The Project Gutenberg EBook of Das Naturforscherschiff, by Sophie Wrishffer

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Title: Das Naturforscherschiff

Author: Sophie Wrishffer

Release Date: June 7, 2015 [EBook #49158]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NATURFORSCHERSCHIFF ***




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[Illustration: Naturwissenschaftliche bungen in der Kajtte.]




                       Das Naturforscherschiff


                                 oder
          Fahrt der jungen Hamburger mit der Hammonia nach
                 den Besitzungen ihres Vaters in der
                               Sdsee.

                                 Von
                           S. Wrishffer,
     Verf. von Robert der Schiffsjunge, Auf dem Kriegspfade,
            Kreuz und Quer durch Indien, Onnen Visser.

                           Vierte Auflage.

                    Mit fnfundzwanzig Tonbildern.

                        Bielefeld und Leipzig
                    Verlag von Velhagen & Klasing.
                                1888.

                       Alle Rechte vorbehalten.




                               Inhalt.


                           Erstes Kapitel.

Die Hammonia und das Haus Gottfried. Palma. Ins Innere. Der Lamantin.
Das Negerdorf und der Zauberer. Der Fledermausbau. Der Heerwurm.
Zibetkatzen und Pythonschlange. Die Gallinas. Elefantenjagd. Waldbrand.
Franz unter den Gallinas. Die Rettung. Die Bestrafung des Zauberers.
Wieder an Bord. Erste Prparierbung.

                           Zweites Kapitel.

Fischfang mit dem Licht. Flupferdjagd mit der Hansa. Der Uralte der
Gewsser. Dr. Bolten in Lebensgefahr. Heuschreckengensse und
Hippopotamusbraten. Der Nashornvogel. Naturwissenschaftliche
Beschftigungen an Bord.

                           Drittes Kapitel.

Vor der Nigermndung. Im Lande der Bonnyleute. Der Affenberg. Der Lwe.
Getrennt von den Genossen. Die Nacht im Baume. Der Mandril. Die
Rhinozerosse. Besiegt von den Moskitos. Die Bffeljagd. Wieder
vereinigt. Heim zur Hammonia.

                           Viertes Kapitel.

Nach Fernando Po. Die Quelle. Im Cyklon. Der Hai. Nach der Kapstadt.
Mazembas Kraal. Nach dem Kaffernlande. Die Zwergmakis. Die Buschmnner.
berfall der Kaffern. Die Belagerung. Der Tod des Retters. Zur Kapstadt
zurck.

                           Fnftes Kapitel.

Nach Madagaskar. Der weie Hahn. Der Krokodilteich. Das Gottesurteil.
Der verhngnisvolle Schu. Gefangen. Das Todesurteil. Gerettet von den
Genossen. Rua-Roa. Jagderlebnisse. Zwei tote Affen und zwei lebendige
Stachelschweine.

                          Sechstes Kapitel.

Nach Mauritius. Naturwissenschaftliche bungen an Bord. Rua-Roas
Gipsabgu. Die Vogelinsel. Fregattvogel und Tlpel. Zur Fouquinsel. Die
Nacht auf dem Riff. Korallenfischerei. Der Hai. Der Blutschwur. Auf dem
Bambu Pik.

                          Siebentes Kapitel.

Nach Ceylon. Im Urwalde. Die Elefantentrnke. Der berfall des Tigers.
Die Tempelruinen. Das Dorf der Singhalesen. Die jungen Tiger und die
Ziegenamme. Ratten und Schlangen. Singhalesischer Pfannkuchen. Das
Diamantfeld.

                           Achtes Kapitel.

Zu den Ureinwohnern Ceylons. Das Veddadorf. Die Schakale. Verrat der
Veddas. Die Hhle. Rettung. Zurck zur Hammonia im Hafen von Galle.

                           Neuntes Kapitel.

Nach Java. Das Totenthal. Die Flammen des Moro Api. Der Gewittersturm.
Die Hhle des Verrats. Das Tigerpaar. Wieder unter Menschen. Der Feuer
und Schlammberg. Zurck zur Hammonia. Die Strafe der Gelben.

                           Zehntes Kapitel.

Nach Borneo. Fnge mit dem Schleppnetz. Die Seewiese. Begegnung mit dem
Julius Csar. Nachrichten von zu Haus. Weitere Arbeiten mit dem
Schleppnetz. Ankunft in Borneo. Banjar-massing. Der photographische
Apparat. Im Kohlenbergwerk. Die malaiischen Fhrer. Ins Innere.

                           Elftes Kapitel.

Die Nacht bei den Dajaks. Die Schdeltrophen. Totenfeier. Blutrache.
Das Ende der Fhrer.

                          Zwlftes Kapitel.

Nach Lombock. Die einmal blhende Palme. Nach Celebes.
Naturwissenschaftliche Beschftigungen an Bord. Das Pfahldorf der
Orang-Badju. Die Zauberlaterne im Mrchenreich. berfall der
Orang-Badju. Rettung. Ins Innere am Nordende von Celebes. Der Hirscheber
und die Alfuren. Der Fang des Meerwurms. Der ermordete Kamerad. Nach den
australischen Inseln.

                         Dreizehntes Kapitel.

Die Schatzkammer der Naturforscher. Die Nightinsel. Das Beuteltier.
Die Papuas und ihr Lager. Jagdbeute. Der Rsselpapagei und der
Leierschwanz. Der Doktor in der Felsspalte. Der Atlasvogel. Der Taucher
und die Sepie. Nach Sidney. Ins Innere. Die Australneger und die
Schafherden. Die Knguruhjagd. Knguruhbraten. Rua-Roa und die
Buschotter. Der lachende Hans. Der Wombat. Der Verrat der Australneger.
Gerettet und fast verschmachtet. Das Manna. Wohl aufgehoben bei
deutschen Landsleuten.

                         Vierzehntes Kapitel.

Durch das Korallenmeer. Auf Tonga. Das Seebeben. Das Wrack der
Eintracht. Die Gefangenen der Menschenfresser. Ihre Befreiung.

                         Fnfzehntes Kapitel.

Nach den Samoainseln. Tabu. Auf des Vaters Besitzungen. Die Nachricht
vom Attentat. Dankgottesdienst. Haifischjagd. Tnze der Eingebornen.
Ausflug ins Innere. Barbarische Justiz und Rettung. Rua-Roas Taufe.
Abschied von Samoa.

                         Sechzehntes Kapitel.

Heimreise. Am Sinai vorber. Der Suezkanal. Letztes Abenteuer. Taucher
und Schwertfische. Ankunft und Wiedersehn! --




                           Erstes Kapitel.


Vor der Barre der afrikanischen Handelsstadt Lagos am Meerbusen von
Guinea lag auf den blauen Fluten des Atlantischen Meeres ein stattlicher
Schraubendampfer, von dessen Topp die rotweie Hamburgische Flagge
lustig im Morgenwind flatterte. Am Heck stand mit groen goldenen
Buchstaben der Name _Hammonia_, das ganze Schiff war neu, vor nicht
viel mehr als etwa vier Monaten daheim in der freien Reichsstadt erst
vom Stapel gelaufen und fr diese seine Reise um die halbe Erdkugel auf
der Werft des Hauses Gottfried am Reiherstieg eigens erbaut worden.

An Bord befanden sich die beiden Shne des Reeders mit ihrem Erzieher,
dem wrdigen Doktor Bolten und dem jungen Doktor Holm, einem Vetter der
Knaben, zugleich dem naturwissenschaftlichen Lehrer und Fhrer der
kleinen Expedition, die nicht allein das geheimnisvolle Innere Afrikas,
sondern auch die Sundainseln, Australien und die Perlen des Groen
Ozeans besuchen sollte, und deren Zweck mehr in wissenschaftlichen als
kaufmnnischen Erfolgen bestand.

Das Haus Gottfried ist eine der grten und unternehmendsten
Handelsfirmen Hamburgs. Wenn eins unserer jetzigen groen
Kaufmannshuser an die Handelsfrsten der ehemaligen Reichsstdte des
Mittelalters erinnert, an die Fugger und Welser von Augsburg, die Krafft
von Ulm, so thut es dieses. Nicht allein da seine auf eigenen Werften
erbauten Schiffe alle Meere durchpflgen, da seine Wechsel auf allen
Kontoren in den Hafenstdten der fnf Erdteile so gut gelten wie bares
Geld, es gleicht besonders darin dem mchtigen Hause der weiland Welser,
welche damals das heutige Venezuela mit eigenen Feldhauptleuten und
Truppen besetzen und kolonisieren lieen, da es auch seinerseits und
zwar auf einer Inselgruppe des Stillen Ozeans sich eine Herrschaft
geschaffen hat, die einem Knigreiche gleichkommt.

Aus diesem Gottfriedschen Handelsreiche holen die Schiffe des Hauses die
Landesprodukte, hierhin bringen sie wieder zum Austausch europische
Waren. Aber nicht blo dem Gewinn dienen die groartigen Unternehmungen
und Verbindungen des Hauses Gottfried, auch der Wissenschaft kommen sie
zu gute, fr welche der Handelsherr offenen Blick und offene Hand hat.
Das Museum Gottfried ist Zeuge davon. In ihm findet sich vereinigt,
was Forscher und Gelehrte im Auftrage des Prinzipals auf der Inselwelt
der Sdsee gefunden haben. Seine Schiffe fhren junge Gelehrte mit,
welche die Tierwelt der Tiefsee und des Landes, die Flora des Meeres und
des Innern, die Rassen und Gebruche der Einwohner erforschen, und
kostbare Werke mit prachtvollen Abbildungen berichten von den Schtzen
des Museums Gottfried.

Dem jngeren Sohne des weltbekannten hamburgischen Reeders war von den
rzten eine Luftvernderung, namentlich ein Aufenthalt in tropischen
Klimaten verordnet; Herr Gottfried bestimmte daher sein neuerbautes
Schiff, die Hammonia, zur Reise nach den Sdseeinseln und gestattete,
da dem langgehegten Wunsche des ltesten Knaben, einen
wissenschaftlichen Ausflug ins Innere von Afrika zu machen, bei dieser
Gelegenheit unerwartete Erfllung zu teil wurde. Franz bezeigte bis
jetzt fr das Stillleben hinter dem Kontorpulte nur auerordentlich
geringe Neigung, er schien mit seinem Wandertrieb und seiner regen
Teilnahme fr alle naturwissenschaftlichen Entdeckungen zum Kaufmann
nicht so recht geschaffen; der Vater beschlo daher, ihn die Welt
jenseits des Ozeans und jenseits europischer Kultur durch eigene
Anschauung kennen lernen zu lassen und dann erst ber seine fernere
Zukunft zu entscheiden; fr diese Reise waren zwei bis drittehalb Jahre
bestimmt und den beiden Knaben nicht allein zuverlssige Begleiter,
sondern auch an die geachtetsten Handelshuser aller Hfen schon
vorausgesandte Empfehlungen mitgegeben, so da nach menschlichen Krften
berall bestens gesorgt schien und das Unternehmen die schnsten Frchte
versprach.

Auf Madeira war die Hammonia nach zwlftgiger Fahrt angelangt; hier
wurden die jungen Leute einstweilen abgesetzt, und whrend der Dampfer
aus Rio eine Ladung Reis holte, vollendete Hans, der zweite Sohn des
Reeders, eine vom vortrefflichsten Erfolg begleitete Kur, die ihn so
glcklich genesen lie, da schon jetzt im Beginn der Weiterreise fast
alle Spuren des schleichenden wie eine Art von beginnendem Brustleiden
aufgetretenen Fiebers beseitigt waren.

Die Hammonia war inzwischen von Rio zurckgekehrt, hatte die
Gesellschaft an Bord genommen, und nach einem dankbaren Abschiede von
dem schnen Madeira trat das wackere Schiff die Fahrt nach Lagos an, wo
wir unsere Freunde soeben wohl und munter angekommen fanden.

An Bord herrschte Lust und Leben, alles freute sich des wundervollen,
wolkenlosen Himmels und der balsamischen Luft, deren Durchsichtigkeit
die Stadtbewohner frher auch nicht einmal geahnt, viel weniger fr
mglich gehalten htten. Whrend der Dampfer mittels kleiner
Schleppschiffe, die allein ber das Riff vor dem Hafen den Weg finden,
seine Ladung lschte, wurde das groe Boot herabgelassen und fr die
Fahrt nach dem einige Seemeilen entfernten kleinen rtchen Palma mit
Proviant und Munition hinreichend versehen. Das Wetter gestattete diese
Fahrt lngs der Kste, und so hatten sich denn smtliche Teilnehmer der
Reise, ganz afrikanisch gekleidet, aufgemacht, um voll Erwartung
kommender Abenteuer den sechs Matrosen nachzuklettern.

Der alte Doktor ging voran. Er war ein sehr rstiger, wohlerhaltener
Fnfziger mit ebenso milden als intelligenten Zgen, von Kopf bis zu den
Fen gleich den brigen bewaffnet und vielleicht zum erstenmale seit
seinen Knabenjahren in weies Leinen gehllt. Jeden Augenblick ermahnte
er die jungen Leute zur Vorsicht, ohne indessen viel Gehr zu finden;
die lustige Schar sprang und kletterte ihm nach, ehe seine Worte von
allen verstanden worden waren.

Auf den Kpfen die breitrandigen Strohhte mit herabflatterndem leinenen
Schirm zum Schutz des Nackens, im Grtel die breiten dolchartigen Messer
und am Riemen ber der Schulter die Botanisierkapseln nebst Fangnetz, so
prsentierten sich der sechsundzwanzigjhrige Karl Holm, und die beiden
Brder Gottfried, Franz von sechzehn, Hans von vierzehn Jahren, hbsche
schlanke Knaben, auf deren jugendlichen Gesichtern die wrmere Sonne des
Sdens schon anfing, ihren Einflu zur Geltung zu bringen. Auer diesen
vier Hauptpersonen und den Matrosen befand sich im Boote noch ein Kommis
der in Lagos ansssigen Zweigniederlassung des hamburgischen
Handelshauses Geiser und Kopp, von seinen Prinzipalen den Shnen des
befreundeten Reeders als Dolmetscher beigegeben, ein junger Hamburger,
den die Knaben persnlich kannten und der mit Land und Leuten durch
lngeren Aufenthalt vollkommen vertraut geworden war.

Vom Bord gren der Kapitn und Papa Witt, der Obersteuermann, ein alter
Freund der Brder, die er schon als ganz kleine Kinder gekannt und denen
er jahraus jahrein von seinen Reisen die schnsten auslndischen
Seltenheiten mitgebracht hatte. Wenn er zu Hause war, dann gab es gewi
fr die Jungen an Sonntagnachmittagen ein Jagdvergngen auf den kleinen
umbuschten Elbinseln, eine Erzhlung von fremden, geheimnisvollen
Gegenden, der sie mit atemlosem Interesse horchten, oder einen Besuch in
seiner Kajtte, wo dann aus Kisten und Kasten die verlockendsten
Spielereien hervorkamen, genug, der Alte, selbst unverheiratet und im
Dienste des Gottfriedschen Hauses ergraut, hatte seine ganze Zuneigung
den beiden Knaben geschenkt, daher sah er ihnen auch jetzt so
wohlgefllig nach und schwenkte den Strohhut, als die Matrosen ihre
Ruder einlegten.

Hbsch langsam! ermahnte er zum zehntenmale und mit dem ganzen Abscheu
des Seemanns vor Fuwanderungen. Nichts bereilt, ihr habt Zeit genug.

Der Kapitn nickte lchelnd. Hofft nur von dem Anblick der Kste nicht
zu viel Schnes, warnte er. Das meiste ist Busch!

Ein Gren herber und hinber, ein Hurra der Matrosen auf dem Dampfer,
und die wissenschaftliche Expedition hatte in aller Form begonnen.
Bisher war man nur in den Hfen zivilisierter Vlker gewesen oder
schwamm in bequemer, ja eleganter Kajtte ber das Meer, hier aber,
hinter der Ansiedelung Palma, in dem kleinen Dorfe ^L'epe^, entfaltete
sich das geheimnisvolle, unbekannte Naturleben der Neger, hier wohnten
die Schwarzen, unbeeinflut von Kultur und Sitte, ganz wie seit Anbeginn
der Schpfung, eben darum aber das Sehenswerteste, Interessanteste, was
es fr die jungen abenteuerlustigen Reisenden berhaupt geben konnte.

Die Knaben sahen immer wieder nach ihren Gewehren. Sollte sich denn
nicht bald am Strande irgend ein wildes Tier ersphen lassen, und wre
es auch nur ein ganz bescheidener Vogel oder eine Fledermaus?

Aber nichts dergleichen zeigte sich. Bis nach Palma hin erglnzte die
baumlose sandige Kste in unangenehm blendendem Wei, nur verkrppeltes
Buschwerk reckte seine niederen ste, und ohne Weg oder Steg erhob sich
steil abfallend das wste Gestade.

Doktor Bolten sah durch die Brille. Wahrhaftig, sagte er, auf den
ersten Anblick hin erscheint Afrika uerst hlich.

Das ist die Kste beinahe berall, antwortete der junge Kaufmann.
Erst etwa eine halbe Stunde von der See entfernt beginnt die
eigentliche tropische Vegetation. Hier herum lebt auch auer den
Strandvgeln kein Tier.

Auf eine Jagdbeute vom Boot aus war also nicht zu hoffen, und erst als
das kleine Palma erreicht wurde, sahen unsere Freunde in ziemlicher
Entfernung bewaldete Hhenzge. Hier standen zwei oder drei steinerne
wie Speicher erscheinende Gebude, zwischen denen sich Negerhtten
vereinzelt erhoben und wo auch mehrere schwarze Gesichter den Reisenden
begegneten, obwohl doch kein eigentliches Dorf vorhanden war. Das
Negerreich ^L'epe^ lag hinter einem breiten, mit geringem Pflanzenwuchs
bestandenen Landstrich, dahin ging es in Begleitung von mehreren als
Gepcktrger gemieteten Krunegern ohne Aufenthalt vorwrts.

Mit jeder Viertelstunde wurde die Gegend hbscher und die Vegetation
ppiger. Hier flog ein bunter, farbenprangender Schmetterling, dort
blhten nie gesehene Blumen oder reiften Frchte an saftigen Stielen, so
da die Knaben voll Entzcken bald hierhin, bald dorthin sprangen.

Langsam! langsam! ermahnte Doktor Bolten, jede Anstrengung kann fr
den Weien in diesem Klima tdlich werden. Der Weg ist ohnehin
beschwerlich genug!

Und das war er wirklich. Die Luftwurzeln der Bume erstreckten sich in
mchtigem Umfang Hunderte von Schritten weit in die Umgebung hinaus,
Rankengewchse flochten grne, hngende Mauern, und Sumpfstellen
ntigten oft zu weiten, zeitraubenden Bogen.

Man wollte eine breite Lagune erreichen, sich dort bersetzen lassen und
dann jenseits des Wassers das Negerdorf besuchen. Als nach vieler Mhe
der Rand des Gewssers sichtbar wurde, fand sich auf den Fluten
desselben ein uerst reges Treiben. Einige zwanzig bis dreiig
Rindenkhne mit Balancierstangen, aber ohne Mast oder Segel, voll von
schwarzen Gestalten, strebten smtlich dem Mittelpunkt der Lagune zu,
und vom anderen Ufer her kamen immer noch mehr nach. Kaum gelang es dem
Dolmetscher, durch wiederholte Zurufe endlich einen der Schiffer zur
Umkehr zu bewegen und ihn an das Land zu locken. Erst nachdem der
Schwarze Geld gesehen, ruderte er schnellstens herbei, trieb aber mit
rckwrts gewandten Blick fortwhrend zur Eile und ermahnte seine
Genossen, durch verdoppelte Arbeit die verlorene Zeit wieder einzuholen.

Die vier Kruneger warfen das Gepck ins Boot, nahmen ohne weiteres ihr
einziges Kleidungsstck, einen Streifen Baumwollenzeug, von den Hften,
banden ihn um die Kpfe und schwammen wie Fische dem leichten Fahrzeug
voran. Es war, als sei die ganze Bevlkerung pltzlich toll geworden.

Nur ein einziges Wort rief jeder dem anderen zu: Manati! --

Sie haben wahrhaftig Glck, meine Herren! sagte der jugendliche
Dolmetscher. Es wird sich Ihnen eine uerst interessante, sehr seltene
Jagd zeigen.

Die beiden Knaben griffen wie elektrisiert zu ihren Gewehren. Ein
Haifisch? rief der eine, Ein Krokodil? der andere.

Keines von beiden, auch darf niemand an dem Fang des Tieres teilnehmen.
Thun Sie das nicht, meine Herren, es knnte uns alle in Gefahr bringen.
Jetzt aber sehen Sie selbst!

Ganz in der Nhe erschien jetzt ein Boot, in welchem drei Mnner Platz
genommen hatten, zwei gewhnliche Neger und ein dritter von eben so
komischem als abscheulichem Aussehen. Die nackten Glieder waren wie das
Gesicht mit feuerroter, dick aufgepinselter Farbe so bemalt, da Flammen
und Zacken, Tierkpfe und geringelte Schlangen berall die schwarze Haut
zu bedecken schienen; das Haar hatte dieser Mann durch hineingeflochtene
Massen von Pflanzenfasern zu einem nach allen Seiten weit abstehenden,
den Kopf ellenbreit umgebenden Wulst gestaltet und die Zhne spitz
gefeilt. Um Hals und Handgelenke, aus dem Haar, an den Fen und vom
Grtel starrten die Posen des Stachelschweines, Federn von allen Farben
flatterten im Winde und ganze Gehnge von Muscheln klapperten und
rasselten bei jeder Bewegung. In der Hand trug der Neger eine Bchse aus
Bambus. Seine beiden Begleiter hatten auer den Rudern noch starke
eiserne Harpunen.

Das ist der Zauberer des Stammes, erluterte der Dolmetscher. Er
spielt den Oberpriester im Schlangentempel, den Arzt und nicht selten
auch den unmittelbaren Botschafter der Gtter, letzteres besonders, wenn
auf Befehl derselben dieser oder jener Neger gemaregelt werden soll.
Mit einem Wort, er ist der Knig des Knigs.

Aber wo bleibt das Wild? rief Franz. Ich sehe nur Wasser und
Menschen.

Gleich, gleich, beruhigte lchelnd der junge Kaufmann. Wenn ich es
Ihnen erzhle, so ist ja der Spa verdorben.

Die Negerboote hatten jetzt einen Kreis gebildet, und in der Mitte
befand sich das Fahrzeug des Zauberers. Unsere Freunde sahen aus
nchster Nhe, was vorging. Der rotbemalte Neger nahm vom Boden des
Kahnes eine groe Muschel und begann nach der ohrenzerreienden, von ihm
selbst vollfhrten Musik dieses wunderlichen Instrumentes einen Tanz,
wobei er sich wie rasend auf einem Beine drehte. Die Zieraten rasselten,
die Federn flogen und die Spitzen der Posen glnzten im Sonnenlicht wie
feurige Reifen, die von allen Seiten den Krper umgaben. Unter den
Negern herrschte lautlose Stille.

Es mu doch ein Krokodil sein, raunte Franz, den die Ungeduld fast
verzehrte.

Das hier ist ja alles ses Wasser, also -- --

Ach, was thut der Spitzbube jetzt?

Alle Hlse reckten sich. Der Zauberer hatte Musik und Tanz beendet und
nahm nunmehr aus seiner Bambusdose ein Pulver, das er unter
fortwhrendem Murmeln neben dem Boot ins Wasser streute. Die beiden ihn
begleitenden Neger hatten ihre Harpunen handgerecht erfat.

Jetzt geben Sie acht! flsterte der Dolmetscher.

Das stille Wasser begann sich zu kruseln, leichte Schaumwellen schlugen
gegen den Kahn, und vom Grunde herauf leckte eine breite, rote Zunge
begierig das Pulver. In diesem Augenblick schttete der Zauberer den
ganzen Inhalt der Bchse aus, und sofort kam ein plumper, schwarzer Kopf
mit kleinen Schlitzaugen zum Vorschein. Das Tier strzte sich, alle
Vorsicht vergessend, auf den ihm gespendeten Leckerbissen und schluckte
aus allen Krften; eben so schnell aber hatten auch die Neger ihre
Harpunen gehandhabt. Die langen Holzschfte zitterten und verschwanden
ruckartig unter der Oberflche; das Wasser, dunkelrot gefrbt, schlug
hohe Wellen, und von den im Boot befestigten Rollen liefen rauschend die
starken Bastseile in die Tiefe hinab.

Ein rasender Beifallssturm ertnte jetzt von allen Booten. Die Neger
klatschten in die Hnde, trampelten mit den Fen, jauchzten und
schrieen um die Wette. Von allen Seiten strzten sich schwarze Gestalten
in das Wasser und tauchten wie Enten, um die Todeszuckungen des erlegten
Tieres zu beobachten; ein lauter Zuruf begrte die Spitzen der
wiedererscheinenden Harpunen. Nun war das Wild tot und konnte ans Land
geschafft und verzehrt werden.

Zehn Hnde befestigten unter der Oberflche des Wassers Schlingen von
Bast; der Zauberer sa wieder in seiner frheren unbeweglichen Ruhe, und
unter allgemeiner Frhlichkeit ruderte man dem Dorfe zu.

Das gefangene Tier glitt schwimmend durch die Fluten. Als es an das Ufer
gezogen wurde, zeigte sich ein sonderbarer, nur wenigen Gattungen
eigener Krperbau. Bei einer Lnge von vier Metern und einem Durchmesser
von mehr als einem halben Meter war es beinahe zwei Meter breit und
spindelfrmig gestaltet. Der ungeheure Krper fand sich mit einzelnen
straffen Borsten besetzt und war blulich grau, auf dem Rcken fast
schwarz.

Ein Lamantin! rief Holm, nun erklre ich mir diese allgemeine
Jagdfreude. Die Tierart ist fast ausgestorben; wir knnen uns Glck
wnschen, noch ein Exemplar gesehen zu haben.

Die vier treulos gewordenen Kruneger fanden sich jetzt auch wieder vor,
das Gepck wurde an's Land geschafft, und nun konnte man nach
Herzenslust ein echtes, wirkliches Negerdorf in Augenschein nehmen.
Vorher aber beobachteten die Reisenden, wie das gettete Tier in aller
Eile seiner Haut entkleidet und ausgenommen ward. Nachdem das geschehen,
drngten sich die Neger schnatternd und schreiend, nicht selten sogar
unter Anwendung von Faustschlgen scharenweise herzu, und nach ganz
kurzer Zeit lag an der Schlachtstelle nur noch das blutige Gerippe;
alles Fleisch dagegen kochte in eisernen, auf drei oder vier
zusammengelegten Steinen stehenden Tpfen, und um die fortgeworfenen
Eingeweide balgten sich zahlreiche Hunde.

Unsere Freunde wurden in aller Form bewillkommnet. Der alte Knig, dem
schon mehr als ein weier Reisender vorgestellt sein mochte, empfing sie
sitzend mit der ganzen Wrde seiner nackten, nur von einem schmalen
Lendenschurz verhllten Persnlichkeit. Er stellte in schwerflliger
Rede das Dorf mit allem, was darin war, den Gsten zur Verfgung und bat
sie, jede Htte als ihr Eigentum zu betrachten. Beim Abschied fragte er
aber etwas verstimmt, ob man ihm denn nichts mitgebracht habe. -- Und
nun kamen die Geschenke zum Vorschein; die Fremden hatten sie nur des
Spaes halber versteckt, um zu sehen, wie weit die knigliche
Selbstverleugnung gehen wrde. Spiegel und Scheren, Metallknpfe und
brennend roter Kattun wanderten in die unersttlichen Hnde der
schwarzen Majestt, Kopf an Kopf standen im Kreise die Dorfbewohner und
schnalzten mit den Zungen oder schlugen sich vor Entzcken auf die
Brust, wenn wieder ein neuer glnzender Tand ausgepackt wurde, aber ihr
Herr und Gebieter teilte mit keinem, sondern knurrte wie ein
angeketteter Vierfler, sobald sich nur seine Frauen oder Kinder
begehrlich nherten. Als er endlich den letzten Gegenstand hinter sich
verborgen, streckte er die Hand aus und bat auch noch um Doktor Boltens
Uhrkette. Nachdem ihm aber der Besitzer derselben die daran befindliche
Uhr gezeigt und diese an das knigliche Ohr gehalten hatte, da
vernderte sich die Sache pltzlich. Seine Majestt mochte
hchstwahrscheinlich einen solchen lebenden Fetisch frher schon
gelegentlich einmal gesehen haben, aber weit davon war doch gut vorm
Schu. Er murmelte noch einige verworrene Laute, dann aber verschwand er
hinter einer Matte, vorsichtig mit der schwarzen Hand einen seiner
erbeuteten Schtze nach dem andern in das Versteck ziehend.

Unsere Freunde verteilten, nach Herzenslust lachend, drauen noch den
Inhalt eines zweiten Packens an das Volk und zwar zumeist an Frauen und
Kinder, die sich dafr mit den Gesichtern in den Sand warfen und
durchaus den Gsten die Fe kssen wollten.

Nachdem sich der Knig von seinem jhen Schrecken einigermaen erholt
hatte, schickte er Abgesandte, welche die blichen Gegengeschenke
brachten, Straufedern, Elfenbein und zum groen Ergtzen der Knaben
auch zwei mit Bastseilen gefesselte, hbsche kleine ffchen, die
neugierig und beweglich umhersahen und, als ihnen versuchsweise eine
Vorderhand gelst wurde, sogleich die krftigsten Ohrfeigen verteilten.
Der Dolmetscher wollte sie nach Palma mitnehmen, zumal Holm versicherte,
da sich diese Art sehr leicht zhmen lasse. Mglicherweise konnten ja
die drolligen Tiere whrend der ganzen Reise als unterhaltende
Gesellschafter dienen; die Knaben tauften sie wenigstens zu diesem Zweck
schon jetzt.

Schwarznase wurde dem lteren der beiden Brder, Wickelschwanz dem
jngeren zugesprochen. Dieser war der drolligste. An allen vier Hnden
gefesselt, glaubten ihn die Knaben zur Flucht unfhig, aber ehe sie sich
dessen versahen, hatte er den langen Schweif um einen herabhngenden
Baumast geschlungen und blickte von dort zhnefletschend auf seine
Bndiger hinab. Nach dieser schnellen That erhielt er seinen Namen, und
da nun doch auch der andere benannt werden mute, so hie man ihn
Schwarznase.

Der Dolmetscher hatte einen Neger, welcher gelufig Englisch sprach, an
seiner Stelle als weiteren Fhrer gemietet, und nun nahm er selbst,
beladen mit den frstlichen Geschenken, Abschied, ohne erst den
Lamantinbraten kosten zu wollen. Essen Sie nur nicht zu viel von den
schwarzen Kugeln aus Maniokmehl, die hier als Brot gelten, warnte er,
dergleichen kann nur ein Negermagen berwinden. Und schlafen Sie unter
keinen Umstnden auf dem Erdboden, trinken Sie auch kein Wasser, ohne
etwas Chinin hinterher zu nehmen.

Nachdem man versprochen, alle diese Anordnungen pnktlich zu befolgen,
ruderten ein paar Neger den jungen Hamburger wieder ber die Lagune
zurck. Das Boot der Hammonia sollte in Palma liegen bleiben und die
aus Lagos mitgebrachten Kruneger den kleinen Zug als Gepcktrger
begleiten. Es war den Reisenden ein etwas seltsames Gefhl, als sie nun
unter der schwarzen Horde im afrikanischen Urwalde allein blieben, aber
dem lie sich doch bei dem ganzen Unternehmen nicht aus dem Wege gehen
und mute daher berwunden werden. berdies war auch das Verhalten der
Neger ein durchaus vertrauenerweckendes, freundliches. Sie kamen von
allen Seiten mit dampfenden Fleischstcken herbei, brachten das
kugelfrmige Maniokbrot und noch verschiedene landesbliche Gerichte
auerdem, die zum Teil gar nicht schlecht schmeckten, so z. B. halbreife
Maiskrner, unzerquetscht mit Fett, Pfeffer und Salz geschmort, Bataten,
Melonen und ein Getrnk wie Kaffee aus den Frchten der Kolanu.

Die vier Weien saen auf ihren mitgebrachten Schlafdecken unter den
wogenden Kronen der groen, vielgestaltigen Waldbume, deren Arten nicht
zu zhlen waren, und in deren Blttergewirre die verschiedensten Vgel
ihre Nester bauten. Papageien, besonders der schne aschgraue mit
purpurnen Schwanzfedern, die prachtvollen Whaidafinken, deren Schweif
sechsmal so lang ist wie der Vogel selbst, Mandelkrhen mit blauem
Gefieder, Bienenfresser und Halmvgel, alles rauschte und schwirrte
durcheinander; dazwischen stolzierten zahme Perlhhner, und ringsum
blhte es in nie gesehener Schne.

Unsere Freunde fhrten natrlich Blechteller, Lffel, Messer, und Gabel
mit sich, sonst htten sie wie die Wilden das Fleisch mittels der Zhne
zerreien und es aus dem Kochtopf weg ohne Teller verzehren mssen. Der
Manati schmeckte leidlich, fast wie ein feiner Schweinebraten, desto
weniger aber wollten die Maniokkugeln munden. Bleischwer, noch feucht,
ohne Fett oder Hefe gebacken, glichen sie rohem, festen Teig und wurden
daher dankend abgelehnt. Die in Blechbchsen von Hamburg mitgebrachten
Cakes schmeckten denn doch besser.

Warum wohl die Neger ber den Lamantin so begierig herfielen? fragte
Hans. Ein besonderer Leckerbissen ist er keineswegs?

Fr uns, versetzte Holm, aber fr die Neger ist alles Fleisch ein
Leckerbissen. Sie betreiben keine Landwirtschaft, also gibt es auch kein
Schlachtvieh. Das, was an geniebarem Wild frei herumluft, verzehren
grtenteils die Raubtiere; es bleiben den Menschen daher nur die Affen,
deren zhes Fleisch einen auerordentlich schlechten Braten gibt.
Bisweilen steigt die Not so sehr, da eine schreckliche Krankheit, der
Guambo oder Fleischhunger, sich der Unglcklichen bemchtigt; sie werden
tiefsinnig und fallen ber Tiere her, um sie roh zu verzehren. Viele
Gelehrte behaupten, da daraus die ersten Anfnge des Menschenfressens
entstanden sind.

Findet man denn auch den Lamantin nur selten? fragte Franz.

Sehr selten. Die Gattung der Fischsugetiere besitzt in der Familie der
Seekhe oder Sirenen einen aussterbenden Zweig. Lamantin und Dugong
werden noch zuweilen, das Borkentier gar nicht mehr angetroffen. Dieser
Seeriese wurde acht Meter lang und lieferte, an den Grenzen des
Eismeeres lebend, den Walfischfahrern einen so vortrefflichen, frischen
Braten, da er ausgerottet worden ist. -- Dabei fllt mir brigens ein,
da ich den Zauberer doch um ein wenig von seinem Pulver bitten will.
Was bieten wir ihm nur als Tauschmittel?

Ein Rasiermesser! riet Hans. Niemand trgt hier einen Bart, daher
sind alle diese Messer brig geblieben.

Eine Pistole, meinte Franz. Dann thut er es sicher.

Aber er schiet vielleicht spter auf uns selbst, zgerte Holm, alle
diese schwarzen Kerle sind falsch oder wenigstens doch unzuverlssig.

Ich habe es! rief Doktor Bolten. Ein Hundehalsband aus Messingdraht
mit kleinen Glocken, das kann er zur Erhhung seines Ansehens persnlich
tragen.

Alle lachten, und nun wurde das Dorf besichtigt, um die Hhle des
Zauberers zu finden. Smtliche Bambushtten ruhten etwa einen halben
Meter hoch ber dem Erdboden auf Pfhlen, waren spitz wie Bienenkrbe,
mit Pflanzenfasern nach Art deutscher Bauernhuser gedeckt, fensterlos
und mit einer niedrigen, zum Kriechen eingerichteten Thr versehen. Eng
gedrngt in ununterbrochener Reihe lagen diese elenden Wohnsttten
nebeneinander und bildeten zusammen ein geschlossenes Viereck, dem kein
Feind vom Rcken her sich nhern konnte.

Vor jeder Thr lagen Feldsteine zum Gebrauch als Feuerherd, und an den
untersten Baumzweigen hing eine Art von aufgeklappter, einem Feigenkorb
hnlicher Matte, -- die Wiege der schwarzen Suglinge, deren lautes
Geschrei erst den Reisenden das Geheimnis verriet. In den Htten selbst
waren nirgends Mobilien zu finden, nur ein Lager aus trocknen
Bambusblttern und ein ausgehhlter Krbis, als Wassereimer dienend.

Der schwarze Dolmetscher schttelte zweifelnd den Kopf. Er glaubte
nicht, da es gelingen werde, den Zauberer zur Herausgabe seines Mittels
zu bewegen, aber er fragte nach der Htte desselben und fhrte dann die
Gste dorthin. Am uersten Ende der ganzen Reihe stand ein etwas
greres Gebude, das nach allen Seiten offen, nur von Pfeilern getragen
wurde, und dessen Dach nicht so steil herabging. Ein seitwrts belegener
Anbau erwies sich als die Behausung des Zauberers, das offene Rondell
aber war der Tempel. An den Wnden standen Fetische aus Holz, Elfenbein
und Thon, smtlich Tier- oder Menschenbilder in zwerghafter Form und mit
der bekannten, keinem heidnischen Gtzen fehlenden, scheulichen Fratze;
es waren aber auch lebende, als gttlich verehrte Wesen vorhanden und
zwar Schlangen sonder Zahl. An den Wnden, um die Pfeiler geringelt,
unter dem Dach, auf dem Fuboden und den nchsten Baumzweigen, berall
kroch und schlpfte es, hatte sich sogar um die Fetische geringelt oder
lag zusammengerollt wie eine schleimige Masse im Winkel.

Aus der niederen Thr sah das verschmitzte Gesicht des Zauberers. Er
streckte den Ankmmlingen gebieterisch die Rechte entgegen und rief ein
befehlendes Wort, natrlich das Verbot, den Tempel zu betreten; das
verstanden alle.

War wahrhaftig nicht ntig! sagte lebhaft Doktor Bolten. Man htte
Lust, das Schlangengezcht mit dem Absatz zu zertreten.

Giftige sind nicht darunter, versicherte der Dolmetscher. Sie werden
gleich sehen, da sich die Tiere um des Zauberers ganzen Krper
ringeln.

[Illustration: Beim schwarzen Zauberer.

An den Wnden, um die Pfeiler geringelt, unter dem Dach, auf dem
Fuboden und den nchsten Baumzweigen, berall kroch und schlpfte es
...]

Er rief nun den listigen Patron aus seiner Htte hervor und sobald
dieser kam, krochen ihm die Schlangen berall an den nackten Gliedern
empor, legten sich um Hals und Arme, hingen in den Stacheln des Grtels
und bedeckten frmlich die schwarzen Beine, ohne dadurch den Neger aus
seiner knstlich angenommenen Wrde irgendwie herausschrecken zu knnen.
Er fragte, was die Weien von ihm verlangten, und nachdem er es
erfahren, schttelte er den Kopf. Nein, durchaus nicht. Das
Zauberpulver wollte er behalten.

Dann aber kam das Lockmittel zum Vorschein. Franz nahm den Strohhut ab
und setzte sich das Hundehalsband auf den Kopf. Die kleinen Glckchen
klangen lustig.

Der Schwarze reckte den Hals. Erst bot er Pfeffer, Palml und Elfenbein,
als aber alles verschmht und zugleich das begehrte Band wieder in die
Tasche spediert wurde, da kroch er trotz Schlangen und rasselndem
Muschelputz eilends in das Innere der Hhle und kam gleich darauf mit
der Bambusdose zurck. Der Dolmetscher mute den Tausch vermitteln, und
nun wurde die niedere Thr der Wohnung auffallend schnell geschlossen.
Es schien als frchte er, da die Weien den Handel bereuen knnten.

Holm steckte sehr erfreut die Bchse zu sich. Jetzt mssen wir beraten,
wo unser Nachtlager aufgeschlagen werden soll, sagte er, hier im Dorfe
oder im freien Walde. Was meint ihr dazu? Ich bin dafr, da wir einen
Ausflug machen und dann zurckkehren, um unsere Matten an diese Bume zu
hngen.

Alle stimmten bei, und so lie man denn einen der Neger mit dem Gepck
im Dorfe zurck, nahm nur etwas Lebensmittel und machte sich auf den
Weg, tiefer und tiefer in den Urwald hinein.

Jetzt denkt daran, eure Kapseln und Behlter zu fllen, ermahnte Holm.
Einer sammelt Pflanzen und der andere Insekten. Die Gewehre
schufertig.

Aber wenn uns ein Lwe begegnet! rief Hans, dem doch in so weiter
Entfernung von der Kste etwas zaghaft zu Sinn wurde. Dann sind wir
alle verloren.

Lwen gibt es im quatorialen Afrika nicht, Hnschen. Nur rechts und
links von diesem mittleren Erdgrtel werden sie angetroffen, -- in
Sierra Leone sehen wir vielleicht spterhin den Knig der Tiere.

Man schritt vorwrts, bis pltzlich ein Ausruf des Erstaunens die
Schritte hemmte. Vor den Reisenden erhob sich ein Baum von sonderbarem
Aussehen. Kein grnes Blatt war zu bemerken, keine Frucht und in den
Zweigen nicht das mindeste Leben. Wie mit schwarzgrauen, starren Klumpen
bedeckt, stand der Riese inmitten seiner grnenden, farbenprangenden
Umgebung da.

Der Dolmetscher nahm das Gewehr und feuerte mitten in die anscheinend
kahlen ste hinein. Was nun folgte, lt sich kaum beschreiben. Tausende
und abertausende von Fledermusen schwirrten empor, etliche fielen tot
oder verwundet auf den Boden, die Luft schien im Augenblick beinahe
verfinstert von all diesen Flgelschlgen, und als sich die unheimliche
Sippschaft entfernte, da stand der Baum vllig abgestorben da. Die
Knaben sammelten einige der verendeten Fledermuse, aber Holm wollte
kein Exemplar ausstopfen. Es ist die gewhnliche Art, sagte er, nur
hier etwas grer wie bei uns im Norden. Wir werden fr das Museum zu
Hause in Hamburg schon noch einen echten Vampyr auftreiben.

Man ging weiter und blieb bald hier stehen, bald dort. Von einem Zweige,
der unvorsichtig berhrt wurde, fielen prachtvolle, purpurrote Blten,
fein wie Haare, auf den Hals und das Gesicht des jngeren Knaben herab.
Hans schrie, als werde er gespiet. Ich verbrenne! ich verbrenne!

Das waren Dolichesranken, ein wundervoller Baumschmuck, so farbenreich
wie wenige andere, aber auch eben so heimtckisch als schn. Die
getroffenen Hautstellen schwollen an wie von der Berhrung unserer
Brennessel und empfanden dabei ein qulendes, schmerzendes Jucken, dem
indessen die Neger einigermaen abzuhelfen wuten. Sie zerquetschten
eine breitbltterige, hellgrne Pflanze und legten die Masse auf Hnde
und Nacken des Knaben, der denn auch mannhaft den Schmerz verbi und
sogar mit dem Taschentuch eine Ranke des verrterischen Gewchses
behutsam pflckte und in die Trommel legte, nachdem er sie fr sich in
festes, dnnes Papier eingewickelt hatte, damit ihre Brennhaare sich
nicht unter die noch zu sammelnden Pflanzen mischten.

Franz hatte whrend dieser Zeit einige groe, prachtvolle Schmetterlinge
eingefangen, die er in viereckige Schachteln that, jetzt hielt er
zwischen den Fingern einen rotbraunen Kfer von etwa anderthalb
Zentimeter Lnge. Das kleine Geschpf hatte hinten am Krper ein paar
respektable Kneipzangen und strampelte auerordentlich, um seine
Freiheit wieder zu gewinnen. Karl, rief er, wie heit der Bursche?

Einer der Neger hatte das Tier gesehen. Sein durchdringender
Schreckensruf lockte die anderen herbei und veranlate sie zu gleichen
uerungen des Entsetzens. Die kindische, unselbstndige, ratlose Natur
der schwarzen Menschenrasse trat blitzschnell zu Tage, indem einer der
Neger hierhin sprang, der andere dorthin, aber alle sinnlos, zitternd,
wie aufgeschreckte Schafe, wenn der Wolf in die Hrde eingebrochen ist.
Baschikuays! schrien sie jmmerlich lamentierend und heulend,
Baschikuays!

Franz hatte im ersten Schrecken den fr giftig gehaltenen Kfer fallen
lassen, Holm aber suchte ihn wieder auf und schien nun selbst etwas
bedenklich auszusehen. Ein Heerwurm! rief er, aber mglicherweise war
das Tier versprengt.

Der Dolmetscher schttelte den Kopf. Das kommt bei den Baschikuays nie
vor, Sir! Der Heerwurm ist in der Nhe, und wenn er zufllig auf seiner
Wanderung einen Kreis beschreibt, so sind wir verloren.

Aber man klettert in diesem Fall auf die Bume!

Das knnen Sie nicht, Sir. Der Zug hat eine Lnge von zwlf bis zwanzig
Stunden und ist zu breit, um ihn zu berspringen.

So wollen wir die Sache untersuchen, aber doch nicht gleich den Mut
verlieren! rief Holm. Gehen die Baschikuays ber das Wasser?

Nie! versicherten einstimmig die Neger.

Gut, so halten wir uns am Rande dieses Flchens. Kommt uns dann der
Heerwurm auf einer Seite entgegen, so waten wir hinber auf die andere.

Er sprang bei diesen Worten voran auf einen schmalen Fuweg, den Bume
und Gestruch fast verdeckten. Mir nach, rief er, die Sache mu sich
ja doch in ganz kurzer Zeit ausweisen.

Er hatte kaum die Worte gesprochen, als schon einer der Neger jubelnd
auf das andere Ufer hinber deutete und vor Vergngen hpfte und tanzte.
Unsere Freunde sahen nun ganz aus der Nhe das gefrchtete Ungeheuer
aufmarschieren. In einer Breite von wenigstens fnf Fu wlzte der
Heerwurm seine braunen Massen heran. Solche Kfer, wie einer durch
irgend einen Zufall, wahrscheinlich indem ihn ein Vogel herbergetragen,
in Franzens Hnde gelangt war, wanderten zu vielen Millionen in gerader
Linie vorwrts. Dabei waren die Reihen so dicht bevlkert, da man vom
Erdboden nichts sah, und die einzelnen Glieder hielten sich in streng
geschlossener Form. Zu beiden Seiten des Zuges gingen in bestimmten
Entfernungen je zwei der grten Exemplare dieser Tiere, gewissermaen
wie Offiziere und Huptlinge, und ganz inmitten der Reihen sah man
Geschpfe von hellerer Farbe, vermutlich also der junge Nachwuchs.

Und davor ergreift ihr das Hasenpanier? rief Franz. Was ist es denn
mit diesen harmlos aussehenden Tieren?

Geben Sie acht! rief der Dolmetscher, indem er aus seiner Basttasche
eine der getteten Fledermuse hervorzog und mit schneller Bewegung ber
den Flu warf. In einer Minute wird nur noch das Skelett brig sein.

Alle sahen gespannten Blickes auf die Stelle, wo sich eben der Knuel
fr kurze Zeit sammelte, die braunen Gesellen schossen neben und ber
einander her, es entstand eine Art von Getmmel oder Kampf, und dann
wurde eine weie Masse aus den Reihen hinausgedrngt, -- der Zug ordnete
sich und marschierte weiter.

Einer der Neger sprang ins Wasser, watete hinber und ergriff vorsichtig
die abgenagte Fledermaus. Nur das Knochengerst war zurckgeblieben,
nicht eine einzige Fleischfaser hing mehr daran.

So ergeht es allen lebenden oder toten Geschpfen, welche diesem
Heerwurm in den Weg kommen und ihm nicht ausweichen knnen, erluterte
Holm. Selbst Elefanten werden von den blutgierigen Kfern angefallen
und durch Hineinkriechen in den Rssel vor Schmerz rasend gemacht. Wirft
sich dann das riesige Tier, um seinen Qualen zu entgehen, ins Gras, so
nehmen Legionen der winzigen Gegner von dem gestrzten Kolo Besitz, und
in lngerer oder krzerer Zeit wird auch er skelettiert. Menschen, die
z. B. im Schlafe von dem Heerwurm berfallen werden, sind verloren, wenn
es ihnen nicht gelingt, ihre Kleider rechtzeitig abzuwerfen und, wie sie
Gott geschaffen hat, zu flchten. Dreht sich die furchtbare Kette, durch
Hindernisse gezwungen, zufllig im Kreise, so gibt es daraus kein
Entrinnen. Sechs bis acht dieser Geschpfe auf der bloen Haut gengen,
um ein lebendes Wesen zur Verzweiflung zu bringen.

Und die greulichen Gesellen fressen nur Fleisch? fragte Franz.

Alle Lebensmittel berhaupt. Eine verwandte Art dagegen zieht das
trockene Holz und namentlich das Papier vor. Ganze Bambusgebude,
Bcherkisten und Mbeln verschwinden ber Nacht. Diese letztere Sorte
bildet die euch dem Namen nach bekannten Termiten, sie marschiert auch
in Zgen, aber nur whrend der Dunkelheit und unter der Erde, indem sie
maulwurfsartige Gnge aufwirft. Ferner lebt in den Blttern niederer
Bume eine rote Art, die sich in ganzen Wolken herabfallen lt, und im
Sande eine graue, die von unten her ihr Opfer angreift. Zu dieser
entsetzlichen Familie gehrt auch die bei uns in Europa leider
neuerdings wieder aufgetauchte Wanderheuschrecke. -- Termitenbauten
mchte ich brigens doch gern in Augenschein nehmen, setzte er hinzu.
Achilles, gibt es hier herum dergleichen?

Der Dolmetscher nickte. Es ist ein ganzes unbewohntes Termitendorf in
der Nhe, Sir, versetzte er. Wir knnen es in einer Stunde erreichen.

In Papas Museum sind brigens auch solche Bauten! warf Franz ein.
Hast du sie nicht gesehen, Karl?

O ja, mein Lieber, aber ebensogut knntest du einen Riesen und einen
Zwerg ohne weiteres vergleichen, indem du beide einfach Menschen nennst.
Die Exemplare von Termitenbauten, welche Papas Kapitne ihm fr sein
Museum aus Afrika mitgebracht haben, sind vielleicht so gro wie ein
Wassereimer, die vllig fertigen, bewohnt gewesenen Hhlen dagegen sind
hher, gerumiger und besser erbaut als Negerhtten.

Man knnte also ordentlich hineingehen? riefen voll Neugier die
Knaben.

Das natrlich nicht, ihr Voreiligen! Die Termiten haben smtliche Gnge
fr den eigenen Bedarf, aber weniger fr die Hhe junger,
wissensdurstiger Naturforscher eingerichtet.

Freund Achilles, setzte er gegen den Dolmetscher hinzu, knnten Sie
mir einen jener Generale, die dort an den Seiten des Zuges marschieren,
herberlangen? Ein recht groes Exemplar mchte ich gern haben und ein
unausgewachsenes Junges auerdem.

Man blieb an geeigneter Stelle stehen, und der Neger brachte zuerst
einen der stattlichsten Braunrcke, ein Tier von 1 Zentimeter Lnge;
dann aber mute er, um ein Junges zu erreichen, in die Mitte des Zuges
hineingreifen, und das konnte er nur, indem er auf den uersten Rand
der lebenden Masse trat. Binnen Sekunden war das unbekleidete Bein bis
zum Knie mit den blutsaugenden Geschpfen bedeckt, eben so schnell aber
tauchte der Neger das gefhrdete Glied ins Wasser und entledigte sich
dadurch der sofort verendenden Qulgeister. Ohne die mindeste
Unterbrechung, geruschlos, unabsehbar wanderte mit Milliarden von Fen
der scheuliche Heerwurm. Die eingefangenen Exemplare wanderten in ein
weithalsiges, halb mit starkem Spiritus geflltes Glas, in welchem sie
nach wenigen Zuckungen verendeten.

Unsere kleine Reisegesellschaft brach auf. Wenn das nahe Termitendorf
besehen war, so mute man den Heimweg antreten, um noch vor Nacht wieder
bei den Negerhtten zu sein. Erst morgen sollte ein grerer Ausflug in
aller Frhe unternommen werden.

Eine weite Lichtung dehnte sich vor den Blicken, ordentlich wohlthuend
nach soviel undurchdringlichem Gewirre von Stmmen und Ranken, Blumen
und Gebsch, aber ungleich heier freilich als unter dem Bltterdach. O
was doch der Schatten thut! rief Hans.

Freilich, mein lieber Junge, lchelte Holm. Die Pflanzen wehren den
Sonnenstrahlen, so da nur ein Bruchteil bis auf den Boden gelangt. Das
ist das Geheimnis der Waldkhle und zugleich das der regenlosen
Gegenden, wie z. B. der Wste Gobi, der Kergueleninsel und anderer
Landstrecken. Die bewaldeten Hhenzge stehlen dem Wind alle und jede
Feuchtigkeit, so da er auf der entgegengesetzten Seite vllig trocken
ankommt. Ich will euch -- --

Ein gellender Schrei, ein Rauschen und Krachen in den nchsten Zweigen
unterbrach pltzlich die angefangene Rede. Papageien flogen kreischend
in die hchsten Spitzen der Bume, Frchte, drre ste und Schalen
prasselten, offenbar als Geschosse verwendet, auf den Boden herab, und
eine Schar ganz kleiner Affen floh behende ber die Wipfel dahin. Einen
Augenblick schien es, als husche an einem der Stmme ein dunkles,
seltsam gestreiftes und geflecktes greres Tier hinauf, dann war im
Augenblick alles still.

Schleichkatzen! sagten die Neger, Virenen! und darauf umringten sie
von mehreren Seiten den Baum, indem zugleich die Weien mit geladenen
Gewehren Posto faten und alles, was ihre Fhrer thaten, scharf
beobachteten.

Ein Jagd in aller Form! flsterte Doktor Bolten. Wer htte gedacht,
da man in seinen alten Tagen noch am quator Zibetkatzen schieen
wrde!

Pst! Klang das nicht ganz wie Kindergeschrei?

Die jungen Ktzchen sind also in unmittelbarer Nhe! raunte Holm.
Auf, ihr beiden, sucht das Nest!

Mit Mhe einen lauten Jubelschrei unterdrckend, verschwanden die Knaben
am Rande des Unterholzes, und nun wurde minutenlang alles so totenstill,
da man sein eigenes Herz schlagen hrte und das leichte Flstern der
Bltter im Winde.

Achilles schlich an den Doktor heran, zwei Finger auf die Lippen gelegt
und so leise, als sei er selbst ein Kater, der das Wild berrumpeln
wolle. Die anderen Neger folgten ihm. Pythonschlange! hauchte er.
Dort!

Aller Blicke folgten dem ausgestreckten Finger. Durch das meterhohe,
ppig wachsende Gras der Lichtung wand sich's braunschillernd,
gelbgefleckt mit schuppigen Ringeln dahin, wenigstens zehn Meter lang
und vom Durchmesser eines tchtigen Baumstammes. Lautlos glitt die
Schlange bis an den Stamm, darauf die Zibetkatze sa, und begann
denselben zu umschlingen, indem sie sich dabei auf die Stummelfe des
Schwanzes sttzte. Ein Schnaufen und Prusten der berlisteten Katze
bewies, wie sehr sich das Tier frchtete. -- Die nchsten, strkeren
Zweige konnte es springend nicht erreichen, an den Erdboden gelangen
auch nicht; was blieb ihm also brig, als widerstandslos auszuharren,
bis sein Krper durch die kalten, glatten Schlangenglieder umstrickt und
ihm alle Knochen im Leibe zerbrochen sein wrden?

Wollen wir die Schlange erobern oder die Katze? fragte Doktor Bolten.
Eins ist nur denkbar!

Die Blge beider Tiere, gab Holm zurck. Die Schlangen knnen ihre
Beute nicht kauen, sondern verschlucken sie ganz. Wenn die Katze
zermalmt, mit Geifer berzogen und verschlungen ist, lt sich die
Schlange trge herabsinken und leicht durch einen Schu in den Kopf
tten.

Wieder wurde alles still, nur ein Angstschrei aus den Zweigen gellte
zuweilen herab, und einige Papageiennester mit Eiern oder erwrgten,
halbflggen Jungen fielen ins Gras. Dann aber folgte ein Knirschen und
Krachen, der ganze Baum zitterte unter den heftigen Bewegungen da oben,
und endlich sank die Schlange unfrmlich angeschwollen wie ein Klumpen
auf den Boden herab.

Ehe einer der Mnner Zeit bekam, das Gewehr an die Wange zu legen,
krachte von der Seite her ein Schu, und Franz sprang mit lautem Hurra
der erlegten Riesin nher, um durch einen Kolbenschlag sein Werk zu
vollenden, -- Holm konnte ihm kaum zur rechten Zeit in den Arm fallen.
Um des Himmels willen nicht, du tapferer Nimrod! rief er. Ich will ja
die Bestie fr das Museum ausstopfen, also mu mir der Kopf heil
bleiben.

Ihr Teil hat sie! nickte der Doktor. Die wtenden Schwanzschlge
verraten es.

Aber wo ist Hans? rief in diesem Augenblick der junge Naturforscher.
Mein Himmel, er wird doch nicht --

Hier! antwortete die Stimme des jngeren Knaben. Hier!

Und Hans trat aus dem Gebsch hervor, in jedem Arm ein spielendes,
braunfleckiges Ktzchen, das er fest an die Brust drckte. Du darfst
sie nicht tten, Vetter Karl, rief er, ich habe sie gefunden und kann
es nicht sehen, da ihnen ein Leides geschieht!

Der junge Gelehrte lachte. Bewahre, rief er, Hans, wohin denkst du?
Die sollen mit hoffentlich noch manchem anderen Tropenbewohner als
Erinnerung an die wissenschaftliche Reise des Naturforscherschiffes den
Hamburger Zoologischen Garten verherrlichen helfen. Wir nehmen alles
hier Erbeutete, lebende oder tote Schtze, mit nach Lagos und schicken
es von da durch den nchsten Postdampfer nach Hause. Papa wird sich
freuen, wenn fr die groen Kosten dieses Unternehmens schon so bald
Erfolge einlaufen.

Die beiden niedlichen Ktzchen gingen von Hand zu Hand. Sie waren noch
sehr jung, konnten nicht essen und nicht so recht laufen, daher
verursachte es wenig Schwierigkeit, sie fortzubringen. In dem Lendentuch
des einen Negers, der es hier im Urwalde mit der blichen Sitte der
Bekleidung nicht so genau nahm, wurden sie weich gebettet, und whrend
nun die Schwarzen sich daran machten, die unterdes verendete Schlange
abzuhuten und auch die alte Zibetkatze wieder ans Tageslicht zu
befrdern, gingen die vier Weien mit dem Dolmetscher ber die Lichtung,
dem nahe belegenen Termitendorfe zu. Als man den zerstreut liegenden
Pyramiden bis auf wenige Schritte gegenberstand, erhoben sich aus dem
Gebsch mehrere kleine, zwerghafte Gestalten von gelbgrauer Farbe, nur
einen bis anderthalb Meter hoch, krnklich aussehend und vollkommen
unbekleidet, von erschreckender Hlichkeit. Sie streckten mit einer Art
von Bettlergebrde und klglich wimmerndem Tone den Schwarzen sowohl wie
den Weien ihre Hnde entgegen.

Zwerge! rief voll Erstaunen der Doktor. Es ist also doch wahr, da im
Innern Afrikas ganze Zwergvlker leben.

Achilles mute nun die kleinen, schmutzigen Menschen ausfragen, und was
er erfuhr, war folgendes. Die Zwerge nannten sich Obongos, sprachen von
ihren Verwandten, den Akkas und Dokos, aber sie hatten, so lange sie
lebten, nie ein Dorf bewohnt, einen Knig gehabt oder zu ihrem
Lebensunterhalt durch Arbeit das Geringste beigetragen, ja sie waren
daran gewhnt, auf Bumen zu schlafen und ohne alle Kleidung
einherzugehen. Ihre Nahrung bestand aus Wurzeln, Beeren und
Heuschrecken, die roh in zerquetschtem Zustande verzehrt wurden.

Ob es viele von ihnen gebe? fragte begierig der Doktor durch den Mund
des Dolmetschers.

Sie schttelten die Kpfe, und ihre trbseligen Mienen wurden immer
trbseliger. Die Sonne versank unzhlige Male, bevor sie in den Wldern
einen einzigen ihrer Brder antrafen.

Man schenkte ihnen von den mitgebrachten Cakes und Fleisch und sah dann
die kleinen Gestalten wie in den Boden hinein verschwinden. Diese ganze
Art stand offenbar auf der niedrigsten Stufe menschlicher Entwickelung.

Jetzt waren auch die Termitenbauten erreicht. Schwarze, spitze Htten,
an den Auenseiten vielfach hckerig und wie mit Stufen, zahllosen
Einschnitten und Erhhungen versehen, so zeigten sie sich den
Beschauern, die vergeblich versuchten, mittels ihrer Messer Stcke
dieser Wnde loszubrechen. Das Gemuer war von fester Thonerde, und erst
als Franz einen schweren Stein aufhob und ihn gegen die hchste Spitze
warf, fiel ein schwarzer Klumpen zu Boden. Inwendig zeigten sich solche
Gnge oder Rinnen, wie man sie als die Zerstrungswege der Maden im Kse
kennt, natrlich nur bedeutend breiter.

Die Beute wurde der anderen zugefgt, und dann wanderte man dem Saume
des Waldes wieder zu. Die schillernde Schlangenhaut sowohl als auch der
Balg der Zibetkatze lagen schon zum Trocknen auf dem Rasen und waren
nach Holms zufriedener Besttigung wie vom besten Krschner abgezogen
worden. Das Fell des Raubtieres hatte eine schne graue Grundfarbe mit
launenhaft und unregelmig darber hergestreuten schwarzen Flecken und
Streifen; es zeigte die starke, schwarze Rckenmhne, den spitzen Kopf
und den schlanken Krperbau der Gattung und ma von der Schnauze bis zur
Schwanzspitze etwas mehr als einen Meter. Holm sagte, da man eine
afrikanische, eine amerikanische und eine asiatische Zibetkatze kenne,
ebenso eine sehr selten gefundene europische, und da diese Tiere den
in der Medizin bekannten Zibet lieferten. Die Nubier und Abessinier
zhmen sie und drcken ihr wchentlich zweimal den in einer Blase am
Bauch befindlichen Zibet heraus, -- in der Freiheit thut es das Tier
selbst.

Mit Schlangenhaut, Balg und Ktzchen beladen, wanderte die
Jagdgesellschaft zum Dorf zurck, nicht ohne jenseits des Baches
nochmals den braunen Heerwurm ziehen zu sehen. Gottlob lie er die
Negerhtten weit links liegen.

Als man ankam, war die Sonne fast versunken, und um das Dorf herum
lagerte eigentmliche Stille. Alle Feuer schienen erloschen, alle
Bastvorhnge waren geschlossen und auf den Straen niemand zu sehen,
obgleich noch die letzten Sonnenstrahlen den Waldrand umsumten. Wie
kommt das? fragte Holm.

Die Neger thaten sehr geheimnisvoll. Ilogo! flsterten sie und
beeilten sich, so rasch als mglich die Hngematten der Weien an den
Bumen zu befestigen. Dann waren sie ber alle Berge, und kein Rufen
oder Bitten brachte sie zurck.

Die Weien sahen einander erwartungsvoll an. Was mochte jetzt
bevorstehen und was konnte das Wort Ilogo bedeuten?

Sie sollten es sehr bald erfahren. Immer tiefer senkte sich die Nacht,
am Himmel glnzte mit hellem Schein der Vollmond und wei und silbern
lag auf den Htten das milde Licht. Aus der Wohnung des Knigs hervor
trat in diesem Augenblick ein Mann, dessen schwarzer Krper vom Kopf bis
zu den Fen mit abwechselnd weien und roten runden Flecken bermalt
war. Die Arme gekreuzt, den Kopf zurckgebeugt und die Blicke zum Himmel
erhoben, so begann der schwarze Monarch langsam die Dorfstrae
hinabzutanzen. Kein Laut begleitete dies sonderbare Vornehmen, tiefe
Totenstille lag auf der ganzen Umgebung, und selbst unsere Freunde
unterhielten sich nur flsternd. Was da der arme, unwissende Neger that,
das war zwar fr den ersten Anblick komisch genug, aber trotzdem
schimmerte immer hindurch eine Ahnung von hheren Gewalten, der er
diesen seltsamen Ausdruck verlieh.

Alle Naturerscheinungen finden unter diesen Heidenvlkern gttliche
Verehrung, belehrte der Doktor. Die fr bse gehaltenen werden
gefrchtet, und die guten denkt man sich gewissermaen wie Heilige. Gott
selbst heit: Mawu, der Himmel Osi, die Sternschnuppen Nyikpla,
der Blitz Nebroso, der Donner Agtui, die Erde Anyigba, die Luft
Thama und endlich der Frst der Finsternis Abosam. -- Ilogo wird
also wohl der Mond sein; ich finde diese Art von Naturkultus zum
mindesten poetischer als die Anbetung von Gtzenbildern. Ist er nicht
eine >Stimme von oben<, der alte lchelnde Geselle, dessen Rund jetzt
ber der Villa eurer Eltern in Dockenhuden ebenso hell glnzt wie hier
unter dem quator, Tausende von Meilen weit?

Oder auch tief unter grauen, nordischen Wolken versteckt ist, sagte
etwas erzwungen der junge Gelehrte, und damit war glcklich die ernst
gewordene Stimmung verscheucht. Man schlief, als der tanzende Knig den
Blicken entschwunden war, sanft von linden Lften geschaukelt, ruhig und
ungestrt bis an den hellen Morgen.

Hans erkundigte sich, sobald er aufgestanden, d. h. fnf Fu tief auf
den Erdboden hinabgesprungen war, zuerst nach seinen Ktzchen. Achilles
hatte sie einer sugenden Hndin in die Mutterpfoten gelegt, und hier
teilten sie brderlich mit einer Schar krabbelnder, noch blinder
Hndchen, ihren Erzfeinden, die labende Milch; der jugendliche
Eigentmer wute also seine Jagdbeute vollkommen in Sicherheit und
konnte sich mit Mue anderen Angelegenheiten widmen, namentlich der
komischen Verzweiflung des Doktors, welcher Kaffee, Handtcher und
warmes Wasser uerst schmerzlich vermite. Den Trank der Kolanu
erklrte er fr Lehmwasser und die Maniokkugeln fr Steine; erst als der
grne Wald ihn wieder umgab, und der Blick des Botanikers in ihm so
viele neue Schtze entdeckte, da taute er auf. Heute sollte das
Mittagsmahl aus eigenen Vorrten im Freien gehalten werden, man wollte
den ganzen Tag jagen und hatte noch zu aller Vorsicht ein halbes Dutzend
Neger mehr mitgenommen. Der Ausflug versprach daher eine Reihe von
Genssen, vielleicht auch von Gefahren, aber das schreckte nicht. Wer
eine wissenschaftliche Weltreise mitmachte, der mute die Furcht zu
Hause lassen.

Heute ging es nach vllig vernderter Richtung vorwrts; man wandte sich
einer schilfumwachsenen Sumpfflche zu, und zwar um womglich ein paar
Krokodile aus der Nhe zu sehen. Hier war nun zum erstenmale der
wirkliche Urwald zu durchklettern. Schnheit berall, mehr Formenflle
und Farbenpracht als sonst irgendwo bei einander sind, aber dafr
nirgends jener majesttische, ruhige Zauber des deutschen Hochwaldes.
Aus ungezhlten Baumarten bestehend, hier hoch, dort niedrig, hier mit
breiten, dunklen, lederartigen Blttern, dort hellgrn und kraus wie
Riesenfarne im ersten Frhlingsschmuck, so erglnzte das Laub in allen
erdenklichen Schattierungen. Orchideen mit ihren zierlichen Luftwurzeln,
purpurrot und violett, die Bltentrauben der Fuchsie, Magnolien,
ungeheure Lilien und Kommelinen, alles kletterte von Stamme zu Stamm,
schaukelte in den Lften und hing wie ein dichter, bunter Teppich, von
den sten herab. Tausend kleine Singvgel schwirrten dazwischen, alle
Farben glnzten im Sonnenlicht, alle Formen zeigten die reiche tropische
Vollentfaltung.

Besonders erschwerten die berall zu Tage tretenden Luftwurzeln das
Gehen. So ein einziger Armleuchter-Pandang verursachte fr sich allein
einen weiten Umweg. Etwa zwei Meter vom Erdboden schlossen sich die
strahlenfrmigen Auslufer wie ein ungeheurer Hhnerkorb zusammen und
bildeten den glatten Stamm, dessen ste erst ganz in der Krone begannen.
Sechs bis zehn regelmig stehende Arme trugen wie die eines
Kronleuchters je einen Bschel steifer, dunkelgrner, geradeausstehender
Bltter, und zwischen diesen befand sich die Blte, eine weie,
lnglichrunde, groe Blume, die genau wie eine Lampenglocke aussah. Der
Baum war hbsch und eigentmlich, aber die Mhe ihn zu umgehen desto
unangenehmer. berall stolperte der Fu, berall blieben die Kleider in
Fetzen an den Gebschen hngen, und zuweilen versank man bis ans Knie
jhlings in einen vermoderten, auen mit den verlockendsten Blten
berzogenen, alten Baumstamm. Dabei fllte sich die Luft mehr und mehr
mit einem Etwas, das sich die Wanderer durchaus nicht erklren konnten.
Bald kam es, bald verschwand es, aber was es eigentlich war, das wute
keiner, bis endlich Holm ausrief: Das ist Rauch!

Ich dachte es lngst! nickte Franz, und wollte nur das Wort nicht
aussprechen, um keine Dummheit zu Markt zu bringen. Woher sollte im
Urwald Rauch kommen?

Freund Achilles, weit du es?

Gallinas! antwortete der Dolmetscher. Elefantenjger. Sie treiben die
umzingelte Herde bis an den versumpften See und stecken hinter ihnen das
Gras in Brand. Die Tiere, vom Feuer auf das uerste erschreckt, sind
dann leichter zu tten.

Der Rauch kommt von Osten her, rief Franz. Achilles, gibt es eine
Stelle, von wo wir die Jagd mit ansehen knnten?

Aber, aber, wehrte Doktor Bolten, kann man den Gallinas trauen?

Sie greifen uns wenigstens nicht an, versetzte der Dolmetscher.

Obgleich die Antwort etwas seltsam klang, war doch das Verlangen nach
dem aufregenden Jagdgenu zu gro, um lange Bedenken zu hegen. Achilles
glitt voran, die brigen folgten, und nach einer halben Stunde
anstrengenden Marschierens war der Rand des Sumpfes erreicht. Ein
unbewachsener, von Bffel- und Elefantenspuren bedeckter freier Platz,
gedrrt fast durch die senkrecht fallenden Sonnenstrahlen, lehmfarbig
und fahl, abstechend von der farbenprchtigen Umgebung, lag genau in der
Mitte eines halbmondfrmigen Sees, dessen trbe, grnliche Wellen ihn
bis auf einen schmalen Zugang vllig einschlossen. Vor diesem Platz
dehnte sich grasberwuchert in den stechenden Sonnengluten eine kahle
nur hier und da mit Reis oder Zuckerrohr bestandene Flche.

Am jenseitigen Ufer lagerten unter den schattenspendenden Stammkolonien
des in mehr als fnfzig Sulen aus _einer_ Wurzel aufschieenden
Dubabelbaumes unsere Freunde. Der Rauch schlug jetzt in hohen,
blaugrauen Wellen ber die Lichtung dahin, und zuweilen war es auch, als
hre man fernes Donnern.

Das sind die Elefanten, sagte Achilles, sie kommen hierher, weil
ihnen jeder andere Weg abgeschnitten wird. Hinein in den See wagen sie
sich aber nicht, -- die Gallinas machen sich ihre Furcht vor den
Alligatoren zur Verbndeten.

Welche Waffen fhren diese Leute? fragte Franz.

Vergiftete Pfeile, antwortete der Dolmetscher. Man trifft den
Elefanten ins Auge, und er verendet sofort. Die Gallinas sind
vortreffliche Schtzen.

Jetzt stampfte die Schar der Kolosse heran. Helles, offenbar angstvolles
Trompeten mischte sich mit dem klglichen Geschrei anderer Tiere, die
ungeheuren Fe lieen den Boden erdrhnen, und das Knistern der Flammen
wurde hrbar. Am Himmel sammelte sich whrend dessen eins der in den
Tropenlndern so zahlreich und so beraus schnell entstehenden Gewitter.
Schwarze Wolken hingen tief herab, Blitze zuckten ber den Horizont
dahin, und krachende Donnerschlge bertnten allen andern Lrm. Jetzt
entstand ein Durcheinander, dessen tausendstimmiger Chor alles in sich
schlo, was an Tnen berhaupt gedacht werden kann. Schwere Regentropfen
schmetterten die Frchte von den Zweigen, ein sausender Wind bog und
schttelte die Laubkronen, Tiere flchteten und schrieen, Affen in
ganzen Scharen duckten sich zitternd an einander, Insekten suchten ihre
Schlupflcher, und scheue Vgel verbargen sich im Dickicht. Jetzt
erschienen auch in fliegender Eile die vom Feuer aus dem hohen Gras
vertriebenen Tiere; wenigstens zwanzig Elefanten, groe Mnnchen mit den
gewaltigen Zhnen und der Trompetenstimme, sugende Khe mit noch
kleinen Klbern, ein paar Bffel und Antilopen, grunzende Warzenschweine
und eine schlanke, scheue, vor Angst zitternde Giraffe. Neben und durch
einander, sich berstrzend, drngend, schossen sie vorwrts, und
hinterher wlzte sich die Flammenwoge, niedergepeitscht, raucherfllt,
mit gierigen, roten Zungen nach allen Seiten leckend, ein Ungeheuer,
raublustiger und gefhrlicher als irgend ein Tier der Schpfung.

Es war ein schrecklicher und doch schner Anblick. Zitternd in
grenzenloser Angst die Riesen der vierfigen Gattung, vergessen aller
Vernichtungskampf der Geschpfe unter einander, gelst alle Bande und
machtlos der drohende Blick des Todfeindes, des sonst so gefrchteten.
Schleichkatze und Antilope stehen neben einander, die gefleckte falsche
Hyne, das treuloseste Tier der Schpfung, duckt sich unter die bebende
Giraffe, und ein versprengter Strau huscht hier und dort zwischen den
groen Elefanten umher.

Nur die Krokodile lauern. Trge im Uferschlamme liegend, wissen sie, da
es ihnen nicht gelingt, auf festem Boden die Beute zu besiegen. List
allein kann ihnen helfen, in offenbarem Angriff ziehen sie den krzeren.
Die raublustigen Augen blinzeln, die schmutzfarbenen, altem Holze nicht
unhnlichen Krper schieben sich mehr und mehr aus dem Wasser heraus.

Vielleicht kommt ja eines der Tiere dem gefahrbringenden Ufer zu nahe,
vielleicht lt sich ein in seiner Todesangst wehrloses Geschpf im
Rcken fassen und hinabziehen in das nasse Grab.

Abgesondert von dem eigentlichen Waldrande, der brennenden Grasflche
ganz nahe, steht ein hoher, alter Tamarindenbaum. Zehn Fu hoch ber dem
Erdboden, hinaushngend auf den See, beugt sich ein schlanker, starker
Ast. -- Jetzt hat ihn die rote Lohe beinahe erreicht, -- wird der Riese
unter seiner Umgebung, der Uralte des Waldes, dem gefrigen Elemente
zum Opfer fallen?

Da zuckt ein Blitz herab, greller und strker als alle frheren,
blendend und purpurn, zischend und vom betubenden Donner gefolgt. Das
ist, als wolle die Erde in ihren Tiefen bersten, als breche furchtbar
und urpltzlich der jngste Tag herein.

Weit zurck geschleudert in das Feuermeer ist die Krone des
Tamarindenbaumes, in der Mitte geknickt der Stamm, und nur noch jener
starke, untere Ast ragt ber das Wasser dahin. Glut mischt sich mit
Glut; jetzt schlgt eine Feuergarbe hoch empor, es bumt und regt sich
rauchverhllt und von Blttern bedeckt, der Ast schwankt und auf ihm
sitzt geduckt, glnzende Augen rollend, mit schweratmenden Flanken ein
Leopard.

[Illustration: Der Waldbrand.

Neben- und durcheinander, sich berstrzend, drngend, schossen sie
vorwrts, und hinterher wlzte sich die Feuerwoge ...]

Hinter dem Feuer, vom Waldrande kommend und ber die rotglhenden
Stoppeln dahinblickend, erscheinen schwarze Gestalten in arabischer
Kleidung, wei beturbant und mit langen Wurfspieen, mit Bogen und
vergiftetem Pfeil.

Hin und her ber die Angehrigen der vernunftlosen Schpfung messen sich
die Blicke erstaunter Menschen.

Sind sie Feinde, die Gallinas?

                   *       *       *       *       *

Franz sah nur den Leopard. Von diesem Ast konnte er nicht fort, weder in
die brodelnde Glut noch in den See hinein! Das Herz des jugendlichen
Jgers schlug mit verdoppelter Eile, er sprach nicht, dachte nicht
einmal, sondern handelte unter dem Eindruck des Augenblickes. Das Gewehr
an die Backe legend, zielte er sekundenlang, der Schu krachte, -- und
der Leopard fiel, sich berschlagend, bis ganz nahe an den Sumpf. Obwohl
seine hastigen Bewegungen zeigten, da er noch lebte, so war doch
jedenfalls sein baldiger Tod gewi.

Zwei Gallinas sprangen herzu, um die Beute den Krokodilen zu entreien.
Die anderen berieten flsternd, offenbar mit Bezug auf die Weien.
Doktor Bolten und Holm waren von dem Jagdeifer ihres jungen Gefhrten
unterdessen angesteckt worden, ebenso Hans. Schu krachte auf Schu,
zwei der grten Elefanten wlzten sich in ihrem Blute, ein Bffel hatte
schon mehrere Kugeln auf den Pelz bekommen, doch ohne sich sonderlich
darum zu kmmern, und auch eine Antilope war gettet. Die Wilden
schossen ihrerseits gar nicht. Es schien ihnen offenbar bequemer, sich
das Wild vor die Fe legen zu lassen, als selbst ihre wertvollen Pfeile
zur Erlegung desselben zu verschwenden; ganz in aller Stille aber teilte
sich der Trupp, und ohne da es die Weien merkten, waren sie
eingeschlossen.

Das Getmmel vor dem See nahm indessen zu. Einer der Elefanten strzte
ganz in der Nhe der Giraffe, und diese trat erschreckend zurck bis an
den Rand des Sumpfes. Sofort erhoben sich zwei der scheulichen
Ungeheuer halben Leibes aus dem Schlamm und packten mit ihren
frchterlichen Rachen das lautschreiende Tier, welches sich aus allen
Krften, aber natrlich vergebens, gegen diese bermacht zu struben
versuchte. Ehe eine Minute verging, gurgelte das grnliche Wasser und
trieb Blasen, dann aber schlo es sich ber dem Opfer, dessen Verderben
die Schtzen nicht gewollt hatten, und das nun von den blutdrstigen
Rubern der Tiefe in Stcke zerrissen wurde. Zuweilen tauchte aber bei
dem erbitterten Kampfe, welcher ohne Zweifel auf dem Grunde des Sees
entstanden war, der Kopf des einen oder anderen Krokodils pltzlich
hervor, und um einen solchen Augenblick zum wohlgezielten Schusse zu
verwenden, schlich Franz mit leisen Schritten in das Gebsch hinein. Die
hintere Mitte des Halbmondes war bedeutend breiter als die beiden
Auslufer, daher hoffte er am Rande der letzteren im gegebenen Fall
sicherer zielen zu knnen.

Die Gallinas waren um den glcklich geretteten Leoparden so beschftigt
und so eifrig dabei, die Antilope auf dem Fleck auszuweiden und am Spie
zu braten, da sie vielleicht, auf die Feuerwaffen der Europer
allzusicher vertrauend, fr sich selbst die ntige Vorsicht ein wenig
auer Augen lieen. Einer der groen, mnnlichen Elefanten, angeschossen
aber nicht gettet und aus diesem Grunde vor Schmerz rasend, drehte sich
pltzlich gegen die zur Seite befindliche Negerschar, erhob
herausfordernd den Rssel und strzte mit lautem Wutgeheul den
vermeintlichen Feinden entgegen. Die erschreckte Schar empfing ihn mit
Schssen und wohlgezielten Wrfen, -- drei Pfeile zitterten am langen
Schaft in seiner Hornhaut, das Blut rann stromweise von dem kolossalen
Krper herab, aber dennoch gelang es ihm, mit schwindenden Krften den
nchsten der Neger zu erfassen. Er hob ihn hoch ber den Kopf und
schleuderte ihn dann mit solcher Kraft auf den Erdboden, da sich die
Glieder des Unglcklichen zuckend dehnten und ohne weitere Bewegung
liegen blieben. Der Sieger berlebte aber seine Rachethat nur um einige
Minuten, die Riesengestalt drehte sich schwindelnd im Kreise und strzte
mit dumpfem Drhnen zu Boden.

Jetzt nahm der ganze Vorgang einen abschreckenden Charakter an. Das war
keine Jagd mehr, sondern ein Blutbad. Die Krokodile, halben Leibes an
das Ufer kletternd, bemchtigten sich lebender und toter Krper, die
Elefanten wurden von den Gallinas ihrer Zhne beraubt und abgebalgt, das
halbgare Antilopenfleisch mit den Fingern zerrissen und der gettete
Neger nicht mehr beachtet, als sei er eins der gefallenen Tiere. Unsere
Freunde erhoben sich, um diese Sttte sich entfaltender Barbarei zu
verlassen, und jetzt erst bemerkten die brigen, da Franz noch immer
fehlte.

Holm pfiff auf zwei Fingern. Hallo, Franz, wo steckst du?

Keine Antwort.

Holm und Doktor Bolten sahen einander an; das Gesicht des alten Herrn
war entsetzlich bla geworden. Die Verantwortung! sagte er fast
stammelnd, ich habe dem Vater gegenber die volle Verantwortung auf
mich genommen!

Nun, nun, trstete Holm, dem selbst das Herz heimlich schlug, er wird
ja wiederkommen. Was sollte ihm geschehen sein?

Noch einmal erschallte der laute Ruf ber die Waldwipfel dahin, noch
einmal legten alle drei Zurckgebliebenen in diesen kurzen einen Laut
die ganze Unruhe, die strker und strker werdende innere Furcht ihrer
Seelen. Franz! -- Franz! --

Wieder keine Antwort.

Achilles, sagte Holm, was kann das bedeuten?

Der Neger zuckte die Achseln. Vielleicht Gallinas! antwortete er.

Hilf Himmel, sie sollten ihn gettet haben?

O -- auf keinen Fall. Gallinas handeln in Lagos mit Geiser und Kopp,
viel zu klug, um die Buchmnner zu erzrnen. Aber Gallinas Diebe.

Holm atmete auf. Es handelt sich also im schlimmsten Fall um ein
Lsegeld, Achilles? Die Schwarzen werden den armen Knaben doch nicht
tten?

Der Neger schttelte den Kopf. Wollen Feuerwaffen haben und Fetisch,
antwortete er, auf Holms Uhr deutend.

Herr Gott, so lat uns eilen.

Und in stummer Hast drngte alles vorwrts. Doktor Bolten konnte sich
von dem Schauplatz des geschehenen Unglckes anfangs durchaus nicht
trennen. Weggehen und den unglcklichen Jungen so gewissermaen treulos
verlassen, prete er hervor. Es ist zu schrecklich. Wenn er nun in das
Wasser gefallen und von den Krokodilen --

Pah, das ist ganz unmglich. Der Junge ist doch kein Wickelkind, da er
in den See plumpsen und sich fassen lassen sollte, ohne zu seiner
eigenen Rettung das allermindeste zu unternehmen? -- Die Gallinas haben
ihn, und wir mssen sehen, mit dem Raubgesindel thunlichst zu
unterhandeln.

Das war ein schlimmer, aber doch der einzig mgliche Trost, und nachdem
noch die Neger zur Vorsicht festgestellt hatten, da nirgend im Umkreis
des Sees ein Unglck geschehen sein knne, beeilte man sich, die vordere
Seite zu erreichen. Hier waren auch die Gallinas mit dem Aufbruch
beschftigt; sie lieen den Dolmetscher uerst gleichmtig an sich
herankommen und beantworteten seine Fragen nach dem verschwundenen
Knaben fast nur durch Achselzucken. Vielleicht hatte er ihre
vorangegangenen Gefhrten begleitet, sie wuten es nicht.

Aber nicht allein Achilles, sondern auch die Weien waren durch den Ton
dieser Antworten in ihrem anfnglich gehegten Verdacht vollkommen
bestrkt worden, sie folgten daher ohne weiteres den nach Hause gehenden
Gallinas, und nur einmal fragte Holm den Dolmetscher, ob denn das Dorf
derselben in der Nhe liege. Die Antwort traf wie ein Kanonenschu, --
man mute acht bis zehn Stunden marschieren und dann natrlich whrend
der Nacht im Walde bleiben.

Neue Verwirrung, neues Entsetzen bemchtigte sich der beiden Mnner.
Achilles, rief Doktor Bolten, machen Sie doch Ihren Landsleuten den
Vorschlag, uns den Knaben hierher zurckzuliefern. Wir wollen alles, was
wir besitzen, mit Vergngen hergeben.

Der Dolmetscher schttelte den Kopf. Gallinas klug, antwortete er,
frchten Feuerwaffen. Achilles allein gehen mit Fetisch und Gewehren.

Das aber konnten wieder die beiden anderen nicht zugeben, auch Hans
wollte sich trotz aller Vorstellungen nicht mit einem der Neger auf den
Rckweg machen, und so zog denn die kleine Gesellschaft in tiefstem
Schweigen, verstimmt und unruhig durch den Wald dahin. Die Gallinas in
ihren weien Turbanen und Burnuen gingen gewissermaen als Wegweiser
voran, und sobald sie Halt machten, lagerten auch die Weien mit ihrer
Begleitung, um scheinbar wenigstens ein Mahl einzunehmen. In der That
aber sprachen nur die Kruneger den mitgebrachten Vorrten tapfer zu.

Wie wre es, meinte Holm, wenn wir alle mit dem Gewehr auf dem
Rcken, also in ganz friedlicher Absicht, jetzt zu den Gallinas gingen
und ihnen vor die Fe legten, was sie zu besitzen wnschen? Wo das
geschieht, ist doch gleichviel.

Aber Achilles wies den Vorschlag durchaus zurck. Gallinas lassen den
weien Knaben frei, ohne ihm Waffen oder Fhrer zu geben, sagte er.
Gallinas falsch, weier Knabe von Raubtieren zerrissen.

Und warum hat man uns nicht gleich an Ort und Stelle den ganzen
spitzbbischen Handel vorgeschlagen? rief Holm.

Zehn Feuerwaffen, lchelte Achilles, die Gewehre berzhlend, zehn
entschlossene Mnner. Gallinas klug -- den Gegner mde machen.

Diese Spitzbuben! Sie wuten also, da wir bis an das Ende der Welt dem
armen Jungen nachgehen wrden?

Und man brach wieder auf, bis der Abend herabsank und die Schatten
lnger wurden. Pltzlich an einer Waldlichtung waren die Weimntel wie
in den Boden hinein verschwunden, -- auch nicht ein einziges Zeichen
verriet, wohin sie sich gewendet.

Die Kruneger berieten heimlich, und dann wandte sich der Dolmetscher zu
den Weien. Eine Viertelstunde von hier lge das Dorf, versicherte er,
sie wten es ganz gewi. Zwei von ihnen wollten die Zugnge desselben
bewachen und die brigen hier aus den mitgenommenen Decken ein Zelt
errichten. Der Plan der Gallinas sei ihm und seinen Genossen jetzt ganz
klar.

Und wenn uns die schwarze Bande in Gemeinschaft verrt? flsterte
Bolten.

Dann sind wir unter allen Umstnden verloren. Unserer drei gegen ebenso
viele Hunderte.

Aber wir haben die Gewehre!

Dem Himmel sei Dank dafr! Die Schurken frchten uns wie den bsen
Feind, weil eben die Feuerwaffen aus so weiter Entfernung zu schaden
vermgen.

Achilles und seine Genossen bauten mit flinken Hnden das Zelt,
reinigten den Boden von Moos und Insekten und zndeten bei einbrechender
Dunkelheit ein riesiges Feuer an, welches die Raubtiere verscheuchen
sollte. Zwei Neger verschwanden ganz in der Stille, die anderen trugen
Wasser herbei, kochten Kaffee und rsteten Mais zwischen rohen
Feldsteinen, dann aber muten auf ihren Rat die Gewehre, auch die der
fortgeschlichenen Krumnner, vor dem Zelt zusammengestellt werden.
Nachdem das geschehen, begaben sich scheinbar alle zur Ruhe, die Weien
im Zelt, die Neger davor. -- Stunde nach Stunde verrann; von fern
brllten mit ihren greulichen Stimmen die wilden Tiere; im Gebsch
raschelte und krachte es wie von glatten Schlangenleibern, vom Fu
schleichender Raubkatzen; das Feuer hllte alles in seine purpurnen
Gluten; nagende, qulende Unruhe hielt die drei leise flsternden
Deutschen wach. So ganz allein am Rande der Zivilisation, nahe jener
Gegend, die noch kein weier Mann betreten, den Schwarzen und den
reienden Tieren wehrlos preisgegeben, -- das konnte mit Recht eine bse
Lage genannt werden.

Und Doktor Bolten flsterte kaum hrbar: Vater, wenn es mglich ist, so
la diesen Kelch vorbergehen.

Amen! schluchzte Hans, der wohl fhlte, da dies Gebet seinem
verschwundenen Bruder galt.

Achilles, der vor dem Eingang des Zeltes sa, hob in diesem Augenblick
die Hand.

Vom Schein des Feuers hell bestrahlt, warf die schwarze Hand einen
Riesenschatten, -- unwillkrlich erstickte ihr Erscheinen jeden Laut.

Der Neger streckte sich, als schlafe er; tiefe Totenstille beherrschte
die Umgebung, dann hoben von hinten mehrere Hnde den Zeltvorhang auf.
Gallinas in starker Anzahl hielten das Lager umzingelt, hatten die
Gewehre ergriffen und die Messer der drei Deutschen an sich gerissen,
ehe viel Zeit verging; jetzt untersuchten sie sogar die Taschen und
bemchtigten sich der Uhren, -- nur die Bambusbchse des Zauberers wurde
verchtlich bei Seite geworfen.

So schnell wie sie gekommen, verschwanden die unheimlichen Gste.

Und nun? fragte Bolten. Sie haben den Jungen doch sicher ermordet.

Achilles schttelte lachend den Kopf. Wozu? sagte er. Bald genug hier
sein, -- sehr bald.

Und wirklich war kaum eine Viertelstunde vergangen, als aus dem nchsten
Gebsch die beiden Kruneger hervortraten, in ihrer Mitte den Knaben,
grinsend von einem Ohr zum andern, uerst vergngt, da sie List mit
List vergolten hatten. Franz war unversehrt, er flog den anderen
entgegen und warf sich strmisch in ihre Arme. Minuten verflossen, bis
einer der Mnner sprechen konnte. Kinder, stammelte endlich Doktor
Bolten, Kinder, lat mich unserm Gott danken und diesen beiden braven
schwarzen Menschenbrdern hier --

Aber weiter kam der alte deutsche Theologe nicht, sondern ging mit
offenen Armen zu den beiden fettglnzenden, schwarzen Wilden und kte
die erstaunten Gesichter, -- und das war ein echter, wahrhaftiger
Gottesdienst, wie er tief aus dankbarem Herzen heraufquoll.

Nur mein kostbares Zauberpulver ist gerettet! rief Holm, sonst alles
dahin. Aber gerade dieses -- -- O nein! unterbrach er sich pltzlich,
das ist denn aber doch emprend!

Man umringte ihn und sah in die offene Schachtel hinein. Sand, purer
grauer Sand, weiter war nichts darin. Der Zauberer hatte das
vielbegehrte Hundehalsband erlangt, sein Geheimnis aber daneben schlau
bewahrt.

Ein drhnendes, nicht endenwollendes Gelchter stellte die urgemtliche
Reiselaune wieder her. Gib nur acht, Karl, rief Franz, ich will den
Betrger mit seinen eigenen Waffen schlagen. Er soll mich fr einen noch
greren Medizinmann halten, wie er selbst es ist und schon Respekt
bekommen. -- Jetzt aber lat uns wandern! Auf, hinaus in den
Mondschein!

Aber ohne Waffen! rief Hans.

Nicht ganz! lchelte Holm. Meine Taschenpistolen hatte ich in
Sicherheit gebracht.

Er zog die Waffen unter dem Moos hervor und lud beide Lufe. Auch einer
der Neger brachte grinsend vor Vergngen Bogen und Pfeile herbei, die er
im Dorfe der Gallinas stibitzt hatte, und die Franz sogleich fr Papas
Museum mit Beschlag belegte. Das kaum errichtete Zelt wurde seiner
Decken wieder beraubt, und dann im Freien am Wachtfeuer eine kstliche
Mahlzeit gehalten; jetzt machte, nachdem Angst und Sorge vorber waren,
die Natur ihre Rechte doppelt geltend, und namentlich Franz schmauste
wie ein Halbverhungerter. Die Gallinas haben mir Heuschrecken
vorgesetzt, schauderte er, und einen halb rohen, halb verbrannten
Affenbraten.

Aber wie war es eigentlich mglich, da sie dich wegfangen konnten,
ohne unsere Aufmerksamkeit zu erregen, Junge? Ich begreife es nicht.

Sie warfen mir von hinten eine Decke ber den Kopf, erklrte Franz,
und wenn nur nicht gerade der eine groe Elefant so frchterlich
trompetet htte, dann mtet ihr auch meinen Schreckensschrei und das
Zerren und Schleifen durch die Gebsche gehrt haben. Aber darauf war
vielleicht gerade gerechnet worden.

Man brach nun auf und hatte das Glck, im hellen Mondschein ungefhrdet
das Dorf Lope zu erreichen. Nur ein paar kleinere Tiere liefen ber den
Weg, aber die wurden verschont, teils um keine Zeit zu verlieren, teils
weil man gar nicht in der Stimmung war, irgend ein Geschpf zu tten.
Die Botanisierkapseln waren dafr bis an den Rand gefllt.

Am folgenden Morgen begab sich Franz, mit einem kleinen Brennspiegel
ausgerstet, in die Nhe des Tempels und nahm seinen Platz so, da er
gerade vor der Thr der Htte sa. Der Zauberer lag wie immer faul im
Innern derselben.

Alle brigen hatten sich in der Nhe versteckt.

Jetzt drehte Franz das Glas so, da der Sonnenstrahl versengend die Hand
des Zauberers traf und dieser erschreckt zurckfuhr. Er lugte durch eine
Spalte der Bambuswand und gab so sein schwarzes Ohr preis, -- husch,
hatte der Strahl es erfat.

Nun ging ihm die Geschichte ber den Spa. Er kam heraus, offenbar um
das Ansehen seiner Person geltend zu machen; die Augen rollten vor Zorn,
und die Fuste waren geballt. Er schrie einige Worte in der
Negersprache.

Franz drehte heimlich das Brennglas und hielt es jetzt so, da es der
Schwarze deutlich sehen konnte. Im Zickzack stach es und prickelte Brust
und Kopf, Schultern und Beine.

Der Zauberer stie ein sehr natrlich klingendes Geheul aus, scho in
die Htte und erschien wieder mit dem Halsband, das er weit
fortschleuderte. Sein Ruf klang jetzt unverkennbar wie Gnade! Gnade!

Franz trat mit der ernsthaftesten Miene vor und nahm das Halsband vom
Boden. Betrug ist Betrug, auch wenn er komischer Natur wre, nicht
wahr, Herr Doktor? Damit durfte der graue Snder nicht durchkommen.

Und lachend zogen alle von dannen. Die beiden Neger, welche Franz aus
dem Dorf der Gallinas sicher zu den Seinigen gebracht hatten, sowie
Achilles erhielten in Lagos namens der Eltern des Knaben von den Herren
Geiser und Kopp eine ansehnliche Belohnung und dann ging es, von ihren
Segenswnschen begleitet, beladen mit allen Schtzen dieser kleinen
Reise, an Bord der Hammonia zurck.

Trotz der mannigfachen Gefahren, die der kleine Trupp der Naturforscher
mit Mut und Glck bestanden hatte, war die Ausbeute an Naturalien aller
Art keine geringe geworden, nun galt es die gewonnenen Schtze vor dem
Verderben zu bewahren, damit sie wohlerhalten in Europa anlangten, um
den Gelehrten als Material zum Studium oder zur Vervollstndigung der
Sammlungen zu dienen.

Zunchst wurden daher jene Gegenstnde in Angriff genommen, die dem
Verderben am meisten ausgesetzt waren, und da vier rstige Arbeiter zur
Verfgung standen, machten sich alle an die Arbeit, deren Einteilung
Holm, als der Fhrer der Expedition anordnete. Dem Doktor Bolten war die
Aufgabe zugefallen, das Tagebuch zu fhren, in welches alle Erlebnisse
niedergeschrieben wurden. Hans wurde der botanische, Franz der
zoologische Teil zugewiesen, whrend Holm die ntigen Anleitungen gab
und bald dem einen bald dem andern half, wenn besondere Schwierigkeiten
zu berwinden waren.

Es galt nun vor der Hand die Schmetterlinge zu prparieren, damit
dieselben schn ausgebreitet die Pracht ihrer Flgel, die bunte
Zeichnung derselben und ihre ganze Form auf das deutlichste erkennen
lassen konnten. Zu diesem Zwecke waren einige 30 Zentimeter lange und 5
Zentimeter breite glatte Bretter mitgenommen worden, die der Lnge nach
eine 2 Zentimeter breite Furche enthielten, deren Tiefe fast ebenso viel
betrug. Aus einer der Schachteln wurde der eingesperrte Schmetterling
nun vorsichtig herausgenommen und zwischen Daumen und Zeigefinger der
linken Hand festgehalten.

Ehe wir das Tier spieen, sagte Holm, wollen wir es vergiften, damit
es keine zu groen Qualen leide. Wir knnten hierzu von dem Chloroform
aus der Reiseapotheke nehmen. Allein, wer wei, ob wir dasselbe nicht
noch zu anderen, wichtigeren Zwecken gebrauchen werden.

Haben wir denn noch ein anderes Gift, das uns dieselben Dienste
leistet? fragte Franz.

Ich bin soeben im Begriff einiges zu bereiten, antwortete Holm mit
scheinbar wichtiger Miene.

Wo denn, fragte Franz verwundert, ich sehe keine Retorte noch sonst
einen chemischen Apparat.

Hier, dies ist mein groes Laboratorium, erwiderte Holm lchelnd,
indem er auf die kleine Tabakspfeife deutete, die er vor kurzem in Brand
gesetzt hatte. In dem unteren Behlter, fuhr er fort, sammelt sich
der Tabakssaft an, der beim langsamen Verbrennen des Tabaks entsteht und
jenen Giftstoff enthlt, den die Chemiker Nikotin nennen. Dieses Nikotin
ist ein Gift fr alle Insekten, die deshalb den Tabaksrauch auch
ngstlich meiden.

Holm go den Tabakssaft in eine kleine Muschelschale, tauchte eine Nadel
in denselben und feuchtete den Rssel des Schmetterlings, den er
vorsichtig aber doch sicher in der angegebenen Weise festhielt. Nachdem
der Schmetterling einige kleine Tropfen des ihm tdlichen Giftes
gekostet hatte, war er vollkommen leblos geworden.

Nun wurde ihm eine lange Insektennadel durch das Rckenschild gestoen
und dieselbe in der Furche eines der vorhin erwhnten Bretter derart
festgesteckt, da der Rumpf des Schmetterlings sich in der Furche
befand. Leicht war es nun mglich, die Flgel auf der glatten Flche des
Brettes schn und eben auszubreiten, Streifen von starkem Papier wurden
ber die Flgel gelegt und an ihren ueren Enden mit kleinen Nadeln
ebenfalls befestigt, so da die Flgel in der ihnen einmal gegebenen
Lage verharren muten. Ein Schmetterling nach dem andern wurde in
gleicher Weise behandelt, bis kein Platz auf dem Brette mehr vorhanden
war und die noch leeren an die Reihe kamen.

Was machen wir mit den brigen Schmetterlingen? fragte Franz, als auch
diese besetzt waren.

Wir lassen sie bis morgen leben, antwortete Holm, denn dann sind in
dieser tropischen Hitze die jetzt ausgebreiteten soweit trocken, da wir
sie abnehmen und in eine Schachtel bringen knnen, deren Wnde aus Kork
bestehen, in welchen wir die Nadeln mit leichter Mhe spieen. Ist die
Schachtel voll, so befestigen wir ein Stck Kampfer in derselben, setzen
den Deckel auf und kleben die Fugen gut zu.

Wozu dient der Kampfer? fragte Franz.

Um den Motten und anderen Insekten die Lust zu nehmen, unsre mhevoll
prparierten Schmetterlinge zu zerstren. Ohne diese Vorsichtsmaregeln
wrden wir nur Staub und Moder nach Hamburg mitbringen.

Das wre ein bler Lohn fr unsere Arbeit und ein Resultat unserer
Expedition, auf das wir nicht stolz sein drften, entgegnete Franz.

Das Einsammeln der Naturalien ist nicht minder schwer als das Schtzen
derselben vor Zerstrung, erwiderte Holm. Es ist daher dem Forscher
mitunter unmglich, seine kostbare Beute in die Heimat zu
transportieren, weil es ihm in der Wildnis an den Mitteln zur Erhaltung
derselben gebricht. Nun wollen wir noch jede Nadel mit einem Stckchen
Papier versehen, auf das wir eine Nummer schreiben. Diese Nummer wird in
einem kleinen Bchlein ebenfalls notiert und dahinter schreibst du den
Fundort des Tieres und sonstige Bemerkungen, Datum des Fanges und
Beobachtungen, die wir an dem lebenden Tiere machten.

Franz versprach die gewissenhafte Ausfhrung des Auftrages und sagte:
Man soll nicht von uns behaupten, da wir des Vergngens wegen reisten,
sondern da wir der Wissenschaft zu ntzen suchten, so viel in unseren
Krften stand.

Bravo! sagte Doktor Bolten, diesen Ausspruch will ich mir fr unser
Tagebuch merken.

Holm zeigte nun Hans, wie er mit den Pflanzen verfahren msse, um
dieselben in ihrer Form mglichst gut zu erhalten. Zu diesem Zwecke
wurden die Pflanzen auf einen Bogen weichen Lschpapieres sorgfltig
ausgebreitet, die Blumenbltter so gelegt, da die Form der Blte nicht
verzerrt, sondern, so weit dies mglich, in ihrer natrlichen Gestalt
erschien. Sobald ein Blatt, eine Blte, oder sonst ein Teil der Pflanze
in die geeignete Lage gebracht worden war, setzte Holm einen ziemlich
schweren Kieselstein auf denselben, damit er in seiner ihm einmal
gegebenen Stellung verharrte.

Als dies geschehen, wurde ein zweiter Bogen Lschpapier auf den ersten
gelegt, unter gleichzeitiger gewandter Entfernung der Kieselsteine,
worauf die derart eingelegte Pflanze unter eine Presse kam, die ganz
einfach aus einem Kistendeckel bestand, den einige Steine nicht
allzusehr beschwerten, um die zarten Teile, wie Stengel, Fruchtboden u.
s. w. nicht zu zerquetschen.

Werden die Insekten auch die Pflanzen angreifen? fragte Franz.

Ihnen ist einerlei, was ihnen vor die Frewerkzeuge kommt, antwortete
Holm. Die tropischen Insekten, namentlich die Ameisen, schonen nichts,
was ihnen nur irgendwie schmackhaft vorkommt.

Dann mssen wir auch hier Kampfer anwenden, meinte Franz.

In diesem Falle nutzt uns derselbe nichts, entgegnete Holm, denn es
wird uns schwer werden, ein groes Paket gesammelter und zwischen Papier
liegender Pflanzen luftdicht einzuschlieen, denn in nicht luftdichten
Kasten verdunstet der Kampfer. Wir haben jedoch ein anderes Mittel, das
freilich sehr giftig ist, mit dem wir die trockenen Pflanzen einpinseln.
Es ist dies in Weingeist aufgelster Sublimat, eine Verbindung von Chlor
und Quecksilber, die fast alles Lebende ttet. Sobald die Pflanzen
getrocknet wren, wollte Holm das Einpinseln derselben mit dem Gifte
selbst vornehmen.

Hans meinte, da das Einlegen der Pflanzen viel einfacher sei, als das
Prparieren der Schmetterlinge, und da gar keine Schreibereien damit
verknpft seien.

Da irrst du dich gewaltig, rief Holm lachend. Nein, es wird ebenso
wie bei den Tieren der Fundort angemerkt, ferner die Beschaffenheit des
Bodens, ob derselbe sandig, felsig, trocken oder sumpfig. Dann, ob die
Pflanze im Schatten wchst, oder in der Sonne, ob sie an anderen
Gewchsen emporrankt oder gar auf ihnen schmarotzt, wie viele der
prachtvollen Orchideen, zu denen auch die Vanille gehrt.

Ich wollte, ich htte einen Becher Vanille-Eis, sagte Franz, der
sollte mir in der Hitze hier schmecken!

Und was fr Gesichter die Eingebornen wohl machen wrden, die nie in
ihrem Leben Eis gesehen, noch viel weniger solches gegessen haben, fiel
Hans ein.

Sie wrden glauben, sich den Mund verbrannt zu haben, erklrte Holm,
denn diese Empfindung wrde sich ihnen zunchst aufdrngen. Auch
erzeugt sehr groe Klte ebensowohl Brandblasen auf der menschlichen
Haut, wie eine hohe Temperatur. -- Dann wandte er sich wieder zu Hans
und fuhr fort: Ferner mssen die Frchte und Samen von den Pflanzen
gesammelt und in Papier aufbewahrt und genau bezeichnet werden, teils
fr den Forscher und teils fr den Grtner, der dann versucht, sie im
Gewchshause zum Keimen zu bringen.

Ich verstehe schon, fiel Hans ein. Wenn der Grtner nicht erfhrt, wo
und wie die Pflanze wchst, dann set er am Ende den Samen einer
Sumpfpflanze in trocknen Sand, als stammte er von einem Steppengewchs
und steckt den Samen einer Kletterpflanze ins Wasser. Ich will alles
genau notieren.

Wo aber bleiben der Heerwurm und die anderen Kfer, die noch im
Spiritus sitzen? fragte Franz.

Die nehmen wir aus ihrem nassen Grabe und spieen sie ebenso auf wie
die Schmetterlinge. Die greren derselben wickeln wir in Papier und
bezeichnen sie mit Nummern. Nur die Mcken, die Fliegen, die
bienenartigen, die Stechfliegen und Schlupfwespen lassen wir im
Spiritus, in welchem sie sich am besten halten.

Material war gengend vorhanden und somit fehlte es nicht an Arbeit.
Bald wurden die Gegenstnde prpariert, bald gab es Notizen zu machen
und zu schreiben, und die Knaben erlangten schon in kurzer Zeit eine
groe Geschicklichkeit in der Handhabung der einzelnen Gegenstnde. Als
aber Holm ihnen sagte, da noch schwierigere Aufgaben zu bewltigen
seien als diese, verloren sie den Mut durchaus nicht, sondern meinten,
dann wird uns die Sache erst recht interessant.

Whrend sie so arbeitend plauderten und ber dem oft heiteren Gesprch
die Arbeit nicht versumten, rief Franz pltzlich: Womit soll ich die
Nummern an die Pflanzen kleben? Wir haben das Gummi arabikum vergessen.

Holm lachte. Wir werden in die Apotheke schicken!

Als die Knaben ihn unglubig ansahen und riefen: hier in der Wildnis
gibt es keine Apotheke, sagte er, auf dem nchsten Ausfluge werden wir
schon jemand finden, der uns das Gewnschte gibt.




                           Zweites Kapitel.


Nichts vergit sich schneller als Mhe und Gefahr, nachdem beide
glcklich berstanden sind. Kaum waren die mitgebrachten Insekten und
Pflanzen in die verschiedenen Sammlungen gehrig eingereiht und Geist
und Krper durch etwas Ruhe neu gestrkt, als sich die Knaben auch schon
nach weiteren Abenteuern umsahen. Zehn Tage lang mute das Schiff noch
vor dem Hafen von Lagos liegen, um dort seine Ladung Palml einzunehmen.
Diese ganze kostbare Zeit konnte man unmglich an Bord verbringen und
eben so wenig in der Umgebung von Lagos, die nur aus Busch und Flachland
besteht und auer dem Krokodil kein jagdbares Wild mehr aufweist.

Wir wollen das Schleppnetz auswerfen, entschied Holm. Heute abend
nach Eintritt der Dunkelheit sollt ihr ein nie gesehenes Schauspiel
erleben, den Fischfang vermittelst einer groen Laterne, die das Meer in
einer Tiefe von etwa fnfzehn Metern weit umher erhellt und von allen
Seiten die neugierigen Bewohner desselben herbeilockt. Morgen machen wir
dann vielleicht bei gnstigem Wetter mit dem kleinen Bugsierdampfer
Hansa, der uns des Sonntags wegen von seinen Eigentmern zur Benutzung
berlassen werden kann, eine Fahrt stromauf in das Innere hinein. Ich
mchte ein paar Flupferde schieen oder harpunieren.

Wenn wir ein Junges fangen und nach Hamburg bringen knnten! rief
Franz.

Das wird uns nicht so leicht gelingen, antwortete Holm, denn die
Flupferde sind uerst scheu und dabei im gereizten Zustande sehr
gefhrlich. Auerdem macht der Transport des lebenden Tieres groe
Schwierigkeiten.

Einerlei, riefen die Knaben. Auf dem Dampfer befinden wir uns
berdies auch in voller Sicherheit. Ist es gewi, da wir ihn benutzen
drfen?

Ganz gewi, ich habe heute morgen mit dem Kapitn gesprochen. Nun aber
lat uns das Schleppnetz herrichten.

Die Kiste wurde geffnet und das aus Hamburg mitgebrachte Netz
hervorgeholt. Im bedeutenden Umkreis mehrere eiserne Ketten, die den
Mittelpunkt bildeten, einrahmend, war es ein groes, starkes Fischernetz
aus Flechtwerk, das flach auf das Wasser gelegt wurde, und von dessen
Zentrum die Lampe herabhing, natrlich vom Bord des Schiffes mittels
eines starken hlzernen Hebebaumes in ihrer richtigen Stellung erhalten.
ber den bethrten, durch eigene Neugier verlockten Fischen mute sich
das Netz sehr leicht zusammenziehen und oben an den Ketten befestigen
lassen. Die Lampe selbst war ganz aus Schiffsglas, sehr gro und fr
vier starke Wachslichter bestimmt; sie hatte am oberen Ende einen
wasserdichten Schraubenverschlu, whrend ihr durch Schluche Luft
zugefhrt wurde. _Ohne_ die Lampe folgt ein solches Schleppnetz dem
Laufe des Schiffes und wird von Zeit zu Zeit seiner Gefangenen
entledigt, _mit_ derselben kann es natrlich nur gebraucht werden, wenn
das Fahrzeug vllig still liegt.

Als bei hellem Mondschein und durchaus ruhigem Wetter die Lichter
entzndet waren, sammelte sich die ganze Besatzung auf dem Verdeck, und
alles sah gespannten Blickes hinab in die Tiefe. Mde von der schweren
Arbeit des Tages, nachdem die lspuren einigermaen beseitigt und die
Rationen verteilt waren, pflegten jetzt diese lebensfrohen, an Leib und
Seele gesunden jungen Leute der Ruhe, indem sie ihren Gedanken
nachhingen und mig die khlere Nachtluft einatmeten. Einer von ihnen
spielte Harmonika, deutsche Weisen klangen ber das Wasser hin, und
deutsches, gemtliches Beieinander verwischte den Unterschied von Stand
und Rang. Wo Hunderte von Meilen zwischen dem Menschen und seiner Heimat
liegen, da schliet er sich fester an die Nchsten, da bildet er in
weiter Ferne mit dem Genossen der unsicheren Fahrt nur mehr eine
einzige, groe Familie. Weitab schimmerten die Lichter der Stadt,
zuweilen klang von anderen Schiffen her Gesang und Rufen, sonst war
alles still, alles dunkel, -- nur da unten regte sich mehr und mehr das
geheimnisvolle Leben der Tiefe.

Im Umkreis von zehn Schritten hell beleuchtet, bildete das Wasser den
Tummelplatz ungezhlter Fische und anderer Geschpfe. Was nie an der
Oberflche erschien, sich nie dem Menschenauge am hellen Tage preisgab,
das schwamm jetzt vorsichtig herbei, um den ungewohnten Anblick des
Lichtes aus der Nhe zu genieen. Rundlich und platt, grer und
kleiner, bald zierlich schlank, bald von auerordentlicher Hlichkeit,
so scharte sich's um den kleinen, hellbeleuchteten Glaspalast da unten
in der Tiefe. Zitternde Strahlen umgaben den Mittelpunkt, halbverwischt
spiegelten sich Mond und Sterne, und lautlos glitt und krabbelte es in
dem beweglichen Element. Zwischen Felsspitzen, deren hchste Auslufer
vielleicht bis zu sechs Metern unter dem Schiffskiel heraufragten,
ffnete sich eine Art von Thal, das unzhlige lebende Geschpfe und
Organismen bewohnten. Groe Einsiedlerkrebse, die sich im heftigsten
Kampfe befanden, kleine mit dem Schneckenhause, in dem sie leben,
Ringelwrmer, Wasserspinnen, dazwischen die zierlichen Seesterne,
Muscheln und Schnecken ohne Zahl -- so bevlkerte es, sich mit tausend
Gliedern regend, aufgeschreckt durch die pltzliche ungewohnte Helle,
den Grund, whrend weiter oben in den Strahlen der Lampe die
verschiedensten Fische herbeieilten.

Sieh diesen! rief Franz, er will das Licht verschlingen!

Ein lautes Gelchter aller Zuschauer begleitete das komische Gebaren des
Fisches. In Kugelform, scheinbar ohne Kopf, hlich und plump scho er
heran und ebenso schnell wieder zurck, wenn sich die Nase an der
Glaswand stie. Seine Sprnge im Wasser, sein halb keckes, halb
furchtsames Vorgehen erregten immer aufs neue die Heiterkeit der
Versammelten, dennoch aber konnten sie ihre Aufmerksamkeit nicht diesem,
dem Kofferfisch allein zuwenden. Der anderthalb Meter lange und dabei
nur daumsdicke fliegende Drache mit Fledermausflgeln, der Drachenkopf
mit seinem hlichen Gesicht und hahnenkammartigen Flossen, der Flughahn
mit frmlichen Flgeln, der Seeskorpion mit Hrnern auf dem Kopfe, der
Seehase mit breitem Maul und groen Kuhaugen, alle drngten sie sich
herbei, um zu staunen.

Wollen wir nicht jetzt das Netz heraufziehen? fragte Hans.

Noch nicht, wehrte Holm. Es mssen ein paar Grere mit hinein.

Rochen, nicht wahr, Doktor? Ich habe gerade die lngste Art hier
zahlreich vertreten gefunden.

Ah! -- da ist schon einer und zwar ein stattlicher Kerl, ein Hairoche
von drei Meter Lnge! -- Und dort noch einer. Nun gibt es Krieg.

[Illustration: Fischfang mit Schleppnetz und Licht.

Rundlich und platt, grer und kleiner, bald zierlich schlank, bald von
auerordentlicher Hlichkeit, so scharte sich's um den kleinen
hellbeleuchteten Glaspalast da unten in der Tiefe.]

Von zwei Seiten nherten sich die ungeschlachten Tiere mit
scheibenfrmigem Krper und kaum erkennbarem Kopfe, an dem sich Mund und
Kiemenspalten unten, und Augen und Spritzlcher oben befinden. Die
stachlichten Schwnze peitschten das Wasser, die Augen funkelten
raublustig; so viel Beute auf einen Schlag, das mochten sie nie erlebt
haben.

Der kleine mit dem kreisrunden Krper ist ein Zitterroche! rief Holm.
Nun gebt acht, was folgen wird!

Wirklich schossen auch die beiden groen Fische auf einander zu und
begannen sogleich einen erbitterten Kampf. Sich von der Seite her
begegnend, versetzten sie einer dem andern die krftigsten
Schwanzschlge, bis endlich der Zitterroche Gelegenheit fand, seinem
Gegner einen elektrischen Schlag beizubringen und dadurch den Streit zu
entscheiden. Vllig betubt fiel der Hairoche auf den Grund des Netzes
zurck. Die kleineren Fische hatten unterdessen versucht, nach allen
Richtungen zu entfliehen; einigen gelang dies auch, die meisten wurden
freilich durch das zur rechten Zeit emporgehobene Netz erfolgreich am
Entweichen verhindert, und als endlich mit Hilfe mehrerer Matrosen das
ganze schwere Netz an Bord geholt war, da zappelte in den Maschen
desselben noch eine hbsche Anzahl von Flossentrgern; der kecke
Kofferfisch, der arme Geselle, sogar im Maule des Zitterrochens,
halbzerquetscht und ngstlich schwanzschlagend wie sein Besieger selbst.

Das war ein reicher Fang! rief Holm. Besonders die Rochen sind ihres
Fleisches wegen viel wert, ebenso die meisten kleineren Fische um ihrer
Seltenheit willen. Wenn wir sie aus der Nhe besehen haben, mgen sie
weiterschwimmen.

Und so geschah es. Verschiedene gewhnliche Arten wanderten in die
Schiffskche, whrend man jene ungeniebaren Fremdlinge der Tiefe
barmherzig verschonte und nur einige besonders wertvolle Exemplare zum
Ausstopfen vorbereitete.

Der Zitterrochen wurde geschlachtet, um morgen den Mittagstisch in der
Kajtte auszustatten. Den gnzlich betubten Hairochen legte man in die
groe Deckwaschbalje, um zu beobachten, wann das Leben zurckkehren
werde, und nachdem nun in dieser Weise der Fang besorgt war, sprach Holm
noch ber das Fischgeschlecht im allgemeinen einige belehrende Worte,
da es nmlich nicht weniger als achttausend lebende Arten gibt, da die
meisten davon ebar sind, und da nur wenige giftige Gattungen bekannt
sind. Wir werden Schleppnetz und Lampe im groen Ozean erst eigentlich
zur Verwendung bringen, schlo er, und dort jene interessanten
Geschpfe kennen lernen, die zwischen dem Pflanzen- und Tierreich
gleichsam einen bergang bilden, die Quallen in unzhligen Formen, die
Korallen und Schwmme, -- das alles hat da seine wahre Heimat. Ebenso
habe ich fr seichte und vor den Haien geschtzte Buchten auch einen
Taucherapparat mitgenommen. Gewi sind mehrere unter Ihnen, die sich auf
die Anwendung desselben verstehen? fragte er die Matrosen.

Ein mehrstimmiges Ich, Herr! beantwortete diesen Satz, und der alte
Steuermann fgte sogar bei, da auf den Inseln des Stillen Ozeans jeder
Mann ein geborner Taucher sei. Ich habe oft gesehen, wie sie sich dem
auf dem Grunde der Bucht behaglich liegenden Hai im Fluge nhern und ihn
mit einem Stock oder wohl gar mit der ausgestreckten Hand zum Zorn
reizen, damit er an die Oberflche kommen und sich harpunieren lassen
mge, sagte er.

Essen denn diese Menschen das Raubtier? fragten erstaunt die Knaben.

O, das essen auch wohl noch andere, meinte der Alte. Ich habe manchen
Hai mit eingefangen und verzehrt, namentlich bei langen Reisen, wo das
Trinkwasser faul und das Fleisch knapp wurde. Da nimmt es der hungrige
Magen nicht so genau.

Aber wenn nun der Hai vielleicht am Tage zuvor einen Menschen gefressen
hatte, rief voll Entsetzen Franz.

Das mag hufig genug vorgekommen sein, mein Junge. Frher gab es aber
auf Schiffen kein Fleisch in luftdichten Blechdosen, wie jetzt, kein
eingemachtes Gemse und keinen Apparat, um das Salzwasser geniebar zu
machen, -- die Naturwissenschaften haben in den letzten fnfzehn Jahren
das Los der Seeleute zu einem vollstndig anderen, besseren
umgeschaffen.

Und wir sind Naturforscher! rief Hans.

Alles lachte. Der Abend war so schn und die Gemter so angeregt, da
man an diesem Tage spter als sonst die enge, heie Koje aufsuchte. Frh
morgens brachte ein Boot die beiden Knaben mit Holm und ihrem Erzieher
sowie einer Anzahl Matrosen von der Hammonia an Bord des kleinen
Bugsierdampfers Hansa, der vor Lagos liegt und die greren Schiffe
ber die den Eingang sperrende Barre hinberschleppt. Des Sonntags wegen
war er von den hamburgischen Reedern, denen er gehrte, den jungen
Shnen ihrer Vaterstadt gern zur Verfgung gestellt worden, und so
dampfte man denn nach kurzer Kstenfahrt lustig in den stark bewegten
Strom hinein. Wahre Riesenstmme erhoben sich zur Rechten und Linken.
Mangrovengebsche drngten sich zuweilen bis weit in das Fahrwasser vor
und ein vielgestaltiges Tierleben begann die Ufer zu schmcken.

Zuerst beseht euch die Mangroven, ermahnte Holm. Sie werden nur in
den Tropen getroffen und sind immer grn; gerade diese Baumgattung ist
es, die an der afrikanischen Kste das Landen so sehr erschwert. Jeder
Busch bildet fr sich ein kleines Wldchen.

Wie langes Haar hngt es von den Zweigen herab! rief Franz.

Das sind die Wurzelfasern. Jede einzelne treibt, sobald sie den Schlamm
berhrt, neue Schlinge und wchst, selbst noch zum Mutterstamme
gehrig, wieder als faserbildender Busch empor. Dadurch entstehen die
gefhrlichen tropischen Smpfe, welche, weder Land noch Wasser,
pestartige Dnste aushauchen und den wilden Tieren als Aufenthalt
dienen. Unter und zwischen den engverbundenen Stmmen bilden sich ganze
Morste sowohl als auch Grasflchen.

Immer dichter und ppiger wurde das Gewirre. Schlanke Stechpalmen ragten
daraus hervor, himmelhohe Farne wiegten sich im Wind, und ungezhlte
Blumen durchflochten das Ganze. Auf den Wipfeln der Bume nisteten zu
ganzen Scharen Fischaare und Eisvgel, im Gras unter denselben lagen
Wasserbcke, Rohrbcke und Buschbcke. Andere wilde Tiere zeigten sich
nicht, nur einmal ein Leopard, der aber schleunigst das Weite suchte.
Der Strom wurde zuletzt immer schmler und mndete in einen See, von
welchem mehrere Arme in verschiedene Richtungen ausliefen. Einen davon
bezeichnete der Kapitn des Dampfers als den Hauptaufenthalt der vielen
in dieser Gegend lebenden Flupferde. Sie stecken im Schilf, sagte er,
und betreten am Tage nur selten das Ufer. Man hrt sie wie Ochsen
brllen und sieht sie das Wasser aufblasen, aber ganz nahe kommt man
ihnen fast nie.

Das grte Boot wurde nun ausgesetzt und bemannt, unsere Jger nahmen
Platz und fort ging es in den schmalen Fluarm, mitten in das Herz der
grnen Wildnis hinein. Die Ruderer muten natrlich oft mit den Rudern
gegen das Schilf stoen, muten die Mangrovenfasern zurckschlagen oder
durch natrliche Laubgnge fahren, sie hielten zuweilen auf Holms Bitte
gnzlich an und entdeckten auch selbst an manchen Stellen Neues und
Schnes, das erst besehen wurde. Hier ein Dorf oder eine Kolonie der
kleinen fleiigen Webervgel, die ihre Nester aus Halmen glockenfrmig
und enggedrngt neben einander unter die Baumzweige hngen, dort
Nashornvgel in der ganzen Pracht ihrer Farben und etwas weiter hin
Herden gefleckter scheuer Antilopen. Wohin das Auge traf, begegnete ihm
Schnheit, lockte der Zauber des Waldes zum Ausruhen, zum Genieen, --
nur die gewnschten Flupferde zeigten sich nicht.

Pltzlich -- horch! unter den Mangroven zur Linken regte sich's. Das
Wasser kruselte, die Zweige rauschten, und einige kleine Vgel flogen
erschreckt davon, dann wurde wieder alles still. Die Reisenden sahen
einander an. Was war das?

Vorsichtig! ermahnte Doktor Bolten. Jede Art gefhrlicher Raubtiere
lebt hier herum.

Aber in das Boot hinein kann keines kommen. Ich will einmal nachsehen,
was sich da bewegte!

Und Franz fuhr mit dem Ruder in die Gebsche hinein. Ein Pistolenschu,
den Holm abfeuerte, begleitete diese energische Nachforschung, aber der
Erfolg war anders, als man es erwartete. Ein Schrei aus Menschenkehlen
durchzitterte die Luft, ein schwarzes Gesicht, bis an den Mund im Schilf
verborgen, sah mit dem Ausdruck der Todesangst zu den Weien hinber,
whrend gleichzeitig ein Boot mit etwa zehn Negern an dem der Europer
vorbei das Weite zu gewinnen suchte. Kaum sahen aber die Schwarzen den
in bedeutender Entfernung quer vor dem Fluarm liegenden Dampfer, als
sie mutlos die Ruder sinken lieen und sich hockend im Kahn
zusammendrngten. Die Feuerwaffen schienen ihnen den entsetzlichsten
Schreck eingeflt zu haben.

Erst jetzt entdeckte man, da der im Schilf stehende Schwarze mittels
eines Riemens aus Wurzelfasern am Boot befestigt war. Zwischen seinem
Krper und dem Fahrzeug befand sich eine Schnur von etwa sechs Meter
Lnge.

Die Weien sahen einander an. Was mochte das zu bedeuten haben? --
Versteht keiner unter Ihnen die Sprache dieser Leute? fragte Doktor
Bolten die Matrosen.

Ein paar Worte kann ich schon, meinte einer, aber viel ist es nicht.
Wir mssen die Mohrenkerle zutraulich machen.

Er nahm aus dem Vorratskasten eine Branntweinflasche und trank etwas von
dem Inhalt derselben, dann reichte er sie den Schwarzen hinber.
Prosit, ihr Affengesichter! Nun la dir's wohlschmecken, altes Haus.

Der Mund des Negers verzog sich von einem Ohr zum anderen. Ein Schnalzen
mit der Zunge, ein Schlagen beider Hnde auf die Kniee bewies nur allzu
deutlich, da er das Feuerwasser der Weien nicht erst in dieser Stunde
kennen lernte. Die Flasche nehmen und sie an die Lippen setzen war eins.

Und nun schien der Bann gebrochen. Die Neger, offenbar auf der untersten
menschlichen Bildungsstufe stehend, duldeten es, da sich das Boot der
Weien seitlngs legte, und da der Matrose, welcher ihre Sprache
verstand, einige Fragen stellte, besonders weshalb denn einer unter
ihnen neben dem Fahrzeug her schwimmen msse.

Die Wilden kamen, nachdem sie etwas zutraulicher geworden, hinber in
das andere Fahrzeug, sie betasteten jeden Gegenstand mit alleiniger
Ausnahme der Gewehre, denen sie einen heillosen Respekt entgegen zu
bringen schienen, sie lieen sich mit Entzcken Knpfe, Mnzen und
sonstige Kleinigkeiten schenken, flchteten aber vor einer Spieluhr,
welche Franz heimlich aufzog und ihnen zeigte, bis in den fernsten
Winkel ihres eigenen Bootes hinber. Erst als sich in ziemlicher Nhe
ein lautes, langgezogenes Brllen hren lie, griffen sie schleunigst zu
ihren Harpunen; der Schwimmende sprang schnellstens in das Wasser zurck
und binnen wenigen Minuten wre die ganze Gesellschaft verschwunden
gewesen, wenn sich nicht unterdessen der Matrose mit dem Huptling
derselben verstndigt htte.

So ist die Geschichte! rief er. Na, dann spanne sich nur einer von
euch schwarzen Teufeln vor unser Boot; wir nehmen's gar nicht bel,
bedanken uns vielmehr ganz ergebenst, denn fr uns wre es durchaus kein
Vergngen, im Schlamm zu krabbeln, aber Flupferde schieen wollten wir
doch gern. Allons! Ihr seid waschecht, euch schadet das bichen Schmutz
nichts!

Whrend dieser Rede hatte er durch einzelne Worte und durch Bewegungen
die Neger dahin verstndigt, da sie auch die Fhrung des zweiten Bootes
bernahmen. Seinen Reisegenossen dagegen setzte er auseinander, was ihm
der Huptling mitgeteilt. Die Schwarzen waren Flupferdjger und ihr
Verfahren, um diese Tiere aufzutreiben, ein hchst eigentmliches. Der
Schwimmer an der Leine reizt den im Uferschilf verborgenen oder gar auf
dem Grunde liegenden Kolo zum Zorne, so da er an die Oberflche kommt
und harpuniert werden kann. Die Jger im Boote mssen dann aber mit
vereinten Krften den gefhrlichen Widerstand des Tieres zu bewltigen
suchen, so da diese Jagd immer eine uerst aufregende ist, namentlich
da die hlzernen Waffen zwischen den Zhnen des Ungeheuers wie
Strohhalme zerbrechen.

Ein zweiter Schwimmer spannte sich vor das Boot der Weien, auch das
Ruder ging in schwarze Hnde ber und schneller als vorher glitten,
nachdem die gefrchtete Spieluhr unsichtbar geworden war, beide
Fahrzeuge durch das Wasser dahin. Jenes drhnende Gebrll, das schon
einmal die Aufmerksamkeit der Neger erregt hatte, tnte jetzt nahe und
nher. Der Fluarm erweiterte sich, ganze Strecken von Schilf, bis zu
halber Hhe berflutet, dehnten sich nach rechts und links, und inmitten
desselben lagerten an mehreren Stellen die Weibchen der Flupferde mit
ihren Jungen. Von Rhricht und Wasser verdeckt blinzelten sie mit den
dummen Schweinsaugen schlfrig herber, ohne indessen, da die Boote
nicht in ihre unmittelbare Nhe kamen, sich aus der bequemen Stellung,
die sie inne hatten, zu rhren. Keiner der beiden Schwimmer nahm von
ihnen die mindeste Notiz.

Jetzt aber tauchte pltzlich der eine, worauf unter dem Wasser ein
Rauschen und Toben entstand. Die Halme bogen sich, die Wellen gingen
hher und hher, das Boot wurde durch einen heftigen Ruck vorwrts
gezogen, der Schwarze erschien mit dem Wollkopf ber der Oberflche, um
zu atmen und tauchte dann nochmals, -- alles whrend kurzer zwei
Minuten.

In dem anderen Boote hielten smtliche Neger die Wurfwaffen handgerecht;
sie schienen zu wissen, da jetzt der Augenblick der Jagd herangekommen
war. Gespannten Blickes verfolgten sie das Toben und Schlagen unter dem
Wasser.

Und dann erschien pltzlich unter der trbegewordenen Flut ein plumper
Kopf, fast viereckig, mit kleinen Augen und drohenden Stozhnen. Einige
ruckartige Bewegungen frderten den ganzen Kolo zu Tage und auf die
ziemlich flache Uferwand. Prustend und schnaubend, das Wasser aus den
beiden Spritzlchern hoch empor schleudernd, so stand der Hippopotamus,
der einzige seiner Art, im Schilf und brllte wie ein wtender Stier,
obgleich seine ganze Erscheinung weit mehr derjenigen des gemsteten
Schweines glich. Reichlich vier Meter lang und ber zwei Meter hoch,
hatte er eine brunliche, haarlose, purpurn durchschimmerte Haut, einen
Hngebauch, der beinahe den Boden berhrte und plumpe, schwarze,
viereckige Fe, kurz er war alles in allem von so unbeschreiblicher
Hlichkeit, da nicht einmal der Zorn, welcher ihn im Augenblick
beherrschte, dieselbe vergeistigen und wenigstens _furchtbar_ machen
konnte.

Lat uns nicht schieen! rief Holm. Ich mchte sehen, wie die Neger
diese Jagd zu Ende fhren.

Im selben Augenblick schwirrten auch schon die Harpunen durch die Luft,
und wenigstens ihrer sechs zitterten an den langen Leinen, welche sie
hielten, im Fleische des Ungeheuers. Jetzt mochte dieses die Gefahr
begreifen; es wollte, dem ersten Antrieb gehorchend, flchten und trat
rckwrts, aber schon waren smtliche Neger Hals ber Kopf aus dem Boot
an das Ufer gesprungen und zogen mit vereinten Krften das Tier zu sich
heran. Die mchtigen Kinnladen schlugen voll Wut gegen einander, der
Krper, bluttriefend und von Wunden zerrissen, bog sich mit der grten
Anstrengung nach hinten, die plumpen Fe glitten aus und die ganze
schwere Masse strzte vor Schmerz brllend in drhnendem Fall auf den
Erdboden.

Noch whrend ihm die Eisenwaffen der Neger den Garaus machten, schlug
der Hippopotamus mit den Fen um sich und zerbi, was er erreichen
konnte; jetzt aber war sein Schicksal besiegelt, schon nach wenigen
Augenblicken hatte er aufgehrt zu leben. Unter dem Jubelgeschrei der
Schwarzen wurde er sofort in Stcke zerlegt, auch die Weien verfolgten
das anregende, ungewohnte Schauspiel mit dem lebhaftesten Interesse, und
eben wollten sich die Knaben an Land begeben, als pltzlich der
Schwimmer einen lauten Ruf ausstie. Dicht vor dem Boote erschien ein
behaarter Kopf, dem alsbald der ganze Krper folgte. Ein dumpfes,
anhaltendes Gebrll, die dunklere Farbe und die erstaunliche Gre
zeigten das _alte, zornige Mnnchen_; die gelbgefrbten, spitzen Hauer
ragten bedrohlich aus dem weitgeffneten Maul hervor, und die ganze
Haltung bewies, obwohl sich das Tier scheinbar ruhig verhielt, da es
dennoch zum uersten entschlossen sei.

Die Neger lieen bei diesem Anblick pltzlich ihre blutige Arbeit fallen
und warfen sich mit den Gesichtern in den Sand. Einer unter ihnen ging
mit vorgehaltenen Hnden, ohne Waffen, zitternd an allen Gliedern, der
Stelle zu, wo mitten im Schilf das kolossale Tier, der Behemot unserer
christlichen berlieferung, brllend mit gesenktem Kopfe dastand. Nur
der Matrose, welcher vorhin die Schwarzen angeredet, verstand was er
sagte. Du bist der Uralte dieser Gewsser, du bist der Mhnentrger,
der furchtbare, den Abosam gesandt, du bist es, der schon die jungen
Leute mit seinen Hufen zertreten hat, als unsere Grovter an deinen
Weidepltzen wohnten, und der noch das dritte und zehnte Geschlecht nach
uns zertreten wird, bis der Geist, welcher in den Wolken wohnt, die Erde
nehmen und sie zerschmettern mag wie einen Ball. Wir verfolgen dich
nicht, Furchtbarer, wir haben dich nicht gerufen, -- geh zurck in dein
Reich.

Die Worte wurden in singendem, beschwrendem Tone gesprochen, und
nachdem sie der Neger beendet, fing er an zu tanzen. Es war aber ein
sonderbarer, fast schauerlicher Tanz, dem der Ausdruck des Entsetzens in
den schwarzen Zgen eigentmlich widersprach. Sich langsam von einer
Seite zur anderen drehend, behielt er fortwhrend den Feind im Auge, hob
pltzlich, den Oberkrper zurckbiegend, beide Arme ber den Kopf und
schlug dann mit den Hnden von oben nach unten durch die leere Luft. Der
Hippopotamus blieb in seiner zuwartenden Stellung, von Zeit zu Zeit
brllte er eine kurze, herausfordernde Antwort oder spritzte hohe
Wasserstrahlen durch die Nasenlcher hervor, dann sah er sich wieder im
Kreise um und peitschte ungeduldig die Wellen. Es schien, als sei er auf
einen Angriff gerstet.

Der Matrose hatte unterdessen die Worte des Negers ins Deutsche
bersetzt. Was meinen Sie, Herr Doktor, fragte er blinzelnd, wollen
wir dem Uralten eins auf seinen borstigen Kopf brennen, da er es
vergit, mit den groen Elefantenfen die schwarzen Kerle zu zertreten?
Mir deucht, das wre ein kapitaler Spa.

Sie sehen ihn fr eine Art von bsem Geist an! rief Franz. Lat uns
die Bestie niederschieen, damit die armen, unwissenden Menschen ihren
Irrtum erkennen.

Wo ist der Schwimmer geblieben? fragte Holm. Wahrhaftig, auch der hat
sich beizeiten aus dem Staube gemacht.

Feuer! kommandierte Doktor Bolten. Wenn die mileiteten Heiden das
Blut flieen sehen, so werden sie sich ja nicht lnger vor ihrem Behemot
frchten.

Mehrere Schsse krachten zugleich, ein Schreckensschrei der Neger
begleitete den Schall, und ber das ganze Boot hin spritzten schlammige
Wellen. Das Flupferd raste frmlich. Die schwarzen Borsten an der Nase
und den Ohren standen kerzengerade empor, der ungeheure Kopf ri ganze
Bschel von Schilf und Ranken aus den Uferwandungen, das Gebrll glich
dem fernen Rollen des Donners. Es blutete aus mehreren Wunden, ohne
tdlich getroffen zu sein.

[Illustration: Der Uralte der Gewsser.

Es war aber ein sonderbarer, fast schauerlicher Tanz, dem der Ausdruck
des Entsetzens in den schwarzen Zgen eigentmlich widersprach!]

Der Neger, welcher vorhin getanzt hatte, lag jetzt neben den brigen im
Sande, aber nicht ohne fortwhrend seine Beschwrungsformeln zu murmeln
und die Hnde ber den Kopf zu erheben. Das Wort Abosam (Teufel)
wiederholte sich hufig, der Ton aller dieser Worte verriet die innerste
Herzensangst.

Das Tier ist nur leicht verwundet! rief Holm. Wir mssen auf die
Augen zielen. Feuer.

Eine zweite Ladung von Kugeln traf den Dickhuter, zugleich aber trieben
die Wellen, durch das Stampfen und Toben des wtenden Flupferdes in
Bewegung gebracht, den Kahn bis in die tiefere Mitte des Wassers. Der
getroffene Kolo, halb und halb schon taumelnd im letzten Kampfe,
brllend vor Schmerz und Wut, nherte sich mit ungestmer Bewegung dem
Boote und packte von oben und unten den Rand desselben. Die gewaltigen
Hauer schlugen tief in das Holz hinein, die breite Brust hob wie einen
Strohhalm das Fahrzeug empor und warf es samt allen seinen Insassen mit
solcher Macht in das Wasser, da dieses hoch aufspritzte und im
zischenden Strudel das Boot weit hinausschleuderte. Kieloberst
schaukelte es im Schilf, -- von den Weien war keine Spur mehr zu sehen.

Das Flupferd taumelte, machte Schritte nach rechts und links,
schttelte den Kopf wie in unertrglichem Leiden und fiel schwer zurck
in das Schilf. Nur halb vom Wasser verborgen, lag es tot und regungslos
da. Die Neger verbargen noch immer ihre Gesichter.

Mitten im Wasser arbeitete und kmpfte es, ein Kopf kam zum Vorschein,
-- Franz sah aus den Fluten hervor. Helft doch! rief er mit lauter
Stimme, um des Himmels willen, so helft doch! Wollt ihr denn um eurer
unsinnigen Furcht willen andere Menschen ertrinken lassen?

Hierher, Franz! rief hinter dem Knaben der junge Gelehrte. Fa an.

Er hatte sich halben Leibes aus dem Wasser herausgearbeitet und hielt in
seinen Armen den jngeren Knaben. Ach, das ist gut, Hans kommt schon
wieder zu sich! -- Jetzt rasch, damit wir unseren alten Freund noch
rechtzeitig finden.

Er hob den taumelnden Knaben an das Ufer, und nun begann auf dem Grunde
des Flusses die eifrigste Nachforschung, der sich auch binnen wenigen
Augenblicken smtliche Matrosen anschlossen. Es war allen gelungen, die
Oberflche zu erreichen, nur Doktor Bolten allein mute, vielleicht vom
Schilf zurckgehalten oder von einer Ohnmacht ergriffen, dem Anschein
nach als verloren gelten. Selbst sein Krper konnte nicht entdeckt
werden.

Die Neger hockten im Kreise um den gefallenen Uralten ihrer Flsse.
Sie sprachen mit ihm, sie betasteten vorsichtig seinen groen Kopf und
schlugen mit Binsen auf die dunkel gefrbte, haarlose Haut, ohne sich im
mindesten um das Geschick der Fremdlinge zu bekmmern. Als sie sich
berzeugt hatten, da das Leben des Gefrchteten entflohen sei, faten
sie sich wie Kinder an die Hnde und begannen einen Freudentanz, wobei
sie sich abwechselnd auf den Rcken warfen und in rasender Eile
herumwirbelten. Sowohl ihre Jagdbeute als auch die Feuerwaffen der
Weien waren vergessen, -- nur da der Abkmmling Abosams tot vor ihnen
dalag, schienen sie zu begreifen.

Die Stimme des Matrosen rttelte sie auf. Wollt ihr gleich Hand ans
Werk legen, ihr schwarzen Teufel! rief er. Wir vermissen noch einen
Mann, helft uns ihn wiederfinden.

Die Neger drngten sich schnatternd zusammen, und nach kurzer Beratung
trat der, welcher ihr Anfhrer zu sein schien, vor. Ob die Weien den
Krper des getteten Tieres herausgeben und darauf keinen Anspruch
machen wollten? fragte er zgernd.

Alle fnfhundert Peitschen, die ihr aus dem Fell schneiden knnt,
sollen euch auf dem schwarzen Rcken tanzen, wenn ihr nicht zugreift!

Diese krftige Ermunterung gengte, um alle Unverschmtheit in Respekt
zu verwandeln. Die ebenholzfarbigen Mnner tauchten unter das Wasser wie
Enten, oder schwammen dem Boote nach, holten vom Grunde die Ruder und
Gewehre herauf und suchten emsig den Krper des offenbar Ertrunkenen.
Ehe mehrere Minuten vergingen, brachten sie den ganz von Schilf und
Wasserpflanzen umstrickten Krper an die Oberflche. Doktor Bolten hatte
allem Anschein nach aufgehrt zu leben.

Die Schreckensrufe der Knaben unterbrachen das lastende Stillschweigen;
einer nach dem andern versammelten sich alle, Matrosen, Neger und die
Reisegefhrten selbst, um den unglcklichen, seinen Freunden so teuren
Mann, auch Hans schlich herzu, obgleich er sich selbst kaum auf den
Fen halten konnte. Niemand dachte an die Gefahr der Lage, an die
durchnten Schiewaffen und verlorenen Lebensmittel, sondern aller
Augen verfolgten gespannt und ngstlich die Bemhungen Holms, der nun
den Ertrunkenen nach rztlicher Weise zu behandeln begann. Zuerst legte
er unter Beistand der Matrosen den Krper auf Bauch und Gesicht, um das
eingedrungene Wasser herausflieen zu lassen, und dann brachte er seinen
Mund an den des anderen, fortwhrend aus allen Krften in die unthtigen
mit Blut berfllten Lungen Luft hineinblasend, whrend zugleich Franz
die inneren Handflchen rieb, und ein paar Neger die entblten Fe mit
Nesseln peitschten. Aber trotz aller dieser vereinten Bemhungen dauerte
es lange Zeit, bevor der Verunglckte die ersten Lebenszeichen gab; man
verbrachte eine angstvolle halbe Stunde und fing schon an, die Sache als
hoffnungslos fallen zu lassen, da endlich kehrten Wrme und Atem zurck,
die Lippen bewegten sich, und ein Schauer durchlief den ganzen Krper.
Es galt jetzt nur noch, die gesunkenen Krfte des alten Mannes durch
einige strkende Nahrungsmittel wieder zu beleben und ihn, ehe das
Bewutsein erwachte, wenigstens in trockene Gewnder zu hllen.

Da das Negerdorf etwas weiterhin unmittelbar am Fluufer lag, so wurde
langsam der Weg dorthin fortgesetzt. Einige Schwarze blieben bei den
erlegten Tieren zurck, die anderen ruderten, und nach wenigen Minuten
war die kleine Niederlassung erreicht. Mitten im Walde belegen, nur aus
einer geringen Anzahl von Htten bestehend, zeigte sie sich als das Bild
trostlosester Armut. Zwischen Pftzen und Lachen, in denen sich Schweine
mit verschiedenem Geflgel eintrchtig tummelten, sah man die spitzen
Rohrdcher der Wohnungen oft an mehreren schwankenden Pfhlen befestigt,
ohne da zwischen diesen letzteren irgend eine Wand zu entdecken gewesen
wre. Wie alle Negerhuser etwas ber dem Erdboden belegen, also
Pfahlbauten, hatten sie einen drftigen Bambusfuboden und ein paar
Matten zur Lagerstatt, weiter nichts; nur die allerwenigsten zeigten
feste Wnde.

Frauen und Kinder liefen den Ankmmlingen entgegen, hundert Stimmen
sprachen zugleich; das gutmtige Vlkchen brachte den schrecklichen
Kaffee der Kolanu sowie den Branntwein, welcher vielfach in tropischen
Lndern aus den Wurzeln einer Pfefferart gewonnen wird, kurz die
schiffbrchigen Fremdlinge wurden auerordentlich gastfrei aufgenommen,
und als endlich der langsam Erwachende in Matten gehllt sicher gebettet
lag, als Holm erklrte, da nun alle Gefahr vorber sei, da kehrte bei
den Knaben das Vergngen des Abenteuers, das Verlangen, sich die
Negerhtten nher zu besehen, mit Macht wieder in die Herzen zurck. Sie
muten ja ohnehin die nassen Kleider am Krper trocken laufen und
sprten auch infolge des kalten Bades einen Hunger, der ihnen nur durch
die Gastfreundschaft der Schwarzen gestillt werden konnte. Gib acht,
flsterte Franz, man setzt uns Affenbraten vor, -- ich habe das bei den
Gallinas erlebt.

