Project Gutenberg's Backfischchen's Leiden und Freuden., by Clementine Helm

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Title: Backfischchen's Leiden und Freuden.
       Eine Erzhlung fr junge Mdchen

Author: Clementine Helm

Release Date: January 24, 2015 [EBook #48064]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Backfischchen's
  Leiden und Freuden.

  Eine Erzhlung fr junge Mdchen
  von
  Clementine Helm.

  Zweiundzwanzigste Auflage.

  Leipzig,
  Georg Wigand's Verlag.
  1882.




[Illustration]




Inhalt.


                                        Seite
   1. Die Abreise                           1
   2. Am Morgen                             7
   3. Visiten                              17
   4. Freundschaft                         25
   5. Mittagessen                          34
   6. Verschiedenes                        40
   7. In Gesellschaft                      47
   8. Folgen                               60
   9. Noch eine Neuigkeit                  78
  10. Eugenie                              93
  11. Noch einmal Eugenie                 105
  12. Allerlei                            119
  13. Der Ball                            128
  14. Begegnung                           139
  15. Allerlei Neues                      149
  16. Die Braut                           162
  17. Der Mensch denkt -- Gott lenkt      174
  18. Ein froher Tag                      184
  19. Die Reise                           191
  20. Ein Abenteuer                       205
  21. Wieder im Vaterhause                212
  22. Nachtrag                            220




Backfischchen's Leiden und Freuden.




1.

Die Abreise.


Der Wagen war vorgefahren, Friedrich knallte mit der Peitsche und die
Braunen stampften ungeduldig den Fuboden. Noch einmal lag ich Vater
und Mutter weinend in den Armen, kte noch einmal alle meine lieben
Geschwister und reichte dem versammelten Gesinde die Hand zum Abschied;
dann drckte ich mich schluchzend in die Ecke des Wagens, beugte
mich jedoch sogleich wieder zum Fenster desselben hinaus, um mit dem
feuchtgeweinten Taschentuche unzhlige Abschiedsgre zurck zu winken. Nun
fuhr der Wagen durch das Dorf, und aus allen Fenstern, von allen Thren
her tnten freundliche Gre und Wnsche zu mir herber, denn ich kannte
ja alle Bewohner dieser friedlich kleinen Bauerhuser, war allen mehr oder
weniger nahe getreten whrend der glcklichen Kindheitstage, die ich hier
in der Heimath verlebte. Und nun sollte ich fort von allem, was meinem
Herzen bis jetzt das Liebste gewesen, fort von meinem Vaterhause und von
dem schnsten Orte der Welt, meinem lieben Heimathsdorfe! Neben mir im
Wagen sa eine sanfte, feine Frau von mittleren Jahren, deren mildes
Gesicht graue Lckchen umgaben, unter denen zwei kluge dunkle Augen
hervorblickten. Sie war es, die mich aus der Heimath hinweg fhrte nach
ihrem stillen Hause in Berlin. Dorthin sollte das junge Backfischchen
sie begleiten, um unter ihrem Schutze etwas von Welt und Leben kennen
zu lernen. Diese milde Frau hie Tante Ulrike und war die verwittwete
Schwester meines Vaters, verehrt und geliebt von allen, die sie kannten.

Sie streichelte sanft meine Hand, die ich in meinem Schmerz in die ihre
legte, und sprach so liebe Trostesworte zu mir, da ich mich bald etwas
beruhigte, denn an der Seite einer so lieben Gefhrtin war ich gewi nicht
so verlassen, als es mir bisher erscheinen wollte.

Jetzt fuhr der Wagen einem Gehlz zu, das auf der Hhe sich weit hinzog,
und noch einen letzten Blick sandte ich zurck nach meinem lieben Dorfe.
Der Kirchthurm und die kleinen Bauerhuser alle blickten mich so freundlich
an, die grnen Fensterladen am Giebel unseres Hauses konnte ich noch ganz
deutlich erkennen, mir war, als wehte von dort ein weies Tuch herber, und
wehmthig erwiderte ich den Gru. Dann entzogen mir die Bume neidisch alle
weitere Aussicht, und ich hing still meinen Gedanken nach, in denen mich
die Tante auch wenig strte.

Nach einigen Stunden waren wir in Magdeburg, von wo die Eisenbahn uns
der Residenz zufhren sollte. Hier trennte sich der letzte Bote aus dem
Vaterhause von mir, der alte treue Kutscher Friedrich, mit den lieben
beiden Braunen, die ich so oft selbst an der Leine gehabt, wenn wir auf das
Feld hinaus fuhren, Getreide oder Heu einzuholen. Tausend, tausend Gre
trug ich ihm noch auf fr jeden Einzelnen in Schreibersdorf, immer wieder
streichelte ich die Pferde und gab ihnen noch ihre Leckerbissen, Weibrod
und Zucker, strich zrtlich ber die blauen Sitzkissen der lieben weichen
Chaise und verfolgte dann mit Thrnen im Auge lange noch die Staubwolke,
die hinter dem fortrollenden Wagen dahinzog.

Ein Spaziergang, den ich mit der Tante durch die Stadt und deren Umgebung
machte, zog mich endlich von meinen trben Gedanken etwas ab, und die Fahrt
auf der Eisenbahn durch Gegenden, die mir noch fremd waren, zerstreute mich
sehr wohlthtig. Die Tante verstand es gar zu gut, die Aufmerksamkeit
rege zu erhalten fr alles, was an uns vorberzog, und auch die
Reisegesellschaft beschftigte meine Gedanken vielfltig. Endlich ffnete
die Tante sogar eine Schachtel mit allerlei leckern Frchten und Kuchen,
die Mama ihr heimlich fr mich mitgegeben, und der reiche Inhalt derselben
zeigte mir so ganz das liebe, sorgliche Mutterherz, das ihrem Kinde auch in
der Ferne noch Freude machen wollte. Ich war wirklich noch Kind genug,
um mit diesen kstlichen Leckerbissen meine letzten Thrnen hinab zu
schlucken, und so hatte meine beste Mama den Zweck erreicht, den sie damit
im Sinne gehabt.

Hellen Auges zog ich endlich der groen Stadt entgegen, die sich jetzt
vor uns ausbreitete, und mit neugierigen Blicken schaute ich mich in den
Straen um, durch welche wir dann fuhren. Die schnen Huser und glnzenden
Kauflden erregten meine volle Bewunderung, hohe Statuen sahen hier und da
ernst zwischen grnen Bumen hervor, breite Brcken fhrten ber den Flu,
der die Stadt durchschnitt, und stattliche Kirchen und Palste blickten
stolz und wrdig auf mich armes Landmdchen hernieder. Alles verkndete die
Hauptstadt, die Residenz eines groen Frsten.

Endlich hielt der Wagen in einer der breiten Straen vor einem freundlich
aussehenden Hause, das nicht so hoch in den Himmel hinein ragte als seine
Nachbarn, die mir ordentlich das Herz bedrckten durch ihre unzhligen
Fenster. Hier in der gewaltig groen Stadt, wo so zahllose Menschen Platz
finden wollten, mute man freilich hoch in die Luft hinein bauen; selbst
die Keller der Huser, in welchen bei uns kein Mensch sich aufhalten
mchte, sah ich von unzhlig viel Familien bewohnt, und kein Pltzchen
schien unbenutzt gelassen. Das hbsche Haus der Tante hatte nur wenig
Mitbewohner und sprach durch sein zierliches sauberes Ansehn von Wohlstand
und Behaglichkeit. Ein kleiner schattiger Garten umschlo seine Rckseite,
und da an denselben keine Straen, sondern wieder andere Grten anstieen,
so konnte man beim Blick ber diese grnen Bume ganz vergessen, da man
sich in der geruschvollen Residenz befand.

Hier also sollte ich nun die nchste Zeit verleben, hier in dem fremden
Hause, der fremden Stadt, den neuen Verhltnissen! O wie bang klopfte mir
mein Herz, als ich die Stufen der Treppe hinauf stieg, hinter Tante Ulrike
und der saubern Dienerin her, welche sich mit den unzhligen Packeten und
Schachteln bepackt hatte, die mich auf der Reise begleiteten. Schchtern
blieb ich an der Thrschwelle des schnen Zimmers stehen, in das wir
eintraten, und wagte nicht, meine Sachen abzulegen. Da aber kam Tante
Ulrike freundlich auf mich zu, zog mich liebevoll an ihr Herz und sagte:
Nun sei mir willkommen in meinem Hause, mein liebes Kind! Gott gebe, da
du dich wohl und glcklich hier fhlen mgest, und meine Liebe dir die
Heimath ersetze! Mit welcher Innigkeit schmiegte ich mich an die Brust
dieser lieben, lieben Tante! O wie allein, wie schrecklich allein und
verlassen htte ich in dieser groen, fremden Stadt dagestanden ohne diese
treue, mtterliche Freundin! Aber an ihrer Seite, unter ihrem Schutz konnte
ich getrost all dem Neuen und Fremdartigen entgegen gehen, das mich hier
erwartete.

Nun fhrte mich die Tante in ihrer ganzen Wohnung umher, die fr eine
einzelne Frau sehr gro und gerumig war. Ueberall herrschte die grte
Sauberkeit, sowohl in den Zimmern, als in Kche und Wirthschaftsrumen,
alles war reich und gut eingerichtet, berall erkannte man behagliche
Flle, aber nirgends blendende ppige Pracht oder modernen Luxus. Einfach
und gediegen, das war der Eindruck, den alles umher auf mich machte, und
ebenso war ja auch die ganze Erscheinung der Bewohnerin dieser Rume. Es
lag etwas in dem Wesen der Tante, das mir immer wieder geheime Bewunderung
erweckte, und doch war durchaus nichts Auffallendes in der Art und Weise
dieser stillen, feinen Frau, im Gegentheil, alles erschien so einfach, so
natrlich, man htte meinen sollen, gerade so und nicht anders msse
man auch sprechen, gehen und sich bewegen. Aber das war ja eben das
Ausgezeichnete an ihr, nirgends ein Mangel, nirgends etwas, das man anders
gewnscht htte. Damals wute ich mir nicht Rechenschaft zu geben, worin
das Harmonische eigentlich bestand, das sie umgab, jetzt aber wei ich es,
-- es war eben die gute Erziehung!

Erst jetzt neben dieser ausgezeichneten Frau fhlte ich mehr und mehr, wie
sehr mir armen Landmdchen die feinere Erziehung noch fehlen mchte. Zu
Haus auf dem Dorfe, in einfachen Verhltnissen, und mitten unter den vielen
kleinen wilden Geschwistern war mir nie dieser Gedanke gekommen. Aber
meine liebe Mama, welche durch die vielen Kinder und groe Krnklichkeit
abgehalten wurde, sich mehr mit meiner Erziehung zu beschftigen, und die
ihre eigene Jugend nur auf dem Dorfe verlebt hatte, fern von den feineren
Sitten und Gewohnheiten der Stdte, sie wnschte sicher lange schon, da
ihr ltestes Tchterchen in anderen Verhltnissen lernen mchte, was das
Vaterhaus ihr nicht bieten konnte. In den stillen, huslichen Tugenden, mit
denen meine geliebte Mutter das Glck ihres Hauses begrndete, hatte sie
mich mit Sorgfalt und Treue unterwiesen, und nie in meinem Leben kann ich
ihr dafr genug danken. Ihre Lehren bildeten die Grundlage alles dessen,
was das sptere Leben mir zufhrte, und wodurch Herz und Verstand seine
fernere Entwicklung erhielt. Da ich diese weitere Ausbildung aber nirgends
besser finden konnte, als an der Hand unsrer lieben Tante Ulrike, das
wute meine Mama recht wohl, da sie selbst die treffliche, feingebildete
Schwgerin so aufrichtig verehrte. Wie gern berlieen meine Eltern
mich ihr deshalb fr einige Zeit, als sie sich erbot, fr meine weitere
Ausbildung Sorge zu tragen. Welchen treuen, liebevollen Hnden ich
anvertraut worden, das fhlte ich selbst gar bald.

In der ersten Zeit meines Aufenthaltes aber bei der Tante war ich
unaussprechlich bedrckt und unglcklich, denn neben dieser fein gebildeten
Frau fhlte ich jeden Augenblick, wie hlzern ich mich bewegte, und meine
angeborene Schchternheit vermehrte die Aengstlichkeit meines Benehmens.
Wie ein steifer Perckenstock stand ich an Tantes Seite, und so oft sie mit
mir sprach, wurde ich bis unter das Haar hinauf feuerroth und wagte nicht
zu antworten, denn ich kam mir gar zu albern und kindisch vor. Die sanfte
Freundlichkeit der Tante wirkte aber bald ungemein wohlthtig; meine
Schchternheit schmolz davon wie Schnee vor der Sonne, und ich gewann
nach und nach meine kindliche Heiterkeit wieder, trotz aller Fehler und
Verste, die ich immer von Neuem beging. Die Tante sagte mir schon
am ersten Tage sehr liebevoll, sie werde mich gleich von vorn herein
erbarmungslos auf alles aufmerksam machen, was sie anders wnsche, nur
msse ich dabei nicht ungeduldig werden, bse sei es nie gemeint. Natrlich
versprach ich dies aus vollem Herzen, und hielt es tapfer und standhaft, so
schwer es mir oft genug wurde.

Was mir nun von diesem meinem Aufenthalte im Hause der Tante noch im
Gedchtni geblieben, das erzhle ich euch, meine lieben Freundinnen, jetzt
mit offenem Herzen, es sind gar liebe Erinnerungen fr mich. Und da das
Geschlecht der Backfischchen noch bis auf den heutigen Tag grnt und blht,
so ist unter ihnen gewi eins oder das andre, das sich in seiner 15jhrigen
Haut ebenso unbehaglich fhlt, als es bei mir der Fall war, und ihnen mgen
denn diese Zeilen zum Troste und zur Unterhaltung dienen.




2.

Am Morgen.


Du sollst mit in meinem Zimmer schlafen, Gretchen! sagte Tante Ulrike,
als sie mich in ihrer Wohnung umher fhrte, und dabei ffnete sie ein
nettes, behagliches Stbchen. Mit ngstlicher Scheu blickte ich nach dem
zierlichen Himmelbett, unter dessen schneeweien Gardinen ich von jetzt
an trumen sollte. Mein einfaches Bettchen zu Haus entbehrte jeglichen
Schmuckes, und doch, wie himmlisch hatte ich darin geschlafen! Das Bett der
Tante war auch von langen, weien Vorhngen umgeben, deren Schnre von dem
Schnabel eines Adlers gehalten wurden. Das Thier sah mich so bse an, als
rgere ihn der neue Ankmmling, mir wurde ganz unheimlich zu Muthe. Zum
Glck schien es mir bald, als blicke er von Tag zu Tage freundlicher auf
mich armes Kind hernieder, er mochte wohl einsehen, da ich den besten
Willen mitbrachte, es jedem recht zu machen.

Neben meinem Bett stand ein niedliches Waschtischchen, ebenfalls von
Gardinen umwallt, und alle mglichen Toilettengegenstnde schmckten
dasselbe. Ein weicher Teppich bedeckte den Fuboden, grne Vorhnge
harmonirten mit der grnen Tapete der Wnde, und machten das Zimmer
ungemein behaglich. Das Beste darin aber war der Platz meines Bettes
unmittelbar neben dem Fenster, das nach dem Garten hinaus fhrte. Von
hier aus fielen meine Blicke ja gleich beim Erwachen auf Himmel und Bume,
gerade wie es zu Hause gewesen in der groen Unterstube, in welcher wir
Kinder schliefen.

Mit welch' unbeschreiblich schwerem Herzen drckte ich am ersten Abend
meinen Kopf in die weichen Kissen meines Himmelbettes! Ach es war die
erste Nacht, die ich auer dem Vaterhause zubrachte, die erste Trennung
von meinen Lieben in der Heimath! Thrne auf Thrne rollte auf die weien
Kissen, und unnennbares Heimweh bedrckte mein Herz. Endlich aber faltete
ich still meine Hnde und suchte Trost und Ruhe bei Dem, der ja auch hier
ber mir wachte, und dessen Hand mich auch hier gtig und vterlich leiten
wrde, wie sie es bisher gethan. Ein ser Friede kam whrend des Gebetes
in mein Herz, und ruhig schlo ich endlich die Augen, um im Traume wieder
dorthin zu fliegen, wo mein Herz und meine Gedanken weilten, nach dem
lieben, theuren Vaterhause!

Wie erstaunt war ich, als ich am andern Morgen erwachte, und halb noch im
Geiste unter meinen lrmenden Geschwistern, mich nun hier in dem stillen,
grnen Zimmerchen fand. Mit einem leisen Seufzer besann ich mich endlich
auf alles und blickte nun sphend nach dem anderen Himmelbett hinber,
ob dessen Bewohnerin schon erwacht sei. Sie nickte mir einen freundlichen
Morgengru zu und fragte, wie ich geschlafen.

Sehr gut, liebe Tante, sagte ich frhlich. Ich habe die ganze Nacht
von Schreibersdorf getrumt und von all meinen Geschwistern. Sie sind heut
gewi rechte Langschlfer, da ich sie nicht aus den Federn treibe.

Du scheinst mir auch noch nicht ausgeschlafen zu haben, Kleine! sagte die
Tante lchelnd, als ich jetzt den Mund zu einem lauten Ghnen ffnete, und
ohne die Hand vorzuhalten, die Tante anblickte. Hu, verschling mich nicht,
Mdchen! rief diese, sich die Augen zuhaltend, und beschmt steckte ich
meinen Kopf wieder unter die Decke. Es war die erste Unmanier, mit der ich
den Tag begann, und sie machte so tiefen Eindruck auf mich, da ich mein
Ghnen seitdem auerordentlich cultivirte.

Die Tante mahnte jetzt zum Aufstehen, und so fuhr ich denn schleunigst, wie
ich all mein Lebtag gethan, mit beiden Beinen unter dem Deckbett hervor und
kauerte mich im allerleichtesten Nachtkostm auf den Fuboden, um mir dort
die Strmpfe anzuziehen.

Ein herzliches Gelchter der Tante brachte wieder dunkle Gluth auf
mein Gesicht. O, rief sie lustig, wie alt ist denn das liebe kleine
Hemdenmtzchen dort an der Erde, das fnf Fu preuisch in der Lnge mit?

Wie der Blitz flog ich bei diesen Worten der Tante hinter die Bettgardine,
und jetzt lernte ich erst deren Tugenden schtzen, denn bis ich mein gar
zu natrliches Nachtkostm mit andern Kleidern vertauschte, schtzte mich
diese gar trefflich. Beschmt kam ich hinter derselben wieder zum Vorschein
und eilte an das Bett der Tante, um derselben meinen Morgengru zu bringen.

Den Gru erwiderte sie freundlich, als ich ihr jedoch meine Lippen zum Ku
darbot, schob sie mich sanft zurck und sagte:

Erst waschen und den Mund reinigen, ehe man damit kt, liebes Gretchen!

Das war schon Dummheit Nummer drei, die ich beging, und ich war kaum aus
den Federn; zu welcher Summe wrden Tante's Ermahnungen wohl angewachsen
sein, wenn ich am Abend mich wieder hinter den weien Gardinen meines
Himmelbettes niederlegte!

Kleinlaut schlich ich zum Waschtisch, meine Morgentoilette zu machen, die
bisher zu Hause sehr wenig Zeit gekostet hatte. Ein wenig Wasser, eben
genug, um die Hnde na zu machen, gengte mir vollkommen zum Waschen,
und ohne mein weies Nachtjckchen abzulegen, fuhr ich mit dem nassen
Handtuchzipfel ein paar Mal ber das Gesicht und den Nacken, ebenso schnell
ging es mit den Hnden, und fertig war ich.

Die Tante war indessen aufgestanden und trat nun zu mir an den Waschtisch.

Ist bei Euch auf dem Lande das Wasser so theuer, da du so sparsam damit
bist? fragte sie, auf die paar Trpfchen im Waschbecken deutend.

Ich brauche nicht mehr, Tantchen! sagte ich verwundert.

Ich wnschte, da du diesem Geschft etwas mehr Sorge zuwendest, es ist
gut sowohl fr die Reinlichkeit als fr die Gesundheit! sprach die Tante
freundlich, und begann nun selbst ihre Toilette, der ich erstaunt zusah.

Zuerst go sie eine groe Menge Wasser in das Waschbecken, entblte dann
Nacken und Arme von ihrer Umhllung, und badete nun Kopf und Hals immer
und immer wieder mit einem groen weichen Schwamme, den sie im Nacken
ausdrckte. Dann rieb sie Arme und Hnde mit schumender Seife ab und rief
munter: Wasser und Seife kannst du mir nie zu viel verschwenden! Nach
dem Verbrauche der Seife taxirt man die Cultur der Staaten, je mehr Seife
derselbe consumirt, je weiter ist er im Fortschritt. Dabei berreichte sie
mir einen ebenso schnen, weichen Schwamm, als der ihrige war, und forderte
mich auf, nun ihrem Beispiele zu folgen. Verlegen machte ich mich an das
ungewohnte Werk und benahm mich dann auch dabei so geschickt, da bald
alles um mich herum schwamm. Zum Ueberflu stie ich auch noch den
Wasserkrug um, und nun triefte alles rings umher, sowohl der zierliche
Waschtisch, als auch der Fuboden und meine Bettgardine, ja sogar die
Kleider auf meinem Stuhle.

Himmel, wir ertrinken! Das nenne ich Wasser consumiren! lachte die
Tante, nach mir umschauend, und rettete die noch trockne Umgebung vor
den strmenden Wogen. Du bist ja riesenhaft cultivirt, meiner Theorie zu
Folge!

Ach der dicke Schwamm ist dran Schuld, Tantchen! rief ich fast weinend
und blickte trostlos auf die Sndfluth um mich her.

Alles will gelernt sein, Kind! trstete die Tante freundlich. Mache
jetzt, da du wieder trocken wirst, sonst bezahlst du meine Lehren mit
einem tchtigen Schnupfen.

Wre dies Anziehen doch nur erst berstanden! seufzte ich im Herzen,
whrend ich mir das Wasser zur Reinigung des Mundes zurecht machte. Was
wird dabei nun wieder falsch sein! Aber das ging besser ab, als ich
gefrchtet. Die Brste war kstlich fein, das Pulver von angenehmen Geruch,
und das half mir trefflich.

Ich hoffe, du wiederholst dies Geschft auch stets nach dem Mittagessen,
Kind? sagte die Tante, als ich fertig war.

Nach dem Mittagessen, Tantchen? Nein, bis jetzt that ich das nie!

So thue es ja von heut an, es ist vortrefflich fr die Conservirung der
Zhne!

Ja wohl, liebe Tante!

Ach wie oft habe ich in jener Zeit Ja wohl, liebe Tante! gesagt! Htte
ich fr jedes Mal einen Thaler bekommen, ich wre als Millionrin nach Haus
zurck gekehrt!

Ich habe es gern, wenn junge Mdchen sich gleich am Morgen das Haar
flechten! sagte die Tante, als ich mir eben meine braunen Zpfe unter das
Morgenmtzchen stecken wollte.

Ja wohl, liebe Tante! entgegnete ich demthig und ri mein Hubchen
schnell wieder vom Kopfe und die Flechten herunter, da die Nadeln umher
flogen.

Ich lese dir inde aus der Zeitung vor, Gretchen, nimm dir Zeit, da du
ordentlich aussiehst, darauf halte ich etwas! fuhr die Tante fort, indem
sie sich in einen Lehnstuhl setzte und mir aus der Zeitung allerlei vorlas,
wobei sie aber fortwhrend ber dieselbe hinaus und zu mir hin blickte, ob
ich auch alles regelrecht mache. Da hie es denn bald: Lse die Haare aus
dem Kamme, ehe du wieder damit kmmst! Lege das Haar nicht auf den Tisch,
sondern auf Papier! Nicht so fest flechten, hbsch gleichmig! Reinige
Kmme und Brsten, ehe du sie fortlegst! und was dergleichen kleine
Mahnungen mehr waren.

Endlich war das Werk vollbracht, und ich griff nach dem Morgenrock, um
mich, wie ich gewhnt, bequem hinein zu hllen.

Nein Kind, ein junges Mdchen zieht sich gleich fertig an, nur keine
Verwhnung! sagte die Tante mir zusehend, und erstaunt legte ich das
verschmhte Kleidungsstck wieder auf die Seite. Das ist vortrefflich,
wenn du krank bist, aber nicht in gesunden Tagen, mein Tchterchen! fgte
sie freundlich hinzu. Nur immer schmuck und = quatre peingles=! Ein
saloppes Mdchen ist etwas Widerwrtiges, und der Schlafrock verleitet nur
gar zu gern hierzu. Komm, ich will dir helfen, mein Kind!

Dabei griff sie nach meinen Kleidern und befestigte mir freundlich alle
Bnder und Haken und Knpfe, die zu meinem Anzuge gehrten.

Ei ei! da sehe ich allerlei Dinge, die mir nicht gefallen! tnte es aber
whrend ihrer Hlfsleistungen hinter mir, und dabei schwebte eines meiner
Rockbnder, das ich gestern in der Eile zusammen geknotet, als es tckisch
aus einander ri, verhngnivoll in der Luft.

Dergleichen darf nun und nimmer bei mir vorkommen, Gretchen! sagte die
Tante streng. Und hier, die Haken deines Kleides sind smmtlich so lose,
da sie sich von oben bis unten in ihrer ganzen Flle an das Licht drngen!
Das geht nicht, geschwind hole ein andres Kleid, und das Rockband nhe
augenblicklich.

Wie ein begossener Pudel schlich ich zum Kleiderschranke und that, wie mir
geheien.

Hat deine gute Mutter denn dergleichen Unordnung gelitten? sagte die
Tante, whrend ich das Band annhte.

Ach nein, Tantchen, niemals! Sie hlt sehr auf Ordnung! entgegnete ich
leise und fast weinend. Ich bin auch nicht immer so nachlssig, es ging
gestern bei der Abreise nur so schnell, da ich keine Zeit zum Ausbessern
hatte.

Ich will dir einen guten Rath geben, damit dergleichen nicht fter
vorkommt, mein Kind! sagte die Tante liebevoll. Jeden Abend vor
Schlafengehen sieh regelmig all deine Sachen nach, die du andern Tages
anziehen willst, und bringe das Fehlende daran in Ordnung. So viel Zeit hat
man da immer, und entbricht man sich dadurch etwas am Schlafe, so hat das
nicht viel zu bedeuten. Wie man Herz und Seele vor dem Einschlafen prfen,
und wie man sich vornehmen soll, alles das besser zu machen, was an diesem
Tage nicht recht war, ebenso mu man auch den ueren Menschen in Ordnung
halten, und am Schlusse des Tages nachhelfen, wo etwas fehlt. Solche kleine
gute Angewhnungen tragen gute Frchte, das sollte man immer bedenken.
Vernachlssigte kleine Schden wachsen schnell zu groen an, sowohl im
Kleid als im Herzen, und dann macht jede Reparatur zehnfache Arbeit.

Ich kte der guten Tante still die Hand, mit der sie mir die Wange
streichelte. Da bemerkte ich, wie sie pltzlich ein halb ernstes, halb
komisches Gesicht machte und auf meine Hnde blickend sagte: Du hast ja
Hoftrauer, Gretchen!

Hoftrauer, liebe Tante? Was meinst du damit? Ist jemand von der
kniglichen Familie gestorben? fragte ich verwundert.

Wie? den Ausdruck kennst du nicht? lachte die Tante und hielt meine
beiden Hnde mir vor das Gesicht. Das hier nennt man Hoftrauer, Kind,
deine zehn schwarzen Fingerngel, denen keine Nagelbrste zu Hlfe gekommen
ist! Geschwind, lege die Trauer ab, ich habe auf deinem Waschtische
reichlich fr die Mittel dazu gesorgt, geh und brste deine Ngel!

Geh und brste deine Ngel! Ich ging und versuchte mein Heil, das erste
Mal in meinem Leben, zu Haus hatte nie jemand meine Finger dieser Procedur
unterworfen. Tantchen kam bald zu meiner Hlfe herbei, und das war gut, nun
erfuhr ich doch, wozu die netten kleinen Brsten und Haken da waren, die
meinen Waschtisch schmckten. Es ist wahr, als zum ersten Male in meinem
Leben so schne weie Ngel an meinen Fingerspitzen prangten, sahen die
Hnde noch einmal so hbsch aus.

Gretchen, die Morgenschuh gehren auch in das Bereich der Dinge, welche
junge Mdchen auerhalb des Schlafzimmers nicht an den Fen dulden
sollen! wandte sich die Tante noch einmal zu mir, indem sie meinen Fen
verdchtige Blicke zuwarf. Auch blitzt es noch gewaltig, mein Herz.

Es blitzt? rief ich erstaunt und blickte nach dem Fenster. Die Tante
lachte abermals herzlich ber meine Einfalt und sagte: Bist du denn eben
vom Baume herunter gefallen, Mdchen, da du die Redensart auch noch nicht
kennst? Der Schlitz deines Kleides steht offen, das nennt man blitzen, du
kleines Nrrchen! Gewi hast du ihn nicht zugesteckt!

Nein, das thue ich nie, Tantchen! erwiderte ich verwundert.

Ja das gehrt aber auch zur Ordnung, Kind! entgegnete die Tante, das
Versumte nachholend. Es ist ein hlicher Anblick, oft bei ganz eleganten
Toiletten diese Nachlssigkeit zu bemerken.

Whrend ich nun noch die verpnten Morgenschuh von meinen Fen streifte,
um sie mit straffen Schnrstiefeln zu vertauschen, verlie die Tante unsere
Schlafstube, und bald folgte auch ich ihr nach dem Wohnzimmer, wo das
Frhstck uns erwartete. Als ich dort eintrat, kam Tante Ulrike freundlich
auf mich zu, nahm meinen Kopf zwischen beide Hnde und drckte einen
herzlichen Ku auf meine Lippen.

Siehst du, jetzt bekommst du gern, was ich dir vorhin versagte! sprach
sie heiter. Es ist eine arge Zumuthung, von unsaubern und unappetitlichen
Lippen gekt zu werden, und das vergessen gar viele Menschen, nicht blos
meine kleine, liebe Grete! -- Aber nun komm zum Kaffee, mein Tchterchen!
fuhr die Tante fort, und brachte die zierliche gemalte Kaffeekanne herbei.
Heut ist er schon fertig, aber von jetzt an bergebe ich dir das Geschft
des Kaffeekochens, sowie Abends auch die Theebereitung. Ich mache all' das
gern in meinem Zimmer, das Summen des Theekessels ist gar zu behaglich.

Geschftig eilte ich, der Tante die Tasse mit Kaffee zu fllen und ihr
denselben mit Sahne und Zucker zu versetzen.

Erst Zucker, dann Sahne, das ist eine alte Regel, sonst giebt es eine
unglckliche Liebe! scherzte die Tante, indem sie mir zusah. Und dann
gie die Tasse nicht so voll und schtte nichts ber!

Ach verzeih! rief ich errthend und go schnell aus der Untertasse wieder
in die obere, was beim Hinreichen bergeflossen war. Aber nun kam ich aus
dem Regen in die Traufe, wie man zu sagen pflegt, denn das war ja erst
recht unschicklich.

Endlich setzte auch ich mich zum Frhstck nieder und machte mir ganz
behaglich, wie zu Hause, eine recht schne Brockei, wie wir Kinder es
nannten, das heit, ich stopfte eine Menge Weibrod in die Tasse, da es
vom Kaffee dick aufgeschwemmt wurde und hoch oben hinaus stand.

Du bist doch noch ein recht ordentliches Kind! rief die Tante und sah mir
lchelnd zu. Nun la es dir gut schmecken! Wenn wir unter uns sind, will
ich dir dein Vergngen nicht stren, aber in Gesellschaft von Andern mut
du solchen Kaffeepudding schon dran geben.

Wie schade! das schmeckt so gut, Tantchen! sagte ich kindisch, und
blickte mein ses Gericht zrtlich an. Die zweite Tasse jedoch versuchte
ich, nach Tante Ulrike's Angabe, ganz manierlich hinunter zu schlrfen; da
er aber sehr hei war, go ich ihn in die Untertasse, damit er schneller
abkhlte, und fhrte dieselbe dann pustend an die Lippen.

Das schickt sich ja aber wieder nicht, Kind! lachte die Tante, und
erschrocken setzte ich schnell die Tasse nieder.

Wir Kinder haben zu Haus immer aus der Untertasse getrunken! sagte ich
errthend.

Das glaube ich gern, Kindern ist eben alles erlaubt! entgegnete die
Tante. Aber du bist ja doch bei mir um das zu lernen, was sich fr
erwachsene Leute schickt, und die Kinderschuh abzustreifen, und drum qule
ich dich so ohne Erbarmen, du armer kleiner Backfisch! Nun wollen wir es
aber fr heut gut sein lassen, mache jetzt, was du Lust hast, sonst vergit
du am Ende eins mit dem andern. Heut habe ich dich mit den Pflichten und
Regeln des Morgens gepeinigt, das war Lection NummerI. Ich denke, wenn wir
alle Tage solch Kapitelchen durchnehmen, so werden wir ja wohl in Jahr und
Tag so ziemlich mit dem fertig sein, was ein Backfischchen zu lernen hat.

In dieser freundlich heitern Weise verstand es Tante Ulrike, mich
ungehobeltes Dorfmdel nach und nach etwas abzuschleifen, was gewi keine
leichte Aufgabe war. Die Milde und Geduld, mit welcher sie mich auf alles
aufmerksam machte, lie in mir jede Aufwallung von Aerger oder Unwillen zur
Unmglichkeit werden. Wenn ich auch noch so viel Falsches und Thrichtes
that, noch so viel Verweise erhielt, immer war ich nur von Dank erfllt
gegen die, welche meine Erziehung mit so viel Selbstverleugnung und Liebe
bernommen hatte, und das grte Bestreben, diese Bemhungen mit Eifer und
Aufmerksamkeit zu vergelten, beseelte mich an jedem Morgen von Neuem.

Aber freilich, was hatte ich alles zu merken, was alles anders zu machen,
als ich es bisher gethan hatte! Wie eine Fluth brauste es ber mich daher,
denn nur allein der Morgen, wie reich war der an vielfachen Rgen und
Mahnungen gewesen! Welch' langen Herzensergu sandte ich da gleich am
ersten Tage nach meinem lieben Vaterhause! -- Ach dort war stets alles
recht und gut, was ich that, dort war ich noch ein Kind, fr das sich alles
schickte, und wie glcklich und seelensfroh war ich dabei gewesen! Aber
jetzt! Jetzt war ich kein Kind mehr, jetzt sollte ich ein erwachsenes
Mdchen vorstellen, mit neuen Pflichten und neuen Anforderungen! Da kamen
mir immer und immer wieder die Schluworte jenes schnen Liedes in den
Sinn, die auch ich aus tiefstem Herzen seufzte: O selig, o selig, ein Kind
noch zu sein!




3.

Visiten.


So deutlich, wie mir dieser erste Morgen im Hause meiner lieben Tante
Anstand, wie ich sie scherzend nannte, im Sinne geblieben, ist es freilich
mit alle den darauf folgenden Tagen und Stunden nicht der Fall. Doch stehen
mir besonders aus der ersten Zeit meines Aufenthaltes noch viele einzelne
Scenen so deutlich in der Erinnerung, als htten sie sich eben erst
zugetragen, und von diesen will ich denn weiter erzhlen.

Hole dir Hut und Tuch, Gretchen, wir wollen einige Visiten machen! sagte
die Tante eines Tages, und ich eilte, ihrer Weisung zu folgen, um schnell
fertig zu werden, denn sie liebte es gar nicht, auf mich zu warten. Nun
war ich aber an solch' feierliches Ausgehen gar nicht gewhnt, denn zu Haus
stlpte ich schnell meinen Hut ber und sprang sonst, wie ich war,
hinaus in Garten und Flur; Shawl, Handschuh, Schirme, Aufschrzer und was
dergleichen nthige Gegenstnde mehr waren, die zu einer Stadtpromenade
gehrten, kannte ich wenig. So kam es denn regelmig, da ich jetzt irgend
etwas von diesen Dingen verga, was ich erst bemerkte, sobald wir unterwegs
waren, und natrlich wurde die Tante hierber oft recht verdrielich.

Heute nun hatte es geregnet, und so schrzte ich mit zwei niedlichen
Klammern, welche die Tante mir zu diesem Behufe geschenkt, mein Kleid
sehr sorgfltig auf, denn oft hatte die Tante mich aufmerksam gemacht, wie
hlich es aussah, wenn nett gekleidete Damen entweder die guten Kleider im
Schmutze nachschleppten, oder sich dieselben so ungeschickt aufnahmen, da
man alle Etagen ihrer Unterkleider verfolgen konnte, wobei sich oft nicht
eben das Sauberste den Augen darbot. Oben hui, unten pfui! wie Tantchen
sagte. Mit Shawl und Regenschirm wohl ausgerstet folgte ich eilig meiner
Fhrerin, welche wie gewhnlich frher als ich fertig war. Auf der Treppe
aber bemerkte ich erst, da ich meine Handschuh vergessen, und erschrocken
sprang ich zurck, dies mir recht unangenehme Kleidungsstck zu suchen.
Glcklich holte ich die Tante auch bald ein, bemerkte aber in der Eile
nicht, wie na die Strae war, und da ich dnne Zeugstiefeln an den Fen
hatte, bis die Tante pltzlich stehen blieb und auf mein Fuwerk zeigte.

Ohne Ueberschuh in solchem Wetter, Mdchen? rief sie unwillig. Das geht
nicht! Erstens bekommst du nasse Fe, und zweitens verdirbst du deine
guten Zeugstiefeln. Kehre schnell um, hole dir Gummischuh und komm mir dann
nach, du kannst mich bei Geh. Rath Delius treffen, wohin ich zuerst gehen
werde.

Auf Windesflgeln lief ich nach unsrer Wohnung zurck und holte die
vergessenen Schuh aus ihrem Kasten. Aber wie rgerlich! Sie waren von dem
Schmutz des letzten Regenwetters noch vllig berdeckt, und ich mute nun
warten, bis Dore sie mir gereinigt hatte.

Warum dachte ich auch daran nicht und setzte die dummen Dinger schmutzig
in den Kasten! brummte ich rgerlich und trippelte vor Ungeduld mit den
Fen. Mach doch nur rasch, Dore, schalt ich dann heftig, ich kann
ja sonst Tantchen nicht mehr einholen, und mu dann allein bei Geh. Rath
Delius in das Zimmer treten! Mir wurde ganz hei vor Angst bei diesem
Gedanken, und so schnell ich konnte, rannte ich der Tante nach, so da ich
in tausend Pftzen patschte, alle Menschen umri, die mir begegneten, oder
denselben meinen aufgespannten Regenschirm vor den Magen stie.

Gott bewahre, die hat's eilig! Das fahrige, junge Ding! hrte ich hinter
mir drein rufen, aber unaufhaltsam strzte ich vorwrts, um die Tante
noch einzuholen, ehe sie an dem betreffenden Hause angelangt war. Doch
vergebens, ich hatte mich zu sehr versptet und mute nun allein in das
Zimmer treten.

Mit hoch klopfendem Herzen folgte ich dem anmeldenden Diener, und trat
dann schchtern der Dame des Hauses entgegen, welche mich freundlich
bewillkommnete. Tante Ulrike sa schon neben ihr auf dem Sopha, stand
jedoch bei meiner Ankunft ebenfalls auf, um mich der Geheimrthin
vorzustellen. Da kam ein schrecklicher Moment: ich mute meine Verbeugung
machen! Ach das war ein groer Stein des Anstoes, und tppisch genug
mochte ich mich bewegt haben, ich fhlte es ordentlich an meinen zitternden
Knieen und der brennenden Gluth, die mein Gesicht bedeckte.

Kommen Sie nher, liebes Gretchen! sagte die Geheimrthin herzlich und
bot mir einen weichen Lehnstuhl zum Niedersitzen an.

Erlauben Sie, liebe Freundin, da Gretchen zuvor Ueberschuhe und
Regenschirm in den Corridor trgt! sagte die Tante jetzt, als ich mich
eben ngstlich auf den Lehnstuhl setzen wollte.

Erschrocken fuhr ich schnell wieder von meinem Sitz empor und blickte an
mir hernieder. Da sah ich denn, in welch' erbaulicher Verfassung ich in
meiner Hast und Verlegenheit in dies elegante Zimmer eingetreten war! Nicht
blo, da ich vergessen, mein aufgeschrztes Kleid herunter zu lassen,
damit es die Rcke bedeckte, welche bei dem schnellen Sturmlauf arg
besprtzt worden, sondern ich hatte auch meine kothigen Ueberschuh an den
Fen behalten, welche herrliche Spuren auf dem glatten Parquetfuboden,
sowie auf dem kstlichen Teppich zurck lieen. Ebenso umklammerte meine
Hand noch mit krampfhafter Gewalt den Regenschirm, an dessen Spitze die
Gewsser des heutigen Regenhimmels in sanften Strmen herab trufelten und
sich zu einem kleinen See auf dem Fuboden vereinigten.

Eine scheue Entschuldigung stammelnd strzte ich zum Zimmer hinaus und
entledigte mich in der Vorstube dieser argen Missethter. Dabei blickte
ich in den Spiegel und sah nun, wie wenig meine Erscheinung fr eine feine
Morgenvisite geeignet war. Das Haar hing vom Winde gezaust nach allen
Himmelsrichtungen um meine Stirn, der Hut sa schief und hatte eine
arge Quetschung beim Kampf mit andrer Leute Regenschirmen erhalten, die
Schleifen meines Knpftuches hingen im Nacken, und der Kragen war eben im
Begriff, auf und davon zu gehen.

Da auch Tantchen gerade bei solch' grlichem Wetter Visiten macht!
dachte ich rgerlich und brachte meine Toilette wieder einigermaen in
Ordnung. Whrend ich aber hastig noch damit beschftigt war, fiel mein
Blick auf meine Handschuh, und neuer Schrecken durchfuhr mein armes Herz!
Ach in der Eile und Hitze hatte ich ein Paar alte ergriffen, und erst jetzt
mute ich das bemerken! Was wrde die Tante sagen, wenn sie das sah,
denn sehen wrde sie es, ihrem Auge entging ja nichts! Und was sollte die
vornehme Geheimrthin von mir denken, vor der ich mich schon so schrecklich
blamirt hatte! Anbehalten mute ich die abscheulichen Dinger, denn ohne
Handschuh, wie ich auf dem Lande ging, das wre ja ganz unschicklich! So
trat ich denn ngstlich und zaghaft wieder in das Visitenzimmer herein,
meine Hnde sorgfltig unter den Enden meines Shawles versteckend, was mir
aber ein noch steiferes, ungelenkeres Benehmen gab.

Die liebe Dame des Hauses war taktvoll genug, meinen Wiedereintritt wenig
zu beachten und sprach eifrig mit der Tante, und so setzte ich mich
still auf einen einfachen Rohrstuhl, denn ohne Aufforderung wagte ich den
schwellenden Polstersessel nicht wieder einzunehmen.

Da sa ich denn schweigend eine lange Zeit und hatte Mue genug mich
zu sammeln. Ich zog und zerrte heimlich an den Fingerspitzen meiner
unglckseligen Handschuh, von denen an einer Hand zwei, an der andern gar
drei Finger aufgeplatzt waren, so da die Fingerspitzen wie Rosenknospen
aus der Bltterhlle hervorleuchteten. Es half aber nichts, davon wurden
sie nicht wieder ganz.

Endlich hatte ich Verlangen, mein Taschentuch zu gebrauchen und griff
darnach, aber siehe da, mein Tuch fehlte, ich mute es in der Eile verloren
oder im Vorzimmer liegen gelassen haben. Das war doch gar zu unangenehm!
Wie sehnlich wnschte ich, Tantchen mchte aufbrechen, aber diese schien
nicht daran zu denken und sprach lebhaft immer weiter. Da endlich stand die
Geheimrthin auf, um dem Diener zu klingeln, und diesen Moment benutzte ich
schnell. Mit einem flehenden Blicke neigte ich mich zu Tante Ulrike hinber
und zog das feine Taschentuch aus ihrer Hand, was sie zwar ruhig duldete,
aber ein mibilligendes Schtteln ihres Kopfes sagte mir gar wohl, was sie
von ihrer ausgezeichneten Nichte dachte.

Friedrich, sagen Sie meiner Tochter, da Besuch bei mir ist! rief die
Geheimrthin dem eintretenden Diener entgegen! Bald ffnete sich denn auch
die Thr des Nebenzimmers, und eine hohe, schlanke Dame in hchst eleganter
Toilette schwebte zu uns herein. Mit ein Paar ruhigen, schmachtenden
Augen blickte sie um sich, und begrte dann die Tante mit einer leichten
Verneigung. Mich schien sie gar nicht zu sehen, obwohl ich in meiner
ganzen Lnge neben ihr stand, bis endlich ihre Mutter mich vorstellte.
Das miserable Compliment, das ich der Dame des Hauses bei meinem Eintritt
gemacht hatte, wollte ich jetzt durch ein besseres wieder gut machen, und
so verneigte ich mich vor Frulein Amanda denn hchst schulgerecht fast bis
zur Erde, und ich war wirklich ganz zufrieden mit mir. Das Frulein aber
nickte kaum bemerkbar mit dem Kopfe und lie sich dann langsam in den von
mir leer gelassenen Lehnstuhl niedergleiten, in welchem sie sich nachlssig
zurcklehnte. Das schien ihr aber noch nicht bequem genug zu sein, denn sie
zog sich einen kleinen Fuschemel herbei, auf den sie ihre Fe sttzte,
und whrend sie den Kopf leicht auf die eine Hand lehnte, und mit der
andern einen zierlichen Fcher auf und zu rollte, sah sie mich mit halb
geschlossenen Augen lange schweigend an.

Mir trat bei dieser Prfung der Angstschwei auf die Stirn, ich rutschte
unruhig auf meinem Sitz hin und her und blieb endlich auf der uersten
Stuhlecke hngen, dunkelroth bis zum Wirbel.

Sie sind wohl vom Lande? sagte die junge Dame endlich mit gezierter
Stimme.

Neue Gluth frbte mein Gesicht bei dieser einfachen Frage. Bis jetzt war
ich noch immer stolz auf meine Heimath gewesen, und mein Auge leuchtete,
wenn ich jemand davon erzhlen konnte, jetzt aber war mir, als mte ich
mich schmen, da ich nur vom Lande war, denn ich fhlte recht wohl die
Geringschtzung, welche fr mich in dieser Frage Amanda's lag.

Die Tante, welche zwar whrend dieser Zeit mit der Geheimrthin gesprochen
hatte, erlste mich von meiner peinlichen Situation, indem sie an
meiner Stelle antwortete. Nach einiger Zeit, in welcher ich wieder stumm
dagesessen hatte, denn wie htte ich gewagt, dieses Frulein meinerseits
anzureden, wandte sie sich abermals zu mir.

Wie alt sind Sie denn, Liebe? fragte sie herablassend, ungefhr so, wie
eine Prinzessin ein armes Mdchen fragen wrde, das eine Gnade von ihr
erflehen mchte. Auch mein Alter hatte ich bis jetzt Jedermann offen und
freudig genannt, Amanda Delius gegenber aber war ich wie ausgetauscht.

Eben 16 Jahre geworden! lispelte ich, abermals vor Schaam erglhend, da
es nicht mehr Jahre waren.

Also noch ein Backfischchen! schmachtete Amanda gelangweilt, und wehte
sich mit ihrem Fcher langsam frische Luft zu.

Es war durchaus nichts Neues, Unbekanntes, was das Frulein mir da sagte,
ich wute recht gut, ich war noch ein Backfischchen, die Tante und alle
Leute sagten es mir Tag fr Tag, und nie war mir der Name unangenehm
oder beleidigend gewesen. Aber jetzt aus dem Munde Amanda's kam er mir
unertrglich vor, und ich htte weinen knnen vor Aerger und Verdru. Zum
Glck stand jetzt die Tante auf und verabschiedete sich von Mutter und
Tochter, und so wurde ich aus der unangenehmen Lage erlst, in der ich mich
befand, denn mit diesen wenigen Worten schien mich das Frulein abgefertigt
zu haben und sprach nun entweder gar nicht, oder gab einige Bemerkungen zu
dem Gesprch zwischen ihrer Mutter und Tante Ulrike.

Nun Gott sei Dank, endlich waren wir wieder auf der Strae! Ich ging ganz
stumm und beschmt neben der Tante her, und diese sprach Anfangs auch kein
Wrtchen. Endlich aber sagte sie: Nun Gretchen, heut' hast du dich mit
Ruhm bedeckt, das mu ich sagen!

Ach Tantchen, ich bin ganz auer mir ber meine Dummheiten! rief ich nun
schluchzend, denn jetzt brach meine ganze Haltung zusammen, und trostlos
dachte ich an alles, was so eben vorgegangen war.

Nun nun, Kind, trste dich nur, was sollen denn die Leute denken, wenn
du groes Mdchen auf offner Strae so weinst und schluchzest! sagte die
Tante beruhigend. Etwas Unrechtes hast du ja nicht gemacht, nur einige
Versehen gegen Anstand und feine Bildung, und das wird schon besser
werden!

O ich bin ein zu groer Tlpel, Tantchen, schilt mich nur tchtig, ich
verdiene es nicht anders! rief ich noch immer schluchzend.

Schelten werde ich dich wegen solcher Dinge niemals, Kind, denn du weit
es noch nicht besser! entgegnete die Tante liebevoll. Aber die Erlaubni,
noch lnger mein armes Battisttaschentuch mit deinen Thrnen zu trnken,
die entziehe ich dir jetzt!

Trotz meiner Thrnen mute ich nun lachen, und bald fand sich denn auch
mein Gleichmuth wieder.

Unsern Besuch bei diesen meinen Freunden betreffend, fuhr die Tante
freundlich fort, will ich dir nur das noch sagen, was du dir nebst
den andern Dingen, die zum Anstand gehren, merken magst: Wenn du dich
hinsetzest, es sei auf einen Stuhl oder was sonst, so bleibe nicht auf dem
uersten Rande oder der einen Ecke hngen, sondern nimm ruhig und sicher
den vollen Sitz ein, du erscheinst sonst linkisch und ngstlich. Ferner
warte, ob man dir die Hand reicht, ehe du die deinige hinhltst, du kannst
nicht wissen, ob man auch gesonnen ist, sie dir zu drcken. Endlich aber
richte dich mit deinen Verbeugungen, in denen ich dich noch ein wenig
zurecht stutzen werde, nach dem Alter und Stande der Personen, vor denen
du sie machst. Heut' bekam die wrdige Frau Geheimrthin kaum einen kleinen
unbedeutenden Knix von dir, whrend du der prtentisen Frulein Tochter
ein Compliment setztest, das wenigstens fr eine Prinzessin feierlich und
tief genug war.

Sie war aber auch so unnahbar wie eine Prinzessin! seufzte ich leise fr
mich hin.

Da hast du nun zwar so unrecht nicht! sagte die Tante lachend, aber um
so weniger huldige ihr nur, die Erlaubni gebe ich dir. Aber jetzt komm
nach Haus, die andern Besuche machen wir ein andres Mal, wenn besser Wetter
ist und sich ein Taschentuch in deiner Tasche und anstndige Handschuh an
deinen Fingern befinden!

Dachte ich's doch, ihren Augen kann nichts entschlpfen! Hatte sie doch
richtig die Rosenknospen unter ihrer Hlle entdeckt, so sehr ich auch
bemht war, diesen Anblick ihren forschenden Augen zu ersparen. O Tante
Anstand!




4.

Freundschaft.


Zum Glck waren nicht alle Besuche, welche die Tante mit mir machte, so
tragischer Natur als dieser eben beschriebene, dennoch aber bekam
ich jedesmal ein kleines Visitenfieber, wenn wir uns zu dergleichen
Unternehmungen rsteten. So klopfte mir denn das Herz auch gewaltig,
als ich die Tante einige Zeit nach jenem Besuche bei Geh. Rath Delius zu
Professor Dunker begleiten sollte.

Es ist ein junges Mdchen dort im Hause, mit der du Freundschaft schlieen
kannst! sagte die Tante unterwegs, doch seufzte ich im Stillen bei diesem
Gedanken, denn so sehr mein Herz nach befreundetem Verkehr verlangte, so
schienen mir die jungen Mdchen der Residenz ein so andres Geschlecht zu
sein, als ich und meine Freundinnen auf dem Lande, da ich starke Zweifel
hegte, hier jemals ein gleichgeschaffnes Wesen kennen zu lernen. Diese
jungen Damen standen fr mich armes, ungelenkes Dorfkind alle auf einer
so unerreichbaren Hhe, da ich mich immer am liebsten wie ein Muschen
verkrochen htte, wenn ich einem solch feinen Frulein vorgestellt wurde.
-- So trat ich denn auch hier, von Tantchens Flgeln wie ein Kchlein
gedeckt, mit schchternen Schritten in das Zimmer von Frau Professor
Dunker. Eine sehr lebendige, freundliche Dame kam uns mit herzlichen Worten
entgegen, und kaum hatte sie uns begrt, so eilte sie nach der Thr, und
rief: Mariechen, geschwind komm herein, hier ist lieber Besuch!

Ein junges Mdchen mit schnem, blondem Haar und freundlichen blauen Augen
erschien auf diesen Ruf in der Thr und trat leicht errthend und etwas
schchtern, aber doch frei und anmuthig zu uns herein. Tante Ulrike umarmte
sie herzlich und fhrte sie dann zu mir, uns mit einander bekannt machend.
Das schne blaue Auge Marie's blickte freundlich in das meine, und indem
sie meine Hand ergriff, sagte sie lebhaft: O ich habe von Tante Ulrike
schon so oft von Ihnen gehrt, liebes Gretchen, wie freue ich mich, Sie
nun kennen zu lernen! Dabei zog sie mich auf ein kleines Sopha am Fenster,
whrend die lteren Damen entfernt von uns Platz genommen hatten, und
redete so herzlich und vertraulich, so frisch und natrlich zu mir, da mir
das Herz ganz aufging vor Freude und Entzcken. Das war freilich ein andres
Wesen als Frulein Amanda Delius, die mich kaum dreier Worte gewrdigt und
wie ein Gnschen behandelt, und auch anders als die andern jungen Damen,
deren ich bis jetzt einige bei der Tante kennen gelernt hatte. Neben diesem
lieben, offenherzigen Naturkinde schwand meine Bldigkeit, bald schwatzten
und lachten wir so vertraulich mit einander, als htten wir uns seit Jahren
schon gekannt. Als die Tante sich endlich verabschiedete, kte mich Marie
zrtlich und versprach, mich recht bald zu besuchen, denn sie habe mich so
herzlich lieb gewonnen.

Nun, sagte ich's nicht, ihr werdet gewi gute Freundinnen! sprach die
Tante, als wir wieder unterwegs waren. Mariechen ist ein liebes, herziges
Kind, und es wird mich sehr freuen, wenn ihr Gefallen an einander findet.

Ach sie ist einzig lieb und nett, Tantchen! rief ich begeistert, und ich
wrde glcklich sein, wenn ich ihre Freundin werden knnte.

Das sollte auch mich sehr freuen, entgegnete die Tante, denn bei all
ihrer kindlichen Natrlichkeit ist Marie ein durchaus gebildetes, kluges
Mdchen, deren Erziehung sehr sorgfltig geleitet wurde, so da du viel von
ihr lernen kannst.

Diese neue Bekanntschaft erfllte mein Herz mit unbeschreiblicher Freude,
denn was ich so sehnlich wnschte, wurde mir nun wirklich in schnerer
Weise, als ich je gedacht und gehofft hatte. Je fter ich mit der
liebenswrdigen Marie Dunker zusammen traf, je enger schlossen sich unsre
Herzen an einander und knpften ein Band der Freundschaft, welches bis auf
den heutigen Tag uns innig und fest umschlungen hlt.

Meine Freundin war etwas lter als ich und durch ihre gute Erziehung schon
ber die schwierige Backfischzeit hinaus, doch hielt sie sich noch immer
lieber zu jngeren Mdchen, als zu ganz erwachsenen, denn ihrem kindlichen
Sinn widerstand alles Gemachte, Gezierte, Anspruchsvolle, worin sich die
jungen Mdchen hier oft sehr gefielen. Sie war eine allerliebste kleine
Blondine, mit feinen, schlanken Gliedern und zierlichen Bewegungen, so da
ich hoch aufgeschossenes Ding mit meinen langen Armen und Beinen, mit denen
ich hchst tppisch in der Welt umher telegraphirte, sehr wunderlich gegen
sie abstach. Sie hatte ein unbeschreiblich gutes, weiches Herz, das aus
ihren Vergimeinnichtaugen so innig heraus schaute, da man sie lieb
gewinnen mute, man mochte wollen oder nicht.

Unsre Freundschaft wurde denn auch bald feierlichst mit allen dazu
gehrigen Attributen abgeschlossen. Das Erste war natrlich, da wir uns du
nannten, das verstand sich schon beim zweiten Male, wo wir uns sahen, von
selbst. Dann schrieben wir uns gegenseitig den feurigsten Freundschaftsgru
in unser Album, ich whlte das Gedicht von Geibel: O kennst du Herz die
beiden Schwesterengel, in dem Freundschaft und Liebe so schwrmerisch
besungen sind; Marie whlte fr mich Gthe's reizendes Gedicht: An
Lottchen, das uns beiden wie aus der Seele gedichtet war. Natrlich trugen
wir dann auch bald jede ein goldnes Herzchen, in dessen innerem Heiligthume
die aufgerollte Haarlocke der Freundin ruhte, an einer Gummischnur um den
Hals, und die Tante besiegelte den Bund noch durch allerliebste goldne
Ringe mit blauen Steinen, welche sie uns schenkte. Da ber meinem
Nhtischchen binnen Kurzem das kleine Bild meiner Freundin zwischen zarten
Epheuranken schwebte, wie meines ber ihrem Tische, versteht sich ebenso
von selbst, wie die tausend zierlichen Billetchen, welche zwischen uns hin
und her flogen. Was hatten wir uns alles zu sagen, wenn wir uns einige Tage
nicht gesehen hatten, es war, als gbe es dann kein Ende mit Erzhlen und
Fragen.

Von jetzt an begann mein Leben sich unendlich viel angenehmer zu gestalten,
denn wenn ich mich auch immer sehr gern mit der liebenswrdigen Tante
Ulrike unterhielt, und ihr Umgang fr mich von unendlichem Nutzen war,
so zhlte sie doch so viel Jahre mehr als ich, da unsre Empfindungen
und Ansichten unmglich ganz gleichartig sein konnten. Meine liebe
Herzensfreundin aber fhlte und dachte fast ganz wie ich selbst, nur da
sie mehr erfahren und durchgebildet war und mir dadurch mit gutem Rathe zur
Seite stand. Jetzt war mir nicht mehr fieberhaft ngstlich zu Muthe, wenn
ich die Tante zu ihren Freunden und Bekannten begleiten sollte, wute ich
ja doch, da ich meine liebe Marie fast berall traf und an ihr Halt und
Sttze in meinen Verlegenheiten fand. Mein Auge flog suchend durch die
Rume, sobald ich in den Kreis Fremder eintrat, und erst wenn ich Marie's
hellblaues Kleid erblickte, wurde mir froh und sicher zu Muthe, fehlte sie,
so fhlte ich mich unbeschreiblich verlassen und einsam.

Marie trug fast immer himmelblau, und diese Farbe stand dem zarten blonden
Wesen auch so reizend, da ich sie gar nicht anders gekleidet sehen mochte.
Noch jetzt, wenn ich an die liebe Jugendzeit zurck denke, sehe ich meine
Freundin stets in hellblauen Farben vor meinen Augen, sie war so recht mein
blauer Himmel, und ihr freundliches Gesicht die goldne Sonne an demselben.

