The Project Gutenberg EBook of Claus Strtebecker, by Georg Engel

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Title: Claus Strtebecker

Author: Georg Engel

Release Date: November 17, 2012 [EBook #41382]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CLAUS STRTEBECKER ***




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Neben den normalen Gedankenwechseln innerhalb eines Kapitels (die als Reihe
von fnf Sternchen wiedergegeben sind), gibt es auch einen Gedankenwechsel,
der im Original aus einem weiten Abstand zwischen zwei Abstzen besteht
und im Folgenden als Reihe von drei Sternchen dargestellt ist.



       *       *       *       *       *




Georg Engel


Claus Strtebecker



Roman in zwei Bnden

Dreizehnte Auflage

Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Stuttgart / Berlin / Leipzig


Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten

Copyright 1920 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig / Buchschmuck
nach Entwrfen von Herbert Hauschild in Leipzig / Druck der
Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

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Claus Strtebecker

Erster Band


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Das erste Buch

[Illustration]


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Sinnspruch

  Geschichten und Geschichte
  wachsen und wechseln
  im Entstehen

Fontane




I.


Sommerabend. -- ber die Buchenwipfel droben auf den Dnenhhen fhrt
ein Rauschen. In langer Kette wlzt sich das bewegliche Gold der Sonne
durch die aufgescheuchten Zweige. Und zwischen den grauen Stmmen steht
bla und aufrecht das Schweigen und starrt mit seinen unbeweglichen
Zgen auf die tanzende See.

Das Meer aber spricht, seine Augen sind bald tiefblau, bald purpurn, und
wild blitzen sie, wenn das Element herberruft zu den Kreidefelsen, die
sich dicht unter die Wlder schmiegen wie ein weies Knie unter ein
grnes Gewand.

Was das Meer ruft, das versteht niemand. Denn nur selten horcht ein
menschliches Ohr in den Wind, obwohl es manchmal von dort klingt, als
donnere von drauen eine Forderung herber oder ein vergessener Schrei
aus fernen Zeiten. Doch zu deuten vermag man die Sprache des Wassers
nicht. Und dann liegt der ungeheure Spiegel wieder still. Das Abbild des
einzelnen strahlt er niemals wieder, so tief man sich auch beugt, aber
die Bewegungen des Himmels malt er ab, der goldne und der silberne Wagen
rollen ber seine Scheibe, die Zeiten huschen ber ihn hinweg und ein
Kranz von Vlkern fat ihn ein.

Sommerabend.

Und in der Rste des Tages, gerade als der purpurne Ball sich im Wasser
khlt, da steigt eine andchtige Stunde herauf. Da stockt der Tanz der
Zeiten ber dem Meer, der Zug der Vlker wallt deutlicher, und die
Vergangenheit schickt vom Rande des Horizontes ihr Schattenschiff an
die Gestade der Lebendigen.

Ich stehe am Ufer und sehe die Scharen aus dem Fahrzeug an mir
vorberquillen. Sie tragen meine Zge, sie reden meine Sprache, es sind
Menschen, die nicht tot sind, denn der Mensch stirbt nicht auf Erden,
weil sein Geschick dauert. Unvermutet bin ich selbst in den Segler der
Schatten gestiegen, und ich fhle, wie ich zurckgleite in den Nebel der
Jahrhunderte. Oder vorwrts?

Von den Ksten der Vergangenheit zu den Gestaden der Gegenwart schwimmt
das Schiff unaufhrlich hin und wieder. Es trgt, was lebend ist von den
Toten, und trgt das Tote fort zu den Gewesenen. Und dann gelangt es an
einen Strich, wo man die Stimmen von beiden Ksten unterscheidet, wo sie
sich mischen und ergnzen.

Horcht! Lat uns lauschen!

       *       *       *       *       *

Dort, wo jetzt Sanitz seine terrassenfrmig ansteigenden, weien Villen
ber der Westbucht von Rgen erhebt, da trumte zum Ausgang des
vierzehnten Jahrhunderts tiefe Ruhe in den waldgekrnten Schluchten.
Eine Ansiedlung gab es noch nicht, und der Kstenstrich fhrte nach der
Ansicht grblerischer Cisterziensermnche aus dem nahen Kloster nur
deshalb seinen Namen, weil Graf Harro von Cona ein paar seiner Sassen,
die man auch Leibeigne nennen konnte, dort in eine elende Bretterhtte
behaust hatte, damit sie ihm von nun an fleiig den seltenen Seelachs
fingen. Einen Lohn erhielten die unfreien Fischer dafr nicht, sie
durften sich den Zehnten ihres Fangs behalten, das brige aber muten
sie mit einem Strandvogt abrechnen, der mit Zahlen und Peitsche wohl
umzugehen wute. Eine besondere Vergnstigung bestand darin, da es den
Sassen vergnnt war, auch am Sonntag zu fischen. Allein die Beute war
des Klosters, denn Graf Harro galt als ein frommer Mann und legte Wert
darauf, seinen Lachs hufig in Gesellschaft des Abtes zu verspeisen.
Wenn dann der geistliche Herr hie und da an den Hof des Herzogs von
Wolgast ritt, dann lie der Gottesmann wohl auch unauffllig etwas von
den Wnschen des Conaer Grafen fallen, und so bezahlte sich der Lachs,
und die armen Fischer arbeiteten heimlich und ohne da sie es ahnten, an
der Gre ihres Herrn mit. Freilich, sonder Bewutsein. Denn in der
gebrechlichen Htte lebte man dahin ohne Kenntnis von den Dingen der
Welt. Man stand auf, fuhr aufs Meer und warf sich abends auf die
Schilfstreu, gleich einem Werkzeug, das nach dem Gebrauch wieder in die
Ecke gestellt wird. Das gleichmige Schweigen aber, das sich die
Bewohner der Htte einander vererbten, es schrieb sich dennoch her von
einem Ereignis, vor dem die Sassen eben auf Zeiten hinaus verstummt
waren. Etwa um 1366 hatte es sich zugetragen.

Der Platz in der Htte war durch Todesfall wieder einmal erledigt. Da
wurde in den Bretterbau ein Sasse gesetzt namens Claus Beckera. Als der
Vogt ihn hineinfhrte, da lachte der grfliche Beamte und meinte: Nimm
dich in acht, Claus, da du das Querhlzlein nicht schdigst. Und diese
Warnung galt mit Recht, denn der neue Bewohner mute sich tief bcken,
bevor er die Schwelle berschritt. Zu riesenhaft ragte er an Wuchs und
Gliedern, und ein langer fuchsroter Wirrbart hing ihm bis auf den Leib.
Wer ihn nicht genauer kannte, der mochte ihn infolge der Haarwildnis fr
einen gereiften Mann schtzen. Er zhlte aber erst fnfundzwanzig Jahre
und war ein harmloser, gutmtiger Bursche, kundig des Legens und
Knpfens der Netze, und ein Meister mit der Axt. Bald fing er auch an,
allerlei Gert damit zu schaffen. Er baute einen hlzernen Stall fr ein
paar Ziegen, er wlbte ber dem offenen Ziegelherd einen Rauchfang mit
einem Abzug, ja eines Tages begann er sogar die lehmige Erde zu bahnen
und legte Dielen. Alles, als wenn er geahnt htte, was ihm bevorstand.
So war der Herbst hereingebrochen. Durch die Wlder der Hhen wogte es,
ein Knarren und chzen klagte um die Htte auf ihrem einsamen Hgel, und
die Seegrser auf dem gelben Sand pfiffen und schwirrten, als ob die
Sichel auf einem Stein geschliffen wrde. Unten strzten die Schumer
schmetternd gegen die gewaltigen Steine, jedoch Claus Beckera merkte
nichts von diesem ewigen Streit, denn eine finstere Nacht wlbte sich
ber der Leere, und er selbst hockte geruhsam in seinem breiten
Armstuhl, den er erst vor kurzem aus rohem Eichenholz gezimmert, und
beim Schein eines qualmenden Buchenfeuers auf dem Herd rieb er eifrig an
einem eisernen Widerhaken, wie er zum Aalstechen benutzt wurde. Sein
roter Bart glnzte gleich einer feurigen Welle. Dazu grlte er ein
uraltes Schleiferlied:

  Wetze gut,
  Dann schnett se gut --
  Der Claus, der ist der Sigrun gut.

Zwar besa er keinerlei Beziehung zu solch einem Menschenkind, kannte
wohl auch kaum die Trgerin eines derartigen Namens, doch der
schrfenden Wirkung des Liedes tat dies keinen Abbruch.

Das Buchenfeuer puffte, und der Riese rieb mit seinem Stein immer
emsiger ber das Eisen, bis blaue Funken unter seinen Hnden
hervorspritzten.

Da wurde mit klirrender Faust an die Tr geschlagen, zwei-, dreimal, das
leichte Holz zitterte, und in der Htte drhnte es wider.

Sachte, murmelte Claus, der vor Verwunderung aus seiner gebckten
Stellung nicht emporfinden konnte. Wie? Was? Ein Mensch? Er versuchte
sich zu sammeln und schttelte in dumpfem Erstaunen den gewaltigen
Haarbusch; so was stellte sich hier doch nur selten ein.

Mach auf, forderte drauen eine rauhe Stimme, und von neuem regte sich
ein kurzes Rasseln.

Schwerfllig und ohne sich weiter Rechenschaft darber abzulegen, ob er
klug oder vorsichtig handele, schob der Fischer den Querbalken zurck,
und sofort schlug das Licht des Herdes nach drauen. Auf dem nassen,
sturmgefegten Hgel standen zwei gepanzerte Knechte. Die fhrten
zwischen sich ein verwirrtes, zitterndes Geschpf, unentschieden ob Weib
oder Mdchen, dessen kurze Rcke flatterten im Wind und die nackten Fe
sanken tief in den Sand. Ein blaues Tuch hatte das Wesen um den Kopf
gewunden. Hinter ihnen, kaum noch erreicht vom roten Flackerschein,
bemerkte der Bewohner der Htte einen Cisterzienser, kenntlich an seinem
grauen Gewand. Doch hatte der Mnch seine Kapuze weit ber die Stirn
gezogen, wie wenn er Schutz vor dem Unwetter suche oder als ob er sein
Antlitz verbergen mchte vor dem, was hier geschah.

Inzwischen war der lteste der Eisenbewehrten ber die Schwelle
getreten. Dann zeigte er auf die zwei eingestickten blauen Kugeln seines
Mantels.

Kennst du die? fragte er kurz und bedeutsam.

Ratlos nickte der Fischer. Er starrte noch immer von einem zum anderen,
betroffen ob des unerklrlichen Aufzugs.

Wohl, rang er sich endlich ab, Ihr seid des Grafen.

Und der Graf, berichtete der Knecht scharf und schob sich die
Sturmhaube aus der Stirn, damit ihn der andere besser verstehen mchte,
lt dir sagen ----

Lt mir sagen? echote der Fischer und fing an mit schwerer Zunge zu
stammeln, weil des Unmglichen immer mehr wurde.

Lt dir sagen, vollendete der Gewappnete finster, whrend er den
Schaft seiner Lanze auf die neue Diele stie, dies sei dein Weib.

Dies sei ----

Dein Weib.

Eine schwere Weile regte sich nichts zwischen den Menschen in der Htte.
Man hrte nur die keuchenden Atemzge des Fischers und das Bersten der
brennenden Buchenkltze. Einzig die hellblauen Augen lebten in dem
versteinten Gesicht des Sassen; die wanderten hilfeflehend und ohne eine
Spur von Verstndnis von den Knechten zu dem zerzausten Mdchen, das
ebenfalls mit vorgebeugtem Leib und gefalteten Hnden zu lauschen
schien, bis sich der Rcken des Riesen allmhlich neigte, als ob man ihm
einen Baumstamm auf den Nacken geladen.

Pltzlich aber schnellte er empor. Das Blut scho ihm in die erblaten
Wangen, und die Rechte tastete nervig nach der Axt neben dem Herde.
Jetzt htte vielleicht eine schnelle Gewalttat alles entschieden. Doch
ehe noch der schwere Holzstiel emporzutaumeln vermochte, da drngte sich
hinter den Knechten die graue Gestalt des Mnches in den Kreis der
Hadernden, und eine jugendlich schmerzerfllte Stimme rief:

Fge nicht zum Leid noch die Snde!

So ernst und mitleidsvoll klang die Mahnung, da der
leidenschaftgeschttelte Riese einhielt. Die Axt entsank ihm, und mit
beiden Hnden und wankend griff er nach seiner Brust, denn eine
Lanzenspitze hatte das dnne Hemd bereits durchschnitten und suchte dort
bedrohlich Eingang. Dazu schrie der gepanzerte Knecht: Wenn du leben
willst, sei vernnftig.

Vernnftig -- vernnftig, gellte es dem berwundenen zwischen die
irren, durcheinandergehetzten Sinne. Er wute nicht, sollte er lachen
oder brllen. War dies nicht Tollheit? Kehrte sich nicht alles Unterste
nach oben? Schaukelte seine Htte nicht auf der tobenden See, ohne da
er den Ausgang fand? Oder hatte man ihm vielleicht gar die Zunge
herausgeschnitten und verlangte trotzdem, er solle sprechen? Wer half?
Wer half?

In letzter Not blieben seine Blicke an dem jungen, hereingeschleppten
Mdchen haften. Warum? Weil man der Fremden wohl anmerkte, da sie
scheu, zitternd und wider ihren Wunsch hier stand, und dann, weil die
Dirne, die man mit ihren nackten Fen gewi von weit her bis zu ihm
getrieben, gleichfalls ein Sassenkind war wie er, und deshalb gewohnt,
nicht nach eigenem Willen zu schalten.

Heftig trat er auf sie zu und besah sie. Vor seinem mchtigen Schritt
erschrak das Wesen, und in ihre braunen Augen trat ein offenes Flimmern
der Angst.

Was ist mit dir? herrschte er und ahnte nicht, wie sehr sie sich vor
seinen riesigen Armen frchtete und vor den Haarbscheln unter seinem
Kinn. Sie kannte, was ein grimmiger Mann vermag. Dann aber faltete sie
die Hnde vor der Brust und sagte sanft und in ihr Schicksal ergeben:

Mir geht es schlimm.

Nichts weiter, allein die wenigen Worte fanden den Weg zum Verstndnis
des Riesen. Erstaunt wich er zurck, und tief aus seinem Inneren quoll
zum erstenmal ein Bewutsein seines Standes und seiner Lage hervor. So
geht es uns allen, murmelte er beinahe betroffen ber die neue
Erkenntnis, dazu sind wir geboren.

Genug Geschwtz, unterbrach hier der grfliche Knecht ungeduldig und
schaute sich hastig nach dem jungen Cisterzienser um, der allem, was
sich in der Htte begab, mit gesenktem Haupt gelauscht hatte -- Wir
haben noch einen weiten Weg. Beeilt Euch.

Da sandte Claus Beckera einen letzten sehnschtigen Blick nach dem
Ausgang der Htte. Als er sich jedoch davon berzeugte, da sich die
Lanzenspitzen von neuem drohend gegen ihn richteten und wie zu gleicher
Zeit ber den Leib der Magd ein ihm unbegreifliches, ja widerwrtiges
Beben lief, da entschlo er sich, vor allem sein Leben zu retten, sein
nacktes Leben, das einzige kostbare Geschenk seines Gottes!

So griff er denn gewaltsam nach der Hand des Weibes, so da es taumelnd
an seine Seite gerissen wurde, und in rohem Ausbruch entlud sich endlich
seine Wut in vollem Hohn:

Munter -- munter, ihr eisernen Wichte, ihr Schnapphhne -- da ich mich
doch gegen mein Unheil nicht wehren kann, so macht die Schandhochzeit
wenigstens kurz.

Erregt trat der Mnch hinter die sinkenden Spiee. Die spielenden Feuer
huschten ber sein zuckendes Antlitz. Er malte das Zeichen des Kreuzes
in die Luft und sprach mit zitternder Stimme:

Mhsal ist das Leben, Duldung das Gebot, Seligkeit das Scheiden.
Wandelt in Frieden.

Das Weib jedoch hrte auf nichts. Es sah starr in die Flammen des
Herdes, die es fortan schren sollte.

       *       *       *       *       *

Mhselig kroch seitdem die Zeit dahin. Ein Tag sank arbeitsgebrochen und
mde zum anderen, und in der Htte richtete sich das Schweigen ein. Es
wohnte dort und lie sich aus dem engen Raum nicht mehr vertreiben. Ja,
wenn die junge Frau selbstvergessen einmal versuchte, einen hellen
Singsang aufzuschlagen, dann traf sie aus den vergrbelten Augen des
Fischers ein seltsam drohender Blick, und sofort brach die Frhlichkeit
ab, und die zur Stille Verwiesene schaffte erschreckt und
niedergeschlagen an ihrem Tagwerk weiter. Sie wute recht gut, der
mrrische Geselle grollte mit ihr, weil man ihm die unwillkommene Dirne
aufgedrungen. Und das fand sie auch ganz in Ordnung. Aber manchmal
strich sie doch an ihren weien Armen herunter, und ein natrliches
Staunen befiel sie, weil der Riese, der so dicht neben ihr lebte, so gar
keinen Gefallen an ihr finden wollte. Warum? Was ihr frher widerfahren,
ein solches Erlebnis fand sie nicht ungewhnlich. Darein muten sich die
Dienenden einmal schicken. Vielen Mgden auf den Hfen der Mchtigen
erging es so. Und seit sie den geschtzten Unterschlupf gefunden,
glaubte sie mit dem sicheren Bewutsein eines starken Menschen, da es
keinen Zweck htte, noch frder an der Vergangenheit zu zerren. Claus
Beckera war eben ein ungefger, strrischer Klotz, dem man es nicht
leicht recht machen konnte. Aber warte nur, dachte sie mit weiblichem
Trotz, auch groe Muse fngt die Katz. Dabei entstand unter ihren
flinken und noch merkwrdig zarten Hnden allerlei Brauchbares und
Ntzliches, was bis dahin dem rohen Bretterbau gemangelt. So oft Claus
von der Seefahrt heimkehrte, entdeckte er stets irgendein neues Stck
des Hausrats, ein frisches Linnenhemd, eine geflochtene Strohmatte oder
gar ein festgefgtes Bettgestell fr den Eheherrn, alles Dinge, die wie
durch Zauber ber Nacht an Stelle von etwas Altem und Verbrauchtem in
der Htte gewachsen waren. Natrlich bemerkte der Riese all diese
wohnlichen Vernderungen sofort und sonder Hinweis, allein gleichmtig
und ohne Dank nahm er sie hin, warf sich auf den neuen,
linnenbesponnenen Strohsack und lie seine Gefhrtin nach wie vor auf
der Schilfstreu in der Ecke liegen.

Aber Hilda, so hie das junge, verschleppte Geschpf, verlangte nichts
anderes. Ja, es galt ihr ganz natrlich, da der Fischer nicht einmal
ihren Namen zu kennen schien, denn bei den kurzen Wnschen, die er
selten an sie richtete, nannte er sie Weib oder Fru. Und darauf
gehorchte Hilda und sprang zu ihm, wie ein folgsamer Hund. Doch
allmhlich wurden ihre Bewegungen langsamer. Auch darum kmmerte sich
Claus nicht, nur wunderte er sich zuweilen, wenn er das braunbezopfte
Weib jetzt fter ruhend an der Fensterluke lehnend fand, von wo es dann
mit einem unverstndlichen Lcheln und mit groen erwartenden Augen auf
den sonnenblitzenden Eisrand der See hinabstarrte.

Claus begriff das nicht, rgerte sich auch ber die ungewohnte
Versumnis, und als er sie wieder einmal feiernd vor ihrem Ausguck
antraf, da fuhr es grob aus ihm heraus, whrend er die groen
Lederstiefeln krachend in eine Ecke schleuderte: Was tust du?

Sie wurde blutrot, sendete ihm einen halb listigen, halb demtigen Blick
zu und stotterte, langsam zum Herd zurckschleichend:

Ich sinne.

Leicht htte sie auch uern knnen ich trume, denn ihre Gedanken
waren jung und wanderlustig und lieen sich in den Verschlag des
Schweigens nicht ebenso willig bannen wie ihr Leib. In solchen Stunden
erblickte das suchende Weib die dunkle See dort drauen gleich einem
gebahnten Tanzplatz, und sie sah sich selbst dort unten mit
seidengeschmckten Mnnern herumspringen, die sie herzten, um ihr dann
goldene Schaumnzen um den Hals zu hngen. Fegte aber schlielich ein
rauhes Wort ihres Gefhrten all den Glanz auseinander, dann seufzte sie
tief auf und bemitleidete heimlich den strrischen Gesellen, weil er fr
das feine, verborgene Spiel keinen Sinn besa.

Und doch -- auch dieser Weg ins Freie sollte der Beladenen eines Tages
gestrt werden.

Frhlingsstrme pfiffen ber die Dnen, Hilda stand in der offenen Tr
und sog gierig das warme Wehen ein, das einen unbestimmten Duft von
Veilchen und Tannenharz mit sich fhrte. Hoch oben am Waldesrand traten
die jungen Rehe heraus und ugten ber die funkelnde See.

Da stieg unten vom Strand ein einzelner Mann den gewundenen Fupfad
herauf. Hilda beugte sich sphend vor. Der Ankmmling trug ein weites
blaues Wams und derbe Holzschuhe. Im ledernen Grtel steckte ihm eine
kurze geflochtene Peitsche, und seine Faust sttzte sich klammernd an
einen mannshohen Stab, dessen Spitze in eine kleine silberne Krone
auslief. Das war der Strandvogt, eine untersetzte Gestalt mit grauer
Schifferkrause und scharfen umfalteten Augen. Wie er sich jetzt schweren
knirschenden Schrittes emporwand, mute man wohl erkennen, da sich der
Mann fr einen Mchtigen hielt, dessen Faust das kleine zerstreute Leben
hier am Strand behten oder auch zertrmmern konnte.

Jetzt stand er vor dem jungen Weibe, doch bevor er zu reden anhob, kniff
er erst beobachtend das linke Auge zu. Im Grunde genommen wute er
bereits, was er zu erkunden strebte.

Gott zum Gru, begann er und wies mit seinem Stabe gegen das Dach der
Htte, die Sparren gegen die Windseite mssen gedoppelt werden. Vergi
das nicht. Sein einziges offenes Auge lief geschftig weiter. Sieh da
-- auch ein Ziegenstall. Wieviel sind drin?

Drei, erwiderte Hilda mit sich kmpfend, denn sie war sich des
Unrechtes bewut.

Um eines zu viel, tadelte der Vogt, das Haupt mit der Lederkappe
bedchtig wiegend. Nun, man wird Nachsicht haben. Man gnnt dir das
gute Fortkommen. Bedeutsam strich er sich ber den graugeringelten Bart
und trat gewichtig nher. Augenscheinlich gelangte er erst jetzt zu
seiner besonderen Absicht. Wo ist Claus Beckera?

Auf See, versetzte Hilde zgernd, wobei sie den Atem anhielt.

Ich wei, besttigte der Strandvogt. Vorsichtig blickte er sich um,
als ob er einen Lauscher frchte, dann beugte er sich ganz nahe an die
Erblate heran. Wann erwartest du deine Stunde? forschte er ernst und
dringend. Und als das Weib ihn finster anstarrte und in die Htte
zurckwich, um allerlei Abgebrochenes und Verwirrtes zu murmeln, da
bedrngte er die Widerspenstige nicht weiter. Es ist gut, meinte er
sich aufrichtend und knpfte an der groen Ledertasche unter seinem
Grtel herum. Nun hadere nicht, Dirn, man will dir nicht bel. Sieh
her -- er langte in die Tasche und wog den Inhalt dann auf der flachen
Hand -- dessen zum Zeichen soll ich dir etwas zahlen. Es ist nicht
wenig. Vier Silbergulden.

Silber? schrie Hilda, die aus ihrer fernen Ecke hervorstrzte und ein
warmer Triumph lebte in ihrer Stimme. Jetzt wird sich Claus freuen.

Da legte der Vogt die vier Silberlinge breit auf den Tisch. Dann wandte
er sich zum Gehen. Indessen ehe er die Schwelle erreichte, stand Hilda
schon wieder hinter ihm. Das Geld hatte sie bereits zusammengerafft.

Da Claus mir nicht erfhrt von wem, forderte sie schroff.

Der Angeredete wandte sich kaum. Von mir nicht, gab er gelassen
zurck. Was schiert mich der Bursche? Solange er seinen Fang abliefert,
bin ich ihm nicht gram.

Damit nickte er steifnackig, stemmte seinen Stab in den Sand und schritt
wuchtig den steilen Saumpfad hinab. Hilda starrte ihm finsteren Auges
nach, solange sie die silberne Krone blitzen sah.

Doch seit dieser Zeit wurde die Einsame nachdenklich und oft schttelte
sie sich, als ob sie sich gegen bse Gedanken zu wehren htte. Dann
stach es ihr durch den aufgescheuchten Sinn: Wie, wenn man ihr
dasjenige, was sie erwartete, zu nehmen trachtete? Stellten die vier
Silbergulden nicht vielleicht das Kaufgeld dar? Man erzhlte sich von
dem Conaer Herrn doch solche gewaltttigen Geschichten. Und war er nicht
auch mit dem jungen Mecklenburger Herzog geritten, als dieser an der
Spitze von allerlei Raubgesindel und Landstreichervolk die Heerstraen
der Kaufleute von Stralsund unsicher machte? Nach einem solchen Zuge
hatte er ihr doch das blaue Kopftuch zugeworfen? Wtend schlug sie mit
der Faust gegen die Trpfosten und reckte sich drohend, allein gleich
darauf schrak sie zusammen, und trotz der milden Frhlingsluft wurde sie
von einem Schauer durchfrstelt.

Warte, quoll es dabei ber ihre bebenden Lippen, ich sag's Claus. Der
lt sich nichts nehmen. Indessen im nchsten Augenblick stand sie
schon wieder erstarrt. Ach du lieber Gott, was schierte denn Claus der
fremde Balg? Er kmmerte sich ja nicht einmal um die Mutter, die alles
nach seinem Willen tat? Nein, nein, am besten war's wohl, auf der Hut zu
bleiben und auch das Geld nicht zu zeigen, um nicht unntigen Fragen des
Fischers ausgesetzt zu sein.

So nhte sie denn die Silbergulden in ihren Rock ein, und nur manchmal
streifte sie ihren Genossen ngstlich und erwartungsvoll, als wnschte
sie heimlich von ganzem Herzen, er mchte endlich das Geheimnis
entdecken.

Aber seitdem war Unrast ber ihr, und sie sang nicht mehr. Immer
eilfertiger flogen die Tage an ihr vorber, und immer unsicherer wurde
ihr Gang.

Eines Nachts kehrte Claus nicht nach Hause zurck. Todmde lehnte Hilda
an der offenen Luke und suchte das unerkennbare Grau zu durchdringen.
Vergeblich, nichts lste sich ab von dem schwarzen Dunst, in den der
Sturm oftmals wie mit einem schweren Sack hineinschlug. Nur in
entfesselter Wut lrmte die See, und im Morgendmmer fuhr an den
Strandsteinen fast ununterbrochen eine schlngelnde weie Mauer empor.
Solange die Dunkelheit whrte, hatte das verngstigte Weib von Zeit zu
Zeit einen brennenden Kienspan aus der Fensterhhlung herausgehalten,
zum Zeichen fr den auf der tosenden Flche Herumirrenden, damit er
nicht ins Weglose getrieben wrde. Doch der wtige Zug hatte das karge
Feuerlein jedesmal heihungrig gefressen, und die nackten Arme sowie die
offene Brust des Weibes schauderten vor Klte. Jetzt wurde es heller.
Dinge und Gertschaften traten in der Htte hervor. Und drauen im Stall
begann der Geibock die harte Stirn gegen die Tr zu reiben. Verwirrt,
bernchtig blickte sich Hilda in dem engen Raume um. Es fehlte etwas
-- es war etwas von seinem Platz genommen, das sich freilich nie gtig
und freundlich gezeigt, dem aber doch alles hier eignete. Sogar sie
selbst. Und dem man wohl auch Gehorsam und Dank schuldete. Mehr wute
sie nicht. Vergessen war ihre eigene Unkraft, verflogen die bleierne
Mdigkeit der Glieder; ihrer selbst ungewi ergriff sie einen rohen Ast
und wankte halbnackt zum Strand hinunter. Unten ber die sonst so ebene
gelbe Flche spielte das Wasser, schwrzliche Seegrasbndel schlngelten
sich der Vorwrtswatenden um die Fe, und der Sturm stemmte sich gegen
sie wie eine gierige Faust, die ihr die Gewnder vom Leib zu reien
strebte.

Keuchend kmpfte sich Hilda weiter.

An einem jetzt halbversunkenen Pfahl, der gestern noch im Trockenen
eingerammt war, scheuerte und zerrte sich ein Boot an zerfasertem
Strick. Das war Claus Beckera's zweiter, kleinerer Kahn, und daneben
ragte aus der berflutung ein derber Mann in mchtigen Stiefeln auf,
abgekehrt, die Lederkappe tief ber die Stirn gezogen. Seine Rechte aber
klammerte sich auch jetzt an den kronengeschmckten Stab. Gerade in der
Not legte er ihn nicht ab. Hilda erkannte ihn sofort. Vogt, stie sie
hervor, er ist drauen.

Der Aufseher nickte, sprach jedoch nichts. Nur sein erkennender Blick,
den er auf die Erregte heftete, verriet die Meinung, wie dem Weib
vielleicht bald Hilfe ntiger sein mchte als dem Verlorenen. Inzwischen
hatte sich Hilda hoch auf die Zehen aufgerichtet. Um sich besser zu
heben, hatte sie dabei ihre Hnde ganz sonder Achtung auf die Schulter
des Vogtes gesttzt. Der schien nichts zu merken.

Dann warf sie die Rechte vor. Dort drauen das Schwarze, wies sie.

Ein Baumstamm, belehrte der andere. Ich sehe ihn schon lange. Und
halb trstend setzte er noch hinzu: Wir haben Seewind. Wenn er noch
lebt, wird es ihn hereinwerfen. -- Auch so, kaute er mit geschlossenem
Munde.

Damit wandte er sich ab und schritt langsam die Dnen empor. Dort wollte
er noch einmal Ausschau halten. Drauen, hinter den rollenden Bergen
schaukelte das lngliche, schwarze Ding auf und ab. Und wenn die
Zurckgebliebene ihr Sehvermgen aufs uerste anstrengte, dann glaubte
ihre aufgescheuchte Einbildung einen dunklen Kopf und eine greifende
Faust zu erkennen. Die drohte oder winkte zu ihr herber.

Da hielt sie sich nicht lnger. Ihr Mitleid war strker als ihre
Schwche. Ungestm bckte sie sich, so schwer es ihr fiel, lste die
hnfene Schnur und kletterte in das regengefllte Boot hinein. Ihr
Glaube half ihr, denn der Kahn befand sich an der Stelle einer Strmung,
so da das Schiff mit einer Kraft und Stetigkeit hinausgetrieben wurde,
als wren unsichtbare Segel an den fehlenden Mast gesetzt. Hochauf
spritzte die Dnung, und das zerbrechliche Gert seufzte in Schmerz und
Jammer. Stieren Auges hockte das Weib auf dem morschen Brett, das Haupt
unvernderlich nach dem herumgeschleuderten, schwarzen Sarg gerichtet.

Jetzt -- und jetzt -- da tauchte sie wieder vor ihr auf, die Faust, die
sie halb im Traum vor sich geschaut. Mit einer wilden Bewegung warf sich
das Weib lang in den Kahn und griff nach den krallenden Fingern. Ein
wster Kampf hob an. Der Verfallene dort unten war wohl schon der Tiefe
verschrieben, denn er wehrte und strubte sich, bis eine sich blhende
Woge den schweren Krper pltzlich unter einem Schwall in den rettenden
Nachen strzte. Einen Augenblick wurden die Planken berschumt und
begraben, dann hoben sie sich wieder, kreiselten irre herum, und die
rollenden Wasser trieben das Schifflein vor sich her, gleich einem
geprgelten Hund.

Dster reckte sich das Land empor, und hoch oben gegen den verhngten
Himmel zeichnete sich die Gestalt eines Mannes ab, der staunend das
Begebnis verfolgte.

       *       *       *       *       *

Der Vogt hatte den Schiffbrchigen in die Htte getragen. Der mchtige
Krper ruhte jetzt auf dem Bettgestell und rang mit dem Tode. Und in der
Ecke auf der Schilfstreu erwachte zur selben Stunde ein neues Leben.
Hilda hatte einen Sohn geboren.

Ein langes, schmchtiges Knblein. Es schrie nicht, sondern hatte die
Fuste geballt, und die schwarzen, nchtigen Augen hielt es fordernd ins
Leere gerichtet. Nein, nicht ins Leere. Am Fuende der Streu hing die
Axt an der Wand. Spter erinnerte sich die Mutter, da ihr Sohn zur
Stunde seines Eintritts unausgesetzt die Schrfe des Beils betrachtet.
Vom Vogt war aus dem Kloster einer der Cisterzienser geholt worden. Der
schaffte nun kundig um die drei Unmchtigen herum. Zu jener Zeit
erfllten die Klosterleute, gleichviel ob jung oder alt, willig die
Pflichten des Arztes und der Wehmutter, und die Gepflegten glaubten, es
msse so sein. Bruder Franziskus war zudem derselbe, der in jener von
Hilda unvergessenen Nacht den erzwungenen Bund gesegnet hatte, jetzt tat
er sein uerstes, um die bedrohte Gemeinschaft zu erhalten. Bald flte
er dem hingestreckten Fischer scharfe, seltsam duftende Tropfen ein, die
er in einem venezianisch geschliffenen Bchslein aus seiner Kutte zog,
bald pustete er unter die Flamme des Herdes, um der Wchnerin einen
warmen Trank zu bieten; ja, er reinigte den Neugeborenen sogar im ersten
lauen Bade. Dabei glitt ein wohlgeflliges Lcheln ber das ernsthaft
jugendliche Antlitz des Bruders, und whrend seine Rechte zart ber die
weichen Glieder des Kleinen strich, sprach er mit der Bestimmtheit des
Erfahrenen:

Ein edler Bau. Wie nach den Maen der alten Meister. Mge der
Unerforschliche dies Kindlein zum Guten bilden.

Hilda hrte es auf ihrer Schilfstreu. Und zum erstenmal zuckte es wie
Stolz um ihre Lippen, da sie daran dachte, welch adligem Ursprung der
Sugling seinem Blute nach entstammte. Zugleich aber heftete sie einen
erschreckten Blick auf das Bettgestell, wo sich der gewaltige Krper
ihres Eheherrn zu regen begann. Sofort griff sie hastig nach den
eingenhten Silbergulden.

Ja, ja, das war das Mittel, um sich gegebenen Falles von jedem Tadel
loskaufen zu knnen. Allein sonderbar -- so schwer sie auch die nderung
begriff -- es traf sie kein lauter Vorwurf mehr. Noch ehe Claus auf
seinen zerschlagenen Beinen hin- und herzukriechen vermochte, hatte der
Mnch dem Entkrfteten kurz den Hergang seiner Rettung erzhlt. Stumpf,
in sich gesunken, hockte der Fischer dabei auf seinem Lager und lie nur
ab und zu einen forschenden Blick ber das Neugeborene gleiten. Weder
bedankte er sich, noch gab er sonst eine Erkenntlichkeit kund. Auch
berlie er nach wie vor alle Hilfeleistung fr sein Weib dem Bruder
Franziskus. Und doch -- es kam vor, da er zuweilen die Milch der Gei
in einem Holzschaff dicht neben der Streu der jungen Mutter
niedergleiten lie. Keiner wute zu welchem Zweck, und man konnte doch
annehmen, da der Trank fr Hilda und ihr Kind bestimmt sei. Ein
andermal freilich begab sich, was der glcklichen Frau anzeigte, nun sei
der Damm von Groll und belwollen vielleicht fr immer gebrochen. Eines
Abends blieb der Mnch vor dem Aufbruch gedankenvoll an der Streu des
Kleinen stehen, und whrend er ihn seiner Gewohnheit gem zum Abschied
segnete, sprach er bestimmt:

Nun ist es Zeit. Morgen wollen wir das Kind in das Kloster tragen, die
Taufe zu empfangen. Wie soll es heien?

Hierauf regte sich Hilda nicht. Sie kehrte ihr Haupt vielmehr der Wand
zu und kratzte ungeduldig mit den Ngeln gegen die Holzbohlen. Alles, um
den ungestmen Wunsch ihres Herzens zu betuben. Statt ihrer jedoch
erhob sich der Fischer von seinem Sitz neben dem Herd, tastete sich
schwerfllig nach der Streu des Suglings zurecht, und nachdem er in das
schmale Gesicht, neugierig und kopfschttelnd wie stets, herabgeschaut,
da brach es pltzlich brummend und drohend aus ihm heraus, als htte er
sich gegen einen Angriff zu wehren:

Das Knblein heit wie ich, nicht anders. Claus soll es heien.

Da nickte der Mnch mit einem stillen Lcheln, das liegende Weib jedoch
hob ungestm den Arm und versuchte glcklich auf der brtigen Wange des
Riesen herumzustreicheln. Unschlssig und verletzt schttelte er sie ab.
Aber als nach der Taufe die junge Frau wieder in der Htte auf und ab
wirkte, da hrte sie drauen vor dem Gebu ihren Eheherrn singen. Das
war noch nicht. Auf leichten Sohlen schlich sie hinzu, um zu lauschen.
Im Sonnenschein sa Claus und schliff seine Axt am Feuerstein. Dazu
summte er behaglich in das Spritzen der Funken hinein:

  Wetze gut,
  Dann schnett se gut,
  Der Claus, der ist der Hilda gut.

Er wute sonst keinen Namen. Es hatte nichts weiter zu bedeuten.




II.


Goldgrne Schatten spielten um die Buchenwipfel hoch ber der roten
Klostermauer. Auf einer der verfallenen Grasstufen, die in breiten,
unkrautbewachsenen Abstnden zu der schmalen Eingangspforte
hinaufleiteten, hatte sich ein einsamer Bruder hingelagert. Achtsam trug
er in einer Falte seiner Kutte ein paar Brosamen weien Hirsekuchens
verborgen, und nun streute er die Krumen in weitem Bogen den Finken,
Meisen und Amseln des Waldes hin, die in einiger Entfernung
hochaufhuschend nach den leckeren Bissen pickten. Noch hatte der Einsame
seine gefiederten Freunde nicht allzulange gefttert, als der Schwarm
pltzlich schwirrend und rauschend auf die untersten Zweige der Buche
abzog, stutzend vor eiligen Schritten, die den Waldpfad heraufklangen.
Der Klosterbruder hob das Haupt. Der Tritt, dieses hastige, sprunghafte
Ausgreifen deuchte ihm bekannt. Seit sechzehn Jahren fast hatte er ihm
prfend und abschtzend gelauscht. Und jetzt -- aus dem schwarzgrnen
Bogengang strmte es hervor. Ja, Pater Franziskus kannte jene schlanke,
geschmeidige Knabengestalt in dem weien Linnenkittel, oft hatte er die
wohlabgemessene Form dieser Knie und Waden in ihrer braungesonnten
Nacktheit bewundert, mit heimlichem Schrecken aber fast immer in die
schwarzen begehrlichen Augen hineingeschaut, die wie zwei flimmernde
Abgrnde in dem schmalen Jugendantlitz brannten, ewig bereit, Nahes und
Fernes zu verschlingen. Immer aufgetan zu neuer Forderung. Niemals zu
mde, um zu suchen und zu fassen. Davor war dem Mnch nicht selten ein
drckendes Befremden aufgestiegen, denn diese rastlos einschlrfenden
Augen widersetzten sich allzusehr dem geduckten Dasein eines
Sassenkindes. Ebenso wie die braunen Wellen des Haupthaares das Gebot
der kurzen Schur leichtfertig miachteten.

In weiten, glatten Sprngen setzte der weie Schatten durch den Wald.
Daher kam es, da seine Gefhrtin, ein etwa vierzehnjhriges Mdchen,
dem sein rotes Rckchen hindernd um die entblten Beine wirbelte, eine
geraume Strecke hinter dem Buben zurckblieb. In den Kranz der blonden
Zpfe, die das Kind dichtgeflochten und eng um das Haupt trug, waren
bluliche und rtliche Muscheln gesteckt, und so erhielt die Kleine ein
fremdartiges und wildes Aussehen. Zu dem sanften Gesicht wollte der
absonderliche Schmuck keineswegs passen. Auch zgerte die jetzt ruhiger
Schreitende und griff sich ein paarmal verstohlen in die Flechten, in
sichtlicher Furcht, wie man das blitzende Stirnband an der Klostermauer
beurteilen wrde.

In der Tat war der ungewohnte Zierat das erste, was dem Bruder, whrend
er sich auf seiner Grasstufe ein wenig aufrichtete, strend ins Auge
fiel. Halb unwillig ri der Ruhende ein paar Halme aus, bevor er mit
einer raschen Kopfbewegung nach den Muscheln wies:

Wozu das, Anna? Was soll der Putz?

Kaum war die Mibilligung gefallen, als ein tiefes Rot ber die Wangen
der Getadelten ging, ihre blauen Augen drehten sich ngstlich, und
unwillkrlich falteten sich ihre Hnde vor der Brust. Dazu warf sie dem
Knaben im weien Kittel einen jhen Blick zu, als wre dieser der Herr,
von dem sie und ihr Schicksal abhingen. Der lie sie auch nicht im
Stich.

Ich hab's ihr hineingesteckt, sagte er lachend, und seine Augen
weideten sich wohlgefllig an seinem Werk, als mchten sie sich von dem
blaufeuchten Glanz der Muscheln nicht trennen. Dazu strafften sich die
schlanken Beine, die er schon frher gespreizt aufgestemmt hielt, noch
etwas fester in den Sehnen, und der ganze Bursche sah unbekmmert und
keck aus, wie wenn nach seinem Wohlgefallen sich Regen und Sonnenschein
zu richten htten.

Unbehaglich bemerkte es der Mnch. Gerade dieses Aufbegehren einer
unbndigen Natur suchte er zum Heile des Knaben zu unterdrcken. Der
Fischerssohn, dem er anhing, mute gegen sein Blut geschtzt werden. Das
war's. Dazu gehrte, da man seine Unwissenheit nicht allzusehr
erhellte. Auch durfte er nicht ber seinen Stand hinauswachsen oder gar,
wie er es liebte, seine Gedanken fabulierend ins Weite schweifen lassen.
Das Meer verlockte zu derartigen Nebelfahrten. Aber solches Entgleiten
war einem Sassenkind nicht gnstig -- jedenfalls in solcher Jugend
nicht.

Nimm der Dirne die Torheit aus den Haaren, befahl er darum hart.

Claus Beckera rhrte sich nicht. Nur seine Augen blitzten hartnckig
auf, und seine Rechte vollfhrte eine unglubige, fortschleudernde
Bewegung, als knnte er damit die unbegreifliche und ihm unklug dnkende
Abneigung des Klosterbruders zerstreuen.

Es sieht gut aus, beharrte er noch immer in Bewunderung vor dem
fremden Glanz. Es sind Maimuscheln. Die Gnadenbilder in der
Klosterkirche und die Fruleins auf dem Schlo tragen auch solch bunte
Steine.

Eben darum ziemt sich der Tand nicht fr Anna Knuth, die Tochter der
Strohflechterin, belehrte Bruder Franziskus ruhig und streckte die Hand
nach dem abenteuerlichen Schmuck aus, wobei er sich stellte, als bemerke
er das heftige Zusammenzucken des wilden Jungen nicht. Es sind
Unterschiede in die Welt gesetzt. Sie stammen von Gott.

Er zerpflckte jetzt die Muschelschnur zwischen den Fingern, und da er
wahrnahm, wie sein halbwchsiger Freund, um den er sich sorgte, die rote
Unterlippe nagte, fuhr er begtigend fort: Schau um dich, Nikolaus,
schau auf den Wald. Hier blht der Haselstamm und wird nur ein Strauch.
Daneben aber die Buche wchst ber zwanzig Ellen. Und machen doch
zusammen den schattigen Wald aus und mssen sich dulden. So geht es auch
bei den Menschen.

Eine Weile raschelte der Wind durch die Zweige. Dann lachte der Knabe
mit einem Male hell auf.

Was hast du? fragte Franziskus verwundert.

Heftig reckte sich der im weien Kittel. Ein Zug von Vorwitz und
frhreifer Spottsucht lief ber sein schmales Antlitz, als er nun die
Rechte bestimmt vorwarf.

Da sieh, Geweihter, rief er selbstsicher, denn er gebrauchte hufig
fr den Mnch die ehrfrchtige Bezeichnung seiner Mutter, den Hasel-
und den Buchbaum hier. Ob die einander gleichen?

Nein, murmelte der Cisterzienser noch im Ungewissen, sie gleichen
einander nicht. Sie sind von verschiedener Art.

Aber die Menschen, die gleichen einander, vollendete der Knabe jetzt
rechthaberisch, tat einen Luftsprung und warf seiner Begleiterin einen
Blick des Schutzes zu. Du hast selbst gesagt, wir wren alle nach dem
Bild Gottvaters gemacht.

Da brach der Mnch verstimmt und finster das aussichtslose Gesprch ab.
Zumal er auffangen mute, wie das kleine Mdchen ob der Keckheit des
Burschen verstohlen zu lcheln anhob.

Es wre dir besser, brummte er aufgebracht, indem er sich ratlos mit
beiden Handflchen die ergrauten Schlfenhaare zurckstrich, dein
Vater htte dir fter mit dem Grtelriemen den Rcken gewalkt.

Als des Vaters Erwhnung geschah, wich das vorlaute Wesen des Knaben
gedankenschnell. Kleinlaut senkte er das Haupt und scharrte mit dem
nackten Fu ber den Moosboden.

Vater rhrt mich nicht an, meldete er nachdenklich. Er sitzt den
ganzen Tag auf der Dne und sonnt sich.

Jetzt fuhr der Bruder mitleidsvoll ber das wellige Gelock des Burschen.
Sein Groll war verschwunden. Die Erinnerung an ein ehrenhaft mhselig
Leben hielt ihn gefangen. In deinem Vater sitzt die zehrende Sucht,
sprach er leise, der Frhling ist fr ihn ein gefhrlich Ding. Und was
tust du, sein Los zu erleichtern, Nikolaus?

Ich?-- Der Gefragte blickte suchend umher. Endlich schienen die
scharfen Augen etwas erwischt zu haben, als sie rckschweifend einen
schmalen Ausschnitt des durch die Stmme schimmernden Meeres entdeckten.
Ich fahre hinaus und lege seine Netze, verteidigte er sich
erwartungsvoll, denn er wollte gelobt werden. Ich bringe mehr heim als
er. Manchmal bin ich die ganze Nacht fort. Und ein fein Segel hab' ich
gemacht aus rotem Packtuch, setzte er befriedigt hinzu, und kann den
Wind vor- und rckwrts abfangen. Davon hat der Vater nichts verstanden.
Das ist ein neu und gut Ding. Und Mhe hat es gekostet.

Dich nicht, versetzte der Mnch unbeirrt, wobei er versuchte, den
irrlichternden Strahl der schwarzen Augen auszuhalten. Lge nicht,
Bursche. Dir ist es eine Lust, auf dem Wasser zu liegen und dich mit dem
Wind herumzuschlagen. Du dnkst dich dann besser als andere
Menschenkinder. Dort drauen fngst du auch die grilligen Gedanken, die
dir nicht taugen. Sage, was fhrt dich heute her?

Jetzt trat der Knabe nher und kte zrtlich die feine weie Kutte des
Mnches. Ein Staatskleid der Brder, das nur bei besonderen Anlssen
getragen wurde.

Mir war bange nach dir, Geweihter, brach es inbrnstig aus ihm heraus,
und er streichelte verstohlen das Tuch des faltenreichen Gewandes. Es
qult mich oft eine Unruhe, wenn ich dich nicht nach diesem oder jenem
fragen kann. Denn du weit alles, was mir fehlt.

Da verbarg Pater Franziskus ein halbes Lcheln.

Du Tor, wies er bescheiden die bertriebene Meinung ab, ich wei
nicht einmal, was deine Gespielin dort zwischen den beiden Binsendeckeln
trgt. Was ist's?

Ja, das rtst du nicht, schrie Nikolaus Beckera, pltzlich wieder in
seine wilde Heftigkeit zurckfahrend, und dabei strzte er auf das
Mdchen zu und ri ihr ohne weiteres das grne Geflecht aus den Hnden.
Gib her -- ein wunderlich Tier, stammelte er atemlos und brach die
Deckel auseinander. Dergleichen gibt es sonst nicht in unserem Wasser.
Und dir gehrt es, Geweihter, dir allein.

Eine ungeheure Scholle kam zum Vorschein, dunkelgrau mit roten Punkten
und wohl anderthalb Fu im Durchma. Der Fisch glnzte perlmutterfarbig
in der Sonne. Bewundernd standen die drei um den seltenen Fang herum,
und die Kinder lachten vor Freude, als der Pater mit Kennermiene den
Finger spitz in den Rcken der Scholle setzte, um wohlgefllig das
Fleisch des Tieres auf seine Festigkeit hin zu prfen.

Ein herrlich Stck, gestand der Bruder selbstvergessen und klopfte dem
Spender dankbar die Wange. Allein unvermutet hielt er inne, ein
feindlicher Gedanke schien seine offene Lust zu hemmen.

Was gibt's? rief der Junge erschreckt.

Der Bruder ma ihn prfend von oben bis unten.

Hat der Vogt deinen Fang gesehen?

Jetzt zuckte das kleine Mdchen, wie von einem Streich getroffen, zurck
und sprang Schutz suchend hinter den nchsten Baumstamm. Claus Beckera
aber wurde seltsam bleich. Dann begannen seine schlanken Glieder vor
Zorn oder vor Scham zu zittern. Etwas Haerflltes, von Leidenschaft
berwltigtes brodelte aus seinen schwarzen Augen.

Der Vogt wei von nichts, widersprach er hart und schob die Faust
geballt von sich. Ich hab' das Tier die ganze Nacht ber zwischen den
Strandsteinen versteckt.

Kopfschttelnd wies der Mnch das Geschenk von sich, auch entsetzte er
sich heimlich darber, wie wenig sein Zgling zu Bescheidenheit und zu
geduldigem Dienst zu lenken wre.

Weit du nicht, ermahnte er heftig und hob drohend den Finger, da
all dein Fang dem Grafen eignet? Was soll ich mit dem entwendeten Gut?

Essen, schrie Claus, der noch immer zitterte und bebte. Und wie
tckische Pfeile schnellten die Worte von ihm: Der Graf hat satt. Wie
kann er uns das nehmen, was wir fangen? Gehrt ihm die See?

Wem gehrt sie sonst?

Dem, der auf ihr segelt und Netze legt, eiferte der Knabe ohne jedes
Besinnen. Schmetternd warf er den Fisch auf den Waldboden und machte
Miene, ihn mit seinen nackten Fen zu zerstampfen.

Claus, rief das kleine Mdchen hinter seinem Baum um Erbarmen flehend.

Jetzt sprang auch der Bruder hinzu, bckte sich und ri den
Flossentrger an sich. Dunkelrot war das weie Gesicht des Mnches
bergossen. Es blieb unentschieden, ob vor Anstrengung oder weil er den
feinen Mund des Fischerssohnes in befriedigtem Triumph lcheln sah.

Unsinniger, zrnte er in ehrlichem Unwillen, Gottes gedeihliche Gabe
vernichten? Oh, ich sehe, ich bin zu schwach gegen den bsen Geist, der
in dir wohnt. Geh mir aus den Augen und kehre so bald nicht wieder.

Einen Augenblick blieb es still zwischen den dreien, dann wandte sich
Pater Franziskus, den Fisch noch immer in den flachen Hnden, und stieg
mit weiten Schritten die Grasstufen in die Hhe. Bald mute er das kaum
mannshohe Pfrtlein in der Mauer erreicht haben. Da geschah etwas
Unerwartetes.

Ebensoschnell wie Claus Beckera in Zorn und Wut hineingerast war, so
erfate ihn jetzt eine verzweifelte Reue. Urpltzlich fllten sich seine
funkelnden Augen mit Trnen und unbekmmert darum, ob seine kleine
Gefhrtin sein Handeln begriffe, strzte er auf die unterste Stufe
nieder, wo er die Arme wild emporwarf, als knnte er so den
Entweichenden zurckhalten.

Tu das nicht, Geweihter, schluckte er schmerzzerrissen. Ich hab' dich
lieb. Und wer soll mir die Hand auf die Stirn legen, wenn mich die
Schmerzen qulen, die mich blind machen? Nein, tu das nicht, Geweihter
-- tu das nicht.

Noch zitterte die Klage dieses wahrhaftigen Knabenschmerzes unter den
sonnenstillen Bumen, noch hatte sich der leichtgerhrte Bruder nicht
vllig gewandt, da klang in der Schwrze des Waldes ein Horn. Zugleich
hrte man den Hufschlag der Rosse.

Einen Augenblick wurzelten die drei auf der grnen Lichtung fest. Dann
geriet Leben in den Mnch, und whrend er die Scholle eilfertig auf
einen Mauervorsprung zu betten suchte, segnete er Gott im stillen fr
die gelegene Unterbrechung. Wohlttig enthob sie ihn der begehrten
Vershnung mit dem aufgeregten Knaben.

Sie kommen, rief er dem verblfften Fischer zu, der ohnehin alles, was
bis dahin geschehen, lngst vergessen hatte. Ungestm war er
aufgesprungen, um nun, fiebernd vor Neugier, das dicke Gehlz zu
durchdringen.

Vier -- fnf -- zehn Pferde, zhlte er, sieh -- sieh, Anna,
Stahlpanzer und seidene Mntel.

Dnische Herren, berichtete der Bruder erregt und strich sich die
weie Kutte glatt, reiten auf Tagfahrt nach Stralsund und nehmen zur
Nacht hier Obdach.

Gespannt drngten sich die Kinder an beide Seiten ihres Freundes. Kaum
konnte er sich ihrer erwehren.

Dnen? stammelte Claus zweifelhaft. Denn er vermochte nicht mit
Sicherheit anzugeben, wo jene Vlkerschaft sehaft wre. Was treiben
die in Stralsund?

Doch der Mnch schttelte ihn ab, ohne den stets regen Eifer des
Wibegierigen befriedigen zu wollen.

Wozu brauchst du das erfahren, Claus? weigerte er sich vorsichtig.
Was kmmern dich die Hndel von Knigen und Herren? Diesmal zwar
handelt es sich um eine gerechte Sache, setzte er mehr fr sich hinzu,
gilt es doch, die Horde der gesetzlosen Schuimer zu vertilgen.

Da packte ihn der Knabe heftig am Kleid. Was sind Schuimer? drngte er
ungebrdig. Sag es mir.

Der Mnch erschrak. Gar zu wild brannten die dunklen Knabenaugen in die
seinen. Das geheimnisvolle Wort, das im Volk fr die unter der schwarzen
Flagge Herumstreifenden umging, schien in der unbeherrschten Seele ein
Feuer entzndet zu haben. Wieder rettete der Pater seine Verlegenheit
hinter strenge Abweisung.

Schweig, befahl er. Was schiert sich ein Sasse, der von der
Herrschaft gut gehalten wird, um die von jedem Ehrsamen gemiedene Brut
der Friedlosen? Danke Gott im stillen dafr -- der du ein nhrend
Gewerbe und einen sicheren Platz hast -- da die Frsten und Stdtischen
dem wsten Drang ein Ende machen wollen. Merk' dir, Bursche, solange das
Gelichter nicht von der See fortgefegt wird, so lange kannst du, wenn du
ehrlich bist, unter deinem Dach nicht ruhig schlafen.

Schon wurden die buntgeschirrten Rosse unter den Stmmen sichtbar. So
blieb Pater Franziskus nur noch Zeit, die Kinder beiseite zu schieben
und den wesenlos Gaffenden gutmtig zuzuflstern:

Schaut auf die Vordersten. Ja, die Beiden. Das sind die Gesandten der
Knigin. Der Drost Reichshofmeister Henning von Putbus. Und der
Hauptmann Konrad von Moltke. Gar stolze und mchtige Herren.

Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Claus Beckera nun das sich
entwickelnde farbige Bild. Er merkte nicht einmal, wie er dabei
krampfhaft die Hand seiner kleinen Gefhrtin ergriffen hatte. So
bergewaltig, so betrend wirkte auf ihn der goldige Glanz der Groen.
Allmhlich spann sich ein feines, unwirkliches Netz vor seine
hinstarrenden Blicke, und er zuckte beinahe schmerzhaft zusammen, sobald
aus dem Gewebe ein besonders greller Blitz auf ihn zuscho. Da--

Trat aus der Pforte ber den Grasstufen nicht der Abt mit seinem Prior
hervor? Beides hinfllige Greise. In seinem schneeweien Gewand, das
goldene Kreuz klappernd auf den drren Gliedern, trippelte das Mnnchen,
achtsam auf jedem Absatz die Schleppe hebend, auf den ersten der Reiter
zu, um endlich dem Reichshofmeister mit zitternder Hand einen silbernen
Pokal entgegen zu reichen. Auf breitem Gaul sa der Drost zurckgelehnt,
die berlangen Beine gewaltig gespreizt, denn die flickenreiche
Zaddeltracht beengte den hochaufgeschossenen Mann. Zwiefltig war das
Staatskleid zusammengesetzt, auf der linken Seite rot, auf der rechten
gelb, whrend Arme und Beine umgekehrt bekleidet waren. Dazu sa ihm
eine ungeheure blaue Wulsthaube auf dem verkerbten Haupt, von der ihm
noch eine riesige blaue Fahne fast bis an die Knie hinunterflo. Man sah
ihm an, der lange Ritt hatte ihm hei gemacht, denn er schob
luftschpfend an dem schwarzen Ledergrtel unterhalb seiner schmalen
Hften herum, und wenn die tiefliegenden lauernden Augen nicht
widersprochen htten, so htte man den Reichshofmeister der Knigin
Margaretha fr einen abgedienten und eitlen Hfling halten knnen. Aber
die Augen wohnten ihm unter graustruppigen Brauen wie der Fuchs in
seinem Bau. Aufmerksam, sprungbereit. Und ber die verschrumpfte Stirn
flog manchmal ein erhellender Blitz. Nicht umsonst ging die Sage, diese
vermorschte, im Winde schwankende Leiter htte die Sprossen geboten, auf
denen die zierlichen Fe seiner Knigin bis in die kltesten Hhen der
Staatskunst emporgeklettert wren. Doch die Sage fgte ihm Unrecht zu,
denn er selbst hatte in dem frstlichen Frauengemach erst die
unmerklichen Windungen und herzenskhlen Methoden gelernt, die die
nordische Welt jetzt in Spannung hielten. Von ganz anderer Art war sein
Gefhrte, der dicht neben ihm seinem gescheckten Schimmel wuchtig den
schweienden Hals klopfte. In einem verregneten Lederkoller hockte der
Hauptmann Konrad von Moltke auf seinem abgetriebenen sehnigen Gaul. Sein
linkes, von einem grnen Strumpf umspanntes Bein hatte er lssig in die
Hhe gezogen, so da er den Arm darauf sttzen konnte. Und auf diesem
ruhte wieder der vllig kahle, in der Sonne glnzende Schdel, unter dem
eine krumme Geiernase rauflustig und hochmtig in die Welt stach. Die
eiserne Sturmhaube, die den beinernen Totenkopf wohl allzusehr drcken
mochte, hing ihm schaukelnd vom Sattel, und die rot verschwollenen
Augenlider blieben hartnckig geschlossen, vielleicht vor Mdigkeit,
vielleicht aus Abneigung gegen das Mnchsgesindel, dem seine Herrin so
auffallende Bevorzugung erwies. Man munkelte da allerlei. Der
verkniffene Mund des Dnen jedoch redete laut von Geiz und Beutesucht.

Er sieht aus wie der Seeadler, wenn man ihm die Federn ausgerupft hat,
dachte Claus Beckera staunend, ohne den gierigen Blick von dem
Knochenmann abwenden zu knnen.

Inzwischen hatte sich die hinfllige Kinderfigur des Abtes auf den Zehen
aufgerichtet. ngstlich vor dem scharrenden Braunen ausweichend, reichte
er dem Reichshofmeister seinen Becher dar. Das Mnnchen, dem ein paar
einzelne graue Locken verloren um die Stirn flatterten, machte
unverkennbar den Eindruck, als ob er sich hinter seinen Pergamentrollen
wohler fhle als bei dieser ungewohnten Staatshandlung.

Herr Henning von Putbus, lispelte er ohne Mark und kaum hrbar,
Reichshofmeister und Drost der gromchtigen -- ----

Hier klatschte der Knochenmann seinem Gaul hchst wuchtig gegen den Hals
und kniff seine Lider immer unbegreiflicher zusammen.

Der Abt verwirrte sich.

Der Herr fhrte Euch zum Segen an die deutsche Kste, stotterte er
verlegen und begann mit dem Becher hin und her zu zittern. Er fhrte
Euch an die Kste -- ja -- und mge die Tagfahrt zu Stralsund Euren
Wnschen entsprechen.

Hflich streckte der Hagere seine Beine noch steifer von sich, ergriff
den Becher und verneigte sich so geschmeidig, wie man von dem
vertrockneten Gerst in dem Geckengewand kaum erwarten konnte. Da der
redliche Abscheu Eures Ordens gegen die Vergewaltiger der See bekannt
ist, sprach er ziemlich unbeteiligt, so werden Eure Gebete mit uns
sein. Ich wei -- ich wei. Er fhrte den Pokal oberflchlich und ohne
zu nippen an seinen Mund. Sein Nachbar jedoch, der Hauptmann von Moltke,
ri ihm ungeduldig den Pokal, bevor er noch dazu aufgefordert wurde, aus
der Hand, tat einen tiefen Blick hinein und strzte das Getrnk gierig
hinunter. Der Kriegsmann mochte durstig sein. Allein unvermutet hielt er
inne, und whrend er bse die verschwollenen Augen aufri, go er
gereizt den Rest auf die Erde.

Gemischt, knurrte er, und seine Stimme klang, wie wenn man Scherben
gegeneinander reibt. Himmel und Hlle -- ich ----

In diesem Augenblick schlug erneutes Pferdegetrappel aus dem Wald
heraus, der Reiter verschluckte das weitere, hob die abschreckend drre
Hand und schwenkte sie dem neuen Ankmmling entgegen. He, Cona, krhte
er immer in demselben bitteren, menschenverachtenden Ton, meiner Seel,
Ihr standet gut im Futter, seit wir uns zuletzt begegneten. Wit Ihr
noch auf der Tagfahrt zu Wismar? Man sagt, Liebwertester, Ihr httet
ber See recht eintrgliche Geschfte betrieben. Und kenntet die
Schliche der Schuimer aus Erfahrung.

Es mute eine besonders giftige Anspielung in jener Anrede liegen, denn
der Reichshofmeister, der pltzlich noch fahler aussah als gewhnlich,
hob abwehrend die Rechte, schpfte vergeblich Luft und versuchte, sein
Unbehagen hinter einem begrenden Lcheln zu verbergen. Er brachte es
jedoch nur zu einem Grinsen, zumal er wahrnahm, wie der Graf von Cona,
der nun in der Abendsonne dicht neben seinem jungen Sohne mitten auf der
Lichtung hielt, verrgert und beschmt das feiste Vollmondgesicht
verzog. Sphend blinzelte der so Wohlgenhrte im Kreise umher, ob auch
die Mnche den beienden Spott verstanden htten. Dann strich er mit der
fleischigen Hand ber den halblangen blauen Tappert, der ihn
schlafrockartig umhllte, und stie endlich kurzatmig, nach Art der
Dicken hervor:

Seid gegrt, Ihr Herren. Auch du, Moltke. Immer munter. Immer
gelenkig. Wollen absteigen und das Nachtmahl einnehmen, das der Herr Abt
fr uns gerstet. Aus leerem Magen steigt zudem allerlei verwirrtes
Zeug. Und wenn es Euch wirklich Ernst gegen die Freibeuter ist, die ja
manchem ein verstecktes Pltzchen gut zu bezahlen wuten -- nicht wahr,
nicht wahr, so ist es doch? -- dann werden wir morgen in Stralsund
weiter sehen. Werden sehen, wo unser Vorteil liegt. Und nun zu Tisch,
liebe Herren.

Schwerfllig und chzend schwang er das rechte Bein vom Ro. Allein
durch die weitausladende Bewegung des unfrmlichen Krpers mochte der
drre unruhige Gaul des Dnenhauptmanns gereizt werden. Mit einem
schrillen Wiehern stieg das Tier kerzengerade in die Hhe. Ringsum wurde
ein einziger Schrei laut. Doch ohne Zgern schlossen sich die sehnigen
Beine des Kriegers um den Leib seiner Schecke zusammen. Ja, er rhrte
sich kaum, so fest sa er im Sattel. Zu gleicher Zeit aber sah man, wie
der Knabe im weien Kittel hochauf in den Zgeln des Schimmels hing. Die
kleinen Fuste rissen erbarmungslos am Maulbgel des Tieres.

La los, krhte der Dne ungehalten und fletschte die stockigen Zhne.
Da war das Pferd schon zur Erde gebracht. Und der Helfer stand nun,
keineswegs befangen, sondern die Hnde stolz in die Hften gesetzt,
geschwellt von einem rauschenden Kraftgefhl, mitten in dem ihn
umgaffenden Kreis. Wieder merkte er es kaum, da seine Gefhrtin auf ihn
zugestrzt war, um ihm ngstlich Brust und Glieder zu befhlen.

Unsinn, schimpfte der Hauptmann mifllig. _Ragazzaccio maledetto_!
vervollstndigte er seinen Fluch auf welsche Art, denn er hatte sich
seinen ersten Kriegsruhm in den italienischen Stdtekriegen erworben.
Gezwungen nestelte er an seiner Ledertasche, um dem Buben ein paar
Scheidemnzen zuzuwerfen, doch einer besseren Einsicht folgend unterlie
er diese Spende wieder auf halbem Wege.

Wer ist der Bursche? fragte statt seiner der Graf von Cona, der
inzwischen auf krummen Beinen neben dem gleichfalls abgestiegenen
Reichshofmeister stand. Und da er den einfachen linnenen Kittel und
daneben den prchtigen Wuchs des Knaben nicht recht zusammenzureimen
wute, setzte er dringlich hinzu, denn die nahe Tafel lockte den immer
Hungrigen: Schnell, schnell, wer ist es? Gbe einen stattlichen
Knecht.

Eine Stille entstand. Bis das Schweigen von der Stimme des Bruder
Franziskus unterbrochen wurde. Einem unwiderstehlichen Trieb folgend,
hatte sich der Pater vor die Kinder aufgepflanzt. Jetzt gab er besorgt
die Auskunft:

Es ist der Sohn des Fischers Claus Beckera.

Das ist ein lauer Hund, stotterte der Dicke, der im ersten Augenblick
seine unangenehme berraschung nicht meistern konnte. Sorgt schlecht
fr uns. Und sein Doppelkinn unter dem Kragen des blauen Tappert weit
hervorschiebend, begann er vor Verlegenheit zu poltern: Wozu treibt
sich der Sasse hier herum?

In das Antlitz des Jungen war Hitze gestiegen, bse zerrten die dunklen
Augen an dem blauen Faltenrock herum.

Mein Vater ---- schrie er.

Da wurde er von dem Mnch zurckgerissen. Zugleich fhlte er, wie ihm
die Lippen fest verschlossen wurden.

Er hat eine Sternscholle fr die Tafel gebracht, erklrte der Bruder
ruhig und zeigte nach dem Mauervorsprung, auf dem der Riesenfisch in der
Abendsonne glitzerte.

Neugierig wandte sich der Graf. Mochte es nun sein, da ihn der Anblick
des mchtigen Fanges vershnte, oder war er sonst froh, der lstigen
Begegnung berhoben zu sein, gemtlich schob er seinen Arm unter den des
Reichshofmeisters und zog ihn mit sich.

Man speist gut bei den Brdern, schmatzte er mit breitem Lachen. Wer
wei, welche berraschung unser wartet. Kommt, Herr Drost, ihr Herren
kommt. Man soll den Koch nicht warten lassen.

So zogen die Gste, gefhrt von den Mnchen, durch die enge Pforte ber
den Grasstufen. Die Knechte leiteten die Pferde um die Mauer herum in
die Stlle, und bald lag die Lichtung in Einsamkeit.

Nur ein einzelner Reiter war zurckgeblieben. Auffllig zgerte er mit
dem Absitzen, lenkte seinen Rappen vielmehr spielerisch hin und her, bis
der Junggraf Malte von Cona seinen Entschlu gefat haben mute. Mit
einem Sprung setzte sein Pferd hinter den bereits heimkehrenden Kindern
her, und whrend die Jungmnnerfaust keck und ohne Umstnde in die
Haarflechten des aufschreienden Mdchens griff, rief er wie zur
Beruhigung mit einem zugleich harmlosen und gebieterischen Lachen, denn
das Ganze sollte nach der Sitte der Zeit einen Scherz darstellen.

Dirn, versteh Spa, wo kommst du her?

Die Kleine starrte ihn mit blauen Augen flehentlich an und begann vor
dem vornehmen Herrn zu zittern.

La ab, Herr, stammelte auch Bruder Franziskus in aufsteigender
Emprung, es ist noch ein Kind.

Doch der Jngling warf dem Mnch nur einen verchtlichen Blick zu, es
kmmerte den Geschorenen nichts, mit wem der Grundherr seine Belustigung
auf offener Strae treiben wollte. Doch verwunderlich dnkte es den
Reiter, auf welche Weise der Fischerknecht den gndigen Scherz aufnahm.
Atemlos lehnte der weie Kittel an einer mchtigen Buche, von wo der
Knabe zuvrderst ohne genaue Erkenntnis des Vorganges die bunte Pracht
des Adligen in unruhiger Gier verschlang. Die berlangen Schnbel der
rosa Strmpfe, die enggeprete rote Schecke des Wamses und darber den
kurzen gelben Kragen, der mit blitzenden Gold- und Silberstcken besetzt
war. Und doch -- die Faust des Burschen ri und zerrte dabei auf eine
sonderliche Art an einem stmmigen Ast herum. Wollte der Lmmel etwa die
schuldige Ehrfurcht vergessen? Unglubig und geringschtzend zuckte der
Junker die Achsel, dann lie er seinen Blick von neuem hartnckig ber
die feine Gestalt der Dirne laufen, die sein Anruf so vllig der Sprache
beraubt hatte.

Komm zu dir, Rotrckchen, meinte er ungeduldig, obwohl er beifllig
genug auf die nackten Fe des Kindes herabschaute. Wo kommst du her?
Bist du die Schwester des Sassen da?

Noch immer hielt er das Ganze fr einen ihm ziemenden Scherz und
wunderte sich nur, warum das Mdchen so sehr in Zittern und Beben
versank.

Nein, flsterte sie und senkte das Haupt, ich bin Anna Knuth.

Und meiner Mutter Schwestertochter, sprach Claus hart dazwischen. Er
hatte den Ast herabgerissen und trat nun, auf alles vorbereitet, nher.
Dabei schauerten seine Glieder dennoch wie im Frost, denn die vererbte
Achtung bumte sich gegen die Gier, ein Abenteuer zu erleben. Rastlos
schwankte die Zufallswaffe in seiner gekrampften Faust. Er wute selbst
nicht, wogegen er kmpfen sollte.

Du bist nicht gefragt, schleuderte ihm der Junggraf unwillig entgegen,
wobei er herrisch die Rechte vorwarf, als wolle er die nahende, die
unbegreifliche Auflehnung an ihren Platz bannen. Gleich packst du dich
von dannen, Tlpel.

Der im weien Kittel rhrte sich nicht. Nur der Buchenast hrte auf zu
zittern, ja, das Holz gewann von Minute zu Minute eine immer straffere
Spannung. Eine Weile verharrten die drei Gestalten bewegungslos, wie in
der Tiefe eines Traumes. Selbst das Pferd stand gepret unter dem
einfangenden Druck. Da vermochte sich der Cisterzienser in seiner
Herzensangst am frhesten aus der Lhmung emporzuraffen. Kaltbltig
schritt er, als wre nichts Erhebliches geschehen, bis dicht an die
Flanke des Rosses heran, um dort dem Tier kosend ber den Hals zu
klopfen. Mit groen Augen verfolgten die Jungen, die Aufgeregten, sein
Tun.

Ja, es sind Annerbulkenkinder[*], sprach er im weichen Dialekt der
Gegend, und keine Hast, keine Unruhe verrieten in dem ebenen Antlitz,
wie sehr er mit der berlegenheit des Alters bemht war, die
aufgepeitschten Sinne der anderen zu besnftigen. Anna Knuths Vater ist
ertrunken. Man sagt, die Schuimer htten ihn ins Meer geworfen. Da hat
sich ihre Mutter nun ein Httlein dicht neben den Beckeras errichtet,
und Mutter und Tochter nhren sich recht und redlich vom Mattenflechten.
Ein mhselig Gewerbe, Herr, das die Finger zerschneidet.

  [*] Vetter und Base.

Weisend hob er den Arm der Kleinen empor, und der Graf bemerkte nun
verdutzt, wie die Hand der Blonden von schwrzlichen Kerben durchfurcht
war. Das lenkte seine unberlegte Begehrlichkeit wohlttig ab. Sofort
suchte er nach Art der groen Herren das Leid der Armen durch ein
Almosen zu lindern.

Warum sagtest du das nicht gleich, dummes Gr, tadelte er wohlwollend,
whrend er ungestm an einer Silbermnze seines gelben Kragens
herumdrehte. Matten? Gut, da magst du die weichsten von deinem Geflecht
auf unseren Hof bringen. Mein Hund soll darauf liegen. Und hier,
Rotrckchen, hier hast du deinen Lohn im voraus.

Lachend, mit einer freigebigen Gebrde schleuderte er den abgerissenen
Knopf dem Mdchen vor die Fe. Und ehe die drei Zurckgebliebenen sich
noch besinnen konnten, hatte der gewandte Reiter seinen Gaul zur Seite
geworfen und sprengte nun um die Mauer herum dem Stalle zu.

Eilt nach Hause, drngte der Bruder die beiden Kinder, die bestrzt
auf das sich entfernende Klingeln der silbernen und goldenen Mnzen
lauschten. Geht -- geht rasch, der Mann will euch nicht wohl.




III.


Sie saen in der Htte der Beckeras zum kargen Nachtmahl vereint. Die
Alten hatten ihren Hunger bereits gestillt und hockten ausruhend am
Herd, von wo ein verglimmender Kienspan leuchtete. Zu ihnen hatte sich
Anna Knuths Mutter gesellt, ein hageres, frh ergrautes Weib mit
unzhligen Sommersprossen im abgemagerten Antlitz. Arbeitsverbittert sah
sie aus, und vor der hereinstrmenden Khle des Meeres frstelte die
Abgezehrte hufig zusammen.

Kalt -- immer kalt, schttelte sie sich. Dann hob sie den gespendeten
Silberknopf von ihrem Scho, um ihn beinahe unglubig gegen den
ungewissen Lichtschein zu kehren. Warum er das wohl geschenkt? suchte
sie in fruchtlosen Zweifeln zu ergrnden; als aber die Hausfrau, die
prall und rund, voll gesparter, selbstbewuter Kraft ihr
gegenberlehnte, eine heftige Bewegung gegen die Esse ausfhrte, wie
wenn sie das Wertstck am liebsten in die Flammen schleudern mchte,
denn Hilda kannte die Aufmerksamkeiten der Herren, da schttelte die
Mattenflechterin mde das Haupt. Nicht doch -- nicht doch, wehrte sie
sich gegen diesen Gedanken ihrer gewaltttigen Schwester. Wie kme ich
wohl je wieder zu solch einem Schatz? Morgen segle ich nach Stralsund
und kaufe fr uns Decken. Die Hauptsache ist, da wir es warm haben.

Ja, ja, hbsch warm, murmelte der alte Claus Beckera und zog seine
allmhlich spindeldrr gewordenen Beine bis tief unter seinen Sitz, da
der Husten, der nicht zum Ausbruch kommen wollte, seinen ausgemergelten
Leib wieder verkrmmte. Mit uerster Kraft rang er danach, das laute
Bellen zu verhindern. Nicht eigentlich, um seine Umgebung nicht zu
erschrecken, denn der kranke Riese war noch immer nicht zart und
nachgiebig geworden. Nein, er mochte nur nicht die Augen des Weibes so
gro und erkennend auf sich gerichtet fhlen. Das Weib wute alles, sie
war klug und lie sich nicht tuschen. Ja, der Fischer glaubte, sie lese
ihm Zeit und Stunde des Kommenden ganz sicher von der Stirn. Und dagegen
strubte er sich. Es war wohl noch gar nicht so schlimm, und er wollte
einmal sehen, wer zher war, er oder die Augen von ihr.

So strich er sich scheinbar aufgerumt ber die Welle des roten Bartes,
der jetzt doppelt scharf gegen die vergilbten, eingefallenen Wangen
abstach, und gegen den Tisch gewandt richtete er die wohlwollende
Ermahnung an seinen Sohn:

I, Jnging, i.

Der Knabe trumte vor der rohen Platte, hielt das Haupt aufgesttzt, und
nur ab und zu fhrte er den Holzlffel ungewi und willensunmchtig in
den Napf mit dem warmen Hirsebrei. Seine sonst so blitzenden Augen aber
hatten sich verschleiert, wie nach innen gerichtet schienen sie Bilder
und Vorstellungen zu verfolgen, die auf dem Grund seiner Seele
dahinstiebten. Unwillig zuckten seine Lippen oft, als knne er das
Fliehende weder erkennen noch festhalten. Betroffen beobachteten seine
Angehrigen das an dem immer Unruhigen befremdliche Wesen.

I, Claus, bat die kleine Anna Knuth, die dem Versunkenen gegenber
sa, wobei sie ebenfalls versumte, ihren Lffel gegen den Napf zu
lenken, denn ihr Gemt nahm willigen Anteil an dem vlligen Verstummen
ihres Gefhrten. Wir sind lange gelaufen -- du bist mde.

Doch auch diese warme Bitte erreichte den in Fremdes Hinabgetauchten
nicht. Offenbar hatte er die sanfte, demtige Stimme gar nicht
vernommen. ber die Schulter seiner Freundin hinweg starrte er immer
ausdrucksloser durch die offene Luke der Htte, dorthin, wo das letzte
Abendrot fern auf den Wassern schaukelte. Langsam stieg die blaue Wand
der Nacht ber die Rnder der See. Und zugleich verfinsterte sich auch
die Stirn des Trumenden immer aufflliger.

Willst du wohl antworten, wenn man dich fragt? drohte Hilda, seine
Mutter, ungeduldig. Heftig war sie hinter den Schemel des Sohnes
getreten. Nun lie sie ihre Hand klatschend auf den Nacken des
Abgewandten niederfallen. Ihre lebhafte, tatbereite Natur strubte sich
gegen solch ein zweckloses und unheimliches Hindmmern. Was hatte der
groe, krftige Bursche in sich hinein zu horchen, anstatt seinem
arbeitsunfhigen Vater hilfreich zur Seite zu stehen? Verlangte doch der
Vogt nach wie vor den vollwichtigen Fang. Junge, willst du wohl?

Mutter, unterbrach der kranke Riese erschreckt, indem er abermals
gegen den gefhrlichen Hustenreiz ankmpfte, und dabei versuchte er,
sich zu erheben, was ihm aber nicht sofort gelang. La -- la den
Jungen. Wer wei, was er hat. Er trgt Gedanken in seinem Kopf. Und
Gedanken kann man nicht immer verstehen.

Hieraus war zu entnehmen, was Hilda lngst wute, da der alte Beckera
in scheuer Achtung vor der wilden trotzigen Art seines Sohnes
dahinlebte, da er aber geradezu in Aberglauben und Bewunderung versank,
sobald sein Pflegling merkwrdige Fragen und Ansichten uerte, wie sie
der Rotbart in seinem einfrmigen Gewerbe niemals fr mglich gehalten.
Je weniger der Plumpe ein derartiges hitziges Arbeiten des Hirns
begriff, desto rckhaltloser fhlte er sich heimlich geschmeichelt, weil
solches an seinem eigenen Sassenherde geschah.

La ihn, Mutting, la, wer wei?

Ih, was hier, wer wei? schalt Hilda. Was ntzt das? Sie schlug noch
einmal zu.

Mit einem Sprung war der Knabe auf den Fen. Der zweite Hieb hatte ihn
geweckt. Der Napf auf dem Tisch zitterte vor dem ungestmen Auffahren,
selbst der Kienspan auf dem Herd schickte seine Flamme in dem Luftzug
rauchend zur Hhe.

Was ist? ermannte sich der Bursche, und seine Blicke umfingen seine
Angehrigen so dunkel und fremd, da alle merkten, sein Krper sei eben
erst, wie ein Stein aus Himmelshhen, unter sie gefallen.

Staunend, mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihn der alte Beckera,
sein harmloses Gemt bckte sich tief vor diesem vornehmen Entrcktsein
in eine andere Welt. Abwehrend hob er wiederum die abgezehrte,
faltenreiche Faust.

La, murmelte er noch einmal, kaum hrbar.

Die Mutter aber wnschte ihren Jungen aus seinem zwecklosen Hindmmern
aufzujagen.

Fehlt dir was? forschte sie barsch, whrend sie ihm ohne weiteres den
Holznapf fortnahm, denn die Ziegen konnten noch recht gut von den Resten
gesttigt werden. Wozu hockst du hier und glotzt vor dich hin?

Heftig schttelte sich der junge Claus, dann sprang er an die offene
Luke und trotz der feuchten Abendluft ri er sich den weien Kittel vorn
am Hals auseinander, bis ihm der Zugwind ber die nackte Brust splte.

Kalt, frstelte die Mattenflechterin in ihrer Ecke wehleidig zusammen.
Auch der alte Fischer hustete unvorsichtig.

Zu warm, viel zu warm, wehrte sich der Knabe. Pltzlich aber warf er
das braune Lockenhaar ungestm zurck und fhrte mit geballter Faust
einen besinnungslosen Hieb gegen die Bohlen des Fensters. In Wut und
strmischer Auflehnung entlud sich, was in seinem schwelenden Hinbrten
bedrohlich gegen ihn aufgestanden war.

Wir wissen hier von nichts, schrie er in bitterem Zorn, und seine
funkelnden Augen klagten alle Anwesenden der Reihe nach eines
unshnbaren Verbrechens an, wir wissen nichts von dem, was drauen
geschieht.

Verstndnislos maen sich die anderen. Allein, wenn sie auch nicht
begriffen, wonach diese entfesselte und von einem flchtigen Lichtstrahl
geblendete Seele schrie, die unverbildeten Menschen fhlten doch, da
sich hier etwas Ungewohntes und in seiner Anmaung Gefhrliches rege,
etwas Aufstndisches, Unbotmiges, das mit den Fusten gegen den Kfig
der Unmndigkeit und des Elends zu hmmern begann. Und das erfllte sie
mit Abneigung und Mitrauen. Die geduckten Nacken hatten ja lngst
verlernt, sich zu recken, und weil sie zu tief in Abhngigkeit gebeugt
waren, so hielten sie es beinahe fr eine Wohltat, die unwissenden
Hupter nicht mehr dorthin erheben zu brauchen, wo in der Hhe die
Blitze zuckten. Gott bewahre uns vor Ungemach. Unwillkrlich falteten
sich ihre Hnde. Und nur der kranke Riese atmete ein paarmal mhsam auf,
aber als er sich zu einer kleinlauten Frage anschickte, da bebte doch
etwas von zurckgedrngter Genugtuung in seiner gebrochenen und heiseren
Stimme, denn ihm kam es vor, als wenn seine Htte durch all dies sehr
geehrt und begnadet wrde. Gott wahre uns vor Ungemach.

Was wissen wir nicht, Jnging? rusperte er sich demtig und klammerte
sich mit beiden Fusten an das Lehnbrett seines Schemels, um aufrecht
sitzen zu knnen. Was wissen wir nicht?

Da bi der Angeredete in seine Unterlippe und zugleich rttelte er, von
neuer Besessenheit befallen, an der Umfassung der Luke, als msse er
sich durchaus einen verbreiterten Ausblick schaffen. Dazu tobte er
voller Verachtung gegen die Dumpfheit, die ihn hier umgab.

Wit ihr, da ein paar Meilen von uns zu Stralsund eine Tagfahrt
gehalten wird? Was ist eine Tagfahrt?

Der alte Fischer ri an seinem langmhnigen Bart, die Brust drohte ihm
stillzustehen, und durch sein blondgraues Struwelhaar drang ihm der
Schwei. Vor berraschung verging ihm vllig das Denken. Alle guten
Geister, um was kmmerte sich die junge Brut?

Groe Herrensache, vermochte er endlich seiner Atemnot abzuringen,
sie reden da.

Sein Pflegling trat ihm nher.

Von was reden sie da? forderte er begierig.

Den Alten umwirrte jetzt vollkommene Betubung. Noch nie war so etwas
Unntiges von ihm verlangt worden. Und nun gar von dem angenommenen
Sohne. Und doch ergriff ihn die ungewisse Ahnung, in diesem Drngen wehe
eine kstliche Luft, nach der er sich schon lange gesehnt, weil sich in
ihr atmen liee. Ja atmen, atmen, denn das Ersticken nahte wohl bald.
Hohl sthnte er auf, dann keuchte er hervor:

Sie reden da von uns, und was man uns nehmen soll, damit wir steuern.

Es klang wie das Heulen eines gemihandelten Hundes. Alte Erinnerungen
von Zwang und Demtigung richteten sich in dem Gestammel empor. Und bei
diesen aufreizenden Lauten beugte sich ihm der Sohn lauernd entgegen,
und seine Augen drohten unheilverkndend in der Htte umher, als suchten
sie jetzt schon den Eindringling, der da kommen sollte, um erpretes Gut
zu verlangen. Gott schtze uns vor Ungemach. Welcher Geist war zur bsen
Stunde in das junge Blut gefahren!

Sie reden da von uns? Und fragen uns nicht? rang es sich wie von
selbst aus dem erwachenden Bewutsein ab. Sind wir denn Steine?

Der alte Claus zitterte vor Angst. Ganz unvermittelt schmte er sich,
weil er sich von dem Unbekannten soweit verleiten lie.

La, mein Jnging, la, wir verstehen das nicht.

Eben, wir verstehen das nicht, zischte der Knabe. Ratlos schlug er
sich mit der Faust vor die Stirn.

Vom Herd erhob sich eine schrille Stimme. Dort stie Hilda die
Feuerzange wtend unter ihre Tpfe. In Scherben klirrte ein Napf auf den
Ziegelestrich.

Was ist das fr ein Zeug? zeterte sie in ihrer Befrchtung, rchende
Herrenhnde knnten sich an ihrem lebenden Schatz vergreifen. Hab' ich
dich dazu aufgefttert, damit du hier allerhand Unkraut sst? Meinst du,
wir knnten vom Wortefangen leben? Gleich schere dich dort hinaus, wohin
du gehrst. Oder willst du abwarten, bis dir die Peitsche des Vogts
Beine macht?

So laut ihre Stimme auch gellte, der schlanke Bursche wandte den Blick
auf die eifernde Frau, aber ihre Vorwrfe glitten von ihm ab, als wren
seine Ohren noch immer fr die Dinge des Alltags und der einfrmigen
Gewohnheit verstopft. Aufrecht stand er da, pltzlich ein Fremder unter
diesen kleinen furchtsamen Sassen, von der Zaubergerte einer Erkenntnis
berhrt, die er nicht zu bewltigen vermochte; und nur als durch seine
Trume das Wort Peitsche hindurchpfiff, da zuckte ein kurzer Schauer
ber seinen Nacken, und seine Hnde zitterten widerstrebend nach
rckwrts. Gleich darauf jedoch war auch diese Schwche abgeschttelt
und er konnte geschmeidig bis dicht an den Sitz des Alten herangleiten,
um dem aufhorchenden Fischer von neuem zuzuflstern:

Sag' mir, was sind Schuimer?

Oh, oh, winselte Anna Knuths Mutter klglich, und zu gleicher Zeit
nestelte sie aufgescheucht den silbernen Knopf in einen Schlitz ihres
Rockes. Bse Menschen, Claus, glaub mir, bse Menschen. Sie segeln in
ihren Raubschiffen, sie plndern das Gut der Reichen und morden die
Armen. Ich kenne sie. Versaufen und verschlemmen in einem Tag, was wir
des Jahres zusammengescharrt.

Seid still, stie Hilda an ihrem Herd hervor. Leichenbla war sie
geworden, seit ihre Sorge um ihren Einzigen sich an einen bestimmten
Begriff klammern konnte. Sprich ein Ave, mein Jnging. Ein frommer
Christenmensch darf die Rotte nicht kennen.

Ave Maria, heilige Mutter ---- sprach die kleine Anna folgsam vor
sich hin. Auch ihr Gespiele faltete unwillkrlich die Hnde, denn der
Wunsch der Mutter galt dem Aufgestrten immer noch als ein unabwendbares
Gebot. Dennoch hinderte ihn die Bewegung nicht, seinem Vater abermals
zuzuraunen:

Wer aber hat die Mnner so weit gebracht?

Ja, wer? murmelte der Fischer betubt. Pltzlich aber fate er den
Kopf des Sohnes in beide Hnde, und sein Leid und seine Krankheit und
die Bedrngnis eines ganzen Lebens vom Grund seiner Seele auffegend,
schrie er unvermutet in irrem Geheul:

Die Not, mein Jnging, ich mein' die Not.

Ja, die Not, sprachen die anderen jetzt gepackt und gleichfrmig vor
sich hin.

Da war der fesselnde Bann von dem Knaben gewichen. Ungehindert und in
der Lust sich zu befreien, brannte es hemmungslos aus ihm weiter:

Und wer gibt den Herren seidene Kleider und uns Lumpen? Wer gibt ihnen
Gold und Edelsteine und uns die Peitsche? Und wer gibt ihnen die
fremden Sprachen, die wir nicht verstehen, und uns -- und uns die
Dummheit?

Ja, wer, wer? wiederholten die anderen geistesabwesend.

Die armen Menschen hockten da, als seien sie mit Ngeln an ihre Sitze
geheftet und mten es dulden, da ihre Zungen die Eingebungen eines
fernen Geistes nachfften. Endlich -- endlich entri sich Hilda jener
lhmenden Verzweiflung. Mit einem Sprung war sie bei ihrem Kinde, das
sie der Macht des Teufels entreien zu mssen whnte, ein Schlag ihrer
geballten Faust schmetterte mitten in sein weiches, fieberndes Antlitz.

Mutter!

Da ri sie ihn an seinen langen Haaren und schleifte ihn fast bis zur
Schwelle der Kate.

Gleich packst du dich in dein Boot, schumte sie in bertriebener Wut,
obgleich eine unnennbare Angst ihr die Seele zudrckte. Geh -- geh,
Miggnger und Maulaffen brauchen wir hier nicht. Bring lieber was
Tchtiges heim, damit wir Ruhe haben vor dem Vogt. Und gnade dir Gott,
wenn du jemals wieder dein Maul auftust ber Dinge, die uns nichts
angehen. Ohne jeden bergang fiel sie dem schon in die Nacht
Geschobenen um den Hals, klammerte ihre Arme fest um seinen Nacken, und
zum erstenmal hrte der berwltigte Sohn seine Mutter betteln und
sthnen:

Tu's nicht, mein liebes Kind -- schlag' dir solche Gedanken aus dem
Kopf. Taugen nichts fr arme Leut' -- richten dich und uns zugrunde.
Sieh, die Herren sind nun einmal in Samt und Seide geboren und leiden
nichts anderes. Geh -- sei wieder mein lieber, guter Junge -- geh, geh!
Gewaltsam drngte sie den Zgernden, der in heier, geweckter
Zrtlichkeit ihren Mund suchte, von sich und wute nicht, da sie ihn
seinem Schicksal entgegentrieb.

       *       *       *       *       *

Noch befangen von all dem Widerspruchsvollen glitt Claus die Dnen
hinab; aber je klter ihm der scharfe Seewind um die Ohren strich, desto
klarer erholten sich seine lebhaften Sinne, und kaum sprten seine Fe
den feuchten Strand unter sich, da hatte das bewegliche und stets nach
Neuem schweifende Gemt des Knaben bereits den Streit mit den Seinen
vergessen. Krftig zog er sich den Ledergrtel enger und horchte im
Schreiten auf das unheimliche Schreien der wilden Schwne.

Jetzt eine Armbrust, wie sie den Herren eignet, dachte er, und ein
paar stattliche Federn fr die Kappe sollten mir nicht fehlen.

Die Nacht und die graue Leere, die sich wie ein offenes Tor auftat,
schreckten und hinderten ihn so wenig, da seine Augen vielmehr
anfingen, halb im Spiel den Schimmer der weien Strandwellen von dem
Gefieder der belauschten Vgel zu unterscheiden. Sie kmpfen da
drauen, urteilte er gespannt, und stoen einander gegenseitig die
Brust ein. Und dann scho es ihm durch den Kopf, ob es nicht mglich
sei, sich solch ein knigliches Tier zu zhmen. Noch niemand hatte das
zwar versucht. Es mochte wohl schwer halten. Aber sein nach Pracht und
Glanz ewig drstendes Herz wurde von dieser Idee vllig bestrickt.
Beinahe verga er bereits die Jagd nach den unsichtbaren Geschpfen.

Man mte gegen den Wind heranschleichen ---- murmelte Claus, und
dann ---- Da stutzte er. Dicht neben dem Pfahl, an dem sein Boot
angebunden lag, erhob sich eine dunkle Gestalt. Der breite, untersetzte
Mann mute bis dahin auf dem Bordrand gesessen haben, jetzt wendete er
sich voll dem Ankmmling entgegen, und durch die Nacht schimmerte
zuvrderst eine gewaltige Schdelplatte. Auch wenn die schwere, wuchtige
Figur noch tiefer von Finsternis bedeckt gewesen wre, dieses beinerne
Dach, gegen das sich rechts und links zwei dicke graue Haarwlste
abbuschten, wrde den Besitzer verraten haben. Zudem stand niemand so
herrisch auf gespreizten Beinen wie der Vogt. Schweigsam musterte der
Sechziger den Fischer, denn auch seinen Blicken bot die Dunkelheit kein
Hindernis, und erst nachdem er ein paarmal ber die kurze, vermottete
Bartkrause gestrichen, spuckte er hart und abfllig, wie es in seiner
Art lag:

Der Mond steigt schon. Warum kommst du so spt?

Ich?

Ja, dich meine ich, wen sonst?

Oh, da war es abermals. Claus Beckera kniff die Fuste zusammen, bis die
Ngel ihm ins Fleisch schnitten. Und doch erzhlten seine mhsam
zurckgepreten Atemzge ganz deutlich davon, welche Anstrengung es ihn
kostete, um seinen unzhmbaren Ha gegen den ewigen Zwang
hinunterzuwrgen. Knirschend vor berwindung bckte er sich, und seine
Hnde rissen viel heftiger an den Stricken des Bootes herum, als ntig
gewesen wre, um die Knoten zu lsen. Dabei stie er hinter
zusammengebissenen Zhnen hervor, da er ein Segel besitze und deshalb
viel schneller die Fahrt zurcklegen knne, als es selbst der Vogt mit
seinen plumpen Rudern vermchte. Und berdies -- allein das weitere
verlor sich. Schon stemmte er die Schultern gegen den Kahn, und
unbekmmert um den Beobachter begann er das Schifflein zwischen den
groen Steinen hindurchzuschieben.

Aufmerksam hrte der Vogt zu. Endlich jedoch nickte er wie in galligem
Vergngen ber die Kraft des Jungen, dann uerte er mit seiner markigen
Gelassenheit:

Schn, du wirst dein Segel ntig haben, denn ihr seid im Rckstand.
Lange warte ich nicht mehr.

Claus Beckera schob, er schob, als ob er den Strand von den Wldern und
Bergen losreien wollte. Ruhig lie es der Vogt geschehen. Als aber der
Bug des Schiffes gerade in das Wasser hinabtauchen wollte, da
schlenderte er pltzlich nher und legte seine Faust hemmend auf den
Bordrand.

Ruckartig fuhr der Bursche empor. Was gibt's? drohte er gepret, und
jetzt konnte er es nicht mehr hindern, da sich das Weie seiner
Augpfel unheimlich zu drehen begann. Wozu hltst du mich, Vogt?

Voll dumpfer Warnung durchschnitt es die Nacht, der salzige Wind fhrte
frmlich die Vorahnung einer Gewalttat, den Ruch eines aufschnellenden
Raubtiersprunges, mit sich; doch den Machthaber schien diese sich
windende Bosheit mehr zu ergtzen. Fast wohlwollend knurrte er:

Kuck, Shnlein, deine Lichter funkeln wie faules Holz. Wollen sehen, ob
man sie zu was Ntzlichem brauchen kann. Er warf den Arm vor und wies
seitwrts gegen das Meer. Pa auf, was siehst du da?

Von dem Ernst des Mannes getroffen, kehrte sich Claus berrascht der
angedeuteten Richtung zu, heimlich geschmeichelt, weil der Gefrchtete
offenbar seine Hilfe in Anspruch zu nehmen gedachte.

Nun? forschte der Alte nach einer Pause.

Merkwrdig, der Junge beugte sich ber das Boot und starrte hinaus. Zu
seiner Linken, dort, wo der Umschwung der Wlder dunkel und schwarz zur
Stubnitz abbog, glomm ein schmaler Feuerstreifen auf dem Gewsser. Eine
schaukelnde rote Lache wiegte es sich, immer wieder von der ebbenden
Flut zerrissen und ebensooft von neuem zu einem losen, blitzenden Flie
gesammelt. Auffllig stach der Schein von den blassen, silbernen Rillen
ab, die weit hinten am Horizont der heraufgleitende Mond in das Wasser
furchte.

Was konnte das bedeuten?

Gepackt strengte Claus Beckera sein Sehvermgen aufs uerste an, lngst
war er auf die umsplten Strandsteine gesprungen, und nun suchte er dort
drauen, suchte, ob vielleicht ein Schiff mit entzndeten Pechfackeln
seines Weges glitte.

Doch der Vogt lehnte brummig eine solche Vermutung ab. Seit drei Nchten
fahnde er vergeblich den Strich entlang. Auch dort oben auf der
Freiplatte von Stubbenkammer htte er nachgeforscht. Umsonst -- auer
ein paar Rehen nichts Besonderes! Und doch, wie zum Hohn flimmere die
verwnschte rote Haut auf dem Wasser.

Verrgert kehrte sich der Alte ab, als mchte er das ffende Feuerspiel
nicht lnger betrachten.

Sieh zu, Shnlein, meinte er zum Abschied, und es klang wieder recht
giftig und berlegen, ob du klger bist als wir anderen. Hltst dich ja
ohnehin fr einen stattlichen Hecht. Am Ende glckt dir der Fang. Wird
dir gewi greren Spa bereiten, als Heringe ziehen und Flundern. Aber
gib acht, setzte er noch im Fortgehen hinzu und hob warnend den
kronengeschmckten Stab, da du nicht in eine Falle gertst! Wer wei?
Die Rotte mchte vielleicht den Herren zu Stralsund was zum Raten
aufgeben. Und schon auer Hrweite lachte er kurz in sich hinein: Wer
kriegt heraus, wo die Freunde des armen Mannes gern gesehen werden? Es
ist Becherspiel.

In demselben Augenblick setzte Claus Beckera von seinem Stein mit einem
weiten Sprung in das Boot. Hochauf peitschte der Schaum, und der Wind
trieb ein helles Jauchzen herber.

Es steckt ander Blut in ihm, dachte der Vogt, als in dem faulen
Bauch. Bauernblut, Sassenblut, das Blut des armen Mannes. Die Augen des
Jungen glhen, wie wenn eine Htte brennt. Man wird ihm fter eins auf
den Kopf geben mssen. -- Schade, mag ihn gern leiden.

       *       *       *       *       *

Es war zur gleichen Stunde, als die beiden dnischen Groen im
Gastzimmer des Klosters ihre Betten aufsuchten. Der Reichshofmeister
Henning von Putbus sa bereits entkleidet auf dem breiten Pfhl, und
seine nackten Beine sahen so elend mager und abgezehrt aus, da der
Hauptmann Konrad Moltke, der nach einem reichlichen Trunk mit der
lleuchte in der Hand in dem kahlen Raum herumtaumelte, um einen Nagel
fr seinen Lederkoller zu finden, von Zeit zu Zeit in ein heiseres
Kichern des Abscheus ausbrach. Als aber der Drost whrend seines tiefen
Grbelns sich noch eine spitze Nachtmtze ber den langen Schdel zog,
da kannte das Vergngen des halb Berauschten keine Grenzen.

Bellissimo, lallte er und hielt seinem Gefhrten die zinnerne Lampe
fast unter die Nase, damit er ihn besser betrachten knne. Man tut Euch
Unrecht, Drost; auf mein Schwert, bitteres Unrecht, Drostlein. Ich wei
es jetzt -- Ihr bezaubert unsere erhabene Knigin durch die
Schlagfertigkeit Eures Witzes -- sagt nichts, ich bezeuge es. Ja, wenn
Ihr noch ein Pfaff wret, solch ein weicher, niedlicher, dann, dann
---- Krampfhaft schluckte er ein paarmal, und die Erinnerung an die eben
genossenen Tafelfreuden stie wieder empfindlich gegen sein schwankes
Hirn. Gut, gut, gab er den neuen Eindrcken nach und sank, immer die
Leuchte zwischen den Fingern drehend, mitten in dem Zimmer auf einen
geflochtenen Stuhl nieder. Es kommen jetzt reiche Zeiten. Wir brauchen
nur -- brauchen nur den Schuimern all die hbschen Dinge aus den Taschen
zu ziehen, die sie gar fleiig zusammengekratzt, und Ihr knnt Euch
Margretlein in einem seidenen Hemd vorstellen. Meiner Seel ----

Steht auf und seht zu, ob wir nicht behorcht sind? sagte der Drost
einsilbig statt einer Antwort.

Behorcht? fuhr der Krieger etwas ernchterter empor und tastete sich
beleidigt an die Stelle, wo frher sein Wehrgehenke befestigt war --
Ihr meint die Kutten? Ih, da soll doch gleich ein Mordsdonner ----

Schwerfllig wankte er bis zu dem engen Pfrtlein und lugte hinaus.
Allein seinem trben Blick enthllte sich nichts als ein dnischer
Knecht, der am Ende des schmalen Ganges unter einem Bogenfenster die
Wache hielt. Undeutlich glitzerte das Mondlicht auf seinem Kettenhemd.

Knallend warf der Hauptmann die Tr ins Schlo. Dann frstelte er
zusammen.

Nichts, stellte er ermdet fest und schaute wieder verglast auf den
langen Menschen unter der Zipfelmtze. Habe ihnen einen unserer Spiee
in den Weg gestellt. Was sonst?

Was sonst? Behutsam war der Drost unterdessen ins Bett gekrochen, und
whrend er nun den Schlafsack ber sich zog, der fr die unmige Lnge
dieser Gliedmaen keineswegs ausreichte, da blinzelte er zu seinem
wieder hingesunkenen Gefhrten hinber und schien zu prfen, ob die
glhende Geiernase noch ein Trpfchen Vernunft zu wittern imstande
wre.

Solltet Ihr mich verstehen, sprach er endlich mit seiner leisen,
salbungsvollen Stimme, dann rate ich Euch, Herr Hauptmann, versprecht
morgen den Hansischen und denen vom preuischen Orden und namentlich den
mitrauischen Stdtern, was unter dem Himmel Raum hat. Wir Dnen
schicken Schiffe, da man die See nicht mehr wahrnimmt, und Wppner,
soviel als Sterne um den Mond wandern. Greift tief in den Beutel unserer
guten Absichten und seid nicht sparsam.

Der auf dem Strohstuhl hielt sich die Hand hinter das Ohr, damit er kein
Wort verliere, und der runde glnzende Schdel begann lebhaft zu nicken.
Die Aussicht auf die nahe Beute vertrieb dem Habschtigen sogar den
Weindmmer ein wenig.

Recht, recht, stimmte er gierig zu. Wir tonnen die Schuimer. Ihr
wit, meine Erfindung. Wir stecken sie in Fsser, den Kopf nach drauen,
und lassen sie schwimmen. Gute Ware, an der sich redlich verdienen
lt.

Da zog Herr Henning von Putbus die Nachtmtze vllig herab und kehrte
sich der Wand zu.

Ich sehe, Ihr versteht mich nicht, meinte er gelassen. Lscht das
Licht und schlaft Euch aus. Und noch eins, Liebwerter, habt die
Gewogenheit und wollet nicht schnarchen. Morgen mehr.

Der Hauptmann aber zerrte seine niedrigen Lederstiefel ab und knallte
sie bse gegen die Wand.

       *       *       *       *       *

Mitten in der Nacht erlosch die feurige Lache auf dem Meere. Pltzlich
und unvorhergesehen, als htte ein Riesenfu den Brand zertreten.

In dem Boot aber, das dicht umwlkt an den Strand glitt, da flsterte
eine feine Wisperstimme:

La uns den Zufall anbeten, schner Knabe. Frwahr, eine mchtige
Gottheit. Sollte auf dieser lieblichen Insel oder in dem Palaste deiner
Vter mein Glck eine erfreuliche Wendung nehmen, dann gelobe ich den
wechselnden Horen hundert Ochsen. Du staunst, schner Fischer? Warum?
Weil du mich in Lumpen erblickst. La dir bedeuten, die Kinder des
Zufalls spielen heute mit Bettlerpfennigen und morgen mit Szeptern und
Kronen. Pah, ich schlief schon in den Betten eines Knigs.

Wer bist du? atmete Claus fast unhrbar. Angeschmiedet hing er an
seinen Rudern und wagte kaum durch eine Bewegung die Rede seines Gastes
zu unterbrechen. Und als es von neuem fein und wisperstimmig aus dem
milchigen Schwaden heraustnte, da mute sich der Bursche besinnen, ob
jetzt ein Mann oder ein Weib sprche.

Wer ich bin? lachte es zierlich, und eine zarte weie Hand glitt fr
einen Augenblick aus dem Nebel. Wenn du _Magister probandus_ des
Kollegiums zu Paris wrest, du Holder, du httest keine schwierigere
Aufgabe ersinnen knnen. Doch immerhin, la uns untersuchen. Laut
_Testimonium logicum_ ist das 'ich' von dem 'bin' abhngig. Prfen wir
hingegen die Frage nach _jure praesente_, dann, mein schner Telemach,
dann wre ich Strandgut, von dir gefunden und nach Gutdnken zu
verwenden. Darum gestatte mir, das Examen mit der Gegenfrage zu
schlieen: Was gedenkst du mit mir Hungrigem zu beginnen?

Claus Beckera rhrte sich nicht. Sprachlos, kaum einen erstickten Laut
in der Kehle, starrte er zu der feingliedrigen Gestalt hinber, und nur
wenn sich die Wolle des Nebels ein wenig zerfaserte, dann wagte sein
scheuer Blick ber das zerrissene braune Schifferwams des Fremden zu
streifen, der so unverstndliche Dinge vorbrachte. Glhende Neugier
peinigte ihn, ob jene beschmutzten Lumpen wirklich einen Mann verbargen.
Wei Gott, das war zweifelhaft. Gar zu weich und zrtlich zeichneten
sich mdchenhafte Glieder unter den Fetzen ab, und man brauchte nur die
an einigen Stellen der Ble hervorglnzende weie Haut zu betrachten
oder die langen gelben Haare, die ein schmales bartloses Antlitz
einschlossen, um von neuem der Unsicherheit zu verfallen. Und dann noch
eins. Wie kam der Landstreicher zu der dicken goldenen Kette um seinen
entblten Hals? Wie zu dem kstlichen Schlangenreif um die rechte
Handfessel? Nein, nein, Claus regte sich nicht, denn die Unsicherheit
betubte ihn. Hatte er womglich ein Weib in der Hhle zwischen den
Kreidefelsen gefunden?

Mit einem vieldeutigen Lcheln nahm der Fremde diese heimliche
Untersuchung auf, dann aber schien ihn Ungeduld anzuwandeln, und
pltzlich, als ob ihm daran lge, sich ein fr allemal zu offenbaren,
ri er sich hastig die enganschlieende lederne Kappe vom Haupt. Zu
gleicher Zeit jedoch sprang er zur Hhe und raffte einen langen,
verkorbten Hieber an sich, wie er wohl nur in Welschland gebraucht
wurde.

Was war das?

Der Fischerjunge fiel beinahe rcklings in den Stern seines Bootes.
Diese ungestme, krftige Bewegung, die das Fahrzeug, obschon es bereits
zwischen den Steinen eingeklemmt lag, zum Zittern brachte -- und dann
vor allen Dingen die breite blutige Narbe auf der Stirn des Fremden, sie
warfen alle Vermutungen des Unerfahrenen ber den Haufen. Gott bewahre,
nun stand es fest -- vor ihm, auf den Hieber gesttzt, wiegte sich trotz
allem ein Mann und offenbar kein ungefhrlicher, denn unter den sanften
Brauen des Fremden begann ein mitrauisches, unstetes Flackern
aufzuleben. Und jetzt, jetzt bemerkte Claus erst, sein Gast besa
doppelfarbige Augen, ein blaues und ein schwarzes, wodurch eine
unheimliche Zwiespltigkeit hervorgerufen wurde. Denn whrend der blaue
Stern unverndert lachte, schien aus dem dunklen eine drohend ernste
Frage auf den Sitzenden herniederzublitzen.

Hre, mein Tubchen, sprach der Fremde nachdrcklich, und auch das
feine Wispern war aus seiner Stimme verschwunden, ich habe dir die
_opinio vulgi_, die Treuherzigkeit des gemeinen Haufens, geglaubt, als
ich aus meiner Zurckgezogenheit in deinen Kahn sprang. Ich habe nicht
angenommen, da du ein Fuchs bist, der einem hinten herum in die Beine
fhrt. Solltest du aber trotzdem einen derartigen Scherz planen, dann,
mein Prinz, wrde ich sehr gegen meinen Willen die Leitung dieses Kahnes
bernehmen mssen, denn ich verstehe mich, wie ich dir schon andeutete,
gar nicht bel auf das Rudern, und wir wrden auffallend rasch in den
acherontischen Gewssern anlangen. Begreifst du mich?

Schlank, mdchenhaft hing die biegsame Figur, die fast um einen Kopf
geringer war als die von Claus Beckera, an ihrer auslndischen Waffe,
aber ber das blasse, bartlose Antlitz lief zugleich ein so verbissener,
warnender Zug, die gepflegte Rechte zuckte so bedeutsam an der dicken
goldenen Kette, da Claus, er wute selbst nicht warum, von dem Gedanken
gestochen wurde, man knnte dies Zierstck wohl auch dazu verwenden,
jemandem den Hals abzuschnren.

Allein der Junge frchtete sich nicht, keck flog er empor, und als er
sich jetzt, um ein Haupt berragend, neben dem Fremden aufreckte, da
leuchtete ihm von der Stirn stolz und rein der Helferwille der Jugend.
Betroffen mute der Landstreicher die unwillkrlich edle Art seines
Fhrmanns anerkennen, und whrend er seine zwiespltigen Augen
eindringlich auf dem anderen ruhen lie, drehte er nachdenklich und
prfend an seinen gelben Haaren. Er schien kein geringer Menschenkenner
zu sein.

Du kommst nur zu gemeinen Leuten, sprach Nikolaus mit Aufgebot seiner
hellen Vernunft, damit das Abenteuer nicht vollkommen Herr ber ihn
wrde, und deine schnen Worte gefallen mir wohl, obwohl ich sie nicht
verstehe, denn mein Verstand ist ungelehrt. Hier schwankte seine Stimme
zwar ein wenig und seine Fuste wollten sich ballen, doch sofort gewann
sein frisches Wesen wieder die Oberhand. Ja, er konnte seinen Gast jetzt
sogar freimtig anlcheln. Wenn es aber wirklich deine Absicht ist, bei
uns eine Weile als Fischerknecht zu bleiben, weil du dich, wie du sagst,
vor den Nachstellungen der Reichen und Mchtigen verkriechen mut -- wenn
das alles wahr ist, dann will ich meinen Vater wohl dahin bringen. Denn,
kuck, Fremder, du gefllst mir, und da wir selbst bedrckte und
gepeinigte Leute sind, so kennen wir Hunger und Peitsche zu gut, als da
wir Verfolgten und Bettlern nicht gern weiterhelfen sollten. Nur eines
-- und er wandte sich mit der ganzen Offenheit eines um Freundschaft
Werbenden an den kleinen strohblonden Mann und streckte ihm die Hand
entgegen, sage mir, du meinst es doch redlich?

ber den Nebeln war rot und blendend ein schmaler Abschnitt der
Frhsonne in die Hhe gebrochen. Davon rnderten sich die schwarzen
Wolken, und ein sengender Strahl spielte in das Boot hinein. Doch den
Strohblonden schien die unerwartete Helligkeit zu stren, ungewi
scheuerte er sich hin und her, und whrend er sich ungemtlich in seine
Lumpen hllte, da warf er erst noch einen sphenden Blick auf die
menschenleere Kste, bevor er endlich mit raschem Griff die dargebotene
Rechte des Knaben an sich ri. Aber die zarten Finger preten, da Claus
htte schreien mgen.