So wohl sollte es indessen den jungen Naturforschern nicht werden. Als
die ganze ausgehungerte Schar so pltzlich ber das arme kleine Dorf
herfiel und vor allen Dingen essen wollte, da erschien auf den groen,
grnen Blttern, welche Teller und Tafeltuch zugleich vertreten muten,
ein Gericht, das smtliche Deutsche dem Aussehen nach fr geschnittenen
weien Kohl hielten, und das in einer Art von Pfanne auf offenem Feuer
vor den Htten geschmort worden war. Franz roch daran, Essig gibt's
hier nicht, -- schade!

Der Matrose hob ein paar Fserchen von seinem Blatt empor. Das sieht
mir aus wie Mckenbeine! sagte er bedenklich. Hm, hm, auf dem Halm
oder sonst aus irgend einer Wurzel heraus ist die Geschichte nicht
gewachsen.

Hans schauderte. Sie meinen doch nicht, da es Tiere sind, Maat?

Sehen Sie einmal dahin, junger Herr! Rechts auf Ihrem Teller lebt das
Gericht noch und will eben jetzt mit geknickten Beinen Reiaus nehmen,
-- Heuschrecken, sage ich Ihnen, leibhaftige Heuschrecken.

Und so war es wirklich. Zu Tausenden auf dem Felde eingefangen, wurden
diese Tiere von den Wilden zwischen zwei flachen Steinen zermalmt und
mit etwas Fett und Gewrz einige Augenblicke lang der Hitze ausgesetzt.
Da dabei das eine oder andere arme Geschpf nur halb gettet worden und
noch lebend und zappelnd in die Glutpfanne gelangt war, -- nun das lie
sich nicht ndern. Es schmeckte auch roh gut, wenigstens verspeisten die
reichlich umherspielenden Kinder mit Behagen jedes Insekt, das ihnen
ber den Weg lief.

Den Deutschen war der Appetit grndlich vergangen. Etwas anderes als das
graugrne, unangenehme Gemisch vor ihnen gab es in dem Negerdorf nicht,
was blieb daher brig, als zur Unglckssttte zurckzufahren und ein
tchtiges Stck Fleisch des erlegten Dickhuters herbeizuholen? Gedacht,
gethan! Zwei Matrosen mit den Knaben ruderten wieder stromauf, whrend
die beiden anderen bei den durchnten Gewehren Wache hielten und
dieselben so gut als es ging von dem eingedrungenen Wasser reinigten.
Als die Abgesandten mit einem tchtigen Braten beladen wieder anlangten,
wurde ein starkes Feuer entzndet, Pfefferkrner und Salz mit einigen
frischen Lorbeerblttern, einer Zwiebel und einer Menge grner Bohnen,
die reichlich rings umher wuchsen, zum Feuer gesetzt und das
abgewaschene Fleisch hinzugethan. Ein Matrose spielte den Koch und gab
ganz ernsthaft den brigen seine Befehle. Sie, junger Herr, pflcken
Sie geflligst ein paar reife Melonen, die ich dort in groer Menge
wachsen sehe, und Sie, besorgen Sie fr die Gesellschaft einige Teller!
Flache Steine wren mir aber bei meiner armen Seele lieber als Bltter,
denn ob das Fleisch sehr mrbe werden wird, steht einstweilen noch
dahin, -- wir mssen es vielleicht nachdrcklich mit dem Messer
bearbeiten. So, jetzt wre die Hauptsache gethan. Im Fall es ein
Schweinebraten sein sollte, mssen wir uns Zwiebel und Lorbeer, im Fall
es ein Pferdebraten ist, die Bohnen hinwegdenken. Ein weiser Haushalter
bereitet sich vor auf alle etwa eintretenden Verhltnisse, und wer noch
keinen Hippopotamus verspeisen half, der kann nicht wissen, wie er
schmeckt. Ich habe gesprochen!

Die brigen lachten. Wie der hellugige, spitzbbisch lchelnde Sohn
Hammonias mit untergeschlagenen Beinen, den Eisenlffel in der Hand,
vorm Feuer sa und Befehle gab, die alle sofort befolgt wurden, da
schwand aus den Herzen der letzte Schatten des Unbehagens, Franz
pflckte Beeren und Frchte verschiedenster Art, Hans sammelte Nsse fr
den Nachtisch, ein Matrose zerrieb zwischen zwei Steinen die reifen
Maiskrner, um Mehl fr einige Kle zu gewinnen, und der letzte suchte
die ntigen Teller zusammen, welche dann im Flusse erst einer
grndlichen Reinigung unterzogen wurden.

Als Franz zur Feuerstelle zurckkehrte, hob der Matrose den Deckel vom
Topf. Nun, junger Herr, wonach riecht's?

Franz beugte sich ber die wallenden Dampfwolken. Nach etwas
auerordentlich Gutem, Maat! Ich glaube, es wird ein Schweinebraten!

Er nahm mit dem Taschenmesser eine Bohne aus dem brodelnden Gemisch
heraus und a sie mit Behagen. Noch nicht gar, erklrte er, aber sehr
schn schmeckend. Ob wohl diese schwarzen Menschen gar keine Gemse
essen?

Das wollen wir gleich sehen. Und der Koch nahm aus dem Gef einen
Lffel voll Bohnen, den er zierlich gegen eine der anwesenden Frauen
vorstreckte. Diese ehrenwerte Madame oder das gndige Frulein -- man
wei hier nicht so recht, wie es mit den Titeln steht -- hat schon seit
einer Stunde heimlich die Heuschreckenpastete benascht, sagte er,
immer wenn ich zur Seite sehe, schwebt so ein unglcklicher Grashpfer
zwischen den schwarzen Fingern und den greulichen, spitzgefeilten
Zhnen, die edle Dame mu also einen gewaltigen Hunger im Kamisol haben.
^Don't^ schenir ^you^!

Mit dieser letzteren, aus englisch und deutsch in freier Bearbeitung
zusammengesetzten Ermunterung bot er der Negerin den Inhalt des Lffels,
aber eine hastige, abwehrende Antwort, nur dem Tone nach verstndlich,
schallte ihm entgegen. Die Schwarze wandte sich schaudernd ab.

Der Matrose zuckte die Achseln. Kann dir nicht helfen, meine Schne,
sagte er, es kommt im Leben allemal auf den Geschmack an. Was thut ihr
denn aber mit den Bohnen, he?

Die Frau mochte den Sinn dieser Frage verstehen. Sie nahm aus einer Ecke
der Htte anstatt aller Antwort eine Handvoll trockner Bohnen und warf
sie den Hhnern vor.

Dazu? nickte der Matrose. Wrde brigens den guten Eierspenderinnen
lieber die Heuschrecken berlassen und die Bohnen selbst behalten. Aber
-- ^chacun  son knguruh^, wie, glaube ich, die Franzosen sagen. --
Junger Herr, wollen Sie jetzt zu Tische rufen?

Laut lachend sprang Franz davon und wandte sich der anderen Seite des
Dorfes zu, wo mittlerweile sein alter Erzieher in mehrstndigem Schlaf
die Folgen des unvermuteten Bades berstanden hatte. Der wrdige
Gelehrte steckte bis ber die Schultern in einem Haufen von angenehm
duftenden, trocknen Farnkrutern, auf dem auch sein Haupt einen
behaglichen Ruhepunkt gefunden. Seine Kleider schaukelten an den
nchsten Baumstmmen.

Die ohnehin durch das Franzsisch des Matrosen erregte Heiterkeit
schwoll bei diesem Anblick in der Seele des Knaben bis zum lauten,
jubelnden Ausbruch. Er warf sich lachend neben dem seltsamen
Bltterlager auf die Kniee und kte seinen vterlichen Freund der so
nahe, so nahe an den Pforten des Todes dennoch dem Leben glcklich
erhalten worden war. Wir wollten bei Ihnen bleiben, Herr Doktor, sagte
er herzlich, aber Karl schickte uns fort, Hans und mich.

Daran that er sehr recht, antwortete lchelnd der alte Herr. Es war
fr euch besser, das kaltgewordene Zeug laufend und springend zu
trocknen, als hier zu sitzen und mich schlafen zu sehen. Das Flupferd
htte mir brigens um ein Haar den Garaus gemacht, ich strzte kopfber
in ein undurchdringliches Gewirre von Pflanzenfasern, wollte mich
herausarbeiten und geriet immer tiefer hinein, bis ich das Bewutsein
verlor. Die Neger mssen gerade diese gefahrbringende Stelle gekannt
haben, sonst wrde ich nimmer gefunden worden sein.

Sie sind alle wieder zu den erlegten Tieren zurckgekehrt, berichtete
Franz. Es scheint, als ob sie den Uralten ihrer Flsse jetzt auch nicht
eher aus den Augen lassen wollen, bis er in hundert Stcke zerlegt und
seine Wiederkehr unmglich geworden ist.

Jetzt lat uns nur eilen, um erst einmal tchtig zu essen, riet Holm.
Nachher zeige ich euch am Ufer ein Schauspiel, das allerdings nicht
groartig, aber hchst komisch ist. Hier, Herr Doktor, Ihre Garderobe,
-- es scheint alles ziemlich trocken.

Franz half seinem Erzieher, der sich doch immer noch etwas matt fhlte,
und dann wanderten die drei bis zu der Stelle, wo eben die letzten,
kugelrunden, von den derben Fusten des Matrosen gedrehten Kle gar
geworden waren, und wo das fertige Gericht im Topfe dampfte. Freilich
beanspruchte das Fleisch recht gesunde Zhne, hatten die Kle eine
gewisse unleugbare hnlichkeit mit Bleikugeln, und waren die grnen
Bohnen zu Brei zerkocht, aber dennoch aen alle mit dem besten Appetit
und bedauerten nur, den Wilden keinerlei Geschenke machen zu knnen. Als
die Negerboote, beladen mit Jagdbeute, zurckkehrten, und jetzt das
ganze Dorf erfuhr, welche Heldenthat die Fremdlinge verbt, da war der
Bewunderung und des Jubels gar kein Ende. Ein Schwarzer mit einem
seltsam geformten, aus Bambus angefertigten Instrument begleitete
spielend und tanzend die Gste, wohin sie gingen, und Frauen und Kinder
warfen sich mit den Gesichtern in den Sand.

Durch den Matrosen, welcher ihre Sprache verstand, wurde ihnen ein
reiches Geschenk zugesichert, und dann machten die Deutschen am Fluufer
in der unmittelbaren Nhe der Niederlassung noch einen kleinen
Spaziergang. Weit hinein in den Wald durften sie sich ja ohne alle
Waffen nicht wagen.

Kommt hierher, erinnerte Holm, ich wollte euch etwas zeigen. -- Er
fhrte die brigen zu einer Stelle, an welcher der Flu ein breites,
sandiges, ganz flaches Ufer besa. Dort hatten sich Tausende von
Krabben, -- die kleinen Soldatenkrabben -- eine neben der anderen
aufgepflanzt und brachten den Sand mit ihren Scheren zum Munde. Es sah
aus, als verzehrten sie die wenig einladende Speise, in der That aber
sogen sie die darin enthaltenen tierischen Stoffe nur heraus, um ihn
dann wieder fallen zu lassen. Ein klingendes, leises Gerusch, aus dem
Erdboden herauftnend und wie fernes, leichtes Singen die Luft
erfllend, bezeichnete den Ort als Hauptansiedelung des
Krabbengeschlechtes, deren grere Arten in unterirdischen Hhlen wohnen
und dort ihre Konzerte auffhren.

Unsere Freunde verhielten sich lautlos, denn bei der geringsten Bewegung
tauchten die Krabben in ihre Lcher hinein und verschwanden auf diese
Weise buchstblich bis in den Erdboden, -- da bewegten sich unvermutet
die niederen Gebsche zur Seite des Strandes, und ein schwarzer Rssel
streckte sich vor. Kleine, verschmitzte Augen bersahen die freie
Flche, ein leichtes Grunzen wurde hrbar und eine Familie von
Warzenschweinen, Papa und Mama mit acht Sprlingen, erschien in
Geschwindigkeit auf der Szene. Das Krabbenkonzert verstummte wie durch
Zauberei, die kleinen Soldatenkrabben waren im Handumdrehen
verschwunden, und die Schweine schienen um ihre gehoffte Beute betrogen
zu sein. Dem war aber nicht so! Die Schlauheit des kleinen Gegners
vollkommen wrdigend, begannen die Ruber mit ihren plumpen Rsseln den
Sand aufzuwhlen und unbarmherzig die kleinen wehrlosen Geschpfe zu
verschlingen. Ihre hlichen Kpfe hatten groe, hngende, mit Warzen
bedeckte Hautlappen, die erwachsenen Tiere, waren in der Gre etwa
unserm Wildschweine gleich, von wildem Aussehen, mit einem
gefahrdrohenden Gebi, so da es nicht geraten gewesen wre, sich ihnen
ohne Waffen zu nhern, namentlich da mehr und immer mehr Familien aus
dem Walde hervorkamen, um hier ihre Abendmahlzeit zu halten. Einige
Arten gruben auch Wurzeln aus der Erde oder fraen Kruter, die meisten
aber durchwhlten den Sand nach Krabben.

So lebt berall auf Erden immer eine Art von dem Untergang der
anderen, sagte Holm, die Natur aber sorgt fr das trotzdem bestehende
Gleichgewicht durch den Umstand, da sich die Raubtiere in ihrer Anzahl
zu den geraubten oder Pflanzenfressern wie eins zu sechs verhalten, und
da niedere Geschpfe, z. B. Insekten, Kerbtiere, Muscheln und kleinere
Fische in jedem Jahre nach Millionen neu entstehen, um einigen wenigen
Verfolgern zur Nahrung zu dienen. Je wertloser das Einzelwesen, in desto
grerer Menge ist es vertreten.

Wollen wir nicht jetzt, da doch leider keine Jagd mehr mglich ist,
noch ein paar Vogelnester suchen? fragte Franz. Eine Eiersammlung
mchte ich gar zu gern von dieser Reise mit nach Hause bringen.

Auch Nester habe ich entdeckt! antwortete Holm. Es wohnen hier herum
ganze Scharen von Nashornvgeln, in jedem hohlen Baum wenigstens ein
Prchen.

Man wanderte wieder bis unter die uralten Stmme zurck, und bald sah
auch schon aus einem ganz kleinen, kaum handgroen Loche der schne,
stolze Kopf eines Pfefferfressers hervor, whrend ein anderes groes und
schngezeichnetes Exemplar derselben Art dicht daneben sa, gleichsam
Wache haltend und die Ankmmlinge mit seitwrts geneigtem Kopfe
musternd, offenbar das Mnnchen der gefiederten Hausfrau, welche
treulich im Nest ihre Eier behtete.

Aber, rief Hans, wie ist nur der stattliche Vogel dort
hineingekommen? Jetzt kann ja kaum mehr der Kopf hindurch!

Das mchte ich auch wissen, mein Herr Naturforscher! fgte Doktor
Bolten hinzu.

So will ich das Rtsel einfach genug erklren! lchelte Holm, indes
Franz bereits den Baumstamm zu erklettern begann. Wenn das Nest im
Innern der geschtzten Hhlung erbaut ist, und alles fr den Empfang der
Jungen vorbereitet, dann vermauert der Herr Papa hchsteigenschnbelig
und sonder Rcksicht den Zugang, so da Mama nicht mehr heraus kann,
sondern wohl oder bel brten mu, bis die Jungen im Nest zirpen.
Freilich soll er bei dieser Gelegenheit auch beweisen, da ein guter
Hausvater es versteht, die Seinen zu ernhren, und ist daher von frh
bis spt thtig, um Pfefferkrner aufzusuchen, so da verschiedene
Naturforscher behaupten, er werde unter dieser doppelten Anstrengung
mager wie ein Skelett und sitze zuweilen vor Mattigkeit schwankend auf
den Zweigen. Erst wenn das Brtegeschft vollendet ist, wird die
Gefangene wieder in Freiheit gesetzt.

Ein schner, stolzer Vogel! meinte der Doktor. Schade, da wir ihn
nicht schieen knnen. Dieser scheint noch keineswegs ermattet.

Ich will ihn fangen, erklrte Franz. Auf ein paar Schnabelhiebe kommt
mir's weiter nicht an.

Er hatte auch wirklich den Baumstamm bis zum Nest sehr bald erklettert,
da aber erhob sich der Vogel und flog fort; es blieb also nur das
eingesperrte Weibchen mit den Eiern. Soll ich das Nest erobern? fragte
lachend der junge Wagehals.

Greife hinein und sieh nach, ob Eier oder Junge darin sind, antwortete
Holm. Ist ersteres der Fall, so gib mir ein Ei herunter.

Franz begann, auf einem starken Aste stehend, das Gemuer rings um den
Zugang her zu zerbrckeln, aber nicht weiter als notwendig war, um die
Hand hindurchzubringen, dann verband er dieselbe mit seinem Taschentuch
und griff hinein. Au! schallte es den brigen entgegen, Au! -- Es
sind Eier! -- Au, du boshafte Krte! wahrhaftig -- da hast du eins,
Karl! -- wahrhaftig bis aufs Blut gebissen.

Er reichte ein Ei dem jungen Naturforscher, der es gegen das scheidende
Sonnenlicht hielt und zu seiner Freude noch ganz unbebrtet fand. Es
mochte erst gestern oder heute gelegt worden sein. Kannst du den Vogel
ergreifen, Franz? fragte er. Das wre viel wert!

Ich will's versuchen! rief der Knabe, aber so leicht bekomme ich ihn
nicht. Er beit wie ein Papagei, -- Au du! -- Au!

Holm lachte. Das kommt mir vor wie jenes Rtsel: Es sieht aus wie eine
Katze und miaut und schleicht wie eine Katze. Was ist es? -- Ein Kater.
So ungefhr ergeht es dir im Augenblick mit dem Verwandten der
Papageienfamilie. Erkennst du nicht an Kopf und Schnabel die Art?

Franz streckte den Arm aus und brachte das an beiden Flgeln gefangene
Tier zum Vorschein. Ja, seufzte er, ich erkenne den Schnabel!

Das klang komisch genug, um selbst ihn trotz seiner blutenden Wunden zum
Lachen zu zwingen. Unter allgemeiner Heiterkeit wanderten die Eier in
des jngeren Knaben Strohhut, und dann trat unsere kleine Gesellschaft
den Heimweg an. Holm trug an den Flgeln den gefangenen Vogel und machte
Franz auf verschiedene Pflanzen aufmerksam, die auch eingesammelt
wurden. Pltzlich machte Holm vor einem dichten Gebsch aus dornigem
Gestrpp Halt und sagte: Wir haben kein Gummi arabikum zum Kleben,
jetzt ist die schnste Gelegenheit da, es zu besorgen.

Ich sehe aber keine Apotheke, entgegnete Franz.

Wir beziehen unsern Bedarf direkt, ohne Zwischenhndler. Hier dieses
Gestruch ist der arabische Schotendorn, eine Akazienart, die das Gummi
ausschwitzt, wie bei uns die Kirschbume. Franz trat nher und fand an
den Zweigen der Strucher zahlreiche verhrtete Gummitropfen, die der
Dornen wegen freilich mhsam zu sammeln waren. Es gelang ihm aber,
Vorrat genug zu gewinnen. Mit Beute mancherlei Art erreichten sie das
Negerdorf.

Was aber bisher im Walde unbemerkt geblieben, das zeigte sich jetzt: --
der verscheuchte Nashornvogel war seinem geraubten Weibchen von Stamm zu
Stamm gefolgt. Selbst bis auf die Zweige der einzeln stehenden Bume
inmitten des rtchens wagte er sich hinan.

Der Gefangene wurde in einen alten, roh aus Binsen geflochtenen Korb
gesteckt, und dieser wohlverschlossen auf den freien Platz gelegt.
Sogleich kam das Mnnchen heran und setzte sich daneben wie frher vor
das Nest.

Wir fangen ihn ein und haben dann ein Prchen fr den zoologischen
Garten! rief Franz. An Bord kann man schon eine Falle herrichten.

Der Abschied wurde nun schnell bewerkstelligt, noch ein paar
zerquetschte Bltter auf die verwundeten Finger gelegt, und die Gewehre
wieder umgehngt, dann ging es fort, dem Dampfer zu. Die Sonne war fast
ganz verschwunden, ein schrilles Pfeifen vom Bord der Hansa rief die
Jger zurck, und so ruderte man mglichst schnell der Ausmndung des
Seitenarmes entgegen, immer gefolgt von dem beharrlich nebenher
fliegenden Pfefferfresser.

Vom Schiff aus erhielten die begleitenden Neger reichliche Geschenke, um
welche sie sich sofort rauften und schlugen, dann wurde das Boot
eingeholt und der Dampfer dem Waldrand so nahe als mglich gebracht. Auf
den letzten Zweigen sa flgelschlagend der beraubte Vogel, er beugte
den Hals weit vor und ging ngstlich auf und ab, aber das Schiff zu
berhren wagte er offenbar nicht.

Lassen Sie das Weibchen fliegen! rief der Kapitn. Diese Tiere
pflegen eins ohne das andere nicht leben zu knnen.

So mssen wir es ausstopfen, versetzte Holm. Diese Reise ist eben
eine wissenschaftliche, und am Ende drfte auch der Hornvogel nicht
besser sein als alle brigen Geschpfe, die wir eines vernnftigen
Zweckes wegen fangen und tten.

Dennoch aber ging es auch ihm durchs Herz, als jetzt der Vogel in weitem
Kreis das Schiff umflog und dabei einen wahrhaft erschtternden Schrei
ausstie, den das gefangene Weibchen erwiderte. Noch einmal -- zweimal
scho er durch den aufsteigenden Rauch dahin, dann kehrte er schweren
Flgelschlages zum Lande zurck und blieb auf dem nchsten Baume sitzen.

Schade! Schade! brach es ber aller Lippen, er folgt uns nicht.

Daran lie sich indes jetzt nichts mehr ndern, und der Dampfer
verfolgte seine Bahn, bis er die heimkehrenden Jger an Bord der
Hammonia abgesetzt hatte. Man versuchte nun, den in einen leeren
Hhnerkorb gebrachten Nashornvogel zu fttern, aber das Tier nahm
keinerlei Speise, sondern sa geduckt und ngstlich da, so da auch Holm
sein Fortleben bezweifelte. Die Eier wurden des Dotters durch
Hineinpusten beraubt und eine Sammlung dieser Art Naturalien besonders
angelegt, auch die beiden gefangenen Affen sorgfltig verpflegt und nach
dem betubten Rochen gesehen. Der war zu seinen Vtern versammelt, wie
der Koch sagte, die Affen dagegen sehr wohlbehalten und sogar schon
etwas vertraulicher als im Anfang.

In den nchstfolgenden Tagen schrieb man Briefe nach Hause, die erste
Sendung an Reiseberichten und Jagdbeute wurde dem Postdampfer bergeben,
und eines schnen Morgens lichtete das Naturforscherschiff die Anker, um
an der Kste den Weg bis nach Sierra Leone zu verfolgen. Dort sollte ein
Segelschiff von der Firma Gottfried das Palml in Empfang nehmen, und
der Dampfer selbst mit den jungen Reisenden die Inseln im Busen von
Guinea besuchen. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber sie brachte manche
schne und reiche Erinnerung, namentlich den Anblick einer Wasserhose,
die bei starkem Gewitter dicht neben dem Schiff stand und einen
unvergleichlichen Anblick gewhrte. Eine schwarze Wolke, spitz
zulaufend, senkte sich tiefer und tiefer auf das Wasser, dieses selbst
schien sich genau unter derselben immer mehr zu heben, kruselte
weischumend und griff endlich ganz urpltzlich wie mit Fangarmen
hinauf. Eine hohe, gedrehte Wassersule stand auf der Meeresflche und
begann dann unheimlich schnell zu wandern. Das gleiche Ereignis
wiederholte sich noch zweimal, dreimal in nchster Nhe, so da
gleichsam die dichte, schwarze Wolke eine Brcke bildete, deren
Riesenpfeiler wie Diamanten erglnzten. Hohe, gewlbte Bogen trennten
die einzelnen Sulen, dazwischen schumten schwarze, tosende Wellen, und
glitten in ununterbrochener Reihenfolge die blendenden Blitze ber das
Ganze hinweg. Es war wie im Feenpalast des Mrchens, wenn so ein
grngoldener, von Purpur und Violett angehauchter Schein die weien
Schaumkronen berflutete, wenn sich pltzliche Helle auf das tiefe
Schwarz legte und es dann in um so dichterer Finsternis zurcklie.

Nach einer Viertelstunde begannen die Pfeiler zu schwanken, sich schief
zu stellen und endlich den Halt zu verlieren. Ein Rauschen und
Klatschen, das den Donner bertnte, begleitete den Sturz, und das ganze
schne Schauspiel endete mit einem Platzregen.

Am dritten Tage nach der Abreise war der Nashornvogel tot. Holm nahm ein
scharfes Messer und machte an der Bauchseite des Vogels einen
Einschnitt, der jedoch nur die Haut auftrennte. Dann begann er
vorsichtig die Haut des Vogels abzuziehen, und nach einer kleinen
Viertelstunde hatte er den Balg von dem Krper getrennt. An dem Kopfende
sa der groe ungestalte Schnabel und an den Beinen waren die Fe
geblieben. Damit der Balg so unverletzt als mglich erhalten wurde, lie
Holm sich bei dieser Operation gengende Zeit, denn die mit Federn
besetzte Haut der Vgel ist ziemlich zart und zerreit bei ungeduldigem
Ziehen gar leicht.

Nun werden wir den Balg ausstopfen, meinte Franz.

Das hat Zeit, bis wir wieder in Hamburg sind, entgegnete Holm.
Gesetzt den Fall, wir wrden diesen Nashornvogel auf das schnste
ausstopfen, wer verbrgt uns, da er unversehrt ankommt? Auerdem
erfordert das Ausstopfen viele Zeit, die wir hier besser anzuwenden
haben, als da wir sie an eine Arbeit verschwenden, die in der Heimat
besser und bequemer besorgt wird als hier. Alles was wir thun knnen
ist, den Vogelbalg zu trocknen und wie die brigen Naturalien vor dem
Appetit der Herren Insekten schtzen.

Holm holte bei diesen Worten ein Gef aus der Reiseapotheke, das eine
salbenartige Masse enthielt, mit welcher er die innere Seite des
Vogelbalgs bestrich. Ist diese Salbe auch ein Gift gegen die Insekten?
fragte Hans.

Eins der strksten Gifte, das wir kennen, antwortete Holm. Diese
Masse besteht aus einer Mischung von Arsenik und grner Seife. Die Seife
verhindert mit ihren schmierigen Eigenschaften das Umherstuben des
weien, pulverigen Arseniks und verhtet, da der Prparator den
Giftstaub einatmet. Gleichzeitig ist etwas Alaun zugesetzt, der die
Eigenschaft hat, die Haut des Tieres in eine Art Leder zu verwandeln,
wodurch bewirkt wird, da die Federn festsitzen und nicht ausfallen.
Als der Vogelbalg mit der sogenannten Arsenikseife gehrig eingerieben
war, wurde er an einer Raa zum Trocknen in der Luft aufgehngt. Franz
kletterte die Strickleiter hinauf, welche zum Maste fhrte, und war in
wenigen Augenblicken auf der Raa, als wre er ein echter Schiffsjunge.
Als er die Haut des Vogels dort mit einem starken Bindfaden befestigt
hatte, rief er laut Hurra und kam wieder herunter.

Befragt, warum er einen lauten Freudenruf ausgestoen habe, antwortete
er lachend: Ich glaubte, wir htten nun Ferien, denn der Vogel ist das
letzte Stck von unserer Beute, das zu prparieren war.

Ein wirklicher Forscher kennt keine Ferien, sagte Holm. Auerdem
irrst du dich, wenn du meinst, es gebrche uns an Material zur
Beobachtung. Jetzt, da wir auf dem Schiffe gewissermaen Ruhe haben und
nicht auf dem Kriegspfade mit Menschen und Tieren wandeln, haben wir
hinreichende Mue, uns mit dem Leben der Kleinwelt zu beschftigen, die
uns das Mikroskop erschliet. Kommt lat uns in die Kajtte gehen, es
sind alle Apparate da, deren wir bedrfen.

Sie gingen in die Kajtte hinab. Hier nahm Holm aus einem wohlverwahrten
Kasten ein herrliches Mikroskop, das er derart auf den Tisch stellte,
da das Licht, welches durch das Kajttenfenster fiel, von dem Spiegel
des Mikroskopes aufgefangen werden konnte.

Er lie die Knaben durch das obere Glas, das sogenannte Okular,
hindurchsehen, und sie nahmen eine runde, hellerleuchtete Flche, das
Sehfeld des Mikroskopes wahr. Holm zeigte den Knaben nun, wie je nach
der Stellung des Spiegels das Sehfeld heller oder matter beleuchtet
erschien, und bte ihr Auge und ihre Hand dadurch, da er ihnen die
Aufgabe stellte, diejenige Stellung des Spiegels ausfindig zu machen,
bei der das Sehfeld den hellsten Anblick gewhrte. Hierauf nahm er eine
kleine, lngliche Glasplatte, auf die er mittels eines zu einer Spitze
ausgezogenen Glasrohres einen Tropfen Wasser brachte. Diese Platte
bezeichnete er als den Objekttrger, weil auf derselben die zu
untersuchenden Gegenstnde -- die Objekte -- ausgebreitet werden. Sind
Tiere in diesem Wassertropfen, die wir beobachten knnen? fragte Hans.

Nein, erwiderte Holm. Das Wasser, welches ich hier habe, ist durchaus
frei von allen Verunreinigungen. Wir werden jetzt eine winzig kleine
Menge jenes gelbgrnen Schlammes in das Wasser bringen, die ihr mich zu
verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten an den Ufern der Flsse,
der Wassertmpel und Smpfe entnehmen saht, die wir passierten. Bei
diesen Worten entfaltete er eine Anzahl von Papierpaketen, in denen sich
ein dunkelfarbiger Staub befand. Dieser Staub war der angetrocknete
Schlamm, den Holm auf seine eigene Hand gesammelt hatte. Mittels einer
Stricknadel, die an einem Ende platt geschmiedet war, so da sie einem
kleinen Spaten mit langem Stiel glich, mischte Holm von dem Staub in den
Wassertropfen und bedeckte diesen dann mit einem Glase, das so gro war
wie eine Briefmarke und nicht dicker als festes Schreibpapier. Dies Glas
nannte er das Deckglschen. Dieses sogenannte Prparat legte er auf den
Tisch des Mikroskopes und blickte durch das Okular, indem er mit der
Schraube scharf einstellte, dann lie er Franz hinein sehen.

Franz brach in einen lauten Freudenruf aus, nachdem er eine Zeitlang in
das Mikroskop geblickt hatte, und das, was er sah, war auch wohl
geeignet, ihn zu entzcken.

Das Sehfeld des Mikroskopes war mit Hunderten von ganz merkwrdigen
Gebilden wie berst. Einige derselben glichen kleinen Schiffchen,
andere Tellerchen, die auf das reizendste mit Punkten und regelmigen
Linien verziert waren. Ist das der Staub? fragte Franz.

Derselbe Staub, der dem unbewaffneten Auge harmlos erscheint,
entgegnete Holm, stellt sich unter dem Mikroskope bei starker
Vergrerung in einem Reichtum der Formen dar, wie er grer kaum
gedacht werden kann. Diese kleinen Geschpfe sind halb Tier halb
Pflanze, sie bewegen sich willkrlich schwimmend im Wasser und enthalten
doch den grnen Farbstoff, der den Pflanzen eigen ist. Sie bestehen aus
zwei zierlichen Schalen, die genau aufeinander passen, und wenn sie sich
vermehren, so teilen sie sich in zwei Hlften, von denen jede ein neues
Wesen derselben Art bildet. Aus diesem Grunde hat man sie Spaltalgen
oder auch Diatomeen genannt, nach einem griechischen Beiworte, das auf
deutsch zerteilt bedeutet. ber zweitausend Arten dieser Diatomeen
sind schon ermittelt, aber es sollte mich nicht berraschen, wenn wir
neben den bekannten Arten einige noch nicht benannte und beschriebene
fnden.

Die Proben wurden eine nach der anderen sorgfltig durchgemustert, und
nicht lange whrte es, als Holm eine der seltensten Arten entdeckte. Es
war eine runde Scheibe mit verziertem Rande, in deren Mitte sich eine
Figur erkennen lie, die einem Kirchenfenster glich. Das ist der
^Campylodiscus ecclesianus^, erklrte Holm, eine ihm sehr nahestehende
Diatomee besitzt an derselben Stelle vier Fensterchen und wird deshalb
^Campylodiscus fenestratus^ genannt, wir wollen genau nachsehen, ob wir
sie finden knnen.

Nun hie es sorgfltig beobachten, und erst nach einer halben Stunde
gelang es, ein Exemplar derselben zu bemerken. Hier ist ein
^fenestratus^, rief Hans, der gerade an der Reihe war. Holm besttigte
die Wahrnehmung und bemerkte mit dem Bleistift auf dem Papier, aus
welchem der zur Untersuchung genommene Staub sich befand, den Namen der
Diatomee. Da es bereits dunkelte und die Augen von dem angestrengten
Sehen ermdet waren, packte Holm das Mikroskop wieder ein und versprach
den Knaben, ihnen am nchsten Tage lebende Diatomeen zu zeigen.

Woher werden wir die nehmen, da wir doch auf offener See sind? fragte
Franz.

Wir fischen ein treibendes Stckchen Seegras auf, sagte Holm, und
werden an demselben herrliche Formen finden. Fast berall, wo
Feuchtigkeit ist, kommen Diatomeen vor, sowohl im sen Wasser wie im
Meere. Wenn wir einen Fisch fangen, so wollen wir seinen Mageninhalt
untersuchen; namentlich sind die Schellfische groe Liebhaber von
Diatomeen, und ihr Magen ist in dieser Beziehung ein wahres Museum fr
den Forscher.

Da wird er viele Diatomeen zu sich nehmen mssen, ehe er satt wird,
meinte Franz lachend.

Allerdings, besttigte Holm, denn diese Geschpfe sind
auerordentlich klein. So z. B. besteht der Polierschiefer bei Bilin in
Bhmen aus lauter abgestorbenen Diatomeen, deren unverwesliche Schalen
feste Kieselsure sind. Um einen Raum von einem Kubikmillimeter
einzunehmen, mssen ihrer fnfzig Millionen zusammen sein.

Dann hat ein Fisch viel zu thun, um Jagd auf sie zu machen, bemerkte
Hans lachend.

Wenn er jede einzelne Diatomee fangen sollte, wrde er sich schwerlich
bei Krften erhalten, erwiderte Holm lchelnd, aber da dieselben
meistens in dichten Kolonieen bei einander leben und auch an den
Seepflanzen haften, die von manchen Fischen gefressen werden, so hat die
Natur es ihm ermglicht, sich bequem von diesen Geschpfen nhren zu
knnen. Die ungeheure Anzahl der Einzelwesen ersetzt die Gre und
ebenso verhlt es sich mit ihrer Vermehrung. Whrend das Elefantenweib
alle drei Jahre nur ein Junges zur Welt bringt, hat eine Diatomee, wenn
keine Strungen eintreten, in vierzig Stunden schon eine
Nachkommenschaft von einer halben Million Urenkeln.

Wenn die Elefanten und Walfische ihnen dies Kunststck nachmachten,
warf Franz ein, dann wre in einem Jahr kein Platz mehr auf der Erde
fr andere Geschpfe. Die Elefanten wrden uns ins Wasser drngen und
die Walfische aufs Land. Es ist doch gut, da in der Natur nicht alle
Geschpfe mit gleichen Eigenschaften begabt sind.

Indem wir die Gesetzmigkeit in der Natur erkennen, sagte Doktor
Bolten, sehen wir, da ein weiser Schpfer ber uns und aller Kreatur
wacht. Je tiefer der Menschengeist in die Natur eindringt, um so mehr
erkennt er das Walten einer hheren Macht. Ob wir die Bahnen der
Himmelskrper, der fernen Welten im weiten Himmelsraum verfolgen, ob wir
die Diatomee im Wassertropfen in ihrer zierlichen Kleinheit bewundern,
oder ob die Majestt der tropischen Urwlder uns mit geheimen Schauern
erfllt, berall fhlen wir die Gre des Schpfers. --

Man wnschte sich gute Nacht, nachdem Holm den Knaben versprochen hatte,
sobald die Gelegenheit sich darbieten werde, ihnen neue Wunder mit dem
Mikroskop zu erschlieen.

Whrend der Schlaf die Forscher zu neuer Thtigkeit strkte, setzte das
Schiff unverndert seinen Kurs fort, der Steuermann am Rade wachte fr
sie, bald nach den Sternen, bald nach dem Kompa blickend, und so glich
das auf dem Ozean dahingleitende Schiff der Erde selbst, die ihre Bahnen
zieht, wie sie ihr ein hherer Lenker vorschreibt.




                           Drittes Kapitel.


Lagos und der Golf von Benin lagen hinter der Hammonia, die
Nigermndung war in Sicht. In dieses sumpfige, fast unbekannte Land,
dessen Fieberklima bei lngerem Aufenthalt fr den Weien tdlich ist
und selbst von den eingebornen Negern kaum vertragen wird, sollte ein
Vorsto gemacht werden. Man wute, da das Land von einer Menge kleiner
Stmme bewohnt wird, die zu den wildesten, niedrigst entwickelten der
Neger gehren. Bei einigen geht sogar noch die Menschenfresserei im
Schwange. Ein portugiesisches Handelsfahrzeug, welches Tauschverkehr mit
diesen scheuen, wenig zugnglichen Stmmen trieb, fand man an der
Sumpfkste vor Anker. Von seinen Matrosen wurden einige, welche bereits
ins Innere gekommen und der Landessprache einigermaen kundig waren, als
Fhrer angeworben und mit ihrer Hilfe einige zwanzig Kstenneger als
Trger und Leibwache gemietet.

Zunchst der Kste sa der Stamm der Bonny, oder wie sie sich selbst
nannten, der Bonnyleute. Sie befanden sich augenblicklich wieder einmal
in einem jener kleinen, niemals aufhrenden blutigen Kriege mit dem
Stamme der Benin. Wie ein Fluch hngen diese Raub- und Mordfehden ber
dem schwarzen Erdteile, ein Stamm mordet den andern, die schwarze Rasse
zerfleischt sich unter einander, teils aus Blutrache, aus Ha oder aus
Gewinnsucht, der Besitztmer oder der Sklaven wegen.

Man nahm einerseits Herden und anderseits Sklaven weg, lieferte
Schlachten und verbrannte ganze Drfer; jedoch hatte sich der Krieg weit
landeinwrts gezogen, es lie sich also annehmen, da die Gegend, welche
dem Kriegsschauplatz fern lag, im Augenblick ungefhrdet zu durchziehen
sei.

Die wohlversehene Handapotheke, Waffen jeder Art, Lebensmittel und
Decken, auch ein Dolmetscher, der die Bonnysprache redete, wurden
mitgenommen, und so ausgerstet machten sich die Weien auf die Reise
nach dem unteren Niger, um den berhmten Affenberg, wo wenigstens fnf-
bis sechstausend dieser Tiere ihren Wohnsitz haben sollten, aus der Nhe
zu sehen. Das Unternehmen hatte bedeutend grere Gefahr als die
frheren, aber es versprach auch reicheren Lohn, namentlich was die
Kenntnis von Natur und Bewohnern dieses fast unbekannten, nur selten von
einem portugiesischen Hndler betretenen Landes betraf.

Man erreichte das erste Bonnydorf. Die Eingebornen gewhrten den
Fremdlingen bereitwilligst Unterkunft, und so blieben zwei der weien
Fhrer zur Beaufsichtigung des Gepcks im Dorfe zurck, whrend die
brige Reisegesellschaft weiterzog. Obgleich die Kstengegend viel mehr
den Charakter eines unwegsamen Sumpfes als den eines festen Landes trug,
so zeigte sich das wenig erforschte Binnenland doch an Pflanzen- und
Tierformen ebenso reich, in der Wildheit seiner Bewohner ebenso
gefhrlich wie jenes frher gesehene Stck Afrika, in allen Beziehungen
aber groartiger.

Ganze Trupps von gefesselten Sklaven und Kriegsbeute der Bonnys
begegneten den Weien, sowohl Mnner als Frauen und Kinder, sogar
Suglinge, die, auf den Hften der Mtter sitzend, von dem einzigen
Bekleidungsgegenstand derselben, einem groen Wollentuch, gehalten
wurden. An einer langen Stange, die sie auf den Schultern trugen, gingen
mit zusammengeschnrten Hnden die unglcklichen, total nackten
Geschpfe zwischen den triumphierenden Gestalten ihrer Besieger, den
weigekleideten, mit langen Wurfwaffen versehenen Bonnyleuten; sie
kannten ihr Schicksal und hatten sich offenbar vollstndig in dasselbe
ergeben, wie denn berhaupt zwei Dritteile aller Bewohner Afrikas ihr
lebenlang Sklaven bleiben, ganz einerlei ob unter der menschlicheren und
zuweilen sogar guten Behandlung der Weien oder der schlechten ihrer
eigenen Landsleute. Sie kennen nichts anderes und haben sich in ihre
Lage von jeher gefunden.

Im Gebiet der ruberischen, aller Kultur entfremdeten Benins, wo noch
Menschenopfer und sogar noch Menschenfresser angetroffen werden, machte
man nach einigen Tagen mhseligen Marsches Halt. Weie Leute waren hier
nie gesehen, die Dorfbewohner drngten sich zusammen, und eine Frau
flsterte halb ngstlich, halb erwartungsvoll ihrer Nachbarin zu: Ob
man diese Tiere essen kann?

Die Fhrer bersetzten das Gehrte und erregten dadurch
begreiflicherweise die ausgelassenste Heiterkeit. Das ganze kleine,
rmliche Dorf wurde fr mehrere Stunden in Beschlag genommen und Land
und Leute aus der Nhe besehen.

Man blieb hier zur Nacht, um am folgenden Morgen den Affenberg zu
besichtigen. Hunde, Schweine, Enten und Gnse durchzogen herdenweise die
Straen zwischen den Htten, Affen kletterten auf allen Zweigen, und von
Krokodilen wimmelte die ganze Gegend. In den sumpfigen Niederungen des
Flusses lagen sie halben Leibes am Ufer, grauen, verwitterten
Baumstmmen gleich, zuweilen die ungestalteten Rachen mit den grlichen
Zahnreihen lauernd geffnet, in unzhlbarer Menge. Der Fhrer erzhlte,
da ihm im Dorfe die jhrlichen Opfer dieser Bestien auf Hunderte
angegeben worden.

Dort die graue Wand ist der Affenberg! setzte ein anderer hinzu. Wir
knnen uns aber nicht ganz in die Nhe wagen, da uns sonst ein Hagel von
Steinen auf die Kpfe fallen wrde.

Man durchzog also den Wald, dessen Stmme an Umfang alles bertrafen,
was unsere Deutschen in Heimat und Fremde jemals gesehen. Hier wuchsen
reichlich und ppig fast alle Pflanzengattungen des tropischen Klimas,
besonders verschiedene Baumarten, die eben nur an dieser Stelle zuhause
sind. Der Affenbrotbaum erschien wie ein kleines Wldchen fr sich. Die
unabsehbare Krone wurde von einem im Durchmesser bis zu zehn Metern
haltenden Stamm getragen, whrend viele ste weit ber vierundzwanzig
Meter hinausragten, bedeckt mit weien, zarten Blten und Fruchtschoten
an einem und demselben Stengel. Die Knaben lieen es sich natrlich
nicht nehmen, den breiigen Teig, in welchem der Same liegt, sogleich zu
kosten und fanden auch diese Nscherei von sehr angenehmem Geschmack.
Soviel als mglich wurde in die Botanisierkapseln gebracht, und dann
ging es weiter, bis ein unerwarteter Anblick die Schritte fesselte.

Von dem Blttergewirre der kleineren Bume, aus Ranken und Blumen waren
kreisrunde, hutfrmige Dcher geflochten, die genau wie ein groer,
aufgespannter Regenschirm zur Seite des Stammes je ein daruntersitzendes
Affenprchen bedeckten, zuweilen sogar ihrer drei, wenn das Weibchen ein
Junges auf dem Arme trug.

Diese seltsamen Wohnungen bauen sich die Affen zum Schutz gegen Sonne
und berflle aller Art, sie hausen darin aber nur so lange wie das Dach
grn und frisch bleibt, sind dagegen die Bltter verwelkt, so wird eine
neue Heimat aufgesucht. Die Eingebornen nannten das groe,
dunkelgefrbte Tier den Nschiego nebure, behaupteten aber, da es
nicht zu zhmen sei und auerhalb seines Vaterlandes in der
Gefangenschaft auch nicht leben knne. Es zu schieen, wre daher
unntige Grausamkeit gewesen, mindestens jetzt, wo an ein Mitnehmen des
getteten Krpers, der weiten Entfernung wegen, nicht gedacht werden
konnte.

Immer deutlicher traten an lichten Stellen die Umrisse des Affenberges
hervor, der Strom mit seiner blauen Breite schimmerte durch das Gezweig,
und endlich gegen Mittag war die betrchtliche, in ihrer Weise einzig
dastehende Anhhe zur Seite des Wassers erreicht. Der massige Fels,
welcher sich in gewaltigem Umfange terrassenfrmig bis in den Flu hinab
erstreckt, birgt mehrere tausend Hhlen und Zugnge, die smtlich von
Affen bewohnt werden. Die Tiere machen whrend der Nacht ihre Streifzge
in den Wald, aber die eigentliche Heimsttte ist doch der Berg, und
Tausende von ihnen bevlkern die Stufen bis zur hchsten Hhe hinauf.
Viele Affenmtter mit den kleinen Suglingen saen wie Frauen vor der
Hausthr auf einer vorspringenden Zacke, andere kauten Nsse oder
Frchte, und halberwachsene Junge spielten mit einander gleich Kindern.
Immer aber hielten sich die verschiedenen Gattungen gegenseitig
getrennt. Familienweise sah man graue und braune, gelbliche oder
schwarze, kleine und groe bis hinauf zu dem Schimpansen und dem Pavian,
welche beide Arten aber weniger zahlreich vertreten waren. Es schien
zwischen der einen und anderen Gruppe keine Freundschaft zu bestehen, ja
sogar an manchen Stellen ein offener Krieg.

Sieh nur diese beiden Paviane! rief Hans, ich glaube, da gibt es
einen Kampf.

Aller Blicke folgten der angedeuteten Richtung. Die beiden groen Affen
standen in entschieden feindseliger Haltung einander gegenber; bald
streckten sie, auf den Hinterbeinen stehend, mit drohender Gebrde die
Arme aus, bald umliefen sie sich wie wtende Hunde. Erst fielen einzelne
schallende Ohrfeigen, dann packten sie sich und rangen liegend in
festverschlungenem Knuel, wobei einer den anderen nach Mglichkeit zu
beien suchte. Ihr Geschrei, so mitnend und krchzend, erfllte die
Luft.

Ich mchte dazwischen schieen, gestand Holm. Wie es aussehen mte,
wenn einmal alle diese behenden, lebhaften Tiere zugleich in Bewegung
gerieten!

Thun Sie das nicht, Herr, warnten die Fhrer. Wir knnten angegriffen
werden.

Nun, und was htte das zu bedeuten? Vierundzwanzig mit Feuerwaffen
versehene Mnner gegen eine Horde Affen!

Die Jagdlust ri ihn gewaltsam mit sich fort, der Schu krachte und
widerhallte in zehnfachem Bergesecho. Die Wirkung war eine
unbeschreibliche. Als sei jedes einzelne Tier getroffen worden, so
strzten und fielen, liefen und kugelten die Affen durch einander.
Einige flohen in ihre Hhlen im Innern des Felsens, andere sphten
aufrecht und mit gerecktem Hals nach der Ursache des pltzlichen
Schreckes, alle aber waren aus ihren Spielen oder Streitigkeiten
aufgestrt. Nur zu bald sollte es sich zeigen, da die Mahnung des
Eingebornen eine wohlberechtigte gewesen; der Feind war entdeckt, und
eine ganze Flut von Wurfgeschossen hagelte herab. Steine, Felsstcke und
die Knochen ihrer von Raubtieren erwrgten Genossen, alles schleuderten
die Affen in wahnsinniger Wut den Angreifern entgegen, dabei aber
rckten sie selbst immer weiter vor, sammelten sich zu ganzen Haufen und
schrieen in allen mglichen Tonarten.

Wir mssen fliehen! riefen die Fhrer. Es ist die hchste Zeit!
Schnell, schnell!

Aber Holm und Franz hrten nicht. Sie schossen wieder und wieder in das
lebende Gewirre hinein, rechts und links strzten die Affen, und jetzt
waren auch schon die vordersten bei den Weien angelangt, -- im nchsten
Augenblicke htte ein Handgemenge entstehen mssen.

Die mitgenommenen Fhrer drngten unsere Freunde bis unter die
schtzenden Bume des Waldrandes, von wo es leichter wurde, den
nachsetzenden Tieren zu entgehen. Trotzdem aber htte bei der
unbersehbaren Anzahl der Gegner die Sache immerhin noch eine schlimme
Wendung nehmen knnen, wenn nicht in diesem drohenden Augenblick ein
Ton, langgezogen und gewaltig wie ferner Donner, unverhofft als
Ablenkungsmittel erklungen wre. Die Affen mochten bei dem furchtbaren
Gebrll alles brige vergessen und nur an ihre eigene Sicherheit denken,
sie lieen pltzlich von der Verfolgung der Feinde ab, kehrten um und
suchten mit eiligen Schritten, einander berstrzend, die geschtzten
Felshhlen zu erreichen. Bis auf zwei gettete, die im Wege liegen
blieben, waren in wenigen Augenblicken alle verschwunden.

Ein Lwe! ging es von Mund zu Mund. Er schien nahe.

Alle Gewehre wurden geladen, die Reisegesellschaft bildete einen
festgeschlossenen Trupp, und lautlos drang man vorwrts in das dichte
Unterholz hinein. Noch eine Viertelstunde verflo, aber nichts zeigte
sich.

Schade! rief Franz, eine Lwenhaut htten wir erobern mssen.

Hier sind die Spuren, bemerkte einer der Fhrer. Das Tier ist vor uns
diesen Weg gegangen, -- jedenfalls hat es in der Nhe seine Lagerstatt.

Blut! rief pltzlich Holm, Blut auf dem Gras und an den Baumstmmen.
Der Lwe hat ein Tier gettet, das er nun mit aller Mue verspeist.

Wirklich fhrten rote Perlen auf dem grnen Boden wie ein schlangenartig
gewundenes Band der nahen Lichtung zu. Am Ufer des Stromes bildeten
Dubabelbume mit ihren fnfzig und noch mehr aus einer Wurzel
aufschieenden Stmmen eine Art von undurchdringlicher Laube, in deren
Innerem es fast dunkel erschien. Dahin fhrten die Blutspuren.

Eine Kette von Schtzen umgab das Dickicht; es war unmglich, da irgend
ein Tier herausschlpfen konnte, ohne gesehen zu werden. Der aufregende,
spannende Augenblick, in dem sich die Entscheidung vollziehen mute,
lie aller Herzen hher schlagen. Wo auch der Lwe erscheinen wrde, da
begrten ihn zehn Bchsenkugeln zugleich, whrend niemand nahe genug
stand, um von ihm im Sprunge erreicht werden zu knnen. Alles blieb
vollkommen still.

Wir mssen ihn herausjagen! rieten die Fhrer. Schade, da uns ein
paar tchtige Hunde fehlen.

Ein Steinwurf in das Gebsch hinein begleitete den Satz, -- der Lwe gab
kein Zeichen seiner Anwesenheit.

Wieder vergingen Minuten. Sollte man sich vllig getuscht haben?

Aber nein. Unter den Schlingpflanzen, welche von Stamm zu Stamm lebende
Wnde flochten, zeigten sich pltzlich ein Paar funkelnde, mit rotem
Schimmer leuchtende Augen, das gewaltige Brllen drang erschtternd in
die Herzen der Hrer, und endlich kam der knigliche, mhnenumwogte Kopf
zum Vorschein.

Mit einem einzigen elastischen Sprung erreichte der Lwe das Freie. Noch
troff Blut von seinem Maul, die Mhne hatte sich gestrubt und der
Schweif peitschte wtend den Erdboden. Etwa zehn Schritt vor dem Platze
des jngeren Knaben blieb er brllend stehen.

Fnf oder sechs Schsse krachten, auch Hans selbst gab Feuer, das
gewaltige Tier blutete aus mehreren Wunden, noch einmal setzte es an zum
Sprunge, flog zusammenbrechend, taumelnd, eine kurze Strecke weit
vorwrts und strzte dann dumpf brllend auf den Boden. Die eine
Vordertatze ri im Fall den Knaben mit sich, -- Hans lag unter dem
Schenkel des verendenden, im Todeskampfe zuckenden Lwen. Schon nach
wenigen Augenblicken erhielt sein Gesicht eine bluliche Farbe, die
Hnde griffen krampfhaft in das Gras, und ein Gurgeln wie das des
Erstickens verriet die furchtbare Gefahr, in welcher er schwebte. An den
Lwen heranzutreten und ihm sein Opfer zu entreien, war unmglich; wer
es gewagt htte, der wrde das eigene Leben dahingegeben haben, ohne dem
armen Hans ntzen zu knnen. Holm besann sich daher nicht lange, er
kniete unmittelbar neben dem bedrohten Knaben ins Gras, sprach in
fliegender Eile diesem Mut zu und ermahnte ihn, keine Bewegung zu
machen, dann scho er ber seines Zglings Krper hinweg dem Untier die
ttende Kugel in den Kopf. Der Lwe streckte sich, atmete noch ein
paarmal und hatte aufgehrt zu leben.

Jetzt konnten vereinte Krfte den Halberstickten hervorziehen; man rieb
und schttelte ihn, gab ihm Branntwein zu trinken und spritzte ihm
Wasser in das Gesicht, bis er endlich wieder ganz zum Bewutsein
gebracht war. Auf der Brust fanden sich vom Druck des Lwenschenkels
blaue Flecke, die Glieder schmerzten und der Kopf war schwer wie Blei.
Wir mssen einen kleinen Halt machen, riet Holm, Hans ist zu sehr
angestrengt worden, und uns anderen thut es ebenfalls gut, namentlich
nach der schmhlichen Flucht vor den Affen.

Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Fhrer warfen ihre
Vorrte und Waffen ins Gras, ein Teil ging aus, um frisches Wasser zu
suchen, ein anderer raffte trockenes Holz zusammen, und Franz und Doktor
Bolten wanderten mit den Gewehren am Ufer hin, um womglich irgend einen
frischen Braten zu schieen; schon nach wenigen Minuten war es um die
beiden Zurckgebliebenen still wie in einer Kirche.

[Illustration: Hans unter dem Lwen.

Die eine Vordertatze ri im Fall den Knaben mit sich ...]

Helle, goldene Sonnenstrahlen umspielten Bltter und Blumen, buntfarbige
Vgel schossen berall singend und pfeifend durch das Gewirre, Kfer und
Schmetterlinge bevlkerten die Luft, zuweilen zeigte sich am Rand der
Lichtung eine scheue, flchtige Kudu-Antilope, ein Papagei lie sein
mitnendes Kreischen hren, oder eine kleine, schillernde Schlange
kroch durch das Gras; aller Streit aber, aller Krieg und Kampf schien
aus der Natur verbannt. Die hohen Farne, bei uns nur Grser, in den
Tropen aber Bume, bogen im Wind die federartigen, hellgrnen Wipfel;
Stechpalmen strebten kerzengerade empor; Bltter wie grne, faltenreiche
Mntel hingen in ungeheurer Breite von Rankengewchsen herab; spitze
dunkle, sbelfrmige Pfeile bohrten sich dazwischen, und Hunderte von
weien, roten und violetten Orchideen umzogen und verflochten wie ebenso
viele grne Arme das Ganze. Dazu murmelte das Wasser und rauschte der
Wind, kurz es war eine wundervolle Stille, welche auf die jungen Leute
beinahe einschlfernd wirkte. Mitten in der freien Lichtung lag der tote
Lwe, dessen Krper bereits anfing verschiedenen Tiergattungen zum
Schmause zu dienen. Namentlich ein groer, brauner Kfer erschien in
starker Anzahl und ebenso, verlockt von der tiefen, mittglichen Stille,
eine Rattenart mit spitzem Zahn und raublustigem Blick.

Holm stand auf. Das verbitte ich mir, rief er scherzend den
ungeladenen Gsten zu. Kommt wieder und lat's euch wohlschmecken, wenn
ich die Haut in Sicherheit gebracht habe!

Noch waren seine Worte nicht verhallt, als pltzlich ein lauter
mehrstimmiger Ruf die Einsamkeit durchdrang. Wie hierher! oder
Hilfe! klang es, und noch einmal, aber krzer, weniger laut,
wiederholte sich der Ton, dann wurde alles still. Die beiden
Zurckgebliebenen aber behielten keine Zeit, ber das Gehrte ihre
Ansichten auszutauschen. Ein Schauspiel, das sie von allen am wenigsten
erwartet haben mochten, fesselte pltzlich Augen und Ohren. Aus dem
Walde her kamen im Laufschritt ganze Horden nackter, schwarzer
Beninkrieger, zum Teil kmpfend, fliehend, mit einem Geheul, das Wut und
Todesangst ausdrckte, verfolgt von ebenso vielen bewaffneten
Bonnyleuten, die offenbar den Sieg behalten hatten und jetzt den letzten
berrest ihrer entspringenden Feinde in Sicherheit zu bringen suchten.
Jeder Sklave ist dem Huptling Tauschware, ganz so wie Elfenbein, Felle
oder lebende wilde Tiere; je schlechter also die Jagdbeute gewesen,
desto eifriger wird der Feldzug gegen einen benachbarten, schwcheren
Stamm betrieben, nur um bei den reichen Huptlingen im Inneren oder gar
bei gewissenlosen weien Unterhndlern an der Kste mit den lebenden
Handelsgegenstnden ein gutes Geschft zu machen. Die Bonnyleute trugen
smtlich den hohen Federkopfputz, den Streifen Bastgeflecht oder Kattun
um die Hften, den hlzernen, reichgeschnitzten Schild und den Spie
oder Speer von Eichenholz mit Metallspitze. Sie stutzten zwar bei dem
unerwarteten Erblicken der beiden Weien, nahmen aber von denselben
weiter keine Notiz, sondern setzten Kampf und Verfolgung ununterbrochen
fort. Als das ganze Getmmel von schwarzen und braunen Gestalten gleich
einer Windsbraut vorbergestrmt war, lagen Struche und Grser
zertreten am Boden, die Ranken hingen geknickt und zerrissen herab, und
mitten im Wege krmmte sich sterbend ein von mehreren Lanzenstichen
durchbohrter Neger. Holm, obgleich tdlich erschrocken und wegen der
Reisegefhrten in begreiflicher Unruhe, beugte sich dennoch zu dem armen
Schelm herab und versuchte es, seine Schmerzen zu lindern, aber schon
nach wenigen Minuten war alles vorber, der Krper dehnte sich noch
einmal lang aus, und die zuckenden Hnde fielen matt ins Gras. Nur aus
der Ferne schallten Stimmen und ein lebhaftes Krachen der brechenden
Baumstmme herber, hier am Fluufer herrschte wieder die frhere
Stille.

Hans sah unruhig in das Auge seines lteren Freundes. Wo doch Franz und
die anderen bleiben? sagte er zweifelnd.

Holm setzte eine kleine Pfeife an die Lippen. Der schrille Ton scheuchte
die umherfliegenden Vgel, aber eine Antwort brachte er nicht. Auch ein
paar Schsse, nach verschiedenen Richtungen abgefeuert, blieben ohne
Erfolg. Eine Viertelstunde des peinlichsten Wartens verging den beiden
jungen Leuten, mehr und mehr stieg die innere Furcht, welche einer dem
andern zu verbergen strebte, dann aber kam der Augenblick, wo
gegenseitiges Aussprechen nicht lnger zu umgehen war. Jetzt mssen wir
eine kleine Robinsonade durchleben, Hnschen, sagte in erknstelt
sorglosem Tone der Gelehrte. Wahrscheinlich sind unsere Gefhrten durch
die Bonnyleute frs erste gnzlich von uns abgeschnitten worden.

Wie wre das mglich? rief Hans. Ich denke, da man sie gettet hat
wie diesen armen Schwarzen hier, und -- du glaubst das auch, Karl.

O, fllt mir gar nicht ein, beteuerte Holm. Die Fhrer mgen gefangen
genommen sein, und eben weil sie dadurch schutzlos wurden, haben sich
der Doktor und Franz verirrt.

Wollen wir denn diesen Ort verlassen, Karl?

Noch nicht, mein Junge. Vielleicht gelingt es uns doch, durch irgend
ein Zeichen die beiden Verlorenen zu uns zurckzufhren, und berdies --
wie sollten wir uns am Tage in der pfadlosen, meilenweiten Waldwildnis
bis zum nchsten Dorfe oder gar bis an die Kste durchbringen?

Hans erschrak. Aber Karl, wenn das am Tage unmglich ist, so sehe ich
wahrhaftig doch kein Mittel, es whrend der Nacht auszufhren?

Ich desto besser, Hnschen. Die Sterne mssen mir ebensowohl im Urwalde
als Wegweiser dienen knnen wie auf dem Meer. Einen Kompa fhre ich
auch bei mir, -- um die Heimkehr zum Schiff -- sei du also um diesen
Punkt ganz auer Sorgen.

Hans sprach nicht mehr. Er hatte den Nachdruck, welchen Holm vielleicht
unbewut auf das Wort diesen gelegt, deutlich herausgehrt. Das hie
nichts anderes, als: wenn wir lebend hinkommen, an wilden Menschen und
Tieren, an den Gefahren des Fiebers, des Verhungerns und der Vergiftung
glcklich vorber, dann wird wohl endlich die Kste wieder zu erreichen
sein.

Mach fort, mein Junge, ermahnte Holm, mehr um die Gedanken seines
Zglings abzulenken, als der Sache wegen. Die Herren Bonnys haben
glcklicherweise weder unsere Lebensmittel noch unsere Waffen des
Mitnehmens wert befunden, also knnen wir vor allen Dingen essen, damit
Leib und Seele krftig bleiben. Denke an das Unglck, wenn eins von uns
krank wrde -- dann erst wren wir beide verloren.

Der wohlgemeinte Zuspruch that seine Wirkung; wenigstens uerlich
schien Hans ruhiger, obgleich in seinen Augen helle Thrnen schimmerten,
als er jetzt die Vorrte auspackte und einiges davon auf einen
umgestrzten Baumstamm legte. Franz hatte ja vielleicht in diesem
Augenblick nichts zu essen, lebte vielleicht nicht einmal mehr. --

Holm entzndete nun ein mchtiges Feuer, dessen aufwirbelnder Rauch
mglicherweise den beiden Verirrten als Wahrzeichen dienen konnte, er
trug drres Holz, so viel sich in der Nhe zusammenraffen lie, herbei,
und erst als helle Flammen an den alten, von der Sonne ausgetrockneten
Zweigen hinaufleckten, setzte er sich zu dem Knaben, um etwas Zwieback
und Rauchfleisch zu genieen, ebenso ein paar Tropfen Madeira. Das alles
war in luftdichten Gefen von Hamburg mitgebracht, und namentlich der
Wein mit seiner belebenden Wirkung strkte fhlbar die gesunkenen Krfte
der jungen Reisenden, auch die Frucht des Affenbrotbaumes wrzte das
Mahl, und dann machten Lehrer und Zgling ihre Plne fr den Tag, oder
besser gesagt, fr die Nacht, denn bis dahin waren es jetzt nur noch
wenige Stunden.

Wir mssen uns zuerst nach einem einigermaen geschtzten Zufluchtsort
umsehen, meinte Holm, der wilden Tiere wegen. Ich schlage vor, in
einen Baum zu klettern.

Schlangen und Leoparden kommen uns dahin nach! -- Aber wenn wir einen
hohlen Stamm finden knnten, das wre gut.

Holm warf noch ein paar starke ste in das Feuer, dann ergriff er sein
Gewehr und forderte den Knaben auf, ihm zu folgen. Mir deucht, ich habe
auf dem Wege hierher einen ausgehhlten Boabab gesehen, den wollen wir
suchen.

Die beiden machten sich auf und fanden wirklich in der Entfernung von
etwa hundert Schritten den Baum, welchen Holm bemerkt hatte. Sein
ungeheurer Umfang lie die natrliche Htte in seinem Innern als
gerumig und hoch voraussetzen, nur fragte es sich, ob nicht etwa dieser
laubumrauschte Palast bereits einen Bewohner gefunden hatte, der sich
aus seinem Daheim keineswegs vertreiben zu lassen gedachte. Ein schwerer
Stein, von Holms Hand geschleudert, flog hinein, aber nichts zeigte
sich, -- die Hhle schien leer.

Bleib du zurck, gebot er seinem jungen Begleiter, ich will einmal
hineinleuchten und Umschau halten.

Hans brachte das Gewehr in Anschlag. Obwohl er noch sehr heftige
Brustschmerzen empfand und auch mit geheimer Sorge ununterbrochen
lauschte, ob nicht irgend ein Zeichen die Rckkehr der beiden
Verschwundenen andeuten wrde, so war es ja doch seine Pflicht, den
Freund im gegebenen Falle zu beschtzen, und anderseits mochte er auch
nicht mig zusehen. Die Kugelbchse schugerecht zur Hand, blieb er
dicht hinter dem Vorangehenden.

Ein Zndhlzchen flammte auf, die mitgebrachte Wachskerze wurde in Brand
gesetzt und das Innere des Baumes beleuchtet.

Ein heiseres Gebell tnte den beiden entgegen.

Hunde! rief erstaunt der Knabe. Karl, sind es Hunde?

Die Antwort erschien in der Gestalt des Bellenden selbst. Ein Mandril
oder hundskpfiger Affe sprang ber Holms Schulter hinweg aus seinem
Versteck hervor und mit Windeseile auf den nchsten Baum. Ebenso rasch
aber hatte er auch die Frchte desselben, halbreife Zitronen, geschftig
abgerissen und erffnete nun auf die Strer seiner huslichen Existenz
ein so wohlgezieltes Bombardement, da sofortige Deckung hinter irgend
einem Schutzwall geboten schien. Hans erhielt zwei steinharte, grne
Zitronen dergestalt zwischen die Schultern, da er um die Wette lachte
und hustete, sich aber in einem mchtigen Tamarindenbaum einen
Verbndeten suchte und nun, von dem Stamm desselben verborgen, den Affen
so lange neckte, bis Holm die ganze innere Hhle beleuchtet und leer
gefunden hatte. Der Mandril mit seinem Hundekopf sa auf dem
Zitronenbaum und fletschte das greuliche Gesicht. Die ganze Erscheinung
dieses selbst unter dem hlichen Affengeschlecht als allerhlichstes
Exemplar bekannten Tieres rechtfertigte den Namen Waldteufel, welcher
ihm hufig beigelegt wird. ber einen Meter hoch, hatte er eine kurze,
struppige, ganz schwarze Mhne, und dnne olivengrne Schenkel, dazu
eine grellrote Schnauze und blaue, gefurchte Backen, sowie groe Ohren,
plumpen, hundsartigen Krper und spitzen, gelben Bart. So angethan sa
er mit einem schnell zusammengerafften Vorrat von Wurfgeschossen lauernd
auf einem starken Ast, und so oft Hans nur die Hand vorstreckte oder gar
ein wenig um den Stamm herumzulugen wagte, gleich flog eine Zitrone
durch die Luft, meistens freilich ohne zu treffen, aber immer von einem
gebellartigen Brllen des Unholdes begleitet.

Holm hatte innerhalb des Affenbrotbaumes Posto gefat. Ich will ihm den
Garaus machen, sagte er, diese Gattung lebt meistens in ganzen Trupps,
wenn uns daher die Genossen durch das wtende Bellen auf den Hals
gelockt wrden, so knnte es uns schlimm ergehen. Reize einmal die
Bestie, sich nach dieser Seite zu drehen, damit ich sie aufs Korn nehmen
kann.

Hans lugte um den Baumstamm herum, dann streckte er den Arm vor und
schien werfen zu wollen. Der Jagdeifer ri ihn dermaen mit sich fort,
da er im Augenblick die drohende Gefahr der Verschwundenen sowohl als
seine und Holms schlimme Lage gnzlich verga. Jetzt kannst du
schieen, Karl, rief er, der greuliche Kobold bietet dir die Brust
dar!

Und das Pulver blitzte, der Schall zog donnergleich zwischen den dichten
Stmmen dahin, das getroffene Tier lag, immer noch bellend, am Boden,
aber nach kurzer Zeit hatte es zu leben aufgehrt. Jetzt konnte die
innere Hhlung des Baumes gereinigt werden; trocknes Reis diente als
Besen, Scharen von Kfern und Spinnen, selbst kleinere Vgel und ein
paar Eidechsen muten das Feld rumen; aus einer in einem hohlen Ast
verborgenen Ecke flog schwerfllig und erschreckt eine Eule heraus, und
als letzter der vertriebenen Bewohner wurde ein zusammengerollter Igel
vorsichtig entfernt; dann war die Festung erobert, die Sieger konnten
ihre Wolldecken auf dem Boden ausbreiten und sich fr die Nacht huslich
einrichten. Drauen mahnte indessen das sinkende Tagesgestirn zur Eile,
man mute noch so viel als mglich von den aufgestapelten, am Lagerplatz
zurckgelassenen Mundvorrten in Sicherheit bringen und auch etwas
Wasser zu erlangen suchen, jedenfalls aber den getteten Affen vom
Eingang der Hhle entfernen, um nicht durch die Leiche den Raubtieren
verraten zu werden.

Beide jungen Leute gingen zu der Stelle zurck, wo am Morgen die
verhngnisvolle Trennung stattgefunden hatte, und obwohl sich einer wie
der andere bemhte, uerlich ruhig zu erscheinen, so wurden doch beide
von einem gleich wehmtigen, niederdrckenden Gefhl erfat. Nun galt
es, von dieser Stelle Abschied zu nehmen, die berzhligen Waffen und
nicht fortzubringenden Lebensmittel ihrem Schicksal zu berlassen und so
gewissermaen ein letztes, unsichtbares Band zwischen ihnen selbst und
den Verlorenen zu durchschneiden. Aber es mute geschehen, jedes Zgern
konnte ein Todesurteil werden. Wenn ihre Rckkehr in die schtzende
Hhlung des Baumes sich versptete, wenn vor ihnen ein Lwe oder Gorilla
davon Besitz nahm, -- was dann? Fr diese Nacht lie sich an keine
Wanderung durch den pfadlosen Urwald mehr denken, dazu waren beide viel
zu ermdet, viel zu ruhebedrftig und abgespannt, sie muten in dem
todbringenden afrikanischen Klima zuerst und zunchst ihre Krfte
schonen, muten alles vermeiden, was mglicherweise ein Erkranken
herbeifhren konnte, da sonst jede Hoffnung auf ein glckliches
Entkommen aus der Wildnis von vorn herein abgeschnitten gewesen wre.

Um den toten Lwen hatte sich eine Schar von beutelustigen kleineren
Tieren versammelt, sogar mehrere scheublickende Hynen flchteten in den
Schutz des Dickichts zurck, und Raubvgel flogen schwirrend empor; der
Knig der Wlder war zerrissen und zernagt, sein Fell hing in Streifen
herab, sein Blut frbte den Rasen. -- Holm beeilte sich, den Knaben von
hier fortzubringen, er wute nur allzuwohl, da weiterhin der Leiche des
getteten Negers von dem Raubgesindel gerade ebenso mitgespielt sein
wrde, weshalb aber sollte Hans auch diesen trostlosen Anblick mit in
den Schlaf hinbernehmen? Rasch, ermahnte er, auf Wasser mssen wir
wohl verzichten, mein Junge, oder wenigstens bleibst du in der Hhle,
whrend ich ausgehe, um die Quelle zu finden. Nimm diese Weinflaschen,
den Zwieback, das Fleisch, -- so, so, Hnschen das brige bleibt in
Gottes Namen liegen, da wir es unter keiner Bedingung forttragen
knnten. Ist einmal das Dorf der Bonny wieder erreicht, dann begleiten
uns neuangeworbene Leute, und der Streifzug beginnt abermals, wenn auch
anders und schneller. Die Unsrigen sind wahrscheinlich Gefangene der
Bonnys, weshalb denn die Verstndigung ganz leicht werden wird.

Hans antwortete nicht, es war ihm so sonderbar eng ums Herz, er konnte
kein Wort herausbringen. Der helle Tag lt ja jede Befrchtung, jede
Unruhe leichter ertragen, die Abendschatten dagegen fallen wie Fesseln
auf die Seele, im Dunkel erscheint alles Schlimme und Bengstigende
doppelt qulend, doppelt schwer. Ohne zu sprechen gingen die jungen
Leute schnellen Schrittes zum erwhlten Nachtquartier zurck. Holm
schaffte den toten Affen beiseite, holte Wasser aus einer in der Nhe
vorberflieenden Quelle und entzndete, als es gnzlich finster
geworden war, eine der mitgebrachten Wachskerzen. Das Auge fand jetzt
ein malerisches, nie gesehenes Schauspiel. In halben Windungen, hier
enger und dort weit offen, erstreckte sich die Hhlung bis in die
obersten Zweige des Baumes; keineswegs jedoch waren ihre Wnde berall
dicht und verschlossen, im Gegenteil sah hier und da funkelnd ein
Sternchen vom hohen Himmel in das seltsame Nachtquartier der beiden
jungen Leute hinein; Vgel und Fledermuse huschten ber ihre Kpfe
hinweg, ziehende Schatten verhllten die hchsten Spitzen, und je
zuweilen unterbrach pltzlich eine fremdartig klingende Stimme
erschreckend die Stille der anbrechenden Nacht.

Den Eingang knnen wir nicht verschlieen, meinte Holm, daher mu
einer von uns wachen, whrend der andere schlft. Lege dich hin,
Hnschen, und sei vllig ohne Sorgen, hrst du?

Der Knabe widersprach nicht. Er wute nur allzu wohl, da kein Schlummer
seine Augen umhllen werde, und da es ihm daher mglich sei, in jeder
Minute dem etwa bedrohten Freunde zu Hilfe zu eilen, -- mochte es recht
still bleiben, mochte die Unterhaltung gnzlich stocken, desto besser
lie sich den eigenen schlimmen Befrchtungen nachhngen.

Und so vergingen Stunden. Das geheimnisvolle Leben des Urwaldes regte
sich und sprach und flsterte mit tausend Stimmen. Es glitt ber das
Moos dahin, es lauschte durch die hohen Farn und flatterte in den
Wipfeln. Zuweilen fielen reife Frchte herab, oder strzte polternd
unter den ungestmen Sprngen einer Affenschar ein drrer Ast auf den
Boden; lautes Kreischen und Bellen bezeichnete den Weg, den die
nchtlichen Plnderer genommen, hart vorber an dem hohlen Baum wlzte
sich der wilde Haufe, und durch die entstehende Stille klangen wieder
die Stimmen derjenigen Geschpfe, welche jhlings aus ihrer Ruhe
aufgescheucht worden waren. Da schien pltzlich der Boden selbst zu
erdrhnen, wie dumpfes Rollen tnte es herber, Zweige und ste
knackten, grere Krper bewegten sich vorwrts, offenbar dem Versteck
der beiden entgegen. Holm versicherte sich seiner Kugelbchse, -- die
Herannahenden konnten ja mglicherweise Bonny- oder gar Beninleute sein.
--

Hinter ihm erhob sich geruschlos die leichte Gestalt des Knaben. Ich
schlafe nicht, Karl! Was bedeutet das sonderbare Gerusch?

Ein Schnaufen und Brllen durchdrang die Luft, -- Holm atmete auf.
Gottlob, wenigstens doch keine Menschen.

Er stellte die Bchse neben sich. Die da herankamen, waren ohne Zweifel
Elefanten, also in betracht des engen Zuganges ein unschdlicher Besuch;
im Gegenteil konnte man sie so recht bequem aus der Nhe beobachten. Die
ersten Riesengestalten wurden im Halbschatten unter den Stmmen bereits
sichtbar; dunkel und gewaltig wlzten sie sich heran, in gerader
Richtung dem Versteck entgegen, pfeilschnell jetzt, feindlich wie es
schien, wenigstens zwlf an der Zahl. Als das erste Tier mit gesenktem
Kopfe, rasch nach einander drei laute gellende Pfiffe ausstoend, den
Baum anrannte, da konnten sich beide jugendliche Bewohner desselben doch
des unwillkrlichen Erschreckens nicht erwehren, obwohl freilich der
erlittene starke Anprall den alten Boabab in keiner Weise erschttert
hatte. Nun erst erkannten Lehrer und Schler den Feind ihrer nchtlichen
Ruhe. -- Die Herde bestand aus glatthutigen schwarzen Rhinozerossen mit
je zwei groen Hrnern, einer Tiergattung, die zu den bsartigsten unter
allen gerechnet wird, wenigstens was Kampfbegier und Strke anbetrifft.
Die gellenden Pfiffe wiederholten sich, wtende Ste trafen den Baum,
so da Splitter und Flechten nach allen Seiten flogen, dennoch aber war
keine eigentliche Gefahr vorhanden, die Wnde standen wie von Eisen.
Holm trat zurck und legte an. Freilich konnte die Kugel das Tier nicht
verwunden, aber doch vielleicht erschrecken.

Der Erfolg entlockte beiden Versteckten ein herzliches Gelchter. Sobald
der Schu krachte, fuhr das zunchst stehende Ungeheuer wie vom Blitz
getroffen zurck, mitten in die Herde seiner Genossen hinein, alles
sprengend, alles in Verwirrung setzend und dann mit lautem Gebrll davon
eilend. Hinter ihm her jagten die brigen, als sei ihnen der bse Feind
auf den Fersen.

Holm und der Knabe lachten, wie sie es seit geraumer Zeit nicht mehr
gekonnt. Unser Glck war es, da wir den schwarzen Riesen nicht im
offenen Walde begegneten, sagte endlich der junge Gelehrte, sonst wre
es uns schlimm ergangen. Um diese Zeit wandern die Nashrner in ganzen
Trupps auf bestimmten Wegen zur Trnke, am Tage dagegen liegen sie
meistens unter dem Baum, dessen Zweige ihr Dach bilden, und lassen sich
nur stren, wenn ihnen der Wind die Witterung eines Feindes -- des
Menschen -- zufhrt. Whrend sie weder scharf sehen noch hren, ist ihr
Geruchssinn so ausgebildet, da sie auf Hunderte von Metern das
Herannahen eines Jgers mit Sicherheit erkennen. Sie strzen sich ihm
dann blindlings entgegen und fallen in die verdeckte Grube, welche zu
diesem Zwecke vorher sorgfltig angelegt worden ist. Nur auf diese Weise
lt sich das gewaltige, bsartige Tier einfangen.

Die schwarzen Unholde hatten eine ganz glatte Haut, bemerkte Hans,
ihr Vetter im Hamburger Zoologischen Garten ist am Krper berall mit
Falten bedeckt. Wie kommt das?

Letztere Art ist die indische, antwortete Holm. Aber nun will ich
schlafen, mein Junge. Wahrhaftig, -- es mu sein, -- in der nchsten
Nacht werden wir ja wandern.

Und wieder kehrte die frhere Stille zurck. Holm schlief, Hans hrte
seine tiefen Atemzge, alles rings umher lockte zur Ruhe, zum bequemen,
wachen Trumen und sich hinzugeben an das Schweigen der Nacht.
Unmerklich sank des Knaben Kopf gegen die Baumrinde, unmerklich
schlossen sich die Augen -- er konnte ja hren, auch wenn er nicht sah!
-- und dann kam der sonderbare Zustand, wo wir zu wachen, zu handeln und
uns zu bewegen glauben, whrend doch der Schlaf mit siegreicher Gewalt
immer mehr von unserm Bewutsein Besitz ergreift und es endlich ganz in
Dunkel hllt. Als die beiden erwachten, erst Hans und dann, durch dessen
lauten Ausruf erschreckt, auch der junge Gelehrte, da schien die Sonne
hell vom Himmel herab, es mute wenigstens acht Uhr morgens sein; Bume
und Blten erglnzten im frischen Schimmer, ein angenehm fchelnder Wind
zog durch die Laubkronen und mit ungezhlten Stimmen sangen im Gezweig
die verschiedenen Vogelarten.

Holm und der Knabe sahen einander an. Wie nahe war vielleicht whrend
dieser Nacht der Tod an ihnen vorbergegangen!

Das la uns als gutes Vorzeichen nehmen, rief Holm. Wir haben
geschlafen, obgleich Lwen und Hynen uns umschlichen, wir haben Geist
und Krper neu gekrftigt, ohne durch irgend eine Gefahr beunruhigt zu
werden, also ist auch unsere Stunde noch nicht herangekommen. Gib acht,
wir finden heute noch die anderen wieder!

Seine gute Stimmung belebte auch den Knaben. Was thun wir denn jetzt
zunchst, Karl? fragte er.

Hm, wir schieen uns einen Braten, pflcken Frchte, holen Wasser und
gehen ein wenig auf die Jagd, kurz, wir spielen Robinson zu zweien.
Sobald dann das erste Sternchen am Himmel erscheint, beginnt die
Heimreise.

Und das denkst du durchfhren zu knnen, Karl?

Ganz gewi, Hnschen, nur bleibt es unbestimmt, ob wir auf diesem Wege
ein Dorf der Bonny streifen werden oder nicht. Unser Schiff mssen wir
erreichen.

Whrend dieser Unterhaltung waren die beiden aus ihrem Versteck
hervorgekommen und sahen nun von drauen die Verheerungen, welche in der
letzten Nacht durch die Rhinozerosse angerichtet waren. Handgroe
Holzsplitter lagen umher, Bsche und Grser waren zerstampft, als sei
eine Schlacht geliefert worden und hier und dort sogar ein junger Baum
vollstndig geknickt. Der Weg, den die riesigen Tiere eingeschlagen,
zeigte sich als sehr leicht erkennbar.

Holm winkte seinem jungen Begleiter. Jedenfalls gibt es hier herum
einen Fluarm oder sonstiges Gewsser, in dem sich keine Krokodile
befinden, sagte er. Die Rhinozerosse bahnen sich herdenweise ihre
Pfade durch das Unterholz immer nur, um eine Trnke zu erreichen; la
uns also der Spur nachgehen.

Aber wenn die schwarzen Teufel noch da wren?

Das sind sie keinesfalls, berdies weht uns auch ein ziemlich starker
Wind gerade entgegen, sie knnten unsere Annherung daher durch kein
Zeichen erkennen.

Die Gewehre wurden nachgesehen und geladen, zur Strkung ein Schluck
Wein genommen, und dann ging es vorwrts; schon nach fnf Minuten zeigte
sich ein schmaler, sonnenbeschienener Flu, dessen Wellen leise murmelnd
dahinglitten, und der sich zur Rechten in einen See zu verwandeln
schien. Die Ufer muten sehr flach sein, denn Wasservgel aller Art
verzehrten teils stehend, teils langsam wandernd, halb von den Wellen
bersplt, ihr aus Schnecken oder Frschen und kleineren Fischarten
zusammengesetztes Frhstck; weiterhin, wo das Wasser breiter wurde,
lagen im Sonnenschein die weiblichen Flupferde mit ihren Jungen, zu
denen sich nicht selten ein auf dem breiten Rcken des Muttertieres
neben den Kleinen stehender Reiher oder Kranich gesellt hatte. Das
Flupferd blinzelte gemtlich, der Vogel hielt scharfen Ausguck nach
Beute, die jungen Tierchen neckten einander und fielen zuweilen
klatschend in den See, der aber auch hier nicht tief schien; kurz, es
war im ganzen ein Bild des ungestrtesten Friedens, den selbst die
Bffelherde im hohen Farngras trotz ihrer Hrner und ihres bedrohlichen
Aussehens nicht zu scheuchen vermochte. Marabuts und Ibisse, Pelikane
und Plotos wiegten sich halbgeschaukelt, halb auf einem Bein im Wasser
stehend; Fische zuckten zuweilen vom Grund herauf; Schmetterlinge aller
Gren, golden und purpurn, ganz wei oder im schnsten Blau prangend,
huschten von Blte zu Blte; geschftige Bienen trugen Beute; Ameisen in
langen Zgen marschierten auf dem duftenden Erdboden; unschdliche
Schlangen verschwanden blitzartig unter dem nchsten Gebsch oder ein
paar vertrockneten Blttern.

Karl, fragte Hans, kennst du die sonderbare Frucht, welche von diesem
Baum herabhngt, flaschenfrmig und ganz grn wie das Blatt selbst? --
Die mssen wir uns einmal in der Nhe besehen.

Er ging zu einem Stamm, von dessen Zweigen unzhlige grne,
langgestreckte Frchte oder Auswchse herabhingen. Mit der Hand lieen
sich dieselben nicht erreichen, Hans schttelte daher den untersten Ast,
und nun fielen allerdings die unbekannten Dinger haufenweise herab, aber
-- -- -- welchen Inhalt ausschttend!

Um des Himmels willen! rief Holm, das sind die Nester der
Eloway-Moskitos! Wie konnte ich mich denn auch darber tuschen!
Schnell, Hans, schnell, nimm einen dichten Busch und schlage damit in
den Schwarm hinein. Wir mssen flchten, -- so rasch als mglich.

Whrend dieses schreckensvollen Rates hatte er bereits ein paar
blattreiche Zweige abgebrochen und einen davon seinem jungen Genossen
zugeworfen. Die Moskitos, Tausende an der Zahl, umschwrmten ihre
vermeintlichen Angreifer und begannen laut summend zu stechen, wohin sie
sich setzten. Jeder Schlag ttete eine bedeutende Anzahl, aber wo eine
gefallen war, da erschienen hundert andere an ihrer Stelle; Holm und der
Knabe befanden sich inmitten einer schwarzen Wolke dieser Blutsauger,
die vereint in der Weise beleidigter Bienen ihren Angriff vollfhrten.
Es war unmglich, sich der kleinen Gegner zu erwehren; aus allen Nestern
krochen sie hervor, fanden den Weg unter die Kleider der beiden jungen
Leute und verursachten ihnen so heftige Schmerzen, da die Jagdlust
davor weichen mute. Ins Wasser, rief Holm, ins Wasser oder wir sind
verloren!

Die Gewehre lagen schon lngst im Grase, die Strohhte auch, und so
sprangen denn Lehrer und Schler, sich notfalls auf ihre Schwimmkunst
verlassend, Hals ber Kopf in die blaue Flut hinein. Bis an den Mund
unter Wasser, war es ihnen nunmehr ein leichtes, den etwa nachfliegenden
Verfolgern durch schnelles Tauchen zu entgehen. Triefend, mit
zerstochenen, gerteten Gesichtern, die Augen voll Wasser, so sahen sie
sich an und brachen zugleich in ein herzliches Lachen aus. Von einem
Mckenschwarm besiegt! rief Hans.

Karl hob aus der schtzenden Flut unvorsichtig den rechten Arm, um auf
das Ufer zu deuten, zog ihn aber sogleich wieder zurck, als ein Dutzend
Moskitos ber seine Hand herfielen, der Kopf folgte nach, und so
frderte er in Abstzen, prustend, sich schttelnd und verschluckend,
die beabsichtigte Rede zu tage, nur je zuweilen inne haltend, wenn er
sah, da Hans wie eine flinke Ente tauchte, und da er also in diesem
Augenblick keinen Zuhrer hatte. Du sagst Mckenschwarm, mein Junge?
Die Art sticht durch -- warte Bestie! -- prr, ich meine, sie bohren sich
durch das Leder bis in die Haut. -- Junge, wo bist du? -- aha, ich sehe
dich bereits. Hier haben wir auch die Iboko-Hornisse, die grte von
allen! Bitte, ich verzichte auf nhere Bekanntschaft.

Er entfernte sich whrend dieser Rede mit seinem Begleiter von der
gefhrdeten Stelle und machte es mglich, unter dem Schutz eines dichten
Gebsches das Ufer wieder zu erklettern. Die ertrunkenen oder
zerquetschten Mcken wurden aus den Kleidern geschttelt, das Wasser so
gut als thunlich entfernt und Schilf und Halme abgelesen. Jetzt warten
wir noch ein Viertelstndchen, bis sich die Wut der Tiere gelegt hat,
meinte Holm, dann holen wir die Gewehre und schieen Bffel.

berfallen denn die Moskitos nur ihre Angreifer, Karl? Nicht vielmehr
alle Geschpfe, die des Weges kommen?

O bewahre, sie sitzen ruhig in ihren Nestern, bis man dieselben
bedroht, dann aber kennt auch, wie wir soeben sahen, ihr Zorn keine
Grenzen. La uns nur warten, der Schwarm wird schon durchsichtig, die
meisten sind davongeflogen.

Nach kaum zehn Minuten war es den beiden Freunden mglich, ihre Hte und
Gewehre ohne weitere Gefahr wieder an sich zu nehmen, und nun begann die
Bffeljagd. Schon bei dem ersten Herannahen ihrer Verfolger ergriffen
smtliche Tiere die Flucht, alle einer bestimmten Richtung folgend, und
wie es schien, unter der Leitung eines besonders groen, alten Stieres;
sie donnerten ber den Boden dahin, da er drhnte, und schon glaubten
die Jger, da ihnen kein Stck zu Schu kommen wrde, als pltzlich
hart vor ihrem Wege aus dem feuchten Grunde ein Bffel aufsprang und mit
gesenktem Kopfe auf sie zustrzte. Nach rechts und links ausweichend,
lieen ihn die jungen Leute im heftigsten Anprall gegen einen alten
Tamarindenbaum rennen, die Hrner drangen tief in das Holz desselben,
dichte Ranken thaten das Ihrige, um ein Loskommen im Augenblick zu
verhindern, und so hatte sich der Bffel in eigener Falle gefangen. Von
zwei Kugeln getroffen, strzte er verendend am Fue des Baumes zu Boden.
Ganz schwarz behaart und mit dicht stehenden, mchtigen Hrnern war er
ein Gegner, dessen Gefhrlichkeit erst jetzt, nachdem man ihn in der
Nhe besehen, so recht erkennbar wurde. Gegen zwei Meter hoch und dem
entsprechend lang lie sich das Tier nicht von der Stelle bringen, die
glcklichen Schtzen muten also aus dem Rcken ein tchtiges Stck
herausschneiden und das brige den wilden Rubern preisgeben. Schade um
die Zunge, sagte Holm, sie ist das Feinste von allem, aber wir haben
fr keine Zubereitungsart die ntigen Geschirre; das Fleisch mu roh mit
Salz und Pfeffer verzehrt werden. -- So zogen sie heimwrts und
pflckten unterwegs noch einige Ananas, die als Nachtisch dienen
sollten. Glcklicherweise hatte sich fr die Hhle noch kein vierfiger
Bewohner eingefunden, die zurckgelassenen Decken und Vorrte lagen
unversehrt an der frheren Stelle, und nachdem daher das Fleisch auf
einem flachen Stein geschabt worden, begann das durch den besten Appetit
gewrzte Mahl, bei dem nun freilich die letzten Zwiebcke und der letzte
Wein verzehrt wurden. Aber das machte keine Sorge, es gab hier herum
Lebensmittel die Hlle und Flle, man brauchte nur zu pflcken oder
einen Schu Pulver dran zu wenden.

Gottlob, sagte Holm, nachdem er den Vorrat in der Jagdtasche
untersucht, Munition ist reichlich vorhanden. Wir knnen in dieser
Beziehung ruhig sein.

Gegen Mittag fiel ein heftiger, andauernder Regen, der unsere Freunde
zwang, unter Dach und Fach zu bleiben; sie muten auch einigen greren
Affen, welche den Baum erobern wollten, den Zugang wehren, und da
spterhin fr einen Ausflug die Zeit zu weit vorgerckt war, so
verbrachten beide plaudernd und ruhend die Stunden, bis auf den Tag
wieder die Nacht folgte und nun der gefahrdrohende, beraus schwierige
Weg durch den Urwald angetreten werden sollte. Gerade um diese Zeit
brachen auch alle wilden Tiere, auf Raub ausgehend, aus ihren
Schlupfwinkeln hervor; gerade jetzt war die Gefahr am grten, lauerte
hinter jedem Baum und sprach aus jedem Laut der Wildnis, aber es gab
kein Bedenken, ein Zgern inmitten dieser Verhltnisse, ohne Nahrung
auer Frchten und rohem Fleisch, ohne menschliche Nhe oder einen
gesicherten Schlafplatz wre ja unfehlbarer Untergang gewesen. Da also
der Fhrer fehlte, so mute man, um nicht durch vllige Unkenntnis des
Weges mglicherweise noch tiefer in die Wildnis hineinzugeraten, whrend
der Nachtstunden reisen, -- gelang das, so war die Kste bald erreicht.

Von dem allen plauderten die beiden, von der Heimat und tausend anderen
Dingen, die ihnen am Herzen lagen, nur nicht von den Verschollenen; es
war als knne sich keiner entschlieen, zuerst ihre Namen auszusprechen.
Die Gewehre wurden geladen, von den Frchten auch soviel als sich
verpacken lie, mitgenommen, die leeren Flaschen am Ufer gefllt, und
fort ging es in die Wildnis hinein.

Wo der Weg ber eine baumlose Strecke fhrte, da beleuchtete heller
Mondschein die Umgebung, wo aber wieder so ein Stck Hochwald begann, da
herrschte fast vllige Dunkelheit, an welche sich jedoch das Auge bald
derartig gewhnte, da es wenigstens leicht wurde, grere Gegenstnde
zu erkennen und zu unterscheiden. Links von den Wandernden rauschte der
Flu, in einiger Entfernung zeigten sich die dunklen Umrisse des
Affenberges, Holm hatte also den Rckweg richtig aus den Sternen
herausgelesen, und dadurch wuchs natrlich auch in beider Herzen die
Hoffnung, das Dorf der Bonnys wieder zu erreichen. Dort gab es nicht
allein Fhrer, sondern es befanden sich unter der Obhut der Eingebornen
alle zurckgelassenen Vorrte, man durfte mithin auf eine bessere und
leichtere Reise zhlen.

Holm sah, so gut es anging, in das Auge des Knaben. Getrost, Hnschen,
es ist mir immer, als msse sich heute noch etwas Angenehmes zutragen.
Ich --

Pst! -- dort unter den Bschen bewegt es sich!

Beide horchten. Alles ringsumher war still, aber an der bezeichneten
Stelle schaukelten die Farne, als sei ein grerer Krper hastig
hindurchgekrochen, ja sogar weiterhin bewegte sich das Unterholz, und
endlich klang es wie das Knacken von Gewehrhhnen. Eine menschliche
Gestalt glitt blitzschnell aus den Bschen hervor hinter den nchsten
Stamm.

Holm ergriff den Arm des Knaben. Ein Schwarzer, raunte er, ein Bonny!
Um des Himmels willen still also. Die Schar hlt vermutlich das von uns
herrhrende Gerusch fr die Annherung wilder Tiere und zieht weiter,
wenn alle Gefahr vorber scheint.

Auch im anderen Lager flsterte es. Mehrere Schwarze begannen mit ihren
langen Spieen in das Unterholz hineinzustoen, um den vermeintlichen
Feind erst einmal von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Es waren
ihrer wenigstens sechs bis zehn, sie schienen entschlossen, die
Jagdbeute nicht aufzugeben, sondern zu umzingeln und aus dem Dunkel
herauszutreiben. Dort im Gewirre von Schmarotzerpflanzen, unter Ranken
und Zweigen mute der Gegner verborgen sein! -- Immer enger rckten die
Verfolger heran.

Das geht so nicht lnger! flsterte Holm. Noch ein paar Schritte
nher und die langen Spiee erreichen uns. Folge mir nach, Hans,
zwischen diesen beiden Bumen mssen wir durchschlpfen -- ich glaube,
hinter denselben steht kein Schwarzer Wache.

Das Gewehr im Anschlag glitten die beiden so geruschlos als mglich
ber den dichtbewachsenen Boden dahin. Wirklich, kein Schwarzer war zu
sehen, vielmehr schienen sich alle nur mit dem dornigen,
wildverwachsenen Gebsch jenseits der zusammenstehenden Bume zu
beschftigen, schienen den Ausgang nach dieser Seite hin vergessen zu
haben. Gerettet! raunte Holm, wir warten nun unter irgend einem
Schutz, bis die Ruber weiter ziehen.

Noch hatte er den Satz nicht vollendet, als ihn von hinten zwei Arme
umschlangen und rckwrts zu Boden rissen. Sein Angreifer versuchte es,
ihm das Gewehr aus der Hand zu winden. Ein schwarzes Gesicht beugte sich
ber das seine, funkelnde Augen blickten ihn an, und ehe er es hindern
konnte, war ihm der Mund mit einem baumwollenen Tuche vllig gestopft.
Das alles geschah zu schnell, um dem vorauseilenden Knaben bemerkbar zu
werden, Hans verschwand unter den Stmmen, und Holm lag wehrlos am
Boden.

Ob das ein Beninkrieger ist? flsterte in der Nhe eine Stimme. Gott
stehe uns bei, wenn wieder ein Trupp dieser ruberischen Halunken um die
Wege wre! Man mu jedenfalls den Gefangenen hindern, seinen Freunden
ein Zeichen zu geben.

Holm bewegte sich mit allen Gliedern zugleich; er rang heftig gegen die
Eisenarme des Negers, ein dumpfes Sthnen hob seine Brust. Da gelang es
ihm, eine Hand freizumachen; er wollte das Tuch aus dem Mund reien,
wurde jedoch daran pltzlich durch den, der eben gesprochen hatte,
verhindert. Jetzt zweien Gegnern preisgegeben, blieb ihm nur brig,
dieselben so viel als mglich zu beschftigen; vielleicht kam ja Hans,
wenn er ihn vermite, hierher zurckgesprungen und konnte ihm beistehen.
Htte er nur zu rufen vermocht, nur irgend einen Laut von sich geben
oder die Hnde gebrauchen knnen! Aber alles das war unausfhrbar, bis
nach einigen Augenblicken der Schwarze von ihm ablie und horchend
aufsprang. In der Nhe hatten die Bsche gerauscht, dann folgte ein
Blitz und eine Bchsenkugel flog haarscharf ber die Kpfe der Ringenden
hin. Smtliche Anwesenden standen starr vor Schreck.

Diesen Moment benutzte Holm, um mittels einer schnellen, unerwarteten
Bewegung seines ganzen Krpers den Mann, welcher ihn, gebunden wie er
war, am Boden festhielt, in gewaltsamer Weise mit sich hinaus zu
schleudern auf den hellbeschienenen Grasstreifen, der wie ein schmales
Silberband zwischen den Bumen dahinlief. Dann lag er muschenstill und
sah nur gespannt und erwartungsvoll empor in das Gesicht des anderen.

Dieser selbe Mann sttzte beide Hnde auf den Boden und schien nicht mit
Sicherheit zu wissen, ob er wache oder trume. Immer noch kniete er ber
der hingestreckten Person seines Gefangenen, aber ohne doch gegen die
Freiheit desselben irgend etwas zu unternehmen. Holm brachte die
gefesselten Hnde an den Mund, das Tuch wurde bei Seite geschleudert,
und nun erst kam wieder Bewegung in diese stille Gruppe. Ich gre Sie,
Doktor! sagte trocken der junge Mann.

Ein lautes, frhliches Lachen, in das der andere sofort einstimmte,
beantwortete diesen Satz. Es schien nicht enden zu wollen, es erstreckte
sich mit auf die beiden Knaben, welche dort einander umarmten, vor
Freude sprangen und jubelten, aber trotzdem immer wieder lachen muten,
lachen, bis ihnen die hellen Thrnen ber das Gesicht herabrollten.

Wie kommt ihr hierher, ihr unklugen Deserteure, weshalb habt ihr uns
berhaupt verlassen? Und wofr hieltet ihr uns jetzt?

Fr das, was ihr seid, Bonnys und Wegelagerer! klang es zurck. Wie
knnt ihr euch gestatten, friedliche Reisende fr Raubtiere zu halten
und sie mit langen Spieen zu bedrohen?

Wer kraucht denn in dem Busch herum, anstatt wie ein rechtschaffenes
Menschenkind Rede und Antwort zu geben?

Wer stellt ein schwarzes Gesicht an die Spitze des Zuges und
verdchtigt dadurch die ganze Reisegesellschaft?

Nun, Gott im Himmel sei Dank, wir haben uns wiedergefunden!

Meiner Sternkunde sei Dank, wollten Sie doch sagen, Doktor?

Und wer hat die Sterne als Wegweiser an den Himmel gestellt,
Freundchen?

Amen. Sie sollen den Sieg behalten, Doktor. Jetzt komm einmal her,
Hans, beinahe httest du uns beide zugleich erschossen.

Ich hab's gethan! rief Franz. Glorreich vorbei, Gottlob. Wie konnte
ich auch ahnen, da du es warst, den unser wrdiger Doktor aus
Leibeskrften bndigte, in der besten Meinung, einen Beninkrieger unter
seiner Faust zu haben.

Ja, ja, meine Brille! seufzte der alte Theologe, das ist nun die
zweite von sechs, welche ich zur Vorsicht mitnahm. Die unsinnige
Rauferei hat mich die zweite Brille gekostet!

Jetzt ging nun das Fragen und Verstndigen an. Der Stamm der
Reisegesellschaft mit den Fhrern und Bonnytrgern hatte durch
Vermittelung der letzteren leicht einen Vertrag mit dem Huptling des
heimziehenden Haufens der siegreichen Bonnyleute geschlossen, wonach sie
gegen entsprechende Geschenke und unter nachdrcklichem Hinweis auf die
drohend nahe ihren Heimatdrfern vor Anker liegende Hammonia freien
Hin- und Rckweg haben sollten.

Nach einem gemeinsamen Friedensmahle und einer unbehelligt verbrachten
Nacht war die ganze Schar vor Tagesanbruch auf und davon, ohne durch
irgend ein Zeichen verraten zu haben, wohin. Einer der weien Fhrer
ist im Gefecht umgekommen, drei andere sowie die Schwarzen sind mit uns
gegangen, so da die ursprngliche Reisegesellschaft wieder beisammen
ist. Wollen wir nach dem Erlebten noch weiter in die Urwlder
vordringen? schlo Franz die Erzhlung.

So ohne Brille? seufzte der Doktor. Ich finde es wahrhaftig nicht
ratsam, allen diesen streifenden Bonnys und Benin gegenber, namentlich
da wir durch die unvermutete Trennung so viele Gewehre und alle
Lebensmittel verloren haben.

Auf denn! entschied Holm. Zunchst zurck zum Dorf der Bonny und dann
wieder auf unser Schiff. Die afrikanischen Urwlder mit ihren
menschlichen und tierischen Bewohnern sind wahrhaftig aus der Entfernung
gesehen interessanter und lockender als in unmittelbarer Nhe.

Franz errtete, als enthalte dieser Satz fr ihn eine Rge. Ich habe
mir auch das Leben in der Wildnis anders gedacht wie es ist, bekannte
er. Mir schien immer, da es langweilig sein msse, so als Kaufmann
jahraus jahrein am Pult zu sitzen, und da sich nur der Naturforscher
frei und glcklich fhlen knne, aber -- --

Er schttelte, ohne den Schlu der Rede beizufgen, den Kopf. Holm und
der Doktor sahen einander lchelnd an, aber keiner von beiden sprach,
sondern alle brachen auf, um so bald als mglich das Dorf und damit die
zurckgelassenen Vorrte zu erreichen. Jetzt, mit einer stattlichen
Anzahl von Fhrern versehen, ging die Reise schneller und sicherer
vorwrts, kamen, nun die beiderseits Verlorenen sich wiedergefunden,
erst alle Gensse der Wanderung recht zum Bewutsein. Eine Abteilung der
Schwarzen voran, dann die vier Weien und zum Beschlu der Rest der
gemieteten Begleiter, so ging es vorwrts in die kstliche Mondnacht
hinein. Nach zweitgigem Marsche war das Dorf des Bonnystammes erreicht,
Weie und Schwarze befanden sich im besten Wohlsein, Lebensmittel wurden
gegen die blichen Tauschwaren in Hlle und Flle gespendet. Ebenso
boten die wenigen anwesenden Greise (denn die kampffhigen Mnner hatten
ihren Streifzug weiter fortgesetzt und waren noch nicht heimgekehrt)
bereitwillig den Gsten eine Htte, wo sie auf weichen Matten von den
Anstrengungen der letzten Tage ausruhen konnten.




                           Viertes Kapitel.


Beladen mit Schtzen an Blumen und Pflanzen, an Insekten aller Art, die
Botanisierkapseln und Ledertaschen gefllt bis zum Rande, so hatte sich
die kleine Karawane auf der Hammonia wieder eingefunden, und jetzt
dampfte man den Inseln an der Kste des Guineabusens entgegen. Hier in
diesem ungesundesten aller existierenden Klimate, hier, wo die
leichteste Hautabschrfung, ja ein Nadelstich schon binnen weniger
Stunden bis zum bsartigsten Geschwr fortschreitet, war ein lngerer
Besuch freilich nicht in Aussicht genommen, berhaupt sollten nur die
bedeutenderen der fnf Inseln besehen werden, nmlich Fernando Po und
die Prinzeninsel.

Die Knaben muten nach den ersten Rasttagen whrend dieser berfahrt
tchtig Botanik und Geographie treiben, daneben aber genossen sie alle
die Reize der angenehmen, vom besten Wetter begnstigten Reise, die an
jedem Tage neue Abwechselung darbot. Das Meer war hier eine Fundgrube
nimmer gesehener Kostbarkeiten, es brachte Unterhaltung und Belehrung
zugleich, namentlich da seine blaue Oberflche in dieser starken
Entfernung vom Lande einen Durchblick bis zur Tiefe von etwa fnfzehn
Metern berall gestattete, und daher die stummen Bewohner des
Wasserreiches deutlich zu erkennen waren.

Groe, formlose, hliche Sepien, mit allen Fangarmen rudernd, grau und
unheimlich in ihrer Kopflosigkeit, mit weitem, immer offenen und nur zum
Saugen eingerichteten Mund, -- die umfangreichsten, gefhrlichsten aller
Polypen, schwammen trge durch die Tiefe dahin und hielten in ihren
zahllosen Armen alles fest, was sie erreichen konnten; der Hai mit
seinem Adjutanten, einem kleinen, schlankgebauten, kaum einen halben
Meter langen Fischchen umschnupperte zuweilen das Schiff; fliegende
Fische tummelten sich in der Luft und fielen auf das Verdeck; selten
auch zeigte sich ein riesiger Wal mit allen den schmarotzenden
Bewohnern, welche sein stattlicher Rcken jahraus jahrein beherbergt;
seltener noch ein besonders fremdartig gebauter, kleinerer Fisch; zu
Hunderten und Tausenden dagegen die blauen, rundlichen Polypen, deren
Zge oft stundenlang das Meer durchfurchten, und denen wieder eine
grere gelbe oder violette Art folgte, die sich von den blauen
ernhrte, deren hliche Saugwerkzeuge daher blau gefrbt erschienen.

Einmal bei ganz stillem Wetter sahen die Knaben neben dem Schiff eine
purpurrote Kugel von der Gre einer ausgewachsenen Kokosnu mit einem
himmelblauen, gefalteten Kragen und ber einen Meter langen Fangarmen
vom schnsten Rosa. Die Qualle schwamm, ob auch andrngende Wellen sie
zu berschtten drohten, immer auf dem Kamm derselben, einsam im ganzen
Glanze einer wunderbar fesselnden Schnheit. Weit und breit ohne ein
Wesen gleicher Art, gewhrte ihr Erscheinen auf der Oberflche des
unendlichen Meeres den einzigen Ruhepunkt fr das Auge, zugleich aber
auch ein Bild, das anziehend genug war, um die Aufmerksamkeit der
Beschauenden im hchsten Mae zu fesseln.

Papa Witt! rief Franz, schnell, schnell, knnen wir das Ding nicht
einfangen?

Der Alte schttelte den Kopf. Das ist eine Seifenblase, antwortete er
halb ernsthaft, halb lchelnd, gerade wie das Glck -- erfat du es, so
bleibt von all diesem Glanze nur ein graues, zerstubendes Etwas!

Man kann also die bunten Quallen niemals aus der Nhe besehen?

O doch, dann aber mu man sie mit einem Eimer oder anderen greren
Gef herausschpfen, und das ist bei voller Fahrt unmglich.

Papa Witt, knnte denn nicht das Schiff stoppen?

Lauf, lchelte der Alte, lauf und frage, Junge.

Franz strmte fort und hatte zwei Minuten spter alles an Deck
versammelt, den Kapitn, den Doktor, Holm und Hans. Ein Stck seiner
Garderobe flog dem andern nach, er holte unter allgemeiner Heiterkeit
ein starkes Seil herbei und lie sich vom Koch einen leichten Blecheimer
geben. So, wenn nun das Schiff still liegt, lat mich nur ber Bord
springen, rief er. Einen Hai wrdet ihr ja rechtzeitig sehen knnen,
und vor dem Ertrinken habt keine Furcht. Ich schwimme wie ein Fisch.
Jetzt also -- pat auf!

Berhre die Qualle nicht, Franz! lachte Holm.

Sie beit dich, Junge! rief der alte Witt. Du denkst noch tagelang an
ihre Nesseln, wenn sie dich erfassen sollte.

Franz, fgte halb ngstlich der Doktor hinzu, du mtest dergleichen
Wagestcke doch unterlassen. Bedenke --

Aber da pltscherte der Junge schon im Salzwasser, die Schaumperlen
rollten ber seinen Krper dahin, die Woge hob und senkte den kecken
Schwimmer. Springen Sie mir nach, Doktor, rief er lustig, es ist viel
khler hier unten, als auf dem Verdeck.

Der alte Theologe hielt, um desto genauer ber den Schiffsrand hinweg in
die Tiefe sehen zu knnen, vorsichtig mit beiden Hnden die dritte der
bewuten sechs Brillen fest. Ich? wiederholte er erschreckt, du bist
ein Erzspitzbube, aber man kann dir trotzdem nicht bse werden. Gib nur
acht auf deine Sicherheit.

Die purpurne Qualle war whrend dieser Worte dem Knaben
entgegengeschwommen. Es schien wirklich schwer, dies kugelfrmige
Geschpf fr mehr als eine bloe Pflanze zu halten, dennoch aber zeigte
das bestndige Tasten der Fangarme jenen Zustand teilweisen Lebens, der
das Polypengeschlecht zur bergangsstation macht, wie Professor
Schleiden es nennt, zu einer Entwicklungsstufe, die das Tier- und
Pflanzenreich verbindet. Nur Magen besitzt die sonderbare Gattung,
keinen Kopf, mithin auch nur _einen_ der an lebenden Wesen gefundenen
_fnf_ Sinne, den Tastsinn, und daneben einen breiten, lippenlosen Mund.
Einzelne Spielarten sind hlich, andere sehr farbenreich, besonders die
in den tropischen Meeren lebenden.

Franz nahte mit des Kochs groem Blecheimer. Sechsmal und zehnmal hob er
ihn mit schnellem Ruck ber die Oberflche, immer aber schaukelte sich
die Qualle unbekmmert auf den Wellen, whrend unser Freund lediglich
Salzwasser eingefangen hatte. Ob er noch so sicher glaubte, jetzt das
bunte Ding erwischt zu haben, in der nchsten Sekunde lagen wieder
einige Schritte Entfernung zwischen ihm und seiner Jagdbeute. -- Die
brigen lachten natrlich, dadurch aber steigerte sich der geheime
rger, welcher den Knaben schon vorher erfat hatte, zum Zorn.
Schlielich aber sah er ein, da er nur mit Besonnenheit zum Ziel
gelangen knnte. Listig schob er den Eimer seitwrts unter die Qualle.
Ein lautes Hurra meldete den anderen den glcklichen Fang.

Na! Na! brummte der alte Witt, sind das Streiche. Holt ihn ein,
Jungens, aber rasch. Koch, eine Btte voll Salzwasser an Deck.

Seine Befehle wurden schleunig ausgefhrt. Ein paar Minuten spter
befand sich der unerschrockene Knabe wieder in der Mitte der anderen,
der alte Steuermann selbst setzte die Qualle in das Messinggef und das
Schiff nahm die Fahrt wieder auf. Franz hatte viele Neckereien zu
ertragen. Obwohl ihn aber die roten Striemen, welche das Seil an dem
unbekleideten Krper zurckgelassen, heftig schmerzten, so lachte er
doch darber und lie sich von seinem Bruder helfen, die abgeworfenen
Kleidungsstcke wieder anzulegen. Mit stolzen Blicken kniete er vor der
Btte, worin das gefhrliche Halbtier schwamm. Es war im Zustande vollen
Lebens erhalten, die drei verschiedenen Farben glhten so prchtig wie
drauen auf dem Meer, nur schienen seine Tentakeln, wie diese Fangarme
heien, etwas unruhiger zu tasten. berall, wo sie gegen das Holz der
Btte stieen, zogen sie sich pltzlich gegen den Krper zurck.

Diese Glieder wachsen, wenn man sie abschlgt, wieder nach, erluterte
Holm, spter werden wir, gefllt's Gott, sogar im Groen Ozean Polypen
sehen, deren aus Hunderte von Krperchen bestehende Familie nur _eine_
Mundffnung und _einen_ Magen besitzt. An dem Burschen hier, der dir so
viele Mhe machte, soll das Todesurteil vollzogen werden, nicht wahr,
Franz?

Unser Freund lachte etwas gezwungen. Nicht meinetwegen, Karl, aber
damit man einmal diese Geschpfe genau kennen lernt.

Der Koch brachte einen groen Rhrlffel und Holm hob vorsichtig das
Tier heraus, um es in eine leere Btte zu legen. Augenblicklich
verschwanden die prachtvollen Farben, es ging stufenweise abnehmend
alles ber in ein fahles Grau, und die Fangarme verloren ihre
Fortbewegungskraft. Als Holm einen derselben ergriff, blieb in seiner
Hand eine gallertartige, zerrinnende Masse, die hchst unangenehm
festklebte. Das Halbtier zerging ohne irgend eine uere Verletzung,
ohne wahrnehmbares Sterben in kurzer Zeit zu formlosem Schleim.

Sagte ich es nicht, nickte der alte Witt, eine Seifenblase.

Dort schwimmen mehrere, rief Franz, -- wie hbsch doch die Dinger in
so weiter Entfernung aussehen, wie schade, da wir diesen Anblick nicht
auch unseren Freunden in der Heimat ermglichen knnen. Diese Geschpfe
lassen sich ja nicht transportieren, wie wir uns eben selbst berzeugt
haben.

Und wegen dieser buntschillernden Quallen eine gefhrliche Reise
anzutreten, ist nicht jedermanns Sache, sagte Doktor Bolten. Was
ntzten mir auch alle Wunder und Schnheiten der Natur, wenn die Wilden
meine letzte Brille gestohlen htten. Ein wahres Glck, da ich noch ein
Paar Augenglser habe, andernfalls wre es einerlei, ob ich hier wre
oder in Dockenhude.

Alle lachten ber den Doktor, der die letzten Worte in einem etwas
klglichen Tone gesprochen hatte. Dann fragte Holm: Wie wrden wir es
wohl anfangen, um auch unseren Landsleuten daheim eine Vorstellung von
der Farbenpracht und dem Aussehen solcher Geschpfe zu geben, die im
Tode ihre Schnheit verlieren? Viele farbenprchtige Fische ben,
sobald sie sterben, ihren Glanz und Farbenzauber ein, wie z. B. die blau
und rot schillernde Meerbarbe, die schon den alten Rmern als
Delikatesse bei ihren Schwelgereien galt. Ja die Meerbarbe wurde sogar
vor den Augen der Gste gettet, die sich an dem wechselnden
Farbenspiel, welches das Tier beim Sterben zeigt, ergtzten. Wer von
euch, wandte er sich wieder zu den Knaben, kann mir nun sagen, auf
welche Weise es mglich ist, das Vergngliche fr die Mit- und Nachwelt
aufzubewahren?

Die Knaben sannen nach. Man setzt die Quallen und Fische in ein
Aquarium, rief Hans.

Das wre ein Ausweg, entgegnete Holm, der wohl fr einzelne Flle,
aber nicht fr alle passen wrde. So lebte frher, gegen das Ende des
sechzehnten Jahrhunderts, auf der Insel Mauritius eine Art von groen,
unbeholfenen Vgeln -- die Dronte -- die nunmehr ganz ausgestorben ist.
Wir wrden gar keine Kenntnis von der Gestalt dieses merkwrdigen Vogels
haben, wenn nicht ein damals lebend nach London geschickter Dronte von
einem Maler -- portrtiert worden wre.

Ich hab's, rief Franz, man mu solche Gegenstnde, die sich nicht
erhalten und transportieren lassen, naturgetreu zeichnen und malen.

Ganz recht, besttigte Holm, und deshalb habe ich auch einen
Tuschkasten mit den feinsten Farben und alles zum Zeichnen und Malen
Erforderliche vorsorglich mitgenommen. Spter werden wir auch besonders
interessante und wichtige Landschaften, Bume, Felsen, Wohnungen der
Wilden und diese selbst mittels eines photographischen Apparates
aufnehmen, der uns nachgesandt werden wird.

Und wenn unsere Zeichnungen und Abbildungen gut ausfallen, finden sie
Platz in naturwissenschaftlichen Werken, rief Franz voll Freude, ich
htte Lust, jetzt gleich eine zweite Qualle zu fangen und sie zu
konterfeien in Form und Farbe. Er ging rasch zu Papa Witt, um ihn von
seinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen.

Der Alte schttelte den Kopf und antwortete nicht.

Sind Sie ungehalten ber mich, Papa Witt? fragte Franz.

Dieser aber blickte den Knaben ernst an und ging zum Kapitn, der den
alten Steuermann zu sich winkte.

Die Blicke beider Mnner begegneten sich, und eine halblaute
Unterhaltung in plattdeutscher Sprache zeigte, da der gleiche Gedanke
den einen wie den anderen beherrschte. Strmann, sagte der Kapitn,
wie krigt noch watt!

Der Angeredete nickte. Weet wull, Kaptein.

Und damit waren die Verhandlungen beendet. Obgleich weder Passagiere
noch Mannschaft irgend etwas Verdchtiges bemerkt hatten, sahen sie
doch, da ein Ereignis im Anzuge sein mute; smtliche Segel wurden
eingezogen und nur die groen Sturmsegel gesetzt, alle kleineren
Gegenstnde von Deck entfernt, die Luken verschlossen und das Feuer
ausgelscht. Bleierne Windstille lag auf der ganzen Umgebung, nur
zuweilen flog gleichsam vorberhuschend ein gewaltiger Sto ber das
Wasser daher, und im Nordosten zuckten ferne Blitze. Seltsam war das
pltzliche immer wiederkehrende Wechseln aller Erscheinungen. In diesem
Augenblicke regnete es stark, im nchsten heiterer Himmel; jetzt neigte
sich das Schiff, vom Sto erfat, zur Seite, als wolle es strzen, und
dann wieder schien jede Bewegung der Luftmassen erstarrt. Die Maschine
wurde mittlerweile tchtig geheizt und das Steuer so gedreht, da die
Hammonia ihren Kurs nach Nordosten nahm.

Und nun brach es herein, schrecklich und schn zugleich, weit
groartiger, erhabener, als sich's menschliche Einbildungskraft ausmalen
knnte. All der Farbenreichtum, der Glanz und die Flle des sdlichen
Erdteiles trat auch hier im Toben der Elemente zu Tage. Blitz folgte auf
Blitz, sein prachtvollstes Glhen aber erlosch neben dem des
elektrischen Feuers, das in ganzen Garben berall explodierte.
Glitzernde Meteore fielen vom Himmel in das schumende, kochende Meer
hinein; der Sturm brllte, der Donner ging ber in ununterbrochenes
Getse, Spritzwasser schlug in Wellen auf das Verdeck, und fast vllige
Dunkelheit brach herein.

Franz versuchte es, hinauszutreten, seine unerschrockene Seele wollte
den Kampf mit den entfesselten Urkrften der Erde nicht allein dem
Schiffsvolk berlassen, er wnschte selbst Hand anzulegen und fr sein
und aller Leben zu streiten; aber das erwies sich als unausfhrbar. Es
war ihm nicht mglich, festen Fu zu fassen, er konnte weder atmen noch
sprechen, die dnne Leinenjacke flog in Fetzen davon. Holms krftige
Arme zogen ihn auch schon wieder zurck in den Vorraum der Kajtte
hinab. Willst du ber Bord gefegt werden, Junge? Da knnen Unerfahrene
wie du und ich nichts ntzen.

In diesem Augenblick erschien der Kapitn, um den verlorenen Sdwester
mit einem anderen zu vertauschen und dabei seiner Reisegesellschaft
etwas Mut einzuflen. Wir sind in einer Viertelstunde, so Gott will,
hindurch, meine Herren, rief er. Ich habe die beste Hoffnung.

Hindurch? wiederholte Doktor Bolten, das verstehe ich nicht.

Holm nickte. Es ist also ein Wirbelsturm, antwortete er, ich dachte
mir's gleich. Der Kapitn will die uerste Grenze des Halbkreises
erreichen.

Jetzt aber war fr Erluterungen keine Zeit, keine Ruhe vorhanden. Einer
nach dem andern trat an das Kajttfenster oder unter das Glasdach der
greren in der Mitte liegenden Wohnkajtte. Hierher konnten allerdings
die Wogen nicht gelangen, aber desto mehr sah man vom Himmel, an dem es
wie mit tausend Brillantfeuern leuchtete. Schon nach wenigen Minuten war
aus den seitwrts belegenen Fenstern nichts mehr zu sehen.

Ganze Berge von Wasser hoben und drehten das Schiff, Schaumwolken
verhllten alle Aussicht, das Getse des Anpralls betubte frmlich. Die
kleine Gruppe stand, sich an dem stark befestigten Speisetisch haltend,
bei einander im Salon, dessen verglaste Decke einen freien Aufblick
ermglichte. Grnlich und violett zuckte es herab, sturmgepeitscht, von
Flammen berall umgeben, als ob Erde und Himmel in Brand geraten, so
loderten die Gluten.

Zuweilen lag das Schiff dermaen auf einer Seite, da es den Anschein
hatte, als ob Sofas und Bilder an den Wnden ber den Kpfen schwebten,
-- einer sah den anderen an, die Herzschlge setzten aus, die Gedanken
traten als ein Gott erbarme sich! unwillkrlich auf die Lippen, -- und
dann ging es wie ein Knarren, ein chzen durch das Eisenwerk, langsam
kehrte der krftige Bau zum gewohnten Halt zurck, nochmals hatte des
Todes Flgelschlag nur gestreift, aber nicht getroffen.

Sonderbar, flsterte Franz, ich habe doch bei den Gallinas und wohl
auch whrend unseres Nachtaufenthaltes im unbeschtzten Walde der
Vernichtung Aug' im Auge gegenbergestanden, ganz wie jetzt, aber die
Ruhe, welche ich trotz dieser Gefahr empfinde, fehlte damals, -- woher
doch der auffallende Unterschied?

Der alte Theologe legte die Hand auf seines Zglings Schulter, Das ist
die Ehrfurcht, welche ein gewaltiges, erschtterndes Ereignis dem
Menschenherzen abntigt, mein Junge, das ist die Unthtigkeit, wozu wir
angesichts der Gefahr verurteilt sind, die uns ganz wehrlos in Gottes
Hand legt. Du vertraust nicht mehr auf dich, also fhlst du auch keine
Unruhe, -- das ist das Geheimnis alles wahren Glaubens!

Es wurde still in der reichgeschmckten Kajtte; niemand sprach mehr,
nur die Stimme des Donners klang ber das Wasser dahin, und der Sturm
brauste wie Orgelklang dazwischen. Oben auf dem Verdeck arbeiteten die
wackeren Hamburgischen Matrosen, deren eigene Sachkenntnis sie die
Blicke und Bewegungen des Kapitns verstehen zu lassen schien;
wenigstens htte keine menschliche Kraft ausgereicht, um in solchem
Wetter vernehmlich zu sprechen, geschweige denn bestimmte Befehle zu
geben. Einer der Schornsteine war verbogen wie ein geknickter Halm, ein
Notmast ber Bord gegangen, und von der Mannschaft fehlten zwei. Die
beiden Thren der Kombse, einander gegenberliegend, waren
herausgerissen und smtlicher Inhalt des kleinen Raumes ins Meer
gesplt, kurz auf jedem Zollbreit Bodens zeigten sich die Spuren einer
grauenvollen Verwstung, eines Kampfes, dem nichts gewachsen war, was
berhaupt losgerissen oder zerschlagen werden konnte.

Wieder trafen sich die Blicke des Kapitns und des alten Steuermannes.
Witt nickte, worauf sein Vorgesetzter in die Kajtte hinabging.
Gewonnen! rief er, obwohl es schwere Opfer gekostet hat. Jetzt ist
die uerste Grenze erreicht, der grimmige Feind mu uns seine Kraft
dienstbar machen und die Hammonia mit verdoppelter Eile nach den
Inseln im Guinea-Busen befrdern.

Holm versuchte es, dem Kapitn nher zu treten, wurde aber sogleich,
nachdem er den schtzenden Halt losgelassen, unsanft auf den Fuboden
gesetzt und unter das Sofa gerollt. Ein Cyklonenritt, nicht wahr?
fragte er von dort her.

Jetzt lachten alle. Ein Cyklonenritt! wiederholte der Kapitn. Woher
wissen denn Sie eingefleischte Landratte, der Sie nicht einmal
Seebeine besitzen, was das Ding bedeuten will?

Holm hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet. Belehren Sie uns,
sagte er artig. Sie haben die Sache praktisch kennen gelernt, ich habe
sie studiert; einer kann also das Wissen des anderen ergnzen.

Demnchst, mein Freund. Jetzt kommen Sie mit mir an Deck, immer hbsch
im Schutz eines niet- und nagelfesten Gegenstandes, und sehen Sie sich
das Schauspiel im weiteren Umkreise an. Noch ein Viertelstndchen, dann
hat es ausgetobt, der Himmel wird wieder im Sonnenglanz leuchten und nur
ein starker, regelmiger Wind, dessen kreisfrmige Richtung uns jetzt
nicht mehr schaden kann, das Schiff wie im Fluge vor sich her treiben.
Folgen Sie mir, meine Herren!

Die ganze kleine Gesellschaft, mit lzeug und Sdwester versehen, klomm
an Deck. Man konnte es wirklich nur klimmen nennen, da jeder Anprall des
Sturmes einen lebhaften Widerstand erforderte und kein Schritt ohne die
Fhrung des quergespannten Seiles mglich war. Welch ein Anblick bot
sich dem Auge! Erschtternd furchtbar und doch wieder groartiger als
alle Schpfungen der Kunst, ja selbst der entflammtesten Phantasie. Am
Himmel alle Farben, vom glhenden Purpur bis zum weien, elektrischen
Licht, vom tiefsten Schwarz der Wetterwolke bis zum grn und gelb
schillernden, rotumrandeten Zackenblitz, -- unten im Meer die
Schaummasse zu Bergen getrmt, von Klften und Thlern durchschnitten,
rollend und grollend, wie ein Raubtier aufspringend gegen die Eisenwnde
des Dampfers, gekrnt mit tausend weien Perlenbogen und in seiner
tieferen Mitte schwarz wie das Wasser des Hllenflusses dahingleitend,
-- so bot das Gesamtbild fortwhrend neue Formen, so schien jedes
einzelne das schnste und erhabenste im groen Ganzen.

Und doch war noch ein Schauspiel, seltener und fesselnder als alle
vorigen, den Zuschauern vorbehalten. Aus einer dichten Wolke fiel in
nchster Nhe eine riesige, purpurrote Feuerkugel so hoch herab, da ihr
Lauf bis zu der Meeresoberflche deutlich verfolgt werden konnte. Je
nher dem Ziele, desto mehr verstrkte sich die Schnelligkeit des
Falles, desto heller wurde der Purpur, bis endlich auch dessen letzter
Schimmer in Wei berging, und die Kugelform allmhlich unter der
Gestalt eines Ovals verschwand. Als die Erscheinung fast neben dem
Schiff das Meer berhrte, spritzte sie auseinander wie geschmolzenes
Blei, und eine Dampfsule, schnell verziehend, bezeichnete das
pltzliche Erglhen des getroffenen Wassers.

Der Kapitn nickte, als beantwortete er seine eigenen Gedanken. Nun
noch ein halbes Stndchen Gewitter ohne Sturm oder Regen, dann haben wir
Ruhe. Gott sei den Schiffen gndig, die jetzt im Mittelpunkt kmpfen.

Es geschah wie er vorausgesagt. Der Aufruhr der Wogen legte sich, an
Deck konnte einige Ordnung wieder hergestellt werden, das Feuer im
Maschinenraum erlosch, und das Schiff flog vor dem Wind wie ein Vogel
ber die geglttete Flche dahin. Immer noch zuckten Blitze, immer noch
ging die See hoch, aber dennoch war alle Gefahr vorber, und nun
versammelte sich die Reisegesellschaft bei hellem Sonnenschein um eine
Tasse Kaffee, die zwar stehend getrunken werden mute, aber trotzdem
nach der gehabten Aufregung vortrefflich mundete. Solche Cyklonen, --
auch Orkane, Taifune oder Hurrikane genannt -- sind Wirbelwinde,
erluterte der Kapitn. Ganz dasselbe, was wir alle am Lande so oft
gesehen haben, wenn vor einem Gewitter pltzlich die Luftmassen sich um
ihre eigene Mitte drehen und irgend einen leichten, zufllig dort
befindlichen Gegenstand aufheben oder weitertreiben. Der innerste hohle
Raum der Wettersule ist natrlich windstill, da aber die Bewegung in
groer Eile fortschreitet, so ist eben diese Stelle die gefhrlichste
von allen, weil sich der strkste Anprall darber hinwlzt. Ein Schiff
im Zentrum des Orkans ist meistens verloren, die Benutzung des uersten
Sturmrandes dagegen jetzt schon an Punkten eines hufigen Vorkommens
desselben zu einer Art Verkehrseinrichtung geworden. Wer die Sache
praktisch kennt und daneben zu denken versteht, kann auch dem Orkan
rechtzeitig aus dem Wege gehen, d. h. seinen ueren Rand erreichen.

Wie Sie soeben gethan, nicht wahr, Herr Kapitn?

O weh -- da bin ich unvorstzlich mit dem Klingelbeutel gegangen. Aber
wirklich ist dies nicht der erste Wirbelsturm, den Witt und ich mit
einander bekmpfen. -- Hole den Alten herunter, Franz, wir wollen unsere
Rettung durch einen guten Trunk feiern; sag auch dem zweiten Steuermann,
da er ein paar Flaschen Sekt herausgibt und den Leuten eine tchtige
Extraration Grog zukommen lt.

Der Knabe sprang davon, um seinen Auftrag auszurichten; als aber die
Glser an einander klangen, da wurde doch die allgemeine Stimmung eine
sehr ernste. Zwei Matrosen hatte der Sturm in den Wellen begraben, zwei
trauernde Familien zuhause in Hamburg waren ihrer Shne und Brder
beraubt; das trat erst jetzt, nun die Schrecken vorber, mehr in den
Vordergrund und verscheuchte die Heiterkeit. Auch vom Matrosenraum her
erklang kein Singen und Lachen, wie es sonst bei Gelegenheit jeder
Extraration von der immer gutgelaunten Schar angestimmt wird, der
Kapitn hielt eine Ansprache, der noch Doktor Bolten einige ernste Worte
beifgte, und dann wurde das smtliche Eigentum der beiden Ertrunkenen
fest versiegelt in die Kajtte gebracht, um mit der rckstndigen Heuer
an das nchste Hamburgische Konsulat abgeliefert zu werden. An diesem
Tage kam keine rechte Unterhaltung mehr in Flu, auch zum Arbeiten
gelangte man nicht. In allen Ecken und Winkeln des Schiffes lagen ja die
beweglichen Gegenstnde ber einander geschichtet; da mute neu geordnet
und aufgerumt werden; das Verdeck glich einem Schlachtfelde. Die
Fleisch- und Wasserfsser waren hinweggesplt oder ihres Inhaltes
beraubt worden, so da sich der Kapitn Glck wnschte, mit
beschleunigter Fahrt die Insel Fernando Po erreichen zu knnen.

Fernando Po lt berall vulkanische Natur erkennen. Schon von weitem
sahen die Reisenden den Pik gleichen Namens, welcher prachtvoll bewaldet
in der Hhe von 3500 Fu das Meer berragte; sowohl der Kapitn als auch
Holm waren aber der Ansicht, da ein Ersteigen dieses Berges wie
berhaupt ein Aufenthalt von lngerer Dauer ganz unmglich sei. Die fnf
Inseln im Guineabusen sind eben die ungesundesten Punkte des tropischen
Klimas, weshalb auch Spanien die Insel Fernando Po als Deportationsort
braucht. Das groe Gefngnis sah wie ein dunkler Punkt aus der heiteren
Umgebung hervor, mehrere Kirchen und Kapellen wurden bemerkbar, aber
dennoch wohnen fast gar keine Europer dort, weil die bsartigsten
Hautkrankheiten fortwhrend herrschen.

Ein Tierleben kennen die Inseln, soweit es Vierfler betrifft, fast gar
nicht. Nur einige Affen leben auf den Bumen, Schaltiere am Strande und
auerdem verschiedene Vogelarten. Der Spaziergang war daher von keiner
Gefahr bedroht, zumal die Eingebornen, die Aniyas, wie sie sich nennen,
ein sehr scheuer, friedfertiger und verarmter Menschenschlag sind. Es
lebt auf den zerstreuten Inseln nur eine verhltnismig sehr geringe
Bevlkerung.

Aber schn wie im Paradiese war die Umgebung. Rauschende Wasserflle
strzten sich ber Felszacken herab, prachtvoll blhende tropische
Pflanzen aller Art bedeckten die Ufer, und Hhlen und Gnge, tiefe
Schluchten und schwindelnde Berghhen entzckten das Auge. Die Knaben
fllten ihre Botanisierkapseln mit den Blten und Blttern groer
Prachtlilien, des Papyrus, der Kommelinen, Datteln und der Killingia,
sie sammelten ungestrt Moose und Flechten, die duftigsten Kruter, die
verschiedensten Waldbeeren von schnem Purpur oder Hellrosa, -- nur
Menschen begegneten ihnen nicht.

Gibt es denn hier keine Drfer? fragte Bolten den finster blickenden
spanischen Fhrer. Wird kein Feldbau betrieben?

Nichts! war die Antwort. In diesem Klima arbeitet niemand.

Ein trauriges Paradies! setzte Holm hinzu. Aber horch, ich glaube, es
kommt jemand durch den Wald.

Das ist wohl mglich. Die Aniyas streifen berall herum und suchen
Beeren.

Wirklich erschien auch in diesem Augenblick die Gestalt eines Greises,
der mit dem Weidenkorb am Arm Schwmme sammelte. Auf einen langen Stab
gesttzt, bot der Alte einen ebenso seltsamen als bedauernswerten
Anblick. Ganz nackt, ohne jegliche Spur von Bekleidung, trug er auf dem
Kopf ein korbartiges Gestell aus Weidengeflecht, ber welches die grauen
Haare nach allen Seiten hin knstlich zusammengedreht waren. Nadeln von
Affenknochen, kranzartig gesteckt, hielten den Bau, und Schnre von
kleinen gelben Okerkugeln schlangen sich hindurch. Am Oberarm hatte der
Mann ein hlzernes Stbchen mit mehreren Schnren befestigt, sonst war
nicht einmal zum Schutz der nackten Fe irgend eine Vorrichtung
getroffen, auerdem aber auch die Haut des ganzen Krpers mit einer Art
Aussatz bedeckt.

Die Jammergestalt wollte schleunigst flchten, aber auf Holms Wink
ersuchte ihn der Fhrer noch zu bleiben und den Herren zu antworten. Es
soll dir kein Leides geschehen, Graukopf, setzte er hinzu, komm und
sprich dreist.

Der Wilde trat nher und bot den Fremden seine Schwmme. Die Aniyas
sind arm, sagte er, sie knnen den Weien keine Gastfreundschaft
darbringen; ihre Wohnungen bestehen aus einem Mooslager in der
Felsenspalte und ihre Nahrung aus Waldfrchten.

Die wohlduftende Gabe wurde dankbar angenommen und dafr der Korb des
Wilden mit Geschenken aller Art angefllt. Holm fragte den Fhrer nach
dem Grunde dieser auffallenden, fast nirgends mehr gefundenen gnzlichen
Nacktheit und erhielt zur Antwort, da kein Eingeborner von Fernando Po
jemals ein Kleidungsstck an sich dulden wrde; vielfache Versuche in
dieser Richtung seien bereits fehlgeschlagen, dagegen verwende man auf
die Herstellung des Kopfschmuckes alle mgliche Sorgfalt. Die Aniyas
sind ein melancholisches Volk, setzte er hinzu. Der fortwhrenden,
hier heimischen Hautkrankheiten wegen glauben sie unter einem Banne zu
stehen. Aber der Alte soll selbst erzhlen.

Und dann nach kurzer Rcksprache berichtete der Wilde folgende
Thatsachen, die auf Fernando Po wie eine Art geschichtliche
berlieferung sowie eine Glaubenslehre gelten. Die ersten Menschen
lebten gesund und glcklich, hie es, denn sie kannten noch nicht die
Wohnung des groen Geistes, sie hatten noch nicht seinen Zorn
herausgefordert und das Migeschick ber ihre Hupter herabgerufen.
Schwmme und Beeren, Wurzeln und Frchte boten die Wlder, die See
lieferte Fische und Muscheln, die Kinder meines Volkes wuten nichts von
Krankheit oder Hunger. Da verleiteten die bsen Mchte, die in den
finsteren Erdtiefen wohnen, einstmals einen der Aniya-Jger, einem
voraneilenden Affen ber Felsspalten und durch verworrene Schluchten zu
folgen, bis endlich ein grauenvolles, nur von zuckenden Blitzen
erhelltes Thal sich vor ihm aufthat. Der Affe verschwand pltzlich, der
Weg wurde enger und enger, sonderbares, unbekanntes Getier flog und
kroch ber die Felsspitzen, und aus dem Winkel hervor trat ein Riese von
bermenschlicher Gre mit schweren Waffen und einer furchterregenden
Stimme. >Was vermissest du dich, mein Reich zu betreten, vorwitziger
Mann!< rief er. >Das sollst du mit dem Leben bezahlen.<

Der Aniya-Jger, welcher nicht wute, da der groe Geist in Gestalt
eines Riesen vor ihm stand, bereitete sich zum Kampfe. Im Anfang des
Ringens schien es, als ob der Bewohner der Hhle siegen werde, dann aber
traf ihn ein Schlag von dem Jagdspeer des anderen und streckte ihn zu
Boden. Er sah zu seiner Rettung nur noch einen Ausweg, nmlich den der
List. >Ich bin mchtig,< begann er, >viel mchtiger als du glaubst,
Mensch, ich kann alle deine Wnsche erfllen. Whle dir, was du zu
besitzen verlangst, aber la mich frei!<

Der Aniya erbat sich nun eine ewige, nie wechselnde Fruchtbarkeit des
Bodens, einen heiteren Himmel und schne Blumen; er wollte Jagdglck
erringen und krftige Muskeln behalten bis in das hchste Alter; --
alles bewilligte ihm der Riese und mute zuletzt auch den Felsen
gebieten, sich zu ffnen und den Fremdling ziehen zu lassen. Sobald aber
dieser die unheilvolle Grotte im Rcken hatte, ertnte hinter ihm ein
spttisches Lachen. >Ha, ha, ha, deine Haut hast du vergessen,
kurzsichtiger Thor! Fortan soll dich jede Stunde daran erinnern, da du
dem groen Geiste eine Beleidigung zugefgt. Zieh hin, das Kra-Kra wird
von deinem Stamm nicht mehr weichen.<

Und so geschah es, schlo der Alte. Mein Volk ist bis auf diesen Tag
nicht wieder erlst von dem Zorn des groen Geistes. Das Kra-Kra
berfllt jedes seiner Kinder.

Der Fhrer hatte Wort fr Wort diese ganze Rede bersetzt; er schttelte
den Kopf, als Doktor Bolten entrstet einer solchen Auffassung von dem
Wesen des groen Geistes entgegentreten wollte. Das ntzt nichts, meine
Herren, versicherte er, sie glauben es alle, Mnner und Frauen, wie
sie denn auch alle an der schlimmen Hautkrankheit zu leiden haben.
Dieser hier plagt sich augenscheinlich daneben auch noch mit dem
berchtigten Guineawurm. Sehen Sie, er haspelt ihn aus der Haut heraus.

Der Wilde zeigte seinen Oberarm, an dem unter einer Schicht von
gequetschten Blttern, da wo das Holz lag, ein kleines Geschwr zu Tage
trat. Ein rot schillernder Faden, dnn wie Zwirn, war zum Teil um das
Stbchen gewickelt, zum Teil aber mute er noch im Fleische stecken.
Der Guineawurm, erluterte der Fhrer. Er kommt nur an der Goldkste
und hier vor, also an den ungesundesten Stellen, und erregt da, wo er
sich Eingang verschaffte, ein bsartiges Geschwr. Als unsichtbar kleine
Milbe auf die Haut gelangt, wchst das schreckliche Tier im Fleische bis
zur Lnge von vier Metern, und zwar wie alle mit der Polypenfamilie
verwandten Geschpfe, indem es, etwa zerrissen oder durch uere Gewalt
halb von seinem Platze entfernt, trotzdem sich ergnzt und ungestrt
fortlebt. Welche Schmerzen es erregt, das lt sich denken.

Und mit diesem Holze wickelt es der Mann heraus? fragte Franz
schaudernd.

Ja, das heit, sehr langsam, vielleicht kaum einen Zentimeter lang an
jedem Tage. Es fordert Monate, bis der ganze Wurm beseitigt ist.

Mehrere andere Eingeborne waren whrend dieser Unterhaltung
herbeigekommen, alle mit Krben zum Schwmme- oder Beerensuchen, alle
mit dem seltsamen Kopfputz und ohne Kleidungsstcke. Die Reisenden sahen
keinen einzigen, der nicht hier oder da Spuren des Kra-Kra gezeigt
htte.

Lat uns Abschied nehmen, ermahnte Holm. Das ist ein unerquicklicher
Aufenthalt.

Die Wilden wurden reichlich beschenkt, einige ihrer Knochennadeln und
Ockerkugeln wanderten fr das Museum zuhause in Hamburg in Holms
Botanisierkapsel, und dann war der Aufenthalt in diesem kleinen
Paradiese, das doch so viel Elend und tiefste menschliche Unwissenheit
barg, zu Ende. Alle freuten sich, als sie die Planken des Schiffes
wieder unter ihren Fen fhlten, ja Holm beantragte sogar, den Besuch
der Prinzeninsel ganz zu unterlassen, namentlich da der Kapitn
erklrte, da diese auer einer noch reichhaltigeren und blendenderen
Schnheit ebenso wie Fernando Po kein weiteres Interesse darzubieten
habe. Bei den Hottentotten im Kaplande war jedenfalls mehr Aussicht auf
Abenteuer. Der Dampfer nderte also, nachdem Fleisch und Wasser
eingenommen waren, seinen Kurs und steuerte der Sdspitze von Afrika,
der Kapstadt zu. Unterwegs wurde ein Hai gefangen, was natrlich den
Knaben besonderes Vergngen gewhrte. Das Raubtier mit seinem kleinen
Adjutanten umschwamm whrend eines ganzen Vormittags beharrlich das
Schiff, zuweilen verschwindend, zuweilen pltzlich fast aus dem Wasser
hervorragend, bis endlich auf vieles Bitten der beiden Brder der
sogenannte Haihaken ausgeworfen wurde. Ein tchtiges Stck Speck sa
daran; die Kette, womit er, durch mehrere Blcke gegen einen
unerwarteten Ruck gesichert, am Mast befestigt worden, konnte man
zuverlssig nennen. Die Fahrt des Dampfers ist auf halbe Kraft gesetzt,
der Speck schwimmt verlockend und appetitlich durch das blaue Wasser, --
jetzt nur noch ein schneller Sprung, Meister Hai, und dann hat dich dein
Geschick ereilt!

Der alte Witt brachte eine Handspeiche von solidem Aussehen, schon mehr
eine kleine Keule; selbst die an solche Jagd gewhnten Matrosen und
Doktor Bolten sahen voll gespannter Erwartung ber Bord; der Koch setzte
sich eine flache Schssel und ein groes Messer zurecht; Holm rieb die
Hnde in der Hoffnung auf den Riesenkopf, welchen er bereits gehrig
abgekocht als weies, sauberes Knochenprparat vor sich stehen sah.
Auch den Magen mu ich selbst ffnen, Kapitn, rief er lebhaft, das
bedinge ich mir. Vielleicht sind Wrmer und Schnecken darin, die man
sonst nirgends zu erlangen vermag.

Aber die Nrnberger hngen keinen, Doktor! es sei denn, sie htten ihn
zuvor.

Wir werden ihn schon kriegen.

Das schien indessen doch nicht so gewi. Der Haifisch schnupperte, aber
er bi nicht; zuweilen kmmerte er sich gar nicht um den Kder, und
schon machte Franz den Vorschlag, den Ruber, wenn man ihn denn durchaus
nicht fangen knne, wenigstens zu erschieen, da trat der alte Witt an
die Kette und hob langsam den Speck aus dem Wasser. Das Mittel half ber
Erwarten. Als Meister Hai die Beute verschwinden sah, griff er hastig zu
und scho dann so urpltzlich auf den Grund, da das Schiff in allen
seinen Fugen zitterte. Ein lautes Hurra der Mannschaft begleitete das
Stoen des letzten Kettengliedes, jetzt hatte man ja den Erzfeind
gefangen.

Rstige Arme hngten sich an die Kette, im Wasser entstand ein Toben und
Wogen, da der Schaum hoch ber das Verdeck dahinspritzte; dann zeigte
sich der Kopf mit den raublustigen Augen, der Krper folgte nach, und
wtende Schwanzschlge peitschten das Verdeck. Aus dem Wege! rief
ngstlich Doktor Bolten, aus dem Wege!