Auer unsern Plauder- und Kosestndchen verbrachten wir auch ernstere
Zeiten mit einander, denn Tante Ulrike wnschte, da ich noch einigen
Unterricht in Sprachen, Musik und Zeichnen nehmen sollte, und zu meiner
unaussprechlichen Freude nahm Marie an einigen dieser Stunden Antheil.
So wurde ich denn auch innerlich noch gehobelt und polirt, und Geist und
Krper um die Wette in die hhere Schule geschickt. Doch wie sehr man auch
ein andres Geschpfchen aus mir zu machen strebte, so sorgte die gute Tante
doch dafr, da meine gesunde Natur nicht verbildet und verschoben wurde,
und so ist mir denn glcklicherweise Ziererei und Prtension bis auf den
heutigen Tag ebenso unausstehlich geblieben, als sie es mir damals schon
waren. So wenig als ich konnte auch Marie an unnatrlichem Wesen Gefallen
finden, und da die rechte Bildung eben nicht in jenen Dingen besteht,
das sah ich ja deutlich an ihr wie an Tante Ulrike, und pries mich doppelt
glcklich, im Umgang mit so trefflichen Wesen leben zu knnen.

Whrend die Tante in ihrer liebenswrdigen Weise fortfuhr, mich auf meine
Fehler und Angewohnheiten aufmerksam zu machen, that es Marie ihrerseits
ebenfalls. Eines Tages z.B. sah ich meine liebe Freundin mir auf der
Strae entgegen kommen, und meinen Gefhlen freien Lauf lassend, wie ich es
nie anders kannte, breitete ich weit die Arme aus und flog ihr jubelnd an
den Hals, indem ich sie herzte und kte. Ihr zartes Gesichtchen bedeckte
sich unter meinen Liebkosungen mit dunkler Gluth, und statt wie sonst mich
ebenfalls zrtlich an sich zu drcken, machte sie sich schnell und nicht
eben sanft aus meinen Armen los und blickte ngstlich rings um sich her.

Was hast du, Mariechen? rief ich berrascht, und sah fragend in ihr sonst
so ruhig mildes Gesicht. Bist du mir nicht mehr gut?

O freilich Gretchen, sag' doch so etwas nicht! entgegnete sie halblaut
und zog mich schnell mit sich fort. Aber komm, komm, ich will es dir
gleich sagen.

Abermals blickte sie ngstlich zur Seite, und jetzt erst bemerkte ich, wie
ein junger, eleganter Herr dicht neben uns stand, und, das Augenglas fest
eingekniffen, uns mit spttischen Blicken betrachtete. Ich fuhr erschrocken
in Marie hinein, starrte aber nichts desto weniger dem jungen Herrn dabei
in das Gesicht. Dieser lchelte mich vertraulich an und schnarrte slich,
indem er uns Kuhndchen zuwarf: Himmlisch! Gttlich! Welch reizende
Kinder! Marie zog mich so rasch aus der Nhe dieses impertinenten Gecken,
da ich weiter nichts sehen und denken konnte, aber nach einer Weile wollte
ich in meiner Angst doch wissen, ob wir verfolgt wrden, und blickte mich
hastig nach dem abscheulichen Menschen um. Marie's Mahnung: Um Gottes
willen, Gretchen, sieh dich nicht um! kam zu spt, es war schon geschehen,
und ich sah denn auch, da unser Peiniger uns von Weitem noch zrtlich
zunickte, ohne uns zum Glck jedoch zu folgen.

Wie konntest du mich auch auf offener Strae so strmisch und laut
begren, liebe Grete! sagte Marie mit zrtlichem Vorwurf. Das thue ja
nicht wieder, du siehst, was es fr Folgen hat!

Aber wir begren uns doch immer so, Mariechen! rief ich auer mir. Was
fllt denn diesem Menschen ein, uns so zu beleidigen!

Er meinte sich das erlauben zu drfen, weil du dich gar zu auffallend
benahmst, Herzchen! entgegnete Marie. Auf der Strae bewillkommnet
man sich einmal nicht so wie im Hause. Kssen und umarmen ist hier
nicht erlaubt, das mut du lernen, sonst kannst du noch schlimmere Dinge
erleben.

Das ist doch aber schrecklich, da man unter Gottes freiem Himmel nicht
einmal zeigen soll, wenn man sich lieb hat! seufzte ich betreten und lie
den Kopf hngen.

Ja was das Zeigen der Gefhle betrifft, das ist berhaupt ein ganz
besonderes Kapitel! sagte Marie lachend. Man mu unter Andern nur gar
zu oft seinen Gefhlen Zwang anthun und ein ruhig Gesicht machen, es mag
inwendig so frhlich oder so traurig aussehen, wie es will.

Das ist schwer, ich glaube, das werde ich nie lernen! sagte ich
niedergeschlagen. Aber thu' mir die Liebe, beste Marie, und sag' mir
noch einiges, was sich auf der Strae nicht schickt. Es ist alles hier so
anders, bei uns brauchte ich mich in keiner Weise zu geniren, denn wenn ich
im Dorfe oder auf den Wiesen umher lief, da war alles recht und gut, was
ich that, und kein Mensch dachte daran, da sich allerlei nicht schickte.

Nun z.B. sprich nicht so laut auf der Strae, liebes Herz, wie du soeben
thust, alle Vorbergehenden sehen uns verwundert und lchelnd nach! sagte
Marie halblaut und drckte meine Hand. Und dann thu' mir die Liebe und
renne und stoe nicht an Jedermann an, der uns begegnet, sondern weiche den
Leuten etwas aus!

Ja ja, deine =chre amie= ist ein wundervoller Rpel! seufzte ich und
ging in weitem Bogen um jeden herum, der mir begegnete. Das war aber wieder
nicht recht, denn dieser Circumflex, den ich um die Leute herum beschrieb,
fiel ebenso sehr auf, und alles was auffllt, ist nun einmal verboten, das
sah ich wohl ein. Du bist gewi schrecklich bse auf mich, Marie, denn du
mut dich ja meiner schmen! erwiderte ich, rgerlich ber mich und alle
Welt. Ich blamire dich zu sehr, wenn ich noch lnger mit dir gehe, es ist
besser, wir trennen uns. Adieu, auf Wiedersehen, liebes Herz!

Aber so sei doch kein Nrrchen, Grete! sagte Marie, mich liebevoll zurck
haltend. Das wre eine schne Freundin, die nicht gern die Schwchen der
andern ertrge! Du hast meine Fehler ja auch zu tragen!

Ach du hast gar keine Fehler! rief ich verdrielich.

Wie? Ich keine Fehler, Gretchen? lachte Marie. Da wre ich ja ein
Wunderkind, und dazu habe ich Gott sei Dank nie groe Lust versprt.
Siehst du, da will ich dir gleich einen Fehler deiner allervortrefflichsten
Freundin sagen, fuhr sie lustig fort und hielt ihren Fu in die Hhe. Der
Anstand erfordert, da man seine Schuhbnder zu Haus hbsch fest zubindet,
damit sie auf der Strae nicht aufgehen und nachschleppen, wie Figura
zeigt, und man genthigt ist in einen Hausflur zu treten, um den Schaden zu
repariren.

Whrend wir nach Verbesserung dieses kleinen Uebels nach Haus eilten,
begegneten uns einige sehr junge fein gekleidete Mdchen, die ihren
Schulmappen nach zu urtheilen aus der Stunde kamen. Sie hatten sich
gegenseitig untergefat und nahmen mehr als die ganze Breite des Trottoirs
ein. Als sie nahe zu uns heran kamen, zeigten sie wenig Lust die Kette
zu lsen, um uns durchzulassen. Marie schritt jedoch so ruhig und ernst
vorwrts, da die eng Verbndeten es fr besser fanden, uns Platz zu
machen, wobei sie jedoch kicherten und sich gegenseitig stieen und
drngten.

So ungeschliffen htte sich die arme dumme Grete nicht einmal benommen,
wie diese jungen Klberchen! rief ich sehr verwundert, da junge
Residenzdmchen sich so auffhren konnten.

Ja das ist eine der schnen Schulmdchenmanieren, entgegnete Marie
rgerlich. Die jungen Dinger wissen recht gut, da es nicht passend
ist, gassenbreit zu gehen, aber deshalb lassen sie es doch nicht. Wie
abscheulich solcher Schulton oft unter den jungen Dmchen ist, davon kannst
du dir gar keine Vorstellung machen; man mu gewaltig dagegen ankmpfen,
wenn man darunter steckt. Ausnahmen giebt es darunter natrlich wie
berall; aber das kann ich dir zum Troste sagen, da solch echtes
Residenzdmchen mit ihrer Ueberbildung und Eitelkeit zehnmal schlimmer dran
ist als du, mein liebes Naturkind, selbst wenn du mich alle Tage auf offner
Strae umarmtest, und eine ganze Legion junger Gecken herbeikme, sich das
Schauspiel mit anzusehen.

Ich fiel Marie lachend um den Hals, denn jetzt waren wir zu Haus
angekommen, und in Marie's traulichem Stbchen hatte ich keine Rcksichten
mehr zu nehmen. Lange saen wir hier noch plaudernd zusammen, bis die
sinkende Sonne mich endlich an den Heimweg mahnte. Da mute ich fort; denn
es war ja auch eine der lstigen Eigenschaften der groen Stadt, da man
Abends nicht allein im Freien umher laufen konnte. Zu Haus wurde es erst
recht hbsch, wenn der Abend kam. Wie lustig und harmlos trieb man sich
da vor dem Hause und im Dorfe umher, da hatte man keine Anfechtungen zu
befrchten, wie hier sogar am hellen Tage, nur weil man seine Gefhle der
Welt zeigte. Ja zu Hause!




5.

Mittagessen.


Wie schon beim Frhstck so gab es natrlich auch beim Mittagessen gar
viele Dinge, welche ich nicht nach den Regeln des Anstandes verrichtete;
denn zu Haus nahm die lrmende kleine Kindergesellschaft alle
Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, und Erhaltung der Ruhe war das erste
und einzige Erforderni bei Tisch, alles Uebrige blieb so ziemlich dem
eigenen Gutdnken berlassen.

Die Mittagsmahlzeiten im Hause der Tante vergingen in der Regel ziemlich
gleichfrmig, dabei aber gemthlich und heiter, denn die Tante wrzte
das Mahl durch angenehme Unterhaltung, in welcher ihre Ermahnungen zur
Wohlanstndigkeit wie groe Ausrufungszeichen die gleichmige Rede
unterbrachen.

Bediene dich doch deiner Serviette, liebes Kind, lautete z.B. eins der
Gebote in meinem Anstandskatechismus. Mit der Hand wischt man sich das
Gesicht wohl nur da ab, wo keine Servietten wachsen.

Das war auf deutsch bei den Bauern, ich verstand das wohl, und griff hastig
nach dem bis jetzt so arg vernachlssigten Wesen.

Sieh mal, was du fr ein kleiner Gourmand bist! sagte Tante Ulrike dann
wieder neckend. Schlrfst deine Suppe mit einer Kennermiene, gerade wie
ein Feinschmecker seinen Wein. Gewi willst du heraus schmecken, wie viel
Pfund Rindfleisch diese Kraftbrhe hervorbrachten. Auch hast du es dir
dabei recht bequem gemacht; essen bei euch die Ellbogen auch mit?

O der Thorweg ist zu klein fr das mchtige Fuder Heu, lachte sie ein
andermal, wenn ich so groe Bissen zum Munde fhrte, da ich Mhe hatte,
derselben Herr zu werden. Als ich nun gar mit diesem Vorrath zwischen den
Zhnen sprechen wollte, legte die Tante energischen Widerspruch ein, denn:
mit vollem Munde redet man nicht. Ebenso durfte ich weder die Finger auf
den Teller, noch das Messer in den Mund fhren, worin ich ebenso regellos
handelte wie mit der Placirung von Kartoffelschalen und Knochen, die es nie
merken wollten, da ihr Platz nicht auf dem Tischtuche war, sondern auf dem
Tellerrande.

Du knntest dem armen Phylax wohl auch ein Fserchen Fleisch gnnen, liebe
Grete, und nicht selbst die Knochen so grndlich abnagen, hie es dann
wieder, wenn ich mit jugendlichem Appetit Hhnchen oder Tauben verzehrte
und dabei unbarmherzig alle Knochen zerbi und benagte.

In den Knochen sitzt das beste Mark, sagt Papa immer, erwiderte ich
eifrig. Als ich jedoch eines Tages mit meinen fettglnzenden Fingern in der
Welt umher fuhr, indem ich ein zierliches Hhnerkeulchen zum Munde fhrte,
sagte die Tante lchelnd:

Mein lieber Schatz, morgen sind wir bei Dunkers zu Tisch, wie du weit.
Sei so gut und nimm dann kein junges Huhn zwischen die Finger; hier bei
mir will ich es dir nicht wehren, eigentlich aber lst man das Fleisch mit
Messer und Gabel vom Knochen, es schickt sich nicht anders.

Ja wohl, liebe Tante, erwiderte ich berrascht, denn Geflgel hatte ich
bisher immer nur mit Hlfe der Finger verzehrt.

Es war das erste Mal, da ich mit der Tante zu einem Diner ausging, und
mir klopfte das Herz, denn ich armer Neuling frchtete berall, mich zu
blamiren. Zum Glck setzte sich Marie neben mich, und so war ich denn im
Falle der Noth gedeckt. Mein andrer Nachbar war ein dicker freundlicher
Herr, der mir aussah, als bestehe sein grtes Vergngen in Essen und
Trinken. Das war denn allerdings auch wohl der Fall; aber das Behagen, mit
dem er nun schlrfte und schmatzte, die unaussprechlich unappetitliche
Art und Weise, wie er eben so viel neben seine breiten Lippen als zwischen
dieselben fhrte, und endlich das Schnaufen, das diese gewichtige Arbeit
dem dicken Herrn entlockte, verdarben mir selbst alle Elust. Ich dachte
so recht an die Worte, welche Tante Ulrike mir noch gestern sagte, wie
unangenehm es sei, einen Tischnachbar mit schlechten Angewohnheiten zu
haben. Heut lernte ich dies Ungemach aus dem Grunde kennen. Freilich waren
dergleichen Untugenden einem alten Herrn eher zu verzeihen, als einem
jungen Mdchen, das litt keinen Zweifel, und ich begriff nun erst vllig,
wie sehr ich selbst auf gute Manieren zu achten habe, um nicht auch
Aergerni zu erregen.

Nach der Suppe wurde ein wunderliches Gericht herum gegeben, das ich noch
nie gegessen hatte: es war eine schwrzliche Masse, und seiner krnigen
Gestalt nach hielt ich es fr eingemachte Beeren. Da ich hiervon eine groe
Freundin war, und der alte Herr neben mir auch wacker zulangte, so nahm ich
mir eine gute Portion auf den Teller und fing an zu schmausen.

Aber wie erschrak ich, als ein salzig schleimiger Geschmack statt des
erwarteten sen meine Zunge berhrte! Ich war nicht im Stande, einen
zweiten Bissen davon zu verzehren, und betrachtete verwundert meinen
Nachbar, der die schwarzen Krner auf gerstete Semmelscheiben strich,
sie dann mit Citronensaft betrufelte, und das Ganze alsbald mit grtem
Behagen verzehrte.

Eben wollte ich Marie fragen, was das eigentlich fr ein Produkt der
Kochkunst sei, da wandte der alte Herr sich kuend zu mir, und mit den
dicken glnzenden Lippen schmunzelnd sagte er, indem er auf meinen Teller
zeigte: Delicater Caviar! Auch Liebhaberin davon, meine Gndige?

Also Caviar war das. Ja, dem Namen nach kannte ich diese edle Gottesgabe
wohl, in Person aber hatte sich nie ein Krnchen davon bis zu unserm Dorfe
verirrt und war mir deshalb vllig unbekannt.

O nein, ich ... ich war zerstreut, als ich mir davon nahm, stotterte ich
dunkelroth vor Verlegenheit, meine Unwissenheit thrichter Weise hinter
einer Lge verbergend.

O, nicht mglich! Versuchen Sie nur einmal, ganz delicat, ich kann es
versichern, und ich ... ich verstehe mich etwas darauf, was gut schmeckt,
versicherte der Dicke eifrig, und obwohl ich durchaus von der Wahrheit
seiner Behauptung berzeugt war, so lehnte ich die Aufforderung dennoch
dankend ab und sah mit groem Ergtzen, welche sehnschtigen Blicke mein
Nachbar der von mir verschmhten Leckerei zuwarf, wovon der Diener mich
endlich befreite.

Einige folgende Gerichte gingen ohne weitere Verlegenheiten vorber, nur
als ich Marien um Salz bat, und ich bei Ueberreichung desselben, wie ich
gewohnt war, mit den Fingern in das Salzfa greifen wollte, fuhr Marie
erschrocken zurck und sagte leise: Mit dem Messer, Gretchen!

Ich folgte beschmt ihrer Weisung, obwohl ich wirklich sehr verwundert
war; denn bis jetzt hatte ich mich immer meiner fnfzackigen Fingergabel zu
diesem Geschfte bedient.

Nun kam der Braten auf den Tisch, wirklich junge Hhner, wie Tante Ulrike
gedacht, und ich erinnerte mich zum Glck der ertheilten Ermahnung und
versuchte, das Fleisch mit Messer und Gabel abzulsen, statt wie sonst
die zarten Knochen mit meinen Zhnen zu bearbeiten. Aber das war ein recht
undankbares Geschft, das Beste blieb dabei an den Knochen sitzen, und
mit wahrem Bedauern trennte ich mich von diesen Resten. Die eingemachten
Frchte, welche als Compot zu dem Braten gegeben wurden, tuschten mich
jetzt nicht wieder, sie waren s und lecker, wie ich es liebte, und nicht
unangenehm salzig wie jener Caviar. Mit einem Behagen, das beinah dem
meines elustigen Nachbars gleich kam, verzehrte ich diese sen Erdbeeren,
Kirschen und Pflaumen, und freute mich kindisch auf den Genu der dicken
Zuckersauce, in welcher die Frchte auf meinem Glasteller umher schwammen.
Da ich diesen Zuckersaft jedoch nicht mit der Gabel verzehren konnte, ein
Lffel aber nicht in meinem Bereiche lag, so erhob ich eben den kleinen
Teller zu meinen Lippen, um, wie ich zu Haus so oft gethan, die Sauce davon
zu schlrfen. Schon schwebte der Teller in der Luft meinem Munde entgegen,
da fhlte ich mich pltzlich am Arme erfat, und mit einem schnellen Ruck
stand der Teller wieder an seinem Platze.

Um Himmels willen, Grete, bist du nicht klug? raunte Marie mir dabei in
das Ohr. Die Sauce lt man auf dem Teller.

Auf dem Teller? rief ich unglubig und sah mich nach Marie um, welche
noch immer meinen Arm festhielt, in der Furcht, ich knnte die Comdie noch
einmal auffhren wollen. Die schne Zuckersauce ist mir ja das Liebste am
Eingemachten, die werde ich doch nicht zurck lassen?

Zu Haus thu' was du willst, in Gesellschaft geht es aber nicht anders, ich
bitte dich, folge mir, Grete! flsterte Marie schnell, denn eben wurde sie
von ihrem Nachbar in Anspruch genommen und konnte sich um mich nicht
mehr bekmmern. Da sa ich denn nun betrbt meiner schnen Fruchtsauce
gegenber, die ich nicht essen durfte, und rgerte mich recht aus
Herzensgrunde ber die sonderbaren Gesetze des Anstandes, welche mir erst
geboten, das Fleisch an den Knochen sitzen zu lassen und jetzt gar das
Beste vom ganzen Diner aufzuopfern.

Was wrde Mama zu dieser Verschwendung sagen, dachte ich rgerlich, wurde
da aber gewaltsam aus meinem Sinnen gerissen, indem ich erschrocken vom
Stuhle auffuhr und um mich blickte, wer denn geschossen habe. Mein alter
Nachbar lachte herzlich ber meinen Schreck, und bald sah ich, da nur ein
Champagnerpfropfen geknallt hatte, aber auch das hatte ich bis jetzt so
selten gehrt, da mir dieser Ton sehr neu war. Und nun gar das Getrnk
selbst! Ich hatte es kaum einmal zu Haus gekostet, wenn Kindtaufen waren,
nun stand ein hohes volles Glas davon vor mir, und lustig tanzten zahllose
kleine Perlen aus der Spitze desselben empor.

Der Geschmack dieses Weines behagte mir aber ganz auerordentlich. Dieses
Prickeln auf der Zunge, dieses Feuer, diese Sigkeit, ohne weichlich zu
sein, alles trug dazu bei, den Wohlgeschmack zu erhhen, und jetzt lie ich
sogar mein Glas Ananaskardinal stehen, der mir so gut geschmeckt hatte, und
trank lieber diesen kstlichen Champagner. Mein dicker Nachbar verstand
es freilich noch besser als ich, aber er ergtzte sich so sehr an dem
Wohlgefallen, das ich an dem Weine hatte, da er mir ein Glas nach dem
andern einschenkte. Bald glhten meine Backen, und es flimmerte mir vor den
Augen; aber ich achtete nicht sehr darauf, bis ich endlich mit einem Male
so verwirrt umher blickte, da Marie mich ngstlich ansah und sagte:

Bist du unwohl, Gretchen? Oder was ist dir?

Ich bin so confus, es dreht sich ja Alles, rief ich leise und griff nach
Marie's Hand, um mich an ihr festzuhalten.

Hast du Champagner getrunken? Er ist sehr stark, nimm dich in Acht! sagte
Marie.

Ja, drei oder vier Glser. Herr von Martini hat mir immerfort
eingegossen, flsterte ich und hielt mir die Augen zu, um mich zu fassen,
denn mir war wunderlich zu Muthe.

Aber wie kannst du auch? Cardinal hattest du ja auch schon getrunken,
schalt Marie und go mir ein groes Glas Wasser ein, das ich hastig
hinunter strzte. Wirklich wurde ich davon auch klarer und freier und
htete mich nun wohl, noch einen Tropfen von jenem bsen, verfhrerisch
leckern Weine zu genieen, so sehr mich auch mein Nachbar nthigte und
neckte. Er selbst konnte, wie mir schien, Ungeheures vertragen, ohne davon
Schwindel zu bekommen, wie ich armer Neuling, denn sein Glas war stets auf
der Wanderung begriffen vom Tische zu seinen Lippen und wieder zurck. Ich
war herzlich froh, als man endlich vom Tische aufstand, um nach dem Garten
zu gehen, wo der Kaffee eingenommen wurde. Die frische Luft brachte meine
verwirrten Lebensgeister bald wieder in Ruhe und Klarheit, und an einer
Erfahrung reicher wandelte ich mit Marie heiter im Garten umher. Unserer
lieben Tante Ulrike, welche sich bald zu uns gesellte, beichtete ich dann
ehrlich alle meine klugen Streiche, mit denen ich auf diesem meinem ersten
Diner debtirte, und die mir unvergelich geblieben sind.




6.

Verschiedenes.


An jedem Montage erhielt die Tante Besuch von einigen Freunden, welche
Abends den Thee bei ihr tranken und sich mit Gesprchen, Vorlesen oder auch
wohl Kartenspiel unterhielten. Mir wurde an diesen Abenden das Amt, den
Thee zu bereiten und den kleinen Kreis zu bedienen, da die Tante ungern
Dienstleute im Zimmer sah. Das war mir, als ich die ersten Schwierigkeiten
berwunden hatte, die mir aus diesem Geschft entsprangen, recht sehr
angenehm; denn husliche Arbeiten machten mir stets viel Vergngen, und ich
entging dadurch am besten der Verlegenheit, unter diesen lteren Herren und
Damen anstndig still zu sitzen oder gar an Gesprchen Antheil zu nehmen,
fr die ich noch zu wenig allgemeine Bildung besa. Zuhren konnte ich
ja dabei ganz nach Behagen und war doch in meinem Wirkungskreise gut
untergebracht. Aber Anfangs gab es freilich wieder mancherlei Dinge, welche
ich erst lernen mute.

So fllte ich die Tassen stets bis hoch hinauf an den Rand, was die Tante
mir zwar gleich am ersten Morgen verboten, ich mir aber gar nicht merken
konnte. Mir schien es immer, als wrden die Leute meinen, ich gbe es ihnen
nicht gern, wenn ich so wenig in die Tassen go. Die Folge davon war denn,
da der Thee ber den Rand hinaus gedrngt wurde, sobald man Zucker und
Sahne hinzu that, und da von jeder Tasse ein Regen herab trufelte, sobald
man sie an den Mund fhrte. Ferner lief ich mit der Theekanne rings im
Zimmer umher, um gleich an Ort und Stelle die Tassen der Gste wieder zu
fllen, bis Tantchen mich leise zurck zog und mir die Tassen an das Buffet
brachte, um dort einzugieen.

Dankte dann eins oder das andere der Gste und wollte nichts mehr genieen,
so hielt ich es fr meine Pflicht, sie mit Bitten so lange zu bestrmen,
bis ich meinen Thee oder Kuchen wieder angebracht hatte, was mir oft schwer
genug wurde, bis die Tante mich endlich von diesem Amte erlste. Denn,
sagte sie, in guter Gesellschaft dankt man, wenn man genug hat, ohne auf
Nthigung zu warten. Dies Bitten und Bestrmen ist gut kleinstdtisch und
in manchen Kreisen vielleicht wohl gebruchlich, zum guten Tone aber gehrt
es nicht, obwohl es eben auch kein Unrecht ist.

Die Art und Weise, wie man jemandem etwas darbietet, will auch gelernt
werden, und so erfuhr ich, da man dem Gaste von der linken Seite etwas
prsentirt, nicht aber von der rechten, denn sonst hat derselbe die rechte
Hand nicht frei zum Zulangen.

Vor Allem hielt die Tante darauf, da ich alle meine Geschfte hbsch still
und geruschlos that, damit die Gste nicht das Knarren der Rder, welche
die Hausordnung trieben, unangenehm bemerkten.

Mir wird immer ganz unbehaglich zu Muth, wenn ich jemanden besuche und
sehe, welche Strung meine Gegenwart hervorruft, sagte die Tante. Da wird
gerannt und gerufen, Thren und Schrnke auf und zu geworfen, heraus
und herein geschossen, geklappert und gepoltert, und das Alles, um mir
vielleicht ein Stckchen Kuchen auf einem Teller darzubieten, oder den
Theetisch zurecht zu machen. Nur ja niemals viel Lrm um nichts, liebe
Tochter, weder in leiblicher noch in geistiger Hinsicht.

Da an diesen Montagen nur ltere Herren und Damen bei der Tante erschienen,
so konnte ich ganz meiner Neigung folgen, welche mich antrieb, so
zuvorkommend und aufmerksam, so dienstfertig und gefllig zu sein, als
mglich. Jngeren Personen, besonders jungen Herren gegenber, hielt mich
die Tante oft in meiner Dienstbeflissenheit zurck, da dieselbe, wie sie
sagte, hufig zu weit ging. Da man auch bertrieben gefllig sein knnte,
kam mir freilich sonderbar vor, aber die Tante verstand das besser. Gegen
alte Damen jedoch lie sie mich ruhig gewhren, und da mein Herz mich ganz
besonders zu einigen derselben hinzog, kannte meine Dienstfertigkeit keine
Grenzen. Ihnen den Sitz behaglich zu machen, Fubnkchen unter die Fe und
Kissen in den Rcken zu schieben, nach Tuch und Mantel zu springen, ihnen
die Maschen ihres Gestrickes zu zhlen, oder herunterstrzenden Maschen zu
Hlfe zu kommen, Nadeln einzufdeln, Garn oder Seide zu wickeln, Obst zu
schlen, nach Riechflschchen oder frischem Wasser zu springen, -- alles
das waren Dinge, die ich mit Entzcken besorgte, sobald mein sphendes Auge
nur den leisesten Wunsch danach zu entdecken meinte, und freundlicher Dank
wurde mir dann immer zu Theil.

Gegen die alten Herren war ich natrlich zaghafter, doch beeilte ich mich
ebenfalls, wo es wnschenswerth schien, bequeme Sitze herzurichten,
alles was zur Erde fiel aufzuheben, fein gedruckte Schrift heraus zu
buchstabiren, Brillenglser abzuwischen, oder auch ruhig und gefllig
zuzuhren, wenn irgend eine langweilige Erzhlung keine aufmerksamen
Zuhrer finden wollte.

Hufig, wenn diese gemthlichen Abende nicht durch Kartenspiel ausgefllt
wurden, griff man zu der Lectre irgend eines guten Buches, aus welchem ein
oder das andere Glied der Gesellschaft vorlas. Am liebsten hrte ich Tante
Ulrike vorlesen, deren weiches, klangvolles Organ wie Musik tnte und
mir jetzt erst einen Begriff davon gab, welch' schne Sache es um gutes
Vorlesen sei.

Uebrigens wurde mir die Freude, Tante Ulrike lesen zu hren, fter zu
Theil; denn damit auch ich in dieser Kunst etwas lernte, nahm sie sich die
Mhe, hufig auch mit mir etwas zu lesen. Ich armer kleiner Stmper wagte
anfangs kaum, neben dieser fertigen Vorleserin die Lippen zu ffnen; aber
in ihrer freundlichen Weise ermunterte sie mich dabei, ohne mde zu werden,
lie mich oft Zeile fr Zeile nachsprechen, Stze drei bis vier Mal lesen,
bis ich den Ton und Ausdruck gefunden, den sie selbst hinein legte, und so
bildete sich nach und nach auch mein Vortrag.

Mit diesen Vorlesungen verband die Tante brigens noch einen andern Zweck,
meine Erziehung betreffend. Um mich zu gewhnen, auch mit migen Hnden
anstndig und still dazusitzen, was mir sehr schwer wurde, wie vielen
andern Leuten auch, duldete die Tante nicht, da ich mich whrend des
Lesens mit einer Handarbeit beschftigte.

Junge Mdchen wissen immer nicht, was sie mit ihren Gliedern anfangen
sollen, wenn sie nicht mit den Hnden arbeiten oder mit den Fen tanzen
knnen, sagte die Tante, und wie sehr sie darin Recht hatte, fhlte ich an
mir selbst nur zu wohl. Auch meine Haltung lie viel zu wnschen brig,
und mein Rcken suchte sich immer krftigen Beistand an der Stuhllehne; ich
glaube, mein Kreuz bedurfte der Sttze, da ich eine so lang aufgeschossene
Hopfenstange war.

Sieh, ich bin alt, und halte mich viel besser, als du junges Mdel! sagte
die Tante, und darin hatte sie nur zu wahr gesprochen, denn sie hielt
sich in der That so musterhaft gerade und stattlich, ohne dabei steif oder
altmodisch auszusehen, da ich es mit ihren silbergrauen Lckchen gar
nicht vereinen konnte, welche doch die Schwche des herannahenden Alters
verkndeten.

Das ist alles nur Gewohnheit, Kind, pflegte sie zu sagen, wenn ich diese
meine Verwunderung gegen sie aussprach. Wer krumm sitzt, wchst krumm. Das
Bumchen, das als schwacher Stamm gerade gezogen wird, giebt einen stolzen,
stattlichen Baum im Alter. Jung gewohnt, alt gethan! Wer z.B., wie meine
liebe Grete so eben thut, schon mit 16 Jahren seine Fe so weit von sich
fort streckt und mit den Hnden ungeheuerliche Fechtbungen macht, whrend
der Mund redet, der wird auch mit 60 Jahren nicht, wie es der Anstand
erfordert, geschlossene Glieder und ruhige Bewegungen erlangt haben.

Dabei schob die Tante eine Fubank unter meine baumelnden, zappelnden Fe,
leider aber gab es fr meine zehn Finger keinen derartigen Ruhepunkt, und
dieselben einfach und ruhig im Schooe liegen zu lassen, wie es schicklich,
war eine schwere Aufgabe.

Die du aber lernen mut, sagte die Tante, denn ein junges Mdchen, das
whrend des Gesprches die Finger still hlt, und nicht irgend etwas
darin dreht oder sonstige Verlegenheitsmaneuvres macht, ist eine seltene
Erscheinung. Wenn ihr nur wtet, ihr jungen Mdchen, wie unbehaglich ihr
durch diese Unruhe des Krpers fr Andere werdet, ihr dchtet mehr daran,
es zu vermeiden.

Ja, Tantchen, da mu man aber immerfort nur an sich denken, und an alles
das, was anstndig ist, klagte ich kleinlaut.

Das lernt sich schon, und dann kann man spter gar nicht anders,
entgegnete die Tante. Auch du wirst es frher lernen, als du jetzt denkst,
mein kleiner Backfisch; denn ich sehe, du giebst dir Mhe, und ich bin ganz
gut mit dir zufrieden, wenn ich auch immerfort tadle. Nur Geduld, es wird
schon werden, mein Tchterchen!

Das war das erste Lob, welches die Tante mir in Betreff dieses Punktes
ertheilte. Wie glcklich machte es mich, und wie hob es meine muthlos
sinkenden Flgel! Damit ich mir aber nichts auf meine riesigen Fortschritte
einbilden mchte, stand schon wieder ein kleiner Dmpfer in der Nhe.

So eben nmlich lasen wir in Goethe's Tasso die schnen Worte:

  Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
  So frage nur bei edlen Frauen an,
  Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,
  Da Alles wohl sich zieme, was geschieht.

O, Tantchen, das klingt gerade, als htte Goethe dich mit diesen edlen
Frauen gemeint! rief ich mit jugendlicher Wrme.

Die Tante blickte lchelnd vom Buche auf, und indem sie mich ansah, spielte
pltzlich ein lustiger Gedanke auf ihren Lippen.

Du bist eine kleine Schmeichelkatze, sagte sie. Mir fllt da aber gerade
ein anderer Vers ein, der auf dich vortrefflich pat.

Auf mich, Tantchen? Ein Vers? Was denn fr einer? fragte ich verwundert.

O er ist nur kurz, aber desto treffender, lachte die Tante, und nun
sprach sie in singendem Tone:

  Ktzchen ist gestorben heut,
  Giebt's ein schnes Grabgelut,
  Unsre liebe Kleine
  Baumelt mit dem Beine,
  Sthlchen setzt sich auch in Trab,
  Wackelt munter auf und ab!

Also das war's! In Gedanken verloren hatte ich mich in meinen Stuhl zurck
gelegt, und mit demselben auf und nieder wippend, schlug ich mit meinen
Fen munter den Takt dazu, indem ich sie hin und her schlenkerte.

Mit frhlichem Gelchter fiel ich der Tante um den Hals und kte sie wegen
ihrer kstlichen Einflle so strmisch ab, da sie mich nur mit Gewalt von
sich abwehren konnte und mich ein tolles, wildes Ding nannte, dem sie zur
Strafe nun heute kein klassisches Wort weiter vorlesen werde. Hier ist
andere Speise fr das kleine Bauermdel, sagte sie dabei und griff nach
einem Buche, das sie mir fr mein einsames Stndchen nach Tische, whrend
sie selbst ihre Mittagsruhe hielt, zum Durchlesen anempfahl.

Es war Uli der Knecht, und dessen zweiter Band, Uli der Pchter, von
Jeremias Gotthelf. Ach ja, das gefiel mir allerdings unbeschreiblich; aber
an diesem wundervollen Werke mute ja wohl jeder Gefallen finden, der Sinn
und Herz besa fr einfache, tief gefhlvolle, brave Menschen. Welch einen
Schatz an Gemth barg dieses liebe Buch in sich, welche derben, biederen
Naturen waren darin gezeichnet, und welche feine Beobachtung des rein
Menschlichen!

Ich vertiefte mich bald vllig in diese schne Welt, in welche der Dichter
mich einfhrte, in das Leben unter schlichten Bauern drauen auf dem Dorfe,
eine Welt, die mir selbst ja so lieb und vertraut war, und erwachte erst
wieder fr meine gegenwrtige Umgebung, als die Tante zum Kaffee rief.
O weh, o weh, den hatte ich ganz ber meinem Buche vergessen! Erst die
Pflicht, dann das Vergngen! lautete der Wahlspruch der Tante, wer den
aber nicht beherzigte, war die nachlssige Jungfer Grete, sonst htte sie
erst den Kaffee gekocht und dann gelesen.




7.

In Gesellschaft.


Der lebhafte Verkehr, den Tante Ulrike mit allen ihren Bekannten
unterhielt, und die hufigen Gesellschaften, in welche sie nun auch mich
mit einfhrte, verursachten mir anfangs groe Angst und gaben Anla zu gar
mancher Rge von meiner lieben Tante Anstand.

Unvergelich ist mir vor Allem ein Abend geblieben, der so reich an
Ereignissen fr mich war, da ich davon erzhlen mu, da er in seinen
Folgen tief in mein Leben eingriff, ohne da ich es damals ahnen konnte.

Wir waren in einer glnzenden Abendgesellschaft bei Prsident Rmers.
Ich stand, wie gewhnlich, neben meiner Freundin Marie, die mir hier wie
berall ein Retter in der Noth war, denn ich kannte in der zahlreichen
Gesellschaft fast keine Seele weiter. Ziemlich gelangweilt blickte ich im
Saale umher und musterte die elegante Menge. Pltzlich aber blickte ich
freudig auf. Ach Marie, sieh doch, da ist der Dr. Hausmann aus F., der
hat Papa krzlich besucht, rief ich hoch erfreut und zeigte mit dem Finger
nach einem groen blonden Herrn, der mitten unter andern Gsten stand. Den
mu ich begren! Wie wird er sich wundern, mich hier zu sehen!

Schnell wollte ich von Marie's Seite fort und zu Dr. Hausmann hinber, als
ich meiner Freundin Hand fest auf meinem Arme fhlte.

Halt, Gretchen! rief sie leise, mich zurck ziehend. Erstens zeige
um Himmels Willen nicht mit den Fingern nach jemand, das ist schrecklich
unanstndig, und dann mu ich dir sagen, es geht doch wirklich nicht an,
da du den Dr. Hausmann jetzt anredest, wo er mitten unter den andern
Herren steht, du mtest dich ja mit Gewalt zwischen diesen hindurch
drngen, um zu ihm zu gelangen.

Ach das ist wahr, daran hatte ich gar nicht gedacht! sagte ich betreten.

Ueberhaupt, fuhr Marie fort, kennst du denn den Herrn so genau, da du
ihn zuerst begren willst? Er ist wohl ein guter Freund eures Hauses?

Nein, ich habe ihn nur ein einziges Mal bei uns gesehen, er kam in
Geschften zu Papa und blieb den Nachmittag bei uns, erwiderte ich etwas
befangen. Aber da ich die Leute hier so wenig kenne, so freue ich mich
darauf, mit ihm von Schreibersdorf zu sprechen; das bringt ihn mir viel
nher, als all' die andern Herren, die weder meinen Papa noch irgend jemand
von zu Haus kennen.

Weit du was, Gretchen, wenn du ihn nicht nher kennst, so warte, bis er
dich begrt, sagte Marie. Dann schickt es sich wirklich nicht anders.
Denn wenn er dir auch dadurch interessant wird, da er die Deinen kennt, so
bist du es ihm doch vielleicht viel weniger, sonst htte er dich wohl schon
angesprochen.

Wie immer, mute ich auch hier meiner weisen Marie Recht geben; doch
verdro es mich gewaltig, da ich fr den jungen Herrn, der mich so lebhaft
interessirte, gar nicht zu existiren schien. Aber lange sollte mein Zorn
nicht anhalten; denn bald bemerkte ich, wie sich der Herrnknuel entwirrte,
und mein blonder Herr =Doctor juris= rasch auf mich zugeschritten kam.

Frulein Geler, finde ich Sie hier? Welche Ueberraschung! rief er
freudig. Ich sehe Sie erst in diesem Augenblicke, sonst htte ich mich
beeilt, Sie frher zu begren. Wie geht es Ihnen denn?

Dacht' ichs doch! Er freute sich auch, mich hier unter all' den fremden
Leuten zu sehen, und hatte es mir nur nicht frher sagen knnen, da er mich
jetzt erst bemerkte. Das war mir gar zu angenehm, und frhlich schwatzte
ich nun mit meinem lieben Freunde, wie Marie ihn neckend nannte, von
allen meinen Lieben zu Hause, und Dr. Hausmann schien sich so fr Alles
zu interessiren, was ich ihm vorplauderte, da ich meine Umgebung vllig
verga und ihm mit unbeschreiblichem Vergngen und offenem Herzen gleich
von allen mglichen Dingen erzhlte. Nachdem wir lange Zeit mit einander
geschwatzt hatten, sah ich Tante Ulrikens feine Gestalt in meiner Nhe, und
mir schien, sie blickte sehr prfend und berrascht zu ihrem Backfischchen
hinber. Da fiel mir ein, da es ihr auch Freude machen wrde, den Dr.
Hausmann kennen zu lernen, und so stand ich rasch auf und sagte, ich wollte
meine Tante herbei rufen. Der Doctor folgte mir aber auf dem Fue und bat,
ihn doch lieber zu der Tante hinzufhren, damit er sich ihr vorstelle.
Dabei lchelte er so eigen, da ich fhlte, ich hatte da gewi wieder etwas
Dummes gemacht, und mit Purpur bergossen eilte ich ihm voran, hin zu Tante
Ulrike, der ich meinen Bekannten mit einigen Worten prsentirte.

Die Tante begrte den Doctor zwar in ihrer freundlichen Weise, wie sie
eben gegen alle Menschen so engelsgut war, aber meinen Gefhlen gengte
dieser Empfang bei weitem nicht und erschien mir gar zu khl und
zurckhaltend. Hatte ich ja doch schon von so Vielem mit ihm gesprochen,
was meinem Herzen nahe stand, von meinen Eltern und Geschwistern, meinem
lieben Vaterhause mit all' seinen gemthlichen Einwohnern und Rumen, und
von unserm traulichen, freundlichen Dorfe, das mitten in Wald und Wiese
lag, wie eine Perle in der Muschel. Das Alles hatte ihn mir so nahe
gebracht, mir die Zunge gelst und das Herz auf die Lippen gefhrt, und nun
behandelte ihn die Tante zwar freundlich, aber doch gerade ebenso fremd
als jeden andern jungen Herrn, der ihr vorgestellt wurde. Das war recht
unangenehm!

Aber wie gro war mein Erstaunen, als der Doctor sich entfernt hatte, und
die Tante sich nun mit nicht gar zu freundlichem Gesicht zu mir wandte.

Du warst ja recht vertraut mit dem jungen Herrn, sagte sie, mich mit sich
in eine Fensternische ziehend, wo wir wenig beobachtet werden konnten. Ist
denn der Dr. Hausmann ein so naher Freund eures Hauses? Davon wute ich gar
nichts.

Nein, Tantchen, sehr befreundet ist er meinen Eltern nicht, erwiderte
ich, etwas ngstlich geworden. Ich freute mich aber sehr, ihn hier zu
sehen, wo mir so viele Personen unbekannt sind.

Und in deiner Freude hast du ganz vergessen, was sich fr ein junges
Mdchen schickt, mein Tchterchen, sagte die Tante sanft.

Ich, Tantchen? rief ich wahrhaft erschrocken, denn davon hatte ich keine
Ahnung.

Ja du, mein Herz! In deiner Lebendigkeit hast du nicht beachtet, wie viele
verwunderte Blicke zu dir hinflogen, whrend du dich mit dem jungen Mann so
laut unterhieltest, da die ganze Umgebung an eurem Gesprche Antheil haben
konnte. Dann lachtest du dazwischen auch so laut, wobei du den Mund recht
unschn aufsperrtest und dich auf dem Stuhle weit hintenber legtest, da
mir angst und bange wurde. Das Schlimmste aber war, da du mit dem jungen
Herrn sogar leise tuscheltest, als wret ihr die intimsten Freunde. Was
in aller Welt fllt dir ein, Kind? Du bist doch sonst so schchtern und
ngstlich, heute aber kenne ich dich gar nicht wieder.

Ach, Tantchen, ich erzhlte ihm einige meiner dummen Streiche, und das
sollte doch niemand weiter hren; aber ich sah wohl, da einige Gste
unserm Gesprche lauschten, sagte ich ganz auer mir vor Schrecken.

Also dergleichen hast du schon mit ihm gesprochen? Das ist ja viel
Vertrauen, das du diesem Herrn schenkst. Kennst du ihn denn so genau, da
du weit, er verspottet nicht etwa im Herzen deine Vertraulichkeit?

Nein, Tantchen, das wrde ich nie von ihm glauben! rief ich erglhend.
Er hat sich ja so fr Alles interessirt, was ich ihm von meiner Familie
und meiner Heimath erzhlte, und das wrde er gewi nicht gethan haben,
wenn er so schlecht wre.

Nun natrlich erschien dir das so, Kind, denn er konnte doch nicht so
unartig sein, fortzulaufen, wenn eine junge Dame ihm so vertrauliche
Herzensergsse macht, sagte die Tante lchelnd.

Aber Tantchen! jammerte ich dem Weinen nahe.

Ich kann dir nicht helfen, du mut diese kleine Strafpredigt hinnehmen,
damit du vorsichtiger wirst, fuhr die unerbittliche Tante fort. Wer wei,
ob dein Freund nicht jetzt gerade dabei ist, einem andern jungen Herrn zu
erzhlen, welch' thrichtes Backfischchen dieses junge Frulein Geler ist,
und ob diese Beiden sich dann nicht auf deine Kosten recht herzlich lustig
machen.

Tantchen, um Alles in der Welt sprich nicht so! flehte ich trostlos,
indem dicke Thrnen der Angst und Verzweiflung ber mein Gesicht rollten.

Nun wir wollen das Beste hoffen, Kind, trste dich nur, sagte die Tante,
mir das Haar aus meinem glhenden Gesicht streichend. Aber warnen mute
ich dich, damit du vorsichtiger und besonnener wirst, und deinen Gefhlen
nicht noch freieren Lauf lt. Jetzt nimm dich zusammen, mache durch
gehaltenes, nettes Betragen wieder gut, was du in den Augen so Mancher
versehen, und vor Allem, zeige ein ruhiges, freundliches Gesicht; denn
es ist nie rathsam, die Gesichtszge Verrther der Gefhle und
Herzensbewegungen werden zu lassen, in Gesellschaft aber am wenigsten.
Sieh, da kommt deine gute Marie, sie wird dich besser trsten knnen, als
ich es im Stande bin.

Whrend Marie zu uns trat, ging die Tante einer alten Dame entgegen, und
berlie es uns, nach Belieben unsere Herzen gegenseitig zu ffnen. Die
stille Fensternische verbarg denn auch noch fr eine Weile all' meinen
Jammer, den ich in das Herz meiner guten Marie ausschttete, und von
ihr erhielt ich allerdings auch reichlich Trost und Beruhigung fr alle
Thorheiten, die ich begangen.

Aufgefallen ist dein Betragen freilich, das kann ich nicht leugnen, sagte
Marie nach meinen Bekenntnissen, und ich htte dich gar zu gern aufmerksam
gemacht, da du lange genug mit dem Dr. Hausmann gesprochen habest. Du
schienst mich aber ber deinem Gesprche ganz zu vergessen, so nah ich dich
auch umschwrmte, und unaufgefordert konnte ich mich in eure Unterhaltung
nicht mischen, da ich deinen Freund nicht kannte.

Ach nenne ihn nur nicht so! bat ich kleinlaut. Wer wei, ob er dieses
Namens nicht vielleicht vllig unwrdig ist und meiner spottet.

Nein, das glaube ich nicht, sagte Marie ernst. In seinem Gesicht spricht
sich viel Ernst und Milde aus, und wenn er vielleicht auch ein klein wenig
im Herzen ber das junge Backfischchen lchelt, das sich noch nicht recht
zu benehmen wei, so wird er dich doch sicher nie verspotten, sondern dein
Zutrauen zu ehren wissen.

Glaubst du das wirklich, Marie? rief ich voll Entzcken, Ach die Tante
hatte mir gar zu bange gemacht!

Ich mte mich in seinem Gesicht vllig irren, wenn es anders wre, sagte
Marie sinnend.

Aber alle die Menschen hier, wie schrecklich habe ich mich vor denen
blamirt! Ich wage gar nicht aus meiner Ecke heraus zu kriechen, seufzte
ich weiter.

Auch damit ist es nicht so schlimm, als du denkst, trstete Marie. Das
Schlimmste, was ich in deiner Umgebung vorhin hrte, war, da man lachte
und dich fr sehr jung erklrte, und sehr kindlich und unbefangen, und das
ist am Ende Alles zusammen kein groer Fehler. Uebrigens wird man jetzt
nach so langer Zeit die Geschichte vergessen haben; komm nur getrost wieder
an das Lampenlicht, denn lnger drfen wir hier jetzt nicht mehr stehen.
Sieh, da kommt Frulein Meynfeld, sie ist stets sehr freundlich zu mir, und
ich habe sie noch nicht begrt. Adieu, auf Wiedersehn! Sei guten Muthes,
mein Rosenknspchen, und mache kein solch armes Sndergesicht mehr!

Dabei nickte mir Marie's blondes Kpfchen frhlich zu, und bald sah ich
meinen blauen Himmel an der Seite Frulein Meynfelds, eines ltlichen,
angenehmen Fruleins, dahin schweben.

Zaghaft mischte ich mich wieder unter die brigen Gste, und setzte mich
still etwas seitwrts in einem Zimmer neben dem Salon nieder, in welchem
man eben anfing zu musiciren. Die Diener reichten Eis herum, was ich sehr
liebte, und so vertrieb ich mir die Zeit eine Weile recht gut ganz allein,
indem ich bald der Musik lauschte, bald mein Eis langsam auf der Zunge
schmelzen lie, so da es mein heies Blut angenehm khlte. Dabei
beobachtete ich meine Umgebung, ob ich nicht auch vielleicht etwas
bemerkte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstandes sein mchte, damit
ich doch nicht allein solch armer Snder war. Aber nein, ringsum war alles
gehalten, ernst, anstndig; man unterhielt sich wohl, aber wegen der Musik
nur leise, machte sich zierliche, wohlanstndige Verbeugungen, und sa
und stand berall so gerade, so sittig und passend, da ich mich seufzend
abwandte.

Da fiel mein Blick auf einen Herrn, der dicht neben mir stand. Er schien
mir nicht mehr ganz jung zu sein und sah auffallend ngstlich und befangen
aus; auch war er augenscheinlich ganz unbekannt in dem Kreise und verstand
so wenig, seine Schchternheit zu verbergen, da ich herzliche Sympathie
mit diesem Einsamen fhlte.

Die Musik schwieg endlich, die Gesellschaft schwirrte wieder lebhafter
durch einander, nur mein Fremdling verharrte in seiner Verlassenheit. Auch
ich blieb ruhig auf meinem Stuhle sitzen, denn ich war verstimmt und konnte
meiner Laune nicht Herr werden.

Endlich aber erhob ich mich, um meinen Teller fortzusetzen und sah dabei,
das auch mein Einsamer seinen Teller noch in der Hand hielt und sich
augenscheinlich dadurch in groer Verlegenheit befand, da er nicht wute,
was damit anfangen.

Ach, dachte ich, du armer Schelm bist doch noch ungelenker, als ich
kleiner Backfisch, und da ich dicht an ihm vorbei gehen mute, so griff
ich, ein freundliches Wort sprechend, auch nach dem Teller des Einsamen und
erlste den Armen von seiner Verlegenheit.

Ueberrascht fuhr derselbe auf und starrte mir stumm in das Gesicht. Endlich
besann er sich und machte mir eine Verbeugung, die herzlich steif ausfiel.
Dann stand er wieder wie vorher still auf seinem Platze, und auch ich nahm
meinen Sitz wieder ein, da die Musik von Neuem ertnte.

Ich glaubte, wie gesagt, anfangs, als ich meinen stummen Nachbar
betrachtete, einen nicht mehr jungen Mann vor mir zu haben. Indem ich
denselben jedoch jetzt in der Nhe angesehen, merkte ich wohl, da er noch
zu den jngeren Herren gehrte, und da nur seine wunderliche Haltung an
diesem Irrthum die Schuld trug. Ich blickte deshalb jetzt von meinem Stuhle
aus noch einmal zu dem Fremden hin, um den ersten Eindruck mit dem spteren
zu vergleichen. Da aber wandte sich der Beobachtete schnell nach mir um,
und ehe ich noch meine Blicke von ihm abgewendet, sah er mich mit seinen
dunkeln, eigenthmlich schwermthigen Augen starr und stumm lange Zeit an.

Etwas gepeinigt durch dieses Anstieren machte ich mir schnell an meinen
Handschuhen etwas zu schaffen, deren Knpfe aufgesprungen waren. Nun aber,
als ich des Einsamen Gesicht jetzt eben wieder betrachtete, war mir dessen
Aehnlichkeit mit irgend jemand aufgefallen, den ich kannte, ich konnte mich
aber durchaus nicht besinnen, wer es sei, der ihm gleiche. War es Prediger
Moller in Magdeburg, oder Onkel Heinrich in Leipzig? Nein, nein, Dr.
Sarre in Halle sah ihm wohl hnlich, oder mehr noch Amtmann Amelang, unser
Nachbar in Schreibersdorf. Ich konnte mit mir nicht darber einig werden,
und doch qulte es mich unablssig, wie es mit solchen Dingen geht, denn
eine groe Aehnlichkeit war da, aber mit wem nur am meisten? Ich mute es
heraus bekommen, mute mir noch einmal das eigenthmlich anziehende Gesicht
des Einsamen darauf ansehen.

Getrost blickte ich deshalb wieder auf und gerade zu dem Fremden hin, der
mich jetzt gewi lngst ignorirte.

Aber wie erschrak ich, als ich nun bemerkte, da die Blicke desselben immer
noch auf mir ruhten wie vorher. Das war doch recht lstig, was hatte denn
der wunderliche Mann an mir zu sehen? Er war doch gar zu sonderbar!
Ich fhlte, wie mein Gesicht vor Verlegenheit feuerroth wurde, eine
Erscheinung, die mich freilich oft genug belstigte, aber ich konnte es
nicht ndern. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhle umher und nahm mir
fest vor, den Platz zu wechseln, sobald das Gesangstck beendigt war. Das
schien aber kein Ende nehmen zu wollen, und whrend ich nun ordentlich
scheu und erschrocken meine Augen vor den Blicken des Sonderlings senkte,
geschah wieder etwas, das denselben in neue Verlegenheit brachte.

Er hielt nmlich, wie alle Herren, seinen Hut unter dem Arme, aber so
ungeschickt, da ich schon immer gefrchtet hatte, er werde ihn fallen
lassen. Und richtig! Plautz! da lag der unglckliche Hut endlich auch und
zwar gerade vor meinen Fen. Der Fremde war in hchster Bestrzung,
und vor Verlegenheit wagte er kaum, nach seinem Eigenthum die Hand
auszustrecken. Unwillkrlich bckte ich mich deshalb schnell, griff nach
dem Hute und reichte, natrlich abermals tief errthend, denselben seinem
Besitzer hin, der ihn mit einer steifen Verbeugung aus meiner Hand empfing.
Hierbei aber verlor er nun wieder seine Handschuh, die er in der Hand
hielt, und ehe er noch seinen steifen Rcken gekrmmt hatte, bergab ich
ihm auch schon das Verlorene wieder.

Abermaliger Bckling und groe Verlegenheit, denn nun stand er vor mir
und wute nicht, sollte er sprechen oder seine stumme Rolle ferner weiter
spielen. Um den wunderlichen Gesellschafter, sowie mich selbst aus der
peinlichen Situation zu erlsen, griff ich nach einer Bildermappe, welche
in der Nhe aufgeschlagen lag, und vertiefte mich scheinbar lebhaft in die
Betrachtung der Kupferstiche.

Hatten nun aber diese Bilder wirklich das Interesse des Einsamen erregt,
oder meinte er, mir seine Aufmerksamkeit beweisen zu mssen, kurz, er
schaute mit vorgestrecktem Halse und weit geffneten Augen nach den Bildern
hin, die ich durchbltterte, blieb dabei aber in so gemessener Entfernung
stehen, da ich das Lachen verbergen mute, das seine Stellung in mir
erregte. Um ihn jedoch los zu werden, reichte ich ihm ein Blatt nach dem
andern hin, damit er es sehen konnte, ohne mich zu belstigen.

Diese neue Aufmerksamkeit schien den Damm seiner Schchternheit zu
durchbrechen. War ich ja doch augenscheinlich die Einzige, die sich seiner
erbarmte unter all' den Gsten, -- unter Larven die einzig fhlende Brust!
-- dem konnte sein Herz nicht widerstehen, das besiegte selbst _seine_
Bldigkeit!

Mein gndiges Frulein, sagte er stotternd und leise, indem er sich an
meine Seite setzte, ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen! Dann fragte
er mich, ob ich mich fr die Kupferstiche interessire, und als ich dies
bejahte, dabei aber meine vllige Unkenntni eingestand, fing er an, mit
leiser Stimme, um die Musik nicht zu stren, von den Meistern zu reden,
deren Werke vor uns auf dem Tische lagen: Drer, Holbein, Carstens, sowie
den berhmtesten Italienern Rafael und Michel Angelo. Mir war anfangs
etwas ngstlich zu Muthe, denn ich erinnerte mich wohl, da die Tante mir
geboten, nur mit solchen Herren zu sprechen, die mir vorgestellt seien, und
den wunderlichen Fremden kannte ich doch gar nicht. Aber bald verga
ich diese meine Furcht ber dem lebhaften Interesse, das seine Reden mir
erregten. Er hatte augenscheinlich groe Kenntni in Kunstsachen, denn
von jedem der Meister, sowie von ihren Werken wute er mir in einer sehr
anziehenden Weise etwas zu sagen.

Jetzt aber schwieg die Musik wieder, und es wurde um uns her lebhaft. Ich
fing wieder an mich zu ngstigen, da ich mit dem wunderlichen Fremden
so allein in einer Ecke sa, er aber schien dies gar nicht zu bemerken,
sondern fuhr in seiner Unterhaltung gleichmig fort. Da endlich sah ich
Marie's blaues Kleid in der Nhe, und mich schnell erhebend, sagte ich
hastig: Entschuldigen Sie, ich glaube, man sucht mich.

Da kam Marie aber schon auf mich zu. Sie war sehr erstaunt, mich mit dem
Fremden in so nahem Verkehr zu finden, und indem sie demselben eine leichte
Verbeugung machte, sagte sie: Ah, Herr Baron, sieht man Sie auch einmal
hier? Das ist schn! Ich flsterte Marien hastig zu, sie mchte mir den
Herrn vorstellen, da sie ihn kenne. Marie sah mich verwundert an, denn sie
dachte natrlich, da mein gesprchiger Cavalier dies schon selbst gethan
htte, nun aber wandte sie sich gefllig wieder zu uns und sagte: Liebes
Gretchen, erlaube, da ich dir einen Freund meines Bruders vorstelle,
den Herrn Baron von Senft. Und dies, Herr Baron, ist meine liebe Freundin
Margarethe Geler.

Alle Steifheit und alles Ungeschick, das mein armer Einsamer whrend der
lebhaften Unterhaltung glcklich berwunden hatte, kehrte jetzt mit
einem Male in vollster Blthe zurck, sowie Marie zu uns getreten, und
gesellschaftliche Formen wieder von ihm verlangt wurden. Er machte eine
unendlich linkische Verbeugung und stotterte einige unzusammenhngende
Laute, aus denen nur einzelne Worte, wie: entzckt -- Frulein -- gtig,
vernehmbar hervor tauchten, wie Froschkpfe aus dem Sumpfe.

Wir eilten der Verlegenheit ein Ende zu machen, indem wir uns schnell
empfahlen und nach einem andern Zimmer gingen. Aber mit wahrhaftem
Mitleiden bemerkte ich die traurigen Blicke, welche der aufs Neue
Vereinsamte mir nachsandte, und ich konnte mir nicht helfen, mein gutes
Herz trieb mich, ihm noch einen recht freundlichen Gru zurck zu schicken.

Was tausend heit denn das, Grete? Du bist heute ja ganz ausgetauscht!
lachte Marie, als sie meinen Gru bemerkte. Erst so vertraulich mit Dr.
Hausmann, und nun gar ein Herz und eine Seele mit dem menschenscheuen
Baron Senft? Irre ich nicht, so habe ich so eben ein sehr interessantes
=tte--tte= gestrt, in dem du mit dem Sonderling begriffen warst. Nun
sollst du mir noch einmal wei machen, du seist blde! Dem Mdchen, das den
Baron Senft gewinnen kann, gehrt wahrlich eine Verdienstmedaille!

