Die Arbeiter,
die in steter Beruehrung mit den erstaunlichsten Erfindungen des
Menschengeistes sind, die ihnen die Baendigung der Naturkraefte durch
unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen
Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtaeglich vor Augen
fuehren, gewinnen von diesem Umgang weder fuer ihre Verstandesbildung noch
fuer die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was
allenfalls dabei herausspringen kann, waere fuer gut veranlagte Koepfe der
Anreiz zu erfinderischer Eigenbetaetigung. Ebensowenig wird der Herr der
Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht,
Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schoenen Dingen eine seelische
Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heisst also an
Idealismus, an einem zeitig geweckten aesthetischen und ethischen Gewissen
fehlt.

Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die
Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bussbank locken laesst, legt also im
Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen
Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und
reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religioes drapierten
Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen laesst.

Von der oeffentlichen Katzenmusik der mit der grossen Trommel begleiteten
Busspredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuss, vor
dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablaessig in
Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten
Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen
anderen Grossstaedten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg -
und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europaeer sehen die durch Misses
Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religioese Bewegung als eine geistige
Epidemie an, welcher religioes veranlagte, aber denkunfaehige Geister
deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung
urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken
gleichmuetig die Achseln ueber diese sogenannte christliche Wissenschaft und
verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie.

(M73)

Der "American Encyclopedie Dictionary" definiert die Grundlage dieser
Wissenschaft folgendermassen: "Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit
und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der
Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die
Allmacht des Guten und die Unmacht des Uebels. Christian Science will die
Wahrheit der urspruenglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der
Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit
ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Suende. Bekaempfe also Suende und
Irrtum, so bekaempfst du Krankheit und Tod." - Christlich kann man diese
Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische
Begruendung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen.
Das Neue und fuer die grosse Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende
an dieser Lehre besteht darin, dass sie Christus zum Magier macht und die
magischen Kraefte seiner Glaeubigen durch inbruenstige Gebetsuebungen dermassen
staerken zu koennen vorgibt, dass auch die Wunder zu wirken imstande sind,
vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen
Religion ist also der, dass sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die
Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt
ist erfuellt von Uebeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not
und Tod; der Glaeubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in
der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch
seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren
Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es gluecklich zur
vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder
Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, dass eine solche Lehre in Amerika,
wo es so wenig philosophisch geschulte Koepfe gibt, ihr Glueck machen musste.
Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm
Hervorgebrachte fuer vortrefflich haelt, derselbe glueckliche Leichtsinn, der
die schwierigsten Fragen dadurch loest, dass er einfach behauptet, sie
existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution
gesehen haben), dieselbe Leichtglaeubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten,
Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der
Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Glaeubigen in
ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwuerdigen Frau
liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung.
Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg.
Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der
Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefuegte Organisation zu
schaffen versteht, der muss ein erwaehltes Werkzeug Gottes sein.

(M74)

Es will uns Europaeern schier unfasslich duenken, dass im zwanzigsten
Jahrhundert unter dem angeblich nuechternsten aller Voelker eine Frau zur
Gruenderin einer neuen maechtigen Kirche und von ihren Glaeubigen fuer heilig,
unfehlbar, ja selbst unsterblich erklaert werden konnte! Misses Baker Eddy
war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persoenlichkeit
geworden. Man wollte wissen, dass sie schon seit Jahren tot sei, und dass in
ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhaenger
nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Paepstin irre
werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz
wirklich gestorben und begraben worden, und die Aerzte wussten ganz genau
den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben.
Man haette nun meinen sollen, dass mit diesem unzweifelhaften leiblichen
Tode der magische Nymbus zerstoert worden sei, der die Person der Paepstin
ausserhalb der Menschheit in die Reihe der Goetter stellte. Aber das war
keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begraebnis verkuendete eine
ihrer vertrautesten Juengerinnen, sie koenne den Glaeubigen mit Bestimmtheit
versichern, dass nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der
Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter
Leiblichkeit, vermutlich verjuengt, vielleicht schon in vierzehn Tagen
wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings
hinzu, es koennte eventuell auch laenger dauern, vielleicht Jahre, viele,
viele Jahre lang.

Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gruenderin gestorben; sie
hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschuetterungen ihres Ansehens
standgehalten, denen sie durch den hoechst unerquicklichen Zank der
Auserwaehltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten
paepstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt
war. Fuer uns Europaeer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur
eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den
Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefaehrlich, ueber diesen
Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu
aeussern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer
Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen
geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich
fuer ewige Zeiten unmoeglich zu machen, indem ich das Thema von der
Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles
Raeuspern brachten mich gluecklicherweise einige wohlmeinende Mitmenschen
zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, dass mein Nachbar
zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis ueberzeugte Anhaenger der
Misses Eddy seien.

Wie ausserordentlich verhaengnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch fuer
die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafuer wurde mir ein
Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzaehlt. Ein gescheiter
und tuechtiger Geschaeftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet
und fuehrte eine durchaus glueckliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der
Gesundbeter geriet. Von da an liess er das Arbeiten bleiben und
beschaeftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie.
Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herueberzuziehen. Die
Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte
er sich so aus, dass nunmehr auch der Herr fuer die Bezahlung der laufenden
Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener
Gebetsuebungen merkwuerdigerweise nicht der Fall war, so musste seine Gattin
immer mehr und mehr von ihrem Kapital fluessig machen, bis sie eines Tages
die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie
dadurch klar machte, dass sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit
Sack und Pack sein Haus verliess.

(M75)

Wir wuerden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, dass nur in
ihrem Lande heutzutage noch ein guenstiger Boden fuer ausgiebigen Gimpelfang
auf religioesem Gebiet zu finden waere. Christian Science zum Beispiel hat
auch in Deutschland zahlreiche Anhaenger, und zwar vornehmlich in jenen
erlauchten Kreisen, die auf die "Kreuzzeitung" abonniert zu sein pflegen.
In meinen Haenden befinden sich zwei traurige Beweisstuecke fuer die engen
Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher
Strammglaeubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blaettern der ganzen
Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer
1106: "Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt
ueber die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt!

Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingefloesst. Aerzte und Prediger
erzaehlen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertaeter
Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des
Todes entreisst. Seine Ratschlaege sind unentgeltlich fuer alle. Dieser Herr
entbietet sich, seine Ratschlaege unentgeltlich zu geben. Aerzte suchen
seine ausserordentliche Kraft zu ergruenden ..."

Und in diesem scheusslichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort.
Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum
Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von
ihm erfundenen Radiopathie vor. "Die Radiopathie hilft nicht nur bei
gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nuetzt gegen alle Krankheiten,
wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer
Formel praepariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie
krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben
Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange
Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnuegen daraus machen, Ihnen die
Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu
beschreiben, das Ihnen nuetzen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und
Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: 'Wie man
sich selbst und anderen helfen kann' mitschicken usw."

Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Fuer das Postfach 1106 in
Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und
Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natuerlich lauter arme, verzweifelte,
schmerzensreiche, meist von den Aerzten aufgegebene Menschen, erhielten ein
gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie
aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofuer
ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natuerlich eine voellig
wertlose Droge, zugehen wuerden. Die hochwichtige Broschuere voll angeblich
wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt.
Und siehe da, Tausende und aber Tausende liessen sich den letzten
Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem
schwerreichen Mann. Selbstverstaendlich ist er in Wirklichkeit weder Dr.
med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer
Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten
Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spass zu machen, liess er
zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis
photochemisch vervielfaeltigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der
diesem niedertraechtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden
mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preussische
Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn
Professor der Radiopathie in Rochester Gestaendnisse ablegen, wie man sie
selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande hoechster
Verzweiflung ablegen duerfte.

(M76)

Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spass daraus, diese
traurigen Intimitaeten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll
dieser gemeingefaehrliche Schwindler uebrigens sein Unwesen heute noch von
Paris aus froehlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, dass die
erwaehnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann
gestehen, sie haetten es unter anderem auch schon mit der Christian Science
versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europaeer
sind noch laengst nicht ueber den Berg des Aberglaubens hinweg; der
religioese wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des
Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie
ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehoerigen aller Bekenntnisse, aller
Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde
abgerueckt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der
Beschwoerungstaenze ihrer Medizinmaenner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr,
aber in den finsteren Hoehlen der Menschenseele kann der unerschrockene
Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden.

Bei der voelligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten
Staaten gewaehrleistet, und der grossen Anzahl der Bekenntnisse, die der
heilsuchenden Seele zur Verfuegung stehen, braucht die Wahl der
Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschliessen will,
von keinen anderen als rein idealen Erwaegungen geleitet zu werden;
begreiflicherweise spielen aber dennoch Nuetzlichkeitsgruende, allerlei
komische oder betruebliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine
bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbstaendig denken gelernt haben,
und deren Zahl ist in Amerika besonders gross, sowie alle Leute, die nicht
von einer besonderen religioesen Inbrunst erfasst sind, werden entweder
einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde
anschliessen, durch die sie wertvolle geschaeftliche und gesellschaftliche
Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat
offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede
gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, dass sich immer gleich
zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und
der Aussenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der
natuerlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine
dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und
Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstueck zu den Klubs, die aber
nur den Wohlhabenden zugaenglich sind und die Familie ausschliessen. Der
selbstaendige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert
verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfuegung stehen, diejenigen
aussuchen, in der er ausschliesslich seinesgleichen in bezug auf Bildung,
gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen
findet.

Es ist klar, dass der religioesen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum
durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die
Respektablitaet es erfordert, dass man einer christlichen Gemeinschaft
angehoere, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines
frommen Quaekers Sohn zu den Methodisten uebertritt oder die Tochter des
Presbyterianers sich den Baptisten anschliesst. Religioese Ueberzeugung wird
unter allen Umstaenden geachtet, auch wenn sie aeusserlich wunderliche Formen
annimmt. Und so faehrt schliesslich das echte religioese Beduerfnis bei dieser
Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar duerften in
keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in
den Vereinigten Staaten, weil ja bei der voelligen Freiheit der
Meinungsaeusserung jeder Geistliche in seiner Person gewissermassen eine
eigene Kirche darstellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm
seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht
deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfaenger, so mietet er
sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen
hineinzupredigen. Hat er deren ein Haeuflein beisammen, so ist seine
Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfaehige Geistliche, dessen Persoenlichkeit
der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das
Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da
brotlose Kuenste treiben.

(M77)

Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde
schliessen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New
York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem
feinsinnigen Gelehrten und allverehrten frueheren amerikanischen
Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle
Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedaempfte
Farbenharmonie fasst die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen
Holzton des Gestuehls mild zusammen, und die farbigen Fenster daempfen das
Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer
Daemmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder
Marterdarstellungen, ueberhaupt keine biblischen Schildereien finden sich
in diesem, ich moechte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine
einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle,
die dem Charlottenburger Mausoleum einigermassen aehnlich ist, ruhen in
herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhaendlers
Cornell, der seinen Namen durch die Gruendung dieser, zu den
allervornehmsten zaehlenden Universitaeten unsterblich machte. Hier ruht
auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine
Ruhestaette finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet,
sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem
berufenen Redner offen, dessen Denken und religioeses Fuehlen sich irgendwie
unter dem Einfluss christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also
hier allsonntaeglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen
Bekenntnisse, sowie auch ausserhalb alles Kirchentums stehende bedeutende
Denker und Redner.

Ist es nicht bezeichnend, dass die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D.
White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam?
Allerdings haetten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger
gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit
suchenden Gemeinde geredet haetten - Rom aber sprach: "Quod non!"





                             DIE LANDSCHAFT.


(M78)

Schliesslich sieht es doch nicht ueberall in den Vereinigten Staaten aus wie
in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der
Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schoenheit mordenden
Industriegelaendes in den Mittelstaaten von den grossen Seen bis zum
Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und
Naechte lang durch Kohlen- und Petroleumhoellen, endlose Steppe und Wueste
bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinueberzufahren, um auf
landschaftliche Schoenheiten zu stossen. Schon die Manhattan-Insel, auf der
die Fuenfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt
erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den
gruenen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer,
von New York nach Providence, glaubt man sich im suedlichen Schweden zu
befinden; die liebliche Wald- und Huegelszenerie mit ihren dunklen Taelern
und klaren Baechen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt,
koennte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize
ostpreussischer oder maerkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der
Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und
vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem
nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake
Cayuga und wie sie alle heissen; in den Taelern des Delaware, des
Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche
Schoenheit herben und zarten, heroischen und idyllischen Stiles vorhanden,
wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wuenschen kann, Schoenheit
genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung
zu schaffen. Aber der europaeische Naturfreund wird nirgends dieser
Schoenheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit
Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn - _es fehlt ueberall
an der kulturellen Inszenesetzung_. "O lieber Herrgott, wie gut hast du's
gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie uebel hast du die Absichten der
Natur verstanden!" Das ist das Stossgebet, das sich ueberall in den
Vereinigten Staaten dem schwergekraenkten aesthetischen Bewusstsein entringt.
Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhaeuser, die
Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepassten, von Gau zu Gau
wechselnden Charakter angenommen; ueberall dasselbe toedliche Einerlei
plattester Zweckmaessigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen
Granit in maechtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und
hie und da sogar ein Stueckchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der
ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten
Holzhaeuser, in lustigen Blumengaerten sauber aufgestellt, darinnen derbe,
blonde Dirnen in roten Roecken und gruenen Schuerzen hantieren? Wo ist die
bluehende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und
Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit
seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in
den anmutigen Flusstaelern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu
finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause waere?
Wo sind in den Glanzstuecken der Gebirgslandschaft die romantischen Wege
fuer Fusswanderer, die einsamen alten Wirtshaeuser an der Landstrasse, die
verraeucherten alten Raeubernester italienischer Bergdoerfer, oder gar die
lustigen Sennhuetten unserer Alpenlaender zu finden? Nichts, nichts von
alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist ueberhaupt
schwer hinzugelangen. Aber ueberall, wo so viel zu sehen ist, dass der
Baedeker einen Stern dabei machen wuerde, spreizen sich die lieblosen
grossen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebuehrender
Entfernung halten. Fuer die reichen Sommergaeste ist selbstverstaendlich
gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplaetzen, mit Motorbooten und allen
neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants
zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen
Futterplaetzen konzertieren selbstverstaendlich kleine Musikkapellen, die
die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten
geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.

(M79)

Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Beduerfnis
nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer
Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns
sehen wir ihn ausschliesslich die grossen Hotels, die geraeuschvollen
internationalen Vergnuegungsorte bevoelkern, wo er von der Eigenart einer
Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren
Gebirgen, an unseren Fluessen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen
Ausruestung von modernsten Sportanzuegen und neuesten patentierten
Sportgeraetschaften. Vom juengsten Buebchen bis zum aeltesten Greise widmet er
sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut
ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Baellchen in Gesellschaft huebscher
Misses mit Knuetteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel
schwer zugaenglicher Schoenheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muss
seinen Kodak umhaengen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostuem oder
das mitgenommene suesse Baby in allen Lebenslagen knipsen zu koennen.
Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern
begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefaehrlich ist
und ihrer Raserei fuer das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und
sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Kaesebrot und einer Streu
vergnuegt bescheidet, den gruendlichen Wissensdrang, der am liebsten die
stillen Winkel durchstoebert, die fromme innige Naturschwaermerei, die den
grossen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege
geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt fuer
schoen, was ihm durch Dimension oder Quantitaet imponiert und - was viel
gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich ueber die graesslichen
Reklameschildereien ereifern hoeren, die gerade an den landschaftlich
bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt
von einigen Stunden, die recht genussreich fuer das Auge sein koennte,
etliche hundert Mal in der Gestalt eines ueberlebensgrossen rotbunten Ochsen
entgegenschreit, dass _Durham Bull_ der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak
sei, oder sonst irgendeine maechtig interessante Feststellung. Haelt man ihm
die Poesielosigkeit der grossen Hotelbauten in seinen beruehmten
Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der koennte
sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe
ausgeruestet in die Wildnis ziehen. O gewiss, das wuerde auch unserem
Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter den jungen
Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte "_camping out_". Aber auch
dieses Vergnuegen des Biwakierens ist mit Kosten verknuepft, die sich nur
wohlhabende Leute leisten koennen, denn es versteht sich von selbst, dass
man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt,
ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit,
Kochgeschirr, Angel- und Jagdgeraet usw. auf das vollkommenste mit den
allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgeruestet zu sein. In den
Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld haetten,
dass sie sich nicht einmal so etwas leisten koennten, oder wenigstens kennt
man in besseren Kreisen solche betruebliche Armseligkeit nicht.
Andererseits wuerde wieder das geistige Gepaeck, das unsere kultiviertesten
Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drueben fuer ein
ausserordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische
und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche
gruendliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was
dem historischen Sinn Nahrung geben koennte, so vermisst der Amerikaner die
edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverstaendlich
alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte
Geruempel.