Er zog mit beiden Hnden seine Schler von der gefhrdeten Stelle
hinweg, zumal jetzt, als zwei Matrosen den Mast erkletterten, um die
vorerwhnte Speiche aus allen Krften dem Ungeheuer in den Rachen zu
stoen. Das half, die heftigen Schlge hrten auf, und sehr bald lag der
Fisch tot an Deck, um in hundert Stcke zerlegt zu werden. Holm schnitt
den Kopf herunter; er brannte vor Begier, das groe, krftige Exemplar
gut prpariert nach Hamburg zu bringen, der Koch bemchtigte sich des
Rckenfleisches, und die Matrosen zogen die Haut ab; dann aber wurde der
Magen geffnet und darin verschiedene Schnecken und sogar Krebse
gefunden, die der Nimmersatt erst ganz krzlich verschlungen haben
mochte. Alles brige warf man ins Meer zurck. Am folgenden Tage
erschien dann das Hai-Steak auf der Tafel, fand aber nur uerst wenig
Beifall, da es sehr zhe war und etwas nach Thran schmeckte. Fr den
herrlich abgekochten Kopf erhielt der Koch desto mehr Lobsprche; auch
kein Zahn von allen diesen hintereinander stehenden Reihen war
ausgefallen, ja sogar die Gelenkigkeit des zweiten Gliedes, das in die
etwa entstehenden Lcken des ersten sogleich einen Ersatzzahn
hineinschiebt, war bestens erhalten, der ungeheure Rachen mute eine
Zierde des Museums werden; er sollte schon mit dem ersten Postdampfer
von der Kapstadt aus die Reise nach Europa antreten; deshalb verpackte
ihn Holm eigenhndig in eine Kiste, die der Zimmermann genau nach Ma
angefertigt hatte, und die man in der Kajtte verwahrte.

Das war schon die zweite Sendung nach Hause! Papa sollte sehen, wie
ernst es seine Shne nahmen mit dem naturwissenschaftlichen Zweck dieser
Reise.

Ungefhrdet erreichte das Schiff die Kapstadt. Nachdem ein Tag
verwendet, um die schne, reiche Stadt mit ihren sehenswerten
Umgebungen, namentlich den Tafelberg in Augenschein zu nehmen, nachdem
verschiedene Geschenke fr die Hottentottenhuptlinge gekauft und Fhrer
und Pferde gemietet waren, begann aufs neue die frhliche Wanderung ins
Innere. Der Dampfer nahm Ladung fr Port Louis auf Mauritius,
hauptschlich Wein und Wolle, daher blieb Zeit genug, um auch hier in
dem viel gesunderen Klima durch die Wlder zu streifen und Land und
Leute kennen zu lernen.

Die ersten Tagreisen hinter der Kapstadt bringen keine Begegnung mit
Raubtieren, dafr ist die Kultur schon zu weit vorgeschritten und das
Wild durch stete Verfolgung in die Wlder zurckgetrieben. Unsere
Reisenden sahen hbsche Drfer, Landsitze und Meiereien, berall den
blhendsten Wohlstand und das beste Gedeihen, aber nirgends ein greres
Tier, nirgends Hottentotten im Naturzustande und vor allen Dingen nicht
die Schnheit der Landschaft, welche sie an der Westkste und auf
Fernando Po bewundert hatten. Es kamen lange reizlose Strecken voll
Buschwerk und Sand, dann wieder niederer, dnngeseter Wald oder
endlose, langweilige Grasflchen, nur verschnert durch blhende
Pelargonien (Geranium) in allen Farben und in einer bei uns in
Deutschland ungeahnten Gre der Blume; an den wenigen Flssen, welche
sie antrafen, wuchs der Oleander, und ppig blhte auf jedem Schritt der
Heidestrauch, bald am Boden hinkriechend, bald mannshoch und zuweilen
als stattliches Bumchen. Das Kapland hat einen so unendlichen
Pflanzenreichtum und so viele Erscheinungen auf diesem Gebiet ganz fr
sich allein, da es unmglich wre, sie alle aufzhlen. Holm teilte mit,
da allein fnfhundert Arten von Heiden und dreihundert von Geranien
schon in europischen Gewchshusern bekannt seien, ja da zuweilen
durch eine seltsame Laune der Natur irgend eine Pflanze in einer
einzigen Schlucht hier vorkomme und auerdem nirgends in der ganzen
weiten Welt wieder gefunden werde.

Auch die Aloe mit ihrer mrchenhaften Blte fand sich zahlreich vor, und
jetzt begann schon das Leben der freien Tierwelt. In ganzen Herden
zeigten sich die groen Kuduantilopen, die Zebras und Quaggas, die
Springhasen und Sandgrber, aber kein Raubtier kreuzte den Weg, bis
endlich die erste Nacht im Freien verbracht wurde und lsterne
Hynenaugen von fernher durch die Bsche schimmerten. Die feigen,
hundehnlichen Geschpfe wagten sich aber nicht heran, weil whrend der
ganzen Nacht ein tchtiges Feuer unterhalten wurde. Es war hier des
Nachts kalt genug, um Feuer und Wolldecke gern anzunehmen; die Reisenden
freuten sich, als der Sonnenaufgang den Weitermarsch mglich machte,
namentlich da die Fhrer versicherten, da jetzt ein Hottentottenkraal
binnen wenigen Stunden zu erreichen sei.

Hat dieser Stamm einen Knig? fragte Franz.

Gewi. Mazemba bewohnt die grte Htte im Kraal und hat die meisten
Frauen; aber er ist alt, seine Krankheit erlaubt ihm nicht mehr, Rinder
zu hten oder auf die Jagd zu gehen.

Was betreibt er denn jetzt? forschte der junge Hamburger begierig, von
dem rinderhtenden Frsten mehr zu hren. Hat Knig Mazemba Kinder?

Der Fhrer, selbst ein Sohn des gelben Volkes, nickte. Die Quaquas (so
nennen sich die Hottentotten) bleiben, wenn sie Mnner geworden sind,
selten mehr in den Kraalen ihrer Vter, antwortete er, sie suchen die
Dienstbarkeit der Weien und werden auch oft selbst Landwirte. Es gibt
in der Umgegend der Kapstadt manchen Gelben, der seine eigene Schafzucht
oder Kserei besitzt und um keinen Preis zu den Verwandten in die Wlder
zurckkehren wrde.

Was ich ihm durchaus nicht verbeln kann! schaltete Holm ein, wobei er
sich jedoch, um niemandes Gefhle zu verletzen, der deutschen Sprache
bediente. Schau hin, Franz, mein Shnchen, das Ding da ist der Kraal,
Seiner Majestt Mazembas des Wasserschtigen Allerhchste Residenz, oder
ich will bis an das Ende aller Tage Afrikareisender bleiben.

Ein furchtbares Los! konnte sich Doktor Bolten nicht enthalten
auszurufen.

Franz lachte. Karl, weshalb glaubst du, da dieser Frst notwendig an
der Wassersucht leiden msse, fragte er. Da vor uns haben wir ja einen
nackten, langgestreckten Erdhaufen.

Aber dahinter liegt dennoch Mazembas Palast; glaub mir's, mein Junge.
Und die Wassersucht hat der Monarch auch, entsetzlich geschwollene Fe
und Schmerzen in allen Gelenken, das ist das Los fast eines jeden der
Huptlinge, die ihr Leben faulenzend und liegend in den feuchten,
beinahe unterirdischen Hhlen verbringen und nicht selten so trge sind,
da sie sich von ihren Weibern buchstblich fttern lassen. Da gibt es
fr solch einen Schmutzmenschen keine geistige oder krperliche
Thtigkeit, er schlft und it, prgelt seine Umgebung und schlft
wieder, bis endlich ein frhes Erkranken und Altern das nutzlose Dasein
abschliet. Das wirst du noch hufig, namentlich auf den Sdseeinseln
bemerken, wo fast alle alten Leute an der Elefantiasis, d. h. furchtbar
geschwollenen Beinen und Fen, leiden.

Der Fhrer streckte jetzt den Arm aus. Das ist Mazembas Kraal, rief
er, auf eine berhngende, sprlich mit Moos bewachsene Berglehne
zeigend, hier bin ich geboren, aber Vater und Mutter leben mit mir in
der Stadt. Es ist doch traurig, so zwischen den Felsen zu hausen,
obgleich dieser Kraal ein sehr reicher ist, er besitzt sogar eine
Quelle.

Dessen kann sich hier also nicht jeder Haushalt rhmen, Freund Quaqua?

Ganz gewi nicht. Viele Stmme mssen mit dem, was der Regen spendet,
und mit den reichlich wachsenden Wassermelonen frlieb nehmen. Auer dem
Bedarf zum Reinigen des Kochtopfes brauchen freilich meine
Stammesgenossen auch kein Wasser, denn die Khe und Schafe treiben sie
auf entfernte Weiden, wo sich Trinkpltze vorfinden.

Ach! -- der echte Quaqua wscht also seinen Krper niemals?

Nicht mit Wasser, Herr, er reibt ihn mit Fett.

Was diese Nachbarschaft fr die Nasen der Kulturvlker uerst
unangenehm macht, sagte trocken der Gelehrte. Aha, da zeigt sich
Jung-Hottentottentum in schnster Naturwahrheit.

Ein halbes Dutzend spielender, durchaus unbekleideter Kinder lief beim
Erblicken der Fremden laut schreiend zum Eingang des Kraales zurck;
bald darauf zeigten sich gelbe Gesichter, mehrere Frauen kamen herbei,
und selbst Mnner erschienen mit ausgestreckten Hnden, um von den
Weien etwas Tabak zu erbetteln. Nirgends gewahrte man indessen jenes
Erstaunen, das verwunderte Aufhorchen, welches die Neger ergriffen
hatte, wohin die Reisenden bis jetzt kamen; es trat vielmehr deutlich zu
Tage, da diese Leute den Besuch weier Fremdlinge schon oft empfangen,
ja da manche unter ihnen selbst in der Kapstadt gewesen sein mochten
und das Leben auerhalb ihres Kraales sehr wohl kannten.

Dort liegt Mazembas Htte, berichtete der Fhrer. Gehen Sie ohne
Besorgnis durch die Dorfstrae, meine Herren, die Quaquas sind keine
Verrter, es wird ihnen nichts Bses geschehen.

Doktor Bolten klopfte ihm auf die Schulter. Hbsch von dir, da du dein
Volk verteidigst, mein Sohn, sagte er. Geh also und melde uns dem
Frsten.

Die beiden anderen Fhrer blieben bei den Weien, und so setzte sich der
Zug langsam in Bewegung. Es schien doch einigermaen gewagt, so in den
Engpa hineinzugehen und sich der Gromut der Wilden preiszugeben; aber
auch die zwei letzten Fhrer hielten das Unternehmen fr gefahrlos; sie
hatten schon frher Reisende hierher begleitet und wuten, da die
Hottentotten an keinen berfall dachten. -- Eine Doppelreihe
erbrmlichster Lehmhtten zeigte sich den Blicken der vorauseilenden
Knaben; keine einzige davon war hher als bis zu etwa drei Metern,
smtliche Thren gestatteten den Eingang nur mittels des Kriechens auf
allen vieren, und die Dcher liefen trichterfrmig in eine Spitze aus.
Whrend die Wohnungen der Neger ohne Ausnahme Pfahlbauten waren, hatten
sich die Hottentotten halb in den Boden hineingewhlt, lebten ohne einen
einzigen Lichtstrahl in engumschlossenen Rumen und konnten auch nicht
den kleinsten Versuch zu Anpflanzungen aufweisen. Alles lag vergraben
unter Schmutz, die Dorfstrae war eine Art von Pftze, die gelben,
beraus hlichen Gesichter zeigten gnzliche Unbekanntschaft mit dem
Wasser, und die Felle, in welche beide Geschlechter gehllt waren,
hingen zerfetzt und besudelt von den durchweg kleinen Gestalten herab,
die Mnner von den Schultern bis zu den Knieen bedeckend, whrend sie
bei den Frauen den Oberkrper frei lieen. Unzhlige Troddeln aus
kleinen, schwarz und weien Thonperlen fielen ber die Brust herab, und
an Armen und Beinen waren die Sehnen oder Drme geschlachteter Tiere als
Verzierungen angebracht; alles durchaus schmutzig, mit Fett beschmiert
und vielfach zerrissen.

Trotz dieses elenden Zustandes schienen die Quaquas ein sehr
lebensfrohes Vlkchen, das sogar seine Gste mit Musik bewillkommnete.
Aus mehr als einer Thr kroch eine olivengelbe Gestalt, die in den
Hnden einen ausgehhlten halben Krbis trug und nun auf drei darber
hingespannten Saiten ein nervenerschtterndes Katzenkonzert verbte.
Jeder spielte fr sich, und jeder tanzte einen tollen Wirbelreigen fr
sich, so da es bei dem Anblick dieser halbnackten, komischen Gestalten
fr die Weien unmglich war, den zu einer Vorstellung bei Hof so
uerst notwendigen Ernst zu bewahren. Sie lachten noch alle, als der
vorausgeschickte Fhrer zurckkam und verkndete, da Knig Mazemba
sogleich vor der Thr seiner Wohnung erscheinen und die Gste empfangen
werde. Auch hier in unmittelbarer Nhe des frstlichen, mit mehreren
bunten Lappen und einem greulichen Gtzenbilde verzierten Palastes
hrten die Knstler nicht auf, ihre Instrumente zu bearbeiten, nur
tanzten sie nicht mehr, sondern hatten sich rechts und links vom Eingang
postiert, wo sie immer noch mit lebhaftem Wiegen oder Schaukeln den
musikalischen Vortrag begleiteten. Ein ganzer Haufe von Frauen und
Kindern war den Weien gefolgt, und jetzt nahte auch schon Seine
Majestt selbst; auf Hnden und Fen kriechend, unter schmerzlichem
chzen kam Mazemba ans Tageslicht. Was er sagte, das ging einstweilen
unseren Freunden verloren; als ihm aber der lebhafte Franz unter die
Arme griff und solchergestalt half, sich auf einen vor der Hhle
befindlichen Erdhaufen niederzulassen, da zeigte ein verblffter
Ausdruck des gelben, verschrumpften Gesichtes, wie sehr sich der Alte
wunderte, da es jemand gewagt habe, seine geheiligte Person zu
berhren. Er sah blinzelnd von einem zum anderen und ergriff dann einen
im Wege liegenden Stein, den er ohne weiteres nach den Musikanten
schleuderte, worauf sofort diesem nicht mizudeutenden Befehl des
Stillschweigens Folge gegeben wurde. Alles verstummte, die Weien zogen
ihre mitgebrachten Geschenke hervor, und der Fhrer begann sein Amt als
Dolmetscher.

Ein schnalzender Laut drang ber die Lippen des alten Knigs und wurde
dann in das Wort Tabak bersetzt, worauf sogleich mehrere Pakete in
die begierig ausgestreckten Hnde fielen. Seine Majestt schoben
eiligst, ohne zu zaudern oder zu danken, das begehrte Labsal in den
Mund, dann wurde noch ein Wort gehrt -- Branntwein! -- und als ein
Achselzucken darauf antwortete, hielt der Alte jede weitere Bemhung fr
berflssig. Mochte der bunte Putz, den vielleicht die Reisenden
auerdem noch mitgebracht hatten, seinen Weibern zu teil werden, er
selbst kmmerte sich darum nicht. Mit Mhe zum Eingang der Hhle
zurckkriechend nahm er franzsischen Abschied, ohne die Reisenden eines
weiteren Blickes zu wrdigen; im nchsten Moment aber tnte die
verdrieliche Stimme aus dem Thrloch wieder heraus, diesmal in lngerer
Rede. Wenn die weien Mnner unter sich einen Zauberer haben, der im
stande ist, meine Schmerzen zu bannen, so will ich ihnen den fettesten
Stier schenken. O! o! Wie das reit und bohrt!

Natrlich war auch dieser Wunsch unerfllbar, und so bewegten sich die
Reisenden weiter ins Dorf hinein, nicht ohne von der Stimme des
geplagten alten Knigs noch eine Strecke begleitet zu werden.

Zwei Khe zu dem Stier, wenn ihr helfen knnt! -- Drei Khe!

Sagte ich es dir nicht? lchelte Holm. Branntwein, Feuchtigkeit der
Wohnung und steter Miggang -- im Alter die Wassersucht und das
Zipperlein.

Merkwrdig wenig Zeremoniell war an dieser Hofhaltung vorhanden! rief
der Knabe. O lieber Himmel, da fngt die Musik wieder an.

[Illustration: Der Zug nach Mazembas Kraal.]

Olivengelbe Gestalten schwangen sich rechts und links dem Zuge voran,
die bschelweise gewachsenen struppigen Haare flogen im Winde, die
zerrissenen Kuhfelle klappten auf und nieder, und ein wilder Reigen fand
an den berhngenden Felswnden der einen Straenseite sein Echo. Wohin
die Gste sich wandten, da folgte ihnen diese unerwnschte, jedenfalls
aber als Ehrenbezeugung aufgefate Begleitung, selbst als an der Quelle
Halt gemacht wurde, um zu rasten, tnte noch immer die sonderbare Musik
fort, bis denn endlich eine Verteilung von Geschenken stattfand, und nun
die Spielleute ihren Anteil forderten. Die Krbis-Violinen flogen ins
Gras; neugierig, mit langen Hlsen warteten alle der Dinge, die da
kommen wrden. Und dann brach der Jubel los. Spiegel, um die eigene,
bodenlose Hlichkeit, die zuweilen ein Dritteil des ganzen Gesichtes
ausmachenden Lippen und die plattgedrckte Nase zu beschauen, feuerrote
Kattuntcher und Glasperlen fr die Frauen, Tabak und Messer fr die
Mnner, Spielzeug fr die Kinder, alles wurde verteilt, aber auch in
dieser Beziehung wieder beobachtet, da die Hottentotten solche Dinge
bereits kannten, obgleich sie zu arm waren, um auf den Besitz Anspruch
zu machen. Die Umgebung der Quelle sah aus wie ein Marktplatz; rings im
Kreise saen schnatternde jubelnde Frauen, und bewegten sich in Gruppen
die Mnner, bei denen es dieses oder jenes Stckes wegen nicht selten
bis zu Thtlichkeiten kam; ein alter Hottentotte, der groe Herden
besa, feilschte mit den anderen um ihre Messer und bot Klber und Khe
fr ein besonders gewnschtes Stck; ein jugendlicher Stutzer hatte sich
mit nicht weniger als fnf roten Tchern an allen mglichen und
unmglichen Stellen seines auswendigen Menschen umwickelt und stolzierte
jetzt wie ein Pfau zwischen den brigen umher, ja endlich gerieten zwei
junge Damen einer Perlenschnur wegen dermaen in Harnisch, da sie sich
eine frmliche Schlacht lieferten. Bei- und Kratzwunden, Bschel
ausgeraufter Haare, Fetzen von der Fellbekleidung und endlich das jhe
Zerreien des Perlenbandes, alles das drngte sich zusammen in wenige
Augenblicke; nachdem aber die begehrten Glaskugeln auf den Boden gerollt
waren, entstand pltzlicher Friede. Beide Kmpferinnen lagen auf ihren
Knieen, um mglichst viele der bunten Flchtlinge zu erhaschen; eine
suchte noch emsiger als die andere, und sobald eine Perle gefunden war,
flog sie in den Mund der glcklichen Besitzerin, woselbst ihr ein
sicheres Versteck hinter dem respektablen Gebi bereitet wurde. Es
fehlte aber auch neben diesen kleinen, ergtzlichen Auftritten nicht an
den Zeichen wahrer Gastfreundschaft und Dankbarkeit; die armen Frauen
boten den Gsten ein Nachtlager in ihren Htten und eine Mahlzeit von
den wenigen Vorrten, welche sie selbst in einer Art Grube oder
rohangelegtem Keller unter der Wohnung verwahrten; sie kten die
Kleider der Fremden, und einige brachten sogar zum Entsetzen derselben
eine Art von Zither zum Vorschein, auf der sie spielten.

Das Essen wurde dankend abgelehnt. Worin es eigentlich bestand, lie
sich nur schwer sagen, denn alle mglichen Gerche stiegen aus dem
verbogenen, rostigen Eisengef empor, und Spuren frherer Mahlzeiten
hafteten reichlich an den Wnden. Ich halte es fr Mehlbrei! erklrte
Franz.

Hm, wenigstens waren erst ganz krzlich noch Zwiebeln in diesem Topfe.

Etwas gleicht der Duft demjenigen einer verbrannten Milchspeise.

Und hier schwimmt eine jugendliche Wanze, Todes verblichen vor der Zeit
infolge eines gewagten Sprunges aus dem Fellgewande der Kchin in diesen
Hexenkessel.

Holm fischte das berchtigte Insekt. Ich brauche dich nicht mit mir zu
nehmen, internationale Blutsaugerin, sagte er mit seinem launigen Tone,
denn du gehrst zu der Verwandtschaft, welche auch in deutschen
Federbetten vorkommt, -- fleuch!

Er schnippte die Wanze von den Fingern und spendete das letzte bunte
Tuch einem kleinen Mdchen, dessen Wollkopf er damit umwickelte. Wir
mssen doch in eine oder die andere dieser Htten hineinkriechen, nicht
wahr? fragte er. Vielleicht ist dies der einzige Hottentottenkraal auf
unserem Wege. Wer geht mit, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in
solchen Schlund hinab?

Mich entschuldigen Sie, bitte, lchelte der Doktor. Ich bin nicht
mehr jung genug, um mich fr derartige Expeditionen noch gengend
begeistern zu knnen. Auf allen vieren, das drfte fr den
sechsundfnfzigjhrigen Doktor der Gottesgelahrtheit ein wenig
empfehlenswertes Unternehmen sein!

Kommt also, ihr Jungen, rief Holm, aber ich bitte Sie, Doktorchen,
weichen Sie nicht vom Fleck. Mir ist seit unserer neulichen Trennung nur
allzuwohl erinnerlich, wie meisterhaft Sie im Faustkampf Ihren Mann
stehen, -- ich mchte nicht bei nchster Finsternis unbekannterweise
wieder zwischen Ihre Finger geraten.

Unbesorgt, ich bleibe hier und studiere den Bau des Kraales.

Die jungen Leute lieen den Dolmetscher anfragen, ob es erlaubt sei,
eine Htte zu besehen und wurden von den unermdlichen Violinisten bis
zum Eingang der nchstliegenden begleitet. Dann ging es auf Hnden und
Fen vorwrts in den lichtlosen Raum hinein. Ziemlich gerumig mit
dichten Erdwnden, halb unter der berhngenden Felswand verborgen,
hatte die Htte einen festgestampften Lehmboden und im Hintergrunde ein
Lager aus Moos und Fellen. Mbel waren nicht darin, nur ein ausgehhlter
Krbis voll Wasser, ein Eisentopf, eine Bratpfanne, Eisenlffel und eine
Reihe von Gtzen. Schauderhafte Fratzenbilder aus Holz, Thon, Lehm und
Knochen standen auf einer vorspringenden Erhhung der Wand,
Tiergestalten dem Bau nach, obgleich kein Auge im stande gewesen wre,
aus dieser plumpen Form die Gattung herauszufinden, Menschengesichter
von abschreckender Hlichkeit und Schlangenfiguren in Lebensgre,
zusammen mehr als zwlf verschiedene Arten. Holm wollte einen derselben
berhren, aber die Bewohnerin der Htte streckte unruhig den Arm aus.
Das ist die Gottheit, welche meine Khe und Ziegen vor den Raubtieren
beschtzt, bersetzte der Dolmetscher. Du darfst sie nicht nehmen,
Meister.

Holm trat, um kein Gefhl zu verletzen, sofort zurck, erlaubte sich
aber, eine Wachskerze in Brand zu setzen und alles genauer zu
besichtigen. Groe Spinnen hingen an den Wnden, Tausendfe von
erschreckender Lnge krochen zwischen den Fugen, und sogar Eidechsen mit
glnzenden Augen schlpften durch das Moos; im Mittelpunkt des Baues
stand ein einzelner, rohbearbeiteter Balken, der das Dach sttzte, und
nach der Strae hin fhrte eine Treppe aus Erdstufen in eine
kellerartige Vertiefung. Hier konnte nur eine Person Platz finden, daher
stieg zuerst Holm und nach ihm die Knaben hinab. Berge von Zwiebeln und
anderen Knollengewchsen lagen da aufgespeichert, Felle, getrocknetes
Fleisch und Kaffernkorn in groer Menge, ebenso Pfeffer und einige
frische Frchte. Offenbar waren diese Vorratskeller sowie die ganze
Bauart des Kraales auf einen etwaigen berfall berechnet; vielleicht
hatten hufig streifende Buschmnner oder gar Kaffern ihre frheren
Raubzge bis in die Wohnungen der friedlichen Gelben ausgedehnt, so da
von alters her fr einen derartigen Fall gesorgt worden war. Jetzt
freilich finden diese Kriege erst viele Meilen weiter in das Land hinein
noch statt, whrend die Hottentotten unter dem Schutze Englands leben.

Ein belstand war es besonders, der die Fremden so schnell als mglich
ihre Besichtigung zu Ende fhren lie, die unertrgliche, mit
Zwiebelduft, Ledergeruch und zahllosen anderen Beimischungen erfllte
Luft des rings verschlossenen Raumes; sie atmeten auf, als die Strae
wieder vor ihnen lag, und trugen kein Verlangen, noch mehrere dieser
schmutzstarrenden Hhlen in Augenschein zu nehmen. Was die
Negerwohnungen in Dahomey und am Niger so ungemtlich machte, das war
ihre lockere Bauart, welche dem Wind von allen Seiten freien Zutritt
gewhrte, dennoch aber muten sie Palste genannt werden im Vergleich zu
diesen schrecklichen Gefngnissen, denen selbst die Grundbedingungen
alles Lebens, Luft und Licht, vollstndig fehlten. Da unten aber ist's
frchterlich! fuhr Holm in seiner Nutzanwendung des Schillerschen
Tauchers fort, Doktor, ich versichere Ihnen feierlich, da Sie nichts
eingebt haben.

Der alte Herr sa immer noch auf dem Abhang an der Quelle, jetzt aber
stand vor ihm ein kleiner, pausbackiger Junge von etwa zwlf Jahren, den
er eben mit Hilfe eines Dolmetschers ein wenig zu erziehen versucht
hatte, von dessen Bekehrung er aber seufzend absah. Wissen Sie, Freund
Holm, was mir dieses Kind antwortet, als ich ihn frage, ob er je von dem
lieben Gott gehrt? -- Da nickt er und sagt: >Wir haben erst vor ein
paar Tagen einen neuen bekommen. Grovater ist gestorben, der Zauberer
machte uns fr die Htte eine Schlange aus Thon, und darin wohnt nun
Grovaters Geist, zu dem wir beten! --<

Schlimme Nachrede fr den alten Herrn! lachte Holm. Aber alle diese
Vlkerschaften des Kaplandes glauben, da die Seelen Verstorbener in
Schlangenleibern wohnen, das ist um nichts sinnloser und beleidigender,
als wenn z. B. die Chinesen heilige Schweine von ihren Geistlichen
umtanzen lassen. -- Jetzt aber zu unseren Pferden, nicht wahr?

Man brach auf und ging durch den Kraal zurck. Aus Mazembas Htte sah
das gelbe, vertrocknete Antlitz des Eigentmers blinzelnd hervor. Zwei
Stiere will ich geben und sechs Khe, alle meine Khe, wenn mir der
weie Zauberer helfen kann!

Das war halb komisch, halb bedauernswrdig. Holm schttelte nur stumm
den Kopf, gab den begleitenden Krbisviolinisten ein Geldgeschenk: Das
doppelte httest du bekommen, wenn du uns mit deiner Fiedelei verschont
httest, wie er in deutscher Sprache hinzusetzte, und dann ging es
fort, der Kafferngrenze entgegen. Schon in einiger Entfernung glich der
Kraal einer bewachsenen Erhhung, von der nichts Zeugnis gab, da
dahinter mehrere Hunderte von Menschen lebten.

Obwohl Unterholz und Bume berall am Wege Schatten spendeten, fehlte
der dichte, engbevlkerte, von lebenden Wesen aller Art wimmelnde
Hochwald bis jetzt gnzlich, so da die Pferde ziemlich schnell vorwrts
gelangen konnten und noch vor Abend die Weidepltze der Hottentotten
erreichten. Solch ein gelber, halbnackter Hirte, von einer Anzahl
magerer, bsartiger Hunde umbellt, behtete nicht selten Rinder- und
Schafherden in so groer Anzahl, da es kaum mglich schien, alle diese
Tiere zu berblicken und zu zhlen. Demnach muten sich die Leute auf
ihr Hunde verlassen knnen, da sie meistens in trger Ruhe unter einem
Baume lagen oder die landesbliche Kalebasviole spielten. Unsere
Reisenden ritten durch dichtgedrngte Scharen friedlicher Wiederkuer
oder besonders groer und schner Schafe, die auf den Ebenen weideten,
-- noch immer war das eigentlich wilde Gebiet nicht erreicht. Am
Horizont schimmerte indessen bereits ein langgestreckter, dunkler
Streif; das war der Wald, und mit ihm kamen die Abenteuer, welche
diesmal ernstlicher werden sollten, als sich's die kleine Gesellschaft
dachte. Im Schutz einer Felsschlucht wurde das Nachtlager aufgeschlagen
und ein mchtiges Feuer entzndet, so da die nchste Umgebung ziemlich
hell beleuchtet war. Als die Stimmen schwiegen und ringsumher tiefe
Stille eingetreten, begann sich's in den Zweigen der ziemlich dicht
stehenden Bume zu regen. Kleine Geschpfe glitten wie Schatten auf und
ab, glnzende Augen sahen zum Feuer hinber. Franz glaubte, pltzlich
der Prinz des deutschen Mrchens geworden zu sein; er meinte, die Zwerge
auf dem Gras sich tummeln zu sehen und hrte ihr leises geisterhaftes
Flstern. -- --

Trugen sie nicht Holz herbei, saen sie nicht im Kreise um das Feuer,
graurckig, kahlkpfig und nickend, die Brosamen verzehrend wie einst
die Bettler der biblischen berlieferung am Tische des Reichen? -- --

Karl, Karl, was ist das? -- Habe ich Fieber?

Pst, du verscheuchst sie, Junge! Das sind Zwergmakis.

Nicht grer wie eine Maus! raunte Franz, der sich von seinem
Erstaunen noch immer nicht erholen konnte. Ob es unmglich wre, einen
davon zu fangen, Karl?

Das vielleicht nicht, aber wer knnte ein so kleines Wesen fesseln?
Diese Art lebt nur in der Freiheit und nur in der heien Zone. Schade,
da ich keine Vogelflinte besitze, um ein Exemplar zu schieen und
auszustopfen. Es bildet in seinen kleinsten Formen den bergang zum
Nagetier, -- auf allen vieren laufend wrde es von einer groen Maus
kaum zu unterscheiden sein. Aber sieh dorthin, die Gesellschaft mehrt
sich.

Von allen Bumen kletterten die Halbaffen (Lemuren) herab, um die
berbleibsel der gehaltenen Mahlzeit zu erhaschen. Mit ihren groen
schwarzumrnderten Augen, dem spitzen Gesicht und dem dichten
abstehenden Bart schienen die schlanken Tiere beinahe unheimlich. Die
Vereinigung des Affen und der Ratte zu einem geschmeidigen, hbschen und
listigen Geschpfe reprsentierend, sind sie halb Nager halb Affe, doch
ohne die Hlichkeit der letzteren Familie. Alle verstanden es aufrecht
zu gehen, die kleinste Art schien sogar dieser Fortbewegungsweise den
Vorzug zu geben; winzige, krallenbewaffnete Hnde nahmen den Brocken und
fhrten ihn der spitzen Rattenschnauze zu; beide Arme ffneten sich
weit, um mit groer Anstrengung das Knchelchen eines gebratenen Huhnes
fortzuschleppen oder irgend einen saftreichen Blumenstengel in das Nest
zu tragen.

Endlich nahte auch so ein kleines Lemurenmtterchen mit zwei Jungen, die
auf ihrem Nacken hockten, so da es aussah, als habe die Alte drei
Kpfe. Eins der Kleinen war so unruhig, da es das ffchen herabnahm und
wie ein Kind auf dem Arme trug, indes die andere Hand Cakesbrocken aus
dem Moos des Bodens hervorsuchte. Franz glaubte, nie etwas Hbscheres
gesehen zu haben; er konnte der Versuchung, die kleine Gesellschaft zu
fttern, nicht widerstehen und warf pltzlich eine Hand voll Krumen auf
den freien Platz hinaus. Schon in der nchsten Sekunde war alles wie in
den Boden hinein verschwunden, selbst die greren Tiere hatten
schleunigst das Weite gesucht. Es konnte aber auch nicht schaden, wenn
eine Gattung der anderen Raum gewhrte, gerade jetzt sollte sich ja der
auergewhnliche Reichtum an lebenden Wesen, wie ihn das Kapland
besitzt, erst einmal zeigen. -- An den Bumen hing in groer Anzahl das
trge, schwerbewegliche Chamleon mit seinen blitzenden Augen und dem
spitzen Rssel, aus welchem die Zunge hervorhngt, die ruckartig
hineingezogen wird, sobald sich eins der Tausende von herumfliegenden
Insekten darauf gesetzt hat. Bald grau, bald rot, grnlich oder schwarz
schimmernd, je nachdem es jagt oder ruht, triumphiert oder grollt, ist
das kleine Tier so leicht zu zhmen, da es von den Eingebornen zur
Vertilgung der Insekten vielfach als Hausbewohner gehalten wird; seine
angeborene Trgheit aber verlt es nie. Fast ber den Kpfen der
Reisenden wiegten sich die braunen Pelze an den Zweigen; Nachtvgel
huschten mit schwerem Flgelschlag vorber, und vom Thale herauf drang
zuweilen das drhnende Brllen des Bffels. Franz hatte wenig
geschlafen, als am anderen Morgen die Pferde gesattelt wurden. Zu viel
Neues, Sehenswertes war an seinen Blicken vorbergegangen; er suchte
frmlich hinter jedem Busch oder Strauchwerk die kleinen, geschftigen
Lemuren in ihren grauen Rckchen und den langen Brten; aber jetzt am
hellen Tage hatten sich alle versteckt, die Halbaffen, die Chamleone,
die Eulen und Fledermuse. Dafr belebten Antilopen den Weg, und ganze
Herden von galopierenden Strauen zogen vorber, einmal auch eine
Elefantenschar, die durch das Unterholz brach und alles vor sich zu
Boden warf, was ihr die Bahn versperrte. Natrlich hteten sich die
Reisenden, hier einen Angriff zu wagen; das schmetternde Trompeten der
alten Mnnchen, ihre drohend erhobenen Rssel und berhaupt das ganze
Verhalten der kolossalen Geschpfe flten zuviel Respekt ein, als da
man bei einer so geringen Anzahl von Schtzen den Kampf gegen etwa zehn
bis zwanzig dieser Gegner htte aufnehmen wollen.

Die Herde brauste vorber, da der Boden drhnte, eine breite Spur
zerknickter Pflanzen aller Art hinter sich zurcklassend; das Unterholz
war zerstampft, Zweige abgerissen, Vgel aufgescheucht und zahllose
kleinere Tiere heimatlos gemacht.

Holms Kugel erlegte eine Antilope, die gerade vor den Pferden aufsprang.
Zum Mittagessen sollte sie gebraten werden, nach langer Zeit das erste
frische Fleisch, welches die Reisenden erhielten: man wollte Gemse
kochen und Beeren pflcken, kurz sich einige recht gemtliche Stunden
machen, aber -- der Mensch denkt und Gott lenkt. Es mochte etwa zwlf
Uhr sein, als die kleine Karawane ins Thal hinabschritt, um unten am
Fluufer zu rasten. ppiger Grasreichtum entfaltete sich, Frchte jeder
Art luden zum Genu; es war, als drfte in dem Rahmen so vieler
Schnheit, so vieler Schpfungspracht auch nicht eine einzige Form, eine
einzige Farbe fehlen. Am Rande der Lichtung begann dichter Wald, und
auch selbst die offene Flche war stellenweise von Bumen durchstoen.
Die Pompelmus, eine apfelsinenartige, aber weniger wohlschmeckende
Frucht, hing von den Zweigen so reichlich herab, da die Reiter sie vom
Sattel ergreifen und brechen konnten, Datteln und Tamarinden wuchsen
ber ihren Kpfen, der schne Lumienbaum mit seinen purpurroten Blten
wiegte sich im Winde, und Kaktuspflanzen aller Arten schmckten die
Gegend. Hier befand man sich an der Grenze des Kafferngebietes; es war
also einige Vorsicht notwendig, weshalb auch die Fhrer voranritten und
Umschau hielten. Die Weien folgten langsam nach.

Pltzlich klang aus nchster Nhe Hundegebell, man hrte mehrere Stimmen
lebhaft rufen, und ehe sich die kleine Gesellschaft dessen versah, war
sie von einer bedeutenden Anzahl gelber Gestalten umschwrmt. Von
geringerer Gre als die Hottentotten, noch hlicher und ganz ohne
Kleidung auer einem den Rcken bedeckenden Stck Fell, wilder und roher
in ihrer Erscheinung, glichen die Buschmnner einer Schar unterirdischer
Gnomen oder Zwerge; sie schrieen alle zugleich, betasteten die Pferde
und Kleider unserer Reisenden, verlangten mit ausgestreckten Hnden
dieses oder jenes, was ihnen besonders ins Auge fiel, und schienen
namentlich mit dem ihnen zu teil gewordenen Anblick weier Menschen noch
gnzlich unbekannt.

Hallo, Fhrer! rief Holm, haben wir da Feinde?

Und zugleich ri er die Kugelbchse von der Schulter, um auf den
Nchststehenden anzulegen. Die kleine, gelbbraune, hliche Gestalt
blieb unbeweglich, offenbar hatte der Stamm noch nie Feuerwaffen im
Besitz gehabt.

Der eingeborne Fhrer ritt im Trabe herbei. Die Saab thun uns nichts zu
leide, Herr! rief er. Das sind arme, dumme, vertierte Geschpfe, die
zwar stehlen, was sie erlangen knnen, aber doch keinen Mord begehen.
Wir drfen ungefhrdet ihr Lager in Augenschein nehmen.

Einige Worte, die er seinen Stammesverwandten zurief, schienen diese
Behauptung zu besttigen, die Buschmnner liefen wie Kinder, welche
einen Gast in das Haus fhren, den Fremden durch den Felsenpa voran ins
Thal und sahen dabei fortwhrend zurck, als ob sie frchteten, den
Gegenstand ihrer lebhaften Neugierde pltzlich wieder zu verlieren.
Umdrngt von der gelbbraunen, hlichen, mit lauter Zisch- und
Schnalzlauten durch einander schwatzenden Menge gelangten die Weien bis
an den Lagerplatz der Buschmnner, wo Frauen und Kinder an den
verschiedensten Stellen herumhockten, ohne sich irgend einer
Beschftigung zu widmen. Es brannte kein Feuer, man sah kein Zelt, kein
weidendes Tier oder irgend ein Gert, wohl aber lie sich erkennen, da
die Buschmnner in Felsspalten, in den verlassenen Hhlen wilder Tiere
oder auch nur unter einem besonders dichten Gebsch ohne weiteres
Quartier zu nehmen pflegten. Ein Lager auf flachem Boden mit einigen
Handvoll Blttern als Kopfkissen, das war alles, was sie beanspruchten.

Fhrer, Sie brgen uns also, da kein pltzlicher berfall erfolgen
wird?

Ganz sicher, Master Doktor, ich kenne ja meine Landsleute.

Holm und die Knaben stimmten einmtig fr eine Rast unter den so
unerwartet gefundenen Gelben. So tief wie dieses Volk schien kein
Schwarzer der Westkste zu stehen; es war in naturwissenschaftlichem und
kulturgeschichtlichem Interesse gleich wichtig, so viel als sich
uerlich wahrnehmen lie, von Lebensweise und Charakter der Saab kennen
zu lernen.

Die Reisenden stiegen von den Pferden und errichteten sich im Schutze
mehrerer neben einander stehender Zitronenbume ihr eigenes Lager.
Whrend der Nacht wollten sie in der Niederlassung des wandernden oder,
besser gesagt, vagabundierenden Volkes bleiben und dann noch etwa eine
oder zwei Tagreisen verwenden, um auch den Anfang des Kafferlandes
kennen zu lernen.

Ein Feuer loderte auf; die Fhrer weideten und zerlegten die Antilope;
die mitgebrachte Pfanne kam zum Vorschein, und bald brodelte der Braten,
dem man Frchte aller Art beigesellte. Die gelben Menschen schienen gar
nichts, was einem Haushaltungsgert hnlich sah, zu besitzen, und auf
eine Frage des Fhrers, wie denn bei ihnen das Wild zubereitet werde,
antworteten sie nur durch spttisches Lachen. Ich wei es wohl, sagte
halb abgewandt der junge Hottentotte, sie verzehren alles roh und essen
auch alle Abflle mit dem Fleisch. brigens kommt dergleichen selten
vor, denn ihr eigentliches Heimatsgebiet ist eine Sandwste, wo es nur
niederes Gebsch, Straue und Quaggas gibt. Sie ziehen von Stelle zu
Stelle, schieen das Wild, essen die Frchte und setzen ihren Stab
weiter, sobald nichts zu plndern mehr vorhanden ist. Arbeit kennen sie
nicht, betreiben weder Ackerbau noch Viehzucht, ja sie haben nicht
einmal Htten, sondern verkriechen sich wie wilde Tiere und stehlen, wo
es angeht, die Herden der Quaquas. Es ist schon vorgekommen, da ein
Stamm von vielleicht zweihundert Kpfen bis zu sechshundert Ochsen und
Schafe wegtrieb, wobei dann alles an einem Tage abgeschlachtet und
spterhin verfault gegessen wurde. Meine Verwandten, die Saab, sind ein
sehr armes, niedriges Volk.

Aber ihre Waffen mchte ich sehen, rief Franz. Pfeile und Bogen
natrlich. Ob sie davon verkaufen oder vertauschen wrden.

Der Fhrer sprach mit den Gelben, aber keiner wollte sein Eigentum
hergeben, bis endlich der Packen mit den noch brigen bunten Spielereien
geffnet wurde und nun auch die Widersetzlichsten bezhmte. Die
Buschmnner tanzten wie Kinder, schlugen sich auf die Kniee vor
Entzcken und jubelten laut. Fr ein Messer erhielt Franz Bogen und
Pfeile, von welchen letzteren ihm aber der Fhrer sagte, da sie ohne
Zweifel vergiftet seien. Ein Spiegel dagegen erregte den Wilden die
lebhafteste Furcht; sie sahen aus einiger Entfernung hinein, griffen
dann pltzlich hinter das Glas, offenbar um den vermeintlichen
Widersacher zu erfassen. Nichts konnte sie bewegen, den Fetisch zu
berhren, ja, die Mtter drngten sogar ngstlich ihre neugierigen
Kleinen, so oft sie sich heranwagten, zurck, bis endlich die
gefrchteten Zaubergerte wieder eingepackt wurden. Perlen und Kattun
erregten ungemessene Freude, auch den Abfall der Mahlzeit lieen sich
die harmlosen Kinder der Natur vortrefflich schmecken, entwickelten aber
dabei einen so gesunden Appetit, da notwendig zur Vollendung dieses
Gastgebotes auch noch ihre eigenen, gewohnten Hilfsmittel herangezogen
werden muten. Und da zeigte sich denn, weshalb gerade diese Stelle zum
Lagerplatz erwhlt worden war. Neben einem lngst gestrzten, in
Verwesung bergegangenen Baum befand sich ein groer Ameisenhaufen mit
wenigstens sechs bis zehn Kolonieen, die alle von den Buschmnnern nach
Eiern und Puppen durchsucht wurden. Ebenso begann auch die Jagd auf
Heuschrecken; nirgends aber trug man das Erbeutete zusammen und
verzehrte es aus einem Geschirr oder wenigstens gemeinschaftlich;
sondern jede Heuschrecke wanderte zerquetscht von der Hand des Finders
in den Mund, die kleinen weien Ameiseneier wurden mit affenartiger
Behendigkeit aus den Nestern herausgefischt und verzehrt, auerdem aber
auch die berall wachsenden Zwiebeln aus der Erde gegraben und roh
genossen.

Ich htte Lust, einmal zu schieen, meinte Holm. Was sie fr Augen
machen wrden.

Gesagt, gethan. Franz band um die Krone eines in einiger Entfernung
stehenden Bumchens ein Stck Papier, und Holm scho es herunter. Als
der Schu krachte, entstand unter den Wilden eine Bewegung, wie wenn ein
Steinwurf einen Flug Sperlinge aufschreckt. Es war ersichtlich, da die
gelben Geschpfe, denen der Name Mensch kaum zuzukommen schien, nie im
Leben ein Feuergewehr kennen gelernt hatten; sie flchteten insgesamt
unter den Schutz des Felsens, jedenfalls fest berzeugt, einem
unheilvollen Zauber nicht mehr entrinnen zu knnen; ihre Bewegungen
verrieten die lebhafteste Furcht, viele lagen sogar auf den Knieen und
hielten das Gesicht in den Hnden verborgen. Holm und Franz versuchten
umsonst, die Leute zutraulicher zu machen; sie wollten ihnen die
Kugelbchsen zeigen oder gar hinreichen, aber alles vergebens; die
Buschmnner flchteten, sobald sie sich nherten, ja die allgemeine
Angst schien so stark, da berhaupt keine fernere Unterhaltung mehr
mglich war.

Das Gewehr wurde beiseite gelegt, die Decken im Schutz einer Felswand
ausgebreitet und die Pferde so an Bumen befestigt, da sie zwischen den
Reitern und dem freien Platze standen. Als ein langsam brennendes Feuer
von halbtrocknem Holz seine Rauchwolken zum Himmel sandte, streckten
sich alle um die angenehm wrmende Glut und schliefen im Gefhl
vollkommener Sicherheit sehr bald ein. Die Pferde muten sie ja bei dem
geringsten verdchtigen Zeichen durch ihre Unruhe sofort wecken. Stille
und Dunkelheit lagerten ber dem malerischen, mit so vieler Schnheit
ausgestatteten Thal, von fern her klang das Rauschen des Waldes, die
Quelle murmelte, Nachtfalter in wundervollen Farben, gro und glnzend,
schwebten vorbei; geschftig wanderten zu Tausenden die beraubten
Ameisen fort aus ihrem halbzerstrten Bau, um sich eine neue Heimat zu
grnden, Vgel zwitscherten wie flsternd in den Zweigen, und Eidechsen
schlpften durch das Gras. Aber seltsam, kein greres Tier zeigte sich,
-- und doch brachen und knickten drben am Waldrand zuweilen die
Gebsche.

War es der Wind? War es ein Elefant oder -- vielleicht Menschen?

Die Pferde standen ruhig fressend, also konnten es keine Raubtiere sein.

Da, wieder! es rauschte und krachte, das war nicht der Wind -- --

Ein Mondstrahl brach aus den Wolken, Helldunkel berflutete das Thal.
Schleichende Gestalten, katzenartig leise, glitten heran -- -- waren das
Teufel? Flammend rot von Kopf bis zu Fen die krftigen Gestalten, die
brunlich schwarzen Gesichter voll Kampflust und Feuer, geschoren der
Kopf bis auf den federdurchflochtenen Wirbelschopf, hohe Schilder aus
Bffelfell in den Hnden und einen langen hlzernen Wurfspie mit
Eisenspitze auf der Schulter. Einer nach dem anderen, Hunderte an der
Zahl, so drangen sie vom Waldsaum her ber den Flu, sich rcksichtslos
hineinwerfend, schwimmend wie ein roter glnzender Streif unheimlich in
der fahlen Beleuchtung. -- --

Und da, wo sich die Gelben angstvoll geschart, blieb alles still. Immer
heller wurde der Himmel, immer deutlicher traten rings die Gegenstnde
aus der Finsternis heraus, -- da wieherte eins der Pferde, und schlfrig
dehnte sich Franz auf seinem Lager. Wie kalt! schauderte er.

Der Fhrer erwachte und hob den Kopf. Ein durchdringender Ruf klang ber
das Thal dahin. Die Amakossa! -- Die Amakossa!

Jetzt wachten alle. Instinktmig griffen sie zu den Gewehren, Fragen
und Vermutungen schwirrten durcheinander, in weniger als einer Minute
standen smtliche Mnner schubereit. Am Himmel teilte sich die letzte
Wolke, der Vollmond erglnzte ber dem Waldsaum, -- jener Fels, an dem
die Buschmnner gelagert, war leer. Ohne Zweifel hatten alle im Schutz
der Dunkelheit geruschlos die Nhe der gefrchteten Feuerwaffen
verlassen.

Das sind Kaffern, flsterte nach dem ersten Erschrecken der eingeborne
Fhrer, Amakossas von den wandernden Stmmen, welche durch Krieg und
Raub ihr Dasein fristen. Sie ziehen von Norden nach Sden, berall
Feinde, berall Zerstrer; die Urbewohner von Britisch-Kaffraria am
Atlantischen Meer, damals geflohen und seit Menschenaltern heimatlos in
den Wldern hausend, whrend ihre Brder mit der Kapkolonie Handel
treiben und nicht mehr Wilde zu nennen sind. Sie haben die Schsse
gehrt und wollen jetzt unsere Gewehre erbeuten.

Das alles war hastig hervorgestoen, halblaut, und indem der Sprecher
unausgesetzt die Wilden beobachtete. Diese schienen Kriegsrat zu halten,
gedeckt durch Bume oder Felsen. Hinter ihren hohen Schilden verborgen,
sprachen sie lebhaft miteinander, offenbar das Pferd verwnschend,
welches vor der Zeit ihre Plne verraten hatte. Sich hinauszuwagen in
die Schulinie dieser blitzenden Musketenlufe, das war nicht geraten;
die Amakossa hatten viel zu hufig mit ihren Genossen von der Kste oder
mit streifenden Zulus verkehrt, um nicht zu wissen, da ihnen die
Feuerwaffe den Weg versperrte, bevor noch die Hlfte desselben
zurckgelegt war. Wo sich ein Kopf ohne Deckung zeigte, da konnte er im
nchsten Augenblick von der Kugel durchbohrt sein.

Die Weien befanden sich in keiner besseren Lage. Wenn ihre
unbeschtzten Pferde mittels der weittragenden Spiee gettet wurden, so
standen sie den ruberischen Kaffern wehrlos gegenber und muten
nebenbei auch frchten, die ganze weite Strecke bis zur Kste, mehr als
fnfzig deutsche Meilen, nicht zu Fu zurcklegen zu knnen.

Der Fhrer dachte dasselbe. Ich habe es bernommen, die Herren sicher
wieder zur Kapstadt zurckzubringen, sagte er nach kurzem Besinnen,
das ist aber nur mit guten Pferden mglich. Ich gehe hinaus und bringe
die Tiere hinter den Felsen.

Wir begleiten dich! riefen einstimmig die Weien.

Der Quaqua schttelte den Kopf. Ich gehe allein, beharrte er. Was
liegt denn an dem armen, verachteten Gelben? Wer fragt nach ihm, wenn er
nicht wiederkommt? Der Farbige trgt immer ein Brandmal auf der Stirn,
-- er sollte wild bleiben, wenn er glcklich leben will, ganz wild, die
Weien zhlen ihn ja doch niemals zu ihresgleichen. Fort da, junger
Herr, ich will keine Begleitung haben.

Es war Hans, der sich dem Hottentotten zugesellte. O Karl, sagte
vorwurfsvoll der stille, wenig lebhafte Knabe, kannst du das zugeben?

Holm und Franz gingen ohne weitere Worte dem Fhrer nach und deckten mit
ihren Gewehren seinen Krper, als er unter den Pferden hindurchkroch, um
sie loszubinden.

Ein Hagel von Wurfspieen schwirrte ihnen entgegen, blindlings
geschleudert, nachdem die Amakossa zu ihrem lebhaften Verdru erkannten,
da sie im ersten Schreck versumt hatten, sich der Tiere zu bemchtigen
und dadurch die Gegner zu entwaffnen. Ein Kriegs- und Wutgeschrei
erschallte aus hundert Kehlen, Wurfspie nach Wurfspie sauste durch die
Luft, Holm hatte den Hut vom Kopf verloren, eine Spitze bohrte sich in
Doktor Boltens Schulter, der eine Fhrer blutete aus drei leichten
Wunden, und zwei Pferde waren getroffen, obwohl nicht besonders
gefhrlich. Dann aber befanden sich auch smtliche Tiere in Sicherheit,
die Weien konnten aufatmen.

Schiet nicht! ermahnte der alte Theologe, whrend er bemht war, mit
dem Taschentuch das hervorquellende Blut zu stillen. Schiet nicht,
Kinder. Wenn die Wilden einen Angriff wagen, so mssen wir uns natrlich
verteidigen, bis dahin aber verhaltet euch ruhig, als sei nichts
geschehen.

Die Amakossa sind Ruber, diebische Hynen! rief erbittert der
verwundete Fhrer. Man sollte sie niederschieen wie tolle Hunde.

Der alte Mann sah mit festem Blick dem Aufgeregten ins Auge. Ich
verbiete dir solche Reden und jeden Gedanken an Ausfhrung solcher
Absichten, mein Sohn! sagte er gelassen.

Der Farbige senkte die Wimper. Er wagte es nicht, die Ehrfurcht gegen
das ruhig berlegene Wesen des alten Herrn aus den Augen zu setzen,
heimlich aber ballte er die Faust, und selbst Franz konnte sich nicht
enthalten zu antworten, da doch eine scharfe Lehre den Buschkleppern
sehr heilsam sein msse. So gut wie die abgesandten Wurfspiee nur
leichte Wunden verursachten, htten sie auch den Tod bringen knnen,
fgte er hinzu.

Und du wolltest der Vorsehung den Dank fr eine beinahe wunderbare
Errettung durch den Mord an einem unwissenden Wilden abtragen, mein
Junge?

Franz errtete. Wir sind noch nicht gerettet, Herr Doktor, antwortete
er. Die Amakossa scheinen uns in aller Form belagern zu wollen.

So werden wir uns in aller Form verteidigen, lieber Franz. Sei dessen
sicher.

Die Kaffern hatten whrend dieser kurzen Unterredung der Weien
ihrerseits den Kriegsrat geschlossen. Einer nach dem anderen
verschwanden sie aus dem Thal, so da es aussah, als sei der Platz von
ihnen gerumt, thatschlich aber war gerade durch diesen Schachzug
bewiesen, da sie zum Verderben der Weien planmig handelten. Der
eingeborne Fhrer erkannte das sofort. Wir knnen uns jetzt wieder
hinlegen, sagte er, ein Angriff wird nicht erfolgen, -- man erreicht
mit List, was vielleicht durch Gewalt unmglich wre.

Aber wie denn? fragte Holm.

Indem man uns umzingelt und vom Wasser abschneidet. Wer sich auf der
freien Flche sehen lt, der ist ein Kind des Todes.

Holm fhlte, wie es ihm kalt ber den Rcken herablief, und auch die
anderen blieben lange Zeit stumm. Ihrer sieben gegen mehrere Hundert, da
war ein offener Kampf ganz unmglich, -- so im Winkel versteckt zwischen
Felsen langsam mit der Waffe in der Hand aus Mangel an Nahrungsmitteln
zu Grunde zu gehen, das schien aber ein entsetzliches Schicksal. Ob
sich denn nicht durch die Schnelligkeit der Pferde entkommen liee?
fragte nach langer drckender Pause der ltere Knabe.

Auf freier Flche, ja; hier im waldigen, von Bumen durchzogenen Gebiet
unter keiner Bedingung. Die ersten fnfhundert bis tausend Schritt um
diese Stelle herum knnen nur langsam, nicht einmal im Trab zurckgelegt
werden.

So sind wir also ganz verloren! rief Franz.

Noch nicht, versetzte der Hottentotte. Ehe wir hier verhungern und
verdursten, entschlieen wir uns zur Fuwanderung bis nach der Kste.
Die Sache geht langsam, aber unmglich ist sie nicht.

Jedenfalls lat uns daher Pulver und Blei aus den Satteltaschen nehmen,
damit wir zur Flucht gerstet sind, riet der Doktor. Wenn nur der Mond
nicht so hell schiene!

In dieser Nacht knnen wir keinen derartigen Versuch wagen, entschied
der Fhrer. Es bedarf dazu nicht allein vlliger Dunkelheit, sondern
auch der vorherigen genauen Ortskenntnis. Wir mssen wissen, ob und in
welcher Strke die Umgegend besetzt ist.

Groer Gott, Fhrer, was sagen Sie da? -- Wir sollten in dieser
verzweifelten Lage, ohne Wasser und auf eine enge Felsschlucht
beschrnkt, noch einen ganzen Tag verharren?

Vielleicht noch zwei Tage, drei Tage, Herr, bis der Augenblick zur
Flucht herangekommen ist. Das lt sich nicht voraussagen.

Eine tiefe Stille folgte diesen Worten. Man hrte wieder die leisen
Laute der Natur ringsumher, nichts verriet feindliche oder zerstrende
Absichten; fast schien es, als sei doch das ngstliche Hin- und
Herreden, das bange Pulsieren des Blutes in den Adern nur ein Spuk der
wildbewegten Einbildungskraft, als knne unmglich an einem einzigen
Schritt in dieses blhende Thal hinaus Tod und Leben hngen, ein
qualvoller, entsetzlicher Tod fern vom Vaterlande unter den Spieen der
rotbemalten Teufel.

Stunden vergingen so; obgleich der Fhrer wiederholt zum Schlafen
mahnte, konnte niemand die Augen schlieen, niemand konnte es
unterlassen, fortgesetzt zu horchen. Wenn die Wilden Mut genug besaen,
mit pltzlichem, gewaltsamem berfall die Schlucht zu strmen, wenn sie
es nicht beachteten, da zehn oder zwanzig von den Ihrigen als Opfer
fallen muten, was dann? Ein kurzer, erbitterter Kampf Mann gegen Mann,
und alles war zu Ende. Keine Stimme gab Zeugnis von dem, was in der
Wildnis geschehen.

Endlich dmmerten die ersten Morgenstrahlen. In Busch und Wald wurde es
lebendig, Vgel sangen, Affen kletterten auf den Zweigen, versptete
Ameisen rannten geschftig hin und her, das ferne Heulen der Hynenhunde
war allmhlich verstummt. Im Thale zeigte sich nichts, auch kein
einziger Wilder sah hinter den Bumen hervor; alles schien still und
ausgestorben.

Ob sie die Sache aufgegeben haben? fragte mit halbem Zweifel der
Gelehrte.

Ach, da kennen Sie die Kaffern nicht, wir werden in jeder Sekunde
bewacht.

Fhrer, haben Sie schon hnliche Lagen wie diese jemals durchgemacht?

Der Gelbe nickte. Unser Kraal ist mehr als einmal von den Amakossa
berfallen worden, antwortete er. Die Leute sind weder Menschenfresser
noch blutdrstige Mrder, aber sie stehlen, und scheuen zur Erreichung
ihrer Zwecke kein Mittel. Wenn wir unsere Waffen ausliefern, ebenso die
Pferde, so trachten sie uns nicht lnger nach dem Leben.

So lat uns das lieber versuchen, Kinder! rief Doktor Bolten.

Der Fhrer schttelte den Kopf. Unmglich, Herr. Wie knnten wir ohne
Gewehre und Lebensmittel fnfzig Meilen durchwandern? Die Amakossa
wrden uns nichts, vielleicht nicht einmal die Kleider im Besitz
lassen.

Woran erkennen Sie denn mit so groer Bestimmtheit ihre Gegenwart,
Fhrer?

Zunchst an dem Charakter der Kaffern berhaupt und dann an dem Fehlen
aller auf dem Erdboden laufenden Geschpfe. Was fliegt und in den Bumen
klettert, das sehen wir herankommen, aber all die Hunderte von kleinen
Vierflern, welche sonst am frhen Morgen zum Fluufer gehen, halten
sich fern. Das allein beweist die Nhe von Menschen.

Er schrte das Feuer und fing an, die Fleischstcke von gestern zu
braten. Wir drfen uns nicht mutlos zeigen, Herr, nicht aussehen, als
frchteten wir die Halunken; desto lnger werden sie einen eigentlichen
Angriff hinausschieben. Dort, der groe Geier ber der Citrusgruppe,
holen Sie ihn doch herunter!

Franz hatte schon angelegt. Die Kugeln aus seiner und seines Bruders
Bchse trafen zugleich den in der Luft schwebenden Vogel: mit schrillem
Laut sich berstrzend und flgelschlagend, fiel er bis hart vor das
Gebsch, in welchem die Wilden versteckt sein muten. Ein Schrei aus
mehreren Kehlen, deutlich erkennbar, mischte sich in den Klang, -- der
Fhrer sah von einem zum andern. Hren Sie wohl, meine Herren?

Wahrhaftig, die Roten sind noch dort, gestand Franz. O diese heillose
Geduldsprobe.

Doktor Bolten stellte das Gewehr an den Felsen. Im Augenblick sind uns
alle Mittel und Wege abgeschnitten sagte er seufzend. Wir mssen uns
darein ergeben und der Sache die ertrglichste Seite abzugewinnen
suchen.

Die Decken wurden zu Sitzpolstern verwendet, den Pferden Futter
vorgeworfen und einstweilen das Frhstck aufgetragen. Lebensmittel
besa man noch fr mehrere Tage, auch wenn nichts Frisches an Fleisch
oder Frchten hinzukam, dagegen aber fehlte das Wasser schon jetzt sehr
empfindlich. Rum oder alter Portwein, zur Strkung in kleinen Flaschen
mitgenommen, war vorhanden, konnte jedoch trotz seines teuren Preises
das klare, kalte, von Mutter Natur geschenkte Quellwasser nicht
ersetzen; namentlich die Tiere schnauften und lieen die Zungen
heraushngen, so da der mitleidige Hans leise hinging und recht groe
tiefsitzende Bltter pflckte, um durch die gesammelten Tautropfen
derselben wenigstens einige Linderung zu bringen. Ein vernunftloses
Geschpf leiden zu sehen, thut ja dem fhlenden Menschenherzen so weh.

Die Amakossa gaben kein Lebenszeichen; offenbar lag es in ihrem Plane,
die Eingeschlossenen zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten und ihnen
alsdann in den Rcken zu fallen, eine Absicht, welche auch ohne die
Gegenwart des farbigen, mit derartigen Fuchsfallen gengend vertrauten
Fhrers vollstndig erreicht worden wre. Sie konnten hinter sicherer
Deckung zum Wasser gelangen und sich durch Jagd mit Lebensmitteln
versorgen, es wurde ihnen also sehr leicht, die Belagerung siegreich zu
Ende zu fhren, umsomehr als die Krfte der Weien in immerwhrender
Unruhe notwendig aufgerieben werden muten. Etwa vierzig bis fnfzig
Quadratfu Raum fr sieben Menschen, kein Trinkwasser, kein
Brennmaterial zum Schutz gegen die nchtliche Klte, keine freie
Bewegung, und, was das schlimmste, sehr bald schon kein erreichbares
Pferdefutter mehr, -- das konnte unmglich lnger als einige wenige Tage
ausgehalten werden.

So berechneten die Amakossa und warteten geduldig.

Der Tag ging langsam vorber, bleiern und schwer folgte die nchste
Nacht, aber immer noch nderte sich nichts. Die Belagerten saen in
dumpfer Ruhe bei einander, gefoltert vom Durst, mehr und mehr
hoffnungslos in die nchste Zukunft sehend. Es war unertrglich, den
Flu pltschern zu hren, die ziehenden Wellen zu beobachten und dabei
alle Qualen des Verschmachtens zu erleiden; es schnitt ins Herz, die
Pferde mit gesenkten Kpfen dastehen zu sehen oder liegend wie im
Sterben begriffen, -- dennoch aber wollte der Fhrer bis zum letzten
Augenblick aushalten, wollte von bergabe nichts hren. Die
zweitfolgende Nacht wird ganz dunkel, sagte er, dann ist es Zeit zum
Handeln.

Was wollen Sie thun? fragte Holm.

Ich habe meinen Plan, versetzte der Gelbe.

Damit war das Gesprch wieder zu Ende; es schien, als sei in allen die
Lebenskraft dem Erlschen nahe. So unthtig, belagert von einem nur
geahnten Feind, laut- und regungslos wie im Kerker die Tage zu
verbringen, das war ein entsetzliches Schicksal. Kopf und Augen
schmerzten unausgesetzt, eine Art von Lhmung hatte sich aller Glieder
bemchtigt, und das Sprechen wurde schwer. Eine Entscheidung mute
herbeigefhrt werden, so wie die Sache jetzt war, konnte sie keinesfalls
lnger bleiben.

Wenn es nur ein paar Tropfen regnen wollte, flsterte Hans, nur so
viel, um ein einziges Mal die Zunge zu befeuchten.

Holm schwieg. Ihm fehlte der Mut, jetzt zu antworten, da es in der Nhe
hoher, bewaldeter Gebirgszge nicht regnet, weil die Feuchtigkeit durch
den Pflanzenwuchs der Luft entzogen wird; er streichelte nur stumm die
heie Stirn des Knaben. Franz stand am Felsen, dster in das Halbdunkel
hinausblickend. Karl, sagte er leise und mit unsicherer Stimme, man
sollte fr die Gter des Lebens, so lange man sie besitzt, dankbarer
sein, -- ich -- ich habe so oft den Kaufmannsstand langweilig und das
Sitzen am Pult trostlos genannt, -- das war unrecht von mir.

Holm lchelte. Nun, da du den Wunsch deines Vaters, dich zum
Geschftsnachfolger zu erziehen, nicht erfllen wolltest, so bist du
Naturforscher geworden, antwortete er. Was davon unzertrennlich ist,
das mut du in den Kauf nehmen.

Franz sah ihn an. Die tiefliegenden Augen des Knaben glhten vor
Erregung. Und wenn wir alle hier sterben, Karl, dann -- bin ich schuld
daran.

O nicht doch, Junge. Was ficht dich an? -- Schau dorthin, der Quaqua
bereitet sich zu seinem groen Plane.

Der Gelbe war beschftigt, den Pferden die letzten erreichbaren Bltter
und Grser vorzuwerfen, dann zerschnitt er eine der Wolldecken und
umwickelte mit den einzelnen Streifen die Hufe der Tiere. Geben Sie mir
jetzt die Bchse mit Zndhlzern! bat er, und nachdem ihm Holm das
Verlangte gereicht fuhr er kopfnickend fort: Sie kennen die Stelle, wo
etwas oberhalb dieser Lichtung ein Quell aus dem Felsen springt? Nur
hundert Schritte von hier, -- wir hielten bei unserem Kommen dort an, um
die Pferde zu trnken.

Ich wei es, antwortete Holm. An den Zitronenbumen vorber und neben
der Felswand hinlaufend. Aber --

Wenn ich Ihnen zurufe: >Jetzt!< dann nehmen Sie die Pferde an die Zgel
und gehen mit denselben auf diesem Wege bis zum Quell, fuhr eilfertig
der Gelbe fort. Dort treffe ich Sie und wir reiten ber die Ebene,
einerlei ob das auf unserem ursprnglich verfolgten Wege liegt oder
nicht. Haben wir zehn Minuten Vorsprung, so knnen uns die Amakossa
nichts mehr zu leide thun.

Holm schttelte den Kopf. Aber sollten denn an der Felswand keine
Wchter stehen? fragte er.

Bis jetzt gewi. Sie drfen auch erst dann gehen, wenn ich das Zeichen
gebe, nicht frher, so lieb Ihnen Ihr Leben ist. Also aufpassen!

Und fort war er, mit unhrbaren Schritten hinaus in die freie, offene
Thalflche, welche sich zum Flusse hinab erstreckte. Den
Zurckgebliebenen klopfte das Herz in banger Erwartung, Auge und Ohr
verdoppelten, verzehnfachten ihre Anstrengungen, um den khnen Mann auf
seinem Wege zu begleiten, um durch die dichte Finsternis zu sehen und
auf dem Gras noch Schritte zu hren. -- --

Vergebens, es blieb alles still. Der Gelbe mute keinem Feind begegnet
sein. Aber was wollte er thun, womit die Amakossa von jenem Felspfad
hinweglocken?

Ein langgezogener, dumpfer Laut durchhallte die Umgebung, ein blaues
Flmmchen blitzte knisternd auf, und ein Knarren oder Schaben wurde
hrbar. Bald hier bald dort einen Kreis beschreibend, erglhten die
schnell verlschenden Flammen. Im Gebsch auf der anderen Seite regte
sich's, Menschenstimmen schrieen durcheinander, Angstrufe strten die
Ruhe der Nacht. Immer schneller, immer nher dem Versteck der Amakossa
folgten sich die aufblitzenden Feuerfunken.

Unsere schwedischen Zndhlzer, raunte Holm. Der kecke Patron setzt
damit das ganze Kaffernheer in Schrecken!

Die Amakossa brachen fliehend durch das Unterholz. Wo sich bse Geister
in das Spiel mischten, wollten sie offenbar nicht lnger ausharren.
Jenes Brummen und Schaben, die gespenstischen, knatternden Lichter
brachten sie um alle Fassung. Und jetzt fiel pltzlich die Flamme in das
Gebsch, drres Gras loderte hoch empor, griff zngelnd um sich und lief
den Wilden nach, vom Wind getragen, rauchverhllt, das Thal in um so
tieferem Dunkel zurcklassend. Sie verschwanden wie Schatten vor der
Sonne.

Ein langgezogenes Jetzt! noch immer in dem ersten dumpfen Tone, drang
zu den Weien hinber. Holm hatte bereits zwei Pferde am Zgel erfat,
die anderen thaten dasselbe, und das letzte Tier folgte freiwillig,
whrend drauen auf der Ebene das Brummen, das Stampfen und Schlagen zu
lautem Lrm berging.

Zwei Pferde am Zgel fhrend, die Pistole schugerecht in der anderen
Hand, so drangen die sechs Mnner vorwrts. Trotz der umwickelten Fe
wrden aber dennoch die Schritte der Tiere hrbar gewesen sein, wenn
nicht der Hottentotte klglich den Feind in eine Aufregung versetzt
htte, die ihm alles Beobachten unmglich machte. So sehr auch die
Herzen klopften, so angestrengt die Blicke sphten, es zeigte sich
keiner der Roten, es hinderte nichts die langersehnte Flucht. Man kam
zum Quell, Menschen und Tiere tranken eintrchtig neben einander,
Menschen und Tiere dankten dem Himmel fr das kstliche, neues Leben
spendende Na, die einen in halbgedachten, halbgestammelten Worten, die
anderen in krftigem, von lautem Schnaufen begleiteten Schtteln des
Kopfes. Man bergo sich das heie Gesicht, man badete die Hnde und
konnte nicht satt werden, immer wieder und wieder zu trinken. Die Fhrer
fllten ihre Flaschen, das Gepck war aufgeladen, einer nach dem anderen
stieg in den Sattel, aber -- wo blieb der Gelbe?

Man ritt bis an den Ausgang des Gebsches, die Ebene lag im Halbdunkel
ohne einen einzigen Baum weitgedehnt vor den Blicken; links erhob sich
dichter, ragender Hochwald, alles war still, die Gelegenheit so gnstig,
aber ohne den tapferen Quaqua doch an keine Entfernung zu denken. Wenn
er nur kme! --

Drben wlzte sich das Feuer durch die Gestruche dahin. Unmglich
konnten dort noch Wilde versteckt sein, sie muten sich also in der Nhe
befinden, und die Gefahr kehrte vielleicht im nchsten Augenblick
zurck. Wo blieb der Hottentotte?

Gelungen! flsterte eine Menschenstimme. Hier bin ich!

Er schwang sich unter dem einstimmigen Gott sei Dank! der ganzen
Reisegesellschaft in den Sattel und schttelte mit erhobener Hand die
schwedischen Zndhlzer. Ist es ganz recht, da ein Mann hilft, seine
eigenen, armen, unwissenden Brder zu betrgen? fragte er halb traurig,
halb lachend.

Und noch ein letztes Flmmchen zuckte auf, um den Weg aus dem Unterholz
zu beleuchten, die Gefahr des Strauchelns abzuwenden. Vorwrts, weie
Mnner!

Aber das vorderste Pferd bumte, es wollte nicht in die Ebene
hinaustreten, -- der Fhrer schrie laut auf -- da sind sie! --
Vorwrts! Vorwrts!

[Illustration: Die Flucht vor den Kaffern.

Ihre Wurfspiee zischten durch die Luft, ein Wutgeheul schallte den
Fliehenden nach.]

Die schwarzrote Schar mit Federschopf und Schild brach aus dem Walde
hervor. Gellendes Kriegsgeschrei bertnte die Worte des Hottentotten,
Ausrufe furchtbarster Wut und des Hasses erfllten die Luft. Jetzt erst
erkannten die Amakossa den ihnen gespielten Betrug, rasend vor Zorn
wollten sie Rache nehmen an dem, der sie so erfolgreich zu berlisten
verstanden. Verfluchter Quaqua! hrte sie der Fhrer schreien, der
Hundesohn, der falsche Schakal!

Seine gelben Zge wurden fahl. Er peitschte rechts und links die Tiere,
da sie zusammenschreckend in die Ebene hinausflogen, unaufhaltsam in
sausendem Galopp.

Noch eine Minute, eine einzige, und die Amakossa htten das Nachsehen
gehabt. --

Ihre Wurfspiee zischten durch die Luft, ein Wutgeheul schallte den
Fliehenden nach. -- Keiner als nur Franz hrte den leisen Schmerzenslaut
von den Lippen des Hottentotten. Sind Sie getroffen? fragte er heftig
erschrocken.

Die sieben Pferde sausten ber die Ebene dahin wie ebenso viele jagende
Schatten, lautlos mit den umwickelten Fen, dicht gedrngt in rasender
Eile, als wten sie, da Leben und Tod an ihrer Schnelligkeit hing, da
alles, alles verloren sei, wenn sie jetzt strauchelten oder zgerten. --

Franz sah wie der Fhrer im Sattel schwankte, er umfate ihn mit
krftigem Arm und hrte voll Erschrecken das leise: Lassen Sie mich
liegen und fliehen Sie, -- mit mir ist es aus.

Gewi nicht! rief der warmherzige Knabe, gewi nicht! Karl, hilf mir,
unser Retter ist verwundet. Ach, knnten wir doch anhalten!

Um Gottes willen nicht, drang es kaum verstndlich ber die Lippen des
Hottentotten. Mich rettet nichts mehr, -- lassen Sie mich fallen.

Aber Holm und Franz hielten dicht gedrngt von beiden Seiten den
unglcklichen Mann, dessen Blut auf dem Gras die Spur bezeichnete.
Heller und heller graute der Morgen, welcher diese entsetzliche Nacht
vertrieb, in weiter Ferne verlor sich das Schreien der Amakossa. Immer
noch flogen die Pferde dahin, bis endlich ein Dickicht von Dubabelbumen
auftauchte und Wasser und grnes hohes Gras den Blick erfrischte. Hans
sah zurck. Es ist kein Wilder mehr erkennbar, Karl, sagte er, soweit
das Auge trgt scheint alles leer, -- la uns anhalten.

Der Gelbe konnte schon nicht mehr sprechen; er winkte nur, da die
brigen fortreiten mchten; diesem Verlangen wurde aber natrlich keine
Folge gegeben, vielmehr die Pferde angehalten und der Verwundete sanft
auf eine schnell ausgebreitete Decke gelegt. Das Gesicht zeigte bereits
jene unheimliche Vernderung, welche dem Tode voranzugehen pflegt, die
breite Brustwunde entsandte rote Strme, und das Auge war halb
geschlossen. Gottlob! flsterte er, ich habe doch -- sechs Menschen
--

Seine Stimme brach, die Hand sank matt herab. Da kniete der alte
Geistliche neben dem Sterbenden ins Gras und legte voll Milde seine
Rechte auf die schon erkaltende Stirn. Du hast durch deine mutige That
sechs Menschen vom Tode errettet, mein Sohn, sagte er herzlich, du
sollst in unserer Erinnerung fortleben als der, welcher sich fr uns
geopfert, und mge dir der barmherzige Gott ein so gndiger Richter
sein, wie wir alle es fr dich erflehen!

In diesem Augenblick brach golden und glnzend der erste volle
Sonnenstrahl aus den Wolken hervor; in unwillkrlicher Ehrfurcht hatten
alle die Hte vom Kopf genommen und umstanden wortlos das Sterbelager
des Reisegefhrten. Stiller wurde es, immer stiller in der keuchenden
Brust, ein friedliches Lcheln umspielte die Lippen, und whrend der
leisen, innigen Trostesworte des christlichen Priesters ging unmerklich
die Seele des armen Hottentotten hinber in das Jenseits, und die Gebete
der Geretteten erflehten fr ihn vom barmherzigen Vater eine selige
Ursttte.

                   *       *       *       *       *

Holm legte mit leiser Hand den Zipfel der Decke ber das erstarrte
Antlitz. Mut! sagte er halblaut, obgleich seine eigene Stimme
verndert und unsicher klang, Mut, Freunde. Wir sind von hundert
Gefahren umdroht, wir drfen uns nicht beherrschen lassen, nicht schwach
werden. In jedem Augenblick knnen die Kaffern hier erscheinen.

Der alte Theologe hob den Kopf. Aber unmglich drfen wir die Leiche
hier den wilden Tieren berlassen! Was haben Sie beschlossen, mein
junger Freund?

Holm sah zum Wasser hinber. Zwei von uns mssen den Krper tragen,
soweit der Grund des Flusses dies zult und ihn dann versenken, wie ich
meine. Wir besitzen kein Mittel, die Erde aufzugraben, ebensowenig aber
knnten wir die Leiche mit uns nehmen, versetzte er.

Das ist auch unsere Ansicht, nickten die Fhrer.

Man wusch und reinigte also nach Mglichkeit den Krper des toten
Hottentotten, hllte ihn in eine Wolldecke und band an das Ganze mehrere
groe Steine. Die Fhrer warfen ihre Leinenkleidung ab und traten in das
Wasser, welches schon nach den ersten zehn Schritten zu tief wurde, um
darin noch weitergehen zu knnen. Vorsichtig und langsam lieen sie
unter dem stummen Gebet der am Ufer stehenden Weien den Krper ihres
ermordeten Gefhrten hinabgleiten auf den Grund.

Die Erde ist berall des Herrn, sagte laut und feierlich der alte
Geistliche, und wo ein guter Mensch begraben liegt, da halten die Engel
Wache. --

Schweigend und ernst, noch tief erschttert von den durchlebten
Ereignissen, suchten alle ihre Pferde, und fort ging es, auf einem
anderen Wege der Kapstadt wieder zu.




                           Fnftes Kapitel.


Fr den Rckweg bis zur Kapstadt wurde natrlich eine vernderte
Richtung eingeschlagen, aber obwohl auch hier manches Neue und
Sehenswerte den Blicken begegnete, obwohl mehr als ein Kraal in
Augenschein genommen und mehr als ein Tier erlegt wurde, so kehrte doch
auf dem ganzen Wege die rechte Freudigkeit in die Herzen der Reisenden
nicht wieder ein. Das jhe Ende eines Menschen, mit dem wir noch vor
wenigen Stunden oder Tagen im engsten Verein lebten, fhrt auch den
Leichtsinnigsten zur inneren Einkehr, wie viel mehr mute sich ein
solches Ereignis in den Vordergrund drngen, wo gute, fhlende Herzen
von seinem Eintritt erschttert wurden! Das Bild des stillen,
feierlichen Waldrandes und der weiten Ebene zur Rechten, wie die ersten
morgendlichen Sonnenstrahlen ber das Wasser dahinstreiften, als der
Tote zur letzten Ruhe bestattet war, -- das alles hatte sich
unverwischbar den Seelen der Umstehenden eingeprgt, und erst als in der
Kapstadt Briefe von Hamburg die Ankmmlinge freudig berraschten, lste
sich der Druck, den bisher alle empfanden. Nachrichten aus der geliebten
Heimat! Nur wer in weiter Ferne allein und freudlos unter Fremden lebte,
der kann ermessen, welchen Jubel ein solcher Brief hervorruft. Nicht
allein Papa und Mama hatten geschrieben, auch die Schwestern und
Freunde, auch Schulkameraden und Nachbarn; alle beglckwnschten die
khnen Afrikareisenden, alle baten um lange Briefe und um irgend ein
interessantes Geschenk, am liebsten Photographieen von Wilden, oder
sonst einen Gegenstand, den man nicht kaufen knne. Der bereits
erwartete photographische Apparat mit allem Zubehr war ebenfalls
wohlverpackt eingetroffen, sowie eine Sendung dicht verschlossener
Metalldosen, in denen sich Gips befand, dessen Gebrauch den Knaben
vorlufig noch unbekannt blieb. Holm freute sich sehr ber die Ankunft
desselben. Einen Tag hindurch bei euch sein mchte ich wohl, schrieb
Karl, Franzens Klassenkamerad vom Johanneum, aber nicht ber das
Weltmeer fahren und auch nicht in Urwldern schlafen, das mu doch
schauderhaft sein! Erkltet ihr euch nicht immer dabei? Ich kann nun
einmal unmglich fr solche Abenteuer schwrmen, aber Emil und Theodor
und alle anderen aus Sekunda beneiden euch; Johannes will, seit er eure
Briefe gelesen hat, jedenfalls Naturforscher und Afrikareisender werden,
er kann kaum erwarten, bis die Zeit da ist. Eure Geschenke sind
glcklich angelangt und schmcken bereits den Zoologischen Garten und
das Museum, schickt nur mehr mit der nchsten Post, vor allen Dingen
aber schreibt fleiig, ihr mt aus jedem Hafen einen Brief absenden.

Auch Doktor Bolten hatte eine lngere, eingehende Mitteilung von dem
Vater seiner Zglinge. Herr Gottfried dankte ihm fr das richtige
Gefhl, welches in Palma den Bonnynegern, die Franz aus den Hnden der
Benins befreiten, ein Geldgeschenk namens der Eltern des Knaben bestimmt
hatte; er erlaubte auch fr knftige derartige Flle dem wrdigen
Erzieher, das zu thun, was nach seiner Ansicht das Richtige sei, und so
erhielten denn vor der Abreise nach Madagaskar die Hinterbliebenen des
verunglckten Fhrers eine Summe, die wenigstens dazu angethan war, ihre
uerlichen Sorgen zu lindern. Alle Errungenschaften an Pflanzen,
Blumen, zahllosen Insekten, Kerbtieren und Schlangen wurden auf das
Schiff gebracht, neue Einkufe besorgt, lange Briefe nach Hamburg
geschrieben, und dann lichtete der Dampfer seine Anker, um jetzt die
Inselwelt des Indischen und Groen Ozeans aufzusuchen. Zunchst durch
den Kanal von Mozambique nach Madagaskar, wo an einer nur fr Boote
zugnglichen Bucht des am wenigsten bekannten und bereisten Teiles die
Entdeckungsfahrt in das Innere wieder begann. Da die Seereise kurz und
ohne Strung von statten gegangen war, so gaben sich alle mit frhlichem
Mut der Hoffnung hin, da auch dieser Ausflug neue, reiche Schtze
zutage frdern werde. Das Tier- und Pflanzenleben, die Wohnungen und die
Beschftigungsweise der Malagaschen kennen zu lernen, gengte ein
Ausflug in die Drfer des Innern, und den unternahm man, nachdem alle
Vorbereitungen getroffen und einige des Weges kundige Fhrer gemietet
waren. Durch einen dichten Wald der schnsten, verschiedenartigsten
Palmen ging es auf bald bergigem, bald flachem Boden dahin; blhende
Lianen schlangen sich um alle Zweige. Der Sagobaum und die giftige
Brechnu wuchsen in malerischen Gruppen, die afrikanische Palme zeigte
ihren sonderbaren, einem Wickelkinde nicht unhnlichen plumpen Stamm,
und endlich erschien auch die Ravinala, welche allein auf diesem Teil
unseres Erdkrpers gefunden wird. Der hbsche, schlanke Baum mit
emporstrebenden Stielen, die immer nur in ein einziges, breites Blatt
auslaufen, heit auch der Baum der Reisenden, und zwar weil das untere
Ende jedes dieser Blattstiele eine innere Hhlung besitzt, in welcher
sich klares Wasser sammelt, das ohne Mhe mittels Durchstechen der
grnen Umwandung erlangt werden kann und daher den Reisenden von groem
Werte ist. Unsere Freunde wollten Halt machen, um die seltsame, nur auf
Madagaskar gefundene Flssigkeit zu kosten, aber die Fhrer schttelten
den Kopf und deuteten auf die in der Ferne sichtbare Niederung, wo
aufsteigender Rauch ein Dorf ankndigte. Unternehmt nichts im Lande des
bsen Geistes Angatsch, warnten sie, berhrt keinen seiner Bume,
keines seiner Tiere, ehe ihr nicht den geweihten Hahn zu eurem Schutze
bei euch habt. Im Dorfe knnt ihr ihn kaufen.

Der alte Theologe hrte mit groem Erstaunen an, was der olivenfarbige
Eingeborne in schlechtem Englisch vorbrachte. Ein geweihter Hahn?
wiederholte er entrstet, was behauptest du da, mein Sohn? Ein Hahn --

Doktor, Doktor, wir sind in Feindes Land und mssen also klglich
seinen Sitten folgen! Wenn uns dieser gelbe Angatschglubige als Ketzer
verklagt, so werden wir mglicherweise alle in einem Tempel wie
Opfertiere behandelt, lassen Sie uns lieber gtlich erfahren, was der
geweihte Hahn bedeutet, und auf diese Weise unsere Kenntnisse
bereichern. Sie erinnern sich ja des Hottentotten-Grovaters als
Schlange, nicht wahr? und des mondanbetenden Dorfknigs aus dem
Dahomey-Lande?

Der alte Herr lchelte wider Willen. Aber ein Hahn! seufzte er.

Holm war sehr belustigt. Was ist's mit dem Geweihten? fragte er ganz
ernsthaft die Fhrer. Wir wollen niemandes Gefhle verletzen.

Die Malagaschen deuteten zum Dorfe. Alle ganz weien Hhne sind
heilig, erklrten sie, aber eben darum werden sie auch von den
Zauberern sehr teuer verkauft. Wer einen weien Hahn besitzt, der ist
gegen Angatschs Verfolgungen gesichert. Jeder Reisende nimmt solches
Tier mit sich, und unter jedem Dache lebt eins.

Aha! -- und auch wir knnen einen derartigen Beschtzer erlangen?

Die Fhrer hielten Rat, endlich erbot sich einer, im Dorfe den Hahn zu
kaufen, worauf ihm Holm das ntige Geld einhndigte und ihn mit einer
kleinen, in deutscher Sprache gehaltenen Standrede entlie. Hole uns
den Gebieter der Bilderfibel, mein Sohn, aber glaube nicht, da du im
stande seiest, uns zu tuschen. Ein ansehnlicher Obolus wird in deinen
Besitz bergehen, obwohl du keine Taschen fhrst; vielleicht stiehlst du
sogar den Meister Kikeriki vom nchsten Dngerhaufen weg, aber das thut
hoffentlich in den Augen des eingebornen Satanas von Madagaskar seiner
Heiligkeit keinen Eintrag. Fleuch!

Der Malagasche verstand natrlich nicht, was ihm gesagt worden war, aber
der Ton des letzten Wortes im Verein mit bezeichnender Handbewegung
verrieten einigermaen den Sinn der Worte. Er trollte sich schnellen
Schrittes, indes die brigen Halt machten, um unter den wundervollen
Bumen im Moos zu lagern.

Die Ruhe that den Reisenden wohl, und ganz gaben sie sich dem Genusse
der schnen Landschaft hin, die sich vor ihren Augen ausbreitete. Unter
frhlichem Geplauder erwarteten sie die Rckkehr des Fhrers.

Ein langgezogenes Krhen verkndete alsbald die Nhe des zaubernden
weien Hahnes. Der Fhrer erschien und brachte in einem
schlechtgearbeiteten Bambuskfig das heilige Tier, indem er zugleich
geheimnisvoll andeutete, da noch ein weiteres Schutzmittel gegen den
bsen Geist notwendig sei, ein Amulett, welches die Fremden auf der
Stirn tragen mten. Holm wollte natrlich auch das kaufen und erhielt
nun fr teuren Preis den Zahn eines Krokodils an einer mit Glasperlen
verzierten Schnur. Jetzt seid ihr sicher, Fremdlinge, erklrte der
Malagasche, dem ein Geschft mit den Weien noch nie so leicht gewesen
sein mochte, jetzt ist Angatsch ohnmchtig gemacht und der Riese
Darafif, der Sohn Zannaars des Weltgeistes, euer Freund geworden. Der
weie Hahn blendet die Blicke aller Huptlinge, da sie euch die Hnde
reichen und euch Brder nennen, der weie Hahn lhmt die Sinne der
Wildschweine, da sie sich taumelnd in eure Spiee strzen.

Holm hrte zu, ohne eine Miene zu verziehen. Lacht nicht, Kinder,
ermahnte er in deutscher Sprache, lacht nicht. Die Malagaschen sind als
hinterlistig und uerst rachschtig bekannt, sie mchten uns hier
inmitten ihrer Urwlder empfindlich strafen, wenn wir sie beleidigen
wrden.

Er dankte den Eingebornen, und nun erst konnte das Wasser des Ravinala
probiert werden, ebenso die Frchte des Brotbaumes und die vielen
wildwachsenden Beeren. Langsam wanderten die Reisenden dem Dorfe
entgegen, das ihnen bei nherer Betrachtung durch irgend ein
auerordentliches Ereignis in Aufregung versetzt zu sein schien. Den
Mittelpunkt der Niederlassung bildete ein groer, versumpfter See, an
dessen einem Rande sich die Htten erhoben, und wo jetzt Hunderte von
Menschen durch einander liefen. Schon der erste Blick zeigte, wie hoch
ber den wilden Negerstmmen die Malagaschen stehen. Sie alle waren in
weite, faltenreiche Gewnder gehllt, trugen zum Teil sogar Hte und
bewohnten gerumige, runde, mit Palmenblttern gedeckte Htten, welche
mit ihren hlzernen Einfriedigungen einen guten Eindruck machten. Sogar
Thren von gengender Hhe fanden sich, Hunde, Hhner und Schweine
hatten ihre abgesonderten Stallungen und um die Htten herum grnten und
gediehen zahlreiche Anpflanzungen.

Wie ein wahres Gegenstck zu diesem friedlichen Bilde erschien der
Anblick des Sumpfes, aus dessen trben Fluten groe Krokodile ihre
greulichen Rachen erhoben. Nur die kleinen tckischen Augen verrieten
durch ihr Blinzeln, da diese Masse lebe. berall zeigten sich die
gefhrlichen Bestien; der See mochte mehr als fnfzig beherbergen, ja
sogar in einem breiten Flusse, der mit dem stehenden Gewsser nicht weit
vom Dorfe in Verbindung trat, schwammen noch die hlichen Geschpfe, so
da Holm voll Erstaunen den englisch sprechenden Fhrer fragte, weshalb
man es unterlasse, sich dieser Raubgesellschaft auf krzestem Wege zu
entledigen. Aber der olivenfarbige Mann antwortete kopfschttelnd: Das
verstehst du nicht, Fremder. Die Tiere haben hier das Richteramt im
Dorfe, sie sind unverletzlich; wir fttern sie und bezeugen ihnen die
grte Verehrung. Siehst du nicht dort am Ufer die versammelte Menge?

Freilich. Aber was treiben diese Leute?

Ein Sklave steht im Verdacht des Diebstahls, Fremder. Die Krokodile
werden also zu Gericht sitzen und entweder seine Unschuld beweisen oder
ihn strafen, wie es sich gebhrt.

Das heit -- den Unglcklichen fressen?

Wenn er wirklich gestohlen hat, ja.

Ein Gottesurteil in aller Form also. Wie tief doch bei jedem, auch dem
wildesten, niedersten Volke der Zug nach dem Anlehnen an ewige,
wandellose Mchte im Charakter begrndet liegt! Es hat noch keine Nation
versucht, sich ohne Gtter oder Gttliches zu behelfen. -- Aber, fgte
der Doktor gegen den Eingebornen hinzu, ist nicht durch diese seltsamen
Richter der Angeklagte in allen Fllen berfhrt? Habt ihr schon erlebt,
da die Krokodile Barmherzigkeit bten?

Der Eingeborne wiegte den Kopf. Nur sehr selten, Fremder, das ist wahr,
aber -- die Sklaven sind auch auerordentlich diebisch.

Whrend dieser Worte hatte sich die kleine Gesellschaft dem Dorfe bis
auf hundert Schritt genhert. Rechts von ihnen flutete der See mit
seinen greulichen Bewohnern, links lag der Wald und geradevor die
regelmig erbaute Httenreihe. Aller Augen blickten den Weien
entgegen; Frauen mit kleinen Kindern auf den Rcken liefen sogar
neugierig herbei und stellten Fragen jeder Art; nur eine Gruppe vor dem
See blieb ganz abgesondert; wie es schien, in sehr ernster Verhandlung
begriffen. Ein lterer Mann in weier Kleidung, umgeben von mehreren
anderen, und ein jugendlicher, an Hnden und Fen gefesselter, ganz
nackter Bursche bildeten die handelnden Personen des Trauerspieles, das
hier seinen Anfang nahm. Eine lautgesprochene, den Reisenden natrlich
unverstndliche Frage schallte ber das Wasser dahin, -- der Fhrer
wiederholte auf englisch die Worte. Im Namen Zannaars des Weltgeistes
und seines Sohnes Darafif, des Riesen, frage ich dich, hast du deinem
Herrn das gewirkte, rote Tuch gestohlen oder nicht?

Der Sklave schttelte den Kopf. Nein. Mge mich Angatsch verschlingen,
wenn ich schuldig bin. Ich habe das Tuch nicht berhrt.

Der alte Malagasche, offenbar das Oberhaupt des Dorfes, sprach nochmals.
Wir glauben, da du lgst, um dich zu retten, Rua-Roa, versetzte er.
Die heiligen Krokodile mssen also entscheiden zwischen dir und uns.
Nehmt ihm die Fesseln ab! setzte er gegen seine Begleiter gewendet
hinzu.

Die Seile aus Bast wurden von den Gelenken des jungen Burschen entfernt;
dann ergriff ihn der Anklger am Arm und trat so mit ihm aus dem Kreise
der brigen heraus bis nahe an den Rand des versumpften Sees. Hrt
mich, ihr heiligen Krokodile -- bersetzte der Fhrer -- hrt mich,
Boten des mchtigen Zannaar, und leiht ein gndiges Ohr meiner Bitte.
Ihr seid dem Volke der Hovas gesandt als Verknder fr die Beschlsse
des Weltgeistes, ihr werdet auch heute verknden was recht ist. Wenn
dieser Sklave das Tuch nicht gestohlen hat, so lat ihn ungefhrdet das
Ufer wieder erreichen; wenn er aber ein Dieb ist, dann straft ihn nach
Recht und Billigkeit.

Eine Handbewegung zeigte dem Burschen, da der Augenblick jener
entsetzlichen Entscheidung durch die Bestien nunmehr gekommen sei;
vielleicht glaubte aber auch er ganz fest an die Gerechtigkeit ihres
Urteils, vielleicht fhlte er sich sicher geborgen im Bewutsein
vollkommener Schuldlosigkeit, genug er erhob unter dem tiefsten
Schweigen smtlicher Zuschauer beide Arme ber den Kopf und strzte sich
in das hochaufspritzende Schlammwasser. Wenige Augenblicke spter sahen
alle den schlanken, olivenfarbigen Krper langsam auf der Oberflche
dahingleiten.

Die Augen des lteren Knaben glhten, er hatte wie halb unbewut das
Gewehr von der Schulter genommen. Noch sehe ich keines dieser Ungeheuer
sich bewegen, flsterte er in gepretem Tone.

Franz, warnte Holm, du darfst unter keiner Bedingung schieen, mein
Junge. Was hier geschieht, das emprt sicherlich uns alle, aber eine
Einmischung in derartige, das Rechts- und Glaubensleben des Volkes
berhrende Angelegenheiten wre verhngnisvoll. Ttest du eines der
Krokodile, so ist noch ein halbes Hundert brig, um den unglcklichen
Knaben zu zerreien -- uns aber wrde man hchstwahrscheinlich auch den
heilig gehaltenen Bestien als Futter vorwerfen.

Franz sah starr auf das Wasser. Es ist eine Abscheulichkeit, murmelte
er. Ich knnte dem armen Schelm nachspringen, um ihn zu retten. Dabei
verwandte er aber keinen Blick von dem langsam schwimmenden Malagaschen,
der jetzt die Hlfte seiner Bahn bereits durchmessen hatte und dem
mehrere Krokodile anscheinend ohne mrderische Absicht folgten. Ein
fester Entschlu lag auf seiner Stirn, er hielt die Finger am Drcker.

Selbst der schchterne Hans war entrstet wie nie. Lieber Herr Doktor,
helfen Sie doch dem armen Menschen, bat er dringend. Papa bezahlt es
gern, wenn sie seinem grausamen Besitzer eine Summe bieten, um ihn zu
kaufen und zu befreien. Soll man denn nicht das Bse berall, wo es uns
entgegentritt, bekmpfen?

Natrlich! murmelte Franz. Natrlich, und ich werde mich auch nicht
hindern lassen, das zu thun, was ich fr recht halte.

Der alte Herr ging geraden Weges zu jener Gruppe des Huptlings oder
Zauberers, wo vorhin die Verurteilung des Sklaven stattgefunden hatte.
Leute, rief er in englischer Sprache, Leute, was thut ihr? Bedenkt,
da das Leben dieses Kindes verloren ist, wenn ihr ihm nicht schleunigst
zu Hilfe kommt, und da die Verantwortung auf euch zurckfllt! Ich will
den Sklaven kaufen, befehlt ihm, so schnell als mglich an das Ufer zu
schwimmen.

Finstere Blicke antworteten ihm. In was mischest du dich, Fremder?
fragte grollend der weigekleidete Alte. Ich bin der Priester dieses
Stammes und stehe hier im Namen Zannaars des Weltgeistes, der die Snde
strafen will.

Doktor Bolten streckte die Hand aus. Zannaar in deiner und Gott in
meiner Sprache! rief er, aber immer ein Wesen voll Gerechtigkeit und
Erbarmen, das solche Greuel strafen und verabscheuen mu. Dein --

Der Knall eines Bchsenschusses zerri die Stille, vom Wasser her tnte
ein gellender Aufschrei, der in Hunderten von Kehlen sein Echo fand.
Sprachlos mit beschwrend erhobenen Armen starrte der Priester auf den
See, wo jetzt der braune Knabe in schnellerer Bewegung dem rettenden
Ufer zueilte, wo aber auch eine Blutlache und ein Toben und Ringen unter
dem Wasser nur zu deutlich verriet, da eins der heiligen Tiere
getroffen war und sich sterbend im Schlamm wlzte. Von allen Seiten
strzten aufgeregte erbitterte Menschen den drei Weien entgegen,
vergeblich bemhte sich der Fhrer, Frieden zu stiften; wie eine Lawine
vergrerten sich die andrngenden Massen; Drohworte wurden laut und in
weniger als einer Minute waren den drei wehrlosen jungen Leuten die
Waffen entrissen.

Franz hatte seine Absicht ausgefhrt. Als eins der Krokodile den Rachen
aufsperrte, um das gengstigte Opfer zu verschlingen, da legte er
gedankenschnell das Gewehr an die Wange und traf als gebter Schtze das
Auge der Bestie, so da sie schnaufend zusammenbrach und rings umher das
Wasser mit ihrem Blute frbte. Der Malagasche schrie vor Entsetzen, mehr
erschreckt durch den pltzlichen Schu als durch die anwesenden
Krokodile, dann aber floh er alles vergessend, so schnell es seine
Krfte erlaubten, dem Lande zu. Vielleicht waren von dem ungewohnten
Ereignis auch die Tiere in Verwirrung geraten, sie tauchten in den
Schlamm und versuchten keine weitere Jagd. Noch eine Minute, dann sprang
der gerettete Knabe unversehrt an das Ufer.

Gottlob! rief Franz. Das abscheuliche Verbrechen wre vereitelt.

Aber um teuren Preis. Ich glaube nicht, da einer unter uns mit dem
Leben davon kommt! -- O Franz, Franz, was hast du gethan?

Das Rechte! rief ungestm der Knabe. Ich frchte mich nicht.

Er versuchte keinen Widerstand, als ihm und den brigen die Hnde auf
den Rcken gebunden wurden. Nur zu, das soll euch schlecht bekommen,
ihr Mordgesellen, rief er. Unmglich kann Gott dem Bsen den Sieg
verleihen.

Von einer heulenden, schreienden und schimpfenden Menge umdrngt, von
geballten Fusten und wutblitzenden Augen bedroht, wurden die drei zum
Dorf gefhrt, wo ihnen der alte Zauberer mit ebenfalls hocherhobenen
Hnden entgegen kam; der Volkshaufe tobte und verlangte, da zur Shne
fr den Tod des einen Raubtieres die Gefangenen den anderen als Futter
vorgeworfen wrden und zwar auf der Stelle. Aber der Zauberer schttelte
dazu den Kopf. So lange sie den weien Hahn besitzen, sind die Fremden
unverletzlich, erklrte er, auch mu Zannaar das Zeichen geben, ehe
wir die Strafe vollstrecken knnen. Lani-Lameh (damit meinte er sich
selbst) wird die Gtter herbeirufen und ihren Entschlu vernehmen.

Holm lchelte, als ihm der Fhrer die bersetzung dieser letzteren Worte
heimlich zuflsterte. Lani-Lameh scheint ein groer Schlauberger zu
sein, sagte er auf deutsch. Vielleicht bestimmen ihn die Gtter, uns
rein auszuplndern und laufen zu lassen, ohne da nachher der
beschrnkte Unterthanenverstand erfhrt, wer das eigentlich bekommen
hat, was in unseren Taschen vorgefunden wurde. Einstweilen schtzt uns
noch der weie Hahn.

Wenn wir unsern Fhrer bestechen knnten! meinte der Doktor. Er
kmmert sich offenbar um den Tod der Bestie nicht im geringsten.
Vielleicht ist er ein Christ!

Vielleicht aber auch ein Verrter! warnte Holm. Er zieht im Lande
umher ohne bestimmten Wohnsitz, er kennt alles und alle, dient Fremden
als Fhrer und mglicherweise den Zauberern als Spion. Die Malagaschen
sind lngst keine Wilden mehr.

Ich mchte nur eins wissen, seufzte Hans, ob uns vor der Hinrichtung
gestattet wird, einen Brief nach Hamburg zu schreiben?

[Illustration: Der verhngnisvolle Schu am Krokodilteiche.

Der Knall eines Bchsenschusses zerri die Stille, vom Wasser her tnte
ein gellender Aufschrei ...]

Und ich, ob der Kapitn und der alte Witt ruhig die Hnde in den Scho
legen, wenn wir nicht morgen abend verabredetermaen wieder an Bord
sind! rief Franz.

Ruhig, Kinder, ermahnte Holm. Da das Urteil nicht sofort und unter
dem Einflu des erbitterten Volkes zur Vollstreckung gelangt, so ist
noch Hoffnung vorhanden. Frs erste bin ich gespannt, ob man uns den
Hahn wegnimmt!

Das geschah nicht. Die vier Gefangenen wurden in eine leere Bambushtte
am uersten Ende des Dorfes einquartiert, und der Hahn blieb
einstweilen in ihrem Besitz. Schwarze und rote Decken aus
Pflanzenfasern, ein paar Krbe fr Lebensmittel und ein plumpes,
eisernes Gef fr Trinkwasser bildeten die einzige Ausrstung; Fenster
waren nicht vorhanden, dagegen aber gestatteten die Fugen zwischen
den Bambusstben sowohl der Luft als auch dem Blick einen
ungehinderten Durchgang, so da wenigstens fr die unentbehrlichsten
Lebensbedrfnisse, Luft, Licht und Wasser, einigermaen gesorgt war. Was
es nun freilich zu beien gab, das blieb noch dahingestellt.

Lani-Lameh nherte sich in Begleitung des Fhrers, der ihm als
Dolmetscher diente, und der in seinem Namen die Weien aufforderte, all
ihr bewegliches Besitztum herauszugeben. Taschenmesser, Kamm, Spiegel
und Portemonnaie mit Inhalt wanderten in das Krbchen, welches der
heilige Mann am Arm trug, ehe sich derselbe jedoch von seinem Gefhrten
trennte, gab er diesem mit schneller, heimlicher Bewegung ein paar
Goldstcke, -- die Gefangenen sahen es und wechselten einen bedeutsamen
Blick. Man konnte also dem schlauen Gelben keinesfalls trauen.

Die Thr der Htte wurde verschlossen und mit mehreren starken
Eisenriegeln noch obendrein von auen verwahrt, der Volkshaufe, welcher
anfnglich das Gebude umtobte und umheulte, begann sich zu verlaufen,
und leise sanken die Schatten der Nacht herab. Es war ganz still in dem
engen, von leichtem Luftzug fortwhrend durchwehten Raum, nur der Hahn
krhte zuweilen -- vielleicht begriff er nicht, wo so pltzlich die
Schar seiner Hennen, wo die kstliche Freiheit seines Dngerhofes
geblieben war.

Holm streichelte das schneeweie Gefieder. Kann ich es machen, so
sollst du mit uns nach Hamburg zurck, sagte er. Ohne deine schtzende
Nhe war unser Leben der Volksjustiz lngst verfallen. 

Franz rttelte an allen Stben. Ob wir nicht fliehen knnen, Karl?

Siehst du denn nicht drauen den Hter? -- Ich mchte brigens wissen,
was dieser Bursche betreibt!

Er schmiedet! erklrte Hans. Vor sich hat er auf ein paar groen
Steinen ein Reisigfeuer, und auf einem anderen flachen Stein hmmert er.
Was er macht, sind Lffel.

Ich sehe von dieser Seite mehrere Mnner bei einer derartigen Arbeit,
bemerkte der Doktor. Einer hlt das glhende Eisen, und zwei andere
schlagen taktmig, ja sie haben wahrhaftig sogar einen Blasebalg aus
Bambusstben und plumpen, hlzernen Cylindern. Wren nicht die Leute
halbnackt, so knnte man glauben, eine deutsche Dorfschmiede zu sehen.

Es wird dunkel, schauderte Hans. Wie sonderbar ist doch das Gefhl,
ein Gefangener zu sein.

Still, -- es kommt jemand.

Die Thr ffnete sich, und ein Mann legte schweigend ein groes Stck
Fleisch sowie vier schwarz aussehende Gegenstnde auf den Boden der
Htte; dann entfernte er sich sogleich, ohne irgend ein Wort gesprochen
zu haben. Holm nahm eines dieser runden, etwa zolldicken und
tellergroen Stcke in die Hand. Ach, rief er, ich wei schon, das
ist ein Mckenkuchen!

Um des Himmels willen! Und den sollten wir essen?

Der Hunger wird's schon eintreiben, Freund Franz. Weshalb schossest du
auf den Kaiman?

Weil ich einen Mord verhindern wollte, und das ist mir auch gelungen.

Gut, dafr speisen wir Heuschreckenkuchen. Ich habe brigens mehrfach
gehrt, da diese schwarzen Pasteten recht gut schmecken.

Er griff in die Tasche, um das Messer hervorzuziehen; dann aber, nachdem
er den Irrtum erkannt, schlo er die Augen und bi tapfer in das groe
Brot hinein. Oho, meine Herrschaften, Sie werden sich wundern! -- Als
wre es der feinste Kaviar aus Heimerdingers Delikatessenhandlung.

Er a mit lebhaftem Appetit und verlockte dadurch auch die anderen, das
fremdartige Gebck zu probieren. Es schmeckte salzig und scharf, aber
durchaus nicht unangenehm. Komm her, Franz, fuhr er fort, das Fleisch
mssen wir auf Tigermanier zerlegen.

Die Knaben lachten, auch der Doktor bi endlich mit in das gutgekochte
Schweinefleisch hinein, und zuletzt machte der Wasserkrug die Runde.
Holm hatte seinen Zweck erreicht, es war wenigstens auf den ersten
Schrecken einige Ruhe gefolgt und durch die guten, ausgiebigen
Nahrungsmittel auch fr Erhaltung der Krfte gesorgt. Obgleich er im
innersten Herzen von dem gnstigen Ausgang der Sache keineswegs
berzeugt war, so wollte er doch seine Besorgnisse lieber allein tragen,
als auch die Knaben dadurch beunruhigen. Mochten sie jetzt schlafen, --
vielleicht brachte ja schon der nchste Morgen das Todesurteil.

Es wurde still ringsumher, auch der Schmied hatte aufgehrt zu hmmern,
die Stimmen im Dorfe waren verhallt, und hoch am Himmel glnzte der
Mond. Aus dem Schlammwasser krochen die Krokodile hervor, um
schwerfllig am Ufer zu spazieren, immer mehr und mehr, gewi fnfzig
bis sechzig an der Zahl, eins noch grer, noch scheulicher als das
andere, -- Holm schauderte. Diese Ungeheuer lebten von Menschenfleisch,
sie wurden ernhrt mit den Krpern armer Opfer, die einem schrecklichen,
heidnischen Irrwahn als Gegenstand dienten. Wer in irgend einem Verdacht
stand, wen der Zauberer aus dem Wege schaffen wollte, oder wer sich als
verachteter, rechtloser Sklave der Grausamkeit seines Besitzers nicht zu
erwehren vermochte, der verfiel dem Urteilsspruch dieser Bestien, die
sich trge und satt von Menschenblut im Sumpfe dehnten und alljhrlich
an Zahl bedeutend zunahmen.

Wenn er dachte, da die beiden Knaben, diese jungen, glcklichen Kinder,
die Shne eines reichen, ja frstlichen deutschen Handelshauses, auf so
schreckliche Weise den Tod finden sollten! Seine Finger umklammerten mit
eisernem Griff die Bambusstbe, aber er fhlte, da der Versuch, das
biegsame Holz zu zerbrechen, vergeblich sei. Seufzend warf er sich auf
die Matte.

Da reichte ihm Doktor Bolten die Hand. Rufe mich an in der Not, und ich
will dich erretten! -- sagte leise mit eindringlichem Tone der Greis.

Holm wandte erschttert bis ins tiefste Herz das Gesicht gegen die
Bambuswand.

                   *       *       *       *       *

Der nchstfolgende Morgen brachte keine Vernderung, auch der lange,
unendlich lange Tag schlich dahin, ohne da irgend jemand die Gefangenen
besucht htte. Das Fleisch und der Mckenkuchen waren verzehrt, das
Trinkwasser ging zur Neige; wieder brach die Nacht herein, wieder wurde
es dunkel und verstummte das Leben des Tages. Und doch befanden sich die
vier Unglcklichen im Zustande fortwhrender Aufregung, doch erwarteten
sie bestndig nahende Schritte, horchten bei jedem Laut und erschraken
heimlich, so oft einer der Eingebornen in die Nhe kam.

Whrend der zweiten Nacht schlief keiner. Ein furchtbares Gewitter
schttelte die Baumriesen des nahen Waldes, pfeifend heulte der Sturm,
und von Zeit zu Zeit brach mit donnergleichem Krachen ein alter Stamm,
den Blitz oder Windsbraut erfat, zu Boden. Aufgeschreckte Affen flohen
kreischend hinaus auf die Ebene, eine Bffelherde zog in eiligem Galopp
vorber, und strmend rauschte der Regen. Es war so recht eine Nacht, um
im sicheren, gemtlichen Heim nahe an einander zu rcken und dem Singen
und Heulen des Sturmes zu lauschen; es war aber auch eine Nacht, um die
Herzen der Gefangenen zur Mutlosigkeit herabzudrcken und sie mit den
dstersten Ahnungen zu erfllen. Was wrde der nchste Morgen bringen?

Holm glaubte alle Hoffnung aufgeben zu mssen. Lani-Lameh konnte aus
mehr als einem Grunde nicht daran denken, seine Gefangenen wieder
freizugeben, wenn er nicht die eigenen Interessen auf das schwerste
gefhrden wollte. Hier im westlichen Innern der Insel war berhaupt der
einzige Punkt, wo noch das Heidentum regierte, wo die Christuslehre bis
jetzt nicht festen Fu fassen konnte, und wo also fr ihn, den Zauberer,
Wahrsager oder Gtzenpriester, allein noch der Weizen in Blte stand. Er
mute sich folgerichtig gegen das Vordringen der Kultur wie gegen seinen
schlimmsten Feind verteidigen und durfte daher die Ttung des heiligen
Krokodiles nicht ungercht hingehen lassen. Der schlaue Geselle
frchtete nebenbei auch die Weien, welche nur der Tod verhindern
konnte, das auszuplaudern, was sie hier gesehen hatten.

Schon am folgenden Morgen zeigte sich die Richtigkeit dieser
Schlufolgerungen. Man brachte den Weien Speise und Trank, befahl ihnen
sich zu waschen und alsdann auf den freien Platz in der Mitte des Dorfes
zu erscheinen. Die Thr des Gefngnisses blieb offen, trotzdem aber war
an keine Flucht zu denken, denn eine ununterbrochene Kette von
Bewaffneten umgab von drei Seiten die kleine Niederlassung, whrend vorn
die greulichen Rachen der Krokodile wie eine unbersteigbare Mauer den
Weg versperrten.

Drauen glnzte nach dem nchtlichen Gewitter die Natur in doppelter
Schne. berall grnte und blhte die ppige Prachtflle des Sdens,
berall lag auf der Szene jener goldene Sonnenzauber, der erst die
Schpfung zu erwecken scheint. Tauben in zahllosen Arten bevlkerten die
Gehfte, groe Schmetterlinge wiegten sich auf Blumen und Hunderte von
Singvgeln schmetterten in jubelhellem Chor. Es war hart, nach
erdrckender Gefangenschaft in solchen Morgen hinauszutreten, um aus dem
Munde heidnischer Barbaren das Todesurteil zu vernehmen, um zu erfahren,
da dieser Tag der letzte sei vor einer Hinrichtung, die an
Abscheulichkeit und nichtswrdiger Brutalitt von keiner anderen
bertroffen werden konnte. Es war hart, aber dennoch bewahrten die
Weien alle Wrde und Ruhe ihrer Nationalitt. Sie hatten beim
Hinaustreten auf die Dorfstrae einander nur stumm die Hand gedrckt;
auch jetzt gingen sie schweigend durch die friedliche, malerisch
belegene Niederlassung bis an den Punkt, wo ein zweiter, engerer Kreis
von Bewaffneten eine Gruppe umschlo, in deren Mitte gebieterisch der
Zauberer stand. Lani-Lameh erwartete mit fnf Beisitzern dieses
schauerlichen Gerichtes die Gefangenen; er hatte sich in ein langes,
scharlachrotes Gewand gehllt, auf dem Kopfe trug er einen spitzen, mit
goldenen Schnren und Troddeln umwickelten Hut, ein goldenes Band hielt
die Falten in Grtelform zusammen. Die anderen Richter waren hnlich
gekleidet, nur fehlte bei ihnen das Gold, whrend die gemeinen Krieger
berhaupt nichts trugen, als eine Art von formlosem Hemd aus Grasfasern
und die langen Wurfspiee, hier Sagaien genannt.

Einer derselben hatte aus dem Gefngnis den weien Hahn herbeigeholt und
setzte jetzt den Kfig desselben zu Fen Lani-Lamehs auf den Boden.

Das Tier krhte laut und lustig, wahrscheinlich um in seiner Weise den
wundervollen Morgen zu begren.

Lani-Lameh erhob die Hand. Vom Abendlande her kommen die Unglubigen,
sagte er mit lauter Stimme, whrend der Dolmetscher jedes Wort
bersetzte, sie drangen mit ihren Feuerwaffen in das Land der Hovas und
nahmen keinen Anstand, den groen Geist Zannaar und den Riesen Darafif,
seinen Sohn, auf das empfindlichste zu beleidigen, indem sie den
Gesandten der Gottheit, den heiligen Kaiman erschossen. Lani-Lameh hat
die Geister gerufen und sie gefragt, welche Strafe den belthtern zu
teil werden sollte; er warf sich vor den Unsterblichen auf sein Antlitz
und beschwor sie, die Stimme des Priesters zu hren. Zannaar, der groe
Geist der Welt, befahl den Wolken, das Land mit Wasserfluten zu
bergieen, er sandte den Sturm und den Blitz, um die Menschen zu
erschrecken, und redete mit der Stimme des Donners. Lani-Lameh verstand
den Beschlu des groen Geistes! Die vier belthter sollen dem Gericht
der Krokodile berliefert werden, sprach er. Sie sollen den See
zweimal durchschwimmen, nachdem die heiligen Tiere whrend eines Tages
und einer Nacht kein Futter mehr erhalten haben. Wer von ihnen auf
diesem Wege lebend das Ufer wieder erreicht, der mge gehen, wohin es
ihm beliebt. Die Gtter haben ihn freigesprochen.

Nachdem der Zauberer mit lauter Stimme diese Worte vorgebracht und dabei
das Gewitter der letzten Stunden fr seine Zwecke klglich ausgebeutet
hatte, nahm er den Kfig vom Boden und lie den weien Hahn
herausfliegen. Jetzt seid ihr rechtlos, schlo er, Zannaar hat euch
verlassen und Angatsch der Bse Besitz genommen von eurem Schicksal.
Morgen mit Sonnenaufgang wird das Urteil vollstreckt werden.

Eine Handbewegung gebot einigen Kriegern, die Gefangenen wieder in ihre
Htte zurckzufhren, der Hahn flatterte, immer noch vergnglich
krhend, zu seinen Genossen in das Dorf, und unsere vier Freunde
wanderten in das Gefngnis, dessen Thr sich fr sie jetzt nur noch ein
einziges Mal ffnen sollte. Wie bla die Knaben waren, und wie ernst der
Doktor aussah. Holm ging von einem zum anderen, um zu trsten. Noch
haben wir fast volle vierundzwanzig Stunden, sagte er, wer wei, was
geschieht! Der Tod war uns ja auf dieser Reise schon mehr als einmal um
Haaresbreite nahe, wir sind dem Orkan und den reienden Tieren, wir sind
den afrikanischen Wilden entgangen, -- wer wei, was geschieht!

Aber woher sollte die Rettung kommen? fragte Hans. Wir sind verloren,
Karl, wir mssen sterben, ohne da irgend jemand von den Unsrigen
erfhrt, wie und wo wir zu Grunde gingen. Der Kapitn wird nach der
Hauptstadt fahren und dort den deutschen Konsul benachrichtigen; man
wird die Insel durchforschen und berall fragen, wo wir blieben; aber
niemand gibt die Antwort, niemand bringt Kunde nach Hamburg. O es ist
entsetzlich, viel entsetzlicher als der Tod im Kampfe gegen wilde
Tiere.

Holm streichelte das blasse Gesicht des Knaben. Schon in dieser
Rechnung ist das Fazit ein voreiliges, mein Junge, sagte er freundlich.
Gesetzt, da das Schlimmste wirklich geschhe, -- knnte und wrde dann
nicht hchstwahrscheinlich wenigstens einer unter uns gerettet werden?
-- Das gbe zwar den Getteten das Leben nicht zurck, aber es wrde
doch zur Shne fr ihre Ermordung gengen. In weniger als Jahresfrist
wren deutsche Kriegsschiffe hier, um Rechenschaft zu fordern.

Franz erhob pltzlich den Kopf. Ich glaube noch nicht, da wir sterben
mssen, Karl, rief er. Ich kann es nicht glauben, -- Gott darf es
nicht zulassen, er --

Still, mein Sohn, du vermit dich! Gewi war deine Absicht eine reine
und gute, eine solche, die auch vor den Augen des hchsten Richters
Gnade finden wird, gewi glaubtest du das Rechte zu thun, weshalb dir,
wie du weit, deine Erzieher keinerlei Vorwrfe gemacht haben; aber doch
mischtest du dich unberufen in die Verhltnisse eines wilden Volks,
erlaubtest dir einen Eingriff in die Empfindungen anderer, das war
menschlich aber unklug. Bitte Gott, mein lieber, warmherziger Junge,
aber _fordere_ nicht, und vor allem la uns die Stunden, welche
vielleicht auf Erden unsere letzten sind, nicht durch persnlichen Groll
entweihen.

Niemand antwortete dem alten Geistlichen; jeder war zu sehr mit seinen
eigenen Gedanken beschftigt, zu sehr erschttert, um sprechen zu
knnen; auch das Essen blieb unberhrt stehen, und als der Abend
herabsank, setzten sich die Unglcksgefhrten so nahe als mglich neben
einander auf eine Matte, um noch, so lange ihnen Zeit blieb, einer dem
anderen ein freundliches Wort zu sagen und vor allen Dingen
gewissermaen das Haus zu bestellen, ehe es an das Verlassen desselben
ging. Werdet ihr gerettet, so grt zuerst meine Mama, dann die
brigen! bat Hans.

Der alte Geistliche hielt mit beiden Hnden die der Kinder, welche er
erzogen. Meiner harrt zuhause in Hamburg kein trauerndes Herz, sagte
er, um mich wird niemand weinen, niemand Kummer fhlen. Sorgt, wenn ihr
glcklich in die Heimat zurckkehrt, da das, was ich an irdischen
Gtern hinterlasse, irgend einer milden Stiftung zufllt, am liebsten
einer Freischule oder einem Stipendium. Ich -- --

Franz umklammerte aufschluchzend mit beiden Armen seinen geliebten
Lehrer. Sie sterben nicht, Herr Doktor, Sie sterben nicht! rief er,
ich bleibe bei Ihnen und verteidige Sie mit meinem Leben, ich gebe
Ihnen Zeit, den Ungeheuern zu entkommen.

Das versprechen auch wir, riefen in einem Atem die beiden anderen.
Sie sollen in unserer Mitte bleiben, lieber Herr Doktor, wir schtzen
Sie so lange als nur mglich.

Der alte Geistliche legte im Dunkel der Htte seine beiden Hnde auf die
Kpfe der jungen Leute. Seid gesegnet, meine Kinder, sagte er mit
erstickter Stimme. Es wird geschehen nach Gottes Ratschlu, der Herr
wird alles wohl machen.

Drauen an der Bambuswand regte sich's. Wie leises Flstern tnten
Menschenstimmen, und vernehmlich klang es durch die Spalten Hummel! --
Hummel![1]

[Funote 1: Schlagwort der Hamburgischen Schifferkreise.]

Die vier Unglcksgefhrten glaubten zu trumen. Was war das? -- Hatte
die Aufregung ihre Nerven so berreizt, da sie die Stimmen ihrer weit
entfernten Freunde wie aus unmittelbarer Nhe zu hren vermeinten?

Franz schauderte. Klang das nicht, als htte das der alte Witt gesagt?
flsterte er. Hummel! -- Hummel! -- das war ein Abschiedsgru aus der
Heimat.

Holm stand auf und trat an die Wand. Drauen sah man nichts, es war
unmglich, durch die engen Spalten hindurch irgend etwas zu erkennen.
Wer da? rief er leise, mehr auf das gute Glck hin, als wirklich im
Glauben, irgend jemand anzureden. Wer da?

Gut Freund, Herr Holm! -- Nur stille, hren Sie, da die Schwerenter
nichts merken. Sie sind doch alle wohlauf?

Im Dorf krhte mit heller Stimme ein Hahn. War es der weie? -- Sein
Schmettern klang wie Wohlauf! -- Wohlauf!

Eine Hand hatte die Riegel der Htte hinweggezogen. Einer nach dem
andern traten die dunkeln Gestalten unter das Bambusdach, zwlf
bewaffnete, mit Kugelbchsen, Revolvern und Enterbeilen versehene
Mnner, die gekommen waren, um ihre bedrngten Freunde zu erlsen. Nur
der Kapitn und vier Matrosen waren als notwendigste Besatzung an Bord
des Dampfers geblieben, alle brigen zogen durch den nchtlichen Wald,
fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien oder mit ihnen
unterzugehen. -- Und drauen vor der Thr stand noch einer, ein
schlanker, dunkelugiger Knabe, der die Retter hierhergefhrt, der sein
eigenes Leben gewagt hatte, um der heiligen Pflicht der Dankbarkeit zu
gengen, Rua-Roa, jener verurteilte Sklave, den Franz mit seinem
pltzlichen Schu von den Krokodilen erlste. Jetzt bewachte er sowohl
den Eingang zur Htte, als auch den geknebelt und gebunden am Boden
liegenden Hter, der von unseren braven Hamburger Teerjacken im halben
Schlummer so energisch berrumpelt worden war, da ihm keine Zeit blieb,
auch nur den kleinsten Schrei auszustoen. Rua-Roa zitterte im Gedanken,
da ein einziger Zufall alles verraten knne.

Schnell! Schnell! ermahnte er.

Aber die da drinnen hrten ihn nicht. Es war wie ein Rausch ber ihre
Sinne gekommen, wie ein Taumel, sie sprachen in abgebrochenen Lauten und
waren kaum fhig, zusammenhngend zu denken. Nur der alte Witt trieb zur
Eile. Da hast du eine Kugelbchse, Zackermentsjunge, ich habe sie
ausdrcklich fr dich ber alle diese vermaledeiten Baumwurzeln und
Ranken geschleppt, -- ist doch ein schauderhaftes Vergngen, so bergauf
und bergab durch den Wald zu klettern. -- Na, schon gut, da braucht's
gar keinen Dank und keine Rhrung, deucht mich; oder httest du etwa
ruhig zugesehen, Junge, wenn die Menschenfresser zufllig ber mich,
anstatt ber dich selbst hergefallen wren?

O ich wute es ja, ich wute es ja, wir sind gerettet!

Und Franz sprang von einem zum andern, unfhig, seinem Jubel zu
gebieten. Wollen wir Lrm schlagen? rief er bermtig, die gelben
Halunken mit ihrem Oberhaupt, dem Lgenpriester, zu Paaren treiben und
alle Krokodile erschieen?

Franz, Franz, -- und das im ersten Augenblick unserer Rettung!

Holm fand seine gewohnte Ruhe wieder, als ihn der unbesonnene Vorschlag
aus dem anfnglichen Freudenrausch aufschreckte. Kommen Sie, Herr
Doktor, setzte er hinzu. Rasch, rasch, ich kann es nicht erwarten, den
blauen Himmel wieder ber mir zu sehen.

Auch der Steuermann nherte sich dem alten Herrn. Ich habe Ihnen eine
Handlaterne mitgebracht, Herr Doktor, sagte er, die einzige, welche an
Bord zu finden war. Sie thut ntig bei diesen halsbrecherischen
Unternehmungen.

Und mit dem ganzen Abscheu des Seemanns gegen Fupartieen zog er eine
blecherne Diebslaterne aus seiner Jacke hervor. Da ist das Ding, Herr
Doktor, aber anznden wollen wir es lieber erst drauen.

Holm und Franz lachten ihn aus. Wer hat uns denn durch den
afrikanischen Wald gefhrt, Papa Witt? rief der Knabe. Naturforscher
mit dem Talglicht! das ist kstlich.

Hans war der erste drauen. Kommt, kommt, bat er, ich sehne mich nach
dem Anblick unseres Schiffes.

Die Matrosen hatten inzwischen den ganzen kleinen Raum untersucht, und
als sie kein Stck des Eigentums ihrer Reisegenossen mehr vorfanden, die
Htte verlassen. Ich htte Lust, den Bau in Brand zu stecken, raunte
einer. Irgend ein Andenken mten wir doch diesen Schuften vermachen.

Und gedacht, gethan. Ehe es die Weien hindern konnten, flog ein
brennendes Stck Papier auf die Matten am Boden, rote Flammen krochen
zngelnd weiter, eine Rauchwolke wirbelte auf, und bald stand das ganze,
abgesondert liegende Gebude in heller Glut. Den gebundenen Malagaschen
legten die Hamburger in gesicherte Entfernung, und dann ging es fort zum
Walde, wo die lustige Schar den Tadel, welcher sie empfing, ohne
bemerkbare Zerknirschung hinnahm, zumal der Steuermann sich begngte,
mit pfiffigem Blinzeln hinzuzusetzen: Schade, da nicht das ganze Dorf
in Rauch aufgeht. Die gelben Landpiraten htten verdient, einmal selbst
bei ihren Krokodilen Nachtquartier suchen zu mssen.

Sollen wir sie aus dem Schlaf stren?

Die Kampflust, der bermut dieser ganzen jugendlichen Schar waren kaum
noch zu zgeln. Holm und der Doktor muten ihr Ansehen als Fhrer des
Zuges voll in die Wagschale werfen, um weitere Ausschreitungen zu
verhten; nur widerstrebend konnten sich die Matrosen entschlieen, das
Dorf und die brennende Htte ihrem Schicksal zu berlassen, ja es ist
ungewi, ob das jemals geschehen wre, wenn nicht eine pltzlich
auftauchende Erscheinung das allgemeine Interesse fr sich in Anspruch
genommen htte.

Unter den Bumen stand im unsicheren, zuckenden Licht der vielen
elektrisch glnzenden Fliegen jener Malagasche, der zuerst die Weien in
das Dorf gefhrt hatte. Er trug unter dem Arm den Kfig mit dem weien
Hahn und streckte jetzt lchelnd die Hand aus. Sein verschmitztes
Gesicht zeigte, da er alles wute. Ein kleines Geschenk fr den
Fhrer, sagte er in englischer Sprache. Er war es, der Rua-Roa den Weg
zeigte.

Papa Witt sah voll Erstaunen von einem zum andern. Was will der Mosjh
Zitronengesicht? rief er. Schenkt mir einen Hahn! -- Ist der Kerl
verrckt?

Sagte ich's nicht, lchelte Holm. Er verrt beide Parteien um des
klingenden Lohnes willen. Aber besser ist es, Freund Steuermann, Sie
geben ihm ein Stck Geld, das ich mit Dank zurckerstatten werde, -- in
meiner und des Doktors Tasche ist es leer wie am ersten
Schpfungsmorgen.

Der Alte griff in den perlengestickten Geldbeutel, welchen er nur bei
festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegte. Eine tchtige Tracht Prgel
wre dir bedeutend dienlicher, du Galgenholz, brummte er auf deutsch,
es ist schade, da du immer noch ungehngt ber Gottes Erde lufst,
aber wenn wir dich jetzt mit der richtigen Mnzsorte bezahlen wollten,
so knntest du uns aus Dankbarkeit alle deine Brder auf den Hals
hetzen. Marsch mit dir, -- den Hahn kannst du selbst verzehren.

Aber Holm ergriff den Kfig und nahm ihn an sich. Das Geheimnis dieses
Geschenkes erklre ich Ihnen zuhause, Steuermann, lachte er. Vorwrts
jetzt, vorwrts um des Himmels willen, -- die Malagaschen sind aus dem
Schlaf erwacht!

Wirklich sammelten sich schreiende, wehklagende und drohende Haufen um
das Gefngnis, dessen leichte, drre Bambuswnde in der Glut
zusammengestrzt waren und einen funkensprhenden Trmmerhaufen
bildeten. Ein fesselnder Anblick bot sich dar: all die gelben, in den
seltsamsten Kostmen -- dasjenige Adams nicht ausgeschlossen --
umherlaufenden und gestikulierenden Menschen, erhellt von der roten
Lohe, deren Widerschein zugleich das Ufer frbte, wo mehr als ein
riesiger Kaiman lstern sphend mit halbem Leibe aus dem Sumpf
auftauchte.

Allen voran im flatternden Gewande mit hocherhobenen Armen strzte
Lani-Lameh, der Zauberer. Wilde Verwnschungen schallten von seinen
Lippen; er ermunterte offenbar die brigen, den Flchtlingen zu folgen.

Als sich diese nach dem Fhrer umsahen, war er verschwunden. Der listige
Geselle mute jetzt im Dorfe bemerkt werden, um nicht durch seine
Abwesenheit Verdacht zu erregen; -- Holm begriff das, aber er erschrak.
Wohin im Dunkel fliehen, ohne den Verfolgern in die Hnde zu fallen.

Da erfate jemand seinen Arm. In englischer Sprache erklang ein rasches
Dort hinaus, Herr! und ohne erst zu fragen, wer der Sprechende sei,
folgte die kleine Schar dem gegebenen Rate. Nach einer Viertelstunde
angestrengten Marschierens, wobei der Steuermann zweimal ber
vorspringende Baumwurzeln fiel und in allen Tonarten auf Wlder und
Fureisen und Dunkelheit schimpfte, war endlich eine Lichtung erreicht,
von der verschiedene Wege abzweigten. Kein Laut verriet die Nhe der
Malagaschen, kein Zeichen deutete auf Gefahr, daher lieen sich die
Flchtigen Zeit, endlich auch aus den mitgebrachten Vorrten der
Matrosen eine tchtige Strkung zu sich zu nehmen. Prosit! nickte der
Steuermann. Und dergleichen nennen Sie ein Vergngen, mein Herr Holm?
So schauderhafte Strapazen finden Sie ganz unterhaltend und angenehm? --
Um des lieben Himmels willen, was wollen Sie mit dem Hahn? setzte er
hinzu. Freilich bin ich kein Gelehrter, aber mich deucht doch, da der
weie Kerl ein ganz gemeiner Haushahn ist.

Oho, Papa Witt, mehr Respekt, wenn ich bitten darf! Dieser Hahn, den
ich als unseren persnlichen Schutzhahn an der einen brunlichen Feder
vorn auf der Brust mit Sicherheit erkenne, -- dieser Hahn ist ein
Sendbote Zannaars und des Riesen Darafif wider die Macht und Tcke
Angatschs des Bsen; -- oder ernsthaft gesprochen: er war eines der
Werkzeuge, deren sich Gott bediente, um uns vor grauenhaftem Tode zu
bewahren. Wren wir ohne den weien Hahn gewesen, so htte uns das
wtende Volk auf dem Fleck in Stcke zerrissen.

Er setzte nun den Verlauf ihres Abenteuers dem Alten kurz auseinander
und fragte jetzt erst, wie denn eigentlich die Freunde an Bord des
Dampfers Kunde von dem Geschehenen erlangt htten. Ehe Papa Witt
antworten konnte, zog Franz an der Hand den jungen Hova-Sklaven aus dem
Hintergrunde hervor. Herr Doktor, rief er, und du, Karl, hier ist
Rua-Roa, der weder Mhe noch Gefahr scheute, um uns zu retten. Er hat in
der Nacht den ganzen weiten Weg bis zum Schiffe zurckgelegt, er hat
unsere Reisegenossen hierhergefhrt, -- ihr drft ihn nicht verstoen!

Der junge Malagasche warf sich auf den Boden und umfate mit beiden
Armen die Kniee des Geistlichen. Nimm mich mit dir, Herr, bat er leise
und innig. Rua-Roa will dein Sklave sein, er will dir gehorchen und dir
danken bis an das Ende seiner Tage, aber nimm ihn mit dir auf das Schiff
und unter weie Leute!

Doktor Bolten schttelte zweifelnd den Kopf. Das geht nicht so ohne
weiteres, mein junger Freund, sagte er herzlich. Zuerst mte ich doch
wissen, ob du Eltern hast, denen ich unmglich ihr Kind rauben drfte,
dann aber --

Ein Ausruf des Knaben unterbrach ihn. Rua-Roa hat keine Eltern mehr,
Herr, er ist ein armer Sklave, der dem hrtesten aller Hovas als
Eigentum gehrt. Arra-Arra ist grausam wie ein reiendes Tier, er
schlgt und tritt seine Knechte, er vermietet sie nach der Hauptstadt
Tananarivo zu den schwersten Diensten und gibt ihnen kaum so viel, um
sich eine Decke oder ein Hemd kaufen zu knnen. Er wirft sie, wenn der
Feuertrank der Weien sein Gehirn umnebelt, zum Vergngen den Krokodilen
vor.

Ein Ausruf der Entrstung tnte von den Lippen aller Anwesenden. Die
Matrosen bedauerten noch jetzt auf das lebhafteste, nicht an den gelben
Schurken ein warnendes Beispiel statuiert zu haben; sie wollten dem
Knaben kleine Geldgeschenke machen und ihn ihres Schutzes versichern,
aber der Doktor erklrte, da notwendig vorher erst eine Frage
entschieden sein msse. Das Christentum kennt keine Sklaverei, sagte
er, es kann nie und nimmer den einen Menschen als das rechtmige
Eigentum des anderen betrachten, ich will daher mit gutem Gewissen
dieses Kind einem grausamen und trunkschtigen Gebieter entziehen, um
aus ihm einen rechtschaffenen Christen heranzubilden, aber nur dann,
wenn Rua-Roa wirklich kein Dieb ist. Einen solchen knnte ich den mir
anvertrauten Zglingen nicht zum Gesellschafter geben. Sprich also, mein
Sohn, sei wahr, als stndest du vor dem Richterstuhle Gottes, -- hast du
jenes rote Tuch genommen oder nicht?

Der Sklave schttelte traurig den Kopf. Rua-Roa hat keine Mutter oder
Schwester, der er es schenken knnte, Herr; Rua-Roa hat auch keine
Htte, um es darin zu verstecken oder fr sich selbst zu behalten. Wenn
Arra-Arra, sein Gebieter, schlechter Laune ist, oder wenn ihn das
Feuerwasser krank gemacht hat, so lt er den Zauberer kommen, um ihn zu
fragen, wessen bser Blick oder wessen Verbrechen das Unglck
verschuldete; Lani-Lameh nennt dazu jedesmal einen Sklaven als den
belthter, weil nur diese den Krokodilen vorgeworfen werden drfen und
weil ihm solche Richtersprche viel Geld und Ansehen eintragen. Rua-Roa
hat das Tuch nicht genommen, Herr, mge ihn Zannaar, der Weltgeist,
strafen, wenn er lgt!

Das war so einfach, so kindlich gesprochen, da es auf keinen der
Anwesenden seinen Eindruck verfehlte. Der alte Geistliche reichte dem
Malagaschen beide Hnde. Steh auf, Rua-Roa, sagte er, du sollst bei
uns bleiben, armer Junge, ich will vor Gott und den Menschen
verantworten, da ich dich, der du uns alle vom sicheren Tode
errettetest, aus so unwrdigen, verderblichen Umgebungen entferne. Du
sollst nach deiner freien Wahl bei uns bleiben oder dich hinbegeben, wo
du Lust hast, aber zurckschicken werde ich dich um keinen Preis. Ist
das nicht auch Ihre Meinung, Freund Holm?

Vollstndig! nickte der junge Gelehrte. Franz wrde es ja doch nie
verzeihen, wenn wir uns weigerten, nicht wahr, du?

Ich wrde sehen, Rua-Roa heimlich an Bord zu bringen!

Holm sah ihn an. Da das dem Knaben nicht verstndlich geworden ist, so
mag es hingehen, Franz, sagte er leise. Du solltest dich bemhen, ihm
als Vorbild zu dienen, denke ich.

Franz errtete, whrend der Malagasche im unklaren Gefhl, da er hier
einen Freund gefunden, seine Hand ergriff und kte. Wir wollen den
Blutschwur tauschen, du und Rua-Roa, flsterte er. Auch Freie tauschen
ihn mit Sklaven.

Was ist das, ein Blutschwur? fragte lebhaft interessiert der Knabe.

Pst, -- hier nicht. Ich sage dir's spter, Herr!

Er dankte halb wehmtig, halb freudevoll dem alten Geistlichen und auch
Holm; er gelobte nochmals, ein treuer ergebener Diener zu sein und
sprang dann allen voran, um den Weg zum Strande weiter zu verfolgen.
Allmhlich hatten auch schon die ersten Sonnenstrahlen das Dunkel
gelichtet, es wurde Tag, und ringsumher glnzte die Schnheit der
sdlichen Welt, entfaltete sich das Tierleben, und spielte neuerwacht
der Morgenwind mit tausend Blten. Die Reisenden sahen zum erstenmale
den Tangaibaum, welcher nur auf Madagaskar angetroffen wird, und dessen
Frchte wie Pfirsiche herabhngen, unter ihrem ziemlich geschmacklosen
Fleische jedoch einen sehr giftigen Kern verbergen; dann die
einheimische Feige und endlich in einem kleinen murmelnden Flchen die
Gitterpflanze, welche gnzlich unter der Oberflche des Wassers stand.
Holm nahm eine davon mit allen ihren Teilen sorgfltig heraus, um sie zu
prparieren. Die neun bis zehn Zoll langen Bltter lagen kaum zwei Zoll
breit wagerecht unmittelbar unter dem Wasserspiegel und zwar in einem
Kreise von mindestens drei Fu Durchmesser; dabei zeigten sie in ihrer
Entwickelung die verschiedensten Farben, von dem Blagelb der ersten
sich bildenden Blttchen durch alle Schattierungen von braun und grn
bis zu den grten, ganz schwarzen Blttern, die einzigen in der Natur,
welche die dunkle Totenfarbe tragen. Und wie eigentmlich waren die
langen, schmalen Bltter! -- Nur Gerippe von solchen, nur Blattgerste.
Der klare Grund glich einer feinen, durchbrochenen Spitze, und doch war
das Gewebe zart genug, um die ganze Schwere der Pflanze zu tragen. Holm
freute sich auerordentlich, das seltene Gewchs aufgefunden zu haben,
ebenso die Destillierpflanze, deren kammartige, mit Deckeln versehene
Blumen inwendig einen frmlichen Destillierapparat besitzen, und mehrere
andere. Selbstverstndlich wurden Bltter der seltenen Gitterpflanze
mitgenommen.

Jeden Augenblick wurde die Wanderung unterbrochen, was ebensoviele
uerungen der Ungeduld von seiten des Steuermannes hervorrief und
endlich dazu fhrte, da sich die kleine Gesellschaft einstweilen
trennte. Hier in der Nhe des Meeres war von den Malagaschen nichts zu
frchten, sie hatten vielmehr alle Ursache, sich muschenstill zu
verhalten und Gott zu danken, wenn nicht in der Hauptstadt gegen sie
Klage gefhrt wurde. Papa Witt marschierte also mit seinen getreuen
Teerjacken auf krzestem Wege zum Ankerplatz zurck, die anderen dagegen
unternahmen noch einen kleinen Streifzug in die Umgegend, wobei ihnen
Rua-Roa als Fhrer diente. Alle Sorgen, aller Kummer und alle erlittenen
Strapazen waren vergessen. Man befand sich wieder im grnen Walde,
wohlbewaffnet und mit Korbflaschen versehen, und berlie sich der
Hoffnung, noch einige seltene, wenn auch nur harmlose Tiere zu erlegen.

Rua-Roa, kannst du uns keinen Eichhornmaki aufspren? Ich glaube, ihr
Malagaschen nennt ihn Aye-Aye!

Der Bursche erschrak. Angatsch will nicht, da dem Aye-Aye Schaden
geschieht, Herr! antwortete er etwas ngstlich.

Holm lchelte. Dergleichen mut du jetzt ber Bord werfen, mein Junge,
sagte er freundlich. Nur das Bse ist zu frchten und bringt Strafe,
aber wer das Bse vermeidet, braucht sich nicht zu frchten vor dem
Grimme eines zornigen Rachegeistes. Es gibt keinen Angatsch, Kind, und
noch viel weniger eine Tiergattung, die man heilig halten mte. -- Auf
welchen Baumarten lebt vorzugsweise der Eichhornmaki?

Rua-Roa schttelte den Kopf. In hohlen Stmmen wohnt er, Herr, wie die
Eulen nur bei Nacht auf den Fang ausgehend und am Morgen schlafend. Wir
werden sehr bald den Aye-Aye sehen, wie er nach Hause zurckkehrt.

Und hoffentlich auch schieen, setzte Holm hinzu. Komm her, mein
Junge, willst du das Feuergewehr kennen lernen?

Der Malagasche wich zagend zur Seite. In seinen groen schwarzen Augen
lag deutlich der Ausdruck des Grauens, so da Holm lachend die
Kugelbchse zurckzog. Horch, rief er, was war das?

Wildschweine, Herr, antwortete der Bursche. Eberjger! sie kommen
ber die Ebene rechts von uns, wir werden die fliehenden Bestien sehen.

Sind diese Jger Hovas? fragte mit einiger Besorgnis der Geistliche.

Nein, Herr, Sakalawas, schwarze Mnner, die mit ihren Sagaien die Tiere
erlegen. Sie sind im ganzen Lande hochgeehrt, essen und schlafen in
jeder Htte ohne Bezahlung und wohnen nirgends, sondern ziehen umher und
tten berall die Eber, welche das Feld zerstren und die Ernten
vernichten.

Der Lrm kam immer nher, die Gebsche knackten und brachen, wildes
Geheul und Schnaufen mischte sich mit den lauten Zurufen von
Menschenstimmen. Unsere Freunde nahmen daher in _einer_ Linie Stellung,
indem sie sich den Rcken durch nebeneinander stehende, breite
Baumstmme deckten und den gefhrlichen Wildschweinen gegenber auf
diese Weise zu erfolgreichem Widerstande aus vier Kugelbchsen zugleich
gerstet waren. Pa auf, Rua-Roa, rief Franz, sobald sich der erste
Eber zeigt, hat er das Blei zwischen den Rippen.

Aber der Malagasche schien von der Aussicht auf das angekndigte
Schauspiel keineswegs erbaut; vielmehr schwang er sich mit einem raschen
Satz auf den nchsten Tamarindenbaum, dessen starke, dichtsitzende ste
ihm diese Flucht ungemein erleichterten, und zog dann zum geheimen
Verdru des Doktors ein Amulett -- bei den Malagaschen Fanfuti --
hervor, das er zwischen den Fingern hielt und wiederholt kte.

Was treibst du da, Junge? fragte rgerlich der alte Herr.

Rua-Roa sah verlegen von einem zum andern. Ich bitte den Feuerriesen um
seinen Schutz, Herr. Tenn-Tenn herrscht ber alles, was von der Flamme
stammt.

Gib mir das Ding, welches du da in der Hand trgst, Rua-Roa.

Der Malagasche trennte sich offenbar nur uerst ungern von seinem
Amulett, aber er wagte keinen Ungehorsam, sondern gab es zgernd hin --
eine kleine starkriechende Wurzel und ein Bambusrohr, das einen
beschriebenen Pergamentstreifen barg. Der Feuerriese Tenn-Tenn wird
dich tten, wenn du es vernichtest, Herr, sagte er ngstlich.

[Illustration: Eberjagd auf Madagaskar.

Das wtende Tier mit seinem plumpen schwarzen Kopf und den am Halse
befindlichen Auswchsen strzte sich blindlings gegen die Stelle, wo
vier Bchsenkugeln seiner harrten ...]