So schweig doch nur endlich mit dem Unsinn und hre, wie das alles
gekommen ist! rief ich rgerlich, denn ich schien heute wirklich dazu
verdammt, den Schein eines unbesonnenen, koketten Mdchens auf mich zu
ziehen. Hastig erzhlte ich nun der Freundin, wie sich unsre Bekanntschaft
angeknpft, und wie ich nichts weniger gewollt, als mich dem Sonderling
aufzudrngen; aber wie das Mitleid, das ich mit seiner Unbehlflichkeit
gehabt, mir endlich seine Aufmerksamkeit erworben und die Eisrinde seiner
Schchternheit aufgethaut habe.

Nun ein anderer, als unser scheuer, guter Baron htte deine
Aufmerksamkeiten wohl noch anders verstehen knnen, lachte Marie. Ich
bitte dich um Alles, spare deine Dienstfertigkeiten fr andere Leute auf,
junge Herren werden nun einmal nicht von jungen Damen bedient. An dem armen
Baron aber hast du eine Eroberung gemacht, den haben deine schwarzen Augen
versengt; denn sieh nur, da steht er schon wieder in der Thr und blickt
sehnsuchtsvoll zu uns herber.

Wirklich, Marie hatte Recht, dort stand er und sah mich mit seinen groen
Augen so eigenthmlich an, da ich wieder dunkelroth wurde und mich
ngstlich an Marie's Arm klammerte und flehentlich bat, sie mge mich nicht
mehr verlassen, ich mache sonst noch mehr Thorheiten. Zum Glck nahte sich
die Gesellschaft ihrem Ende, und ich ward aus der peinlichen Situation
erlst, in welche meine Unerfahrenheit mich wieder aufs Neue versetzt
hatte. Die lose Marie flsterte mir als Gru zur guten Nacht noch
schelmisch zu: Gratulire zu deiner Eroberung, trume s, liebes
Gretchen!




8.

Folgen.


Am andern Morgen kam Marie zeitig zu mir, um zu hren, wie meine gestrigen
Aventuren mir bekommen wren. Sie neckte mich in so lustiger Weise, war so
ausgelassen und schalkhaft, da ihre Heiterkeit mich bald auch ansteckte,
und wir nun alle Beide um die Wette ber meine Eroberung lachten.
Wahrscheinlich waren wir schrecklich albern und kindisch, denn die Tante,
welche sonst gern mit uns scherzte, wollte heute gar nicht auf unsere
Frhlichkeit eingehen. Gestern Abend hatte ich ihr beim Schlafengehen
in unserem traulichen grnen Stbchen noch ehrlich alles gebeichtet, und
obwohl sie mich vor hnlichen Unbesonnenheiten warnte, so mute sie dennoch
herzlich ber die Geschichte lachen; zuletzt aber wurde sie ernst und
nachdenklich und sprach nicht weiter von der Sache.

Hrt einmal, Kinder, sagte sie jetzt, als wir beiden Mdchen in toller
Lust neben ihr schwatzten und lachten, nehmt es mir nicht bel, aber
euer Betragen gefllt mir nicht! Freilich hat der gute Baron euch allerlei
Ursache zu Scherz und Lachen gegeben; aber ein gutes Herz zeigt ihr
wahrlich nicht, wenn ihr nur die komische Seite der Sache betrachtet, die
traurige Rolle nmlich, welche der arme Mensch darin spielte. Wit ihr denn
so genau, ob sein Interesse fr Gretchen nur so flchtig war, und ob er
in seiner einsamen Lage nicht vielleicht wirklich innig gerhrt worden ist
durch die Freundlichkeiten eines so jungen Wesens? Verlassen dastehen ist
hart und verdient Mitleid, nicht aber Spott.

Aber liebe, gute Tante, darber lachen wir ja doch auch wirklich nicht,
sondern ber Gretchens naives Betragen, und was damit zusammenhing, sagte
Marie ernst werdend. Und was das Alleinstehen des Barons betrifft, so
ist er ja ganz und gar selbst daran schuld, warum isolirt er sich so
absichtlich! Er hat Alles, was sein Herz verlangt, und wodurch er auch
andere glcklich machen knnte, Reichthum, alten geachteten Namen,
unabhngige Lage, gesunden Krper, und dabei lebt er wie ein Einsiedler,
sieht und besucht fast keine Seele, ladet selten jemand auf seine
Besitzungen ein, und wenn er sich ja entschliet, einmal aus seiner Klause
hervorzukommen, so sieht er so scheu und unglcklich aus, da sich niemand
an ihn heran wagt. Nicht einmal seine alten Freunde knnen etwas mit ihm
anfangen, wie Eduard mir sagt. Es ist ihm einmal nicht zu helfen, er ist
gar zu wunderlich.

Bei alledem ist er aber doch zu bedauern, sagte die Tante sanft, denn es
fehlt ihm trotz seiner irdischen Gter das rechte Glck. Er versteht nicht,
das Leben richtig zu erfassen, um sich und Andern ntzlich zu werden, und
solche Menschen erregen immer mein Mitleiden.

Nun, wir wollen nicht mehr ber ihn lachen, Tantchen, sagte ich, der
Tante die Hand kssend. Es war recht kindisch von mir, und doppelt
unrecht, da er mich gestern Abend wirklich gut unterhalten und belehrt hat.
Gewi ist er ein innerlich sehr gebildeter Mann, dem nur die ueren Formen
abgehen. Und ich alberne Bauerndirne sollte ber diesen Mangel am wenigsten
lachen.

In diesem Augenblicke wurde der Dr. Hausmann angemeldet. Dunkle Gluth
bergo mein Gesicht bei diesem Namen, denn mein unpassendes Betragen
von gestern Abend trat in seiner ganzen Gre vor meine Seele. Um so mehr
berraschte mich der Tante froher Ausruf: O, das freut mich ja herzlich!
denn ich hatte geglaubt, es wrde ihr unangenehm sein, den Mann wieder zu
sehen, vor welchem ich mich so kindisch betragen hatte. Aber die Tante war
oft ganz unberechenbar.

In ihrer freundlichen Weise ging sie dem Doctor zum Willkommen entgegen,
und dieser begrte sie sowohl, als auch Marie und mich so offen und
liebenswrdig, und doch dabei so ernst und wrdig, da sich meine Scheu
sehr minderte, denn so htte er sich sicher nicht benommen, wenn er mich
im Herzen verspottet, oder gar von meiner Vertraulichkeit Mibrauch gemacht
htte. Sehr beruhigt fate ich denn auch bald den Muth, mich mit in die
Unterhaltung zu mischen, um wo mglich wieder auszuwetzen, was ich gestern
dumm gemacht hatte, und wirklich, es schien, ich hatte heute meinen guten
Tag, denn ich sprach fast so verstndig, wie ein erwachsener Mensch. Aber
die gute Tante wute auch so geschickt Dinge zur Sprache zu bringen, ber
welche ich gut Bescheid wute, und der Doctor hatte eine so angenehme Art,
auf Alles einzugehen, da der Besuch sehr angenehm verlief, und mir ganz
froh und frei zu Muthe ward.

Nun, Gretchen, ich denke, der Doctor Hausmann ist besser, als ich dir
gestern vorgeredet, sagte die Tante, als der Besuch uns verlassen hatte.

Gewi, Tantchen, das sagte ich gleich. Aber warum denkst du jetzt anders
ber ihn, als gestern?

Weil er sich sonst gewi nicht beeilt haben wrde, zu uns zu kommen.
Gleichgltigkeit oder bses Gewissen htten ihn sicher zurck gehalten.
Sein heutiger Besuch aber zeigt mir, da er deine kindliche Vertraulichkeit
ganz fein und richtig beurtheilet hat, und das gefllt mir sehr wohl von
ihm. Er ist ein gebildeter, feinfhlender junger Mann, den ich stets gern
bei mir sehen werde.

Tante's Urtheil, das mir stets magebend war, erfreute mich doppelt, denn
nun konnte ich mich doch ber mein Benehmen vom vorigen Abend beruhigen.
Der Doctor verlachte mich nicht, und das war mir die Hauptsache, die andern
Leute hatten sicher mehr zu thun, als an mich armes Backfischchen noch
lange zu denken und ber meine Dummheiten zu spotten.

Marie ihrerseits triumphirte, da sie sich in meines Freundes Gesichtszgen
nicht geirrt hatte, von denen sie gestern schon eine so gute Meinung
gehabt. In heitere, harmonische Stimmung versetzt, schieden wir endlich
frhlich von einander, als Marie sich zum Heimwege rstete.

An jenem Tage beauftragte mich die Tante mit einigen Einkufen, und ich
machte mich fertig, dieselben nach dem Mittagessen zu besorgen, whrend
Tante Ulrike zu einer alten Freundin ging. Aber ich wurde durch Besuch
einiger junger Mdchen zurck gehalten, und so war es schon ziemlich spt
geworden, ehe ich meine Auftrge besorgen konnte. Endlich aber hatte ich
meine Geschfte beendet und rstete mich zum Heimweg. Die Lampen brannten
schon auf den Straen und in den Kauflden, und voll Bewunderung ging ich
an den hellerleuchteten Schaufenstern vorber, in denen beim Glanze so
vieler Lichter Alles doppelt reich und kostbar erschien. Mich einfaches
Landkind entzckte ja ohnehin all' das Neue, das ich hier in der groen
Stadt sah, und neugierig sphend blieb ich gern vor den Fenstern der
Kauflden stehen, um Alles recht genau zu betrachten.

Besonders waren es die an den Schaufenstern ausgestellten Bilder, fr
welche ich eine groe Vorliebe besa, und stundenlang htte ich davor
stehen mgen, um diese Kunstwerke anzusehen. An einer solchen Handlung sah
ich nun jetzt im Vorbergehen einzelne jener Bltter, welche ich Tags zuvor
mit Baron Senft betrachtet hatte, und ber deren groen Werth ich durch ihn
belehrt worden war. Voll Interesse trat ich deshalb an das hellerleuchtete
Fenster und studirte diese Kunstwerke noch einmal, sowie auch die reiche
Sammlung anderer Abbildungen, welche daneben lagen. Im Anschauen dieser
Sachen vertieft, bemerkte ich nicht, wie ein junger Mann mich schon seit
geraumer Zeit beobachtete, bis mir derselbe in sehr auffallender Weise nahe
trat und mir hchst zudringlich unter den Hut blickte. -- Ich erschrak und
wandte mich schnell zur Seite, hoffend, der Lstige werde sich entfernen,
wute aber nicht, da mein Verweilen am Schaufenster, und zwar bei
beginnender Nacht, etwas durchaus Auffallendes war, und jener Herr sich
meist nur in Folge hiervon die Zudringlichkeit erlaubte. Endlich redete er
mich gar mit einigen faden Redensarten an, und nun gerieth ich in heftige
Angst und Aufregung. Schnell lief ich die Strae hinab, um dem jungen Manne
zu entfliehen, aber ich merkte wohl, da derselbe mir dicht auf den Fersen
war, und hrte fortwhrend, wie er mich mit den unertrglichsten Worten
verfolgte. Mein Weg war noch sehr weit, und in meiner Hast und Unkenntni
der Straen verfehlte ich gar die Richtung und wute bald gar nicht
mehr, wohin ich mich wenden sollte. Da ein Miethswagen mir aus dieser
Verlegenheit geholfen htte, fiel mir in der Angst gar nicht ein, ich hrte
nur immer den lstigen Begleiter neben mir und strmte vorwrts, denn ich
frchtete jeden Augenblick, er werde mich anfassen, da er sich immer enger
an mich heran drngte.

Der Angstschwei stand mir auf der Stirn und die Thrnen im Auge. Eben war
ich im Begriff, in einen Kaufladen zu treten, um dort Schutz und Hlfe zu
suchen, da sah ich ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen -- Baron Senft,
meinen neuen Freund vom vorigen Abend. Freudig lief ich demselben entgegen,
und wie ein Kind seine Hand ergreifend, rief ich flehend: O, Herr Baron,
bitte, beschtzen Sie mich doch, und begleiten Sie mich nach Haus, ich habe
den Weg verloren!

Der Baron sah mich verwundert an, denn ich zitterte vor Angst und
Aufregung, ergriff aber sogleich meinen Arm und sagte, einen schnellen
Blick auf meinen Begleiter werfend, der sich langsam zurckzog: Mit
Vergngen, gndiges Frulein. Sein Sie ohne Furcht, ich werde Sie zu
schtzen wissen.

Jetzt erst bedachte ich, wie wunderlich abermals mein Benehmen war dem
Baron gegenber; aber er konnte nichts Uebles von mir denken, sah er doch,
in welch' verzweifelter Lage ich mich befand, als ich um seinen Schutz bat,
und natrlich erzhlte ich ihm nun ausfhrlich, wie alles gekommen. Mein
braver Begleiter sprach seine aufrichtige Freude aus, mir ntzlich sein zu
knnen, und war so herzlich und offen zu mir, wiederholte mir immer wieder,
wie sehr das Vertrauen ihn beglcke, das ich ihm schenke, da mir ganz froh
und ruhig zu Muthe wurde, und ich dem guten Manne innig dankbar wie ein
Kind in das Auge blickte, als ich endlich am Hause angelangt war. Er sah
mich zwar dabei so sonderbar ernst mit seinen dunklen, schwermthigen Augen
an, da ich nicht recht wute, was ich dabei denken sollte; aber ich hatte
ihn ja als einen Sonderling kennen gelernt, und so machte ich mir weiter
keine Gedanken darber. Kte er mir ja doch sogar zum Abschied die Hand,
er, der steife, ungelenke Menschenfeind, und bat um die Erlaubni, anderen
Tages sich nach meinem Befinden erkundigen zu drfen. Das war doch mehr,
als ich je von ihm erwartet htte, und frhlich eilte ich zu Tante Ulriken,
dieser meine neuen Abenteuer zu erzhlen und ihr den Besuch des Barons zu
verknden.

Die Tante war aber sehr ungehalten ber meine Unvorsichtigkeit und verbot
mir streng, je wieder lange Zeit an den Schaufenstern stehen zu bleiben,
was am Tage schon wenig schicklich, Abends jedoch vllig ungehrig sei, und
mir stets einen Wagen zu miethen, sobald die Dunkelheit mich berraschte.
Ueber das Zusammentreffen mit dem Baron war sie ebenfalls nicht sehr
erfreuet, kurz ich fhlte wohl, da ich recht grndlich unvernnftig
gewesen war und setzte mich sehr kleinlaut hinter meine Nharbeit.

Am andern Morgen erschien denn auch wirklich der angekndigte Besuch:
Baron Senft lie sich melden, und Tante Ulrike empfing ihn in ihrer feinen,
liebenswrdigen Weise. Ich fand aber, da sie zurckhaltender war, als
gewhnlich, und da der gute Baron sich auch wieder im uersten Stadium
der Verlegenheit und Steifigkeit befand, so verlief der Besuch sehr wenig
erquicklich. Der arme Mann that mir wieder gar zu leid, denn ich konnte ihm
seine Pein lebhaft nachempfinden, und so that ich mein Mglichstes, durch
herzliches Entgegenkommen und kindliche Unbefangenheit ihm die Situation zu
erleichtern.

Endlich empfahl er sich, und ich war ordentlich froh darber, denn Tante
Ulrike war unbegreiflich khl und zurckhaltend. Ich konnte es mit dem
liebevollen Urtheile, das sie des Tages zuvor ber den Baron geuert, gar
nicht vereinigen, und sprach dies nun unverhohlen gegen sie aus.

Es geschah, um der gar zu groen Freundlichkeit meines Gretchens ein
Gegengewicht zu geben, sagte die Tante ernst. Ich mu dich bitten, mein
Kind, bei all' deiner unbefangenen Herzlichkeit, mit welcher du dem Baron
ber seine Schchternheit fortzuhelfen strebst, doch viel zurckhaltender
zu sein. Du weit nicht, ob solches Betragen auch so beurtheilt wird, als
du in deiner Harmlosigkeit denkst, und eine andere Auslegung wrde dir doch
sehr schmerzlich sein.

Eine andere, Tantchen? Wofr knnte er denn sonst meine Freundlichkeit
halten? fragte ich betreten.

Fr Gefallsucht, Koketterie, mein Kind, sagte die Tante, immer ernster
werdend.

O das ist doch aber nicht mglich, davon bin ich ja weit entfernt! rief
ich heftig. Was habe ich denn gethan, da er so etwas von mir denken
sollte? Nein das wre doch zu schlecht von ihm!

Ich hoffe, wir brauchen dies allerdings von dem Baron Senft nicht zu
frchten, sagte die Tante sanft. Aber zurckhalten mut du dich von
jetzt an, mein Kind; denn wenn er auch nicht von dir denken wird, du seist
gefallschtig, so knnte er bei dir doch ein lebhafteres Interesse fr ihn
vermuthen, das er, wie ich denke, dir immerhin nicht einflt.

Aber liebe Tante, wie kannst du so etwas nur sagen! rief ich dunkelroth
werdend. Du meinst, er knnte denken, ich sei -- ach Tantchen!

Die Idee war mir so unsglich komisch, da ich trotz der Ernsthaftigkeit
der Tante in ein herzliches Gelchter ausbrach. Ich in den Baron verliebt!
Ich armer, junger, halberwachsener Backfisch! Und er, dieser ernste,
vornehme, steife Baron, der mir trotz seiner Jugend wie ein lterer Herr,
eine Art Respectsperson gegenber stand, und dem ich wie ein harmloses Kind
mich anvertrauet hatte. Man konnte nichts Wunderlicheres denken, die Tante
hatte zu sonderbare Einflle.

Als unser Gesprch diese heitere Wendung genommen hatte, denn auch Tante
Ulrike mute bei dem Gedanken lcheln, war mir das Herz wieder leichter
geworden, und singend und heiter wie gewhnlich ging ich an meine tglichen
Beschftigungen. Am Nachmittag wurde ich durch Marie's Besuch erfreut, und
voll Entzcken lief ich der herzigen Freundin entgegen.

Liebste Marie, wie herrlich, da du kommst! rief ich sie umarmend. Aber
was hast du denn, du siehst ja ganz curios aus, fuhr ich sogleich fort und
sah ihr forschend in die Augen, welche mich halb schelmisch, halb ernsthaft
anblickten.

Ja ich wei selbst nicht, soll ich lachen oder weinen, Gretchen,
entgegnete Marie ungewhnlich aufgeregt. Sage mir nur vor allem, was
hast du wieder fr Streiche gemacht! Hast du den Baron etwa gestern wieder
gesprochen?

Den Baron? Ja freilich. Gestern und auch heute! sagte ich errthend, denn
was sollte Marie's Frage bedeuten? Ich brenne vor Sehnsucht, dir Alles zu
erzhlen.

Nun dann erklrt es sich leichter, sagte Marie sinnend. Aber wie ich
dich kenne, ist es dennoch eine gar zu unangenehme Geschichte.

Aber was denn nur in aller Welt, Marie, so rede doch deutlich! rief ich
voll Ungeduld. Was giebt es denn, und was sollen deine salbungsvollen
Reden?

Komm zur Tante Jagow, sie mu die Sache auch gleich erfahren, sagte
Marie, mich nach Tante's Arbeitszimmer ziehend.

Was giebt es denn, Kinder? fragte die Tante, bei unserm Eintritt ihre
Arbeit unterbrechend.

Marie ist eine Sphynx geworden, die in Rthseln spricht, Tantchen, rief
ich lachend. Vielleicht verstehst du, was sie will, mir armen Kinde ist
die Sprache zu hoch.

Ach Tante Ulrike, das ist eine schne Geschichte! rief Marie nun wieder
halb lachend, halb weinerlich. Was machen wir nun?

Was denn, was ist denn eine schne Geschichte? entgegnete die Tante. Du
bist ja ganz aufgeregt, ich kenne dich gar nicht wieder. Was hat dich denn
so aus deinem Gleichgewicht gebracht?

Doch nicht etwa wieder unser guter Baron? rief ich lustig lachend.

Ja ja, lache nur, du Bse, eben der ists! sagte Marie schmollend.

Der Baron? Was hat er denn wieder verbrochen? scherzte auch Tante Ulrike.

Mein Gott, nichts weiter, als da er -- nun damit ichs nur sage, -- da
er Gretchen heirathen will! stie Marie heraus und sank auf einen Stuhl
nieder, als htte diese Erffnung ihr alle Krfte genommen.

Heirathen--! riefen Tante Ulrike und ich wie aus einem Munde, und mir
kam augenblicklich wieder das kindische Lachen an, das mich heute schon
einmal bei diesem Gedanken erfate.

Sprich doch nicht solchen Unsinn, Marie, und sag' vernnftig, was du
hast! rief ich endlich; denn ernsthaft kann diese wunderbare Erffnung
doch nicht gemeint sein.

Ja ja, bitterer Ernst ist es, Grete, du kannst es mir glauben, sagte
Marie eifrig. Warum wre ich denn sonst so auer mir, wenn mich diese
Geschichte nicht so aufregte?

Aber Marie, es kann doch unmglich jemand daran denken, mich dummes Ding
heirathen zu wollen, fuhr ich lustig fort, Denke doch nur, ich heirathen,
und nun gar den Baron Senft!

Nun kam auch meiner kleinen Marie die Sache so komisch vor, da wir alle
Beide in kindischer Ausgelassenheit lachten und kicherten und uns ber
diesen Gedanken gar nicht wieder beruhigen konnten. In meiner Lustigkeit
umschlang ich Tante Ulrike's Hals und blickte ihr frhlich in ihre lieben,
sanften Augen, in denen ich ebenfalls Anklnge an unsere Frhlichkeit zu
finden erwartete.

Aber ernst und sinnend war der Blick, der mich aus diesen Augen traf, und
mit leisem Kopfschtteln sah die Tante zu uns lachenden Mdchen hinber.

Ich begreife euch alle Beide in dieser Sache nicht, sagte sie jetzt
milde, aber vorwurfsvoll. Gestern schon liet ihr eurer Heiterkeit
in Betreff dieses armen Mannes den Zgel schieen und verriethet
wenig Zartgefhl, und jetzt ist mir diese Auffassung der Dinge nun gar
unbegreiflich. Gretchen, vergit du denn ganz, was ich dir heute Morgen
gesagt habe? Hatte ich denn wirklich so unrecht, als ich mein Bedenken
darber aussprach, deine freundliche Zuvorkommenheit knne anders gedeutet
werden? Der Gedanke erscheint dir sehr lcherlich; aber wird er es
demjenigen auch sein, in dem du diesen Wahn erregtest?

Die Worte der Tante trafen mich wie ein bitterer Vorwurf, und beschmt barg
ich mein Gesicht an ihrem Halse. Sie lie mich still eine Weile auf ihrer
Schulter ruhen, um mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen, dann hob sie meinen
Kopf sanft empor, strich mir das Haar aus der Stirn und blickte mich ernst
und liebevoll an.

Siehst du wohl, mein Kind, sagte sie dann leise, da ich nicht unrecht
hatte, wenn ich meinte, der arme Baron habe vielleicht viel tieferes
Gefhl, als seine steife, wunderliche Figur und seine schlechten Manieren
vermuthen lassen? Es ist sehr schwer, einsam und verlassen durch die Welt
zu gehen, und darfst du nun darber lachen, wenn der einsame Mann glaubt,
jemand gefunden zu haben, der ihn lieb hat mitten unter einer Menge
Menschen, von denen er sieht, wie gleichgltig, ja unfreundlich sie ihm
begegnen? Uns ist es lcherlich, da der Arme sich hierin geirrt hat, und
da er also auch ferner sein einsames, freudenloses Dasein fortsetzen mu!

Whrend Tante Ulrike's Rede war das Lachen gnzlich von meinen Lippen
geschwunden und hatte ernsten Vorwrfen Platz gemacht, welche jetzt wie
Sturzwellen mich berflutheten und sogar Thrnen in meine Augen brachten.

Ach mein Gott, Tantchen, das hatte ich nicht bedacht, das war sehr, sehr
schlecht von mir! sagte ich niedergeschlagen, und mit jeder Minute stieg
meine Unbesonnenheit hher vor mir auf und sah drohender und zrnender auf
mich nieder. Die stille, ernste Gestalt und die traurigen Blicke des
armen Barons traten jetzt pltzlich in so anderem Lichte vor mich hin; die
Bitterkeit, sich betrogen und verschmht zu sehen, und der Schmerz, einem
gehofften Glck entsagen zu mssen, lieen ihn so ganz anders in meinen
Augen erscheinen, da ich nicht begriff, wie ich so eben nur die andere
Seite der Sache betrachten konnte. Das innigste Mitleiden mit dem armen
Manne ergriff mich, ich htte ihm so unsglich gern helfen und beistehen
mgen -- aber wie konnte, wie sollte ich das; denn ihn wirklich heirathen,
daran konnte doch niemand ernstlich denken, und ich am allerwenigsten.

Je mehr ich dachte, je trauriger wurde ich, denn ich wute keinen Rath.
Endlich drang Thrne auf Thrne aus meinen Augen, und beschmt barg ich
mein Gesicht in meinen Hnden.

Ach Tantchen, er thut mir so schrecklich leid, und ich kann ihm doch nicht
helfen, klagte ich trostlos. Da ich auch so unbesonnen sein mute! Wer
konnte das aber auch denken?

Die Tante war ganz still und strte meine Gedanken nicht, endlich aber
kam Marie, die im Zimmer auf und nieder gegangen und dann sinnend an das
Fenster getreten war, zu mir heran, nahm meine Hand von den Augen und
sagte:

Nein, das kann ich so nicht lnger mit ansehen. Ich wollte die Geschichte
zwar eigentlich nicht ganz so erzhlen, wie sie ist, aber jetzt mu ich
es, das sehe ich wohl. Tante Ulrike, du hattest ganz recht, unser albernes
Lachen zu tadeln, denn kindisch war es, ich sehe es ein; aber so wie du die
Sache ansiehst, ist sie doch nicht. Thut mir Beide die Liebe und lat sie
euch erzhlen. Ihr seid auch gar nicht ein bischen neugierig, woher ich sie
wei, und wie das alles zusammenhngt.

Das ist wahr, erzhle doch, Kind, sagte die Tante.

Marie setzte sich neben mich, schlang ihren Arm zrtlich um meine Schulter
und sprach:

Als ich vor einigen Stunden von einem Besuch nach Hause kam, sah ich
unsern guten Baron Senft vor mir die Treppe hinauf gehen und in dem Zimmer
meines Bruders verschwinden. Er hatte mich nicht gesehen, was mir sehr lieb
war, ich aber glaubte zu bemerken, da er aufgeregt und erhitzt aussah, als
er in so ungewhnlicher Hast die Treppe hinauf strmte. Ich dachte nicht
weiter an den seltsamen Gast, sondern besorgte einige husliche Arbeiten;
aber nach einiger Zeit trat mein Bruder mit unbeschreiblich lustigem
Gesicht zu mir in das Zimmer.

Rathe einmal Marie, wer so eben bei mir gewesen ist, sagte er schelmisch.

Nun dein Freund, der Baron Senft, das ist nicht so schwer zu errathen,
erwiderte ich.

Aber was er wollte, das rathe einmal, mein kluges Schwesterlein! fuhr er
lachend fort.

Was kmmern mich eure Angelegenheiten, la mich damit in Ruhe! rief ich
und beugte mich wieder auf meine Arbeit.

Nun ich denke doch, sie gehen dich etwas an, Kleine, sagte Eduard neckend
und zog mir den silbernen Leuchter fort, den ich so eben polirte. Oder
ist es dir so gleichgltig, wenn es sich um deine hbsche, schwarzugige
Freundin handelt?

Wie? Gretchen betrifft der Besuch des Sonderlings? Nicht mglich! Was will
er, erzhle, lieber, bester Eduard! rief ich berrascht, und schob mein
Silberzeug schnell auf die Seite.

Eduard lachte und rieb sich vergngt die Hnde.

Allerdings, deine lustige kleine Grete war der Gegenstand unserer
Unterhaltung, sagte er geheimnivoll.

Aber was will denn der Baron? So rede doch nur, was soll Gretchen?
drngte ich den Bruder.

Weiter nichts als ihn heirathen! sagte Eduard trocken.

Ihr knnt denken, da mein Erstaunen nicht kleiner war, als vorhin das
eure. Als ich mich endlich etwas ber diese Neuigkeit beruhigt hatte, lie
sich Eduard herbei, mir das ergtzliche Gesprch mitzutheilen, da er mit
dem Baron gehabt, und ich will versuchen, es euch mglichst getreu wieder
zu berichten.

Eduard! rief der Baron, als mein Bruder den seltenen Gast freudig begrt
hatte, ich bitte dich heute um einen Freundschaftsdienst.

Stehe mit Vergngen zu deinen Befehlen, entgegnete Eduard. Was giebt es,
du willst dich doch nicht etwa duelliren?

Das gerade nicht, aber etwas fast eben so Wichtiges. Ich will heirathen!
sagte der Baron ernst.

Heirathen? Vortrefflich! Wer ist denn die Erwhlte deines Herzens, und
welche Rolle soll ich bei dem Stcke bernehmen, das hoffentlich keine
Tragdie sein wird? rief Eduard.

Es ist Frulein Margarethe Geler, entgegnete der Baron, und da sie die
Freundin deiner Schwester ist, so bitte ich dich, ihr meinen Heirathsantrag
zu berbringen.

Wie? Die hbsche kleine Grete hat das Herz des Menschenfeindes bezwungen?
rief Eduard in hchstem Erstaunen. Alle Wetter, das ist charmant! Aber wie
kommt das, wie in aller Welt ist das zugegangen? Und das ist alles gleich
fix und fertig wie aus der Pistole geschossen?

Weil ich gesehen, da sie Neigung zu mir hat, sagte der Baron kurz und
trocken.

Sieh da, was man nicht alles erlebt. Du bist ja ein wahrer Hexenmeister!
lachte Eduard. Also du weit wirklich ganz sicher, da sie dich liebt? Hat
sie es dir denn gesagt!

Nicht in Worten, aber was mehr ist als das, durch ihre Blicke und ihre
Thaten, entgegnete der Baron.

Die kleine Grete hat mit dir kokettirt? Potz Blitz, das htte ich dem
frischen Waldrschen kaum zugetraut! rief Eduard unaussprechlich ergtzt;
denn er merkte wohl, da hier nicht alles ganz richtig war, und da der
Baron in seiner Wunderlichkeit wohl mehr gesehen und vermuthet hatte, als
an der Sache war.

Von Koketterie kann hier nicht die Rede sein, sagte der Baron beleidigt.
Das junge Mdchen hat mir unbewut gezeigt, da ich ihr nicht gleichgltig
bin, und deshalb verlangt es mich, die Rose zu pflcken, die sich mir in
aller Lieblichkeit erschliet.

Wetter, du wirst ja ganz poetisch, alter Junge! rief Eduard, sich auf die
Lippen beiend. Also aus reiner ritterlicher Aufopferung erhebst du das
kleine Mdchen zu deiner Gemahlin? Bringst du ihr denn selbst die gleichen
Gefhle entgegen, die du bei ihr vermuthest?

Eduard, sagte der Baron jetzt einen Grad wrmer und vertraulicher
werdend, Eduard, du weit, da ich von meiner Familie gedrngt und
bestrmt werde, mich zu verheirathen. Alle mglichen Vorschlge haben sie
mir schon gemacht, mir die reichsten, vornehmsten Mdchen angepriesen;
aber ich mag sie alle nicht, ich kann das hochmthige Weibervolk nicht
ausstehen. Lachen und spotten sie nicht alle ber mein steifes, ernsthaftes
Wesen, haben sie mich nicht alle zum Besten und mgen mich nicht leiden,
und wrden sie mich nicht alle nur wegen meines Reichthums und meines alten
Adels heirathen, um mich dann mit ihren Launen vor Verzweiflung zum Hause
hinaus zu jagen? Nein, aus solcher Heirath wird nie etwas! Ich wollte nun
gar nicht heirathen, das hielt ich fr das Beste. Aber in diesen letzten
Tagen bin ich anderen Sinnes geworden. Margarethe Geler ist das erste
weibliche Wesen, das mir Achtung und Vertrauen statt des Spottes entgegen
brachte, ich habe es deutlich in ihren Augen gelesen, und darum bin ich
fest entschlossen sie zu heirathen.

Hm, das ist merkwrdig! sprach Eduard, nachdenklich geworden. Aber noch
einmal: Was sagt denn dein Herz zu diesem Entschlusse? Ist es nur Mitleid
mit dem holden Kinde, das dich dazu drngt, ihr deine Hand anzubieten?

Ich bin sehr einsam, Freund, und mein Herz hatte bis jetzt selten
Gelegenheit mitzusprechen, sagte der Baron mit zitternder Stimme. Die
Neigung eines so jungen, liebenswrdigen Wesens kann mich nicht ganz
gleichgltig lassen, und was meiner Neigung jetzt noch fehlt, wird kommen,
wenn sie meine Gattin ist.

Aber Freund, bedenke, ein so junges Kind! mahnte nun Eduard den Kopf
schttelnd. Sie ist ja kaum sechzehn Jahre alt.

Jugend ist kein Fehler, entgegnete der Baron gleichmthig.

Aber sie ist brgerlicher Abkunft und deine Familie von altem Adel!
Bedenke, was werden die Deinen dazu sagen? Du, der Erb- und Standesherr auf
und zu Senftenburg! fuhr Eduard dringend fort.

Geht keinen was an, ich bin selbstndig und brauche sie alle zusammen
nicht! rief der Baron kurz. Sage mir nur, ob du in meinem Namen den
Antrag machen willst. Es selbst zu thun, habe ich weder Gelegenheit noch
Gewandtheit genug.

Herzlich gern. Aber vergilt es mir nicht, wenn die Antwort anders
ausfllt, als du erwartest, sagte Eduard, dem Baron die Hand reichend.

Darber mache dir keine Sorgen; mein Dank fr die endliche Erreichung
meiner Wnsche mag der Lohn fr deinen Freundschaftsdienst sein,
entgegnete der Baron warm und herzlich.

Darauf verabschiedete er sich bald, und Eduard suchte mich auf, um mir
die Neuigkeit augenblicklich zu verknden und meine Hlfe in Anspruch zu
nehmen, da er dir selbst den Antrag nicht berbringen mochte. Nun wit ihr
die ganze schne Geschichte, und ich denke, unser liebes Tantchen sieht die
Angelegenheit nicht mehr mit so tragischer Miene an, als vorher. Denn da
das Herz unserer Grete sich hoffentlich nicht in so desolatem Zustande
befindet, als der gute Baron glaubt, dies aber, wie er ziemlich deutlich
ausgesprochen, die Haupttriebfeder zu seinem Antrage war, so fllt die
ganze Sache in sich selbst zusammen, und wir drfen uns weiter keinen
Kummer darber machen, da dem Baron das Herz davon brechen wird.

So leicht mchte ich denn doch nicht darber hingehen, liebe Marie, sagte
die Tante noch immer ernst, als Marie ihre Erzhlung geschlossen. Seine
eigene Neigung mag allerdings nicht die erste Triebfeder zu dem Antrage
gewesen sein, darber ist wohl kein Zweifel, aber wie weit sein Herz
dennoch trotz all dem dabei betheiligt war, werden wir freilich nicht
erfahren. Ich mu gestehen, es gefllt mir sehr von ihm, da er sich ohne
alle andern Rcksichten ein einfaches Mdchen erwhlt, nur weil sie ihn
lieb hat, wie er meint, und er thut mir noch immer aufrichtig leid, da er
sich nun wieder in die vorige Einsamkeit gewiesen sieht.

Aber seiner Eitelkeit kann die kleine Lection wahrlich nicht schaden,
Tantchen! sagte Marie eifrig. Er mu sich doch fr sehr anziehend halten,
da er meint, ein so nettes Mdel, wie unsere frische kleine Rose, sei
knall und fall bis ber die Ohren in ihn verliebt, nur weil sie ihm einige
Freundlichkeiten erzeigte.

Ich habe dir unser gestriges Zusammentreffen noch nicht erzhlen knnen,
das den Baron in dieser Meinung sehr bestrken konnte, Marie, sagte ich
verschmt; Marie aber meinte, es werde auch weiter nichts gewesen sein,
und da der Herr Baron bei dieser Gelegenheit einmal erfahre, es giebt noch
junge Mdchen in der Welt, die Reichthum und vornehme Stellung nicht so
hoch anschlagen, um damit ihre fehlende Neigung zu verdecken, sei ihm auch
ganz zutrglich.

Es wird den armen Mann aber nur noch steifer und scheuer machen, als er
ohnehin schon ist, fuhr ich traurig fort. Nein, nein, Marie, du
urtheilst zu hart, und trotz allem, was du ihm vorwirfst, thut er mir doch
schrecklich leid!

Nun so geh und heirathe ihn, Schatz! Vielleicht thust du ein gutes Werk
und machst einen brauchbaren Menschen aus ihm! rief Marie mit komischer
Heftigkeit.

Nein, das bin ich trotz all' meines Mitleids doch nicht im Stande, lachte
ich mit Thrnen im Auge. Er verlangt mich ja auch nur, weil er meint ich
liebe ihn, also wrde ich ihn ja betrgen, nhme ich seinen Antrag an. Also
davon kann gar keine Rede sein. Aber ich wnschte von ganzem Herzen, er
fnde bald, was er suchte, und was ich ihm nicht bieten kann.

Nun wir wollen es hoffen, Kind! sagte Tante Ulrike freundlich und kte
mich auf die Stirn. Die Sache wird hoffentlich hiermit abgemacht sein und
weiter keine Folgen haben. Du aber, mein Tchterchen, zieh dir die ernste
Lehre daraus, da ein junges Mdchen Herren gegenber nicht vorsichtig und
besonnen genug sein kann. So manches Mdchen ist in den Ruf der Koketterie
gekommen, nur weil ihre Unbesonnenheit und Lebendigkeit sie verleitete,
Dinge zu sagen und zu thun, welche gegen die hergebrachten Regeln der
Gesellschaft verstieen. Da der Baron dich trotz deiner Weigerung
jetzt dennoch nicht fr gefallschtig halten mge, hoffe und wnsche ich
aufrichtig; von einem weniger ernsten, soliden Manne, als er ist, drftest
du kaum eine andere Auffassung deines Betragens erwarten.

Still neigte ich mich auf die liebe Hand der Tante, welche in der meinen
lag, und einen Ku auf dieselbe drckend, verlie ich ziemlich kleinlaut
mit Marie das Zimmer. Aller kindische Uebermuth war von uns Beiden
gewichen, und in ernster Stimmung sprachen wir noch lange ber die
schonendste Art und Weise, in welcher ich dem Baron die abschlgige Antwort
zukommen lassen wollte. Eduard bernahm natrlich diesen schwierigen
Auftrag; aber trotz des feinen Taktes, mit dem er dem Freunde den Stand der
Dinge berichtete, hatte meine Weigerung freilich zur Folge, da der
arme Einsame wieder fr lange Zeit hinter den Mauern seiner Einsiedelei
verschwand.

Ich aber konnte nicht ohne gerechte Selbstvorwrfe an dies Ereigni zurck
denken, das mich heftig bewegt hatte, und immer wieder sah ich im Geiste
jene dunklen, schwermthigen Augen, welche mich so ernst und forschend
anblickten. O was htte ich darum gegeben, diesem trefflichen Manne
ein Glck verschaffen zu knnen, das diese traurigen Augen in freudig
strahlende verwandelte! Ich selbst htte diesen Wechsel nie hervorbringen
knnen, das wute ich nur zu gut, und auch der Baron wrde dies bald genug
selbst erkannt haben.




9.

Noch eine Neuigkeit.


Das Leben im Hause der Tante gestaltete sich immer angenehmer und
harmonischer, je lnger ich dort verweilte, und schon lange dachte ich
nicht mehr mit jener verzehrenden Sehnsucht, welche mich im Anfange so
unsglich peinigte, an mein liebes Vaterhaus zurck. Ich erkannte jetzt
mehr und mehr, welchen Werth es fr meine ganze geistige Entwickelung
hatte, einen Theil meiner Jugend bei Tante Ulrike zu verleben, und die
unbeschreibliche Liebe, mit der dieselbe mich erzog, brachte mich leichter
ber die tausenderlei Mngel und Fehler hinweg, mit denen ich armes
Backfischchen tglich immer wieder zu kmpfen hatte.

Bei dem engen Verkehr, welcher zwischen Tante Ulrike und mir stattfand,
konnte es mir nicht entgehen, wenn die heitere Stirn derselben sich trbte,
und so beunruhigte es mich ernstlich, als ich die Tante eines Morgens
aufgeregt und in Thrnen in ihrem Lehnsessel fand, sie, die sonst immer
klar und ruhig alle Verhltnisse berblickte und sich eine ungewhnliche
Herrschaft ber ihre Gefhle errungen hatte. Ein Brief lag vor ihr auf
dem Tische, und als ich erschrocken herbei eilte zu fragen, was ihr fehle,
winkte sie mir sanft zu, mich zu entfernen, was ich natrlich in groer
Sorge that. Lange hatte ich zu warten, ehe die Tante zu mir in das Zimmer
kam; ich hrte sie viele Male in ihrem Kabinet auf und nieder gehen, ein
Zeichen, da sie nach Fassung rang; dann endlich knitterte Papier, und ich
hrte, wie die Klappe ihres Schreibsecretrs knarrte, also schrieb sie.

Endlich kam sie zu mir, zwar ernst und niedergeschlagen, aber doch ruhig
wie immer. Sie setzte sich neben mich, strich mir liebevoll ber das
Gesicht und sagte:

Gretchen, ich mu dir einen Theil dessen erzhlen, was mich, wie du
gesehen, so unbeschreiblich bedrckt. Du bist ein verstndiges Mdchen und
hast mich lieb, also kann ich dir immerhin etwas anvertrauen, wovon mein
Herz belastet wird. Natrlich sprich auer gegen deine gute Marie und deren
Mutter, welcher ich es selbst mittheilen werde, gegen niemand davon.

Ich kte ihre liebe Hand, was ich so oft und so gern that, wenn ich ihr
meine Liebe und Verehrung bezeigen wollte, und mit sanfter Stimme sprach
die Tante weiter: Du weit, mein liebes Kind, da ich seit vier Jahren
schon Wittwe bin, nachdem ich an der Seite meines trefflichen, geliebten
Mannes die schnsten Jahre des Glckes und der Zufriedenheit verlebte. Wir
schlossen uns um so inniger an einander, nachdem uns Gott das einzige Kind
wieder genommen, das unser Glck vollkommen machte. Eine schwere, traurige
Zeit war es, als ich den sen Knaben verloren, aber meines Gatten zarte
Liebe half mir das Schwerste tragen, und so hat mein Herz sich endlich
ruhig in Gottes Willen ergeben. Aber noch ein anderes Leid drckte uns bald
darnieder, und hier war ich es wieder, die meinem Gatten trstend zur Seite
stand. Sein einziger Bruder nmlich, mit dem mein Mann durch die innigsten
Bande der Liebe verknpft war, hatte einige Jahre nach dem Tode seiner
ersten Frau ein junges Mdchen geheirathet, das ihn durch Schnheit und
Anmuth zu fesseln verstanden. Zwar hatte man ihn von allen Seiten vor dem
Leichtsinn und der launischen Gemthsart des schnen Mdchens gewarnt, aber
Adolph verachtete all' diese Stimmen und lie sich, verblendet wie er war,
von seiner Bewunderung und Leidenschaft hinreien. Leider war auch die
Sorge fr seine kleine elfjhrige Tochter nicht im Stande, ihn von dem
unbesonnenen Schritte zurck zu halten, obwohl das reich begabte Kind gar
sehr einer zweiten treuen Mutter bedurft htte.

Nur zu bald freilich sah mein armer Schwager, wie unbesonnen seine Wahl
gewesen. In den sieben Jahren seiner Ehe mit Kathinka ist der krftige Mann
vor Kummer fast zum Greise geworden, denn unmglich knnen zwei Naturen
weniger zusammen stimmen, als er und sein eitles herzloses Weib. Adolph ist
zu schwach und liebt den Frieden im Hause zu sehr, um all' den Launen und
Thorheiten seiner vergngungsschtigen Frau so entgegen zu treten, als er
es wohl sollte, und so mag es dir gengen zu wissen, da diese Ehe eine
unendlich unglckliche ist. Da die Erziehung der kleinen Eugenie neben
solcher Mutter natrlich auch keine gute war, kannst du dir denken; denn
der Einflu des Vaters gengte nicht, um alle nachtheiligen Elemente von
seinem Kinde fern zu halten. Eugenie wuchs heran, begabt mit Talenten und
krperlichen Vorzgen, eine fertige junge Dame, glnzend und anmuthig,
wie die Mama es nur wnschen konnte; aber wenn auch nicht leichtsinnig und
herzlos wie diese, wovor sie ihr natrlich gutes Herz bewahrte, so doch
ohne rechte innere Gemthswelt, wie ich sie bis jetzt zu beurtheilen
Gelegenheit hatte. Ihre groe Selbstndigkeit und Originalitt sind
auerdem noch eine zwar interessante, aber gefhrliche Zugabe, und wohl
htte ihre Erziehung bei solchen Anlagen einer ganz besonderen Sorgfalt
bedurft. Oft schon bot ich meinem Schwager an, Eugenie eine Zeitlang zu mir
zu nehmen; aber der arme Mann konnte sich nicht entschlieen, die einzige
Freude seines Lebens von sich zu geben, und so blieben die Sachen bis jetzt
wie sie waren. Der heutige Brief jedoch giebt mir nun die Nachricht, da
mein Schwager, um sich dem huslichen Jammer fr einige Zeit zu entziehen,
als Gesandter seiner Regierung nach dem Auslande gehen wird, scheinbar
zwar dorthin geschickt, in der That aber nur auf seinen eigenen dringenden
Wunsch. Seine Frau wird ihn also nicht begleiten, und um Eugenie nicht
unter der alleinigen Obhut der leichtfertigen Mutter zu lassen, bittet er
mich dringend, seine Tochter fr die Dauer seiner Abwesenheit in meinem
Hause aufzunehmen. Ich habe ihm so eben geantwortet, da ich hierzu bereit
sei, und so sehe ich denn Eugeniens baldiger Ankunft entgegen.

Da dieser Wechsel in unserer Huslichkeit nun auch dich betrifft, mein
Gretchen, fuhr die Tante nach einer kleinen Pause liebevoll fort, so
mute ich dir einen Theil jener traurigen Familienverhltnisse enthllen,
von denen ich mit dir sonst niemals gesprochen htte. In Rcksicht darauf
wirst auch du Nachsicht haben gegen die Fehler Eugeniens, welche in
solcher Umgebung entstanden. Auch meine Aufgabe, unserer neuen Hausgenossin
gegenber, ist keine leichte, und so wollen wir denn Beide mit gutem Muthe
und herzlicher Liebe unsere Eugenie erwarten.

Ich hatte die Erzhlung Tante Ulrike's mit inniger Theilnahme angehrt,
als sie jedoch von der Ankunft Eugeniens sprach, erzitterte mein Herz
unwillkrlich, und angstvoll blickte ich in das sanfte Auge der Tante,
um mir dort Ermunterung und Zuversicht fr den bevorstehenden Wechsel zu
suchen. Eben fing ich an, mich wohl und behaglich hier im Hause zu fhlen,
meine schchterne Zurckhaltung gegen die Tante war erst jetzt einem
innigen Vertrauen und herzlichem Anschmiegen gewichen, wie wrde es
nun werden, wenn eine dritte Person zwischen uns trat, und zwar
solch' bedeutendes, glnzendes, selbstndiges Mdchen, als Eugenie der
Beschreibung nach sein mochte! Welch' traurige Rolle wrde ich armes
Dorfkind neben solch' einem Wesen spielen, wie verchtlich wrde diese
Eugenie gewi auf mich herab sehen, und wie viel neue Plage wrde daraus
fr mich nun wieder entstehen, wo ich kaum anfing, mich etwas in die neuen
Verhltnisse zu finden.

Solche Gedanken fuhren mir blitzschnell durch den Sinn und brachten mein
Herz in unbeschreiblichen Aufruhr. Da aber erklangen die Worte der Tante,
welche mich an die trben Verhltnisse mahnten, in denen Eugenie bis jetzt
gelebt, und da wir derselben mit gutem Muthe und treuem Herzen entgegen
kommen wollten. Tief beschmt, da ich eigenschtiger Weise nur an mich und
meine Unbequemlichkeiten gedacht, drckte ich die Hand der verehrten
Tante, diese aber zog mich liebevoll an ihr Herz, und indem sie mich kte,
blickte sie mir voll Zrtlichkeit in die Augen.

Habe keine Furcht, mein Kind, sagte sie dabei sanft, dir soll kein
Nachtheil durch unsere neue Hausgenossin entstehen. Ich bin dir schtzend
und helfend zur Seite, meine Liebe wird vermitteln, wo es nthig ist.
Vertraue mir nur und sei guten Muthes.

Es war, als ob die Tante alle Befrchtungen meines armen Herzens gelesen
htte, denn ohne da ich ein Wort gesprochen, traf sie sogleich den Punkt,
wo ich schwach und zaghaft gewesen. Tief errthend gestand ich ihr nun
meine egoistischen Gedanken und schpfte mir fr alles, was da kommen
mchte, Muth und Vertrauen an ihrem treuen Herzen, das schon so oft mein
Trost und meine Zuflucht gewesen.

Nur wenige Wochen nach diesem Gesprche kam die Erwartete denn auch
wirklich eines Nachmittags an. Die Tante war nach dem Bahnhofe gefahren, um
Eugenie zu empfangen, und ich harrte indessen zu Haus in banger Erwartung
hinter meiner dampfenden Kaffeemaschine, in welcher ich fr die Reisende
den warmen Bewillkommnungstrank braute. Da fuhr der Wagen vor, und hinter
der Gardine sphend sah ich neben Tante Ulrike eine hohe, schlanke Gestalt
aussteigen, welche in leichten Schritten nach dem Hausflur eilte, die
Sorge fr all' ihre unzhligen Reiseeffecten einem hbschen, jungen Mdchen
berlassend, das sich bis zum Kinn hinauf damit bepackte. Ich eilte den
Ankommenden jetzt schnell entgegen und wurde Eugenien durch die Tante als
ihre liebe Nichte Margarethe vorgestellt.

So so, das ist das Backfischchen vom Lande, von dem du mir vorhin
erzhltest, sagte Eugenie leichthin und lie ihre Blicke flchtig auf mir
ruhen. Dann reichte sie mir im Vorbergehen ihre zierlichen Fingerspitzen,
die von zarten grauen Handschuhen bedeckt waren, und sich zu Tante
Ulrike wendend fuhr sie schnippisch fort: Hast du die Absicht, dir ein
Mdcheninstitut anzulegen, da du dir eine junge Dame nach der andern
kommen lt, Tante Ulrike?

Ich hoffe, mein Gretchen wird dir eine liebe Schwester werden, entgegnete
die Tante sanft, indem sie die hlichen Worte Eugeniens nicht beachtete
und mir leise mit der Hand ber das Haar strich.

Eugenie wandte sich lachend zu mir und sagte: Nun, ich bin zwar bis jetzt
auch ohne Schwester fertig geworden, aber ich hab' nichts dagegen, da wir
gute Freunde werden, Cousinchen! Dabei kam sie rasch auf mich zu, und
ehe ich es dachte, drckte sie einen herzlichen Ku auf meine Lippen. Dann
wandte sie sich eben so rasch nach jenem belasteten jungen Mdchen, das
jetzt in das Zimmer trat und rief: Lisette, lege die Sachen nur indessen
alle auf die Erde und hole mir zuerst ein Glas Wasser, ich komme um vor
Hitze und Durst!

Aber noch ehe Lisette diese Geschfte beendet, warf sich ihre Herrin auf
einen Stuhl, und indem sie einen Fu empor streckte, rief sie: Zieh mir
diese abominablen Pelzstiefeln von den Beinen, in denen ich aussehe wie ein
Lapplnder, und gieb mir meine leichten Hausschuhe dafr.

Lisette that wie ihr befohlen, indem sie vor Eugenien niederkniete, und
diese ergtzte sich damit, jeden der geschmheten Pelzstiefeln mit dem
Fue ber Lisettens Kopf hinweg in die entgegengesetzte Ecke zu schleudern,
wobei sie kindisch lachte und jubelte.

Ich stand ganz verblfft neben diesem sonderbaren Wesen, das so ganz anders
war, als ich dachte. Hochmthig und doch dabei herzlich, despotisch und
zugleich kindlich, und vor allem so unbegreiflich sicher und ungenirt, als
ob sie schon hundert Jahre lang bei Tante Ulrike heimisch sei, es war fr
mich etwas Unerhrtes. Die Tante schien aber das sonderbare Betragen des
neuen Ankmmlings gar nicht zu beachten, denn als sie ihre Sachen abgelegt,
setzte sie sich behaglich in die Sophaecke, und sagte heiter: Nun
Gretchen, ich hoffe, du hast uns eine gute Tasse Kaffee bereitet, sie soll
uns wohl thun. Eile dich, Eugenie, sonst lasse ich dir gar nichts brig.

Kaffee? Behte der Himmel, den trinke ich nie! rief Eugenie, ihren
reizenden braunen Lockenkopf schttelnd, und zog ein Paar hellblaue, weich
geftterte Pantffelchen an ihre wunderniedlichen kleinen Fe. Kaffee,
ein nichtswrdiges Getrnk, puh! Verdirbt den Teint und macht Hitzflecke.

Aber was geniet du denn statt des Kaffee's, Kind? fragte die Tante.

Des Morgens Chocolade, Nachmittags gar nichts oder Thee! entgegnete
Eugenie leichthin, indem sie sich in Tantchens behaglichen Lehnstuhl
streckte und mit den hellblauen Fchen in der Luft auf und nieder wippte.

Ich wurde ganz roth vor Ueberraschung, als Eugenie sich so mir nichts dir
nichts in Tantchens Stuhl setzte, von dem mich stets eine heilige Scheu
zurckgehalten hatte; aber dergleichen Gefhle durfte ich freilich bei
dieser kleinen Prinzessin nicht voraussetzen, ihr schien das Beste eben
gut genug fr ihre Bedrfnisse. Die Tante lie sie auch ruhig gewhren und
wandte sich zu mir, indem sie mich bat, etwas Thee fr Eugenie zurecht zu
machen, da dieser ein warmes Getrnk gut thun wrde. Eugenie sagte nichts
dagegen, und so that ich, wie die Tante mir geheien.

Das junge Mdchen hatte indessen eine kleine Brste aus der Tasche gezogen,
und putzte damit die fabelhaft langen Fingerngel ihrer zierlichen weien
Hnde, ganz als sei sie allein im Zimmer, und achtete gar nicht mehr auf
ihre Umgebung. Dann sprang sie vom Stuhle auf, ringelte ihre braunen Locken
vor dem Spiegel und ging bald im Zimmer, bald in Tantchens Boudoir umher,
indem sie alle Bilder, Kunstwerke, Bcher und dergleichen Sachen flchtig
betrachtete.

Wie himmlisch altmodisch alles bei dir ist, Tantchen! rief sie dann
lachend. Den alten Plunder htte Mama lngst zum Trdler geschickt. Wir
hatten alle paar Jahr unsere neue Einrichtung.

Ich erstarrte ordentlich ber Eugeniens Reden. Diese schnen, gediegenen,
kostbaren Meubles und geschmackvollen Einrichtungen nannte sie alten
Plunder! Hier, wo ich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes mich kaum zu
bewegen wagte vor Hochachtung gegen die kostbaren Dinge, die mich umgaben,
hier hrte ich dieselben Gegenstnde als altmodischen Trdel verachten!
Das war denn doch zu arg, und angstvoll blickte ich zu der Tante hin, um zu
erfahren, was sie dazu sagte.

Sie errthete leicht und bi sich auf die Lippen. Dann aber sprach sie
gelassen: An diesen alten Meubles hngt der Zauber schner Erinnerungen,
Eugenie. Sie waren Zeugen meiner glcklichsten Tage und sind mit mir
alt geworden. Ich mchte kein Stck davon missen oder gegen etwas Neues
vertauschen, denn sie sind alle mit mir und meinem Geschick verwachsen. Wer
stets neue Umgebung liebt, der denkt entweder nicht gern an die vergangenen
Tage, oder hat einen weltlichen, unruhigen Sinn, fr den nur das Neue Reiz
und Werth besitzt.

Eugenie sah mit wunderlicher Miene nach der Sprechenden, halb war ihr
lcherlich, halb ernsthaft zu Sinne. Was du fr hbsche Gedanken hast,
Tantchen, sagte sie unbefangen. Sie passen prchtig zu den alten Meubles,
sie sind eben so ehrwrdig und altmodisch wie diese. Aber du hast Recht!
Was du da sagtest, gefllt mir; es war mir noch nie eingefallen.

Du hast wahrscheinlich an gar vieles noch nicht gedacht, Kind, was wahr
und gut ist, sagte die Tante sanft. Ich hoffe, das wird nun kommen.

Eugenie setzte sich still und etwas empfindlich wieder in ihren Stuhl, und
ich brachte ihr eine Tasse Thee.

Ich mag keinen Thee, mir ist hei genug! sagte sie verdrielich und schob
die Tasse unsanft zurck, so da der Thee auf mein Kleid flo. Ich wandte
mich schnell ab, denn ich rgerte mich unbeschreiblich ber das launische
Mdchen, die Tante aber sagte sehr bestimmt, obwohl ruhig:

Du wirst jetzt diese Tasse Thee trinken, Eugenie; denn erstens thut er
dir nach der Reise gut, und zweitens ist er so eben von Gretchen fr dich
bereitet worden. Du httest ihr die Mhe sparen knnen, wenn du vorher
wutest, da du keinen trinken wolltest.

Eugenie fuhr verwundert ein wenig vom Sitz auf und wurde dunkelroth. Sie
sa ein Weilchen noch wie ein trotzig Kind in ihrem Stuhle und beguckte
ihre weien Fingerngel, dann richtete sie sich pltzlich rasch empor, zog
die Theetasse heran, that Sahne und Zucker hinein, trank den Thee in einem
Zuge aus und schob mir die leere Tasse hin. Noch eine, Gretchen! sagte
sie gebieterisch. Ich go ein, und nun trank sie die zweite Tasse eben so
schnell hinunter, indem sie mir abermals die leere Tasse hinschob und noch
eine! rief.

Ich sah die Tante fragend an, denn offenbar war Eugenie trotzig und wollte
die Tante reizen. Diese aber sagte ganz ruhig: Nein Gretchen, giee keinen
Thee weiter ein, Eugenie wrde sich schaden.

Meine eigensinnige Cousine sagte nichts, sa aber bitterbse im Lehnstuhl
und trommelte mit den hellblauen Pantffelchen auf dem Teppich.

Gretchen, rief sie endlich, den Kopf zurck werfend, bist du hier auch
im Correctionshause?

Aber Eugenie! sagte ich bebend; weiter war ich keines Wortes mchtig.

Eugenie erwartete auch gar keine Antwort, sondern schnippte mit den Fingern
in der Luft und fing an ein Liedchen zu trllern. Die Tante ging still nach
ihrem Boudoir und machte die Thr hinter sich zu, und wir Beiden waren nun
allein. Mir waren die Thrnen in das Auge getreten, denn offenbar hatte die
bse Eugenie Tante Ulriken weh gethan, und vorwurfsvoll sagte ich deshalb:

Aber liebe Eugenie, wie konntest du die Tante so krnken!

Eugenie trllerte weiter und gab mir keine Antwort.

Du glaubst gar nicht, wie gut die Tante ist, liebe Cousine. Du solltest
wirklich artiger gegen sie sein, sie verdient so sehr deine Liebe und
Achtung! fuhr ich wrmer werdend fort. Du kennst sie gewi noch nicht;
aber ich bin schon so lange hier, da ich ihren groen Werth und ihre hohen
Verdienste unendlich lieben und schtzen gelernt habe. Sie meint es so gut
mit jedermann!