Komm Kleiner, sprach es wieder mit einer kosenden Mdchenstimme, du
verstehst dein Handwerk, bist ein Menschenfischer, wie ihn der Gtze von
Rom nicht besser brauchen knnte. Und willst du ein Zeichen dafr, wie
sehr du meine arme Seele geangelt hast -- hier -- hier-- Ohne Besinnen
sprengte er die goldene Kette vom Halse und drckte sie gemeinsam mit
dem Hieber seinem Fhrer in den Arm. Gib mir ein Stck Brot dafr,
ser Telemach. Aber schnell, schnell, denn mich lstet nach einer Streu
im Winkel des Stalles.

Wohlwollend, fast zrtlich streichelte er dem verdutzten Jungen die
Wange, dann duckte sich der Kleine und fuhr wie ein Wind an den Strand
der Sassen.




IV.


Es war eine lange Beratung erforderlich, bevor die Beckeras den Fremden
zu dauerndem Dienst in ihrer Behausung duldeten. Zu verschiedenen Malen
zogen sie, laut streitend, vor den Ziegenstall, wo der Ankmmling sich
wie ein Igel in einer Ecke zusammengerollt hatte. Denn ein
Landstreicher, der goldene Ketten verschenken konnte, erregte der
Hausmutter unstillbaren Argwohn. Und dennoch schwieg sie und blickte mit
mtterlicher Teilnahme auf die zierliche Puppe hinab, die, das Haupt mit
den wirren blonden Haaren auf den Arm gebettet, einem arglosen Schlummer
verfallen war. Zwar ihren Haupteinwand lie sich die Kluge nicht rauben.
Das Schmuckstck, das der Kleine sicherlich nicht auf ehrliche Weise
erworben, das stopfte sie ihm gleich bei ihrem ersten gemeinschaftlichen
Besuch hastig und abgeneigt unter das Heulager, und ihre Zge
verfinsterten sich, als sie dabei bemerken mute, wie sehnschtig ihr
Sohn das Verschwinden der Schnur verfolgte.

Teufelsgold, sagte sie hart. Fngt Seelen. Ich kenn' das.

Krftig sttzte sie sich auf die offene Stalltr, und ihr Argwohn flog
zu ihrem Eheherrn hinber, ob der wohl das rasche Wort verstanden haben
knnte. Allein der kranke Riese hatte sich lngst entwhnt, seinem Weibe
nachzusphen. Auch beschftigten ihn seine eigenen Vermutungen viel zu
grndlich, woher sich der Fremde wohl die blutige Narbe ber der Stirn
geholt haben knnte. Zu jener Zeit redeten solche Schrammen mit der
Stimme unserer Zeitungen, anregend, jede ungebte Vorstellung
beflgelnd, und so kam es, da auch dem groen, schlank gewachsenen
Jungen die heimliche Parteinahme fr den Fremdling beide Wangen frbte.
Das Herumtasten, das Rtseln an einem bereits beneideten Leben, das
trieb seine Einbildungskraft ber Stock und Stein, durch Heldentum und
undeutliches Verbrechen.

Es war eine Stunde des Erwachens.

Tief seufzte er auf, als seine dunklen Augen sich, durch ein Wort seiner
Mutter aufgescheucht, von dem Hingestreckten trennen muten.

Mann, forderte Hilda von ihrem Eheherrn, was denkst du?

Da besah sich der alte Claus Beckera nochmals eingehend den Hieber, den
er frsorglich an sich genommen, wog das feine, biegsame Eisen und
darber den merkwrdig verstelten Korb am Griff -- ein Stck, wie es im
Norden, allwo breite gerade Schwerter geschmiedet wurden, nirgends im
Gebrauch war, und dann schttelte der Kranke von neuem nachdenklich das
Haupt.

Mutting, flsterte er mit offenem Munde, da sich seinem dumpfen
Verstande die Herkunft und das Wesen des winzigen Kerlchens immer
dunkler verschleierte, Mutting, meinte er und hob unsicher die Waffe,
er mu wohl von weit herkommen. Und da ihn der Junge in der Spalte
zwischen den Felsen gefunden -- meiner Treu, ich wut' gar nicht, da
sich dahinter solch eine weite Hhle auftut -- ja, da mcht man wohl
denken, da der Mensch Grund hat, sich zu verstecken. Schnurrig -- ist
noch so jung, setzte er wrmer hinzu.

Nicht lter als ich, fiel hier der Sohn lebhaft ein, der schon dafr
zu kmpfen bereit war, an dem Schlfer einen Genossen gefunden zu
haben.

Doch das Weib bog sich weit ber die Stalltr, um dem Umstrittenen noch
einmal grndlich das schmale Antlitz zu durchmustern. Dabei fielen der
Kundigen die vielen scharfen Fltchen um den Mund des Fremden auf, und
daneben entdeckte sie, wie genuschtig und verchtlich sich sogar im
Schlummer die Lippen und Nstern dieses angeblichen Knbchens wlbten.

Nein, die Hausfrau richtete sich auf und entschied bestimmt, der hat
schon viel durchgemacht. Mag sich in Kot und auf Seide gewlzt haben.
Und zhlt wohl so beilufig gegen dreiunddreiig Jahr.

Das wre, murmelte der alte Claus verdutzt und glttete sich verlegen
den Bart. Aber gleich darauf sammelte er seinen Glauben zu der Meinung,
die schon lange in dem Stillen nistete: Kuck, Hilda, es sind wilde
Zeiten, die werfen den Menschen hin und her. Ich merk's an mir, es ist
eine Unruhe ber die Armen gekommen, so da keiner mehr wei, wo er
seinen Platz hat. Deshalb, Mutting, mein' ich, wer ein Haus hat und Weib
und Kind, der soll solch Friedlosen nicht wegjagen, sondern festhalten,
so er anwachsen will. Denn der Wind treibt uns alle. Heute mich, morgen
dich. Wer kann wissen, wann wir selbst ausgerissen werden?

Da schwiegen die Streitenden und sphten ngstlich ber sich in den
hellen Tag.

       *       *       *       *       *

Als aber gegen Mittag das zierliche Knbchen fein und sittsam am Tische
der Sassen in der Htte sa, als es die wohlgeformten Beine hbsch
rcksichtsvoll unter den Schemel zog, damit der ohnehin schmale Raum
nicht unntig verengt wrde, als der blonde Gast nicht, wie die anderen,
mit der Faust in die dampfende Schssel voll Brot- und Ksesuppe langte,
um seinen Anteil zu erwischen, sondern aus seinen Lumpen ein zinkiges
Holzstbchen hervorzog, womit er die Bissen suberlich aufspiete, und
wie der Fremdling vor allen Dingen mit seiner wohllautenden kosenden
Stimme bescheidentlich und hchst verstndlich -- ja ganz in der Sprache
des buerlichen Mannes -- die alten Beckeras ber Herkunft, Stand und
fernere Absichten belehrte, da zerstreuten sich allmhlich die Bedenken
der mitrauischen Husler, und ihr harmloser Sinn merkte gar nicht, auf
welch feine und schmeichelnde Art ihr Widerstreben in seidene Fden
eingesponnen wurde. Wie wute das kleine Kerlchen aber auch zu erzhlen,
wie rollten unter seinen Worten dichte Wolkenschleier in die Hhe,
hinter denen die Ksten ferner Lnder auftauchten, und Schlsser und
Stdte und Hndel und Getriebe der Welt. Wo hatte er sich berall
umgetan, in welch verschiedene Geschfte und Gewerbe seine sanften
Kinderhnde gesteckt; und hauptschlich, wie lebendig er Geschehenes und
Gesehenes zu formen wute, um es gegenwrtig auf die Diele der
Sassenkammer hinzuzaubern, bald durch eine Bewegung, bald durch
nachahmendes Spiel, das zog ihm seine Zuhrer willfhrig entgegen. Und
mit einem kaum sichtbaren Lcheln trieb er die gewonnenen Seelen vor
sich her. Nur der junge Claus Beckera, der mit verkrampften Hnden und
keuchender Brust lauschend neben dem Stuhl des Fremden hing, als ob ihm
der geistige Lauf noch immer nicht schnell genug ginge, ihm zitterten
mitten durch seine leidenschaftliche Bewunderung hie und da die Einwrfe
einer khlen Vernunft hindurch, und dann kam ihm zwischen all dem bunten
Maskenspiel der Einwand, warum wohl der Ankmmling zwei voneinander so
grndlich verschiedene Sprachen redete. Denn das merkte der achtsame
Scharfsinn des Jungen sofort, die Weise des Zierlichen klang anders,
seitdem er sich an die Alten wendete. Einfach, schlicht, bauernmig,
all der vornehme und unverstndliche Putz fehlte, durch den er vorhin
seinen Fhrmann im Kahn so sehr gefesselt und geblendet hatte. Und der
junge Claus erriet mit Widerstreben, da der Angesplte offenbar einen
gewichtigen Teil seines Wesens zu verdunkeln strebte, als ob gerade
dasjenige Gefahr brchte, was dem nach Wissen gequlten Buben so
kstlich und erstrebenswert erschien. Deshalb prete der Junge auch
widerwillig den Mund zusammen, und die Angaben des Fremden, die er jetzt
auf Forderung der Alten ber sein bisheriges Treiben machte, sie glitten
belanglos und unwahrscheinlich an dem Aufgestrten vorber. Nein, nein,
schon jetzt beschlo er, er wollte binnen kurzem eine vertraute Stunde
wahrnehmen, um den gewandten Taschenspieler hrter zu prfen. So
wappnete sich Claus denn mit einer knstlichen Gleichgltigkeit, und
doch, kaum hatte der strohblonde Mensch in seiner mitreienden
Lebhaftigkeit die Geschichte seiner Fahrten begonnen, da summte es dem
jngsten der Zuhrer auch schon vor den Ohren, und siehe da, ganz gegen
seinen Willen schleppte ihn der starke, fremde Strom von dannen. Und es
handelte sich doch nur um eine Begebenheit, absichtlich einfach und
alltglich ersonnen.

Nichts fr ungut, hrte der Sohn den alten Beckera tasten, denn der
Riese schmte sich, seine Wohltat an Bedingungen zu knpfen. Wie magst
du dich heien, Mann?

Der Kleine zupfte an seinen gelben Haaren und lchelte unschuldig. Eine
Erinnerung an seine Kindheit schien ihn zu haschen.

Heino Wichmann, erwiderte er, sich leichthin verbeugend, was er jedoch
mitten in der Bewegung unterdrckte. Meine Wiege hing in Hamburg
zwischen zwei Lederriemen.

Da streichelte der junge Claus unwillkrlich ber den Schemel seines
Gastes. Er wute selbst nicht warum, aber aus dem Namen des Kleinen
musizierte es auf, wie von Fltenspiel auf einer Kirme.

Heino, flsterte er fast zrtlich.

Die Mutter jedoch schlug abwehrend mit der flachen Hand ber den Tisch.
Und dein Vater? fragte sie lauernd.

Heino Wichmann schlo das schwarze Auge. Er glich gnzlich einem guten
sanften Kinde, als er nun ehrfrchtig vorbrachte:

Ich brauche euch nichts zu verbergen. Mein Vater war ein znftiger
Sattler, und ich selbst hatte schon in seiner Werkstatt auf dem
Mnkedamm mein Gesellenstck gefertigt, einen Kutschbock fr den Herrn
Alderman Tschokke, als mich der Rat mit anderer Jungmannschaft aushob,
damit wir als hansische Besatzung drben nach dem dnischen Schonen in
das feste Schlo Helsingborg gelegt wrden.

Dnemark, atmete der alte Claus still vor sich hin und hob witternd
die Nase gegen die Fensterluke, hinter der sich der blaue Strich des
Meeres hob und senkte. Fr ihn lag das Nachbargestade unmebar fern
hinter den schaukelnden Glashgeln. Schonen? Helsingborg, so weit?
dachte er kopfschttelnd.

Sein Sohn aber fhlte sich vom Erdboden aufgehoben. Waren doch an ihm
erst gestern die Sendlinge einer bunten, kaum begreifbaren Gemeinschaft
vorbergezogen, die seidenen Fahnen ihrer Gewandung hatten ihn
gestreift, halb verstandene aufregende Andeutungen sein grendes Hirn
getroffen, jetzt drngte es den auf dem Gewoge der Unwissenheit wtend
Herumgeworfenen, sich irgendwo anzuklammern.

Wundersam bedrngt spannte er den braunen Lockenkopf in beide Hnde, und
whrend er bohrend vor sich hinstarrte, lste es sich wie die Hlle
eines inneren Traumes von ihm ab:

Dort herrscht ein Weib. Wie war's doch? -- Margareta.

Der Ausruf klang wie das Sehnen eines Eingekerkerten, wie der
Hilfeschrei eines Unfreien, der in einer Grube hockt und den Himmel um
Licht anfleht, und sofort richteten sich auch die Hupter der Seinen
unheimlich berhrt und abmahnend gegen den in inneres Schauen
Verlorenen.

Was sollte das? Woher kam dem Ungelehrten diese Kunde? Und konnte dem
Sassensohne der Drang nach so gewaltigen Dingen nicht Unsegen stiften?
Denn darauf kam fr sie alles an. Man wollte doch ungestrt leben!

Auch ber das halbgeschlossene schwarze Auge des Gastes war bei dem
unerwarteten Einwurf ein kurzes Zucken gelaufen, dann jedoch bewegte er
gleichgltig die schmalen Schultern, und als wre nichts besonders
Aufflliges geschehen, fuhr er ruhig in seiner bescheidenen Schilderung
fort.

Ja, ja, Margareta, nickte er, sich schwierig besinnend. Ich meine, so
heit die Wittib. Hat ein kleines zartes Bblein, fr das sie die
Herrschaft in acht nimmt. Mag sie. Was schiert uns Geringe die Plackerei
der Groen? Wenn wir nur unsere Lhnung pnktlich erhalten und sonst in
Ruhe unser Brot essen knnen.

Ja, stimmte Hilda zum erstenmal gierig zu, das ist das Rechte.

Den alten Claus dagegen zog es aus dem Allgemeinen zu etwas Nherem.
Nun, hstelte er gespannt, habt ihr Hansischen pnktlich eure Lhnung
erhalten? Habt ihr in Ruhe euer Brot gegessen?

Jetzt hob auch der junge Claus das Haupt, und aus seinen schwarzen Augen
zngelten ungestme Flammen nach Abenteuer und Erlebnis.

Wie war's? stammelte er.

Unruhig, lrmvoll, sagte der Kleine und faltete die Hnde auf dem
Tisch wie ein artiges Kind, das eine Geschichte wiedergeben soll. Ihr
knnt euch denken, die Frau hat viele Widersacher innen und auen. Ist
eben doch ein Spinnrocken, dem sich der Schnauzbart ungern beugt. In der
Nhe streckt, wie man sagt, der drre Schwedenknig Albrecht die Finger
nach dem saftigen Erbe und treibt seinen ausgehungerten Spott ber den
Unterrock und die Kunkel. Da knnt ihr in jeder Schenke hren, wie er
erst jngstens der 'Dirne der Pfaffen' -- also schimpft er die Regentin
-- feierlich Schere und Fingerhut berreichen lie nebst einem
Wetzstein, damit sie ihre Nadeln daran schrfe. Und innen da schreien
die Krmer darber, weil sie uns Hansische in Helsingborg, Falsterbo und
Ikanr einliegen lie, denn wir Deutschen, heulen sie, nhmen ihnen den
Markt. So kommt es dann oftmals zu Auflufen, und bei einer solchen
Zusammenrottung, seht ihr, da zeichnete mir ein vorlauter Schwertfeger
seine Zunftmarke auf die Stirn.

Hier lachte der Strohblonde wie ber einen wohlgelungenen Streich,
wickelte sich die gelben Haare spielend um den Finger und lie die
wohlgeformten Beine vergngt schaukeln.

Und du? stotterte Nikolaus erwartungsvoll, denn seine verehrungsheie
Hingabe an den Fremden verlangte dringend von Gegenwehr und scharfer
Vergeltung zu hren. Was tatest du?

Ich? Erst ma der Kleine die alten Beckeras, in deren stumpfen
Gesichtern sich schweigend der Abscheu vor Brgerkampf und
Sldnerbergriff malte, dann hob er ebenfalls abgeneigt die Achseln, um
sofort in seiner leisen, unschuldigen Art zu hauchen: Mir liegt nichts
an dererlei Ehrenschuld. Daran drft ihr nicht glauben. Gott bewahre,
ich bin ein Brgersohn und will nur hoffen, da dem Ehrsamen der kleine
Hautritz gut bekommen sei. Und damit er nicht tiefer in diesen Punkt
verstrickt wrde, begann er emsig auf der rohen Tischplatte hin und her
zu zeichnen, als ob er das folgende schriftlich niederzulegen htte.
Wie es aber so geht, ihr guten Leute, es erhob sich trotzdem ein wildes
Geschrei bei den Dnischen, und schlielich waren unsere Hauptleute um
des lieben Friedens willen gezwungen, etliche ihrer Leute von sich zu
tun. Darunter wunderbarerweise auch mich, Heino Wichmann.

Heino, wiederholte hier der junge Claus abermals von Liebe getroffen
und legte seinem Gaste zrtlich die Rechte auf die Schulter. Gepackt
wandte jetzt auch der Kleine dem glhenden Jungen sein schmales Antlitz
zu, seine beiden Augen ffneten sich weit und zogen frmlich die
flatternde Seele des Unbehteten an sich. Das geschah aufblitzend,
schnell, wie ein einfallender Lichtstrahl. Die alten Beckeras merkten
nichts von dem geschlossenen Bund, weil sich ihren Werktagsblicken nur
enthllte, wie das Kerlchen emsig auf den Tisch hmmerte, gleich
jemandem, der das Wichtigste rasch vorzubringen wnscht.

Es lag gerade eine Freibeuter-Kogge unterhalb Helsingborg, bemhte er
sich, unauffllig vorberzugleiten, und man konnte meinen, jemand, der
eine dnne Eisdecke unter sich brechen sprt, wage hastig prfende
Sprnge dem Lande zu. Ein mchtiges Schiff, wollte er fortfahren, das
dort Handel trieb. Dorthin brachte man uns. Allein mitten in den
flchtenden Stzen fand er sich festgehalten, gepackt von sechs
ngstlich zitternden Augen, die sich wie eine Kette ber seinen Weg
spannten. Zugleich flsterten und schrien heisere Stimmen, in
Beklemmung und Schrecken, durcheinander.

Wohin brachte man dich, Unglcklicher? -- Wohin?

Gott, auf ein Fahrzeug der Schuimer, der Schwarzflaggen, oder wie man
sie sonst nennt, huschte der Kleine mit dem Ton der Gleichgltigkeit
weiter, obwohl seine Finger ihr Spiel auf der Tischplatte viel unruhiger
fortsetzten. Sie werden ja berall gern geduldet, die Freunde des armen
Mannes, weil sie fr jedermann eine Zuflucht in der Not sind, und
hauptschlich, da sie fr billiges Geld sonst unerschwingliche Dinge ins
Land bringen. Gewrz und Tuche, Bier und Rauchwerk. Nicht wahr, so meint
man doch? Zudem, meine Freunde, wurde der Seeadler von einem Gewaltigen
der Schuimer kommandiert, der groes Ansehen weit umher geno. Kurz,
dieser Kapitn sollte uns Verwundete um Schiffsdienst und ohne Fhrgeld
heimfhren. So hatte es Frau Margareta verabredet, denn sie tut ihren
Beutel fr abgediente Leute nicht eben weit auf. Aber seht, ihr Lieben,
auf der Heimreise unter den schnen roten Segeln, bei dem leichten
Verdienst und mitten zwischen den freien Menschen, denen alles gehrt
und die berall ihre Heimat haben, da fing sich der Hauptmann ohne groe
Mhe meine Genossen ein, einen nach dem anderen, da wurden sie 'Gottes
Freund und aller Welt Feind,' wie ihr gotteslsterlicher Eid lautet, und
nur ich ----

Und nur du? lallte der junge Claus aus seinem wachen, dsterlodernden
Traum heraus und packte den Erzhler ungestm an der Brust, als ob er
ihn hindern wollte, von dem gespenstisch mitten durch die Stube
rauschenden Schiffe zu entwischen.

Der andere schttelte ihn berraschend krftig ab.

La mich, wehrte er sich. Mein Leben riecht nach Leder und Pfriem.
Mich zieht es nach einem warmen Ofen und friedfertigen Tagen. Wo ich
die finde, da wohnt mein Heiland. Deshalb, mein Bblein, siehst du,
sprang ich eines Nachts, gerade als die Schuimer hier dicht vor der
Kste unter Wind lagen, denn sie lauerten auf das Schiff der dnischen
Gesandten -- aus diesem Grund sprang ich in Gottes und aller Heiligen
Namen ber Bord, bekam den Fels zu packen, kletterte in die Hhle, und
von dort hast du mich hervorgezogen. Dank sei dir und allen ehrlichen
Menschen. Und jetzt -- geschmeidig glitt er von dem viel zu hohen Stuhl
herunter, und aus den wiegenden Schritten, mit denen er sich aalglatt
durch den engen Raum wand, wurde allmhlich ein munterer Tanz. Es zuckte
und sprang in allen Sehnen des Kleinen, die langen gelben Haare
flatterten ihm wirr um die Schlfen, und den verstndnislos
hinschauenden Huslern kam es vor, als ob auch die ungleichen
Augensterne des Fremden in dem blassen Angesicht mithpften. Jetzt,
schmeichelte er und streckte die Arme, so da sich ganz unerwartet ein
paar derbe, harte Muskeln unter seinen Lumpen zeigten, jetzt will ich
euch weisen, wie man als Ruderknecht das Meer schlgt. Seht so -- so,
mit solch langen Strichen, wie man eine schne Wange streichelt. Und
dann die Fische. Ich kenne den Pfiff eines Bacchanten. Auf das Liedlein
strecken sie halb toll die grnen Schnauzen aus dem Wasser. Oh, lat
mich nur machen.

Pltzlich hielt Heino Wichmann auf seinem Weg inne, als besnne er sich,
da er vor den armen Sassen vielleicht allzu wunderliche Dinge geuert.
Doch die Beckeras blieben angeschmiedet an ihren Pltzen, in wesenlosem
Hinbrten darber, wie solch grelle, blitzende Heiterkeit sich in ihrer
dunklen Bohlenkammer entladen knnte. Und nur die Seele des alten Claus
ri und zerrte an dem Widerhaken, an dem sie sich in dumpfer Gefgigkeit
wand, denn von all den schmackhaften Kdern war ihm eine Lockspeise
zwischen den Zhnen aufgequollen, bis er sie nicht mehr herunterwrgen
konnte. Halb murmelnd, in unbestimmter, ferner Ahnung stieg es aus
seiner trockenen Kehle, dazu hielt er die Beine weit von sich gestreckt,
gleichsam zum Schutz gegen die erwartete Antwort.

Nichts fr ungut, Wichmann, wie sagst du doch -- ich meine blo -- wie
hie der Kapitn, der dich brachte?

Kaum war das gleichgltige Wort verklungen, da war es mit dem Hpfen und
Springen des Kleinen vorbei. Eingefangen wurzelte er in einer
Sonnenlache auf dem Fuboden fest, die unruhigen Augen begannen wieder
von einem zum anderen zu huschen, und die Stimme verfiel von neuem in
das harmlose Kinderwispern, als er nach einigem Zgern erwiderte:

Ich sagte schon, es war ein Ansehnlicher unter den Freibeutern. Gdeke
Michael.

Gdeke? -- Gdeke-Michael? wiederholten die drei, langsam in die
nchtige Kluft ihres Gedchtnisses hinabsteigend.

Eine Weile herrschte Stille, jeder horchte in den dunklen Schacht
hinunter, gespannt, angestrengt, ob nicht dem Laut ein Echo
heraufschalle, bis endlich vor dem kranken Fischer etwas Gestaltloses,
mit Schrecken Bekleidetes emportappte.

La mich -- la mich -- hab' doch schon mal gehrt -- Singsang -- wie
war's noch?

Noch gelber stach das Antlitz des Leidenden unter dem wirren Bart
hervor, da er mit Mhe die einzelnen Fetzen zusammensuchte. Scheu,
verstohlen summte er vor sich hin:

  Der Gdeke, Gdeke Michael.
  Der fhrt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.

Da strzte es aus dem Kleinen wie gezogen hervor, unbekmmert darum, was
weiter daraus entstehen knnte:

  Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
  Den Bedrftigen schenkt er Speise und Kleid --

Mutter und Sohn aber steckten die Kpfe zusammen, sie schrnkten ihre
Hnde fest ineinander, und der Atem hrte ihnen auf zu wehen, als die
anderen nun lauter anstimmten:

  Und tragt ihr Armen am Leben schwer --
  Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.
  Dort richtet die Reichen an Leib und Seel'
  Der Gdeke -- Gdeke Michael.

       *               *               *

Viele Tage strahlten aus dem Meer und sanken erloschen wieder dahin
zurck. Die Jahreszeiten stiegen auf Schneeschauern und Sonnenwolken an
die Kste, gleich fremden Eroberern, die sich dann tief im Lande
verlieren, und aus Heino Wichmann, dem mdchenhaften Knblein, dem
blondhaarumflatterten Geheimnis, war etwas Alltgliches geworden. Ein
Ruderknecht, der seinen Seedienst willig verrichtete und von den
Katenleuten nicht geschont wurde. Selbst dem Vogt, der sich bald nach
der Ankunft des Fremdlings hartnckig nach dem Woher und Wohin erkundigt
hatte, leuchtete es ein, da dieses zierliche Geschpf fr die Ruderbank
geboren sein msse, und er lobte heimlich die geschmeidige Gewandtheit,
die der Kleine in der Fhrung eines Bootes an den Tag legte. Ja, sogar
der auffallende Drang des Fremden, immer wieder zur Tag- und Nachtzeit
in die Wogen hinauszuschneiden, er wurde schlielich von seinen neuen
Genossen als der selbstverstndliche Trieb eines dem Handwerk mit ganzer
Seele Hingegebenen erachtet. Worber man sich jedoch stets von neuem
wunderte, das war die unermdliche Zhigkeit, jene aus allen Gliedern
des Kleinen rastlos quellende Frische, die an keinem Ding vorbeiglitt,
die von jedem etwas wute und sich berall zu bettigen strebte. Heino
Wichmann vermochte der Hausfrau hchst merkwrdige Aufschlsse ber
Kochkunst und schmackhafte Gerichte zu erteilen, von denen die
unverbildete Seele Hildas nicht nur bisher kein Sterbenswort geahnt
hatte, sondern die ihre harmlose Rauheit zuerst auch als etwas beinahe
Schdliches einschtzte. Aber mit der Zeit wurden auf dem Herde unter
dem Rauchfang doch allerlei Versuche unternommen, und whrend der kleine
Strohblonde mit verschmitztem Lcheln die verschiedenartigsten Kruter
und Wurzeln in den groen Kessel schleuderte, da zog von fern der se
Duft einer etwas milderen Lebensfhrung unter das Strohdach. Man
schleckerte und schmatzte und erfuhr zu nicht geringem Befremden, wie
kstliche Erfindungen zu Padua, in Wien oder gar zu Paris die Kche
groer Herren aus Pilzen, aus Schaltieren und gedrrtem Fischfleisch
ersonnen htten. Wunderlich! Heino Wichmann war weit herum gewesen.
Seine doppelfarbigen Augen hatten selbst auf das Geringste Obacht
gegeben. Hilda begann, ihm abzulernen. Nur zum Spiel, allmhlich aber
wurde eine Sucht daraus.

Auch mit dem alten Claus Beckera ging eine Vernderung vor, seit der
wirblige Gesell in seiner Nhe weilte. Bisher war der Riese verfallen,
still, selbstverstndlich und unablssig, wie der Wartturm einer
zerstrten Feste, aus dessen Gemuer Tag fr Tag gewichtige Feldsteine
herabbrckeln. Was ntzte es, laute Klage ber die erbrmliche Schwche
zu fhren? Viel besser war es, die Fuste zu ballen, die Zhne
zusammenzubeien und selbst dem Bruder Franziskus, der ab und zu den
schmerzenden Rcken des Kranken mit dem weien Saft des Bilsenkrautes
einzureiben suchte, eine tuschende Behaglichkeit vorzuspiegeln. Der
Mrtel aber sprang weiter auseinander, und der Turm neigte sich tiefer
zum Fall. Nun aber wurde es anders. Gott mochte wissen, wieso Heino
Wichmann einen Blick in die Heilkunde seiner Zeit geworfen hatte. Fragte
man ihn danach, so schlenkerte er mit den feinen Hnden und murmelte
etwas von den Meistern der Physika und der Erztney, was niemand um ihn
herum begriff. Was man jedoch nicht leugnen konnte, das war die
Wirksamkeit jener Mittel, die er mit seiner sprunghaft lachenden
berredung bei dem Kranken anwandte. Sprachlos standen die Husler hinter
dem ewig Zappligen, sobald er den berwundenen Riesen halb entkleidet in
den sonnenwiderstrahlenden Dnensand bettete, wo er den mchtigen Krper
dann mit seinen zarten Kinderhnden kreiselnd und wrmend bestrich. Und
siehe da, auf ein paar Stunden wichen die schweren Erstickungsanflle von
dem Alten, und der Leidende vermochte sich aufzurichten, um gierig die
khle Seeluft einzusaugen. Als aber der Herbst seine dunklen Hagelschwrme
gegen die Htte warf und der Hustenkrampf die Lungen des Riesen zu
zerpressen anfing, da versuchte der Strohblonde sein Meisterstck. Eines
Mittags brachte er nmlich aus dem Wald zwei schwarze, schneckengleiche
Wrmer mit. Die hielt er zwischen zusammengeballten Fusten und sie muten
so dem sich krftig strubenden Hausherrn ihre Saugrssel auf die nackte
Brust setzen. Langsam fllten sich die schreckhaften Leiber mit dem
fieberheien Blut, und vor den Augen der erstaunten Angehrigen dehnten
sich die verkrampften Glieder des Vaters, und ein befreiter Seufzer der
Entspannung tnte durch die Htte. Fast eine Woche lang war der
gefrchtete Anfall beschworen.

So wechselten Wei und Grn unter den Rndern des hohen Kstenwaldes,
die Tage strichen dahin gleich einer Rebhhnerhusche, einer hinter dem
anderen, und Heino Wichmann fing sich jeden einzelnen ein, um ihm vor
den Augen der Husler sein besonderes Kennzeichen aufzudrcken. Immer
geschah etwas. Die Zeit bildete fr die einsamen Strandsassen keine
gestaltlose Masse mehr, sondern die Unruhe des neuen Ruderknechtes
trennte sogar die einzelnen Stunden scharf voneinander ab.

In jenen Monaten war es, da in den jungen Nikolaus ein unbegreifliches
Wachstum geriet. Der schlanke Leib des Burschen scho sprunghaft in die
Hhe, bald berragte sein braunes Lockenhaupt um eine Spanne das sich
duckende des Vaters, seine Haltung erhielt etwas Gestrafftes, ja
Knigliches, sein Gang etwas Anmutiges und zugleich Herausforderndes,
und seine Augen konnten pltzlich neben dem wilden Umherflackern einen
schwrmerischen Glanz bergen, der ber die Dinge dieser Welt
hinauszuschweifen schien und etwas von dem unbewegten Flug eines
trumenden Adlers an sich hatte. Und der arme, von unruhigen Geistern
geplagte Sassensohn badete sich wirklich in den Breiten eines neuen
Lichtes.

Heino Wichmann!

Heino Wichmann war fr den wilden durstigen Jungen ein Zauberer, der die
schmale Kinderhand nur emporzuwerfen brauchte, damit Sterne und Mond
stillstanden und auf den Winden von allen Weltteilen her das Wissen
Salomos herbeigeflogen kam. Wenn sich die beiden Unzertrennlichen in dem
plumpen Kahn unter dem roten Segel wiegten oder wenn sie im Abendrot
hoch oben auf den Hngen der Dnen lagen, dann schwand wie von selbst
die lcherliche Maskierung des angeblichen Ruderknechtes, die buerliche
Sprache tauchte unter, und aus dem braunen Lumpen trat ein anderer
hervor. Derselbe, der einst die goldene Kette und den welschen Hieber
getragen, derselbe, der mit seiner hauchenden Mdchenstimme spttische
Gelehrsamkeit von sich schleuderte und fr den es weder Unergrndetes
noch scheue Ehrfurcht vor etwas Geschaffenem gab. In solchen Stunden
der Mitteilung konnte man deutlich merken, wie auch fr das kleine
Kerlchen jenes unbndige Ausgeschpftwerden ein nicht zu entbehrendes
Lebensbedrfnis bildete, ja, da er sich trotz seines wegwerfenden
Lchelns voll Eitelkeit und Stolz in sich selber spiegelte, sobald sein
Zgling sich ber ihn beugte gleich ber einen tiefen Brunnen, in den
man ungestm Eimer auf Eimer herablt. Da kam dann quellend und perlend
Trank um Trank hervor, klar und schlammig, unverdaulich und heilsam, als
ob in diesen Brunnen alle Quellen der Erde mndeten. Von dem nchsten
fing es an. Claus erfuhr, in welchem Volk er lebte, wie sich die Stnde
und mter teilten, wo Unrecht und Bedrckung anhob und worin sich sein
Stamm von den anderen groen Menschengemeinschaften unterschied. Von da
gelangten sie ganz von selbst auf Ausdruck und Redeweise der Lnder, die
Musik der welschen Sprachen, die Heino Wichmann vollkommen beherrschte,
klang vor dem entzckten Knaben auf und er lernte auch _latina lingua_
verehren, die Urmutter dieser Laute, und in verhaltener Begeisterung
schaute er in das Sein und Treiben jener untergegangenen Geschlechter
hinab, die mit diesen Lauten der alten Welt ihre Gesetze vorgeschrieben.
Helden und Weise zogen vorber, Religionsstifter und Abtrnnige, und
ohne da der Wissensdurstige es ahnte, wurden von dem tzend scharfen
Erzhler Menschen und Dinge alle zu dem einen Ziele gelenkt, wie sie
nmlich der Befreiung und Entbrdung der nach Licht und Brot ringenden
Armen und Elenden gedient htten. Denn dieses kleine strohblonde
Zwerglein sah, ohne jemals erregt zu werden, und obwohl es selbst sich
keinen erlangbaren Genu entgehen lie, berall seufzende Scharen der
Sklaverei um sich her, viele Millionen gefesselter und gestriemter
Unfreier, von denen er verkndete, da sie nie sterben wrden. Und
wahrhaft schneidend und frchterlich klang sein feines Gelchter, so oft
er im Gegensatz zu allem Herkommen die gepriesenen Bringer des Heils und
der Ordnung, den Kaiser, der doch den Landfrieden befohlen, den Papst,
der doch den Verngstigten die Vergebung der Snden reichte, ja, sogar
den Heiland, der die lichte Halle des Himmels geffnet, fr die
schlimmsten Vergewaltiger und Bedrcker der in Dummheit blkenden Erde
erklrte. Entrckt, von aller Gegenwart fortgeschwungen, krallte sich
dann Claus in den mtterlichen Sandboden, sein Atem scho, als ob er
Mauern niederbrechen mte, in seinen starren Augen zngelte der
niedergehaltene Glast von Blut, Einscherung und Gewalttat, und doch
bebten alle seine Glieder im Frost der Angst, und das kalte Fieber des
Zweifels und der Unentschlossenheit stie den Unreifen doch immer zurck
in die Schranken des Brauches und des Herkommens. In solchen
Augenblicken der Qual und des glhenden Wunsches packte er seinen
Verfhrer oft an der Brust und schttelte den Kleinen, als ob er ihm das
Herz aus dem Leibe schleudern wollte, dazu schreiend:

Was bleibt uns? Heino, um aller Heiligen willen, sag an, was mu uns
allen werden? Was? Denn der suchende Verstand des Jungen wollte einen
Weg finden zwischen Gestern und Morgen, eine Brcke, die ber das
Gewitter fortleitete. Heino Wichmann aber lie sich, unberhrt von
diesem Ausbruch, in das weiche Dnenlager zurckgleiten, lchelte mit
seinen bartlosen Lippen gegen das in den Himmel flchtende Abendrot und
lispelte kaltbltig und grausam:

Wer kennt die Medizin fr alle? Aber fr mich und dich, Bblein, ist am
besten ein seidener Pfhl, eine glatte Dirne darauf, und saufen und
prassen bis in den achten Tag.

Da heftete Nikolaus einen verlschenden Blick auf den sich genieerisch
dehnenden Kleinen, warf das Haupt gegen die dunkle See und saugte in
Verzweiflung an den ewig trnkenden Strmen.

Ekel, unerkanntes Mitleid mit einer zu erlsenden Welt, und das rasende
Verlangen, sich zu verschwenden, stritten in der sich weitenden Seele.

       *       *       *       *       *

Es kam eine Stunde, da der Hochmut des Knaben es nicht mehr lnger
duldete, von dem Genossen noch fernerhin in Unkenntnis und Tuschung
gehalten zu werden. Ganz frh an einem tauperlenden Herbstmorgen war es.
Die Sonne rollte eben aus ihren verhngten Schleiern durch das
dunkelblaue zackige Gewlbe. Weit ber dem Schlaf der See bten die
schwarzen Streifen der Stare schon fr den kommenden Abzug. Und hoch
oben an dem hallenden Rand des Kstenwaldes klang die Axt. Dort hieb der
junge Claus ein paar schlanke Eichenstmme nieder, denn sie sollten ihm
zu neuen Ruderstangen dienen. Aber mitten in der Arbeit schleuderte
Claus die Axt auf den Waldboden, schnellte empor, und whrend er sich
die Fuste in die Weichen setzte, forderte er drhnend, ohne bergang
noch Einleitung:

Genug Verstellung. Du bist kein Ruderknecht, Heino. Du bist keiner.
Woher kme dir sonst all die Gelahrtheit? Nun schnell und ohne
Windbeutelei, wie steht's um dich?

Leicht htte ein anderer ob des ungewohnten Tons auer Fassung geraten
knnen. Der kleine Strohblonde jedoch, der gerade faulenzend vor einer
gewaltigen Buche stand, um dort voll Spannung der Zimmerarbeit eines
Spechtes zu folgen, er hpfte selbst wie ein wippender Fink herum,
tnzelte ohne jede Verlegenheit auf seinen Zgling zu, um ihm dort von
unten herauf einen leisen Backenstreich zu versetzen.

Kluges Nschen, wisperte er voller Befriedigung, gut, gut, Bblein,
ist auch Zeit, da du endlich aus den Eierschalen schlpfst. Aber nun
zieh die Kappe, mein Freund, denn du stehst vor etwas Frtrefflichem.
Weit du, was ein Bacchant ist?

Vor dem Glanz jenes Titels wich der Fischerjunge zurck, und doch fiel
ihm ein, wie oft jene Lehrbuben und Handlanger der Wissenschaft hungernd
und bettelnd durch die Drfer und kleinen Stdte der Insel strichen, ja,
da sie um Geld und Brot vor den Tren der Unfreien sangen. Das Wissen
war damals noch dem Elend verschwistert, und mancher Knecht tauschte
nicht mit dem drren Gerippe, das auf einer Lehrkanzel stand. Dennoch
sagte er voll Ehrfurcht: Bist du solch einer?

Noch mehr, Liebster, noch viel mehr. Ich wollte erst die Raupe an dir
vorberkriechen lassen, damit dich der Sonnenflug des Schmetterlings
nicht blende. Aber jetzt entzcke dich, mein Freund, ziehe deine Schuhe
aus, wenn du es hrst, denn ich ward als etwas zugleich Kostbares und
daneben Zerbrechliches in den Schrein der Menschheit gestellt. Fasse
dich, Holder, und gerate nicht auer dir, denn sieh, ich bin Magister,
der Magister Heino Wichmann, versehen von den drei Universitten Padua,
Wien und Paris mit einem versiegelten Lehrbrief, und hosianna, ich
verkaufe ihn dir fr ein Paar wollene Strmpfe, denn durch die meinen
lugen klglich die Zehen.

Da ri Claus entgeistert die Kappe herunter und verneigte sich so tief
vor dem Mnnlein in Lumpen, wie er es bis jetzt nur vor dem Abt des
Klosters ber sich gewonnen. Wirre Vorstellungen und ein tanzender
Himmel waren ber ihm. Ein Gelahrter, ein Hochgelahrter hauste unter
dem Stroh und den Schindeln der Sassen. Alle Barmherzigkeit, er fhrte
das Ruder und fing Fische und lie sich von den unwissenden Alten
ausschimpfen. Und dabei war das kleine strohblonde Kerlchen einer von
den Auserwhlten, die zwar hungerten und froren und von Handwerkern und
Btteln herumgestoen werden durften, die aber doch in die sieben
Tagewerke so tief hineingeguckt hatten, da ihr belebendes Wort ferne
Grber ffnete und nahe Kaiser erblassen lie.

Betubt, hingerissen vor Dankbarkeit und Ehrfurcht wollte der Junge auf
das winzige Menschenkind zustrzen, aber wie nun sein schlanker Leib den
anderen so gewaltig berragte, da meldete sich pltzlich etwas von der
berlegenheit des krperlich Strkeren, und statt der glhenden
Zrtlichkeit, die er noch eben auszuteilen gedachte, fing Claus vielmehr
mitrauisch an, nach den Lebensumstnden des Kleinen zu forschen. Warum
ein Magister keinen Sitz unter seinen Genossen habe, was ihn
fortgetrieben und aus welchem Grund er sich nun schon so lange bei armen
einsamen Leuten verdingt? Das mute er ergrnden, daran klammerte er
sich fest.

Beineschlenkernd hockte Heino Wichmann zusammengekrmmt auf dem
gefllten Eichenstamm, grinste seinem aufgeregten Zgling spttisch und
erkennend ins Gesicht und wickelte sich gelassen die gelben Haare um den
Finger. Endlich hauchte er gefllig und doch kalt, wie immer:

Streng dich nicht an, Bblein. Der Mensch ist ein Trank, von dem man
hchstens fnf bis sechs Tropfen genieen soll. Mehr ist schdlich. Aber
weil du mir die Narbe ber meiner Stirn so aufmerksam belauerst, so
magst du erfahren, wo mir diese rote Fahne zuerst aufgezogen wurde. Er
rckte zur Seite. Komm, setze dich neben mich und dann lerne an mir das
Exempel, da es weichlich und dumm ist, wenn der Mensch nach etwas
Sehnsucht zeigt, was der Fresser Chronos lngst verschluckt hat.

Durch einen festen Griff fhlte sich Claus herabgezerrt, dann schlang er
die Arme strmisch um den lchelnden Kleinen und horchte, als ob es um
sein Leben ginge.

Wo er sich berall herumgetrieben, das entdeckte der Erzhler nicht,
warum er die gelehrten Schulen verlassen, darber glitt er hinweg. Nur
bei einem Punkt blieb er ausmalend stehen. Mitten aus einem tollen,
klirrenden Taumel mute ihn pltzlich eine Begier, ein Heimweh, ein
Unbegreifliches, nach den Bcherhockern ergriffen haben, nach rauchenden
llmpchen, die in kalten Kammern ber alten Schreibheften dmmerten,
nach den raufenden, zechenden und lernenden Bacchanten, nach dem Disput
streitender Dozenten und nach den dunklen Bogenhallen, wo aus lchrigen
und verschlissenen Professorenpelzen die Weisheit fr hungrige Hrer
flo.

Eine fferei, urteilte Heino Wichmann grimmig.

Aus seinen vorsichtigen Andeutungen ging auerdem hervor, da der
ehemalige Magister sich erst einem widerstrebenden und hohnlachenden
Kreise heimlich entziehen mute, bevor er seinen drngenden Plan zur Tat
reifen lassen konnte. Aus welcher Stadt er entwichen, aus wie gearteten
Verhltnissen, das warf der Strohblonde mit einer abweisenden
Handbewegung beiseite. Genug, eines Tages tauchte er unvermutet in
Stralsund auf.

Und dort? drngte Claus, immer enger an den Freund sich schlieend.

Dort war eine Schule von Bacchantenschtzen versammelt. In einer
Bodenkammer ber einer Sattlerei hockten sie beieinander, und um den
Preis eines geordneten Vortrages stahlen und bettelten die Buben fr
ihren Magister zusammen, was sie unbemerkt die krummen Treppen
hinaufschleppen konnten. So ging es eine Weile auch ohne den Verkauf der
goldenen Kette, die der Kleine aus nicht nher zu errternden Grnden
dem Tageslicht keineswegs aussetzen mochte. Und schon fate der Haufe
den Entschlu, sich gemeinsam nach Halle durchzuschlagen, wo der
berhmte Doktor Pelicanus die Grammatik lesen sollte, als ----

Ja, Bbchen, lchelte Heino Wichmann gnnerhaft, wobei er die
gespreizten Finger in das nicht mehr wrmende Sonnenlicht hielt, aber
dann, liebe Unschuld, dann kam der Winter. Hast du schon einmal
gefroren, Cluslein?

Ich denke wohl, versetzte der Knabe mit weit aufgerissenen,
verstndnislosen Augen.

Der Kleine nickte wegwerfend.

Ja, meinte er geringschtzig, wie der Nordwind so einem von deiner
Art ein wenig die spitzen Ngel ber den Leib ritzt. Aber was es heit,
wenn die Zunge hinter den Zhnen vereist, oder sobald man halbtot in
seinem Bodenwinkel kauert, wo das Denken allmhlich in dem klappernden
Gebein erstarrt, davon ward deiner Mutter Sohn nichts kund. Nicht wahr?
Ich sage dir, da fhrt man allerlei verrckte Tnze auf, ja, man vergit
sich sogar so weit, zu beten, zu wimmern um einen einzigen Holzspan fr
den leeren Ofen. Kuck, so ging es mir. Mein Verschlag lag der roten
Marienkirche gerade gegenber, und durch die Lappen meines Fensters
konnte ich den heiligen Johannes auf seinem Postament stehen sehen. Der
fror weder in seinem weien und blauen berwurf, noch brauchte er von
einem Fu auf den anderen zu hpfen. Da schrie ich ihn an, er solle ein
Wunder tun; aber als er vornehm gegen mich Lumpen blieb und sich nicht
rhrte, sieh, da packte mich die Wut, denn ich schmte mich fr den
herzlosen Holzheiligen und ich beschlo, den Apostel zu seiner Pflicht
zu zwingen. In einer Nacht, wo es weie Strmpfe durch die Straen
schneite, schlich ich hinber -- und dann eine Stunde spter, oh, da
hatte sich Sankt Johann schon meines Ofens erbarmt, und himmlische Glut
umfing meine Glieder. Kstlich -- kstlich, der Heilige hatte ein warmes
Herz fr mich Bresthaften.

Du -- du hast mit ihm eingeheizt? stotterte Claus. Ein Schaudern
wollte ihn berrieseln, und in verschmter Bewegung bekreuzigte er sich
die Stirn. Und dabei packte den Mitgerissenen doch eine uneingestandene
Lust an dem Niederbrechen alles Herkmmlichen, und jener heimliche
Aufruhr, der stets von dem Strohblonden ausging, er zwang ihn immer
widerstandsloser in die Gefolgschaft dieses aufreizenden Lehrers.

Darum rechtete er auch nicht lnger mit dem Wicht, sondern zeigte nur
stumm und hartnckig gegen die Narbe des anderen.

Ach so, erinnerte sich Heino Wichmann bereitwillig, du hast recht.
Dies da oben zog den Schlustrich unter meinen Rckfall in die
Gelahrtheit. -- Mein Hauswirt, der Sattler, roch den Brand, er war nicht
einverstanden mit Sankt Johannis Einkehr bei mir, und so rckten nicht
allein seine Gesellen und Nachbarn mit Kntteln und Hellebarden gegen
mich aus, sondern auch die Stadtwache glaubte, einen seltenen Vogel an
mir erwischt zu haben. Oh Zeus -- der Kleine wiegte auf seinem
Eichenstamm trumerisch das feine Haupt -- es wurde ein wundervoller
Handel zwischen den Sankt Johannis-Rittern und meinen Buben. Allein, was
ntzte uns die schnste lateinische Strategie? Pfui Teufel, zuletzt
mute ich zum Fenster hinausspringen, ekelhaft, zum Hinterfenster
hinaus, in einen Kehrichthaufen. Behngt mit meiner gldenen Kette und
bewehrt mit dem schlanken Ravenneser Hieber stak ich stundenlang im
Unrat. Lerne daraus, wie aller Glanz und jede Wrde der Erde in der
Stunde der Not gern zu Gestank und Kot hinabsteigt. Wobei nicht jedem
ein reinigend Bad darauf wird wie mir, der ich zu Nacht auf einem Balken
rittlings den schmalen Sund durchschwamm. Was dann weiter geschah --
wollte der Kleine gleichmtig schlieen und strich sich prfend ber
seine durchlcherten Schuhe, aber pltzlich bettete er in heftiger
Spannung die Hand ber die Augen, weil tief unter ihnen, am nahen
Strand, etwas Weies, Glitzerndes, Lebensvolles gegen Sonne und Meer
aufleuchtete. -- Was weiter geschah, fuhr der Kleine hastig und bebend
fort, das weit du, und sieh, zum Dank zeige ich dir jetzt die einzig
vernnftige Gabe deines Gottes, die edelste und doch nie sttigende
Speise, die nicht lediglich fr den Gaumen der Reichen ausgespart blieb
-- kurz, ich zeige deinen blden Augen die schumige, die
hftenprangende Aphrodite.

Er warf die zitternde Hand weit vor, und um seinen glatten Mund spielte
der unbeherrschteste Zug von Wollust und schonungsloser Sinnengier.
Katzenhaft, leise kichernd, glitt er bis an den freien Rand des Hanges.
Allein ein rascher Griff des Knaben warf ihn unsanft zurck. Totenbla,
taumelnd, im Innersten seiner bereits zerrtteten Seele aufgewhlt,
schwankte der groe Bursche vor dem Erstaunten auf und ab. Was er von
sich abwehren wollte, das wute der Halberwachsene nicht, aber seine
schon von Strmen bedrngte Scham tobte noch einmal in Wut und Grauen
gegen das Geheimnis, zu dessen Entschleierung ihm bisher der Mut
gemangelt.

Du sollst nicht, zeterte er besessen und grub seine Blicke angestrengt
in das Laub des Waldbodens, das ist Anna Knuth, die ----

Narr, versetzte Heino Wichmann scharf und schttelte die Faust ab.
Der Name fllt mit dem Gewand. Geh zum Spinnrocken deiner Mutter!

Da verga Claus, da er hier trotz allem mit dem Wohltter rang, der ihn
aus Nacht in den Tag gefhrt, besinnungslos, Funken vor den Blicken, hob
er die Faust, um dann -- wie eine Bildsule der Ratlosigkeit zu
erstarren. Ein freches, hhnisches, gewaltttiges Lachen schmetterte ihm
entgegen, lhmte ihm den Arm und grub ihn wie einen Pfahl in den Boden
ein. Schon jetzt erkannte der Gebndigte, welche schreckhaften,
unheimlich aufspringenden Krfte in dem Leib dieses bartlosen Kindes
verborgen fluteten. Sthnend, von einem haltlosen Schluchzen
geschttelt, wodurch das Vergngen des Kleinen aber nur noch gesteigert
wurde, und dabei selbst unter den Peitschenhieben eines unsichtbaren
Peinigers, so mute der Fischersohn mit ansehen, wie der Strohblonde,
auf dem Bauche liegend, alle Wonnen des Lichtes in sich einschlrfte,
und Abscheu und tiefer Schmerz um die entschwirrende Reinheit entluden
sich bei Claus in einem wilden Trnensturz. Unbewut weinte er um die in
Snden lachende Menschheit.

Frommes Schflein, spottete Heino Wichmann ber die Schulter zurck.
Wir wollen dir ein Glckchen um den Hals hngen.




V.


Kalte, winddurchsauste Nacht senkte sich ber den Landflecken Bergen. In
dem elenden Orte, der zwei bis drei Wegstunden von dem Sassensitze
entfernt auf der hchsten Erhebung der Insel kauerte, war Kirmes
abgehalten worden. Zudem hatten sich Gaukler gezeigt, die vom Hofe des
Wolgaster Herzogs zurck wanderten, hinten auf dem Ringelplatz hatten
Rotuscher die Gelegenheit bentzt, ihr Vieh zum Verkauf anzubinden,
und die herbeigeeilten Fischer und Bauern versumten nicht die seltene
Gelegenheit zu Spiel und Feier. Noch jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit
trieben grlende und trunkene Haufen ihre grobe Kurzweil, ja, durch das
Heulen des Sturmes schrillten lauter und ohrenbetubender als vorher die
Posaunen, Flten und Trommeln der Wandermusikanten und Gaukler, denn
diese leichten Vgel marschierten tanzend und springend an der Spitze
einer Rotte, die sich eben begeistert und freudentoll zum Hhepunkt
allen Vergngens anschickte -- zum Rauchspiel. Man hatte gottlob einen
verwachsenen, halbnackten Bettler dabei erwischt, wie er ein Huhn unter
seinen Lumpen verschwinden lassen wollte, und jetzt jagte man den
Armseligen, der nur mhsam an seiner Krcke sowie auf einem Holzbein
daherhumpelte, mit Ruten- und Stockhieben nach dem Schtting. Als man
in dieser ehemaligen Rucherkammer angelangt war, entzndeten junge
Burschen, denen das Amt als Auszeichnung berwiesen sein mochte, das auf
den Fliesen der Htte aufgeschichtete Laubwerk; der Hhnerdieb wurde an
einem Querbalken bis unter das Dach des Raumes emporgezogen, und nun
knisterten die brennenden Zweige, dicker Qualm wlzte sich an den Wnden
hinauf, und es war spahaft zu beobachten, wie das Opfer nieste und
hustete und durch allerlei Verrenkungen gegen das Ersticken ankmpfte.

Kuck, Fiek, meinte ein junger Bauer zu seiner andchtig
emporstarrenden Braut, das Luder hat ein Loch im Strumpf. Ich will ihn
ein wenig an den Zehen kitzeln.

Dsterrot, in langen blutigen Streifen fiel der Widerschein des Feuers
durch die Ritzen der Htte auf die Strae. An der fensterlosen Kalkwand
des benachbarten Huschens lehnten zwei Gestalten in unbeteiligter Ruhe.
Ihre braune Fischertracht und die derben Tuchkappen unterschieden sie
keineswegs von dem sich drngenden Menschenknuel. Nur wer sie genauer
musterte, konnte trotz der Dunkelheit in ihren blassen Gesichtern lesen,
wie wenig sie von der allgemeinen Lustbarkeit angesteckt waren.
Spttisch grinste der Kleinere auf das rohe Getmmel, und wenn die
Schreie des Gerucherten lauter herausdrangen, dann zuckte sein
schlanker Gefhrte vor Unmut oder Mitleid zusammen und konnte nur durch
den festen Griff des anderen davon abgehalten werden, ber den
abstrzenden Weg in der Nacht zu verschwinden.

Um sie herum war Streit, Gelchter und Aufregung. Der Gott der ehrbaren
deutschen Lust gnnte seinen Glubigen neue Freude. Unter der Linde, die
vor dem Rauchhaus ihre nackten ste im Winde knarren und sthnen lie,
zeterte der Bader des Ortes wtend auf einen Tabulettkrmer ein, weil
ihn der Hausierer angeblich mit einem stumpfen Schermesser betrogen.
Jauchzend stie der breite Haufe die beiden Widersacher gegeneinander,
reizte sie zu immer heftigeren Ttlichkeiten und fiel schlielich ber
den ortsfremden Krmer her, um ihn zur Shnung seines Vergehens zu dem
beliebten 'Rasieren' zu zwingen. Auf einem Fuknorren der Linde hockend
und von zahllosen Fusten festgehalten, mute es sich der Gerichtete
gefallen lassen, bei Fackelschein von dem gereizten Bartkratzer nach
strengen Regeln der Zunft eingeseift zu werden. Aber statt Schaum ward
ihm Unflat ins Gesicht geschmiert, und als Messer diente eine schartige
Sichel, die ihr Werk mit Kratzen und Gerusch verrichtete.

Tosender Beifall bertnte das chzen des Geschundenen, und die Nacht
verschlang den tanzenden Wirbel, der um die Linde herum tollte.

Komm, frstelte Claus, indem er sich gewaltsam losri, wir wollen
heim.

Schrzenband, spottete der andere und lehnte ruhig weiter an der
kahlen Wand, behagt es dir nicht bei den Deinen?

Der Junge verzog die Stirn, wie immer, sobald seinem Willen ein anderer
entgegengesetzt wurde, dann jedoch kratzte er aufbrausend gegen die
Mauer.

Warum qulen sie sich? warf er verstrt hin. Weshalb halten sie nicht
Eintracht untereinander, da sie doch alle arme Schcher sind?

Warum? Ein bissiges Kichern antwortete auf diesen Notruf eines
grbelnden Gewissens, und whrend der Kleine pfeifend die Hnde in
seinen Ledergrtel schob, schien er sich innerlich ber die Bedrngnis
seines Schlers zu ergtzen. Bist zu viel zu den Pfaffen gelaufen,
gnnte er ihm endlich. Weit du nicht, da Priester und Herren nur so
lange auf dem Buckel des Haufens da zu reiten vermgen, als er roh und
unbelehrt bleibt? Wenn der abgetriebene Gaul schreiben und lesen knnte
wie du, dann wrde er leicht um sich schlagen und frchterlich werden.

Was wrde er dann tun, Heino? flsterte der junge Mensch unruhig. Es
feuerte vor ihm aus der Erde. Nebelhafte Gebilde stiegen pltzlich aus
dem kotigen Boden der Landstrae vor dem Erschauernden auf. Das Heil und
der Segen, die dieser fiebernde Knabe nicht fr sich, sondern fr
kommende Geschlechter traumhaft in sich trug, sie zogen in wirren
Gestalten, preisend und betend ber eine grne Flur an ihm vorber.
Weihrauchfsser schaute er, Baldachine, Wagen beladen mit Brot, Korn und
Wein. Aber an der Spitze des Zuges erblickte er einen Hochgewachsenen,
geschmckt mit allen Zeichen des Glcks, frstlich in Gold und Purpur
gekleidet -- das war er selbst.

Nahe unter der Linde tobten die dunklen Schatten immer zgelloser, aus
dem Schtting trug man den halbohnmchtigen Bettler gerade zur Erholung
ins Freie, doch Claus Beckera durchstie mit seinen Blicken jene
taumelnde Menge und schritt geisterhaft durch sie hindurch ins Weite.

Was wrde der befreite Haufe tun? murmelte er von neuem.

Mit einbohrendem Verstndnis und doch beinahe belustigt hatte Heino
Wichmann das Versinken seines Schutzbefohlenen beobachtet, jetzt
rttelte er ihn derb an der Schulter, denn der genieerische Sinn des
Kleinen verachtete nichts so sehr als das Vergessen von Zeit und
Gegenwart.

Was wei ich? stie er spitz zwischen den Zhnen hervor. Vielleicht
wrden deine wackeren Landsleute, wenn man sie aufweckte, auf den
Einfall geraten, anstatt Schweine und Khe einmal das sanfte Fell von
Grfinnen und Herzoginnen zu streicheln. Oder sie knnten darauf
bestehen, das herrschaftliche Land nach einer neuen Ordnung zu
vermessen; am Ende aber begngen sie sich auch damit, den roten Hahn
fliegen zu lassen. Was willst du? Das ist ein schnelles und munteres
Tier.

Halt ein -- so nicht -- so nicht, stammelte Claus aus seinen hohen
Himmeln herabgeschleudert und warf entsetzt beide Hnde vor. Ohne
bergang entdeckte der Fischersohn pltzlich wieder die betrunkenen
Bauern um sich her, und eine unnennbare Sehnsucht befiel ihn nach der
Einsamkeit des Meeres, nach Vater und Mutter und nach seinen schnen,
schimmernden Gedanken. Komm, rief er inbrnstig, la uns gehen.

Allein den Magister verdro das vornehme Absondern seines Zglings.
Mchtig stachelte es seine Eigenliebe, weil die Unverdorbenheit des
Jngeren sich noch standhaft weigerte, jenes leichtsinnige Lotterdasein
anzubeten, wie es der Kleine ohne Scham noch Reue fr den einzigen
Trost, fr die allein lindernde Salbe einer sinnlos in die Welt
geschleuderten und sich nun in Knechtschaft und Zwang verzehrenden
Menschheit erkannt hatte. Wie kam der Bursche dazu, etwas Besseres
erstreben zu wollen als Buhlschaft, Prasserei und Rausch? Soviel
Anmaung eines Unmndigen durfte nicht geduldet werden. Mit beiden
Hnden umklammerte der Strohblonde daher den Arm des Unschlssigen und
ri ihn mit sich.

Wohin gehst du, Heino?

Ins Himmelreich, Bbchen.

Heino, ich traue dir nicht. Er wollte sich loszerren. Doch den Kleinen
berwltigte die Wut, heftig krallte er sich in den anderen ein und
schrie mit einer Stimme, die nichts mehr von Mdchenhaftigkeit an sich
hatte:

Pfui Teufel, zieh dir ein Jungfernhemd an. Wer wird dir frder noch die
Beinlinge glauben? Schmach und Schande! Meinst du, die Welt brauche
Mnner, die aus einem Rosentopf wachsen?

Da hatte er den Leichtbeleidigten, Ehrschtigen soweit, wie er
beabsichtigte. Als ob ihm ein Peitschenhieb rund um den Rcken geknallt
wre, so bumte sich Claus auf. Nichts mehr von Besinnung war in ihm. In
diesem Augenblick wre er ber die Leichen von Vater und Mutter
fortgesprungen, nur um den brennenden Schimpf zu widerlegen. Aber noch
mehr geielten den Atemlosen die Furcht und das Grauen vor dem Verlust
von etwas Kostbaren. Was kann das sein? durchstrmte es ihn noch, als
ihn Heino Wichmann hinter sich her um die Ecke der kahlen Mauer
herumzog. Er wute es ganz gut und wehrte sich doch voller Schrecken
gegen seine eigene Erkenntnis. Heulend warf sich den beiden
Vorwrtstappenden der Wind entgegen, aus ihrer nahen Htte klfften zwei
bsartige Hunde, und ein langer gelber Lichtstreifen zeigte den spten
Gsten eine erleuchtete Kammer an.

Hier lt sich's wohl sein, bestimmte Heino beinahe herrisch. Dann
schlug er ein paarmal gewaltsam gegen die Bohlen der Holztr. Macht
auf, Menscher! Es gibt frnehme Leute.

       *       *       *       *       *

Eia, rief eine helle Stimme, als die beiden Ankmmlinge eintraten.
Eine blaue Wolke von Kiendampf wlzte sich ihnen entgegen. Hinten aus
dem umnebelten Ziegelherd tanzten fr die Nacht bereits unruhige
Flammen, und in ihrem springenden Flackerlicht richtete sich mitten von
dem Estrich, wo sie bisher gelegen, eine junge Dirne bis zur Brusthhe
empor, sttzte sich auf die Ellbogen und lie ihre neugierigen
grnblauen Augen musternd auf den beiden Mnnern ruhen. Allein bald
mute sie einzig von der unberhrten Schnheit des groen schlanken
Burschen gefesselt werden, von seiner deutlich bemerkbaren Scheu und
Unruhe, denn sie lie eine gelbe Katze, mit der sie bis dahin offenbar
zur Ergtzung der Gste eine kosende Neckerei getrieben, von ihrem Scho
herabspringen, setzte sich auf der Diele zurecht und wiederholte mit
allen Zeichen der Befriedigung noch einmal:

Eia.

Becke, ermahnte eine rauhe Weibsstimme, deren riesenhafte
starkknochige Besitzerin neben dem Herd hockte, wo sie unausgesetzt eine
Holzkelle in dem Kupferkessel herumwandern lie, wie oft mu ich dir
sagen, du sollst nicht herumliegen und faulenzen, wenn gute Herren
kommen? Bei Gott, ich dresche dir noch den Buckel voll.

Haltet Euer Maul, widersprach das Mdchen vllig ungerhrt und
streckte der Wirtin sogar die Zunge entgegen. Hat Euch der
Stadtschreiber nicht erst neulich bedeutet, da der Rat mich nicht
missen will? Wer seid Ihr ohne mich, Ihr garstige Hexe?

Nun, mein Pppchen, schluckte das Weib am Herd und schlug sich mit der
Linken auf die gewaltige Brust, als ob sie dort ihren ssauren Grimm
einmauern mte, zumal ihre brigen Gste, die unter einer tiefen
Wandeinbuchtung saen, bereits aufmerksam zu werden begannen. Es freut
mich weidlich, weil dir der Rat so wohlgewogen ist. Mut aber auch
hbsch auf dich aufpassen, damit es lange dauert. Und nun, mein Engel,
steh auf und erkundige dich, was den Herren willkommen sei? Ein Krug
Met? Oder Mostwein? Oder ein heies Sppchen? Oder gar etwas anderes?
Wir werden es an nichts fehlen lassen.

Damit zwinkerte Frau Sibba, die Wirtin, mit ihren blau unterlaufenen
Augen, die gerade noch hinter dem schmutzigen Kopftuch hervorglotzten,
nach einer kleinen Nebenkammer, in der Claus nichts als ein zerwhltes
Strohsacklager wahrnahm. Von der Decke schaukelte eine trbe lleuchte
in einem halbzerbrochenen Scherben herunter, und ganz im Gegensatz zu
all der Drftigkeit war ber das Fuende des Bettgestells ein
rotseidener Fetzen mit eingewirkten Goldfiguren geworfen. Ein
sichtliches Zeichen dafr, wie dankbar irgendein unsteter Seemann von
hier geschieden.

Steh auf, mein Tubchen, ermunterte die Wirtin nochmals mit ihrer
harten Knechtsstimme, denn die stumme Verzauberung der am Boden
gefesselten, zottelhaarigen Becke dnkte ihr zu viel Ehre fr zwei
armselig gekleidete Fischer. Was konnten solche Netzflicker auch anderes
als ein paar erbrmliche Pfennige in ihren Ledertaschen bergen? Wie hoch
stieg indessen das Befremden der Hausmutter, als der kleine strohblonde
Ankmmling mit einer zwischen Frechheit und Herablassung schwankenden
Gebrde, wie wenn das Haus und die Kammer, die Weiber und die Atzung
sein unbestreitbares Eigentum wren, sich zu der liegenden Dirne
niederwarf, um sie dort vertraulich zu umschlingen und der berraschten
einen Ku auf den entblten Busen zu pressen.

Wonnige, schrie Heino Wichmann schallend durch den gedrckten Raum,
Wonnige.

Die Gste unter dem Mauervorsprung meckerten und klopften mit den
Zinnkrgen ihren Beifall auf den Tisch. Die Dirne jedoch schlug lssig
nach der tastenden Hand des Frechen, obwohl die Entrcktheit von ihr so
wenig gewichen war, da sie noch immer wortlos auf dem Estrich kniete.
Aber whrend sie sich die Haare zurckschob, saugten sich ihre
glnzenden Augen auffordernd und hungrig an dem blassen Antlitz des
erstarrten Burschen fest. Gerade seine unglubigen, kindlich verstrten
Zge schienen ihr Mitleid zu erregen, denn die gemalten Lippen der Becke
bewegten sich, als ob sie diesem eigenartigen Besucher Trost zusprechen
wollte.

Fein's Bbchen, murmelte sie unhrbar.

Da klammerte der Magister seinen Arm um den Hals des Mdchens, zwinkerte
nur ihr verstndlich nach seinem Begleiter hinber und flsterte der
jetzt zur Aufmerksamkeit Gezwungenen etwas ins Ohr. Das mute ihr glatt
und lockend eingehen, lachend sprang sie empor, schob sich mit einem
verstohlen wiegenden Gang bis zur Schwelle, wo sie dann pltzlich und
unvermutet nach der Hand des unentschlossenen Gastes griff. Starke,
pulsende Schlge hmmerten aus der weichen runden Frauenhand in die
schreckgebundenen Glieder des Knaben hinber, und doch -- so unbndig
wtete der letzte Kampf in dem zum Niederbruch Bestimmten, da Claus
noch in diesem Augenblick jhzornig die Faust hob, schwankend, ob er
nicht die wohltuende und doch so peinigende Zrtlichkeit mit einem Hieb
in das rotwangige Gesicht vergelten sollte.

Wirklich, schon spannte er den Arm. Die Becke aber drngte sich noch
dichter an ihn heran, berstrich ihn von unten herauf mit ihren
blaugrnen Augen und sprach kosend:

Komm -- du Schner.

Da stand er ganz still und horchte in schmerzlichem Erstaunen auf solche
nie gehrten Laute. Und whrend die Becke seine Reglosigkeit benutzte,
um ihm schmeichlerisch die flaumige Wange zu streicheln, bis sie es
endlich sogar versuchte, ihren Arm um seinen Nacken zu schmiegen, da
meinte der Verwandelte ganz deutlich einen Strom zu spren, der sein
frheres Bild und seine lichte Vergangenheit mit sich forttrug.
Dsteren, verzweifelten Blickes verfolgte der Fischersohn das
Forttreiben seiner verlorenen Wesenheit. Ja, noch unter dem hhnischen
Gekicher des am Boden hockenden Magisters htte er am liebsten vor
Jammer laut aufheulen mgen. Allein der Strom lie ihn nicht mehr
auftauchen. Pltzlich empfand er spitze Zhne an seinem Ohr. Auf einen
ungeduldigen Wink des Strohblonden war die Dirne gewandt an dem Fischer
in die Hhe gesprungen, jetzt trug er die vollen Weibsglieder rittlings
auf seinen Armen, und rechts und links trafen ihn die raschen
schmerzhaften Bisse. Die fraen den letzten Rest seiner Gegenwehr
hinweg.

Ein wilder, unnatrlicher Schrei der Entfesselung war es, der aus der
Kehle des Burschen raste. Selbst Heino Wichmann horchte berrascht auf,
als dieses gellend grausame Signal von etwas Neuem, bisher Unerhrtem
aus der Brust seines so schwer zu brechenden Zglings herberschmetterte.
Gleich darauf jedoch schttelte der Kleine leichtmtig, wie stets, den
sich leise regenden Zweifel ab, und sein heller Diskant berschrillte
sogar noch das wste Toben der anderen, als er jetzt vor Begeisterung
mit den Fen auf dem Estrich trommelte, weil er wahrnahm, wie Claus von
Glut bersiedet seine Last an den Tisch schleppte. Dort warf er das
Mdchen, dessen Arme sich nicht von seinem Halse lsen wollten, mit
einem Krach auf die Platte. Ringsum spritzte es aus Kannen und Bechern!
Die Becke aber lehnte schnell ihre Wange an die ihres Ritters, versetzte
ihm verliebt einen Nasenstber und flsterte erregt, jedoch von den
anderen ungehrt:

Jetzt nicht, Lieber. Aber bleib hier. Ich zeig dir was. Damit sprang
sie von dem Tisch herab.

Es war ein Bild, wie es spter die nordischen Maler aus dunklem
Hintergrund herausleuchten lieen, sobald ihnen des Daseins derbe,
berschumende Lust aus keckem Pinsel flo. Aber damals strahlte ber
der Kunst ein strenger, heiliger Himmel, und auch in der Wirklichkeit
versteckten sich solcherlei Begebenheiten noch verstohlen in den
finsteren Ecken bel beleumundeter Schlupfwinkel.

Der Magister hatte sich inzwischen in die Hhe gefunden. Jetzt ri er
sich die Kappe vom Haupt, da ihm die langen gelben Haarstrhne wirr auf
die Schulter fielen, und schleuderte die Kopfbedeckung in die Luft.

Lat uns das hochzeitliche Paar in Wein segnen, piepste er mit seinem
tollen Sperlingsgezwitscher. Ersufen wir in der Trauben Blut all die
verruchte Plackerei. Riecht ihr es nicht? In Frau Sibbas edlem Haus
verbirgt sich die Freiheit. Greift sie, ihr Schindluder, ihr findet sie
sonst nirgends.

Greift sie, schrie auch Claus Beckeras besessene Stimme. Flchtig
erschrak der Bube, als er sich selbst hrte, als das Fremde wie mit
einer klirrenden Schere in seinen Gedanken herumschnitt, allein gleich
darauf strzte er umnebelt der entwischten Dirne nach. Die schaffte
gerade am Herd, als er nach ihr tastete. Bissig schlug sie ihm auf die
Rechte, funkelte ihn an, denn dies Gebaren des Gesellen war ihr nicht
fremd, und herrschte hochmtig:

Jetzt nicht, du unflgges Huhn. Ich hab's dir gesagt.

Und abermals stand Claus behext, horchte verwundert auf und schttelte
das schmale Haupt.

Unwirsch hatte bis jetzt die Wirtin das Treiben der beiden Fremden
gelten lassen, jetzt endlich ri ihr die Geduld. Mit einem rgerlichen
Gehstel erhob sie sich von ihrem Herdsitz, und siehe da, als sie stand,
streckte sie sich empor wie ein langer Pfahl, auf dessen oberer Kante
schmutziger Schnee liegt. Langen Schrittes fuhr Frau Sibba sodann auf
den Magister zu, wobei sie es fr angebracht hielt, dem kleinen,
scheinbar so ungefhrlichen Kerlchen ohne weiteres mit der Knochenhand
in den halboffenen Kragen zu greifen.

Wie steht es mit der Zeche? wollte sie gerade zwischen ihren
Zahnlcken liebevoll hervorpfeifen, da pluderte sich ihr Faltenrock
kreisrund in die Hhe, und die von ihm bekleideten Glieder flogen,
gleichsam geschleudert, auf den Holzhaufen hinter den Herd zurck. Wie
es geschehen, das konnte sich keiner erklren, da alles durcheinander
lrmte, aber sobald man durch den aufgestrten Kienqualm wieder
hindurchschauen konnte, da tanzte der Strohblonde wie von Sinnen mitten
in der Schenke herum, whrend er ein abgerissenes Glied seiner Goldkette
hoch ber dem Gelbkopf schwang. Dazu fltete Heino Wichmann, sich
freundlich nach allen Seiten verbeugend, mit seinen sesten Tnen, ob
man ihn vielleicht auch jetzt noch daran hindern wolle, die hier
versammelte Hundeheit durch Wein und Liebe von ihren Stricken
abzubinden?

Durch Wein und Liebe, wiederholte Claus sinnlos und versank vllig in
die vor ihm geffnete Grube von Qualm und Glut. Die Becke wischte an ihm
vorber und kte ihn anfeuernd auf den Nacken.

Das alles verschwamm vor dem schon Nchtern-Berauschten und drehte ihn
nur noch hilfloser in den kreisenden Wirbel. Was dann geschah, das
tanzte vor ihm auf und ab. Bald hoch flackernd, bald zusammenstrzend
wie die blauen Flammen des Herdes. Er sah sich im engen Drang auf die
Bank vor den Tisch geschoben, und aus dem Zinnkrug duftete ihm grender
Met entgegen. Er leerte den Becher mehrmals, und seine Sinne gaukelten
fortan wie Schmetterlinge ber dem sen Trunk. Warum konnte er diesen
oder jenen Gedanken nicht mehr festhalten? Aufgescheucht versuchte er
es, aber es gelang ihm um keinen Preis. Statt dessen mute er den Gngen
der Becke nachspren, die den Gsten immer von neuem das Trinkgeschirr
auffllte, es zog ihn, in ngstlicher Neugier ihren kurzen Rock zu
streifen, ja einmal brllte er drohend auf, als die Dirne sich
verweilend auf die Knie eines alten, kahlkpfigen Mannes niederlie,
dessen feiner blauer Brgerrock keineswegs hierher zu gehren schien.

Was schiert dich, Bbchen? hrte er zwar gleich darauf die Aufwrterin
lachen. Unhrbar war sie herangeschlichen, jetzt beugte sie sich ber
den Vernunftberaubten und ihre Augen funkelten, als sie merkte, wie
Reife und Knabenschaft in ihm Wrfel spielten. Da umklammerte er
erbittert die von Met und Hitze dampfenden Weibsarme, und schwankend
zwischen Wut, abgrndiger Verachtung und sthnender Besessenheit bettete
er sein Haupt an ihre Brust.

Dummkopf, strubte sich die Eingefangene, du reit mir ja das Hemd.
Aber es klang doch keuchend, und nur schwerfllig entzog sie sich.

Entzckt ber dieses schwindelhafte Werben hatte sich Heino Wichmann auf
den Tisch geschwungen. Hier prete sich das berauschte Kerlchen, obwohl
seine zwiefarbigen Augen noch immer so frostig wie frher blinkten, die
Rechte aufs Herz und sang mit seiner bohrenden Stimme einen Kehrreim,
welcher zur Zeit der fatalen Mnzverhltnisse unter dem zur Verzweiflung
getriebenen Volke durch Dorf und Stadt lief:

  Dirn im Bett und Wenzels[*] Geld--

  [*] Knig Wenzel von Bhmen.

Und sofort wieherte der Chor zur Antwort:

  Was ist falscher auf der Welt?

Ihr seid ein Spavogel, Kleiner, sagte die Becke durchaus nicht
beleidigt.

Der Snger aber strich ihr gnnerhaft ber die Zottelhaare.

Und du, ein schner, fetter Bissen, Herzlein, entgegnete er berlegen,
jedennoch, ich gnne dir alles Gute.

Quirlende Pfiffe, die aus der Ecke schrillten, belohnten jenen
anzglichen Witz.

Und wieder tanzten vor Claus die blauen Flmmchen, und die
Schmetterlinge ber dem Met taumelten schwer und flugtrunken ------

Nach einer Weile ging die Becke und schlug in der Nebenkammer, fter
ber die Schulter zurcksphend, das zerwhlte Lager zurecht. Diese
Pause bentzten die buerlichen Zecher zu Flchen und Verwnschungen
ber die gotteszerrissene Zeit. Da war zuerst der feine blaue
Ratsherrnrock. Am Tage hatte der nackenfette, ewig schmunzelnde
Glatzkopf die Stadtwage, sowie Recht und Sitte wahrzunehmen. Aber da ihm
zu Hause ein znkisch Weib eignete, das ihn schlug, so verargte es ihm
keiner, wenn er abends Frau Sibba und die Becke besuchte. Er galt als
Stammgast, und allerlei Vorrechte wurden ihm eingerumt. Deshalb war er
auch der einzige, der zufrieden und stillbehaglich in seinen Krug
blinzelte. Ganz anders die Bauern, deren fnf bis sechs in
galgenfrhlicher Verbitterung hinter ihren Tpfen lagerten. Zwischen den
haarigen Kerlen schwelte es wie die Lust zur Verschwrung. Denn der
Conaer Graf hatte, da er mit der Stadt Bergen im Streit lag, einfach die
umliegenden Hufen besetzt, und jetzt fhrte sein Tro Vieh und Getreide
des Landmannes fort als Wehrgeld fr den Zug gegen die Freibeuter, so
hie es.

Es verstt gegen das gemeine Huferecht, sthnten die Gepfndeten, und
drohend schrien sie den Ratsherrn an. Gibt's denn kein Recht? -- Gott
verdamm mich, gibt's kein Recht?

Der Dicke jedoch zuckte die Achseln und schwieg. Er wute, wie wenig
gegen Spiee und Armbrste ein Pergamentfetzen etwas ausrichtete.

Mit weit aufgestemmten Armen lag Claus ber die Tischplatte geworfen,
sein glhend Antlitz hatte er auf beide Fuste gesttzt; und das Klagen
und Jammern der Landleute flo in die Adern des Jungen hinein wie
zischendes Blei. Es zerstach ihm das Hirn, es zerri ihm die Augen, so
da vorbergehend sogar das Bild der ppigen Dirne aus ihnen
herausstrzte; das unverstandene Drngen und Jagen des Burschen nach vom
Himmel strmendem Segen, nach einem Wohlstand, der jedem gleichmig die
Hand reichte, ber welche kmmerliche Scholle er auch schritt, diese
gierige Sehnsucht, die sich so ungleiche Schwingen geborgt hatte, die
eine von den demtigen Lehren des Pater Franziskus, die andere von den
stachelnden Einflsterungen des kleinen Magisters, jetzt rissen ihn die
starken Fittiche ber seine irdische Besessenheit hinaus.

Drinnen in der Kammer walkte die Becke das Bett krftiger, Claus Beckera
jedoch berhrte die aufreizende Hantierung, denn Zorn und Mitleid
hatten ihn lngst an diese entrechteten Bauern gekettet, deren Plage ihm
widersinnnig und unmenschlich erschien. Es war eine geschnrte, drohende
Unruhe in seiner Stimme, als er sich jetzt flsternd erkundigte, ob sich
denn keiner der Vergewaltigten gegen das schreiende Unrecht zur Wehr
gesetzt? Da warfen die Landleute scheue, betretene Blicke auf den
unreifen Buben, aber endlich steckten sie die Hupter zusammen und
wiesen mit Fingern auf einen untersetzten Mann am Ende der Bank. Der sa
in seinem braunen Bauerngewand in sich versunken da, ber den violetten
Halskragen, der ihm das gefurchte Antlitz zum Teil verhllte, war noch
ein unscheinbarer Tellerhut gedrckt, allein selbst durch diese
Vermummung hindurch hatte Claus aufgefangen, wie der Mann, so oft er
sich unbeobachtet whnte, zuweilen schwer vor sich hinseufzte. Bald
griff der Einsame tastend nach dem kurzen Schwert an seiner Seite und
von dort wieder unsicher nach dem Stiel einer Axt, die er zwischen seine
Knie gelehnt hatte. Kaum aber bemerkte der Grbler die auf ihn
gerichtete Aufmerksamkeit, als er zusammenschrak und der Wirtin heftig
winkte, er wolle seine Zeche bezahlen.

Tummle dich, Weib, drngte er, indem er sich mitrauisch in den Ecken
umsah, bis sein unsteter Blick endlich auf einem zusammengeduckten
Sprenkelbart haften blieb, auf einem schmutzigen Juden, der in seinem
gelben Schandrock und der roten Zwangskappe mde auf einem Holzblock
neben dem Eingang hockte, wo er von allen bersehen, gleich einem Stck
Niemand, ruhig ein Npfchen Suppe schlrfte. Der Mann mit der Axt jedoch
schrie hmisch auf und schlug sich, wie in nagendem Grimm, den flachen
Hut tiefer ber das Haupttuch. Fr den da, fr den verfluchten Juden
bezahle ich mit, rief er schneidend, whrend die tiefen Furchen in
seinem braunen Sorgenantlitz zuckten. Komm, Mauschel, bist der richtige
Gesell fr mich. Leck deine Schssel leer, und dann fort.

Was ist mit dem Hebraicus? unterbrach Heino Wichmann von seinem
Tischplatz aus sprend. Die feinen Nasenlcher des Kleinen witterten
dabei wie die eines Jagdhundes, und sein ungleiches Augenpaar sprang die
beiden Weggenossen so lauernd und zerfleischend an, da jeder von ihnen
unwillkrlich nach seinen Habseligkeiten griff.

Was soll sein? stammelte der Jude, indem er sich mhsam emporraffte.
Ich wandere.

Ja, und ich will dir auch sagen, warum, kreischte die Sibba und ri
ihm die Schale aus der Hand. In Potthagen, wo du wohnst, da hat das
groe Sterben schon wieder angehoben. Und was steckt dahinter? Ihr
Krummnasen, ihr Herrgottsmrder habt die Brunnen vergiftet. Ist es etwa
nicht wahr? Man sollte dich totschlagen, du garstiges Gewrm.

Ein einziger, ein heulender Schrei kam von den gereizten Bauern.
Geballte Fuste fuchtelten in der Luft, und ein schwerer Steinkrug flog
schmetternd gegen die Brust des Verhaten. Welch eine Wollust, sein
eigenes Leid abwlzen zu knnen. Sthnend sank der Jude auf seinem Platz
zusammen, und erst nach einer Weile vermochte er hervorzukeuchen:

Gestern ist mein eigen Weib und mein Sohn verrchelt. Glaubt ihr ----?
Er murmelte etwas Unverstndliches.

Doch der Abscheu der Landleute tobte weiter.

Stot ihn ins Feuer, den Mauschel, soll er uns vielleicht den schwarzen
Gevatter an den Hals hetzen?

Polternd sprangen die Mnner hinter dem Tisch in die Hhe, ein
fluchendes Getmmel umzngelte alsbald das Opfer ihrer Wut, und der
Angehrige eines aus den Reihen der Menschheit verwiesenen Stammes lie
seine schwarzen Augen unglubig und doch bereits auf alles gefat von
einem der Bedrnger zum anderen rollen. Allein nirgends ersphte er
Gnade, berall nur sinnlose Fremdheit und schumenden Ha. Da -- beinahe
im letzten Augenblick -- was war das? Da setzte etwas Wirbliges,
Zappelndes, Strohblondes mit einem katzenhaften Sprung von dem Tisch bis
dicht vor den Angegriffenen hin, ein helles Gelchter wurde
aufgeschlagen, und merkwrdig, die kleine Kinderfigur schien pltzlich
biegsam, wuchtig, stahlhart, wie eine gute Klinge, die sich zum Hieb
erhoben. Im gleichen Moment freilich war auch Claus Beckera in das
Gewhl geschossen. Ihn leitete kein besonderes Mitgefhl fr diesen
umstellten Juden, nur das strmische Weh fr alle Unterdrckten uerte
sich rckhaltlos auch hier. Es war eine wundervolle Bewegung, als sich
jetzt die berragende Gestalt schutzbereit vorwarf, halb geschmeidig,
halb gebieterisch. Dazu flammten die schwarzen Augen in einem dunklen,
bannenden Feuer, und die metallische Stimme fllte das ganze Haus mit
solch fortreienden Wirbeln einer geschlagenen Trommel, da selbst die
Becke, die neugierig am Pfosten der Kammer lehnte, ihren Nacken von
einem eigenartigen Schauder berkruselt fhlte.

Weh dem Armen, schleuderte der zum erstenmal in eine wache Geisterwelt
Entrckte seinen Angreifern entgegen, weh dem Armen, der einen anderen
Elenden entheiligt.

Die Bauern sahen sich an, verstanden nicht und wichen vor der drohend
gereckten Faust zurck. Eine Stille, ein Verstummen fiel in den Tumult,
um gleich darauf durch ein quirlendes, sich berschlagendes Gelchter
abgelst zu werden.

Hrt -- hrt den Buprediger, schttelte sich Heino Wichmann, und sein
Lachen legte sich wie ein Wall vor den Juden. Meint man nicht, das
Bbchen mchte gleich Messe singen? Ja, das Pfaffendienern, das
Kutten- und Pantoffellecken ist ein gut Ding. Aber nun verstattet auch
mir ein Wrtlein, ihr Heufresser.

Was sagt er? murmelten die Bauern, die es nicht begriffen, wie ein
Zwerg es wagen knnte, sie zu beschimpfen.

Ich sage, fuhr der Kleine in ungetrbter Ruhe fort, whrend er
gelassen vor dem Hebrer auf und ab wanderte, da ihr ein Querholz vor
der Stirn tragt und Ochsen seid.

Die Bauern rhrten sich nicht und horchten. Selbst die Becke, die nur
das Bild des glhenden Knaben verschlang, beugte sich vor.

Ich dachte, ihr wolltet Edelwild jagen? sprach der Magister schneidend
weiter, und in seinen Augen funkelte eine aufreizende Flamme von Bosheit
und verfhrerischem Aufruhr. Ein Kesseltreiben gegen den zweibeinigen
Schdling!? Oder meint ihr, diejenige Meute sei die beste, die sich
selbst zerfleischt?

Noch nie hatte Claus die aufwhlende Gewalt des Kleinen auf eine erregte
Schar verzweifelter Mnner berspringen sehen, jetzt fhlte er selbst,
wie die glhende Aufreizung ihm den Atem stocken lie und da er im
Moment nichts anderes war als ein zitterndes Blatt an einem Strauch, den
der Wind zaust. Bltter, bewutlos vom Sturm geschttelte, raunende
Bltter wurden auch die brigen. Die Brste dehnten sich, die wilden
Augen richteten sich starr auf den einen, von dem eine unbegreifliche
Losung auszugehen schien, selbst der Jude verga die ihm nahe Gefahr,
denn taumelnd richtete er sich auf und ergriff seinen Ranzen.

Wohin gehst du? forschte Heino Wichmann unvermittelt wieder mit seiner
weichen Mdchenstimme.

Ich wandere, versetzte der Gefragte hartnckig.

Ja, wir wandern, wiederholte nun auch der Mann mit der Axt, der bisher
wie im Traum gelauscht hatte. Komm, Bruder.

Allein ehe die beiden sich noch aus dem erstarrten Kreise lsen konnten,
stand der Kleine pltzlich zwischen ihnen, und leise und doch mit
unentrinnbarer Eindringlichkeit sagte er:

Den einzigen, der dir die Flecken von der Axt fortwaschen kann, den
findest du jetzt nicht. Der ist weit.

Der Bauer wich einen Schritt zurck, stammelnd fragte er: Wer ist das?

Wer? Heino streckte ihm die Rechte entgegen, in die der andere, wie
gezogen, einschlug. Wer? flsterte der Kleine noch einmal. Und kaum
verstndlich, hinter Schauern von Anbetung und Geheimnis verborgen,
hauchte er ihm ins Ohr:

  Der Gdeke -- Gdeke Michael,
  Der fhrt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl.

Eine Woge mute in das Haus der Sibba geschlagen sein, die alles, was
bis dahin aufrecht stand, unter sich begrub. Aus dem Strudel schlang es
sich herauf wie die Stimmen von Ertrinkenden. Ein allgemeines brausendes
Gebet, das brnstig durch das Dach gegen den Himmel stieg:

  Seine Brust ist wohl eine Elle breit,
  Den Bedrftigen schenkt er Speise und Kleid!

Noch heulte der Sturm, da geschah etwas Ungeahntes. Lallend, trunken von
der Gewiheit, in eine Gemeinschaft eingeschlossen zu sein, so hatte der
Hebrer die Axt an sich gerissen. Jetzt taumelte er auf den Holzblock,
schwang die Waffe fieberhaft ber die vielen Kpfe und besessen von
einem starren, fanatischen Wahne kreischte er gellend:

  Und tragt ihr Armen am Leben schwer,
  Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer.

Und wieder erscholl es ihm zur Antwort, ernsthaft, schwer, feierlich,
wie das Responsorium in der Kirche:

  Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
  Der Gdeke -- Gdeke Michael.

Aber das letzte klang schon auf der Landstrae. Der Schwarm hatte sich,
einer inneren Macht folgend, ins Freie ergossen. Alles, was sich ihm
widersetzte, war fortgebrochen, nur die Becke und Claus befanden sich
allein unter dem niedrigen Dach; beide angewurzelt, die Trmmer eines
langsam sich fortspinnenden Traumes.

Komm, ermunterte endlich das Mdchen und streckte verstohlen die runde
Hand nach dem Versunkenen aus. Allein schon die Berhrung machte es
lechzend und unsicher. Je lnger sie mit dem schlanken, gnzlich
inneren Liedern lauschenden Burschen allein blieb, desto mehr
durchschlug sie das Bewutsein, dieser groe, stolze, widerwillige Junge
mit den brennend schwarzen Augen, er gehrte nicht in das Geschlecht der
sich am Boden wlzenden, viehischen Genlinge, die bis jetzt ihren Leib
geplndert und verhhnt hatten. In diesem wohnte noch eine verzweifelte
Scham, eine gierige Andacht, die zugleich beten und doch das
Muttergottesbild zerschlagen wollte. Und das lockte die Dirne ber die
gewohnten Grenzen hinaus, bis sie weich und nachgiebig wurde.

Komm, bat sie dringend, du kannst nach deinem Willen tun.

Es war eine heie, betrte Menschenstimme, von der Claus aus seinen
himmlischen Grten hinweggejagt wurde. Wild, schmerzlich fuhr er auf.

Was willst du? stammelte er entsetzt, angewidert, denn in den
brauenden Kiennebeln sah er, wie die entfesselte Brunst sich ihm
gewohnheitsmig nherte. Nein, das nicht. Alles, was von Demut gegen
seine Mutter in ihm lebte, alles, was er Feindliches in seinem eigenen
Geschlecht barg, es emprte sich, und mit einem wuchtigen Sto
schleuderte er die Hingebungbereite vor sich nieder auf den Estrich.
Ihren dumpfen Fall hrte er noch, dann befand er sich im Freien.

Drauen Dunkelheit, feuchte, pfadlose Nacht.

Aus den Erlen und Pappeln der Landstrae schwirrte es, feiner Sprhregen
stubte den abschssigen Weg herauf, und vor den Fen des Flchtenden
seufzte der aufgeweichte Lehm der Landstrae.

Wohin fhrte der Pfad? Claus wute es nicht. Entschlulos blieb er
stehen, bot die Fieberstirn den khlen Tropfen und lauschte. Von der
Hhe zngelte ihm noch ein Feuerstreif aus den Fenstern des Huschens
nach, das er eben verlassen, und ganz weit, jenseits des Absturzes,
wirbelten zerstckte Fetzen des sich entfernenden Bauerngesanges. Ja,
das wollte er festhalten, daran wnschte er sich zu klammern. Aber
whrend der Einsame versuchte, die bekannten Strophen aus keuchender
Brust aufsteigen zu lassen, da verwirrte er sich. Vergessen, vergessen
waren die Worte und Bilder, die er bis jetzt aufgebaut und errichtet.
Dafr -- er blickte sich wie gehetzt in der Finsternis um -- dafr
leuchteten berall aus den Schatten heraus weie Arme, die ihn
einfingen, und eine ppige Brust atmete, die ihn erdrckte. Er wollte
sich wehren, er schrie wie ein Unsinniger, allein das weie Gewoge
erstickte ihn und kehrte ihn um. Vergebens, umsonst, getragen von
flatternden Fittichen scho er zurck -- sprengte die Tr und sank
wortlos der jauchzenden Dirne in die Arme.

ber dem Hause der Sibba erlosch das Sternbild des Jupiter.




VI.


Ist erst das Eis gebrochen, dann spritzt der trbe Gischt des Meeres
gewaltsam hervor, und man meint, die wallende Flut schleppe berhaupt
nichts anderes mehr als Unrat.

Von dieser Zeit an kehrte Claus hufiger und hufiger in der Htte der
Sibba ein. Mochte ihn auch am Tage, wenn die helle Sonne der Kste sein
Tun bestrahlte, der Ekel und der Abscheu vor dem wilden Zwang qulen,
der ihn an einem schneidenden Seil ber die Berge zog, in der Nacht
schnrte ihm die schmerzhafte Umstrickung alle Glieder zusammen und ri
den Unbndigen von dannen. Willig wurde er von seinem hohnlchelnden
Lehrmeister mit einem Ring der goldenen Kette nach dem anderen
ausgestattet, und Heino Wichmann versumte nicht whrend der Tagesarbeit
seinem verbissen vor sich hinschaffenden Zgling einzuprgen, wie es im
Altertum ganze Schulen der Weltweisheit gegeben, die im Genu, in
Schwelgerei und besinnungslosem Auskosten die einzige Gewinnmglichkeit
gegen den berall herumschnuppernden Tod gesehen.

Sieh, Bbchen, pflegte dann der Kleine zu uern, whrend die beiden
Genossen im Boot den brauenden Morgennebel durchschnitten, der letzte
Tropfen im Weinkrug ist es, der letzte, den die lechzende Zunge auf sich
herablockt, gerade ihn begren wir als den heien Boten aus einer
berseligen, tanzenden Welt. Bei diesem letzten kmpft bereits die
Wehmut des Abschieds mit der Hoffnung auf neue Labe. Oder meinst du, das
Schwein habe einen anderen Grund, sich beim Scharren nach der letzten
im Erdreich versteckten Eichel den Rssel blutig zu reien?

Solchen Einflsterungen gegenber, obwohl sie ihn mit der Schrfe eines
Rutenhiebes trafen, blieb der hochgewachsene Junge, dessen Wangen
schmler und blasser wurden und dessen Brandaugen jetzt hufig voll
selbstqulerischer Verzweiflung glimmten, stumm und taub. Und der
strohblonde Magister begann zu wittern, da sein Geschpf die
aufreizende Absicht unter seinen Stachelreden zu merken anfing. Dazu
bumten sich der Hochmut und das herrische Wesen des Fischersohnes immer
gebieterischer, und es kam jetzt oft in dem Katenhause der Beckeras zu
Streit und Widerreden. Der Sohn bat nicht mehr, er forderte. Auch
uerte er zuweilen bei geringen Anlssen Gedanken und Meinungen, die
bewiesen, wie hoch die Grung in seiner Brust bereits gestiegen war.

Eines Tages sa der Bruder Franziskus am Herde der Htte. Er kam, wie er
bekundete, im Auftrage seines Klosters, um bei den Fischersleuten eine
wirtschaftliche Bestellung auszurichten. Im Grunde aber war er von
Mutter Hilda herbeigerufen, die die Sorge um ihren, wie sie meinte,
verirrten Einzigen nicht mehr ruhen lie. Treibende Angst beschattete
sie jetzt fast stndlich, in ihrem Kinde seien die bsen Lste seines
eigentlichen Erzeugers aufgewacht, seine Genu- und Raubsucht, die wilde
Gier nach Unterdrckung Schwcherer und das kalte Verachten von Recht
und Sittsamkeit. Ihre Brust bebte, wenn sie daran dachte, da sie selbst
ja nur gezwungen dieses fremde und doch geliebte Reis empfangen, und die
Schrfe des Mutterauges nahm auch wahr, wie in ihrem Sohn pltzlich die
Erkenntnis des werdenden Mannes aufgepeitscht war und wie sich Scham und
Verachtung vor jenem Wissen in ihm stritten.

Ein kalter Novemberabend frstelte ber der Htte. Am Buchenfeuer sa
der Mnch, und neben ihm, in Decken eingehllt, hing der Hausherr, halb
liegend in seinem Armstuhl, und rchelte unter einem pfeifenden Gerusch
die warme Feuerluft ein, die seine wunde Brust doch immer wieder zu
einem langen Husten reizte. In einer beschatteten Ecke, in die er
absichtlich gerckt war, wetzte Claus mit einem Stein den Aalspeer,
whrend Hilda vor ihrem Gaste stand, die Hnde demtig ber der Brust
gekreuzt, als wre sie bereit, jedes Wort ihres geistlichen Fhrers
gleich einer Predigt von der Kanzel herab auf sich wirken zu lassen.
Drauen umarmte Nordsturm die Htte und keuchte begehrlich um das
geschttelte Dach. Dadurch wurde es aber nur noch heimlicher in dem
Raum. Und in dem Wohlgefhl ber den warmen Platz verga der Pater
sogar, da weit hinter seinem Rcken der kleine strohblonde Zwerg auf
einem Brett unter dem Rauchfang hockte, sichtlich bemht, in der
rtlichen Schwrze der Hhlung so weit wie mglich zu verschwinden. Der
Magister war auch der einzige, der mit spttischem Grinsen bemerkte, wie
den jungen Claus bei seiner Arbeit mehr und mehr eine fliegende Unruhe
stachelte, und er wute auch, was seinen Zgling an brennenden Seilen
von hier fortzog. Darber freute er sich. Inzwischen lief das Gesprch
ehrbar hin und wider. Es wickelte sich meistens so ab, da die alten
Fischersleute ihrem Beichtiger diese und jene wichtige Frage des Alltags
unterbreiteten, um sich dann seinen Aussprchen und Entscheidungen mit
unbedingter Zustimmung zu unterwerfen. So hstelte der Kranke seinem
Gast auch dasjenige vor, was in den letzten Tagen dem schon in
Gleichgltigkeit sich verlierenden Geist des Leidenden jhlings ein
sengendes Mal aufgedrckt hatte. Man denke nur, der Vogt hatte im
Auftrage des Grafen den Wehrpfennig gegen die Freibeuter einziehen
wollen, da er jedoch bei den Beckeras nicht gengend Mnzgeld gefunden,
so habe er den Ziegenstall geffnet und eines der Tiere, die beste
Milchgeberin, gepfndet und fortgetrieben.

Als der hinfllige Riese sich an diesen Raub erinnerte, da wurde der
ehemals so mchtige Krper von einer Wut geschttelt, da der Armstuhl
unter ihm zitterte. Der Schwei tropfte dem Aufgeregten in den grauroten
Bart, whrend er halb lallend fortfuhr:

Schmach -- da lag ich -- da lag ich -- und konnt' ich mich wohl rhren?
Nein, ich schrie nur immer, immer nach Gott und den Heiligen. Auch die
Ziege schrie -- aber was ntzt ein Bresthafter, dem das Wasser zudem in
den Knien gurgelt -- denn so hoch steht es bei mir schon -- Der Alte
warf sich herum und nickte in die Ecke hinein, wo sein Sohn heftiger an
seinem Spie rieb, dann keuchte er dankbar: Nachmittags aber kam Claus,
der Junge kam von der See, und da wurd's anders. Der lief dem Vogt nach
und brachte unsere Ziege zurck. -- Wir haben sie wieder, Geweihter,
schlo er erleichtert und hauchte sich in die erstarrten Hnde.

Wie geschah das? fragte der Pater nachdrcklich.

Hab' sie ausgelst, erwiderte Claus leichthin.

Mit wessen Gelde?

Hab' es mir geliehen.

Von wem?

Von einem Freunde, vollendete der Bursche trotzig, konnte es aber doch
nicht hindern, da sein Blick wie im Einverstndnis zu dem Strohblonden
auf dem Herd hinberflog. Der rckte sich noch tiefer gegen die Wand des
Rauchfangs.

Der Mnch schttelte sinnend das Haupt. Dann sagte er mit seiner gtigen
Stimme, die empfngliche Gemter wie dasjenige Hildas sanft stimmte,
gleich einem lindernden Fiebermittel:

Ihr guten Leute, hadert nicht. Es gilt allerwegen Opfer bringen, ein
jeder nach seiner Kraft, wenn wir in der gttlichen Wage das Recht
sinken sehen gegen das Unrecht und die Ordnung gegen die Zuchtlosigkeit.
Darum steht auch geschrieben, 'Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und
Gott, was Gottes ist'.

Eingehllt in den roten Feuerschein wie in den Mantel des Elia und
selbst innig von seiner Lehre berzeugt, so urteilte der Mnch, und die
alten Fischersleute sahen sein Wort in ihrer Htte aufwachsen wie eine
Wunderblume, deren fremden Glanz sie nicht begriffen. Da -- entsetzlich
-- die Husler fuhren zusammen, sie trauten ihren Ohren nicht -- da
lachte etwas wider alle Ehrfurcht laut und zuchtlos mitten in die
frommen Stze hinein, und in der Ecke stie der junge Nikolaus seinen
Speer aufrecht in den Estrich, so da das Eisen zitterte und summte.

Was gibt's? murmelte der Vater, dem vor Schreck die Sprache verging,
whrend er sich mhselig aufzurichten suchte. Warum lachst du?

Der Sohn schttelte krftig an dem schlanken Schaft, und durchaus nicht
eingeschchtert, warf er blitzenden Auges zu dem Pater hinber:

Von wem stammen die trichten Stze?

Tricht? Vor dem Bruder Franziskus wurde es dunkel. Das Grauenvolle
dieser Unbotmigkeit gegen den Himmel zertrmmerte ihm mit einem
Keulenhieb das kluge Verstndnis, das der Geistliche sonst seiner Umwelt
und besonders der Jugend entgegenbrachte. Unmglich schien es ihm, da
solch ein Frevel in einem menschlichen Hirn grogeworden sein sollte,
unfalich, da es gerade jener ihm lieb gewordene Bube war, der ihn
uerte. Gelhmt, seiner selbst nicht mchtig, antwortete er, um dabei
doch zu empfinden, da seine Worte ihm von selbst entliefen, ohne
Hemmung, wie der Faden eines Knuels, mit dem eine Katze spielt.

Nikolaus, verwahrte er sich voll Trauer und so leise, als ob er zu
sich selbst sprche, der Allmchtige nehme die Anfechtung von dir. Es
ist unser Herr und Heiland selber, mein Kind, der diese Botschaft
verkndete.

Jetzt wandte sich auch die Mutter um. Ihre vorwurfsvollen Augen sowie
die entsetzt vorgestreckten Hnde bewiesen, sie erwarte, ihr Sohn wrde
von dieser Belehrung gefllt in die Knie sinken. Allein, was entdeckte
sie? Um die Lippen des Jungen flog nur ein berheblich grausamer Schein,
und nachdem er sich noch durch einen schnellen Blick des Beifalls seines
zierlichen Meisters versichert hatte, holte er zu einem neuen, noch
respektloseren Hieb aus.

Hat der Heiland das selbst geschrieben? forschte er unglubig.

Ehrlich schttelte der Bruder das feine Haupt. An den ergrauten
Schlfenhaaren perlte ihm der Schwei.

Der Heiland schrieb nicht, bekannte er, und wieder entfuhr ihm die
Antwort gegen seinen Willen, wie ein Hund, der von einem Mchtigeren
gelockt wird. Seine Lehre ging durch viele Hnde.

Dann taugt sie auch nicht mehr fr eine spte Zeit, bestimmte der
Junge nun fest und mit furchtbarer berzeugung, abgestandenes Wasser
macht krank.

Nikolaus, jammerte die Mutter, und in ihrem berwltigenden Grauen
meinte sie, in der Ecke hocke ein hllischer Dmon, der mit seinem
schwarzen Spie gegen ihr Herz und das innerste Gefge der Welt ziele.
Und doch, der Dmon war noch immer schn und herrlich. Auch der Vater
stie jetzt ein wundes, banges Rcheln aus. Und nur der Mnch lehnte
schweigend und starr auf seinem Stuhl, denn der Fels seines Glaubens
wuchs unter ihm, so da die wilden Strudel ihn nicht erreichten.

Sndige weiter, Korah, sprach er fest.

Von den Feuern des Kamins jedoch tnte ein spttisches Kichern, und
dadurch gereizt, brach es aus dem Abtrnnigen ohne jede Rcksicht
hervor, die Leidenschaft zu herrschen und andere nach seiner berzeugung
zu formen, schlug Flammen:

Ist Gott reich oder arm?

Reich, entgegnete der Geistliche schwach.

Ist der Kaiser reich oder arm?

Gott helfe dir -- reich, flsterte der Priester gezwungen.

Da ri Claus seinen Spie aus dem Estrich, streckte das Eisen dem Mnch
starr entgegen, und whrend sein vorgeschobenes Haupt von der Glut des
Herdes erreicht wurde, rief er mit dsterem Grimm und funkelnden Auges:

So soll Gott endlich ablassen, zu fordern und zu plagen; und der reiche
Kaiser mge den Armen geben, was der Armen ist.

Eine Weile regte sich nichts nach dieser haerfllten Emprung. Die
alten Beckeras schlossen nur aus dem aufwhlenden, zerfleischenden Ton,
da ihr Sohn, ihr einziges, liebes Kind, bei dem Versuch an den Ketten
zu rtteln, an denen die Erde vom Himmel herabhing, in die kalte,
finstere Tiefe der Verdammten gestrzt sein msse. Auch das erfaten sie
nicht genau, und doch zog es die armen Leute mit zwingender Gewalt, dem
Verlorenen die machtlosen Hnde in den Hllenspalt nachzustrecken. Noch
blickten sie sich ratlos an, suchten Trost in ihren von keinem
Verstndnis erleuchteten Werktagsgesichtern, da erhob sich Bruder
Franziskus in schwerer Fassung von seinem Sitz, und whrend er sich eng
und abschlieend in seine Kutte hllte, schritt er gebckt und vor sich
hinstarrend bis zur Schwelle. Hier aber minderte er seinen Schritt, und
in das Holz der Bohlentr hinein sprach das zarte Mnnchen nach hartem
Kampfe:

Rufe mich, Claus, wenn die Not des Verlassenen dich zwingt. Der Erlser
wohnt auch in denen, die ihn verlstern. Du wirst es merken.

Dann war er wie ein grauer Schatten entwichen. Und in der Htte bangte
das Schweigen.

       *       *       *       *       *

Aber die frommen Augen des Zisterziensers hatten klar genug in die
zuckende Seele dieses ringenden Menschenkindes geschaut, denn etwas von
der heilschtigen Allbarmherzigkeit des Christenheitsstifters pochte
wirklich schmerzhaft in jedem Pulsschlag des Knaben. Und das, was den
Mnch abstie, war einzig in jener lodernden Verranntheit zu suchen, die
da begehrte, der Ausgleich und die Verherrlichung der Geplagten und
Gepeinigten auf dieser Erde sollte sogleich, ja im nchsten Augenblick,
womglich durch wilde, durch niederbrechende Gewalt bewirkt werden. In
den Fiebertrumen des Grenden hob sich immer mahnender eine gepanzerte,
goldglnzende Faust -- die seine -- die das Jammerdasein zurechtrckte,
und seine Nchte wurden bestndig durch die Qual gestrt, ob er, der
Schmutzbefleckte, Sinnenlustverzehrte, auch wirklich das Flammenschwert
in die besudelten Hnde nehmen drfe. In solcher funkelnden Finsternis,
wenn vor seinen weitgeffneten Augen der alte Claus Beckera, die Mutter,
sowie Anna Knuth in goldverschnrten Purpurgewndern stolzierten, da
weckte er hufig den neben ihn gelagerten Magister, um in nicht mehr
ertrglichen Zweifeln zu flstern:

Mu es denn ein Reiner sein, der die Herrlichkeit auf die Erde
bringt?

Allein den genieerischen Zwerg emprte derartig ernsthafter Zwiespalt,
weil sein flatterhaftes Gemt nie aufrichtig an eine Selbstprfung
gedacht hatte, und deshalb schlug er schlaftrunken nach der Hand des
Freundes, rgerlich dazu raunend:

La mich in Frieden, du Gebetschemel! Wer den leeren Buchen etwas zu
fressen bringt, braucht die Schssel nicht erst zu putzen. Und nun
schnarche und trume von dem Busen der Becke.

Doch Claus trumte nicht mehr von dem Leib, der ihn, oder den er sich
unterjocht hatte, er beutete ihn nur raubgierig aus, wie der Goldgrber,
der irrsinnig in der Grube nach dem letzten Gefunkel fahndet, und der
Magister ahnte nicht, da sein Zgling durch Ekel und berdru bereits
in jenes vergitterte Herrenbewutsein gejagt sei, das auch hinter dem
weien Kleid der schamhaftesten Frau die Dirne wittert.

Ja, der Irregefhrte wagte bald nicht mehr, seine Mutter und die zur
Jungfrau erblhte Anna Knuth gutglubig zu betrachten, so wenig wute
er, was er hinter ihnen vermuten sollte.

Dunkel und dmmriger wlzten sich Winternebel herauf, und an ihre graue
Wand schrieb bereits eine Gespensterfaust unverstndliche Zeichen des
Kommenden.

Schicksalsstunde brach an.

Es war an einem nakalten Novembernachmittag. Aus dem Dunst grupelte es
in schrgen Linien herab, davon wurde der Rauch des Schornsteins qualmig
um die Htte herumgedrckt, und das Meer zischte glasige Eisstckchen
gegen die Strandsteine. Um diese Stunde bedeckte sich Claus, whrend der
Vater schlief und die Mutter geruschvoll mit den Tpfen des Herdes
lrmte, wie in zorniger Verbitterung mit seiner Lederkappe, hllte sich
hastig in sein Seehundswams und schlpfte unbemerkt aus der Kate
hinaus. Als er den weichen Hagelschlag um sich sprte, atmete er gierig
und doch verstohlen die feuchte Luft ein, gleich einem Dieb, der sich
auf schlimmer Bahn befindet. Wute doch der Bursche, da der zehnfach
verabscheute Weg wieder sein Maul gegen ihn ffnete, um den Wanderer
mitleidslos zu verschlingen. Seit einer Woche fhrte er den heiesten
Kampf gegen seinen Hunger, gegen die abscheuliche Wonne, ein anderes
Geschpf zu entwrdigen und dadurch doch in beglckter Dienstbarkeit zu
halten, aber jetzt, jetzt waren alle Widerstnde in ihm mit einem Mal
erschpft und gebrochen. In langen Sprngen hetzte er von den Dnen zum
Strand herab -- und richtig -- dort unten schob Heino Wichmann das Boot
gerade zwischen den Steinen hervor. Dumpf, in abgehackten, mrrischen
Worten begehrte der Bursche von seinem Lehrer, er mge heute das
Netzelegen allein besorgen, weil er selbst -- weil -- kurz, gegen Morgen
wrde er wieder daheim sein. Und seltsam -- ganz ohne das gewohnte
spttische Grinsen, nickte diesmal der Kleine rasch und einverstanden,
ja, es schien beinahe, als kme es ihm nicht ungelegen, allein und
unbeobachtet die Meerfahrt unternehmen zu knnen. Eilfertig trug er dem
Aufbrechenden Gre auf, pries ihn glcklich, mitten im Winter runde
pfelchen vom Baume schtteln zu drfen -- alles gleichgltig und ohne
Anteilnahme -- und wendete sich dann wieder doppelt emsig seinem Kahn
zu. Aber Claus zgerte noch eine Weile. Denn fr eine kurze Frist
befreite sich der scharfe Verstand des Jungen von den ppigen Bildern,
die ihn blind machten, und ahnungsvoll durchfuhr ihn die Erkenntnis, wie
sehr sich in den letzten Tagen das Wesen des Kleinen verndert habe.
Merkwrdig, ber Heino Wichmann hatte eine treibende Unruhe Kraft
gewonnen; Claus erinnerte sich, da sein Freund jetzt nchtelang
herumstreife, namentlich auf den Hhen der Insel, ja, der Fischersohn
rief sich zurck, wie er den Magister an einem der verwichenen Abende
heimlich auf einem ins Meer vorspringenden Steinhaufen beobachtet hatte,
wo der Strohblonde ein unbegreifliches Feuerspiel getrieben. Er hatte
dort ein Reisigbndel entzndet, und zur Verwunderung des Zuschauers
wurden die brennenden ste einer nach dem anderen von dem Einsamen in
die Abendluft geschleudert. Was bedeutete das? Sollte hier irgend
jemandem ein Zeichen gegeben werden?

