The Project Gutenberg EBook of Aus dem Matrosenleben, by Friedrich Gerstcker

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Title: Aus dem Matrosenleben

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: October 8, 2013 [EBook #43913]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MATROSENLEBEN ***




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  Aus dem Matrosenleben

  von
  Friedrich Gerstcker.


  Der Verfasser behlt sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.


  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1857.




  Inhaltsverzeichni.


                                          Seite
  Cap.  1. An Bord                            1
    "   2. Der Markt zu Sydney               11
    "   3. Die Matrosenkneipe                20
    "   4. Die Flucht von Bord               34
    "   5. Die Entdeckung                    53
    "   6. Sydney im Dunkeln                 59
    "   7. Was das Geld vermag               89
    "   8. Die Ausfahrt                     106
    "   9. Hans                             116
    "  10. Die unterbrochene Execution      134
    "  11. Der Sturm                        153
    "  12. Die Riffbank                     161
    "  13. Das Wrack                        178
    "  14. Die Mannschaft trennt sich       188
    "  15. Die Bootfahrt                    202
    "  16. Der Morgenbesuch                 225
    "  17. Die Landung                      241
    "  18. Der Australische Busch           247
    "  19. Das Bivouak                      270
    "  20. Bills Wacht                      280
    "  21. Schlu                           302




Erstes Capitel.

An Bord.


Captn an Bord? frug am Morgen des 2. August ein sonngebrunter,
breitschultriger -- Herr, mu ich sagen, denn er stack wenigstens in
feinen Tuchkleidern, mit einem hohen schwarzen Seidenhut und feiner
Wsche. Seine breiten braunen Fuste, die allen Glachandschuhen
ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthmer in jeder anderen Kleidung
gewi Ehre gemacht htten, lieen aber weit sicherer auf einen
Arbeitsmann als auf ein Mitglied der hhern Classen schlieen,
und doch schien er zu denen zu gehren, oder rechnete sich wenigstens
selbst dazu.

Der Fremde stand in einem der gewhnlichen Bayboote von Sydney, und
hatte die Fallreeps der herunterhngenden Schiffsleiter gefat,
whrend er zu dem oben ber Bord sehenden Steuermann des Pelican,
der schon drauen in der Bay von Sydney lag und am nchsten Morgen
unter Segel gehen wollte, hinaufrief.

Ay, ay, Sir, lautete die seemnnische Antwort; der Fremde
sprang auf die Leiter und lief, nach einem paar mit den Bootsleuten
gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten
und seine Rckkehr zu erwarten schienen, an Deck.

Das Deck des Pelican bot nichts auergewhnliches dar. Die
Leute waren theils beschftigt von dem am andern Bord liegenden
Watertank[1] Wasser einzunehmen, theils hie und da Kleinigkeiten
am Tauwerk auszubessern, oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann
kalfaterte das Deck, und die monotonen Schlge seines hlzernen
Hammers waren fast das einzige Gerusch an Bord, so still und ruhig
ging alles zu.

So beschftigt brigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder
jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei, die
Logleine auszumessen und neu zu mrken, so mig sahen sich zwei
junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten,
und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben,
einmal nach dem Boot hinunter sahen, und ihre Wanderung langsam wieder
fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dnne Jacken
und einen breitrandigen Strohhut von sogenanntem _cabbageleaf_ (der
Kohlpalme), um den ein breites, schwarzes Band befestigt war, mit den
gelb darauf gemalten Worten: _water-police_.

Der Fremde ging nach einem flchtigen ber Deck geworfenen Blick, der
zum grten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten, und stieg, ohne
einen von den Leuten weiter zu gren, die Cajtstreppe hinunter.

Kanntest du den? frug einer der Polizeileute den anderen.

Nein, sagte der Gefragte, weit du wie er heit?

Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen, lachte der erste --
es ist Capitain Oilytt vom Boreas, und will nach Calcutta. -- Das
Schiff ist auf Dienstag angezeigt.

Noch niemand fortgelaufen von den Leuten?

Noch nicht, aber wie ich gestern gehrt habe, wollen sie morgen fort.
-- Ich knnt's leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient.
-- Es sind Auslnder, der grte Theil wenigstens von ihnen, und wenn
erst einmal eine tchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie
schon wieder kriegen.

Wo gehen sie denn gewhnlich Abends hin? frug der zweite -- hast
du sie schon im Auge gehabt?

O, schon seit acht Tagen -- sie sind bis jetzt meistens im Elephant
und Castle in Pittstreet, und ein paarmal auch in einer von den
Kneipen in Kentstreet gewesen, es scheint aber, da sie sich jetzt
weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es sind theils Franzosen,
theils Deutsche und nur vier Englnder an Bord, und dort oben herum
wohnen einzelne von ihren Landsleuten.

Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen, meinte der
zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war.

Nicht verrathen? lachte der erste, la nur erst einen tchtigen
Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange.
Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art =wie= das geschieht,
ist ihnen gewhnlich verdammt gleichgltig, so ihnen nur die Polizei
nichts dabei anhaben kann.

Capitn Oilytt war indessen, whrend dies fr ihn so wichtige
Gesprch am Deck verhandelt wurde, in die Cajte des Pelican getreten
und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitn die ersten Begrungen
gewechselt.

Also Morgen wollen Sie fort? sagte er. Wie ich sehe haben Sie
Polizei an Deck? Frchten Sie, da Ihnen noch einige von Ihren Leuten
weglaufen sollten?

Ja und nein, antwortete Capitn Howell vom Pelican. Der Henker
traue den Schuften. -- Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt,
wie kaum auf einem anderen. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen,
keine unnthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr
ruhiger ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft;
in der Hinsicht knnen sie sich also ber nichts beklagen. Das
verwnschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf -- der
groe Klumpen hat ja ganz Sydney verrckt gemacht, warum nicht auch
die Leute, und mit allen mglichen Schwindeleien werden sie berdies
noch, sobald sie nur einmal den Fu an Land setzen von allen Seiten
bestrmt. All die sogenannten Schlafbaasen gehen ja darauf aus,
sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen,
dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstcke oder
auf den letzten Penny an Geld, und verkauft sie dann wieder an ihr altes
Schiff oder an irgend ein anderes -- ihm gleich, wenn er nur seinen
Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und
wenn sie auch tausend solcher Beispiele hren, so halten sie sich
selber doch immer fr klger, und denken, sie werden es schon besser
machen. Um mich deshalb vorzusehen, und nicht im letzten Augenblick
etwa noch sitzen zu bleiben, hab' ich lieber das Geld angewandt mir die
Polizei auf's Schiff zu nehmen bis ich absegle, und ich glaube das Geld
ist nicht gerade unntz ausgegeben.

Wie viel zahlen Sie fr die Polizeiaufsicht tglich? frug Oilytt.

Fr jeden Mann eine Guinee, erwiederte der Capitn des Pelican,
es ist theuer, lt sich aber doch nun einmal nicht ndern.

Eine Guinee? rief Oilytt erstaunt -- na, da dank ich. Dafr kann
ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt ich gar nicht so viel
von dem, was sie auf See gute Behandlung nennen. Die Leute mssen
natrlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum
haben, nachher aber auch wissen wen sie vor sich sehen, und ich, fr
meinen Theil, habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet als
mit Gte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt
sein und lachen Einen nur dafr hinter dem Rcken aus. Wenn ich nur
mit den Augen blinze, wissen sie schon was die Glocke geschlagen hat,
und Gnade Gott dem, der da noch mukst. -- Sie muksen aber auch nicht.

Der Steward, der Wein und Glser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den
Sprecher mit einem halb verchtlichen, halb hhnischen Lcheln
von der Seite an, war aber gleich wieder ganz ernsthaft, als dieser
zufllig zu ihm aufschaute.

Und wann gedenken Sie zu segeln? frug Capitn Howell den anderen,
Sie liegen am Slip, nicht wahr?

Ja, am Patent Slip, Montag Morgen will ich die noch brigen Pferde
einnehmen, und Dienstag Morgen leg' ich in die Bay hinaus -- ist der
Wind gut, so geh ich noch Dienstag Abend, oder sptestens Mittwoch
Morgen in See.

Weggelaufen ist Ihnen noch keiner von Ihren Leuten?

Nicht ein einziger, lachte Oilytt, ja, sie haben zu viel Respect.
Sie wissen recht gut, wieder krieg' ich sie doch, und nachher ging's
ihnen erbrmlich.

Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine miliche Sache, sagte
Howell kopfschttelnd, und ich wrde mich an Ihrer Stelle nicht zu
sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall Sie bekommen
sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen wirklich wieder, kostet Sie
das weniger als die paar Pfund Sterling, die sie jetzt an die Polizei
ausgeben?

Das kostet mich gar nichts, lachte Oilytt, das versteht sich
doch von selbst, da die ausgesetzte Belohnung fr das Einfangen die
eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen mssen, und dafr hab' ich
schon gesorgt, da sie dazu noch alle genug zu gut haben.

Und Ihre Zeit? das andere ist das wenigste. Rechnen Sie aber einmal
was Sie allein an Futter und Wasser fr Ihre Thiere, die Sie an Bord
haben, =mehr= brauchen. Auerdem mssen Sie dann sogar noch Leute
fr 6 Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nthigsten Arbeiten
besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord
nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat;
die Kosten wren sonst zu bedeutend. Wer aber schon den grten Theil
seiner lebendigen Fracht eingenommen, und in ein oder zwei Tagen zum
Absegeln gekommen ist ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar
Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verfhrung ist jetzt zu gro; man
kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. Aber
wir wollten ja ber unsere Passage sprechen -- Sie gedenken durch
Torresstrait[2] zu gehen?

Ich wei noch nicht, sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und
wieder fllte; ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen
hineinwagen. -- Am liebsten ging ich um den Sden, wenn man jetzt nur
trauen drfte wie's mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze
Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch
die Torresstrait gegangen?

Nein, sagte Capitain Howell; aber die jetzt darber
ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde
jedenfalls die Passage von Raines Eiland versuchen.

Die beiden Capitne unterhielten sich jetzt noch eine Zeitlang ber
die Torresstrae, wie einige andere Geschftssachen, und Capitn
Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das
ihn rasch nach dem Circular Werft hinberruderte.

Da fhrt auch Einer, sagte ein Matrose oben in den Marswanten,
wo er die Pardunen theerte, zu seinem Cameraden, der mit dem Fetttopf
zwischen den Zhnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm
Posto fate -- da fhrt auch Einer, wo ich ebenso gern in der Hlle
wre, als da ich sein Biscuit kaute.

Das ist der Capitn vom Boreas, sagte der andere, nicht wahr? der
Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heiem Pfeffer
gelegen und nachher mit Essig abgerieben wre. Es ist zum Tod zu
verwundern, da ihm noch keiner von den Leuten weggelaufen ist.

Lauf du jetzt einmal weg, wenn du Lust hast, lachte der erste, sie
werden wohl nicht knnen.

Nicht knnen? dicht am Land liegt das Schiff, und keine Seele
von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder
Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte nicht
allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne,
die Burschen mssen etwas anderes auf der Wippe haben, oder sie wren
nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten
Augenblick. -- Die Geschichte ist aber faul wenn sie sich da nicht
vorsehen, kann's ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Htt' ich mich
damals nicht von dir abreden lassen, so s ich jetzt vielleicht ganz
bequem oben in den Minen, und fnde Stcke Gold wie mein Kopf gro.
Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im mindesten
Lust dazu sprt.

Ja und das Minenleben soll noch viel rger sein, meinte der andere
-- d.h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig --
mit dem Verdienst ist's aber auch dafr desto unsicherer, denn an die
groen Klumpen glaub' ich nun einmal nicht.

Der eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gesprch
war abgebrochen.




Zweites Capitel.

Der Markt in Sydney.


Ein Sonnabend Abend in Sydney ist das lebendigste, was die sonst gewi
nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den
Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschfte hinaustreiben, den
lt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er mu wenigstens einmal
durch den Markt gehen.

Der englische Sonntag trgt hiervon allein die Schuld. Da er sehr
streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natrlich gar Nichts zu
kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen, wird
sogar schon am Sonnabend Alles fr den Sonntag gekocht, gebraten und
vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltgliches entweiht
werde. Der uerste Termin aber, fr Fromme und Nichtfromme, was
man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend Abend, und Fleischer,
Grtner, Obst- und Blumenhndler, berhaupt Alle, die nur irgend
etwas Wirthschafthnliches zu verkaufen haben, drngen sich an diesem
Abend herzu, es auszulegen.

Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als
mglich herzurichten, und ganz besonders schmcken die Fleischer
ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Groe Brode von
ausgelassenem Talg bilden die Sulen, und hie und da bringt ein
ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterlufen aufgehangenes
Knguruh oder Wallobi, Abwechselung in die sonst etwas monotonen
Fleischspeisen.

Der Markt von Sydney besteht aus vier langen, hohen, luftigen und
hchst praktisch eingerichteten Gebuden, die brigens noch auf eine
bedeutende Vergrerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden
damals nur zur Hlfte benutzt. Eines stand wenigstens ganz leer, und
ein zweites hatte einen sehr geringen Theil seiner Stnde erst in
Gebrauch.

Das eine von diesen ist ausschlielich fr rein animalische
Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlchtern am
meisten die reinlichen Butter- und Ksestnde ins Auge; mit ihren
aufgehuften Massen von Hhner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und
Butterkufen, und den gelb glnzenden, hell durchschnittenen Ksen,
die den Vorbergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend
nachschauen.

Neben diesem befinden sich ebenfalls die Stnde mit Geflgel, mit
diesem aber gehts den Bewohnern von Sydney wie mit dem Fleisch, sie
haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das =wilde Geflgel=, wilde
Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hhner, Tauben oder
Truthhner das einzige was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin gibt
es allerdings hie und da viel kleine Rebhhner, Wachteln und einige
andere Arten; wer die schiet, it sie aber auch gewhnlich selber,
und sie kommen nicht auf den Markt.

Aus diesen Tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben, tritt man
jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen
Gang berschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen
bestimmte Gebude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier
unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschtteten
Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist dabei
vorzglich, und im Verhltni auch billig genug, und wird
viel consumirt. Ueber diesen hngen Ananas von Moreton-Bay, und
aufgeschichtete Wnde von Blumenkohl und anderen Gemsen bilden den
Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst
htten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz
hier angefllt.

Am schwchsten war der Blumenmarkt vertreten -- die Australier haben
wenig Sinn fr Blumen -- auf dem ganzen Markt wre kein schner
geschmackvoller Strau aufzufinden gewesen.

Blumen sind aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten.
-- Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder
Weikraut -- Hammelskeulen und Zwiebeln -- was halfen ihnen die Blumen,
die waren ja doch nur zum Ansehen.

Durch dieses Vegetabilische Marktgebude, wenn ich es so nennen
darf, schlenderten langsam, und mit der Miene von Leuten, die nichts auf
der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen
-- der erste Blick auf ihre weit zurckgesetzten Hte und blauen
Jacken lie sie als solche erkennen -- und sahen sich ziemlich
gleichgltig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen, und
zu ihrer Schande mu ich's gestehen, ebenso gleichgltig auch
die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die
geschftig zwischen den einzelnen Stnden hin- und herglitten,
und ihre Einkufe fr den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben
hierhergekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen
sehen, und ihr Spaziergang schien eher den Grund zu haben, ihre Beine
wieder einmal gegen Straenpflaster zu reiben als irgend etwas
anderes.

Du, Jack, sagte da endlich der eine von ihnen zu dem vorangehenden,
bra einmal hier einen Augenblick back und leg ein halb Dutzend von
den Apfelsinen ein.

Hast du Geld? wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm
um -- mir hat der Alte heute Abend keinen Penny geben wollen. -- Er
sagte, er htte es heute ganz vergessen Geld mitzubringen, wir sollten
aber morgen frh jeder ein Pfund haben, und dann mchten wir noch
einen Sonntag Abend, wenn wir wollten, an Land gehen -- den Dienstag
Morgen legte er in die Bay hinaus. Er war verdammt gesprchig.

So? dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten, meinte der andere,
er hat brigens hllische Angst da wir ihm auskneifen, und
verdient htt' er's zehnmal. -- Wenn man nur wegkommen knnte. Die
Strae in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und
hier versteckt Einen auch niemand. -- Die Strafe ist zu gro, wenn sie
erwischt werden.

Du, sprich nicht so laut, sagte der dritte -- ich habe da hinten
eben unseren Steward gesehen, der Grnes einkaufte. Wenn der ein Wort
aufschnappen kann, bringt er's dem Alten brhhei wieder. Das wre so
Wasser auf seine Mhle -- er traut uns berhaupt nicht.

Hat auch alle Ursache dazu, brummte der erste, und zog sich die
Hosen etwas hher ber die Hften -- wie ich wenigstens jetzt
gestimmt bin, trau' ich mir selber nicht, und sollte mich gar nicht
wundern, wenn ich mich morgen oder bermorgen frh einmal in irgend
einem dunklen aber sicheren Winkel weggestaut fnde, und dort krumm
lge, bis der Boreas beim -- Boreas wre -- oder sonst wo, wohin er
immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug bei dem alten Schuft Matrose
zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.

Der eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nchsten
Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft.

Wo sind denn die brigen? frug er seinen Cameraden, als er sie
wieder eingeholt, ich dachte, es htte uns heute Abend irgend jemand
irgendwo sprechen wollen?

Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet, lautete die Antwort,
ein Irlnder hat dort eine Schenke, und da wollten wir heute Abend
zusammenkommen.

Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irlnder?

O, er hat eine Frau, vom Rhein glaub' ich, die deutsch und
franzsisch spricht -- und dann ist noch ein wunderhbsches Mdchen
im Hause -- Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.

Das passirt Jean sehr oft, sagte der Englnder trocken -- Das
knnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit -- es mu schon
acht Uhr sein.

Zum Donnerwetter -- da ist der Alte -- rief pltzlich der eine von
ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr wrdiger Capitn auch schon
dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht -- die breiten Schultern
suchten sich, herber und hinber arbeitend, Bahn durch das Gedrnge
zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel dem er nachstrebte,
denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebude entlang
konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht,
mit den Augen folgen.

Da schwimmt er hin, sagte der erste lachend -- mit einer
fliegenden Fahrt vor dem Wind. Mchte nur wissen auf was er Jagd
macht.

Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem
schwarzseidenen Jckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber
gar nicht her.

O Gott bewahre, lachte ein anderer. Der nahm eben ganz genaue
Peilung voraus und scheert sich auch berhaupt den Teufel um uns.
Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von
ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem anderen knnen wir zum
Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet
durch und die kleine Strae hinunter. An der nchsten Ecke gehen wir
ber Stag, und dann haben wir reines Fahrwasser, bis wir das goldene
Kreuz ber der Thre sehen.

Die vier Matrosen verlieen das Marktgebude und gingen Marktstreet
hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwrts folgten. Am Courthaus
standen zwei Mnner in dunklen Ueberrcken und Mtzen. Sie sahen den
Matrosen nach, und der eine von ihnen sagte leise:

Weit du von welchem Schiff die sind? im Markthaus machte mir der
eine ein paar sehr verdchtige Bemerkungen; ich mchte wohl wissen wo
sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der eine den Namen Boreas
-- sind sie von dem Schiff, so knnen wir nur immer die Augen offen
haben.

Weit marschiren werden sie nicht, sagte der zweite, und da
brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.

Die beiden Mnner folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der
Thr des goldenen Kreuzes verschwanden -- dann blieben sie auf der
anderen Seite der Strae stehen.

Wollen wir einmal hinein? sagte der eine.

Ja, aber jetzt noch nicht, entgegnete ihm der andere -- es ist
noch zu frh. Wir mssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst
ein halb Duzend Glser im Kopf haben. Und mit diesen Worten gingen
sie langsam die Strae wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese
Zeit das regste Leben war.

La sie gehen, lieber Leser -- es sind zwei verkleidete Polizeidiener,
und die melden sich immer schon von selber wieder. Wir wollen indessen
einmal in das goldene Kreuz treten, und zusehen ob sie da drinnen guten
Portwein haben.




Drittes Capitel.

Die Matrosenkneipe.


Das goldene Kreuz zeichnete sich vielleicht in nichts, als eben seinem
frommen Aushngschild vor den brigen tausend Schenken Sydney's aus,
wo der Wirth ber der Thr die vom Staat erhaltene Erlaubni mit den
stereotypen Worten anzeigt: _Licensed to sell spirituous and fermented
liquors_, was er sich selber bersetzt -- Du darfst jeden Schund
verkaufen den man nur in eine Flasche gieen, und aus einem Glase
trinken kann.

Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es
ist kaum so sehr des Wirths Vortheil seine Gste hereinzulocken, als
sie nachher darin zu halten. Das groe mittlere Fenster, das die halbe
Wand einnahm, war inwendig mit weier Farbe leicht berstrichen und
nur auf den Scheiben prangten oben die Worte Wine Vaults, und rechts
und links London Porter und Ba's Ale, zierlich mit Wein und
Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten
Gefachen messingbeschlagene kleine Fchen, mit ihrem Inhalt
in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche
geschliffene Caraffen mit neusilbernen gravirten Schilden.

Nur rechts und links war das schwere Geschtz, eine dunkle
Batterienmasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln,
aufmarschirt, und unten lagen kleine rundbuchige weie Glasflaschen,
fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch
an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe
Adresse des Fabrikanten jedem verkndigte, der sich nur die Mhe geben
wollte sie zu lesen.

Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit
elfenbeinernen Knpfen angebracht, _draught Ale and Porter_ gleich
frisch heraufzuziehen und rings im Zimmer aufgestellte Tische und
Sthle mit kleinen, heimlichen, hlzernen Verschlgen, in die nur
hchstens immer vier Menschen hineinpaten. Diese hatten statt der
Thren Gardinen.

Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine
vierschrtige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen aber
verschmitzten Augen, und einem besonderen humoristischen Zug um
den Mund. Es war der Irlnder Mac Carther und der Eigenthmer des
goldenen, und eines anderen Kreuzes, das mit weier Schrze und
kleiner blumenbesetzter Mtze an der anderen Seite hinter dem
Schenktisch stand, und die bestellten Glser fllte. Das flinke
Schenkmdchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung, und
cokettirte dabei nach besten Krften mit den Gsten. Mac Carther zog
die Propfen aus den Flaschen und splte die Glser aus.

Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern -- Sie war eine
Elssserin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa 30 Jahr alt,
was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem festem Charakter, wie
denn auch Mac Carther, der sonst gewi nicht zu den Schwchlingen
gehrte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel,
sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Hnden
ungemein wohl befand, und an Gsten und Einnahmen fast wchentlich
wuchs, fgte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autoritt, und
begngte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschfte auf seine
eigene Hand zu treiben. Doch davon spter.

Polly war das Muster eines Sydney-Schenkmdchens; drall und schlank
gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an
Schwrze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an
jugendlicher Frische weit bertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb
nicht im mindesten eiferschtig. -- Gerade diese jugendliche
Frische zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gste in das Haus,
und deshalb hatte sie Polly eben zum Schenkmdchen angenommen.

Es war noch nicht spt am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so
viel Gste eingefunden. Nur an zweien der Tische saen die Leute vom
Boreas, fnf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren
Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzeren eben eine frische
Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefat, die sie nach
der geleerten ausgestreckt. Sie sah ihn lchelnd an und versuchte sich
leise loszumachen.

Polly, sagte der junge hbsche Matrose, und legte ihr die linke
Hand auf die Schulter -- du bist auch heute Abend wieder einmal recht
hlich, und willst mich gar nicht ansehen -- hab ich dir irgend etwas
zu leid gethan? -- Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang
aber doch gut und das Mdchen schttelte lachend den Kopf.

Nichts zu leid gethan, Mr. Jean, aber los lassen mt ihr mich, denn
Missis sieht schon scharf nach mir herber und ich habe viel zu thun.
-- Da kommen noch andere Gste.

Polly, ich habe dir etwas zu sagen, flsterte ihr Jean jetzt leise
und rasch in's Ohr -- willst du mir nachher nur auf wenige Secunden
hinausfolgen?

Ich wei noch nicht, sagte das Mdchen halblaut und machte sich
von ihm los. Die Augen wuten es aber und sagten ja, und Jean leerte
sein Glas auf einen Zug.

Hallo, schon wieder so geschftig? lachte Bill, der zuerst
eintretende von den englischen Matrosen, da ist ja die ganze
Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hnde voll zu thun, wie ich
sehe. Guten Abend Mac Carther, guten Abend Missis -- jung und schn wie
eine Rose -- aber nicht wie die letzte -- heh Missis? -- Was trinkst du,
Jack, und du Bob -- wie? Jims Geschmack kenne ich schon, der hlt's wie
ich, mit Brandy und Wasser!

Die viere traten zum Schenktisch und tranken, und setzten sich dann an
den, an der hinteren Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen
die anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Glsern folgten, und
ein leises Gesprch mit einander begannen. Auer den Leuten vom Boreas
waren nur noch wenige andere Gste im Zimmer, und der Wirth, der eben
erst noch zwei Porterflaschen fr die Letztgekommenen geffnet hatte,
rckte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach
aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben.

Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte, sagte Jean
endlich, sich zu ihm wendend, heraus mit ihm und mit dem was er zu
sagen hat. Ich kann heute Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind
jetzt so ziemlich alle zusammen.

Hm, sagte Mac Carther, und warf einen anscheinend gleichgltigen
Blick ber das Zimmer, der brigens keinen der sonstigen Gste, so
flchtig er auch ber ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet lie.
Gleich darauf als ob ihn diese Rundschau befriedigt htte, bog er sich
ber den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden
dabei alle mit den Augen musternd:

Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt
eine Beschftigung haben? -- Das heit -- versteht mich wohl -- ich
wei nicht was Ihr fr einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar
nichts an. -- Hlt Euch aber nichts dort, so wei ich Euch hier eine
Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag
verdienen knnt -- und dafr mt Ihr eine ganze Woche an Bord wie
die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?

Vier von uns sind gelernte Segelmacher -- sagte der eine Deutsche,
und die anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden
Arbeiten verrichten zu knnen.

Das wre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit
Zeltmachen, sagte der Wirth sinnend. Habt Ihr noch Geld zu gut, oder
sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen knnen?

Ich habe 600 Franken, sagte Jean rasch, und Lust genug hier fr
immer an Land zu bleiben, wenn nur -- er hielt inne und sah forschend
nach Polly hinber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu und
Jean schien dadurch pltzlich zu einem Entschlu gekommen. -- Was
wollt Ihr mit uns thun? -- was knnt Ihr? -- heraus mit der Sprache und
haltet nicht so lange hinter dem Berge.

Ich? sagte der Wirth erstaunt -- gab ihm aber doch dabei ein Zeichen
nicht so laut zu sprechen -- ich? was ich mit Euch will? -- gar
nichts. -- Was kann ich mit Euch wollen. Ich frage Euch nur Euretwegen,
und habe Euch schon gesagt, ich wei gar nicht und kann nicht wissen,
wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewi -- jetzt wre die
Zeit hier in Sydney fr einen jungen Mann sein Glck zu machen, und
wer das mit Fen von sich stt, der hat es nachher selber zu
verantworten.

Ja, das ist Alles recht gut, aber wie knnen wir vom Schiff
loskommen? sagte der eine Englnder -- und wenn wir los sind, denn
das wre noch das wenigste, wo knnen wir bleiben? Wir mssen
erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen =sicheren=
Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom
Schiff hat jeder von uns allerdings noch zu gut, das wit Ihr aber
selber wohl, knnen wir nicht bekommen, und das einzige was wir im
Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns
nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?

O, so viel sind unsere Kleider schon werth, sagte ein anderer. Wo
die so lange in Versatz bleiben, knnen wir auch ein paar Tage essen
und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn hier sind
wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.

Ich will Euch was sagen, meinte da Mac Carther und bog sich zu ihnen
ber den Tisch hinber -- wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so--
In diesem Augenblicke fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter
und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es fallen lassen.
Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne
den Kopf dorthin zurckzudrehen, ruhig und langsam fort -- so malt
Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. -- In dem
heien Klima wohin Ihr geht zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an,
whrend eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.

Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe
an, wo wir--

Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben, unterbrach Mac
Carther den Englnder, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick
zuwarf -- das wei ich wohl, ich sage nur ich thte das, wenn ich
Capitn von einem Schiff wre, und in ein heies Klima hinaufginge.

Whrend er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus
in das Zimmer, und gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth
getreten, und lieen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine
Flasche Porter verlangten.

Der Wirth ging hin diese zu ffnen, und das Gesprch war fr den
Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, da Mac
Carther seine wohlbegrndete Ursache haben mute, in Gegenwart der
beiden Fremden weiter nicht ber die bewute Sache zu reden. Jean
stand auf, blinzte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die
Hofthr. Wenige Minuten spter stand das wunderhbsche Mdchen
an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des
jungen Mannes.

Polly, sagte Jean, und zog die nur leise Widerstrebende fester an
sich -- ich habe keine Zeit zu groen Umschweifen, ich will dich auch
gar nicht mit langen Redensarten plagen. Hr mir nur wenige Secunden zu
und sage dann ja oder nein.

Aber ich wei ja nicht--

Du sollst es gleich erfahren unterbrach sie der junge Franzose --
ich bin des Seefahrens, ja berhaupt des Herumschweifens satt.
Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen
umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas fr ein reiferes
Alter zu thun -- es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner
Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich
etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. --
Willst du mir helfen, Polly? willst du -- mein Weib werden? flsterte
er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heien Ku auf die
Stirn drckend.

_Do'nt -- do'nt_, bat das Mdchen flsternd, und suchte sich von
ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean
konnte sie leicht zurckhalten; doch dringender bat er jetzt.

Antworte mir, Polly. -- Von dir hngt es ab ob ich in Sydney --
in Australien bleiben soll oder nicht. -- Sagst du ja, dann sollst du
einmal sehen wie tchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas
verdient, dann kehren wir nach meinem schnen Frankreich zurck. -- Es
soll dir schon gefallen in der Provence. -- Aber du sagst ja kein
Wort, und ich wei doch, da du dich in den Verhltnissen hier nicht
glcklich fhlst, nicht glcklich fhlen kannst.

Glcklich? sagte das Mdchen leise und schttelte wehmthig mit
dem Kopf -- es ist ein schreckliches Leben fortwhrend dem wsten
Trinken und Treiben zuzusehen. -- Aber was soll ein armes Mdchen
anderes thun -- und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.

Und sagst du =ja=, Polly? bat der junge Mann dringender, und kte
die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen -- sagst du ja?

Komm nur erst an Land, flsterte Polly, und ehe er es sich versah,
war sie ihm unter den Hnden fort und ins Haus geschlpft. Mit
leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht bse
darber, da sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich
mit ihrer Arbeit eifrig beschftigte, whrend sie Mrs. Mac Carther
ausschalt, was sie drauen herumzustreifen habe, indessen in der Stube
alles drunter und drber ging.

In derselben Zeit brigens, in der Jean drauen zu einem Entschlu
gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches gendert. Die
beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr
Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen,
da sie weiter nichts Besonderes hren und erfahren konnten, weiter
gegangen. Dafr aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der
Steward vom =Pelican=, der frher mit einem der Englnder auf ein
und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt
gemut hatte, mehreres Vergessene an Gemsen und Frchten fr das
morgen frh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wute wo die Leute
vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben.
Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gesprch. -- Und ich sage
Euch, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwrfe Bills, da
ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde
Eures Capitns gehrt habe, wie er morgen frh um sechs Uhr mit
dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. --
Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden
Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den
Montag Mittag in See. Euer Capitn war heut zweimal bei uns an Bord --
das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich
aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in
Sicherheit bringen. Ihr seht also da Ihr keine Zeit mehr zu verlieren
habt.

Seeschlangen und Schildkrten! brummte der eine Englnder -- das
wre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue
Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an
Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten
oben drauf.

Und Ihr wit uns einen Platz, Mac Carther, sagte der eine von den
Franzosen, wo Ihr uns sicher unterbringen knnt? -- Wahrhaftig ich
komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.

Mac Carther ging fort als ob er die Frage nicht gehrt htte,
seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb
unterdrckter Stimme auf franzsisch:

Lat ihn gehen -- er darf sich mit den Geschichten nicht befassen,
denn kommt so etwas vor Gericht, so mu er am Ende schwren, und wenn
er nichts davon wei, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich
werde dafr aber schon sorgen. Bringt nur heute Abend spt Eure
Kleidungsstcke her -- die Hinterthre kennt Ihr ja, wenn die vordere
Thr geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff ich Euch aus
der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager ber der Bay drben
gerade hier, und mit dem knnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu
was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.

Was zum Teufel ist das fr ein Gewlsch, brummte Bill. -- Redet
englisch, da ein anderer auch ein Wort verstehen kann.

Seid ruhig, Jean wird es Euch bersetzen, flsterte Mrs. Mac
Carther, es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen
brauchen, ber was wir gesprochen haben. Damit wandte sie sich vom
Tisch ab, und trat hinter ihren Schenkstand zurck. Die Leute vom
Boreas flsterten aber noch eine Weile miteinander, und verlieen dann
die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen
knnen.




Viertes Capitel.

Die Flucht von Bord.


Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip -- eine Art
Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis
sie vollkommen trocken zu liegen kommen, und bis zum Kiel hinunter
nachgesehen und ausgebessert werden knnen. Nach dem Herunterlassen
hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen,
Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen, und lag nun dort
dicht an dem abgebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bay zu
ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch auerdem das Schiff am
Land befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich von Bord auf
das Werft hinunter.

Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu zweien und
dreien, an Bord zurck. Der Zimmermann, ein Englnder, hatte die Wacht
als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter,
diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken.

Den Zimmermann und Mate durften sie natrlich nichts merken lassen; der
Mate schlief aber gewhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb
bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Officiere Miene
machen sollte hinunter zu ihnen zu steigen, das verabredete Zeichen zu
geben, d.h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte
das ohne Aufsehen geschehen.

Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg
auf und nieder. -- Er erzhlte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn
beschftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, da er seinen
Cameraden vollstndig Zeit verschaffte sich zu rsten. Die einzige
Schwierigkeit war jetzt ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier
damit an Land zu kommen, ohne da Lrm geschlagen wurde. In dem Fall
befanden sie sich nmlich in einer hchst fatalen Lage, da nur
ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft an dem sie lagen nach
Sussexstreet hinauffhrte, und eine Masse von Constablern in der Gegend
fortwhrend auf und ab gingen. Der geringste Lrm konnte einen davon
an den Eingang der Strae fhren und dann hatte er, wenn er wollte,
zwanzig Andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hlfe herbeigezogen.

Am besten wre es gegangen, wenn sie eines der an den Pfhlen
befestigten Boote =geborgt= htten, und damit an das gegenber
liegende Ufer der Bay gefahren wren. Auf jeden Fall konnten sie
solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort
drben standen auch noch keine, oder nur wenige Huser, keinenfalls
waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet
hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bay umgangen hatten, und
konnten dann ihr ganzes Gepck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer
ber Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen.

Es war noch nicht zwlf als der zweite Mate vom Land an Deck kam und
nach vorne ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambuse,
und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stie er mit dem
Fu an eine dort zufllig liegende Handspake, nahm sie auf und warf
sie von sich, da sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug.

Gott verdamme das verwnschte Holz, fluchte er dabei, und hielt
sich den Fu -- stt man sich auf dem sakermentschen Deck auch
noch die Gliedmaen zu Schanden.

Was fr ein Heidenlrm ist denn das da drben? rief der Mate
rgerlich und kam herber nach Backbord. -- Wer ist da? Jean? kommt
Ihr eben erst von Land?

Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und
abgegangen.

Chips[3] sagte der Mate, und zog den Zimmermann etwas bei Seite --
haltet Eure Augen offen. -- Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck
kam, noch Licht -- jetzt ist's aber aus. Sind die Leute schon lange an
Bord?

Die letzten kamen vor etwa einer halben Stunde -- ich denke sie sind
jetzt wohl zu Coye gegangen, sagte der Zimmermann. Wie viel Uhr
ist's? -- es mu bald Mitternacht sein.

In fnf Minuten etwa ist's zwlf, sagte der Mate -- ich will
den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr lst Ihr ihn wieder ab. Beim
geringsten Verdchtigen was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr knnt zu Bett
gehen, Jean, wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach
vorne gegangenen Matrosen. -- Es wird gleich 12 Uhr sein.

Soll ich Bill rufen? frug Jean, der stehen blieb -- ich glaube
Bill hat die nchste Wacht.

Nein, ist nicht nthig, lautete die Antwort. -- Ihr knnt alle
zu Coye gehen.

Das ist eine schne Geschichte, dachte Jean, als er in das Logis
hinabstieg, die brigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher
lauschte er aber noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen ob ihm
auch niemand folge. Als er alles sicher wute sagte er leise:

Hallo da -- schlaft Ihr? es war stockfinster und man konnte keine
Hand vor Augen sehen.

Ist das Jean? frug vorsichtig eine einzelne Stimme.

Ja, lautete die ebenso leise Stimme -- habt Ihr alles in
Ordnung?

Alles in Ordnung, erwiederte Bill -- ist die Luft rein? meine
Wacht mu gleich angehen.

Gebt Euch keine Mh, sagte Jean. Die Schufte mssen Lunte
gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich
will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch Steward selber
Wache gehen. Der Capitn ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann
gesagt hat.

Verflucht noch einmal, rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit
den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Coye, in die
sie sich alle, als sie das Zeichen hrten, hineingeflchtet hatten.
Jetzt sind wir geleimt.

Doch noch nicht, meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen
Blick nach oben geworfen. Erst wollen wir einmal abwarten wer die
nchste Wache hat, und dann sehen was sich thun lt -- wenn ich nur
erst meine Siebensachen in Ordnung htte. Ein Licht darf ich mir aber
gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem
Hals.