Jetzt wurde ich von einem gewaltsamen Ghnen unterbrochen, welches Eugenie
hervorstie, indem sie sich beide Ohren zuhielt.

Du himmlische Gte, seid ihr hier langweilige Philister! rief sie sich im
Stuhle zurck werfend. =O sancta simplicitas=, wie wird's mir armen Heidin
unter diesen Heiligen ergehen!

Sie machte ein so komisches Gesicht, und sah so schelmisch dabei aus, da
ich mir trotz meiner ernsten Stimmung das Lachen verbeien mute.

Sage mal, du kleiner Vernunftkasten, wie alt bist du denn eigentlich, da
du dir heraus nimmst, mir gute Lehren zu geben? fuhr Eugenie dann fort,
indem sie mich mit Semmelkrmchen warf. Bist du denn schon aus dem dummen
Vierteljahr heraus? Du scheinst mir eigentlich noch ein Backfischchen zu
sein. Zhlst du schon vierzehn Jahre und sieben Wochen?

O ja, die liegen glcklich hinter mir, wenn auch noch nicht lange, sagte
ich lchelnd und warf ihr die Semmelkrumen wieder in das Gesicht.

Wie kannst du dich aber Gretchen nennen lassen! sprach Eugenie weiter.
Das klingt wie lauter Idylle, und die kann ich nicht leiden. Ich werde
dich Marguerite nennen, oder auch Gnseblmchen, was ja dasselbe bedeutet.

Und was sehr bezeichnend fr das simple Backfischchen ist, nicht wahr?
fuhr ich neckend fort, denn ich fhlte recht gut, da sie mir einen Hieb
versetzen wollte.

Nun dumm bist du nicht, wenn auch simpel! warf Eugenie leicht hin.

Nicht so dumm als ich aussehe, sagte ich lachend.

Hm! wer sagt dir, da du so aussiehst? rief Eugenie rasch. Ich nicht,
denn ich finde dich im Ganzen passabel hbsch.

Du meinst =la beaut du diable= von sechszehn Jahren, wo jedes Mdchen
niedlich ist, weil sie frische Farben und jugendliche Formen hat? warf ich
spottend ein.

Ach mit dir streite wer Lust hat, du bist eine Hexe! rief Eugenie, mir
ein ganzes Milchbrod auf den Rcken werfend, da ich ihr gerade denselben
zuwandte.

Geh nicht so schlecht mit der edlen Gottesgabe um, Eugenie! sagte ich
vorwurfsvoll, die Semmel wieder auf den Tisch legend. Die Tante leidet es
niemals, da man mit Brod spielt.

Um Gottes Willen, da will ich es lassen! rief Eugenie im komischen
Schrecken, ich mu sonst am Ende auch alles Brod genieen, woraus ich
Kugeln und Figuren gedreht habe, wie vorhin deinen grlichen Thee, von dem
mir noch der Kopf brennt wie Feuer.

Weil du unvernnftig dabei warst, wenn ich es dir ehrlich sagen soll,
rief ich, das Theegeschirr zusammen setzend.

Ich mu doch sehen, ob Tante wieder Lust hat, mich zu verschlingen wie
vorhin, sagte Eugenie jetzt muthwillig und ging nach Tante's Zimmerthr,
und noch ehe ich sie voll Schrecken zurckhalten konnte, warf sie mir ein
Schnippchen zu und war hinter der Thr verschwunden.

O mein Gott, ist das ein Mdchen! rief ich, indem ich ihr angstvoll
nachblickte, denn nie hatte ich es gewagt, die Tante zu stren, wenn diese
sich zurck gezogen hatte, und sie wagte es, nachdem sie dieselbe durch
ihre Unarten so erzrnt hatte! Ich lauschte aufmerksam, ob ich heftigen
Wortwechsel hren wrde; aber es dauerte nicht lange, so erklang Eugeniens
kindlich helles Lachen, die Thr ffnete sich, und von ihrer Nichte
zrtlich umschlungen, trat die Tante mit dieser in das Zimmer.

Du brauchst dir nicht einzubilden, da du die Vershnung verursacht
hast, heilige Margaretha, sagte Eugenie, den Kopf aufwerfend, aber ein
freundlicher Blick Tante Ulrike's sagte mir, dies sei allerdings der Fall.
Nun ich freute mich, die gute Tante wieder heiter zu sehen, die Ursache
davon mochte ich oder jemand anders sein.

Jetzt komm nach deinem Zimmer, mein Kind! sagte die Tante, Eugenie in ihr
freundliches Stbchen fhrend, welches an unser Schlafzimmer grenzte.

Ich hatte schon gefrchtet, Tante wrde mich mit in Eugeniens Zimmer
einquartiren, was mir sehr leid gethan htte, da mir unser trauliches
Stbchen herzlich lieb geworden war, nachdem ich so manchen schweren
Augenblick darin berstanden hatte. Aber mein Gardinenbettchen stand nach
wie vor an seinem alten Flecke, und von einer Aenderung war keine Rede.

Eugeniens Zimmer hatte eine ungemein zierliche, obwohl einfache
Einrichtung, und augenscheinlich machte es auf das verwhnte Kind einen
angenehmen Eindruck, denn sie sprang singend und bermthig von einem
Gegenstand zum andern.

Aber hier die stolze Landschaft mu fort! rief sie pltzlich, vor dem
kleinem Kamin stehen bleibend, ber welchem ein schner Claude Lorrain
aufgehngt war. Hier kommt mein herzig liebes Vterchen hin, obwohl der
bse Mensch eigentlich gar nicht verdient, da ich ihn noch ansehe, seit
er mich so treulos verlassen und mich den barbarisch grausamen Hnden einer
gewissen Frau Ulrike berantwortet hat. Geschwind, Lisette, ausgepackt, da
ich meinen Papa endlich wieder unter den Augen habe; er kennt mich doch am
Besten von allen Menschen, und wei, ob ich so schlecht bin, als gewisse
Leute von mir denken.

Dabei ri sie ungeduldig an den Schnren und Pappen, welche ein groes Bild
umhllten, das Lisette so eben aus einer der vielen Kisten heraus genommen.
Aber trotz ihres Eifers gelang es ihr nicht, das Bild aus seiner Umhllung
zu lsen, so da ich endlich zugriff und ihr die Sache abnahm.

Du bist zu heftig, Eugenie, so geht es nicht! sagte ich, vorsichtig
die Schnre entwirrend, aus denen sie einen wahrhaft gordischen Knoten
geschrzt hatte.

Da nimm es, ich mache alles dumm! rief sie strmisch, aber nun stand
sie ungeduldig neben mir und lie mir kaum Zeit und Raum, die Arbeit zu
beenden. Endlich fiel das letzte Papier, und mit einem lautem Jubelschrei
umfate Eugenie das Bild des Vaters mit beiden Armen, drckte es heftig an
ihre Brust und bedeckte es dann mit tausend Kssen, wobei ihr die hellen
Thrnen ber die Wangen rollten.

Vterchen! Mein einzig liebes Vterchen! rief sie mit zrtlicher Stimme.
Nun hab ich dich ja doch, wenn du auch weit fort von deiner armen lustigen
Jenny bist und gar nichts mehr von ihr wissen magst, du bser, bser,
lieber Papa!

Es war wirklich ein unbeschreiblich rhrender Anblick, das wunderliebliche
Mdchen mit so kindischer Zrtlichkeit das Bild des wrdigen Mannes
liebkosen zu sehen, und aller Groll, den sie mir bis jetzt durch ihr
wunderliches Betragen erregt hatte, schwand beim Anblick dieser Scene. Sie
hatte das beste, liebevollste Herz, das zeigte sich nur zu deutlich, aber
unter wie viel Schlacken ruhten diese Goldkrner! Schweigend stand ich
neben Tante Ulrike, welche ebenfalls tief bewegt nach Eugenien hinblickte,
und auch ihr Auge schimmerte in Thrnen, sei es vom Anblick des geliebten
Schwagers, sei es ber die Bewegung ihrer wunderlichen Nichte. Sie trat
nher zu Eugenien heran, und indem sie sich tiefer auf das Bild neigte,
zog sie das liebe Kind innig an ihr Herz und hielt sie lange schweigend
umfangen. Eugenie weinte still am Halse der treuen Tante, und ihr guter
Genius schlo einen Bund mit dem besten Herzen, das ber ihr wachte.

Aber sich lange der Wehmuth zu berlassen, das war denn doch nicht die
Sache unserer Eugenie. Pltzlich raffte sie sich empor, schttelte die
wirren Locken aus der Stirn, trocknete sich die Augen, und rief wieder
muthwillig: Das ist eine schne Geschichte! Hat der bse Papa mich doch
wahrhaftig wieder zum Weinen gebracht, und ich hatte es doch verschworen,
seit sein Reisewagen um die Ecke bog. Geschwind an den Nagel mit dem
Snder, der mich zu solch weichgebackenem Seelchen umgewandelt hat.

Dabei sprang sie auf einen der schwellenden Polstersthle, und hing mit
krftiger Hand das prachtvolle Oelbild an den Nagel. Dann nickte sie
demselben schelmisch zu, kte es noch einmal herzlich und sprang wieder
herab, leicht und lustig wie ein Vogel von dem Zweige.

Der Abend verging ganz gemthlich mit Auspacken, Einrichten, Erzhlen und
Plaudern, und Eugenie war bis zum Schlafengehen so liebenswrdig und artig,
sprach so viel Gescheidtes und Geistvolles zwischen allerlei Wunderlichem
und Barockem, da man ihr eine geheime Bewunderung nicht versagen konnte.
Beim Schlafengehen kte sie mich herzlich und sagte, ich sei doch eine
kleine Hexe, dann hpfte sie trllernd ihrer voranleuchtenden Jungfer nach,
und noch eine ganze Weile hrten wir ihr lustiges Plaudern und Lachen.

Als wir allein waren, strich mir Tante Ulrike freundlich ber das Haar, wie
sie immer that, wenn sie mit mir zufrieden war; dann zog sie sich noch fr
ein Stndchen in ihr Zimmer zurck, whrend ich mein Lager suchte; aber
lange noch scheuchten die Gedanken ber unsere neue Hausgenossin den Schlaf
von meinen Augen, bis endlich der freundliche Traumgott auch meine Sinne
mit holden Bildern umgaukelte.




10.

Eugenie.


Als ich am andern Morgen erwachte, traf mein erster Blick Tante Ulriken,
welche vor meinem Bette stand und die Langschlferin wohl schon eine
geraume Weile angeschaut hatte, denn sie nickte mir freundlich zu und
sagte: Wie schn du geschlafen hast, kleine Grete, ich mochte dich
wahrlich nicht stren, obwohl es schon spt ist. Du schienst sehr angenehm
zu trumen, denn du lachtest so eben wie ein Kind im Schlafe.

Mir trumte von unserer neuen Hausgenossin, Tantchen, sagte ich, mich
im Bett empor setzend. Sie machte eben einen recht lustigen Streich: denn
unserm guten alten Pudel hatte sie ihren feinen Spitzenkragen umgebunden,
und die hellblauen Pantffelchen an die Fe gezogen. Eben wollte sie
ihm noch einen Schleier berwerfen, dann sei das Frulein fertig, wie sie
sagte, da erwachte ich. Wie kann man nur so dummes Zeug trumen!

Nun unsere bermthige Eugenie wre solcher Streiche wohl fhig, lachte
die Tante.

Jetzt will ich aber aufstehen, denn sonst berrascht sie mich gar noch im
Bett, sie ist vielleicht an frhes Aufstehen gewhnt, sagte ich eifrig und
griff nach meinen Kleidern, um mich geschwind fertig zu machen.

O, sagte die Tante, indem sie sich auf mein Bett setzte, da brauchst du
dich nicht sehr zu beeilen, Eugenie liegt wie du noch in den Federn, ich
war eben in ihrem Zimmer. Sie schlief zwar nicht mehr, sondern lag mit
offenen Augen im Bett und schien gelesen zu haben, zum Aufstehen aber hatte
sie noch keine Lust. Sie ist eben ein verwhntes Kind, das thut was ihm
beliebt. Fr's erste mu ich sie schon ruhig bei ihren Launen lassen, so
schwer es mir wird, ich rechne auf ihren richtigen Verstand und ihr gutes
Herz, welche sie mit der Zeit wohl auf bessern Weg bringen werden. Dein
Beispiel, mein Gretchen, soll mich in der Erziehung Eugeniens untersttzen;
denn im Umgange mit dir, mein gutes Kind, wird sie bald einsehen, wer
von euch Beiden auf dem richtigsten Wege ist, ein brauchbarer Mensch zu
werden.

Mein Beispiel, Tantchen? rief ich verwundert. Wie kann ich armes,
ungeschicktes Bauermdchen ein Beispiel fr die elegante, feingebildete
Eugenie sein? Das sagst du wohl nicht im Ernste!

Doch, mein liebes Kind, entgegnete die Tante liebevoll, du bist ein
natrlich einfaches Mdchen, das zwar noch wenig feine gesellschaftliche
Bildung besitzt und gar mancherlei Dinge noch lernen mu, ehe ihre
Erziehung vollendet ist; aber dein bescheidener Sinn und dein einfach
sittiges Wesen knnen der hochfahrenden Eugenie trotz all' ihrer feinen
Bildung und ihrer ueren Eleganz gar wohl zeigen, was ihr fehlt, und wer
von euch Beiden einen greren inneren Werth besitzt. Eugenien fehlt bei
all' ihrer ueren Vollendung doch die recht eigentliche Bildung, ich meine
die Bildung des Herzens, und diese, hoffe ich, wird sie hier bei uns mit
der Zeit erhalten. Das arme Kind hatte bis jetzt leider wenig Gelegenheit,
sich hierin zu vervollkommnen, mchte es noch nicht zu spt sein, und
mchten wir diesem reichbegabten Wesen geben knnen, was ihm noch so sehr
fehlt.

Die Tante zog mich liebevoll an ihr Herz, whrend ich stumm und demthig
mein erglhendes Gesicht an ihrer Schulter barg. Ach ich war unsglich
glcklich ber die Worte der geliebten Tante! Wohl oft schon hatte sie
mir durch einige zufriedene Aeuerungen oder Blicke gezeigt, da sie nicht
unzufrieden mit mir war, und da ich trotz meiner vielen Thorheiten dennoch
ihre Liebe und ihr Vertrauen besa, aber so viel Lob war mir noch nie von
ihr zu Theil geworden. Fast htte ich stolz und eitel davon werden knnen,
aber die Tante kannte mich genug, um zu wissen, da ihre Worte bei mir
diese Folgen nicht haben wrden; denn ich fhlte gar wohl, wie sie mich
durch ihr Lob nur etwas sicherer und selbstbewuter Eugenien gegenber
machen wollte, bei welcher meine ngstliche Bescheidenheit durchaus nicht
angebracht war. Offenherzig gestand ich der Tante diesen Gedanken, und ihr
feines Lcheln besttigte meine Vermuthung.

Du bist ein kleiner Schalk, Gretchen, sagte sie heiter. So ganz
fehlgeschossen hast du freilich nicht; denn ich kann nicht leugnen, da
ich allerdings herzlich wnsche, du mchtest dich recht fest in den Sattel
setzen, um im Laufe mit Eugenien von ihr nicht herausgeworfen zu werden,
was ihren Uebermuth sehr vermehren wrde. Aber ich hoffe, es wird schon
gehen, wenigstens that Eugenie gestern schon einige Aeuerungen ber dich,
welche mir zeigten, du habest ihren Capricen tapfer die Stirn geboten.
Damit hast du dir schon ein gutes Theil Terrain bei ihr erobert, und das
ist mir lieb zu hren.

Ich erzhlte der Tante lachend mein gestriges Gesprch mit Eugenien, das
sie sehr ergtzte.

Ja ja, auf seiner Hut mu man bei dem Blitzmdchen sein, sagte sie, denn
vergiebt man sich bei ihr erst einmal etwas, so hat man das Spiel verloren.
Nun halte dich tapfer; fr dich wird aus dem Umgange mit ihr auch gar
vielerlei Gutes erwachsen, wenn du es wohl zu ntzen verstehst. Aber
jetzt eile dich mit deiner Toilette, sonst berrascht dich Eugenie am Ende
wirklich noch im tiefsten Neglige.

Ich kleidete mich mit Tantchens Hlfe schnell an und hatte die Freude,
von ihr abermals ein Lob zu erhalten, wie nett und richtig ich jetzt
alles machte, was zur Toilette gehrt. Entsinnst du dich noch des ersten
Morgens, Gretchen? fragte sie neckend. Weit du noch, wie ich da nicht
aufhren konnte zu verbessern und zu reden? Weit du, wie du mit den
nackten Fen zum Bett heraus fuhrest, und als Hemdenmtzchen an der Erde
hocktest? Wie du dich ohne Wasser wuschest und endlich eine ganze Sndfluth
um dich her verbreitest?

O still, still, Tantchen! Wie sollte ich das vergessen haben? rief ich,
der Tante den Mund zuhaltend. Damals dachte ich nicht, da ich es dir
je wrde recht machen knnen, das kann ich dir jetzt ehrlich gestehen.
Nachgerade aber ist mir nun doch einige Hoffnung gekommen, da dein dummes
Backfischchen noch ein vernnftiger Mensch werden knnte.

Die Zeit wird es ja lehren, sagte die Tante mir zunickend. Jetzt geh und
sieh, ob Eugenie nicht bald kommt, sonst mssen wir ohne sie frhstcken,
mein Magen hat wegen meiner kleinen Faulpelze jetzt lange genug gefastet.

Ich eilte in Eugeniens Zimmer, um die Cousine zum Frhstck abzuholen. Aber
wie erstaunte ich, als ich die junge Dame noch im Bett und eben im Begriff
fand, ihre Chocolade zu schlrfen, welche Lisette ihr prsentirte.

Guten Morgen, Gnseblmchen! rief sie mir frhlich entgegen und gebot
ihrer Jungfer, das Frhstck neben ihr Bett zu stellen. Was habt ihr
fr gruliches Zeug von Chocolade hier im Hause! fuhr sie, den Mund
verziehend, fort. Das ist ja ser Mehlbrei fr Wickelkinder, pfui! Mama
soll mir augenblicklich von unserer Vanillechocolade schicken, hrst du
Lisette! Schreib es gleich auf den Bestellzettel. Aber du mein Himmel!
Heilige Margarethe, schon fix und fertig in den Kleidern? rief sie dann,
mich verwundert vom Kopf bis zu den Fen anblickend. Was hast du denn
vor, willst du verreisen, da du dich so frh schon anziehst?

Nein, das thue ich stets, Eugenie! sagte ich gleichmthig. Die Tante
sieht es nicht gern, wenn junge Mdchen im Morgenrock umher gehen, weil sie
es fr Verwhnung hlt.

Nun da wird sie sich bei mir wohl daran gewhnen mssen, entgegnete
Eugenie schnippisch und strich die feine Stickerei ihres Nachtjckchens am
Handgelenk glatt. Ich bin kein Brgermdchen, das gleich aus dem Bette auf
die Strae mu, meine Bequemlichkeit lasse ich mir nicht stren.

Jeder nach seinem Gefallen, liebe Cousine, erwiederte ich achselzuckend.
Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, allen Wnschen der Tante
nachzukommen, und so thue ich auch dies, obwohl auch ich an Morgenrock und
Hubchen gewhnt war. Jetzt finde ich es selbst sehr angenehm, gleich frh
fertig zu sein, man gewinnt sehr viel Zeit dabei.

Bah, Zeit! Was habe ich davon! rief Eugenie spttisch. Der Tag ist
ohnehin lang genug.

Ich mchte ihn stets noch einmal so lang haben, die Zeit vergeht mir immer
viel zu schnell, erwiderte ich.

Du bist eine Nrrin, Gnseblmchen, rief Eugenie rgerlich. Aber was
willst du eigentlich bei mir, kommst du etwa nur, um mir wieder eine
Predigt zu halten? Den Anlauf dazu nimmst du schon wieder.

Ich habe das Gesprch nicht angefangen, Eugenie! sagte ich kurz. Ich
kam nur, dich zum Frhstck zu rufen; da du dasselbe aber fr dich allein
einzunehmen fr gut findest, so habe ich weiter nichts hier zu suchen.

Dabei wandte ich mich nach der Thr und wollte gehen. Ein schallendes
Gelchter Eugeniens traf mein Ohr, und unwillkrlich blickte ich nach ihr
zurck.

Du bist eine kostbare kleine Kratzbrste! rief sie lustig. Nun gehst du
schnurstracks zu unserer wohllblichen Tante und berichtest ihr brhwarm,
was sich allhier so eben zugetragen, und wie ich der heiligen Margarethe
hchsten Zorn erregte. Und dann setzt ihr beiden Tugendexempel euch
einander gegenber und weint heie Thrnen ber das rudige Schaf, das
unter eure fromme Heerde gekommen.

Rede doch nicht solchen Unsinn, Eugenie! entgegnete ich, indem ich gegen
meinen Willen lachen mute. Da die Tante mich jedoch erwartete, eilte ich
zur Thr hinaus, hinter mir drein aber flog einer der seidenen Pantoffeln,
welche das lose Mdchen mir nachsandte.

Die Tante schttelte den Kopf, als ich ihr von diesem Morgenbesuche
erzhlte, und wir tranken ziemlich still und ernst unsern Kaffee. Aber
noch waren wir nicht damit fertig, so ffnete sich die Thr, und Eugeniens
rosiges Gesichtchen schaute zu uns herein.

Da ist sie doch! rief ich freudig berrascht und eilte ihr entgegen.
Auch die Tante stand auf, der Ankommenden die Hand zu reichen, Eugenie aber
schritt feierlich zu uns heran und sagte salbungsvoll:

Wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter
ihnen!

Ich erschrak ber diesen Frevel, als htte ich selbst die Snde begangen,
die Tante aber blickte rasch auf, dunkle Gluth frbte ihre Stirn, und
finster, wie ich sie noch nie gesehen, schaute sie Eugenien an.

Unbesonnenes Mdchen! sprach sie streng, la mich nie wieder dergleichen
frevelhafte Worte hren! Leichtsinn und Unarten will ich dir verzeihen,
aber wer Spott mit dem Heiligsten treiben kann, von dem will ich nichts
mehr wissen, fr den habe ich nur noch die tiefste Verachtung. Ich hoffe,
du siehst ein, wie unverantwortlich du gehandelt und bereust es von
Herzen!

Eugenie stand erschrocken vor der zrnenden Tante und hatte ihre kecke
Haltung ganz verloren. Sie fate sich zwar endlich wieder und wandte sich
etwas verlegen zur Seite, aber der tiefe Ernst der Tante lie jegliche
Erwiderung auf ihrer Lippe ersterben, und schweigend setzten wir unser
Frhstck weiter fort. Eugenie fhlte sich augenscheinlich dabei hchst
unbehaglich, denn bald stand sie auf und machte sich im Zimmer zu schaffen.
Endlich ffnete sie den Flgel und lie die Finger ber die Tasten gleiten,
ohne rechten Zusammenhang zwar, aber so kunstvoll und meisterhaft, da ich
erstaunt aufhorchte.

Spiele uns doch etwas, liebes Kind, sagte Tante Ulrike sanft, und
herzlich erfreut, da sie aus dem Dilemma durch Tante's gtige Anrede
erlst worden, lie Eugenie nun ihre Finger im raschen Spiele ber die
Tasten rollen. Es war ein wirklicher Genu, ihr zuzuhren, denn Anschlag,
Gelufigkeit und Vortrag, alles war so vortrefflich, wie ich es selten
gehrt hatte. Dem Spiel folgte bald auch Gesang, und die reine hohe
Sopranstimme sowie der ungemein ansprechende Vortrag Eugeniens entzckten
mich von Neuem, und auch der Tante ernstes Gesicht hellte sich mehr und
mehr auf. Musik ist der beste Vermittler, Trster und Helfer in so
manch trber Lage des Lebens, und auch hier halfen uns die Tne ber den
unangenehmen Zustand hinweg, in den Eugeniens Thorheit uns versetzt hatte;
denn als sie vom Klavier aufstand, reichte ihr die Tante freundlich die
Hand und lobte ihre treffliche musikalische Ausbildung.

Du mut meine Lehrer loben, nicht mich, Tantchen! rief Eugenie, sich
nachlssig auf das Sopha werfend. Sie haben mich genug damit geqult, mehr
als all' die Lappalie werth ist.

Nun du solltest es ihnen danken, denn du bist durch diese Mhe in den
Besitz schner Talente gelangt, entgegnete die Tante. Eugenie beantwortete
diese Ermahnung aber in ihrer bekannten liebenswrdigen Weise, indem sie
den Mund zum Ghnen ffnete, und leise seufzend ging die Tante an ihr
vorber.

Einige Zeit nachher kehrte ich mit dem Ausgabebuche der Kchin aus der
Kche in das Wohnzimmer zurck und trug vorsichtig eine Menge kleiner
Mnzen, welche ich eingewechselt, auf dem Umschlage des Buches. Eugenie
ging trllernd an mir vorber, und ehe ich wute, wie mir geschah, schlug
sie mir Geld und Buch aus den Hnden, da die Mnzen rings im Zimmer
umher flogen. Wie ein tolles Kind lachte sie dann ber ihren muthwilligen
Streich, whrend ich bestrzt niederkniete, die vielen kleinen Geldstcke
mhsam aufzulesen.

Aber da trat die Tante, welche alles aus ihrem Cabinet mit angesehen, zu
uns heran, gebot mir aufzustehen, Eugenien aber, selbst aufzusuchen, was
sie hingeworfen. Eugenie blickte betroffen auf, dann warf sie den Kopf in
den Nacken, ffnete die Thr und rief ihre Kammerjungfer herbei.

Lies die Mnzen auf, Lisette! befahl sie dem eintretenden Mdchen, und
schon kniete dieses am Boden, da sagte Tante Ulrike:

Lisette, geh nur, es ist schon gut.

Dann aber, als das Mdchen das Zimmer verlassen, gebot sie Eugenien ruhig
aber sehr ernst, selbst ihren stolzen Rcken zu beugen und wieder zu
verbessern, was sie Thrichtes gethan.

Eugenie wute nicht, ob sie ihren Ohren trauen sollte; aber der stille
Ernst der Tante imponirte ihr doch gewaltig, und ohne eine Erwiderung
begann sie das mhsame Werk. Unter Sthnen und Schelten kroch sie am Boden
umher, kaum aber hatte sie eine Hand voll Mnzen aufgesammelt, so warf sie
mir dieselben voll Ingrimm wieder an den Kopf, und so wrde sie nimmermehr
zu Ende gekommen sein, htte ich mich ihrer nicht endlich dennoch erbarmt
und ihr beigestanden.

Ach meine Fe, meine Glieder! rief sie nun, als wir fertig waren. Ich
bin wie gerdert, es ist mein Tod! Ich lie sie ruhig klagen und ging
meinen huslichen Geschften nach. Als ich wieder zurck kehrte, fand ich
sie nicht mehr, und da ich glaubte, sie werde wohl Toilette machen, ging
ich nach ihrem Zimmer, ihr zu helfen. Aber wie erschrak ich, sie hier im
Bett zu finden. Als sie mich sah, berhufte sie mich mit Scheltworten und
Klagen, sagte, sie werde hier behandelt wie ein Strfling, und es werde
sicher ihr Tod sein, sie fhle sich jetzt schon vllig krank und elend.

Bestrzt eilte ich zu Tante Ulrike, dieser den Zustand Eugeniens
mitzutheilen, die Tante aber lchelte ber meine Sorgen und sagte ruhig:
La nur Kind, Eugenie wird schon wieder gesund werden, aber geh nicht zu
ihr, wir mssen sie sich selbst berlassen. Dann ergriff sie ein Buch und
begann unsere tgliche Lektre, und Lessings geistvolle Worte, die sie mir
vorlas, fhrten meine Gedanken bald in andere schnere Regionen.

Meine Freundin Marie unterbrach nach einiger Zeit unsere Beschftigung, um
sich nach dem neuen Ankmmling zu erkundigen. Da Eugenie aber noch immer
nicht sichtbar war, so hatten wir Zeit genug, lange allein mit einander zu
schwatzen.

Schon nahte die Mittagstunde, und Marie wollte wieder gehen, da erschien
pltzlich Eugenie in der Thr, hchst zierlich angekleidet und stolz und
vornehm in Miene und Haltung. Ich stellte ihr meine Freundin vor und fragte
nach ihrem Befinden, sie aber lehnte sich matt in den Sessel, nickte Marien
kalt einen Gru zu und schien uns dann nicht weiter zu beachten. Marie
entfernte sich bald und war auer sich ber Eugeniens Art und Weise,
ich suchte sie inde zu entschuldigen; aber meine Versicherung, da sie
unendlich liebenswrdig sein knne, fand bei meiner feinfhlenden kleinen
Freundin durchaus keinen Glauben.

Ich setzte mich still an meine Arbeit, whrend meine Cousine wieder
nachlssig auf dem Sopha ruhte. Ihr helles Lachen berraschte mich aber
bald darauf, so da ich verwundert aufblickte.

Ist sie immer so blau und so blond? rief Eugenie lustig.

Wen meinst du denn?

Nun deinen Castor, mein Pollux!

Ja, blond ist sie immer, wie ich immer schwarz bin. Und blau trgt sie
viel, ich liebe das gerade an ihr. Wie gefllt sie dir denn, Eugenie!

Wie einem solch' Butterschfchen gefallen kann! Es fehlt nur Todtenkopf
und Bibel, und die bende Magdalena ist fertig.

Ich war emprt. Meine Marie, meine vergtterte, herrliche Freundin so zu
schmhen, es war abscheulich! Ich wollte eben einige rechte bitterbse
Worte erwidern, da fhlte ich mich pltzlich von hinten umschlungen, und
Eugeniens schnes Gesicht blickte voll Schelmerei in meine feuchten Augen.

Richtig, das Wetter wird gleich losbrechen! rief sie, und kte mich.
Schleudere deine Blitze nur herab auf mein reuig Haupt, o Kronion, ich
verdiene es nicht besser!

Nun mute ich wieder lachen, wo ich bse sein wollte, es war nicht
auszuhalten mit diesem Mdchen!

Was machst du denn eigentlich da? fragte Eugenie und nahm mir meine
Arbeit aus der Hand.

Etwas sehr Husliches und Prosaisches, wie du siehst, ich stopfe
Strmpfe.

Du stopfst sie? Um's Himmels willen, warum thust du denn das, das macht
doch kein anstndiges Menschenkind selbst!

Ich wte nicht, was bei solcher Arbeit Entehrendes wre? Die Tante sagt,
je weniger Hlfe wir von Anderen brauchten, je besser wren wir daran, denn
um so unabhngiger machte man sich von anderen Menschen.

Hm, das ist nicht dumm. Machst du dir noch mehr selbst, auch etwa die
Kleider und das Weizeug?

Die Wsche und Kragen natrlich. Und die Tante hat mir versprochen, ich
solle auch das Schneidern erlernen, damit ich spter auch meiner Mutter und
den Schwestern die Kleider machen kann, denn auf dem Lande ist das doppelt
angenehm.

Aber wo in aller Welt nimmst du denn die Zeit her zu all' den Arbeiten?
Das brchte ich ja nun und nimmermehr zu Stande, und wenn der Tag Millionen
Stunden htte!

Ja siehst du nun wohl, wozu es gut ist, zeitig aufzustehen und sich gleich
anzuziehen? Auf dem Sopha kann ich freilich auch nicht immer liegen, wenn
etwas fertig werden soll.

Hexe, die du bist! schmollte Eugenie, und spielte Ball mit meinen
aufgerollten Strmpfen.

Wie geht es dir denn eigentlich, Eugenie, fragte ich nun theilnehmend,
bist du denn wieder ganz wohl!

Das kann dir ganz einerlei sein, da du nicht frher danach gefragt hast,
sagte sie trotzig. Ich glaube, ich knnte sterben und verderben, ehe sich
jemand von euch um mich bekmmerte.

Ich mute still vor mich hin lcheln und sah wohl ein, das beste Mittel sie
zu kuriren sei, wie Tante meinte, ihre Krankheit gar nicht zu beachten, wer
wei, wie lange sie noch sthnend im Bette geblieben wre, htten wir uns
ngstlich und sorgenvoll um sie bemht.

Am Nachmittag machte die Tante einige Besuche mit uns, um ihren Freunden
ihr zweites Pflegekind vorzustellen. Ach welch' ein Unterschied war
in Eugeniens Erscheinen bei ihrem ersten Besuche im Vergleiche mit dem
meinigen damals! Unwillkrlich sah ich mich armes, hlzernes Mdel, dem
Angst und Ungeschick die Rthe der Scham und Verlegenheit auf die Wangen
jagte, neben der feinen, eleganten, anmuthigen Eugenie. Wie unendlich
liebenswrdig konnte dies Mdchen sein, wenn sie wollte! Und den Fremden
gegenber wollte sie fast immer, deshalb gewann sie bald Aller Herzen, und
niemand ahnte, wie schwere Stunden dieses verzogene, launische Kind den
Ihren zu Hause bereiten konnte. Auch Marie shnte sich etwas mit Eugenien
aus, da sie am Nachmittage ganz ausgetauscht schien, und freundlich und
gesprchig war, wie gewhnlich.

Sehr ergtzlich fiel der Besuch bei Geh. Rath Delius aus. Amanda schwebte
wieder in ihrer bekannten affectirten Weise durch das Zimmer und machte es
sich im Lehnstuhle bequem, indem sie bald das Flacon, bald den Fcher oder
das Taschentuch handhabte; mich ignorirte sie natrlich gnzlich, aber auch
Eugenien behandelte sie so von oben herab, da mir ganz bange wurde.

Zu meiner Verwunderung schien dies Betragen Eugenien gar nicht zu
verletzen. Sie beobachtete Amanda ziemlich still eine Weile, und ich sah es
um ihre Lippen zucken wie lauter Lust und Muthwillen. Leise lehnte auch sie
sich in ihren Lehnstuhl zurck, noch viel bequemer als Amanda, zog rasch
einen Fuschemel herbei, nach dem jene so eben greifen wollte, setzte
ebenfalls Riechflschchen und Taschentuch in Bewegung und sprach noch viel
matter und blasirter als ihre Gegnerin. Und das alles war so wenig gemacht,
schien so ganz eigene Natur zu sein, da ich staunend die sonst so frische
Eugenie betrachtete.

Amanda wute augenscheinlich auch nicht, was sie dazu sagen sollte,
unwillkrlich erhob sie sich etwas aus ihrer bequemen Lage, suchte ein
ordentliches Gesprch anzuknpfen und zierte sich weniger. Eugenie
aber lie sich nicht stren, gab zwar Antworten, aber ganz in Amanda's
bisheriger Art und Weise, und wandte sich viel mehr zu mir armen Dinge, als
zu der eleganten Tochter des Hauses. Als jedoch die Geheimrthin selbst mit
Eugenien ein Gesprch begann, betrug sie sich wieder so liebenswrdig und
fein, wie es stets ihre Art war. Wirklich setzte es Eugenie in dieser
Weise mit der Zeit durch, da Amanda ihr abgeschmacktes Wesen ihr gegenber
aufgab und natrlicher sprach und sich bewegte, und wie sie, so stimmte
auch Eugenie ihren natrlicheren Ton wieder an, so da diese beiden
eigenthmlichen Mdchen recht gut mit einander fertig wurden.




11.

Noch einmal Eugenie.


Ich ging am andern Morgen zeitig wieder nach Eugeniens Zimmer, um zu
hren, ob sie wieder ganz wohl sei, und heute empfing sie mich zwar eben so
muthwillig wie gewhnlich, aber doch herzlich und freundlich.

Willst du meinem Lever beiwohnen, Gnseblmchen? sagte sie, die Glocke
ihres Nachttisches bewegend. Du sollst auch die Ehre haben, mir hchst
eigenhndig das reine Hemdchen ber meinen jungfrulichen Nacken zu
streifen, und niemand soll dir dein Amt streitig machen. Du kennst doch
die schne Geschichte von LudwigXIV., der eine halbe Stunde ohne
jegliche Hlle im Naturkostme verharren mute, nur weil jedesmal in dem
Augenblicke, als der Vornehmste seiner Umgebung ihm besagtes Kleidungsstck
berwerfen wollte, ein noch Vornehmerer in das Zimmer trat, dem dann dies
hchste aller Aemter im groen Staate Frankreich bergeben werden mute?

Ich kannte die Geschichte wohl, lie Eugenien jedoch ruhig erzhlen und
betrachtete mir inde die schne Stickerei ihrer Wsche.

Wie schn das alles ist! sagte ich voll Bewunderung.

Gefllt es dir? entgegnete Eugenie gleichgltig. Suche dir aus, was du
willst, das Zeug ist mir alles egal.

Aber das kostet ja alles so viel Geld, Eugenie, egal kann es dir doch
unmglich sein! wagte ich einzuwerfen.

Bah, Geld! rief sie achselzuckend. Was kmmert mich das! Mama sagt, das
sei Nebensache, Papa habe genug davon.

Aber du knntest es doch besser anwenden, als es so wegzuschleudern, liebe
Cousine. Wie viel Freude knntest du Andern machen mit einem kleinen Theil
dessen, was du so verschwendest.

Besser anwenden? Was meinst du damit, Kleine?

Nun wie gesagt, du knntest Andere damit glcklich machen, die weniger
haben.

Wen meinst du denn? Lisetten gebe ich alles, was sie haben will, und wer
mich sonst anbettelt, der bekommt auch immer etwas.

La gut sein, du verstehst nicht, wie ich das meine, liebe Eugenie,
schlo ich endlich. Komm lieber und stehe auf, ich habe keine Zeit mehr zu
warten.

Eugenie rief Lisetten an das Bett und streckte derselben einen Fu nach
dem andern entgegen, woran die Zofe erst die feinen Strmpfe und dann die
blauseidenen Pantoffeln streifte. Dann lste sie alle Knpfe und Bnder an
dem Nachtkleide der jungen Dame, und diese lie alles geschehen ohne selbst
auch nur einen Finger zu rhren. Ich schaute dem Dinge voll Verwunderung
zu, sagte aber kein Wort; doch als sie fertig war, und Lisette ihr alle
Knpfe, Bnder und Haken wieder geschlossen und ihr den feinen weichen
Morgenrock bergeworfen hatte, der durchweg mit weier Seide gefttert war,
bat ich sie scherzend, sie mge nun auch einmal meinem Lever beiwohnen, um
sich zu revanchiren. Das ergtzte sie sehr und sie versprach es. Natrlich
glaubte ich nicht, da sie es thun wrde und war deshalb hchst erstaunt,
sie wirklich am andern Morgen schon neben meinem Bette zu sehen, als ich
erwachte.

Nein solch' ein Faulpelz! rief sie triumphirend, als ich sie voll Staunen
anblickte. Da nimm dir ein Beispiel an Eugenie, dem braven Mdchen, die
hat schon seit drei Stunden Strmpfe gestopft! Wirklich sah ich einen
ganzen Berg Wsche neben ihr aufgehuft, und einen Strumpf ber ihren Arm
gezogen, focht sie mit langer Nadel und Faden heftig in demselben auf und
nieder. Bald sah ich wohl, da sie nur Scherz trieb und keine Idee von der
Arbeit hatte, die sie vorgab, ich ignorirte es aber und blickte
staunend auf sie hin. Ihr frhliches Lachen fand dann natrlich sogleich
Erwiederung, und ich fand nicht Worte genug, ihren Heroismus zu bewundern,
bis sie endlich den ganzen Haufen Wsche auf die Seite warf und sich im
Lehnstuhle behaglich streckte.

Aber nun rasch aus den Federn! rief ich und griff nach meiner Wsche und
den brigen Sachen.

Machst du das denn selbst, Gnseblmchen? sagte Eugenie erstaunt und sah
auf meine Finger, welche schnell Bnder und Haken lsten und schlossen.

Natrlich, das macht mir niemand anderes schnell und gut genug!
entgegnete ich. Es wre mir unertrglich, solch' Kammermdchen an mir
herum zupfen und zerren zu lassen, und zu warten, bis es ihr gefllig wre,
mich zu bedienen. Selbst ist der Mann! Du glaubst nicht, wie angenehm es
ist, alles selbst zu machen.

Ja diese Lisette ist ein grulicher Tlpel! sagte Eugenie nachdenklich.
Du glaubst gar nicht, wie sie mich qult und peinigt durch ihr Ungeschick!
Und gerade wenn ich sie brauche, kann sie niemals kommen. Du bist zehnmal
besser daran als ich, ich beneide dich wirklich!

Aber so versuche doch, dich einmal allein zu bedienen, liebes Herz, dann
bist du allen Aerger los, rief ich lachend und fuhr mit dem Kamme durch
mein dichtes Haar.

Ich kann es ja nicht! Mama sagt immer, es sei unschicklich, sich selbst zu
bedienen.

Nun weit du was? Ich werde dir helfen, bis du es kannst, willst du das,
Eugenie?

Hm, ja, nein, wie du willst! Ich wei selbst nicht! stotterte Eugenie und
drehte mein Haar um ihre Finger. Du wrdest doch davon laufen, denn ich
qulte dich natrlich so lange, bis du es thtest, setzte sie dann in
ihrer lustigen Weise hinzu.

Nun, darauf wollen wir es ankommen lassen! Soll ich morgen frh kommen?

Nein, ich mag nicht, es ist doch unbequem, und du bist mir ohnehin weise
genug! rief sie und warf sich wieder nachlssig auf den Lehnstuhl, ich
aber lie sie in Ruhe, denn hier strmen oder drngen zu wollen, wre sehr
unklug gewesen. Aber siehe da, am folgenden Morgen sa Eugenie schon am
Frhstckstisch, als die Tante und ich in das Zimmer traten, und auf unsere
verwunderten Ausrufungen sagte sie leichthin:

Ich ennuyire mich todt bei meiner einsamen Chocolade, ich will mit euch
zusammen frhstcken. Und Gnseblmchen soll nur ihre Dienste Anderen
anbieten, ich brauche sie nicht. Ich habe mir heute alles selbst gemacht,
da seht her, ob's nicht ordentlich ist!

Natrlich berhuften wir sie mit Lobeserhebungen, aber die waren bei ihr
nie angebracht, und in komischem Verdru hielt sie sich die Ohren zu.

Dergleichen kleine Scenen wiederholten sich fast tglich, und so bse wir
nur gar zu oft ber das unverstndige Mdchen sein muten, eben so sehr
shnte uns bald darauf ihr gutes, herzvolles Betragen wieder mit ihr aus.
Es lag ein Schatz von groem Werthe in diesem wunderlichen Geschpfe,
und wer nur die Geduld nicht verlor, der konnte in ihr noch viel Gutes
erwecken. Tante Ulrike war ganz die Person dazu, das fhlte auch die
leichtsinnige Eugenie gar wohl, und hing in ihrer Weise bald eben so innig
an diesem trefflichen Wesen, als ich es in der meinen that. Da auch ich
mich bald der Gunst Eugeniens mehr zu erfreuen hatte, als ich je gehofft,
erleichterte mir das Herz unbeschreiblich, liebte ich doch das reizende,
wunderliche Mdchen trotz allem, was sie mir anthat, bald aus ganzer Seele.

Aber wie manches hatten wir im Anfange noch zu berwinden, ehe Eugenie
etwas vernnftiger wurde! Ich besonders war stets die Zielscheibe ihrer
losen Streiche, und doch wute sie es immer wieder gut zu machen, wenn sie
mich gekrnkt oder gergert hatte.

Eines Tages trat ich an meinen Arbeitstisch am Fenster und ordnete die
rankenden Schlingpflanzen, welche sich an demselben hinzogen. Dabei wollte
ich, wie ich tglich that, das Bild meiner lieben Marie begren und hob
die Bltter des Epheu empor, um es besser zu sehen.

Aber erschrocken fuhr ich zusammen, und mit bebender Hand griff ich nach
dem geliebten Schatze, um mich zu berzeugen, ob ich mich tuschte. Nein es
war kein Irrthum! Eine bse, frevelnde Hand hatte mir verdorben, woran mein
ganzes Herz hing. Ein dicker, schwarzer Schnurbart deckte die feinen Lippen
des netten Bildes und entstellte das zarte Gesicht der rosig frischen
Blondine. Es war zu abscheulich, zu boshaft, und doch konnte man sich des
Lachens ber den sonderbaren Anblick nicht enthalten.

Da Eugenie mir diesen Streich gespielt lag auer Frage, denn oft schon
hatte sie dies kleine Oelbild verhhnt, das ich allerliebst fand, sie
aber meinte, es she aus wie ein Ritterfrulein auf dem Pfeifenkopfe eines
Handwerksburschen.

Ich nahm das arme Bild still von der Wand und legte es in den Kasten,
schelten konnte ich das lose Mdchen nicht, dazu war mir zu weh um das
Herz; aber meine roth geweinten Augen und die leere Stelle ber meinem
Nhtisch, welche ich durch kein anderes Bild verdeckte, sagten Eugenien
wohl, wie sehr ich mich grmte. Bald erfuhr ich auch, da die Tante sehr
ernst ber diesen herzlosen Streich mit ihr geredet hatte, und dies war mir
lieber, als mich selbst mit ihr darber zu streiten.

Wie sehr staunte ich nun eines Morgens, als ich den leeren Platz durch ein
neues Bild ausgefllt sah, und zwar ein Bild von meiner lieben Marie, ganz
zart und duftig in Wasserfarben gemalt und unendlich viel schner als
das verdorbene! Die frischen Farben und die anmuthigen Zge waren so treu
wieder gegeben, da ich voll jubelnden Entzckens das liebe Bild an die
Lippen drckte und auer mir war vor Freude. Wer hatte das gethan! Konnte
Eugenie? -- aber nein, das war ja ein kleines Kunstwerk, und verstand sie
das, wann htte sie es gearbeitet? Und doch, es she ihr so hnlich! Aber
sie selbst wrde es nie eingestehen, mich hchstens noch verspotten.

Da kam das Urbild meiner Freude selbst, meine liebe gute Marie! Jubelnd
flog ich ihr entgegen und fragte, wer das Bild gemalt.

Nun Eugenie, wie kannst du daran zweifeln? sagte Marie. Sie war ja
einige Mal heimlich bei mir, um es zu malen. Das alte ist ein Monstrum,
sagte Eugenie, und ich habe es absichtlich verdorben, um ihr ein anderes
dafr malen zu knnen, sonst nhme sie es doch nie von der Wand, und ich
htte mich ewig darber zu rgern.

Das sah ihr hnlich, aber danken durfte ich nicht dafr, sonst war sie im
Stande, dem lieben Gesichtchen abermals einen schwarzen Bart anzumalen.
Jetzt erst fiel mir ein, da sie einige Vormittage allein ausgegangen war,
um, wie sie sagte, allerlei zu besorgen. Da war dies Bildchen entstanden.
Welch' Talent lag in dem Mdchen! Musik, Malerei, alles konnte sie
trefflich, nur davon sprechen, sie loben, das durfte niemand, sie rechnete
all' ihr Knnen der Mhe ihrer Lehrer zu und legte scheinbar gar keinen
Werth auf ihre Talente.

Eugeniens Lieblingsthema fr ihre Neckereien, deren sie ewig im Sinn hatte,
war besonders meine einfach lndliche Garderobe, die freilich gegen die
ppig elegante Toilette der verwhnten Cousine gewaltig abstach. Nett
und sauber! das war meiner guten Mutter Princip bei Anschaffung neuer
Kleidungsstcke; aber freilich drang die neueste Mode nur langsam hinaus
auf unser fern gelegenes Landgut, und so mochte ich wohl etwas altfrnkisch
ausgesehen haben, als ich zu der Tante kam, denn diese hatte schon allerlei
Aenderungen an meiner Toilette vorgenommen, so da ich erstaunlich modisch
und zierlich gekleidet zu sein meinte, bis die elegante Eugenie mich durch
ihre Garderobe vllig in den Schatten stellte. Aber dieser Abstand in
der Erscheinung drckte mich nicht, es pate eben so ganz zu unser Beider
Persnlichkeit, und in Eugeniens kstlichen Kleidern wre ich gewi noch
viel steifer und ngstlicher gewesen aus Furcht, sie zu verderben.

Ein etwas buntes, schwerfllig gemachtes Kleid war es besonders, das vor
Eugeniens Augen durchaus keine Gnade fand und fortwhrend Grund zu neuen
Neckereien abgab. Aber der Stoff des Kleides war gut und fein, das Kleid
noch neu und sauber, und so trug ich es trotz alledem ruhig weiter.

Es riecht nach Butter und Kse! sagte Eugenie, wenn sie mich darin
erblickte. Um Gottes Willen geh nicht vor die Stadt, die Khe halten dich
fr eine bunte Wiese und wollen auf dir grasen. Oder auch: Gromutter, in
welchem Winkel deines Strickbeutels stak einmal der kostbare Stoff deines
Bratenrockes? Heit dein Schatz Bauer Michel oder Peter, mit dem du in
diesem Staate Hochzeit machen willst? und was der losen Reden mehr waren.
Aber ich kehrte mich, wie gesagt, wenig daran und trug mein geschmhtes
Kleid weiter.

Eines Tages jedoch konnte ich es durchaus nicht finden, ich durchsuchte
alle Schrnke, aber vergebens. Da kam Eugenie an mir vorber und sagte
leichthin: Ach Gnseblmchen, wenn du etwa dein Gromutterkleid suchst, so
bemhe dich nicht lnger, das hat jetzt die arme Zeitungskthe an. Das alte
Wesen bat mich um einen warmen Rock fr die Klte, aber du weit, meine
Kleider sind alle so dnn und wrmen nicht. Aber das Butter- und Ksekleid
von dir ist so warm und weich, ich dachte, das mte dem armen Weibe gut
thun und gab es ihr. Du bist doch nicht bse darber?

Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten tanzte sie trllernd davon, ich
aber schaute verblfft drein und wute nicht, war das Scherz oder Ernst.
Wre es nicht Eugenie gewesen, so htte ich es fr einen Spa gehalten;
aber sie war fhig das zu thun, was sie erzhlte, und der leere Schrank
sprach nur zu deutlich von der Wahrheit ihrer Geschichte. Das war denn doch
etwas zu stark, dieses feine, gute Kleid an solch' armes Weib zu geben,
der mit etwas Geringerem viel besser gedient war, und nun gar ber das
Eigenthum Anderer so willkrlich zu verfgen! Ich ging fast weinend vor
Verdru in mein Schlafzimmer, um mich fertig anzukleiden und der Tante dann
mein Leid zu klagen. Aber siehe da, als ich an mein Bett trat, sah ich auf
diesem ein wunderschnes violettfarbenes Kleid liegen von einem so kstlich
feinen Wollenstoff, da ich voll Bewunderung stehen blieb und es anschaute.

Nun ich hoffe, es pat dir, kleine Gnseblume! rief Eugenie und schaute
zur Thr herein. Die Schneiderin behauptet dein Ma zu haben.

Soll das denn fr mich sein? fragte ich verwundert und hob das reiche
Gewand in die Hhe, das mit Sammet und Spitzen wunderschn ausgeputzt war.

Mama hatte den Stoff zu einem Winterkleide fr mich bestimmt, sagte
Eugenie achselzuckend, doch es gefiel mir nicht. Da es aber immerhin
hbscher ist als dein Bratenkleid, so habe ich es dir machen lassen und
verschenkte deinen Hochzeitrock, nur damit ich mich nicht vollends todt
darber rgern mu. Zu bedanken brauchst du dich nicht, denn ich konnte
die Farbe fr mich nicht leiden. Veilchen sind mir nun einmal schrecklich
langweilig, darum mag ich auch ihre Farbe nicht tragen.

So wute das sonderbare Mdchen stets die Sachen zu wenden und zu drehen,
da man schlielich weder schelten noch danken konnte, aber das wollte
sie eben. Sie hatte ihren Willen, das war die Hauptsache, und alles Andere
mute schweigen. Noch nie im Leben hatte ich ein so schnes Kleid besessen,
und freudestrahlend eilte ich damit zur Tante. Diese begrte mich
lchelnd und sagte, es mge jetzt gut sein, ihre Strafpredigt htte Eugenie
erhalten, denn unrecht sei ihre Handlung bei alledem; aber den Tausch knne
ich mir wohl gefallen lassen. Das fand ich auch, denn mit Vergngen sah
ich in Tante's groem Spiegel, da ich ordentlich hbsch in dem stattlichen
Kleide aussah.

Thust du den Armen gern Gutes, Eugenie? fragte ich in Folge der
Kleidergeschichte, denn lange schon hatte es mir am Herzen gelegen, meine
reiche Cousine mit meinen Armen bekannt zu machen, die ich regelmig jede
Woche besuchte.

Thu' doch nicht solche Alt-Jungferfragen, Gnseblmchen! erwiderte
Eugenie. Die Armen sind schrecklich unbequemes Volk, ich kann sie nicht
leiden, darum schenke ich ihnen immer schnell etwas, wenn sie an mich heran
kommen, dann bin ich sie los.

Aber das ist nicht recht, Eugenie, deshalb mut du es doch nicht thun!
Denke doch, wie schrecklich schlimm diese armen Geschpfe daran sind, denen
oft das Nthigste zum Leben fehlt. Wenn wir ... Aber was machst du denn,
was soll denn das heien? fuhr ich endlich fort und sah Eugenien zu,
welche mir eine schwarze Schrze als Mantel umband und eine Art Thron von
Sthlen erbaute.

Wenn's gefllig wre, Herr Pastor, die Kanzel ist fertig, predigen Sie
dort weiter, sagte sie mit einer feierlichen Verbeugung gegen mich und
setzte sich mit andchtiger Miene mir gegenber. Natrlich war ich nun mit
meinen weisen Reden zu Ende, und das hatte sie nur gewollt. Du bist so
weise, wie du reizend bist! war sonst ihre gewhnliche Redensart, wenn ich
bei ihrem leichten Geschwtz meine solideren Ansichten nicht unterdrcken
konnte, und diese Rede Titania's, mit der sie im Sommernachtstraum den
zum Esel verwandelten Weber Zettel begrt, war auch fr mich eine eben so
zweideutige Phrase, da ich von meinen eigenen Reizen gar schwache Begriffe
hatte.

Wie Eugenie von meiner Predigt ber die Armuth nichts hren wollte, so
war sie auch taub gegen meine Bitte, mich zu einigen armen Familien zu
begleiten, denen ich in jeder Woche etwas zu bringen pflegte, bald Geld,
bald Kleider, bald Essen, was ihnen gerade am nthigsten that.

Es riecht so grlich bei solchen Leuten, man bekommt es nicht wieder aus
den Kleidern heraus. Mein Lehrer nannte diesen Geruch Buttersure, sagte
sie und gab mir Geld, das ich dem armen Volke schenken sollte, nur sie
selbst solle man in Ruhe lassen. Natrlich drang ich nicht weiter in sie,
aber als ich eines Tages von einem dieser Besuche zurckkehrte, konnte
ich nicht unterlassen zu erzhlen, wie sehr mich die Noth und das Elend
in einer jener Familien ergriffen htte, in welcher die Mutter krank, der
Vater auf Arbeit, und die kleinen Kinder sich selbst berlassen waren.

Eugenie schien kaum auf meine Erzhlung zu achten, wie berrascht war ich
deshalb, als ich einige Tage darauf wieder zu der armen Familie kam, zu
hren, da eine junge Dame dort gewesen und sie mit Geld und Sachen reich
beschenkt, ja den kleinsten Knaben lange auf dem Schooe gehabt und ihm
endlich eine kleine goldene Kette um den Hals geschlungen hatte, weil er
gar so hbsch sei. Die Kette war von Eugenien, ich kannte sie wohl, und die
ganze Beschreibung pate auch auf sie. Aber erwhnen durfte ich gegen sie
nicht, da ich von ihrem Besuche wute; schon bei meiner leisen Andeutung
zuckten ihre Augenbrauen, das Zeichen ihres Verdrusses, und so schwieg ich,
Freude und Bewunderung nur gegen die Tante aussprechend, welcher bei meiner
Erzhlung die Thrnen in die Augen traten. Wunderbares liebes Kind! sagte
Tante Ulrike, und ihr Herz erwrmte sich mehr und mehr fr ihr zweites
Pflegekind, in welchem tglich neue treffliche Eigenschaften erwachten.

Und dieser Besuch bei der armen Familie blieb nicht der einzige, den
Eugenie machte. Nach und nach hatten sich eine ganze Anzahl armer Leute
ihrer Gunst und Frsorge zu erfreuen; aber durch wen sie diese Armen
kennen gelernt, danach durften wir nicht fragen, wie es ihr denn berhaupt
unertrglich war, sich beobachtet oder controlirt zu sehen. Tante Ulrike
und ich frchteten freilich nicht ohne Grund, da Eugenie in ihrer
Unerfahrenheit und Gte sicher so manchen thrichten Streich bei
Beschenkung ihrer Armen begehen wrde, und einzelne werthvolle Gegenstnde,
welche ich bald bei ihr vermite, besttigten unsere Vermuthung. Aber
es war da nicht viel zu thun, wollte man Eugenien nicht den ganzen neu
erwachten Wohlthtigkeitssinn wieder verleiden. Eines Tages aber gab sie
selbst Anla zu einem Gesprche ber derartige Dinge.

Ich begreife nicht, Gnseblmchen, wo du das Geld hernimmst, um deine
Armen zu versorgen, sagte sie nachdenklich, als sie von einem ihrer
Besuche heimkehrte. Ich bin nun bald selbst so arm wie eine Kirchenmaus;
aber htte ich noch zehnmal mehr, es reichte doch nicht fr all' das, was
diesen Leuten fehlt.

Ich glaube, du beurtheilst die Bedrfnisse dieser Armen falsch, liebes
Kind, sagte die Tante, welche freundlich zu uns trat. Von allem, was dir
und uns zum tglichen Leben unbedingt nthig scheint, bedrfen diese Leute
nur einen geringen Theil. Wir sind verwhnter, als wir es selbst glauben,
und wren wir in solch' armen Familien aufgewachsen, wir brauchten nur
den hundertsten Theil von all' dem, was wir jetzt fr nthig halten. Darum
knnen wir auch mit kleinen Gaben in armen Husern viel Gutes thun, denn
die Bedrfnisse dort sind leicht zu befriedigen.

Aber Tante, das finde ich gar nicht! rief Eugenie lebhaft. Ich gebe und
gebe, da ich selbst nichts mehr habe, das ist aber alles wie ein Tropfen
auf einen heien Stein, immer brauchen die Leute noch etwas. Vor einigen
Tagen komme ich z.B. zur Familie des Maurergesellen Franke. Ich fand sie
gerade beim Mittagsbrod, sie saen rings um den hlzernen Tisch herum,
und aen alle aus ein und derselben Schssel. Das war mir schon ein
schrecklicher Gedanke, nun aber sah ich die Lffel, mit denen sie aen,
und ich schrak ordentlich zusammen, denn es waren ganz alte, schwarze,
halb zerbrochene Blechlffel! Ich fragte, warum sie denn kein Tafeltuch
auflegten, und jeder seinen Teller fr sich habe, aber da sahen sie sich
verlegen an, denn denkt nur, die armen Menschen hatten nicht ein einzig
Tischtuch, keine Serviette, nur zwei Teller, und die waren aus braunem
Thon, und nur diese abscheulich schwarzen Blechlffel zum Essen. Ich ging
denn sogleich mit Lisetten nach der Stadt, und kaufte eine Menge Teller und
Schsseln, drei Tischtcher mit Servietten, und ein halbes Dutzend silberne
Elffel, was ich alles den armen Leuten so eben hinschickte. Aber so
geht es mir fast berall, die armen Menschen entbehren ja oft das
Allernthigste, doch wie wenig kann ich ihnen darin beistehen! Beim armen
Schlosserhans fand ich die Frau neulich im Bette liegen, aber statt der
Nachtjacke hatte sie ein altes Tuch umgeschlungen, Nachtzeug besa die
Aermste nicht. Statt der Matratze hatte sie nur einen Strohsack als Lager,
und ihre drei Kinder lagen alle in ein und demselben Bette. Ich besorgte
nun gleich allerlei Matratzen und Bettzeug und der Frau einen netten Anzug
fr die Nacht; aber solche Ausgaben haben mich ganz ausgebeutelt, ich wei
nicht mehr, was ich machen soll.