Als Claus ihn angerufen, war der Kleine erschrocken. Was treibst du
da? hatte der Junge gerufen. Allein statt einer Antwort hatte der
Aufgestrte den glimmenden Bund ins Wasser gestoen, die Achseln gezuckt
und verrgert zurckgegeben:

Meinst du, da ich es hier noch lange vor Langeweile aushalte? So stre
mich wenigstens nicht, wenn ich die dummen Fische anmutig ergtze.

Damit war er von den Steinen herabgesprungen und hatte sich wortlos in
die Htte getrollt. In seinem Zgling aber nistete seitdem der Verdacht,
Heino Wichmann, dieses ihm unentbehrliche Gef krausesten Wissens,
dieser Galgenstrick, in dem die gemeinsten und liebenswrdigsten
Eigenschaften bunt durcheinander wirbelten, ach, dieser unstete
Wandervogel spanne gewi bereits die Schwingen zum Flug ins Unbegrenzte.
Und darber verzehrte sich das Herz des anhnglichen Jungen, das
neidisch nichts zu opfern vermochte, wovon es erst einmal Besitz
ergriffen. Sollte er nun vielleicht allein zurckbleiben, um abermals
zwischen den alten Leuten in Dumpfheit und Knechtschaft zu versinken?

Stunden waren bereits seit dem Zusammentreffen verflossen, nach zgellos
verbraustem Verschwenden hing Claus ernchtert und voll Selbstverachtung
auf dem elenden Bettgestell in der Kammer der Becke, und das Gefhl des
Ausgestoenen, des ohne Zweck noch Richtung zum Gemeinen Verurteilten
belud ihn mit solchen Gewissensngsten, da er den Kopf in beide Hnde
sttzte und vergraben vor sich hinstarrte. Was sollte nun folgen?

Wenn Heino Wichmann wirklich eines Morgens verschwunden war, wrde
dieses elende Weib dann nicht die einzige sein, die ihn ber die
aussichtslos, ewig gleichbleibende Fron eines Unfreien hinwegtuschte?
Also nur der Ekel oder die grelle Verwstung blieben ihm brig, wenn er
die Qual eines an seine Scholle gefesselten Knechtes vergessen wollte!
Fort? Flucht? Ja, wenn nur ein Sasse nicht zu jeder Bewegung der
Zustimmung seines Herrn bedurft htte. Warum war er hierzu verdammt?
Gerade er? Und gab es hier nicht noch unzhlige andere, die diesem Fluch
verfallen waren? Mit einem heftigen Ruck fuhr er in die Hhe, und so
dster und drohend funkelten seine Augen, da die Becke, die trllernd
und hochmtig vor ihm auf und ab tnzelte, befremdet innehielt. Sobald
ihr die Selbstbesinnung wiederkehrte, lchelte sie eigentlich ber den
unreifen Wildling, ja, sein grendes Wesen sowie das bunte Gefieder
seines Geistes reizte die Denkfaule auerhalb seiner Umarmungen
hchstens zu Spott und Verhhnung.

Geh nach Hause, Bblein, meinte die Dirne deshalb berlegen und
schnippte mit dem Finger gegen ihre vollen Lippen, damit du deine
Mutter nicht strst. Auch meine Alte knnte aufhren zu schnarchen, wenn
du die Tr wieder so zuknallst.

Geruschlos ffnete das Mdchen den Verschlu der Kammer, um in das
Schenkzimmer zu sphen. Allein dort drauen schwebte alles im
Halbdunkel, von dem Tisch flackerte nur eine trbe lleuchte, und am
Herd zusammengesunken schlief ein buckliger Querpfeifer, der am Abend
vorher den Gsten seine Stckchen aufgespielt. Jetzt ruhte sein
pockennarbiges Haupt auf der Herdplatte.

Du kannst gehen, riet die Becke noch einmal, nachdem sie sich von dem
freien Ausgang berzeugt. Allein wie stockte mit einem Male ihr
herablassender Ton, als ihr gleichgltiger Blick sich jetzt unvermutet
mit dem ihres Besuchers verfing. Gebannt blieb sie an der Schwelle, und
ihre zitternde Hand nestelte unwillkrlich das Linnen an ihrem Halse
enger zusammen.

Was siehst du mich so an? stammelte sie ziellos und in aufspringender
Feigheit. Ich habe dir nichts getan.

Wie sehe ich dich denn an? forschte Claus, den selbst, gleich einem
Ertappten, ein kalter Schrecken aus seinen Gedanken gescheucht hatte.

Das vollbusige Weib jedoch zitterte noch immer.

Man mchte fast meinen, suchte sie ihre Unruhe hinter einem frechen
Lcheln zu verstecken, obwohl ihre frstelnden Wangen sie Lgen
straften, man mchte fast meinen, du wolltest mir an die Kehle.

Es sollte wie ein Scherz klingen, auch reckte das Mdchen alle Glieder,
als wollte sie die Macht herbeirufen, die ihr noch stets geholfen.
Allein das ernste Antlitz des Jungen und vor allem seine vernichtenden
Augen, sie lieen ihr das sichere Selbstgefhl der Verworfenheit nicht
mehr zurckkehren. Und dann -- hrte sie denn richtig? Wurde sie nicht
vielleicht doch durch einen brenzlichen Spuk getuscht? Nein, nein,
jetzt -- es sprang ihr in die entsetzten Augen, der verwnschte Bursche
dort griff wirklich in das Gewhl der Betten, prete den Strohsack
unbarmherzig zusammen und flsterte heiser vor innerer Entwrdigung:

Hre, Becke, es wre fr uns beide besser gewesen, wenn ich dich vorhin
in den Kissen erwrgt htte.

Sie schrie nicht auf, sie bebte auch nicht lnger, nein, vor dieser
wilden Drohung, deren innere Wahrheit die Erfahrene nicht einen Moment
bezweifelte, gewann die Dirne vielmehr ihren alten, rohen bermut
zurck. Auch fiel ihr ein, da sie ja nur zu rufen brauche, um den
Schlfer dort drinnen herbeizuwinken. Finster straffte sie die Arme.
Dann setzte sie sich ihrem Gast gegenber auf ein Klappbrett, das sie
aus der hlzernen Wand herablie. So nahe befanden sich die beiden,
deren Blut pltzlich verzweifelte Feindschaft vergiftete, da sich ihre
Knie beinahe berhrten. Dann stie die Becke mrrisch und doch von einem
lichteren Strahl getroffen hervor:

Ttst auch was Recht's, ein Mensch, wie mich, umzubringen.

Es mochte wohl die dumpfe Nachdenklichkeit in dieser Anklage sein, die
den Burschen umstimmte. Herrisch bewegte er die feingeformte Hand, als
ob er das Wort nicht gestaltet hren mchte, dann blickte er sich
verwundert im Kreise um. Zum ersten Male musterte er entzaubert den
kahlen Hausrat, das elende, zerfetzte Lager, die grnschimmlige
Feuchtigkeit der Wnde sowie die qualmige Leuchte zu seinen Hupten.
Auch die geschminkten Wangen der Becke stachen ihm grell entgegen. Wie
vor etwas Unbegreiflichem schttelte Claus den Kopf, dann strich er sich
schwer atmend die Locken aus der Stirn. Als aber sein Blick notgedrungen
ber seine zusammengesunkene, vor sich hingrbelnde Gefhrtin streifen
mute, da packte ihn das Zermalmende dieser Stille mit verzweifelter
Macht.

Sprich was! herrschte er so bedrohlich, da die Becke emporwankte.

Was soll ich schon wieder sprechen? versetzte sie mrrisch.

Der Junge wrgte die Hnde umeinander, da er sonst fr sein Begehren
kaum einen Ausdruck fand.

Wie du so -- so eine geworden bist? platzte er endlich in grimmiger
Pein heraus. Wie du so eine geworden bist?

Da starrte die Dirne ihren Bedrnger sprachlos an, denn gerade seine
zarte Anbetung hatte sie bisher zum Erbarmen gegen dieses halbe Kind
gezwungen. Unmutig entblte sie ihre Zhne, als enthielte sie sich
kaum, durch einen unvermuteten Bi sein Gesicht zu zerhacken. Aber
allmhlich schwand die Feindseligkeit aus ihren grnblauen Augen, und
sie brach in ein rohes Gelchter aus.

Bist mir ein rechter neugieriger Spatz, spottete sie unsicher, aber
dabei klang doch eine grobe Verwunderung in ihrer Stimme mit. Potz
Marter, ich fra wahrhaftig selbst von dem alten Zeug. Willst es
wirklich wissen? Gib acht, Bblein, hier kannst du was lernen!

Mit einem hhnischen Lcheln lehnte sie sich zurck, krampfte die Hnde
in ihrem Scho und dann schleuderte sie ihm ihre Dirnengeschichte ins
Gesicht, abgehackt, boshaft, anmaend, als wr's eine lcherliche
berschtzung von solch einem Knblein, jemals die Wege ihrer Zunft
berschauen zu wollen.

Ja, du Milchbrei, was zehn Muler bei einem armen Hufenbauern fressen,
davon hat dir deine Mutter hinter dem Ofen gewi nichts erzhlt? Sieh,
ich bin solch ein Maulwerk! Auf unserem ckerlein verhungerte gerade
eine einzige Kuh, aber was half's? Der Fetzen Land ist noch nicht
lumpig genug, der Edelmann aus der Nachbarschaft mu noch sein gndiges
Auge darauf werfen. Da wird denn die Gegend voll geschrien von Raub,
Diebstahl und Einbruch, bis das Buerlein eines Tages im Turm des
Junkers seine eigenen Knochen annagt. Kaum lt man freilich das
Gerippe frei, so luft es vor das Gericht des Herzogs von Wolgast. Die
zehn Muler wollen nun einmal gestopft sein, und irgendwo wird das Recht
sitzen! Nicht wahr, es kann doch nicht aus der Welt fortgelaufen sein?
Zwei Jahre dauert der Streit, zwei Jahre, bis einem die Augen vor Heulen
und Angst blind geworden sind. Dann, horch, dann haben die Amtleute,
Schreiber, Ratsherren und Vgte den Rest des ckerchens aufgefressen.
Heidi, da steht man nun nackt und blo auf der Strae, und die Nachbarn
werfen einem die Tr vor der Nase zu. Was nun, Cluslein, was nun? Ich
will es dir sagen. Wozu hat man den gndigen Herren ihr Handwerk
abgelernt? Man wird es eben auch einmal versuchen. In Wolgast gibt es
einen reichen Bcker, ich selbst hab' die Gelegenheit ausgekundschaftet,
der erhielt zur Nachtzeit unseren Besuch -- und dann--

Die Becke greint und beit sich in die Finger, allein ihre gemalten
Lippen beben jetzt doch wie im Frost.

Diesmal whrte der Proze nur kurz, schluckt sie und reibt sich in
unnatrlicher Emsigkeit die Hnde, nach acht Tagen stand ich mit meinem
Vater schon unter dem Galgen. Eh' sie ihn aber hinaufzogen, oh, das tat
wohl, da schrie er mir ber alles Volk hinweg noch zu: 'Der Himmel hat
Groes mit uns vor. Sieh, Dirn, ich lern auf meine alten Tage noch in
der Luft tanzen, und du, mein' Tochter -- freue dich, du wirst eine
Hur'. Und merk dir's Bblein, das letzte Wort eines Vaters soll man
nicht zuschanden machen.

Damit erhob sich die Erzhlerin, wandte ihrem Besuch den Rcken und
kratzte wie unsinnig an der Wand herum. Pltzlich aber schnellte sie
zurck, und indem sie die Arme fest um seinen Hals schnrte, bedeckte
sie das Gesicht des Erstarrten mit unbndigen Kssen.

Komm, Bblein, girrte sie voll gemeiner Angst, als ob Bttel und
Todesreiter ihr abermals auf den Fersen wren, wozu ntzen deine
Narreteien? Die Hauptsache ist, da man jung ist. Jung. Horch, unsere
Herzen! Hpfen sie nicht wie die Lmmlein gegeneinander? Komm, gib mir
Geld, meine alte Hexe hat dir ja wieder ein hbsches Smmchen
gewechselt, und dann braue ich dir da drinnen einen Met, und wir trinken
bis uns Flgel wachsen. Munter, Bbchen, ksse mich und bleib bei mir.
Berauscht und zugleich verngstigt vor seinem starren Gesicht klammerte
sie sich an ihn. Was ist dir? murmelte sie abermals, als sie merkte,
da ihre Glut nicht auf ihn bersprang. Dann sank sie erschpft wie ein
Klumpen schweren Holzes vor ihm zusammen.

Claus aber stand neben ihr, keiner Bewegung mchtig. Und obwohl seine
Glieder zitterten und bebten, so hatte die Dirne doch recht gesehen, als
sie sprte, da ihr Gast nicht mehr bei ihr weilte. Unglubig, halb
erstickt sah er hinter dem seufzenden Scherben zu seinen Fen die
vergewaltigte Menschheit. Und er konnte es nicht fassen, da dies alles
seine Brder und Schwestern wren. Verfaulte Scharen quollen aus den
Trmen der Edlen, voreingenommene Richter schanzten das Recht dem
seidenen Kittel zu, und berall aus der Erde wuchsen Galgen hervor, die
liefen hinter den Armen und Elenden her, dazu kreischend:

Freut euch, ihr lernt auf euer Alter in der Luft tanzen, und oh Wonne,
eure Tchter werden Huren!

Nein, nein, das war nicht die Welt, die der Pater oder der Vogt
verkndigten. Die nicht!

Als Claus endlich die Augen aufschlug, da meinte er, aus der elenden
Leuchte zu seinen Hupten zischten Blitzstrahlen herab, deren
schwefliges Licht ihn blende und versenge. Seine Kleider fingen an, ihm
auf dem Leibe zu brennen, und ber alles hinweg packte den berreizten
die grenzenlose Furcht, was er, der Frevler, getan habe, um den wtenden
Reigen der Galgen einzufangen? Umgekehrt, umgekehrt -- er hatte sich ja
ber eine der Verlorenen geworfen, um sie bis auf die Haut auszurauben
und zu plndern.

Inzwischen war die Schwche von der Dirne gewichen. Brummig richtete sie
sich auf.

Mach, da du fortkommst, du Lappen. Wozu stierst du mich an?

Da vermochte Claus das kalte Entsetzen, das ihn erfat hatte, nicht mehr
lnger zu zhmen. Unbewut, ob es aus Mitleid oder aus der Sucht
geschah, sich loszukaufen von dem Schuldspruch, der ber die Erde gegen
ihn gellte, schttelte der Bursche mit fiebrigen Hnden einen Regen von
Silber- und Kupfermnzen ber die Zottelhaare der Kauernden aus, und so
von Grund war der Flchtling aufgewhlt, da er beim Durchfliegen des
Schenkzimmers sogar dem verschlafenen Querpfeifer den Rest des Geldes
wie zur Abwehr gegen den Leib schleuderte. Auch der war ja ein
Gepeinigter, der zur Nachtzeit auf den Landstraen fror und sein Elend
aus den fnf Windlchern herausquirlte. Fort, nur fort von hier, um nie
mehr der Wahrheit in ihr grinsendes Antlitz zu schauen. Der Querpfeifer
aber sprang hurtig hinter den rollenden Mnzen her und wurde stark in
der berzeugung, da er es hier mit einem vornehmen Schwelger zu
schaffen haben msse. Dankbar raffte der Bucklige sein Instrument an
sich und strzte dem wunderlichen jungen Herrn nach, entschlossen, dem
so unvernnftig Davonstrmenden den Weg durch seine Kunst angenehm zu
krzen. Drauen tauchte ab und zu die Gestalt in dem Seehundswams aus
den Morgendnsten auf, und der Pfeifer keuchte auf dem abschssigen
Pfad hinterdrein, stolpernd und fallend, whrend sein Instrument seltsam
hohe, zerrissene Tne von sich quiekte. Aber allmhlich verlor der
Verfolger sein Ziel aus den Augen, und an einer Wegbiegung blieb er
stehen, verschnaufte sich und streichelte wohlgefllig sein Querholz,
das ihm so hohe Ehren eingetragen.




VII.


Der Mond verglomm in seinem feuchtblassen Hof, als Claus aus dem toten
Gest des Sassenwaldes auf die Hhe der Dnen heraustrat. Unten strich
ein krftiger Wind ber Strand und Meer, so da der Dunst hinweggefegt
und eine weite Aussicht fr den Ankmmling erffnet wurde. Schwarz und
finster wogte die schwellende Flche vom Rande des Horizontes, und ihre
dunklen Hgel wandelten schrg in schwermtigen Reihen der fernen Bucht
von Binz entgegen. Dazu glitt von berall her ein nie abreiendes Summen
ber die Bahn, als ob im Morgengrauen verschlagene Bienenschwrme den
Heimweg suchten.

Und doch, dort unten tagte es, und der Spuk der grauen Buchenstmme war
berwunden. Endlich! Der Heimgekehrte, bernchtige wandte sich noch
einmal nach dem kalten, nebelhauchenden Gehlz zurck, um unglubig zu
ergrnden, ob wirklich all die wirren Gestalten, die ihn bisher
begleitet, dort hinten zwischen den triefenden Struchern vom Boden
eingeschluckt seien. Aber nichts rhrte sich mehr, und es war wohl nur
seine verzweifelte Erinnerungsgabe, wenn ihm noch immer spitze, halb
irrsinnige Tne durchs Gehr schnitten. Es klang wie das Weinen eines
geplagten Kindes. Claus schttelte sich und spritzte die Regentropfen
von der Stirn. Dann trat er weiter hinaus, und seine Augen tranken
durstig das stille groe Bild. Ja, dort drauen, murmelte er
wunschbeflgelt, dort drauen! Die uralte Vorstellung der
Kstenbewohner befiel ihn, der silberne Ring, der die bewohnte Erde
umgrtete, er bese auch zugleich die Kraft, alles Ungemach, alles Leid
der Sterblichen in Freiheit und Vergessen aufzulsen. Und er wute noch
nicht, da alle Wasser der Ozeane nicht gengen wrden, um die Brandmale
zu khlen, die seine zarte Seele heute nacht empfangen. Der Wind
knisterte um ihn wie Fahnenrauschen, und das Meer sang unter ihm sein
tausendstimmiges Schlachtlied, das ri den Leichtentflammten fort. Beide
Hnde warf er empor und schrie zur Antwort hinunter: Ich will -- ich
will. Was er freilich damit in heiliger Entschlossenheit beschwor, wer
knnte es angeben? Und doch -- es war sein Bndnis mit dem Weltwillen.
Und der Weltwille gebiert die Tat. Und die Tat allein ndert das
Geschaffene.

In dem unerklrlichen Gefhl der unverdienten Entshnung schickte er
sich zum Abstieg an. Da wurde er noch einmal aus seinen goldigen Wolken
herabgerissen. Tief unter ihm, dort, wo zwischen den beiden
vorspringenden Hgeln das Huschen der Mattenflechterin Knuth
eingeklemmt lag, dort bewegten sich trotz der frhen Morgenstunde ein
paar unerkennbare schwarze Punkte. Es sah aus, als ob hungrige Krhen
um einen Bissen Fleisch stritten. Claus stutzte. Das waren doch
Menschen? Was suchte das Gezcht dort? Gerade an jener einsamen Stelle?
Und in langen Sprngen setzte der mitrauisch Gewordene von den Dnen
herab. ------

Fast im gleichen Augenblick trafen sich drei Mnner vor der windschiefen
Pforte der Mattenflechterkate, die sonst nur fr Eingeweihte sichtbar,
wie ein groer brauner Pilz zwischen dem Gerll herabhing. Vom Strand
aus war es der Vogt, der mit schwerer Faust und lautem Gepolter gegen
die Tr schlug, whrend ber den Dnenweg, kaum einen Gedanken spter,
ein pelzgekleideter Jgersmann mit seinem Knecht um die Ecke der elenden
Siedelung bog. Unmittelbar vor dem Eingang stieen sie aufeinander.
berrascht, verdrielich schob sich der vorderste der Schtzen die grne
Schute aus der Stirn und fuhr den Vogt an, als wre dieser soeben auf
einer berschreitung seiner Befugnisse ertappt worden. Aber zugleich
sprhte dem Jger verrterisch eine Welle der Verlegenheit ber die
Wangen.

He, was gibt's? rief er, durchaus nicht ber die Begegnung erfreut.

Langsam zog der Vogt die Lederkappe vom kahlen Schdel.

Ich bin's, Junker, erklrte er ohne sonderliche Furcht. Laut
rentmeisterlicher Verfgung mu ich ----

Allein ehe der Satz zu Ende gelangte, wurde von innen der Querbalken
zurckgeschoben, und sphend, kaum notdrftig bekleidet, beugte sich
Anna Knuth ber die Schwelle. Vor dem Morgennebel verzog das Mdchen
ihre nur durch ein Linnenhemd geschtzten Schultern, und unter dem
kurzen Rock frstelten die nackten Fe. Ihre reichen, blonden Haare
fielen ihr noch ungeordnet weit ber den Rcken. Statt einer Anrede
legte sie nur bittend den Finger vor die Lippen, zum Zeichen, da vor
allem die Ruhe nicht gestrt werden mge; dann glitten ihre noch immer
kindlichen Augen scheu und bittend zu dem Grafen hinber, und ihre ganze
Gestalt begann zu zittern wie ein Tier, das den Schlachthieb erwartet.
Die Bewegung erzhlte von unentrinnbarer Armut, von Verfolgung und
Umstricktwerden und dem jammervollen Elend des nahen Erliegens. So
sprechend war die Gebrde, da selbst dem Junker von Cona ein
unnatrliches Lachen entfloh.

Da bin ich, rief er gepret, obwohl der Gru munter klingen sollte,
und ohne da der Jger begriff, wie ein Aufmerksamer leicht das
abgekartete Einverstndnis hinter diesem Ausruf entdecken knnte. Eine
Weile blickte daher auch der Vogt schweigsam von einem zum anderen,
dann jedoch verzog er die struppigen Augenbrauen, zuckte die Achseln und
wandte seine wuchtige Bedrngergestalt wiederum dem Mdchen zu. Ja, das
hilft nichts, beharrte er, die Frist ist abgelaufen. Wie steht's?

Auf die brummige Forderung lief ein erneuter Schauder um die Schultern
der Gemahnten, die Farben auf ihren Wangen wechselten, und whrend sie
halb willenlos in die Htte zurckwies, stotterte sie, um doch irgend
etwas zu erwidern:

Wahr und wahrhaftig, Mutter liegt krank.

Der Vogt griff sich an die Bartkrause, er schien an die Ehrlichkeit des
Einwandes zu glauben.

Ich wei, gab er zu, wo fehlt's?

Jetzt hielt sich die Blonde an dem Pfosten fest.

Das Feuer schlgt ihr aus, stammelte sie, von der Aussicht getuscht,
ihr Ungemach knne ihr vielleicht doch Mitleid werben. Sieht und hrt
nichts.

Schlimm, murmelte der Vogt, die schwarzen Nebel sind schuld. Aber
gleich darauf schlug er an seine Ledertasche, und in Ausbung seines
harten Berufes fragte er weiter: Hat sie dir den Wehrpfennig
ausgehndigt?

Da ri die Kleine ihre blauen Augen weit auf, und berzeugt, da ihr
jetzt die letzte Hoffnung schwinde, lie sie den erhobenen Arm sinken,
um zerknirscht und auf alles vorbereitet den Kopf zu schtteln. Sie sah
aus wie ein eben gefangener Vogel, der kampflos und betubt durch die
Stbe blinzelt.

Ja, dann hilft das nichts, entschied der Vogt, und nach einer Weile
knurrig, kannst du dir's nicht von den Beckeras leihen?

Noch war es ungewi, ob das Mdchen in seiner Verstndnislosigkeit den
ihm hingeworfenen Faden aufzuraffen vermge, als etwas Rasches,
Unerwartetes geschah. Mifllig hatte der junge Graf schon lange diesen
Verhandlungen gelauscht, wobei er von Zeit zu Zeit seinen beiden
dnischen Doggen, die ihn schlangenhaft umstrichen, zum Scherz die Kpfe
zusammenstie. Jetzt aber schob sich Malte Cona ungeduldig an das
Mdchen heran, ganz dicht und eng, so da der schmale Trspalt fr die
beiden Krper fast nicht mehr ausreichte, und es war wirklich kaum
wahrnehmbar, wie nun der Jger seiner Nachbarin, die seine Hilfe nicht
im geringsten untersttzte, geschickt hinter ihrem Rock ein kleines
Lederbeutelchen in die Hand spielte. Kaum sprte die Tochter der
Mattenflechterin freilich den prallen Gegenstand zwischen ihren Fingern,
als eine auffllige Vernderung mit ihr vorging. Ihr ganzes Gesicht
wurde so wei und eben wie Leinen auf der Bleiche, die Fe versagten
ihr den Dienst, und ihre vorher noch so klaren Augen senkten sich matt
und schuldbewut auf das Riedgras vor der Schwelle. Einem fremden Willen
untertnig, vllig ohne eigenen Trieb streckte sie dem Vogt das
Empfangene entgegen.

Hier, murmelte sie tonlos. Und dann pltzlich, als ob sie etwas
zwnge, sich des Geldes schnell wieder zu entuern: Da -- da -- nimm.

Zu deutlich redete der Vorgang, als da er miverstanden werden konnte.
Wieder lie der Vogt seine Blicke prfend von einem zum anderen gleiten.
Dann aber nahm er den Beutel langsam in Empfang, um bedchtig und ohne
Eile den Inhalt zu berzhlen.

Es ist zu viel, stellte er endlich fest.

So behalt den Bettel, rief der junge Graf grimmig.

Der Vogt jedoch blieb undurchdringlich wie stets. Die Knuths haben
nichts zu verschenken, meinte er gelassen, whrend er dem Mdchen den
berrest bereits zurckreichte, und rtselhaft setzte er noch hinzu:
Ihr wit vielleicht nicht, Geld kehrt bei armen Leuten gar selten ein.

Damit begann der struppige Mann umstndlich seine Ledertasche
aufzubinden und schien nicht bel Lust zu verspren, auch bei dem, was
nun folgen sollte, den Zeugen abzugeben. Allein der Junker, den die
feuchte Klte immer schneidender umwitterte und der durch die Nhe des
demtigen, zitternden Geschpfes daran erinnert wurde, da er zur Jagd
erschienen wre, zur Menschenjagd, er beschlo all den unntigen, schon
seit Monaten ertragenen Hemmnissen durch ein Herrenwort ein Ende zu
bereiten.

Komm Dirn, forderte er bedenkenlos und doch mit einer Art gutmtiger
Frische, ich will dir Ehre antun. Gib mir dort drinnen einen Schluck
Heies, und ich werde dich loben.

Hier ri der Vogt gewaltsam die Senkel seiner Tasche zusammen und brach
in einen schweren Wolfshusten aus. Das Mdchen jedoch, ohne auf die
Anwesenheit des anderen noch weiter Bedacht zu nehmen, spannte beide
Arme gegen die Pfosten der Tr, so da der Eingang gewehrt wurde, und
indem sie ihre hellen Augen an den stattlichen Menschen hing, rief sie
in hoher Angst, aber zugleich auch wie in wirrer andringender Neigung:

Bedenkt, Herr, das knnt Ihr nicht wollen. Meine Mutter -- sie sieht
und hrt nichts.

Da lachte der Jger halb vor Trotz und halb vor Scham, weil ihn ein
Dirnlein von ihrer Schwelle treiben wollte. Hastig umspannte er ihren
Arm und drckte ihn zur Seite.

Mach keine Mnnlein, redete er ihr zu, was braucht mich die Alte zu
sehen, wenn ich bei dir bin?

Schon setzte er seinen Fu auf die Schwelle. Das schwache Geschpf aber,
im Gefhl, wie es jetzt von jeder ueren und inneren Hilfe verlassen
wrde, lehnte beide Fuste gegen seine Brust und hauchte ohne
Widerstand noch Zorn:

Habt Erbarmen, lieber Herr, habt Erbarmen.

Wre jetzt ihr Bedrnger mit ihr allein gewesen, vielleicht htte er
scheltend und schimpfend von ihr abgelassen, denn die schlichte
Sauberkeit ihrer Magdschaft verfehlte nicht ganz ihren Eindruck auf sein
herrisches und nur arg verwhntes Gemt. Allein zum Unglck sahen die
beiden Fremden dem Spiele zu, wie konnte da der Grafensohn die
Zurckweisung einer solchen Katendirne hinnehmen? Spttisch verzog er
die vollen Lippen und stie einen gellenden Pfiff aus, so da die beiden
Tiere hoch an ihm in die Hhe strebten.

Vogt, rief er mit seinen dunkel sprhenden Augen, die in ihrem Jhzorn
denen von Claus Beckera so sehr glichen, wie ist das? Gehren hier
nicht lngst ein paar Fischerknechte her? Wie wre es, wenn wir das Nest
ausrumten und die Weiber auf den Hof brchten?

Die Drohung war wohl nur darauf berechnet, das Struben der Blonden
vollends zu berwinden, auf den Vogt blieb sie jedenfalls ohne Wirkung.
Ruhig schlo der breitschultrige Mann seine Tasche, packte seinen
Kronenstab fester und schttelte endlich bestimmt das wuchtige Haupt.

Dazu habe ich keinen Auftrag, lehnte er die Zumutung ohne eine Spur
von Entgegenkommen ab. Ich tue, was meines Amtes, nicht mehr.

Nun, dann pack dich, befahl der Jger dunkelrot und gereizt.

Gut, Herr, gut, das kann ich tun, stimmte der Vogt immer mit derselben
Bedchtigkeit zu, warum nicht? Gehabt Euch wohl.

Ehrbar, als wre nichts weiter geschehen, lftete er seine Kappe und
strebte dann weiten Schrittes den Dnen entgegen. Allein, kaum hatte er
den Saum der Weidenbsche erreicht, so lie er sich auf eine Sandwelle
niedergleiten und duckte seinen ungefgen Leib vorsichtig hinter die
brig gebliebenen braunrostigen Bltter der Ruten. Potz Velten, dachte
er bei sich, die Art meint immer, sie sei allein auf der Welt. Wie
lange lt man sie wohl noch den Rahm von der Milch schpfen?

Damit stie er seinen Stab in den Boden und lauerte.

Vor der Katenhtte jedoch hatte unterdessen die Sucht des
Besitzergreifens den Streit entschieden. Zwischen Bitte und Befehl war
der Jger in den halbdmmrigen Raum gedrungen, ja, er mochte es nicht
einmal hindern, da seine beiden Doggen ihm schnuppernd voranliefen.
Jetzt sprten sie in der dsteren Engnis umher, bis die Tiere pltzlich,
wie auf einen Schlag, vor einem traurigen Bettgestell Halt machten.
Lechzend wiesen sie ihre roten Zungen einem wchsernen Menschenbilde
entgegen, das mit geschlossenen Augen und wehenden Atems tief in einem
groben Strohsack eingekratzt lag. Es war ein schreckhafter Anblick, als
der Eindringling zuerst dieses fieberzuckende Menschenhufchen gewahrte,
und vor den schwarzen Hhlen der Wangen und der spitz hervorstoenden
Nase wich der Unvorbereitete zuvrderst zurck.

Gott gebe Euch einen guten Tag, Frau, ermannte er sich allmhlich zu
einem Gru, wobei er nichtsdestoweniger die unerbetene Zeugin seiner
tollen Leidenschaft nach Krften verwnschte. Wie geht's? -- Was treibt
Ihr?

Allein aus der Lade drang keine Antwort; nur ein rasches Keuchen
vermischte sich mit dem Lechzen der Hunde, und statt der Hingestreckten
erteilte endlich die Tochter die Auskunft. Am Kopfende des Bettes stand
sie, und whrend Haupt und Arme ihr schlaff herabhingen, sagte sie leer
und geistesfern:

Sie wei von nichts.

Teufel ja, nickte der Junker.

Ungemtlich und von der drckenden Stickluft unter dem niedrigen Geblk
benommen, lie der junge Mensch einen raschen Blick ber das kahle Elend
seiner Umgebung wandern, ber die Holzwnde voll Rauch und Spalten, ber
den geringen Hausrat, und sein Geruchsinn emprte sich heftig gegen den
Dunst eines Haufens von Binsen, der wohl in besseren Tagen zum Knpfen
der Matten benutzt werden sollte. Jetzt lag er zum Trocknen geschichtet
auf dem Fachwerk unter der Decke. In all dieser hoffnungslosen Armut gab
es nur einen Schimmer, eine Helligkeit, so dnkte es wenigstens den
immer heftiger Gespannten, die strmten von den langen Flechten des
Mdchens aus. Weiblond glommen sie durch den Dmmer, gleich einem
feingesponnenen Netz jungen Flachses, und an jene seidigen Fden
klammerte sich jetzt der unbeherrschte Wille des vornehmen Gastes fest.
Unruhig lie er sich auf den einzigen Stuhl am Tisch nieder, und da er
seine Befangenheit vor dem Wachsbild in dem nahen Bett doch nicht ganz
bezwingen konnte, so versuchte er seine Absichten vor den verdorrten
Ohren der Lauscherin wenigstens mglichst zu verbergen.

Komm her, Dirn, flsterte er.

Folgsam schob sich die Angerufene heran, man merkte kaum, da sie dabei
die Fe bewegte. Dann stand sie dicht neben dem Jger. Eifrig griff er
nach ihrer Hand.

Kuck, murmelte er eindringlich und legte ihre Finger auf sein Herz,
wie es klopft! Du hast es mir angetan. Als das Mdchen jedoch
verngstet den Kopf schttelte, fuhr er berstrzt fort: Frcht' dich
nicht, du dumme Trin', es soll dir fortan besser werden. Hast ja nicht
einmal ein Bett! -- Sag, wo schlfst du eigentlich, du bleiche
Leinwand?

Dort, Herr. Sie wies auf den Schragen der Kranken.

Da?

Bei dem Gedanken, da dieser jugendlich warme Leib allabendlich seine
Ruhe neben dem grauenerregenden Gerippe suchen sollte, fuhr ein
sichtbares Frsteln ber den Hals des Mannes. berredend legte er den
Arm um ihre Hfte, aber kaum sprte er die schlanke, sich leise gegen
ihn strubende Biegung des Leibes, da stieg eine heie Woge von Begehren
bis ber seine Stirn und in ihren roten Wirbeln sank er unter.

Dirn -- verfluchte, stie er in einer inbrnstigen, unvernnftigen
Hitze hervor. Und whrend er die Blonde zu sich auf den Stuhl zwang, da
kmmerte er sich den Teufel weder um die kurzen Atemzge, die dort in
der Ecke den Strohsack im Schaukeln hielten, noch um die hlzerne
Starrheit jener Glieder, die er jetzt durchaus zu biegen und zu brechen
strebte. Nur Glut brodelte in ihm und die planlose Verworrenheit des
Ergreifens. Goldfuchs, stotterte er bei dem heien Ringen, komm,
sperr' dich nicht. Seit Monden bin ich hinter dir her -- ja, ja, du
weit es ganz gut. Du bringst mich schier von Sinnen. Oder sag', Dirn,
sag', bin ich dir etwa zuwider?

Sie lag schon in seinen Armen, schreckverwirrt, atemberaubt, aber dicht
vor seinem Munde bat sie noch immer mit dem rhrenden Bewutsein der
Verlorenen:

Herr, es taugt mir nicht, darum zu wissen. Schont meiner.

Da hrte er aus ihrem Erlschen das Bekenntnis heraus. Jauchzend unter
einem hellen Lachen raffte er sie ganz an sich, und in der
lebenerschtternden Verschmelzung eines Kusses entschwand ihnen fr die
Dauer eines fallenden Regentropfens alle Wesenheit. Gleich zwei
beseligten Bienen, die selbst der Sturm nicht auseinandertreibt, hingen
sie in einer unwirklichen, blauen, golddurchzitterten Luft, und das
einzige, was die Zeit unter ihnen ma, war der hmmernde Hufschlag
ihres Blutes.

Aber dort auf dem Schragen? ffneten sich nicht ein paar glanzlose
Augen? Der tote Silberschein eines geschlagenen Fisches konnte nicht
entseelter zu ihnen herberglotzen, und so eifrig auch der Betrte sein
Haupt hinter den Schultern des Mdchens versteckte, das blinde Metall
jenes Blickes schmolz durch die lebende Hlle hindurch.

Dirn, nun hab dich nicht lnger. Die Alte tut dir nichts.

Am Fuboden schnupperten die beiden Doggen lebhafter, sie wurden
unruhig, schlugen an und prallten dann vor dem Ansturm des Tageslichtes
zurck, das zu der geffneten Holztr hereinscho. Eine hohe, dunkle
Gestalt zeichnete sich schwarz gegen die Helligkeit ab.

Da rang sich zum erstenmal ein Laut von den Lippen, die aus Furcht vor
dem Junker, aus Scheu vor seinem fremden Glanz und versiegelt von seiner
strmischen Zrtlichkeit bisher der Stummheit verfallen waren.

Ein Schrei gellte gegen die Decke und wurde von dem Querbalken
zurckgeworfen: Claus!

Dann wurde es wieder still. ngstlich, betrend still. Man hrte nur,
wie das Rcheln der Kranken durch den Raum sgte.

Endlich raffte sich der Junker auf, langsam, unsicher, denn ihn
verwirrte nicht nur der Anblick des Mdchens, das beide Hnde vor ihr
Antlitz geschlagen hielt, nein, auch die unselige Scham des Ertappten,
in seinen brennendsten Wnschen Gehinderten fra bissig an seinem
Hochmut. Dazu emprte ihn immer wilder das rtselhafte Schweigen dieses
vermaledeiten Sassentlpels, der bleich und atemlos vor ihm stand, als
htte sein zuckendes Maul einen Richterspruch zu fllen.

Was soll's? fuhr pltzlich der Jger in die Hhe und ri mit einem
Griff seine Armbrust an sich. Weshalb arbeitest du nicht, du Flegel?
Was hast du hier herumzulungern? Weit du nicht, was dir gebhrt?

Ja, der groe, schlanke Bursche wute wirklich nicht mehr, welchen Platz
er in der Welt einnahm. In diesem Augenblick empfand er nichts als das
ungeheure qualmige Zusammenbrechen all seiner kindlichen Trume, die so
lange und zrtlich von seinen Eltern und dem guten Mnch genhrt und
behtet waren. Nichts -- nichts -- die Trume hatte ein Lgner so bunt
und herrlich angestrichen, auf der Erde tobte lediglich Gewalt, und nur
Gewalt konnte das rasende Wten der Mchtigen brechen.

In die weit aufgerissenen Augen des Jungen sprang ein merkwrdiges
Wandern und Schielen, und obgleich der lange Leib sich kaum bewegte, so
bemerkte sein Gegner doch mit Grauen, wie die Finger des Burschen wie im
Krampf sich ffneten und wieder schlossen.

Gespenster, schwarze, verzerrte Fratzen tanzten um ihn her. Was aus der
verruchten Nacht gegen ihn angesprungen war, das drehte sich jetzt
heulend um ihn im Kreise. Geschminkte, an Leib und Seele entmenschte
Dirnen zausten ihn an den Haaren, taumelnde Galgen fielen ber ihn her,
entrechtetes, in Hungertrmen vertiertes Volk spie ihn an, und die zu
Lust und Nutzen der Macht Gehenkten, sie schleuderten ihre Stricke um
seinen Hals und schnrten ihm die Luft ab. Kein Atemzug schlich ihm mehr
aus der zerpreten Kehle, nur ein heiseres Wimmern ri sich mhsam aus
der wunden Brust.

Erde, Erde, wo ist ein sicherer Halt vor Entwrdigung und Schande? Wo
eine Zuflucht fr die Gequlten? Wo ein Richter fr die Peiniger und
Erbarmungslosen? Nirgends, nirgends. Zerbrach, verwstete man nicht hier
vor seinen sehenden Augen ein stilles, reines, heiliges Gef, aus
keinem anderen Grunde, als weil es einem Schwelger gefiel, bereits am
grauen Morgen ein Fest zu feiern? Hier wollte ein gekitzelter Gaumen
sich Speise bereiten aus Claus' eigenem Fleisch, aus Claus' eigenem
Blut.

Vieh, brllte der aus seinen Fieberwirbeln Hervortaumelnde und sprang
besinnungslos hinzu.

Der Jger war hinter den Tisch gewichen, nun flog die Armbrust an seine
Schulter.

Knecht, zischte er in berschumender, haverzehrter Wut, dir wird
ein eigener Galgen gesetzt.

Freilich, ein eigener Galgen, ich wei, ich wei, damit ich doch hbsch
jung in der Luft tanzen lerne. Und unsere Schwestern und Tchter -- oh
Wonne -- sie werden Huren?

Ein Satz -- etwas Schwarzes fuhr ber den Tisch, Bgel und Kolben der
Waffe schwankten einen Gedanken lang in der Luft, formlos, bald oben,
bald unten, dann ein Schlag, ein dumpfes, weichliches Gerusch, und
beide Arme hebend brach der Graf unter den vier Fen der Platte
zusammen.

Nicht lange.

Als der Vergewaltigte unter seinem Tisch mit summenden Ohren und
verprgeltem Bewutsein hervorkroch, da meinte er weit hinten durch die
geffnete Tr seinen Bndiger wahrzunehmen, wie er in weiten Stzen am
Strande dahinfuhr. ber die Schulter hatte sich der Bursche die Dirne
geworfen, jene willige Dirne, die dem Gelst des Grundherrn doch nur aus
Bosheit, aus Abgunst geraubt war, und ohne durch die Last behindert zu
sein, schien der Strolch, der Aufrhrer, auf den doch schon nach Fug und
Recht das eiserne Halsband, die Stachelschraube oder der Galgen
warteten, dem Schutz seiner heimatlichen Htte zuzufliegen. Das durfte
nicht sein. Auf allen vieren schleppte sich der Gedemtigte bis zur
Schwelle, aber whrend er hier auf die Brust niederstrzte, so da seine
Lippen das Riedgras kten, quoll es in ohnmchtiger Raserei aus ihm
hervor:

Heda, Thor, Freya, packt an -- packt an--

Und sich noch einmal nach dem Schtzen herumwlzend, der seinem Gebieter
beispringen wollte, chzte er sinnlos:

Schie -- schie, du Schuft, wenn du den Mordbuben nicht triffst,
schmeckst du die Peitsche! Himmel und Hlle, leg' an, und wenn du den
Heiland mitten durch die Brust spieen solltest.

Zerrissen, zerstckt wurden Claus all jene Flche durch den feuchten
Wind nachgetragen, und alsbald sprte er auch das Hetzen der Hunde ber
den nassen Sand.

Weiter, weiter.

In ihm nebelte nur der eine Plan, diese zur Entwrdigung Bestimmte, die
bei vollem Bewutsein und doch steif und kalt gleich einem Stein aus
seinen Armen ragte, der Gier ihres Peinigers zu entziehen. Die knftigen
Mtter der Armen brauchten nicht berall entweiht zu werden.

Eine einzige--, stammelte er keuchend, eine einzige mu bewahrt
werden. Eine einzige nur.

Er wute nicht mehr, was er bettelte, denn seine eigene Schande und
Bedrckung, sie mischten sich mit dem Schicksal seiner Verwandten. Und
so wunderte er sich auch kaum, weil ihm keine Antwort zuteil wurde.

Weiter -- weiter!

Da waren auch die beiden Doggen schon nah auf seinen Fersen. Leib an
Leib peitschten die Bestien ber den aufspritzenden Sand, und der heie
Dampf, den sie ausschnaubten, puffte stoweise in den dicken Nebel.
Einen gellenden Ruf stie der Flchtende aus, allein seinen ungestmen
Lauf setzte er in wilderen Sprngen fort.

Eine einzige nur, murmelte er noch einmal

Es zischte etwas. Ein warmer Regen sprhte ber den Lufer. Und das
Steinbild zuckte und wankte ein wenig in seinen Armen.

Anna, schrie er und schttelte sie.

Da fiel ihm die Last dumpf und drhnend zu Boden. Und jetzt erst, jetzt
entdeckte er den Pfeil, der Hals und Nacken des Opfers durchfiedert
hatte. Darauf versank die ganze Gegend eine Weile in Lautlosigkeit, als
ob Mensch, Erde und Meer einen letzten Herzschlag erlauschen wollten.
Unten auf dem durchweichten Sand reckte sich das Mdchen, es schlug die
Augen verwundert gegen den grauen Himmel auf, schttelte ganz sacht und
ohne Begreifen ihr Haupt -- und legte sich zur Ruhe.

Entgeistert starrte Claus in das sich verfrbende Antlitz hinab, und
whrenddessen rannen ihm statt Trnen die warmen Blutstropfen ber Stirn
und Wangen bis in den schreckgebannten Mund. Und dennoch -- der salzige
Trank aus dem Kelch des bittersten Leides, das ihm das blinde Walten des
Lebens bis jetzt zum Kosten gereicht, er weckte in dem Burschen an
Stelle von Entsetzen und Ergebung vielmehr unbndigsten,
gebieterischsten Drang zum Dasein. Der Tropfen Blut, die letzte Labe,
die ihm die Heimat bot, er flo ihm glhend und sengend durch Hirn und
Herz und begann dort von nun an die Welt zu bespiegeln, in rotem Rahmen
und doch eisig und unerbittlich klar!

Er sah vor sich ein neu hingestrecktes Opfer der Willkr, den Pfeil in
der Kehle und die offenen Augen Auskunft heischend gegen den Himmel
gerichtet, er urteilte, da die beiden Hunde nur noch ganz kurze Zeit
die Schlferin auf dem Sand umkreisen wrden, und er ersphte, wie der
Schtze des Grafen und hinter jenem, unwillig zwar und doch gezwungen,
der Vogt in weiten Stzen auf ihn einstrmten. Da wute er, da der
Zeiger seiner Sonnenuhr auf Leben wies und noch nicht, noch lange nicht
auf Untergang und Ausgelschtwerden.

Ein dsterer, beteuernder Blick war es, mit dem er von der Toten schied,
der ersten, die ihm das Menschheitsmeer vor die Fe gesplt, ein
zweiter, lngerer flog ber die Dnenberge zu der Htte empor, aus deren
Schornstein ein friedlicher Rauch kruselte. Dann wandte er sich jh und
versuchte das Unerwartete. Ein wilder Sprung zur See, die grau und
verschleiert auf ihn zukroch, unter seinen Fen splitterte die dnne
Eisdecke, bis zu den Knien sank er ein, dann setzte er abermals in die
Hhe, gewann fr ein paar Schritte das gefrorene Feld, bis er von neuem
in dem berstenden Glas verschwand. Aber gleich darauf hatte der
Vorwrtsdrngende das offene Wasser erreicht und weit ausholend warf
sich der gebte Schwimmer hinein. Seine Lebensflamme brannte so stark,
da sie die lhmende Klte des Elements berwand. Auch hatte er sich den
Wogen nicht planlos anvertraut, denn von seinen scharfen Augen war
lngst ein kleines rotes Segel erspht worden, das voll geblht gegen
den Strand strmte.

Heino Wichmann!

Ja, dort hinten, gegen die schwarze Wand des Wassers, dort flatterten
die blonden Haare des Kleinen im Wind, geduckt hockte der Meister der
Schiffahrt am Steuer, und whrend das bersplte Haupt des Flchtenden
ab und zu hoch aus den rollenden Fluten auftauchte, da summte ihm die
Stimme der Hoffnung zu: Er sieht dich -- noch einen Schlag, und noch
einen -- er sieht dich.

Hinter ihm heulten die Hunde und jagten fangbegierig ber die noch
ungebrochene Flche, rauhe Stimmen schrien, ein Pfeil sauste ber den
Schwimmer hinweg und schnitt unhrbar in die Wellen -- der Atemlose, vom
Kampf bereits Verwirrte schickte dem Todesboten nur ein wildes,
verchtliches Lcheln nach. Oh, dieses Herumgeschleudertwerden zwischen
Vernichtung und Gelingen, das fhlte der bereits in Wesenlosigkeit
Fortgleitende, es bildete das Hchste und Kstlichste, was ihm aus des
Lebens Abgrund gereicht werden konnte. Es blitzte wie ein heller
Edelstein. Es lohnte sich, danach zu greifen oder im Werben darum zu
vergehen. Um ihn begann die eisige Flut mit tausend Stimmen zu singen,
und whrend sein Krper sich immer tiefer hinabgrub, da unterschied er
noch die Worte des groartigen Liedes, das ihm den Schlummer und die
Schmerzlosigkeit brachte. Sie sangen alle zusammen, die sein Dasein
jemals umstanden, Pater Franziskus und die Becke, der Vater und Anna
Knuth, der junge Graf und die Mutter, Heino Wichmann und all die vielen
Bauern, ja selbst der Jude wirbelte das blitzende Beil um sein Haupt und
fiel ein in den gewaltigen Chor, der da trotz allem Leid die
unverwstliche Schnheit von Sonne, Erde und Meer pries und die
Feiertglichkeit jedes wilden, unruhigen Geschehens.

Claus gurgelte, noch aus der Tiefe wollte er einstimmen in dies
allgemeine Lob, da sprte er, wie er ohne sein Zutun stieg und stieg,
sttigende Luft drang zu ihm, durch die Schwrze brach Licht und ffnete
ihm die Augen, und weit vor ihm dehnte sich die Freiheit des
Unbegrenzten.

       *       *       *       *       *

Er lag im Kahn, und ber ihn beugte sich Heino Wichmann. Das Segel war
herumgeworfen, das Bugspriet zeigte gegen die offene See. Hinter ihnen
schrumpfte die Kste immer dnner zu einem langen schwarzen Arm
zusammen, der liebevoll das dunkle Schwellen an sich zog. Kaum
unterschied man noch die hchsten Erhebungen der Insel mit ihren
finsteren Waldkronen. Mhsam raffte sich Claus bis zur halben Hhe empor
und schickte einen mden Blick aus. Seine Glieder waren noch von seinem
Willen und seinem Bewutsein getrennt, und aus seinen Kleidern flo
stromweise das Wasser.

Heino, seufzte er, indem sein Herz dem weiten, weiten von Qualm und
Nebel erfllten Raum unruhig entgegenschlug, wohin fhrst du mich?

Wohin? Der andere streifte den daniederliegenden Gefhrten mit seinem
seltsamen Augenspiel, dann brach er in sein gewhnliches Kichern aus.
He, Bbchen, meinte er, welch eine kitzliche Frage! Wohin geht der
Mensch, wenn er einen Fu aus der Tr setzt? Weit du das? Ich wei es
nicht, denn der Weg kommt meistens auf den Wanderer zu. Aber ngstige
dich nicht, ich glaube sagen zu knnen, ich fhre dich deine Strae.

Dabei stie der kleine Strohblonde wie zufllig mit dem Fu gegen etwas
Klirrendes. Und siehe da, es war der Ravenneser Hieber, den er bei
seiner Ankunft getragen, und neben jenem ringelten sich die Reste der
ehemaligen Goldkette. Und jetzt -- jetzt entdeckte Claus auch, da unter
der Steuerbank ein kleiner Flechtkorb verborgen stand, der Brot und
Milch enthielt. Es war augenscheinlich, hier an Bord war alles fr eine
lngere Fahrt vorbereitet.

Heino, rang der Liegende seiner Schwche ab, du wolltest dich von uns
fortstehlen?

Der Angeredete griff fester in das Steuer und verglich die Spitze des
Bugspriets mit dem Silberband des Mondes, dessen Phantom noch am Tage
durch den Seequalm dmmerte. Dann erst wies er ausweichend und in seiner
spitzfindigen Art den erhobenen Vorwurf zurck.

Sei still, Bblein, was heute geschieht, braucht morgen nicht zu
geschehen. Mich dnkt, es lief fr dich nicht bel ab, weil ich meine
Tage hier fr erfllt hielt. Aber nun verknde auch du mir, warum man
dich mit Hunden vom Strand deiner Vter hetzte? Nicht wahr, du frommes
Kind, das ist dir doch geschehen?

Da kroch Claus bis zur Steuerbank heran, und seine Arme leidenschaftlich
um das Knie seines Lehrers schlingend, lie er unter Trnen und
Verwnschungen, unter Ha und Zweifeln alles aus sich herauspulsen, was
die letzte Vergangenheit ihm an Traum und feindlicher, unbegreiflicher
Wirklichkeit entgegengeschickt. Es wurde das berstrmende Bekenntnis
eines Erdenlufers, der sich mit deutlich gefhlten Schwingen zum Himmel
heben will und jetzt vor Schmerz aufheult, weil die geballte Kugel des
Lehms, des Schmutzes und des Kotes an seinen Fen klebt.

Sag mir, Heino Wichmann, flehte er zum Schlu inbrnstig, whrend er
den Magister mit beiden Fusten beinahe von seinem Sitz hob, wer -- wer
gab diesen Ungerechten, diesen Blutsaugern, Peinigern und Landschluckern
jene frchterliche Gewalt? Wer beugte ihnen diese Tausende demtiger
Nacken unter die Fe, wer -- wer?

Mit herb verzerrtem Munde schaute der Steuermann auf den in wilden
zuckenden Feuern Verglhenden hinab.

Wer? wiederholte er, und in seinen zwiefarbigen Augen funkelte etwas
wie die Befriedigung ber ein endlich erreichtes Ziel. Wer ihnen das
alles gab, mein Cluslein? -- Ihr Wille.

Und wir? stammelte der Junge in Enttuschung zurcksinkend. Gib auch
uns eine Hoffnung!

Wir? Wir suchen nach unserem Willen.

Suchen?

Aber wenn wir ihn gefunden haben, sagte der Kleine unheimlich
leuchtend, dann werde ich mir im Papstornat des Kaisers Tochter zur
Buhlschaft laden, und du, Bbchen, magst meinetwegen auf dem Sinai
stehen, um neue Gesetze in die Tafeln zu graben.

So fuhren sie noch manche Stunde in das Meer hinaus. Der Magister das
Steuer in seinen feinen Hnden, und auf die Schulter des Freundes
gesttzt der Junge, das Haupt unabnderlich dorthin zurckgewandt, wo
nur noch der sich niederwlbende Horizont die Kste verriet. Lngst war
sie hinter den ruhig tanzenden Wellen versunken, und doch zauberte sich
der Sassensohn unaufhrlich das kleine Stckchen gelben Sandes vor und
auf ihn hingelagert das tote Mdchen, dessen offene Augen auch jetzt
noch verstndnislos auf Leben und Vergehen zurckblickten. Abermals
schlug ihm das Herz wie eine Trommel, die zum Kampf fordert.

Allmhlich sank der Tag, die Wogen wanderten breiter daher und ihre
Hgel bedeckten sich im Widerspiel des Mondes mit tausend unruhigen
Silberameisen. Gegen das Bugspriet aber schwoll das Ungewisse, der
Dunst, das Geisterreich des Nebels tat sich auf. Da -- gerade als Claus
an Gefahr zu glauben begann, da nahm er wahr, wie sein zwerghafter
Gefhrte pltzlich gegen alle Regel das Steuer freilie; im nchsten
Augenblick war das Segel herabgerissen, und dann -- in dem Tor der
Dmmerung spielten verwunderliche Zeichen auf und ab. Ein rotes Licht
tanzte hervor, ein grnes scho darber hinweg, eine seltsame
Zwiesprache huschender Feuerchen wurde daraus. Und ehe der
schreckgebannte Zuschauer seinen Gefhrten noch anrufen konnte, da hatte
der Magister hastig in seinen Grtel gegriffen, und gleich darauf
schwang sich schrill und gellend ein nie gehrter Pfeifentriller ber
die Flut. Der weckte in dem Qualm einen hnlichen Laut. Nur vielstimmig,
verzehnfacht kam es ber die Flche geschwirrt, und nun schwoll auch
schwarz und turmhoch die ungeheure Brust heran, aus deren Tiefen dieses
unheimliche Gekicher ausgestoen wurde. Unvermittelt starrten zwei
sonnengroe Augen auf die Meerfahrer nieder, rot und grn, eine breite
Treppe fiel an dem hohen Bau herab, und wie im Traum fhlte sich Claus
von den willensstarken Fingern seines Fhrers ber die Stufen gezerrt.

An Bord des Schiffes -- eines drei Stock hohen, wie es der Junge vordem
niemals geschaut -- wurde es hell. Eine Laterne wurde ihnen vor das
Gesicht gehalten, ein Schwarm brtiger, verwegener Gesellen umdrngte
die Fremden, und eine starke Stimme schrie nicht eben freundlich:

He, ihr Vgel, wer hat euch unseren Pfiff beigebracht?

Du bist ein Kalb, Zeiso Ulbrecht aus Wismar, erwiderte der Magister
seelenruhig und versetzte dem Laternentrger eine schallende
Maulschelle, kennst du jetzt meine Handschrift?

Ein Tumult entstand, aber gerade der Gezchtigte wehrte mit Armen und
Fen die hinzuspringenden Seeleute ab und brllte halb toll vor Freude:

Jungens, Jungens, Mord und Hagel, das Zwerglein ist wieder da, die
Brandfackel von Hamburg, der lateinische Hieber. Seht ihr nicht die
goldenen Jungfernhaare? Jungens, Jungens, wie werden jetzt die
Goldstcke wieder springen. Viktoria fr den Hauptmann Wichmann!

Heil dem lateinischen Hieber -- Viktoria fr den Hauptmann Wichmann!

Es ist gut, nickte der Kleine gelassen, und jetzt fhrt mich zum
Admiral.

In dem Kreise aber regte sich kleinlauter Widerspruch.

Er hlt Kriegsrat, hie es.

Da gehre ich hin, bestimmte der Magister stolz, und sich zu seinem
Begleiter zurckwendend, dessen Antlitz bei den letzten Enthllungen
bleich, wie nie zuvor, durch die Nacht starrte, sagte er beinahe
mitleidig:

Fasse dich, Cluslein, du befindest dich auf der anderen Seite der
Welt. Dort das anfnglich Gute zum Schlechten verzerrt, hier das
ursprnglich Schlechte frs Gute eingesetzt. Narretei und Wahn, hben
und drben. Nur eines haben wir vor den anderen voraus: wir sind
vorlufig noch die Schwachen und Ausgestoenen, aber aus ihnen geht
allemal das Heilige hervor! Komm, Bbchen, ich fhre dich jetzt zu einem
gar groen Herren -- Gdeke Michael.




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Das zweite Buch

[Illustration]


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I.


Es war um das Ostererwachen. Das Jahrhundert -- das vierzehnte, da der
Stern ber Bethlehem geleuchtet -- vertrpfelte, und fast dreizehnmal
war Winter vom Sommer bergrnt worden, seitdem der alte Beckera in
seiner kahlen Htte auf der Sasseninsel bangsam die Hnde ber der
wunden Brust verkrampft, dazu rchelnd:

Mutting, es hilft nichts, unser Einziger ist dahin. Pa auf, bald
fallen meine Augen mir zu, und sie werden ihn nicht wieder erblicken.

Es war Osterzeit.

ber Kopenhagen stieg eine flammende Sonne auf, die hllte die damals
noch kleine Stadt mit ihren verstreuten spitzen Kirchtrmen in einen
flieenden Purpurmantel. berall, an den Firsten der niedrigen
Holzhuser wie von den Masten der Flotte, die verankert auf der Reede
lag, rollte das Licht in langen roten Fahnen herab, so da es aussah,
als ob die Gottheit selbst ein Fest schmcken wolle. Und Gottheit und
Menschen in dieser ruhenden Stadt begingen wirklich einen Feiertag, ohne
da die noch schlafumstrickten Bewohner es ahnten, denn Friede neigte
sich sacht zur Erde, Friede nach einer mrderischen, rauberfllten,
unsicheren Zeit, und die Sonne, die da ihr Rubinendiadem hoch in den
Osterhimmel hob, sie wollte damit das Haupt des neu erstandenen
nordischen Reiches krnen!

Das Menschenhaupt aber, das die drei Kronen tragen sollte, es eignete
einem Weibe. Knigin Margareta von Dnemark, Norwegen und nun auch von
Schweden stand unter der Fensternische ihres Arbeitsgemaches, und von
diesem Lugaus ihres Schlchens, das sich ehemals nicht weit von der
langen Linie erhob, jetzt aber lngst von der Zeit hinweggezehrt ist,
schickte sie schon geraume Weile ihre Blicke nach den sonnenroten Masten
der Kriegskoggen hinaus, die sich dort auf der weiten Flche
schaukelten, wie in einem Becken voll glutroten Weines. Regungslos
verharrte die schlanke und doch imposante und krftig aufgerichtete
Gestalt der zweiundvierzigjhrigen Frau neben dem zur Seite geschobenen
Vorhang, und man htte meinen knnen, die Regentin, die Freundin alles
geistlichen Werkes, gbe sich einer andchtigen Osterstimmung hin.
Allein weder auf der merkwrdig hohen Stirn unter den dunklen, welligen
Haaren, die nur ganz verhuschend, kaum merklich, von einem blitzenden
Silberstaub bestreut schienen, noch in ihren groen rostbraunen Augen,
deren Schrfe und berlegener Spott Schrecken einjagen konnten, regte
sich auch nur eine Spur von hingebender Schwrmerei. Nein, unter der
schmalen, leicht gebogenen Nase Margaretens wrde sich vielmehr sofort
der ihr eigene geringschtzige Zug belebt haben, wenn man ihr derartiges
im Ernst zugetraut htte. Denn der Heihunger, mit dem sie sich auf das
Studium der Bibel, der Kirchenvter und der ihr erlangbaren Schriften
der Mnche warf, bildete nur einen Teil des sie beherrschenden Dranges
nach Macht und Geltung und konnte am nchsten Tage womglich schon
abgelst sein durch den ebenso versengenden Eifer nach den Gesetzen der
Ackerwirtschaft oder den Schnheitsmitteln griechischer Hetren. Alles
Erlernbare war von dieser Frau auf sich herbeigerafft worden. In alle
Fden, die still durch die Welt strichen, hatte sie bedenkenlos ihre
schmale Hand gestreckt. Mit allen Gelehrten, Knstlern, Staatsleuten
ihres Jahrhunderts stand sie in Briefwechsel. Nicht etwa, weil eine
heie, innere Anteilnahme sie trieb, sondern nur, um sich immer von
neuem zu rsten gegen die Feinde ihres Geschlechtes. Diesem Hang
entsprang auch die lchelnde Hingabe ihres noch immer prangenden Leibes
an bedeutende, wenn auch vielleicht alte und hliche Mnner ihrer
Lande. Meinte doch der spttische Aberglaube der Frstin, in solchen
Nchten die Fhigkeiten der ihr Gesellten auf magische Weise
einschlrfen zu knnen. Oder sie errechnete wohl auch nur ganz khl und
nchtern, da ihr die also Beschenkten von nun an zu schweigender
Knechtschaft verfallen seien. Kein wrmerer Herzschlag pulste den von
ihr Erwhlten entgegen, nur ihre sicher einfangende, perlende und
scheinbar so offen quillende Liebenswrdigkeit spann sich fort und fort
und verdeckte den Mindereingeweihten die gefhrliche Zwiespltigkeit der
ihnen so angenehm flieenden Rede. In jener Kunst jedoch hatte Margareta
einen derartigen Grad von Vollkommenheit erreicht, da sie manchmal
beinahe selbst versucht war, das von ihr glnzend und leicht in die Luft
Gemalte fr krperhafte Gestaltung zu nehmen.

Nur ein Mann lebte, der beim ersten Wort, ja, schon am weichen,
wohlklingenden Tonfall seiner Herrin erkannte, wann die Regentin die
Pfade der Gradheit zu verlassen gedachte. Und obwohl das bartlose,
durchfurchte, mopsnasige Antlitz des Drosten Henning von Putbus jene
Kenntnis nicht durch ein Wimperzucken verriet, so empfand Margareta mit
ihrem seherischen Blick doch ganz genau, wie sehr sie sowohl als ihre
schnen Wortgespinste hier von ein paar trben, erloschenen und hufig
trnenden Fuchsaugen durchschaut wurden. Aber gerade dieses gegenseitige
Wissen um ihre tiefsten Meinungen verband die beiden Menschen zu einer
gemeinsam hohen Bewunderung fr ihre Klugheit. Es war das Bndnis eines
Fuchses und einer Lwin, die sich gegenseitig um ihre Schliche und
Pfiffe beneideten.

Auch heute verharrte der Reichshofmeister wegen des frhen
Morgenbesuches in respektvollem Schweigen am Eingang unter dem
Spitzbogen. Zwar bestand fr ihn nicht der mindeste Zweifel, da seine
Gebieterin, der er ja auerdem durch einen Trwchter gemeldet war, sein
Erscheinen lngst bemerkt htte, aber er gnnte ihr gleichwohl den
Triumph, ihren ersten Ratgeber so lange harren zu lassen, bis es ihr
gefllig sein wrde, das tiefe Nachdenken, das sie ihm zeigte, von sich
abzuschtteln.

Margareta lehnte ihren Arm an den Bogen des Fensters und trank
hingegeben das Spiel der Masten in sich ein, die sich von den roten
Wassern her gegen sie neigten. Unterdessen beschftigte sich der
berlange, grausig drre und schon greisenhaft zitternde Kanzler damit,
sein schreiend buntes Prachtkleid zurechtzustreichen, ja, er schien
groen Wert darauf zu legen, da die gewaltigen offenen rmel, die ihm
fast bis auf die Knie herabhingen, auch nicht eine einzige Falte wrfen.
Mitleid fast konnte es erregen, wie unbarmherzig eng das Klappergebein
bis ber die schmalen Hften in seine himmelblaue, mit Silberornamenten
bestickte Schecke eingepret war, und die gelben Beinlinge mit ihren
berlangen Schnbelstrmpfen offenbarten geradezu grausam die
ausgezehrte Magerkeit ihres Trgers. Dennoch htte der greise Drrling
um keinen Preis die bel empfundene Unbequemlichkeit missen mgen. Denn
dieser reiche und mchtige Mann geizte im stillen danach, dem
farbenfrohen Sinn seiner Gebieterin einen Blick des Staunens abzulocken.
Ihrer modelsternen Laune zuliebe spielte das morsche Gerst den Gecken.

Jetzt wandte sich endlich Frau Margareta zurck, und sofort begann um
ihren etwas breiten, aber sehr ausdrucksvollen Mund ein liebenswrdiges,
huldvolles Lcheln zu gleiten. Rasch schritt sie auf den tief
zusammenknickenden Drosten zu und streckte ihm die Hand entgegen.
Gewonnen fhrte der Greis die schmalen Finger an seine geborstenen
welken Lippen. Auch die Knigin trug ein ganz enges, ihre Gestalt fest
zusammenschnrendes Gewand von dunkelgrner Farbe, das eben erst aus dem
Sden fr sie angekommen war und namentlich die Brste prall umschlo.
Man nannte es das Gefngnis, jedoch die Frstin bewegte sich in ihm
frei und anmutig. Als sie den Arm hob, zitterten zwei lange goldene
Troddeln bis auf den Erdboden hinab.

Verzeiht, begrte Margareta den Greis, ich merkte Euch nicht. Warum
habt Ihr Euch nicht kundgetan?

Der Reichshofmeister pflanzte sein mildes, vterliches Lcheln auf.

Ich wollte den Blick meiner kniglichen Frau nicht unntig von dem Bild
der schnen Freibeuterflotte dort drauen ablenken, sprach er in
sanfter Ergebenheit. Und wie fortgerissen von einem unerhrten Begebnis,
keuchte und hstelte er atemlos weiter: Ja, seht nur, seht, sechzehn
kriegsstarke Koggen. Auch die neuen Lederschlangen fhren sie an Bord.
Und diese schlimmsten unserer Gegner sind gekommen, um Schwedens neuer
Majestt zu huldigen.

Seine schwache Stimme brach, und die Erregung, die er heraufbeschwor,
lie ihm merklich die Knie zittern.

Setzt Euch, befahl Margareta schonend, denn in diesem Augenblick fiel
dem krftigen Weibe der trichte Widerspruch zwischen der Schwche ihres
Kanzlers und seiner putzschtigen Maske auf.

Als sich der Drost weigern wollte, tanzte ein vieldeutiger Funke in den
groen Augen der Frau. Sie war es gewohnt, mit den Narrheiten auch der
Klugen zu rechnen.

Setzt Euch, Henning, forderte sie nachsichtig, rckte selbst einen der
hohen Sthle von ihrem Arbeitstisch fort und nickte, da der Drost sachte
hineinsank. Setzt Euch, mein Freund, Ihr habt lange genug vor mir
gestanden, da es noch gefhrlich war, sich vor Spindel und Fingerhut zu
stellen.

Die Regentin hatte oft Anflle einer berwallenden Dankbarkeit, und so
strich sie auch jetzt sanft und kosend ber die pergamentene Wange ihres
ersten Vasallen. Herr Henning von Putbus aber schlo die Augen und war
fr diesen Augenblick berzeugt, da seine Treue und Ergebenheit
reichlich aufgewogen seien. Auch da die schne Frau ihn so traulich
beim Vornamen nannte, weckte ihm alte unerfllte Erinnerungen. Hier in
Margaretas Arbeitsgemach sa der gerissene Staatsmann oft und spann wie
ein verliebter Kater. Dabei bersah er es freilich heute, wie in seiner
frstelnden Rechten ein umfangreiches Pergament zu rascheln begann, von
dem schon an Schnren die groen Staatssiegel schaukelten. Margareta
aber bemerkte es, und da sie keine Freundin von langatmigen
Kabinettsvortrgen war, sondern ihre wohlklingenden Worte lieber auf
andere wirken lie, so bettete sie ihre Hnde auf den Rcken und kreuzte
nach ihrer Gewohnheit mit gemessenen Schritten den kleinen
teppichbehngten Raum.

Ja, lie sie ihre dunkle Stimme ertnen, der Allmchtige hat uns
Gnade erwiesen. Nach sieben Jahren voll Streit und Elend endlich ein
Ziel. Die schwedischen Edlen fr uns gewonnen, ihr verspielter Knig,
der selbst unsere weibliche Ehre nicht geschont -- hier warf sie im
Vorberwandeln ihrem Hrer einen sphenden Blick zu, da das Gespenst im
Seidenwams jedoch noch immer wie schlafend hockte, sprach sie beruhigt
weiter -- Gott verzeihe es ihm, er entstammt meiner leiblichen Sippe,
und ich folgte nur Eurem Wunsch, Drost, da wir ihn so lange im Turm zu
Lindholm bewahrten. Ist es so?

Es ist so, murmelte der Kanzler geschlossenen Auges.

Ihr wart stets streng und unnachsichtig in meinem Dienst, setzte die
Knigin ihren Gang fort. Ich danke Euch. Aber jetzt wollen wir Gnade
ben. Er mag ausgehen, der unselige Mann, und mit ihm sein Bube, der
Erbe jener von mir gestickten Narrenkappe und seiner franzsischen
Dirnenpest.

Auch diesmal zuckte der Kanzler keineswegs. Zu sehr war er an die
unerhrte Offenheit gewhnt, mit der die Witib von Dnemark gerade in
Gegenwart von Mnnern an die verschwiegensten Dinge zu rhren liebte.
Jener Freimut bildete eben eines der Mittel, durch die Margareta ihre
Hrer zu verblffen suchte.

Pltzlich jedoch blieb die Knigin vor ihrem Ratgeber stehen und setzte
die Hnde in die Seiten.

Und wie brgen die Friedensboten von Falsterbo fr ihren Schtzling?
forschte sie geschftlich, denn abgerechnet unserer verwandtschaftlichen
Nachsicht brauchen wir eine festere Sicherung, als sie uns der Wankelmut
des entthronten Unruhestifters bieten knnte.

Der Drost zeigte mit zitternder Hand auf eine Stelle des ausgebreiteten
Pergaments.

Dafr habe ich gesorgt, wies er, whrend er befriedigt mit dem Kopfe
schaukelte, die Hansischen verpflichten sich fr ihren Verbndeten zu
einer Zahlung von 60000 Pfund Silber oder sind bereit, Schlo und Gebiet
von Stockholm nach drei Jahren in die Gewalt Eurer Majestt zu
berliefern.

Oh Stockholm, rief die Regentin heftig, und eine rasche Rte flutete
in ihre Wangen, wenn dort drauen das rechtlose Piratenvolk diese
herrliche Stadt nicht durch viele Jahre mit allem Ntigen versehen
htte, wir brauchten heute nicht mit den hansischen Krmern um
Bedingungen zu feilschen. Sagt, wieviel boten sie noch?

Sechzigtausend Pfund Silber, schmunzelte der Drost, schnalzte mit der
Zunge und rieb sich die Hnde.

Und Albrecht? fragte Margareta hastig, und die Gehssigkeit der
beleidigten Frau schlug in ihr durch, wohin trgt er seine
Narrenkappe?

Seine Verwandten rumen ihm in Mecklenburg einen Ruhesitz ein. Dort
kann er weiter Pppchen aus Brotteig kneten, wie er es im Turm von
Lindholm gelernt hat.

Das ist der Friede, entschied Margareta ohne weiteres, gebt her, ich
unterschreibe!

Beide Arme spreizte sie weit aus, ihre prallen Brste rundeten sich
unter dem engen Gewand, und der Drost sperrte seine triefenden Augen auf
und staunte seine Herrin an wie ein wundersam Gebild.

Gebt her!

Sie lie sich auf dem berdachten Stuhl hinter dem Eichentisch nieder,
ri die Schwanenfeder an sich und setzte in einem einzigen Zug ihren
Namen unter das Dokument.

Eine Weile blieb es still in dem kleinen Gemach, die Weihe eines
bedeutsamen Augenblicks fllte den Raum. Nicht lange. Wie trumend hatte
die Knigin mit einem winzigen Hammer auf eine Silberplatte geschlagen,
und nachdem auf den hellen Ton hin ein Wappenknecht eingetreten war,
befahl sie halblaut mit der verschleierten Stimme einer glubig
Entrckten:

Meldet's den Kirchen. Es sollen alsbald alle Glocken gelutet werden.
Der dreieinige Gott hat uns und unserem darbenden Volke Frieden
beschert.

Sanft verschlang sie die Hnde auf dem Tisch und wartete, bis der
Wchter das Zimmer verlassen. Dann aber lehnte sie ihre geschmeidige
Gestalt voll aufatmend an die steile Wand des Thronstuhles zurck und
hob ihre scharfen Augen zu den Schnitzereien der Bedachung.

Norwegen und Dnemark, flsterte sie mit der tiefen Versenkung eines
Schpfers, Drost, lat von morgen auch das Wappen Schwedens ber mir
sein. Unsere Stimme wird fortan fr ein groes, geeintes Reich gehrt
werden.

Ehe jedoch der alte Mann noch sein Verstndnis fr das erhabene Wesen
seiner Herrin bezeugen konnte, da geschah etwas Merkwrdiges. Das Haupt
der Frstin sank langsam zur Seite, bis es an der Schulter des dicht
neben ihr sitzenden Greises einen Halt gefunden. Und doch merkte der
also Geehrte trotz seines Zitterns sofort, da Margareta keine
Zrtlichkeit spenden wollte, sondern wie sie jetzt wirklich, aus Zwang
und Besessenheit heraus handelte. Halb gezogen streckte sie ihren vollen
Arm nach den Masten aus, von denen die schwarzen Wimpel flatterten.

Sieh, mein Freund, raunte sie, ganz als ob sie zu einem gegenwrtigen
Traumbild sprche, das eben erst aus ihrem eigenen Hauch entstanden,
sieh dorthin! Meinst du nicht, da an uns noch ein hherer Ruf ergehen
knnte? Wie sagt die Heilige Schrift? 'Stecke deine Zelte weiter.' Dort
drauen schaukelt ein Schwert auf den Wassern. Und unsere See spielt um
Engelland, Hispanien und Friesland. Ob es Snde wre, nach der Waffe zu
greifen, die der Herr uns mit Wind und Fluten entgegentrieb?

Ihre groen lebendigen Augen weiteten sich berirdisch, ihre Lippen
murmelten unhrbar weiter, und ihr Atem stand auf einmal still. Diesmal
handelte es sich gewilich nicht um Tuschung, denn der schne Krper
des Weibes lag so gebannt, als ob ihr innerster unstillbarer Wunsch aus
ihr hervorgetreten sei und sie hielte jetzt Zwiesprache mit ihrem
leibhaften Dmon.

Der Drost aber zuckte wehleidig zusammen; nicht nur, da sein morsches
Knochengerst nicht lnger die angenehme Last des ruhenden Frauenkopfes
zu tragen imstande war, sondern weil ihn der trockene Glaube plagte,
da Frau Margareta nur immer dann so hoch in den Himmel entrckt wurde,
wenn es galt, hchst irdische Geschfte als von oben empfangen
darzustellen. Deshalb meinte er auch recht nchtern, indem er jede
bersinnliche Sphre als zeitraubend beiseite schob:

Die Freibeuter wissen ganz genau, was sie wert sind. Es sind
ungeduldige, hoffrtige Gesellen darunter. Man wird sie nicht allzulange
warten lassen drfen.

Kaum hatte das nickende Gerippe in dem blauseidenen Wams dies geuert,
als seine Ansicht auch sofort durch ein ueres Begebnis besttigt
wurde. Von den Schiffen krachte ein Schlag herber, eine Dampfwolke
ballte sich, und von dem ungewohnten, nie gehrten Knall aufgeschreckt,
sprang die Knigin pltzlich empor, verga ihre eben noch gesprte
Erweckung und bewegte sich heftig, ohne irgendwelche Gemessenheit dem
kleinen Fenster zu. Drauen schwelte noch die graue Dampfwolke um die
Schiffe.

Was ist das? erkundigte sich Margareta jugendlich ungestm.

Um den verrunzelt eingefallenen Mund des Drosten spielte ein behagliches
Lcheln. Es befriedigte den Alten, seine Herrin einmal auer Fassung zu
sehen. Darum antwortete er gemchlich:

Das, hohe Frau, sind die drei Lederschlangen von der Agile, dem
Admiralsschiff des Strtebecker. Habt acht, er ist ein Frst unter den
Seinen, unermelich reich und von wilder, verwegener Gemtsart. Ihr wit
wohl, was das Volk von ihm singt?

Ich erinnere mich, sagte die Regentin und blickte suchend zu Boden.
Eine dumme, trichte Reimerei. Plump und roh wie alle Bauernpoesie.

  'Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn --
  Claus Strtebecker ist Kapitn.
  Es pfeift der Wind, es schumt die Flut,
  Der Degen kreist, es spritzt das Blut.
  Kein Unrecht erbt sich lnger fort,
  Komm, feine Dirn, zu mir an Bord.
  Wir mssen unter Segel gehn --
  Claus Strtebecker ist Kapitn.'

Lacht nicht, schlo die Frstin und verzog verweisend die Brauen, und
doch entdeckte der scheinbar so mde Drost, wie Margareta ein paarmal
unbeherrscht ihre Zunge ber die Lippen wetzte. Weshalb rhmt man den
schweifenden Raubgesellen gleich einem Helden? Besitzt das Volk keine
wrdigeren Heroen?

Die Knigin schien ernsthaft verletzt, daher war es wohl nur Zufall, da
sie sich dabei prfend den schweren Stoff ber ihrer Hfte glttete. Der
Kanzler aber beugte sich zustimmend vor, er wickelte die langen gelben
Beine wurmhaft umeinander und rollte zugleich das Staatsdokument
zusammen.

Verzeiht, Herrin, versuchte er die Verstimmte vorsichtig zu belehren,
wer lange lebt, der wei, wie Recht und Unrecht, Gewalttat und
Heldenstck keine eigentliche Farbe strahlen. Vielmehr kommt es immer
darauf an, woher das Licht auf sie fllt. Und was zudem diese Haufen da
drauen angeht, so besitzen sie Freibriefe von Rostock und Wismar, sind
daher als kriegfhrende Macht anerkannt. Meint Ihr wohl, die Condottieri
Eurer italienischen Vettern mit ihrem zusammengelaufenen Gesindel seien
besser? Auch halten ihre Admirale Strtebecker und Gdeke Michael
unerbittliche Manneszucht und haben sich berdies den Titel 'Mehrer des
Rechts' zugelegt.

Auch das noch, zrnte die Frstin und vollfhrte eine hochmtige
Handbewegung. Wit Ihr vielleicht auch, Herr Henning von Putbus, woher
die Hauptleute jene gttliche Bestallung erlangt haben?

Das Unterste war in der Frau gereizt, ihr tief verborgener Stolz auf
ihre uralte Heldenabstammung; die Tochter Waldemar Attertags reckte
sich, von der hohen Stirn leuchtete ihr eine unbeschreibliche
Abgeschlossenheit.

Da nestelte sich das drre Gerippe mhsam zusammen, wankte und schwankte
auf seine Gebieterin zu, und es lag die merkwrdige, beinahe hmische
Furchtlosigkeit eines beralten, dem Tod bereits Befreundeten in seiner
blechernen Stimme, als er der hchsten irdischen Gewalt fast warnend ins
Ohr hauchte:

Gttliche Bestallung, Margareta? Kindlein, Kindlein, hat man die Hand
schon gesehen, die Euch eine solche aus den Wolken herabreicht? Nun
wohl, es gengt, wenn Ihr Erwhlte sie sprt. Aber es gibt noch eine
andere Bestallung. Die wird vernommen, die schreit nach Brot, bumt sich
gegen Druck, seufzt mit Knechten und Leibeigenen ----

Hr auf, rief die Knigin betroffen, die pltzlich wieder vllig der
Erde gehrte und ganz genau begriff, da sie ein armes, ausgesaugtes
Volk zu leiten htte, Brger und Bauern, die noch vor ein paar
Jahrzehnten aus angeborener, verbitterter Gemtsart nichts als schwarze
Trauerkleider getragen. Schnell, Herr Henning, welchen der Condottieri
wollt Ihr mir bringen?

Meidet den Michael, riet der Reichshofmeister bestimmt, und ber sein
verschrumpftes Antlitz breitete sich der Abglanz von List und
Weltkenntnis, lat ihn beiseite. Ein khler, wortkarger Mann -- ein
Rechner und berlegter, der nie eine Dummheit begeht. Solche Menschen
taugen nicht fr Frauenberredung. Whlt den anderen, whlt den
Strtebecker.

Was ist das fr einer? fragte die Knigin unbefangen.

Die beweglichen blauen Augen des Kanzlers tasteten noch einmal ber die
aufgerichtete Frauengestalt. Ein Flackerfeuer, entschied er sich
endlich. Alles an ihm ist Glanz, Pracht, Abenteuer und berraschung.
Die Einbildung seiner Leute hngt an ihm. Und was gilt's, in seinem
eigenen Hirn strahlt bestndig ein Regenbogen. Wer wei, eine knigliche
Frau wie Ihr knnte ihn weit verlocken.

Um den breiten Mund Margaretas wollte ihr einfangendes Lcheln gleiten,
da begannen aus der Stadt auf einmal dunkle und helle Glockenwogen zu
schwingen, und im gleichen Augenblick senkte die Frstin ihren Blick auf
den Estrich, faltete die Hnde und entschied ruhig:

Nun wohlan, Euer Wille geschehe. Morgen nach der Messe wollen wir den
Hauptmann empfangen. Sorgt fr ein wrdig Geleit. Und verget nicht, wie
Eure Freundin wieder einmal eine Stunde der Demtigung auf sich nimmt.
-- Geht!

       *       *       *       *       *

In der Admiralskajte auf der Agile ging es hoch her. Der Frst des
schweifenden Volkes gab dort seinen berhmten oder berchtigten
Umtrunk, und der Reichshofmeister, der gekommen war, um die Einladung
seiner Knigin zu berbringen, mute immer von neuem an sich halten,
damit er nicht dem fremdartigen Zauber der Umgebung unterliege. War das
etwa einer der engen, dumpfigen Ksten, die sonst tief unten im Bauche
auch der gerumigsten Schiffe zur Behausung von Menschen benutzt wurden?
Nein, bei allen Heiligen, hier hatte ein khner, ausschweifender,
berauschter Sinn aus allen Winkeln der Erde das Erlesenste
zusammengetragen, damit es fortan dem Ergtzen, der Wollust und der
prunkschtigen Ruhmbegierde eines ungebndigten Geistes diene. Noch
einmal vor seinem Aufbruch, dem er lngst begehrlich zudrngte, musterte
der drre alte Mann, der auf seinem hohen, brokatgepolsterten Stuhl,
schwchlich zur Seite geneigt, mehr hing als sa, all den
verschwendertollen Reichtum dieses kleinen, durchaus nicht niedrigen
Saales. Und der selbst begterte und verwhnte Adlige mute sich
zwingen, von all jenen bunten Teppichen, kstlichen Schrnken, Truhen
und blitzendem Gold- und Silbergert sich wieder zurckzufinden zu den
fnf Mnnern, mit denen er an dem festen Tisch den Abendtrunk teilte. Es
hielt schwer, sich eines nchternen Endzwecks bewut zu bleiben.
Grnblaue, flmische Wirkereien stellten an den Wnden das Leben des
Achill dar, und berall, wo sie zurckgeschoben waren, drngte sich
wuchtiges Tafelwerk hervor, regelmig und erhaben in Felder eingeteilt
und wuchtig aus dem dunklen Grunde herausgearbeitet. Ruhebetten und
golddurchwirkte Kissen in allen Ecken; und mitten von der Decke
schaukelte eine mchtige Eisenlaterne, in deren Hornblenden anmutiges
Nymphenspiel geschnitten war. Verschwommen und dmmernd fiel der gelbe
Schein aus der Hhe herab. Das Besondere aber verliehen diesem
frstlichen Raum die vier bunten Fackelstandarten, die an den Enden der
Eichentafel angeschraubt waren. Hell und blitzend funkelte hier das
Licht der llmpchen aus den seltenen venezianischen Glsern heraus und
streute kringelnde, unbestimmte Farbenflecke auf die ungleichen Zecher.
Dazu hpfte vom Verdeck des Schiffes eine feine Musik ber die Stufen
der breiten Treppe, denn die Fltenblser und Harfenisten der Freibeuter
begleiteten von oben her die Freuden ihrer Gebieter unermdlich mit Tanz
und Reigenspiel.

So hatte es der junge, schne, stets alle Sinne blendende Admiral
gewollt, und deshalb betete das schweifende Volk ihn an, mehr wie jeden
anderen, weil er die lichte Vollendung bildete ihres eigenen, aus allem
Herkmmlichen herausgefallenen, auf- und abschwankenden
Abenteurerdaseins.

Nimmer konnte der Drost seine Aufmerksamkeit ablenken von der hohen
geschmeidigen Gestalt des Wirtes. Wie der etwa dreiigjhrige, von
schwellender Gesundheit durchflutete Mann ihm in dem rotseidenen
Prachtwams gegenberlehnte, die linke Hand spielerisch auf einen
winzigen Dolch gesttzt, whrend die rechte in malender Bewegung von
Zeit zu Zeit seine meist leidenschaftlich hervorgestoenen Stze
begleitete, da mute sich der abschtzende Beobachter gestehen, da Sage
und Gercht die Anmut, ja, den Zauber dieses gefhrlichen Seelenfngers
eher unterschtzt htten. Die flammend schwarzen Augen sprhten jedem
Genossen eine heitere unbekmmerte Wrme ins Herz, auf der hohen Stirn
wechselte bald ein unnahbarer Stolz mit blitzender Gedankenarbeit, und
das braune Lockenhaar zitterte oft, wenn die eigene Bewegung den Admiral
fortri.

Ob dieser strahlende, selbstbewute Condottiere, dem die Natur bereits
einen unsichtbaren Frstenhut auf das Haupt gedrckt, nicht doch ein gar
zu berlegener Gegner fr das leicht entzndete Weib in dem Schlo da
droben ist? dachte der Drost, mit sich kmpfend. Und wieder schob er
den Becher unberhrt von sich und machte Miene, das schon zu lang
fortgesetzte Gelage zu endigen. Sein Gastgeber aber fing jene Gebrde
unglubig auf und winkte lebhaft abwehrend mit beiden Hnden.

Nichts da, hochedler Herr, widerstrebte er mit einer leichten
Verneigung, und seine Stimme lachte und lockte, als ob er zu einem
schnen Weibe oder mindestens zu einem geschtzten und verehrten Lehrer
sprche. Ihr tatet meinem Weine bisher wenig Ehre an. Mustert ihn
besser. Gesteht, glitzert er nicht in seinem silbernen Grund, als ob wir
ein Stck Sonne aus Eurem Meere aufgefischt htten? Es ist Ingelheimer,
Herr Drost, und man sagt, Carolus Magnus habe die ersten Reben
gepflanzt. Kommt, der Geist des groen deutschen Mannes ist mir nicht zu
schade, das Wohl Eurer kniglichen Frau zu feiern.

Recht -- nicht zu schade -- wollte auch geraten haben! schluckte der
Kriegsoberst Konrad von Moltke und rieb sich emsig seine glhende
Hakennase, da er in ihr bereits ein verdchtiges Jucken sprte. Er war
von dem Kanzler mitgebracht worden, um dem Strtebecker bei dessen
berchtigten Trinkgelagen Widerpart zu leisten. Gebt her, Schelme!
-- Ingelheimer -- Carolus Magnus soll leben.

Wir danken, fiel hier der Kanzler, erschreckt ber die Grobheit des
Kriegsmannes ein und rckte sich mit einem leisen Seufzer zurecht, um an
dem Becher mit dem vielgepriesenen Wein zu nippen. Innerlich jedoch war
ihm jede Zecherei ein Greuel, da sie sein Gallenleiden bissig aufregte.
Daher sammelte er sich und sprach berlegt und zu seinem Zwecke weiter:
Unsere erhabene Majestt von Dnemark schtzt die Herren sehr.

Bei dieser Stelle lchelte der junge Admiral in dem roten Wams beraus
hflich. Zugleich aber fuhr sein dunkles Auge blitzschnell und
Einverstndnis heischend ber die wettergebrunten Gesichter seiner
Genossen, bis es haften blieb an dem schmalen, feinen Jungfrauenantlitz
des Hauptmanns Wichmann. Der hatte sein Kinn auf einen langen Hieber
gesttzt, und der Schimmer der Laternen glttete ihm weich die seidigen
Blondhaare. Allein, wer genauer zusah, der merkte, wie dem Zwerglein
inzwischen die Schlfen ergraut waren und wie ihm auch in die Stirn
eine Silberlocke hing, gerade ber der breiten Narbe. Niedertrchtig
zuckte es ihm in den zwiefarbigen Augen, als er auf die sanfte
Einleitung des Kanzlers ebenso friedfertig, und ohne seine Lage im
geringsten zu wechseln, gleich einem artigen Kinde erwiderte:

_Sapienti sat_, Herr Reichshofmeister. Wir sind berzeugt, da Frau
Margareta uns sehr gewogen sein mu. Wie ja ein gro Gemt stets dem
gefhrlichen Gegner huldigt. Man denke nur an die Troer und Griechen,
die sich auch liebreich bei Gesandtschaften bewirteten. Nicht wahr?
Zudem, schlo der Kleine milde, wandelt Frau Margareta vor aller Augen
in den Spuren des Christus und deshalb bietet sie auch die linke Wange
zum Backenstreich, obschon die rechte bereits geschlagen wurde.

Nun, Ihr irrt Euch, wollte der alte Hofmann seinen gerechten Unwillen
ber die Frechheit dieses ausgerissenen Magisters bezwingen, da mischte
sich zum offenen Entsetzen des Kanzlers eine grelle, kreischende Stimme
in den bereits unterirdisch zischenden Disput, und der Kriegsoberst
Moltke bellte durch seinen grnen Weinnebel hindurch, gleich einem
bissigen Dorfkter:

Wer redet hier von Backenstreich? Will jemand Margretlein an den
holdseligen Leib? Er melde sich. -- Ich sage, er melde sich. Da jedoch
niemand der Aufforderung Folge leistete, so schlug sich der Betrunkene
vllig verworren auf sein hellrot feuerndes Beindach und brodelte
halb klagend: Ihr Hundeshne, ihr Spitzbuben -- ich wollte euch ja
lieber ----

Die Schdel einschlagen, ergnzte Hauptmann Wichmann sanft.

Hier folgte das ruhige berlegene Lachen eines einzelnen Mannes, und es
wurde doppelt wirksam, weil die anderen halb gespannt und halb verlegen
die Unterhaltung eingestellt hatten, whrend dem Kanzler der helle
Angstschwei aus der verschrumpften Greisenstirn perlte. Der Mann aber,
der so gelassen sein Verstndnis fr die geheime Sehnsucht des dnischen
Kriegsobersten bekundete, er sa dem Trunkenen auf einem derben Schemel
gerade gegenber und hie Gottfried Michaelis oder im Volksmund Gdeke
Michael. Wie er der einzige war von seinen Gefhrten, der zum Empfang
der vornehmen Gste kein Prachtgewand angelegt, sondern gleichgltig das
braune Lederwams seines Berufes trug, so hatte er auch bis jetzt in
einem kargen, beobachtenden Schweigen verharrt. Keine Bewegung strte
die Ruhe seiner breitbrstigen Gestalt, und in seinem ehernen,
dsterblond umrahmten Antlitz zeigte sich weder Teilnahme noch
Abwesenheit. Etwas streng Abgeschlossenes beherrschte diesen Menschen,
und der Kanzler erriet sofort, da der Schweigsame nur seinen eigenen
Gestirnen zu folgen gewohnt sei. Nun lste der Krftige die Verlegenheit
auf eine ungeknstelte und natrliche Art. Ohne Mhe hob er die
gewaltige Silberkanne, seinem Gegenber neuen Trunk einzugieen.

Ihr habt recht, Herr, stimmte er dabei im Ton eines redlichen Zeugen
zu. Welcher Fisch lernt auf sein Alter noch in Milch schwimmen? Als wir
bei Wisby aufeinander stieen, da haben wir uns besser verstanden.

_Ecco_, erwiderte der Totenschdel, ri seine Fischaugen auf, und eine
schwefelnde Erinnerung berkam ihn, _diavolo barbuto_, damals, Herr,
hab ich Euch eine Fracht Bier und zwei Last Weizen genommen. Gut -- gut
-- Herr, freut mich, da Ihr endlich das Maul auseinander bringt. Wann
treffen wir uns wieder, Herr?

Schwankend streckte er dem Ledernen die Rechte ber den Tisch. Der
schttelte sie ihm derb.

Wartet, versicherte er kaltbltig. Die stillen Tage gehen vorber.
Friede ist ein flchtig Wort.

Wahr -- wahr, jammerte es vom unteren Ende der Tafel aus einer
dumpfen, zerknirschten Kehle, und ein paar fleischige Hnde begannen die
Perlen eines Rosenkranzes krampfhaft gegeneinander zu werfen. Friede
halten nur die unschuldigen Engelein. Oh, du wonnige Jungfrau, oh, Ihr
gebenedeiten Nothelfer, warum mute ich den frommen Bischof Tordo von
Strangns nackt in den Schnee jagen? Oh, die Kreatur ist bse von Grund
aus.

Ein aufgeschwemmter, stiernackiger Graukopf war es, der so
gewohnheitsmig seine angebliche Qual herleierte. Gemeinheit wohnte in
seinen plumpen, verschwollenen Zgen, und seine leeren blauen Augen
zwinkerten unter den struppig herabhngenden Haaren oft in scheuer
Hochachtung zu seinen Genossen hinber, als wenn er nicht verstnde, wie
er bei seiner Unbildung und Buerlichkeit unter die glnzenden Anfhrer
geraten sei. Dies war auch schwer zu begreifen, denn Hauptmann Wichbold
stellte nichts anderes vor als einen gewhnlichen Buschklepper, einen
Strauchdieb, dem kein Verbrechen zu abschreckend, kein Diebstahl zu
gering galt, vorausgesetzt, da er hinterher seine jammervolle Seele
durch ein paar hundert Paternoster beruhigen konnte. Kunstgerecht
schnitt er jede Kehle ab, indem er dabei seinem Schutzpatron gebhrenden
Anteil gelobte. Darum wurde der wehleidige und zugleich heimtckische
Patron von seinen Gefhrten und namentlich von den beiden Admiralen auch
nur mit uerstem Widerstreben geduldet; allein der wste Mensch war
ihnen nun einmal von dem groen Haufen gestellt worden, halb als
Beobachter, weil die dunkle Masse den politischen Plnen ihrer
Befehlshaber nicht vllig traute, und halb als Hemmnis und Bleigewicht,
um die hochfliegenden Plne der Fhrer immer wieder auf sein eigenes
erbrmliches Raubgelst zu erniedrigen. Schon seine Gegenwart gereichte
den anderen, gerade wenn sie sich am hochgestimmtesten als Bildner einer
neuen Weltordnung fhlen wollten, zur dsteren Mahnung, auf welchen
Grundsteinen sie die Halle ihres Gerichts zu erbauen strebten.

Oh, des Elends, heulte der aufgeschwemmte Wichbold noch einmal in
seinen Becher hinein, die wir nicht Ruhe noch Gesetz halten knnen.

Seine Kranzkugeln klapperten wie knirschende Zhne aufeinander.

Bei alledem wurde dem Reichshofmeister himmelangst. Er hatte wohl die
Einladung seiner Herrin berbracht und in allerlei seinen Andeutungen
durchschimmern lassen, wie die Frstin namentlich an dem Besuch des
Strtebecker Gefallen finden wrde. Allein bis jetzt hatte er weder von
den anderen, noch von dem jungen Admiral irgendeine bindende Zusage
erhalten, und allmhlich gewann der feinfhlige Alte den Eindruck, als
ob sich die Befehlshaber dieser gewaltigen Seemacht von dem eben
geschlossenen Frieden durchaus keinen besonderen Vorteil versprchen.
Auch darber hinaus witterte er einen ihm noch verborgenen Widerstand
gegen die Verhandlungsplne seiner Knigin. Hier galt es, den Zaudernden
rasch und reizvoll glhende Zauberfrchte vor die Augen zu malen.
Schmatzend, als ob er etwas Kstliches auf der Zunge spre, begann er
von neuem zu schmeicheln:

Die Knigin hat mit Wohlgefallen die groe Flotte der freien
Beherrscher des Meeres betrachtet.

Margretlein, lallte hier Kriegsoberst von Moltke besttigend
dazwischen, der nach Art der Trunkenen sich zu strengster Deutlichkeit
verpflichtet whnte.

Als Antwort strich Gdeke Michael an seinem Lederwams herunter.

Das freut uns, erwiderte er mit seiner undurchdringlichen Miene. Wir
haben ihr zu Ehren ein Geschtz gelst. Sonst kommen wir, um Euren
Gefangenen, den Knig Albrecht, abzuholen.

Das war nun wieder ein anstig Kapitel. Gar zu leicht konnte die
Erinnerung an den eben erst abgeschlossenen Waffengang aufleben, auch
sonst schtzte der Kanzler keineswegs das Gedchtnis der sieben mageren
Jahre im Turm zu Lindholm, deshalb zuckte er kaum merklich die Achsel
und sprach mitleidig weiter:

Wie gnne ich ihm seinen Ruhesitz in Mecklenburg. Der arme, schwache,
redselige Mann. Ihn hat das schmerzlichste Los getroffen. Nicht einmal
Euch, seine treuesten Freunde, konnte er belohnen.

Wir brauchen ihn nicht, rief hier Claus Strtebecker frhlich, der bis
dahin leicht zurckgelehnt all die vergeblichen Bemhungen des alten
Fuchses mit seinem feinen, erkennenden Lcheln begleitet hatte. Bemht
Euch auf das Verdeck der 'Agile', hochedler Herr, und Eure Erlaucht
knnen leicht meine Mannschaft singen hren.

Und der Admiral sang selbst:

  Die Schwarzflaggen laufen in Wind und Wettern,
  Sie stehen in keines Menschen Sold,
  Sie fahren aus auf Pech und Brettern
  Und kehren heim auf eitel Gold.

Vortrefflich, auf eitel Gold -- freilich--

Das drre Gerippe stutzte. Es befremdete ihn hchlich, auch diesen
jungen, von frstlichem Anstand geleiteten Seehelden so obenhin ber
Raub und Brandschatzung urteilen zu hren. Denn seine nicht geringe
Menschenkenntnis suchte hinter jener hohen, wetterleuchtenden Stirn noch
eine andere, eine hhere Weltauffassung. Trotzdem ging er auf den
leichtsinnigen Ton ein.

Freilich, grinste er aus dem Gewirr seiner Furchen heraus, whrend er
seinen Blick all die auffallende Pracht noch einmal kosten lie, man
sieht's. Es verbirgt sich nicht. Nur schade, schnellte er einen bsen
Pfeil mglichst harmlos hinterdrein, Eure Freibriefe erlschen mit dem
geschlossenen Frieden.

Unser Recht beruht nicht auf Schreibwerk, beharrte Gdeke Michael
fest.

Auf was sonst, wenn es Euch beliebt? griff der Drost diesmal schnell
nach.

Da loderte es auch in den schwarzen Augen des Strtebecker grell auf.
Ein Windsto von Wildheit fuhr ber das eben noch so strahlende Antlitz.
Es war, als ob ein Blitz in einen Garten geschlagen htte.

Auf dem Unrecht der anderen, rief er hell.

Wem gehrte die Stimme, die jedem Lauscher das Innerste erwhlte? Die
Drommete eines fernen, hellseherisch verkndeten Gerichts schmetterte
aus dieser Inbrunst. Und siehe da, die wenigen Worte klammerten sich wie
ein Ring um den kleinen Kreis. Selbst der Trunkene horchte auf. Dem
Kanzler aber wurde unheimlich. Das bengstigende Vorgefhl, in eine
rtselhafte, noch nicht entschleierte Entwickelung geworfen zu sein,
ergriff den Alten pltzlich, ja, seine aufgejagten Greisensinne wurden
unvermutet durch die Vorstellung gepeinigt, er sei dazu verurteilt,
wider seinen Willen das Brodeln des ehernen, von grauen Mchten
gehteten Kessels zu belauschen, in dem Weltwenden und Vlkerschicksale
gleich platzenden Blasen durcheinander tanzten. Nein, dazu war er schon
zu alt, dergleichen mochten seine triefenden Augen nicht mehr schauen.
Frstelnd schttelte sich das Gerippe und dankte Gott im stillen, als es
zu bemerken glaubte, wie die Zge des jungen Admirals gleich darauf
wieder von der alten Heiterkeit erhellt wurden. Seufzend und mit einem
letzten Versuch zog der unermdliche Hofmann eine neue Saite auf seine
vieltnige Geige.

Ich will die Herren weder berreden noch bestimmen, sagte er, ganz als
ehrlicher Freund und Berater, da sei Gott vor. Aber mein Herz bedrckt
es gleichwohl, wenn ich ermesse, zu welch wertvollen Leistungen ein
solch herrliches Werkzeug erkoren sein knnte, sobald es einem sicheren
Gesetz oder einer anerkannten Macht dienstbar wre.

Erspart Euch das, weigerte sich hier Gdeke Michael streng, und aus
seinen eisenblauen Augen traf den Alten ein finsterer Blick. Wir folgen
trotz alledem einem Gesetz. Einem so unerbittlichen, da Ihr die
einzelnen Artikel nicht ertragen wrdet.

Der Drost nickte wehleidig. Mag sein, redete er halb in Angst und doch
von seiner Aufgabe beherrscht weiter, allein die Umwelt und die
gewordenen Verhltnisse, auf denen allein ein gutes Gewissen sorgenlos
ruhen kann--

Alter Herr, sang Euch die Amme dies spaige Mrchen? scho das blonde
Zwerglein bissig dazwischen.

Mhsam berhrte der Drost auch diesen Einwurf, um unter immer strkerem
Unbehagen fortzufahren:

Ihr werdet nicht leugnen, das Bestehende kann sich in Eure Sitten nicht
recht hineindenken. Dazu hngt es zu fest an erprobten alten Geboten,
die ihm allerlei Unersetzliches verbrgen.

Der junge Admiral schnitt mit der Hand durch die Luft.

Erbe und Besitz, Truhenschatz und Pergamentvorrechte, adlige
Bettpaarung und Gotteswort fr die Armen, half er mit seiner
verwirrenden Liebenswrdigkeit ein. Davon wollt Ihr sprechen, nicht
wahr? Es klang beinahe gutmtig.

Das auch -- gewi -- das ist fr den Brger der Ausgangspunkt vieles
Guten. Allein ich dachte auch an etwas Hheres. Verzeiht mir -- aber
wie schwer mu auf euch allein des heiligen Vaters Fluch und Bann
drcken!?

Noch war das Bedenken nicht ganz erhoben, als der Kanzler sich auch
schon vllig verstndnislos umblicken mute. Ein schallendes Gelchter
wlzte sich um die Tafel, und nur der dicke Wichbold schlug weinend vor
Gram und Trunk seine fleischigen Hnde zusammen, dazu sthnend:

Oh, ihr vermaledeites, heilloses Volk -- lacht nicht, lacht nicht ber
Pein und Fegefeuer! Warum mute ich den Bischof Tordo von Strangns an
den Seen von Stockholm niederwerfen? Bis aufs Hemd hab' ich den heiligen
Mann ausgezogen. Ein kostbar seiden Hemd, wie es die Frauen tragen! Und
jetzt, alter Mann, jetzt verzehrt der Frost meine eigene Seele. Ich
klappere mitten im Sonnenschein, denn ich allein bin schuld, da sich
uns keine Kirchentr mehr ffnet. Ach, ich verirrte, armselige Kreatur,
ich!

Sein dickes Heulen und Schmatzen verlor sich in dem Schlund des Bechers.

Voller Abscheu, verchtlich sprang der junge Admiral zur Hhe. Aber noch
immer wetterte ein Abglanz des wilden Lachens um seinen feinen Mund.

Habt Nachsicht, entschuldigte er sich endlich vor seinem verblfften
Gast und schlang den Arm gefllig um eine der Fackelstandarten. Ich
wei, ich htte mir eher die Zunge abbeien mssen, als solch einen
verehrten Gnner durch unziemliches Lachen zu verletzen. Doch Ihr
konntet nicht wissen, da fr uns gerade der rmische Baalspfaffe zu
jenen betrglichen Gauklern gehrt, in deren dunklen, die Welt
verngstigenden Nebel wir unser rotes Fackellicht stoen wollen. Alter
Mann, sei ehrlich -- meinst du wirklich, Vllerei, Lakenspe, Mord,
mterschacher und das durch Seelenverngstigung erlistete Scherflein der
Witwe berechtigten zu dem schwindelnden Anspruch auf Priestervergottung?
He, da seid Ihr gerade unter die Henker solch alter Lgen geraten.

Er rttelte an dem Schaft der Laterne, und seine breite Brust dehnte
sich unter der rotseidenen Hlle, als er heftig hervorstie:

Ist's noch nicht genug, an der mden Schwchlingslehre selbst? Unsere
Schuld und Fehle, das Eigenste, Heimlichste der Kreatur, einem anderen
aufbrden, nicht wahr, so gefllt's Euch? Das nenne ich mir gar eine
tapfere Kunst. Geht, seid Ihr fromm, warum sucht Ihr nicht Euren noch
immer unbekannten Gott? Vielleicht, da er Euch eines Tages begegne.
Mitten in einer Sauferei oder im Bett einer Hure. Aber was tut Ihr? Ihr
schlagt mit Keulen nach dem Geist, der von ihm strmt, weil er sich
berall gegen Euch auflehnt. Geht -- geht, faulende Grber, geschminkte
Heuchler.

Claus Strtebecker wandte sich und schritt hochaufgerichtet durch den
weiten Raum, bis dahin, wo an der getfelten Wandung bereits dunkle
Schatten auf und nieder schwebten. Leicht konnte man meinen, da der
Gastgeber hiermit die Tafel aufhbe. So fate es wenigstens der dnische
Reichshofmeister auf. Der Unterkiefer war ihm herabgesunken, der alte
Mann konnte sein Staunen ber die emprerische Khnheit der eben
vernommenen Ansichten noch immer nicht migen. Zwar dachten zu jener
Zeit viele erleuchtete Kpfe hnlich, aber der Aufruhr wagte sich gegen
die feile Kirche vorerst nur in den Studierstuben hervor. Langsam schob
der Drost seinen Stuhl vom Tisch und raffte seine lange Gestalt in die
Hhe. Niederdrckend beschlich ihn dabei der rger, und er hing ihm
frmlich an seinen schlaffen Wangen nieder, weil ihm, auf die ehrende
Einladung seiner Frstin, keine freundlichere Bereitwilligkeit gezeigt
worden war. Ja, da er im Grunde kaum mit halben Worten abgespeist,
gleich einem aufdringlichen Zwischentrger wieder ans Land
zurckgeschickt wrde. Jedoch -- um alles -- nichts zeigen, nichts
merken lassen. Auf seinen Wink hing ihm ein aufwartender Bursche seinen
schwarzen Mantel um, und nachdem von dem Buben auch noch der
Kriegsoberst Konrad von Moltke seinem Schemel entrissen war, was
freilich nicht ohne allerlei Faustschlge ablief, da schickte sich der
drre Drost uerlich unverndert, zu innerst jedoch verletzt und
beleidigt, zum endgltigen Abschied an.

Habt Dank, knickte er gegen die schweigende Runde zusammen, obwohl
sein Blick noch immer die abgewandte Gestalt des jungen Admirals suchte.
Ihr habt uns aufgenommen, wie es eurer Macht und eurem Wohlstand
geziemt. Mein Zweck, euch kennen zu lernen, ihr Herren, ist damit
erfllt. Auch werde ich reinen Mund halten ber das, was ihr mir des
Frderen ber eure Feindschaften und Widersetzlichkeit enthllt. Zudem,
ich bin ein guter Christ und habe die gefhrlichen Schwarmschriften des
Oxforder Professors[*] nicht so grndlich studiert wie ihr--

  [*] Wiklif, ein Vorlufer von Hus und Luther.

He, hochedler Herr, sumt noch, ich zeigte Euch gern lieblichere
Schreibereien, unterbrach aus der fernen Ecke die lachende Stimme des
Admirals. Und ohne sich an die Einwilligung seines Gastes zu kehren,
schleuderte der schlanke Befehlshaber mutwillig aus einer gerumigen
Truhe ein mit Leder und bunten Steinen besetztes Buch nach dem anderen
auf den Teppich. Seht, wrzigstes, rmisches Gewchs. Ihr mt wissen,
ich ward der Erbe des Bischofs von Strangns, den unser lieber Genosse
so trostlos beweint, obwohl er ein Wucherer und Leuteschinder war. Und
was las die demtige Stola? Ein guter samthutiger Geschmack, kann ich
Euch versichern. Hier, Liebeslieder des Petrarca an Donna Laura. Ein
vollbusiges, olivfarbenes Weib, Euer Erlaucht. Etwas fr stille,
verschwiegene Leute. Und dort noch besser -- Geschichten des Boccaccio
an Fiametta. Oh, geniet das, da knistern alle Bettpfosten, da fliegen
Euch die Frauenzimmer scharenweise in die krachenden Arme, da speien die
Ehestuben und Gesindekammern ihre Kstlichkeiten aus. Und die
Mnchskutten flattern dazu im Takt. Nehmt, nehmt, Herr -- dieser Deckel
sei mein Gastgeschenk. Ihr mt Euch darin unterrichten, denn Ihr seid
der Dienstmann einer Frau.

Versteint, sprachlos stand der Drost, seine triefenden Augen wlbten
sich vor Angst und quollen ihm aus den Hhlen, da er die Schrift sich
gewaltsam in die Finger gedrckt fhlte.

Der Admiral aber legte ihm sanft die Hand auf die Schulter, blitzte ihn
mit seinen schwarzen Augen an und sagte trstlich:

Haltet mich nicht fr verwirrt, hochedler Herr, ich wollte Euch nur
weisen, wie wir schweifenden Leute auch die Strmungen auf dem Lande
kennen. So mag ich Euch auch nicht lnger ngsten. Meldet mithin
Margareta meine Ehrfurcht, und morgen nach der Messe will ich vor ihr
erscheinen. Und bedeutsam und pltzlich in eine andere bisher sorgsam
verschleierte Gedankenwelt zurcktauchend, setzte der Admiral
geschlossenen Auges hinzu: Gebe ihr Stern, da sie mich verstehe.

Er wachte auf, blickte wie erstaunt auf seine lauernden Gefhrten,
wechselte den Ton und rief laut:

Gehabt Euch wohl, hochedler Herr, und sorgt nicht um Euren Abzug. Den
Kriegsobersten lasse ich die Treppe hinauftragen.




II.


Das Glckchen der Kapelle lutete noch sacht, da knarrte das Tor in der
roten Schlomauer, und ber den hlzernen Pfad der Brcke bewegte sich
ein Zug von unerhrter, einzigartiger Pracht. Drauen vor den Wllen
blieb ein dichter Schwarm zusammengelaufenen Volkes zurck, der winkte
dem einziehenden Freibeuterfrsten mit Tchern und hocherhobenen Hnden
unermdlich seine Gre nach. Denn das arme Volk liebte jene streifenden
Gesellen, von denen es um billigen Preis Lebensmittel, Kleidung und
Zierat aus fremden Lndern einhandelte. Und es billigte auch das
seltsame Freigericht der Seefahrer, weil der bermut seiner Groen davor
zitterte. In einer rechtlosen Zeit bildeten diese Urteile ein letztes
mrchenhaftes Wunder, beinahe wie die Trstungen der Religion.

Im Schlohof glitzerte es. Den Sonnenstrahlen sprangen Lichtfunken aus
einem Goldharnisch entgegen. Kein rechtmiger Vlkerhirt, noch weniger
ein Untertan hatte jemals in solchem, an Wahnwitz streifenden Glanz
diese Sttte betreten.