Dem alten Theologen blieb zur Antwort keine Zeit. Aus den Gebschen
brach ein mchtiger Eber, dem zwei Bachen mit einem Rudel jngeren
Nachwuchses folgten; das wtende Tier mit seinem plumpen schwarzen Kopf
und den am Halse befindlichen Auswchsen strzte sich blindlings gegen
die Stelle, wo vier Bchsenkugeln seiner harrten, die Stozhne whlten
den Boden auf, die kleinen Schweinsaugen funkelten vor Kampflust; es
kam, unbekannt mit der Wirkung der Feuerwaffen (die auf Madagaskar zur
Jagd nicht verwandt werden) ganz nahe heran und senkte zum heftigen
Angriff den Kopf -- da krachten die Bchsen; unter den brigen Tieren
entstand eine wilde Flucht, und der Eber wlzte sich in seinem Blute.
Schon wollte Franz vorspringen, um ihm mit dem Messer den Garaus zu
machen; da klang es pltzlich in einiger Entfernung wie das schmerzliche
Wimmern einer Menschenstimme. Gedehnte, chzende und schluchzende Laute
erfllten die Luft, Todesrcheln mischte sich schaurig in leises Weinen.
-- --

Die Weien standen regungslos vor Schreck. Sie sahen nicht wie sich der
erlegte Eber im letzten Kampfe wand, wie mehrere der schwarzen Jger,
halbnackt, mit den langen eisenbeschlagenen Sagaien bewaffnet, durch die
Bsche lugten und beim Anblick der Europer schleunigst das Weite
suchten, -- nur _ein_ entsetzlicher Gedanke erfllte ihre Herzen: war
einer von den Sakalawas durch ihre Kugel getroffen worden?

Karl, flsterte Franz, hrst du das?

Holm nickte. Wir mssen nachsehen, mein Junge. Wenigstens konnte keinem
von uns der Gedanke an ein solches Unglck im voraus kommen.

Ist der arme Mensch erschossen, so berhre ich in meinem Leben kein
Gewehr wieder, rief Hans. O warum sind wir nicht mit den Matrosen
gegangen!

Still, seufzte Holm. Erst mu die Sache untersucht werden.

Da legte vom Baum herab Rua-Roa die Hand auf des jungen Mannes Schulter.
Babakut! sagte er, der Menschenaffe.

Wie in pltzlicher bereinstimmung suchten aller Augen seinen Blick.
Wenn das wahr wre!

Rua-Roa hielt noch immer den Ast des Tamarindenbaumes umklammert.
Kennst du den Menschenaffen nicht, Herr? Leben im Abendlande unter
deinem Volke keine Trgen, Faulen, die niemals arbeiten, sondern nur
essen wollen? Und verwandelt sie Zannaar bei euch nicht in Babakuts, die
ein Antlitz haben wie Menschen und doch Affen sind, die menschlich
weinen und klagen, und doch keine Seele besitzen? Der da wimmert, ist
ein solcher.

Franz zgerte nicht lnger, er mute wissen, woher die immer schwcher
werdenden, klglichen Jammerrufe kamen, und trennte daher mit krftigem
Arm die verschlungenen Zweige, um in das Innere des Gewirres von Ranken
und Blttern hineinzusehen. Sein Jubelruf lockte die brigen herbei. Da
lag auf dem blutgetrnkten Moos ein ganz grauer, mit kurzem Haar
bedeckter Affe von etwa einem Meter Hhe und mit so menschenhnlichem
Gesicht, wie es die Reisenden noch an keiner anderen Gattung bemerkt
hatten. Die brechenden Augen sahen voll stummer Anklage empor, der
schweiflose Krper streckte sich und nach wenigen, letzten Zuckungen war
alles vorber.

Das nenne ich Glck haben! jubelte Holm. Diese Art ist bis jetzt
selten oder nie erlegt worden, wir besitzen da einen Schatz, wie ihn
kein deutsches Museum nachweisen kann. Schnell, Rua-Roa, komm her und
nimm vorsichtig den Affen, da du kein Gewehr zu tragen hast, wir wollen
ihn auf dem Schiff in aller Form einbalsamieren oder in Spiritus
bringen, je nachdem es sich macht. Jetzt ist Umkehr geboten, um keinen
Preis drfte uns der Babakut verloren gehen.

Aber Rua-Roa that, als sei er pltzlich taub geworden. Mit dem groen
Messer, welches ihm Hans gegeben, zog er gewandt das borstige Fell des
Ebers ab, weidete ihn aus und schnitt die besten Bratenstcke herunter,
whrend nur dann und wann ein scheuer Blick den getteten Affen
streifte. Die Furcht vor dem Halbmenschen Zannaars war offenbar zu gro,
um ihm das Nherkommen zu gestatten.

Mag er das Fleisch tragen! entschied der Doktor. Ehe nicht sein
Geister- und Riesenglaube besiegt ist, hilft es nichts, ihn zum Gehorsam
zu zwingen. Ich bin nur begierig, wie Sie es anfangen wollen, die Beute
fortzubringen, mein bester Herr Holm.

Und mte ich sie wie ein Wickelkindchen tragen, rief der junge
Gelehrte. Aber was will Rua-Roa, er winkt mir fortwhrend!

Der Malagasche hatte das abgezogene Fell von Blut und Fleischteilen
gereinigt und dann einen spitzen Stock geschnitten. Da, Herr, sagte er
etwas ngstlich, willst du nicht den Babakut hineinwickeln? Zwei von
euch knnen ihn tragen, an jedem Ende des Stockes einer. Rua-Roa nimmt
das Fleisch.

Holm lachte. Zwei von euch! wiederholte er. Nur du selbst nicht,
Schlingel, und doch habe ich oft gehrt, da deine Landsleute den
Babakut essen.

Rua-Roa machte eine Gebrde des Abscheues. Die Ambonga, sagte er, die
Wilden. Sie essen auch Schlangen und Makis, die Hovas kennen dergleichen
nicht.

Makis! rief Holm. Da erinnerst du mich, Junge. Ich mchte doch gar zu
gern einen Eichhornmaki schieen.

Der Malagasche nahm mit Hilfe eines zweiten, derben Steckens das Fleisch
auf die Schulter. Jetzt schlft der Aye-Aye, Herr, versetzte er, aber
Rua-Roa wird den Baum finden, in welchem er wohnt, und wird ihn
aufscheuchen. Komm nur, dort unter den alten Tamarinden ist mehr als ein
hohler Stamm, dein Sklave wei es, er hat hier oft die jungen Papageien
aus ihren Nestern genommen, um sie, wenn eine Anzahl beisammen war, nach
Tananarivo zu bringen und fr seinen Herrn zu verkaufen. Den Babakut
kannst du hier liegen lassen, bis wir wiederkommen; es stiehlt ihn dir
niemand, dessen bist du sicher.

Holm schwankte. Durfte er den seltenen Schatz dem Zufall anvertrauen? --
Aber freilich, fleischfressende Tiere gab es ja auf dieser Insel nicht,
wer sollte ihm also sein Kleinod rauben? Nach kurzem Besinnen verbarg er
das Paket mit dem unheimlichen Inhalt unter einer Schicht von groen
Blttern, dann folgten alle dem vorangehenden Malagaschen. Der Hochwald
dieser Gegend war unbeschreiblich schn und trug ganz den Charakter der
tropischen Zone, wenigstens was die Mannigfaltigkeit des Pflanzenwuchses
betraf. Hohe Mangobume mit ihren saftreichen, unseren Birnen
gleichenden Frchten neigten ihre tiefhngenden ste schwer vom Segen so
weit herab, da die Knaben nach Herzenslust pflcken und essen konnten;
wundervoll gefrbte Orchideen, lila, rosa, blau und schneewei oder vom
reinsten Purpur, schwebten an ihren langen Kletterwurzeln in der Luft;
ein kleines blaues, dem Vergimeinnicht hnliches Blmchen schmckte zu
Tausenden den Boden; bltenreiche Akazien spendeten ihren Wohlgeruch,
und mehrere Pandanusarten lieferten wohlschmeckende Frchte von der
Gre einer Pomeranze. Ebenso wuchsen im Dickicht die verschiedensten
Nsse, weshalb auch bunte Papageien in ganzen Scharen die Baumwipfel
bevlkerten. Das emsige Forschen des jungen Eingebornen whrte nur kurze
Zeit, dann hatte er den Schlupfwinkel eines Eichhornmaki entdeckt und
konnte den heranschleichenden Gefhrten ein Zeichen geben. In einer
uralten Tamarinde befand sich eine Hhlung von der Gre eines Tellers,
vor derselben lagen Haufen von Nuschalen, und an der rauhen Rinde des
Eingangs klebten braune Haare, fr den gebten Blick des jungen
Malagaschen nur ebenso viele Zeichen, da im Innern des hohlen Stammes
ein Eichhornmaki seinen Wohnsitz haben msse.

Holm und Franz standen mit geladenem Revolver hinter den nchsten
Bumen, whrend Rua-Roa die Tamarinde umschlich und mit dem Knchel des
Zeigefingers berall anklopfte. Lngere Zeit hindurch blieben seine
Bemhungen ohne Erfolg, die Weien zweifelten, da eines dieser
zierlichen ffchen in dem Baume verborgen sei; der Bursche aber blieb
bei seiner Behauptung. Aye-Aye schlft, sagte er, wir mssen ihn
wecken.

Und vor die Mndung der Hhle tretend, brachte er das Gesicht derselben
ganz nahe. Ein schriller, pltzlicher Schrei durchgellte die
morgendliche Stille des Waldes, -- dann suchte der Sklave seinen
frheren Versteck wieder auf. Eine Gebrde befahl den Weien, sich
muschenstill zu verhalten.

Kaum wenige Sekunden spter zeigte sich der Erfolg. Das graue,
menschenhafte und auch wieder eine gewisse hnlichkeit mit dem Fuchs
verratende Gesicht des Gespensteraffen blickte aus dem Loch hervor, der
Aye-Aye horchte offenbar neugierig dem immer wiederholten Klopfen, er
ghnte wie ein aus dem Schlaf aufgeschreckter Mensch und reckte die
langen Arme; dann sahen ihn die Weien mit trgen, langsamen Sprngen
auf die ste der Tamarinde klettern. Das kleine Geschpf hatte die Hhe
von kaum einem halben Meter, der Schwanz allein aber war lnger als der
ganze brige Krper. Die untere Partie der Haare war von weichem Gelb,
die obere rotbraun und nur an den Seiten wie am Bauche grau, Schwanz und
Fe dagegen schwarz.

Schie nicht, flsterte Franz. Ich habe von meinem Platz aus das Ziel
sicher!

Er legte an, und als der Knall erfolgte, strzte das Tier mit lautem
Aufschrei, sich mehrmals berschlagend, zu Boden. Es war so glcklich
getroffen, da der Tod im Augenblick eintrat. -- Hinter seiner
schtzenden Tamarinde sprach Rua-Roa in der einheimischen Mundart ein
Gebet, aus dessen hastiger Wortfolge der Name Tenn-Tenn wiederholt
auftauchte; jedenfalls versicherte er sich in so unmittelbarer Nhe der
gefrchteten Schiewaffe vor allen Dingen des Feuerriesen, ohne dessen
Gnade es nach seiner Meinung allzu leicht um ihn geschehen sein konnte.

Holms Freude war grenzenlos. Weder im Zoologischen Garten noch im Museum
fand sich dieses Tierchen; er wrde also der erste sein, welcher es nach
Hamburg brachte, vorlufig freilich nur die Haut, aber doch
wohlerhalten, denn die kleine Kugel hatte das aufrecht sitzende ffchen
in den Unterleib getroffen, so da sich die Wunde beim Ausstopfen
verbergen lie, ohne irgend eine Entstellung herbeizufhren.

Jetzt lat uns den Rckweg antreten, rief er, nachdem dem Maki die
Haut abgezogen war, es kann nicht weit von neun Uhr entfernt sein, wir
werden also pnktlich zur Mittagsmahlzeit eintreffen. Nachgerade sehnt
man sich, wieder eine warme Suppe und einen Schluck Kaffee zu erhalten.
Freund Rua-Roa, du hast deine Sache gut gemacht; jetzt finde auch den
Rckweg zum Babakut!

Der Eingeborne ergriff ohne weiteres die Haut des Eichhornmaki und trug
sie sorgfltig wie einen wertvollen Schatz durch das Gebsch. Ohne
diesen, der Umgegend so vollkommen kundigen, mit den Ortsverhltnissen
und dem Tierleben des Waldes genau vertrauten Fhrer htten die kecken
Abenteurer den Rckweg zum Meer kaum wieder aufgefunden, keinesfalls
aber die beiden seltenen, so uerst interessanten Affen erlegen und
aufspren knnen. Rua-Roa sah im Moos des Weges die Spuren, wo kein
Weier sie entdeckt haben wrde; er erkannte unter den dichtstehenden
Bumen an einer einzigen Liane oder Orchideenblte den einzuschlagenden
Pfad; er hatte an Stellen, wo durch die grnen, lebenden Wnde von
Ranken und Geflecht einer nach dem anderen sich Bahn brechen mute, doch
noch irgend ein Zeichen bemerkt, das ihn spter richtig fhrte. Genau an
demselben Punkt, von dem die kleine Schar ausgegangen, betrat sie wieder
die Lichtung, in deren Mitte der Eber gefallen war.

Holm griff zunchst in die natrliche, halb berwlbte und von groen
Blttern verdeckte Hhle unter den Wurzeln eines Mangobaumes, um sich
von dem Vorhandensein des Babakut zu berzeugen, zog aber auch im selben
Augenblick die Hand mit einem leichten Schmerzensschrei wieder zurck.
Rua-Roa! rief er, was kann das bedeuten? Als htten mich zehn Nadeln
zugleich gestochen!

Lassen Sie sehen, Bester! sagte erschreckend der Doktor. Ich will nur
hoffen, da es kein Schlangenbi ist.

Dann mten zahlreiche Schlangen zugleich ihre Zhne gebraucht haben.
Alle meine Finger bluten.

Er hob die Hand empor, aus welcher rote Tropfen auf das Moos fielen.
Nein, nein, das sind Stichwunden, -- Junge, komm her und sage, was du
davon hltst.

Aber Rua-Roa htete sich, dem Babakut, der nach seiner Meinung ein
verzauberter Mensch war, nher zu treten. Tanrak! sagte er aus der
Entfernung. Tanrak, Herr, er ist keineswegs bsartig oder giftig.

Franz hatte whrend dieser Unterhaltung zwischen den anderen mit seinem
groen Messer die Ranken und Bltter entfernt; jetzt zerschnitt er
etliche Baumwurzeln, zog den toten Affen hervor und warf Moos und Erde
zurck, da die Stcke flogen. Hans half nach besten Krften und in
wenigen Minuten war die Hhlung blogelegt. Im Hintergrunde derselben
saen ein paar kleine wunderliche Gesellen, die mit dem Kleide aus
Borsten und mit dem langen spitzen Rssel sogleich von allen Anwesenden
als Glieder der Igelfamilie erkannt wurden. Nach Art dieser Tiere
versuchten sie bei ihrer pltzlichen Entdeckung keine Flucht, sondern
saen still und unbeweglich auf einer Stelle, sonderbar anzusehen mit
den ganz schwarzen, nur von drei weien, ber den Rcken herablaufenden
Lngsstreifen gezeichneten, starren Borsten, die ihre eigentliche
(Maulwurfs-) Gre zu verdoppeln schienen. Im Sommerschlaf gestrt,
blinzelten sie verdrielich und waren aus der bequemen geduckten Haltung
nicht aufzurtteln.

Franz ergriff den Affen und trug ihn auf die andere Seite des Platzes.
Rua-Roa, rief er, wie fangen wir es an, die Tierchen lebend zum
Schiffe zu bringen? Haben mssen wir sie.

Der Malagasche nahm den aus weiem Gras geflochtenen Hut vom Kopf; dann
die Hand in einen Zipfel seines langen Hemdes wickelnd, ergriff er
vorsichtig das stachlichte Prchen und setzte es in den Hut. Mit
krftigem Schwunge das Fleischstck am langen Stecken ber seine
Schulter werfend, unter dem linken Arm die Tanraks, schickte er sich an,
wieder das Amt des Fhrers zu bernehmen. Du machst dir vergebliche
Mhe, Herr, sagte er, weder den Babakut, noch den Aye-Aye, noch den
Tanrak kannst du essen.

Alles lachte, so da der Halbwilde ganz verdutzt dreinschaute. Die
beiden Brder trugen den Babakut, Holm nahm die Haut des Eichhornmaki
und so wanderten alle zum Strande hinab, wo in grner, lauschiger Bucht
das Boot der Hammonia lag, um sie an Bord des Dampfers zu bringen. Ein
frhliches Ahoi! der Matrosen empfing die Wanderer, rstige Arme hoben
all die reichliche Ausbeute an Pflanzen und Tieren in das kleine
Fahrzeug, die Kette wurde gelst, und als der letzte von allen bestieg
Rua-Roa die Planken, welche ihn von seinem Vaterlande fr immer trennen
sollten. Er schien die Insel, auf der er geboren, ohne Schmerz zu
verlassen; dagegen erregte ihm der Dampfer eine heimliche Furcht, die
sich noch steigerte, als vom Vorderteil her die Kanonen einen
Willkommensgru ber die blauen Fluten dahin und den Ankmmlingen
entgegensandten. Das rotweie Wappen von Hamburg flog am Mast empor, der
Kapitn schwenkte grend den Hut; wie ein Strom von Gold lag heller
Sonnenglanz auf Schiff und Meer.

Es war diesmal den Reisenden so recht ein Nachhausekommen; es wehte sie
an wie Heimatsgefhl und sonntglicher Friede, als sie das Deck wieder
betraten, -- nur Papa Witt hatte das alte Schelmengesicht und den alten,
unverwstlichen Seemannshumor auch in dieser Stunde behalten. Zwei tote
Affen und zwei lebendige Stachelschweine! sagte er. Gott stehe mir
bei, und dafr wren nahezu vier gute Christen von den Krokodilen
verschlungen worden. Ein anderes Mal gehe ich mit, wenn die Herrschaften
wieder an Land wollen; dann bleibt alles fein vernnftig auf ebener
Strae.

Dagegen protestierten nun freilich die jungen Leute auf das
entschiedenste. Papa Witt sei am Lande vllig ungeniebar, versicherten
sie, er mge lieber den Koch antreiben, da jetzt ein recht guter Bissen
auf den Tisch komme.

Holm suchte unter den Fssern im Schiffsraum ein passendes leeres aus,
in den er den Babakut legte und ihn mit Spiritus bergo. Da jedoch
nicht aller Spiritus verwendet werden sollte und das Fa noch nicht voll
war, so fllte er den Rest desselben mit Rum aus, den ihm der Steward
geben mute, worauf der Schiffszimmermann das Fa wieder dicht schlo
und die Fugen desselben leicht verpichte. Die Makihaut wurde in
derselben Weise mit Arsenikseife prpariert wie frher der Balg des
Nashornvogels.

Papa Witt zrnte anfangs ber den Mibrauch des guten Rums, aber als
Holm ihm erklrte, da die anatomische Zergliederung der Affen der
Wissenschaft von grtem Interesse sei, antwortete er scherzend: Es
wre doch wohl besser gewesen, von dem Rum einen schnen Grog zu brauen,
als ihn dem alten hlichen Affen zu geben, der noch dazu tot ist und
seine Gte nicht zu wrdigen versteht.

So war denn alles an Bord nur Heiterkeit und Freude. Nachdem aber mit
Essen und einem strkenden Mittagsschlaf die ersten Stunden vergangen,
erinnerte Doktor Bolten die kleine Gesellschaft, da es heute Sonntag
sei. Unter dem Sonnensegel am Deck wurde ein Gottesdienst gehalten, den
Rua-Roa voll schweigender Ehrfurcht, vielleicht zu seinen Heidengttern
betend, mit anhrte. Der alte Theologe dankte dem Himmel fr die Rettung
aus hchster Todesangst, stumm hing alles an den Lippen des verehrten
Mannes, leiser spielte der Wind mit den weien Wogenhuptern, und laut
schmetternd krhte der heilige Hahn, der Sendbote Zannaars des
Weltgeistes.




                          Sechstes Kapitel.


Whrend das Schiff durch den Kanal von Mozambique zurckdampfte, um nach
der kleinen Felseninsel Mauritius zu steuern, welche, als sie den
Franzosen gehrte, den Namen ^Isle de France^ fhrte, jetzt aber, seit
sie im Jahre 1810 von den Briten erobert wurde, wieder ihren
ursprnglichen Namen trgt, den sie zu Ehren des Kommandanten der
niederlndischen Seemacht, Moritz von Nassau, erhalten hatte, gab es in
der Kajtte mancherlei fr die jungen Naturforscher zu thun.

Franz hatte schon den Wunsch ausgesprochen, das genaue Abbild von einem
der Stammesgenossen Rua-Roas zu besitzen, um daheim den Freunden zeigen
zu knnen, wie die Ungeheuer in Menschengestalt aussehen, in deren
Gewalt sie sich befunden hatten. Holm sagte, da unter so gefhrlichen
Umstnden, wie die jngst durchlebten, es schwer halten wrde, die
mitrauischen Wilden zu bewegen, dem Zeichner oder dem Photographen
still zu sitzen, weil sie alles Fremdartige fr Zauberei hielten. Es
wird uns aber gelingen, auch milder gesinnte Wilde zu treffen und diese
werden wir nicht nur spter photographieren, sondern, damit wir die
genaue Form ihres Antlitzes erhalten, auch in Gips abgieen.

Aha, sagte Franz, nun wei ich auch, weshalb Sie sich den Gips
nachkommen lieen, Sie wollen die Wilden abformen.

Um dem Forscher Material zu liefern, an dem er die feineren
Rassenunterschiede der Wilden studieren kann, erwiderte Holm, und
damit ihr mit dieser Operation genau vertraut werdet, wollen wir die
freie Zeit benutzen, die Eigenschaften des Gipses und seine Handhabung
kennen zu lernen.

Holm ffnete eine der Blechdosen, in der sich ein weies Mehl befand --
der gebrannte Gips. Dieser gebrannte Gips, erklrte Holm, ist
schwefelsaurer Kalk, dem durch Erhitzen das in ihm vorhandene Wasser
ausgetrieben wurde. Fgen wir dem entwsserten Gips wiederum Wasser zu,
so verbindet er sich mit demselben zu einer festen Masse, die nach dem
Trocknen hart wird. Diese Eigenschaft macht den Gips zu einem wertvollen
Material, sowohl um Gegenstnde abzuformen, als auch plastische Figuren
aus demselben herzustellen. Franz, bitte den Koch um einige groe
Tassen, wir wollen ungesumt an die Arbeit gehen. Franz that, wie ihm
gesagt war, Hans holte Wasser und Holm suchte einen Thaler hervor, der
das Bildnis des deutschen Kaisers in besonders schner Prgung zeigte.

Zunchst nun rieb er die Mnze mit einem Tropfen l ein, um das Ankleben
des Gipses an derselben zu verhindern, worauf er sie mit einem drei
Zentimeter hohem Rande von Schreibpapier umgab, dessen loses Ende er mit
Gummi arabikum festklebte. Franz war nicht wenig stolz darauf, das so
wichtige Klebmittel selbst geerntet zu haben, wenn auch die spitzen
Stacheln des Schotendorns seine Hnde nicht wenig zerkratzt hatten. Auch
der Papierrand wurde mittels eines Pinsels mit einer kleinen Menge l
getrnkt. Dann rhrte Holm etwa einen Elffel voll Gips in einer Tasse
rasch mit soviel Wasser an, da ein nicht zu dnner Brei entstand, und
go denselben auf die Mnze, welche derart auf dem Tische lag, da sie
selbst den Boden, der Papierstreif aber den Rand einer Schachtel
bildete.

Nach etwa fnf Minuten war der Gipsbrei bereits erstarrt. Der Papierrand
wurde vorsichtig abgenommen, worauf die erhrtete Gipsmasse auch von der
Mnze getrennt werden konnte. Mit allen, selbst den feinsten
Einzelheiten war die nach oben liegende Seite der Mnze in dem Gipse
abgeformt, nur mit dem Unterschiede, da die Erhhungen der Mnze in der
Gipsmasse vertieft zum Vorschein kamen.

Die Knaben freuten sich ber den wohlgelungenen Versuch. Holm trug Hans
auf, den erhaltenen Abgu dem Koch zu bringen, da er denselben auf eine
nicht zu warme Stelle des Herdes legen mge, damit er gehrig
austrockne. Dann lie er Franz und Hans ebenfalls Abgsse von der Mnze
machen, was ihnen, da sie gut aufgemerkt hatten, auch vortrefflich
gelang. Rua-Roa sah verwundert zu und konnte nicht klar darber werden,
was die Weien fr sonderbare Dinge vornahmen. Holm aber sagte auf
deutsch: Du sollst nicht lange im Unklaren bleiben, mein Junge, nachher
geht es dir, wenn auch nicht an den Kragen, so doch an dein gelbes
Menschengesicht.

Als die vorhin hergestellte Form auf dem Herde trocken geworden war,
trnkte Holm sie mit etwas l und umgab sie ebenso wie vorher die Mnze
mit einem Rande von Papier. Dann go er frischen Gipsbrei hinein,
wartete bis derselbe festgeworden und konnte dann die beiden Gipsstcke
leicht von einander ablsen. Das zweite Gipsstck zeigte nun ein genaues
Abbild der ursprnglichen Mnze, das Bildnis des Kaisers, die Umschrift
und alle feinen Zeichen derselben. Die erste Form nannte er die
Hohlform, die zweite den Abgu. Den Knaben war nun klar, da wenn man
einen Gegenstand plastisch in Gipsabgssen vervielfltigen will, vor
allen Dingen zuerst eine Hohlform hergestellt werden mu. Nachdem die
Knaben gelernt hatten, wie der Gips zu behandeln sei, sagte Holm zu
Rua-Roa: Nun kommst du daran, mein Teuerster, lege dich da einmal auf
den Fuboden. Rua-Roa that wie ihm gesagt wurde, denn bis jetzt hatten
die Weien ihm keinerlei Leides gethan, er hatte volles Vertrauen zu
ihnen.

Dann stellte Holm aus einem groen Thonklumpen durch Rollen auf einem
Brette eine groe, lange Wurst her, die er dem auf der Erde Liegenden so
um das Gesicht herum legte, als wollte er ihm ein Zahntuch aus Lehm
umbinden. Dieser Thonwulst soll das Herabflieen des Gipsbreies
verhten, sagte Holm, und damit derselbe sich nicht in Rua-Roas
Augenbrauen festsetzt, bedecken wir dieselben mit feinem, lgetrnkten
Seidenpapier.

Aber erstickt Rua-Roa nicht, wenn wir ihm das ganze Gesicht voll Gips
gieen? fragte Franz.

Wir befestigen ihm mit etwas Lehm in jedem Nasenloch einen Strohhalm,
erwiderte Holm, dadurch kann er hinreichend atmen. Das haben sich vor
ihm schon manche Wilde gefallen lassen mssen, und er wird auch nicht
der letzte sein, zumal der ganze Vorgang keine fnf Minuten whrt.
Rua-Roa lie sich geduldig das Seidenpapier auf die Augenbrauen und
anderen Stirnhaare legen, auch gegen das Einlen des Gesichtes machte er
keine Einwendungen. Als Holm ihm aber die Strohhalme in die Nase
befestigen wollte, sprang er auf und weinte. Das war ihm zu viel. Keine
Bitten konnten ihn bewegen sich wieder niederzulegen, er glaubte, da
man ihn umbringen wolle. Doktor, rief Holm, reden Sie ihm zu, er hat
ja selbst gesagt, da er Ihr Sklave sein wollte. Spielen Sie einmal den
Plantagenhalter und brauchen Sie Ihre Autoritt. Doktor Bolten lchelte
milde und ging auf Rua-Roa zu. Mein Sohn, sagte er, der mutige Knabe
hat dich aus dem Rachen des Krokodils gerettet und war in Lebensgefahr
deinethalb, wie wir alle. Kannst du glauben, da deine Erretter dir
Schaden zufgen wollen? Sieh, wir verlangen nur einen kleinen Dienst von
dir, du wirst doch eine geringe Unannehmlichkeit ertragen knnen, um
deinem Dank Ausdruck zu geben, von dem du in so beredten Worten
gesprochen. Nicht Worte machen den Dank, sondern die That.

Rua-Roa hrte auf zu weinen. Er sah zu komisch aus mit dem vom Lehm
eingerahmten Gesichte und den Thrnen, die von der eingelten Haut
herunterliefen, wie das Wasser von den fettigen Federn einer Ente. Dann
legte er sich ergeben auf den Rcken und wartete der schrecklichen
Dinge, die da kommen sollten. Schliee die Augen und den Mund, atme
langsam durch die Strohhalme, rief ihm Holm zu, der in einer groen
Schssel den erforderlichen Gipsbrei anrhrte. Und nun nicht gemuckt,
freundlich gelchelt, damit du spter nicht als Heulmeier in Gips
erscheinst. Bei diesen Worten schttete Holm den bereits im Erstarren
begriffenen Gips auf das Gesicht Rua-Roas, der sich wirklich Mhe gab zu
lcheln. Halte dich ruhig, mein Junge, ermutigte Holm den Daliegenden,
der eine unfrmliche Maske von Gipsbrei vor seinem Gesichte hatte, und
schnaube mir nicht zu sehr. Es ist dein eigener Schade, wenn die
Hohlform von deinem ehrenwerten Antlitz nicht gelingt, denn dann, mein
Lieber, mut du noch einmal daran. -- So, rief Holm, der Gips ist
bereits erhrtet. Er entfernte zuerst die Strohhalme, dann lftete er
die Gipsmasse bald an der einen Seite, bald an der anderen, um sie
allmhlich zu lockern, und hob sie behutsam von dem Antlitz Rua-Roas ab.

Rua-Roa that einen tiefen Atemzug und sprang auf. Holm berzeugte sich,
da die Hohlform vorzglich gelungen sei, und sagte: Du sollst schn
bedankt sein fr dein ruhiges Verhalten, Ruachen. Jetzt gehe nur mit
Franz zum Koch, da derselbe dir lauwarmes Wasser und Seife gibt, um dir
Lehm und l abzuwaschen. Rua-Roa sprang frhlich von dannen, von Franz
begleitet. Whrend der Gelbe sich von den letzten Spuren der glcklich
berstandenen Tragdie befreite, ging Franz an seinen Reisekoffer, dem
er ein schnes Taschenmesser entnahm. Dieses schenkte er Rua-Roa, der
kaum ein Wort des Dankes finden konnte, aber dem jungen Weien die Hand
treu und ehrlich drckte.

Am nchsten Tage wurde aus der Hohlform ein Abgu gemacht und Rua-Roas
Antlitz prsentierte sich, wenn auch mit geschlossenen Augen, so doch,
wie es ja auch nicht anders sein konnte, naturgetreu und hnlich.

Ein Apollokopf ist es nicht, meinte Holm, aber es ist das Gesicht
eines treuen, guten Menschen, er hat sogar versucht freundlich zu
lcheln, wie ich ihm sagte.

Schade da der Abgu so wei aussieht, sagte Hans, ich htte Lust ihn
farbig anzumalen, dann wrde er unserm neuen Kameraden erst recht
hnlich sehen. Aber woher sollen wir soviel Farbe nehmen, der
Tuschkasten wrde darauf gehen.

Auch hier wute Holm wieder Rat. Der Schiffszimmermann wird Farben
haben, mit denen er die einzelnen Teile des Schiffes anzustreichen
pflegt. Wir gebrauchen ja nur Gelbwei fr die Haut, Rot fr die Lippen
und Schwarz fr die Haare.

Der Zimmermann war glcklicherweise im Besitz des Gewnschten. Holm
mischte die Farben und Hans malte den Gipsabgu, whrend Rua-Roa Modell
sitzen mute, damit die Farben auch mit dem Originale bereinstimmten.
In einer halben Stunde war das Werk vollendet. Als Rua-Roa die
kolorierte Gipsmaske sah, erschrak er. Ach -- Malagasche! rief er und
wollte fliehen. Laufe nur nicht vor dir selbst weg, lachte Holm, und
nur mit Mhe konnten sie den Wilden dazu bringen, sein eigenes Abbild
schlielich in die Hand zu nehmen und sich zu berzeugen, da es kein
lebendes Wesen sei, was er hielt. Die Matrosen bewunderten dies
Kunstwerk, und einige wnschten, sie mchten auch so abgegossen werden.
Holm aber sagte, da sie photographiert werden sollten, sobald die
Gelegenheit gnstig wre, das Abgipsen sei fr die Wilden. Franz wandte
jedoch ein Bedenken gegen diese Prozedur ein. Wenn schon Rua-Roa sich
so sehr strubte, werden dann auch die Wilden sich hergeben, die uns
lange nicht so freundlich gesinnt sind wie jener? fragte er. -- Nur
mit reichen Geschenken wird es uns gelingen, ein lebendes Modell zu
gewinnen, antwortete Holm, und dann auch nur schwierig. Ihr knnt
hieraus ermessen, welche Mhe und welche Energie dazu gehrt, das
Material fr den Forscher in gengender Reichhaltigkeit
zusammenzutragen, und wenn ihr spter einmal wieder ein ethnographisches
Museum besucht und solche Gipsabgsse seht, dann werdet ihr nicht
achtlos vorber gehen, sondern daran denken, da an jeden Kopf sich ein
Kampf knpft, wenn auch nur der friedliche der berredung.

Mit der nchsten Post schicken wir Rua-Roas Abgu nach Hamburg, sagte
Franz, damit sie dort sehen, wie der gute Bursche ausschaut, der uns
das Leben retten half.

Und den ersten Wilden, der sich mir anvertraut, werde ich abgipsen,
rief Hans. Ihr sollt sehen, ich werde meine Sache schon gut machen.

Am Nachmittage wurde an einer kleinen den Insel angelegt, die nur von
Fregattvgeln, Albatrosarten und Tlpeln bewohnt war, auf die Jagd
gemacht werden sollte.

In groen, bis ber die Kniee hinaufreichenden Seestiefeln, mit Waffen
und Proviant versehen, machten sich die Knaben in Holms und einiger
Matrosen Begleitung auf den Weg, whrend der alte Geistliche dieser
Unternehmung fernblieb. Gefahren gab es nicht zu berstehen, wohl aber
mute man unausgesetzt klettern, und das berlie er denn doch lieber
den jngeren Beinen.

Durch Rhricht und Schilf, ber Klippen und Vorsprnge, durch flache
Seeen ging es dahin, Rua-Roa und Franz immer voran und hinter ihnen die
brigen, mit Einschlu des Kapitns, dem es Vergngen machte, eine
kleine auf diesen wsten Inseln hufige Taubenart zu schieen. Die
anderen verfolgten freilich interessantere Zwecke, sie fingen und
erschlugen oder schossen vom Nest weg die Vgel, welche ihnen kaum aus
dem Wege hpften, sondern ganz zutraulich sitzen blieben, da sie ja in
den Menschen noch keine Feinde kannten. Ein Kauffahrteischiff kommt
selten in diese entlegenen Gegenden, viel weniger ein Postdampfer; die
riesigen Anwohner des Meeres nisten also und brten von Geschlecht zu
Geschlecht in ungestrter Ruhe, nur sehr selten von dem Besuch des
Naturforschers berrascht und um einige Glieder ihrer ausgedehnten
Familie rmer gemacht. Weie, bis zu reichlich drei Meter Flugbreite
haltende Albatrosse, ihre jngeren braunen Sprlinge, die groen
Fregattvgel und in Scharen die grauen Tlpel, so sa es und watschelte,
so flatterte und flog es zwischen den Klippen, wie wenn die wste,
vielleicht kaum den Flcheninhalt eines Marktplatzes besitzende Insel
ein zoologischer Garten wre, wo man knstlich gezhmte, fremde Tiere
ungestrt von Angesicht zu Angesicht bewundern kann; aus allen Lchern
kamen Raubmwen und Sturmtaucher hervor; auf jeder Klippe krochen
riesige, graue Krabben, die hier von dem leben, was die Vgel als Beute
ihren Jungen zutragen, und die in der Nhe eines solchen Nestes frmlich
auf der Lauer liegen.

Im tiefsten Grunde der Insel brteten allemal zu Tausenden die Pinguine,
deren scharfe Schnabelhiebe zuweilen, wenn sie an den derben Stiefeln
abglitten, ein schallendes Gelchter, wenn sie dagegen eine unvorsichtig
herabhngende Hand trafen, einen Schmerzensschrei hervorriefen. Die
Tiere blieben ruhig sitzen, wollten aber eine Annherung ihrerseits
nicht gestatten und verteidigten daher die Nester, auf denen sie
hockten, mit solcher Entschlossenheit, da mancher Umweg dieser starken
Schnbel wegen gemacht werden mute. Eier und erlegte Tiere aller
Gattungen waren stets die Ausbeute solcher Streifzge, die freilich
nicht immer ohne Unfall verliefen und einmal sogar das Leben der jungen
Abenteurer ernstlich bedrohten. Ein pltzlicher Sturm drngte das Schiff
von den Ufern der Klippe zurck, die Brandung ging haushoch, das Boot
zerschellte in tausend Splitter, und Wind und Wasser fegten wie rasende
Kobolde ber den einsamen Fleck im rings sich dehnenden Ozean dahin.
Ganze Sturzseen schlugen ber den uern Rand, Legionen von Tropfen
regneten herab, und das donnerhnliche Gerusch des Sturmes verschlang
jeden Laut. In Scharen wiegten sich Fregattvgel und Albatrosse, des
Tobens froh, in der bewegten Luft; flgelschlagend kmpften sie gegen
das emprte Element, rings umher entfaltete sich die Thtigkeit aller
dieser meergewohnten Geschpfe mit verdoppelter Strke; nur die Menschen
standen ratlos neben einander im Schutze eines Felsstckes, sie allein
hatten zu frchten, da dem Schiffe ein Schaden geschehe, und da sie
dann in dieser grauenvollen Wildnis ohne irgend ein Lebensmittel, ohne
Baum oder Feuer, dem qualvollsten Untergang verfallen wrden, -- Stunden
vergingen, die Mastspitzen der Hammonia verschwanden am Horizont, die
ganze Insel triefte, und selbst das harte Schiffsbrot in den Taschen war
aufgeweicht und zu Brei verwandelt; dann aber sprang der Wind nach
anderer Richtung ber, seine Wut lie nach, und vor Sonnenuntergang
sahen die unfreiwillig Verbannten das Schiff, dessen Kanone ihnen von
Viertelstunde zu Viertelstunde einen Gru gespendet, im fernen Blau
wieder auftauchen. Papa Witt schickte sechs Matrosen mit einem Boote ans
Ufer, und nach beschwerlicher berfahrt, bei der jedoch die Jagdbeute
glcklich geborgen wurde, hatten alle das rettende Deck wieder erreicht.
Dennoch aber war damit der Krieg gegen die Vogelwelt keineswegs als
beendet anzusehen. Zahllose groe Vgel verfolgten, nach Abfllen
sphend, das Schiff, namentlich Albatrosse, auf die dann die Matrosen
Jagd machten, indem sie an langer Leine einen Angelhaken, in Fleisch
versteckt, dem Dampfer nachschwimmen lieen. Die Vgel strzten sich auf
den ersehnten Bissen, verschlangen ihn und flogen nun in Todesangst,
bang flgelschlagend, so weit es die Schnur gestattete, bis die
glcklichen Jger ihre Beute ohne alle Mhe heranzogen. Doktor Bolten
erwirkte indessen sehr bald bei dem Kapitn ein Verbot dieser grausamen
Belustigung, welche keinerlei ernsten Zweck hatte, sondern nur als
Zeitvertreib diente. Das Fleisch des Albatros ist ungeniebar, seine
Federn nicht zu brauchen; also mochten die groen, schnen Tiere leben,
wo sie niemand schadeten, im Gegenteil vielleicht das Auge des Schiffers
im Einerlei der Meeresflche angenehm berhrten.

Die Angeln wurden daher entfernt, und die Albatrosse blieben
unbehelligt, ebenso die Tlpel, welche sich oft ganz dreist auf das
Schiff setzten und sogar mit den Hnden berhren lieen. Die dummen,
grauen Tiere waren bei all ihrer Geistlosigkeit doch sehr schlaue
Fischer, und immer, wenn sie irgend ein schwimmendes Geschpf, Qualle
oder Flossentrger, gefangen hatten, zeigte sich's, weshalb die
Fregattvgel so beharrlich in ihrer Nhe blieben. Der Tlpel ist der
Leibeigene des Fregattvogels, er fngt die Beute, und jener verspeist
sie.

Die Knaben saen unter dem Sonnensegel des Verdecks und beobachteten das
bestndig wechselnde Spiel. In der Nhe des Schiffs, hart ber dem
Wasser, schwebten mit vorgestrecktem Halse die grau und schwarz
gesprenkelten, etwa an Gre einem starken Raben gleichenden Tlpel und
wuten geschickt unter der beweglichen blauen Oberflche des Meeres die
auftauchenden Fische zu entdecken. Sie schossen hinab und brachten, nie
ihr Ziel verfehlend, den zappelnden Flossentrger im Schnabel mit sich
herauf, aber schon ehe noch die Segelstange oder der Mast, wo sie ihren
Raub zu verzehren dachten, halbwegs erreicht war, fielen die bedeutend
greren Fregattvgel ber sie her, preten ihnen die Kehle zusammen und
nahmen den gefangenen Fisch dem eigentlichen Ruber siegreich wieder ab.

Einmal fiel solch ein kmpfendes Paar, in einander verbissen, pltzlich
durch die Segel weg auf das Verdeck, und nun entstand eine hchst
ergtzliche Szene. Aus einer der Seitenkojen im Matrosenraum sprang
Murr, der groe, schwarze Schiffskater, pltzlich mit Tigersprngen
hervor und blieb fauchend dicht neben den Ringern auf den Hinterfen
sitzen. Seine von Zeit zu Zeit in die Luft schlagende Pfote, seine
funkelnden Augen und das gereizte Knurren bewiesen nur zu deutlich, wie
gern er ber die beiden groen Vgel hergefallen wre, aber die heftigen
Flgelschlge, die scharfen Schnabelhiebe des Fregattvogels mochten ihn
doch in respektvoller Entfernung halten, whrend ihrerseits die
kmpfenden Segler der Lfte von dem gefahrdrohenden Feind in ihm keine
Ahnung hatten, sondern unbekmmert mit lautem Krchzen den eigenen
Streit fortsetzten. Der Tlpel hielt beharrlich den gefangenen Fisch im
Schnabel, wute sich aber so zu drehen, da es dem Fregattvogel nicht
gelang, seinen Hals zu umklammern, obwohl ihn die scharfen Fnge
desselben unerbittlich gepackt hielten.

Die riesigen Flgel, bald weit ausgebreitet, bald fest an den Krper
gelegt, peitschten das Deck, herausgerissene Federn wirbelten in der
Luft umher, und Blutstropfen frbten den Boden, -- der Fisch hatte
bereits zu leben aufgehrt, aber immer noch whrte der Kampf, als
endlich die lachenden, mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgang
beobachtenden Knaben ihren jungen Hova-Freund herbeiriefen. Rua-Roa!
komm her, komm her, sieh die Katze, -- es ist um sich die Seiten zu
halten.

Der Malagasche kam schleunigst herbeigesprungen, sobald aber seinem
suchenden Blick Murr, der wohlgenhrte Rattenvertilger, begegnete, fiel
er vor Schreck auf die Kniee und hob beide Hnde zum Himmel empor.
Zannaar! rief er in Todesangst, Zannaar! Darafif, groer Riese, steht
uns bei! Angatsch der Bse, der Mrder und Betrger, hat seinen Diener
auf das unglckliche Schiff geschickt!

Zufllig machte in diesem Augenblick Murr den bekannten hohen Buckel,
sein langer Schweif fegte im Halbkreis unruhig das Deck, die
grnschillernden Augen leuchteten vor Kampflust, er ersah den gnstigen
Moment, in welchem der Fregattvogel auer stande war, sich mit seinem
Schnabel zu verteidigen, und strzte sich geruschlos nach Tigerart
urpltzlich auf die Streitenden. Ein kurzer, schriller Schrei -- dann
hatte der groe Vogel zu leben aufgehrt; der Tlpel dagegen sa
geduckt, dumm glotzend und sich schttelnd auf den Brettern. Als ihm
niemand mehr die Beute streitig machte, ergriff er seinen Fisch und
verschlang ihn mit gierigem Ruck.

Der Malagasche betete fortwhrend in der Hova-Sprache zu allen mglichen
guten Geistern um Erlsung vom bel; keine Macht der Erde htte ihn
bewegen knnen, den sieghaften Kater zu streicheln, und selbst als die
beiden andern Knaben das thaten, schauderte er sichtlich. Auf ganz
Madagaskar sei kein solches Tier zu finden, erklrte er, es msse ein
bser Geist sein.

Doktor Bolten wehrte den Knaben, als sie ihren jungen Freund zwingen
wollten, sich mit Murr, dem Schnurrenden, Behbigen, auf vertrauten Fu
zu stellen. Er hatte den religisen und geschichtlichen Unterricht,
welchen er dem ehemaligen Sklaven erteilte, so eingerichtet, da der
Geisterglaube ganz von selbst dem besseren Erkennen weichen mute; jeden
ueren Zwang erklrte er fr schdlich. Der Kater lief frei im ganzen
Schiff herum, aber man lie es scheinbar unbemerkt, wenn Rua-Roa mit
wahrhaften Seiltnzerkunststckchen der Begegnung des Schwarzen auswich;
seine Freunde berlieen es der Zeit, ihn von dieser kleinen thrichten
Furcht zu heilen, namentlich da der Gelbe in jeder Beziehung achtbar und
liebenswrdig auftrat, sich seinen Wohlthtern dankbar bewies und im
Lernen die besten Fortschritte machte.

Besonders mit den beiden aus Afrika herbergebrachten Affen hatte er
sich in das glcklichste Einvernehmen zu setzen gewut. Wickelschwanz
und Schwarznase schienen fr den jungen Farbigen eine besondere
Zuneigung zu hegen; sie saen auf seinen Schultern, fraen aus seiner
Hand und gehorchten ihm auf das erste Wort, den Widerwillen ihres
Bezhmers gegen Murr in jeder Weise teilend. Der faule Kater erhielt von
den flinken Hnden mehr als eine Ohrfeige, und wenn zuweilen bei stillem
Wetter der Schwarze und die beiden Affen sich im Takelwerk jagten, dann
klang erbittertes Prusten, Schreien und Miauen ber das Deck hin, bis
meistens der Kater urpltzlich herabfiel und sich schleunigst unter den
Kojen der Mannschaft verkroch.

Die beiden Tanraks dagegen sollten nicht lange zur Unterhaltung der
Knaben dienen. Nachdem die letzten auf den den Inseln gesammelten
Wrmer verzehrt waren, weigerten sich die Tierchen, irgend eine andere
Nahrung zu nehmen, und starben ehe noch die Insel Mauritius erreicht
wurde. Die Tiere wanderten zu dem Affen in den Spiritus und wurden mit
allen brigen gesammelten Gegenstnden von Port St. Louis, der
Hauptstadt der Insel, nach Hamburg geschickt.

Das Schiff verlie indessen nach sehr kurzem Aufenthalt diesen Hafen und
setzte die Reise bis zur Fouqu-Insel fort. Erst da wurde Anker
geworfen.

Auf Mauritius haben wir fr unseren besonderen Zweck keinen gnstigen
Boden, erklrte Holm, das Tierleben der Insel ist arm, ursprngliche
Bewohner, also einen eingebornen Stamm hat sie gar nicht, es fhren
Landstraen von einem Ende zum andern; kurz, Hoffnung auf
naturwissenschaftliche Entdeckungen oder interessante Abenteuer ist
nicht vorhanden. Die kleine Fouqu-Insel mu uns entschdigen.

Spter machen Sie dann noch einen Spaziergang auf den Bambu-Pik,
schaltete der Kapitn ein, jedenfalls verlohnt die Aussicht dieser
Mhe, nebenbei aber begegnen Ihnen doch auch vielleicht einige
Eidechsenarten, indische Meerkatzen und viele schne Pflanzen.

Wollen sehen! nickte Holm. Erst zur Fouqu-Insel.

Und so warf denn der Dampfer in stiller Bucht seine Anker aus.
Unbersehbar dehnte sich vor den Blicken der Reisenden das Korallenriff,
welches die ganze Insel Mauritius wie ein Grtel umgibt und von den
weien Brandungswellen des Meeres bei hoher Flut fast vllig berschumt
wird. Daran lehnt sich, flach und ohne einen einzigen Baum den glhenden
Sonnenstrahlen preisgegeben, ein kleines, unbewohntes Eiland, dessen
ragender Leuchtturm den Schiffen als Warnungszeichen dient. Es war
gleichsam eine Fortsetzung des Riffes, dessen oberste platte, von den
Wogen geglttete Flche zur Ebbezeit einen vorsichtigen Spaziergang
recht wohl gestattete, zugleich aber wurde auf seinen Strand alles das
geworfen, was die brandenden Wellen an toten und lebenden Bewohnern des
Meeres mit gewaltiger Kraft emporhoben, und was spterhin, bei dem
schnellen Sinken derselben, von tausend Zacken und Riffen festgehalten,
den Rckweg in das heimische Element nicht mehr fand.

Es war Ebbe, als das groe Boot die Reisenden zur Fouqu-Insel brachte.
Im Schatten des Leuchtturms wurde ein Zelt aufgeschlagen, frische
Frchte und Lebensmittel von Mauritius herbergeschafft und Haken und
Netze, sowie einige Eimer aus dem Schiff mitgenommen. Die Flut brauste
heran, nachdem kaum die ntigsten Vorarbeiten beendet waren. Haushoch,
in kurzen Pausen, schlugen weigekrnte, wie flssiges Silber schumende
Wellen gegen das Riff, ein Donnern und Grollen, ein Zischen und
Klatschen wie es die Reisenden nie vorher gehrt, erfllte rings die
Luft; Tausende von fliegenden Fischen erhoben sich, flutgetragen, blau
und violett schillernd im Sonnengold, mit Schaumperlen bergossen in
jeder Woge; groe Quallen zeigten ihre Ungestalt; Fische mit dem Gesicht
und der Brust eines wohlgenhrten, runden Vogels, mit Taubenaugen, aber
derben drohenden Zhnen, wiegten sich in der Wassermenge, bunte
Velellen, Krebse mit langen Scheren und Wasserschlangen tauchten auf und
ab. Stunden vergingen, ehe dies wechselnde Spiel mit dem Eintritt der
Ebbe endete, aber doch schien es jedem der Anwesenden, als habe er erst
seit wenigen unzulnglichen Augenblicken den Ozean in dieser seiner
groartigen Pracht bewundert, doch wurde die letzte am Fue des Riffs
zerflieende Welle wie ein scheidender Freund bedauert.

Jetzt galt es, die schlpfrigen Stellen abzusuchen und von den
aufgefundenen Tieren die schnsten Exemplare einzusammeln. Immer nur
einige von der gleichen Gattung, hatte Holm ermahnt, es soll kein
Tier, das fr unsere Sammlungen taugt, bersehen, aber auch keines aus
bloem Mutwillen gettet werden.

Rua-Roa zeigte sich beim Hinausgehen auf den schlpfrigen, vielleicht
fnfzig Fu hohen und ebenso breiten Damm im Anfang etwas zaghaft.
Lcher und Fugen, Risse und Spalten berall; hier ein klarer Teich, in
dem das Seewasser schumte und brodelte; hier eine Kluft, die mhsam
bersprungen werden mute und dort sogar eine pltzliche Teilung des
Weges, drei oder vier schmale Pfade, kaum fubreit, zackig, von Schleim
berzogen, -- so zeigte sich das Riff, dessen Gefge erst viel tiefer
nach unten sich zur dichten, von keinem Spalte mehr durchlcherten Mauer
verstrkte. Hier oben in den jngsten Korallenschichten war alles Berg
und Thal, alles von Poren zersetzt, von den Gngen und Hhlen unzhliger
Wassergeschpfe wie ein Bergwerk untergraben.

Franz hpfte, ohne sich viel nach Beute umzusehen, ber den schlpfrigen
Weg dahin. Rechts das Meer, links ein stiller blauer Wasserstreif und
dann die malerischen, von ppigem Baumwuchs bestandenen Ufer der Insel
Mauritius -- so bot sich dem staunenden Blick ein Bild der hchsten,
blendendsten Naturschnheit. Der Wald da drben schien ein seltsam
doppelter; erst unten das Dickicht, von Ranken und Blumen durchflochten;
dann die stolzen, himmelanstrebenden Palmenstmme mit ihren schnen,
federartigen Kronen, die Kampeschen und Agaven, der nie fehlende Bambus
und die breitstige Tamarinde. Whrend so im Verein von Formen und
Farben die Pracht des Ufers den Sinn bewltigte, fesselte auf jedem
einzelnen Schritt Neues, Niegesehenes die Blicke. Seeigel, Seesterne,
Schnecken und Seewalzen, alles krabbelte, schwamm oder glitt ber- und
durcheinander. Besonders die schnen Seeanemonen, welche fest auf den
Gesteinen saen, erregten Holms Aufmerksamkeit; er nahm sie sorgfltig,
jede Berhrung vermeidend, mit einem groen Holzlffel aus den Lachen
heraus und setzte sie in einen Eimer, den zu diesem Zweck der Koch hatte
liefern mssen. Um sie zu erhalten und lebend dem zoologischen Garten in
Hamburg zuzufhren, schlug er mehrere Stcke des Korallenriffes ab, die
dann in einem greren Behlter den seltsamen Halbtieren zum Anklammern
dienen sollten; mittels tglicher Zufhrung von frischem Seewasser
dachte er sie wohlerhalten ber den Ozean zu bringen. Hier waren alle
Arten vertreten, die purpurnen, gelben, violetten und ganz weien;
ferner die Seesterne, deren Formen sich am besten mit sogenannten
Kotillonorden vergleichen lassen, bald rund und strahlenbildend, bald
wie Schleifen, dann wie Perlenschnre oder wie eine gelbe, in der Mitte
gebundene Garbe, -- die Seespinnen in ihren verschiedenen, alle am Lande
lebenden Arten weit berragenden Gren, die hbschen roten Ringelwrmer
mit dem federgleichen Hubchen und endlich das Heer der Krebse, die nun
freilich ohne Erbarmen samt und sonders in einen Eimer wanderten, um
folgenden Tages das Mittagsmahl verschnern zu helfen. Junge
Einsiedlerkrebse trugen noch das Schneckenhaus, in welchem sie bis zur
Ausbildung der Scheren ihren Hinterkrper zu verbergen pflegen, auf dem
Rcken; die alten dagegen setzten selbst jetzt noch, wo sie im Riff
hilflos hngen geblieben waren, ihre erbitterten Kmpfe fort und wurden
zuweilen paarweise mit in einander verschlungenen Scheren eingefangen.
Gold- und Silberfische, Papageienfische, in allen Farben schillernd, und
zahllose Schnecken krochen zwischen den Spalten; auch eine andere Art
von Geschpfen, das baumartige Pflanzentier fehlte nicht; Glasschwmme
und der gemeine Badeschwamm, irgendwo vom Grunde durch berlegene Strke
losgerissen, hatten sich an einer spitzen Klippe gefangen und fielen
jetzt den emsigen Forschern zur Beute; braune und grne Algen, unter
anderen der bekannte Seetang, lagen zu ganzen Haufen ber einander
geschichtet und dienten den Wasserkfern als Schlupfwinkel; auch die
groe weie, nach innen rtliche Muschel wurde in den Fugen des Gesteins
entdeckt und mute in den Sack, welchen Holm trug, mit hinein wandern,
obwohl sie ihn fast gnzlich ausfllte und die Last zu einer sehr
schweren machte. Stunden waren vergangen, ehe man an den Rckzug dachte;
ein lsterner Hai mit greulichem Rachen schwamm hart neben dem Riff im
Meer hin und her, vielleicht in unbestimmter Ahnung die kommende Flut
erwartend und sich des nahen Raubes freuend; die Sonne stand schon tief
am Horizont, der Wind wehte frischer und die Krfte der Suchenden
bedurften der Strkung, -- noch eine halbe Stunde, dann kam die Flut,
dann war alles, worauf jetzt die Fe so sicher standen, von blauem
Gischt berschumt. Schon hob sich im Grunde die See unmerklich gegen
den Wall, schon tnte als Verknder des donnerhnlichen Tobens ein
leichtes Brausen und mahnte zum Rckzug.

Karl, rief Franz, knnten wir nicht bis zum letzten Augenblick hier
oben bleiben? Ich mchte von hier aus das majesttische Heranrauschen
der groen Wogen beobachten. Sieh den Hai, er berlegt, wann wir ihm den
unverschmten Rachen fllen werden.

Holm schttelte den Kopf. Das bleibt denn doch besser ungeschehen,
Franz! -- Was verschlgt dir's, ob du die Wellen von einer oder der
anderen Seite siehst?

Ich mchte sie gern mir selbst entgegenspringen lassen und -- am
allerliebsten hier oben im Gischt stehen bleiben, wenn die hchste Flut
da ist.

Die vielleicht sechs oder sieben Fu ber den Damm hinauswchst und den
grnlichen Hai da unten bis hierher trgt. Ich verzichte darauf, ihm
Aug' in Auge gegenber zu stehen.

Franz lachte, pltzlich aber bckte er sich und deutete auf einen
Gegenstand, der vor seinen Fen in der nchsten Spalte steckte. Wieder
eine solche Muschel, rief er, und noch schner als die erste. Karl,
wir mssen sie notwendig herausbrechen.

Der junge Gelehrte betrachtete mit fast zrtlichen Blicken die
Rosaschale, den weien, feingefalteten Rand und das bequem eingebettete
Tier, welches diese schne Heimat bewohnt. Wahrhaftig, antwortete er,
du hast recht, Junge! -- und da noch, und da! -- bei Gott, ein ganzes
Lager von Schaltieren! Grne, blaue und diese braunfleckigen, ich bitte
dich, sieh her!

Er warf den Sack zu Boden und kniete neben der Rinne, wo im klaren
Wasser alle mglichen Muscheln und Schnecken sich angehuft hatten. Der
indische Ozean ist fr diese Tiergattung so recht die wahre Fundgrube,
fuhr er fort. Wir mssen hier einsammeln, was irgend erreichbar ist;
eine so gnstige Gelegenheit wird uns hchst wahrscheinlich nicht wieder
zu teil. Entweder liegen die Korallenbnke unter Wasser, oder sie sind
unzugnglich; -- ach, da htten wir dich, ^Tridacna gigas^!

Er hob eine Seite der Schale mhsam empor, fand aber, da es ihm
durchaus unmglich sei, die ganze Muschel von ihrem Platze zu entfernen.
Und doch war das Exemplar so schn, eines der grten seiner Art; er
mute es haben.

Hrt, rief er den brigen zu, geht zum Leuchtturm und schafft mir ein
paar von den dort stationierten Wchtern oder zwei von unseren Matrosen,
damit diese Muschel nicht verloren werde. Die nchste Flut knnte sie
wegsplen.

Ich bleibe bei dir! rief Franz.

Der Doktor, Hans und der Malagasche beluden sich mit dem bereits
gemachten Fang, und nachdem sie thunlichste Eile versprochen, kehrten
alle drei auf dem schlpfrigen Pfade zur Fouqu-Insel zurck, whrend
Holm und Franz emsig so viele von den kleineren Muscheln losbrachen, als
sich ohne Beistand erreichen lieen; weder einer noch der andere
bemerkte, da die Flut unaufhrlich stieg, ja, da die Spitzen der Wogen
jetzt schon bis auf wenige Fu an das Plateau des Riffes hinaufgriffen.
Nur einmal zog Holm die Uhr und sah nach. Ach, Gottlob, noch zwanzig
Minuten, das ist Zeit genug.

Die anderen gingen indessen weiter. Htet euch, Kinder, ermahnte der
alte Herr, ich bitte dich, Hans, bleib in der Mitte. Das ist ein
verzweifelter Weg!

Er sah immer vor seine Fe, zeigte ngstlich den beiden Knaben jeden
Spalt und jede Lache; von den Gesetzen der Flut und Ebbe wute er
vielleicht berhaupt nur das Alleroberflchlichste und vertraute
rcksichtlich dieser Dinge auch durchaus seinem jungen Reisegefhrten.
Daher kam es, da er dem Meere keinen Blick schenkte, sondern vielmehr
erleichtert aufatmete, als die gefhrliche Expedition zu Ende und das
Zelt unter dem Leuchtturm glcklich erreicht war.

Eimer und Netze, sowie der groe Sack wurden geleert; dann lief Hans
hinauf und bot den Wchtern ein Trinkgeld, wenn sie helfen wollten, die
groe Muschel aus dem Riff hervorzuziehen.

Morgen, antwortete kopfnickend der Portugiese. Jetzt wre vor
Eintritt der Flut keine Zeit mehr!

Hans erschrak sehr. Die anderen sind noch auf dem Riff! -- Mein Himmel,
es droht ihnen doch keine Gefahr?

Die Schiffer, der englischen Sprache alle mchtig, eilten zu einem der
Fenster und sahen jetzt in ziemlicher Entfernung die beiden knieenden
Gestalten, welche, an der Landseite des Riffes beschftigt, offenbar das
Meer durchaus vergessen hatten. Worte, ja selbst der lauteste Schrei aus
Menschenbrust konnten hier nichts ausrichten; rasch entschlossen also
ergriff einer der Mnner das groe, an der Wand hngende Nebelhorn und
ein langgezogener dumpfer Ton brauste ber das Wasser dahin.

Da unten in der Tiefe drehte Franz den Kopf. War das ein Signal? --
Karl, rief er, Karl, die Flut ist da!

Der junge Gelehrte fuhr auf wie von einem Schusse getroffen. Die Flut?
-- Gott im Himmel, wie ist das mglich, ich habe doch --

Er ri die Uhr heraus und hielt sie erschreckend an das Ohr, er rttelte
wie in Verzweiflung an dem Gehuse -- sie stand still.

Die Wogenkmme schlugen jetzt ber den Rand des Dammes herein, weier
Gischt spritzte hoch auf, -- binnen Sekunden mute die ganze Breite
unter Wasser stehen.

Mit blassem Gesichte sah er hinaus auf das brandende Meer. Jetzt sind
wir verloren, Franz! klang es kaum verstndlich von seinen Lippen. --

Und auch oben auf dem Turm wiederholte tdlich erschrocken der jngere
Knabe: Sie sind verloren!

Das ist nicht gewi, ja sogar nicht einmal wahrscheinlich, trsteten
die Portugiesen. Schon mancher Hummerfnger oder Perlenfischer hat sich
whrend der Flut da auf dem Damm gehalten, um die Tiere wegzufangen, ehe
nach eingetretener Ebbe eine Menge von anderen weniger kecken Insulanern
die Ernte mit ihm teilen konnten. Das Meer schlgt bei ruhigem Wetter
hchstens zwei Fu ber den Damm hinweg.

Hans horchte atemlos. Und wenn es strmt? prete er mhsam hervor.

Dann vielleicht huserhoch, -- das lt sich nicht bestimmen.

Der Knabe flog die Treppen hinunter zu den beiden anderen. Sein
verstrtes Gesicht sprach deutlicher als alle Worte, nur einzeln kamen
die Silben von seinen bleichen Lippen. Franz und -- Karl -- mssen
ertrinken.

Das Entsetzen des alten Geistlichen lt sich nicht beschreiben. Er
stieg erst zu den Turmwchtern hinauf und bot vergeblich Summen ber
Summen, dann lie er sich an das Schiff bringen und beschwor den
Kapitn, doch der drohenden Brandung zu trotzen, aber beides umsonst.
Die einen wollten um keine noch so groe Belohnung ihr Leben einsetzen,
der andere erklrte, da das Schiff wie eine Nuschale an dem festen
Riff zerschellen, aber nie und nimmer bis zu den beiden Bedrngten
gelangen werde. Sie mssen es eben so gut als mglich ertragen, fgte
er bei, von einer eigentlichen Gefahr kann noch nicht die Rede sein.
Zwei junge, krftige Burschen werden sich ja doch von den Wellen nicht
fortsplen lassen, -- sie mssen in eine Rinne treten und sich
anklammern.

Aber in der Nacht und auf so lange Zeit! rief entrstet der Doktor.

Es ist heller Mondschein und das schnste Wetter von der Welt, Herr
Doktor, -- und fnf Stunden schaden den jungen Wagehlsen gar nichts.

Auch der Steuermann suchte den alten Herrn zu beruhigen, obwohl beide,
der Kapitn und er, die Sache durchaus nicht so leicht nahmen, wie es
den Anschein hatte. Wenn sich nur der unbedeutendste Sturm erhob, dann
war es um die beiden jungen Leute geschehen.

Der Doktor kehrte also in Begleitung des Kapitns zur Fouqu-Insel
zurck, wo sie an das Riff traten und mit den Abgeschnittenen aus der
Ferne Gre wechselten. Aber was war denn das? -- Da drauen standen in
der Brandung ihrer drei, die hinber winkten, -- Franz schwenkte sogar
seinen Strohhut.

Der Doktor strzte zum Zelt. Sollte auch Hans -- --

Aber nein, der fand sich zum Glck noch vor. Es war Rua-Roa, den nichts
hatte bewegen knnen, seinen Freund in der Not zu verlassen. Er raffte
zwei mit Haken versehene Eisenstangen welche vom Schiff mitgebracht
worden waren, an sich und ging hinaus, der schumenden, tosenden Flut
nicht achtend. Der ganze Damm stand bereits unter Wasser, die
Unterscheidungsgrenze fr den festen Boden und das eigentliche Meer war
bei jedem neuen Anprall der Brandung vllig verwischt, aber der
Malagasche lie sich nicht einschchtern. In den kurzen Pausen drang er
behende wie ein Vogel ber die Klippen vor, und sobald eine neue Woge
gleich einem anrckenden weiglnzenden Berge dahergerollt kam, warf er
sich auf die Kniee, whrend unter dem Druck seiner beiden muskulsen
Arme die Eisenhaken sich tief in den Klften des Gesteins
festklammerten. Nur Schritt um Schritt gelangte er auf diese Weise
vorwrts, mit steter Todesgefahr ringend, mehr als einmal halb erstickt,
gentigt erst liegen zu bleiben und Atem zu schpfen, aber doch endlich
ans Ziel kommend und im stande, mit strahlendem Blick und einem Lcheln
innigster Freude den beiden Weien ein Tuch voll Lebensmittel zu
berreichen, das er sich um den Hals gebunden hatte, und dessen Inhalt,
zwar stark durchnt, sonst aber doch geniebar, fr die bevorstehende
Geduldprobe wenigstens einige Strkung verhie.

Was hatte er denn eigentlich mitgebracht. Franz sah nach. Ein tchtiges
Stck Schinken, einige Schiffszwiebcke und ein Dutzend Orangen, das
ging ja an; besonders die Frchte waren willkommen, denn sie lschten
den Durst, der sich bekanntlich bei jeder Aufregung bis zur Qual
steigert. Franz schwenkte wieder den Hut. Zwar lief das Wasser jetzt
schon von oben in die Seestiefel hinein, aber es war ja nicht kalt, die
Sache lie sich ertragen. Wenn so eine Welle heranbrauste, dann fand sie
die drei Genossen vereint in der Vertiefung, welche sich die groe
Muschel zum Wohnsitz erwhlt, und wo sie nun allerdings frs erste in
Sicherheit war. Zum berflu wurden noch die schweren Eisenstangen
befestigt, und dann galt es nur mehr geduldig auszuharren. Bei manchen
Sten ging das Wasser bis an den Hals; zuweilen tauchte aus dem Gischt
der Kopf des Haifisches pltzlich hervor, die mordlustigen Augen sahen
in gleicher Hhe mit denen der jungen Leute zu ihnen hinber, der
Schwanz peitschte voll wtender Ungeduld das Wasser, die nchste Minute
aber zwang den Raubgesellen, doch mit der fallenden Woge wieder
zurckzusinken in das tiefere Meer. Sein Instinkt warnte ihn, sich auf
das zackige, todbringende Riff hinaufzuwagen.

Die letzten Tagesstrahlen verschwammen, der Mond stand hell am Himmel,
und in seltener Klarheit glnzte das sdliche Kreuz. Nichts deutete auf
Sturm; vom Leuchtturm grte friedlich das rote Licht, der Dampfer gab
von Zeit zu Zeit durch einen Kanonenschu Kunde von seiner Nhe, und auf
der Fouqu-Insel brannten Pechfackeln, die der Kapitn vom Schiff
herber bringen lie. Dennoch aber verbrachten die drei, von der Mitwelt
so gnzlich abgeschlossen, eine Nacht, der nur Franz die heitere Seite
abzugewinnen wute. Er hatte gewnscht, sich die Wellen nahe herankommen
zu lassen, und er ertrug es lachend, wenn sie ihn mit immer neuen
Schauern bis auf die Haut durchnten.

[Illustration: Die Nacht auf dem Riff.

... zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches pltzlich
hervor ...]

Allmhlich fllte auch das gleiche buntgestaltige Tierleben des
gestrigen Nachmittags wieder alle Risse und Poren. Fulange Spinnen
kletterten an den Armen der jungen Leute hinauf, Krebse und groe Hummer
segelten vorber, mehr als einmal erfaten die Hnde Quallen, so da
noch empfindliche Schmerzen zu der Erstarrung und der allgemach
eintretenden Mattigkeit hinzukamen. Als die Wogen anfingen schwcher zu
werden, da fhlten alle, da noch eine solche Nacht, solches Alleinsein
gewissermaen auf unsichtbarem Boden inmitten des Ozeans,
gleichbedeutend werden msse mit dem Tode.

Vorsichtig krochen die Verschlagenen, um womglich das Wasser aus den
Stiefeln zu gieen und aus den Kleidern zu ringen, nher an den Rand des
Meeres heran. Jetzt konnten sie ja den Schutz der Vertiefung entbehren,
die hchsten Wogenkmme reichten kaum noch bis an das Plateau, die
Gefahr war vorber. Aber erst als das Wasser nicht mehr wie eine warme,
schtzende Decke ihren Krper umgab, fhlten die jungen Leute den
Einflu des kalten Morgenwindes. Schaudernd, von Gnsehaut berlaufen,
begrten sie die beiden Matrosen, welche im ersten Tagesschein ber das
Riff geklettert kamen, um auf Befehl des Kapitns mit vereinten Krften
die Riesenmuschel aus der Versenkung hervorzuheben. Nachdem das Tier
entfernt worden, trugen abwechselnd vier Mnner die schwere, teuer
erkaufte Schale, und noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, langten
alle glcklich im Zelt unter dem Leuchtturm wieder an.

Holm streckte zhneklappernd die Hnde den Freunden entgegen. Keine
Rhrung, Doktor, sagte er scherzend, ein tchtiges Glas Grog wre uns
in dieser katzenjmmerlichen Verfassung bedeutend mehr von Nutzen.

Der Kapitn lachte. Ich dachte mir's, nickte er. Stoff ist vorhanden.
Aber wollen wir denn nicht gleich zum Schiffe zurckkehren?

Behte! erst mssen noch Korallen eingefangen werden.

Dem stimmte auch Franz bei, und zwar sollte noch whrend der Ebbe vom
groen Boot aus das Schleppnetz in die Tiefe hinabgesenkt werden.
berall schimmerten ja die roten und weien unterseeischen Bume durch
das Wasser herauf, an einer Stelle hatte Holm sogar die seltene, wenn
auch nicht hochgeschtzte schwarze Koralle gesehen, man mute also die
Gelegenheit wahrnehmen und einsammeln, was zu erlangen war.

Zwei Stunden Schlaf, trockne Kleider nebst einer tchtigen Mahlzeit und
einem echten Seemannsgrog verscheuchten im Verein sowohl Schauder als
Schlfrigkeit und gaben den jungen Leuten ihre ganze gewohnte Frische
voll zurck. Das Schleppnetz wurde ausgeworfen und brachte einen reichen
Fang von Korallen aus der Tiefe empor an die Oberflche, freilich nicht,
ohne da vom Boote her die Eisenstangen der Matrosen ihre hilfreichen
Dienste gethan. Man fuhr lngs den bis nahe an den Wasserspiegel
hinaufreichenden Bnken hin; die ganze farbenglhende, in phantastischen
Formen und Windungen aufgebaute Pracht da unten lag sichtbar vor aller
Augen, feingestelt vom zartesten Silberwei bis zum gesttigten Purpur
und glnzenden Schwarz; einem puppenhaften Walde gleich, schimmerten die
Korallenstcke durch das blaue, spielende Wasser, und wo sie von den
Eisenhaken der Bootsmannschaft getroffen wurden, da fielen sie in das
ausgespannte Netz hinein.

Holm gab bei dieser Gelegenheit den Knaben einige Erklrungen ber die
Entstehung der Korallen, von denen meistens angenommen wird, da sie,
inwendig hohl, die Wohnungen von Tieren bilden. Sie sind vielmehr das
Tier selbst, erluterte er. Die kleinste Quallenart, ein kaum
sichtbares Schleimklmpchen, saugt mit seinem aller Organe beraubten
Krper die Kalkteile des Seewassers in sich auf, stirbt, sobald die
Verkalkung vollstndig eingetreten und wird von den nachkommenden
Geschlechtern als Wohnsttte benutzt, um den gleichen Kreislauf
immerwhrend neu zu beginnen und neu zu vollenden. An seichten Stellen
setzt sich die erste Quallenfamilie fest und auf ihren abgestorbenen
berresten baut die zweite weiter, bis endlich nach Jahrhunderten die
Oberflche des Wassers erreicht ist und nun fr das Tierchen die
Lebensmglichkeit aufhrt. Von der Luft berhrt, stirbt die Qualle.

Er nahm eins der gesammelten Stcke und zeigte seinen Zuhrern den
zhen, grauen Schleim, welcher dasselbe berzog. Das ist das jngste
Quallengeschlecht, das eigentliche, ursprngliche Korallentier, setzte
er hinzu, der Stoff, aus welchem die Natur ganze Inseln, also feste
Wohnpltze fr Menschen im Lauf der Zeit erschafft. Es ist nicht
unmglich, da nach Jahrtausenden, Jahrmillionen vielleicht, der am
meisten von dieser Gattung bevlkerte Ozean, das Stille Meer nmlich,
einen festen Weltteil bilden wird, langsam entstanden aus
Korallenbnken, Insel an Insel, die endlich zusammenrcken und ein
untrennbares Ganze ausmachen.

Rua-Roa hatte mit weit offenen Augen dieser Erklrung zugehrt. Zannaar
ist gro! sagte er halblaut, nachdem jener geendet.

Holm streichelte lachend den Krauskopf des jungen Halbwilden. Zannaar
ist gro! wiederholte er, und selbst die schleimige Qualle sein
Prophet. -- Aber siehe da, von dem kleinsten der Meerbewohner bis zu
einem der grten ist nur ein einziger Schritt. Unser Freund von der
letzten Nacht her!

Er deutete mit der Rechten auf das Kielwasser des Bootes, wo sich
lsterne, tckisch blinzelnde Augen bis fast ber die Oberflche
erhoben. Der grne Hai war immer noch zur Stelle; er konnte sich, wie es
schien, nicht losreien von der schmeichelnden Hoffnung, endlich doch
eines dieser Opfer zu erwischen; jetzt folgte er dem Boote und blieb
dicht hinter dem Steuer desselben.

Holm lie das Netz einziehen, um es vor der Wut des Ungeheuers zu
schtzen, dann nahm er aus seiner Tasche eine Pistole. Der Raubgeselle
soll daran glauben, sagte er. Pat auf, Jungens, ich ziele nach dem
rechten Auge. Und ihr, Leute, sobald ich geschossen habe, treibt das
Boot von der Stelle, damit uns die Schwanzschlge nicht schaden.

Die Matrosen erfaten ihre Ruder, alles war still vor Erwartung. Der Hai
spielte im Wasser, sein abscheulicher Kopf hob sich handbreit heraus. --
--

Da krachte der Schu. Zu Bergen trmten sich weischumende Wogen,
schwere Schlge peitschten das Wasser, ein Klatschen und Gurgeln
erfllte die Luft, ein Tropfenregen berschttete das Boot, und wie im
innersten Grunde aufgewhlt, tobte das Meer.

Die Matrosen hatten ihre Schuldigkeit gethan. Zwar tanzte das kleine
Fahrzeug wie ein Kreisel auf den Wellen, aber dennoch schlug keine
derselben ber Bord; als sich das Wasser glttete, war von dem Raubfisch
nichts mehr zu sehen. Jedenfalls stak er tot zwischen den zackigen
Korallensten im Grunde.

Und jetzt heimwrts! gebot Holm, der sich von dem richtigen Gang
seiner Taschenuhr diesmal vorher berzeugt hatte. Wir drfen uns hier
durch die Flut nicht berrumpeln lassen.

Das Boot wurde zunchst zur Fouqu-Insel zurckgelenkt, dort noch der
Leuchtturm besichtigt und dann der Dampfer wieder aufgesucht. Die
Ausbeute an Schtzen fr das Museum war eine ungewhnlich reiche, die
groe Muschel allein ein unbezahlbarer Fund; aber als das Schiff an der
Korallenbank vorberfuhr, da sagten sich doch die drei jungen Leute, da
sie auf der Hhe derselben eine Nacht verlebt, deren Schauer ihnen ewig
im Gedchtnis bleiben werde. Franz drckte lebhaft die Hand des
Malagaschen. Du bist doch ein guter Kerl, Rua-Roa, sagte er, ohne die
Erfrischungen, welche du uns brachtest, htten wir die Anstrengung kaum
berstehen knnen.

Die Augen des Halbwilden leuchteten. Ich habe dich lieb, Herr,
antwortete er, darum kam ich. Wollen wir beide den Blutschwur tauschen,
du und ich?

Franz wurde aufmerksam. Das sagtest du schon frher einmal, Freund,
versetzte er lebhaft. Was ist damit?

Das sollst du erfahren, Herr!

Und am Abend desselben Tages, als das Schiff im Hafen von Port St. Louis
vor Anker lag, winkte er im Dunkel des Vorderraumes dem jungen Weien.
Seine Hand hielt zwei kleine Stcke Ingwerwurzel und ein scharfes
Messer, mit dem er zunchst die Haut ber dem eigenen Herzen ein wenig
ritzte und dann in das hervorquellende Blut das eine Stckchen tauchte.
I! sagte er leise, und thue das Gleiche. La mich dein Blut kosten!

Franz erschrak heimlich. Das war doch eine ganz heidnische Zeremonie.

Aber Rua-Roas Augen baten so beredt, der junge Mensch schien von der
Heiligkeit dieses Bndnisses so durchdrungen, da es grausam gewesen
wre, ihm da, wo er glubig das Rechte, Gute vermeinte, ein halb
komisches, halb strfliches Heidentum vorzuwerfen. Zudem erinnerte sich
jetzt Franz, da die eingebornen Hovas von Madagaskar den Blutschwur
ausschlielich mit ihren vertrautesten Freunden tauschen, und da der,
welcher ihn etwa brche, als ehrlos gelten wrde; er verschluckte daher
ohne Widerrede die duftende, mit dem Blute seines neuen Bruders
getrnkte Wurzel und lie aus der Haut ber seinem Herzen die roten
Tropfen hervorquellen, um damit das andere Stck zu befeuchten. Rua-Roa
streckte, als er es gegessen, beide Hnde aus. Dein Wille gehrt seit
dieser Stunde mir, Herr, sagte er halblaut in beschwrendem,
feierlichem Tone, und der meinige dir. Wir knnen nichts thun, einer
ohne den anderen, kein dritter kann zwischen uns treten, keine Macht
kann das Blutband lsen. Schwre, da du niemand verraten willst, was in
dieser Stunde geschehen.

Franz hob die Hand zum nchtlichen Himmel empor. Bei Gott! sagte er
leise, selbst wider seinen Willen erfat von der geheimnisvollen
Feierlichkeit in dem Wesen des Malagaschen. Bei Gott, Rua-Roa, ich
schwre es dir!

Der Halbwilde nahm die Hand seines Freundes und legte sie sich auf den
Kopf, whrend umgekehrt seine Rechte Franzens Scheitel berhrte. Ich
danke dir, sagte er innig, du hast deinem Sklaven viel geschenkt, aber
er wird sich dessen wrdig zeigen.

Franz fhlte eine eigentmliche Beklommenheit. Das war so etwas wie
Zauberei oder eine Art von aberglubischem Unsinn; er gratulierte sich,
da es ein Geheimnis bleiben sollte. Wenn sein Erzieher davon erfahren
htte, so wrde ihm ein scharfer Tadel sicher gewesen sein. Rua-Roa
sollte womglich auf den Samoa-Inseln von den dortigen Missionaren
getauft und in die christliche Kirche aufgenommen werden; er durfte also
den heidnischen Brauch seiner Heimat nicht im Herzen festhalten, Franz
durfte ihn darin nicht bestrken, aber doch lie er sich von der Macht
des Geheimnisvollen berwltigen; der Eid war geleistet und verlangte
nun strenge Heilighaltung.

Mit einem Hndedruck trennten sich die beiden jungen Leute, nicht
ahnend, welche schwerwiegenden Folgen das seltsame, dem Malagaschen
hochfeierliche Spiel dieses Abends spterhin nach sich ziehen sollte.

Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor.

Am anderen Tage wurde die Stadt St. Louis besehen, Einkufe aller Art
besorgt und ein Ausflug ins Innere der Insel gemacht, um dort den
Bambu-Pik zu ersteigen. Auf dieser Tour fllten sich die
Botanisiertrommeln mit vielen bis dahin noch nicht angetroffenen
Pflanzen, namentlich einer Phnixart mit roten, prachtvollen Trauben,
Mimosen mit scharlachnen, gelben und hellgrnen Blten und vielen
ausgezeichneten Kasuarinen; auch von den beiden hier angesiedelten,
ursprnglich amerikanischen Bumen, der Kampesche und der Agave, wurden
Zweige gepflckt. In den Grten gedieh die wohlriechende Vanille; ganze
Felder von Zuckerrohr boten sich dem Blick; Tamarinden bildeten lange,
schattige Alleen; aber Getreide wurde nirgends gebaut. Der Bambu-Pik
selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das schwrzliche
hinberspielender Basalt, dem aller Baumwuchs fehlte, der aber mit dem
schnsten, ppigsten Gras bedeckt war. In den Thlern weidete hier und
da ein vereinzelter Hirsch, andere Tiergattungen fanden sich jedoch
nicht vor; die bervlkerung der Insel hat smtliche vorhandene Arten
dem Untergange schon lngst preisgegeben; von den ursprnglich in den
Wldern angetroffenen Wildschweinen findet sich kein einziges mehr,
ebensowenig Schildkrten oder jener groe ausgerottete Vogel, die
Dronte, der hier auf Mauritius Dodo heit, und von dem man berall nur
noch Knochen besitzt, aber nirgend ein lebendes Exemplar.

Die Aussicht von der Hhe des Bambu-Pik war entzckend schn, obgleich
der Charakter dieser ganzen Landschaft keineswegs etwas Groartiges oder
gar Wildes besa. Drfer und stille, einsame, an Flssen liegende
Mhlen, reiche Grten und Pflanzungen, dazwischen wenig Wald und ber
die ganze Insel hinlaufende Straen, alles umsumt von den tiefblauen
Fluten des Indischen Ozeans, so zeigte sich das Gesamtbild, dessen
Einzelheiten trotzdem manches Neue und berraschende darboten, hier
einen Kfer, dort eine Ranke oder ein Stck Erz und dann wieder einen
bescheidenen Erdwurm, der sich nicht trumen lie, da er heute auf
seinen Wanderungen einem raublustigen Feinde begegnen werde.

Ein Tag gengte, um diesen Ausflug zu beenden. Schon der nchstfolgende
Mittag sah das Schiff wieder auf hohem Meere, der Insel Ceylon
entgegendampfend. Jetzt kommen wir abermals in die Gebiete wilder
Vlker und wilder reiender Tiere, erluterte Holm. Da heit es, die
Sorglosigkeit der letzten Wochen abstreifen und bis an die Zhne
bewaffnet sein Leben gegen feindliche Angriffe verteidigen. Wo denken
Sie die Insel anzulaufen, Herr Kapitn?

Im Norden, antwortete der alte Seemann. Landen wir bei Trincomali
oder Galle, so sind wochenlange beschwerliche Reisen notwendig, um in
das Innere zu gelangen. Auf der Nordseite dagegen, in den groen
Bergwldern, hausen die Veddas; dort ist Tier- und Pflanzenleben sowie
das der Bewohner noch ganz ursprnglich, -- ich denke, Sie werden Ihre
Zwecke in diesen Gegenden am besten erreichen, namentlich was die Jagd
betrifft.

Fr Waffen und Munition ist gesorgt, versetzte Holm. So knnen wir
denn diesmal das Moschustier erlegen und den malabarischen Schakal.

Die Knaben freuten sich der Aussicht auf die langentbehrte, aufregende
Jagd. Sie erzhlten dem Malagaschen so viel von den groen Raubtieren
und den Pflanzenfressern, welche er nicht kannte, sie zeigten ihm so
viele Bilder von Elefanten, Giraffen und Lwen, da auch er anfing
neugierig zu werden und nebenbei Lani-Lamehs Weisheit in Zweifel zu
ziehen. Die Erde sei eine groe, flache Scheibe, hatte auf Madagaskar
der verschmitzte Zauberer seinen glubigen Zuhrern eingeprgt, und die
Insel selbst schwimme als Mittelpunkt des Ganzen in einem groen Wasser.
Alles brige sei wstes Land, wo nur die Weien wohnen, die nichts als
Schiffe und Bcher besitzen und von Menschenfleisch leben.

Franz zeigte dem Erstaunten einen Globus, erzhlte ihm von der Kugelform
der Erde, von ihrer Drehung und bezeichnete mit Stecknadeln Madagaskar,
Mauritius und Ceylon. Dann lie er ihn die Bilder groer europischer
Stdte sehen und brachte es allmhlich dahin, ihm sagen zu knnen, da
die Hammonia von Hamburg aus ihre Fahrt angetreten habe, um in die
Heimat der Aufklrung und allgemeinen Bildung solche Schtze an
Naturalien zurckzubringen, wie sie eben nur der tropische Sden
besitzt, und wie sie nur gedacht werden knnen in einem Lande, wo noch
Menschen und Tiere im ursprnglichen Wildheitszustande mit einander um
die Herrschaft streiten. -- Rua-Roa lauschte fast andchtig diesen
Belehrungen seines jungen Freundes. Er ahnte nicht, da fr den weien
Knaben selbst bedeutend mehr als fr ihn an Erkenntnis daraus
hervorging. Franz dachte der Niederlassungen seines Vaters in der
Sdsee, und wie vielen Hunderten, ja Tausenden von armen Wilden das Haus
Gottfried schon brgerlichen Wohlstand und Erlsung aus der Nacht
tiefster menschlicher Unwissenheit in ihre entlegene Inselheimat
gebracht. Der Beruf des Kaufmannes war doch ein schner, groer, war ein
Zweig der hohepriesterlichen Sendung, welche nach Gottes Willen der
Mensch dem Menschen gegenber vollzieht, wo immer dem rmeren Bruder die
Hand gereicht und das Fackellicht der Gesittung in frheres Dunkel
getragen wird.

Es sind eben der Wege so viele und der natrlichen Anlagen oder
Neigungen so mannigfache; Missionar und Naturforscher brechen Bahn; sie
bilden die Pioniere der Zivilisation; sie wrden aber ganz ohnmchtig
bleiben, wenn nicht der Kaufmann mit groen uerlichen Mitteln nachkme
und den _Gedanken_ brgerlich geordneter, christlicher und
menschenwrdiger Zustnde durch Handel und Wandel zur _Wirklichkeit_
erhbe.

Es war gewi, da Franz nicht mehr beabsichtigte, seinem Bruder dereinst
den Thron des vterlichen Kontors allein zu berlassen und selbst
fortwhrend die Welt zu bereisen; im Gegenteil freute er sich mehr denn
je auf die persnliche Kenntnis der Samoa-Inseln und spann schon jetzt
weitaussehende Plne, trumte von Schpfungen, die erst in fernen
Jahrzehnten das Licht des Daseins erblicken konnten.

Rua-Roa lernte emsig. Auer seinen regelmigen Unterrichtsstunden
widmete er sich mit der ganzen Wibegier eines aufgeweckten Kopfes allen
solchen Dingen, die in einem zivilisierten Lande dem Kinde gleichsam
unmerklich, mhelos bekannt werden, und Franz war auf allen diesen
Gebieten sein treuer Fhrer. Die Mhe blieb aber auch nicht ohne Lohn;
Rua-Roa, nachdem er erfahren, da das Katzengeschlecht ber die ganze
Welt verbreitet ist, und da es so vielfach der Stellung des
verhtschelten Lieblingstieres gewrdigt wird, -- Rua-Roa nahm eines
Tages Murr auf den Arm und schlo Frieden mit dem alten Rattenbesieger,
der schon lange Jahre auf anderen Schiffen nach allen Teilen unserer
Erde mit Kapitn und Steuermann Reisen gemacht und dem Leben am Lande
ganz fremd geworden war. Auch da seine Amulette als Kuriositt in das
Museum wandern wrden, und da der weie Hahn -- eben ein Hahn war wie
alle brigen auch, wute und erfuhr der Gelbe, aber die Erkenntnis wurde
ihm nicht aufgedrngt, und zugleich mit dem besseren Verstehen kam ber
seine Seele jene Gewiheit des Christen, da, wenn auch nichts Irdisches
ein guter oder bser Geist oder gar bernatrlicher Krfte fhig ist, so
doch selbst das niederste Wesen zum Werkzeuge Gottes wird. Der weie
Hahn hatte durch seine Nhe die augenblickliche Vollstreckung des
Todesurteils erfolgreich verhindert, Rua-Roa lernte aber jetzt erst, da
nur dem gttlichen Willen, nicht dem Werkzeug desselben, der Dank des
Menschen dargebracht werden darf.

Whrend der Fahrt gab es hinreichende Arbeit fr die jungen Forscher.
Denn auf den Felsriffen und in den kleinen flachen Binnenseen, welche
die Koralleninseln bildeten, war eine reiche Beute gesammelt, die zum
Versand prpariert werden mute. Die Seeigel und Seesterne hielten sich
in einer groen Btte, die mehrere Male des Tages mit frischem Seewasser
gefllt wurde, in Gesellschaft der Seerosen und vieler Krebse am Leben,
und deshalb gelangten zuerst die Schnecken und Muscheln zur
Prparierung, von denen einige bereits einen unangenehmen
Verwesungsgeruch aushauchten.

Von den Schnecken gebrauchen wir die Schale und die -- Zunge, sagte
Holm, das brige Tier ist nur ein unangenehmer Ballast.

Die Zunge? fragte Hans.

Jawohl, antwortete Holm, die Zunge, diese ist das einzige feste Organ
im Schneckenleibe. Sie besteht aus derselben harten Masse, die den
Panzer der Kfer und anderer Insekten bildet und ist mit vielen Reihen
eigentmlicher Zhne besetzt, mit denen sie die Pflanzenstoffe zerreibt,
von denen sie sich nhrt. Die Schneckenzungen sind sehr verschieden
gestaltet, aber die zu einer Gattung gehrenden Arten besitzen in der
Zungenbildung stets groe hnlichkeit, wenn ihre Gehuse in Farbe, Form
und Zeichnung auch noch so sehr von einander abweichen. Die Zungen
dienen daher zur Feststellung der einzelnen Arten und sind den Zoologen,
welche sich vorzugsweise mit dem Studium der Konchylien beschftigen,
auerordentlich wichtig.

Die gesammelten Schnecken wurden mitten auf den Tisch geschttet, alle
setzten sich um denselben, auch der Doktor, der eine Pfeife angezndet
hatte, um den blen Geruch der bereits faulenden Meertiere zu mildern.
Holm nahm nun eine der Schnecken und zeigte den Knaben, wie man mit
einem krummen kleinen Haken aus Eisen im stande sei, den weichen Krper
der Schnecken aus ihrem Gehuse herauszuziehen, wozu freilich Geduld und
Geschicklichkeit gehrte, denn er sa oft sehr fest in den engen
Windungen der Schale. Sobald der Schneckenkrper frei dalag, machte Holm
mit einem scharfen Messer, dem sogenannten Skalpell, einen Einschnitt in
den vorderen Teil desselben und konnte dann nach einigem Suchen mittels
einer feinen Pinzette einen lnglichen, ziemlich zhen Gegenstand
herausziehen -- die gewnschte Zunge. Nachdem dieselbe in einer kleinen,
mit Spiritus gefllten Schale abgesplt worden war, wurde sie in ein
Stckchen Papier gewickelt und in das mittlerweile gereinigte und
ausgesplte Schneckenhaus gesteckt, das ebenfalls in Papier gewickelt
wurde. So kamen denn stets die wichtigsten Teile, Schneckenhaus und
Schneckenzunge, zusammen, und eine Verwechselung konnte spter nicht
mglich sein.

Als sie unter den Schnecken ein schnes Exemplar der Purpurschnecke
fanden, sagte Holm: Nun werde ich euch eine sehr schne Zunge unter dem
Mikroskop zeigen. Er legte die dem Schneckenkrper entnommene Zunge auf
den uns bereits bekannten Objekttrger, brachte einen Tropfen Wasser auf
dieselbe und bedeckte sie mit einem Deckglschen, das er sanft prete,
um die Zunge etwas breit zu drcken. Die Knaben waren erstaunt, als sie
bei einer zweihundertfachen Vergrerung die spitzen Zhne dieser Zunge
erblickten und die Regelmigkeit wahrnahmen, mit welcher dieselben sich
aneinander reihen. Um ihnen den Unterschied zwischen den einzelnen
Formen zu zeigen, prparierte Holm in gleicher Weise die Zunge einer
Strandschnecke (^Litorina^). Hier waren die Zhne weniger spitz, dagegen
rundlicher geformt als bei der Purpurschnecke, aus der bereits die
Phniker den blauroten Farbstoff gewannen, mit dem sie die berhmten
Purpurgewnder frbten.

Da die Zunge der Strandschnecke ^in natura^ um vieles grer war, als
die Zunge der kleineren Purpurschnecke, so mute bei gleicher
Vergrerung das mikroskopische Bild derselben auch bedeutend
umfangreicher erscheinen.

Nachdem die Schnecken in der angegebenen Weise prpariert, eingewickelt
und fest in eine Kiste gepackt und auf einem Zettel die Fundorte bemerkt
worden waren, versah Holm das Kollo mit der Adresse, und bei nchster
Gelegenheit konnten diese Schtze abgesandt werden.

Ein wahres Glck, da diese Arbeit vorber ist, meinte der Doktor,
meine Geruchsnerven haben kein besonderes Gaudium daran gehabt.

Unsere Nasen haben sich bald daran gewhnt, rief Franz. Einem
Naturforscher darf es auf solche Kleinigkeiten nicht ankommen.

Nun galt es, die Seesterne und Seeigel zu konservieren. Aus dem Raum
wurden groe Glashafen mit eingeschliffenem, breitem Stpsel gebracht,
in denen sich Baumwolle in Gestalt von Watte befand. Diese wurde
herausgenommen, dann schichtete Holm abwechselnd Watte und Seeigel in
dem Glashafen auf, damit die Geschpfe mit ihren zerbrechlichen
Stacheln, die oft den Durchmesser des Rumpfes um das vierfache
bertrafen, unbeschdigt blieben. Als dies geschehen, fllte er den
Hafen mit starkem Spiritus, setzte den Stpsel ein und verband denselben
mit angefeuchteter Blase, um das Verdampfen des Spiritus zu verhten. In
derselben Weise wurde mit den Seesternen und den vielen Krabben- und
Krebsarten verfahren.

Aha, sagte Hans, nun begreife ich auch, warum der Affe teilweise Rum
erhielt, denn ohne diese Vorsichtsmaregel htten wir nicht gengend
Spiritus gehabt, und diese prachtvollen Naturalien wren uns verdorben.

Man kann eben nicht haushlterisch genug mit solchen Dingen sein, die
in der Wildnis gar nicht zu erlangen sind, entgegnete Holm. Unsere
Reise wrde nur zur Hlfte ihren Zweck erfllen, wenn wir nicht im
stande wren, die gesammelten Seltenheiten zu konservieren.

Holm zeigte den Knaben die merkwrdigen Greiffe der Seeigel unter dem
Mikroskop. Diese Fchen gleichen kleinen, inwendig gezhnten Dreizacken
und sitzen auf der kugelfrmigen Oberflche der Seeigel in groer
Anzahl. Fat nun ein solcher Greiffu ein winzig kleines lebendes Wesen,
so gibt er es seinem Kollegen, der es wieder weiter gibt, wie ein Eimer
in der Kette der Lschmannschaften von Hand zu Hand geht, bis es von Fu
zu Fu nach dem an der Unterseite des Tieres liegenden Mund gelangt, in
den es als gute Beute spaziert. Man kennt von den Seeigeln ber 200
lebende Arten und gegen 1500 Arten versteinerter aus frheren Perioden
unserer Erde. Oft werden dieselben im Sande, namentlich aber in der
Kreide gefunden.

Aus der groen Riesenmuschel, der Tridacee, wurde der weiche Krper
ausgelst, wie eine Auster aus ihrer Schale. Da sie fest und
unzerbrechlich war, wurde sie im Raum der Hammonia festgestaut, wie
jedes andere Kollo; ihretwegen brauchte sich niemand Sorge zu machen.




                          Siebentes Kapitel.


Die Reise nach Ceylon wurde schnell und glcklich beendet; man fuhr am
Hafen von Galle und an dem von Kolombo vorber bis zur uersten
Nordspitze, die freilich nur eine Landung im Boot gestattete. Dafr
versprach aber auch der gnzliche Mangel an Kultur und an irgend einem
gebahnten Wege die beste Jagdbeute. Vor der Hand mute man sich ohne
Fhrer behelfen; die Kste war flach und stark mit Sandsteinstrecken
versetzt, dazwischen aber lagen schne, fruchtbare Thler und ragende
Wlder, in denen Palmen von unglaublicher Hhe und zu vielen Tausenden
alles andere gleichsam als nebenschlich erscheinen lieen. Stmme von
dreiig bis vierzig Meter waren die unbedeutendsten und bildeten das,
was in einem deutschen Walde Unterholz heit, hier noch mit einer Flle
von Struchern und Ranken jeder Ausdehnung um den Platz streitend.

Da keine Pferde zu haben waren, marschierte der kleine Zug auf Schusters
Rappen in die grne Wildnis hinein. Jeder Mann hatte seine Wolldecke,
seinen Leinensack mit Lebensmitteln, Korbflasche, Pulverhorn,
Schrotbeutel und Messer bei sich, und war auerdem mit mancherlei
Kleinigkeiten zum Verschenken, mit etwas Branntwein und ein paar kleinen
Taschenpistolen, sowie mit Feuerzeug und Wachskerzen versehen. Der
Doktor, Holm, zwei Matrosen, die Knaben und Rua-Roa bildeten einen
wohlausgersteten Entdeckungszug. Sie wollten womglich die Insel quer
durchschneiden, zuerst das Tiefland kennen lernen und dann die
Gebirgspartie. Etwa vier bis sechs Wochen waren fr diese Reise in
Aussicht genommen.

Schon gleich nachdem die ersten tausend Schritte zurckgelegt,
entfaltete sich das bunteste, einheimische Tierleben. Auf den
unscheinbaren Blten der Zimtpflanze wiegten sich groe, ganz weie
Schmetterlinge; Papageien und Nashornvgel bevlkerten das Dickicht,
schlanke Genettkatzen glitten wie Schatten in einiger Entfernung
vorber, und Stachelschweine in betrchtlicher Anzahl lagen faul
zusammengerollt unter Blumen. Es waren dies die echten, in Deutschland
fehlenden mit den schngefrbten, groen Stacheln, die auch in allen
Hfen der Insel von den Eingebornen zum Verkauf ausgeboten werden;
unsere Freunde tteten daher sogleich zwei der schnsten Exemplare, um
sich ihrer Stacheln zu bemchtigen; die Jagd nahm so recht frei und
unbeschrnkt wieder ihren Anfang; alle Herzen schlugen froher, die
Gefahr schrfte alle Sinne und lockte mit geheimnisvollem Zauber.

Es ist uerst angenehm, sich nach bestandenem Abenteuer schwelgend in
Sicherheit und Flle aller Naturreize ausruhen zu drfen, aber dennoch
hat auch der Kampf um neue Gter, neue Gensse sein unendlich
Verfhrerisches. Wer nichts einsetzt, der kennt auch nicht das
Hochgefhl des Sieges, wer nicht mit Mhe errang, der erfhrt nie die
echte Freude des Besitzes. --

Auf jedem Schritt wurden Schtze entdeckt, und als man sich zum ersten,
durch manche frischgepflckte Frucht noch verschnerten Mahl ins Grne
setzte, da schmeckte allen die gewohnte derbe Schiffskost wie etwas
ausgesucht Feines. Wrziger Hauch wehte ber all diese Bltenpracht
dahin, Vgel sangen in den Zweigen und groe Kfer schlpften durch das
Gras. Nur entsetzlich viel kriechende Tiere scheint es zu geben,
meinte Franz, ich fhle das Krabbeln am ganzen Krper.

Ich auch! rief der Doktor. Aber merkwrdig, in der Luft fliegt
nichts.

Die Bestien stechen! mischten sich jetzt zugleich Holm und Hans in
diese delikate Unterhaltung. Ich glaube, auf meinem Rcken allein sitzt
ein ganzes Schock.

Rua-Roa griff unter die weiten Falten seiner Leinenjacke und brachte
dann die fnf Finger ziemlich durchnt wieder hervor. Blut! sagte er
voll Erstaunen.

Alle andern waren bereits beschftigt, Stiefel und Rcke abzuwerfen; das
Brennen in der Haut wurde unertrglich, das Krabbeln wie von tausend
kleinen Fchen reizte rger als der strkste Schmerz. Nachdem Franz die
Schulter entblt, zeigten sich nicht weniger als Hunderte von ganz
dnnen, an Gre einer lnglichen Wanze gleichenden, schwarzbraunen
Wrmern; alle diese hlichen Geschpfe hingen am Krper des Knaben wie
-- Blutegel! was sie thatschlich auch waren. Sobald einer gewaltsam
entfernt wurde, quoll das Blut aus der Wunde.

Holm lachte. Rckwrts! Rckwrts, Don Rodrigo! rief er lustig, hier
heit es Fersengeld geben, hier hilft nur das Hasenpanier zum Siege.
Nehmt alles, was wir besitzen, und lat uns aus dem Gebiet der Sandegel
so schnell als nur mglich dort hinab an das Ufer flchten. Die
schwarzen Gesellen leben, wo sie einmal sind, zu Myriaden, abschtteln
kann man sie nicht.

Am besten ist es, wir baden uns, rief Franz. Das Brennen macht ganz
ungeduldig.

Und wie die Dinger anschwellen! sie saugen uns leer, wenn wir es
gestatten.

Die ganze kleine Gesellschaft machte sich auf und trug Lebensmittel und
Gepck zum Fluufer, wo Holm den Boden, nachdem er ihn untersucht hatte,
fr frei erklrte. Und dann umsplte das frische Wasser die brennenden
Hautwunden, whrend jedesmal drei von den Mnnern Wache hielten, und
drei die festgeklammerten Egel zum Ertrinken zwangen. Das war ein
Aderla in aller Form, sogar die Hemden muten gewaschen und zum
Trocknen auf die nchsten Bsche gehngt werden; dennoch erregte das
kleine Abenteuer auch allgemeine Heiterkeit, es bildete den Anfang zu
neuen Erlebnissen; daher mute es mit in den Kauf genommen werden, wenn
selbst ein wenig Blut geflossen war.

An den Ufern zeigten sich scharenweise die schnen roten Flamingos;
Hasen eilten mit den bekannten langen Stzen ber das Flachland dahin,
weie Kakadus wiegten sich auf den Palmen, berall lagen Kokosnsse reif
am Boden, Pfefferpflanzen kletterten von Stamm zu Stamm.
Undurchdringliche Dickichte zwangen die Wanderer zum Umkehren. Hierher
mochten nur selten Menschen gekommen sein, keine Spur eines Weges lie
sich erkennen, nichts deutete auf die Nhe einer Ansiedelung, mehr als
einmal dagegen drang das ferne Brllen des Tigers zu den Ohren der
Weien, oder stampfte im Galopp eine Bffelherde vorber, aufgescheucht
durch das Erscheinen menschlicher Wesen in ihren Weidegebieten, Hunderte
an der Zahl, ziemlich klein und gedrungen, aber von wildem, bsartigem
Aussehen. Die Jger gingen solchen herankommenden Herden aus dem Wege,
um nicht angegriffen zu werden; einen der Nachzgler aber schossen sie
aus dem Hinterhalt und schnitten einen tchtigen Braten ab, der abends
am mitgebrachten Spie gerstet werden sollte.

An einer passenden Stelle, wo berhngende Zweige ein dichtes Dach
bildeten, wo eine Quelle sprudelte und der Rcken durch eine Felswand
gedeckt war, wurde Halt gemacht. Zelte von Leinen, bequem und ohne
Regelmigkeit zwischen den Bumen ausgespannt, ein von Kriechtieren
gesuberter Boden und ein paar Wolldecken gaben unter dem milden Himmel
ein prchtiges Nachtlager, whrend vor den Zelten ein Feuer hell und
behaglich aufloderte. Das Bffelfleisch wurde am Spiee gebraten,
frische Frchte gepflckt und dann ein Nachtessen eingenommen, so
kstlich wie nur Jger im grnen Walde es kennen. Der Rcken war
gedeckt, ein feindlicher Angriff nicht mglich, ohne im voraus bemerkt
zu werden; das Wetter hatte sich von heier Mittagsglut zu linder Wrme
herabgestimmt, Mcken spielten in der klaren Luft, und auf den Zweigen
saen groe, rote Papageien, die neugierig mit schiefgehaltenen Kpfen
herabsahen. Jene groe Gattung, deren Rcken in Purpur und Blau
schimmert, wechselte mit dem schneeweien Kakadu und dem kleineren, rosa
berhauchten Verwandten; Gesellschaftsvgel flatterten dazwischen, und
auch den schnen Nashornvogel von der Westkste Afrikas sahen die
Reisenden hier wieder. Nur die Affen fehlten, und dadurch ging ein
groer Teil der sonst gewohnten Unterhaltung verloren.

Franz und ein Matrose hatten den ersten Teil der Nachtwache bernommen,
die anderen schliefen in den Zelten. Fast Tageshelle lag auf der
Umgebung, in weitem Blau schimmerten die Sterne, lchelnd sah der
Vollmond herab auf das farbenprangende Landschaftsbild; leise flsternd
unterhielten sich der Matrose und der Knabe von Hamburg, ihrer
beiderseitigen Heimat, -- da knisterte es seitwrts in den Zweigen, so
da die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt wurde. Was wrden sie
sehen? -- Einen Tiger? -- Wilde? --

Aber nein. Es waren die zierlichen, schngefleckten Axishirsche, welche
hier in ganzen Trupps an die Quelle kamen, um zu trinken. Schlank wie
Rehe, mit groen sprechenden Augen, das Geweih zurckgeworfen, zeigten
sie sich dem berraschten Blick, ebensowenig furchtsam wie die
Papageien, ebensowenig gewhnt, Menschen in ihren Wldern zu sehen wie
diese. Fast bis auf sechs oder zehn Schritte kamen sie heran, kleine
Klbchen liefen neben den Mttern, ein Bock mit mchtigem Geweih schien
der Anfhrer des Zuges zu sein.

Wir wollen nicht schieen, Maat, raunte Franz. Fleisch fr morgen ist
ja noch genug vorhanden, -- es wre schade um die hbschen Tiere.

Hm, hm, junger Herr, da ist nur eins zu bedenken!

Und das wre? forschte der Knabe.

Wenn nun diese Stelle hier am Wasser ein Trinkplatz ist? Wenn noch mehr
und vielleicht nicht so harmlose Tiere herkmen?

Noch whrend er sprach, erdrhnte von fern die Erde, als wenn eine
reitende Batterie darber hinwegeilte. Ein heller, trompetenartiger Ton
klang durch die Luft, Zweige brachen und knackten, von der anderen Seite
des schmalen Wasserarmes her kamen aus dem Walddunkel graue
Riesengestalten hervor, ungeheure Kolosse trabten heran, dazwischen
kleinere bis herab zu kaum dreitgigen und neugeborenen Rsseltrgern.
Etwa dreiig Elefanten standen am Quell und lschten ihren Durst.

Die Axishirsche nahmen von dieser Nachbarschaft keinerlei Notiz, sie
lagerten sich vielmehr in ungestrter Ruhe am Uferrand, die Jungen
tranken nach Herzenslust an den Zitzen der Mtter, und die Alten
benagten spielend, in der Flle des Gebotenen schwelgend, die ppigen
Grasspitzen ringsumher oder die bltenschweren Ranken, welche von den
Bumen herabhingen.

Franz kroch lautlos in das Zelt und weckte die anderen. Ein zugleich so
friedliches und so groartiges Bild wurde dem Blick vielleicht nicht zum
zweitenmale geboten, eine Herde von Elefanten sah man nicht alle Tage.

Rua-Roa schien bei dem Anblick der Kolosse im ersten Schrecken
entfliehen zu wollen. Er lie sich gar nicht berzeugen, da die
trompetenden Dickhuter ohne Menschenfleisch zufrieden sein knnten, und
etwas wie eine Erinnerung an Angatsch den Bsen und alle seine Tcke zog
wieder durch das halbzivilisierte Gemt. Schiee nicht! bat er
beklommen, schiee nicht. Wer wei, was sie im Schilde fhren?

Holm lachte. Hast du die Bilder von Elefanten, welche wir dir gezeigt,
gnzlich wieder vergessen, Junge? Glaubst du, da uns der Anblick dieser
Tiere berrascht?

Der Malagasche errtete. Aber du knntest doch den groen Krper nicht
fortbringen, Herr, auch wenn du ihn gettet httest, versetzte er
ngstlich.

Holm schwankte. Einen dieser prachtvollen Stozhne wrde ich doch
auerordentlich gern erbeuten! -- was meinst du, Franz?

Wir schleichen bis zu den drei Tamarindenstmmen, Karl, da! zu denen,
die ganz dicht neben einander stehen, flsterte eiligst der Knabe. Es
kann uns in dies Versteck kein Elefant nachkommen, -- die anderen mgen
auf Bume klettern.

Ich will mit Ihnen, nickte der Matrose. Ihr Gedanke ist gut.

Als der Malagasche sah, da keine Gegenrede den Jagdeifer der Weien
erschttern konnte, nahm er schnell seine Kugelbchse und kroch durch
das Unterholz den Vorangegangenen nach, whrend der Doktor und Hans in
einiger Entfernung Posto faten, um ntigenfalls den wtenden Riesen von
anderer Seite bekmpfen zu knnen. Der zweite Matrose blieb vor den
Zelten im Anschlag liegen.

Die Axishirsche hatten ihre schnen, schlanken Kpfe gedreht und
horchend einen Augenblick lang Miene gemacht zu entfliehen, dann aber,
als sie niemand sahen, kehrte die frhere Ruhe zurck; ein leichter Wind
strich spielend ber ihre Stirnen dahin, sie schnupperten sorgfltig, --
nichts Verdchtiges strte den Frieden ringsumher.

Holm und Franz drangen vor bis an die Gruppe von Arekapalmen und
Tamarinden. Hier inmitten von wenigstens zehn Stmmen waren sie gegen
den Zorn der Elefanten vollkommen geschtzt.

Rua-Roa fhlte sich etwas beklommen; er tastete unruhig wie in halber
Zerstreutheit an derjenigen Stelle seiner Brust, wo frher die
schtzenden Amulette zu hngen pflegten. Sein Blick durchdrang sphend
die grnen, bltengeschmckten Umgebungen.

Der da! raunte Holm, der groe, rechts von den beiden Klbern. Die
Zhne sind wahre Prachtexemplare.

Er legte an, schon zuckte der Finger zum Drcker des Gewehres, da
berhrte die Hand des Malagaschen seinen Arm. Ein Kopf, Herr, ein
gelbes Tier! -- siehst du nicht dort die funkelnden Augen?

Holm lie das Gewehr sinken. Gelb? fragte er rasch, wo denn? -- Ach,
bei Gott, ein Tiger!

Gleich einem Blitz scho die Raubkatze im Sprunge ber das Gebsch
dahin. Wenigstens sechs Meter durchmaen die geschmeidigen Glieder, der
lange Schweif flog hinter ihm durch die Luft, ein mitnendes Geschrei
erschreckte die Tierwelt ringsumher. Gleich Schatten waren die Hirsche
entflohen, kreischend und flatternd verbargen sich die Papageien im
Gezweig. Der Tiger hatte ein junges Elefantenkalb zum Opfer ausersehen,
sein pltzlicher berfall warf das wehrlose Tier zu Boden, er bi mit
den gewaltigen Zhnen in die Kehle des Halberstickten, jammervolles
Klagegeschrei erfllte die Luft, Strme von Blut rannen ber das Gras
dahin.

Die alten Elefanten schienen indessen keineswegs gesonnen, den Ruber
ihres Kleinen ungestraft entkommen zu lassen. Ihr Gebrll widerhallte an
den fernen Bergwnden, wtende Angriffe mit dem Rssel hoben in diesem
Augenblicke den Tiger hoch in die Luft empor, um ihn am Boden zu
zerschmettern, im nchsten hatte er sich durch sein scharfes Gebi
befreit und hing jetzt als der Strkere buchstblich mit den Zhnen im
Fleische eines Elefanten. Dieser ungleiche Kampf des _Einen_ gegen so
viele konnte indessen nicht von langer Dauer sein. Der Tiger wehrte sich
wie ein Verzweifelter, auch sein Blut flo, die rote Zunge hing lechzend
aus dem Rachen hervor, der Schweif peitschte den Boden, heiser und immer
heiserer klang das wtende Gebrll. Die Elefanten traten ihn, ihre
Stozhne bohrten sich in seinen Leib, sie warfen ihn von einer Stelle
zur anderen und wichen dann selbst schumend vor Wut zurck, wenn ihre
empfindlichen, weichen Rssel die Kraft seiner Bisse fhlten.

Besonders den groen, alten Elefanten, ein Mnnchen mit gewaltigem
Kopfe, hatte er bs zugerichtet. Der Kolo zeigte zerfetzte Ohren, aus
dem Rssel waren groe Stcke Fleisch gerissen und an manchen Orten hing
die Haut, von den Pranken der Raubkatze erfat, in Lappen herab. Das
Tier brllte vor Schmerz, die ganze mchtige Gestalt schwankte, der Kopf
triefte von Blut, aber dafr wurde ihm auch die Genugthuung, seinen
Feind jetzt vllig besiegt zu sehen. Der Tiger lag, zum formlosen
Klumpen zertreten, unter den Fen der grauen Kolosse; er atmete nicht
mehr, das schne Fell war bis zur Unkenntlichkeit besudelt und
zerstampft, alle Rippen zerbrochen und der Kopf zerquetscht.

Neben seinen verstmmelten berresten lagen die des getteten
Elefantenkalbes, und nach allem Toben, allem Kampf der letzten
Viertelstunde war es traurig zu sehen, wie sich die Mutter des kleinen
Geschpfes bemhte, es wieder in das Leben zurckzurufen. Sie beroch und
betrachtete es, versuchte mit dem Rssel seinen Kopf aufzuheben und
emporzuziehen. Als alles vergeblich war, stie das Tier mit
zurckgelegtem Kopfe ein erschtterndes Klagegeschrei in die Luft
hinaus, so ganz anders wie das Wutgebrll der Mnnchen, so trostlos und
gramvoll, da es die Herzen der zuhrenden Mnner rhrte. Diese beraubte
Mutter schrie nach ihrem Kinde, alle verstanden den Ton, alle gnnten es
dem Tiger, da er fr seine Unthat bestraft worden war.

Und doch hat auch er vielleicht Junge im Nest, denen er Futter zutragen
wollte, sagte endlich wie in Beantwortung seiner eigenen Gedanken der
junge Gelehrte. Krieg ist das Losungswort der Tierwelt, eine Gattung
immer die Bekmpferin der anderen. -- Jetzt aber wollen wir, als die
vornehmsten, mit den strksten Waffen versehenen Ruber, doch dem alten
Herrn da den Garaus machen. Der Tiger hat uns bestens vorgearbeitet.

Er zielte nochmals, und die schwere Kugel drang dem Elefanten in das
Auge, um ihn auf der Stelle zu tten. Die Erde drhnte, als er fiel.

Ah! -- die beiden Stozhne htten wir sicher.

Holm wollte sogleich aus dem Versteck hervortreten und sich seiner Beute
bemchtigen, aber der Matrose warnte ihn vor der bekannten Hinterlist
der Elefanten, weshalb er wartete, bis sich die groen Tiere, erschreckt
durch mehrere ihnen zugesandte Schsse, endlich entfernt hatten. Die
Walstatt selbst bot einen furchtbaren Anblick. berall war die Erde
futief aufgewhlt, Lachen von gerinnendem Blut fllten die tieferen
Stellen, Gebsche und schwchere Baumstmme lagen zertreten, Ranken
zerrissen und Blumen geknickt. Dazwischen die zermalmten Tierleichen, --
so fanden Holm und Franz das Gesamtbild, als sie mit den anderen kamen,
um die Stozhne des groen Elefanten herauszubrechen. Das Handbeil des
Matrosen leistete dabei die besten Dienste, es gelang ber alles
Erwarten gut, und schon waren die Jger im Begriff, den Rckweg zu ihren
Zelten anzutreten, als von einiger Entfernung her ein leises Wimmern
oder Pfeifen die nchtliche Stille durchdrang. Es hrte sich an, als
weine ein kleines eigensinniges Kind, oder wie Katzengeschrei.

Alle horchten. Da klang es nochmals. Ein greres Tier konnte es
unmglich sein.

Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch mit den
Gewohnheiten wilder Geschpfe verstrkte sich bei dem Nherkommen der
Mnner das Wimmern, es tnte deutlicher und immer deutlicher, bis
zuletzt Franz als der erste im Zuge seitwrts vom Wege ein Nest aus
drren Halmen entdeckte und darin zwei junge Tiger, die, kaum grer als
Ratten, vielleicht erst seit dem gestrigen Tage lebten und sich
ngstlich verkrochen, als der Knabe in ihren Schlupfwinkel sah. Bei der
ersten Berhrung versuchten die zahnlosen Mulchen zu beien.

Richtig so wie ich mir dachte, nickte Holm. Die sugende Mutter hat
es, vom Hunger getrieben, gewagt, das Elefantenkalb inmitten seiner
Herde anzugreifen und ist dabei der bermacht erlegen. Was fangen wir an
mit diesen kleinen Schreihlsen?

Totschlagen! entschied der Doktor. Sie knnen dann keinesfalls mehr
schaden.

Es ist auch barmherziger, sie auf einen Schlag zu tten als dem
langsamen Verhungern auszusetzen, meinte der gutmtige Hans.

Ich will euch etwas sagen, rief Franz. Morgen mssen uns doch
hchstwahrscheinlich Eingeborne begegnen, denen zeigen wir das Nest.
Halberwachsene Tiger werden von den Hamburger und Londoner Tierhndlern
bis zu tausend Thalern bezahlt.

Topp! versetzte Holm. Das klingt vernnftig. Selbst zum Ausstopfen
sind die Dinger noch zu klein, -- wir knnen fr unsere Zwecke nichts
damit anfangen.

Die Richtung und Entfernung von der Quelle wurde nun genau festgestellt,
die Elefantenzhne wie Gewehre geschultert und der Rckweg angetreten.
Holm und Rua-Roa bezogen die Wache, spter von Hans und dem zweiten
Matrosen abgelst, und kein weiteres Ereignis strte den Schlaf, der bis
zum hellen Morgen dauerte.

[Illustration: Die Ruinen auf Ceylon.

An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und
blhenden Flechten berzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter
Anblick.]

Der Rest des Bffelfleisches wurde gebraten, um zu jeder Zeit und an
jedem Orte verzehrt werden zu knnen, die Zelte abgebrochen, und nun
ging es weiter durch den Wald dahin; unermeliche Strecken von Tiefland
mit Kokosbumen dicht besetzt, Hochebenen voll der schnsten Palmen,
Kaffeefelder, Zimtfelder, Massen von Kardamomen, von Eben- und
Sapanholz, ebenso wieder der Brotbaum, der Dschambu- und Kaschubaum,
alles wechselte in erdrckender, sogar Afrikas ppigkeit bertreffender
Flle. An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und
blhenden Flechten berzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter
Anblick. Neben und unter den schlanken Palmenstmmen erhoben sich die
grnbewachsenen Ruinen einer ehemaligen Stadt, Steinmauern, deren letzte
Bruchstcke hier dem Zahn der Zeit Trotz boten, die vielleicht vor
vielen Jahrhunderten einer wohlhabenden und gebildeten Bevlkerung als
Wohnsitz gedient hatten. Holm jubelte, obwohl dieser Fund weniger in das
naturwissenschaftliche als vielmehr in das kulturhistorische Gebiet
hineingehrte. Da waren uralte Treppenstufen aus Granit, gebrochene
Sulen, Pfeiler, an denen selbst die Jahrhunderte mit ihren Strmen und
Regenfluten nicht zu rtteln vermocht hatten, und als die Reisenden
weiter vordrangen, in der Mitte dieser versunkenen, uralten Stadt ein
ausgemauerter Teich, oder doch die Steinfassung eines solchen, wenn auch
das Wasser lngst versiegt sein mochte. ber alle diese Zeugen einer
toten, groartigen Vergangenheit aber wob die Gegenwart ihren grnen,
bltengestickten Schleier. Wo einst ein Tempel gestanden, da sandte von
tausend sten die Tamarinde ihre erquickende Frucht der Hand des
Wanderers entgegen; wo sich mde Menschen zur Ruhe gebettet, da hob die
schne malabarische Ziege sphend vom Nest ihre Hrner, und unter den
Stufen der gewundenen Treppen hausten Moschusratten, die bei der
Annherung von Fremden eilends in ihre Lcher schlpften, deren zwei
oder drei aber doch erlegt wurden, um sie den brigen Schtzen dieser
Reise zuzugesellen. Auch ein junger Bock mute das Leben hingeben und
gleich an Ort und Stelle als Braten dienen. Die Steinstufen boten einen
vorzglichen Herd, Feuer war bald entzndet, und in der Blechpfanne
schmorte und brodelte es. Holm mit den Knaben suchte nach Frchten,
wobei wieder eine neue Entdeckung gemacht wurde. Ein einsamer uralter
Feigenbaum, der _Bo_, wie ihn die Eingebornen nennen, hoch und von
mchtiger Breite, berschattete einen steinernen, nur noch als Ruine
dastehenden Tempel der ehemaligen Buddhisten; seine Bltter waren gleich
denen der Pappel in bestndigem Zittern begriffen, eine Art von Altar
befand sich im Innern, und das Ganze lag malerisch im Halbschatten
verhllt. Hoch oben sangen Vogelstimmen ein helles Jubellied, der Wind
spielte in den Zweigen, die zutraulichen Ziegen weideten berall auf den
Abhngen, und unten im Thale stieg der Rauch des Herdfeuers wirbelnd zu
den Wolken empor.

Hier haben vor tausend Jahren indische Weise gelehrt und geherrscht,
sagte beinahe feierlich der junge Naturforscher, jeder dieser Steine
gibt Zeugnis von einer groen, reichen Vergangenheit, -- heute gehrt
das Gebiet den Raubtieren, und seine Einwohner sind Wilde.

Ob wir doch endlich welche sehen werden? rief Franz.

Der Wunsch sollte sehr bald in Erfllung gehen. Als die kleine Gruppe
auf Steinblcken und Stufen um das Feuer herum Platz genommen und den
Braten zerlegt hatte, teilten sich pltzlich in einiger Entfernung die
Bsche, und braungelbe hbsche Gesichter sahen hervor. Auf allen diesen
Zgen lag Verstand und Gutmtigkeit zugleich, das Haar hing schwarz und
seidenartig lang ber die breiten, krftigen Schultern herab, weie
Mtzen saen keck auf den Kpfen, und die Spitzen mehrerer Eisenwaffen
schimmerten durch das Grn.

Im ersten Augenblick erschraken unsere Freunde oder faten doch
maschinenmig nach ihren Gewehren. Man konnte ja immerhin nicht im
voraus wissen, wie die dunkeln Gestalten den Besuch aufnehmen wrden.
Holm erhob sich und ging ihnen entgegen, ebenso schnell und noch
schneller tauchten die Wilden zurck in das Grn; erst als er einen
lauten Zuruf in den Wald hineinschickte, erschienen hier und da einige
der dunklen Gesichter und als auch die brigen Weien aufstanden und mit
ausgestreckten Hnden nher traten, da kamen die Gestalten ganz zum
Vorschein. Weie Mtze, Jacke und eine Art von kurzer Schrze, alles aus
feinem, leichtem Gewebe gefertigt, so zeigten sich ohne die geringste
Bekleidung der Beine oder Fe die Singhalesen, wenigstens sechzehn bis
zwanzig an der Zahl, smtlich bewaffnet, aber mit den friedlichsten
Gebrden die Europer begrend. Mehrere unter ihnen verstanden die
englische Sprache, es lie sich also ohne Mhe eine Unterhaltung
anknpfen, und bald hatten sich die Weien und Braunen bunt
durcheinander in das Moos gelagert; nur fnf von den Farbigen waren in
einiger Entfernung stehen geblieben, als gehrten sie nicht zu den
anderen.

Rufe deine Freunde, Tippoo, wandte sich Holm an den Huptling, nachdem
er dessen Namen erfahren und seinen Rang kennen gelernt hatte. Weshalb
sind die Leute so scheu?

Der Singhalese schttelte den Kopf. Diese Mnner sind meine Sklaven,
Sahib, sie drfen nicht sitzen, so lange ich gegenwrtig bin, sie knnen
auch das Mahl nicht mit mir teilen und drfen nur antworten, wenn ich
frage.

Der Doktor nherte sich dem Huptling. Aber du gestattest heute einmal
eine Ausnahme, nicht wahr, mein werter Tippoo? fragte er. Diese Armen,
die du Sklaven nennst, sind nicht minder Gottes Geschpfe wie du selbst,
berhaupt kann nie ein Mensch dem anderen wie eine Sache oder ein Tier
gehren.

Gewi, Sahib, diese Leute gehren mir! Ihre Vter haben meinem Vater
gehrt und ihre Shne werden meinen Shnen gehren.

Und da ist kein Freikaufen, keine Erlsung mglich? Das Kind des
Sklaven wird unter allen Umstnden wieder ein Sklave?

Natrlich. Habt ihr nicht im Abendlande auch Huptlinge, Freie und
Sklaven?

Der Doktor schttelte energisch den Kopf. Sklaven nirgends, Freund
Tippoo, nirgends, ich gebe dir mein Wort darauf. Und nun gestatte, da
deine Diener hieherkommen.

Aber das war vergebliche Mhe, der stolze Singhalese blieb unerbittlich;
er schien es gar nicht als mglich zu betrachten, da sich seine Sklaven
dem Umkreise des Feuers nhern knnten. Zur Jagd auf Felle und junge
Tiere nahm er sie mit sich, aber doch nur ihrer Dienste wegen, nicht als
Gefhrten. Und ganz wie er dachten auch die anderen braunen oder
olivenfarbigen Shne der Wildnis. An keinem europischen Hofstaat
konnten die Klassengegenstze und der Adelsstolz strker entwickelt
erscheinen als hier im grnen von Tigern und Elefanten bewohnten
ceylonischen Walde. Die Singhalesen erwiesen sich hflich, zuvorkommend
und bescheiden, sie erboten sich zu Fhrern und luden die Fremden ein,
bei ihnen im Dorfe zu wohnen, aber um keinen Preis htten sie vermocht
werden knnen, von dem gebratenen Ziegenfleisch auch nur einen Bissen zu
genieen. Schaudernd lehnten sie ab, was ihnen angeboten wurde, und
nahmen nur von einer Art aus Maniokmehl bereitetem, platten Kuchen, den
die Sklaven ihnen in groe Bltter gewickelt nachtrugen. Das
Fleischessen sei von ihren Priestern strenge verboten, erklrte Tippoo,
kein Anhnger der buddhistischen Religion drfe es genieen, eben so
wenig berauschende Getrnke.

Diese Ansicht wurde natrlich von den Weien durchaus respektiert;
weniger zufrieden waren sie, als der Singhalese auch das Pflcken der
Feigen, insoweit es den heiligen Bobaum betraf, mit der diesen sauberen,
hbschen Leuten eigenen gebietenden Hoheit ohne weiteres untersagte.
Wenn ihr unsere Gste sein und friedlich unter unserem Volke leben
wollt, sagte er, so heien wir euch willkommen in Singhala (so nennen
die Eingebornen ihre Insel) und laden euch ein, unsere Htten zu teilen,
aber den Sitten des Landes mt ihr euch fgen und vor allem unsere
Gtter ehren. Pflckt Feigen, wo ihr wollt, meine Sklaven sollen euch
die schnsten zu Fen legen, aber berhrt nicht den Baum Buddhas.

Das wurde versprochen und den Knaben eingeschrft, unter keiner
Bedingung heimlich von der verbotenen Frucht zu naschen; dann kam auf
die Bitte, welche Hans seinem Lehrer zuflsterte, die Angelegenheit der
verlassenen kleinen Tiger zur Sprache. Tippoo kannte den bezeichneten
Ort, und zwei Sklaven machten sich auf, um die beiden jungen
Raubgesellen herbeizuholen. Einige Wochen lter waren sie in Galle oder
Trincomali doch immer ihre hundert Thaler wert.

Nachdem man gegessen und getrunken, muten die Sklaven das Gepck
schultern und dann wurde der Weg zum Dorfe angetreten. Diese Gegend lag
noch weit von dem eigentlichen Ziel der Reise entfernt; die Singhalesen
konnten nicht wohl Wilde genannt werden, sie betrugen sich hchst
anstndig und hatten gutgearbeitete Waffen; zum Lande der schwarzen
Veddas aber waren sie gewi die tauglichsten Fhrer. Tippoo selbst
wollte den Weg zeigen, d. h. wenn die Weien gut bezahlten, es schien
als habe der braune Heide die Rechenkunst sehr sorgfltig studiert. Die
Veddas sind schmutzige Gesellen, berichtete er, sie essen jedes Tier,
das ihnen in den Wurf kommt, zuweilen sogar roh, und wohnen wie die
Sklaven auf ebener Erde.

Franz sah ihn an. Wohnen denn die Singhalesen -- etwa auf den Bumen?
fragte er belustigt.

Gewi, die Vornehmen, die Vellalahs wohnen auf Bumen!

Mit Kind und Kegel, mit Kche und Haustieren? -- Nicht mglich!

Die Tiere haben ihre Stlle am Boden, berichtigte der Braune, auch
gekocht wird vor der Htte. Aber du sollst gleich unser Dorf sehen,
Fremder.

Noch eine kurze Strecke wurde zurckgelegt, dann ertnte von den Lippen
der Weien wie auf Verabredung ein allgemeines Ah! der hchsten
berraschung. Es war ein lachend schnes, lndliches Gemlde, das sich
jetzt auf freier Hochebene dem erstaunten Blick entrollte. Weite cker,
wohlgepflegt und umzunt, dehnten sich fast unbersehbar, Kaffee und
Zimt, Mais und Maniok, dazwischen Erbsen, Bohnen, Lupinen und
Beerenfrchte in Menge, so drngte sich Schattierung an Schattierung, so
lockte es von hundert Punkten zugleich das Auge. Das Seltsamste aber
waren in diesem Singhalesendorf die Huser selbst. In Entfernungen von
etwa fnfzig Schritten standen alte, weitstige, mit ungeheuren Stmmen
versehene Bume, meistens Tamarinden oder Brotbume, und in jedem dieser
Riesen hing gleich einem Vogelnest auf den untersten Zweigen eine
menschliche, aus Bambusstben luftig geflochtene Wohnung. Die ste waren
derart behauen und eingerichtet, da sie Raum in Flle boten, die
abgeschnittenen, biegsamen Stbe hatte man sinnreich und geschickt an
allen Ecken mit den lebenden verbunden, das ganze Haus bog sich wie der
Baum selbst nach jedem Windsto, so da es nie von der Wucht desselben
herabgeschleudert werden konnte; es hatte Fensterffnungen nach allen
Seiten, obgleich freilich die Glasscheiben fehlten, und eine mit einem
Mattenvorhang versehene Thr. Das spitze Dach war von Rankengewchsen
und Blumen vollstndig berwuchert, rauschende Zweige schlugen ber dem
Giebel zusammen, bunte Papageien wiegten sich im Laube, Singvgel
schmetterten ihre Lieder. Es konnte nichts Reizenderes geben als diese
laubenartigen, von paradiesischer Schnheit rings umfluteten Wohnungen,
zu denen starke Strickleitern aus selbstgebautem Hanf hinauffhrten. So
unsolide und gewagt die Sache auf den ersten Augenblick scheinen mochte,
so zweckmig erwies sie sich bei nherer Betrachtung. Wenn abends diese
Strickleiter von den Bewohnern heraufgezogen wurde, dann gab es weder
fr Menschen noch fr Tiere ein Mittel den Zutritt zu erzwingen.

Rings im weiten Kreise umgab jeden Baum eine Einzunung von
Bambusstben, diesem unentbehrlichsten aller Lebensbedrfnisse des
Tropenbewohners, eine dichte, grne, lebende Hecke, die das Notwendige
fortwhrend ergnzte, wo Baumaterial, Stacketpfhle, Wasserbehlter,
Dosen und hundert andere Gerte lustig in immer grner Flle aufschossen
als schlanke Zweige, die sich unter den Hnden der Eingebornen so
vielfach verwandelten und umgestalteten. An die Hecke lehnten sich
Stlle fr Ziegen und Hhner als die einzigen bekannten Haustiere, und
weiterhin in grerer Entfernung von dem Stamm selbst lagen die Htten
der Sklaven, alles Bambusgeflechte wie das Haus oben in den Zweigen. Vor
der Thr so zu sagen, d. h. am Fue des Wohnungsbaumes, lagen Steine und
Trmmer aus den Waldruinen als Herd aufgeschichtet; ein groer platter
Stein zum Zerquetschen des Getreides befand sich daneben und am
Dreispitz von Eisen hing ein Kochgeschirr aus demselben Metall.

Ziemlich durch die Mitte der Niederlassung flo ein klarer Quell, und
auch hier beschattete ein alter, weitstiger Bobaum einen Tempel
Buddhas, einen Dagop, wie ihn die Eingebornen nannten. Der Altar hatte
Kugelgestalt, war inwendig hohl, um die geheiligten Schriften der
Priester aufzunehmen und trug auf der oberen Flche eine zilinderfrmige
Erhhung. Des Priesters Htte befand sich in den Zweigen des heiligen
Baumes, und der Bewohner selbst sa in der offenen Thr, ein Greis mit
weiem Haar und lang bis auf die Fe herabwallendem weien Gewande. Er
grte mild und freundlich wie ein Vater seine heimkehrenden Kinder, und
alle erwiderten den Gru. Das ganze Dorf in den Lften machte einen
hchst angenehmen, wohlthuenden Eindruck.

Tippoo ffnete die Thr einer der greren, im Augenblick leerstehenden
Sklavenwohnungen. Ich wei, da euer Volk keine Schmach darin sieht,
auf plattem Boden zu schlafen, sagte er, richtet euch darum huslich
ein, damit ihr ungestrt und ungehindert euren Neigungen nachleben
knnt. Maniokkuchen und Frchte bringen euch meine Sklaven; wollt ihr
aber Fleisch essen, so mt ihr selbst die Tiere erlegen und zubereiten.
Mein Haus betrachtet wie das eure.

Damit entfernte er sich und lie seine Gste allein. Die Htte welche
sie jetzt bewohnten, war noch luftiger als das Staatsgefngnis auf
Madagaskar, frisches, duftiges Moos bildete, von den Sklaven
herbeigebracht, die Lagerstatt; eine lange Bambusrhre diente als
Wasserbehlter, und die Speisen wurden in einem Winkel auf den Fuboden
geschttet. Natrlicher, paradiesischer konnte das Dasein nicht gedacht
werden, schner die Umgebung, reiner die Luft nirgends auf Erden sein.
Der Thrvorhang wurde zurckgeschoben, die leinenen Kleider mit frischen
vertauscht und dann das Dorf und das Haus des gastfreien Huptlings in
Augenschein genommen. Franz kletterte zuerst hinein. Ich bitte euch,
rief er, folgt nicht alle zugleich; wenn der Kfig niederbrche, wren
wir verloren.

Holm kletterte nach, die anderen setzten ihren Spaziergang fort, und die
beiden Matrosen wuschen unterhalb des Dorfes im Bache das Leinenzeug,
wobei ihnen hbsche Sklavenfrauen nicht allein halfen, sondern auch eine
selbstverfertigte, sehr gute Seife brachten. Die Unterhaltung der
Hamburger Teerjacken mit den neugierigen, schwatzhaften Singhalesinnen
gestaltete sich hchst lustig, so da das beiderseitige heitere Lachen
ber den freien Platz dahinschallte; unterdessen spielten oben im Baume
der junge Gelehrte und Franz bei der Gemahlin Tippoos die galanten
Kavaliere. Sie setzten sich nicht ohne einige heimliche Besorgnisse auf
den Fuboden, der so neidlos den Durchblick freigab, und ertrugen auch
nicht ganz ohne Schmerzen die Abwesenheit jeglicher Sthle oder Polster,
aber die Anstandsvisite bei der holdlchelnden, mit prachtvollen Zhnen
und vielen aus Muscheln geflochtenen Verzierungen geschmckten Dame ging
doch in aller Form vorber, obwohl Frau Huptling Tippoo kein Wort
englisch und unsere Freunde wiederum kein Wort singhalesisch sprachen,
sondern beide Teile einander nur eine Zeitlang entgegenlchelten und von
seiten der Herren ein kleiner Spiegel, von seiten der Dame einige
besonders schne Muscheln, Meerhrner, Lazarusklappen und Wendeltreppen
als Geschenke ausgetauscht wurden. Spterhin, nachdem der Doktor und
Hans die gleiche Hflichkeitspflicht erfllt, versammelten sich vor dem
Schlafengehen alle neben dem Baume und hielten gemtlich im Grase
liegend noch ein abendliches Plauderstndchen, wobei Tippoo von den
buddhistischen Gttern erzhlte und seinerseits aufmerksam zuhrte, als
die Fremden von europischen Einrichtungen sprachen. Ganz zuletzt kamen
die beiden Sklaven mit den aufgefundenen Jungen der Tigerin nach Hause,
und nun erwachte erst die Freude der Knaben. Aus dem Stall wurde eine
der schnen, seidenlockigen malabarischen Ziegen hervorgeholt und ihr
die kleinen halbverschmachteten, nur noch schwach wimmernden Raubtiere
an die mtterlichen Euter gelegt, -- aber das Experiment gelang nicht so
ohne weiteres. Die Ziege sprang, so bald sie den Erbfeind gewahrte, auf
die Hinterbeine, senkte den schngeformten Kopf wie zum Angriff und
schien entschlossen, den labenden Quell, welcher ihrem lustig
herumspringenden Bckchen gehrte, gegen jedweden Angriff zu
verteidigen; erst die gtlichen Zureden ihres Wrters und vielleicht das
jammervolle Klagen der hungernden Tierchen, dem sie offenbar lauschte,
bewogen die Ziegenmama, diesmal ein briges zu thun. Ein Blick auf die
gefllten Vorratskammern mochte ihr sagen, da fr das impertinente,
streitlustige Bckchen jedenfalls noch genug brig sei, und so legte sie
sich denn gromtig in das Gras, es den Tigern berlassend, sich am
Quell zur Sttigung zu verhelfen. Ja, nachdem die Halbverdursteten
herzhaft zugegriffen, erwachte sogar in der friedfertigen Amme das
mtterliche Erbarmen mit den hilflosen Suglingen; sie besah die
kleinen, scheckigen Ktzchen, besah sie nochmals und leckte dann
gutmtig die Fremden, wie sie es sonst ihren eigenen Kindern that.

Nach einer Viertelstunde waren die kleinen Tiger so rund wie Muffen und
schliefen den Schlaf gesunder Sttigung, whrend ihre Pflegerin mit den
groen Augen im Kreise umhersah und der Milchbruder Bock neben den
Eindringlingen sich gelagert hatte, um auch seinerseits den Nachttrunk
einzunehmen. Franz zeichnete emsig. Von allen besonders schnen und
interessanten Augenblicken hatte er sich im Album eine dauernde
Erinnerung gesichert, auch dieses Bild sollte darin Platz finden.

Fr die Nacht wurde den Tigern noch ein Logis im Ziegenstall angewiesen,
wo sie bleiben sollten, bis ihnen Zhne gewachsen und mit diesen die
Raubgelste erwacht wren; dann wrde es fortgehn nach Galle und von da
nach Europa. -- Tippoo zog oben im Baum die Strickleiter ein, vor allen
Thren erschienen die Musselingardinen und das Vogelgezwitscher
verstummte; mde von langer Wanderung streckten sich die Weien auf das
Mooslager.

Hier brauchte niemand zu wachen; bis in die Niederlassung hinein wagte
sich kein Raubtier. Holm lie sogar die Thr offen, um der milden,
gewrzigen, von tausend Wohlgerchen durchtrnkten Luft Zutritt zu
gewhren; bald hatte ein weicher Schlummer seine Sinne umfangen.

So mochten Stunden vergangen sein, der Mond stand hoch am Himmel, alles
schwieg und ruhte; nur die Bltter des Bobaumes flsterten im Wind, --
da erwachte der junge Gelehrte, als habe ihn pltzlich jemand gerufen.
Franz, sagte er leise, sprachst du?

Keine Antwort. Die tiefen Atemzge des Gefhrten verrieten ihren ruhigen
Schlaf, -- was war es also gewesen?

Holm richtete sich auf und sah in das Helldunkel der Nacht hinaus.
Nichts regte sich, kein Schatten deutete auf die Anwesenheit eines
lebenden Geschpfes. Sonderbar! -- er begriff nicht, welcher Schall ihn
erweckt haben knne, aber er hatte ihn doch deutlich vernommen, wenn
auch nur im Halbschlaf und auf Sekunden. Er horchte unruhig.

Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mit leichten
Schritten durch das Gest des Daches, erst vorsichtig, dann immer
dreister und dreister, ein Poltern, Schlurfen und Fallen verriet die
nchtlichen Ausflge der Wanderratte; dennoch aber schien es, als sei
diesmal das braune, bissige Nagetier nicht der Jger, sondern der
Gejagte, als werde es verfolgt und aus allen seinen Verstecken
herausgescheucht. Pltzlich durchdrang ein Zischlaut die Stille der
Nacht, ein Quietschen wie in Todesangst folgte, das leise Wimmern
erstarb schnell.

Mit einem Sprung war Holm auf den Fen, das Streichholz knisterte und
die Flamme der Wachskerze beleuchtete den Boden. Da lag tot eine groe,
braune Wanderratte und in Ringeln hatte sich um ihren Krper eine
stahlblaue Natter geschlungen. Die lange spitze Zunge trat lstern aus
dem Munde hervor, die gelbe Krone richtete sich auf, und ein Zischen
bekundete den rger ber die pltzliche Strung. Noch ehe Holm
berlegte, was er that, hatte sein Fu die Schlange zertreten.

Aber damit war nichts gewonnen. Er hielt die Wachskerze hoch empor und
beleuchtete das Holzwerk des Daches. Von mehr als zehn Stmmen hingen
die Schlangen herab, aus jeder Ecke leuchteten ihre gelben Kronen, eine
fiel und lief ihm kalt und glatt ber die Hand, da er schauderte.
Franz! rief er halblaut, Franz, wach auf!

Ja! antwortete schlaftrunken der Knabe. Ja!

Steh auf, Franz, -- es sind Schlangen hier. Nattern sogar!

Jetzt erwachten alle. Eine Schlange ist jedem Menschen widerwrtig, mit
ihrem Geschlecht vershnt sich niemand, sie hat nirgends auf Erden
Freunde, nebenbei aber ist auch die Gefahr, welche sie bringt, so gro,
da ihr gegenber die hchste Vorsicht zur Notwendigkeit wird. Stecken
und Wurfgeschosse hagelten an die Decke, zehn Kerzen flammten auf und
alle sprachen zugleich. Es entstand ein solcher Lrm, da sich drauen
vor der Thr die Singhalesen in hellen Haufen sammelten, einige ganz
ohne alle Bekleidung, andere nur mit der Schrze und wieder eine dritte
Gruppe bis an die Zhne bewaffnet. Es war ein Aufruhr, als sei
mindestens ein Tiger in das Dorf gekommen. Als die Mnner hrten, da es
sich um nichts als Nattern handelte, schttelten sie voll Erstaunen die
Kpfe.

Wir lassen sie unsere Huser von den lstigen Ratten befreien und
machen niemals Jagd auf sie, dafr haben wir selbst Ruhe! erklrte
Tippoo.

Aber um des Himmels willen, ihr schlaft weiter, whrend eine der
giftigsten Schlangengattungen ber euren Kpfen an der Decke baumelt?

Ja, die Tiere thun uns nichts, weil wir ihnen nichts thun. brigens
steigen auch die Schlangen nur sehr selten auf Bume.

Holm und seine Gefhrten sahen einander ratlos an. Weit du, was ich
vorschlage, meinte endlich Franz. Wir hngen unsere Zelte wie in
Dahomey an die Bume und legen uns hinein. Auf die Anstndigkeit der
Nattern zu bauen, scheint mir etwas gewagt.

Was kriecht da? rief pltzlich der Doktor. Hier, hier, -- ich glaube
--

Er vollendete nicht. Holm hatte das schnell im Dunkel verschwindende,
halb spinnen- halb krebsartige Tier mit der schwarzbraunen Farbe und dem
aufrecht getragenen Schwanz sofort erkannt. Ein Skorpion! rief er.
Das fehlt noch.

Tippoo lachte, auch unter den brigen zeigte sich groe Heiterkeit.
Dies Tier frit die Stechmcken, sagten sie, es ist uns sehr
ntzlich. Kennen die Fremden in ihrem Lande keine Schlangen und keine
Skorpione?

Beien euch auch diese nicht? war die Gegenfrage.

Sehr selten. Wir lassen sie in Ruhe.

Dann habt ihr aber einen Zauberer, der sie und die Nattern beschwrt?

Ein allgemeines Kopfnicken war die Antwort. Natrlich, einen Zauberer
hat jedes Dorf.

Holm wandte sich lchelnd zu dem jungen Malagaschen. Hier vereinbart
man sich gtlich mit den giftigsten Reptilien, sagte er, und in deiner
Heimat sind die Krokodile der oberste Gerichtshof, -- wie findest du
das, Freund Rua-Roa?