Mein gutes Kind, erlaube mir, da ich mich deiner Verlegenheit annehme,
sagte die Tante sanft und streichelte Eugeniens Wange. Was du mir da
erzhlt, spricht fr dein liebes Herz, aber ich kann dir nicht verhehlen,
da du auf einem falschen Wege bist, den Leuten Gutes zu thun. Was ich
vorher schon sagte, finde ich bei dir besttigt: du hltst Dinge fr
nthig, welche dem Geringeren durchaus nicht als Bedrfni erscheinen. Ich
bin fest berzeugt, die Schlosserfrau trgt das feine Nachtzeug in eine
Leinenhandlung, und lt sich Geld oder derbes Leinen dafr geben, das ihr
nthiger ist, und das Tischzeug und Tafelservice bei Frankes liegt entweder
unbenutzt im Kasten, oder geht denselben Weg, den die silbernen Lffel ohne
Frage gehen, nmlich den, zu Geld eingewechselt zu werden.

Aber Tante, warum denn? Denke doch, wie nthig die Leute diese Sachen
brauchten und wie froh sie nun sein werden, endlich von einem Tischtuche
und von weien Tellern zu essen, sowie vor allen statt der abscheulichen
schwarzen Lffel nun Silber in den Mund stecken zu knnen! sagte Eugenie
verwundert.

Nein Kind, darin besteht eben dein Irrthum, entgegnete die Tante
lchelnd. Du meinst, die Leute htten diese Sachen bitter entbehrt, weil
du sie entbehren wrdest, wrest du an ihrer Stelle. Aber sie kennen es ja
gar nicht anders, haben nie in ihrem Leben anders gegessen, und werden
gar nicht wissen, was sie mit all' den Tellern und gar mit Servietten und
Tischtuch anfangen sollen. Das Silber aber bedrfen sie nthiger, als es
in Lffelgestalt in den Mund zu stecken. Dazu dienen ihre alten Blechlffel
vortrefflich, und du darfst ihnen nicht zrnen, wenn sie jenes Silber in
Geld verwandelt haben, damit sie dafr etwas anschaffen, was sie mit den
schwarzen Blechlffeln verzehren knnen.

Eugenie war ganz gedankenvoll geworden, denn die Rede der Tante erschlo
ihr eine ganz neue Ansicht dieser Dinge. Halb verlegen, aber doch endlich
in ihrer gewhnlichen neckischen Laune fing sie an ber sich selbst zu
spotten und sich lustig zu machen, und in liebenswrdig kindlicher Weise
bat sie Tante Ulrike, ihr bei der Sorge fr die Armen mit gutem Rathe
beizustehen, damit sie den Frauen nicht zuletzt noch Blondenhauben und
Tllschleier und den Mnnern goldene Schnupftabaksdosen anschaffte als
nothwendige Lebensbedrfnisse. Mit tausend Freuden versprach die gute Tante
ihren Rath und Beistand, und so konnten wir in der Sorge fr unsere Armen
jetzt alle gemeinsam wirken. Eugenie entschlo sich mit der Zeit sogar,
Rckchen und Schrzen fr die Kinder selbst mit nhen zu helfen, und mit
stillem Jubel erblickten wir eines Tages gar einen groben grauwollenen
Strumpf in ihren feinen Hnden, den sie fr einen armen Tagelhner eifrig
zu stricken unternommen, nachdem Lisette ihr ihn eingerichtet.




12.

Allerlei.


Wie in meiner Erzhlung, so verdrngte auch im tglichen Leben Eugeniens
Eintreten in unseren Familienkreis fast alles andere, und wie ich diesem
eigenthmlichen Mdchen zwei volle Kapitel gewidmet, so erfllte sie unsere
Gedanken und Gefhle in der ersten Zeit fast ausschlielich. Nach und nach
jedoch kamen die durch sie erregten Wellen des tglichen Lebens wieder
in ruhige Bewegung; Eugeniens absonderliches Betragen bereitete allmlig
weniger strende und rgerliche Auftritte, und sie schlo sich den
Beschftigungen etwas mehr an, welche Tante Ulrike's und meine Zeit
ausfllten. An meinen Lehrstunden mochte sie freilich keinen Antheil
nehmen, davon sei sie bereits bersatt, wie sie sagte, und es war mir nicht
unlieb, dieselben mit meiner lieben Marie ungestrt weiter fort nehmen zu
knnen.

Auch das Vorlesen, das die Tante noch regelmig mit mir fortsetzte,
langweilte sie Anfangs zu Tode, und mir war es recht peinlich, in ihrer
Gegenwart vorzulesen, da sie sich nicht genirte, mich wegen meiner
schlechten Aussprache oder der falschen Betonung grndlich auszulachen.
Aber die Tante verbot ihr bald dies Betragen, und eine Zeitlang mied sie
unsere Lesestunden. Eines Tages jedoch erschien sie wieder und fragte, ob
sie heute einmal mit lesen drfe, und natrlich erlaubte die Tante es gern.
Wir hatten gerade Gtz v.Berlichingen angefangen, dies wunderbar edle
kraftvolle Werk Goethe's, und mit wahrem Entzcken hrte ich nun, wie schn
und ausdrucksvoll die herrliche Sprache des Dichters von Eugeniens Lippen
flo. Sie las anders als die Tante, es war mehr jugendliches Feuer und ein
wundervoller Klang in ihrer Stimme, whrend die Tante ernster und wrdiger
und ich mchte sagen, edler sprach, und mit aufrichtiger Bewunderung und
Freude folgte ich ihren Worten.

Nun schien sie mit einem Male Gefallen am Vorlesen zu finden, denn von
jetzt an war sie stete Theilnehmerin dieser genureichen Stunden. Sie las
abwechselnd mit der Tante und mir, und ihre Neckereien bei meinem Lesen
hatten sich auf harmlose kleine Scherze beschrnkt, welche ich herzlich
gern ertrug und selbst mit belachte. So war sie eben. Man mute ihr Zeit
zur Ueberlegung lassen, nachdem man ihr den rechten Weg gezeigt hatte, und
dann konnte man sicher sein, ihre gute Natur leitete sie zum Richtigen und
Guten. Diese Ueberzeugung war es, welche die Tante trstete und aufrecht
erhielt in aller Sorge, die Eugeniens Betragen ihr bereitete, und ihr Herz
war voll Dank gegen Gott, der ihr dies liebe Wesen an die Brust legte, ehe
der gute Same von dem ppigen Unkraut erstickt wurde, das schon so hoch
ringsum aufgeschossen war.

Eugenie selbst fhlte dies auch von Tag zu Tag mehr, und mit unendlicher
Naivett sprach sie diese Gedanken zuweilen selbst aus, freilich in ihrer
wunderlichen Weise, die Dinge zu besprechen.

Tante, welches von uns beiden Wickelkindern macht dir eigentlich die
meiste Noth? sagte sie wohl. Gnseblmchen, der ungeleckte junge Br,
oder Eugenie, der Ausbund von Tugend und Ehrbarkeit? Gestehe es nur, das
zweite Kind ist doch der grere Rpel von Beiden! Doch was kann ich armer
kleiner Kfer dafr, da ich so lange in der Pftze whlen mute, ehe ich
sah, wo eigentlich guter Grund und Boden zu finden sei? Aber langweilig
werde ich jetzt auf diese Weise und ehrpulich und altbacken, gerade wie
unsere alte Katze zu Hause, die auf ihre alten Tage keine Muse mehr fangen
wollte, wahrscheinlich weil eine Tante Ulrike ihr ins Ohr geflstert, es
sei eine Snde. Puh! wenn Mama mich jetzt she, wie ich mit meinem
groen grauen Strickstrumpfe liebugle, oder die kleinen schmutznasigen
Bettelkinder abksse, sie htte ihre helle Freude daran und kaufte mich
sicher gleich in den alten Weiberspittel ein, fr den sie mich reif
erklren wrde.

Und dann lachte sie in ihrer lustigen Weise und drehte mich mit sich im
Kreise herum, da man ihr gut sein mute, man mochte wollen oder nicht.

Aber trotz ihrer eleganten ueren Bildung kamen doch auch bei Eugenien
allerlei Dinge zum Vorschein, welche Tante Ulrike tadelte, und die ich mir
hinter das Ohr schrieb zur eigenen Beherzigung. So machte es z.B. Eugenien
groen Spa, zum Fenster hinaus zu sehen und auf der belebten Strae ber
die Vorbergehenden ihre lustigen Bemerkungen zu machen. Mich ergtzte dies
ebenfalls nicht wenig, und so lagen wir Beide mit unsern Schultern weit zum
offenen Fenster hinaus, um ja alles dort unten recht ordentlich zu sehen.
Aber bald kam die Tante dazu und tadelte unser unpassendes Betragen, denn
es gefalle ihr nie, wenn junge Mdchen nichts Besseres zu thun wten, als
zum Fenster hinaus zu sehen; und nun gar den ganzen Oberleib in die Luft
hinaus zu hngen sei ein Zeichen von wenig Anstand.

Ich zog mich wie ein begossener Pudel zurck, Eugenie aber lachte wie immer
und sagte, die Tante frchte nur, man werde ihr Schlo strmen, um die
darin gefangenen Schnheiten zu befreien, deshalb wolle sie uns den Augen
der Welt entziehen. Aber sie that dennoch, wie die Tante geboten, und das
offene Fenster sah uns von nun an stets nur fr wenig Augenblicke.

Eine andere Unart Eugeniens, welche ich jedoch weniger mit ihr theilte, war
der Gebrauch von starken Ausdrcken und unpassenden Worten. Es war wirklich
komisch, wenn dies feine Dmchen ganz cavaliermig wetterte und derbe
Betheuerungen und Ausrufe von dem lieblichen Munde flogen.

Ich bin nun einmal ein halber Junge, was kann ich dafr! entgegnete
sie den hierauf bezglichen Mahnungen der Tante, aber doch erklangen
Kraftausdrcke wie: Donnerwetter, verdammt, hllisch und dergleichen
mehr, viel seltener als frher. In dies Kapitel gehrte auch die hufige
Anwendung des Namens Gottes und Christus, eine Gewohnheit, die leider sehr
in der Welt verbreitet ist, und welche auch Eugenie oft genug gedankenlos
im Munde fhrte. Ach Gott Jesus! Mein Himmel! so sagte sie aller
Augenblicke, bis die Tante sie sanft und ernst darauf aufmerksam machte,
welch' ein Mibrauch des Heiligsten dies sei. Eugenie gab sich nun Mhe,
auch daran beim Sprechen zu denken, obwohl sie Anfangs halb ernst halb
lachend sagte, sie werde sich ein Pflaster auf den Mund kleben, denn hier
rede sie keinem Menschen recht.

Mein Fehler hingegen war der, nachlssig zu sprechen, die Endbuchstaben
wegzulassen, und was der Unarten mehr waren, welche gar viele junge und
alte Menschen mit mir theilen. Eugenie sagte dann neckend, sie wrde die
Tante verklagen, da sie mir nicht satt zu essen gebe, so da ich aus
Heihunger Buchstaben verschlingen msse. So hatte jede von uns ihre Fehler
abzulegen, und gut war es, wenn wir ber dem Splitter im Auge des Andern
den Balken im eigenen nicht vergaen.

Verwhnte Menschen sind nachlssig in Bezug auf die Rcksichten, welche sie
Anderen schulden, und so war es auch Eugenien ganz gleichgltig, ob Andere
Grund hatten, von ihr eine Aufmerksamkeit zu erwarten oder nicht.

Lat mich in Ruhe, ich kann das Visitenschneiden nicht ausstehen! war
ihre regelmige Antwort auf die Erinnerung der Tante, da sie dieser oder
jener Dame einen Besuch schulde. Die Leute sind mir ganz gleichgltig,
ich mag gar nicht, da sie sich um mich bekmmern. Entschlo sie sich
aber endlich, diesen Pflichten nachzukommen, so geschah es dann mit der
liebenswrdigsten Miene von der Welt, so da sie alle Menschen entzckte.
Die Tante war in solchen kleinen gesellschaftlichen Rcksichten ungemein
streng und gewissenhaft, denn, sagte sie, wer sich im Kleinen daran
gewhnt, Andere zu beachten, der wird auch in greren Dingen nicht
rcksichtslos gegen seine Nebenmenschen handeln.

Diese Nichtachtung Anderer ward auch Ursache, da Eugenie Dinge, die
Andern gehrten, nicht schonte, und schon mehrfach war ihr daraus Aergerni
entsprungen. Einen schnen Shawl, den eine Dame ihr beim Nachhausegehen
geborgt, hatte der Hund beschmutzt, so da sie den Fleck nur mit groer
Mhe wieder vertilgen konnte; einen entlehnten Regenschirm lie sie
irgendwo stehen, wofr sie natrlich einen neuen schicken mute, und ber
ein wunderschnes Album Amanda's flo eines Tages das Oel der strzenden
Lampe, und verdarb nicht nur einige schne Zeichnungen, sondern auch den
Divan der Tante. Wohl ersetzte Eugenie sowohl Zeichnungen als Ueberzug
durch andere noch schnere, aber sie hatte viel Mhe und Kosten davon, die
sie durch Sorgfalt fr anderer Eigenthum sich htte ersparen knnen. Eben
so nachlssig ging sie mit den Bchern um, die man ihr borgte, und die
Tante sagte ihr sehr streng, sie solle sich nicht wundern, wenn man ihr
keine fremden Bcher mehr anvertraue, da sie dieselben nie ohne verstoene
Ecken und beschmutzte oder eingekniffene Bltter zurck gab. Es ist dies
ein Zeichen von wenig Bildung, liebes Kind, schlo die Tante ihre Rede,
der Eugenie sehr nachlssig zuhrte, aber doch nahm sie von da an mehr und
mehr Rcksicht sowohl auf andere Menschen, als auch auf deren Eigenthum.

Freilich ging sie auch mit ihren eigenen Sachen nicht sorgfltig um, und
die Tante hatte viel Noth und Mhe, ihr beizubringen, wie unrecht dies sei.
Der Gedanke, sparsam zu sein, indem sie ihre Sachen schonte, war ihr ganz
fremd, und da sie eben so nachlssig als unerfahren in Verwendung ihres
Geldes war, so erfreute es die Tante herzlich, da Eugenie ihr volle
Disposition ber dieses Departement einrumte. Unter Tante Ulrike's Leitung
lernte sie bald ihre Finanzen besser zu ordnen, aber freilich hatte sie
trotz alledem stets groe Lust, mehr auszugeben als sie einnahm.

Ich mu einmal einen reichen Mann haben, sagte sie oft, und mir schien
allerdings, da sie darin so unrecht nicht habe. Aber wenn sie nun einen
armen bekam, wie dann?

Den nehme ich nicht. Ich mag berhaupt gar keinen! erwiderte sie auf
diese Frage.

Eugeniens Sorglosigkeit in Betreff ihres Eigenthums erstreckte sich auch
auf etwas, das ich nicht begreifen konnte, das war ihre Correspondenz. Ich
htete und verwahrte meine Briefe als meinen theuersten Schatz unter Schlo
und Riegel, und es war das Zeichen von grtem Vertrauen, wenn ich jemand
Einblick in meine Correspondenz gestattete. Eugenie hingegen schien gar
keinen Werth auf ihre Briefe zu legen, denn diese trieben sich oft Tage
lang offen auf den Tischen herum, und sie gebrauchte dieselben hufig als
Umschlag fr alle mglichen Dinge, oder drehte sie zu Haarwickeln fr ihre
schnen, braunen Locken zusammen.

Freilich schien in den Briefen, die sie von ihrer Mutter sowie von einigen
Bekannten erhielt, wenig genug zu stehen, das des Aufhebens werth gewesen
wre, und von ihrem Vater kam sehr selten Nachricht. Diese wenigen Briefe
allein schlo sie sorgfltig in ihre Mappe, und nach Empfang derselben war
sie stets fr eine Weile ernster und weicher gestimmt, als gewhnlich. In
dieser Beziehung bleibt mir immer eine Scene unvergelich, die von ihrem
tiefen Gefhl Zeugni gab.

Ich hatte mit unbeschreiblicher Sehnsucht auf die Ankunft eines Briefes
von den Meinen gewartet, und mit lautem Jubel sprang ich deshalb dem Boten
entgegen, der mir den theuern Ankmmling brachte. Es war ein Brief von
meiner guten Mutter dabei, und deren treue, liebevolle Worte erschtterten
mein Herz so unendlich, da mir die Thrnen ber das Gesicht rollten, und
ich voll inniger Liebe die glhendsten Ksse auf diese Schriftzge drckte.

Eugenie hatte mir still zugesehen, auch sie hatte an dem Morgen einen Brief
von ihrer Mutter erhalten, aber wie gewhnlich trieb sich derselbe auf den
Tischen im Wohnzimmer umher, ohne da Eugenie seiner weiter achtete.

La mich den Brief lesen, Gnseblmchen, thu' mir den Gefallen, sagte
sie jetzt in ihrer raschen Weise und griff nach meiner Mutter Brief. Ich
berlie ihr denselben gern, und sie schob mir dafr das rosa Zettelchen
hin, das sie von ihrer Mutter erhalten.

Zu Thrnen wird dich der freilich nicht rhren! sagte sie dabei etwas
spttisch.

Ich trat in die Fensternische und studirte das flchtig geschriebene
Briefchen. Es enthielt nichts als einige Klagen ber furchtbare Langeweile,
ber das schlechte Spiel der neu engagirten Opernsngerin und Berichte
ber die neuesten Moden. Die Aermel trgt man jetzt wieder offen und die
Kleider unten herum mit schmalen Volants besetzt, so lautete ungefhr
dieser wichtigste Gegenstand. Versume ja nicht, dir deine Kleider so
ndern zu lassen, du wirst dann freilich neue Stickereien gebrauchen, aber
dafr trage ich Sorge, damit du nicht wie aus dem vorigen Jahrhundert umher
gehst. Du schreibst mir kein Wort ber die dortigen Moden, und doch weit
du, wie begierig ich auf diese Mittheilung bin; denn finde ich etwas darin,
das mir interessant erscheint, so trage ich es sicher, du weit, wie oft
ich schon in diesen Dingen den Ton angegeben und Furore gemacht habe! Die
goldenen Blumen meines rothsammetnen Kopfputzes von vergangener Saison
erregen noch immer den Neid der hiesigen Damenwelt. Ich hoffe, du
vernachlssigst die Conservirung deiner Schnheit in keiner Weise, dies
kann ich dir nicht genug empfehlen. Die Tropfen fr den wohlriechenden
Athem vergi nie zu benutzen, wasche dich des Abends stets mit Mandelmilch,
zu der ich dir ein neues Recept schicken werde, das die Haut noch frischer
machen soll, und geniee ja nie zu heie oder kalte Sachen, damit der
Schmelz deiner Zhne nicht leide. -- So ging es noch eine Weile fort, dann
war der Brief zu Ende. Unten am Rande stand noch die Bemerkung: Papa ist
wohl. Seine Briefe sind furchtbar langweilig. Schreibe mir ja, was moderner
ist, ob Federn oder Blumen auf den Herbsthten. Die farbigen Schuhe werden
wieder sehr Mode.

Ich war so berrascht und verletzt von dem Inhalt dieses Briefes, da
ich, ganz damit beschftigt, nicht bemerkt hatte, wie Eugenie das Zimmer
verlie. Den Brief meiner Mutter schien sie mit sich genommen zu haben.
Ich wartete eine Weile, endlich aber ging ich nach Eugeniens Zimmer, um zu
sehen, wo sie blieb.

Sie knnen nicht hinein, Frulein Gretchen, das gndige Frulein hat die
Thr verriegelt, sagte Lisette etwas bestrzt, als ich die Thrklinke
ergreifen wollte. Ich ging also zurck und wartete. Nach einiger Zeit trat
Tante Ulrike sehr ernst bewegt zu mir in das Zimmer und gab mir den Brief
meiner Mutter zurck.

Warst du bei Eugenie, Tante? fragte ich schnell.

Ja, Kind, warum?

Weil sie sich vorhin eingeschlossen hatte. Was gab es denn?

Das arme Kind ist von dem Briefe, den deine Mutter dir geschrieben,
unbeschreiblich aufgeregt! sagte die Tante, und die Thrnen zitterten
wieder in ihren Augen. Sie lie mich auf meine Bitte in ihr Zimmer
eintreten, und ich fand sie in Thrnen aufgelst neben dem Briefe deiner
Mutter.

O Tante, Tante, rief sie an meinem Halse, was habe ich fr eine Mutter!
Mehr konnte sie nicht sagen. Es war das erste Mal, da ihr der nichtige
Werth ihrer Mutter neben der edlen Tiefe der deinen so recht vor die Seele
trat und das arme Kind durch und durch schttelte. Ich lie sie ruhig
weinen und stellte ihr endlich vor, wie viel sie doch an ihrem guten Vater
habe.

Ja, mein Papa, mein einzig lieber Papa, wenn ich den nicht gehabt htte,
was wre aus mir geworden! schluchzte sie. Aber ich kann so wenig bei
ihm sein, er ist stets so mit Geschften berhuft und so viel ber Mama's
Launen verstimmt, und jetzt, ach jetzt ist er nun vollends so weit, so
weit, und ich habe keinen Menschen auf der ganzen Welt, der mich so lieb
hat wie Gretchens Mutter ihr Kind. Ich hielt das arme Mdchen still an
meiner Brust, und das beruhigte sie nach und nach. Ja, Tante, du hast
mich lieb, und Gretchen hat mich auch lieb! sagte sie endlich weich
und zrtlich, und ihr froher Muth gewann wieder die Oberhand. Meine
Trostesworte fanden Eingang in ihre Seele, und bald wird sie wieder bei uns
sein frisch und frhlich wie immer. Aber du siehst, mein Gretchen, was das
arme Kind entbehrt hat, ohne da sie es bis jetzt wute; la sie uns nun
doppelt lieb haben.

Ja, Tante, das wollen wir! sagte ich tief ergriffen, dann aber gab ich
der Tante den Brief von Eugeniens Mutter, damit sie selbst lese, welch'
schneidenden Contrast die Worte unserer Mtter bildeten. Tante Ulrike
konnte whrend des Lesens ihren Unwillen kaum verbergen, und heftig, wie
ich sie selten gesehen, warf sie den Brief auf den Tisch. Armer, armer
Bruder! das war alles, was sie sagte, dann ging sie in ihr Cabinet, ich
aber hatte Zeit genug, die Briefe meiner Lieben aus der Heimath wieder und
immer wieder zu lesen und dem gtigen Gott zu danken, der mir so viel Glck
durch die Liebe der Meinen geschenkt hatte.




13.

Der Ball.


Nun Kinder, heute bringe ich euch eine Einladung, die euch Freude machen
wird, sagte Tante Ulrike eines Morgens, indem sie ein Briefchen hervorzog,
das uns fr den nchsten Montag zu einem Ball aufforderte, welcher zur
Feier von des Knigs Geburtstag in einem ffentlichen Locale gegeben wurde.

Gott sei Dank, also tanzt man doch auch hier! Ich dachte, ich wrde es
ganz verlernen, rief Eugenie vergngt und schlug eine zierliche Pirouette.
Meine Ballkleider sind gewi halb vermodert, so lange haben sie kein
Lampenlicht gesehen. Gnseblmchen, was machen wir fr Toilette? Ich lasse
dir die Wahl und spreche wie Abraham zu Loth: Willst du zur Rechten, so
will ich zur Linken! Willst du wei oder blau oder rosa, oder was sonst?
Egal wie Zwillinge oder Inseparables kleiden wir uns nicht, das ist mir zu
zrtlich.

Ich sa ganz still und fhlte nur, welch' heie Gluth mehr und mehr durch
meine Adern flog. Eugeniens Fragen hrte ich kaum. Ein Ball! Ich sollte auf
einen Ball gehen! In greren Gesellschaften war ich wohl schon einige Mal
mit Tante Ulrike gewesen, aber auf einem Balle? Das war doch ganz etwas
anderes! Einen Ballsaal hatte ich noch nie in meinem Leben betreten, und
mein Herz zitterte und bebte vor Angst, Freude und Erwartung. Die Tante
bemerkte endlich meine Aufregung und strich mir lachend ber das Haar.

Ich glaube gar, du hast jetzt schon das Ballfieber, Kleine! sagte sie.
Nun warte, wenn nur erst dein Ballstaat fertig ist, so werden dir die
Flgel schon wachsen. Ans Leben geht es nicht, beruhige dich nur!

Eugenie war unerschpflich in Neckereien ber meinen Kleinmuth, denn da sie
schon als Kind sich in den glnzendsten Gesellschaften bewegte, war ihr
der Ballsaal ein so bekannter Ort, da er ihr niemals Scheu oder Bangigkeit
erregt hatte. Ich fand sie jetzt hufig in Berathungen mit Lisette, welche
so vergraben unter Flor, Blumen und Bndern war, da nur ihr Kopf ber all'
den Herrlichkeiten schwamm wie ein Schiff auf den Wellen. Eugenie litt aber
nie, da ich ihr bei diesen Conferenzen Gesellschaft leistete, denn
kaum betrat ich ihr Zimmer, als sie mich mit den kostbarsten Blumen und
Schmucksachen bombardirte, oder mich in dichte Wolken von Crpe und Flor
hllte und mich zur Thr wieder hinaus schob.

Meine eigene Balltoilette gab mir auch allerlei zu thun; wenn mich auch
Tante Ulrike hchst freigebig mit schnen luftigen Stoffen beschenkt hatte,
so mute ich doch bei Anfertigung meines Staates fleiig selbst mit Hand
anlegen, denn die Tante sagte, was man selbst macht, hat doppelten Werth.

Das Kleid lag endlich zu meinem hchsten Entzcken fertig da, aber noch
wute ich nicht, welche Blumen ich in das Haar nehmen wrde. Die Tante
hatte mir selbst die Wahl berlassen, aber -- Wahl macht Qual, ich konnte
mich schwer bestimmen, und Marie, die ich um Rath und Hlfe bat, war nicht
wohl und konnte mich beim Einkauf nicht begleiten.

Da brachte mir eines Morgens die Dienerin eine Schachtel mit der Meldung,
hier sei der von mir bestellte Kranz. Ich wollte die Sendung nicht
annehmen, da ich nichts bestellt hatte, doch mein Name stand auf dem
Umschlag und voll Verwunderung ffnete ich den Kasten. Aber was fand ich
darin? Einen dicken Kranz von frischen blhenden Gnseblmchen, wie ihn
die Kinder auf der Wiese zusammen binden, und daran hing ein Zettel, auf
welchem mit verstellter Hand die Worte aus Fanchon geschrieben standen,

  Ich gebe mit Entzcken
  Dir selbst dich selbst zurck.

Das war nun sicher wieder einmal ein loser Streich Eugeniens! Wo sie diese
frischen Wiesenblmchen im Sptherbst aufgetrieben hatte, begriff ich
nicht; doch das war mir gleich, der Scherz sah ihr hnlich, verdro mich
aber doch gewaltig. Ich warf den Kranz rgerlich wieder in den Kasten, da
verschob sich aber das Papier, das unter den Blumen gelegen, und einige
grne Blttchen kamen darunter zum Vorschein. Ich nahm das steife Papier
fort und vor mir lag nun der reizendste, duftigste Blumenkranz, der je den
Laden einer Putzmacherin geschmckt hatte. Zarte Apfelblthe, deren Bltter
rthlich angehaucht waren, und zwischen deren Blthen sich rothe Knospen
und frische grne Zweige hervor drngten, schlangen sich zum reizendsten
Kranze.

Das also war des Pudels Kern! Eugenie wieder wie immer der Kobold, der
sticht, um dann desto freundlicher zu schmeicheln! Denn da Eugenie mir
diesen Kranz ausgesucht, war jetzt vollends zweifellos. Voll Jubel wollte
ich mit meinen Blumen zur Tante eilen, da trat Eugenie in das Zimmer,
und dankend flog ich ihr an den Hals. Sie aber hielt sich schnell das
Taschentuch vor das Gesicht und rief: Puh! ich wittere sentimentalen
Wiesenduft, gerade wie lauter Gnseblmchen! und schnell eilte sie wieder
zur Thr hinaus.

Auf diese Weise war ich also zum schnsten Blumenkranz gekommen, ohne da
ich mich weiter mit Zweifeln zu plagen hatte. Die Blumen und mein weies
Tllkleid lachten mich an so reizend und duftig, als sollte Schneewittchen
in dem Staate tanzen, Schrpe und weie Atlasschuhe fehlten auch nicht, und
was der zarten, zierlichen Dinge mehr waren.

Tante Ulrike hatte selbst die Leitung und Beaufsichtigung meines Anzugs
versprochen, und so sah ich dem verhngnivollen Montage etwas ruhiger
entgegen, denn die schne Toilette hatte mir wirklich etwas Muth
eingehaucht.

Alles sauber und rein, liebes Gretchen, sagte die Tante, als sie kam, die
kleine Balldame anzukleiden, und so mute denn alles was ich anlegte, vom
kleinsten Stck Wsche an, frisch gewaschen und rein sein, und vor allem
verbannte meine liebe Kammerfrau jedes farbige, dunkle Unterkleid als eines
Ballsaales unwrdig. Als ich endlich vor den Spiegel trat, und mich in dem
feinen weien Kleide und dem duftigen Kranze erblickte, erschrak ich fast
vor mir selbst, reicher und schner konnte doch keine der Damen auf dem
ganzen Balle gekleidet sein.

Aber siehe, da ffnete sich die Thr, und herein schwebte eine Fee -- so
wenigstens dachte ich im ersten Augenblicke, bis ich unsere schne Eugenie
erkannte. Von zartem rosa Flor umwebt, der mit frischen weien Camellien
ber einem rosa Seidenkleide festgehalten wurde, einen Kranz weier
Camellien, zwischen denen einzelne Diamanten blitzten, in den braunen
Locken, so schwebte die schlanke, zierliche Gestalt zu uns herein, und ich
war ganz bezaubert von ihrer Schnheit.

Ah, da ist ja unser Gnseblmchen, gerade als wre es frisch von der
Wiese gepflckt, weie Bltter mit rthlichen Spitzen, rief sie auf mich
zueilend. Wie sie niedlich ist, wahrhaftig, du wirst allen Schmetterlingen
die Kpfe verdrehen!

Lachend gab sie mir mit ihrem kostbaren Fcher einen Schlag auf die
Schulter, dann warf sie ein Packet neuer Handschuhe auf den Tisch und fing
an, darin zu whlen und Paar um Paar anzuprobiren. Aber lange dauerte es,
ehe sie zufrieden schien, und in ihrer Ungeduld zog sie so heftig an dem
feinen weien Leder herum, da sie mehr als ein Paar zerrissen zur Seite
warf.

Ich sah ihr staunend zu, denn das Paar Handschuhe, das die Tante mir fr
den Ball gekauft, lag sorgfltig gehtet neben dem feinen Taschentuche und
wartete nur darauf, noch viel sorgfltiger ber meine Finger gestreift zu
werden; sie zu zerreien war mir ein schrecklicher Gedanke, -- ich hatte
keinen zweiten Pfeil zu verschieen! Als ich Eugenien meine Gedanken sagte,
lachte sie mich aus und schob mir das Packet zur Auswahl hin, denn da man
auch mit solchen Kleinigkeiten konomisch sein knne, war ihr eben so neu
als unbegreiflich.

Endlich trug denn ein schaukelnder Wagen Tante Ulrike und ihre beiden
Pflegekinder nach dem Ziele der Erwartungen. Ich klammerte mich fest an die
Hand der Tante, als die Thren des Ballsaales aufflogen, und wie ein
Meer wogten die luftigen hellen Stoffe der Balldamen um mich her. Alles
Ballfieber, das ich bis dahin krftig zurck gedrngt, kam jetzt wieder
ber mich, und als gar einige strahlende, duftige junge Damen aus unserer
Bekanntschaft auf uns zuschritten, wre ich der Tante am liebsten in die
Tasche gekrochen.

Doch o Wonne! jetzt erschlo sich der Himmel, denn in die Farbe des
Aethers gehllt, einen Kranz weier Rosen in den blonden Locken, flog meine
Freundin Marie auf mich zu, und an ihrer Hand athmete ich froh auf, nun war
ich geborgen! Die ersten Tne der Tanzmusik brachten zwar wieder einiges
Zittern in meine Glieder, aber bald hatte ich auch das berwunden, und die
Wonne des Tanzes verdrngte alle anderen Gefhle.

Frhlich musterte ich meine Tanzkarte, auf welcher ich alle Tnze als
vergeben bezeichnen konnte, und so hatte ich doch nicht die traurige
Aussicht, als Mauerblmchen an der Wand sitzen zu mssen, whrend alles
um mich her tanzte. Ich begriff bald selbst nicht, welches Entzcken
mich beseelte, whrend mich die Wellen des Tanzes dahin trugen; es war
unbeschreiblich angenehm, sich nach dem Rhythmus der Musik zu bewegen, ich
tanzte mit wahrer Wonne.

O du liebe sechzehnjhrige Unschuld, lachte Eugenie mir zu, als ich
whrend einer Pause mit glhenden Wangen zu ihr eilte und ihr mein
Entzcken aussprach. Wahrlich, ich knnte dich beneiden! Das tanzt
noch mit voller Seele, whrend unsereins froh ist, in einer Pause sich
verschnaufen zu knnen.

Eugenie war die schnste der Damen, das stand auer Frage, sowohl was ihr
Aeueres, als was ihren Anzug betraf. Der Ballsaal war so recht der Ort,
ihre Schnheit und Anmuth im vollen Glanze zu zeigen, und ich fand es nur
zu begreiflich, da sie stets von einer Menge junger Herren umlagert war,
welche sich darum stritten, ihr die grten Huldigungen zu erweisen. Mir
wre an ihrer Stelle angst und bange geworden, Eugenien schien aber alles
das sehr gleichgltig zu sein, denn mit Erstaunen bemerkte ich mehrmals,
wie sie all' ihren Verehrern den Rcken kehrte und mit irgend einer der
lteren Damen davon ging.

Ja, sie ist einzig, dieses Mdchen, sagte Marie. Mein Bruder macht ihr
wie alle Herren den Hof; aber entweder giebt sie ihren Verehrern spitze
Antworten und entschlpft ihnen wie ein Aal der Hand, oder sie spottet
und lacht und kehrt ihnen den Rcken. Louise von Mering hat mir eben
eine kstliche Geschichte von ihr erzhlt, die auch dich ergtzen wird,
Gretchen, hre nur! Der Lieutenant Schmettau, den alle Welt wegen seiner
Albernheiten verlacht, steht neben Eugenien und sagt derselben so fade
Schmeicheleien, da Eugenie ungeduldig auf ihren Fcher beit und ihre
Blicke zerstreut im Saale umher schweifen lt. Endlich blickt sie
aufmerksam nach jener Nische, in welcher wir Beiden stehen, du und ich,
und seelenvergngt zusammen lachen und schwatzen. Eugenie lchelt auch
unwillkrlich, und ihr ser Galan hlt es fr seine Pflicht, ebenfalls zu
lcheln und nach uns zu schauen. Eugenie wendet ihm rgerlich den Rcken,
und indem sie sich zu Louise Mering neigt, sagt sie auf uns deutend
ziemlich leise: Sehen sie doch, Louise, die Veilchen kichern und kosen!

-- Und schau'n zu den Sternen empor! schnarrt es pltzlich neben Eugenie,
und mit einer tiefen Verbeugung steht abermals Lieutenant Schmettau
lchelnd vor ihr, welcher, seinen rothen Schnurrbart kruselnd, in dieser
Weise das angefhrte Lied Heine's ergnzt. -- Das berstieg denn doch
endlich die Langmuth unserer schnen Eugenie. Unwillig blickt sie sich nach
dem unberufenen Schwtzer um, wirft den Kopf in den Nacken und sagt scharf:

  Es hpfen herbei und lauschen
  Die Lieut'nants wie die Gazell'n!

Dann macht sie eine stolze Verbeugung und hngt sich an den Arm Louises,
ein anderes Zimmer aufsuchend.

Ich war entzckt ber die Geschichte, frchtete aber nicht mit Unrecht, da
die stolze Eugenie sich auf diese Weise allerlei Verdru zuziehen wrde.
Was sie an spitzen Gegenreden oder sonstigem Ungemach erfahren mochte, das
erzhlte sie freilich nie, nur einmal whrend des Cotillon kam sie zu
mir, warf ein wunderschnes Bouquet, das sie whrend des Tanzes erhalten,
verchtlich in den Winkel und gab mir lachend einen kleinen Zettel, der
zwischen jenen Blumen gelegen und auf dem die Worte standen:

  Dein Znglein sticht,
  Drum Jeder spricht:
  Dich mag ich nicht!

Erschrocken blickte ich Eugenien an, denn wie sehr mute sie dies
Spottgedicht rgern, aber schelmisch lachend sagte sie: Nicht wahr, den
bin ich glcklich los, Gnseblmchen? Aber schaffe du dir angenehmere
Verehrer an; es ist nicht gerade schmeichelhaft, sich auf diese Weise
besingen zu lassen!

Dabei schweiften ihre Blicke schalkhaft zu Dr. Hausmann hinber, welcher
sehr viel mit mir tanzte und soeben wieder herbei kam, mir einen der
schnen Strue zu berreichen, welche im Cotillon unter die Damen
vertheilt wurden.

Er ist ja ein Freund meines guten Papa's, sagte ich, verlegen Eugeniens
Blicken folgend, aber doch fhlte ich, wie ich dunkelroth wurde.

Ah so, verzeihe, ich meinte der Strau sei fr dich, nicht fr deinen
Vater. Aber du mut das freilich besser wissen, Gnseblmchen! sagte
Eugenie lachend und schlug mich mit ihrem Fcher neckend auf die Finger.
Dann nickte sie mir freundlich zu und trat mit ihrem herbeieilenden Tnzer
wieder in die Reihe des Cotillon.

Solch' Cotillon ist ein wunderbarer Tanz. Endlos wie seine Dauer ist
die Aufregung, in welche er die Tanzenden versetzt, denn hier kann aller
Galanterie, allen warmen Gefhlen, Zu- wie Abneigungen Sprache und Ausdruck
gegeben werden. Hier sind es ja nicht nur die Herren, welche, wie
berhaupt im Leben, dergleichen Tne anschlagen drfen, auch den Damen ist
Gelegenheit geboten zu zeigen, wen ihr Herz begnstigt oder wem es
nicht hold ist. Fr die Damen gab es, wie ich schon gesagt, zierliche
Blumenstrue, und den Herren wurden von den Tnzerinnen dafr kleine Orden
angesteckt. Ich hatte schon mehrere Bouquets erhalten und war ganz stolz
und glcklich. Doch nun sollte ich eine Wahl treffen, und wem htte ich
meinen niedlichen Orden lieber gegeben, als dem Freund meines Vaters,
dem lieben Dr. Hausmann? Er hatte sich ja ohnehin ein Verdienst um mich
erworben, indem er mich so hufig zum Tanz aufforderte, also war es nur ein
Zeichen der Dankbarkeit, da ich ihm den Orden gab. Aber doch klopfte
mir das Herz gewaltig dabei, gerade als ob ich etwas Unrechtes thte.
Aengstlich blickte ich nach Eugenien hinber und war herzlich froh, da sie
nicht bemerkte, wem ich meinen Orden brachte.

Spt erst kehrten wir heim, die arme Tante herzlich mde (denn Ballmutter
sein ist keine Kleinigkeit), Eugenie noch immer unerschpflich in Scherz
und Uebermuth, ich aber wie berauscht von Entzcken, denn so vergngt war
ich noch niemals gewesen. Lange Zeit lag ich noch wachend im Bett und rief
mir alles Erlebte noch einmal vor die Seele. Mir schien, das Backfischchen
hatte sich heute auerordentlich gut benommen, denn keine Mahnung der
Tante hatte, wie sonst wohl, gleich einem kalten Bade meine glhende Seele
berfluthet. Ich war recht zufrieden mit allem, was ich gesprochen und
gethan, s drckte der Schlaf mir endlich die Augen zu, und im Traume
schwebte ich noch immer frhlich tanzend auf und nieder.

Hr mal, Gnseblmchen, ich werde dir Tanzstunde geben, sagte am andern
Morgen Eugenie, als ich zu ihr in das Zimmer trat. Ich fand sie noch im
Bette, obwohl auch ich der Ballfreuden wegen spt genug aufgestanden war.

Tanze ich so schlecht, Eugenie? rief ich erschrocken, denn ich meinte
ganz hbsch getanzt zu haben.

Ungefhr wie Mama's Schoohund, wenn ich ihn auf die Hinterbeine stelle!
warf Eugenie leicht hin, indem sie sich ghnend streckte und reckte.

Ich ward dunkelroth und bi beleidigt die Lippen zusammen, Eugenie schlo
die Augen und schien mich nicht weiter zu beachten, so da ich rgerlich
wieder meines Weges gehen wollte. Da sang sie pltzlich halblaut:

  Mein Znglein sticht,
  Drum Gretchen spricht:
  Dich mag ich nicht!

's ist doch ein nettes Lied, nicht wahr, Gnseblmchen? fuhr sie munter
fort und setzte sich im Bette in die Hhe. So tiefsinnig, lt sich so
leicht verndern und auf andere Dinge anwenden. Ja, so ein Lieutenant,
es ist eine Pracht! Was fr eine Flle von Geist und Humor hinter solchem
zweifarbigen Tuche steckt, man sollte es nimmermehr glauben.

Aber Alle sind sie ja doch nicht so, Eugenie, sagte ich etwas vershnt,
denn sie hatte mich sicher nur wieder necken wollen. Ich habe doch einige
sehr angenehme junge Officiere kennen gelernt, fade Gecken giebt es auch
unter anderen jungen Leuten genug.

Ich glaubte, du wrest mehr fr den Lehr- als fr den Wehrstand
eingenommen, Kleine, rief Eugenie blinzelnd. Dein Ballorden stand dem
hbschen Dr. Hausmann allerliebst.

Mir scho das Blut in die Wangen, also hatte Eugenie doch gesehen, wem ich
meinen Orden gegeben! Er hatte soviel mit mir getanzt, dafr mute ich
mich doch erkenntlich zeigen, sagte ich etwas verwirrt.

Eugeniens schallendes Gelchter ri mich aus der verlegenen Situation, denn
sie fand es ber alle Maen naiv und spahaft, einen Tnzer fr die Gnade
noch zu belohnen, die man ihm erwiesen, indem man mit ihm tanzte. Sie hatte
eben eine so andere Auffassung von allen Dingen, da ich manchmal ganz
verdutzt vor ihr stand. Mit meiner lieben Marie harmonirte ich doch viel
besser; sie blickte auch noch, wie ich, demthig und schchtern in die Welt
hinein; Eugenie war ber dergleichen grne Albernheiten, wie sie unsere
jugendlichen Ansichten nannte, hinweg, sie forderte viel, und die Natur
hatte ihr reiche Mittel gegeben, wodurch sie auch viel erlangte. Aber fr
mich bescheidenes Backfischchen paten auch bescheidene Ansprche an Welt
und Menschen, und darum lie ich mich durch Eugenie nicht irre machen.

Ich hatte mich zwar sehr ber Eugeniens Sptterei, meinen Anstand beim
Tanzen betreffend, gergert; aber ich schluckte meine Aufregung hinunter,
denn ich wute, sie meinte es im Grunde sehr gut mit mir, und sagte: Im
Ernste, Eugenie, jetzt gesteh' mir, tanze ich wirklich so schlecht?

Nun die Grazie liegt freilich bei dir noch in den Windeln, Kleine, lachte
Eugenie jetzt gutherzig. Aber beruhige dich nur, selbst Tante Anstand war
mit dir und deinem Anstand zufrieden, also raufe dir deine schwarzen Zpfe
noch nicht vor Verzweiflung aus. Aber in die Schule mchte ich dich noch
ein Bischen nehmen, das kann dir nicht schaden, dich sowohl wie deine
kleine Marie; denn was diese zu viel hinten ber tanzt, das neigst du
zu viel nach vorn, so da eure Oberkrper einen richtigen spitzen Winkel
bildeten, tanztet ihr neben einander. Und dann macht ihr alle Beide noch so
himmlisch schulrechte Pas, gerade als stnde =Mr. le professeur de danse=
hinter euch und klopfte euch fr jede Nachlssigkeit mit seinem Fidelbogen
auf die Fuzehen.

Mit Freuden unterwarf ich mich den Uebungen, die Eugenie noch an demselben
Morgen mit meinen Fen und Hnden vornahm, und voll Jubel wurde auch
Marie in Beschlag genommen, als sie kam, von dem gestrigen Balle mit uns
zu schwatzen. Freilich war Eugenie eine sonderbare Lehrmeisterin, da sie
endlosen Unfug bei unseren Uebungen trieb; aber doch lernten wir, was sie
wnschte, nmlich uns etwas sorgloser zu bewegen und uns beim Tanzen hbsch
gerade zu halten. Auch ein gutes Compliment zu machen brachte sie mir
glcklich bei, und Tante Ulrike fgte dem allen noch die Lehre hinzu, den
Gsten mglichst wenig unsere Rcken zukehren zu wollen, besonders solchen,
denen wir als den Vornehmsten oder Bedeutendsten die meiste Beachtung und
Hflichkeit schulden. Dies zu beachten habe ich aber, ehrlich gestanden,
bis auf den heutigen Tag noch immer uerst schwierig gefunden.




14.

Begegnung.


Diesem ersten Balle folgten im Laufe des Winters noch mehrere andere, so
da ich nach und nach meine Schchternheit berwand, und die Tante mir das
Lob ertheilte, mein Benehmen sei freier und leichter, als sie je erwartet
habe. Neben Eugenien freilich kam ich mir noch immer wie eine Holzpuppe
vor, doch ihre Anmuth war eben unerreichbar.

Ehe ich jedoch von unserem Zusammenleben weiter erzhle, mu ich eines
Ereignisses gedenken, das in seinen Folgen sehr bedeutend wurde, so wenig
es anfangs den Anschein hatte.

In das Haus Tante Ulrike's kam hufig ein armes Weib, das Eier, Gemse oder
Obst verkaufte, welche Produkte ihr kleines lndliches Besitzthum lieferte,
und die von der Tante gut bezahlt wurden. Das arme Weib war aber krank
geworden, und da die Tante sich selbst gern einmal berzeugen wollte, wie
es bei ihr aussah, so benutzte sie einen der schnen Tage des Sptherbstes
und fuhr mit uns nach dem Dorfe, in welchem die Frau wohnte. Es war alles
wie uns beschrieben worden, Noth und Sorge in Menge, und die gute Tante
machte sich mit den Kindern gleich allerlei zu schaffen, uns aber trieb sie
hinaus, wohl wissend, da Eugenie nicht lange hier aushalten wrde.

So gingen wir Beiden denn auf den Wiesen und Feldern spazieren und freuten
uns der einzelnen Blumen, welche der Frost noch nicht gewelkt hatte, sowie
der wunderschnen duftig blauen Frbung, die Wald und Ferne bedeckte.

Am Saum des Waldes erblickten wir ein schnes, schloartiges Gebude, von
stattlichen Wirthschaftsrumen umgeben, und um diesen Herrenhof genauer
zu betrachten, schritten wir ber eine Wiese, auf der eine Menge Khe die
letzten Reste an Gras und Krutern abweideten. Ich hatte mich von Kind auf
so viel unter den Thieren umher getrieben, da ich keine Furcht vor ihnen
kannte, Eugenie aber blickte sich ngstlich um, so da heute einmal die
Neckerei auf meiner Seite war. Pltzlich aber wurde auch ich aufmerksam,
denn ein dumpfes Brummen sagte mir, da der Stier bei der Heerde sei, und
da mit dem nicht zu spaen, wute ich wohl. Ich sphte nach dem Hirten,
doch dieser war nirgends zu erblicken, und so ging ich schnell vorwrts,
Eugenien nichts von meiner Besorgni zu verrathen, denn von Weitem sah ich
den gefrchteten Gesellen mit gesenktem Haupte sich uns nhern. Aber jetzt
bemerkte auch Eugenie den Feind und erschrocken rief sie: Der Stier! Der
Stier! und strzte unaufhaltsam davon. Nun erst sah ich, da ein rothes
Tuch Eugeniens das Thier wahrscheinlich gereizt hatte, aber ich konnte sie
nicht mehr erreichen und eilte ihr athemlos nach. Jetzt aber setzte sich
auch unser Verfolger in Trab, und bald war er Eugenien so nah, da diese
voll Verzweiflung um Hlfe rief, und ich angstvoll zu ihrem Beistande
hinzustrzte, obwohl ich wute, da meine Krfte doch zu schwach waren, ihr
zu helfen.

Da im letzten schrecklichsten Augenblicke, als das furchtbare Thier schon
den Kopf neigt, um Eugenien mit seinen Hrnern zu fassen, trifft ein
furchtbarer Schlag seine breite Stirn, so da es betubt zur Seite fhrt.
Taumelnd schlgt es seine Hrner so wthend in einen dicken Baumstumpf, da
es wie gefesselt zusammenbricht und sich laut brllend am Boden wlzt.

Eine hohe mnnliche Gestalt eilte nun von dem machtlosen Thiere fort zu
Eugenie, welche kraftlos zur Erde sank, sobald sie sich von ihrem wthenden
Verfolger befreit sah. Auch ich war endlich an ihrer Seite und umschlang
sie mit meinen beiden Armen, da Angst und Schrecken ihr alle Kraft
geraubt hatten. Dankend blickte ich nun auf zu dem Retter, der im letzten
Augenblicke uns so krftig befreit hatte; aber schnell war derselbe, sobald
er Eugenien durch mich versorgt sah, zu dem Stiere zurckgekehrt, dem er
mit Hlfe des jetzt herbeikommenden Hirten die Hrner aus dem Blocke frei
machte, und ihm den Kopf mit einem der Vorderfe zusammenband, so da er
keinen Schaden mehr thun konnte.

Jetzt kam unser Befreier wieder auf uns zu, aber wie gro war meine
Ueberraschung, als ich in ihm Baron Senft erkannte! Ich wurde blutroth und
wute vor Verlegenheit kaum einige Dankesworte hervorzubringen, und auch er
war sichtlich berrascht und betroffen. Eugenie jedoch, welche sich schnell
wieder erholt hatte, befreite uns aus der peinlichen Situation; denn
mit warmen, feurigen Dankesworten reichte sie dem Baron die Hand und bat
dringend, er mge uns zu Tante Ulrike begleiten, damit auch diese den edlen
Mann kennen lerne, der ihr das Leben gerettet.

Der Baron wute nicht recht, was er thun oder sagen sollte. Er blickte mich
schnell an, und all' meine Verlegenheit niederkmpfend vereinte auch ich
jetzt meine Bitten mit denen Eugeniens, und so begleitete uns der Baron
denn zu dem Bauernhause, vor dem die Tante schon wartend stand, und
nun eben so sehr durch unsere Erzhlung berrascht wurde, als durch das
Zusammentreffen mit unserem alten Bekannten. Aber hier in der freien Natur,
nur umgeben von wenig heiteren Menschen, war der Baron ein ganz anderer.
Seine steifen, verlegenen Manieren, welche im glnzenden Salon und unter so
viel fremden, eleganten Menschen als so lcherlich auffielen, bemerkten wir
jetzt kaum; die Jgerkleidung, welche er trug, stand ihm sehr vortheilhaft,
und die Khnheit und Strke, mit der er Eugeniens Verfolger zu Boden
geworfen, hatten ihn in all' seiner mnnlichen Kraft und Bedeutung
hervortreten lassen. Er bat sich nun die Ehre aus, uns in sein Schlo
fhren zu drfen, und mit Vergngen folgten wir dieser Einladung. Ein
schnes, altes Gebude, umgeben von prchtigem Park und groartigen
Wirthschaftshusern, lag vor uns; das Innere des Schlosses war einfach,
aber schn und gediegen eingerichtet, und Adel und Wohlstand ruhte auf dem
ganzen Besitzthum.

Mir war sehr sonderbar zu Muthe, als ich diese Rume durchschritt.
Dies alles htte ich mein nennen, von all' diesem reichen, stattlichen
Besitzthum htte ich Herrin werden knnen! Dieser Gedanke drngte sich mir
immer und immer wieder auf, ich sah ihn auch auf der Stirn Tante Ulrikes
geschrieben, und htte ihn auch wohl in des Barons Augen lesen knnen,
htte ich den Muth gehabt, ihn anzusehen, oder er mich. Aber sonderbar,
statt da mich dieser Gedanke niedergeschlagen, oder mir Bedauern und Reue
ber meine Thorheit erweckt htte, fhlte ich im Gegentheil jetzt erst
doppelt, wie ganz unmglich es mir gewesen wre, die Wnsche des Barons zu
erfllen, und wre sein Schlo noch zehnmal schner und kostbarer gewesen.

Unserem Wirthe machte es viel Freude, uns alles recht genau zu zeigen, und
unsere aufrichtige Bewunderung der vielen kstlichen kleinen Alterthmer,
woran das alte Schlo so reich war, regte ihn so an, da er ganz lebendig
und heiter wurde. Eugenie war in vollem Enthusiasmus ber all' die
herrlichen altmodischen Dinge, und ihr feiner Schnheitssinn fand reichlich
Stoff zu aufrichtiger Bewunderung. Sie huschte und kletterte berall herum,
untersuchte alle geheimen Thren, Treppen und Winkelchen, wovon das alte
Schlo einen ganzen Schatz barg, und war reizend und frhlich wie ein
ausgelassenes Kind. Der Schrecken, welcher sie zuerst bleich und erschpft
gemacht hatte, war jetzt ziemlich berwunden, und das zarte Roth ihres
Gesichts machte sie nun schner als je. Der Baron verfolgte sie unablssig,
und sie war mit ihren Blicken so herzlich und unbefangen zu dem steifen
Herrn, da dieser alle Zurckhaltung abstreifte und mit ihr umher lief und
kletterte, wohin sie wollte, so da die Tante nicht so schnell nachkommen
konnte, und ich mit ihr langsamer folgte. Eugenie gelangte endlich auch
in ein kleines Zimmer oben im Thurm, und voll Staunen erblickte sie hier
allerlei musikalische Instrumente und hohe Ste von Noten. Besonders
schn war ein Cello, doch auch ein kostbarer Flgel erregte ihre volle
Bewunderung.

Sie sind musikalisch, Herr Baron? rief Eugenie lebhaft und deutete auf
ein Notenheft, das aufgeschlagen neben dem Cello lag.

Ein wenig, gndiges Frulein. Aber lassen wir das! entgegnete unser Wirth
verlegen und wollte Eugenien wieder herausfhren, denn ihr Eindringen war
ihm sichtbar unangenehm. Eugenie aber hpfte vergngt nach dem Flgel, und
indem ihre Finger ber die Tasten flogen, nickte sie dem Baron lchelnd zu.

Hier werden Sie mich nicht wieder los! rief sie frhlich. Kommen
Sie nur, liebster Baron, begleiten Sie mich. Sie spielen Cello, das ist
herrlich, wie lange Zeit habe ich dies liebe theure Instrument nicht mehr
gehrt! Wir werden unter Ihren Noten sicher etwas finden, das wir zusammen
spielen knnen.

Dem Baron half kein Struben. Hier in seinem Thurmstbchen, wohin er seine
Kunst als in ein verborgenes Heiligthum geflchtet hatte, von dem niemand
etwas wute, hier war der lustige, neckische Kobold Eugenie eingedrungen,
und mit ihr fanden wir unseren guten Baron in der eifrigsten musikalischen
Unterhaltung, als wir den Klngen folgend wieder mit ihnen zusammen
trafen. Er spielte sein Cello meisterhaft, und es war ein groer Genu,
dem trefflichen Spiel der Beiden zuzuhren. Wir hielten uns in einiger
Entfernung, um nicht zu stren, aber der Baron war bald so mit voller Seele
bei seinem Spiel, da die ganze Welt htte zuhren knnen, es wrde ihn
nicht mehr genirt haben.

Nur ungern verlieen wir das kleine Gemach, aber die Sonne neigte sich
zum Untergange und mahnte an die Heimfahrt. Der Abschied von unserem
guten Baron war so herzlich, als wren wir schon lngst die besten Freunde
gewesen, und wir erhielten von ihm sogar das Versprechen seines Besuches,
sobald er nach der Stadt kommen wrde. Oft mochte er aber wohl die Stadt
nicht besuchen, denn in seiner schnen Besitzung fhlte er sich unendlich
viel wohler, als unter den gewandten Stadtleuten, auch hatte ich ihn seit
jenen verhngnivollen Tagen nicht wieder in Gesellschaft getroffen, was
mir natrlich nur lieb sein konnte.

Sehr verwundert war ich, mit wie viel Achtung, ja selbst Bewunderung
Eugenie von dem Baron sprach. Sie schien ganz ausgetauscht, denn ihr
kecker Muthwille, der sonst nichts schonte, htte immerhin reichen Stoff zu
Spttereien finden knnen, so vortheilhaft sich der Baron ihr auch gezeigt
hatte. Mir kamen deshalb so allerlei wunderliche Gedanken in den Sinn,
die ich aber weislich fr mich selbst behielt, und ber meine einstigen
Beziehungen zu unserem Retter schwieg ich nun gar erst sorgfltig. Nur
gegen Marie sprach ich mir Herz und Seele frei, sie war ja meine Vertraute
in allen Dingen.

Wenige Tage nach diesem unseren Abenteuer erschreckte uns die Nachricht,
da in dem Dorfe, in welchem Baron Senfts Besitzungen lagen, eine
Feuersbrunst ausgebrochen und auer vielen Bauerhusern auch Pfarr- und
Schulhaus, sowie ein Theil der Kirche abgebrannt sei. Wir bedauerten das
Unglck um so lebhafter, da wir so eben selbst noch in jenem Orte gewesen
waren, und der Sammlung zum Besten der Abgebrannten steuerten wir reichlich
bei. Glcklicherweise war unsere arme kranke Buerin von dem Unglck
verschont geblieben, aber Schrecken und Angst hatten ihr Leiden arg
verschlimmert. Durch sie erfuhren wir nun, mit welcher Aufopferung Baron
Senft sich der armen Abgebrannten angenommen, wie thtig er selbst
beim Lschen des Feuers gewesen, und wie er die Zuflucht sei fr alle
Bedrngten.

Eugenie nahm ungewhnlich lebhaftes Interesse an diesem Vorfall, und sie
sann ernstlich darber nach, wie den armen Leuten krftig zu helfen sei.
Eine kleine Lotterie, welche Marie zu diesem Zwecke veranstaltete, behagte
ihrem Geschmack wenig, obwohl sie wunderhbsche Geschenke dazu lieferte.

Wir wollen ein Dilettanten-Concert arrangiren! rief sie endlich
entschlossen. Das mu mehr abwerfen, als eure Nadelkissen-Lotterie mit
den Silbergroschen-Loosen. Oder was meint ihr zu einer kleinen dramatischen
Vorstellung? Meiner Ansicht nach wrde das den Leuten Spa machen,
natrlich mssen die Billets mit Auswahl vergeben werden.

Unsere Bedenken, da solche Gedanken nicht ausfhrbar seien und gar zu
viel Mhe machen wrden, verwarf sie alle, und da Tante Ulrike nichts
Unpassendes darin fand, indem wir ja fr einen guten Zweck mit unseren
Leistungen hervortreten wollten, so stand Eugeniens Entschlu fest:
die Auffhrung einiger kleinen Lustspiele zu arrangiren, denen einige
musikalischen Leistungen vorangehen sollten.

Die sonst so bequeme, unthtige Eugenie war jetzt Feuer und Flamme.
Theatralische Vorstellungen gehrten zu den Dingen, welche ihre Mutter sehr
liebte und hufig veranstaltet hatte, und so wute Eugenie mit dergleichen
gut Bescheid, denn sie war sogar selbst einige Male mit aufgetreten. Von
Bchern umgeben, wie ehedem vor dem Balle von Flor und Bndern, fand ich
sie jetzt tglich in ihrem Zimmer, denn die Wahl der darzustellenden Stcke
war sehr schwierig. Bald jedoch war ihr Entschlu gefat, und der Erfolg
zeigte, da sie sehr geschickt gewhlt hatte.