Hier, nimm die kleine Laterne, sagte Bill und reichte sie ihm aus
der Coye -- die kannst du in deine Kiste setzen, da fllt kein Strahl
nach oben. Jean fhlte sich zu ihm hin, ging in die vorderste
Ecke die Kerze darinnen anzuznden und brachte dann den vollkommen
geschtzten Strahl sicher in seine Kiste, die glcklicherweise an
einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte.
Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um
halb ein Uhr war alles gerstet, das Licht wieder ausgelscht und
Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn
Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte
er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann ins Logis kam, sich
auszog und zu Coye ging.

Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean fate schon den
Entschlu bis Tagesanbruch noch zu warten, dann aber, wenn sich bis
dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im
Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn
auch das nicht gehen sollte, ber die Bay ans andere Ufer zu schwimmen.

Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner
schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der
Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, da
er selber eingeschlafen sei. Was da thun?

Ihrer Rechnung nach mute es bald Tag werden, als der Steward in das
Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte --
aus allen Coyen tnte das tiefe regelmige Athmen fest Schlafender.
Selbstzufrieden und stillvergngt nickte er mit dem Kopf, fhlte sich
dann leise, ja keinen der Leute zu stren, nach des Zimmermanns Coye
hin und weckte diesen.

Wer ist da? rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend --
halt sie -- da laufen sie.

Halt doch das Maul, flsterte der Steward und schttelte ihn aus
Leibeskrften, du machst ja die ganze Mannschaft munter. -- Es ist
zwei Uhr, steh auf -- ich bin mde wie ein Hund.

Ay, ay, sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf -- ich
komme gleich -- wo sind denn -- O ja -- 's ist alles recht -- ich wei
schon. -- Alles in Ordnung?

Alles! Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein -- antwortete ihm
der Steward und wandte sich nach der Treppe zurck, stie sich aber
mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. -- Gott verdamme
den Plunder! rief er leise mit verbissenem Schmerz -- da mu ein
ganzer Fetzen Haut herunter sein. -- Ich wollte da die Kerln da--

Er brummte das andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam
an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben.

Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wlzte sich dann
sthnend aus seiner Coye, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke,
die er endlich fand und anzog, nahm die Mtze von dem Nagel, an dem
sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem
Steward an Deck.

Er hatte kaum den letzten Fu von der Leiter genommen, als Jean
ebenfalls aus der Coye sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte
wo er blieb. Er war zurck nach dem Quarterdeck gegangen.

Was jetzt thun? sagte er leise, als er wieder herunterstieg -- in
ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das grte Glck, da wir
den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das htt' ich aber wissen
sollen, da er so fest wie ein Br schlief -- wir knnten jetzt alle
in Sicherheit sein. Wer gibt nun den besten Rath?

Ob es der beste ist wei ich nicht, sagte der eine Deutsche, aber
etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist,
vorne hinunter lassen und eins von den kleinern Booten dicht unter die
Klsen holen. -- Dann mt Ihr sehen wie Ihr die Scke, ohne da
der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem anderen hinunterbringt, und
ich schaffe sie dann ans andere Ufer hinber, wo ich auf Euch warte bis
Ihr mich abholt.

Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen die
Sachen an Land zu schaffen? frug Bob, der eine Englnder. Das
wren doch verdammt weniger Umstnde als mit dem Wasser -- und nachher
das Herumlaufen um die Bay. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur
hinber kommen.

Wir drfen es nicht wagen unsere Sachen hier an Land zu bringen,
sagte der Deutsche rasch -- wenn die solche Vorsichtsmaregeln
treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versumt haben den
Constables in Sussexstreet aufzutragen, alle, die etwa hier heraus mit
Bndeln kommen sollten, einfach zu arretiren. -- Das ist wenigstens
das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen.
Uebrigens mu der Zimmermann auch jeden sehen, der hier ber den
langen, schmalen, und an allen Seiten offenen Platz nach den Husern zu
geht, und wrde augenblicklich Lrm schlagen!

Wie kommen wir selber dann aber nachher fort? frug Jean wieder.

O nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das andere findet sich
dann von selber, sagte der Deutsche -- alles klar an Deck, Jean?

Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die
Quarterdeckstreppe herunter. -- Es ist die hchste Zeit.

Ohne weiter ein Wort zu erwiedern glitt der Deutsche wie eine Schlange
die Treppe hinauf, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus,
dort an der Ankerkette hinunter und ins Wasser hinein. Jean horchte
aufmerksam, konnte aber kein Pltschern hren, so vorsichtig hatte
sich jener hineingelassen.

Der Zimmermann ging ein paarmal an Deck auf und ab, und die Leute
saen indessen des Zeichens harrend, da das Boot am Steven liege, mit
klopfendem Herzen im Logis. Sie hatten all ihr Zeug an, was sie
nur auf den Leib bringen konnten, und das brige in die gewhnlichen
Leinwandscke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, eingestaut.
Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wchter
gerade nach vorne ging, auf die Gallione. Jean wollte aber keinen weiter
hinauslassen, bis das Boot darunter liege. -- Fiel es dem Zimmermann
einmal ein nur ein paar Schritt weiter nach vorn zu gehen wie
gewhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt entdeckt zu
werden.

Endlich kam das erwartete Zeichen -- schneller fast als sie es
eigentlich hoffen konnten. -- Leise wurde von auen vorn an das Schiff
geklopft, und Jean horchte hinaus ob er etwas vom Wchter hren
konnte.

Wo ist der Zimmermann jetzt? frug Bill von unten herauf -- kannst du
ihn sehen, Jean?

Nein, flsterte dieser zurck, wei der Teufel wo er steckt --
ich will lieber einmal ber Deck gehen.

Gott bewahre, rief Bill -- da machst du ihn nur aufmerksam. --
Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfssern
sein. -- Komm nur rasch und hol' deine Sachen.

Wir wollen uns das anders einrichten, erwiederte ihm Jean. --
Einer mu hinaus in die Gallione steigen, und das, was ihm gegeben
wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drcken,
und ich kann dann von hier aus ihm alles zugeben und zugleich das Deck
bersehen. -- Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. -- Hll und
Teufel wer hat denn da unten Licht angesteckt?

Er sprang rasch hinunter einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so
leicht zu ihrer Entdeckung fhren konnte, denn sobald der Wachthabende
Licht im Vorcastle sah, mute er ja gleich wissen da etwas
Auergewhnliches vorgefallen war.

Lscht das Licht aus, rief er mit rgerlicher, aber vorsichtig
gedmpfter Stimme. -- Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben?
Wer hat die Laterne angesteckt?

Ich -- brummte Jim -- ein Irlnder und verdammt gute Ursache
dazu. -- Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen,
und ich glaube jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein
ganzes verlorenes Vermgen auf einen Strich wieder kriegen kann. --
Auer der halben Krone hab' ich nur noch drei Schilling Schulden.

Hinter Jean stieg in diesem Augenblick jemand die Treppe herunter --
der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt
etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone
gefunden, steckte sie in die Tasche und ffnete die Laterne diese
auszublasen.

Hallo -- sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen
ihnen, und zwar so laut, da alle wie von einem elektrischen Schlag
zusammenzuckten -- was ist das?

Jim lie unwillkrlich das volle, durch kein Horn mehr gedmpfte
Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. -- Es war der
Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah.

Das ist mir ja eine schne Geschichte, rief er verwundert aus --
da soll ja gleich--

Er sagte nichts weiter -- nur zwei Worte hatten die an der Treppe
stehenden Bill und Jean miteinander gewechselt, und in derselben Secunde
fast fhlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaen umfat,
da seine Hnde wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, whrend
ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrcktes
Tuch wie einen Knebel in den Mund stie. Jim lie, bei dieser
zauberschnellen Vernderung der Scene den Strahl der noch immer
hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen, und sah Bill und Jean
mit ihrem Opfer beschftigt. -- Im nchsten Moment schlo er aber das
Licht, und alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehllt.

Drauen ertnte zum drittenmal, und jetzt laut und ungeduldig das
Zeichen.

Der wird den Steven noch einschlagen, lachte Jim -- doch immer noch
halblaut vor sich hin -- sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben,
da er sich beruhigt.

Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren -- rief aber Jean den
Anderen zu. -- Bill, schafft die Sachen hinauf und dann fort ins
Boot.

Der Zimmermann strubte sich aus Leibeskrften frei zu kommen oder
wenigstens den Knebel aus den Mund zu bringen, da er den Alarm geben
konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige
Versuch war umsonst.

Reich' Einer von Euch mir ein Ende -- sthnte dieser endlich, als
der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. -- Hier Bob -- bind ihm
einmal die Hnde zusammen -- so -- das ist gut. Jim zeig dein Licht
noch einmal, hast du sie fest?

Die kriegt er nicht wieder los, lachte Bob zwischen den Zhnen
durch -- die Fe auch?

Ja, es ist besser -- so, nun schlag das hier um den Pfosten -- so --
noch fester -- das wird's thun, und nun noch den Knebel-- und damit
nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich
an den mitten im Logis stehenden Pfosten Geschlossenen, fest um den
Mund, so da er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. Nun
rasch fort, rief er, als er endlich auf die Fe sprang -- sind
die Sachen oben?

Dies ist das letzte, rief Bob, als er zwei Scke nach der Treppe
hob und hinauflangte -- nun, ade Boreas, und bleibt hbsch gesund,
Zimmermann. -- Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschlft.

Damit sprang er die Treppe hinauf und von den brigen gefolgt ber die
Gallion hinunter ins Boot. Jean war der letzte der das Schiff verlie
-- es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hrte er wie
die Constabler ihre Stunde abriefen -- es war gerade drei Uhr. An der
Bay herum fingen hie und da schon die Hhne zu krhen an, und von
den Schmelzfen glhten noch immer die rothen Flammen aus den
Schornsteinen heraus -- sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst
schlief ganz Sydney noch und die Bay lag so ruhig, da die auf sie
niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wieder erhielten
als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte
deutlich den regelmigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon
vor Anker liegenden englischen Barke hren.

Jean glitt, als er sich berzeugt hatte da niemand auf ihrem Schiff
auch nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Cameraden
vor ihm, an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und
im nchsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Bretern, die
als Ruder gebraucht wurden vorwrts getrieben, ber die Bay schrg
hinber an's andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der
Eigenthmer, wenn er es haben wollte, am nchsten Morgen selber holen
konnte, nahmen ihre Scke auf die Schultern, und waren im nchsten
Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Huser, zwischen
denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten --
verschwunden.

Von der ganzen Mannschaft war nur ein einziger -- ein Deutscher -- an
Bord des Boreas zurckgeblieben. -- Er hielt sich, ohne da ihn die
anderen vermiten -- und als sie ihn vermiten, war es zu spt --
ruhig in seiner Coye, band aber auch den Zimmermann nicht los, legte
sich, als seine Cameraden das Schiff verlassen, auf die andere Seite,
und war bald wieder wirklich fest eingeschlafen.




Fnftes Capitel.

Die Entdeckung.


Der Capitn vom Boreas lag in seiner Coye -- er hatte den vorigen Abend
bs geschwrmt, und der Kopf glhte ihm noch von all den Brandys
hot und Brandys cold, die er in sich hineingegossen. Er trumte
-- aber was kmmern uns seine Trume, wir knnen ihn doch nicht
lnger schlafen lassen.

Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drngte sich
schon durch das obere Cajtfenster, das sogenannte Skylight[4], in die
Cajte. Der Capitn murmelte etwas von _half and half_ -- er trank
gern Porter und Ale zusammen, und mochte wahrscheinlich Durst haben --
sthnte noch ein paarmal, und warf sich dann auf die andere Seite.

Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden. -- Nicht da ihn
jemand geweckt htte, sondern mehr von einem halb unbewuten Gefhl
aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste uere Einwirkung,
aus dem tiefsten Schlafe aufrttelt, wenn wir uns nur Abends vorher
fest vorgenommen haben zu einer gewissen Stunde aufzuwachen.

Es ist das ein Gefhl, das mit unserem Gewissen genau verwandt sein
mu, denn es verrichtet, wenn auch nur im Kleinen, denselben Dienst; ja
vielleicht wird es von der haushlterischen Natur selber dazu verwandt,
wer kann es wissen. Wer von uns ist in die geheimen Gnge und Falten
seines eigenen Geistes schon je so weit eingedrungen, um nur mit
Bestimmtheit voraussagen zu knnen, was er in der nchsten Minute
selber denken, selber empfinden will? Er kann es nicht.

Mag er seinen Geist alle Kraft anwenden lassen sich nur auf einen
einzigen Punkt zu concentriren -- es ist umsonst. Irgend eine ihm
unbewute, aber in ihm bestehende Kraft lenkt den Strahl seiner
Gedanken, ganz von ihm selber unabhngig, wohin sie eben Lust hat,
und schttelt ihm gerade dann gewhnlich, wenn er etwas Bestimmtes
festhalten will, den ganzen bunten Bilderkram seines Gehirns -- diese
tollste Rumpelkammer alter Geschichten und Trume -- um und um, da
es ihm schwarz und blau vor den Augen wird, und er diese endlich in
Verzweiflung schlieen mu, nur all dem krausen Wirrwarr zu entgehen.
Und selbst das hilft ihm nichts. -- Gerade durch die fest auf die Augen
gepreten Finger sieht man das tollste Zeug, und mu zuletzt ruhig
seine Zeit abwarten, bis das alles wieder aus eigenem freien Antriebe in
seine alten Behlter und Gefache zurckgekehrt und verschwunden ist.

Und wohin bin ich jetzt selber gerathen, von eben diesem wunderlichen
Geist geneckt? Halt, ich sprach von dem Steward, der erschreckt von
seinem Lager auffuhr.

War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Sto, mit dem er
seine eigene Stirn beim in die Hh fahren gegen den quer durch seine
Coye laufenden Beam stie, augenblicklich zur Besinnung, und er
sprang jetzt erschrocken aus der Coye, denn zu ihm herein drang das
Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein
sollen.

Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne
sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden
Mtze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still -- dem
Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das
was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand.

Im Logis fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn
besttigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich
traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band
und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade als ob er den Stpsel
aus einer Flasche Weibier gezogen htte, denn wie aus dieser der
Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen
jetzt eine wahre Unzahl von Flchen und Verwnschungen -- die alle
hier so lange festgestopft gesessen hatten -- in solcher Schnelle und
Kraft heraus, da der Steward im ersten Moment wirklich verga seine
Hnde zu lsen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und
ihn ansah.

Durch den Lrm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf, und sah
aus seiner Coye. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von
ihm erfahren, was aus den anderen geworden, und wo sie sich aufhielten.
Er wute von gar nichts -- hatte keinen Menschen weggehen hren oder
irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen
betreffen konnte. Er war spt an Bord gekommen, sehr mde
gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das
gotteslsterliche Fluchen des Zimmermanns zum erstenmal aufgewacht.

Aus ihm war auch nicht das mindeste herauszubekommen, und dem Steward
lag jetzt die hchst unangenehme Pflicht ob, den Capitn von dem
Vorgefallenen in Kenntni zu setzen, damit dieser augenblicklich seine
Maaregeln darnach nehmen knnte. Er ging in die Cajte hinunter, zog
seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des
Capitns Coye.

Capitn Oilytt, sagte er, als er ihn am Arm fate und leise
schttelte.

Brandy hot, antwortete der Capitn -- der Teufel soll das Ale
holen, das brennt wie Feuer.

Capitn Oilytt, wiederholte der Steward. -- Wr' er ein Zauberer
gewesen, er htte den Capitn einmal vor allen Dingen einige tausend
Jahre so fortschlafen, und nachher in einer khlen Grotte mit einer
wunderschnen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber
konnte er das nicht, und schttelte ihn noch einmal etwas strker als
das erstemal.

Sieben Schilling Sixpence lautete diesmal die hartnckige Antwort,
die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog --
lieber Gott! -- und ein tiefer Seufzer folgte.

Ja jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht wei was
er spricht -- brummte der Steward leise vor sich hin, und wenn er
nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide.
-- Und wenn er nur blos noch fluchte. -- Ich mu ihn aber wahrhaftig
wecken.

Diesmal wich der tiefe Schlaf dem strkeren und entschlossenen
Schtteln des Dieners, und der Capitn fuhr, die Augen weit
aufgerissen, in seinem Bett in die Hhe.

Was zum Donnerwetter gibts nun? rief er rgerlich aus -- kann man
denn in des drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen bis es Tag
ist, da du Einen mitten in der Nacht herausrtteln mut? -- was ist
los? -- na? -- wird's bald?

Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Wort kommen knnen, sagte
jetzt schnell:

Capitn Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen -- der Koch
und der ganze andere Schwarm. -- Nur der Zimmermann und Hans -- der eine
Deutsche -- sind noch an Bord.

Der Capitn war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten
in seinen Hosen, whrend er eine wahre Sndfluth von Flchen
ausstrmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit gendert.
Natrlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld,
und der zurckgebliebene Deutsche, als der Capitn wie ein Wthender
nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden zu beichten. Er
wute aber, dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen --
von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an wo
er an Bord gekommen, bis zu der wo der Steward den Zimmermann losband,
geschlafen. Frher sei, wie er weiter erzhlte, allerdings vom
Fortlaufen die Rede gewesen, da =er= aber stets fest erklrt habe da
er nicht mit ginge, htte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts
davon gesagt.

Der Capitn schumte vor Wuth. -- Das kommt davon, rief er, da
ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. -- Htte
ich lauter Englnder gehabt, wre das nicht geschehen. -- Aber wartet,
wartet Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr
nicht gerechnet haben sollt, und hab ich Euch erst wieder, dann Gnade
Euch Gott. Dann geb ich Euch mein Wort drauf, Ihr sollt Euch lieber in
der Hlle als bei mir an Bord wnschen. -- Und du Steward, vor allen
andern, du verdientest berhaupt, da ich dich an die Railing binden
und dir 25 aufzhlen lie -- du -- Holzkopf du.

Und damit scho er wie ein Pfeil in seine Cajte hinunter, in seine
Kleider hinein und dann an Land, die Anzeige bei der Wasserpolizei von
den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen.

Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten
Erstaunen ber die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der
erste Mate schon auf ihn zu, fate ihn am Kragen und berschwemmte ihn
mit einer wahren Fluth von Schimpfreden.

Du Lump! -- rief er, bist der einzige der die ganze Geschichte zu
verantworten hat. -- Warum hast du nicht aufgepat, -- heh? -- was zum
Donnerwetter hast du denn sonst auf der Welt zu thun? -- wozu bist du
ntz?--

Nach diesem Ausbruch innerer Gefhle stieg er an Deck und lief eine
gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an die
Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der
zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte.

Du bist doch das nichtsnutzigste miserabelste Stck Takelwerk am
ganzen Bord, sagte er, und sah den Steward an als ob er ihn mit Haut
und Haaren, und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. -- Damit
schlug er die Thr wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die
halbe Nacht an Land gewesen, und erst um Mitternacht an Bord gekommen.

Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische
nieder, schttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor
sich hin.

Na, nu wird's Tag -- ich habe die Schuld -- ich bin die alleinige
Ursache, da die anderen fortgelaufen sind. -- Natrlich -- wenn ich
nicht meine zwei Stunden geschlafen htte, wo die anderen auf Wacht
waren, htte das alles nicht geschehen knnen. Na, das wird eine
schne Reise werden -- ich glaube wahrhaftig, es wre das Beste ich
liefe auch fort -- nachher wr ich denn doch neugierig wer die Schuld
=davon= hat -- ich wieder; natrlich. Und wieder kriegen? -- wenn sie
die wieder kriegen fre' ich sie -- alle zusammen. Und mit diesem
kannibalischen Entschlu stand er auf und begann seine Arbeit auf's
neue.




Sechstes Capitel.

Sydney im Dunkeln.


Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem
alten Platze am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen
einzigen von seinen Leuten wieder bekommen zu haben. Natrlich konnte
er, mit =einem= Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere
Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitn hatte schon,
der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen
in Sydney bekommen, da niemand mit ihm segeln wollte und der
Goldschwindel machte berdies die Leute die extravagantesten Preise
fordern.

Natrlich mute er unter der Zeit Arbeiter annehmen, die an Bord
nothwendigen Geschfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr
theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich alles aus der Tasche der
weggelaufenen Leute und zwar von dem ihnen gut stehenden Geld was sie an
Bord zurckgelassen -- vorausgesetzt, natrlich, da man sie wieder
bekam. Wurden sie wieder eingefangen, so hatten sie die Arbeiterkosten
fr fremde Hlfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von
dem ihnen noch gut stehenden Geld, oder von ihrer nchsten Reise -- und
wenn die nicht zulangte, von der nchstfolgenden -- zu bezahlen.

Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thtig gewesen die
Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch
ohne Erfolg. Es war erst =ein= Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt,
und man konnte nicht gut erwarten, da sie sich den Preis muthwillig
verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mute.

Der Capitn hoffte indessen das meiste von dem Sonnabend Abend, wo sich
die Matrosen in Sydney gewhnlich am freisten gehen lassen und, wenn
sie erst einmal ins Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene
Vorsicht gebrauchen, die Strae oder alle ffentlichen Huser zu
vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft
fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf
den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls
erboten mit den Steuerleuten noch zweier anderen Schiffe, je zwei mit
einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie einen der Ihrigen treffen
sollten, ihn gleich zu kennen und festhalten zu knnen.

Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich
aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf
einmal durchstreifen zu knnen, und man bestimmte nun einen Platz am
entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um 12 Uhr Nachts treffen und
die gemachten Beobachtungen mittheilen wollte. Bis ein Uhr Morgens ist
es auf den Straen stets lebendig.

Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer anderen englischen Barke
und ein Polizeidiener nahmen den oberen Theil der Stadt Georgestreet,
Pittstreet und was dort in der Nhe lag, obgleich in Georgestreet,
als der Hauptstrae der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen
anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen
Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwhrend hin- und
wiederstrmte, und zwischen diesen leicht jemand sein konnte der sie
kannte und den Hnden der berall postirten Constabler bergab.
Nichtsdestoweniger gingen die drei Mnner Georgestreet hinauf und bogen
dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, vor
allen Dingen einmal das goldene Kreuz, was ihnen als der frhere
Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren.

Es war noch zu frh am Abend um schon viel Gste in den Wirthshusern
anzutreffen; die meisten wanderten noch in der Nhe des Markthauses und
durch den Markt auf und ab, und erfreuten sich des schnen mondhellen
Abends. Dennoch saen etwa zehn oder zwlf Mnner, meistens Matrosen,
an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschlge, wo
zwei Seeleute ihre beiden Mdchen mit hineingenommen hatten und ihnen
dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu.

Der Mate vom Boreas warf einen schnellen aber forschenden Blick
ber smmtliche Gste hinber, und trat auch in das kleine
Privatzimmer, in das er indiscret genug und, von einem _what do
you want_ der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber
kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich
brigens einen Blick zu, den sie beide zu verstehen schienen, und
die Dame wandte sich dann mit der grten Freundlichkeit an die
Neuangekommenen, und frug was sie zu trinken wnschten. Sie lieen
sich eine Flasche Porter und drei Glser geben, und setzten sich an
einen der Tische.

Polly ging ab und zu, und schien besonders mit dem Polizeidiener, einem
jungen, hbschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac
Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann
von der Wasserpolizei auf und ging hinaus -- wenige Minuten darauf
folgte ihm Polly -- sie standen beide in der offenen Hausthr.

Polly, sagte der Polizeidiener, und hob ihr mit dem rechten
Zeigefinger das Kinn empor -- wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr
versteckt habt?

Die =Ihr= versteckt habt? sagte das Mdchen schnippisch und
schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand weg -- die Ihr
versteckt habt? -- was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem
anderen a߫ an, und was htt' ich davon, Matrosen zu verstecken? --
Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut
und lat mich ein andermal zufrieden. Und damit wollte sie sich von
ihm losmachen und wieder ins Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge
Mann hie, fate aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: -- Sey nicht
nrrisch, Polly -- du verstehst wie ichs meine, und da ich recht gut
wei wie du selber nichts damit zu thun hast -- obgleich mir Gerchte
zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen der--

Charles, sagte das Mdchen, und schien ernstlich bse zu werden,
du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt mich zu rgern, und
ich antworte dir keine Sylbe weiter.

Was das betrifft, mein Schatz, lachte der andere, whrend er jedoch
die Hand des Mdchens noch immer fest dabei hielt -- so =hast= du mir
auch noch gar keine Sylbe geantwortet. -- Ich wei aber, da du ein
vernnftiges Mdchen bist -- du hast mir davon schon zu viele Proben
gegeben, so la uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernnftiges
Wort miteinander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in
der nchsten Woche, wenn der Capitn erst einmal weg =mu=, ein sehr
bedeutender Preis gesetzt werden -- wenn du die Hlfte davon verdienen
kannst, wirst du doch vielleicht zusehen, ob du mir ein oder das andere
von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommen kannst?

Du glaubst doch nicht etwa, fiel ihm das Mdchen rasch in die Rede,
da Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufenen Matrosen in ihrem eigenen
Hause...

Gott bewahre, unterbrach sie Charles lachend da sind sie beide
viel zu vernnftig dazu, als da sie sich einer solchen Gefahr
aussetzen sollten -- es stehen 50 Pfund Sterling Strafe darauf. -- Nein,
aber sie -- haben doch manches -- oh hol's der Henker, du bist klug
genug, und dir brauch ich doch weiter keine Erklrung zu geben.

Das Mdchen sah einen Augenblick vor sich nieder und sagte dann leise --

Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?

Wie hoch? nun =unter= vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall,
wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich -- vier, sieben
-- neun, nicht wahr?

Das Mdchen sah zu ihm auf und schttelte verschmitzt mit dem Kopf --
die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch
wohl fhlen, denn er wurde bis ber die Ohren roth, sagte aber gleich
darauf lachend -- bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen,
da du gar nichts davon weit. Doch genug fr jetzt. Mir liegt selber
nichts daran, da wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in
der Nhe, so thten sie sehr wohl sich ein wenig von den Straen oder
aus den ffentlichen Trinkhusern zu halten, sie knnten sich
sonst leicht morgen an einem Orte finden, auf den sie Heute schwerlich
gerechnet haben. Also _good bye_, Polly, sei ein gut Mdchen und halte
die Augen offen.

Damit trat er mit ihr in den dunklen Gang zurck, zog sie etwas nher
an sich und -- doch es war zu dunkel etwas weiter zu erkennen. Als aber
gleich darauf die Thr aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly
kam, allem Anschein nach eben vom Hof, und trat in die Schenkstube.

Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon
die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerstet. -- Sie hielten sich
erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson oder Rosenstrae hinber,
wo ein freier eingezunter Platz die eine Reihe Straen begrenzt
und die Matrosen, in der Nhe zahlreicher verrufener Huser gern
umherschlendern. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten, und
alle scharf ins Auge faten, war doch keiner der rechten darunter.
Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flchtig vor
ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe
Pallisadenfenz, in eine kleine Thr, die sich hinter ihm schlo. Es
war dies kein ffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann htte
erst einen _warrant_ ausnehmen mssen, ehe er ein Privathaus
untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurck,
und flsterte hie und da mit einer, im Schatten irgend eines niedern
Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt
-- er schien mit allen Winkeln und Hhlen der ganzen Stadt bekannt zu
sein.

Es war etwa neun Uhr als sie nach Pittstreet zurckkamen; hier hatte
sich indessen manches verndert, und die im Anfang noch ziemlich
de Strae wimmelte jetzt, besonders in der Nhe des Theaters,
von Menschen. Dem Theater gerade gegenber sind eine Anzahl kleiner
Spelunken oder Trink- und Tanzhuser nur von liederlichen Dirnen
besucht, zu denen sich die Menschen frmlich drngten. Unsere drei
Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das
sogenannte Shakespeare Haus.

Unten befand sich die sogenannte Bar -- ein Schenktisch mit den dazu
gehrigen Vorrthen von Flaschen und Glsern; dahinter ein kleines
Zimmer fr solche die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Locale
waren aber fast leer von Gsten, und doch sollte dies Haus ungemein
groen Absatz haben. Auer diesen beiden Zimmern hatte es aber auch
noch andere Rume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine
Mauer getrennt, und mit einem aparten Eingang von der Strae, ging
eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in
zwei groe Locale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen
uerstes Ende ein statuenartig und lebensgro gemaltes Bild
Shakespeare's zierte.

Der groe Dichter stand aufrecht da und berschaute mit einem
merkwrdigen Zug unendlicher Gleichgltigkeit das ganze wilde Treiben
um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere
Aufgabe gelst, und Shakespeare wenigstens an Gestalt, Kleidung und
Gesichtszgen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden
faden Gesicht hingestellt, da man dem Bild, da der Maler gerade nicht
bei der Hand war, die erste beste Flasche htte an den Kopf werfen
mgen. Rings an den brigen Wnden waren Scenen aus Shakespeare's
Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern als sie
=der= Shakespeare geschaffen haben wrde. -- Der Sturm und Romeo
und Julie, Knig Lear und Fallstaff hatten besonders dazu herhalten
mssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem
Barrett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand, und sah ums Leben
aus, als ob sie eben im Begriff wre alle neun zu schieben. -- Das
sollte Hamlet sein.

Es war noch ziemlich leer im Saal; in der uersten linken Ecke stand
ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der
sich auf die Hnde stellt und mit den Fen an der Wand hinaufreicht.
-- Vor diesem sa ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben
mute, denn er schlug unablssig eine alte Polka von vorn bis hinten
durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm
stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte,
aber nicht mit kommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Tact mit ihm,
aber er konnte ihn nur nicht einholen. -- Der Schwei stand ihm auf der
Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser
Hast auf den gequlten Saiten auf und nieder, aber vergebens -- zwei
Noten war er regelmig hinter ihm. Htte der Clavierschlger nur
eine Secunde gewartet -- nur den Gedanken einer Secunde -- aber nein --
vorwrts, unaufhaltsam vorwrts ging es, wie die wilde Jagd -- kein
Rckblick, auer fr die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht
war -- und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung
auf.

Rings an den Wnden hin standen Bnke und Sophas; unter der
Shakespearestatue der beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt
ein junges wunderhbsches Mdchen in einem seidenen, oben
hochanschlieenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Fe nur
eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschftigung war, wie sich
das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken lt,
eine rein geistige -- sie schlrfte ein Glas Brandy und Wasser, und
stellte das Glas als sie es ausgetrunken der Bequemlichkeit wegen vor
sich auf die Erde nieder.

Auf den anderen Sophas und Bnken saen viele andere Mdchen und
junge Leute -- von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit
Hten und Schleiern und groen Shawls, andere wieder mit schlicht
zurckgekmmten Haaren und kattunenen Kleidern. Ebenso groer
Unterschied war bei dem mnnlichen Geschlecht, von dem feingekleideten
Stutzer bis, in einzelnen Fllen, zum einfachsten Matrosen herunter, so
standen, saen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten
Gruppen umher. -- Nur der eine Unterschied war doch wohl, da die
Mdchen alle einem bestimmten =jugendlichen= Alter angehrten, whrend
sich unter den Mnnern auch sogar einige aus dem besten befanden, die
mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und
herwanderten, oder an einem der Tische ihren Portwein St. Gris
sippten.

Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen -- der verzweifelte Wettlauf der
beiden Musici schien nur erst eine Vorbung gewesen zu sein.

Unsere drei Freunde fanden hier brigens nicht was sie suchten,
und Charles meinte, sie wollten lieber spter noch einmal hierher
zurckkehren, und erst nebenan in die anderen Locale hineinsehen.
Es sei wahrscheinlicher, da sich einzelne der Leute, wenn sie sich
berhaupt in ein ffentliches Local getraut, eher dort als hier
aufhalten wrden.

Ehe sie brigens die Treppe wieder hinuntergingen, traten sie noch
einen Augenblick in das nach vorn hinaussehende Zimmer. Drei junge
Mdchen saen hier an dem mittleren Fenster und schauten nach dem
gegenberliegenden Theater hinber; ein paar andere lehnten in
verschiedenen Sophaecken und schienen zu schlafen, und an dem Tisch
stand eine sechste im eifrigen aber leise gefhrten Gesprch mit einem
jungen Mann, der sehr elegant gekleidet war, und augenscheinlich den
hheren Stnden angehrte.

Hier war weiter nichts fr sie zu thun -- sie stiegen die Treppe
hinunter, bogen rechts ab, und traten in das erste Local hinein, das
sie drei oder vier Thren weiter hin fanden. Wilder Lrm tnte
ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar
kreischten die schrillen Tne einer Violine hervor, und kaum hatten sie
diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm
und Brandygeruch eingehllt waren.

Alle drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge
mitgemacht, und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In
der That gingen auch all diese ueren Eindrcke spurlos an ihnen
vorber, denn die mnnlichen Gste bestanden fast einzig und allein
aus Matrosen von all den verschiedenen Schiffen in der Bay, und
die Dirnen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehrten der
verworfensten Classe an. -- Auch lag der Platz weiter zurck und mehr
getrennt von der Hauptstrae, und mehrere der Leute vom Boreas sollten
in dieser Woche, und seit sie das Schiff verlassen, hier gesehen worden
sein.

Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang
heimlich mit ihm. -- Es war sehr wahrscheinlich, da sich die Leute
des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie von
verschiedenen Nationen waren, und leicht mglich wre es gewesen
einen oder den anderen hier aufzutreiben. Der Barkeeper wute aber von
nichts; er schttelte wenigstens hchst entschieden mit dem Kopf, und
machte dabei fortwhrend eine Bewegung mit seinem Krper, als ob ihn
hinten jemand am Hosengurt gefat habe, denn eine Jacke trug er
nicht, und aus Leibeskrften daran zge. Nur der Respect vor dem
Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt
ihn noch zurck.

Ich bin sicher, da hier Einer oder ein paar von den Burschen gewesen
sind, sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurckkam. -- Der
Schuft erschrack, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so
ngstlich bemht, wieder von mir abzukommen. -- Wir wollen fortgehen
und nachher noch einmal einsprechen, dann aber gleich hinten in die
kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen knnen.

Zwei Huser weiter war eine andere solche Kneipe -- dort standen einige
zehn oder zwlf Mdchen vor der Thr, und zankten sich und schimpften
einander. Von der anderen Seite der Strae kamen mehrere Constabler
herber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten
rasch ins Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben
unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechszehn bis
achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen -- die
Folgen eines frheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend Abend
-- viele trugen brennende Cigarren im Mund. Natrlich drngte sich
dabei Alles um sie her, den fast stets in Thtlichkeiten ausartenden
Scandal zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Strae
war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben.

Jetzt ist unsere Zeit flsterte Charles den beiden Steuerleuten zu.
-- Stellen Sie sich beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und
betrachten sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden.
-- Die wieder hinaus wollen, mssen nachher immer bei mir
vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur
ein Zeichen, und fr das andere werde ich sorgen. Er schlug dabei
bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar, von der
Regierung bezeichnete Handschellen, fr ihn zugleich der eiserne
Ausweis seiner Function, trug.

Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Character
an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt, und
bliesen den Rauch ihrer Manillas in dicken Wolken von sich. -- Es war
das ein Zeichen sehr heftiger Gemthsstimmung, und Beide gehrten
jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an.

Und was thust Du berhaupt hier, Du gotteslsterliches Ding Du mit
deinen groen Glotzaugen? rief die eine jetzt, die Unterhaltung wie
es schien auf ein anderes Feld berfhrend. -- Was hast Du hier
zu suchen, als Dich unntz machen und Scandal anfangen Du --
Preisverderber Du--

Was ich hier thue? schrie die andere aber, und schleuderte mit einem
entsetzlichen Fluche ihre brennende Cigarre zur Erde nieder, whrend
sie sich zu gleicher Zeit die Aermel in die Hhe streifte und zum nicht
mehr zu vermeidenden Kampfe vorbereitete; sie hatte die Geduld verloren.
-- Ich gehe meinem Broderwerb nach so gut wie Du -- -- und wenn Dir
das nicht gengende Auskunft ist, so will ich Dir meine andere mit
rother Dinte in die Fratze zeichnen.

_Go it Nelly_ -- _go it ye cripples_ -- Hurrah fr Sally -- fnf
Schilling auf Nelly -- schrieen mit einem wilden Gejauchze die
umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die beiden gebildet
hatten.

Vier Brandy hot, schrie in diesem Augenblick der rothhaarige
Kellner, und versuchte mit einem Prsentirteller und vier halb
gefllten Glsern in das Zimmer zu dringen. Es wre fr ihn aber
viel vortheilhafter gewesen, htte er statt dem bestellten =heien=
Brandy, kalten gebracht, denn irgend einer von den fnfzig Ellbogen,
die ihm in seiner nchsten Nhe entgegenstarrten, fuhr ihm -- ob
absichtlich oder unabsichtlich, wer kann das sagen -- unter den Teller
und sandte dem armen Teufel die ganze Ladung im wahren Sinne des Worts
ber den Hals und in das Vorhemdchen.

Sally war brigens zu viel _game_, auf solche Ausforderung auch nur
noch weiter ein anderes Wort, als hchstens einen Fluch zu erwiedern.
-- In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten
zwischen die sie umdrngende Schaar, die lachend das Feuer von sich
abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus.

Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen hchsten
Grad erreicht, und die Stube drngte so voll von Menschen wie sie
nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles was in der
Nachbarschaft gewesen war, prete herzu.

Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thr postirt
hatte, um im Fall der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das
Zustrmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurckgeschoben worden
als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis
sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb
nur sein Mglichstes einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen.
Nicht aber um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr
wenig, sondern die stets wechselnden Gesichter zu beobachten, die sich
theils immer noch in das Zimmer drngten, theils die Thre in einem
dicht geschlossenen Ring von Kpfen umstanden.

An der Thr hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von auen,
seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben
worden, und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinber, ob
nicht Einer von ihnen seine Thtigkeit fr irgend ein noch nher zu
bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich
pltzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich
nur immer auf seine Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten
Aufmerksamkeit in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor
ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die
Lampe darberhing, die ihren Schatten hinunter warf.