(M80)

Es ist ein wahres Wunder zu nennen, dass die guten Kinder ihre Niagarafaelle
verhaeltnismaessig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen
Kraft, die dort umsonst zu haben ist, waere es doch eine Kleinigkeit, zum
Beispiel ueber dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und
Streifenbanner aus elektrischen Gluehkoerpern flattern zu lassen! (Sie
machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie wuerden
sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen Ufer
Onkel Sams Fahne flammen sehen muessten! Sie wuerden vermutlich nicht lange
zoegern, auf ihrer Seite einen wenn moeglich noch groesseren, elektrisch
bewegten _Union Jack_ zu hissen. Und damit waere sozusagen das Eis
gebrochen: in wenigen Wochen wuerde der strahlende Ochse Durham das Lob des
besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus
bruellen; ueber, unter, zwischen und hinter den Faellen selbst wuerden in
genial ersonnenen Lichtspielen die koestlichen Whiskys, die beliebtesten
Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abfuehrmittel sich dem
staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu
begreifen, dass nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywaesche diese
glaenzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch saemtliche
amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafaellen zu
unternehmen pflegen. Ich vermute, dass da irgend welche schlechten
Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schaendlich
unterbunden haben muessen; anders ist dieser geradezu barbarische und
schamlose Zustand gar nicht zu erklaeren, dass man hier die Natur so nackt
und bloss wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den
menschlichen Geschaefts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europaeer
kann so etwas schoen finden!

Und dennoch muss ich gestehen, dass ich dekadenter Europaeer auch angesichts
der Niagarafaelle die feinere Regie vermisste. Ich musste an unsern lieben
Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche
Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch
eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche
Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begruenten Stadtmauer,
seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirtshaeusern! Wie
sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken - denn
auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die ueppigen Schaetze der Natur aus
reiner Sentimentalitaet ungehoben zu lassen -, wie sind sie so geschickt
unter dichtem Gruen versteckt! Dagegen dehnt sich drueben von der furchtbar
garstigen Grossstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheusslichen Nest
Niagara-Falls-City die trostloseste Einoede am Gestade des Eriesees
entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar,
und infolgedessen sieht man ueberall verlassene Ansiedlungen,
Truemmerhaufen, Oedland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem
schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und missfarbigen Rinnsalen. Lange,
truebe Strassenzuege mit garstigen Arbeiterhaeusern durcheilt die elektrische
Bahn nach den Faellen, an wuesten Schnapskneipen und Tanzsalons mit
klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muss man vorueber,
bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden
Hauptfaelle angelegt hat. Dann gelangt man zunaechst an den kleineren
dritten Fall, den die Industrie ganz und gar fuer sich in Beschlag genommen
hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und
Schlote der Fabriken empor, und die gebaendigten Wassermassen quellen aus
einer Menge von eisernen Roehren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen
Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es muessen wohl Farbwerke
sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie
sah, waren alle diese Abfluesse zu Eiszapfen gefroren, die einen
pittoresken Behang ueber dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schoen
chromgelb, vitriolblau und krapprot gefaerbt waren. Die grossen Faelle selbst
gehoeren ja ohne Zweifel zu den gewaltigsten Naturschauspielen der Welt,
besonders im Winter, wenn die Baeume im weiten Umkreis in wunderbar
funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische
Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden
Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustueck
gaenzlich an Hintergrund. Der Niagarafluss verbindet eben zwei an sich wenig
reizvolle grosse Wasserflaechen, und wenn nicht zufaellig der Eriesee etliche
60 Meter hoeher als der Ontariosee gelegen waere, so wuerde es ueberhaupt
nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die
biedere Warthe in irgendeinem preussischen Kartoffelacker einen solchen
Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausfuehren liesse, so wuerde das einigen
Hunderttausenden Deutschen genuegenden Anlass bieten, um entruestet aus der
Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister
geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.

(M81)

Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner
veruebeln durfte, weil er eben zunaechst fuer das Allernotwendigste zu
sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was
sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjaegern zu verteidigen hatte,
die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten fuer den hochkultivierten Osten,
und die Zahl derer, die sich nach Schoenheit zu sehnen beginnen, waechst von
Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten
Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt
Landschaftsregisseure mit unbeschraenktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was
liesse sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiss mir keinen
schoeneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New
York bis Albany schlaegt er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis
Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar
mit der Elbe zwischen Koenigstein und Schandau aufnehmen vermoege seiner
herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die
Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der
Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Stroeme, so liegt
das eben einfach daran, dass ihm die Rebenhaenge mit den beruehmten
Weinmarken, die lieben alten Staedtchen und ganz besonders die malerischen
Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons haette also die Aufgabe, das
ganze staedtische und doerfliche charakterlose Geruempel, das die Ufer des
Flusses verschimpfiert, niederzureissen und durch Neubauten im Stil des
Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das waere mit viel Geld zu
machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdraengte: Ja, welches
ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiss eben
kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die
Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall,
ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederliessen, und jeder von
ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte
und seine Mittel es erlaubten. Gewiss haben sich an unserem Rhein die
Menschen urspruenglich auch nicht aus Bewunderung fuer die schoene Gegend
niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Hoehen gebaut, um
spaeteren Geschlechtern eine Sehenswuerdigkeit durch deren Ruinen zu
liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft spaeteren Dichtern und Malern
zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmaessige ist
immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten gerade so wie in
der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat
die Schoenheit dazu getan. Aber diese Schoenheit ist keineswegs ganz wild
gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein
einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, dass der Wille
einzelner Ueberragender sich den Herdenmenschen aufzwang, dass die
kuenstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden
erkannt und mit grossen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster
schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder
nachmachten. Die Zuenfte mussten ihren Zwang auf die Handwerker ausueben, die
Stadtvaeter mussten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die
Engigkeit der Verhaeltnisse musste ein konservatives Philisterium gezuechtet
werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der
Entwicklung stoerte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in
einer grossen demokratischen Republik nachahmen koennte. Gewiss, ein genialer
Architekt, nennen wir ihn Meyer, koennte mit den zur Verfuegung gestellten
Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen,
und das koennte vielleicht etwas sehr Schoenes geben, aber dann muessten auch
drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwaengen,
ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten
und sich ueberhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen.
Wuerden sich die freien Buerger des Staates New York das gefallen lassen?
Schwerlich. Sie wuerden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative
Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schoen geschwungenen
Uferbergen des Hudson kuenstliche Burgruinen zu errichten, zu denen
Zahnradbahnen oder Elevators hinauffuehrten. Es waere weiterhin nur
vernuenftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederliessen, die
auf den Plattformen der Tuerme Flugschiffstationen und auf den
Turnierplaetzen Hangars fuer Aeroplane einrichteten. Gewiss wuerden es die
Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige
Fabrik huebschere Formen annaehme und an Stelle manchen haesslichen Geruempels
reiche Mitbuerger ihre Sommervillen in allen moeglichen bizarren
europaeischen und asiatischen Stilen anlegen wuerden. Vermutlich wird man
schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und
Drachenburgen, japanische Teehaeuser, russische Datschen und Darmstaedter
Eigenheime bewundern koennen, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von
selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja
bei uns, wie schwer es die Vereine fuer Denkmal- und Heimatschutz haben,
unsere schoensten alten Staedtebilder vor Verschandelung zu behueten, und wie
auch die strengste Baupolizei hoechstens unter Mitwirkung wirklich
feinfuehliger Kuenstler einigermassen dem Eindringen der Stillosigkeit zu
wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorvaeter ist
uns Modernen durch den Mangel an Sesshaftigkeit der grossen Masse, die durch
unsere Verkehrsverhaeltnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen.
Drueben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit
natuerlich niemals bestanden; der Kuenstler, den man zum
Landschaftsregisseur ernennen wollte, haette es also mit Kindern und
Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft
machen, aber keinen Stil aufzwingen koennte. Die Yankees mit ihrem
wundervollen Optimismus sind natuerlich ueberzeugt davon, dass die Schoenheit
und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln muessten als
eine Frucht der fortschreitenden Geschmackskultur ihrer reichen und
muessigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube
vielmehr, dass sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der grosse Unterschied
zwischen der alten Welt als einem Antiquitaetenmuseum und der neuen als
einem Novitaetenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmaehlicher
Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht
einzuholen.

(M82)

So muesste ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure fuer die Vereinigten
Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht
ganz. Im weiten Sueden, im aeussersten Norden und im fernen Westen ist noch
Platz genug fuer Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die
gesetzgebenden Koerperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur
Bedingung fuer neue Gruendungen machten, dass die Plaene nicht ohne
Hinzuziehung bewaehrter Kuenstler entworfen und ausgefuehrt werden duerften,
so waere von diesen neuen Staedten und Doerfern des 20. Jahrhunderts doch
wohl ein bisschen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko
nicht; ich weiss nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran
gedacht hat, die kuenstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die
Amerikaner behaupten ja, dass ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole
Seattle und andere nordwestliche Gruendungen von hervorragender Schoenheit
seien. Nun, dann wuerde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von
Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in
einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und
vor dem Schlafengehen nicht fortgeraeumt haben. Von dem grossen Voelkerumzug
sind noch ueberall die ausgeraeumten Kisten, die Stroh- und Papierhuellen,
die ausgerissenen Naegel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn
erst der Osten sich vor dem Westen zu schaemen beginnt, dann findet er
vielleicht auch Zeit, endlich einmal gruendlich aufzuraeumen. Und in der
aufgeraeumten Landschaft, dem gesaeuberten Stadtbilde werden wenigstens die
groebsten Scheusslichkeiten so unliebsam auffallen, dass man sich um so mehr
beeilt, sie gaenzlich wegzutilgen und durch Schoeneres zu ersetzen. Dann
wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir
sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere
Missionaere den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann
auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Kuenstler
hinueber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische
Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und
Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen
amerikanischen Stadt eine schoene Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem
Namen an Stelle des bei uns ueblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis
und Landwehr-Bataillon zu lesen waere: "Gestiftet von Carnegie, in Szene
gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus Muenchen-Pasing."





                      DOLLARICAS INFAMSTER SCHURKE.


(M83)

Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten
gegenueber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen
Enttaeuschungen dadurch zu schuetzen, dass ich meine Mitmenschen von
vornherein jeder Bosheit und Niedertracht fuer faehig halten moege, stets mit
Ernst und Eifer die Meinung verfochten, dass alle Kreatur von Mutterleibe
an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und dass nur widrige
Umstaende, zumeist gaenzlich unverschuldeter Art, wie ueble Herkunft,
leibliche Not und ungestillte Sehnsuechte der Seele die boesen Triebe
gewaltsam einzuimpfen vermoechten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois)
Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muss ich gestehen, dass
meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschuettert
wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern
sogar ein Vierfuessler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden
Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demuetiger Ergebung
und verehrungswuerdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der
ganzen Vereinigten Staaten ist naemlich, gerade herausgesagt - _ein
Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.'s Packing Company_ in
den Chicagoer Schlachthoefen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter
waere, der ich, wie gesagt, nicht bin, so wuerde ich diesen Hammel eine
_eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer haette es je fuer moeglich
gehalten, dass ein Schafskopf so viel Niedertraechtigkeit beherbergen
koenne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden Aeusseren dieses Hammels deutet
auf die Schaendlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnuegtes
Schafsgesicht verklaert das satte Laecheln eines gutmuetigen Pfaeffleins auf
fetter Pfruende, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines
beleibten, aber noch ruestigen alten Herren, der unter Umstaenden wohl noch
zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt
getragene Maske der Bonhomie zu der eintraeglichen Stellung bei Armour &
Co. verholfen.

Dieser ehrenwerte Beamte erfuellt naemlich die Aufgabe, waehrend der
Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende
seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehoerigen und
Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen
Eisenbahnzuegen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_
von Chicago zusammen. Die Wagentueren oeffnen sich, und froh, der langen
grausamen Haft entrinnen zu koennen, draengen sich die Scharen munterer
Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky,
von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren
bedraengten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige "Maeh" der Erloesung
von langer Qual. Weite Huerden nehmen sie auf, die krauswolligen, weissen
und schwarzen Brueder und Schwestern, Vettern und Basen aus saemtlichen
Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige
Heu, in langen Rinnen der kraeftig gemischte Trank. Und doch, die rechte
Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch
erfuellt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, gruene Weide,
kristallklare Baeche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht
treu besorgter Hunde und frommer Schaefer; hier aber engen himmelhohe
rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weisser Laemmerwoelkchen waelzen
schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Haeupten daher, und statt des
feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebruell
rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen
sie die Schwaenzlein und die Koepfe haengen, lassen sie die Trankrinne und
die Futterraufe unberuehrt.

(M84)

Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beaengstigend fremden Welt
mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den
besten Jahren: "Munter, meine lieben Kinder, munter!" beginnt er in
humoristisch gefaerbtem Bockston, und alsbald umdraengt ihn ein dichter
Kreis von Zuhoerern. "Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und
Schwaenze mutlos haengen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine grosse
Ehre fuer euch ungebildete Prairieschafe, in die grosse Millionenstadt
Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr waeret die einzigen
Schafskoepfe hier am Orte, maehaehaehae!? Hier geht es hoch her, das koennt ihr
mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht
lang werden, auf Eh - haehaehaehae - re! Ich habe es zwar nicht noetig, mich
fuer euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer
auskoemmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will
mich dennoch eurer hilflosen Laendlichkeit annehmen, weil doch nun einmal
der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach,
ich fuehre euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte
uns geniert." - Und leichtfuessig taenzelt der feiste Onkel voran einen glatt
gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, dass nur zwei knapp nebeneinander
gehen koennen, aber sicher eingeplankt, so dass keines an den Seiten
herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnuegens ist
vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen
Rutschpartie geht's auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz
und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und
trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, dass es klingt,
wie wenn in schwuelen Fruehlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und
Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Boeen, ein dumpfes Wirbeln wie
von gedaempften Trommeln, - als sollten durch solchen Trauermarsch den
unschuldig Verurteilten die militaerischen letzten Ehren erwiesen werden.
Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und
hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Tuerchen in der
rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er
in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit
einem Ruck in ein gemuetliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht,
waehrend seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu
Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere
Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an
einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwaerts, ein gewaltiges
Rad empfaengt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und laesst sie auf der
andern Seite rasch abwaerts schweben der Stelle zu, wo der Moerder mit
seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoss - und lautlos haben sie
ausgelitten. Derweile laesst sich's der erprobte Beamte von Armour & Co. in
seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl
sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu
Angekommenen in die Huerden hinunter zu begeben und seinen niedertraechtigen
Trick aufs neue auszufuehren. Wenn er ein Mensch waere, so wuerde er sicher
auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleissig
in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermoegen wohltaetigen Stiftungen
vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das
Beduerfnis, sein Gewissen zu betaeuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um
seinen Mut zur Infamie taeglich neu zu entflammen, sondern sein
eigentuemlich hammelhafter Ehrbegriff laesst ihn vielmehr seinen Stolz drein
setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverstaendlichkeit
seine verraeterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension
geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blaehungen ihm unversehens den
Garaus machen. - Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weissen Eunuchen
von Chicago fuer den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu
erklaeren?