Nicht ohne allerlei Qual und Mhe brachten wir unter unseren Bekannten das
passende Personal fr die Auffhrung zusammen, und es bedurfte oft aller
Liebenswrdigkeit, deren Eugenie fhig war, um die Herzen zu unsern Gunsten
zu stimmen.

Endlich aber waren alle Rollen besetzt, ein passender Saal errungen, in
dem eine nette Bhne erbaut wurde, und nun schritten wir rstig zu dem
Einstudieren unserer Rollen und der Herstellung der passenden Costme. Wie
in einem Taubenhause ging es jetzt den Tag ber bei uns aus und ein, denn
jeder wollte etwas anderes wissen. Eugenie hatte fr alles Rath, und
ich bewunderte dabei fortwhrend, wie geschickt sie alle keimenden
Streitigkeiten zu umgehen verstand. Bald fehlte hier ein Mieder, bald
dort passender Besatz, bald stritt man, wie die Beleuchtung am Besten
anzubringen sei, bald welche Decoration man whlen sollte. Dann wieder
kamen Zweifel ber die Betonung einzelner Worte, oder ber die Art des
Auftretens, kurz, Jeder hatte ein anderes Anliegen, und alle dem wute
Eugenie gewhnlich schnell zu entsprechen, und die Tante half ihr, wo sie
konnte. Mein Beistand war mehr untergeordneter Art, indem ich meine Finger
in Bewegung setzte und fleiig die Garderobe in Stand brachte. Dabei lernte
ich, da mir der Kopf rauchte, denn trotz furchtbaren Strubens war auch
ich von Eugenien dazu verdammt worden, eine der Rollen zu bernehmen.

Aber ich bin ja so hlzern, ich blamire euch alle! jammerte ich
vergebens.

Ich werde dich schon zurecht stoen, Gnseblmchen! lachte Eugenie. Du
bist hier bei Tante Ulrike auf der Hochschule, und zur rechten Bildung
gehrt auch, da man gelegentlich einmal Komdie mitspielen kann, also bin
ich nur auf deine Ausbildung bedacht.

So wenig ich nun auch mit diesem, als zur Erziehung nothwendigen Element
einverstanden war, so mute ich doch endlich nachgeben, wollte ich nicht
eigensinnig erscheinen.

Eugeniens Plan, der Auffhrung ein kleines Concert vorausgehen zu lassen,
machte ihr fast noch mehr Noth, als die Besetzung der Rollen. Sie selbst
wollte allerlei spielen und singen, aber einige andere tchtige Krfte
muten ihr zur Seite stehen, sonst ging es nicht. Amanda Delius hatte sich
endlich bereit erklrt, etwas auf dem Flgel vorzutragen, da sie trefflich
spielte, und Dr. Hausmann bte mit Eugenien einige Duette ein, aber noch
fehlte eine Art Ouvertre, welche das Ganze wrdig einleitete.

Ich hab's! Das mu gehen! rief mir Eugenie eines Morgens entgegen und
zeigte mir ein niedliches Briefchen, dessen Aufschrift lautete: Sr.
Hochwohlgeboren dem Herrn Baron von Senft, Erb- und Standesherrn auf und zu
Senftenburg.

Nun mache nur nicht Augen, als wolltest du mich geradesweges
verschlingen! rief Eugenie und zog die Klingel. Schnell den Brief in den
Briefkasten, sagte sie dann, Lisetten das Billet bergebend.

Aber Eugenie, was thust du denn? rief ich halb versteinert vor
Verwunderung.

Bah, ich bitte nur unseren guten Baron, fr seine Abgebrannten einige
Striche auf dem Cello als Beitrag zu liefern, entgegnete Eugenie, sich
etwas befangen abwendend.

Auf dem Cello? Soll er bei unserm Concert mitwirken? Hast du ihn darum
gebeten, Eugenie?

Nun ja, warum denn nicht? Er spielt ja so gut, warum sollte er nicht ein
Trio mit mir und Maries Bruder ausfhren? Ich bernehme den Flgel, Eduard
die Geige und der Baron das Cello, das leitet die Geschichte prchtig ein.

Ich schttelte den Kopf und dachte, sie wrde sicher eine ablehnende
Antwort vom Baron erhalten. Aber o Wunder! schon am andern Tage erschien,
etwas steif und verlegen zwar, aber doch lebendig und angeregt wie ich
ihn nie gesehen, unser braver Baron. Welches Opfer es ihm mochte gekostet
haben, seine Menschenscheu und Aengstlichkeit zu berwinden, das konnten
wir nur ahnen, aber er _hatte_ alles berwunden, und kam nun voll
ngstlicher Beflissenheit, Eugeniens weitere Befehle zu vernehmen. Diese
strahlte vor Freude und Dankbarkeit, und war ordentlich zrtlich zu ihrem
neuen Freunde, der sich nun mit ihr bald so in die Auswahl eines passenden
Musikstckes vertiefte, da Tante und ich uns erstaunlich berflssig
vorkamen, gerade wie damals beim Besuch des Schlosses Senftenburg.

Als der Baron fort war, konnte ich meinen Muthwillen nicht unterdrcken und
sagte recht fromm: Wie gut ist es doch von dem Baron, da er um des edlen
Zweckes willen seine Schchternheit berwindet und das Opfer bringt, mit
dir zu spielen, Eugenie!

Sie blickte rasch auf, bckte sich aber sogleich wieder und machte sich
mit ihren Noten zu schaffen. Hm, ja, sehr gut! sagte sie zerstreut. =A
propos=, Gnseblmchen, fuhr sie dann in ihrer alten neckischen Weise
fort, ich htte dich nicht fr so hartherzig gehalten, diesen _guten_ Mann
so grausam zu behandeln.

Nun kam die Reihe an mich, roth und verlegen zu werden, denn es war mir gar
sehr unangenehm, da gerade Eugenie um diese Geschichte wute. Eduard
mute sie ihr verrathen haben, denn Tante und Marie schwiegen darber,
dies Versprechen hatte ich von ihnen. Eugenie setzte ihren Muthwillen aber
wunderbarer Weise nicht weiter fort, und ich meinerseits htete mich nun
wohl, sie durch Neckereien wieder zu reizen.




15.

Allerlei Neues.


  Eine Vorstellung zu wohlthtigem Zwecke,

so waren die Eintrittskarten beschrieben, welche wir fr den Abend, an dem
unsere Vorstellung stattfinden sollte, austheilten. Alle Pltze im Saale
wurden bald vergeben, und eine reiche Einnahme lohnte unsere Mhen. Aber
mit welchem Herzklopfen sah ich den verhngnivollen Abend herankommen,
ein Ball war ja dagegen ein Kinderspiel und wahre Bagatelle! Doch was half
alles Zagen; der Abend war endlich da, die Glocke ertnte, und langsam hob
sich der Vorhang, der Bhne und Saal von einander trennte. Dumpfes Gemurmel
drang aus dem Zuschauerraume bis hinter die Coulissen, in denen wir
Spielenden lauschten, bald aber ward es still, und man vernahm die helle
Stimme meiner lieben Marie, welche einen kurzen Prolog zu sprechen hatte.
Sie bat darin, den Zweck unserer Darstellungen als Entschuldigung fr
unsere schwachen Leistungen gelten zu lassen und der Kritik, welche heute
keine Einlakarte erhalten, ja nirgends den Zutritt zu gestatten.

Rauschender Beifall lohnte die heitere Rede, und so sehr ich meine Freundin
anfangs bedauert hatte, da ihr die schwere Aufgabe zu Theil geworden,
zuerst und so allein aufzutreten, so sehr beneidete ich sie jetzt; denn sie
war nun fertig und konnte ihre phantastische Kleidung, die ihr allerliebst
gestanden, abstreifen und in Ruhe unserem Treiben zuschauen.

Nachdem Marie ihren Prolog beendet, erklangen die ersten Tne des
Beethoven'schen Trio's, und lautlose Stille herrschte unter der
Versammlung. Hohe Pflanzen und Blumen, welche Eugenie voll feiner Rcksicht
auf die Schchternheit ihres Cellospielers hatte aufstellen lassen,
verdeckten zum Theil die Musiker, und hinter dieser duftenden Blumenwand
fhrte das kunstfertige Kleeblatt nun das Musikstck zu Ende und erregte
einen abermaligen Beifallssturm. Jetzt sang Eugenie ein schnes Lied, und
des Baron's Augen strahlten, als er bei uns hinter den Coulissen erschien;
all seine Sinne schienen sich in dem einen des Gehrs zu concentriren, mit
dem er Eugeniens Gesang lauschte. Er kam erst wieder zu sich, als das Lied
zu Ende war, und Amanda dem Gesange ein prchtiges Concertstck folgen
lie. Dann schlo ein Duett, von Eugenien und Dr. Hausmann gesungen, den
musikalischen Theil der Unterhaltung.

Nun aber kam der schreckliche Moment: unsere Auffhrung mute beginnen! Wir
gaben das heitere Lustspiel Kotzebue's: Der gerade Weg ist der beste. Ich
hatte die Rolle der jungen Predigerwittwe, welche mit der erledigten Pfarre
zusammen vergeben werden soll, und ein sehr heiteres, nicht mehr ganz
junges Mdchen bernahm die Rolle der Haushlterin, welche zur Prfung der
Bewerber als diejenige Dame vorgefhrt wird, die mit der Pfarre in den Kauf
genommen werden soll. Ein alter Major, von Dr. Hausmann mit Percke, langer
Pfeife und angemalten Runzeln prchtig dargestellt, ist Patronatsherr und
hat die Stelle zu vergeben, und bei ihm melden sich nun zwei Bewerber. Der
eine hat viel Frsprache und steckt sich hinter alle mglichen Personen,
die zu seinen Gunsten sprechen sollen; auf die Bedingung, die Alte zu
heirathen, geht er augenblicklich ein, besonders da er hrt, sie habe
Geld. Der andere Bewerber ist ohne Frsprache und wendet sich direct an den
Major, die Bedingung aber, gleich die Pfarrerin mit in den Kauf zu nehmen,
bestimmt ihn, ohne noch dieselbe gesehen zu haben, von der Bewerbung zurck
zu treten, bis er denn endlich erfhrt, da die ihm Bestimmte seine frhere
Liebe ist, um derenwillen er nie heirathen wollte. Da er Pfarre und Frau
nun bekommt, ist keine Frage, und alles endet vortrefflich.

Leichter als meine ehrbare Rolle der jungen Wittwe war die der alten
Haushlterin, deren Auftreten groen Jubel erregte; denn eine ungeheure
Haube mit faltenreichen Strichen, sowie eine kstlich altmodische, blumige
Contusche gaben ihrer gezierten, selbstgeflligen Erscheinung etwas
unbeschreiblich Komisches. Ueberdies spielte sie ausgezeichnet gut.

Trotz meiner Angst und Sorge ging unser Spiel trefflich von statten, keins
blieb stecken, der Souffleur that lblich das Seine, und alles fgte sich
nach Wunsch in einander. Mir wurde zwar anfangs ganz hei und drehend, als
ich meine Blicke von der Bhne fort nach dem zahlreichen Publikum wendete,
aber auch das verging, und der Muth wuchs beim Spiel. Da auch wir reichen
Beifall und Hervorruf ernteten, freute uns sehr, und selbst Eugenie gab
mir das Lob, ich sei ganz passabel gewesen, ganz die ehrpuliche kleine
Gnseblume, die diese Pastorfrau sein msse.

Diesem unserem Lustspiel folgte nun noch ein anderes, das dem Ganzen die
Krone aufsetzte, obwohl nur zwei Personen darin auftraten. Es war das
reizende Genrebild von Schneider: Der Kurmrker und die Picarde, und
Eugenie als grazise Franzsin, sowie Eduard in der Rolle des braven
Soldaten bertrafen alle Erwartungen. Der zierlichen Gestalt Eugeniens
schmiegte sich das kleidsame, franzsische Kostm trefflich an, und die
hohe Mtze der Picarde stand dem schnen Mdchen zum Verlieben hbsch.
Der Inhalt des Stckes ist unbedeutend: die niedliche Franzsin wei durch
Anmuth, Tanz und Schmeichelei den =gros lourdand prussien= sich gnstig
zu stimmen, und dieser wieder gewinnt durch treuherzige Gutmthigkeit die
Gunst der Feindin, so da die Beiden als die besten Freunde von einander
gehen. Das bekannte ergtzliche Lied: O Tanneboom, o Tanneboom, wie grn
sind deine Bltter! sang Eduard so voller Humor, und lie dabei doch
den einfachen ergreifenden Ernst so hindurch fhlen, da er uns alle tief
rhrte, und uns selbst die Thrnen im Auge standen, als der Gesang des
braven Soldaten, vom Schmerz des Heimweh's erstickt, mit Schluchzen endete.
Eugeniens zierlicher Tanz im Gegensatz zu den plumpen Sprngen des guten
Deutschen war allerliebst, sie erntete grenzenlosen Beifall und =mon
brave= mit ihr.

So war denn alles gut und ohne erhebliche Strung abgelaufen; unsere
Auffhrungen hatten ungetheilten Beifall gefunden, wir selbst trotz vieler
Mhe auch viel Vergngen dabei gehabt, und, was die Hauptsache, unser
Zweck, eine Untersttzung fr die Abgebrannten zu erlangen, war glnzend
erreicht, denn voll Freude konnten wir den Hnden des Barons eine hbsche
kleine Summe zur Vertheilung bergeben.

Die Unruhe und Aufregung, in welcher dieser Abend uns Alle eine Zeitlang
versetzt hatte, wich nun wieder dem ruhig gleichmigen Gange des tglichen
Lebens. Der Winter mit seinen langen Abenden versammelte uns meist in
Tantes behaglichem Wohnzimmer, dessen himmlisch altmodische Meubles jetzt
auch der leichtfertigen Eugenie lieb wurden, wie berhaupt unser ganzes
behaglich ruhiges Leben. Ein solches kannte sie eigentlich gar nicht, denn
ihrer Mutter erschienen die Tage, an denen sie kein Vergngen vorhatte,
vllig verloren, eine trauliche Huslichkeit war ihr zuwider. Zum Glck lag
in unserer Eugenie eine vllig andere Natur, und die tiefe Innerlichkeit
ihres Gemthes gewann mehr und mehr die Herrschaft ber ihre bisherigen
leichtsinnig weltlichen Neigungen. Uebermthig und wunderlich blieb sie
dabei freilich noch immer, und das verwhnte Kind schaute noch berall
hindurch, aber man mute doch seine Freude an ihr haben, sie war trotz
allem ein gar liebes Geschpf.

Ihre groe musikalische Begabung verschaffte uns in den langen
Winterabenden gar manchen Genu, und in Folge ihrer steten Ermuthigung
versuchte auch ich nach und nach, meine kleinen Talente im Klavierspiel
und Gesang unter ihrer Leitung zu vervollkommnen. Marie leistete uns hufig
Gesellschaft, und auch ihr Bruder Eduard, sowie Dr. Hausmann gehrten
zu der frohen traulichen Gesellschaft, die Tantes Wohnzimmer gar hufig
belebte. Bald gewannen wir noch ein Mitglied zu unserem kleinen Kreise, und
das war unser neuer Freund: der Baron Senft. In groer Gesellschaft
sahen wir ihn nie, und auch unser kleiner Kreis schien ihn anfangs zu
bengstigen, die Musik aber half ihm bald ber alle Bangigkeit fort.
Eugenie hatte eine so feine, angenehme Weise, sein linkisches Benehmen zu
ignoriren und ihn dreister und unbefangener zu machen, und Tante Ulrike war
so herzlich und zutraulich gegen ihn, da die starre Rinde bald schmolz,
und man ihm mehr und mehr Behagen und Wohlsein anmerkte. Dr. Hausmann, der
groe Reisen gemacht hatte, verstand sehr hbsch von denselben zu erzhlen,
auch Eduard unterhielt gut, und bald zeigte es sich, wie gebildet und
unterrichtet auch der Baron war, dessen Kenntnisse bisher unter Schlo und
Riegel gelegen hatten; denn Niemand vermuthete sie bei dem scheuen, stillen
Landedelmanne, der jetzt oft ganz lebhaft und gesprchig wurde.

Marie theilte mit mir die feste Ueberzeugung, da der Baron in Eugenien bis
ber die Ohren verliebt war, denn man htte blind sein mssen, um das nicht
zu sehen. Wie aber Eugenie dachte, konnte man freilich nicht so deutlich
wissen; ihr neckisches Wesen machte sie unberechenbar, und sie entschlpfte
flink und gewandt, wollte man sie etwas fester und schrfer fassen.

Aber doch sprach gar Vieles dafr, da auch sie den Baron gern hatte.
Es war unbegreiflich, aber es war so: der wunderliche, steife, scheue
Menschenfeind gefiel unserer schnen, eleganten, in jeder Weise verwhnten
Eugenie besser, als irgend ein anderer Mann unserer Bekanntschaft. Sie
vertheidigte ihn stets, hob stets alles hervor, was zu seinen Gunsten
sprach, und vor allem: sie spottete und lachte nie ber ihn, so viel Stoff
er ihr auch dazu liefern mochte; und jetzt erst fhlte ich so recht die
Wahrheit jener Worte, die Tante Ulrike einst sagte: Spott ist schlimmer als
Tadel. Ein Mdchen wird leichter einen Mann heirathen, an dem sie allerlei
zu tadeln fand, als einen, ber den sie sich lustig gemacht und den sie
verspottet hat.

Auch ich lachte jetzt nicht mehr ber unseres guten Barons linkisches
Wesen, denn mehr und mehr lernte ich ihn wegen seines trefflichen
Charakters achten und seinen inneren Werth anerkennen. Aber freilich mu
ich gestehen, da mir anfangs ihm gegenber nicht sehr behaglich zu Muthe
war, und ich gewi in linkischen Manieren mit ihm wetteiferte; denn es ist
ein sehr peinliches Gefhl, dem Manne gegenber zu stehen, dem man -- einen
Korb gegeben. Zu meiner Freude schien der Baron viel leichter darber fort
zu kommen, denn er ignorirte mich bald vollstndig, wenn sich Eugenie neben
mir befand; sie war die Sonne, nach der er schaute, sie liebte und verehrte
er mit aller Innigkeit seines Herzens, -- mich hatte er ja nur heirathen
wollen, weil er glaubte, ich liebte ihn; das war ein Irrthum, und somit war
er seiner Verpflichtungen gegen mich entbunden.

Aber der arme schchterne Baron war sehr schlimm daran! Woche um Woche
verging, schon wich der Winter dem warmen Hauche des kommenden Frhlings,
aber immer noch standen die Sachen auf demselben Flecke; denn die Furcht,
auch von Eugenien abgewiesen zu werden, band des armen Barons Zunge. Er
wagte nicht dem schnen, bedeutenden Mdchen zu gestehen, wie sehr er sie
liebe. Htte er sich abermals geirrt, wre er auch ihr gleichgltig, wie er
mir war, so strzte sein Wnschen und Hoffen in bodenlosen Abgrund und nahm
alles mit, was ihm jetzt Freude und neues Leben brachte.

Diese Gedanken standen so deutlich auf seiner Stirn, da ich mir von Neuem
die bittersten Vorwrfe ber meine Thorheiten machte, die noch jetzt solche
Frchte trugen. Ein Gesprch mit Eduard zeigte mir aber erst ganz, wie
begrndet solche Gedanken waren.

Frulein Gretchen, Sie knnten sich ein rechtes Verdienst erwerben, sagte
Eduard eines Tages zu mir, als ich bei seiner Schwester Maria war.

Ein Verdienst, um wen denn? fragte ich verwundert.

Nun, um wen sonst, als um Ihren einstigen Verehrer, den Baron Senft,
entgegnete Eduard.

Er ist nie mein Verehrer gewesen und hat jetzt ganz andere Gottheiten,
denen er huldigt! sagte ich lachend.

Aber Sie haben ihn doch einmal bitter enttuscht und gekrnkt, dafr
sollten Sie ihm wirklich Gutes erzeigen.

Herzlich gern, aber wie kann ich das?

O die Damen verstehen sich ja so trefflich darauf, Verborgenes zu
entrthseln. Wollen Sie nicht einmal das Herz Ihrer schnen Cousine
sondiren, damit Sie erfahren, wer der Glckliche ist, dem sie ihre Gunst
zuwendet?

Das ist eine furchtbar schwere Aufgabe, lieber Freund! Eugenie schimmert
wie ein Kolibri stets in anderen Farben, und durchschaut meine Absichten
zehn Mal, wenn ich den Versuch machen wollte, sie zu durchschauen.

Sie thten aber ein gutes Werk, Gretchen, sagte Eduard, jetzt ernst
werdend. Unser armer Baron stirbt fast vor Liebe zu Eugenien; aber die
bittere Erfahrung mit Ihnen hat ihm allen Muth geraubt, je wieder einem
Mdchen seine Hand anzutragen. Ich bot ihm meine Hlfe dazu aus freien
Stcken an, aber angstvoll bat er mich, keine Schritte fr ihn zu thun,
denn Eugeniens Weigerung wrde ihn auf ewig unglcklich machen. Aber was
soll daraus werden, wenn er sich nie erklrt?

Nun ich will das Meine thun, Eugenien zu erforschen, ich verspreche es
Ihnen! sagte ich seufzend. Ich glaube zwar bestimmt, da sie des Barons
Neigung erwiedert, aber in wie weit, das wei ich freilich nicht, sie ist
ein gar zu wunderliches Mdchen.

Aber wie schwer war diese Aufgabe, die ich bernommen! Ich suchte oft das
Gesprch auf den Baron zu bringen, doch was half mir das, ich kam keinen
Schritt weiter.

Findest du nicht, Eugenie, sagte ich z.B. einmal, da der Baron
eigentlich ein recht interessantes Gesicht hat, besonders wenn die Musik
ihn belebt?

Ich finde ihn sehr hlich, er mag musiciren oder nicht! entgegnete
Eugenie trocken.

Ja, seine Manieren sind nicht schn, das mu ich auch gestehen, warf ich
ein.

Was thut das! sagte sie rasch. Meinetwegen mag er so steif sein, als
er Lust hat, ich will ja nicht mit ihm tanzen! In der Unterhaltung ist er
nicht steif, das ist besser als umgekehrt.

So machte sie es immer: tadelte ich, so lobte sie ihn, sagte ich aber etwas
Gnstiges, so war ihr das auch nie recht.

Der Baron mu doch sehr reich sein! begann ich dann wieder einmal mein
Manver. Aber wie schade, da er so allein in dem schnen alten Schlosse
wohnt.

Nun warum hast du es denn abgeschlagen, ihm dort Gesellschaft zu leisten,
wenn dir seine Einsamkeit so leid thut? lachte Eugenie. Ich wurde
dunkelroth, berwand aber meine Verlegenheit und sagte muthig: Es giebt
genug andere Mdchen, die recht gern seine Frau wrden; glaubst du nicht
auch?

Das kann wohl sein! entgegnete Eugenie ihre Locken ber den Finger
drehend. Nur gerade du solltest ein Gericht nicht anderen preisen, von
dem du selbst nicht essen mochtest. O du unmenschlich kluges Gnseblmchen,
denkst du, ich werde in deine Falle gehen?

Mir ein Schnippchen schlagend tanzte sie singend davon, und ich war
rgerlich ber meine Dummheit, die so plump mehr verdarb als gut machte.

Endlich eines Tages, als der Baron lange bei uns gewesen, fate ich mir ein
Herz und sagte ernst: Eugenie, ich glaube, der Baron liebt dich ber
alle Maen; aber er ist zu schchtern, es dir zu sagen; du solltest es ihm
deutlicher zeigen, wenn du seine Neigung begnstigst, damit der arme Mann
wei, woran er ist.

Eugenie sah mich einen Augenblick ganz verwundert an, dann lachte sie laut
auf und sagte: Hat er dich etwa damit beauftragt, du mitfhlende Seele?
Ich glaube beinahe. Aber Schtzchen, ich will es dir nur gestehen, die
Wahl seiner Gesandtin war nicht viel glcklicher, als die des schlauen
Klosterbruders im Nathan; es fehlt nur, da du dessen Rede: so sagt der
Patriarch in: so sagt der Herr Baron! verwandelst. Uebrigens, mein
Gnseblmchen, fuhr sie schmeichelnd fort, als sie sah, da ich mich
verletzt fortwandte, brigens werde ich deine weisen Lehren beherzigen!
Schade nur, da wir nicht im Lande der Amazonen leben, da htte der
schchterne Herr Baron es bequemer. Wenn wir nur wenigstens Cotillon
zusammen tanzten, sagte sie neckend, da knnte ich ihm doch noch einen
Orden bringen, und ihm zeigen, da er mir der liebste von allen Herren
der Schpfung wre! Nicht wahr, Gnseblmchen? Ach wem brachtest du doch
neulich auf dem ersten Balle den Cotillonorden, war es nicht Eduard? Ach
nein, wer war es doch?--

Geh, la mich in Ruhe, du abscheuliches Mdchen! rief ich rgerlich und
doch lachend. Mit dir binde der Kuckuk an, ich habe es satt!

Nun das ist prchtig, da habe ich doch endlich Ruhe vor dir und deinen
Verschwornen, lachte Eugenie. Doch, fuhr sie munter fort, damit dein
armes Herzchen vor Jammer und Mitleid nicht breche, will ich es dir nur
gestehen, da ich den Baron wirklich sehr gern habe. Nun aber geschwind,
mach' da die Andern es erfahren und durch sie der arme Baron, sonst hat er
am Ende vorher noch den Heldenmuth, mich selbst danach zu fragen, und euer
Triumph, die Sache vermittelt zu haben, fllt ber den Haufen. Das wre
doch jammerschade! Nun, hrst du nicht, Schtzchen? Lauf und mach', da
er es erfhrt! Glaubst du es denn noch nicht, wenn ich es dir in trockenen
Worten sage: ich liebe ihn? Oder warum machst du wieder deine verwunderten
Wickelkindaugen?

Ja, verwundert stand ich allerdings da; denn was ich auf Umwegen nicht
herauslocken konnte, das sagte das wunderliche Mdchen mir in wenig
trockenen Worten, als ich es am wenigsten erwartet hatte. Jubelnd fiel ich
ihr um den Hals, aber das konnte sie ein fr allemal nicht leiden und lief
scheltend davon, ich aber strzte mit meiner Neuigkeit zu Marie, und mit
dieser zu Eduard. Sobald er irgend konnte, wollte Eduard selbst zu dem
Baron hinaus eilen, ihm die frohe Kunde zu bringen, um dann den Brautwerber
fr den Freund zu machen. Auch Tante Ulrike wurde nun in das Geheimni
gezogen; sie hatte alles lngst geahnt, und freute sich der nun hoffentlich
bald stattfindenden Vereinigung, welche sie sehr wnschte.

Aber liebe Tante, sagte ich kopfschttelnd, als ich erfuhr, da dieser
Wunsch lange schon ihr Herz bewege, glaubst du denn wirklich, da Eugenie
den Sonderling so liebt, um fr das Leben glcklich zu werden? Sie sind
doch zu verschieden!

Das schadet nichts, mein Kind, entgegnete die Tante lchelnd. Wie ich
Eugenie nach und nach kennen gelernt habe, wei ich, da ihr tiefes Gemth
den hohen Werth dieses Mannes all seinen Wunderlichkeiten vorziehen, diese
aber in ihrer leichten, grazisen Weise bersehen, ja anderen gegenber
verdecken wird. Bei seiner Verehrung fr alle Eigenschaften Eugeniens, sie
mgen heien wie sie wollen, wird sie freilich ihr Lebenlang das verwhnte
Kind bleiben, das sie ist; aber da ihr in der ueren behaglichen, ja
glnzenden Lage, in die sie des Barons Reichthum versetzt, die Mittel nicht
fehlen werden, alle Launen zu befriedigen, so mag sie immer bleiben, wie
sie ist, wenn sie dabei nur ferner so gut und liebenswrdig sein wird, als
sie jetzt geworden.

Eugeniens Gestndni hatte ich in den Morgenstunden von ihr erhalten, den
Tag ber sprachen wir Beide kein Wort weiter darber, Eugenie blieb viel in
ihrem Zimmer, und mir war das sehr angenehm. Aber in der Dmmerstunde sah
ich sie zu Tante Ulrike gehen, und endlich kam sie zu mir in die Wohnstube
und sagte: Gnseblmchen, da du doch hier auf der Hochschule bist und
alles lernen sollst, so kannst du nun auch Studien machen, wie man sich als
Braut in der Welt zu benehmen hat.

Ich wute nicht, was ihre Rede bedeuten sollte, und da ich wieder eine
Neckerei dahinter vermuthete, sagte ich abwehrend: La doch nur solche
Spe, Eugenie, sie passen so wenig fr mich!

Das ist mir ganz einerlei, ob es dir pat, Kleine, wenn's mir nur pat!
lachte sie. Und Spa mache ich ja gar nicht, es ist mein bitterer Ernst!

Meinetwegen, mir aber liegen solche Gedanken fern! sagte ich rgerlich.

Nein, ich behaupte aber, sie liegen sehr nahe! erwiederte Eugenie lustig.
Du meinst von mir so manches lernen zu knnen. Nun, jetzt kommt zu meinen
brigen Tugenden noch eine hinzu, und das ist die, mit Anstand Braut zu
sein!

Eugenie, wie? du _bist_ Braut? fuhr ich berrascht empor. So hat der
Baron doch von selbst den Muth gehabt, sich dir zu erklren?

Der Baron! Nein, wer sagt das? entgegnete Eugenie lachend.

Nun eins mute sich doch zuerst erklren, du hast doch nicht etwa....
stotterte ich blutroth.

Ich? Ich habe nichts weiter gethan, als die Rathschlge meiner trefflichen
Cousine befolgt, sagte Eugenie knixend. Sie hat mir gezeigt, wie man
Orden vertheilt, um die Sprache seines Herzens zu verknden. Auch ich habe
heut Vormittag einen Orden verschenkt und dafr, wie es sich fr einen
galanten Kavalier schickt, ein Struchen erhalten, denn das ist ja
wohl Cotillonsregel, nicht so, Gnseblmchen? Da, sieh einmal, da du
die Blumensprache verstehst! Du weit, ich bin sehr freigebig mit meinen
Mittheilungen. Dabei enthllte sie ein prachtvolles Bouquet, das sie unter
dem Taschentuche verborgen und hielt es mir neckend unter die Nase. Ein
kleines Briefchen schaute aus den bunten Blumen heraus, und hastig griff
ich danach. Es enthielt nur die kurzen Worte: Dank, ewigen Dank fr diesen
Lichtstrahl in dunkler Nacht! Jetzt bist Du mein, mein auf ewig! A.S.

Ich war wie im Traume. Also alles lag schon fix und fertig da, unsere
Vermittelung war ganz unnthig geworden; Eugenie hatte uns in khnster
Weise ein Schnippchen geschlagen und ihre Angelegenheiten selbst keck in
die Hand genommen. Nur ein solcher Muth, ein so sicheres Selbstgefhl, als
es Eugenie besa, konnte dergleichen fertig bringen; sie war in der That
ein Stckchen Amazone! Aber konnte man sie deshalb tadeln? War ein solcher
Schritt nicht durch des Barons unberwindliche Schchternheit entschuldigt,
ja sogar gerechtfertigt? Das Lebensglck zweier Menschen beruhte auf einem
einzigen Worte, und da er dieses Wort nicht auszusprechen wagte, warum
sollte _sie_ es nicht thun, und dadurch die Pforten ihres Glckes ffnen?

Solche Gedanken gewannen auch in mir nach und nach die Oberhand, wie sie
Eugenien schon lange mochten beschftigt haben. Doch im ersten Augenblicke
war ich allerdings etwas bestrzt ber diese neue Art der Verlobung, denn
meine schchterne Natur htte diesen Schritt nie gethan, und wenn mein
ganzes Lebensglck davon abgehangen htte. Aber man konnte freilich auch
nicht verschiedener sein, als Eugenie und ich, und das gestanden wir uns
Beide sehr offenherzig.

Eine halbe Stunde nach Eugeniens Erffnungen strmte es die Treppe herauf,
und in meinem Leben habe ich nicht solche Verwandlung eines Menschen
gesehen, als die unseres lieben Barons. Strahlend vor Glck und Liebe,
rasch und lebendig wie ein feuriger Jngling, schwamm er in einem Meere
von Glckseligkeit, und Eugenie war so hold, so sittig, und doch wieder so
schelmisch, neckisch und zrtlich, da man allerdings seine Studien an ihr
machen konnte; sie erschien mir als das Ideal einer schnen, glcklichen
Braut!--




16.

Die Braut.


Ehe ein Mdchen verlobt oder gar verheirathet ist, kann man nicht wissen
was in ihr steckt! hatte Tante Ulrike manchmal gesagt, und wie wahr und
sinnig ihre Worte immer waren, das erfuhr ich jetzt wieder. Auch Eugenie,
dieses bunt schillernde Wesen, entwickelte als Braut ganz neue, nie
gekannte Eigenschaften, welche ihr unsere aufrichtige Bewunderung
verschafften. Sie war oft wirklich rhrend in dem Streben nach grerer
Vollendung. Bisher hatte sie nie daran gedacht, auf irgend jemand viel
Rcksicht zu nehmen; alles war ihr entgegengekommen, ihr abgenommen oder
zugetragen worden, sie fragte bei ihrem Thun und Lassen nicht danach, pat
es auch meiner Umgebung, oder stre und verletze ich jemanden. Jetzt aber
war sie fortwhrend auf alles bedacht, was den Baron erfreuen und ihm
angenehm sein konnte, und mit reizender Zartheit suchte sie alles aus dem
Wege zu rumen, was ihn bei seiner Schchternheit belstigen mute. Dahin
gehrten vor allem die Besuche, welche das junge Brautpaar zu machen hatte,
um sich dem Bekanntenkreise vorzustellen. Diese konnte sie dem armen Baron
freilich nicht ersparen, und da ich denselben nicht beiwohnte, so kann ich
auch nicht wissen, wie steif und befangen er sicher dabei gewesen; aber
bei Erwiederung dieser Besuche sah ich, wie Eugenie mit feiner Gewandtheit
immer da einzutreten wute, wo er fehlte, wie sie es verstand ihn stets
in das Gesprch zu ziehen, im rechten Augenblicke seinen Arm zu ergreifen,
geschickt alle Hindernisse zu beseitigen, die ihn bei seinen eckigen
Bewegungen strten, wie Sessel, leichte Tischchen, Blumenvasen und alle
dergleichen leicht strzende Dinge, welche ungrazise Menschen nur gar
zu oft in Verlegenheit setzen. Dabei war sie so unbefangen, so heiter und
liebenswrdig, da ich es gar wohl begriff, warum ihres Brutigams Augen
nur an ihr hafteten, und die ganze brige Welt eigentlich fr ihn nicht
existirte. Eugenie war alles, was er dachte und fhlte, ihr Glck und ihre
Freude der einzige Zweck seines Lebens. O wie dankte ich Gott aus tiefstem
Herzen, da er meinen sehnlichen Wunsch nun erfllt, und dem braven Manne
das Glck zugefhrt hatte, das er so sehr verdiente, und welches ich ihm zu
geben doch nie fhig gewesen wre.

Eugenie war trotz der unglaublichen Verschiedenheit, die zwischen ihr
und dem Baron herrschte, doch wie fr ihn geschaffen, denn ihre Schwchen
entzckten ihn ebenso sehr wie ihre guten Eigenschaften. Er verzog sie so
viel er nur konnte, und je muthwilliger sie ihn umgaukelte, je glcklicher
strahlten seine Augen. All ihre kleinen lustigen Streiche bewunderte er,
als wren es die fabelhaftesten Heldenthaten, und nie wurde er verstimmt
oder rgerlich, selbst wenn er, wie nur gar zu hufig, die Zielscheibe
ihrer Neckereien war.

Da Eugenie bei all ihrer Schelmerei tiefes Gefhl besa und ihn innig
liebte, wie er sich nie getrumt, das wute er wohl, und es war wunderbar,
mit welcher Innigkeit der so scheue, verschlossene Mann nun der
Geliebten sein Gemth erffnete. Und Eugenie, welche bisher allem, was
Gefhlsuerungen hnlich sah, den Krieg erklrt hatte, sie lauschte jetzt
mit feuchtem Auge den Worten der hingebendsten Liebe.

In ihrer liebenswrdigen Offenheit theilte sie uns vieles von dem mit, was
der Baron ihr gestanden; denn sie wute, da sie an Tante und mir innig
theilnehmende Herzen besa, voll Discretion und Verstndni, denen sie
wohl mittheilen durfte, was ihr das Liebste und Heiligste war. Wie sehr der
Baron sie vom ersten Augenblick an geliebt, seit er sie kannte, das zeigten
einige seiner frheren Gedichte, und eben so warm sprach er jetzt die Wonne
und das Glck seines Herzens aus, seit er die Geliebte gewonnen. So z.B.
klagte er in jenen Tagen der Trauer voll Sehnsucht:

  O wr' ich doch ein Edelstein
  Von wunderbarem Feuer,
  Du fatest wohl in Gold mich ein,
  Trgst gern mich an dem Finger dein,
  Ich wr' dir lieb und theuer!

  Wr ich am weiten Himmelszelt
  Der schnste aller Sterne,
  Es wrde einzig deine Welt
  Von meinem lichten Strahl erhellt,
  Dir glnzt' ich nah und ferne.

  Wr ich ein Ton, so s und rein,
  Ich wollt' dein Herz erquicken;
  Und lg' der Schnheit Himmelsschein
  Doch still auf Haupt und Seele mein,
  Dich innig zu entzcken!

  Doch nichts von allem wurde mir,
  Dich, Liebste, zu erwerben!
  Drum, armes Herz, was bleibet dir,
  Als einsam leben fr und fr,
  Und einsam auch zu sterben!

Dann wieder sucht sein banges Herz Trost und Ruhe im Liede, denn still
ergeben singt er:

  Wenn ich's lnger nicht kann tragen,
  Und das Herz mir brechen will,
  Schlie' ich meine bangen Klagen
  In ein Lied, und es wird still!

  Es wird still wie Meereswogen,
  Die der wilde Sturm gejagt.
  Friede Gottes kommt gezogen,
  Trstet, wo ich fast verzagt.

  O da mir doch nimmer fehle
  Solch' ein Lied im Herzen mein,
  Ihr Gebete meiner Seele
  Tragt den Himmel mir herein!

Dann kommt der Frhling und mit ihm die Erfllung seiner theuersten
Wnsche, und voll Entzcken singt er nun, der Geliebten alles zu Fen
legend:

  Neues Leben.

  Ich hab' es selber ja nicht gewut,
  Wie reich an Klngen die eigne Brust!
  Es singet und tnet, es wehet und rauscht,
  Da still und wonnig die Seele lauscht.

  Als einsam ich stand im dunklen Thal,
  Da brach mir herein der Sonne Strahl,
  Nun schau' ich voll Wonne den Wunderglanz,
  Und sammle die Blumen zu duftigem Kranz.

  Dir werf' ich sie all' in den Schoos hinein,
  O mchte ihr Blhen zuweilen dich freu'n!
  Du wecktest den Frhling, nun ist er erwacht,
  Nun hat er dir all' seine Blthen gebracht!

Aehnlich lautet das folgende Gedicht, das ich zum Schlu noch mittheilen
mchte, da es von dem Glck seines Herzens die beste Kunde giebt:

  Frhling.

  Du wundervoller Wonnemond,
  Du Mai voll Lust und Leben,
  Wie hast du meinem Herzen auch
  Den Frhling neu gegeben!

  Des kalten Winters bange Nacht
  Umhllte meine Seele,
  Und duldend beugt' ich still das Haupt,
  Wohl ahnend, was mir fehle.

  Weit drauen sah ich glnzend hell
  Die schnste Blume sprieen,
  Und warme Lfte, weich und mild,
  Sie schienen mich zu gren.

  Ich streckte weit die Arme aus,
  Dies Paradies zu fassen, --
  Umsonst, in kalter Winterluft
  Blieb ich allein, -- verlassen!

  O Blthenmonat, Frhlingszeit,
  Nun bist du doch gekommen,
  Nun hast du in dein Zauberschlo
  Auch mich mit aufgenommen.

  Wie blht und sprot es um mich her
  Mit frischem, reichem Leben!
  O Wonnemond, wie hast du mir
  Den Mai in's Herz gegeben!

Doch nun genug der kleinen Lieder, welche uns in ihrer sinnigen Einfachheit
einen tiefen Blick in die Gemthswelt unseres Freundes gaben, in dessen
Innerem so viel Schnes schlummerte, das nun jetzt an das Licht trat. Da
auch Eugenie ihrem Herzen in vielen kleinen Gedichten Luft machte, bemerkte
ich wohl, aber auf alles, was sie selbst schuf, legte sie keinen Werth und
liebte es nicht, davon zu sprechen. Wir wuten das lngst und lieen sie
deshalb in Ruhe, da sie uns von selbst nichts davon mittheilte.

Der glckselige Brutigam htte seine Eugenie am liebsten noch in demselben
Monat, seinem wirklichen Wonnemond, als Gattin in das alte Schlo seiner
Ahnen eingefhrt; aber dagegen erhob sich Tante Ulrike's Stimme, welche
ihr Pflegekind nicht sogleich von sich lassen und erst einigermaen in die
Geheimnisse eines Hauswesens einweihen wollte. Der Baron meinte zwar, das
sei ganz unntz, seine Frau solle gar keine Mhe von der Wirthschaft haben,
das ginge alles seinen Gang weiter, wie es bisher gegangen. Dazu machte
aber auch Eugenie ein bedenkliches Gesicht und sagte: Nun ehrlich
gestanden, ganz so dumm wie ein Gnschen mchte ich der Wirthschafterin
doch nicht gegenber stehen, ich blamirte mich am Ende wie jener Backfisch
(bitte um Verzeihung, Gnseblmchen!), der weiche Eier kochen sollte und
nach einer Stunde trostlos der Mama klagte, die Eier wollten absolut nicht
weich werden, sie mchten kochen, so lange sie wollten. Nein, nein, Tante
Ulrike hat Recht, wie immer! Erst will ich ein Bischen wirthschaften
lernen, und dann mag der Baron seinen Willen haben, wenn er es durchaus
nicht erwarten kann, das Hauskreuz auf den Rcken zu nehmen.

Bei diesem Ausspruche blieb es denn auch fr's Erste, neugierig aber war
ich, wie viel Eugenie vom Wirthschaften lernen wrde, denn bis jetzt hatte
sie nie etwas davon wissen mgen. Bah, la mich mit dem Zeug in Ruhe!
sagte sie immer, wenn ich sie mit mir in die Kche nehmen wollte, in der
ich mir sehr gern zu thun machte.

Aber diese Dinge gehren ja doch zum Leben der Frauen, willst du dich nie
darum bekmmern? fragte ich dann wohl vorwurfsvoll.

Kommt Zeit, kommt Rath, la mich zufrieden und sei nicht so unertrglich
weise, heilige Margarethe! entgegnete sie in gewohnter Weise und fuhr in
raschen Lufen ber das Clavier, oder warf sich nachlssig in den Lehnstuhl
und drehte ihre Locken ber die Finger.

Das also sollte nun anders werden. Eugeniens Ehrgefhl kam jetzt mit
in's Spiel, und alle Energie ihres Charakters trieb sie zur schleunigen
Ausfllung dieser Lcke in ihren Kenntnissen.

Aber es war eine schwere Aufgabe fr Tante Ulrike, welche es bernommen
hatte, ihre wirthschaftlichen Talente zu wecken, denn Eugenie nahm bei
allem Eifer die Sache doch nicht ernst und hatte ewig Schelmereien im
Sinne. Sie bewaffnete sich zu ihrem neuen Unternehmen mit einem Dutzend der
schnsten weien Kchenschrzen, und Baron Senft schenkte ihr eine ganze
Bibliothek der vortrefflichsten Kochbcher. Aus diesen lernte sie
tglich drei Recepte auswendig, und diese sagte sie dann wie ein kleines
Schulmdchen ihrem knftigen Hausherrn auf, indem sie sich mit sittig
gefalteten Hnden vor ihn hinstellte; es war unsglich lcherlich, und
der Baron schwamm in Entzcken. Aber was von diesen Studien in ihrem
Kopfe hngen blieb, war wenig brauchbar und gab ihr nur Stoff zu neuen
Tollheiten; denn sie bereitete zuweilen heimlich die fabelhaftesten
Gerichte und berief sich dabei stets auf ihre Kochbcher. Sobald sie
nur wollte und aufmerksam war, begriff sie schnell und leicht und zeigte
Geschick zu allem, aber bald fuhr ihr der Schelm wieder durch den Sinn, und
dann war's mit der Achtsamkeit vorber.

Sei so gut, Eugenie, und putze diese Rbe, sagte z.B. Tante Ulrike, und
eifrig ging Eugenie an's Werk. Bald war sie fertig und berreichte ihre
Arbeit. Aber die Rbe hatte sich unter ihren Hnden in eine kleine Puppe
verwandelt; unter dem grnen Bltterbschel war ein Gesicht ausgeschnitten,
das der Bschel wie eine Mtze deckte, ein Krautblatt bildete das Rckchen,
und zwei auf Hlzchen gespiete lange Kartoffeln saen als Aermchen zu
beiden Seiten.

Was soll das, Eugenie? lachte Tante Ulrike.

Nun, ich sollte die Rbe ja putzen, da hast du sie, ist sie noch nicht
schn genug? sagte Eugenie ernsthaft. Es ist ihr Sonntagsputz, versichere
ich dir.

Dann wieder sollte Obst geschmort werden.

Aber wasche es erst, liebes Kind! sagte die Tante.

Eilig sprang Eugenie fort und kam mit Seife und wollenem Lappen zurck.

Was willst du machen, Eugenie? fragte die Tante mit groen Augen.

Die Beeren abwaschen, liebe Tante, rief diese schelmisch und lachte dann
wie ein Kobold.

Ein ander Mal stand Eugenie sinnend am Feuer und blickte auf das lustige
Spiel der Flamme unter dem Kessel.

Gieb doch Acht auf das Wasser und sage mir, wenn es kocht, Eugenie! rief
Tante Ulrike, indem sie die Kche verlie.

Gleich darauf kam unser hoffnungsvoller Zgling der Kochkunst zu mir in das
anstoende Zimmer, wo ich mit Pltten feiner Wsche beschftigt war, und
indem sie mir eine Schpfkelle voll dampfenden Wassers unter die Nase
hielt, sagte sie ganz ernsthaft:

Du, Gnseblmchen, sag' mal, _kocht_ das Wasser?

Und so kamen tglich Schelmereien vor, man war ihrer nie sicher. Manchmal
bat sie, Tante sollte sie allein kochen lassen, und dann lie sie ihrer
Laune die Zgel schieen, brachte schlielich aber doch immer etwas
Ordentliches auf den Tisch.

Heute giebt's nur Wassersuppe, ihr mt gengsam sein, sagte sie z.B.,
und in der Suppenschssel befand sich dann nichts als helles, klares
Wasser, das wir verblfft ansahen. Dann lachte sie, sprang hinaus und
brachte irgend eine gute Suppe zum Ersatz, denn sie hatte nur unsre langen
Gesichter sehen wollen.

Auch kam fast kein Gericht durch ihre Hnde auf den Tisch, mit dem sie sich
nicht irgend einen Scherz gemacht htte. Bald trug die gebratene Gans einen
Blumenstrau auf dem Busen, bald schmckte jedes Kotelett oder Hhnchen
eine Guirlande von Petersilie oder eine gekniffte Papierkrause; die Fische
trugen stets irgend etwas im Maule, bald ein Klagelied ber frhen Tod,
bald ein Geldstck oder dergleichen, das sie im Wasser verschluckt, wie die
Erluterung sagte, ja eines Tages hatte sie eine gebratene Gans sogar mit
einem Kranze von rothen Radieschen umschlungen, und die so Geschmckte bat
in zierlichen Versen, sie doch mit auf den nchsten Ball zu nehmen, sie
sehne sich nach Gesellschaft und dort tanzten gewhnlich gar viele ihrer
jungen Schwestern.

Auch der Baron bekam zu seinem hchsten Entzcken in dieser Weise sein
Theilchen Neckerei. Natrlich fand er Eugenien reizend in der netten weien
Kchenschrze, und wenn ihre niedlichen kleinen Finger von Mehl umhllt
sich in ihrer ganzen Zierlichkeit muthwillig auf seinem schwarzen Rockrmel
abdrckten, so freute er sich wie ein Kind und drckte die Hndchen an
seine Lippen, es mochte Mehl oder Teig oder sonst etwas daran kleben. Mit
Wonne a er alles, was Eugeniens Kunst bereitet, es mochte schmecken, wie
es wollte, ihm ging nichts darber, und eine Kartoffel oder einen Apfel,
den sie ihm geschlt, htte er am liebsten als wundervolle Reliquie
aufgehoben, statt ihn in den Mund zu stecken.

Heute habe ich dir eine Sandtorte gebacken, Arthur, weil du sie so gern
it! rief Eugenie eines Tages ihrem Geliebten entgegen.

Dieser war natrlich ganz zerknirscht vor Freude und Dank, und Eugenie
sprang fort, das Wunderwerk zu holen. Bald kam sie denn auch mit einer
groen Torte zurck, die sauber mit Zucker bestreut und von Blumen umgeben
war.

Du mut sie selbst anschneiden, da! sagte sie und berreichte dem Baron
ein groes Messer nebst Teller. Dieser schob die Blumen etwas zur Seite und
schnitt ein tchtig Stck aus der Torte heraus, das er dann auf den
Teller legte. Es war eine wunderliche Torte, das Stck brach und krmelte
merkwrdig, und die Farbe war hchst verdchtig. Aber Eugenie hatte sie
gebacken, also mute sie gut sein. In dieser Ueberzeugung fhrte der Baron
den Bissen zum Munde, und Eugenie konnte eben nur Halt, halt! rufen,
sonst wre der Scherz zu weit gegangen; denn nun erst sah der Baron, da
es zwar eine Sandtorte war, die der Schalk ihm vorgesetzt, aber keine
gebackene, sondern eine aus wirklichem Sande. Die gebackene und wohl
gerathene trat nun schnell an die Stelle der falschen, und der Baron war
voller Bewunderung seiner neckisch holden Braut, die immer neu,
immer schelmisch und munter, aber immer voll der innigsten Liebe und
Aufmerksamkeit fr ihn war.

Wie viel Eugenie von der Wirthschaft lernte, dahinter bin ich eigentlich
nie gekommen, denn zuweilen war ihr das Einfachste neu und fremd,
wenigstens stellte sie sich so, und dann wieder berraschte sie durch
allerlei Kenntnisse, die eine praktische Hausfrau kennzeichnen. Tante
Ulrike lchelte, als ich ihr diese meine Verwunderung aussprach, und sagte:
La sie nur, Gretchen; mir ist nicht bange, Eugenie wird schon ihren
Posten ausfllen, denn sie kann es, wenn's Ernst wird. Das alles hier ist
ihr nur Scherz, bei uns wird sie nicht anders. Ein Mdchen, das so viel
richtigen Verstand und praktische Anlagen hat als Eugenie, wird eine
thtige Hausfrau, sobald sie in ihrem Eigenthum schaltet und waltet. Sie
wird zuerst manches Lehrgeld bezahlen, aber das thut nichts, sie wird sich
schon hindurcharbeiten, das Zeug dazu hat sie. Gott gebe nur, da das
Leben sie nicht gar zu rauh erfat, damit ihr Frohsinn dauernd sei. Kleine
Prfungen werden auch bei ihr nicht ausbleiben, aber ich kenne unseren
Liebling jetzt hinreichend und wei, da ein guter Kern hinter dieser
schillernden Schale steckt, und der wird sich erhalten und bewhren an der
Seite ihres braven Gatten. Gott fhrt uns Menschen weise und wunderbar, das
zeigt mir Eugeniens Geschick wieder recht deutlich. In den Verhltnissen
des elterlichen Hauses wren die edlen Keime erstickt, welche in dem guten
Kinde ruhen; Gott legte mir dasselbe an das Herz, gab ihr in dir, mein
Gretchen, eine liebe Schwester, und alles Gute, das in ihr schlummerte,
trat deutlich hervor. Er fhrte ihr den Mann, der fr ihren wunderlichen
Sinn am besten pate, in einer Weise zu, da sie gleich seinen hohen Werth
erkannte, und jetzt kann ich ruhig Eugeniens Zukunft entgegen sehen, denn
alles wird gut werden.

Die Briefe, welche Eugenie jetzt von ihrem Vater erhielt, sprachen die
innigste Freude aus ber das Glck seines Kindes. Zur Hochzeit versprach er
zu kommen, obwohl ihn die Geschfte dann wieder nach Bayern zurck riefen.
Eugenie sollte spter mit ihrem Gatten eine Reise nach den schnen Gegenden
Sddeutschlands machen, in denen der Vater sich aufhielt. Das waren schne
Plne, und auch fr mich leuchtete von fern eine herrliche Aussicht, denn
Tante Ulrike hatte ihrem Bruder versprochen, ihn zu begleiten, wenn er nach
Bayern zurck kehrte, und ich Glckspilz sollte mit ihnen reisen.

Du bist bei mir auf der Hochschule, wie Eugenie es nennt, sagte die
Tante, da ist es denn auch nthig, da du lernst, dich auf Reisen zu
benehmen. Alles will gelernt sein, also auch das Reisen, und da sich die
Gelegenheit dazu gerade bietet, so wollen wir sie benutzen.

Nun aber waren wir noch nicht so weit. Da die Hochzeit auf neues Drngen
des Barons schon im Juli stattfinden sollte, hatten wir alle Hnde voll
zu thun, dem jungen Paare Haus und Wirthschaft einzurichten. Eugenie hatte
zwar den besten Willen, an ihrer Ausstattung tchtig zu helfen, aber da
es beim Wollen blieb, wuten wir vorher. Zum Glck kann man in einer groen
Stadt alles, was man bedarf, gleich fertig geliefert erhalten, und von
dieser Bequemlichkeit machten wir guten Gebrauch. Es war ein Vergngen,
all die schnen Dinge auszusuchen, welche Eugeniens reiche Ausstattung
bildeten, und hatten wir unsere Angelegenheiten geordnet, so kam der Baron
mit bittender Miene, doch auch ihm in seinen neuen Einrichtungen mit
Rath und Urtheil beizustehen; denn sein altes Schlo mute sich allerlei
Neuerungen gefallen lassen, damit der schnsten jungen Frau nichts zu
wnschen bliebe, wie er sagte.

Das wre eigentlich Arbeit fr Mama! meinte Eugenie lchelnd. Sie
schwrmt fr neue Einrichtungen und hat sehr guten Geschmack.

Tante Ulrike sah Eugenie forschend an und fragte, ob es ihr Ernst sei, und
sie ihre Mutter auffordern wolle, uns zu besuchen. Eugenie errthete und
sagte niedergeschlagen: Nein, Tante, besser sie kommt nicht! Du weit es
ja selbst, es ist besser fr uns Alle.

Tante Ulrike seufzte und kte Eugenien, der die Thrnen im Auge standen.
Sie that mir innig leid, denn ich wute wohl, der Brief, den sie von ihrer
Mutter als Antwort auf die Anzeige ihrer Verlobung erhalten, war gar zu
wenig mtterlich und hatte Eugenien heie Thrnen gekostet. Sie hatte zwar
auch ihre Freude ber die Verlobung ausgesprochen, aber es war doch nur
Freude ber die gute, glnzende Partie, wie sie es nannte; das innere
Glck ihres Kindes, den hohen sittlichen Werth ihres Schwiegersohnes
erwhnte sie mit keiner Silbe. Es leuchtete sogar etwas wie Neid und
Migunst ber die glnzende uere Lage der knftigen Frau Baronin aus
ihren Worten hervor, ja am Schlu des Briefes standen einige bittere
Zeilen ber ihre eigene unglckliche Ehe und ber ihren armen, von ihr so
vernachlssigten Gatten, von dessen Unglck sie einzig die Schuld trug,
ohne es sich eingestehen zu wollen.

Da Deine Hochzeit Anfang des Sommers ist, so bedaure ich, dazu nicht
kommen zu knnen, schrieb sie am Schlusse des Briefes. Du weit, ich
leide seit einiger Zeit an der Leber, und die Aerzte rathen mir, Carlsbad
dafr zu gebrauchen, eine Unterbrechung der Kur wrde mir sicher schaden.
Aber im Herbst, wo es hier so langweilig ist, ehe die Wintersaison beginnt,
hoffe ich Dich auf Deinem Schlosse besuchen zu knnen.

Da dieser Brief Eugenien bitter weh that, begriff ich nur zu wohl, uns
Allen aber konnte es nur lieb sein, in unserem glcklichen Beisammenleben
durch solch herzlos weltliche Dame nicht gestrt zu werden. Da Eugeniens
Vater zur Hochzeit kam, freute uns Alle von Herzen, denn an diesem hing
Eugenie mehr und mehr, und mit der grten Ungeduld erwartete sie seine
Ankunft.




17.

Der Mensch denkt -- Gott lenkt.


Aber es kam anders, als wir Alle gedacht und gerechnet.

Der Baron war ein trefflicher Reiter, und es machte ihm Vergngen,
besonders unbndige Pferde seinem Willen dienstbar zu machen. Die muthige
Eugenie freute sich ebenfalls an solchen Siegen ihres Geliebten, dessen
Aussehen dabei ungemein stolz und mnnlich wurde, und ihr Lob feuerte den
Eifer des khnen Reiters oft bis zur Tollkhnheit an. Mir zitterte das
Herz, und ich begriff Eugenien nicht, deren Augen bei der Gefahr ihres
Geliebten doppelt leuchteten, whrend mir das Herz erbebte.

Eines Tages jedoch kam eine erschreckende Nachricht. Der Baron war von
einem jener wilden Pferde gestrzt und eine Strecke weit von demselben
geschleift worden. Eine Kopfwunde und ein gefhrlicher Beinbruch war die
Folge des Unfalls.

Mir traten bei dieser Trauerkunde die heien Thrnen in die Augen, Eugenie
aber sprach kein Wort, hatte keine Thrne; doch die Todtenblsse ihres
Gesichtes zeigte den tiefen Aufruhr ihrer Seele.

Schnell einen Wagen! befahl Tante Ulrike, und bald flogen wir nach Schlo
Senftenburg; Eugenie war noch immer stumm und bleich und thrnenlos. Auch
wir sprachen nichts, doch meine Thrnen flossen unaufhaltsam, und auch die
Tante trocknete ab und zu die Augen.

Als wir im Schlosse ankamen, hatten die Aerzte soeben die Verbnde angelegt
und brachten uns trstliche Nachricht. Der Fubruch war allerdings schlimm
und bedenklich, die Kopfwunde jedoch nicht beunruhigend; Schonung
und sorgliche Pflege wrden sie bald heilen. Augenblicklich habe die
Anstrengung des Verbandes alle Krfte des Kranken erschpft, er liege
in einem fast bewutlosen Zustande; doch sobald dieser sich in Schlaf
verwandeln werde, sei nichts mehr zu frchten. Zu ihm durfte augenblicklich
niemand, auch Eugenie nicht, die mit weit geffneten Augen den Bericht
anhrte. Aber obwohl sie ihn nicht sehen konnte, so wollte Eugenie doch
im Schlosse bleiben; sobald der Baron eingeschlafen, durfte sie zu ihm,
so lange wollte sie warten, und wir natrlich mit ihr. Endlich nach
langem Harren winkte der Arzt ihr zu und fhrte sie an das Lager des
Schlummernden.