Der ehemalige Sklave sah verlegen zu Boden. Ich bin doch jetzt kein
Wilder mehr! antwortete er halblaut. Ich mag auch den heidnischen
Namen nicht lnger hren, Herr, -- du knntest mich wohl schon Rudolf
nennen, als wre ich bereits getauft.

Holm und der Doktor wechselten einen Blick. Ich dachte mir's, nickte
der Gelehrte. Wenn er die kindischen Anschauungen anderer Wilder sieht,
wird er den Unwert seiner eigenen erkennen lernen.

An die Arbeit! setzte er in ermunterndem Tone hinzu. Unsere
Hngematten gewhren uns jedenfalls den besten Schutz gegen das
Ungeziefer.

Die Zeltleinen wurden doppelt genommen und von den Matrosen in wenigen
Augenblicken ausgespannt. Da oben schwebend an ein paar starken sten
konnten die Reisenden hchstens den Besuch eines neugierigen
Eichhrnchens, vielleicht einer Papageienfamilie oder einer groen Eule
erwarten, aber die Schlangen verstiegen sich nicht dahin und die
Skorpione auch nicht.

Als alles rund umher still geworden war, tnte wieder aus dem Innern der
alten Holzdcher jenes Rumoren und Poltern der Ratten, das Zischen und
Todesgeschrei. Holm schlief nicht mehr, so unangenehm hatte ihn die Nhe
der Schlangen berhrt; er war froh, als der Morgen heranbrach und die
Jagd wieder beginnen konnte. Heute sollten die Fremden mit einigen
Betriebsarten der Eingebornen bekannt werden; man zeigte ihnen, wie aus
dem Saft der Palmyrapalme ein hchst wohlschmeckender Sirup gewonnen
wurde und wie die Maniokwurzeln sich zwischen Reibeisen in Mehl
verwandelten. Den Kaffee, obwohl sie ihn bauen, trinken die Singhalesen
nicht, sondern meistens Kokos- oder Ziegenmilch. Unter den Hhnern, die
in reicher Flle vorhanden waren, zeichnete sich das Purpurhuhn durch
seine auffallende Schnheit am meisten aus. Ganz schwarz mit drei vom
Kopf ber den Hals herablaufenden Purpurstreifen, zu denen bei dem Hahne
noch ein Flgelsaum von gleicher Farbe hinzukam, war das Tier etwas
grer als seine gemeineren Verwandten, dafr aber keineswegs so
friedlich wie diese, sondern dermaen streitlustig, da es den Fremden
nachlief und zum Ergtzen der Knaben erbittert in die Stiefel hackte.
Der schnste Anblick aber wurde unseren Freunden zu teil, als sie in
frher Morgenstunde rings um die Felder gingen und nun einem eifrig
speisenden Volk wilder Pfauen begegneten. Diamanten gleich erglnzten im
Sonnenlichte die Augen auf den entfalteten Rdern der Mnnchen, Blau und
Rot und strahlendes Gelb wechselten mit dunkleren Farbentnen, whrend
die jungen Tiere noch ein einfrmigeres Grau zeigten. Einzelne alte
Hhne hatten eine wahrhaft bewunderungswrdige Gre erreicht.

Wir wollen kein Tier schieen, meinte Holm, sondern lieber fr den
Zoologischen Garten ein junges Prchen mitnehmen und dann vom nchsten
Hafen nach Hause schicken. Es ist brigens jammerschade, wie die Felder
durch diese Tiere geplndert werden, ich glaube, man macht hier die
Geschpfe so dreist, weil kein Fleisch in den Topf kommt.

Was kriecht da? rief Rua-Roa, halb im Begriff, die Flucht zu
ergreifen, halb zgernd in der Furcht, sich lcherlich zu machen. Ein
Ungeheuer, Franz, ein Ungeheuer!

Und dabei berwltigte ihn das Entsetzen. Mit zwei Sprngen war er auf
dem nchsten Baum, in diesem Augenblick ganz Wilder, katzengleich an den
Zweigen hngend, fr jeden Krperteil mit erstaunlicher Gewandtheit
Schutz findend. Franz, Franz, es kommt hierher!

Die brigen suchten mit den Augen, dann legte Holm den Finger auf die
Lippen und machte lachend dem Malagaschen im Baum eine Faust. Die
ausgestreckte Hand zeigte allen, was sich so Greuliches da heranschlich,
und sofort begriffen auch die Weien, weshalb vollkommene Stille geboten
war. Die vier Paar lachender Augen, welche den geflchteten jungen
Burschen ansahen, trieben diesem das Blut hei ins Gesicht, jetzt durfte
er ja aber nicht sprechen und hing also mit trbseliger Miene stumm da
oben im alten Feigenbaum.

Der Drache, den er gesehen, kam indessen schwerfllig herangewatschelt
und zeigte sich als eine harmlose, aber riesige Schildkrte. Das groe
Tier verfolgte seinen Weg bis zu dem Schatten eines dichten Gebsches
und fing hier an, mit den Hinterfen ein Loch von mehr als einem halben
Meter Tiefe zu scharren, indem es die Erde hinter sich aufwarf. Alle
vier Zuschauer verfolgten lautlos die Arbeit der Krte, Rua-Roa hinter
seinem Schutzwall duftender Feigen that das Gleiche, aber heimlich stieg
bei diesem Anblick seine Furcht nur noch immer mehr. Ganz gewi vollzog
sich hier ein schlimmer Zauber, vielleicht grub sogar das boshafte Tier
ein Grab, in das es die Fremden strzen wollte, und diese Unseligen,
Verblendeten sahen zu, ohne sich zu verteidigen, ohne rechtzeitig die
Flucht zu ergreifen! Rua-Roa telegraphierte mit Hnden und Fen, um sie
zu warnen, aber ganz vergeblich; die Tolldreisten lachten ihn aus, ja,
sobald er es wagte, ein halblautes Wort zu sprechen, erhoben sie
drohende Finger, -- er mute das rgste geschehen lassen.

Die Schildkrte hatte mittlerweile ihre Arbeit beendet, sie sa jetzt
ganz still und hielt, nachdem sie einen kleinen Schritt zurckgetreten,
den Hinterkrper etwas geduckt, -- das Zauberwerk mute nach des
Malagaschen Ansicht nun unmittelbar beginnen.

Und was that in diesem Augenblick der tollkhne Franz? -- Rua-Roa traute
seinen Sinnen nicht. Er sprang mit einem pltzlichen, gewaltigen Satz
auf den Rcken der Schildkrte und stand dort wie ein Sieger, den
anderen in deutscher Sprache einige Worte zurufend, die der Malagasche
nicht verstand. Was nun? das war zu arg. Alles Blut des jungen Menschen
drngte zum Herzen, unmglich konnte er seinen Freund, seinen Bruder in
solcher Lage allein lassen. Und wie ein Ball plumpste Rua-Roa ohne alle
Rcksichten auf Knochenbrche und Verrenkungen vom Baum herunter,
todesverachtend sprang er neben Franz auf den Rcken der nun gnzlich
wehrlos gewordenen Krte und sah die anderen an, als wollte er sagen:
Ist's so recht? --

Ein schallendes Gelchter schlug smtliche benachbarte Vgel in die
Flucht. Arm in Arm mit dir, so fordre ich mein Jahrhundert in die
Schranken! rief Holm. -- Pa auf, tapferer Geselle, wie ich nun dem
Erzfeind den Garaus machen werde.

Er nahm vom Grtel das kleine, scharfe Handbeil, welches alle vier der
zahllosen Hindernisse wegen immer bei sich zu tragen pflegten, und
trennte mit einem krftigen Hieb den vorgestreckten, dnnen Hals der
Schildkrte vom Rumpf. Das Blut scho wie aus einem Springbrunnen
hervor, die Fe streckten sich, und das groe Tier war tot.

Franz sprang herab, der Malagasche war noch immer zu erschrocken, um ihm
gleich folgen zu knnen; erst als ihn die anderen riefen, trat auch er
auf den Sand. Ein steinernes Geschpf, das sich bewegt und Blut enthlt
wie ein lebendes Wesen, sagte er ganz fassungslos.

Gib acht, rief Holm, du sollst unter der Steinhlle gleich das Tier
kennen lernen, Freund Rua-Roa, -- denn fr den Rudolf bist du doch noch
nicht ganz reif! -- Fa an und hilf uns den Kolo auf den Rcken legen.

Alle fnf bemhten sich nun mit vereinten Krften, das Tier umzuwenden;
es gelang aber erst unter Beistand eines zufllig des Weges kommenden
Sklaven, dem fr diesen Dienst die Schale des Tieres zugesprochen wurde,
dann rief ein verabredetes Signal die beiden Matrosen herbei, und aus
dem saftigen Fleisch der Beute wurde Suppenstck und Braten
herausgeschnitten. Das war fr zwei Tage ein Herrenessen; nach dieser
Zeit fand sich schon etwas anderes, denn die steinharten Maniokkugeln
und die laue Kokosmilch der Eingebornen im Verein mit den ohne Fett oder
Salz abgekochten Gemsen bildeten doch fr europische Magen ein
klgliches Ernhrungsmittel. Franz meinte sogar, da er jedenfalls noch
heute einen der zahllosen umherstreifenden Hasen schieen werde:
Wildbraten und Schildkrtenragout passen gerade zu einander.

Holm tastete mit beiden Hnden im Sande. Bin ich so hei, sagte er,
oder ist es der Boden? Mir deucht, die Sonne kann unmglich den Sand so
erwrmen.

Die anderen untersuchten gleich ihm das Terrain, dann sprang Rua-Roa,
der gern die Aufmerksamkeit von der Schildkrte ablenken wollte, etwas
weiter ber den Weg hinaus und befhlte dort den Boden. Er war merklich
khler.

Holm stutzte. Lat uns in entgegengesetzter Richtung vordringen,
forderte er die anderen auf, da mu ich klar sehen.

Das Gebsch wurde umgangen, ein paar dichte Bume auch noch, und nun
zeigte sich der Grund des eben entdeckten Wunders. Wenige Schritte
weiter senkte sich der Boden zu Thal, eine Schlucht von Gerll und
Kieseln fiel ziemlich unvermittelt abwrts, kein lebendes Pflnzchen
trieb oder gedieh am Rande, und inmitten der Steinwste sprudelte ein
heier Quell, dessen Wasser sechs bis zehn Meter hoch in die Luft
hinaufgeschleudert wurde und eine wirbelnde Dampfwolke hinaufsandte in
das heitere Sonnengold.

Aha, rief Holm, eine Botschaft vom ewigen Feuer aus dem Mittelpunkt
der Erde! Das werden wir benutzen, um unser Leinen grndlich zu
reinigen.

Die Knaben drangen weiter vor, so weit, bis die Fe anfingen, selbst
durch das Sohlenleder hindurch die Hitze des Bodens nicht mehr ertragen
zu knnen. Das war aber auch ganz nahe am Quell, dessen stubende
Tropfen Brandwunden verursachten; Franz umwickelte die Hand mit dem
Taschentuch und trat nahe genug heran, um abgewandten Gesichtes eine
geringe Menge des Wassers einzufangen. Als es in der Blechflasche
abgekhlt war, probierten es alle, aber jeder schnitt eine Grimasse.
Petroleumartig mit Zwiebelduft, entschied Holm.

Wie Heringslake, durch ein altes Gasrohr filtriert!

Brr! in acht Tagen werde ich meine Flasche nicht wieder brauchen
knnen.

Hans war davongesprungen und hatte eines der Eier geholt, welche die
Schildkrte, ehe der unvermutete Angriff kam, in das Sandloch gelegt.
Jetzt wurde es in eine mit dem Beil gemachte Vertiefung nahe dem Quell
versenkt und in drei Minuten gar wieder herausgezogen.

Holm nahm noch etwas von dem greulich schmeckenden Wasser mit, um es
chemisch zu untersuchen. Die Knaben fllten ihre Taschen mit bunten, zum
Teil sehr seltenen Kieseln, und dann hatte der Ausflug fr diesmal ein
Ende. Der knurrende Magen mahnte allzu laut an das Frhstck.

Die Matrosen waren inzwischen ihrer Stellung als Hausmeister und
Oberkoch glnzend gerecht geworden. Sie hatten das Unmgliche mglich
gemacht und das Erstaunen der ganzen weiblichen Bevlkerung des Dorfes
erregt. Verschiedene Blech- und Eisenpfannen wurden mittels bedeutsamer
Winke und gelegentlicher kleiner Scherze von den Sklavenfrauen
zusammengeliehen, und nun machte sich Hannes, der Hamburger von echtem
Schrot und Korn, mit aufgestreiften rmeln an die Arbeit. So viele
Bohnen und doch keine Tasse Kaffee? rsonnierte er, das wollen wir
erst einmal sehen!

Sprach's und schttete in die ber dem Feuer hngende Pfanne die rohen,
getrockneten Bohnen, welche er dann mit dem Messer bestndig umrhrte,
bis sie anfingen zu duften, zu springen und sich lieblich zu brunen.
Der zweite hatte indessen eine Ziege gemolken, sich mit abgezogener
Mtze und einem Kratzfu sondergleichen von der Gemahlin Tippoos in
einer Bambusschale etwas Palmensirup verabreichen lassen und durch
Pantomimen das Bedrfnis nach Trinkgefen so lebhaft ausgedrckt, da
er sechs Bambusbecher geliefert bekam. Jetzt stampften beide mit
vereinten Krften die gebrannten Bohnen zwischen zwei Steinen zu Pulver,
whrend in der Pfanne das Wasser kochte, und darauf kam der groe
Augenblick, wo Hannes gelassen die Leinenmtze vom Kopf nahm und beides,
Pulver und heie Flut, hineinstrzte, so da der Kaffee, aus mehr als
einem Grunde schwarz wie die Mitternacht, in das bereit stehende Gef
hinabtrufelte. Mit Feldherrnblick bersah Jan Maat sein gelungenes
Werk. Die untere Pfanne wurde auf leises Feuer gestellt, das Gemisch in
der Mtze fleiig umgerhrt und nun zum zweiten greren Unternehmen
geschritten. Hannes wollte die Maniokkugel in ihr verdientes Nichts
zurckdrngen, seine Seele arbeitete an einem Pfannekuchen, der ihn bei
den Frauen von Singhala in bleibendem Andenken erhalten mute. Zwei
saubere Steine waren bald gefunden, trockne Maiskrner verwandelten sich
in Mehl, der Hhnerstall lieferte Eier, Milch kam hinzu und ein wenig
Salz; dann wurde zerlassenes Schildkrtenfett in eine andere Pfanne
gegossen und mit dem groen eisernen Kochlffel der Frau vom Hause der
duftende Teig hineingefllt. Jetzt zog Hannes das groe Messer,
schkerte erst ein wenig mit den neugierig dreinschauenden Frauen, denen
er unter schauderhaften Grimassen die Spitze auf die Brust setzte, und
warf dann kunstgerecht den halbgaren Pfannekuchen um.

Markst Ms? fragte er selbstzufrieden, als sich das Erstaunen in den
Blicken seiner Bewunderinnen spiegelte. Man mu euch doch zeigen, da
hinter dem Berge auch noch Leute wohnen, die zu leben wissen, wobei ein
guter Pfannekuchen und eine Tasse Kaffee zu den Hauptsachen gehren.
Vernnftige Speisen zeigen, da der Mensch gebildet ist!

Nach diesem Ausspruch holte er sich den Stein, welchen er eben vorher
als Mhle benutzt, wischte ihn mit dem rmel bestens ab und servierte
den fertigen Kuchen, dessen Rund er in kleine Bissen zerschnitt, diese
in Sirup tauchte und mit den Fingern ohne alle Ziererei der nchsten
Singhalesin in den Mund schob. Das bekommt anders wie eure
Kanonenkugeln aus Maniok und Wasser, nicht wahr? fragte er. Ja, das
mgt ihr, ich sehe es schon! -- bitte, bitte, nicht prgeln, schickt
sich das fr Damen?

Seine krftigen Arme trennten zwei Sklavenfrauen, die einander
vielleicht schon lngst nicht recht grn waren, die nun aber ber der
erhaltenen Leckerei in hellen Zorn ausbrachen; er stopfte der einen den
Rest des Kuchens in den Mund und der andern als Ersatz fr den
erwarteten Leckerbissen den Messerstiel; dann aber buk er im Schweie
seines Angesichts weiter, wobei ihm die neugierigen Frauen von allen
Seiten Milch, Eier und Sirup zutrugen, ja sogar die Maiskrner fr ihn
stampften, aber als Lohn auch fr sich und ihre zahlreichen Sprlinge
die fertigen Kuchen begehrten. Er dankte Gott, als endlich die Weien
von ihrem Spaziergange zurckkehrten, und nun die Frauen flchteten;
seine Berhmtheit war ihm schnell sehr lstig geworden, -- so unter den
sengenden Strahlen der Sonne von Ceylon ohne Mtze vor dem Feuer zu
stehen und fr hundert hungrige Muler zu backen, das hatte sein
Schweres, auch wenn es Ehrenbezeugungen in der Gestalt von Jauchzen,
Schnalzen und entzckten Schlgen in die eigenen braunen Hnde der
beschenkten Schnen reichlich eintrug.

Jetzt endlich durfte er selbst essen, -- das war angenehmer als andere
zu fttern.

Seine Zurstungen fanden gebhrende Anerkennung; es wurde im Freien
getafelt, den dienstbaren Singhalesinnen die Reinigung der Geschirre
berlassen und dann unter Fhrung von mehreren Eingebornen ein
benachbartes groes Diamantenfeld besucht. Inmitten der lachenden, von
reichhaltigstem Pflanzenwuchs berzogenen Umgebung dehnte sich eine de,
graue Sandflche, auf der auch nicht die magersten Halme mehr gediehen,
wo kein Vogel sang und kein Hase die Ohren spitzte. Das Ganze war Berg
und Thal, tiefe vom Regen ausgewaschene Rinnen, Anhhen und Schluchten
in regelloser Abwechselung. Zu Hunderten knieten hier die Sklaven und
Sklavinnen verschiedener Stmme, alle mit einer einzigen geistttenden
und in dem heien Klima unendlich anstrengenden Arbeit beschftigt,
nmlich den losen Sand mit den Fingern zu durchwhlen und die kleinen
blitzenden Edelsteine aus demselben hervorzusuchen. Ganze Tage vergehen
ohne die mindeste Ausbeute, der einzelne Sklave whlt vielleicht wochen-
und monatelang umsonst in den glhenden Sandwolken, aber doch ist die
Diamantenlese der Betriebszweig einer bestimmten Kaste, und -- von den
Gesetzen derselben gibt es keine Erlsung.

An der Kste des Indischen Ozeans wird vielfach von dort wohnenden
Stmmen die Perlenfischerei betrieben, andere fangen Austern, jeder aber
bleibt innerhalb seiner Grenzen und vererbt die gleichen Anschauungen
wieder auf seine Kinder; ein Hinbertreten aus einer Kaste in die andere
gehrt hier zu den Unmglichkeiten. -- Die armen Diamantengrber sind
aber jedenfalls am schlimmsten daran. Wasser und Wald, ja selbst das
Getreidefeld bieten noch Abwechselung und erfrischende Khle; der heie
Staub aber erstickt die Lungen, so da seine schdlichen Einflsse auf
den abgemagerten Gesichtern und in den entzndeten Augen der Arbeiter
deutlich erkennbar sind.

Diese armen, mehr als halb Wilden, unfrei bis zum Grabe, von
Pflanzenkost lebend, dem Bi der giftigsten Reptilien zu jeder Stunde
ausgesetzt, ohne die mindeste Hoffnung, aus ihrer jammervollen Lage je
erlst zu werden, -- diese Elendesten unter den Elenden frdern aus dem
Sande, den ihre Finger auf schattenloser Flche durchwhlen, die
kostbarsten und wertvollsten Edelsteine zu Tage. Rubine, Amethyste,
Topase, Saphire, Granate, Turmaline, Kannelsteine, Katzenaugen,
Chalcedon, Hyazinthe und Berylle, alles liegt hier lose und ohne
Umhllung von Erz oder Gestein unter der Oberflche des lockeren
Staubes, bisweilen viele Meter tief, bisweilen der emsig suchenden Hand
auf den ersten Griff entgegenfallend. Die Diamantenfelder von Ceylon
bringen einen jhrlichen Durchschnittsertrag von 200000 Mark; sie
ruinieren aber auch vieler Menschen Gesundheit und erwecken unter den
Sklaven zuweilen die allerschlimmsten Leidenschaften.

Holm kaufte einige besonders schne Stcke; dann, nachdem noch rings
umher Trinkgelder gegeben worden, verlieen alle das heie Sandfeld und
wandten sich dem Walde wieder zu. Hier lebte es, kroch und flog, brummte
und fltete, hier dufteten Blumen und rauschte in hohen Laubkronen der
Wind; das erste, was unsre Freunde sahen und was den Malagaschen mit
malosem Staunen erfllte, waren Termitenbauten, Kegel an Kegel, und von
den bekannten groen Tieren bewohnt; dann kam, den Weg versperrend, ein
breiter stehender Sumpf, aus dem wie halbvermorschte Baumstmme die
Krper der Krokodile hervorsahen. berall tauchten und schwammen sie,
berall ffneten sich ihre scheulichen Rachen; vor den Augen der
Reisenden wurde eine Hirschkuh, die sich in pltzlichem Schrecken zu
weit an den Rand des Sumpfes heran gewagt hatte, von einem dieser
Ungeheuer ergriffen und in die trbe Flut hinabgezogen.

Ein paar Kugeln fuhren dem Ruber nach in das Wasser; ob sie aber ihr
Ziel getroffen hatten, lie sich natrlich nicht ermitteln. Der
Malagasche atmete auf, als nach langer Wanderung das Bett des Sumpfes
umschritten und der offene Wald wieder erreicht war. Er und Franz
schossen noch drei Hasen, die dann am folgenden Tage, in
Schildkrtenfett gebraten, auf den Tisch kamen und vortrefflich
schmeckten.




                           Achtes Kapitel.


Nachdem die Umgegend berall durchforscht, wurde der groe Zug zu den
Veddas angetreten. Tippoo und etwa dreiig seiner Sklaven begleiteten
die Weien, Waffen und Vorrte wurden in Menge mitgenommen, ebenso von
unsern Freunden diejenigen kleinen Geschenke, welche sich nur bei ganz
Wilden anwenden lassen und daher den selbst webenden und Putzgegenstnde
fertigenden Singhalesen nicht geboten werden konnten.

Schon einige Tagereisen hinter dem auf Bumen belegenen Dorfe der
Vellalahs hrte jede Spur von Zivilisation vollstndig auf. Kein
Getreidefeld, kein gebahnter Weg, keine Htte zeigte sich mehr dem
Blick, das Terrain wurde bergiger und immer bergiger; die Hasen, Hirsche
und Ziegen machten den Bffelherden, den Elefanten, Stachelschweinen und
Genettkatzen Platz, groe Geier hausten auf den Hhen, Adler wiegten
sich in der Luft und Tigerspuren im Sand verrieten, da der Wrger ganz
in nchster Nhe lauerte.

Jetzt befanden sich, nach des Huptlings Angabe, die Reisenden im Innern
der Insel; das ganze Gebiet war dichter Wald, meistens aus
undurchdringlichem Gebsch und darber den hohen, wehenden Palmen
bestehend; zuweilen mute ein Umweg gemacht werden, um den Durchgang zu
erzwingen, zuweilen versperrten gefallene Bume die Passage, und wenn
der eine oder der andere versuchte, auf den grnberzogenen Stamm zu
treten, um so an die andere Seite zu gelangen, dann brach pltzlich die
grne Decke, eine Wolke von Schutt und Moder drang hervor, Spinnen oder
Kfer flohen nach allen Seiten, braune Eidechsen von mindestens einem
halben Meter Lnge mit glnzenden, perlengleichen Augen schlpften durch
das Gras, und zusammengerollte Schlangen verlieen in eiliger Flucht ihr
Lager; -- noch aber sah man kein Dorf und kein menschliches Wesen.

Als sich endlich die Wohnsttten der Veddas dem Blick offenbarten, da
schien es den Reisenden, als sei pltzlich Westafrika nach Ceylon
versetzt. Elende, schwankende, schiefe und dem Einsturz nahe Zelthtten
aus Pflcken und schmutzigen Fellen; ganz nackte schwarze Menschen;
Tmpel, in denen sich Enten, Hhner und Kinder wlzten; derselbe
Schmutz, dieselbe Vertiertheit wie in Dahomey, -- nur nicht dieselbe
Harmlosigkeit und Bekanntschaft mit der Existenz weier Menschen. Frauen
und Kinder flchteten schreiend, die Mnner griffen zu ihren aus Holz
geschnitzten Wurfspieen und nahmen hinter den nchsten Stmmen in
offenbar feindlicher Absicht Stellung. Es war unmglich, sie durch
gtliches Zureden zum Nherkommen zu bewegen; sie gaben keine Antwort
und lieen auch die auf den freien Platz vor der nchsten Htte
niedergelegten Geschenke an Waffen unbeachtet, bis endlich die
Vermittlung der Frauen durch bunte Tcher und Perlen erfolgreich
gewonnen wurde. Die schwarzen, fettglnzenden Gestalten mit ihren
beraus hlichen Gesichtern und kleinen Schlitzaugen kamen erst
zgernd, dann aber immer dreister aus den Htten hervorgekrochen und
tanzten und sprangen wie Wahnsinnige, sobald es ihnen gelungen war,
irgend einen jener verlockenden Gegenstnde zu erhaschen; sie streckten
die Hnde aus, um mehr zu empfangen, aber ganz wie Tiere, die das Maul
ffnen, sobald man sie fttert, durchaus nicht wie Menschen, die fr ein
erhaltenes Geschenk danken und diesen Dank auch bethtigen mchten. Wer
die Fremden waren, wie die ganze Sache zuging, und selbst in welcher
Weise man die bunten Schmuckgegenstnde verwenden sollte, schien diesen
verkommenen Geschpfen gar nicht einzufallen; sie hielten Tcher oder
Bnder in den Hnden, das war ihnen genug.

Die Singhalesen wandten sich voll Abscheu von diesem Treiben hinweg.
Ihnen fehlte naturgem das hohe, wissenschaftliche Interesse, welches
die Weien leitete; sie sahen wie auf unsaubere Tiere auf die Neger
herab, und nichts htte sie bewegen knnen, kriechend eine dieser im
Schmutz begrabenen Htten zu betreten. Wieder wurden die Zeltleinen wie
Hngematten befestigt, die Singhalesen schlugen ihre Wohnungen unter den
Bumen auf, und ein hohes Wachtfeuer loderte zum Himmel empor.
Brotfrchte, Fleisch, Palmenwein und gekochte Eier sowie Kaffee bildeten
das Nachtmahl, bei dem beide wilde Stmme, die Braunen und die
Schwarzen, von fernher zusahen. Erstere hielten sich an ihre
Maniokkugeln und aus Mais gebackenen, nicht minder unverdaulichen
Kuchen, letztere htten vielleicht bei ihrer unbeschreiblichen Armut
alles Gebotene gierig verschlungen, wagten sich aber nicht nahe heran,
sondern blieben in gemessener Entfernung unter den Bumen stehen und
bewunderten das seltsame Schauspiel.

Die Mnner bildeten Gruppen, in deren Mitte sehr lebhaft gesprochen
wurde; niemand von allen nherte sich indessen dem Lager der Weien,
niemand schien der englischen oder singhalesischen Sprache mchtig.

Die Hlfte von uns mu wachen, entschied Holm. Fnfzehn von deinen
Leuten, verehrter Freund Tippoo, und unserer zwei dazu. Die Kerle sind
falsch, glaube ich, sie fhren irgend einen Spitzbubenstreich im
Schilde.

Was suchst du hier, Herr? fragte der Huptling. Von allen Shnen
Singhalas sind die Veddas die niedersten, -- geh zu den Tamils und den
Malaien, da findest du bessere Sitten.

Holm lchelte. Das verstehst du nicht, Tippoo, antwortete er. Gerade
den Naturzustand will ich ja kennen lernen, nicht _die_ Sitten, welche
knstlich erworben, sondern _die_, welche angeboren sind. Gerade die
Veddas in ihrer geringen Anzahl bilden die letzten Abkmmlinge der
Ureinwohner von Ceylon, sie sind die interessantesten von allen, denn
smtliche andere gehren fremden Lndern an, -- die Singhalesen z. B.
hchstwahrscheinlich dem verhltnismig nahen Indien.

Der Braune sah sehr erstaunt aus. Woher weit du das, Herr? fragte er.

Aus den Berichten solcher Reisenden, wie wir welche sind, Freund
Tippoo. Oder schreiben nicht etwa eure Priester ihre heiligen Bcher auf
die Bltter der Schirmpalme und zwar im Sanskrit oder der Palisprache?
-- beide sind indischen Ursprungs.

Der Singhalese bejahte. Zu Hause habe ich in einer Bambusschachtel
einen Eisenstift und ein Buch aus solchen Blttern, antwortete er. Ich
will es dir schenken und dir einen Spruch hineinschreiben, -- hier bei
den Veddas findest du nichts dergleichen.

Das glaube ich aufs Wort, Meister Tippoo, lachte der junge Gelehrte.
Die schwarzen Schurken trachten ohne Zweifel weniger nach Bildung als
nach Speise, -- ich denke, wir besehen morgen im hellen Tageslicht das
schmutzige Dorf von allen Seiten, bringen womglich einen oder den
anderen dieser Kerle zum Sprechen und kehren dann um. Es sind Wochen
vergangen, seit wir uns in der Nhe deines Dorfes unter den Ruinen der
alten indischen oder persischen Stadt zuerst begegneten; wir haben Eile,
zu unserem Schiff zurckzukehren.

Meine Leute und ich begleiten euch dorthin, antwortete der Braune.
Gerade an der Kste leben viele Tiger und Genetten, es ist gefhrlich,
in so geringer Anzahl ihnen entgegen zu gehen. Ihr seid nur durch
besonderen Zufall dem Verderben entronnen.

Holm sah zum Walde hinber. Ein starker Regen rauschte herab, ohne
indessen das Bltterdach durchdringen zu knnen, die Luft war kstlich
abgekhlt, und das Feuer warf malerische Streiflichter ber das elende
Dorf, welches zwar freie, keinem Oberhaupt untergebene, aber dafr auch
fast den Tieren gleichstehende Bewohner barg.

Ich sah im Sande noch ganz krzlich eine Spur wie von Raubtierfen,
jetzt erst fllt mir's wieder ein, sagte er, aber von kleinen.

Der Singhalese nickte. Schakale, versetzte er, ich habe es auch
bemerkt.

Ach, dann knnen wir vielleicht in dieser Nacht noch einen Angriff
erleben. Wenn die Bestien hungrig sind, kommen sie in die Drfer, nicht
wahr?

Selten, aber es ist doch schon vorgefallen, Herr.

Nun gut, Huptling. Je mehr Feinde, desto mehr Ehre! La nur die Hlfte
von deinen Leuten wach bleiben, die anderen aber schlafen, damit sie
rechtzeitig jene ersten ablsen knnen. Ich denke, wir gehen jetzt zur
Ruhe.

Der Singhalese gab seine Befehle, worauf sich die Hlfte der Sklaven mit
gekreuzten Beinen, das Gesicht dem Dorf zugekehrt, um das Feuer herum
auf den Boden setzte und, die Waffen in der Hand, scharfen Ausguck
hielt, whrend Holm und der Malagasche mit geschultertem Gewehr
gewissermaen auf Vorposten im Halbkreis patrouillierten. Pnktlich um
zwei Uhr nachts erfolgte die Ablsung, allein auch whrend der letzten
noch brigen Stunden bis zum Morgen geschah nichts, was den tiefsten
Frieden in irgend einer Weise gestrt htte. Das Negerdorf lag
vollkommen still und ruhig, die Bewohner schienen zu schlafen, kein Laut
drang aus den Htten hervor.

Als Tippoo und Franz die brigen weckten, hatte man eine ruhige Nacht
verbracht, und dennoch stieg bei unseren Freunden ein banger Verdacht
auf.

Es war unseren Reisenden aufgefallen, da smtliche Mnner des
Negerdorfes verschwunden waren; auch nicht ein einziger befand sich mehr
in der Nhe. Jedenfalls hatten sie whrend der dunkeln Nachtstunden das
Weite gesucht, um von irgend woher einen verrterischen berfall zur
Ausfhrung zu bringen, ebenso sicher aber waren sie auch nicht allzu
tief in den Wald vorgedrungen, da ja keiner unter ihnen wute, welche
Richtung die Fremden einschlagen wrden. Die Veddas hielten ihr Dorf
umzingelt und beabsichtigten bei Einbruch der zweiten Nacht irgend ein
Bubenstck zu vollfhren; darber konnte kein Zweifel obwalten.

So werden wir uns schlagen mssen, nickte Holm. Jedenfalls ist
unserseits nichts geschehen, um die Wilden zu reizen oder zu beleidigen;
wir drfen daher ruhig sein und auerdem auch mit Sicherheit den Sieg
erwarten. Die hlzernen Wurfspiee werden es mit den Feuerwaffen nicht
aufnehmen knnen. -- Zuerst lat uns das Dorf besehen.

Die Schmutzhtten und die meistens aus Pftzen bestehenden Pltze
zwischen denselben wurden besichtigt, aber auch heute zeigten sich
Frauen und Kinder durchaus unzugnglich; sie kamen nicht in die Nhe der
Weien, antworteten auf keine Frage und flohen in das Innere der Hhlen,
wo dies mglich war, -- so oft man ihnen freilich irgend ein Geschenk
hinlegte, strzten sie eilends herzu und rafften es ohne ein Wort des
Dankes begierig vom Boden auf.

Vergeblich suchten die Reisenden eins von den ziemlich herangewachsenen
Kindern zu bewegen, sich abgipsen zu lassen, obgleich ein Abgu von dem
Gesicht eines dieser Ureinwohner Ceylons von hohem Interesse gewesen
wre. Hans machte ein ziemlich langes Gesicht, als er einsah, da sowohl
Bitten als Geschenke machtlos waren, und begriff nun erst recht, was
Holm ihm ber die Schwierigkeit dieser Operation gesagt hatte.

Vor den Htten lagen die blichen Herdsteine, denen auch der
rohgearbeitete Eisenkessel nur selten fehlte, dennoch aber bewiesen
manche Zeichen, da auch rohes Fleisch gegessen wurde, ebenso halbreifer
roher Mais und Brotfrchte. Diese letzten wenigen Ureinwohner der Insel
betrieben durchaus nichts, sondern lebten wie die Buschmnner vom Kap in
den Tag hinein, vielleicht Heuschrecken essend, wenn weiter keine
Nahrungsmittel vorhanden waren, Kokosmilch trinkend und im Schmutz
vergehend, dabei scheu, hlich und durch das stete Einreiben mit Palml
einen unangenehmen Geruch verbreitend; sie waren von allen
Vlkerschaften, die unsere Freunde kennen gelernt, die am wenigsten
anziehende, -- ohne allen Zweifel, weil ihre Anzahl fortwhrend schmolz,
ihr Gebiet von Singhalesen und Malabaren alljhrlich verkleinert und sie
in jeder Beziehung durch die auf der Insel fortschreitende Kultur dem
Untergang entgegengefhrt wurden.

Von schwarzen Kindern und dem verschiedensten zahmen Geflgel umkreischt
und umschnattert, sahen die Weien in jede Htte, so gut als es ging,
hinein, aber nirgends fand sich mehr als nur ein Lager aus Moos und
Blttern, nirgends waren Gerte zu entdecken, und berall krochen
Insekten in reicher Flle.

Die Veddas wandern, erklrte Tippoo, sie schlagen ihre Zelte auf, wo
Brotbume und geniebare Frchte wachsen, zuweilen kommen sie sogar in
die Nhe unserer Felder, aber wir bereiten ihnen immer einen so heien
Empfang, da der Besuch nur sehr kurz whrt. Wenn an einem Orte nichts
mehr zu holen ist, zieht die verlumpte Schar weiter und sucht
gnstigeren Boden.

Gerade wie bei uns die Zigeuner, rief Franz. Ohne Arbeit, in stetem
Miggang, stehlend und bettelnd, unter Schmutz vergraben, jedes feste,
dauernde Obdach meidend, -- welche hnlichkeit!

Weil die Verhltnisse die gleichen sind, fiel der Doktor ein.
Menschen ohne Nationalgefhl, ohne staatsbrgerliche Rechte und
Pflichten mssen sittlich verkommen. Alle diese als wild und
halbwild bezeichneten Vlker sterben aus, whrend die Kulturstaaten
alljhrlich Tausende ihrer Unterthanen abgeben, um an fernen Enden der
Welt neue Reiche der Bildung und Gesittung grnden zu helfen. Die
vertierten Veddas haben den Singhalesen weichen mssen, die Malabaren
stehen wieder bedeutend hher als diese in ihren Bambusnestern und mit
der trostlosen Kastenwirtschaft, whrend sie ihrerseits durch Kirche und
Schule, durch den Umgang mit Weien und die Notwendigkeit des
brgerlichen Erwerbes allmhlich aber sicher den Bildungsgrad und die
Lebensweise der Englnder annehmen. -- Die letzten Veddas werden im
Laufe unseres Jahrhunderts ihre Nomadensitten aufgeben und Ackerbauer
werden mssen.

Tippoo hatte respektvoll den alten Herrn ausreden lassen, obgleich er
ihn nicht verstand; jetzt jedoch schlug er vor, sobald als mglich
aufzubrechen. Alle Veddadrfer gleichen einander vollkommen, sagte er.
Wenn wir auch bis an die Meeresgrenze vordringen wrden, so gbe es
doch nichts Neues kennen zu lernen. Die schmutzigen Neger sind hier wie
dort falsche Schurken.

Man nahm einstimmig diesen Vorschlag an und traf nach dem Frhstck
Anstalten zur Abreise. Wir werden nun von allen Seiten beobachtet,
erinnerte der Singhalese. Aus jedem hohlen Baum, aus jedem Dickicht und
hinter jedem Felsvorsprung sehen lauernde Blicke uns nach, es wre daher
gut, wenn ihr einmal die Wirkung eurer Feuerwaffen zeigen wrdet.

Aller Augen suchten nach einem Ziel. Seht ihr da den Kaschubaum? rief
Holm. Der Blitz scheint ihn getroffen zu haben, ein Teil der Borke ist
herabgerissen, -- da, gerade im Eingang der Felsspalte, kaum fnfzig
Schritt von den ersten Htten entfernt. Lat uns auf die weie Flche
zielen.

Gesagt, gethan. Alle Bchsen wurden geladen und Kugel nach Kugel schlug
in den Stamm. Zuweilen flog auch eine daneben bis tief in den inneren
Raum des Felsens hinein, und dann war es den Mnnern, als tne ein
Winseln oder Bellen, ein Angstgeheul wie aus weiter Ferne zu ihnen
herber, -- sie schossen jetzt absichtlich in die Spalte; was darin
steckte, ob Mensch oder Raubtier, das sollte sich zeigen.

Aber nein, ein Mensch war es nicht, das hrten alle, eher ein Fuchs.

Tippoo pfiff seinen Sklaven. Schakale sagte er. Sucht die Ausgnge.

Und whrend sich die Singhalesen gehorsam entfernten, um von allen
Seiten den Gebirgspa zu umschleichen, berichtete er den Weien, da
sich hchstwahrscheinlich ein Rudel von vielleicht ein- bis zweihundert
Schakalen hier im Berge zusammengefunden habe, um den Enten und Gnsen
der Veddas einen Besuch abzustatten, und da diese hungrige Meute nun
von den pltzlich eindringenden Kugeln erschreckt worden sei. Wenn
meine Leute den Zugang gefunden haben, schlo er, dann schiet ihr aus
nchster Nhe in die offene Spalte hinein, whrend wir die roten
Gesellen in Empfang nehmen, sobald sie erscheinen.

Ganz gut, Freund Huptling, aber was wollt ihr mit einem Tier, dessen
Fleisch ungeniebar, und dessen Fell unverwendbar ist?

Wir verkaufen die Jungen nach Galle oder Kolombo, Herr. Wozu htte ich
Sklaven, wenn sie mir nichts verdienen mten? Der die beiden jungen
Tiger hinbringt, kann auch Schakale mitnehmen.

Tippoos Talent zum Finanzminister wurde allerseits anerkannt, und als
die ausgeschickten Sklaven zurckkamen, war der Feldzugsplan genau
entworfen. Rechts vom Dorfe war ein stark befahrener Schacht, an dessen
uerer, enger Mndung zahlreiche rote und graue Haare verrieten, da
sich alte, ausgewachsene Tiere in starker Anzahl hindurchgedrngt haben
muten; weitere Zugnge fanden sich nicht, und durch den vorderen Spalt
konnte unmglich auch selbst der magerste Schakal ins Freie gelangen;
die Singhalesen nahmen also zu beiden Seiten des Schachtes Stellung
hinter den Bumen und in den unteren Zweigen derselben; Franz mit
Rua-Roa hatten sich fast ganz an den Ausgang gedrngt, und Holm und die
beiden anderen standen vor dem Spalt.

In aller Augen glhte die Jagdlust; die gefhrliche Lage, in der man
sich den raubschtigen Wilden gegenber befand, war vergessen; man
dachte jetzt nur noch an die ruberischen Tiere, welche diesen Bau
bewohnten und an das Vergngen, sie herauszutreiben.

Feuer! kommandierte Tippoo.

Drei Kugeln flogen in den Berg hinein, drei weitere folgten, Pulverdampf
und schauerliches Geheul drangen aus dem Spalt hervor; dann entstand ein
Toben und Drngen, ein Scharren wie von vielen hundert Fen, und
endlich strzte die rote Meute, einander berkollernd, schreiend in
rasendem Lauf den harrenden Todfeinden entgegen. Es war offenbar fr die
nchtlichen Ruber ein letzter, von der Verzweiflung eingegebener
Entschlu, sich am hellen Tage hinauszuwagen in das Dorf, aber die
einschlagenden Kugeln da drinnen fhrten eine so beredte Sprache, da
jedes Schwanken im Keime erstickte; -- brausend wie ein entfesselter
Strom ergo sich das rote Heer.

Bei dieser seltsamen Massenjagd war es fr die Schtzen nicht ntig, zu
zielen. Wo aus einem engen Schacht in ihrer unmittelbaren Nhe das Wild
herausquoll wie Wasser aus einem Brunnen, da hinein brauchten sie nur zu
feuern oder ihre eisenbeschlagenen Wurfspiee zu schleudern, und Opfer
nach Opfer war ihnen gewi.

[Illustration: Die Schakalhhle auf Ceylon.

-- brausend wie ein entfesselter Strom ergo sich das rote Heer.]

Holm scho immer noch in den Spalt, bis zuletzt auch die alten Weibchen
der Schakale mit ihrer Nachkommenschaft sich zur Flucht entschlossen.
Ganz junge Tierchen, kaum so gro wie ein neugeborener Pudel, noch
unsicher gehend, aber doch mit Raubtierblicken um sich schauend, folgten
den fliehenden Mttern, und eben darauf hatten die Singhalesen gewartet.
Sie umringten zu vier oder sechs ein solches kleines Fchschen und
ergriffen es trotz seines ngstlichen Strubens, keineswegs aber ohne
eigene Leibesgefahr. Die Weibchen gerieten in Wut, als sie die Not ihrer
Kleinen sahen und wandten sich angreifend gegen die Singhalesen, welche
indessen den Kampf mit diesen Tieren schon aus Erfahrung kannten und auf
Gegenwehr von seiten der Mtter gefat waren.

Fnf oder sechs Spiee bohrten sich in den hundehnlichen rot- und
graubehaarten Krper des Schakals, sobald er zum Sprunge ansetzte, um
den Ruber seines Kindes mit den Zhnen zu packen, zuweilen freilich
nicht frh genug, nicht ehe das scharfe Gebi die nackten Lenden der
Mnner erfat und furchtbar zerfleischt hatte, immer aber so
rechtzeitig, da das erbeutete Junge von anderen, die im Augenblick
herzueilten, in Sicherheit gebracht werden konnte. Nachdem auf diese
Weise sechs kleine Schakale gefangen waren, befahl Tippoo, die Jagd
einzustellen, d. h. nur noch zu erlegen, was nahe genug kam, aber keine
Jungen mehr zu ergreifen.

Franz und Rua-Roa schossen unaufhrlich den Fliehenden nach, wenigstens
fnfzehn bis zwanzig tote Schakale lagen auf der Walstatt, ebenso viele
und noch mehr schleppten sich mit Wunden bedeckt davon, um in den
nchsten Gebschen zu verenden, und wieder andere wanden sich im
Todeskampfe zwischen den Dorfhtten. Negerinnen, Kinder und Geflgel
waren, um die Wette schreiend und kreischend, entflohen, die Luft
ringsumher von Pulverdampf erfllt und der Boden schlpfrig vom
vergossenen Blut, unter den Bumen verbanden die Singhalesen so gut sie
konnten ihre zum Teil recht bedeutenden Wunden, und vom Spalt her
nherten sich die drei, welche dort postiert gewesen, dem eigentlichen
Kampfplatz.

Franz und der Malagasche hatten jeder mehrere von den groen Mnnchen
erschossen; sie bedauerten lebhaft, da es anstatt der wertlosen
Schakale nicht lieber Leoparden gewesen; so htten sie doch wenigstens
die Felle als Siegeszeichen aufbewahren knnen; -- mit den
fuchshnlichen, fahlgelben, rtlichen oder grauschwarzen groben Pelzen
war eben gar nichts anzufangen, dennoch aber glhte die Jagdfreude in
den beiden hbschen Gesichtern und einstimmig wurde beschlossen, ein
Prchen der jungen Tiere dem Singhalesen abzukaufen und nach Hamburg zu
schicken.

Tippoo trieb zum Aufbruch. Die schwarzen Hunde haben das alles mit
angesehen, versicherte er, sie wissen nun, was ihrer harrt.

Glaubst du denn ganz bestimmt, da wir noch angegriffen werden,
Huptling?

Der Singhalese nickte. Warum wren sonst die Mnner fortgegangen? --
berhaupt leben seit Jahr und Tag die Veddas mit meinem Volk im Krieg;
wir erschlagen sie, wo wir ihnen begegnen.

Holm unterdrckte einen Seufzer. Dieser Kampf mit vernunftlosen Wilden
war ihm unerwnscht; er wollte weder die armen, vertierten Geschpfe in
ihrer Existenz bedrohen, noch sich und den Seinen von ihnen Schaden
zufgen lassen; aber dergleichen Empfindungen htte der braune Huptling
durchaus nicht verstanden, es war also besser, sie in sich zu
verschlieen und dem Unabwendbaren so gefat als mglich entgegen zu
gehen.

Er wute, da dieses Volk die Wurfspiee nicht vergiftete, und vertraute
darauf, da die Feuerwaffen den Sieg bringen muten; er beruhigte sich
also mehr und mehr und vermochte das unbehagliche Gefhl, welches ihn
berschlichen hatte, den Knaben gnzlich zu verbergen.

Whrend des ganzen Tages herrschte drckende Hitze, die sich gegen Abend
in einem Gewitter entlud. Der Huptling hatte auf krzestem Wege eine
ihm bekannte Stelle erreicht, wo sich Felspsse in- und durcheinander
schoben, hier eine glatte Mauer den Pfad versperrte, dort eine Hhle das
Nachtdunkel ihrer weiten ffnung den Wanderern unheimlich darbot. Er
lchelte grimmig, als im Dmmerlicht des scheidenden Tages die
wildromantische Gegend vor seinen Blicken auftauchte. Das ist
Singhalesengebiet, sagte er, die Schwarzen kennen es vielleicht gar
nicht, aber auch selbst wenn sie bereits hier waren, fehlt ihnen doch
jedenfalls nhere Kundschaft ber die rtlichkeit. Sie sollen alle mit
dem Tode zahlen.

Er ordnete nun, den Oberbefehl wie selbstverstndlich an sich nehmend,
zunchst an, da keine Zelte oder Hngematten aufgeschlagen wrden, da
auch kein Feuer brenne, vielmehr jeder einzelne Mann, so gut er es
vermge, mit Waffen und Kleidern auf dem nackten Erdboden schlafen und
mit kalter Kost frlieb nehmen solle. Unserer sind alles in allem
vierzig, setzte er hinzu, der Schwarzen aber vielleicht zweihundert,
es ist daher Vorsicht durchaus geboten. Komm, Herr, ich will dir zeigen,
wie die Schmutzgesellen in die Falle laufen sollen.

Er lie zwei mit Fackeln aus einer Art wohlriechendem Harz versehene
Sklaven vorangehen und folgte mit dem jungen Gelehrten in die Hhle,
unter deren natrlichem Vorsprung man sich gelagert hatte. Wechselnde
Lichter und Schatten trafen eine hohe, gewlbte Decke, Schlangen
huschten an den Wnden hin, und Eidechsen schlpften ber das Gestein.
Nachtschmetterlinge umflatterten neugierig das ungewohnte, helle Licht,
groe Eulen streiften schweren Flgelschlages die Kpfe der Wanderer,
und Fledermuse schwirrten nach allen Seiten durch die Luft.

Rechts im Hintergrunde dieser weitgedehnten Hhle zweigte sich ein enger
Weg ab, den nur wenige Menschen zugleich betreten konnten. Vorspringende
Felsstcke verdeckten ihn dem Auge; -- wer nicht wute, da hier ein
Pfad hinausfhrte in den Wald, der mochte tagelang suchen, ehe er ihn
fand. Anderseits brauchte nur an der rechten Stelle einer dieser
umherliegenden Blcke etwas verschoben zu werden, und der enge Durchgang
existierte nicht mehr.

Tippoo stand still; sein Auge glnzte, seine ganze Haltung war straffer
geworden. Er deutete mit der Rechten zum anderen Ausgang. Dort denken
uns die feigen, schwarzen Hundeshne zu berfallen und uns trotz der
Feuergewehre durch ihre Mehrzahl zu erdrcken, sagte er. Weit du, was
ihnen dafr zu teil werden soll? Wir flchten in die Hhle hinein bis an
diesen Seitenpfad und locken im Dunkel die Verfolger nach, whrend uns
selbst der Engpa sicher hinausfhrt. Sie kennen die Felsen nicht, sie
drngen ungestm vorwrts und whnen, da ihre List uns smtlich in die
Falle gelockt hat, -- unterdessen aber sind wir schon auf Umwegen wieder
hier, gedeckt durch die groen Blcke; wir haben das Wild schugerecht
in der Hhle, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihr feuert, feuert, bis es
drinnen still wird, bis kein Angstschrei mehr die Luft zerreit, --
Schakale oder Neger, das ist gleichviel; heute morgen bei der Jagd auf
die roten Ruber dachte ich an diese Felsen; -- es soll kein Schwarzer
entkommen; noch nachgeborne Geschlechter sollen mit Staunen von der
Heldenthat Tippoos sprechen, -- die Singhalesen werden ihre Hnde baden
in dem Blute der schlechten Veddas.

Als er seine Rede beendet hatte, winkte der Huptling den Sklaven wieder
umzukehren. Ihr Weien bleibt zwischen den Felsspalten vorn am Ausgang
der Hhle versteckt, sagte er. Meine Leute und ich, wir locken die
Schwarzen hinein. Erst wenn ihr mich rufen hrt, gebt ihr Feuer.

Holm nickte stumm. Er hielt es fr unntig, jetzt dem braunen Halbwilden
zu widersprechen, aber dennoch stand der Entschlu, das beabsichtigte
Blutbad um jeden Preis zu hintertreiben, in ihm vollkommen fest. Das
Wie mute der Augenblick entscheiden.

Die Fackeln erloschen; im letzten Tagesschein wurde gegessen und
getrunken und dann die Ruhe gesucht. Von den Negern war weit und breit
keine Spur zu sehen.

Der Donner krachte, Blitze durchzuckten die dunkle Luft, ganze Fluten
warmen Regens ergossen sich. Es htte den unter dem natrlichen
Wetterdach Gelagerten ganz behaglich zu Mute sein knnen, wre nur nicht
der Gedanke an die Schwarzen immer wieder als Strenfried in den
Vordergrund getreten. Aber wer konnte denn behaupten, da sie wirklich
in der Nhe waren?

Eintnig rauschte es herab, und eintnig sang in den Laubkronen der
Wind; man schlo die Augen, um sich vom Blitz nicht blenden zu lassen;
man lebte seinen eigenen Gedanken und spann sich hinein in Traumfden,
die halb Wirklichkeit, halb Phantasiegebilde waren. Stunden vergingen,
die Weien schliefen, drauen am Eingang aber wachten und sphten die
Singhalesen.

Tippoo war der Vorderste. Sein Gesicht lag auf dem Arm, er horchte! und
als wieder der schwefelgelbe Schein aus den Wolken herabscho, tauchte
sein Blick bis tief in den gegenberliegenden Waldesschatten. Nein,
nein, er hat sich nicht geirrt, dort unter den Bumen regte es Hunderte
von schwarzen Gliedern; es drang im Schutz der Dunkelheit langsam vor,
-- jetzt waren sie da, die Veddas, die Verhaten.

Seine Hand glitt ber die Gesichter der Weien, seine Lippen berhrten
fast ihre Ohren. Auf! auf! -- Seid still, wenn euch euer Leben lieb
ist!

Holm hatte sich am schnellsten aufgerafft. Huptling, sagte er, bleib
bei uns. La deine Leute die Schwarzen hierher locken und dann habe ich
dir einen Vorschlag zu machen.

Welchen? fragte hastig der Singhalese.

Davon spter, entschied Holm. -- Ach, sie kommen!

Wie eine Herde brllender Teufel strzten sich die Schwarzen in den
Felspfad, welcher zur Hhle fhrte. Whrend die bei weitem grere
Hlfte der Singhalesen versteckt blieb, entfloh die kleinere auf des
Huptlings Anordnung in das Innere den Negern voran, so da diese bei
dem Schein des Blitzes die weien Gestalten verschwinden sahen und ihnen
mit dem Geheul des hchsten Triumphes nachsetzten. Sie wuten ja, wie
sehr ihre Anzahl den Gegnern berlegen war.

Dunkle Massen wlzten sich bergauf, die Hhle konnte viele Hunderte von
Menschen fassen; mehr und immer mehr nackte schwarze Krper drngten
nach, nun muten alle im Innern des Berges sein, sie schrieen und
jauchzten, heulten und brllten wie Wahnwitzige.

Jetzt glaubte ihr Unverstand die Singhalesen wehrlos und zitternd im
finsteren Winkel zusammengepfropft, jetzt hielten sie sich fr die
Herren des Schlachtfeldes und begannen ihren Siegestanz, noch ehe ein
Tropfen Blut geflossen war. Nahe vor dem Versteck der Weien am Ausgang
der Hhle trieben sie ihre unsinnigen Sprnge, kreischten und warfen die
Arme in die Luft, hpften wie Tollhusler auf einem Beine hin und her.
--

Holms Rechte legte sich mit festem Griff um den Arm des Huptlings.
Tippoo, sagte er leise, willst du Geld verdienen? -- viel Geld?

Das Wort hatte fr den schlauen Gelben einen wahren Zauberklang.
Womit? fragte er kaum hrbar, atemlos vor Begier, womit, Herr?

Indem du deinen Leuten befiehlst, sich einzeln, verstohlen aus dem
Bereich dieser rasenden Teufel zu schleichen und uns in einiger
Entfernung an einer bestimmten Stelle zu treffen, Huptling. Wir fliehen
voraus, -- dann haben die Neger im Dunkel unsere Spur verloren. Ich will
kein Blutvergieen, Tippoo, hrst du, ich will es nicht. Fnfhundert
Rupien sind dein, wenn du thust, was ich verlange.

Der Huptling kmpfte einen schweren Kampf zwischen Ehrgeiz und
Habsucht. Fnfhundert Rupien waren eine groe Summe, aber dennoch,
dennoch, -- die Veddas besiegt zu haben, galt noch mehr.

Herr, chzte er unschlssig, wenn uns die Schwarzen verfolgen und
finden sollten, wre der Ausgang unsicher, hier dagegen haben wir den
Sieg in Hnden.

Er sprach noch, als pltzlich bei dem Schein eines Blitzes ein vllig
unerwarteter Anblick sich zeigte und der ganzen Sachlage ein verndertes
Antlitz gab. Drinnen in der Schlucht tobte der Hllenlrm der
siegestrunkenen Schar, und drauen vor derselben, den Versteckten so
nahe als den Schwarzen, funkelten glhende Katzenaugen durch die Nacht,
dehnten sich scheckige Glieder und lechzten blutrote Zungen. Zwei groe
Leoparden streiften mit ihrem heien Atem die Stirnen der Weien. -- --

Tippoo, ich beschwre dich, gib nach! An diesen Wchtern vorber knnen
uns die Neger nicht schnell genug verfolgen.

Der Singhalese schwankte nicht lnger. Ein paar Worte, seinem nchsten
Sklaven zugeraunt, gengten, diesen zu verstndigen; der Mann verschwand
schattengleich und ebenso schnell huschten die brigen den Weg durch die
Felsen voran in den Wald hinab. Zwei Minuten spter hielt das Dunkel
unter den Bumen die ganze kleine Gesellschaft in seinem Schutz, whrend
die Singhalesen, immer einer nach dem anderen, laufend folgten. Als der
letzte zu den Seinigen gestoen war, verwandelte sich da oben im Berge
das satanische Triumphgeheul in die Laute des hchsten Erschreckens.
Wahrscheinlich hatten die Leoparden einen pltzlichen Angriff
ausgefhrt.

Tippoo seufzte. Schade, sagte er, schade, die Gelegenheit war so
gnstig.

Auf, ermahnte Holm, auf Huptling, wir mssen eilen.

Der ganze Zug setzte sich in Bewegung, erst langsam, des tiefen Dunkels
wegen, dann, als dichte Gebsche den Rckweg deckten, im Schein von
dreiig Fackeln so schnell als nur mglich. Gegen Morgen war jede
Gefahr, welche von seiten der Schwarzen gedroht hatte, geschwunden.

Ich mchte ihr Erstaunen gesehen haben, lachte Franz. Wie sie wohl
suchten und suchten und sich hundertmal an allen Felsecken stieen,
gewi glauben sie jetzt an Zauberei.

Natrlich. Da sie fast niemals Weie sehen, halten sie dieselben
ohnehin fr Wesen, die mit den bsen Mchten in Verbindung stehen. Eins
wei ich gewi, da sie nmlich jetzt wie gehetzte Hasen in ihr Dorf
zurckflchten. Schade, schade, wir htten einen ganzen Stamm ausrotten
knnen.

Holm lchelte und nickte mit den Augen dem Doktor, der eben seiner
hchsten Entrstung Worte geben wollte. Du sollst es nicht bereuen,
dich unseren Wnschen gefgt zu haben, Huptling, sagte er, wir werden
dir den versprochenen Lohn unverkrzt auszahlen und auerdem auch noch
einen anderweitigen fr deinen Geldbeutel sehr ersprielichen Vorschlag
machen. Freilich im Augenblick ist uns nichts so ntig als Schlaf.

Das erkannten alle, und im Schatten hoher Tamarinden und Arekapalmen,
eingesungen vom Chor der buntgefiederten Waldbewohner, schlummerten sie
diesmal dem Sonnenaufgang entgegen, obwohl freilich aus den
regenschweren Zweigen bei jedem Windsto ganze Schauer von Tropfen
herabrauschten und stellenweise alle Kleider durchnten. Das konnte
nicht nachteilig sein, Luft und Wasser waren warm, der Wind schaukelte
die Hngematten wie auf hoher See, die Gefahr lag hinter den kecken
Abenteurern, -- sie schliefen bis Mittag, whrend die Singhalesen lngst
ein Feuer mit vieler Mhe entzndet hatten und daran ihre durchnten
Kleider trockneten.

Nach einem erfrischenden Bade wurde die Reise fortgesetzt und das Dorf
auf den Bumen in einigen Tagen glcklich wieder erreicht. Hier kam nun
Holms Vorschlag zur Sprache. Er wollte die beiden Matrosen, welche
unterdessen eine wahre Kchenrevolution unter den Frauen veranlat
hatten, in Begleitung einiger Sklaven zum Schiff zurckschicken und den
Kapitn auffordern, ohne seine flchtigen Passagiere nach dem Hafen von
Galle zu steuern und dieselben erst da wieder an Bord zu nehmen. Du,
Freund Tippoo, setzte er hinzu, bringst uns mit einem guten Gefolge
nach diesem Hafenplatz und bekommst dort dein Geld. Ich mchte einmal
mit eigenen Augen sehen, wie sich auf einer und derselben Insel Schritt
um Schritt die tiefste Vertiertheit des Menschengeschlechts in
europische Kultur verwandelt. Bist du einverstanden, Tippoo?

Der Singhalese nickte, und so machten sich denn die beiden Teerjacken in
Begleitung mehrerer Sklaven, schmerzlich betrauert von der weiblichen
Bewohnerschaft des Dorfes, an einem schnen Morgen auf den Weg, whrend
die Herren mit dem Huptling und einer Schar dienstbarer Geister den
Marsch in der Richtung auf Galle antraten. Madame Tippoo und ihre
Kleinen hatten reichliche Geschenke erhalten; von dem ganzen sauberen,
gastlichen Dorfe ward ein freundschaftlicher Abschied genommen, und
sowohl Schakale als auch die jungen, inzwischen tchtig herangewachsenen
Tiger und ein wildes Pfauenprchen in Kfigen von Bambusgeflecht den
Sklaven auf den Rcken geschnallt. Allen denen brigens, die den Zug zu
den Veddas mitgemacht, verabreichten Holm und der Doktor ein anstndiges
Geschenk, -- Tippoo erlaubte gndigst, da sie es annehmen durften.

Und so wurde von Dorf zu Dorf der Weg durch das paradiesisch schne Land
zurckgelegt; erst einzeln, dann immer zahlreicher erhoben sich aus dem
Grn der Wlder die stattlichen Kaffee- und Zimtpflanzungen; es
erschienen Wirtshuser, europische Speisen, weie Menschen und endlich
zwischen Kolombo und Galle schaukelnd im gemchlichen Trott des
Viergespanns ein Omnibus. Die Knaben wollten sich bei diesem Anblick
ausschtten vor Lachen. Da wo sie noch so krzlich mit Tigern und wilden
Menschen gekmpft, ein Omnibus wie auf dem Pflaster von Hamburg! -- Sie
rasteten nicht, bis das Gefhrt in Beschlag genommen war, und bis Weie
und Wilde, Raubtiere und kreischende Pfauen sehr zum Erstaunen der
Bewohner von Galle auf dem Vierspnner dahergerasselt kamen.

Vorber an Husern ohne Fensterscheiben und feste Dcher, vorber an
Menschen von allen Farben, Negern, Chinesen, Weien, Indoarabern,
Malabaren und Singhalesen, bis hinaus zum Hafen. Da lag schon die
Hammonia vor Anker, da begrte Papa Witt mit ein paar tchtigen
Bllerschssen die Ausreier, da fanden sich Briefe von Hamburg und da
dehnte man so recht nach Herzenslust die Glieder in bequemen Betten
wieder aus.

Tippoo wurde von dem Kapitn mit allen Ehren empfangen. Man gab ihm auf
dem Schiffe ein Gastmahl, an dem die Offiziere aller im Hafen liegenden
hamburgischen Fahrzeuge teilnahmen. Er a auch bei dieser Gelegenheit
keinen Braten und trank keinen Wein, aber man sah, wie sich sein
Huptlingsstolz geschmeichelt fhlte, wie er erhobenen Hauptes durch die
Straen ging, als wolle er sagen: Seht, ich bin der, dem zu Ehren die
Weien ein rauschendes Fest veranstalteten.

Nach einem herzlichen, beinahe innigen Abschied von dem Manne, der auf
einem Baum wie ein Vogel wohnte, der ein Wilder war und doch ein so
redliches, ehrenhaftes Herz besa, nachdem Tiere und Briefe mit dem
Postdampfer abgesandt und die Haufen von Blumen, Pflanzen, Insekten und
Strandgeschpfen, welche man gesammelt, erst vorlufig untergebracht
waren, lichtete das Schiff die Anker und steuerte den Sundainseln zu.




                           Neuntes Kapitel.


Kapitn, meinte Holm eines Morgens, whrend der Dampfer den
Sundainseln zusteuerte, Kapitn, ich htte Ihnen einen Vorschlag zu
machen.

So lassen Sie hren, mein Bester.

Ich mchte, ehe wir spter nach Australien gehen, noch -- bis zur
sdlichen Barriere vordringen.

Da dich! rief voll Erstaunen der Alte. Weiter nichts?

Nein Kapitn, weiter nichts. Das Geheimnis des Sdpols mag immerhin
noch unentdeckt bleiben, aber bis an das Packeis wollte ich doch gern
kommen. Wir brauchen auch die Tiefseegeschpfe der kalten Regionen, wir
mchten Walfische und Robben, Eisberge und die Brandung der
unzugnglichen Macdonaldinseln kennen lernen. Ein paar Monate werden es
ja thun.

Gewi, nickte der Kapitn. Kleine tausend Meilen, was will das
sagen?

Alles lachte. Da sich aber der gutmtige Fhrer dieser Expedition nicht
struben wrde, die allen Seeleuten so auerordentlich unliebsame Tour
nach dem Sdpolarkreise wirklich zu unternehmen, wuten sie trotzdem.
Die Knaben entwarfen bereits lange Listen solcher Gegenstnde, welche
fr die Tage des Frostes und Schneefalles unerllich waren, nmlich
groe Mntel aus Schaffellen, Pelzstiefel und Pelzmtzen, Fudecken und
ein Kfig fr die beiden Affen, denen das Spiel im Tauwerk doch leicht
zu ungemtlich werden knnte. Das alles sollte in der nchsten
Hafenstadt gekauft werden, ebenso Harpunen und solche Vorrte, die durch
auerordentlich hohe Kltegrade nicht leiden. Es mu kstlich sein,
einmal wieder nach Herzenslust zu frieren, meinte Franz. Wenn ich
Schnee fallen sehe, dann -- knnte es mich berrumpeln wie Heimweh.

Nicht wahr, zu Hause ist's doch am besten?

Mchtest du denn immer auf Reisen bleiben, immer fremd am fremden Orte,
ohne eine Heimsttte, die dir gehrt, Karl?

Gewi nicht, mein lieber Junge. Andere Gegenden haben vielleicht hohe
Reize, aber die Heimat hat doch den hchsten. Fr den Grnlnder sowohl
wie fr den Tropenbewohner.

Ob man sich aber nicht wieder hinaus sehnen wird in die bunte Ferne,
Karl, ob man, nachdem an Auge und Geist die Schnheit aller Lnder
vorbergezogen, noch wieder ruhig in Hamburg im engen Kontor sitzen und
-- Profit und Schaden gegen einander abwgen kann?

Holm lchelte. Ich hoffe es, antwortete er nur.

Damit war die Unterhaltung beendet, namentlich weil man mit dem
Schleppnetz fischen und die Tiefe untersuchen wollte. Was an bereits
eingefangenen Krebsen und geniebaren Flossentrgern mit herauf kam, das
wanderte in die Kche, alles andere dagegen wurde prpariert und
verpackt, die Wrmer, Schnecken, Quallen und die hbschen Anemonen,
ebenso einige seltene Fische und einmal sogar eine kleine
Wasserschildkrte, deren Art Holm vllig unbekannt war.

So zog die Hammonia wochenlang durch den blauen Indischen Ozean dahin,
erst sdlich von Sumatra, dann lngs der Kste von Java nach Norden.

Als der Hafen von Surabaja nach glcklicher Fahrt erreicht war, wurden
Pferde gemietet und unter Begleitung von Malaien die neue Reise
angetreten. Da hier die Eingebornen an den Verkehr mit Europern
vollstndig gewhnt und nirgends mehr wild waren, so gestaltete sich
alles leichter, obwohl freilich Kapitn und Steuermann den Ausziehenden
rieten, vor dem treulosen, hinterlistigen Charakter der Malaien auf
ihrer Hut zu sein. Sie sind smtlich falsch wie Galgenholz, die gelben
Kerle, sagte Papa Witt. Ihren Profit kennen sie wie Juden, und
Gewissen haben sie nicht mehr, als ein schlitzugiger Chinese, -- nun
hten Sie sich vor Schaden.

Die Summe, welche der Anfhrer der kleinen Schar als Bezahlung empfangen
sollte, wurde verabredet, ein Teil davon als Handgeld gegeben, und dann
begann der Ritt durch weite Ebenen, in denen Reis, Mais, Indigo, Tabak
und Baumwolle ppig gediehen. Alle diese Felder waren nett und sauber
gehalten, die Wege gut im Stande, knstliche Kanle hindurchgeleitet und
von wilden Tieren keine Spur zu erblicken. Am interessantesten
erschienen die Wohnhuser der Malaien. Rund wie Bienenkrbe aus Bambus
und einer anderthalb Meter langen Grasart, Alang-Alang genannt,
knstlich geflochten, standen sie auf Pfhlen 1 Meter hoch ber dem
Erdboden und waren ganz regelrecht von Zimmerleuten erbaut. Die Pfhle
steckten in einer Entfernung von 1 Meter im Boden und bildeten einen
Kreis im Durchmesser von 10 Meter, whrend die Wand selbst vielleicht 3
Meter Hhe hatte. Das Dach wurde von drei Balken getragen und zeigte
einen hbschen, wie eine Veranda gestalteten Vorbau, in dem jedesmal
mehrere Vogelkfige hingen, sowie ein eng bevlkerter Bienenkorb, dessen
stachellose Insassen die Javanesen mit Wachs und Honig versorgen. Den
Fuboden dieser nur fr Verheiratete gebruchlichen Wohnungen fanden die
Reisenden in Ermangelung von Betten auf eigentmliche Art hergestellt.
Zuerst grobe Feldsteine auf starken Bambusstben, dann feinere Steine,
endlich Kies und ganz oben gespaltene Bambusstbe, die ihre platte Seite
nach auen kehrten. Der Fuboden war also dicht und bequem, viel besser
als ihn unsere Freunde irgendwo in den Drfern der Eingebornen auf
Ceylon bemerkt; auch befand sich des hufigen Regens wegen die
Feuerstelle inmitten jeder Wohnung. Fr Unverheiratete war ein greres
derartiges Haus, abgesondert von den brigen, hergestellt.

Alle diese kleinen, gelben, beweglichen Menschen mit wenig schnen
Gesichtern und struppigem, grobem Haar, schienen sorglos in den Tag
hinein zu leben, ihre Arbeiten mglichst oberflchlich und trge zu
bewerkstelligen und den Besuch der Fremden in ihren Drfern sehr gern zu
sehen. Von der zurckhaltenden Wrde der Singhalesen, von ihrem
religisen Gefhl und ihrem Stolz war nichts zu entdecken, vielmehr
boten alle, selbst die Kinder, den Weien dieses oder jenes zum Kauf an,
umdrngten sie und lieen nicht ab, bis ihr Besuch im Schauspielhause
fr denselben Abend zugesagt war. Die jungen Leute trauten ihren Ohren
kaum. Ein Schauspiel unter den Wilden auf Java! Das bertraf allerdings
die khnsten Erwartungen. Mit gespanntem Interesse nahmen alle ihre
Pltze in der groen, leicht und luftig erbauten, fr die Wandertruppe
auf dem Dorfmarkt errichteten Bude; die seltenen Gste bezahlten hier
zwar ihre Pltze verhltnismig hher als im teuersten europischen
Opernhause, aber dafr bot sich auch etwas nie Gesehenes, wobei nur die
Gehrsnerven empfindlich litten. Die Musik war nmlich nichts mehr und
nichts weniger als ein Hllenlrm, wobei der Ganelang (ein Glockenspiel)
noch auerdem durch die bestndige Wiederholung desselben Tones wahrhaft
betubend wirkte. Als das Schauspiel begann, jubelten und lachten,
schrieen und jauchzten alle Zuschauer laut durch einander, so da aus
den Tnen rings umher ein Gewirr, Tosen und Brausen entstand, in dem
jede Einzelheit verloren ging. Freilich htten die Europer ohnehin dem
Gange des Stckes nicht folgen knnen, da ihnen das Verstndnis der
javanischen Sprache gnzlich fehlte, aber dennoch gehrte eine tchtige
Gesundheit dazu, um dies Vergngen ohne Schaden zu ertragen. Der
Doktor klopfte auf Holms Schulter, seine Bewegungen sagten deutlich:
Ich bin einem Schlaganfalle nahe, lassen Sie mich hinaus! und Holm
telegraphierte zurck: Gehen Sie allein! ich stehe in der Brandung und
werde aushalten.

Dann verschwand der alte Herr, die Knaben stimmten mit der ganzen
Heiterkeit ihres glcklichen Alters in den Jubel und Trubel mit ein, nur
Rua-Roas Gesicht wurde lnger und immer lnger. Er begriff nicht, was da
vorging, er hielt die Szene fr Wirklichkeit und wollte durchaus einem
von Panthern und Tigern verfolgten Eingebornen zu Hilfe eilen, was
natrlich den Frohsinn der brigen nicht weniger steigerte. Auf der
Bhne wurde indessen der Spektakel immer rger. Ein Held im vollsten
einheimischen Putz, klirrend von Blech, Messing, Perlen und Schnallen,
bunt von Malerei, mit grimmigen Gebrden und laut brllendem Tone,
besiegte alle mglichen Ungeheuer, whrend ein zitterndes, flchtendes
Mdchen bald auf die Kniee fiel, bald sang und einen sonderbaren Tanz
vollfhrte; andere Gestalten flogen dazwischen, ein Zweikampf fand
statt, wobei der Besiegte in wirklicher Wirklichkeit durchgebluet
wurde, und zuletzt schlo das Ganze mit einem Tanz, bei welchem die
Schauspieler jeder nach seinem Belieben ohne Takt oder Ordnung nur wilde
Sprnge und Lrm vollfhrten.

Als sich unsere Freunde drauen wiedersahen, als ihnen vom Lagerplatz
her der Doktor mit teilnehmendem Gesicht entgegenkam, da lachten alle,
da ihnen die Seiten weh thaten. Einmal in einem Javanesentheater und
nie wieder! Sie hatten smtlich das Gefhl, als stehe eine Mhle, deren
Rauschen und Drhnen bis dahin ihre Nerven betubt, jetzt pltzlich
still.

Kinder, geniet erst ein wenig, ermahnte der alte Herr, die
Nchternheit der landesblichen Speisen wird euer Blut bestens abkhlen.
Reis ohne Fett oder Gewrz und ein trockener Fisch, das ist alles, was
sich auftreiben lie.

Man erstand gegen teuren Preis von den Eingebornen dazu einige
Kokosnsse, und dann nach beendetem Mahle wurde die Nachtruhe gesucht.
Franz und Holm lagen in der Nhe der offenen Thr auf ihrem Mattenlager,
als pltzlich der Knabe die Schulter seines Lehrers berhrte. Du, Karl,
ich bitte dich, hier fliegt alles, was anderswo auf vier Beinen luft.
Sieh doch einmal dorthin, ein Hund -- groe Frsche, alles segelt durch
die Luft.

Die beiden jungen Leute sahen vor ihren Augen ein Bild sich entrollen,
das allerdings seltsam genug war. An den Zweigen hingen Tiere von nicht
vllig einem halben Meter Lnge und mit dunkelbraunem, dicht behaartem
Krper, der in eine vollstndige Hundeschnauze auslief. Hundeohren,
Hundestirn und groe gutmtige Hundeaugen, alles vereinte sich, um die
Tuschung zu vollenden; erst der schwarze mantelartige Hutschirm ber
dem ganzen Krper, die Flugbreite von wenigstens 1 Meter verrieten die
Fledermaus, deren riesigstes Exemplar, der Kalong oder fliegende Hund,
hier massenhaft vorkam. Rechts und links schossen die groen Tiere durch
die Luft, an allen Fruchtbumen in den Grten hingen ihre langen
Krallen; kein Zweig, keine Sorte blieb unbenascht. Die sonderbaren Tiere
muten sehr friedlicher, zahmer Natur sein, da sie sich so in die
unmittelbare Nhe der menschlichen Wohnungen wagten.

Ob ich schiee? zgerte Holm. Haben mchte ich ein solches Exemplar
um jeden Preis, aber man wei nicht, wie die Sache aufgenommen wird.

Hm, -- im Freien darf man am Ende doch schieen.

Nach kurzem Besinnen kletterte der junge Gelehrte zur Thr hinaus und
wollte eben hinter einer Palme Posto fassen, als, wie aus dem Boden
gewachsen, mehrere Eingeborne vor ihm standen. Was wnschest du, Herr?
hie es.

Holm blieb ganz gelassen. Einen Kalong zu schieen, versetzte er.
Weiter nichts.

Dann lege dich nur ruhig wieder schlafen, Herr. In allen Htten leben
zahme Kalongs, du kannst sie kaufen.

Desto besser. Gute Nacht, mein Freund!

Und Holm schwang sich in die treppenlose Thr wieder hinein. Siehst
du, raunte er, wir werden bewacht. Umsonst gibt es hier nichts, auch
keine Jagdfreiheit, wie mir scheint; die Eingebornen betrachten uns wie
ihre gute Beute.

Er legte sich wieder hin, heimlich gergert von den vielen, die
Fruchtbume nach Herzenslust plndernden Kalongs, die er nicht schieen
durfte; endlich aber lachte er doch mit dem Knaben und zwar ber die
groen Frsche, welche zahlreich unter den Bumen einher flogen.
Zwischen den Zehen befand sich eine Haut, und der ganze Krper war zur
dreifachen Gre aufgeblht; unten gelb, oben grn mit schwarzen
Schwimmhuten, segelte das unfrmliche Geschpf wie ein Pfeil durch die
Luft, whrend eine kleine Eichhrnchenart lustig von einem Baume zum
anderen hpfte und sich die Nsse schmecken lie. Kleinere Fledermuse
schwirrten zu Tausenden umher.

Allmhlich kam der Schlaf und verwischte im bunten Durcheinander des
Traums die verschiedenen wechselnden Bilder dieses Tages; es ruhte sich
bequem auf den weichen Matten, und unsere Freunde erwachten erst wieder,
als die Sonne hoch am Himmel stand.

Jetzt berzeugte sich Holm von dem Vorhandensein zahlreicher gezhmter
Kalongs; er kaufte daher vorerst noch keinen derselben, sondern beschlo
diesen Handel bis zum Rckwege hinauszuschieben. Es galt heute, eine der
Gifthhlen Javas zu besehen. Whrend des ganzen Tages ritten die Weien
mit ihren Begleitern ber schattenlose, meilenweit gedehnte Grasflchen,
auf welchen ihnen Spuren von Rhinozerossen, Hirschen und Wildschweinen
begegneten; dann kam eine drre, felsige Gegend; himmelhohe Abhnge,
grnbewachsene, von den wundervollsten, farbenprchtigsten Vgeln
belebt, erhoben sich zu beiden Seiten des steinigen, abschssigen Weges;
Papageien, Pfauen, Turteltauben, der wilde Hahn, der Ziegenmelker, der
Reisdieb, der Manuk Kasu, ein entzckend singender, kleiner Vogel, und
endlich die Schwalbe, welche jene berhmten ebaren Nester baut, alle
flatterten und flogen, hpften und standen unter den schnbelaubten
Bumen verschiedenster Art, inmitten zahlloser blhender Orchideen und
anderer wuchernder Zierpflanzen. Die Krone von allen aber bildete der
Knigsparadiesvogel. Sechs Zoll lang, mit tiefpurpurnem Gefieder, einem
breiten, grngoldenen Querband auf den Flgeln, grnen Seiten, grner
Brustbinde und weiem Bauche, erschien er den Reisenden einigemale auf
flchtige Sekunden und in ziemlicher Entfernung, dann war er
davongeflogen, ehe noch ein Schu ihn ereilen konnte. Das Gefieder
blitzte im Sonnenlichte wie mit Edelsteinen berset; besonders die
spiralfrmig gewundene Schwanzfeder war von berraschender Schnheit.

Der Manukodiata, sagten die Eingebornen, deren Pfeile ebenso rasch und
ebenso vergeblich angelegt wurden, wie die Gewehre der Weien, seine
Federn machen hieb- und schufest in allen Schlachten.

Dadurch war denn das seltene Erscheinen des Vogels gengend erklrt.
Wenn ihn die Eingebornen als Federbusch auf dem Kopfe tragen, so mute
wohl seine Ausrottung schnell genug von statten gehen. Die unschnen
Weibchen zeigten sich hufiger. -- Noch mehrere andere Spielarten
derselben Gattung wurden wahrgenommen: der rote und der stolze
Paradiesvogel, aber keine war zu erlangen; ebenso Schmetterlinge vom
schnsten, prchtigsten Farbenspiel und der karmoisinrote Pirol.
Weiterhin durch die Ebenen jagten stampfend Herden von wilden Stieren,
hoch hinauf in das ewige Blau ragten die Felsgipfel und sdlich kosende,
von Blumendften erfllte Luft fchelte die Stirnen. Es war eine
Erholung fr alle Sinne, nach dem meilenweiten Ritt durch das Alanggras,
jetzt in dieser wundervollen Umgebung Auge und Ohr schwelgen, die
angespannten Krfte trge ruhen zu lassen. Bisweilen wurde der Weg
zwischen den hohen, oft von Staubbchen berrieselten Gebirgswnden so
eng, da die Pferde eins hinter dem andern gehen muten; weicher
Halbschatten, linde, wohlthuende Dmmerung lag dann auf der blhenden
Landschaft. Hufig fanden sie an den Zweigen der Bsche jene seltsam
gestaltete Gespenstschrecke, welche die dornfige genannt wird, und
deren Vorkommen bis jetzt nur auf Java beobachtet wurde. Das mit
stummelhaften Flgeln ausgerstete Weibchen derselben wird bei einem
Leibesdurchmesser von etwa einem Zentimeter gegen zweiunddreiig
Zentimeter lang und besitzt eine braungraue Farbe. Den Kopf kann dieses
Tier in eine tiefe Ausbeugung der vorgestreckten Vorderbeine legen und
sieht dann in der Nhe einem drren Aste zum Verwechseln hnlich. Diese
hnlichkeit des Tieres mit dem Orte, an welchem es sich aufzuhalten
pflegt, findet sich bei den Kerbtieren nicht selten und ist als ein
Schutzmittel zu betrachten, das die Natur auch diesen ihren Kindern
verliehen hat, um sie vor den Augen der Feinde zu verbergen. Bei Nacht
verzehren sie die Bltter des Unterholzes, bei Tage dagegen ruhen sie
von ihrer nchtlichen Arbeit aus und knnen nur dann leicht erkannt
werden, wenn sie vorwrts kriechen. Man hat die Gespenstschrecken auch
wandernde ste genannt. Holm war erfreut, diese seltene und seltsame Art
vorzufinden, und da sich gnstige Gelegenheit bot, wurden viele
Exemplare derselben gesammelt, um teils trocken aufgespiet und mit
Tabaksaft vergiftet, teils in Spiritus aufbewahrt zu werden. Die
Vogelwelt war auf das reichste vertreten. Goldglnzende Pfauen schlugen
ihr Rad, vom Nest lockte das Turteltubchen und auf blumengeschmckten
Ranken wiegte sich die buntgefiederte Schar. Ein kleiner, scheuer
Hirsch, der Kantschil, erschien auf unnahbarer schwindelnder Klippe; ein
Affe lugte aus verborgenem Schlupfwinkel hervor; vom Baume warf mit
wtenden Gebrden der graue Manjet-Affe die reifen Frchte den
Vorberreitenden nach, und aus dem Felsspalt zischte die pantherartig
gefleckte, wilde Katze. berall reges Leben der Wildnis, berall Tiere
und der Krieg des einen Geschpfes gegen das andere; hier Termiten, die
geschftig bauten, dort das Schuppentier, welches die eben fertigen
Wohnungen zerstrte und die kleinen braunrndigen Baumeister zu
Hunderten verspeiste; dazu auf allen Bumen, in allen Hhlen und Spalten
Fledermuse ohne Zahl. Der Blick irrte von Schnheit zu Schnheit, von
Reiz zu Reiz, hier lagen ganze Beete blhender Orchideen, dort brauste
ein Gebirgsbach durch die Schlucht; hier senkte sich das Thal zur tiefen
dunklen Mulde, dort fhrte der Weg ber zackige, scharf am Abgrunde
dahingleitende Bahnen.

Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald, stundenweit
empor, bis die Nacht kam und zum Ausruhen zwang. Affen in ganzen Scharen
bevlkerten die Bume, Stier und Nashorn brllten in den Ebenen,
Schlangen krochen durch das Gras, neugierige Eidechsen wagten sich ganz
in die Nhe des Lagers, und schne Stachelschweine wurden ohne viele
Mhe eingefangen. Am nchsten Morgen ging es weiter, immer bergan, bis
allmhlich die Landschaft ihren Bltenglanz und ihr Tierleben verlor.
Groe Adler traten an Stelle der Pfauen und des Pirol, Bergziegen
weideten das sprlicher gewordene Grn, und einmal erhob sich aus dem
Gestrpp fast vor den Fen der Pferde ein groer Knigstiger. Noch ehe
einer der Mnner schieen konnte, war er mit ungeheurem Satz hinter den
nchsten Gebschen verschwunden; nur sein wtendes Brllen schallte ber
die Umgebung dahin. Ein einzelner Mann, selbst zu Pferde, wre von der
gereizten Bestie in Stcke zerrissen worden; der greren Anzahl
gegenber wagte sie keinen Angriff.

[Illustration: Ins Hochgebirge von Java.

Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald.]

Einer der Fhrer deutete hinauf in die Luft, wo sich auf halber Hhe des
Berges eine Art Lcke, eine Unterbrechung der glatten Wand zeigt. Das
ist Pakaraman, das Totenthal! sagte er feierlich.

Da oben auf der Hhe?

Ja. In einer Stunde werden wir dort sein. Gefahr ist um diese Zeit
nicht dabei.

Wie kommt es, sagte Franz, da das Totenthal nicht immer seine
tdliche Wirkung auf die Besucher ausbt?

Dieses Thal, antwortete Holm, liegt in unmittelbarer Nhe von
Vulkanen, und in demselben sammelt sich von Zeit zu Zeit Kohlensure an,
welche von vielen Vulkanen fast ununterbrochen ausgehaucht wird. Diese
Kohlensure -- ihr kennt sie alle als das perlende Gas, welches in dem
bekannten Selterswasser enthalten ist -- wirkt eingeatmet auf die Lungen
als tdliches Gift. Wenn nun kein Luftzug sich regt und die vulkanischen
Ausdnstungen sehr heftig sind, so sammelt sich im Grunde der
trichterfrmigen Schlucht so viel Kohlensure an, da der Besuch
derselben gefhrlich wird. Wenn dagegen die Ausstrmung des Gases sich
vermindert und ein starker Wind in die Schlucht dringt, so kann dieselbe
ohne schlimme Folgen betreten werden. brigens, fuhr er fort, gibt es
auch in Europa eine Grotte, deren Boden etwa ein bis zwei Fu hoch mit
Kohlensure bedeckt ist, die, weil ihr spezifisches Gewicht das der
atmosphrischen Luft an Schwere bertrifft, sich nur unten aufhlt.

Ah, ich wei schon, rief Franz, es ist die Hundsgrotte bei Neapel.
Der Mensch betritt sie, ohne von der Kohlensure belstigt zu werden,
Hunde dagegen, die man mitnimmt, ersticken, weil ihre Atmungsorgane sich
im Bereich des giftigen Gases befinden, sobald sie auf den Boden gesetzt
werden.

Ganz recht, besttigte Holm. Die Ursachen beider Merkwrdigkeiten
sind dieselben, nur die Form, in der sie sich uern, ist eine
verschiedene.

Der steil ansteigende Weg wurde in beschwerlichem Ritt auf den kleinen
javanischen Pferden zurckgelegt, und dann standen die Wanderer vor
einem berraschend schnen Anblick. Ein breiter blauer Strom sandte
seine Wellen zu Thal, Krokodile, Leguane, und Wasserschlangen
bevlkerten die rhrichten Ufer, und zur Seite des rollenden Stromes
senkten sich die Bergwnde zum tiefen, trichterfrmigen Kessel. Eine
breite Rundung gab den Blick frei in die schwindelnde Tiefe des
Totenthales. Zuweilen entstrmen hier der Erde so furchtbare
Ausdnstungen, da alles Pflanzen- und Insektenleben whrend einer
einzigen Nacht zu Grunde geht, zuweilen grnt und blht es da unten bis
zum mittelsten flachen Kreise von etwa fnf Metern Durchmesser; dieser
innerste, unterste Fleck ist gleichsam durchseucht von dem Gift in
seinem Schoe; er trgt nie einen grnen Halm, nie eine Blte; auf ihm
lastet ewig unfruchtbare Drre.

Die Pferde wurden an Bume gebunden, und Holm und Franz mit dem
Malagaschen versuchten das Hinabsteigen, whrend Hans und der Doktor
oben blieben. Die Fhrer kletterten voran, an ihren Ledergrteln lange
Knotenstcke tragend, die bei dem Wege bergab fr die Weien als Sttzen
und spter bergan als Handhabe dienen sollten. Oben am Rande wuchsen von
allen Seiten knorrige, wildverschlungene Baumstmme ber die Schlucht
hinaus, der Pfad bergab lief schrg an der Felswand hin, das helle
Tageslicht fing schon nach den ersten fnfzig Schritten an, in Dmmerung
gehllt zu erscheinen. Groe Eidechsen schlpften ber das Gestein; eine
kalte Luft wehte von unten herauf.

Die Javanesen und der Malagasche sprangen mit jener berlegenen
Geschicklichkeit der wilden Vlker ziemlich ohne Mhe von Ast zu Ast,
von Klippe zu Klippe bis auf den untersten Grund hinab; weniger leicht
folgten ihnen die Europer. Nur mit blutenden, geschundenen Hnden
gelang es diesen letzteren, die dunkle Tiefe im Schoe des Berges
berhaupt zu erreichen; klopfenden Herzens standen sie unter dem
gewaltigen Eindruck einige Augenblicke sprachlos; nur mit Mhe konnten
sie in der kalten, schweren Luft Atem schpfen. Hundert Meter hoch ber
ihnen lag auf dem Rande der finsteren, unheimlichen Schlucht blitzend
und glhend das Sonnenlicht, kaum erkennbar, nur wie ein funkelnder
Streif, von den schwarzen Tiefen hier unten gnzlich ausgeschlossen,
keinen Strahl hinabsenkend, keinen warmen Hauch, kein noch so schwaches
Leuchten.

Wahrlich, das Totenthal verdiente mit Recht seinen Namen. Der gleiche
beklemmende Eindruck, den es verursachte, lag auf allen Teilnehmern
dieser gefhrlichen Expedition. Als in Holms Hand die mitgebrachte
Wachskerze aufflammte, beleuchtete ihr schwaches in der Kellerluft da
unten kaum die nchste Umgebung erhellendes Glimmen lauter blasse
Gesichter und ernste Mienen. Es war doch ein seltsames Gefhl, so von
allen Lebenden getrennt, abgeschieden von Luft und Licht, da unten
allein in schweigender de die nassen Wnde und die verkmmerten wenigen
Gewchse anzusehen, letzte Spuren der Pflanzenwelt, letztes welkes Grn,
grau und fahl gesprenkelt, kaum noch lebend, ohne Saft und Mark am
verknoteten drren Rankgeflecht. Eine groe Schlange glitt ringelnd ber
das verwitterte Gestein dahin, Unken und Frsche glotzten aus den
Winkeln, Eulen mit runden gelben Augen schossen auf, gespenstigen Fluges
die Stirnen der Mnner streifend; auch hier schwirrten Fledermuse wie
Mcken im Sonnenschein.

Holm brach zur Erinnerung an die Stunde im Bauch des Hexenkessels,
dessen todbringender Hauch schon so oft Verderben ber die Umgebung
gebracht, vom Gestein der Wand ein Stck, das er in die Tasche steckte,
ebenso aus dem mittleren, wsten Bodengrund etwas Kies; dann wurde der
Rckweg angetreten.

Jetzt ging es leichter; die schweren Stcke der Eingebornen dienten den
Weien als eine Art von Treppengelnder; sie hielten sich, wo es ntig
war, daran fest und gelangten so nach und nach an die Oberflche, wo
schon der Doktor und Hans ungeduldig gewartet hatten. Nun, nun,
drngte ersterer, ihr seht ja aus, als sei euch da unten -- der Himmel
vergebe mir die Snde! -- der leibhaftige Teufel begegnet!

Holm lchelte. Da unten aber ist's frchterlich! citierte er. Ich
mchte doch um keinen Preis die Tour noch einmal machen. Und du, Franz?

Der Knabe schauderte. Mir ist es immer noch, als fhlte ich die
kellerkalte, drckende Luft, antwortete er.

Nur die Eingebornen waren sehr gleichmtig; sie hatten die Fahrt in den
Hllenschlund schon mehr als einmal bewerkstelligt und behielten bei der
ganzen Sache ausschlielich den Verdienst im Auge. Auch Rua-Roa
erklrte, in seiner Heimat oft noch ganz andere Streifzge unternommen
zu haben; er wrde sich nicht bedenken, jetzt gleich und zwar allein
wieder hinunter zu klettern. Das wilde Element in ihm trat auch so recht
zu Tage, als es galt, an der entgegengesetzten Seite des Hochgebirges
wieder ins Thal zu gelangen. Der Weg war uerst beschwerlich,
Steinwildnis folgte auf Steinwildnis; erst nach lngerem, mhsamen
Ringen, wobei die kleinen, einheimischen Pferde, des Steigens gewhnt,
die besten Dienste leisteten und gleitend, rutschend und springend ber
Abstrze gelangten, vor denen ihre Reiter schaudernd die Augen
schlossen, -- verwandelte sich der rauhe Pfad wieder in den bewachsenen,
von Bumen beschatteten Waldweg. Man war immer noch im Gebirge; die
Fhrer vermieden absichtlich das tiefere Thal, und zwar um den Reisenden
das Moro Api oder ewige Feuer von Java zu zeigen; aber dennoch blhte
und grnte ppige Pflanzenwelt rings umher und pltscherte in munteren
Sprngen ein Flu, der Gunang Morio, zur Seite des Weges dahin. Breiter
und breiter dehnte sich die blaue Flche, mehr und mehr umhllten die
Schatten mit grauen Schleiern das schne Landschaftsbild. Es wurde
dunkler Abend, der Vogelgesang verstummte, die Blumen dufteten strker,
Eulen und Fledermuse belebten die Luft, Wildkatzen begannen ihre Jagd,
Marder von ungewhnlicher Gre kletterten den Tauben bis auf die
hchsten Kronen nach, und fernher schallte das Bellen der wilden Hunde;
-- da erschien zwischen den Baumwipfeln ein unsicheres, flackerndes
Licht, noch kaum erkennbar; wie ferner Feuerschein, wie wenn jemand mit
der brennenden Lampe kommt und geht, ohne an einem Orte zu verweilen.

Das kann kein Dorf sein, rief Franz, sonst mten ja die Leute im
Wasser wohnen. Das Licht schwebt ber dem Flusse.

Moro Api! sagten die Javaner.

Neugierig gemacht, eilten die Weien so schnell als mglich vorwrts,
ohne Bedenken den Eingebornen nach, als diese in das Flubett
hineinritten und quer ber eine breite, ganz mit Wasser bedeckte Ebene
dahinsprengten. Jenseits des murmelnden, silbernen Elementes fing das
Gewirre von Klippen und Abgrnden wieder an, zerstreute Blcke und
phantastisch geformte Zackenreihen sprangen weit in das Wasser hinaus
vor, natrliche Bogen und Sulen wechselten mit senkrecht abfallenden
Wnden, und spitze einzelne Felskegel ragten wie Leuchttrme aus den
Fluten empor. Dieses ganze wildromantische Bild war erhellt gleich dem
Feengarten des Mrchens; berall auf Spitzen und Dchern, in den Tiefen
und zwischen den Sulen spielten die violetten, purpurnen oder ganz
weien, goldglnzenden Lichter des Moro Api; berall glitten Flammen und
Flmmchen, von jedem Luftzug lang aufflatternd wie Bnder, an den
Felswnden dahin, die vielzackigen, wunderlichen Formen in ihren
Strahlen badend, Schattenbilder malend und ber verworrene Trmmer
huschend wie Fabelwesen aus uralter Mrchenzeit. Wenn zuweilen ein
leichter Wind das Wasser kruselte, dann schwebten die blulichen und
roten Lufttnzerinnen im Kreise empor, gaukelten hierhin und dorthin,
beleuchteten pltzlich eine dunkle Spitze oder eine tiefere Schlucht und
kehrten dann nickend und sich biegend zu ihren frheren Standpunkten
zurck.

Das erhabene Naturschauspiel bannte die Zungen aller; ein fast
andchtiges Schweigen beherrschte die kleine Schar. Rings das blaue
stille Wasser und darber in geheimnisvoller Schnheit jene krperlosen,
lichtspendenden Wesen, jene ewigen, seit dem ersten Schpfungsmorgen
brennenden Lampen, deren Licht unter allem Wechsel fortglhte und
fortglhen wird bis an das Ende, -- alle diese Bilder lieen nur
lautlose Bewunderung aufkommen.

Am hellen Tage, erklrte endlich einer der Eingebornen, ist das Moro
Api nicht sichtbar oder doch im Sonnenglanz nur sehr schwer zu
unterscheiden. Wir mssen uns jetzt aber beeilen, das Nachtlager im
Gebirge zu erreichen. Alle Anzeichen deuten auf einen Gewittersturm, wie
sie hier zu Lande blich sind.

Knnen wir denn den Ausbruch desselben nicht gerade an dieser Stelle
erwarten? fragte Holm. Ich wre neugierig, die Flammen wie rasende
Kobolde an den Felsklippen hinauf klettern zu sehen, ich mchte ihre
tolle Jagd im Sturme kennen lernen.

Aber die Eingebornen schttelten mit den Kpfen, obgleich smtliche
Knaben ihre Bitten der des jungen Gelehrten hinzufgten. Die Fremden
wissen nicht, was ein Gewittersturm in den Bergen zu bedeuten hat; es
ist ein Spiel um Leben oder Tod. Felsblcke werden herabgerissen, Bume
niedergebrochen, der flache Gebirgsflu wird zum tosenden Strome, die
Blitze bedrohen alles, was lebt. Wir mssen schleunigst die sichern
Hhlen aufsuchen.

Sind die denn weit von hier? fragte Franz.

Nein, im Gegenteil ganz nahe.

So lat uns aufbrechen, ermahnte der Doktor. Diese Leute kennen doch
das Land und das Klima besser als wir.

Holms und des Knaben Blicke begegneten sich. Beide nickten wie im
Einverstndnis, und dann ritt die kleine Schar unter Vortrab der Javanen
tiefer in das geklftete Gebirge des Gunong Morio hinein, bis nach
vielleicht fnf Minuten eine enge, dunstige Hhle erreicht war. Hoch in
die Wolken erhob sich ber der niederen Wlbung die Felskuppe; dichte,
moosbewachsene Wnde sicherten vor allen mglichen Angriffen; massive
granitne Pfeiler sttzten eine Art von Vorhof, und weiterhin gegen das
Innere ffnete sich Gang nach Gang, aber die Luft war drckend, weshalb
alle beschlossen, so lange als thunlich drauen zu bleiben.

Die Eingebornen entzndeten mehrere Wachskerzen und warnten dann die
Reisenden, sich ber eine bestimmt bezeichnete Grenze nach rechts hinaus
zu wagen. Ein sonderbarer Anblick wartete hier der staunenden Beschauer;
berall war der Steinboden durchlchert und zerklftet, berall scho
unter demselben in wildem Toben ein Gebirgsbach zu Thal, etwas weiter
hin als breiter, glnzender Wasserfall ber rundgeschliffene, glatte
Wnde in den Abgrund strzend, tausend khle Tropfen den Wandernden
entgegenspritzend, jene kstliche, unnachahmliche Frische des kalten
Quellwassers der heien Luft mitteilend, schn und groartig im
wechselnden Licht der Kerzen, donnernd und grollend, gleich einem fernen
Gewitter.

Morgen knnen Sie sich, wenn sie schwindelfrei sind, bis an den Abhang
hinauswagen, erklrte der Fhrer, die Felsblcke liegen sicher, aber
am Abend ist die Sache unmglich.

Es blieb also nur brig, unter dem Rauschen und Brodeln des Falles,
unter dem leise anhebenden Singen des erwachenden Sturmes die Ruhe zu
suchen und einstweilen auf weitere Ausflge zu verzichten. Man speiste,
die Pferde wurden etwas weiter drauen in einer der Vorhallen an Bume
gebunden und die Wolldecken ausgebreitet. In einer Hhle lagen smtliche
Javanen, in der zweiten die Weien; von wilden Tieren hatte sich nichts
gezeigt, der Sturm heulte sein groartiges Wiegenlied, langgezogener
murrender Donner erhob die Stimme, und rauschend in schweren Tropfen
fiel der Regen herab. Die Augen der Menschen schlossen sich, obwohl
zuweilen falber Schein den Wolkenschleier zerri, und einzelne Ste
brllend und schnaufend den gewaltigen Anlauf des Orkanes verrieten. Bis
hierher drangen weder Regen noch Sturm, dies Dach lie keine Tropfen
durchsickern, diese Wnde konnten dem Anprall aller Erdenkrfte Trotz
bieten. -- Das Gefhl der Sicherheit schlfert ein, Leib und Seele
wiegen sich in Schlummer, alle Spannung ist gelst, die Augen fallen zu,
ehe es der Trumer wei.

Holm und Franz schliefen nicht. Als es rings umher still geworden war,
schlichen sie zusammen unter tausend Gefahren und Mhen auf dem Wege zum
Moro Api zurck. Jene hpfenden Flammen bildeten den Punkt, nach welchem
sich ihre Schritte lenkten, und unbekmmert, ob ihnen der Sturm die
Sprache raubte und der Regen ihre leinenen Kleider bis auf die Haut
durchnte, drangen sie vorwrts. Der Aufruhr aller Elemente war von
wilder Schnheit. Einmal drauen, dem Schutze der Felsmauern entrckt,
hrten sie Sturm und Donner im unentwirrbaren Tonganzen ihre betubende
Strke entfalten, Blitz auf Blitz zerri die drckende Luft,
schwefelgelb und blulich fuhren Zacken und Strahlen ber den Horizont
dahin, und hochauf spritzten die Wellen des Flusses. Das Schnste von
allem aber blieben die Flammen des Moro Api. Unausgesetzt drang aus dem
vulkanischen Erdinnern das Gas hervor und unausgesetzt entzndete es
sich durch die Berhrung mit der atmosphrischen Luft, wieder und wieder
schlugen zngelnde Feuer aus den Spalten herauf, vom Wind erfat, sobald
sie entstanden waren, hierhin und dorthin entfhrt, in zahllose Teilchen
gerissen, bald klein, bald gro, bald in dieser, bald in jener Form. Bis
auf die hchsten Punkte der Klippen jagten einander die Luftgestalten,
nicht mehr spielend, gaukelnd wie vorhin in der linden, stillen
Gewitterluft, sondern tobend wie toller Mrchenreigen, wie eine Schar
entfesselter Hllengeister, die sich erfassen und wieder verlieren, die
einander wutentbrannt folgen und im Kampfe zum Knuel verschlungen
untergehen.

Der Sturm blies mit vollen Backen unter die Flchtenden. Hier malte er
aus dem zitternden weien Flmmchen ein Menschenantlitz und dort ein
laufendes, langgestrecktes Tier, hier einen Riesenvogel mit
ausgebreiteten Schwingen und dort ein Zwergenmnnchen mit Keule und
Schild; berall aber hetzte und verfolgte er die lockere Schar, Klippen
hinauf und Klippen herab, durch Schlnde und Abgrnde, ber schmale
Brcken und auf einsamen Pfeilern, berall zerri er die glnzenden
Lichter in Streifen und Fetzen.

Dazwischen schlugen Blitze in das Wasser und zuweilen in die hchsten
Bume des Waldes. Erschrockene Vgel flatterten ngstlich durch den
Sturm, Papageien kreischten wild mit anderen Vgeln um die Wette, hier
und da strzte ein Jahrhunderte alter Riese, im Falle zahllose
Rankengeflechte zerreiend und das Wasser hoch aufspritzend, da ganze
Schauer die beiden jungen Leute berfluteten. Zu sprechen war unmglich,
sie konnten sich, hinter den letzten Auslufern des Gebirges
einigermaen geschtzt, nur durch Zeichen verstndigen, ihre Haare
flogen wild um die Kpfe, das Zeug klebte am Krper, die Stiefeln waren
schwer wie Blei, und bei jedem neuen Windsto berlief eine unangenehme
Klte die Haut. Sich jetzt in die Wollendecken zu hllen, und an
trockener, geborgener Sttte ausruhen zu drfen, mute doch recht
behaglich sein! Einer hinter dem anderen krochen sie, das Schauspiel der
ewigen Flammen nur ungern verlassend, Schritt fr Schritt im Toben des
Wetters zum Lagerplatz hinauf, lnger als eine Stunde brauchend, wo
vorhin fnf Minuten, freilich auf den Rcken der behende kletternden
Pferde, gengt hatten. Noch schlief alles, selbst da, wo die Eingebornen
lagen, rhrte sich nichts, und auch die Tiere waren merkwrdig still.
Wenn irgend ein Angriff kam, traf er die Gesellschaft durchaus
unvorbereitet.

Holm ging zu der etwas entfernten Stelle, wo die Pferde standen; helle
Blitze zeigten ihm den Weg, er konnte nicht irren. Merkwrdig, da sie
so still blieben! --

Jetzt war er da, gewi, er erkannte deutlich den Baum, an welchem er
sein eigenes Tier befestigt, aber dennoch -- von den Pferden keine Spur.

Zehn Schritte weiter und das Plateau fiel steil ab ins Thal. Wohin waren
die Tiere gekommen? -- Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte sein Inneres,
im Nu stand er vor der Schlafsttte der Eingebornen; -- auch hier alles
leer.

Franz! rief er mit unterdrckter Stimme. Franz!

Nun? -- Was hast du, Karl?

Sieh her, die Javanen sind mit den Pferden ber die Berge. Auch
smtliche Lebensmittel haben sie mitgenommen.

Die beiden sahen einander starr vor Schreck ins Auge. Das war hier, wo
es die gefhrlichsten Raubtiere in furchtbarer Anzahl gab, ein schwerer,
ja entsetzlicher Schlag. Ohne Pferde lie sich bei den meilenweiten, von
Alanggras bedeckten Ebenen und namentlich bei den Wegen ber zackigen,
abschssigen Boden die Rckreise gar nicht denken.

La die anderen schlafen, Karl, sagte endlich der Knabe. Sie erfahren
es morgen immer noch frh genug. Und nebenbei, -- ich habe auch einen
Gedanken, der mich wenigstens ber das rgste trstet. Wir werden bald
neue Fhrer wieder haben, wenn auch fr wahre Unsummen.

Weshalb glaubst du das, Junge? fragte voll Erstaunen der andere.

Nun, die Lumpenkerle mssen doch mit ihrer Flucht irgend einen Plan
verbinden! Sie haben gleich anfangs im Dorfe einigen anderen aufgegeben,
ihnen zu folgen und die Stelle verabredet, wo sie uns mitten im
Urwaldsgebirge verlassen wollen. Wenn die Lage bedenklich wird,
erscheinen von ungefhr ein paar dieser gelben Schurken und erbieten
sich, uns gegen doppelten Fhrerlohn nach Surabaja zurckzubringen, --
das ist alles beschlossene Sache, und der Raub wird gtlich von den
Spitzbuben geteilt.

Holm lachte. Wahrhaftig, du kannst recht haben, antwortete er. Dann
ist es ohne Zweifel das beste, hier zu bleiben und die Helfershelfer der
gelben Betrger zu erwarten. Einstweilen aber la uns schlafen, -- ich
bin todmde.

Der Malagasche wurde geweckt und ihm, der nun schon einige Stunden
geruht, die Wache bertragen, in welcher ihn gegen Morgen Hans als
letzter in der Reihe ablste. So verging die Nacht, und am folgenden
Morgen saen alle einander gegenber, hungrig und ratlos, in schlimmster
Laune. Hier zu bleiben war ganz notwendig; aber wovon leben? Wovon nach
der berschwemmung der letzten Nacht ein Feuer entznden? Allerdings
hatten die Gewehre im Trocknen gestanden, auch lie sich leicht dieser
oder jener Braten erlegen, aber er mute roh gegessen werden, und das
war uerst unangenehm.

Der Doktor blieb als Hausherr und Platzkommandant allein in der Hhle
zurck, wohlversehen mit Pulver und Blei, aber sonst auf die Sicherheit
zwischen den Felswnden und seine eigene Vorsicht angewiesen, -- die
vier jungen Leute zogen aus, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Wasser
gab es da oben genug, man brauchte sich nur zu bcken, um es in
kstlicher Klarheit zu erhalten, aber dafr stieg auch der Hunger von
Stunde zu Stunde.

Das erste was heraufgeschafft wurde, waren Kokosnsse; ihnen folgten die
Eier verschiedener Vogelarten, Beerenfrchte, eine kleine Schildkrte
und endlich ein Hirsch, dessen Ziemer Franz im Schweie seines
Angesichtes keuchend nach Hause schleppte. Dann begann die Thtigkeit
des Doktors. Er mute mit dem Taschenmesser das Fleisch schaben; einige
kleine Zwiebeln, die im Thale wuchsen, wurden dazu gehackt, das Ganze
mit Salz und Pfeffer, welche jeder einzelne bei sich fhrte, reichlich
vermengt und nun gegessen, dazu Nukern und rohe Eier.

Der Mckenkuchen auf Madagaskar schmeckte schlechter! meinte Holm.

Der Flupferdbraten in Dahomey war zher!

Das Drsten im Kaplande weit schrecklicher!

Ja, das ist wahr! sagten wie aus einem Munde alle Anwesende.

Nun, so lat uns dies rohe Fleisch mal ohne Bitterkeit verzehren.
Vielleicht schmeckt auch das Fleisch der Schildkrte im Naturzustande
ertrglich.

Wenn nur vor Nacht die Eingebornen wirklich kmen! seufzte der Doktor.
Eure Berechnung knnte auch tuschen!

Ganz unmglich, bester Doktor. Franz hat recht, es ist auf Plnderung
abgesehen; ich glaube aber nicht, da sich die Javanen blicken lassen
werden, ehe wir durch Hunger und Gefahren tchtig mrbe gemacht worden
sind. -- Einstweilen wollen wir den Rest des Fleisches in die
Schildkrtenschale legen und einsalzen. Franz, du bist wohl so gut, die
Eier und die Nsse in eine sichere Ecke zu bringen; ich denke, wir essen
zur Nacht nur frische Frchte, ihrer besseren Verdaulichkeit wegen. Hans
und Rua-Roa haben vortreffliche Melonen und Erdbeeren heraufgebracht,
sie mssen davon noch mehr holen.

Das geschah, und so zog durch die angestrengte, krperliche Thtigkeit
sowohl als auch durch das Zureden Holms einige Ruhe und Zufriedenheit in
die Herzen wieder ein. Gegen Abend, als noch ein paar erlegte Vgel und
ein Hase die Vorratskammer anfllten, als sich Berge von Beeren und
Eiern huften, gewann sogar die alte frhliche Reiselaune die Oberhand.
Zwei von den jungen Leuten sollten wachen, zwei schlafen, und am
folgenden Morgen wollte man auch ein Feuer entznden. Die heien
Sonnenstrahlen des letzten Tages hatten Zweige und Grser vollstndig
getrocknet, Wachskerzen und Streichhlzer waren genug vorhanden; also
lie sich mit Recht erwarten, da die Eier hart gekocht und das Fleisch
gebraten werden knne. Von dem Gepck der Weien hatten die Javanen
nichts mitgenommen, daher fand sich auch der Blechkessel nebst Pfanne
noch vor, ebenso Gabeln und Lffel; alles wurde schnstens an den Wnden
der Kche geordnet, trocknes Holz und Gras herbeigeholt und Steine zum
Herd aufeinander gelegt. Was von Insekten, Fledermusen und Schlangen in
den Winkeln umherkroch, das befrderte ein schneller Griff mit dem
knstlich aus Gras und Reisern hergestellten Besen in die Tiefe des
Wasserfalles hinab oder in die Freiheit des Hochwaldes hinaus, und als
so das Haus wohl bestellt war, setzten sich die beiden ersten
Wachhabenden, Holm und Hans, mit geladenen Kugelbchsen unter den
Eingang, whrend die brigen schliefen.

Das ungewisse Licht des Mondes fiel zuweilen in die Schluchten hinein,
zuweilen versteckte es sich unter Wolken und lie alles in um so
schwrzerer Dunkelheit zurck; die Baumkronen flsterten und rauschten,
reife Frchte fielen von den Zweigen, und mehr als eine Tiergattung
zeigte sich den Blicken. Affen plnderten die Fruchtbume, namentlich
die Tamarinden; Schuppentiere mit ihrem sonderbaren lnglichen und von
dreieckigen Panzerplatten bedeckten Krper verfolgten emsig die Ameisen
und Termiten in den unteren Schichten des bewaldeten Berges; kecke,
gefrige Wanderratten gingen dem Geruche der frisch geschlachteten
Tiere nach, und nicht selten erschien sogar zhnefletschend ein grauer
Affe oben auf dem Berge.

Die beiden jungen Leute plauderten halblaut. Hans war es im Stillen
zufrieden, da die Weltreise jetzt zur Hlfte hinter ihm lag, er sehnte
sich nach geordneten brgerlichen Zustnden und sprach mit dem Freunde
ber dessen eigene fernere Plne, als strker und strker werdend, aus
dem Thale ein Gerusch herauftnte. Es klang wie der Schritt vieler
kletternder, scharrender Fe, ja sogar Laute, die dem lechzenden Atem
eines jagenden Hundes glichen, durchdrangen erkennbar die nchtliche
Stille. Holm und Hans sprangen auf, ihre Gewehre lagen im selben
Augenblick schugerecht, sie riefen mit lauter Stimme die anderen.

Vielleicht hatten diese berhaupt nicht so ganz sicher geschlafen; in
wenigen Augenblicken standen alle kampfbereit den Genossen zur Seite. Wo
aber war nun der Feind? -- Weit und breit zeigte sich kein lebendes
Geschpf.

Holm legte den Finger auf die Lippen. Still! von da unten her kam es.
Ich bin meiner Sache ganz sicher.

Auch Hans besttigte, da lebende Wesen im Anzuge sein mten; alle
Glieder der kleinen Gesellschaft horchten daher gleich gespannt,
beobachteten mit gleicher Aufmerksamkeit den breiten Pa, durch welchen
heraufkommen mute, was sich ihnen in ihrer Felsenburg als Besucher
nahen wollte. Eine Viertelstunde verging in dieser Weise ohne irgend ein
Ergebnis zu bringen; schon wurde flsternd beraten, ob es nicht das
Klgste sei, einige Schsse abzufeuern und so die Tiere, welcher Art sie
wren, zur Flucht zu veranlassen, als ganz pltzlich in dicht gedrngten
Haufen die Angreifer auf dem Kampfplatz erschienen. Wilde Hunde,
vielleicht zwanzig bis dreiig an der Zahl strmten den Berg hinan; die
roten, lechzenden Zungen hingen aus den Mulern hervor, die Augen
funkelten bsartig unter den langen, struppigen Haaren; die Gestalten
waren durchweg mager und von Mittelgre; die Erscheinung sowohl dem
Fuchs als dem Wolfe hnlich und das Fell von schmutzig rtlicher,
schwarzgesprenkelter Frbung. Die Meute, sonst vor dem Menschen
flchtend, war von dem Geruch der oben aufgespeicherten Tiere angelockt
worden und wlzte sich jetzt gleich einer Lawine durch den Gebirgspa
heran, dabei von den Mnnern durchaus keine Notiz nehmend, sondern unter
einander kmpfend und beiend um das frische Fleisch. Alle diese dunkeln
Gestalten waren zum Knuel geballt; ein Bellen und Schreien, ein Toben
und Strzen, das wahrhaft betubend wirkte, lhmte jeden Entschlu.
Menschen und Tiere rangen um den engen Raum des Felsens, Menschen und
Tiere vermischten ihre Stimmen zum unentwirrbaren, dmonischen Lrm.

Wieder war es Franz, den die ungestme Leidenschaft hinri, einen argen
Fehlgriff zu begehen. Er legte an und scho ohne zu zielen in den Haufen
der wilden Hunde hinein. Jetzt kam, was kommen mute! Wtend gemacht
durch den pltzlichen Angriff, wandten sich die Tiere den Jgern zu, und
es entspann sich ein Kampf, bei dem die Mnner schieend und schlagend,
ja sogar mit ihren groen Messern stechend bis an die Felswand
zurckwichen und nur unter Aufbietung aller Krfte das Leben retteten.
Whrend die Hunde niemals ihrerseits angegriffen htten, wurden sie
durch den ersten Schu in Wut versetzt und kannten nun keine Scheu mehr.
Rechts und links fllten ihre Leichen, ihre zuckenden, schwer
verwundeten Krper den Weg, aber auch smtliche Mnner bluteten. Der
Doktor hatte eine Wunde im Oberarm, Franz war gefallen und in die
Schulter gebissen, Holms Stiefel klaffte weit aus einander, whrend der
Fu blutete, und Hans seinerseits hatte genug zu thun, um mit der arg
zerfetzten Rechten berhaupt noch Notwehr zu leisten. Nur der Malagasche
war gut davon gekommen. Auf einen Felsblock springend und von dort
schieend, kmpfte er tapfer mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, der
Instinkt des Wilden leitete ihn an, vorerst fr seine Person Deckung zu
suchen.

Als etwa eine Viertelstunde erbitterten Kampfes verflossen war, als Blut
von allen Seiten ber das Gestein herabtroff, wichen die letzten noch
berlebenden Hunde, von Schssen und Kolbenschlgen verfolgt, verwundet
und heulend, kaum ein Viertel jener stattlichen Anzahl, die den Berg mit
eiligen Sprngen erstrmt hatte; jetzt erst konnten die Weien im
Schutze der berhngenden Wnde ihre Kerzen entznden und den erlittenen
Schaden feststellen. Eine wahre Wstenei breitete sich vor ihnen aus.
Tierleichen, Stcke zerfetzter Krper, geronnenes und flieendes Blut,
Bschel Haare, alles stapelte ber- und neben einander, alles zusammen
bot einen trostlosen und grauenhaften Anblick, dessen Beseitigung jetzt
die erste Sorge sein mute.

Nachdem die Wunden einen notdrftigen Verband erhalten, ging man ans
Werk. Gewehre und Decken, kurz alles Gepck wurde in eine der inneren
Hhlen geschafft, und dann befahl Holm, aus einzelnen Felsblcken vor
dem Eingang derselben eine Art Barrikade mit Schiescharten
herzustellen. Der entsetzliche Blutgeruch bringt uns ohne allen Zweifel
auch von den Tigern und Wildkatzen noch einen Besuch, seufzte er. Also
rasch! wir mssen den Zugang verrammeln, ehe der Feind eindringt.

Sollen wir denn bis zum hellen Tage da drinnen gefangen sitzen, Karl?

Httest du nicht so voreilig geschossen, dann wre es berflssig, mein
Bester! war die etwas scharfe Entgegnung.

Franz wechselte die Farbe. Er hatte lngst seinen Irrtum erkannt und
beeilte sich daher jetzt so viel als mglich wieder gut zu machen. Den
Schmerz in der Schulter verbeiend, half er eifrig die zerstreut
umherliegenden Blcke auf einander zu schichten, und so eine breite
Mauer herzustellen, die, nach auen hin etwas geneigt, jeden, der etwa
an ihrem Bau rtteln wrde, sogleich unter schweren, strzenden Massen
zerschmettern mute. Nur ein kleines Schlupfloch lieen die emsig
Schaffenden offen, einen schmalen Gang, durch den sich einer nach dem
anderen hineindrngen konnte, und dann begannen sie die Tierleichen in
den Abgrund zu strzen. Der Besen fegte Strme von Blut in das Wasser
hinab, whrend Kochkessel und Bratpfanne unaufhaltsam frische,
reinigende Fluten schpften und nachsplten. Es galt ja den
gefhrlichen, verderbenbringenden Blutgeruch schnellstens zu entfernen.

Schlafen knnen wir in dieser Nacht nicht mehr, erklrte Holm. Kommt
mir nach, wenn drauen das Hauptschlichste geschehen ist, und dann
mssen zwei von uns den Eingang, die brigen die Schiescharten mit
geladenem Gewehr bewachen.

Fr so unvermeidlich hltst du den Angriff, Karl?

Ich frchte, ja. Der Wind trgt die Ausdnstungen des geronnenen Blutes
hinab in das Thal, wo ohne Zweifel eine Menge Raubkatzen leben. Auch die
Hunde waren ja schon dadurch heraufgelockt, wie ich berzeugt bin.

Man widersprach ihm nicht; vielleicht trieb auch der Gedanke an einen
Kampf mit Knigstigern zur grtmglichen Beschleunigung des
angefangenen Werkes; _diese_ Zhne richteten doch ganz andere
Verwstungen an, als die der wilden Hunde.

Nach wenigen Minuten fanden sich alle in dem engen Raume versammelt.
Jetzt stand der Vollmond ber dem Gebirge, alles in blulichem und
silbernem Glanze badend, jede Schlucht erhellend: die Nacht war still,
als sei die ganze Schpfung nur ein einziger, groer Tempel; fliegende
Frsche glitten durch die Luft, und fernher zwischen den Bumen
glitzerte im Thale wie ein Irrlicht das Moro Api.

Da schlichen zwei Gestalten den Berg herauf, kurze Schatten werfend,
vorsichtig mit gespitzten Ohren und sphenden Blicken. Voran die
grere, das Mnnchen mit dem braungelben, gestreiften Fell und dem
abstehenden Bartkranz um das kluge Gesicht, leicht erhoben die
Vordertatze und zurckgelegt ber den Rcken den glatten Schweif, -- es
sog die Luft ein, witterte, es duckte sich wie zum Sprunge -- da hinter
den Steinen atmeten Menschen!

Ihm nach schlich das Weibchen. Weniger derb gebaut, ohne Bart und minder
krftig gezeichnet, war es doch nicht minder blutdrstig, glhten
auch seine Augen wie Kohlen im gelben, falschen Glanze des
Katzengeschlechtes. Ein leises Brummen, ein Lechzen der Zunge verrieten
die Kampflust, welche beide beseelte.

Aufgepat! raunte Holm. Doktor, Sie nehmen mit Hans zugleich das
Weibchen aufs Korn -- wir drei das Mnnchen. -- Feuer!

Die Schsse krachten, Pulverdampf drohte die Eingesperrten zu ersticken,
ein wildes Heulen durchdrang die Luft, und auen wlzte sich das
Weibchen des Tigers sterbend im letzten Kampfe; auch das Mnnchen war
getroffen, von allen drei Kugeln sogar, aber trotzdem nicht tdlich.
Eine Wendung, die es im entscheidenden Augenblick gemacht, hatte das
Ziel verrckt und die Schsse, anstatt in Kopf und Brust, vielmehr nur
in die Beine und den oberen Teil des Rckens eindringen lassen.

Jetzt erst war die Gefahr nahe. Whrend drinnen in fieberhafter Eile die
Bchsen wieder neu geladen wurden, sprang der gereizte Tiger auer sich
vor Schmerz und Wut gegen die aufgeschichteten Steine, mit seinen
gewaltigen Pranken die Blcke niederreiend, so nahe, so furchtbar nahe,
da die Eingesperrten seinen heien Atem auf ihren Stirnen fhlten. Zwei
Kugeln trafen in seine Brust; immer noch lebte er, und immer mehr Blcke
ri er herab, rasend, schumend vor Wut. -- --

Noch Sekunden und er war drinnen. --

Da geschah, was Holm bei Anlage der Mauer berechnet hatte, sie strzte
und begrub unter ihren hundertpfndigen Blcken den schlanken Leib des
Tigers. Wenige Minuten hatten hingereicht, um die beiden gefhrlichen
Raubtiere zu tten.

Welche Nacht! seufzte der Doktor. Die rgste von allen -- unser Leben
hing am seidenen Faden!

Und ist trotzdem immer noch nicht auer Gefahr, ergnzte Holm. Wer
wei, ob diese beiden Bestien die einzigen hier in der Nhe waren.

O und die furchtbare Luft. -- --

Franz drngte sich hinaus ins Freie. Er und der Malagasche zogen den
Tiger unter dem Steinhaufen hervor und schleppten beide Leichen etwas
weiter den Berg hinab; dann wurde die Mauer wieder hergestellt, und
wachend in unbehaglichster Stimmung der Tag erwartet. Aber es erfolgte
kein weiterer Angriff, nur vereinzelte wilde Katzen erschienen und
suchten sich noch irgend welcher berreste zu bemchtigen: diese lie
man, aller Jagdlust bar, unbehelligt laufen. Mdigkeit, Hunger und
Erschpfung waren zu gro, um irgend einer anderen Empfindung Raum zu
gestatten.

Der helle Tag bot einen trostlosen Anblick. Zerstampft und zertreten die
Vorrte fr das Frhstck, kein Ei und keine Nu, kein Bissen Fleisch
mehr vorhanden, dazu wieder ein neues Gewitter am Himmel, neuer, stetig
fallender Regen, dessen feine Tropfen alles durchnten. Es fand sich
auch kein geniebarer Gegenstand, selbst die groen Kokosnsse waren
ber den Abgrund und ins Bodenlose gerollt.

Auf! Auf! drngte der Doktor. Unertrglicher als hier kann es
nirgends sein.

Aber sollen wir ohne Fhrer im dichten Walde umkommen? sollen wir ohne
hinlngliche Bedeckung den Kampf mit Tigern, Bffeln und Rhinozerossen
aufnehmen?

Besser, als hier bleiben. Dieser Ort ist mir frchterlich. Wir knnen
doch immerhin hoffen, ein Dorf anzutreffen -- schon unsrer Wunden wegen
mssen wir Ruhe haben.

Holm besah seine Stiefel. Wie weit werde ich damit marschieren knnen?
fragte er halb seufzend, halb lachend.

Es schwieg wieder alles: selbst der Mut, Beeren und Eier zu suchen,
fehlte jetzt; die Trostlosigkeit des vorigen Abends war zurckgekehrt
und lastete mit doppelter Strke auf den Seelen der Vereinsamten. Und
doch wuten sie ja alle, da es so nicht lange bleiben knne.

Lat uns fortgehen! riet nach drckender Pause abermals der Doktor.
Ich halte es hier nicht mehr aus, -- mich deucht, die Leichen verderben
bereits die Luft.

Das thut das Blut zwischen den Abhngen und Steingerllen. Aber brechen
wir in Gottes Namen auf, -- was verloren geht, ist nur ein Dach und der
Gedanke, da gerade hierher die gelben Schurken ihre Genossen
ausschicken mten.

Die laufen uns schon nach, trstete Holm, immer mit bedenklichem
Gesichte seine klaffenden Stiefel von einer und der anderen Seite
besehend. Htte ich doch nur wenigstens einen tchtigen Bindfaden!

Rua-Roa wute zu helfen. Er kannte eine Pflanzenart, die auch in
Madagaskar heimisch war und deren Ranken als Seile dienen konnten. So
wurde denn der Stiefel zusammengebunden und die Reise wieder angetreten;
Holm ging behutsam, das linke Bein wie ein Lahmer nach sich ziehend, aus
Furcht endlich gar barfu die Wildnis durchlaufen zu mssen; berhaupt
kam man nur uerst langsam vorwrts, da unterwegs jede Beere, jede
Frucht hastig gepflckt und gegessen wurde. Der Pfad ber das
Steingerlle ermdete unsglich; weder Holms unversieglicher Humor, noch
des Doktors Ermahnungen konnten die spitzen Kiesel glatter oder die
schrgen Ebenen weniger unbequem machen; man wanderte, beladen mit dem
schweren Gepck, in rieselndem Regen und unter den Mhen des Weges
frba wie arme Verbannte, die der Heimat den Rcken kehren und noch
nicht wissen, an welchem Punkte der Erde es ihnen vergnnt sein wird,
neue Htten zu bauen.

Da schimmerte durch die Baumzweige zur Linken ein Etwas, das wohl
geeignet war, smtliche Reisende in Erstaunen zu versetzen. Zwei Hrner
ragten empor, und das biedere Haupt eines Jochochsen schaute friedlich,
kauend mit beiden Backen, urgemtlich blickend den Fremdlingen entgegen.
Das war kein wilder Bffelstier, sondern ein Zugochse ohne bsartige
Absichten, ohne Ahnung von der Wucht seines Nackens, ganz wie wir sie
bei uns sehen, Bilder des drflichen Lebens und der Beschaulichkeit,
gemtliche, behbig brummende Haustiere ohne Arg und Falsch. -- --

Hans streckte die Hand aus und sah hinber, wo der Karbau (Name fr den
auf Java allgemein blichen Zugochsen) stand. Menschen! rief er nur,
Menschen!

Das Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag. Wo? -- O Gott, wenn es die
Eingebornen wren! -- Wo sind Menschen?

Aller Blicke suchten die bezeichnete Stelle; man lief in Sprngen
vorwrts, man verga alle ausgestandenen und noch gegenwrtigen Leiden,
nur einem Gedanken folgend, nur eins im Auge, -- Menschen! Menschen! --
Vier Ochsen weideten auf dem Gras unter den Bumen des Waldrandes, neben
ihnen standen zwei plumpe, wie kleine Huser aussehende Holzkarren, und
gemchlich am Boden lagerten ein paar Gelbgesichter, die sich bei einer
Mahlzeit aus Fleisch, trocknen Fischen und gersteten Kartoffeln gtlich
thaten. Das Zeltdach aus Bffelhuten mute schon whrend der letzten
Nacht an dieser Stelle befestigt gewesen sein, denn der Boden darunter
war vollkommen trocken und sogar eine Feuersttte erkennbar. Indes die
Weien einige tausend Schritt weiter oben mit dem Tode und allen seinen
Schrecken rangen, hatten hier die Helfershelfer derer, welche sie in so
frchterliche Lage gebracht, ganz ruhig und ohne Gewissensbisse
abgewartet, was sich in ihrer unmittelbaren Nhe vollzog, hatten keine
Hand erhoben, um von den arg Bedrohten das Verderben abzuwenden. Ihre
harmlosen Blicke schienen sehr erstaunt, so pltzlich mitten in der
Wildnis weie Reisende anzutreffen.

Nun migt euch, Kinder, ermahnte in deutscher Sprache der Doktor.
Lat nicht erkennen, da wir die erbrmliche Verrterei vollkommen
durchschauen. Die hollndische Regierung fhrt hier ein sehr strenges
Regiment, wahrscheinlich haben also jene Schurken ihren Genossen
eingeschrft, uns nie wieder nach Surabaja zurckkehren zu lassen,
sobald wir Miene machen, die Sache den Behrden anzuzeigen.

Das leuchtete den jungen Leuten vollkommen ein, und die Verhandlungen
mit den Eingebornen wurden in ruhigster Form erffnet. Man hatte sich
verirrt, war von den Fhrern getrennt worden und wollte gern gut
bezahlen, wenn es mglich wre, in Begleitung der Mnner nach Surabaja
zurckzureisen.

Die Malaien schttelten die Kpfe. Eigentlich wollten sie einen ganz
anderen Weg gehen, hatten eine Ladung Kartoffeln nach einem entfernten
Orte zu bringen und besaen ja auch fr die Herrschaften keine Pferde;
kurz, sie glaubten doch nicht, da sich die Sache machen lasse; dann
aber, nachdem Geld ber Geld geboten, schwanden wie Nebel vor der Sonne
alle diese Bedenken; ja, es fand sich sogar in der Entfernung von
hchstens einer halben Tagereise ein Dorf, wo auch Pferde zu bekommen
waren, und so wurde denn der Handel abgeschlossen, obgleich Holm lebhaft
bedauerte, die gelben Spitzbuben nicht lieber mit einem tchtigen Bambus
als mit blanker Mnze bezahlen zu drfen. Wie schlau war das alles
eingeleitet, wie passend der Platz gewhlt, und wie teuflisch die
Hilflosigkeit der Weien gerade hier auf dem zerklfteten, steinigen und
unebenen Boden voraus berechnet!

Whrend dieser diplomatischen Verhandlung, hinter der schlecht verborgen
die Kampflust auf beiden Seiten lauerte, hatten sich die Knaben den
Inhalt der plumpen Karren besehen. Wahrhaftig, Kartoffeln! -- Hurra!
rief Franz, das ist ein Fund. Kartoffeln haben wir seit England nicht
mehr gegessen, -- Karl! Herr Doktor! wir mssen sogleich welche kochen.
Freue dich doch, Hans, es gibt Pellkartoffeln!

Mit gebratenen Zwiebeln! ergnzte dieser, als er aus einem Korbe ein
tchtiges Stck Wildschweinsspeck hervorzog. Karl, la uns das den
Halunken abkaufen!

Auch dieser Handel kam zu stande, und bald prasselte unter dem
schtzenden Felldach, whrend ringsumher alles vom Regen troff, ein
neues belebendes Feuer; Zwiebeln wurden ausgegraben, Wasser geschpft,
Speck zerschnitten und Kartoffeln aufgesetzt; die Knaben beobachteten
jede Blase im Kessel, und als endlich die Probe mit dem Taschenmesser
das Gericht als gar kennzeichnete, da war des Jubels kein Ende.
Pellkartoffeln mit Zwiebeln! Deutsches Nationalgericht bescheidenster
Ansprche, wie kamst du zu nie geahnten Ehren im Urwalde von Java! -- --

Es ist doch ein eigen rhrender Klang, der aus ferner Heimat zu uns
herberdringt; es ist, als wrden tausend liebe Bilder wach bei seinem
leisen Gren! -- Als der Duft der Kartoffeln emporwallte, als die
beiden Knaben die erste Frucht trotz ihrer Glhhitze zwischen den
Fingern aufbrachen, da schimmerte es seltsam glnzend in den hellen,
frohblickenden Augen. Franz lie sich keine Zeit, die Zwiebelsauce
hinzuzuthun. Hamburg, sagte er leise, mit dem Kopf nickend, whrend
die Kartoffel zwischen seinen Zhnen verschwand, auf dein Wohlergehn!

Die brigen stimmten in diesen Glckwunsch lebhaft ein. Es wurden bei
der Mahlzeit erstaunliche Quantitten bewltigt, auch das Fleisch
schwand zusehends, und die Flaschen der Malaien muten ihren schlechten
Branntwein bis auf den letzten Tropfen hergeben. Einer der Mnner
unterzog den schwerverwundeten Stiefel mittels Bast und Schnren seiner
rztlichen Behandlung. Dann wurden noch die Tiger oben am Gebirgsabhang
ihrer Felle entkleidet und endlich auf Waldwegen, die weit besser zu
passieren waren, das besprochene Dorf aufgesucht. Nachdem kurze Rast
gehalten, ging es auf den kleinen, munteren Pferden, aller Sorgen und
Befrchtungen ledig, wieder vorwrts; die Wunden hatten zweckmigen
Verband bekommen; es waren Vorrte eingekauft und die nassen Kleider
getrocknet; ja sogar verabredet worden, da man erst bis an die
jenseitige Grenze der Zivilisation vordringen wolle, ehe der Rckweg
eingeschlagen ward; der grne Wald umgab also wieder dicht und lauschig
von allen Seiten die kleine Schar; man ritt einem Gebirgszuge entgegen,
dessen hchste Spitze, ein noch thtiger Vulkan, wenigstens von fern in
Augenschein genommen werden sollte.

Zwei Tage und Nchte verbrachten die Reisenden auf dieser angenehmen und
vom schnsten Wetter begnstigten Tour, obwohl in jeder Nacht die Weien
abwechselnd mit geladenen Gewehren ihre Fhrer bewachten. Dann, am
Mittag des dritten Tages, nherte sich der kleine Zug dem feuerspeienden
Berge, dessen Gebiet weder Wald noch sonstigen Baumwuchs zeigte.

Als noch der eigentliche Berg in blulichem Duft wie ein ferner Riese
dalag, bestand schon auf eine halbe Meile im Umkreis der Boden aus Lava
und Schlacken, Gerll und jenen groen, eckigen Steinblcken, welche die
thtigen Krater auf Java bei ihren bedeutenderen Ausbrchen
emporzuschleudern pflegen. Die Landschaft zeigte fahle, aschgraue und
gelbliche Totenfarbe, kein Tier belebte den Weg, kein Vogel sang und
kein Blatt sprote hervor aus dem heien verdorrten Boden. Jene
berchtigten Zacken und Rinnen, mit denen feuerspeiende Berge meistens
umgeben sind, erschwerten das Klettern, tiefe Klfte muten von den
Pferden bersprungen werden, leichter Schwefeldampf in der Luft
beklemmte die Brust; zuweilen glitten die Tiere auf spiegelglatter Lava
wie auf einer Eisflche dahin, und dann wieder rollten sie mit
brckelndem Gestein pltzlich eine tchtige Strecke rckwrts.

Die Fhrer ritten nicht; Ochsen und Karren hatten sie natrlich am Fue
des Berges zurckgelassen, ebenso ihre eigenen Tiere. Sie zogen die
Pferde der Weien unter steten Zurufen am Zgel nach sich und whlten
sorgsam die wenigst gefhrlichen Stellen; ebenso sammelten sie auch
bereitwillig jeden Stein und jede Schlacke, die ihnen bezeichnet wurde.

Der Berg war, obgleich kein eigentlicher Ausbruch stattfand, doch sehr
unruhig; unsere Freunde sollten das erwartete Schauspiel so schn als
nur mglich genieen. Als zwischen Lavageschieben, Schlacken und
Blcken, zwischen zahllosen einzeln stehenden Kegeln und ber weite,
tote Aschenfelder der Krater bis auf vielleicht fnfhundert Schritt
Entfernung erreicht war, machten die Fhrer Halt. Von diesem Punkt aus
lie sich das Ganze am besten berblicken; noch nher heranzukommen wre
gefhrlich gewesen; denn zuweilen werden selbst an den ruhigsten Tagen
grere Steine aus dem Innern hervorgeschleudert und zur Seite geworfen;
ebenso nimmt auch der Schwefeldunst derartig zu, da ihn die
Atmungsorgane nicht mehr ertragen knnen.

Eine hohe Rauchsule, im Purpurscheine glhend, stieg aus dem Krater
auf, wallende, wirbelnde Massen vereinigten sich hoch in blauer Luft zu
einer Wolke, aus deren mit Elektrizitt angeflltem Schoe ohne Unterla
nach allen Seiten zuckende Blitze niederfuhren. Steine von Faustgre
wurden ununterbrochen mit den Rauchmassen herausgeworfen und fielen dann
polternd mit rollendem Getse in die unheimliche Tiefe zurck. Den
Hhepunkt seiner Schnheit erreichte aber das Naturschauspiel, als
pltzlich eine hohe, mit rasender Schnelligkeit aufschieende Sule
sprudelnden, kochenden Wassers in die Luft aufstieg. Wie ein glhender
Regen verbreitete sich zischend und stubend die Flut nach allen Seiten,
Staubwolken aufwirbelnd, mit einem durchdringenden Geruch von
schwefeliger Sure. Eine Wassersule nach der anderen drang hervor,
vermischt mit Rauch und Steinen, es rollte und donnerte im Inneren des
Berges, die Luft wurde von Viertelstunde zu Viertelstunde
unertrglicher.

Jetzt wollen wir auch einen schlammspeienden Berg besehen, rieten die
Fhrer. Zwar ist derselbe nicht so schn und auch nur niedrig, aber
doch ebenfalls eine Naturseltenheit. Sollen die Pferde umkehren?

Nachdem das erhabene Schauspiel hinlnglich bewundert, wurde diesem
Vorschlag Folge gegeben und der sonderbare, hchstens hundert Meter hohe
Schlammkegel aufgesucht. Diese Berge verschwinden whrend der Regenzeit
gnzlich, erklrten die Fhrer, sie werden dann zu Morsten, aus denen
Gasblasen immerfort wirbelnd aufsteigen, die sich aber bei dem Eintreten
der Hitze allmhlich verdichten, austrocknen und nun so lange
_Thonklumpen_ aufwerfen, bis sich der Berg gebildet hat. Es ist ein
solcher ganz in der Nhe.

Der mhselige Weg wurde also zurckgelegt und jener einem groen
Maulwurfshaufen gleichende, hliche Berg mit seiner schwarzgelben Farbe
aus der Nhe besehen. Ringsumher bildete der Boden eine Schlammkruste,
whrend aus dem regelrecht geformten Krater eine dichte Rauchwolke
aufstieg und leise Schlammwellen von Zeit zu Zeit ber den Rand
herabflossen. Hier herrschte anstatt des Schwefelgeruches eine ebenso
scharfe, wenngleich minder unangenehme Ausdnstung, von dem in Tropfen
fortwhrend aus dem Erdinnern hervorquellenden Naphtha herrhrend. Auch
in der Umgebung dieses Kegels, deren die bekannte Welt nur sehr wenige
aufzuweisen hat, wuchs nichts und lebte nichts.

Die kleine Gesellschaft atmete auf, als nach ein paar Stunden die
Wstenei von Steinen und Gerll hinter ihnen lag und die Vegetation
wieder den frheren ppigen Charakter annahm. Sie machten nun grere
Tagereisen und lieen sich's hauptschlich angelegen sein, Pflanzen und
Insekten zu sammeln, besonders die schnen groen Schmetterlingsarten,
an denen alle Sundainseln so reich sind. Einige Exemplare des fliegenden
Frosches kamen fr das Museum hinzu, ebenso kleinere Fledermuse und
Eidechsen; ein Kalong wurde gekauft, ein Schuppentier sowie mehrere
Marderarten und Eichhrnchen erlegt und einige Wildkatzen abgebalgt.
Holm sammelte Orchideen, das Alanggras, Vogeleier jeder Sorte und die
ganze Unzahl von Kfern, Spinnen und Gewrm, die im Walde dem Reisenden
auf jedem Schritt begegnen. Unterwegs wurde auch beraten, wohin zunchst
die Hammonia ihre wissensdurstigen Passagiere bringen solle. Man kam
berein, Sumatra, an dem man berdies schon vorber gefahren war, nicht
zu besuchen, und zwar weil hier das Pflanzen- und Tierleben bis auf
einige wenige Abweichungen dem von Java vllig gleichsteht. Sumatra hat
Rhinozerosse mit zwei Hrnern, einen etwas anders aussehenden Elefanten
und einige andere Affenarten, ebenso eine besondere Baumwolle, einige
auf Java nicht gefundene Holzarten und so weiter; aber der Unterschied
ist nicht erheblich genug, um eine Reise durch das Innere zu
rechtfertigen.

Es wurde also beschlossen, direkt nach Borneo zu gehen, vorher aber in
Surabaja womglich mit den Eingebornen zu Nutz und Frommen anderer
Reisenden noch eine kleine Abrechnung zu halten. Glaubten sie, arglose,
freigebige Menschen berlistet zu haben, so sollten sie dafr diesmal
selbst die berlisteten sein. Weder Holm noch der Doktor lieen irgend
einen Plan durchblicken, sobald aber Surabaja erreicht war, und die
Fhrer schon vor den ersten Husern der Stadt Bezahlung verlangten, da
nderte sich die Sache. Holm und Franz nahmen die Hilfe der Behrden in
Anspruch und erzwangen von den Malaien ein umfassendes Gestndnis ihrer
Verrterei. Erst versuchten sie keck zu leugnen, sobald aber der Stock
im Hintergrunde des Verfahrens auftauchte, legten sie Hnde und Fe
zusammen und bekannten alles. Nachdem sie die Mitschuldigen an dem
Schurkenstreiche genannt, wurde jedem einzelnen eine kleine
Gefngnisstrafe zuerkannt und kein Pfennig ber die erstbedungene Summe
hinaus gezahlt. Zwar baten die Knaben in letzterer Beziehung ihre Lehrer
um Nachsicht fr die Spitzbuben, welche sich in der eigenen Falle
gefangen, aber sie trafen bei den beiden auf entschiedenen Widerstand.
Das Unrecht darf nie den Sieg behalten, erklrte der Doktor. Redliche
Menschen drfen nie die Hand bieten, um gegen Betrger eine hchst
unangebrachte Milde zu ben. Die Gefngnisstrafe schtteln diese
halbwilden Menschen sehr leicht ab, der Verlust aber bringt sie zum
Nachdenken und zu der Erkenntnis, da es selbst nicht einmal klug
gehandelt ist, andere zu hintergehen, sondern da aus der Snde
unnachsichtlich die Strafe erwchst.

Bei dieser Gelegenheit fate Hans einen guten Gedanken.

Da die gelben Verrter nun doch einmal in unserer Gewalt sind und von
Rechts wegen fr ihre Schandthaten ben mssen, sagte er, so sehe ich
gar nicht ein, warum wir die schne Gelegenheit nicht benutzen sollen,
einige von den Gelbgesichtern abzugipsen. Im Gefngnis werden sie schon
still liegen.

Du hast recht, erwiderte Holm, und wenn sie ruhig Modell liegen, so
werden wir sehen, ob ihnen fr gutes Verhalten nicht die Zeit ihrer
Freiheitsstrafe verkrzt werden kann.

Hans setzte alles zum Abgipsen Erforderliche in Bereitschaft, wobei
Rua-Roa ihm hilfreiche Hand leistete. -- Es ist nicht sehr angenehm,
den weien Teig auf dem Gesichte zu haben, meinte Rua-Roa, es drckt,
es zieht, es beit, es kratzt und der Strohhalm kitzelt in der Nase,
aber da die Javaner uns schlecht behandelt haben, so bin ich dafr, da
ihnen das Vergngen des Abgipsens nicht vorenthalten bleibe. Zu dieser
Auseinandersetzung schnitt Rua-Roa so bezeichnende Grimassen, welche das
Unangenehme der ganzen Prozedur schilderten, da alle in ein lautes
Gelchter ausbrachen.

Den Gefangenen wurde auseinandergesetzt, worum es sich handelte, und da
sie vernahmen, da sie um so eher aus ihrer Haft entlassen wrden, je
fgsamer sie sich verhielten, so willigten sie mit allerdings ziemlich
sauren Gesichtern ein.

Hans und Rua-Roa machten sich alsbald an die Arbeit. Vier Abgsse
gelangen vortrefflich, der eine Javaner jedoch wurde ungebrdig, als die
Gipsmasse auf seinem Gesichte sich zu verhrten begann. Er suchte
dasselbe mit den Hnden von der Masse frei zu machen, allein er wischte
sich diese in die Haare des Kopfes und in die Ohren, so da es nachher
nicht mglich war, den festgewordenen Gips ganz zu entfernen. Man lie
ihn jedoch mit den anderen laufen, weil man nicht Lust hatte, wegen des
einen Verbrechers viele Umstnde zu machen.