(M85)

Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schoene Leserin, werden Sie mir
entgegnen wollen, dass die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur
schaendlich missbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse,
dass seine von ihm verfuehrten Artgenossen dem Tode verfallen seien. - Ich
kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest ueberzeugt, dass auch dem
geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer
Schlachthoefe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muss,
sobald es nur den Eisenbahnwagen verlaesst. Und da ein Leithammel doch
jedenfalls die Bluete der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es
doch schwer glaublich, dass gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben
sollte, dass alle die von ihm angefuehrten Herden auf Nimmerwiedersehen in
dem Abgrund verschwinden, dem jener heisse Blutgeruch entstroemt, und dass es
immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an
deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich
koennte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen
Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient,
nicht noch eine groessere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein
beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anruechigen
Handlungen, die im Interesse seiner hoeheren Zwecke verrichtet werden
muessen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafuer scheinbar harmloser
Umwege zu bedienen. So hat die edle weisse Haut der roten Haut ihre
Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher
Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man
hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung
eines grossen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden
Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur
Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Voelker zu verwenden. Solchen
imposanten Grosstaten menschlicher Niedertracht gegenueber will es moralisch
nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit
einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquaelerei und unliebsames
Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und
Menschenfreunde muss man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche
ganz Nordamerika tagtaeglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte
Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepoekelten und geraeucherten
Fleischwaren versehen. Wer an einem glaenzenden Beispiel lernen will, wie
der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnoeden
Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und koerperlichen
Geschicklichkeit schliesslich dazu gelangen kann, die Vollendung des
Zweckmaessigen sogar bis zum kuenstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe
sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.

Durch Upton Sinclaires beruehmten Roman "_The Jungle_" (der Sumpf) sind ja
die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.'s Packing Company gerichtet
worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman uebel geworden. Es hat
monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, dass in den
huebschen, sauberen Blechbuechsen mehr Rattenschwaenze, abgehackte
Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden waeren, als solides
Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in juengster Zeit, wie ich,
die Schlachthaeuser und Packraeume Armours aufmerksam durchwandert hat, der
wird doch sagen muessen, dass entweder Mister Sinclaire ein arger
Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder dass die Gesellschaft sich sein
Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen
gemacht haben muesse. Denn so wie das Unternehmen sich heute praesentiert,
bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf
sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft,
auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des
verarbeiteten Materials.

An einem schoenen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich
und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der
Firma, uns herumzufuehren. Es war zufaellig derselbe Herr, der auch unseren
Prinzen Heinrich gefuehrt hatte. In der stolzen Haltung des freien Buergers
der groessten Republik der Welt, d. h. die Haende in den Hosentaschen, eine
ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser
Herr zunaechst einmal das Kompliment, dass unser kaiserlicher Prinz ein
feiner Kerl - _a fine fellow_ - sei. Man habe ihn vorher instruiert
gehabt, den hohen Herrn mit "_Your Royal Highness_" anzureden; aber daran
habe er sich nicht gewoehnen koennen, und es habe offenbar dem Prinzen ganz
gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von
anstaendiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den
Mittelpunkt der Hoelle geleitet. Sehr vernuenftiges amerikanisches Prinzip:
denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder
wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushaelt, dem kann ueberhaupt auf dieser
Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.

(M86)

Eine schwere schmale Tuer wird aufgestossen; eine heisse Welle von suesslichem
Blutdunst schlaegt ueber unseren Koepfen zusammen, und das furchtbare,
wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betaeubt uns die Ohren,
zerreisst uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie,
die dick mit Saegespaenen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief
hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich
langsam eine riesige, metallene Scheibe, ueber die eine schwere, eiserne
Kette laeuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht
uebersehen koennen, werden die Schweine von riesenstarken Faeusten eines nach
dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer
Hinterschenkel befestigt. Im naechsten Augenblick wird das Tier
emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskraeften strampelnd und
schreiend, ueber die grosse Scheibe weggefuehrt. Auf der anderen Seite dieser
Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich
langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, fuehrt er
den Todesstoss in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schiesst heraus. Der
Mann ist ueber und ueber mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und
steht bis an die Knoechel in einem Bluttuempel. Ein zweiter Mann in seiner
Naehe hat die Aufgabe, mit einem grossen Besen das Blut in ein Loch im
Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren
Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den
Schlaechter, so dass er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit
dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der hoechstbezahlte
Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem graesslichen Fache; aber
unfehlbar ist seine Hand natuerlich doch nicht, und manche der gestochenen
Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange waehrt ihre
Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette fuehrt sie in die untere Etage
hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll
kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weissen Schweineleichen in
dichtem Gedraenge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder
nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrueht, wie man sie
in unseren Metzgerlaeden in der Auslage haengen sieht. Kein Unterschied mehr
zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blassrosig,
starr und schwach dampfend kommen sie in Abstaenden von etwa 2 Meter wieder
in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und
schreiten auf unserer erhoehten Schaugalerie in einen grossen, lichten Saal
hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die
Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Aexten, Knochensaegen und Loetlampen auf
ihren Posten, und waehrend die Kette in langsamer Vorwaertsbewegung das
Schwein an ihm vorbeifuehrt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer
dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste fuehrt einen Bauchschnitt der
ganzen Laenge des Koerpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die
Gedaerme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen,
der vierte saegt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Loetlampe
die etwa noch uebriggebliebenen Borsten weg - und so fort. Am Ende des
Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter
Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist
das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgeloest, die Schinken,
die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.

(M87)

Ganz aehnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder
bearbeitet werden. Aus einer Falltuer werden sie von unten heraufgehoben
und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betaeubt. Nach dem
Grausen der Schweineschlaechterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu
zart gedaempft, man moechte fast sagen, liebenswuerdig diskret, denn das Rind
schreit nicht, es ist betaeubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum
Bewusstsein kommt, dass es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige
Maschinenkraft hebt das schwere, bewusstlose Tier an den Hinterfuessen in die
Hoehe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den grossen
Arbeitssaal. Am Kopfe haengt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim
Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die
Schlaechtergesellen ihre Arbeit, dass man in diesem Saale, mit den Augen
wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem maechtigen Rindskadaver
die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so
haengen die Rinder in grossen Abstaenden an der Kette, und jeder Arbeiter
geht dem ihm zugewiesenen Stueck so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk
des Abhaeutens, Zersaegens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der
Arbeitsteilung ist strikte durchgefuehrt. Ein Arbeiter hat nie etwas
anderes zu tun, als das Rueckgrat von oben bis unten durchzusaegen, ein
anderer nur das Abhaeuten zu besorgen - und wehe dem, wenn er das wertvolle
Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung
ist seine Strafe.

(M88)

Von den Schlachtraeumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft.
Ueber hoelzerne Bruecken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die
die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befoerdern, gehen
wir in die Packhaeuser hinueber, wo das gekochte, geraeucherte und
eingepoekelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen
von fabelhafter Praezision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und
Abertausende von Blechgefaessen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei
in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verloeten des Deckels und das
Bekleben der Dosen mit den schoenen, buntgedruckten Papieretiketten. Das
Schlussstueck in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist
der Saal, in welchem nette junge Maedchen in weissen, steif gestaerkten
Haeubchen und blendenden Kleiderschuerzen an langen Tischen sitzen, mit
feinen weissen Haenden die duennen Fleischscheiben, die die lautlos
arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren
Rhythmus hinstreut, in die Blechbuechsen verpacken. Die tadellose
Sauberkeit dieser Maedchenhaende wird dadurch sinnfaellig gemacht, dass nicht
nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen,
sondern dass in einer Ecke des Saales auf einer erhoehten Tribuene eine
artige Manikuere fortwaehrend an der Arbeit ist, um die Fingernaegel zu
saeubern und streng vorschriftsmaessig im Verschnitt zu halten. Diese
Manikuere und jener infamste Schurke Dollaricas, naemlich der Leit - hammel,
stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der
gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste
Ruecksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand
zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, naemlich die
Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt
die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir
die gutgepoekelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Buechse auf
den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiss ihr Letztes
hergegeben und durch geniale Ausnuetzung des Materials und Hinaufsteigerung
aller Energien zu aeussersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und
darum aesthetisch wirkende Harmonie verwandelt.





                     BAEDEKEREIEN FUeR AMERIKAFAHRER.


(M89)

Waehrend meines Aufenthaltes in New York geschah es, dass ein aufgeweckter
Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heissen
mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herueber kam, sich fuer die etlichen
30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet
hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo
das Land noch spottbillig ist, eine grosse Farm zuzulegen. Der Mann war in
der Vollkraft seiner Jahre, verliess sich auf seine derbe Faust, seinen
klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiss und hatte guten Grund,
anzunehmen, dass er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder wuerde
nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines
Grossgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen koennen. Der
Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt
erzaehlt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitaen, der
es gut mit ihm meinte, hatte ihm fuer seinen Einzug in die
Fuenfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner
Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den
Arm und fuehrte ihn zunaechst einmal die Kellertreppe zur _Subway_, der
Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch
Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Aesten die ganze
Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas
Petersen ueber das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in
einen der Riesenwagen hineinbugsiert war und nun in drangvoll
fuerchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen
verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten
Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze
Felsenhoehle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die
Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu
weinen an und schluchzte: "Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. -"
Und dabei blieb's; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem naechsten
Schiffe kehrte er tatsaechlich wieder heim.

Noch uebler erging es einem anderen Gruenhorn, das sich auf seinen eigenen
Witz verliess und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um ueber
die beruehmte Bruecke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann
aufsuchen wollte. Und er kam auch ueber die Bruecke, aber er verstand nicht,
was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl
auszusteigen; und ehe er sich's versah, war er wieder auf der Bruecke, denn
die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein
Gemuetsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in
seinem unerforschlichen Ratschluss ueber ihn beschlossen haette. Er fuhr also
auf der grossen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang.
Schliesslich musste man ihn aus Mitleid erschiessen, da er sonst verhungert
waere.

Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser,
so lass es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstoessliche Wahrheit
bestehen, dass du in Amerika unmoeglich bist, sofern der Himmel dich zu
einem Junker Traeuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der
Zipfelmuetze bis ueber die Nase und einem schoenen Brett vorm Kopf in die
Welt entlassen haben. Bist du aber kein Muttersoehnchen, das in der Bangbuex
bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu
viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer
stuerzen. Bist du ein armer Teufel, der drueben sein Glueck machen will, so
wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schaeme dich keiner Arbeit und lass
die Ohren nicht haengen, wenn es dir in einem Fach misslingt. "_Let us try
another chance_" sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch
und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnuegen und zu deiner
Belehrung dich drueben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld -
noch viel mehr Geld! Denn wisse, dass fuer den nicht sesshaften Menschen
drueben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei
uns. Fuer ein Seidel Wuerzburger Hofbraeubier oder Pilsner, das nur 4/10
Liter haelt, musst du einen _Quarter_ hinlegen, das ist _M_ 1.-, und du
wirst bald dahin gelangen, diesem _Quarter_ nicht mehr wehmuetig
nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthaelt zwar Wasser, Malz und
Hopfen und sieht schoen braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine
verlockende schneeweisse Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir
lieblich ein, aber bald merkst du, dass es doch kein Bier ist. Und dann
wirst du auch bald finden, dass es sehr viel leichter ist, die schmalen,
schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei
uns daheim ein schoenes blankes Zwanzigmarkstueck anzureissen; du musst
naemlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du ueberhaupt Gold zu sehen
bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an
irgendeiner Stelle wieder hereinsparen koenntest, was du an anderer Stelle
grosszuegig verschwendet hast. Abgesehen davon, dass der Knicker und
Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardaere hoechst veraechtlich ueber die
Achsel angesehen wird, kommst du auch schon aus dem Grunde nicht zum
Sparen, weil die guten Dinge, die zum taeglichen Beduerfnis des Gentleman
gehoeren, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst
zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem
Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten
Ranges gibt. In den grossen Staedten wenigstens sind alle Hotels, denen sich
ein besserer Zeitgenosse ueberhaupt anvertrauen kann, nach unseren
Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen
gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen
und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du
wirst bald davon zurueckkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer
unmoeglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel
und einem anstaendigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche
um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das wuerde dir
uebel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der
breitesten Oeffentlichkeit wuerde es deinem Renommee schaden. Ein werter
Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, dass
der uebliche Satz fuer den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen
zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem
belegten Broetchen mit einem Schnitt Bier, wofuer er 70 Cent = _M_ 2,80
bezahlen musste. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und
schob sie reinen Herzens dem _waiter_ zu. Der starrte erst mit
verdaechtigem Grinsen auf das Suemmchen hin, dann lief er zum Oberkellner,
beriet sich laengere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurueck, um die 7 Cent
zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen
Froehlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen stand es in saemtlichen New
Yorker Blaettern, dass der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld
gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten
ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann,
besonders wenn du aus Muenchen kommen solltest, wo die Kati schon fuer drei
Pfennige danke schoen sagt, dass man unter zehn Cent ueberhaupt keiner
Hilfskraft in der Ernaehrungsbranche anbieten darf, und dass man das
Trinkgeld immer nach oben bis zur naechsten durch zehn teilbaren Ziffer
abrunden muss.

(M90)

Du darfst ruhig Piefke heissen und in Schmieroelen machen und brauchst dich
doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren.
Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die
Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so
wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Fuer
fuenf Dollar bekommst du ueberall ein anstaendiges Zimmer mit Bad, und wenn
du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du fuer
denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer
reichlich zweischlaefrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest,
auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so wuerde man das vielleicht als
einen Missbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars
extra tschardschen. Aber wer reist ueberhaupt mit Kindern nach Amerika?!

(M91)

Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie
bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschaeftlicher Treffpunkt, und
die _Lobby_, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoss mit ihren massenhaften
Schaukelstuehlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen
Verkaufsstaenden, spielt dieselbe Rolle, wie der Barbierladen im antiken
Athen und Rom und wie das Cafehaus in Oesterreich. In der Lobby befinden
sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und
Ausgabestelle fuer die Post. Die groesseren Haeuser haben sogar eine eigene
Telephonzentrale fuer die Vermittlung des riesigen Gespraechsverkehrs
innerhalb des Hauses wie mit der naeheren und ferneren Aussenwelt, und was
man dir nicht muendlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf
elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren
Staedten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze
Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo
der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum
Dachgarten, wo du in schoenen warmen Sommernaechten bei Musik und feenhafter
Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den
angrenzenden Restaurationsraeumen laufen fortwaehrend kleine niedliche Pagen
mit Zerevismuetzchen auf den Kinderschaedeln herum und quarren die Namen der
Leute aus, fuer die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am
Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann
aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei
boesem Wetter dort hineinfluechten, sich eine Zeitung und eine Zigarre
kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet
oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit
seinen Geschaeftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfaenger,
Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen
sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei
dem Clerk, der das Fremdenbuch fuehrt, in das jeder neu ankommende Gast
sich einschreiben muss, und stuerzen sich auf ihn, sofern er nur irgendwie
prominenzverdaechtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen
europaeischen Titel auffaellig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren
ueberall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gespraechen der
Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen
erlauschen koennen, beschreiben die Toilette und das Gepaeck reisender
Kuenstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem blossen
Mienenspiel aufgeregt fluesternder Leute.