Dies Gesicht gehrte aber niemand anderem als unserem alten Bekannten
Bill, der, die Hnde in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben
am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lrm innen sich erhob, und nun
blos einmal sehen wollte was hier vorging. Fast ohne da er es merkte,
war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der
Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, da
er wirklich an gar keine weitere Gefahr fr seine eigene Person dachte.
Endlich, aber nur zufllig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm
drohenden Unheils, warf er den Blick einmal hher, senkte ihn aber
nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Momente dem seines
eigenen Steuermanns, von dem er, sobald der nur einmal sein Auge
sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stie halb in
Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus.

Den Schrei wrde nun freilich der an der Thr postirte Charles in
all dem wilden Lrmen nicht gehrt haben, aber die damit begleitete
Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkrlich griff er schon in
die Tasche, die eisernen _darbies_ herauszuholen.

Bill war brigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke seine
ganze Gefahr zu bersehen, denn er wute recht gut da der Steuermann
hier in dies Local nicht allein hereinkommen wrde, ohne jedenfalls
noch Hlfe, am Ende gar Polizei, bei sich zu haben. Dabei hatte das
Zimmer nur eine Thr, und war die -- und wie konnte es anders sein,
besetzt, so befand er sich hier allerdings in einer Falle die
ihn umsomehr rgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn
hineingefhrt. -- Fr den Augenblick lie sich noch dazu gar nichts
thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. -- Er konnte
seine Hnde nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drngte das Volk
um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon
ein, Sally zwei blaue Augen und die letztere empfing gerade unter dem
beiflligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag,
der sie wie todt zu Boden warf. Nelly war ein sehr nervses Mdchen,
d.h. sie hatte ausgezeichnete Nerven und Muskeln.

Bill interessirte sich aber nicht im mindesten mehr fr den Kampf;
seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch,
und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend gnstige Gelegenheit
zu seinem Vortheil zu benutzen.

Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche
unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, da Einer der gesuchten
Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu
verstehen, da er einen groen Bart habe. Bill sah das alles selbst
mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen
gelernt htte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und
wre am liebsten in dem Meer von Kpfen, das ihn umgab, untergetaucht,
wenn er sich auch nur einen Zoll htte bewegen knnen. Aber fest
eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen
triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher.

Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die
schon gefllte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als da es die
Umstehenden htten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie.
Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hnde aus den Taschen
zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen
verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrngenden -- es blieb
ihm kein anderer Ausweg mehr als mit Gewalt durchzukommen, wute er
doch recht gut, da jeder versumte Augenblick seine Gefahr nur immer
noch vergrern mute. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er
dabei geraden Cours auf die Thr zu, obgleich er das Schlimmste von
den drauen stationirten Constablern frchtete. Er konnte aber nicht
anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glck.

So wie aber der Mate diese Bewegung des Flchtlings bemerkte, von der
er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem
Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, da der in dem Heidenlrm
kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers
pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine
Schwierigkeiten, denn er mute sich mit einer Hand am Fenster
festhalten, und durfte sich auch nicht tief bcken, sonst konnte ihn
Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen
die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so da
Charles ganz erstaunt zu ihm hinbersah, und gar nicht begreifen konnte
-- oder wollte, was das alles eigentlich zu bedeuten habe.

Das rettete Bill -- gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine
Schlange, obgleich unbewut, an den Beinen seines gefhrlichsten
Gegners vorbei, der schon die Handschellen fr ihn gefat hielt, und
war im nchsten Moment auf der Strae -- in Kingstreet, Kingstreet
hinauf in alle kleinen Quergassen die er auftreiben konnte, und
spornstreichs nach seinem Versteck zurck; fest entschlossen, dieses
von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen.

Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, da ihnen der
Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er trstete
sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getuscht, und Bill sei
das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, da sich
dieser so ffentlich und allein herauswagen sollte -- und doch hatte er
ihm erstaunlich hnlich gesehen.

Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare Haus zurck.
Hier schien indessen alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus,
und zu den jetzt vereinigten Tnen des Claviers und der Violine -- die
wunderbarerweise zusammenstimmten -- drehten sich die flchtigen und
mitunter auch sehr gracisen Paare in Quadrillen und Contratnzen.
Alle Sophas waren besetzt, alle Sthle und Tische von Menschen
beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure
Quantitt von Brandy und Portwein wurde verzehrt. Shakespeare sah dabei
noch mit demselben nichtssagenden Gesicht auf die bunten Gruppen nieder,
und Hamlet war noch immer am Schub.

Fr ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan,
und verlieen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stck in
Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von
George- und Kingstreet im Auge hatten.

Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art
Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen
hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hlzernen
Bnken und Tischen meublirt, und im Hintergrund mit einer Art schmaler
Bhne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand
und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack
beschlagen wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber
nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen hheren, geistigen
Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte.

Auf die Bhne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, fr die
Person aber jedenfalls hchst passend gewhlt. Sie war in einen
zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschdigte
Beinkleider und einen eingedrckten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen
gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und sehr unanstndiges
Lied, das bei dem Publicum den unbegrnztesten Beifall fand. Das
Letztere bestand zur einen Hlfte aus Matrosen und Handarbeitern aus
der Stadt, und zur anderen aus liederlichen Dirnen, die wie in all den
anderen derartigen Husern hierherkamen ihre Cigarre zu rauchen, ihren
Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknpfen. Es waren widerliche,
freche, ekelerregende Geschpfe.

Auch hier fanden sie keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus
der Thr auf die Strae traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger
Bursch gegen den Mate des Phnix an und wollte eben mit einer
Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und
rasch zugriff--

Hallo Smith, rief er dabei aus, ich bin hllisch froh dich hier
so zufllig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang dir zu
lieb gemacht. Hr. Charles, ich mchte Sie einmal um ihre Handschellen
bemhen. Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von
Matrose aber, der hier so pltzlich dem Feind gerade in den Rachen
gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen zu
entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, ri
er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los, und
sprang Kingstreet hinauf. Die Strae war aber hier hell erleuchtet
und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest
von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Strae war
augenblicklich besetzt, und fnf Minuten spter befand sich Smith in
den Hnden und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney
Wasserpolizei.

Es war indessen schon ziemlich spt geworden, und Charles ging mit
seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute
wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf,
wo sie weiteres von den brigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren
eigenen Cameraden ber den Verlauf und das Glck des Abends hren
sollten.

Dicht vorher, ehe sie das in Pittstreet ihnen bezeichnete Haus
erreichten, und oben zwischen Druitt und Bathurststreet, kamen die
Beiden an einem kleinen niedern Schenkhaus vorbei, wo sie ebenfalls
Lrm hrten. Die Thr stand offen und sie traten ein.

Es war eines der gewhnlichen Branntweinhuser geringerer Classe,
und es schien hier an diesem Abend schon wild hergegangen zu sein. Eine
Masse Glser standen ungesplt mit Lffeln und Zuckersatz auf dem
Schenktisch -- andere lagen zerbrochen auf der Erde. Unter einem der
Tische lag ein trunkenes menschliches Wesen, das weibliche Kleidung
trug, auf dem anderen Tisch lehnte mit dem Kopf ein Mann und schnarchte
schwer. Hinter der Bar stand der Wirth, der auch der Flasche
bs zugesprochen zu haben schien, denn er konnte die kleinen
dickgeschwollenen Augen nicht mehr offen halten, und schlief im Stehen.

Die scheulichste, aber auch interessanteste Gruppe bestand aus fnf
Frauen und Mdchen, zwei noch jung, dem Anschein nach wenigstens nicht
mehr als zwanzig bis einundzwanzig Jahr, und vielleicht noch jnger,
denn das wste Leben altert vor der Zeit, die anderen aber schon
ber die dreiig hinaus, mit widerlichen, schmutzigen, geschwollenen
Gesichtszgen und =alle= betrunken. Den ungemischten Brandy gossen sie
in die ausgebrannten Kehlen, und lachten und schrieen sich die rohsten,
wstesten Sachen zu. Es hrte aber schon keine mehr was die andere
sprach.

Abgesondert von allen brigen stand ein einzelnes Mdchen, vielleicht
achtzehn Jahre alt -- das Haar hing ihr wild um die Schlfe, die
Schminke war ihr zum Theil von den Wangen gelaufen und die bleiche
schmutzige Haut sah darunter vor. -- An Stirn und Schlfen trug sie
dabei Zeichen eines krzlich bestandenen Kampfes, das geronnene Blut
klebte dort noch an mehrern Stellen. Das Zeug hing ihr unordentlich
und zerrissen am Krper, an der linken Seite war es ihr vollkommen
aufgeschlitzt und eine volle weie Brust quoll hindurch. Mit der linken
Hand hielt sie aber ein halb mit Brandy geflltes Glas -- sie hatte
schon einen Theil desselben getrunken und sang jetzt mit leiser
wunderbar melodischer Stimme eines jener so zum Herzen sprechenden
irischen Volkslieder -- _oh no, we never mention her_.

Keiner hrte aber auf sie, der Wirth schlief, die anderen Weiber hatten
zu viel mit sich selber zu thun, und die Singende schien ihrer auch
wenig zu achten. In wilder heftiger Tonart hatte sie das Lied begonnen,
wie sie aber weiter und weiter hineinkam, schienen andere, vergangene
Scenen vor ihr aufzutauchen -- Ihre Stimme wurde weicher und weicher,
und bei den letzten Worten _if he has loved, as I have loved, he never
can forget_ -- lie sie auf einmal das Glas fallen, das am Boden
zersplitterte, warf sich auf die ihr nchste Bank nieder, barg das
Gesicht in den Hnden und schluchzte laut.

_Nine pence_ fr das Glas, _sixpence_ fr den Brandy, sagte der
Wirth noch halb im Schlaf -- macht einen Schilling drei Pence -- wer
war das? fuhr er dann aber pltzlich in die Hh und blinzte unter
den kurzen borstigen Augenlidern schlfrig vor.

Die beiden Mnner schlugen im Ekel die Thr hinter sich zu, und
erreichten bald darauf den bestimmten Versammlungsort, wo sie die
brigen schon ihrer harrend fanden.

Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem
Phnix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon lnger
eingelaufenen Wallfischfnger. Man hatte aber sonst nutzlos all die
Pltze durchstbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse
Kunde zugegangen, da sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten.
Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht
hoch genug, denn sie knnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel
kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen,
ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natrlich viel
Geld, und wollten die Capitne nicht so viel anwenden, so sollten sie
nur noch ein Bichen Geduld haben. Mit der Zeit hofften sie schon
alle wieder zu bekommen.

Mit der Zeit -- das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern,
und sie wuten recht gut, da die Schiffe dann das zehnfache an
Unkosten haben wrden. Sie bezweckten aber auch damit was sie wollten.
Die Capitne waren gezwungen hhere Belohnungen auf den Einfang der
weggelaufenen Leute zu setzen.

Als sie auf ihre Schiffe zurckkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens
sein, und die Straen waren still und de. Einzelne Constabler gingen
langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebuden
wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle
Schimmer weiblicher Kleidungsstcke. Es waren zwei Frauen, die
betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren
Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lrm mehr machten, lieen sie die
Constabler ruhig liegen.




Siebentes Capitel.

Was das Geld vermag.


Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas drauen in der
Bay gelegen, und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das
mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitn
ebenfalls nicht bekommen; seine frhere Mannschaft hatte seinen Ruf
durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proce, den er gleich beim
Einlaufen mit dem Koch und einem der franzsischen Matrosen gehabt und
der =gegen= ihn entschieden und in den Blttern besprochen war, diente
auch nur noch dazu, Matrosen, die ja schiffen wollten und dazu hundert
andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen.

Er =mute= aber jetzt fort -- schon hatte er sich wieder genthigt
gesehen frisches Wasser und sogar noch mehr Futter fr die Pferde, die
er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von
Tag zu Tag, und es geschah endlich was die Diener der Wasserpolizei
schon lange vorhergesehen hatten -- er mute sechs Pfund Sterling auf
jeden eingefangenen Matrosen stellen, und brachte dadurch die ganze
Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens
wute, an wen er sich zu wenden htte.

Es wird brigens Zeit, da ich den Leser auch wieder zu den
Hauptpersonen dieser Erzhlung zurckfhre.

Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht
so glcklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene
Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in
Empfang, die er sorgfltig in ein besonderes kleines Zimmer verschlo,
und lie die Flchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu
diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, ber die Bay schaffen.
Er bekstigte sie dort, und war durch ihre Kleider fr die Auslagen
der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen
gesichert, da das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgesprt wurden,
nicht zu Leibe konnte.

Ging nun alles gut, d.h. segelte das Schiff ohne seine Matrosen wieder
bekommen zu haben, so bekmmerte sich die Polizei entweder gar nicht
mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitn
hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit
hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen wo sie
es fr gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter
Schlafbaas, und sah sich wohl vor, da er vor allen Dingen seine
Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden
ersten Monate Lhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets
vorauszahlen mssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die
Leute ihre Sachen wieder bekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm
verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt.

In den meisten Fllen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher
Weise gewissermaen eine Art Seelenhandel treiben, schnes Geld.
Hundertmal ist es schon dagewesen, da sie zuerst die Matrosen selbst
berreden ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein
richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitn des Schiffes
oder am hufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie
zwar den Raub theilen mssen, aber auch gegen die Folgen vollstndig
gedeckt sind.

Man sagte, da der Wirth im goldenen Kreuze auf solche Art und Weise
ebenfalls sein ganzes Vermgen zusammengeschlagen habe, und den armen
Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine
ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen, und in seinem
eignen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem
Gesetz nichts mehr zu frchten brauchte -- bis dahin wute er bessere
und sicherere Pltze fr sie. An einen solchen Ort hatte er denn
auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner
Bedingung in der Stadt durften sehen lassen.

Es war am 22. August, ziemlich spt am Abend, und schon seit drei
Tagen hatte das Gercht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe
Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch keiner
der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean,
der sich bis dahin an solche Verordnungen wenig gekehrt, sehr streng
anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nhe des goldenen
Kreuzes sehen zu lassen.

Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das pnktlichste, keine
Seele wurde ihn in der Nhe des Platzes, der fr ihn die grte
Anziehungskraft hatte, gewahr, aber =im= goldenen Kreuz selber stellte
er sich jeden Abend pnktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen
und schlpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstbchen,
wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten fr kurze Zeit abkommen
konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der
Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und =sie= ihm
dafr, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen.

Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sydney getroffen, ein kleines
Geschft anfangen und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit
vortrefflich.

Er wie seine Cameraden wohnten indessen gerad ber der Bay drben, am
sogenannten North Shore in einem kleinen abgelegenen Huschen, an einer
Stelle im dichten Busch, die selten jemand betrat, und wo gewi niemand
entflohene Matrosen gesucht htte.

Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten
Charles von der Wasserpolizei im Hausflur -- im Schenkzimmer war es
fast ganz leer heut Abend -- Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und
schlief, und Madame sa und strickte, und betrachtete nur dann und wann
mit ziemlich verdrielichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer
halben Stunde hinter dem Tische saen und an einem nobbler brandy
zogen. Polly wurde nicht vermit.

Also es bleibt bei unserer Verabredung, sagte Charles gerade in
diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er
nachher fest in der seinen behielt -- es bleibt dabei und -- =keine
Ausnahme=.

Ich wei nicht, sagte Polly piquirt, was du immer mit der
Ausnahme meinst, da du die mit einem so bedeutenden Ton erwhnst. --
Wenn ich einmal etwas sage, so kannst du dich darauf verlassen.

Polly, meinte Charles lchelnd, ich habe dir schon einmal gesagt,
da mir von zwei Personen als ganz gewi mitgetheilt ist, du habest
dich mit dem einen Franzosen versprochen.

Polly zog ihre Hand rasch aus der seinen und rief rgerlich--

Mit einem Franzosen; ich dchte doch du kenntest mich besser, als
da ich mich an einen der Parlewus hngen sollte. Da er mir den Hof
gemacht hat weit du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen.
Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn du nun noch einmal--

Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das
Mdchen schrack so auffallend zusammen, da es Charles selbst in der
dunklen Flur auffallen mute.

Hallo! sagte er leise und horchte -- Polly wollte nach dem Hof
zu gehen, er fate sie aber am Arm und flsterte: bleib nur einen
Augenblick hier, Polly -- wir gehen gleich zusammen.

Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehrt, die fast geruschlos aber
rasch die Treppe hinaufgingen. -- Sie verriethen, da der welcher
diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mute.
Charles mochte das wohl auch fhlen, denn als die Tritte mehr nach oben
verhallten und die Stufen jetzt kaum hrbar im zweiten Stock knarrten,
sagte er leise vor sich hinlachend:

Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwren. --
Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie?--

Das Mdchen stand einen Augenblick wie unschlssig da -- sie
erwiederte kein Wort. Endlich als oben eine Thr leise aufging und
wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu
dem jungen Manne sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken
beschftigt:

Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.

Fr so dumm htt' ich ihn nicht gehalten, meinte Charles trocken,
-- doch Matrosen wissen berhaupt nicht ihr Geld zu wahren. -- Gehe
aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein
Verdacht auf dich fllt.

Aber Charles--

Aber Polly -- Und nicht etwa ein Zeichen gegeben. -- Ich gehe nicht
fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen -- _good bye_, Polly
-- Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen knnen, morgen
Mittag aber komm ich her und sage dir Antwort, und -- la der Alten
nichts merken. Damit nahm er die sich nur schwach Strubende ohne
weitere Umstnde beim Kopf, kte sie herzhaft ab und ffnete dann
selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thr, hinter der
er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar
kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen,
machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschftigung, wischte
die Tische ab, und trocknete die Glser aus.

Noch war sie mit dieser letzten Arbeit beschftigt, als dicht vor dem
Fenster, drauen auf der Strae, dreimal mit einem schweren Stock
aufgestoen wurde -- sie erschrack so heftig darber, da sie das
eben erst aufgenommene Glas fallen lie, wobei es in Scherben brach.
Whrend Mrs. Mac Carther noch darber zankte, standen die beiden
Mnner, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das letzte aus was
sie noch im Glas hatten, und verlieen langsam das Zimmer. Das diente
ebenfalls nicht dazu Madame in bessere Laune zu bringen.

Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden fr einen Sixpence
verzehrt hat -- und dafr mu man Licht verbrennen und Glser
zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen htte, so wrden die Tische
und Bnke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als da sie mit hlfen
das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Miggang zu
bestrken, und Einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.

Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren
war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber niemanden
bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen,
als er schwere Schritte auf der Hausflur hrte. Er war noch nicht
ganz hinter dem Schenktisch vor als die Thr aufging, Charles den Kopf
hereinsteckte und sagte:

Mr. Mac Carther, auf ein Wort.

Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug
ihr fast hrbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. -- Die
Mnner gingen zusammen die Treppe hinauf -- sie konnte es endlich
nicht lnger aushalten, ging an die Thre und ffnete diese. -- Oben
entstand Gerusch -- ein Schlssel wurde im Schlo umgedreht und dann
angeklopft -- Alles ruhig -- im nchsten Augenblick schallte ein Lrm
herunter, als ob eine Thr aufgebrochen wrde.

Polly -- rief Mrs. Mac Carthers Stimme -- Polly drehte sich um
und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die
Mittelthr ins Zimmer -- Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur
mglichen Getrnke wurden verlangt, und Polly htte gerade in diesem
Moment Gott wei was dafr gegeben, nur wenigstens eine ungestrte
Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe
herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehrt und das Gerusch
verlor sich auf der Strae. Fast in demselben Augenblick kam Mr.
Mac Carther herein, warf die Thr hinter sich zu, da die Fenster
klirrten, griff seinen Hut auf und strmte wieder hinaus.

Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin --
Gott sei Dank, da es vorbei ist.

Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er
zu diesem freundlich:

Mr. Mac Carther, wollten Sie wohl die Gte haben, mir das kleine
Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschlieen. Ich und meine
beiden Freunde hier -- die zwei Mnner, die zum Aerger seiner Frau
so lange an dem Nobbler[5] getrunken hatten -- wnschen sich die
Gelegenheit zu besehen.

Mit dem grten Vergngen, sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche
Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die
Treppe vorne hinauf. -- Er hatte keine Idee von dem Schreck der ihm
bevorstand.

Charles kannte nur zu genau den Ort wo er zu suchen hatte. Als sie die
Thr von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und
Jean sah sich im nchsten Augenblick in Eisen und den Hnden eines der
Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden, nach schon
frher erhaltenem Befehle, direct zur Wasserpolizei hinunterfhrte.

Der Wirth war ber diese Entdeckung, die ihn in die grte
Unannehmlichkeit bringen konnte, auer sich, und suchte sich nur vor
allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner
Unschuld und gnzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu
vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber ihn zu beruhigen,
und er versicherte Mr. Mac Carther daher, da er recht gut wisse, der
Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze
Strae herauf bis in's Haus und an die Thr gefolgt, und er glaube der
Franzose habe sich hier nur herein geflchtet, weil er jemanden hinter
sich bemerkt habe der ihm nachschliche, dadurch vielleicht seinen
etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja
nicht wissen, da dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt
sei.

Mr. Mac Carther drckte ihm die Hand, fate ihn dann unter den Arm
und fhrte ihn, whrend der eine der Leute mit dem Gefangenen abging,
etwas bei Seite.

Mr. Charles, flsterte er hier leise und vertraulich -- nicht
wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfd. St.
per Mann gesetzt -- wie? ich habe es heute Abend erst gehrt und wollte
Sie morgen frh selber aufsuchen.

Allerdings, erwiederte ihm Charles lchelnd -- haben Sie eine
Spur?

Eine Spur? sagte Mac Carther leise, und kniff den Polizeidiener
vertraulich in den Arm -- wollt Ihr ein hbsches Trinkgeld verdienen,
Freundchen?

Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinber, hielt
seinen Mund dicht an das Ohr des Wirthes und flsterte:

Nicht wahr, wenn ich hinber an das North Shore in Kennedy's alte
Htte ginge?

Mac Carther machte sich rasch von ihm los, und sah ihn erschreckt an.
Charles lachte. -- Ja, ja, mein alter Fuchs, fuhr er dann lauter
fort, manche Nasen sind schrfer als man es ihnen zutraut -- meine
reicht bis zum North Shore hinber -- und noch mehr fuhr er wieder
mit unterdrckter Stimme fort -- unten am Werf liegt schon ein Boot
mit zwlf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind
wir an Ort und Stelle, und bermorgen frh segelt der Boreas. -- Der
Wind ist gnstig und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend,
Mac Carther-- und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt,
zur Thr hinaus auf die Strae. Mac Carther aber strzte, wie schon
erwhnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch
er konnte, nach einer anderen Richtung hin zum Wasser hinunter.

Charles hatte seine Maaregeln aber viel zu gut und sicher getroffen;
auerdem kannte er den Platz selber schon genau, und zwei seiner Leute
muten den ganzen Nachmittag dort in der Nhe versteckt liegen und auf
die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel
von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fhlten, schon
verrathen und verkauft.

Das Boot landete, zwei Mann lie man schwer bewaffnet als Wache dabei
zurck, die kleine Htte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft
des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade
in der Stadt waren Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen
gelegt. Die beiden kamen gerade zurck als die Polizei in das Haus
drang und flchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen
versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus
konnten in der Bay liegen sehen, wirklich abgesegelt war.

Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstie,
scho ein anderes kleines scharfgebautes Boot, mit zwei Mnnern darin,
in eine kleine durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von
diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte
die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte
aber allen Grund auf den richtigen Mann zu rathen, und rief dehalb auf
gut Glck nach dem Lande zurck.

Guten Abend, Mr. Mac Carther.

Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Bschen und
das kleine Boot ruderte, eine halbe Stunde spter, mit denselben beiden
Mnnern nach der Stadt zurck.

       *       *       *       *       *

Am Montag Morgen wehte vom groen Mast des Boreas die Signalflagge fr
die Wasserpolizei. Alles andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an
Bord, vom Anker schon alles Unnthige an Kette eingeholt, und die Segel
hingen gelst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und
die Brise konnte zum in See Gehen nicht gnstiger sein.

Eine Viertelstunde spter schossen um das Castell zwei schmale lange
Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen die sie an Bord
brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die nothwendigsten Arbeiten
zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten.

Die Gefangenen trugen smmtlich Handschellen. Da es zu viele waren,
und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch frchten mochte,
lie sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen
sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine
heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene
mute dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen
ab, die Boote lieen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff
treiben.

Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch
schon wieder an Bord; der Capitn hatte sie bei Mr. Mac Carther,
durch Charles Vermittelung einlsen lassen, denn er konnte die Leute
natrlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits
brigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wute recht gut,
aus wessen Casse das Geld bezahlt werden mute. Die Matrosen schienen
jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu
haben, da es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich
hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel
gelst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewiheit ihres
Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten.

Am meisten freute sich aber der Zimmermann ber das Einfangen derer,
die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmhlichen Zustand
zurckgelassen, und er konnte nicht umhin Bill sowohl als Jean ganz
besonders um ihr Befinden zu befragen.

Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber
gerade ins Gesicht, denn er mute trotz seiner jetzt keineswegs
angenehmen Lage doch unwillkrlich an die trostlose Gestalt des
Zimmermanns denken, als sie ihn vor 14 Tagen, mit dem Knebel im Munde,
in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine
Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch.

Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit wieder in
ihre Boote zurckzukehren -- als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm
fate.

Ah, Jean? sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu
ihm -- noch etwas zu bestellen am Ufer? -- werde es mit dem grten
Vergngen zur Besorgung bernehmen.

Weiter nichts als diesen Brief -- sagte der junge Mann, ohne seine
Freundlichkeit weiter zu erwiedern -- Ich glaubte nicht, da wir so
bald in See gingen und -- ich wei Sie sind dort im Haus bekannt,
setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu -- wollten Sie vielleicht
so gut sein und ihn an seine Adresse -- aber heute noch -- besorgen?

Charles las statt aller Antwort die Adresse -- _Miss Polly Whitby_
-- _golden cross_ -- soll richtig besorgt werden und zwar noch vor
Tisch, sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut -- sonst
noch etwas, Jean?

Ich danke, weiter nichts, erwiederte der Matrose, und ging langsam
nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker
herauf bekommen hatten. Die Marssegel-Raaen stiegen in die Hhe, das
groe und Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht --
die Clver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind scho das
flchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die
offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde spter befanden sie sich
zwischen den Heads -- den beiden schroffen Felsbnken, die den Eingang
des schnen Sydney-Hafens bilden, und auf deren sdlichem Kamm der
hohe treffliche Leuchtthurm steht.

Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel
wurden etwas angebrat, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas
mit Nordost Cours in die offene See hinaus.




Achtes Capitel.

Die Ausfahrt.


Der Boreas hatte die Heads des schnen Sydney-Hafens kaum hinter
sich, als er, von einer scharfen Sdbrise gefat, pfeilschnell durch
die Wogen scho. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebrat,
da der Wind auch die Klver fllen, und voll in alle Segel
hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt als
die leichteren Segel schon wieder nieder muten.

Gegen Abend wurde der Wind immer strker, und da das Schiff nicht
so stark bemannt war, mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch
handthieren zu knnen, lie der Capitn noch vor Dunkelwerden ein
Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten.

Von den letzt eingefangenen Leuten waren auerdem noch zwei auf der
Krankenliste; der eine englische Matrose, Jack, der schon mit einem
leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose, Hans --
derselbe der damals, bei der Flucht der anderen in Sydney an Bord
geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen, beim
Fttern, eines der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm
die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn
doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mute also gleichfalls die
Coje hten.

Die ganze Mannschaft bestand auer diesen beiden und dem Capitn mit
seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und
Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Englndern, unseren alten
bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und Franois, zwei
Deutschen und einem Jungen.

Der Junge war ein Malaye und gehrte eigentlich, wenn das Schiff
Passagiere fhrte, mit in die Cajte, dem Steward und Koch als Hlfe,
wurde aber jetzt, da er vorne nthiger war, mit in das Vorcastel gethan
und ging seine Wachen wie die anderen.

Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (die erste) waren der Capitn
mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge
Franois; auf der Backbord- oder zweiten Wache, der erste Mate mit dem
Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit
Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen.

Zu seiner vollen Besatzung htte der Boreas die doppelte Mannschaft
gebraucht, der Capitn war aber, wie die Sachen jetzt in Sydney
standen, nur froh mit diesen fortgekommen zu sein und glaubte sich
bis Indien in einem ziemlich gnstigen Monsun auch wohl behelfen zu
knnen. Bei gnstigem Winde, und wenn das Schiff nicht zwischen vielen
Inseln hindurch und aus engen Straen hinauszukreuzen hat, wo die
Mannschaft durch das ewige Wenden erschpft und aufgerieben wird, kann
man auch ein Schiff mit verhltnimig sehr wenig Leuten vorwrts
bringen.

Die Mannschaft sa unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste
Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewhnlich ihren
Aufenthalt haben), beim Schaffen. Zwei groe hlzerne Schsseln
oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdchtig aussehenden
Stck gesalzenem Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem muldigem
Schiffszwieback gefllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte
eine riesige Blechkanne, aus der sich jeder, wie es ihm gut dnkte,
seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr
dnnen und unschuldigen aber kochend heien Getrnk fllte.

Da seid =Ihr= schuld daran, Gott verdamm mich, brummte der
Zimmermann, als er sich eben selber zu einer Tasse Thee half,
wie dies Wasser schmeichelhafterweise genannt wurde -- ich glaube
wahrhaftig sie wollen uns knapp halten, und nun mu ich das verfluchte
Zeug mitsaufen. Koch, du schwarze Bestie, was hast du hier fr eine
Brhe zurecht gebraut? -- ist das Aufwaschwasser da =Thee= -- heh?

Kann nicht helfen, Massa, sagte der Schwarze, der eben die Stiege
heruntergekommen war und seine Pfeife in der kleinen, in der Mitte
schwingenden Lampe angezndet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln
und that als ob er selber sehr betrbt darber sei; die groen
rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem
Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, da es ihm nicht gerade
das Schmerzlichste war, den Zimmermann ber seinen Thee entrstet
zu finden. Massa Steward setzte er hinzu, gibt nur ganz kleine
Fingerspitzen voll Thee -- meinte, wenn die Leute jetzt in den Minen
wren, htten sie auch keinen strkeren Thee gehabt -- wre gerade
recht.

Oho, knurrte der Zimmermann -- wenn die Sache so gemeint ist,
werde ich mir meine Theekanne knftig insbesondere halten. -- Spa ist
Spa -- aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.

Er stie seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und
kletterte rgerlich und vor sich hinbrummend an Deck.

Hallo, Doctor (denn der Koch wird gewhnlich auf den englischen
und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden
Titel belehnt), sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe
verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stck Speck aus
der Schssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf -- _shiver
my timbers_, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Fa
Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt
wurde. Wenn der Capitn oder Steward im Sinn haben uns hier, nachdem
wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so wei
ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der
sterbenskrank wird und sich in seine Koje legt, und so lange jeden
Morgen mit dem grten Vergngen eine Dosis Salz nimmt, als der
Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushlt -- was doch hoffentlich
nicht so entsetzlich lang dauern soll. Seine Segel kann =er= nachher
allein herber und hinber brassen.

Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der
Luke stand, und sagte dann leise:

Massa Bill, Timor (wie der malayische Junge nach der Insel von
der er stammte), genannt wurde -- Timor hat gehrt wie Capitn zu
Steward sagte -- alte Fa wieder aufzumachen und den Leuten zu geben --
wollte Schufte schon =zwiebeln=, hat er gemeint.

So? -- das nennt er also zwiebeln? lachte Jean, Alter, Alter, ein
zu straff angespanntes Tau reit leicht und -- wir sind noch nicht in
Calcutta.

Nur sehr gut ist, da Zimmermann mittrinken und essen mu, lachte
der Doctor -- wird auch mit =gezwiebelt=, hi, hi, hi, fr seinen
guten Willen.

Ja; aber Hans kriegt ja auch nichts besseres, sagte der andere
Deutsche, und der hat doch ebenfalls keinen Fu in Sydney von Bord
gesetzt.

Der hat aber nicht sagen wollen wo wir hin sind, murrte Bill, und
dehalb wird er natrlich mit uns ber einen Kamm geschoren. Wenn
wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back
htten, liee sich das alles aber schon machen. Im Zwischendeck
liegt nur Heu und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der
Vorrathskammer kommen -- doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen
eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weien Fu dadurch machen
knnte.

Steward ist der Schlimmste, sagte der Doctor, aber noch leiser
als vorher -- hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal
durchgeprgelt hat -- will's wieder gut machen.

Da ich ihm nicht zum zweitenmal auf den Pelz komme, brummte Jean
zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch. -- Diesmal mcht's
besser frdern -- der Wille ist wenigstens da.

Brassen! lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter,
und Brassen rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die
Back nieder -- Brassen, Boys -- Donnerwetter, macht nicht so lange da
unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.

Schade, da Massa Spahn nicht am Lgen erstickt, lachte der Koch
und sprang vorneweg die Leiter hinauf.

Bis acht Uhr Abends und zwar von Morgens fnf Uhr an, hatte er die
Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wacht bis zum
anderen Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder
doch wenigstens zur Arbeit fr einige Zeit unfhig waren, mute er so
lange des Capitns Wache mithalten, und durfte dafr, um doch seinen
gehrigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen.

Die Raaen muten vierkant gebrat werden. Der Wind drehte mehr und
mehr nach Westen herum, so da er jetzt von hinten in den Segeln lag,
und um 12 Uhr schon gingen sie ber Backbord Bug mit halbem Wind, und
es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dicht gereeften
Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch die
kochende schumende Fluth. -- Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom
Lande aber herberwehend konnte keine so gewaltige See stehen, wie das
der Fall gewesen, wre er von der anderen Seite gekommen. Das Schiff
brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen
Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine 10 Miles die Stunde.

Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die,
noch nicht an unruhige See gewhnt, gleich vom ersten Anfang an in
solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten
Morgen und eines hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen
bekommen und gebrochen, und mute, da hier keine Mglichkeit war es zu
heilen, mit den anderen beiden ber Bord geworfen werden.

Das Fttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen
immer von denen, die gerade auf Wacht waren, und man kann sich denken
da die Leute, noch auerdem unfreundlich vom Capitn behandelt, eben
nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter
den gnstigsten Verhltnissen ungewohnt und zuwider ist.

Hierzu kam noch da die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs
wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann
durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die
fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bndigen
waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Noth der Gefahr entgingen,
von den wthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu
bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und
Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein Paar der
boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte
schon Vorschlge, wie man die smmtlichen Bestien, wie er sie
nannte, mit einemmale vergiften und loswerden knnte.

Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann that sein Bestes die
Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen
hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, da sie
bessere Provisionen haben sollten, wenn ihm der Capitn und Steward
nur erst nicht mehr so auf die Finger shen. Damit muten sie sich
aber fr jetzt begngen, denn fr den Augenblick lie sich darin
noch nicht viel ndern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging,
mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann lieen sich
dort aber nur ein einzigesmal blicken. -- Sie hatten immer ungemein viel
andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun.




Neuntes Capitel.

Hans.


Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Sden herum und wurde
schwcher. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas
kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel
strkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren
Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem
Dutzend Wasserfssern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden,
und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schrg
einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das
aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herber und hinber,
da die Raanocken manchmal fast die Wogen berhrten. Es sah oft aus,
als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten wrde.

Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. --
Noch an dem nmlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten
sich die Brust, mit der sie fortwhrend gegen die Querbalken geworfen
wurden, vollkommen aufgescheuert.

Capitn Oilytt war wthend darber; er stieg selber in den unteren
Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere
befanden, fluchte und lrmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur,
er wolle den letzten Mann von der Ruberbande, die er jetzt an Bord
habe, zu Tode -- oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch
noch einem seiner Thiere nur das Fell geritzt wrde.

Capitn Oilytt hatte eine andere Tugend an sich -- =er trank=. Nach dem
Mittagstisch nahm er seinen Verdauungstropfen, wie er es nannte --
ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heiem Wasser gefllt und mit
etwas Zitronensaft versetzt -- er verschmhte Zucker. Dabei blieb es
aber nicht. -- Dem Verdauungstropfen folgte ein anderer und noch
einer, bis sein Gesicht glhte und manchmal ordentlich Funken zu
sprhen schien und in solchem Zustand sah er sich gewhnlich nach ein
wenig Sport oder =Vergngen=, wie er meinte, um, und stieg auf Deck
oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt
in den Weg kam, oder Ursache zu Mifallen gab. Er verschmhte es oft
nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer
Gesell und berdem Capitn des Schiffes war, also vor Gericht stets
das Recht auf seiner Seite hatte, hteten sich die Leute auch wohl, wo
sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm
lieber aus dem Wege.

Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich
stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours
haltend, an der Kste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf.
Der Capitn hoffte am nchsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen,
zwischen denen hinein er durch die Torresstrae seine Bahn suchen
wollte.

Die Torresstrae ist jene, an Flchenraum ziemlich breite Strae, die
im Sden von der nrdlichen Kste Australiens, im Norden durch
die groe noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber
dermaen mit Inseln und Sandklippen berstreut und von Korallenriffen
durchwachsen ist, da die Passage, selbst bei gnstigem Wetter, immer
gefhrlich bleibt und die grte Umsicht erfordert; bei strmischem
Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt da gerade in
dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heie
australische Kste hervorgerufen, das Wetter hchst unbestndig ist,
und Nebel und pltzliche Ben etwas sehr gewhnliches sind, vor denen
sich die Schiffer dann natrlich nicht genug hten knnen.

Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthmlichen als gefhrlichen
Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen
aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen
Kste, ber tausend Fu steil und schroff, manchmal bis an die
Oberflche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so
weit ber dieselben emporragend, da mehr als das Schumen der auf
ihnen berstrzenden Brandung sichtbar wre, und dem Schiffer die
Nhe seines gefhrlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht
zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weien Gischt des erregten
Wassers empor, und kndet die Grnze irgend eines in einem schmalen
Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, whrend dicht davor, ja
vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschliet, das
ganz dunkelblaue Wasser die fast unergrndliche Tiefe zeigt. An vielen
Stellen ragen die Korallen bis zur Oberflche empor, whrend dicht
daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, ber 260 Faden, also 1560
Fu, Tiefe sind.