Hoffentlich wird sein Heiligenschein aus Gips von guter Wirkung auf
seine Stammesgenossen sein, meinte Holm lachend, sie werden daran
sehen, da die Weien sich nicht ungestraft beleidigen lassen. Einige
Wochen wird der Bursche wohl mit dem unfreiwilligen Kopfschmucke
umherlaufen und die Erinnerung an seine Vergehen mit sich
umherschleppen.

Die erhaltenen Hohlformen wurden sorgfltig verpackt, um spter in
Hamburg zur Abformung von Abgssen zu dienen. Hans erhielt fr die
gelungene Arbeit von Holm wohlverdiente Anerkennung, von der Rua-Roa als
getreuer Assistent auch einen Teil empfing, worber er nicht wenig stolz
war.

Es war Zeit, da die Hammonia die Anker lichtete. Bald lag Java hinter
unsern Freunden, und munter dampfte das gute Schiff Borneo zu.




                           Zehntes Kapitel.


Natrlich wollte jeder einzelne der Schiffsbesatzung des genauesten ber
die wunderbaren Erlebnisse der Naturforscher im Innern Javas
unterrichtet sein.

Papa Witt lachte, als er von dem verhngnisvollen Abenteuer seiner
Freunde erzhlen hrte. Die Malaien taugen alle nichts, sagte er, man
mu sie prgeln, das ist das beste Mittel. Ihr knnt brigens froh sein,
da euch kein Dolch zwischen die Rippen fuhr, die ganze gelbe Sorte ist
falsch wie Seifenschaum. Wollen wir wirklich nochmals an ihren Ufern
landen?

Noch mehrere Male, Alter; fr heute aber soll einmal wieder die Tiefe
untersucht werden. Wir haben lange nicht mit dem Schleppnetz
gearbeitet.

Gesagt, gethan. Die Fangarme der Maschen senkten sich in das Meer hinab
und brachten eine reiche Ausbeute zurck. Groe Seeaale zappelten in den
hanfenen Ketten, Silber- und bunte Papageienfische, Krebse und die
kleinen, gelbgrnen Schildkrten, namentlich aber Seerosen, von denen
gerade diese Gegend einen auerordentlichen Reichtum zu besitzen schien.
Von ungewhnlicher Gre, meistens ganz gelb und auf langem, starkem
Stamme gewachsen, mit krauser, blumenartiger Krone, waren sie die
hbschesten unter allen bisher gesehenen, whrend sich ihre Verwandten,
die groen, frei schwimmenden Quallen, durch Hlichkeit frmlich
auszeichneten. Beim zweiten Zuge war es fast unmglich, das Netz
heraufzubringen, alle Seile krachten und drohten zu reien, die
Tragkraft schien auf das uerste angespannt.

Vorsichtig! ermahnte Holm, vorsichtig! Es wre doch jammerschade,
wenn uns diese Beute entschlpfen sollte.

Langsam wurde die schwere Last von den Matrosen heraufgewunden, und als
der Inhalt ber dem Wasserspiegel erschien, da zeigte sich eine riesige
Qualle von grauer, schmutzig-weier Farbe, mit langen Fangarmen und
einem scheulichen, bestndig schnappenden Maul, das zwischen den
kranzartig abstehenden Gliedern seinen Platz hatte. Ohne Kopf, ohne
Sinnesorgane, ganz Magen und Fanghaken, war das Geschpf gegen die
Maschen des Netzes geraten und hielt in der Meinung, einen guten Fang
gethan zu haben, krampfhaft saugend fest, bis es an die atmosphrische
Luft gelangte und sogleich anfing langsam zu zerrinnen. Die Glieder
schlugen und tasteten, der ganze, ber zwei Meter lange Krper zog sich
zusammen und dehnte sich wieder aus, dann aber ging die ursprngliche
Festigkeit ber in zhen Schleim, und was nach dem letzten Erlschen des
Lebens dem Meere zurckgegeben wurde, war eine klebrige Masse ohne Form
und Halt.

Diese Geschpfe erreichen die Gre von sechs Metern und wiegen
zuweilen Tausende von Pfunden, sagte Holm, ihre kleinsten Verwandten,
welche den Badegsten der Nord- und Ostsee uerst lstig werden,
bringen es ber den Umfang einer Linse nicht hinaus. Ihre
Verschiedenheit in Form und Farbe ist unbersehbar, alle Arten jedoch,
vom Korallentier bis zu den grten, bestehen lediglich aus zhem
Schleim.

Das Netz wurde an dieser so sehr ergiebigen Stelle zum drittenmale
herabgelassen, und wieder brachte es reiche Beute; auer verschiedenen
Fischen noch mehrere Cephalopoden, die sogleich in Behlter mit Wasser
gesetzt und so aus bequemster Nhe beobachtet wurden. Eins besonders,
das Perlboot, war von berraschender Schnheit. Etwa acht Zoll im
Durchmesser haltend, hatte es ein milchweies, an einigen Stellen
hellbraun gestreiftes, perlmutterartig schillerndes Gehuse von beinahe
halbrunder, gezackter und inwendig eine Schale bildender Form. Das ganze
Tier, wie eine Auster inmitten des Gehuses festgewachsen, bot ein
Farbenspiel, welches lebhaft an das des wechselnden Regenbogens
erinnerte. Bald erglnzten die dehnbaren Zellen des kleinen, beweglichen
Krpers im schnsten Blau, bald violett, purpurn und hochgelb; so oft
die Knaben vorsichtig das Tier berhrten und dadurch die Nerven
desselben reizten, verdoppelte sich die Strke dieses sonderbaren
Spieles; sie konnten jedoch nicht nur ausschlielich das Perlboot
bewundern, auch noch andere und nicht weniger interessante Geschpfe
hatte ja das Netz zu Tage gefrdert. Da war das Nabelboot und das
Papierboot, die schne Seeglocke mit becherartiger, drei Zoll im
Durchmesser haltender, rtlich gestreifter Schale, da waren kugelige
Seeigel und sogar auch als seltener Fang eine groe Feuerscheide, das
sonderbare mit den Quallen verwandte Geschpf, welches, aus einer
ganzen, zahlreichen Familie kleiner Einzelwesen bestehend, doch zusammen
nur _ein_ Leben besitzt. Die wenige Linien groen, form- und farblosen
Tierchen bilden um einen gestielten Mittelpunkt eine Art von Kreuz,
wobei alle Mundffnungen nach auen gekehrt sind. Der walzenfrmige
Stiel ist vom schnsten Hellgelb und bis zu vierzehn Zoll lang bei drei
Zoll Durchmesser.

Das Papierboot verdiente seinen Namen mit Recht, denn seine Schale war
in der That nicht dicker als Schreibpapier.

Wir werden zwei dieser zerbrechlichen Geschpfe, wohl in Watte
eingehllt, in Spiritus setzen, sagte Holm, damit an dem weichen
Krper zoologisch-anatomische Studien gemacht werden knnen, aus den
brigen eingefangenen Exemplaren wollen wir versuchen, den leicht in
Fulnis bergehenden Inhalt zu entfernen.

Wenn wir den eisernen Haken anwenden, dessen wir uns bei den
hartschaligen Schnecken bedienten, warf Franz ein, so drfte es schwer
fallen, die papierdnne Schale unverletzt zu lassen.

Gewalt wre in diesem Falle bel angebracht, besttigte Holm, aber
ihr wit ja -- wo Gewalt nichts vermag, mu die List aushelfen.

List? fragte Hans. Sollte es mglich sein, den Bewohner aus seiner
Schale herauszulocken, wie einen Hund mit einem Knochen aus der
Hundehtte?

Nein, entgegnete Holm lchelnd, hier wrde kein Zureden ntzen. Was
meinst du aber, wenn wir ein Mittel besen, den weichen Krper durch
eine Substanz ganz und gar zu zerstren, so da er sich in Wasser
auflst?

Dann wre uns geholfen, antwortete Franz.

Nun gut, sagte Holm. Unter unseren Vorrten befindet sich ein
chemisches Prparat, das ich zu dem vorliegenden Zwecke mitgenommen
habe, und das sich auch in anderen Fllen ntzlich erweisen wird. Es ist
dies das sogenannte tzkali, eine salzartige, leicht in Wasser lsliche
Substanz, welche die Haut, Weichteile und Fette zersetzt. Mit dem Fett
geht es eine Verbindung ein, deren wir uns sogar tglich bedienen, es
ist die Seife. Wir wollen jetzt in einem eisernen Gef ein apfelgroes
Stck des geschmolzenen tzkali in Wasser auflsen und in der so
erhaltenen Lauge die gefangenen Exemplare des Papiernautilus so lange
ber gelindem Feuer langsam kochen, bis das weiche Tier zersetzt und in
lsliche Seife verwandelt worden ist.

Gesagt, gethan. In kurzer Zeit waren die Schaltiere auf dem Feuer zum
Erstaunen des Koches, der sich auerdem ber den unangenehmen Geruch
beklagte, der sich aus dem eisernen Topfe whrend des Kochens
entwickelte.

Etwa einen halben Tag lang wurde der Topf mit seinem sonderbaren Inhalte
gelinde erwrmt, bis eine herausgenommene Schale erkennen lie, da der
Krper des Tieres von der Kalilauge zerstrt und aufgelst sei. Jetzt
war nur noch ntig, die Schalen mit reinem Wasser gut abzusplen, zu
trocknen und zu verpacken. Damit das papierdnne Gehuse nicht
zerbrechen konnte, wurde seine innere Hhlung, soweit als mglich,
vorsichtig mit Baumwolle vollgestopft.

Franz uerte, als die trefflich erhaltenen, sauberen Schalen in
Sicherheit gebracht waren, ein Naturforscher msse doch eigentlich von
vielen Dingen Kenntnis haben, wenn eine Reise in fremde, wilde Lnder
mit gutem Erfolge gekrnt sein soll. Sogar ohne ein wenig Chemie kann
man nicht auskommen, meinte er.

Holm stimmte ihm bei. Auf keinem Gebiete rcht sich die Einseitigkeit
mehr, als auf dem der Naturforschung, sagte er. Die Geheimnisse der
Natur werden nicht durch einen einzigen Schlssel erschlossen, zu ihren
Wundern fhrt nicht blo _ein_ Weg, sondern mannigfaltig, wie sie selbst
sind, sind auch die Mittel und Wege, sich ihr zu nahen und sie zu
erkennen. Unsere Aufgabe, setzte er hinzu, besteht hauptschlich
darin, den Gelehrten neues und reiches Material fr ihre Beobachtung zu
verschaffen. Es ist dies zwar nur ein Zweig der Naturforschung, aber wie
ihr seht, erfordert er mancherlei Kenntnisse, Handgriffe aller Art, und
selbst die Chemie darf nicht fehlen. Denn das Zersetzen eines tierischen
Krpers mit Kalilauge ist ein chemischer Proze.

Seesterne jeder Gestalt, Wrmer, Krabben und mehrere Fische, sogar ein
ganz kleiner Haifisch bildeten den Rest des ergiebigen Fanges, dessen
Einteilung und Aufbewahrung mehrere Stunden in Anspruch nahm. Alle diese
Schalen sollten vom nchsten Hafen nach Hause geschickt werden, man
mute sie also vorher reinigen und von ihren Insassen vollstndig
befreien; der Hai wurde zum Ausstopfen bestimmt und die Wrmer in
Spiritus gesetzt, kurz, man hatte alle Hnde voll zu thun, als pltzlich
ein lauter Schreckensruf ber das Deck dahinschallte.

Land! Land! -- Wir laufen geradeswegs auf den Strand.

Rua-Roa hatte mit bleichem Gesicht und dem Ausdruck des Entsetzens die
Worte hervorgestoen; jetzt deutete seine erhobene Rechte auf das Meer
hinaus. Seht doch! Seht doch! -- Wir sind unrettbar verloren.

Vom Ausguck her erscholl frhliches Lachen, auch Papa Witt schmunzelte,
und der Kapitn rief aus der Kajtte herauf ein krftiges:
Donnerwetter, Junge, entdeckst du neue Weltteile? -- Dennoch aber
entstand im ersten Augenblick ein Laufen und Fragen, ein Durcheinander,
wie es bei jedem Schreckensschrei sich zu entwickeln pflegt; die kleine
Gesellschaft drngte zum Schiffsrand, smtliche Arbeiten wurden
vergessen, und aller Augen suchten den gefrchteten Strand.

In geringer Entfernung vom Schiff erschien auf den Fluten eine
unbersehbare grne Flche. Schlanke Halme wogten im Wind, nirgends war
von Wasser eine Spur zu bemerken, kleinere Vgel hatten sich in dem
dichten Grn huslich niedergelassen, und sogar liegende Baumstmme,
Zweige mit Laub und Blten trieben an den Kanten. Das Ganze schien
regungslos auf der Oberflche des Meeres zu schwimmen, es sah aus wie
eine ppige Grasflche, so da selbst Holm dem inzwischen an Deck
gekommenen Kapitn fragend und einigermaen erstaunt entgegenblickte.
Was in aller Welt ist das? rief er.

Eine Seewiese! lchelte der Alte, und eine sehr unbedeutende sogar.
Das, was Sie da sehen, ist der sogenannte Seetang, die bekannte grne
Alge, welche massenhaft in allen Meeren vorkommt. Diese Wiese ist in
ihren ersten Anfngen irgendwo vom Grunde losgerissen, weitergetrieben
und anderen treibenden Pflanzen begegnet, das alles hat sich verflochten
und verfilzt, ist gewachsen und zur ansehnlichen Flche geworden, bis
endlich eine frmliche, treibende Insel entstand. Dergleichen findet man
sehr hufig.

Er rief den Decksjungen und befahl ihm, einige groe Stcke Steinkohlen
zu bringen. Sehen Sie her, wie dicht mit der Zeit ein solches Gewebe
wird! fgte er hinzu.

Seine Rechte warf auf das grne Ufer, an dem man hart vorberfuhr, eine
Kohle, die auf der Oberflche liegen blieb. Es sah aus, als gleite das
Schiff dahin am friedlichen, fruchtbaren Gestade, als sei die Reise eine
Fahrt durch den engen, drflichen Flu, dessen Rnder Wiesen und cker
begrenzen. Lnger als eine Viertelstunde whrte diese Tuschung, dann
blieb das Eiland mit seinem saftigen, erquickenden Grn allmhlich
hinter dem Dampfer zurck, und schon vor Mittag war es den Blicken
entschwunden.

Das Diner wurde wie gewhnlich bei schnem Wetter an Deck eingenommen,
der Koch hatte zu den frischgefangenen Krebsen die notwendige Schssel
mit Spargel hergerichtet, dazu gab es von Surabaja her noch Kartoffeln
und Hhner; die Mahlzeit war also ganz danach angethan, ihre Teilnehmer
besonders zu befriedigen und an die Heimat zu erinnern. Seit lnger als
anderthalb Jahren befanden sich die Reisenden unterwegs, aus den
Stadtkindern von zarter Gesichtsfarbe und lang aufgeschossenem Wuchs
waren derbe, sonnenbraune junge Leute geworden; Hans zeigte keine Spuren
frherer Krnklichkeit mehr, sein lterer Bruder behauptete sogar, in
nicht allzu ferner Zeit ein Rasiermesser anschaffen zu mssen, und
selbst Holm hatte sich krftiger entwickelt, wie alle gesunden Menschen,
die viel Seeluft genieen und in weiten Fuwanderungen ihre Muskeln
strken; -- Westafrika, Madagaskar, Mauritius, Ceylon und Java waren
durchforscht, Gefahren aller Art bestanden und Schtze des Wissens
eingesammelt worden; -- um so hufiger aber dachten die Herzen der
Weltumsegler gerade der engen nordischen Heimat; mitten in den
Prachtbildern der sdlichen Zone erschien ihnen oft im Traume das
Antlitz der Vaterstadt, und schner und entzckender als die Tropen mit
aller ihrer Reichtumsflle deuchte den weit Entfernten der Elbstrand, an
dem sich daheim das Elternhaus erhob. --

Schiff in Sicht! rief der Matrose am Ausguck, und wenige Augenblicke
spter fgte Papa Witts Stimme hinzu: Ist ein Hamburger! -- wahrhaftig,
ich glaube sogar, einer von unseren eigenen Dampfern!

Der Kapitn sprang auf und sah durch das Fernrohr. Richtig, es ist der
Julius Csar! rief er, ich erkenne ihn am Bau.

Jetzt kam Bewegung in die jungen Leute. Der Julius Csar war daheim
auf Steinwerder erbaut, sie kannten den Kapitn und durften hoffen, noch
mehr als ein vertrautes Antlitz an Bord zu entdecken. Das beste aber
war, sie wrden ganz neue Nachrichten erhalten, wrden dieses und jenes
erfahren, was zu Hause inzwischen passiert war, und selbst mit denen
sprechen knnen, die das alles angesehen hatten; -- ihre Ungeduld, ihre
sehnliche Erwartung stieg von einem Augenblick zum andern. --

O, Herr Kapitn, wenn nur das Schiff nicht achtlos an uns
vorberfhrt! rief Hans.

Hat keine Not, mein Junge. Sie beobachten uns ebensowohl als wir sie.
Aha, da hrst du es!

Ein Kanonenschu rollte ber das Wasser dahin, ein zweiter und dritter
folgten. Die Hammonia war erkannt, der Kapitn vom Julius Csar
grte den schwimmenden Bau, der die Shne seines Chefs ber das
Weltmeer trug. Noch war die Entfernung fr einen Anruf durch das
Sprachrohr zu gro, aber dafr antwortete vom Deck unseres Dampfers die
Kanone; beide Flaggen wechselten Zeichen, und endlich begann die
Unterhaltung. Der Julius Csar war von einer Hamburger Firma fr
Batavia gechartert und kam von dort, um nach den Schifferinseln zu
gehen, wo er die Rckfracht fr Reeders Rechnung einnehmen sollte, er
fuhr im Augenblick mit Ballast und wrde sich die Ehre geben, der
Hammonia eine Visite abzustatten.

Nah und nher schwammen die beiden Eisenkolosse an einander heran. Was
deutsche Schiffsbaukunst erfunden und deutsche Hnde gefgt, das trug in
seinem sicheren Schoe jetzt am entgegengesetzten Ende der Erdkugel
deutsche Herzen auf unergrndlichem Weltmeer einander entgegen;
Deutschlands Flagge entfaltete rauschend ihr leuchtendes Schwarzweirot;
hben und drben wurden die Hte geschwenkt; jubelnde Zurufe bekundeten
das gegenseitige Erkennen, und dann lagen beigedreht, rastend vom
eilenden Laufe, die beiden Gottfriedschen Schiffe Seite an Seite; von
jedem Bord senkten sich die Boote ins Wasser, und alles was Urlaub
hatte, das machte dem neugewonnenen Nachbar einen Besuch, alles was
Stimme hatte, das grte die Landsleute, das sprach ein Wort des
Willkommens, der Freude.

Vor wenigen Monaten waren ja die Leute vom Julius Csar noch in
Hamburg gewesen; der Kapitn hatte den Papa und die Mama persnlich
gesehen, sie gesund und glcklich verlassen; er berichtete hundert
Einzelheiten von zu Hause und wurde doch unaufhrlich nach allem
Mglichen gefragt, mute ber die geringsten Kleinigkeiten Auskunft
geben und beinahe mehr antworten als er Atem hatte. Die Matrosen auf
beiden Schiffen erhielten einen freien Tag und eine Extraration Rum; die
Handharmonika wurde hervorgeholt, in aller Eile ein bichen fr den
ueren Menschen gethan, und dann entwickelte sich auf dem engen Raum
des Verdeckes ein lustiges Tnzchen, wobei die Leichtmatrosen als Damen
galten, aber trotzdem ihren Anteil an Grog und Kautabak bestens
entgegennahmen. In der Kajtte wurde bei Kaffee und Kognak geplaudert,
whrend die alten heimatlichen Melodieen, die Hamburger Straenklnge
ber das weite Wasser dahinschallten und die derben Stiefel der
Mannschaft den Takt vernehmlich stampften.

Drucks nicht so, drucks nicht so, -- Kommt 'ne Zeit, bist wieder froh!
--

Die Reisegenossen sahen einander an. Wie oft hatten sie es erfahren!

Und leise, leise fielen sie ein in die bekannten Strophen. Es lag doch
in diesem Wiedersehen auf hohem Meere auer der Freude auch ein stiller,
beinahe feierlicher Ernst. So nahe dem Tode, nur durch eine schwache
Wand von der Tiefe getrennt, durch die ganze Erdkugel von der Heimat und
allen Lieben geschieden, an den hchsten Zielen der Menschheit, ihrer
wissenschaftlichen Aufklrung mitarbeitend und selbst das Hchste
genieend, was wenigen Glcklichen beschieden ist, sich frei und
ungehemmt, vom uerlichen Druck der Verhltnisse unberhrt, nach Wunsch
und Bedrfnis einrichten zu knnen, -- wie lagen hier die ernsten,
schwerwiegenden Kontraste des Lebens so nahe bei einander, wie gingen
untrennbar verflochten Hand in Hand die edelsten geistigen Gensse und
die vollkommenste Selbstentuerung tausend und abertausend Beschwerden
gegenber.

Der Abend dmmerte schon, und die Sterne bezeichneten den Kurs, als
endlich an den Aufbruch gedacht wurde. Wie viel Neues hatten nicht die
Wanderer erfahren, mit wie vielem Stolz und Vergngen hatten sie gehrt,
da hinter den Gittern des Zoologischen Gartens und im Museum alle ihre
Sendungen, namentlich der reiche Fang von Mauritius den Landsleuten als
ein Teil der gemachten wissenschaftlichen Ausbeute tglich vorgefhrt
wurde. Die groen seltenen Muscheln waren unbeschdigt, die
ausgestopften Tiere wohlerhalten angelangt, die lebenden erfreuten sich
des besten Gedeihens; Kapitn Hollberg hatte daheim in Hamburg jedes
einzelne gesehen und bewundert; auch das erste Buch von Franzens
Reiseerinnerungen, lauter Bleistiftskizzen aus dem Urwalde, im Zelt oder
auf hoher See gefertigt, war mit dem Postdampfer richtig angekommen,
Mama zeigte es mit Stolz allen Freunden des Hauses, und smtliche
Klassenkameraden ihres Sohnes drngten sich, um darin blttern zu
drfen.

Noch immer anderes, immer mehr gab es zu berichten, und doch mute jetzt
die Trennung erfolgen. Ein herzliches Lebewohl wurde ausgetauscht, ein
Glckauf von Bord zu Bord, die Ziehharmonika ging unvermerkt ber in die
Melodie von Mu ich denn, mu ich denn zum Stdtle hinaus! -- Die
Dampfmaschinen begannen abermals ihre Thtigkeit, nach rechts und links
wandte das Steuer den schlanken Bau, und die Flaggen wehten
Abschiedsgre.

bers Jahr, bers Jahr, wenn ich wied'rum komm! sangen die Matrosen;
von hben und drben drhnten die Kanonen den Ba, und weiter und weiter
dehnte sich zwischen den Schiffen das blaue, bewegliche Element. --
Nichts mehr zu erkennen jetzt, die Abendschatten umhllten mit ihren
Schleiern jegliche Form, nur zuweilen flog ein Seevogel ber das Deck
dahin, und eintnig schlugen, immer drei und drei, die Wellen gegen den
Rumpf; sonst alles still, so still wie nach einem Abschied das Herz
zurckbleibt, -- einsam und heimlich schauernd.

Franz suchte den Malagaschen. Der war eigentlich heute ganz
vernachlssigt worden, man hatte seiner vergessen, als so pltzlich die
Heimat ihre Boten sandte. Rua-Roa sa hinter der Kombse und sah mit
gekreuzten Armen ber das dunkle Meer hinaus; Franz erschrak, als er das
blasse Gesicht seines Freundes heimlich beobachtete; er legte ihm die
Hand auf die Schulter. Woran denkst du, Rua? fragte er halblaut.

Der Malagasche zuckte leicht. Waren das deine Brder, Herr? sagte er
nach einer Pause. Mnner aus deinem Lande?

Franz nickte. Warum hast du dich so ferngehalten, Rua?

Der junge Mensch seufzte. Ich dachte so an manches, Herr; du mut nicht
glauben, da ich mein Vaterland vergessen habe, aber -- -- dahin mchte
ich doch nie wieder.

Warum nicht? Wenn du ein Christ geworden bist und deutscher Unterthan,
dann kann niemand mehr deine persnliche Freiheit beschrnken.

Der Malagasche sah ihn an. Niemand, der Gesetze kennt und Gesetze
achtet, Herr, aber meine Brder sind arme Wilde, sie wrden den
entlaufenen Sklaven den Krokodilen vorwerfen. Ein Sklave hat keine
Heimat!

So hast du sie da, wo ich die meinige besitze, Rua! sagte innig der
Sohn des Millionrs. Du rettetest uns allen das Leben, seit dieser
Stunde bist du mein Bruder.

Und der Malagasche lchelte, obgleich sich in seinen Augen schwere
Thrnen gesammelt hatten. Die Musik und die Wiedersehensfreude der
anderen weckten in seinem Herzen, ihm selbst unbewut, das schlummernde
Heimatsgefhl, er dachte an die Bambushtten und die bunten Wolldecken,
an das feierliche Krokodilgericht und Lani-Lameh den Zauberer, der einst
seine ersten Begriffe gelenkt, der ihm gesagt, da die Welt eine runde
Scheibe sei, schwimmend im Urmeer, und Madagaskar darin die Mitte; da
sich in das Gebiet der bsen Gewalten hinauswage, wer ein Schiff
besteigt und die Ufer der Erde verlt, ja und da irgendwo tief
verborgen Zannaar der Weltgeist in einer Hhle wohne, in unsichtbaren
Rumen, nie erspht von Menschenaugen, nie zu finden, so lange auch
Sterbliche suchen mgen. -- --

Jetzt kannte er die Irrtmer aller dieser Anschauungen, jetzt wute er,
da Lani-Lameh ein schlauer Spitzbube sei und die Hovas arme Wilde, aber
doch hatte es ihm heute so eigen weh ans Herz gegriffen, und er dachte
heimlich: Ich mchte ein groer Vogel sein und einmal ber die stillen
Dorfhtten dahinfliegen, -- nur einmal! --

Du bist mein Bruder! wiederholte Franz, mein lieber, guter Bruder.

Der Malagasche nickte, aber auf die weie Hand, welche ihn liebkoste,
fielen warme Thrnen.

                   *       *       *       *       *

Das Zusammentreffen mit den Landsleuten hatte in den Gemtern der jungen
Reisenden ein Gefhl zurckgelassen, das fast dem Heimweh glich. Der
Doktor suchte die Trauer der Knaben durch milde Worte zu verscheuchen,
allein es gelang ihm nur halb. Holm dagegen meinte: Doktor, das beste
Mittel gegen Betrbnis ist und bleibt die Arbeit, vergessen wir nicht,
zu welchem Zwecke wir die Reise unternommen haben. Auf, ihr jungen
Argonauten, rief er, verlangt uns auch nicht nach dem goldenen Vliee,
so steht unser Sinn doch nach den Schtzen des Meeres, die es in seinem
weiten Schoe birgt. Lat uns sehen, was das Schleppnetz an das Licht
der Sonne frdert. Nutzen wir Zeit und Gelegenheit. Ein engmaschiges,
lang dahingestrecktes Netz, dessen Vorderseite mit einem schweren,
eisernen Rahmen versehen war, wurde am Spiegel des Schiffes
hinabgelassen und folgte auf dem Grunde des Meeres nachschleifend der
Hammonia.

Nach zwei Stunden rascher Fahrt wurde es in die Hhe gewunden, und von
diesem Augenblicke an wich die trbe Stimmung der gewohnten Lust zum
Sammeln, Beobachten und Prparieren, und auch die alte Frhlichkeit
stellte sich wieder ein.

Das Schleppnetz hatte reiche Beute nach oben gebracht. Holm entdeckte
beim Sortieren eine kleine Krebsart, die, kaum einen halben Zentimeter
lang, sich durch besondere Zierlichkeit auszeichnete; es war dies der
Leuchtkrebs, der zu den vielen Meergeschpfen gehrt, die durch ihren
phosphorischen Glanz das Meeresleuchten hervorbringen. Auerdem war ein
groer Molukkenkrebs ins Netz gegangen, der, einen halben Meter lang,
einer Kasserolle mit langem Stiel glich. Die Wilden bedienen sich der
harten, scharfen Schwanzstacheln als Lanzenspitzen. Da diese Krebsart in
den Aquarien nicht selten ist, beschlo Holm dies Exemplar nicht
mitzunehmen. Es wurde daher der Tiefe wieder bergeben. Von Schnecken
fand sich die seltene Birnenschnecke vor, ber deren inneren Bau noch
mancherlei verschiedene Ansichten herrschen und die daher sogleich in
Spiritus wanderte, um fr das Seziermesser aufbewahrt zu werden. Die
Eischnecke war ebenfalls unter der Beute. Holm erklrte, da dieselbe
frher bei den Einwohnern von Korea in hohen Ehren gestanden habe, denn
nur die Vorfechter im Kampfe und diejenigen Krieger, welche einige Kpfe
von erschlagenen Feinden aufweisen konnten, durften das Gehuse um den
Hals oder im Haarschopf tragen.

Also eine Art von Orden fr Tapferkeit, meinte Hans. Holm lchelte und
sagte: Nicht ganz bel gedeutet. Dann machte er die Knaben auf eine
eigentmlich geformte Nacktschnecke aufmerksam, die er als Seehase
bezeichnete. Von den vier Fhlhrnern streckten sich zwei in
horizontaler Richtung vor, um den Weg und die Nahrung zu betasten, zwei
derselben glichen dagegen in ihrer aufrechten Stellung einem Paar
groer, lffelfrmiger Hasenohren, denen das Tier auch seinen Namen
verdankt.

Holm setzte den eingefangenen Seehasen in eine Btte mit frischem
Seewasser, in dem er sich alsbald wohl sein lie. Hierauf sagte er zu
Franz, nachdem sie das Tier genugsam betrachtet hatten: Fasse den
Seehasen einmal an.

Bei den Lffeln wie ein Kaninchen? fragte Franz.

Ganz wie dir beliebt, antwortete Holm, nur gib genau Obacht auf die
Vernderungen, die mit diesem seltsamen Geschpfe vor sich gehen.

Franz griff in das Wasser, um den Seehasen zu erfassen.

Kaum aber hatte er das Tier berhrt, als dasselbe eine dunkelviolette
Flssigkeit absonderte, die es wie mit einer undurchsichtigen Wolke
umhllte und den Blicken aller entzog.

Es versteckt sich, rief Franz.

Dieser violette Farbstoff dient dem Seehasen als Schutzmittel gegen
seine Verfolger, in derselben Weise, wie sich auch der Tintenfisch durch
Ausspritzen einer braunen Flssigkeit zu schtzen sucht, die im
getrockneten Zustande von den Malern als Sepia zum Tuschen gebraucht
wird.

Lt sich der Farbstoff der Seehasen nicht auch zu hnlichen Zwecken
verwenden? fragte Hans.

Man kann allerdings mit demselben Seide und Wolle violett frben,
entgegnete Holm, aber trotzdem wird aus diesem Grunde keine Jagd auf
ihn gemacht, denn derselbe Farbstoff, den der Seehase in seinem
Organismus erzeugt, wird in Europa alljhrlich in Hunderten von Zentnern
fabrikmig hergestellt und zwar aus dem Steinkohlenteer. Genaue
Untersuchungen haben ergeben, da der Farbstoff des Seehasen nichts
anderes ist als -- Anilin-Violett.

Wir mssen diesen Anilinfabrikanten des Meeres mitnehmen, rief Franz.

Gewi, antwortete Holm, zumal diese Art von jener im Mittelmeer
lebenden bedeutend abweicht. Eins ist aber zu bedenken. Wenn wir den
Seehasen in Spiritus legen, so lst dieser den Farbstoff auf und frbt
die Weichteile der brigen Geschpfe, welche wir in denselben Behlter
thun, ohne Gnade violett. Er mu daher in einen Glashafen fr sich
gelegt werden und warten, bis er Gesellschaft von seinesgleichen
erhlt.

Also geschah es auch. Die brigen Schnecken wurden in der bereits
bekannten Weise gereinigt und verpackt.

Mit den Fischen mute allerdings anders verfahren werden, denn sie
verlieren im Spiritus zum grten Teil ihre Farbe.

Holm verfuhr zum Konservieren der Fische nun in folgender Weise.

Er fllte eine kleine Spritze aus Zinn, die mit einer langen feinen
Ausflurhre versehen war, voll von einer Auflsung von Karbolsure in
starkem Weingeist. Die Karbolsure, erklrte er, ist eine Substanz,
welche tierische Krper vor der Fulnis schtzt. Auch in dem Rauche von
Holz und Torf kommt sie vor und bewahrt Fleisch und dergleichen vor dem
Verderben, wie das Ruchern von Schinken und Wrsten zur Genge darthut.
Selbst menschliche Leichen wurden im alten gypten oft durch bloes
Ruchern in Mumien verwandelt.

Das feine Rohr der Spritze wurde nun vorsichtig in den Rcken des
Fisches gesteckt und durch langsamen Druck das dort befindliche Fleisch
mit der Karbolsurelsung durchtrnkt. Ebenso wurden die Eingeweide, der
Rachen und das Gehirn mit der Lsung ausgespritzt. Mittels eines Pinsels
erhielt die Oberflche des Fisches ebenfalls ihren Anteil der
konservierenden Flssigkeit, und dann wurde der Fisch in die Sonne zum
Trocknen gehngt.

In wenigen Tagen waren selbst groe Fische fast steinhart angetrocknet
und konnten hierauf mit einem durchsichtigen Firnis berzogen werden,
der die Einwirkung der Luft abhielt und die Farben glnzend hervortreten
lie. Das war die einfachste Methode zum Konservieren der Fische, die
ihre natrliche Gestalt behielten und so gut wie mglich ihre Farbe.
Einzelne Exemplare jedoch muten gezeichnet und mit Tuschfarben
koloriert werden, da sie auch bei dieser Prozedur ihr schnes Aussehen
verloren. So in voller Beschftigung schwanden die Stunden und Tage, bis
Borneo in Sicht kam und gelandet werden konnte.

Borneo! -- Eine neue Wunderwelt tropischer Geheimnisse, aber auch neue
harte Mhen und Drangsale. Das quatoriale Innere brachte zum erstenmale
seit Afrika wieder jene brennende Sonnenglut, an die sich der Europer
nie so gewhnen kann, da sie ihm nicht mehr lstig und schdlich wre;
es brachte den voraussichtlichen Kampf mit fast ganz wilden Menschen,
den Dajaks oder Kopfjgern, die zum Teil so berchtigt sind, da an eine
Durchforschung ihres Gebietes gar nicht gedacht werden konnte; mit
reienden Tieren und allen Gefahren des dichten Urwaldes; aber dennoch
zog die kleine Schar frhlich und voll heiteren Mutes frba, nachdem
schon die Einfahrt auf einem der vielen groen Arme des Baritoflusses
zur wahren Vergngungsreise geworden war. Borneo ist von einem 6--10
Meilen breiten Grtel von Anschwemmungen umgeben, so da nur auf den
Flssen ein Eindringen in die Insel berhaupt mglich wird, diese Fahrt
aber zwischen himmelhohen Bergen und im Angesicht einer zauberhaft
schnen Pflanzenwelt gehrt zu den groartigsten Eindrcken, welche der
Reisende jemals empfangen kann. Freilich verhindert die Unzugnglichkeit
der Insel auch im hchsten Mae das Vordringen der Kultur, freilich
schreckt sie die Weien erfolgreich zurck (es wohnen dort alles in
allem keine dreihundert Europer, whrend Java viele Tausende zhlt),
aber sie macht auch dem Naturforscher gerade diesen Punkt der
Sundainseln zum interessantesten und bedeutendsten unter allen. Nirgends
die hlichen, kahlen Ufer Afrikas, der Sand und Busch, die
Mangrovensmpfe, welche dort den Ankommenden empfangen; hier war alles
ppig treibender Urwald, hier blhte es und trug Riesenbltter,
Riesenhalme auf jedem Zollbreit Bodens; ja nicht selten neigten sich die
Wipfel von beiden Seiten so schirmend und schattenspendend ber den Flu
herein, da das Schiff in einer khlen, vom sesten Blumenduft
durchwehten Laube dahin zu schwimmen schien. Die Stadt Banjar-massing
hat keinen weltbekannten Namen, ist kein vielbesuchter Hafen wie Batavia
und Surabaja; die Reisenden konnten also nicht erstaunt sein, auch
keineswegs eine schne, wohleingerichtete Stadt zu finden, vielmehr nur
uerst notdrftige, ja zum Teil erbrmliche Wohnungen, in denen eine
Bevlkerung von Chinesen, Arabern, Malaien und den eingebornen, hier an
der Kste als Tagelhner arbeitenden Dajaks ein buntes, aber wenig
anziehendes Gesamtbild lieferte. Jede Wohnung, jede Strae, ja selbst
jedes Menschenantlitz schien schwrzlich vom Staub der Kohlengruben, die
sich in groer Anzahl um den Ort herum befanden.

Die Rast in Banjar-massing benutzte Holm, um einen lang gehegten Wunsch
in Erfllung zu bringen, der darin bestand, den von Hamburg aus
nachgesandten photographischen Apparat in stand zu setzen und sich
desselben zu Aufnahmen zu bedienen. Bis jetzt war es ihm nicht mglich
gewesen, die ntige Ruhe und einen geeigneten Ort zu finden, um die
Knaben in der Handhabung des Apparates zu unterweisen, und schon oft
hatte er bedauert, an so vielen schnen und merkwrdigen Punkten
vorbergehen zu mssen, ohne sie, bis auf das kleinste Detail
naturgetreu, auf photographischem Wege abkonterfeien zu knnen. Wenn
auch die Knaben im Zeichnen nicht ungeschickt waren und manchen
Naturgegenstand fast knstlerisch ausgefhrt in ihren Skizzenbchern
verewigten, so lieen doch die Zeichnungen von Personen und besonders
von Landschaften manches zu wnschen brig.

Des bequemen Transportes wegen war der Apparat sehr leicht gearbeitet.
Er besa zwei photographische Linsensysteme, um gleichzeitig zwei Bilder
von ein und demselben Gegenstande aufnehmen zu knnen, als wenn derselbe
von den beiden Augen des Menschen betrachtet wrde. Spter muten die
hiermit erhaltenen Bilder im Stereoskop den krperlichen Eindruck
hervorbringen, als wenn sie dem Beschauer plastisch greifbar vor Augen
stnden.

Holm richtete den Apparat so, da eine Strae von Banjar-massing sich
vor den geschliffenen Glsern desselben befand, und zeigte den Knaben
nun, wie diese auf der matten Glasscheibe, welche den Hintergrund der
sogenannten ^Camera obscura^ bildete, in umgekehrter Stellung mit allen
Einzelheiten in verkleinertem Mastabe zum Vorschein kam. Zu unterst
erschien der blaue Himmel, dann kamen die Dcher der auf dem Kopfe
stehenden Huser, die Fensterffnungen, die Thren, dann folgten als
oberster Teil des umgekehrten Bildes die Strae und der Erdboden.

Nun gilt es, sagte Holm, an die Stelle der matten Scheibe, auf die
das scharfe, deutliche Bild der aufzunehmenden Gegenstnde fllt, eine
Glasplatte zu bringen, die mit einer lichtempfindlichen Substanz
berzogen ist und die derart von den Lichtstrahlen verndert wird, da
die feinsten Abstufungen zwischen Licht und Schatten, hell und dunkel
auf derselben deutlich und unvernderlich sichtbar werden. Da wir nun
eine solche lichtempfindliche Platte nicht im Tageslicht prparieren
knnen, mssen wir diese Operation im Dunkeln vornehmen.

Aber im Dunkeln kann man doch nicht sehen, was die Hnde vollbringen!
warf Hans ein.

Wir bedienen uns einer Lampe oder einer brennenden Wachskerze,
entgegnete Holm, denn das Licht einer kleinen Flamme besitzt nicht so
viel chemische Wirkung, um der Platte schaden zu knnen. Auch das
Tageslicht, welches durch eine gelbe Glasscheibe fllt, ist wirkungslos,
so da das Reisezelt, in welchem wir unterwegs die Platten prparieren
werden, mit einem gelben Fensterchen versehen werden konnte, welches
genug unwirksames Licht fr unsere photographischen Manipulationen
durchlt.

Holm nahm nun eine der mitgebrachten Glasplatten und putzte sie mit
einem weichen Leinwandlappen und einigen Tropfen Weingeist so lange, bis
sie vollkommen rein war und der Hauch des Mundes nur flchtig an ihr
haftete. Merk auf, Rua-Roa, sagte er, denn das Amt eines
Plattenputzers mut du spter bernehmen.

Aus einer Flasche go Holm hierauf ein weniges einer gelblich gefrbten
sirupartigen Flssigkeit, die einen starken Geruch nach Hoffmannstropfen
verbreitete, auf der Platte. In dieser Flasche befindet sich eine
Auflsung von Schiebaumwolle in ther und Alkohol, sagte er. Da der
ther auch in den Hoffmannstropfen enthalten ist, die hufig als
belebendes Mittel gebraucht werden, so erklrt sich euch der bekannte
Geruch dieser Flssigkeit. Die aufgelste Schiebaumwolle hinterlt
beim Antrocknen eine glasartige zhe Haut, und gerade diese Eigenschaft
ist es, welche uns hier zu gute kommt.

Aha, sagte Franz, ich wei schon, wie man diese Flssigkeit auch
sonst nennt. Sie heit Kollodium und eignet sich zum berpinseln von
Brandwunden, damit sich eine Haut ber denselben bilde, die vor dem
Zutritt der Luft schtzt.

Ganz recht, besttigte Holm, nur ist bei diesem Kollodium zu
bemerken, da in demselben Jod- und Bromsalze aufgelst sind, deren
Eigenschaften wir jetzt im Dunkelzimmer nher studieren wollen.

Sie begaben sich jetzt alle in ein Gemach ihrer provisorisch gemieteten
Wohnung, dessen Fenster mit Kokosmatten lichtdicht verhngt waren. Ein
Lmpchen brannte auf dem Tische und beleuchtete mit mattem Scheine eine
Anzahl von Flaschen, einen schmalen hohen Glastrog, den Holm als
Kwette bezeichnete, und ein mit reinem Wasser geflltes Gef.

In dieser Kwette befindet sich eine Auflsung von salpetersaurem
Silber, erklrte Holm. Wir tauchen unsere mit Jodkollodium berzogene
Glasplatte vermittelst eines breiten Glashakens in diese Lsung hinein,
und nun beobachtet, was geschieht.

Die Oberflche der Platte fngt an sich zu trben, rief Franz.

Sie wird milchwei, bemerkte Hans nach einer kleinen Weile.

Ein Zauber, rief Rua-Roa ngstlich.

Kein Zauber, sondern ein chemischer Vorgang, lachte Holm, obgleich du
von deinem Standpunkte nicht so ganz unrecht haben magst, Ruachen; wurde
doch selbst im zivilisierten deutschen Lande zur Zeit des Mittelalters
mancher Chemiker fr einen Hexenmeister gehalten. Und wenn ich dir nun
auch auseinandersetzte, da hier die Jod- und Bromsalze, welche in der
Kollodiumhaut sind, sich mit dem Silber der Lsung zu unlslichem,
gelblichweiem Jod- und Bromsilber verbinden, so wrdest du das doch
nicht verstehen, mein guter Malagasche, denn von der chemischen
Wahlverwandtschaft wei dein kleiner Heidenverstand nicht die Spur.

Rua-Roa machte ein verlegenes Gesicht, als htte er irgendwie, unbewut
ein Unrecht begangen, aber Franz trstete ihn und sagte: Sei nur ruhig,
lieber Freund, Chemie ist meine strkste Seite auch gerade nicht.

Die Platte wurde an dem Haken, auf dem sie ruhte, aus der Kwette
herausgezogen. Die Kollodiumhaut hatte in der That ein gelblichweies
Aussehen erlangt und war nun, wie Holm sagte, lichtempfindlich.

Ein kleines hlzernes Kstchen -- die Kassette -- nahm die prparierte
Platte auf. Dasselbe war mit einem Schieber versehen, der sich seitlich
wegziehen lie, und besa hinten einen Deckel, der es lichtdicht
verschlo, nachdem die Platte, mit der Kollodiumschicht nach vorne,
hineingelegt worden war. Gegen jeglichen Lichtstrahl geschtzt, konnte
die Platte in der Kassette nach dem photographischen Apparate
transportiert werden, dessen optische Glser mit Deckeln verschlossen
waren.

Holm entfernte die matte Glasscheibe, setzte die Kassette an ihre Stelle
und zog den Schieber der letzteren heraus. Darauf entfernte er die
Deckel von den Glsern.

Nun fllt das umgekehrte Bild, welches wir vorhin auf der
mattgeschliffenen Glasscheibe wahrnahmen, direkt auf die weigelbe
Jodsilberschicht, die wir im dunkeln Zimmer bei schwachem Kerzenlichte
hergestellt haben, erluterte Holm. In dem Zeitraum von fnf bis sechs
Sekunden werden die Lichtstrahlen hinreichend gewirkt haben, und deshalb
schlieen wir den Apparat, nachdem wir langsam bis sechs gezhlt haben,
schieben auch den Schieber der Kassette wieder zu und begeben uns in das
Dunkelzimmer zurck.

Hier angelangt nahm Holm die Glasplatte aus der Kassette und zeigte sie
den Knaben.

Ich sehe keine Spur von einem Bilde, rief Hans, nachdem er die Platte
aufmerksam betrachtet hatte.

Nicht eine Andeutung von Zeichnung, besttigte Franz, gewi hat das
Licht nicht lange genug eingewirkt.

Ich frchte fast, wir haben bei dem hellen Lichte des hiesigen
unbewlkten Himmels schon zu lange exponiert, sagte Holm. Jedoch wir
wollen sehen.

Bei diesen Worten go er mit Gewandtheit eine klare Flssigkeit ber die
Platte, die in der That nicht im geringsten verndert erschien, und nun
zeigte sich ihnen ein Schauspiel von ganz eigenem Reiz. Einzelne Teile
der prparierten und dem Lichte ausgesetzt gewesenen Schicht begannen
sich dunkel zu frben, und zwar erschien diese Vernderung da zuerst, wo
der blaue, lichte Himmel war. Dann folgten die weien Mauern der Huser,
welche sich scharf von der dunkleren Strae abhoben, die auf der Platte
fast wei blieb. berhaupt konnte man wahrnehmen, da berall da, wo das
hellste und strkste Licht gewirkt hatte, die Jodsilberschicht sich
dunkel frbte, da dort, wo gemigtes Licht von halberleuchteten
Gegenstnden hingefallen war, die Frbung im Verhltnis schwcher blieb,
whrend die Stellen, welche in der Natur dunkel oder schwarz waren, auf
der Platte keinerlei Frbung annahmen, sondern wei blieben.

Nach einiger Zeit splte Holm die Platte mit reinem Wasser tchtig ab
und hielt sie gegen das Licht.

Ein Freudenruf entschlpfte den Lippen der Knaben. Da war ja die Strae
von Banjar-massing mit allen ihren Einzelheiten in verkleinertem
Mastabe auf der Platte sichtbar, so allerliebst und so sauber
ausgefhrt, wie es der menschlichen Hand mit Stift und Pinsel nicht
mglich war. Nur erschienen die hellen Partieen auf der Platte dunkel
und die dunklen hell; es waren die Verhltnisse zwischen Licht und
Schatten umgekehrt.

Wir nennen ein solches Bild, mit verkehrtem Licht und Schatten, ein
Negativ, sagte Holm; es verhlt sich in dieser Beziehung hnlich wie
die Gipshohlform zum Krper, der abgeformt wurde, und ebenso wie jene
dient das Negativ zur Anfertigung von Abdrcken, bei denen die alte
Ordnung wieder hergestellt wird.

Wie kam es aber, fragte Franz, da das Bild erst sichtbar wurde, als
eine Flssigkeit ber die Platte gegossen wurde, und was enthielt diese
Flssigkeit, um diese merkwrdige Wirkung auszuben?

Ich go eine Auflsung von Eisenvitriol in Wasser ber die Platte,
entgegnete Holm. Der Eisenvitriol hat die Eigenschaft, das Silber aus
seinen Lsungen in Gestalt eines feinen, grauen, metallischen Pulvers
auszuscheiden, und dieses Metallpulver legt sich auf jene Stellen des
Jodsilbers an, die vom Lichte getroffen wurden. Je strker die
Lichtwirkung war, um so dichter setzt sich der Silberniederschlag ab,
weshalb denn auch die hellsten Teile des Bildes, der Himmel und die
weien Wnde der Huser, am schwrzesten und undurchsichtigsten sind.
Jetzt haben wir nur noch ntig, das Jodsilber durch eine Auflsung des
giftigen Cyankali in Wasser zu entfernen, die Platte gut zu waschen und
zu trocknen, worauf sie gefirnist wird, um sie vor Verletzungen,
Schrammen u. dgl. zu schtzen. Sobald wir spter auf dem Schiffe Mue
haben, werden wir von den Negativen, die wir aufnehmen, Abdrcke machen.
Jetzt, ihr jungen Forscher, benutzt die gnstige Gelegenheit und bildet
euch durch praktische bung zu tchtigen Photographen aus, damit es
unserem Journal nicht an Illustrationen fehle.

In wenigen Tagen hatten die Knaben die erforderliche bung in den
photographischen Handgriffen erlangt, worauf die Reise in die Umgegend
von Banjar-massing unternommen wurde.

Gleich am ersten Tage wurde eins der schon erwhnten Kohlenbergwerke
besichtigt. In starken Krben gelangten die Reisenden bis zu dem tief
unter der Erdoberflche liegenden, im Mittelpunkt des Baues befindlichen
Raum, von wo aus Seitengnge hineinfhrten in die schwarze, glitzernde
Tiefe. Der Anblick war eigentmlich genug. Nur mit einem Lendenschurz
bekleidete Dajaks schwangen hier im lichtlosen Scho der Erde ihre
Keilhacken, um das Brennmaterial fr weit entfernte Lnder oder zum
Gebrauch fr Dampfschiffe aus den festen Lagern loszubrechen und in
Krbe zu sammeln, die dann mittels der Windenvorrichtung hinaufbefrdert
und ausgeschttet wurden. Jeder Mann trug vor der Brust eine
Blechlaterne, bei jedem war das Haar, lang und seidenweich wie
Frauenflechten, am Hinterkopf zusammengebunden und fiel in schwarzer,
glnzender Flut auf den unbekleideten Rcken herab; auch weibliche
Geschpfe nahmen teil an dieser gesundheitsschdlichen Beschftigung,
alle aber waren von ihrer mhseligen Arbeit dermaen in Anspruch
genommen, da sie kaum aufzublicken wagten, und von den gewi seltenen
Besuchern keinerlei Notiz nahmen.

Ein trauriges Bild des Menschenelendes zeigte sich in diesen armen
Wesen, die von der hollndischen Regierung sowohl als von ihren eigenen
malaiischen Gebietern nur wie Lasttiere angesehen werden und fast nicht
besser wie Sklaven sind. Die Luft in den engen, schlecht gesttzten
Gngen war kaum zu atmen, erstickend hei, mit tdlichem Staub gefllt
und lag drckend auf den Nerven der Weien; das Klettern ber den
unebenen Weg und die stete Nhe der Gefahr lieen sie sehr bald an
Umkehr denken. Holm brach aus den ganz mit Kohlenschichten angefllten
Wnden einige Stcke los, die Knaben verteilten unter die Arbeiter das
zu diesem Zweck mitgebrachte Kleingeld, und dann krochen alle aus den
verschiedenen Seitengngen zurck zur Mitte, wo wenigstens hoch ber
ihnen der blaue Himmel seine Decke spannte. Die Grube war ungewhnlich
breit, im Dreieck angelegt und mit erbrmlich unsicheren Stellagen
versehen. Was that es, wenn einmal ein Gang verschttet wurde? Quer
durch das ganze gesegnete Land zog sich das meilenbreite Kohlenlager,
und Arbeiter gab es ebenso in Hlle und Flle. Mochten immerhin einmal
ein paar hundert zu Grunde gehen, das fand kaum Beachtung. Die Winde
oben setzte sich in Gang, einer nach dem andern gelangte an das
Tageslicht, und einer nach dem andern sah schaudernd zurck in die
ghnende Tiefe. Wie war es nur mglich, da lebende Wesen da unten
jahrein, jahraus zu atmen vermochten, da sie nicht jedes sonstige Los
diesem Lebendigbegrabensein vorzogen?

So weit die hollndische Botmigkeit reicht, ist die eigentliche
Sklaverei abgeschafft, nur eine Art von Robot- oder Zwangsarbeitssystem
ntigt die Eingebornen zu geregelter Thtigkeit, oft nicht ohne einige
Hrte. Im Innern aber tobt zwischen Malaien und den lter eingebornen
Dajaks Fehde und Blutrache, und wer von den Dajaks in die Hnde der
Malaien fllt, ist Sklave.

Die wenig fr ausdauernde Arbeit geschaffenen, leichtsinnigen und
jhzornigen Dajaks sind bei allen diesen Eigenschaften lebhafter
Charaktere dennoch feige; sie finden nie den Mut, die eingedrungenen
Malaien mit Gewalt aus ihrem Lande zu entfernen, aber sie berfallen
dieselben bei jeder Gelegenheit, einzeln oder in ganzen
Mordgesellschaften, auf ihrem eigenen oder auf gegnerischem Gebiet;
immer jedoch aus dem Hinterhalt, niemals in offener ehrlicher Fehde.
Jeder derartige Mord, mittels Kopfabschneiden ausgefhrt, zieht die
sogenannte Blutrache nach sich, ein Greuel, der um ganze Familien und
ganze Stmme seine dmonischen Bande schlingt und nicht eher erlischt,
bis vielleicht der Ur-Urenkel des Gemordeten den Ur-Urenkel des Mrders
erschlug und seine Kinder mit sich fhrte in die Sklaverei. --

Fremde Reisende waren an dieser Kste offenbar eine seltene Erscheinung.
Araber und Chinesen umdrngten die seltenen Gste in der Hoffnung, sie
gehrig rupfen zu knnen; als aber jegliches Geschft ausgeschlagen
wurde, als man sah, da es sich nicht um Gold-, Diamanten-, oder
Kohlenspekulationen handelte, da lie man die sonderbaren Schwrmer,
welche nur Insekten einfangen und die wilden Dajaks kennen lernen
wollten, ihres Weges gehen, ohne weitere Notiz von ihnen zu nehmen.
Ebenso schwer war es, den sehaften Kstenmalaien, die nur zu ganz
andern Zwecken ins Innere vorzudringen pflegten, begreiflich zu machen,
da man zur Reise in das Innere notwendig einige ortskundige Fhrer
brauchte. Die Leute kannten dergleichen Unternehmungen aus frherer
Erfahrung nicht; es kam nie jemand, um das Land zu durchforschen; sie
schttelten daher zuerst die Kpfe und hielten lange Beratungen, bis
endlich fnf Mnner, offenbar als Abgesandte der ganzen Kolonie, bei den
Weien in der chinesischen Herberge erschienen und ihre Dienste anboten.
Sie wollten die Fremden begleiten, natrlich fr schweres Geld, dessen
Auszahlung nach erfolgter Rckkehr bei dem deutschen Konsul
stattzufinden hatte. Durch die gemachten schlimmen Erfahrungen
gewitzigt, lieen Holm und der Doktor diesem Kontrakt die Klausel
beifgen, da sich die fnf Mnner durch keinerlei Stellvertretung
selbst den bernommenen Verpflichtungen entziehen drften und da die
Bezahlung nur dann verdient und fllig sei, wenn beide Teile, Fhrer und
Reisende, mit einander wieder anlangen sollten.

Darauf gingen die Malaien ohne Widerspruch ein; sie muten also nichts
Arges im Schilde fhren, und nachdem alles gengend vorbereitet, machte
sich die Gesellschaft auf, um das Innere der schnen Insel zu sehen,
freilich zu Fu, da eingeborne Pferde gnzlich fehlen, aber darum in
nicht weniger frhlicher Stimmung, nicht weniger hoffnungsvoll und mit
offener Seele fr all das Neue, das sie hier erwartete. Keine Raubkatzen
auer einer kleinen Leopardenart, -- keine Giftschlangen, Elefanten und
Nashrner! Es blieb also wenig zu frchten, und bei der Flle des
Affengeschlechtes sowie aller Grasfresser sehr viel zu hoffen; die Reise
begann unter den besten Aussichten, doch ging sie langsam von statten,
weil der Wald dicht und die ganze Pflanzenwelt wie im quatorialen
Afrika so ppig war, da sie oft durchhauen werden mute, um weiteres
Vordringen zu ermglichen.

Die Fhrer bestanden aus zwei lteren Mnnern, den Brdern Torio und
Bassar, sowie drei erwachsenen Shnen derselben, auerdem war ein
Dajakischer Dolmetscher angeworben worden, der der englischen Sprache
ziemlich mchtig war; sie whlten die nchsten Wege, um aus den die
Kste umsumenden Niederlassungen heraus und in das Gebiet der Dajaks zu
kommen, berhaupt zeigten sie sich sehr gefllig und lieen es an keiner
Gelegenheit fehlen, ihre Gste auf diese oder jene besondere Schnheit
des Landes aufmerksam zu machen.

Schon am dritten Tage lag der letzte bebaute Acker weit hinter den
Reisegenossen, der Urwald schttelte seine grnen Riesenhupter, und
wilde Geschpfe huschten hindurch, namentlich Zibetkatzen in ungeheurer
Anzahl, Affenarten und sehr viele Vgel mit buntem, prachtvollem
Gefieder, Schmetterlinge von nie gesehener Gre und Insekten jeder Form
und Farbe.

Hier fanden sich die seltsamen Bume auf Luftwurzeln, der Teppanbaum,
dessen erste ste in der Hhe von etwa 3--4 Metern sich seitwrts
senkten, und in dessen Stamm unzhlige wilde Bienenschwrme ihre Nester
bauten; die sonderbare Kannenpflanze mit ihren wie eine Waschkanne
geformten purpurnen Blten; Gummibume, der Taban, welcher die
vortrefflichste Guttapercha liefert, der Sagobaum und die Rotangpalme,
deren Stengel man gemeinhin Spanisches Rohr nennt.

Ein Baum war es besonders, der den jungen Leuten als ganz fremd sogleich
in die Augen fiel. Von schlankem, auffallend hohem Stamm, mit
verhltnismig wenigen schwertfrmigen Blttern, trug er hellrote,
groe Blumen und mit einer hlzernen Schale umgebene Frchte von der
Gre eines Kopfes. Der Hhe wegen lie sich Deutlicheres nicht
erkennen, nur soviel stand fest, da man diesem Baume noch nie vorher
begegnet war.

Das sind Durianen, erklrte Bassar, der lteste der Fhrer. Die
Zibetkatzen essen ihre Frchte.

Und die Eingebornen nicht?

Eine unverkennbare Gebrde des Abscheues beantwortete diese Frage. Holm
lchelte. Er wute, da die Frucht einen feinen, ausgezeichneten
Wohlgeschmack besitzt, der aber nach dem sonderbaren Willen der Natur
von einem entsetzlichen blen Geruch gleichsam umhllt ist und daher
durch einen einzigen grndlichen Forscher, den Englnder Wallace, erst
festgestellt wurde.

Wir wollen doch die Durianen probieren, erklrte er.

Die kleine Gesellschaft machte also Halt, obwohl auf den Rat der Malaien
in respektvoller Entfernung, um nicht etwa von einer fallenden Frucht
dieses seltsamen Baumes erschlagen zu werden, dann kletterten Bassars
Shne wie die Katzen an dem schlanken, astlosen Stamm hinauf und
brachten den Weien mehrere reife Durianen herunter.

Die Schale erwies sich nicht hrter als die der Kastanien und war gleich
unserer Stachelbeere mit grnen, krautartigen, ganz kleinen Auswchsen
bedeckt; fnf genau begrenzte, gleich groe Felder durch Linien
bezeichnet, gaben fr die zu machenden Einschnitte die ntigen Winke,
aber -- o Himmel, als sich der Kern ohne Hlle zeigte! --

Ein Geruch wie von Fulnis und Zwiebeln erfllte die Luft, so da sich
alle unwillkrlich abwandten, obwohl kaum ein appetitlicherer Anblick
als der dieser Frucht gedacht werden konnte. Das eigentliche Fleisch
zunchst der Schale, glnzend wie schneeweier Atlas, barg in seiner
Mitte einen rosafarbenen Brei, der vier Kerne umschlo, -- eben diese
halbflssige Masse war es, die so besonders angenehm schmecken sollte.
Holm schauerte heimlich, aber dennoch kostete er, -- kostete nochmals
und nickte den entsetzten Malaien zu. Steigt nur immer hinauf, Freunde,
holt mehr Frchte herunter und et selbst mit, wenn ihr klug seid. Eine
solche Delikatesse gibt es nicht zum zweitenmale.

Wirklich, Karl? -- Gib her, gib her! -- Aber bester Holm, dieser
Geruch, wie konnten Sie sich nur entschlieen!

So schallte es durch einander, whrend der junge Gelehrte mit dem aus
dem Besteck gezogenen Lffel die Frucht ihres breiigen Inhaltes
entleerte und schon nach der zweiten griff, ehe noch jemand im stande
war, das Wunder zu glauben, Ich sage euch, so haben wir lange nicht
gespeist, Kinder! Doktor, halten Sie den Atem an, whrend der erste
Bissen auf Ihrer Zunge schmilzt, spterhin bekmmern Sie sich um alle
Zwiebeldfte der Welt nicht mehr! -- Freund Bassar, pflcken Sie
geflligst noch etwa zehn oder zwlf Frchte, soviel Gastfreundschaft
mssen uns die Zibetkatzen dieses Landes schon erweisen.

Whrend er sprach, hatte Franz mit dem Taschenmesser die letzte Duriane
geffnet und lie die anderen kosten. Es war ein komischer Anblick. Alle
schmeckten, alle fuhren mit den Zungenspitzen ber die Lippen und sahen
einander an. Wie Bratensauce und Zwiebeln! erklrte Hans. Gib mir
mehr, ich finde den Geschmack vortrefflich.

Wie alter Madeirawein! nickte der Doktor.

Nein, wie die feinste Melone! rief Franz.

[Illustration: Unter den Durianenbumen Borneos.

Und dann folgte ein wahrer Vernichtungskrieg gegen die Frchte ...]

Und dann erfolgte ein wahrer Vernichtungskrieg gegen die Frchte, welche
Bassars Shne von oben her in das fuhohe Gras herabfallen lieen. Erst
als niemand mehr zu essen vermochte, wurde die Wanderung fortgesetzt und
spter am abendlichen Feuer die gesammelten Kerne der Durianen wie
Kastanien gerstet, um zusammen mit einem Hirschziemer ein
vortreffliches Nachtmahl zu geben. Die wollenen Decken wurden an einer
geschtzten Stelle ausgebreitet, Wachen ausgestellt, und dann begann
wieder der Halbschlummer, das Ausruhen in weicher, linder Tropennacht.
Fliegende Frsche und Kalongs bevlkerten auch hier die Luft, glnzende
Insekten, schillernd wie Funken, krochen ber den Boden; Holm brach ein
groes Blatt und zhlte nicht weniger als sechzehn verschiedene
Geschpfe, darunter einen alten Bekannten, wenn auch in betrchtlich
vergrertem Mastab, den deutschen schwarzen Holzbock! Wie oft hatte er
ihn als Knabe eingefangen und in ein Papierhuschen gesteckt, wie beredt
erzhlte der Schwarzrock, emsig nach einem Weg ber die Untiefen des
Blattrandes sphend, von vergangenen Tagen, von Knabenfreude und
Knabenwnschen, -- Holm lie ihn in den Spiritusbehlter wandern, um ihn
mitzunehmen.




                           Elftes Kapitel.


Nach einigen Tagen kam das erste Dajaksdorf den Reisenden zu Gesicht.
Bassar und Torio versicherten, da die Kopfjger niemals Europer
angreifen, sondern immer nur Malaien; unsere Freunde hatten dasselbe
auch schon in der Stadt gehrt, und so fanden sie denn keinen Grund, den
bereinstimmenden Berichten aller hier ansssigen Leute zu mitrauen,
vielmehr folgten sie ohne Bedenken den Fhrern in das Thal, wo der
ruberische Stamm wohnte. Das ganze Dorf der Dajaks bestand aus einem
einzigen, etwa zweihundert Meter langen und vierzig Meter breiten
Bambusschuppen mit einem spitz zulaufenden Dach aus Palmenblttern.
Dieser Bau wurde getragen von fnf Meter hohen Stmmen und hatte berall
Strickleitern, die man des Nachts heraufzog; er stand so hoch ber dem
Erdboden, da ein beladener Wagen darunter htte hinwegfahren knnen.
Fenster und Thren fehlten gnzlich, dafr flatterten berall hbsche
Matten, und aus den offenen Lchern sahen braune, neugierige Gesichter
hervor. Die meisten dieser Leute mochten nie in ihrem Leben weie
Menschen gesehen haben, andere dagegen gaben in ihrer Sprache
Erklrungen; sie gestikulierten uerst lebhaft und kamen in Sprngen
die Leitern herunter, nicht selten, um mit scheuen Fingern die
Fremdlinge zu betasten und durcheinander zu schnattern wie eine Schar
Gnse. Gegen die Malaien zeigten sie sich uerst furchtsam und
unterwrfig, alle Fragen, welche diese stellten, wurden diensteifrig
beantwortet.

Endlich erschien an der vorderen Eingangsthr ein Mann, dessen
Lendenschurz und Glieder mit Messingplatten, Schildern, Ringen und
Glocken derartig behangen waren, da er bei jedem Schritt wie ein
Schlittenpferd klirrte und klingelte; das war der Liau oder Priester
des Stammes, und dieser gewaltige Machthaber lud in Abwesenheit des
Panglima oder Frsten die Fremden ein, das sonderbare Wohnungsdorf zu
besuchen und als ihr Haus zu betrachten. Nachdem die Malaien namens der
Weien gebhrenden Dank gesagt und angemessene Bezahlung versprochen
hatten, wurde das Gebude erstiegen. Der ganzen unbersehbaren Lnge
nach war es in zwei Hlften geteilt, deren vordere die Unverheirateten,
die Gste und -- das Federvieh einnahmen, wogegen die hintere, fr
Einzelwohnungen bestimmt, den Familien als Aufenthalt diente. Ein rings
umschlossener thrloser Raum, der Lowang, etwa von der Gre eines
mittelmigen Zimmers, mute als Wohn- und Schlafgemach sowie als Kche
ausreichen, ob auch noch so viele kleine, vllig nackte Dajaks die
braune Mutter umsprangen und auer dem gemeinsamen Bltterlager weiter
gar kein Gert mehr Unterkunft erlangen konnte. Dergleichen gab es
berhaupt auerordentlich wenig. Matten, Krbe, Waffen und ein paar
Kochtpfe, das war alles, was die Weien sahen. Der vordere Raum starrte
von Schmutz, den besonders die Hhner und Tauben verbreiteten, er
bildete ein schreckliches Durcheinander von Federvieh, Futter,
umgestrzten Saufnpfen und aufgestapelten Waffen, whrend es ihm an
Bewohnern gnzlich mangelte. Der Stamm war ausgezogen, um in weiter
Entfernung vom eigenen Wohnsitz einen Raub an Lebensmitteln und
womglich Gold oder Diamanten zu vollfhren, Frauen und Kinder lebten
daher augenblicklich unter dem Schutze des Liau und der Bliangs oder
Priesterinnen, mehrerer jungen Mdchen, die bei den Dajaks etwa das
sind, was wir barmherzige Schwestern oder Diakonissen nennen; sie
pflegen die Kranken, waschen die Gestorbenen und haben neben dem Liau
allein das Recht, den Naturgeistern Gebete vorzutragen; sie allein
kennen auch die Schpfungsgeschichte der Welt, wie sie im
Dajaksbewutsein lebt, und werden um dieser Kenntnis willen verehrt wie
Heilige.

Auch ihre Wohnung, offen wie alle, durchsphten die neugierigen Blicke
der jungen Leute. Die Bliangs, sechs an der Zahl, trugen Jacken und bis
kaum an die Kniee reichende enge Rcke von blauem selbstgewebten
Baumwollenstoff mit weien und roten Streifen, Kopftcher aus rotem
Gewebe, reich mit Goldfden durchwirkt, und halbmondfrmige Ohrringe;
auerdem Schnre von groen schwarzen und weien Perlen und aufgereihten
Muscheln, wo immer sich dieselben anbringen lieen. Diese Bliangs
nahmen, obwohl sie von den Fremden aufs artigste begrt wurden, doch
ihrerseits keine Veranlassung, die gebotene Aufmerksamkeit zu erwidern;
sie saen im Kreise auf bunten Matten und rauchten Opium, ohne dabei ein
einziges Wort zu sprechen.

Dies Zimmer wurde schnell verlassen. Ein wahres Glck, da man hier zu
Lande kein Fensterglas kennt, meinte Hans. Htte nicht zu dem
angenehmen Heimwesen der Hhner und der rauchenden jungen Damen die Luft
bestndig von allen Seiten freien Zutritt, dann mchte es in solchem
Dorfe unter Dach und Fach schon sehr bald anfangen, unertrglich zu
werden.

Mehr von diesen Wohnungen wollen wir nicht besehen, erklrte Holm.
Drauen im grnen Walde ist es besser. Aber, lieber Himmel, fgte er
pltzlich hinzu, -- was haben wir denn da?

Seine Hand deutete auf einen wahrhaft greulichen Schmuck, welcher ber
dem Eingang des nchsten Familienzimmers angebracht war und von dort
herab den Kommenden entgegengrinste. Wenigstens zwanzig bis dreiig am
Hals abgeschnittene Menschenkpfe hingen auf Pflcken, wie etwa bei
zivilisierten Vlkern die Jger ihre erlegten Hirschgeweihe aufzuhngen
pflegen; einige waren gnzlich Skelette, andere mochten in irgend einer
Weise prpariert sein, so da sie aussahen wie Mumien; langes und kurzes
Haar hing von diesen Schdeln herunter; man erkannte hier einen Krieger,
dort eine alte, eisgraue Frau, und selbst junge Mdchen und Kinder
fehlten nicht. Durch die Haare aller dieser Opfer flog und flsterte der
Wind, ja bei jedem etwas strkeren Stoe schaukelten und baumelten die
Kpfe, da es unheimlich klapperte wie von totem Holz.

Bassar legte die Hand auf seinen Arm. Die Dajaks sind Kopfjger, sagte
er in englischer Sprache. Keiner unter ihnen darf heiraten und einen
eigenen Herd besitzen, ehe er nicht wenigstens _einen_ Kopf selbst vom
Rumpfe getrennt hat; keiner kann die Wrde des Panglima erreichen, der
nicht hundert Kpfe ber seiner Thr hngen hat. Sehen Sie nur dort die
Wohnung des Huptlings!

Dem Gemach der Bliangs gegenber lag die Knigshtte des Dorfes. Hier
waren alle Matten mit Gold durchflochten, Sklavinnen kauerten in groer
Zahl auf dem Fuboden, der ganze Raum war bedeutend breiter, und auf
einem Mattenhaufen sa rauchend die Knigin; -- ber der Thr prangten
nicht weniger als hundertundfnfzig Kpfe.

Der alte Theologe stand starr. Dieser Greuel! rief er. Ob da nicht
Steine und Wnde predigen mten! Es ist himmelschreiend.

So abscheulich dieser Schmuck auch ist, sagte Holm, so wollen wir
doch nicht unterlassen, diese Sttten entsetzlichen Heidentums
photographisch aufzunehmen, sie werden zu den traurigen Ansichten der
Bergwerke ein Seitenstck bilden, das eindringlicher als Worte Zeugnis
von dem verwahrlosten Volke der paradiesischen Insel ablegt. Vielleicht
erweckt ihr Anblick in dem Herzen glaubensvoller Mnner das Verlangen,
den armen Heiden die milden Sitten des Christentums aufs neue
entgegenzubringen, wenn auch bis jetzt weder Missionare noch Kaufleute
einen entscheidenden Einflu haben ausben knnen; man kennt nicht
einmal annhernd die Verhltnisse des Innern, wohin auch wir nicht
gelangen werden; -- es wre umsonst, diesen Heiden, die nur in den
Naturereignissen feindliche Gewalten anerkennen, berhaupt irgend eine
Moral predigen zu wollen. Wir haben nun das Dorf gesehen, also lat uns
vor demselben unsere Hngematten aufschlagen.

Torio und Bassar schttelten die Kpfe. Das geht nicht, Herr, die
Dajaks wrden es als groe Beleidigung ansehen. Es ist einmal Sitte, im
Vorderraum jedes Dorfhauses die Gste unterzubringen, -- lnger als eine
Nacht bleiben wir ja ohnedies nicht.

Aber wenn wir nun gleich auf der Stelle weiter reisen! rief rgerlich
der Doktor.

Die Malaien hielten ihre Weigerungen aufrecht. Das sei ganz unmglich,
beharrten sie.

Holm wechselte mit den Reisegenossen ein heimliches Zeichen. Trauen
konnte man den Gelben nie vollstndig; sie hier zu reizen oder gegen
ihre Absichten irgend etwas durchsetzen zu wollen, schien nicht ratsam.
Schlafen wir also, da es nicht anders sein kann, eine Nacht auf
derselben Streu mit Hhnern und Tauben, sagte er. Es gab ja am Ende
schon schlimmere Stunden als diese. Vor der Hand thut freilich ein Imbi
am meisten not.

Bassar lieh gegen Geld und gute Worte von der nchsten Dajaksfrau
einiges Kochgeschirr, ein Feuer wurde entzndet und die Reste des
Hirschfleisches gebraten, dazu Reis, das einzige tgliche Nahrungsmittel
der Malaien. Man lie die umstehenden, neugierig blickenden Kinder
mitessen, verteilte kleine Mnzen und brachte schlielich das Gepck in
einen bestimmten Winkel, wo Bassars jngster Sohn als Wachhabender
zurckblieb; dann wurde ein Ausflug in die Umgebung unternommen.
Schlechtbestellte Felder in der Nhe des Dorfes trugen allerlei Gemse,
Reis, die Kalampanfrucht, aus der die Eingebornen l pressen, sowie in
ganzen, kleinen Wldern die Gomutupalme, welche den Zucker liefert, es
weideten Ziegen an allen Abhngen, und zahme und wilde Vgel waren in
reicher Anzahl vorhanden.

Nachdem das smtliche Reisegepck, Decken und Vorrte zu Hause gelassen
worden, war der Spaziergang hinaus in den Wald um so angenehmer. In der
balsamischen Luft wiegten sich Schmetterlinge von neun Zoll Flgelweite,
Tiere wie sie die Reisenden nie gesehen hatten, kohlschwarz und
samtartig glnzend, mit einem breiten, anmutig gebogenen Goldstreifen
quer ber beide Flgel, mit grnen federartigen Flecken und einem
purpurnen Halskragen, sowie mattweien, schmalen Saum rings um den
ganzen Krper. Auch blaue, gelbe und ganz hellrote Arten waren
vorhanden, alle riesig gro und in solcher Anzahl, da sie sich unschwer
fangen lieen; Kfer und Fliegen, Mcken, wilde Bienen, Erdwrmer von
Fulnge und mehr als Zolldicke, Spinnen und Hunderte von kleinen
verschiedenen Geschpfen der Insektenwelt belebten den Kelch jeder
Blume, die Falten jedes Blattes. Die meisten dieser Tierchen
verbreiteten einen feinen Wohlgeruch, der sich bei jeder Berhrung
verstrkte, -- auch eine Erscheinung, welche sonst noch nirgends
beobachtet worden war.

Zuweilen brachen die jungen Leute irgend ein groes, tellerfrmiges oder
wie ein breites Schwert gestaltetes Blatt und besahen aus der Nhe diese
azurblauen, weien oder tiefroten Geschpfchen, beobachteten die feine
Schattierung ihrer Flgeldecken und den hauchartigen Wohlgeruch, bis
dann der Kfer pltzlich die blulichen Schwingen hob und davonhuschte,
eine Flut von Duft zurcklassend, in der nchsten Sekunde verschwunden
unter Hunderten seiner Gattung, die berall schwirrten und wie glnzende
Funken die Luft durchsegelten.

Die Botanisierkapseln und Spiritusbehlter waren schon bis an den Rand
gefllt, ehe noch der Marsch die Dauer einer halben Stunde erreicht
hatte; man brauchte hier thatschlich nur die Hand auszustrecken, um das
Gewnschte zu erlangen.

Die Malaien verfolgten seit mehreren Minuten aufmerksam eine Reihe von
Spuren, die sich an geknickten Bschen und niedergetretenen Blumen und
Grsern bemerkbar machten; es muten grere Tiere, mehrere an der Zahl,
hier durchgedrungen sein und zwar erst ganz krzlich, denn die
gebrochenen Blumen hatten noch keine Zeit gehabt zu verwelken, das Gras
lag abgerissen, aber grn und frisch am Boden. Jetzt schien es auch, als
tne aus geringer Entfernung ein wohlbekanntes, nicht eben sehr
melodisches Grunzen den Horchenden entgegen, -- alle sahen einander an.
Wildschweine? fragte Franz.

Torio nickte. Sie graben Wurzeln, versetzte er. Ganz in der Nhe wird
sich das Feld befinden, wo die Herde ihre Lieblingsnahrung entdeckt hat.
Schweine sind hier in Unzahl vorhanden, da die eingebornen Dajaks nur
Reis und Gemse essen, dem berhandnehmen der Tiere also durchaus nicht
entgegentreten; -- wir mssen ihnen hinter dem Wind beizukommen suchen.

Einer nach dem andern schlichen die Mnner mit den geladenen
Kugelbchsen in den Hnden durch das dichte Unterholz, immer dem Schall
nach, bis sie, wie die Malaien vorausgesagt hatten, eine etwas weniger
bewachsene Stelle antrafen, wo unter den Bumen dreiig bis vierzig
Schweine eifrigst mit ihren Rsseln das Grn des Bodens aufwhlten und
aus der fettigen, mergelhaltigen Erde apfelgroe Frchte herausholten,
welche dort zu sechs bis zehn gleichsam in Nestern bei einander wuchsen.
Ganz schwarz und einen knoblauchartigen Geruch verbreitend, gehrten
jedenfalls diese Wurzeln zu den bekannten Trffeln; Holm beschlo sie
noch nher zu untersuchen, in diesem Augenblick richtete sich jedoch
seine Aufmerksamkeit ausschlielich auf die Schweine, welche bei ihren
schwarzen Borsten und dem plumpen Kopf einen ganz weien Bart trugen.
Sie schienen durch Jagd nie belstigt zu werden, waren keineswegs scheu
und lieen die Mnner nahe an ihren Weideplatz herankommen. Alte, groe
Keiler rissen mit den Stozhnen die Erde auf, da Gras und Ranken hoch
umherflogen, Bachen mit zwlf bis vierzehn Ferkeln lagen, gemtlich
grunzend, im Schatten und lieen ihre Kleinen trinken; auch einige
schwarze Tapire mit den spitzen Schnauzen nahmen an der Mahlzeit teil,
bis ein Schu aus Torios Kugelbchse pltzlich dem Familienleben unter
den Bumen ein Ende machte. Die Herde drngte und schrie in eiliger
Flucht durch einander, mehrere Schsse aus den Gewehren der Weien
streckten ihre Opfer nieder, und als endlich der Kampfplatz leer war,
hatten fnf Ferkel und ein junger Eber das Dasein eingebt; die Tapire
dagegen waren zum rger der Schtzen glcklich davongekommen.

Da es hier wenig Raubtiere gab, lieen die Fhrer das erlegte Wild bis
zu ihrer Rckkunft liegen, und weiter ging die Wanderung in den Wald
hinein. Hier gelang es, mit der Vogelflinte einen schnen, mnnlichen
Paradiesvogel vom Baum zu holen, ebenso eine Zibetkatze, die Holm
auszustopfen gedachte, und mehrere schngezeichnete Amseln mit
dunkelroter Brust. Ein Leopard sprang einmal hart vor den Fen der
Reisenden vom Baum herab, aber erlegt wurde er nicht, obwohl ihm auf das
gute Glck hin mehrere Kugeln nachgesandt wurden; ganze Rudel der
groen, schlanken Pferdehirsche, von einem auf einer Anhhe stehenden
alten Bock bewacht, grasten an den Ufern breiter zu Thal fallender
Flsse, erhielten aber bei der ersten Annherung der Weien von dem
Fhrer einen Warnungsruf und verschwanden mit ihm, ehe noch ans Schieen
gedacht werden konnte. Scheu wie ihr ganzes Geschlecht, flohen sie die
Nhe des Menschen, obgleich auch auf ihr Leben hier wenig Jagd gemacht
wurde. Nur bei besonders festlichen Gelegenheiten essen die Dajaks
Fleisch, sie sind an den Reis als einzige Nahrung gewhnt und geben sich
nicht die Mhe Wild zu erjagen und zuzubereiten.

Es dmmerte bereits, als die erlegten Schweine aufgeladen wurden und nun
die Gefangenschaft im Hhnerloch, wie Franz erbost bemerkte, ihren
Anfang nehmen mute. Vorerst freilich loderte ein mchtiges Feuer empor,
zwei Ferkel steckten am Spie, und fette Bissen wanderten in die
Hndchen der naschhaften braunen Kinder; dann erkletterten unsere
Freunde die Leiter, welche hinter ihnen von den wenigen im Dorfe
zurckgebliebenen Mnnern heraufgezogen wurde, und das Lager aus Matten
und Palmblttern empfing sein Opfer.

Rechts in der nchsten Nhe sangen die sechs Bliangs in eintnigen
Weisen, Hirn und Nerven ermdend, die Totenklage fr eine an demselben
Tage gestorbene junge Frau; berall ertnte das herzhafte Geschrei
kleiner Kinder und die Beschwichtigungsmittel der Mtter, das Gurren
mehrerer hundert Tauben und die rastlosen Kampfrufe der Hhne, deren
Gemahlinnen glcklicherweise die Gewohnheit ihres Geschlechtes, mit dem
Untergang der Sonne zu verstummen, auch hier auf Borneo festhielten.
Drauen schrieen die Papageien, jagten sich in den Bumen die Affen und
quakten die Frsche -- es war eine Nacht, die selbst den geduldigsten
Sterblichen aus der Fassung bringen konnte.

Heimlich machte sich aus den Falten und Tiefen des Bltterlagers eine
feindliche Armee auf die Beine und marschierte im Geschwindschritt gegen
den Feind. Wohin der Finger traf, da begegnete ihm jener kleinste,
springende Vertreter des rsseltragenden Geschlechtes, wohin sich das
Haupt zur Ruhe bettete, da scheuchte es ein pltzlicher, scharfer Stich
wieder auf, wohin die Gedanken eilten, da schreckte das Durcheinander
von Tnen wieder in die unliebsame Gegenwart zurck; besonders ein
groer, bunter Hahn von streitlustigem Aussehen, einen Fu trotzig
erhoben, den Kopf lauernd seitwrts geneigt und das Auge vor Bosheit
funkelnd, erregte am meisten den rger der jungen Leute.

Rhrte einer von ihnen Hand oder Fu, dann hielt sich der Kammtrger
verpflichtet, mittels eines schallenden, langgedehnten Kikeriki diesen
Hausfriedensbruch zu rchen, und sofort stimmten smtliche Genossen in
den Schlachtruf ein, wobei noch als besonderer belstand hinzukam, da
jedesmal ein anderer benachbarter Hahn diese Herausforderung als an sich
gerichtet aufnahm und durch Heranfliegen das Duell erffnete. Dieser
alte Bursche, zerzaust und seiner Federn in mancher heien Schlacht
beraubt, mute sich stark erkltet haben, denn er brachte es bei den
Antworten, welche er gab, nur bis zu einem heiseren Kck! -- Dann
schien seine Stimme zu versagen, und die Handlung trat an Stelle aller
Neckereien. Gerade ber den Kpfen der Gesellschaft sprangen die beiden
Hhne gegen einander auf, zogen sich an den Schnbeln gegenseitig so
gewaltsam, da nicht selten der Alte jhlings auf das Bltterlager
herabfiel, und schlugen sich mit den Flgeln, bis die unten Liegenden
verzweiflungsvoll aufsprangen, um Staub und Federteilchen aus den Augen
zu reiben.

Soll ich ihn umbringen? fragte Franz, auf den hbschen, streitlustigen
Hahn deutend, der verrckte Kerl hlt uns die ganze Nacht in Atem.

Die Hand des Doktors hielt ihn zurck. Franz, vergit du, da hart
neben uns unter demselben Dache eine Leiche liegt? fragte er halblaut.

Das ist wahr! -- Still, du Schreihals.

Ein Schlag mit dem Taschentuche verscheuchte den lteren Hahn in
geziemende Entfernung, whrend der bunte lauernd auf dem Posten blieb
und vor den Brutkrben seiner Damen Wache hielt; der Vogelkampf ruhte
einen Augenblick, aber die Qulereien der Insekten dauerten fort, und
der Gesang vom Totenzimmer her zerri die Gehrorgane.

Dewata-dugingang! -- Dewata-dugingang! -- Fast ohne Abwechselung, sich
immer wiederholend, sangen die sechs Mdchen mit gedmpfter Stimme diese
Silben, die in ihrer steten Folge ebensowohl ermdend als aufregend
wirkten, bis endlich Holm vorschlug, diese Stelle des langgestreckten
Lagers zu verlassen und einige hundert Schritte weiter Erholung zu
suchen. Sowohl der entsetzliche Totengesang als auch die Trompetenklnge
des Hahnes muten dort weniger empfindlich einwirken, man konnte
vielleicht doch schlafen oder wenigstens die Augen schlieen und ruhig
daliegen. Der junge Gelehrte verband damit heimlich noch einen
besonderen Zweck. Ihm war das Benehmen Bassars schon lngst auffallend
gewesen, er glaubte zu wissen, gleichsam zu fhlen, da unausgesprochene
Absichten den Alten zu dieser Expedition veranlat hatten, da er irgend
etwas im Schilde fhrte. Ihn zu beobachten schien daher hchst
notwendig.

Und wirklich, als an dieser geschtzteren Stelle einiger Schlaf auf die
mden Augen sich herabsenkte, als alles ruhte, da sollte sich der
gehegte Verdacht besttigen. Bassar richtete vorsichtig den Oberkrper
vom Lager auf, er sah umher, und nachdem ihn dieser Rundblick
berzeugte, da die Weien schliefen, da wechselte er mit seinem Bruder
ein kaum wahrnehmbares Zeichen und glitt auf leisen Sohlen hinber in
die jenseits des breiten Vorderraumes liegenden Familienwohnungen.

Was konnte er dort wollen? -- Es waren nur Frauen anwesend.

Holm verbrachte mit geschlossenen Augen, regungslos horchend, eine
qualvolle Viertelstunde. Die brennende Wachskerze qualmte und tropfte,
allerlei fernes und nheres Gerusch traf das Ohr des jungen Mannes, der
endlich, getrieben von folternder Ungeduld, den Kopf zur Seite drehte,
um nur die Augen ffnen und in das hohle, dunkle Innere des Raumes
hinaussehen zu knnen. Torio und die Shne Bassars lagen ruhig, letztere
schliefen sogar ganz fest; drben im Frauengemache hinter den Matten
tnten flsternde Stimmen, leise Schritte wurden auf dem knarrenden,
schwankenden Boden bemerkbar, -- immer noch kam der Malaie nicht zurck.

In einem Augenblick drngte es den jungen Mann, die Genossen zu wecken
und so schnell als mglich zu den Waffen zu greifen, schon schwebte auf
seinen Lippen der Ruf Verrat! Verrat! -- dann aber fiel ihm wieder
ein, da ja doch noch nichts erwiesen sei, und da vielleicht erst die
ausgesprochene Beleidigung Feindschaft erregen konnte, -- er wartete
noch, obgleich ihm das Herz gegen die Rippen pochte, als habe er selbst
ein Verbrechen begangen.

Endlich erschien der Malaie. Sein verschmitztes Gesicht trug den
Ausdruck grter Zufriedenheit, er legte sich neben seinen Bruder auf
die Streu und sprach lange und eifrig mit ihm; offenbar hatte er von den
Frauen der Dajaks eine Nachricht erhalten, die ihn sehr befriedigte und
die also mit den Weien in keinem Zusammenhang stehen konnte. Holm
atmete auf, aber er selbst schlief doch nicht eher, bis Bassars Atemzge
bewiesen, da er wenigstens fr den Augenblick durchaus keine
verbrecherischen Absichten hegen knne. Irgend etwas ging vor, irgend
etwas wurde heimlich geplant, davon war Holm berzeugt; er wollte also
die Gelben unausgesetzt beobachten, namentlich dann, wenn irgend ein
anderer Dajaksstamm erreicht war.

Den Rest der Nacht schliefen alle; die Malaien hatten schon das
Frhstck fertig, als die Weien herauskamen und die Nachwehen der
schlechtverbrachten Ruhestunden in dem Anblick der dampfenden
Kaffeekanne vergaen. Diesmal hatte man die edlen braunen Bohnen vom
Schiff in die Wildnis mitgenommen, Zucker und Milch gaben die Frauen,
und so gelang es bestens, den krftigenden Trank herzustellen. Eben
wollte Franz die Lippen ffnen, um vom Aufbruch zu sprechen, als ein
sonderbarer Zug seine Blicke fesselte. Voran gingen, in ihren
klingendsten Putz gehllt, der Liau und drei Bliangs, dann folgten vier
Mnner, die auf Bambusstben eine Leiche trugen, ohne Zweifel die der
jungen Frau, der die schauerliche Totenklage dieser Nacht gegolten; den
Beschlu machten drei weitere Bliangs.

Wieder murmelte es von allen Lippen Dewata-dugingang!
Dewata-dugingang.

Ob das eine Beerdigung wird? raunte Hans. -- Wie unzart, nicht einmal
das Gesicht der Leiche zu verhllen.

Wir wollen mitgehen, ermunterte Franz. Lat uns doch die Sache mit
ansehen!

Holm fragte die Malaien, ob das erlaubt sei, und diese antworteten
uerst bezeichnend: Wir nehmen unsere Waffen mit! Es sind ja keine
Mnner da.

Und so folgte man aus anstndiger Entfernung dem Leichenzuge, aber nicht
etwa auf ein freies Feld hinaus, sondern mitten in den dichtesten Wald.
Da wurde unter einigen breitstigen Bumen Halt gemacht, die Leiche mit
der Bahre zu Boden gesetzt, und nun begann eine seltsame, ganz stumme
Szene. Die Mnner -- lauter Sklaven -- zogen sich auf einen Wink des
Liau etwas zurck, die Leiche erhielt ihren Platz inmitten eines
geschlossenen Kreises, der mit einem Stock auf dem Moos bezeichnet war;
dann vollfhrten die Bliangs und der Liau einen Tanz, bei dem jedes fr
sich den Krper wie Kautschuk verdrehte, sich hintenber und vornber
beugte, die Haare zerzauste und die Arme in die Luft warf. Die
Putzgegenstnde rasselten und klapperten; immer toller, immer rasender
wurde der Tanz, bis eine nach der anderen, die Bliangs und der Liau,
atemlos wie vom Schlag gerhrt zu Boden sanken. Damit war die Vorfeier
beendet. Jetzt kamen die Sklaven, beluden sich mit Bahre und Leiche und
fingen an, den nchststehenden Baum zu erklettern. Es war ein
schauerlicher Anblick, so vom Rcken der braunen Gesellen das
Totenantlitz dann und wann zwischen den Bumen erscheinen zu sehen!
Rings Blten und Frchte an einem Zweig, flatternde Schmetterlinge und
purpurrote Singvgel, rings Schnheit und reiches, ppiges Leben, --
dazwischen, wie eine Mahnung an die Vergnglichkeit alles Irdischen, das
fahlbleiche Gesicht mit dem gramvollen Zug um die Lippen, -- die
herabhngenden kleinen Hnde.

Gott im Himmel, fragte Hans, was wollen denn die Leute mit der Toten
da oben im Baumwipfel?

Die Malaien wuten es wohl, und bald sahen es auch die Weien. Auf der
hchsten Hhe, ber den letzten Zweigen wurde die Bahre befestigt und so
die Leiche den Raubvgeln zum Zerfleischen preisgegeben. Nachdem die
Hanfseile gehrige Sicherheit verhieen, stiegen die Sklaven wieder zur
Erde, wo sich bei ihrem Anblick Liau und Bliangs wunderbar schnell von
der frheren Ohnmacht erholten und in das Dorf zurckkehrten. Schon
jetzt verriet ein Krchzen ber den Wipfeln, da die geflgelten Ruber
ihre Beute in Empfang genommen hatten.

Das Skelett wird spterhin beerdigt, erluterte Bassar, aber nicht
eher, bis alles Fleisch verzehrt ist, so will es die Sitte. Andere
Stmme verbrennen ihre Toten, ebenso gibt es einige, die sie durch
Ruchern mit bestimmten, nur dem Liau bekannten Krutern zu Mumien
drren und verwahren. Diese Art der Bestattung ist die hufigste.

Der Doktor schttelte den Kopf, als ihn Holm am Arm fortzog. Ist es
denn nicht emprend, da oben die Tote unter den Fngen der Geier zu
wissen? fragte er.

Sie fhlt's ja nicht! begtigte der junge Gelehrte. Und dann -- mir
hat der Gedanke an das Grab mehr Schrecken als der eines so schnellen
Zerfallens in tropischer Luft. Kommen Sie, -- ob hoch oben im freien
Blau oder tief unter dem Boden, -- zu Erde wird, was von ihr stammt,
nach Gottes Gesetz berall. Wenn mich etwas emprt hat, so war es der
tolle Tanz um die Leiche herum. Heda, Bassar, sagen Sie uns doch, ob nun
im Dorfe noch eine Fortsetzung der Feier stattfindet?

Der Malaie nickte. Er selbst war, wie alle ansssigen Glieder seines
Volkes, Mohammedaner und hielt sich daher ber das Heidentum der Dajaks
hoch erhaben. Diesen Leichenschmaus sollten Sie aber lieber nicht mit
ansehen, riet er, das ist ein greuliches Gelage, bei dem die Bliangs
und der Liau so viel Opium rauchen und Tuach-Katan (Arrak) trinken, bis
sie in Raserei verfallen und dem leichtglubigen Volke vorspiegeln, da
die Gtter, nur ihnen sichtbar, mit am Tische sen. Sie schreien,
bekommen Krmpfe und Verzckungen, kurz es wird ein arger Skandal.

Den wir nicht mit ansehen wollen! erklrte Holm. Besser in den grnen
Wald hinaus, als zu solch einem Gaukelspiel, von dessen Lgeninhalt
seine Vertreter ganz genaue Kenntnis haben. Lassen Sie uns nur schnell
noch etwas Geld verteilen und unsere Sachen aufpacken, dann geht's fort.
Sie kennen ja die Richtung, welche wir einschlagen mssen?

Bassar nickte. Zunchst ist es doch den Herren daran gelegen, einen
wandernden Stamm in seiner Hlichkeit zu sehen, nicht wahr? Nun, fr
diesen Zweck mssen wir am Flusse hinunter in das Thal zwischen jenen
Gebirgszgen gehen. Da weiden die Mankeian.

Wieder sah Holm in den falschen Zgen jenes Aufblitzen, das Lauern und
den glhenden Ha, der so oft darin auftauchte. Ob Bassar bei den
Angehrigen der Mankeian irgend einen Feind hatte, den er herausfordern
wollte?

Sie verstanden einander offenbar alle fnf, die Mnner mit den niederen,
umbuschten Stirnen und dem verschmitzten Aussehen; Holm htte nicht
eingewilligt, gerade die Mankeian zu besuchen, wenn nur das Verbot
durchfhrbar gewesen wre; aber wie sollte er in der unbekannten Wildnis
irgend einen Pfad bezeichnen, wie einen Stamm von dem anderen
unterscheiden? -- Zu aller Sicherheit nahm er den Malaien beiseite.
Gestehen Sie mir's, Bassar, bei den Mankeian haben Sie irgend einen
alten Streit auszufechten, irgend einen Handel, den Sie uns
verschweigen! -- es lebt unter diesem Stamm ein Mann, dessen erbitterter
Feind Sie sind?

Bassar hob die Hand zum Himmel. Bei Allah und seinem Propheten, sagte
er in feierlichem Tone, die Mankeian sind meine Freunde. Der Stamm
kommt zuweilen an die Kste und tauscht Edelsteine oder Gold gegen
Kleider und Schmucksachen, ich kenne den Knig sowie viele Mnner aus
dem wandernden Volke, -- ein Feind ist nicht darunter.

Das wurde mit jenem berzeugenden Tone vollkommenster Wahrheit gesagt,
das schien eine bestimmte, unwiderlegliche Thatsache; Holm konnte also
nur einwilligen, den Zug anzutreten, im stillen aber dachte er einmal
ber das andere du lgst doch! unausgesprochen, verdreht und
umschrieben vielleicht, -- Lge ist's doch!

Dies Bewutsein trug nicht dazu bei, die Stimmung, in welcher er sich
befand, zu verbessern; erst als das Dorf weit hinter der kleinen Schar
zurckgeblieben war und dadurch die letzten, noch halb und halb
schwebenden Fragen erledigt, da that wie immer im Leben die vollendete
Thatsache das Ihrige, um ihn ruhiger werden zu lassen. Nur langsam drang
der Zug vor in die grne Wildnis, einesteils der gehuften Hindernisse
und anderseits der brennenden Hitze wegen; alle Weien hatten auf den
Rat der Fhrer im Nacken ein herabhngendes Stck Leinen nach Art
unserer Kohlentrger befestigt, die Strohhte mit breiten Rndern
beschatteten das Gesicht, und hoch heraufgehende Stiefel erlaubten den
Weg ber das dichte Rankengeflecht mit seinen zahllosen kriechenden,
stechenden und zum Teil giftigen Bewohnern. So ppig wie hier war ihnen
der Pflanzenwuchs nirgends entgegengetreten, dafr aber auch das
Durchdringen desselben nirgends so schwer gewesen; Affen, in ungeheurer
Anzahl und zu ganzen Gesellschaften vereinigt, bevlkerten die Bume,
Paradiesvgel hpften, auf Java so selten, hier von Zweig zu Zweig,
groe Orang-Utangs, mit Baumsten bewaffnet, versuchten es, den
Eindringlingen ihre entlegene waldige Heimat streitig zu machen und
konnten nur durch ein paar Bchsenschsse zur Umkehr bewogen werden.

Haben die Mankeian nur einen Weideplatz? fragte wie zufllig Holm.

Mehr als hundert, versetzte unbefangen der Malaie, wir knnen daher
ganz sicher sein, wenigstens einen anzutreffen. Morgen oder bermorgen
sind wir da.

Wenigstens hundert! wiederholte sich Holm, und alle diese Leute
wandern. Sollte der Schurke in Erfahrung gebracht haben, wo gerade die
Familie lebt, bei der er Rache sucht? Unmglich!

Und von diesem Gedanken beinahe beruhigt, half er am Abend das
schwebende Lager herrichten und die Mahlzeit bestellen wie gewhnlich.
Eine der zahllosen, das gesegnete Land durchziehenden Wasseradern
pltscherte ber Kiesel und Sand dahin, schne Schwimmvgel bauten an
den Ufern ihre Nester, Fische glitten durch das klare, blaue Element,
und groe Schildkrten lagen trge im letzten Sonnenschein. Es war den
Malaien gelungen, einen Hirsch zu schieen, Frchte hingen von allen
Zweigen, Gemse verschiedenster Art wuchs genug, um ganze Bataillone zu
sttigen, prachtvolle Ananas wuchsen in den feuchten Niederungen; es
huften sich also die seltensten und teuersten Delikatessen, um diese
Abendmahlzeit zu wrzen, selbst frische Eier fehlten nicht; nur das
Tafelgert war uerst unzureichend und sparsam, Blechteller,
Blechlffel, ein paar Gabeln und Pfannen nebst dem Messer, welches
jedermann in der Tasche trug, das war alles. Im heien Aschenhaufen
muten die Eier kochen, die Schildkrtensuppe blieb ungeschumt, das
Rckenstck vom Hirsch lie die Kartoffeln schmerzlich vermissen, und
das Gemse htte mit Butter noch weit besser als mit Hirschfett
geschmeckt; aber dennoch mundete es allen vortrefflich, und auf die
fatale Nacht im Dajakshause folgte hier unter freiem Himmel, an
schwankenden Zweigen, ein herrlicher, durch nichts gestrter Schlummer,
der bis zum Morgen whrte.

Dann aber kamen Prfungsstunden. Es mute ein tiefes Thal durchwandert
werden, eines jener sonderbaren, auf Borneo vielfach vorkommenden
Gebiete, welche whrend der Regenzeit unter Wasser stehen und kleineren
oder greren Meerbusen gleichen, spterhin jedoch austrocknen und einen
sehr fruchtbaren Boden abgeben. Gerade jetzt war die entstandene
Schlammschicht vielleicht noch einige Zoll tief; braun und unbeweglich,
Blasen treibend, von glhender Sonnenhitze berhaucht, lag die weite
Flche wie ein deutsches Moor, einsam, nur von wenigen Raubvgeln
besucht und zuweilen von aufsteigenden Gasen unangenehm durchzogen, dem
Auge endlos und de erscheinend da; dennoch aber mute man hinber, --
hinter den Bergen, die dort vom blauen Duft verhllt ihre Hupter
erhoben, wohnten ja die Mankeian, und diese zu erreichen war das nchste
Ziel. Bassar prfte, als Anfhrer des Zuges, zuerst den unsicheren
Boden. Die Schlammschicht schien nicht mehr gefhrlich, man konnte sie
ohne Bedenken betreten. Es wurden also groe Wanderstbe geschnitten,
alles Gepck auf den Rcken geschnallt, die Hte so tief als mglich
herabgezogen und dann in Gottes Namen der wenig verlockende Marsch
begonnen. berall traf der Fu den toten, ausgedrrten Krper solcher
Tiere, welche whrend des tglichen Regenfalles hier in hoher Flut
lustig gepltschert und sich wohlbefunden, aber spter, als das Wasser
pltzlich ablief, den Rckweg zum eigentlichen Strome nicht mehr
gefunden hatten. Kleine Schildkrten, Krebse, Muscheln, Schnecken, sogar
ein halbwchsiges Krokodil und zahllose Wasserkfer, deren einige noch
bemht waren, im zhen Schlamm mhsam kletternd das Leben zu fristen,
und die als willkommene Beute den Botanisierkapseln der Forscher
anheimfielen. Binnen wenigen Wochen wrde ppiges Grn den Boden
bedecken, sagten die Fhrer; fr jetzt aber sprote noch kein Halm,
kndigte kein kleinstes Keimchen das verborgene, der Auferstehung
harrende Leben. Es war schwer, mit dem Fu in der weichen Masse einen
festen Halt zu gewinnen, es war schwer, ihn wieder herauszuheben, die
langen Stcke muten einmal ber das andere helfen; von allen Stirnen
rann der Schwei, aller Glieder waren todmde, ehe noch die Hlfte des
Weges durchmessen worden, und dennoch gab es kein Pltzchen zum
Ausruhen, dennoch konnten nur stehend die mitgebrachten Erfrischungen
eingenommen werden, indes die Sonne auf die Kpfe ihre glhenden
Strahlen senkrecht herabsandte und unter den Fen im Schlamm allerlei
bse Miasmen erzeugte. Zuweilen tnte der heisere Schrei eines
Raubvogels, sonst unterbrach kein Laut die tiefe, beinahe grauenvolle
Stille; es war, als sei dies Thal der Vorhof zur Unterwelt.

Noch zwei Stunden, trstete Bassar, dann ist's hinter uns gebracht.

[Illustration: Die Wanderung durch das Schlammfeld.

Und wieder pilgerten die Wstenfahrer den voranschreitenden Gelben
nach.]

Und wieder pilgerten die Wstenfahrer den voranschreitenden Gelben nach,
einer den anderen ermutigend, so gut es gehen wollte, heimlich jeder
frchtend, da diese Aufgabe doch alle Krfte bersteigen werde. Der
einzige Trost blieb jenes blaue Gebirge, das allmhlich anfing, in
deutlichere Formen berzugehen. Man sah Wald und kahle, vulkanische
Kegel, das Grn der Bume trat hervor, stille, liebliche Thler, jhe
Felsstrze und Wasserflle ffneten sich dem Blick; eine Herde
schngezeichneter Bffel graste an den Abhngen, die Vogelwelt, die
alles bezaubernde, farbenprchtige, war zum Leben erweckt und endlich
auch das braune, grauenhafte Schlammfeld berschritten, -- der Fu
betrat wieder ppiges Gras, balsamische Luft umfchelte die Stirn und
Blumen ber Blumen spendeten ihren sen Wohlgeruch.

Sie warfen sich in das wallende grne Bltterlager, wo es sich jedem
zunchst bot, sie wollten nur ruhen, ruhen um jeden Preis. Aller Hunger
war vergangen, die Mahlzeit der Malaien blieb unberhrt, ein
mehrstndiger Schlaf erst stellte das Gleichgewicht zwischen Verbrauch
und Krften wieder her. Und danach ein Bad! ein Bad unter dem
sprudelnden, silberhellen Fall! -- Sie bemerkten nicht, da selbst das
Wasser lauwarm geworden war auf seinem Wege durch die quatoriale
Sonnenglut; sie fhlten nur, wie es ber ihre steifgerttelten,
schmerzenden Glieder lebenspendend herabtrufelte und den letzten Rest
von Mattigkeit glcklich entfernte, -- jetzt konnten auch das kalte
Fleisch und die Frchte zur Anerkennung gelangen; mit wahrem Wolfshunger
fielen alle darber her.

Hinter ihnen lag unbersehbar das Schlammfeld, ganz in der Nhe
zeichneten sich noch am Rande desselben die Fuspuren der Wanderer
deutlich ab, -- nicht fr Schtze htte ein einziger unter ihnen, die
Malaien ausgenommen, nochmals das tote, verdete Reich durchwaten mgen;
der Doktor gestand sogar, da er mehr als einmal im Begriff gewesen sei,
sich fallen zu lassen und das Ende zu erwarten; selbst die Knaben
schauderten, nur der Malagasche fand die Sache nicht so schlimm. Wenn
jenseits des Thales meine Heimat lge, sagte er leise, dann ginge ich
hin und wieder her in einem Atem, um sie zu sehen, wr's auch auf
Augenblicke!

Franz nickte. Ich auch! rief er. She ich von hier den Michaelisturm
von Hamburg, ich knnte die Arme ausbreiten und laufen -- laufen -- bis
ich ihn erreicht htte.

Der Doktor schttelte den Kopf. Ich thue nicht mit! lchelte er. Die
Sechzig machen sich heute nach der beschwerlichen Wanderung doch
fhlbar. Wollen wir hier rasten, Kinder?

Alle waren einverstanden, und die Hngematten wurden aufgeschlagen. Am
frhen Morgen begann der Weg ber das Gebirge, dazu muten die Reisenden
ihre Krfte schonen.

War das Wandern im Schlamm eine mhevolle Arbeit gewesen, so konnte auch
das Ersteigen des Gebirges eine solche genannt werden, nur da es hier
Ruhepunkte in Hlle und Flle gab, und da berhaupt die Schnheit des
Weges seine Beschwerden nicht wenig milderte. Dajaksdrfer fanden sich
auf diesem Hhenzuge nicht; wohl aber brachten die Reisegefhrten einen
ganz unerwarteten kleinen Gast, einen Orang-Utang von vielleicht drei
oder vier Monaten, mit hinunter in das Thal zu den Mankeian. Bassars
Kugel traf die Mutter, als sie von einem Baume herab in Ermangelung
anderer Waffen mit Nssen warf, und das Kleine strzte aus ihren Armen
kpflings ins Gras. Die dichte Bltterschicht lie es unversehrt
ankommen, und nun trugen die Mnner abwechselnd das kleine Geschpfchen,
um ihm womglich unter den Haustieren der Dajaks eine Pflegemutter zu
finden. Holm wollte es aufziehen und mit nach Europa bringen.

Im Thale lagen unzhlige Htten aus Gras und Mattengeflecht, dicht
gedrngt in langen Reihen, jede auf Pfhlen und jede spitz wie ein
Bienenkorb; daneben Hrden fr das Vieh, Bffelkhe, Bergschafe,
Schweine und Geflgel und an einer Seite bebaute Felder, an der anderen
dagegen verschiedene rohe Werke von Holz, die auf Goldwscherei
schlieen lieen. Ein breiter, aus dem Gebirge herabfallender Flu
begrenzte die Niederlassung, deren ganze Ausdehnung die Reisenden nicht
berblicken konnten. Jedenfalls hatten sich mehrere der wandernden Zge
hier zusammengefunden, es schienen nicht weniger als tausend bis
zweitausend Kpfe unter diesen Laubdchern zu wohnen.

Holm legte ungesehen von den brigen die Hand auf Bassars Achsel. Da
wren wir nun am Ziel, sagte er mit leisem, eindringlichem Tone,
versprechen Sie mir, den Frieden dieser Htten zu ehren, Bassar? wollen
Sie da unten keinerlei Zwist oder Hader ausfechten?

Der Malaie vermied es, ihn anzusehen. Die Mankeian sind meine Freunde,
versetzte er, ich habe Ihnen das schon einmal mitgeteilt, Sir.

Gerade diese Worte waren es indessen, die Holm hren wollte. Gut,
Bassar, beharrte er, das freut mich ja, aber dennoch mchte ich von
Ihnen eine bestimmte Antwort erlangen. Sehen Sie einmal ab von den
Mankeian und versprechen Sie mir, mit niemand, er sei wer er wolle,
Streit anzufangen.

Ein rgerlicher Blick des Fhrers streifte den seinen. Das hat keinen
Sinn, Herr, antwortete er in einem Tone, den er sich bis jetzt niemals
erlaubt hatte, und das ist auch meine Sache allein. Lebe ich, so bringe
ich Sie wohlbehalten an das Schiff zurck, -- sterbe ich, dann thun das
meine Shne und mein Bruder. Mehr haben Sie nicht zu verlangen.

Das war deutlich; Holm fragte nicht weiter, aber er hielt es jetzt fr
notwendig, den brigen seine Besorgnisse mitzuteilen. Demgem wurde
einstimmig beschlossen, sich den Dajaks gegenber mglichst
zurckhaltend zu benehmen und den ganzen Besuch auf einen Tag und eine
Nacht zu beschrnken. Also auch Bassar und Torio waren in ihrer Weise
Verrter, man konnte den Malaien unter keiner Bedingung trauen! -- Papa
Witt behielt recht, wenn er sagte: man mu die gelben Halunken prgeln,
das ist das beste. --

In den Herzen aller Weien regte sich lebhaft das Verlangen, den
schlechten Streich der Fhrer zu bestrafen. Um ihrem Rachegelst zu
gengen, hatten sie die wehrlose Schar der Reisenden auf beinahe
unzugnglichem Pfade in das Herz der Wildnis gelockt, ohne sich darum zu
bekmmern, welcher Nachteil, welche Lebensgefahr daraus erwachsen
wrden, -- das war nicht minder schndlich als die Betrgerei der
Javanen, deren Geldgier sie bewog, die Fremden unter Tigern und
Rhinozerossen schutzlos zu verlassen.

Der alte Theologe predigte Ruhe und Besonnenheit. Noch haben wir nur
Vermutungen, Kinder! Seid also auf eurer Hut, aber nicht voreilig im
Urteil. Vielleicht endet das alles viel besser, als wir jetzt zu hoffen
wagen.

Holm seufzte. Dem Panglima und dem Liau dieses Dorfes mssen wir
bedeutende Geldgeschenke machen, riet er, ich wrde auch vorschlagen,
ihm die Pistolen zu Fen zu legen und das eine oder andere
Taschenmesser, obgleich sich die Leute selbst Waffen schmieden. Mir ist,
um es rund heraus zu gestehen, diesmal die Sache sehr unbehaglich.

Kommt nur, drngte Franz, kommt nur, der Besuch bei dem Panglima ist
das Notwendigste.

Und so zogen sie denn aus, um in der Mitte des Dorfes den Heerfhrer in
seiner Htte zu begren. Mehrere Mnner gaben ihnen das Geleite,
berall auf den Dorfstraen wimmelte es von nackten, schwarzhaarigen
Gestalten, die lebhaft, wie etwa bei uns Franzosen oder Italiener,
durcheinander schwatzten, schnelle, leichte Bewegungen vollfhrten und
mit blitzenden Augen um sich sahen. Sie schienen heiter, liebenswrdig
und freundlich zu sein, aber sehr heftig und von leidenschaftlicher
Gemtsart.

Der Panglima zeigte sich inmitten einer Schar bewaffneter Krieger, die
alle lange Bambusspiee mit Stahlspitzen und Bogen mit vergifteten
Pfeilen trugen. Er war ein Greis von gewi sechzig Jahren, dem heien
Klima gem aber nicht etwa ein alter, wohlerhaltener Mann, sondern
schneewei mit pergamentfarbenem Gesicht und erloschenem Blick. Seine
Hnde sttzten sich auf einen schlanken, feuerugigen Knaben, seinen
Enkel; er empfing mit der ganzen Herablassung eines Frsten die fremden
Reisenden und lie ihnen in der offenen Htte eine Mahlzeit aus
Hirschbraten, Tuach-Katan und Reis auftragen, auch schlug er es aus, die
gebotenen Geldgeschenke zu nehmen. Die Mankeian sind nicht arm, sagte
er. Beseht immerhin ihr Land, jagt den groen Affen und den
Paradiesvogel, wenn ihr dergleichen Geschpfe zwischen euren
Heimathtten nicht besitzt, aber behaltet euer Geld. Nigura ist ein
groer Kriegsherr, er braucht sich nichts schenken zu lassen.

Sein matter Blick streifte dabei die abgeschnittenen Kpfe ber dem
Eingang, als nhme er vor diesen Zeugen bewiesener Tapferkeit den
wohlverdienten Ruhm in Anspruch. Es ist kein Weier darunter, fgte er
bei, auch kein Mann meines eigenen Volkes, das alles sind die Kpfe der
Erbfeinde meines Landes, der Malaien.

Und du selbst hast diese Menschen gettet, groer Panglima? fragte
Holm.

Der Greis nickte. Die Kpfe, welche du hier siehst, sind mein,
Fremdling. Jeder meiner Shne hat eben soviele, ja sogar dieser Knabe,
mein Enkel, besitzt schon den Kopf eines Malaienknaben von seinem
eigenen Alter, -- nicht wahr, Omaha?

Der junge Bursche sah voll Stolz von einem der Besucher zum anderen.
Ich will auch Panglima werden! bersetzte der Dolmetscher seine
Antwort ins Englische.

Holm schenkte ihm eine Taschenpistole, die der Knabe mit einem
Freudenschrei empfing und vor Entzcken einmal ber das andere kte. Er
wolle damit hundert Malaienschdel zerschmettern, versicherte er.

Holm nherte sich dem Panglima. Unsere Fhrer sind, obwohl von dem dir
verhaten Volke stammend, doch in deinem Dorfe ihres Lebens sicher,
nicht wahr, Knig Nigura? fragte er. Wir besitzen einen Schutzbrief
des hollndischen Statthalters, der euch befiehlt, uns und die Malaien
ungehindert zu lassen, willst du den respektieren, oder verlangst du,
da wir dein Gebiet meiden?

Der Greis lchelte. Wer ist der hollndische Statthalter? fragte er in
geringschtzigem Tone. Womit will er Nigura, den groen Knig der
Mankeian, zwingen, seinen Fetisch zu achten oder seine Freunde zu
beschtzen? Wenn es mir beliebt, lasse ich eure und die Kpfe der gelben
Diebe ber meine Thre nageln, der hollndische Statthalter kann mich
daran nicht hindern, aber ich schenke euch Freiheit und Leben, weil kein
Mankeian seine Gste beleidigt, und wren es selbst Malaien. Ihr wohnt
in unseren Htten, ihr et an unseren Tischen, so lange es euch
beliebt.

Damit schien er die Audienz beenden zu wollen, man erhob sich also, um
im Vorraum zu speisen, bei Gelegenheit des Abschieds aber fragte Holm
noch wie zufllig, ob denn nur die Mankeian oder sonst noch ein anderes
Volk in diesem Thale wohnten.

Die Punan, hie es, ein armer Stamm, der Getreide baut und sich mit
den Affen um die Ernte streitet. Der Goldflu gehrt den Mankeian.

Die kleine Schar wechselte bezeichnende Blicke. Also die Punan waren es,
welche Bassar aufsuchen wollte, und da er als Gast bei den Goldwschern
unverletzlich sei, hatte der Gauner jedenfalls auch recht gut gewut.
Mochte er jetzt thun und lassen, was ihm beliebte, das Wort des Panglima
schtzte die Weien vor aller Gefahr.

Der Hirschbraten, das Lendenstck vom Bffel und das erbsenartige Gemse
waren gut zubereitet, der Tuach-Katan wrmte uerst angenehm den Magen,
und die Frchte, welche von allen Seiten herbeigebracht wurden,
schmeckten vorzglich; nach Tisch besahen die Weien den Flu, der das
Gold im Sande mit sich fhrte, Holm kaufte eine Handvoll
unausgewaschenen, von den gelben glitzernden Spuren durchzogenen
Flusandes; der Dolmetscher mute, um alles erklren und bersetzen zu
knnen, bei der Gesellschaft bleiben, und so verging ein Abend und eine
Nacht, ohne die geringste Strung zu bringen. Interessante Pflanzen und
Insekten wurden gesammelt, die Dorfbewohner zeigten sich uerst
zuvorkommend, berall fanden die Weien gedeckte Tische und willige
Hnde, auch der kleine Orang-Utang hatte an einer Schafmama eine
gutmtige Ernhrerin erhalten; man veranstaltete Kampfspiele und
Wettfahrten in schmalen, selbstgebauten Booten, den Fremden zu Ehren.
Diesem ganzen Treiben aber hielten sich die Punan durchaus fern. Es kam
kein einziger von ihnen in das Dorf der Mankeian, wie denn auch die fnf
Malaien sich hteten, ihrerseits das Gebiet der Punan zu betreten; Holm
hatte das sehr bald entdeckt, obgleich Bassar achselzuckend die Sache
fr Zufall erklrte.

Am Abend des zweiten und letzten Tages, nachdem Schmetterlinge, Vgel,
Kfer und selbst kleine Vierfler in Menge erlegt worden, nachdem man
das Leben der Dajaks aus nchster Nhe kennen gelernt hatte, -- wurde
zur Abreise gerstet. Das Gepck war geordnet und fr den kleinen Affen
eine Ziege gekauft, man hatte sich vom Panglima verabschiedet und
Geschenke gemacht und erhalten; die Umgebungen des Dorfes waren
aufgenommen, kurz alles wider Erwarten gut abgelaufen; die Weien mit
dem Dolmetscher und den Malaien schliefen oder schienen doch zu
schlafen; denn in der That wachten die Gelben und auch der junge
Gelehrte. Holm hatte ein verdchtiges Flstern gehrt; er fhlte eine
geheime Unruhe, die ihn hinderte, sich dem Schlummer hinzugeben.

Bassar reckte das Haupt. Sein Blick durchdrang die Dmmerung der
tropischen Nacht, sein Ohr horchte. Alles still! -- Er winkte den
brigen. Torio und die drei jungen Leute muten dies Zeichen bereits
erwartet haben; wie Schatten glitten sie an des Fhrers Seite, und alle
fnf nahmen langsam schleichend, an den Weien vorber, den Weg zum
Ausgang der Htte. Holm sah jede Bewegung, -- sollte er Einhalt
gebieten, sollte er fragen, wohin?

Noch zauderte er. Was konnte ihm die Einmischung ntzen? Bassar wrde
seine Absichten ausfhren, ob er sie mibilligte oder nicht, das war
sicher.

Jetzt hatte schon der erste den Thrvorhang erreicht, Holm streckte die
Hand aus, um zunchst den Dolmetscher zu wecken, da pltzlich wurde von
drauen die Matte hinweggezogen, heller Fackelschein verbreitete sich
ber das Innere der Htte, und wenigstens zwanzig Dajaks, mit Spieen
und groen Messern bewaffnet, erschienen auf der Schwelle.

Die Aufregung, welche sich whrend der nchsten Minuten jedes einzelnen
Herzens bemchtigte, lt sich nicht schildern. Nur der Dolmetscher
blieb kaltbltig, er schien sehr wohl zu wissen, was da im Entstehen
begriffen war, und dachte vielleicht, um seiner Unentbehrlichkeit willen
von den Weien nur noch mehr Geld erpressen zu knnen. Es gab ja im
ganzen Dorfe keinen zweiten, der die einheimische und die englische
Sprache gleich gelufig beherrschte, man brauchte ihn notwendiger als
jemals.

Aufspringend gleich allen anderen, bersetzte er, was gesprochen wurde.

Ein lterer Dajak, die Stirnbinde um den Kopf, den handbreiten
Lendenschurz als einziges Kleidungsstck am braunen, wetterharten
Krper, mit dsterem Blick und erhobener Hand trat dem Anfhrer der
Malaien entgegen. Sein Zeigefinger berhrte die Brust des Gelben.
Kennst du mich, Bassar, Sohn Hawalles? fragte er in feierlichem Tone.

Der Malaie hatte ihn seit dem Augenblick seines Eintretens unverwandt
angesehen. Das gelbe Gesicht wurde fahl, in dem Blick des verschmitzten
lauernden Auges spiegelte sich ein furchtbares Erschrecken, die ganze
Haltung zeigte das offenbarste Schuldbewutsein. Hinter ihm zischelten
und flsterten die brigen so leise, da es dem Dolmetscher unmglich
war, ihre Worte zu bersetzen.

Kennst du mich? wiederholte der Dajak seine frhere Frage.

Bassar schien sich einigermaen gefat zu haben. Nein! antwortete er
in rauhem, abweisendem Tone, nein, ich kenne dich nicht, habe dich nie
im Leben gesehen. Gib Raum, was willst du von mir?

Aber der andere stand unerschtterlich. Du kamst hierher, um den Stamm
der Punan mit Krieg zu berziehen, Bassar, fuhr er fort, du wolltest
die Kpfe der Mnner holen, deren Grovter einst im Kampfe um den
Besitz der Kste deine Vorfahren erschlagen, du wolltest vielleicht
sogar ihre jungen Kinder mit dir fhren in die Sklaverei der
Kohlenbergwerke, aber Dewata-Dugingang sah deine falsche Absicht und
lenkte die Schritte der Rcher hierher in dies Thal. Ich bin Solani, der
Sohn Alteis, kennst du mich noch nicht?

Bassar umklammerte krampfhaft den Kolben seiner Bchse. Nur der Hinblick
auf die vergifteten Pfeile der Dajaks hielt ihn ab, von der Schuwaffe
sofort Gebrauch zu machen. Was willst du von mir? fragte er wieder.

Deinen Kopf! entgegnete dster der Wilde. Entsinnst du dich des
Tages, wo du mit deinen Spiegesellen einbrachst in das unbeschtzte,
entlegene Dorf der armen Hirten, wo du die Mdchen und Knaben in die
Sklaverei schlepptest und das Eigentum der Alten stahlst? -- Mein Vater
verteidigte seine Htte, seine jungen, blhenden Tchter, die du in
Spielhuser und an tyrannische Herren verkauft hast, er fiel von deiner
verruchten Hand, er mute seine Kinder dahingeben, ohne sie retten zu
knnen, denn deine teuflische List hatte den berfall ausgefhrt, als
die jungen Mnner des Stammes abwesend waren, -- jetzt gib dafr, was
dein ist, dich selbst und die Shne, welche dir gefolgt sind, ebenso den
andern Mann aus deinem Raubtiergeschlecht, deinen Bruder.

Bassar trat zurck. Du lgst! schrie er wild, du lgst!

Holm nherte sich dem Dajak. La ab von deiner Rache, Freund Solani,
sagte er berredend. Wir wollen dir eine groe Summe Geldes geben, wenn
du uns unbehindert unseres Weges gehen lt.

Der Dajak schttelte den Kopf. Kaufst du mit deinem Gelde das Leben
Alteis zurck, weier Mann? fragte er, kaufst du die Verzweiflung
seiner Kinder, die in Kohlengruben und unter den Peitschenhieben
grausamer Gebieter elend zu Grunde gingen? -- Das war Solanis Vater, das
waren seine Schwestern und Brder!

Holm klopfte die Schulter des Erregten. Nein, Solani, nein, sagte er
eifrig. Du bist in den Deinigen unheilbar gekrnkt und verletzt, aber
was ntzt es dir, wenn du jetzt einen Mord begehst? Wird dadurch die
Sache besser?

Der Dajak neigte den Kopf. Ja! gab er einfach zurck. Der Ermordete
schlft nicht, bis der Mrder bestraft wurde, und wre es erst nach
vielen Ernten (der einzige Begriff der Zeitrechnung bei den Wilden auf
Borneo!), ja wre es erst in seinen Ur-Urenkeln. Bassar nimmt meinen
Kopf, oder ich nehme den seinen! -- komm heraus, Sohn Hawalles!

Der alte Theologe hob die Hand zum Himmel, von dem Mond und Sterne so
friedlich herabsahen auf die Greuel des Hasses, welche sich da unten
vollzogen. Verblendete, rief er in eindringlichem Tone, lat ab von
euren abscheulichen Plnen, euren wahnwitzigen Folgerungen! Die Toten
bedrfen keiner Erdenhilfe mehr, die Blutrache ist vor Gott eine
Todsnde!

Auch das bersetzte der Dolmetscher, aber ohne damit Eindruck zu machen.
Komm! wiederholte Solani, und als Bassar keine Folge gab, entstand ein
Handgemenge, bei dem sich zwar die Weien zu gunsten ihrer Fhrer
beteiligten, woraus aber die Dajaks nach kurzem Ringen als Sieger
hervorgingen. Immer mehr Kopfjger drngten nach, die Weien wurden
abgeschnitten zwischen ihnen und den Dajaks bildete sich eine dichte
Mauer, die Malaien befanden sich drauen und in der Gewalt ihrer Gegner,
ehe noch wenige Minuten vergingen.

Vor der Htte hatten sich Hunderte versammelt, teils Punan, teils
Mankeian, sie wuten offenbar alle, um was es sich hier handelte, keiner
von ihnen streckte die Hand aus, um das beabsichtigte Verbrechen zu
hindern.

Als sich die Weien in der verlassenen Htte allein sahen -- nur der
Dolmetscher war geblieben! -- da erfllte ein einziger Gedanke die Seele
aller. Zum Panglima! er mute Hilfe schaffen.

Die knigliche Behausung war bald erreicht und der alte Nigura aus dem
Schlaf erweckt. Ein paar Kienspne sandten ihre flackernden Lichter,
ihre dichten, blauen Rauchwolken zum Himmel empor; im Gras zirpten und
huschten glnzende Insekten die Blten dufteten strker, der Mond
spiegelte sein lchelndes Antlitz im Flusse, und ber den Himmel eilten
im schnellen Fluge schimmernde Sternschnuppen.

So tiefer, tiefer Schpfungsfriede, so stille, trumende Mondnacht, --
und in nchster Nhe mordete der Mensch den Menschen, wurden einem
furchtbaren Irrwahn blutige Opfer gebracht, starben in diesem Augenblick
fnf Mnner wehrlos unter den Fusten eines ganzen erbitterten Stammes.

Der Doktor eilte allen voraus dem alten Knig der Mankeian entgegen.
Panglima, rief er, hilf uns, hilf uns, man mordet die Malaien, denen
du Schutz zusagtest.

Der Greis schttelte den Kopf, auch er wute offenbar alles. Das thun
nicht die Mankeian, Fremder, versetzte er, sondern die Punan, und
diese sind im Recht. Bassar wollte hieher kommen, um eine uralte Fehde,
einen Kampf der ersten Besitzer mit den ersten Eindringlingen, fr sich
auszubeuten, indem er, gesttzt auf die Gastfreundschaft der Mankeian
und euern Beistand, ein paar junge Leute in die Sklaverei entfhrte; es
traf sich aber, da bei den Punan ein anderer Stamm weilte, und da
unter diesen ein Mann lebte, dessen ganze Familie jener Malaie aus
Habsucht ins Verderben strzte, -- das ahnte der Schuldige nicht, er
wrde sich sonst gehtet haben, die Rache herauszufordern! Im
Augenblick, als Bassar aus den Htten der Punan seine Opfer stehlen
wollte, sandte Dewata-Dugingang den Sohn Alteis, -- ich kann nichts
thun, um ihn an seinem gerechten Vorhaben zu verhindern. Nur fr eure
Sicherheit werde ich sorgen.

Der Doktor hatte mehrfach versucht, den alten Huptling zu unterbrechen.
Jetzt, als er schwieg, ergriff er dessen Hand. Ich bin ein Liau,
Panglima, sagte er, mit innerem Widerstreben seinen heiligen Stand in
der Weise dieser Barbaren bezeichnend, ich bin ein Liau, und als
solcher frage ich dich, ob du glauben kannst, da Dewata-Dugingang den
einen seiner Shne erschaffen habe, damit er den andern morde? Ist das
vernnftig, ist das gut und erlaubt?

Nicht immer, Fremder, und nicht wenn der eine des anderen Genosse, oder
wenn er ihm ganz unbekannt ist, wohl aber, sobald sich der Dajak und der
Malaie gegenberstehen. Es ist den Gttern wohlgefllig, da wir den
gelben, falschen Stamm ausrotten, das Gleiche lehren auch die Liaus
deines Volkes, Fremder! Nigura ist ein groer Knig, er hat viele
Kstenlnder besucht und mit den weien Seefahrern Handel getrieben; er
hat gehrt, da auch in ihren Htten Feindschaft entbrennt, so oft ein
Stamm den anderen berfllt.

Aber das ist etwas durchaus anderes, Panglima! Die --

Still! winkte der Alte. Du weit nicht, Fremder, welches Elend die
Malaien ber unser friedliches Volk gebracht haben, du weit nicht, was
es heit, ganze Stmme, die bisher glcklich und zufrieden lebten, in
Sklaverei geraten zu sehen. Der Malaie kam und zerstrte unsere Huser,
nahm unsere Felder und Herden, nahm unsere jungen Kinder und trieb
hinein in den Wald, wo nichts wchst, was den Menschen ernhrt, alle die
seinen Peitschenhieben entflohen, die nicht in seinen Kohlengruben
lebendig verscharrt werden wollten, -- Fluch den Malaien!

Der alte Geistliche seufzte mutlos. Das ist das Volk, welches bislang
alle Missionare ermordete und allem Eindringen des Christentums einen
Damm entgegensetzte, sagte er leise in deutscher Sprache. Ich halte
weitere Bitte fr verschwendet.

Panglima, wandte er sich dann nochmals an den greisen Huptling,
willst du fr Geld unsere Fhrer in Schutz nehmen? Ich biete dir groe
Summen.

In den eingesunkenen Augen des Frsten blitzte pltzlich ein heier
Strahl. Mehr als alles Geld der Erde ist es wert, den Kopf eines
Malaien abgeschnitten zu haben, versetzte er mit dsterem Ernst. Dann
aber, die Hand erhebend, fgte er hinzu: Hrt ihr?

Die Weien horchten und vernahmen voll inneren Grauens einen Ton, der
wie Drohung, wie wildes Flehen klang, und der endlich in schauerliches
Rcheln berging. --

Kommt! mahnte Holm, kommt, wir haben das Unsrige gethan. Es ist
vergebens, bei so eingefleischtem Hasse Erbarmen zu suchen.

Die kleine Schar verabschiedete sich stumm grend von dem alten
weihaarigen Heidenknig, der inmitten seiner Getreuen, durchaus nicht
ohne persnliche, angeborene Herrscherwrde, die Gste entlie, indem er
mehreren Unterhuptlingen leise Befehle gab. Die Malaien waren tot,
daran lie sich nicht zweifeln; unsere Freunde befanden sich also
vollstndig in der Gewalt der Eingebornen, sie konnten nicht zuviel auf
die versprochene Sicherheit bauen. Das Gepck wurde aufgeschnallt, die
Dolmetscher abgelohnt und in Begleitung von vier bewaffneten Dajaks die
Weiterreise angetreten. Schon graute der Tag, als die kleine Karawane
das Zeltlager der Punan durchschritt; berall standen und saen in
Gruppen die Mnner, man flsterte und zischelte, obgleich keinerlei
Angriffe oder Beleidigungen stattfanden; schon war fast das ganze Dorf
passiert, als an der letzten Htte desselben die Dajaks stehen blieben
und zum Mittelbalken hinauf Worte riefen, aus deren Ton sich der
haerfllte, beschimpfende Inhalt unschwer erraten lie. Sie schwangen
die Waffen und ballten die Fuste, wildes gellendes Jauchzen erfllte
die Luft. -- --

Holm sah hinauf, nicht ohne eine Vorahnung dessen, was seinen Blicken
begegnen wrde, -- er versuchte es, die Knaben so schnell als mglich
vorberzufhren, aber der Doktor verhinderte ihn daran, indem er selbst
stillstand und den Strohhut vom Kopfe nahm.

Da oben ber dem Eingang hingen, umspielt von den ersten Strahlen der
jungen Morgensonne, die abgeschnittenen Kpfe der fnf Malaien, noch
blutend, noch wie im Leben mit offenen Augen -- grauenhaft, entsetzlich
zu sehen. Wo die Krper geblieben, das verriet kein Zeichen; nur der
Kopf ist es ja, nach dem des Dajaks brennender Ehrgeiz trachtet.

Der alte Theologe sprach unbeirrt von den drohenden Gefahren des
Augenblicks auf Deutsch ein Gebet fr die Seelenruhe der Ermordeten, und
whrend dieser in ernstem, wrdevollem Ton gehaltenen Rede schwiegen
selbst die rohen Heiden, wagten sie keinen Widerspruch, keine
Beleidigung, sondern hielten sich still, als sei der fremde Liau ein
Priester ihres eigenen Volkes. Der Greis sprach zu den Gttern,
Dewata-Dugingang verweilte ungesehen in ihrer Mitte, -- sie regten kein
Glied, um nicht die Gewaltigen zu erzrnen. --

Das ist die erhabene Macht des Gottesgedankens, da selbst die wildesten
Wilden sich ihr widerstandslos beugen! Kein Volk so niedrig, kein Volk
so vertiert -- es betet doch. -- --

                   *       *       *       *       *

Fast ohne alle Unterhaltung, ohne die alte frische, frhliche Reiselaune
wurde der erste Teil des Weges zurckgelegt. Gewi waren groe Snder
jhlings im Augenblick ihrer kecksten, verbrecherischen Plne vom
Schicksal ereilt worden, gewi war frevlem bermute hier von Gottes Hand
ein Ziel gesetzt, aber dennoch lie das Grauenhafte der ganzen
Begebenheit zunchst diesem Gedanken noch keinen Spielraum; erst als am
Abend ein neues Dorf der wandernden Mankeian erreicht war und hier dem
Unterpanglima von Knig Nigura der Befehl berbracht wurde, die
Reisenden in Schutz und Geleit zu nehmen, als die vier Dajaks den
Rckweg antraten und somit die uere Erinnerung an den fnffachen Mord
nicht unwillkrlich in jedem Augenblick aufgefrischt ward, da fingen die
Weien an, das schauderhafte Ereignis zu vergessen oder wenigstens doch
sich aus dem Bann desselben freizumachen. Auf anderem Wege als dem,
welcher sie hierhergefhrt, durch lachende Thler und ppiges Weideland
verfolgten sie von Dorf zu Dorf ihren Zug ber den ganzen Mittelrcken
der Insel. Viele Tausende von Dajaks wohnten im Inneren, und alle
gehorchten ohne Widerspruch dem Befehl Niguras, jeder Stamm gab bis zu
den nchsten Htten der kleinen, wandernden Schar einige seiner Krieger
zum Geleit, so da die Weien von Hand zu Hand bis in die Nhe der
Malaiengrenze gelangten; dann freilich hteten sich die Dajaks, noch
weiter vorzudringen, um nicht etwa fr jene ersten Schuldigen, hundert
Meilen tiefer im Urwalde, zur Rechenschaft gezogen und als willkommene
Beute in die Kohlengruben gesteckt zu werden.

Im Angesicht der ersten malaiischen Pflanzung waren sie ohne Abschied
wie in den Boden hinein verschwunden.

Die Reisegenossen saen am Wege und hielten Rat. Holm war verdrielich,
weil er bei der bereilten Flucht seinen kleinen Orang-Utang im Stich
lassen mute, der Doktor riet ernstlich, nun mit den Malaien keine
Verbindung wieder anzuknpfen, nur die drei jungen Leute wollten von
keinem Zurckweichen oder Aufgeben hren.

Wir gehen direkt nach Celebes zu den Alfuren! sagte Franz.

Ich will nach Lombock, um die _nur dort_ wachsende Palme kennen zu
lernen, welche, nachdem sie einmal getragen hat, stirbt, warf Holm ein.

Eine Expedition unter Malaienfhrung mache ich nicht noch einmal wieder
mit, beharrte der Doktor. Ihr knnt allein reisen.

Lat uns den Kapitn hren, schlug Hans vor. Vielleicht kann er Gutes
raten.

Und das geschah denn auch. Die letzten paar Meilen durch das
Malaiengebiet wurden in langsamen Mrschen zurckgelegt, und in der
Stadt dem hollndischen Gouverneur die ganze Angelegenheit zu Protokoll
gegeben, ebenso das bedungene Geld den Hinterbliebenen Bassars
ausgezahlt; dann steuerte das Schiff nach Lombock, einer der kleinen
Sundainseln, an dessen von steilen Gebirgswnden umgebenen Ksten es
tagelang warten mute, ehe die fast unmgliche Landung zu glcklicher
Stunde bewerkstelligt werden konnte.




                          Zwlftes Kapitel.


Wie ein Kranz von wutentbrannten Raubtieren mit drohend offenem
Todesrachen umgab die Brandung das verhltnismig kleine Eiland,
haushohe Wogen, schillernd in grn und blau, sprangen an kahlen Klippen
hinauf, nirgends zeigte sich ein Hafen, nirgends war vom Schiff aus Wald
und wohlthuendes Grn zu sehen, nur Bergspitzen ragten hoch ber den
Wolkenrand hinaus, leichte Rauchwolken auf einzelnen Punkten zeigten die
thtigen Vulkane, grau und dster zogen sich Felsketten nach allen
Seiten.

Es war verabredet worden, weder hier auf Lombock, wo gar keine
bemerkenswerten Tiere leben, noch spter auf Celebes weitere Touren in
das Innere zu unternehmen. Tiere und Pflanzen sind auf den Sundainseln,
wenn man Java und Borneo gesehen hat, mit sehr unbedeutenden Ausnahmen
alle einander gleich, die groen Vierfler fehlen namentlich auf
Celebes und der Gruppe der kleinen Sundainseln gnzlich, die
Erzeugnisse des Bodens sind dieselben, wenn auch in etwas abweichenden
Arten der Baumwolle, der Farbehlzer u. s. w. Die Annahme des englischen
Naturforschers Wallace, da alle diese zerstreuten Erdflecke zusammen in
vorgeschichtlicher Zeit ein Weltteil gewesen, erhlt dadurch eine
entschiedene Besttigung.

Nachdem das Schiff auf einer sehr schlechten, offenen Reede vor Anker
gegangen, begaben sich alle, die an Bord entbehrlich waren, zum Ufer,
ohne jedoch daselbst irgend eine Spur von Menschen oder
Menschenwohnungen zu entdecken. Im Gegensatz der entzckend schnen
Landschaften Javas und namentlich Borneos war hier die Kste sandig,
pflanzenarm und von niederem, reizlosen Buschwerk stellenweise bedeckt.
Der vulkanische Ursprung zeigte sich auf jedem Schritt; die hohen
Felsmauern, welche das ganze Land umgaben, fielen nach innen keineswegs
ab, sondern bildeten eine breite Hochebene, die in der Weise eines
Deiches unabsehbar dahin lief. Zahllose Kfer belebten den Sand,
Schmetterlinge wiegten sich auf den Bschen, und stellenweise kletterten
groe Krebse ber das steile Ufer schleunigst in das Meer zurck oder
lieen sich ohne weiteres hineinfallen. In einiger Entfernung zeigte
sich der Wald, weshalb die Reisenden dorthin ihre Schritte lenkten und
auch bald des sonderbaren Anblicks, um den sie berhaupt einzig und
allein hierher gekommen, teilhaftig wurden. Die grnen Wipfel standen
uerst undicht; aller Orten lagen zwischen den schlanken Stmmen der
Fcherpalmen die gestrzten, fnfzig und mehr Meter hohen Baumriesen,
oder starrten die grauen berreste abgestorbener Exemplare, deren
lebende, im besten Gedeihen befindliche Brder ein ganz seltsames
Aussehen zeigten. Die Palmen von Lombock, eine der hchsten Arten,
blhen nmlich nur ein einziges Mal, werfen im Augenblick der Entstehung
dieser Blte smtliche Bltter ab und tragen auf kahlem Stamm Frchte.
Sind diese reif, so stirbt der Baum.

Dieses Bild von Zerstrung war eigentmlich, aber durchaus ohne allen
landschaftlichen Reiz und von herbstlicher Grundfarbe. Hier oder da
stand eine Palme im vollen Schmuck ihrer grnen, fcherfrmigen Bltter;
dann folgte eine mit kleinen unansehnlichen, ja kaum erkennbaren
Bltenbscheln auf dem nackten Holz; dann eine mit langen hren, in
denen die glatten, grnen, ovalen Frchte wie Pflaumen bei einander
lagen und zwischen diesen das Heer gestorbener Stmme, deren Holz in
weniger als einem Jahr zu Staub zerfllt.

Die Frchte schmeckten erfrischend, waren aber sehr schwer zu erlangen
und wurden auerdem verteidigt von einer Menge groer Kakadus, deren
weies Gefieder von allen Zweigen glnzte. Holm erlangte durch die
Geschicklichkeit der im Klettern gebten Matrosen einige Blten und
Bltter des merkwrdigen Baumes, den die Erde nur an dieser einen
kleinen Stelle trgt; dann wurde, nachdem der Hauptzweck so schnell
erreicht, das nchste Dorf aufgesucht. Wald schien die Insel nicht
besonders viel zu haben, nur des, hliches Buschwerk versperrte den
Weg; nach einigen Stunden fortgesetzten Vordringens dagegen zeigten sich
Baumwollenfelder und in einer sumpfigen Niederung ppiger Reisbau, die
gewohnten Baumarten, Schlinggewchse, Affen, Papageien und Insekten
aller Art. Zerstreute Gebude auf Pfhlen, etwa fnf bis sieben Familien
fassend, lagen unregelmig zwischen den ckern, die weien Turbane und
die blaugestreiften Lendentcher verrieten die Bekenner des Islam.

Unsere Freunde lagerten an einer schattigen Stelle, entzndeten ein
Feuer und begannen die vom Schiff mitgebrachten Vorrte zuzubereiten,
wobei sich der Kreis ihrer Zuschauer mehr und mehr verdichtete. Hierher
nach Lombock kam sehr selten ein Schiff, viel weniger aber die Besatzung
desselben in die Drfer der Malaien; es war ersichtlich, da die meisten
dieser halbnackten Wilden nie weie Menschen, nie Schuwaffen oder
berhaupt Spuren der Zivilisation kennen gelernt hatten; sie hielten
sich in respektvoller Entfernung, die Kinder flchteten bei jeder Anrede
erschreckend zu den Mttern, und selbst die Mnner zeigten eine Scheu,
welche nur ganz Wilde den Europern gegenber an den Tag legen.

Hier auf Lombock konnten wieder wie in Westafrika kleine Spiegel, Knpfe
und Perlen als Geschenke dienen; am meisten aber belustigte die Art und
Weise, in welcher unsere Freunde ihre Mahlzeit verzehrten, das gelbe
zusehende Vlkchen, und als endlich einige Mnner nach langem Ermuntern
und Bitten an der Tafel auf Gottes grner Erde mit Platz nahmen und sich
von den vorhandenen Lebensmitteln vorsetzen lieen, da wagten es die
brigen, langsam nher zu kommen. Die Messer schienen den Leuten
bekannt, nicht aber die Gabeln, vor deren Berhrung sie sich
kopfschttelnd zurckzogen; ebensowenig die Lffel. Das Fleisch spieten
sie mit einem spitzen Holzstbchen, und den Reis warfen sie mittels
dreier Finger in die Luft, um ihn dann geschickt mit den Lippen wieder
einzufangen.

Die Matrosen kannten das schon; den Knaben dagegen war es ganz neu,
weshalb denn auch beide Parteien, die Wilden und die Weien, einander
beim Essen neugierig beobachteten und nicht selten laut lachten, wenn z.
B. die Aufmerksamkeit des Speisenden abgelenkt war und ihm die
Reisportion anstatt auf die Lippen, vielmehr auf die Nase fiel, oder
wenn die jungen Leute versuchten, das malaiische System nachzuahmen und
durchaus den halbflssigen Reis zwischen ihren Fingern nicht halten
konnten.

Es war im ganzen ein gutmtiges, gastfreies, wenngleich scheues Volk,
das von Lombock; erst nach lngerem Verweilen der Fremden gelang es, die
Leutchen einigermaen vertraulich zu machen und sie zum Sprechen zu
bringen, wobei freilich das gegenseitige Verstndnis nicht besonders
weit hinaus ging, denn auf der ganzen Kste gab es keinen englisch
redenden Eingebornen; das was die Matrosen durch hufigen Aufenthalt in
Batavia und Surabaja von der malaiischen Mundart erlernt hatten, blieb
das einzige Mittel zur Unterhaltung. Der Radscha von Lombock war der
hollndischen Regierung von Java tributpflichtig; er mute fr den
Baumwollen- und Reisertrag der Insel alljhrlich eine bedeutende Steuer
zahlen und verkaufte seine Waren an einige Hollnder und Amerikaner, die
weiterhin an der Kste ihre Faktoreien besaen; sonst aber wohnten von
den Menschen mit weien Gesichtern auf dem Eiland keine, und
ebensowenig kamen jemals Fremde hierher, um das Innere zu durchforschen.
Alle Einwohner bauten Baumwolle und Reis.