Hinter ihrem Fenster beugte sich Knigin Margareta vor. Obschon sie
bereit war, etwas Auerordentliches zu erleben, so lieen die Schnheit
des wilden Prunkes sowie die ragende Wrde und die schlanke
Stattlichkeit des bestaunten Besuchers ihre Spottlust zuvrderst
verstummen.

Langsam und wie um einen dort hngenden Traum abzustreifen, fuhr sich
die Frau ber die ganz von Licht und Blitz erfllten Augen, und ihre
Stimme klang weniger klar als sonst, da sie sich zu ihrer mdchenhaften
Gefhrtin kehrte, die allein mit ihr den engen Raum des Arbeitszimmers
teilte. Es war die einzige Hofdame, die die Frstin sich ebenbrtig
whnte, denn Grfin Linda von Ingerland entstammte einem norwegischen
Urgeschlecht, von dem schon die Lieder der Edda sangen. Gott Thor selbst
hatte ihrer Sippe einen roten Hammer als Zeichen seiner Gunst in die
Schwelle geschlagen.

Sieh dort, meine Tochter, wies die Regentin unsicher, und es schien,
als ob sie sich durch Menschenworte selbst zur Besinnung bringen mchte,
der kurze purpurblaue Waffenrock. Wie er von Gold starrt! Und welche
Knigsgestalt, zgerte sie weiter. Ich sah nur einmal einen Mann in
gleicher Rstung, Knig Wenzel zu Prag. Aber der war kurz und dick,
besann sich ihr abschtzendes Urteil sofort.

Doch das blonde Mdchen wurde von keiner Neugier erregt. Frostig,
abweisend griff es nach einem langen schwarzen Kreuz, das ber seiner
weien Gewandung nonnenhaft herabhing. Die Bewegung schien geeignet,
einen nahenden Spuk zu vertreiben.

Was kmmert es uns, entgegnete sie, wie eingehllt in das starre
Leichenhemd einer Heiligen, woher der unselige Mensch seinen Schmuck
geraubt hat?

Nicht so. Die Frstin hob ihr kluges Haupt. Sie war nicht lnger
einverstanden mit dieser herben Verurteilung, seit ihr mannslsterner
Blick auf dem strahlenden und blitzenden Seefahrer dort unten geruht.
Jener kam vielleicht, um ihre Macht zu mehren, und dann war es in ihre
Hand gegeben, Snde in Tugend, Verbrechen in Staatsnotwendigkeit zu
kehren. Nicht so, mein liebes Kind, belehrte sie nachdenklich, jedoch
mit ihrem gtigen Lcheln, dein frommer Abscheu fhrt dich zu weit.
berhaupt, gib acht, da sich deine Himmelssehnsucht mehr mit Demut nach
unten mische.

Die Frstin hatte vielleicht schon vergessen, was sie eben geuert,
denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf drei riesige Matrosen gerichtet,
die hinter ihrem Gebieter eine breite, ganz in einen Teppich gehllte
Tafel auf ihren Schultern schleppten.

Womglich ein Gastgeschenk, riet Margareta zwischen Spott und
Begierde.

ber die Wangen ihrer Dame jedoch hatte der Vorwurf eine flchtige Rte
gejagt.

Du tust mir Unrecht, Knigin, verteidigte sie sich in stolzer Haltung,
mein Sinn steht, wie du weit, nach dem Kloster. Das Erdenleid mit
seinem Weh und seiner Ungerechtigkeit jagt mich von hinnen.

Auf den Treppen knirschten Tritte. Das leise Klingen einer Rstung
zitterte hindurch.

Gut -- gut, wandte sich Margareta hastig zurck und strich prfend an
ihrem engen grnen Kleid herunter, darber, meine Linda, sprechen wir,
wenn du mannbar geworden. Und jetzt -- ich will dir nicht zumuten, eine
Luft mit einem von dir Verachteten zu atmen. Du bleibst nur bis zu
seinem Eintritt, damit ich nicht unbegleitet erscheine. Dann -- sie
lehnte sich erwartend an den Tisch -- will ich allein sein, und niemand
soll unsere Zwiesprach stren.

Verstummt verneigte sich die Hofdame. Der Vorhang teilte sich, und ein
blauberockter Wppner trat ein. Breitbeinig meldete er: Nikolaus
Strtebecker, Knigin, bittet um deine Gunst. Er nennt sich Admiral und
Mehrer des Rechts.

Eine Sekunde wollte ein bitteres Lcheln um den breiten Mund der
Regentin fliegen, fast verlegen streifte sie die unbewegliche Gestalt
ihrer Hofdame, dann jedoch entschnrten sich ihre Brauen, und
herablassend nickte sie:

Er ist willkommen.

Gleich darauf stand der Admiral den beiden Frauen gegenber. Ein
Goldschimmer ging von ihm aus, ein Hauch von Jugend und Khnheit
umspielte den Hochaufgerichteten, und in dem dumpfen Gemach verbreitete
sich etwas von der Freiheit und Majestt des Meeres. Unwillkrlich
verlor die Knigin das Gezwungene ihrer angenommenen Herrschergebrde,
sie mute sich jetzt wirklich krftig auf den Tisch sttzen, denn ihr
war, als sei noch niemals ein solch Ungebrochener, deutlich von einem
sichtbaren Stern Geleiteter vor sie getreten. Wortlos, ohne Zeichen,
ohne Gru fuhr sie fort, ihren Gast, der sie mit seinen braunen Locken
weit ber ein Haupt berragte, zu betrachten, seinen purpurblauen, von
den Hften an abgeschrgten Waffenrock, die goldgestickten Lwen darauf
und den hohen Goldhelm in seiner Rechten, und erst, als sich der Admiral
leicht und mit natrlicher Ehrfurcht vor ihr verneigte, gewann ihr
breiter Mund das ihm gelufige Lcheln zurck. Halb abwehrend holte sie
aus sich heraus:

Du bist willkommen, Nikolaus Strtebecker.

Vllig war ihr dabei entglitten, da sie diesen gefhrlichen Freibeuter
als Admiral anreden wollte, auch verga sie, ihm nach ihrer Absicht
gndig die Hand zu reichen, so rckhaltlos war sie von einem kindlichen
Staunen erfllt. Nur eines bemerkte sie mit den unfehlbaren Sinnen der
Frau, da nmlich ihre Hofdame, die sich nach der Verabredung jetzt
entfernen sollte, ungehorsam oder gezwungen mit ihrem weien,
hochmtigen Antlitz an ihrem Platz verharrte. Das blonde Mdchen hatte
das schwarze Kreuz fest an ihre Brust gedrckt wie zur Gegenwehr gegen
eine bse und sndhafte Macht. Allein auch Margareta hatte noch immer
nicht das Bewutsein ihrer Erdenhoheit zurckerlangt, sondern sie stand
befriedigt als Zuschauerin eines nicht alltglichen Schauspiels.

Inzwischen waren die so ungleichen Frauen auch von dem Admiral gemustert
worden. Ein kurzer, scharfer, durchaus nicht verschmter Blick hatte das
blonde Frulein abgeschtzt, der Blick eines bermtigen, der eine Ware
rasch und ohne Umstnde einzuhandeln gewohnt ist. Lnger und prfender
blieben die dunklen Augen an der Frstin hngen. Alles ohne knechtische
Demut, sondern wie der Trger eines neuen, die Welt verndernden
Gesetzes. Als aber die Stille beharrlich anhielt, da regte sich der
Seefahrer entschlossen, so da die langen Sporen an seinen
goldgeringelten Schuhen einen scharfen Ton gaben. Ohne Erlaubnis
abzuwarten, erteilte er seinen Dienern, die noch unter dem Vorhang
harrten, einen gebieterischen Wink. Sofort wurde die noch verhllte
Tafel an eine leere Wand des Zimmers gelehnt. Dann verschwanden die
Trger.

Erhabene Frau, begann nun der Strtebecker mit einer so hellen,
schmeichelnden Wrme, da es Margareta vorkam, als wenn die umgebende
Luft ihren Hals mit weichen Hnden zu streicheln anhbe. Wohlig berlie
sich die Frau jenem ungewohnten Schauer, Grfin Linda jedoch schreckte
zusammen, und ihre Zge nahmen pltzlich den Ausdruck einer bestrzten
Feindseligkeit an.

Erhabene Frau, erklrte der Gast leicht gegen die Tafel weisend, wer
wagte ohne Frsprach noch Geleit vor eine Frstin zu treten, die von dem
bewundernden Urteil ihrer Zeit die 'Semiramis des Nordens' genannt wird?
Aber, oh Knigin, mein Geleitsmann spricht nicht so laut und vernehmlich
zu den Gekrnten als vielmehr sanft und bittend zu denen, die warmen,
mitleidsvollen Herzens sind, und besonders zu euch, ihr milden,
erbarmenden Frauen. Schau her, du kennst ihn.

Ein rascher Griff in den Teppich, die Hlle fiel. War es ein Ausruf des
Staunens oder des gottseligen Entzckens, der den beiden berraschten
das Herz sprengte? Vor ihnen, in einen geschnitzten Spitzbogen
eingefat, milde aus einer ppigen Goldwand herausgewachsen, da hing der
Erlser an seinem Kreuz. Und unter der leicht geneigten Stirn suchten
zwei tiefe schwarze Augen weit ber die gemalten Zeugen, aber auch ber
die lebenden Beschauer hinweg ernst und dringend nach etwas
Unauffindbarem! Die Augen wurden grer und ffneten sich immer weiter,
je lnger man ihre Frage aushielt. Rechts von dem Pfahl kniete eine
Schar anbetender Mnche in faltenreichen, bla leuchtenden Kutten. Jeder
den Heiligenschein um das inbrnstige Haupt. Die gttliche Mutter
kauerte vor dem Marterholz, sie hielt das Fubrett umklammert und
drckte ihre Lippen, unsgliches Leid verkndend, auf die blutigen Male.
Auf der linken Seite trauerten die Jnger, angetan mit lichten blauen
und roten Gewndern, und den Heiland selbst umschwebten in dem
Goldhimmel kindliche Engelsgestalten, deren Leiber der Maler, um das
Unirdische anzudeuten, von der Mitte an in Rauch und Wolken aufgelst
hatte. So aufreizend und betrend wirkte das Ganze, da die Frauen ein
haltloses Zittern befiel. Zum ersten Mal durchschlug jene nordischen
Menschen das Wunder der Kunst, denn statt der gewohnten leblosen
Gliederpuppen offenbarte sich ihnen Sterbliches und Gttliches,
eingetaucht in die Qual und das Heilige des Alltags.

Und diese Erhabenheit spendete ein Seeruber?

Die Knigin wankte. Sie war leichenbla geworden. Die mahnenden Augen
hatten ihr Herz geffnet, und in ihrem wallenden Blut brannte die Frage
weiter, die der Menschensohn dort vom Kreuz in aller Einfalt an sie
richtete: Glaubst du mir wirklich?

Wer? -- Wer hat das geschaffen? stammelte die Regentin und warf, wie
abwehrend, die Hnde vor.

Aufmerksam stand der Admiral neben der Tafel. Auch ihn erregte das
strmische Drngen des Knstlers nach Wahrheit und Beseelung. Aber er
war mit dem Eindruck zufrieden. Mit einer bezeichnenden Handbewegung
erwiderte er:

Du siehst, oh Knigin, dies hat ein aufrhrerischer Geist gebildet.
Meister Giotto di Bondone zu Florenz, der sich auch nicht um
altberlieferte Satzungen scherte, sondern das Stckwerk und die
Stmperei aller menschlichen Dinge kannte. Wo schaust du hier selige
Verheiung? Verheien ist uns allein Qual und Selbstbefreiung. Dort nur
winkt unsere Auferstehung, Knigin.

Und erkennend, da er bei der groen Bestrzung, die er erregte, noch
mehr wagen knne, setzte er mit bewuter Grausamkeit hinzu:

Du sollst wissen, ich selbst nahm dieses Bild aus einem sienesischen
Kirchlein, das mir das dankbare italische Landvolk ffnete.

Langsam lie Margareta bei diesem Gestndnis ihre Hand sinken. Sie
starrte den khnen Sprecher an. Alles um sie herum war ihr verwirrt.
Pltzlich jedoch berraschte sie die Scham, weil ihr Niederbruch auch
von einem anderen Weibe erlebt wrde. Und von diesen widerspruchsvollen
Empfindungen bestrmt, kehrte sie sich heftig gegen ihre Begleiterin.
Verdeckt und erzrnt klang, was sie vorbrachte.

Was ist das? Seid Ihr noch da, Grfin? Wir danken Euch. Aber nunmehr
bedrfen wir Eures Beistandes nicht lnger. Ihr seid beurlaubt. Und mit
einer hfischen Handbewegung sprach sie die Entlassung aus.

Seltsam, in der stolzen Edelingstochter bumte sich kein Widerspruch
gegen die ungewohnte Behandlung. Ja, sie schien den Tadel kaum zu
begreifen. Und doch -- hinter der ruhigen weien Stirn regte es sich um
so wirbelnder, in den groen blauen Augen erfror ein offenes Grauen,
denn das letzte, woran sich diese Einsame klammerte, drohte
zusammenzustrzen. Wie? Ein Unseliger, Gechteter, tausendfach
Gebrandmarkter bekannte hier frechen Tempelraub, und er stand doch in
Gold und Seide gehllt, bermtig und herrisch und dazu verwhnt und
gekost von den huldvollen Blicken einer Frstin? Die wunderreinste
Offenbarung wurde durch beschmutzte Hnde gespendet, und zugleich das
Tiefste und Ewigste der Lehre von grausamer Verachtung erschlagen? Die
Verheiung wurde vom Himmel gezerrt, der letzte Trost aller Verlassenen?
Nimmermehr -- das durften aufrechte Bekenner nicht dulden. Aus der Bahn
gerissen, jedoch noch bis zuletzt bestrebt, ihre gefate, ablehnende
Haltung zu wahren, so schritt das frierende Geschpf nach einer
Verneigung dem Vorhang zu. Indes ihre Prfung war noch nicht erschpft,
noch rger sollte sie versucht werden. Ihr mute es ein bser Blick
angetan haben, denn unvermutet schlug es in sie ein, als ob die
schwarzen, feurigen, ergrndenden Gtteraugen ganz in der Nhe auf ihr
ruhten. Sie waren da, sie drngten sich an sie. Ihr weies Gewand fhlte
sich von ihnen durchbrochen, ihr Krper von ihnen angetastet, und jetzt,
jetzt merkte es die Aufgestrte erst, der Mann in dem blauen
Frstenrock, der Seeruber, der Gesetzesverchter, in ihm leuchteten
jene heilig-unheiligen Erdensohnaugen nur schamlos und gemein auf sie
nieder.

Da verkmmerte ihre Selbstbeherrschung, verwundet raffte sie ihre lange
Gewandung an sich, brach durch den Vorhang und stand jenseits der
Schwelle, sich selbst unbekannt und entfremdet. Geheime Vorstze
gewannen Macht ber ihr Denken. Auch sie glich einem geraubten
Heiligenbild. Der Vorhang zitterte in ihrer sttzenden, entschlulosen
Hand.

       *       *       *       *       *

Jetzt sind wir allein, sprach Margareta bedeutungsvoll, und darum la
mich dein Geschenk verehren.

Demtig kniete sie nieder und versank vor der Tafel in ein unhrbar
Gebet. Die schmiegsamen grnen Linien des Weibes lagen vor dem Bild
hingegossen wie frischer, wlbiger Rasen. So sehr hatte die
Menschenkennerin ihre Beherrschung wiedergewonnen, da selbst der
scharfsichtige junge Admiral zweifeln konnte, ob sich hier Echtes uere
oder der gewohnte Drang zur Darstellung. Allein um die Lippen des
Seefahrers regte sich doch ein verborgenes Lcheln.

Die Knigin mute es ahnen, denn sie erhob sich rasch.

Ich danke dir, Admiral, sagte sie herzlich und reichte ihrem Besucher
die Hand. Es war eine weiche, bannende Frauenhand, und in der Umspannung
bebten die starken Krfte des Willens und der Unterjochung. Der
Strtebecker aber stand frhlich vor ihr, ungebrochen und sie um ein
Haupt berragend. Da erkannte Margareta mit Bedauern, da es Zeit sei,
diesem Willensmchtigen vorerst kleinliche Gelste zu opfern. Voll Wrde
und mit einer freien Anmut lie sie sich auf ihrem hohen Sitz nieder.
Ihr scharfes Antlitz nahm dabei etwas Festliches an. Setzen wir uns,
forderte sie, auch du, Nikolaus Strtebecker, la dich nieder. Hier,
neben mir. Und dann will ich dir verknden, warum sich meine Gedanken
schon lange mit dir beschftigten.

Allein Claus Strtebecker rhrte sich nicht. Unanfechtbar sicher klang
es von dem Aufgerichteten zurck:

Ich kenne deine Gedanken, Knigin. Und du brauchst mir nichts zu
verknden.

Was war das? Margareta zuckte getroffen zusammen.

Was weit du von mir? herrschte sie den Mann an, der sie so mhelos
entgttlichen wollte.

Unerschrocken und seinen dunklen Blick fest in den ihren verstrickt,
entgegnete der Admiral:

Ich wei, da du ein Reich in Not und Kummer zusammengerafft hast. Aber
auch der Dieb, der ber die Mauer steigt, erduldet Schmerz und Plage.
Jetzt willst du herrschen, wie vor dir zahllose deinesgleichen, Berufene
und Unberufene, ihre Gewalt zrtlich hegten. Und deshalb mut du deine
Krone tglich waschen mit Gotteswort, mit dem Schwei der Namenlosen,
mit List, Trnen und Blut, damit sie den Deinen die Augen blende.

Was wagst du? hauchte das Weib.

Nichts wage ich, denn weil du dich unaufhrlich selbst krnen mut, so
liegt es dir ob, jeden glnzenden Stein von der Strae in dein Diadem
aufzulesen. Und solch ein Stein bin ich.

Eine Pause entstand, verstrt klammerte sich die Regentin an beide
Armlehnen, und es war fast, als versuchte sie, ihren Leib rchend gegen
ihren Bedrnger emporzurichten. Noch war es ihr unentschieden, ob sie
Strafe oder Verachtung gegen das Niegehrte aufbieten sollte. Und sie
selbst erschrak, als ihr aus dem tosenden Wirbel zuerst nichts als die
bangsam demtige Klage aufstieg:

Mann, siehst du nicht, da ich ein Weib bin? Noch nie stand ein solch
Ehrfurchtloser vor mir. Ich wei nicht, was mich abhlt, dich zu
zchtigen.

Ich aber wei es, sagte jetzt der Strtebecker, jeden Widerspruch
dmpfend, indem er auf sie zuschritt. Die Sporen an seinen Ringelschuhen
wisperten und kicherten aufreizend mit. Verstell dich nicht, Frstin.
Dich lhmt zur Stunde der volle Aufruhr deines Herzens. Zum erstenmal
blickst du hinber aus dem blutigen, waffenstarrenden Ring deines
vermeintlichen Rechtes, in den bereits heranschwellenden Kreis der
angeblich Rechtlosen. Dort herrschst du, hier gebiete ich. Tausende
verbluten und verrcheln unter deinem Urteil, da sie deinen Erwartungen
oder deinem Nutzen nicht entsprechen. Aber schau dafr auch meine
Fuste. Sie dampfen vom Blute gerade deiner Ergebensten, weil sie es
sind, die wiederum meinen Hoffnungen ein Hindernis bereiten. Wer von uns
beiden ist der beltter? Willst du es entscheiden? Du mchtest deinen
Herrgott am Barte fr dich aus den Wolken zerren! Vergebens, denn dein
Gott hat zahllose Male die Emprer gesegnet. Dort der Gekreuzigte, an
den du dich angstvoll drngst, war er nicht der Aufrhrer
frchterlichster? Und du willst entscheiden? Du, deren verstopftes Ohr
nicht einmal vernimmt, wie unter der dnnen Decke deiner Fe bereits
Tausende meiner Stimmen schreien und heulen und winseln?

Schonungslos fllte der helle Klang den engen Raum, die Glut einer
verzehrenden berzeugung wehte das halbbetubte Weib an, alle ihre
Gedanken wandten sich zur Flucht vor dem frchterlichen Eroberer, der
mit Ruberfusten an ihr bisher so geschontes Bewutsein hmmerte. Aber
-- oh Wunder -- gerade aus ihrer natrlichen Todesangst, aus der Furcht
vor persnlicher Vernichtung oder Schmach, da erhob sich wie der weie
Felsen aus dem berschumenden Gischt das Eigenste dieser Frau, das
Gefhl ihrer kniglichen Einsamkeit. Und gewohnt, jede Hilfe, jede
Rettung aus ihrer herrschschtigen Seele zu holen, berrauschte sie ein
Schauer widerspruchsvollen Ergtzens an der nahen Gefahr. Wie von
ungefhr versprte sie sogar das Lockende jener gewaltttigen, grausamen
Mnnlichkeit. Nur eines glitt an ihr vorber, und dies war gerade das
Neue, das sie aufgefangen, das dumpfe Brausen der dunklen, wilden
Gestalten, die der seltsame Mensch eben vor ihr beschworen. In dumpfem
Murren erstarb ihr der unheimliche Laut hinter einem wohlverwahrten,
eisernen Tor, zu dem ihr jeder Schlssel fehlte.

Aber stattlich richtete sie sich auf, bis sie in voller Hhe von ihrem
Herrensitz ragte. Als sie den Arm ausstreckte, blitzten die goldenen
Schnre im Sonnenschein bis auf den Boden.

Nimm dich in acht! warnte sie schneidend und zugleich griff ihre
sinkende Hand nach einem winzigen Hmmerchen. Besinn dich, wo du
stehst. Ein Schlag auf diese Platte, und meine Gewappneten wrden dich
lehren, wer von uns beiden im Namen des Ewigen richten darf.

Da stie der Strtebecker ein kurzes herausforderndes Lachen aus.

Weit du kein anderes Lied? zuckte er geringschtzig die Achseln.
Komm zu mir auf die Agile, und es wrde dir vielleicht nicht anders
entgegenschallen. Aber -- und er schlug wuchtig auf seine Brust --
diesmal wird es nicht gesungen.

Woraus schliet du das?

Es geschieht mir nichts, Knigin, beharrte der Seemann unabnderlich,
denn ich war nicht so tricht, dir mehr zu trauen als meiner Gewalt.

Bedeutsam wies er nach dem Fenster. Margareta folgte der Bewegung, und
fern auf der Reede schwollen ihr die schwarzen Rmpfe der
Freibeuterkoggen entgegen, und da sie diese schrfer betrachtete, fielen
der Argwhnischen mehrere dunkle Riesenaugen auf, die drohend und
lauernd zu ihr herberstarrten.

Der Admiral lchelte eigentmlich, da versuchte auch die Regentin ein
gleiches Zeichen der Gemtsruhe zu geben, obwohl ihr die Heiterkeit nur
wie ein bleierner Schein um die Lippen irrte. Und doch -- dort drauen
diese schlanken Masten, sie waren es ja, an denen all ihr Ehrgeiz hing.
ber die schaukelnden Planken dort konnte sie stolz und sieghaft,
beneidet und bewundert ins Weite schreiten, durch die Jahrhunderte und
an ferne Ksten. Und gezogen von ihrer eigenen Leidenschaft lief das
Weib fast willenlos an den Ausguck. Als sie sich zurckwandte, da
flimmerte mit einem Male wieder das ganze Netzwerk ihrer
seeleneinfangenden Knste in ihren scharfen Zgen. Und ihre groen
rostbraunen Augen dmmerten dazu fraulich und verzeihend.

Wunderlicher Mann, stellte sie sich dicht vor ihren Gast und sie legte
ihm leicht die Hand auf die Brust, als wenn sie das strmische Herz
darunter besnftigen msse. Was streiten wir uns? Da du meine Absichten
kennst, so nenne deinen Preis. Und bei meiner Ehre, ich will weder
knausern noch feilschen. Denn, Claus Strtebecker, obschon du mir
unsanft genug in meinen Frstenzierat fuhrst -- ich finde dennoch
Wohlgefallen an dir und deiner brausenden Art. Und ich bin keine
Undankbare!

Sanft schmiegte die Frau auch noch die andere Hand auf die Goldlwen des
blauen Wappenrockes, und es gefiel ihr, wie der mchtige Atemzug des
Seefahrers ihre Finger gleiten und schwellen lie. Eine kurze Weile
betrachteten beide einander, keiner dieser Stolzen betroffen oder
bedrckt ber die groe Nhe ihrer Leiber. Aber whrend das Weib
allmhlich mit lebhaften Nstern den kecken Sturm des Fremden einzuatmen
begann, da streifte ihr Gegner jede Lust nach Abenteuer und Rausch fast
vollstndig von sich. Gerade das berlegene Wesen der Frstin, ihre
herablassenden Augen und dabei doch das verstohlene Spiel ihrer Hnde
belehrten ihn, da er gekommen sei, um ihre hochmtige, ungerechte Welt
aus den Angeln zu stoen. Und kaum gedacht, gab es schon kein Zaudern
mehr fr den Entschlossenen. Noch einen halben Schritt machte er auf sie
zu, und so nahe hingen sie nun zusammen, als ob sie sich umfangen oder
einander das Verborgenste zuflstern wollten. Erwartend, verschmitzt hob
Margareta das Haupt.

Knigin, stie pltzlich der Strtebecker strmisch heraus, und auf
seinen dunklen Wangen brannte die Erregung des Augenblicks. Eine
ungeheure Erwartung hatte ihn gepackt, ein wildes Sehnen nach Angriff.
Du fragst nach meinem Preis?! Erwarte nichts Geringes, dich selbst
verlange ich mit Leib und Leben!

Margareta wich nicht, denn sie war ja auf etwas hnliches gefat.
Genieend schlo sie die Augen, und es war fast, als ob sie leise
genickt htte. Das Wste und Tolle dieser Werbung bestrkte sie nur in
dem sie umspinnenden Miverstndnis.

Verdinge dich mir, verhie sie mit ihrer glatten, berredenden Anmut,
und zugleich griff sie zum Zeichen des Bndnisses nach der
behandschuhten Rechten des Mannes, verdinge dich mir mit deinen
Schiffen, deinen Lederschlangen und all deinen Gesellen, und welcher
deiner Wnsche sollte dir unerfllt bleiben? Und da sie zu spren
glaubte, wie die Finger ihres Gefhrten schwer und nicht so willfhrig,
wie sie erwartet, in den ihren ruhten, lockte sie heibltiger weiter:
Gib dich mir, Nikolaus Strtebecker, und sieh, ich will die
Rechtlosigkeit, die dich qult, von dir und den Deinen nehmen, keines
Richters Hand soll deine Taten nachblttern drfen, und dich selbst will
ich stellen als Dnemarks Seeobersten auf die erste Stufe meines
Thrones. Graf von Gotland sollst du heien, und es soll mir keiner nher
sein als du -- keiner!

Das gengt mir nicht, sagte der Seemann dumpf, und mit einer harten
Bewegung setzte er hinzu, noch ahnst du nicht, Knigin, da ich nichts
fr mich selbst fordere.

Nichts fr dich? wiederholte Margareta enttuscht, und ohne Begreifen
stach ihr scharfer Blick von nun an in dem drohend schwrmerischen
Antlitz ihres Gastes umher. In schroffem bergang fing der wilde Mensch
wieder an, ihr unheimlich zu werden.

So nenne deine Bedingungen, rief sie beleidigt, whrend sie ihm ihre
Hand entzog. Bei solchem Handel gelten keine Geheimnisse.

Der Strtebecker aber reckte sich, und mit ausgestrecktem Arm auf die
Tafel des Giotto weisend, brach er von neuem in sein rcksichtsloses
Gelchter aus.

Meinst du wirklich, oh Knigin, da ich dir den da nur zum Beschauen
brachte? Du irrst; weil er der einzige ist, der auf der weiten Erde mein
Geheimnis erfassen knnte, wenn er nmlich lebte, darum lehnt er an der
Mauer. Weil das sanfte Lmmlein nur halbe Arbeit leistete, deshalb stehe
ich vor dir. Weil er sich frchtete, Waffen anzulegen, deshalb trage ich
sie an seiner Statt. Aber sei gewi, wenn er mich hrte, er wrde
herabsteigen und mir folgen.

Lstere nicht, rief Margareta ehrlich erblat, ihr grauste vor der
mrderischen Wut gegen das groe Unbestimmte, vor dem sie sich selbst
aberglubisch oder doch beinahe berzeugt neigte. Und ihr Herz klopfte
auch widerwillig gegen jenes Neue, das ihr der Frevler dort anvertrauen
wollte.

Komm zu Ende, mahnte sie ihn daher ungeduldig, und sie schritt hinter
den Tisch, wo sie sich gebieterisch aufsttzte. Ihre Mienen trugen jetzt
deutlich den Ausdruck der Verschlossenheit und der Krnkung. Endige,
damit ich erwge, wie sich mein Vorteil mit dem deinen vertrgt.

Claus Strtebecker trat an das andere Ende der Tafel. Dann schlug er
leicht auf die eichene Platte.

Jetzt sprichst du endlich, verurteilte er mit verhaltenem Tadel, wie
es dich deine Welt gelehrt. Dein Vorteil -- mein Vorteil -- Knigin, und
du fragst gar nicht, woher die Stimme dringt, die sich jetzt in nie
wiederkehrender Stunde an dein Ohr wendet?

Ich wei, woher sie stammt, schnitt die Knigin hhnisch dazwischen.
Meinst du, ich htte mich nicht vorher ber dich belehren lassen, du
trichter Mann? Ein Bankert bist du, stie sie verbissen hervor.
Edelingsblut und Knechtsblut streiten in deinen Adern. Aber die
Abstammung von den Unfreien sitzt dir tiefer, da du dich nicht scheust,
mit einer Schar von Dieben und Mrdern den Richter gegen unser besseres
Blut zu spielen.

Oh, es tat ihr wohl, als sie die Beschimpfung gegen den schnen,
frstlich geschmckten Mann geschleudert hatte, erst jetzt glaubte sie
sich wieder im Besitz ihrer Hoheit und Macht zu befinden, da sie das
tdlich erblate Antlitz ihres Gegners von einer wilden Verzerrung
zerrissen sah. Und sie htte es bejubelt, wenn sich noch in diesem
Augenblick der Freibeuter zu irgendeinem schamlosen Ausbruch gegen sie
htte hinreien lassen. Erwartend hielt sie schon das Hmmerchen in der
Hand.

Allein nur in den dunklen Augen ihres Gastes stubte es wst
auseinander, seine hohe Gestalt jedoch klammerte sich mit beiden Fusten
an den Tisch, um in erschtternder Bndigung und fast flsternd die
bittere Entgegnung zu finden.

Aber die Mrder und Diebe des Bankerts mchtest du gern fr dich rauben
und stehlen lassen? Und ihren Anfhrer kannst du zum Grafen von Gotland
erhhen?

Die Frstin schwieg. Hierauf wute sie keine Antwort.

Weib, kochte es in der bebenden Brust des Herausgeforderten weiter,
und er schttelte den schweren Tisch, als ob es sich um ein Spielzeug
handele. Diebe und Mrder sagst du? Merke dir, was du jetzt erfahren
wirst. Es ist nicht mehr und nicht weniger, als was dein Gekreuzigter zu
sagen verga. Diebe und Mrder sind wir alle. Alle, hrst du? Nur, da
ich und die Meinen uns immer nur Schrammen und Wunden stehlen, du
hingegen mit den Deinen die leckeren Gerichte von der Tafel trgst.
Glaubst du, es mache mir Freude, unter den dunklen Seenchten
dahinzufahren, um das zu richten, was sich doch nimmer ausrotten lt?

Erkennst du das endlich? fuhr die gespannt Lauschende triumphierend
dazwischen, denn es freute sie, da sie etwas wie Zerknirschung in dem
Freibeuter zu wittern glaubte.

Unausrottbar, Knigin, ist der Hang der Glcklichen zur Unterdrckung,
Plage und Entrechtung von uns Armen, sprach der Seeruber ganz ruhig
weiter, und seine schwarzen Augen richteten sich ber die Regentin
hinweg auf die leere Wand, als wenn dort all die Elenden litten und
strben, die er in seinem schweifenden Dasein hatte niederbrechen und
verenden sehen. Unaustilgbar dafr aber auch der Ha, der Neid, die
fressende Mordlust, die Zerstrungswut der Gemihandelten. Dies ist das
Natrliche. Und daran ndert weder deine Gnade etwas, noch das dunkle
Gericht, das mit mir ber die Fluten jagt.

Das hast du erkannt? zuckte die Knigin empor. Noch nie war die
Aufmerksamkeit der klugen Haushlterin auf etwas hnliches gelenkt
worden, obwohl ihr Zeitalter doch von den Verwnschungen und
Aufstandsversuchen der Geringen und Bedrckten widerhallte. Man hatte
sie eben niedergeschlagen, wie man ein bissiges, unvernnftiges Tier
fesselt. Jetzt wurde das Weib von der sonderbaren Ahnung ergriffen, da
hinter dem Toben der Bestie im Stall sich am Ende doch eine eigene
Sprache verberge. Und deshalb suchte sie nach Weiberart zuvrderst ihre
aufspringende Neugierde zu befriedigen.

Und wem gibst du an dem ewigen Kampf die Schuld? erkundete sie
beflissen.

Der Strtebecker erkannte ihre Spannung, mit frechem Lcheln gab er
zurck:

Deinem Gott!

Mann, rase nicht!

Ich rase nicht, ich leugne nur deinen Gott, weil er seinen angeblichen
Sohn zu spt auf die Erde sandte. Wre er im Anfang erschienen, damals,
als sich die Haufen der Menschen zuerst zur Gemeinschaft
zusammenrotteten, glaube mir, Weib, unsere Sache wre nicht so elend
geworden.

Darum also handelte es sich? Als der Knigin diese Anklage
zugeschleudert wurde, verzog sie ein wenig wegwerfend den breiten Mund.
Der Mann da vor ihr hatte offenbar zu viel gesonnen und gegrbelt, das
lange vergoldete Schwert, das an seiner Linken funkelte, bildete wohl
gar nicht das rechte Werkzeug fr den Schwrmer. Ganz unvermittelt
verlor die tatkrftige Rechnerin die letzte Furcht vor ihrem Gast. Mit
dem Anschein der Ermdung lie sie sich auf ihrem erhhten Sitz hinter
dem Tisch nieder, um lssig, fast berdrssig hinzuwerfen:

Wohlan, da es fr eine nderung zu spt ist, warum gibst du dich mit
fruchtlosen Wnschen ab? Ich wei bessere Arbeit fr dich. La dich
anwerben, Strtebecker.

Es ist nicht zu spt.

Wie?

Wer sprach hier? Ging es wirklich wie junges Erwachen durch den Raum?
Margareta erschrak bis ins Innerste. Der Seeruber hatte beide Armlehnen
ihres Stuhles umklammert, nun beugte er sich ber sie, als ob er sie
gefangen nehmen wollte. Sie wute nicht mehr, ob sie ihm seine Worte vom
Munde ablas oder ob sie ihr aus den wilden, glhenden Augen bleiflssig
entgegenschmolzen?

Knigin, stie sie sein heier Atem, die Zeit ist da. Du stehst vor
deiner Entscheidung. Aber knftige Geschlechter werden dich dafr
anbeten.

Was willst du? murmelte das Weib entsetzt, whrend sie sich immer
tiefer in ihren Stuhl verkroch. Und ihre Hnde vorstreckend, stammelte
sie unwillkrlich: Tu mir nichts.

Das dunkle Gesicht ruhte unverndert ber ihr.

Du bist sicher, Knigin, denn du wirst ja die in Ha und Neid, in
Brudermord und Unrecht, in Hochmut und Verleumdung eiternde Erde endlich
reinigen! Kain wirst du verjagen und damit das siebente Tagewerk
schaffen.

La mich, du fieberst. Ich verstehe dich nicht.

Doch, doch, du bist das Werkzeug, weil ich dir jetzt mein Geheimnis
preisgebe. Mein Werkzeug wirst du sein. Hre! Deutliche Zeichen wallen
durch die Welt. Was treibt die Geielbrder zu ihrer blutigen
Selbstpeinigung durch deine Stdte? Zu welchem Ziel schwrmen die
Scharen halbnackter Kinder durch die Felder und fallen wie Heuschrecken
ber die Frucht? Welcher Wahnsinn, welche zitternde Unrast jagen Knechte
und Herren von dir fort gen Sonnenaufgang? Ein ungeheures Suchen hat sie
ergriffen, denn sie alle fhlen, da die Erde den whlenden Ekel nicht
mehr lnger ertrgt. Ein anderes will sich gebren. Nun stehe auf,
Knigin, rufe die Menschheit endlich, endlich nach jahrtausendelangem
Irrtum zu neuem Schpfungsmorgen zusammen. Sieh, um mich her habe ich
die Unbndigsten der Ausgestoenen und Verlassenen gesammelt. Ihr Atem
ist Ha, ihr Wort ist Neid, ihre Sehnsucht ist Mord. Diese Verzweifelten
lade von ihren unsicheren Pfaden ans Land, in ein Land der Verheiung.
Ungezhlte Hufen liegen dir ungentzt, la sie mich in gleiche Lose fr
die neuen, fr die erstaunten Menschen einteilen, la mich ihnen
verknden, da Pflug und Egge, Stier und Ro fortan ihrem groen,
glcklichen Bunde gemeinsam gehren, la sie sich selbst richten und
schtzen, wo es nichts mehr zu richten und zu schtzen geben wird, denn
dann, oh Knigin, aber auch nur dann wird den Beseligten die
Gttergewiheit aufgehen, da hoch und niedrig verschwand, weil der
Mensch, der ursprnglich gute und reine Mensch, wieder an seinem
unschuldigen Anfang angelangt ist. Das will ich vollenden, das mu sich
vollenden, horch, brutlich schmckt sich schon die Erde zum Bund mit
dem frohen Menschen.

In ein markerschtterndes Jauchzen wandelte sich das letzte, der junge
Seefahrer stand da, angestrahlt von der Rte des Morgens, wie er
Erwhlten nur einmal aufzugehen pflegt. Die Rechte herumgeworfen zu dem
Knauf des Schwertes, als gelte es nur noch, eine Schar Siegestrunkener,
Begeisterter jenen kurzen Weg zu fhren, den seine sengenden Augen
frmlich aus dem Nebel hervorlockten. Margaretas Zge jedoch hatten sich
verzerrt, feindlich ffnete sich ihr breiter Mund, ihre groen Zhne
schoben sich vor zum Bi gegen einen ihr Gesicht umwindenden Faden. Nur
eins hatte sie erfat, aber dies mit der ganzen Schlauheit des Weibes
wie der Machthaberin, nmlich da der Boden unter ihr wanke, weil der
von einem Wahnwitzigen verkndete Bund ihrer und ihresgleichen nicht
mehr bedrfe. Vergessen war ihr ursprnglicher Plan, hingemht von der
Schrfe ihrer eigenschtigen Ansprche, die Unmglichkeit eigenen
Entsagens entfachte ihr nichts als einen bitteren giftigen Ha. Kaum sah
sie daher ihren Sitz freigegeben, als sie emporsprang, um sich gleich
darauf des kleinen Hammers zu bemchtigen.

Mit einer scharfen tzenden Ruhe sprach sie sodann:

Sage mir, Claus Strtebecker, sind deine Spiegesellen bereits von dir
eingeweiht?

Vor dem Hohn der Anrede erwachte der Admiral; trotzig setzte er seinen
gewappneten Fu auf die Stufe des Sitzes und lie die Rechte nicht von
der Waffe.

Knigin, warnte er grollend, das, was mir die Nacht und das Elend in
langen Jahren anvertrauten, das wissen nur du und ich.

Die Knigin erkltete sich immer mehr.

Und mit einer Bande von Dieben und Rubern willst du die ewige
Gerechtigkeit begrnden?

Der Freibeuter entfrbte sich. Wild schrie er hinaus: Auch Rom wurde
von Dieben und Rubern geschaffen. Aber Verantwortung, Arbeit und
Gemeinsamkeit, das sind die Bausteine eines edleren Geschlechtes.

Und wenn sich meine brigen Lande von der Emprung anstecken lieen?
Wenn sie anfingen, das lang Erworbene anzugreifen, die mter zu
verjagen, den Gesetzen Hohn zu sprechen? Meinst du, das Blut der
Zufriedenen sei weniger heilig als der Fiebersaft der Mordbrenner?

Weib, deine Augen deckt Blindheit, tobte nun der Strtebecker auer
sich. Schaum trat ihm vor die Lippen, drohend schttelte er die Faust.
Du siehst nicht, da du dich selbst nur von Raub und Diebstahl mstest.
Die groe Hure bist du, die sich dem Golde hingibt.

Und du bist ein Feind des Menschengeschlechtes, sagte Margareta
unbewegt. Ich bereue, da ich dir mein Antlitz zeigte. Hebe dich von
mir. Und fortan sei Feindschaft zwischen uns, bis du ausgerottet bist.

Da stie der Admiral sein helles, schmetterndes Gelchter aus, dann aber
verbeugte er sich pltzlich tief.

Es sitzt wieder einmal eine Leiche auf dem Thron, wies er mit
ausgestreckter Hand, es wscht wieder einmal ein Lauer seine Hnde in
Unschuld. Aber bei den Schwren und Lumpen der Bettler sei's geschworen,
ich will fr ein kniglich Begrbnis sorgen.

Kein weiterer Abschied. Er ri den Vorhang auseinander und trat hinaus.

Da -- dicht hinter den Falten stand es, wie ein weies Bild. Eine
schneekalte Wolke stand dort, in der es bebte und blitzte. Ein paar
wirre, von frommem Wahnsinn geblendete Augen irrten hinter dem strmisch
Enteilenden her. Der stutzte, irgendwo mute er eine hnlich behtete
Puppe des Wohllebens schon einmal erschaut haben, und frech und
unverschmt winkte er ihr zu, bevor er die enge hlzerne Treppe
hinuntersprang. Aber auch die Knigin hatte hinter dem geffneten
Teppich etwas Fremdes entdeckt. Heftig erzrnt, noch geschttelt von den
umwlzenden Eindrcken des eben Vergangenen, teilte die Regentin mit
einem Ri den Vorhang, um dann sprachlos auf der Schwelle anzuwurzeln.

Was ist das? rief Margareta bebend vor unterdrckter Wut, indem eine
fahle Blsse ber ihre Wangen zog, denn die niederschmetternde Gewiheit
sprang sie an, da der Ausgang ihres zweifelhaften Ringens nun nicht
mehr der Vergessenheit anheimfallen wrde. Grfin Linda, ich merke, Ihr
vertragt nicht die Luft des Palastes. Wir sind um Eure Gesundheit
besorgt. Verlat auf der Stelle die Stadt und wartet ab, was ich weiter
zu Eurer Heilung beschlieen werde. Keine Widerrede -- geht -- ich mag
Euch nicht lnger.

Und nachdem die weie Wolke Schritt vor Schritt, traumwandelnd, hinter
der schmalen Pforte verschwunden war, da strzte die Knigin zurck und
hieb besinnungslos auf die silberne Platte.

Schafft den Kanzler zur Stelle, herrschte sie den eintretenden Wppner
an. Es klang mehr wie ein bsartiges Kreischen.

Mit beiden Armen lag sie ber den Tisch gebettet, verworren kratzten
ihre Ngel auf der Platte herum, als das buntgeschmckte Gerippe ihres
Ratgebers endlich vor sie schlich. Sie hob nicht das gesenkte Haupt,
ohne Gru, jedoch begleitet von einem widerspruchsvollen,
unbegreiflichen Lcheln stie sie hervor:

Sammelt Friedensschiffe, Ihr selbst und alle Edlen rstet Wppner.
Stiftet einen Bund der Hansischen, schreibt an den Hochmeister von
Preuen, keine Ruhe bei Tag und Nacht, bis die Seepest vertilgt ist.
Dies ist unsere Bestimmung, wie eine beiende Fliege sticht sie uns in
die Augen.

Und voll Entsetzen sah der betroffene alte Mann, wie der schne Busen
seiner Herrin mitten unter einem hmischen Lachen von krampfhaftem
Schluchzen geschttelt wurde.




III.


Es war an demselben Abend.

Auf Burg Ingerlyst an der schmalsten Stelle des Oeresund, eine gute
Rittstunde von Kopenhagen entfernt, sa Grfin Linda in der Ausbuchtung
ihres niedrigen, ganz aus dunklem Kiefernholz gezimmerten Saales und
grbelte verloren und weit entrckt auf das Anprallen der dampfenden
Schaumketten hinab. Ein ununterbrochenes dumpfes Donnern stieg zu ihr
auf, und hinter dem pfeifenden Seewind zitterten die Lichter von der
jenseitigen schwedischen Kste. Das stille, blonde Mdchen weilte nicht
allein. Ihr gegenber auf der zweiten Seitenbank lehnte ein
untersetzter, derbschrtiger Mann, dessen berlegtes bartloses Antlitz
sich kantig aus dem Otterkragen seines schwarzen Reisemantels abhob, da
Herr Nikolaus Tschokke, der junge, neugewhlte Brgermeister von
Hamburg, noch in dieser Stunde zu Schiff nach Falsterbo zurckzukehren
gedachte, wo der Friede unterzeichnet werden sollte. Und er hatte nur
deshalb immer von neuem gezgert, seinen Besuch endgltig abzubrechen,
weil er bisher diesem stolzen weien Jungfrauenantlitz gegenber nicht
den rechten Mut gefunden, dasjenige zu enthllen, was ihn in Wahrheit
hierher getrieben. Auch beengte ihn nicht allein der seltsam abwesende
Schein, der bisweilen ber den stahlblauen Augen des Mdchens hing,
sondern er fhlte sich auch beeintrchtigt durch die Gegenwart eines
Zeugen. Am anderen Ende des kahlen Saales nmlich sa dicht vor dem
hohen Steinkamin ein geistlicher Mann in einer braunen Reisekutte, und
von Zeit zu Zeit streckte sich dort eine feine weie Hand den
brennenden Buchenkltzen entgegen, die den Schauer des khlen
Frhlingsabends vergeblich zu mildern suchten. Unrastig pustete oft ein
Windsto durch den Rauchfang herunter, und dann hstelte der Abt
Franziskus vom Rgener Kloster Cona kurz und gestrt, um sich gleich
darauf doppelt emsig der vorgeschriebenen Andacht hinzugeben, die er aus
einem kleinen geschriebenen Brevier vor sich hin psalmodierte. Die bte
des Conaer Klosters gehrten seit alters zu den Gastfreunden auf
Ingerlyst, und dieser, der gleichfalls von Falsterbo herbergekommen,
hatte zudem um ein Nachtlager gebeten, weil er am morgigen Tage der Ehre
teilhaftig werden sollte, der Knigin vorgestellt zu werden.

Friedsam hing die feine, schmiegsame Gestalt in ihrem Armstuhl, versenkt
in Andacht, trocken und steif knisterten die harten Seiten des
Bchleins, sobald sie umgewandt wurden, und gerade dadurch war Herr
Nikolaus Tschokke allmhlich in seiner khlen, kalkulierenden
berzeugung bestrkt worden, da er aus jener Entfernung wohl keinen
Lauscher zu frchten habe. Auch hatte den jungen, weltkundigen
Brgermeister ein Blick auf die weigedeckte Tafel in der Mitte des
Saales darber belehrt, da man die Zeit der Schloherrin nicht
ungebhrlich in Anspruch nehmen drfe.

So hatte er denn ein paarmal an der schmalen Stehampel gerckt, deren
niedriges lflmmchen zwischen ihnen schwankte, um endlich wrdig und
gemessen, ganz so, wie er es sich auf der langen Fahrt berlegt, seine
Schicksalsfrage in Ehrbarkeit und redlichem Selbstbewutsein an das
schne blonde Weib zu stellen.

Nun wartete er voll Ruhe und Anstand auf ihren Bescheid, und das kantige
Brgergesicht mit der krftigen Hakennase htete sich, irgendeine
Bewegung zu verraten, obwohl es ihn Wunder nahm, da die Blonde ihre
Augen auf ihn richtete wie auf ein fremdes, ihr unverstndliches Wesen.

Weit ausholend hatte der Patrizier ihre beiderseitigen Beziehungen
zueinander abgewogen. Und durch Linda lief ein Schauer der Erinnerung,
als nun jene Begebenheiten, die sie stets lebendig umstanden, in der
Schilderung des Kaufherrn ein so sachlich aufgezeichnetes Geprge
annahmen. Es durchfrstelte sie, weil sie ihr Schicksal, losgelst von
sich, bei einem Fremden gebucht fand.

Trocken und ohne Umschweife, wie aus einer Chronik, hatte ihr der
Hamburger das Verbluten und Zersplittern ihres Geschlechtes geschildert.
Ein harter, unbeugsamer Stamm, in nordischer Blutrache und Familienfehde
verwildert und von seinen eigenen Knigen hufig als Emprer an den
Block gefhrt. In roten Strmen verbrauste allmhlich die Lebenskraft
der unbndigen Sippe, bis sich bei den letzten zwei Grafen von
Ingerland, bei Lindas Brdern, die bse Erbschaft nur noch in Landhunger
und wster Raubsucht verlor. Ein schreckhaftes Bild aus Feuerlrm und
glimmender Asche stieg vor der Lauschenden auf. Ihre Brder hatten sich
nicht gescheut, die eigene Mutter, die mit der unmndigen Tochter
zurckgeblieben, auf ihrem nordischen Witwensitze bewaffnet zu
berfallen, ja, den beiden rohen Wichten, die mit ihrem Christentum nur
Spott trieben, wre wahrscheinlich das untilgbarste Verbrechen nicht
erspart geblieben, htte nicht ein hansischer Gastfreund die beiden
Frauen in grausiger, branddurchlohter Nacht schnell entschlossen auf
seinem Handelsschiff geborgen. Freundlich fhrte der Retter die
Verarmten in sein stattlich Haus nach Hamburg, und hier unter dem Schutz
des ehrsamen, herzenswarmen Aldermann Hinrich Tschokke, des Vaters des
Brgermeisters, erwachte die kleine Flchtige erst zum Bewutsein einer
brgerlich behteten Lage. Fast unglubig sah sie die regelmige Arbeit
in den dmmerigen Kontoren des Hauses, denn Herrn Hinrich eignete die
blhendste Brauerei der Handelsstadt. Mit groen Augen verfolgten die
Frauen aus den niedrigen vergitterten Fenstern die bunten Umzge der
Znfte und Kaufmannschaft, und sie lernten auch etwas von dem Stolz
verstehen, mit dem die Hupter der regierenden Familien die
Angelegenheiten ihres Gemeinwesens ordneten. Und doch -- die Seele der
Heranwachsenden blieb dem Anprall des frischen, ttigen Lebens um sie
herum verschlossen. Im Kern ihrer fest gefalteten Blte nistete zu sehr
das Entsetzen, das wie ein Wurm in ihre Kindheit gekrochen, und ihr
banges Gemt lste sich nicht von dem frhen Eindruck, da
Ungerechtigkeit und Gewalttat alle Macht auf Erden an sich gerissen, und
wie der einzelne schutzlos umherirre, um sehnschtig nach einem Retter
auszusphen. Ein krankhaftes Mitleid mit den Bresthaften, Armen und
Beladenen hatte das schweigsame Kind ergriffen, und ihre schnsten
Stunden nahten, wenn sich an Feiertagen unter dem mchtigen Ahorn auf
dem Hofe des Handelshauses die Kranken und Bettler um den dort sitzenden
Aldermann versammelten, um Speise und kleine Geldgaben zu empfangen.
Dann war es Sitte geworden, da Linda selbst die irdenen Npfe
herumreichte, und nur in diesen Augenblicken erhellte sich ihr weies,
vergrmtes Antlitz zu einem beseligten Lcheln, und der junge Nikolaus,
der Sohn des Hauses, fand dann, da die fremde Adelstochter mit ihren
blonden Flechten unter dem Lumpenvolk ein mildes Licht verbreite, gleich
einem schnen Bernsteinschmuck. Als Fnfzehnjhrige war sie endlich,
nachdem in der Schlacht von Fallkipping Lindas beide Brder als
Aufstndige gegen die Knigin ein wildes Ende gefunden hatten, aus dem
deutschen Hause geschieden. Jetzt hielt es nmlich die kluge Margareta
fr angebracht, die Verwaisten mtterlich zu betreuen. Fr die
eingezogenen norwegischen Gter des Hauses wurde ihnen Burg und
Herrschaft Ingerlyst eingerumt, und hier, dicht unter den Augen der
Knigin, sa nun nach dem Tode der Mutter der letzte Spro des
dahingewelkten Geschlechtes, weltscheu und abgeschieden als Hofdame der
Regentin. Aber heimlich verlangte ihr verwundetes Innenleben noch
inniger als frher nach dem unauffindbaren Trost gegen die tglich sich
offenbarende Miachtung von Recht und Sitte, und fast verletzt wies sie
den Gedanken von sich, etwa durch eine Vermhlung mit einem rauhen,
erwerbschtigen Gebieter noch tiefer in die Hndel und Ungerechtigkeiten
dieser Welt verstrickt zu werden. Nher und nher rckte ihren sehnenden
Blicken die Klosterpforte mit dmmernden Schatten, und ihr Fu schritt
jener Grenzschwelle immer willfhriger entgegen. Bis heute. Da -- war es
mglich? -- Heute hatte ihr traumbefangener Tritt zum erstenmal
gestockt, gezgert. Welch eine heiligwste Vision, welch eine
wetterleuchtende Wolke hatte ihr ganzes Denken und den noch kurzen Weg
umnebelt? War es Wirklichkeit, oder hatte ihr bang verschlossenes Gemt
selbst jene unheimlich blutige Gnadengestalt geboren? Nein, nein,
whrend sie hier sa, um fast gedankenlos auf die ihr unbegreifliche
Bitte des Hamburger Jugendfreundes zu achten, da begann unten aus dem
Gedrhn der Strandwellen von neuem diese heie, markdurchzitternde
Stimme zu sprechen, und bald wurde fr die Lauschende ein Ruf daraus,
der ber die Welt hinhallte, um herrisch von tauben und verstockten
Seelen Erbarmen fr Millionen Geknechteter zu heischen. Weh euch, ihr
Schriftgelehrten und Phariser. Aber bei jedem Wort pfiff gleichzeitig
ein Schwertstreich durch die Luft, und das hhnische Gelchter des
Rubers und Mordbrenners mischte sich drein. Eine unschuldige befreite
Welt wollte auftauchen aus einem kreisenden Meer von Blut.

Ihre Sinne verwirrten sich, ihr ganzes Wesen neigte sich entgeistert
ber einen Abgrund von Hllenfeuer und Himmelslicht. Und whrend sie
sich irgendwo festzuklammern suchte, drang mit grter Klarheit die
Werbung des ehrsamen Brgers an ihr Ohr, in dessen wohlbestelltem Hause
Ruhe und Sicherheit wohnten, und sie mute doch mit Schrecken auf das
Klopfen ihres aufgescheuchten Herzens hren, das sich in altererbtem
Edelingshochmut vor der Versorgung in dem Krmerkontor strubte.

Wie um Schonung flehend schlug sie ihre groen blauen Augen gegen den
Mann in der schwarzen Ratsherrntracht auf.

Herr Nikolaus Tschokke jedoch hatte inzwischen hinter dem flackernden
Lichtlein der Stehampel aufmerksam die Vernderung in den Zgen der
jungen Freundin geprft. Auch er hatte sich noch einmal wiederholt, was
in langen Beratungen mit seinem Vater sorgsam erwogen war, wie wichtig
nmlich die Verbindung mit dem uralten Grafenstamm fr die aufstrebende
Patrizierfamilie werden knnte. Die Tschokkes gehrten nicht zu den
ritterbrtigen Geschlechtern der Stadt, sondern, da sie durch Reichtum
und Handelsunternehmung heraufgekommen waren, so mute es ihnen ntzlich
werden, sich von auen ihre Ansprche besttigen zu lassen. Dazu aber
eignete sich nach der Meinung des greisen Aldermann keine besser als
Grfin Linda von Ingerland, da sie nur mitrauisch beargwhnt neben der
dnischen Usurpatorin leben durfte und zudem durch die Bande der
Dankbarkeit an die frhe Zuflucht ihrer Jugend geknpft war.

Als aber jetzt das in der Zugluft wehende Licht das stolze weie Antlitz
des Mdchens bestrahlte, da fhlte der Brgermeister wieder mit
Verwunderung die einstige Ehrfurcht vor der fremdartigen
Edelingstochter.

Ich wollte Euch nicht erschrecken, lenkte er endlich ungewi seinem
Ziele entgegen. Ihr solltet nur wissen, wie weit das alte Haus am
Mnkedamm seine Tore fr Euch ffnen wrde. Es hat jetzt eine gar
lustige Malerei vom Giebel bis zur Einfahrt erhalten, setzte er lobend
hinzu, Schalksnarren und Engelein tanzen um ein Bierfa. Und was mich
und die Meinen angeht, so hat die Zeit Euer Angedenken nicht verwischt.
Nur eines hat sich verndert -- er rckte sich jetzt bedachtsam
zurecht, und zugleich schlug er den Mantel zurck, damit sich die
schwarze Ratsherrntracht mit den ziegelroten Aufschlgen deutlicher
offenbare -- ich nehme nunmehr, wie Ihr seht, in dem Stadthaus den
ersten Sitz ein, und ich darf wohl sagen, es mchte mancher Frst fr
die, so ihm lieb sind, weniger sorgen knnen als ich. Wollt auch dies
bedenken, Grfin Linda, denn die Zeiten sind rechtlos und unsicher, und
die Ordnung gedeiht fast nur noch hinter sorgsam behteten Stadtmauern.

Als er das letzte vorbrachte, da drang zwischen die klare Vorbereitung
doch eine raschere Wrme hindurch, denn das blasse Mdchenantlitz in
seiner Scheu und Ratlosigkeit hatte das Mannesbewutsein des festen
Brgers erregt, und so wagte er es, ohne weiter an den Zeugen zu denken,
seine Rechte auf die schmale Wachshand zu betten, die sich gerade gegen
die Ampel ausstreckte. Die khlen Finger blieben auch ruhig in den
seinen, das kornblonde Haupt jedoch wandte sich, wie gezogen, der Nacht
entgegen, und jetzt merkte ihr Gastfreund erst, wie emsig das junge Weib
das wste Tosen der Wasser zu entrtseln strebte. Schlag auf Schlag
krachte die Brandung auf den flachen Strand, und Linda zitterte, ob auch
ihr Gefhrte die gewaltige Stimme vernehme, die von unten herauf
brllte: Horch, brutlich schmckt sich schon die Erde zum Bunde mit
dem frohen Menschen. Dann Stille -- und darauf wieder das grliche
aufrhrerische Gelchter. Nein, nein, dort drauen lauerten Verbrechen
und Wahnsinn, und hier -- hier drinnen?

Wie zur Flucht bereit zog sie ihre Hand zurck, und whrend sie sich
verstrt gegen das Fenster kehrte, gab ihr das Entsetzen ber sich
selbst das Nchstliegende ein.

Ihr wit ja nicht----

Was?

Ich -- ich habe schon gewhlt.

Grfin?

So wenig hatte der Kaufherr mit einer solchen Mglichkeit gerechnet, da
ihm zuvrderst der Sinn ihrer Weigerung verschleiert blieb. Aufrecht
verharrte er vor ihr auf seiner Bank. Die Blonde aber tastete nach dem
Kreuz, das ihr noch immer ber ihre weie Gewandung herabhing, und hob
es empor, ihrem Freunde zur Erklrung, sich selbst aber als einen
Wegweiser aus Tumult und fratzenhaftem Taumel.

Hier -- hier, klammerte sie sich an das Stckchen Holz fest, als ob es
ihr immer merklicher zu einem harten Balken aufwchse, hinter dem sie
sich verstecken knnte, hierhin lat mich gehen. Ich tauge nicht in
Eure Welt. Und nicht in die eines anderen. Keinem wrde ich behilflich
sein knnen und ihm ntzen. Denn Nikolaus, Ihr mgt es wissen, ich
frchte mich vor den Menschen, da sie nichts als bles sinnen und keiner
dem anderen zu Freude und Wohltat bereit ist.

Keiner? Sie stockte. Denn aus der Nacht schlug wieder die dumpfe Trommel
den Strandsaum entlang, und im Wirbel prallte es gegen die Hausmauern.
Horch, brutlich schmckt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen
Menschen. Da entfrbte sich die Verwirrte, und das Kreuz fiel ihr in
den Scho.

Langsam gab der Brgermeister seinen Sitz auf. Ungern war ihm die
Erkenntnis aufgegangen, da weiteres Drngen seinem Wunsche nur schaden
msse, weil er es hier mit einem verschlossenen Gemt zu schaffen habe,
das am Leben blutete. Die Wunde mute erst heilen, bevor sich neues
Vertrauen entfalten knnte. Und obwohl es ihm vorkam, als ob er jetzt
einen Verlust erleide, wie er ihn noch nie in seinen Lederbchern zu
verzeichnen gehabt, so griff er doch mitleidig nach der Hand der
Verstummten, in der redlichen Absicht, den Eindruck seiner pltzlichen
Werbung nach Mglichkeit wieder zu verwischen.

Ich wollte Euch nicht erschrecken, Grfin Linda, beruhigte er
freundlich, Ihr solltet nur erfahren, wo Euch stets eine Heimat
bereitet ist. So will ich Euch auch nicht weiter drngen, denn wir beide
sind noch jung und werden uns nach dem, was ich Euch jetzt erffnete,
schwerlich vergessen. Das hoffe ich. Was aber Euren Entschlu betrifft,
so sollt Ihr mir versprechen, da Ihr Euch eine Frist gnnt, bis ich in
Tag und Jahr abermals vor Euch trete. Denn mein Weg und mein Wille
fhren mich wieder zu Euch, und die Zeit ist ein kundiger Arzt und ein
gtiger Frsprach.

Damit drckte er die khlen Finger heier, als er es selbst geahnt, und
schritt mit seinem nachdrcklichen Gang ber die knarrenden Dielen des
Saales, um sich von dem Abt zu verabschieden. Der hatte sein Buch sinken
lassen, und seine tiefliegenden klugen Augen hingen schon seit geraumer
Zeit an den beiden jungen Menschen. Ehe jedoch der Aufbrechende den
Sessel des Mnchs erreicht hatte, stockte der Brgermeister wie von
einer Eingebung befallen.

Noch eins, erinnerte er sich in seiner bestimmten Weise, ist Eure
Dienerschaft zuverlssig, Linda?

Das Mdchen stand schon an dem weigedeckten Tisch, jetzt mute es ber
die unerwartete Frage lcheln.

Ich halte nur eine Schaffnerin, gab sie kopfschttelnd zurck, wenige
Mgde und Knechte, und hier diesen verwaisten Knaben aus unserem
Kirchspiel, fgte sie deutend hinzu, denn ein schner schlanker, etwa
siebzehnjhriger Bursche in der kleidsamen schwarzen Dnengewandung war
eben eingetreten, um die Tafel mit allerlei Geschirr zu bestellen. Und
diesen wenigen versage ich nichts, was ich mir selbst gewhre, sprach
die Herrin ruhig weiter, nicht wahr, Heinrich?

Es lag so viel mtterliches Wohlwollen in ihrer Aufforderung, da es
nicht verwunderlich war, wenn dem Jungen die Wangen zu brennen begannen.
Er warf einen jugendlich schwrmenden Blick auf seine Gebieterin und
nickte verschmt, bevor er sich entfernte.

Jetzt mischte sich auch der Abt in das Gesprch.

Weshalb fragt Ihr, Herr Nikolaus Tschokke? wandte er sich gespannt an
den Brgermeister. Euer Blick ist nicht frei von Sorge.

Der Hamburger streifte sich die schweren Handschuhe auf und prfte
unwillkrlich den kurzen Dolch, der ihm am Ledergrtel hing.

Ich sorge mich auch, rang er sich endlich vorsichtig ab, und heimlich
umfate er abermals das Bild des blonden Fruleins dort an dem Tisch.
Und deshalb bestelle ich eine Bitte an Euch, hochwrdiger Herr. Ihr
wit, die Gegend hier ist noch unbefriedet. Und wir haben durch
Kundschafter in Erfahrung gebracht, da die Freibeuterflotte gegen
Mittag ganz unerwartet Segel setzte und aus dem Hafen verschwand. Wohin,
wei niemand. Er strich sich unsicher ber das glatte Kinn. Nie habe
ich die Vorliebe einzelner unserer hansischen Bundesgenossen fr dieses
schandbare, gesetzlose Volk geteilt, fuhr er hastiger fort, und ich
werde nicht eher ruhig sein, als bis der schwarze Fleck von unserer
Oster See getilgt ist. In Euch aber dringe ich, Hochwrden, nehmt das
Frulein morgen mit Euch in die Stadt hinein, wo es am Knigshofe
sicherer ist als hier in dieser flachen, menschenleeren Einsamkeit.

Noch hatte er nicht geendet, als dem Eifrigen auffiel, wie erregend sein
Vorschlag auf das von ihm umsorgte Mdchen wirkte. Unruhig heftete sie
die Augen auf das weie Linnen, als ob sie angestrengt dort etwas suche,
kmpfte mehrfach eine rasch aufsteigende Antwort nieder, bis sie sich
endlich zu der Mitteilung entschlo:

Ich danke Euch, Nikolaus, aber ich darf Burg Ingerlyst nicht verlassen.
Die Knigin gerade verwies mich hierher. Und auf den fragenden Blick
ihres Jugendfreundes bekannte sie mit ihrer gewohnten bedingungslosen
Ehrlichkeit: Ich habe mich einer Verfehlung in ihren Diensten schuldig
gemacht.

Ihr?

Linda nickte, entgegnete jedoch nichts mehr, denn abermals glaubte sie,
da Wellen von Scham und Entsetzen gegen sie anstrzten. Der
Brgermeister indessen forschte nicht weiter.

Nun gut, Vater Franziskus, beschied er sich, dann gebraucht bei Hof
Euer Ansehen, damit eine Besatzung hierher gelegt werde. Tut Euer
mglichstes, denn solange die Schwarzflaggen in der Nhe wehen, wlzen
sich Gesetz und Billigkeit im Kote, und der gemeine Verstand ermit den
frechen Umsturz alles Bestehenden nicht lnger. Eure Hand, ich verlasse
mich auf Euch.

Das drft Ihr, stimmte der Abt bereitwillig zu. Und nun, Herr
Nikolaus Tschokke, nehmt meinen Segen, den ich fr jeden Redlichen habe.
Wind und Wetter seien Euch gnstig, und mgen sich die besten Wnsche
Eures Lebens erfllen.

Der Brgermeister heftete einen raschen, prfenden Blick auf das feine,
durchgeistigte Antlitz, als er aber in den abgeklrten Zgen nichts als
das reinste, gtigste Verstehen las, da ri er sich schnell los,
verbeugte sich noch einmal nach der steifen Sitte der Zeit vor dem
Frulein, und ohne auch nur noch eine Falte ihres weien Kleides berhrt
zu haben, schied er mit seinem festen, lauten Tritt aus dem Saal.

       *       *       *       *       *

Die Flamme der Stehampel zuckte, stieg und fiel. Sie war im Verenden.
Dafr schickte ber den beiden Zurckgebliebenen der eiserne Kranz des
Rundreifens das tnzelnde Licht seiner Unschlittkerzen aus, wodurch die
Nacktheit der gederten Kiefernwandung noch deutlicher hervortrat. Auf
dem Vorsprung des Kamins lie eine Sanduhr ihren bunten Staub rinnen und
erinnerte die halblaut Plaudernden an das rasche Enteilen der Zeit.

Grfin Linda und der geistliche Herr hatten ihre Abendmahlzeit beendigt,
allein der Zisterzienser Abt machte noch keinerlei Miene, sein Lager
aufzusuchen, vielmehr gab er sich Mhe, seine aufmerksame, wenn auch
stille und nachdenkliche Wirtin auf eine feine und anregende Weise zu
unterhalten. Leicht konnte die Zuhrerin da merken, welch ein
vorurteilsloser und gerechter Geist sich hier ber die Unbilden und
Streitigkeiten ihrer Zeit verbreitete. Wie von ungefhr war ihr Gast so
auf die Aufsehen erregenden Schriften des Oxforder Professors Wiklif
gelangt, die dem kirchlichen Unwesen so khn zuleibe rckten, und jetzt
schien es, als ob der Erzhlende mit einer besonderen Absicht lnger bei
den Angriffen des Englnders gegen die Klosterzucht zu verweilen
gedchte. Spielend drehte er den Stiel seines silbernen Weinkelches
zwischen den Fingern, whrend er gesenkten Hauptes, aber doch mit
aufflliger Betonung hinwarf:

Siehst du, liebe Tochter, wenn wir offen sind, so werden wir fast immer
in den Anklagen und Schmhungen sogar eines Aufrhrers etwas finden, das
uns stutzen lt. So will mir das massenhafte Flchten der sogenannten
Weltmden in die Zelle niemals gefallen. Ist doch die Welt selbst in
unzhlige Zellen geteilt, und der Mensch dazu da, die rechte fr sich zu
ffnen, damit er seinen Anteil an dem erlangbaren Friedensschatz
empfange. Glaube mir, er quillt da und dort reicher, als jene frhzeitig
Besiegten sich trumen lassen. Ist doch das Leben ein ebenso kstliches
Geschenk wie der Tod. Und das Licht ein heiligeres als das Dunkel.

Linda lehnte sich in ihren Armstuhl zurck und verfolgte trumerisch
ber die Schulter des Mnchs hinweg das Versickern des bunten Sandes in
der Uhr. Sehr klar empfand sie, der Abt billige ihre eigene Sehnsucht,
in die Stille zu entweichen, keineswegs, ja, wie er ein Aushalten und
Bestehen aller Gefahren geradezu fr wrdiger erachte. Und doch, sie
fhlte, wie ihre Natur dem Hang nach Aufhren immer inbrnstiger
nachgab, da gerade jetzt etwas in ihr ins Schwanken geraten war, das
sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen lie. Frstelnd wandte sie
sich und lauschte von neuem auf den hohlen Trommelschlag lngs der
Kste. Als sich aber die gefrchtete Stimme nicht mehr vernehmen lie,
strzte sie sich beinahe flchtend in das rettende Gesprch zurck.

Hochwrdiger Vater, tastete sie vorsichtig, denn das Herz schlug ihr,
da sie sich mit jedem Wort vor dem Klugen zu verraten whnte, Ihr
meintet vorhin, da man auch auf das Drohen und Wten von Aufrhrern und
Emprern lauschen solle. Sagt mir, glaubt Ihr wirklich, solche
Ausgestoenen und Verdammten, die die Welt mit Greueln fllen, sie
knnten jemals zum Guten gesendet sein?

Abt Franziskus setzte seinen Becher nieder, und seine sprechenden Augen
schienen tiefer in seine Gefhrtin einzudringen, als ihr angenehm war.
Dann fragte er bestimmt:

Sage mir, mein Kind, denkst du an einen Lebenden?

Da zuckte wieder diese schreckliche Angst in ihr auf, von der sie
verzehrt wurde. Erblassend senkte sie das blonde Haupt, und whrend sie
emsig auf dem weien Linnen herumstrich, da suchte die Grfin sich der
drohenden Beichte durch eine Ausflucht zu entziehen.

Die Erde ist jetzt voll von Gewalttat und Umsturz, wich sie unsicher
aus, man wei oft nicht mehr, welchen Pfad man whlen soll?

Der Mnch nickte sacht. Er strebte, diese verstrte Seele zu snftigen.

Wohl, meine Tochter, stimmte er mit seiner milden, trstlichen Stimme
zu. Aber alle Pfade, die der Mensch schreitet, sind Gottes Wege. Darin
besteht eben das Wundersame dieses uns geschenkten Lebens, da sein
Teppich so bunt und voller Farben prangt. Der Ewige verkndet seinen
Willen nicht nur aus eines einzigen Menschen Mund, sondern gerade im
Widerstreit der vielen feindlichen Stimmen will er sich offenbaren. Wer
von uns schwankem Rohrgeschlecht darf behaupten, ich allein habe die
Wahrheit? 'Wo ist Wahrheit?' fragte Pilatus noch immer.

Sinnend senkte der Mnch sein Haupt auf die Brust, rckte seinen
Armsessel herum, und die ersterbende Glut des Kamins warf
Flammenspritzer auf die sich stark verbreitende Tonsur des Alten und
erreichte auch seine noch dunkelblonden Haarbschel.

Sieh, verlor er sich in das Springen und Laufen der Funken zu seinen
Fen, auf meiner Heimatinsel Rgen da kannte ich vor mehr als einem
Jahrzehnt einen Knaben, ein Kind adliger Gewalt, dem gro Unrecht
geschehen. Dieser taumelte wie trunken zwischen Hlle und Himmel, als
sei er ein Spiegelbild oder der Schatten der ganzen leidenden Menschheit.
Und ich wei, er rang redlich mit seiner dsteren, grimmigen, lechzenden
Leidenschaft nach Wahrheit und Segen, nicht fr sich, sondern fr die
vom Leben Vergessenen und Verfluchten. Aber dann -- ehe er das gefunden,
was nur einem vorausschauenden Gott beschieden sein kann, verschlang den
Ungersteten, Unvorbereiteten bereits die Woge der tollen Zeit, und nur
ein Gercht meldete noch von ihm, da er ein Mchtiger unter den
Gesetzlosen und Ausgestoenen geworden sei. Ich habe ihn lieb gehabt,
und liebend gedenke ich heute noch seiner, weil ich ahne, da er selbst
in seiner jetzigen Gestalt ruhelos, wenn auch auf wirren, verworrenen
Pfaden dem Wolkengebild der Wahrheit nachjagt. Wo ist Wahrheit?

Wehmtig lchelnd schwieg der Abt und streckte seine feinen
durchsichtigen Hnde nher gegen das Feuer aus. So gewahrte er nicht,
da seine Gefhrtin von seiner Erinnerung getroffen war, als habe sie
eine Faust vor die Brust geschlagen. Atemlos und vllig unvermgend, den
Sturm, der sie rttelte, noch lnger zu bestehen, hing das blasse Weib
ihre erschreckten Augen an den Mnch und gab sich keine Mhe mehr, sich
zu verstellen.

War das der Strtebecker? fgte sie mhsam aneinander.

Der geistliche Herr aber, ohne sich scheinbar ber den verdchtigen Ton
zu wundern oder an dem Zusammenhang deuteln zu wollen, schttelte leise
das Haupt.

Ich wei es nicht. Mein junger Freund fhrte wohl einen hnlichen
Namen, aber vieles, was man von dem Freibeuterfhrer im Volke erzhlt,
widerspricht doch gar zu sehr meinem jugendlichen Bilde. Zum Beispiel
seine ausschweifende Trunksucht oder die kalte Gleichgltigkeit gegen
Rechte und Leben einzelner. Nein, nein, diese helle Jnglingsgestalt
habe ich, so wie sie war, in meinem Gemt bestattet und einen Segen
darber gesprochen. Gebe Gott, da aus der Gruft nicht ein anderer Mann
auferstehe.

Damit versank der Mnch in erneutes Grbeln und lie Linda Zeit, sich
notdrftig zu fassen. Unruhig blickte sich die Grfin in dem kahlen
Raume um, sie zhlte die Windste, die um die Mauern heulten, und als
irgendwo auf den Fluren ein Tritt laut wurde, da ertappte sie sich
dabei, wie sie alle Verstecke und Schlupfwinkel des alten Meerkastells
durchstberte, um sich womglich dort zu verbergen. Ihr ererbter,
nordischer Wikingermut war gnzlich von ihr gewichen. Pltzlich erhob
sie sich. Ihre Brust ging schneller als sonst. Auch ihr Gast wurde
aufmerksam.

Ich wnschte, ich knnte Euch morgen in die Stadt folgen, hochwrdiger
Vater, berwand das Mdchen einen sie berfliegenden Schauer und dabei
schritt sie in die Ausbuchtung, wo sie die kleine Ampel an sich zog. In
dem finsteren Gemuer hier ist's schlimm. berall springen Gestalten aus
den Wnden, die mir zurufen, ohne da ich darauf eine Antwort wte. Es
sind Ausgeburten der Einsamkeit, und ich habe keine Hilfe gegen sie als
Schlaf und Gebet.

Und ein heiteres, ttiges Frauenwerk, wie es den Mttern ziemt,
schaltete der Abt sanft ein, der geruschlos seinen Sitz verlassen
hatte und nun teilnehmend vor ihr stand. Sachte hob er die Rechte gegen
das mde Licht, so da das rinnende Blut in seinen Fingern zu schimmern
begann. Alte Hausweisheit, erinnerte er mahnend. Sorge fr Gatten und
Nachkommenschaft erschliet den Jungweibern ihre eigene Seele. Alles
davor ist Traum und Umweg. Aber nun -- ich will mir nicht mehr von dir
anmaen, als du mir selbst gibst -- nun sei Friede ber dir diese
Nacht.

Er wandte sich, und die Grfin folgte ihm, die Leuchte in der erhobenen
Rechten. Vor den Schreitenden glitten schwarze Schatten ber die rohen
Kiefernwnde, aus dem Holz beugten sich undeutliche, verzerrte Gebilde
und griffen nach ihnen. Der Mnch ffnete gerade die Pforte, als die
beiden wie auf Verabredung inne hielten. Jeder las in den Zgen des
Gefhrten, ob auch der andere diesen hellen Schrei aufgefangen, jenes
hemmungslos tierische Kreischen, das aus dem Pfeifen des Windes mit
schriller Verzweiflung herausgellte, um gleich darauf wieder in dem
langgezogenen Winseln zu verschwinden.

Linda zitterte und doch lchelte sie matt.

Eulen, erklrte sie, sie horsten oben auf den Trmen und fliegen
jetzt aus. Es sind meine Haustiere, wollte sie noch mit trbem Spott
hinzusetzen, ohne sich doch selbst dem Glauben an ihre Worte hingeben zu
knnen.

In diesem Augenblick donnerte durch das Gebude ein kurzes, scharfes
Krachen. Ein Schlag schien die Steine aus den Mauern zu reien, die
Dielen wankten, selbst auf dem Tisch klirrte das Metallgeschirr einen
singenden Ton. Unglubig, verngstet hielt sich der Mnch an dem Pfosten
zwischen Saal und dunklem Gang fest, sein verblates Antlitz aber war
der Grfin zugekehrt, als erhoffe er auch fr dieses herzumwendende
Toben eine trstliche Deutung. Und Linda, obwohl ihr Herz in der
Erwartung nahen Unheils wie zwischen Eisstcken geschichtet lag, sprach
in unnatrlicher Ruhe:

Der Sturm sprengt die Torangeln. Aber da du hier bist, Vater, wird Gott
bei uns sein.

So standen sie eine Weile, und da sich nichts weiter rhrte, so begannen
sie einander ihren Kleinmut fortzulcheln. Aber seltsam, warum verharrten
sie noch immer, um auf einen einzelnen Schritt zu lauschen, der sich
langsam, schwer und wuchtig in den langen Gngen vor dem Saal verkndete?
Es war natrlich einer der Knechte, der das Licht zu lschen kam. Nur
htte er schneller nahen knnen, dienstfertiger; gleichviel -- -- --
worauf warteten sie noch? Gemessen drehte sich die groe Eingangstr in
ihren Angeln, und dann -- in dem Saal wurde es still, als ob der Tod
eingetreten wre. Wirklichkeit und Wahnsinn tanzten miteinander. Keiner
wagte, auch nur durch einen Luftzug zu verraten, da hier noch Sinn fr
die gewhnliche Ordnung der Dinge atmete.

Auf der Schwelle ragte ein bergroer Mensch, in einen nassen, schwarzen
Mantel gehllt, die Lederkappe zerbeult in die Stirn gedrckt.
Gleichgltig schickte der Eindringling einen raschen Blick in dem Raum
umher, dann schritt er ohne Eile, wie ein Bewohner des Hauses, auf die
Tafel zu, schleuderte Mantel und Mtze mitten auf den Estrich und warf
sich selbst in einen der leeren Sessel. Den Tisch, der ihn beengte,
stie er krachend mit dem Fu beiseite.

Schafft Wein und Speise, befahl er den beiden Leblosen, und als sich
die Gebannten nicht regten, stie er ein kurzes Gelchter aus, ein
helles, wohlklingendes Lachen, und winkte lssig. Ihr da, zeigt
frhliche Gesichter -- was steht ihr und haltet Maulaffen feil? -- Eilt
euch, ihr seid geladen!

Da rann Leben in die beiden Entsetzensstarren zurck, fieberndes,
beiendes Blut, und whrend die Hausherrin sich gegen den Pfosten
lehnte, um die Hand gegen die Erscheinung auszustrecken, als htte sie
dadurch die Macht, diesen wahnwitzigen, wohl nur aus vergifteten
Gedanken aufgestiegenen Spuk wieder zu verscheuchen, da wankte der Abt
etwas weiter in den Saal hinein, entschlossen, seine geistliche Wrde
gegen den Niederbruch aller Sitte zu setzen.

Wer bist du? rief er, indem er sein Zittern berwand. Im Namen Gottes
und seiner unverbrchlichen Gebote frage ich dich, was du vorhast und
wer du bist?

Die Stimme verstrkte sich, je krftiger der Sprecher den Widerhall von
den Wnden zurckempfing. Auf den hochgewachsenen, schlanken
Eindringling jedoch schien sie jede Wirkung zu verfehlen. Das Bellen
eines kleinen Hndchens htte ihn nicht weniger behelligen knnen. Der
Schein der Unschlittkerzen von dem Rundreifen umflackerte ihn, wie er
jetzt den ungeheuren Weinhumpen an sich ri, um ihn ohne Umstnde mit
beiden Fusten an seine erhobenen Lippen zu fhren. Durstig schluckte er
den brig gebliebenen Trank, es war eher ein Strzen zu nennen, nur da
sich zuweilen in der geleerten Hhlung dumpf und kollernd sein
spttisches Gelchter fortsetzte. Der feierliche Anruf des Conaer Abtes
schien ihn hchlich zu ergtzen.

Still, keine Predigt, Braunrock, atmete er endlich auf, whrend er das
schwere Gert auf den Tisch krachen lie, und dabei schob er sich, zu
neuen Taten bereit, die Lederjacke zurck, so da weite rotseidene rmel
zum Vorschein kamen. Gib Ruhe. -- Wer soll ich sein? Ein Mensch bin
ich, also ein armselig Ding, das von Gott kaum eine Spur und vom Teufel
eine reiche Erbschaft miterhielt. Er lehnte sich zurck und trommelte
mit beiden Fusten auf dem Linnen herum. Mchtest aber lieber nach
Stand und Namen herumkramen?! Komm, trink mit mir und denk inzwischen
einen Witz aus, warum deiner Kumpanei der gemeine Mensch in seiner Armut
und Nacktheit einen solchen Schrecken einjagt, du Nachfolger Christi.

Ohne eine Antwort abzuwarten, rckte der Fremde ungeduldig an den leeren
Schsseln, blickte hinein, dann wandte er sich und schrie ein paar Namen
gegen den Eingang, als ob er eine eigene Dienerschaft mitgebracht htte.
Drauen wurde es lebhaft, man hrte eilige Tritte in den Gngen, und von
unten aus den gewlbten Hallen drang undeutlich Frauenkreischen und das
Gerusch von Waffen.

Wird hier gemordet? zitterte Vater Franziskus.

Der andere horchte gespannt und schnrte die Augenbrauen ber den
schwarzen Sternen fester zusammen.

Blutvergieen, tadelte er endlich zurcksinkend, ist ein tricht und
unntzlich Geschft. Vernichtet und heilt nicht. Aber warum wehrt sich
euer Geiz auch so hartnckig dagegen, wenn wir daran gehen, in das
Erbgut von Mutter Erde nachtrglich ein wenig Ordnung zu bringen?

Mensch, entsetzlicher, rief der Mnch, jetzt all seinen Mut
zusammenraffend, da er merkte, wie in dem schmalen, edelgebildeten
Antlitz des Fremden sich ein grblerischer Zug einzeichnete. Was
ersinnst du lgnerische Ausflchte fr Raub und Diebstahl?

Der in dem Lederwams schttelte sich leicht, als wenn ihn frstele,
trotzdem warf er pltzlich auch noch die berjacke auf den Estrich und
sa nun da in seiner rotseidenen Schecke, eine goldene Kette ber der
breiten Brust. Den braunlockigen Kopf sttzte er nachdenklich in beide
Hnde.

Keife nicht, Kutte, brachte er nach einer Weile versonnen hervor, und
es war, als ob er mehr mit sich selbst sprche. Fr dieselben Streiche
hast du geflennt und Gebete gejammert, wenn sie von euch und euren
Trabanten herrhrten. Er strich ber die hohe Stirn und schttelte
sich wieder. Aber darin geb ich dir recht, 's ist kein Sinn und
Verstand dabei, die hbschen Goldstcke nur etwas schneller von einer
Hand in die andere rollen zu lassen, wenn sie zu nichts anderem
verwendet werden als zum Saufen, Huren und Prassen. Zwar auch dies ist
ein gut Ding. Wuchtig schlug er mit der Faust auf den Tisch, da die
zinnernen Schsseln in die Hhe sprangen. Komm, bring die Dirne da mit,
sie hat einen ranken Leib, und dann trinken wir uns einen Rausch darauf,
da Gott oder der Teufel eine feinere Lebensweise fr ihre zweibeinigen
Ebenbilder ersinnen. Was gibst du mir, wenn der Gedanke schon unterwegs
ist? Vielleicht wlzt er sich bereits im Hirn eines beltters. Denn
halleluja, der Gedanke wenigstens braucht kein edel Haus, er wohnt
berall!

Gerade wollte sich der Rotseidene wieder herumwerfen, um sich zu
berzeugen, ob seinen herausgeschrienen Befehlen endlich Folge geleistet
wrde, da brach die Eingangstr auseinander, und vor den fassungslosen
Blicken der Hausherrin und ihres Gastes quoll ein Schwarm derber,
wettergebrunter Seeleute herein. Alte und junge Mnner, verdchtig
anzuschauen mit ihren narbenzerrissenen Gesichtern voll Auflehnung und
Zuchtlosigkeit, und alle Arme beladen mit der Ausbeute ihres wilden
Handwerks. Die einen schleppten Linnenballen und silbernes Gert mit
sich, die anderen schleuderten jauchzend Schinken oder Schsseln voll
gerucherter Fische auf den Tisch, ja, ein paar junge Burschen rollten
sogar ein verschimmeltes Weinfa herein, schlugen den Spund heraus und
begannen unter Flchen und rohen Scherzen eine Kanne um die andere mit
dem roten Saft zu fllen. Klatschend strzte das kstliche Na auf die
sauberen Dielen. Es sah aus, als wre die fessellose, an keinen Befehl
gebundene Gesellschaft bereit, den Rausch ihres so leicht erworbenen
Besitzes sogleich an Ort und Stelle auszukosten. Kaum aber hatten die
ersten Tropfen des starken Weines ihre Lippen benetzt, da wurden sie
alle von einem Freudentaumel erfat, die letzte Zurckhaltung ging
unter. Genieen, schlrfen, fressen und saufen schien ihr einziger
Zweck. Wo sie gingen und standen, fielen sie auf dem Estrich nieder,
hieben die Becher gegeneinander, grlten, lachten und zankten, und
mitten aus dem wsten Braus fingen sie an, ihre Zunftlieder zu heulen.
Gierige Blicke und geschwungene Humpen richteten sich gegen das Weib,
das matt und mde, geschlossenen Auges an dem fernen Pfosten lehnte.

Heiser brllten die rauhen Kehlen:

  Schlagt den Prassern die Ksten ein,
  Stehlt ihr Silber, sauft ihren Wein;
  In die weichen leinenen Kissen
  Ihre blassen Mdel gerissen.
  Kehrt sie um, die morsche Welt,
  Bis kein Groschen heraus mehr fllt!
  Wer's nicht tut, der ist nicht wert,
  Da er rschlings zur Hlle fhrt.

Die Jauchzer berschlugen sich, schrille Pfiffe gellten durch den Raum,
die Begeisterten wlzten sich auf den Dielen, rissen und zerrten sich
gegenseitig an den Frauengewndern, die viele von ihnen verkehrt ber
die Schulter geworfen hatten, und ble Reden flogen zu den beiden
Menschen aus einer anderen Welt herber:

Da, sieh den Glatzkopf und die Lustdirne!

Ja, solch ein muffiges Gebetbuch wei sich den rechten Platz.

Aber pa auf, wie sie tanzen, wenn wir hier anznden.

Ein grausig Gelchter wurde aufgeschlagen, dann spritzte es wieder aus
dem Fa, und der Wein klatschte auf die Erde. In all den Lrm hatte der
Hauptmann, zu dessen Fen sich der Knuel verschlang, mit einem
sonderbaren, erfrorenen Lcheln hineingeschaut. Nun aber schttelte er
sich erwachend, wie jemand, der angespritzten Kot von sich abschleudert,
und um seinen herrischen Mund irrte ein Zug von Grausamkeit und Hohn.

Ja, das sind meine lieben Kinder, an denen ich meine Freude habe,
sagte er mit einer biblischen Anspielung und dabei bewegte er die Hand,
als ob er die Rotte in ihrer Gesamtheit vorstellen wollte. Sie geben
sich nicht anders, als sie sind. Lug und Trug kennen sie nicht. Und als
er das ungemessene Entsetzen, den Ekel und den Abscheu in den Augen
seiner beiden Gefangenen las, stie er trotzig und voll grimmiger
Rechthaberei hervor: Folglich sind sie echt. Wer kann das in dieser
falschen Welt von sich behaupten? He?

Pltzlich ri sich der Sitzende herum, bckte sich und packte den
vordersten der Gesellen unsanft an der Brust. Ein Zug, und der
Stiernackige war auf die Beine gebracht. Da unterbrachen auch die
anderen ihr Schlemmen, und es wurde so still und lautlos, wie es vorher
wst und unbndig gewesen.

Wulf Wulflam, herrschte der Anfhrer scharf, was habe ich dir
befohlen?

Der herkulische Bootsmann wurde verlegen, er kratzte sich in seiner
rotbraunen Schifferkrause und suchte sich, wie ein Schler vor dem
Lehrer, auf seine Aufgabe zu besinnen.

Du sagtest, Admiral -- -- du sagtest----

Was Mensch?

Wir sollten Gold und Silber von hier zu Schiff bringen. Mehr nicht.

Mehr nicht! Nun wohlan, das ist deutlich. Aber, Wulf Wulflam, und er
zerrte ihn heftiger an der Brust, lauert hinter deiner Fratze nicht
noch ein ander Gelst? He?

Ungewi starrte ihn der Schiffer an, allmhlich erstarb sein Grinsen,
und seine anfngliche Sicherheit ging in Scheu und Unterwrfigkeit ber.
Auch seine Genossen hielten kleinlaut mit ihrem Toben inne, scharrend
erhoben sich die Seeleute und rotteten sich verstohlen um ihren
Bootsmann zusammen. Lauschend streckten sie die Kpfe vor, als gbe es
nichts so Wichtiges, als das winzigste Wort ihres Fhrers aufzufangen.

Herr, suchte sich der Bootsmann in verlegenem Trotz zu verteidigen,
wir dachten -- wir meinten-- und unwirsch polterte er heraus: der
alte Kasten hier wre auch lngst reif fr den Teufel und zum
Ausruchern.

Weiter kam er nicht. Eine Blutwelle schnellte bis in die Stirn des
Admirals, mit einem erbitterten Griff zuckte er nach seinem Dolch, ri
ihn vom Grtel und prete das haarscharfe Messer dem Erschrockenen
gerade auf die Kehle. Ein lauter Schrei entfuhr den anderen, aber auch
Linda und ihr Gast klammerten betubt, schutzsuchend ihre Hnde
umeinander.

Du rudiger Hund, keuchte der Rotseidene mit einer jedes Ma
berlodernden Wildheit. Meinst du, du seist der erste, den ich von
meinen Kindern still gemacht? Wir stehlen nicht, wir sammeln einen
Schatz. Zu welchem Zweck, wei ich allein. Und wehe dem -- einen Strick
am hchsten Mast fr den, der meine Plne strt. Hast du es dir
gemerkt?

Wohl, Herr, stotterte der Bootsmann bezwungen.

Ein Murmeln erhob sich unter der Schar, das Verborgene, Geheimnisvolle,
das hier angedeutet wurde, oder der unerbittliche Zwang, der von diesem
einen ausging, er schlo die Ausgestoenen wieder zu einem willigen
Bund. Das dunkle Gefhl ihrer Sendung packte sie abermals. Der Admiral
aber winkte heftig mit der Hand, als htte er schon zu lange mit dem
Haufen geschwatzt.

Fort -- tut, was euch geheien -- und mit dem Morgengrauen sind wir von
hinnen.

Da schob sich die Rotte lrmend, in berstrztem Gedrnge zur Tr
hinaus, jeder froh, der Gesellschaft dieses einsamen Menschen dort
drinnen berhoben zu sein. Hinter ihnen blieb nichts als die leis
aufgewirbelten Stubchen, die blau und durchsichtig zu den Lichtern
emporstiegen. Der Verlassene jedoch reckte die Arme, schttelte nach
seiner Gewohnheit das eben Vergangene unbegreiflich schnell ab, und
nachdem er die lockigen Haare leichtsinnig in den Nacken geworfen,
beugte er sich hungrig ber die ihm vorgesetzten Schsseln. Hastig und
doch ganz mit den Gebrden eines groen Herrn begann er zu tafeln. Dabei
verga er fr eine Weile vllig der beiden Zuschauer, die an der fernen
Wand, eng aneinander geschmiegt, unter Grauen und Schrecken beobachten
muten, wie oft der gewaltige Weinhumpen an die Lippen des Fremden
stieg. Von Zeit zu Zeit wandte sich der Seefahrer und lie neuen Trank
in die Kanne laufen. Allein bei einer dieser Bewegungen muten dem
Eindringling endlich die zwei Schatten dort drben an der Kiefernwand
auffallen, denn er lie das Weingef sinken und richtete seine
schwarzen Augen mehr verwundert als in irgendeiner feindlichen Absicht
auf die unfreiwilligen Zeugen seines Schmauses. Die verzerrte Bestrzung
in ihren Gesichtern, die qulende Angst, mit der sie ihr Schicksal
erwarteten, schienen den Zecher zu stren. Unvermutet sprang er auf, so
da alles auf der Tafel zitterte, und whrend er rasch auf die ihm
Preisgegebenen zuschritt, empfanden diese trotz ihrer wachsenden Not das
Wunder, wie geschmeidig und unangefochten der Seefahrer auch nach jenem
unerhrten Trunk seinen Gang beherrschte. Kein Rausch hatte ihn
unterjocht, nur die dunklen Augen waren unnatrlich erweitert und
sprhten und blitzten, als ob sie in Brand geraten wren.

Jetzt stand der Hochgewachsene dicht vor ihnen, setzte die Hnde in die
Seiten und schlug endlich ein kurzes Gelchter auf.

Kommt, ihr beiden Lmmer, lud er sie ein, nehmt das Ding wie es ist,
und steht nicht wie die armen Schindluder vor dem Henkerkarren. Mu denn
Donnerwetter und Gewitter immer nur von oben kommen? Es kracht auch
einmal von unten, wie euch der Feuerberg auf Island lehren sollte. Und
die Anwohner glauben dann, es gbe ein fruchtreich Jahr. Spielend fate
er den Mnch an der Kutte. berdies, Hochwrdiger, wie schrieb dein
Freund, der Rechtsbeuger Cicero? '_Varietas delectat_,' und ich setze
hinzu: 'Der Teufel dachte ebenso, da er Buttermilch mit der Mistgabel
a'.

Dringender zerrte er den Geistlichen an seinem Faltenrock, denn er
wollte ihn zwingen, ihm an den Tisch zu folgen; der aber wich schtzend
vor die Grfin zurck und schlug pltzlich beide Hnde zusammen. Ein
entgeisterter, verzweifelter Blick des Erkennens brach aus den guten
Augen des Alten.

Barmherzigkeit, flsterte er schwach. Claus -- Claus Beckera. Du
bist's, verbirg dich nicht. Auferstanden aus dem Grabe als blutige
Geiel. Als ein vergiftet Saatkorn, von dem die Menschen sterben. Mann
-- Knabe -- deine Eltern, deine Mutter -- deine Jugend--

Im Saale wurde es still. So still, da man den feinen Streusand auf dem
Estrich unter den Fen der drei Menschen knirschen hrte. Schweigend,
unbeweglich stand der Strtebecker dem Mnche zugekehrt, und man htte
glauben knnen, da er gelhmt, erschttert sei durch das Auftauchen
jener lngst entschwundenen Gestalt. Allein kein Anzeichen kndete dies.
Weder reichte er dem so unvermutet gefundenen Freunde die Hand, noch
hie er ihn sonst durch ein freundlich Wort willkommen. Nein, er starrte
nur unverwandt in die greisen Zge, bis endlich ein tiefer Atemzug
verriet, da er aus Erinnerung und Abwesenheit zurckgekehrt sei.

Es ist gut, Alter, wnschte er halb im Ton des Befehls. Ich will dich
nicht krnken, aber ich kenne dich nicht. Dich nicht, dein Vaterland
nicht und vor allem nicht eure Gesetze.

Claus.

Still, nur in einem trafst du das Rechte. Auferstanden aus dem Grabe,
zu einer neuen Sonne, deren Wrme du nicht mehr fhlen kannst. Ohne
eine Antwort abzuwarten, tat er einen starken Schritt auf die Grfin zu
und hob ihr Haupt gewaltsam am Kinn in die Hhe. Die Zusammengesunkenheit
des Mdchens schien seinen Hohn zu reizen. Warum zitterst du, Weib?
fragte er scharf. Sprbarer fate er sie an, um sie heftig ins
Bewutsein zu rtteln. Du siehst aus wie eine Heilige, rief er wild,
sich ber sie beugend, und deine Hand krampft sich um ein Kreuz.
Flennst du vielleicht darber, weil dein Hab und Gut sich zu Speise und
Trank wandeln sollen fr die, so nicht rein und wohlbekleidet sind wie
du, Gottselige?

Da geschah etwas Seltsames.

Weit ffneten sich die blauen Augen des von einem schweren Traum
befangenen Mdchens. Abwehrend streckte sie die Hnde aus, als wollte
sie das Grauen von sich fernhalten, allein, whrend sich ihr Krper in
Erdenqual strubte, da faltete eine bezwingende, eine ihr ganzes Dasein
heiligende Macht ihre Finger zusammen, und ber ihre Lippen drngten
sich Worte der Demut und des beseligten Gehorsams, wie sie hnliche
niemals vor Altar noch Betstuhl gefunden.

Nimm, was mein ist, hauchte sie mit bangem entgeistertem Lcheln. Da
du gekommen bist, die Erde zu reinigen, so geschehe dein Wille.

Meine Tochter, rief der Mnch ber diese fromme Anbetung entsetzt
dazwischen und griff sich verzweifelt an das betubte Haupt, du
lsterst, du gute Seele. Erwache! In deine Augen spritzt die
goldglitzernde Schlange ihr Gift. Die Verfhrung, die selbst getuschte,
schaut dir ins Antlitz.

Der Strtebecker prete pltzlich die Hand des Alten, da der Abt laut
aufschrie.

Schwatze nicht, grauer Lgner! fuhr er ihn an. Meinst du, mein Wein
wrde schlechter, weil er in einem Mistkbel gereicht wird?

Allein das Weib, um das der Streit ging, vernahm nichts weiter. In roten
Blitzen hatte sich ihr die Vision offenbart, nach der ihre Verlassenheit
Tag und Nacht gebangt. Er war da, der Ersehnte war erschienen. Ein
herrlicher Mann, blutig und gebieterisch zugleich, beugte sich zu ihr
herab, eine rote Wolke umschwebte ihn, und tief unter ihm hoben sich aus
dem Morgengrauen tausend und abertausend Hnde, die lobpreisend nach ihm
verlangten. Damit sank ihr Bewutsein in die Knie. Nur verlschend
empfand sie noch, da sie aufgefangen wurde und geborgen war.

Claus Strtebecker hielt den Leib der Hingestreckten in seinen Armen.
Ein Blatt, das auf ihn herabgeweht war, konnte ihn nicht lastender
beschweren. Aber gespannt, fieberig, hingenommen starrte er jetzt auf
diese erste Seele, die er von den Zinnen der Menschheit gebrochen und
die sich doch zu ihm bekannt.

In halbem Verstndnis nur streichelte er ihr das blonde Haar aus den
Schlfen und wandte sich erst unwillig ab, als er sich unvermutet am Arm
gehindert fhlte.

Was willst du? wies er den Mnch zurck, der sich noch einmal an ihn
gedrngt hatte, um jetzt eine schwache Bewegung zu vollfhren, als wolle
er die Willenlose von ihm empfangen. Was willst du?

Claus, bat Pater Franziskus, am ganzen Leibe bebend, ich will dir
vergeben. Ich will annehmen, da meine Zeit und die deine einander nicht
verstehen knnen. Aber hier, gegen diese Unmchtige la mich meine
Pflicht erfllen, wie ich sie gelernt habe. Hier weiche vor meinem Amt,
und ich will dich trotz allem, wie vor Zeiten, segnen.

Es war eine Stimme, die vor Seelenangst und Gte brach, aber der, den
sie erweichen sollte, schttelte hastig und finster das dunkle Haupt.

Die ist mein, widerstrebte er auflodernd. Um Seelen wird nicht
geschachert.

Claus, im Namen ------ Der Abt taumelte und vermochte kaum noch die
Rechte zu erheben. Unglcklicher Mensch, denke daran, was deiner Mutter
geschah.

Da wirbelte ein schneidendes Gelchter aus der Brust des Seefahrers, mit
einem rcksichtslosen Sto befreite er sich von dem Alten, und whrend
er seine Last fester an sich raffte, schritt er rasch und sicher bis zu
dem dunklen Gang, wo er die Tr drhnend hinter sich ins Schlo warf.
Dann drehte er auch noch den ungefgen Schlssel herum.

Gleich darauf hallten schwere Tritte auf dem gewundenen endlos laufenden
Flur. Nur ab und zu brach durch ein Bogenfenster wolkiges Mondlicht ber
die Steinfliesen, und dann konnte der Trger diese und jene
Wendeltreppe unterscheiden, die mit rohem Gelndergeblk in ein oberes
Stockwerk leitete.

Wiederholt hatte der Gewaltttige Vorhnge zurckgeschlagen oder eine
schwere Tr geffnet, doch immer mute er in der Dunkelheit einen der
kahlen Wohnrume erkennen, wie sie solch alten Kastellen eigen.

Allmhlich aber begann er sich mit den Herzschlgen des stillen Wesens,
das er an sich prete, eins zu fhlen. Eng und warm ruhte es an seiner
Brust, nicht mehr als unnahbare, frostige Heilige, sondern weich und
biegsam, hnlich den unzhligen anderen, die der Unbndige nur
geschaffen whnte, um seinen Krperdurst zu stillen. Aber hier war doch
etwas anderes. Mit seinen untrglichen Nerven sprte er, da dieses
hochgeborene, verschlossene, vor allem Unsauberen schaudernde Geschpf
im Innern des Menschen, der ihr gewi ein Ruber, ein frecher
Wegelagerer sein mute, die goldene Flamme blitzen sah, wie sie einst
auf den Altren gelodert. Und dieses Feuer wollte doch aus Kot und Unrat
hinauf zur Gottheit, als ein Notschrei, als eine Anklage, als ein
Signal! War sie nicht vor jenem Brand verstehend, beseligt
dahingesunken? So etwas hatte der Verwhnte, der doch befehlen durfte,
der Gesetze umstie und verborgene Wnsche losband, noch nie in seinen
Armen gehalten. Ein Eigentum, unlslicher als jedes andere. Erworben,
geknechtet ohne Blut noch Schwert!

Unsicherer wurde sein Schritt, schwerer seine Brde, summend hrte er
das vom Wein und Siegerbewutsein aufgepeitschte Blut in allen Adern
rauschen, und nicht gewohnt, seinem Willen ein Hemmnis entgegenzusetzen,
ri seine Rechte den dnnen Schleier vom Hals seiner Last, und sein
Haupt bettete sich suchend auf die khle Brust seines Opfers.

Mein bist du, murmelte er, whrend er verworren auf den regelmigen
Herzschlag lauschte. Mein. Deine Welt ist mein. Was kannst du besseres
verlangen, als einzugehen in das, was du erkannt hast?

Da stand er auch schon vor einer starken Bohlentr, er stie sie auf,
und vom hohen Kamin beleuchtete eine einsame Kerze das starke
sechsfige Bett, einen Himmel darber und einen schmalen, mannshohen
Stuhl daneben. Und bedenkenlos, freudegeschwellt brach der Strtebecker
in den Frieden dieses nie entweihten Raumes.




IV.


Sie lag entblt auf ihrem langen breiten Lager, und der Wind der
Morgendmmerung, der die Lden aufgestoen und nun durch die
engvergitterten, scheibenlosen Fenster hindurchstrich, er lie ihre
Glieder unter der dnnen Linnendecke frsteln. Empfindlich zog sie die
Hlle bis zum Hals, und die Blicke der Erwachten wanderten ruhelos an
der glatt gespannten Flche des Betthimmels, als ob dort etwas
geschrieben stnde, auf das sie sich besinnen mte. Aber gelhmt,
verworren, zerwhlt versagten ihre Gedanken jede Selbstbesinnung oder
Erkenntnis, und trotz aller Anstrengung wute die Hingestreckte nichts
weiter von sich, als da ihr ein wster, zackiger Felsstein auf die
Brust geschmettert sei, und wie sie zu matt wre, um sich der Wucht zu
entwinden. Vor ihr auf dem Strohteppich atmete etwas, und als sie sich
mhsam wandte, erkannte sie ihr schlankes Windspiel, das sich wohl gegen
Morgen zu ihr gestohlen haben mute. Das Hndchen lag, den Kopf zwischen
den Pfoten, und ugte ber seinem erzenen Halsband achtsam zu ihr
herauf.

Da streckte sie die Hand aus und wollte das Tier anrufen; allein
seltsam, sie vermochte sich nicht an den Namen ihres Begleiters zu
erinnern, und in der Qual, ihr eigenes Wesen verloren zu haben, sank sie
wieder zurck, eine Fremde, Unbekannte in ihrem eigensten, heimlichsten
Bezirk.

Drauen, auf dem Ahornbaum, begannen ein paar Meisen zu zwitschern.
Sonst bedeutete dies den Weckruf des Morgens, denn auf Ingerlyst erhoben
sich Herrin und Knechte mit der Sonne, heute jedoch blieb alles
unverndert still, das Vieh brllte nicht in den Stllen, und die
Holzschuhe des Gesindes klapperten weder auf dem Hof noch in den
Burggngen. Auch die Zeit schien sich gewandelt zu haben, auch sie
starrte leer und ausgeplndert, gleich der Gebieterin hier auf ihrem
kalten Lager.

Geduldig bettete sich die Verlassene auf ihren Arm, lauschte angstvoll
auf die zuckenden Schlge ihres Herzens und wartete, ob der Bann noch
einmal von ihr genommen werden knnte. So htte sie vielleicht noch
lange hingedmmert, verstoen von ihrer Vergangenheit und nicht fhig,
den Wirbel vor der Gegenwart zu durchbrechen, wenn sich nicht ein leises
Ticken gemeldet htte, das vom Holzwurm herrhrte. Ihr gegenber ber
dem schmalen Kamin war bis unter die Tafeldecke ein altes, wuchtiges
Holzkreuz eingelassen, und in dem braunen Geblk bohrte und pochte es
manchmal, als wre selbst das heilige Symbol vor Zermrbung und
Vergnglichkeit nicht sicher.

Richtig, richtig, Linda raffte sich auf, denn sie meinte sich jetzt zu
besinnen, da sie jeden Morgen noch vom Lager aus ihre Arme zu jenem
gewaltigen Stamm erhoben habe. Ja, ja, gewi, allerlei kleine Bitten und
Wnsche bedrckten stets ihr Herz. Und dann die eine groe Sehnsucht
nach Reinheit und Stille. Aber als sie nun nackt, entblt, frierend auf
ihren Kissen kniete, da erstarb ihr pltzlich die volle Bewegung, ber
ihr blasses Antlitz zog starres Entsetzen, und wie von einem Blitzstrahl
getroffen, strzte sie rcklings auf ihr Linnen.

Ein Wunder -- ein Wunder -- vor ihren weit aufgerissenen Augen spielte
sich das Herzlhmende ab. Ein fremdes Haupt erschien an dem Querholz,
ein braunes Lockenhaupt, mit Lippen, rot von Kssen, und wilde,
schwarze Augen gierten ber ihren Leib. Und jetzt wand sie sich mit
einemmal in einem Feuermeer, das sie verzehrte.

Gnade, Erbarmen!

Allein der Brand der Erkenntnis berheulte alle frheren Begriffe.

Zu Hilfe -- die Welt war eingebrochen! Das Erdrund taumelte und
schttelte alles Lebende durcheinander. Der Heiland des Schmerzes von
seinem Holz gezerrt, und an seiner Stelle lachte ein Unbndiger voll
Grausamkeit, Kraft und Willensstrke. Schwarz war wei, Verbrechen
Tugend, Sitte Torheit, Entsagung Wahnsinn; sieh da -- sieh dort, eine
unwiderstehliche Faust packte das fliehende Glck, das sonst niemand
halten konnte, und knechtete es seinen Anhngern. Allen! Auch dir -- auch
dir -- das Glck! Sie wollte schreien, aber sie fhlte, wie sie in
unsichtbaren Armen verging, alle Glieder spannte sie zu Kampf und
Widerstand, sie bi, sie wrgte, aber in der Unterjochung sank sie hin,
erlst von aller Erdenschwere, eine Freie im Angesicht der Natur.

       *       *       *       *       *

Als sie erwachte, war der Rausch verflogen. Sie fand sich wieder, wie
sie trnenlos auf ihrem Lager hockte, um mit ausgehhlten, erfrorenen
Augen zu beobachten, wie sich die Bltter des Ahornbaums vor ihrem
Fenster in Morgenrte kleideten. Drinnen in der kleinen Kemenate webten
noch die unerwrmten Schatten, und jedes der sprlichen Gertschaften
schien zu frsteln, zu zittern und zu schaudern. Stumpf, teilnahmlos
warf sich das blonde Weib die gewohnten Hllen ber, und je bekanntere
Dinge sie ergriff, ein desto trberes Erstaunen beschlich sie, da sie
sich bewege oder warum berhaupt noch Leben in ihr walte?
Unbegreiflich, gar nicht mebar, sie war doch gemordet, ihr Name
verschwunden von der Tafel, wo die Reinen und Ehrbaren verzeichnet
standen, eine unbarmherzige Ruberfaust hatte die Zge fortgewischt, aus
keinem anderen Grunde, als weil sie eben seine Beute geworden. Sie, ihre
Diener, ihr Hab und Gut, ihr Heim und alles, was sie frher geliebt
hatte. Eine kurze, ungestme Lust hatte gengt, um aus einer Aufrechten
eine geduckte Verworfene zu formen, beladen mit unaustilgbarer Schande,
und nur noch dazu bestimmt, vor ihrem eigenen Ekel in ein geruschloses
Ende zu flchten. Das war das wirkliche Dasein, so verkndete es sich,
ein Tier wurde von dem anderen gefressen, ohne Gte noch Gnade, und
alles, was darber hinaus geredet wurde von umfassender Bruderliebe
unter den wilden Geschpfen, groer Gott, es war nichts als Staub, Wind
und schwrmender Wahn.

Ein Tier wurde von dem anderen gefressen. Hilfe -- Hilfe! -- An welch
lcherliche Narreteien hatte sie denn frher geglaubt?

In der unermelichen Angst, da ihr bald auch noch das letzte, der klare
Verstand geraubt werden mte, griff sich die nun Aufgerichtete an beide
Schlfen. Ihre auseinanderspringenden Gedanken wollten sich an irgend
etwas klammern, an ein lebendes Wesen, das ihren Sturz begriffe, an ein
Herz, von dem sich liebevoll scheiden lasse. Sie mute doch irgendwo
festhaften? Oder war sie schon immer wie ein drres Blatt durchs Leere
gewirbelt? Aber wohin ihre Verzweiflung auch jagte, immer fand sie sich
allein vor dem groen braunen Kreuz wieder, um das ihre Rechte sich
krampfte, weil ihre Knie vor Schwche zitterten.

Das Kreuz -- das Kreuz!

Eine frchterliche Pause des Wartens entstand. Fordernd, dringend
tasteten ihre erweiterten Augen an dem toten Holze hin und her, und je
mehr Zeit ergebnislos verstrich, desto verchtlicher begannen ihre
getuschten Lippen zu zucken. Dort oben regte sich nichts. Derjenige,
der ihr frher an dem Querholz oft in verzckten Stunden erschienen war,
dem sie sich geweiht und dessen Gte sie sich bald ganz ergeben wollte,
er hatte tatenlos, schwchlich zugeschaut, wie Leib und Seele seiner
Jngerin zu seinen Fen verheert und besudelt wurden. Von einem
anderen, der gleichfalls zu den Armen und Beladenen herniederzusteigen
meinte, nur, da er seinen Weg mit Blut bego und da der Pesthauch
aller verdammten Laster ihn umwlkte.

Wie gestoen fuhr die Gehetzte herum, grub ihre Blicke unglubig in das
zerwhlte Lager und strich dann ruhelos an den Wnden herum, gleich
einem Tier, das einen Ausweg aus unbersteiglichen Mauern sucht. Und sie
fahndete auch nach etwas -- der giftige Atem der Nacht mute sie
benebelt haben -- denn sie suchte fieberhaft, rastlos nach einer
Erklrung fr ihren grausigen Niederbruch, nach einer Auflsung des
Rtsels, warum ihr Krper den geistigen Tod auch nur um eine Sekunde
berdauert habe? Vielleicht hatte der groe, schne, gewaltttige Mann
ihre Seele mit Zrtlichkeit umstrickt, vielleicht ihr Gemt drstend,
berredend zu seinem Werk herbergelockt, das wie eine blutrote
Erdensonne hinter ihm stand?