Mit der australischen Kste von Sden nach Norden gleichlaufend, zieht
sich nun eine frmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil
aufschieenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da
laufen schmale gewundene und natrlich hchst gefhrliche Eingnge
in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner stlichen
Strmung mit aller Kraft und Strke bricht. In einigen Meilen
Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige,
ununterbrochene Kette weien Schaumes, die sich von Sden nach
Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht
hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und
da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin
auf die innere spiegelglatte und stille Fluth fhrt.

Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer
noch nicht gesagt da es darin auch weiter kann, da dieser nmlich
eine frmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine
starke, gewhnlich nach Nordwesten setzende Strmung droht ihm
zugleich fortwhrend in dem engen Fahrwasser, mit den nrdlich von ihm
liegenden Klippen, whrend er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich
vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander
gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen wrden.

Der Capitn war an dem Tage besonders mrrisch gewesen. Er hatte sich
mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen
wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich
nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darber schien er mehr
als seine gewhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen.
Da fiel ihm aber mglicherweise ein, da er an dem zweiten Mate doch
vielleicht noch einen andern Haken finden knne, da dieser ja auch die
Aufsicht ber das Fttern und Halten der Pferde hatte. Er beschlo
deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen
wie sich seine Pferde befnden. Er rief den Steward, ihm mit einer
Laterne zu folgen.

Jean stand am Ruder und Bill sa nicht weit davon auf dem Quarterdeck
und besserte das dort ausgebreitete groe Marssegel aus, das in der
letzten B beschdigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran
mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn.

Hans und Franois, die beiden brigen auf Wache, waren gerade im
unteren Raum mit dem Fttern und Trnken der Thiere beschftigt. Hans
hatte sich wieder so weit erholt, da er wenigstens herumhinken und
die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser
geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu
Koje.

Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schnes setzen, meinte Jean
mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm sa, und nachdem
er erst einen vorsichtigen Blick ber Deck geworfen. -- Der Mann am
Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden,
damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compa und Segeln zuwenden
kann; der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein
paar Tropfen weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach
einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon
anfinge. -- Dort hat er aber niemanden. Franois versteht nicht was er
sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder
vollschlge.

Das la gut sein, meinte Bill kopfschttelnd, Hans lt viel
mit sich machen; wenn es aber zum Aeuersten kommt, traut' ich ihm
gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht
gefllt, und mu seine ganz besonderen Grnde gehabt haben, in
Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht
geschehen.

Er hat Frau und Kind zu Haus, entgegnete ihm Jean, das wird der
Grund gewesen sein.

Fllt ihm nicht ein, meinte Bill kopfschttelnd, der hat so
wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er
mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte -- er meinte er htte
dem Capitn =sein Ehrenwort= gegeben an Bord zu bleiben, und das knne
er nicht brechen.

Den Teufel auch? rief Jean rasch und erstaunt -- das htt ich
Hans gar nicht zugetraut. -- Es ist berhaupt ein sonderbarer Kauz,
und so wenig er damit auslt, spricht er doch jedenfalls auch
franzsisch. -- Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum
Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei
ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.

Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wre, sagte
Bill. Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind
ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig
machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den
einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten
Kreideksten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwlsch
dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich _dutch_. -- Hallo,
da unten gehts los -- hrst du's Jean?

Ich hab's mir vorneherein gedacht, sagte dieser gleichgltig. --
Da er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Hllenhund
schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange
herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergngen herausstbern
konnte.

Hm! sagte Bill, da unten ist's laut -- hallo, da kommt der Alte
zu Luft -- Donnerwetter, was er fr einen rothen Kopf hat -- wahrhaftig
ich glaube er blutet. Na jetzt werden wir was Neues hren, und mit
unendlichem Flei, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit
aufgesehen, machte er sich wieder ber das alte, von Wetter und Zeit
schon arg mitgenommene Marssegel her.

Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitn
hinunter kam, standen Hans und Franois eben und trnkten die Pferde,
von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnoperten
und scharrten und schnaubten, stieen mit der Nase nach dem Eimer, oder
versuchten auch wohl mit einem Vorhuf hineinzufhlen, wie sie einen
schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen wrden, ob er auch
stark und sicher genug wre sie zu halten.

Es war natrlich sehr dunkel im unteren Raum, denn das wenige Licht
was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die
beiden Windfnge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter
niedergelassen sein muten, den Dunst der Pferde, der sonst nirgends
Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzufhren. Die Hitze
war dadurch auch in der That sehr gemigt worden, und wenn man sich
erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewhnte sich das Auge
eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstnde, gegen die der eben
Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden.

Als der Capitn hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten
Schritten ber eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die
Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden
hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm
natrlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das erste was die
beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitns erfuhren, war ein
entsetzliches Schwren und Fluchen ber die erstlich, die in ihrer
verdammten Nachlssigkeit das Werkzeug dort hatten stehen lassen,
und dann ber die ganze nichtsnutzige, diebische, strickwerthe
u.s.w. Schiffsmannschaft.

Parbleu, sagte Franois leise auf franzsisch zu Hans -- denn
die beiden sprachen einem Verstndni gem, das sie unter sich
getroffen, der eine sein Franzsisch und der andere sein Deutsch, womit
sie vollkommen gut auskamen -- der Alte ist heut' in einer besonders
rosenfarbenen Laune. -- Ich gb' 'was darum wenn er dem Fuchs da
drben ein bischen nahe kme. Er und der wrden's dann bald zusammen
kriegen.

Der Fuchs, von dem Franois sprach, war das bsartigste Thier im
ganzen Schiff, und Hans der einzige der ihm selbst Wasser oder Futter
geben durfte. Sobald sich nur ein anderer der Leute ihm nherte, und er
nur eben glaubte, sie mit seinen Zhnen erreichen zu knnen, fuhr er
wie ein Tiger aus seiner Hhle zwischen den beiden Querbalken mit dem
Kopfe durch, und Gnade Gott dann allem was er erwischte. Die brigen
Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstnde gefgt, obgleich
sie trotzdem noch immer gern nacheinander bissen und schlugen.

Was gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier
herunterkommt, erwiederte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend als
auf die Bemerkung des Anderen antwortend. -- Komm hier, Schwarzer,
rief er dann laut gegen das Pferd gewandt, an dem er gerade stand,
und das nach dem jetzt nher kommenden Licht der Laterne
hinberschnoperte. Es trat ngstlich dabei so weit zurck, als es
ihm das etwas kurze Seil, an dem sein festes Halfter sa, erlaubte --
komm hier, Bursche -- es thut dir niemand 'was -- hier -- sauf dein
Wasser, da die anderen auch 'was kriegen -- Steward! haltet ihm die
Laterne nicht so vor die Nase, wandte er sich jetzt aber rasch gegen
diesen, der indessen mit dem Capitn ganz nahe getreten war und das
Licht so hoch als mglich hielt, um selber darunter wegsehen zu knnen
-- es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird das Halfter am Ende
zerreien.

Der Steward senkte das Licht und wollte zurcktreten, der Capitn
hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des
Pferdes bemerkt -- eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert
hatte und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Krpers nach
hinten zog, frei kam und sichtbar wurde.

Halt, Steward -- gieb mir einmal die Laterne, sagte er rasch --
Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode
schinden, falls ich nicht selber dann und wann darnach sehe. -- Woh
Poney -- woh mein Thier -- _come up here, you damned son of a bitch_ --
_come up here_ -- _w-o-h_ -- da dich die Pest!

Das Pferd durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden
Laute scheu und furchtsam gemacht -- drngte nur immer mehr zurck,
schnrte sich fast die Kehle zu, da ihm die Augen weit aus dem Kopf
traten, sprengte endlich, als der Capitn mit dem letzten, da dich
die Pest den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die
Hhe stie, das Halfterseil, und strzte auf seinen Hintertheil
zurck gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem anderen
Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber lnger als
das andere, so da es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in
die Hhe sprang, drckte es mit aller Kraft hinter die ihm zunchst
stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lrm und die ungewohnten
heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und
stampften, und einen Lrm machten als ob sie das ganze Unterdeck aus
einander reien wollten.

Die Verwirrung hatte ihren Hhepunkt aber noch lange nicht erreicht.
Das einzige Pferd nmlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache
vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerhrt, und nur
vorsichtig gebckt mit zurckgezogenem Kopf, aber lebhaft und
tckisch blitzenden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs
gewesen, von dem Franois vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer
fr seinen nchsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm
der nchste. Dieser stand, nicht das mindeste von der ihm im Rcken
drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitn wieder zugereichten
Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden
gelassen worden. Der aber war nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo
der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zhnen, gierig auf die nchste
Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte.

Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitn
bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, da die
Thiere sich wieder beruhigen mchten. Dieser wollte auch eben dem
Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als
er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstie und die Laterne
fallen lie. Der Fuchs war nmlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf
durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade ber der
Hfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch, ingrimmig zwischen
seinen scharfen ehernen Zhnen eingeklemmt; an Losreien war nicht zu
denken.

Pfui, Fuchs, schm dich! rief Hans, der wegen seines kranken Beines
nicht gleich so schnell hinber konnte, den Gefangenen zu befreien.
Fuchs aber, obgleich er sonst gewhnlich auf seines Ftterers Wort
hrte, schmte sich diesmal nicht, und lie den jetzt Zeter und
Mord Brllenden auch nicht eher los, bis der Capitn zusprang, ihn
zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu
schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zhne diesmal nicht, denn
er stie ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, da er
zurcktaumelte und mit dem Kopf an den gegenberstehenden Pfosten
schlug.

Als er sich wieder in die Hhe richtete, wollte der Fuchs seinen
Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das
freudig und fast hhnisch wiehernde Thier in seine Grnzen zurck.
Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang
hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort
blieb er stehen und schrie nun zurck, das sei eine schndliche
Gemeinheit, denn er habe selber gesehen wie Hans das Thier auf ihn
gehetzt htte.

Tropf, war das einzige was Hans, halb lachend, halb verchtlich auf
die Anschuldigung erwiederte, und er wandte sich dabei wieder nach dem
Rappen um, diesen aufs neue festzumachen, und die anderen Thiere zu
beruhigen und zu trnken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem
Capitn nicht davonkommen, denn Capitn Oilytt, durch Rum, Aerger und
den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schumte fast vor innerlich
kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen
konnte.

Franois merkte das, und drckte sich aus dem Weg, und auch Hans
fhlte, wie der Capitn nur eine Ursache suche mit ihm anzubinden;
that aber als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die
Sache bekmmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder
eigentlich sich selber erst Aufreizenden: Ihr verdammten Hallunken
hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich mu Euch
nur erst einmal die Katze zu fhlen geben, lie er deshalb auch
unbeantwortet, und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch
Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, da er ihm das
Halfterseil wieder anknoten konnte.

_You, Sir, there_, rief aber der Capitn, ich spreche mit Euch --
Gott verdamme es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben wenn
ich mit Euch rede? -- Was ist das hier fr eine Wirtschaft unten? --
Ueberall liegt das Geschirr herum, da man Hals und Beine darber
bricht -- die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden,
da sie sich einander zu Schanden schlagen mssen -- _damn it to hell
and damnation_, ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch alle
mit einander krumm schlieen und abpeitschen.

Hans zuckte zusammen, als ob er schon einen Schlag empfangen htte,
und hielt einen Moment, wie unschlssig was er thun solle, in seinen
Bewegungen ein. -- Was ihm aber auch fr Gedanken im Kopfe herum
gegangen waren, seine Vernunft siegte.

Geduld -- Geduld, murmelte er leise, wie eine Art
Beschwrungsformel vor sich hin, und griff eine andere, neben ihm
liegende Mistgabel auf, um das den Pferden kurz vorher gegebene und
jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitn mochte
aber wohl die leise geflsterten Worte gehrt haben, denn er sprang
rasch auf den Mann zu, fate ihn am Kragen und rief wthend:

Was murmelt der Hund -- willst du auch noch gegen mich knurren? Einen
Muks noch, Canaille, und ich schlage dir den tckischen Schdel bis
in den Kragen hinunter! Und er ri bei den Worten dem, nicht den
mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie
drohend, wie zum Schlag in die Hhe.

Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm
starr ins Gesicht -- er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein,
auf dem er zu lange gestanden, fing ihn pltzlich so an zu schmerzen,
da er sich an dem nchsten Pfeiler halten mute.

Faule, schuftige Bande, schrie jetzt der Capitn in fast trunkener
Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand
aufzuheben, gegenber -- die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem
Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat
Maulaffen feil -- Wird's bald, und kriegen die Pferde heute noch etwas
zu saufen.

Hans wandte sich um, als er aber auf sein Bein trat, knickte er
zusammen und konnte sich nur mit Mhe aufrichten, suchte aber doch mit
uerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeien. Er hatte dabei die
Laterne umgestoen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in
die Hh und hing sie in einen dazu bestimmten Haken.

Ungeschicktes Vieh, sagte da der Capitn, und stie ihm, noch
whrend er damit beschftigt war, den Stiel der Gabel gegen den
Nacken.

Capitn! knirrschte aber auch in diesem Augenblick der
Gemihandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zhnen hindurch --
ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Krften stand, gethan,
und keine Mihandlung verdient!

Bestie! schrie jetzt ordentlich jauchzend, da er eine gegrndete
Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitn, und drehte die
Gabel in der Hand um, da er das schwere Eisen nach oben schwang
-- willst du muksen? und im nchsten Moment fuhr das Instrument
sausend nach dem Kopfe des Matrosen -- aber es traf nur den Pfosten,
und whrend die Pferde wieder in wilder Scheu zurckschreckten und
stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust
des Capitns Kehle, und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden.




Zehntes Capitel.

Die unterbrochene Execution.


Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgngen
lag der Capitn, mit Essigumschlgen ber den Kopf, in seinem Bett in
der Cajte, und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen
in einer kleinen Art von Behlter des untersten Raumes dicht neben dem
Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der
Capitn hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und
wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. -- Er
hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darber gehabt.

Der Steward lag brigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo
ihn das Pferd gepackt gehabt, bs aufgeschwollen und er wimmerte und
lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser --
er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen
denken. Des Capitns Wache war dadurch so eingeschmolzen da der Koch
mit dazu genommen werden mute, obgleich er sich keineswegs, wie er
sich ausdrckte, ein Vergngen daraus mache.

Es herrschte brigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans
war seines stillen anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen;
dabei gab es keinen tchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und
Franois' Erzhlung, der ja Zeuge des Vorfalls im unteren Raum
gewesen, diente gerade nicht dazu sie gegen den Capitn gnstiger
zu stimmen. Nichts destoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten
gelegt, und die angeborene, fast mchte ich sagen =Scheu=, die in
dieser Hinsicht in den Leuten steckte, lie sie auch von seiner
Bestrafung -- wie er immer gereizt gewesen sein mochte -- als von
einer Sache sprechen die sich von selbst verstnde, und durch Nichts
gendert werden knne.

Der Teufel mu heute in Hans gefahren sein meinte Jack, als die
Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kisten, und um
die hlzernen Schsseln herum, im Logis saen, das htt' ich ihm
gar nicht zugetraut, da er so hitzig werden knnte.

Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt lachte Bill -- s'ist mir schon
ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine _dutchman_ vom richtigen
Stoff wre und nur einen mittelmigen Stahl brauche vortreffliches
Feuer zu geben. Schade da er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich
todtgeschlagen hat, dann wren wir ihn auf einmal los -- er sah sich
dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehrt habe, doch der war
schon an Deck.

Schade fr uns, aber nicht fr ihn meinte Jean nachdenkend --
dem armen Teufel wird's so schlecht genug gehen. -- Ich mchte morgen
frh nicht in seiner Haut stecken.

Sie knnen ihm doch weiter nichts thun als da sie ihn in Eisen
lassen, sagte Carl rasch, das ist fr jetzt Strafe genug, und
nachher mgen sie ihn den Gerichten bergeben. Auf dem festen Land
wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.

Das kommt aufs Wetter an meinte Bill trocken, und schob sich ein
tchtiges Primchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben
Kumpen Thee ausgesplt hatte.

Auf's Wetter? sagte Bob -- wie soll das auf's Wetter ankommen --
wohl die Laune vom Alten.

Ich meine das =Wetter=, behauptete Bill -- nach Recht und Gesetz
wei ich nicht einmal ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter
morgen unbestndig, und es sieht heute gerade so aus als ob wir vor dem
alten miserabeln Riffnest Gott wei wie lange herumkreuzen mssten,
dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht
in Eisen lassen, oder er mu erwarten da ihm einmal ber Nacht ein
Viertel Dutzend Masten ber Bord gehen. Nachher heits wieder auf
Deck und da er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herum laufen
lt, ich dchte dazu kenntet Ihr doch unseren Alten ein klein
Bischen zu gut.

Er darf ihn doch nicht schlagen lassen! rief Carl entrstet.

=Darf= nicht? lchelte Bill verchtlich -- ich mchte sehen
wer ihn daran verhindern wollte. -- Wenn =wir's= thten, wr's weiter
nichts als Seeruberei von unserer Seite -- Rebellion und
Aufruhr und wie die schnen Worte sonst noch alle heien, nach denen
man eines ehrlichen Menschen Hals so lang zieht, da er bis an die
nchste Raanocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen wenn wir
an Land kommen, so mchte ich drei Monat Lohn gegen einen Priem Taback
wetten, da der Capitn Recht bekommt und der Klger, -- wenn sie ihn
nicht gar noch einmal einstecken -- hchstens den Verweis bekommt, sich
in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.

Ich hebe keine Hand gegen ihn auf, betheuerte Carl, wenn sie mich
krumm und lahm schlieen lassen.

Wirst du auch gar nicht 'zu kommen, meinte Bill -- das ist des
Bootsmanns Sache, und da Spahn jetzt berhaupt hier an Bord den
Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschfte
zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann
macht sich vielleicht noch Alles.

Ich glaube auch nicht da ihn der Capitn wird wirklich =peitschen=
lassen, trstete sich Jean, -- er mag wohl den Teufel im Kopf haben
wenn er die Tropfen im Magen sprt -- aber Morgens ist er ja sonst
immer still und ruhig, und flucht nicht einmal besonders viel.

Trau du dem Morgens, brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, ich
hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschft gesehen, und verlang es
nicht wieder.

Bob war, auer Hans, der einzige von der ganzen Mannschaft, der schon
frher einmal eine Reise mit dem Capitn in ein und demselben Schiffe
gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen knnen auch nur
das mindeste darber zu erzhlen. Desto gespannter drehten sich jetzt
Alle gegen ihn um, weil sie glaubten er wrde ihnen nun das, worauf er
anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht frchten mochte
da er dazu gedrngt wrde, stand auf, zndete seine Pfeife an,
und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich nach ihm herunter kam,
hrte jede weitere derartige Unterredung von selber auf.

Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen
Schiffszwieback, auf des Capitns Ordre hinuntergebracht -- auf seine
eigene fgte er aber ein Stck Fleisch und ein Flschchen mit Rum
bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste
glauben; es wrde noch Alles gut gehen?

Gut gehen? lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem
Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt -- gut
gehn? -- was der Capitn thun kann da mir's =schlecht= geht, thut er
gewi, darauf knnt Ihr Euch verlassen, und =er= hat jetzt die Macht
in Hnden. -- Das Blatt hat sich gewendet.

Das Blatt hat sich gewendet? wiederholte der Mate verwundert --
wie meint Ihr das?

Oder es wendet sich vielleicht wollte ich sagen erwiederte der
Matrose und that einen krftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche.
-- Ich spreche schlechtes englisch Mate, und Ihr drft bei mir die
Worte nicht so auf die Wagschaale legen.

Donnerwetter Mann, Ihr sprecht heute Abend ein recht =gutes= Englisch,
besser wie ich's noch je von Euch gehrt habe -- Ihr mt schnell
lernen.

Wenn man den ganzen Tag weiter Nichts hrt, meinte der Gefangene,
bleibt einem ein Bischen hngen, und =andere= Menschen lernen's ja,
warum soll gerade =mein= Kopf von Holz sein.

Nun, lat's Euch schmecken, sagte der Mate, und wenn Ihr das
Flschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden
Balken hinein. Der Lump der Steward knnte wieder aufstehn und herunter
kommen und wenn der's ausschnoperte, wte es der Capitn auch schon
in den nchsten fnf Minuten.

Ist denn der Steward krank? frug Hans erstaunt -- was fehlt ihm?

Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd
gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat, lachte der Mate
leise.

Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt meinte Hans,
kopfschttelnd, hm, hm -- ja, Pferde beien scharf, wenn sie einmal
richtig zufassen -- liegt er denn zu Bett?

Ja -- aber ich kann jetzt auch nicht lnger unten bleiben, ich habe
die Wache an Deck, -- also gute Nacht Hans -- und damit nahm er seine
Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Hh, und Hans
blieb im Dunkeln allein.

Am nchsten Morgen war der Wind ziemlich schlfrig geworden; das
Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar
keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag
die Sonne. Der Logrechnung nach muten sie allerdings dem sdlichen
Eingang der Riffe ziemlich nahe, d.h. fast auf einer Breite mit ihm
sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wre es gefhrlich gewesen zu
nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strmung setzte in dieser
Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so
war die grte Wahrscheinlichkeit vorhanden, da sie gegen die Riffe
getrieben werden muten. Auerdem konnten sie dabei unter keiner
Bedingung vor Anker gehen -- mit ihrer lngsten Lothleine htten sie,
dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden.

Der Morgen war so vorber gegangen, ohne da der Capitn auch nur ein
Wort ber den Gefangenen erwhnt htte. Erst mit sechs Glasen (drei
Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen.
In Sd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede
Wahrscheinlichkeit vorhanden, da sie eine hliche Nacht bekommen
wrden.

Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig.
-- Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe
hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des
groen Mastes stehen. -- Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch
schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls
befand, erschpft fhlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm
stehende Fleischfa, und erwartete dort die Ankunft des Capitns, der
gleich darauf ber das Quarterdeck herber auf ihn zu kam.

Capitn Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus -- er war
glhend roth im Gesicht, und ber der Stirn sa ihm ein breites und
langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt
in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur
fr kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete --
er schaute unruhig ber sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf,
nach den Wolken hinber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer
fast nur halblauter Stimme _all hands on deck_ zu rufen und aufs
Quarterdeck zu bringen.

Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans,
Keiner aber, auer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und
freundlich zuzunicken.

Um des Gefangenen Zge spielte ein leises schmerzliches Lcheln, --
aber sein Blick suchte wieder die im Sd-Westen aufsteigenden Wolken,
die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie
unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben
ihm stand hatte den Blick gesehen und sagte leise:

Du hast recht Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter und wenn der
Alte nicht bald Segel --

Des Capitns Stimme unterbrach ihn hier. -- Dieser war bis dicht an die
dnne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem
unteren Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt
die Mannschaft mit lauter aber doch nicht fest klingender Stimme an:

Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet, so hat gestern der deutsche
Matrose da -- knnt Ihr nicht aufrecht stehn, Sir, wenn man zu Euch
spricht? -- heh? -- Hans versuchte sich aufzurichten, mute sich aber
immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Beine gegen
das Fa zu sttzen.

Sein Bein thut ihm noch weh, sagte der zweite Mate leise zum
Capitn, hinter dem er stand.--

Sein Bein soll verdammt sein, erwiederte dieser barsch und laut,
brigens hab ich Euch nicht gefragt Sir, da Ihr Euch hier das Wort
erlaubt.--

Ich meinte nur.

Ihr =habt= Nichts zu meinen, Ruhe Sir -- Gott verdamme mich, ich will
Ordnung hier an Bord haben, oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde
gehn -- und Gnade Gott allen denen, ber die ich vorher noch weg mu.
-- Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose,
sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit
zurecht wie, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar
einen mrderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der
Dunkelheit des unteren Raumes und der Lokalitt begnstigt, mit irgend
einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden
warf.

Ich htte meinen Hals verwettet, flsterte Bill dem neben ihm
stehenden Jean zu, da er's akkurat so herausbringen wrde. -- Ein
Advokat htt's nicht besser machen knnen.

Dem Gesetz nach knnte ich ihn nun bis Indien -- fuhr der Capitn
fort, schwer geschlossen im unteren Raume lassen. Da wir aber
berdies schwach bemannt und einige von uns noch dazu krank sind, so
drfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten
knnen. Ganz ohne Strafe soll er aber natrlich, bis ich ihn in
Calcutta den Gerichten bergeben kann, nicht wegkommen, und der
Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen funfzig Hiebe aufzhlen
-- als =Warnung= fr jeden Einzelnen unter Euch fr die Zukunft. Ihr
habt mir in Sydney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir
hier an Bord wenigstens nicht lnger von Euch auf der Nase herumspielen
lassen, oder mich gar Euren mrderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann
-- thut Eure Schuldigkeit.

Er wandte sich um als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen
Stimme hielt ihn da zurck; er blieb mitten im Gange stehen, drehte
sich aber nur halb nach diesem wieder um.

Capitn, sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Mund wollten, so
erstickte die innere frchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach
auch sehr langsam, wie er immer that wenn er sich des Englischen
bediente. -- Capitn -- in Sydney haben fast alle Euer Schiff
verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein =Wort= gegeben hatte zu
bleiben.

Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise fr
dich in Hnden hatte, lachte der Capitn und drehte sich wieder ab
-- nicht wegen deines Ehrenworts.

Capitn, rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie mit
vollen Strmen aus dem Herzen herauf ins Gesicht stieg -- ich blieb,
weil ich mein =Wort= gegeben -- und ich gebe es Euch hier noch einmal --
nehmt die Strafe zurck. Ihr wit selber, wie Ihr mich gereizt habt.
-- Ich war meiner Sinne nicht mchtig als ich nach Euch schlug -- aber
nur mit meiner nackten unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott. -- Nehmt
die Strafe zurck und ich will arbeiten, da mir das Blut unter den
Ngeln vorkommt -- oder in Eisen liegen wie Ihr wollt -- ich will nicht
murren. -- Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod -- behaltet
zur Strafe fr mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient
habe -- aber -- aber -- keine Schlge.

Der Capitn war stehen geblieben, aber allem Anschein nach ohne den
Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. -- Er wandte
sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell:--

Hab' ich Euch nicht befohlen Eure Schuldigkeit zu thun? -- Wir haben
keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf -- Bob --
Jim -- bindet den Gefangenen an die Leeseite -- nur mit den Hnden --
er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder -- wenn ihm das bequemer ist,
auf die Kniee niederfallen.

Capitn! schrie aber jetzt Hans pltzlich, als die beiden auf ihn
zutraten, mit lauter fast drohender Stimme, und in so reinem, flssigem
Englisch, da selbst der Capitn sich erstaunt nach ihm umschaute --
Ihr =wit=, da ich mein Wort halte, aber beim heiligen Gott des
Himmels, der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt,
denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich
ihn im nchsten Augenblick, wo ich die Hnde frei bekomme.

Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen da du
die Hnde nicht frei bekommst, mein Bursche, lachte der Capitn
hhnisch -- Gott verdamme es, wie der Kerl auf einmal so gut englisch
spricht -- das bringt die Angst heraus. Also =Mord= -- gut Sir, wir
werden's nicht vergessen. -- Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt
gut auf, oder ich la Euch auf Euerm eigenen Rcken zeigen wie man's
machen mu. Allons, Bob -- Jim -- Pest, noch einmal Burschen, soll
ich's Euch zum =drittenmal= sagen?

Die beiden hatten unschlssig dagestanden. Dem directen Aufruf des
Capitns wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern, und fhrten
den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und
den Rcken entblten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen
wunderbaren Zeichen tttowirt, und auf der ersteren hatte er noch
auerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie
banden ihm die Hnde hoch in die Hhe, aber er sprach kein Wort mehr,
und lie alles ruhig mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen
ein schon bereitliegendes noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich
das eine Ende davon um die rechte Hand, und trat auf den Gefangenen zu.

Indessen hatte es schon lange im Sdwesten geblitzt, und es folgte
gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, da Alle,
die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschftigt gewesen, erschrocken
aufsahen.

Werft die Bramsegelfalle los, schrie aber jetzt auch der Capitn,
der auf einmal fand da ihn das Wetter ganz pltzlich berrascht
hatte. -- Bramsegel fest -- schnell -- Falle los -- Donnerwetter,
Zimmermann, lat den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.

Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu
sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nchsten
Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelsten Tauen und
flatternden Segeln. -- Niemand kmmerte sich um den Gefangenen, der
noch mit entbltem Oberkrper an den Wanten hing.

Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestrmt.
-- Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon
dick und dster, und das Wasser fing an sich vor der andrngenden
Gewalt zu kruseln und zu ghren. Die leichteren Segel waren indessen,
so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht,
die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone
Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel
zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und
die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelsten Raaen, als ob
sie der kommenden Windsbraut ngstlich entfliehen und hinaus ins Weite
wollten.

Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen
Bemannung. -- Smmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel
zu reefen -- und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das
Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, ri das
groe Marssegel mit =einem= Schlag, wie aus einer Kanone geschossen,
von einander, und in der nchsten Secunde peitschten schon die Streifen
davon um die Raaen. Der Capitn stampfte ingrimmig mit dem Fu.

Soll ich Hans lieber losbinden, da er mit hilft? sagte der erste
Mate zum Capitn, mit dem er allein auf dem Verdeck stand -- der zweite
Mate war mit oben auf der Marsraae.--

Verdammt! nein, rief aber dieser ich traue dem Burschen nicht,
und er soll nicht sagen, da er oder das Wetter mir seine Strafe
abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit
den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann
herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch
hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir
den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.

Der Wind, der indessen eher an Strke zugenommen als nachgelassen
hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit
Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost
da der Capitn, der in den letzten beiden Tagen keine Observation
bekommen, und die Nacht vor der Thr sah, der Nhe der Riffe nicht
mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl.

Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitn auch
wohl einsehen mochte, da unter den jetzigen Umstnden und whrend
der Sturm ber die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe
unter den Leuten weit eher einen bsen Eindruck machen, als sie vor
hnlichen Vergehungen zurckschrecken wrde, befahl er dem jetzt
wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu
fhren -- bis das Wetter besser geworden wre.

Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines
Oberen mit grerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang
rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder ber und stieg mit ihm die
Luke hinunter.

Es kann sich noch alles machen, =Hans=, sagte er ihm hier
freundlich, als er ihn in sein kleines Behltni wieder eingebracht
hatte -- Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glcklich
in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die
ganze Geschichte.

Ich dank Euch fr Euren freundlichen Wunsch, Mate, sagte der
Gefangene dster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute,
allerdings =gegen= des Capitns Befehl, zu verschaffen gewut hatte.
Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tnte schon
das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen
rissen, das Schiff auf den anderen Bug zu legen, und er sprang rasch die
Leiter wieder hinauf.




Elftes Capitel.

Der Sturm.


Als an Deck alles klar war, die nicht durchaus nthigsten Segel
geborgen, die Raaen scharf angebrat standen, lief das Schiff wieder
nach Sden zurck. Sdost lag freilich auf dem Compa an, aber ein
paar Striche trieb es doch noch immer weiter nach Sden hinber, so
da es vielleicht einen SSO-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber
auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitn sa in der Cajte
und trank, theils aus Aerger ber das schlechte Wetter, theils ber
die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm
das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog ber das
andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu,
bald in die Cajte hinunter, das Nthige mit dem Capitn ber die
Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem
Wetter stehe.

Die Karte der Torresstrae lag mit Cirkeln und Parallel-Lineal auf dem
Tisch der Cajte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, da
sich der Capitn heute gerade um seinen Verstand trank.

Um zwlf wollen wir wieder ber den anderen Bug gehen, sagte
endlich Capitn Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte, und das
rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. -- _Damn it_, wir drfen
nicht so weit von der Strae ablaufen, wir haben sonst morgen Abend
wieder dieselbe Geschichte.

Um zwlf mchte wohl ein wenig frh sein, Capitn, meinte der
Steuermann -- ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn
ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch als
ob ich im Westen Land gesehen htte. -- Die Strmung setzt uns hier
sehr stark nach den Riffen hinein, und es wre eine fatale Geschichte,
wenn wir im Dunkeln drauf liefen.

Unsinn, brummte der Capitn und fllte sich auf's neue sein Glas
-- wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung
sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu knnen, und dann soll auch der
Bursche, der Hans, seine Ladung haben -- der Schuft der.

Capitn Oilytt, sagte der Mate ruhig -- ich wrde die Sache sein
lassen, bis wir durch die Torresstrae sind. -- Es ist nicht gut jetzt
bses Blut unter der Mannschaft machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht
anders besonnen habt, knnt Ihr ja immer noch thun was Ihr wollt. --
Er luft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen
liegen ist auch eben kein Spa.

Papperlapapp! rief der Capitn rgerlich auffahrend -- glaubt
Ihr ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesichte
herumlaufen, und den Schuft nicht gezchtigt haben, der es gewagt hat
Hand an mich zu legen? Pest und Gift -- und hinter dem Burschen steckt
auch noch mehr. -- Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sydney mit
fortgenommen, und er sprach fast kein Wort englisch, und gestern Abend,
Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule als ob er in seinem ganzen
Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der
kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher =verstellt=
und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern,
wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusdwales oder
Vandiemensland wre. -- Ich wollte, ich htte frher eine Ahnung
davon gehabt.

Ja, sein englisch Sprechen ist mir auch gestern Abend aufgefallen,
sagte der Mate, nachdenkend -- was sollte er aber fr eine Ursache
haben, seine Sprache zu verstellen?

Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben, fuhr der Capitn,
ein anderes Glas leerend, fort, ich mchte nur wissen wo er die
gekriegt hat -- im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er
gar nicht irgend einen Krieg mitgemacht zu haben -- verdammte Bestie.
-- Und dabei ist mir's immer als ob ich seine grauen Katzenaugen schon
irgendwo einmal frher gesehen htte.

Er mte denn mit in Indien gewesen sein, meinte der Mate.

Indien -- pah -- sagte Oilytt -- die Tttowirungen hat er auch
nicht aus Indien, die sind aus der Sdsee. -- Wo sich der Schuft nur
mag alles herumgetrieben haben.

Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rhrte dieses wthend
zusammen, whrend der Mate, der das nicht lnger mit ansehen mochte,
die Cajte verlie. Dem Capitn gingen aber indessen allerlei Dinge
durch den Kopf -- die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. -- Der
Mann hatte schon mehr erlebt als er wieder erzhlen mochte, und war
allerdings im Stande seine Drohung auszufhren.

Hol ihn der Teufel, brummte er endlich vor sich hin -- er soll
nicht sagen knnen da er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's
Bockshorn gejagt hat. -- Morgen frh, wenn wir gesund bleiben, soll
er seine fnfzig -- Narben oder keine Narben -- richtig aufgezhlt
kriegen. -- Wart Canaille, ich will dir das Fell noch einmal
bertttowiren und nachher kann er sehen wie er sein Wort hlt, wenn
er unten in Eisen krumm liegt. -- Verdammte meuterische Hundeseele.
Mit diesen Worten zog er auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um
sich zum Schlafen zurecht zu legen. -- Das Rckenkissen unter den
Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewhnlichen Stimme, zum
zweiten Mal jedoch laut und rgerlich nach dem Steward -- er hatte ganz
vergessen da der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der
Malayische Knabe in der Thr, und frug was der Capitn befehle.

Wo ist der Steward, der Lump? schrie ihn dieser an -- schon zu
Bett? -- ach ja so, hat eine dicke Seite -- Pest noch einmal, da ich
ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe -- Timor -- Timor!

Ich bin hier, Sir, sagte der Junge, und trat dicht zum Sopha hinan.

Timor -- um zwlf Uhr weckst Du mich -- verstanden?

Ja Sir, -- der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz,
fernere Befehle seines Herrn, mit dem er wohl wute da sich in diesem
Zustand nicht spaen lie, abzuwarten. Der Capitn war aber schon
fest eingeschlafen und Timor drckte sich in seinen Verschlag zurck,
-- wenn es ihm der Mate verstattete -- ein Gleiches zu thun.

Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an,
machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom
Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis
zwlf Uhr Wacht hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen ob sich
nach Westen zu nicht doch irgend etwas erkennen lie. Der Himmel war
jedoch zu bewlkt und die Luft zu dunkel. Ohne da etwas besonderes
vorgefallen wre kam 12 Uhr heran.

Timor schttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich was
er thun =konnte=, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber
auch mit beiden Fen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach
dem ber ihm hngenden Compa. Fnf Minuten blieb er noch etwa,
wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen -- er besann sich
wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst
jetzt, mit einem pltzlichen Ja so -- stand er auf, sah nach der
Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darber auch eben nicht ganz
zufrieden, an Deck hinauf.

Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch
mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine
hliche Nacht. -- Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon
oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Halse zuknpfte.

Guten Morgen, Capitn, sagte er, als er an diesem vorberging --
noch immer um nichts besser -- da hinten sieht's noch hlich aus.

Guten Morgen, Mr. Black -- nun ich denke mit Sonnenaufgang sollen wir
wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drben schon lichter
aus. Sind die Leute an Deck? -- he Bill, wandte er sich zu dem Mann,
der eben vom Ruder abgelst war -- geht noch nicht zu Koje, wir
wollen wenden.

Das Manver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten
dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis alles wieder
in der gehrigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas
nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser ber Bord. Wie der
Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen, und hatte
jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinber setzende Strmung,
anderthalb Strich Abdrift.--

Capitn Oilytt, sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt
waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen
die Wogen ankmpfte. -- Ich glaube wahrhaftig nicht da wir bis vier
Uhr ber diesen Bug liegen drfen. Unserer Berechnung nach sind wir
allerdings noch ber einen Grad von der Kste ab, wir haben aber in
zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und -- es ist
eine verdammt gefhrliche Kste.

Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,
sagte Capitn Oilytt, und stieg voran die Treppe hinunter.

Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den
Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang den das Schiff machte, lie
sich eben nichts besonderes fr die wenigen Stunden frchten. Der Mate
schttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, sicher sei jedenfalls
sicher.

Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr, brummte der Capitn
mrrisch und legte sich wieder auf's Sopha, dort die anderthalb Stunden
zu verbringen.




Zwlftes Capitel.

Die Riffbank.


Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance
ab, die sie nach Log und Compa gemacht, und fand da sie der Kste,
wenn die Strmung hier nicht sehr stark war, etwa um fnf Meilen
nher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein
Mann nach oben gesandt, auszusehen, whrend vorn auf der Back ein
anderer die Wacht halten mute. Es lie sich aber nicht das mindeste
erkennen, und der Capitn blieb bis zu seiner Wacht oben. Gewendet
wurde aber =nicht=.

Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten
weckte, prgte er ihm noch besonders ein, ja fortwhrend Jemand auf
dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung ausshe,
sondern auch =aushorche=, denn sie wrden sie in dieser stockfinstern
Nacht eine Stunde eher hren als sehen knnen. Er ging dann zu Koje,
konnte aber nicht schlafen und wlzte sich unruhig, alle Augenblicke
aufhorchend, auf seinem Bett herum.

Es war um fnf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes
Fenster, bei einem pltzlich herberwehenden Windsto, das ferne
dumpfe Rollen der Brandung zu hren glaubte. -- Mit einem Satz war er
aus dem Bett und an Deck -- einen Augenblick war alles still, dann kam
es dumpfgrollend und deutlich wieder ber die emprte See daher, und
mischte sich in das Heulen des Windes.

Capitn Oilytt, wir sind dicht auf der Kste, rief der Mann
erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den
Capitn zu, der bis jetzt auf dem hinteren Theil des Quarterdecks mit
schnellen Schritten auf- und abgegangen war.

Unsinn, Sir -- was macht Sie das glauben? frug der Capitn, indem
er stehen blieb.

Hrten Sie nichts? sagte der Mate, und hielt die gebogene Hand
trichterfrmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl
lie sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber pltzlich quollen
die dumpfgrollenden Tne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herber,
da sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar weglugnen lie.

Ich hre nach vorn zu auch die Brandung, Capitn, sagte Jean
der am Steuer stand, und schon eine Weile nach der Richtung hinber
gehorcht hatte, gerad' da drben.

Er hat wahrhaftig recht, rief der Mate -- wir sitzen mitten
drinn.

_All hands on deck_ donnerte der Capitn jetzt, ohne etwas darauf
zu erwiedern, ber Deck hin -- schnell Jungen, schnell, treibt mir
die Schlfer aus den Kojen. -- Nach oben ihr Leute, und schttelt mir
die Reefen aus den Marssegeln. -- Rasch, munter, Jungens -- zwei nach
vorn und zwei fr die Besahn -- jetzt fehlt uns das groe Marssegel.
Den groen Klver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Hhe,
was das Zeug halten will.

Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen
an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur
unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das
gewaltige Segel fate bald voll und krftig den Wind. Vor-Bramsegel
los! -- tnte der nchste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der
ungeheuren Last die gegen sie prete, ordentlich bog, als die Schoten
nach dem Nocken flogen und der Wind pltzlich hineinschlug, sie brachen
wenigstens nicht. Das groe Besahn war ebenfalls gesetzt, und das
Schiff bewegte sich etwas schneller durchs Wasser.

Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black? frug der Capitn jetzt
diesen, der neben ihm stand und die Besahnschot befestigen half.

Alles in Ordnung, Sir -- liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte
es berhaupt schon heute frh anschlagen und das alte Segel ausbessern
lassen.

Ich wollte Sie htten's gestern gethan, erwiederte der Capitn --
allons, hinauf damit -- wir mssen sehen, da wir es fest kriegen.
-- Wenn wir nicht Segel setzen knnen, jagen wir unrettbar auf die
Riffe hinauf.

Es ist eine schlimme Arbeit, an Bord eines Schiffes, in solchem Wetter
und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures
Gewicht ein stetes Hinderni bietet. In offener See wre es auch
sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin von der
Kste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefhrlicher als an
irgend einer Kste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die
Marssegel sind durch ihre Gre wie ihren Platz bei solchem Absegeln
gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten,
mute sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht -- brachten sie nicht
mehr Segel auf, so saen sie in einer Stunde zwischen den Klippen.

Die Luke war geffnet, und die Mnner arbeiteten daran das schwere
Segel auf Deck zu heben, whrend der Capitn unruhig vorgebeugt nach
der Brandung horchte, und in der mehr und mehr lichtenden Dmmerung
den weien Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mute, zu erkennen
suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine
der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher gleich in die Marsen
hinaufheben zu knnen. Zuerst mute es aber erst auf Deck vollkommen
dicht gereeft, und so fest zusammengeschnrt werden, da oben der
Wind, ehe es fest gemacht war, nicht hineingreifen konnte.

Capitn Oilytt, sagte der Mate jetzt zu diesem tretend -- wir
sind zu schwach an Hnden -- soll ich Hans vielleicht aus dem untern
Raum heraufholen lassen?

Nein -- sagte der Capitn rasch -- es geht auch ohne den --
ich will nicht. -- Doch meinetwegen, setzte er, sich eines besseren
besinnend hinzu -- wir drfen nichts versumen, denn wenn wir
Unglck haben, kme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den
Kragen. -- Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von
der Kste los sind, knnen wir immer noch thun, was wir wollen.

Der Zimmermann mute den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward
war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er chzte und sthnte als
ob er am Spiee stke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber
einen Blick ber See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden
Riffen hinber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm
im Leben nichts gefehlt htte. Er war lange genug zur See gewesen, um
bald einzusehen wie die Sachen hier standen.

Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flchtigen Blick ber
Segel und Luft, im nchsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt
ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast
triumphirendes Lcheln berflog seine bleichen Zge.

Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann, sagte der erste Mate rasch, als
ob er befrchte, da vom Capitn wieder Einsprache geschehen knnte
-- und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen
alle nur fr uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser
haben will, mag zusehen da er seinen Mund noch eine Weile ber hoch
Wassermark behlt. -- Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja
eine Ewigkeit.

Mr. Black, sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann
seine Hnde wieder entzogen hatte, da er ihn noch nicht frei machen
konnte -- ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang
mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitn die --
Prgelstrafe, die er mir zudictirt, zurckgenommen. -- Ist das der
Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben,
und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. -- Ist das aber
nicht der Fall, so -- ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen.
-- Ich fr meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als da ich mich
peitschen lasse.

Das ist Unsinn, Mann, rief aber der Mate -- macht keine Flausen,
und seid froh, da man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit
retten zu helfen. -- Erst einmal von der Kste ab -- das andere findet
sich nachher?

Was? -- will sich der Hund noch widersetzen? schrie aber der
Capitn jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die
beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend -- und ehe ihn jemand
daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos
und mit gefesselten Hnden vor ihm stand, ber den Kopf, da er
besinnungslos zu Boden strzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hlfe
springen und ihn aufrichten. Der Capitn schrie sie aber an bei ihrer
Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rhren, warf dann die Handspeiche
auf Deck, und befahl Timor den Krper aus dem Weg und auf die Seite
zu ziehen.

Mr. Black -- sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher
unnthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine
weiteren Befehle von seinem Capitn, sondern rief dem ihm nchsten
Matrosen -- es war Bill -- den Bewutlosen aufzuheben und hinunter in
das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da
aufgestapelten Heuballen und lieen ihn liegen -- es war nicht mglich
in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen.

Der Capitn sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien
ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, lie er ihn
gewhren und ging mrrisch nach hinten.

Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest
zusammengeschnrt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die
Leute mit leichter Mhe in den groen Mars. Zwei von den Leuten hatten
indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt,
schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten
nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die
Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt
ber die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit
zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbndern an
seine gehrige Stelle, und festigte es dort mit allen Bndern.

Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen
befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch
die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten
auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee ber den Bug des
Schiffes aus und schleuderte frmliche Wellen ber Deck weg, als die
neue Gewalt das chzende Fahrzeug gegen die anstrmende Wassermasse
trieb.

Es war ein Glck fr das Fahrzeug, da sich der Wind mit der
Tagesdmmerung etwas gelegt hatte, es wre sonst gar nicht im Stande
gewesen diese Segel zu fhren. Selbst jetzt noch standen die Taue zum
uersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen
nur eines einzigen Druckes mehr zu bedrfen, um wie Glas von einander
zu springen.

Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf
nichts weniger als trstlich klingender Ruf -- Brandung einen Strich
ber den Leebug, brachte auch den Capitn bald an seine Seite.

Da drben sind die Riffe, Sir -- sagte der Mate, auf der Bramraae
stehend, und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er
deutete dabei mit der Rechten nach einem weien Kamm hinber, der,
aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Sden heraufkam und den
ganzen Westen zu umschlieen schien.

Knnen Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir? frug der Capitn,
der auf die Raae mit hinaufstieg und sein linkes Bein darber weg
schlug. -- Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen knnten
-- in einer Stunde wren wir in Sicherheit.

Es ist zu neblich, lautete die Antwort -- gerad hinter der
Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es lt sich
nichts erkennen. -- Ich glaube nicht da wir abkommen, Capitn.

Lat das groe Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black -- sagte
dieser -- unruhig den drohenden Ksten- oder vielmehr Inselstreifen
bersehend -- wir =mssen=.

Die Stenge hlt es nicht, Capitn, sagte der Mate -- sie ist alt
und schon einmal geflickt -- wir werfen sie augenblicklich ber
Bord.--

Wir =mssen=, Mr. Black -- wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr
mit diesen Segeln um die Sdspitze der Riffe dort weg, und wenn wir
hier noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos
verloren. -- Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Wacht
wieder gut machen knnen.

Groe Bramsegel los! schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach
unten. -- Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach
oben, das Segel zu lsen. -- Unten zogen sie indessen schon die Raae
auf. Als das Segel ausflatterte, chzte die Stenge und Karl sah sich
erschreckt um.

Nieder mit Euch -- nieder! schrie ihm der Mate hinber und winkte
ihm mit der Hand, da er sich rasch niederlassen sollte. -- Das
Brausen des Windes bertnte aber seine Worte, und Karl war eben damit
beschftigt einen der Geitaublcke, der unklar gekommen war, wieder
frei zu machen -- die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das
Segel.

Nieder mit Euch aus dem Top! schrie der Mate, whrend er wie der
Capitn selber blitzesschnell nach unten glitten -- aber Karl hrte
die warnende Stimme nicht. -- Um ihn krachte und brach es -- seine
Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau das er
erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes.

Mann ber Bord! schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lrm des
krachenden Holzes und das Brllen der See hinweg. -- Wie instinctartig
flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes
Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben
vorbeitreibenden Krper fast ber den Kopf, -- aber es war umsonst.
-- Die Fhigkeit es zu halten und zu greifen war aus den erschlafften
Muskeln gewichen. -- Im Fall mute er mit dem Kopf gegen irgend einen
der Blcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als
Bill noch in Todesangst hinbersah, eine klaffende Wunde. -- Die See
schlug ber dem Unglcklichen zusammen und er sank in die Tiefe.

Das alles geschah whrend es ber den Huptern der beiden ebenfalls
krachte und zusammenbrach. -- Dicht neben Bill schlug der Besahntop
herunter, und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden
Seiten, in eisernen Krahnen, aufgehit und befestigt waren -- aber
der Matrose hrte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der
wegsinkenden Leiche des Cameraden. -- Als er sich wieder umschaute, war
das Schiff ein Wrack -- alle drei Stengen waren niedergebrochen und der
Klverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast
schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser
bergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf,
wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende
Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, da es fast
nicht den geringsten Fortgang machte, und nur mit der hier stark nach
Nordwest setzenden Strmung gerade auf die Klippen trieb.

Kappt weg, Jungen, kappt alles! schrie der Mate und suchte selber,
mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhngsel, das es
sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hlfe der
anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten alles frei was ber Bord
hing; das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch
wo mglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen
konnten, war das einzige was ihnen zu thun brig blieb, und der
Capitn hatte sich durch das hngende und schlagende Tauwerk bis
zu dem Stumpf des vorderen Mastes hinauf gearbeitet, von dem er jetzt
nieder schrie das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. -- Der Befehl
wurde augenblicklich befolgt, und sie nherten sich den brandenden
schumenden Klippen mit rasender Schnelle.

Knnen Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?

Ay, ay, Sir -- brassen meine Jungen -- nur ein wenig -- fr Euer
Leben -- greift zu hier. Ahoy -- ahoy -- noch einmal -- so -- Vor-Raaen
jetzt.

Noch mehr abfallen -- halt -- Steady-- tnte der langgezogene Ruf.

Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von
hier aus schien, durchaus ununterbrochene =Mauer= von Klippen streckte
sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit
wenigstens Neun-Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstieen, mute
sie die erste nachstrzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von
scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wre es nicht mglich gewesen
auch nur ein einziges Leben zu retten.

Noch mehr abfallen! lautete der eintnige ruhige Ruf.

Noch mehr abfallen! wiederholte fast bewutlos mehr als ein halbes
Duzend der Umstehenden -- Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus,
aber ein fast trotziges Lcheln spielte um seine Lippen, als er
die Befehle, zum Zeichen da er sie gehrt und whrend sie schon
ausgefhrt waren, wiederholte.

Die Brandung strmte jetzt so gewaltig und so in ihrer Nhe, da es
schon fast war als ob das Wasser auf Deck spritzen knnte. Bill sah
nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den
ersten Sto, und wute, da sie dann auch rettungslos nach vorn
bergehen muten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder
vier Minuten standen die Mnner still und lautlos, den Augenblick der
Entscheidung erwartend.

An Hans dachte keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes
einzelnen Thr, und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit.

Luff -- ein klein wenig Luff nur! rief der Capitn in diesem
Augenblick von oben herunter.

_Luff it is!_ die Antwort des Steuernden.

=Steady!= die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des
Sturmes und das Brausen der Brandung -- Steady um Euer Leben.

Rechts und links am Schiff hinauf strzten die Wogen, die sich an
den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff scho mit
Blitzesschnelle hindurch.

_Hard a port_-- berschrie der Capitn mit seiner Donnerstimme
das Toben der Elemente und whrend fast jede bleiche Lippe den Befehl
wiederholte, und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades
warf ihn auszufhren, glitt Capitn Oilytt blitzesschnell an einer der
Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berhrt und das
Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Lnge in der neuen Richtung
fortgeschossen, als ein furchtbarer Sto es bis in den Kiel hinunter
erschtterte. -- Was nicht fest stand, strzte auf Deck nieder, und
wie mit =einem= Schlag brachen die drei Masten ber Backbord nieder und
schmetterten in das wie kochend schumende, milchige Wasser.

Alle schienen einen zweiten Sto und das Zerschmettern des Schiffes
selber zu erwarten -- aber er kam nicht. -- Die ungeheuren Wogen des
strmenden Meeres wlzten gegen sie heran, aber sie erreichten das
Schiff nicht. -- Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher
Verderben gedroht und auf denen sie, wenn sie dort aufgestoen, auch
rettungslos verloren gewesen wren, lag jetzt, ein unerschtterlicher
Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben.

Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rhrte sich
keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben
knnten. Bill war der erste, der auf das kleine hinter dem Rad
angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje sprang, und mit einem
Jubelruf die Rettung verkndete.

Sicher fest gefahren! schrie er den andern zu, verdammt will ich
sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen
Leben gesehen habe.

Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe
Railing, so viel als mglich die Stelle wo sie sich befanden, zu
bersehen, und die Mglichkeit einer Rettung zu berechnen.

Das Schiff war glcklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch
einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war
als das Fahrzeug selber. -- Der glatte Streifen Wasser der den Weg
wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslnge
breit, und an beiden Seiten strzte sich die Brandung der
Nachbarklippen hinein. Weiter lie sich aber auch, so weit das Auge
reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte
Lage hatte den Capitn veranlassen knnen sein Schiff auf den schmalen
Streifen zuzutreiben, der ebenso gut wie das brige eine versteckte
Klippe htte bergen knnen. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun
in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich
grnen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar
und deutlich erkennen lieen.

Ringsum waren sie total von Korallenbnken eingeschlossen, die an den
meisten Stellen bis dicht an die Oberflche reichten, hie und da aber
kleine, zwei, drei und vier Fu tiefe Canle bildeten, von denen
einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewchsen
berzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum 200 Schritt
breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt
von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe
Brandung vor dem darber hinstreifenden Wind geschtzt war wie die
Stelle, auf der sie gerade saen.




Dreizehntes Capitel.

Das Wrack.


Vor allen Dingen galt es jetzt die Mglichkeit einer Rettung zu
berlegen.

Wenn sie ihr groes Boot flott bekommen konnten, schien nicht die
mindeste Schwierigkeit vorhanden in die wirkliche Fahrstrae durch die
Torresstrae einzulaufen, und dann konnten sie sich leicht auf einer
der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sydney nach Britisch-
oder Hollndisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie
aufnehmen wrde. Es war jetzt noch die gnstigste Jahreszeit fr
diese Fahrt, und Capitn Oilytt wute selbst mehrere Schiffe, die
beabsichtigt hatten ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen.

Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick
durch einen furchtbaren Lrm, der aus dem unteren Deck herauftnte,
abgezogen, und alles sprang an die Luken, hinabzuschauen. Um das
Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu
kmmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und htte es ja
noch gescheuert, so durften sie hchstens die Anker auswerfen, es ganz
fest und sicher zu bekommen.

Der Lrm rhrte von den armen Thieren, den Pferden her. Natrlich war
das Schiff leck geworden und das Wasser in den unteren Raum gedrungen
und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen
den sie bewltigenden Tod an. Manchmal wenn eines der unglcklichen
Geschpfe seinen Kopf noch ber Wasser bekam, hrten sie deutlich das
Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und
machte sie schaudern -- aber Hlfe zu bringen war nicht mehr mglich.
-- Wren sie selbst im Stande gewesen die Stricke zu zerschneiden mit
denen die Thiere festgebunden standen, aus dem unteren Raum konnten sie
sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender
Schnelle.

Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen
Nutzlosigkeit einer Hlfe zu berzeugen, als irgend etwas zu thun.
Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eines der losgerissenen
Thiere das sich dagegen geworfen, umgestoen. Er konnte eben noch das
zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem
Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe
der verzweifelten Thiere geworfen htte. Als er festen Fu auf dem
Heu fate, und traurig in den dunklen Raum hinabstarrte, wo es jetzt
stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner
Seite:

Jean -- was ist mit dem Schiff vorgegangen?

Hans, um Gotteswillen, rief der junge Franzose, und sprang rasch
nach ihm hinber -- armer Teufel, wie geht dir's? Hol's der Henker,
wir haben die Hnde, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde
so voll gehabt, da beim Himmel keine Seele an etwas anderes als sich
selber denken konnte -- Jesus Maria, wie blutig du aussiehst -- wie ist
dir?

Besser, viel besser, aber was ist mit dem Schiff vorgegangen? sagte
der Verwundete.

O das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank, lachte Jean,
der, einmal aus der nchsten Todesgefahr heraus, schon all seinen
frischen und frhlichen Muth wieder bekommen hatte. Masten ber
Bord, alle drei, und so sicher vor Anker wie nur je ein gutes Fahrzeug
nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch ber Bord
-- setzte er ernster und fast traurig hinzu.

Ich wollte ich wre an seiner Stelle, sagte Hans, und fiel mit
geschlossenen Augen auf das Heu zurck.

Unsinn, lachte aber Jean wieder -- deine Leiden sind jetzt zu
Ende. -- Wer wei, ob's nicht am Ende ganz gut ist, da wir den
alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von
Capitn kann jetzt sehen wo er ein neues Schiff bekommt, =mich= kriegt
er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewi.
Pest, Mann, du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht; die mssen
herunter, und das Wasser ist auch schon bis ins Zwischendeck gestiegen
-- der untere Raum ist ganz voll. -- Wie still und ruhig es jetzt da
unten ist, setzte er schaudernd hinzu -- der Mensch ist doch ein
entsetzliches Geschpf mit seiner Gewalt ber das Thier.

Jean, rief in diesem Augenblick der Mate herunter -- wo zum Teufel
steckt Ihr?

Komme, antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch
zu Hans und sagte trstend, ich bin bald wieder bei dir. Hab' keine
Furcht, wir wollen die Sache schon machen.

Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder
zurck und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die
nthigen Vorbereitungen getroffen ein paar Nothspieren aufzurichten,
um das groe Boot ber Bord zu heben und flott zu bekommen, was der
doppelten Mannschaft ohne die Hlfe von diesen und Flaschenzgen nicht
mglich gewesen wre mit blosen Hnden ins Werk zu setzen.

Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. --
Der Mann lag verwundet im unteren Raum und durfte nicht ohne Hlfe dort
liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr.
Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitn darber, dieser
aber wollte von nichts hren. So lange er an Bord Herr sei, schwur er,
bleibe der Schuft in Eisen. -- Er habe sich widersetzt und dem den Tod
gedroht, der ihn bestrafen wrde, also offene unverhehlte Meuterei,
und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden.
Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu.

Aber Sir, sagte der Mate, Sie knnen ihn doch nicht gut
geschlossen mit ins Boot nehmen. Er wird da mehr im Wege sein und -- ich
wei auch nicht, ob Sie das spter werden verantworten knnen.

Verantworten? lachte der Capitn hhnisch -- brigens wer sagt
Ihnen denn, Mr. Black, da ich ihn berhaupt mit ins Boot haben will?
Es fllt mir gar nicht ein mich mit dem rebellischen Schurken lnger
zu behelligen.

Sie werden ihn doch nicht hlflos zurcklassen wollen? rief der
Mate rasch.

Hlflos, meinte Oilytt, ist das hlflos? ich lasse ihn im Besitz
meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jlle, die er nehmen kann
wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht lnger
behagen. -- Was verlangt er mehr?

Das geht wahrhaftig nicht an, Capitn Oilytt, sagte der Mate
kopfschttelnd.

Sie sollen einmal sehen wie schn es geht, lachte dieser zurck.
-- Es geht alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann
noch seinem Gott danken, da ich ihn nicht mit nach dem nchsten Hafen
nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhngen
zu lassen. She ich die Mglichkeit ein, wieder nach Sydney
zurckzukommen, so geschhe das auch jedenfalls. All die Schiffe, die
aber in nchster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen knnen,
sind nach Batavia bestimmt, und mit der hollndischen Regierung mag ich
nichts zu thun haben. -- Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen,
und eben nicht als die besten Freunde geschieden.

So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, da wir nach
seiner Wunde sehen knnen -- sagte Mr. Black, und wollte sich
abdrehen, in das Zwischendeck hinunterzusteigen.

Halt, Mr. Black, hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurck, nicht
eher bis =ich= Ihnen das sage -- wenn's Ihnen =gefllig= ist. --
Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den
Schlssel zur Medicinkiste und sein Sie so gut und besorgen Sie das. --
Der dickkpfige Schuft wre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren
-- aber die Eisen behlt er, bis wir von Bord gehen.

Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in
die Cajte hinunter, das nthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem
steckte er auch eine Quantitt in die Tasche, es Hans zum ferneren
Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit
besser fand als er wirklich erwartet hatte.

Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen
wurden heraufgeschafft, der Capitn hatte seine Instrumente, Karten,
den Compa fr den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte
dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehrigen Munition unter
die Leute, da man in der Strae sehr hufig auf Schwarze stt, von
denen man nicht immer wei, ob sie freundlich oder feindlich sind, und
lie dann die Leute an die Arbeit gehen, das groe Boot vom Verdeck
hinunter in See zu heben.

Unter all diesen Arbeiten rckte der Abend mehr und mehr heran, und es
war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um
12 Uhr hatte der Capitn, da die Sonne heute hell und klar am Himmel
stand, seine Observation genommen, die Breite zu bekommen, auf der sie
sich befanden, denn die Lnge wuten sie nur zu genau. Er fand dabei
da sie etwa 30 Meilen berhalb Raines Insel auf den Riffen saen.
Von hier aus konnten sie leicht in die sdliche, am hufigsten
befahrene Strae kommen, und an Gefahr fr ihr Leben, wenn sie sich
nur ein wenig mit ihren Provisionen einschrnkten, oder sich zugleich
auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht
die sie gebrauchen muten war, einen gehrigen Vorrath von Wasser
einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der
Zwischen-Inseln oder auch Booby-Island hinfahren, an welchem letzteren
Ort sogar Vorrthe fr Schiffbrchige von mehreren englischen
Schiffen niedergelegt sind. Die gehrigen Segel fr die Barkasse, die
jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nthigen versehen fertig
lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nchsten
Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen.

Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nthigste was sie an
Wsche gebrauchten mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges
Gepck oder gar ihre Kisten konnten sie natrlich nicht mitnehmen
-- stauten das alles in eine Kiste hinein, und waren somit ebenfalls
gerstet. Nur Jean, Franois und Bill hatten ihre paar Hemden
zurckgelassen. -- Die Kiste war auch gerade von den andern Sachen voll
geworden -- und sie meinten sie wollten das Ihrige nur lieber =so= ins
Boot werfen. Alle drei schienen brigens andere Absichten zu haben.

An dem Abend htten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der
Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber
gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, Franois und Bill gaben sich
deshalb einen Wink und gingen nach oben.

Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen Hans
nicht =allein= an Bord des Wracks und mit einem Boot zurckzulassen,
mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte -- sie wollten
bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, da alle drei viel lieber nach
Sydney zurckzukehren, als mit dem Capitn auf irgend einem anderen
Fahrzeug nach Indien zu gehen wnschten, und sie machten sich deshalb
schon die schnsten Plne einer Landreise an der Kste hinunter. Sie
kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht,
und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren berhaupt gar nicht
achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwchst, lie sie das Alles mit
frohem Muthe betrachten.

Heute Abend beschlossen sie aber noch nichts darber zu uern,
sondern das alles bis auf morgen frh zu verschieben.




Vierzehntes Capitel.

Die Mannschaft trennt sich.


Am nchsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate -- denn der
Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte
auf Deck mit diesem um die Wette -- und eine Stunde spter war das
letzte Frhstck an Bord eingenommen; die Mannschaft zur Abfahrt
gerstet.

Jean, der mit seinen Verbndeten an diesem Morgen nur wenige Worte
wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht Matratze und Decke
hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natrlich
nicht im mindesten auf dessen Einwendungen gehrt hatte, stand vorn
auf der Back, jetzt dem hchsten Theil des Schiffs, und suchte einen
Ueberblick ber die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald
ihre einsame Bahn in einem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da
glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm hinan, und flsterte in seinem
halb Englisch, halb Malayisch:

Tuwan Jean -- gestern hab' ich gehrt -- Ihr mit Tuwan Hans gehen
wollt -- ich auch. -- Wollt Ihr mich mitnehmen? ich kann gut rudern und
will recht folgsam sein.

Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge. Da mut
du aber den Capitn fragen, denn ich kann wohl ber mich selber, aber
ber niemanden anders von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.

Ja, der Capitn wird nicht wollen, meinte der Bursche traurig und
schttelte mit dem Kopf -- habe schon mssen meine Sachen in sein
Boot legen.

Ja, dann kann ich's nicht ndern, Timor, sagte Jean. -- Es thut
mir aber leid -- ich mchte dich gern mit haben.

Gewi? rief der Junge und seine Augen leuchteten vor Freude.

Gewi, erwiederte ihm der junge Matrose -- sieh' zu da du's
einrichtest.

Timor, rief gerade der Capitn -- was hast du da vorn zu suchen,
Schlingel? -- marsch, hier die Sachen hinunter ins Boot, und dann
bleibst du selber unten dabei -- was gibt's noch, he?

Wer bleibt denn bei Tuwan Hans, Capitn? frug der Junge schchtern
und sah seinen Herrn von der Seite an.

Ist der Junge verrckt geworden? rief aber der Capitn wthend.
Was zum Donnerwetter geht das dich an, du lederbraune Canaille? --
La mich noch einmal eine derartige Frage von dir hren, und ich
tattowire dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, da du
deine Freude daran haben sollst. -- Marsch, die Sachen ins Boot, und
dann das andere, was hier noch liegt auch hinunter, und dann setzest
du dich hinten hinein und muksest nicht mehr. -- Sind die Flaschen alle
unten, die ich dir gestern Abend gegeben habe? -- he?

Saya Tuwan -- murmelte der kleine Bursche erschreckt, und sprang
hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfllen. -- Es wre nicht
die erste Mihandlung gewesen, die er von seinen Hnden zu erdulden
gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen.

Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen sich einzuschiffen. -- Der
Capitn stand an der Fallreepstreppe -- fertig niederzusteigen -- alle
seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor
hatte eben das letzte Kistchen -- den Peil-Compa, den sie vielleicht
zwischen den Inseln gebrauchen konnten, heruntergebracht. Der erste
Mate war ins Zwischendeck gestiegen, Hans loszuschlieen, und ihm
anzukndigen was der Capitn ber ihn beschlossen htte. Da traten
Jean, Bill und Franois vor, und erklrten dem Capitn, da sie mit
Hans an Bord bleiben und versuchen wrden, sich in dem kleinen Boote zu
retten. Hans sei zu schwach sich allein zu helfen, und sie wollten ihn
nicht umkommen lassen.

Der Capitn wthete, und befahl ihnen augenblicklich in die Barkasse
hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen
hatte, blieb ganz ruhig und erklrte, das Schiff sei ein Wrack und die
Mannschaft knne sich retten, wie sie es am zweckmigsten halte.
Capitn Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im mindesten dabei
untersttzten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen
schienen, sah bald, da er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten
knne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel
gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen htten
und die dem Schiff gehrten, wieder abliefern.

Die Gewehre abliefern, Sirrah? rief Bill erstaunt -- wollen Sie
uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden
lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wre. Dem =Schiff=
gehren die Gewehre, Capitn; der Lohn den wir beim Schiff zu gut
haben, gehrt auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. --
Wenn's blos das wre, knnten Sie die paar Schieeisen auf Abschlag
rechnen.

Schufte, schrie aber der Capitn wthend -- Ihr zu gut haben?
Ihr seid dem Schiff noch schuldig fr das, was ich in Sydney fr Euer
Wiedereinfangen Belohnung zahlen mute. -- Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas
htte Euch umsonst verrathen?

Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,
sagte Bill lachend. -- Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre
behalten wir, und ich will mich lieber spter einmal, wenn es dazu noch
kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren,
als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. -- So -- das ist
das Lange und Kurze davon.

Mr. Black flsterte leise einige Worte mit dem Capitn. Dieser
blieb einen Augenblick noch wie unschlssig stehen; da aber die drei
Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft
auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck
waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schttelten, drehte
er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter
ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins
Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehrt, und gleich darauf tnte
ein gellender Hlfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nhe war
drngte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten
Wasser schwamm ein Strohhut.

Das war Hans! schrie Jean erschreckt -- er ist ins Wasser gestrzt!

Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht, sagte der erste
Mate, und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er
dabei seine Kiste aufzuschlieen.

Wo ist Timor? rief aber jetzt der Capitn, der einen Blick in sein
Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermit hatte, schnell und
erschreckt aus -- wo ist Timor?

Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke -- betheuerte der
Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstcken und noch
einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitn
ins Boot hinunter folgen wollte. -- Timor! rief der Capitn noch
einmal, als ob er gar nicht glauben knnte, der arme kleine Bursche
sei hier hineingestrzt -- wo steckt der Schlingel? und er sah sich
ngstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie
er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden
Bill in die Hnde gedrckt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der
steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick fate er auf dem
Rande des Zwischendecks festen Fu, dann verschwand er in der Fluth die
kaum ber dem ihm vorangegangenen Krper zu kreisen aufgehrt hatte.

Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die
unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere
Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung
an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die
Thtigkeit des Untergetauchten verkndeten.

Bei Gott, der kommt auch nicht wieder, rief Franois endlich mit
vor Angst fast erstickter Stimme. -- Jean -- um Gotteswillen,
Jean.--

Da ist er! tnte es pltzlich von den erleichterten Herzen der
Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. -- Sie hatten
in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. -- Das kohlschwarze, sonst
so lockige, jetzt straff niederhngende Haar des jungen Franzosen wurde
sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen
Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen
tretend, in die Hhe und mit den Schultern aus dem Wasser. -- Er war
allein.

Kannst du gar nichts fhlen, Jean, rief ihm der erste Mate
ermunternd hinunter, es wird ja doch so entsetzlich schnell nicht
weggewaschen sein. -- Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein
Fisch, er mu sich beim Hinunterstrzen an den Kopf geschlagen
haben.

Jean erwiederte nichts, verschwand aber zum zweitenmal unter Wasser, und
blieb diesmal lnger aus als das erstemal. Als er endlich wieder zu Tag
kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnrte
sein Bndel auf, sich trockene Kleider anzuziehen.

Armer Junge, murmelte der Mate, als er dem Capitn, der sich rasch
und mrrisch abwandte, ins Boot folgte. Der Steward aber, der sich
neben dem Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin:

Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, da Einer =in= einem Schiff
drin ersaufen kann. Das hat die Krte aber nur mir zum Possen gethan,
damit ich jetzt Alles allein besorgen mu.

In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. Goodbye,
Cameraden, riefen Bob und Jim hinber, und die an Bord
Zurckgebliebenen winkten mit der Hand.

Stot ab -- Gott verdamme Euch! zrnte aber der Capitn, den
freundlichen Gru unterbrechend -- und macht Euch da vorne Platz,
da Ihr, wenn wir einmal rudern mten, nicht gehemmt seid.

Der Kranke, Jack, lag vorne auf seiner Matratze im Boot. -- Er war noch
sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu
haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzgerung, whrend die
beiden Mates beschftigt waren die Segel in Ordnung zu bringen.

Der Sturm von gestern hatte gnzlich nachgelassen, die Luft war hell
und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und
glckliche Fahrt nach Booby Island. Nur durch die Strmung aber, und
durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefat hatte,
waren sie ungefhr 20 Schritt vom Schiff abgetrieben, als pltzlich
ein Ruf vom Schiffe niederschallte, und aller Augen dorthin zog. Der
Capitn, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschfarbe, denn dort stand
Hans und in seinen Hnden hielt er ein kurzes in der Sonne blitzendes
Doppelgewehr.

Mrder! entfuhr fast unwillkrlich den bleichen Lippen des
Capitns der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines frheren Opfers
drang. Hans aber schttelte verchtlich lchelnd mit dem Kopf und
rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stie:

Habt keine Furcht, Capitn Oilytt, ich will Euern letzten feigen
Angriff auf mich nicht solcher Art erwiedern. -- Httet Ihr mich
peitschen lassen, wret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den
Ihr einem Gefesselten gabet, vergelt ich Euch auf ein andermal. -- =Wir
sehen uns wieder=, und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boote,
das jetzt zum erstenmal den Wind ordentlich in seine Segeln fate und
rasch durch die grne Fluth dahinscho, ab. Als er sich aber wandte,
sah er, wie Jean und Bill pltzlich erschreckt auseinander stoben
und in demselben Augenblick pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug
gezielt, ber sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und ri die
eigene Bchse in die Hhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm,
wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefhrden mte. --
Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines
Wohlbefindens, die Mtze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit
trotzigem Hohn:

Dank Euch, Capitn -- werd's Euch zu gut schreiben -- auf Wiedersehen!

Er sah wie der Capitn im Boot einen Versuch machte, eine andere
neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate
verhinderte ihn daran, und fnf Minuten spter war das Boot auer
Schuweite -- eine halbe Stunde spter kaum noch in Sicht.

Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre
Vorbereitungen gingen. Sie schauten, jeder in seine Gedanken versenkt,
dem wegschieenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin
unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer
Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und Franois die
Hand, und dankte ihnen fr ihre ausharrende Freundschaft.

O Unsinn, Mann, lachte Jean -- reiner Eigennutz von uns. Wir
wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich mchte gern wieder nach
Sydney zurck und darum sind wir alle drei hier geblieben die Landreise
zusammen zu versuchen. Hans schttelte aber zweifelnd mit dem Kopf
sagte bedchtig:

Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle drei in der Natur des Landes, das
Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich
frchte sogar, wir drfen nicht einmal den =Versuch= wagen, wenn wir
uns nicht der grten Gefahr aussetzen wollen. -- Die Schwarzen an
diesen Kstenstrichen sind nichtswrdiges, blutdrstiges Gesindel.

Pah, =wagen=, lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die
nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte als sie
vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen den beiden hatte. -- Wir
sind hier vier entschlossene Mnner, und gut bewaffnet. -- Wetter noch
einmal, wer =mein= Fleisch kochen oder braten wollte, wrde es verdammt
zh finden. Gott sei Dank nur, da wir den Alten mit seinem Schwarm
los sind; fr das andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die
Ausrstung, und in einer Stunde knnen wir segelfertig sein. Wenn uns
nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wre.

Jean hatte das Wort kaum ausgesprochen, als er wie von einer Natter
gestochen in die Hhe sprang, denn dicht unter seinen Fen -- er
stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flsterte eine leise
Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesichte ins Herz zurcktrieb:

Tuwan Jean -- Tuwan Jean -- ist Capitn fort? -- und im nchsten
Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem
Mittelpfosten des Decks auf, griff den oberen Lukenrand und schwang sich
an Deck -- ber das er zuerst einen flchtigen noch ngstlichen
Blick warf. -- In der hchsten Freude haftete aber bald sein groes
schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein
lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck
herum.

Hans wute von dem ganzen Vorgang nichts, und begriff nicht weshalb die
anderen so erschreckt waren und der Junge zurckgeblieben sein konnte.
Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn
es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein:

Nun seh' ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an
-- trocken wie eine Pulverkammer, und lt mich da zweimal hinunter
zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen.
Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe ihn kopfber da hinunter
zu schicken wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im
stockfinstern Raum, bei den todten Thieren herumschwimmt -- der kleine
Heide, der!