Jeder, der es irgend _afforden_ kann, kehrt in den grossen Hotels ein,
selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen wuerde, und
reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstaedten wohnen, aber oft
in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein
Zimmer fuer sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und
amuesant fuer jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und
Luxus wird dir fuer deine europaeischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad
und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverstaendlich; ein Transparent
leuchtet auf und zeigt dir an, dass Briefe fuer dich in der Office sind, und
was das Allererstaunlichste ist - jeden Abend wird dein Bett frisch
bezogen, als ob du ein Milliardaer oder ein Erzschweinepelz waerst! Nur
deine Kleider musst du dir selber reinigen, wenn du nicht _M_ 2 extra dem
Hausschneider dafuer bezahlen willst, und die Stiefel musst du dir im Keller
oder auf der Strasse putzen lassen. Was aber das Schoenste ist: du kannst
ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden
Bediensteten Spiessruten laufen zu muessen. Dem Hausdiener, der deine Koffer
dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und
wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit
einem Tip. Selbstverstaendlich kannst du auch im Office dein Bahnbillett
und dein Gepaeck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten
mit dem Zurechtfinden oder mit den Behoerden hast, so wird dir ein sehr
feiner Gentleman zur Verfuegung gestellt, der dich sicher geleitet und fuer
dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman
behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts
in die Hand zu druecken - er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was
du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei,
deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.

(M92)

Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in
New York deine Schritte zunaechst ins _Astorhotel_ lenken, und du wirst gut
daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie
herrlich weit aus kleinsten Anfaengen heraus es ein intelligenter,
tatkraeftiger Deutscher drueben bringen kann. In dem Hotel der _Gebrueder
Muschenheim_, aus dem hessischen Doerfchen gleichen Namens, findest du
nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch fuer
dein aesthetisches Beduerfnis in dem grossen Festsaal eine der schoensten
Orgeln der Welt, die taeglich von Kuenstlern ersten Ranges gespielt wird,
und im Grillroom etwas fuer deinen historischen Sinn, naemlich ein
geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir ueber Leben und Treiben
der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen hoechst lebendigen
Anschauungsunterricht erteilt. - Kommst du aber weiter ins Land hinein, in
die mittleren und kleineren Staedte, so erkundige dich ja, bevor du dich in
das Fremdenbuch eintraegst, ob das Haus in europaeischem oder amerikanischem
Stil gefuehrt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer
kleinen Stadt Wisconsins. Ich wurde mit meiner Frau in einem der besten
Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt
untergebracht. Ausser dem grossen Bett stand kein Moebel in diesem Zimmer
fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn ueberhaupt
vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck
zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom
Rauch herruehrend; ein Bad gehoerte selbstverstaendlich auch zu diesem
Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin
war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans
Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin
Platz finden. Da wir waehrend unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten
eingeladen waren, so verzehrten wir nichts ausser dem Fruehstueck am anderen
Morgen, d. h. wir haetten dieses Fruehstueck verzehren koennen, wenn man es
uns noch verabreicht haette, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach
neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mussten also in die Stadt gehen und
in einer Konditorei fruehstuecken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu
_M_ 30.- fuer ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein
Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da
entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: "Ja, _warum haben_ Sie
denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie haetten fuer die 7 Dollar
essen koennen, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben
naemlich amerikanischen Plan hier." Und die ganze Menschheit in der Lobby
quietschte vor Vergnuegen ueber die lange Nase, mit der ich abziehen musste.
Jetzt also, lieber Leser, weisst du, was _american plan_ ist.

(M93)

Wenn du nur einigermassen prominent bist oder durch sonst welche
auffaelligen Eigenschaften die Aufmerksamkeit der Reporter auf dich gelenkt
hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins
Hotel in den Morgenblaettern eine schmeichelhafte Beschreibung deines
Exterieurs, eine Wuerdigung der Vorzueglichkeit deines eventuellen
Schmieroels und ausserdem deine Ansicht ueber Amerika zu lesen. Unter anderen
Folgen solcher frisch gebackenen Popularitaet wird sich auch ein Gentleman
in tadellosem Anzug mit liebenswuerdigen Manieren befinden, der dir seinen
Besuch macht und sich erbietet, dir gaenzlich kostenlos deine ganze
Reiseroute auszuarbeiten und die noetigen Fahrkarten nebst den Beikarten
fuer Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natuerlich bass erstaunt ueber
diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst,
wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da laesst sich ein
zweiter, ebenso eleganter und liebenswuerdiger Gentleman melden, erkundigt
sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich laechelnd
darauf aufmerksam, dass der Herr, der vorher da war, dir eine sehr
unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft wuerdest
du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Raetsels
Loesung. Da zwischen den bedeutenden Plaetzen der Union fast ueberall mehrere
Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften
ihre Kunden persoenlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen grossen
Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten
Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen
kann. Diese starke Konkurrenz hat fuer den Reisenden das Angenehme, dass
sich jede Linie die groesste Muehe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und
Vorteile zu bieten, wie irgend moeglich. Wenn du also zum Beispiel
geborener Berliner bist und als solcher Wert darauf legst, deiner
koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du waehrend deiner Reise
alles bemaekeln, und wenn du dich irgendwie zurueckgesetzt fuehlst, den
erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: "Wissen Sie, alter Freund, mit
Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!" Gegen
Langeweile oder Magendruecken ist eine solche Erleichterung der Galle recht
nuetzlich. Uebrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewoehnten
Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbuecher sind fuer den
Uneingeweihten sehr schwer verstaendlich; ausserdem gibt es auch keine. Die
einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrplaene in moeglichst farbenfreudiger
Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen
ueber ein Dutzend verschiedener Linien fuehrt, so stopft man sich also zwoelf
solcher schoenen bunten Buechelchen in die Tasche; man wird aber, wie
gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen
betrifft, von den Amerikanern ueberaus praktisch angepackt wird. Wie
praechtig glatt und rasch geht z. B. die Gepaeckaufgabe vonstatten! Durch
einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat
gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine
Nummer und den Namen des Bestimmungsortes traegt, das Duplikat dieser Marke
wird dir ausgehaendigt. Fertig! Und kostet nichts, ausser wenn du ueber einen
Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein
Mann durch den Zug und ruft: "Gepaeck fuer Chicago!", oder was es nun sein
mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier.
Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstaende oder schlecht verpackte Kolli
auf, so musst du einen Revers unterschreiben, dass du die Bahnverwaltung
nicht fuer etwaigen Schaden verantwortlich machen willst. Willst du das
nicht, so nimmt man dein Gepaeck nicht mit, oder du musst es besonders
versichern. Das ist alles sehr vernuenftig und nicht zeitraubend.

(M94)

Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel
gehoert, dass ich dir darueber schwerlich etwas Neues erzaehlen kann.
Verwunderlich ist es nur, dass in diesem Lande der hoechst entwickelten
technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten koennen,
die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch
die schoensten Pullmanwagen fast immer entsetzlich ueberheizt und waehrend
des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die
einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station
durch das Oeffnen der Aussentueren entsteht. Bevor du an deinem
Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung,
klopft deinen Ueberzieher aus und buerstet dich von oben bis unten
sorgfaeltig ab. Das ist nun sehr huebsch von ihm, und du gibst ihm gern
seine 20 Cent dafuer, aber - die Zurueckbleibenden muessen deinen Staub
schlucken! Man kann sich die Atmosphaere am Ende einer langen Reise
vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natuerlich noch viel
aerger, weil da die Tueren seltener aufgemacht werden. Ich begreife
ueberhaupt nicht, wie europaeische Reisende die Schlafeinrichtung der
Pullmanwagen bewundern koennen. Man liegt naemlich nicht, wie bei uns, quer,
sondern laengs in zwei Reihen uebereinander, und zwar ohne Unterschied des
Standes, Alters oder Geschlechts. Fuer die Ruhe soll es freilich
vorteilhafter sein, die Stoesse des Wagens in der Laengslage abzufangen, und
die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar
hinter dicke, natuerlich mehr oder minder staubige Vorhaenge versteckt,
deren Schlitz man, wenn man gluecklich in sein Bett geturnt ist, von oben
bis unten zuknoepfen muss. Ich fuehlte mich einmal dem Ersticken nahe und
konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um
Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu oeffnen,
erklaerte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind
im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M.
"das Kind" gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist
moegen die Grossen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn
du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu
gehoert, das Beduerfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in
Einklang zu bringen, als der Anfaenger zu besitzen pflegt. Allerdings
befinden sich an beiden Enden der riesengrossen Wagen sehr geraeumige
Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder
ankleiden koennen; aber wenn man nicht praktisch im _american style_
ausgeruestet ist, so weiss man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie
man im Nachtzustande ueber eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer
kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das
leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus
und werfen einen Schlafrock drueber. Frueher pflegten sie die Struempfe
anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wussten
das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und
tiefschlafenden Damen die Struempfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert
sich aber dies Geschaeft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der
Passagiere mit vorgehaltenem Schiesseisen, weil kein Mensch mehr Geld bei
sich traegt als er gerade fuer die Reise noetig hat. Heutzutage hat jeder
Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Raeuber nichts anfangen.
(Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang
zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein
Scheckkonto eroeffnen laesst.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was
amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umstaendliche
Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt
vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattache, noch
sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich taetowierten Armen und Haenden
nach zu schliessen, eher ein Metzger oder Viehhaendler. Der Kerl wusch sich
vom Kopf bis zu den Fuessen, rasierte und frisierte sich, putzte Zaehne,
Ohren, Naegel, dass es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm
sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib
mit der Liebe und Sorgfalt eines Kuenstlers, der die letzte Feile an sein
Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der
Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren koennten. - Uebrigens geht so
eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven fuer jeden,
der kein geborenes Murmeltier ist, dass die Glocken und Pfeifen der
Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Laerm vollfuehren, bei
dem einem angst und bange werden kann. Sie muessen naemlich alle Augenblicke
Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstrassen
sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne
Unter- oder Ueberfuehrung. Da wird der nervoese Europaeer schwer den Gedanken
los, dass ihm ploetzlich ein anderer Expresszug rechtwinklig durch seinen
werten Unterleib fahren koennte. Nein, alles was recht ist, aber
Nachtfahrten sind nur in Russland, Schweden und Norwegen wirklich
komfortabel.

(M95)

Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten
Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand
duerfte es da drueben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf
einen Wink ihr zu jedem Dienst erboetig, und wenn sie einen Kavalier bei
sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles fuer
sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden
Wortwechsel erlebt, der in Taetlichkeiten auszuarten drohte; das war in
einem ueberfuellten Strassenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette
Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedraengt
stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Maennerstimme:
"_Let the ladys get out first!_" - und eine andere Stimme hoehnte dagegen:
"_Let the Niggers get out first._" Und nun platzten ueber die Doktorfrage,
ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild
aufeinander! - Merke dir auch, mein Freund, dass du Damen deiner
Bekanntschaft auf der Strasse nicht zuerst gruessen darfst, das wuerde fuer
eine Anmassung angesehen werden; du musst abwarten, ob sie die Gnade haben
wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd
anstarren, und sei es noch so schoen. Hast du aber die Bekanntschaft einer
Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und wuerdigt sie dich
ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so
zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handkuesse sind nicht ueblich,
wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe
zuteil, eine Dame durch gefaehrliches Strassengewuehl zu geleiten, so packst
du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das
ist sicher und fuer beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in
den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder
zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine
Mutter oder eine Tante als Begleitung befuerchten zu muessen. Wenn du von
deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle moeglichen
Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne dass sie selbst oder die Familie
deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Kuessen sei vorsichtig; denn
das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuss als Heiratsversprechen, als
taetliche Beleidigung oder Koerperverletzung und brummt dir pro Stueck eine
betraechtliche Geldstrafe auf. Natuerlich gibt es aber auch nette
Amerikanerinnen, die gern und gratis kuessen.

Den Hut kannst du fast ueberall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge,
sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator musst du ihn stramm
herunterziehen, sobald eine weibliche Person ueber vierzehn Jahre
hereintritt. Im uebrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreissen und
beflissenes Vorstellen nur laecherlich. Mache es dir zum Grundsatz, von
deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell
vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch hoefliche Formalitaeten zu nehmen.
Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Strasse begegnest, so hast
du es auch nicht noetig, deinen Deckel herunterzureissen und deinen Skalp
der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst
laechelnd: "_Hallo, Bobby, how do you do!_", worauf er gleichfalls winkt
und ruft: "_Hallo, Fritze, how do you do!_" Das ist praktisch und macht
einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und
ist euch auch beiden gaenzlich gleichgueltig, zu erfahren, wie es euch geht.
Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen;
dafuer verlangt man aber auch von dir, dass du die sozial untergeordnete
Menschheit nicht hochmuetig von oben herunter behandelst. Der Schatz der
amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und
wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir
leicht passieren, dass du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem
Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Hoeflichkeit
besteht darin, dass man sich gegenseitig nicht im Wege ist, dass man seinem
Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten
sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose
Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie koennen eben
sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen
behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer
klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten
wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Aeussere hat,
laesst sogar ein eiliger stark beschaeftigter Grossstaedter seine Arbeit liegen
und begleitet einen bis an die naechste Ecke. In den kleinen Dingen der
taeglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit
seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um groessere Summen,
so reisse deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein
Schiesshund.

(M96)

Willst du in Amerika ein Geschaeft eroeffnen, so miete dir irgendwo im
neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und
Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle
ungemein gewandt und vielfach auch sehr huebsch. Alsdann ziehe deinen Rock
aus - denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es
Winter oder Sommer -, zuende dir eine Importierte an, verbreite deine Beine
anmutig ueber Tisch und Stuehle und beginne zu telephonieren. Telephonieren
und Briefe diktieren fuellt die amerikanischen Geschaeftsstunden von 10-5
Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschaefte machen, muss
das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der
Hemdaermeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe
in allen Lebenslagen, solange du drueben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl
aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.





                    WAS KOeNNEN WIR VON AMERIKA LERNEN?


Das Land der absoluten Gegenwart ist fuer alle Kulturvoelker ein Spiegel, in
dem sie deutlich ihre Zukunft sehen koennen. Der Fortschrittsgedanke
marschiert drueben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor
sich, waehrend unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf
Hindernisse stossen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von
Vorurteilen, Abgruende von Dummheit, die nicht immer leicht zu ueberklettern
oder zu ueberspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden
Ueberfluegelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen
Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgruende auszufuellen und unsere
Berge abzutragen - was wuerden wir damit gewinnen? Eine trostlose
Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch
und philosophisch geschultem Denken, mit aesthetischem Bewusstsein und einer
idealistischen Weltanschauung ausgeruestet, wird, mit offenen Augen in
jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen koennen: Gott bewahre uns vor
dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, dass wir unseren wertvollsten
Besitz, naemlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen
Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten
Vergangenheit verdanken, und dass es gerade jene Hemmungen des
Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund fuer unser
gegenwaertiges Empfinden, Wissen und Koennen so ueberaus solid aufgemauert
haben.