Nichts -- nichts, alles Ausrede und Wahn! Ihre Ehrlichkeit gestand sich
etwas anderes. ber ihr hatte sich ein Gewitter ausgetobt, in dessen
kalte Blitze sie offenen Auges, betubt, entgeistert, demtig und
duldend hineingeschaut. Und jetzt war die Wetterwolke vorbergezogen und
hatte gleichgltig die geknickte Flur hinterlassen. Prfend fuhr Linda
an ihren Gliedern herab, und jetzt erlangte sie endlich die ersehnte
Gewiheit. Alles tot, gebrochen, leblos, ihr blieb nur noch brig, den
Leichnam einzusargen.

Das war ihr Ziel, ihr letztes. Es stimmte im Grunde mit ihren
Kindheitswnschen zusammen, die von je nach Aufhren und Verstummen
gelangt hatten.

Mit fliegender Hand warf sie noch ihr zerdrcktes Gewand ber und
schlich auf den morgengrauenden Gang hinaus. Nicht einmal Zeit hatte sie
sich genommen, die Lederschuhe anzulegen. Doch ihr abgeirrtes Bewutsein
empfand die Klte der Steinfliesen nicht mehr. Mit sttzender Hand hielt
sie sich an den Wnden, und so schwankte sie ein paar der gewundenen
Treppen hinab. berall offene Tren, sonst Stille und Lautlosigkeit.
Einmal stutzte sie. Von fern konnte sie in den groen Saal hineinlugen,
in dem sich gestern abend das wste Zechgelage abgespielt, und eine
flchtige Sekunde klammerte sich eine jhe Hoffnung an ihr fest, ob der
Abt, der mildherzige, verzeihende Christenlehrer, vielleicht noch
zwischen jenen Mauern ihrer harre. Gleich darauf freilich zuckte sie
schuldbewut zusammen, und wenn der weite Raum auch nicht so
menschenleer und unrastig geghnt htte, die abgrndige Scham wrde sie
gerade vor dem Angesicht des Priesters in besinnungsloser Flucht
vorbeigetrieben haben. Nein, nein, nur keinem Genossen des Gestern mehr
in die Augen schauen mssen, nur schnell und unbemerkt irgendwo den
Sprung in die fegenden Hllenflammen wagen, damit die Lohe vielleicht
die grliche Unsauberkeit lutern knnte. Selbst jetzt, wo ihr
Erdenweilen kaum noch nach Augenblicken zu bemessen war, da prete ihr
die Scham, eine ganz unausdenkbare, umwhlende Scham, beide Hnde vor
das Antlitz, und ein winselndes Sthnen entrang sich ihrer Brust.

Oh, nur dieser berwltigenden, giftigen Verachtung entfliehen, die wie
ein Regen berall auf sie herniederfiel; nur schnell diesem letzten,
heilsamen Entschlu zustreben, bevor das unschuldige Licht des Tages den
fr die Befleckte so wohlttigen Dmmer zerstreute.

Weiter, weiter, die Treppen liefen an ihr vorber, die Hoftr war nur
angelehnt, und als sie sich ber den Wirtschaftsplatz drckte, da
drngte es sich ihr auf, da auch hier alles Leben erstorben sei.
Nirgends mehr ein Stck Vieh, weder im Stall noch an der Trnke ein
Knecht, de und ungenutzt lag das alte Gemuer, und nur der Wind knarrte
ab und zu mit den offenen Tren. Allein gerade jene gespenstische
Verlassenheit ntigte dem Schatten, der hier vorberstrich, ein mattes
Wohlgefallen ab. Kein Auge, das sie in ihrer frheren Reinheit gekannt,
durfte sich fragend an sie heften, ungestrt lie man das namenlose,
geschndete Geschpf seines Weges ziehen.

Er fhrte sie nicht mehr weit.

An der hinteren Umwallung waren in schrgem Anstieg ein paar Stufen in
die Mauer gehauen. Sonst hatte die verwhnte Herrin niemals diesen
Katzentritt benutzt, nun kroch sie bedenkenlos hinauf und beachtete es
nicht einmal, da ihr das Mrtelwerk die nackten Fe zerschnitt.
Keuchend, schwankend langte sie auf der Mauerkrnung an. Und sofort fuhr
der Seewind in ihr Gewand und stubte es auseinander. Ein letzter, vor
Vernichtungstrieb bereits trber Blick belehrte sie, da sie an der
rechten Stelle angelangt sei. Unter ihr zog der Burggraben seinen
grnen, fauligen Linsenteppich, bleierner Dunst brach aus ihm empor und
spielte mit den Schatten, die eine Reihe uralter Kastanienbume vom
jenseitigen Bord ber den starren Tmpel warf. Heiseres Froschgequake
klapperte aus dem Nebel, und manchmal huschte es im Sprung ber die
Flche, und die grnen Kugeln strudelten dann im engen Kreis
auseinander.

Ja, sicherlich, hier ffnete sich das abschssige Tor, hier konnte ein
Wanderer eingehen, der fr Vergessenheit und spurlose Entrckung das
Letzte, uerste zu zahlen bereit war. Linda griff nach einem
Tollkirschenzweig, der in dem Gerll wurzelte, und whrend ihre Fe
bereits den Halt lsten, da summte ihr noch wohlttig die Erinnerung
durch die Sinne, da schon zur Zeit der Fehden gepanzerte Reiter mit Ro
und Speer dort unten von smaragdgrnen Armen ins Bodenlose gezogen
worden seien.

Es mute ein langes, traumhaftes Sinken werden, und dann wrde es sein,
als ob eine ungeheure Faust glttend ber eine Unebenheit
dahingestrichen wre.

Schon strauchelte sie, schon spannte sich die Tollkirschengerte zum
Zerreien.

Aber es war anders ber sie beschlossen.

Kein erschreckter Menschenschrei strte sie, kein schtzender Mnnerarm
fing sie auf, nein, es war nur das Leben selbst in seiner berredenden
Strke, das auf sie zuschritt, um die Betroffene ein paar Spannen weiter
als bisher in seine schimmernde Vielgestaltigkeit blicken zu lassen. Das
Rad, das so lange einfrmig gelaufen war und nun stockte, es empfing
pltzlich einen unbegreiflichen Antrieb nach der entgegengesetzten
Richtung. Hinter den Kastanienbumen brauste ein Windsto, ein langes
Summen whlte sich ber das Meer, und dieser seltsame Ruf schleppte die
Aufmerksamkeit der Verlorenen gebieterisch und zwangsweise mit sich.
Sieh dort, welch ein Bild? Auf der Seehhe, abgehoben von dem blauen
Strich der aus milchigen Schwaden auftauchenden schwedischen Kste,
schwoll der dunkle Leib eines Schiffes. Gewaltig, von nie geschauten
Formen, lag es in dem blauschwarzen Teppich, widerstand sogar dem leisen
Schaukeln der Flche und stie zwei riesenhafte Masten in den matten
Silberhimmel. Und jetzt, wehten nicht auch von der diesseitigen Kste
undeutliche Stimmen herauf? In den feuchten Sand hatte sich eine Snyke,
ein groes, weitgebuchtetes Boot, eingebohrt, und Linda, die sich noch
immer an ihren Zweig klammerte, fing auf, wie dort von winzigen
schwarzen Gestalten allerlei Vorrat ber die Planken verladen wurde. Oh,
jetzt wute sie es, dies Besitztum dort unten war ihr eigenes Gut, das
vergewaltigt wurde, ebenso wie es ihr selbst geschehen, und auf dem
Schiff dort hinten thronte ihr Vernichter und spann seine umwlzenden
Plne. Willenlos lie sie die Gerte fahren, strich sich die Haare aus
der Stirn und lehnte sich mit einem tiefen Aufatmen zurck, als wenn sie
auf unbegreifliche Weise einen Arm gefunden htte, der ihr eine Sttze
gewhren msse. Was war ihr denn nur in diesem flchtigen Augenblick
widerfahren? Welch seltsame, berlegene Ruhe strmte in sie ber? Woher
pltzlich diese Wandlung, die ein und dasselbe Wesen so vllig teilte,
da das Jetzt das Vorher nicht mehr begriff? Unwillkrlich beugte Linda
sich herab, um angestrengt zu sphen, ob dort unter ihr nicht doch etwas
verschlungen worden sei, was sie kurz vorher noch im berma seelischer
Zerrttung vor dem Morgen verstecken wollte. Jetzt stieg der rote
Triumphzug herauf, schlug breite Brcken ber das Meer bis zu dem fernen
Schiff, und aus dem Wind rauschte eine aufreizende Stimme. Die sprach:

Was stehst du und frchtest dich? Wandle ber mich fort, denn dort ist
dein Weg.

Entschlossen richtete sich die Verlassene empor, mit einer
Entschiedenheit, die ihr frher niemals eigen gewesen, und sah erstaunt,
fast gierig in den sich weitenden und breitenden Tag. Trotz der roten
Verklrung zeichneten sich Nhe und Ferne in glasheller Klarheit ab; die
blau und rot geschichteten Linien des Horizontes, die schwarze Wlbung
des Schiffes, das steile Ragen seiner Masten, das kurze Schwellen der
schaumlosen Wogen, das Erschauern der Flche unter dem Wind, das schrge
Schieen einer Mwenschar, alles erfllte sich mit Licht und Wahrheit,
es verkndete sich so wirklich und voll Absicht, da die Zeugin jener
Dinge bestrzt und beinahe hungrig diese klare, fernsichtige, hllenlose
Welt an sich zog. So hatte sie es nie geschaut. Und dabei versank ihr
das nchste. Sie selbst entglitt sich. Das, was sie gewesen, war
zertreten. Ob jene Vernichtung berechtigt, schlimm oder gut schien,
darber grbelte sie nicht lnger. Was lag wohl daran, ob ein einzelner
in dieser kmpfenden Welt rein oder besudelt einherging? Ob er heute
Frstenschmuck oder morgen Lumpen trug? Und ob derjenige, der dies alles
gewollt und verschuldet, als ein Elender, Verstoener gebrandmarkt oder
als sieghafter Emprer dafr gefeiert wurde? Was lag an diesem oder
jenem, mochte er noch so frchterlich wten? Aber -- und die Erkenntnis
einer neuen, sie vllig berwltigenden Offenbarung leuchtete in die
fernsten Winkel ihrer wie von Spinnweben sich befreienden Seele -- hilf
Himmel, dort hinten das gewaltige Schiff fhrte ja eine kstliche, noch
nie an die Welt verschenkte Ladung! Linda mute sich wieder an das
Tollkirschengestrpp lehnen, denn ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und
ein sehnschtiges Verlangen berglnzte ihr totenblasses, vernichtetes
Antlitz. Wie war denn das? Das Schiff schwamm ja nicht allein auf den
Wassern, es durchsegelte die Luft und fuhr durch Stdte, Drfer und
Geister, weil es von dem Herzblut der Armen und Verlassenen getragen
wurde. Es war eine Erlserbarke und verschlo den Gedanken eines
Menschengottes, gewoben aus Mitleid und Kraft. Hilf Himmel! Die Erde
mute bald auftauchen aus der Sndflut ewigen Jammers, der Unsegen und
die Ungerechtigkeit vertrieben werden, aus Haerfllten und Mordgierigen
sollten die sanften Triebe wieder aufblhen, die der Ewige im Anfang in
sie gepflanzt, und um alles Lebende sich ein weiches, goldglitzerndes
Band schlingen, das Herz an Herzen schlo.

Wer es auch verkndete, der Wille war berirdisch. Er blendete ihr die
Augen. Diesem Gedanken war sie geopfert worden, als die Angehrige einer
Versippung, die ihn nicht mehr fassen konnte, doch deshalb gehrte sie
auch jenem Gedanken. Er war das einzige Besitztum, das ihr geblieben,
und darum durfte sie nicht untergehen, bevor sie nicht einen Strahl der
Erfllung aufgefangen.

Hilf Himmel! Sie war hingemordet und neu geboren, geschndet und
gleichzeitig getauft in dem lodernden Geist, der dort drauen ber die
Wasser glhte, und mit einem trunkenen Schrei lste sie sich von der
Mauer und taumelte ber die Stufen in den Burghof zurck, das Eigentum
einer fremden, sie unterjochenden Gewalt.

       *       *       *       *       *

In dem leeren Kastell wurden Tren auf- und zugeschlagen, eine
fieberische Hand suchte, ri an sich und fand, und eine kurze Weile
spter sahen die Mnner an dem Boot, da man es gerade tiefer in die Flut
hinabdrckte, wie sich ihnen ein junger, schlanker Bursche in der
schwarzen Dnentracht nherte.

Kuck, zeigte der Bootsmann Wulf Wulflam und schob seinen schweiigen
Stiernacken vor, da kommt einer, ist nicht ausgekniffen! Was mag das
Kindlein wollen?

Auch die anderen Matrosen hielten breitbeinig in ihrer Arbeit inne,
stemmten die Fuste in die Seiten und wunderten sich, woher wohl der
blasse blonde Fant den Mut aufgebracht, sich so zutraulich ihrer Rotte
zu berliefern, die mit Sphern und Kundschaftern nicht gerade viel
Federlesens zu machen pflegte.

Potz Marter, witterten ein paar der ausgepichten Sprnasen. Kuckt,
die Hften und das Beinwerk. Gebt Achtung, da stimmt was nicht.

Und da meckerte auch schon der Bootsmann aus vollem Halse, kniff die
Augen zusammen und legte seinen schweren Arm prfend um die Schulter des
Ankmmlings.

Bist ein Brschlein, Feintrauter? schmunzelte er. Oder ein
Jngferlein? Sag mir's ins Ohr. Was willst du?

Der Bursche wurde noch um einen Grad bleicher, aber er nahm sich
zusammen und zwang seine sanfte Stimme zur Festigkeit, als er erwiderte:

Wenn du ein Mensch bist, so leite mich zu deinem Herrn. Ich will bei
euch bleiben und mit euch ziehen.

Viel Ehre, wahrhaftig. Der untersetzte Kerl vollfhrte eine spahafte
Verneigung, dann zwinkerte er noch unverschmter mit seinen
verschwollenen Augen, winkte jedoch mit beiden Fusten seine hhnenden
Gefhrten zur Ruhe. Halt's Maul, Gesindel. Siehst du nicht, da ein
frnehmer Junker sich zu uns herablt? Eia, welch feines Tuch und welch
ein geschorenes Krgelchen! Er leckte sich die wulstigen Lippen und
schlrfte vor Wonne. Potz Belten, und wie gerade und voll sich die
hbschen Beine runden! Traun', wer mchte sich nicht solch einen holden
Schatz zum Freund wnschen?

Sprend, tapsig lie er die Hand an der Weiche des jungen Dnen
herabgleiten und begriff es wohl selbst kaum, wieso ihn ein
verzweifelter Sto dieser kleinen, kraftlosen Jungenhand so berraschend
zurckschleuderte. Aber whrend der Ungeschickte unter dem schadenfrohen
Gewieher seiner Gesellen bis an den Bordrand stolperte, wo er endlich
einen Halt fand, wirkte der versteinerte Ernst in den Zgen des Knaben
doch so wunderlich auf den Seemann ein, da er mrrisch von seinen
unangebrachten Scherzen ablie.

Weit du auch, Milchbart, brummte er warnend, wobei sein Blick noch
einmal die weichen Formen des Fremden betastete, was geschieht, wenn du
keine Gnade bei uns findest? Dann wirst du kopfber ins Meer gestrzt.
Denn nur die Stummen halten reinen Mund.

Das schreckt mich nicht, entgegnete der Dne mit einer seltsam bangen
Stimme. Ich habe keinen Namen, keine Heimat und keine Ehre.

Der Bootsmann fuhr auf, um ihn herum waren die Leute still geworden.

Steig ein, murmelte er nachdenklich, dann gehrst du vielleicht zu
uns. Solchen Burschen haben wir schon geholfen. Hilfreich bot er dem
Knaben die Hand, wenige Augenblicke spter knirschte das Boot in die
Fluten hinaus, hinter seinem Kiel schrumpfte die menschenleere Kste,
und nur das ausgeplnderte Kastell hob sich schrfer ber die Gegend,
als wenn es aus seiner Starrheit erwache, um ein rchendes Leben zu
gewinnen.

       *       *       *       *       *

Unter dem mchtigen Kriegsaufbau am Heck stiegen sie eine breite Treppe
hinunter. Dann hob sich ihnen eine eisenbeschlagene Tr entgegen, und
davor stand ein brtiger Matrose, den Spie aufgerichtet, die Linke auf
ein kurzes Schwert gesttzt. Er hielt die Wacht.

La das Brschlein ein, Tielo, vermittelte der Bootsmann, der hier
zgerte. Mich dnkt, Claus kennt es schon, wollte er zweideutig
hinzusetzen, aber von einem dieser erdenfernen, unglcklichen Blicke
getroffen, verbesserte er sich und polterte ungeduldig heraus: La es
ein. Es wird Claus Spa machen. Geh, Brschlein.

Vorsichtig ffnete er die Flgel nach innen, der Tag schwand zurck, und
eine bluliche Dmmerung empfing die Eintretende in dem tiefen,
langgestreckten Raum. Beruhigtes, sattes Morgenlicht flo durch zwei
kreisrunde Lcher, deren Bretterverschlge zurckgezogen waren, und die
blaue Abspiegelung der See verlieh dem teppichbelegten, frstlich
geschmckten Saal etwas Khles und Frstelndes. Aber es war nicht diese
Wahrnehmung allein, die dem blonden Weibe in Knabentracht, das doch von
ihrem Dmon unerbittlich hierher getrieben worden war, das Herz
erstarren lie, nein, als es nicht weit von sich, dicht unter der einen
Fensterffnung, einen berlebensgroen Mann auf seinem Ruhebett lagern
sah, den Frevler, der es hartherzig zertrmmert hatte, da bumte sich
sein besudeltes Magdtum in seiner ganzen Qual und Zerrissenheit auf,
Leichenblsse bedeckte es, und wie ein schwerer Stein brach es in die
Knie, um starr und sprachlos liegen zu bleiben. Im selben Augenblick
wurde jedoch auch der Ruhende durch den dumpfen Fall aufgeschreckt.
Unwillig ber die Strung wandte er seine Aufmerksamkeit von einer in
rohen Strichen gezeichneten Seekarte ab, die ihm gegenber an der Wand
angebracht war. Aber kaum hatte er sich halb emporgerichtet, da krampfte
er in jhem Erkennen eines der Kissen zusammen und eine hitzige Welle
spritzte ihm ins Antlitz. Das Bild des knienden Wesens offenbarte sich
ihm so berraschend und unglaubwrdig, es warf ihm seinen eigenen Frevel
so wild ins Antlitz, da er zuvrderst seine herrische Sicherheit
einbte, und ein widerspruchsvoller Grimm gegen die Mahnerin seine
Brauen zusammenschnrte.

Was willst du? drohte er in ersticktem Zorn. Wer lie dich ein?

Keine Gte verkndete sich in den heftig hervorgestoenen Worten, nicht
ein Schatten von Reue, nur der verletzte bermut eines jede
Verantwortung Verschmhenden tobte sich hier aus. Aber gerade diese
helle, schneidende Stimme ri Linda aus ihrer demtigen Stellung empor.
Wie ein Pfeil fuhr es ihr durch den Sinn, da der Mann auf dem Lager ein
bedenkenloser beltter sei, da er nichts Heiliges an sich trage als
seinen fremdartigen, erlsenden, umwlzenden Gedanken, und da auch
dieser nur durch ein unerklrliches Wunder gerade in seine kalte,
spiegelglatte Schale verschwendet sei. Und fieberisch getrieben, sich
wenigstens das letzte zu retten, was ihr noch von Hoffnung, Himmel und
Jenseits briggeblieben, sich nicht ausschlieen zu lassen von jener
Gnadenfreistatt, die hier allen armen Seelen gepredigt wurde, erhob sie
sich und trat dem Gefrchteten stockenden Schrittes entgegen. Ihre
blauen Augen drngten sich suchend, flehend, jeden Widerspruch von
vornherein fortstreichelnd, in die seinen.

Du hast mir alles genommen, Claus Strtebecker, selbst den Winkel, wo
ich mich verbergen kann, sagte sie mit einem unausweichlichen, bebenden
Ernst, von dem sogar ihr Zuhrer gebndigt wurde. Du hast mich gettet,
obwohl ich dir nichts bles sann, da ich dich zuvor kaum zweimal
geschaut. Aber sieh, das, was besser ist als du, dein Werk, diese letzte
Zuflucht der Gemihandelten und Niedergebrochenen, sie kannst du auch
mir nicht verschlieen. Der Heiland spricht nicht mehr zu mir. Aber in
deiner Hand leuchtet ein Licht, das mich beseligt. La mich dir dienen,
Claus Strtebecker, la mich dir dienen, damit ich den Tag schaue, wo du
das Licht zu den Unglcklichen trgst. Denn dies ist der Tag der
Auferstehung.

In ihrer Stimme demtigte sich die ganze Zerbrochenheit eines jmmerlich
zugerichteten Wesens, aber zugleich griffen aus jedem Wort zwei flehende
Hnde in letzter Angst nach einem schwanken Lichtstrahl, als ob er
zwischen ihren Fingern zu einem rettenden Seil werden knnte. Der Mann
jedoch, ihr Verderber und Zerstrer, von dem ihre hingenommenen,
betubten Augen meinten, da ihm das weisende Licht in der Rechten
flackere, er sprang finster auf, und whrend er ungehalten das Haupt
schttelte, da stritten sich in ihm niederdrckende Verlegenheit mit der
peinlichen Abneigung, seinem lebendig gewordenen Frevel Rede und Antwort
stehen zu mssen. Dergleichen war der selbstherrliche Genieer nicht
gewohnt. Alle Weiber waren doch nur dazu geschaffen, damit sie auf
weichen Kissen der darbenden Lust Genge tten. Was verschlug es, ob sie
unter geschwungenen Weihrauchfssern hingenommen wurden, im Taumel des
Weines oder einer berrauschenden Siegerlaune? Nein, nein, den
unbequemen Vorwurf wollte er nicht an seiner Seite dulden.

Weib, klang es scharf und hitzig von seinen Lippen. Du trumst. -- Das
Freibeuterschiff ist kein Platz fr Frauentrnen. Hier fliet Blut.
Nicht zum Scherz nennen wir uns 'aller Welt Feind'.

Allein Linda senkte nicht ihren ernsten Blick.

Ich wei, entgegnete sie ohne Zaudern, du bist ein Feind der
verdorbenen Welt. Jedoch, Claus Strtebecker, auch ich habe meine alte
Welt abgestreift. Und du darfst es mir glauben, ich will nicht ruhen
noch rasten, bis ich, gleich euch Mnnern, nur noch das Flammenzeichen
vor mir schaue, auf das ihr zufahrt.

Weib, Weib, unterbrach hier der Admiral mahnend und unglubig, und
doch geschah es nur, um zu verbergen, wie sehr er von der sehnschtigen
Hingabe dieses fremden Geschpfes getroffen wurde. Unruhig durchma er
den weiten Raum, bis er pltzlich hart vor dem dnischen Knaben stehn
blieb. In seinem schmalen Antlitz zuckte jene wilde Entschlossenheit,
die stets seine Zge spannte, wenn es zu Streit und Kampf ging. Weib,
drohte er sonder Rcksicht noch Scham. Was verstecken wir uns
voreinander? Dir ist bel von mir mitgespielt worden. Und ich wei nicht
einmal, was mich dazu trieb. Ob nur der Weindunst oder die Freude daran,
deiner Patronin einen Streich zu versetzen. Aber jetzt tusche dich
nicht. In mir gibt es keine Bereitwilligkeit, das Begangene wieder
gutzumachen.

Totenbla warf der Knabe die Hand vor, allein seine Finger wurden von
dem Seemann ergriffen und beiseite gepret.

Mein Leben wird kurz sein, hastete er weiter, und ich will es mir
nicht durch deinesgleichen mindern lassen. Zahlreich schlpft ihr durch
meine Hnde, was seid ihr mir?

Aufgebracht, erzrnt stand der Hochgewachsene vor ihr, als sei er es,
der grimme und berechtigte Vorwrfe ber die Zudringliche ausschtten
drfe, weil eine Fremde sich unterfinge, sein Dasein zu beladen oder dem
Ungebundenen eine Richtung weisen zu wollen. Dazu hielt er noch immer
die Hand des Knaben in der seinen und umspannte sie, da die Blonde
einen leisen Wehruf nicht unterdrcken konnte. Und doch, die verletzende
Offenheit des wilden Menschen, die das klgliche Schicksal einer
Vernichteten erst in seiner ganzen kargen Armut enthllte, gerade diese
schonungslose Roheit, sie lie die Edelingstochter einen Rest ihres
alten angeborenen Stolzes wiederfinden, das Bewutsein ihrer geraden,
rechtlichen Art.

Was sprichst du von anderen Weibern? beharrte sie fest. Begreifst du
nicht, da du mich fr immer hinweggelscht hast? Sei gewi, niemals
werde ich dich an mein Wesen erinnern, aber auch nicht dulden, wenn es
im Gedchtnis anderer wieder auflebt. Zudem in der Stunde der Gefahr
bietet das weite Meer ringsum fr jeden Mutigen eine Freistatt.

Ruhig entzog sie dem Admiral ihre Hand und lftete die Kappe von ihrem
Haupt. Und jetzt bemerkte der Erstaunte erst, wie ihre Haare kurz
abgeschnitten waren, gleich denen eines Knaben. Kopfschttelnd, mit
einem halben Lcheln ber die Zhigkeit ihres Willens trat der
Strtebecker zurck. Sein Gast aber sprach mit unvermindertem Nachdruck
weiter:

Darum, noch einmal, Claus Strtebecker, dulde mich. Denn mir ist es,
als ob mein Leben erst enden knnte, nachdem ich das Glck der vielen
Tausende geschaut habe, um derentwillen du geboren bist.

Es lag ein solcher fernseherischer Glaube in dieser Bitte, da er jedem
anderen an die Seele gerhrt htte. -- Claus Strtebecker indessen
begann pltzlich zu lachen, streckte sich auf das Lager, und indem er
bequem das Haupt aufsttzte, warf er hin:

Sage mir, wie heit du, Bblein?

Obwohl sie alle Kraft aufbot, errtete doch die Gefragte.

Linda, entgegnete sie, an sich herabschauend.

Gut, lobte der Admiral und betrachtete neugierig die ranke Gestalt,
so will ich dich Licinius taufen. Und auf ihren verstndnislosen
Ausdruck setzte er angeregt hinzu: Merke dir, dein neuer Schutzpatron
war im alten Rom einer von jenen, denen weder Suppe noch Braten
schmecken wollte, solange die Hungrigen in ihren Pesthhlen verfaulte
Tiberfische fressen muten. In dir sitzt von dem Mann etwas, das ich
gern habe. Und nun suche dir hier ein Loch zur Behausung. Was schiert es
mich? Es waren schon viele Weiber auf dem Schiff. Du magst bleiben,
solange deine Grille zirpt oder es dir sonst Spa bereitet. -- Geh,
Licinius.


  Ende des ersten Bandes.



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Claus Strtebecker

Zweiter Band




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Das dritte Buch

[Illustration]


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I.


Von ihrem roten Gefieder getragen, glitt die Agile durch Tag und
Nacht. Geschmeidig, zuverlssig, wie ein nimmermder Lufer rannte das
Schiff ber die blaue Ebene, und sein Erbauer mute einen eigenen Zauber
in den Kiel gesenkt haben, denn es war befhigt, durch eine unscheinbare
Schwenkung mhelos den Zusammenrottungen grerer Flotteneinheiten zu
entgehen, wie sie sich jetzt auffllig oft auf der Ostersee zu zeigen
begannen. ber die Wasser mute bereits das Gercht von der Untat auf
Ingerlyst schwirren. Mehrfach am Tage wurde die Kogge von allerlei
Schiffsgemeinschaften angerufen. Dann bemerkte Linda, die in ihrer
schwarzen Knabengewandung hinter dem hohen Bord lehnte, um in das ihr
unbekannte Fluten und Schwellen des Seeverkehrs zu starren, wie unter
die Freibeuter eine wilde Bewegung geriet. Dunkle Haufen rotteten sich
auf den Kriegsaufbauten ber dem Bug oder hinten ber Steuerbord
zusammen, verborgen spannten sich die Armbrste, die Geschtzbedienung
trat unten im Raum hinter die drei Lederschlangen, und whrend
unheimliche Ruhe herrschte, kletterte gewhnlich der Bootsmann Wulf
Wulflam in den mannshohen Mastkorb, um von dort faustdicke Lgen auf die
Wibegierigen hinabzuschleudern. Bald nannte er sein Schiff Roi de
France, bald Die Perle von Brgge, und die Flaggen, die er aus
Leibeskrften schwenkte, nahmen ebenso phantastische Farben an wie seine
Ausknfte ber Ziel und Ladung des Seglers. Rckten darauf die fremden
Schiffer mitrauisch und unbefriedigt nher, dann fing mit einemmal die
Erfindung des Strtebecker an zu spielen. Eine Hebevorrichtung trug die
Lederschlangen mitsamt den Bombardierern auf den Aufbau ber dem Bug,
und der Donnergru aus den drei Mulern vertrieb den Neugierigen weitere
Fragen. Um Linda herum aber gellte der hllische Triumph der Freibeuter.
Bei solcherlei unbedeutenden Scharmtzeln pflegte sich der Admiral fast
niemals zu zeigen. So oft der Blick des Knaben ihn suchte, immer mute
er sich berzeugen, da der Befehlshaber den Seinen unsichtbar das
stolze Fahrzeug lenkte. Fremd und hochmtig vermied er die Gemeinschaft
mit dem Seevolk, und Linda entdeckte, da dieser Schwarzflaggenfrst
einen Wall um sich gezogen hatte, ber den keiner seiner Untergebenen
hinberzuschauen wagte. Dafr raunten sie sich ber ihn allerlei
geheimnisvolle Geschichten ins Ohr. Der Aberglaube der Schiffer spann
bereits bunte Fden um den Lebenden. Da er eine Hexensalbe besitze, die
ihn schusicher mache, das brauchte nicht einmal der halbwchsige
Schiffsjunge zu versichern. Viele hatten sie selbst gesehen. Bei
Mondenwechsel bestrich sich der Herr mit ihr den nackten Leib. Und dann
wurde er wieder jung und schn, der scharfe Zug um seinen herrischen
Mund verschwand, und in sein Lachen fuhr jener silberne Klang, der die
Herzen betrte. Ferner -- ihr wit es wohl -- sieben Hhlen eignen ihm
in aller Herren Lnder. Von unten bis oben vollgestopft mit den
herrlichsten Kostbarkeiten. Er ist der reichste Mann der Erde. Hat er
doch einmal gewettet, er knne die Ostersee durch eine goldene Kette in
zwei gleiche Teile scheiden! Aber was bedeuten solche Nebendinge? Die
Hauptsache bleibt, der wilde Claus steht in Beziehungen zur Geisterwelt.
Er hat einen Pakt. Und das ist gut fr die Schwarzflaggen, darauf bauen
sie. Ein graues Mnnchen, ein Rauch, fhrt manchmal zu Claus herab; dann
verschliet sich der Admiral einen Tag und eine Nacht in seine Kajte,
selbst der wachthabende Matrose mu abziehen, und mit Grauen hrt man
zuweilen auf dem Verdeck, wie der Strtebecker sthnt und chzt, weil er
mit dem Kobold ringt, um ihm die Zukunft zu entlocken. Erscheint der
Anfhrer am nchsten Morgen wieder auf Deck, so sieht er totenbla aus,
die schwarzen Augen stehen ihm wie zwei glanzlose Brunnen, denn in ihnen
hat sich die Zukunft gespiegelt, und sie knnen sich an das Licht der
Erde nicht so schnell gewhnen. Angstvoll stiebt in solcher Stunde das
Schiffsvolk vor dem Gezeichneten auseinander, ein weiter Umkreis bildet
sich um ihn, und wen er anruft, der zittert und bekreuzigt sich
heimlich. Nur das Hechtkreuz, das man auf der bloen Brust trgt,
schtzt vor dem leeren, erfrorenen Blick. Wer kann aber auch wissen, mit
wem der Geisterbanner die Nacht verbrachte? Es braucht durchaus kein
ehrlicher Christenalp zu sein. Vielleicht war's der Teufel Odin, der ja
gleichfalls um die Zukunft wei und noch lange nicht tot ist. Brand und
Not, das Christentum gilt nicht immer!

       *       *       *       *       *

Es traf sich, da sich der forschende Blick Lindas in solcher Stunde der
Einsamkeit mit dem des Anfhrers verfing. Aufgerichtet lehnte der
Strtebecker am Hauptmast, flatternd wehten ihm die braunen Haare um die
Stirn, aber whrend seine sonst so blitzenden Augen wie geblendet mit
der Weite stritten, da dmmerte eine derartige Blsse auf seinen Wangen,
da das Mdchen, von einem pltzlichen Mitleid erfat, auf ihn zutrat.
Sie wagte, was noch kein anderer sich unterfangen.

Bist du krank? fragte sie hastig.

Es war das erste Wort, das sie nach jenem Zusammentreffen in der Kajte
mit ihm gewechselt. Allein ihre Barmherzigkeit fand keine gnstige
Sttte. Wie von einem Stich getroffen fuhr der Admiral empor, und ein
abgeneigter, widerwilliger Zug grub sich um seinen Mund, da er sie
kaltherzig von sich wies.

Torheit, herrschte er sie an, um was kmmerst du dich? Wir brauchen
hier keine Quacksalber. Scher dich an deine Stricknadeln.

Dazu streifte sie ein Blick voller Fremdheit und Geringschtzung, der
ihr bewies, wie berflssig ihre Gegenwart von dem Befehlshaber noch
immer gewertet wurde. Eine Last, ein Vorwurf blieb sie ihm, deren
erzwungene Duldung er sich wohl selbst nicht verzieh. Und doch war
Licin, wie der Knabe allmhlich auch seitens der Mannschaft genannt
wurde, von dem schmunzelnden Schiffsvolk dazu ausersehen, fr die
persnlichen Bedrfnisse des Admirals zu sorgen. Ohne da es der
Strtebecker sonderlich bemerkte, wurde sein frstlicher Hausrat von
ihrem geflligen Geschmack in Ordnung gehalten, ja, gleich einem
Edelknaben trug sie dem Gebieter tglich sein Mahl auf. Dafr lohnte ihr
wohl manchmal ein lssiger Wink, doch duldete Claus ihre Gesellschaft
nie lnger, als ihr Dienst unbedingt erforderte. Schweigend, gestrt sah
er den schlanken Knaben bei sich eintreten, und es geschah fast immer,
da er ihm mitten im Werk ein ungeduldiges Zeichen gab, sich
zurckzuziehen.

So flog die Agile, von dem Willen ihres verborgenen Lenkers
angetrieben, ihrem Ziel entgegen, und schon begann die Mannschaft zu
munkeln, da der Admiral die Stadt Wisby auf Gotland zum Ankerplatz
bestimmt habe, jenes ehemalige weltbekannte Handelsemporium, das die
Freibeuter seit geraumer Zeit durch einen Handstreich in ihre Gewalt
gebracht. Dort, so versicherten einige besonders Kundige, sollte sich
etwas ganz Ungewhnliches ereignen. Doch worin diese berraschung
bestehen knnte, darber gingen die Meinungen weit auseinander;
vielleicht handelte es sich um erneute Feindseligkeit gegen die Flotte
der Knigin, vielleicht winkte der unglcklichen Stadt abermalige
Brandschatzung, denn der Admiral besa keinen Vertrauten fr seine
Plne.

Allein, bevor das Schiff noch seine Anker im sicheren Hafen barg, da
sollte Linda begreifen lernen, welch blutigem Handwerk sie das Glck
kommender Geschlechter anvertraut whnte. Eines Nachts lag sie in ihrem
Verschlag unter dem Steuerbordaufbau, den man ihr als besonders luftig
angewiesen, und ein wilder Traum hatte seine haarigen Arme um ihre
Hften geschlagen. An die Schiffswand pltscherten dazu die Wogen, wie
ferner Gesang.

Da wurde heftig an die Bretter des Verschlages gehmmert, und als sie
angstvoll und noch in halber Betubung auffuhr, da hrte sie die rauhe
Stimme ihres Nachbarn Wulf Wulflam durch die Ritzen hindurch, sie solle
sich ankleiden, es sei nicht geheuer! Schon gellten in ihre sich mhsam
zurechtfindenden Gedanken von allen Seiten schrille Pfeifentriller
hinein. Ehe sie in ihrem Taumel die Gewandung aufstreifen konnte, merkte
die Betroffene bereits, wie sich von Minute zu Minute der Lauf der
Agile verminderte, und ber ihrem Haupte vernahm sie die dumpfen
Tritte vieler Mnner. Notdrftig bekleidet entstrzte sie ihrer Kammer.
ber der See graute gerade der Morgen. Ein ungeheurer, bleierner
Schatten lag dem Admiralsschiff dicht zur Seite, unbeweglich aufgebaut,
als ob das eigene Spiegelbild des Seglers aus den Wassern aufgetaucht
sei. Auch von dort drben quirlte und rasselte es, und an den
nebelhaften Masten kletterten dunkle Punkte empor, fr den hinstarrenden
Knaben riesenhafte Spinnen, die dicke Stricke zu einem unheimlichen Netz
verknpften. Woher aber drang diese markerschtternde, bermenschliche
Stimme durch die Lfte? Der unter die Freibeuter Verschlagene hatte
noch nie die Laute einer Sprachdrommete aus nchster Nhe aufgefangen,
jetzt glaubte seine zitternde Seele, nur aus der Brust eines
menschlichen Ungeheuers knnten solche schreckhaft verstrkten Tne
ausgestoen werden. Und doch, durchdringend verstndlich klang es, was
die geisterhafte Stimme durch den Seequalm drhnte, und obwohl jede
einzelne Silbe gleich einem Schlag gegen das Ohr des Knaben hmmerte, so
verstand er doch recht gut, wie von dort drben in franzsischer Sprache
gefordert wurde, der verdchtige Segler mge sofort beilegen, um sich
einer Untersuchung seitens des Le Connetable zu fgen.

Hier nahte ein Unheil, das empfand Linda an dem unbeherrschten Beben
ihrer Glieder, Untergang und Henkerschande schttelten bereits ihre
Hupter, und trotzdem starrte sie in fieberhafter Spannung auf den
gewaltigen Schatten, der immer wuchtiger die Morgennebel zerteilte. Um
sie herum regte sich nichts, alles stand gebannt auf Posten, kaum ein
Flstern schlich unter der Mannschaft der Agile umher.

Da -- mitten aus der gepreten Stille schwang sich pltzlich jene
Stahlstimme empor, die allen wie ein glhender Trunk durch die Adern
schnitt, und sofort erleichterte ein einziges Aufatmen die Brust des
bedrohten Schiffes. Da -- dort -- der Admiral -- Claus -- der
Strtebecker lehnte am Hauptmast seines Fahrzeuges, und als ihn seine
Gesellen gewahrten, den einzelnen Mann, das feine Linnenhemd offen ber
der nackten Brust, die derben ledernen Schifferhosen eng um die Knchel
geschnrt, den langen Hieber aber in den verschrnkten Armen, da
vergaen sie die noch eben gebte Vorsicht, und ein toller Jubelruf
brauste in den khlen Wind, der spttisch mit den Locken ihres Fhrers
zauste.

Der Strtebecker ergriff ein Sprachrohr.

Connetable heit du? rief er gleichfalls durch das Mundstck. _Mort
de Dieu_, seit wann kriechen die Seidenwrmer von Lyon in unsere Tpfe?
Hat Charles, euer geistesverwirrter Knig[*] Leibweh bekommen, da er
meint, die Schiffe der Ostersee stnden ihm offen wie sein Nachtstuhl?

  [*] Karl VI. von Frankreich.

Darauf von drben:

Klrt eure Ladung. Zeigt die Briefe eurer Patrone.

Darauf der Strtebecker:

Knurrt's euch im Magen, ha, ha, dann fret den Mrtel eurer Bastille.
Drstet euch aber, so leckt den Panzerschuh eurer Peiniger. Erbrmlich,
geknechtet Volk, wie mat du dir Richterspruch an ber windfreie Leute?

Darauf von drben: Wir haben Kriegsgert. Nenn' deinen Namen, Mensch,
sonst hngst du in Frist eines Atemzuges mitsamt deiner Mannschaft.

Darauf der Strtebecker mit einem gellenden Lachen:

Meines Namens lstet euch? _Cachez vous sous les lits de vos
bien-aimes._[*] Seidene Hschen, ihr werdet schmutzig werden, wenn ihr
meinen Namen hrt. Es liegt etwas drin, um den Durchfall zu kriegen.

  [*] Schert euch unter die Betten eurer Liebsten!

Bist du etwa der Strtebecker?

Noch war die Frage nicht verhallt, da brach die Mannschaft der Agile
in ein trotziges Kampfgeschrei aus, denn schon der Name ihres Helden
trieb ihr das Blut ungestmer durch die Adern. Zugleich aber sah Linda,
die vor Erregung ihrer selbst nicht mehr mchtig war, wie die
berlebensgroe Gestalt des Admirals, jede Vorsicht vergessend, auf den
Bugaufbau hinaufflog, um dort, scharf gerndert von dem ersten
Morgenrot, seinen Hieber gegen die fremde Kogge zu schwingen. Eine
solche Gewalt ging von dem halbnackten Menschen aus, da auf beiden
Seiten sofort eine erzwungene Stille eintrat.

Franzosen, schmetterte die helle Stimme, ja, der Strtebecker spricht
zu euch. Meine Flagge ist schwarz, weil ich um das Leid der geknebelten
Erdvlker traure. Was seid ihr anderes als wir -- zertretene Halme unter
dem Eisenschuh eurer Unterdrcker!? Die Ebenen zwischen Loire und Somme
-- wir wissen es wohl -- liegen verdet, eure Stdte wurden durch Hunger
und Pest entvlkert, eure Bauern leben als Ruber in den Wldern, damit
die Seidenwmser behaglich in eurem Schwei baden knnen! Sperrt eure
Augen auf und seht mich an. Ich bin gekommen, um den Fluch der
Vlkertrennung fortzuwischen. Wenn ihr Mitleid empfindet mit euren
Kindern und Enkeln, oh, dann kommt zu mir, ihr armen, blutig
geschundenen Tiere, kommt zu den gleich Elenden, auf da wir zusammen
das Reich der Gotteskinder begrnden. Brder, denn das sind alle
Gemihandelten und Geplagten, zerbrecht die gepinselten Lgen eurer
Schlagbume, das menschliche Herz kennt keine Grenzen, und wenn ihr mich
liebt, wie ich euch, frisch, dann bindet eure Patrone an die Masten und
folgt mir nach Wisby. Dort, mgt ihr wissen, dort sollen die Ngel der
Armen aus der Erde scharren, was man euch jahrtausendelang begrub
-- Gerechtigkeit.

Es war wieder, als ob der Mensch dort oben vllig allein Zwiesprache
hielt mit der Sonne oder dem Meere. So herausgehoben ragte er in das
Grenzenlose hinauf. Hunderte von Augen hoben sich ihm inbrnstig
entgegen. Hunderte von Herzen schlugen unwillkrlich heier, obwohl ihr
enger, unbelehrter Verstand diesen vorausgeeilten Geist nicht begriff.
Nur vor dem blonden Dnenknaben zerflo die Gefahr, ja die Planken des
Schiffes schwanden ihm unter den Fen, denn er allein nahm wahr, wie
die riesige Gestalt dort oben in die Glorie des Morgens hinaufwuchs, er
allein ahnte etwas von der glhenden Aufrichtigkeit der Verkndung, und
ein ungeheures Glcksgefhl berwltigte die ergriffene Seele und trug
sie verbrdert bis zu den Fen dieses Sehers. Was machte es, da sich
vielleicht bald Untergang und Tod auf den Wogen heranwlzten, was galt
noch ihre eigene Schmach und Verelendung, seit sie die Gewiheit erlangt
hatte, da sie in die Gefolgschaft eines Schicksalgesandten aufgenommen
sei, ber dem sich jetzt schon das Tor der Zukunft in Firmamenthhe
wlbte? Der dort oben war aus dem Geschlecht des entschwundenen
Christus, aber statt des Hirtenstabes schwang er ein Schwert, in dem die
Strahlen der Morgensonne vielfarbig widerblitzten.

Ein hartes Gerusch knarrte in die Schwrmerei der Hingerissenen hinein.
Eine Bordschwelle des Connetable war pltzlich zurckgeschoben worden,
und zwischen den Mulern von zwei riesigen Eisenschlangen zeigte sich
die zierliche Gestalt des franzsischen Kapitns. Ein vornehm
gekleideter Herr war es, mit einem schwarzen Spitzbart, und der Fremde
rief scharf und abgehackt herber:

Hr auf mit deinem Gewsch, deutscher Dieb und Galgenvogel. Wir kennen
das verlogene Gefasel, durch das du deine Bberei bemnteln mchtest.
Nur noch eines, bevor wir dich henken. Der Knigin Margareta erhabene
Majestt hat 50 Goldglden auf dein vogelfreies Haupt gesetzt. Du weit
warum, Mdchenruber. Und deshalb magst du entschuldigen, warum ich,
obgleich ein Edler von Armagnac, mich so weit erniedere, das Kopfgeld an
dir verdienen zu wollen.

Zwei dstere Glimmkfer krochen whrend der letzten Worte auf die
Schlangen, im nchsten Augenblick brach Feuerodem aus ihren Rachen,
zwei unfrmige Steinkugeln donnerten auf das Deck der Agile, rissen
den jenseitigen Bord in Stcke, und auf der weit auseinandergefegten
Gasse wlzten sich eine Anzahl zerrissener Leiber. Blut spritzte um den
Mast, dann ein Sto, die Rippen des verwundeten Schiffes sthnten, ein
Schwarm von Flugbolzen zischte unter die schreienden Freibeuter, und
ber die Enterbrcken strzte es heran, ein Gewoge wtender, verzerrter
Gesichter, ein Busch gebeugter Spiee streckte sich wie unter
niedermhendem Wind, und zwischen den Hmmern der blutigen Walkmhle
stieg der widerliche Ruch des Mordes gen Himmel.

Wo sich Linda befand, das wute sie von jetzt an nicht mehr. Mitten in
dem wsten Gedrnge wurde sie vorwrts geschoben, ein Schlag traf ihre
Brust, krampfhaft gekrmmte Finger krallten sich im Fallen in ihre
Locken, Gekreisch und Gebrll lhmten ihr Gehr, nur eines vermochten
ihre entgeisterten Sinne festzuhalten, das goldige Schwertgeflimmer auf
dem Bugaufbau. Merkwrdig, dort oben lachte etwas, ein frchterliches,
brennendes Gelchter, das die Nchternsten umwerfen und toll machen
konnte. Ein regelmiger Blitzkreis trug sich dort langsam vor, und in
jenen sprhenden Reifen wurde alles eingesogen, Freund und Feind, als ob
trunkenen Motten befohlen wre, sich in jenen Feuerstrudel zu strzen.

Noch ein paar taumelnde Schritte, immer nher, immer berzeugter und
verwegener tnte das seltsame Lachen, dann ein gelles Aufkreischen der
Angst, wie es Tiere vor dem Schlachten ausstoen, und scharf von einem
Messer zerschnitten, sprang der Faden des Bewutseins in dem gepeinigten
Mdchenhirn auseinander.

       *       *       *       *       *

Wurde ihre Wange gestreichelt? Oder zupfte man wirklich an ihren Haaren?
Deutlicher sprte sie freilich, da jemand an ihrem Brustlatz rttelte,
aber schlielich war es doch wieder das gleiche, unerklrliche Lachen,
durch das sie pltzlich und wie mit heftigem Griff in bekannte Rume
zurckgerissen wurde. Verwundert schlug Linda die Augen auf. Ringsum
ungetrbte Ruhe, bluliche und goldene Lichtrinnen wallten langsam ber
die Teppiche, und ber sie, die schwach auf einem Schemel an der
Kajtenwand lehnte, beugte sich der riesenhafte Gebieter. Gerade zauste
er wieder an ihren Locken, aber es war nicht bse gemeint, denn als er
merkte, da sich das Blau in ihren Augen belebte, klopfte er dem Knaben
lebhaft auf die Schulter.

Gott zum Gru, junger Kriegsheld, tnte es der Erwachenden hell in die
Ohren. Nun, was treibst du, Licinius? Hast du genug, mein Bbchen?
Schnell, dir widerfhrt gro Heil. Blinzele durch den Ausguck. Eben
packen wir die berlebenden vom Connetable in ein paar Snyken und
schicken sie deiner Knigin als Morgengru ans Bett. Ha, ha, die Dame
wei, wie man solch flinke Gesellen verwendet. Darum hurtig, besinn dich
nicht lange, spring zu ihnen. Und morgen hast du bei Honigseim und
Wrzkuchen all den blutigen Graus vergessen! Nimm Rat an, Kleiner, ich
meine es ehrlich.

Hastig streckte der Admiral den Arm nach der Treppe aus, er schien den
Abschied sogleich ohne Rhrung noch Zeitverlust zu erwarten. Der Knabe
jedoch erhob sich auf zitternde Fe und starrte dem Befehlshaber mit
kaum verhehltem Entsetzen ins Antlitz. Das war nicht mehr das
edelgebildete Gesicht, das er kannte. Blut flo dem Strtebecker
stromweise ber die Stirn und verwandelte die stolzen Zge in eine rote
Maske. Ein Rinnsal sickerte auch ber die gelftete Brust des Mannes,
und unter dem Linnen des linken Armes quoll es unaufhaltsam hervor und
zog in klebrigen Streifen ber die Schifferhose.

Da wurde Linda von einer unnennbaren Furcht ergriffen.

Es kostet dich das Leben, schrie sie schrill und in jher Verzweiflung
auf.

Ja, ja, das war's, das Leben dieses Menschen konnte vorzeitig enden.
Aber es mute ja erst unvergngliche Wurzeln strecken, es mute hher,
weit hher wie andere Bume emporschieen, um durch Einengung und
Schatten hindurch tausend grne Bltter zum Himmel zu tragen. Auch ihr
Leben zitterte an seinem Stamm als solch ein schwirrendes Blatt und
bebte jetzt vor Angst, herabgerissen zu werden.

Es kostet dich das Leben.

Der Strtebecker schnrte unwillig die Augenbrauen zusammen, die
leidenschaftliche Anteilnahme behagte ihm nicht, sie erinnerte ihn an
etwas, das er bereits vergessen glaubte.

Torheit, entzog er sich ihrer tastenden Hand. Was soll das Geplrr
ber den lumpigen Aderla? Aber von dir, Licinius, heische ich Antwort.
Willst du mit den Franzosen hinber oder nicht?

Der Knabe antwortete nicht. Er schttelte nur bestimmt das Haupt.

Allein in dieser Bewegung bekundete sich eine Entschlossenheit, die nur
durch den Tod zu brechen war.

Dann bleib, zum Teufel, schrie der Strtebecker ingrimmig und
enttuscht. Das Haupt zurckgeworfen, die blutende Linke in die Weiche
gestemmt, wie es sonst seine Gewohnheit war, durchma der Verwundete
heftig den langen Raum. In seinen Bewegungen fieberte wieder einmal
etwas Fegendes, Zerstrungslustiges, und sein Jhzorn strmte vollends
zur Hhe, als er jetzt ohne rechte Absicht einen der bunten
Laternenpfhle des Tisches umklammerte; klirrend brach eines der
kunstreichen Glser aus seiner Fassung, und whrend es auf der
Tischplatte zersplitterte, wich Claus verwundert zurck, bis er endlich
in ein beschmtes Lachen ausbrach. Das Ungezgelte, Knabenhafte seiner
Natur verlie ihn nicht bis an sein Ende. Doch seine Wildheit hatte sich
immerhin entladen, und so trat er wieder etwas gemigter vor den Knaben
auf dem Schemel hin, um abermals seine Rechte auf die Schulter des
Sitzenden zu betten. Dann sag mir wenigstens, du halsstarrige Krte,
fuhr er ihn an, sag es mir, damit ich es mir endlich merke, was suchst
du eigentlich hier? Hab' ich doch nimmer gehrt, da es den
Schnrleibern Spa bereitet, Blut zu riechen. Oder lstet es dich
vielleicht nur, mich hngen zu sehen? Er prete die weiche
Frauenschulter etwas strker. Dann la dir bedeuten, Junker, der
Leichnam des Prahlers, der dir das vorhin versprach, er fhrt eben mit
zwei Steinen beladen zur Tiefe. Auf dieses Fest wirst du bis zum
nchstenmal harren mssen.

La mich auf etwas anderes warten, sprach Linda still und erschpft.
Ergeben faltete sie die Hnde im Scho, und ihre blauen Augen fllten
sich wieder mit innigster Glubigkeit. Es war jener hingenommene,
bedingungslose Ausdruck, der den blutigen Mann schon einmal in Schrecken
versetzt hatte. Ein unerklrlich Frsteln fate ihn auch diesmal, er
wich zurck.

So sprich, was ist das fr ein Wunder?

Da erhob sich Linda.

Es ist das Wunder, sprach sie ganz leise und voll trumerischer
Gewiheit, das du uns Unglcklichen versprachst. Aber eile, Claus
Strtebecker, da ich mich nicht mehr lange zu sehnen brauche.

Da schttelte der Strtebecker befremdet und verstndnislos das Haupt.
Es war noch nicht die Zeit, da Mnner die Mitarbeit der Frauen
erwnschten, und so drngte sich dem Freibeuter dieses heie Verlangen
zuvrderst als eine unwillkommene Einmischung auf, geeignet, seine
strmischen Zeugergedanken, die bis jetzt nur gleich einem Zug
brennender Vgel durch die allgemeine Nacht strichen, einzufangen und zu
zhmen. Lange starrte er den bebenden Knaben an, dann stie er endlich
ein gepretes Lachen aus und brach das Gesprch ohne weiteres ab.

Gut, gut, endigte er, das ist Mnnerwerk. Warte meinethalben. Aber
jetzt komm, Kleiner, damit du etwas verrichtest, was dir besser ziemt.

Wuchtig warf er sich auf sein Ruhebett, ri das Hemd ber seiner Brust
auseinander und drckte die Rnder der frisch empfangenen Wunde ohne
groe Umstnde fest aneinander.

Mutig, Licinius, rief er, scheure den Unrat fort. Auf euren Burgen
bt ihr ja die heimliche Kunst. Nun zeig, was du gelernt hast.

Und der Knabe fuhr auf, als ob er zu Fest und Feiertag gerufen wre.
Glhend vor Diensteifer strzte er davon, kehrte jedoch gleich darauf
mit einer Schssel voll kalten Wassers zurck, und als er dann, ber den
Hingestreckten gebeugt, in seiner Hast einen brauchbaren Linnenstreifen
vermite, ffnete er ohne Bedenken sein Wams und ri von seinem eigenen
Hemd entschlossen einen langen Fetzen herab. Seidig leuchtete die
Frauenbrust unter der dunklen Gewandung, und in den Augen des
Strtebeckers entzndete sich blitzartig jenes zngelnde Feuer, das
schon einmal in der Nacht des Niederbruchs ber ihr geleuchtet. Ungestm
griff er nach beiden Armen seines Opfers, aber siehe da -- als das
schmerzliche Sthnen der Gefesselten an sein Ohr schlug, da lief ein
dsterer Schein der Selbstverachtung ber seine gespannten Zge,
freiwillig gab er die Gepackte frei, und nun sthnte er selbst auf und
warf sich gebndigt zurck.

Bleib, bleib, murmelte er, vertrag dich mit dem bsen Geist, der in
mir haust. Beim ewigen Leid, ich wnschte manchmal selbst, es flsse
Milch durch meine Rhren und ich htte gelernt, weie Lmmer zu weiden.
Bleib, ich tu dir frder nichts. Er streckte sich aus, schlo die Augen
und wartete scheinbar unbeteiligt ab, bis Licinius mit zitternder Hand
sein mildherzig Werk vollendet. Erst da er sprte, wie eine Decke
wrmend ber ihn gebreitet wurde, fuhr er auf und schob die Hlle
entschieden zurck. Schonend strich er sodann ber die Locken seines
Gefhrten. Armer Bursch, sagte er gutmtig, armer Bursch, ich wollte,
wir wren auf andere Art Freunde geworden. Und als er gewahrte, welche
Blsse seinen Pfleger befiel, versetzte er ihm einen spttischen Schlag
auf die Wange und rief ermunternd: La gut sein, Licinius. Dem Tier
sind ein paar Unzen Blut abgezapft, jetzt beit es fr eine Weile nicht
und geht nicht auf Raub. Lache, lache, mein Knblein, dann aber bring
eiligst den Weinkrug und la uns trinken!




II.


Bis dahin hatte die Agile allein das blaue Feld der Ostersee gepflgt,
einzig gefolgt von dem Connetable, der von den Schuimern besetzt
worden war. In den letzten Tagen jedoch tauchten von allen Seiten
Schwarzflaggen auf, allmhlich wurde ein dichter Schwarm daraus, der
sich gleich einem langen Starzug um die Admiralskogge zusammenschlo. Je
stattlicher aber sich seine Flotte verstrkte, je zahlreicher spitze
Pfeifentriller oder emporschieende Wimpel die sich einordnenden
Genossen begrten, eine desto aufflligere Unruhe zeigte der Mann, auf
dessen Wink all diese Kiele ihrem Ziel zustrebten. Innere Rastlosigkeit
trieb den Strtebecker umher. Bald mute ihm Licinius, den er jetzt
ebensooft herbeirief, wie er ihn frher verjagt hatte, beim Schachspiel
in der Kajte Gesellschaft leisten, bald zog er den Knaben, nachdem er
die Figuren mitten im Kampf ungeduldig durcheinander geworfen, auf das
Deck hinauf, wo er weit vorn am Bugspriet durch Nacht und Morgennebel
hindurchsphte, ob die gotlndische Kste sich noch immer nicht vom
Horizont trennen wollte. Wisby, die sagenhaft herrliche Stadt, jetzt
durch Raub und rohe Volkswut ein menschenleerer Trmmerhaufe, schien den
Einsamen auf zauberische Weise anzulocken. Vielleicht weil ihn die
Ahnung qulte, da ihn dort das Schicksal mit fesselnden Armen
umschlingen wrde. Verschwenderisch hatte er bis jetzt mit Gold und
Schtzen jeden Lumpen beworfen, der sich seinem Trotz als ein besonders
Gemihandelter vorzustellen vermochte, jetzt aber nahte die Stunde, wo
er mehr austeilen sollte. Sein Eigenstes. Die Summe seiner heimlich
geliebkosten Gedanken. Und dann die Unsicherheit! Wie, wenn das
zusammengelaufene Volk, das ihm diente, Verbrecher, Diebe und Mrder,
Juden und Heiden, Polen, Deutsche, Franzosen und Englnder, die kein
anderes Vaterland kannten als die Planken zu ihren Fen, zumal wenn die
Segel sie mglichst weit von Rad und Galgen entfernten, wie, wenn diese
raubschtigen, verwilderten Horden das Unrecht, durch das sie zu einem
namenlosen Menschenbrei zerstampft waren, dennoch weit weniger
schmerzlich empfanden als ihr Anfhrer, in dem ihre menschliche Schmach
wie eine Eiterwunde fra? Konnte in solchen, von allem Herkmmlichen
getrennten Gesellen die Gier nach Genu und Ungebundenheit nicht heier
lodern als die Freude an der Mglichkeit, jene Welt, die sie verstoen,
durch ein nie geschautes Beispiel zu beschmen? Was geschah, wenn sich
der Haufe schon zu roh und verwhnt zeigte, um zu einer regelmigen
Arbeit zurckzukehren? Zwang? Das war nicht das Rechte! Dazu hatte ihn
in seinen Trumen schon zu hufig der Jubel umbrandet, den allein die
Verkndung, die Preisgabe seiner weltverndernden Plne in den
Beschenkten entfesseln sollte! Wie stand es nun in Wirklichkeit um die
neuen Rmer, mit denen die reingewaschene Erde besiedelt werden mute?
Der hhnische Einwurf der Knigin fiel ihm ein: Und mit einer Bande von
Rubern und Dieben willst du die ewige Gerechtigkeit begrnden? Und
whrend er auf der Seekarte zum hundertsten Male den Ankerplatz von
Wisby aufsuchte, klopfte ihm das Herz vor Verwunderung, da er bis jetzt
nur sich selbst, das Haupt des hellen Gedankens, gesehen, indes ihm die
Glieder, die doch das Gedachte erleben sollten, in einem gleichgltigen
Dunkel verschwanden. Was brtete die Masse? Und weshalb hielt er sie von
sich fern?

He, Licinius, unterbrach er in einem solchen Augenblick
des Erschreckens seinen Gefhrten, der ihm bis jetzt unbeachtet und
folgsam aus dem Petrarca vorgelesen, in die Ecke mit der Eselshaut! Der
Tagedieb von Italiener ist ein Narr, weil er die Weiber beschnffelt,
nur der Mann ist die lebendige Erde. Komm, du unbelehrtes Kind, damit
ich dir eine Handvoll unserer knftigen Werkleute zeige.

Hastig griff er dem Knaben unter den Arm, zog ihn widerstandslos die
breite Treppe hinauf, und was er sich nur selten abgewonnen, er mischte
sich unter sein Schiffsvolk, redete es leutselig an und begann, die
Betroffenen nach Vergangenheit und Heimat zu befragen. Alles unter dem
Vorwand, seinen zarten Gefhrten unterrichten zu mssen. Da ffnete sich
denn manches Schicksal bis zum Grund. Mit bangem Schauder sah der Knabe,
wie sich hier Snde und Gegensnde zum Knuel verstrickten.

Da war zuerst der Steuermann Ldecke Roloff. Ein herkulischer Mann mit
einem blonden Strohdach, das ihm wirr ber die Augen hing. Aber auch so
irrte der Blick des Schiffslenkers scheu und schielend zur Seite, als
widere ihn das Antlitz jedes Mitgeschpfes an, und nur in den Stunden
vor Kampf und Streit taten sich diese verkehrten Sterne lechzend auf,
und ein Blutreifen umschlo sie, gleich dem eines tobschtigen Hundes.
Der Mann hatte in seiner mecklenburgischen Heimat tanzen mssen. Tanzen?
Jawohl, nicht freiwillig. Es bestand nmlich auf dem flachen Lande die
ehrbare und fromme Sitte, sobald die Gutsfrau ihren Leib gesegnet
fhlte, dann muten die leibeigenen Bauern zu ihrer Ergtzung um den
Dorfteich tanzen. Die Weiber rutschten auf bloen Knien, die Mnner aber
tollten und sprangen halb nackt mit ihrem Nachwuchs an der Hand, ohne
Rast, ohne Aufhren, bis sich ihnen ein Quirl im Gehirn drehte. Ldecke
Roloff jedoch war ein Spielverderber. Als er sah, wie sein Weib bei
dieser Belustigung ohnmchtig liegen blieb und Marik, sein Tchterchen,
unter Zuckungen in den Teich fiel, da hatte der rasende Tnzer die
adlige Zuschauerin erwrgt und dem Gutsherrn seinen Dolch durchs Genick
gestoen. Am selben Abend gab's zu dem Tanz berdies noch ein Feuerwerk,
das Schlo brannte ab. Seitdem war dem Flchtling ein bs Erbteil
geblieben. Wenn irgendwo die Stunde zu Kampf und Rache schlug, dann
mute Ldecke tanzen. Hopsend und springend drehte sich der Wtende in
den Streit, und in dem wahnsinnigen Reigen fiel er seine Opfer noch
immer mit bloen Fusten an, um sie brllend zu erwrgen.

Als Linda jene Geschichte hrte, bedeckte sich ihr die heitere See mit
Nacht, Claus Strtebecker aber strich sich die Haare aus der Stirn, denn
er wute nicht, ob er des Mannes sicher sei.

Da war der schmchtige Arnold Frowein ein ganz anderer Kerl. Immer
grinsend, immer lchelnd, was vielleicht daher rhrte, weil ihm das
geistliche Gericht auf dem Streckbett einmal alle Zhne gezogen, immer
einen um den anderen. Weshalb wollte der verstockte Rechthaber aber auch
nicht eingestehen, was er ber die Besuche Urians bei seinem Weibe
wute? Die Nachbarinnen hatten doch nicht umsonst eines Morgens den
ungeheuren schwarzen Kater auf dem Bette seiner Lisbeth schlafend
gefunden? Und anders lie es sich auch nicht erklren, warum ein armer
Tpfer zu einigem Wohlstand gelangte, und wieso in den bleichen
Milchwangen der Dirn nie ein lebendiger Blutstropfen gerollt. Aber
schlielich hatte das Recht triumphiert. Punkt fr Punkt stand es
bezeugt in den geistlichen Akten, wie oft Meister Urian knisternd aufs
Bett gesprungen, und nicht minder war entdeckt, in welcher Art er seine
Wollust befriedigt. Es war alles wissenschaftlich begrndet! Und nur
eines blieb merkwrdig. In Meister Frowein mute sich selbst etwas
Katzenhaftes eingeschlichen haben. Gar zu biegsam schlich er an den
Wnden entlang, immer schnurrend, immer schmeichelnd, und es war wohl
nur ein Gercht, da er im Gefecht mitunter aus geduckter Stellung einen
Satz tat, um dem Gegner mit zahnlosem Maul an den Hals zu fahren.

Ungeduldiger, rastloser rhrte der Admiral in dem Menschenbrei herum. Er
suchte. Er fahndete nach Brgertugend und Brgersehnsucht! Wie tief
lagen diese so selbstverstndlichen Dinge wohl versteckt?

Der nchste!

Ein himmelblauugiger, rotmhniger, wster Bursche, denn obwohl sich
Patrik O'Shallo in den weichen Urlauten der grnen Irin ausdrckte, so
war er doch gefrchtet als streitschtiger Znker, aber noch mehr
verschrien als Anfhrer bei jeder malosen Ausschweifung. Weiber,
Wrfelspiel, Rauferei und Beute waren die vier Stichworte seines
rasenden Verbrausens. Und doch mutete es seine Genossen manchmal
wunderlich an, wenn dieser nimmersatte Schlemmer zuweilen, wie aus
fernem, vergessenem Traum, fremdartige Psalmen vor sich hinmurmelte. Sie
wuten nicht, da Patrik O'Shallo, das ledige Kind einer begterten
Wollweberstochter aus Dublin, von erschreckten Verwandten frhzeitig in
die Zelle eines der Irinsklster gesteckt worden war, damit er durch
Hunger und Geielungen die heimliche Verfehlung seiner Mutter abbe.
Eines Tages aber, als er gerade vom Flu fr die Kche Holz schleppen
sollte, hatte eine Flerin den Buben in ihre schwimmende Strohschtte
kriechen lassen, und seitdem wute das abgezehrte Gebein, wie hell der
Tag schimmern und wie betrend ein Frauenleib strotzen konnte. Heia,
jetzt fra er die Sonne und soff die Weiber, und seine grte
Belustigung bestand darin, Nonnenklster wie Vogelnester auszunehmen,
und die in die Kirche zusammengetriebenen Schwestern nach allerlei
Wollust zu unfltigen Liedern zu zwingen. Auch diesen nimmermden
Glubiger des Genusses musterte der Admiral mit bedenklichem
Kopfschtteln, und ein zweifelhaftes Lcheln mischte sich in seinen
herablassenden Gru, als er sich von ihm trennte.

Da, Licinius, betrachte dir zum Schlu die Krummnase genau. Womglich
haben seine Vorfahren schon mit dem Heiland um Sge und Hobel
gefeilscht. Sahst du jemals solche verzweifelten Hebreraugen?

Der Admiral htte noch hinzufgen knnen, da der Jude ein alter
Bekannter von ihm sei. Denn der graulockige Isaak war derselbe
unglckliche Verfolgte, den er als Knabe im Hause der Sibba aus den
Hnden aberglubischer Bauern befreit. Jetzt war der immer in sich
gekehrte, demtige Menschenscherben der grausamste, unerbittlichste
Wrger unter dem Schiffsvolk geworden. Zum Zeichen seines sich immer neu
gebrenden Rachegelstes hatte er den gelben Judenfleck auf das
Schifferwams genht, und je mehr ihn die Freibeuter darob verhhnten,
desto zrtlicher streichelte Isaak oft den Schandfleck. Aber in dem
Hebrer lebte auch eine unheimliche, vergtternde Liebe. Sobald der
Admiral in seine Nhe kam, dann begannen die schwarzen Augen Isaaks die
alte, tausendjhrige Sehnsucht zu strahlen. Er glaubte. Er glaubte
unverbrchlich an den Messias, der die stinkende Erde von Verfolgung und
Menschenha erlsen wrde. Und nach den Sagen seines Stammes wrde der
Gesandte Jehovas kein Lmmlein und kein Schriftgelehrter sein, sondern
ein Gersteter, in dessen Rechter ein goldenes Schwert ber die Erde
funkelte. Wer war's? Claus Strtebecker war's, der Schimmernde,
berlebensgroe, der Liebreiche und Befreier, er war es. Kein Zweifel!
Der alte Jude stand als der einzige auf den Planken, der das neue Reich
im Herzen trug.

Am Abend desselben Tages lag der Admiral in seiner Kajte und zechte
singend und lachend den italienischen Wein, auf dessen Flut es wie von
Glhkfern schwrmte. Auch auf Deck schwirrte und jauchzte es, dort
grlten die Freibeuter zum Klang der Instrumente ihre wilden Lieder,
denn es war eine laue, windstille Nacht, und die Agile pltscherte
kaum noch ihren Pfad.

Horch, warf sich der Strtebecker zu dem Knaben herum, der mde und
schon vom Schlaf bezwungen den Unmigen bediente. Ermuntere dich,
Bblein. Du mut lernen, die Nacht zum Tage zu kehren. Auf, flstere mir
ins Ohr, mein Blasser, wie gefallen dir meine Kinder? Meinst du nicht,
es seien Hengste, die sich gerade nur vom Teufel reiten lassen?

Da erwachte Linda, raffte sich zusammen, und ein leidvoller Blick
streifte den Gebieter, denn seine wste Freude an Trunk und Prasserei
schmerzte die ewig Grbelnde.

Wer den heiligen Gedanken trgt, erwiderte sie mit leisem Vorwurf,
was braucht der die Menge? -- Sie erwartet ihn an jeder Ecke, und mich
dnkt, sie zieht stets hinter dem Einsamen her.

Sonderbar, das Wort bte eine unerwartete Wirkung auf den lssig auf
seinem Stuhl hngenden Zecher aus. Kaum war es gefallen, da sprang der
Strtebecker strmisch in die Hhe, das sonnige Strahlen leuchtete
unvermutet wieder von seinen Zgen, und ohne Besinnen ri er den Knaben
an sich, um ihn jauchzend an seine Brust zu pressen. Er sprte nicht,
da es ein Frauenherz war, das aufgepeitscht gegen das seine hmmerte.

Gesegneter, jubelte er und hob seine Last hoch in die Hhe. Du hast
recht. Topp, die Einsamen gelten allein. Brauchte Atlas vielleicht eine
Hilfe, als er den Himmel trug? Komm, sei gepriesen, du kluger Wicht.

Und er kte seinem Gefhrten ungestm das blonde Haar. Der Knabe aber
wand sich beschmt aus seinen Armen, er wagte die Augen nicht vom Boden
zu erheben, und ein langes Zittern lief ber die schlanken Glieder.

       *       *       *       *       *

In der darauffolgenden Nachtwache war vom Mastkorb Land ausgerufen
worden, und die Agile hatte einen Gast aufgenommen. Auf der Hhe von
Wisby, schon unter den Lichtern der Stadt, war der Hauptmann Wichmann zu
den Schiffen des Admirals gestoen, und jetzt hockte der strohblonde
Zwerg seinem einstigen Zgling an dem Prunktisch gegenber, vor ihm
brach die Tafel fast unter der Wucht von silbernem und goldenem Gert,
und doch streckten die beiden Freibeuter ihre Hnde nicht nach Speise
und Trank aus, sondern ihre Mienen belauerten einander, ihre flackernden
Augen berfielen sich gegenseitig, wie wenn jeder die heimliche Schwche
des anderen ersphen und begleichen mte. Gar verborgen betrieben sie
die Unterredung, niemand durfte die Anfhrer bedienen, einsam, erhitzt
saen Erzhler und Lauscher unter den brennenden Laternen, selbst
Licinius weilte hinter der geschlossenen Kajtentr bei dem
wachthabenden Posten, um mit Herzklopfen darauf zu harren, ob ihn bald
ein Ruf erreichen wrde.

Endlich hatte der Admiral geschlossen. Seine Rede, anfnglich khl und
berlegt, war immer hher und hher gestiegen, wie jemand, der Sprosse
um Sprosse auf einer Leiter emporklimmt. Zuletzt wehte diese siedende
Glut hoch ber dem Haupt seines Zuhrers hinweg. Der krmmte sich in
seiner schwarzen Gewandung auf einem Schemel, und indem er das weiche
Frauenkinn auf den Hieber gesttzt hielt, glitzerte es aus seinen
zwiefarbigen Augen bald vor Spott, bald vor Erstaunen, und sein Hndchen
wickelte sich dabei eifrig in eine der Haarstrhnen fest. Zum Schlu
ertrug sein Schler die erknstelte Beherrschung nicht lnger.
Rcksichtslos warf er das Geschirr beiseite und beugte sich weit ber
den Tisch. Unter der rotseidenen Schecke arbeitete die Brust so heftig,
da die Ringe der Halskette ein metallisches Gerusch hren lieen.

Nun, Magister, rief er in schlecht verhehlter Spannung, warum kostest
du, als htte ich dir die tgliche Milch in den Napf gegossen? Hast du
vielleicht bei deinen Professoren schon hnliches geschleckert?

Der Zwerg schlo die Augen und wiegte leise das gelbe Haupt. Es schien
ihm Spa zu bereiten, den Entdeckerstolz des anderen zu qulen.

Doch, Geliebter, hauchte er mit seiner Mdchenstimme, das Jubeljahr
der Hebrer und die Ackergesetze der Gracchen waren schon da. Auch in
den Wldern der Germanen trug sich beinahe das gleiche zu. Du bist weit
zurckgegangen.

Zurck? schrie der Strtebecker verletzt. Jh fuhr er in die Hhe, als
berwltigte den Riesen die Lust, den Tisch samt dem Gast umzustrzen.
Dann jedoch schlug er ein hochmtiges Gelchter an, ri den Weinkrug
heftig an sich und leerte ihn in einem langen, begehrlichen Zuge.

Ziere dich nicht, stie er in greller Lustigkeit hervor. Was gibt's
weiter zu benagen?

Er warf sich auf den Tisch, dicht neben den Kleinen, und schlug seinen
Gast auf die Schulter, da es hohl durch den Raum hallte. Doch der
Strohblonde wankte nicht auf seinem Schemel, unerschttert hatte er den
Sto ausgehalten und dadurch dem Admiral von neuem bewiesen, da er mit
keinem gewhnlichen Manne streite. Jetzt sammelte sich auf den
regelmigen Gemmenzgen des Hauptmannes ein versonnenes, ein wenig
bsartiges Lcheln. Er klopfte seinem ehemaligen Zgling auf den grauen
Beinling, als gelte es vor allen Dingen abzuwiegeln und zu besnftigen.

Geliebter, wisperte er voll zrtlicher Bissigkeit, und dabei hpften
in den doppelfarbigen Augen die frechsten Teufel herum, ich bin nur ein
schbiger Tropf, der Zeit bedarf, um sich an solch beschmende Gre zu
gewhnen. Aber siehe, nun bin ich deinen Spuren nachgeschlichen, und
mein Herz zittert vor Freude, weil es dich fassen kann.

Der Strtebecker griff nach dem Weinhumpen und hieb ihn dem Genossen
hart ber den Kopf.

Narr, sagte er ruhig, achte mich oder ich zerschmettere dir den
Schdel.

Spter, entgegnete der andere freundlich, ohne von seinen Liebkosungen
abzustehen, erst la dir von meiner Narrheit bedeuten, da sie einen
groen Vorsprung fr dich wittert.

Welchen?

Bedchtig lehnte sich der Kleine zurck und malte mit seinem Hieber auf
den Boden. Die Freude am Zergliedern und Disputieren schien den
einstigen Bakkalaureus mchtig eingefangen zu haben.

Die Staaten sind lockerer geworden, murmelte er vergraben. Die Reiche
sind zermorscht. Hunger und Elend sitzen zwischen dem Mrtel ----

Ein Faustdruck kann ihren jmmerlichen Bau zerquetschen, schaltete
hier der Admiral ein und durchma einmal weiten Schrittes den Saal. Nur
die Menge-- und er blieb stehen und zerrte an seiner Kette. Wird sie
mit mir ziehen?

Sie wird. Die Fahne des ewigen Glcks auf dem Neubau lockt sie an.

Halt das Maul, schrie der Strtebecker dunkelrot vor Zorn, und seine
wilden Augen brauten Unheil. Er lehnte gerade an einen Wandteppich und
raffte nun das Gewebe um sich zusammen, als ob ihn frstele. Packt euch
zum Teufel, ihr Gehirnkrhen, was liegt daran, ob ihr meiner Seele
nachfliegen wollt oder nicht? Ehrfurcht brauche ich, demtige Nacken,
Gehorsam.

Gut, gut, das brauchst du, du Herrlicher, aber ich ziehe mit dir.

Du?

Noch hielt der Zweifel den Admiral befangen, gleichwohl strzte er auf
den Sitz des Kleinen zu und schttelte den halb Emporgezogenen wtend an
der Brust.

Wenn du nicht an mich glaubst ---- schrie er dem Zwerg ins Gesicht.
Heino Wichmann, du weit, von allen sind mir die Halben und Lauen am
meisten verhat. Damit schleuderte er das strohblonde Bndel gewaltsam
hin und her, als knnte er ihm die gewnschte Antwort abpressen, und
sein Grimm stieg, als er die Zhigkeit dieser grinsenden Maske erkannte.
Bereits war ein nahes, gefhrliches Ringen aus der freundschaftlichen
Unterhaltung geworden.

Da entglitt ihm der Magister geschickt, schpfte Atem, und nachdem er
wie ein spielend Kind auf den Tisch gehpft, lie er gemchlich die
Beine herabschlenkern.

Sei ruhig, schmeichelte er, dein treuer Lehrer verlt dich nicht.
Sa ich nicht in Paris monatelang in einer Goldmacherhhle, um zu
warten, ob der Sud aus Ton und dreizehn Erdkrutern den kniglichen
Leuen[*] ergebe? Ha, und ich sollte mir nicht fr meinen Liebling
abermals die Kchenschrze umbinden? Pa auf, es glckt dir, es glckt,
sofern du es nur fleiig mit den Weibern hltst.

  [*] Das Gold.

Angeekelt wurzelte der Strtebecker fest.

Mit den Weibern? wiederholte er, wie von Eimern kalten Wassers
bergossen; und unwillkrlich mute er nach der geschlossenen Tr
sphen. Wo knnen mir die Dirnen helfen?

Wo sie dir stets geholfen haben. Schlepp sie zu Hunderten zusammen und
achte darauf, da sie dir lauter Claus Strtebecker gebren. Dann wirst
du ein Frst im neuen Reiche sein.

Da fegte Claus mit der Hand durch die erhitzte Luft, als knnte seine
Faust vom Himmel eine lastende Wolke herabreien, und ein unmiges und
doch nicht ganz freies Gelchter erleichterte ihm die Brust. Schneidend
hatte sein Verstand erfat, wie um den von giftigen Zweifeln
zerfressenen Magister nur noch das Unkraut der Erde wucherte.

Armselig glcklos Gemt, rief er voll aufrichtigen Erbarmens. He,
Licinius, wo steckst du? Bring roten Falerner, es gilt, eine matte Seele
zu berauschen, auf da die Fledermaus sich wieder ans Licht traue.

Und als Licinius, der diesen Ruf ersehnt, willfhrig herbeieilte, um die
Befehle seines Herrn zu erfllen, da zog ihn der Strtebecker an sich
und streichelte dem Knaben, der sich gezwungen an ihn lehnte, brderlich
die Wange.

Hast wieder die Nacht durchschwrmen mssen, mein bleicher Freund?
fragte er teilnahmsvoll. Geh, zeig mir deine Augen, ob noch die reine
andchtige Flamme in ihnen brennt? Und ohne auf das vieldeutige Grinsen
des Strohblonden zu achten, fhrte er das Kinn des Knaben empor, bis er
endlich gefunden zu haben glaubte, was er suchte. Dann jedoch
schmetterte seinen Gefhrten das ihm eigene glckselige Jauchzen
entgegen. Freu dich, Licinius, schrie er, beim Zeus, du kannst
fliegen. Knnt ich dich doch als eine weie Taube aufsteigen lassen!
Aber nun setze dich zu mir und sage, wie gefllt dir dies kleine
strohblonde Kerlchen, das aus dem Schmutz der Erde nicht herauskann?

ber die gespannten Zge des Hauptmanns lief ein begehrlicher Schein.

Schner Knabe, wisperte er, welche glcklichen Eltern haben dich
geboren? Du bist ein anmutig Kind.

Allein im Sprechen schien ihm hei geworden zu sein, denn er sprang auf,
um eine der Schiffsluken zu ffnen. Und pltzlich schwiegen die drei.

Drben zuckten die Lichter von Wisby.

       *       *       *       *       *

Die tote Stadt regte sich. Ihr prchtig geschmckter Leichnam erhob sich
und wandelte. Unvermutet begannen die steinernen Adern zu zucken und zu
pochen. Von den sechzehn verdeten Kirchen, von den sieben
zerbrckelnden Toren lste sich das Schweigen und schwebte als ein
graues Spinngeweb ber die See.

Durch die gestern noch leeren Gassen von Wisby, in denen jeder Schritt
widerhallte, wo verhungernde Hunde das Gras zwischen den Pflastersteinen
rupften, schob sich der Braus der Volkshaufen. Kopf drngte sich an
Kopf, Schulter rieb sich an Schulter, das scharrende Gerusch
ngelbeschlagener Schuhe mischte sich mit dem Gewirr einander
verschlingender Stimmen, und das erste Morgenrot, das die kunstreich
bemalten Holzhuser anglhte, es rann allmhlich auch auf die
zusammengeballten Freibeuter herab, so da aus der Masse zuweilen
Gesichter und Hnde aufblitzten. Unaufhaltsam wlzte sich die Menge,
einem vorbestimmten Gebote folgend, aus den niedrigen Gassen hinter der
Seeumwallung dem hochgelegenen Marktplatz zu. Und je hher sie stieg,
desto mehr entstrebte sie dem Dmmer und desto heller wurden ihre
vielfarbigen Ringel vom Licht getroffen. Auch Sprache gewann das
Ungeheuer. Oft hrte man es aus seinem Rachen branden: Wo, wo ist der
Strtebecker? -- -- Gott zum Gru, seid ihr nicht vom Gdeke Michael?
-- Wir sind Wichmannsche. -- Verfluchte Hunde, habt ihr uns hier in
den bunten Ksten was brig gelassen? -- Heda, du Braune, schaff' Platz
im Bett, ich steig zu dir.

An der leeren Kurie ging es vorber, durch niedrige Laubenhallen schob
man sich, hinter denen einst mchtige Kaufherren ihre Kontore und
Warenlager hielten. Jetzt lauschte manch neugierig Ohr vergebens auf das
Knistern der Federn oder auf das Rollen der Fsser. Ach nein, da htte
man frher kommen mssen. Schon vor etwa dreiig Jahren hatte der
geruschlose Abzug des Handels begonnen. Damals, als der Dnenknig
Waldemar Attertag mhelos das kstliche Nest ausgenommen. Aber erst der
Handstreich der Freibeuter hatte dem siechenden Gemeinwesen den Rest
gegeben. Von dem Augenblick an, da die trunkene Freiheit die
Stadtgesetze den Flammen berliefert, die verhate Ordnung mit Fen
getreten und jauchzend die allgemeine Willkr verkndet hatte, jenes
hei ersehnte Losungswort aller Geknebelten und Unterdrckten, die nur
einmal im Leben das Herrengefhl genieen wollten, seitdem war der
steinerne Krper von der Leichenstarre ergriffen. Von da an bedeutete
Wisby nichts anderes mehr als einen Stapelplatz fr geraubtes Gut,
lichtscheue, heimliche Geschfte wurden hier betrieben, wochenlang tnte
kein Laut in den verlassenen Straen, bis sie pltzlich wieder einmal
aufgellen konnten von Hndlergeznk, Dirnenkreischen, Schifferflchen
und den malosen Feiern der Wollust, die ein festes Bett unter sich
sprte. Aber trotz alledem hingen noch Fetzen ehemaligen Reichtums an
dem Gerippe der verwesenden Stadt, und noch immer strahlte zuweilen ein
liebliches Grinsen aus dem steinernen Schdel.

Dicht am Markt, in den Fenstern der Herberge zum silbernen Bischof,
chzten die Holzrahmen unter der Last der Neugierigen. Zumeist waren es
Dirnen aus aller Herren Lnder, die sich stets einstellten, sobald die
jetzigen Herren des Platzes ihr blutiges Gold verjubeln wollten. Aber
auch Krmer und waghalsige Kaufherren scheuten das Abenteuer nicht, denn
nirgendwo in der Welt lie sich schneller und wohlfeiler Verdienst
erjagen, als an diesem leicht verderblichen Raubgut.

Unten in der stickigen Gaststube sa Licinius auf der Ofenbank. Andere
hielten gerade Wsche. Die beiden Geschlechter unbedenklich
nebeneinander. Zwei Schsseln waren zu dem Zweck auf Schemel gestellt,
und man nahm es nicht so genau, wenn der neue Reinigungsbedrftige noch
das alte Wasser vorfand. Derweil rekelten sich auf den Holzbnken einige
Schlfer umher, wieder andere schlrften bereits ihren dickflssigen
Mehlbrei, und auf der Diele hockten ein Dudelsackpfeifer und eine
Fltenblserin und lieen zu ihrer gellenden Musik ein gezhmtes ffchen
zwischen sich tanzen. Niemand nahm Ansto an dem bunten Durcheinander,
weder an der schlechten Luft, noch an dem wimmelnden Ungeziefer, denn
damals gab es noch keine nach Stnden eingeteilten Wirtshuser, und der
Frst wohnte dort ebenso wie der Bettler.

Der Knabe auf der Ofenbank verschrnkte die Arme ber der Brust und lie
sein helles Haupt an die Kalkwand sinken. Aber es war nicht Mdigkeit,
die ihm die Augen zudrckte, obwohl er die Nacht schlummerlos in dieser
belriechenden Hlle verbracht, nein, es bedeutete vielmehr einen
Augenblick der Nachgiebigkeit gegen die wilde Flucht, die an seinem
inneren Schauen vorberstiebte.

Hier entschied sich's. Heute wrfelte ihr gotterfllter Spieler um seine
eigene Seligkeit, aber noch viel mehr um diejenige, die dauern sollte,
solange Menschen auf Erden lebten. Ob das zu erreichen war?

Rascher wehte der Atem des Grbelnden, unbeherrschter zuckten seine
Lippen, ein prunkendes, verfhrerisches Bild trat vor seine Seele.
Whrend er hier sa, um mit immer steigender Bedrckung auf das
Pltschern der sich Reinigenden zu horchen, auf ihre derben Scherze, auf
das Schlrfen der Trinker, sowie auf das Quken des tanzenden Affen, da
zog es den Trumer fort -- es ri ihn auf den Markt. Dort drauen, durch
die ausweichenden Haufen schritt der Strtebecker. ber alles Volk
hinweg ragte das schmale Haupt unter dem Goldhelm, die gestickten
Wappenlwen schimmerten auf dem blauen Frstenrock, und als er sich zu
der Menge umwandte, da kam der Bann ber die Tausende, genau so, wie er
den einzelnen hier unterjochte auf der schmutzigen Ofenbank.

Begannen nicht auch markige Glockentne zu schwingen?

ngstlich fuhr der Knabe in die Wirklichkeit. Jetzt lauschte er,
lauschte mit dem Aufgebot aller Sinne. Nein, es war keine Tuschung.
Dort drauen hatte sich das Meer der Stimmen beruhigt, eine atemraubende
Stille legte sich ber das Gewoge, und was nur ersonnen war, es geschah.
Ganz aus der Nhe donnerten Glockenklnge gegen das zitternde Gebude.
Auch unter den Herbergsgsten erstarb jeder Laut, fr einen Herzschlag
erstarrte alles, um eine Deutung fr den Vorgang zu gewinnen, dann aber
bumte sich der Schwall gegen den Ausgang, die Treppen knarrten und
wirre Rufe verknuelten sich: Der Strtebecker -- der Strtebecker.
Polternd stob man auseinander, um den merkwrdigen Augenblick nicht zu
versumen. Licinius griff sich ans Herz, er wankte auf seiner Bank. Die
Entscheidung fiel. Jetzt ein Gebet, ein Notgebet; allein die Worte
wollten sich zu keinem Sinn mehr verflechten. Statt dessen brodelten aus
dem kochenden Fieber immer dieselben inbrnstigen Silben hervor, die er
selbst nicht begriff.

Erlsung.

Wem galt dieser Wunsch?

Drauen verschwang das letzte Beben der Glocken. Da fhlte Licinius, der
noch immer kraftlos gegen die Mauer lehnte, wie sich eine sprende Hand
in die seine schob. Erschreckt beugte er sich vor. Zwischen seinen Knien
hatte sich der halbnackte Leib der Fltenblserin aufgerichtet, jetzt
streichelte die Dirne ihm vorsichtig das Knie.

Feins Bbchen, schmeichelte sie mit einer glatten, liebegewohnten
Stimme, was hast du fr ein zartes Gestell? Komm, drauen heckt der
Strtebecker etwas Nagelneues aus. Wer wei, wie voll der groschnuzige
Kerl wieder die Taschen trgt. Ich kenn ihn. Der feilscht nicht lange um
Kissen- und Bettpreis. Komm, will ihn dir weisen. Und ohne sich darum
zu kmmern, in welches Taumeln ihr Begleiter verfiel, packte das
fahrende Weib die ihr berlassenen Finger und zog den Willenlosen unter
spttischen Ermahnungen die Treppe hinauf. Munter, munter -- hast wohl
schon am frhen Morgen Met getrunken? Hier noch eine Stufe! So, und
jetzt zum Fenster. Mach Platz, Aaszeug, damit der Junker sehen kann.

Pltzlich kauerte Linda, eingekeilt in den Drang von Dirnen,
Spamachern, Wechslern und lichtscheuen Handelsleuten in der offenen
Fensterhhlung, und whrend ihre Gnnerin schtzend den Arm um ihre
Hften schlang, da muten die Ohren der Halbbetubten das unsaubere
Gewsch der Nachbarinnen ertragen. Ihren Augen aber bereitete sich zu
gleicher Zeit das groe heilige Fest.

Unter ihr Kopf an Kopf. Ein Menschensee. Er wogte nicht, er stand ganz
still, schwarz und rtlich berlaufen, wie Landseen starren, wenn sich
die Spannung des Gewitters in ihnen birgt. Aus allen Fenstern ein
Geriesel unerkennbarer Gliedmaen, bunter Tcher, gefangener Augen,
dnne Rinnsale, die in das groe Becken hinabflossen. Selbst die
Morgenrte hing still an den Mauern. Sie lauschte. Ja, ein Gott
zugekehrtes Schweigen schien ber die Welt gekommen, so gewaltig, da
Linda erschauerte, als dieses bedingungslose und doch mit Unglauben und
Entsetzen gemischte Lauschen auch ihre vorbereitete Seele ergriff.
Zitternd, atemlos neigte sich ihr Leib aus dem Fensterrahmen, und sie
merkte es gar nicht, wie sie von dem Arm der Dirne dabei fester
umschlossen wurde, whrend ein Paar heie Lippen ihr ins Ohr tuschelten:

Dort drben, Trauter, auf den Stufen, der Groe im blauen Wappenrock,
ja, das ist der Strtebecker. Sieh nur, wie die Affen ihm zuhren. Pah,
ich kenn' den Saufaus! Hudelt uns Weiber herum, als wren wir Werg und
Flicken. -- Du bist mir lieber.

Eine brennende Wange schmiegte sich an eine kalt durchfrstelte, und
Linda duldete es, so krperlos hing sie hier in dem Gedrnge. Ihr
innerstes Selbst aber, ihr hingebungsbereites, blutig gequltes Sehnen,
es hatte sich lngst von ihr gelst und schritt nun ber die vielen
Kpfe hinweg den hellen Tnen entgegen, die unter dem gerippten Portal
des Bischofspalastes sich hell und markig aufschwangen.

Alles andere ging fr sie unter. Linda sah nur das edle, herrschgewohnte
Antlitz, berhaucht von einem im tiefsten glhenden Feuer. Seine Worte
verstand sie nicht. Wozu auch? Sie begriff dennoch jede Biegung, jede
neue Begrndung dieses noch nie vor Menschenohren entwickelten
Bekenntnisses. Unten ging ein ingrimmiges Sthnen durch die Masse. Der
frstliche Verknder dort auf den Stufen mute seinem Volk wohl die
Verfolgung und die Schmach seiner bisherigen Lage geschildert haben. Nun
aber hoben sich die Hupter begieriger, man drngte sich nher, denn der
Admiral warf den Arm vor, als deutete er seinen Schiffern eine bisher
noch nie gesegelte Fahrt. Der Blonden stockte der Atem. Sie wute es ja.
Nun tauchte vor den Geschundenen und Gequlten, vor dem Auswurf alles
Lebens das gelobte Land auf, nun wurden sie von einer Riesenfaust aus
dem stinkenden Schlamm gezogen, und vor ihnen breitete sich eine saubere
Erde, damit sie fortan in unangefochtener, unschuldiger Gemeinschaft auf
ihr wohnen sollten. Ruhe -- Ruhe, Linda prete die Hnde auf das
hmmernde Herz. Hier ffnete sich die steile ungewohnte Strae! Wrde
das verdammte Geschlecht noch jung und hoffnungsstark genug sein, um sie
berzeugt wandeln zu knnen? Oder hielt seine Verderbnis es bereits bei
dem unheiligen Rachegeschft fest?

Noch regte sich nichts. Keine Welle lief ber den Menschensee. Und so
tief sich auch Linda beugte, ihre brennenden Augen nahmen weder Hohn
noch Widerwillen, aber auch keine jauchzende Zustimmung wahr. In
erstarrtem Schweigen stand die Flut, nur auf ihren Grnden wlzte es
sich zuweilen, wie ein langes, banges Whlen.

Horch, sagte die schwarze Dirne neben Licinius, was faselt der
Strtebecker? Will er Gold unter uns werfen?

Aufgeregt nestelte sich die Fltenblserin los, verlie den Knaben ohne
weiteres, und bald hockte sie ganz vorn in der Hhlung, wo sie die
nackten Beine frech herabschlenkern lie.

Siehe, unter dem altersgrauen Portal des Bischofspalastes geriet ein
merkwrdiges Wachsen in die ohnehin schon ragende Gestalt des Einsamen.
ber sich selbst hinaus reckten sich seine Glieder, eine menschliche
Pappel, die kein Ende fr ihr Aufwrtsstreben finden wollte, und seine
letzten Worte schleuderte er hinaus, selbstbewut, gewappnet, fordernd,
gleich steigenden Lerchen, die sich trotzig jedem Pfeil aussetzen.

Und jetzt? Was geschah jetzt? In der gewaltttigen berzeugung seiner
Natur ballte der Gereizte weit vorgeworfen seine Faust und schttelte
sie, nicht nur gegen die starre Masse, die sich nicht wecken lassen
wollte, sondern am meisten gegen den untersetzten Mann in der ledernen
Schiffertracht, der kalt und unbeweglich eine Stufe unter ihm harrte.
Gdeke Michael.

Das letzte aber, was man vom Strtebecker vernahm, war ein ungeheures,
vermessenes, ihn wahrhaft schttelndes Gelchter.

Die Menge stand verbissen in Taubheit. Ungewi brtete sie vor sich hin.
Trge verfolgte sie allein aus tausend Augen die geballte Faust ihres
Fhrers, denn jene Rechte wurde eben vom Sonnenlicht gefrbt, so da aus
dem Siegelring des Admirals ein schmales rotes Blitzen aufstieg. Ein
Feuerstrudel tanzte auf seiner Hand.

Die Menge rhrte sich nicht.

Da pltzlich -- ungewi aus welchem Grunde -- schrillte ein Kreischen
ber den Markt. Ungebrdig -- vielleicht vor Langerweile, hatte die
Dirne in der Fensterhhlung des silbernen Bischofs ihr Brusttuch von
sich gerissen, dadurch entblten sich ihre Schultern vollends, und nun
schwenkte sie den Lappen unter Geschrei und Gelchter ungestm in der
stillen Luft. Als htte es nur auf dieses Zeichen gewartet, brach
endlich das lang gestaute Gewitter ber dem Menschensee los. Ein
Donnerschlag antwortete, ein Brausen warf die schweren Wogen
gegeneinander, ein Orkan von Stimmen wtete, tausend schwielige Hnde
griffen in die Morgenrte, als wre es jetzt mglich, die
vorberrollende Sonne festzuhalten, und durchzuckt von krampfigen
Erschtterungen schwoll die brllende Menge dem Portal entgegen.

Wollte sie den Einzelnen dort oben, der in tiefes Staunen versenkt war,
kssen? Wollte sie ihn ermorden? Keiner Bewegung mchtig, mit
geschlossenen Augen sa Licinius und horchte. All die verworrenen
Stimmen, die unter Heulen und Toben etwas zu ersticken suchten, das den
feinen Ohren des Knaben ein Vlkerschluchzen deuchte, das blasse reglose
Menschenkind beherbergte seit Wochen all jenes Sieden, berquillen und
Staunen in seiner eigenen Brust. Aber jetzt, da das Unbegreifliche, in
trben Stunden hufig Angezweifelte sich der Erfllung entgegenneigte,
da Ausgestoene und Verworfene sich fr fhig hielten, ihre Verdammnis
durch Arbeit und Brudersinn zu lsen, da sie die Macht sprten, das
ursprngliche Gute in sich anzubeten, um es weiter und weiter in
Menschenfurchen zu streuen, da schauerte Licinius, denn er fhlte sich
von unbarmherzigen Fusten emporgerissen, und ein herrischer Mund kte
wie schon oft seinen Scheitel. Erlsung durch Menschenhilfe, ein
Neuanfang, eine Wiedergeburt schon auf Erden, Gesegneter, oh Gesegneter,
der diese Quelle des Heils unter dem unttigen, pesthauchenden Himmel
erschlossen. O du, Geliebter -- Gesegneter -- Einziger!

Aufschluchzend prete der Knabe beide Hnde vor sein Antlitz, und
whrend unten des Jauchzens kein Ende war, rieselten ihm Schmerz- und
Danktrnen reichlich ber die Wangen.

Kuck, wie der Dummkopf heult, spottete die Fltenblserin und stie
ihn whrend des Vorberschreitens mit dem Fu in die Seite.

Auf dem Markt hrte man jetzt eine andere Stimme. An der Stelle, wo
bisher der Strtebecker sich gezeigt, stand nun der Mann in der ledernen
Schiffertracht. Kurze, fortschleudernde Handbewegungen deuteten an, da
er mit hartem Wirklichkeitssinn das einri, was eben in die Luft gebaut
war. Allein der Triumph des anderen berheulte ihn. Das Volk kehrte
jauchzend der nchternen Vernunft den Rcken, um jenem nachzustrmen,
der ihm soeben das Herrlichste, nie mehr Erwartete versprochen, die
Rckkunft in Sorglosigkeit, Brgertum und Menschenachtung.

Immer huldigender prallten die Haufen gegen den aufgerichtet
Schreitenden an, sie kten ihm den Mantel, sie warfen sich vor ihm
nieder, sie schrien verzckt seinen Namen, und dennoch blieb stets ein
Raum zwischen dem im blauen Wappenrock und den Namenlosen gewahrt, denn
die unsichtbare Mauer zwischen dem Schpfer und den Empfangenden lie
sich auch hier nicht berklettern.

Vor der Tr des silbernen Bischofs wandte sich der Gefeierte noch
einmal zurck.

Tut euch gtlich, warf er hin, in allen Schnken fliet heute roter
und weier Freiwein, an jeder Straenecke lasse ich einen Mastochsen fr
euch braten. So nehmen wir von dem Raubgut Abschied.

Gebrll stieg zum Himmel, dann knarrten die Treppenstufen, und der
wohlbekannte federnde Tritt verkndete sich. Aber wie anders kehrte
Claus Strtebecker zurck, als der hochgestimmte Licinius ihn erwartet
hatte! Erhitzt, mit funkelnden Augen, an jeder Hand eine Dirne mit sich
schleppend, so strmte der prchtig Geschmckte herein. Als er seines
Begleiters ansichtig wurde, da stie er die beiden Weiber von sich, und
trunken von seinem Erfolg, schlo er den Knaben in die Arme und hob die
zarte Gestalt spielend empor.

Blondkopf, lste es sich aus der mchtigen Brust, hast du's gehrt?
-- Was strubst du dich? Was starrst du mich so an? Ja, es macht hei,
wenn der Atem der Zwiebelfresser bel um einen duftet! Gib Achtung, ich
hab' etwas fr dich. Lauf zum Michael, er wohnt in der Kurie, und lad'
ihn fr heute nacht auf die Agile. Spring, Kleiner, ich mu ihn haben!
Schnell, dies taugt nicht fr dich.

Damit griff er wieder nach den beiden Weibern, und whrend er sich die
Fltenspielerin ber die Schulter warf, da erreichte es den
davonstrmenden Licinius noch, wie die helle, sieggewohnte Stimme sich
in unmigem Lrmen berschlug:

Heda, ihr Venus-Tubchen, jetzt ins Bad! Wollen uns khlen! Seid gerade
der richtige Teufelsschnee dazu. Hurtig!

Und als ob er vom Bsen verfolgt wrde, strzte der Knabe durch die
Straen.




III.


Bses Wetter herrschte ber der Agile. Nicht, als ob Wind und Wogen
den Segler zum Streit herausgefordert htten, denn der Himmel lachte im
hellsten Gold und die Flut breitete sich als ein blauer Acker vor dem
Meerwanderer aus. Nein, es war die schlechte Laune des Admirals, die
immer schwer auf dem Schiffsvolk lastete, sobald das Unvermgen
besonnenen Wartens die Herrschaft ber den Lebhaften erlangt hatte. Die
Tat, auch die aussichtsloseste, schlo er jauchzend in seine Arme, das
Hinbrten jedoch, das Minute an Minute Reihen ertrug er nicht, und
mitten aus der erzwungenen Ruhe scho er manchmal empor, entschlossen,
durch irgendeinen heftigen Wurf den Zaun, von dem er sich eingeengt
whnte, zu zerschmettern. In solcher Lage aber befand sich der Sieger
von Wisby nach seiner Meinung gerade jetzt. Die Tage wollten sich fr
ihn nimmermehr vom Firmament lsen, und keine noch so drohend
emporgereckte Faust beschleunigte ihre Fahrt.

Unertrglich, nicht wert zu leben!

An der Galerie, die ganz hinten am Heck zu Fen des gewaltigen Aufbaues
den Abschlu des Schiffes bildete, schritt der Strtebecker eines
Morgens rastlos auf und nieder. Das Haar flatterte ihm um die Stirn, und
seine schwarzen Augen sphten ber die eingefurchte Kiellinie zurck auf
den Weg, den er gekommen. Hinter ihm war die tote Stadt lngst
versunken, das letzte Goldkreuz ihrer Kirchen hatte sich in Dunst
aufgelst, und das einzige, was sich auf der Flche abzeichnete, waren
die zwerghaften Umrisse von zehn schwarzen Freibeuterschiffen, die im
weiten Umkreis dem Kurs der Agile folgten. Nur zehn? Wohin hatte sich
der brige Teil, der noch vor kurzem so stattlichen Flotte verloren? Und
weshalb befand sich Gdeke Michael nicht in der Gesellschaft seines
Freundes? Wo blieben der Magister und der fromme Saufbruder Wichbold?
Und noch eins! Den Kundigen war es schon seit geraumer Zeit aufgefallen,
da man die dnischen Gewsser verlassen und auf der Hhe der deutschen
Kste kreuzte. Sprte der Admiral pltzlich Sehnsucht nach Heimat und
Sippe, die er stets hoffrtig verleugnet? Niemand erfuhr es, und
unentwegt hielten sich die Schwarzflaggen auf derselben Meerstrae. An
klaren Tagen konnte man aus den Mastkrben bereits die blauen Linien von
Rgen dmmern sehen, allein kein Nherrcken gab es, sondern man harrte.

Enttuscht lehnte sich Claus Strtebecker an die Wand des Aufbaus,
kreuzte die Arme ber der Brust und schickte noch einmal einen
hoffnungslos finsteren Blick ber die lachende Ferne. Nichts! Das, was
er erwartete, die roten Segel, die in der Nacht seine Trume teilten,
sie wollten sich nicht zeigen.

Ich mchte lieber, sprach er endlich hhnisch zu dem Knaben Licinius
herunter, der mit einer Schreibarbeit beschftigt zu den Fen des
Admirals hockte, der dicke Wichbold schwmme als ein unfrmig
Bauchgebirge an uns vorber, als da mich der wste Saufaus noch lnger
narrte. Acht Tage! Knnte ich doch mit dem Wind dem widrigen Kerl meinen
Namen in die Ohren heulen, ich--

Mitten im Satz schleuderte er jedoch alles weitere von sich, um sich
unvermutet zu seinem Gefhrten herabzubeugen, denn das Schweigen des
Knaben verdro den Heftigen.

Was bedeutet dein ewiges Gekritzel? rief er hastig. Was treibst du,
Bursche?

Folgsam schlo der Angeredete seine Wachstafel, allein seine
Augen suchten fortgesetzt den Boden, als er still erwiderte: Ich tue,
was du mich geheien.

Ich?

Pltzlich lachte der Riese und fuhr dem Blonden vershnt ber die
Locken. Er besann sich. Damals, als er zur Nacht von Wisby auf sein
Schiff zurckkehrte, war ihm zum erstenmal der Einfall aufgestiegen, es
sei ratsam, vor Mit- und Nachwelt jene Begebenheiten aufzuzeichnen, die
sein seltsam Vorhaben gefrdert oder gehindert htten. Denn ohne da
sich der Sorglose ganz klar darber wurde, hatte ihn ein drngendes
Verantwortungsgefhl gegenber seinen eigenen Plnen erfat, so da er
meinte, sie mten in ihrer Ursprnglichkeit erhalten werden, auch wenn
er nicht mehr atme.

Geh, Bbchen, hatte er sofort seinen Gefhrten angepackt, da Licinius
in jener Nacht auffallend wortlos und sonder Teilnahme neben dem
innerlich Berauschten einherging. Du hast ein rein Herz. Zeichne auf,
was du hier ersphst. Mag dein sanft Gemt einst fr mich zeugen wider
Trug und Migunst.

Und so hatte der Knabe in all seiner bedingungslosen Schwrmerei und
heimlichen Trauer zur Schreibtafel gegriffen.

Heute entdeckte nun der Seefahrer ganz unvermittelt, nachdem er endlich
seinem verbitterten Warten entrissen war, was sich lngst in seiner
Gegenwart entwickelt, und sofort entwendete er dem Knaben die Tafel vom
Scho, um sie in starker Spannung zu berfliegen. Er lehnte noch immer
am Aufbau, aber bevor er zu blttern begann, warf er dem Blonden erst
noch einen merkwrdig fragenden Blick zu. Der hielt das blitzende
Augenpaar gefat aus, wie jemand, der mit sich und seinem Urteil im
reinen ist.

Da schlug der Strtebecker das Buch auf. Nun gut,
Licinius, meinte er neugierig, la sehen, was ein sauberer Spiegel zu
melden wei?

Klangvoll fing er an zu lesen:

Dies schreibe ich der Wahrheit zuliebe, und auf da mir selbst einst
vergeben werde ------

Der Strtebecker hat auf dem Markt zu Wisby alles Volk zu sich bekehrt.
Bis auf die wenigen um Gdeke Michael. Dies ist ein Schade, denn es sind
gar wackere Schiffer und in guter Zucht. Die anderen aber streckten die
Hnde zu ihm wie zu einem Gott aus der Hhe, sie kten ihm den Mantel,
einige lieen ihn ber sich wegschreiten, und ich habe etliche
Narbengesichter weinen gesehen gleich den Kindern. Niemals zuvor wurde
aber auch Verlassenen dergleichen verheien, und unser Herz quoll ber
vor Dank und Sehnsucht. Am Abend kehrte der Strtebecker heim auf die
'Agile'. Seinem blauen Prunkrock war bse mitgespielt, und er selbst
gebrdete sich hitzig und voll Unrast, so da man htte frchten knnen,
er habe seinen Stern in bler Gesellschaft verloren!--

Bei dieser Stelle fuhr der Lesende erstaunt herum, strich sich ber die
Stirn und schlug dann auf die Wachstafel.

Was hast du hier geschrieben, Fant? rief er nicht ganz sicher. Dann
aber fate er sich. Tricht Kind, weit du nicht, da des Menschen
Gebein aus Ton und Erde gemacht wurde? Es kann den Funken nicht immer
vertragen!

Ich will den Satz tilgen, versetzte der Knabe sanft.

Nein, mag er bleiben, bestimmte der Admiral nach einer Weile und
versuchte zu lachen. Er meint es redlich. Gehen wir weiter.

-- -- Zur Nacht kam der Gdeke Michael an Bord. Mein Herr hatte ihn
durch mich bescheiden lassen. Wir saen zu dritt in der Kajte. Der
Michael hatte ein ernst und undurchdringlich Gesicht, und verschlossen
war sein ganz Wesen. Es schien mir aber dennoch, da seine Augen voll
Trauer und Teilnahme an dem Strtebecker hingen. Da griff ihn mein Herr
gleich scharf an und sprach: 'Gdeke, warum hast du dich heute wider
mich gewendet?'

'Darum,' sprach er, 'weil du ber die Wolken fliegst, und der Armen Sach'
auf Erden ausgefochten wird.'

Der Strtebecker hielt an sich und erwiderte: 'Weit du denn nicht, da
ich darauf bin, ihnen ein Asyl zu ffnen?'

Der andere zuckte die Achseln und sprach: 'Wie willst du wohl dazu
kommen? Auf den Schiffen sind wir stark, aber zu Land ein verloren
Huflein. Mit so geringer Macht wird nicht einmal ein Acker gewonnen.'

Da lachte der Strtebecker hell auf und sagte: 'Potz Marter, du denkst
nur immer an Schdelspalten. Ich aber will mein Land in gutem Frieden
mit Gold und Silber einhandeln.'

Darauf schwieg der Gdeke Michael eine Weile und bedachte sich, dann
fragte er, wer solch ein Land wohl freiwillig verkaufen wrde? Als er
nun hrte, da mein Herr schon den Hauptmann Heino Wichmann auf
Kundschaft zu den Friesen gesendet htte, da die Groen dieser Stmme
aus Geldgier sogar ihre eigenen Weiber preisgben, da schttelte er den
Kopf und fragte zum Schlu:

'Und woher willst du eine solche Menge Goldes nehmen, wie sie gewilich
von dir fordern werden?'

Da zgerte der Strtebecker ein weniges, und es war, als ob er sich
schme, dann aber schttelte er es ab und meinte kecklich: 'Ich wei
eine Stadt in Norwegen. Die hat sich seit alters her gemstet, so da
sie schier erstickt vor Wohlleben und berflu. Auch die Hansischen
halten dort ihre Kontore und nagen gleich den Ratten am Speck der
Eingeborenen. Dorthin will ich den dicken Wichbold mit zwanzig Koggen
senden, damit er den feisten Wanst mit Tribut und Steuer zur Ader
lasse.'

Kaum hatte der Michael dies vernommen, da sprang er auf, stie den Tisch
von sich und schrie, whrend die Zornader ihm schwoll: 'Ist der Wichbold
schon fort?'

Und als mein Herr besttigt hatte, die Koggen wren schon seit
Mondaufgang unter Segel, da geriet der Michael auer sich, hieb auf die
Tischplatte und verschwor und verma sich; ganz rot war er im Gesicht,
als er hervortobte:

'Wehe, du hast unsere Sache erwrgt und ins Grab geworfen.'

'Gdeke,' unterbrach der Strtebecker, und ich glaubte, er ersticke,
'nimm dich in acht! Mich hat noch niemand beschimpfen drfen.'

Bevor aber noch ein Unglck geschehen, da hatte der Michael sich selbst
an der Brust gepackt und nun wrgte und rang er gar erschrecklich, bis
er endlich in seiner gewohnten Weise hervorbringen konnte: 'Ich kenn'
deine Stadt. Heit sie nicht Bergen?'

'Du sagst es,' erwiderte mein Herr.

'Und ich kenne auch den dicken Wichbold,' entfuhr es dem anderen,
'diesen Wegelagerer und stinkenden Weihrauchkessel. Gib acht, in der
Linken sein Gebetbuch und in der Rechten ein Bund brennenden Wergs wird
er die Bergener rsten, nachdem er ihnen zuvor das letzte Kissen aus dem
Bett gezogen. Weit du auch, was daraus entsteht? Die Dnischen und die
Hansen werden gemeinsam ber uns kommen und um so lieber, als die
Schiffe des preuischen Ordens jetzt schon gen Wisby unterwegs sind.
Zweifle nicht, dies mu die Schwarzflaggen zu Fetzen zerreien.'