Timor aber der wohl wute, da ihm von alle denen, die er noch an Bord
sah, kein Leid geschhe, lachte, da ihm die Thrnen aus den Augen
liefen, wobei Jean und Franois natrlich mit einstimmten, und
erzhlte seinen neuen Freunden nun, da er unter keiner Bedingung mit
dem alten garstigen Capitn htte weiter segeln wollen, aber auch gar
nicht gewut habe wie er von ihm anders abkommen konnte, als auf solche
Art.

Als Ihr alle damit beschftigt waret Euch zu zanken, wer da bleiben
wollte und mitgehen sollte, erzhlte der kleine Bursche in seinem
gebrochenen Englisch, und als ich sah, da niemand auf mich achtete,
glitt ich auf das Heu ins Zwischendeck hinunter, warf ein kleines
Fchen mit Ngeln, das ich mir schon heute Morgen frh zu dem Zweck
dorthin geschafft, ins Wasser hinunter, da es recht aufpltscherte
meinen Strohhut dann dahinter her, und kroch nun, whrend ich einen
lauten Schrei ausstie, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und
zwischen diesen fort, bis ich sicher war, da sie mich nicht finden
knnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen
geblieben, bis ich hrte da Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren.
Nun bin ich da und will mit Euch gehen. Er setzte sich hierauf ruhig
auf eines der Wasserfsser nieder und schien geduldig eine Antwort auf
seinen Vorschlag abwarten zu wollen.

Hans lachte und meinte der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort
warten, er wisse recht wohl da sie ihn nicht zurcklassen knnten.
Er solle aber nur, was er mitzunehmen wnsche, zusammenpacken und dann
helfen da sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brchten,
die heutige herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu
erreichen.




Fnfzehntes Capitel.

Die Bootfahrt.


Hierbei war ihnen jetzt Timor, der ja frher auch mit in der Cajte
aufgewartet und viel mit dem Proviant zu thun gehabt hatte, von
unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nmlich, um den Zurckbleibenden
womglich nichts als =die= Provisionen zu lassen, die nicht unter
seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken,
feinen Zwiebacken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorrthig war,
entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstrt. --
Die ganze Cajte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er
zuletzt unten war, alle Flaschen die er nur mglicherweise erreichen
konnte, zerstoen zu haben.

Die Mhe war aber vergebens gewesen, denn Timor wute zu genau
berall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von
Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, da sie drei solche kleine
Boote htten damit verproviantiren knnen. Das Beste wurde natrlich
von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in
kleinen Brandyfssern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten mit
ihren nothwendigsten Sachen gepackt an Bord geschafft und um 11 Uhr
Morgens konnten sie schon die leichte Jlle von den eisernen Krahnen,
an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen.

Dies war des Capitns Jlle. Obgleich aber in Sydney wenig gebraucht,
da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser
ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht.
Etwa eine Stunde spter war das Boot zum Absegeln bereit.

Alle fertig? rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des
Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen sa.

Alles klar! lautete die Antwort, und im nchsten Augenblick glitten
sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Canal hinein,
durch den ihnen schon an diesem Morgen die Barkasse vorangegangen war.

Bill sa am Steuer, Jean und Franois standen an den Segeln, Timor
kauerte vorne im Bug und schaute auf die unten vorbergleitenden
Korallenbume nieder, und Jean und Hans saen in der Mitte, der
erstere von den Strapatzen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die
ihm Timors List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend,
und der andere sein Bein ausruhend.

Fnf Minuten spter rannten sie aber pltzlich fest. -- Einzelne
Korallenstmme stiegen hier berall aus der Tiefe auf, und der hinten
am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden
Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden.
Franois mit den englischen Ausdrcken nicht so vertraut, war auch
nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug
ein, die nthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderni in ihrem
Fahrwasser liegen sollte.

Sie muten auch ber eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen
Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem
Boot gefat hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, da
sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches
Hinderni erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken
zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende
Tau an der uern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas,
und konnten es seitwrts wieder in tief Wasser schieben. Hans pate
von da an sorgfltig auf, und sie nherten sich mehr und mehr dem
tiefen Wasser des inneren Beckens.

Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer
betrchtlichen Tiefe niederscho, hatten sie aber wohl den weitesten
Canal verfehlt, denn hier starrten berall Korallenbume empor. Sie
muten Segel bergen, da sie nur langsam mit der Strmung hindurch
liefen.

Luff, Bill, Luff! rief Hans, als sie auf diese Barriere (denn
_barrier reefs_ werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und
sich hier von einem breiten Streifen gelbgrnen Wassers eingeschlossen
sahen, aus dem berall oft wie dichtes Gebsch, das zum Theil
wunderlich geformten und verkrppelten Bumen glich, eine braune
Korallenart emporscho. Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt --
tiefer -- tiefer -- noch tiefer -- Steady -- Luff wieder -- und nun
Cours-- rief er, sich lchelnd nach Bill umdrehend, der sich
die grte Mhe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen.
Allons, Franois, Segel wieder in die Hhe, wir sind jetzt sicher.

Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja frmlich im Zickzack herum,
rief Bill, whrend er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder
zurck brachte, sind wir hinaus?

Frei und sicher in der Torresstrae eingelaufen gab ihm Hans,
viel frhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. --
Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, da
ich in einer Nuschale wie dies Ding hier, zurckkommen wrde.

Bist du schon frher hier einmal durchgekommen? frug Bill schnell
und erstaunt.

Dies ist das fnfte Mal, Camerad, und Ihr knntet keinen besseren
Lootsen hier hindurch haben als mich. -- Wre der Capitn ein
vernnftiger Mann gewesen, er htte das Schiff da drauen nicht zu
verlieren gebraucht -- doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen
wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wre, ein anderes
gutes Fahrzeug unter die Fe, mit dem wir weiter gehen knnen. Ist's
aber nicht anders, so mgen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding
dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in
einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.

Hr' einmal Hans, sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit
schweigend zugehrt hatte -- ich wollte dich schon lange -- aber
Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft
von Capitn hat uns nicht einmal einen Compa gelassen, und ich halte
da immer ins Blaue hinein.

Hier ist einer, sagte Hans und lste ein Band von seinem Nacken
los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und
mit Gold eingelegte Kapsel hing -- gebrauch den so lange, er thut's
wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsdwest-Cours, bis wir
Land in Sicht bekommen.

Verdammt wunderliches Ding, brummte Bill, als er, das eine
Steuerreep so lange zwischen den Zhnen, die kleine Kapsel ffnete und
mitrauisch von allen Seiten betrachtete, wo ist denn darauf Norden
oder Sden -- Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und
-- hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze
sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Sden hin.

Es ist ein chinesischer Taschencompa, lachte Hans, doch komm,
la mich hin, ich will steuern und dabei kann ich dir erklren wie er
eingetheilt ist, du wirst dich bald hineinfinden.

Bill lie ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als
er sich die Sache hatte auseinander setzen lassen, die er bald begriff,
sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend:

Ja, Camerad, was ich dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compa
durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schdel hin- und
hergegangen ist. -- Wo zum Teufel hast du denn auf einmal das viele
Englisch hergekriegt, und warum hast du's vorher nicht gesprochen? --
Ich will verdammt sein wenn ich jetzt glaube da du irgend was anderes
bist als ein Englnder. Hol mich dieser und jener, wenn's nicht wahr
ist.

Und ich glaube, er spricht auch ebenso gut franzsisch, wie ich
selber, lachte Jean, und hat uns hier die ganze Reise zum besten
gehabt -- ich mchte nur wissen warum.

Wenn ich keinen Grund dazu gehabt htte, Cameraden, sagte Hans
gutmthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, so htt' ich's
nicht gethan. Da ich also einen Grund dafr haben mu, lat mir den
auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn spter erfahren, bis dahin mt
Ihr aber Geduld haben.

Kurz und s wie wir bei uns sagen, lachte Bill, jetzt glaub'
ich aber auch, Franois verstellt sich ebenfalls, und kommt nchster
Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so
reinen Englisch zu Tage wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns
Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen, jeder nach seinem Spa
und wie er's verantworten kann -- und nun erst einmal einen Schluck auf
gute Cameradschaft und glckliche Reise!

Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er
versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem
kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that
erst selber einen krftigen Zug und lie dann die Flasche im Kreis
herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen.

Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen der,
nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe -- ein Mittelding
zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie ber Bord schauten,
lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergrndliche Tiefe des
Meeres selber da, und manchmal wieder war es als ob sie in einem
Luftballon ber weiten schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle
hingefhrt wurden. -- Waldungen, Strme -- selbst Stdte schwanden
mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorber, und wenn sie
pltzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als
ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei, und nur die eben noch
gesehenen Bilder verdecke.

Es wird einem ganz schwindlich wenn man so hinunterschaut, brach
Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, indem sich jeder mit seinen
eigenen Gedanken beschftigt hatte. Ist das nicht gerade so, als
ob man meilenhoch ber einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen
Landschaft hinwegflge? sieh Bill, da kommt es wieder -- dort der Wald
-- dort das tiefe Thal.

Bill warf einen Blick ber Bord, wechselte sein Priemchen aus einer
Backe in die andere und lachte.

Aber Mann, das sind ja die Korallen unten, ber die wir weggehen! --
kaum drei Faden Tiefe und all solch verdammt brckliches, aber zhes
Zeug wie die dort, die da ber Wasser vorragen. -- _Bless you_, ein
Wald und Thler -- der Mann phantasirt. -- Nimm noch einen Schluck von
dem Portwein, es wird dir ausnehmend gut thun.

Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bume oder
Thler sah, so muten sie auch wirklich mit allem nthigen Zubehr
da sein. Jean lchelte und blinzte nach Hans hinber, Bill der das
aber sah, meinte gutmthig:--

Ja, lacht nur Jungen; =mir= ist's recht, aber hier haben wir in
Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir =mgen=
wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel
kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen,
und nachher ist die Geschichte faul. Soviel ist jedoch gewi, wenn das
Bume da unten sind, so will ich nur wnschen da keiner von uns in
ihren Schatten zu liegen kommt, das ist alles. -- Und damit hob er die
Flasche gegen das Licht, zu sehen ob der Inhalt noch eines Zuges werth
war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine
fast unwillkrliche Bewegung, sie ber Bord zu werfen, hielt aber auch
ebenso rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurck --
halt, sagte er dabei -- zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und
wer wei wozu wir die noch einmal gebrauchen knnen, ehe wir andere
kriegen.

Vor einer ziemlich steten und frischen Brise in dem jetzt hie und da
leise gekruselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und
mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafr schon einige dunkle
Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem
Steuernden, der nun seinen Compa wieder schlo, ein festes Ziel, auf
das er halten konnte.

Dort links hinber liegt auch Land, wenn ich nicht irre -- sagte
Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr
sprachen als eben zu ihrer Fahrt gehrte. -- Am Ende ist das das
feste Land und wir hielten am besten dort gleich hinber.

Habt Ihr Lust gefressen oder wenigstens Eures Bischen Fetts beraubt zu
werden, so mgen wir sehen da wir die Nacht auf australischem
Boden zu schlafen kommen, meinte da Hans. Ich meinestheils htte
geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann
Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn
was du siehst, Bill, kann schwerlich die Kste, sondern wird Hendriks
Insel sein -- eine kleine aufragende Spitze; -- wie?

Ja, sagte Bill, der auf einen der Thwarten oder Bnke getreten war
und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schtzte, ich kann
auch weiter nichts sehen als den Punkt -- doch halt, da rechts hinein
liegt noch mehr Land glaub' ich -- luff ein wenig mehr auf, Hans, wir
halten besser Strich.

Ich seh brigens gar nicht ein, meinte Jean, wehalb wir uns
hier im Boot nicht ebenso gut berathen knnen wie auf irgend einem der
kleinen Sandflecke in der Strae hier. Wir haben weiter nichts zu thun,
und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.

Gut, sagte Hans -- und seid Ihr wirklich entschlossen den Landweg
nach Sydney zu wagen?

Entschlossen? rief Bill erstaunt, ei Mann, ich glaubte das
bedrfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen wie wir
am =schnellsten= zum Lande kmen.

Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht was fr ein Land Ihr durchwandern
wollt. -- Ich bin von Herzen gern dabei den Versuch mitzumachen, Euch
zu berzeugen, aber wir kommen keine 50 Meilen ins Innere, so viel ist
gewi. -- Wir finden kein Wasser und verwnscht wenig zu essen, und
werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Kste
zurcklassen.

Ja, aber was zum Donnerwetter sollten wir denn da eigentlich thun?
frug Bill verblfft -- ich habe bis jetzt noch an gar nichts anderes
gedacht. Dann bleibt uns nichts brig, als hinter dem Alten herzufahren
und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, was den mit
fortnimmt. Dehalb haben wir ja doch keinen Scandal mit dem Capitn
angefangen.

Nein, daran denk ich wahrhaftig nicht, sagte Hans schnell -- das
Schiff das ich betrete, mchte ich mir vorher =whlen=, und dehalb
knnen wir meinetwegen erst irgendwo an der Kste landen und einen
Versuch machen; ich mchte das feste Land selber gern einmal sehen.
Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit
diesem Monsun, und von dieser Strmung begnstigt frisch und frhlich
in den Indischen Archipel ein -- vielleicht gar nach Timor, wo wir ja
hier einen herrlichen Dolmetscher und Fhrer haben.

Gut, dabei bleibt's, rief Jean schnell -- es wre doch wunderbar
wenn vier starke junge Kerle -- und Timor drfen wir immer fr einen
halben rechnen -- sich nicht durch die Welt schlagen knnten, sei's
wo's sei. Also frisch einen Sdcours hinber, Hans. Hier verlieren wir
zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen,
welche Aufnahme wir an der Kste zu erwarten haben.

Aber wird Franois damit einverstanden sein? frug Hans auf diesen
blickend.

Franois verstand nicht viel englisch, doch genug den Sinn der
Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf.--

_Cest la mme chose pour moi, camerade_, rief er frhlich, wohin
es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk
ich brauchen wir uns deretwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut
bewaffnet und Schiegewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar
nicht.

Was sagt er? frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte.

Vorwrts lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des
Ruders, scharf gegen den Wind an, Brassen meine Burschen -- brassen;
so, das thuts Franois. Ich denke wir knnen mit diesem Cours der
Kste nahen.

S'ist doch ein merkwrdiges _gibberitch_ das Franzsische brummte
Bill kopfschttelnd. Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen
herum getrieben, aber nie mehr davon wegkriegen knnen als _merci
Monsiehr_ und _sil woo plaze_ -- was beinah wie breit _Irish_ klingt. --
S'ist eigentlich merkwrdig da wir Englnder, wenn wir uns ein paar
Worte franzsisch merken immer nur Hflichkeiten, und die Franzosen
bei ihrem ersten Englisch Sprechen nur Fluchen lernen. Hol mich dieser
und jener wenn nicht das erste Wort was ein Franzmann von unserer
Sprache begreift, jedesmal _God dam_ ist. -- Ich mchte nur wissen
woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. -- Wenn
ich z. B. hflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze die
schwimmen will. -- Wir sind einmal nicht daran gewhnt.

Es mag doch wohl daher kommen, sagte Hans lchelnd, da Ihr
Englnder so entsetzlich viel flucht, und die Franzosen so entsetzlich
viel hfliche Redensarten haben. -- Was die eine Nation nun von der
andern am meisten hrt, behlt sie auch am leichtesten.

Hm, brummte Bill, das wre mglich, daran habe ich noch nicht
gedacht und er sa eine Zeit lang so in Gedanken versunken da, da
er nicht einmal merkte wie er eine neue Flasche vorgeholt, geffnet und
einen langen Zug daraus gethan hatte.

Timor's Augen, obgleich er an dem Gesprch nicht Theil nahm,
leuchteten, als er die Mglichkeit vor sich auftauchen sah, sein lange
nicht gesehenes Heimathland wieder zu betreten. Nur soviel eifriger
machte er sich jetzt daran die Angelgerthschaften, die er auch an Bord
des Boreas unter Hnden gehabt, hervorzusuchen, und seinen Fischfang
zu beginnen. Zu dem Zweck befestigte er jetzt ein Stck rothes Zeug
an einem ziemlich starken Haken, und lie es, etwa zehn Ellen vom Boot
entfernt, nachschleifen.

Das kleine ziemlich schwerbeladene Boot legte sich indessen, mit
dem Wind recht breit von der Seite in die Segel, fast bis an den
Steuerbordrand auf das Wasser, und die Besatzung mute nach Backbord
hinberrcken, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nach Sdwesten
zu wurden jetzt schon die drei Spitzen der Hannibals Inseln sichtbar.
Nachmittag starb der Wind aber pltzlich weg, und um nicht von der
Strmung zu weit westlich getrieben zu werden, ruderten sie nach einer
kleinen Sandbank, deren weien Rcken sie ber dem dunklen Wasser
vielleicht zwei Meilen vor sich konnten herausschimmern sehen, und
warfen dort Anker. Timor hatte allerdings einen Fisch gefangen, niemand
aber daran gedacht Feuerholz vom Schiff mitzunehmen, und da auf dieser
Sandbank auch nicht der kleinste Strauch, ja kein Grashalm wuchs,
muten sie ihr Abendbrod, von ihren Vorrthen halten und den Fisch auf
morgen sparen.

Die Nacht schliefen sie im Boot, mit regelmig ausgestellter Wache.
Es lie sich indessen nicht das mindeste hren oder sehen, was sie
htte beunruhigen knnen. Die Nacht war warm und ruhig, und erst gegen
Morgen erhob sich wieder eine schwache Ostbrise, bei der Hans, dessen
Wacht es war, den leichten Anker hob, die Segel setzte und langsam ber
das spiegelglatte Wasser hinglitt. Als die andern erwachten, fanden sie
sich zu ihrem Erstaunen schon wieder unterwegs und die Sandbank, die
jetzt bei Fluthzeit auch fast bedeckt war, weit hinter sich.

Der Wind blieb brigens den ganzen Tag sehr schwach; sie muten
zweimal wieder ankern, und erreichten den zweiten Abend mit genauer Noth
die nrdlichsten der Hannibal Inseln, wie sie auf der Karte genannt
sind -- ein niederer, nur mit wenigem Gestruch bedeckter Felsen unter
dessen Lee sie ankerten, und es vorzogen wieder im Boot zu schlafen.
Abends gingen sie aber vorher an Land und brieten mit zusammengesuchtem
trockenen Holz eine tchtige Portion delicater Fische, die Timor ber
Tag gefangen.

Hans war allerdings nicht recht damit einverstanden da sie ein Feuer
anmachten, denn wenn sie das auch vorsichtigerweise auf der Nordseite
der Insel thaten, so da es von der jetzt deutlich sichtbaren Kste
des festen Landes aus nicht gesehen werden konnte, so mochte der
aufsteigende Rauch dort etwa herumstreifenden Wilden leicht verrathen,
da sich hier Fremde aufhielten. Bill wollte davon aber nichts hren,
und meinte die schwarzen Schufte wrden dann ebenso wenig wissen, ob es
nicht Fischer von ihrem eigenen Stamm wren, als Weie, und wenn sie
=jetzt= schon in der Hinsicht so ngstlich sein wollten, wie das dann
nachher werden sollte? Die Fische wurden deshalb auch gebraten und
schmeckten ausgezeichnet.

Am nchsten Morgen wehte ihnen ein schwacher Landwind gerade entgegen,
und erst um 10 Uhr konnten sie Segel setzen und den Anker lichten. Die
australische Kste trat jetzt immer klarer und deutlicher heraus. Sie
konnten schon das niedere buschige Gehlz, das ihre Ufer bedeckte,
unterscheiden. An der weien sandigen Bank lieen sich aber keine
menschlichen Wesen erkennen, und sie sahen auch nirgends Rauch
aufsteigen. Der ganze Strich hier schien vollkommen unbewohnt, und Hans,
der wieder am Steuer sa, bat Bill, ihm doch das kleine Fernrohr, das
gleich oben links in der Kiste lag, herberzureichen.

Wenn wir hier nicht mit Wilden zu thun bekommen, finden wir auch kein
Wasser, sagte er, nachdem er das Land eine Weile mit dem Fernglas
berflogen hatte. -- Willst du das Glas haben, Bill?

Merci, meinte dieser trocken, ohne den Arm nach dem dargereichten
auszustrecken, wenn Brandy drin wre, ja, -- wei der Henker woher
es kommt, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt. Mit den Dingern
da aber habe ich mich nie befreunden knnen, und wenn ich durchsehe
schwimmt mir immer Alles vor den Augen. Gerade so geht mir's auch mit
den Gewehren; abdrcken kann ich sie, aber wo die Kugel hingeht das ist
ihre Sache. Siehst =du= nichts, Hans?

Nicht das mindeste, sagte dieser, das Glas Jean hinberreichend.
Nun so viel besser, denn da knnen wir die Gegend ungestrt
untersuchen und nachher immer noch thun was uns gefllt.

Gegen Abend starb der Wind wieder weg, und sie muten diesmal zu den
Rudern greifen, denn es war hier so tief, da sie nicht einmal
htten ankern knnen. Mit Sonnenuntergang waren sie etwa noch einen
Bchsenschu vom Lande ab, in vier Faden Wasser, und beschlossen
dort auch die Nacht zu bleiben. Sie wollten sich nicht gerade mit
Dunkelwerden einem vollkommen fremden Kstenstrich anvertrauen, an dem
sie weder die Bewohner, noch die Thiere kannten.

Was es nur hier fr Bestien geben mag, sagte Jean, als sie ihren
Anker fallen gelassen, die Segel geborgen und niedergelegt, und ihr
Abendbrod auf zwei besonders dazu aufgestellten Weinkisten ausgebreitet
hatten, wei man denn gar nichts davon?

Der erste der hier ins Innere eingedrungen ist, und durch den
wir einigermaen Nachrichten von diesem bis jetzt noch meist
geheimnivollen Kstenstrich erhalten haben, sagte Hans, war ein
Deutscher, ein Dr. Leichhardt, der mit einer kleinen Gesellschaft und
mit aufopfernder Khnheit diese Kste bis weit gegen Westen besucht
hat. Diesem nach haben wir hier aber eine ganz andere Thierwelt als im
sdlichen Australien, und es soll an der nrdlichen Kste Krokodile
und Bffel geben. Ob wir die auch hier so weit im Osten finden wrden,
wei ich nicht. Knguruhs giebt's aber jedenfalls, und deren Erlegung
wre das einzige, von dem wir hoffen knnten im Innern zu existiren.
-- =Seht= aber das Land erst, und wenn Ihr euern Plan durch das Innere
zu gehen, dann =nicht= aufgebt, dann seid Ihr die ersten Matrosen oder
Fischer, die das Land nicht satt hatten und wieder nach Salzwasser
schnappten.

Unsinn, lachte Jean, ich will Gott danken wenn ich nur erst einmal
wieder vom Salzwasser hinunter bin. -- Nein, ich habe mir Australien zu
meiner knftigen Heimath erwhlt, und je schneller ich Sydney wieder
erreiche, desto besser -- und nachher nie mehr zur See.

Hans hatte das Fernglas wieder aufgenommen und schaute so lange nach
der Kste hinber als es ihm die jetzt rasch einbrechende Dmmerung
erlaubte. Es lie sich aber nicht das mindeste verdchtige erkennen,
und auf dem blendend weien Korallensand der das Ufer bildete, htte
ihm der kleinste dunkle Gegenstand, der sich nur im mindesten bewegte,
augenblicklich ins Auge fallen mssen.

Darber beruhigt ging er wieder an sein Abendessen und die Wacht wurde,
als sich die andern zum Schlafen niederlegten, aufgesetzt. Hans hatte
die erste Wacht, Jean die zweite, Franois die dritte, und Bill die
Morgenwacht. Timor durfte die ganze Nacht schlafen.

Als sich die Mnner, so gut das der enge Raum erlaubte, ausgestreckt,
und fr eine gute Rast eingerichtet hatten, sah Hans noch einmal
nach seinem Gewehr, setzte frische Zndhtchen auf und legte es zum
augenblicklichen Gebrauch an seiner Seite nieder. Dann schob er sich
seine zusammengerollte wollene Decke unter den Rcken, und schaute, auf
diese gesttzt, trumend zu den leichten ber ihn hinziehenden Wolken
und blinkenden Sternen empor, manchmal nur aufhorchend, wenn er irgend
ein fernes Gerusch zu hren glaubte oder ein aufschnellender Fisch,
zweimal auch ein eigenthmlicher Schrei vom Lande herber, der Ruf
irgend eines fremdartigen Nachtvogels, die Stille unterbrach.

Htte er die sechs dunklen Gestalten gesehen, die still und
geruschlos, aber schnell wie das Wild ihrer Wlder durch die
dsteren Uferbsche glitten und nach Osten zu dem Strand hinaufliefen,
dessen hellen Sand zu betreten sie sich aber wohl hteten, er wrde
die Stunden seiner Wacht nicht so ruhig vertrumt und sich nachher mit
so leichtem Herzen zum Schlafen niedergelegt haben. So aber wandte sich
sein Geist bald von der Gegenwart ab. -- Den Kopf in die Hand gesttzt
und mit den Blicken an den funkelnden Sternen ber ihm haftend, dachte
er bald keiner Gefahr mehr die ihnen hier drohen konnte. -- Die Bilder
der Vergangenheit gingen vor seiner inneren Seele vorber, und die
Stunden der Wacht schwanden ihm wie Minuten dahin.

Jean hatte eine Uhr, die einzige an Bord, die der Wachthabende jedesmal
in Verwahrung bekam. Die ersten drei Wachen verliefen brigens
vollkommen ruhig, und als Bill sich, von Franois geweckt, aufrichtete,
schliefen Hans, Jean und Timor so fest, als ob sie in irgend einer wohl
verwahrten und civilisirten Stadt in ihren Betten lgen und dort auch,
bis Morgens der Kaffee kme, jedenfalls liegen bleiben wollten.

Hallo, sagte Bill und rieb sich die Augen -- was zum Henker, ist's
schon zwei Uhr? -- ich glaubte, ich htte mich eben erst niedergelegt.
-- Es wird ordentlich kalt, Morgens.

Schon drei Uhr fast, Kamerad, versicherte Franois, Alles ruhig
gewesen! Damit bergab er dem Wachthabenden die Uhr und rollte sich
ebenfalls in seine Decke, die Beine ber die nchste Bank streckend.

Bill war brigens zu lange in Australien gewesen sich nicht indessen an
ein Pfeifchen gewhnt zu haben, aus dem sich sonst Matrosen, wenn sie
ihren Kautabak haben, gewhnlich nicht viel machen. Vor allen Dingen
knpfte er sich aber erst einmal warm in seine dicke Lootsenjacke ein,
denn die Morgenluft zog schon scharf von Osten her ber das Wasser,
schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife voll Kautaback klein, stopfte
seinen kurzen irdenen Stummel und schlug Feuer. -- Das dauerte aber wohl
eine Viertelstunde lang, denn der Schwamm war feucht geworden und wollte
nicht fangen. Bill wurde auch endlich rgerlich darber und fluchte
nach Matrosenart, bis er zuletzt all seine Kraftwrter erschpft
hatte, und nur immer bei jedem Schlage _damn it_ -- _damn it_ --
_damn it_, brummte. Endlich bekam er Feuer, setzte sich dann mit
bergeschlagenen Beinen und die Schulter bequem gegen den kleinen Mast
gesttzt, in Wachtpositur, und qualmte aus Leibeskrften.




Sechszehntes Capitel.

Der Morgenbesuch.


Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich
ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch auerhalb der Decke, und
noch halb im Schlaf sah er nur einmal ber den Bootsrand weg neben dem
er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder, so warm es ihm
mglich war, ein.

Bill wute nun allerdings recht gut da er die Wacht hatte, und nicht
allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mute; aber es war ihm
nur eine hchst unbestimmte Idee, auf =was= eigentlich. Canoes hatten
sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden
war, sollte es den Wilden, wenn berhaupt welche an der Kste hausten,
sehr schwer werden das fremde Boot zu finden. Keinenfalls htten sie
aber so geruschlos anrudern knnen, da sie von ihm nicht bemerkt
wren, und in dieser Hinsicht fhlte er sich auch vollkommen beruhigt.

Das Wetter sah ebenfalls gnstig aus, denn obgleich sich am Himmel hie
und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen mglichen
Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land
durchaus geschtzt, und brauchten nicht das mindeste fr ihr kleines
Boot zu befrchten. Die Wacht versprach also, ebenso wie die
brigen drei, ohne das mindeste Auergewhnliche abzulaufen.
Nichtsdestoweniger setzte er sich so, da er den schmalen
Wasserstreifen, der zwischen dem festen Land und ihrer Jlle lag,
vollkommen bersehen konnte, und blie, den rechten Ellbogen auf
das rechte bergeschlagene Knie gesttzt, seinen Tabaksdampf in
regelmigen Puffen dem Morgenwind entgegen.

So mochte es vier Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife
gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dmmerschein
des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht geflliger als
das erstemal, und Timor, der berdies die ganze Nacht vortrefflich
geschlafen, und auch am Schiff daran gewhnt war meist um diese Zeit
aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnckigen
Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Hhe und frug
leise, die anderen nicht zu stren:

Wie viel Uhr, Tuwan Bill. -- Wird's schon Tag? es mu noch frh
sein?

Bill, berhaupt kein groer Freund von vielen Worten, zeigte mit der
Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf
ebenfalls dorthin drehte -- kommt eben.

Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend
nach dem stlichen Horizont hinber, das Wachsen des lichten Streifens
zu beobachten. Pltzlich richtete er sich aber ein wenig hher auf,
machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen, und schaute
wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er fate zugleich Bills Knie und
drckte es leise.--

Tuwan Bill, flsterte er dabei, doch so geruschlos, da die
Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen -- was ist das dort -- Fische?

Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah
allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunklen Gegenstand ber
dem Wasser vorkommen. -- Aber er hob sich nur hchstens einen Fu
ber die Oberflche, glitt etwa zwei oder drei Fu darber hin, und
verschwand dann wieder.

Tmmler, sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fnf
derselben Art dem ersten folgten; es sind Fische, Timor, mit denen
knnen wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen fest
kmen, schleppte uns der mit Anker und allem, Gott wei wohin. Er
nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, whrend
Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit
noch einmal zum Vorschein -- etwas nher dem Boote zu, wo auch eine
ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen
wahrscheinlich, an- und festgeschwemmt war. Der Tang bildete dort eine
volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerckt,
mehr als einen schwarzen schattigen Streifen davon erkennen zu lassen.
Der Tang lag nach NO. zu.

Es ist vielleicht nthig den Leser hier darauf aufmerksam zu machen wie
das Boot zu der Kste geankert hatte. Die australische Kste, an deren
nrdlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach
Westen hin, und bildete dadurch die sdliche Bank der Torresstrae.
Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die
Strmung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht
oder gendert, in ziemlicher Strke nach Westen. Das kleine Boot
ritt vor seinem Anker der es festhielt, whrend es zugleich der
Strmung, so weit es der Anker lie, nachgab, und deshalb mit seinem
Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch sdlich, zeigte,
da eine, gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strmung
gewissermaen aufgefangen hatte, und da wo sie lagen, in die Strae
zurckfhrte. Die Steuerbord oder Starbordseite des Bootes zeigte
deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Strae hin.

Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war,
trotz der niederen Breite in der sie sich befanden, ziemlich frisch, und
er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch
noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's neue hinlegte, warf er
noch einen Blick nach dem Tang hinber, wo sie verschwunden waren.
Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter
geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermgen als einen matten falben
Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das
Auge blendete, als ihm die Gegenstnde unterscheiden half. Trotzdem
glaubte er sich wieder Etwas nach jener Richtung hin bewegen zu sehen,
und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute
scharf hinber.

Das sind im Leben keine Tmmler, murmelte er dann fr sich, auf
malayisch -- das sind entweder Schildkrten oder andere Fische, und
vielleicht kommen sie dicht ans Boot heran, da wir einen mit dem Elker
(eine kleine fnf- oder dreizackige Harpune) erreichen knnen. -- Ich
will wenigstens alles fertig machen.

Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem
hinteren Sitz, damit sich niemand die Nacht hineinreien konnte. Um ihn
zu bekommen mute der junge Bursche ber Franois wegsteigen, und die
Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern da er
Hans anstie und weckte. Dieser, als er sich berhrt fhlte, fuhr
rasch in die Hhe und frug was es gbe?

O nichts, sagte der Malaye leise, legt Euch ruhig wieder hin, ich
wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. -- Es
sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.

Was fr Fische, Timor? sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht
streichend und seine Mtze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war,
wieder aufsetzend.--

O ich wei selber noch nicht, ich kann nur sehen wo sie sich
bewegen, erwiederte Timor. -- Sie scheinen hier ums Boot herum
zu spielen und kommen vielleicht nher. Timor sprach mit Hans
gewhnlich in seiner eigenen Sprache, und deshalb lauter mit ihm als
den anderen.

Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach
den sich lichtenden Wolken und dem noch dster vor ihnen liegenden
Kstenstreifen hinber. Timor aber, der glaubte da er den Platz
suche wo die Fische wren, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinber,
der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa 60
Schritt von ihnen entfernt sein.

Da war aber etwas, mehr nach dem Lande hin, sagte Hans, dessen Blick
unwillkrlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timors Arm bezeichnete.
-- Das mu ein groer Fisch gewesen sein, und ich htte gar nicht
geglaubt, da sich die so weit nach dem Lande zu verlieren. Wirf ja
nicht die Harpune nach solch einem Burschen, wenn er hier herankommen
sollte, Timor, denn entweder ri er dich selber mit ber Bord, oder
wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige den
wir mit haben. -- Halt, da wieder -- er will zwischen dem Lande und uns
durch.

Der Fisch ging aber tief, und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht
da es Hans und Timor bemerkt htten. Durch das Sprechen war jedoch
Franois ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf, und rief den
anderen beiden seinen guten Morgen zu.

_Qu'est -- ce que c'est a?_ -- rief er aber pltzlich, den Arm
nach dem Lande ausstreckend -- _des poissons?_

Nein, bei Gott nicht! rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen
herberschallenden Pltschern den Kopf rasch dorthin drehte -- das
sind keine Fische -- das ist ein Schwarzer, und ich habe doch niemand
ins Wasser steigen sehen.

Wo? rief Bill, und richtete sich rasch in die Hhe; auch Jean wurde
munter.

Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem
Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen lie. Es war
jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa 60 Schritt von
ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er brigens bemerken
mochte, da aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so
weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen
hinber.

=Was= er rief konnten sie natrlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm
zu zeigen da er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glck in einem
sdaustralischen Dialekte, obgleich er kaum hoffen durfte von ihm
verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere
Sprache.

_Parni tirriapindo_ -- komm nher heran. Der Wilde, als ob er wisse
was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen, und
hielt dann wieder wie unschlssig.

In demselben Augenblicke wurden nach Norden zu, also an der dem Land
entgegengesetzten Seite, mehrere Kpfe ber Wasser sichtbar, tauchten
aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter -- sie waren nur zum
Athemholen in die Hhe gestiegen, und befanden sich keine 30 Schritte
mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch
den neuen Aufruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der
anderen Seite zuzuwenden. -- Sie sahen nicht was hinter ihnen vorging.

Es wre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen
knnten, sagte Hans zu Jean gewandt -- der wrde uns auf dem
festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls
versuchen.

_Nunja ngun renga patlerti!_ rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen
herber.

Hol' der Teufel die Sprache, brummte Hans, ich verstehe kein Wort
davon.

Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein
paar dunkle Augen blickten scheu empor -- jetzt noch einer, jetzt ein
dritter. Die Mnner im Boot htten sie mssen Athem holen hren.

Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen, rief Jean -- einen
grnen Busch haben wir ja doch nicht hier, und er wird verstehen da
das freundlich gemeint ist.

_Parni tirriapindo!_ munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil
Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das
Tuch.--

_Diable!_ schrie in diesem Augenblick Franois -- und ri sein
Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. --
Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht, und
fiel mit beiden Hnden auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand
hingen in dem Moment fnf dunkle Gestalten und suchten, sich so
hoch das ging aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand
niederzudrcken, und das Boot jedenfalls dadurch zu fllen und zu
versenken.

Die Jlle schwankte natrlich mit einem pltzlichen Ruck nach ihnen
hinber und zwar so stark, da Jean auf Steuerbord berstrzte, und
nur noch glcklicherweise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen
Fahrzeugs erfate. Dadurch hielt er sich nicht allein ber Wasser,
sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht was er
hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gnzlichen Fllen
und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er
nicht verhten, da trotzdem eine Masse Wasser ber Bord schlug.

Ein zweiter solcher Sto wre ihnen auch jedenfalls verderblich
gewesen, und er mute erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit
ihrem Gewicht hngen blieben, Bill aber rettete sie diesmal, und
zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hinten
berfallend, strzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein.
Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drcker der Muskete
berhrend, oder auch nur durch das Anstoen des Kolbens auf den Sitz,
entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend ins Blaue.

Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. -- Im Nu waren die sechs
schwarzen Kpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei
ausgestoen, in der ber ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden.
Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jeans Gewicht nach der
andern Seite htten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren
Angriff verfehlt, denn die Jlle schlug nun ebenso viel nach Steuerbord
ber, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein.

Das kleine Boot war jedoch glcklicherweise ziemlich breit gebaut, und
das nchste Zurckschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, da die
Gefahr fr den Augenblick vorbei sei.

Whrend aber Jean, so rasch ihm das irgend mglich war, zurck ins
Boot kletterte -- und Timor fate ihn dabei und half ihm hinein --
hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und Franois mit dem
Messer noch immer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootrnder,
ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber
nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flchtigen, und Hans
meinte erstaunt, es wren doch keine Fischmenschen, da sie ganz unter
Wasser leben knnten; sie =mten= wieder vorkommen. Da deutete Timor
nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das
Auftauchen der geglaubten Fische beobachtet hatten.

Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur Franois nicht, der fest
die Feinde noch einmal auf ihren alten Angriffsplatz -- er wute nur
nicht recht auf welcher Seite -- zu erwarten schien.