Holm fragte nach Raubtieren, er beschrieb ihre Gre, er zeichnete auf
ein Blatt Papier die Gestalt eines Leoparden, eines Bffels, aber keiner
der neugierig beobachtenden Eingebornen hatte ein solches Geschpf
jemals gesehen, Hirsche dagegen waren vorhanden und auch der
Orang-Utang, -- die Malaien machten ihm eine Faust, als sie das Bild
sahen. Er stiehlt unsere jungen Mdchen, sagten sie, und nimmt die
gengstigten mit sich in seine unerreichbaren Felsenschlupfwinkel;
unsere Knaben zerdrckt er an seiner Brust wie Strohhalme.

Auch Pferde kannten die harmlosen Leutchen nicht, wohl aber schne
Ziegen und Schafe; ebenso kletterten auf allen Zweigen die Papageien und
Kakadus, deren lautes Arra! Arra! in der Umgegend widerhallte. Die
grne Art schien hier sehr zahm, sie flog, wie bei uns das
Sperlingsvlkchen, ganz nahe heran, um womglich von der Mahlzeit ihren
Teil zu erhalten, und als einmal Hans ein Stck Schiffszwieback nahm und
es einem der Vgel zuwarf, da entstand eine hchst lebhafte Balgerei.

Nachdem alles in Augenschein genommen, wurde der Rckzug zum Schiff
angetreten, unter dem Geleit smtlicher Wilden, die nie ein solches
Fahrzeug kennen gelernt hatten. Was sie besaen, war eine sogenannte
Prau, ein flaches, schlechtes Boot, mit dem sie oft von einer der
zerstreuten kleinen Inseln zur anderen fuhren.

Nur die Kecksten wagten es, mit an Bord zu gehen; wie Kinder betasteten
und bewunderten sie jeden Gegenstand, die Wanduhr hielten sie sogar fr
gttlichen Ursprunges, und als Franz in der Kajtte anfing, das Piano zu
spielen, da verstummten die harmlosen Hrer vor lauter Staunen. Auf den
Zehenspitzen schlich sich einer heran und dicht hinter den Stuhl des
Knaben, der seine Absicht schon ahnte. Vierhndig? sagte er zum
Ergtzen der anderen in deutscher Sprache.

Der Malaie nickte. Behutsam den Zeigefinger ausstreckend vollfhrte er
einen pltzlichen, heftigen Schlag gegen eine Taste, und als der Ton
hell erklang, sah er triumphierend seine Landsleute an. Der Geist hatte
fr ihn gesprochen.

Gib acht, lchelte Franz, jetzt werden sie alle ihre Kunst probieren
wollen.

Und so geschah es wirklich. Der eine wagte nur mit spitzen Fingern das
Instrument zu berhren, der andere legte die ganze Hand darauf, der
dritte fuhr langsam von oben bis unten ber alle Tasten und lachte vor
Vergngen ber die verschiedenen Stimmen, die ihm geantwortet hatten.
Aber auch ein Ehrgeiziger fand sich darunter, einer, der den Bock
einnehmen und mit beiden Hnden spielen wollte, wie er es von Franz
gesehen; dieser rtliche, in Adams Staatsanzug erschienene, aber dabei
mit Bogen und Kcher wohlbewaffnete Jngling mute sehr genau beachtet
haben, was vorging, denn er ahmte vollstndig die Handbewegungen des
jungen Weien nach, schlug auch energisch auf die Tasten, vollfhrte
aber dabei natrlich einen solchen Hllenlrm, da sich unsere Freunde
am liebsten die Ohren zugehalten htten. Franz lachte, da ihm die
Thrnen aus den Augen liefen: so urkomisch war das Bild des entzckten,
emsig hmmernden Malaien.

Und dann kam bei Wein und allerlei Geschenken, unter denen namentlich
blanke Knpfe sehr begehrt waren, der Abschied, den Papa Witt mittels
einiger Kanonenschsse verherrlichte. Zuerst erschraken die Wilden, so
da einige unter ihnen laut aufschrien, andere sich kpflings ber Bord
ins Wasser strzten, dann aber berzeugten sie sich, da ihnen kein
Schade geschehen war und kamen wieder, um den Geist nochmals reden zu
hren. Als die letzten an Land gesetzt waren und das Schiff seine Fahrt
begann, da strzte sich der ganze Stamm, Mnner und Frauen, ohne
weiteres in das Meer und gab dem langsam dahingleitenden Kolo, noch
eine Strecke schwimmend und laute Zurufe ausstoend, das Geleit; erst
als der Dampfer seine volle Kraft entfaltete, blieben sie natrlich im
Kielwasser desselben weit zurck.

[Illustration: Das Klavier und die Eingebornen von Lombock.

Aber auch ein Ehrgeiziger fand sich darunter, einer der den Bock
einnehmen und mit beiden Hnden spielen wollte.]

Die Weien waren von diesem Besuch unter den harmlosen Naturkindern sehr
befriedigt; sie wollten bei den Alfuren auf Nordcelebes ebenso verfahren
oder doch hchstens eine einzige Nacht am Lande bleiben, zumal man dort
keineswegs diese kindliche Unbekanntschaft mit den zivilisierten Vlkern
der Welt mehr voraussetzen konnte, die Alfuren vielmehr wegen ihres
schlechten, hinterlistigen und durch den Umgang mit ihren weien
Unterdrckern mitrauisch gewordenen Charakters berchtigt waren.

Wir drfen dorthin gar nichts mitnehmen, erklrte Papa Witt, wir
mssen in unseren Kleidern schlafen und die Waffen in der Hand behalten,
denn alle diese schwarzen Kerle stehlen wie die Raben, haben Ungeziefer
und sind zu jeder Schandthat fhig, sbeln auch ebenso wie die Dajaks
mit groer Vorliebe anderer Leute Kpfe herunter, ohne jeglichen
Unterschied der Farbe, die weien sowohl als die gelben. Fhrer knnen
wir nicht brauchen, sie wrden uns vielleicht in den nchstbesten
Hinterhalt locken und ermorden.

Sind Sie dagewesen, Alter? fragte Holm.

Ich? Wo wren wir beide nicht gewesen, der Kapitn und ich? Wer so
seine dreiig und mehr Jahre auf der See >schwalkt<, der hat am Ende
alle Ksten der Erde gesehen. Ich sage Ihnen, da bei den Schmutzmenschen
in Menehasse ist nichts Erfreuliches zu holen.

Einerlei, Papa! haben wir nun nach einander alle mglichen
westafrikanischen Negersorten, die Hottentotten, Buschmnner und
Kaffern, die Malagaschen, Singhalesen, Javanen, Dajaks und Malaien von
Lombock gesehen, dann drfen schlielich auch die Alfuren nicht fehlen.
Zwei oder drei Tage auf Celebes machen nichts aus.

Zwei oder drei Tage! knurrte der Alte. Und darum einen ganzen
Breitengrad segeln, ohne Sinn und Verstand im Zickzack, es ist zum
Tollwerden. Mit Naturforschern reise ich all mein Lebtage nicht wieder.
Die gebahnten Straen sind ihnen ein Greuel, den sicheren Handelshfen
gehen sie weit aus dem Wege und landen da, wo rechtes Diebsgesindel
wohnt, und wo das Schiff kaum eine Stelle findet, um seine Anker
auszuwerfen. -- Nun, da ihr doch einmal nicht zu bessern seid, will ich
euch in der Bucht von Lomini eine Stelle zeigen, wo ihr mit dem Boot
ber die Spitzen eines unterseeischen Waldes dahinfahren und eine kleine
Pflanzung von lauter Algen ansehen knnt. Es ist lange her, seit ich
hier war, -- wir begruben damals im Meer einen Kameraden, der von den
Alfuren ermordet wurde, -- mitten in der Nacht, denn der Kapitn hatte
uns verboten, an Land zu gehen, aber wir wollten natrlich unseren
Genossen nicht ohne Seemannsehren dem nassen Grabe berliefern und
machten daher die Sache heimlich. Erinnern Sie sich noch, Kapitn?

Gewi! nickte der. Damals waren wir junge schlanke Leichtmatrosen,
unternehmungslustige Hamburger Schlingel, die zu fnfen das Schiff
verlieen, um mit den Eingebornen Hndel zu suchen. Einer von uns wagte
sich im besten blauen Anzug, mit Uhr und Kette allein in ein solches
verdammtes Wohnhaus hinein, noch dazu mit der Harmonika, spielend wie
ein Neapolitaner, tanzend und aller Thorheiten voll, der arme Junge! --
Als wir ihn nach stundenlangem, ngstlichen Suchen wiederfanden, da war
er bis auf die Haut entkleidet und des Kopfes beraubt. Aus Furcht vor
Strafe fuhren wir weit in die Bucht hinein und versenkten ihn da, der
Kapitn hat niemals erfahren, wo wir in jener Nacht gewesen, und wohin
der fehlende Leichtmatrose gekommen.

Hrt ihr's? ermahnte Doktor Bolten. Also vorsichtig, solchen Menschen
gegenber. Hier und in den Australischen Inselgruppen knnen wir keine
weiten Landreisen unternehmen; es kommen zu wenig Weie hin, als da die
Eingebornen wie in Afrika und auf Madagaskar oder Java an eine
Bestrafung ihrer Mordthaten denken sollten. Celebes hat, so viel ich
wei, nicht einmal einen namhaften Hafen?

Nur Makassar! nickte der Kapitn. Dahin aber kommen wir nicht. Unser
Weg fhrt uns zu den Orang-Badju, welche in einer stillen Bai auf dem
Wasser leben und zwischen ihren Pfahlbauten nur in Booten verkehren, und
zu den Alfuren nach Menehasse.

Und wann gelangen wir etwa dorthin? fragten neugierig die jungen
Leute. Der Gedanke an ein Dorf auf dem Meer hatte ihr Interesse im
hchsten Mae erweckt.

In acht bis zwlf Tagen, war die Antwort.

Das schien zwar vorerst eine lange Zeit, aber Borneo hatte hinreichendes
Material geliefert, das prpariert werden mute, und so war nicht zu
frchten, da Langeweile ihren Aufenthalt an Bord nehmen wrde.

Einige der geschossenen Vgel muten abgebalgt werden und anderseits
galt es, die an Ort und Stelle gewonnenen Hute tchtig mit Arsenikseife
einzureiben, denn in etlichen zeigten sich schon zerstrende Maden und
Wrmer. Auf Borneo hatte Holm den Baya erlegt, den berhmtesten aller
Webervgel, der aus Grashalmen ein Nest zusammenflechtet, das aussieht
wie die Retorte des Chemikers. Meistens hngt er sein Nest an die Palmen
an, in Birma aber, wo dieser Vogel auch vorkommt, nistet er an den
Husern und Htten, ohne Furcht vor den Menschen zu uern, und oft
sieht man dort an den Wohnungen der Eingebornen zwanzig bis dreiig
solcher Nester hngen.

hnlich wie bei uns die Nester der Schwalben, warf Hans ein, denen
niemand etwas zuleide thut und die sogar auf dem Flur der Bauernhuser
sich friedlich ansiedeln.

Merkwrdig ist noch der Umstand, da dieser Vogel Lehmklumpen in sein
Nest eintrgt, die oft ein Gewicht von hundert Gramm haben, sagte Holm,
und deren Zweck zu sein scheint, das Nest im Gleichgewicht zu halten,
wenn der Wind heftig daherweht.

Prachtdrosseln waren in mehreren Arten erlegt; darunter der Pulih,
dessen Oberseite metallisch grn, Schwanz und Flgel schwarz, Spitzen
der Flgel und des Schwanzes mattblau, Kehle rosenrot, Oberbrust
gelblich, Unterbauch scharlachrot ist. Der nur auf Borneo lebende
seltene Kellenschnabel war von Franz geschossen worden, der ihn auch
eigenhndig abbalgte und einseifte. Von Taubenarten war man so glcklich
gewesen, die reizende Sperbertaube und die prachtvolle Mhnentaube zu
schieen, die in den glnzendsten Farben prangt. Der Kopf, der Hals und
die ganze Unterseite sowie die Schwingen sind schwarzgrn, die Federn
der Unterseite kornblumenblau gesumt und die langen, mhnenartigen
Federn des Halses grasgrn und goldschimmernd. Das Auge ist licht
rotbraun. Auch hatte Hans glcklicherweise ein Exemplar des Maleo
erlegt, ein Buschhuhn, das hnlich wie der Strau seine Eier in den Sand
legt und von der Sonnenwrme ausbrten lt.

An gefangenen Buschhhnern hat man das Brutgeschft genau beobachten
knnen. Das mnnliche Buschhuhn beginnt beim Herannahen der Brutzeit
innerhalb seines Geheges alle nur irgendwie vorhandenen Pflanzenstoffe
zusammenzuscharren, indem es dieselben mit dem Fue nach hinten wirft,
und zwar immer einen Fu voll auf einmal. Da es seine Arbeit stets am
ueren Rande des Geheges anfngt, so wird die Masse nach innen in den
Kreis geworfen und allgemach zum Haufen aufgetrmt. Sobald dieser eine
Hhe von etwas ber einen Meter erreicht hat, machen sich beide Vgel
daran, ihn zu ebnen, und wenn dies geschehen, hhlen sie im Mittelpunkte
eine Vertiefung aus. In letzterer werden zu bestimmten Zeiten die Eier
niedergelegt und ungefhr vierzig Zentimeter unter dem Gipfel in einem
Kreise geordnet. Die verfaulenden organischen Stoffe entwickeln nun, in
hnlicher Weise wie im Mistbeet, eine nicht unbetrchtliche Wrme. Das
Mnnchen beaufsichtigt den Hergang der Entwickelung und namentlich den
Zustand der Wrme des natrlichen Brtofens sehr sorgfltig. Es bedeckt
gewhnlich die Eier und lt nur eine runde ffnung, durch welche die
den in der Brut befindlichen Eiern unumgnglich notwendige Luft nach
unten gelangt und durch welche eine bermig gesteigerte Wrme
gemildert wird. Bei heiem Wetter aber nimmt es zwei- oder dreimal
tglich fast die ganze Decke weg, damit die Eier nicht zu hei werden.

Diese Mitteilung interessierte die Knaben in hohem Grade, und sie
bedauerten nur, da die Verhltnisse es nicht gestatteten, brutfhige
Eier des Maleo nach Hamburg zu senden, damit im dortigen zoologischen
Garten Beobachtungen an diesen Verwandten des Buschhuhns gemacht werden
knnten.

Ich sehe immer mehr ein, bemerkte Franz, wie ungemein schwer es ist,
einen zoologischen Garten mit seltenen Tieren zu versehen. Wenn auch der
Fang, trotz der vielen Gefahren und Schwierigkeiten gelingt, so kommt
hinterher noch erst der Transport der Tiere, durch Wsten und unwegsame
Gegenden, ber Meer und ber Land, bis sie den Ort ihrer Bestimmung
erreichen. Wie viele Tiere sterben unterwegs aus Mangel an geeignetem
Futter und weil es ihnen an allem fehlt, was ihnen sonst zum Gedeihen
notwendig ist.

Und doch, unterbrach Holm ihn lchelnd, besuchen viele Menschen die
zoologischen Grten nur -- um ein Konzert zu hren oder ihren neuen
Anzug bewundern zu lassen. Doch das soll uns jetzt nicht viel kmmern.
Wir haben hier eine Anzahl schner Schmetterlingsraupen, die prpariert
werden mssen.

Legen wir sie in Spiritus? fragte Hans.

Nein, erwiderte Holm, im Spiritus verlieren sie zum Teil ihre Farbe
und zuweilen auch ihre Form. Wir mssen sie in Mumien umwandeln und zwar
dadurch, da wir sie mit Tabakssaft tten und dann in gelinder Hitze
rasch trocknen.

Er nahm eine der eingefangenen Raupen und ttete sie mit einem Tropfen
Tabakssaft, wie er die Knaben gelehrt hatte die Schmetterlinge zu tten.
Dann spiete er die Raupe vorsichtig auf einen feinen Eisendraht, der
mit Nickelmetall berzogen war, damit er nicht verroste, und ber dem
Feuer einer Spiritusflamme wurde die Raupe hierauf unter fortwhrendem
Drehen und Wenden langsam getrocknet, bis sie keine Feuchtigkeit mehr
enthielt und fast zerbrechlich geworden war.

Das ist eine Arbeit fr mich, rief Doktor Bolten, sie erfordert keine
grere Geschicklichkeit, als ich mir zutrauen darf.

Nehmen Sie sich nur in acht, da Sie mit den rauhhaarigen und borstigen
Raupen der Flamme nicht zu nahe kommen, rief Holm lachend, denn
abgesengte Exemplare haben keinen Wert mehr fr uns.

Ich will meine Sache schon gut machen, antwortete Doktor Bolten.
Whrend Franz und Hans ihre Journale vervollstndigen, werde ich
Raupenmumien prparieren, denn mit meinen Aufzeichnungen bin ich
fertig.

Gut, sagte Holm, hier ist eine recht groe fette Raupe, nun zeigen
Sie einmal ihre Geschicklichkeit.

Der Doktor ttete und spiete die Raupe und brachte sie ber die Flamme.
Seht ihr, rief er, ich verstehe mich ausgezeichnet auf solche
Sachen!

Kaum aber hatte er sich dieses frhzeitige Lob erteilt, als die Raupe
anfing sich dick aufzublhen. Dann aber sagte sie laut Paff und war
auseinandergeplatzt.

Was ist das? fragte der Doktor und machte eine bestrzte Miene.

Sie haben die Raupe der Flamme zu nahe gebracht, teuerster Doktor,
antwortete Holm. Sie htten bedenken mssen, da eine Raupe kein
Bratapfel ist.

Alle lachten, auch der Doktor stimmte mit ein. Von jetzt an werde ich
vorsichtiger sein, sagte er. Jedenfalls hat ein milungener Versuch
das Gute, da man aus ihm lernt, wie man es nicht zu machen hat.

Die getrockneten Raupen wurden in Watte gehllt und gut in Blechdosen
verpackt. Reichliche Mengen von Kampfer wurden dazwischen gelegt, um
zerstrende Insekten von ihnen fernzuhalten.

So vergingen die Tage auf dem Schiffe in voller Beschftigung, bis an
einem schnen Morgen die massigen Umrisse eines weit hinausreichenden
Vorgebirges in blauer Ferne aus dem Wasser auftauchten; die
langgestreckte, skelettartige Form von Celebes zeigte einen ihrer Arme,
das Kap Rivers; ein ungeheurer Hhenzug trug rauschenden Wald und
thtige, von Wolken umwirbelte Vulkane; darunter aber in stiller enger
Bucht, gleichsam an die Brust des Felsens geschmiegt, lag das Pfahldorf.

Die Bauten unserer ersten Eltern, die Uranfnge aller Menschenwohnungen,
die nchsten, natrlichsten Schutzmittel gegen wilde Tiere! -- ein
sonderbarer Anblick, so Htte an Htte auf muschelbedeckten, von
Schnecken und Austern bewohnten Pfhlen, unter denen das seichte Wasser
kaum zwei Meter tief dahinflo. Selbstverstndlich konnte der Dampfer
nicht bis in die Nhe gelangen, aber er setzte Boote aus, und die ganze
kleine Gesellschaft fuhr in die schmalen Straen zwischen den Husern
hinein. Fahrzeug nach Fahrzeug kam ihnen entgegen: Fische, Krebse,
Austern, Schneckenhuser und hundert kleine, zierliche Arbeiten aus
Muscheln, Schildpatt, Korallen und Perlen wurden zum Kauf angeboten; die
Menschen zeigten sich als eine Mischlingsrasse, sowohl den Malaien als
den Chinesen verwandt, waren hell und hbsch, und in ihrem Auftreten
uerst bescheiden und friedliebend. Aber wie arm, wie eng schienen
diese Htten! Das Boot von der Hammonia steuerte hindurch, die jungen
Leute kauften von jedem Hndler etwas, sahen bei Gelegenheit in jede
Thr hinein und entdeckten dort immer nur ein Bltter- und Mattenlager,
Fischgert, einen rohen Tisch und ein paar Decken; gekocht wurde drauen
in den Booten. berall war es lebendig, berall wimmelte es in
chinesischer berfllung von Kindern und Erwachsenen; nur eine schmale
Fahrstrae lief zwischen den engbewohnten Bienenkrben dahin,
Seitengnge zweigten sich ab, manche Familie schien sogar nur das offene
Boot als Heimsttte zu besitzen und hinter einer vom Mast flatternden
Decke auf bloen Brettern zu schlafen.

Wie doch die Orang-Badju auf den Gedanken kamen, so ihr ganzes Dasein in
dieser Bai zu verbringen? Meilen und abermals Meilen standen ihnen auf
der schnen fruchtbaren Insel offen, unbegrenzte Ebenen lieferten
Weidepltze und Ackerland, unbegrenzte Wlder den Schutz und die Frchte
ihrer Riesenstmme; aber das handeltreibende Vlkchen zog es vor,
abgeschnitten von allen Schnheiten der Natur, aller Freiheit der
Bewegung und des Verkehrs, hier auf dem Wasser in feuchten, unbequemen
Kfigen sein Dasein zu verbringen, wahrscheinlich ohne jemals selbst die
Mglichkeit einer nderung ins Auge gefat zu haben. Derartige
Niederlassungen in Buchten und schmalen Wasserstraen gibt es hier herum
viele, sagte der Kapitn. Die Leute sind Fischer und treiben
Tauschhandel mit allen benachbarten Ksten.

Aber im Sturm, fragte Hans, wie machen sie es im Sturm?

Dann schlagen vielleicht die Wellen zur Thr hinein, splen Kinder und
Greise mit sich weg oder reien die ganze Htte in ihren Scho hinab,
daran lt sich eben nichts ndern. In China hat man ja engbevlkerte,
schwimmende Stdte, die oft ber Nacht meilenweit stromab getrieben
werden, von denen im Orkan ein Dritteil aller Bewohner zu Grunde geht;
-- es bleiben immer noch mehr als genug Menschen brig. Die
Familienliebe, die Zrtlichkeit der Eltern fr ihre Kinder ist wenig
entwickelt, da wo es groen Massen am Notwendigsten fehlt; in den
unteren Schichten des Volkes verkauft der Chinese mit Vergngen seine
Sprlinge fr billiges Entgelt, verschenkt sie auch wohl gar, um nur
die hungrigen Muler loszuwerden. Ich glaube, die Orang-Badju machen es
nicht besser.

Wirklich sollte Holm mit dieser Vermutung recht behalten. Mehr als ein
gelber, verschmitzt blickender Fischer kam in seinem Boote heran und
deutete vertraulich blinzelnd auf einen greren oder kleineren Jungen,
den er mit sich fhrte. Ob nicht der fremde Herr einen Schiffsjungen
brauche, einen Diener oder sonst einen Knecht irgend einer Art; ganz
wohlfeil sei er zu haben, fr geringe Bezahlung, er sei ein so
geschicktes, anstelliges Kind, so klug und so sanft wie ein Mdchen, der
Herr mge ihn nur erst einmal mitnehmen!

Und wenn dann der Kapitn den Kopf schttelte, bot der brave Vater
seinen Sohn ganz umsonst an, meistens wurde erst eine entschiedene
Drohung notwendig, ehe die beharrliche Verfolgung ein Ende nahm.

Etwas weiter hin, auerhalb des Gebietes der Pfahlbauer, begann dann an
der Kste im seichten Wasser die Algenfischerei, zuerst mittels der
herabgelassenen Lampe, die ohne Schleppnetz oder eine andere Vorrichtung
zum Fang nur als Beleuchtungsmittel diente. Whrend das blaue,
bewegliche Element auf hohem Meer bis zu zehn und zwlf Meter Tiefe ganz
durchsichtig bleibt, ist diese Eigenschaft an der Kste selbst nicht
mehr bis zu einem Meter vorhanden, die Strahlen der Laterne waren also
erforderlich, um dem tauchenden Matrosen den Weg zu zeigen. In einen
Taucheranzug gehllt, wurde der Mann hinabgelassen, nachdem der Schlauch
der Luftpumpe wohl gefllt, und dann die Laterne nachgesandt. Das Wasser
war vielleicht sechs Meter tief, einige Augenblicke htten gengt, um
auf das leiseste Zeichen hin den Taucher an die Oberflche zu bringen,
die Sache konnte daher ganz ungefhrlich genannt werden und machte
hauptschlich den Knaben groes Vergngen.

Auch die Orang-Badju kamen auf ihren Booten von allen Seiten heran,
vielleicht bei dem Erblicken des Tauchers an Zauberei denkend,
vielleicht in der stillen Hoffnung, den Schatz, welchen nach ihrer
Ansicht die Weien aus dem Meere hervorholen wollten, ohne viele Mhe an
sich zu bringen, jedenfalls aber voll Erwartung, im tiefsten Schweigen
und in dichtgedrngter Menge. Eine frmliche Flotte umgab das groe Boot
von der Hammonia, und als sich der Grund des Wassers zu erhellen
begann, da stiegen zu den Empong oder Gttern der Insel doch allerlei
Stogebete empor. Sie selbst kannten nicht einmal ein Mittel, am Abend
die trockene Luft zu beleuchten, diese Weien dagegen verstanden es,
sogar das Wasser anzuznden. -- --

Ein Gemurmel durchlief die Menge. Den Zauber sollten die Weigesichter
herausgeben, -- einer verstndigte sich mit dem anderen durch Blicke; um
jeden Preis mute man das Feuer, welches tief unter dem Wasser brannte,
besitzen.

Unsere Freunde hatten inzwischen ein reiches Lager von Algen entdeckt.
Was auf hohem Meere vielleicht eben so schn und mannigfaltig vorhanden
war, das lie sich doch nur sehr selten und meistens in zerrissenen oder
abgestorbenen Exemplaren einsammeln; hier aber wuchs es nahe der
suchenden Hand in ppigster Vielgestaltung; manche ganz neue Art sah
Holm zum erstenmale, manche bekannte, lang vermite fand er endlich
wohlerhalten vor, whrend die jungen Leute und der Doktor in ein wahres
Zauberland zu blicken glaubten.

Die Welt da unten glich der des Mrchens, es war der Palast und der Wald
des verwnschten, in einen Frosch verwandelten Knigssohnes; allerlei
kriechendes, sonderbares Getier bildete die Dienerschaft, das Bett war
von grnen, ganz kleinen, aber ppig dicht neben einander stehenden
Pflnzchen, und zur Wache thronten an beiden Seiten groe Krebse mit
weit heraustretenden Augen. Das waren die wie Samt aussehenden
Konserven, die dichten Teppiche, auf denen sich Wrmer mit roten Ringeln
und Federbschen am Kopf behaglich dehnten; aus ihrer Mitte heraus wuchs
der Meersalat mit breiten, grnen Blttern und zuweilen hier oder da die
rosa und scharlach gefrbten Irideen in der Pracht ihrer riesigen,
mantelfrmig gefalteten Bltter, dann der gewhnliche, olivenfarbene
Tang und die seltsamen, netzfrmig durchbrochenen Thalassiephyllen und
Agaven. Diese letzteren bildeten in des Zauberprinzen Knigreich schon
die groen Baumarten; sie sahen aus wie ein tropischer Wald und
schillerten zuweilen sogar auf einer und derselben Blattflche in allen
Farben. Gelb, grn, rot und blau in Verbindung mit smtlichen
Zwischenstufen dieser verschiedenen Grundtne, dehnten sich die
meterlangen und ebenso breiten, von Gestalt unfrmlichen Bltter unter
dem Wasser, gestickten Maschen gleich, ganz glattfest, knorpelig oder
wie Gallerte, je nach ihrer besonderen Eigenart, tief unter dem Schatten
der groen Riesen des Wasserwaldes. Diese letzteren waren die Laminarien
mit ihren zehn Meter langen, dem Auge unbersehbaren, wie breite wellige
Bnder dahinflatternden Blttern, die Makrocystisarten mit
birnenfrmigen Blasen, die langgestielten Alarien, deren Stamm von einem
schmalen Blattbschel wie von einer Manschette umfat, in das einzige
riesige, auf hohem Meer bis zu zwlf, hier freilich nur bis zu fnf
Metern anwachsende Blatt auslief. Erst fadenfrmig, dann strker und
strker werdend, endete dieses Blatt als plumpe, runde Keule, auf der
ein ganzer Bschel langer, schmaler Blattstreifen sich nach allen Seiten
ausbreitet. Zwischen und unter den genannten groen Gattungen wuchsen
zahllose, purpurne Florideen, und endlich und zuletzt erschienen als die
Blumen dieser weitgedehnten Busch- und Baumanlagen die schnen zarten
Seerosen aller Farben, von den kleinsten, die wie Fingerhte an jeder
vorspringenden Klippe hafteten, bis zu den grten, deren Umfang den der
Rose weit hinter sich lie, von wei bis dunkelrot, violett und hochgelb
in allen Schattierungen.

Das ganze Bild im schwankenden Licht der Laterne hatte etwas wunderbar
Phantastisches, Mrchenhaftes; die Gestalt des Tauchers, vom Wasser
vergrert und auseinandergezogen, erschien wie die eines Riesen, der
raublustig einbricht in das stille Reich und ganze Wlder, ganze Fluren
auf einen Griff verwstet. Wenn die groe Hand solch unterseeische
Pflanze erfate und in den mitgebrachten Sack steckte oder zum Boukett,
dessen letzte Auslufer zehn Schritt weiter hin im Wasser lagen,
zusammenraffte, dann flchteten Krebse und Kfer, Schnecken und Muscheln
nach allen Seiten. Die Seerosen wurden verschont; man hatte sie oft
genug gesehen und wute ja, da ihnen die freie Luft sofort tdlich war;
ebenso die kleinen Krebse und Muscheln.

Die Winde am Deck begann zu arbeiten, langsam erschien auf der
Oberflche des Meeres der Taucher mit dem Sack voll Algen, und
vorsichtig wurde ihm dieser, sowie das gesammelte Boukett der greren
Pflanzen aus der Hand genommen. Holm zog die langen Bltter an sich wie
Schtze, die ihm der nchste Hauch entfhren knnte; er lie die
Laternen aufwinden und gab Befehl, so schnell als mglich zum Schiff
zurckzukehren; dann aber, als seine Blicke der feindlichen Haltung
aller dieser Wilden begegneten, stutzte er. Was bedeutete das?

Der vorderste Gelbe streckte die Hand aus. Das Feuer, welches unter dem
Wasser brennt, sagte er in englischer Sprache, wir wollen es haben.

Die Laterne? rief erschreckend der junge Gelehrte. Das ist unmglich,
ich kann mir whrend dieser ganzen Reise keine zweite verschaffen und
mu sie behalten!

Der Orang schttelte den Kopf. Sie soll uns Fische und Krebse zeigen,
wir wollen sie auf alle Flle haben.

Der Kapitn erhob sich vom Sitz. Bisher war ihm bei dem interessanten
Schauspiel da unten nicht in den Sinn gekommen, die Boote der
Eingebornen zu beobachten, er sah erst jetzt die nahende Gefahr. Ich
gebe euch eine solche Laterne, Leute! rief er mit hallender Stimme.
Kommt zum Schiff, und ihr sollt sie haben.

Die Orang-Badju flsterten. An ihrer Haltung lie sich leicht erkennen,
da sie dem Versprechen nicht trauten, sie antworteten mit einer neuen
energischen Forderung.

Der Kapitn bersah die augenblickliche Lage. Vom Schiff wenigstens
fnfhundert Schritte entfernt, von einer gedrngten Anzahl bewaffneter
Mnner umgeben, war die Lage der kleinen Schar so ungnstig wie nur
mglich. Alle diese Orang-Badju hatten Bogen und Pfeile, schwere mit
Eisenspitzen versehene Harpunen und nicht selten auch noch lange Spiee;
wenn sie sich ernstlich gegen das Boot der Hammonia kehrten, so war
dasselbe verloren.

Die Gewehre in Anschlag! kommandierte er. Keinen Schu, ehe ich das
Zeichen gebe.

Dann trug der Wind den Schall der Signalpfeife ber das Wasser dahin;
jedenfalls aber mute an Bord die Bedrngnis der Gefhrten schon bemerkt
worden sein, denn im selben Augenblick stieen die beiden letzten Boote
voll bewaffneter Matrosen vom Schiffe ab, und an Deck brummte die
Kanone. Eine Kugel flog ber alle diese Pfahlbauten hinweg weit in das
grne Ufer hinein, ri die Krone eines Baumes fort und brachte so den
Wilden von der verheerenden Macht des Geschosses einen ungeahnten
Begriff bei. Sie stutzten, vergaen im Augenblick die gewohnte, fr ihre
Absichten so durchaus notwendige Vorsicht und ermglichten es dadurch
dem Kapitn, mittels schneller Bewegung des Steuers aus dem umgebenden
Kreise heraus und an die Seite ihrer Fahrzeuge zu gelangen.

Ohne weiteren Befehl legten sich die Matrosen mit vereinten Krften in
die Riemen, das Boot scho wie eine Mwe ber die blaue Flut dahin, --
die List der Weien schien gelungen.

Aber nur sekundenlang whrte die berraschung der Orang-Badju, dann
brach von ihren Lippen ein Wutgeheul gleich dem Toben wilder Tiere los,
berall schwirrten Pfeile durch die Luft, ja sogar Harpunen wurden
geworfen, und wieder einmal erhielten unsere Freunde verschiedene nicht
unerhebliche Wunden; sie selbst aber schossen nur auf die leichten
Fahrzeuge, nie auf die Eingebornen, deren Wut sich vergrerte, je mehr
Vorsprung ihre Feinde gewannen. Hier oder dort sank eines der schlechten
Boote; die Matrosen vom Dampfer vereinigten ihre Krfte mit denen der
Kameraden, und um endlich die Sache grndlich zu behandeln, schlug eine
zweite Kanonenkugel derartig ins Meer, da die Mehrzahl der Wilden von
dem gewaltigen Spritzwasser, welches sie berschttete, zu Boden oder
hufig gar ber Bord geworfen wurde. Es war eine Szene bodenlosester
Verwirrung und des Aufruhrs sondergleichen. Hochgehende Schaumwellen,
schwimmende Wilde, leer treibende und versinkende Kanots, dazu Spiee,
Ruder, Pfeile und Harpunen, alles nickend und tanzend, wie die Wogen
kamen und gingen. Inmitten dieses Trdelmarktes auf den Wellen drangen
die Boote mit den Matrosen weit genug vor, um sich erfolgreich zwischen
beide Parteien zu werfen; man scho auch hier nicht, aber dennoch
hielten die Kugelbchsen und vor allen Dingen die Schiffskanone den
ganzen Schwarm der Orang-Badju dermaen in Respekt, da kein weiterer
Versuch zu Feindseligkeiten gewagt wurde. Wie im schweigenden
Einverstndnis hatte man allerseits das Leben der Wilden verschont und
doch seine Zwecke erreicht; Papa Witt nickte grimmig, als die kleine
Expedition blutend und mit bleichen Gesichtern wieder an Bord kam. Die
gelben Hunde! sagte er. Wr's nicht unchristlich gedacht, ich mchte
wohl ein paar Vollkugeln in das Dorf hineinschicken und die Banditen
unter ihren eigenen Dchern begraben.

Dann aber verband er mit des Kapitns Hilfe die verschiedenen
schmerzenden Glieder und legte Salben auf das von den Pfeilen zerrissene
Fleisch; erst nachdem der erste Schreck berwunden, konnten die jungen
Leute ihre Erinnerungen sammeln und sich alle Einzelheiten des kleinen
Abenteuers ins Gedchtnis rufen. Das war so schnell, so berraschend
gekommen, sie wuten selbst nicht recht wie. Nur da die Wilden geglaubt
hatten, diese Lampe sei ein Zauber, der das unter dem Wasser Befindliche
zu entdecken und zu heben vermge, schien klar; kein Wunder also, da
sie lebhaft wnschten, fr ihre Fischerei und ihren Perlenfang den
Fetisch zu besitzen.

Als das Schiff am Ausgang der Bai vorberfuhr, hielten sich die Gelben
smtlich versteckt, wahrscheinlich aus Furcht, eine dieser entsetzlichen
groen Kugeln in ihr Dorf einschlagen zu sehen. Die Fahrzeuge waren an
Pfhlen befestigt, alles Treiben ruhte, alle diese Wasserstraen voll
Kinder und Frauen, diese Boote voll handelnder Mnner schienen pltzlich
ausgestorben, dafr aber gewann, nachdem Kap Rivers umschifft worden,
die Landschaft des Ufers einen immer anziehenderen Charakter. Auf
weiten, freien, von ppigstem Graswuchs bedeckten Ebenen weideten
zahllose Herden von krftig gebauten Bffeln, Antilopen und namentlich
auch kleinen, uerst feurigen wilden Pferden, die ersten, welche die
Reisenden in freiem Zustande angetroffen. Es gab ein hbsches Bild, die
gewaltigen, plumpen Bffel und die leichtfigen Pferde so ber das
ebene Land dahingaloppieren zu sehen, zwischen ihnen schlanke Antilopen
und den Annang, ein Mittelding des Rinder- und Antilopengeschlechtes,
ber ihnen auf allen Bumen die schnsten, farbenprchtigsten Vgel,
namentlich den Tropikvogel mit seiner wunderbaren, gebogenen, einzeln
dastehenden Schwanzfeder und verschiedene Arten des Paradiesvogels,
ebenso die groen samtglnzenden Schmetterlinge der Tropen.

Wre nicht die Hitze beinahe unertrglich und dadurch die
Schmerzhaftigkeit der Wunden bedeutend verstrkt gewesen, so htten die
Reisenden an manchem Punkt dieser einsamen Nordkste von Celebes schon
angelegt und die friedlichen Wlder streifend durchforscht; so aber gab
es viel zu leiden, Franz hatte sogar Fieber, und der Malagasche hinkte
wie ein Stelzfu; die Wunden waren noch nicht vllig geheilt, als einige
Boote die Abenteurer an dem nrdlichen Punkt der Insel, in Menehasse, an
Land setzten. Absichtlich hatte man eine ganz versteckte, unbewohnte
Ecke gewhlt; hoch und steil ragte in scharfer Biegung das Ufer bis in
die Wellen hinaus; eine schmale enge Bucht, am Felsen dahinlaufend und
langsam im Grn des Bodens verschwindend, fhrte durch schattiges Dunkel
auf einer Seite in den etwas versumpften dichten Wald und auf der
anderen zum sandigen, der Sonne preisgegebenen Strande.

Diesmal war alles, was das Schiff entbehren konnte, mitgenommen worden,
um die Alfuren von Feindseligkeiten zurckzuschrecken; auf Fhrer
verzichtete man, Huser wollte man nicht besuchen und auch nicht
Tauschhandel anbahnen, sondern einzig und allein Pflanzen und Tiere
sammeln. Zwei Tage und Nchte waren fr diese gefhrliche Expedition
bestimmt, und jeder einzelne Mann trug Waffen fr zwei. So ausgerstet,
verproviantiert und mit Munition und Wolldecken reichlich versehen,
schlugen die kecken Abenteurer zunchst den Weg ein, der sie in das
khlere, schattige Innere des Waldes fhrte. Welch eine Labung nach der
langen, brennend heien Fahrt durch die Celebessee! Mit welchem
Entzcken lieen die jungen Leute den stubenden Wasserfall ber sich
dahinstrmen; mit welchem Hochgenu verzehrten sie die Beeren, deren
reiche Flle auf jedem Schritt zum Pflcken einlud! Hier brachte der
Wind unter den undurchdringlichen Laubkronen die ersehnte Khlung, hier
lockte das dichte Moos des Bodens zum Ausruhen, der Gesang in den
Zweigen, der Duft der Blumen zum Trumen auf weichem Bltterlager. Das
Fleisch war gebraten vom Schiff mitgenommen, eine tchtige Portion Brot
und Cakes steckte in den leinenen Taschen, Kse und Rum befanden sich
wohlverpackt daneben, ebenso gekochte Eier in Unzahl; man brauchte also
fr den Magen nicht zu sorgen, sondern konnte sich ganz den Neigungen
berlassen.

Papa Witt war an Bord geblieben, nach langem Widerstand zwar, aber doch
endlich besiegt. Die jungen Leute wollten ihn nicht mit sich nehmen, um
unbehindert ihre Streifpartie hierhin und dorthin ausdehnen zu knnen,
wobei ihnen der Alte im Wege gewesen wre. Es geht ber Stock und
Stein, hatte Holm gesagt, die hchsten Berge hinauf und die tiefsten
Schluchten hinunter, -- wollen Sie das wagen, Steuermann?

Und er wagte es nicht, aber er schrfte noch allen ein, sich vor den
Alfuren zu hten, besonders den Matrosen, deren Neigung fr Reibereien
und kleine Ausschreitungen er aus Erfahrung kannte. Ihr geht in kein
Haus hinein, Jungens, befahl er, oder ich lasse euch im nchsten Hafen
fr Ungehorsam in aller Form bestrafen. Und noch eins -- die
Handharmonika bleibt hier auf dem Schiff!

Sein ernster Blick suchte den des Kapitns. Ist mir's doch, als sei es
gestern gewesen, wo wir unseren Kameraden ohne Kopf wiederfanden, sagte
er heimlich schauernd. Gleich hier hinter der Ecke liegt das Dorf, --
ich erkenne die Bucht und die scharfe Biegung; da hat sich in allen den
Jahren nichts verndert, Kapitn. Wissen Sie was? -- Wir verbieten kurz
und gut den ganzen unklugen Zug in das Land der Halsabschneider. Ich
will's vertreten vor dem Chef, wenn wir nach Hause kommen.

Dazu wollte aber der Kapitn sich nicht verstehen, obwohl ihn selbst der
Anblick der bekannten Bucht weit tiefer erschttert hatte, als er es dem
alten Gefhrten gegenber uerte. Weiterhin gab es keine Stelle mehr,
wo Boote ungesehen die Landung zu bewerkstelligen vermochten; er schlug
sich daher die Besorgnis, welche auch ihn heimlich beherrschte, so gut
es anging, aus dem Sinn, und fgte nur noch den Ermahnungen des
Steuermanns die seinigen hinzu; dann hatte er die kleine Gesellschaft
ziehen lassen.

Tiefe Stille lag auf dem Walde, kein Mensch und kein Tier kreuzte den
Pfad, nur seltsame, nie gesehene Vgel saen auf allen Zweigen. Offenbar
wurden diese hbschen Geschpfe selten oder nie gejagt, denn ihre
Zutraulichkeit ging so weit, da sie sich zuweilen mit ausgestreckter
Hand ergreifen oder sich eine Hanfschlinge ber den Kopf werfen lieen.
Einen derselben sahen die Knaben, als er an sumpfiger Stelle Schlamm mit
dem Schnabel aufhufte und dann davonflog. Es war ein niedriger Hgel
entstanden; Franz untersuchte ihn sofort und entdeckte zu seinem
Erstaunen unter einer zhen, leichten Schlammschicht fnf Eier, die
jedenfalls dort von der Sonnenwrme ausgebrtet werden sollten. Eine
genauere Durchforschung der Umgegend brachte noch dreiig oder vierzig
weitere derartige Erdnester an das Tageslicht, zum Teil unter Schlamm,
zum Teil unter Gras und Blttern verborgen, blaue und weie, grne und
gesprenkelte Eier zeigend, aber smtlich in einer Vertiefung des Bodens
gelegen; nirgends zeigten sich Spuren einer brtenden Mutter. Natrlich
wurden nur so viele Eier genommen, als verschiedene Arten vorhanden
waren und immer auch nur eins aus jedem Neste; die Vgel schienen sich
indessen um ihre Nachkommenschaft sehr wenig Sorgen zu machen, sie
flogen davon und lieen die Weien in ihrem Thun unbehelligt.

Von Strecke zu Strecke wurde der Wald sumpfiger und unwegsamer.
Ausgedehnte stehende schwrzliche Gewsser, von mannshohem Schilf
umkrnzt, lagen unter dem ewigen Schatten der Bume, groe Krokodile
dehnten sich an den Ufern, Schlangen glitten ber den Fuboden dahin,
und zuweilen tnte in der Ferne ein Brechen und Knacken, als wenn von
flchtenden Tieren das Unterholz gewaltsam beiseite gedrngt werde. Dann
horchten die Weien; aber der Klang verhallte, und es zeigte sich
nichts; die Herde mute ihren Weg in entgegengesetzter Richtung genommen
haben.

Das sind wilde Schweine, behauptete Rua-Roa, ich kenne ihre Art.

Holm schttelte den Kopf. Die gibt es hier nicht, antwortete er. Aber
ja doch, ja, setzte er pltzlich hinzu, wie konnte ich denn den
Hirscheber, den Babirussa, vergessen! Wir mssen ihn unter allen
Umstnden schieen, wenigstens aber zu Gesicht bekommen.

Das wird nicht leicht sein, versetzte der Malagasche. Nur erfahrene
Schweinsjger vermgen es, das Tier zu erlegen; in meiner Heimat sind
sie hochgeehrt und gehen in jedem Hause aus und ein, als sei es das
ihrige.

Verstehst du selbst denn nicht ein wenig von der Jagd, Junge?

Rua-Roa schttelte den Kopf. Die Hovas sind keine Jger, Herr! Aber
wenn mich nicht alles tuscht, so werden diese Schweine von Eingebornen
gejagt. Da sind sie wieder!

Diesmal erklang das Grunzen und das Brechen der Zweige aus grerer
Nhe, man hrte einen Augenblick lang auch Menschenstimmen, dann den
Aufschrei eines Tieres, und alles war wieder still. Die Weien sahen
sich an, -- Alfuren hinter den nchsten Gebschen!

Holm legte den Finger auf den Mund. Still, vielleicht kommen wir noch
unbemerkt davon!

Niemand rhrte sich; es war, als behaupte eine Anzahl Versteinerter den
Platz unter den Bumen, nur der Wind flsterte, und die Insekten
schwirrten, -- der Instinkt der Wilden hatte trotzdem die Gegenwart der
Fremden entdeckt. Aus den Zweigen hervor sah ein rotes, von schwarzem
Haar umgebenes Gesicht, dunkle, tiefleuchtende Augen sendeten sphende
Blicke ber die Gruppe der Weien dahin, und dann sprach der Mann nach
rckwrts zu seinen Genossen einige wenige Worte, worauf zwlf bis
sechzehn Alfuren erschienen, smtlich nackt, vollbewaffnet und von einem
Schmutz, einer Verkommenheit der Erscheinung, wie man sie selbst bei den
Urbewohnern Ceylons nicht wahrgenommen hatte. Alle diese Mnner waren
klein, schmchtig, von ungesunder Hautfarbe, mager und nicht selten mit
einem Gesichtsausschlag behaftet; um die Lenden trugen sie den
bekannten, zerfaserten Grasgrtel, sonst aber nichts als nur Waffen,
einige von ihnen gingen auch ganz ohne alle Bekleidung einher.

Holm und die brigen grten hflich, nur einer der Matrosen, ein
blutjunger Mensch, sagte auf deutsch: Das Lumpenzeug! sechs davon nehme
ich allein auf mich!

Der vorderste Alfure sah ihn an; es war ein langer, verborgenen Ha
sprhender Blick. Hatte der Ton den Inhalt verraten? -- --

Di meen ick, Dskopp! setzte nickend und lachend der junge Hamburger
hinzu.

Holm verbot mit kurzen barschen Worten dergleichen Scherze, auch die
brigen stimmten ihm bei, so da die Alfuren aufhorchten, der Matrose
jedoch allerlei Gegenreden in den Bart brummte. Der Auftritt ging
schnell vorber, aber er hatte gengt, in dem Herzen des jungen Menschen
einen eigensinnigen Trotz wachzurufen und anderseits die Alfuren
aufmerksam zu machen. Sie versicherten, ein schlechtes Englisch
sprechend, da den Weien bei ihrer Jagd im Walde keinerlei Hindernis
erwachsen wrde und stellten ihr Dorf mit allem, was sie besaen, den
Gsten zur Verfgung. Holm dankte ebenso hflich; dann wurden kleine
Geschenke verteilt und von den Wilden das eben erlegte Tier
herbeigeholt, um es den Fremden als Gegenleistung anzubieten.

Darauf trennte man sich, nachdem die Alfuren noch versichert, da in
einer Bucht nahe bei ihrem Dorfe heute abend Trepang gefangen werden
wrde, und da dazu die Weien hflichst eingeladen seien!

Holm hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich des Hirschebers zu
bemchtigen und das seltene Tier nach allen Richtungen zu besehen und
auszumessen. Dieses groe, vollausgewachsene mnnliche Exemplar zeigte
die Lnge von anderthalb Metern und war etwas ber einen halben Meter
hoch; es hatte die rauhen Borsten des gemeinen Schweines, aber dabei die
melancholischen, sprechenden Augen des Hirschgeschlechtes; die
hauerartigen Eckzhne durchbohrten an beiden Seiten die Oberlippe.

[Illustration: Begegnung mit den Alfuren auf Celebes.

... worauf zwlf bis sechzehn Alfuren erschienen, smtlich nackt, voll
bewaffnet ...]

Haben wir ihn einmal, so wollen wir ihn auch essen, meinte Holm, sein
Fleisch ist ohnehin bekannt als das zarteste der gesamten
Schweinefamilie. Wir lassen ihn hier liegen und nehmen ihn heute abend
mit zum Alfurendorf; den Fang auf dem Meer mchte ich doch gern ansehen,
nebenbei aber ist es auch klger, jetzt, nun uns die Wilden einmal
bemerkt haben, nicht geradezu vor ihnen zu flchten. Unser Nachtlager
knnen wir ja im Schutz der Uferfelsen vor den Dorfhusern aufschlagen,
und morgen an den Spieen der Alfuren das Schwein braten.

Man warf also groe Zweige und Bltter ber den toten Krper und drang
dann tiefer in das grne Gewirre hinein. Ungeheure Bume, wahre Riesen,
versperrten in urweltlicher Flle und Breite den Weg; manche Arten waren
fr die Weien noch ganz neu, so besonders der Upasbaum, das Tekholz,
das Sandelholz, die Zeder und Muskat- und Ebenholzbume, sie sammelten
berall Blten und Bltter, ebenso unzhlige Kletterpflanzen und groe
schne Blumen, es begegneten ihnen aber auch mehrere Alfurendrfer,
deren Einwohner bettelnd und neugierig hinterher liefen; alles, Huser
und Menschen, unter Schmutz vergraben. Die einzige Beschftigung der
Leute schien im Einfangen dessen zu bestehen, was die Natur freiwillig
spendete; wenigstens arbeitete niemand, und als Holm in einem der
wackelnden, trbselig verfallenen Drfer eine diesbezgliche Frage
stellte, da antwortete man mittels eines einzigen Lautes: Trepang!

Der Fang des Meerwurmes wurde also gewerbsmig betrieben; unsere
Freunde wollten es keineswegs versumen, sich die Sache anzusehen und
nahmen zur sicheren Erreichung dieses Zweckes einen jungen Alfuren mit
sich, der sie zum Dorfe der Strandbewohner geleiten sollte. So ziemlich
kannten alle den Weg selber, es war daher gar kein Verrat mglich, auch
konnte der eine Alfure gegen die berzahl von sechzehn Mnnern natrlich
nichts unternehmen.

Wilde Bienenschwrme bevlkerten die Luft; ein mattes, rosiges Glhen
der untergehenden Sonne lag auf dem Gras und vergoldete die Zweige
hundertjhriger Bume; einige kleinere Singvgel zwitscherten im Laube
ihr Abendlied; groe Spinnen, Riesen ihrer Art, webten jene Netze, in
denen sich sogar die geflgelten Snger auf Augenblicke zu verstricken
im stande sind; Ameisen zogen in langen Reihen, mit Beute beladen nach
Hause; kurz, alle Zeichen deuteten auf das Hereinbrechen der Nacht, und
eben daher beeilten sich unsere Freunde so sehr als mglich, die Kste
zu erreichen. Der Trepangfang durfte ihnen nicht entgehen.

Da pltzlich raschelte es im Laube, eine Nu flog herab, dem Doktor
gerade an den Kopf, und als sich der alte Herr uerst erstaunt nach dem
unvermuteten Angreifer umsah, blickte zhnefletschend ein groer,
schwarzer Affe vom Baum; kaum aber hatte diesen der Alfure bemerkt, als
er mit einem Satz zurcksprang und sich auf beide Kniee warf. Seine
Lippen murmelten abgebrochene Laute, seine Bewegungen deuteten auf
lebhafte Furcht.

Der Doktor stand still und sah ihn an. Herr des Himmels, betet der zu
dem Affen? sagte er ganz aus aller Fassung.

Holm verbot den Matrosen das laute Gelchter und fragte dann den
zitternden Eingebornen nach dem Grunde seines sonderbaren Benehmens. Der
Alfure blinzelte verstohlen zu dem lauernden Vierhnder hinber. Der
schwarze Verrter ist der Spion und Diener der Empongs, antwortete er,
von ihm erfahren sie, was die Menschen thun und treiben, er hlt das
Gute und das Bse in seiner Hand. Dem Schwarzen darf kein Leides
geschehen, oder es entsteht ein Unglck.

Holm schttelte den Kopf. Aber der Affe ist doch ein Tier wie jedes
andere, bemerkte er.

Der Alfure fuhr immer fort zu beten. Die Empongs haben ihm
Menschengestalt und Menschenlist verliehen, sagte er, dafr verrt er
ihnen die Geheimnisse des Stammes, bei dessen Htten er lebt. Thut ihm
nichts zuleide, Herr, sonst schicken die Empongs einen Sturm, der in
dieser Nacht alle Boote zerstrt und die Trepangfischer ertrinken lt.

Holm wandte sich zu den jungen Leuten. Lat den Affen in Ruhe, sagte
er auf deutsch. Was ntzt es uns, diese armen Wilden in ihrem
Aberglauben zu stren; wir selbst wrden den Schaden davon haben. Kommt
nur und thut, als wtet ihr nichts.

Das Jagdvergngen mute also diesmal geopfert werden, und whrend der
Doktor sich alle mgliche Mhe gab, im schlechtesten Englisch den
Alfuren vom ganzen Unwert seiner Anschauungen zu berzeugen, wanderte
die kleine Schar dem Stranddorfe zu. Auf dem Wege dahin begegneten ihnen
groe, graue, langbeinige Kasuare, die ihre umfangreichen, grnfleckigen
Eier in den Sand legen, sie lose bedecken und dann der Sonne zum
Ausbrten berlassen; hliche Tiere mit brunlich-schmutzfarbenem
Gefieder und wie bei dem Truthahn vom Hals herabhngenden feuerroten und
himmelblauen Hautlappen, groe, behende Schnelllufer, mit denen es ein
Windhund an Eile und Ausdauer nicht aufnehmen kann. Es war unmglich
einen von ihnen zu schieen.

Auch den Hirscheber in seinem Versteck fanden die Reisenden nicht mehr
vor und schlossen daraus mit Recht, da die Alfuren hinter den nchsten
Bumen gelauert und das Wild, sobald sie sich unbeobachtet sahen,
schleunigst wieder an sich genommen hatten. Dieser Verlust war zu
verschmerzen, aber er zeigte doch aufs neue, da Treue und Glauben den
Gelben ganz fremde Eigenschaften seien und die hchste Vorsicht ihnen
gegenber geboten schien. Als das Dorf im tiefen Thal am Strande
auftauchte, wurde der junge Alfure entlassen und in geschlossenen
Gliedern der Platz zwischen den drei oder vier langgestreckten Husern
besucht, um dann unter einem berhngenden Felsen das Nachtquartier
aufzuschlagen.

Die Frauen und Kinder der Alfuren hielten sich in scheuer Entfernung,
nur selten kam irgend ein altes, hinkendes oder blindes Weib, gefhrt
von nackten Kindern, und streckte bettelnd die Hand aus; auch Greise
nherten sich, um ein buntes Tuch oder ein Messer zu erhaschen; im
ganzen aber waren die Leute zurckhaltend und bescheiden.

Vom Meer herber glnzten Hunderte von Fackellichtern, der Trepangfang
war im vollen Gange, und Boot an Boot trieb auf den ruhigen Wellen,
whrend verhltnismig wenige Mnner die kleinen, schlanken Fahrzeuge
besetzt hielten. Wo hatten sich die brigen versteckt? -- Das Rtsel
sollte sich sehr bald lsen. Unsere Freunde benutzten die Erlaubnis
mehrerer Eingebornen, sich der am Strande befindlichen Kanots zu
bedienen und befanden sich bald mitten unter den Alfuren in der Bucht.
Was sie von fern nicht deutlich erkennen konnten, das lag jetzt offen
vor ihren Blicken; die Wilden tauchten ununterbrochen und spieten mit
dnnen, spitzen Bambusrohren das auf den Algen am Grunde lebende Tier;
in jedem Augenblick erschien auf der Oberflche der Kopf des Fischers;
ein paar fulange, vier Zoll dicke, walzenfrmige Wrmer von brauner
Grundfarbe mit schwarzem Punktenschmuck und einer Reihe Fransen oder
Fhler um den Mund wurden in das Boot spediert, und dann verschwand der
Alfure, um neue Beute heraufzuholen. Die wenigen in den Fahrzeugen
gebliebenen Mnner hielten die Fackeln aus Kienspnen und sammelten die
wurmartigen Stachelhuter, welche auch ebare Seegurken genannt werden.
Sie besitzen eine lederartige, brunliche, rtliche oder schwarze Haut,
die sie vorm Austrocknen behtet, wenn sie auf den Strand geraten und
wie lange Wrste ohne Lebenszeichen im Sande von der Sonne beschienen
werden. Getrocknet bilden sie unter dem Namen Trepang einen wichtigen
Handelsartikel in der Sdsee, zumal da die Chinesen diese Speise fr
einen Leckerbissen halten, der allerdings dem europischen Gaumen wenig
oder gar nicht zusagt. Holm hoffte spter in den seichten Tiefen der
Korallenriffe einige seltene und schne Exemplare dieser Seewalzen oder
Holothurien, wie sie wissenschaftlich bezeichnet werden, zu fangen. Die
Wilden warfen die gespieten Seewalzen in bereitstehende Krbe und
fischten eifrig in buntem Durcheinander.

Es war ein malerischer, unvergelicher Anblick, die vielen schaukelnden
Fahrzeuge mit den Gestalten der braunen, nackten Wilden, die auf- und
abtauchenden Kpfe, die Fackeln in wirbelnde Rauchsulen gehllt und als
Hintergrund des Bildes die dsteren, hohen Felsmauern, unter deren
Schatten das Dorf seine Htten barg. Alles dieses scharf umrissen vom
Helldunkel der Tropennacht, zuweilen grellrot angehaucht im Fackellicht,
zuweilen silbern umsumt im matten Glanz der Sterne, gewhrte ein
Gesamtbild, dessen poetische Schnheit die Herzen der Weien entzckte.
Sie verlieen erst nach stundenlangem Schauen und mit den letzten
Alfuren die Bai, konnten sich aber nicht entschlieen, den dargebotenen
gersteten Trepang zu kosten, sondern warfen heimlich die widerwrtige
Speise beiseite und begngten sich mit ihren vom Schiff gebrachten
Vorrten, worauf dann die Wolldecken ausgebreitet und zu spter Stunde
die Ruhe gesucht wurde. Holm zhlte die Hupter seiner kleinen Schar,
alle sechzehn waren vorhanden! Zwei Matrosen erhielten die erste Wache;
das Verbot, sich in die Alfurenhuser zu begeben, wurde nachdrcklichst
wiederholt und den Leuten gesagt, da sie sich gerade hier unter den
wildesten, am wenigsten zivilisierten Bewohnern der ganzen Insel
befnden; dann suchte jeder zu schlafen.

Franz und jener junge Matrose, der am Morgen die Alfuren verspottet,
lagen zufllig hart nebeneinander. Nachdem alles still geworden, stie
der Hamburger leise gegen den Arm seines Genossen. Schlafen Sie, Herr
Gottfried?

Nein -- was ist los?

Pst! Nichts, gar nichts, wecken Sie doch nur den Doktor und Ihren
anderen Lehrer nicht auf, die thun ja, als ob die gelben Kerle hier
herum Menschenfresser wren. Wissen Sie, ich mchte gar zu gern das
Innere eines solchen Alfurenhauses sehen! -- was ist denn auch weiter
dabei, und wen geht es an, ich trage meine eigene Haut zu Markt.

Franz schttelte den Kopf. Lassen Sie sich dazu nicht verleiten,
Hartmann, warnte er. Die Sache knnte ihnen doch gefhrlicher werden,
als Sie denken, und berdies ist wahrhaftig der Aufenthalt in einem
solchen Familienhause nichts weniger als angenehm. Schreckliche Luft,
Ungeziefer, Kindergeschrei und Hahnenkmpfe, das ist das Bild einer
Nacht unter diesen Dchern; ich habe es auf Borneo kennen gelernt.

Der Matrose schien nicht berzeugt. Man kann aber doch seinen Spa
haben, versetzte er. Ich mchte hinein.

Das drfen Sie nicht, Hartmann, und Sie thun es auch nicht.

Der Matrose lachte. Hm, schwren Sie nicht darauf, junger Herr. Ich
hatte brigens gehofft, da gerade Sie heimlich mit mir gehen wrden.

Franz errtete bis unter die Haarwurzeln. Also man hielt ihn jedes
tollen Unternehmens ohne weiteres fr fhig.

Gute Nacht, Hartmann, sagte er etwas kurz. Ich mchte schlafen.

Dabei drehte er dem jungen Menschen den Rcken und bekmmerte sich nicht
weiter um ihn. Da der Bursche in ihm den Teilnehmer einer Unklugheit
vermutet, beleidigte seinen Stolz. Aber wahrhaftig, in Zukunft sollte
das anders werden.

Erst sehr spt schlief er ein; die wachthabenden Matrosen saen rauchend
und leise plaudernd in halbliegender, bequemer Stellung im Gras, die
laue stille Luft wirkte fast betubend, ringsumher strte kein Laut die
Ruhe. Auch jenes Flstern der Blaujacken drehte sich um die Vorsicht,
welche der Steuermann und Holm den Leuten so dringend empfohlen hatten.
Narretei, sagte der eine, es ist lcherlich, hier zu sitzen und zu
wachen. Die Kerle denken an keine Feindseligkeiten, sie waren ja ganz
hflich, brachten uns sogar die vertrakten Wrmer zum Essen! Aber weil
vor einem halben Jahrhundert einmal ein Mord passiert ist, mu man am
Lande ber Stock und Stein klettern und darf nachher nicht einmal
schlafen.

Ein herzhaftes Ghnen schlo den Satz, der andere legte sich etwas
bequemer, bersah die ganze Reihe der Schlummernden, brummte
Unverstndliches aber offenbar wenig Schmeichelhaftes in den Bart, und
dann schwieg auch diese Unterhaltung.

Es war alles still wie in einer Welt ohne lebende, atmende Wesen.

                   *       *       *       *       *

Am andern Morgen erwachte Holm, nachdem die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Sein erster Blick suchte die Wachen, -- sie lagen lang
ausgestreckt im Gras und schnarchten vernehmlich. Holm lchelte; die
Leute muten schon geschlafen haben, ehe sie ihre Kameraden wecken und
von diesen abgelst werden sollten, wenigstens bemerkte er kein Zeichen,
das die Nhe eines wachenden Menschen verkndet htte. Alles schlief den
festen Schlaf der Jugend und Ermdung.

Aber mochten sie doch! Es war nichts passiert, die Gefahr glcklich
vorbergegangen, der ganze Tag bis zum Abend, wo in der Einfahrt die
Boote ihre Passagiere erwarteten, konnte noch zum Ausflug in die
Umgebung auf der anderen Seite verwendet werden.

Holm richtete sich hher auf. Wieder wie am gestrigen Abend zhlte er,
heimlich besorgt, immer im Bann von Papa Witts schauerlichem Erlebnis,
halb ohne Absicht; aber er zhlte maschinenmig -- -- eins, zwei, drei,
-- nun, wo steckte denn der sechzehnte?

Er berzeugte sich, da der Doktor und die Knaben unversehrt an seiner
Seite lagen, und etwas ruhiger geworden zhlte er nochmals. Der
sechzehnte fehlte.

Jetzt stand er auf, sein lauter Zuruf weckte die brigen, er wollte eben
fragen, welcher von den Leuten vermit werde, als sein Blick im
Hintergrunde des Lagers die Stelle streifte, wo alles Gepck aufgehuft
worden war. Dort unter dem Felsen hatte es gelegen, die Waffen, die
Vorrte; aber jetzt befand sich auf dem ganzen Gebiet des Nachtquartiers
davon auch kein einziges Stck mehr. Was nicht die Reisenden an ihrem
Krper getragen hatten, das war fort.

Herr des Himmels, -- unsere Gewehre!

Holm fhlte, wie es ihm kalt ber den Rcken herablief. Still! rief er
mit lauter Stimme. Still! Wer ist der Mann, welcher in unserer Zahl
fehlt?

Sekunden gengten, um festzustellen, da es Hartmann sei, den die kleine
Expedition vermite. Franz erzhlte erbleichend, was er mit ihm whrend
der Nacht gesprochen.

Eine unbeschreibliche Aufregung und Erbitterung hatte sich aller Gemter
bemchtigt. Nach rechts und links schallte der Name des Verschwundenen
durch die stille Morgenluft, die Matrosen verwnschten den Schlaf, der
sie berfallen, Holm war stumm vor Schmerz und Zorn, der Doktor trieb
wiederholt zum Aufbruch und Franz und sein Bruder verlangten energisch
jetzt am hellen Tage die Durchsuchung der Alfurenhuser.

Rua-Roa nahm die Spur des verlorenen Leichtmatrosen da auf, wo er
whrend der Nacht gelegen, und verfolgte sie ber Gras und Blumen hinweg
mit dem Instinkt des Wilden bis hinab zum Dorfe, wo vor der Thr des
einen Pfahlbaues jedes kleinste Merkmal endete. Es erschien
unzweifelhaft, da der junge Mensch hier seinen Tod gefunden.

Vielleicht halten sie ihn nur gefangen, um ein Lsegeld zu erpressen,
meinte einer der Mnner. Wir sollten doch nachsehen!

Damit sie uns mit unseren eigenen Gewehren erschieen? -- Ohne Waffen
knnen wir gar nichts ausrichten.

Ich mchte mich selbst ohrfeigen, rief der Matrose. Wren mir nicht
die Augen zugefallen, so htten wenigstens die Kugelbchsen nicht
gestohlen werden knnen.

Holm suchte ihn zu trsten. Darber beruhigen Sie sich, Schwarz, sagte
er. An eine Gefangenschaft des armen, jungen Menschen, an Wiederfinden
und Lsegeld ist nicht zu denken. Htten wir alle Waffen der Welt, so
knnten uns dieselben das geraubte Leben nicht zurckgeben. Nur finden
und ehrlich begraben mchte ich den Ermordeten.

Sollten auch wir eine kopflose Leiche an Bord bringen, Karl? fragte
Franz.

Der junge Gelehrte wandte sich ab. Er wurde gewarnt, sagte er
seufzend. Weshalb suchte er im Ungehorsam eine Art von Ehrgeiz?

Franz sah stumm ber das Meer hinaus. Der arme Schelm hatte so frhlich
dreingeschaut, sein lebensfrisches Bild stand so klar vor der Seele des
Knaben, -- er fhlte, wie Thrne um Thrne ber die Wangen herabrollte.
Dies Ereignis machte auf ihn einen Eindruck, strker und erschtternder
als alle frheren.

So la uns suchen, ermahnte er endlich. La uns wenigstens den toten
Krper finden.

Es wurde nun eine Kette gebildet und rings im Halbkreise das Waldgebiet
durchforscht; kein Gebsch, keine Niederung blieb unbeachtet, aber
nichts war zu finden, bis am spten Mittag der Malagasche eine Stelle
entdeckte, an der er stehen blieb. Hier ist in der letzten Nacht die
Erde aufgegraben worden, sagte er. Das Gras und das Moos wachsen
nicht, sie sind nur lose in den Boden gesteckt.

Er lockerte mit der Hand den Pflanzenwuchs, unter welchem sich sogleich
die frisch umbrochene Erde deutlich zeigte, und wo schon nach geringer
Mhe, in einer Tiefe von kaum sechs Zoll, die Leiche des unglcklichen
jungen Menschen gefunden wurde, -- kopflos wie man erwartet hatte.

Schweigend umstanden alle das offene Grab, besonders Franz war tief im
Herzen erschttert. Noch immer hrte er den Toten sagen: Ich hatte
gerade gehofft, da Sie heimlich mit mir gehen wrden! --

O wie inbrnstig dankte er dem Himmel, hier nicht nachgegeben zu haben;
wie demtig gestand er dem eigenen Bewutsein, da nur der Mangel an
Neugier, nicht aber ruhige berlegung ihn zurckgehalten. Htte er nicht
auf Borneo das Innere eines solchen Familienhauses gengend kennen
gelernt, wer wei, ob nicht die Versuchung auch ihn berwltigt haben
wrde. Es war ein stilles, aber festes Versprechen, das er an diesem
Grabe sich selbst leistete.

Auf! ermahnte der Doktor. Hllt die Leiche in unsere Wolldecken,
Kinder, und tragt sie abwechselnd, damit wenigstens ein ehrliches
Seemannsbegrbnis dem Armen zu teil werde. Ich bernehme es, zuerst an
Bord zu gehen und dort unsere Freunde vorzubereiten.

Vier Matrosen nahmen den Krper ihres Kameraden, banden ihn mit ihren
Riemen an ein paar derbe Stangen und trugen ihn so schweigend, in
unheimlicher Stille, gefolgt von den brigen, bis zur Bucht am Strande.
Keiner dachte an Essen, obwohl ihnen seit dem gestrigen Abend nichts
mehr zu teil geworden war; keiner dachte an eine Bestrafung der
hinterlistigen Alfuren, die sich heute morgen alle sorgfltig versteckt
gehalten hatten, oder an die verlorenen Waffen; -- sie beeilten sich
nur, so schnell als mglich das Gebiet des tckischen Stammes zu
verlassen und atmeten voll Erleichterung auf, als ihnen durch das
Buschwerk des Strandes der Ozean blau und friedlich entgegenschimmerte.

Der Dampfer lag hart an der Kste, und auf dem Verdeck stand der
Steuermann, -- er musterte wie in Gedanken verloren das felsige Ufer.
Erst als ein lautes Schiff Ahoi! der Matrosen sein Ohr traf, fuhr er
zusammen. Schon die nchste unwillkrliche Handbewegung zeigte den
Schrecken, welcher ihn durchbebte.

Das abstoende Boot brachte den Alten selbst, und da war es denn der
Doktor, welcher ihm entgegenging, um in schonender Weise das Unglck zu
berichten. Papa Witt schttelte den Kopf. Ich wei es schon, sagte er,
ich wute es, seit wir in den malaiischen Archipel kamen. Bin nicht
hier gewesen seit jener Unglcksnacht, hab's immer vermieden, obgleich
ich tausendmal im Traum diese scharfe Ecke und die unruhigen schwarzen
Wellen am uersten Vorsprung sah, -- aber da es geschehen wrde, wute
ich. Solch ein Vorgefhl tuscht nicht. Na, nun sagen Sie mir nur, wer
es ist; Hartmann, nicht wahr, Herr Doktor?

Konnte es mir denken, fuhr er fort, gerade er war der hellugigste,
frischeste Bursche unter allen, ihn trieb die kecke Lebenslust ins
Verderben, wie damals meinen Kameraden. -- Steigen Sie nur ein, Herr
Doktor, das groe Boot soll die Leiche holen.

Er hatte dem alten Theologen zu keiner Antwort Zeit gelassen, hatte auf
dem Gesicht desselben die Richtigkeit seiner Vermutung schon gelesen und
drngte ihn jetzt in das kleine Fahrzeug hinein. So kam es, da der
Doktor auch den Kapitn vorbereiten konnte, ehe nach einer Viertelstunde
das groe Boot die Leiche mit den brigen Reisegenossen wieder an Bord
brachte.

Von den Alfuren zeigte sich auch jetzt kein einziger; sie mochten, ihrem
eigenen wilden und rachschtigen Denken nach, wohl annehmen, da jetzt
die Weien ihre Kanonenkugeln in das Dorf hineinschicken wrden, und
waren alle landeinwrts in die Wlder geflohen. Natrlich aber geschah
dergleichen nicht; das Schiff verlie die Kste, und erst als der letzte
Streifen Landes dem Auge entschwunden war, versenkten die Kameraden auf
hoher See den Leichnam des Vorwitzigen, der so kecklich seinem bermute
die Zgel schieen lie und vielleicht die schrecklichsten Martern
erlitten hatte, ehe ihn der Tod aus den Hnden der Alfuren erlste.

Noch einmal grte, langsam hinauf und herab gleitend, Deutschlands
Flagge vom Mast den toten Sohn der Vaterstadt, noch einmal sahen die
Genossen zurck zu der Stelle, wo die Celebessee den kopflosen Leichnam
verschlungen -- dann drehte sich der Eisenrumpf, und das Schiff steuerte
den Inseln Australiens entgegen, zunchst der kleinen, wenig bekannten
Nightinsel zu, wo ein friedliebender, harmloser Papuastamm auf
allerunterster Stufe, fast im Zustand der Tierheit, leben oder besser
vegetieren sollte.




                         Dreizehntes Kapitel.


Wie wohlthuend berhrte nach der brennenden Hitze in der Celebessee die
immer frischer und frischer werdende Khle jede Stirn! Jetzt ging es mit
gleichem Schritt ber Australien bis zur antarktischen Barriere, und die
beiden Knaben freuten sich schon im voraus des Schnees, mit dem sie nach
so langer Entbehrung wieder Ball spielen wollten. Es war hchst komisch,
welche Mhe sie sich gaben, dem Malagaschen begreiflich zu machen, was
Schnee sei. Gefrorenes Wasser, sagte Hans, kleine zarte, sechseckige
Sterne.

Der bergang zwischen Wasser und Eis, setzte Franz hinzu.

Rua-Roa schttelte immer wieder den Kopf. Aber was ist denn
_gefroren_? fragte er.

Da winkte ihm der Koch, eben jener gemtliche Sohn Hammonias, der auf
Ceylon den Singhalesinnen Pfannkuchen buk. Komm mal heran, Gelber!
Sieh, mein Sohn, hier ist Butter, die ich eben geschmolzen habe. Sie
fliet wie Wasser, nicht wahr? Das that die Hitze, weit du; wenn ich
sie aber wieder kalt stelle, luft sie zusammen und wird ein Klumpen.
Das macht das Wasser ebenso, und dieser Klumpen heit Eis, -- wenn's
sehr kalt ist nmlich. Und kalt sein, mein Junge, das heit, wenn man
eine bluliche Nasenspitze hat und Kribbeln in den Fingern.

Und jetzt hatte Rua-Roa begriffen! Also eine Temperatur, die das Wasser
erstarren lie! -- Er wandte sich kopfschttelnd zu seinen Erziehern.
Wenn es nur keine Fabel ist von diesem Lande, sagte er bedenklich.
Ich kann schwren, da auf Madagaskar nie Eis getroffen wurde.

Ein helles Gelchter klang ber das Schiff dahin, und eine Extrastunde
Geographie war die Folge. Jetzt wurde brigens der junge Hova in den
verschiedenen Lehrfchern schon so fest, da er hbsch lesen und
ertrglich schreiben konnte; nur wenn so ganz Unerwartetes ihn aus der
Bahn warf, griff seine Phantasie unwillkrlich zurck zu den
Verhltnissen und Anschauungen der Heimat, als dem einzig Sicheren, was
er besa. Holm errettete ihn aus der verlegenen Situation, indem er die
anderen darauf hinwies, wie schwer es sei, sich von etwas Ungesehenem
einen Begriff zu machen; dann brachte er das Gesprch auf die
Nightinsel, der nun das Schiff entgegensteuerte. Kapitn, waren Sie
frher schon einmal dort?

Der Gefragte nickte. Das ist die Kannibalengegend, antwortete er,
freilich nicht die Nightinsel selbst, aber doch die Gruppe, zu der sie
gehrt. Ich habe einmal hier Schiffbruch gelitten und mit dreiig Mann
gegen ber hundert Wilde gefochten, bis ein Schiff vorbeikam und durch
seine Kanonen die Neger in die Flucht schlug. Zwei von uns, die
unglcklicherweise vom Hauptquartier abgeschnitten worden waren, lieen
ihr Leben am Bratspie der Wilden, -- wir fanden spter die abgenagten,
verkohlten berreste.

Sollte uns denn dergleichen auf der Nightinsel nicht geschehen knnen?
fragte schaudernd der alte Theologe.

Unter keiner Bedingung. Da leben die Makadamas, eine Horde gutmtiger
Geschpfe, die sich durch nichts von harmlosen Tierarten unterscheiden,
die keine Kleider oder Gesetze, kein Oberhaupt, keine Wohnung oder Ehe,
ja nicht einmal eine Arbeit kennen; sie laufen nackt umher, stellen sich
beim Regen unter einen Baum, schlafen ein, wo sie mde werden, und
essen, was sie finden; Feuer dagegen unterhalten sie der Klte wegen
immer und sind auch sehr geschickt in allem, was das Leben auf dem
Wasser betrifft.

Bewohnt denn dies Naturvlkchen die Insel ganz allein?

Der Kapitn schttelte den Kopf. Das treffen Sie nirgends, antwortete
er. Ist eine Insel berhaupt gro genug, um Menschen zu ernhren, so
hausen auch auf ihr zwei Stmme, die einander hassen und bekmpfen. Auf
Nighteiland leben auer den Makadamas noch die Echaus, weshalb Kriege,
bei denen man sich gegenseitig mit langen Spieen zu durchbohren sucht,
hier gar nichts Seltenes sind. Auch die Frauen kmpfen, diese aber
bedienen sich schwerer Holzblcke, welche eine der anderen auf den Kopf
schlgt.

Sehr einladend! lachte Holm. Wir werden also Gelegenheit finden, ganz
neue Menschen und Verhltnisse kennen zu lernen.

Wollen wir vorher nach Timor anlaufen? fragte Franz.

Nochmals zu den Alfuren? -- Ich danke, nein.

Aber jenes kleine Koralleneiland, an dem die Wogen hoch aufschumen,
mchte ich inspizieren, sagte Holm, es kann uns der Besuch desselben
hchstens einen halben Tag aufhalten. Ich hoffe dort ziemlich reiche
Beute, gerade in diesem Meere zu machen.

Das Schiff drehte bei, dann wurde ein Boot ausgesetzt und die
Naturforscher erreichten das Innere der Koralleninsel von der
brandungsfreien Seite aus. Ein stiller, ruhiger Salzwassersee bildete
das Innere der Insel. Whrend sich an den Korallenriffen die Woge in
furchtbarer Brandung brach, herrschte hier Ruhe und Frieden, und in dem
klaren Wasser lebte eine eigene Tierwelt ihr vergngtes Stillleben.
Papageifische zermalmten mit ihren harten Kiefern die Korallenzweige.
Schnecken aller Art weideten frmlich die Korallenfelder ab, indem sie
die weichen Tiere erwischten, welche aus ihrem harten Kalkbau
hervorkamen, um auf Nahrung zu lauern. Seesterne, Seeigel und Haarsterne
mit nach unten gerichtetem Munde belebten den See, in dem die von Holm
vermuteten Holothurien sich ebenfalls in reicher Anzahl und
mannigfaltigen Arten vorfanden. Sie alle lieen es sich wohl sein unter
dem Schutze des Korallenriffes, das sie vor der Vernichtung durch die
Wellen des Meeres bewahrte, indem es einen festen Wall, gleichsam eine
Schanze gegen das anstrmende Meer bildete.

Hier in diesem glasklaren See wollen wir das seltsame Wesen der
Seewalzen beobachten, sagte Holm, und dann nach Herzenslust fischen.
Seht hier die violette Seewalze, wer hat Lust, sie zu ergreifen?

Kaum hatte Holm die Frage gethan, als auch schon Hans sich niederbeugte
und die lange Seewalze mit festem Griff der Hand umklammerte. Nun aber
ereignete sich etwas sehr Seltsames.

Kaum bemerkte die Seewalze, da ein Feind sie gepackt hielt, als sie
sich krampfhaft zusammenzog und durch den Mund ihre smtlichen
Eingeweide ausspie. Hans kmmerte sich jedoch nicht darum, da das Tier
ihn mit seinem klebrigen, anhaftenden Inhalt besudelt hatte, sondern
suchte seine Beute aufs Trockene zu bringen, aber dies Vorhaben wurde
ihm von dem Tiere grndlich vereitelt, denn es schnrte sich ein und
teilte sich in mehrere Enden, als wenn es eine Wurst wre, die der
Metzger durch Abdrehen in mehrere Teile zerteilt htte. Nur ein
Stckchen Haut behielt er in der Hand.

Sieh einer doch solche Bosheit, rief er, das Tier vierteilt sich
selbst, um der Gefangenschaft zu entgehen.

Es schnrt sich ab bis auf den Kopfteil, sagte Holm. Dort liegt ein
ringfrmiger Nerv, und so lange dieser unzerlegt bleibt, ist es der
Seewalze mglich, wieder nachzuwachsen. Die Zerstrung durch freiwillige
Abschnrung geht bei einigen Arten so weit, da noch kein Naturforscher
sich rhmen konnte, ein vollstndiges Exemplar aus dem Meere
heraufgeholt zu haben.

Aber warum bt es solche Selbstverstmmlung aus? fragte Hans.

Diese Abschnrung ist ein wunderbares Auskunftsmittel, um bei der
gnzlichen Widerstandslosigkeit gegen Angriff und Verfolgung wenigstens
das Leben zu retten. Selbst im Rachen eines gierigen Rubers vermag die
Seewalze sich in zwei Hlften zu teilen, deren eine sie als wertlos dem
Feinde berlt, whrend das Kopfende das Meer zu erreichen sucht, um
auf dem Grunde desselben einen Ruheplatz zum Neuwachstum und Ersatz des
preisgegebenen Krpers zu suchen. Selbstwillige Zerstrung und rasches
Wiederherstellungsvermgen sind es, die bei der Seewalze die Verrichtung
eigentlicher Verteidigungsorgane hherer Tiere ersetzen.

Wir wollen uns jedoch durch dieses Gebaren der Seewalzen nicht beirren
lassen, sondern so viele Bruchstcke derselben zu erlangen suchen, wie
nur mglich, denn die brigbleibende Haut liefert dem Mikroskopiker das
Material zu Prparaten, die jedes Auge erfreuen.

Es wurde nun eifrig Jagd auf Seewalzen gemacht, und die Stcke, welche
nach der freiwilligen Vierteilung brig blieben, wanderten nach Holms
Anleitung in den Spiritusbehlter. Holm versprach den Knaben, whrend
der nchsten Fahrt auf dem Schiffe ihnen die Wunder der Holothurienhaut
unter dem Mikroskop zu zeigen.

Von den Papageifischen, die sich durch die Eigentmlichkeit ihres
Gebisses ebensowohl auszeichnen als durch die Farbenpracht ihrer
Schuppen, wurden mehrere Exemplare gefangen. Die Tiere, welche weder den
Menschen noch das Netz kannten, waren mit leichter Mhe zu erlangen.

Holm fand an einer Stelle die rote Orgelkoralle, bei der die kalkigen
Wohnungen der Einzeltiere als schlanke Rhren wie die Orgelpfeifen neben
einander stehen. Auch die elegante Seefeder sowie der Neptunsfcher
wurden erbeutet, zierliche Korallenstcke, die sich ausnahmen wie
Hutfedern oder wie riesige Fcher von brunlicher, rtlicher und gelber
Farbe.

Der Ausflug nach diesem kleinen Koralleneilande war ein beraus
lohnender gewesen. Wir wollen diesem Punkte im Ozean einen Namen
geben, schlug Hans vor. Was meint ihr, wenn wir ihn die Schatzkammer
der Naturforscher nennen?

Alle waren damit einverstanden, und als sie wieder an Bord waren, trug
der Kapitn das Inselchen und seinen Namen in die Seekarte ein.

Das Schiff setzte seine Fahrt fort, bis endlich nach kaum drei Wochen
die kleine, wenig bekannte Insel an der Nordkste Australiens erreicht
war. Viele gefhrliche Klippen starrten himmelhoch und von Brandungen
umtobt den Seefahrern entgegen, viele stille Baien, anmutig in flaches,
grnes Land verlaufend, schienen aber auch zur Einkehr zu locken, und
als das Schiff langsam zwischen den Korallenfelsen hindurchlief, zeigten
sich auch schon gleich beim ersten Erblicken des Innern die Bewohner vom
Stamme der Papuas. Kleine, gedrungene Gestalten, die Weiber von
ungeheurer Hlichkeit, die Mnner mit dick aufliegenden Stammesnarben
geschmckt, rot und wei angemalt, im Haar den gelben, dick mit Thran
aufgestrichenen Ocker, beide Geschlechter aber bis auf den zerfaserten
Grasgrtel der Frauen ganz wie Gott sie erschaffen, so standen die
Wilden scharenweise am Ufer, vielleicht hoffend, da das Schiff stranden
und ihnen seine Eisenteile zum Verbrauch berlassen solle, jedenfalls
aber ohne irgend eine bse Absicht, etwa einer Rinderherde gleich, die
ahnungslos den Fremden an sich herankommen lt, ihn kaum beachtend,
gleichgltig und ruhig.

Htten nicht diese schwarzen, schauderhaft beklecksten Gestalten
deutlich den entlegenen Weltteil verraten, so wrden sich unsere jungen
Freunde nach Europa zurckversetzt geglaubt haben. Hohe, schlanke
Nadelhlzer, besonders die prchtige Kaurifichte, spendeten khlen
Schatten, das Gewirre des Unterholzes und der Schlinggewchse fehlte
gnzlich, den Boden bedeckte ppiges Gras, und aus seiner grnen Flle
hervor sah das bescheidene, deutsche Maliebchen. Auch die parkartige
hnlichkeit der Hlzer unter einander, die gleichmigen Stmme und die
Einfrmigkeit des ganzen Pflanzenwuchses erinnerten lebhaft an deutsche,
stille Wlder mit ihrem Sonnenschein und ihrem tiefen, nur zuweilen
durch Vogelstimmen unterbrochenen Frieden. Die Vogelwelt freilich bot
wieder ganz fremde und noch dazu neue Erscheinungen, nmlich Straue so
klein wie Truthhner, aus Erdlchern hervorsehend und schnell in
dieselben zurckschlpfend, Papageien und schne Reiher, die an den
Uferklippen ihrer Beute harrten.

Das Gesamtbild trug den Charakter des lndlichen Stilllebens. Als die
Weien ausgeschifft waren, kamen ihnen die Wilden vertraulich entgegen
und betasteten sowohl ihre Anzge als auch ihre Gesichter, wie um sich
zu berzeugen, da lebende Wesen dahinter steckten; sie lachten laut und
ahmten nicht selten den Gang, die Haltung oder gar die Worte ihrer
pltzlich erschienenen Gste nach, was jedenfalls auf gnzliche
Unbekanntschaft mit der weien Menschenrasse schlieen lie. Ebenso
vergeblich war es, ihnen in englischer Sprache irgend etwas zu sagen,
sie verstanden davon keine Silbe, sondern lachten wie Kinder, denen das
Fremde Spa macht; viele von ihnen sprangen auch sogleich in das Wasser
und versuchten es, den Dampfer zu erklettern, andere eilten zu ihren
Booten und umfuhren das Schiff; nirgends aber trafen sie Vorkehrungen,
den Weien irgend etwas anzubieten; in dieser Beziehung standen sie
offenbar ganz auf der niedrigsten menschlichen Stufe.

Wir wollen doch die Insel durchwandern, erklrte Holm, unsere Zelte
und Lebensmittel auf den Rcken nehmen und wie die Khlerkinder des
Mrchens Zeichen in die Bume hauen, um spter den Rckweg
wiederzufinden. Es ist gerade angenehm warm, der Boden nicht durch
Hindernisse versperrt, die Tierwelt ungefhrlich; also lat uns sehen,
ob denn tatschlich keine feste Htten vorhanden sind.

Es wurde ein deutsches Lied angestimmt; im krftigen Chor durchhallte
das Freiheit, die ich meine den australischen Wald, und gefolgt von
einer Menge schwarzer, arg bemalter und tttowierter Gestalten zogen
unsere Freunde im hellsten Sonnenschein dahin, vergeblich ein Dorf oder
eine Niederlassung suchend, vergeblich nach geniebaren Baumfrchten
aussphend, vergeblich hinter jeder neuen Lichtung, jedem Busch oder
Flu bebaute Felder erwartend. Nur Fichten und Fichten, dazwischen der
amerikanische Hickory, schnblhende Myrthaceen, Kasuarinen, sowie der
Gummibaum mit seinen steifen, lederartigen, glanzlosen Blttern; aber
nie Fruchtbume. Am Boden blhten viele schne Blumen, doch waren sie
geruchlos und von groer Einfrmigkeit der Erscheinung, den Tropen
gegenber geradezu rmlich.

Dieser helle, lichte, sonnendurchschienene Wald wechselte stellenweise
mit dem berchtigten, australischen Busch, einer Wildnis von Dornen,
Akazien, groen Immortellen und Protaceen, auf deren Boden kein Halm
sprote, die dagegen aber bewohnt waren und zwar von verschiedenen,
meist unbedeutenden Tiergattungen, namentlich den Dingos (wilden Hunden)
und den zahllosen greren oder kleineren Beuteltieren, marderhnlichen
Geschpfen mit langem, buschigen Schwanz und dem bekannten, an der
Unterseite des Krpers liegenden Hautbeutel, worin die Weibchen ihre
Jungen tragen, bis dieselben ausgewachsen sind, und wohin diese selbst
dann noch zurckkehren, wenn ihnen whrend ihrer ersten Jugend drauen
irgend eine Gefahr droht.

Die behenden Tiere zeigten sich nie im Freien, sondern lugten aus den
Erdlchern der Buschpartieen vorsichtig herauf, um dann eben so schnell
wieder zu verschwinden; sie ohne Hunde zu jagen, war ganz unmglich.
Holm postierte bei einer dieser Hhlen die jungen Leute so, da ihnen
das flchtende Beuteltier jedenfalls zu Schu kommen mute; dann begann
er selbst mit Hilfe des Malagaschen den Erdhgel oberhalb der Wohnung
durch Axtschlge und Spatenstiche abzurumen, whrend ein Trupp Wilder
daneben stand und neugierig beobachtete, was die Weien thaten.

Zuweilen zeigte ein leises Gerusch unter der Erde, da die Tiere hchst
wahrscheinlich schon in Unruhe gerieten, da ihnen vielleicht
brckelndes Gestein auf den Kopf fiel oder die Wahl zwischen Flucht und
Tod ihren erschreckenden Einflu ausbte; dann geschah etwas, worber
alle Weien lachten, bis ihnen der Atem versagte. Das Mnnchen des
Beuteltieres, der marderhnliche Rotschwanzbeutler, scho mit einem
pltzlichen, gewaltigen Sprung aus dem Eingang hervor; schon mochte er
glauben, sich durch seine kecke That der Gefahr glcklich entzogen zu
haben, als im selben Augenblick zwei Schsse krachten und der schlanke,
aufbumende Krper sterbend zu Boden strzte, -- auer ihm, den die
Kugeln durchbohrten, waren aber auch alle Wilden wie ein Haufen
Kartenmnnchen hingefallen und zumeist auf das Gesicht. Hchst
wahrscheinlich hatten sie die Bchsen fr Stcke gehalten und waren bei
dem doppelten Knall dermaen erschrocken, da ihr bichen Nachdenken sie
vollstndig im Stich lie, ja, da sie die dmonischen Mchte ihrer
dunklen, halbverworrenen Vorstellungen verkrpert vor sich zu sehen
glaubten.

Es war komisch und bedauernswert zugleich, diese hingestreckten
schwarzen Gestalten zu beobachten, wie sie, weit mehr Tier als Mensch,
so hilflos dalagen, aller vernnftigen Vorstellung bar, auer sich vor
Angst unter dem Eindruck eines Bchsenschusses; der Doktor ging von
einem zum andern, sprach hier deutsch und dort jenes fabelhafte Etwas,
das er englisch nannte; er versuchte auch, die rotbemalten Schultern
aufzuheben und riskierte endlich sogar einen zornigen Befehl, aber das
alles half nichts, bis Holm vorschlug, es mit einem andern Verfahren zu
probieren. Zeigen Sie einmal die Knpfe und Metallringe, welche wir
mitgebracht haben, Doktor, riet er.

Und das half ber Erwarten. Der alte Herr setzte sich auf eine Erhhung
des Weges, in seiner Hand glnzten allerlei Spielereien, womit in
zivilisierten Lndern kleine Kinder belustigt werden, -- und siehe da,
Kopf nach Kopf tauchten aus dem Gras die schwarzen Gesichter herauf.
Hier erhob sich vorsichtig eine Gestalt, deren Ocker und Mennig den
Boden klumpenweise frbte, hier rang sich ein Laut des Entzckens von
den schnalzenden Lippen einer Frau, dort flsterten Kinder, unfhig, dem
erwachten Verlangen zu widerstehen.

Und der alte Theologe hielt mit einer Hand seine Messingknpfe in das
Sonnenlicht, mit der andern winkte er den Zgernden. Nur her, ihr
rmsten unter den Armen, nur her, verirrte Wesen, was frchtet ihr denn
eigentlich? -- Da, da, -- und da! -- Aber nun seht euch auch die Gewehre
an; hier!

Er hatte die Waffe aus dem Grase genommen und wollte sie jetzt den
Wilden in aller Ruhe zeigen, aber weg, wie vom Wind entfhrt, war
pltzlich die ganze Schar, der nchste Busch hatte sie verschlungen.

Franz hatte unterdessen seine Jagdbeute in Sicherheit gebracht, worauf
sich smtliche junge Leute vereinigten, um nun aus dem Bau das
wahrscheinlich noch darin befindliche Weibchen des Rotschwanzbeutlers
lebend hervorzuziehen. Vor allen Dingen wurde zu diesem Zweck der
Ausgang verschttet und nun vorsichtig weiter und weiter gegraben, bis
die letzte Erdschicht einstrzte und dadurch die Weien die Mglichkeit
erhielten, das kleine, mit den andrngenden Massen kmpfende Tier
einzufangen. Es sollte seine Freiheit zurck erhalten; nur wollten die
jungen Naturforscher gern den seltsamen Beutel des Muttertieres in der
Nhe sehen und womglich die kleinen Jungen darin entdecken; daher mute
es gefesselt und zur Flucht unfhig gemacht werden. Die Sache gelang nur
nach vieler Mhe und einigen von den scharfen Nagezhnen erlittenen
derben Biwunden, dann aber waren glcklich die Vorder- und Hinterfe,
je zwei zusammen, mit starken Stricken gebunden, und zum berflu die
Schnauze mit einem starken Taschentuch umwickelt. Das Tier pfauchte und
zischte, aber es konnte sich nicht wehren, als zwei von den jungen
Leuten seinen Krper in ausgestreckter Lage erhielten, whrend Holm den
breiten, unfrmlichen Beutel untersuchte.

Diese mit einem engen Spalt versehene Hauttasche umgab rings im Kreise
eine Anzahl sehr langer Milchzitzen, an deren jeder ein
unausgewachsenes, bewegungsloses und nur mit undeutlichen Gliedmaen
versehenes Junges hing, das dort thatschlich festgewachsen war und
erst, nachdem das kleine Mulchen die ntige Weite erreicht haben wrde,
die mtterliche Zitze wieder verlassen konnte. Der Spalt wurde sehr
vorsichtig geffnet, so da es dem gefesselten Tier keinen Schmerz
verursachte, und dann, nachdem alle die kleinen, saugenden Wesen
bewundert, die gengstete Mutter wieder in Freiheit gesetzt. Ein
einziger, trotz der fnffachen Last gewandter und schneller Sprung
brachte den Pelztrger aus dem Bereich der verfolgenden Blicke.

Eine neue Hhle mag sich das Tier selbst wieder herstellen, meinte
Holm, wir wollen uns jetzt etwas nher an das Ufer zurckbegeben und
dann unsere Zelte aufschlagen. Die Sonne sinkt, es ist Zeit!

Da sehe ich Feuer! rief pltzlich Hans. Ob es ein Dorf ist?

Und da! -- und da! setzten die brigen hinzu, als heller Schein von
allen Seiten den Wald durchleuchtete. Wie seltsam!

In der That war dieser Anblick ein nie gesehener, und so im Zwielicht,
ohne die Anwesenheit der Wilden, vom klteren Hauch bereits durchzogen,
trug die Landschaft den Charakter des Nordischen, ja fast des Dsteren,
Unheimlichen. Wie Soldaten in Reihe und Glied standen die schlanken,
astlosen Stmme der Kaurifichten, dicht gedrngt und in den Wipfeln
jenes Rauschen verursachend, das so herbstlich, so wehmtig stimmt, das
wie ein Wiegenlied ber den ganzen Wald von Krone zu Krone dahinklingt;
unter ihrem monddurchschienenen Dach erhoben sich die Feuersulen der
brennenden Holzste, wallende Rauchwolken strebten empor zum ewigen
Blau, und ein eigentmlicher, bald heller, bald dunkler leuchtender
Schein traf die ganze Umgebung des Feuers. Hier lag er purpurn auf den
Blten der Myrthaceen, dort rosig auf den Blttern des Gummibaumes, die
holzigen, ledernen verjngend, die glanzlosen mit sanftem Schimmer
berziehend; am Fu der alten Stmme aber fiel sein vollstes Glhen auf
die Gruppe der Schwarzen, welche jedesmal dort im Moos oder Gras lang
ausgestreckt Nachtruhe hielt und sich so nahe als thunlich um die
wrmenden Strahlen geschart hatte. Nicht einmal ein Fell wrmte die
nackten Glieder, nicht einmal einen Haufen trockener Bltter hatten sich
die Wilden als Lagerstatt zusammengetragen; viel weniger besaen sie
irgend etwas, das einem Dache glich; ja, als die Reisenden nher kamen
und den Raum neben dem Feuer berblicken konnten, sahen sie, da dort
von den Eingebornen Fische und Vgel sowie die Wurzeln verschiedener
Kruter in rohem Zustande gegessen wurden.

Als die Weien ihre kleinen Geschenke auskramten, liefen die Wilden
herzu und nahmen dieselben, ohne zu bitten oder zu danken, wie ein Tier
das Futter nimmt. Sie standen auch umher, ohne begreifen zu knnen, was
ihre Augen sahen, als spter die Weien Zelte aufschlugen und Decken
ausbreiteten. Von den gebotenen Nschereien wie Cakes, Wein, gebratenem
Fleische und eingemachten Frchten nahmen sie nur zgernd und lieen
nach dem ersten Bissen das brige wieder fallen. Die Eier, welche sie
roh genossen, wiesen sie in gekochtem Zustande schaudernd zurck.

[Illustration: Das Lager der Papuas im Kaurifichtenwalde.

... am Fu der alten Stmme aber fiel sein vollstes Glhen auf die
Gruppe der Schwarzen ...]

So wurde denn das Lager aufgesucht, auf allen Seiten umgeben von den
Feuern der Wilden, khl, beinahe kalt selbst unter dem Schutz der
Wolldecken, auf einer waldumsumten, kleinen Ebene belegen, inmitten
hundertjhriger Baumriesen, deren Kronen das Schlummerlied rauschten.
Hier brauchte keiner fr die Sicherheit der anderen zu wachen, nirgend
bot sich die Mglichkeit einer Gefahr; es lebte in der Nhe kein Tier,
das fhig gewesen wre, den Menschen zu schaden. Nur wenige rote, kleine
Papageien saen in den Bumen, in der Ferne bellten wilde Hunde, und
zuweilen segelte durch die Luft ein Tier, das dem fliegenden Hunde der
Sundainseln verwandt war, ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze und
klugem Gesicht, ein fledermausartiges Beuteltier von rotbrauner Farbe.
Das Hbscheste aber, was die Augen der Weien vor dem Einschlafen noch
erblickten, war ein groes weibliches Beuteltier mit feinem, grauen Pelz
und einem langen Schwanz, um dessen Ansatz sich die Schwnze mehrerer
Jungen, welche die Mutter auf dem Rcken trug, festgeklammert hatten.
Das Tier kam schnuppernd heran und fra dann begierig die berreste der
verschiedenen Mahlzeiten, whrend seine Sprlinge auf dem Rcken
hockten und warteten, bis sich die gesttigte Alte ins Gras lagern und
ihnen zu saugen gestatten wrde. --

Am andern Morgen ging es wieder in die Wlder, um Jagd auf die Vgel zu
machen, die auf den australischen Inseln sowie auf dem australischen
Festlande in groer Mannigfaltigkeit vorkommen. Wir werden uns so wenig
als mglich von der Vogeljagd ablenken lassen, sagte Holm, und Wald
und Busch auf das sorgfltigste absuchen. Grere Exemplare werden
sofort abgehutet, kleinere Vgel werden wir an Bord prparieren. Die
neuhollndischen Inseln sind eine wahre Fundgrube fr den Zoologen in
bezug auf die Vogelwelt.

Das erste, was ihnen bei ihrer Wanderung aufstie, war ein Schwarm
prchtiger Kakadus mit blendend weiem Gefieder und gelbem Schopf. Wir
wollen von diesen herrlichen Geschpfen keines erlegen, sagte Holm,
denn der Kakadu ist in Europa hinreichend bekannt, und wir wrden uns
nur unntig mit den Getteten beladen. Wenn ihr jedoch einen groen
schwarzen Papagei sehen solltet, so zgert keinen Augenblick und sucht
ihn zu erlegen.

Der ersehnte Papagei zeigte sich nicht. Wohl aber scho Franz einen
schn gefrbten Papagei, die Rosella, der bunt war wie ein Harlekin.
Oberkopf, Halsrcken, Brust und Unterschwanzdecke waren scharlachrot,
die Wangen wei, die Rckenfedern schwarzgelb gesumt, der Hinterrcken,
die Oberschwanzdeckfedern und der Bauch, mit Ausnahme eines gelben
Fleckes, grasgrn, die Flgelmitte hochblau, die Schwingen dunkelblau
mit blauem Rande, die Schwungfedern grn, blaugrn und am Ende lichtblau
mit weier Spitze.

Alle waren ber diese Beute erfreut, und auch Doktor Bolten uerte sein
Wohlgefallen ber die Farbenpracht dieses Vogels. Die Natur bertrifft
oft die Phantasie des Menschen, sagte er. Kein Seidenweber in Lyon ist
imstande, ein so herrliches Gewand zu weben, als dieser Vogel trgt, wie
denn anderseits noch kein Komponist solche Tne finden konnte, wie die,
mit denen daheim die unscheinbare Nachtigall unser Herz erfreut. Er
wollte weiter sprechen, als ein Schu seine Rede unterbrach. Hans hatte
geschossen und stie einen Freudenruf aus, als er sah, da sein Ziel
glcklich getroffen war. Der schwarze Papagei! rief er, ich habe ihn
erlegt!

Er eilte auf die Stelle zu, an welcher der Papagei im Grase lag, und hob
ihn auf.

Frwahr, rief Holm, ein Rsselpapagei -- der Kasmalos! Der Vogel war
grer, als alle bekannten Papageien und bertraf selbst den Arra an
Lnge und Flgelweite. Sein Gefieder war gleichmig tiefschwarz gefrbt
und schillerte etwas ins Grnliche. Sein Kopf trug eine ebenfalls
schwarze Federholle, der groe Oberschnabel bedeckte den kleineren
Unterschnabel vollkommen. Holm zeigte nun den Knaben den eigentmlichen
Bau der Zunge. Diese war ziemlich lang und fleischig, nicht breiter als
dick, aber oben ausgehhlt und vorne an der Spitze abgeflacht. Sie kann
weit aus dem Schnabel vorgeschoben und von dem Vogel wie ein Lffel
gebraucht werden, mit welchem er die vom Schnabel zerkleinerten
Nahrungsmittel aufnimmt und der Speiserhre zufhrt. Die Rnder der
Zunge sind sehr beweglich und knnen vorne von rechts nach links her
gegen einander gewlbt werden, so da sie den ergriffenen Speisebissen
wie in einer Rhre einschlieen, in welcher er leicht zum Schlunde
hinabgleitet. Wegen dieser Eigentmlichkeit der Zunge ist ihm der Name
Rsselpapagei zuerteilt worden. Da der Rsselpapagei zu den grten
Seltenheiten der europischen Sammlungen gehrt, war Holm besonders froh
ber den glcklichen Schu, den Hans gethan hatte, der seine Beute nicht
ohne Stolz betrachtete.

Fast knnte ich eiferschtig auf den Schtzen werden, wenn es nicht
mein Bruder wre, sagte Franz. Pat nur auf, noch ist nicht aller Tage
Abend, vielleicht gelingt es mir, ein zweites Exemplar dieser seltenen
Art zu erlegen, oder ich schiee ein Geschpf, das eben so wertvoll ist,
wie dieser Rsselvogel!

Ein edler Wettstreit, aus dem die Naturforschung Nutzen ziehen wird,
meinte Holm lachend.

Das ist die wahre Konkurrenz, sagte der Doktor, sie frdert und regt
an, sie -- --

Schon wieder fiel ihm ein Schu in die Rede. Nehmen Sie's nicht bel,
Doktor, da ich Sie unterbrach! rief Franz, aber hier in der Wildnis
geht leider die Notwendigkeit ber die Hflichkeit. Ich mute schieen!
Er sprang davon und holte die erlegte Beute -- einen prachtvollen
Leierschwanz.

Das nenne ich ein Jagdglck, rief Holm, denn dieser Vogel mit seinen
wundervollen langen Schwanzfedern, die wie eine Leier gestaltet sind,
kommt nur selten zum Schusse. Mancher Jger hat sich schon tagelang im
Busche aufgehalten und hrte die laute, helle Stimme der scheuen Vgel,
war aber nicht imstande einen derselben zu Gesichte zu bekommen.
Merkwrdig ist, da wir diesen Vogel hier antrafen, der sonst in
Gegenden wohnt, die schwer zu erreichen und wegen tiefer, nur mit
vermodernden Pflanzen bedeckter Felsenspalten dem Jger lebensgefhrlich
sind. Als Holm den Leierschwanz nher untersuchte, ergab sich, da der
Vogel ein verletztes Bein hatte, was ihn am Laufen verhindert haben
mute. Holm mahnte zur Vorsicht beim Betreten des Bodens, denn schon oft
sei ein Jger in die heimtckischen Felsenspalten geraten, in deren Nhe
sich die Leierschwnze aufhalten, und nichts sei dem Unglcklichen brig
geblieben, als sich vermittelst eines Schusses durch den Kopf vom
langsamen Verschmachten zu befreien, denn auf eine Hilfe von
Menschenhand kann niemand in diesen Einden rechnen, der tief in eine
steile Felsenspalte geraten ist.

Kaum hatte er diese Warnung ausgesprochen, als der Doktor vor ihren
Augen verschwand und mit einer dichten Masse von moderndem Laub in die
Erde sank. Hilfe! rief er aus der Tiefe. Sie eilten rasch an den engen
Schlund, der sich vor ihren Augen ffnete.

Haben Sie sich verletzt, Doktor? fragte Holm besorgt.

Gott sei Dank, nein, scholl es herauf; aber die Felsenwnde sind so
glatt und schlpfrig, da ich mich nirgends anhalten kann. Ich sinke
allmhlich tiefer. Helft mir rasch.

Mit grter Eile wurden die Riemen der Gewehre an einander geknpft und
hinabgelassen, sie erreichten jedoch den Doktor nicht, da sie nicht lang
genug waren. Was nun beginnen? Woher einen Strick nehmen, um den
Verunglckten heraufzuziehen, der langsam weiter in die Tiefe glitt und
flehend um Hilfe rief? Mit jeder Sekunde nahm die Gefahr zu, die
Felsenspalte konnte unergrndlich sein und sich nach unten erweitern.
Dann war der Doktor verloren. In solchen Augenblicken der hchsten Not
kommen dem Menschen jedoch oft Gedanken zur Rettung und zwar so
pltzlich, als htte sie ihm jemand zugerufen, der unsichtbar ihm zur
Seite stnde. Wie mit Wundermacht wird dann das Unscheinbarste zum
wichtigen Hilfsmittel, und wer nur Augen hat zum Sehen und Ohren zum
Hren, der erfhrt zu solcher Stunde, da immer noch Zeichen und Wunder
geschehen, da Gott den Menschen zur Zeit der Prfung nicht verlt.

Franz war es, in dem sich blitzschnell der Gedanke zur Rettung des
Doktors offenbarte. Ehe noch jemand begriff, was er wollte, hatte er den
leichten Rock abgeworfen und sich des starken Leinenhemdes entledigt,
das er rasch mit dem scharfen Jagdmesser in Streifen zerschnitt, die er
wie einen Strick zusammendrehte und an einander knpfte. Wenn es nur
ausreicht? flsterte er bange.

Rua-Roa hatte sofort begriffen, was Franz im Sinne hatte, und folgte
seinem Beispiele. Auch er warf sein Gewand ab und zerschnitt es mit dem
Messer, das Franz ihm damals geschenkt hatte, als er so tapfer die
Prozedur des Gipsens ber sich ergehen hatte lassen. Ich helfe dir,
mein weier Bruder, rief er, Doktor Bolten mu gerettet werden und
sollte ich meine ganze Habe, ja mein Leben fr ihn hingeben. Er hat mich
gelehrt, da alle Menschen Brder sind und da der arme Waisenknabe
Rua-Roa einen Vater im Himmel hat, dessen Kind er ist. Ich wollte sein
Sklave sein, er aber hat mich freigegeben. Retten wir den guten Doktor!

Die Stricke aus dem Zeug waren in fieberhafter Eile geflochten, alle
legten sie Hand an, und nachdem dieselben an die Lederriemen der Gewehre
geknpft waren, wurde das so erhaltene Seil in die Felsenspalte
hinabgelassen. Geben Sie acht, Doktor, rief Holm, und suchen Sie das
Seil zu erhaschen!

Eine ngstliche Pause entstand. Haben Sie das Seil? rief Holm.

Ich halte es! ertnte die Antwort aus der Tiefe.

Nun zieht an, kommandierte Holm.

Alle faten das Seil und taktmig, mit lautem Ahoi, wie auf dem
Schiffe, frderten sie ruckweise den Doktor langsam in die Hhe, bis
nach einiger Zeit der Gerettete wieder festen Boden unter seinen Fen
hatte.

Doktor Bolten sank auf die Kniee, als er glcklich wieder oben war, und
seine Lippen sprachen ein leises Dankgebet. Dann reichte Hans ihm die
Feldflasche, aus der er einen tchtigen Schluck nahm, der ihn nach der
berstandenen Angst und Gefahr sichtlich erquickte. Als er erfuhr, auf
welche Weise die Rettung zustande gebracht war, reichte er Franz und
Rua-Roa beiden die Hand. Er war zu bewegt, um sprechen zu knnen. Dann
fate er sich und sprach nur die wenigen Worte: Der Segen eines alten
Mannes ruhe auf eurem Haupte!

Holm schlug nun vor, diese gefhrliche Gegend zu verlassen und den Wald
aufzusuchen, wo krftiger Baumwuchs von dem Nichtvorhandensein der
tckischen Naturfallgruben Zeugnis ablegte. Alle waren mit diesem
Vorschlage einverstanden, und bald war die Gefahr, in welcher der Doktor
geschwebt hatte, vergessen. Die Jagdlust und das Vorkommen reichlichen
Vogelwildes stellte bald wieder den alten Frohsinn her. Holm erlegte
einige der zierlichen Diamantvgel und einen der schwer zu erlangenden
Emuschlpfer. Der Schwanz dieses allerliebsten Vogels besteht nur aus
sechs mit zerschlissenen Fahnen besetzten Federn. Seine Behendigkeit
vereitelt fast immer die Nachstellungen, wozu noch kommt, da er in der
Kunst des Versteckens auerordentlich erfahren ist.

Als sie vorwrts schritten und in eine Niederung gelangten, auf der
immergrne Zedergebsche sich ausbreiteten, machte Holm pltzlich Halt
und winkte den andern mit der Hand zu, sich ruhig zu verhalten.

Die Knaben hielten ihre Gewehre in Anschlag. Ein Raubtier? fragte
Hans.

Nein, erwiderte Holm leise. Kommt behutsam an meine Seite, uns bietet
sich ein reizendes Schauspiel dar.

Alle traten mit leisen Schritten nher, und in der That nahmen sie durch
die dichten Zweige, welche Holm vorsichtig zurckbog, einen merkwrdigen
Gegenstand wahr, den sie frher noch niemals gesehen hatten.

Unter einer ziemlich groen Zeder sahen sie aus feinen und biegsamen
Reisern erbaut eine kleine Htte, die in ihrem Aussehen einer
spitzdachigen Laube glich und an jeder Seite einen offenen Eingang
besa. Vor der Laube lagen bunte Schneckenschalen, Muscheln,
weigebleichte Knochen und glnzende Kieselsteine. Das Innere der Laube
war mit roten, gelben und blauen Papageienfedern dekoriert, als sollte
in derselben ein Fest gefeiert werden.

Sollte das Httchen von den Kindern der Eingebornen im Spiel erbaut
sein? fragte der Doktor.

Wir haben den merkwrdigen Bau des Atlasvogels vor uns, erklrte Holm.
Die Vgel sind soeben davon geflogen, wenn wir uns ruhig verhalten,
wird es uns hoffentlich gelingen, Augenzeuge von ihrem Thun und Treiben
zu sein. Kaum hatte er diesen Wunsch geuert, als es durch die Luft
schwirrte und ein Vogel mit einem Reisigzweig im Schnabel sich vor der
Laube niederlie. Sein wie Atlas glnzendes Gefieder war tief
blauschwarz, die Flgel- und Steuerfedern samtschwarz, blau an der
Spitze, das hellblaue Auge besa einen roten Ring, die Fe waren
rtlich.

Der Vogel, seiner Gre und glnzenden Farbe nach zu urteilen das
Mnnchen, nahm nun den Zweig und verflocht ihn gar knstlich und
geschickt in die Wand der Laube, und lie, als er die Arbeit vollbracht,
einige wohllautende Tne hren, als freue er sich des gelungenen Werkes.
Nach einiger Weile kam das minder schn gefrbte Weibchen hinzugeflogen,
das eine hochrote Papageienfeder im Schnabel hielt, die es im Innern der
Laube anbrachte. Als dies geschehen war, lockte es das Mnnchen, welches
in die Laube hpfte und durch allerlei Gebrden seinem Wohlgefallen an
dem neu erworbenen Zierat Ausdruck verlieh. Die beiden Vgel hpften in
der Laube auf und ab, schlugen mit den Flgeln und spielten vergngt mit
einander in dem kleinen Palast, den sie sich erbaut hatten, so gut ein
Vogel es nur irgend kann.

Ihr Nest haben die Atlasvgel an einem anderen Orte, sagte Holm, dies
hier ist ihr bestes Zimmer oder, wenn wir wollen, ihr Museum, an dessen
Schtzen sie sich erfreuen. Wollen wir die Vgel schieen?

Schenkt ihnen das Leben, bat der Doktor. Ihr ganzes Betragen hat so
etwas Harmloses und Freundliches, da es mir fast ein Unrecht erscheint,
sie zu tten.

Nun so mgen sie leben bleiben, versetzte Holm, obgleich ich gerne
ein Exemplar fr unser Museum in Hamburg gehabt htte.

In diesem Augenblicke kam ein dritter Atlasvogel angeflogen, der sich
vor der Laube niederlie und eine blanke Muschelschale zu stehlen
suchte, trotz der Abwehr der Eigentmer der Laube.

Oha, rief Holm, du willst hier annektieren. So ein Sozialdemokrat,
der das Eigentum auch teilen will, soll seinen ihm gebhrenden Lohn
empfangen. Ein wohlgezielter Schu aus der Vogelflinte streckte den
unberufenen Gast und Ruber danieder. Nun haben wir alle unseren
Willen, sagte Holm. Der Doktor sieht das Leben seiner Schtzlinge
erhalten und wir haben einen Atlasvogel fr unser Museum. Die beiden
anderen Atlasvgel waren davon geflogen, und die beste Gelegenheit zum
Inspizieren der Laube war gegeben. Franz zeichnete dieselbe, whrend
Holm sich anschickte ein frugales Mahl zu bereiten. Nachdem dieses
eingenommen, machte man sich auf den Rckweg, und zur rechten Zeit, noch
vor Sonnenuntergang, erreichten sie das Lager.

Am folgenden Tage begann die Durchforschung des Strandes. Schwarze
Austernfische fanden sich reichlich, viele hbsche Reiher und weie
schwanenartige Vgel, ebenso auf den Klippen der nur in Australien
lebende weie Hummer und sehr schne Schnecken und Muscheln, welche die
Flut zu hoch hinauf geworfen, als da ihnen der Rckzug ins Meer noch
mglich geworden wre. Hier sah man auch die Makadamas auf dem Gebiet
ihrer eigenen Thtigkeit; sie zimmerten Kanoes, sogenannte Einbume von
alten umgewehten Baumstmmen und zwar mit den Eisenteilen gestrandeter
Schiffe. Ohne alle Meinstrumente, ohne Beil oder Sge, nur mit eisernen
Fareifen, die spitz und scharf geschliffen waren, brachten die Wilden
schlanke, schnell dahinschieende Fahrzeuge zu stande; auch platte
Doppelruder, die blitzartig von einer Hand zur andern flogen und bei
jeder Drehung ber den nackten Krper des Schiffers einen Tropfenregen
ergossen, hatten diese Boote, denen die Sitzbretter gnzlich fehlten,
und deren hinterer Teil zollhoch mit Wasser bersplt war. Die
dreizackige Harpune des Ruderers brachte nach jedem Stoe einen
zappelnden Fisch aus der Tiefe mit herauf.

Whrend die Weien ber den klippenreichen, vielfach ganz unpassierbaren
Strand dahingingen und sich an solchen Punkten, deren Auslufer wie Kaps
bis ins Meer vorsprangen, wieder landeinwrts schlugen, entdeckten sie
in den Kronen der Bume eine Anzahl lngliche Pakete, deren Form
unschwer erkennen lie, da hier auf die Weise der Dajaks Leichen dem
Verfall ausgesetzt worden waren, nur insofern anders, als man dort die
Gestorbenen den Raubvgeln preisgab, whrend hier, wo diese fehlten, der
Krper in Baumrinde gewickelt, mit Bast umschnrt und am Waldrande
aufgehngt wurde, damit ihn die Sonne vertrockne.

Nachdem der Ankerplatz erreicht worden, nahmen die Reisenden, so gut als
dies bei der gnzlichen Unkenntnis der Sprache mglich war, Abschied von
den Wilden, die auch hierher nachgelaufen kamen und sich bei den vielen
Schssen, welche sie an diesem Vormittag schon gehrt, einigermaen mit
Klang und Wirkung vertraut gemacht hatten. In der Bai, wo das Schiff
lag, apportierten sie sogar, wie gut geschulte Hunde. Sich hinter Bumen
versteckt haltend, so oft einer der Weien zielte, sprangen sie in das
Wasser und brachten den getroffenen Vogel zwischen den Zhnen herbei.

Alle blanken Knpfe, Kattunstckchen, Metallringe und namentlich ein
Spiegel wurden unter die bemalten Gestalten verteilt; -- den kleinen
Rasierspiegel erhielt eine Frau, die sogleich, als sie ihr eigenes, nie
gesehenes Antlitz erblickte, hinter das Glas griff und die vermeintlich
Fremde aus dem Versteck hervorziehen wollte. Erst durch verschiedene
Versuche ber den Irrtum dieser Anschauung belehrt, schien sie zu
glauben, da hier etwas Geheimnisvolles, Geisterhaftes vorgehe; sie gab
das Glas einem der anwesenden Mnner, dessen Gesicht sich vor Schreck
zusehends verlngerte. Er legte den Spiegel auf den Rand eines Felsens
und schlich leise herzu, ganz geruschlos, als wolle er den Zauber da
drinnen berlisten, -- Zoll um Zoll hob sich der schwarze Kopf, endlich
hatten die Augen den Rand des Glases erreicht, zaghaft sah er hinein und
fuhr eben so schnell zurck, -- wieder das feindliche Gesicht!

Und dann machte er es anders. Er trat hinter den Spiegel, er lie eine
lngere Pause vergehen; der Bursche da drinnen sollte offenbar denken,
da jetzt niemand mehr in der Nhe sei. Ein Lcheln des Triumphes flog
ber die wulstigen Lippen; pltzlich wie der Blitz sah er wieder hinein,
noch dazu mit schadenfroh hervorgestreckter Zunge. --

Aber was war das? Vor Schreck und Furcht blieb er zum Ergtzen der
Weien in seiner einmal angenommenen Stellung unbeweglich stehen. Im
Haar, triefend von Thran, den gelben Ocker, Nase und Kinn feuerrot, am
ganzen Krper streifenweise rot und wei beschmiert, den einen Fu
unternehmend vorgestreckt, die Zunge lang heraushngend, so sah er
zornfunkelnden Auges in das Glas. Jener andere unterstand sich, die
Herausforderung zu erwidern; ja mehr noch, er ffte ihn; er machte ihm
alles nach, selbst die kleinste Bewegung.

Das sollte er bereuen. Der Wilde legte den Spiegel platt auf den Felsen
und fhrte mit einem Ruder, welches sich in der Nhe befand, einen so
wuchtigen Hieb, da nun nach seiner Berechnung der feindliche Schdel in
Stcke zerschmettert war; dann trat er herzu, um mit der Miene
befriedigter Rache die Splitter noch ein paarmal zu treffen, besonders
einen, welcher der Vernichtung bis auf die Gre eines halben Groschens
entronnen war. Er hob das Stckchen vom Boden und brachte es nahe ans
Gesicht -- wieder der spukhafte Gegner!

Das ging denn doch ber den Spa. Die verhngnisvolle Scherbe mit einem
einzigen Ruck weit hinaus schleudernd in das Meer, floh er hasengleich
zurck zum Walde und verschwand zwischen den Bumen auf
Nimmerwiedersehn. Wahrscheinlich erfreute sich dieser Tapfere bei seinem
Stamme eines besonders hohen Ansehens, denn nachdem er in der
bezeichneten Weise das Signal gegeben, rannten ihm alle wie die Schafe
dem Leithammel nach, so schnell sie konnten, bis kein einziger mehr zu
erblicken war. Die Weien riefen und pfiffen, um sich noch lnger mit
den Naturkindern zu unterhalten; aber es ntzte alles nichts; der Strand
war und blieb ausgestorben.

Man hufte noch einige alte Waffen, Eisengerte und Ketten als
Abschiedsgeschenke an sicherer Stelle auf, und dann wurde die kleine
Insel umfahren, spterhin aber der Besuch bei den Echaus sehr abgekrzt,
weil sich dort in bezug auf Land und Leute gegenber der anderen
Inselhlfte durchaus nichts Neues ergab. Hier wlzte sich ein breiter
Flu vom Walde her bis in den Ozean; die Gelegenheit, das Innere kennen
zu lernen, war also gnstiger als vorhin im Lande der Makadamas. Unsere
Freunde bestiegen das groe Boot und ruderten, vom schnsten Sdwind
getrieben, langsam stromauf in den schweigenden Wald hinein. Der
Matrose, welcher sich als Taucher schon in der Bucht von Celebes bewhrt
hatte, war samt dem Apparat mitgenommen worden, und Holm freute sich auf
neue Tiefseegeschpfe, vorher aber mute man den Grund kennen lernen, um
zu erfahren, ob er auch nicht etwa verschlammt sei. Das Patentlot glitt
in die Tiefe hinab und brachte gnstigen Bescheid; etwa acht Meter
Wasser und fester Kiesboden; auerdem offenbar Korallenbildungen, --
besser konnte es gar nicht sein.

Wir wollen zweimal nachsuchen, rief der Matrose, erst hier, wo noch
das Wasser salzhaltig ist, und spter mitten in der Insel. Zwischen den
Korallenstcken am Strande sitzen gewhnlich die groen schnen
Muscheln.

Holm sah bedenklich ber das Meer hinaus. Aber die Haie! warnte er.

Bah, die kommen nicht so nahe an die Grenze des sen Wassers. Wir sind
schon ber hundert Schritt in den Flu hinein. Nebenbei bemerkt man auch
ein solches Ungeheuer zeitig genug.

Die Rstung wurde also angelegt und der moderne Ritter ber Bord
gelassen. Die Wellen zogen groe Kreise, der Apparat that seine
Schuldigkeit und schon nach wenigen Minuten kam das Zeichen zum
Hinaufziehen. Eine Sammlung wundervoller Pflanzentiere gelangte in das
Boot, vielverzweigte, braune Stmme mit goldgelben Blumen und zarten
Rosarndern, Geschpfe, die in der Naturgeschichte zwischen Korallen und
Quallen stehen, auerdem Schwmme wie feines gesponnenes Glas, groe
Seltenheiten in den Museen, und wieder andere wie riesige Handschuhe,
andere wie Blumenkrbe; -- Holm htte vor Vergngen gern einen
Luftsprung gemacht, wenn nur ein Boot auf hohen Wellen dazu der
geeignete Schauplatz gewesen wre. Da unten sind wahre Unmassen,
berichtete der Matrose, ich kann Ihnen ganze Scke voll heraufschaffen.
Und dieses Getier, diese Spinnen, Krabben, Wrmer, Schnecken! -- jeder
Punkt hat seinen Bewohner. Nur die Algen sind ganz dieselben von der
Celebessee.

Er wurde wieder hinabgelassen, die jungen Leute bewunderten und
sortierten emsig das nasse Durcheinander auf den Brettern; besonders der
Schwamm wie eine Blume aus Glasfden erregte ungeteilten Beifall; Holm
erzhlte eben, da ihn die Frauen der Sdseeinseln als Kopfputz tragen,
da wurde pltzlich von unten her das Signal zum Heraufziehen gegeben,
aber so hastig, so wiederholt, da der Eindruck des Auergewhnlichen,
des Erschreckens sich im selben Augenblick bei allen Anwesenden geltend
machte.

Groer Gott, rief Holm, wenn es ein Hai wre!

Alle Arme spannten sich an die Taue, alle zogen mit der Kraft der Angst,
-- wie ein Ball htte nach ihrer Berechnung der Taucher an die
Oberflche gelangen mssen, -- aber dennoch rhrte sich da unten nichts,
dennoch hing es bleischwer in der Tiefe und schien aller Bemhungen der
Matrosen zu spotten. Wieder und wieder kam aus dem Wasser das Signal.

Kalter Schwei stand auf Holms Stirn. Hatte etwa ein Hai den
Unglcklichen gepackt, und hing er selbst mit seiner ganzen Schwere an
dem nur fr einen Menschen berechneten Seile?

Zieht! Zieht! rief er mit erstickter Stimme. Um Gottes willen, thut
euer Mglichstes, den Mann zu retten!

Diesmal hingen sich sogar der Doktor und Hans mit an die Taue, alle
Hnde bluteten, alle Muskeln spannten sich auf das uerste, langsam,
ganz langsam wurde die Last heraufgehoben. Unheimliche Stille lag auf
dem ganzen kleinen Kreise; es schien, als frchte jeder, den
entsetzlichen Vermutungen, welche er hegte, durch Worte Ausdruck zu
verleihen. Was wrde man binnen wenigen Minuten vielleicht sehen, was
zog man Unheimliches, Vielhundertpfndiges da aus dem verborgenen Schoe
des Meeres hervor?

Jetzt, jetzt mute es kommen.

ber dem Wasser erschien der Kopf des Tauchers, die Rstung war
unversehrt, aber als der Mann emporsah, sprachen aus seinem blassen
Gesicht Furcht und Verwirrung. -- Ein Ruck noch, dann zeigte sich aller
Augen das Geschehene.

Um den Krper des Tauchers hatte sich von hinten her eine der grten
Quallen, eine Sepie mit vier furchtbaren Armen festgeklammert. Diese
letzteren, anderthalb Meter lang und von der Dicke eines starken
Ofenrohres, besaen einen gemeinsamen Mittelpunkt, den migestalten
Krper, an welchem der befranste, unfrmliche Mund ohne Kopf zwischen
den Vorderarmen sa und immerwhrend mit den Fhlern nach einer offenen
Stelle zum Saugen tastete. Offenbar hatte das Ungeheuer der Tiefe den
Mann so fest umfat, da ihm der Atem auszugehen drohte; wenigstens
schien er beinahe leblos.

Die Sepie lie auch auerhalb des Wassers nicht von ihrem Opfer; sie
mute aus strkerem Stoff sein, als ihre kleinen Verwandten; die
Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine ziemlich
widerstandsfhige Masse, die mehr zhe als fest war und unglaublich
viele Saughaken besa.

Das alles ging zauberschnell, ohne Worte oder Befehle, ohne irgend
welche Hindernisse von statten. Die Rstung wurde abgestreift, der
Krper des Scheusals am Rumpf zerschnitten und der Taucher von allen
beengenden Einflssen frei gemacht. Nachdem man ihn gerieben, gewalkt
und ihm etwas Rum eingeflt, kam er langsam wieder zu sich. Ihm war
auer der erlittenen Todesangst kein weiterer Schaden geschehen. Erst
jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit der Reisegefhrten dem Untier zu,
Franz legte die einzelnen Glieder wieder aneinander, und Holm ma die
stattliche Lnge von drei und einem halben Meter, wobei jedoch der
Matrose versicherte, da er die hlichen Geschpfe schon doppelt so
gro gesehen. Er erzhlte nun auch, wie sich der Polyp ihm von hinten
unbemerkt genhert und ihn umfat habe, als wolle er ihm alle Rippen
zerbrechen. Ich versuchte es, den ersten Arm abzulsen, sagte er,
aber das war unmglich; im Gegenteil faten drei andere nach, und nun
ging mir der Atem aus. Was geschehen ist, nachdem ich ein paarmal das
Zeichen zum Aufziehen gegeben, kann ich mich nicht mehr erinnern,
jedenfalls aber hat mich die Rstung vor dem sichern Tode geschtzt.
Diese Saugapparate lassen gutwillig nichts, was sie einmal erfat haben,
wieder los.

Fort damit! rief Franz. Mag sich ein Hai die berreste holen.

Schaufeln halfen das Boot von den berresten des Tieres reinigen, und
dann wurde die Fahrt fortgesetzt. Ich tauche doch noch wieder, meinte
der Matrose, nur die Rippen thun mir ein bichen weh, sonst ist nichts
passiert. Langweilige Gegend, was?

Dster, dster wie das ganze eigentliche Australien! versetzte Holm.
Harte, steife, dunkelgrne, verholzte Bltter, kein Tierleben, keine
Menschenwohnungen, keine Anfnge der Kultur, -- woher soll da die
Schnheit kommen? Auf dem Festlande, soweit diese Bezeichnung zulssig
ist, wird es nur wenig besser; erst die Inseln des Groen Ozeans bringen
wieder tropische Vegetation und reichere Tierwelt, wenigstens was Vgel
und Insekten betrifft.

Hier ist aber auch gar nichts zu finden, sagte Franz. Echaus heraus,
damit man euch endlich einmal kennen lernt!

Niemand beantwortete den Kriegsruf, nur eine Schar Kasuare galoppierte
ber die Ebene, und ein wilder Hund bellte, sonst blieb alles still. An
einer von Wald und Busch umsumten lichten Stelle trafen die Schiffer
die ersten menschlichen Wesen, eine Schar kleiner, krppelhafter und
affenhnlicher Geschpfe, die zum Teil aus Erdlchern hervorsahen, zum
Teil stumpfsinnig im Sonnenschein dalagen, ohne sich um das Boot mit den
Fremden irgendwie zu bekmmern. Holm und auch die brigen riefen ihnen
verschiedene Worte zu, die indessen unbeachtet verhallten, so da es den
Weien zweifelhaft schien, ob diese tierischen Wesen berhaupt eine
bestimmt geordnete Sprache besaen. Es war sehr begreiflich, da sich
die Echaus den Makadamas gegenber in respektvoller Entfernung hielten,
jedenfalls muten sie, so roh und unkultiviert auch diese letzteren sein
mochten, doch im Kampfe mit ihnen entschieden den krzeren ziehen.

Ein zweiter Tauchversuch schaffte eine tchtige Mahlzeit gewhnlicher
Krebse, weiter nichts; Flu und Wald waren gleich arm an Produkten wie
an Reiz. So wurde denn die ungastliche Kste der Echaus sehr bald
verlassen und an Bord der Fang des ersten Zuges in Sicherheit gebracht.

[Illustration: Der Taucher und die Sepie.

... die Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine
ziemlich widerstandsfhige Masse ...]

Das Schiff steuerte nun in wochenlanger Fahrt um die ganze Osthlfte des
australischen Festlandes und erreichte ohne bemerkenswerte Zwischenflle
Sidney, die Hauptstadt von Neu-Sdwales, noch vor sechzig Jahren ein
elender Ort fr deportierte Verbrecher Englands, jetzt eine groe Stadt.
Vom Hafen aus wurde sogleich eine Reise in das Innere angetreten, zuerst
mittels der Eisenbahn, dann zu Wagen, und nachdem die Grenze der Kolonie
erreicht, hoch zu Ro unter Fhrung von Englndern und Deutschen, die
mit den Australnegern im besten Einvernehmen standen und auerdem bis an
die Grenzen des bekannten Innern schon mehrmals vorgedrungen waren.

Aber wie traurig war gegen die schnen Sundainseln, gegen das
entzckende Ceylon hier die ganze Umgebung! Busch und Sand, Sand und
Busch, so wechselte es mehrere Tage lang, bis endlich langgestreckte
Weiden, von Hunderttausenden von Schafen bedeckt, eine geringe
Vernderung boten. Am Saume dieser Grasflchen stand jedesmal das
Httendorf des wandernden Stammes, dem die Tiere gehrten, und bei dem
nchsten wurde Halt gemacht. Das Dorf selbst hatte rohgearbeitete,
niedere, wie Maulwurfshaufen neben einander liegende menschliche
Wohnungen, die hier nirgends auf Pfhlen standen, sondern viel eher
sogar um einen oder mehrere Fu tief in den Boden hineingegraben waren.
Das spitze Dach trugen ein paar starke Pfhle; Bltter und Zweige, auch
wohl Stcke von lebendem, lustig wachsendem Gras bildeten die Bedeckung;
Fenster gab es nirgends. Das Seltsamste an diesen Gebuden aber war, da
sie smtlich keine Vorderwnde hatten, auch nicht einmal eine Andeutung
derselben, keine Matte oder Vorhang, sondern nur die weit offene Front,
vor der gewhnlich ein helles Feuer brannte. Jeder Stamm hatte nur einen
losen Verband, an der Spitze eine Art von Huptling; der des ersten
Dorfes hie Wi-Tako und war ein groer, starker, alter Australneger,
dessen finstere Blicke, im Verein mit dem unfrmlichen durch die Nase
gezogenen Knochen und der dunkelblauen, den ganzen Neger bedeckenden
Malerei ihm ein wenig angenehmes uere verliehen. Desto eigentmlicher
war die Kleidung, welche bei ihm und bei allen brigen, sogar auch den
Frauen, aus einem langen, vom Kopf bis zu den Fen reichenden Mantel
aus Opossumfell bestand, dazu eine Mtze vom selben Stoff und unter den
Sohlen eine Art von ledernen Sandalen. Die Leute schienen smtlich
Hirten zu sein; sie zogen in den wasserarmen Gegenden von Busch zu Busch
und fristeten offenbar ein kmmerliches Dasein, obgleich neben den
Dorfhtten auch bebaute Strecken auf eine gute Ernte hinzudeuten
schienen. Mrrisches Wesen, Roheit und Mitrauen bildeten die Grundzge
des Volkscharakters.

Huptling Wi-Tako, der wie die meisten seiner Unterthanen ein leidliches
Englisch sprach, bot den Weien als Aufenthalt eine gerade leer stehende
Htte und lud sie ein, an einer groen fr den folgenden Tag
festgesetzten Knguruhjagd teilzunehmen; die Gins oder Frauen des
Stammes brachten ein steinhartes, bleischweres Brot aus Maismehl,
getrocknetes und wieder gekochtes Schaffleisch, sowie ein Gemse aus
Bohnen oder Linsen; dann berlie man die Gste, ohne weiter Notiz von
ihnen zu nehmen, sich selbst, offenbar erstaunt, da vor ihrer Htte
kein Feuer entzndet, wohl aber der Eingang mit Wolldecken verhllt
wurde. Die Frauen betasteten sogar das Gewebe, flsterten unter einander
und setzten sich dann wieder zu der Wolle, welche verfilzt und verworren
in groen Haufen neben jedem Feuer lag, um mit einer Art von grober,
hlzerner Hechel vorerst des reichlichen Schmutzes entkleidet zu werden.
Sie sahen aus wie eine Gesellschaft zahmer, krnklicher Affen, diese
Weiber, besonders die alten, skelettartig mageren, wie sie
zusammengekauert unter dem formlosen Fellmantel dasaen und schweigend
Wolle kratzten, anscheinend ohne eine Ahnung, da aus eben diesem Stoff
die leuchtend roten, zartbraunen und weichen Decken der Reisenden gewebt
seien. Arm, roh und unwissend in einem Lande ohne Schnheit oder
pflanzlichen Reichtum, scheinen sie Stiefkinder der Natur selbst den
nackten afrikanischen Wilden gegenber.

Kein Wasserstreif unterbrach das Gelbgrn des Bodens, wenig Vgel sangen
im Busch, und selten nur belebte ein lauterer Schall die de. Als der
Abend dmmerte, legten sich aller Orten die Schafe in gedrngten Massen
zum Schlaf, groe magere Hunde umkreisten die Herden, der Hirte im
Fellmantel entzndete sich ein Feuer und kochte sein Abendbrot, Wald und
Busch verschwammen zum grauen Ganzen; es lief wie die erste Ahnung der
nahenden kalten Zone ber den Rcken der Reisenden herab, und fester und
fester hllten sich alle in ihre Decken.

So geht es noch Hunderte und Aberhunderte von Meilen fort, sagte Holm.
Das Innerste von Australien ist gerade so unbekannt, wie das des
quatorialen Afrika, es kann aber unmglich die Forschung in gleichem
Grade anziehen, weil das Tier- und Pflanzenleben keinen Reichtum
verheit, weil man den Boden als wasserarm und daher den Ertrag als
drftig kennt. Hier an den Grenzen des der Kultur gewonnenen Landes
betreiben die Einwohner noch Schafzucht und Wollhandel, weiterhin in der
felsigen Gegend hrt auch das auf, da lebt man von der mageren Ernte und
vom Raube, da bewohnt man Hhlen und hat den leichtsinnigen, zum
frhlichen Nichtsthun geneigten Charakter solcher Vlker, die gar kein
Eigentum besitzen. Wir werden auch die Eingebornen der Berge kennen
lernen.

Wie lange bleiben wir denn hier, Karl? fragte Franz.

Hm, bermorgen geht's fort, denke ich. Die groe Knguruhjagd mssen
wir doch jedenfalls mitmachen.

Dem stimmten die brigen lebhaft bei; es wurde noch eine Zeitlang
halblaut gesprochen; zuweilen wieherte im Busch eins der Pferde,
zuweilen flog eine Fledermaus durch den engen Raum oder ein fliegender
Fuchs mit spitzer Schnauze; dann schliefen alle, bis sie bei
Tagesanbruch durch einen langgezogenen, lautschallenden Ton erweckt
wurden. Huptling Wi-Tako in eigener Person sammelte seine Scharen zum
groen Treiben, dem die Feinde der bebauten Felder, die berhand
nehmenden Knguruhs, erliegen sollten. Mit einem Muschelhorn vor den
Lippen, ohne Mantel, nur angethan mit dem Nud-le-bul oder breiten Grtel
aus Tierhaut, ganz kornblumenblau angemalt, auf Brust und Rcken
abscheuliche Tier- und Fratzenbilder von Narben, so stand er da und
blies gellende, unharmonische Tne, die indessen von allen Eingebornen
verstanden und deren Befehle sofort vollzogen wurden. Schar auf Schar
trabte herbei, jeder einzelne Mann bekleidet, bemalt, und tttowiert wie
der Huptling selbst, jeder bewaffnet mit dem gefrchteten Bumerang,
jener hlzernen, einen Meter langen, krummen und im Fliegen einen Bogen
beschreibenden Waffe, sowie einem Wurfspie, einem steinernen Hammer und
einem Messer, das in der Scheide vom Nud-le-bul herabhing. Als ein paar
hundert Mnner versammelt waren, wurden die Befehle zur Aufstellung
gegeben und mit grter Pnktlichkeit ein Buschgebiet von einer
Viertelmeile im Umkreis des Dorfes frmlich umstellt. Unsere Freunde
hatten, da die Wilden unberitten waren, auch ihrerseits die Pferde
weggelassen und sich bei seiner blaugefrbten Majestt nur ausbedungen,
whrend der Jagd nicht von einander und nicht von den Fhrern getrennt
zu werden. So standen sie denn unter den ersten, ziemlich blassen
Strahlen der australischen Sonne im hohen Gras und warteten der Dinge,
die da kommen sollten. Hierher wollten die Neger aus dem Busch heraus
das sonderbare, springende, einer Riesenmaus nicht unhnliche Geschpf
bis auf die freie Flche treiben und dort tten; die geladenen Bchsen
harrten ihrer Opfer.

Von ferne erklangen jene greulichen Tne der Muschelhrner; zuweilen
schlpfte ein Opossum oder eine Ratte, beunruhigt durch die ungewohnte
Strung, eilends vor den Fen der Jger vorber, ein paar Kasuare
reckten die langen Hlse, Erdpapageien sahen aus ihren Lchern hervor,
Trappen, Tauben und Hhner flatterten vom Walde herber und Dingos
sprangen mit groen Stzen ins Freie; die Weien hatten schon hbsche
Beute gemacht, ehe noch die ersten Knguruhs aus den Bschen brachen.
Das Geschrei der Wilden tnte nher und nher; erst zu zehn und zwanzig,
dann zu Hunderten erschienen die aufgescheuchten Tiere und wurden
reihenweise von den Bumerangs, sowie von den Wurfspieen der Australier
niedergemacht. Fast anderthalb Meter hoch, mit unfrmlich langen,
fleischlosen Hinterbeinen und einem sehr dicken, meterlangen Schwanz,
der beim Sitzen als Sttze dient, hatten die Knguruhs einen
graubraunen, auf dem Rcken dunkleren Pelz, der am Bauche brunlichwei
erschien und in grauen Streifen ber das Gesicht lief; die Vorderbeine
waren unverhltnismig kurz und der Hinterleib plump; alle weiblichen
Tiere hatten die bekannten Beutel, in denen sich nackte Junge an den
Zitzen ihrer Mtter festhielten.

Etwas vom Kaninchen, etwas von der Maus, ganz eigenartig mit Rcksicht
auf den Sttzschwanz, zuweilen mittels der Hinterlufe die krftigsten
Schlge austeilend, so erregte das im zoologischen Garten oft gesehene
Tier hier in vollster Freiheit das Interesse aller Beschauer, namentlich
durch die enorme Anzahl, in welcher es erschien. Fnf- bis sechshundert
Knguruhs wurden an diesem einzigen Morgen erlegt und von den Gins,
nachdem sie ihrer Blge entkleidet, ins Dorf geschleppt, um dort als
leckerer Bissen in den Topf zu wandern.

Unsere Freunde entschlossen sich erst auf das Zureden der Fhrer, auch
ihrerseits einen jungen Bock zu braten und zu kosten. Hatten sie doch im
Gefngnis von Madagaskar sogar einen Mckenkuchen genossen, der, wie
Franz erinnerte, sogar ganz vortrefflich geschmeckt, -- es kam nur auf
den ersten Entschlu an.

Das bliche Feuer vor der Htte flackerte lustig empor, das Knguruh
wurde von den Hnden der Fhrer kunstgerecht ausgeweidet und an den
mitgebrachten Bratspie gesteckt; dazu kochte man einheimisches Gemse,
fr dessen Bereitung das Wasser weit hergeholt werden mute, und endlich
jenen Kaffee, der nach der anstrengenden Morgenjagd allen gleich
wohlthat, den zu kosten aber die Eingebornen sich beharrlich weigerten.
Nach dem Frhstck, bei dem das Knguruh als wohlschmeckender Braten von
den Reisenden vollstndig aufgezehrt wurde, zeigte Wi-Tako seinen Gsten
die Umgebung des Dorfes und unter anderem auch das Feld, welches whrend
einer der vorigen Nchte von den Knguruhs berfallen und seiner Frchte
vollstndig beraubt worden war. Wenn es mit den springenden Tieren zu
arg wird, schlagen wir ein paar hundert tot, sagte er, dann verlt
der berlebende Rest die Gegend. Die Felle verbrauchen wir zu Mnteln
und Decken, das Fleisch wird verzehrt oder, wenn die Gelegenheit gnstig
ist, nach den Stdten hin verkauft. Die Kolonisten bezahlen es teuer.

Und sonst habt ihr keinerlei Jagd? fragte Franz.

Ein paar Vgel vielleicht, entgegnete der blaugefrbte, mit einem
gewaltigen Nasenknochen geschmckte Monarch, aber viel ist es nicht.
Wir leben von der Schafzucht.

Und was betreibt ihr denn zur Unterhaltung, fragte wieder der durch
das Einerlei der Umgebung schon heimlich angefrstelte junge Mann,
wodurch erfreut ihr euch oder belebt den Mut, die Lust zur Arbeit? Es
mu doch grenzenlos langweilig sein, so fortwhrend Schafe zu hten und
zu scheren.

Der Huptling tutete wieder in das Muschelhorn hinein, worauf sich vom
Dorf her ein langer Zug in Bewegung setzte, junge Mnner sowohl als
junge Mdchen, alle auf das abschreckendste bemalt, alle nur mit dem
Nud-le-bul bekleidet und mit gewaltigen Masken aus Flechtwerk oder
buntgefrbtem Thon versehen. Nachgemachtes Haar hing von diesen, die
natrliche Gre dreifach berragenden Kpfen in Unmasse herab, die
Gesichter waren scheuliche Fratzen, zum Teil sogar Tierkpfe, zum Teil
feuerrot oder gelb angestrichen. Die affenartig langen, mageren Arme und
Beine der Neger, die sinnlose Farbenverteilung und die Riesenkpfe
bildeten ein Ganzes, das durch Hlichkeit abstie, dennoch aber in
seiner Originalitt und als nie Gesehenes das Interesse der Zuschauer in
Anspruch nahm.