(M97)

Wir Europaeer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als
uns gut ist. Seit naemlich die raum- und zeitverkuerzenden Erfindungen sich
zu ueberstuerzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefaehr, ist von
Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die
grossen Erfindungen, vermoege deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft
beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und haetten unter allen
Umstaenden die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern;
in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen
wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch
auch staerker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der
Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen
Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung,
und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf
dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stuerzte sich mit
Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im
Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr
gefaehrlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt
und aufregende Vergnuegungen in viel groesseren Quantitaeten vertilgen kann,
ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrueckten Schnellzugs-,
Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern
begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein
Sensationsbeduerfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber
in der grossen Welt gewaltig geschuert. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit,
der grossartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe
haben die Yankees in immer groesseren Scharen zu uns hinuebergelockt, und wo
immer sie in groesserer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum
die betreffenden Orte, sich ihren Anspruechen anzubequemen. Genau so, wie
ehemals die Reiselust der Englaender und ihr starres Festhalten an ihren
nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfaehigkeit, Sprachen zu erlernen
und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und
Fremdenindustrie einen starken Einfluss ausuebte, so geschieht dies jetzt
noch in hoeherem Masse durch die groessere Kapitalskraft ihrer amerikanischen
Vettern. Waehrend die amerikanischen Hotels sich allmaehlich den
europaeischen Stil aneignen, bemuehen sich jetzt unsere Hotels, sich zu
amerikanisieren. Die Englaender kamen frueher sehr haeufig auf den Kontinent,
um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind
viel grossartiger und leichtsinniger, als Emporkoemmlinge auch
protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das groesste
Vergnuegen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil
bodenstaendiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie ueberall die
Sensation, das Aeusserste, das Unerhoerte verlangen. Da sie bereit sind, es
gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, dass
auch bei uns immer mehr das Schoenste und das Bedeutendste, was unsere
Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen
Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des
Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau,
die Muenchener Musikfeste, die grossen Bilder- und Antiquitaetenauktionen,
die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der
europaeische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum
aufs aeusserste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein
gefaehrlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste
Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum
geknuepft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflaechlichkeit immer
mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Beduerfnis
nach Kunst- und Naturgenuss zu befriedigen. Wohl duerfen wir Voelker Europas
uns einbilden, dass anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns
verhaeltnismaessig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind
doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Ueberzahl, und diese
Ueberzahl wird leicht verfuehrt durch die glaenzende Aussenseite, die
amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betaetigungen seiner
Vergnuegungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen
Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variete, im Zirkus dringt
der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das
Vergnuegen an den Sentimentalitaeten, Hintertreppensensationen und
Clownspaessen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an
den scheusslichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus
amerikanisch an.

(M98)

Der ausschlaggebende Einfluss des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur
die Autoritaet des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das
Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles
bisher Dagewesene rasch ueberbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit
der Entwicklung und draengt den Tuechtigen ueberall zugunsten des Fixen
zurueck. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glaenzende
Auslese von flott und sicher auftretenden geschaefts- und sportgewandten
Maennern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen.
Das erweckt in uns die Meinung, dass diese beneidenswerten Neuweltler, die
es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht
haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein
muessten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer
bedaechtigen Gruendlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schaemen. Wir
vergessen dabei, dass gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es
ist, was uns heute immer noch ueber die glaenzende Scheinkultur der Neuen
Welt ein betraechtliches Uebergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen
Wettbewerb mit dem Riesenkontinent ueber dem Ozean einlassen, so werden wir
sicher den Kuerzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes
sind nicht so unerschoepflich wie die drueben, und wenn unsere Industrie,
unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das
unerprobte Neue, das Unfertige also, nur moeglichst schnell an die Stelle
des Alten zu setzen, um anderen Laendern zuvor zu kommen, so wuerden unsere
Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen
wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer
kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu
beziehen genoetigt sind, liegt hauptsaechlich darin, dass drueben jenes
Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch
Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und
verstaerkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzuege wuerden uns
aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch
weiter anstecken liessen.

(M99)

Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens
darauf hingewiesen, dass auch unsere Presse hie und da bereits recht
bedenkliche Anlaeufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wuester
Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der
minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch
bei uns beweist die Erfahrung, dass auf dem Gebiete des geistigen Schaffens
die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinaeren Geschmack
entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr
einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von
Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach
zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der
Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektuere.
Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft,
gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwuerdigung zumal der
literarischen Arbeit zum blossen Zeitvertreib dadurch anzukaempfen, dass wir
ueberall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine ueberaus lebhafte
Vereinstaetigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem
Volke fuer ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute
kuenstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte
und Kuenstler zu Vortraegen gewinnt. Ausserdem bluehen ueberall die
Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle
gemeinnuetzige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen
schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der
Drang nach Belehrung, nach kuenstlerischer Erbauung auch in weite Schichten
unseres Volkes getragen, fuer die frueher die Quellen des Wissens und der
Schoenheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemaess
erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch
dort, namentlich durch Gruendung von musterhaft eingerichteten oeffentlichen
Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung
von tuechtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan
wird. Es ist also wahrscheinlich, dass uns in nicht allzu ferner Zeit
Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht
ueberfluegeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso
wie der unserer Fabrikanten heissen muessen: "_Qualitaet, nicht Quantitaet;
nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das
Auffallendste, sondern das Originalste, das Persoenlichste, das Deutscheste
bieten._"

(M100)

Wir haben es ja so viel leichter, persoenlich, original, volkstuemlich zu
sein, denn wir _sind_ ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in
dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte
Europa fuer den feinsinnigen Betrachter so unerschoepflich interessant
macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter
seiner Voelker. Wie die Mundart schon in verhaeltnismaessig kleinen Bezirken
wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so gross ist wie der eine
Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und
das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der
Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der
Bauart, den Sitten und Gebraeuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische
Rasse gibt es aber vorlaeufig noch lange nicht, und die Behauptung
vereinzelter amerikanischer Gelehrten, dass die Menschheit drueben sich
deutlich dem Indianertypus zu naehern beginne, duerfte wohl als ein
wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in
der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare
Zeit hinaus Englaender, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden,
Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich wie z. B. die Neger in den
Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt
alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse
aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich
verraten, dem ihre Vorvaeter entstammten, so wird man auch den Nachkommen
der weissen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr urspruengliches
Vaterland ansehen, vorausgesetzt, dass sie nicht durch fortwaehrende
Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen.
Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen
Verhaeltnisse, welche drueben innerhalb der verschiedenen Rassen einen
eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei
Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Suedwestafrika Farmer gewesen ist,
so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem aeusseren Gebaren so
stark zu veraendern, dass seine Familienangehoerigen, wenn sie ihn nach so
langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er
ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein
Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist
ueberdies noch die Moeglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren,
dadurch ausgeschlossen, dass diese Ureinwohner bis auf klaegliche Ueberreste
vernichtet sind. Der Deutsche kann drueben dem Englaender, der Jude dem
Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder
unwillkuerlich in fremde Anschauungen sich hineinfuehlen, fremde Gebraeuche
uebernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus.
Es wohnt also drueben ein Voelkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine
gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen
Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kulturideale zu suchen. Von einem
amerikanischen Volke wird man erst sprechen koennen, wenn die ungeheuren
Laendergebiete drueben so gleichmaessig bis zur Saettigung bevoelkert sind, dass
die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten
kann. Aber auch bei verschlossenen Tueren wird der Prozess der Durchruehrung
des so verschiedenartigen Gebluetes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen.
Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben -
denkbar aber auch, dass bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des
internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der grossen
Kulturwelt ueberhaupt eine Rassenbildung nicht mehr moeglich ist, und die
ganze Aenderung darin bestehen wird, dass die alten Rassen ihre
charakteristischen Eigenschaften verlieren und hoechstens noch, als pikante
Erinnerung an die einstige schoene Verschiedenartigkeit, Farbennuancen
uebrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren
wirklich schon eingetreten sein, dann koennte man davon sprechen, dass
Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen
Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstoerenden Tendenz
bemerken laesst. Die Gewissensfrage ist fuer jeden einzelnen: soll ich dazu
beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbuergertum zu beschleunigen,
oder soll ich mich mit all meinen Kraeften dagegen straeuben?

(M101)

Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurueckkehrt, so nimmt
zunaechst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der
Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in
sich auf. Sei es eine englische Huegellandschaft mit ihrem ueppigen
Wiesengruen und ihren anmutigen Heckenzaeunen, sei es ein franzoesischer
alter Herrensitz mit wundervollem Schloss, umgeben von Weinbergen, Blumen
und Obstgaerten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit
ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Doerflein,
so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne
Grossstadt mit imposanten geraden Strassenfluchten, voll prunkender
oeffentlicher Gebaeude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige,
hochgieblige, vieltuermige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und
Wachttuermchen gegen einen laengst nicht mehr existierenden Feind geschuetzt.
Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermisst
haben und die man uns auch drueben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition
einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten
Disziplin, aesthetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen
hoeheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch ueberaus fruchtbar sind,
weil in allen diesen Dingen die besten Kraefte der Rasse aeusserlich sichtbar
werden. Diese ethisch aesthetischen Werte sind es, die den Begriff der
Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches
Lebensglueck. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu
kommen, die Heimat zu unterschaetzen, weil er meint, dass das Glueck da
wohnen muesste, wo die Mittel zu einem ueppigeren Dasein leichter zu
erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren
Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Fuer solche Leute ist es wohl
angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem
trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drueben werden
sie erst den Wert der Heimat schaetzen lernen - es sei denn, dass sie zu den
blinden Seelen gehoeren, welche im rein materiellen Genuss ihr Genuegen
finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprueche eine vertiefte Bildung
gesteigert hat, kommen ja jetzt mit ihrem grossen Hunger nach echter Kultur
zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und
sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen koenne, die ihre vorlaeufig noch fast
ausschliesslich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie
bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor
unserer Kunst, vor der Soliditaet unseres Handels und unserer Industrie,
vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten
Ordnung unserer Lebensverhaeltnisse; viele von ihnen bringen auch als
Reisegewinn eine liebenswuerdig verschaemte heimliche Liebe zu unserer
Romantik mit heim - nachahmen aber koennen sie auch beim besten Willen
diese unsere Vorzuege schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts uebrig,
als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner
Tradition geworden sind.

(M102)

Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige
Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinueber: alle die
ueberzaehligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, veraergerte,
aufsaessige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner
aus allen Staenden, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsaechlich da
drueben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen koennte. Der
entschlussunfaehige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine
liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen
kann, der langsame, aengstliche Philister, der faule Traeumer, der vornehme
Muessiggaenger, der hochmuetige Geld- oder Wissensprotz - sie alle werden
zunaechst einmal durch die groeblichen Fauststoesse der harten Not darauf
aufmerksam gemacht, dass die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf!
nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muss
arbeiten, und der persoenlichen Wuerde tut es keinen Eintrag, ob du von
Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein
Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbstaendiges Geschaeft
anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch
zu verwerten weiss, dass er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und
Nahrung findet, der muss sich eben ohne Zoegern auf dem grossen Arbeitsmarkt
fuer jede beliebige Taetigkeit zur Verfuegung stellen, die bezahlt wird. Ich
habe drueben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande
waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als
Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmaennische
Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent fuer irgendeine
Warenspezialitaet zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der
Schritt zum selbstaendigen Geschaeftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei
dieser Haerte ist, dass sich der Amerikaner durch Anmassung, hinter der keine
offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren laesst. Der Yankee macht sich
freilich oft laecherlich durch sein uebereifriges Herandraengen an unsere
Hoefe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drueben ist mit Recht
empoert ueber das Bestreben seiner Emporkoemmlinge, die schwere Mitgift der
Toechter gegen europaeische Titel und Stammbaeume einzutauschen; aber man
merkt bei naeherem Zusehen doch bald, dass es nicht der Titel an sich ist,
welcher diese faszinierende Wirkung uebt, sondern vielmehr die mit altem
Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche
Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drueben ihr Brot
suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber voellig. Eine
Persoenlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewoehnlichen geistigen oder
physischen Begabung durchzusetzen versteht, muss unerbittlich in die
Hackmaschine hinein und geht in der grossen Gleichheitswurst auf. Aber auch
mit philistroeser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein
Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der
kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefaehrt des Fortschritts
unterwegs verlassen, so muss er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung
abzuspringen verstehen - nach rueckwaerts aussteigen heisst unter die Raeder
kommen.

(M103)

Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, dass sie selbst dem
Verbrecher nicht den Rueckweg zum anstaendigen Leben verlegt. Das Vertrauen
auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, dass man sich vor den
Schaedlingen der Gesellschaft nicht so ueberaengstlich fuerchtet wie bei uns.
Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der
musste ja immer gegen Raeuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf
dem _qui-vive_ stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass ein einziger
beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er
hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen
durch den Zwang der Arbeit und schliesslich durch den Erfolg doch noch zu
brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist,
dass man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer
wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann
etwas Ordentliches erreicht, haelt man ihm seine Vergangenheit nicht wieder
vor. Das ist ein grosser, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche
Erziehung und angeborene Charakterschwaeche zu Verbrechern gewordene
Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind
gluecklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr
geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu
verspotten, aber es ist sicher, dass diese lustigen Entscheidungen nicht
halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zuruecklassen, als oft die
Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische
Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und
die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg.
Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben
selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er
wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle
Schmoekerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten
Herrschaft des Kgl. Grossbritannischen _common sense_ haben sich ja alle
besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir
alten Europaeer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht
ohne weiteres ablernen koennen, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische,
aber tatkraeftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben
Tugenden der Jugend, und andere Vorzuege, wie besonders ihre schoene
Neidlosigkeit, sind durch die Gewoehnung an Verhaeltnisse bedingt, die wir
alten Voelker ebensowenig nachahmen koennen wie die Jugend.

Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch
etwas lernen koennen, naemlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden
ein rueckstaendiges Volk heissen muessen, so lange wir nicht die Trennung von
Staat und Kirche durchgefuehrt haben und so lange es noch moeglich ist, dass
ein Deutscher seines religioesen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich
verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren nicht an
der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder
nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige
behoerdliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich
anerkanntes religioeses Bekenntnis vorschriftsmaessige Bedingung zur
Erlangung oeffentlicher Aemter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der
absoluten Glaubensfreiheit ist das religioese Leben, trotz mancher
blamabeln Auswuechse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke
religioese Persoenlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann
eine Macht ueber die Seelen gewinnen, um die sie unsere
Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischoefe ehrlich beneiden
duerften. Ueber das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees
lernen koennten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das
Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemaess mit der Jugend besser
umzugehen. Uebrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf
Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon laengst aufgestellt
haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Misserfolgen.

(M104)

Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des
grossen Staatenbundes uns als Vorbild dienen koennen: dahin rechne ich in
allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt
hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen
Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer
nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es
verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten.
Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch
staatenbildendes Geschick bewiesen, waehrend die Deutschen nicht einmal die
von ihnen gegruendeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wussten.
Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin,
Michigan, Missouri ihrer Zeit foermlich ueberflutet. Germantown, Milwaukee
und einige andere waren einmal ganz deutsche Staedte. Cincinnati,
Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Grossstaedte zeigten
voruebergehend ein Uebergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben
sie sich ueberall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch
hie und da einen deutschen Buergermeister, aber er versteht kein Deutsch
mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem
einmuetigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich
nicht nur ihren Ausschuss ueber den Ozean geschickt, die grosse Mehrheit
bildeten vielmehr tuechtige baeuerliche und handwerkliche Kraefte, und im
Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinueber,
die den Beruf zu geistigen Fuehrern ihrer Stammesgenossen in sich trugen.
Woher kommt es denn nun, dass trotzdem diese 181/2 Millionen Menschen es zu
keiner politischen Selbstaendigkeit bringen konnten? Die Zahl jener
geborenen Fuehrer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital
niederliessen, und die man spottweise die _lateinischen Bauern_ nannte, mag
allerdings wohl der erdrueckenden Ueberzahl der ungebildeten, politisch
gleichgueltigen Landsleute gegenueber zu gering gewesen sein - auch war der
Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne
weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, dass alle diese Deutschen ein
stolzes Nationalgefuehl ueberhaupt nicht besassen, und dass sie ihren
Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spiessbuergertum mit
hinueberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tuechtige Bauern,
Handwerker und Kleinbuerger ab, zeigten sich aber den besonderen
Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von
ihnen waren nicht einmal faehig, sich die englische Sprache voellig
anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten
uebrigens haben auch diese Deutschen Grossartiges geleistet, wie denn ja
auch die von ihren edlen Fuersten verkauften Wuerttenberger, Hessen usw.
sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Loewen
geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Buergerkrieg verdanken
amerikanische Truppen deutschen Heerfuehrern einige ihrer glaenzendsten
Siege - und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern
geduldetes und gehoerig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen
britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverstaendlich nicht
daran, diese bequemen Biedermaenner in ihre grossen Ehrenstellen der Staats-
und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus
keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es haetten den deutschen
Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mussten resolut
ihr Deutschtum ueber Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden,
oder aber sie mussten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten,
von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im
Staate gruenden und diesen mit ruecksichtslosem Chauvinismus gegen das
Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschliessen. Die
meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich ueber
das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzaehligen Vereinen
wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren
landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgruenden aufs
gehaessigste bekaempfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten
Deutschland der 70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Aenderung
in diesen Verhaeltnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen haetten doch
alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden
Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische
Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begruenden
durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre
Tuechtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten
nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stuerzen - die meisten wohl aus
moralischem Reinlichkeitsbeduerfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit.
Man muss also doch wohl sagen, dass ihnen, einige ganz wenige glaenzende
Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent fuer die
Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben
kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Masse besessen und
verdankten dieser Eigenschaft die glaenzende Rolle, die sie waehrend der
Voelkerwanderung und noch waehrend der Staufferzeit in der Weltgeschichte
spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und
Pfaffenherrschaft haben aber jene urspruenglichen Veranlagungen vollstaendig
erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt
aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit
gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein,
politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religioesen auch zumeist
politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlassten, und sie
alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionaere sein,
brachten den Stolz mit hinueber, Buerger einer Weltmacht zu sein, deren
Flagge siegreich und gefuerchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese
Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein Herrenvolk zu fuehlen,
sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewusst, welches dieses
Herrentum ihnen auferlegte - der Pflicht naemlich, ihr Blut rein zu halten.
Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Suedamerikas und Mexikos, die
nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine
recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte fuer die
Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib ueberhaupt nicht; und selbst
gegen Mischehen mit den besten europaeischen Einwanderern richtete das
Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der
imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und
das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits
und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen muessen. Das Wort Chauvinismus
hat einen garstigen Klang fuer unsere kosmopolitischen Doktrinaere, unsere
edlen Friedensschwaermer und liberalen Idealisten, es ist aber schliesslich
nur ein anderer Ausdruck fuer Kraftbewusstsein. Denn bei allen wirklich
starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der
Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionaer _chauvin_.