Dort sind sie! rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen
ebenfalls seine Muskete aufgefat, wollte schon auf das Dunkle dort,
was sich ziemlich deutlich als die dunklen Kpfe der Feinde erkennen
lie, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es
wre besser Blutvergieen zu vermeiden, bis es nicht anders mehr
mglich wre.

Die Kpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst
weit auer Schuweite kamen sie zum zweitenmal hervor. Als sie
sich zum drittenmal zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze
Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch
das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen aufs Trockene
und tauchten in der nchsten Minute in die dichten Bsche ein, die sie
den Blicken der Nachschauenden gnzlich entzogen.

Deren nchste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und zwei gingen daran,
es so schnell als mglich wieder auszuschpfen, whrend die anderen
noch immer auf Wacht blieben, denn sie glaubten kaum, da so wenige von
den Wilden es gewagt haben sollten sie anzugreifen.

Der Plan war auch gar nicht so bel gewesen, und nur daran gescheitert,
da die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jlle kannten, die
weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eines
der gewhnlichen Canoes. Keines dieser letzteren htte einem solchen
Gewicht, pltzlich an die Seite geworfen, widerstehen knnen, und
einmal die Mannschaft ber Bord, htte sie den Wilden, die im Wasser
fast gewandter sind als auf festem Lande, sicherlich nicht widerstehen
knnen. Mit ihren kurzen Speeren wrden sie die Weien entweder
ermordet, oder untergezogen und ertrnkt haben, und das Boot mit der
Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten,
wre ihre gute Beute geworden.

Ihr ganzes Manver lie sich jetzt auch sehr leicht erklren. Zuerst
hatten sie versuchen wollen im Dunkel der Morgendmmerung (fast alle
wilden Stmme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich
anzuschwimmen. Timors Munterwerden machte ihnen das aber unmglich, und
einmal die richtige Zeit versumt, war auch die andere Mannschaft wach
geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den brigen ab, die
Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Cameraden abzulenken,
whrend diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan
ausfhren konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stmme, die mit
Weien fast noch nie in Berhrung gekommen, eine heilsame Furcht, und
das zufllige Losgehen von Bills Muskete erschreckte sie so, da
sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben, und nur ihre eigene Haut in
Sicherheit zu bringen suchten.

Nun, wie gefllt Euch Euer Empfang bei den Schwarzen? frug Hans
die anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre
Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frhstck einzunehmen.
Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten bis
wir bei ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon =vor= der
Thre besuchen.

Hol der Teufel die Landlubbers, brummte Bill, der damit das
schlimmste Wort seines Kopfwrterbuchs ausgesprochen -- wenn die
Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren mich
viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. -- Das sind ja verteufelte Kerle --
und wie die Bestien schwimmen und tauchen knnen.

Die Hlfte von unserem Brod ist na geworden, sagte Timor, der
sich indessen eifrig damit beschftigte den beschdigten Proviant
nachzusehen -- ein Glck nur da das meiste hoch lag.

Wir essen das nagewordene zuerst weg, meinte Jean -- wenn das
Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht
ist's doch nicht. Da mssen unsere Schiffszwieback lnger im Wasser
liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; fr solche Flle haben
unsere Rheder glcklicherweise gesorgt. -- Aber so heimtckische
Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, und auf der
anderen Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei wie sie ausbrannten
als Bill sein Gewehr unter sie abscho. Mich wundert nur da sich Bill
so rasch fassen und schieen konnte; der Angriff kam so schnell, da
ich an =mein= Gewehr gar nicht dachte.




Siebenzehntes Capitel.

Die Landung.


Bill sah ihn mit einem trocken komischen Ausdruck in den Zgen an, und
die anderen lachten.

Ja, sagte Bill endlich, wenn ich jedesmal mein Gewehr auf =die=
Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei
als jemand anderem. Nicht allein da ich mir meine ganze hintere Fronte
auf den scharfen Kistenecken und Gott wei was abgescheuert habe, nein,
die verdammte Muskete stie mich auch, wie sie los ging, so gegen
den Leib, da ich erst frchtete, ich htte einen frmlichen
Decimalbruch gekriegt. -- Das sind verwetterte Dinger so Schiegewehre
-- da ist's ja wahrhaftig so gefhrlich dahinter wie davor zu stehen,
und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber Donnerwetter,
Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs
in einer so angenehmen Lage hier vielen Spa machen zu knnen. Gebt
lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen
und was wir thun sollen.

Sail ho! rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner
Beschftigung im Boot, doch nicht aufgehrt hatte den Horizont wie
seine nchste Umgebung zu beobachten.

Dieser Ruf gab natrlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total
andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzesschnell nach der
einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte -- der
Einfahrt der Torresstrae zu. Und richtig genug, ber dem Horizont
waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich groen Schiffes zu
sehen, das schon gestern Abend in die Strae eingelaufen und vor Anker
gegangen sein mute, und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten
Brise und von der starken, westwrts setzenden Strmung begnstigt,
seine Durchfahrt antrat.

Da wr' eine Gelegenheit von hier fortzukommen, sagte Hans
lchelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken
konnten, eine kleine Weile schweigend beobachtet hatten, was meinst
du, Bill? sollen wir unser Glck damit versuchen?

Bill schttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er
sich ein tchtiges Stck von seinem Kautaback abgebissen und den
Rest wieder in die Mtze -- dem gewhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt
hatte: -- Ne -- so gern ich hier weg wre, aber die Gesellschaft
Capitn Oilytts ist doch zu gut fr mich -- ich bin sie nicht werth
und -- ich will mich nicht gern wieder hineindrngen. -- Wenn wieder
ein's kme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke dies
erste gnnen wir unserem Alten zu seiner alleinigen Verfgung.

O wenn's nur deshalb wre, rief Jean, das sollte mich wahrhaftig
nicht abhalten. -- Auf einem fremden Schiff hat er Nichts zu sagen,
denn er ging hchstens als Cajtenpassagier und wir kmen als
Wachtverstrkung mit ins Vorcastel. Was knnte er uns da anhaben?

Was er uns anhaben knnte? wiederholte Bill, weiter nichts,
Mann, als da er uns viere hier einfach in Eisen legen liee, wegen
Widersetzlichkeit -- wenn er da irgend Gefallen d'ran fnde. Und thte
er das wirklich nicht, so kannst du dich d'rauf verlassen, er wrde uns
bei dem anderen Capitn einen solchen Namen machen, da ich lieber
mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt
werden mchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was der dazu
meint. -- Und Timor erst fr sein bischen Versteckens spielen. -- Aus
dem seiner Haut machten sie, Gott straf mich, Kabelgarn.

Unsinn, Mann, lachte Jean, es fllt mir ja gar nicht ein Capitn
Oilytts Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke
Gott da ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat
aber jedenfalls =den= Vortheil fr uns, da es den Capitn mit seiner
ganzen Gesellschaft aus der Strae herausnimmt, und kommt spter
einmal ein anderes, und es gefllt uns dann nicht auf dem festen Lande,
dann knnen wir immer noch thun was wir wollen.

Hollo, Hans, was machst du da? wandte er sich pltzlich zu diesem,
der nach vorn gegangen war, und ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen
Anker aufholte.

Was ich mache? -- ich mache uns flott, lautete die Antwort -- oder
wollen wir heute hier liegen bleiben?

Gut dann, an Land! rief Jean frhlich, und gefllt uns das
Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten unser Ziel
zu erreichen.

Damit bin ich auch einverstanden, meinte Bill, meine Flinte kann
aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal
losschiee oder vielmehr sich selber losschieen lasse. Was ich bis
jetzt daran gesehen habe, so scheint es mir verwnscht unabhngig zu
sein, und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stck Eisen da
gedrckt wird oder nicht.

Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und Franois nach den Rudern
greifen, die kurze Strecke hinber zu rudern; Hans richtete aber das
Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine kleine Strecke an der Kste
hinabzufahren, bis wo sie wieder Hgel zum Strande niederdachen sehen
konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die kleinen Hgel
standen aber mit anderen hheren, deren blaue Spitzen sie jetzt
schon erkennen konnten jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher
wahrscheinlich da sie Wasser finden wrden als hier; und Wasser blieb
ihnen ja doch, bei einem Marsch ins Innere, die Hauptsache, wo sie wohl
dann und wann ein Stck Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen,
aber nie im Stande gewesen wren sich ohne Wasser zu behelfen.

Und dann kommen wir auch ein Stck von diesen verdammten schwarzen
Heiden fort, sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte
und fest machte -- hol sie der Henker!

Das nun wohl nicht, meinte Hans, denn ich bin fest berzeugt,
da wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden, und
selbst diese knnen uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf
gegen die Kste an, so werden sie sich jedenfalls zurckziehen, und
ich bin ziemlich gewi, da sie uns beim Landen nicht im geringsten
stren.

Nach zwei Stunden etwa erreichten sie das hher gelegene Land, und
fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl 30 Schritt breites
kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte.
Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher
erwarten dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese
Quelle sicher vertrocknete.

Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die
ihnen unter ihren Umstnden nur mglich war. Whrend Bill vorn mit
dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete, und dann
hinaussprang und es ans Ufer zog, standen Jean, und Franois mit ihren
geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es lie sich aber
kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Fe konnten
sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck
eine kleine Runde durch die Bsche gemacht, und auch nicht das
mindeste Verdchtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine
S-Wasser-Bay, die hier das frische Wasser in den sonst berall nahe
zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich,
zum erstenmal wieder, auf festem, trockenem Lande.




Achtzehntes Capitel.

Der Australische Busch.


Franois und Jean hielten es allerdings jetzt noch fr unumgnglich
nthig Posten auszustellen, und indessen ihr Boot in Sicherheit zu
bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stmme, wie es schien, besser
bekannt, beruhigte sie darber, und gab ihnen die Versicherung, da
sie gewi keinen neuen Ueberfall, so lang es hell sei, zu frchten
htten; obgleich er keineswegs fr dasselbe nach Dunkelwerden
einstehen mchte.

Was aber nun thun? ihr Boot am Strand, oder irgendwo im Dickicht
versteckt zurcklassen, und geradezu den Landweg durch das Innere
versuchen? die Sache wurde bald als unmglich verworfen, denn die
gerade, die im Anfang am exaltirtesten fr einen solchen Plan gewesen
waren, schienen durch diese erste Begrung einen heilsamen Schreck
vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben.

Hierzu kam noch, da jetzt die Provisionsfrage in Anregung gebracht
werden mute, und es sich nun herausstellte, wie solche auf keine
andere Weise fortzubringen wren, als auf den eigenen Rcken. Hans
setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill
schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemrsche
hrte, und selbst Franois und Jean wurden kleinmthig als sie das
ihnen nchste Wasser, das sie fr frisches gehalten, kosteten und --
=salzig= fanden. Allerdings hatte das seine sehr natrlichen Ursachen,
da die Mndung des kleinen Creeks oder Flusses -- denn das Bett
desselben sah breit genug aus -- hier jedenfalls der Ebbe und Fluth
ausgesetzt war.

Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen, in ihrem Boot zu
bleiben und so rasch sie knnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls
Timor oder eine andere Insel jener dicht gedrngten Gruppe zu
erreichen. Bis dorthin fhrten sie auch genug Provisionen bei sich,
denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls
zu erwartenden Regengssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel
auffangen.

Wenn nun aber auch die brigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen
bereinstimmten, versicherten doch Franois sowohl wie Jean, das feste
Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon
gesehen htten, denn der Beweis wre ihnen geworden, welchen Respect
die Wilden hier vor Feuerwaffen htten. Franois besonders, mit der
eigenen Leidenschaft die Matrosen fr jede Art von Jagd zeigen, wenn
sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer
hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in
See ginge -- die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er msse
jedenfalls erst sein Gewehr einmal anschieen. Etwaige Gefahren
konnten ja nur den Reiz erhhen, aber nimmer vermindern.

Der einzige, dem es ziemlich gleichgltig schien was vorgenommen wurde,
war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten lange Tagemrsche mit
einer Last auf dem Rcken zu machen. Er gestand jetzt ein da er sich
das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch
als mglich Timor zu erreichen. -- Gegen eine kleine Excursion ins
Innere hatte er aber ebenfalls nichts, vorausgesetzt, da er dieselbe
ohne Flinte mitmachen knne, denn nur im uersten Nothfall mchte
er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein hintenausschlagendes
Schieeisen wieder abzufeuern. -- Aber was sollte indessen aus dem
Boote werden? -- Die Frage war die natrlichste, und wenn auch
besonders Franois im Anfang geglaubt hatte, man wrde es irgendwo
leicht verstecken knnen, berzeugte sie doch bald die ganze Natur
des Bodens, da etwas derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer
ausgefhrt werden knne. Handelten sie brigens hierin leichtsinnig,
so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, alles was sie
an Provisionen bei sich hatten nicht allein zu verlieren, sondern auch
noch zugleich der Mglichkeit eines Rckzugs von hier beraubt zu
werden.

Dagegen erklrte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich
mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei
Cameraden ihrer Landungswuth gengt und vom Land so viel gesehen
htten als ihnen zutrglich wre, was, wie er hoffte, gar nicht so
sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean
aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wnschte und dagegen Bill,
als am schlechtesten auf den Fen, zur Bootwacht vorschlug. Als
Station fr das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die
jetzt, in der Fluthzeit, nur eben ber die Oberflche des Wassers
vorragte und mit dichtem Gebsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade
bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so da sie dort
wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu
frchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu
frchten, da sie gesehen hatten, welchen Respect die Eingeborenen den
Schiegewehren gegenber gezeigt.

Bill, berdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan
vollkommen einverstanden, lie ihn derselbe doch in unbeschrnktem,
unverkmmertem Besitz und unmittelbarer Nhe des Portweins, fr den
er anfing eine stille Neigung zu fhlen.

Hans wnschte selber gern einen Theil der Kste und das Innere des
Landes zu sehen, wenn sich die Cameraden denn doch nun einmal nicht
von ihrem Plan abbringen lieen, und da er sich auch wohl bewut war
manche Gefahr von ihnen abwenden zu knnen, stand der Ausfhrung des
beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem
einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Bereich der Schwarzen
brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgefhrten Angriff gar
tchtig in Respect gesetzt.

Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter.
Jeder nahm nur an Munition und Proviant was er auf zwei oder drei Tage
nothwendig zu brauchen glaubte -- denn etwas zu schieen muten sie ja
doch auch hier im Walde finden -- und als Signal, wenn sie zurckkehren
wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schsse bestimmt.
Sobald Bill dieselben hre, solle er sich, aber immer noch sehr
vorsichtig, dem Festland nhern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht
gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich
vom Lande abzustoen.

Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Cameraden und
warnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben,
damit sie dieselbe nicht unnthiger Gefahr aussetzten. Dann nthigte
er noch jedem, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, eine extra
Flasche Madeira auf -- Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn
man ihn mit Salzwasser trinken msse -- und schob hierauf mit Hlfe
der Zurckbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines
kleinen Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer, vom
Lande abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begnstigt,
auch bald gelang.

Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch
ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen,
und dem nchsten Hgel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst
einmal besteigen wollten, einen ungefhren Ueberblick ber das
benachbarte Land zu gewinnen.

Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten
Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder
hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne groe Gefahr
fr sich wagen zu knnen.

Da sie sich hier noch innerhalb des Fluthals befanden, das nach Osten
und Westen in einem, wenn auch schmalen doch weit auslaufenden Streifen
abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen hchst
beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch
wirklich kaum wagen auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen
wegsank. Sie muten sich ber die hoch emporstehenden Wurzeln, die
nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten,
hinarbeiten, nur erst einmal hheres und damit auch festeres Terrain zu
gewinnen.

Hans fhlte sich aber gleich von vorn herein in diesem Sumpf nicht
wohl, denn htten die Wilden wirklich noch bse Absichten auf sie
gehabt, so wren sie hier, wo sie ihre beiden Hnde gebrauchten,
um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine hchst
gefhrliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger lie
sich sehen; keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen
Schlamm erkennen, und Franois meinte lachend, als sie den ersten
festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben,
sich zu erholen; die schwarzen Schufte die an dem Morgen einen Angriff
versucht htten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie ber den
Knall von Bills unfreiwilligem Schu erschreckt worden.

Hans war anderer Meinung, aber er begngte sich damit, vorsichtig
auszuschauen, und erhielt dazu noch krftigeren Grund als sie hier, am
Rande eines kleinen Theebaum-Dickichts nicht allein Spuren, sondern
einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Sumpfes
hinzulaufen, und wahrscheinlich dem nchsten frischen Wasser, am Flusse
weiter hinauf, zuzufhren schien.

Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere,
ppigere und hier zum erstenmal schienen selbst Bume den Hgelkamm
zu decken, whrend weiter unten sowohl wie oben die nchsten
Kstenhgel nur starre, drftige Sandberge gewesen waren. Kleine
schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Auslufe
zogen sich hier zum Flu hinunter, deren Rnder mit Banksias
eingefat standen, whrend dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten
und der ganzen Landschaft, mit dem dunklen Hintergrund von
Stringybark-Bumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben.
Nach rechts hinber schienen diese Palmen in noch grerer Menge zu
stehen und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen
Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentliche Lager
gehabt zu haben schienen.

Hans sowohl wie Jean und Franois fhlten sich aber beengt in dem
dichten Unterholz, das brigens eine Masse weier Tauben belebte, und
gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vgel diente nur
dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfnglich
in jedem solchen Gerusch einen versteckten Wilden zu hren, der mit
Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle.

Hier noch im flachen Lande wre auch ein solcher Ueberfall nicht so
unmglich gewesen, denn die ppige Vegetation wrde einen Hinterhalt
sehr begnstigt haben. Deshalb wandten sich alle drei, wie nach
gemeinsamer Verabredung, dem nchsten Hgellande zu, und erreichten
bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, drftig mit
Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und
ungefhrdet ihre Bahn verfolgen konnten.

Eigenthmlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer
Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstmpfe
vorkamen, und berall am Hgel hin, oft zu zweien und dreien,
manchmal 20 und 25 zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als
Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser,
bis vier Fu hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des
Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich
gaben. Franois glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige
Schaar von lederfarbenen Eingebornen, die dort ber den Berg zerstreut,
nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten ber sie
herzufallen. Hans kannte aber diese Hgel schon von frher, und
bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben
berzeugen.

Eine ihnen fremde Gattung von Taube, mit dunkelbraunem Krper und
hellerer Zeichnung schienen brigens die einzigen Bewohner dieses
Hgelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Felsen ihre
Wohnungen aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald
sich ihnen die Fremden nherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre
Munition nach so kleinem Wild verschieen, noch die benachbarten Wilden
unnthigerweise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb,
ohne ein Gewehr abzudrcken, den jetzt steiler werdenden Hang empor.

Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde spter, auf dem
uersten Kamm des Bergrckens, der sich nach Sden zu hinunterzog,
und im Osten durch die noch hhere Kette, die in Cape York ausluft,
begrnzt wurde. Nach Westen zu ffnete sich ihnen dagegen die Aussicht
ber ein weites buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen
blauneblichen Grtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig
genug aus. Drre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils
grausandige Flchen dehnten sich rings um sie her, und nicht die
geringste Anzeige irgend eines bedeutenden Wasserlaufes lie sich darin
erkennen. Es war eine trostlose Wildni, die ihre Einbildungskraft noch
nach Gefallen mit den heimtckischen Schwarzen bevlkern konnte -- und
dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See.

Groer Gott! brach Franois endlich zuerst das Schweigen,
nachdem sie eine ganze Zeitlang lautlos auf das weite monotone Land
hinabgeschaut hatten, wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene
weite furchtbare Flche aus. Hier in den Hgeln haben wir zwar auch
gerade nichts Besonderes, aber ich kann mir denken wie man von da unten
aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen knnte.

Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblt
die einer solchen Reise wenigstens die Mglichkeit des Gelingens
liee, den Marsch versuchen; sagte Hans.

Aber es wird auch nicht berall so sein, entgegnete Jean rasch.
Da wo sich der Flu durch das breite Thal zieht, grnt und blht
eine so ppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wnschen
kann, und diesem Strome folgend--

Kmst du nur zu bald zu seiner Quelle, wo all' die Schrecken und
Gefahren einer Wste beginnen, unterbrach ihn Hans kopfschttelnd.
Wir knnen uns ein Beispiel an dem Deutschen, an _Dr._ Leichhardt,
nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott wei auch mit
welchen Mhseligkeiten und Gefahren durchzogen, und auf einer zweiten
Reise sein Leben dennoch eingebt hat. Mit allem Nthigen zu einem
solchen Marsch ausgerstet, mit der Kenntni des Landes, die er auf
der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer, wie sie nur je ein
Mensch bewiesen, mute er doch in den entsetzlichen Wsten, die das
Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine
Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom
Sand der Wste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber
ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das
Innere dieses ungeheuren rthselhaften Landes blicke, das seinen
khnen Bewohnern noch immer hartnckig die starre Sandwste
entgegenhlt. Trotz allen Versuchen das Innere zu erforschen, trotz
aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth, es blieb vergebens, und
wer wei ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu
durchwandern.

Es hat aber auch einen eigenen Reiz in solche, noch unbetretene
Wildni vorzudringen, sagte Jean, der, auf sein Gewehr gesttzt,
lange und sinnend nach Sden hinabgeschaut hatte. Fast unwillkrlich
treibt und drngt es uns vorwrts, und -- der Drang wird um so
mchtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt,
und unseren ausgestreckten Armen fast erreichbar scheint.

Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf, lachte
Franois, aber ich wei nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und
Salzwasser nicht selbst die heieste Liebe, ich will nicht gerade
sagen =abkhlen=, aber doch wenigstens auftrocknen knnte. Wenn ich
meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sydney sitzen
htte, es wrde mir nicht einfallen, so parteiisch fr mein Herz,
Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.

Bah, sagte Jean leicht errthend, du bist reiner Materialist,
Franois und hast keine Idee davon was wirkliche Liebe ist. Der allein
glaub ich auch, wre es nur mglich, alle solche Schwierigkeiten zu
besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu
unberwindlich scheinen.

Es giebt fr solche Zwecke ein noch mchtigeres Gefhl, Jean,
nahm aber Hans jetzt das Wort -- und zwar der =Ehrgeiz=. Es ist das
die mchtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems,
und kann sich selber nur in solchem Falle bertreffen, wo er sich mit
der Liebe vereinigt, und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm
oder -- zu ewigem Verderben mit fortreit. -- Ich habe in meiner Zeit
von beiden Beispiele erlebt, die--

Ein wilder, merkwrdiger Laut unterbrach ihn pltzlich, und alle drei
griffen wie unwillkrlich nach ihren Gewehren.

=Ku-ih!= tnte es aus dem Wald heraus, das den oberen Hgelhang
begrnzte, =Ku-ih!= und der gleiche Ruf antwortete von zwei
verschiedenen Stellen im Thal.

Was fr ein Thier war das? frug Franois leise, als die Tne
endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nchsten Dickicht
hinberhorchte.

Vielleicht unsere Freunde von heut' Morgen, lachte Hans endlich, mit
den Blicken den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der
Laut zum erstenmal getnt. -- Jedenfalls waren es Eingeborne, denn
das ist ihr Ruf. Mglich kann es auch sein, da es als eine Art
telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, den Cameraden unten im Thal
wissen zu lassen, da wir bis hier oben glcklich angelangt seien.

Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,
lachte Jean, von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt,
jeden Bissen den sie essen, jeden Schluck den sie trinken, melden, und
-- noch mehr melden wrden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber --
ich mu aufrichtig gestehen, ich mache mir fr den Augenblick nichts
aus einer derartigen Berhmtheit, und wenn ich wte da ich die
Rolle auch gut durchfhren knnte, htte ich gar nichts dagegen mich,
so lange ich hier an Land wre, schwarz anzustreichen und incognito zu
reisen.

Hier auf dem Berg sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,
meinte Franois kopfschttelnd. Sie knnen jede unserer Bewegungen
beobachten, und sich nachher prchtig ins Dickicht in den Hinterhalt
legen, ehe wir nur einmal ahnen da sie in der Nhe sind. -- Wenn
sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz
tchtiger Kerl, und frchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo
es heit irgend einer List zu begegnen, da traue ich ihm eben nicht
bermig viel zu.

Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen, sagte Hans, und ich
habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein
Wilder, sich nicht wird so leicht berlisten lassen. -- Httet Ihr
nicht Euer Herz einmal darauf gestellt, ich wre auch gar nicht aus dem
Boot gegangen.

Ja, und ich glaube wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,
entgegnete ihm Jean kopfschttelnd. Ich gebe allerdings zu, da ich
selbst jetzt noch dabei wre, wenn Ihr Euch alle dahin entschlsset
die Landtour nach dem Sden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das
Mittel auch sein mchte, um von hier fortzukommen. Dann aber htten
wir auch unser Boot ganz im Stich lassen, und unsere Krfte nicht
zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt nicht recht gut ein was
wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht,
sondern verzehren im Gegentheil mehr als mir scheint, da wir hier
wieder einlegen knnen, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu
sehen bekommen als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose,
entsetzliche Wildni und ich stimme dafr, da wir sobald als
mglich machen wieder abzukommen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges
thun, so knnen wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die
Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen
Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord
wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie wei von welcher
Seite die schwarzen Schufte zuerst ber uns einbrechen mgen.

Ja, und je eher wir hier fortkommen, desto besser, stimmte Franois
etwas kleinmthig bei, denn, wei der Bse woher es kommt, aber
meine Schuhe fangen auch an zu drcken, und den einen hab' ich mir auch
schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. -- Mit keiner Silbe
hatt' ich ja daran gedacht, da man zu einer Fureise zu Land auch
tchtiges Schuhwerk nthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an
Deck herumlaufen mssen, damit wir dem Capitn das Quarterdeck nicht
zerkratzen, wrde bald fertig werden. Nachher was dann? Nein, eine
Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's doch jetzt
ungemein lieb, da wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun
Hans, wie stehts? -- was giebts wieder?

Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hren, sagte dieser, ohne
die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich
unfern von ihnen ber den Berg hinzog, zu verwenden. -- Ich bin von
Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen, und wute recht gut Ihr
wrdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald
Ihr nur einmal den Fu an Land gesetzt httet. Aber ich glaube, wir
bekommen Besuch, fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin
ausstreckend, nach der er schaute. Dorthin regt sich's jedenfalls,
will aber noch nicht recht heraus. Nun wir brauchen uns wenigstens keine
Mhe zu geben unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest
berzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.

Ku-ih! rief es in dem Augenblick wieder aus dem Walde herber,
und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, den Ruf diesmal zu
beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des
Hgels auslief, da sie die Ecke nicht hatten bersehen knnen, der
Schrei laut und sorglos beantwortet wurde.

Wie der Blitz fuhren die drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und
unwillkrlich rissen sie ihre Gewehre in die Hhe, Hans aber winkte
ihnen auch ebenso rasch sich ruhig zu verhalten, und nur nach der
Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und
regungslos.

Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie
so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt, und nur mit einem
kurzen Speer bewaffnet um den Absprung des Hgels bog. Er hielt den
Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, da er keine
Ahnung von der Anwesenheit der weien Mnner haben konnte. In dem
Moment aber, wo sie glaubten da er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen
aufschauen und die entsetzlichen Weien vor sich erblicken sollte, war
er pltzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden.

Peste! riefen Jean und Franois fast zu gleicher Zeit; als Hans
aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, zu sehen was aus ihm geworden,
konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem
brcklichen Gestein, ganz gleichgltig gegen irgend eine Gefahr von
Knochenbrchen oder sonstigen Quetschungen mehr niederrollte als glitt,
und wie eine Schlange unter den nchsten Bschen verschwand.

Wenn der Bursche nicht fest berzeugt ist den Teufel gesehen zu
haben, lachte Jean, so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren.
Der wird eine schne Geschichte erzhlen, wenn er zu Haus kommt.

Der mu noch keine Ahnung von uns gehabt haben, meinte Franois.

Es mag wohl selten genug vorkommen, sagte Hans, da Weie hier
an der Kste landen, denn die Eingebornen hier haben vielleicht einen
noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. -- Wir wrden auch manchem auf
diese Art begegnen, wenn wir lnger hier blieben. Aber Jean hat recht
-- auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter fr uns darin, nur
Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu
diesem Zweck nehmen wir ebenso gut den nchsten Weg nach der Kste
zu, wo wir allerdings durch eine lngere Strecke Thalland mssen, aber
auch die offene Kste eher erreichen und das Boot anrufen knnen. --
Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten
Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den
Hgel, an dem sie standen, hinberdeutend, ausrief:

Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? -- die
freie, scharf vom Wald begrnzte Flche, die baumstumpfhnlichen
Ameisenhgel, jene fast regelmig eingeschnittene Hecke. -- Ich
glaube wahrhaftig hier ist einmal Feld gewesen.

Ein =Schlachtfeld= vielleicht feindlicher Stmme, erwiderte Hans
kopfschttelnd, sonst wahrlich kein anderes. -- Nein Camerad, all
diese weiten ungeheueren Strecken des nrdlichen Australiens liegen
noch wild und unberhrt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin
ausgenommen -- und werden auch wohl so lange so liegen bleiben, bis es
hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfngt, oder
-- die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begngen
lernen. -- Aber fort -- da gerade vor uns tnt schon wieder ein Ku-ih
der Eingebornen, es wird Zeit da wir nach unten gehen, denn die Sonne
sinkt mehr und mehr, und -- ich wei nicht, ich fhle mich Bills wegen
beunruhigt. Dort hinber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und
das mte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.

Es wird hinter der kleinen Insel liegen, meinte Franois -- die
steigt so mit der Ebbe hher und hher hinauf. -- Mir scheint, wir
haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier
herumgeklettert sind.

Hans warf noch einen langen forschenden Blick ber den ruhigen Spiegel
dieser weiten, mit Inseln und Klippen berstreuten Binnensee, und stieg
dann ohne Weiteres nach unten, ihren Weg gegen die Kste hin zu suchen.
Das war aber nicht so leicht ausgefhrt, als sie im Anfang geglaubt
haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches
Dickicht von jenen Theebaumdickichten mit durcheinander gestrzten
Cycas und Banksias und Pandanus aus, da sie mit ihren Packen oft
Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit
fortzuarbeiten, und die zhen Stmme nie brechen, sondern hchstens
nur aus dem Weg biegen konnten.

Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen wieder umzukehren,
und lieber den Weg zurckzumachen den sie gekommen waren. Jean und
Franois wollten aber den mhseligen Pfad nicht zurck, da dem
letzteren besonders die Fe wie Feuer brannten. Whrend sie deshalb
mit jedem Schritt hofften den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter
dem endlich der offene Strand sichtbar werden mute, arbeiteten sie
sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen
sogar die Richtung, und sie fanden bald da sie viel weiter in den
Thalgrund hineingerathen sein muten als sie im Anfang beabsichtigt
hatten.

Dabei rckte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich
stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich
eher wieder den Hgeln als dem Strande der See nherten. --
Die verschiedenartigen Gumbume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und
Stringybark, mit Acacien und Cypressen zeigten sich, und von dem
Mangrovesumpf, den sie kreuzen muten ehe sie den Strand erreichten,
war noch nicht die Spur zu sehen.

Hier drfen wir nicht mehr weiter, sagte er endlich, denn ich
frchte wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die grte Mhe
gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen -- wo
ist jetzt die See -- wo sind die Hgel?--

Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte, lachte Jean, ich
knnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich wei nicht einmal wo Nord
und Sden ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann.

Norden ist dort, sagte Hans, und Sden hier, aber ich frchte
wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hinein gerathen, und da
wird uns die Himmelsrichtung insofern irre gefhrt haben, als sich die
breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere
einzige Wahl bleibt jetzt nur geradezu nach Osten hinberzuarbeiten,
und dann unserem guten Glck zu vertrauen, wohin wir kommen, und wo wir
zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stmmen werden.




Neunzehntes Capitel.

Das Bivouak.


Die beiden Franzosen, so schon durch das ungewohnte Gehen und Klettern,
ermdet und abgemattet waren durch das Hindurcharbeiten durch
Dornen und Schlingpflanzen und niedergebrochenes trockenes Holz oder
verwachsene Bsche so erschpft worden, da sie kaum mehr ihre
Glieder regen konnten. Das Bewutsein sich verirrt zu haben, oder
wenigstens nicht mehr genau zu wissen wo man sei -- jedenfalls ein
geringerer Grad desselben -- schien dabei nicht geeignet sie heiterer
zu stimmen. Der Wasservorrath den sie mitgenommen, war ebenfalls schon
aufgezehrt, die Zunge klebte ihnen fortwhrend am Gaumen, und das in
den Flaschen warm gewordene Getrnk lschte nicht einmal mehr ihren
Durst.

Hans wute zu gleicher Zeit recht gut, da ein Berathschlagen mit
den beiden doch weiter nichts gefruchtet htte. Ruhig deshalb die Bahn
verfolgend, die er fr die richtige ansah, hielt er sich jetzt am Ufer
einer schmalen Salzwasser-Lagune, die nach Nordosten zulief, und in
ihrem inneren Bett etwas offenere Vegetation zeigte, und suchte dabei so
rasch als mglich vorwrts zu dringen. Aber es half ihm alles nichts,
die Nacht brach an, ehe sie auch nur einen anderen, der See nher
scheinenden Ort erreicht hatten, und es blieb ihnen jetzt nichts weiter
brig als da, wo sie sich gerade befanden, ein Lager aufzuschlagen und
den dmmernden Tag zu erwarten.

Jean wollte nun freilich auch noch die Nacht bentzen, den Strand
doch am Ende zu erreichen, da, wie er gehrt hatte, die Eingebornen in
dunkler Nacht nie gern ihren Lagerplatz verlieen. Hans weigerte sich
aber entschieden aufs geradewohl noch weiter, besonders im Dunkeln
durch die Bsche zu kriechen, und warf nicht mit Unrecht ein, da sie
mglicherweise dadurch immer weiter vom Boote abkmen. Dagegen konnten
sie in der Nacht wenn alles ruhig geworden war und besonders der Lrm
der wilden Tauben hier im Unterholz aufgehrt hatte, ihre Gewehre
abschieen und Antwort vom Boot aus bekommen, wonach sie dann die
genaue Richtung wuten, in der dasselbe lag.

Diesem fgten sich Franois und Jean endlich ebenfalls, und bald
loderte mitten in einem Pandanusdickicht ein lustiges Feuer auf, um das
sie ihre Gewehre jedoch immer schufertig neben sich lagerten, und von
ihren Provisionen ein reichliches Mahl hielten. Der mitgenommene Wein
kam ihnen jetzt sehr zu statten, denn sie hatten kein Wasser finden
knnen, und erst nachdem alles still und ruhig um sie her geworden,
und nur noch hie und da das Zirpen einer Grille oder das wunderliche
Gerusch eines einzelnen fliegenden Fuchses die Ruhe der Nacht
unterbrach, nahm Hans sein Gewehr, um es nach der Richtung zu, nach der
er das Boot vermuthete, abzufeuern.

In dem Augenblick tnte schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich,
der Schall eines Schusses zu ihnen herber, und als sie smmtlich
von ihren Sitzen emporfuhren und horchten, hrten sie unverkennbar das
zweite Signal.

Das ist gescheut! sagte Franois, whrend er den Hahn seines
eigenen Gewehres spannte -- nun wollen wir--

Halt! unterbrach ihn aber Hans, indem er die Hand auf das Gewehr
des Franzosen legte, Bill erspart uns die Nothwendigkeit, der ganzen
Nachbarschaft anzugeben wo wir uns gegenwrtig befinden, und es wre
mehr als thricht, das jetzt leichtsinnig zu mibrauchen.

Aber sie werden im Boote glauben wir htten es nicht gehrt, sagte
Jean.

Desto besser, erwiderte Hans, dann schieen sie noch einmal, und
die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, da auf dem Wasser
noch andere Weie sind, die sich um ihre Landsleute bekmmern.

Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmige Wache aber
mit jeder nur mglichen Vorsicht gestellt. Hans selber bernahm die
Morgenwache, weil diese von den wilden Stmmen fast stets zur Zeit
ihrer Angriffe gewhlt wird, wenn sie berhaupt etwas Bsartiges
und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber, wirklich wider
Erwarten, vollkommen ruhig. -- Sie hrten das Ku-ih der Wilden
wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Bschen, aber Niemand
belstigte sie, und mit dem ersten Dmmerschein des jungen Morgens
hatte Hans schon seine beiden Cameraden geweckt und munter, jedes
Angriffs gewrtig.

Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr
Frhstck beendet, um mit vollem Tageslicht zum Aufbruch fertig zu
sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der stliche Himmel deckte
sich schon mit einem rothglhenden Schein. Da hrten sie pltzlich in
einem kleinen Pandanusdickicht dicht bei, Schritte, und gleich darauf,
die Gewehre im Anschlag und lautlos das Nherkommen des Gegners
erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern niemand weiter als ein
einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter
Schwarzer aus den nchsten Bschen. Dieser kam aber allem Anschein
nach ganz unbekmmert um die Anwesenheit der Weien, den Blick nur
auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen
ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute.
Die Wirkung aber war auch fabelhaft.

Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte in wessen
Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben
Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken
dem Devil Devil, oder sonst einem anderen Ungethm seiner Heimath in
die Hnde gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter hnlichen
Umstnden gethan haben wrde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm
nchsten Gumbaum empor, wo er in dem hchsten Wipfel desselben, und so
weit wie ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos stehen blieb.

Da dieser Schwarze nichts Bses gegen sie im Schilde gefhrt, ja
ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt, und ihr Feuer fr das seines
eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natrlich, und die
jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken
von Bschen zu berzeugen, da er von ihnen nichts zu frchten habe,
und ruhig und ungehindert herunterkommen mge. Umsonst -- wie eine aus
schwarzem Marmor gehauene Statue stand er starr und regungslos oben in
dem Baumwipfel. Kein Lrm der unten gemacht werden konnte, schien ihn
zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und
selbst als Hans jetzt sein Gewehr aufgriff, seine beiden Signalschsse
abzufeuern und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er
noch in seiner Stellung da oben, als ob er zu dem Baum gehre, und mit
ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei.