Bis dahin hatte sich das tapfere Mdchen aufrecht erhalten und dem Schmerz
kein Uebergewicht gestattet; aber als jetzt der krftig starke Mann so
bleich und hlflos vor ihr lag, fast wie ein Todter, da zitterte ihre
schlanke Gestalt leise, und auf die Tante gesttzt eilte sie schnell wieder
zum Zimmer hinaus. Hier brach sie schluchzend zusammen, und der Krampf
ihres Herzens, der ihre Thrnen bis jetzt zurck gehalten, lste sich
endlich.

Sie weinte lange, und das war eine groe Wohlthat fr ihr armes Herz. Als
sie endlich ruhiger geworden, sagte sie ernst und weich: Tante, nun wei
ich erst, was er mir ist. Ich gehe nicht wieder von ihm fort, wer wei, wie
lange ich ihn noch habe. Mir gehrt er, ich habe die heiligsten Rechte an
ihm, ich mu ihn pflegen.

Die Tante nickte still mit dem Kopfe, sie mute das wohl erwartet haben,
denn ihr Entschlu war schon gefat.

Ich bleibe bei dir, mein Kind, anders geht es nicht! sagte sie sanft.
Gretchen versieht mein Haus whrend meiner Abwesenheit und leistet uns
dazwischen Gesellschaft, die brige Zeit mag sie ihrer Marie widmen.

Nun gab mir die Tante Anweisungen, was ich zu thun habe, welche Sachen ich
ihnen durch Lisetten schicken, und welche Anordnungen ich treffen sollte.
Mit schwerem Herzen kehrte ich allein nach Haus zurck und besorgte
treulich, was die Tante mir aufgetragen. Dann eilte ich zu meiner Freundin
Marie, welche schon von dem Unglck gehrt und mich in groer Aufregung
erwartete. Marie's Mutter lie mich nicht wieder fort, als sie die Lage
der Dinge gehrt, und so war ich whrend dieser Leidenstage der Gast meiner
liebsten Freunde. Da dies fr mich unaussprechlich trostreich war, knnt
ihr euch wohl denken, meine lieben Leserinnen, denn gegen wen htte ich
mein banges, bervolles Herz freier aussprechen knnen, als gegen meine
theure Marie und deren treffliche Mutter! Ich schlief mit Marie zusammen in
deren Zimmer, das war unbeschreiblich gemthlich, und unsere Gesprche beim
Schlafengehen zogen sich oft sehr in die Lnge. Immer wieder wnschten wir
uns gute Nacht und beschlossen nun endlich zu schlafen, aber immer wieder
fiel uns dann noch etwas gar zu Wichtiges ein, das die Andere erfahren
mute, und die Frage: Marie, schlfst du schon? Gretchen, bist du noch
wach? war der stete Wiederbeginn neuer Erzhlungen und Herzensergsse.

Fast tglich fuhr ich nach Schlo Senftenburg, wohin des Barons Wagen mich
fhrte, und Marie oder deren Mutter begleiteten mich hufig. Der Zustand
des Kranken war in den ersten Tagen ein sehr beunruhigender gewesen, denn
er fieberte heftig und schien viel Schmerzen zu leiden. Eugeniens Gegenwart
hatte ihn zuerst etwas aufgeregt, aber nach einem leisen, kurzen Gesprch,
das sie mit ihm fhrte, schien eine wunderbare Ruhe ber ihn zu kommen,
und das geliebte Mdchen durfte bei ihm bleiben, wie sie es gewnscht, und
welche treue, sorgfltige Wrterin ward nun die verwhnte Salondame! Die
Tante konnte mir nicht genug erzhlen, welche Vernderung mit Eugenien
vorgegangen war. Aller Leichtsinn, alles oberflchliche, unbesonnene Wesen
war stillem Ernst und gewissenhafter Pflichterfllung gewichen. Nur auf
kurze Stunden konnte man sie in den ersten bangen Tagen von dem Lager
des Kranken entfernen, damit sie selbst der Ruhe pflege. Sie wachte fast
eiferschtig darber, da alles, was der Kranke geno, nur durch ihre Hnde
ging, und mit der sorgfltigsten Pnktlichkeit beobachtete sie die Stunden,
an denen die verschiedenen Arzneien gegeben und Umschlge gemacht wurden,
oder sonstigen Anordnungen der Aerzte nachzukommen war.

Die Kopfwunde heilte schnell, und der Kranke konnte sich bald der
Gesellschaft seiner Eugenie besser erfreuen, da der Arzt nun Beiden das
Sprechen erlaubte, das in der ersten Zeit fast ganz verboten war. Bald
konnte sie ihm auch vorlesen, ihm mit Musik die Zeit krzen, und die
Tante, welche die Sorge fr das Hauswesen bernommen hatte, leistete Beiden
treulich Gesellschaft. Kam auch ich hinzu, oder gar eins unserer Freunde,
so versammelte sich ein heiterer Kreis um den theuren Kranken, dessen Augen
mit rhrender Dankbarkeit von Einem zum Andern schweiften, zuletzt aber
immer mit wahrhafter Verehrung an seiner schnen Braut hafteten. Eugenie
wurde dann zuweilen wieder das lustig neckische Kind mit den schelmischen
Augen, aber im Ganzen war durch diese Leidenszeit ein stiller, weicher
Ernst ber sie gekommen, der mir oft die Thrnen in das Auge trieb. Sie
klagte nie, selbst nicht in den ersten Tagen der Angst, oft aber sah ich,
wie ihr Blick inbrnstig gen Himmel gerichtet war, von dort hoffte und
erwartete sie alles. Der Beinbruch heilte sehr langsam und schien den
Aerzten groe Sorge zu machen, da es ein Splitterbruch war, dessen vllige
Heilung selten gelang.

Arme Eugenie, einen Krppel kannst du doch nicht heirathen! sagte der
Baron eines Tages mit Thrnen im Auge. Eugenie berflog leises Zittern.

Meinst du, dein Fu msse doch noch abgenommen werden? fragte sie
angstvoll.

Das frchte ich gerade nicht, da es bis jetzt nicht geschehen ist,
erwiderte der Baron. Aber steif bleibt das Gelenk sicher, darber will ich
mich selbst nicht tuschen.

Hoffen wir doch lieber das Beste, Arthur! entgegnete Eugenie sanft
lchelnd. Du hast so gute Aerzte, die Heilung gelingt gewi.

Der Baron schwieg, doch bemerkte Tante Ulrike, da er seit diesem Gesprche
oft unruhig war, und seine Augen mit sorgenvoller Angst auf Eugenien
hafteten. Doch sprach er seine Besorgni nicht wieder gegen sie aus und
schien selbst zuversichtlicher seiner Heilung entgegen zu sehen.

Woche um Woche verging, der Verband des Fues war erneuert worden, wieder
vergingen einige Wochen, und jetzt sollte der Hauptverband abgenommen
werden. Der Baron konnte seine Aufregung kaum bemeistern, er hatte ein
langes Gesprch mit Tante Ulrike, und auch diese schien erregt; nur Eugenie
erwartete ruhig die wichtige Stunde und war heiter und zuversichtlich. Den
Tag zuvor kam sie mit der Tante nach der Stadt, wie sie in letzter Zeit
fters gethan; aber kaum waren einige Stunden vergangen, als die Tante
einen Brief vom Baron erhielt mit einer Einlage an Eugenien. Der Verband
war heute schon abgenommen worden.

Eugenie erbrach schnell die Zeilen und wurde bleich, dann setzte sie sich
still an das Fenster und blickte gedankenvoll gen Himmel. Tante Ulrike
strzten die Thrnen aus den Augen, als sie ihren Brief gelesen. Sie ging
schnell zu Eugenien und schlo sie in ihre Arme.

Gott legt dir Schweres auf, mein Kind! sagte sie sanft. Wo dein Glck so
nahe vor dir lag, sendet er dir solch harte Prfung. Der Baron hat dir doch
mitgetheilt, wie es mit ihm steht?

Tante, ich wute, da es so kommen wrde! entgegnete Eugenie fest aber
weich. Ich habe gehrt, da die Aerzte nach dem Abnehmen des ersten
Verbandes unter sich die traurige Gewiheit aussprachen, das Knie werde
steif bleiben; ich habe also nichts anderes erwartet.

Du wutest das, Kind, und warst doch die Ruhigste und Heiterste whrend
dieser ganzen Zeit? rief die Tante staunend. Weit du denn auch, was das
sagen will, ein steifer Fu?

O ja, Tante, ich wei, da viel Beschwerde und ein schleppender Gang und
Krckstock damit zusammenhngt, sagte Eugenie mit zitternder Stimme, und
indem einige schwere Thrnen ber ihre Wangen liefen. Aber ich wei auch,
da ein solcher Mann doppelt seines Weibes bedarf.

Aber er entbindet dich deines Gelbdes, Eugenie, sagte die Tante leise.
Du hast einem gesunden, krftigen Manne dein Wort gegeben; dich als das
Weib eines Krppels zu sehen wrde ihm ewig schmerzlich sein. Ueberlege es
wohl, mein Kind, du bist jung und frisch und voll Ansprche an das Leben,
wird dir der gelhmte Gatte nicht bald unsglich hinderlich sein? Wirst du
nicht mit der Zeit die Fesseln gar zu drckend empfinden, welche dir durch
seine Unbehlflichkeit angelegt werden? Du bernimmst doppelte Pflichten,
und hast du sie einmal bernommen, so mut du sie auch treu und willig
erfllen!

Ich danke dir fr deine lieben Worte, Tante Ulrike, sagte Eugenie mit
ungewohnter Milde. Es war deine Pflicht, mir das zu sagen, und meines
Brutigams Zartgefhl gebot ihm ebenfalls, mich bei der jetzigen traurigen
Lage der Dinge meines Gelbdes zu entbinden. Aber da ihr nun gethan habt,
was euer Gewissen euch lehrte, so lat jetzt auch das meine ein Wrtchen
mitsprechen. Sage ehrlich, Tante Ulrike, hltst du mich wirklich fr so --
nun welches Wort soll ich nur gebrauchen, um das gengend auszudrcken,
was ich mir zu Schulden kommen liee, verweigerte ich jetzt, die Gattin
des edlen Mannes zu werden, der durch sein Migeschick ohnehin unglcklich
genug geworden ist? Ich bin ein unsglich oberflchliches, leichtsinniges
Mdchen gewesen, dem nichts ernst und heilig schien, und das in ihrer
Verzogenheit sicher grenzenlos anspruchsvoll und unliebenswrdig gewesen
ist. Aber, meine liebe Tante, jetzt steht die alte Eugenie nicht mehr vor
dir. Dir und Gretchen danke ich mehr, als ich je im Leben wieder vergelten
kann! Ihr habt Beide viel von mir ertragen; aber wenn ich es euch auch nie
zeigen mochte, tief im Herzen drin habe ich vom ersten Augenblicke an wohl
empfunden, in welch' treue Hnde mich der liebe Gott gefhrt hatte. Und was
nun noch Verwerfliches und Thrichtes in meinem Herzen kmpfte, das haben
die letzten Leidenstage vollends vertilgt. Arthur wird mit Gottes Hlfe ein
braves Weib in seiner Eugenie erhalten. Glaubst du das, Tante?

Ich konnte Tante Ulrike's Antwort nicht hren, denn den Kopf in mein
Taschentuch gedrckt schluchzte ich bitterlich. Aber jetzt umschlossen mich
Eugeniens Arme, und mit ihrem alten neckischen Tone zog sie mir das Tuch
von den Augen.

Nun ist doch meine kleine Gouvernante mit ihrem Zglinge zufrieden, nicht
wahr Gnseblmchen? fragte sie schmeichelnd und blickte mit inniger Liebe
in mein Gesicht. Solche abscheulich lange Reden zu halten habe ich
von meinem ehrpulichen Backfischchen gelernt, habe ich es gut gemacht,
Kleine?

Da ich statt aller Antwort an ihrem Halse hing und ihr liebe, se Worte
sagte, die ich jetzt freilich nicht recht mehr wei, versteht sich wohl von
selbst. Es war eine innige, unvergeliche Stunde, welche unsere Herzen fr
das Leben an einander fesselte.

Ein ankommender Brief an Tante Ulrike lenkte unsere Gedanken bald auf
etwas anderes. Die Tante und mein Papa hatten eine einzige bedeutend ltere
Schwester, welche heftig erkrankt war und ihre Geschwister noch einmal zu
sehen wnschte. Mein Papa schrieb der Tante, er werde in den nchsten
Tagen der Bitte Folge leisten und hoffe, auch Tante Ulrike knne es
mglich machen, nach F. zu der kranken Schwester zu kommen. Ein Werk der
Barmherzigkeit werde es sein, knne Tante Ulrike bis zu dem Tode der alten
einsamen Schwester bei derselben bleiben; die zunehmende Schwche der
Kranken scheine leider ihr nahes Ende zu besttigen.

Die Tante war in groer Erregung; denn obwohl sie mit dieser etwas
wunderlichen Schwester nie viel Verkehr gehabt hatte, so hing sie doch
mit herzlicher Liebe an ihr und wnschte dringend zu ihr zu reisen.
Andererseits aber hielten sie die Pflichten gegen ihre beiden Pflegetchter
zurck, denn wenn auch ich gern noch lnger bei Marie's Eltern bleiben
konnte, was sollte aus Eugenie werden, die doch weder allein in Senftenburg
bleiben, noch gerade jetzt zu ihrer Mutter gehen konnte, ehe der Baron
gesund war.

Eugenie stand gedankenvoll am Fenster und trommelte auf den Scheiben.

Tante, sagte sie pltzlich, ist nicht der dir so befreundete Prediger
Sommer der Geistliche unseres Kirchspiels?

Ja wohl, Kind, was willst du mit ihm?

Wo wohnt er, weit du das?

Nun nicht weit von uns, in der Kronenstrae12.

Danke! Und sogleich verschwand Eugenie.

Wir blickten ihr verwundert nach und warteten begierig ihrer Rckkehr.
Nach einiger Zeit trat sie etwas bleich wieder in das Zimmer, legte Hut und
Shawl schnell ab und eilte in das Kabinet der Tante, wohin sich dieselbe
zurck gezogen. Ich hrte sie lebhaft mit einander sprechen, ohne etwas
Zusammenhngendes verstehen zu knnen, endlich aber kam Eugenie mit
glnzenden Augen zu mir und fragte errthend: Gretchen, willst du morgen
meine Brautjungfer sein, du und Marie?

Ich fuhr erschrocken auf. Morgen, Eugenie? Was meinst du denn?

Nun ja, morgen ist unsere Hochzeit, es fehlen mir nur die Zeugen dabei,
alles andere ist mglich gemacht worden, sagte Eugenie lchelnd. Der
Prediger Sommer ist ein braver Mann, er wird heute noch alles besorgen, was
nthig ist; meinen Taufschein habe ich zum Glck zufllig hier unter meinen
Papieren, das war die Hauptschwierigkeit. Morgen ist Sonntag, da wird er
uns frh ein fr alle Mal verkndigen, und nach der Kirche traut er uns in
Schlo Senftenburg. Bei Arthur bleiben mu ich, das geht nicht anders, und
damit die Tante reisen kann, will ich schnell Arthurs Frau werden, dann
darf Niemand etwas dagegen haben, da ich allein bei ihm bleibe. Tante hat
soeben ihre Einwilligung gegeben, mir fehlen nur noch meine Brautjungfern
und fr Arthur die Zeugen. Ich denke, Eduard und Dr. Hausmann werden uns
gern diesen Dienst erzeigen, ich werde sehr liebenswrdige Briefchen an sie
schreiben.

Aber der Baron, ist er denn damit einverstanden? warf ich voll uerster
Ueberraschung ein.

Er will mich ja gar nicht mehr zur Frau haben, ich mu mich ihm schon mit
Gewalt aufdrngen und ihm die Sache ber dem Kopfe fort nehmen! lachte
Eugenie schelmisch und flog hinaus.

Das war doch nun wieder ganz und gar im Style von Eugenien! Gut und brav
und engelsgut, mehr als je zuvor, aber entschlossen, keck, amazonenhaft,
wie sie all ihr Lebtag gewesen! Ich schttelte bedenklich mein
ehrpuliches Haupt, mit Eugenien zu sprechen, und eilte zu Tante Ulrike,
mit dieser die Sache zu berathen. Zu meiner groen Verwunderung fand ich
die Tante mit Eugeniens Entschlu ganz einverstanden und wurde sogleich mit
allen mglichen Auftrgen beehrt, welche ich eilig und schleunig besorgen
sollte. Sie selbst schrieb einige Briefe und kehrte dann nach Schlo
Senftenburg zurck, dort Vorkehrungen fr die morgende Feier zu treffen,
begleitet von Pastor Sommer, welcher mit dem Prediger in Senftenburg gleich
selbst alles in Ordnung bringen wollte, damit das junge Paar auch hier
im Wohnorte des Barons in der Kirche aufgeboten wurde. Der Baron sollte
absolut nichts vorher von alle dem wissen, da er sonst sicher aus Rcksicht
fr Eugenie seine Einwilligung nicht geben wrde.

Aber kehrt Eugenie heute denn nicht mit dir nach Senftenburg zurck? Und
was soll der Baron davon denken? fragte ich unruhig Tante Ulrike.

Nein, sie will ihn erst im Brautkranze wieder sehen, ich soll ihm sagen,
was ich will, entgegnete die Tante lchelnd. Mache nur jetzt und eile
dich, sonst bist du am Ende eine Brautjungfer ohne Kranz fr die Braut.

Ich strzte davon, so schnell ich konnte, aber ehe ich noch irgend etwas
anderes besorgte, eilte ich zu meiner Marie, sie mute erst alles
erfahren, selbst auf die Gefahr hin, da ich fr Eugenien keinen frischen
Myrthenkranz mehr bekme.




18.

Ein froher Tag.


Wird Eugenie heute auch nicht nach Senftenburg kommen, Tante Ulrike?
fragte der Baron traurig, als die Morgenstunden des Sonntags vergangen
waren, und immer noch kein Wagen vorfahren wollte.

O doch, lieber Baron! entgegnete die Tante. Sie wollte nur so gern mit
Gretchen erst in die Kirche gehen, dann kommt sie. Aber wie wre es,
lieber Baron, fuhr die Tante heiter fort, wenn Sie heute einmal wieder
ordentliche groe Toilette machten! Sie drfen Ihren armen Fu zwar noch
nicht in Bewegung setzen, aber auerdem sind Sie kaum noch ein Patient zu
nennen. Zeigen Sie das Ihrer Braut, berraschen Sie das liebe Kind, die Sie
nun lange genug in diesem vortrefflichem Krankenkostme bewundert hat. Ja?
soll ich Ihnen den Johann schicken?

Der Baron warf ngstliche Blicke bald auf die Tante, bald auf seinen noch
immer etwas verbundenen Fu, dann sagte er: Wenn Sie glauben, Eugenie
freut sich darber, so will ich es sogleich thun. Aber, liebe Tante, fuhr
er zgernd fort, sagen Sie mir zuvor nochmals ganz offen, glauben Sie
wirklich, da Eugenie jetzt doch noch meine Frau werden will?

Der Tante Gesicht wurde ernst. Lieber Baron, sagte sie fast streng, ich
wiederhole es Ihnen noch einmal, Ihr Zweifel an Eugeniens edlem Sinn wird
das gute Kind beleidigen; darum bitte ich dringend, sagen Sie solche Worte
nicht mehr. Glauben Sie denn so wenig an Eugeniens Liebe zu Ihnen? Halten
Sie dieselbe wirklich fr fhig, anderen Sinnes zu werden, es sei, aus
welchem Grunde es wolle?

Aber beste Tante, bedenken Sie doch, die wunderschne Eugenie das Weib
eines Krppels! seufzte der Baron.

Ach was, Krppel! rief die Tante heftig. Was ist's denn weiter! Ein
etwas steifer Fu macht noch lange keinen Krppel! Sie wissen noch gar
nicht einmal, ob er wirklich so steif ist, als Sie frchten, und dann
wollen wir erst die Wirkung von Teplitz abwarten; wer wei, ob da nicht
alles noch ganz gut wird, und Sie ber's Jahr nicht mit Eugenien um die
Wette reiten; nur etwas weniger tolle Pferde, wenn ich bitten darf.

Der Baron kte Tante Ulrike's weiche Hand voll kindlicher Zrtlichkeit,
diese aber nickte ihm freundlich zu und ermahnte ihn, ja recht sorgfltige
Toilette zu machen, er wisse ja, die schne Eugenie halte etwas darauf.

Eben war er fertig und blickte noch einmal prfend in den vorgehaltenen
Spiegel, da fuhr ein Wagen vor. Ein zweiter und dritter folgte, und
verwundert ber den zahlreichen Besuch schickte der Baron seinen Diener
fort, ihm Kunde zu bringen, wer gekommen sei.

Frulein von Jagow und einige Freunde und Freundinnen aus der Stadt,
meldete der Diener. Sie werden gleich um die Ehre bitten, dem Herrn Baron
ihre Aufwartung machen zu drfen; die Damen ordnen nur noch ihre Toilette,
da der arge Wind sie sehr staubig gemacht hat.

Es dauerte sehr lange, ehe besagter Staub von den Toiletten entfernt
war, und fast wurde der Baron ungeduldig. Endlich aber ffneten sich die
Flgelthren, und an der Hand der Tante Ulrike trat Eugenie in das Zimmer,
im lieblichsten Brautschmuck. Ihnen folgten Marie und ich, ebenfalls
festlich geschmckt, dann Maries Eltern, und endlich Eduard und Dr.
Hausmann, frische Blumenstrue im Knopfloch.

Tante Ulrike fhrte die hoch erglhende Braut ihrem Geliebten zu und sagte,
Eugenie bringe ihm selbst die Antwort auf seine gestrige Frage, indem sie
ihren Verlobten bitte, sie heute schon als Gattin heimfhren zu wollen,
falls es ihm selbst nicht etwa leid geworden sei.

Der Baron glaubte zu trumen. Er verga seinen kranken Fu und wollte vom
Lehnstuhle aufspringen, aber Tante Ulrike drckte ihn sanft wieder auf
denselben nieder.

Eugenie, ist das dein Ernst? stammelte er nun und streckte die Arme nach
der Geliebten aus. Eugenie verhllte das Gesicht mit ihren Hnden, und an
seiner Seite niedersinkend lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Er legte
beide Arme um die geliebte Braut und hielt sie still und selig umschlungen.
Feierliche Stille lag ber uns Allen, Marie und ich drckten uns die Hnde
und weinten leise, und Tante Ulrike hatte das Tuch vor den Augen.

Da ffneten sich wieder die Flgelthren des Nebenzimmers, und zwischen
hohen Gewchsen und frischen Blumen war ein kleiner Altar errichtet, an
welchem Prediger Sommer das Brautpaar erwartete. Einige Diener rollten
des Barons Lehnstuhl zu ihm hin, Eugenie kniete an der Seite des Geliebten
nieder, und die Feier begann. Im Hintergrunde des Zimmers, von den
Blumen verdeckt, standen einige Snger und Sngerinnen aus unserem
Bekanntenkreise, und ihnen hatten sich einige Burschen aus dem Dorfe
angeschlossen, dessen Schullehrer sie im Gesang trefflich geschult hatte.
Sie begrten das Brautpaar mit sanften Tnen, dann sprach der Geistliche
ernste und milde Worte und vollzog die Trauung. Bei der Beglckwnschung
der Neuvermhlten lie Tante Ulrike eine Menge Einwohner des Dorfes in das
Zimmer treten, welche dringend baten, dem lieben Herrn ihre Glckwnsche
bringen zu drfen, und vom Hofe herauf erschallte endloser Jubel, denn dort
war das ganze Dorf versammelt, Alt und Jung, welche Alle auf die wunderbare
Nachricht herbeistrmten.

Ein frohes Festmahl, das Tante Ulrike gestern schnell angeordnet, folgte
der Feier, und auch das ganze Dorf erhielt seinen Antheil; denn auf dem
Rasen des Hofes erhoben sich bald lange Tafeln, auf denen die Knechte und
Mgde des Gutes, sowie smmtliche Kinder aus dem Dorfe gespeist wurden.
Es war eine unvergelich frohe Hochzeit, und der Baron bald weich und voll
stillen Glckes, bald so lustig und bersprudelnd von Humor und Neckerei,
da man ihn gar nicht wieder erkannte. Am Abend mischten wir jungen Leute
uns unter die Tnzer des Dorfes, und die Burschen trugen den Kopf noch
einmal so hoch, wenn ihre schne junge Herrin mit ihnen tanzte. Der Baron
freilich konnte die jungen Bauerdirnen nicht auch stolz machen, indem er
sich mit ihnen umherdrehte, aber getanzt hatte er ja berhaupt nie, da
wute es niemand anders. Ueberhaupt, sagte der Baron lchelnd zu seiner
schnen Frau, jetzt habe ich doch eine Entschuldigung, wenn ich in meiner
Steifheit alle Sthle und Tische umwerfe; denn nun heit's: der arme Mann
hat einen lahmen Fu, er kann nichts fr seine Tlpelei.

Erst spt wurde es still auf Schlo Senftenburg, denn als die Nacht herein
brach, und die Wagen der Gste zum Schlothore hinaus rollten, kam noch
ein prchtiger Fackelzug die Dorfstrae herauf. Die Bauern brachten ihrer
lieben Herrschaft noch ein jubelndes Lebehoch zum Abschied, und unter
Jauchzen und Fackelschein fuhren wir frhlich zum Dorfe hinaus.

Diesem frohen Feste folgte nun eine stille Zeit, denn Tante Ulrike reiste
andern Tags zu ihrer kranken Schwester, und bald gab sie uns Nachricht, in
welch' traurigem Zustande sie dieselbe gefunden, und da sie die Leidende
nicht mehr verlassen werde, da ihr Ende nahe zu sein scheine. Mein Papa
hatte der Tante den Vorschlag gemacht, mich gleich jetzt wieder mit nach
der Heimath zu nehmen, von wo ich ja schon lnger abwesend war, als bei
meiner Abreise bestimmt worden. Die Tante jedoch wnschte meine Begleitung
auf der schon frher besprochenen Reise, und da meine Eltern mir dies
Vergngen von Herzen gnnten, so blieb ich noch in Berlin, oder vielmehr
bei Eugenien, welche sich wie ein Kind freute, ihr Gnseblmchen als Gast
ihres Hauses bei sich behalten zu knnen.

Es war eine schne Zeit, reich an frohen und gemthvollen Stunden, welche
ich jetzt in dem lieben Senftenburg verlebte! Eugenie berhufte mich mit
Liebe und Gte, und wenn der Schalk auch noch berall in tausend Neckereien
wieder zum Vorschein kam, so schien sie mir doch jetzt ein ganz anderes
Wesen geworden zu sein, das ich mehr als je liebte.

Der Aufenthalt auf Schlo Senftenburg war mir doppelt angenehm, sobald
ich bemerkte, wie ntzlich meine Anwesenheit Eugenien wurde. Diese verlie
ihren Gatten nur sehr ungern, um anderen Pflichten nachzukommen, und so
bernahm ich die huslichen Geschfte nun mit groem Eifer und schaltete
und waltete Tag fr Tag ziemlich selbstndig in den Rumen des alten
Schlosses. Eugeniens schne Ausstattung hier berall einzurumen war ein
wirkliches Vergngen, und glcklich wie ein Kind hpfte und tanzte die
junge Frau zwischen den Sachen umher, welche ich ordnete, und damit auch
der Baron von all der Herrlichkeit etwas zu sehen bekam, rollte sie dessen
Lehnstuhl frhlich aus einem Zimmer in das andere, von einem Schranke zum
andern. Bald mute er die Blumen auf den Damastgedecken bewundern, bald
die glatten weien Bettberzge, welche zierlich mit rothseidenen Bndern
umwunden waren. Dann wieder lie sie die Sonne in den weien, rothen und
grnen Glsern ihres Geschirrschrankes blitzen, oder baute Teller und
Schsseln aus ihrem kostbaren Tafelservice vor ihm auf; die weichen Polster
ihrer schnen Sopha's und Lehnsthle mute er selbst prfen, die gestickten
Gardinen und Tischdecken bewundern, ja sogar ihr Kleiderschrank wurde
seines reichen Inhalts beraubt, um letztere den Augen des bewundernden
Gatten vorgefhrt zu werden. Ich erkannte Eugenien gar nicht wieder, denn
wie gleichgltig war ihr bis jetzt alles gewesen, was dergleichen Dinge
betraf! Jetzt gehrt es zur jungen Hausfrau, da wird es schon Werth fr
sie bekommen, hatte Tante Ulrike oft gesagt, und sie hatte Recht, wie
immer.

Der Baron durfte seinen Fu noch immer nicht gebrauchen, aber jetzt wartete
er gern und geduldig besserer Zeiten, da Eugenie ja nun sein eigen war und
ihn nicht wieder zu verlassen brauchte, wie er im Anfang immer frchtete.
An Besuchen fehlte es auf dem Schlosse auch nicht, die ehemalige
Einsiedelei hatte jetzt in jeder Hinsicht ein anderes Aussehen gewonnen.
Und welche liebenswrdige Wirthin war die junge Hausfrau! Man konnte nichts
Hbscheres sehen, als Eugenien in ihrer neuen Wrde. Mit einer Sicherheit,
als wre sie nie im Leben etwas anderes als Frau Baronin von Senft gewesen,
machte sie die Honneurs des Hauses, und obwohl ihr whrend der Krankheit
ihres Gatten allein alle Pflichten gegen ihre Gste oblagen, entsprach sie
denselben doch in jeder Weise.

Die Wirthschaft freilich lie sie fr's Erste noch in ihrer bisherigen
Einrichtung, denn die Pflege des Barons war jetzt ihre einzige Sorge. Aber
im Herbst, wenn sie von der Reise zurckkehren wrden, da wollte sie eine
Hausfrau werden, wie's keine Zweite unter der Sonne gbe, behauptete sie.
Wer das nicht glauben wollte, der mge es bleiben lassen, wenn's nur der
Baron glaubte, und da dieser alle Leistungen Eugeniens anstaunte als etwas
noch nie Dagewesenes, das wute der Schelm gut genug.

Wenige Tage nach der Hochzeit kam auch Eugeniens Vater in Senftenburg an,
zum groen Jubel seiner Tochter. Er war ein schner, schlanker Mann mit
geistreichen Zgen und edlem Anstande, der feine Diplomat und Edelmann
durch und durch, unbeschreiblich liebenswrdig und angenehm. So verschieden
er und sein Schwiegersohn auch in der Erscheinung waren, so fanden sie sich
doch bald, denn der vielseitig durchgebildete Verstand des Barons entsprach
dem seines Schwiegervaters in vielen Beziehungen, und ihre beiderseitige
Liebe zu Eugenien schlang ein inniges Band um ihre Herzen. Das Glck
seiner Tochter, das aus deren Augen leuchtete, war der Sonnenstrahl fr den
ernsten, oft sehr gebeugten Vater und erheiterte sein Gemth mehr und mehr,
so da er sich unbeschreiblich wohl fhlte im Schooe seiner Lieben. Er
wollte die Ankunft Tante Ulrike's hier erwarten, um dann mit ihr und mir
nach Sddeutschland zurckzukehren. Eugenie sollte alsdann mit ihrem Gatten
zur Badekur nach Teplitz gehen, und auf dem Rckwege wollte Tante und ich
sie daselbst besuchen, um mit ihnen gemeinsam die Heimreise anzutreten.

Nach einigen Wochen kehrte Tante Ulrike endlich zu uns zurck. Ein sanfter
Tod hatte die schwer geprfte Schwester von allem irdischen Leide befreit,
und so betrbt die Tante auch ber den Verlust war, der sie betroffen, so
dankte sie doch Gott, da er das Leiden der Armen nicht verlngert hatte.

Im Kreise ihrer Lieben wurde die Tante bald wieder ruhiger, und besonders
trug die Anwesenheit ihres geliebten Schwagers viel dazu bei, sie
aufzuheitern. Sie mochten viel und Wichtiges mit einander zu besprechen
haben, denn ich sah sie stundenlang zusammen in der Akazienlaube des Parkes
sitzen, oder in den saubern Kieswegen auf und nieder gehen, und auf der
Tante liebem Gesicht, deren verschiedenen Ausdruck ich jetzt sehr genau
kannte, ruhten dann noch lange Zeit ernste Gedanken. Eugenie sagte mir, ihr
Vater halte es fr das Beste, dauernd von seiner Gattin getrennt zu werden;
doch die Tante redete noch immer wieder zum Guten, und nur zu gern lie
sich der gemthvolle Mann von diesem uersten Schritte abhalten, immer
noch hoffend, die leichtsinnige Frau knne sich ndern. Wie innig bedauerte
ich diesen liebenswrdigen Mann, der so viel durch die Launen eines Weibes
zu leiden hatte, und wie sehr erkannte ich an diesem Beispiele, welch'
wichtige Sache eine sorgfltige Erziehung ist, die alle bsen und
verderblichen Anlagen im Keime erstickt.




19.

Die Reise.


Der Sommer war whrend dieser Zeit lngst schon in das Land gezogen, der
Arzt trieb zur Abreise nach Teplitz, damit der allerdings sehr steife Fu
des Barons durch die Kur vielleicht doch noch beweglicher werde, und so
rsteten wir Alle uns denn zur Abreise. Ich half Eugenien treulich, die gar
zu wenig vom Einpacken verstand und es doch gern lernen wollte; aber erst
als ich sah, wie Tante Ulrike einpackte, merkte ich wohl, da ich ebenfalls
nichts davon verstand und ging nun selbst erst in die Schule.

Da wir Trauerkleider trugen, bedurften wir keines groen Gepckes, was
Tante berhaupt gern vermied; sie sagte, hohe Reisekoffer und zahllose
Schachteln und Kisten gben ihr eine wenig vortheilhafte Meinung von der
dazu gehrenden Reisenden, denn entweder sei dieselbe sehr eitel oder sehr
unpraktisch. In der Folge sah ich selbst, wie angenehm es war, wenig Gepck
mit sich zu fhren, und war ordentlich stolz auf die kleinen Dimensionen
unserer Reiseeffecten im Vergleich mit denen anderer Mitreisenden.
Besonders Schachteln, Kstchen, Packete und derartige Gegenstnde, die man
lose mit sich fhrt, vermied die Tante mglichst, und mit einiger Scham
gedachte ich jetzt der unzhligen kleinen Kistchen und Pckchen, welche
ich bei meiner Abreise vom Vaterhause um mich her thrmte; ich htte sogar
meinen Kanarienvogel in seinem Bauer auf meinen Knieen mit mir entfhrt,
htte Tante Ulrike dies nicht lchelnd abgewehrt.

Jetzt hatten wir nichts bei uns im Wagen, als ein Packet wohlgeschnrter
Schirme, ein Bndel Shawls, von Lederriemen umschnallt, und jede von uns
eine lederne Handtasche mit kleinen Bedrfnissen whrend der Reise, z.B.
Eau de Cologne, etwas Chocolade, ein kleines Nhzeug, ein Reisehandbuch
nebst Karte, Notizbuch, Brste, Taschentuch und was dergleichen
wnschenswerthe Dinge mehr waren. Alles Unntze mute zurck bleiben,
so sehr ich oft bat und jammerte und nicht begreifen konnte, da man auf
Reisen eben allerlei entbehren mu, sonst soll man zu Hause bleiben bei
seinem Comfort und seinen Siebensachen. Die Tante war frher mit ihrem
Manne viel gereist, da hatte sie ihre Erfahrungen gesammelt; einfach und
praktisch war sie ohnehin, und so konnte ich auch fr dies neue Element
keine bessere Lehrmeisterin finden. Wie wundervoll verstand sie einen
Koffer zu packen! Ich hatte es versucht, aber bald war er voll und ein
ganzer Berg Sachen schaute trostlos darein, denn sie fanden keinen Platz
mehr in meinem Kofferchen. Da kam die Tante. Ruhig packte sie alles wieder
heraus, und nun machte sie sich an's Werk. Unten auf den Boden kamen die
schweren Sachen, wie Wsche, Bcher u.dergl., dann sorgfltig gefaltet
Kleider und Rcke, und obenan in einer besonderen Abtheilung Kragen,
Tcher und dergleichen leichte Dinge. Bnder und Handschuhe und andere lose
Kleinigkeiten flchteten sich zusammen in ein besonderes Kstchen, das sich
bescheiden in eine Ecke drckte, Lcken aber wurden nun durch Schuhe und
derartige Rckstnde ausgefllt; es war ein Vergngen, wie schlielich
alles Platz fand; der kleine Koffer schien unter Tante's Hnden Gummiwnde
bekommen zu haben, so viel nahm er in sich auf.

Eugenie reiste einige Tage frher ab als wir, und Herr v.Jagow blieb in
der Gesellschaft seiner Kinder, um Eugenien alle Reisesorgen abzunehmen.
Spter wollte er mit uns wieder zusammentreffen, falls er Eugenien
verlassen konnte; ein kleiner Badeort in den Bayrischen Alpen sollte uns
wieder vereinigen.

Unsere Fahrt war Anfangs nicht sehr unterhaltend, denn sie fhrte uns
durch langweilige Gegenden der Mark. Um so mehr hatte ich Mue, die
Reisegesellschaft zu beobachten, welche sich in dem Eisenbahncoup mit uns
befand. Es waren einige Damen, alte und junge; zwei davon saen schweigsam
in ihrer Ecke, die dritte jedoch begann mit der Tante und mir sehr bald ein
Gesprch und schien sich fr alles zu interessiren, was man ihr mittheilte.
Aber die Tante hatte augenscheinlich keine sehr groe Lust, sich mit ihr
zu unterhalten, sie zog ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Die
gesprchige Dame widmete sich mir nun ganz allein, und obwohl ich keinen
groen Gefallen an ihrer Art und Weise fand, so hielt ich mich doch fr
verpflichtet, ihr ber alles hflich Rede zu stehen, wonach sie fragte.
So erfuhr sie denn gar bald all' meine Verhltnisse, Namen und Stand der
Tante, sowie Zweck und Ziel unserer Reise. Sie war sehr erfreut zu hren,
da wir das Bayrische Gebirge besuchen wollten, denn auch sie reiste
dorthin und suchte Gesellschaft, welche sie in uns glaubte gefunden
zu haben. Sie versprach, sich ganz nach uns richten zu wollen, gute
Gesellschaft sei ihr die Hauptsache; eine einzelne Dame sei auf Reisen gar
zu schlimm daran. Ich konnte ihr darin nicht Unrecht geben, und da sie
eine gutmthige, gescheute Dame zu sein schien, so ging ich auf ihre
Anerbietungen freundlich ein. Nun fing sie an, die Tante mit Fragen zu
bestrmen, wohin sie gehen wrde, damit sie sich danach richte; diese aber
schien verstimmt und gab ihr ausweichende Antworten.

Bei dem nchsten Anhaltepunkte wechselte die Tante zu meiner Verwunderung
den Wagen.

Gefiel es dir nicht in jenem Coup, Tantchen? fragte ich. Wir hatten ja
so gute Gesellschaft.

Nein, Kind, die Zudringlichkeit jener Dame war unertrglich! sagte
die Tante. Sie gehrte sicher nicht zu der besten Art Frauen; ihr Wesen
mifiel mir vom ersten Augenblicke an.

Aber sie schien so gutherzig und reist so allein, entgegnete ich
mitleidig. Ich kann mir wohl denken, wie lieb es ihr sein mu,
Gesellschaft zu finden.

Das verstehst du nicht, Kind, lchelte die Tante. Sie wird nicht lange
allein sein, darber mache dir keine Sorgen. Nur auf unsere Gesellschaft
wird sie verzichten mssen, wir passen nicht fr sie. Uebrigens sei
vorsichtiger, mein Tchterchen, und erzhle nicht Jedem gleich, wer wir
sind, und was wir treiben. Auf Reisen trifft man gar zu hufig mit Personen
zusammen, vor denen man sich zu hten hat. Lieber zu schweigsam gegen deine
Reisegesellschaft, als zu offenherzig; besonders ein junges Mdchen kann
hierin nicht vorsichtig genug sein.

Ich beachtete den Rath der Tante und bemerkte nun allerdings, wie
zurckhaltend die meisten Mitreisenden waren, besonders die Damen.
Gemthlich war das freilich nicht, aber es gab bald so viel zu sehen, da
ich der Unterhaltung gern entbehrte.

Da die Tante aber Recht hatte mich zur Vorsicht zu ermahnen, zeigte mir
kurze Zeit darauf unser Zusammentreffen mit jener gesprchigen Dame, wovon
ich hier gleich erzhlen will. In dem reizenden Parthenkirchen nmlich, wo
wir uns lngere Zeit aufhielten, gingen wir eines Tages im Thale spazieren
in Begleitung einer sehr angenehmen Familie aus Berlin, welche wir dort
getroffen. Nach einiger Zeit hrten wir Lachen und laute Stimmen einer uns
entgegenkommenden Gesellschaft, und bald erkannte ich in einer der Damen
unsere lebhafte Reisegefhrtin. Sie war hchst elegant gekleidet und schien
sich durchaus nicht mehr ber Einsamkeit beklagen zu knnen, denn eine
Menge junger, eleganter Herren umgab sie, und die Unterhaltung war sehr
heiter. Pltzlich erblickte sie uns und eilte auf uns zu.

Ah, Frau von Jagow, wie freue ich mich, Sie wieder zu sehen, und Sie,
Frulein Gretchen, wie geht es Ihnen? Welch reizendes Zusammentreffen!

Die Tante erwiederte den Gru mit auffallender Klte; ich freute mich auch
durchaus nicht, die Dame wieder zu sehen, die mir heute noch viel weniger
gefallen wollte; doch gab ich ihr freundliche Antworten auf ihre Fragen,
das ging doch nicht anders. Sie schien groe Lust zu haben, in unserer
Gesellschaft zu bleiben, aber bald besann sie sich eines Bessern und folgte
dem Rufe ihrer Begleiter, welche sehr befreundet mit ihr zu sein schienen.

Wie in aller Welt kommen Sie zu dieser Bekanntschaft! rief lachend Herr
von Barnheim, sobald die Dame uns verlassen.

Sie ist mit uns gereist, weiter kenne ich sie nicht, entgegnete die
Tante. Wissen Sie vielleicht etwas Nheres ber dieselbe?

O, so viel als alle Gste von Parthenkirchen, mehr auch nicht! lachte
Herr von Barnheim. Aber mich dnkt, es ist eben genug, Ihnen zu rathen,
sich die gute Dame etwas fern zu halten, denn fr Frulein Gretchen scheint
sie mir nicht gerade der passendste Umgang. Wie ich hre ist sie Mitglied
verschiedener wandernder Schauspielertruppen gewesen und hat berall die
verschiedensten Aventuren gehabt.

Ich wurde blutroth und freute mich, da unser Spaziergang bald ein Ende
hatte, damit wir der Dame nicht etwa noch einmal begegneten. Am andern Tag
erfuhren wir, da dieselbe weiter gereist sei, und das erleichterte mein
Herz auerordentlich, denn nun waren wir hoffentlich von ihrer Gesellschaft
befreit.

Nach dieser Abschweifung jedoch kehre ich wieder zum Anfang unserer Reise
zurck, denn noch waren wir unterwegs, und zum ersten Male fuhr ich durch
ein fremdes Land. Ueber die Grenze von Preuen war ich bis jetzt nie
gekommen, nun flogen wir durch Sachsen und dann abermals nach einem anderen
Lande: das schne Bayern lag vor uns.

In Sachsen fing die Gegend zuerst an, einigen Reiz zu bieten, besonders das
schne Elsterthal gefiel mir ausnehmend, und mit Staunen betrachtete ich
die gewaltigen Eisenbahnbrcken, welche sich ber das Thal spannen. Hof in
Bayern war unser erstes Nachtquartier; andern Tages fuhren wir an Kulmbach
vorber, dessen Schlo hchst malerisch vom Felsen herab schaut, und
whrend allen Reisenden das treffliche Bier mundete, das erste echt
bayrische, lie die Tante uns Kaffee zur Erquickung bringen. Sie selbst
trank wenig und ging im Freien auf und nieder, ich aber setzte mich in dem
netten Zimmer der Restauration an einen Tisch und machte es mir bequem,
legte Hut und Handschuhe ab, ordnete mein Haar und blies dem heien Kaffee
von Zeit zu Zeit Khlung zu. Eben wollte ich anfangen ihn behaglich zu
schlrfen, da luteten die Glocken zum Einsteigen, die Tante rief, und
traurig mute ich meinen schnen Kaffee im Stiche lassen. Aber das war eine
gute Lehre, von nun an beeilte ich mich besser. Die schne Gegend trstete
mich bald ber den kleinen Verdru, denn wir nherten uns Bamberg, fuhren
an dem schnen Kloster Banz vorber, und in der Ferne lagen die grnen
Berge der frnkischen Schweiz.

In Bamberg blieben wir einige Tage. Was ist das fr eine nette Stadt; wie
prchtig liegt sie da, umkrnzt von sanften Bergen und geschmckt mit dem
stattlichen Dom und der Ruine Altenburg auf der Hhe! Bei prchtigem Wetter
stiegen wir zu diesem alten Schlosse hinauf. Wie freute ich mich an der
schnen Gegend, Berge sah ich zum ersten Male; ich wnschte mir Flgel, um
mich dort hinauf zu schwingen; wie weit mute man da oben sehen knnen!

Geschichtliche Erinnerungen sprachen auf dem alten Schlosse zu uns, denn
im Jahre 1208 soll in dem Thurmzimmer, in welchem wir uns ausruhten, der
Kaiser Philipp von Schwaben durch Otto von Wittelsbach umgebracht worden
sein. Mir grauste, obwohl mir der nie verlschende Blutfleck am Boden
nicht echt erscheinen wollte; dergleichen Flecke gehren aber nun einmal zu
solchen grausenhaften Geschichten.

In Hof, wo wir unser erstes Nachtquartier hielten, war ich am Morgen der
Abreise nur mit Mhe und Noth mit meinem Anzug fertig geworden; denn zuerst
lie ich sehr sorglos die Zeit vergehen, und schlielich mute ich in
hchster Eile mein Haar nur halb geflochten unter den Hut stecken, da der
Omnibus vor der Thr stand, uns abzuholen.

In Erinnerung an diese Angst und Hast stand ich denn am Morgen unserer
Abreise von Bamberg sehr frh auf und war mit Anziehen, Einpacken und
Frhstcken so zeitig fertig, da ich die Tante um Erlaubni bat, noch ein
wenig in den Straen umher gehen zu drfen. Versume nur die Zeit nicht!
mahnte Tante Ulrike, gewhrte mir aber gern meinen Wunsch. So strich ich
denn frohen Sinnes in den Straen auf und nieder und vertrieb mir die Zeit
sehr angenehm, denn es war gerade Markttag, und zu allen Thoren kamen die
Landleute in fremdartiger Tracht mit ihren Waaren herein, und buntes Leben
herrschte bald berall.

Auch in den schnen Dom trat ich noch einmal zum Abschied, betrachtete mir
die alten Bilder und Grabsteine, besonders das berhmte Denkmal von Kaiser
HeinrichII. und seiner Gemahlin Kunigunde, und so bemerkte ich nicht, da
es schon spt geworden, bis die Uhr am Glockenthurm ber mir pltzlich die
Stunde schlug. Erschrocken eilte ich fort, denn die Zeit unserer Abreise
war nahe, und noch hatte ich den Rckweg vor mir. Hastig schritt ich durch
die Straen; ich meinte, den Weg zu wissen, aber welch' ein Schrecken, ich
mute mich verirrt haben, denn pltzlich war ich wieder auf dem Platze
am Dom, von wo ich ausgegangen. Ich fragte mich nun von Strae zu Strae,
einer zeigte hier-, der ander dorthin; in Schwei gebadet lief ich immer
vorwrts, der nchste Weg konnte es unmglich sein, den man mir angab. Gern
htte ich einen Wagen genommen, aber nirgends traf ich einen leeren; dem
Weinen nahe bat ich endlich einen Knaben, mich zu begleiten, und athemlos
gelangte ich an unserem Htel wieder an.

Die Tante war in groer Sorge um mich; den Frhzug hatten wir versumt und
muten nun mit dem Mittagszuge fahren. Ich war sehr niedergeschlagen ber
meine Unbesonnenheit, die Tante jedoch trstete mich; heute habe unsere
Versumni ja nichts zu bedeuten; fr ein anderes Mal mchte ich es mir zur
Lehre nehmen, denn in fremder Stadt knne mir in Zukunft dergleichen fter
passiren.

Aber die Irrfahrten am Morgen waren nur das Vorspiel von anderweitigem
Ungemach, das mir an dem Tage zustie; man hat so seine Unglckstage, ich
mute heute wohl mit dem linken Fue zuerst aus dem Bette gestiegen sein.

Als wir nmlich Mittags endlich glcklich auf der Eisenbahn angekommen
waren und unsere Pltze gewhlt hatten, stieg die Tante noch einmal aus
dem Wagen, da sie soeben eine alte Bekannte in einem andern Coup gesehen
hatte, welche sie begren wollte. Sie bergab mir die Reisebillets und
eilte fort. Im selben Augenblicke wurde kstliches Obst vorbei getragen,
und ich sowie alle Mitreisenden kauften davon. Man drngte sich um die
offene Thr, an der ich sa, ich reichte dienstfertig Obst nach allen
Seiten, nahm dafr Geld in Empfang, kurz war sehr eifrig in diese
Angelegenheit vertieft und ordnete dann geschftig unsere Sachen, die noch
umher lagen.

Da kam die Tante und mit ihr der Beamte, welcher die Billets einforderte.
Ich griff nach den unsrigen, welche die Tante mir gegeben, -- sie waren
fort! Bestrzt suchte ich am Boden, auf den Kissen, kehrte alle Taschen um,
schttelte Kleid und Tuch aus, alle Mitreisenden halfen suchen, -- es war
umsonst, die Billets waren nirgends zu finden. Nur der weie Gepckschein
fand sich vor, die anderen Zettel muten mir beim Handeln um das Obst
verloren gegangen sein; ich konnte mich nicht besinnen, sie wieder gesehen
zu haben, seit die Tante sie mir auf den Schoo gelegt.

Der Beamte zuckte die Achseln und bedauerte das Migeschick, aber ohne
Billet konnte er uns beim besten Willen nicht reisen lassen; wir muten
aussteigen und neue Billets lsen. Es war die hchste Zeit, der Zug sollte
sogleich abfahren, und in Hast und Eile strzte ich zum Wagen hinaus. Da
flog etwas neben mir zu Boden, es war eines der Billets. Gott sei Dank, so
war doch eins wenigstens da, das zweite freilich erschien nicht, wer
wei, wohin sich das geflchtet; ich eilte zur Kasse und war endlich froh,
berhaupt noch mit fort zu kommen.

Bitterlich weinend drckte ich mich in die Wagenecke; die gute Tante sagte
mir kein Wort des Vorwurfs, aber Scham und Aerger ber meinen Leichtsinn
verbitterten mir den Genu der ganzen Reise. Du mut knftig die Billets
sogleich in den Geldbeutel stecken, das ist der beste Platz, sagte die
Tante spter. So wie dir heute ist es schon manch Anderem auch ergangen.
Dir wird es nun so leicht nicht wieder geschehen! Ja, nachdem du arme
Tante meine Thorheiten mit schwerem Gelde bezahlen mutest! seufzte ich,
ihr die Hand kssend. Nun beruhige dich, Kind, entgegnete sie liebevoll.
Wenn man alle Thorheiten so leicht wieder gut machen knnte, so wre es
ein Glck. Geniee jetzt die schne Gegend und la das Grbeln und Aergern,
ich vergebe dir alles von Herzen!

Und wahrlich, bald gab es so viel Schnes und Interessantes zu sehen, da
es mit freiem, frohem Herzen genossen sein wollte, und so war ich der
Tante innig dankbar fr ihre Gte und Nachsicht. Wie entzckte mich das
prchtige, alterthmliche Nrnberg, wohin wir nun kamen; wie konnte ich
mich nicht satt sehen an dieser merkwrdigen Stadt, voll von Schnheiten
aus dem Mittelalter. Jedes Haus hat dort seine besondere Physiognomie,
jedes Thrmchen, jeder Giebel, jede Dachrinne sogar den eigenthmlichsten
Schmuck; Malereien, Schnitzwerk, Thierkpfe und alle dergleichen Schnrkel
sieht man, wohin das Auge sich wendet, und das alles giebt den Straen
ein lustiges, buntes und doch wieder so ehrwrdiges Ansehen. Natrlich
betrachteten wir alle Sehenswrdigkeiten der Stadt auf das Beste; da all
diese Dinge aber viel genauer und besser in Bdekers rothem Reisehandbuch
zu finden sind, so erspare ich euch und mir die Beschreibung.

Vor allem entzckte mich die Sebalduskirche mit dem herrlichen
Sebaldusgrabe. Was mu dieser Meister Peter Vischer fr ein Mann gewesen
sein, so brgerlich schlicht und doch so gro in seinen Werken. Die
prachtvolle Lorenzerkirche hob meine Seele mchtig zu Dem empor, zu Dessen
Dienste sie gebaut worden, und die wunderschne Fensterrose ber dem
gothischen Eingangsportale begeisterte mich sogar zu einem kleinen
poetischen Versuche, den ich ehrlich mittheilen will, da ich hier doch nun
einmal all meine Schwchen und Thorheiten zum Besten gebe. Ich hoffe, meine
lieben jungen Freundinnen werden ein gndig Gericht ergehen lassen; welche
von ihnen htte nicht auch einmal ein Verschen versucht. Das meine also
heit:

  Die Rose.

  Zu Nrnberg, dem alten,
  Im lieben Bayerland,
  Da blht eine kstliche Rose,
  Gar weit und breit bekannt.

  Sie blhet seit grauen Zeiten
  Schon manch Jahrhundert dort,
  Und immer noch duftet und strahlet
  Die Krone der Blumen fort.

  Noch hat aus dem blhenden Schooe
  Die Zeit kein Blttchen geraubt,
  Von Wetter und Sturm unberhret
  Erhebt sie zum Himmel das Haupt.

  Sie blht an geheiligter Sttte
  In wunderlieblichem Glanz,
  Und schlanke Sulen und Bogen
  Umziehn sie in herrlichem Kranz.

  Aus ihrem schimmernden Kelche
  Umwehet uns heiliger Duft,
  Wie holde, liebliche Klnge
  Durchzittert es leise die Luft.

  Und auf ihren glnzenden Schwingen
  Trgt sie die Sonne empor;
  Sie strahlet im Dienste des Hchsten,
  Wie Engel im himmlischen Chor.

  Und willst du die Rose kennen?
  Zu Sanct Lorenzen dort
  Da blht sie im hohen Portale
  Als Fenster-Rose fort!

Soll ich nun auch noch das andere zum Besten geben, wozu das allerliebste
Gnsemnnchen mich angeregt? Schn ist's nicht, aber es sei darum! Also:

  Auf dem Markt zu Nrrenberg
  Steht ein Bauersmann,
  Lieben Leute, kommt herbei,
  Seht den Mann euch an.

  Gnse hat er unterm Arm,
  Bringt sie wohl zu Kauf?
  Nimmt sie ihm denn Niemand ab?
  Macht den Beutel auf!

  Aber wie? sie scheinen euch
  Nicht recht fett zu sein,
  Auch der Preis ist viel zu hoch.
  Und die Gans zu klein!

  Ei das fhrt dem Buerlein
  Garstig in den Sinn,
  Auf den Nrrenberger Markt
  Tritt er trotzig hin.

  Und dem, der zu nah ihm kommt
  Diesem kleinen Wicht,
  Speien seine Gnse gleich
  Wasser ins Gesicht.

  Und so steht er heute noch,
  Allen wohl bekannt
  Auf dem Nrrenberger Markt,
  Gnsemann genannt.

Unerwhnt kann ich auerdem aber Eines nicht lassen, das ist der
Johanneskirchhof bei Nrnberg, die eigenthmlichste Grabsttte, die man
sehen kann. Edle Mnner sind hier einst zur Ruhe gegangen, wie Hans Sachs,
Albrecht Drer, Peter Vischer und andere groe Brger des alten Nrnberg.
Aber keine Kreuze, Urnen oder glnzende Denkmler, keine blumenbedeckten
Grber, keine Bume und Rasenhgel erheben sich an dieser Ruhesttte;
sondern Seite an Seite, dicht an einander gereiht, bedecken hier mehr als
3000 groe flache Sandsteine die ganze Lnge und Breite ihrer Grber.
Sie sind verziert mit den eisernen Wappen und Namenszgen der alten
Geschlechter, welche seit Jahrhunderten unter diesen Steinen schlafen
gegangen. In die ausgemauerte Gruft unter denselben wird Sarg auf Sarg
gestellt, alle Glieder der Familie bei einander, alle bedeckt von demselben
Grabsteine, der schon vor Jahrhunderten ihre Vorfahren deckte. Wahrlich,
eine Ahnentafel, ernst und gewaltig, von der Hand des Todes selbst auf den
Stein eingegraben!

Das schne Nrnberg verlie ich sehr ungern, aber es lag ja noch Schneres
vor uns, die Herrlichkeit, die keines Menschen Hand geschaffen, die
wunderbare Alpenwelt! Den Besuch von Mnchen, das auf unserem Wege lag,
verschoben wir bis zur Rckreise, denn Herr v.Jagow, welcher jetzt dort
lebte, wollte alsdann unser Fhrer sein.

Nun nherten wir uns mehr und mehr der fernen Alpenkette, und unser
Eintritt in diese schne Welt htte nicht schner sein knnen: die Sonne
neigte sich soeben ihrem Untergange zu und tauchte die Berge in dunkelroth
schimmernde Gluth, so da sie dastanden wie Bilder aus dem Feenreiche. Es
war so ber alle Begriffe erhaben und prachtvoll, da ich still die Hnde
faltete, und mir Thrne auf Thrne ber die Wangen lief. O Gott, wie gro,
wie herrlich ist deine Welt und wie namenlos glcklich Jeder, der wie ich
einen so schnen Theil davon kennen lernt! Was sind alle Werke der Menschen
gegen deine Schpfungen, deine Wunder?

Wollte ich ausfhrlich erzhlen, wo wir nun die nchsten Wochen umher
schwrmten, so knnte ich allein davon ein ganzes Buch schreiben, ohne
ein Ende zu finden, und dennoch wrde ich euch keinen Begriff davon geben
knnen, wie schn es berall war, wie unvergelich diese so herrlichen,
wonnevollen Tage.

Zuerst machten wir einen kurzen Ausflug nach dem Algu, dem Lande der ppig
grnen Wiesen und des prachtvollen Rindviehes, dessen wunderbar schne
Alpenkette mir aber freilich viel lieber war, als all dies. Immenstadt,
Sonthofen und Oberstdorf waren dort die bedeutendsten Orte, von wo aus wir
einzelne Streifzge nach den Bergen unternahmen. Von Immenstadt geht die
Eisenbahn nach Lindau und dem Bodensee, eine Schweizerreise aber versprach
mir die Tante fr ein anderes Mal, jetzt zogen wir nach den Bayrischen
Alpen und deren erstem Stationspunkte Fen. Mit besonderer Vorliebe denke
ich an dies Fleckchen schne Gotteswelt zurck; denn dort nahebei liegt die
Perle der ganzen Umgegend, das reizende Hohenschwangau, wo wir uns in dem
Wirthshuschen zur Alpenrose gar zu wohl fhlten, treulich gepflegt von der
Wirthin, einer munteren Tyrolerin in ihrer malerischen Nationaltracht, die
rothe Rose auf dem spitzen Hut und silberne Ketten am Mieder. Dicht vor
der Thr, von prachtvollen Linden berschaut, ist das einladenste Pltzchen
bereit; vor uns, blitzend im reinsten Blaugrn, der stille Alp-See, auf dem
sich weie Schwne wiegten, rings umzogen von saftigem Grn und malerischen
Felswnden, ber welche hinaus in weiterer Ferne einige Hupter der
Alpenkette herber schauen. Zu verdenken war es dem jungen Bayernknig
wahrlich nicht, da er hier seiner schnen Knigin Marie, welche ohnehin
die rstigste Bergsteigerin ist, ein kstliches kleines Schlo erbaut hat,
das einen Blick vergnnt weit hinaus ber Berge, Seen und Flachland.