(M105)

Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren
Kinder, besitzen nun allerdings jenen schoenen Nationalstolz, von dem die
vorigen Generationen noch nichts wussten. Sie lesen noch die deutschen
Zeitungen und freuen sich der Berichte ueber die grossartige Entwicklung des
deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufbluehen seiner
Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht laesen, wuerden
sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspueren, denn sie koennen
kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift:
"_Made in Germany_" zu stossen, und die gewaltigen Schiffe der grossen
Reedereien, allen voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen
Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlaessigkeit in
jeder Beziehung uebertreffen, haben fuer die Hebung des deutschen Ansehens
ueber dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten
Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten
des gesegneten Friedens sich fuer die Ewigkeit zu manifestieren trachtete.
Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen
Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Koennen, geniesst bei den
Deutschamerikanern eine fast uneingeschraenkte Verehrung, und auch das
Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft
bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und
einigen anderen Staedten erheben sich schoene deutsche Vereinshaeuser, in
denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem
Eifer deutsche Musik und ueberhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird.
In Cleveland haben die Deutschen in einem schoenen oeffentlichen Park eine
Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo
bemuehen sie sich mit ruehrender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst
im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer
rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des
Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, dass die
Bestrebungen einer ausschliesslich auf aesthetische Kultur gerichteten
intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begruendung
und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kraefte noch fast
ausschliesslich in Anspruch nimmt, wenig Verstaendnis finden koennen. In
dieser Beziehung sind es noch Grossvaeterideale, welche die versprengten
Landsleute drueben pflegen und es ist charakteristisch, dass die wenigen
leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur
vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind.

(M106)

Es hat sich also nachtraeglich doch noch so etwas wie ein deutscher
Chauvinismus entwickelt - leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein
halbes Jahrhundert zu spaet, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hiesse
unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man
sie jetzt noch zur Sonderbuendelei mit prahlerischem Maulaufreissen von uns
aus aufstacheln wollte; das waere toericht und geschmacklos. Wie wuerden wir
es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste
sind, uns fortwaehrend ihre Nationalitaet und Rasse unter die Nase reiben,
Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesaenge in die Ohren schmettern und
darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir wuerden uns
ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die
Yankees, die tatsaechlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht,
zu verlangen, dass die Einwanderer aufhoerten, Fremdlinge zu sein, indem sie
sich bemuehen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse
aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhaeltnissen,
sich stolz bewusst zu bleiben, dass sie die Erben einer tieferen und
feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und dass sie dazu berufen
sind, den Bluetenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen
Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinueber nehmen, in die Seelen
der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart,
deutschen wissenschaftlichen und kuenstlerischen Sinn, deutsche Treue,
deutsches Gemuet in der neuen Heimat zum ausschlaggebenden Kulturfaktor zu
machen, das muss ihnen als heilige Pflicht bewusst bleiben. Auf diese Weise
lassen sich immer noch Siege _gegen_ und, was noch wichtiger ist, auch
_mit_ dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit
deutschem Geiste zu durchtraenken und so zu unseren innerlichst Verbuendeten
zu machen, das waere ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glaenzende
Waffentaten. Inzwischen duerfen sich aber die Deutschen der Vereinigten
Staaten auch nicht fuer zu gut duenken, von den Yankees zu lernen, und
ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch
noetiger haben. Es ist naemlich leider nicht zu leugnen, dass wir trotz des
grossen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben,
als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen
entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Voelker
irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht
haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: "Ja, was wird aber
Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?" so wird ihm mit
laechelndem Achselzucken die Antwort: "Ach, die Deutschen! Die sind ja so
anstaendig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum." Es
ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Hoeflichkeit die
Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleissig bei den
Jungen die Fehler der Jugend - in der Politik werden viele davon zu
Tugenden, vornehmlich die goldene Ruecksichtslosigkeit.

Man wird einwenden, dass jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden
nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien
Entwicklungsmoeglichkeiten einer grossen demokratischen Republik begruendet
seien. Ich fuer meine Person kann jedoch nicht glauben, dass die Staatsform
wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung
hat mich gelehrt, dass die demokratische Theorie drueben, wie ueberall, an
der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe
zahlreiche Beispiele dafuer beibringen koennen. Der innerlich freie Mensch
kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland
speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die
sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist hoechst wahrscheinlich, dass
die Propheten, die uns als naechstes Ziel unserer politischen Entwicklung
die _Vereinigten Staaten von Europa_ verheissen, recht behalten werden.
Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein voelkisches
Sonderdasein fuehren und auch ihre Kaiser und Koenige ebenso pietaetvoll
konservieren koennen, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn
aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernuenftiges,
zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit
zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als
untrueglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat.





              DAS HIRN AMERIKAS AUF EINER GOLDENEN SCHUeSSEL.


Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag
wohl keines so sehr den Europaeer staunen machen, wie der Expresselevator
eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk haelt. Wohnungen fuer
kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen
Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschliesslich Geschaeftsraeume fuer
die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien fuer Rechtsanwaelte, fuer
Konsulate, fuer alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt
beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz
Amerikas schlaegt in den kleinen, einfachen Holzhaeuschen der Vorstaedte und
laendlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen
gigantischen Tuermen und liefert zwischen 8 Uhr frueh bis 6 Uhr abends die
Hochdruckspannung fuer den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von
Telephonleitungen vereinigen sich auf den Daechern, die unablaessig von
diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im
Erdgeschoss unterhaelt eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt
und befoerdert unzaehlige Telegramme ueber den ganzen Kontinent, wie nach
allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebaendigte Blitz traegt
Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem
Mut in alle Welt hinaus. Millionen stroemen herein, Millionen stroemen
hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die grosse Wage, auf der die Gedanken
erfindungsreicher Koepfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geraeuschlos
der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem Schlage Existenzen
vernichtet; hier schwirren die Webstuehle, an denen die schimmernden Netze
fuer den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der
fleissige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf,
und mit dem Expressaufzug, der erst am elften Stockwerk haelt, schwingt sich
das Genie ueber die Koepfe der armen Durchschnittsmenschheit in
atembenehmendem Tempo empor.

(M107)

In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser
Expresselevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt.
Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschloesser gebaut,
wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches
Eisengerippe schiesst starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau
wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man
alsdann die Waende von Zementguss zwischen den Rippen zu spannen, also
gewissermassen fluessigen Stein vom Dach herunter zu giessen, bis er endlich
den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird,
schwer und gewaltig, wie fuer die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten
Welt aber haben zuerst in den Hoehlen gewohnt, die die Natur uns zum
Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wuehlen.
Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam
aneinander gefuegt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir
gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Hoehen
hinaufzufuehren, wo die Stickluft schwitzender Muehsal nicht mehr lastet, wo
der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte
Ferne. Die kuehnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten,
brachten die eisernen Traeger fuer den Aufbau ihrer Kultur gleich fertig
mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das grosse Wagnis
unternahmen; denn aengstliche, bedaechtig am Alten klebende Ofenhocker und
Duckmaeuser gingen ja ueberhaupt nicht ueber das grosse Wasser. Die Eroberer
brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Buechsen, der
Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gruss an die technisch hilflosen
Besitzer des neuen Landes. Und als die weisse Besiedlung in grossem Stile
einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die
Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte
keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff
brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herueber, und diese neuen
Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen
gegen den widerstrebenden Willen der Alten - denn es gab keine Alten in
diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer
die Idee der Dampfmaschine herueber, und alsbald erkannte man, dass die
Riesengroesse des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen
Quellen unerschoepflichen Reichtums ueberhaupt erst nutzbar gemacht werden
wuerden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen ueberwand.
1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste
Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston
und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische
Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie
vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man
wartete drueben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevoelkerte Gegenden und
grosse Staedte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte
resolut die Schienenstraenge durch jungfraeuliches Land, durch Wuesten und
Einoeden und veranlasste dadurch, dass jene Gegenden besiedelt wurden, Staedte
und Industrien ueber Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche
Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit
dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndaemme nicht lange auf, sondern
rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden
ein und liess die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar
Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen
gelegen, wenn nur die Ueberlebenden den winkenden Dollar gluecklich
erhaschen!

(M108)

Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen
Errungenschaften des europaeischen Geistes. Begierig wurden sie drueben
aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu
ueber das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfaehigkeit durch
Verbesserungen bis an die Grenze der Moeglichkeit gesteigert. Und genau so
wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der
geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft
gleichzeitig mit den neusten, kuehnsten Hypothesen und floesste sie den
lernbegierigen jungen Koepfen ein. Von den sieben freien Kuensten liess man
sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des
eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu
beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht noetig,
aus dunkler Angst und Erloesungssehnsucht langsam eine nationale Religion
empor wachsen zu lassen, sondern man liess sich die Religionen schockweise
aus den alten Laendern kommen und von einheimischen Koechen fuer die
amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besass man auf einmal Religion
und Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem
auf der Hoehe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt fuer
dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit
alten Vorraeten zu raeumen, alte Mauern niederzulegen, alte Muenzen
einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang fuer die Leute dieser Neuen Welt ein
Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein
Vollendetes geliefert hatte, so musste sich in den Koepfen dieser
Neuweltleute die Ueberzeugung festsetzen, dass es fuer ihre Entwicklung keine
Schranken gaebe. Der Himmel haengt diesen Leuten voll unbegrenzter
Moeglichkeiten. Weil sie es niemals noetig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen
mit schmerzenden Knien in die Hoehe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen
die natuerlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreissig Stockwerke per
Express mit hoechstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da
droben, im Genusse der schoenen Aussicht und der frischen Luft, fuehlen sie
sich so pudelwohl, dass sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft
haengen. Es muss schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich
zu machen, dass in ihrer Hoehe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung
etwas ungemuetlich zu werden beginnt und dass man unten zum mindesten
sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermoegen kultivierte Menschen der
Alten Welt in jenen stolzen Luftschloessern niemals heimisch zu werden. Sie
finden es fusskalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und
alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben
mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kaempfen
einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kraefte gewachsen; an den
Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres
Geistes geschaerft; unseren Goettern haben wir Wohnungen gebaut aus den
aufgetuermten Leichnamen unserer Maertyrer; den holden Rausch unseres
Fruehlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstuermen, aus Schutt
und Brand die Ideale unserer Schoenheit gerettet - aller Stolz auf unsere
Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der
heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. _Ein Mensch der Alten
Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Missgeburt._ Und wenn die
Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herueberkommen, so wandeln sie wie in
einem Museum einher: alles, was fuer uns lauter lebendige Quellen ewiger
Werte bedeutet, sind fuer sie ausgestopfte Kuriositaeten, patinierte
Schildereien, bleiche Spirituskonserven - sie gehen staunend oder laechelnd
vorbei und fragen hie und da: "Wieviel kostet das?"

O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so vertraeumten
Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen
immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Voelkerwanderung.
Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die
die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und
innerlich doch noch ganz und gar angefuellt von den ererbten Eigenschaften
ihrer ritterlichen oder spiessbuergerlichen Vorfahren. Ihr Blut straeubt sich
dagegen, reine kalte Geschaeftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer
ruehrenden Gemuetlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer
streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blueht der
Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben.
Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat
im Staate, eine Freimaurerorganisation mit ungeschriebenen Gesetzen. Aber
es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das
Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden - jener grosse, der
offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern,
Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und
ruecksichtslosen Kuenstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu
allen tuechtigen deutschen Taten hergibt. Uebermenschen sind sie darum noch
lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein
praechtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des Uebermenschen schon jetzt
im Fleische wandeln duerften.

(M109)

Drueben glauben sie, wie es scheinen moechte, den Uebermenschen bereits zu
besitzen, und zwar in der Person des Spielers grossen Stiles, des Millionen
aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten
Geschaeftsmannes. Hoeren wir ein Stueckchen Yankeephilosophie aus dem Munde
eines ihrer besten Schriftsteller, _Jack London_(5): "Zu Zehntausenden und
zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Naechte durch und planen, wie sie
zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen koennen;
das sind die Geschaeftsleute. Die Kleinen von ihnen, Kraemer und
dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas
heraus, woran sie verdienen koennen; aber die grossen Geschaeftsleute
benutzen diese kleinen Geschaeftsleute, um die Werterzeuger fuer ihre Zwecke
herzurichten. Den ganz grossen Leuten aber liegt nichts daran, den
einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern
sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre
Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese Art von Glueckspiel nennt man 'die hohe
Finanz'. Urspruenglich bestand das Geschaeft nur darin, den Arbeiter
auszupluendern; dann aber taten sich die grossen Raeuber zusammen und jagten
einander die aufgehaeufte Beute ab. Unter den Uebermenschen der Geschaefts-
und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein
_noblesse oblige_. Diese modernen Uebermenschen sind eine Gesellschaft von
Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote
von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren.
Bei ihnen heisst es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er
gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das
nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverstaendlich
und werden von ihresgleichen der Groesse ihrer Beute entsprechend geschaetzt.
Obwohl jeder Raeuber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Raeuber zu
berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat
tatsaechlich die Kontrolle ueber den politischen Mechanismus der
Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben
geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane,
die Gerichte und die Armee. Des Uebermenschen Hauptgefahr liegt in seinem
Mituebermenschen, nicht etwa in der dummen grossen Masse des Volkes - die
kann man durch den laecherlichsten Bluff zum Narren halten - die zaehlt
nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf hoeherer Basis, aber
man kann sehr wohl die Betruegereien und Vortaeuschungen dabei durchschauen,
ohne sich sittlich darueber zu entruesten. Es ist eben die Ordnung der
Natur, dass die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den
Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen
berauben einander, weil sie eben so geschaffen sind. Sie rauben, wie die
Katze kratzt, der Frost beisst und der Hunger kneift. Der grosse Finanzier
lernt sein Geschaeft bald sportmaessig betreiben. Arbeiter und kleine Leute
beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport,
wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen,
wie sie in England noch betrieben werden soll. Der grosse Sport besteht
darin, den erfolgreichen Raeubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die
Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen
setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen
Spass hat."