Als mein Herr so die nahe Gefahr verkndet hrte, da wuchs er in die
Hhe, gerade wie damals, da die Steinkugeln des Connetable unser Deck
zertrmmerten; schweigend schritt er in eine Ecke, holte von dort seinen
langen Hieber hervor und streckte die Waffe gerade vor sich hin.

'Hre, Gdeke,' sagte er, und es konnte ihm keiner von uns in die Augen
schauen, so grimmig flackerten sie, 'so wenig ich ber dies Eisen
springen kann, whrend ich es in meiner Faust halte, so wenig wird dies
alles geschehen. Meint der Wichbold etwa, ich wre ein Hndchen, das im
Scho einer Dame schmeichelt? Er wei, so auch nur einem Bergener ein
Haar gekrmmt wird, so will ich ihn selbst schnden, da kein Weihwasser
mehr das Mal von seinem Pockenfra abwscht. Sei sicher, die Furcht wird
ihm raten!'

Damit warf mein Herr den Hieber von sich, holte tief Atem und seufzte.
Nachher sprach er mit einer treuherzigen und traurigen Stimme: 'Aber
dies ist nicht das schlimme. Das schlimme ist etwas anderes.' Er legte
dem anderen die Hand auf die Schulter. 'Ist es wahr, Gdeke, da du von
mir gehen willst?'

'Ja,' rang sich der Michael langsam ab. 'Meine Zeit ist gekommen.'

'Gdeke,' rief nun mein Herr, 'bist du des Raubens und Stehlens noch
nicht satt?'

ber das Gesicht des Michael lief eine Rte. 'Ich habe mein' Tag nichts
fr mich genommen,' rechtfertigte er sich rasch. 'Aber es mu einer da
sein, der fr die Geknechteten und Geschundenen als ein Racheengel
daherfhrt. Was wrde, wenn die Mchtigen nicht mehr vor dem Wrger
schauderten?'

Der Strtebecker nickte und sah vor sich nieder. 'Und von dem
Wiederanfang hltst du nichts?' fragte er.

'Ich bin ein Kriegsmann,' zuckte der Michael die Achsel. 'Wir haben am
Kreuz gestanden und den Herrn vergeblich verrcheln gesehen. Seitdem
wei ich, da Blut um Blut gefordert werden mu.'

'So gehe,' fuhr der Strtebecker heftig auf, 'und wir wollen warten, wer
unserer Sache besser ntzt?'

'Dies geschehe,' sprach der andere kalt und wandte sich.

So wren die beiden alten Genossen schier unvershnt voneinander
geschieden, wenn nicht der Strtebecker dem Michael mit einem Sprung
nachgesetzt wre, gerade, als jener die Treppe erreichte. Aber auch der
Michael kehrte zu gleicher Zeit um und streckte meinem Herrn beide Hnde
entgegen.

'Bruder,' rief der Strtebecker in einem Ton, wie ich es bis dahin noch
nie von ihm gehrt. Auch dem anderen schien das Wort durch und durch zu
gehen, denn er fhrte die Hnde des Freundes gegen seine Brust und sah
ihn lange an. Dann sprach er:

'Claus, seit du als Halbflgger zu mir kamst, hast du ein reiner Licht
ber mein Handwerk fallen lassen als je vorher. Das will ich dir nimmer
vergessen. Darum kann ich auch in der Ferne nicht aufhren, auf dich zu
achten. Geht es dir aber bel, so sende mir unsere Schwarzflagge und
hnge deinen Siegelring daran. Daraufhin will ich meinen Kopf fr dich
wagen, wie bis auf diesen Tag. Und nun frisch, Claus, tue, was dein Herz
dich lehrt und was ich nicht mit dir tun kann.'

Darauf umarmten sich die beiden Mnner und gingen auseinander. ------

Hier schlo der Admiral das Buch, lste sich ein wenig von der Wand des
Aufbaus, und sein Blick glitt abgekehrt zu der Kielfurche hinunter, die
sich wirbelnd in der Weite verlor. Die Bilder aber, die sein Schreiber
entrollt, gaben ihn noch nicht frei, sie fingen ihn vielmehr in einen
dichtbevlkerten Kfig ein, aus dem es kein Entspringen gab.

Nein, das nicht! Was sollte der Verkehr mit Schatten? Gewaltsam
schttelte sich der Entrckte, um, wie zur Rettung, abermals nach der
Tafel zu greifen. Siehe da! Waren da nicht in kleinerer Schrift ein paar
Zeilen eines Nachtrags hingesetzt? Claus beugte sich, um sie zu
entziffern. Und whrend des Ausdeutens kam dem Lesenden der Argwohn, als
habe der Schreiber absichtlich seine Zeichen krauser und undeutlicher
gehalten als bisher. Da stand:

Dies schreibe ich fr mich allein!

Als der Michael gegangen war, da stand mein Herr aus Stein gehauen, als
wre er aus der Welt ausgestoen und verbannt. Aber dem war nicht so!
Wer ihn recht betrachtete, der merkte wohl, da ihm whrend dieses
ganzen Streites ein weies Licht auf der Stirn geleuchtet, so da man
htte vor ihm niederknien mgen, um ihn anzurufen: 'Nimm mich mit dir,
wohin du dich auch wendest.' Deshalb wei ich, unser Heil ist nur in den
Spuren dieses Einen. Denn er sucht das Gute. Und ob es sich auch tief
versteckt, es ist nicht aus der Welt. Mgen wir alle es schauen vor
unserem Ende!

Tief aufatmend fgte der Strtebecker die Wachsplatten zusammen, schlang
die Bnder um die Holzhlle und reichte Licinius, der sich inzwischen
erhoben, die Tafeln zurck. Auf dem engen Raum hinter der Galerie
standen sie dicht nebeneinander, ein Ausweichen war nicht mglich. Gern
htte der Knabe erfahren, ob der Admiral mit der Schreibarbeit zufrieden
sei, allein dieser hatte sich abgekehrt, so da seine Gesichtszge dem
Blonden verborgen blieben. Da versuchte Licinius dem Seemann die Hand
bescheiden auf den Arm zu legen. Kaum aber sprte dieser den Druck, da
fuhr er zum Schrecken seines Gefhrten mit einem Sprung herum -- dann
ein Augenblick des Erstarrens, und in den Blonden schlug es ein, da
dies nicht mehr derselbe sei, der noch soeben hhnisch, ungeduldig,
verbittert nach seinem Schicksal ausgespht. Nein, wild, hingerissen,
ber alle Grenzen geschleudert, so stand der leuchtende Mensch vor dem
Fassungslosen, der solch jhen Wechsel nicht gleich begriff, dann ein
selbstverstndliches Zupacken, in irrem Schwindel fhlte Linda ihre
Glieder emporgeworfen, und dann lag sie wie in einer mchtigen Wiege,
und das edle und doch so frchterliche Antlitz ihres Bezwingers beugte
sich nah und nher auf die Zitternde nieder.

Knabe -- Weib -- was bist du eigentlich? jauchzte ihr eine heie,
verzehrende Stimme ins Ohr. Du Stern, der mir vom Himmel herabfiel, was
soll die Vermummung?

Da sprang ber der Hingestreckten das blaue Gewlbe auseinander,
Entsetzen und Verzckung strzten zugleich auf sie herab, voll Schauder
warf sie die Hand gegen die sndhaften Augen, allein der erhobene Arm
brach kraftlos auf halbem Wege zusammen, und nichts als eine lchelnde
Starrheit war dem erschreckten Bedrnger preisgegeben.

Als ihn dies gnzliche Verstummen erreichte, da kehrte dem Betroffenen
die Besinnung zurck. Eine bittere Verachtung verzerrte pltzlich seinen
Mund, schtzend packte er seine Last fester, und zum erstenmal warf er
einen scheuen Blick um sich, ob auch die Mannschaft nichts von seiner
Verlegenheit erkundet. Allein, da hinter dem hohen Aufbau keine
berraschung zu besorgen war, so ffnete der Strtebecker entschlossen
die schmale Hinterpforte, und gleich einem Einbrecher schlich er tief
gebckt in die groe dunkle Kammer. Ein Lichtstreif verriet ihm die
Lagerstreu seines Gefhrten. Nur Stroh und Schilf sowie eine rauhe Decke
dienten hier zu Rast und Schlummer, und eine heimliche, nie empfundene
Bedrckung belehrten den Eingedrungenen ganz unerwartet, welcher
Drftigkeit das verwhnte Geschpf, das er jetzt so behutsam auf den
Armen trug, sich hier habe anpassen mssen. Und weshalb? Weil sie, die
Gemihandelte, unverrckbar und felsenfest an seinen Stern glaubte. Ein
heier, dankbarer Blick streifte das totenhnliche Antlitz, und whrend
er den fhllosen Krper sanft auf die Streu gleiten lie, da regte sich
in dem Prachtliebenden, stets zu jeder Verschwendung Bereiten, ein
unzhmbarer Ha gegen die rmlichkeit dieses Lagers. Wie? Er selbst
whlte im Golde, und seine Nchsten sollten darben? Das konnte ihm nur
Schande eintragen, solches berichteten auch die Lieder keineswegs, die
man im Volke von ihm sang.

Wulf Wulflam, befahl er eine Weile spter, als er ber Deck schritt,
seinem Bootsmann, wir haben noch die Schlaftruhe des Bischofs von
Strngns an Bord. Der Pfaffe faulenzte auf seidenen Kissen und unter
einer Purpurdecke. Schnell, schaffe den Plunder zu Licinius in die
Kammer! Das Bblein braucht sich die Knie nicht wund zu scheuern.

Vergnglich wollte der Schiffer Beifall grinsen, allein ein Blick auf
das hochmtige Gesicht seines Herrn lie es ihm doch geraten erscheinen,
lieber die Kappe zu lften, um sich dann wortlos an seine Arbeit zu
trollen. Er wute aus Erfahrung, wie wenig fr Einverstndnis und
Vertraulichkeit von diesem Seetyrannen in gleicher Mnze eingewechselt
wurde!

       *       *       *       *       *

Tag und Nacht war verstrichen, und in seiner Kajte streifte der
Strtebecker ruhelos auf und nieder. Zuweilen hrte man auf Deck, wie
unten ein harter Faustschlag gegen die Holzwnde drhnte. Zwiefach
harrte der Admiral. Auf die roten Segel, die nicht aus dem Horizont
brechen wollten -- und ein heftiger Zorn peinigte ihn daneben, weil ihm
sein Knabe heute zum erstenmal nicht bei Tisch aufgewartet.

Was sollte das? Auflehnung? Der Gereizte blieb stehen, und ein
verstndnisloser Blick streifte die lederne Peitsche an der Wand. Er
wute nicht, was er wnschte. Gleich darauf zwar brach er in Hohn ber
sich selbst aus, und er verspottete sich, weil in dieser unertrglichen
Spannung Weiberkram seine Gedanken beeintrchtigen konnte. Angestrengt
sann er eine Weile nach und horchte, ob sich kein weicher Tritt melde.
Als sich jedoch nichts regte, spritzte ihm die Wut verschrft in die
Stirn und doppelt besessen strzte er an die Schiffsluke, um in
ohnmchtiger Verzweiflung ber die schwanke Ebene zu sphen. Nichts
-- nichts -- bei den fnf Wunden, nicht der Schatten eines Kfers lie
sich entdecken, und mit schmerzenden Augen taumelte der Unbndige zurck
und raufte sich sthnend das Haar. Zwanzig seiner mchtigsten Schiffe,
der Kern der gesamten Schwarzflaggen, sie waren verschollen, er hatte
sie unter die Hand eines gewissenlosen Henkersknechtes gegeben, und nun
bohrte in ihm die immer spitzere Erkenntnis, da auf diesen Planken alle
Hoffnung der Armen und Elenden verladen war, zu deren Wortfhrer er sich
aufgeworfen. Welch ein Hohngelchter wrde rings um die Ksten schallen,
wenn man erst erfuhr, da diese gefrchtete Waffe vielleicht von einem
seiner eigenen Genossen gestohlen war? Lhmend stieg ihm die Befrchtung
des Gdeke Michael auf, und zu stolz und herrschschtig, um den
geringsten Vorwurf zu erdulden, begann seine Tobsucht nach irgendeinem
Opfer Ausschau zu halten. Warum kroch dieser blonde Trster nicht wie
sonst gleich einem demtigen Hndchen zu seinen Fen? Das durfte der
Herr doch verlangen!? Und wieder haftete sein verwirrter Blick an der
Lederpeitsche, und seine Rechte streckte sich krampfgeschttelt nach ihr
aus.

Da -- mit einemmal, welch ein singender, langgezogener Ruf aus den
Himmeln?

Der Strtebecker schnellte in die Hhe, und so sehr hatten sich alle
seine Sinne in eine einzige Erwartung verzogen, da er die Gestalt nicht
unterschied, die jetzt in die taghelle ffnung der Tr drang.

Herr, jubelte Licinius, wie immer ein Bote des Glcks, der Wichbold!

Da wurde ihm noch einmal der Freispruch von unertrglichen Foltern
vergnnt, die Entkettung von irgend etwas Wildem, Bsartigem, das schon
Gestalt gewonnen. Beide Arme warf der Strtebecker auseinander und
strzte auf den Ersehnten zu, als wollte er abermals die feinen,
schlanken Glieder im berma des Entzckens an sich pressen. Aber der
gewaltige Zug, der ber ihm war, sprengte ihn weiter. Nur die Hand des
Knaben umklammerte er, und ohne sich frder um ihn zu kmmern, ri er
den Blonden widerstandslos hinter sich her auf Deck.

Oben ein glasheller Sommertag und unter ihm das seidige Wallen des
blauen Meeres. Jedoch der Besessene blieb blind fr die gewohnte Pracht,
ihn trieb einzig die lodernde Wut seines Wesens an, sein aberglubisch
verehrtes Glck allein und weit ber den Huptern der anderen auskosten
und ermessen zu drfen. Niemals hatte er sich dazu hergegeben, heute
strmte er unempfindlich gegen seine Wrde ber die Strickleitern empor,
und bald entdeckte ihn die erstaunte Mannschaft, wie er hoch oben in der
rot gestrichenen Masttonne sich weit ber den Bgel warf, um die
ungeschtzten Augen frech und durstig in die Sonne zu bohren.

Ja, von dorther schwamm sein Glck; mit rot glitzernden Funken war die
Strae gepflastert, ber die es langsam einherzog, wenn man auch bis
jetzt nichts weiter als eine sich immer vergrernde Anzahl schwarzer
Flaggen unterschied, die scheinbar von unsichtbaren Hnden durch die
Wolken getragen wurden. Da wartete der Strtebecker nicht lnger ab, bis
sich auch der Rumpf jener Schiffe zu zeigen begann, er fragte sich in
seinem Taumel auch nicht, warum der Leib der Koggen gar so dnn und
linienhaft am Horizont haftete, mitten in der lauen Luft wurde die
riesige Gestalt dort oben von einem bernatrlichen Sturm geschttelt,
und mit einem ins Unermessene langenden Griff zerrte er die
Schwarzflagge von der Wimpelstange und nun schwenkte er sie in langen
atemlosen Windungen durch den goldspinnenden ther, bis das dunkle Tuch
selbst von Feuer und Brand erfat schien. Er grte sein Glck, er
grte das Heil der Unzhligen, von dem er meinte, da es ihm jetzt
unwiderruflich in die Hnde gegeben sei. Da brandete auch unter dem
Schiffsvolk der lang gesparte Beifall empor. Linda, die fast
unkrperlich zwischen den schreienden, winkenden, durcheinander
wimmelnden Mnnern umherirrte, denn ihr Blick kletterte ber alle hinweg
dem trunkenen Fahnenschwinger in die Lfte nach, sie fing dennoch auf,
wie der Jude Isaak den kleinen zahnlosen Arnold Frowein an den
Katzenpftchen packte, dazu inbrnstig murmelnd: Glaubst du nun,
Bruder, da sie da sind?

Wer? miaute der ehemalige Tpfer, der sein gezwungenes Grinsen nicht
lassen konnte.

Das neue Reich. Der Messias!

Mag sein, zischte der andere, und in seinen Augen entzndete sich ein
grnlicher Brand. Aber die Katzen mssen erwrgt werden, damit Urian
sich nicht in dem neuen Reich Kinder zeuge. Und auf das Streckbett soll
man spannen, was sich Richter nennt! -- Meinst du nicht, Freundlein?

Der Jude sah ihn starr an, dann lie er die kratzenden Ngel fahren und
grbelte bange in sich hinein: La, dort ist Freundschaft -- wo sonst?

Inzwischen war der Strtebecker geschmeidig an den Wanten
herabgeglitten, nun bildete sich eine schweigende, atemlose
Menschengasse, durch die er hindurchschritt. Noch immer hing ein
Leuchten, ein Jubel an dem Riesen.

Komm, Licinius, befahl er, als er den Knaben erreicht hatte, hilf
mich schmcken. Die Spielleute sollen sich bereit halten. Wir wollen dem
Wichbold ein Bankett geben, wie sich's Silen und Bacchus nimmer ertrumt
haben. Tummle dich, Kleiner, da er uns nicht berrasche!

       *       *       *       *       *

Allein der Wichbold kam nicht. Lngst schimmerte die Kajte der Agile
in ihren satten Farben, wie zum Hohn sandten die Spielleute ihre Weisen
in den sinkenden Tag, und in seinem roten Prachtwams sa der Admiral
bla und verstrt unter den brennenden Laternen und lie sich von
Licinius einen Becher nach dem anderen fllen. Der Erwartete stellte
sich nicht ein!

Durch die offenen Luken sah man, wie sich ber die Flut grauer Schaum
wlzte, allmhlich liefen die Mondkfer ber die tanzenden Hgel hinweg,
das Gesumme der Nacht meldete sich.

Endlich ertrug der Strtebecker die getuschte Erwartung nicht lnger.
Geruschvoll sprang er auf, und so sprechend war die Gebrde, mit der
seine Rechte in die leere Luft griff, da ihm Licinius ohne weitere
Frage den schwarzen Mantel um die Schultern hing. Achtlos nickte der
Admiral, dann stieg er schweren Trittes die Treppe hinauf, und kaum
hatte er auf Deck die Bordschwelle erreicht, so schrillte jener
Pfeifentriller ber See, der eine der begleitenden Snyken herbeirief.
Gleich darauf schwang sich die hohe Gestalt unter die Ruderknechte des
Bootes. Bevor er jedoch die Weisung zum Aufbruch erteilte, warf er noch
einmal das Haupt herum, denn er vermite etwas. Oben an der Bordschwelle
lehnte Licinius, um schweigend der Abfahrt beizuwohnen. Da hatte der
Riese gefunden, was ihm fehlte.

Spring herab, hie er den Knaben. Und als dieser zgerte, noch einmal
ungeduldiger: Springe, dir widerfhrt nichts.

Da erstarb das Widerstreben in dem Erblaten, folgsam schlo er die
Augen, und ohne einen Laut von sich zu geben, lie er sich durch die
Bordlcke in die Schwrze fallen. Allein er berhrte den Boden nicht,
denn in heftigem Anprall strzte er dem Strtebecker in die geffneten
Arme.

Recht, murmelte der und setzte seinen Gefhrten sorgsam neben sich auf
die Ruderbank. Nun zum Wichbold.

Rauschend verlor sich das Boot im Dunklen.

Am Nachthimmel hing bereits der Mond, als die Snyke in die Linie der
Wichboldschen Schiffe einfuhr. Diesmal aber mute es auch dem
Unbefangensten auffallen, wie tief und schwer beladen die Fahrzeuge im
Wasser lagen, augenscheinlich hatten die Ungeheuer ber jedes Begreifen
hinaus von dem Hab und Gut, um das aller Streit in dieser Welt geht, in
sich eingewrgt. Besonders war es die goldene Biene, die Fhrerkogge
des Wichbold, die unbeweglich herabgedrckt in den schwarzen Wassern
lag, und als ihre Besatzung von den Bootsleuten angerufen wurde, da
antwortete zunchst ein dumpfes, bleiernes Schweigen. Leblos, oder von
dickem Schlaf umhllt, ruhte die Biene auf der Flut. Jetzt stie das
Boot an die Wandung, und zu gleicher Zeit richtete sich der Strtebecker
sonderbar schwerfllig unter seiner Schar auf und fhrte mit dem Ruder
einen harten Schlag gegen die Planken.

Wichbold, schrie er. Es klang beinahe ngstlich.

Auf der Kogge gab sich noch immer kein Laut kund, doch an den Masten
glitten wenigstens ein paar Laternen in die Hhe, und eine Strickleiter
fiel mit Gepolter ber Bord. Wortlos schwang sich der Strtebecker
hinauf, ungeheien kletterte Licinius ihm nach.

Auf dem Deck der Biene stand die Mannschaft Kopf an Kopf, eine dunkle,
nicht unterscheidbare Masse. Aber merkwrdig, kein Ruf hie den sonst so
gefrchteten Fhrer willkommen, schweigend, verlegen wich die Menge vor
dem einzelnen Mann auseinander, bis ganz hinten am Mast eine
aufgeschwemmte, unfrmige Gestalt sichtbar wurde. Die sank, wie ein
baufllig Weinfa, vor dem noch Fernen zusammen, und man konnte fast
annehmen, sie wolle zur Begrung in die Knie brechen.

Alle Heiligen, gurgelte es tonlos aus dem Zober. Du, mein gesegneter
Freund. Irre fuchtelten ein paar fleischige Hnde dazu in der Luft.

Allein trotz dieses demtigen Empfanges rhrte sich der Ankmmling
nicht, starr aufgerichtet verharrte er in der Menschengasse, und nur die
vom Laternenschein grnlich getroffenen Augen des Admirals wanderten
unglubig, ja, wie von aufsteigendem Irrsinn entzndet, ber die
merkwrdige Beute der Biene. Da lagen freilich Kostbarkeiten
aufgestapelt, die man sonst nicht oft beieinander findet. Truhen waren
ber Truhen geschichtet, die meisten halboffen, so da Gold- und
Silbergeschirr, kupferne Ampeln, eiserne Lichtreifen, Holzschnitzereien,
bunt bemalte Wappen und Gildenschilder, riesige Deckelkrge sowie Fetzen
unordentlich hineingepreter Teppiche aus ihnen hervorlugten. Etwas
weiter trmten sich verschimmelte Wein- und Bierfsser bereinander,
ungeheure Ballen unverarbeiteter Tuch- und Leinenstoffe hoben sich bis
zur halben Hhe der Masten, da standen Pferde und Khe angebunden, dort
verschlangen sich Betten, seidene Frauenkleider, Schuhzeug und allerlei
Gewaffen zu einem unerkennbaren Haufen, und ganz hinten auf dem Aufbau
beugte sich inmitten eines wsten Reigens von Weihrauchkesseln,
Messegewndern und Stolastickereien, Opferschalen und Prozessionsfahnen
eine berlebensgroe Mutter Gottes wehklagend zur Erde nieder, obwohl
nichts anderes vor ihr lag als ein Sto scharf duftender Lederhute.
Erst allmhlich schwamm dieses tolle Durcheinander aus dem undeutlichen
Laternenlicht hervor, und je brtender der Strtebecker auf jedes
einzelne Stck hinstierte, desto qualvoller breitete sich unter der
Mannschaft diese unbeschreibliche Strafe des Schweigens aus. Einzelne
wischten sich mit groben Fusten den Schwei von der Stirn.

Herr, Herr, jammerte von seinem Mast aus der dicke Wichbold und
schlug, whrend er ein paar Schritte vorwrts wankte, schallend die
Hnde zusammen. Dies ist nicht mein Werk. Beileibe nicht. Wie es
wohlgetan ist, den Ungerechten von ihrem berflu zu helfen, damit er
unter die Armen verteilt werde, so ist dies hier eine Versuchung vom
Herrn der Finsternis -- nicht ich -- nicht ich -- so wahr ich will selig
werden.

Noch immer tasteten die Blicke des Strtebecker umher, taub und
unempfindlich schien er, und so fate der schwammige Buschklepper den
Mut, wieder einen Schritt nher zu rcken. Verzeihung heischend beugte
er sein graulockiges Haupt, wobei er sich selbst voller Anklagen die
Brust schlug.

Ach, du mein gesegneter Freund, bettelte er, sprich zu mir. Wolle
dich berwinden! Ich wei, du denkst ungndig, aber was sind wir armen
Sterblichen anderes als Luse am Leib eines Hitzigen! Ein Schlag, und
hin! Wie habe ich deinen Befehl befolgt -- ich lernte ihn auswendig, ich
konnte ihn auf dem Ngelein[*] gleich einem Paternoster, ich sprach ihn
voll Ehrfurcht aus, nicht anders als den gebenedeiten Namen unserer
lieben Frau. Und siehe, ihr Segen ruhte ber mir Unglcklichen, denn
alles war schon in guter Ordnung. Das Abkommen mit den frommen Brgern
von Bergen, der Tribut auf dem Tisch des Rathauses, auch dein Siegel
hing bereits unter dem Pergament -- da -- oh ber die Tcke des
Schwarzen -- da warf eine Hure im Zank ein brennendes Scheit gegen eines
meiner Kinder -- und -- und -- deine Klugheit errt -- die hlzernen
Huser -- kein Lftchen -- ach und weh, die Hitze--

  [*] Luther sagt: Die heilige Schrift auswendig und auf dem
  Ngelein knnen.

Er raffte seinen Rosenkranz empor und warf die Holzperlen in jher
Flucht gegeneinander.

Nicht mein Werk, stammelte er, nicht mein Werk.

Woran aber hafteten die Blicke des Strtebecker whrend dieser langen
Rede so fest, da sie sich von dem seltsamen Ding nicht mehr trennen
mochten? Mitten aus dem Wust hing an dem kupfernen Reifen eines
Torringes ein hlzerner Amselkfig herab, und ein schwarzes Tierchen
sprang ngstlich und ungefttert zwischen den Stben hin und wider,
wobei es hufig einen schrillen Pfiff ausstie. Gott allein mochte
wissen, aus welch behteter Ruhe das zahme Geschpf herausgerissen war?
Schtzend, ungewi, streckte der Admiral die Hand gegen diesen winzigen
Zeugen ungeheuerlicher Greuel aus, allein pltzlich wandelte sich der
anfnglich so harmlose Griff, die Finger des verstummten Riesen
spreizten sich, ein Aufrecken, und er hatte die schwere eiserne Laterne
von der nchsten Mastleine gerissen, und dann -- ehe sich noch die
betubte Mannschaft dazwischen zu werfen wagte, da schmetterte das
unfrmige Gert auf den Schdel des versteinerten Wichbold nieder,
Flammen und Blut spritzten gemeinsam herum, und wie ein abgesgter Baum
rollte der Wanst dem Angreifer vor die Fe.

Doch der Gestrzte war nicht gettet. Obwohl ihm rotes Gerinsel dick und
schwammig ber die Stirn rann, so behielt der Gezeichnete dennoch die
Kraft, in jmmerlicher Unterwrfigkeit auf seinen Bndiger zuzukriechen,
um ganz nahe die Knie des noch immer Schweigenden zu umschlingen.

Wehe mir, rchelte er kaum noch verstndlich. Warum befleckst du dich
an mir Unseligen? Nackt im Schnee der fromme Bischof von Strngns, im
Feuer die Mtter und holdseligen Mgdelein von Bergen, im Schutt die
Hostien -- berall Todsnde rings um mich Gutwilligen, wehe, wehe, vor
wem soll ich frder noch bestehen?

Sein aufgedunsenes Pockengesicht verzerrte sich und wurde bleich, mit
aufgesperrtem Mund schlug er zu Boden. Da lief ein bser Zug ber das
schmale Antlitz des Admirals, einen Futritt versetzte er dem
schwammigen Krper in die Seite, und whrend er sich tiefer in seinen
Mantel wickelte, als ob ihn frstele, da hob er das Haupt gegen die
unmutig anrckenden Freibeuter. Aber vor dem wilden Blick des Gebieters
stockte der Schwarm. Starr, geduckt standen die Mnner um den
Befehlshaber, wie immer bereit, sich der Gewalt dieses Mchtigen,
Unbegreiflichen zu berliefern.

Noch einmal stie der Strtebecker voll Verachtung gegen den
aufgetriebenen Leib des Liegenden, dann sprach er mit seiner
schneidenden Stimme:

Wahrlich, ich tat gro Unrecht, weil ich dies Fa nicht vllig leck
schlug. Er hat euren Anfang mit Unflat beschmiert, so da man unser
neues Haus einen Schweinekoben schelten wird. Nun wohl, so wollen wir
dennoch auf Schmutz und Morast bauen, denn auf Erden, merk' ich, ist
kein anderer Grund zu finden.

Er wandte sich und nickte kurz.

Zieht euch nah an die Agile. Wenn der Wichmann von seiner Kundschaft
heim ist, so gebe ich euch meinen Willen kund! Und nun leuchtet!

Damit stieg er als erster ber Bord, und sofort vermischte sich die
riesige Gestalt mit der Nacht.




IV.


Hret weiter, Herr Nikolaus Tschokke, erinnerte Knigin Margareta von
Dnemark, und es schien der Erhitzten in ihrer Hingenommenheit nicht
aufzufallen, wie der Gast in seiner schwarzen Ratsherrntracht unbewegt
ihr gegenber in dem Armstuhl lehnte, ohne auch nur durch ein
eingestreutes Wort seinen Abscheu vor der so ausdrucksvoll beschriebenen
Brandstiftung zu bekunden. Die Frstin aber hatte sich vllig vergessen,
sie hielt das Haupt in beide Hnde gesttzt, und ihre blitzenden Augen
verfolgten das Buchstabengewimmel auf dem Pergament, als starre sie
leibhaftig von einem hohen Turm in die brennende Holzstadt hinunter, auf
die verqualmten Gassen, auf lichterloh flammende Menschenbndel und auf
den Zusammenbruch altehrwrdiger Gotteshuser. Deutlich, erregend,
grauenhaft schlug der Herabgebeugten das Gellen der Verzweiflung
entgegen, und ihr leidenschaftliches Herz wand sich vor Zorn und
Ingrimm, da sie das hhnische Gelchter der Beutejger zu vernehmen
glaubte. Je wesenhafter sie selbst in der verkohlenden Stadt
umherzuirren whnte, desto unverkennbarer begegnete ihr an jeder Sttte
sinnloser Zerstrung jener berlebensgroe Geselle, der der rechtmigen
Besitzerin hhnisch ins Gesicht wieherte, und mit kaltem Entsetzen mute
sie beobachten, wie dem beltter das Blut rauchend vom blauen
Frstenrock troff, wobei er voll beienden Spottes auf sie, die
Machtlose, deutete, als wrde all der Mord und Graus nur ihr zur Schande
und Entwrdigung verbt.

Damit also begann die neue, die so viel gepriesene Weltordnung, deren
inbrnstige Verkndung sie doch manchmal den Schlaf kostete? Die Finger
der Verletzten krmmten sich, Rat heischend sah sie auf ihre beiden
Vasallen, die eine Stufe unter ihr zu ihrer Rechten Platz genommen. Aber
das Gerippe von Reichskanzler zitterte frierend in der Hhlung des
Stuhls, nur ab und zu ber die Goldmnzen seines Prunkgewandes putzend.
Der Kriegsoberste von Moltke dagegen drehte seinen Totenschdel hufig
nach einer herumsummenden Fliege, denn es reizte ihn, das schwarze
Geschmei unbemerkt zerquetschen zu drfen. Margareta richtete ihren
wandernden Blick wieder auf den Brger. Warum nahm dies kantige
Hndlergesicht an ihrem gemeinsamen Leid so wenig Anteil?

Herr Nikolaus Tschokke, beugte sie sich ber den Tisch, entschlossen
den anderen zu versuchen, es ist mit euch bergischen Hansebrdern zu
Ende. Der Strtebecker hat euch Kontorsche ausgeruchert gleich den
Heringen im Schtting. Es ist zu Ende.

Allein wie enttuscht zuckte sie zurck, als ihr Gast ohne sonderliche
Erregung erwiderte:

Knigin, es wird Euch gewi freuen, besseres zu erfahren. Von unseren
zweiundzwanzig Giebeln ist nur einer der Feuersbrunst erlegen. Die
anderen wurden hinter den Holzmauern von unseren Kaufmannsgesellen
verteidigt.

Ah, und nun meint ihr Kontorschen, ihr brauchtet euch nicht frder an
dem Giftstreuen gegen den tollen Hund zu beteiligen?

Der Brgermeister schwieg. Rauschend erhob sie sich. Geschmeidig stieg
sie von dem Podest herab, und siehe da, es war nicht mehr die Frstin,
die zwischen sich und anderen Schranken zog, nein, ganz unvermutet
entzauberte sie sich, so da jetzt nur noch zu aller Bestrzung ein
bsartig gereiztes Weib durch die Zelle strich, das nach nichts anderem
zngelte, als dem Gegner auf eine niedertrchtige Art das Herz aus dem
Busen zu reien. Mit einer merkwrdig ungezgelten Wiegebewegung glitt
sie bis dicht vor ihn hin, um ihm ganz nah ins Gesicht zu schleudern:

Meint Ihr, Herr Nikolaus Tschokke, der Strtebecker habe sich solange
besonnen, bevor er auf Burg Ingerlyst einstieg? Ihr wit doch, der
Mordbrenner mit sieben Fu und zieht erst die Weiber aus dem Bett, ehe
er sich die Taschen vollstopft? Wie ist mir denn? Der Conaer Abt
erzhlte doch, der Galgenvogel habe auch Euer knftig Nest beschmutzt?

Es war die nackteste Absicht, den Vorsichtigen zu krnken oder ihn
vielleicht gar zu sinnlosen Gestndnissen zu reizen. Selbst die beiden
dnischen Groen, obwohl ihnen die Vorliebe der Frau fr unbegreifliche
Zoten bekannt war, schttelten erstaunt die Kpfe. Dem Hamburger jedoch
hatte es zuerst das Haupt auf die Brust gepret. Jetzt aber richtete er
es entschlossen auf, und aus seinen blauen Augen wie aus der festen
Stimme des Mannes schlug der Regentin eine unbeirrbare Geradheit
entgegen.

Der Conaer Abt, Herrin, entgegnete er ohne jedes Zaudern, wird Euch
auch gemeldet haben, da eine hhere Hand meine Rechnung durchstrich.
Grfin Linda ist tot und verschollen, Knigin.

Ihr irrt, mein Freund.

Die braunen ausdrucksvollen Augen des Weibes berschatteten sich so
mitleidig, wie wenn es ihr wirklich ernst wre, dem Tod ein schon
gezeichnetes Opfer zu entreien. Um ihren Besuch aber krachte die Erde.
Jetzt verlor er jede Vorsicht.

Was wit Ihr von ihr?

Da sprudelte es in Margaretas ausfhrlich malender Schilderungskunst
hervor, wie sich der Seeruber die Ohnmchtige ber die Schulter
geworfen, um sie in schlimmer Absicht von dannen zu tragen. Und in der
unehrlichen Vornahme, zu trsten oder zu entschuldigen, setzte sie
hinzu:

Sie konnte sich nicht wehren. Er mit sieben Fu.

In dem Antlitz des Brgermeisters stritt sich die grnliche Blsse des
Todes mit der eigenen unrchbaren Entwrdigung. Ein Paar kreisrunde
Blutkugeln erschienen auf seinen Backenknochen, bevor er heiser
hervorstie:

Aber seitdem hat die Unglckliche, wie nicht anders zu erwarten, die
Erde verlassen. Am jngsten Tag wird auch ihr Gerechtigkeit
widerfahren.

Die Knigin schttelte das Haupt.

Herr Nikolaus Tschokke, hier tuscht Ihr Euch abermals.

Sprend hielt sie das Antlitz ein wenig geneigt und zuckte jetzt fast
feindselig die Achsel. Sie begriff im Grunde den Reiz nicht, den das
frmmelnde Nonnengesicht ihrer frheren Hofdame auf den nchternen
Stadtbrger ausbte. Noch weniger freilich vermochte sie zu ermessen,
welch' verdorbene Lust den Heiland aller Mordbrenner gerade zu jener
Himmelsbraut gefhrt haben mochte. Und in dieser Stimmung verkndete sie
rcksichtslos, was ihr selbst von den Flchtlingen des Connetable ber
den Aufenthalt des Mdchens auf dem Seeruberschiff zugetragen worden
war.

Ihr sollt alles erfahren. In Mnnerkleidern, in engen Beinlingen und in
der gepreten Schecke geht sie dort unter den Vitalianern herum. Sie
wartet dem Unhold bei Tisch auf, und er herzt und streichelt sie dafr.
Was wei ich, was er ihr sonst noch erweist?

So wenig vermochte die Knigin bei den letzten Worten eine Art ferner,
sie qulender Eifersucht zu unterdrcken, da sogar ihr hindmmernder
Kanzler vieldeutig die Lippen spitzte. Der Mann aber, auf den die
niedertrchtige Schilderung allein wirken sollte, er blieb zuvrderst
ganz still.

Endlich brach es aus Herrn Nikolaus Tschokke starr, trotzig, berzeugt
hervor:

Dies ist nicht Grfin Linda.

Wer sonst?

Kenn' ich alle Dirnen auf der 'Agile'? Aber Linda ist es nicht. Knnt
Ihr meinen, Knigin, eine nur dem Himmelslicht sich ffnende Seele, sie
knnte pltzlich zu einem Pfuhl zerflieen?

Doch, doch.

Margareta sprach diesmal mehr zu sich selbst. Sie hatte die Hnde auf
dem Rcken gebettet und schritt, nur mit sich beschftigt, im Zimmer auf
und nieder. Deshalb klang auch wahrer, was sie in die Tiefe ihrer
eigenen Brust hinabsandte.

Doch, doch, lehrt mich die stirnkhlen, schoheien Weiber kennen?! Die
da stehen sind andere, als da auf weichem Pfhl liegen. Tag und Nacht
wechseln schnell unter unseren Zpfen.

Seht, murmelte der Brgermeister verworren. Eine geraume Zeit
verstrich in tiefem Schweigen. Dann tat der Hamburger einen
schmerzlichen Atemzug und griff sich an den kurzen Dolch seines
Wehrgehnges. Gebt mir ein Dokument des Vertrages mit, wandte er sich
rauh an den Kanzler, der sich vor berraschung nicht zu erheben
vermochte. Und sollte ich auch von dem mir lieb gewordenen Amt scheiden
mssen, ich will durchsetzen, was Ihr von mir verlangt. Im Frhjahr seht
Ihr mich wieder! Gewappnet. Versumt nichts, meidet lieber den Schlaf
und die Kost, als da Ihr in diesem Ding lssig seid. Und nun lat mich
an mein Werk gehen, Knigin.

Er beugte sich ber die ihm dargereichte Hand, schlug den Vorhang zurck
und schied. Die drei anderen blickten ihm nach, als ob sich ein
gewhnlicher Mensch in eine Traumgestalt verlre.

       *       *       *       *       *

Mit brennenden Augen sphten die Freibeuter durch Luft und Erde, ob ihr
Kundschafter nicht endlich heimkehre.

Wie lange wartete wohl Josua auf die Boten aus dem gelobten Lande?
fragte der Strtebecker seinen Knaben, mit dem er lang ausgestreckt
unter dem Sonnensegel des Bugaufbaues lag. Sie spielten Wrfel, allein
ihre Gedanken fanden in dem ledernen Becher keine Herberge.

Seit dem Streit mit dem Wichbold war der Riese wortkarg geworden. Sein
Stolz schien eine eiternde Wunde empfangen zu haben. Nur der Wein, wenn
er Gewalt ber den schwer zu Brechenden erlangte, schrie manchmal mit
fremden, prahlerischen und drohenden Zungen aus dem Entfesselten heraus.
Aber selbst dann entdeckte Licinius in den glhenden Augen des Wilden
noch das ernste Bild der Gottheit, das durch ihn ber die Erde rufen
wollte.

Um die beiden Lagernden herum hingen aus wolkenlosem Himmel jene kaum
wahrnehmbaren Silbergespinste herab, mit denen Uranos das Meer an sich
zu knpfen und zu snftigen sucht.

Es war Herbst geworden.

Die See rollte rote Wogen gegen die fernen weien Kreidefelsen, und ber
ihnen auf den Erhebungen der Insel meinte das Auge des Seefahrers das
Sausen und Wiegen der schwarzgrnen Wipfel zu spren, so oft uralter
Runenzauber in ihrem Schoe whlt.

Wohl lie der Strtebecker ab und zu die beinernen Ritter springen, aber
er wandte keinen Blick nach ihnen, seine Seele war an etwas Frheres
geknpft.

Wie lange warten wir nun auf den Wichmann? fragte er zurcksinkend.

Es geht bald in den zweiten Mond, Herr, zgerte der Knabe.

Der Strtebecker streckte sich lang aus und prete die geballte Faust
schwer auf seine Brust. Dann sprach er langsam:

Ich sage dir, Licin, wenn der jdische General so lange htte lauern
mssen, wer wei, ob sein Tatwille nicht gebrochen wre. Das Warten hat
zwei eiserne Arme, komm, ich wollte, mich umfinge Weicheres.

Als sich jedoch neben ihm nichts rhrte, schwieg der Riese eine geraume
Weile, bis er endlich die Hand des Knaben suchte, um sich die Finger des
Gefhrten gewaltsam und wie zur Khlung auf die geschlossenen Wimpern zu
betten. Und wieder nach langer Zeit forschte er, als ob ihn ein Traum
beschftige.

Sage mir, Bursche, was blickst du so aufmerksam auf die Dnen,
seitwrts von der Felsenschlucht? Der Liegende warf den Arm vor und
zeigte auf die ferne, strichfeine Kste. Merkst du dort eine hlzerne
Htte? Und daneben den Stall fr die Ziegen?

Nichts schaue ich, Herr, entgegnete der andere verwundert.

Doch, du gibst dir nur keine Mhe. Rauch ringelt aus dem Schlot. Und in
dem Riedgras vor der Schwelle steht ------

Wer? wagte Licinius zu unterbrechen.

Ich selbst, fuhr der Strtebecker pltzlich ungestm in die Hhe,
packte seinen Gefhrten an der Brust und schttelte ihn unter einem
rauhen, abwehrenden Gelchter. Ganz nahe brannte das wilde Gesicht des
Freibeuters vor den sanften erschreckten Augen des ihm Preisgegebenen.

Torheit, rief der Aufgestrte geringschtzig, es sind Schatten. -- Was
kmmert es mich, ob man dort drben frit oder modert? Will mich nicht
durch Weihwasser oder welke Ksse von meinem Weg treiben lassen.

Hingenommen, verngstigt durch die kaum verstndliche Drohung, aber auch
bezwungen und aufgelst von dem schreckhaften Zauber des Menschen, so
lag Licinius vor dem Gebieter auf den Knien und schaute zu ihm auf.
Jetzt aber flsterte er ganz leise und doch voll Ergebenheit:

Wer, Herr, kann dich ablenken oder abziehen? Dein Weg fhrt ber die
Wolken.

Es klang so aus einer zur Gewiheit erhobenen Seele, da es den gespannt
Lauschenden wie ein scharfer Trank durchfuhr. Diesen geistigen Wein
bedurfte er, er konnte ihn nicht mehr missen. Einen weithin hallenden
Ruf stie er aus, dann aber beugte sich der Riese strmisch herab,
umfing den Knienden, und indem er den schlanken Leib sttzte, zauste er
bermtig und in vollem Triumph in den Locken des Knaben herum.

Recht, Bbchen, findest immer einen guten Spruch! Hab schon den besten
Fang an dir getan! Nun aber la das Heulen um alte Weiber. Wollen lieber
sehen, wessen Glck besser gelaunt ist?

Damit warf sich der Admiral von neuem neben Licinius auf den Teppich und
begann mit einer unrastigen Gebrde den Wrfelbecher zu strzen. Hastig
ri er dabei seine Grteltasche auf und schttete einen Haufen Goldes
zwischen sich und den Freund.

Da, Schelm, dies setz' ich gegen dich. Mcht' dich gern vollends um Hab
und Gut bringen. Und als ihn sein Gefhrte kleinlaut bedeutete, da
ihm ja nichts mehr an Gold und Besitz eigne, da schlug der andere eine
vieldeutige Lache auf und meinte: Flunkere nicht, Pppchen, es liee
sich dir wohl noch manch Gutes abgewinnen.

Da senkte Licinius pltzlich betroffen die Augen, zitterte und bettete
unerwartet beide Hnde ber den Becher.

Was soll das? rief sein Herr rgerlich ber die Strung, konnte es
aber doch nicht verhindern, da sein Knabe wie in Angst und Not in das
eben verlassene Gesprch zurcklenkte.

Herr, brach er mit einmal hilflos ab, ich verbarg dir etwas. Heute
morgen wiesen sich zwei Schiffsleute deine Heimat auf Sanitz. Und der
eine meinte, du suchtest nur deshalb nicht nach den Deinen auf der
Insel, weil sie arm und elend wren.

Jetzt sprang der Riese empor und schob seinen Gefhrten heftig mit der
flachen Hand von sich.

Dulde dies nicht, bat Licinius noch einmal. Warum sollst du Trster
gerade deine Nchsten verachten?

Unterdessen war der Strtebecker bis zu dem eingebauten Bugspriet
geschritten, dort, wo die Riesenlaterne als erstes Wahrzeichen des
Schiffes bei Nacht ins Meer leuchtete. Hier stand er abgewandt, nagte
verdrossen die Lippen und schleuderte zuweilen die Rechte von sich, als
ob er irgend etwas Verbrauchtes ins Wasser wrfe. Endlich rief er
schneidend ber seine Schulter zurck:

Da es in euren Hirnen nicht anders wachsen will als die Kohlkpfe, in
langen, geraden Furchen. So will ich euch denn zeigen, wer meine
Nchsten sind? Ob ihr, die ihr an dem Henkerstuhl vorbei mit mir ins
Ungewisse zieht, oder jene, die sich unter ihren Schlafscken vor mir
verstecken! Bei Sonnenuntergang halte dich bereit. Toren und
Strohwische, brach er pltzlich anklagend aus, mchtet gern fliegen
und klebt wie Lehm an den alten Nestern.

       *       *       *       *       *

Sie bckten sich tief, als der prunkhaft geschmckte Mann in der grauen
Dmmerung an ihnen vorberwandelte. Da und dort standen die unfreien
Sassen auf dem den Strand, denn von weit hinter den Bergen liefen sie
schon seit Wochen herbei, um ihre schreckstarre Sehnsucht an den fernen
Schatten der Gleichebeuterschiffe zu weiden.

Zwar die dort drauen waren Satansgelichter! Das Kloster predigte es,
der Vogt besttigte es, die Gottverfluchten wollten die Welt an allen
vier Ecken anznden. Um mehr handelte es sich nicht. Dumm und
verstndnislos hatten die Sassen dazu genickt. Aber als jetzt der
beltter geschmeidig an ihnen vorberstrich, der Unheimliche,
Glnzende, Sagenumsponnene, vor dessen unmittelbarer Gewalt der Abt, der
Graf, ja sogar die kleine Herrscherhoheit des Herzogs von Wolgast
verblich, da klopfte den Benommenen das Herz bis in die Zhne, da
gurgelten ihnen Wut, Erkenntnis, Hingerissenheit durch die Kehlen, da
schlug es ihnen den Rcken ein, und sie brachen vor dem Traumbild ihrer
mden Seelen in den Staub.

Du -- du, stammelten sie mit hoch erhobenen Armen.

Selbst der Vogt, jetzt ein gichtgekrmmter, hundebissiger Siebziger, an
dessen Schlfen nur noch ein paar zerzauste Weistrhnen flatterten, er
lie mit offenem zahnlosen Munde das Wunder an sich vorbergleiten und
hielt sich mhsam an dem kronengeschmckten Stab aufrecht.

Der Strtebecker aber erkannte ihn sofort. Er ma ihn mit einem
mitleidigen Blick.

Lebst du? fragte er.

Selbstbewut nickte der Alte, versuchte sich zu recken und bohrte seinen
Stock tiefer in die Nsse. Pltzlich bellte er heftig:

Es ist verwehrt, an dieser Stelle zu landen.

Da brach der Strtebecker in ein geradezu unbndiges Gelchter aus,
selbst der Vogt verfiel vor all den Zeugen in eine unentrinnbare
Verlegenheit, und am ganzen Strand heulte und wtete ein einziges
tobendes Brllen. Welch ein frischer Wind, welch ein Wirbeln unter dem
jahrhundertealten Staub der Verordnungen. Endlich bezwang sich der
Gleichebeuter. Er ri seinem Buben ein Beutelchen aus der Hand. Das warf
er dem Knurrenden dicht vor die Fe.

Mag dich gern leiden, Klotz, gestand er. Dann zeigte er auf die Dnen.
Und dort oben? forschte er heimlich.

Lebt, kam es aus dem Munde des Vogts einsilbig und ohne Dank.

Wohlan, so kmmere dich nicht weiter um mich.

Ungeduldiger als bisher schlang er seinen Arm unter den des Knaben und
zog diesen den Dnenpfad in die Hhe. Allein kaum nach ein paar
Schritten hielt er inne, um sich nochmals zurckzuwenden.

Kehre ich wieder, rief er mit seiner hellen schmeichelnden Stimme, die
ihm so oft aller Herzen gewann, dann, Vogt, will ich nicht mehr die
Hafengerechtsame verletzen. Ich bin nicht gekommen, um vernnftige
Ordnung zu stren. Mchte sie euch gerne bringen. Hrt ihr, in meines
Herzens Schale bringen. Und nun, bleibt jung.

Da huldigten unten die Unfreien und warfen dem Menschenfischer die
Mtzen nach. Der Vogt jedoch schwang in schiefen Wendungen seinen Stock
gegen die Menge, keifend:

Packt euch -- was lungert ihr mig herum? Wir wissen nicht, wer der
vornehme Herr war -- keiner stre ihn auf seinen Pfaden.

       *       *       *       *       *

Das verrunzelte Fischerweib trat auf die Schwelle der Kate und schwang
einen brennenden Kienspan gegen die Dunkelheit. Fest stemmten sich ihre
derben, nackten Fe in den Sand, und ihre mitrauischen blauen Augen
weiteten sich, als hinter dem Vorhang von Kienrauch und feuchtem
Seenebel zwei fremde Gestalten auftauchten. Undeutlich leuchtete es
drauen von Gold und Seide. Seltsam -- seltsam -- die Alte strich sich
ber das glatt gescheitelte weie Haar und wich vor Bewunderung
unwillkrlich zur Seite. -- Wie lange Zeit mochte wohl verstrichen sein,
seit sich ihr -- der Jungen, der die Mannsbilder so hitzig nachstellten
-- ein hnlich Blitzender genhert hatte? Vorbei -- das war lngst
vergessene Bitternis. Allein die Art Herren brachte den Geringen nichts
Gutes ins Haus! Und was hatte dieser da, der sich unter dem Eingang wohl
gar noch tiefer bcken mute, als es einst von ihrem Verstorbenen
geschah, was hatte dieser so befehlshaberisch und sicher in ihre Htte
zu dringen?

Pltzlich lie Mutter Hilda die Leuchte fallen, so da sie erlosch.
Obwohl Himmel und Meer wie eine schwarze Grube unter ihr ghnten,
so waren vor ihrem geistigen Auge dennoch die Umrisse der
Gleichebeuterschiffe aufgestiegen. Dann hrte sie das geheimnisvolle
Raunen der Nachbarn, sie fing auf, wie man mit Fingern auf sie wies
-- und mit einemmal sprte sie, wie eine drohende Hand ihr Herz
festhielt, bis es ihr nichts mehr vermittelte. Weder Freude noch Scham,
weder Hinneigung noch Grauen. Nichts redete in ihr als jene kalte, rauhe
Stimme, die da fragte:

Was will der Fremde?

Die Falten auf der Stirn zog es ihr kraus, ungerhrt konnte sie in die
Htte zurcktreten, dem Unbekannten nach, wie jemand, der sein Hausrecht
wahren will. Aber als nun die Frhgealterte im Schein des Herdfeuers
unter dem Mantel ihres Besuchers die Frstenkette blinken sah, als ihr
abgeneigtes, strenges Antlitz von den schwarzen, lebhaften,
herrschgewohnten Augen festgehalten und angezogen wurde, da wankten ihr
die Beine unter dem Leib, und die Gewohnheit, sich stumm vor allem zu
bcken, was mit dem Anspruch der Macht unter die Geringen trat, es zog
ihr den noch eben straffen Rcken furchtsam vornber.

Verehrungsvoll wand sie die starkgederten Hnde umeinander.

Kennst du mich? entglitt es dem Strtebecker, der vor der Esse stand,
wo er gegen die lhmende Wirkung des Vergangenen ankmpfte.

Was sollt ich nicht? murmelte die Weihaarige, sich vorsichtig
zurckziehend, und dabei bekreuzigte sie sich stumpf.

Ihr Sohn tat einen starken Schritt gegen sie, die Htte drhnte von
seinem Gang.

Gib mir die Hand, forderte er strmischer, als er ahnte.

Die Fischerfrau sah an dem groen, herrlichen Menschen in die Hhe, dann
schttelte sie in ringender Verstndnislosigkeit das Haupt und
versteckte ihre Finger hinter der groben Schrze.

Wir sind arme Leute, murmelte sie.

Ihr Bedrnger jedoch fing ihre Rechte gewaltsam ein und prete sie, bis
die Alte wimmerte.

Freu dich, drngte er, als knnte er sogar Wrme und Neigung
befehlen.

Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und
Zgern:

Ich wei nicht mehr, wie es tut.

Da quoll sie endlich hervor, die herabgewrgte Wut einer Vergessenen, da
entlud sich das dumpfe Leid, keinen Anteil zu haben an dem, was der Leib
in Schmerzen gebar. Und doch, der kluge Menschenverstand des
Fischerweibes bedeutete ihm sogar noch zu dieser Frist, da dies alles
nach der Ordnung der Dinge wre, weil der Fischerkittel niemals
erhorchen knne, wie es unter dem Herrenwams hmmere, weil die Engnis
der Sassenhtte unmglich das Gedrnge der Welt zu erfassen vermge, und
nicht zuletzt, weil die Jugend von jeher vom Alter fortstrebe wie
Strche und Stare, wenn sie die Klte spren.

Alles lngst ganz vernnftig berlegt. Aber jetzt, wo ihr das Fremde
nahe gerckt war, da wehrte sie sich erbittert gegen ihr Geschick und
schttelte hartnckig den Kopf. In der Stille, die sich einschlich,
stand der Heimgekehrte verfinstert neben der Esse. Und siehe da, er
hatte seinen Knaben an die Hand genommen, als msse er jemand nahe
wissen, der sich zu ihm rechnete, einen Brger aus jener Welt, die noch
ungeschaffen hinter Kreisen tanzenden Lichtes schlummerte.

Auch die Alte blickte forschend auf das hellglnzende Haar des
Jnglings, auf die biegsame Gestalt und auf die ausladende Weichheit der
Hften. Abermals wiegte sie argwhnisch das Haupt. ber die Wangen des
jungen Dnen aber scho eine feurige Glut. Sie rhrte nicht von den
brennenden Buchenkltzen des Herdes her. Es war das erstemal, da Linda,
seit ihrem tiefen Fall, wieder einem ehrbaren Weibe gegenberstand. Sie
fror.

Da rhrte sich ihr Herr. Das Leuchten war aus seinen Zgen entwichen,
dafr beherrschte ihn gnzlich jenes kurze, rcksichtslose Zugreifen,
das die meisten Dinge kaum einer Prfung fr wert erachtete.

Was weit du von mir? warf er der Alten hart und sachlich zu. Die
stand und verfolgte aufmerksam, wie der Riese den schwarzen Mantel ber
den Tisch schleuderte. Es schien also, als wollte ihr Sohn noch lnger
weilen. Um die geschlossenen Lippen des Weibes zuckte es.

Die Leute sprechen viel, berwand sie sich endlich.

Was? forderte der Strtebecker allmhlich gereizt ob ihrer
sprechfaulen Strrigkeit.

Da geriet etwas mehr Leben in die Erstarrte. Gerader richtete sie sich
auf, bis sie endlich gestrafft vor dem Wartenden stand, wie in alten
Tagen, sobald ihr hitzig Wort oder ihre strafende Hand irgendeine
Verfehlung an dem schwer lenkbaren Jungen shnen wollte.

Ist es wahr, erkundigte sie sich schon mit zitterndem Abscheu in der
Stimme, da du die groe Stadt Bergen verbrannt hast?

War es das Aufflackern des Feuers allein, in das der Freibeuter eben mit
aller Wucht die Zange hineinstie, wodurch seine khnen Zge so grlich
verzerrt wurden? Einen wilden Blick des Einverstndnisses, des Hohnes,
der ohnmchtigen Raserei warf er seinem bebenden Licinius zu, dann lie
er sich auf die Herdbank sinken und ri sich gewaltsam ein hmisches
Lachen aus der Brust.

Wahr, rief er in widersinniger Freude ber das Entsetzen, das er
entfesselte, was weiter? Die Fackeln, die die Welt erleuchten, riechen
oft nach Menschenfett!

Ach du Barmherziger, vergib uns unsere Snden, sthnte die Mutter
geistesabwesend und schlug im Jammer um eine untergegangene Menschheit
beide Hnde vor ihr Gesicht. Jedoch nicht lange, denn gleich darauf
schreckte sie auf, um geschftig ihre Finger unter dem Brusttuch zu
verbergen. Alle ihre Bewegungen malten deutlich die Angst, auch sie
knnte irgendwie durch Asche, Blut und Unrat besudelt worden sein.

Was willst du? wehrte ihr Sohn den stummen, unbequemen Angriff ab.
Gib uns was zu zehren.

Die Fischerfrau hrte nicht, sie streckte vielmehr den Arm gegen die
Fensterluke, als knnte sie durch sie hindurch auf die verbrannte Stadt
deuten, denn die verkohlten Sparren zeichneten sich fr sie zackig gegen
die Nacht ab.

Bin nur dumm und ungelehrt, beharrte sie mit dem Starrsinn des
Bauernmenschen, deshalb sage mir, warum du das verbt hast.

Da griff sich der Strtebecker an die Kehle, als knnte er in diesem
dumpfen Loch keinen einzigen freien Atemzug mehr gewinnen, ein Ringen
war's, das den Krmpfen des alten Claus Beckera hnelte, dann aber ri
er sich pltzlich in Wut die Goldkette vom Halse und schleuderte sie
mitten auf den Ziegelboden, da sich ein sprungartiges Reien und
Klirren erhob.

Nimm, schrie er in der verworrenen Meinung, sich loskaufen oder den
unbegreiflich drohenden Mund des Weibes schlieen zu knnen. Was gehe
ich dich an? Aber es ist nicht wahr, da nur von weien Lmmern das Gute
in die Welt gebracht wird. Schau mich an, saufe das Blut fuderweis und
will doch hoch hinaus. Weib, Kain und Judas waren gar groe Herren. Die
Befreiung geht oft durch das bel.

Weit streckte er die Fe von sich, sttzte die Fuste hinter sich auf
die Bank und horchte in Qual und Fieber darauf, ob diese Alte nicht
doch, wie alle anderen, vor ihm zusammenbrechen wrde. Mutter Hilda aber
schritt schweigend an den Tisch, dort zog sie ernsthaft ein langes Kreuz
in die Luft und sprach beschwrend:

Ich will meine Htte scheuern, wenn du geschieden bist. -- Nur noch
eines, damit ich doch sicher wei, von wem du stammst? -- Bist du's, der
wehrlosen Weibern Gewalt zufgt?

Dicht neben der Esse entfrbte sich das Antlitz des jungen Dnen, er
versuchte mit erhobenen Hnden den Feldstein abzuhalten, der ihm wuchtig
gegen die zarte Brust flog, allein er brachte es nur zu einem
unverstndlichen Flstern. Mhsam, taumelnd wollte er sich gegen die
weihaarige Richterin schleppen, jedoch bevor er noch eine einzige
Bewegung ausfhren konnte, da pfiff ein kalter Wind zur Tr hinein, und
auf der Schwelle erschien eine zierliche Gestalt, die verbeugte sich
artig und schwenkte in bertriebener Hflichkeit die Kappe.

Heino, jauchzte der Strtebecker, sprang unglubig von seinem Sitz und
dabei griff er mit den Armen in die Luft wie ein Schwimmer, der mit ein
paar letzten verzweifelten Sten schweres, fauliges Sumpfwasser zu
durchbrechen sucht. Vergessen war das zermrbende Ringen, der
abscheuliche Kampf gegen das, was einst nahe seinem Herzen wuchs,
abgestreift, als lcherlich erkannt das Anrennen gegen die brckelnden
Ruinen einer dummen, verfrmmelten Zeit. Sturmwind sauste zur Tr
herein, er wrde die wankenden Mauerreste von selbst umwerfen, Sturm
jagte die Lappen und den dicken Qualm in der Htte auseinander, und der
dort an der Schwelle, der die Windsbraut hereinlie, er war nur einer
seiner ausgeschickten Gedanken, die von nun an das verrunzelte Antlitz
des Geschaffenen verjngen und veredeln sollten.

Heino, schrie er seiner selbst nicht mchtig und packte seinen
Kundschafter an der Schulter, da der Kleine wankte. Sendling meiner
liebsten Hoffnung, bringst du mir und dir und all den Verschmachteten
die Vernunft, die Ruhe und den Frieden? Werden wir Brder sein? Oder
mssen wir einander weiter morden?

In der Htte verflog der Atem des Lebens, selbst das strohblonde
Kerlchen rang unter den Fusten des Zitternden nach Fassung. Und seine
schrille Stimme drang allen Hrern durch Mark und Bein, als sie sich
spitz und schneidend aufschwang:

Dein Wille und dein Name haben gesiegt, Claus Strtebecker. Die
Edelinge der Friesen wollen mit dir handeln um Land und Niederlassung.
Deine Hoffnung erfllt sich, das Tor springt auf, du kannst einziehen
als der Frst der Hungernden und dein Reich der Brder begrnden.

Einen Augenblick verstummte der frstliche Mensch, eingehllt in eine
goldene Wolke, ernsthaft und doch beinahe kindlich in einen fernen
Feiertag lauschend. Doch schnell und fast ohne bergang griffen die
Dinge des Tages nach dem fr die Erde Geborenen. Das frostige Elend der
Htte, die zersprungenen Ziegel des Estrichs und am meisten die dumpfe
Verstndnislosigkeit in den zerwhlten Zgen seiner Erzeugerin, sie
rissen ihn aus dem Tanz der Lfte und offenbarten ihm klar und streng,
da von jetzt an nur nchterne Werkzeuge wie Spaten und Pflug, den
ersehnten Schatz aus den Schollen schrfen wrden.

Ungestm warf er sich den Mantel um, dann blickte er noch einmal
aufmerksam in der trbe verqualmten Engnis umher, bis er ruhig und
gelassen vor Mutter Hilda treten konnte.

Wir gehen zu Schiff, nahm er von ihr Abschied. Lebe wohl, Weib.
Entweder du und deinesgleichen ziehet mir eines Tages nach, oder deine
sndige Frucht mag im Gedchtnis der Menschen faulen!

Die Htte stand leer, in Sturm und Nacht waren die Gespenster des
Aufruhrs verschwunden.

Da stie Mutter Hilda nach einigem Besinnen einen Eimer Wasser um und
begann, wie sie versprochen, die Stelle, wo ihr Einziger gestanden, zu
scheuern!




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Das vierte Buch

[Illustration]


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I.


Wer seid ihr, ihr glatten Dirnen? staunte der Strtebecker das
glitzernde Frauenvolk an.

In der einsamen Ley-Bucht schlich die Agile vorsichtig zwischen den
grnen Watten hindurch, die der Einfahrt von Marienhafen an der
ostfriesischen Kste vorgelagert sind.

Schon konnte der verlangende Blick des Schiffslenkers, denn der Admiral
stand selbst am Heck, die braunmoosigen Dcher des kleinen Hafenortes
aus den Marschen emporwachsen sehen, schon luteten von rechts und links
die Glocken der weidenden Khe ber die schmale Fahrtrinne, da wurde die
Agile von diesen bermtigen, Kurzweil suchenden Schwimmerinnen
umzingelt, eingefangen und umtanzt. Rudernde Arme schnitten durch die
Flut, helle Leiber blitzten, ein jauchzender Reigen bildete sich, und
siehe da, tief unten, auf das ungefge Steuerschwert hob sich bis zur
Brusthhe die Anfhrerin der Rotte, und ein feuchter Spritzer aus ihrer
Hand flog dem Strtebecker ins Gesicht. Der Gleichebeuter jedoch war
schon vorher geblendet. Die kecken braunen Augen unter den nassen
Goldflechten, das Wunder der Nacktheit betrten ihn, so da er in seiner
glcklichen Habsucht fr einen Herzschlag sich, seinen Zweck und den
Sinn seiner ernsten Fahrt verga. Vllig behext warf er sich ber die
Brstung der Galerie, ganz an den unmglichen Versuch verloren, aus
dieser Hhe den Seespuk fr sich einzufangen.

Da lachte es frisch von unten herauf, weie Zhne enthllten sich, und
eine unerschrockene Stimme rief:

Bist du nicht der Strtebecker? Der Schuimer, der hier ein ganz Land
stehlen will?

Der bin ich, gab der Admiral schwer atmend zur Antwort, denn von der
tiefen Beugung war ihm das Blut gewaltsam in Stirn und Wangen gerollt.
Warum aber lt du dich nicht fischen? -- Wer bist du?

Ich? hhnte es von unten und zugleich lie es sich von dem Brett
herabfallen. Hier wirst du nichts fangen, Gleichebeuter. Ich bin Eala,
frya fresena.

Es war das Losungswort der alten freiheitsdurstigen Gaue, in die der
Strtebecker eben einfuhr. Im nchsten Augenblick huschten und ruderten
die Mdchen schon von allen Seiten dem Schiffsungetm aus der Nhe, und
bald hatte ein hohes Binsengestrpp, das auf einer Landzunge weit in die
Bucht hineinschnitt, den Schwarm jeder Verfolgung entzogen.

Wohlig reckte sich der Strtebecker, kam zu sich, und da ihm zuerst sein
Knabe in die Augen fiel, der dster und von ihm abgekehrt weit ber die
sich neigenden und schwirrenden Wiesen starrte, so schlug er ihm derb
auf die Schulter und rief noch ganz erfllt von dem unerwarteten Gru:

Welch schnes Land! Welche Freuden erwarten uns hier! -- Geh, fange
keine Grillen, Licin! La uns das freundliche Vorzeichen vielmehr
annehmen. Wie sagte das Ding? Eala, frya fresena!

Und er breitete in der weichen Herbstsonne beide Arme aus, als ob seine
Brust und die nher rckenden Weiden miteinander kosen sollten.

Warum aber konnte sich der Knabe seiner schweigsamen Versunkenheit nicht
entreien? In ihm zitterte etwas, wie wenn ein feines Glas einen Sprung
erhlt. Enttuscht, bla, verngstigt hatte er das nackte Treiben um das
einfahrende Schiff beobachtet. Und sein sehnschtiger Glaube strubte
sich erbittert gegen den Widerspruch zwischen der Heiligkeit seiner
Erwartungen und dem leichtfertigen Schauspiel, das hier ihren frommen
Einzug begleitete. Zum erstenmal, seit das sich entfremdete Weib dem
gepanzerten Heiland folgte, wie Linda ihren Bezwinger ergebungsvoll
getauft hatte, wurde sein Bild durch Vorstellungen ihres frheren
Daseins verdrngt. Weit ffneten sich ihre Augen fr etwas Altgewohntes
und doch lngst Entfremdetes. ber die saftigen Wiesen der Marschen sah
sie hinter einer Schmetterlingswolke einen Wanderer ziehen. Er trug
weies Gewand, dunkle Locken fielen ihm tief ber die Schultern, hnlich
wie sie es auf dem Bilde des Giotto geschaut, und der Mann streckte
seine Hnde ber die Hupter von Krppeln und Bresthaften aus, die am
Wege auf ihn lauerten. Nur ganz hinten, im Wesenlosen des feuchten
Brodems, folgte ihm eine Schar zaghafter Frauen. Toller gaukelten die
Falter, die Erscheinung verging und kehrte zurck. Verstrahlte und
leuchtete wieder auf.

Was bedeutete das?

Linda zitterte und schlo die Augen. Furcht hinderte sie, noch mehr
wahrzunehmen.

Eile, Licinius, schrie der Strtebecker, der weiten Schrittes ber
Deck wandelte, dazwischen. La der Mannschaft Wein austeilen. Und du
selbst fliege zu mir, mein Bblein, damit wir uns gtlich tun.

Der Turm an der Hafenmndung rckte heran, Boote begannen das Fahrzeug
zu umkreisen, der Lrm der Werksttten und der Arbeit meldete sich, und
die Agile warf Anker.

       *       *       *       *       *

Bis in den spten Nachmittag hinein stie die Brust der mchtigen
Fhrerkogge ein einziges Jauchzen aus. Angefeuert vom Wein, berauscht
durch die gar nicht fabare Aussicht auf unangefochtenes Brgerleben,
jubelte, sang und pfiff die Mannschaft, sie suberte und wusch sich, als
ob es zum Tanz ginge. Ja, der Ire Patrick O'Shallo, der mit fnf der
schmucksten Burschen auserwhlt war, die schweren Geschenktruhen in das
nahe Huptlingsschlo zu schaffen, er lie sich von dem Hebrer Isaak
einen metallenen Spiegel vorhalten und kmmte in inniger Befriedigung
sein langes gelbes Haar. Zum Schlu steckte er sogar ein
Heidekrautbschel, das ihm von einer kleinen rotrckigen Friesendirn
ber Bord zugeworfen war, an die lederne Kappe, und whrend er vor
geschmeichelter Eitelkeit einen Luftsprung tat, bi er dem Juden
zrtlich in die Wange.

Jetzt freie ich, flsterte er hingerissen, und gib acht, Mauschel,
wie oft du bei mir Gevatter stehen wirst.

Aus den Augen des alten Juden aber antwortete ein Fieber. Inbrnstig,
mit einem unheimlichen Verlangen verschlang er das nahe Land, und
zuweilen blickte er fassungslos in den goldroten Abendduft, als wre
dies ein anderer Himmel, wie er sich sonst nirgendwo ber Menschen und
Ansiedlungen ausspanne.

Auch in der Admiralskabine hallte es von Frohlocken und Liedern wider.
Dort lie sich der Strtebecker von seinem Knaben sorgsam Stck fr
Stck seines blauen Prunkgewandes anlegen. Und obwohl er dabei oftmals
die Vertrge durchstberte, die vom Hauptmann Wichmann sauber aufgesetzt
waren, so behielt er doch immer noch Zeit, seinem sanften Helfer
bermtig das Haar zu zausen oder ihm sogar einen neckischen
Backenstreich zu versetzen. Keineswegs merkte er dabei, da es ein Weib
sei, das er in Verwirrung bringen knnte, und auch Licinius versah
seinen Dienst in einer glcklichen Ferne und schreckte nur zuweilen
empor, wenn ihm sein Gebieter die Hand um die Kehle legte, dazu
beteuernd:

Bblein, dir soll es gut werden. Magst du beten, wohlan, ich will dir
eine Kirche bauen. Willst du jagen, du sollst Hunde und Falken haben.
Nur lache und sei vergngt. Wie jetzt.

Und auf den Lippen des stets Bereiten erschien ein folgsames Lcheln.

Ja, in dieser ersten Stunde war die Agile in den offenen Himmel
eingelaufen.

Die Flut strmte schon mit dem licht aufsteigenden Monde in den Hafen
zurck, als vor dem auf Deck wartenden Admiral zwei Reisige der
Huptlingswitwe Flke then Broke erschienen. Sie brachten ihm den
Geleitbrief zum Ritt nach der von ihrer Warfe[*] dster und schwer
herabdrohenden Steinburg, und die beiden Kerle in ihren langen
pelzbesetzten Rcken und den rhrenartigen schwarzen Filzhten sttzten
sich im Gefhl ihrer altererbten Freiheit furchtlos vor dem mchtigen
Seebeherrscher auf ihre Spiee, ohne auch nur im geringsten Miene zu
machen, ihre Hupter zum Gru zu entblen.

  [*] Hgelerhhung.

Die Flke gibt dich in unseren Schutz, meldeten sie in ihrer kargen
breiten Sprache.

Aufmerksam ma der Strtebecker die beiden Hochgewachsenen. Das ganze
Volk in seinem sicheren Kraftbewutsein schtzte er nach diesen ersten
Boten ab, und ein heies Wohlgefallen berkam ihn, als er daran dachte,
welche ruhige Wrde, welche natrliche Selbstachtung die Freiheit
verlieh.

Ganz in der Nhe winkte wohl doch das Land der Menschen.

Wir nehmen den Schutz der Flke an, sprach er deshalb mit weniger
Spott, als er beabsichtigte. Kommt, Burschen.

Vielleicht hatten die Reisigen einen schweifenden Seeruber zu finden
gemeint, einen Angehrigen jener Friedlosen, mit denen man wenig
Umstnde machte, die frstliche Weise dieses Mannes jedoch brachte sie
auer Fassung. Vor ihre Fe rollten ein paar Goldstcke. Der Admiral,
nachdem er sich zum Gehen gewendet, hatte sie ihnen hingeworfen, wie man
Hunden den Fra streut. Bereitwillig bckten sich die Spietrger und
sammelten den ungewohnten Schatz auf, denn auf ihrer mhsam dem Meer
abgerungenen Scholle griff man gierig nach Besitz und Wohlstand.

Betroffen hrten sie mit an, wie die groe Trommel geschlagen wurde, als
der Gleichebeuterfrst, gefolgt von seinem Knaben, ber die breite
Treppe das Schiff verlie, und sie erschraken mit den anderen Matrosen,
da sie wahrnahmen, wie die riesige Gestalt des Anfhrers gleich beim
ersten Schritt aufs Land der Lnge nach niederstrzte.

Was ist dir? erblate Licinius und wollte nach seinem Gebieter
greifen.

Der aber wandte ihm sein lachendes Haupt entgegen, sprang auf und
reichte ihm eine Krume der eben beschrittenen Erde.

Tor, flsterte er dem Schreckgebannten zu, merkst du nicht, ich ffe
den Makedonen Alexander nach? Ich eigne mir dies Land an. Und dir gebe
ich es, du Reiner. Und in sich gekehrter setzte er hinzu: Mir ist, als
wrde ich es behalten, so lange du neben mir wandelst.

Alles Blut strmte dem Blonden zum Herzen, schreckhaft frbten sich
seine Wangen, aber ber dem Abendgold des Himmels sangen fr ihn doch
wieder jene seligen Scharen, die schon so oft um das dunkle,
eigenwillige Herrscherhaupt musiziert hatten. Und vertrauter, inniger
schmiegte sich der Verstummte seinem Gebieter whrend des Schreitens an.

Nicht lange.

Dicht neben dem Flu wurde von einem dritten Knecht ein starker Schimmel
gehalten, von jener wohlgenhrten Art, wie sie das Brokmerland damals
zchtete. Mhne und Schwanz waren von langen bunten Bndern
durchflochten, die fast bis auf die Erde hingen, und ein goldenes Blech
lag dem Tier dicht um die Stirn.

Eia, rief der Strtebecker wohlgelaunt, whrend er sich in den Sattel
schwang, Frau Flke wei, wie man artig schenkt.

Da lachten die Knechte und raunten untereinander. Bis einer von ihnen
sich die schwarze Filzrhre aus der Stirn schob, um sich zu der Auskunft
zu bequemen:

Schlecht kennt Ihr die Flke, Herr. Noch nie hat sie etwas verschenkt.
All ihr Vieh wrde hungern, wenn wir es nicht heimlich ftterten. So ist
auch dies Ro hier nur geliehen.

Potz Velten, rief der Reiter, der inzwischen sein Tier angetrieben
hatte, so will ich ihr die Mhre in Silber aufwiegen. Gehrt mir doch
fr immer, was mir einmal gedient.

Der Knabe, der den Zgel gefat hatte und nun neben dem Schimmel
herschritt, hob versonnen den Blick zu seinem Herrn. So zogen sie ber
die einsamen Wiesenpfade der Burg entgegen.

       *       *       *       *       *

Auf dem Kastell der Brokes knisterten an den Wnden des langen Saales
die Leuchtfackeln. Der Raum war so niedrig, da ein hochgewachsener
Mann, wenn er sich aufreckte, wohl die schmucklosen Bohlen der
Fichtendecke htte fassen knnen. Manchmal knackten dort oben die von
der Kaminhitze ausgedrrten Bretter, als ob jeden Augenblick ein neuer
Ri das Holzgefge sprengen wollte. Ein Frsteln wehte durch die
schlecht erleuchtete Halle. Nur mhsam konnte ein Fremder die im
Flackerlicht wechselnden Gesichter der Huptlinge erkennen, die sich
hier auf einen Wink der Flke zur Beratung zusammengefunden hatten. Wohl
waren smtliche dieser kleinen Burgherren seit Geschlechtern durch
bittere Erbfehde, Blutrache und Zerwrfnis voneinander getrennt, allein
ihre Gier nach Vorteil und Gewinn fra dennoch hitziger als selbst der
alte Ha. Gebot doch auch der gute, nachbarliche Neid, da man den
Brokes keinen besonderen Nutzen gnnte, zumal der blutlosen, brandroten
Flke nicht, der man wie einem gefhrlichen Gespenst den Namen der
Quade, das heit der Bsen, zugelegt hatte. Wahrlich, niemand konnte
es den Edelingen von Dornum, Norden und Faldern verargen, wenn sie
lieber auf Mord und Brand ausritten, ehe sie auch nur eine Stunde der
heimtckisch lchelnden Quade Flke gegenbersitzen mochten, der Witwe
des tollen Occo, von dem sie berdies alle, Freund und Feind, ohne
Unterschied betrogen, verprgelt und an Land und Leuten geschdigt
waren.

Aber die Quade Flke war schlimmer.

Man brauchte nur den braungesonnten Propst Hisko van Emden zu fragen,
der heute gleichfalls mit den anderen Gsten auf einer langen Bank an
der rechten Seite des Saales lagerte, whrend die Flke mit ihrer
Tochter auf einer erhhten Estrade an der Mittelwand Platz genommen, der
wute Bescheid, woher der Menschenha der Hausherrin sowie ihr Vergngen
am restlos Bsen ihren Ursprung ableiteten. Vor dreiig Jahren schier
hatte der Pfaff, obwohl er zu jener Zeit von geistlichen Dingen fast
noch weniger verstand als heute, den tollen Occo und seine Braut in
diesem selben Saale zusammengegeben. Und damals eben geschah das
Unerhrte. Auf die gewohnheitsmig hergeleierte Frage nmlich, ob das
Weib willig sei, fortan mit dem ehrsamen Ritter einen Leib und eine
Seele bilden zu wollen, da hatte sich die blasse Braut endlich unter
ihrem friesischen Brustschild geregt, um pltzlich ein schneidendes
Nein hervorzustoen. Gleich darauf freilich knallte es durch den Saal.
Der Brutigam hatte seiner Verlobten eine Maulschelle geschlagen, da
die Betubte ihren silbernen Hauptschmuck verlor. Eilig war dann die
halb Ohnmchtige getraut worden, wenn auch der in Aufruhr geratene
Hochzeitsschwarm genau wute, warum die Braut sich noch zur letzten
Frist so verzweifelt gestrubt hatte. Lag doch zur nmlichen Stunde in
einem Turmloch die Lieblingsmagd des jungen Eheherrn, die er nicht von
sich lassen mochte, in den letzten Wehen, und als unten zur Mitternacht
die Burgfrau von einem Bezechten aufs Hochzeitslager gestoen wurde,
schrie auf dem Turm bereits ein Bastard. Seitdem war die brandrote
Teufelsschnheit der neuen then Broke von dem wilden Occo unzhligemal
gemihandelt und verwstet worden, und so oft sich zur Nachtzeit auf der
Burg bis in die sptesten Jahre hinein ein Kreischen und Wimmern
vernehmen lie, dann lachten die Umwohner und sagten:

Herr Occo geht auf die Freite.

Nun aber war der Kraftstrotzende schon lange still geworden. Zu Aurich
moderte er unter einem gesprengten Wachtturm, denn in einer der Fehden
hatte er seinen letzten Gang getan. Die Leute in Marienhafen aber
erzhlten, da sich auf die Kunde seines Endes die Fenster der
Brokeburg festlich erleuchteten und wie man eine wste Frauenstimme in
greulichem Jubel bis in den Morgen htte singen hren.

An dieses Nest einer hornigen Krte, die ihre ganze Seligkeit darin
fand, ein zehrendes Gift in sich zu sammeln, klopfte an dem windigen
Herbstabend des Jahres 1399 der Strtebecker, ein Mensch, der wie eine
Sonne ber dem Glck von Unzhligen aufgehen wollte.

Er trat herein, den Arm um die Schulter seines Knaben geschlungen,
gefolgt von den beiden Spieknechten, und als der Riese in dem blauen
Frstenwams, leuchtend vor Gold und Selbstbewutsein, in dem halbdunklen
Saale stand, da verstummte auf einen Schlag das laute Geznk der Junker,
und ber ihre Hupter hinweg fuhr ein heller, silberkehliger Ruf. Ein
Gru, so frisch und bermtig, wie er dem gefhrlichen Gast ursprnglich
kaum zugedacht war. Wer konnte in diesem Kreise so unbedacht sein
Wohlgefallen uern?

Es war eine Frauenstimme.

Sprend, witternd rckte die Flke auf ihrem erhhten Sitz zur Seite.
Griesgrmig musterte sie ihre schne Tochter Occa, die sich eben derart
auffllig vergessen. Aber als die Alte zu ihrem Erstaunen auffing, wie
die Goldblonde neben ihr fortgesetzt ihr feines, von einem roten
Haarnetz umspanntes Haupt zu neuen Gren gegen den Fremden neigte, fast
als ob sie einen lngst Bekannten auf sich aufmerksam machen mte, da
ging ein befriedigtes Greinen ber das blutleere Antlitz der Quade, und
in der berzeugung, da sich hier vielleicht Unheil, Verirrung und Snde
unter der heibltigen Jugend entspinne, wickelte sie ihren drren,
stockartig aufgerichteten Leib fester in das verschossene graue
Fltelkleid, um den Gleichebeuter mit einer harten Mnnerstimme
anzuherrschen:

Mach's kurz. Was willst du?

Damit zog sie unter ihrer gelben Lederkappe ein graurotes Haargezottel
hervor, drehte es sich fest um den Finger, schlug ein Bein ber das
andere und wartete.

Der Strtebecker aber starrte sie fast mitleidig an. Nach den
Schilderungen des Hauptmanns Wichmann hatte er auf dem Regentenstuhl des
Brokmerlandes ein gefhrlich Wesen vermutet, eine ansteckende Krankheit,
der man ausweichen mute. Diese armselig gekleidete Auszehrung dagegen,
aus deren erschreckend verkmmertem Antlitz nur ein Paar merkwrdig
blutige Lippen hervorstachen, sie schien hchstens einem Bettelweib
vergleichbar, das verbittert nach Almosen schielte. Aber sieh dort
-- neben dem Gerippe? Beim Zeus, wie kam dies liebreizende Gebilde neben
das Klapperbein? Welche kaum erwachte Jugend, welch ein ungesttigtes
Locken in den braunen Schelmenaugen, und vor allem welch ein wohliges,
ungescheutes Darbieten hinter dem weiten Brustausschnitt. Wahrlich, hier
wollte ein goldroter Apfel vom Baume fallen.

Ungeduldig tat die Flke ihre brandigen Lippen auf.

Wir warten, fingerte sie auf ihrem Faltenrock vorwurfsvoll herum.
Sage, Gleichebeuter, willst du hier noch lnger Maulaffen feilhalten?
Offenbare kurz, was dich herfhrt.

Da trennte sich der Freibeuter von seinem Gefhrten, reichte ihm den
schweren Helm, so da sein braunes Gelock sichtbar wurde, und anstatt
sich vor der Brokmer Herrin zu verbeugen, lachte ihr der Zgellose jetzt
gerade ins Gesicht.

Es war der rechte Ton fr die derben, ungeleckten Burgtyrannen.
Schadenfroh traten sie nher. Auch die schne Occa beugte sich weiter
vor, damit ihr jetzt keine Bewegung des Fremden entginge.

Du bist bei Laune, Frau Flke, spottete der Strtebecker von unten
herauf, indem er einen Fu krftig auf die Stufe stellte. Was kmmert
es mich, ob die Junker wissen, da du mit meinem Abgesandten lngst
einen Vertrag aufsetztest? Wozu hast du mich sonst eingeladen, da ich
doch nicht um Botenlohn durch die Welt laufe?

Htte der Umstrzler durch eine Feuerwaffe die mrbe Decke zum
Einstrzen gebracht, nicht drohender und wilder htte das Geschrei unter
den Edelingen umherfahren knnen. Der Argwohn, die schlaue Flke knne
von dem fetten Braten bereits das Hauptstck abgeschnitten haben,
erregte die eigenntzigen Mnner zu hchstem Zorn.

Ei, sieh da, du heilloses Weib, so sprang der junge Folkmar Allena
wtend auf die Estrade, um der Hausherrin beinahe die Faust unter die
Nase zu setzen, auf welchen Schleichwegen bist du wieder betroffen? Hat
dein Gespons noch nicht genug Raub heimgebracht? Oder meinst du, wir
anderen errieten deine Pfiffe und Schliche nicht?

Die Quade aber blieb stockgerade sitzen; verchtlich schlug sie nur mit
der Hand nach dem Erhitzten, wie wenn sie eine aufdringliche Fliege
scheuchen mte.

Spare deinen Witz, Folkmar Allena, riet sie starr und bissig.
Verschleudere ihn nicht, mein Brschlein, so tricht wie dein Hausgut.
Du wirst ihn heute noch brauchen.

Es mute eine treffsichere Bosheit in dieser Abwehr enthalten sein, denn
der schlanke Junker stotterte pltzlich vor Verlegenheit, whrend seine
Genossen ein helles Gelchter aufschlugen. Wute man doch allgemein, da
Folkmar Allena zu jenem Schwarm berckter und zu jeder Torheit
entschlossener Mnner gehrte, die hinter der goldblonden
jungverheirateten Occa herpirschten wie hinter einem flchtigen Wild.

Bestrzt, mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Schne, die heute von
ihm nicht viel zu merken schien, drngte sich der Allena in die Schar
der laut verhandelnden Edelinge zurck. Statt seiner aber lste sich
jetzt eine andere Gestalt aus ihrem Kreis. Ein starker, schwerflliger
Mann im ledernen Jgerwams, ber das er jedoch merkwrdigerweise ein
zerdrcktes Bischofsmntelchen geworfen hatte. Ein pfiffiges Lachen auf
den braungesonnten, bartlosen Landwirtszgen, hinkte er heran, da er auf
der Sauhatz soeben erst einen schmerzhaften Sturz getan, und legte nun
dem Strtebecker vertraulich die Hand auf die Schulter. Wie nebenher
versuchte er sodann mit der anderen das Zeichen des Segens zu spenden.
Allein, da der Seefahrer ablehnend auswich, beschwichtigte Propst Hisko
van Emden die Abneigung des Fremden ganz gemtlich, indem er selbst eine
wegwerfende Geste ausfhrte.

_Salve Care_, begann er mit einem belegten Trinkerba, denn dieser
emsige Landwirt liebte es, gleich bei der ersten Bekanntschaft die
wenigen lateinischen Brocken, die er irgendwo aufgelesen, wieder zu
verausgaben. Willkommen, Claus Strtebecker. Bist ein toller Christ.
Gib mir deine Hand. Hab mich immer ber deine Streiche gefreut. Bei der
heiligen Dreifaltigkeit, es tut wohl, da endlich eine starke Seemacht
in unsere Hfen einluft.

Htet euch, schnarrte der steife hochmtige Enno von Norden
dazwischen, der seine Umgebung durch eine beschrnkte Frmmigkeit
peinigte, und er pfiff seine Worte beinahe durch eine dummgerade Nase:
Denkt an die Suppe, die er den Bergenern angebrht! Wie wollt ihr euch
schtzen, wenn euch von dem Seedieb das gleiche widerfhre?

Vermaledeit, das wre uns ein sauberer Gast, stimmten ein paar der
kleinen Burgherren zu, denn die kriegsgebten Scharen des Schuimers
erregten in ihnen ein Grauen. Wer brgt fr den Brandstifter? eiferten
sie, stampften mit ihren schweren Holzschuhen auf den Estrich und spien
breitbeinig vor sich nieder auf den Holzboden. Wer hat hier heimliche
Vertrge mit ihm geschlossen?

Da warf der Propst die fleischigen Hnde in die Hhe.

Ihr _boves malefici_, sprudelte er, indem ihm vor Aufregung der Bauch
ber den Grtel quoll, und dabei schttelte der wuchtige Jger den Wulst
seines ihm ber die Stirn fallenden ungekmmten Haares erbost hin und
her. Strtebecker, mein edler Freund, warf er ber seine schmatzenden
Genieerlippen, du siehst, _tot homines, tot sententiae_ -- soviel
Menschen, soviel Meinungen. Halte dich daher an mich. Ich sehe dich an
mit den Augen der verstehenden Weltkirche. Jawohl, hol mich der Teufel,
das tue ich. Und meine kluge Freundin, die Flke, denkt gerade so. Hast
den Bergenern eingeheizt? _Habeat sibi_ -- meinetwegen -- vielleicht
warst du ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Was wissen wir von so fernen
Dingen? Hierher, nach Friesland, kommst du dagegen mit wohlgefllten
Truhen -- wir werden schon auf dich aufpassen -- kommst um _commercium et
connubium_. Erffne mir daher, mein lieber Sohn, was bietest du uns?
Denn die Freundschaft der Menschen will erworben werden?

Beim Schinder, sprang der wilde Folkmar Allena mit geballten Fusten
wieder hervor, mchten die Fetthlse wieder alles allein in ihren
Schlund schtten? Der Schuimer soll endlich das Maul auftun! Was glotzt
er uns an, als wren wir seine Schalksnarren?

Gebt Ruhe, tnte hier pltzlich die grobe Mnnerstimme der Flke.

Der verworrene Tumult legte sich, allen war dieser kratzende Ton in die
Glieder gefahren. Zusammengeduckt, grau und unscheinbar hockte die Krte
bewegungslos auf ihrem Regentensitz, nur ihre brandigroten Augen liefen
befriedigt von einem zum anderen, da es schlielich mehr Genu
versprach, wenn man von dem riesigen Menschen erst jeden Vorteil
erprete, bevor man ihn aushhlte und niederstrzte.

Tritt nher, Strtebecker, befahl sie deshalb unbewegt und legte die
Hand hinter das rechte Ohr, das wchsern unter dem Ausschnitt der gelben
Kappe hervorstach. Tritt nher, damit ich dich jetzt vernnftig und vor
aller Welt nach deinen Absichten befrage.

_Recte_, rieb sich Propst Hisko eifrig die Hnde und humpelte, um den
anderen ein Beispiel zu geben, unverzglich auf die lange Bank zurck.
Folgt der Quade, ihr edlen Herren, sie ist eine kluge Frau.

Geruschvoll, mit ihren Holzschuhen stampfend zogen die Junker auf ihre
Sitze, rekelten sich, jeder nach seiner Weise, auf das glatt gescheuerte
Brett, die einen rittlings, die anderen, indem sie beide Beine weit in
den Saal streckten, bis von allen Seiten ein Rufen durch ihre Reihen
ging:

Macht ein Ende, damit wir zum Nachtimbi kommen.

Giftigs greinte die Quade. Sie wute, wie schmal es bei ihr zuging.
Auch war es ein entzckendes Vergngen, wie spttisch und hochmtig der
Mensch in dem blauen Wappenrock bisher ihre lieben Nachbarn behandelt
hatte. Nur durch eines wurde sie selbst in Verlegenheit gesetzt. Warum
mochte wohl der Fremde seine groen schwarzen Augen so begehrlich ber
das Haupt der Flke hinweg auf die hintersten Deckenbohlen des Saales
richten? Flammend, schwrmerisch zngelte es dann aus den unheimlichen
branderfllten Sternen, und so zwingend war die Kraft dieses Blickes,
da sich die Hausherrin nach vergeblichem Widerstand selbst umwenden
mute, um verstndnislos die geborstenen Balken am Saalende zu mustern.

Nichts!

Nur ein paar lange Spinnweben schaukelten dort, getrieben von der Flamme
der Fackeln. Seltsam, was suchte der mchtige Geselle dort, warum
vergaffte er sich nicht lieber in ihre lsterne Tochter?

Dort hinten aber in Dmmer und Dunkelheit tanzten die ungestmen Wnsche
des herumgetriebenen Mannes. Wuchtig fhlte er seine Pulse hmmern,
schmerzhaft fast dehnte sich die breite Brust, denn er stand nur noch
einen Schritt vom Ziel. Dort oben drngte sich ein Getmmel
unwesenhafter, gebckter, gestriemter Leiber, schwielige Fuste
streckten sich nach ihm aus, heisere, gequlte Stimmen riefen ihm zu,
lauter und lauter, ohne sich bertnen zu lassen:

Gib uns -- gib uns, was uns gebhrt.

Unwillig warf der Riese die Hand gegen den Raum, denn selbst von seinen
Hirngespinsten war der Herrschschtige nicht gewohnt, sich drngen zu
lassen. Dann aber schttelte er aufatmend die Schatten von sich und trat
dicht vor den Stuhl der Flke hin.

Was willst du wissen? rief er ohne Rcksicht. Denn beim Henker, es
fehlt nur noch, da ihr mir ein Armsnderbnklein hinsetzt.

Friede, Friede, mein Sohn, murmelte der Propst besorgt und kreiselte
auf seinem schmerzenden Knie herum.

So sage mir zuerst, begann die Flke, sich auf ihr bergeschlagenes
Bein sttzend, warum liefst du allein und ungeleitet in unseren Hafen?
Wo blieben deine Genossen? Der Wichmann, der Michael und der Wichbold?
Und wo liegen deine brigen Schiffe?

Da lachte der Strtebecker und schlug sich auf die Brust. Alte, gab er
getrost zur Antwort, der Fuchs ist dir zu schlau. Die Meinen werden
kommen, sobald ihr mir diesen Fetzen mit Eid und Siegel behngt habt.

_Bene optime_, lobte der Propst voller Bewunderung und blickte sich,
Beifall heischend, im Kreise um. Allein unter den Hrern entstand von
neuem drohendes Geznk.

Still, verwies die Flke, die sich nicht rhrte, dies verstehe ich,
Strtebecker. Doch nun das Wichtigste. Du willst Land von uns erwerben.
Gesetzt, wir wollten dir willfhrig sein, was gedenkst du mit den Gtern
zu beginnen?

Jetzt sprangen die Edelinge wieder von ihren Sitzen, denn der Kern der
Verhandlungen schlte sich blo.

Er soll gleichmig von uns kaufen, schrien sie.

Darauf kommt es nicht an, sprach die Flke in den Lrm hinein.

Doch -- doch.

Achtet auf die Quade, schimpfte der wilde Allena, die Hexe betrgt
uns.

Was willst du mit den vielen Jochen anfangen? wiederholte die
Hausherrin kaltbltig.

Mit einem Satz sprang der Strtebecker zu ihr in die Hhe, und whrend
er heftig an der Lehne ihres Sitzes rttelte, da quollen hinten aus dem
Pechqualm abermals die ungezhlten Scharen hervor, Kopf an Kopf, Hand in
Hand, tausend unglckliche Augen starrten ihn an, und aus dem
Geistersturm schallte es: Du Menschensohn, du Sohn armer Leute, jetzt
gib uns Brot und Kleider und ein Menschenlos.

Ungestme, ihn schttelnde Wut packte den Besessenen, jener nicht zu
bndigende Zorn gegen die Unterdrcker und Mchtigen, die nach seiner
Meinung das Elend in der Welt festhielten, damit es ihnen Vorteil
brchte. Da strzte fast gegen seinen Willen die Schranke vor seinen
mitrauisch behteten Schtzen zusammen, zu Streit und Angriff streckte
sich der Riese, und als wirbelnde Wurfgeschosse schleuderte er seine
geistigen Kleinodien wtend, hohnlachend unter seine betroffenen
Zuhrer. Freiheit mute wohl sein schumender Mund gebrllt haben,
gleiche Landteilung, aus der Mitte der Gemeinschaft geborenes, allen
erlangbares Recht, und vor allem, ihr Schinder, ihr Landjger, ihr
Hndler mit Menschenfleisch, die Glckseligkeit einer beruhigten
Brderschar. Blind rasten Traum und Wirklichkeit um sein Haupt, er
schrie und tobte gegen die von der Decke stierenden Hungergesichter
sowie gegen jene breitbeinig ihn umdrngenden Zwingherren. Doch nur zwei
Frauen empfanden in dieser Versammlung erdgebundener, habschtiger
Menschen die Schnheit, die aus der Vermischung von streitbarer Tatkraft
und wilder Schwrmerei ber den Einsamen ausgegossen wurde. Die eine im
Knabengewand faltete krampfhaft ihre Hnde um den Goldhelm, den sie fr
ihren Gebieter bewahrte, und prete ihre Brust gegen das Metall, als
msse sie ihr glhend Herz fr immer in die unempfindliche Hrte
einschmelzen. Die andere, die gesndere und blhendere, lehnte genieend
ihr Haupt unter dem roten Haarnetz zurck, ein glhend Schlnglein, lief
ihre Zunge zwischen den Lippen, und ihr schlanker, ungekhlter Leib hob
sich ahnungsvoll und gewi dem Glnzenden entgegen. Auch sie hungerte
nach Besitz und Gewinn, doch sie wollte dabei unendlich viel mehr
einhandeln als selbst ihre geizige Mutter, sie wollte die heimliche
unbekannte Lust der Hingebung und dafr die Macht ber den ganzen Mann.
Wie aber wirkte das tolle herausfordernde Gestammel, der nie vorher
vernommene Schrei nach Selbstbescheiden und Einordnung auf die
besitzstolzen Huptlinge? Zuerst suchten die Grundherren, die eben drauf
und dran waren, jene tlpelhafte Freiheit ihrer eigenen ortsangesessenen
Bauern durch allerlei listige Knste, wie Borg, Auskauf und Pfndung,
in straffe Gefolgschaft zu verwandeln, zuerst suchten sie ihre eigene
vollstndige Begriffsarmut auch den anderen von den offenen Mulern
abzulesen.

Wie? Was? Faselei! -- Was wollte der Hundsfott, der fahrende
Sonnenbruder, der gestern noch den Leuten die Taschen abschnitt, wo er
nur konnte? Gleichen Besitz? Der ungewaschene Haufe sollte keine
Edelinge mehr ber sich tragen? Hast du's gehrt, Allena? Welche Bberei
versteckt der Galgenvogel wohl dahinter? Meint die Schwarzflagge etwa,
hier Schindluder mit uns treiben zu knnen?

Und die erste Verblffung lste sich in ein schallendes Gelchter. Sie
schlugen sich die Seiten, stieen einander in die Rippen, blinzelten
sich aus sonnengebrunten Bauerngesichtern verschmitzt ihr
Einverstndnis zu, trampelten mit den Holzschuhen, ja selbst Hisko, der
Propst, der in den Marschen ein Muster der Wirtschaft abgab, er humpelte
schluckend hinter den verrckten Gleichebeuter und hieb ihm dort auf die
Schulter, da es krachte.

Geliebter Freund, platzte es ber die dicken Lippen, welch ein
windiges Schiffermrchen hast du uns hier soeben aufgetischt? Nicht
wahr, Flke, was meinst du? Ja, wir sind einfltig, _animae stultae,
piaeque_, aber man darf uns doch nicht gar zu sehr unter dem Preis
einschtzen! Du willst fr dich selbst nichts? Alles fr die Deinen?
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Unten die Junker wieherten vor Vergngen und Besserwissen.

Nun gut, gut, keuchte Hisko kurzatmig weiter, zog das
Bischofsmntelchen vor und schneuzte sich damit die Nase, du kennst die
Gauklerkniffe, hast den steifen Bcken, den Hamburgern, manch Fa und
manchen Ballen damit abgejagt. Aber jetzt sprich, mein Shnlein, was du
etwa noch im Ernste fr deine Sache anfhren magst?

Ha -- ha -- im Ernst? So lange hatte der im blauen Wappenrock,
erwacht, ernchtert mit unheimlich rollenden Augen auf die blonden
Mnner herabgeschaut, die sich vor Heiterkeit und hochmtig geliebkostem
Unverstand frmlich blhten. Jetzt aber berwand der Seefahrer jenes
innerliche, ihn fast zerschneidende Gelchter, das nicht zum Ausbruch
kommen wollte, mit einem Griff ri er die groe Hornpfeife an den Mund,
und schrill, spitz, gellend fuhr das vibrierende Signal durch die Halle.
Aufgescheucht schlugen die Friesen ihre langen Rcke zurck und griffen
verdutzt an ihre kurzen Schwerter, selbst die Flke rckte ungemtlich
auf ihrem Sitz. Doch es war auf keinen tollkhnen berfall abgesehen.
Nur die Saaltr ffnete sich, und schallenden Schrittes trugen sechs
Gleichebeuter eine gewlbte Truhe herein.

Da lste sich die Spannung der Edelinge in einem lauten Freudenschrei,
ihre Augen begannen pltzlich verstndnisinnig zu blitzen. Keiner nahm
es dem fremden Seefahrer, der so unermeliche Schtze mit sich fhrte,
im geringsten mehr bel, als der Riese sich pltzlich unter Pffen und
Sten eine Gasse durch ihr Gedrnge bahnte. Ob auch einer von ihnen
rechts taumelte, der andere zur Linken flog, wer von ihnen scherte sich
noch um die ungemessene Verachtung, den fast wahnwitzigen Hohn, mit dem
der Strtebecker jetzt den Deckel der Kiste zurckschlug.

Frisch, tummelt euch, schrie er in einer grlichen Vertraulichkeit,
die zu jeder anderen Stunde den Hrern htte das Blut in den Adern
gefrieren lassen. Munter, ihr Edelen, ihr werdet mich gleich besser
verstehen. Hier liegen meine Grnde, meine Plne, meine Aufzeichnungen!
Flandrisches Laken! Wie? Was? Mit der Elle? Torheit, ich messe meine
Absichten mit dem Spie! Sind gar klar und vollwichtig!

Und der Tolle ri einem der Knechte die Lanze aus der Hand und begann in
langen schwebenden Wendungen die weien Wolken auf den Estrich zu
schleudern.

Hier Erklrungen fr den Herrn Propst, hier ein anmutig
Geheimvertrglein fr die Frau Flke -- -- sachte, sachte, der Allena
und der Rstringen werden nicht vergessen!

Eine Weile rieselte das feine Gewebe, knisterte und rauschte, gleich
groen Schlangen hpfte es aus dem Nest. Bald freilich ward dem Schuimer
sein Mawerk berdrssig. In hohem Bogen warf er den ganzen Ballen unter
die Edelinge, und gleich darauf sauste die Lanze hinterdrein. Die Junker
aber balgten sich um den kostbaren Stoff. Jeder stie halb im Scherz,
halb im Ernst seinen Nachbarn beiseite, um mglichst frh an die
Reichtum sprudelnde Quelle zu gelangen, und man ertrug es nur mit
Ungeduld, als Propst Hisko auf den unschuldigen Einfall geriet, sich wie
ein Kreisel in dem Gewebe einwickeln zu lassen. Gewandter drehte sich
der dicke Landwirt, als es sein verletztes Knie irgendwie vermuten lie.
Der Riese jedoch hatte sich, angetrieben von der hllischen Flamme der
Versuchung, von neuem ber die Truhe gestrzt, und nun schleuderte er
besinnungslos Gold, Silber, Brokate, Ringe, Armbnder, Seiden- und
Megewnder unter die geblendeten fassungsberaubten Friesen.

Mir -- mir, kreischte die Flke, die ihre Habgier nicht mehr lnger
bezwang und pltzlich mit ausgebreiteten Fngen, wie ein Habicht, von
ihrem Sitz herabscho. Sollen Hiskos feiste Mgde etwa gleich uns
Edelfrauen Ringe und Ketten tragen?

Damit krallte sie ihre spitzen Finger in die Wand der Truhe, beugte sich
hinber und schickte sich eben an, rabenlstern auf das Geschmeide
hinabzustoen. Allein sie gelangte nicht mehr dazu. Es geschah etwas,
was selbst den rohen unbesinnlichen Huptlingen in seiner grausigen
Verrcktheit den Atem benahm. Mit beiden Armen nmlich wurde das graue
Gerippe von dem Seefahrer eingefangen. Und geschttelt von dem
unheimlichen Spa, diese zitternde Habgier dicht vor dem Ziel verdursten
zu lassen, drckte der Strtebecker seine Wange zrtlich verliebt an das
steife Pergament der Quade, und dann kte er sie schallend auf das
blutige Krtenmaul und die furchige Stirn.

Da entsetzte sich selbst Propst Hisko van Emden, der doch in mancher
Wein- und Mnnerschlacht seinen Mann gestanden, stolperte ber die
Leinwand und fiel mitten in den Saal.

Der Strtebecker aber lrmte und tobte whrend dieser erzwungenen
Liebkosungen immer wster und wahnwitziger.

O du wonniges Weib, o, du Weinberg mit quillenden Beeren, was knnte
ich dir nicht alles zuliebe tun. O, du Gebenedeite unter den Frauen, la
mich dir selbst das Hemdlein von Seide oder Brokat anmessen.

Und obwohl die Flke zischend und fauchend mit ihren mageren Armen und
Beinen um sich schlug, der Besessene herzte und liebkoste das
abscheuliche Gespenst nur um so wolfshungriger.

O, du fruchtreicher Regen, schrie er ihr ins Gesicht, o, du Wunder
des Brokmerlandes, wie preise ich mich selig, weil ich einen festen Bund
mit dir schlo. Du sollst sehen, niemals gehe ich von dir, niemals
verlasse ich dich!

So raste und wtete der unbezhmbare Mensch, und um ihn her quirlte
Grauen, Abscheu und roher Beifall brodelnd durcheinander. Bis sich
endlich die wste Geistesstrung auch auf die Zuschauer bertrug. Mit
einemmal hatten sich die blonden Mnner an den Hnden gefat, und nun
tanzten sie im Kreis um das wunderliche Paar inmitten der Ballen
flandrischen Lakens und der offenen Truhe herum, dazu jauchzend:

Wohl -- wohl, der Strtebecker soll bleiben. Die Vertrge gelten. Soll
der Quade Flke einen Sohn zeugen. Heia -- hussa -- horrido!

Und auf dem Estrich hockte noch immer der Propst, und whrend er sich
verwirrt den Reigen zu erklren suchte, murmelte er von Zeit zu Zeit:

_Absolvo te._

Doch er wute nicht mehr, was dies bedeute.




II.


ber die braunrote Heide trabte ein Reiter auf seinem prchtig
geschirrten Schimmel. Schwer schlugen die Hufe des Rosses auf den
unbersehbaren, farbenfrohen Teppich. Wie von einem leichtsinnigen Weib
war das lustige Tuch zwischen dem grauen Schlick der Marschen und der
schwarzen Erde lteren Ackerlandes hingeworfen. Eine helle Herbstsonne
leuchtete glsern vom Himmel, und der erste Frhwind sprhte zuweilen
bunte Tropfen von den Krutern.

Dem Tier aber ward keine leichte Brde, denn sein Lenker hatte einen
Knaben vor sich auf den Sattel genommen. Den hielt er fest mit der
Linken umfangen, und whrend er den Gaul allein mit den Schenkeln
steuerte, zeigte die Rechte unaufhrlich auf Nhe und Weite. Jeder
Tmpel mit Torf oder Moorgrund, jede einschieende Wiese wurde mit
hellem Jubel, mit freudeerflltem Stolz begrt.

Sperr deine blauen Augen ja weit auf, mein Bblein, lud der
Strtebecker triumphierend ein und dabei drckte er seinen Gefhrten
ohne weiteres an seine weit geschwellte Brust, ja, er herzte sogar
strmisch das vor ihm flatternde blonde Haar, weil er in diesem
Augenblick nichts neben sich dulden konnte, was nicht bedingungslos
seiner Macht unterworfen war. Sieh, da und dort, vor uns, neben uns,
alles mein, dein, uns allen.

Und berauscht von dem ungeheuerlichsten Erfolge, trunken von der
Vorstellung, da auf diesem morgenfrischen Boden Menschheitswende
wachsen sollte, so grundsprengend, so segenschwer, so planvoll, wie es
vorher auf deutscher Erde weder von Carolus Magnus, dem
Ordnungsstifter, noch spter von Priestern oder Laien geahnt war, da
lie der von Schpferlust Beseligte seinen Begleiter zur Seite sinken,
warf sich ber ihn und prete seine Lippen durstig auf den Frauenmund.
Was er hier liebkoste, das verschwamm ihm. Er kte seinen eigenen
Gedanken, der in der Frauenbrust wie in einem Tempel fr ihn bewahrt
lag, er umfing in jenem Leib, der sich zu ihm bekannte, gewissermaen
die Erfllung und Vollendung seines Traums. Und diesmal widerstrebte ihm
Linda nicht. Selbstvergessen, verklrt, ganz und gar eins mit dem
Willensmchtigen, blickte sie mit groen, grenden Augen zu ihm empor,
und in ihrem Kinderlcheln prgte sich die berzeugung, da alle
Schmach, alle Schande in dem Feueratem, in dem brausenden Wehen des
Werkes gelutert und von ihr genommen sei. Ein segenspendender Gott
hatte sie befruchtet, und sie diente ihm dafr und empfing zum Lohn die
Gnade des Schauens. Eine Entzckung durchrieselte sie, und aufgehoben
von einem Wirbel unvorstellbaren Empfindens, unterfing sie sich dessen,
was sie nie vorher gewagt, schchtern schlang sie beide Arme um den zu
ihr geneigten Mnnernacken und hielt ihn fest. Selbst den wilden Mann
beschlich ein fernes Verstndnis fr die opfervolle Gabe, die ihm hier
gereicht wurde.

O, du blondes Gold, entlud er sich in frohem bermut, wie freue ich
mich deiner! An dir klebt kein Unrat, bist nicht durch der Krmer Hnde
gewandert, und man kann sich leicht die Seligkeit um dich kaufen.

Noch einmal vernahm die kferdurchsummte Heide neben dem regelmigen
Hufschlag das helle Jauchzen befriedigten Siegerglckes, und die
Heideeinsamkeit legte sich trstend um ein aufgestrtes Frauenherz.

So zogen sie frba, an dunklen Torfmooren und weiten Strecken gelben
Flugsandes vorber, und so lange die silberne Morgenstille mit ihnen
wanderte, waren die Einsamen nicht nur eng aneinander gebunden durch das
gemeinsame Drngen nach einem frommen, kindlichen Zeitalter, sondern
auch das geheimnisvolle Weben zwischen Mann und Weib spann seine heien
Fden um sie. Immer wieder, wenn das Hochgefhl seiner Sendung dem
Reiter die Brust sprengen wollte, dann warf er sich gegen die schlanken
Frauenglieder, und mit Herzklopfen und entzckter Duldung vernahm Linda
all die Tollheiten und unbndigen Neckereien, die er ihr zuflsterte.

Wo war ihre Nonnensehnsucht geblieben?

Aus einer moorigen Senkung waren sie eben aufgetaucht, als ein Wiehern
ihres Schimmels die Versunkenen weckte. Heftig schleuderte das Tier den
Kopf. Ein weiter offener Wiesenplan dehnte sich vor ihnen, verschiedene
Wege schlngelten sich ber die Grasebene, und an einer Kreuzung dampfte
eine Staubwolke.

Holla, rief der Strtebecker, froh, den ihm bereits eintnigen
Schleckereien entzogen zu sein, und bettete die Hand ber die Augen.
Schau, ein Trupp von Reisigen. La uns sehen, wen sie schon so frh
geleiten?

Und sofort setzte er dem mden Gaul die Sporen ein, keuchend und
schnaufend trabte der Schimmel dem Kreuzweg entgegen.

Vor ein paar Balken, die roh und kunstlos ber eine Binsenniederung
gelegt waren, hielt ein Zug berittener Spieknechte. Sie trugen smtlich
den blauen Brokmerpfeil an ihren schwarzen Filzrhren und warteten nur
darauf, da der elende zweirdrige Reisekarren, wie er zu jenen Zeiten
von vornehmen Frauen benutzt wurde, ungefhrdet ber das Balkengestell
hinberknarre. Die Dame selbst jedoch, anstatt geduldig auf dem harten
Sitzbrett ihres Kfigs auszuharren, hatte lngst den Braunen eines der
Knechte bestiegen, denn es war Occa, des tollen Occo Tochter, die, kaum
der Aufsicht ihrer Mutter entzogen, ihrer Neigung zu ausgelassenen
Streichen verfiel. Rittlings wiegte sie sich im Sattel, und da sie heute
das kniefreie rote Friesenrckchen angelegt hatte, so sah der sich
nhernde Freibeuter mit Behagen, wie die eng verschnrten Beine der
Reiterin geschmeidig und wohlgefgt den Leib ihres Rosses umfingen.

Da sprang dem stets erhitzten Weiberjger sofort das Blut in den Adern.
Das ungewhnliche Bild junger, zu jeder Verschwendung bereiter
Lebenslust berckte ihn, und pltzlich sah er sie weigliedrig auf dem
dunklen Fell reiten, Meerwasser trufelte ihr ber Brust und Nacken, und
das aufgelste Gold der Haare flatterte ihr feucht um die Schultern.

Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller -- er hatte die Schne
bei seiner Einfahrt schon so geschaut, wie er sich alle Weiber am
liebsten vorstellte.

Mit einem Sto schob der Strtebecker seinen Gefhrten zur Seite, um
frei und ungehindert den Anblick genieen zu knnen. Und in der
eigenschtigen Meinung, da seine Gedanken auch unausgesprochen von
jedem verstanden werden mten, schwenkte er heftig seine Kappe zum Gru
und schrie hinber:

_Courte et bonne_, bist du der Wasserteufel oder nicht?

Die schne Occa jedoch verstand. Auch sie wirbelte ihre gelblederne
Kopfbedeckung durch die Morgenluft und rief mit heller Stimme zur
Antwort:

Und du, Schuimer, was bist du fr ein vierbeiniger Reiter?

Da beugte sich der Seefahrer noch weiter vor und klopfte, nahe genug
herangerckt, Occas Braunem die Halsung.

La gut sein, erwiderte er hastig und nur darauf erpicht, das kurze
Reitergewand der Blonden zu berhren, dies hier ist mein Diener. Ich
gnne dem Zarten gern jede Schonung. Doch nun, du Fisch und seltener
Vogel, sage mir, wohin geht die Reise?

Langsam lste die Broke-Tochter ihre braunen Augen von dem Knaben, der
noch immer durch die Linke seines Herrn vor dem Sturz bewahrt wurde, und
da sie mit dem Scharfblick der Frauen wohl gleich das wahre Geschlecht
dieses Dieners erraten haben mochte, so glitt ein spitzbbischer Zug
ber ihr feines Antlitz und der Zwang berkam sie, den frechen Reiter
sogleich bestrafen und peinigen zu mssen.

Nun, du Allwissender, entgegnete sie mit strahlendem Spott, da du
doch den Umgang mit edlen Frauen zu kennen scheinst, so sage mir, wohin
gehrt eine ehrbare Hausfrau rechtmiger, wenn nicht zu ihrem Eheherrn?
Der meinige ist, damit du es weit, Luitet van Ne, und ich hoffe, da
er meiner alleweil in Sehnsucht gedenkt.

Nun, da wollte ich doch ---- fiel der Strtebecker aus allen Himmeln,
der ganz offen seinen Grimm darber verriet, weil dieser glatte Vogel
aus dem Garn zu hpfen versuchte, nun, da wollte ich doch, der unterste
Grund der Hlle ffnete sich ----

Fr wen? lauerte die Goldblonde, innig befriedigt ber die Wirkung
ihres Gestndnisses, indem sie sich blinzelnd nach vorn krmmte und
dabei ihre Knie immer hher auf den Rcken des Pferdes zog.

Der Riese aber hatte seine erste Anfechtung berwunden. Und da -- juchhe
-- da hhnte er schon ber seine gewissenhafte Brgerbedenklichkeit.
Seit wann machte er denn vor Weihwasser und Sakrament Halt? Bei allen
Wonnen des heien Blutes, und wrde diese Occa mitsamt ihrem Hausherrn
statt auf dem Karren in ihrem Ehebett durch die Lande rollen, der Wilde
schwor sich, er wollte sie dennoch vor den Augen ihres Nutznieers aus
den Laken reien.

So raste die unstillbare Wut nach Alleinbesitz von allem Schnen und
Sinnepeitschenden durch denselben Erlser, der gekommen war, um die
Migunst und den ewig regen Neid der anderen zu befrieden.

Im Augenblick aber verbeugte er sich geschmeidig im Sattel, schwenkte
noch einmal die Kappe und griff ohne weiteres nach den Zgeln von Occas
Braunem.

So werbe ich denn, sprach der Schalk, bei der Hausfrau des Huptlings
van Ne um gute Nachbarschaft. Und ehe noch eine Antwort erteilt werden
konnte, warf er die Hand vor. Geh, heie deine schwarzen Filzrhren
sich beiseite drcken, denn ich will dir selbst das Geleite geben.

berrascht, mit jenem schwebenden Lcheln, das mehr verhie, als es zu
halten gesonnen war, und vor allen Dingen brennend vor Neugier, was ihr
wohl bei dem Zusammensein mit dem blutigen, sagenumsponnenen
Gewaltmenschen bevorstehe, nickte die schne Occa, schon wandte sie sich
mit einer kurzen Bitte an ihre Begleiter, als unvermutet das so
vielversprechend eingeleitete Abenteuer gestrt wurde.

Besorgt um jedes Wort, das nicht der gemeinsamen -- oder noch besser, der
ihr allein gehrigen Aufgabe galt, so hatte Linda, noch im Arm ihres
Gebieters dem leichtfertigen Geplnkel gelauscht.

Und nun? Diese kaum verhllten Scherze hier auf heiligem Boden?

Ihr schwindelte, sie wute nicht mehr, was sie trieb. Ach, sie verga
sich. Zu ihrem Unheil trat sie aus dem Bann ihres bisherigen
bescheidenen Dienens heraus.

Herr, kehrte sie sich bebend zurck und legte dem Riesen ihre
zitternde Hand auf die Brust, du wolltest--

Gestrt verzog der Strtebecker die Stirn, sein gekrmmter Arm schob die
Andrngende von sich.

Was wollte ich, Licinius? warnte er, als ob er seinem Gefhrten noch
bei rechter Zeit zu Einkehr und Besinnung raten mchte. Was wollte
ich?

Doch Linda war durch das, was vorausgegangen, durch die wilden
Liebkosungen ebenso wie durch die Nhe des ersehnten Zieles zu sehr aus
ihrer Bahn geschleudert, als da sie ihr bescheidenes, unaufflliges
Wesen nicht vllig verleugnet htte.

Herr, mahnte sie mit einer dringenden, beschwrenden Gebrde, wozu
willst du hier noch lnger sumen? Vergi nicht, o vergi nicht, da
deine Flotte und die knftigen Ansiedler deiner harren.

War es die Zurechtweisung, die ihm hier ffentlich erteilt wurde, oder
drckte die Gewiheit dem Herrschschtigen ihren Stachel tief ins Blut,
da nun auch andere an seine Plne tasten durften? Rot vor Unmut
schleuderte er sich herum, und die Bewegung war so gewaltsam, so
rcksichtslos, da Licinius ohne weiteres aus dem Sattel geworfen wurde.
Kaum vermochte sich der Halbbewutlose noch vor dem Sturz zu bewahren.
Aber auch so taumelte er ein paar Schritte ber den Grasboden, bis er
endlich an Occas Braunem einen Halt fand. Luftberaubt, an allen Gliedern
bebend lehnte er sich hier an den Leib des Tieres.

Bube, schrie der Strtebecker in einem schrecklichen Ton, und man sah,
wie seine Rechte vergeblich die Lederpeitsche suchte, will das Gesinde
seinen eigenen Herrn zu Botengngen heuern? Gleich pack dich und tu
selbst, was du so schn beschrieben. Oder, bei allen Furien, ich will
dir Beine machen.

Schon hatte der Gereizte den Striemer gefunden, und nun knallte er ihn,
zur Zchtigung entschlossen, so grausam durch die Luft, da Occa, von
einem Schauder ergriffen, sich schtzend ber den Knaben beugen mute.

La ab, wehrte sie dem Ergrimmten, dessen in Brand geratene rollende
Augen ihr pltzlich Grauen einflten, und bezeichnend setzte sie hinzu:
Willst du Wterich etwa dies zarte Gebein zerfleischen?

Da hielt der Seefahrer auf halbem Wege inne, aber auch Linda erwachte;
einen leeren, weiten, zerrtteten Blick heftete sie auf den Mann, der
bisher in einer aufrechten Flamme vor ihr hergezogen, dann schttelte
sie stumm das Haupt. Und wie jemand, der fr immer den Weg verloren,
strmte sie mit einemmal ber Wiesen und Heide von dannen.

Winziger und unkenntlicher wurde der schieende, schwarze Fleck hinter
den ginsterbraunen Erdwellen.

Htte sie sich nur noch ein einziges Mal umgewandt, sie wrde bemerkt
haben, wie der Reiter, der sie eben zchtigen wollte, jhlings die Faust
vorwarf, als knnte er seinen Gefhrten mit diesem einen Griff bndigen
und wieder an seine Seite zwingen. Allein die Entfernung hatte sich
bereits zwischen beide gelegt und verschlang alles. Um die Flchtende
kreiste die Ebene in langen, sich jagenden Streifen. Bald wirbelten
Moorgrnde auf sie zu, bald tanzten Grben um sie her, dann hpften
pltzlich wieder Dornbsche aus dem wild gewordenen Sande, bis
schlielich allerhand Wege ihr entgegenstrzten, die sich um die
Verirrte stritten.

Nach Stunden erst langte ein bestaubter, zerrissener, kotbedeckter Knabe
auf dem groen Schiffe im Hafen an. Hohlugig, zusammenhanglos richtete
er den Befehl des Herrn an die Mannschaft aus, dann verkroch er sich
unter den Aufbau, und auf dem Prunkbett des Bischofs wlzte sich bald
darauf ein krampfgeschttelter, fiebernder Haufe. Immer von neuem
falteten sich ein Paar blutlose Hnde, damit sie Gedeihen, Segen,
Vollendung auf das Werk herabflehten. Auf das Werk -- auf das Werk, das
sich von seinem Schpfer trennen wollte.

       *       *       *       *       *

Nach mehrstndigem Ritt machten die Broke-Reisigen endlich Rast. Auf den
Wunsch ihrer Dame waren sie dem nachfolgenden Paar weit vorausgeritten,
so da sie ihre Herrin sowie deren Begleiter fast aus den Augen
verloren. Jetzt trnkten sie ihre Rosse aus einem der flachen
Heidebche.

Die Knechte aber konnten auch deshalb ihre Herrschaft nicht entdecken,
weil die beiden, whrend sie ihre Pferde friedlich grasen lieen, sich
in eine der vielen Flugsandgruben gelagert hatten, um nun ebenfalls der
Ruhe zu pflegen. Trotz des drren Bodens war die Senkung ber und ber
mit bunten Wiesenblumen bestanden, und auf dem oberen Rand blhten
Ginster und wilder Dorn. Ein verwunschener, heimlicher Platz. Langhin
hatte sich der Strtebecker ausgestreckt, wohlig fhlte er unter sich
die heie Erde, und da er strker atmete, so war es ihm, als sei es ein
Leichtes, auch den blauen Himmel in sich einzuschlrfen. Unter
halbgeschlossenen Wimpern blinzelte er zu der unweit sitzenden Occa
hinber. Die flocht an einer langen Ringelkette von Marienblumen. Sobald
sie jedoch ihre braunen Augen sphend ber den scheinbar Ruhenden
hinstreifen lie, dann glitt jedesmal ein spttisches Lcheln um den
herrischen Mund des Riesen, denn seine Ungeduld errechnete bereits den
Augenblick, wo seine Wnsche sich erfllt haben wrden. Hier an diesem
eigens dazu geschaffenen Fleck mute das ihn so oft anspringende Fieber
gelscht werden, sonst wre es ja eine Ruchlosigkeit gewesen, seinen
treuen Licin durch Peitschengeknall von seiner Seite getrieben zu haben.

Als ihm der Knabe einfiel, schlug er die schwarzen Augen hartherzig auf,
er schttelte sich, und eine wirre, unklare Rachsucht erfate ihn, als
wre der Fall dieser Nahen die schuldige Genugtuung fr die andere. Und
ohne sich noch durch irgend etwas hemmen zu lassen, richtete er sich auf
und schnellte wie eine groe Schlange zu seiner Gefhrtin hinber.
Verwundert verfolgte die sein Treiben.

Frchtest du dich nicht? forschte er, als er Occa erreicht hatte, und
dabei sttzte er sich mit beiden Armen ber die Zusammensinkende. Du
weit doch, was man fr Lieder von mir singt? Ich spate nicht lange mit
schnen Frauen, die mir gefallen.

Die Broke-Tochter regte sich kaum, und whrend jenes spitzbbische
Lcheln ihren Mund verschnte, das ihren Bedrnger immer rger zu
Tollheit und Gewalt reizte, da warf sie dem Geneigten lssig ihre
Blumenkette um den Hals.

Gewilich, du langer Mensch, sprach sie sorglos zu ihm empor, mir
geschieht nichts von dir.

Doch der Strtebecker hielt sich nur noch mit Mhe.

Du mchtest leicht irren, entgegnete er gepret, und es klang wie das
dumpfe Murren vor einem Gewitter, was sollte mich hindern?

Da geschah das, was den eigenwilligsten und herrschschtigsten aller
Mnner mitten im Laufe festhielt. Eine kleine Hand war es, die erst
neckisch an der Blumenkette zauste, bis sie ihm unvermutet einen
leichten und doch fhlbaren Backenstreich versetzte. Dem
Freibeuterfrsten aber schwirrte es vor Augen, tausend zgellose Stimmen
schrien in ihm auf, die Zchtigung, und wenn es auch nur eine
eingebildete, im Spiel zugefgte war, sie erinnerte ihn an seine
Sassenzeit und versetzte den Ungebndigten in Raserei.

Mit einemmal fhlte er einen sich windenden Frauenleib in seinen Armen,
er wollte ihn schonen, um sich seiner Beute desto ungestrter freuen zu
knnen, umsonst, wieselhaft glitt es unter seinen Armen dahin, im
nchsten Augenblick schon fuhr von dem Hgelrand, auf den das
kurzrckige Weib gesprungen war, ein heller Ruf ber die Ebene.

Von fern antworteten die Knechte.

Merke dir das, du leichtfertiger Tor, sprach Occa derweil strafend,
obwohl ihre blitzenden Augen und ihre rasch schpfende Brust Milderes
verhieen. Weit du nicht, da jeder, der einer Friesin Ehre verletzt,
dem Tod vor dem Upstalsboom[*] verfllt? Auch wir, du Schuimer, scherzen
hier nicht. Zudem -- ich bin eine Frstentochter. Was wrde mit dem neu
gekauften Lande und deinen Ansiedlern geschehen, wenn deine Untat
ruchbar wrde? Zweifelst du etwa daran, da die Burgherren, meine
Freunde und Vettern, froh, einen Anla gefunden zu haben, ber eure
kleine Schar herfallen wrden, um die Gefhrlichen wieder zu verjagen?
Warum handeltest du auch so unklug, die See zu verlassen, wo du ein
Gewaltiger warst, mehr und frstlicher als all die kleinen Tyrannen hier
in der Runde?

  [*] Ein uraltes friesisches Volksgericht.

Als die wohlbedachten Worte auf den Gescholtenen herabfielen, da ri der
Mantel von Wollust und ppigkeit auseinander, mit dem der Seefahrer
dieses junge Weib einzig bekleidet whnte. Denn der Weltkundige
erkannte, wie hinter der goldumrahmten Stirn, im Verborgenen zwar und
doch schon geformt, Absichten und Plne wuchsen, die seiner
Erdumgestaltung feindlich entgegenwirkten. Deutlich erriet der
Scharfsichtige, da hier ein feinspinnender Eigennutz am Werke wre,
der, wie berall auf der migestalteten Erde, von der Bedrngnis der
anderen seinen Vorteil ziehen wollte.

Da lachte der Strtebecker ber seine trichte Verblendung und sprang
mit einem Satz, geheilt und entladen, wie er glaubte, neben die
Reiterin.

Die aber achtete seiner frder nicht weiter. Mochte sie durch die
Gewohnheit belehrt sein, da es keiner strkeren als Blumenketten
bedrfe, um solchen ppigen Jger nach sich zu ziehen, jedenfalls warf
sie sich, ohne ihrem Begleiter auch nur noch einen Blick zu gnnen,
rittlings auf ihren Braunen und sprengte dann in scharfem Flug voran.
Und doch meinte der nachsetzende Freibeuter, der schmale, feine Goldkopf
unter der gelben Lederkappe htte ihm einen bestimmten, nicht
mizuverstehenden Wink erteilt. Da knallte der Strtebecker whrend der
sich jetzt entspinnenden Hetze frhlich, kraftbewut seine Lederpeitsche
durch die Luft. Heia, solch eine Pirsch war gerade nach seinem
Geschmack. Er wute ja, wonach er strebte. Mochte der flatternde Rotrock
da vor ihm nur ruhig whnen, das Narrenseil in der Kinderhand zu halten,
was galt ihm, dem Schicksalswender, im Grunde solch ein Bndel lngst
bekannter Reizungen? Nur der Fang spannte seine Geister, alle muten sie
ihm dienen, die Grenzenlosigkeit, das Abgrndige des Besitzes allein
verbrgte ihm in einem dunklen Vorgefhl die Wahrheit seiner Sendung.

Tamen,[*] schrie er pltzlich voll strmender Wildheit, whrend der
Heidepfad unter ihm drhnte, und er warf beide Arme gegen den
Silberhimmel. So lautete der Schildspruch, den sein Lehrer Wichmann ihm
einst mit auf den Weg gegeben hatte: Tamen.

  [*] Lateinisch Dennoch.

Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur
Seite.

       *       *       *       *       *

Im Burghof zu Ne erst kehrte sich seine Fhrerin unter dem rohen,
viereckigen Hauseingang nach ihrem Gaste um.

Komm, sagte sie kurz, damit ich dich leite.

Leicht strich sie den Staub von ihrem wamshnlichen Oberrock, dann stieg
sie ihm eine dunkle Treppe voran. Sie muten sich in einem turmartigen
Gebude befinden, denn die Stufen wanden sich im Kreise und wurden immer
enger und ausgetretener. Eine faule, stockige Finsternis quoll ihnen
entgegen und beschwerte den Atem. In dem Schuimer aber regte sich
sicherste Erwartung. Jeden Augenblick meinte er, eine Hand mte nach
der seinen tasten, um dann irgendwo eine Tr aufzustoen, wo ihm jene
Gastfreundschaft beschieden sein wrde, auf die er harrte.

Allein seine Sinne spannten sich vergebens. Nach wie vor hrte er die
leichten, huschenden Tritte ber sich, die Dunkelheit schien sich mit
ihnen zu drehen und hauchte eine feuchte Klte aus.

Aber da endeten die Stufen, ein ebener Gang oder eine Halle mute
erreicht sein, denn pltzlich sprte der Gast seine Fhrerin dicht neben
sich. Wiederum strich sie ihm ber das Gesicht und flsterte:

Warte!

Dann entfernten sich ihre Schritte, und der Fremde stand allein,
eingeschlungen von dem Rachen der Schwrze. Einen Augenblick lang
beschlich den Einsamen das Bedenken, es knnte ihm hier vielleicht von
seiner Wirtin eine Falle gestellt worden sein, ja, den zur Tatlosigkeit
Verdammten durchzuckte die Ahnung, die wilde, herrliche Jagd nach allem
Unerreichbaren mchte womglich in diesem Moderwinkel ihr Ende gefunden
haben. Allein, kaum gedacht, lie ihn sein unerschpfliches Vertrauen
auf seinen Stern all solche Einwendungen hinter sich schleudern. Und
jetzt -- nein wahrhaftig -- ganz in seiner Nhe, nur gedmpft durch eine
verschlossene Tr, fing er ein sonderbares Grunzen auf, wie wenn ein
Schwein sich ber dem Futtertrog besonders wohl fhlt, und alsbald
gesellte sich das feine Gelchter Occas hinzu.

Dem Strtebecker scho das Blut ins Antlitz. Giftig trufelte ihm sein
Jhzorn ein, er selbst bte wahrscheinlich den Anla zu dem heimlichen
Vergngen seiner Schnen, er, der gefrchtete Schwarzflaggenherrscher,
der als Gefoppter, als demtig Wartender vor der Tr einer Listigen
lauerte.

Mit einem Sprung setzte der Malose in die Finsternis, und richtig,
seine geballte Faust traf drhnend auf Holz- und Bretterwerk.

Das sollst du mir bezahlen, du Hexe! schrie der Gereizte, keuchend vor
Wut und unbekmmert darum, wer ihn etwa hren knnte. Bei den Hrnern
des Satans, ich will es dir eintrnken. Das Gewlbe ber ihm warf
schallend ein Echo zurck.

Da aber stand der Freibeuter geblendet still. Unmerklich war eine
niedrige Tr vor ihm aufgeglitten, und der Anblick, der sich ihm jetzt
bot, traf den Eindringenden so unerwartet, da er in jhem Wechsel kaum
eine rohe Lachlust bezwang. Wahrlich -- und der Strtebecker hieb sich
auf die Brust, wie wenn er unbedingt Spuk und Augentrug von sich
scheuchen mte, dort drinnen in dem kreisrunden Turmloch, unter
allerlei albernen Gerten und verworrenen Metafeln, dazu bestimmt, nach
dem Aberwitz der Zeit den Gestirnen ihr Geheimnis zu entlocken, da
hockte auf einem niedrigen Dreifu ein Wulst von Speck und Fetten, der
sich eben in seinem weiten grnen Tappert mhselig umwandte. Dies war
der Huptling Luitet van Ne, ein Mann, den selbst seine besten Freunde
das Ferkel nannten. Fragwrdig blieb nmlich seine Menschengestalt.
Kleine, triefende Schlitzuglein, eine ungeheuerliche, weit vorstrebende
Schnauze sowie ein ebenso heftig zurckfallendes Kinn gaben dem
kurzbeinigen Fettklumpen tatschlich etwas vom Borstenvieh. Und es
bedurfte fr den Beschauer nicht erst seiner grunzenden Stimme sowie der
blonden Stacheln auf dem platten Haupt, um die hnlichkeit unheimlich zu
vervollstndigen.

Und dies sollte der Gatte der schnen Occa sein?

Vorgebeugt verharrte der Strtebecker an der Tr, offenen Mundes, mit
dem ganzen beleidigenden Unglauben eines von der Natur Beglckten
starrte er bald auf dieses Schaubudenwunder hin, bald suchte er von der
Goldblonden eine Erklrung zu erhaschen. Als er jedoch auffing, wie das
junge Weib dem behaglich Grunzenden die kurzen Borsten kraute, wobei sie
hinter dem Rcken des Dicken dem Freibeuter schnippisch zunickte, da
lste sich die ungemessene Verstricktheit des Betroffenen endlich in
einem langen wilden Gelchter aus. Sogar Herr Luitet, der eben zur
Begrung heranwatschelte, verfiel in ein beiflliges Grunzen, auch die
Burgfrau schlo sich von der groen Heiterkeit nicht aus. Um ihre Lippen
aber zuckte es wie jemandem, der sich des Endes bewut ist.

Kannte sie doch allein den Anfang.

Von ihrer eigenen Mutter, der Quade Flke, an dieses gemstete Scheusal
verkuppelt, sollte die heitere Lebensfreude der Jungfrulichen wohl nach
Absicht ihrer Peinigerin mglichst bald in Trbsal und Elend ersticken.
Allein diesmal erwiesen sich die Berechnungen der Quade als trgerisch.
Da das Ferkel einzig und allein auf der nchtlichen Sternenwiese
graste, so stellte es an seine irdische Begleiterin keinerlei Ansprche,
ja, bald geschah es, da Occa mehrfach am Tage in die Turmzelle ihres
Gatten emporsprang, um ihm voller Genugtuung die Wnsche und
Verlockungen ihrer junkerlichen Anbeter zu offenbaren. Und whrend ihre
kleine Hand den behaglich Grunzenden puffte oder ihm spttisch die
kurzen Borstenhaare kraute, da konnte man die beiden hufig in
ungemessene Heiterkeit ber die genasfhrten Liebhaber ausbrechen hren.
Frau Occa hielt sich das Ferkel, wie vornehme Damen ihrer Zeit
mancherlei migestaltete Kreatur in ihrer Nhe ftterten, und so hatte
sich zwischen den Gatten allmhlich die beide Teile befriedigende
Vertraulichkeit guter Geschwister ausgebildet.

Auch ber den Seeruber mute dem Klumpen wohl schon vorher eine
ausfhrliche Schilderung hinterbracht sein, denn whrend er ihn pustend
und schnaufend begrte, blinzelte er aus den schrgen Schlitzuglein
beinahe mitleidig an dem Riesen in die Hhe. Fast schien es, als ob der
Weise seinen ungewhnlichen Gast bereits im Voraus bedauerte. Dann aber
besann sich der Hausherr auf seine dunklen Knste oder vielleicht auch
auf das, was man seinem platten Schdel eben erst eingeblasen hatte.
Geheimnisvoll wickelte er sich in sein grnes Kleid, um ernsthaft das
Haupt zu schtteln.

Du berschreitest das Ma, vertraute er endlich seinem Besucher an.
Witternd und feucht zitterte dabei sein Rssel.

Getroffen, nickte der Strtebecker, der sich noch immer nicht fassen
konnte, wobei er allerdings mehr die Burgherrin als den Klumpen im Auge
behielt, ich messe sieben Schuh.

Das ist es nicht, murmelte das Ferkel abmahnend. Darauf ergriff er
eine durch allerlei Striche und Zeichen geteilte Stange und hielt sie
schrg gegen den Fremden, so da die Sonne einen schwarzen Strahl ber
den Freibeuter malte. Du berschreitest das Ma, wiederholte er
hartnckig.

Potzblitz, fiel der Strtebecker lebhaft ein, indem er frisch nach der
Stange schlug, ich will auch mein Begehren nicht messen, und wenn es
bis an den Mond wchse.

Rasch wechselte er dabei einen Blick mit Occa, die noch immer hinter der
Lehne eines unfrmlichen Stuhles stand, und so frech und gefrig
zngelte wieder seine Flamme, da er gar nicht merkte, wie auch dem
Ferkel jene geheime Zwiesprache keineswegs entging.

Vom bel, verurteilte der Sternendeuter, nunmehr seiner Sache sicher.
Jedem ward sein Ma bestimmt. Der Kundige zhlt die Regentropfen. Hre,
du bist wohl ein lang aufgeschossener Bursch' und tobst auf der Erde
lrmvoll umher, aber weit du denn, was am Himmel fr dich angeschrieben
steht?

Meiner Seel, beteuerte der Strtebecker, der sich jetzt ungebeten auf
eine Ecke des Ziegelherdes niederlie, denn das Geschwtz des Dicken
wurde ihm lstig, la mich die Erde zurechtrcken und heie du
inzwischen dein Weib, mir einen Morgenimbi auftischen, so will ich dir
wohl oder bel den Jupiter, den Saturn und die beiden Dioskuren dazu
verkaufen.

Verspotte nicht die Ewigwachen, murrte der Klumpen und hielt jetzt
seine Stange prfend gegen das Fenster und mitten in das Sonnenlicht
hinein. Occa mag dir Hunger und Durst stillen, wie ihr beliebt. Ich
wehre ihr nichts. Sie ist frei. Weil alles Geschehen ohnehin aus dem
Lichtnebel quillt, der gewogen und gezhlt fr jeden von uns im
Unendlichen schwimmt. Occa mag dir das Nachtlager rsten, und du wirst
nicht anders handeln, mein Freund, als die Staubkrner es wollen, die
gebieterisch ber dir und in dir tanzen. Geh hin und versuche es.

Diese Gelassenheit jedoch bermannte sogar den sorglosen Gewaltmenschen.
Geruschvoll sprang er vom Herd, und seine Verblffung steigerte sich
noch, als ihm der helle Triumph aus den Zgen der Goldblonden
entgegensprhte. Mhsam nur fate er sich, und indem er sich neigte,
warf er im Trotz und wie zum Abschied hin:

Wohlan, Luitet van Ne, so nehme ich deine Gastlichkeit an, und ich
will hoffen, da es meinen Staubkrnern unter der Pflege deines Weibes
wohlergehen werde.

Jeder mu das hoffen, was ihm beschieden ist, sprach das Ferkel
dunkel.

Ruhig lie der Nekromant seinen Besucher zum Ausgang gelangen, aber
gerade als die Reckengestalt sich unter das niedrige Pfrtlein bcken
wollte, da scharrte der Klumpen, der sich inzwischen wieder auf den
Dreifu niedergezwngt, mit dem Fu ber ein auf der Diele
herumliegendes Pergament, so da ein trockenes Rascheln entstand.

Nimm dies mit dir, Maberschreiter, Tobender im Kfig, grunzte er
gleichgltig, ein Bote unserer lieben Mutter Flke brachte es heute.
Vielleicht erkennst du daraus, wie das Unsichtbare auf Erden stets
hinter uns hersprengt. Hier, -- er bckte sich und reichte das Blatt
unter Keuchen seiner Hausfrau -- es ist nur eine Hornisse aus dem
groen Schwarm, schnarchte er schlfrig, in sein Fett versinkend.

Was fr ein Fetzen? wandte sich der Strtebecker gebieterisch zurck.

Und Occa las. Es war ein Sendschreiben der Hansestdte an die
ostfriesischen Huptlinge, eine freundliche Mahnung, die aber viel eher
einem dsteren Drohen glich, indem dadurch den Edeljunkern, den Enno,
den Abdena, Beninga, Cankena, den Ne, Broke und dem Propst Hisko van
Emden auf das gemessenste untersagt wurde, irgendeinen Verkehr mit den
Vitalianern, den Gleichebeutern, diesen Schwren und Beulen am Leibe der
handeltreibenden Vlker zu unterhalten. Und mit heller Stimme, beinahe
jubelnd, verkndigte Occa, whrend ihr der Strtebecker belustigt ber
die Schulter schaute, den Schlu:

Von allen Gottabtrnnigen, von allen lsterlichen Bsewichtern aber, so
jemals die Ruhe, den Frieden und die Ordnung in Stadt und Land gestrt,
ist gewilich der Strtebecker der verworfenste und wird der Strafe der
Verdammnis nicht entgehen.

Sicherlich, das wird er nicht, unterbrach Occa vergngt und versuchte
den ihr Nahen an einer seiner Locken zu reien. Dann fuhr sie fort:

Es ward uns jedoch kund, da dieser friedlose beltter, nachdem er die
Ostersee durch Mord rot gefrbt, auch gestohlen und gebrannt, wo er nur
konnte, jetzt unter euch das lgnerische Gercht aussprengt, er wolle
eine Bruderschaft aufrichten, derengleichen selbst unserem Seligmacher
Jesu Christo nicht gelang.

Hier stockte die Goldblonde abermals, bi sich auf die Lippen und
schttelte unbefriedigt das Haupt, bis sie endlich aufmerksamer
weiterlas:

Um diesen neuen Frevel gegen Obrigkeit und schuldige Demut nicht reif
werden zu lassen, damit aber auch frder der gemeine Kaufmann sein
Handelsgut ungefhrdet ber See bringen mge, sei hiermit den Edlen der
Friesen zu ihrem eigenen Nutz und Frommen voll Ernst und schwerer Sorge
empfohlen, die Raubgesellen ohne Zgern aus dem Land zu jagen, Burgen
und Hfen ihnen zu verschlieen, ihren Anfhrer aber zu greifen und nach
peinlichem Gericht gendiglich vom Leben zum Tode zu befrdern. Sollte
dies indessen nicht geschehen, so wollen die hansischen Stdte doch all
ihre Macht aufbieten, um unter dem Beistand des Himmels dem Schwarmwesen
in euren Lndern ein Ziel zu setzen. Unterzeichnet war das Schriftstck
Tschokke, erster Aldermann von Hamburg; und das schiffgeschmckte
Siegel der Stadt hing darunter.

Der Strtebecker spiete das Manifest mit dem Schreisen und warf es ins
Feuer.

       *       *       *       *       *

Gleich einem Frsten ward der Schuimer auf Burg Ne bewirtet. Occa lie
ihm ein wohlduftend Bad richten, Knechte und Mgde bedienten ihn,
frisches Linnen ward dem Gast gereicht, und immer hrte der in der
Badestube lrmend Singende, wie die Hausfrau nicht weit von der
geschlossenen Tr herumstrich. Diese Nhe bestrkte ihn noch in seinen
wilden Vorstzen. Allein bald merkte er, wie die glatte Tochter der
Quade es mit vieldeutigem Lcheln darauf abgesehen hatte, ihn zu necken
und dem Gewaltttigen unter allerlei Schmeichelei und trgerischer
Zuvorkommenheit die Hnde zu binden. Ja, manchmal blitzte es in dem
Geiste des Riesen geradezu auf, als ob alles nur geschehe, um dem
abwesenden Ferkel ein Ergtzen zu bereiten. Occa sa zwar beim
Mittagsmahl neben ihrem Gaste an der Herrenseite der Tafel, jedoch der
lange Saal war mit so zahlreicher Dienerschaft angefllt, Kche,
Mundschenken, Spieknechte liefen ab und zu, da jedes vertrauliche Wort
untergehen mute, und der Strtebecker, nachdem er im Unmut Becher auf
Becher herabgestrzt, pltzlich aufbegehrte:

Du Allerschnste glaubst wohl, ich sei einer der beiden
futterneidischen Ppste oder Knig Wenzel, der Hundezchter[*], da du
so bunt geschmckte Pfauen vor mir auftragen lt? Und weit doch, wie
mein Sinn nach ganz anderer Labe steht.

  [*] Man erzhlte damals, da Knig Wenzel seine erste Gattin
  eines Nachts durch seine wilden Hunde zerreien lie.

Du knntest auch mehr sein, als du bist, entgegnete die Goldblonde zur
Seite rckend.

Der Schuimer verstand dies nicht. So la mich aufbrechen, fuhr er
wtend vom Stuhl.

Bleib', flsterte Occa hinter ihrer Hand.

Da vermochte der Begierige sich nicht loszureien.

Am Abend gab es auf der Burg Ne ein Gelage. Im Vorbeireiten waren
Propst Hisko van Emden sowie Occas sprudelkpfigster Verehrer, der junge
Allena, auf der Feste eingekehrt, und nun saen die Mnner in dem langen
Saal hinter den Weinkannen beieinander, lieen abwechselnd den
unsichtbaren Hausherrn, aber noch fter die um den Durst ihrer Gste so
sorglich bemhte Burgfrau leben, und unter klappernden Wrfeln, unter
Lrm und Schelmenliedern wuten sie allerlei von den Hndeln des gerade
jetzt bedrohlich aus den Fugen brechenden Reiches zu berichten.

Weit du schon, Teurer, schlang der Propst weinselig seinen Arm um den
Nacken des Seefahrers und brachte seine wulstigen Lippen bis dicht an
das Ohr des Gefhrten, wir sind drauf und dran, den Prager
Judenschlchter[*] in die Moldau zu werfen. Wir jagen ihn fort. Kann
auch in einem Weinfa Bue tun. Gib acht, bald wird der Pflzer[**] auf
seinen Stuhl hpfen. Da schlgt fr mutige Degen, wie dich, ein
glcklich Stndlein. Wie mancher ritt nicht unter einem Federhut aus und
kam mit einer Krone heim. Wie wr's, du Siebenschuhhoch? Wir knnten
den Handel selbander schlichten!

  [*] Knig Wenzel, zu dessen Absetzung schon Vorbereitungen
  getroffen wurden.

  [**] Ruprecht, der Gegenkaiser.

Mimutig schob der Strtebecker den gar zu Vertraulichen zurck, denn in
ihm kochte Grimm, weil er den Allena ihrer belustigt lauschenden Wirtin
seine verrckten Gestndnisse zuflstern sah.

La das Gefasel, Hochwrdigster, zischte er bse und zerdrckte fast
den Silberbecher in seiner Faust, mein Reich ist auf einem weichen
Frauenleib, und mein Ehrgeiz sucht Futter fr leere Muler.

Als der schne Mann abermals die Hungernden erwhnte, da sandte Occa dem
Riesen einen offen feindseligen Blick zu, der Propst aber brach in ein
unvernnftig Gelchter aus. Sein Leib hpfte ihm. Er erstickte fast.

Schker du, prustete er, indem er dem Freibeuter seine Faust fest in
die Rippen setzte, da wir hier in Liebe und Traulichkeit
beisammensitzen, so offenbare uns doch, welch ein eintrglich
Schelmenstck du hinter deinem wsten Gerede verbirgst? Wei doch jedes
Kind, da Reichtum und Vllerei gerade so ewiglich beschlossen sind als
Drmeknurren und Hungereingeweide.

Der Pfaffe ahnte wohl kaum, wie nichts den Strtebecker so verstrte, so
von Grund aus umwhlte als Spott ber jenes nackte Elend, das seine
Phantasie sich in grausiger jahrelanger Arbeit als ein dsteres Feld
ausgemalt hatte, ber das entblte Menschen auf Nacken und Schultern
Steinlasten in eine hoffnungslose Ferne schleppen, whrend den Trgern
Arme und Beine bereits verfaulen.

Unheimlich erblat sprang der Riese auf, der herrische Mund bebte ihm,
da er an seine Jugend dachte, und in jher Wut schlug er nach der
Weinkanne, so da sie umstrzend ihren Inhalt ergo.

Weh euch, schrie er, wobei er jeden einzelnen seiner Genossen in
tdlicher Fremdheit ma, denn in diesem Augenblicke wurde ihm klar, da
der Wahrspruch der Schwarzflaggen sein eigenes Schicksal tatschlich bis
zum Rand fllte. 'Aller Welt Feind' -- htet euch -- es ist nicht
wohlgetan, wenn ihr den bsen Geist in mir gegen euch wachruft, ihr,
ihr, die ihr nichts als schmausen und tanzen knnt.

Das viele vergossene Blut seines Lebens hpfte vor ihm auf dem Tisch in
roten, zuckenden Flmmchen. Es wurde ngstlich still um die Tafel.

Und gerade will ich tanzen, meldete sich mit einemmal Occas helle,
aufreizende Stimme.

Furchtlos, nur darauf erpicht, die Spannung aufs uerste zu steigern,
ergriff die Goldblonde unvermutet die umgeworfene Kanne, und sie hhnend
gegen den Seefahrer schwingend, begann die Geschmeidige zu aller
Erstaunen mitten im Saale einen zierlichen Kreis zu schlingen. Die Augen
ihrer Zuschauer vergrerten sich, eine Weile wurde durch den seltenen
Anblick jedes Wort und jede Bewegung der Mnner gelhmt. Dies war ja
auch nicht der schwerfllige Reigen, wie er sonst im Brokmerland gebt
wurde. Nein, der hinstarrende Strtebecker wute allein, da so -- den
Krug auf der Schulter, den Leib zurckgeworfen -- nur Knstler der
Hellenen einst ihre berauschten Nymphen auf schwarzen Vasen zu bilden
pflegten.

Da brach pltzlich der tosendste Beifall aus. Der Propst hmmerte mit
den Fusten auf den Tisch, der Allena schleuderte seinen Becher durch
die Luft, der Strtebecker jedoch, von einem Wirbel in den anderen
gejagt, durch listige Berechnung aus Eis in Siedehitze gerissen, und vor
allen Dingen unfhig, irgendwo eine Grenze fr sich zu dulden, er machte
Miene, den Tisch umzustrzen, um gleichgltig gegen all die Zeugen mit
zitternden Fusten sich dieser behenden Beute zu bemchtigen.

Sachte, sachte, Freundchen, lallte der Propst und hing gewaltsam seine
Wucht an den Bewutlosen. _Amantes, amentes._[*] Schier dich, ich
rate dir, um dein Hungerreich und la hier Herrn Luitet, den Tanz und
den Wein herrschen. Hrst du?

  [*] Verliebte -- Verrckte.

In diesem Augenblick aber hielt auch Frau Occa inne, atemschpfend
stellte sie ihren Krug auf die Erde, verneigte sich dankbar gegen den
Propst, und whrend sie ein paar Mgde zu sich winkte, sprach sie mit
kaum verhehlter Genugtuung:

Es ist Mitternacht, ihr Herren. Suchet jetzt still euer Lager auf,
damit ihr meinen Eheherrn nicht strt. Denn sein Tagewerk beginnt erst,
wann wir anderen ruhen. Und blitzend vor bermut setzte sie noch hinzu:
Und trume jeder von dem, was er wnscht.

Nun, Gott verdamm' dich, murrte der Emdener hinter der rasch
Entschwindenden her und lockerte bereits seinen Grtel vom Leibe. Soll
man denn nicht mal im Traum seine Ruhe finden? Komm, Teurer.

Damit wollte der Weinvolle seinen Arm unter den des Seefahrers schieben,
der Strtebecker aber stie ihn zurck, da der Betroffene in die Arme
des Allena taumelte, und offenen Mundes muten die beiden
Zurckbleibenden erleben, wie der Riese ohne Abschied gleich einem
Sturmwind aus dem Saale fuhr. Bald darauf verkndete Hufschlag, da ein
Reiter trotz Nacht und Pfadlosigkeit seinen Weg suchte.

Verdutzt strich sich Propst Hisko ber die niedrige Stirn, dann, nachdem
er sich ein wenig besonnen, sagte er ghnend:

Heit mit Recht Schuimer, der Kerl. Wer wei, wie lange seine Woge
steigt? Wollen doch mit den Hansischen nicht gnzlich brechen, Allena.
Vorsicht ist ein sicherer Hhnerstall.

       *       *       *       *       *

ber der nchtlichen Heide flimmerte der weite Sternenhimmel, der
Meerwind schlich summend durch das kurze Gestrpp, und im Mondlicht
wanderte der unmig verlngerte Schatten von Tier und Mensch seitwrts
neben dem Trabenden her. Eine angespannte Stille mhte sich, dem
Einsamen ihr Geheimnis ins Ohr zu wispern. Aber dem Strtebecker war
diese Sprache lang vertraut. Befreit lauschte er dem Atem der Weite, und
als er den Erdgeruch sprte, als die feuchten Moornebel um ihn quollen,
da brannte in ihm eine unerklrliche Sehnsucht auf, und ein wahnwitziges
Gelst packte den Strmischen, sich mit dieser Erde zu vermhlen, tief
alle Wurzeln in sie zu strecken, damit er auf ihr blhen knne wie ein
Baum. Unsichtbar, sichtbar stiegen vor ihm aus schwarzen, blulich
glitzernden Torfgrnden zuknftige Huser und Gehfte auf, er hrte
Menschengesang aus der Leere, erkannte das Brummen des gesttigten
Viehs, und weit hinten in der Schwrze verlor sich das Sthnen
zusammenbrechender Leiber, das bisher in der rasenden Musik seines
Lebens stets den Unterton geseufzt hatte.

Wie leicht verbrauste doch, was er eben noch der Gier und der Lust
abjagen wollte, nur das Ausweiten fr die Unzhligen versprach Dauer,
nur alle Leben zugleich gelebt zu haben, das, ja, das allein sttigte,
das stillte.

Dies war die glcklichste Stunde des Gewaltmenschen. Traum und Erfllung
hielt er zu gleichen Teilen in seiner Rechten wie in seiner Linken. Mit
einem Ruck zgelte er sein Ro, und sich weit zurckwerfend, so da alle
Gestirne ihm standhalten muten, hob er die Faust gegen den brennenden
Wirbel, und heiser vor Inbrunst schrie er in die ewig sich vertiefende
Gasse hinein:

Lauert nur, schielt aus tausend zornigen Augen, ihr knnt mir die Saat
nicht mehr aus der Brust reien. Sie soll aufgehen, trotz euch, wider
euch!

       *       *       *       *       *

Gegen Morgen erst zog er sein Tier hinter sich her auf die Warfe der
Brokeburg. Auf einer Steinbank im Hofe hockte die Flke in ihrem grauen
Fltelkleid, und ihre Spinnenfinger verfolgten eifrig die breiten Zeilen
des Hamburger Manifestes. Kaum wurde sie jedoch des abgetriebenen
Reiters ansichtig, da strich ein giftigser Schein ber das blutlose
Antlitz der Quade, und sie stopfte das Pergament in ihre Tasche, als ob
sie einen kstlichen Schatz vergraben mte.

Nun, fragte sie mit ihrer harten Stimme, bringst du mir Gre von
Occa, Mann?

Der Strtebecker aber antwortete nicht. Sein Blick hatte von der Anhhe
den Hafen getroffen, und siehe da -- dort unten in der schmalen
Fahrtrinne lag Schiff an Schiff, eine Gasse von Masten hatte sich
gebildet, und berall flatterten die schwarzen Wimpel in den frhen
Morgen.

Wohl, sagte die Flke ohne sich zu rhren, die Deinen sind gekommen.
Und hier auf der Burg harrt dein Diener, -- dein Bube, setzte sie
sprend hinzu.

Noch immer stand der Riese sprachlos neben ihr. Nur seine Brust dehnte
sich weiter, hher -- bis zum Zerspringen. Dort unten -- sein Schwert,
sein Pflug, sein Werkzeug. Hier oben, die Schale, in die sein Gedanke
gegossen war, und weit umher unter dem Frhrot die zukunftsdampfende
Erde.

Mchtig breitete er die Arme, und trunken vor Glck, im Ton des
Brutigams, der endlich die Entschleierte umfngt, jauchzte er:

Mein -- mein.




III.


Weit war schon der Herbst in den Oktober vorgerckt. Aber das Meer trug
mit der Flut einen sdlichen Wind gegen die Marschen, der duftete den
neuen Ansiedlern seltsam nach fremden Blumen und wrzigen Krutern, und
tief unter dem hellen Himmel strich Milde und Wrme dahin.

Hungrig ffneten sich die Schollen zur Aufnahme.

Eine Viertelmeile etwa von der Brokeburg entfernt pochte emsiger
Hammerschlag. Dort hatte sich der Ire Patrick O'Shallo auf einer
Wiesenschwellung und hinter ein paar einsamen Pappeln ein flchtig
Bretterhaus errichtet. Nur leicht und obenhin mit Moos und Schindeln
gedeckt. Denn der streifende Geselle kannte noch nicht die Gewalt des
Schneesturms, wenn er ber die schutzlose Ebene fegt. Nun hmmerte der
sangesfreudige Bursche rasch und ungeduldig an einem Holzzaun, damit er
sein knftig Grtlein schtzen mge. Waren doch Hhner und Ziegen seines
Nachbarn, des Hebrers Isaak, bereits hufig in die abgesteckten Beete
eingebrochen, und das wollte der leicht erhitzte Ire nicht leiden. Auch
sehnte sich der Blonde Tag und Nacht nach Weib und Ehschaft, kurz nach
Wesen, die seines Winks gewrtig ihm billig einen Teil der Arbeit
abnehmen sollten. Dazu gehrte aber auch, da sein Anwesen, das ihm auf
unbegreifliche Weise von der Gte dieses mchtigen Anfhrers zugeteilt
war, nicht dem Futritt jedes Strers offen stehe. Und daher gedachte
sich Patrick O'Shallo keineswegs mit dem Gartenzaun allein zu begngen,
sondern allmhlich sollte die ganze Liegenschaft durch Busch und
Hackelwerk abgegrenzt werden. Was er mit seinem sauren Schwei
bestellte, dahin brauchte ihm nicht stets der arbeitstolle Jude
hineinzutappen, der unheimliche schweigsame Christusmrder, der besessen
und wie verfolgt bis in die Nacht hinein pflgte, streute und whlte,
wenn er nicht gleich einem Wurm durch die Erde kroch.

Merkwrdig, der lustige Bursche wute auch nicht, wie es kam, jedoch er
konnte dies unablssige Mhen seines Nachbarn nicht ohne Murren und Zorn
mit ansehen. Und seine Vorliebe zu Lust, Spiel oder Feiertag fhlte sich
durch das rastlose Wirken des nur auf Zunahme und Erfolg Bedachten
zuerst beschmt und dann beleidigt.

So hielt er auch jetzt verrgert mit dem Einrammen der Pfhle inne,
wischte sich die rotblonden Haare und sttzte sein Kinn ausruhend auf
eines der Hlzer. Wahrhaftig, abermals packte ihn der Unmut. Denn nicht
weit von seinem Platz sah er den alten Isaak eifrig an einer Rinne
graben, die das von ihm bereits umgeworfene Feld entwssern sollte.

Da begann Patrick O'Shallo leise Verwnschungen zu murmeln.

Natrlich, nun wrde der niedertrchtige Schleicher wieder einen
Vorsprung erhalten, denn der Ire hatte an solche Hilfsmittel noch
keineswegs gedacht, da er zuerst fr einen reichen Tisch und ein recht
wohliges Lager sorgen zu mssen glaubte. Zum Henker, er wollte doch ein
junges Weib darauf betten? Und nun? Ha, ha, um den alten eisengrauen
Maulwurf dort drben schnupperten noch obendrein ein paar kleine Ferkel
herum? Wie kam der Kerl schon wieder zu dem neuen Erwerb? Da sollte doch
das bseste Wetter dreinschlagen! Was ntzten schlielich das gleich
abgesteckte Land oder die gleich abgezhlten Gulden, wenn der verfluchte
Mauschel dort drben keinen Schlaf kannte? Keine Weiber, keinen Trunk,
kein Spiel und keinen Feiertag? Womglich wrde er, der krftige,
weibverbrannte Geselle, von den Mgden noch verachtet werden, weil er
sein Gut nicht ebenso grndlich zu bestellen vermochte wie das graue
Schindluder von jenseits!?

Dem Iren hing eine rote Wolke vor den Augen.

He -- du -- hilf mir, schrie er zu dem Spatenschwinger hinber, denn
sein Zorn gab ihm ein, da den Ansiedlern von dem Admiral gegenseitige
Hilfeleistung in allen Fllen und bei jeder Gelegenheit befohlen war.
Nur nahm es sich Patrick nicht weiter bel, da er zwar jene
Untersttzung unausgesetzt von dem Alten beanspruchte, hingegen es
regelmig versumte, dem Nachbar etwas hnliches zu erweisen. Wozu
auch? Der Sprenkelbart entstammte dem verstoenen Volk, und die Mahnung
des Strtebeckers von der Bruderschaft aller Sterblichen, sie konnte
unmglich auf den Fremden gemnzt sein.

He -- du -- hilf mir, schrie er noch lauter als zuvor.

Auf den Anruf hob sich ber der Rinne ein eisengraues Haupt, folgsam
wandelte die breite, untersetzte Gestalt des Hebrers heran. Er sttzte
sich auf den Spaten, als er den Zaun erreicht hatte.

Wo fehlt's? fragte er bereitwillig. Brauchst du Ngel, Freund?

Der andere schttelte heftig den Kopf. Seit sie von dem Schiff herunter
waren, strte ihn die Vertraulichkeit der Anrede.

Sollst mir die Querbalken halten, forderte er ungebrdig, das
Gebastel geht mir zu langsam.

Verstehend nickte der Alte, und whrend er bereits die lange Leiste
ergriff, damit sein Gefhrte die spitzen Stbe an ihr festschlagen
knnte, da huschte ein dunkles Lcheln unter seinem angeschneiten Bart
hervor.

Kannst es auch nicht mehr erwarten, hier Weib und Kind zu sehen?
murmelte er gepret.

Aber dem Burschen entfiel fast der Hammer. Die Vorstellung, auch der
gebckte Fnfziger knnte denselben Trumen nachhngen als er selbst,
versetzte ihn in eine namenlose Wut.

Willst etwa auch du, Isaak ----? erkundigte er sich stammelnd.

Sein Helfer jedoch merkte nichts. Mit aller Wucht umklammerte er sein
Brett, und tiefgebckt raunte der Jude sein Gestndnis in die Erde
hinein.

Doch, doch -- einmal wurden sie mir schon genommen -- der schwarze Tod
und Gewalt. Aber man will doch wissen, fr wen man baut. Namentlich
wir, flsterte er glhenden Auges, namentlich wir.

Da schleuderte Patrick seinen Hammer gegen das Brett und stie auch noch
mit dem Fue dagegen. Der Jude erwachte, er wankte.

Nun, Gott verdamme dich, entfesselte sich der Ire dunkelrot und spie
aus. Warum mut du Beschnittener es hier treiben wie die Kaninchen?
Sind nicht genug von euch Krummnasen auf der Welt? Aber du verbst wohl
nur die Schachermachei, weil du deinen Nebenmenschen keinen leichten
Gewinn gnnst? Und hohnlachend brach er aus: Mir scheint, du hast
nicht vergessen, wie der Strtebecker solche durch Tod erledigten
Gleichestcke zu neuer Austeilung bestimmt hat?

Eben -- eben, ereiferte sich Isaak, der die wahren Beweggrnde des
anderen durchaus nicht entrtselte, liebe die Erde, die dir gehrt. Ein
eigen Stck Land -- Patrick -- o, ein eigen Stck Land, das mu man
vererben auf Kind und Kindeskind. Hier, hier, aus diesen Schollen allein
seh' ich es wachsen, mein Recht, meine Gleichheit, meine Bruderschaft.
Und deshalb -- er richtete seine schwarzen Augen anbetend gegen die
ferne Brokeburg, hnlich wie seine Vorfahren wohl einst ihre Blicke gen
Zion erhoben hatten -- deshalb ist der dort oben aus dem Blut des
Messias.

Ein Quark ist er, tobte jetzt der Ire, dessen Vernunft vllig in Gift
und Galle ertrank, weil er sich zu endlosen Mhen verurteilt fand, die
er nicht bewltigen mochte. Wozu hlt der Schelm noch eine Menge der
Beute in den Schiffen aufgestapelt, anstatt sie so gleich bis zum
letzten Heller unter uns zu verteilen? He, ich will Herr sein gleich
anderen Herren! He, verstehst du mich?

Bruder, stotterte der alte Jude betroffen und hob bekmmert die Hnde,
bist du denn nicht Herr auf deinem Boden?

Allein der Streitschtige hatte nur noch den einen Wunsch, diesen
unbequemen Mahner sowie namentlich den von jenem angebeteten
Menschengott niederzuringen und zu besudeln. Vielleicht weil er das
Streben und die Andacht der beiden noch nicht begriff. Selbstgefllig
steckte er die Hnde in die Taschen, und whrend er seinem Genossen jh
den Rcken wandte, schimpfte er unfltig:

Meinetwegen fri den geliebten Kot, du demtiger Knecht. Ha, ich sollte
nur erst wieder auf den Schiffen stehen, dann wollte ich euch zeigen,
wie rasch ich zu Dirnen und Wrfelgeld kommen wollt'. Der Gehrnte soll
euch Hirneitrige holen.

Damit strzte er wtig in sein Bretterhaus, und bald verriet ein
unsinniges Sgen und Klopfen, wie der Wahnwitzige es abermals versuchte,
in rasendem, zwecklos verdampftem Bemhen den Hausrat fr das ersehnte
Weib zusammenzuschlagen.

Der alte Isaak jedoch umspannte seinen Spaten gewaltsamer, und ihn
beschwrend gegen die Burg ausreckend, stammelte er fanatisch:

Bleib fest, du Sohn Davids, bleib fest.

       *       *       *       *       *

In einem der gewlbten Spitzbogenzimmer der Brokefeste durchma derweil
der Strtebecker mit seinen weiten, beschwingten Tritten den
teppichbehngten Raum, und jedesmal, wenn er den derben Eichentisch
erreichte, dann fegte er mit der Faust ber allerlei Feldabmessungen,
die auf der Platte mit Kohle verzeichnet standen. Bis er endlich
aufatmend zu seinem Gast, dem Propst Hisko van Emden, hinberrief:

Die Erde ist verteilt, genug mein heiliger Freund, la uns jetzt den
Schmutz des Feldes abwaschen! Mir wenigstens stehen Torf und Moor
bereits bis an den Hals. Dafr soll uns aber auch gleich ein Wunder von
einem Frankenwein erquicken. Munter, wir wollen dem Bacchus eine Messe
zelebrieren.

Aufgerumt eilte er bis zur Tr, um einen Befehl herauszurufen.

_Laudabiliter_,[*] schmunzelte der Dicke, der enggezwngt in seinem
Armstuhl hing und sich nun erwartungsvoll ber die wulstigen Lippen
strich. Du hast recht, schner Jngling. _Sine Cere et libero friget
Venus[**]._ Allein, pltzlich besann er sich, denn der zweite Gast am
Tisch des Admirals, ein ksig gelber, langaufgeschossener Mensch, dem
als einziges Zeichen des Lebens nur eine glhende Trinkernase aus dem
Gesicht funkelte, er hatte sich eben verstohlen geruspert, so da
Probst Hisko aufmerksam wurde. Schwerfllig und ermdet streckte der
Dicke beide Beine von sich. Verzeih noch ein Weilchen, Herrlicher,
forderte er den rckkehrenden Strtebecker auf, aber da du vor allem
ein Vater der Deinen bist, so mut du vor eigener Letzung, so
beschwerlich es ist, mit anhren, was dir mein Converse,[***] der Jonkher
van Sissinga, ber die Roggensaat anzuvertrauen hat.

  [*] Lobenswert.

  [**] Ohne Speise und Trank friert die Liebe.

  [***] Conversen waren in Friesland Hofmeier und landwirschaftliche
  Berater der kolonisierenden Klster, ein halbmnchischer
  Laienstand.

Schon wieder?

Unmutig verzog der Freibeuter die Brauen. Seine heitere, nach Lebenslust
und Freude langende Natur vertrug nur ungern den ewigen Ansturm dieser
kleinen zermrbenden Sorgen. Ja, wenn es galt, das groe, strahlende
Gesetz in die Luft zu zeichnen, oder sobald es ntig wurde,
hinauszureiten, um der fronenden Menge ein hinreiend Beispiel zu geben,
dann schlug aus dem Lodernden die Flamme himmelwrts. Das sorgsame
Vormerken hingegen, das Gegeneinanderabwiegen und Berechnen alltglich
sich wiederholender Wirtschaftsforderungen, das dnkte den
Weitausschweifenden kleinlich, und er fluchte oft, warum er sich dazu
nicht eine Herde Krmer oder Handelsdiener eingefangen htte.

Heraus damit, fuhr er daher den ksigen Jonkher nicht gerade liebreich
an. Soll ich aus der Kammer des Herrn Propst etwa noch mehr Roggensaat
kaufen? Mich dnkt, ich knnte mit dem vorhandenen bereits das ganze
heilige rmische Reich in einen Mehlbrei wandeln.

Langt nicht, sagte der Sissinga, ohne sich zu rhren, allein er holte
den Satz aus solch dunklen Kellertiefen, da kein Fremder diese
drhnende Totenglocke in dem wackligen Gebude vermutet htte. Der
Strtebecker schttelte heftig das Haupt, halb ber den unerwarteten
Ton, halb im aufspringenden Zorn ber die stets erneute Qulerei der
beiden.

Langt nicht, fiel in diesem Augenblick auch der Emdener Wanst ein, der
die Zeit fr gekommen erachtete, die Veranstaltungen seines Conversen zu
untersttzen. Der Riese jedoch, der sich eingeengt sah, ri an seiner
rotseidenen Schecke, da alle Nhte krachten und schlug ein bses
Gelchter auf. Dann stellte er sich unter das Bogenfenster, von wo er
die abgetakelten Schiffe im Hafen berschauen konnte, bis er endlich
verchtlich ber die Schulter schleuderte:

Macht's kurz! Der rmische Wolf frit am liebsten aus anderer Taschen.
Aber bei den dreiig Silberlingen des Judas, ihr Herren, ich schlage ihm
auf die Schnauze, sobald er mir gar zu gefrig schnuppert.

Die beiden anderen am Tisch verstndigten sich hinter seinem Rcken
durch einen raschen Blick. Gleich darauf begann die Totenglocke abermals
zu jammern:

Du tust uns unrecht, Herrlicher, da du dich vielmehr selbst anklagen
solltest. Mu ich dir sagen, die Deinen verstehen nichts von
Landwirtschaft?

_Recte_, besttigte Hisko, da in ihm die Hitze sowie die berlegenheit
des kundigen Ackermannes erwachte, die Buschklepper -- verzeihe -- ich
meine die Ansiedler, wissen nicht mit der Wurfschaufel umzugehen.
Dadurch streuen sie die Krner nur obenhin in die Furchen, so da es ein
Jammer ist.

Und der rauhe Wind und die Feldmuse vollenden das brige, ergnzte
der Sissinga.

Verbissen wandte sich der Strtebecker wieder an den Tisch. Allein kaum
hatte er ihn erreicht, so stie er mit dem Fu gegen die Querleisten,
da das Holz zitterte und sthnte.

Kommt zum Geschft, ihr Edlen, meinte er uerlich gelassen, im Innern
aber bereits wtend, weil die beiden Berufsmenschen es wagen durften,
ihn ungestraft schrauben und bervorteilen zu wollen. Wo bleibt der
Handel? Wie verhlt es sich mit dem Gewinnst? Was wollt ihr in euren
Beutel streichen?

Vorwurfsvoll schluckte der Jonkher noch ein paarmal, bevor er endlich in
seinem ehrbarsten Ba auseinandersetzte, er wte an der hollndischen
Kste einen Platz, wo der Strtebecker drei Schiffslasten Roggensaat,
und zwar viel wohlfeiler als im Brokmerland einhandeln knnte. Und ich
rate aus ehrlichem Gemt ------

Einverstanden, winkte der Admiral ungeduldig mit beiden Hnden, der
sich inzwischen auf einen Stuhl geworfen hatte und voll Erleichterung
den Ausweg aus diesem zerklfteten Gebiet sich ffnen sah. Wozu das
lange Geplrre? Knntest schon lngst beim Wichmann im Hafen sein. Soll
sogleich mit drei Schiffen absegeln. Und das Geld-- er schleuderte das
Unwillkommenste wie einen Stein von sich -- la dir von Licinius
zahlen.

Deine Weisheit trifft immer das Rechte, verabschiedete sich der
Converse unter einer tiefen Neigung und ging.

Der Wirt blieb mit seinem geistlichen Freunde allein. Bald ging das
dumpfe Scharren der Weinhumpen ber den Tisch, ja, der Freibeuter, in
einem Anfall unbegrndeter und deshalb um so grellerer Heiterkeit,
schlug whrend des Zechens einen hellen Singsang an. Doch merkwrdig, es
war das alte, tumultuarische und sinnenfreudige Schuimerlied, das die
freiesten und sonnigsten Tage des Seehelden begleitet hatte.

  Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn --
  Der Strtebecker ist Kapitn.

Warm und voll fllte die Stimme des Admirals den gewlbten Raum, das
Lied schien ihn auf das Meer zurckzufhren, scharf zeichnete sich in
dem schmalen Antlitz die Wollust des Befehlens ab, allein allmhlich
verebbten die Strophen immer klangloser, und whrend sie vllig
erstarben, lie der Freibeuter die Faust mit dem Becher bis auf die Erde
sinken. Ein unsicheres Lcheln irrte um den gebieterischen Mund.

Wundersam, sann er gedankenvoll, und in den schwarzen Augen spielte
noch die Freude an alten Abenteuern, Ruhm und Waffenklirren. Ich singe,
und am Kiel der 'Agile' nisten allmhlich Muscheln und anderes
Schalgetier. Er rttelte an dem Tisch, als wollte er sich erwecken.
Ein Leben lang bin ich auf diese Kste zugesegelt, sprach er hart und
fest, und jetzt bin ich hier.

Eine Weile stockte die Unterhaltung der beiden und ging vllig in Stille
unter. Friedlich kringelten die Sonnenstrahlen ber die Zeichnungen auf
dem Tische.

Der geistliche Landwirt aber wute, was dies alles bedeutete. Zu oft
hatte er schon Gutsherren beobachtet, die heil und frhlich von Jagd und
Kriegszgen gekommen waren, aber Pflug und Sense hatten ihnen die Adern
zerschnitten.

Bedachtsam strich er sich ber das lederne Jgerwams, drckte die
verschwollenen uglein zu, da er seine Kenntnis nicht vorzeitig zu
verraten strebte, und indem er sich noch behaglicher ausstreckte,
tastete er vorsichtig weiter:

Hre, mein Shnlein, auf dem Wege hierher traf ich die schne Occa. Mag
sie nicht mitsamt ihrer rosigen Haut. Ist ein ungestillt Eichktzlein,
das gern ein gro Tier in seinem Gezweig ergattern mchte. Gib acht.

Auf diese Warnung jedoch warf der Admiral hoffrtig den Kopf zur Seite
und schlug mit der Hand durch die Luft wie jemand, der ein gespenstisch
aus dem Boden wachsendes Schattenbild zerstren mchte.

Was ist mit ihr? drngte er abgeneigt und mit solch widerwilliger
Gegenwehr, da der schlaue Hisko sogleich merkte, wie oft die Goldblonde
schon als ein Alp an den Tagen des Riesen gezehrt haben msse.

O, sie lt dich nur in aller Ehrbarkeit befragen, murmelte der Dicke
in seinen Krug hinein, wie lange es noch whren mchte, bis du endlich
Fortuna fr dich und die Deinen am Schopf gepackt hieltest?

Selbst in der Wiedergabe des Dicken klang die Bestellung boshaft genug.
Und trotz aller Vorsicht konnte es der Propst nicht vermeiden, da aus
seinen verschwollenen uglein gleichfalls ein Strahl mitleidigen Spottes
schielte. Allein der Strtebecker war nicht zu tuschen. Lngst hatte
sein heller Verstand durchschaut, wie der Unglaube seiner Umgebung ihm
am liebsten tglich, stndlich vergiftete Stacheln ins warme Herz
gedrckt htte. Dafr freilich spie der Riese nichts so voller Ekel aus
wie den lauen Tag- und Nachttrunk dieser Ewignchternen. Krachend warf
sich der Seefahrer in seinem Sessel zurck, und nun schwang er seinen
Humpen so bertrieben gegen den Gefhrten, da man htte meinen mgen,
er wolle das Gert an der nchsten Wand zerschmettern.

Komm, la dich noch einmal auffllen, du mein gesegneter Bauch, so
berbot er sogar die an ihm gewohnte Wildheit und lachte und drhnte
dazu, da dem erschreckten Hrer die Ohren gellten. Eile, du verdienst
dir ein Botengeld, Wrdigster, wenn du noch heute der schnen Occa samt
ihren Freunden bestellst, in welch vortrefflichem Zustand du mich bei
Trunk und Gesang getroffen. An den Wnden der Brokeburg niste bereits
der Weinschwamm. Hrst du? Es wird sie freuen, die Liebreichen, ich
kenne sie. Und sage ihnen auch, welch merkwrdige Art von Augen mir im
Kopfe steckten. Ha -- ha, die vermchten Wachstum und Blte zu schauen,
selbst wenn der Schaft noch tief in der Erde schlummere. Begreifst du,
Bruderherz, ist solch ein Schalksnarrenstck, wie es die Gaukler auf den
Mrkten preisen!? Und zum Schlu, ganz ledern und nebenbei gesprochen
-- jed' gut Ding will Weile haben. Und dein Rom wurde auch nicht an einem
Tag erbaut. Du verstehst, Freund, der gewhnliche Hafer, wie ihn die
Mhren an den Krippen kauen.

Mit einem dumpfen Schlag, als habe der Freibeuter schon zu lange an sich
gehalten, sauste der Humpen jetzt wirklich gegen die Wand, Scherben
polterten an der Mauer nieder und ein wster Regen edlen Weines
klatschte auf die beiden herab.

Da entsetzte sich der Propst und duckte sich tief.

War nicht bs gemeint, wollte er sich schtteln. Allein auch diese
kmmerliche Entschuldigung gedieh nicht zu Ende, denn die Tr ward
aufgerissen und auf der Schwelle zeigte sich der Knabe des Admirals.
Bleicher noch als sonst stach das vergeistigte, jetzt ganz von einer
zehrenden Leidenschaft erfllte Antlitz von der schwarzen Dnentracht
ab.

Licinius, fuhr der Strtebecker empor, denn die Gegenwart dieses
Wesens rief ihn stets und wie durch Zwang zu seinen reineren Eingebungen
zurck, was bringst du?

Auf den Anruf stillte der Jngling das rasche Wallen seiner Brust, nur
ganz wenig sttzte er sich an dem Pfosten des Eingangs, bevor er
zwischen Emprung und Hilferuf hervorstie:

Herr, es ist bles geschehen. Als ich, wie du befahlst, die
Lebensmittel zu den Ansiedlern fuhr, da fand ich, da zwei unserer
Seeleute, der schmchtige Arnold Frowein und der Stotterer Lubbert
Onderdonk, ihr Gleichestck dem Bootsmann Wulf Wulflam verschrieben
hatten. Sie sagen, sie wollten lieber eines kundigen Mannes Knecht sein,
als noch lnger hungrig und ziellos auf Eigenem sitzen. Herr, Herr, wie
ist das zu verstehen?

Ei der Tausend, wiegte der alte Propst in behaglicher Anteilnahme das
Haupt. _Non omnia possumus omnes._[*]

  [*] Nicht jeder kann alles.

Langsam schritt die aufgerichtete Gestalt des Freibeuters an die Seite
des Pfaffen. Geraume Zeit sprach er kein Wort. Auch tuschten sich die
beiden Zeugen, wenn sie erwarteten, eine Sturmflut von Zorn und Wildheit
wrde nun die letzten Reste der Selbstbeherrschung von dem Zgellosen
fortreien. Nein, es war nur jenes bittere, eisigkalte Erbarmen mit
menschlicher Verkehrtheit, das sein Antlitz in fahle Blsse tauchte,
obwohl er solche Verirrten seit seiner Jugend berall gefunden und mit
ihnen gerechnet hatte.

Jetzt aber bumten sie sich vor seinem letzten Ziel, vor dem Zweck
seiner Sendung.

Lastend lie er seine Hand auf die Schulter des Dicken sinken, so da
der Propst noch tiefer in den Sessel einbrach, bevor er kurz, abgehackt
und voll vernichtender Anklage sprach:

Ihr habt redlich gewaltet auf Erden. Meinst du, es ginge noch viel
tiefer bergab mit den Ebenbildern Gottes? Jahrhundertelang habt ihr
ihnen die Knechtschaft eingelffelt, bis sich jetzt ihr Magen an der
Freiheit erbricht. Darum Schande ber euch, weil nun sogar der Arzt jene
Gequlten zu ihrer Heilung schlagen und zchtigen mu. Weh euch aber,
wehe, sobald der Tag erscheint, an dem ihr selbst den Trank schlingen
mt, den ihr gebraut. Ihr werdet daran sterben.

Finster winkte er dem Knaben, und Hisko, der sich benommen auf die
Fensterbank sttzte, sah mit an, wie Herr und Diener kopfber die Warfe
hinabjagten.

       *       *       *       *       *

Die Zeit verstrich, Schneeflocken wirbelten ber das flache Land,
pralle, gemstete Leiber, die wie weie Vgel ber Felder und Dcher
herfielen.

Ich wollte, man knnte euch schlachten, sprach der Steuermann Ldeke
Roloff, der frierend und beschftigungslos unter den Pfosten seiner
bauflligen Schindelhtte lehnte, und er drehte seine verkehrten
Augensterne grimmig gegen das Gewimmel. Seit man ihn in seiner
mecklenburgischen Heimat zum Ergtzen der Edelfrau zu abscheulichem Tanz
gezwungen, mochte der Mann keinerlei Reigen mehr dulden. Kreiselt
nicht, dampfte er in die Klte hinaus. Fliegt lieber in meinen Topf
und werdet Hhner. Seit zwei Tagen ist der Bube des Admirals -- seine
Buhldirne -- wieder nicht mit dem Futter fr Vieh und Mensch dagewesen.
Und die friesischen Schwarzrhren in der Nachbarschaft wollen nichts
mehr verkaufen. Frchtet zu verhungern, das hartherzige Pack. Er griff
sich an die Kehle, denn der Schauder wollte ihm die Zunge lhmen. Wozu
hat uns der Strtebecker hierher geschleppt? bohrte er in sich hinein.
Was ntzt mir der Haufe Sand, wenn er mich ausmergelt und doch nichts
hergeben wird? Tod und Teufel, der Rotseidene auf der Brokeburg ist auch
weiter nichts als solch ein Zwingherr. Frit und suft und lt uns
tanzen. berall stecken sie. Aber bei allen Nothelfern, man wird's
wenden mssen, wenden -- wenden!

       *       *       *       *       *

Lngst waren die Schiffe im Hafen vereist, das Brokmerland erstarrte
allmhlich unter der schneidenden Klte, und die drftigen Huschen der
Ansiedler verkrochen sich im Schnee, wie Bettelbuben unter einem
Schaffell. Tagelang kruselte sich aus den versunkenen Essen kein Rauch,
denn es wurde schwer und schwerer, den Kolonisten Kost und Unterhalt
zuzufhren.

Aus der Stille, aus der oft schmerzhaften Todesruhe der Ebene, die zu
dem heimlich rauschenden Fieber in seinen Adern einen unertrglichen
Gegensatz bildete, rettete sich der Strtebecker an solchen Tagen hufig
zu seinen Schiffen im Hafen. Zu der groen hlzernen Herde, zu den
geflgelten Rossen, die sich sonst auf seinen Wink munter um ihn
getummelt hatten. Nun lagen sie festgefroren, gefangen, beinahe wie er
selbst.

Dann suchte der Rastlose, jetzt stets von einer bohrenden Sorge
Umhergetriebene, in seinen friesischen Schafpelz vermummt, das
Admiralschiff auf, wo seit langem der kleine Wichmann ber die
sprlichen Wachmannschaften das Kommando fhrte. Seltsam, dieser
zurckgelassene Rest seiner alten Schuimer war der einzig zuverlssige
Stamm der einst gefrchteten Freibeutermacht geblieben, und er wurde von
dem Zwerg ohne groe Worte und wie von selbst in scharfer Manneszucht
gehalten. ber den Strtebecker kam whrend solcher Wahrnehmung hufig
ein bitteres Wundern. Was geschah hier? Das gewohnte Handwerk, das
nachdenkenlose Unterwerfen unter ein eisernes Gesetz, das keine Gnade
kannte und den Willen der einzelnen ausschaltete, es schmiedete diese
Menschen zu einem brauchbaren Werkzeug, es erfllte sie sogar mit einem
ausgeprgten Stolz auf ihren Beruf, whrend die anderen, die Befreiten,
die Glcklichen ------?

Unmutig, verngstigt schttelte sich der Riese. Er stubte sich
natrlich nur die Schneeflocken ab, und doch blickte er sich, whrend er
ber die breite Schiffstreppe stieg, mitrauisch um, ob auch kein Spher
beobachtete, was er sonst noch etwa von sich abzuschleudern strebte.

Durch die hohen Fensterluken der Agile trumte ein weier Widerschein
der umlagernden Schneemassen. Dadurch empfingen auch die Wirkereien an
den Wnden ein geisterhaft schwebendes Leben. Mitten in dem Prunk dieses
frstlichen Raumes lag der kleine Wichmann auf einem Ruhepolster und
lie bei dem bekannten federnden Tritt seines Zglings ein paar mchtig
geschnitzte Holzdeckel sinken. Es war eine Abschrift des Seneka, auch
ein Beutestck aus der Reisebibliothek des Bischofs von Strngns. Eine
Weile musterte der Zwerg den hochgewachsenen Besuch, sich langsam
aufrichtend, mit seinen zwiefarbigen Augen, denn der andere schaute sich
in dem wohlbekannten Saale so heimgekehrt, so besitztrunken um, als ob
diese farbenfrohe Schpfung ihm eben erst aus Wunsch und Willen
entsprungen wre.

Nun, alle neun Musen kssen dich, Magister, so grte der Riese, durch
den Anblick erwrmt, seinen ehemaligen Lehrer und schleuderte whrend
des Auf- und Niederschreitens den unbequemen Schafpelz auf den
Laternentisch. He, sag an, du auserwhlter Genieer, wie nistet sich's
in meinem Nest, unter meinen Bchern und bei meinem Wein?

Der Kleine dehnte sich behaglich und verschrnkte die Hnde ber dem
leicht ergrauten Haar.

Ich bin es gewohnt, auf anderer Kosten zu leben, versetzte er, indem
er seelenruhig die Tfelung der Decke studierte, nur fehlt mir hier,
was auch die Nchte zum Kampf und die Tage vergnglich und eilfertig
macht.

Es war die alte leichtbltige Weise, die sonst aus dem Lebenssturm des
Strtebeckers gewi Bndel von Blitz und Funken geweckt htte. Heute
aber zuckte er hoffrtig die Achseln. Und da er gerade vor der Pfanne
mit brennendem Torf hielt, durch die der Raum erwrmt wurde, so streckte
er die Hnde ber die Glut und murmelte in sich hinein:

Speist du noch immer in den Brand und meinst, du wirst ihn lschen?
Tor, segne du wenigstens meine Flamme, solange sie noch brennt.

Noch nie hatte der Kleine von dem fortreitenden Menschen, ber dem stets
Erfllung und Vollendung schwebten, einen Zweifel oder gar eine Klage
vernommen. Deshalb wurde der Zwerg durch das unvermutet offenbarte
Schwanken des selbstsicheren Fhrers so von Grund aus berrascht, da er
katzenhaft aufschnellte, um nun den Abgewandten in hoher Neugier zu
durchdringen. Aber es war nicht die besorgte Teilnahme eines Freundes
als weit eher die Spannung eines Alchimisten, der gefesselt und
angelockt die Entwicklung seiner eigenen Knste abwartet.

Ehernes Gef des Weltwillens, sammelte er sich endlich, und seine
hohe Knabenstimme tnte so sanft wie je zuvor, verleugne nicht die
wonnigste der Lehren deines Meisters. Was raunst du von Tropfen, wo doch
nur ein schwellend Bad die Geister des _Homo supra hominem_ --[*]
erquicken kann? Mich dnkt, ich htte luten hren, die schne Occa
wolle dir dies edelste aller Elixiere reichen!?

  [*] Des bermenschen. Ein Ausdruck des Seneca.

Jetzt rckte der Strtebecker die Glutpfanne geruschvoll hin und her.
Verdstert, mit weit aufgerissenen Augen starrte er dabei in den Brand.

Bleib mir mit den Kindereien vom Leibe, Heino, forderte er heftig,
die Zeit kennt Hheres. Und doch -- will's nicht verschwren, schaff mir
den kecken Spatz ins Nest, und er soll eine weiche Daunenstatt finden.

Geringschtzig bewegte er die Hand, man sah ihm an, da er nicht zum
Scherzen aufgelegt war. Der Magister verzog den weichen Mund:

So zahm ist mein Bblein worden? sank er verwundert und ein bichen
hhnisch zurck. Wo mangelt's noch? Wollen sich die neuen Erdkle von
den Prometheushnden nicht formen lassen?

Kaum war dem Zwerg der leichte Spott entglitten, da wandte sich der ber
das Feuer geduckte Admiral jhlings herum. In dem gerteten Antlitz
sprang eine Glut hin und wider, durch die dunklen Augenhhlen fegte eine
Brunst, da der Kleine, der solch tiefen, zermarternden Ernst nie bei
seinem Gefhrten vermutet, den Atem anhielt.

Schwerfllig erhob sich der Strtebecker, und nachdem er nahe genug an
das Ruhepolster geschritten, zog er den Magister mit einem Faustgriff in
die Hhe. Auf den Knien lag nun der Wicht vor dem Riesen, und dieser
umhllte den strohblonden Schopf des Kleinen erst sanft mit beiden
Hnden, bevor er ihm, wie ein Knabe seinem Spielzeug, in zitternder
Bewegung das unterste Geheimnis anvertraute:

Heino, wollte er flstern, allein es klang scharf, gleich dem Ritzen
eines Messers, das in hartem Gewebe auf Widerstand stt, der Lehm, aus
dem die Brut werden sollte, ist schon vorher von rohen Fusten
verstmpert worden. Hlt schwer, diese Masse zu kneten, wie wir es stets
im Sinne trugen. Und dann -- du folgst mir doch Freund? Du lchelst
doch nicht? Ich wrde dich erwrgen, wenn du jetzt grinsen knntest
-- dann -- wo nehme ich das Messer her, das Beil, die Sge, damit ich dem
einen jenes Haupt aufsetze, um das der andere hher ragt? Und die Fe
und Hnde, die ich abschneiden mu? Und die vielen Sehnen und Glieder?
Hre, Heino, und die schwarzen Sterne des Sprechenden erweiterten sich
immer mehr zu groen glanzlosen Sonnen, die ihre eigene Farbe verzehrt
hatten, ich meinte, die Freude wrde es wirken. Die Freude am gleichen
Besitz, der Jubel ber die Freiheit, sie knnten den alten Geist aus dem
Raubtiergezcht austreiben. Den Rost aus ihren Seelen. Neue Menschen
wrden neuen Tag gren. Er schttelte das lockige Haupt und kam dabei
dem Knienden so nahe, da ihr Atem sich vermischte. Dem ist nicht so,
sprach er unterdrckt. Bald wird es sein. Bald. Aber jetzt noch nicht.
Wir mssen warten. Diesen Winter noch! Diesen einen nur. Aber warten
heit die Strae des Todes. Mein Atem vereist mir auf diesem Weg. Ich
mag nicht warten. Ich kann nicht lauern. Deshalb, Bereicherer meiner
Jugend, und die hohe Gestalt warf sich neben dem Winzigen nieder und
umklammerte seinen Hals, deshalb brauche ich Teilnahme, Untersttzung,
ich mu an mich ziehen, was ich besitze ------

Und strmischer als je folgte nun die Auseinandersetzung, die schon
oftmals zwischen den beiden Freibeutern ohne Ergebnis zerronnen war.
Heute aber warf sich der Admiral mit solch drngender berredung auf
seinen alten Gefhrten, da er dem Klugen, ohne es zu wollen, arglos die
ganze Bitternis seines Suchens enthllte.

Da vernahm es der Magister abermals.

Von Anfang an und besonders seit der Landung in Marienhaven hatte der
Strtebecker das verwickelte Werk der Ansiedlung allein und
selbstherrlich auf seine mchtigen Schultern geladen. Er kaufte das
Land, er zahlte die Summen, und die Gter und cker vergab er nach
eigenem Gutdnken. Keiner der Waffenbrder fand sich bereit, auch nur
ein Geringes der Lasten mit ihm zu teilen. Unter allerlei
fadenscheinigen Ausflchten -- er sei kein Landmann oder das Rechnen
laufe ihm zuwider, hatte selbst Heino Wichmann von vornherein sein
Verbleiben auf dem Admiralschiff betrieben. Und von den anderen Fhrern
geno keiner ein gengend Ansehen, als da ihnen der Riese ein
Verstndnis fr die Mglichkeit neuer Werdestunde zugetraut htte.
Besonders dem fetten Wichbold nicht. Der lag indessen zum Glck, seit
ihm der Strtebecker nach dem Brand von Bergen den Schdel so wuchtig
zerschlagen, mit dick verbundenem Haupt in der Kajte der Goldenen
Biene, und sein Fluchen und Sthnen quoll hufig widerlich aus dem
Bauch des Schiffes hervor. So war es wohl auch nur einer der
sprunghaften Einflle des Zwerges, wenn er dem Strtebecker gelegentlich
unter vieldeutigem Grinsen zutrug, man htte den Kranken zur Nachtzeit
auf heimlichen Pfaden ber Land streichen sehen.

Mag er, pflegte dann der Riese kaltbltig zu entgegnen. Mag er sich
seinen Strick am Lande suchen. Darf meine Hnde an dem Eitrigen nicht
frder beschmutzen. Aber du, Heino Wichmann, du, so schlo der Glhende
auch heute seine Werbung, und er streichelte dem Zwerglein brderlich
die langen gelben Haare, hast einst das verschlossene Hirn des
Fischerbuben aufgeriegelt, damit Hochmut und Glanz und dieses rasende
Lauschen nach dem gleichen Schlag alles Lebendigen ihren Einzug halten
konnten. Und jetzt? -- Will mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer dies
wollstige Fieber nicht mitfiebern? Will er, ein Hochgelahrter, den
Blinden nicht erklren, was das fr ein Licht sei, das jetzt auf ihren
Schaufeln brennt? Ja, es auch mir ausdeuten, da es mich manchmal schier
verwirrt und blendet?

Wer htte diesem von Schnheit und Anmut Gesegneten, dem auch die
goldenen Bienen der Beredsamkeit ihren Honig auf die Lippen getragen,
wer htte ihm widerstehen knnen? Wahrlich, selbst dem Zwerg schien es
schwer zu fallen, als er sich jetzt der Umstrickung des anderen
geschmeidig entzog. Allein berlegt und abweisend schttelte er dennoch
das Haupt. Dann versetzte er kaltbltig:

Nein, Bblein, kann dir nichts ntzen. Bin ein Lump und bleib ein Lump.
Bin halt eine von den Bchermotten, so ihr lebelang um das Wort
herumkriechen. Kann's wohl aussinnen, aber von der Zunge bis zur Hand
ist's weit. Pfui, und der Schwei dnkt mich ein gar saurer Saft. Ja,
wenn's dir gelingt, Bruderherz, dann will ich einen Panegyricus auf dich
dichten, und wenn's dir zerbricht, dann beweise ich dir gleich darauf,
wie man's besser htte machen mssen. Zu was Edlerem tauge ich nicht und
grme mich nicht darber.

Es mute etwas Ergtzliches in dieser schneidenden Selbstbeurteilung
liegen, denn um die Lippen des Hrers kruselte ein beiflliges Lcheln.
Ungekrnkt erhob sich der Strtebecker, reckte sich und schritt ein
paarmal mit seinen weiten entschlossenen Schritten ber den Teppich.
Pltzlich blitzte es ihm von der Stirn. Er warf sich den Schafpelz um
und forschte rasch:

Erinnerst du dich, Heino, was der Pharao tat, als er die Hebrer fronen
lie?

Er bleute ihnen weidlich Rcken und Hinterteil, mein Liebling.

Aber aus Schwei und Blut wuchsen dennoch die Pyramiden. Wir haben sie
gesehen. Weht Ewigkeit um ihre Gipfel! In solcher Luft lt sich's
atmen. Will's hnlich versuchen.

Er drckte dem Strohblonden krampfhaft die Hand und sprang rasch die
Treppe hinauf. Der Kleine aber warf sich aufs Polster, strampelte mit
den Fen und krhte wie ein Hahn.

       *       *       *       *       *

In der Gegend der Brokeburg wurde gekmpft. Bei vorschreitendem Winter
konnten die Freibeuter in ihren leichten, bauflligen Baracken Frost und
Hunger nicht lnger ertragen, und da ihre alte Gewohnheit sie auf Raub
verwies, so rottete sich eine Schar unter dem hitzigen Iren Patrick
O'Shallo zusammen, um den umwohnenden Friesen Mehl, Hhner und Feuerung
mit Gewalt abzutrotzen. In einer Winternacht loderte Feuerschein am
frostblauen Himmel, Waffen klirrten, das Gekreisch aus dem Schlaf
gerissener Weiber mischte sich mit dem Brllen des Viehs und dem Sthnen
Verwundeter, und erst die rasenden Streiche des halbbekleidet von der
Burg herbeieilenden Admirals trieben die Verzweifelten auseinander. Dem
wutschumenden Iren aber hieb der Strtebecker selbst, nachdem er ihn
gebunden in den Schlohof geschafft, besinnungslos mit der Peitsche
bers Gesicht, einmal, zweimal, und zwang den Blutenden darauf, seinen
Raub bis aufs kleinste herauszugeben.

Allein, damit war der Streitfall, wie er gefrchtet, keineswegs aus der
Welt geschafft. Denn als der Riese, aufgewhlt und vom Blutdunst
umnebelt, an der Seite seines Licinius die dunklen Treppen
hinauftastete, da wurde ihm von einem Knecht bedeutet, die Flke lade
ihn ungesumt vor sich in den groen Saal.

Pack dich, knurrte der Strtebecker gereizt, indem er bedrohlich die
Faust gegen den Wppner stie. 's ist Schlafenszeit. Warum schnarcht
die alte Hexe nicht?

Da standen sie bereits vor der doppelt verbohlten Tr, und in einem
Anfall hllischer Neugier sprengte sie der Strtebecker vollends auf.
Lrmvoll, mit dem Striemer knallend, drang der aufgepeitschte Mann in
den dunklen Saal. Nur eine einzige Fackel begann dort eben in ihrem
Wandring notdrftig zu glimmen, wobei sie ein paar bluliche Funken
herabstreute. Dadurch ballten sich in dem unrastigen Raum ungeheuerliche
Schatten zusammen, zuckten auf und warfen sich, wie in einer
Gigantenschlacht, bereinander. Sobald aber der Schein die beiden Sessel
auf der Estrade erreichte, dann entdeckte man in einem derselben eine
weigekleidete Frauengestalt, die einen blauen, mit Goldblech besten
Friesenmantel ber sich geworfen hatte, um ihre Ble zu decken.

Es war Occa, die erst seit Stunden bei ihrer Mutter zu Gast weilte und
die sich nun mit der von ihr stets gegen den Seefahrer gebten Anmut
verneigte.

Da begann dem Aufgeregten das Herz zu klopfen. Die zuckende Nacht, und
in ihr das weie Bild, sie raubten ihm jede Erinnerung an die eben erst
verlassene Blutsttte des Aufruhrs.

Hallo, -- prete er sich heiser ab, welche Holde ladet mich zu
Zwiesprach? Wer bangt sich in dieser Einsamkeit?

An der Seitenwand erhob sich ein schlurfendes Gerusch.

Ich bin es, polterte die rauhe Mnnerstimme der Flke, und nun erst
tauchte die graue Habichtsgestalt bei ihrer ruhelosen Wanderung im
Fackellicht auf. Was soll das einfltige Gescherze? Weit du nicht, da
dein Raubgesindel unsere Vertrge bricht? Weit du nicht, da es in den
Gauen der Allena und Beninga genau so steht? He, Strtebecker, du
vergit wohl, da ihr vogelfrei seid? berall an den Ksten lassen die
Dnin sowie die Hansen es austrommeln. Du hast dir wohl die Ohren
verstopft? Ich werde dich wegjagen, verstehst du mich? -- He, wer bist
du eigentlich?

Die Fuste in die Seiten gesttzt, die Beine gespreizt, bald das
schweigsame Bild auf dem erhhten Stuhl, bald den graurot gefiederten
Habicht musternd, so hatte der Riese bis dahin hohnvoll gelauscht. Jetzt
aber ri er die Fackel aus ihrem Ring, schwang sie um sein Haupt und
zerrte sie dann der Flke bis dicht vor das blutlose Antlitz. Schmerzend
begannen der Quade die rotentzndeten Augen zu trufeln, voll
ohnmchtigem Grimm hielt sie dem Schuimer stand.

Wer ich bin? lrmte dieser nun, da der Schall von einer Ecke in die
andere flog. Dein Herr bin ich, Weib. Gib genau acht. Glaubst du, da
du ohne meinen Willen lebend aus deinem Modernest ausflattern knntest?
Schau meine Fuste, sie haben schon andere Vgel gerupft. Ein Wink an
den Wichmann, und unsere Lederschlangen wrden dir berdies ein Grabmal
trmen, wie es die Semiramis zu Babylon kaum gefunden.

Die Quade sog Atem, sie wollte von neuem zustoen, der Strtebecker
jedoch klopfte ihr bereits mit der freien Hand begtigend die Wange, was
ihren kmpfenden Aufruhr nur noch mehr verstrkte.

Sei ruhig, Huldreiche, nickte er gelassen, du weit, ich schtze
dich, und wer kann bestimmen, wie nahe wir uns einst noch treten
werden? Er streifte dabei die weie Gestalt in dem Stuhl, die sich
nicht rhrte, und fuhr aufgerumt fort: Nun aber meine Taube, rate ich
dir, picke gutwillig die goldenen Krner, die ich deinem Hunger streuen
will. Werden doch dreiig Pfund Goldes dein Ungemach, wie das deiner
Untertanen in eitel Freude kehren.

Dicht an der Tr lehnte Licinius und seufzte. Er allein wute, wie
bedrohlich bereits der ehemals so stattliche Schatz der Freibeuter
zusammenschmolz. Die Flke aber wurde bei diesem Vorschlag durch Zorn
und Habgier nach zwei Seiten gerissen. Feindselig reckte sie, zu neuem
Streit entschlossen, ihr spitzes Kinn, zu gleicher Zeit jedoch griffen
ihre drren Finger bereits nach dem in Aussicht Gestellten, whrend ihre
Augen in Rabenlsternheit funkelten.

Abgemacht, besiegte endlich der Admiral ihr hartnckig Schweigen.
Licinius mag noch zehn Pfund Silbers dazu tun. Was liegt daran? Und
nun, komm Traute, betrge den Schlaf nicht frder um seine Rechte,
sondern schmcke ihm das Lager.

Lachend wandte sich der Freibeuter und reichte seinem Knaben die Fackel,
damit er ihnen voranleuchte. Die Flke freilich lie nichts von
Besnftigung spren. Frstelnd zerrte sie ihren grauen Flausch um sich
zusammen und rief hart hinter dem Abgehenden her: Es ist das
letztemal.

Dann entwich sie durch ein Seitenpfrtlein.

Die anderen stiegen mehrere Treppen in die Hhe und trennten sich
endlich auf einem langen, sich schlngelnden Gang. Als der Strtebecker
zum Abschied nach Occas Hand greifen wollte, war die Leichtfige
bereits in ihre Kammer geschlpft. Auch Licinius entfernte sich, nachdem
er dem Gebieter bis an die Schwelle seines Gemaches geleuchtet. Mde
entschwebte hinter der Wendung des Ganges allmhlich der Fackelschein.

Da reckte sich der Strtebecker und lauschte noch einmal zurck. Ihm war
es, als ob eine warme, frhliche Stimme seinen Namen gerufen. Einen
heien, kecken, begehrlichen Laut. Sollte ihn das Summen seines eigenen
Blutes gefft haben, oder ----?

Gespannt, blutwitternd wie ein Raubtier, schlich der Riese auf Zehen bis
dahin, wo er Occa verlassen. Ein Druck gegen die schwere Bohlentr, sie
gab nach. Aber siehe da -- durch die Dicke der Mauer von dem Holzwerk
getrennt, wurde der Raum noch durch eine Reihe sich kreuzender
Eisenstangen verschlossen, die wohl einen Durchblick gestatteten, aber
jeden unwillkommenen Besuch zurckhielten. Erstaunt beugte sich der
Strtebecker vor. Mitten in der kahlen Schlafkammer, nur sprlich von
einem niedrigen llmpchen erhellt, fand der unruhige Blick des
Seefahrers sofort jene weie Gestalt, die ihn hierher gelockt. Sie hatte
den Mantel abgeworfen, und ihre Arme schimmerten den Strahl der Leuchte
in einem unbestimmten seidigen Glanze wieder. Ein seltsames Lcheln,
halb bnglich, halb voll Neugier, lief um den Mund der Einsamen, als sie
nun verfolgte, wie der Eindringling ohne ein weiteres Wort zu verlieren,
Schulter und Fuste zwischen die Stangen stemmte, nur von dem einen fast
selbstverstndlichen Trieb beherrscht, die Sperre zu zerbrechen. Wer
durfte sich auch anmaen, Riegel und Schlsser gegen den Beschlu dieses
Erderschtterers drngen zu wollen, der in seinen besten Stunden noch
immer berzeugt war, da er das Weltenschicksal auf gestrafften Armen zu
den Menschen schleppe? Und jetzt? Occa stie einen unterdrckten Schrei
aus. Wirklich, das Eisen bog sich, das Keuchen des Gewaltttigen ging in
ein Sthnen ber, aber im gleichen Augenblick sanken ihm auch die Fuste
wie abgeschnitten herab, und bersiedet von der Scham der
Ergebnislosigkeit, prete er sein Antlitz gegen das Gitter, um
wutgeschttelt hindurch zu flstern:

Was wolltest du von mir, du, du ----?

Ich? Da zuckte Occa schon wieder beruhigt die Achseln. Was htte ich
mit dir zu schaffen? gab sie aufreizend zurck. Begib dich sittsam von
hinnen, oder bei meiner von dir miachteten Ehre, ich werde den
Burgsassen deine Schwche zeigen.

Toll gemacht, fhrte der Strtebecker noch einen drhnenden Hieb gegen
das Eisen, aber da sich nichts als ein Summen vernehmen lie, so
versuchte es der Frauenfnger noch einmal mit List.

Reiche mir nur ein wenig deine Hand, schmeichelte er.

Doch auch diese Bitte fruchtete nichts, denn Occa schttelte, ohne sich
von der Stelle zu rhren, ihr schmales Haupt.

Du Geck, sprach sie mitleidslos, meinst du wirklich, eine
Frstentochter beuge sich vor solchem Bettlerknig?

Was sagst du? taumelte der Schuimer erblat zurck, und jetzt bckte
er sich und versuchte, Schaum vor den Lippen, die nahe Vergeltung
bereits vor den glhenden Augen, das ganze Gestell aus den Angeln zu
heben.

Ein langes rostiges chzen wurde hrbar. Allein die Broketochter sprach
ohne Zgern weiter:

Ja, wenn du noch ein Meerfrst wrest, wie ehemals ----

Was dann? rang der Einbrecher nach Luft.

Anfeuernd redete die weie Gestalt zu dem Knienden fort: Wenn du ferner
von deiner sndhaften, widergttlichen Armeleute-Tollheit ablassen,
dafr aber deine Macht gebrauchen wrdest, um all die kleinen Tyrannen
hier zu unterjochen--

Was dann? sthnte der Strtebecker, dem die Brust zersprang.

Ich wei es nicht, hielt das Weib listig inne, ich kenne die Zukunft
nicht, wie mein Eheherr, fgte es lchelnd hinzu.

Ganz nahe war sie an das Gitter gelangt, den Knienden durchschlug die
Einbildung, ein paar huschende Finger htten sein Gelock gestreift. Als
er jedoch, zum Fang entschlossen, emporschnellte, da entdeckte er nur,
wie Occa, nachdem sie das Lmpchen ergriffen, ohne sich umzuwenden, in
ihrer Schlafkammer verschwand. Sorgsam hrte er sie noch den Schlssel
drehen.

Tiefe Nacht waltete um ihn. Sie kochte, sie brodelte, gleich einem
Kessel, in den seine Gedanken geworfen waren. Er schrie nicht, er tobte
nicht, er tat vielmehr etwas, was er sein Lebtag nicht getan -- er
erschlaffte. Beide Hnde schlug er vor das Gesicht und sprach laut durch
den hallenden Gang:

Soll ich der einzig Sehende unter lauter Blinden sein? Es gelingt mir
nichts mehr. Es zerbricht mir alles unter den Hnden. Ich laufe nur
meine Bahn, weil mich ein Wind treibt.

Leer, ernchtert, schweren Schrittes strebte er seiner Ruhesttte
entgegen. Und ihm fiel nicht einmal auf, wie hinter der Windung des
Ganges noch immer ein dnner Lichtschimmer ber die Fliesen rann und da
sein innerstes Bekenntnis nicht nur an fhllose Mauern verschwendet war.
Kaum ein paar Schritte von dem Mden entfernt, dicht hinter der Kehrung,
da verweilte Licinius noch immer mitten im Gang. Mit der einen Hand
sttzte er sich mhsam an der feuchtkalten Wand, whrend die andere die
schwankende Fackel von sich streckte. Etwas Gestaltloses,
Schreckenverbreitendes mute vor ihm aufgestiegen sein, denn der Knabe
zitterte am ganzen Leibe, und ein Schwindel lie ihn am Boden
festhaften, als msse ihn jeder weitere Schritt in einen Abgrund
strzen.




IV.


Die Zeit verbrauste wie Wein in einem Becher!

Noch einmal leuchtete sein sprichwrtliches, sein Hexenglck ber dem
Strtebecker, und die Mannschaften raunten, der Claus habe wieder Rats
mit dem grauen Mnnchen gepflogen. Ein Sommersegen vergldete die Fluren
des Brokmerlandes, dergleichen auch die Eingeborenen selten gekannt, und
selbst auf den ohne groe Kenntnis und nur oberflchlich bestellten
ckern der Ansiedler sprote, dnn zwar, aber doch trchtig, die neue
Halmfrucht, als htte ein unterirdisch Feuer ihre Wurzeln erwrmt.
Dennoch wurden die Kolonisten der sichtbaren Hoffnung nicht froh. Aus
berflu und Vllerei waren sie gekommen, freies, wildes Schwrmen auf
dem Meer hatte ihnen leichten Erwerb gesichert und dazu noch die
grausame Lust der Vergeltung an jenen Sehaften, im brgerlichen Recht
Wohnenden, von denen sie glaubten, da ihr angemates Wohlergehen nur
aus einer schweren Versndigung gegen die Armen und Unterdrckten
herrhre. Und nun? Drauen hatte man Abwechslung genossen, das wilde
Behagen an der rchenden Kraft, den tglich lrmenden Triumph, Keller
und Truhen jener Genieer zu leeren, die frher das murrende Begehren
der Dunklen und Namenlosen mit Hungertrmen und Folter beantwortet
hatten. Solch rasendes Glck schenkten die Wogen. Und nun? Was erwartete
die aus aller Sitte Gelsten auf den Fluren? Gott verdamme die
hirnverbrannte Schwrmerei eines Tobschtigen, auf dem Lande ruhte nun
einmal der Fluch. Was hatte man eingetauscht?

Still -- still, zischelte der Ire Patrick O'Shallo einer Rotte von
Schnittern zu, mit denen er verdrossen in einer Bodensenkung feierte,
denn die Ungebten hatten ihre Sensen zu tief in Steine und Hrten des
Ackers geschlagen, so da das Werkzeug wieder einmal schartig und
unbrauchbar geworden war. Ich rate euch, lat die herumschnffelnde
Buhldirne, das Manns-Weibsbild nichts merken. Ist ebenso besessen wie
der wahnwitzige Claus. Aber sagt einmal, wozu sitzen wir hier und
ersaufen im Schwei? Was haben wir eingetauscht? Ist der Strtebecker
nicht unser Zwingherr, wie keiner je vorher war? Fhrt er nicht wie eine
Geiel im Lande umher, schlgt er uns nicht die Buckel blutig und ntigt
uns zur Fron, bis uns die Knochen krachen? Wer hat ihm die Gewalt dazu
verliehen? He? Habt ihr ihm etwa die Peitsche zu solchem Dienst
geflochten? He?

Mag ihn nit leiden, murrte ein Frnkischer, der dem beginnenden
Bauernmorden in seiner Heimat knapp entwischt war, aber das unselige
Gepck des heimlich schwelenden Aufruhrs noch immer auf verkrmmtem
Rcken mit sich schleppte. Wozu sollen wir den Zehnten steuern wie
daheim? Sagt, er wolle unseren Kindern dafr neue Gter eintauschen.
Wolle sich allmhlich ber die Erde verbreiten. Ha, ja, Kindermrle.

Die Schwarzrhren geben kein Lot Erde mehr hin, schrien andere.

Als die knftige Nachkommenschaft erwhnt wurde, wallte dem Iren das
Blut stoweise in die Stirn, halb irrsinnig sprang er auf und hieb mit
der Sense durch die heie Luft, wie wenn er einen nahen Bedrnger kpfen
msse.

Schaut hin, zeterte er, liegen vor uns die Schiffe. So nah, so nah!
Wollen wir warten, bis der Bluthund etwa uns alle eingeschaufelt hat?
Wei einen, der's uns besser schaffen knnt. Er sah sich geheimnisvoll
um. War der dicke Wichbold erst jngst verwichene Nacht bei mir. Ist
einer von uns. Und der rt--

Sieh dich fr, warnte ein unterdrckter Ruf.

Erschreckt hoben die Schnitter ihre Hupter ber die Erdsenkung. Dumpfer
Hufschlag polterte ber die Heide, zwei Reiter, der Strtebecker und
sein Knabe, sprengten barhuptig heran.

Was faulenzt ihr hier, ihr lsterlich Volk? rief Claus, sein Ro dicht
vor dem Abfall an sich reiend, und seine schwarzen Augen sprhten ein
bses Feuer. Schmt ihr euch nicht vor den Fleiigen? Hrt ihr nicht,
wie die cker mit unzhligen Stimmen nach uns rufen? Braucht ihr stets
den Striemer gleich den Stieren? -- Will's euch lehren!

Sausend fuhren die Lederriemen umher, den Franken traf's klatschend auf
den vorzeitig gekrmmten Rcken. Verngstigt, gebndigt stoben die
Schnitter nach allen Seiten auseinander.

Die beiden Reiter aber flogen weiter, ausgeschickten Gedanken gleich,
die sich einer Welt mitteilen wollten.

       *       *       *       *       *

Lind und versonnen ging der Abend ber Land. Zu seinen Fen glitzerte
das Abbild der Sterne in den Moorlachen.

Um diese Stunde sa der Hebrer Isaak an seinem Herd und briet sich ber
dem Rost ein Stck von einer Hammellende. Whrend seiner ruhvollen
Arbeit sang der Graulockige in tiefen Kehllauten eines jener
fremdartigen, schmerzensreichen Lieder, in denen sein flchtiger Stamm
seine Sehnsucht nach den Zelten, Herden und Weinbergen lngst
versunkener Heimat klagt. Ab und zu aber lehnte der Snger auch an der
offenen Tr, und dann schien sein befriedigter Blick die wohlige Ruhe
dieses schlummernden Bodens zu segnen.

Das Glck eines Sehaften hing ber ihm.

Da lste sich eine Gestalt aus dem Tor der Nacht. Die trat zgernd auf
die Schwelle. Erst als der Fremde sich aufrichtete, erkannte der Jude
das zuckende Antlitz seines Nachbarn Patrick O'Shallo.

Ho, rief Isaak verwundert, was bringst du, Freund?

Doch den anderen schien die Antwort zu bedrcken, verwirrt schielte er
in die Ecken der vom Herdfeuer sprunghaft berglnzten Htte.

Der Geruch des Fleisches lockt mich, entschlo er sich endlich, hab'
den Knurrhahn von Magen heut wieder nicht fttern knnen. Der da -- und
er zeigte durch die Dunkelheit nach der fernen Brokeburg -- sprengte
uns wieder bis in die Nacht in den Feldern herum.

Der Jude berhrte den Vorwurf.

Dann sitz nieder, lud er den Brtenden ein, und sei mein Gast.

Der Ire murmelte etwas, was aber kaum einem Dank glich, und nachdem er
sich auf einen Schemel hatte fallen lassen, verschlang er gierig das
Fleischstck.

Wie kommst du zu dem Bissen? fragte er kauend und mit
niedergeschlagenen Augen.

Hab' es eingetauscht, schmunzelte der Hebrer, am Herd hantierend.
Gegen Eier von meinem Hhnervolk.

Und wie kamst du zu den vielen Hhnern? drngte Patrick weiter, indem
er ein Beben berwand.

Der Jude strich befriedigt den grauen Sprenkelbart, sein sichtbares
Gedeihen lie ihn die sonst gebte Zurckhaltung vergessen.

Hab' sie gleichfalls eingehandelt von der Brokeburg gegen Anis und
Leinsamen aus meinem Wrzgrtlein. Man kennt hierzuland die Kruterzucht
nur bel. -- Aber nun i, Freund, setzte er hinzu, als er die Augen
seines Genossen grnglimmend auf sich gerichtet fhlte. Unwillkrlich
ergriff er einen Holzspan und schrte ihn auf dem Herde, damit es heller
wrde.

Geqult sah sich der Ire um, er rckte hin und her, als ob er am
liebsten von dannen strzen mchte.

Was ist dir? erkundigte sich Isaak aufmerksam werdend.

In diesem Augenblick drang erst ein Schnaufen und dann ein markiges
Brllen aus dem nahen Stall herber. Die Wnde der Htte zitterten
davon. Da wurde Patrick O'Shallo noch bleicher als bisher.

Sind das die Stiere? stammelte er, unfhig seinen Aufruhr noch lnger
zu beherrschen. Sind sie von dem Zugvieh, das man auf der Brokeburg fr
uns gekauft hat, damit wir unser Korn in das Dreschlager schaffen?

Fast bettelnd hob er seine Hand, denn der Verstrte wollte von sich
abhalten, was ihm das zerfressene Gemt noch rger vergiften knnte.

Und jetzt begriff auch der Hebrer den Zustand seines Gefhrten. Kurz
und verschlossen suchte er den bsen Sinn des Iren von sich abzulenken.

La gut sein, beruhigte er, indem er abgewandt in einem Breikessel
herumrhrte, man lieh mir die Tiere vor euch anderen, weil meine
Garben lange gebunden liegen und weil meine Ernte wider Erwarten
reichlich ausfiel.

Und meine armseligen Bschel versengen und verdorren derweil. Hab'
denselben Boden wie du, kann aber nichts rauswirtschaften. Sogar, wenn
ich wollte.

In die Augen des Burschen drang wieder jenes merkwrdige Schielen.
Angewidert schleuderte er einen Knochen, an dem er noch nagte, in die
Ecke.

Wirst eine wohlgefllte Scheuer haben, wenn erst die Gazelle des
Morgenlandes in dein fruchtbar Bett geschlpft ist, holte er wie in
einem heiseren Schluchzen aus sich heraus, wann wird's sein, du
maienbltiger Brutigam?

Was ficht's dich an? schnitt der Jude verdrossen ab und sah nach der
Tr. Dank dem Groen auf der Brokeburg ist jeder Herr in seinen vier
Pfhlen. Kann tun und lassen, was mir beliebt.

Jetzt sprang Patrick auf und griff sich an die Kehle, um sich wenigstens
einen einzigen Atemzug zu schaffen. Ein verstrtes wahnwitziges
Gelchter warf er aus:

Recht -- recht, sind Freie. Unter Peitsche und Stockprgel, Freie.
Heia, geht uns wohl im gelobten Land. Hab' Dank, Isaak, da du mich
daran erinnerst. Man soll's nie vergessen. Nie. Hab' Dank.

Damit sprang der Gereizte aus der Tr. Sein Wirt wollte ihm die Hand
reichen, der Ire aber war schon halsber in den sich hebenden Nebeln
verschwunden.

Kopfschttelnd legte der Hebrer beide Querbalken vor den geschlossenen
Eingang.

       *       *       *       *       *

Bis zum Morgengrauen kletterte die Flamme den blassen Sternen entgegen,
dann war die Htte ein Aschenhaufe, und der Frhwind fegte verkohlten
Staub ber die verloderten Reste der Garben. Gerippe von Mensch und Tier
zerfielen in den mtterlichen Boden.

An der Spitze einer Schar von Ansiedlern, die den Tollwtigen, mit
seiner Tat Prahlenden eingefangen, eilte Licinius, stumm, in innerster
Seele zerrttet, vor denjenigen, der die Geschicke so vieler Sterblicher
zu ordnen sich unterfangen hatte.

Eine rote Frhsonne hatte sich eben aus den Farbenstrudeln des Meeres
gelst und berglhte nun den Burghof sowie den Wipfel einer mchtigen
Linde mit tiefem, mildem Feuer. Auch um die Stirn des Strtebecker legte
sie einen blutigen Reif, denn Claus sa auf der den Baumstamm
umgrtenden Steinbank, hatte beide Ellenbogen auf die rohe Tischplatte
gesttzt, und nun prfte er unglubig, fremd, verstndnislos die
schwarzen Bnder sowie das schwarze Siegel einer Briefrolle, die ihn auf
unerklrliche Weise auf dieser Platte erwartet hatte. Niemand wollte sie
gebracht haben, keiner wute etwas von der Botschaft. Je fter jedoch
der Riese die wenigen ungeschickt geschriebenen Worte des Sendschreibens
berflog, desto heftiger wallte ihm das Herz, und desto strmischer
wurde sein Wille zerrissen.

Da stand mit den groen, wohlbekannten Buchstaben des Gdeke Michael:

                   Mein Bruder!

  Htte schwerlich vermeint, ich wrde Dich jemals brauchen.
  Steht aber bel um mein Sach. Hamburger und Dnen, bei denen
  mir alleweil eine gar fette Rechnung angekreidet, halten mich
  itzt in der Helgolnder Bucht umzingelt, so eng, da auch
  nicht ein Muslein aus meinen Schiffen entspringen mag. Leiden
  zudem Hunger, und der Durst plagt uns. Darum Claus, so Dir
  noch das Herz fr die alten Freunde schlgt, zgere nicht und
  tu, was du kannst. Ist ein gar bs Ding, wenn spter die Reu
  qult. Geht hier eben um Leben und Tod und doch auch um die
  Sach' des gemeinen Mannes. Und ist mir der Sperling in der
  Hand noch immer lieber als die Taube auf dem Dach. Bedenke
  dies wohl, mein Bruder, zumeist aber, da wir Rcher nur ein
  Kostbares hten, die Treue wider einander.

  Geschrieben auf der fliegenden Burg zu Mari Himmelfahrt.

                                        Gdeke Michael.

Einen hallenden Schrei stie der Admiral aus, nachdem er endlich seiner
merkwrdigen Betubung entrissen, den ganzen Ernst dieses
Schicksalsrufes ermessen hatte. Geschnellt flog er empor und warf ohne
Bedenken die Rechte gegen die abgetakelten Schiffe im Hafen, als
vermchte sein herrischer Wink allein jene Herde um sich zu sammeln, die
Schar Wildvgel, mit denen er ungesumt davonstoen wollte, zu Rettung,
zu Hilfe. Allein noch whrend der Wendung seines Hauptes verstrickte
sich sein Blick mit der rot angestrahlten Ebene, auf der sich eben das
Menschenwirken, die Arbeit zu regen begann, die er selbst zwischen die
ungern empfangenden Schollen gesenkt. Jetzt sprote sie, unwillig zwar
und widerstrebend, nur seinem harten, zugleich mitleidigen und
mitleidslosen Willen gehorchend, zum Licht. Schwer sank ihm der eben
erhobene Arm herab, denn die Gedanken dieses Mchtigen fielen sich
gegenseitig an, ein inneres Streiten und Ringen erhob sich, zu auflsend
und vernichtend, um in der Brust auch eines eisernen Mannes ausgefochten
zu werden. Unter einem schmerzlichen Sthnen griff er sich an das
Lederwams und schob es hin und her.

Einen Ausweg -- einen Ausweg!

Freund, Bruder, Wohltter, hrte er, von sich losgelst, seine Stimme
ber das trennende Meer rufen. Bist ja ein Teil von mir selbst, kann
dich nicht missen, darf nicht dulden, da die Ungraden und Schelme
deiner Mannheit die Wage aus der Hand schlagen. Bei allem, was uns
heilig dnkt, kannst auf mich zhlen, Gdeke, denn ich will dreinfahren,
wuchtig, frhlich, wie du's mich gelehrt hast.