Hol' den Burschen der Henker, rief Franois endlich ungeduldig --
wir wollen ihm doch zeigen da wir ebenfalls klettern knnen, und im
Stande wren ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten und
damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm, und fing
an den ihm nchsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine
eigene Lnge vom Boden auf, als der Wilde pltzlich bewies, er sei
weder taub noch stumm. Er schrie und birrrrte, ku-ichte und
hallote und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben
mglicherweise machen konnte, und das alles mit solcher Energie, da
Franois erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute.

Der Bursche wird uns den ganzen Stamm ber den Hals ziehen,
fluchte Jean -- ich glaube er schreit Beschwrungsformeln von da oben
herunter, da wir ihn nicht fressen sollen. -- Seht nur wie er spuckt
und prustet. -- Es wird uns nichts brig bleiben als ihm eine Kugel
durch den Kopf zu schieen. Wer wei berhaupt, ob er nicht mit zu
den Schuften gehrt, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten uns
zu ersufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bsen
Gewissens sind.

Horch -- das war ein Antwortschu vom Boot! rief Hans dagegen. --
Kommt, lat dem armen Teufel Raum vom Baum hinunter und ins Freie zu
kommen; er hat Angst genug ausgestanden, und sein Tod knnte uns
wenig ntzen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt, und
knnen ihm das Vergngen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon
gnnen.

Und unter der Zeit brllt uns der Bursche die ganze Nordkste
zusammen, fluchte Jean.

Nun, so la ihn, lachte Hans, sind wir erst auf offenem Strand,
wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns. Hier dagegen, wenn
wir lnger blieben, wren wir allerdings leichter einem Angriff
ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es
Bills und Timors Ruder bringen knnen, und je eher wir das erreichen,
desto besser.

Damit waren seine beiden Cameraden ebenfalls einverstanden, und ihre
wenigen Sachen zusammenpackend, zogen sie sich vor allen Dingen erst
einmal eine kurze Strecke von dem Baum zurck, auf dem der Schwarze
noch immer schrie und tobte, und jedenfalls die Genugthuung hatte, da
ihm schon von mehreren Seiten geantwortet wurde. Sie hrten jetzt das
Ku-ih der Eingebornen an verschiedenen Stellen im Wald.

Kaum aber sah der so wunderlich Gefangene die friedliche Bewegung der
vermutheten Feinde, als er seine Schreibungen einstellte, und
noch hatten ihn diese kaum zwanzig Schritte freigegeben, als er mit
Blitzesschnelle, und gnzlicher Miachtung aller seiner Gliedmaen,
an dem Stamm mehr hinunterscho wie glitt, und zwei Secunden spter
auch in dem dichten Gebsch von Pandanus- und Theebaumgestruch
spurlos verschwunden war.

Das Ku-ihen der Schwarzen kam inde nher und nher, und so komisch
auch wohl der Rckzug des eingeschchterten Wilden war, durften sie
sich doch nicht lange damit aufhalten. Der Richtung also folgend, die
sie sich nach dem Schusse gemerkt, und die allerdings von der gestern
vermutheten um ein Bedeutendes abwich, durchschritten sie rasch ein hier
etwas offenes Terrain von Boxholz und Casuarinen, das seinerseits wieder
von Pandanus, Theebaumstruchen und Cycas, so wie einzelnen Arten von
Acazien begrnzt war, passirten ein altes Lager der Blacks, neben dem
ganze Berge von Muschelschalen lagen, und erreichten, nach einem etwa
halbstndigen Marsch, unangefochten von den Schwarzen, aber oft durch
ihre jetzt ganz nahen Rufe gewarnt, den Mangrovesumpf und mit diesem,
das Ueberklettern ber Wurzeln und niedergestrzte Stmme nicht
achtend, den freien offenen Strand von glattem hartgeschlagenem
Korallensand.

Hurrah! rief Jean, der mit einem etwas gewagten Satz den letzten
Schlammstreifen berflogen hatte, und zuerst wieder festen sicheren
Boden betrat -- hurrah -- allen Respect vor der Landpartie -- mir ist
Salzwasser lieber -- aber wo ist das Boot?

Hans war im nchsten Augenblick an seiner Seite und das leichte
Fernrohr, das er sich umgehangen als sie das Boot verlieen, rasch
ffnend und richtend, berflog er zuerst die nchste Nhe der
kleinen Insel, wo sie das Boot vermuthen muten, und dann den Horizont
mit dem Glas, ohne das Gesuchte zu finden.

Franois, der erst noch einmal in ein Schlammloch gerathen war, sich
aber wieder herausgearbeitet hatte, stand jetzt ebenfalls an ihrer
Seite, und rief, nachdem er einen flchtigen Blick ber die
Oberflche des Wassers geworfen und diesen jetzt auf der Insel wenige
Secunden aufmerksam haften lieߠ--

Was ist das dort?--

Was? -- wo? -- frugen Jean und Hans rasch und zu gleicher Zeit, und
Hansens Fernrohr haftete auch in demselben Moment, wo er die Richtung
von Franois ausgestrecktem Arm gewahrte, auf der kleinen schon
mehrfach besprochenen Insel.

Dort ist Bill! rief er aber kaum zwei Secunden spter, und das Wort
war kaum seinen Lippen entflohen, als der Knall des Gewehres wieder zu
ihnen herberdrang.

Er will uns zeigen da er uns gesehen hat, rief Jean lachend,
mich wunderts nur, wo er die Courage hergenommen seine alte Muskete so
oft abzufeuern -- er mu sich schon ordentlich daran gewhnt haben.

Dort geht das Boot, rief Franois pltzlich, dessen scharfes Auge
die dunklen Umrisse des kleinen Fahrzeugs in demselben Moment ersphte,
als es hinter der kleinen Insel, die es bis dahin ihren Blicken
entzogen, vorscho.

Teufel! schrie aber auch Hans in diesem Augenblick, mit dem
Fue stampfend -- wir sind verloren. -- Es ist in der Gewalt der
Schwarzen.

Der Schwarzen? sthnten die beiden Franzosen entsetzt -- das ist
ja nicht mglich.

Da seht selber, erwiderte ihnen Hans tonlos, indem er Jean das Glas
hinberreichte -- nun sei uns Gott gndig in unserer Noth.




Zwanzigstes Capitel.

Bill's Wacht.


Wir mssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor
zurckkehren, die wir verlassen hatten als sie wieder vom Lande
abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer ans Ufer
gegangenen Cameraden zu erwarten.

Hm! sagte Bill nach einer langen Weile, in der keiner der beiden
auch nur ein Wort gesprochen -- eigentlich rgerts mich, da ich
nicht mit an Land bin. -- Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig
die Knie eingezwngt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft
ber sich, blaues Wasser unter sich zu sehen. So eine acht Tage halt
ichs immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wirds langweilig, und
ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel -- aber eine Weile
gefllt mir's doch.

Tuwan Bill wrde sich hier aber sehr wenig unterhalten, lachte
Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder
zugerichteten Fischhaken ber Bord warf und nachschleifen lie.
-- Viel Wald hier und viel Busch, und viel bse Wilde -- und viel
Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.

Viel nichts zu trinken, ah? sagte Bill und verzog den Mund fast zu
einem Lcheln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausbruch kam,
das wre freilich bs, Timor, herzlich bs, und ein ordentlicher
Kerl sollt' es bald satt bekommen. -- Aber es wre doch eine
Vernderung, und man knnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.

Wenn man nicht im Wald irre luft, setzte Timor hinzu --
Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid -- Wasserleute
steuern bald den, bald den Cours in Busch, wenn sie keinen Compa haben
-- australische Busch viel schlimm zu laufen.

Hm! das wre ein schner Spa, brummte Bill leise vor sich hin,
wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte.
Htten wir nur wenigstens ein Rakete, so knnten wir die heut' Abend
aufsteigen lassen -- das bliebe jedenfalls das sicherste.

Tuwan Bill mu heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschieen,
argumentirte dagegen der kleine Malaye -- Tuwan Bill...

Will verdammt sein, wenn er das verwnschte Schieeisen wieder in
die Hand nimmt, unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mrrisch --
ich habe mir =einmal= die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen
sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.

Der Malaye lie sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon
frher einmal in diesem Theil des Landes, den er =Marega= nannte, und
zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein,
und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben.
Htten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so
mten ihnen ein paar Signalschsse, nachdem der Wald ruhig geworden,
von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schieen frchtete
-- der schlaue kleine Bursche fate den alten Matrosen beim Ehrgefhl
-- so solle er =ihm= nur die Flinte geben -- er wolle sie selber
abfeuern.

Das konnte Bill doch unmglich zugeben, und that endlich eine
halbmrrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten -- heit das mit der
vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden
wieder etwas von den ihrigen gesehen htten.

Gestern Abend -- und sie hatten den Tag ber dicht hinter der kleinen
Insel gelegen, hatte Timor die Wacht zur Coje, d.h. konnte schlafen,
whrend Bill an Deck munter bleiben mute. Als Timor endlich die
Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu
fhlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen
Wachsamkeit, als der seines lteren Gefhrten abhnge, sa Bill
im Heck vom Boot und nhte, ohne nur einen Blick links oder rechts
hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Sckchen, das er
eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft
hatte. Er war gerade damit fertig, und jetzt dabei, eine Strippe daran
zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings
umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich,
ganz verwundert der sonderbaren Verrichtung zuschauend:

Aber Tuwan Bill, was das? -- macht kleine Polster fr Boot? -- hier
nicht Felsen und nicht neue Schiff.

Fr Boot? knurrte aber Bill zwischen den Zhnen durch, indem er
seiner Hnde Werk wohlgefllig betrachtete, und auf dem Knie vorn
eindrckte und weich machte, Boot soll verdammt sein; nein, meine
eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen[7]. Wenn ich denn doch
einmal die blutige Donnerbchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir
hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? --
heh? was hast du zu gucken, Braunfisch. -- Sind die schwarzen Canaillen
wieder im Ansegeln?

Was der weie Punkt da, Tuwan Bill? sagte aber Timor, der auf
eine der Doften gesprungen war, und sich so viel als mglich auf
die Fuspitzen hebend, nach Osten, wo die Barrier Riffe lagen,
hinberzeigte -- da drben, da weiter links -- gerade ber die
kleine Sandbank dort.

Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus, sagte Bill nach einer
Weile, in der er sich bemht hatte den von dem schrferen Auge des
Knaben bezeichneten Punkt zu finden -- aber ausmachen kann ich's doch
noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weies Riff,
oder Gott wei was sonst, in diesem verwnschten Fahrwasser sein, wo
ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben
sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist,
giebt man ihr gewhnlich fnf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und
ist froh wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen
aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten
hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Rder oder Kufen drunter
schrauben, und damit ber alle mglichen Steine und Korallen und
Sandbnke wegfahren knnte. Nun meinetwegen, setzte er hinzu,
whrend er wieder von der Bank herunterstieg und seinen vorigen
Platz einnahm, la es auch ein Segel sein; desto frher kommen wir
vielleicht von hier fort.

Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen mu, und
dann wirds morgen Nachmittag etwa gerade in Zeit hier eintreffen, unsere
ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.

Timor htte sich nun freilich gern noch besser von der Identitt des
Segels berzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein
leichter Dunst ber die Oberflche des Wassers, der die entfernteren
Gegenstnde bald umhllte, und jede weitere Beobachtung unmglich
machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit grerer Vorsicht
und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter
wurde, htten sich ihnen selbst Canoes nhern knnen, wie viel mehr
denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen, und doch so gefhrlichen
Waffen.

Timor drang auch deshalb darauf, da sie von der Insel ablegten, und
weiter drauen Anker wrfen. Bill sah auch endlich selber ein da das
nthig sein wrde, wollte sich aber spter, als er nach Dunkelwerden
die beiden Signalschsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen
abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen den Ankerplatz
noch einmal zu verndern, um etwa lauernde Schwarze irre zu fhren.
Der Nebel legte sich nmlich gleich nach Dunkelwerden in dicken
Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es fr unnthig, sich Mhe
und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein
kleines, vor einem leichten Wurfanker liegendes Boot nicht htte finden
knnen.

Um Mitternacht erhob sich brigens eine leichte stliche Brise, und
trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinber. Die Sterne
leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und
die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend
und tausendfach wieder.

Bill war ganz damit einverstanden die erste Wacht von sechs bis zwlf
zu nehmen, und die zweite dem Malayen zu berlassen. Dieser streckte
sich denn auch ziemlich sicher, da sie um diese Zeit wenig von einem
Angriff zu frchten htten, in seiner wollenen Decke im Bug des
kleinen Fahrzeugs aus, und war bald sanft und s eingeschlafen.
Bill inde, in dem doppelten Genu einer guten Pfeife Tabak und eines
vorzglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten
Rckhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen
diesen und dem dann und wann ber das Wasser tnenden Gerusch von
Fischen oder Seevgeln.

Er war jedoch weit davon entfernt der Flasche mehr zuzusprechen als er
vertragen konnte, denn er wute recht gut von welchen Gefahren sie,
wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden
konnten, und wie nthig es in einer solchen Lage sei seine Sinne
vollstndig beisammen zu haben.

Ein paarmal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein
wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser
schlafenden oder trumenden Seevgeln seine Lebensgeister zu voller
Thtigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff Timor
zu wecken, denn die Laute kamen weit nher als ihm lieb war, und doch
konnte er nicht das mindeste ber dem Wasser erkennen. Mit einem derben
und ziemlich lauten Fluche sich Luft machend, nahm er sein Gewehr auf
die Knie, dem ersten sich zeigenden und verdchtigen Gegenstand erst
vor allen Dingen einmal eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber
wieder alles ruhig, und selbst die Tne lieen sich nur erst spter
in einiger Entfernung zum zweitenmal hren.

So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort und Timor, dem Bill
von den wunderlichen Lauten um das Boot her, erzhlt hatte, legte
sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf ber den Rand
desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdchtiges zu ersphen.
Bis gegen Morgen blieb alles ruhig, und nur ein einzigesmal glaubte er
in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag ber
gelegen, etwas zu hren, das nicht, weder von einem Bewohner der Tiefe
noch der Luft herzurhren schien. Es kam dem von Bill erwhnten Laut
nah, klang aber anders als er beschrieben worden, und schien von zwei
verschiedenen Seiten beantwortet zu werden.

Timor lauschte den Tnen auf das aufmerksamste, bis er den vollen Klang
derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann
laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment schon hatte er auch
die Genugthuung sich beantwortet zu hren, und zehn Minuten spter
etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas
heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand
in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nhe des
vermutheten Gegenstands aufsteigender groer dunkler Seevogel, der mit
flappenden Schwingen ber die Oberflche der See eine Strecke lang
schwerfllig hinflog, bis seine Flgel die Luft ordentlich faten
und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn ber die Ursache der gehrten,
scheinbar verdchtigen Laute.

Nichtsdestoweniger wute er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut,
wie nthig in der Nhe feindlicher Stmme stete und unausgesetzte
Wachsamkeit sei, und verwandte, whrend der Stunden seiner Wacht kein
Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel.

Im Osten dmmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber
lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser
gefhrlichsten Stunde keine Vorsicht zu versumen, weckte er jetzt
auch noch seinen Cameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber
mehr Mhe kostete es, Bill zu bewegen die beiden Signalschsse zu
geben. Er entschlo sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom
Lande her abgefeuert waren, und er die Antwort nicht schuldig bleiben
durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewhren, den
Freunden die genaue Richtung in der das Boot lag anzuzeigen, als auch
ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerstet wren und gute
Wache hielten.

Den ersten Schu that Bill auch, bekam aber, da er im Dunklen am
vorigen Abend geladen, und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte,
trotz des Schamfiel-Kissens wieder einen so frchterlichen Sto,
da er durch keine Ueberredung von Seiten Timors bewogen werden konnte,
seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja er
wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach
langer Weigerung dazu, dem so gefhrlichen Rohr noch eine Hand voll
Pulver anzuvertrauen.

Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings
beleuchtete und nicht das geringste Verdchtige erkennen lie, schien
aber auch die Gefahr eines Angriffs, fr jetzt wenigstens, vollkommen
verschwunden, und Bill beschlo seinen Anker zu lichten und nach
der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren,
zurckzukehren. Dort gedachte er zum Frhstck einige Fische zu
braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wacht gefangen hatte.

Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich
nach windwrts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der
Strmung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um
vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden -- kein Hauch
hatte gegen Morgen die spiegelglatte Flche dieses Binnensees im
Ocean bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise,
und schien zu wachsen, je hher die Sonne ber die Meeresflche
emporstieg.

Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag, sagte Timor
jetzt, der sich vergebens Mhe gegeben hatte den weien Punkt von
gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln
wieder herauszufinden. -- Sie mssen doch jetzt bei der Brise schon
wieder Segel gesetzt haben.

Segel knnen sie immer gesetzt haben, meinte Bill, ob wir sie
aber jetzt gerade sehen knnen, ist die Frage, denn sie scheinen heute
Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nmlich die
Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, whrend sie heute
=dahinter= aufgeht, und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen
bekommen. -- Aber geh nach vorn, Timor, setzte er dann hinzu, nimm
das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, da du gleich an Land
springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser
Frhstck wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer
aus das Zeichen geben.

Tuwan Bill, sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl,
das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte -- ich wei nicht ob
gut ist, so rasch auf Insel zu treiben -- viel dichtes Buschwerk auf
kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschieen mit Gewehr -- ist
besser.

Was du immer so verdammt rasch mit deinem Gewehrschieen bei der
Hand, bist, du verwetterter kleiner brauner Hallunke, fluchte aber
Bill, wenn du =deine= Schulter dagegen halten solltest, wrdest du
das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. -- Wer ist nun wieder
todt, da ich schon wieder Pulver verplatzen soll?

Todt? frug der kleine Bursche verwundert, der die Redweise des
Matrosen noch nicht so recht verstand. -- Niemand todt, glaub' ich,
aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser ein Bichen Feuer
hineinmachen.

Darin hast du recht, lachte aber jetzt Bill -- Feuer wollen wir
auch hineinmachen, und das so rasch als mglich, aber nicht um mir die
Glieder auseinanderzuschlagen, sondern unsere Fische zu braten. -- Und
so mach da wir hinankommen; was hast du in einen fort zu gucken und
dir den Hals halb auszurenken? -- Wenn die schwarzen Schufte da
drin stken, wrden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar
Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. --
Leben wollen wir alle, und sein Frhstck versumt niemand gern --
ich am allerwenigsten.

Timor lachte bei dem Gedanken leise vor sich hin, da im Hinterhalt
liegende Eingeborne ein Feuer anmachen sollten, ihr Frhstck zu
braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte
Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Whrend sie also
jetzt von der Strmung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden,
die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa 20 bis 25 Fu aus dem
Wasser lag, stand er vorn auf der niederen Back oder dem Vorboot, und
betrachtete aufmerksam und mitrauisch das dichte Gebsch, das von der
Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrngt schien, und aus
dem nur drei oder vier kleine Stmme mit knorrigen Aesten drftig
hervorragten.

Fast dicht an die nchste Korallenbank, die sich rings um den schmalen
Erdhgel hinzog, hinangekomnen, stieg Bill ebenfalls auf eine der
Doften oder Bnke. Von hier aus einen Blick ber den Horizont werfend,
was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen wenn
sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas hheren Punkt besteigen,
haftete sein Auge pltzlich auf einer gar nicht weit entfernten
anderen, etwas lngeren und hher bewachsenen Insel, die nach Osten
zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten
Sandbank umschlossen war.

Hallo, Timor, rief er dabei -- ich glaube wahrhaftig gleich hinter
den Bschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen
haben -- mir war's wenigstens als ob der weie Fleck da, der auch
jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde als ich darnach
hinsah. -- Die mssen die halbe Nacht gefahren sein.

Timor folgte der angewiesenen Richtung mit den Augen, und glaubte auch
einen weien Schein hinter den Bschen zu erkennen, stand aber zu
niedrig oder war zu klein es genau unterscheiden zu knnen, und hatte
auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen
zugewandt, um sich mehr, als ein flchtiger Blick erforderte, mit dem
Segel zu beschftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter
ihnen, und mute seiner Zeit schon von selber sichtbar werden.

Bill dagegen interessirte sich weit mehr fr das fremde Fahrzeug, wenn
es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der
so hell da herber blinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel
aus, so muten sie vor allen Dingen darauf zufahren, und es zu bewegen
suchen da es beilege, bis seine drei Schiffscameraden abgeholt
werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mgliche und baldige Rettung
beschftigte ihn dabei so, da er darber wirklich sogar sein
Frhstck verga. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch
ein frisches Priemchen Kautaback in den Mund, und seinen Hut dann in die
Stirn drckend nahm er den einen Riemen auf; legte ihn hinten ein und
begann das Boot nach der Insel zuzuwricken.[8]

Von da oben aus mu man sehen knnen ob es ein Segel ist oder nicht,
Timmy, sprach er dabei vergngt zu dem jungen Malayen, dem aber das
zuversichtliche Benehmen des lteren Gefhrten gar nicht so besonders
zu gefallen schien -- der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier
Faden hher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein
Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug drfte
wagen hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln
wir hinber und belegen uns Pltze nach irgend einem christlichen
Seehafen. _Stand by old Fellow_. Komm Timmy, spring hinaus und mach das
Boot fest.

Timmy, wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus,
sondern schaute nur ngstlich und kopfschttelnd nach den dichten
Bschen hinauf, die jetzt fast ber ihn herber hingen. -- Hatten
sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt -- und eine Art
Instinct warnte ihn vor den Feinden -- so befanden sie sich in einer
fast mehr als nur gefhrlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage.
Ein groes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt
hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene
Bug des Bootes den Korallensand berhrte, einen frmlichen Angriff zu
erwarten.

Nicht das Mindeste rhrte sich aber zwischen den Bschen, und Bill,
der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen
ein, lie ihn mitten im Boote vor und aft liegen, und trat ber
die Doften weg, an Land zu springen.

Nehmt die Flinte mit, Tuwan Bill, bat aber Timor und fate ihn am
Arm -- viel besser Flinte; wei nicht was an anderer Seite ist.

Viel besser, Hell, rief Bill aber rgerlich, der nun einmal eine
grndliche Aversion gegen das Gewehr gefat hatte. Wenn du mir
noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es ber Bord,
nachher ist Ruhe. -- Weshalb soll ich denn das alte Eisen berall mit
hinschleppen? -- ich komme ja gleich wieder herunter.

Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor lie aber nicht
mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete
-- mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befrchtungen des Knaben
etwas weniger sicher zu Muthe werden.

Na meinetwegen, rief er unwillig und nur damit du endlich Frieden
hltst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergngen da
hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher lt du mich
aber damit ungeschoren; so viel sag ich dir.

Damit sprang er an Land, und sich durch das nchste Gestruch
drngend, kletterte er so rasch er konnte an dem brcklichen
Korallgestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus
einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das
Segel vermuthete.

Allerdings warf er zuerst einen flchtigen Blick ber die kleine Insel
selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdchtige entdecken
konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in
der das Segel liegen mute. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine
Augen mit der Hand schtzend, dorthin gesehen, als er die Mtze
schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief:

Hurrah mein Junge, _sail ho!_ bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter
-- Alle Wetter, unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzesschnell
herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten pltzlich
ein paar schwarze Gestalten auf, und schleuderten ihre Lanzen auf ihn.

Allerdings fuhr er, fast instinktartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder,
aber lange vorher ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem
Finger an den Drcker gekommen, und die Kugel zischte harmlos ber die
Kpfe der Feinde hin.

Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glck vor einem sonst gewissen
Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit
tdtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine
den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt, und ihm nur eben den Arm
ritzte, die andere das Stck Kautabak das er in der Brusttasche trug,
und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen
Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihn mit dem scharfen
Bgel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug.

In dem Moment fhlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers,
noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weien nach
den beiden Lanzenwrfen auf kaum sechs Schritte Entfernung sicher
unschdlich gemacht glaubten, kmmerten sich weiter gar nicht um ihn,
sondern sprangen in wilden Stzen die steile Uferbank nieder, dem Boote
zu, dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen.

Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten
Ausruf Bills hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das
Fahrzeug rasch vom Lande abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein
Gefhrte zu ihm niederflchten wrde. Daran schien Bill aber noch gar
nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr
vermutheten Feindes berrascht, und fast seiner ganzen Besinnung
beraubt.

Der kleine Malaye sah da pltzlich vier dunkle Gestalten zu sich
niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht
gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen
nutzlos und nur fr ihn allein verderblich sein mte. Rasch deshalb
den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rckwrts in demselben
Augenblick ber Bord, als der kurze spitze Wurfspeer ber ihn
wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberflche verschwand.

Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie
der Knabe, den er ermordet glaubte, ber Bord strzte, sah die vier
Schwarzen, denen sich noch ein fnfter anschlo, dem Boot zuspringen,
und mit dem Schrei =Murder=! das bei dem Schu weggeworfene Gewehr
wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach.

Aber er kam zu spt. -- Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das
kleine schwanke Fahrzeug, dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine
Strecke vorwrts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie
schon wenigstens funfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller
Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth,
das aufspritzende Wasser bis selbst ins Boot werfend, und in blinder
aber machtloser Wuth griff der jetzt wthende Matrose lose Stcke
Korallen auf, sie den Flchtigen nachzuschleudern.

Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von
ihnen eingefallen wre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen blos
gegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit
ihrem eroberten Boote zu thun, das auer den Bereich seines
vorigen Eigenthmers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu
beschftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die
Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und whrend drei
mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie
bald in einem Nordcours der Insel entfhrte.




Einundzwanzigstes Capitel.

Schlu.


Noch war das genommene Boot brigens kaum dreimal seine eigene Lnge
vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder
ber der Oberflche des Wassers emportauchten. -- Wenige Secunden
blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder und gleich darauf
stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der
kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick
um sich herzuwerfen, ins Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des
Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug
befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer
jubeln und hurrah schreien hrte, wagte er seinen Versteck zu verlassen
zu sehen was es pltzlich drauen so ungemein Erfreuliches gbe.

An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar
nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden
Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es
jedenfalls whrend der kurzen Morgen-Windstille vor Anker gelegen.

Es war ein kleiner Schooner, von vielleicht 90 bis 95 Tonnen mit langen,
weit nach vorn gesetzten keck aussehenden Masten, aber lichtbraun
angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein
Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln.

Im Anfang und selbst nach dem Schu, den er jedenfalls gehrt haben
mute, behielt er noch seinen Westcours bei. Bills Auge aber, das sich
in allem auf die See Beziehenden nur selten tuschte, obgleich niemand
leichter als er auf festem Lande irre zu fhren war, erkannte schon
einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich
darauf der scharf geschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr
gegen sie und das flchtige Boot anluvte, da stie Bill seinen
Triumphschrei aus, denn er wute jetzt nicht allein da sie gesehen
waren, sondern da auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den
Eingebornen anhalten wrde.

Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft,
denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit
doppelten Lee- und Luv-Bumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen
wissen, hatten sich gar bald in die Fhrung des Segels hineingefunden,
dessen grere Ntzlichkeit sie leicht vor ihren gewhnlichen
Matten-Segeln erkennen lernten. Auerdem lag, wenn auch das fremde
Fahrzeug rasch nher kam, nrdlich vor ihnen, und gar nicht weit
entfernt, eine breite Kette von Sandbnken und Korallenfelsen, und
konnten sie diese glcklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls
unmglich ihnen zu folgen.

Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die fr ihn
gefhrliche Strecke schon bersehen konnte, versuchte sein Letztes,
dicht an dem sdlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen.
Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Sdostbrise abfallend,
hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben
schien, und ein tchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede
Mglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die
vorn auf der Vor-Marsraae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs
einen schmalen, aber gefhrlich lichten Streifen hellgrnen Wassers,
der sich quer vor ihnen nach Sden niederzog, und den sie vielleicht
hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr
wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtckisch verborgene Klippe
berhren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch
gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem
Wind in die Zhne herum, und whrend alle Segel back lagen, und das
eroberte Boot der Einfahrt zuscho, stieen die Schwarzen ein wildes
gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus.

Ihr Triumph sollte nicht lange dauern.

Vom Deck des Schooners hob sich ein leichter Rauch; und whrend
der dumpfe Schall eines Schusses ber die weite Meeresflche
dahindrhnte, schlug der Mast des geraubten Bootes nach Lee ber. Mit
ihm strzte zugleich Einer der Wilden mit ghem Aufschrei ber Bord.

Die Schwarzen erwarteten aber keinen zweiten Schu -- Hals ber Kopf
warfen sie sich, wie nur der erste starre Schreck vorber war, in
die Fluth, und das Boot, durch dessen Backbordbug die Kugel
hindurchgeschlagen war, fllte sich langsam und sank. -- Zwei Minuten
spter sah man hie und da einen schwarzen Kopf auftauchen und den
nchsten Klippen zuschwimmen, dann verschwanden auch diese zwischen
den einzelnen Riffen, und einzelne, auf der Fluth treibende Kisten und
Fchen zeigten nur die Stelle an, wo das Boot vor kurzen Minuten
zerschmettert gesunken war.

Die Raaen des Schooners waren indessen, und selbst noch whrend der
Katastrophe, herumgebrat, und an der gefhrlichen Klippenzunge
niederlaufend kam er in Lee von der Insel, auf der Bill jetzt alle
nur mglichen Anstalten getroffen hatte, nicht unbeachtet sitzen zu
bleiben. Sein Hemd wehte an einem Busch, und Timor hatte mssen
rasch ein Feuer anmachen, denn Bill fhrte noch glcklicherweise das
Feuerzeug bei sich, zu dessen friedlicher Bentzung er besonders an
Land gestiegen war. Der Rauch stieg in dicken Schwaden in die blauklare
Luft empor, whrend Bill selber noch auerdem auf der weien,
jetzt allerdings von der Fluth sehr eingeschrnkten Uferbank auf und
absprang, und schrie, und seine Jacke um den Kopf schwenkte.

Er wrde sich ruhig hingesetzt und das Nahen des Schooners erwartet
haben, htte er die Spe hren knnen, die an Bord desselben auf
seine Unkosten gemacht wurden.

Die Gefahren der Schiffbrchigen sollten aber hiermit ihr Ende erreicht
haben. Etwa eine halbe Stunde spter sank die kleine Jlle vom Bord
des Schooners nieder und scho, von zwei Matrosen gerudert und von
dem Mate gesteuert, gegen die Insel zu, Bill und Timor an Bord zu
nehmen. Die auf dem Festland zurckgelassene Mannschaft hatte indessen
auch wieder mehrere Schsse abgefeuert, das Boot ging gleich von der
Insel zu ihnen hinber, und zwei Stunden spter hatte der Shooting
Star (die Sternschnuppe), wie der kleine Schooner hie, die bootlos
gewordene Mannschaft des Boreas sicher an Bord, brate seine Raaen
auf, und glitt vor einer herrlichen Brise gen Osten, dem Indischen Meere
zu.


  Leipzig,

  Druck von Giesecke & Devrient.




Funoten


[1]: =Watertanks= sind kleine Fahrzeuge, deren innerer Schiffsraum
eingerichtet ist, mit Wasser statt anderer Ladung gefllt zu werden.
Sie gehen dann langseit der Schiffe, die frisches Wasser verlangen,
und pumpen dasselbe mit Hlfe eines langen Schlauchs in die an Bord
befindlichen Fsser.

[2]: Von Australien nach Indien giebt es zwei Wege. Der nrdliche
ist eigentlich der nchste, hier aber liegt die, durch ihre gewaltige
Klippenreihe den Schiffen nicht selten gefhrliche Torresstrait, die
zwischen Australien und Neu-Guinea durchschneidet. Die Schiffe mssen
in dieser Nachts vor Anker gehn, bis sie den Indischen Ocean erreichen.
Die Passage um die Sdkste Australiens ist gefahrloser, wenn auch
weiter.

[3]: Chips, Sphne, wird der Zimmermann gewhnlich auf den Englischen
Schiffen genannt.

[4]: Auf deutschen Schiffen heit dasselbe in verdorbenem Englisch
Scheilicht.

[5]: =Nobbler= heit in Australien ein halbes Glas -- ein Schnitt.

[6]: =Schlingern= heit die nach rechts und links hinber schaukelnde
Bewegung des Fahrzeugs. =Stampfen= dagegen das vorn auf und nieder gehen
desselben.

[7]: Durch Reiben beschdigen oder abntzen.

[8]: Wricken heit, mit einem einzelnen, hinten ausgelegten und
herber und hinber gedrehten Ruder ein Boot vorwrts treiben.




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Antiquaschrift wird
hier als kursive Schrift dargestellt. Offensichtliche Fehler wurden
korrigiert, bei Zweifeln und bei uneinheitlichen Schreibweisen der
Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen nderungen
befindet sich hier am Ende dieses Textes. Die nderungen bei falsch
gesetzten oder fehlenden Anfhrungszeichen sind dort nicht gesondert
aufgefhrt.




nderungen


  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Inhaltsverzeichni
  5. Die Entdeckung      53
  5. Die Entdeckung      50

  Seite 12
  damit der Sabbath durch nichts Alttgliches entweiht werde
  damit der Sabbath durch nichts Alltgliches entweiht werde

  Seite 13
  mit ihren aufgegehuften Massen von Hhnern und Enteneiern
  mit ihren aufgehuften Massen von Hhner- und Enteneiern

  Seite 17
  Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irlnder.
  Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irlnder?

  Seite 32
  behauptete der Steward auf eine der Gegeneinwrfe Bills
  behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwrfe Bills

  Seite 34
  Viertes Kapitel.
  Viertes Capitel.

  Seite 42
  wir den Burschen wenigsten aus dem Logis
  wir den Burschen wenigstens aus dem Logis

  Seite 62
  in das er insdiscret genug
  in das er indiscret genug

  Seite 88
  Da sie keinen Lrmen mehr machten
  Da sie keinen Lrm mehr machten

  Seite 89
  Siebentes Kapitel.
  Siebentes Capitel.

  Seite 91
  vor allen Dingen feine Kost und sein Logis
  vor allen Dingen seine Kost und sein Logis

  Seite 98
  Als Charles Mr. Mac Charter zu sich auf die Flur
  Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur

  Seite 102
  sich sich gerade am sichersten fhlten
  sie sich gerade am sichersten fhlten

  Seite 102
  Einer von dieser sprang augenblicklich an Land
  Einer von diesen sprang augenblicklich an Land

  Seite 103
  Eine Vierstelstunde spter schossen um das Castell
  Eine Viertelstunde spter schossen um das Castell

  Seite 104
  es wirklich schon sobald in See gehen sollte
  es wirklich schon so bald in See gehen sollte

  Seite 105
  glaubte nicht, da wir sobald in See gingen
  glaubte nicht, da wir so bald in See gingen

  Seite 109
  wo die Motrosen gewhnlich ihren Aufenthalt haben
  wo die Matrosen gewhnlich ihren Aufenthalt haben

  Seite 110
  den Zimmerman ber seinen Thee entrstet zu finden
  den Zimmermann ber seinen Thee entrstet zu finden

  Seite 113
  gingen sie ber Backbord Bug mit halben Wind
  gingen sie ber Backbord Bug mit halbem Wind

  Seite 113
  Vorstengenstagsegeln wie eiu Pfeil durch
  Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch

  Seite 114
  dadurch unvermeidliche stete Hin- nnd Hergeworfenwerden
  dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden

  Seite 122
  Er hat Frau und Kind zu Hans
  Er hat Frau und Kind zu Haus

  Seite 133
  nach ihn um und sah ihm starr ins Gesicht
  nach ihm um und sah ihm starr ins Gesicht

  Seite 134
  Zehntes Kapitel.
  Zehntes Capitel.

  Seite 144
  Leute -- wir Ihr wohl wissen werdet
  Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet

  Seite 150
  auch des Vormarssegel fest bekommen konnten
  auch das Vormarssegel fest bekommen konnten

  Seite 154
  und fllte sich auf's neue sein Gles
  und fllte sich auf's neue sein Glas

  Seite 161
  Zwlftes Kapitel.
  Zwlftes Capitel.

  Seite 178
  Ringsum waren sie total von Karollenbnken eingeschlossen
  Ringsum waren sie total von Korallenbnken eingeschlossen

  Seite 178
  Dreizehntes Kapitel.
  Dreizehntes Capitel.

  Seite 183
  da ich ihn berhaupt mit ins Bot haben will
  da ich ihn berhaupt mit ins Boot haben will

  Seite 184
  Das geht wahrwaftig nicht an
  Das geht wahrhaftig nicht an

  Seite 211
  Ja, lacht nur Jungen; mir ist's rechts, aber
  Ja, lacht nur Jungen; mir ist's recht, aber

  Seite 216
  was beinah wie breit Irihs klingt
  was beinah wie breit Irish klingt

  Seite 225
  schnit sich dann in der Hand eine Pfeife
  schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife

  Seite 225
  Sechszehntes Kapitel.
  Sechszehntes Capitel.

  Seite 227
  aufzustehen und Kaffe zu kochen
  aufzustehen und Kaffee zu kochen

  Seite 234
  rief der Wilde jetzt deulich zu ihnen herber
  rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen herber

  Seite 240
  Wir essen das nagewordeue zuerst weg
  Wir essen das nagewordene zuerst weg

  Seite 241
  Siebenzehntes Kapitel.
  Siebenzehntes Capitel.

  Seite 251
  Angriff gar tchtig in Respeckt gesetzt
  Angriff gar tchtig in Respect gesetzt

  Seite 302
  Einundzwanzigstes Kapitel.
  Einundzwanzigstes Capitel.]





End of Project Gutenberg's Aus dem Matrosenleben, by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MATROSENLEBEN ***

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