(M110)

Die Uebermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings
dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszupraegen,
besonders wenn man ihr Treiben so auffasst, wie jener witzige Englaender,
der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschaeftsleute wie in den
Vereinigten Staaten haetten sie drueben in England doch nicht, kaltbluetig
erwiderte: "O ja, die haben wir auch - aber bei uns sitzen diese Herren
alle im Zuchthaus." Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten
seiner grossen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu
verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen
zwischen den grossen Tieren, ueber die er sich amuesiert, und denen, auf die
er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drueben, in deren
Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius
suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Hoehenmenschen.
So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in
welchen nur Maenner aufgenommen werden koennen, die irgendeine
bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen haben. Am
26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der
weltbekannten Industriefuersten angehoerte, die Gelegenheit eines festlichen
Fruehstuecks im Strassenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preussen _das
Hirn Amerikas auf einer goldenen Schuessel darzubieten_. Ungefaehr 150
Einladungen liessen sie ergehen an jene _Captains of Industrie_, wie Thomas
Carlyle sie genannt hat: "Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht
bloss eingebildeten Aristokratie!" Bei diesem denkwuerdigen Fruehstueck wurde
nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren
die blossen smarten Geschaeftsleute, die tollkuehnen Spieler des grossen
Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen
Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche
Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch
Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem
Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft ueberreicht, in dem die
Eingeladenen dem Alphabete nach aufgefuehrt und die Bedeutung jedes
Einzelnen in einer ganz knapp gefassten Notiz erlaeutert war. Die "New
Yorker Staatszeitung" sagte von diesem Fruehstueck: "Der erlauchte Bruder
des deutschen Kaisers und maechtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen
hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag
der Augsburger Fugger, Fuersten des Handels, Baumeister unserer Groesse. Es
waren nicht lauter Millionaere, die da sassen, aber sie gehoerten
ausschliesslich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschoepfliche
Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumuenzen verstehen und die
unseren Nationalwohlstand begruenden halfen."

(M111)

Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fuerst der
Alten Welt in aehnlicher Weise gefeiert worden waere. Wenn unsere gekroenten
Haeupter reisen, so bekommen sie ueberall dieselben Exzellenzen, Geheimraete,
Spitzen der Behoerden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter
wackere und verdienstvolle Staatsbuerger; aber die wahrhaft fuehrenden
Koepfe, die genialen Organisatoren, die Traeger der modernen Ideen - jene
Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne - jene Hervorleuchtenden - sie
finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der
Eifer der intimen Hueter des Thrones, der Hoeflinge und Buereaukraten sorgt
dafuer, dass von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des
Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck ueber
die Grenzen des beschraenkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drueben in
dem Maerchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der
Eingeladenen die grossen Philosophen, Kuenstler und Dichter, die Verkuender
einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kuehnen Umwerter und
gefaehrlichen Fackeltraeger - sie mussten fehlen, weil sie drueben noch nicht
vorhanden sind, diese Kulturblueten schwer von dem Honig einer glorreichen
Vergangenheit.

Wann wird fuer Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor
seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestaet eine
Huelle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schliesslich zum Lohne
das Hirn Deutschlands auf einer Schuessel zu fordern? Vielleicht wird diese
Schuessel nicht, wie drueben in dem Lande der unerschoepflichen Naturschaetze,
von purem Golde sein koennen - aber das Hirn wird sich sehen lassen duerfen!






        EINIGE FUeR DIES WERK BENUTZTE UND EMPFEHLENSWERTE BUeCHER:


_      Dr. Otto Ernst Hopp_, "Bundesstaat und Bundeskrieg in den
      Vereinigten Staaten". Zwei Baende. Verlag G. Grote. Berlin 1886.
_      Mc. Laughlin_, "History of the American Nation". Verlag Appleton &
      Co. New York 1903.
_      Paul Bourget_, "Outre Mer". Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905.
_      Georg von Skal_, "Das amerikanische Volk". Verlag Egon Fleischel &
      Co. Berlin 1908.
_      Dr. Hintrager_, "Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten
      Staaten?" Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904.
_      Wilhelm von Polenz_, "Das Land der Zukunft". Verlag F. Fontane &
      Co. Berlin 1905.
_      Ludwig Max Goldberger_, "Das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten."
      Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903.
_      A. von Ende_, "New York". Verlag Marquardt & Co. Berlin.





                         NAMEN- UND SACHREGISTER.


      Aberglaube 203.
      Adel 261, 175 ff.
      Akademische Vergnuegungen 55.
_      American plan_ (style) 240, 244.
      Angelsachsen 21.
      Antisemitismus 31.
      Arbeit 105, 107, 261.
      Armee 177 ff.
      Armour & Co. 218 ff.
      Asch, Schalom 142.
      Astor 179.
      Astorhotel 239.
_      Athletics_ 37, 45.
      Ausgestanden! 17.
_      Avenue, common wealth_ 126.
_      Avenue, fifth_ 123 f.

      Baker G. Eddy, Mrs. Mary 196 bis 200.
      Bauern, lateinische 265.
      Bayreuth 138.
      Berufstreue 106, 254.
      Bertsch, Hugo 132.
      Bibliotheken 51, 63.
      Bier 234.
      Bildungsgang des Volkes 63.
      Bildungstrieb 63, 255.
      Bischoefliche Hochkirche 187.
      Blood and Thunder-Show 5.
_      Bohemian Jinks_ 55.
_      Bohemians_ 132.
      Bordelle 72 f.
      Bosse, die politischen 65, 73, 96.
      Bret Hart 133.
_      Brooklyn-Bridge_ 233.
      Bronzemesser 110.
      Buchgewerbe 126.
      Buffalo 118, 211.

      Cafes 112, 119, 237.
_      Camping out_ 209.
_      Campus_ 54, 205.
_      Car_ 172.
      Carnegie 80.
      Cartesius 120.
      Century-Club 281.
      Chautauqua 63.
      Chauvinismus 28, 266 ff.
      College _Cheers_ 43 f.
      Chicagos Schlachthoefe 218-229.
_      Christian Science_ 196-203.
      Clams 118.
_      Coeducation_ 36, 55, 82, 84.
_      Common sense_ 38, 66, 184, 263.
_      Compartement_ 172.
_      Concerd__, sacred_ 173.
      Confessionslose Kirche 205 f.
      Cornell 53, 205.

_      Denomination_ 49, 188 ff.
      Demokratischer Stolz 105.
      Demokratische Tugenden 181.
      Deutsch-Amerikaner 28 f., 36, 264 bis 271.
      Deutsche Pflichten 6, 271 f.
      Deutsche Staedte 265.
      Deutsche System, das 61.
      Dienstboten 94-109.
      Dienstmaedchen, Karriere besserer, 101.
      Dienstpersonals, Pflichten u. Rechte des 99.
      Disziplin 38, 70 f., 170, 180, 278.
      Dollarmaschine 273.
      Doppelmoral 77.
_      Dormitorys_ 42.
      Drew, Daniel 179.

      Ehe 79-93.
      Ehescheidung 79, 88 f.
      Ehrgeiz 37.
      Ehrlich-Hata 74.
      Ehrlichkeit 182.
      Einwanderers, die Kinder des 29.
      Eisenbahn 275 f.
      Eisenbahnen, Kundenfang der 241.
      Eiswasser 17.
      Eitelkeitsmarkt 176, 155.
      Emerson Ralph Waldo 62.
_      Episcopal Church_ 187.
      Erotik 75 ff.
      Erziehungskosten, Rueckzahlung der 83.
      Eulenberg, Herbert 145.
      Europa, Vereinigte Staaten von 272.
      Exzellenzen, die wahren 283.
      Expresselevator 273 f.

      Fahrplaene 242.
      Familienhaeuser 123.
      Fensterputzer, der schwarze 95.
      Festessen 10 f.
      Fische 115.
      Fleischverarbeitung 230.
_      Flirtation_ 84 f.
      Forschung, wissenschaftliche 46 f.
      Fortschritt, kampfloser 275.
_      Fraternitys_ 42 f.
      Frauenakademien 56 ff.
      Friedrich, Max 129.
      Fruechte 111, 118.
      Fulda, Ludwig 2.
      Frauenverehrung 26, 34, 70, 80, 90, 174, 246.

      Gastfreundschaft 9.
      Gefluegel 114.
      Geldheirat 25.
      Ghetto 138.
      Gold 234.
      Gould, Jay 25, 176.
      Gouverneur 10.
      Germanistic Society of America VII, XIV, 2.
      Geschaeftspolitiker 65.
      Geschlechter, freier Verkehr der 84 f.
      Gesetzen, Achtung vor den 67.
      Gesetzfabrikation 173.
      Gepaeckaufgabe 242 f.
      Gesundbeter 197-200.
      Gruenhoerner 232 ff.
      Graf, Dr. Alfred 60.

      Handwerk 30, 106 f., 254.
      Hapag 269.
      Hardt, Ernst 147.
      Harward 44.
      Hauptmann, Gerhart 139, 145.
      Hauptmann, Karl 2.
      Hausfrauen 91 f., 93, 101.
_      Head lines_ (Kopfzeilen) 161 f.
      Heilsarmee 193-196.
      Heimatliebe 171, 259.
      Hemdaermeligkeit 249.
      Heinrich, Prinz von Preussen 18, 226, 282.
      Heirat 88.
      Heiratslust ein Gesundheitszeugnis 93.
      Herald, New York 164.
      High School von Youngstown 7.
      Hotel 207, 236 ff., 252.
      Hoeflichkeitsbezeugungen 13, 170, 247 f.
      Hoelle, Mittelpunkt der 227.
      Hudson 207, 215 ff.
      Humanistische Bildung 48.
      Humoristische Lichter 5.

_      Icecream_ 17, 113 f.
      Illustrierte Zeitungen 151 ff.
      Indianer 23.
      Industriehaeuptlinge 149, 282.
      Interviewer 8, 19, 158 f.
      Inquisition 21.

      Jerusalem, Else 74.
      Judentum 30 f., 144.
      Juristen 263.

      Kastengeist 172, 177.
      Kaiser, der deutsche 269, 283.
      Kannibalische Gerichte 119.
      Karikaturen 160.
      Kasernenleben 180.
      Kaufmann, Reginald Wright 73.
      Katholizismus 188.
      Kauer, das Volk der 120.
      Kaugummi 121.
      Kelten 21.
      Kempinskis System 120.
      Kessler, David 139 ff.
      Kindervergoetterung 33 f., 244.
      Kinderzucht 35.
      Kirchenwahl 203 f.
      Kleidung 124.
      Knickebockers 175.
      Kochkunst 111-120.
      Koketterie 79, 85.
      Komisch finden, was sie alles 7.
      Kongress deutscher Missgeburten 27.
      Kontrakte der Dienstboten 99.
      Korruption 65 ff.
      Krueger, Hermann Anders 2.
      Kunstbeduerfnis 129.
      Kunst, nationale 62, 131.
      Kuessen, vom 87, 247.
      Kurmacherei, unverbindliche 85.

      Landschaftsregisseure 212 ff.
      Laughlin, Andrew C. Mc. 36.
_      Legal__ Aid Society_ 192.
      Lenau, Nikolaus 1.
      Lehrer und Lehrerin 38 ff.
      Leitartikel 154.
      Leithammel 219.
      Lesefutter fuer Kinder und Unmuendige 151.
      Lichtreklame 122, 211.
      Liebe, die, in der Oeffentlichkeit 87.
      Liebesheirat 25.
      Liebesverhaeltnis 77, 86 f.
      Liebe und Ehe 79-93.
      Liliencron, Detlev v. 1.
      Lindau, Paul 1.
      Lloyd, Norddeutscher 269.
      Lobby, die 237.
      London, Jack 132, 279 ff.
      Longfellow 133.
      Luegner 37.
      Lynch, Richter 263.

      Manieren 27, 29, 92.
      Mann, G. A. 201 ff.
      Malerei 126, 130.
      Mannszucht 117 ff.
      Mark Twain 133.
      Massengeschmack 133, 163 f.
      Materialismus 193, 250.
      Mayflower 175.
      Maedchenhandel 73.
      Maezene 51 ff.
      Menschen, neue deutsche 278 f.
      Menschliche Niedertracht 223.
      Mischlinge 23 f.
      Mitgift 25, 81.
      Modedamen 80, 90 f.
      Monatsschriften 164.
      Moralbegriff 78, 164.
      Morgentoilette des Taetowierten 245.
      Multimillionaere 79 f.
      Muschenheim, Gebrueder 239.
      Musiker, deutsche 128 ff.

      Nacktheit in der Kunst 127, 174.
      Neger 95 ff., 99, 173.
      Negerkirchen 188 ff.
      Neidlosigkeit 183.
      Nervositaet 11.
      Niagarafaelle 209 ff.
      Niggerlied 128, 188, 191.
      Niggerpoesie 188 ff.

      Oper 136 ff.
      Operette 146 f.
      Optimismus 21, 32, 108, 215, 263.
      Osborn, Prof. Dr. Henry F. 149 f.
      Orden 53, 176.

      Pagen 237.
      Papiergeld 234.
      Parsifal 128.
      Paepstin, Tod der 198 f.
      Philister 260.
      Photographie 126.
      Pilgervaeter 21, 75, 186.
      Pinsky, David 139.
      Plastik 127.
      Poet, der neuweltliche 130.
      Polenz, Wilhelm v. 1.
      Politik 65 ff., 271, 264 f., 154.
      Polizei 67, 72, 74, 171.
      Postgraduates 51.
      Prachtbauten 122 f.
      Presse, deutsche 167.
      Presse, gelbe 149, 153, 161, 164, 255.
      Privatgelehrte 50.
      Proletariat, gelehrtes 50.
      Professor, der 53 f.
      Professor, der, als Maedchen fuer alles 103.
      Prohibition 171, 174.
      Prostitution, die 73.
      Pruederie 4, 74, 132, 145, 174.
      Publikums, Psychologie des 3.
      Puritaner 21 ff.
      Pullman-Wagen 172 f., 243 ff.

      Quaeker 204.

      Radiopathie 199 f.
_      Ragtime_ 128.
      Rasse, amerikanische 20 ff., 256 ff., 268.
      Rassestolz 23.
      Raubritter 179.
      Rauchplage 68.
_      Reception_ 9, 12 ff.
      Redegabe 10 f., 39.
_      Refinement_ 47.
      Reinhardt, Max 142, 147 f.
      Reinheit, erotische, der Maenner 75 f., 82.
      Reklame 156, 208, 210.
      Rekordfieber 251.
      Rekrutierung 177.
      Reliquienverehrung 50.
      Renommage 33.
      Rentiers 81.
      Reporter 8, 241, 237, 160 f.
      Richter 262 f.
      Rockefeller jun. 74.
      Romantik 87 f.