Garmisch und Parthenkirchen, am Fue des prachtvollen Zugspitz gelegen,
waren, wie ich schon erwhnte, ferner die Orte, an denen wir lngere Zeit
verweilten, und obwohl wir dann noch weitere Touren machten, z.B. nach dem
schnen Kochel- und Walchensee, so verweile ich doch nur in jenen malerisch
gelegenen Flecken noch einige Augenblicke, da mir dort etwas begegnete, was
ich nie wieder vergessen werde, so lang ich lebe.




20.

Ein Abenteuer.


Eingeschlossen von den mchtigen Felswnden des Zugspitz liegt dort still
und einsam der friedliche Eibsee zwischen grnen Abhngen und schroffen
Felsblcken aus der Tiefe hervor schimmernd. Sein Wasser ist reich an
Fischen; aber nur gering sind die Zahl derer, welche hiervon Vortheil
ziehen, denn der See gehrte seit Jahrhunderten den Besitzern jener wenigen
Htten, welche sich an dem Ufer angesiedelt haben. Es ist eine wilde,
zigeunerhaft aussehende Klasse von Menschen, diese Fischer des Eibsees;
schwarze Augen blitzen uns aus den dunklen schmutzigen Gesichtern entgegen,
und wer mit ihnen verkehrt, der sei vorsichtig, sonst wird er betrogen und
berlistet, sei es auch nur um einige Kreuzer.

Doch die eigenthmliche Schnheit des Sees lockte die Fremden von allen
Seiten herbei, wie unbehaglich auch die Menschen sind, die seine Ufer
bewachen. Auch wir besuchten den reizenden Winkel und freuten uns an
der groartigen Einsamkeit und Schnheit seiner Lage. Ein starkes,
schwarzugiges Weib mit finsterem Gesicht fuhr uns auf dem Wasser umher,
und nur die reichliche Spende, womit die Tante unsere Spazierfahrt
bezahlte, konnte ihren grimmigen Zgen ein Lcheln abgewinnen. Der
Abend war noch ziemlich fern, als wir den Rckweg nach dem Dorfe Greinau
antraten, wo unser Wagen stand. Der Weg dorthin zog sich durch grne Wiesen
und Abhnge und machte zahllose malerische Biegungen, welche reichen Stoff
fr meine Zeichenmappe gaben; deshalb bat ich die Tante, mit den beiden
anderen Damen unserer Begleitung immer voraus zu gehen, whrend ich zurck
blieb, um einige flchtige Skizzen der Gegend zu zeichnen. Die Tante
zgerte, mich allein zurck zu lassen; doch die Sonne stand noch ziemlich
hoch am Himmel, der Weg war viel betreten, und so that sie mir endlich den
Willen, hie jedoch den kleinen Buben bei mir zu bleiben, der uns den Weg
zeigte. Ich vertiefte mich bald vllig in meine Arbeit; die Bume hingen
so unbeschreiblich malerisch ber kleine Felsvorsprnge, lichte Durchblicke
lockten in die Ferne, dazwischen tauchte hin und wieder ein spitzer
Kirchthurm empor oder das zierliche Dach einer Bauerhtte, ich konnte kein
Ende finden, ein Punkt war immer noch schner als der andere.

Endlich sah ich, da der Himmel sich rthete; die hellen Wnde des Zugspitz
leuchteten auf, als wren sie von rothem Golde, die Sonne sank, und es war
die hchste Zeit fr mich, den Rckweg anzutreten, da die Tante mich gewi
ungeduldig erwartete. Ich suchte meine Sachen zusammen und bemerkte nun
erst, wie zwei braune Mnner, vom Eibsee herkommend, sich mir nherten. Sie
trugen groe Stcke in den Hnden, ihr Anzug war zerlumpt und zigeunerhaft,
und an dem lichten Abendhimmel hoben sich ihre riesigen Gestalten drohend
empor. Ich erschrak und blickte mich ngstlich nach ihnen um, denn
mit bangem Herzen dachte ich gleich an allerlei schreckliche Dinge,
Raubanflle, Mihandlung und wer wei, was alles, dessen man die Bewohner
des Eibsees fr fhig erklrte. Der Abend war nahe, mit jeder Minute wurde
es dunkler, und diese Mnner kamen gerade auf mich zu.

Voll Unruhe rief ich nach dem Knaben, der bis vor Kurzem in meiner Nhe
gespielt hatte; aber er war verschwunden, wer wei ob er nicht gar mit den
Mnnern im Einverstndni handelte. Eine namenlose Angst ergriff mich, ich
lief auf dem Wege fort, der nach Greinau fhrte; aber das Dorf war noch
fern und die Mnner kamen immer nher. Schon hrte ich ihre Stimmen, sie
schienen mir etwas zuzurufen und lachten dazwischen. Wieder blickte ich
mich angstvoll nach ihnen um und, o Entsetzen, ich sah deutlich, wie der
Eine den Knttel hob und mir damit drohte. Nun wer es kein Zweifel mehr
und meine Furcht nur zu begrndet, sie hatten es auf mich abgesehen. Laut
schreiend strzte ich davon, Hgel auf und ab, nichts mehr denkend, als
Rettung durch die Flucht. Ich fiel ber Gerll und ber Baumstmpfe, verlor
meinen Schirm und mein Zeichenbuch; es war mir alles gleich, nur vorwrts,
vorwrts, ehe mich die Entsetzlichen erreichten, die ich immer hinter mir
wute. Jetzt hrte ich ihre Stimmen so nahe neben mir, da mir die Sinne
fast vergingen vor Angst, und ich mich eben niederwerfen wollte, ihr
Mitleid anzuflehen und ihnen alles zu geben, was ich bei mir trug. Aber
wie wenig war das, sie wrden mich sicher plndern und mihandeln; Da, im
letzten schrecklichen Augenblicke, sah ich eine Gestalt durch die Bume
schimmern. War es einer ihrer Spiegesellen? Heftig rief ich um Hlfe und
strzte vorwrts. Gott sei Dank, es war ein gut gekleideter Herr, ich war
gerettet! Mit Todesangst flog ich zu dem Fremden, seinen Schutz anzuflehen,
er mochte sein wer er wollte. Aber wer begreift mein Entzcken, als ich
meinen Freund Dr. Hausmann vor mir sah! Mit ausgebreiteten Armen strzte
ich ihm entgegen, und ohne recht zu wissen, was ich that, sank ich an seine
Brust.

Retten Sie mich, um Gottes Willen! rief ich auer mir, dann vergingen mir
die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Rasen, Dr. Hausmann
kniete neben mir. Ich fhlte mich namenlos matt und konnte mich lange nicht
besinnen, was geschehen sei. Endlich aber erinnerte ich mich pltzlich an
alles, und angstvoll blickte ich um mich.

Seien Sie auer Sorge, Frulein Gretchen, es ist nichts mehr zu frchten,
sprach Dr. Hausmann beruhigend. Die Mnner haben sich einen bsen Scherz
mit Ihnen gemacht und Sie scheinbar verfolgt, da sie Ihre Furcht bemerkten.
Jetzt sind Sie ganz sicher, denn ich bleibe bei Ihnen.

Nun erst fiel mir ein, in welcher Weise ich in meiner Angst bei dem Freunde
Schutz gesucht hatte. Dunkle Gluth bedeckte mein Gesicht, ich wagte nicht
aufzublicken. Dr. Hausmann bemerkte meine Pein und suchte mich davon zu
befreien.

Und Sie wundern sich gar nicht, mich hier zu sehen? sagte er heiter
und setzte sich neben mich in das Gras. Wuten Sie denn, da ich Sie
aufsuchte?

Ich? Nein, wie sollte ich davon wissen? entgegnete ich, nach Fassung
ringend. Sind Sie denn allein, und wo erfuhren Sie unseren Aufenthalt? Ich
wute nicht, da Sie auch diese Reise beabsichtigten.

Es ist auch ein ganz pltzlicher Entschlu, den ich aber jetzt doppelt
segne, da ich Ihnen ntzlich sein konnte, Frulein Gretchen! sagte Dr.
Hausmann und blickte mir so herzlich in die Augen, da mir wieder alles
Blut in die Wangen scho.

Bitte, ich mchte zur Tante, sie wird sich um mich sorgen, flsterte ich
ngstlich und versuchte aufzustehen. Die Knie zitterten mir noch heftig,
und so mute ich mich auf den Arm meines Freundes sttzen, so peinlich es
mir auch war. Dieser aber plauderte munter fort und erzhlte, da Eduard
ihn begleite, den ich bei der Tante in Greinau finden werde, wohin sie
Beide geeilt, als sie bei ihrer Ankunft in Parthenkirchen erfahren, wo wir
seien.

Das Gehen that mir gut, bald bedurfte ich des Fhrers nicht mehr, meine
Krfte fanden sich schnell wieder. Ich erzhlte nun das Nhere meines
Abenteuers und suchte meine Angst zu rechtfertigen. Mit zarter Schonung
ging Dr. Hausmann darauf ein, um mir zu zeigen, wie natrlich er meine
Bewegung gefunden. Gegen die Tante und Eduard, welche meine Angst
bertrieben fanden und mich als ein Hasenherz etwas verhhnten,
vertheidigte er mich dann so entschieden, da ich ihm aufrichtig dankte,
besonders da er ber die Art unseres Begegnens sehr leicht fort ging.
Sonderbar, sonst beichtete ich meiner guten Tante Ulrike alles, was ich
Thrichtes gethan; aber mein Zusammtreffen mit Dr. Hausmann konnte ich ihr
unmglich genau so beschreiben, wie es sich zugetragen, die Worte wollten
absolut nicht ber meine Lippen. Aber wozu auch? Dr. Hausmann schien gar
nicht mehr daran zu denken, so fein und zurckhaltend benahm er sich
gegen mich, und das ganze Ereigni erschien mir endlich selbst wie ein
wunderlicher Traum.

In der Gesellschaft unserer neuen Reisegefhrten verbrachten wir einige
sehr angenehme Wochen und durchstreiften die schnen Berge nach allen
Richtungen. Auch Eugeniens Vater kam, wie er versprochen, bald zu uns,
und mit ihm reisten wir endlich nach Bayerns schner Residenz, dem
interessanten Mnchen. Wie staunte ich ber alle die unzhligen
Kunstschtze, welche groentheils durch den kunstsinnigen Knig Ludwig hier
geschaffen und aufgesammelt wurden. Zwei Wochen blieben wir in Mnchen,
und so hatten wir reichlich Mue, uns alles genau zu betrachten: die
beiden Pynakotheken, die Glyptothek, Schlsser, Kirchen und was es sonst
an Sehenswrdigkeiten gab. Das Allermerkwrdigste blieb mir aber immer die
erzene Riesenjungfrau Bavaria auf der Theresienwiese, in deren Kopfe wir so
behaglich umherwanderten, als sei es ein Thurmstbchen, und deren Augen die
prchtigsten Fensterchen bildeten, durch die wir auf Mnchen und die ganze
weite Ebene schauten und weiter hinaus, wo die blauen Alpen uns freundliche
Abschiedsblicke zuwarfen.

Unseren Heimweg nahmen wir durch Bhmen, um in Teplitz Eugenien und den
Baron zu besuchen, von denen Herr von Jagow uns die besten Nachrichten
gebracht hatte. Das Bad war dem Baron anfangs zwar nicht gut bekommen, und
Eugenie hatte wahrscheinlich all ihre Heiterkeit in Bewegung setzen mssen,
um den Leidenden zu zerstreuen, wenigstens konnte der dankbare Gatte uns
spter davon nicht genug Gutes und Liebes erzhlen. Jetzt nach Beendigung
der Kur jedoch ging es dem Baron vortrefflich, und die Steifigkeit seines
Fues verringerte sich von Tag zu Tage, so da wir mit den freudigsten
Hoffnungen fr vllige Genesung abreisten, und der Herbst uns endlich Alle
wieder in dem traulichen Wohnstbchen Tante Ulrike's versammelt sah. Wie
schn auch die Reise gewesen, und wie viel Herrliches ich gesehen, hier bei
der besten Tante in meiner zweiten Heimath war es doch am allerschnsten,
das fhlte ich mit innigem Behagen, als die lieben Rume mich wieder so
still und heimlich umgaben.

Aber mit mchtigen Schritten nahte jetzt die Zeit, in welcher ich diesen
Rumen Lebewohl sagen sollte. Fr ein Jahr nehme ich dein Gretchen mit
mir, hatte Tante Ulrike zu Papa gesagt, als sie an jenem unvergelichen
Tage mit mir von Schreibersdorf abreiste, und das zaghafte Kind sich
zum ersten Male vom Elternhause trennte. O damals glaubte ich es nimmer
aushalten zu knnen, eine solche Trennung nimmer zu ertragen. Ein Jahr!
Welche Ewigkeit fr mich, die bis dahin nicht einen Tag von Eltern und
Geschwistern getrennt war! Zwlf lange, lange Monate! Und jetzt war mehr
als ein Jahr seit jenem Tage vergangen, nicht nur zwlf Monate, sondern
noch fnf auerdem, und ich lebte noch, die Trennung hatte mich nicht krank
gemacht, mich nicht verzehrt und abgehrmt, wie ich einst glaubte. Nein,
im Gegentheil, ich blhte frisch und krftig in gesunder Jugendflle, war
strker und vollstndiger in der Erscheinung geworden, wenn mein Spiegel
mir die Wahrheit sagte, und in der groen Stadt, in dem neuen Kreise, wohin
die Tante mich gefhrt, und vor dem mein ngstlich Herz erzittert hatte,
da fhlte ich mich jetzt mit tausend Fden festgewachsen. So unsglich ich
mich auf die liebe theure Heimath, auf Eltern und Geschwister freute, so
berkam mich doch eine grenzenlose Traurigkeit, dachte ich an die Trennung
von all' den Lieben in Berlin. Die Tante mit ihrer unaussprechlichen Gte
und Milde, ihrer feinen Bildung und ihrem steten Wohlwollen fr mich,
der ich so namenlos viel dankte, Eugenie, an die mich die herzlichste
Schwesterliebe kettete, Marie, die treueste Freundin fr das Leben, der
Baron, Dr. Hausmann, Eduard, ach und so viele, viele, die mir lieb und
theuer geworden, sie Alle lie ich hier zurck, ich konnte den Gedanken
kaum fassen. Und doch, es war nicht anders! Der Tag der Abreise kam
wirklich heran und berschttet von tausend Liebesbeweisen schied ich von
allen meinen Lieben. Eugenie und der Baron gaben das Versprechen, mich
im Elternhause bald zu besuchen, auch die Tante trstete mich mit dieser
Aussicht, und besonders entzckte mich der Gedanke, meine liebe Marie, wie
ich dringend gebeten, bald nach meiner Heimkehr fr lngere Zeit im Hause
meiner Eltern zu sehen.

So schied ich denn leichteren Herzens von der lieben Sttte, wo mir so viel
Gutes geworden. Ein reich beschriebenes schnes Blatt hatte der gtige Gott
mir in das Buch meines Lebens gefgt, ich konnte Ihm nie innig genug dafr
danken!




21.

Wieder im Vaterhause.


Mit welchen Gefhlen flog ich meinem geliebten Vater nach so langer
Trennung an die Brust, als er kam, mich von Berlin abzuholen und mit
welchen Gefhlen wandte ich mich nun der Heimath wieder zu, nachdem der
Abschied von meiner so unsglich verehrten Tante hinter mir lag!

Wie jubelte mein Herz, als ich der Gegend immer nher kam, in der das Gut
meiner Eltern lag, wo mich alles so vertraulich und bekannt anblickte! O
das war doch die schnste Gegend auf der ganzen Welt, schner als alles,
was ich auf der Reise soeben noch voll Wonne und Entzcken bewundert hatte.

Bald lagen die bekannten Orte vor mir, die unser Dorf umgaben; jetzt
verlieen wir das Wldchen, das mir bei der Abreise den lieben Anblick
meiner Heimath zuerst entzogen. Da schaute der spitze Kirchthurm noch wie
ehedem zum Himmel empor, sein grnes Kupferdach blitzte in der Sonne, und
auf der goldenen Kugel dort oben drehte sich nach wie vor die glnzende
Wetterfahne.

Nun kamen wir in den sandigen Hohlweg, der nach dem Dorfe fhrte, in
welchen sich die Wagenrder so tief einwhlten, da es immer so langsam
vorwrts ging. Zu beiden Seiten des Abhanges wuchsen wie sonst gelbe
Immortellen und fette Wolfsmilch; die Schmetterlinge und Bienen
umflatterten die kleinen gelben Blthen, und ber uns am blauen Himmel zog
eine Schaar blendend weier Tauben hinweg. Ihr lieben freundlichen Thiere,
kommt ihr mir als Boten vom Elternhause entgegen?

Am Ausgange des Hohlweges warteten wie ehedem eine Schaar Bauerkinder
auf den herankommenden Wagen; die greren Jungen knallten mit langen
Peitschen, die Mdchen blickten mit ihren hellblauen Augen verlegen nach
uns hin, kicherten dann und nahmen die Schrzenzipfel in den Mund, und
die kleinen Kinder versteckten ihre blonden Flachskpfe schchtern in den
Rcken der Mdchen. Auf dem Anger trieb noch immer der alte Hirte seine
Schafe; der braune Regenmantel hing trotz des warmen Wetters um seine
Schultern, und der blaue Strumpf, an dem er strickte, baumelte wie sonst
vor ihm hin und her. Sein Hund spitzte die Ohren und sprang herbei, die
Pferde anzubellen, wie es einmal alle Hunde zu thun pflegen, bis Friedrich,
unser alter Kutscher, ihn mit der Peitsche fortjagte, und der Schfer
rckte grend an dem breitkrmpigen Hute.

Nun endlich kamen wir zu den ersten Husern unseres Dorfes; es war Bauer
Fechners Grundstck, ich kannte es wohl, kannte auch die weibaumwollene
Quaste, die da zum Fenster heraus nickte; sie sa auf einer eben solchen
Mtze, und das alte gute Gesicht darunter glnzte vor lauter Vergngen, als
ich ihm meinen frhlichen Gru zurief.

Jetzt reihte sich Haus an Haus, berrall war ich bekannt, berall blickten
gute Freunde zu den kleinen Fenstern heraus, saen alte Bekannte auf der
Bank vor der Hausthr. Hier die alte Armgard, bei der wir so oft Honig
gegessen, dort Bauer Niklas, der zur Obstzeit im Garten half, da der
gutherzige kleine Schuster, der uns Kindern die Schuhe flickte; dann wieder
junge Mdchen, mit denen ich eingesegnet worden, Kinder, die mit meinen
Geschwistern gespielt, o es war gar kein Aufhren mit Gren, Anrufen und
Hndeschtteln; ich wre am liebsten aus dem Wagen gesprungen, doch das
litt Papa nicht. Und nun kamen wir an unser Gehft, unser liebes prchtiges
Wohnhaus mit den grnen Fensterladen und dem hohen Giebel, auf dem das
Storchnest sa, in dem wirklich die Strche wieder Junge hatten, gerade wie
sonst, als ich zu Hause war. Die alten Linden beschatteten wieder den
Platz vor dem Hause, und da, richtig da kamen die kleinen Brder in ihrer
Eselequipage, Lieschen mitten drin sitzend wie eine Dame.

Halt still, Kutscher, ich mu hinaus, ich kann es nicht lnger im Wagen
aushalten!

Fast erdrckt haben mich die Jungen, als sie sahen, ich war es, die ihnen
entgegen kam. Und nun ging's im Jubel nach dem Hause! Meine Mama wollte ich
gar nicht wieder los lassen; ich lachte und weinte durch einander, und dann
fiel ich immer wieder Allen der Reihe nach um den Hals. Und dann kamen die
Dienstleute im Hause heran, deren Augen glnzten in alter Anhnglichkeit,
und nun ging es von einer Stube zur andern, von einem Winkel in den andern;
alles mute ich wiedersehen, mute allem zeigen, da ich noch lebte und
nun wieder zu Haus sei! In Hof und Garten, in Stllen und Remisen, berall
schleppten mich die Jungen umher; ich mute alles ansehen, berall hatten
sie mir etwas Neues zu zeigen, bald hier junge Tauben und Hhner, bald dort
das kleine Kalb der schwarzen Ble, oder die neue Schaukel im Schuppen
und das hbsche Taubenhaus im Hhnerhofe. Und wie waren die Kinder alle
gewachsen! Hannchen zhlte drei Jahre weniger als ich und war der kleinen
Mama fast schon ber den Kopf gewachsen! Eduard, der ein Jahr jnger war
als ich, verlebte gerade seine Ferien zu Hause. Er sah etwas bla aus,
der gute Junge, es war gewi vom Wachsen, denn er berragte mich ein gutes
Theil, und ich war auch nicht gerade ein Liliput. Und Anton, der stramme
Bursche, und die Kleinen, Max und Ulrich und Lieschen, wie frisch und
prchtig sahen sie Alle aus; ich mute sie immer wieder kssen trotz ihrer
nicht sehr saubern Gesichtchen, die mit allerlei Dorfstraenresten verziert
waren.

Was du fr ein stattlich Mdchen geworden bist, Gretchen! sagte die
Mutter, mich mit frohen Blicken musternd. Die Stadtluft scheint dir gut zu
bekommen.

Sie sieht wie eine Dame aus, hllisch fein! bemerkte der Gymnasiast und
zupfte an den sehr zweifelhaften Bartsprossen auf seiner Oberlippe.

Hast du mir was mitebracht, Gretsen? sagte die kleine Liese, und zog an
den Schnren meiner Reisetasche.

Ja auspacken, Gretchen, auspacken! riefen auch die anderen Kinder, und
nun ging's an ein Whlen und Kramen in meinen Sachen, da ich die kleinen
Qulgeister ernstlich abwehren mute. Am besten geschah dies, indem ich
ihnen die Geschenke an Nschereien gab, die ich ihnen mitebracht, wie
Lieschen sagte. Dann machte ich mich selbst ber das Auspacken meiner
Sachen, und mit innigem Behagen rumte und kramte ich in dem niedlichen
Stbchen, das Mama mir jetzt als Eigenthum anwies. Ein eben solch
zierliches Himmelbett, wie ich bei Tante Ulrike besessen, schmckte
auch hier mein Zimmer; die gute liebe Mama hatte mich damit gar freudig
berrascht, und ber meiner Kommode hing, von einem grnen Kranze
umschlungen, Tante Ulrike's Bild! O das war doch gar zu schn und zart! Mit
Thrnen des Dankes und der Liebe kte ich die beste der Mtter, und unter
dem Bilde der Tante fanden augenblicklich meine beiden lieben Freundinnen
Marie und Eugenie ihren Platz. Nun hatte ich sie alle beisammen, und jeden
Abend und jeden Morgen nickte ich ihnen zu und schickte den Lieben in der
Ferne die innigsten Gre.

Neben meiner Stube schlief Hannchen, deren besondere Erziehung und Aufsicht
meine gute Mutter mir nun anvertraute. Ich denke, du wirst eine gelehrige
Schlerin in dem Kinde haben, sagte Mama dabei. Es ist das beste Mittel
fr dich, deine eigene Erziehung nicht wieder zu vernachlssigen, wenn du
der Schwester als gutes Vorbild dienen willst. Nun kannst du zeigen, ob du
bei der Tante etwas lerntest.

Ich freute mich unbeschreiblich ber das Vertrauen, das Mama in mich
setzte, indem sie mir Hannchens Erziehung bergab. Schon whrend meines
Aufenthaltes bei Tante Ulrike war dieser Wunsch oft in mir rege geworden;
denn meine sanfte Schwester, welche viel zierlicher und anmuthiger war, als
ich selbst je im Leben gewesen, wuchs gleich mir in lndlichen Sitten und
Manieren empor, wie wir sie zu Haus eben nicht anders kannten. Was Tante
Ulrike nun an mir Gutes und Liebes gethan, das sollte jetzt meinem hbschen
Schwesterchen zu Gute kommen, das war mein innigster Herzenswunsch, und
die Liebe und Fgsamkeit, mit welcher das sanfte Kind mir entgegentrat,
erneuerte mein Verlangen. Auerdem hoffte ich jetzt, meiner zarten Mama
die Sorgen des Hauswesens durch treue Hlfe zu erleichtern und die kleinen
Geschwister, besonders Lieschen, unter meine besondere Aufsicht zu nehmen.
Papa hatte seit Kurzem einen Hauslehrer engagirt, welcher die Knaben in
Zucht hielt und unterrichtete, und bei ihm nahm auch Hannchen ihre Stunden.
Nun sollte auch ich noch seine Schlerin werden, da er sich erbot, mir in
Sprachen und Musik einige Nachhlfe zu ertheilen. Natrlich nahm ich dies
mit Dank an, und so lag denn ein stilles, schnes, glckliches Leben vor
mir, voll Thtigkeit und Freude im Kreise meiner Lieben, und die Erinnerung
an die vergangenen Tage in Berlin schmckte dieses Stillleben mit
freundlichem Glanze. Ein eifriger Briefwechsel verband mich auerdem mit
den fernen Freunden; denn sowohl die Tante als Marie schrieben mir lange,
ausfhrliche Briefe, welche mich von allem unterrichteten, was sich in
ihrem Kreise zutrug. Eugenie schrieb seltener, denn Briefschreiben war
nicht ihre Sache, das wute ich wohl; um so dankbarer nahm ich deshalb
aber ihre heiteren, neckischen Briefchen auf, welche, wie die anderen
Lebenszeichen meiner Lieben, immer groen Jubel erregten. Mit welcher
Ungeduld erwartete ich stets den Boten, der drei Mal wchentlich unsere
Postmappe mit Zeitungen und Briefen aus der nchsten Stadt brachte!
Stundenweit lief ich ihm oft entgegen, wenn ich auf Nachricht von Tante
Ulrike oder Marie hoffte, und die Erfllung dieser Erwartungen war der
grte Festtag fr mich.

Eines Tages aber kam eine sehr traurige Nachricht, welche mich tief
bewegte. Tante Ulrike hatte mir schon einige Male mitgetheilt, da
Eugeniens Mutter sehr leidend zu sein scheine. Ihren versprochenen Besuch
auf Schlo Senftenburg hatte sie aufgeben mssen, und Eugenie war deshalb
mit dem Baron zu ihr gereist, um ihr den geliebten Gatten vorzustellen. Sie
hatte die lebenslustige Frau sehr verndert gefunden, zwar immer noch voll
Interesse fr alle Eitelkeiten des Lebens, aber doch viel theilnahmloser
und matter als frher, und von einer Weichheit des Gemthes und einer
Sehnsucht nach theilnehmender Umgebung, da Eugenie in ihrer Herzensgte
sich kaum von ihr trennen konnte. In Folge ihrer Mittheilung kehrte Herr
von Jagow augenblicklich zu seiner Gattin zurck, kam aber nur eben
zur rechten Zeit, um der schwer Erkrankten ihre letzten Lebenstage
zu verschnen. Ein schleichendes Fieber, das jetzt mit aller Macht
ausgebrochen, setzte ihrem Leben ein Ziel; aber was die gesunde,
lebensfrische Frau nie erkannt hatte, das empfand jetzt die Sterbende
voll bitterster Reue. Ihr letztes Wort an ihren Gatten war eine Bitte um
Vergebung des Leides, das sie ihm angethan, ihr letzter Blick ein Dank fr
seine treue, unverdiente Liebe.

So hatte denn der Tod dieses Leben geendet, das so wenig im Stande gewesen,
Glck und Segen um sich zu verbreiten! Eugenie betrauerte die Mutter
aufrichtig, denn ihr gutes Herz hing an derselben trotz aller Fehler und
Schwchen, welche sie besessen. Sie wute ihren tief gebeugten Vater zu
bestimmen, die erste Trauerzeit in ihrem Hause zu verleben, und die Liebe
seiner Kinder war der schnste Ersatz fr alle Leiden und Entbehrungen,
welche diesen edlen Mann so schwer getroffen. Ueber seine fernere Zukunft
war er fr den Augenblick noch unentschlossen; doch durch einen Brief
Eugeniens erfuhr ich, da ihres Vaters innigster Wunsch dahin gehe, Tante
Ulrike zu bestimmen, mit ihm zusammen zu ziehen, wodurch sein einsames
Leben wieder Reiz erhalten, und das so lange entbehrte Glck einer stillen
Huslichkeit ihm sein Alter versen wrde. Ich zweifelte keinen Augenblick
daran, da Tante Ulrike, welche von jeher mit besonderer Liebe an dem
einzigen Bruder ihres Gatten gehangen, den Wunsch desselben erfllen werde;
auch ihr Leben erhielt dadurch neue Bedeutung, ihre Thtigkeit einen so
passenden Wirkungskreis. Freilich mute sie alsdann Berlin verlassen, wo
sie so lange Jahre gelebt, denn Herr von Jagow kehrte jetzt wieder in seine
Stellung nach Braunschweig zurck; aber diese edle, allgemein verehrte Frau
verstand ohne Zweifel, sich berall eine schne Heimath zu schaffen; an ihr
muten sich die Worte Schillers bewhren, welche er in der Huldigung der
Knste seinem Genius auf die Lippen gelegt, als die junge Erbprinzessin
von Weimar aus ihrer russischen Heimath in deutsche Erde verpflanzt wurde,
gleich jenem fremden, blhenden Baum, den die Landleute pflanzten:

  Ein schnes Herz hat bald sich heim gefunden,
  Es schafft sich selbst, still wirkend, seine Welt.
  Und, wie der Baum sich in die Erde schlingt
  Mit seiner Wurzeln Kraft, und fest sich kettet,
  So rankt das Edle sich, das Treffliche,
  Mit seinen Thaten an das Leben an.
  Schnell knpfen sich der Liebe zarte Bande,
  Wo man beglckt, ist man im Vaterlande.

Und sie beglckte immer und berall, die beste der Frauen; ihr ganzes Leben
war eine Kette steter Opfer und Liebesbeweise, welche sie ihren Mitmenschen
darbrachte, wie sollte sie da nicht auch jetzt Segen in das Haus bringen,
das sie zur Heimath erwhlte! Eugenie war glcklich in diesen Plnen und
Hoffnungen und ich mit ihr, denn wie sehr all' meine Interessen mit denen
meiner Lieben in Berlin verknpft waren, das sah ich erst ganz, nachdem ich
von ihnen geschieden.




22.

Nachtrag.


Ein ganzes Jahr war vergangen seit dem Tage meiner Heimkehr in das
Vaterhaus, da schaute die Sonne eines Morgens mit ganz besonderem Glanze
in das Fenster meines Stbchens im Giebel. Es war noch sehr frh, der khle
Herbstmorgen braute weilich graue Nebel ber den Wiesen; auf dem bunten
Laube der Bume, das die Wege im Garten schon reichlich deckte, blitzte
der feuchte Thau, und einzelne Bltter trug der Wind bis zu meinem Fenster
empor, aus dem ich still sinnend meine Blicke in die Ferne hinaus schweifen
lie. Auf dem Dorfe lag noch Ruhe und Schlaf, nur ber mir im Storchnest
wurde es lebendig; die Alten klapperten ihrer kleinen Gesellschaft den
Morgengru zu, und bald begannen sie die Jungen im Fliegen zu unterrichten,
denn die Zeit ihrer Abreise war nahe, und wehe dem Storche, der dann den
langen Flug ber das weite Weltmeer nicht aushalten kann: unbarmherzig wird
er von seinen Gefhrten getdtet, da er ihnen auf der Reise nur hinderlich
ist. Weit ber die Huser des Dorfes schwebten sie hinweg und ihr weies
Gefieder glnzte im Sonnenschein. Jetzt tnte auch das Morgenlied der
Lerche an mein Ohr; hoch in den blauen Aether schwirrte sie hinauf, und aus
den gelben Stoppelfeldern, aus denen sie aufstieg, flatterte zu gleicher
Zeit ein Volk Rebhhner kreischend empor.

Ruhe und Frieden, welche ber der ganzen schnen Gotteswelt lagen,
erfllten auch meine Seele, und mit dankbar frohem Herzen blickte ich auf
zu dem Vater dort oben und bat um Seinen ferneren Schutz und Segen, dessen
ich in der vor mir liegenden Zeit doppelt bedurfte. Da legten sich zwei
Arme um meinen Hals und zwei hellblaue sanfte Augen blickten mir liebevoll
in das Gesicht.

Guten Morgen, meine Grete! Gott segne dich! sagte eine sanfte Stimme, und
weiche Lippen drckten sich auf die meinen.

Wie, du schon wach, Marie? rief ich erstaunt, und blickte der Freundin in
das rosig frische Gesicht; denn sie war es, die mich begrte, meine liebe
theure Marie.

Ich hatte auch keine Ruhe mehr in den Federn! entgegnete sie heiter. Die
Freude raubt den Schlaf gerade wie der Schmerz. Uebrigens ist es auch gut,
da ich zeitig aufstehe, wir haben heute noch gar viel zu besorgen. Ich
werde mir Hannchen wecken und mit ihr den Garten plndern. Viel Blumen
giebt es freilich nicht mehr, aber etwas wird der Herbst uns schon
noch liefern. Im Nothfall nehmen wir buntes Laub statt der Blumen, fr
Guirlanden ist alles zu gebrauchen.

Bald sah ich die beiden hbschen Blondinen, Marie und Schwester Hannchen,
in ihren hellen Morgenkleidern durch den Garten schlpfen, und wie Bienen
von Blume zu Blume schwebend zwischen den Bumen verschwinden. Ueberall
wurde es nun lebendig. Von allen Seiten ertnte der gleichmige Schlag
der Drescher rings im Dorfe, Hunde bellten, kleine Kinder trippelten halb
angekleidet aus den Thren, Fenster wurden geffnet, feiner Rauch wirbelte
aus den Schornsteinen empor, Stimmen erklangen nah und fern, und die
Frhglocke lutete. Nun duldete es auch mich nicht lnger im Zimmer; eben
wollte ich den jungen Mdchen in den Garten nacheilen, da ffnete sich
unter mir ein Fenster, und eine frhliche Kinderstimme krhte in die
Morgenluft hinein. Wie ein Pfeil scho ich die Treppe hinab, dem Stimmchen
nach. An dem offenen Fenster stand eine schne stattliche Amme in
fremdartiger Tracht, und aus ihrem Arme tanzte ein prachtvoller dicker
Knabe von nur wenig Monaten, und streckte mir krhend seine runden Arme aus
den fein gestickten weien Hemdchen entgegen. Ich kletterte auen an dem
Fenster hinauf, kte den Engelsjungen und lie meine Blicke durch das
Fenster schweifen. Im Hintergrunde desselben lag eine bildschne junge Frau
im Bette und nickte mir freundlich zu. Guten Morgen, Eugenie, du kleiner
Faulpelz! rief ich grend. Dein Sohn artet nicht nach dir, der ist schon
frhzeitig munter!

Das wei der liebe Himmel! sagte die junge Frau, sich dehnend. Der
kleine Qulgeist wacht mit der Sonne auf wie ein echter Bauerjunge.

Das macht, weil er bei deinem Gnseblmchen, der Bauerdirne, in Kost
und Wohnung ist, lachte ich neckend. Schne Anlagen das zu einem jungen
Baron!

Ein abscheulicher Bengel, ein wahrer Backfisch in Jungengestalt! rief
Eugenie. Und auf den ist der Herr Papa so stolz, wie ich mein Lebtag noch
keinen Menschen gesehen habe. Mich wundert nur, da er sich fr acht Tage
von ihm trennen konnte. Ob ich fortging, das hatte gar keine Bedeutung,
da hie es: Du bist es Gretchen schuldig, hast es ihr lngst schon
versprochen; ich werde auch kommen, sobald die nthigsten Arbeiten besorgt
sind, es soll ja nur eine kurze Trennung sein u.s.w. Aber der Junge, da
er den ein paar Tage entbehren sollte, war das ein Unglck! O es ist zum
Davonlaufen mit solchem Bren von einem Manne!

Nun du bist ihm ja auch davon gelaufen, rief ich voll Ergtzen und
schwang mich auf das Fensterbret, um mit dem Kleinen zu tndeln. Eugenie
war indessen aufgestanden und trat nun zu uns, und die stolze Mutterliebe,
mit dem sie ihren Knaben auf den Arm nahm, konnte unmglich von der
Zrtlichkeit des Papa's bertroffen werden, so sehr die junge Frau auch
ber dessen Vaterstolz schalt. Es war ein reizendes Bild, die schne
Mutter mit dem blhenden Knaben im Arm, Beide in feine weie Morgenkleider
gehllt; neben ihnen die stattliche Amme in ihrer fremden Tracht, und
zur Seite die grnen Zweige eines Akazienbaumes, durch welche einzelne
Sonnenstrahlen hindurch fielen.

Aber lange blieben wir nicht allein. Bald ging die Hausthr auf, und meine
jngeren Geschwister, die Rotte Korah, wie Eugenie sie nannte, strmten
heraus. Ich sprang von meinem Fenstersitz herab, und das war gut, sonst
htten mich die kleinen Feuergeister herunter gerissen, so fuhren sie alle
auf mich los.

Frischen Kuchen, Gretel! Frischen Kuchen, komm geschwind! riefen sie
durcheinander.

Sechs groe Napfkuchen, zehn Zuckerkuchen mit Rosinen, drei
Streuelkuchen, acht Pflaumenkuchen, und noch viel mehr, komm doch nur, im
Backhause kannst du alles sehen!

Und der Grtner schneidet die letzten Weintrauben vom Spalier, und wir
sollen die Birnbume schtteln und die Pflaumenbume, -- und Kathrine
schlachtet die fettsten Truthhne, -- und Herr Candidat Reier macht mit dem
Kutscher im Garten das Feuerwerk zurecht, und wir sollen die bunten Ballons
an die Bume hngen! so rief und jubelte es durch einander, da man kaum
ein Wort deutlich verstehen konnte. Es half nichts, ich mute mit ihnen
kommen und alles mit ansehen, wovon sie erzhlten. Bald zogen sie mich
unter die Obstbume im Grasgarten, bald zu den Hhnern und Tauben auf dem
Hofe; hier mute ich die sen Trauben kosten, die der Grtner mir reichte,
dort wieder den kstlichen Duft des frischen Kuchens einathmen, der in
groer Menge aufgehuft lag. Ueberall war Leben und Geschftigkeit, und
berall schwirrten die lebhaften Kinder umher, die natrlich Jedermann
im Wege waren und von Einem zum Andern liefen, um zu fragen, ob sie etwas
helfen knnten.

Kommt, wir wollen mit Marie und Hannchen Krnze winden! rief ich endlich,
um Mama von der lstigen kleinen Bande zu befreien. Im Jubel zogen wir denn
Alle nach der Weinlaube im Blumengarten, wo wir die beiden jungen Mdchen
mitten unter bunten Guirlanden und Blumen geschftig fanden. Sobald sie
mich erblickten, kamen sie freudig auf mich zu, und Marie setzte mir einen
wunderschnen Kranz von kleinen rothen Astern auf den Kopf, so sehr ich
mich auch dagegen strubte. Rosen giebt's nicht mehr genug, so mssen wir
Hlfstruppen suchen, um dich zu krnen, sagte sie, indem sie mich kte.
Du bist heute die Knigin des Festes und mut eine Krone tragen, damit
alle Welt dich kennt und dir huldigt.

Morgen ist ja erst der Hauptfesttag, heute darf ich doch noch keinen Kranz
tragen! rief ich freudig errthend.

Nein, nein, morgen thun es keine solch gewhnlichen Blumen, da mu das uns
Jungfrauen geheiligte grne Reis dieses schwarze Haar zieren, sagte Marie
pathetisch und umarmte mich von Neuem. O meine Grete, fuhr sie weich
und zrtlich fort, wie freue ich mich, da ich diesen Tag mit dir erleben
kann!

Mir schossen die Thrnen in die Augen, und ich hielt die Freundin meines
Herzens umschlungen.

Guten Morgen, meine Damen! ertnte jetzt eine klangvolle Mnnerstimme
neben uns, und aufsehend erblickten wir unseren lieben Freund und Nachbar,
den jungen Pfarrer Baumhard, an unserer Seite. Herzlich erfreut reichte ich
ihm die Hand zum Gru, und plaudernd gingen wir drei eine Weile im Garten
umher. Doch bald wurde ich abgerufen und lie Marie bei unserem Gast allein
zurck, meine Wiederkehr erwartend. Ich wurde lnger aufgehalten, als ich
gedacht und meinte den Pfarrer nicht mehr zu treffen; aber als ich einen
der dunkeln Lindengnge hinauf schritt, fand ich die Beiden neben einander
auf einer Bank sitzend, Mariens liebes Gesicht von dunkler Gluth berzogen,
und den Pfarrer mit freudig strahlenden Augen. Ein einziges Wort unseres
Freundes sagte mir alles. Lange schon hatte ich die keimende Liebe dieser
Beiden bemerkt; heute am Vorabende meines eigenen Hochzeittages hatte Marie
sich dem braven Manne verlobt.

Aber bitte, Frulein Gretchen, schweigen Sie noch bis morgen, bat der
Prediger. Ich htte selbst meine Erklrung gegen meine geliebte Marie
verzgern sollen, bis der morgende Tag vorber war; aber ich konnte es
nicht lnger ertragen, ber mein Geschick in Ungewiheit zu sein, morgen
besonders, wo ich den Liebesbund von Marie's treuester Freundin einsegnen
soll. Aber da ich nun Gewiheit habe, da auch ich glcklich werden soll,
ist alles klar und gut in mir, und ich habe Ruhe und Sammlung im Gemth.
Morgen, nachdem ich Sie eingesegnet, theure Freundin, mag die Welt auch von
unserem Bunde erfahren!

Der stille, innigste Wunsch meines Herzens war erfllt, Marie sollte die
Gattin des Mannes werden, den wir Alle so unbeschreiblich verehrten, seit
er vor zwei Jahren unser Pfarrer geworden. Marie liebte ihn vom ersten Tage
an, das wute ich, und jede Stunde ihres Aufenthaltes bei uns gab ihrer
Liebe neue Nahrung, denn Pastor Baumhard war unser tglicher Gast, unser
vertrautester Hausfreund. Aber Woche um Woche verging, Marie war schon fast
zwei Monate bei uns, und immer noch erfolgte keine Verlobung, obwohl der
Pfarrer Marien entschieden auszeichnete. Doch Marie war das bldeste,
schchternste Mdchen ihm gegenber, ich begriff sie nicht, und so war es
auch ihrem Verehrer gegangen, bis dieser endlich gewaltsam die Pforte ihres
Herzens erbrach, die ihm Einsicht gab in das Paradies seiner Zukunft. Nun
war alles gut, nun konnte auch ich den kommenden Festtag ruhig erwarten.

Ja, meine lieben Freundinnen, es war wirklich mein Hochzeittag, zu dem
diese Vorbereitungen alle getroffen wurden. Schon fast ein Jahr lang war
das einstige Backfischchen eine glckliche Braut, und stand nun am Ziele
aller Wnsche und Hoffnungen. Und wer war der Brutigam? Solltet ihr das
nicht lngst errathen haben? Ihr dachtet vielleicht sogar frher als ich
selbst daran, whrend ihr die vorhergehenden Bltter gelesen. Ach mein
junges Herz barg freilich wohl lange schon Gefhle in sich, welche diesem
Ziele zustrebten, aber ich war ber dieselben so vllig im Unklaren, da
ich durchaus gar nicht wute, was mir nur fehle, seit ich wieder in das
Elternhaus zurckgekehrt war. Diese unaussprechliche Sehnsucht nach allem,
was mit Berlin in Zusammenhang stand, dieses krankhafte Verlangen nach
Nachricht von dorther, dieses ewige Unbehagen bei allem, was ich dachte und
arbeitete, qulte mich unbeschreiblich. War ich nicht grenzenlos undankbar
fr all' das Gute und Schne, das mich jetzt im Vaterhause wieder umgab,
und das mich so wenig befriedigen konnte? Ich machte mir unaufhrlich die
bittersten Vorwrfe darber, vergrub mich mit leidenschaftlicher Heftigkeit
in alle mglichen Arbeiten, um meine Gedanken zu zwingen, trieb mit
Hannchen Franzsisch und Englisch, musicirte mit Herrn Reier, half Mama in
Kche und Wirthschaft, spielte mit den kleinen Geschwistern selbst wie ein
Kind, -- es war alles umsonst! Immer wieder ertappte ich mich beim trben,
unklaren Dahinbrten, und alle Lust und Freudigkeit schien mir entfliehen
zu wollen.

So waren die ersten beiden Monate verstrichen, seit ich wieder in die
Heimath zurckkehrte. Da kam eines Tages ein Brief an mich -- ein Brief von
einem Freunde aus Berlin -- und wenige Tage darauf der Schreiber selbst.
O nun wurde mit einem Male alles anders! Wie Schuppen fiel es von meinen
Augen; jetzt wute ich, was mir gefehlt, was meine leidenschaftliche
Sehnsucht bedeutete. Wie helles Morgenroth leuchtete es empor an dem trben
Himmel, der mich umgeben, die Sonne des Glckes und ungeahnter Freude
ging meinem jungen Leben auf! Ich war Braut, Braut des Mannes, der mir
der Herrlichste schien von allen Mnnern, die ich je gesehen, der mir
nun sagte, da er mich liebe, seit jenem Augenblicke liebe, wo ich ihm
so unbefangen kindlich entgegen getreten, und der seitdem keinen anderen
Wunsch mehr gehabt, als mich zu erwerben. O welch' namenloses Glck kann
doch ein kleines Menschenherz umfassen! Welch' namenloses Glck barg jetzt
mein liebes trautes Vaterhaus!

Und nun war der Tag erschienen, der mich ganz glcklich machen, mich ganz
mit dem vereinen sollte, auer welchem es fr mich keine Freude mehr auf
der Welt gab. Alle meine Freunde hatten mir versprochen, zu dem Feste zu
kommen. Marie war schon wochenlang bei uns, ihre Eltern und Eduard wurden
erwartet, Eugenie hatte sich mit ihrem Prachtshnchen aufgemacht, mir ihren
Antheil zu beweisen, ihren Gatten, ihren Vater und vor allem Tante Ulrike
erwarteten wir heute, und wer fehlte nun noch?

Die Wagen rollten durch das Dorf, die Hunde bellten, die Dorfjugend
jubelte, und die Kutscher verkndeten mit der Peitsche knallend ihre
Ankunft. War das ein Leben unter den Linden vor unserem Hause! Papa und
Mama flogen Tante Ulrike an das Herz, Marie wanderte aus einem Arm in den
andern, Eugenie versank vollstndig bald in dem weiten Reisemantel ihres
Vaters, bald in des Barons Armen, der Frau, Kind und Amme zu gleicher Zeit
umschlang und sich umherspringend geberdete wie ein toller Junge, trotz
seines noch immer etwas steifen Fues. Und ich? Ja ich habe das alles
eigentlich nur vom Hrensagen, denn ich sah nichts ber mir als zwei blaue
Augen, darin der ganze Himmel wohnte, und wurde von zwei Armen so fest
umschlungen, da ich von der ganzen brigen Welt nichts sehen und hren
konnte. -- Wie? Waren denn wieder Zigeuner in der Nhe, da ich mich so
strmisch an diese Brust flchtete?

Onkel Hausmann, Lieschen will auch guten Tag sagen, rief es jetzt neben
uns, und mein kleines Schwesterchen drckte ihren braunen Lockenkopf an die
Knie dessen, der mich gar nicht wieder los zu lassen Miene machte.

Guten Morgen, meine liebe kleine Schwgerin! rief der Angeredete nun
frhlich, indem er mich frei gab und Lieschen zu sich emporhob. Jetzt
drngten sich auch die Knaben herbei, den Schwager zu begren, auf den die
kleinen Burschen sehr stolz waren; Vater und Mutter hieen den geliebten
Schwiegersohn willkommen, aber ich fand kaum Blicke und Worte genug zur
Begrung der vielen lieben Gste, welche mir alle so warme Glckwnsche
entgegen brachten.

Unser liebes altes Wohnhaus war gewi sehr verwundert ber die vielen
Fremden, die es in seinen Mauern aufnehmen mute; aber es blickte so stolz
und stattlich durch die alten Lindenbume hernieder, als wisse es die
Ehre zu wrdigen, die ihm wurde, und die Strche auf dem Giebel klapperten
lustig ein lautes Willkommen. Von allen Seiten fuhren jetzt noch liebe
Freunde, Verwandte und Nachbarn herbei, welche das Fest mit uns begehen
wollten, und in den schattigen Gngen des Parkes, wie in Haus und Hof
schwirrte es lustig durcheinander. Ein herrlich warmer Herbsttag gestattete
uns den Aufenthalt im Freien, und so lie Papa auf dem Platze unter den
Linden die Mittags- und Abendtafeln fr alle die aufschlagen, welche
drinnen im Hause keinen Raum mehr fanden. Es war ein frhliches Treiben,
und Lust und Freude belebte alle Gemther; ich aber war die Glcklichste
von allen, und wenn auch meine Lippen nicht aussprechen konnten, was mein
Herz so unnennbar beseeligte, in meinen Augen stand es sicher deutlich
geschrieben, denn diese Augen sahen nur eins, und das war der Geliebte
meiner Seele, Theodor Hausmann.

Den Abend dieses freundlichen Festes beschlo ein prchtiges Feuerwerk,
das Herr Reier im Garten abbrannte. Den Schlu desselben bildete ein hchst
ergtzliches Transparent, das sich auf meinen Aufenthalt in Berlin bezog,
und dessen Urheber die gottlose Eugenie gewesen. Rings um das Mittelbild
gruppirten sich kleinere Scenen. Da war denn z.B. Backfischchens erste
Reise dargestellt, aus nichts bestehend als aus einem Haufen Schachteln,
Packeten und Kisten, ber denen hoch oben ein Mdchenkopf schwebte. Ferner
Backfischchen in groer Bedrngni, die Scene bei Geh. Rath Delius, wo ich
hoch aufgeschrzt mit triefendem Schirm und zerrissenen Handschuhen Amanda
gegenber auf der Stuhlecke schwebe, und dicke Schweitropfen von Stirn
und Regenschirm auf den Fuboden rollen. Dann die Straenscene, in der ich
Marie um den Hals fliege, inde ein daneben stehender Stutzer seine Arme
verlangend nach uns ausstreckt. Dann vor allem Backfischchens erstes
Rencontre mit dem Freunde: unser trauliches Gesprch in jener Gesellschaft,
belauscht von umstehenden Gsten, in der Ferne Tante Ulrike, die sich
verzweiflungsvoll das Haar rauft. Natrlich auch Backfischchen im
Ballfieber, wie sie eben im Begriff ist, Tante Ulrike in die Kleidertasche
zu kriechen, spter dann die Ueberreichung des Cotillonordens an den
Freund, alles war dargestellt. So ging es fort. Unzhlige kleine peinliche
Momente, die ich whrend meines Aufenthaltes in Berlin zu bestehen hatte,
gab die lose Eugenie in posirlicher Darstellung zur Schau, und Eduard,
als wrdiger Bnkelsnger, erklrte in kstlichen Reimen dem Publikum
die Bilder zu dieser wunderbaren Geschichte. Die Hauptsache aber war
das Mittelbild, betitelt: Beelzebubs Meisterstck, eine schreckliche
Mordgeschichte, zur Warnung fr alle Backfischchen. Ein Trupp wilder
Teufelchen, als Zigeuner gekleidet, strzt, Keulen, Knttel und andere
Waffen schwingend, aus dem Gebsch hervor, gerade auf ein junges Mdchen
los. Dieses aber fliegt mit ausgebreiteten Armen einer Gestalt entgegen,
welche soeben auf einer Wolke zu ihr hernieder schwebt, und die zwar mit
Flgeln und einem Strahlenkranze versehen ist, wie man die Engel darstellt,
deren Pferdefu aber und kleine Bockshrnchen nichts weniger als einen
Engel vermuthen lassen. Er trgt die Zge Th.Hausmanns, und streckt der
Flehenden die Arme entgegen, um sie in sein Reich zu entfhren, das hinter
ihm als hllisches Feuer lodert. Der Schlu dieses Wunderwerks lautete
dazu:

  Drum, lieben Mdchen, habt wohl Acht,
  Nun wit ihr, wie's Herr Satan macht!
  Mit siebzehn Jahren komme ja
  Dem Eibsee Keine je zu nah,
  Sonst geht's wie jenem Backfisch ihr,
  Verloren ist sie fr und fr.

Da diese lustige Geschichte unerschpfliche Heiterkeit erregte, war sehr
begreiflich, und auch ich konnte der schelmischen Eugenie keinen Moment
zrnen, so sehr sie mich auch mitgenommen hatte. Verwundert war ich nur,
woher sie so manche kleinen Zge kannte, die sie selbst doch nicht mit
erlebt hatte, besonders diese Schluscene; aber sie war ja ein pfiffiger
kleiner Schalk gewesen, so lange ich sie kannte, und der blieb sie ihr
Lebenlang, obwohl sie jetzt eine ganz vortreffliche Gattin und Mutter
geworden. Und das beste Herz schaute immer hinter dem Schelmgesicht
hervor, das sollte ich auch an diesem unvergelichen Tage erfahren.
Ihre Schalkhaftigkeit hatte sogar die wrdige Tante Ulrike bewogen, mir
gemeinsam mit ihr ein ebenso kostbares als neckisches Hochzeitgeschenk zu
machen, welches Eugenie mir mit einem hchst launigen Gedichte berreichte.
Das Geschenk der Tante bestand in einem Backfischchen, wie sie sagte,
einem wunderschnen elastischen Armband in Gestalt eines goldenen Fisches,
der sich in den Schwanz beit und dessen Augen von zwei kstlichen
Diamanten gebildet wurden. Eugenie brachte mir ebenfalls mein Ebenbild,
wie sie behauptete, nmlich ein Gnseblmchen. Es war dies eine kostbare
Broche, allerdings in Gestalt einer groen Gnseblume, deren Blumenkrone
jedoch von lauter kleinen Brillanten gebildet wurde, welche auf goldenen
Blttern ruhte.

Diesem ebenso geschmackvollen als kostbaren Geschenk fgte der kleine
Schelm noch eine zierliche Handarbeit hinzu und zwar -- ein Paar eben solch
hellblauseidener Pantffelchen, als sie selbst einst bei ihrer Ankunft in
Tante's Hause an die Fe gezogen, und welche mir so vielerlei Stoff zur
Verwunderung und Aerger gegeben hatten. Auer diesen und zahllosen anderen
Geschenken, mit denen wir von allen Seiten erfreut wurden, erwhne ich nur
noch eines geschmackvollen Kissens, auf welches meine sanfte Marie einen
Strau blauer Vergimeinnicht gestickt hatte, und das als Unterlage diente
zu dem blhenden Myrthenkranze, den sie mir berreichte.

Wie schn die Stunden waren, an denen dieses grne Reis am folgenden Tage
meine Stirn schmckte, das zu beschreiben bin ich nicht im Stande. Mein
Herz war so voll Dank und Rhrung ber all' das namenlose Glck, das Gott
mir bereitet, ber all die Liebe, die mein Leben verschnte, da ich fr
die Auendinge und die ueren Festlichkeiten dieses Tages wenig Sinn und
Gedanken brig hatte. Es war, das knnt ihr glauben, eine rechte, echte,
groe Landhochzeit, und was das heien will, welche Verschwendung an
Blumenkrnzen und Lichtern in Haus und Kirche, welche zahllosen beputzten
Dorfbewohner, welch' Glockengelut und welcher Jubel, welche Flle von
Kuchen und Getrnken und Festessen, und endlich welch' frhlicher Tanz
unter unseren Linden von Alt und Jung aus dem ganzen Dorfe; -- da dies
alles zu einer echten Landhochzeit gehrt, das wei nur derjenige ganz zu
wrdigen, der es einmal selbst mit erlebt hat.

Die frohe Kunde, da unserem Hochzeitsfeste bald ein zweites folgen werde,
und zwar vom Pastor Baumhard und meiner besten Marie, erregte endlosen
Jubel; denn Brutigam sowohl als Braut wurden von Allen, die sie kannten,
so allgemein verehrt und geliebt, wie wenig Menschen. Dieser schne Bund
verherrlichte unser Fest noch um vieles, und nur schne, harmonische
Klnge waren es, die in den Herzen aller derer nachtnten, welche demselben
beigewohnt.

Unter den Segenswnschen all' meiner Lieben schied ich, das Herz voll von
Wehmuth und Freude, noch an demselben Tage an der Seite meines Gatten von
dem geliebten Vaterhause, um einer anderen Heimath entgegen zu gehen.
In Braunschweig, wo Eugeniens Vater Minister geworden, hatte Theodor die
Stelle eines Regierungsrathes erhalten, und hier nun, in der Nhe meiner
verehrten Tante Ulrike, welche jetzt im Hause des Schwagers lebte, erblhte
mir das schnste Lebensglck, das einer Frau werden kann.

Und so nehme ich denn von euch Abschied, meine lieben Freundinnen, die ihr
mir freundlich folgtet durch die ernsten und frohen Tage meiner Jugend.
Mchte doch einer jeden von euch ein Glck werden, wie der gtige Gott es
mir schenkte; mchtet auch ihr einst froh und dankbar wie ich zurckblicken
knnen auf jene Zeit eurer Jugend, als auch ihr noch zu den Backfischchen
zhltet.


  Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben (jedoch nicht "Dr." und rmische Zahlen).

Eine ganzseitige Illustration am Buchanfang wurde hinter die Titelseite
verschoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwiderte" --
"erwiederte", "Goethe" -- "Gthe", "Schnurbart" -- "Schnurrbart",
"sechszehn" -- "sechzehn",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 18:
  "." gendert in ","
  (Ohne Ueberschuh in solchem Wetter, Mdchen?)

  Seite 25:
  "Wenig" gendert in "wenig"
  (ich dich noch ein wenig zurecht stutzen werde)

  Seite 57:
  "durchzubrechen" gendert in "durchbrechen"
  (schien den Damm seiner Schchternheit zu durchbrechen)

  Seite 58:
  "ein" gendert in "eine"
  (indem sie demselben eine leichte Verbeugung machte)

  Seite 67:
  "uud" gendert in "und"
  (und sah ihr forschend in die Augen)

  Seite 86:
  "." eingefgt
  (es war mir noch nie eingefallen.)

  Seite 88:
  "" eingefgt
  (vierzehn Jahre und sieben Wochen?)

  Seite 107:
  "verspach" gendert in "versprach"
  (Das ergtzte sie sehr und sie versprach es.)

  Seite 108:
  "," gendert in "."
  (kann sie niemals kommen. Du bist zehnmal besser daran)

  Seite 134:
  "berstig" gendert in "berstieg"
  (Das berstieg denn doch endlich die Langmuth)

  Seite 140:
  "das" gendert in "da"
  (Nun erst sah ich, da ein rothes Tuch)

  Seite 145:
  "nnd" gendert in "und"
  (Eugenie war jetzt Feuer und Flamme)

  Seite 149:
  "" eingefgt
  (Eine Vorstellung zu wohlthtigem Zwecke,)

  Seite 163:
  "gerlich" gendert in "rgerlich"
  (nie wurde er verstimmt oder rgerlich)

  Seite 163:
  "Krig" gendert in "Krieg"
  (was Gefhlsuerungen hnlich sah, den Krieg erklrt hatte)

  Seite 196:
  "wir" gendert in "mir"
  (besonders das schne Elsterthal gefiel mir ausnehmend)

  Seite 203:
  "dich" gendert in "dicht"
  (Seite an Seite, dicht an einander gereiht)

  Seite 205:
  "malerischen" gendert in "malerisch"
  (so verweile ich doch nur in jenen malerisch gelegenen Flecken)

  Seite 206:
  "welch" gendert in "welche"
  (welche hiervon Vortheil ziehen)

  Seite 208:
  "war" gendert in "was"
  (ihnen alles zu geben, was ich bei mir trug)

  Seite 218:
  "zu" gendert in "zur"
  (kam aber nur eben zur rechten Zeit)]







End of the Project Gutenberg EBook of Backfischchen's Leiden und Freuden., by 
Clementine Helm

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BACKFISCHCHEN'S LEIDEN UND FREUDEN ***

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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