All dies beteuerte der Claus von ehemals, der noch nicht gebunden war an
eine verpflichtende Aufgabe, sondern durch die Welt geweht wurde, wohin
ihn Wind oder Zufall gerade schlugen. Aber in jenes heie Gelbde
jauchzte auch die erlste Begeisterung der dort unten auf dem rauhen
Boden Fronenden hinein, die er erwhlt hatte, um das bejahrte Erdenleid
fr sich und knftige Geschlechter einzuschaufeln, erwhlt, obwohl sie
in ihrer Dumpfheit, wie er wohl wute, nichts Kstlicheres ersehnten,
als Pflug und Hacke fortschleudern zu drfen, um ihr altes
Streiferdasein neu zu beginnen.

Wie, wenn er sie selbst auf die gefhrlichen Planken fhrte? Eins blieb
gewi, niemals mehr wrde er dann die Unbndigen auf jene verlassenen
cker der Mhe und Plage lenken knnen, halbvollendet blieb das Bild,
das er mit Blut und Erde gemalt, zermrben wrde es und vergilben und
den Beschauern allmhlich ein Abscheu sein. Und der Befehlshaber, dessen
Entschlukraft sprichwrtlich war, umklammerte den Stamm der Linde und
versuchte ihn mit seiner mchtigen Kraft zu schtteln, als vermchte die
Krone guten Rat herabzustreuen.

Einen Ausweg -- einen Ausweg!

Da zog die Schar der Ansiedler gerade in den Burghof, und der
Hinstarrende erkannte, wie ein wster, beschmutzter Bursch in ihrer
Mitte gefhrt wurde, die Hnde gebunden, und die spitzen Augen frech,
unbotmig und voller Auflehnung gegen den Einsamen unter dem Baum
gerichtet.

Schwer, wie gezogen, lie sich der Admiral bei dem Anblick auf die
Steinbank nieder. Die anderen traten vor ihn. Allen voran Licinius, der
sich matt, verstrt, flgellahm vor dem Gebieter niederwarf.
Ratlosigkeit sprach sich in der befremdlichen Gebrde aus, doch auch das
unerschtterlich Gemeinsame ihres glcksuchenden Fluges.

Jetzt waren sie beide zur Erde gestrzt. Den Strtebecker zwar erquickte
die Berhrung, denn nur von dieser Welt erprete er alle seine Freuden.
Besonnen stopfte er das Pergament in sein Wams, und es war ein eigenes,
unheilverkndendes Lcheln, das sein Gesicht vernderte, als Licinius
endlich seinen Bericht mit der Klage vollendete:

Herr, so hat denn der alte Fluch auch dein Reich der Brder getroffen.
Kain hat Abel erschlagen.

Warum tatest du das? fragte Claus, nachdem man den Iren bis dicht an
den Sitz des Admirals geschleppt hatte, und seine heisere, fast
flsternde Stimme erregte den Hrern ein viel nachhaltigeres Grauen, als
wenn der Gefrchtete getobt und gewtet htte. Sage mir, warum tatest
du das, Patrick? Eignete dir nicht ebensoviel Land wie jedem deiner
Gefhrten? Erhieltest du nicht dasselbe Werkzeug, die gleiche Nahrung?
Gab ich dir nicht alles, was du brauchtest?

Du? gellte der Ire und schlug sich mit den gefesselten Hnden vor die
Stirn. Jetzt schon erkannte man, da die Flammen, die er entzndet, in
seinem eigenen Hirn weiter knisterten und da es grnliche Funken des
Wahnwitzes seien, die er von sich sprhte. Du hier in deinem Schlo? Du
in Samt und Seide? Bei Buhldirnen und Vllerei? Du? Du? Mchtest du
nicht ein Frst sein? Hast dir die Tollheit nicht allein zu dem Zwecke
ausgeklgelt, damit aus unserer Haut ein Purpurmantel fr dich
geschneidert wrde? Du Vaterlos -- du Fischerbastard, du geielst uns
die Rcken blutig, damit unser Schwei fr dich Wein werde!? Sag, wann
hast du jemals selbst die Hacke zur Hand genommen, gesenst oder den
Pflug gefhrt? Weit du, was Hunger und Frost ist? Und vor allen Dingen
la doch vernehmen, warum du nicht tagaus, tagein in unseren Reihen
stehst, um all die Freuden deiner Gaukelei am eigenen Leib zu spren?

Halt ein! stammelte der Knabe, der noch immer auf den Knien lag.

Darauf der Strtebecker, indem er sich leichenbla an den Tisch
klammerte:

Offenbare mir, warum du deinen Nachbarn verdarbst? Sann er dir bles?

Nein.

Beeintrchtigte er dich in deinem Erwerb?

Nein.

Patrick O'Shallo, deine Zeit whrt nur noch kurz. Warum ttetest du ihn
also?

Schon bei den letzten Worten war in den beltter eine seltsam zuckende
Beweglichkeit geraten, alle Glieder fuhren ihm durcheinander, ein Krampf
schien ihm die Knie zu schtteln, und es war ein vllig Sinnloser, der
nun die gebundenen Fuste ber sein Haupt schleuderte, whrend er unter
seinen Gefhrten herumsprang, als wolle er sie zum letzten uersten
Widerstand aufreizen.

Warum? -- warum? schrillte er. Soll es hren, das Cluslein, weil er
ein Betrger ist, ein Wortefrber, ein Leuteschinder, ein prassender
Totengrber. Wollte er uns nicht Zufriedenheit vom Himmel holen? Neidlos
Glck? -- Er sprang dicht vor den Seefahrer hin. Rei mich doch auf,
du Schelm, und sieh zu, wie meine Galle vor Neid siedet. Armseliger
Wicht, wes hast du dich vermessen!? Kannst du vielleicht fr den einen
regnen lassen, wenn der andere Sonnenschein braucht? Kannst du mir den
Schachergeist Isaaks geben und seinen listigen Verstand? Kannst du mir
meinen Hunger teilen, wenn er doppelt so gro ist als der meines
Nachbarn? Du Gaukler, du Bsewicht, du selbstzufriedener Narr, du
mchtest uns deinem Wahn zuliebe schnitzen, wie aus Holz, und wir sind
Menschen -- Menschen -- Menschen.

Rings im Kreise war es so still geworden, da man die welken Bltter der
Linde zur Erde fallen hrte. Auf den Gesichtern der Ansiedler stand
tiefer, gefurchter Ernst. Doch auch der Strtebecker rhrte sich nicht.
Hlzern, gelb, leblos sa er auf der Bank, und nur einmal tastete er
unter sein Lederwams, um das Schreiben des Gdeke Michael noch sicherer
zu verbergen. Rote Schwrze hatte sich vor den Augen des Hellsichtigen
geballt, er wute jetzt in seiner Nacht, da er den Freund verlassen
msse, den einen, den besten, um dieser vielen, treulosen, unmndigen
willen.

Geqult, atemberaubt fuhr er mit der Linken gegen seine Kehle, die
Rechte hob sich und deutete starr ber sich auf die starken ste des
Baumes.

Was wollte er?

Keiner verstand ihn. Das Schweigen lste sich nicht. Der Strtebecker
deutete abermals in seiner unnatrlichen Ruhe. Aber als auch diesmal die
Lhmung von den Mnnern nicht weichen wollte, da streckte sich der
Anfhrer zu seiner vollen Hhe und bog selbst einen der ste herab.

Versteht ihr mich nicht? drohte er noch einmal mit seinem furchtbaren
Ernst, und jetzt entstand ein wirres Getmmel; Angst, Grauen,
Widerspruch stieen den Schwarm enger zusammen, bebende Hnde regten
sich, ein Strick wurde ber den Ast geschleudert, eine Schlinge
schwankte ber einem einzigen, schweinassen Haupt, und mitten aus
diesem Tumult quirlte die heie, in Todesangst schon brechende Stimme
auf, die noch einmal, als drfe sie nichts mehr versumen, all ihren
irrsinnigen Ha, lechzend, berstrzt in die vier Winde hinausheulte:

Wer ist der Gleisner falschester? Dort steht er, der die Armen zur
Schindarbeit verdammt. Der uns einredet, da ein Kuhmist dem Gold
hnlich werden knnt'. Der die Elenden und Schwachen durch Lug und
Vorspiegelung in Verzweiflung strzt. Der uns nichts gab, sondern uns
noch obendrein die Freiheit stahl. Aber dem Teufel sei Dank, dein Sturz
ist nahe, du Strtebecker. Der Bse hlt dich schon am Bein, der Henker
schwingt bereits das Schwert ber deinem Hals. -- Fahr zur Hlle, du
Fluch der Menschheit -- Fluch deiner Todesstunde -- Fluch--

Die Verwnschung erstickte, die Glieder des Iren wurden lang, sein
Krper entschwebte in grnes Laub.

Den ohnmchtigen Licinius trug der Strtebecker schtzend von dannen.

       *       *       *       *       *

Seitdem wanderte der Aufruhr barhuptig und offen unter den Ansiedlern
umher. Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen, als man das
Getreide den einzelnen je nach ihrer Leistung abwiegen wollte. Wie kam
Wulf Wulflam dazu, zwanzig Scke von dannen zu fahren, whrend man dem
Steuermann Ldeke Roloff nur sieben auflud? Sollte der zhneknirschende
Tnzer etwa dafr ben, weil sein Gebiet vom Meerwasser durchsalzen war
und jeder Pflug an dem scharfen Gerll schartig wurde? Fuste ballten
sich, Knttel wurden geschwungen, wie wilde Tiere fuhren sich die Mnner
gegenseitig an die Kehlen, und die allgemeine Auflsung wurde nur
dadurch verhindert, da ein noch gewaltigerer Feind als Neid und
Habgier den wtenden Bruderzwist unterbrach.

Das Meer!

Schon oft hatte der kundige Landwirt Propst Hisko van Emden whrend
gemeinsamer Feldstreifen auf die breiten Deiche hingewiesen, die er und
seine Landsleute zum Schutz der Fluren in harter Arbeit aufgeworfen. Die
eben erst gewonnenen Landstrecken der Ansiedler dagegen lagen dem
Anprall der Wasser hemmungslos ausgesetzt, und eines Nachts, da heulte
der Nordost sein schaurig gefriges Kampflied, in wilden Stzen fuhren
weimhnige Wlfe ber die Ebene, die zerrissen und verschlangen, was
sich ihnen entgegenwarf, und aus den von ihnen umstellten Htten, aus
Arbeitsruhe und versunkenem Schlaf gellten Angst und Entsetzen zu einem
einzigen Schrei zerrtteter Bestrzung zusammen. Am nchsten Morgen, da
sich der erste bleierne Schein aus der Dsternis stahl, da ruhten die
cker unter Schlamm begraben, Tangbndel verwesten, wo eben noch Frucht
geblht, und Muscheln, Gerll und faulende Fische sproten statt ihrer
auf den zerstrudelten Schollen.

Jetzt galt es den Menschenarm gegen die Brust des Elementes zu stoen,
um neuen Einbruch zu verhten. Mit einer Schar von Knechten, an der
Seite seines Licinius, ritt der Strtebecker durch das Land, von Htte
zu Htte, von Hof zu Hof, und ob ihn auch berall ergrimmtes Schweigen
und gefaltete Stirnen empfingen, die Gegenwart und der einschchternde
Anblick des Gefrchteten und nicht zuletzt die noch nicht gnzlich
abgebrckelte Gewohnheit, in diesem schnen Menschenbilde den Trger
ihrer Hoffnungen zu sehen, sie veranlate die Mnner zu einer letzten
verzweifelten Gefolgschaft. Noch einmal vermochte sein Ruf in das
Ameisengewimmel Plan und Ordnung zu bringen. Schaufeln wurden
geschultert, hoch mit Erdmassen beladene Wagen knirschten ihre Spuren
durch die schlechten Wege, Bohlen und Holzschwellen wurden behauen, um
auf wunden Schultern an die Kste geschleppt zu werden, und der
Grenzstrich zwischen Tag und Nacht verschwand auf einen kurzen, grimmig
lachenden Wink des Admirals, wie von selbst aus dem Bewutsein der
hungernden, frierenden und verbissen schaffenden Werkleute.

Drei Tage ging's. Denn diesmal stand der Strtebecker selbst unter den
Seinen, sein wilder, trotziger Weckruf befeuerte sie, und sie vernahmen,
wie der Riese, fast bis an die Knie in dem schwammigen Sand versunken,
mit immer erneuter Ausdauer Stein auf Stein, Erdhaufen auf Erdhaufen dem
grauen Gewoge unter sich entgegentrmte, dazu hhnend und wetternd.

Munter, ihr Schuimer, sind wir nicht Shne der alten grauhaarigen
Vettel da unten? Und wir sollten dulden, da die bsartige Keiferin uns
nochmal in die warme Suppe speit? Schaut, schaut, schon rafft sie ihre
schmutzigen Lappen um sich zusammen und kriecht zurck. Noch eins -- und
noch eins! -- So ist es recht, Ldeke Roloff! -- He, Licinius, eile, die
Flke soll uns heien Wein schicken! Wir wollen der Nordersee Abzug
feiern.

In einem Wirbel stubte der Sturm die Vermessenheit mit sich gegen das
Abendgewlk, und wie in Betubung und Taumel sprengte der tdlich
ermdete Knabe von dannen!

       *       *       *       *       *

Als er zurckkehrte, fand er nicht mehr dasselbe rastlose Gewimmel, das
er verlassen. Einsam hockte sein Herr auf einem umfangreichen
Strandstein, dessen Wucht man auf den schon in Leibeshhe ragenden Damm
gehoben hatte, um den Massen Schwere und Halt zu leihen. Der Mond,
zuweilen aus unsteten Wolken auftauchend, erhellte ab und zu ein
geisterhaft Antlitz, und der Grbler lie keinen Blick von dem immer
wieder ankochenden und zurckgrabenden Gewoge, als ob seine Seele
bereits von dem Schwall berschwemmt und gefangen worden sei. In seiner
Hand raschelte das Sendschreiben des Gdeke Michael, obwohl er ihm
ebensowenig Aufmerksamkeit schenkte wie den in Rufweite von ihm
wirkenden dunklen Gestalten.

Ein unbeschreiblich bitteres Lcheln der Scham versteckte sich in den
Mundwinkeln des Aufgestrten, da der Knabe schonungsvoll zu ihm trat,
nachdenklich bettete er die Finger des Treuen zwischen seine beiden
vereisten Hnde, als ob er sich an dem jungen Geblt wrmen wolle.

Horch, murmelte er, wie die See grollt und Flche speit. Hat wohl
auch ein Gewissen. Oder vielleicht wlzen sich auch die Gedanken Ferner
mit ihr heran. Mcht's gern verstehen, obwohl ich die Stimme zu kennen
meine. Klingt gar zornig und voll Verdammnis.

Langsam zog er den Gefhrten an sich.

Sag mir, Trauter, prete er sich ab, wrdest du mich auch verlassen
um der Dunklen da hinten? Wrdest du?

Seine Arme umstrickten den schlanken Leib, und eine solche Verlassenheit
offenbarte sich, da Licinius vor Herzpochen und verzehrendem
Helferwillen weder ma noch vernahm, was er erwiderte. Trennen? Von wem
sollte er sich scheiden, von dem schon auf die Erde trufelnden
Erlsersegen? Oder von seinem Herrn? In strmischen Zweifeln schttelte
er seine Locken. Der Strtebecker aber nahm es fr die Verneinung, die
er erwartete.

Glaub's dir, entgegnete er finster. Welch Reiner wrde dies auch
vermgen? Gehrt schon eine steinerne Seele dazu, drin nur ein einzig
Gebot eingeschlagen ist. Widermenschlich, unnatrlich, fluchgetrieben
sind die, so mit dem Stein beladen sind. Aber komm, la es uns dennoch
zu Ende bringen.

Damit zog er die Hornpfeife an seine Lippen und gedachte eben das Signal
aufschwirren zu lassen, das die Werkleute zu neuen Mhen um ihn sammeln
sollte, als Licinius es wagte, sanft und doch hindernd die Hand auf den
schon erhobenen Arm des Admirals sinken zu lassen.

Herr, mahnte er besorgt, willst du die Mnner nicht schonen? Sieh,
sie gleichen ohnehin nur noch abgezehrten Schatten, und die Augen fallen
ihnen vor Mdigkeit zu.

Noch nie hatte der Knabe einen Befehl seines Gebieters durchkreuzt,
deshalb wandte sich der Strtebecker jh und fast unglubig zu ihm
herum, allein im nchsten Augenblick horchte er wieder gespannt auf den
dunklen Drommetenton der See und schttelte hartnckig das Haupt.

Torheit, verwies er, wer mit mir ist, mu besessen sein, wie ich,
verrannt, fr alles andere blind, sonst ----

Er lachte hmisch, gleich darauf schrillte der spitze Pfeifentriller
ber Land und Meer, der Wind warf ihn hierhin und dorthin.

Stille!

Dann lauschten die beiden, denn in der Finsternis, in der teilnahmslosen
de barg sich eine Beklemmung, unheilschwanger ballte sich etwas in dem
Nichts, als ob aus Schwrze und Schweigen das Schicksal sich eine
Gestalt formen wollte.

Und riesenhaft, zermalmend, unabnderlich kroch es aus der Nacht hervor.

Sieh, in langer Zeile wlzte es sich stumm ber den Damm, ein wogender
Heerwurm aus ununterscheidbaren Menschenkpfen, bis sich seine
hundertfltigen Schuppen eng, unlslich um den Fhrer selbst geringelt
hatten.

In dem Strtebecker stieg eine Ahnung auf, das Wei seiner Augen
verkehrte sich und glitzerte unheimlich in dem laut atmenden Kreise
umher.

Was rottet ihr euch zusammen, Mnner? schrie er in unterdrckter
Vorahnung, da er selbst jetzt noch felsenfest auf das Wunder sowie die
Unantastbarkeit seiner eigenen Herrschersendung vertraute. Warum
schafft ihr nicht jeder an seinem Platz?

Da regte es sich um ihn. Wie, wenn durch seinen Trotz die letzte Klammer
erst vollends gelst wre, so drang Leben in den erstarrten Ring, und
whrend der markerschtternde grliche Schrei des Aufruhrs, der
berwundenen Furcht jene bis jetzt so eng verschnrten Kehlen sprengte,
da begann es ber den vielen Kpfen zu sausen, hunderte von Hacken und
Schaufeln flogen wtend geschleudert hinaus in die klatschende See, und
ein einziges, freches, bertriebenes Gelchter erschtterte die Nacht.

Wird nicht mehr geschuftet, du Leuteschinder, so heulte, meckerte und
zischte es, und sie griffen nach den Fusten des berrumpelten und
hingen sich wie Eisengewichte an ihn, wir wollen feiern und frei sein,
wie du. Mag whlen und hacken, wer dazu geboren ist; wir sind streifende
Leute und fressen lieber, was andere gebaut haben. Wie hat Patrick
gesagt? Aus Kuhmist wird allemal kein Gold.

Aus der Menge trat einer hervor. Es war der Tnzer Ldeke Roloff. Schwer
sttzte er sich auf seinen Knttel, und durch das berhngende wirre
Haardach hefteten sich seine sonst so ungewi flackernden Augen diesmal
hohl und verglommen auf den Anfhrer, den man jetzt von seinem
frstlichen Sitz herabstoen wollte.

Herr, holte der herkulische Schiffer langsam und wie nach sorgfltiger
berlegung aus sich hervor. Dein Wille war wohl gut. Aber es ntzt
nichts. Es liegt an uns. Wem erst einmal das Brandmal des Unrechts und
der Ausgestoenen eingesengt wurde, des Blut ist vergiftet, so da er zu
nichts anderem mehr taugt als zum Wrgen, Brennen, und Racheben. Sieh
dich um, all diesen schmeckt die Arbeit bitter, denn wir lieben das
Leben mit seinen Schmerzen nicht, sondern wollen es eher um und
umkehren, damit es ein Ende nimmt. Bevor dies nicht geschehen, bleibt
doch berall ein Hoch und Niedrig, wie du uns selbst dafr ein Zeichen
bist.

Der Sprecher reckte den Hals vor, und in seine Glieder geriet wieder das
merkwrdige Verlangen nach Tanz und erzwungenen Sprngen.
Leidenschaftlicher fuhr er fort:

Deshalb sind wir uns alle einig geworden, alle, alle, da wir uns
frder nicht lnger von dir ins Joch spannen lassen mgen. Sondern wir
wollen als Schwarzbrder, als schweifend Volk noch heute nacht auf die
Schiffe gehen, und du wirst uns fhren, Claus Strtebecker.

In dem Haufen begannen pltzlich wste, jauchzende Stimmen zu singen:

  Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn,
  Heia -- heia.
  Claus Strtebecker ist Kapitn.

Doch mitten in der Melodie schnellte der schmchtige Arnold Frowein mit
einem windschiefen Satz aus ihren Reihen, und whrend die tiefen Falten
in seinem Antlitz unnatrlicher als je grinsten, da meckerte der
ehemalige Tpfer:

Weit was Neues, Claus Strtebecker? Hast uns belogen und betrogen!
Hast uns den Brief des Gdeke Michael verheimlicht. Wir kennen deine
Pfiffe. Wir aber wollen uns zu ihm durchschlagen, um wieder lustig
Gericht zu halten. Wir mchten Nacken brechen hren und Brustkrbe
verrcheln. Gericht -- Gericht!

Und aus dem Haufen schlug es jetzt toll und grlend gegen den
Nachthimmel:

  Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
  Der Gdeke -- Gdeke Michael.

Fhrt ihn fort, befahl der Steuermann Ldeke Roloff, auf den
Strtebecker deutend, und haltet ein wachsam Aug' auf ihn. Die Torheit
liegt hinter uns.

       *       *       *       *       *

Die Trommel scholl wie sonst, als der Zug mit dem Schritt vor Schritt
vor sich hinbrtenden Admiral das Deck der Agile betrat. Gleich einem
von eisernem Schlummer Befallenen war der Riese bis dahin von dem
Gedrnge vorwrts geschoben worden, doch sein auf die Brust gesenktes
Haupt schien durch keinen Klang der Auenwelt mehr erreicht zu werden,
weil es verbohrt, in die Tiefe lauschend, einzig und allein dem
spukhaften Getriebe seines Innern nachsprte. Erst als der Haufe, schon
bedrckter und kleinlauter, die Kajtentreppe hinabgestrmt war, als das
glitzernde Licht der venezianischen Laternen das blauweie Gewirke der
Wnde beseelte, als der blinkende Glanz all der kstlichen Schsseln und
Gertschaften mitten aus der Ruhe des Raumes seine spitzen Pfeile gegen
die Sinne des Verdmmerten scho, da hob der Riese mit einemmal sein
Haupt, blickte sich mit dem schweren Erstaunen eines aus einem Schacht
Aufgestiegenen um, und pltzlich empfing sein Bewutsein oder sein
Eigenleben einen solchen Ansto, da er die Hnde, die ihn noch immer
gefat hielten, mit einem wilden Ruck von sich abschleuderte.

In furchtbarem Ernst, die Zornadern hochgeschwollen, straffte er den Arm
gegen die Tr.

Geht, herrschte er sein Geleit an, das hier auf den Planken sich doch
wieder als Matrosen und der Macht dieses Einzigen unterworfen fhlte.
Bedrckt wichen sie vor der grlichen Verachtung, die ihnen
entgegenschlug, zurck. Ob sie auch den Ausbruch ihres Fhrers nicht
verstanden, der Hohn seiner Worte prgelte sie dennoch widerstandslos
die Treppe hinauf.

Habt Dank, ihr schnen Adamsshne, ihr Edlen, ihr Sauberen, ihr
Menschen, raste der Strtebecker hinter ihnen her. Gottlob, ich sehe
wieder, was ich sehe, ich rieche, was ich rieche, welche Wollust, die
Dinge in ihrer Nacktheit zu begreifen. Geht, wiederholte er heftig,
scheuert die Schiffe, bestckt sie, legt Proviant hinein. In acht Tagen
mu ich die Kste hinter mir haben. In acht Tagen lngstens! Und dann
-- Gleichebeuter -- Gleichebeuter, Seeruber, Rcher, Glckliche. Ha, ha,
allen guten Engeln sei Dank fr das passende Wams! Und in die Kloaken
alle Gewnder der Verstellung.

Es trat Stille ein, das letzte scharrende Gerusch der Entschwindenden
war erstorben, der Admiral und sein Knabe standen einander allein unter
den geschliffenen Glsern der Laternen gegenber.

Unbeobachtet, ungestrt, denn der kleine Wichmann verbrachte diese Nacht
wieder bei den Freuden der Marienhavener Tavernen.

Umstndlich, als wre dies jetzt das wichtigste Geschft, legte der
Heimgekehrte sein Lederwams ab, darauf hngte er seine Kappe sorgsam an
einen Nagel, alles Dinge, die er sonst seiner Bedienung berlassen. Zum
Schlu betastete er aufmerksam, mit einem hastigen Suchen das offene
Linnen ber seiner Brust, bis er endlich auch ber Schultern und Arme
seines Knaben strich. Alles ohne sich von der tdlichen Blsse seines
Gefhrten abschrecken zu lassen. Dann, wie nach erreichtem Finden,
rttelte er den Verstummten und raunte ihm zu:

Lehm, Staub, Erde. Deine weie Haut -- Tuschung, mein zierlich
Bblein. Merkst du es nicht, wie es darunter quillt und drngt vor
Sehnsucht nach dem Unflat? Warum betrgst du dich und mich mit
Eingebungen, die deinem Stoff zuwiderlaufen? Lache, Bblein, lache, die
Tollen werden wieder sehend und schmen sich ihrer zugeklebten Augen. O,
ich mchte meinen Kopf am liebsten in ein Kellerloch stecken. Er
unterbrach sich und lauschte. Hrst du, wie sie droben jubilieren und
tanzen? Das macht, der Dung will zum Dung, der Mist zum Mist. Allen
guten Engeln sei Dank, ich will sie hinwerfen, wo es am fauligsten nach
Verwesung dampft! Zucke nicht mit der Lippe, bei Gefahr deines Lebens,
Bube, widersprich mir nicht. Ich schwre dir, wo ich noch einen
Wahnwitzigen treffe, der da meint, es liee sich auch nur ein Haar auf
unserem Schopf in einen Goldfaden wandeln, den Rotuscher hnge ich
selbst an die Rahe und reie ihm die Zunge heraus!

Mit einem wiehernden, sich berschlagenden Gelchter warf er sich auf
sein Ruhelager und streckte sich aus, all die mchtigen Glieder
erstarben wie auf einen Schlag in Starrheit, und nur die unruhigen
schwarzen Augen wanderten noch unruhig an der Tfelung der Decke umher.
Kaum verstndlich, sthnend vor innerem Vorwurf stammelte er vor sich
hin:

Patrick -- Patrick O'Shallo.

Was rufst du den Toten? trat Licinius bebend nher.

So jung noch, flsterte der Liegende unbeweglich weiter. Und schon
solch ein Kndiger des Herzens. Ich wnschte, er stnde an deiner
Stelle, und ich wollte ihn herzen.

Wieder wurde es ruhig. Man hrte nur das knirschende Stampfen droben auf
Deck.

Gleich einer Totenwacht lehnte Licinius am Fuende des Lagers und lie
keinen Blick von dem Hingestreckten, der immer mehr in das stehende Blei
des Schlafes versank. Und derweil entglitt dem Wchter selbst der Boden
unter den Fen. Betubung und Klarheit wechselten in seinem Hirn, denn
vor ihm erhob sich die Gewiheit, da dieser Erdengott, der vernichten
wollte, um zu erlsen, nun selbst zertrmmert lag, zermalmt von seiner
Sendung, die er lsternd und fluchend zurck in die Wolken entschweben
lie. Und deshalb all die Geopferten? Die Mtter und Kinder von Bergen?
Die Ersuften und Erschlagenen? Die Gehenkten wie Patrick? Und die
Verdorbenen wie Linda selbst? Vor ihrem irren Blick wallte ein
Leichenzug ber die Erde, der folgte einem braunen Kreuz, dem rohen
Holz, das einst in Lindas Schlafkammer eingefgt war, und die Gerippe
wiesen alle mit Knochenfingern nach ihr hin, nach ihr, die allein
zurckgeblieben war, um eine Grube Unrates zu betreuen. Oder war es dies
ppige Polster, auf dem der Mann Vergessenheit suchte?

Herr, Herr, schrie sie auf. Doch sie wute nicht mehr, welchen ihrer
Gtter sie meinte. Benommen, schon halb entfhrt, entriegelte der
Schlfer noch einmal seine Augen.

Komm, Lieblicher, murmelte er.

Da strzte Linda halb sinnlos vor dem Lager nieder, umschlang den Riesen
mit ihren Armen, wie man ein letztes Gut vor dem Untergang zu wahren
strebt, und all ihre unendliche Angst vor der verdienten Verdammnis
entlud sich herzzerreiend:

Herr, entheilige dich nicht. Fliehe vor neuer Gewalttat und verknde
irgendwo auf Erden, was dir offenbart wurde. Glaube, glaube, es ist der
Geist allein, der das Tote lebendig macht. Ich will dir dienen vom
Morgengrauen bis in die Nacht, wozu du mich auch bestimmen magst.

Allein Claus war schon zu sehr in den Banden einer dumpfen Entwrdigung,
als da er die Opferwilligkeit dieser einzigen Seele, die er je wahrhaft
verklrt hatte, anders als mit unglubiger Geringschtzung aufnehmen
konnte. Seine Glieder lsten sich immer lockerer, und whrend er kaum
noch bewut die blonden Haare des Hingestrzten streichelte, murmelte
er, oft unterbrochen und bereits in voller Entrckung:

Narr, das Feuer dieses Sterns will gelscht werden. Wer weise ist,
errafft noch aus dem Aschenhaufen einen letzten Genu. Trunk -- Weiber
-- Raub -- Neckerei mit dem Tode -- das bleibt brig. Herze mich, mein
Knblein.

Damit versank er.

Sein Wchter aber lehnte noch geraume Zeit dicht neben ihm an der Wand,
und je lnger er ber Vergangenheit und Zukunft brtete, eine desto
herbere Wandlung vollzog sich in dem bleichen Frauenantlitz. Jetzt
zeigte es sich, da in jenem Wesen nicht nur das Gttliche des
hingerafften Mannes eine Wohnsttte gefunden, sondern wie auch
allmhlich die Furchtbarkeit seiner Entschlsse in ihm Wurzel geschlagen
hatten.

Prfend trat sie nher und versuchte, ob ihr Gebieter noch einmal zu
ermuntern wre. Allein der Riese ruhte, ein Bild finsterer Zerklftung.

Da sprach sie ihm laut ins Antlitz, als ob er es dennoch vernehmen
msse:

Du wirst nicht zurckkehren zu den Knechten des Lasters, Claus
Strtebecker. In der Unschuld deines Wollens wirst du hingehen. Mge der
Himmel dir gndig sein.

Eilig bedeckte sie sich mit der Lederkappe des Strtebecker, warf seinen
Schafpelz um, und bald glitt ein Boot unauffllig die dunkle Hafenstrae
hinab. An der Kogge des Wichbold, des angeblich Kranken, machte es fest.
Dort haftete es bis zum Morgengrauen.




V.


Kapaunen -- Kapaunen mit sem Kuchen gefllt -- bringt mir mehr davon!
Und du, Stadtwaibel, vergi nicht den ligen roten Wein, so schmatzte
und schnaufte in einer der braungerucherten Kammern des Hamburger
Rathauses an einem der letzten Septembertage des Heilsjahres 1402 der
dicke Wichbold, und in der Wonne ber die ausgewhlten Leckerbissen, die
gebraten und gesotten dicht um ihn herum den Tisch bevlkerten, knpfte
er sich ein paar Seitenknpfe seines verschossenen grnen
Schifferkittels auf und schuf Raum fr weitere Gensse. Neugierig
verschlang er bereits mit den Augen einen der roten Hummern, der auf
silberner Schssel liebevoll seine Scheren nach ihm breitete.

Gut, gut, belobte er kurzatmig den ihn bedienenden gebckten
Stadtwaibel, der whrend dieses ganzen Imbisses ein eigenartiges Grinsen
in dem weiten schwarzen Kragen seines Wamses verschwinden lie. Ihr
guten Brger von Hamburg wit, was ihr einem frommen Seefahrer schuldig
seid. Bei Sankt Paul, soll euer Schade nimmer sein. Will euch redlich
vergelten. He, erinnerte er sich, nachdem er wieder einen vollen Gu
des dicken Italerweines in sich hineingeschttet, weit du schon, mein
Lieber, wo euer Gast heute nacht hausen wird? Wre mir wohlgefllig,
wenn ich einen Gebetschemel vorfinden wrde, denn ich habe der heiligen
Anna bei gefhrlicher Fahrt eine Nachtwache gelobt.

Auf diese Frage des alten Helden versank das Kinn des Waibels abermals
tief in die Schwrze seines Kragens, und es dauerte geraume Zeit, bevor
er sich auf eine wrdige Antwort besinnen konnte.

Ich hrte, bckte er sich, der Rat rste ein eigen Haus fr euch.

Verwundert quollen dem Schmausenden die Augen aus dem Kopf. Auf so viel
Ehre war er nicht gefat, und betroffen berechnete sein listiger
Verstand eine Weile, ob seine Geheimnisse wirklich fr die geizigen
Krmer so hoch im Preise stehen knnten. Allein die Kstlichkeit des
Mahles, sowie die ganze achtungsvolle Art seiner Aufnahme zerstreuten
dem Dicken die aufsteigenden Zweifel bald wieder, so da er sich eben
mit gesteigerter Aufnahmefhigkeit an die Vertilgung des Hummers begeben
wollte, als ein Gewappneter eintrat. Der stie seine Hellebarde auf den
Estrich und meldete:

Anjetzo ladet euch der wrdige Brgermeister Tschokke zum Verhr.

Nun, nun, zwngte sich der Wichbold, von neuem gestrt, hinter dem
Tisch hervor. Was faselst du, Freund? Um ein Verhr handelt es sich
nicht, da ich dem Rat gegen freies Geleit eine Unterredung angetragen.

Wei nicht, versetzte die Wache barsch.

Hinter der Tr schlossen sich dem Zuge noch einige der schwarzen
Hellebardiere an, und whrend der Wanderung durch dunkle Gnge und ber
windschiefe Treppen, da begannen dem grauhaarigen Snder die alten
Kopfwunden zu pochen, und das Herz krampfte sich ihm in feiger Ohnmacht,
ob sein Rachegelst ihm nicht doch einen allzu nrrischen Streich
gespielt. Allein kaum hatte er den weiten niedrigen Ratssaal betreten,
da schpfte er neues Vertrauen, denn an einem grn verhngten Tisch an
der Fensterseite sa ein einzelner Mann, der die Stadtknechte durch eine
mde Handbewegung abtreten hie.

Sie blieben allein.

In dem einsamen Raum summte eine Schar Fliegen unter der Decke umher,
und durch die vergitterten Fenster drang zuweilen Wagenrollen und das
Gerusch einer handeltreibenden Gemeine. Alles schien friedlich,
besonders aber der Mensch hinter dem Tisch. ber dem karmoisinfarbigen
Kragen seiner schwarzen Ratsgewandung hob sich ein ehemals volles, jetzt
faltig gewordenes Haupt, und seltsam, auf die harte Stirn fielen dem
noch Unbetagten grauweie Haare. Der Mann mute frhzeitig gealtert
sein.

Mit einemmal richtete der Wrdentrger ein paar stahlblaue Augen auf den
Freibeuter, und in diesem Blick wohnte etwas so Kaltes, Abschtzendes,
da den Fettwanst zu frsteln anfing. Auch behagte es ihm wenig, da man
ihn nicht zum Sitzen einlud, obwohl man einen mchtigen Lederstuhl
hinter ihn geschoben hatte.

Wer bist du? hob der Brgermeister ruhig an.

Ich?

Der Dicke gab sich ein Ansehen. Ich bin der Hauptmann Wichbold,
pustete er sich auf, faltete aber zugleich demtig die Hnde ber dem
Leib, ein Knecht Gottes, der mit Freibriefen von Rostock und Wismar die
gute Stadt Stockholm entsetzte. Zuletzt fhrte ich zu Nutzen des
gemeinen Mannes die 'goldene Biene'.

Das unbewegte Antlitz des Hamburger Gebietenden vernderte sich nicht im
geringsten bei dieser harmlosen Schilderung; gleichgltig in ein paar
Pergamenten stbernd, erwiderte er:

Ich kenne deine Taten. Du kommst vom Strtebecker.

Den Gott verdamme, schaltete hier der Hauptmann ein, indem die roten
Narben zwischen seinem grauen Haarwulst aufzuglhen schienen. Mge
dieser Leuteverderber ein unrhmlich Ende finden.

Was weiter? drngte der Brgermeister, eine groe Schwanenfeder
putzend.

Jetzt sah der Dicke ein, da er seine Karte spielen msse, wenn er nicht
jede Bedeutung oder Wichtigkeit verlieren wollte. In heiliger Entrstung
wiegte er deshalb sein plumpes Haupt, und seine aufgeworfenen Lippen
zuckten vor innerer Bedrngnis, als er zerknirscht anhob:

Euer Wrden, nicht jedem sieht man an, welchem Herrn er dient. Der
meine -- gelobt sei sein Name in Ewigkeit -- hat mich nicht umsonst durch
Undank und Schmach gewlzt, durch Eiter und Schwren, so da meine Seele
bereit ist zu Besserung und Einkehr.

Mann, verknde jetzt kurzfertig, was du uns zu hinterbringen gedenkst,
sonst ----

Herr, ereiferte sich nun der Wanst gereizt, wobei alles Salbungsvolle
ungewollt von ihm abfiel, ich bringe Euch, was mehr ist als Euer Bier,
Leder, Erz oder Getreide. Und Ihr werdet es mir gern nach Gebhr lohnen
----

Des sei gewi, lehnte sich der Aldermann bestimmt zurck.

Gut, gut -- so liefere ich Euch den Erzfeind Eures Handels und
friedlicher Schiffahrt in die Hnde, damit diese Plage des
Menschengeschlechts, nachdem ich sie bufertig als solche erkannt, nicht
frder durch Prunk, Laster und Hurerei allen Gesetzen Hohn spreche.

Als der unselige Lebenswandel des Strtebecker erwhnt wurde, da
verfielen die Zge des Mannes hinter dem Tisch zum erstenmal zu einer
seltsamen Starrheit. Eine wchserne Leblosigkeit lie sie fr den
Augenblick fast durchsichtig erscheinen, und er verdeckte die Augen mit
der Rechten, bevor er dem Freibeuter ein Zeichen gab fortzufahren.

Dieser ergtzte sich an dem sichtlichen Eindruck, und rasch und kollernd
folgte nun sein Vorschlag.

Herr, grunzte seine Suferheiserkeit, und die verschwollenen uglein
glitzerten dazu, in sptestens vier Tagen macht der Strtebecker in
Marienhaven klar, um sich zum Gdeke Michael durchzuschlagen. Aber seine
Flotte ist bemoost, zudem nur halb bestckt, seine Mannschaft schwierig,
auch die Friesen in seinem Rcken grollen dem wahnwitzigen Schwrmer, da
sie sich die verkauften Lndereien gern wieder aneignen mchten. Wenn
Ihr die Zeit ntzt, dann knnt Ihr ihn noch zwischen den Inseln
abfangen. -- Ich selbst will -- getrieben von meinem Gewissen -- Euch
Fhrerdienste leisten -- und dann mgt Ihr den Verknder eines
gotteslsterlichen Zeitalters, mgt den Verbreiter aller stinkenden
Lste foltern, pfhlen und schmerzhaft zum Tode bringen.

Er atmete schwer und befriedigt.

Auch Herr Nikolaus Tschokke sttzte sich auf den Tisch und hielt sein
ergrautes Haupt eine Weile verdeckt ber seinen Pergamenten. Dann erst
uerte er wie nebenbei:

Deine Angaben treffen nur halb zu. Der Strtebecker wird nicht zum
Gdeke segeln.

Mit Verlaub, warum nicht?

Weil man die Toten nicht besucht. Das Haupt des Michael verwest schon
zwischen den Vierpfhlen auf unserem Grasbrook[*].

  [*] Die Richtsttte zu Hamburg.

Aller Himmel Gerechtigkeit, stammelte der Freibeuter. Offenen Mundes,
grne Fahlheit auf dem schwammigen Fleisch, sank er ohne Einladung in
dem groen Lederstuhl zusammen, denn eine dstere Befrchtung fr sich
selbst lie ihm die Brust still stehen. Welche Verdienste wrden diese
Krmer wohl noch achten, wenn sie es wagten, den mchtigsten
Seeherrscher der damaligen Zeit, den Verbndeten von Knigen und
reichen Stdten gleich einem gemeinen Straenruber der Schmach und dem
Schwerte preiszugeben? Sankt Peter gewhre mir bei der Urstnd ein
leichtes Erwachen, sthnte er geistesabwesend, und seine Angst lie den
Verwirrten nach Rechtsgrnden suchen, gelten denn keine Freibriefe
mehr? Der Michael lag mit Euch in ehrlicher Fehde!

Als htte der andere keinerlei Einwand erhoben, so stutzte der
Brgermeister kaltbltig weiter an seiner Feder herum, bis er endlich,
ohne den Versuch einer Rechtfertigung, den Schwanenkiel fortwarf, um von
neuem zu beginnen:

Tu mir jetzt kund, wer brgt mir dafr, da deine Angaben der Wahrheit
entsprechen? Hast du ein Zeugnis, wie weit man dir und deinesgleichen
trauen darf?

O, der allerheiligsten Jungfrau sei Dank, jetzt nahte die Rettung.
Befreit atmete der Dicke auf, wischte sich die runden Schweitropfen von
der Stirn, und whrend er hastig und doch unendlich erleichtert ein
dnnes Goldkettlein aus seinem Kittel nestelte, raffte er seinen
gebrochenen Krper wieder zuversichtlicher empor.

Hier, Euer Wrden, versuchte er vertraulich zu lcheln, obwohl es
immer noch eine angestrengte Grimasse blieb, dies gab mir eine gar
zarte Dirn fr Euch mit, damit Ihr erkennt, da all meine Worte aus
ihrem Munde stammen. Schon lange haust sie bei dem Strtebecker, dieweil
er ihr schndlich Gewalt angetan und sie auch jetzt sonder Zucht noch
Scham in Mannskleidern mit sich schleppt. Ist gar ein Elend, dies fein
Ding zu sehn. -- Hier -- hier -- berzeugt Euch.

Mit zitternden Fingern legte er das Kleinod dicht vor den Wrdentrger
auf den Tisch.

Herr Nikolaus Tschokke aber rhrte sich nicht. Nur von der Seite
schickte er einen fast furchtsamen Blick nach dem Schmuckstck aus, um
zu prfen, ob wirklich die Schaumnze an dem Kettlein hing, die Linda
einst als Kind aus den Hnden seines Vaters empfangen. Und als er die
Echtheit des Stckes festgestellt, blieb er unbeweglich sitzen und
schlo von neuem die Augen. Nur einmal zuckte seine schon geffnete Hand
von dem Schmuck zurck, als ob Befleckung und Krankheit an ihm hafte.

Dem Wichbold aber entging die eigenartige Schwche des Mannes nicht.

Nun, forschte er selbstbewut, traut Ihr dem Ding da?

Das blasse Antlitz mit den geschlossenen Augen nickte.

Dann lohnt mir nach Gebhr, heischte der Wichbold jetzt frech, denn
die Habsucht verfhrte ihn, und er schlug mit der Faust auf das grne
Tuch. Wie wollt Ihr mich bezahlen?

Wie du's verdienst, drang pltzlich eine Stimme durch den stillen
Raum, die aus dem Himmel zu fallen schien, so wenig traute man dem
beherrschten Stadtgebieter eine derartig sthlerne Leidenschaft zu.

Was bedeutete das?

Stier, mit einem eigentmlichen Schlottern in den Knien schaute sich der
Freibeuter um. Ehe er sich noch auf sich selbst besinnen konnte, auf den
Ort, wo er weilte, an den hartgeschnitzten Brger, mit dem er einen
solch gefhrlichen Streit ausfocht, da war ein bis ins Hirn reichender
Blitz durch ihn gefahren, der schleuderte den schwammigen Leib des
Schuimers widerstandslos in den Sessel. Er wollte die Hnde ausstrecken,
er vermochte es nicht. Er wollte irgend etwas vorbringen, am liebsten
ein Flehen um Gnade, statt dessen zwang ihn seine grausige
Willenlosigkeit nur zu einem mhsamen Lallen.

Der Brgermeister hatte sich erhoben, seine kalten blauen Augen
schnitten prfend in die Qual seines Gegners, er winkte, die Scharwache
quoll zur Tr herein, und auf ein neues Zeichen des Graukopfes hob sie
den Stuhl samt seiner Last in die Hhe und trug die gelhmte, zur
Schweigsamkeit verdammte Masse mit sich fort.

Eine Weile blickte ihnen der Brgermeister regungslos nach, dann lie er
sich nieder, schob das Kettlein weit von sich und fhrte seinen
Schwanenkiel kritzelnd ber das Pergament.

       *       *       *       *       *

Auf den Schiffen zu Marienhaven klopften inzwischen die Hmmer, Sgen
knirschten, fauliges Holz wurde ausgewechselt, die Seiler lieferten neue
Taue, und die Weber halfen, die rtlichen Segel auszuflicken. In
berraschend kurzer Zeit bekleideten sich die abgetakelten Gerippe mit
jener Haut und allen Nerven, welche die toten Meervgel wieder zum Flug
befhigten, ja, die springend fieberhafte Ungeduld ihres Fhrers konnte
man frmlich in den gewaltigen Holzleibern pochen und schwingen hren.
Den Mchtigen aber, dessen Wink sich all diese unbotmigen, nach
fesselloser Freiheit trachtenden Gesellen von neuem verschrieben hatten,
der Wilde, Zgellose, von dem sie meinten, er allein knne ihre
Sehnsucht nach Raub, Vergeltung und schrankenloser Besitznahme aller
Gter der Erde gewhrleisten, ihn trieb es in diesen Tagen der
Vorbereitung ungestmer und wster denn je umher. Oftmals mute sich
Licinius, der aus der Ferne jeden seiner Schritte berwachte, unter
zehrenden Trnen bekennen, da die Schmach verflatterter Hoffnungen oder
die Scham, vor der Menge unterlegen zu sein, in dem Gebieter nichts
anderes ausgelst htte als die Gier, all jenes Strahlende in sich
auszulschen, das ihn bisher von den Verderbten unterschied. Nchtelang
prate er mit allerlei verkommenem Frauenvolk in den Tavernen des
kleinen Fleckens, ja, er veranstaltete sich zur Lust Einbrche und
Diebstahl in den Werksttten und Lden der Eingeborenen, um freilich die
davon Betroffenen gleich darauf in irrsinniger Freigebigkeit wieder zu
entschdigen. Das Frstliche des ehemals so Gottgesegneten uerte sich
nur noch in Verschwendung oder in der Sucht, die Verderbnis der
Herrschenden zu bertreffen.

Kam er dann abgezehrt, mit tiefliegenden, flackernden Augen auf die
Agile zurck, dann erfrischte er seinen Geist nicht etwa, wie frher,
an dem Studium der Dichter und Philosophen, die er einstens so frhlich
durchstbert, sondern er strich, gleich einem gefrigen Wolf, auf Deck
umher, um schimpfend und wetternd Fehler und Unterlassungen aufzuspren.

Fertig -- fertig, das war das einzige Wort, das er von den fieberhaft
Beschftigen erpressen wollte. Dazu schlug und mihandelte er die
ergrimmten Matrosen, wozu der Vornehme sonst nimmer seine Hand
mibraucht, oder er zwang seine Unterfhrer, daneben aber auch gemeines
Volk, zu Zechereien und waghalsigem Kartenspiel, bis die minder
Ausdauernden, von seinem Hohngelchter verfolgt, unter den Tisch der
prunkhaften Kajte fielen.

Es war klar, der Wein dieses Lebens wurde schal und ging in Zersetzung
ber.

Einmal fragte ihn der kleine Wichmann, der selbst diesen Verfall seines
Zglings mit der Aufmerksamkeit eines messenden und vergleichenden
Gelehrten beobachtete:

Wohlan, Cluslein, zu welch letztem Ziel voll Purpurglut und betrender
Klnge willst du uns nunmehr steuern?

Das Ende eines jener bermigen Gelage war gerade herangenaht, so da
der Riese mit dem ehemaligen Magister nur noch allein hinter der
weinbesudelten Tafel lehnte. Aus seinen Grbeleien aufgeschreckt, hob
der Strtebecker das Haupt und strich sich die wirren Locken aus der
Stirn. Offenbar mute die Frage des Zwerges in einer sehr hnlichen Bahn
laufen wie seine eigenen Gedanken, denn der benommene Mensch griff nach
der winzigen Hand seines Gefhrten, als wolle er sich berzeugen, ob
Fleisch und Bein jene Auskunft von ihm verlange. Dann sprach er, den
Kopf gesttzt, mit einem zerrissenen, nach innen dringenden Lcheln:

Heino, hast du jemals an das Aufhren dieses ganzen Gewimmels gedacht?
Welche Ruhe mu kommen, wenn das Erdherz seinen letzten Schlag tut. Er
ri sich die rote Schecke ber der Brust auf, um an sein eigenes
Schlagwerk zu greifen. Das hmmerte laut und strmisch. In den
Eismrchen unserer Vorfahren, so man auch hierzulande noch erzhlt,
fuhr er dann in sich gekehrt fort, luft ein Wolf herum, der die Sonne
verschlingt und nicht satt wird, bis er alles Leben gefressen. Ich kenn'
nunmehr das Untier, Heino. Es ist dein und mein Geschlecht und heit
Mensch. Es strmt nach der Vernichtung. Welch ein Helfer wrde der sein,
der ihm den Weg dazu erleuchtet! Bruder, und dabei zerquetschte er fast
den Becher in seiner Faust, ich mchte das von Teufeln bewohnte Reich
an allen vier Ecken anznden und dann, wie jener Sardanapal, mit
Weibern, Suff und Spiel zur Asche fahren.

Hinter ihm folgte diesem wtigen Begehren ein unbewachter Seufzer. Der
Zecher fuhr herum und begegnete dem bernchtigten Antlitz seines
Knaben. Allein der trauervolle Blick verschlimmerte des Seefahrers ble
Laune noch um ein Bedeutendes.

Dummer Bube, herrschte er ihn an, was starren deine Augen gleich zwei
offenen Grbern? Bete den Tag an, schlemme und fge deiner Natur keine
Gewalt zu. Willst du, da dich einst die Wrmer verachten, die den
Schlu machen? Heia, vergeude, womit du jetzt sparst, und singe
Schelmenlieder.

So trieb es der Zertrmmerte seinen Nchsten zum rgernis, und je nher
der Tag der Abfahrt rckte, desto gieriger fahndete seine Lsternheit
danach, dem Lande, das er preisgeben mute, allerlei letzte Gensse zu
entlocken.

Was fehlte ihm noch?

An einem Sptnachmittag bemerkte man von den Schiffen im Hafen, wie der
Reisewagen der Huptlingsfrau van Ne langsam die Hhe der Brokeburg
hinaufknarrte. Da fuhr der Admiral wie gestochen mitten aus dringenden
Anordnungen empor und winkte heftig einen der Schiffsjungen zu sich.
Jhe Rte flackerte in seinen Zgen, denn er schmte sich fast, da er
gerade dasjenige unvernichtet zurcklassen sollte, was seine Flamme
schon so nah umzngelt.

Geh, befahl er ohne Rcksicht auf die Umstehenden, zu denen auch
Licinius gehrte, melde dem Huptlingsweib, ihr Wunsch sei erfllt. Die
Flotte laufe aus. Darum lade sie der Admiral zu einem Abschiedstrunk auf
die Agile. Sage, es solle ein ihr wrdiges Fest werden.

Ungeduldig warf er dem Boten ein Silberstck zu, dann schrie er dem
Davonspringenden noch ber Bord nach:

Schone deine Lunge nicht, Bursche. Lobe und rhme mich. Es hat Eile.

       *       *       *       *       *

Schweigsam hatte die schne Occa die Botschaft angehrt. Jetzt sa sie
an dem Ausguck ihrer Kammer, von wo sie die Lichter der Flotte durch
die Dmmerung zucken und blinken sah, und ihr eitler Sinn berlegte,
welchen Entschlu sie fassen sollte.

Die Einsamkeit tat ihr nicht wohl. Voller Dunkelheit hing der Raum, in
dem sie weilte, und nur aus ihrer offenstehenden Schlafkammer schwamm
der trbe Schein eines llmpchens herber. Allein die sprlichen
Strahlen trugen ihr noch etwas Besonderes herzu. Jetzt, da der
Augenblick herannahte, wo der glnzende Freibeuter, der Mann des Zufalls
und des Abenteuers in das Ungewisse seiner gefhrlichen Laufbahn
hinausgerissen wurde, jetzt, wo man den Sagenumwobenen leicht fr immer
verlieren konnte, mit dem ihre Einbildungskraft nicht allein oft
gespielt, sondern dessen schicksalsgestaltende Mannheit sie sich bereits
durch ihre Knste gefgig gemacht zu haben glaubte, da kam ein bitteres
Erinnern, ein Vergleichen ber die Verkaufte, und ihr bisheriges Dasein
erschien ihr nicht mehr so spielerisch und harmlos wie frher.

Seltsame Gestalten tauchten aus dem matten Schimmer zu ihren Fen.
Zuerst glaubte die Verlassene, die flchtigen Lichtflecke formten sich
zu einem menschlichen Klumpen, und obwohl ihre Sinne unerschrocken und
grobkrnig waren wie die der meisten Frauen ihrer Zeit, so rckte sie
doch belstigt zur Seite, als sie der Tuschung unterlag, das Ferkel
krche auf sie zu, um sein Borstenhaupt tierisch an ihrem Knie zu
reiben. Die dunstige Wrme wurde ihr zuwider.

Mach fort, scheuchte sie das allzunahe Phantom und -- erwachte.
Offenen Auges sann sie dann weiter in die Nebelluft des versunkenen
Tages. Dort drben zwischen den dmmernden Lichtern harrte ihrer jetzt
gewi der Riese, denn hinter seiner Einladung -- das wute sie -- lauerte
sicherlich der Wunsch, sie endlich in seine Arme zu schlieen, um sie zu
unterjochen. Niemals hatte er ein Hehl aus seinem brennenden Verlangen
gemacht, ebenso wie sie selbst kaum aufgehrt, durch ein lssiges
Versagen sein Gelst zu schren.

Versonnen lchelte die Goldblonde und sttzte ihren Arm auf die
Mauerplatte. Ein unendliches Wohlgefhl verursachte es ihr, sich dies
alles vorzustellen. Ungebrochen war sie noch, und gerade ihre Freiheit
sowie die Geschicklichkeit, mit der sie ihr hchstes Gut verteidigte,
sie erfllten sie mit einem herben Stolz. Aber whrend ihr jetzt die
feuchte Seeluft die Wangen khlte, da begann in ihren Gedanken jener
heimlich nagende Ehrgeiz zu schmerzen, den sie von ihrem tollen Vater
geerbt, und allerlei weitmaschige Plne von mglicher Gre und
knftiger Herrschaft knpften das Netz zwischen ihr und dem Entfernten
enger. Wenigstens versuchte die Schwankende, sich jenes unerklrliche
Treiben und Drngen in ihrem Blut so auszudeuten. Warum sollte sie nicht
die Krfte jenes Unbndigen sich dienstbar machen, der mit Schtzen,
Frstentmern und Kronen so unbesorgt spielte wie sie mit den
Huldigungen vernarrter Mnner? Warum sollte sie nicht den Fu auf jene
Hand setzen, die sie hoch ins Licht heben wollte? Unermelich hoch
vielleicht. Drauen in der Welt war man gerade dabei, einen Knig
zwischen Schlo und Mauern verhungern zu lassen. Wohin konnte ein
Khner, den die Goldfden des Volksliedes schon umspannen, nicht kecken
Fues gelangen? Namentlich wenn ein begehrtes Weib ihm List und Tollheit
ins Ohr wisperte? Vielleicht war sie berdies schlau genug, selbst jenen
Gewaltttigen noch einmal zu migen. Gerade dieses letzte, dieses
ungewisse, gefhrliche Spiel reizte, wie sie meinte, ihre
Unternehmungslust aufs uerste.

Ja, sie war entschlossen, und whrend sie hastig in ihre Schlafkammer
eilte, um sich heimlich und einsam anzukleiden, da berfiel sie der
ganze, von ihr kaum gekannte Rausch, den ein Weib zu erregen und
mitzuteilen vermag. Eine Metallscheibe zeigte ihr ihre Gestalt, und sie
geno dabei die Wonne, ein unsichtbares Schwert um ihre Hften gegrtet
zu tragen, das auf ihren leisesten Wunsch blutige Gesetze schreiben
wrde.

In diesem Augenblick umfing sie den Fernen und lehnte ihr Haupt an seine
Wange.

Sorgsam whlte Occa ihr schnstes rotes Fltelkleid aus Leyden, und als
sie es mit geschwinder Hand angelegt, da empfand sie selbst voll
Befriedigung, wie der starre Goldschmuck des Gewandes, der sich ber
ihrer Brust zu einer Art Sonne verdichtete, den Strahlenkranz des
Reichtums um sie schlo. Noch einmal sphte sie vorsichtig aus dem
offenen Fenster, allein auf dem dunkelfeuchten Burghof war keine Seele
zu ersphen, sie hrte nur, wie die Windsbraut von der Linde Wolken
drrer Bltter abtrieb, um darauf mit dem Kehricht tief unten auf den
Steinen umherzukichern. Nun galt's!

Hurtig warf sich Occa ihren grnen, gleichfalls ber und ber mit
Goldblechen besten Mantel um, zog ihn nach der Sitte der Friesinnen
ber das Haupt und huschte leichten Fues die Steintreppen hinab. Wie
ungewohnt ihr dabei das Herz hmmerte, wie angestrengt ihre Brust
atmete, und doch erinnerte sie sich nicht, jemals eine hnliche Lust
gekostet zu haben. Weiter, weiter, damit ihr jenes fremdartig
beglckende Sehnen nicht etwa noch zuletzt durch irgendein Hindernis
gehemmt wrde. Jetzt schlich die dunkle Gestalt bereits ber den Hof,
nun drckte sie gegen das Pfrtlein der Mauer. Gottlob, es war offen.
Von der Anhhe berschaute die Broketochter noch einmal das nchtige
Gefilde. Der Meerwind, der ber das Flachland pfiff, blhte ihren
Mantel, die bunten Lichter der Flotte stiegen auf und ab wie ungeheure
gebndigte Leuchtkfer. Dies war die Sprache, in der der Strtebecker zu
den Seinen redete. Aber pltzlich zog ein eigenartig berlegenes
Lcheln um den Mund der Flchtigen, genau so, wie durch die Signale dort
unten die Nacht erhellt wurde; wie, wenn der unbeherrschte Mensch, den
sie zu versuchen gedachte, sie nicht mehr aus seiner Gewalt entliee,
wenn er sie mit sich schleppte? -- O Schmach, ihr Stolz litt es nicht,
sich solch einen Niederbruch vorzustellen, und der goldene Stirnreif,
den ihr das Abenteuer noch eben entgegengereicht, er erblindete sacht in
dem feuchten Nebel der Finsternis.

Eben wollte sie ihre Gewandung schrzen, um desto ungestrter wieder den
Fahrweg hinaufeilen zu knnen, da stutzte sie, und im ersten Schrecken
strzte ihr der Mantel vom Haupt. Hilf Himmel, dicht unter ihr knarrte
etwas Ungefges aus der Schwrze hervor, das durchdringende Quietschen
trockener Rder meldete sich, und ehe Occa noch den Entschlu fassen
konnte, wieder durch das Tor zurckzuschlpfen, wurde ihr Antlitz von
dem Flackerschein einer Fackel bermalt. Ein Knecht trat hinter dem
Wagen hervor. Der hielt ebenfalls inne, als er seine geschmckte Herrin
gewahrte. Unter dem Leinendach aber grunzte wie in Spuk und Traum jene
viehische Stimme, vor der ihre Jugend eben noch voll Widerwillen
geschaudert hatte. Stumm, unbeweglich mute das schne,
fackelbeleuchtete Bild mit ansehen, wie zwei Wppner die gemstete
Rundung des Ferkels von dem Gestell herabhoben, watschelnd kroch das
Ungeheuer auf sie zu, dann weidete es sich lange an der Pracht und dem
Schmuck der Wegbereiten, whrend die schmalen Schweinsuglein fast
hmisch dazu glitzerten. Endlich schnaufte der Klumpen so sanft er
vermochte:

Wohin, mein Trautchen?

Zum Strtebecker, brach Occa zornig aus, da sie es verschmhte, vor
ihrem Gatten Geheimnisse zu bergen.

Recht, nickte der Sternendeuter beifllig, als wenn nicht das
geringste an dem Betragen seines Weibes auszusetzen wre, dacht ich mir
doch, da ich dich warnen mte.

Dabei griff seine schwammige Rechte nach dem Arm der Schnen, schob sich
selbst dicht unter ihren Mantel und drngte die noch immer
Widerstrebende auf diese Weise mit sich in den Hof. Erst unter dem
Hauseingang lste sich der Fettwulst von seiner Begleiterin, um
schnaufend gegen den bedeckten Himmel zu weisen.

Was schaust du dort oben an dem Bogen des Wechsels? sthnte er
bedeutungsvoll, und es sah beinahe grausig aus, wie die fette Ungestalt
mit der Sicherheit des Besitzers die Hand gegen das finstere Gewlbe
reckte, als wollte er dort droben einen Schrein voll Kostbarkeiten
aufschlieen.

Doch Occa brachte seiner Wissenschaft nicht die von dem Ferkel
gewnschte Verehrung entgegen.

Ich sehe nur, da es regnen wird, erwiderte sie spottend und wollte
sich abkehren.

Der Klumpen aber hielt sie zurck.

Leichtfertig Kind, grunzte er, und ich hab' deinetwillen die
schmerzhafte Fahrt angetreten. Siehst du nicht, wie das Siebengestirn
drohend nah gen Luna rckt? Und wie von der anderen Seite das Gewimmel
der Plejaden gegen die Sichel drngt? Das bedeutet Abnahme und Tod eines
Mchtigen. bermacht rottet sich zusammen. Mit vierzig Koggen segeln die
Hamburger schon in Sicht der Inseln, so da es kein Entrinnen mehr gibt.
Wer in Marienhaven morgen Wsche splt, wird sie rotgefrbt
herausziehen.

Da lehnte sich Occa sprachlos gegen den Torpfosten, aber wunderlich,
ihre heie Regung verflchtigte sich berraschend schnell vor dem
Heranziehen des Ungemachs oder des Zusammenbruchs, so da es fast nur
noch der Schreck ber ihre eigene Verbindung mit dem Gezeichneten war,
der ihr ein Zittern einflte.

Wer trug dir dies alles zu, Luitet? fragte sie um vieles
vertraulicher.

Der Dicke streichelte sacht ihren Mantel, bevor er zgernd, aber mit
einem schlauen Blinzeln in den Schweinsuglein erwiderte:

Lasse mir meine Erkenntnis gern nachprfen, Occa. Bin nicht stolz
darauf. Diesmal taten es eine Anzahl von Fischern, die Hisko in Sold
hlt. Ja, der Pfaffe hat den Hansen sogar schon einen Unterhndler
entgegengeschickt.

Als das geschmckte Weib diesen nackten Bericht ber Abfall und nahende
Schande berlegte, da berkam es beinahe eine Art Dankbarkeit fr den
rechtzeitigen Warner. bermtig, wie sonst, klopfte sie ihm die feiste
Wange.

Bist doch ein klein kluges, nachdenkliches Vieh, lobte sie ihren
Eheherrn und versetzte ihm einen leichten Schlag, der das Ferkel jedoch
befriedigt aufbrummen lie. Komm, ist kalt hier. Die Mutter soll dir
warmen Wein in den Trog schtten.

Schritt vor Schritt zog sie das schwankende Ungeheuer die unbequemen
Treppen hinauf. Aber noch whrend des schwierigen Hinaufklimmens hing
sich der Klumpen fest unter ihren Arm und schnaufte recht aus
Herzensgrund, fast wie ein ehrlicher Beichtiger, der seinem Seelenkind
zuredet:

Meinst du nicht, Liebe, da dieser Gottversucher mit Recht Pein und
Block verdient? Gibt es wohl ein boshafter Beginnen, als die frommen
Satzungen von reich und arm umzuwhlen, so da schlielich der
Edelingsrock auf deinem schnen Leib nicht mehr gilt als der
Bettlerkittel?

Komm, komm, rief Occa schaudernd, la uns am warmen Feuer
niedersitzen. Und dann wollen wir der Ausgeburt eines Tollwtigen fr
immer vergessen.

       *       *       *       *       *

Die grnen und roten Lichter zogen fluabwrts. Eine langsam gleitende
Bewegung war in die hlzernen Massen geraten, und whrend die Ungetme
im Schein ihrer Laternen, schattenhaft nachgebildet und wie flach ber
das Land hingeworfen, ihre huschende Wanderung antraten, da schrillte,
trillerte und pfiff es von allen Seiten durcheinander, als wenn die
groen Vgel nunmehr auch ihre Stimmen wiedergewonnen htten, damit sie
sich gegenseitig warnen knnten. Allein es handelte sich um keinerlei
Vorsicht, denn dies war der Gesang des Angriffs, des Stoes und des
Ausbrechens aus dem Kfig. Zur selben Stunde, da Occas Eheherr ihr die
dunklen Sprche des Himmels offenbarte, da standen drei
Snykenfhrer,[*] die schon seit Tagen drauen auf offener See
Vorpostendienste leisteten, vor ihrem Admiral, und das, was sie
meldeten, das war der Ruf des Lebens und des Todes zugleich, das war die
ernste unerbittliche Ordnung und das lustige leidenschaftlich whlende
Chaos.

  [*] Befehlshaber leichter Schaluppen.

Zwischen ihnen auf den Wellen schwankte die Wage.

Der Feind war da. Auf unbegreifliche Weise erschienen. Wie der Dieb in
der Nacht. Vierzig kriegsstarke Koggen. Das ganze hansische Aufgebot,
vor allem Hamburger, und an ihrer Spitze ein ungefges, plumpes,
breitstirniges Schiff, das im Topp die Admiralsflagge gesetzt hatte. Die
Bunte Kuh.[*]

  [*] Es war aus Utrecht gechartert.

Es war der Name des Fahrzeuges, der dem Strtebecker zuerst whrend des
Kriegsrates in der Kajte ein hmisches, nach Hellebarden und Schwertern
klirrendes Gelchter entlockte:

Ho, Brder, hieb er sich auf die Brust, welch gutes Omen! Wir wollen
das Hamburger Tier erst melken und dann schlachten. Gnne ich doch
meinen Kindlein schon lange solche Milch. Und nun -- er wanderte weiten
Schrittes durch den hell erleuchteten Raum und zog dabei ein paar der
Lukenbretter zurck, um finstere Blicke auf das vorberziehende Land zu
heften, nun, Heino, sprich, mein Freund, wie siehst du das Ding sonst
an?

Der Kleine lehnte am Tisch und sttzte sich auf seinen Hieber. In dem
faltenlosen, glatten Kindergesicht stand dunkler Ernst.

Da die Krmer mit einer solchen bermacht erscheinen, sagte er
bestimmt, beweist mir, da der Michael geliefert ist.

Mchten dich doch die Furien erwrgen, unterbrach der Strtebecker
hier dunkelrot, denn seit seiner Kindheit hatte sich der Unbndige stets
in beleidigter Auflehnung dagegen gestrubt, ohnmchtig gegen ein
schwarzes Wetter zu starren. Der Gdeke lebt. Meinen Kopf dafr. Ich
sehe ihn, ich hre ihn sprechen. Meinst du, der Satan wrde mir sonst
Dietrich und Brecheisen ins Wappen setzen, wenn's nicht der guten
Kumpanei wegen geschhe?

Wtend schlug er gegen die Schiffswand. Unter den Fhrern erhob sich ein
widerstreitendes Gemurmel. Unbeirrt jedoch und khl streichelte sich der
Magister das Kinn.

Wie dem auch sei, beharrte er, ist jetzt nicht an der Zeit, Claus,
sich in den rmischen Triumphmantel zu hllen. Hab' all mein Tag auf die
Ehre gepfiffen. Ha, ha, ohne Ehre kann man leben, aber ohne Kopf
nimmer. Ich stimme dafr, wir wollen entwischen, solange es noch Zeit
ist.

Die anderen schwiegen.

Auch der Admiral stand wortlos am Ende der Kajte, dort, wo sie sich
sanft verjngte. Ohne Absicht hatte er einen dicken Folianten von der
Truhe emporgerissen und nagte emsig an der Unterlippe. Jetzt aber warf
er den Wlzer polternd zur Erde und richtete sich jh zur Hhe.

Habt ihr euch, rief er mit seiner durchdringenden Stimme, die jedem
einzelnen einen Messersto in die Brust versetzte, whrend ich euch
Wohnsitz und Unschuld geben wollte, nach Blut und Beute gesehnt?

Ja, sprachen die Mnner gemeinsam.

Und ist's nicht euer einziger Freibrief, da ihr mit Beelzebub Karten
zu spielen wagt, ganz gleich, ob der Gehrnte die Bilder in der Klaue
hlt und ihr die Nieten?

Ja, schrien die Freibeuter berzeugt. Fuhren aber gleich darauf wild
durcheinander. Haben selbst einen Trumpf im Spiel, heit Claus
Strtebecker.

Da glitt ein stolz zerrissener Schein ber das dunkle Antlitz des
Riesen, den man frher nicht an ihm gekannt.

Habt mir nur die Helmzier abgebrochen, ihr wetterwendisch unbelehrbar
Volk, grollte er mehr zu sich selbst, aber gleichviel -- er trennte
die Seekarte von der Wand und schleuderte sie auf den Tisch -- will das
Kunststck ausfhren, um des Kunststcks selbst willen. Wohlan, Heino,
gib dich, wir schlagen morgen. Und jetzt habt mir acht auf ein gar
sauber Stcklein von einem Plan.

       *       *       *       *       *

Es war tief in der Nacht, als der Admiral in seine Kajte zurckkehrte.
Bis dahin hatte er bei Laternenschein jeden Winkel seines Schiffes
gemustert, er hatte die Rstkammer besucht, die Winde der drehbaren
Geschtze geprft, Leinen und Segel zur Probe gezogen und berall die
verwegenen Gesellen, die ihm an ihren Rollen ihre Knste weisen muten,
durch ein wildes zndendes Scherzwort in jene bis zum Reien straffe
Spannung versetzt, die auf der Agile bisher immer die letzte,
unwiderstehlichste Waffe gebildet. Jetzt hatten die Schiffe, schon
auerhalb der Inseln, Anker geworfen, Ruhe war vor dem roten Erntetag
befohlen, und der Strtebecker selbst betrat mde und in sich gekehrt
seine Wohnsttte. Er hatte noch nicht sein Haupt entblt, als der
Heimgekehrte mitten auf einem der dicken Teppiche des Fubodens seinen
Knaben hingelagert fand, den wohl beim Warten auf seinen Herrn der
Schlaf bermannt haben mochte. Gedankenvoll blieb der Strtebecker vor
dem friedlichen Bilde stehen, denn die scharfen Lichter aus den
venezianischen Glsern enthllten ihm deutlicher als je zuvor, wie hager
und abgezehrt die Wangen seines folgsamsten Gesellen eingesunken waren,
ja, wie tief die ganze schwrmerische Bildung seiner Zge in Leid
eingebettet ruhte. Wahrlich, der Sturz, den diese ihm hingegebene Seele
aus einem versprochenen Himmel getan haben mute, er hatte der rmsten
gewi fr immer jene Inbrunst geraubt, in der sie wie eine steile Flamme
aufstieg und ohne die ihr Dasein zu Asche sank. Die Menschheit hie der
groe Tempel, in dem der Glubigen ein Hterinnenamt zugesichert war.
Wohin wrde sie sich nun flchten, nachdem offenbar geworden, da die
Fratze des Wahnwitzes vor der Tr des angeblichen Heiligtumes grinste?
Leise berhrte der Hinabschauende die Weiche des Schlfers mit dem Fu,
um sich von der ungestrten Fortdauer des Schlummers zu berzeugen, dann
aber verdsterte sich seine Miene, und er sprach dumpf vor sich hin:

Zerbrochener Scherben! Deinetwegen knnte ich Reue lernen. Kein
morgenrotes Eiland mehr in der Ferne, mein Bblein, nur die Fahrt in den
Pfuhl, darber das Fieber tanzt. Dir wre besser, du blasser Traum, du
gingest gnzlich in Schlaf ber.

Vorsichtig beugte er sich, nahm den schlaff herabhngenden Krper in
seine Arme und las eine Weile angestrengt in den gelsten Zgen, die
ohne das Licht der Augen nur den Ausdruck versenkter Ruhe wiesen. Aber
gerade diese unbeteiligte Ferne schien den Spher zu trsten. Leise lie
er seine Last wieder auf die Kissen sinken, blickte noch einmal mit
vollem Verlangen auf die Pracht des kostbaren Raumes, dann lschte er
selbst das Licht, und bald verkndeten krftige Atemzge von seiner
Lagerstatt, da auch dieses unruhige Hirn der Betubung unterlegen sei.
Drckendes Schweigen webte in dem weiten Gemach, und nur das regelmige
Gewoge der See zhlte in der Finsternis seinen eigenen Herzschlag.

Und doch -- es gab hier noch ein ander Hammerwerk, das in einer
menschlichen Brust aufgestrt fieberhaft seine enge Kammer zu sprengen
drohte.

Linda schlief nicht.

In den Armen ihres Gebieters war sie aus ihrer schweren Verstrickung
erwacht, sie hatte seine dunkle Prophezeiung vernommen, und nun lag sie
angehaltenen Atems und suchte kltegeschttelt zu ergrnden, ob sie
wirklich das mit sich selbst bekannte und einige Wesen sei, in dessen
Brust vom Schicksal Urteil und Vollstreckung zugleich gelegt wren.

Drauen schlugen die Wellen unabnderlich an die Planken: Du mut -- du
mut, und whrend der Hingestreckten vor dieser Bedrngnis die Zhne
gegeneinander bebten, da warf ihr schumendes Hirn allerlei Fetzen
jener Verhaltungsmaregeln durcheinander, die ihr von dem
scheusligsten aller Verbrecher, dem dicken Wichbold, berkommen.

Sieh, du mut erst das tun -- mein schlaues Bblein, und dann mut du
jenes -- -- aber vorsichtig, damit er dir nicht deine Sprnge ablauert.

Er -- er, das war der Mann, der ohnehin schon den Glanz, den Strahl, das
Gold seines Ichs eingebt und nur noch dahinraste, um hinter wilden
Lastern seine Niederlage zu verstecken. Kein Messias mehr, sondern ein
frecher, sich selbst verspottender Judas! Keine Labe in den Hnden fr
die Schmachtenden und Niedergebrochenen, nein, nein, vielmehr ein
Gurgelschneider, der in Selbstverzweiflung seinen Opfern wohlzutun
glaubte, weil er sie abschlachtete.

Der Morgenstern in einen Kothaufen verloren.

Nimmer!

Linda erhob sich. In ihrer Blsse stand wieder jene unerbittliche Treue
zu ihrem Entschlu, die in dem langen Zusammenwirken mit dem
Gewaltmenschen ihr Erbteil geworden. Jetzt lauschte sie nicht mehr,
keine spitzfindigen Fragen legte sie sich weiter vor, getrieben von
einer finsteren Notwendigkeit, furchtlos und berzeugt schlich sie
unhrbar die Treppe der Kajte hinauf.

Wie hatte es doch der dicke Wichbold gemeint?

Immer seine listig heisere Einflsterung im Ohr, strich der Schatten
ber Deck, dann wand er sich wieder zwei enge steile Treppen hinab, bis
dahin, wo tief im Bauch des Fahrzeuges der rote Schein der
Schiffsschmiede glimmte. Vorsichtig ffnete Licinius die ruige Hhle,
allein die halbnackte Zyklopenschar, die noch vor wenigen Stunden hier
an ihren Amboen Pfeil- und Lanzenspitzen geglht und gehrtet hatte,
sie lag jetzt irgendwo in der Schwrze verborgen, und mit der rasselnden
Wucht arbeitender Blaseblge entstrmte ihr Atem. Halblaut, prfend
rief sie der Schatten an:

He, Detlev -- Olav -- Henneke!

Als sich jedoch nirgendwo ein Zeichen des Verstndnisses kundgab, da
wandte sich der Knabe gegen den verlassenen Herd und schob einen der
Schmelztiegel in die noch lebende Glut. Dann bckte er sich und blies
seinen eigenen ngstlichen Odem in die mde Asche.

Und wieder und wieder versuchte der nchtliche Gast whrend seines Tuns
die hingestreckten Schmiede: He, Detlev -- Olav -- Henneke.

Umsonst. Keiner von ihnen bemerkte das zitternde Menschenkind, wie es
rtlich angestrahlt und doch mit geschlossenen Augen die Ngel zu dem
gemeinsamen Sarge go.

Kurz darauf wurde ber die Hintergalerie der Agile eine Strickleiter
geworfen, derselbe geschmeidige Schatten glitt hinber und an dem
ungeheuren Steuer tauchte er hinab von Rippe zu Rippe. Immer tiefer.

Dazu pfiff der Wind sein einfrmig Lied, und die Wache im Mastkorb sang
sich zum Zeitvertreib eine Weise von Heimkehr und Magdtreu.

       *       *       *       *       *

Es war bestimmt, da man durch eine vorgetuschte Flucht gen West die
bermacht der Hansen erst auseinander zerren solle, um dann nach einiger
Zeit gewendet, die ungefgeren Koggen der Krmer einzeln berfallen und
niedersegeln zu knnen.

Auf dem Fischmarkt zu Hamburg erzhlte man sich spter vielerlei ber
den glckhaften Hergang.

Ein regenfeuchter Oktobermorgen war angebrochen. Die Schwarzflaggen
unter Fhrung von Wichmanns Goldener Biene waren lngst nach West
ausgeschwrmt, nur die Agile lag noch verhaftet an ihren Ketten, ein
riesiger Adler, der den Abzug seiner Kchlein decken wollte. Oder reizte
es den Strtebecker nur, Schusicherheit fr eine Ladung seiner
Steinkugeln zu gewinnen? In Lederwams und Kappe stand er breitbeinig auf
dem Bugaufbau, nicht mehr jenes goldene Leuchten im Antlitz, dafr aber
von einem verbissenen, frchterlichen Grimm durchwettert, der sich allen
mitteilte, die auf diesen Mittelpunkt ihres Schicksals hinstarrten.

Jetzt kam der erste Befehl.

Schiet, forderte er nach einem scharfen Aussphen, von den ihn
umdrngenden Bombardieren. Er sprach ganz ruhig. Die Lunten senkten
sich, ein Rollen, und dort drben in der langen hlzernen Zeile begann
es Takelwerk und Leinen zu regnen.

Gut, meine Kindlein, lobte der Admiral, und das unheimlich
niedergehaltene Feuer in seinen Augen stubte etwas hher. Es war nur,
um ihnen den Morgenbrei zu wrmen. Er ri sich die Kappe vom Haupt und
schwenkte sie hhnisch nach der Gegenseite. Gr Gott, ihr Herren. Die
Diebe mit dem Brecheisen gren die Spitzbuben vom Gnsekiel! Gibt's was
zu schachern? Haben nur unsere Freiheit, und die ist ein teuer Ding!

Damit setzte er die Sprachdrommete an die Lippen: Anker auf.

Die Ketten rasselten, die Brust des Schiffes hob und senkte sich, wie
ein Schwimmer, der sich die erste Glut khlen will.

Schttet Segel aus. Ruhe -- kalt Blut, meine Kinder. Bevor die Krmer
drben ihr Leinen mit der Elle gemessen, sind wir davon. Nun die Pinne
hart an Steuerbord; lebe wohl, Hamburg!

Allein die Agile vollfhrte die gewnschte Schwenkung nicht. Wie von
unsichtbaren Geisterfusten gepeitscht, sauste der Renner dem Halbkreis
seiner Hscher entgegen.

Plagt dich der Bse, Wulf Wulflam? brllte der Strtebecker von seinem
erhhten Stand halbtoll ber Deck und schob sich vor ratlosem Erstaunen
die Kappe aus der Stirn. Hundsfott, dreh augenblicks gegen den Wind ab,
sonst lade ich deinen Kopf in die nchste Lederschlange. Hlle und
Graus, was geschieht hier?

Inzwischen war der Freibeuter Ldeke Roloff neben den stiernackigen Wulf
und seine Gesellen gesprungen, beide Mnner schoben sich gegen den Baum,
da ihnen das Blut aus den Wangen spritzte. Doch unverndert tobte die
Agile ihre bse Fahrt weiter. Vom Land aus einen steifen Sdwest in
den Segeln, so schnitt das Schiff durch die spitzen Wellen, als msse es
in wenigen Sprngen sein Ziel erreichen.

Herr, keuchte es jetzt zweistimmig vom Heck, geliefert sind wir -- es
ist Blei in die Angeln gegossen.[*]

  [*] Die Sage vermochte sich den Hergang nicht anders zu erklren.
  brigens war die geschilderte Kriegslist zu jener Zeit eine
  durchaus bliche. Auch der gefeierte Seeheld Paul Beneke von
  Danzig benutzte sie etwa um das Jahr 1473.

Einen Atemzug lang blieb alles still, das Entsetzen wohnte an Bord. Dann
aber wirbelte eine riesige Gestalt vor aller Augen die zwei Stockwerk
aus der Luft herab, scho durch die heulende, kreischende Mannschaft
hindurch und warf sich gleich darauf mit ihrer ungeheuren, durch
Verzweiflung und Grimm verzehnfachten Krperwucht gegen die Pinne. Das
Holz chzte und krachte, das Steuer bewegte sich nicht.

Jetzt lsten sich die Bande des Gehorsams. Die Schwarzbrder verlieen
ihre Posten, die meisten warfen ihre Waffen fort, sie irrten
durcheinander gleich den Ameisen, und der Wahnwitz fchelte sie mit
seinen Mohnflgeln. Das Unsinnige gewann die Oberhand.

Reit die Segel herab.

Als ob das verlangsamte Fahrzeug weniger verloren gewesen wre!

Flieht -- flieht -- in die Boote!

Als ob angesichts des Gegners und bei der rasenden Fahrt die
aufgepeitschte Menge in den winzigen Khnen Platz gefunden!

Immer hurtiger hetzte der Springer ber die Wogenhgel. Aber gerade in
dem Augenblick, da er das ihn bndigende Halfter vllig zerknirschen
wollte, da fhlte sich das Ro noch einmal von jener sthlernen Faust
gepackt, die es bisher noch immer bezwungen und beruhigt. Hoch auf dem
Heckaufbau zeichnete sich in seinem verwitterten Lederkoller der
Schwarzflaggenfrst gegen den wolkigen Dunst ab. Um kein Haar anders
stand er da als sonst, da er die letzten Befehle zum siegreichen Angriff
zu geben gewohnt war. Nur der bsartige Grimm war aus seinen Zgen
entwichen, ja, er lchelte jetzt sogar, ein helles, gereinigtes Lcheln,
wie es nur die von sich selbst befreiten Sterblichen kennen.

Die Gefahr, die drngende Sorge um andere hatte unvermerkt das Beste in
diesem Menschen geweckt.

Hrt ihr mich, meine Kinder?

Ja, Claus, schrien sie hoffnungsvoll. Sie sammelten sich um diesen
Klang wie um einen schtzenden Turm.

Das Spiel fngt erst an, ihr Schuimer. Schttet Segel aus, bindet
Leinen auf, der letzte Fetzen mu fliegen.

Segel? Sie glaubten, er rede im Fieber.

Ich sage, knpft eure Hemden an die Rahen, ihr Burschen, und fegt durch
die Luft. Unter dem Bug gibt's gleich ein Schdelknirschen. Schiet
-- schiet!

Was weiter geschah, das sauste von der Spule, ruckartig, unpersnlich,
gedankenlos, denn all die von Tod und Untergang angegrinsten Menschen,
sie hatten ihre eigene berlegung, ihre Glieder, ihr Handeln und
Aufhren diesem einen berliefert, und der ri nun an ihren Fden und
lenkte seine Figuren, willkrlich, gnadenlos, nur zu dem einen Zweck des
Lebens.

Alle eigneten sie ihm, bis auf die schwchste und hilfsbedrftigste. Die
lehnte an der Bordschwelle, hatte ihre Hnde krampfig ber der Brust
ineinander geschoben, aber ihr ungesprochenes Gebet war zum erstenmal
nicht mit dem Herrn ihres irdischen Loses, sondern sie rief und flehte
zu dem Schicksal, auf da es grer und auch barmherziger walten sollte
als jener lebend Tote, der jetzt dort oben den letzten gespenstischen
Kampf focht. Sie bereute nichts, sie widerrief nichts, sie fhlte, da
Mitleid und Gnade einzig bei ihr wren, die mit ihrer schwachen Hand das
Tor des Gemeinen und Verworfenen vor dem sterbenden Messias abschlo.

Vor ihren umflorten Augen wandelte sich das flutberstrmte Schiff in
eine langhingestreckte, menschenwimmelnde Kirche. Schwrzlicher Himmel
wlkte sich ber dem Dom als tiefe unergrndliche Decke, und die Musik
des Meeres pfiff und strmte in fernen Orgelweisen einen silbernen
Engelsgru.

Sie sah nur den einen, dessen bleiches, lockenumflattertes Antlitz schon
jetzt hoch droben dem Irdischen entrckt war.

Ein Krach! Ein herzumwhlender Sto. Die Hamburger hatten dem unter
strkstem Druck daherfliegenden Admiralsschiff einen alten unbrauchbaren
Kasten mit der Breitseite entgegengeworfen -- die Agile schnitt ihn
mit ihrem Rammsporn auseinander, wie dnnes Glas.

Triumph, schrien die berauschten, vom Wunder bereits in eine andere
Welt geschleuderten Gleichebeuter, und jeder packte seinen Spie oder
die Armbrust nerviger. Ein wildes, tumultuarisches Gebrll stieg zum
Himmel.

Da schwang schon wieder der schrille, gellende Pfeifentriller des
Admirals, die Schwarzflaggentrommel wurde gerhrt -- der alte
fortreiende Wirbel zuckte durch die Herzen.

Entert, schrie der Strtebecker von seiner Hhe.

Er befahl es mehr mit seinen blutig leuchtenden Augen, mit dem hoch
erhobenen Hieber, mit der weit ausgestreckten Linken.

Aller Welt Feind, antworteten die Vitalianer mit ihrem fanatischen
Schlachtruf.

Die Brcken rasselten, ein splitterndes Reiben und Knirschen meldete,
da sich jetzt zwei der ungeheuren Rmpfe eng nebeneinander geschoben
hatten. Die Agile bi in die Wange der Bunten Kuh.

Und mitten in diesem Knuel von Lanzenspitzen, zischenden Bolzen,
Pulverdampf, herunterbrechenden Spieren und dem Gekreisch Getroffener
lehnte Linda noch immer wie unbeteiligt neben dem hohen Bord. An ihr
vorber heulten Steinkugeln und rissen das Deck auf, so da der
entsetzte Blick in das Eingeweide des Holzleibes irren konnte, dicht
neben ihr bauschten sich die unheimlichen, riesenhaften Malereien, mit
denen die Hamburger ihre Segel geschmckt hatten. Ein titanischer Schwan
blhte sein Gefieder und starrte die Einsame mit roten Augen gefrig
an. Dahinter flatterte ein steiler Turm und schleuderte ihr seine Ziegel
gegen das Haupt. Doch all das Grauen zog wesenlos ber sie fort, weil
sie in den Greuelgestalten nur ihre Helfer erkannte, die sie
herbeigerufen hatte, um den verirrten Heiland in sein Grab zu betten.

Ein Goldgefunkel blendete ihr die Augen, und sie wute, da dort auf der
Enterbrcke die Klinge des Gewaltigen ihre sausenden Kreise zog, sie
hrte eine menschliche Fanfare in dem dicken Haufen jedes Ohr wecken:

Meine Schuimer, meine Kinder, drauf, drauf, schlagt, spiet, stecht,
-- melkt die Gold-Kuh!

Und sie lchelte nur matt ber jenen habschtigen Aberwitz.

Aber dann kam der Augenblick, wo auch ihr Geist aufgerissen wurde. Ihr
Gebet war erhrt.

Dumpfe Ste erschtterten kurz nacheinander die Agile. Von zwei
Seiten war das berflgelte Schwarzschiff in die Mitte genommen. Fremde
Scharen quollen ber Deck. Blutende Mnner sprangen zu Hunderten in die
See. Und von der Enterbrcke, wo eben noch der Goldkreis gesummt und
gesungen hatte, strzte ein hllisch kreischender Haufe zurck. An
seiner Spitze ein Wahnwitziger, der noch immer retten wollte.

Licinius, schrie er aus tiefster Brust. Licinius. In seiner
Notstunde erinnerte sich der Riese an sein eigenstes Besitztum. Da
leuchtete der Knabe beseeligt auf.

Ja, der Himmel ffnete sich, ein goldener Lichtweg strahlte gegen das
Sterbliche, und eine Heiligenschar trug einen Sarg hinunter.

Das gotterfllte Ende war da.

Als sich der wirre Knuel gelst hatte, sah man einen blutberstrmten
Mann mit dem linken Arm an den Hauptmast gebunden, die Rechte aber
fhrte immer noch das Schwert, fegte und bahnte um sich her, und dazu
schrie eine in Jammer erstickte Stimme:

Wer -- wer hat mir das getan?

Sein rollendes, in Irrsinn und Auflehnung brechendes Auge erfate den
Getreuesten, heftete sich an ihn und wollte ihn nimmer lassen.

Da sank der schne bleiche Knabe mitleidig vor dem Gerichteten in die
Knie.

Claus Strtebecker, sprach er verklrt, diese Hnde haben dein Steuer
angehalten, mit weien Segeln wirst du in die Ewigkeit fahren.

Heftig wurde er emporgerissen, und mit hocherhobenen Armen warf sich der
Blonde in den Busch zgernder, halbgesenkter Lanzen.

Der am Mast lie sein Schwert fallen. Ohne Verstndnis kehrte er seine
Augen gen Himmel, ohne Begreifen spiegelte er die verstummte, blutige
Menschenschar. Tief sthnte er, und sein Haupt sank ihm auf die Brust.

Um ein weniges glich er jenem Anderen, der gleichfalls an ein Holz
geheftet, gesprochen hatte:

Herr, Herr, warum hast du mich verlassen?

       *       *       *       *       *

Am Abend des 19. Oktober 1402 nach Feliciani sprang ein Gaukler durch
die winddurchpusteten, regenfeuchten Gassen von Hamburg, und der
buntscheckige Narr schlug Purzelbume zum Ergtzen des Haufens, lie
seinen Dudelsack ausstrmen und qukte dazu:

    Hei -- hei!
  Morgen verschwemmt die gefhrlichste Klippe der Nordsee,
  Daran gestrandet manch stolzes Schiff,
    hei -- hei![*]

  [*] Nach einem alten niederdeutschen Bnkelsngerlied aus
  Wchters historischem Nachla.

Blieb dann stehen und deutete mit seiner Klapper auf die ungefge Haube
des Katharinenturmes, von wo die ganze Nacht Lobweisen geblasen wurden.

Horcht, krhte er, und er schttelte vor Klte und frhlichem Grusel
seine abgezehrten Glieder, pfeifen dem Strtebecker das Schlummerlied.
He, Drthe, mchst jetzt bei ihm liegen?

Allein der Gefangene, zu dessen letztem Gang die Stadt sich so festlich
rstete, er bedurfte weder Gesellschaft noch Aufheiterung. Denn ruhte er
zwar auf Stroh in einem lichtlosen Kellerloch unter der Kanzlei, so
hockte doch sein Lehrer Wichmann bei ihm auf einem Schemel, und beide
zechten bald aus der riesigen Weinkanne, die ihnen der Rat gespendet,
bald grlten sie Zoten und Schelmenlieder, da sich die Wache vor dem
Gitterfenster ehrlich entsetzte.

Ein alter graudurchfurchter Stadtknecht schob deshalb seinen Kopf gegen
die engen Eisenstangen, damit er die beiden Gerichteten zu ehrsamerem
Wandel anhielte.

Bedenkt, ihr Bsewichter, riet er wohlmeinend, wem ihr bald Auskunft
erteilen mt. Sollen eure Schandmuler dort droben etwan noch vor
Unflat berflieen?

Da nahte sich dem Gitter die riesige Gestalt des Strtebecker, und im
Licht einer Laterne erschien das hochmtige, wenn auch jetzt totblasse
und verwstete Antlitz. Unwillkrlich frstelte es den Stadtsoldaten vor
diesem noch immer schrecklichen Bild gestrzter Gre.

Du irrst, grauer Rostfleck, antwortete der Seefahrer heiser. Weit du
nicht, da wir an der Tafel des Schwarzen obenan sitzen werden? Dort
unten ist ewige Freude, Trunk, Hurerei, Fra, Diebesglck und erzielte
bervorteilung. Alles, was hier nur halb gelingt. Wer die Welt
verstndig umzukehren wei, der gewinnt's! Geh, k deinem Pfaffen den
Hintern, vielleicht findest du's.

Gott erbarm' es sich, sthnte der Alte.

Darauf juchheiten die beiden und pokulierten weiter.

Allein je schlfriger es auf dem Gange wurde, je eiliger die Nacht
vorrckte, desto mehr verstummte auch der grelle Singsang der Schuimer,
und allmhlich erkannte der schildernde Hellebardier nur noch aus dem
Rascheln des Strohs, da dort drinnen ein Schlafgemiedener seinen Weg
suche.

Schon spt war's, als der Strtebecker, nur kmmerlich von dem
hereinzitternden Strahl getroffen, vor dem blonden Zwerglein Halt
machte. Das pfiff leise vor sich hin und schierte sich um nichts.

Heino, schickte der Admiral stockend in die Dunkelheit hinab und holte
etwas Versenktes aus sich hervor. Mein Freund, mein Bruder, sprich, wie
denkst du dir unsere nchste Reise? Nicht als ob es mir leid wre, aber
es plagt mich, ob man Ufer sprt oder nur Fahrt -- Fahrt? Ob man nur
Schiff ist, oder auch Steuerer?

Aus der Finsternis kicherte es belustigt heraus, dann schlugen ein paar
sanfte Finger leicht gegen die Hand des Freundes.

Bleibst doch der tolle Bacchantenschtz, der du warst, du stolzer
Herkules! Meinst, du mtest berall dabei sein. Schade, da ich dir
morgen mittag nicht weisen kann, wie wir einen Strich passieren, wo
Bewegung und Stillstand dasselbe sind, wo du verhundertfacht auf weien
Lichtschimmeln in die Windrose schieest, whrend doch dein eigentlich
Selbst nach deinem Seneka ganz friedlich dort schlummert, wo alle ruhen,
die noch ihrer Geburt harren.

Der Strtebecker regte sich nicht.

Nichts? forschte er nach einer Weile rauh.

Nun freilich, gab die feine Knabenstimme bissig zurck: Willst du
ewig Umgetriebener etwa die groe Wohltat verketzern? Den Hamburger
Pfefferkrmern knnt' es womglich leid um uns werden. Nur eines! Und
der Kleine scharrte mit seinem Hker und schien nher zu rcken. Man
mu freilich schon hierorts mit dem Nichts seinen Pakt geschlossen
haben. Nicht glauben, da von uns etwas zurckbleibt, Unerflltes,
Lebenswertes oder gar was von Segen. Trichter Nimmersatt, hier oben
redet das Nichts, dort drben schweigt's. Sonst kein Unterschied.

Eine Weile verstummte alles, der Strtebecker schob nur an seinem Wams
hin und her, als ob es ihm zu eng wrde. Dann aber drckte er dem
Kleinen die Hand auf die Schulter und lachte grell auf:

So knnen wir denn ohne Sorgen abfahren, Geliebter. Nehmen nichts mit
und lassen keine Erben zurck. Wahrlich, ist kein geringer Trost.

Damit lie er von dem Kleinen ab, der ruhig weiter zechte und streckte
sich der Lnge nach auf seinem Strohlager aus.

Um ihn herum drckte die Dunkelheit wie ein Sargdeckel, und der Riese
warf ein paarmal die Faust vor, als knnte er den Verschlu lften.
Merkwrdig, wie rasch sein Herz ging und wie angestrengt er auf das
winzigste Gerusch achtete, das jetzt noch zu ihm drang. Gierig hrte er
eine Ratte an der Mauer entlang wischen, und bald zhlte er die Schritte
der Wache drauen auf dem Gang. Unvermerkt labte sich dieser Gestalter
an dem Getn der Erde. Auch konnte er sich nimmermehr von dem mden
Lichtschimmer trennen, der fahl und schmutzig um das Eisengitter
sickerte. Er wartete, er wartete ungeduldig, als ob die Welt ihm noch
eine Antwort schuldig sei.

Und siehe da, die Antwort kam ihm.

Geraume Frist mochte er so gelegen haben, er wute genau, da seine
Seele nicht vom Schlaf umwlkt sei, da er den heien Blick seiner Augen
sprte, die angespannt die schwarzen Striche des Gitters einsaugten.
Eben noch war der Schatten des Stadtsoldaten ber sie hinweggeglitten
-- da -- der Riese runzelte die Stirn und hielt den Atem an. Da drngte
sich ein hustendes grnbleiches Haupt gegen die Stangen, und ein
rotgrauer Wirrbart quoll hindurch.

Was willst du? murmelte der Wache, ohne sich seiner Lhmung entreien
zu knnen. Geh, du Hauch, mich schreckst du nicht.

Jedoch das Haupt des alten Claus Beckera wich nicht, es fing vielmehr
an, gehstelte Worte zu speien, ganz so, wie er es im Leben gepflegt.

Armes Kind, brummte er in seinem hohlen Ba, war dein Unglck, da du
zu uns gehrtest, ohne unser zu sein. Seidene Kleider, Ringe, Ketten in
der Fischerhtte, Rache am Glanz, Gier nach dem Glanz -- wehe!

Das Gesicht nickte und verging. Aber vor dem Gitter war es lebendig
geworden, lautlose Scharen wehten vorber, bis sich abermals zwei Hnde
in die Stangen einhakten. Funkensprhend flimmerten die Haare der Becke
hindurch.

Liegst du endlich auf dem Mist, mein Schner? Bin auch dort verfault.
Hat kein Hund mit mir Mitleid gesprt, sondern haben in mir gewhlt und
geschunden, damit meine Armut das einzige hergeben sollte, was ich
besa. Ist so im Leben. Gelt? Lust und Vergngen kmmern sich nicht um
das Erbarmen! -- Wehe!

Drauen erlosch das Geflimmer, als wre es von dem Laternenschein
eingeschluckt, und der Zug der Schatten stob weiter.

He, du Menschensohn, kreischte pltzlich eine hitzige Stimme, und in
der Hhlung dmmerten die blutlosen Zge des Iren Patrick O'Shallo. Ein
Strick schlotterte ihm um den Hals, und die Zunge fiel ihm oft aus den
Zhnen. Ist dir nicht der Henker prophezeit? Wer hat sich wie du an
der menschlichen Schwche versndigt? Meinst du, das Elend liee sich in
eine Form pressen von einem Ehrgeizigen? Du Vergewaltiger schlimmster,
du Sufer von unserem Schwei, der Narren oberster fhrst du von hinnen.
Zu spt. -- Wehe!

Der Strtebecker gedachte sich in seinem Sarge zu rhren, um sich
gewaltsam zu erheben, allein er vermochte keinen Finger zu krmmen.
Starren Blickes mute er erkennen, wie sich gewichtig ein ander Haupt
vor die ffnung rckte. Dsterblond rahmte ein Ringelbart die braunen
Wangen ein, und die groen Augen schauten ernst und trauervoll.

Verlorener Bruder, hob die markige Stimme des Gdeke Michael an, was
hast du fr den Treubruch erkauft? Wem hieltest du dafr dein Wort? Hast
die gltigen Gesetze der Menschenbrust verrcken wollen. Aus bse gut
machen, aus Neid Hingabe. Und errietst nicht, wie auch die Laster Sinn
und Zweck kennen. Verirrter im Nebel, wer bist du, da doch nur ein
Strkerer dies alles sondern kann.

Wer? suchte der Liegende zu erfassen.

Die Zeit -- wehe!

Das Phantom lste sich in Klte auf.

Mu ich auch dies noch erdulden? rief der Eingekerkerte schmerzlich
hinter ihm her. Hat mir all mein Glanz nicht eine einzige Seele
erkauft?

Fahler Morgenschein kroch schon durch das Gitter, aber aus der Blsse
formte sich noch einmal ein fast durchsichtig Bild. Dem liefen Trnen
ber die Wangen.

Mich, klang es sanft, deinen Knaben. Dafr, Claus Strtebecker, hast
du mich befleckt und besudelt. Wehe -- jetzt wei ich, da nur ein Reiner
das Unerfllbare denken darf. -- Wehe!

Da hatte der Ausgeraubte, um sein Letztes Betrogene endlich den Bann von
sich gerissen, schumend sprang er auf, strzte wie ein Toller auf
seinen Genossen zu und entwand ihm die Weinkanne, deren Rest er auf
einen Zug in sich hinabschwemmte. Was kmmerte es ihn, ob in diesem
Augenblick die Stadtknechte hereindrangen, um den Verurteilten ihre
seidenen Prunkgewnder zu bringen, da ihnen der Rat fr ihren letzten
Gang jene geile Pracht berlassen? Ohne den Schergen auch nur einen
Blick zu gnnen, fiel der Losgebundene ber den verwunderten Magister
her, und nachdem er den Kleinen hoch emporgerafft, herzte er ihm in
voller Raserei Mund und Stirne.

O, du Weiser, schrie er gellend und prete den Kopf des Zwerges
unlslich an sich, wie unsagbar Kstliches hast du verheien!? Komm,
tummle dich, damit wir es um alles nicht versumen. Diese Wlfe, mit
denen wir bisher getrottet, knnten uns am Ende beneiden. Er packte
einen der Knechte an der Gurgel. Hre, du Wicht, wenn du ein ehrlicher
Mann bist, so gehe hinaus und verknde, das Dunkel meine es besser mit
den Sehenden als das Licht, die Verwesung ksse uns heier als das Leben
im Brautbett, und dein Kot dufte lieblicher als alle Rosenbeete von
Schiras.

Sie entsetzten sich vor ihm. Doch meinten sie, die Todesfurcht habe dem
Snder wohlttig Sinn und Verstand gelockert. Selbst der Magister
begriff nicht bis zum Grund, wie erst jetzt an den frstlichen
Abenteurer, whrend man ihn in die alte, prunkhafte Tracht hllte, jener
unerbittlichste Peiniger heranschlich, nachdem er ihn ein ganz Leben
gemieden -- der Ekel vor sich selbst.

Aus dem niedrigen Rathauspfrtlein taumelte der frher so Glanzvolle
hinaus, ein landflchtiger Frst, der seinen letzten Heller verprat
hatte, jetzt aber voll Bettlerstolz nur noch den nichtsnutzigsten Schein
zu wahren bestrebt war, obwohl er im Herzen die Schmhungen seiner
Verfolger billigte.

Da standen sie alle, Mnner und Frauen, ja, die Kindlein hoben sie auf
die Schultern, damit sie von dem gewaltigen Seefahrer, dem grausamen
Bedrnger ihrer Stadt einen winzigen Schein seines Gewandes erhaschen
sollten, sich und ihren Nachfahren zur unvergelichen Weide. Ein Aufzug
war's, der mehr einem Fest glich. Voran zogen Trommler und Pfeifer, dann
folgte Meister Rosenfeld, der Henker, der grte grinsend nach allen
Seiten, als feiere er heute seinen frohen Ehrentag. Durch Hellebardiere
eingerahmt, wurden hinter ihm Hauptmann Wichmann und seine Schuimer
einhergefhrt. Ungefesselt schritten die Mnner in stattlichen Wmsern
und sangen noch immer voll derber Lebenslust und trotziger Auflehnung
das Strtebeckerlied. Und seltsam, Knaben und Mgdlein fielen in die
Weise ein, denn das unbestimmte Gefhl der Jugend lehrte sie, in jenen
Shnen des Abenteuers den Wechsel des Schicksals zu ehren. Als aber
zwischen zwei Ratsherren -- weit geschieden von den anderen -- der Mann
in dem blauen Wappenrock erschien, da brach der Jubel ab, und ein banges
Verstummen der Bewunderung begleitete den hochragenden Wanderer. Noch
jetzt lie seine blasse, verwstete Schnheit den Jungfrauen das Herz
pochen. Nur ein paar Hndler, Bierbrauer und Lederkrmer, denen er
Verlust zugefgt, sie versuchten es, den noch immer hochmtig Blickenden
zu hhnen.

Sag an, du Prophet Elias, klang es aus ihren Reihen, fhrst du jetzt
im gldenen Wagen in dein tausendjhrig Reich?

Der Strtebecker verbeugte sich und zeigte den Spttern eine unfltige
Gebrde.

Ihr wrdet mitfahren knnen, ihr Ewig-Blinden, wenn sich euer Gelichter
in dem Gefhrte nicht schon seit Jahrtausenden den Stei verbrannt
htte.

So schritt er in Frechheit und kaum verhllter Auflsung durch die
zurckweichende Menge, und berall, wohin sein brennend ausgehhlter
Blick traf, dort segnete man sich und schlug heimlich ein Kreuz.

Wahrlich, ein Gezeichneter zog seines Weges.

Mit weiten Schritten war er bis an eine Straenkreuzung gelangt, als er
unvermutet stockte, so da der ganze Zug gezwungen war, Halt zu machen.

Betroffen hob der Geschmckte die Rechte. Was stand dort dicht neben dem
unscheinbaren Mnnlein in grauer Mnchsgewandung fr eine Bauernfrau aus
der Rgener Gegend? Die hatte ihr Tuch tief ber das Gesicht gezogen,
als ob sie sich vor den zahlreichen Fremden schme, aber dem Sohn
verriet sie sich dennoch durch ihre bekmmerten unbestechlichen Augen.

Was willst du? forschte der Strtebecker unentschieden und zugleich
ein wenig zurckweichend.

Noch immer demtig vor der Pracht des Verlorenen, machte Mutter Hilda
eine hilflose Bewegung, als mchte sie ihre Hand teilnehmend auf die
Brust des Riesen betten, zog sie jedoch verschchtert zurck. Fast wie
zur Entschuldigung brachte sie dann hervor:

Du liebe Not, weil du doch aus meinem Blut bist.

Der Riese hob das Haupt. Der Ton klang anders, als all das, was er
bisher vernommen. Lag auch etwas darin, was ihn an die Sehnsucht dieser
Nacht erinnerte. Lange suchte er in jenen ernsten bekmmerten Lichtern,
und siehe, er fand darin all das geduckte Leid, um dessentwillen er
einst ausgezogen, um es zu lindern.

Und dies Leid whrte ewig?

Zgernd nur trennte er sich von dem wortkargen Weibe, und als er nun
ihren Begleiter streifte, da geschah etwas Wunderliches. Mitleidig
richtete sich Abt Franziskus auf, und jene welke Hand, die schon den
Eintritt des Fischerbuben liebreich begrt hatte, obwohl er nach dem
Glauben der Zeit doch nur ein Sohn der Erde[*] war, sie zog jetzt
schweigsam die Linien des Kreuzes.

  [*] Hutten nennt noch jene Kinder so, die weder Vater noch Mutter
  kennen.

Der Priester segnete den Scheidenden.

Aber der Strtebecker lachte schrill auf.

Spar deinen Kram, alter Mann, rief er schneidend, hab gestern erst
einen von deiner Kumpanei weggejagt. Wo ich hinfahre, fhrst auch du
hin. Glaub mir, wird keiner mehr von dem Fhrmann nach lung und
Sakrament gefragt.

Damit wollte er grulos frba schreiten, als sich von neuem das
Auerordentliche wiederholte. Noch entschiedener reckte der Priester die
weie Hand und segnete abermals. Dem Schuimer gab es einen Schlag.

Weit du nicht, sprach er finster, indem er sein glhendes Auge jetzt
voll auf den Alten richtete, wem du dein Heil spendest? Hast du mich
nicht selbst bei Hurerei und Raub betroffen? Ich sage dir, der
Leichenhgel, den ich meinem Wahn trmte, er ragt weit hher als der
Trauerberg, dem sie mich jetzt zufhren. Weiche darum von mir, damit
sich dein Gott nicht entsetze!

Und dennoch lie der Mnch nicht von ihm, ja, whrend er ein drittes Mal
bedeutungsvoll das Kreuz zog, ffnete er endlich den feinen Mund und
sprach ganz sanft und barmherzig:

Du Wollender, du Mensch im Tatensturm, ich, ein Christ, segne dich.
Sieh, in meiner engen Zelle, dein Leben betrachtend, ging mir endlich
sein Sinn auf. Was sich erdumwlzend, gewitterschwl im Reiche der
Geister zusammenballt, was sich ohne Hemmung ber Erde und Menschen
ausschttet, das, mein Sohn, wirkt der Zeit fast immer zum Unheil, denn
Schollen und Sterbliche vertragen nur Tropfen.

Du sprichst die Wahrheit, Greis, schrie der Strtebecker gepackt und
griff mit beiden Fusten nach dem Kleid des Mnnleins. Sieh, ich bin
solch eine Wetterwolke. Jh zerri ich und brachte nichts als Zerstrung
und Niederbruch.

Da umschlang der Priester den ihm Nahen und kte ihn zrtlich auf beide
Wangen.

Verwirf dich nicht, du Strmischer, flsterte er ihm zu. Wenn die
Flut abschwemmt, dann dringen ber Jahr und Jahr etliche jener Tropfen
in tiefere Schichten und erwecken dort ungeahnt Wachstum und Blte. So
wirkt ins Ferne, was in der Gegenwart verrauschte und zerflo. Zieh hin
in Frieden.

Der Gesegnete richtete sich auf. Heller Sonnenschein berglitzerte die
feuchte Wegkreuzung, helles goldenes Licht breitete sich in den Zgen
des Seefahrers, so fortreiend und strahlend, wie es ihm sein ganzes
Leben lang beschert war. Aufatmend blickte er sich um, und er fand, da
er all die Menschen, die groen und geringen, die ihn beinahe
ehrfrchtig umdrngten, von jeher und bis zuletzt gehegt und geliebt
hatte.

Da schlug die Verfhrung, die der Zauberer zu wecken vermochte, noch
einmal ber alle Schranken des Herkommens. Die Trommler wirbelten, die
Pfeifer schmetterten, blonde und braune Mgdlein streuten ihrem Feinde
Blumen auf den Weg, und das Volk rauschte um ihn, wie Halme, die sich
vor dem Schnitter neigen. Er aber achtete ihrer nicht mehr. Er schritt
dahin, heiter, entrckt, ein tatenfroher Vollender, und hinter dem Hgel
der Schmerzen empfingen ihn Zukunft und Sage!


                   Ende


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Anmerkungen zur Transkription -- nderungen im Text:
Die folgenden Rechtschreib- und Grammatikfehler sowie inkonsistenten
Schreibweisen wurden im Text berichtigt (Angabe nach Kontext):

  -- "Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig
      das Haupt zur Seite.": nderung von "vorauffliehende" zu
      "vorausfliehende"

  -- "Dazu grlte er ein uraltes Schleiferlied": nderung von
      "grhlte" zu "grlte"

  -- "den irrlichternden Strahl der schwarzen Augen": nderung von
      "irrlichterlierenden" zu "irrlichternden"

  -- "das Gercht von der Untat auf Ingerlyst": nderung von "Ingerslyst"
      zu "Ingerlyst"

  -- "die Wirksamkeit jener Mittel": nderung von "Wirsamkeit" zu
      "Wirksamkeit"

  -- "Beeintrchtigte er dich": nderung von "Beintrchtigte" zu
      "Beeintrchtigte"

  -- "Ob sie auch den Ausbruch ihres Fhrers nicht verstanden": nderung
      von "ihrers" zu "ihres"

  -- "die Antwort kam ihm": nderung von "Anwort" zu "Antwort"

  -- "in einem venezianisch geschliffenen Bchslein": nderung von
      "venetianisch" zu "venezianisch"

  -- "Edelingsblut und Knechtsblut": nderung  von "Edling" zu "Edeling"

  -- "ein seidener Pfhl, eine glatte Dirne darauf": nderung von "ein
      glatte" zu "eine glatte"

  -- "ein Schwarm brtiger, verwegener Gesellen": nderung von "verwogen"
      zu "verwegen"

  -- "Das Rad, das so lange einfrmig gelaufen war": nderung von "solange"
      zu "so lange"

  -- "Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und
      Zgern:" Ersetzung von "." mit ":"

  -- "Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller": Komma eingefgt

  -- "knapp entwischt war, aber das unselige
      Gepck des heimlich schwelenden Aufruhrs": Komma eingefgt

  -- "Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen": nderung von
      "Druschscheunen" zu "Dreschscheunen"

Inkonsistente und veraltete Schreibweisen (z.B. Witib/Wittib, gendiglich)
wurden beibehalten, sofern nicht ersichtlich Satzfehler vorlagen.










End of the Project Gutenberg EBook of Claus Strtebecker, by Georg Engel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CLAUS STRTEBECKER ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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