      Salat 116 f., 117.
      Schaukelstuehle 125.
      Scheidung, die 89.
      Schlachtverfahren fuer Schweine 227.
      Schlachtverfahren fuer Rinder 229.
      Schlangenfrass, intellektueller 157.
      Schliff, der letzte 47.
      Schnitzler 86.
      Schoenheit, koerperliche 26.
      Schoenheiten, berufsmaessige 59, 104.
      Schule 35 ff.
      Schuelerverbindungen 39.
      Schurz, Karl 267.
      Sehenswuerdigkeiten 9.
      Sekten 186 ff.
      Selbsthilfe, energische, eines Damenklubs 69.
      Sensationsartikel 164 ff.
      Sentimentalitaet 87.
      Sexuelle Heuchelei 75.
      Sinclaire, Upton 226.
      Skal, Georg v. 38.
      Sklaverei 109.
      Snobismus 251 ff.
_      Social evel, the_ 72 ff.
      Soldatenwerbung 179.
      Soeldnerheer 181.
      Sommerfrischen 209.
_      Sororitys_ 58.
      Sozialdemokratie 180, 185.
      Sparsamkeit 235.
      Speisehaeuser, billige 119.
      Spekulationsheiraten 81.
      Spiessertum 183, 185.
      Spione, japanische 181.
      Spitzbueberei als Sport 281.
      Sport 44 ff., 54, 281.
      Sportberichte 153 f.
      Sportliche Wettkaempfe 45.
      Staatszeitung, New Yorker 167, 282.
      Stanley, Henry M. 162.
      Steuben, Baron 36.
      Stiefelputzen 100.
      Strassendemonstrationen 97.
      Strassenpflaster 124.
      Strassenverkehr 71.
      Strauss, Richard 97, 98, 148, 160.
      Studenten, arme 43.
      Studentenverbindungen 43.
      Studentin, Typus der 59.
_      Subway_ 232.
      Suessigkeit 111 f., 117.
_      Sweet Potatoes_ 115.

      Tafelfreuden im Pensionat 115.
_      Tammany Hall_ 186.
      Tante, die alte 173.
      Tauschhandel, Toechter im 25.
      Technische Hochschulen 49.
      Technik und Wissenschaft 49.
      Telephon 237, 249, 273.
      Theater, amerikanisches 135-138.
      Theater, deutsches 143-148.
      Theater, jiddisches 138 ff.
      Theatre, New 136.
      Todessprung, der 221.
      Toleranz 22.
      Touristen 211.
      Transcript, Boston 162.
      Trennung von Staat und Kirche 185, 263.
      Trinkgeld 235 f., 238.
      Trustmagnaten 68.

      Uebermensch, der, von Wallstreet 279 ff.
      Undergraduates 42.
      Ungluecksfaelle, Verbrechen 153 f.
      Uniform 180.
      Unitarier 189.
_      University Extension_ 63, 255 f.
      Urban, Henry F. XII.
_      Usher_ 13, 16.

      Verbrecher, Behandlung der 262.
      Vereinsleben 6 f., 255, 266, 269.
      Verfassung der V. St. 36.
      Virginians, true 175.
      Volkslied 3, 130.
      Voelker, junge, u. Kinder 33.
      Vorstellen, nicht! 13.
      Vorurteile, demokratische 62.

      Wahlmanoever 73.
      Walt Whitman 133.
      Walter, Dramatiker 86, 132.
      Wedekind, Frank 145.
      Wehrpflicht 180.
      Wellesley-College 56-59.
      Weltanschauung 46.
      Wettkaempfe 44 f.
      White, Dr. Andrew D. 108, 203, 205 f.
      Wildpret 115 f.
      Williams, Roger 22.
      Wissenschaftliche Speisekarte fuer Damen 57.
      Wohltaetigkeit 194.
      Wohnhaeuser, Stil der 208.
      Wohnungseinrichtung 124 ff.
      Wolkenkratzer 123, 273 f.

      Yale 44.
      Yankee 20.

      Zahnarzt 113.
      Zukunft, schwierige Frage an die 109.
      Zwangsheirat 78.





                Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem

          Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten?

                      Nordamerikanische Reiseskizzen

                                   von

                              Dr. Hintrager
                          Geheimer Regierungsrat

                  Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50

                              _II. Auflage_

New Yorker Staatszeitung:
(Aus einem mehrere Spalten fuellenden Feuilleton.)

Dr. Hintrager hat in seinem Buche: "Wie lebt und arbeitet man in den
Vereinigten Staaten?" ein gutes Werk geliefert; er hat geraume Zeit in den
Vereinigten Staaten zugebracht und sich bei seinen wiederholten Besuchen
des Landes nicht darauf beschraenkt, die Aussenseite der Dinge anzusehen. Er
hat nicht nur auf einer Farm in Jowa gewohnt, sondern dort auch einige
Monate mitgearbeitet. Er hat die Schulen gruendlich studiert, ist im Bureau
eines Rechtsanwaltes taetig gewesen, hat die meisten der groesseren
Strafanstalten besucht und geprueft und juristische Vorlesungen gehalten.
Kurzum, er hat einen Blick in das innere Leben des Volkes getan und weiss
huebsch und interessant davon zu erzaehlen.

Sehr gut und lesenswert - auch fuer Deutsch-Amerikaner, die ueber diesen
Punkt wenig unterrichtet sind - ist das Kapitel ueber die Amerikanerin. Man
faengt doch an, einzusehen, dass die amerikanische Frau nicht bloss das
Sofakissen ist, fuer das man sie so lange gehalten hat.

                Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem

                                Das Land
                                   der
                        unbegrenzten Moeglichkeiten

   Beobachtungen ueber das Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten von
                                 Amerika

                                   von

                          Ludwig Max Goldberger
                          Geheimer Kommerzienrat

                  Preis: broschiert M. 5,-; geb. M. 6,50

                             _VIII. Auflage_

Literarisches Zentralblatt, Leipzig:

Unter der in der letzten Zeit betraechtlich angeschwollenen Literatur ueber
die Vereinigten Staaten darf das vorliegende Werk wohl den ersten Platz
beanspruchen. Eingehende Sachkunde, erschoepfende Gruendlichkeit, genaue
Detailforschung ohne jede Voreingenommenheit und Gefaelligkeit der
Darstellung zeichnen dieses Werk besonders aus. Man muss selbst auf den
Spuren des Verfassers in den Vereinigten Staaten gewandelt sein, um die
stets zutreffende und mit wenigen Worten ueberaus anschaulich gezeichnete
Schilderung ganz wuerdigen zu koennen, welche in diesem Werk vom Boden und
den Menschen, von der Arbeit und den Werkstaetten, dem Nationalreichtum,
den Eisenbahnen und Steuern, der Arbeiterfrage und dem Trustwesen und
verschiedenem anderen gegeben sind. Durch das ganze Werk zieht sich die
nicht hoch genug zu veranschlagende Tendenz, die beiden grossen Nationen
menschlich und wirtschaftlich naeher zu bringen ...

                Verlag von F. Fontane & Co., Berlin/Dahlem

                           Das Land der Zukunft

                                  oder:

          Was koennen Amerika und Deutschland voneinander lernen?

                                   Von

                            Wilhelm von Polenz

                  Preis: broschiert M. 6,-; geb. M. 7,50

                              _VI. Auflage_

St. Petersburger Zeitung:

Polenz beweist auch hier bei dem Studium fremder Verhaeltnisse die
glaenzende Beobachtungs- und Schilderungsgabe, die wir in seinen
Dichtungen, besonders in seinem klassischen Roman "Der Buettnerbauer"
bewundern. Mit offenen Augen hat er sich in der amerikanischen Welt
umgesehen und schildert scharf und klar, ohne sich auf der einen Seite
durch wirkliche und scheinbare Erfolge blenden oder aber durch das, was
dem Europaeer fremd, sonderbar und vielfach auch abstossend erscheint,
beirren zu lassen.

Rheinisch-Westfaelische Zeitung, Essen:

Nicht landlaeufige Reiseeindruecke sind es, die uns Polenz wiedergibt, er
entrollt vielmehr vor uns ein treffliches, wahrheitsgetreues,
interessantes Gemaelde von kulturhistorischer Bedeutung, von den
Verhaeltnissen, Sitten und Gebraeuchen der heutigen Welt.





                               ANMERKUNGEN


   M1 Psychologie des Publikums.
   M2 Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.
   M3 Sehenswuerdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervoes sind sie nicht.
   M4 Nicht vorstellen! Great reception.
   M5 Ausgestanden!
   M6 Die reizende Reporterin.
   M7 Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Toechter im Tauschhandel.

    1 Das Wort Yankee kommt von einer misshoerten indianischen Aussprache
      des Wortes "english" her und wurde in den Befreiungskriegen den
      Amerikanern von den Englaendern als Spottname angehaengt.

   M8 Kongress deutscher Missgeburten.
   M9 Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?
  M10 Junge Voelker und Kinder.
  M11 Kinderzucht.
  M12 Luegner und Duckmaeuser.
  M13 Schuelerverbindungen.
  M14 Studentenverbindungen.
  M15 Sportliche Wettkaempfe.
  M16 Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft.
  M17 Postgraduates.
  M18 Der Professor im oeffentlichen Leben.

    2 Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist schwer zu
      umgrenzen. Professor Muensterberg von Havard definiert ihn dahin, dass
      sich das College mit der Ansammlung von Wissen, die Universitaet
      dagegen mit dessen kritischer Wuerdigung und mit exakter Forschung
      beschaeftigen soll, doch fliessen die Grenzen schon deshalb oft
      ineinander, weil eben an den meisten Universitaeten auch noch nicht
      viel von selbstaendiger Forschung und wissenschaftlicher Systematik
      zu finden ist.

  M19 Akademische Vergnuegungen.
  M20 Wissenschaftliche Speisekarte fuer Damen.
  M21 Typus der Studentin.
  M22 Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes.
  M23 Geschaeftspolitiker.
      Achtung vor den Gesetzen?
  M24 Energische Selbsthilfe eines Damenklubs.
  M25 Disziplin im Strassenverkehr.
  M26 Die Prostitution.
  M27 Oeffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit.
      Beurteilung des freien Liebesverhaeltnisses.
  M28 Spekulationsheiraten.
      Rueckzahlung der Erziehungskosten.
      Unverbindliche Kurmacherei.
      Die Liebe in der Oeffentlichkeit.
  M29 Die Scheidung.
      Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.
  M30 Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.
  M31 Der schwarze Fensterputzer.
      Strassendemonstrationen.
  M32 Pflichten und Rechte des Dienstpersonals.
  M33 Karriere besserer Dienstmaedchen.
  M34 Der Professor als Maedchen fuer Alles.
  M35 Demokratischer Stolz.
      Unstetigkeit des Handwerks.
  M36 Schwierige Frage an die Zukunft.
  M37 Suess muss es sein!
  M38 Icecream und Zahnarzt.
  M39 Tafelfreuden im Pensionat.
  M40 Amerikanischer Salat.
  M41 Billige Speisehaeuser.
  M42 Das Volk der Kauer.
  M43 Planloses Durcheinander.
  M44 Abenteuer mit Schaukelstuehlen.
  M45 Die Nacktheit in der Plastik.
  M46 Deutsche Musikpioniere.
  M47 Der neuweltliche Poet.
  M48 Diktatur des Massengeschmacks.
  M49 Die grosse Oper.
  M50 David Kesslers jiddisches Theater.
  M51 Eine improvisierte Standrede.
  M52 Niedergang des deutschen Theaters.
      Repertoirschwierigkeiten der deutschen Buehne.
      Reinhardt der Retter.
  M53 Lesefutter fuer Kinder und Unmuendige.
  M54 Illustrationsunfug.
  M55 Eitelkeitsmarkt.
  M56 Intellektueller Schlangenfrass.
  M57 Kopfzeilen.
  M58 Ein smarter Reporter.
  M59 Ideale Moeglichkeiten fuer die Zeitung.
  M60 Sensationsartikel ernster Zeitschriften.
  M61 Die deutsche Presse.
  M62 Die demokratische Freiheit.
  M63 Die alte Tante.

    3 "_A drink with a wink_" heisst das. In den Staaten, wo die
      Prohibition streng durchgefuehrt ist, fordert man unter moeglichst
      unmerklichem Augenzwinkern ein Glas Milch und bekommt alsdann in
      einem undurchsichtigen Gefaess sein Bier, wobei die weisse Schaumhaube
      die Milch vortaeuschen muss.

  M64 Raubritter hueben und drueben.

    4 "The Book of Daniel Drew" by Bouck White.

  M65 Soldatenwerbung.
  M66 Vom Soeldnerheere.
  M67 Demokratische Tugenden.
      Neidlosigkeit.
  M68 Trennung von Staat und Kirche.
  M69 Die Bischoeflichen und die Unitarier.
  M70 Die Negerkirchen.
  M71 Die Heilsarmee.
  M72 Bankrott des Materialismus.
  M73 Die Kirche der Gesundbeter.
  M74 Der Tod der Paepstin.
  M75 Christian Science in Europa.
  M76 Aberglaube, Kirchenwahl.
  M77 Eine konfessionelle Christenkirche.
  M78 Sommerfrischen.
  M79 Kostspielige Ausruestung des Touristen.
  M80 Die Niagarafaelle.
  M81 Der Hudsonstil.
  M82 Der Landschaftsregisseur. Aufgaben fuer deutsche Kuenstler.
  M83 Der Leithammel.
  M84 Der Todessprung
  M85 Menschliche Niedertracht.
  M86 Der Mittelpunkt der Hoelle.
  M87 Schlachtverfahren beim Rindvieh.
  M88 Der Zweck heiligt die Mittel.
  M89 Tragikomoedien des Gruenhorns.
  M90 Unangebrachte Sparsamkeit.
  M91 In der Lobby.
  M92 Das Astorhotel.
  M93 Kundenfang der Eisenbahnen.
  M94 Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Taetowierten.
  M95 Vom Kuessen und von der Hoeflichkeit.
  M96 Hemdaermeligkeit.
  M97 Das Rekordfieber.
  M98 Ansteckungsgefahr des Snobismus.
  M99 Volkstuemliche Bildungsbestrebungen.
 M100 Zaehigkeit der Rassen.
 M101 Heimat.
 M102 Arbeit und persoenliche Wuerde.
 M103 Juristen und Menschenkenner.
 M104 Die deutschen Kolonisatoren.
      Unsere mangelhafte politische Befaehigung.
 M105 Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen.
 M106 Heiligste Pflicht des Deutschtums.
 M107 Kampfloser Fortschritt.
 M108 Unbegrenzte Moeglichkeiten.
 M109 Der Uebermensch von Wallstreet.

    5 Aus dem Roman "Burning Daylight", S. 159 ff.

 M110 Spitzbueberei als guter Sport.
 M111 Die wahren Exzellenzen.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


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      Seite 118: "Neuurastheniker" geaendert in "Neurastheniker"
      Seite 172: "Pullmann" geaendert in "Pullman"
      Seite 192: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "koennen?"
      Seite 201: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Gewalt!"
      Seite 204: "auschliesslich" geaendert in "ausschliesslich"
      Seite 222: "Jhr" geaendert in "Ihr"
      Seite 256: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Qualitaet"
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Ungewoehnliche Schreibungen von Eigennamen (etwa "Oklahama",
"Sherlok-Holmes") und englischen Begriffen wurden nicht korrigiert. Im
Register wurden die Interpunktion vereinheitlicht und einige Eintraege an
die alphabetisch korrekte Stelle versetzt.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER IN DOLLARICA***



                                 CREDITS


August 1, 2012

            Project Gutenberg TEI edition 1
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                                Section 1.


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                                   1.B.


"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
associated in any way with an electronic work by people who agree to be
bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
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Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.


                                   1.C.


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
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work is in the public domain in the United States and you are located in
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                                   1.D.


The copyright laws of the place where you are located also govern what you
can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
state of change. If you are outside the United States, check the laws of
your country in addition to the terms of this agreement before
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The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
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                                   1.E.


Unless you have removed all references to Project Gutenberg:


                                  1.E.1.


The following sentence, with active links to, or other immediate access
to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
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    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
    or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
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                                  1.E.2.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
distributed to anyone in the United States without paying any fees or
charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
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or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.3.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
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copyright holder found at the beginning of this work.


                                  1.E.4.


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terms from this work, or any files containing a part of this work or any
other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.


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work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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    - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
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                                  1.E.9.


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work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
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Section 3 below.


                                   1.F.


                                  1.F.1.


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efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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                                  1.F.4.


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                                  1.F.5.


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                                  1.F.6.


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                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
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extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
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***FINIS***