Die Neger entzndeten mittels Aneinanderreiben zweier drrer Holzstcke
einen Scheiterhaufen, der vorher schon dort zusammen getragen worden
war; dann bildeten sie um die brennende Masse eine Kette und begannen zu
tanzen, indem die Hnde klappernd auf die Kniee schlugen und nach einem
einigermaen erkennbaren Takt ein geheulartiges Singen oder Schreien,
begleitet von Fustampfen, die Luft zerri. Immer schneller und
schneller wurden die Sprnge, immer teuflischer erschienen in der
grellroten Beleuchtung die schwarzen Gestalten, immer rasender drehten
sich im Kreise alle diese gehrnten, mit Vogel- und Musekpfen
verzierten Menschen; hier verschwand in windgetragener Rauchwolke ein
Teil der Tanzgesellschaft, hier erglnzte von Funken berset ein
anderer, und zwischen allen diesen tollen Springern stand, auf dem
Muschelhorn tutend, der Huptling, zuweilen unwillkrlich die Bewegungen
der Tnzer nachahmend, zuweilen von seinen langgezogenen Klngen zu
kurzen, schrillen, schnell auf einander folgenden bergehend und dann
wieder im tiefsten Moll das Geheul der tanzenden Stammesgenossen
begleitend.

Nach diesem Tanz kam ein Kampfspiel, wobei die Bumerangs durch die Luft
flogen, Spiee und Hmmer weidlich geschleudert wurden und ein
Handgemenge mit blitzenden Messern den Einzelkampf versinnlichte. Hier
lag ein Schwarzer scheinbar leblos, dort schwenkten und flchteten
andere, ganze Scharen drangen im Sturmschritt vorwrts, Gebrll und
Kampfrufe erschtterten die Luft, selbst das Wehklagen der Sterbenden
wurde nachgeahmt, und endlich nherten sich vom Dorfe her die Gins, um
mit verhllten Gesichtern, schreiend und weinend bei den Gefallenen in
das Gras zu sinken. Diese ganze Komdie zeigte ein starkentwickeltes
Schauspielertalent der Neger; sie kam in manchen Szenen der Wirklichkeit
bis zur Tuschung nahe und wurde schlielich von den Weien durch
reichlich gespendete Scheidemnze belohnt.

Es war whrend der Vorstellung fast Abend geworden; die Scharen der
Tierkopftrger und Bemalten, der Bumerangkmpfer und wiedererstandenen
Toten wanderten zum Dorfe zurck; helle friedliche Feuer und lagernde
Herden begrten die Heimkehrenden, nochmals gab es Knguruhbraten, und
dann senkte sich die Nacht herab auf diese armen, aber zufriedenen
Menschen.

Am andern Morgen wurde die Reise in das Innere weiter fortgesetzt. Groe
Wlder der gleichen, dsteren, einfrmigen Art fhrten hinauf in das
Gebirge.

Wie arm doch das Tierleben war! Wenig Schmetterlinge und Insekten, wenig
Singvgel, an Vierflern nur die kleinen Opossums und das Schnabeltier,
der Ameisenigel, welcher mit heraushngender, klebriger Zunge wie tot am
Boden lag und die ahnungslosen Tierchen zu Hunderten auf den Leim
lockte, ehe er sie pltzlich mit einem einzigen Ruck in die Tiefe seines
Magens befrderte, um dann dasselbe Spiel von neuem zu beginnen. Auch
das einen halben Meter lange Schnabeltier mit dem rsselartigen Kopf
lebte in Erdlchern, die sich zahlreich neben einander befanden und aus
deren Eingngen die tiefliegenden Augen der scheuen Bewohner neugierig
hervorsahen, um dann blitzschnell wieder zu verschwinden. Es kostete
eine hnliche Anstrengung wie bei den Beuteltieren der Nightinsel, um
ein Mnnchen zum Schu zu bringen, schlielich gelang's aber doch, und
Holm prparierte den Balg, um ihn sogleich an Bord der Hammonia
auszustopfen und nach Hamburg zu schicken.

So ritt unsere Schar vierzehn Tage lang ins Innere des fnften Erdteils,
oft unter groen Entbehrungen fr Menschen und Tiere. Als man endlich
von einem Gebirgsrcken aus unabsehbar weite Ebenen vor sich sah, deren
trostlos trockene Weiten auch keinen grnen Halm fr die treuen Pferde
verhieen, da hielt man es doch fr geraten, die Kste wieder zu
gewinnen.

Alle Fhrer rieten das Gleiche, und so zog die wanderlustige Schar ber
Berg und Thal den Gestaden des Meeres wieder entgegen, freilich in ganz
anderer Richtung als der des Hafens, wo das Schiff lag, hinunter zu den
Australnegern der wildesten Gegenden. Die Vegetation ging allmhlich
ber in mehr sdlichere Formen, die Vogelwelt wurde mannigfaltiger,
schne Papageien und die noch nirgends gesehenen schwarzen Kakadus
fllten die Bume, Palmen tauchten vereinzelt aus dem Fichtenwalde
empor, wildes Zuckerrohr, Kautschukbume, blhende Theestruche,
Orchideen und viele Kruter sowie Schlinggewchse bedeckten den Boden.
Die Fhrer warnten jetzt die Reisenden, auf der Hut vor der gefhrlichen
Schwarzotter zu sein, deren Bi tdlich werden knnte, wenn sie sich im
gereizten Zustande befnde oder ihr Giftzahn eine blutreiche Stelle des
Krpers trfe.

Holm erkundigte sich, ob die Buschotter hufig in Australien vorkomme.

Sie ist in einigen Gegenden eine frmliche Landplage, ward ihm zur
Antwort. Wo sie hufig vorkommt, kann man sich ihrer kaum erwehren. Man
mag sich befinden, wo man will, in dem tiefsten Walde oder im dichten
Heidegestrpp, in den offenen Heiden und Brchen, an den Ufern der
Teiche, der Flsse oder Wasserlcher, man darf sicher sein, da man
seiner ingrimmig gehaten Feindin, der Schwarzotter, begegnet. Sie
dringt bis in das Zelt oder die Htte des Jgers; sie ringelt sich unter
seinem Bettlaken zusammen, sie legt sich unter seinen Stuhl und kriecht
in Kisten und Kasten. Es ist zu verwundern, da nicht weit mehr Menschen
durch sie ihr Leben verlieren, als wirklich der Fall ist. Gegen Ende des
Mrz verschwindet sie, um ihren Winterschlaf zu halten, im September
aber kommt sie ausgehungert wieder zum Vorschein und ist dann im
hchsten Grade beilustig und gefhrlich. Ihre Bewegungen sind schneller
als die anderer Giftschlangen, nicht selten verlt sie das feste Land,
um entweder auf Bume zu klettern oder sich in das Wasser zu begeben.

Greift die Schwarzotter den Menschen an? fragte Franz.

In der Regel nimmt die Schwarzotter eiligst die Flucht, wenn sie einen
Menschen zu Gesicht bekommt, wurde ihm Bescheid. In die Enge getrieben
und gereizt, ja nur lngere Zeit verfolgt geht sie ihrem Angreifer
jedoch khn zu Leibe und hat sich deshalb bei den Ansiedlern auch den
Namen Sprungschlange erworben. Die Schwarzen frchten diese Schlange
ungemein, trotzdem da sie selten von ihr gebissen werden, und zwar aus
dem einfachen Grunde, weil sie nur mit uerster Vorsicht ihres Weges
dahin gehen und ihre Adleraugen alles entdecken, was sich vor ihnen regt
und auch nicht regt. Lange Gewohnheit hat sie in hohem Grade vorsichtig
gemacht, so da sie niemals eine Vertiefung durchschreiten und niemals
in ein Loch treten, das sie nicht genau bersehen knnen. Sie essen
Schlangen, welche sie selbst gettet haben, niemals aber solche, welche,
wie dies oft geschieht, sich im Todeskampfe selbst einen Bi beigebracht
haben.

Hans wollte hierauf wissen, ob die Schwarzotter nur kleinen Tieren
nachstellte, oder sich auch an grere Sugetiere wagte?

Leider beien sie in ihrer Wut Rinder und Schafe, die sie zu verzehren
nicht imstande sind. Viele Khe und Schafe, welche man im Sommer
sterbend oder verendet auf den Ebenen liegen sieht, sind durch den Bi
der Schlange zu Grunde gegangen, obgleich die Schafe viele dieser
gefhrlichen Geschpfe tten, indem sie mit allen vier Fen auf ihren
Feind springen und ihn zerstampfen.

Also vorgesehen, mahnte Holm.

Pltzlich stie Rua-Roa einen durchdringenden Schrei aus. Alle standen
still.

Vor dem Malagaschen erhob sich eine schwarze Schlange von etwa zwei
Meter Lnge. Ihr lebhaft blarot gefrbter Bauch schimmerte im
Sonnenlichte, ihre Augen funkelten. Den Kopf hatte sie zurckgelegt, den
Rachen mit den Giftzhnen weit zum Bisse aufgesperrt. Rua-Roa schien
rettungslos verloren.

Die Schwarzotter! rief der Fhrer erschrocken.

[Illustration: Rua-Roa und die Buschotter.

Pltzlich stie Rua-Roa einen durchdringenden Schrei aus.]

Ehe jedoch die Schlange zum Bisse ausholen konnte, hatte Franz in
Blitzeseile die mit Schrot geladene Flinte angelegt und losgedrckt. In
scheulichen Ringeln wlzte das getroffene Tier sich im Grase. Rua-Roa
sprang zurck und war gerettet. Eine Sekunde spter und er wre dem
giftigen Reptil zum Opfer gefallen.

Die Schlange krmmte sich in ohnmchtiger Wut auf dem Boden, die
Schrotkrner hatten sie zwar verwundet, aber ihrem zhen Leben kein Ende
gemacht. Sie mochte jedoch wohl fhlen, da sie zu schwer verletzt sei,
um weiter leben zu knnen und mit einem krftigen Bi versetzte sie sich
selbst die Todeswunde in ihren Schwanz, worauf sie alsbald verendete.

Der Fhrer lobte Franzens rasche Entschlossenheit. Du hast mich jetzt
zum zweitenmale aus Todesgefahr errettet, flsterte Rua-Roa ihm zu,
wie soll ich dir danken?

Httest du nicht dasselbe gethan, wenn ich an deiner Stelle gewesen
wre? fragte Franz. Und sind wir nicht Blutbrder? fgte er leise
hinzu.

Der Malagasche konnte nicht antworten, in seinen Augen aber standen
Thrnen.

Was htten wir beginnen sollen, wenn der Knabe von dem Scheusal
gebissen worden wre? fragte Doktor Bolten.

Das erste wre gewesen, die Wunde auszuschneiden und mit Schiepulver
auszubrennen, antwortete der Fhrer. Trotzdem aber wrde die Wirkung
des Giftes sich in groer Schlfrigkeit geuert haben, gegen die der
Knabe nur schwer angekmpft htte. Wir htten ihn jedoch zwingen mssen,
auf den Beinen zu bleiben, denn aus dem Schlafe wre er wohl kaum wieder
zum Leben erwacht. Die Bewegung ist das einzige Mittel, den blen Folgen
des Bisses zu begegnen, nachdem das Gift so sorgfltig als mglich
aus der Wunde entfernt worden. Geschieht keine von diesen
Vorsichtsmaregeln, so ist der Tod des Gebissenen unvermeidlich.

Gibt es kein Mittel, diese abscheulichen Tiere auszurotten? fragte
Hans.

In den Kolonien werden sie bereits seltener, entgegnete der kundige
Fhrer. Alljhrlich wird daselbst das verdorrte Gras auf den
Weidepltzen angezndet, um den Boden mit der fruchtbaren Asche zu
dngen, und dem Feuer fallen alljhrlich Tausende von giftigen Schlangen
und anderem Ungeziefer zum Opfer. Man hofft allgemein, da mit der
zunehmenden Bevlkerung und einer regelmigen Bearbeitung des Landes
die Giftschlangen sich rasch vermindern werden. Auch die Todesotter,
welche selbst in der nchsten Nhe von Sidney hufig vorkommt, wird
durch das Abbrennen der Weiden ziemlich vernichtet. Wenn auch die
Eingebornen diese Schlange, welche bei der Ankunft eines Feindes ruhig
liegen bleibt, um ihn zu erwarten, nicht fr todbringend halten, so
haben die Weien doch schon das Gegenteil erfahren und halten deshalb
die Todesotter fr die gefhrlichste aller Schlangen Australiens.

Das soeben glcklich berstandene Begegnis mit der Schwarzotter hatte
die kleine Karawane etwas verstimmt und mitrauisch auf die Umgebung
gemacht. Man sah sich vor beim Vorwrtsschreiten und vermied das freie
Umherstreifen des einzelnen im Busch, um einer etwaigen Kollision mit
dem gefhrlichen Feinde aus dem Wege zu gehen. Whrend sie so
dahinschritten und der allgewohnte, rechte Humor sich gar nicht wieder
einstellen wollte, ertnte neben ihnen mit einemmal ein lautes
Gelchter, das gerade so klang, als wenn eine Gesellschaft von alten
Kaffeeschwestern sich kstlich ber irgend einen Witz amsierte.

Alle standen unwillkrlich still und horchten. Wer war das? fragte der
Doktor. Sind Wilde in der Nhe oder spottet ein Heer teuflischer
Dmonen ber unsere triste Fahrt durch dieses greuliche Australien?

O nein, rief der Fhrer mit vergngtem Gesichte, das ist der lachende
Hans, der beste Freund der Ansiedler, und dort sitzt er auf dem Zweige
eines Baumes, uns neugierig betrachtend.

Die Reisenden erblickten auf dem Baume, nach welchem hin der Fhrer
deutete, eine Anzahl groer, grauer Vgel, mit starkem spitzen Schnabel
und buschigem Kopfe, die in ihrer ueren Gestalt hnlichkeit mit dem
Eisvogel besaen. Es ist der Jgerliest oder Riesenfischer, sagte
Holm, ein wenig scheuer Vogel, der alles genau betrachten mu, was
seine Neugierde reizt; den Ansiedlern ist er beraus ntzlich, die den
lachenden Hans oder Jacka, wie ihn die schwarzen Eingebornen nennen,
sehr hoch schtzen. Des Morgens frh weckt er die Kolonisten mit seinem
Gelchter und heit deshalb auch des Buschmanns Uhr, da er sich
namentlich gerne in der Nhe der Zelte und Wohnungen aufhlt. Wegen
seiner heftigen Feindschaft gegen die Schlangen ist er sogar ein
geheiligter Vogel, den zu schieen als ein Verbrechen angesehen wird. Er
ttet die giftige Schwarzotter, sowie die Todesotter, ohne ihrem
Giftzahne zu erliegen, und selbst die Teppichschlange, die drei Meter
lang wird und als die Riesenschlange Australiens angesehen werden kann,
wei er durch wohlgezielte Hiebe mit seinem scharfen, starken Schnabel
zu verwunden und zu erlegen. Durch ihr Geschwtz und schallendes
Gelchter bezeugen sie ihre Freude ber den Tod ihrer Erzfeindinnen. Ob
sie die Schlangen fressen, ist brigens nicht genau festgestellt, es
scheint vielmehr, als wenn sie sich von Eidechsen und den kleinen
Sugetieren ernhren, so da ihr ununterbrochener Krieg gegen die
Schlangen aus einem besonderen Ha hervorgeht, den sie auf diese
Geschpfe geworfen haben.

Ein dreimaliges Hoch dem wackeren Vogel, rief Hans, auch wir wollen
den prchtigen Burschen nicht erlegen, sondern ihm sein ntzliches Leben
unbehelligt lassen, zumal er mein Namensvetter ist.

Alle leisteten dieser Aufforderung Folge, worauf sie endlich einmal
wieder in ein herzliches Gelchter ausbrachen, in das der lachende Hans
mit seiner Sippe frhlich einstimmte.

Man nahm sich jetzt auch Mue, den Pflanzen Aufmerksamkeit zu schenken.
Sie begegneten dem Eisenrindenbaum, dessen festes Holz sich vortrefflich
zu haltbaren Zunen eignet, da es fast gar nicht in der Erde fault. Das
wre ein Holz fr Eisenbahnschwellen und Telegraphenstangen, meinte
Franz. Vielleicht bildet es spter einmal einen geeigneten und
ntzlichen Handelsartikel.

Bravo! rief Holm. Ich sehe, die Naturforscherreise hat den Sinn fr
deinen knftigen Kaufmannsberuf nicht erstickt.

Dann fand sich auch der Stringybark, dessen langfaserige Rinde in
Streifen von sieben bis zehn Metern niederhngt und dem Baum das Ansehen
eines zerlumpten Bettlers gibt, whrend die abgefallene uere
Rindenschicht in langen, trockenen, braunen Rollen wie riesige
Zimtstengel am Boden umherliegt.

Zwischen dem Unterholze bemerkten sie die Flaschenbrste. Sie hat
rauhe gedrehte Zweige und ein Blatt, das dem unserer deutschen
Stechpalme sehr hnlich sieht. Sir Joseph Banks gab ihr den Namen
Banksia, die Bezeichnung Flaschenbrste erhielt sie wahrscheinlich von
dessen Haushofmeister, der am Flaschenputzen mehr Interesse hatte als an
der Botanik.

Die aufrechtstehenden, kugelfrmigen Blten, mit denen dieser
eigentmliche Busch berset ist, gleichen in der That jenem ntzlichen
Instrument, nach dem er benannt ward. Bei voller Blte sehen die tief
orangefarbenen Blumen vortrefflich aus; im Winter aber, wenn die
abgeblhten braunen Kegel noch immer an der Pflanze hngen, geben sie
dem Busch ein wildes, wunderliches Aussehen.

Neben der Flaschenbrste standen zwei zierlichere Gewchse das
^Exocaspus^ oder die wilde Kirsche, welche den Kern nicht innen sondern
auen an der einen Seite der Frucht trgt, und der Wottle oder die
australische Akazie, die mit gelben Bltenbscheln bedeckt ist und die
Luft mit balsamischen Wohlgerchen erfllt.

Den Eukalyptusbaum fanden die Reisenden hufig. Auch im sdlichen Europa
fngt man an, diesen rasch wachsenden Baum zu pflanzen, dessen
aromatische, harzreiche Bltter nicht nur ein Mittel gegen das Fieber
sind, sondern der ferner die herrliche Eigenschaft besitzt, Morste und
sumpfige Gegenden, welche mit ihren schdlichen Ausdnstungen Fieber und
Typhus erzeugen, durch seinen Anbau in schne Wlder zu verwandeln, die
dann statt der gefhrlichen Miasmen frische, dem Menschen zutrgliche
Luft aushauchen.

Die Kasuarinen, welche die Kolonisten sehr ungerechtfertigt Eiche
nennen, sind von auffallender Form, ihre bltterlosen, dnnen Zweige
geben ihnen das Ansehen baumartiger Schachtelhalme. Die Bewohner der
Sdseeinseln verfertigen ihre Kriegskeulen aus dem harten Holz der
Kasuarinen, weshalb dieselben auch wohl Keulenbume genannt werden.

Der neuseelndische Flachs wuchs in den Niederungen. Die zwei Meter hohe
Pflanze hat viele hnlichkeit mit unserer Schwertlilie, jedoch besitzt
sie dickere Stengel und rote Blumen. Aus ihren festen Blttern gewinnt
man eine Pflanzenfaser, die den Eingebornen schon seit undenklicher Zeit
zur Anfertigung von Kleidung, Matten, Netzen und Seilen dient, allein
von weit grerem Nutzen hat sich der neuseelndische Flachs (^Phormium
tenax^) fr die Europer herausgestellt. Er eignet sich zu Tauwerk nicht
nur unendlich besser als der europische Hanf, sondern die aus ihm
verfertigten Gewebe lassen an Dauerhaftigkeit, Geschmeidigkeit und Glanz
die europische Leinwand weit hinter sich. Die Englnder fhren
namentlich von Neuseeland jhrlich neuseelndischen Flachs im Werte von
gegen 20000 Pfund Sterling aus und die Franzosen haben ihn bereits in
Sdfrankreich mit Vorteil angepflanzt.

Als sie nun so weiter zogen und die fremdartige Pflanzenwelt dieses
sonderbaren Weltteiles ihrer Beobachtung unterzogen, trafen sie auf
ihrem Gange einen Erdbau an, der fast dem eines europischen Fuchses
glich.

Der Bau eines Wombats! rief der Fhrer. Er schlft bei Tage, ohne
sich um den Sonnenschein zu kmmern, an dem sich andere Tiere erfreuen,
denn er ist ein veritables Nachttier, das erst in der Dunkelheit aus
seiner unterirdischen Wohnung humpelt, um sich gengsam von einem
harten, binsenartigen Grase zu ernhren oder Wurzeln zu verspeisen, die
er sich durch kraftvolles Graben erwirbt.

Schade, da jetzt heller Tag ist, uerte Hans, einen Wombat htte
ich gern geschossen.

Zumal er einen delikaten Braten abgibt, sagte der Fhrer. Nun, wenn
er nicht gutwillig kommt, so wenden wir Gewalt an. Seine Wohnung wird
zwei Ausgnge haben und wenn wir in den einen Feuer hineinlegen, so
treibt der Rauch ihn zum andern heraus vor die Gewehre.

Der zweite Ausgang wurde nach einigem Suchen entdeckt und hierher
postierten sich die beiden Knaben sowie Holm, mit den Flinten im
Anschlag. Rua-Roa und der Doktor bewachten den zuerst gefundenen
Ausgang, in dem der Fhrer trockenes Holz aufschichtete, das er
anzndete. Nun wollen wir den Schlfer dort unten ruchern! rief er
und legte eine Hand voll grnen Grases in die Flamme. Ein frchterlicher
Qualm entwickelte sich.

Ich hre etwas schnauben, flsterte Hans.

Alle waren gespannt aufmerksam. -- Da kam etwas in dem zweiten Ausgange
der Hhle hervor. Ein dicker Kopf mit kurzen Ohren zeigte sich und ein
unhflicher, schlaftrunkener Geselle kroch langsam, mit blinzelnden
Augen hervor. Ein wohlgezielter Schu ttete den Wombat, welcher von dem
Rauche aus seiner gemtlichen Wohnung vertrieben war.

Ein Prachtkerl, frohlockte der Fhrer, mindestens seine sechzig Pfund
schwer; der soll uns schmecken! Der Fhrer weidete das Wildbret
kunstgerecht aus, schnrte seine Beine zusammen und warf es wie eine
Tasche um den Nacken. Nun vorwrts, rief er, damit wir zur rechten
Zeit das Lager erreichen!

Alle gingen auf diesen Vorschlag ein, und mit neuem Mute durchzogen sie
die Gegend, welche sich immer schner gestaltete. Es wurde wrmer und
wrmer, endlich drckend hei und in dem Dorfe an der Kste wieder ganz
tropisch, wie in den frher bereisten Gegenden. Die kleine Karawane zog
ber de Basalt- und Lavafelder, an den Ufern groer Strme dahin,
vorbei an Seen mit Rohr und Schilf wie daheim in Deutschland, mit weien
und blauen Wasserrosen und schwarzen, purpurschnabeligen Schwnen; sie
sah zahlreiche heie Quellen und thtige Vulkane und atmete auf, als das
Erscheinen der Eisvgel den Strand verriet. Diese Reise durch so weite,
menschenleere Strecken, ohne Fleischnahrung, in dem zwischen nchtlicher
Klte und drckender Tageshitze schwankenden Klima war keine leichte und
keine sehr unterhaltende gewesen. Alle erklrten einstimmig Australien
fr das wenigst interessante Gebiet, welches sie bisher betreten. Und
nun stand noch der Sdpol bevor!

In den Flssen an der Kste begegnete ihnen ein alter Bekannter, die
Schildkrte; auf den Klippen sa der groe Eisvogel, Papageien zeigten
sich in groer Anzahl; schwarze Gestalten erschienen, Bltterdcher
tauchten auf und Boote schwammen ber die krausen Wellen des Meeres
dahin. Dieser Stamm hatte augenscheinlich oft weie Menschen gesehen;
die Reisenden wurden ohne Erstaunen, aber mitrauisch aufgenommen, man
schien von ihnen eher Bses als Gutes zu erwarten.

Fr Geld erlaubte es der Huptling, da die Weien eine Htte aus Bambus
und Palmblttern bezogen; man band die Pferde an lange Leinen und lie
sie das ppige Gras abweiden, whrend sich ihre Herren nach Mglichkeit
mit den Schwarzen zu verstndigen suchten. Der mnnliche Teil des
Fischervlkchens trug gar keine Kleider, die Frauen dagegen zeigten sich
im Schmuck des Grasgrtels und verschiedener, sehr hbsch gearbeiteter
Zieraten aus Muscheln und Schildkrtenschalen. Sie hatten auch hier
wulstige Lippen, magere Arme und die abschreckende Gewohnheit des
Bemalens, zu der noch das Einreiben ihrer ganzen Personen mit
entsetzlich stinkendem Thran kam. Das Dorf war gewissermaen in zwei
Teile geteilt; unten am Strande wohnte ein krftigerer Menschenschlag,
dessen Angehrige Fischerei betrieben und selbst Boote zimmerten; weiter
hinauf dagegen lebten Geschpfe, deren bloer Anblick Erbarmen einflen
konnte. Abgezehrt wie Skelette, gelbgrau von Farbe und mit trommelartig
aufgetriebenem Leibe, wohnten diese Jammergestalten, deren es brigens
nur wenige zu geben schien, fr sich allein im Gebsch oder in
schlechten, ruinenartigen Htten, einer einzigen Leidenschaft frnend,
wie etwa der Trinker dem Genusse des Branntweins, -- der des Erdessens.

Man findet diese unselige Gewohnheit, auer an einigen Punkten
Sdamerikas, nur bei den Australnegern, obgleich auch dort selten. Die
Erdesser werden vom Stamm als gewissermaen unrein ausgestoen, sie
gehen alle dem frhen Tode mit Sicherheit entgegen und sind schwach und
elend, oft kaum im stande, sich aufrecht zu erhalten; aber von ihrer
schrecklichen, so ganz unbegreiflichen Leidenschaft lassen sie nicht,
sondern sterben, wenn ihnen der Genu einer gelben fettigen Erdart
entzogen wird; jede andere Nahrung weisen sie mit Abscheu zurck.

Holm nahm eine Quantitt der Erde mit, um dieselbe spter einer genauern
Prfung zu unterwerfen.

Wir werden unter dem Mikroskop finden, sagte er, da diese Erde reich
an Diatomeen ist, von denen wir bereits einige Arten kennen gelernt
haben. Es finden sich an vielen Gegenden der Erde groe Anhufungen von
Diatomeenpanzern, die der weien, staubartigen Beschaffenheit wegen
Bergmehllager genannt werden. In Lappland und dem nrdlichen Schweden,
wo der kurze Sommer das Getreide nur sprlich reifen lt, mischt der
leichtbefriedigte Nordlnder das leckere Bergmehl dem sprlichen
Brotteige zu, um eine grere Quantitt des kostbaren Nahrungsmittels,
des Brotes, zu erzielen. Obgleich die Kieselpanzer nur wenig Nhrstoff
besitzen, werden dennoch ungeheure Mengen derselben verzehrt; von dem
Bergmehl von Lollhapysn werden alljhrlich viele Wagenladungen in der
angegebenen Weise verspeist. In Nordasien und Sdamerika leben ganze
Vlkerschaften, welche ebenso wie diese Australier feine Erdarten
genieen und sogar als Leckerbissen schtzen. Auch in diesen Erden
finden sich unzhlige Diatomeen, denen mglicherweise noch eine Spur
nahrungsspendender organischer Substanz anhngen mag, die eine Erklrung
der wenig einladenden Geschmacksrichtung zult.

Die Erdesser verkrochen sich vor dem Blick der Weien; diese
Unglcklichen glichen hufig lebenden Leichen und boten mit ihrer
Ungestalt einen uerst abschreckenden Anblick. Whrend sie ber den
aufgetriebenen Leib nicht hinwegzusehen vermochten, waren ihre brigen
Krperteile bis auf die Knochen abgemagert.

Die Wilden ernhrten sich hier von Fischen, Muscheln und
Schildkrteneiern. Vor jeder Htte war in die Erde ein Loch gegraben;
zuerst kam das Holz hinein und, wenn dieses brannte, mehrere flache
Steine, die nach ihrer Erhitzung als Pfanne dienten. Die Eier wurden
sofort darauf gar, und der Fisch geriet wenigstens in einen Zustand,
welcher ihn halb verbrannt, halb gerstet einigermaen geniebar machte.
Auch Kokosnsse, Brotfrchte und Taro wurden auf diesen Steinen zu einer
harten, brotartigen Masse gebacken. In dem ganzen, an geniebaren
Pflanzen so armen Australien schien dies Gebiet das rmste; es fanden
sich hier selbst nicht einmal jene Beerenfrchte, die in den Wldern
zuweilen als angenehme Erfrischung gedient hatten.

Ihre Fische fingen die Mnner, indem sie dieselben vom Boot oder vom
Strande aus mit langen Spieen geschickt stachen; auerdem tauchten sie
auch wie die Enten und brachten vom Grunde Muscheln in Flle mit herauf.

Gleich whrend der ersten Stunden bemerkten die Weien, da unter diesem
Stamm wieder einmal wie bei den Alfuren ein bedeutend entwickelter Hang
zum Diebstahl vorhanden war; sie schossen daher mehrere Eisvgel,
kauften einige noch nicht gesehene Schaltiere und beschlossen dann, der
Pferde wegen noch vor Nacht wieder abzureisen. Wenn ihnen durch einen
Handstreich die Reittiere genommen wurden, so waren sie in dem Lande,
das keine Jagd und fast keine wildwachsenden Frchte bot, dem Hungertode
preisgegeben. Einer erzhlte ohnehin dem anderen, da er tglich seine
Kleider enger einschnren msse.

Die Fhrer hielten Wache und verscheuchten bei dieser Gelegenheit mehr
als einmal die Wilden, welche nicht umhin konnten, sich schleichend mit
lsternen Blicken den aufgestellten Gewehren zu nhern; man hielt es
aber auch nicht fr klug, eine offene Fehde heraufzubeschwren, vielmehr
versuchte Mr. Thompson, der Dolmetscher, durch einen Vergleich die Frage
allseitig befriedigend zu lsen. Komm einmal her, Kamerad, redete er
den schlangengleich durch das Gebsch kriechenden Schwarzen im ruhigsten
Tone an, wie heit du, Alter?

Der Wilde erschrak zwar, aber er gehorchte doch dem Rufe. Heu-Heu,
Master, versetzte er etwas unsicher. Was willst du von dem schwarzen
Manne?

Thompson bot ihm mittels einer Handbewegung neben sich auf der Wolldecke
Platz. Du sollst mir einen Rat geben, mein lieber Heu-Heu, fuhr er
fort. Wie weit ist es von deinem Dorfe bis zur nchsten Niederlassung
weier Menschen? -- oder wohnen hier herum keine?

Der Wilde zeigte ber seine Schulter hinweg. Wenn der Kasuar bei
Sonnenaufgang von hier fortluft, so kommt er am Abend zu den weien
Mnnern, antwortete er.

Aha! das ist eine gute Nachricht, Freund Heu-Heu! Nun hre weiter.
Kannst du uns bis zu diesem Dorfe den Weg zeigen?

Der Schwarze berlegte. Sein lauernder Blick wanderte von den weidenden
Pferden zu den Gewehren und von diesen wieder zurck. Wir werden zu
zwanzig oder dreiig die Fhrung bernehmen, versetzte er endlich.
Weniger knnen es nicht sein, sonst mchten wir uns verirren.

Thompson zuckte die Achseln. Das ist schade, mein lieber Heu-Heu,
sagte er mit der grten Ruhe, wirklich schade. Einen Mann brauchen wir
nur.

In den Augen des Wilden blitzte der Zorn der Enttuschung.
Wahrscheinlich hatte er es sich sehr leicht und angenehm gedacht, mit
seinen Genossen die Weien in der Wildnis abzuschlachten und sich ihres
Eigentums ohne Mhe zu bemchtigen. Dazu aber war eine bedeutende
berzahl ganz unerllich.

Ein einzelner Mann meines Stammes geht nicht mit euch, setzte er
hinzu. Einer allein ohne seine Freunde wagt sich so weit nicht hinaus.

Thompson nickte. Dann mssen wir es eben ohne Fhrer versuchen, mein
Bester, gab er zurck. Es thut mir leid, dich gestrt zu haben,
Heu-Heu. Schlaf wohl!

Aber der Schwarze blieb sitzen. Geht ihr allein, so fallt ihr in die
Hnde der ruberischen Ara-Punga, sagte er. Sie wohnen ganz in der
Nhe und tten jeden, dessen sie habhaft werden knnen.

Hm, hm, was du sagst, Heu-Heu. Da wrden ja auch zwanzig oder dreiig
von deinem Stamme nichts ausrichten! Ich sehe schon, wir mssen unsere
Reise allein fortsetzen.

Damit drehte er den Kopf, wie um zu schlafen, indes der Wilde zgernd,
heimlich knirschend seine Htte wieder aufsuchte. Er ballte im Dunkel
der Nacht drohend die Faust. Heu-Heu wird dir zeigen, da er klger
ist, als alle weien Lnderdiebe und Schurken zusammen, zischte er.
Keiner deiner Gefhrten erreicht die Kolonie am Meer, keines eurer
Pferde soll uns entgehen.

Er blieb whrend der ganzen Nacht unsichtbar, am frhen Morgen jedoch
erschien er wieder. Wenn die Weien langsam reiten wollten, so da ein
Mann zu Fu bequem folgen knne, dann sei es ihm doch vielleicht
mglich, unter den Felsen am Ufer einen Weg zu finden, der das Gebiet
der Ara-Punga nicht berhre. Wie viel bei der Sache verdient werden
knne?

Thompson bot im Namen der Weien eine anstndige Summe, und beide Teile
einigten sich dahin, gleich nach dem Frhstck abzureisen. Ich traue
dem Frieden nicht so recht, erklrte der Fhrer, da ist irgend ein
Schurkenstreich im Werden begriffen. Wollen wir auf das gute Glck hin
allein fortreiten oder riskieren, da uns der ganze Stamm nachschleicht,
um Beute zu machen?

Die Reisegenossen sahen einander an. Lat uns lieber das Geld bezahlen
und doch ohne Fhrer reisen, antwortete der Doktor. Wir hatten ja auch
bisher keinen solchen.

^Well!^ nickte der Dolmetscher. Aber auf dem Gebiet der steinigen,
von Klippen durchzogenen, oft aus Sandfeldern bestehenden Kste leben
weder Knguruhs noch wachsen solche Wurzeln, die zur Not einen Menschen
vom Hungertode erretten knnen. Was wollen wir essen, wenn uns die
Kolonie whrend mehrerer Tage nicht zu Gesicht kme?

Warum trauen Sie denn dem Schwarzen nicht, Thompson?

Hm, die Australneger sind durchweg rachschtiger Natur. Da wir ihnen
mittels unausgesetzter Wachsamkeit ihre kleinen Diebereien unmglich
gemacht haben, verzeihen sie uns nicht.

Da gibt es also nur ein einziges Mittel, entschied Holm. Die Kolonie
liegt ohne Zweifel am Meer, wie alle Ansiedelungen auf wildem Gebiet;
wir knnen uns also in der Richtung nicht irren, das ist die Hauptsache.
Eine Partie Schildkrteneier und etwas von dem harten Tarogebck wird
sich ja kaufen lassen, das reicht fr einen Tag; whrend der Nacht
bleiben wir im Sattel, so da kein berfall mglich ist und folgenden
Morgens erreichen wir unser Ziel.

Der Dolmetscher lchelte. Ganz gut, Sir, ganz gut, versetzte er, aber
den Fhrer knnen wir dabei doch nicht entbehren. Die Kste ist so
unregelmig, so von Auslufern und vorspringenden Landzungen
unterbrochen, da recht wohl in einer dieser versteckten Buchten die
Kolonie unseren Blicken entgehen knnte und da wir direkt hinter dem
jedenfalls nur unbedeutenden Stdtchen vorberreiten. Besen wir
Lebensmittel, dann stnde alles anders, so aber stimme ich dafr, den
Schwarzen mitzunehmen.

Abgemacht! rief Franz. Mr. Thompson und seine Genossen haben nur
bernommen, uns durch das Gebirge zu fhren; sie erklrten von vorn
herein, in den Kstendistrikten ganz unbekannt zu sein; wir knnen ihnen
also jetzt, wo sie uns aus Geflligkeit unter den schwersten
Entbehrungen hierher begleiteten, nicht zumuten, auch noch Leben und
Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Der Schwarze soll schon gehorchen, wenn
er erst mit uns allein im Walde ist.

Mr. Thompson erhandelte von den Schwarzen, die sich noch mehr als am
letzten Abend von ihren Gsten zurckzogen, eine tchtige Anzahl Eier
sowie Taro, beides steinhart gebacken; die Wasserflaschen wurden gefllt
und die Decken aufgeschnallt, dann ging es unter Heu-Heu's Fhrung
weiter ber den Strand dahin. Ein Versuch, diesen ungastlichen, scheuen
Wilden Lebewohl zu sagen, schlug gnzlich fehl, sie hatten sich in ihre
Htten zurckgezogen und schienen den Weien einen tief empfundenen Ha
zu bewahren.

Als Heu-Heu an der Spitze der Reiterschar zum Dorfe hinauswanderte,
wechselte er mit dem vom Meer herbersehenden Huptling einen Blick, der
den Fhrern nicht entging. Thompson und die brigen bedeuteten sich
schweigend. Der Wilde hatte gesagt: Pa auf! und der Huptling
geantwortet: Es bleibt dabei! --

Die Kerle ziehen uns nach, es ist gar kein Zweifel, raunte der
Dolmetscher.

Verdammt sollen sie sein. Wir werden ihnen einen heien Empfang
bereiten.

Pst! -- die Fremden erfahren das frh genug, wenn's erst einmal so weit
ist.

Im schnsten Sonnenschein ritt die kleine Gesellschaft ber den Kies
dahin, wurde aber sehr bald durch einen seltsamen Anblick so gefesselt,
da der schwarze Fhrer stillstehen und Erklrungen geben mute. Aus dem
Schoe eines rieselnden, futiefen Sandbodens herauf ragten in langen
Reihen die Kiele halbversenkter Boote, deren vorderer Teil mit der
offenen Seite nach unten auf dem Sande lag, whrend der hintere von
diesem ganz bedeckt war. Der unbeschtzte, von keiner Einfriedigung
umgebene Raum bildete den Gottesacker des Stammes; wo ein Mann begraben
lag, da hatten ihm die berlebenden sein Boot, sein einziges irdisches
Besitztum als Erinnerungszeichen mitgegeben; wo aber eine Frau die
letzte Ruhesttte gefunden, da ragte aus dem Boden die Hlfte des
Weidenkorbes, in dem sie Eier und Brotfrucht gesammelt.

So einfrmig, so schmucklos und de dieser Kirchhof den Blicken der
Europer auch erschien, einen so guten, vershnlichen Eindruck brachte
er dennoch bei allen hervor. Wie viel wrdiger war es, die Toten der
Mutter Erde zurckzugeben und ihre Grber durch das Erinnerungszeichen
vor Entweihung zu schtzen, als sie auf Bumen den Sonnenstrahlen und
den Raubvgeln zu berlassen, bis endlich ein Sturmwind die letzten
berreste auf den Erdboden und damit den Lebenden unter die Fe warf.
--

Die jungen Leute stiegen von ihren Pferden, um diesen seltsamen Friedhof
auf hoher Sanddne am Meer nach allen Richtungen zu durchwandern; auch
der Doktor und Heu-Heu hatten sich ihnen zugesellt, whrend die Fhrer
bei den Tieren Wache hielten.

Der Schwarze deutete auf eine vorspringende Klippe am hchsten Punkt des
ganzen Raumes; seine unverstndlichen Reden schienen den Fremden ein
besonderes Schauspiel zu verheien. Ziemlich neugierig nherten sie sich
dem Winkel, wo in einer Art von Vertiefung unter berhngendem Dache
wirklich ein Anblick, wie sie ihn am wenigsten erwartet, ihrer harrte.
In der natrlichen Nische stand ein grobgezimmertes, unbemaltes Kreuz
mit der Inschrift: ^John Mulgrave^, darunter die Worte: Christus ist
mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

Es war jedenfalls ein Missionar, der hier schlummerte, das sahen alle;
der Schwarze schien auch die Einzelheiten des Falles zu kennen,
wenigstens redete er immer fort; aber erst als Thompson hinzukam und
vermittelte, konnten ihn die brigen verstehen. Mr. Mulgrave hatte lange
Jahre unter den Wilden gelebt und war von ihnen hoch verehrt worden,
weil er nur Gutes stiftete und allen Leuten ntzliche Kenntnisse
beibrachte. Die kleinen Kinder bego er mit ein paar Tropfen Wasser,
erzhlte Heu-Heu, und dann wute er auch viel Schnes von einem Manne,
den er gekannt, der ein groes Haus besitze, in welchem sie dereinst
nach ihrem Tode smtlich wohnen wrden, Huptlinge und Sklaven, Weie
und Schwarze, und wo auch der groe Weltgeist seinen Sitz habe. In
diesem Lande gibt es nicht Hunger noch Durst, die Ara-Punga sind keine
Feinde, und Brotbume wachsen auf allen Wegen.

Keiner der Weien fand im Augenblick Worte diesen rhrenden
Auseinandersetzungen gegenber. Wie hatte der verbannte, auf den
unfruchtbaren, verdeten Kstenstrich vom Schicksal verschlagene Mann so
treulich gestrebt, innerhalb des Gedankenkreises seiner Schler das
Christentum zu erwecken, wie schwer und mhevoll war sein Los gewesen!

Wer hat denn fr euren Freund das Kreuz gezimmert? fragte endlich
Holm.

Er selbst. Er hat auch den Holzkasten, worin er liegt, mit eigener Hand
gemacht; mich trug er auf den Armen, als ich noch ein kleines Kind war.

Also ruht er lange schon! setzte der Doktor hinzu. Und was er
ausgeset, ist wieder berwuchert vom Unkraut; die er als Suglinge
taufte, sind heute Wilde und vielleicht arge Schurken dazu. Aber einen
Kranz auf das einsame Grab wollen wir doch legen, nicht wahr?

Die jungen Leute hatten schon den gleichen Gedanken gehabt. Schilf und
ein paar sprliche Blten, wie sie die australische Flora hergab,
bildeten einen schlichten Kranz, der das Holzkreuz rings umflocht.
Nachdem so der tote Mann ihrer eigenen Farbe von den Weien geehrt
worden war, setzten sie ihre Reise fort, wobei noch der Wilde
eingestand, da er eigentlich John Eward heie, spter aber nach
Landessitte von den Seinen wieder Heu-Heu genannt worden sei.

Sind denn auer diesem einen nie mehr Missionare hierhergekommen?
fragte Franz.

Doch, noch viele, aber wir haben sie totgeschlagen. Weie und wir
knnen nicht zusammenleben.

Da hat er recht, nickte Thompson. Eigentmlich genug; aber dies Volk
vertrgt und mischt sich mit der weien Rasse nirgends. Wie in
Nordamerika die Indianer, so werden in ganz Australien die Eingebornen
verdrngt und sterben aus, aber sie schlieen mit uns keinen Frieden.

Heu-Heu sah von einem zum andern. Er hrte, da von seinem Volke
gesprochen wurde, -- der lauernde Blick zeigte, da er etwas verbarg.

Nicht so schnell, ermahnte er schon nach den ersten Wegstunden. Ich
kann mit euren groen Pferden unmglich Schritt halten.

Der Fhrer zgelte sein Tier. Komm her, sagte er, setze dich hinter
mich, der Gaul vertrgt's schon eine Weile.

Dazu war der Schwarze unter keiner Bedingung zu bewegen, er strubte
sich aus allen Krften gegen die Nhe des Pferdes, so da nichts brig
blieb, als im Schneckenschritt den Weg fortzusetzen; dafr aber wurden
auch keine Pausen gemacht, zumal nichts zu kochen vorhanden war. Nur als
endlich die Nacht herabsank, mute notgedrungen den Tieren und dem
Wilden eine Erholung gestattet werden, obgleich freilich die Weien an
keinen Schlaf dachten.

Die Reiter hielten ihre Tiere an den Zgeln und lieen sie weiden oder
sich ausstrecken, whrend sie selbst die harten Lebensmittel
hinunterwrgten. Im weiten Kreise umstanden die Fhrer das Lager, es war
somit an eine pltzliche berrumpelung nicht zu denken.

Schlaf! ermahnte Mr. Thompson den Neger. Wonach sphst du umher?

Heu-Heu streckte sich sofort gehorsam auf den Fuboden. Ich glaubte ein
Gerusch zu hren, stammelte er. Dort! -- hinter den Gebschen regte
sich's.

Er deutete auf eine in der Richtung des weiteren Weges ziemlich entfernt
stehende Gruppe von hohen, ppigen Farnen. Gewi, von daher klangen
Stimmen, beharrte er.

Die Fhrer wechselten Blicke. Hinter uns lauert der ganze Stamm,
flsterte Thompson. Htte ich es nicht schon lngst geglaubt, so wte
ich es jetzt. Wenn wir uns von diesem Schurken verleiten lieen, das
Gebsch abzusuchen, so wre unser Untergang sicher.

Einer der anderen nherte sich ihm. In einer Stunde haben wir
Mondschein, Thompson, raunte er. Wie wre es, wenn wir den Schwarzen
an Hnden und Fen knebeln, ihm das Verrtermaul stopfen und ihn auf
eines der Pferde binden, so da er den brigen Teufeln kein Zeichen
geben kann? -- Sie sind hier, das ist vollkommen gewi.

Vollkommen! besttigten alle. Der Schwarze liegt mit offenen Augen,
ich habe ihn fortwhrend beobachtet.

^Well!^ nickte der Anfhrer. Verhaltet euch ganz ruhig, macht euch
mit den Tieren zu schaffen, legt ihnen Decken auf, hrt ihr!

Die Leute zerstreuten sich anscheinend absichtslos. Einer oder der
andere suchte unter den Bumen eine Stelle, um mit dem Zgel ber dem
Arm eine Viertelstunde zu ruhen, die meisten aber breiteten ber ihre
Tiere die am Sattelknopf befestigten Wolldecken, ohne indessen den
schlauen Thompson auch nur fr eine Sekunde aus den Augen zu verlieren.
Sie kannten ihn, sie wuten, da er mit allen Salben geschmiert sei
und schon hundert Kmpfe mit den Eingebornen bestanden hatte, aber
dennoch begriffen sie nicht, was er jetzt im Schilde fhrte.

Auch der Neger beobachtete heimlich. Eine heie Ungeduld durchflutete
sein Inneres, -- wrde denn nicht endlich der Zeitpunkt kommen, wo die
Natur ihre Rechte geltend machte, wo die weien Mnner, eingewiegt in
trgerische Sicherheit, die Augen schlieen und in Schlummer versinken
muten?

Thompson glitt hart an ihm vorber. Er ging langsamen Schrittes,
wandernd die groe Wolldecke auseinander faltend und seinem ruhig
weidenden Pferde einige ermunternde Worte zurufend. Wollen dich
einhllen, alter Kerl, damit dir die Nachtkhle nicht schade, he? --
bewahrt ist besser als beklagt!

Whrend er im Tone harmloser Gutmtigkeit anscheinend dem Tier diese
Rede hielt, brachte ihn ein pltzlicher, mit staunenswerter Keckheit
ausgefhrter Seitensprung in die unmittelbare Nhe des Negers, hatte er
ber den Kopf desselben die Decke geworfen und durch handfesten Druck
auf den schwarzen Mund jeden beabsichtigten Schrei im Keime erstickt.
Jetzt sah er lachend zu seinen Genossen hinber. Besteigt die Pferde,
meine Herren, es ist Zeit, da wir uns von hier entfernen; die Kerle
sind ganz in der Nhe, das behaupte ich, -- diesen Burschen nehmen wir
eine Strecke Weges mit uns.

Er und zwei andere banden whrend dieser Worte die widerstrebenden
Glieder des Schwarzen, der auf jede erdenkliche Weise loszukommen und
namentlich den Gebrauch seiner Stimme wieder zu erlangen suchte. Ho,
ho, Freundchen, murmelte er belustigt, nicht so wild. Beit der Kerl
wie eine Katze in meine Hand hinein. Na, na, jetzt hast du Ruhe, nicht
wahr?

Er erhob sich vom Boden und zog das Pferd am Zgel heran. Der Neger, den
Knebel im Mund, bis unter die Nase wie ein Paket zusammengeschnrt,
konnte nur in ohnmchtiger Wut zuweilen gleich dem Fisch auf dem
Trocknen mit halbem Leibe vom Gras emporschnellen und die Augen rollen,
als wolle er alle Weien verschlingen.

Thompson, lchelte Holm, Sie sehen Gespenster. Es ist ja weit und
breit alles so ruhig wie in einer Kirche.

Der Fhrer nickte. Aufgepat, meine Herren! versetzte er. Der Beweis
soll sogleich geliefert werden. Sind Sie alle bereit, Ihren Tieren auf
das erste Signal hin die Sporen zu geben?

Alle! -- aber da ist nichts zu frchten, Thompson.

Statt jeder Antwort drehte der alte Squatter den Kopf in der Richtung
des zurckgelegten Weges und stie dann mit aller Kraft seiner Lungen
einen tierisch-wilden, furchtbaren Schrei hervor. Es war der Kriegsruf
der Australier. Die versteckten Schwarzen sollten glauben, mittels
dieses langgezogenen, gellenden Tones von ihren Genossen ein Zeichen zu
erhalten, sollten antworten und den geplanten berfall ins Werk setzen.

Die List gelang vollstndig.

Auf der offenen Ebene, die jetzt erreicht war und von dem Strahlen des
aufsteigenden Mondes ringsum hell beleuchtet wurde, hielten in breiter
Reihe, einer neben dem anderen, die Reiter; aller Blicke waren rckwrts
gerichtet.

Und wie das Geschrei von Hunderten von Teufeln brach es los; es zerri
die Luft und lie das Trommelfell erzittern unter seiner donnerartigen
Wucht.

Schwarze, nackte Gestalten sprangen aus den Bschen, wilde
Gestikulationen zeigten das rachschtige Verlangen nach Raub und Mord.
In jeder Hand wirbelte hochgeschwungen der Bumerang, jede Kehle berbot
sich in wstem, sinnverwirrendem Geschrei.

Achtung! gebot mit Donnerstimme der Fhrer. Vorwrts!

Und dahin ber die Ebene jagten fnfzehn Rosse, da Kies und Funken
stoben. Wie durch Zauberei erstarrte mitten im Ansatz beim Erblicken
dieser fliehenden, ihrer Bestialitt entzogenen Opfer das Toben der
Wilden. Sie blieben pltzlich stehen, als habe eine feindliche Macht
ihre Glieder gelhmt, der eine mit erhobenem, der andere mit
herabhngendem Bumerang, -- alle totenstill, -- regungslos.

Aber nur sekundenlang whrte diese Erstarrung; dann begann wie auf ein
allgemeines Signal die Verfolgung, welche indessen unsern Freunden
keinerlei Befrchtungen einzuflen brauchte. Brllend und kreischend,
losgelassenen Teufeln gleich, werfend, sich berstrzend im rasenden
Laufe, folgte die schwarze Schar den ausgreifenden Pferden; matt und
unschdlich fielen ihre Waffen weit hinter den Bedrohten in das Gras,
schwcher und schwcher verhallte das Kriegsgeheul, immer undeutlicher
wurde den Zurckblickenden der tobende Haufe, bis endlich nichts mehr zu
sehen und nichts mehr zu hren war. Nur der Mond schien mit halbem,
wolkenverhlltem Glanz vom Himmel herab, hie und da rauschte im khleren
Nachtwind eine hohe vereinzelte Kaurifichte, von den Negern aber war
jede Spur verschwunden.

Thompson gebot Halt, die schnaufenden Tiere verfielen in ruhigere
Gangart und standen endlich ganz still; einer der Mnner sah stumm den
andern an.

Nun, meine Herren, war die Gefahr wirklich eine eingebildete?

Holm reichte ihm ber den gebundenen Neger hinweg die Hand. Wir
verdanken Ihnen das Leben, Thompson, sagte er. Die schwarzen Teufel
htten keinen von uns verschont.

Der alte Squatter lachte. Ich kenne die Schufte seit dreiig Jahren,
versetzte er, wei, was sie wert sind und was man von ihnen zu erwarten
hat. Als dieser Kerl hier whrend der letzten Nacht mehrere Male
vergeblich zu stehlen versuchte, da stand es fr mich ganz fest, da wir
einen Kampf auszufechten haben wrden. Die Neger hier herum sind
rachschtig; sie vergessen und verzeihen nie.

Was wollen Sie denn mit Ihrem Gefangenen machen, Mr. Thompson? fragte
der Doktor. Ich hoffe, da Ihnen blutige Wiedervergeltungsplne
fernliegen.

Der Squatter lftete den breitkrempigen Strohhut. Ich will dem
Schlingel nichts zuleide thun, Ehrwrden, lchelte er, die Glieder
schmerzen ihn ohnehin noch acht Tage, und die Wut erstickt ihn beinahe.
Er sprang vom Pferd und warf den gebundenen Neger wie einen Packen in
das hohe, weiche Gras, dann durchschnitt er die Stricke, welche Arme und
Fe umwunden hielten. So, nun lauf, du Spitzbube und gre deine
schwarzen Gesellen. Der weie Mann sei doch noch klger als sie.

Whrend sich der Neger unter dem lauten Lachen aller Anwesenden mit den
krampfhaftesten Verrenkungen aus seiner Decke hervorschlte, hatte der
Squatter das Pferd wieder bestiegen und die ganze kleine Gesellschaft
setzte in langsamerer Gangart den Weg durch die Ebene weiter fort. Zur
Linken rauschte in einiger Entfernung das Meer, ein kalter Wind strich
ber die Klippen dahin und zuweilen war das lchelnde Mondgesicht
derartig unter Wolken versteckt, da tiefe Finsternis die ganze Umgebung
beherrschte. Nur im Schritt konnte dann die Bahn verfolgt werden; jetzt,
nachdem die nervse Spannung der letzten Stunden nachgelassen, fhlten
alle Reiter die natrliche Ermdung des tagelangen und noch dazu unter
den hrtesten Entbehrungen zurckgelegten Weges; auch die Pferde
schnauften und schttelten die Kpfe in zunehmender Ungeduld. Nur an
einer einzigen unbedeutenden Quelle war man seit heute frh
vorbergekommen, nur einmal hatten Menschen und Tiere trinken knnen;
das machte sich jetzt immer qulender bemerkbar.

Noch eine halbe Stunde wurde schweigend die Reise fortgesetzt, dann riet
Thompson zu einer kleinen Rast, die den Tieren durchaus notwendig sei.
Fr die Menschen gab es nichts zu beien und zu brechen, die Pferde
dagegen fanden wenigstens Gras in Hlle und Flle, so da ihnen die
Entbehrung des Trinkwassers etwas erleichtert wurde. Bald ging es wieder
vorwrts, -- wohin, das wute keiner unter ihnen.

Vielleicht hatte ja Heu-Heu eine Fabel berichtet, als er von der am Meer
gelegenen Kolonie der Weien sprach, -- vielleicht wohnte hier herum ein
anderer Negerstamm, und die kaum berwundene Gefahr begann von neuem.

Wie bei einem Leichengefolge so ritten langsam und schweigend die
fnfzehn Mnner hinter einander durch die Einde; keiner konnte sich der
schlimmsten Befrchtungen entschlagen; es gab keinen, der nicht
Kopfschmerz und Ermattung fhlte, alle Stirnen brannten, ber den Rcken
jedes einzelnen lief es unnatrlich kalt herab, fast wie beginnender
Fieberfrost.

Und dennoch muten sie vorwrts, keiner durfte zurckbleiben, niemand
den Mut verlieren. Vor ihnen lag eine weite Ebene, nirgendwo ein Baum,
der Frchte lieferte oder nur erquickenden Schatten spendete. Der letzte
Zwieback war gegessen, der Hunger meldete sich ungestm. Die Mnner
schwiegen wie in dumpfer Verzweiflung, und die Knaben, ihrem Beispiele
folgend, uerten keinerlei Klage, obgleich ihnen jeder ansehen konnte,
wie sehr sie litten.

Hans atmete fieberhaft. Seine Augen lagen tief in ihren Hhlen, die
Lippen waren trocken und hei. Nur Mut, mein armer Junge, suchte Holm
ihn zu trsten. Werde mir nur nicht krank. Mit Gottes Hilfe werden wir
auch diese Prfung berstehen.

Es klingt mir so seltsam vor den Ohren, flsterte Hans, wie ferne
Musik und dazwischen ist mir, als hrte ich die Stimme meiner Mutter,
ich habe sie sogar deutlich gesehen, wie sie mir ein Glas Wasser reichte
und ein groes Butterbrot. Als ich zugreifen wollte, war sie aber
verschwunden.

Holm blickte den Knaben ngstlich an. Er ist krnker vor Hunger und
Durst als ich dachte, sagte er zu sich selbst, denn er sieht schon die
Traumerscheinungen, welche das langsame Verschmachten zu begleiten
pflegen. Naht sich denn keine Rettung?

Und weiter ging es vorwrts in der Hitze. Die weite Grasflche schien
kein Ende nehmen zu wollen. Der baumbekrnzte Horizont, den sie vor sich
sahen, wich vor ihnen zurck, wie das Trugbild der Fata morgana. Es war
nicht mglich, die Entfernung bis dahin mit den Augen abzuschtzen. Die
Ebenen tuschen das Augenma hnlich wie das offene Meer.

Nur ein Stckchen Zwieback, flehte Hans, nur ein kleines Stckchen,
der Hunger thut so weh.

Habe nur Geduld, mein guter Junge, sagte Holm. Du siehst ja dort in
der Ferne Wald und Busch, dort wird es uns besser ergehen. Er hatte
nicht den Mut einzugestehen, da der australische Busch arm an ebaren
Frchten ist, aber er wollte um jeden Preis Hoffnung in dem Gemte des
Knaben erwecken.

Wachsen dort so schne saftige Frchte, wie auf Borneo? fragte Hans.
Holm schwieg, er konnte in dieser ernsten Stunde keine Zuflucht zu einer
Notlge nehmen.

Langsam schritten die Pferde vorwrts; es war eine traurige Fahrt. Wenn
mir nur der Knabe nicht stirbt in dieser Einde, dachte Holm und ein
kalter Schauer berrieselte ihn bei diesem Gedanken.

Jetzt hrte der Graswuchs auf und ein dichtes Kraut bedeckte den Boden.
Sieh dort, unser heimatlicher Klee! rief Franz. Hier knnen
wenigstens die Pferde sich neue Krfte sammeln, damit sie im stande sind
uns weiter zu tragen.

Das ist kein Klee! rief Holm und sein Antlitz leuchtete freudig. Lat
uns Gott danken, da er uns diese Pflanze erreichen lie, ehe wir
verschmachteten. Wie der Herr einst das Manna in der Wste sandte, so
lt er uns dieses unscheinbare Gewchs zum Heile finden. Steigt alle
ab, lat die Pferde weiden und sucht selber am Boden, dort werdet ihr
die kleine, schalenfrmige Fruchtkapsel der Pflanze finden, welche
strkemehlhaltige Krner enthlt, die uns vor dem Hunger einstweilen
schtzen werden.

Alle thaten, wie Holm geheien. Reichlich waren die erwhnten
Fruchtkapseln vorhanden und wenn auch klein an Gestalt und mit nur
winzigen Krnchen erfllt, so boten sie doch wenigstens Nahrung. Wie
kstlich schmeckten ihnen die kleinen Liliputbissen, wie emsig pflckten
sie die unscheinbare Frucht.

Es schmeckt gut, sagte Hans, es erquickt mich wunderbar.

Wir grasen mit den Pferden um die Wette, meinte Franz. Wenn das die
Hamburger shen!

Es kann denen in der Heimat ein Dutzend Austern nicht besser munden,
als uns in der de dieser Klee, fgte Doktor Bolten hinzu.

Bester Doktor, rief Holm, es ist kein Klee, den wir hier verspeisen,
sondern die wohlthtige Pflanze, welche uns vom Verhungern rettet, ist
die Marsilea. Obgleich ihre Bltter denen des Klees hnlich sind, so
gehrt sie wegen ihrer eigentmlichen Fruchtbildung doch zu den
Farnkrutern. Wenn wir auch jetzt unsere Nahrung den Vierflern gleich
auf der Erde suchen, so sind wir doch noch weit davon, Futterkruter zu
speisen.

Nachdem der grte Hunger gestillt, pflckte jeder der Reisenden sich
einen kleinen Vorrat der Frucht der Marsilea, worauf die Tiere wieder
bestiegen wurden und die Reise weiter ging. Es war jedoch nur dem einen
Qulgeist etwas gewehrt worden, dem Hunger; der Durst machte sich von
Minute zu Minute peinlicher bemerkbar.

Nach und nach nherte man sich dem Waldsaume. Nirgends war eine Quelle
zu entdecken oder ein Bach, der Wasser enthalten htte.

Der Malagasche parierte pltzlich sein Tier. Halt! rief er ngstlich,
halt! -- Vor uns ist das offene Meer, -- dicht vor uns!

Die Tiere standen wie auf Kommando. Sie schaukelten die Kpfe und
schienen offenbar selbst durchaus nicht geneigt, weiter vorzudringen.
Alle horchten.

Der Schall kommt von links her, meinte Franz.

Das glaube ich auch, fgten mehrere andere hinzu.

Rua-Roa blieb bei seiner Behauptung. Wir haben das Meer vor uns,
wiederholte er.

Der alte Squatter unterdrckte einen Seufzer. Ich glaube dir, Junge,
sagte er. Alle Farbigen sind den Weien in dieser Beziehung berlegen,
-- wahrhaftig, mir selbst scheint, da sich der Schall gegen frher
etwas verndert hat.

Er sprang vom Pferde und ermunterte die brigen, ein Gleiches zu thun.
In der dichten Finsternis schritten nun unter Fhrung des Malagaschen
die fnfzehn Mnner langsam vorwrts, deutlich und immer deutlicher
erkennend, da vor ihnen die Kste lag, da nach wenigen Minuten ihrem
Wege ein Halt geboten sein wrde, ein unbedingter Halt, -- gleichviel
wohin sich die Verirrten sonst wenden konnten. Der Graswuchs hrte auf,
der Boden wurde erst steinig, dann sandig, Schilf erschwerte das Gehen,
lauter und lauter schlugen die Wellen gegen das Ufer, ein feiner
Staubregen erfllte die Luft. Und endlich erschien das bewegte
schillernde Element, vom schnsten Leuchten der zahllosen Salpen und
Quallen berglnzt, wie mit Demantstreifen durchflochten, Demanten
spielend auf den Strand rollend, Demanten in jeder seiner Tiefen
bergend. Blau und golden, purpurn und violett schimmerten die Lichter,
in Wellenlinien zog sich's ber das Schwarz der Fluten dahin, weie
Schaumkronen rauschten auf und griffen springend, schrittweit hinein in
das Land.

So schn, so hehr und majesttisch die Schpfung in ihrer Ruhe, so
friedlich das ganze von tiefster Stille berhauchte nchtliche Bild --
und doch, wie zerri es die Herzen der kampferprobten, trotzigen Mnner.

Dieses Rauschen und Fluten, dieser Sprhregen, diese ganze feuchte, von
Wasserduft erfllte Luft, sie erregten und erhhten bis zur krperlichen
Qual den Durst, den unstillbaren, sie wandelten angesichts dieser
unbersehbaren Wassermenge das Verlangen nach etwas Trinkbarem in
frmliche Verzweiflung. Die Reisenden wandten sich ab, sie ertrugen es
nicht, das Salzwasser anzusehen; sie fhlten, wie Mdigkeit und
Hoffnungslosigkeit ihr ganzes Denken gefangen nahmen.

Da vor ihnen kein Durchgang, links kein Durchgang, -- wie weit hinein in
das Land erstreckte sich vielleicht dieser verderbenbringende Meeresarm?

Dann gab es nur eine einzige Mglichkeit, nmlich zurckzureiten,
vielleicht den Wilden entgegen, vielleicht vor Hunger unfhig, sich im
Sattel zu halten.

Sie dachten alle das Gleiche, keiner aber sprach es aus. Nur eins konnte
sich Thompson nicht enthalten, brummend hervorzustoen: Wollte, da ich
den schwarzen Halunken htte stehlen lassen, was ihm beliebte, dann
sen wir nicht in dieser unseligen Patsche!

Der Doktor klopfte ihm auf die Schulter. Das ist ein Irrtum, alter
Freund, versetzte er in ermunterndem Tone. Sie durften das Unrecht,
welches noch verhindert werden konnte, sicherlich nicht geschehen
lassen, Sie wrden auch dadurch ganz gewi keinen Segen gestiftet
haben.

Der alte Fhrer nickte. ^Well^, Ehrwrden, aber -- die Frage, wie wir
aus dieser Einde lebendigen Leibes wieder herauskommen sollen, ist bei
alledem doch noch ungelst.

Aber sie wird sich lsen wie so viele es thaten, beharrte der Doktor.
Lassen Sie uns vor der Hand ein paar Bume suchen, um die Pferde
festzubinden und dann unsere Wolldecken ausbreiten. Die eine Hlfte kann
ja immerhin wenigstens im Schlafe Erholung suchen.

Niemand antwortete, aber der Rat wurde dennoch befolgt.

So lat uns ausharren, Kinder, lat uns ausharren, ermahnte der alte
Theologe. Noch ein paar kurze Stunden und es ist Tag, die Sonne bringt
neues Leben, neuen Mut. Wer wollte denn gleich dem ersten Anlauf
erliegen?

Whrend er aber die Worte sprach, fhlte der alte Herr doch selbst, wie
schmerzlich ihm die Augen brannten und wie die Stimme den Dienst
versagte. Er streckte sich in den Sand und behauptete mit dem Aufgebot
seiner letzten Krfte, da es ein recht bequemes, weiches Bette sei.

Die brigen waren eben im Begriff, ihm zu folgen, als von fern her ein
schwacher Schall ihre Ohren traf, nur die Ahnung eines Schalles
vielleicht, aber doch stark genug, um gleich einem elektrischen Schlage
die mutlosen, verzweifelten Mnner zu berhren. Es waren Glockenklnge,
die da der Wind herbertrug, -- Glockenklnge, sie hatten es alle
gehrt, aber kein einziger unter ihnen wagte, dem Zeugnis seiner Sinne
zu vertrauen.

Und doch, -- es tnte ja fort, es war keine Tuschung mglich, es wurde
strker und strker, -- das war das Feuersignal, wie es deutsche
Kirchenglocken in der Nacht den schlafenden Bewohnern des Ortes
mitteilen.

Bum! -- Bum! -- Bum! -- die bekannten Einzelschlge von tiefem Ba! Wie
sie fern im Stdtchen die Herzen erbeben lassen mochten, wie sie hier
drauen gleich Engelsstimmen erklangen, -- die deutschen Glocken!

Noch sprach keiner der Verirrten. Frchteten sie, den Traum, den
wunderbaren, erlsenden, zu scheuchen durch das laute Wort?

Holm streckte die Hand aus. Was er halb unbewut flsterte, das kannten
sie alle, das kennt jedes Menschenherz, so weit die deutsche Zunge
klingt -- --

   Soll eine Stimme sein von oben,
   Wie der Gestirne helle Schar -- --

-- Ja, eine Stimme von oben! -- Glockenklang in nchster Nhe, eine
Niederlassung hinter dem Meeresarm, -- was gab es da noch zu frchten,
zu klagen?

Sagte ich's nicht, ihr Kleinglubigen, lchelte der Doktor. Kommt und
schlaft, ich begann schon in Trume zu verfallen, -- es ist weich und
bequem hier auf dem Sande.

Er schlief den Schlaf uerster Ermattung, indes die jngeren Leute
wachten und sich leise flsternd unterhielten. Es mute von hier
jedenfalls einen Weg zum jenseitigen Ufer geben, vielleicht sogar direkt
in Booten, die auf dem Meere lagen. Hunderte von Hoffnungen und
Vermutungen durchzogen die Seelen der eben noch Niedergedrckten; sie
hrten jetzt auch Hundegebell und sahen den Feuerschein gerade vor sich
emporsteigen. Danach konnte der Meeresarm nur sehr schmal sein; -- wenn
sich der Landweg zu weit zeigte, erhielten die Bewohner des Stdtchens
unschwer ein Zeichen ihrer bedrngten Stammesgenossen; schon von den
ersten Morgenstunden durfte man mit Recht Erlsung aus dieser qualvollen
Verlassenheit erwarten. Niemand dachte an Schlaf, nur die Pferde lagen
und trumten, gewi von gefllten Eimern, denn sie vollfhrten mit
geschlossenen Augen die Bewegung des Saufens.

Zuerst nehme ich ein Bad, meinte Hans, aber nicht im Meer, sondern im
sen Wasser. Alles, was ich denke, ist Flssigkeit, alles, was ich
ersehne, trufelt. Der Platz unter dem Strahl jener Feuerspritzen
scheint mir im Augenblick als der beneidenswerteste auf Erden.

Ja, eine Douche, nickte auch Holm. Gebckt sitzen und es immer ber
sich herabregnen lassen, das wre schn. -- Wie mir der Gaumen brennt!

Meine Haut lst sich ab, fgte Franz hinzu. Damals in der
Gefangenschaft bei den Kaffern hatten wir Wein und Branntwein, wir
konnten Gras und Bltter kauen, aber hier gibt es nur Sand und das
entsetzliche Anschlagen der Wellen. An diese Nacht werde ich denken, so
lange ich lebe.

Es mu nun sehr bald Tag sein, trstete einer der Fhrer. Noch eine
Stunde, dann ist wenigstens dies traurige Dunkel gelichtet.

Aber solche Stunden sind elastisch, sie dehnen sich so furchtbar!
versetzte Franz.

Die brigen lachten; so gut als es eben ging, half man sich ber die
zgernden, widerstrebenden Minuten hinweg, und als endlich nach langer
Geduldsprobe das goldene Tagesgestirn am Himmel seine ersten Strahlen
entsandte, da wurde es mit Jubel und unsglicher Dankbarkeit begrt.
Jeder neue Sonnenblick enthllte neue Schtze. Drben hinter dem
Meeresarm lag ein Stdtchen mit roten Ziegeldchern und einem
bescheidenen, kleinen Kirchturm in der Mitte, ein ganz winziges,
unbedeutendes Stdtchen von wenigen hundert, zum Teil nur hlzernen, zum
Teil strohgedeckten Husern, mit friedlichen Grten und wallenden
Kornfeldern, mit Schafherden, die rings an den Abhngen das magere
Dnengras weideten, und mit einer lndlichen, einfachen Bevlkerung.
Aber doch, so drflich, so anspruchslos das ganze Bild sich zeigte, so
innig entzckte es die Herzen der Beschauer. In vielen dieser Grten,
namentlich wo sie an das Meer herantraten, wehte vom hohen Flaggenstock
die deutsche Flagge, auch das wunderliche Trmchen ohne Stil oder
architektonische Schnheit zeigte am goldenen Knauf das Schwarz-Wei-Rot
der Heimat, neben dem die Flagge des Einzelstaates dem deutschen Herzen
unbedeutend erscheint, das in der Ferne den Wanderer, wo er es findet,
wie freundliches Gren berhrt, das in sich, in seiner Vereinigung
alles birgt, was deutsch heit, gleichviel ob dem Sden oder Norden des
groen Vaterlandes entstammt.

Auf! Auf! rief Franz, den Strohhut schwenkend, da werden auch
Hamburger wohnen.

Hurra! tnte es aus geringer Entfernung, hurra! ich habe Wasser
gefunden!

Der alte Squatter war's. Er sah Weidengebsche und auf ihren Zweigen ein
paar Eisvgel, -- da mute ses Wasser sein. In aller Stille, um
niemand zu tuschen machte er sich auf und suchte, und richtig, ein
murmelndes Flchen kroch ber den Sand, er konnte sein lautes Hurra!
hurra! den Genossen zujubeln.

Menschen und Tiere tranken, Menschen und Tiere badeten unterhalb des
Flchens die heien, eingetrockneten, staubbedeckten Glieder; auch der
Doktor erwachte von all dem Toben und Jubeln, auch er wurde an den
segenspendenden Quell gefhrt und ihm zum Bade das bequemste Pltzchen
ausgesucht. Es war ein Freuen und Jauchzen berall, sogar die Pferde
lie man laufen, damit sie sich in der Umgebung ein Frhstck suchten;
Hans dehnte sich im Wasser von einer Seite zur anderen und behauptete,
da er noch stundenlang so liegen bleiben wrde, kurz, alle diese
gehetzten, halbverhungerten Menschen genossen in vollen Zgen die
Seligkeit des frischen Bades und Trunkes, alle steckten sie, Fhrer und
Reisende, jung und alt, bis an den Hals im Wasser; da pltzlich
erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus nicht
gefahrdrohend oder schrecklich aussahen, deren Empfang sich aber unter
den gegebenen Verhltnissen nicht bewerkstelligen lie, -- zwei Frauen
in deutscher Bauerntracht mit groen runden Strohhten, Krbe am Arm und
derbe Holzpantoffeln an den strumpflosen Fen.

[Illustration: Die berraschung im Bade.

Da pltzlich erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus
nicht gefahrdrohend oder schrecklich aussahen ...]

Einen Augenblick schien es, als wollten sie die Flucht ergreifen oder
wenigstens um Hilfe rufen. Kopf an Kopf im Wasser, auf dem Strand die
Kleider, -- was bedeutete das in der Wildnis, wo ihnen noch nie eine
Menschenseele begegnet war?

Holm beruhigte durch seinen freundlichen Zuruf die Erschreckten. Im
Namen aller seiner Gefhrten -- gegenwrtig nicht vorstellbar, wie er
beifgte, -- erzhlte er den Hergang des Geschehenen und bat um
gastliche Aufnahme im Stdtchen.

Die Antwort klang deutsch, norddeutsch sogar; sie entzckte die Hrer:
Willkommen bei Landsleuten, ihr Herren! Geht nur hinunter und lat euch
Speise und Trank geben. Gott zum Gru!

Damit entfernten sich heimlich lchelnd die Frauen, um weiterhin am
Strande junge Schildkrten aufzulesen; unsere Freunde aber fanden es nun
doch geraten, an dieser Stelle, die sich bei nherer Betrachtung als
gangbare Landstrae erwies, nicht lnger in Adams Toilette zu verharren,
sondern sich im ganzen Glanze ihrer vielfach zerrissenen und von Flecken
berseten Leinenkleidern den Bewohnern des rtchens zu prsentieren.
Eine Stunde spter hielten sie jenseits der schnell umrittenen
Meeresbucht unter dem kuriosen Trmchen ihren Einzug, und am Abend
dieses so schn begonnenen Tages schliefen sie wie die Bren in
Federbetten, die zwar nicht in Deutschlands Gauen, aber doch nach
deutscher Art gestopft waren. In Federbetten! -- seit Hamburg hatten sie
keine mehr gesehen, seit Hamburg sich nicht so behaglich gestreckt, so
zu Hause gefunden wie hier unter diesen lndlich-einfachen Leuten.

Alles deutsch, deutsch. Frh am Morgen gab es Kaffee und eigengebackenes
Brot, Stuten, wie die lchelnde Wirtin sagte; die Kinder muten ihre
Lektionen wiederholen und wanderten zur Schule; der Schmied und der
Bttcher arbeiteten auf der Strae vor den Werksttten; hben und drben
erklangen deutsche Lieder. Die freundlichen Leutchen lieen sich von
ihren Gsten wieder und wieder erzhlen, was sie alles Schnes,
Herrliches in der weiten Welt gesehen, besonders die alte Gromutter
horchte begierig diesen Berichten, aber sie schttelte doch zuletzt den
Kopf und fuhr mit dem Rcken der mageren zitternden Hand ber die
feuchtgewordenen Augen. Zu Hause ist es am besten, sagte sie dann, in
Deutschland ist alles am besten.

Namentlich Franz erfreute sich ihrer Gunst. Setze er sich zu mir,
junger Herr, konnte sie in urwchsigem Plattdeutsch bitten, ich mchte
ihn einmal etwas fragen. Sieht er, mein Sohn, der Bauer hier im Hause
sagte zuweilen, da auf unseres Herrgottes Erde die deutsche Heimat
gerade unter unseren Fen liege und da ich, wenn meine Stricknadel
dazu lang genug wre, hier in den Boden hineinbohren und zu Hause in
Deutschland wieder ans Tageslicht kommen knne. Ist das die Wahrheit?

Und als der junge Mann lchelnd bejahte, da wiegte sie den eisgrauen
Kopf. Dann htte man also gar nicht weiter von Deutschland fortkommen
knnen, als bis hierher, junger Herr?

Zu Lande nicht, Mtterchen.

Die Alte schwieg lange Zeit. Gre er mir das liebe kleine Holstein,
wenn er wieder heimkommt, junger Herr, bat sie endlich. Da hat vor
achtzig Jahren meine Wiege gestanden.

Franz drckte gerhrt die faltige Hand. Ihm und allen anderen wurde es
schwer, von diesem traulichen Asyl, das den mden Wanderern Leib und
Seele neu erfrischt, nach einigen Tagen des behaglichen Ausruhens wieder
zu scheiden. Wie eine Art Heimatsgefhl war es ber aller Herzen
gekommen; wie von lieben Angehrigen nahmen sie Abschied, und mehr als
ein Seufzer flog zum Stdtchen zurck, nachdem die kleine Schar abermals
im Sattel sa und neuen Gefahren, neuen Anstrengungen entgegenging.
Dieser Weg wurde jedoch durch die erhaltene Begleitung mehrerer Bauern,
die Wolle zur Hauptstadt brachten, und durch die mitgenommenen
reichlichen Vorrte bedeutend erleichtert. Vorber an himmelhohen
Gebirgszgen mit prchtigen Gipfeln an zahlreichen anziehenden Punkten
ging es in bequemen Tagereisen und unter dem Schutze ausreichender
Ortskenntnis langsam durch das reizlose Land zum Schiff zurck, wo schon
der Kapitn und Papa Witt angefangen hatten, heimliche Besorgnis zu
hegen.

                   *       *       *       *       *

Als man am ersten Abend behaglich in der Kajtte sa, warf der Kapitn,
der mit Genugthuung einige Herabstimmung bei unseren Freunden gemerkt
hatte, mit schlauem Lcheln die uerung hin: also morgen nach dem
Sdpol?

Eine lngere Pause entstand. Man sah sich gegenseitig an, niemand sagte
ein entschiedenes Ja, von dem sonst so khnen Franz ward sogar ein
Seufzer gehrt.

Da brach Holm das Eis. Kinder, rief er, seien wir ehrlich. Es ist
offenbar, da niemand mehr rechte Lust zu diesem ausschweifenden
Unternehmen hat, nehmen wir uns nicht selbst unntig beim Wort, sondern
gehen wir mutig einen Schritt zurck und dampfen wir durchs Korallenmeer
ruhig nach Samoa. Da ist's wrmer und behaglicher, und wir kommen einige
Monate frher nach Hause.

Frher nach Hause, das ist das Entscheidende! jubelten die Knaben, der
Doktor nickte billigend mit dem Haupte und alle atmeten auf, als sie
sich von dem etwas bereilt gefaten Vorhaben befreit fhlten.

Damit aber die schnen Wrmemittel nicht umkommen, rief Holm, der
herrliche Arrak und die treffliche Zitrone, die uns eure gute Mama fr
den Sdpol geschickt hat, soll uns auch die warme Zone nicht hindern,
einen herzhaften Punsch zu brauen. Ihr wit ja: vier Elemente innig
gesellt ...

Und so geschah es. Das erste Glas galt dem Sdpol, vor dem man glcklich
bewahrt geblieben war.




                         Vierzehntes Kapitel.


Der Dampfer durchschnitt die blauen Fluten des Groen Ozeans. Nach
herrlicher Fahrt durch das Korallenmeer, sdlich um Neukaledonien herum,
nherte man sich, quer die Gazelletiefe durchschneidend, dem nchsten
Ziele, als welches die Tongainseln ausersehen waren. Die altgewohnten
Bilder sdlich-tropischer Prachtflle luden wieder alle Sinne zum Genu.
Hier ragten aus dem Meere die sogenannten Atolls, die schmalen,
unbewohnten, meist bogenfrmigen Koralleninseln, auf denen schlanke
Palmen ihre Kronen wiegten, wo groe, schne Seevgel nisteten und ein
reiches, ppiges Grn das Auge des Beschauers entzckte; dort dehnte
sich das Gestade eines kleinen, waldigen Inselchens, auf dessen Rund die
Forscher nur wenige Pflanzen und Insekten, aber keine menschliche
Wohnung fanden, -- berall glnzte Schnheit und hchste Vollentfaltung
der Natur. Auch das Meer selbst zeigte neue Gestalten. In zahlreicher
Flle umschwamm das Schiff eine Quallenart, wie sie bisher noch nicht
erschienen war, eine Familie von Einzelwesen, die jedoch zusammen ein
geschlossenes Ganzes bildeten, und bei deren Anblick die Reisenden nur
verdro, da auch dies farbenschne Geschpf nicht eingefangen und
mitgenommen werden konnte.

An einer zarten, milchweien Schwimmblase hingen mehr als fnfhundert
kleine, weie Glckchen, die immerfort auf- und zuklappten und dadurch
das sonderbare Wesen ber Wasser erhielten. Sie glichen durchsichtigen
klaren Trpfchen, deren Reiz nur bertroffen wurde durch den des roten
gewellten Stieles, des eigentlichen mit Saugapparaten versehenen
Nhrpolypen, von dessen Rund je eine rosige Kapsel das abwrts geneigte
Trpfchen wie ein Dach berschattete, der fadenartig dnn auslief und
gegen das Ende hin weniger und immer weniger kleine Glckchen trug. Das
Ganze glich einer riesigen, aus den zartesten weien Perlen
zusammengesetzten Traube, es lag in der obersten Wasserschicht wie das
Geschmeide einer Kaiserin, wrdig, im Frstensaale zu prangen, das
Kunstvollste, Reizendste, was auf dem ganzen weiten Gebiet der
schaffenden Natur den Forschern begegnet war -- und doch in Wirklichkeit
nur klebriger Schleim. Holm versuchte nicht, es einzufangen, ebensowenig
die hier im groen Ozean schwimmenden, gleich einem wandernden
Blumenbeet dahinsegelnden Seerosen, deren bunte Farben das Schiff
umgaukelten, whrend sie in allen brigen Meeren nur festsitzend auf dem
Grunde angetroffen waren; er machte noch einige Zge mit der den
Orang-Badju so mhsam abgetrotzten, unterseeischen Laterne; aber die
Hauptaufmerksamkeit galt hier doch den Inseln, nicht dem Meeresgrunde,
dessen Bewohner in seinen Sammlungen, so weit mglich, schon alle
vertreten waren.

An den Tongainseln warf das Schiff zum erstenmale nach langer, schner
Reise wieder seine Anker aus, natrlich nicht in einem Hafen, sondern wo
gerade der berall flache, langgestreckte Strand die Landung gestattete.
Da es nicht ratsam sei, hier unter den Wildesten aller Wilden, wo
selbst noch Menschenfresser gefunden werden, weite Landreisen zu machen,
wuten die jungen Leute, aber zu zwanzig Mann das Ufer betreten,
wohlbewaffnet und wohlversehen mit allerlei Geschenken, das ging doch
an. Sie nahmen alte Kleider, Lebensmittel, ein paar Sbel und Dolche
sowie etwas bunten Kattun; dann wurde das nchste Dorf aufgesucht. Am
Strande fischten langbeinige Reiher und groe kornblumblaue Eisvgel; in
allen Zweigen lebte und wogte es von den schnsten Papageien und
Singvgeln, bunte Schmetterlinge segelten durch die Luft, Bienen flogen
summend umher, und Kfer krochen am Boden; nur Sugetiere sahen die
Reisenden nicht; auch selbst die kleinsten Arten fehlten.

Groe, schne Menschen, hellfarbig mit schwarzen, klugen Augen und
langem, schwarzen, durch Kalk an den Spitzen gelb gefrbten Haar kamen
aus den Gebschen hervor und besahen neugierig wie harmlose Kinder die
fremden weien Menschen. Ihre Htten waren die bekannten Pfahlbauten,
welche Bienenkrben gleich hart neben einander im Kreise standen, und wo
sich nach australischer Weise der Herd in einem Erdloch mitten in der
Wohnung befand; sie zeigten teilweise hbsche, geflochtene Matten,
einige Krbe, Waffen und Schmuckgegenstnde aus Korallen, im ganzen aber
blickte doch die Trgheit und Armut der Bewohner berall durch. Trotz
des gesegneten Klimas und des beraus fruchtbaren Bodens war nirgend
eine Spur von Landwirtschaft aufzufinden; vielmehr lebten die Leutchen
von dem, was der Himmel freiwillig spendete, und wenn ja zuweilen irgend
eine Mhe aufgewendet wurde, so war es die, den Meerwurm einzufangen und
das widerwrtige Gericht auf heien Steinen zu rsten.

Die ganze Insel erschien wie ein einziger, groer, schner Garten, zum
Teil Park mit hohen, alten Bumen, zum Teil flaches Land, auf dem nur
die Tierwelt fehlte, um es zum Paradies zu gestalten. Tauben in den
seltsamsten Farben, wei mit violettem Kopf oder wei mit rosenroter und
grner Brust, bevlkerten die Bananenbume, deren Frchte sie naschten;
Zwergloris, ganz kleine, purpurne und grne Papageien, zerfaserten die
Nsse der Kokospalme, blaue und weie Winden krochen an allen Stmmen
hinauf, die Sandelholzbume boten kostbaren Wohlgeruch, und
Baumwollenstauden erhoben berall die kapselartigen Hupter.

Es war nicht mglich, sich mit den Wilden zu verstndigen, aber dennoch
schienen sie den Begriff des Tauschhandels recht gut zu kennen, so da
fr die Sachen, welche unsere Freunde mitgebracht hatten, ganze Massen
frischer Frchte an Bord kamen. Auch Wasser wurde eingenommen, und
nachdem das Dorf besehen, die hauptschlichsten Vogelarten erlegt und
ein paar Zweige des Sandelholzbaumes mitgenommen waren, luden unsere
Freunde die schnen, zutraulichen Menschen ein, nun ihrerseits das
Schiff zu betrachten. Eine Menge Khne, lauter sogenannte Einbume,
lagen am Strande, und auf ihnen ruderten die Polynesier heran, Mnner
und Frauen, Kinder und Erwachsene, smtlich nackt bis auf den
Grasgrtel; sie untersuchten jedes Stck, schwatzten unter einander ohne
Aufhren und verlangten wie Kinder alles, was ihnen gefiel. Nur vor
Bchern zeigten sie entsetzliche Furcht. Keine berredung kein
Lockmittel konnte sie bewegen, irgend einen Band mit ihren Hnden zu
berhren, ja, wenn die Weien den Deckel zurckschlugen und so das
Gedruckte ans Tageslicht kam, dann flohen sie bis an das
entgegengesetzte Ende des Schiffes und zuweilen sogar ohne weiteres
kpflings ins Wasser. Es machte sich bei ihnen die ganze Natrlichkeit
des wilden Zustandes geltend, dennoch aber muten sie von weien
Eroberern schon gehrt haben, muten wissen, da Bcher fr allerlei
einengende und unbequeme Zwecke ihnen gegenber das Mittel waren, da
sie gefhrliche Zaubereien enthielten und der gefrchteten Rasse als
Waffen dienten.

Erst die hereinbrechende Nacht zwang die Leutchen, in ihren steuerlosen
Khnen, deren jeder einen Zwillingsbruder von ganz gleicher Gestalt, nur
unausgehhlt, wohlbefestigt neben sich fhrte, ans Land zurckzukehren;
das Schiff dagegen blieb liegen, um vor Antritt der Weiterreise an
gesicherter Stelle auch das nchtliche Naturleben dieser Breiten kennen
zu lernen.

Vom nahen Ufer herber rauschten die Baumkronen, helle Tropennacht lag
auf der leise rollenden See, und hier und da regten sich die Geschpfe
des Strandes oder der Tiefe. Schildkrten watschelten schwerfllig auf
dem Kies, groe fischende Reiher und Mwen strichen hart ber der
Oberflche des Wassers dahin, und durch die Luft huschten graue,
hliche Vampire, sogar das Schiff streifend, lautlos mit faltigen,
niedrigen Flgeln und scharfen Krallen. Unzhlige kleine Quallen, die
Noktiluken und Salpen verbreiteten, in gewundenen Zgen schwimmend, das
schne demantartige Meerleuchten, Fische tauchten auf, und flatternde
Nachtvgel jagten einander in den Zweigen. Als die Morgenrte am Himmel
emporstieg, hatte sich das ganze Meer mit kleinen, dnnen Wrmern wie
mit einer erdgrauen Schicht vllig bedeckt; vom Lande stieen eine Menge
Boote, in denen die Eingebornen mit groen Krben saen und geschickt in
einer Art Netz die unappetitliche Speise einfingen. Das Wort Palolo
ging von Mund zu Mund, und sobald ein Korb gefllt war, trugen ihn die
Frauen in das Dorf, um den Inhalt auf heien Steinen zu rsten.

Dieser Palolofang schien ein besonderes Fest; wahrscheinlich zeigte sich
der Wurm nur selten, weshalb auch die Frauen ihr Haar mit Palml,
Sandelholz und Blumen geschmckt hatten, whrend die Kinder durch Tanzen
und Jubeln ihre Freude zu erkennen gaben. Einige der schnen,
hellfarbigen Gestalten kamen auch an Deck, um die schreckliche Speise
anzubieten, und wurden reich beschenkt mit bestem Dank wieder entlassen,
indes Hhner und Affen den Wurm eilfertig verzehrten, die Menschen
dagegen schaudernd den sonderbar fettig und brenzlich duftenden Pudding
von sich wiesen.

Das Schiff lichtete seine Anker und steuerte den Fidschiinseln zu. Von
diesen sollte es, da fast alle verschiedenen Gruppen einander im
hauptschlichsten gleichen, nur noch dem eigentlichen Ziele, den
Samoainseln, einen Besuch abstatten und dann die Heimreise antreten.
Von den drei greren Unterscheidungsformen der ozeanischen
Vlkerschaften, den Melanesiern, Polynesiern und Mikronesiern, sind nur
die Polynesier fr uns noch neu, hatte Holm gesagt, die beiden andern
dagegen nhern sich der schwarzen genugsam bekannten Rasse, sind --
namentlich in Neuirland, Neuhannover und den Neuhebriden -- falsch und
diebisch, wogegen die Mikronesier ganz in der Unkultur und Armut der
Negervlker dahinleben; wir wollen deshalb ihren Inseln keine weitere
Aufmerksamkeit zuwenden, sondern, lieber den berchtigten Fidschianern
unsere Visite machen: in Samoa ist dann der Aufenthalt ein lngerer und
eingehenderer.

Damit waren die brigen einverstanden, und so dampfte das Schiff durch
die heie, inselreiche See dahin, oft an einzelnen Klippen, oft an
blhenden Ufern vorber, so recht in dem vulkanischsten, den meisten und
bedeutendsten Erdbeben ausgesetzten Teile unserer Erde, immer zwischen
Korallenfelsen, zwischen den Huptern rauchender Krater und ganzer Zge
erloschener, ehemals feuerspeiender Berge, aus deren brodelndem Inneren
sich dereinst vor Jahrhunderten die heute so blhende Insel
herausgehoben hatte. Fast alle waren sie von Korallenriffen umgeben,
fast alle von einer Menge kleinerer Inselchen und vorspringender Klippen
wie von einem grnen Grtel eingeschlossen; zuweilen glitt das Schiff
langsam am Ufer dahin, so nahe, da die nackten Gestalten der Bewohner
deutlich erschienen, oder da weie, nach europischem Muster
aufgeputzte Gebude durch das Grn der Bume hervorschimmerten, jedesmal
ein Anblick, den die gesamte Mannschaft durch lautes Hurra begrte.

Morgen laufen wir in Viti-Levu ein, sagte nach dreiwchentlicher Reise
der Kapitn. Ich hoffe es wenigstens! --

Holm sah ihn an. Wenn es nicht heute noch einen Orkan gibt, gelt?
fragte er. Himmel und Wasser haben eine eigentmliche Beleuchtung, --
mich deucht, das Meer ist unruhig, obgleich man doch keinen Wind
versprt.

Der Kapitn antwortete ausweichend. Eine der Fidschiinseln, eine kleine,
namenlose, mit hohem, rauchendem Vulkan lag zur Rechten des Schiffes und
vor ihr mehrere grne mit Palmen bestandene Erdfleckchen, mehrere
vulkanische, wildzerrissene Klippen -- auf diese richtete er sein
Augenmerk. Pltzlich deutete er zu dem Krater der Hauptinsel hinber.
Da haben wir es, ich dachte mir's bereits!

Ein rollender, knatternder Ton erfllte die Luft, eine hohe Feuersule
schlug gen Himmel, und Strme gelber, glhender Lava flossen nach allen
Richtungen am Berg hinunter in die Tiefe. Groe Steine wurden hoch
emporgeworfen und fielen donnernd wieder hinab in den entsetzlichen
Schlund, die ganze Umgebung war in Rauch und Asche gehllt. Auf dem
Schiff standen smtliche Reisende und betrachteten das herrliche
Schauspiel, dem sich jetzt vom Himmel herab ein Gewitter mit blendenden,
zuckenden Blitzen zugesellte. Da pltzlich begann die Unruhe, welche das
Wasser schon seit Stunden beherrscht, in frmliches Toben berzugehen.
Wie im strksten Sturm hoben sich unter vollkommenster Windstille die
Wellen; auf der Oberflche erschienen Blasen; das Schiff wurde wie von
unsichtbaren Hnden geschttelt, so da jeder der Mnner, um nicht zu
fallen, nach irgend einem festen Gegenstand griff, und dann, als das
Murren und Grollen, das Zischen und Donnern seinen Hhepunkt erreicht,
dann geschah etwas, dessen Anblick den Weien wie ein Zauberkunststck
vorkam, das ja unmglich Wahrheit sein konnte.

Die kleinen Inselchen mit ihren Palmen und Bananen, die Klippen von
sonderbarer phantastischer, fast einem Riesenvogel gleichender Form --
sie alle schienen zu schwanken, sich zu neigen, die vorderste Klippe
drehte sich sogar um ihre eigene Axe -- unmglich, unmglich, das konnte
nicht sein, das war ein Blendwerk. -- --

Aber da rauschte es auf, hundertfltiger Donner zerri den Scho des
Meeres, mitten aus der Klippe fuhr ein Flammenstrahl, betubend brllten
die Wogen, ganze Berge trmend, ungeheure Wassermassen, die das Schiff
wie einen Kreisel drehten, die spritzend, kochendhei, von Dampf und
Funken umflogen, bis ber die Schornsteine hinauf ihren Tropfenregen
entsandten und berall, wohin sie trafen, die Haut der Mnner
empfindlich verbrannten. Ein Schrei brach von den Lippen der
Beherztesten, mehrere waren von dem Sto zu Boden geworfen worden, alle
lhmte Schreck und Verwirrung. Als aber einige Besinnung zurckgekehrt,
und sie wieder hinaus sahen auf den Ort der gespenstigen Katastrophe, da
war von den schwankenden Inselchen, von der brennenden, in helle Gluten
getauchten Klippe nichts mehr zu entdecken; die Tiefe hatte sie fr
immer verschlungen; nur groe Stcke Schlacken und eine Unmasse grauer
und gelber Asche trieben auf den stiller werdenden Wellen, daneben aber
auch tote, buchstblich gekochte Fische, Wrmer, Schnecken und Muscheln
in groer Anzahl. Binnen wenigen Augenblicken war die ganze Oberflche
des Meeres davon bedeckt; Krebse im schnsten Todesrot, alle Arten
ebarer Flossentrger, Tintenfische, selbst ein Hai, dazu kleine
Schildkrten und Muscheln, so trieb es, emporgeworfen von den
unterirdischen, den Boden des Ozeans aufwhlenden Gluten, leblos neben
einander, whrend drben die Ausbrche des Vulkans fortdauerten und aus
den Wolken Blitz auf Blitz herabzuckte.

Ein wahrer Wolkenbruch endete nach einer halben Stunde das furchtbare
Naturschauspiel, dem die Reisenden mit ebensoviel Anteil als Grauen
beigewohnt hatten und das von seiten der wilden Bewohner jener greren
Insel noch einen hchst unerwarteten Schluakt erhielt. Die Doppelkhne
setzten sich in Bewegung, die braunen, schngeschnitzten Ruder aus
Eisenholz wurden eingelegt und groe Weidenkrbe mit den toten Fischen
angefllt. Ohne von den Weien Notiz zu nehmen, ohne sich Zeit zum
Auflesen zu gnnen, fielen die Eingebornen sogleich ber ihren Fang her
und vertilgten die unheimliche Speise mit Haut und Gedrmen da, wo sie
dieselbe aufgriffen. Ohne Zweifel litt also die Insel, wie dies gerade
in der heien Zone so oft vorkommt, an Hungersnot; die Trgheit ihrer
Bewohner lie keine Feldarbeit aufkommen; da wo die Ernte eine zehnfache
sein konnte, wurde kein Acker gebaut, kein Fruchtgarten gehalten; -- die
Menschen fielen wie Hynen ber tote, ekle Krper her, um nur den
nagendsten Hunger zu stillen.

Ein paar Scke Mehl wurden verteilt; dann nahm der Dampfer seinen Weg
wieder auf. Das Gewitter hatte nachgelassen; eine angenehme Khle folgte
der furchtbaren Hitze, die See ging ruhig wie zuvor. Frh am folgenden
Morgen, als die ganze Gesellschaft, noch das erstaunliche Erlebnis des
letzten Tages besprechend, ergnzend und berichtigend beim Frhstck auf
dem Verdeck sa, etwa gegen neun Uhr, meldete der Mann am Steuer einen
dunkeln Punkt in Sicht. Ein Schiff ist's nicht, setzte er hinzu, es
fehlen Masten und Takelage.

Auch der Kapitn sah hin. Sonderbar, das kann nur ein Wrack sein, denn
fr ein Boot ist es viel zu gro.

Aber wir haben ja gar kein Unwetter, keinen Sturm gehabt! -- hm,
Steuermann, das mssen wir aus der Nhe besehen.

Der Alte nickte, die ntigen Befehle wurden gegeben und allmhlich
schwand der Raum zwischen dem Dampfer und dem treibenden, offenbar
herrenlosen Rumpf, dessen Weg die ganze Gesellschaft mit lebhaftem
Interesse verfolgte. Als fr einen Anruf durch das Sprachrohr die ntige
Nhe erreicht worden war, fragte Papa Witt mit lautem Ton nach dem Woher
und Wohin; er wiederholte sogar mehrere Male den Zuruf, aber keine
Antwort klang von der Sttte der Verwstung zurck, -- auf dem Wrack
konnte sich keine lebende Seele mehr befinden.

Jetzt befahl der Kapitn, den Rumpf des unbekannten Schiffes zu entern
und ihn behufs Feststellung seiner Verhltnisse einstweilen ins
Schlepptau zu nehmen; das geschah auch, die Matrosen zogen mittels
langer Haken das Wrack heran, und mehrere von ihnen sprangen an Bord
desselben, um den Thatbestand zu untersuchen. Das Schiff, die deutsche
Bark Eintracht, war offenbar whrend des gestrigen Gewitters vom Blitz
getroffen worden und bis auf das Deck niedergebrannt. Hier mochten die
strzenden Regenfluten dem Verderben Einhalt geboten haben, jedenfalls
aber lebte auf den traurigen berresten des stolzen Baues kein Mensch
mehr; die Mannschaft war entweder verbrannt oder ertrunken, vielleicht
auch dem rgsten entronnen, indem sie rechtzeitig die Flucht ergriff;
darber lie sich nichts entscheiden. Wo keine Masten, keine Takelage zu
entdecken war, da konnte auch kein Boot sein, -- mglicherweise trieb es
voll hoffnungsloser, verzweifelnder Mnner auf offenem Meer,
mglicherweise war es verbrannt und die Besatzung mit ihm.

Nachdem die verkohlten Luken geffnet und die Ladung als Ballast erkannt
war, lste man jede Verbindung mit dem Dampfer. Mochte das Wrack,
berall angebrannt und total ruiniert, vor Wind und Wellen treiben, bis
es irgendwo von den Eingebornen aufgefangen wurde, -- da unsere Freunde
nie in bekannten Hfen, sondern mglichst immer an irgend einer einsamen
Stelle landeten, so konnten sie es nicht mitnehmen; namentlich jetzt
nicht, wo sie an der Kste von Viti-Levu fr sich selbst eine stille,
versteckte Bucht erst suchen muten.

Hier wohnten die Menschenfresser, es war grte Vorsicht geboten.

Noch vor Abend kam die Insel in Sicht, und am andern Morgen hatte sich
auch schon eine Mglichkeit des Anlaufens gefunden. Obwohl das
Korallenriff ganz Viti-Levu umgab, so zeigte sich doch hier oder dort
eine brandungsfreie Bucht, und in die erste derselben lief der Dampfer
ein. Mangroven und dichtes Gebsch verhinderten den Blick tiefer
einzudringen, dennoch aber entdeckten unsere Freunde schon sehr bald
etwas ganz Unerwartetes, nmlich ein groes, wohlerhaltenes, keinesfalls
aus den Hnden der Fidschianer hervorgegangenes Boot, das mittels einer
starken Kette am Ufer befestigt lag und auer einigen leeren
Trinkgefen weiter nichts als die Ruder enthielt. Sobald die Reisenden
ihr eigenes Boot ausgesetzt hatten und dem fremden nher kamen,
erkannten sie am Steuer den Namen Eintracht.

Kapitn und Mannschaft sahen einander an. Schiffbrchige deutsche
Matrosen hatten sich vor der Verheerung durch die Flammen ohne alle
Lebensmittel in das Boot gerettet und waren dann vom Hunger getrieben
hier an Land gegangen, um womglich irgend etwas Geniebares
aufzufinden; -- durfte man die Landsleute schutzlos den Hnden der
Kannibalen berlassen?

Franz beantwortete die stumme Frage. Auf, Herr Kapitn, auf! ich bin
berzeugt, Sie wollen die ganze Insel durchsuchen, bis diese armen Kerle
gefunden sind!

Der Doktor klopfte ihn auf die Schulter. Mein warmherziger Junge,
sagte er freundlich, wenn keiner mit dir ginge, so thte ich es. Eine
Schande fr jeden Mann, der seinen Nchsten feige im Stich lt!

Hans und der Malagasche erklrten sich ebenfalls einverstanden,
smtliche jungen Leute suchten schon nach ihren Waffen, nur Holm und der
Kapitn zgerten noch. Das kann eine blutige Geschichte werden, meinte
bedenklich der letztere, diese Wilden sind erwiesenermaen Kannibalen.

Vielleicht kommen wir auch bereits zu spt, um die Unglcklichen noch
zu retten. Es ist bekannt, da die Fidschianer alle Schiffbrchigen
verzehren! Wenn auch in den von Weien bewohnten Kstenstdten, wo das
Christentum Boden besitzt, dergleichen vielleicht seit Jahrzehnten nicht
mehr geschieht, so ist es doch hier in der vollkommensten Wildnis damit
noch ganz wie frher. Die Matrosen von der Eintracht knnen lngst bei
einer Kolanfeier verspeist sein.

Der Doktor schttelte den Kopf. Vielleicht aber leben sie noch und
bitten den Himmel, ihnen in hchster Not einen Erretter zu schicken,
versetzte er. Es ist nicht von ohngefhr, da wir dem Wrack, und spter
hier dem Boote begegnen muten; das behaupte ich, -- und nun lassen Sie
uns eilen.

Der Kapitn legte ihm beide Hnde auf die Schultern. Wollen Sie zu
Hause in Hamburg die ganze Verantwortung bernehmen, Herr Doktor? Wollen
Sie es bei dem Vater vertreten, wenn einem seiner Shne ein Unglck
geschhe?

Da wir nicht im Mutwillen, sondern den heiligen Geboten der
Menschenliebe folgend handeln, ja, Herr Kapitn! Vor dem Vater und vor
Gott will ich vertreten, da auf mein Zureden die Expedition unternommen
wurde.

Der Kapitn nickte. ^Well^, dann lat uns gehen, entschied er. Aber
diesmal soll kein einziger fehlen, nur der Maschinenmeister mit zweien
seiner Leute mag als unerlliche Bedeckung an Bord bleiben. Heda,
Jungens, wollt ihr die Kameraden von der Eintracht aus den Klauen der
Wilden retten helfen? Das hier ist ihr Boot und hchst wahrscheinlich
sind sie selbst Gefangene. Ich zwinge keinen; wer nicht mitgehen will,
der kann zurckbleiben!

Ein allgemeines Hurra war die Antwort. Fnfundzwanzig Mnner, vom Kopf
bis zu den Fen bewaffnet, schlossen sich der Expedition an, es
bildeten sich unter Fhrung des Kapitns, des Steuermanns und derjenigen
Holms drei Zge, die zunchst vom Boot aus die Spuren ihrer
unglcklichen Landsleute aufsuchten, um die Richtung, in welcher sie
vordringen wollten, ganz genau festzustellen. Das war freilich keine
leichte Aufgabe! Ohne Beistand des Malagaschen wre sie wahrscheinlich
berhaupt nicht gelst worden. Blumen und Bltter bedeckten das Ufer so
dicht, die Pflanzenwelt zeigte so ppige Entfaltung, da schon Stunden
gengen muten, um in dieser heien Luft an Stelle des geknickten Halms,
der zertretenen Blume eine neue Knospe, neues Grn entstehen zu lassen.
Der Malagasche kroch auf Hnden und Fen im Kreise um das Boot herum,
bis er die Spur gefunden hatte. Hier sind die Weien gegangen,
behauptete er, ich sehe die Abdrcke ihrer Schuhngel in den Yams- und
Torablttern; sie haben von diesem Baum Frchte gepflckt und dort eine
Kokosnu zerschlagen. Ach, an den Dornen hngt Blut! Es ist sicher, da
Menschenhnde hineingriffen!

Der junge Hova war in diesem Augenblick ganz Wilder auf dem Kriegspfad.
Er ging voran durch die wundervolle, mit verschwenderischer Pracht
ausgestattete Schpfung und fand an hundert kleinen, dem Auge des Weien
unerkennbaren Spuren den Weg, welchen die jedenfalls vergeblich nach
Wasser suchenden Matrosen genommen haben muten; immer tiefer hinein in
das Walddunkel marschierte die kleine Schar, deren jeder eine
Kugelbchse, zwei Pistolen und einen tchtigen Sbel bei sich fhrte.
Alle Arten schner Vgel, besonders der prchtige Tropikvogel und die
groen Papageien, saen in den Zweigen; Brotfruchtbume, Bananen auf
hohen korbartigen Luftwurzeln, Kokospalmen, Citrusarten und Orangen
wiegten im lauen Sommerwind ihre Laubkronen und vereinigten dieselben zu
einem frmlichen, alle Sonnenstrahlen abschneidenden Bltterdach, unter
denen ein so schwles Halbdunkel herrschte, da viele Blumen in _grauer_
Farbe erblht waren, und alle lebhafteren Farben fehlten.

Sie suchen Wasser, beharrte der Malagasche. Sie sind frh morgens
hier gegangen und haben aus Durst die Bltter des Yaquota durch den Mund
gezogen, -- auch Orangen haben sie gepflckt.

Er zeigte einzelne Kerne, kleine Stckchen Schale und hob dann pltzlich
ein kaum fingerlanges Pflnzchen aus dem Boden hervor. Wasser,
flsterte er, es ist Wasser in der Nhe. Diese Blume lebt nur an
feuchten Stellen.

Holm hatte den grnen Stengel ergriffen. Ein Vergimeinnicht, sagte er
lchelnd, ein deutsches Vergimeinnicht! -- Aber du hast recht, Junge;
dergleichen liebt feuchte Grben oder mehr noch seichtes, flieendes
Wasser. Vorsichtig also, um Gotteswillen vorsichtig, die Wilden knnen
ganz in der Nhe ihr Dorf haben.

Der Malagasche schlich lautlos voran. Den Hut und den Rock hatte er,
sonst an diese Bekleidungsstcke zivilisierter Menschen lngst gewhnt,
schon abgeworfen; jetzt folgten auch die Stiefel, und nur mit Hemd und
Leinenhose angethan, drngte sich der Sohn des wilden Stammes wie ein
schlankes Reh durch die niederen Bsche, den einzelnen kleinen
Vergimeinnichtstauden folgend, bis an ein Bchlein, das ber den
Waldboden dahinrieselte und an seinen Ufern ganze Felder der blauen
Blume umsplte. Hier traten erkennbare Fuspuren zu Tage. Die verirrten
Matrosen hatten knieend getrunken und dann so gut, als es anging,
gebadet; ihr weiterer Weg fhrte am Flu hinauf, woselbst denn auch nach
kurzer Wanderung der Malagasche die ersten Anzeichen menschlicher Nhe
entdeckte. Ein Wink befahl den brigen, zurckzubleiben; Rua-Roa tauchte
geruschlos wie eine Schlange in das Dickicht und kam nach wenigen
Minuten bla vor Erregung zurck. Die Fidschianer sind da, raunte er,
und die Weien auch, sechzehn Mnner im ganzen. Ich glaube, wir knnen
siegen! -- kommt hier herum, -- aber leise, leise!

[Illustration: Befreiung der Gefangenen aus den Hnden der Fidschianer.

Die Kugelbchsen schugerecht in den Hnden, die Sbel gelockert und
die Herzen schlagend vor Erwartung, so folgten die Weien dem jungen
Hova.]

Die Kugelbchsen schugerecht in den Hnden, die Sbel gelockert und die
Herzen schlagend vor Erwartung, vor begreiflicher Unruhe, so folgten die
Weien dem jungen Hova. Bald sahen alle in geringer Entfernung das Dorf
der Fidschianer und diese selbst; den Hintergrund bildeten hbsche
Pfahlbauten, deren Thrffnungen bunte, geschmckte Decken zeigten, und
ber denen auf miger Anhhe der Ortstempel sich erhob. Dies letztere
Gebude diente den Huptlingen als Schlafgemach und umschlo eine Art
von Altar, vor welchem die Priester den Kolan (Gttern) die blichen
Menschenopfer darbrachten; auerdem aber schienen rings um dasselbe
herum in Friedenszeiten die Wurfwaffen der Insulaner als eine Art
knstlich geordneter Schmuck verwahrt, whrend auf dem spitzen Dache
eine ungeheure Anzahl von Schdeln zur Pyramide getrmt war.

Die Fidschianer trugen weie, selbstgewebte Stoffe aus den Fasern einer
Binsengattung; diese Kleider hatten aber keinerlei Schnitt und wurden
weder angezogen noch geschlossen; vielmehr erschienen Mnner und Frauen
vom Kopf bis zu den Knieen _hineingewickelt_, so zwar, da das letzte
Ende des Zeuges je nach dem Range der verschiedenen Personen von einem
bis zu dreiig Fu nachschleppte. Ihre Farbe war schwarzbraun, ihr Haar
lang und lockig, die Brte besonders voll entwickelt und ihre Hhe
staunenswert. Manche hatten geradezu riesenhafte Gre.

Alle diese Wilden lagen im Halbkreise um ein Feuer, das soeben zu
glimmen begann, und das die Priester schrten. Vor ihnen hockten am
Boden um eine groe, aus einem Holzblock knstlich geschnitzte Schale
eine Anzahl junger Mdchen, die smtlich beschftigt waren, den Kriegern
das Material zu ihrer Bowle zu liefern und zwar auf eine ebenso
abscheuliche als nur diesen barbarischen Vlkerschaften eigentmliche
Art. Sie kauten nmlich die Wurzeln einer Pfefferpflanze zwischen ihren
Zhnen zu Brei und spuckten diesen letzteren in die groe Schale, von wo
er mit Wasser vermischt an das Feuer kommt und abgeklrt den Kawa, ein
sehr berauschendes Getrnk, gibt.

Hinter den jungen Fidschianerinnen, also in der Nhe der versteckten
Weien, lagen auf dem Gras, an Hnden und Fen gebunden, die gefangenen
Matrosen am Rande des Gebsches. Es schien ganz leicht, sich diesen
Mnnern bis auf Schrittweite zu nhern, schwerer aber war es, ihnen ein
Zeichen zu geben, das nicht auch zugleich die Aufmerksamkeit der Wilden
erregte, -- unsere Freunde berieten leise, was zu thun sei.

Jedenfalls soll erst das Getrnk fertig und der Holzsto zu Kohlen
verbrannt sein, flsterte Holm.

Wir knnen also den gnstigen Augenblick erwarten.

Aber wer schleicht sich hin? Ich kann es nicht thun, da sie mich fr
einen Wilden halten und mir nie trauen wrden.

Ich gehe, Rua, flsterte Franz. La mich nur machen. Der Gefangene am
uersten Ende der Reihe scheint mir ein Schiffsoffizier zu sein,
vielleicht der Kapitn selbst, -- ihm gebe ich mein Messer in die Hand.

Der Malagasche nickte. Ich schleiche um das ganze Dorf herum, bis
hinter den Tempel und schiee von dorther mitten in die
Rubergesellschaft hinein, setzte er leise hinzu. Die allgemeine
Aufmerksamkeit kehrt sich also jener Seite zu, -- unterdessen knnen die
Matrosen ihre Fesseln durchschneiden und ihr kommt auf der ganzen Linie
mit Erfolg heran.

Franz reichte ihm die Hand. Rua, wie willst du dich den Verfolgern
entziehen? fragte er gepret.

Ich? -- Die Hovas sind groe Krieger, sie lassen sich von keinem Feind
besiegen.

Der junge Halbwilde lchelte stolz und nahm seine Kugelbchse in die
Hand. Wenn drben ein Papagei in Abstzen dreimal schreit, dann schiee
ich, fgte er bei. Aufgepat, mein Bruder, dein Freund wird seine
Sache gut machen!

Er hatte auch das Hemd und die brigen Waffen von sich geworfen; die
Bchse trug er wie einen Stock. Je mehr seine Fhigkeiten, sein Knnen
zur Geltung gelangen sollten, desto deutlicher trat die ursprngliche
Natur in ihre Rechte zurck. Rua-Roa schttelte das Haar in den Nacken,
seine schwarzen Augen glnzten, er verschwand wie ein Schatten den
Blicken der brigen; binnen Sekunden hatten die Gebsche den braunen,
schlanken Krper verschlungen.

Holm lachte. Der Wilde steckt ihm doch noch tief im Blut, raunte er.
Ich wette, unser Freund verlebt, nachdem er mit Rock und Stiefeln die
aufgedrngte Kultur abgeworfen, einen wahrhaft beglckenden Tag.

Auch die brigen lchelten, indes sie geruschlos ihre Schlachtlinie
ordneten. Franz hatte sich so aufgestellt, da er, ohne selbst gesehen
zu werden, den Anfhrer der Gefangenen fixieren konnte. Sein Blick
haftete auf der Stirn des bleichen, dster dreinschauenden Mannes, bis
sich dieser, magnetisch gezogen vielleicht, halb umdrehte und in solcher
Weise pltzlich dicht vor sich den jungen Europer gewahrte. Eben so
schnell aber hatte auch Franz den Finger auf die Lippen gelegt, eben so
schnell hatte der Gefangene begriffen, da ein einziger Laut gengen
werde, um alles zu verderben. Er regte kein Glied, sondern sah mit dem
gewohnten Ausdruck abweisenden Ernstes vor sich hin, dabei aber immer
den unerwartet erschienenen Fremdling im Auge behaltend und jede seiner
Bewegungen beobachtend.

Die Fidschianer lagen ahnungslos rauchend um das Feuer herum. Sie
konnten sich ja nicht trumen lassen, da in ihren nie von Weien
betretenen Wldern der Feind nur das Signal zum Kampfe erwartete, da
die nchsten Minuten ein furchtbares Blutbad bringen sollten. Gerade
diese vollstndige Ruhe sicherte den Weien den Sieg.

Franz hatte sein Messer aus der Tasche gezogen und es dem Gefangenen
gezeigt. Jetzt bckte er sich, um es durch das Moos den gefesselten
Hnden nher zu bringen. Ein Stckchen schob nach, eine schlauberechnete
Wendung des Krpers deckte das Unternehmen, und der Schnitt durch die
scharfgedrehten Binsenstricke war glcklich vollbracht. Franz sah an der
Reihe seiner Genossen hinab, sie lagen alle im Anschlag, -- atemlos vor
Aufregung horchte er den verabredeten Zeichen.

Da trat einer der mit Turban und vielfachen Zieraten geschmckten
Priester aus der Mitte der brigen hervor und nherte sich den
Gefangenen, deren einen er ohne Umstnde an den Haaren ergriff und
gebunden, wie der Unglckliche war, nach sich schleifte. Franz fhlte,
wie ihm das Blut in allen Adern kochte; nur mit uerster Anstrengung
bezwang er sich, nicht sogleich den kecken belthter zu Boden zu
strecken, doppelt angestrengt aber lauschte er dem Signal, das Rua-Roa
zu geben versprochen hatte. So viele Papageien krchzten von den Bumen
herab, -- wie wrde es mglich sein, gerade den einen erknstelten
Schrei aus der Menge natrlicher herauszuhren?

Die Priester hatten mittlerweile ihr Opfer seiner smtlichen Kleider
beraubt und schritten nun zur Vollstreckung eines Greuels, wie es nicht
grausamer und frchterlicher gedacht werden kann, wie es aber im Innern
der Fidschiinseln dennoch bis auf den heutigen Tag, nicht allein
Schiffbrchigen und Kriegsgefangenen, sondern auch den eigenen
Stammesgenossen gegenber Sitte ist. Jeder Huptling bekommt als
Mahlzeit einen in sitzender Stellung gebratenen Menschen; der Gottheit
aber wird vorher ein Gefangener geopfert, dem man Arme und Beine vom
lebendigen Krper geschnitten, und den man gezwungen, Stcke seines
eigenen Fleisches zu verschlucken. Hierfr war der aus der Reihe der
brigen hervorgesuchte Matrose, ein blutjunger Mensch, ausersehen, und
die Priester holten steinerne Messer sowohl als eine irdene Pfanne
herbei, um die entsetzliche Verstmmelung auszufhren, whrend sich der
unglckliche junge Mensch aus Leibeskrften gegen die Fuste seiner
Angreifer strubte und nicht unterlie, sie mit den ehrenrhrigsten
Titeln zu berhufen.

Franz sah von einem zum andern. Schon schwebte das Messer des Zauberers
ber dem rechten Arm des jungen Matrosen, schon schrie dieser vor
Entsetzen laut auf, -- was sollte er thun, um das Frchterliche
abzuwenden?

Da erklang der Ruf des Malagaschen. Franz hrt sofort den bezeichnenden,
warnenden Klang, ein- -- zwei- -- dreimal, und zugleich mit dem letzten
fiel der verabredete Schu. In den Kopf getroffen strzte der Priester,
dessen Mordwaffe schon gehoben gewesen, um ein abscheuliches Verbrechen
zu begehen.

Tiefe Totenstille folgte dem Schrei des Getroffenen, der ersten Bewegung
jhen Erschreckens, das alle Wilden ergriffen hatte. Was war das? Woher
kam es?

Aber nur Sekunden whrte die allgemeine Erstarrung, dann wandten sich
einige Huptlinge, die Feuerwaffe erkennend, mit furchtbarem Wutgeschrei
jener Richtung zu, aus der Rua-Roa geschossen. Sie zogen die brigen
nach sich, der ganze Haufe strzte gegen die Htten vorwrts, auch die
jungen Mdchen flchteten schreiend, kurz, es war eine Szene
furchtbarster Aufregung und des wildesten Durcheinanders.

Jetzt mute gehandelt werden, die Weien sahen es alle. Ohne Kommando
fielen auf der ganzen Linie die Bchsenschsse, whrend zugleich drinnen
der befreite Kapitn im Fluge die Fesseln seiner Leute durchschnitt und
so die Zahl der Kmpfenden um sechzehn Mnner vergrerte. Auch der zum
Kolanfest bestimmt Gewesene wurde mit Kleidern und Waffen versehen; die
nach allen Seiten flchtenden, ratlosen, unbewaffneten Wilden erhielten
noch eine zweite Salve, die gleich der ersten nur in ihre Beine traf,
ohne sie zu tten; dann aber benutzten unsere Freunde den Augenblick
panischen Schreckens, um so schnell als mglich zu fliehen. Ein
Papageienruf klang ihnen vom Dorf her nach, laut und spttisch, nah und
nher, bis endlich der Malagasche aus dem Gebsch hervorbrach mit
blutenden Armen und Schultern, aber mit triumphierenden Blicken, ber
dem Kopf eine Anzahl Wurfspiee schwenkend, die er vom Tempel
herabgerissen, ganz Wilder, ganz der Sohn des Urwaldes. Ich habe den
Tempel in Brand gesteckt, rief er, und das Gewehr liegen lassen, um
die Aufmerksamkeit der Menschenfresser einstweilen abzulenken. Hier
hinunter, hier, -- in fnf Minuten knnen wir das Riff erreichen,
whrend uns jene auf der anderen Seite suchen.

Er strmte voran und die brigen drngten nach, nicht ohne von einzelnen
Fidschianern verfolgt zu werden, die aber durch ein paar Kugeln sehr
bald allen Mut zu weiteren Feindseligkeiten verloren und hinkend und
blutend zum Dorfe zurckkehrten. Es konnte indessen nicht zweifelhaft
sein, da sogleich, nachdem die erste Verwirrung besiegt, auch der ganze
Stamm den Flchtigen nachsetzen wrde; die grte Eile war daher
geboten.

Wir sind nicht weit vom Ufer entfernt, rief der Malagasche. Ich stieg
auf einen Baum und sah dabei ziemlich nahe die See durch das Gebsch
schimmern. Rasch, rasch, dann erreichen wir das Korallenriff, ehe uns
die Kerle mit ihren langen Schleppen einzuholen vermgen.

Die ganze Schar folgte der angedeuteten Richtung; schon nach kaum
hundert Schritten blitzte im Sonnengold hinter dem Riff der Ozean auf;
eine weite freie Bucht dehnte sich bis tief in das Land hinein, an
Pflcken und Baumstmmen lagen hoch heraufgezogen die schnen, schlanken
Doppelkhne der Fidschianer.

Hurra! rief Franz, Hurra, die Ausbeute ist grer, die That
ruhmvoller, als man denken sollte! -- Wir nehmen die Boote der Wilden
und drehen ihnen vom Wasser her eine Nase.

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall; ber Hals und Kopf wurden die
Taue gekappt, jeder Mann bestieg eins der schlanken Fahrzeuge, und die
briggebliebenen nahm man, um das Nachsetzen erfolgreich zu verhindern,
ins Schlepptau. Es war aber auch die hchste Zeit. Kaum trieb die
seltsame Flotte in der Entfernung von etwa fnfzig Schritten auf hoher
See, als aus dem Walde die ganze Masse der Kannibalen hervorbrach und
mit einem Gebrll, das nichts Menschliches hatte, ihre Opfer sich
entgangen sah. Zugleich sollten auch die Khne verloren sein; das raubte
den Fidschianern alle berlegung, einige strzten sich blindlings,
heulend vor Wut, ins Meer, um die Flchtigen zu verfolgen, andere
tanzten buchstblich wie die Verrckten am Ufer auf und ab; alle aber
schrieen, da es klang, als sei eine Herde von Teufeln losgelassen.

Der alte Steuermann bemhte sich voll Ingrimm, mittels des Ruders den
Doppelkahn zu lenken; der nebenher schwimmende Klotz rgerte ihn ber
alle Maen, und als jetzt einer der Fidschianer seinem Fahrzeug ziemlich
nahe kam, da legte er erbost die Kugelbchse auf ihn an. Warte, du
Satan, mit dem Schrecken sollst du davon kommen; aber fr deine Art,
Khne zu zimmern, will ich dir doch einen Denkzettel geben.

Er zielte und scho den Turban vom Kopf des Wilden, der vor Schreck
tauchte und erst nach einer Minute in ziemlicher Entfernung wieder zum
Vorschein kam. Die Weien begrten mit lautem Hurra den allgemeinen
Rckzug des farbigen Rachekorps um so mehr, als jetzt auch der Dampfer
in Sicht kam und zum Zeichen des Erkennens einen langhallenden
Kanonenschu ber das Meer dahinsandte. Die Antwort wurde mittels
hochgeschwungener Taschentcher und Hte gegeben, nur Rua-Roa konnte
nichts dergleichen schwenken, weil er bei seiner Pfadfinderexpedition
alles von sich geworfen hatte und ganz als Wilder den Doppelkahn
regierte. Die Matrosen fischten indessen glcklich den Turban des
Fidschianers und berreichten ihm diesen, der nun trpfelnd vom Kopf bis
zur Kniebeuge herabhing; es war eine Szene ausgelassener, nach dem
berstandenen Schrecken um desto lebhafter hervortretender Heiterkeit,
die gerade durch den ohnmchtigen Zorn der Eingebornen ihre hchste
Wrze erhielt. Whrend diese in groen Sprngen am Ufer den Weg der
Boote begleiteten, und whrend das Schiff in langsamer Majestt den
heimkehrenden Reisegenossen entgegenkam, berieten die Fhrer, was mit
den Booten der Wilden zu machen sei.

Wir berlassen sie ihrem Schicksal, meinte Holm.

Hans protestierte. Das drfen wir nicht, Karl. Auch Kannibaleneigentum
ist heilig.

Aber wie wolltest du es denn einrichten, mein Lieber?

Wir binden die Khne wie einen Rattenknig zusammen, versetzte der
junge Mann. In unser eigenes Boot steigen sodann sechs Mann mit
geladenen Gewehren, die das ganze kleine Geschwader an Land bringen,
wenigstens bis an das uere Riff. Die Wilden werden unter der
unmittelbaren Gefahr der Bleikugeln keinen Angriff wagen.

Doktor Bolten stimmte ihm bei. Hans hat recht, entschied er. Gerade
die menschlichen Bestien, welche im Begriff waren, ihrem Nchsten das
Leben zu stehlen, gerade diese mssen sehen, da wir die Besitzrechte
anderer respektieren.

Der Malagasche schttelte den Kopf. Diesen Kahn und die Ruder und
smtliche Waffen behalte ich! sagte er keck. Sie sollen in das Museum
in Hamburg.

Der Kapitn lachte. Nun gut, warf er ein, so wollen wir die Sache
ausgleichen. Durch das groe Boot von der Eintracht haben wir ein
solches zu viel an Bord, das mag mit einigen anderen Geschenken den
Wilden in Tausch gegeben werden, nicht wahr? Sie besitzen dann ein
Erinnerungszeichen an den Tag des verunglckten Menschenopfers.

Und wir haben einen hchst interessanten Doppelkahn von Viti-Levu nebst
Wurfwaffen aus Holz mit Menschenknochen! rief der junge Gelehrte, jetzt
erst die erbeuteten Spiee genauer betrachtend. Ich kenne sie freilich
schon aus verschiedenen Sammlungen, aber diese hier sind ganz besonders
schn.

Er zeigte den brigen die langen, aus steinhartem Holz gefertigten,
braun gebeizten und in schauerlicher Weise verzierten Speere. Nach oben
rund und kolbenartig zulaufend, hatten mehrere ein strahlenfrmig
befestigtes Bndel von Knochensplittern, deren mittlere fulang und die
ueren von Reihe zu Reihe etwas krzer waren, whrend andere platt und
lnglich an beiden Seiten eingelassene Zhne zeigten: alles schwere
Waffen, die den einmal Getroffenen unfehlbar tten muten.

Der Dampfer war unterdes herangekommen, die Reisenden gingen an Bord und
lieen nur so viele Matrosen, als zur Befestigung der Khne notwendig
waren, einstweilen unten. Im Boot der Hammonia brachten dann zehn
Bewaffnete, die Kugelbchsen bestndig im Anschlag, smtliche Fahrzeuge
mit Einschlu des vertauschten an Land, ohne da die Wilden irgend eine
Feindseligkeit gewagt htten. Als ihre Khne von den Weien verlassen
waren, fielen sie wie ein Bienenschwarm darber her; das fremde Fahrzeug
schien sogleich ein Gegenstand erbitterten Streites zu werden, ja, ehe
noch der Dampfer die hohe See gewonnen hatte, rauften sie sich schon
untereinander auf das lebhafteste.

Jetzt erst, nachdem die Gefahr vorber und vllige Sicherheit
zurckgekehrt war, kam es zwischen den Geretteten und ihren Rettern zu
Mitteilungen. Rua-Roa blieb der Held des Tages, obgleich ihm Holm
lchelnd riet, den zivilisierten Menschen wieder anzuziehen; er
erzhlte, da im Dorf die Weiber und Kinder ihn fr einen bsen Geist
gehalten haben mten, da sie bei seinem Erscheinen mit dem Gesicht auf
den Fuboden gefallen und vor Schreck liegen geblieben seien, jetzt aber
schien er sich doch seines frheren Rausches einigermaen ungern zu
erinnern und schlpfte eilends in die Kajtte, um Toilette zu machen.

Der Kapitn der Eintracht berichtete, da er von Bremen nach Lewuka,
der Hauptstadt von Viti-Levu, bestimmt gewesen und da er mit seinen
Leuten die brennende Bark habe verlassen mssen, um nur das nackte Leben
zu retten. Vom Erd- oder besser gesagt vom Seebeben hatte er nichts
bemerkt, sondern nur von dem heftigen Gewitter, dessen erster Schlag den
Gromast zersplitterte und das ganze Schiff in Brand setzte; er
erzhlte, da ihn und die Seinen jene ruberischen Wilden nach einer
unter allen Qualen des Durstes im Walde vollbrachten Nacht am heutigen
Morgen aufgegriffen und zum Opfer bestimmt htten, da man ihnen
keinerlei Nahrung gereicht und sie gnzlich ausgeplndert. Trauringe,
Taschenmesser, Portemonnaies, Schlssel, Taschenbcher, ja sogar die
Papiere des verbrannten Schiffes, alles war in den Hnden der
Fidschianer geblieben.

Man beschlo daher, Lewuka anzulaufen und hier die Geretteten den
zustndigen Behrden unter Mitteilung aller Einzelheiten ihrer
Auffindung zu berliefern; das pate auch Holm und den jungen Leuten
gut, da sie bei der schleunigen Flucht aus dem Walde auf jede Ausbeute
fr ihre wissenschaftlichen Zwecke hatten verzichten mssen. Als das
Schiff nach wenigen Tagen den sicheren, hbschen Hafen erreicht hatte,
als auf derselben Insel, die in ihrem entlegenen, bergigen Innern noch
Kannibalen beherbergte, jetzt eine elegante Stadt mit schnen Gebuden
und glnzenden Lden sich zeigte, da begriffen sie kaum, wie auf
verhltnismig so engem Raume solche Gegenstze nebeneinander bestehen
konnten. Hier lie sich ein Ausflug in die nchste Umgebung ohne alle
Gefahr wagen, nur ein paar Eingeborne wurden mitgenommen, um als
Lasttrger zu dienen.

Wie schn war die Landschaft ringsumher! Wie belebt von groen
Schmetterlingen, von Riesenspinnen, Skolopendren und Kfern, von Tauben,
Drosseln und Kakadus. Auf einer grnen Ebene sahen unsere Freunde sogar
Termitenbauten, die Holm als bewohnt erkannte. Diesen Fund wollte er
sich natrlich nicht entgehen lassen. Es wurde Halt gemacht und man
bearbeitete mit kurzen Beilen die Hgel so lange, bis der innerste
Mittelpunkt derselben, die Wohnung der Knigin, den Blicken blogelegt
war. Ein Geschpf, so seltsam wie kein anderes, kam zum Vorschein, das
Termitenweibchen mit dem zum unfrmlichen Sack verlngerten Hinterkrper
der Tausende von Eiern barg und wenigstens viermal so gro erschien als
das Tier selbst. Nachdem unsere Freunde diesen Fang in Sicherheit
gebracht, verlieen sie das Termitendorf, um nicht mit den Bewohnern
desselben in Konflikt zu geraten. Noch wurden groe Fruchttauben,
schwarze Glanzstare und viele andere Tiere erlegt, auch eine grn und
rot gefleckte groe Wanzenart.




                         Fnfzehntes Kapitel.


Nach mehrtgigem Aufenthalt, nach beglckendem Stillleben inmitten der
abenteuerreichen Reise wurde die Fahrt nach den Samoa- oder
Schifferinseln fortgesetzt, zunchst nach Tutuila, einem schnen Garten
gewissermaen, wo die Eingebornen, nackte, hellfarbige Polynesier, in
regelrecht gebauten Drfern lebten und sowohl Landwirtschaft als
Viehzucht betrieben, obgleich ihnen Schafe, Ziegen, Hunde und Schweine
erst aus den Kulturlndern zugefhrt worden waren. In den dichten
Palmenhainen standen unter grnem Bltterdach die hbschen, runden
Htten, neben denen Stlle aus Bambus, Vorratsschuppen und wohlgepflegte
Grten das Auge angenehm berhrten. Wo sich offene Stellen zeigten, da
waren Yams, Taro, se Kartoffeln oder Gemse und Gewrze angebaut,
whrend in den Wldern die aus Steinen errichteten Feuerstellen durch
ihre reichliche Asche verrieten, da unablssig Palml gekocht wurde.
Alle diese gutmtigen Menschen schienen groe Freunde von Tieren,
namentlich Geflgel, das in ganzen Massen jeden Hausstand belebte.
Scharen stolzer Hhner, Pfauen, Tauben und Fasanen bewohnten den Hof,
Papageien, zahm wie bei uns, hingen in Holzkfigen, und allerlei
Singvgel schmetterten lustig vom Dach herab.

Obgleich die Eingebornen meistens nur mit dem Grtel einhergingen, so
gab es doch fr sie auch einen Staatsanzug, der bei festlichen
Gelegenheiten bergeworfen wurde, und der bei den Mnnern aus einem
Gewand von den Blttern der Drauma, bei den Frauen aus einem Mantel von
weiem Faserwerk bestand. Eines Morgens erschienen sie smtlich in
diesem Kostme; durch die Dorfstrae ging ein Mann mit einem groen,
hohlen Holzklotz, auf dessen Boden er mit zwei Stcken taktmig schlug
und dadurch die Reisegefhrten auf etwas Auergewhnliches vorbereitete.

Sie wohnten hier fr die Tage ihres Besuches mitten unter den
Eingebornen, schliefen auf Matten aus feinem Flaum, aen die
bescheidenen Gerichte auer dem auch hier beliebten Palolo und sammelten
ebensowohl die verschiedenen Arten vulkanischen Gesteins als der
einzelnen kleineren Pflanzenformen und Insekten, -- jetzt aber war alles
das vergessen. Schleunigst folgten sie dem Trommler zu einer migen
Anhhe vor dem Dorfe, wo bereits der Huptling mit seinem Hofnarren
Platz genommen hatte, und wo sich junge Mdchen und Burschen mit dem
beliebten Ballspiel unterhielten.

Aller Kpfe schmckten granatrote und weie Blten; die Mnner hatten
sich durch an Brust und Rcken befestigte Palmenzweige auf das
wunderlichste herausgeputzt; Frauen und Kinder trugen die langen,
zottigen Mntel, in denen sie wie vermummt erschienen. Die
possierlichste Figur bildete der Hofnarr, den bunte Federn, Steine,
Blumen, ausgeschnittene Stcke Perlmutter, aufgereihte Muscheln und die
greulichsten Malereien in einen menschlichen Teufel verwandelten. Er
verbarg sein Gesicht hinter einer ungeheuren, gelb und rot bemalten
Maske mit ellenlangem Flachshaar, er tutete auf einem hlzernen,
gewundenen Instrument und vollfhrte die seltsamsten Sprnge, wobei sich
sein berall angestrichener Krper wie der eines Verrckten drehte und
wendete.

Dieser Narr war keineswegs ein Priester oder Zauberer, sondern lediglich
fr die Unterhaltung des Knigs bestimmt; er durfte alles thun, was ihm
eben einfiel, selbst den alten Monarchen necken oder am Ohr zupfen, die
Kinder in Schrecken setzen und den Ort, wo des Huptlings Htte stand,
nach Belieben betreten. Fr alle brigen war die unter hohen, alten
Brotbumen belegene Stelle unzugnglich; es lag auf ihr das Tabu oder
die Heiligsprechung, welche fast allen Sdseeinseln, einschlielich
sogar des groen Neuseeland, eigentmlich ist. Die Wohnungen der
Priester und Huptlinge, die Tempel und zuweilen ganze Orte sind tabu,
d. h. der gemeine Haufe darf sie nicht betreten, er wird durch dies
Gesetz von jedem Mitbesitz, jedem Recht ausgeschlossen. Wie viel
Mibrauch daraus entsteht, ist begreiflich, weil eben jeder Gegenstand,
den die Mchtigen, Reichen fr sich zu behalten wnschen, bis herab auf
einen besonders schnen Fruchtbaum, eine Htte oder ein Tier, einfach
fr tabu erklrt und dadurch der Berhrung entzogen wird.

Die Wohnung des alten Knigs lag patriarchalisch-friedlich im Schatten
hoher Bume, whrend rings anstatt jeder Einfriedigung kreuzweis
gebundene Palmenzweige die geheiligte Grenze bekundeten. Beide
Majestten, der Huptling Le-Le und seine Gemahlin Li-Ho saen auf
kostbaren, von weien und bunten Federn zusammengesetzten Matten mit
untergeschlagenen Beinen und ziemlich gleichgltigen Gesichtern, die
sich selbst bei den Kapriolen ihres Narren nur sehr selten zum Lcheln
verzogen. Als sich die weien Gste dem Herrscherpaare unter
berreichung verschiedener, sehr anstndiger Geschenke vorstellten, da
geschah etwas fr die Einwohner des Dorfes nie Dagewesenes; Knig Le-Le
hob den Fremden zu Ehren das Tabu seines Hauses auf und lud alle ein,
sich neben ihn zu setzen und mit ihm aus einer Schssel zu speisen.
Letztere Vergnstigung hatte allerdings wenig Lockendes, denn das Gef
bestand aus einem Holznapf und der Inhalt aus gersteter Yamswurzel,
wobei mittels spitzer Holzstckchen gegessen wurde, whrend sich die
Teilnehmer des Schmauses um die auf dem blanken Fuboden stehende
Schssel gruppierten; dennoch aber erwiesen sich unsere Freunde uerst
hflich, so da nach und nach der alte Le-Le ganz vertraulich wurde und
vor allem die Weien bat, ihm doch gegen seine qulenden rheumatischen
Schmerzen ein Zaubermittel zu schenken, er wolle dafr auch alles, was
ihnen etwa erwnscht sei, sogleich zur Verfgung stellen.

Whrend drauen die Jugend den Mekitanz auffhrte, Ball spielte,
Taubenschieen hielt und endlich das Fest des Tttowierens beging (die
Weien kannten es von Australien her), kramte der alte Huptling unter
seinen Sachen und frderte Schtze zu Tage, die sowohl Holm als auch die
jngeren Besucher frmlich entzckten.

An Bord haben wir noch verschiedene Bchsen mit Opodeldok und
Nervensalbe, meinte der Doktor; damals in Hamburg nahm ich's fr alle
Flle mit, und jetzt kann es diesem alten Herrn wenigstens als
Linderungsmittel dienen. Tauscht nur in Gottes Namen ein, was ihr wollt,
morgen schicke ich einen Boten mit ein paar Worten an den Kapitn nach
Pangopango, wo dann die Kleinigkeiten verabfolgt werden.

[Illustration: Beim Huptling von Tutuila.

Die Wohnung des alten Knigs lag patriarchalisch-feierlich im Schatten
hoher Bume ...]

Das bersetzte der als Dolmetscher mitgenommene Eingeborne dem alten
Huptling, welcher indessen von solcher Verzgerung nichts wissen
wollte. Einer seiner Sklaven knne gleich hinlaufen, antwortete er,
weshalb denn der Doktor ein Blatt aus der Brieftasche ri und unter
andchtigem Staunen aller die Bitte an den Kapitn niederschrieb. Der
junge Bursche erfate das Blatt mit den fremden, zauberhaften Strichen
so zaghaft, als sei es heies Eisen, dann aber, nachdem er fr etwaiges
Verlieren oder Versumen auf krzeste Weise mit dem Tode bedroht worden
war, machte er sich schleunigst davon, indes nun der Huptling,
wahrscheinlich um den Zauber wirksam zu erhalten, seinen Gsten
schenkte, was sie eben zu besitzen wnschten, eine Tapa aus Perlmutter,
Federn und Pflanzenfasern, in der er frher als junger Mann den Mekitanz
mitgemacht, und die, wie eine Art von faltigem Mantel, am Hals
beginnend, ber Brust und Rcken herabfiel, whrend die Arme frei
blieben und der Kopf hindurchgesteckt wurde, -- einen hlzernen,
schngeschnitzten Schlger, eine Rolle Bast des Papiermaulbeerbaumes,
ein Steinbeil mit Holzgriff aus uralter Zeit, ehe noch das Eisen von
Europa und Amerika eingefhrt worden, und ein eben so altes, vom Vater
auf den Sohn vererbtes Tttowierinstrument, von dem freilich Seine
Majestt berichtete, da es aus Menschenknochen hergestellt sei.
Scharfe, kammartige Spitzen waren an einem Schildpattgriff befestigt und
das Ganze sehr alt, es hatte vielleicht Jahrhunderte lang gedient, um
die Zeichen der Huptlingswrde den zuckenden Gliedern einzuprgen,
jetzt aber war seine Laufbahn beschlossen. Die Huptlinge lassen sich
nicht mehr tttowieren, setzte Le-Le hinzu, sie sind fast alle
Christen, -- ich bin es auch.

Unsere Freunde hteten sich, daran zu zweifeln. Der gute, jeden
Augenblick vor Schmerz blinzelnde alte Mann war zwar durchaus ein
Wilder, aber dennoch mochte das Christentum viel dazu beigetragen haben,
auf seinem Gebiet so geordnete wirtschaftliche Zustnde ins Leben zu
rufen.

Der Kamm aus den Knochen geschlachteter und von frheren Generationen
ohne Zweifel verzehrter Menschen wurde als Andenken vergangener, hier
fr immer besiegter Greuel dankbar entgegengenommen, ebenso die Spenden,
welche jetzt Li-Ho, die Knigin, denen ihres Gemahls hinzufgte, ein
Stirnband ihrer Mdchentage aus aufgereihten, geschliffenen
Rosamuscheln, Pale genannt, nur den Tchtern und Frauen der Huptlinge
gestattet, -- die dazu gehrigen Armringe und die Fau, ein Gewand aus
den Blttern des Papiermaulbeerbaumes, das um den mittleren Teil des
Krpers bei hohen Festlichkeiten getragen wird, ebenso lange, ber Brust
und Rcken herabhngende, mit vielen Perlmutterstckchen verzierte
Schnre aus Menschenhaaren.

Das alte Paar hatte keine Kinder, es sah also seine Heiligtmer recht
gern in solche Hnde bergehen, die wenigstens den empfangenen Wert zu
schtzen wuten; erst spt, nachdem nochmals bei der Beleuchtung langsam
brennender, halbdrrer Bltter (die auf den Samoainseln als Lampen
dienen) der wunderliche Mekitanz, ein wahrer Hllenreigen
halbbekleideter und nicht selten vom Kawagenu mehr als halbberauschter
Gestalten, vollfhrt worden war, spt am Abend unter Sternenschein und
dem sanften Wehen des Nachtwindes kehrten die Fremden durch den
Palmenwald zu ihrer Htte zurck. Auf diesen glcklichen Inseln, wo man
arbeitete, um zu essen, wo die Natur reichlich spendete, was eine
geringe Bevlkerung verbrauchte, wo weder wilde menschliche
Leidenschaften noch gefhrliche Raubtiere den Frieden strten, auf den
schnen, von mildester Luft durchhauchten Inseln mute es sich leben wie
einst im Paradiese; selbst die Angehrigen des Kulturstaates rasteten
hier beglckende acht Tage, indem sie das Eiland nach allen Richtungen
durchforschten und von den friedliebenden Einwohnern alle mglichen
Gebrauchsgegenstnde gegen Eisenwaren und bares Geld erhandelten, --
Holzgerte, Perlenschnre, Waffen, die ungeheuerlichen Beratungsmasken,
hlzerne Kopfkissen, Farben und geschnitzte Formen, mittels derer das
Grn und Rot den Stoffen aufgedruckt wird. Fr den Huptling kamen von
Pangopango nicht allein die versprochenen Medikamente, sondern Franz
lie auch die Zimmerleute, mit Gert und ein paar groen Glasscheiben
ausgerstet, vom Kapitn erbitten, worauf dann die Htte Le-Les das
wirksamste Mittel gegen Rheumatismus, nmlich dichtschlieende Wnde,
Thren und Fenster erhielt. Letztere beide Gegenstnde waren den
Dorfbewohnern durchaus fremd, sie gingen fortwhrend an der kniglichen
Behausung vorber, um das Wunder der Fensterscheiben anzustaunen,
whrend Le-Le seinerseits nicht mde wurde, von auen und innen das Glas
zu betasten und sich selbst zu fragen, ob es denn wirklich mglich sei,
da man einen festen, harten Gegenstand vor sich habe und doch
hindurchschauen knne, als sei dieser nur leere Luft.

Die geschenkten Wolldecken, die Medikamente und die erhhte Wrme in der
jetzt berall wohlverwahrten Bambushtte bewirkten so angenehme
Vernderung, da der alte Huptling den Abschied von seinen weien
Wohlthtern wie einen wahren Verlust empfand. Mehrere Knechte muten
ihnen die schnsten, erlesensten Frchte, die seltensten Vgel und
Pflanzen bis Pangopango nachtragen, und so verlieen sie eines Tages,
von wohlwollenden Wnschen begleitet, das kleine paradiesische Eiland,
um dafr die Insel Sawaii, die hochgelegene, einem breiten Felsrcken
gleichende, unzugngliche grte Insel der Samoagruppe, aufzusuchen.
Auch Tutuila hatte Berg an Berg; auch hier befanden sich thtige und
erloschene Vulkane; lag doch der kleine Hafen Pangopango zwischen 250
Meter hohen Felswnden; dazwischen aber befanden sich reizende,
fruchtbare Thler mit ppig tropischer Vegetation, whrend auf Sawaii
neben vorhandenem Wassermangel der entschieden schroffe Gebirgscharakter
mehr hervortrat.

Es ist bekannt, da um die Insel Sawaii herum ein Korallenriff ohne
Unterbrechung fortluft und da Schiffe keinen Hafen finden. Unsere
Freunde besuchten mittels des Bootes die Ostkste, wo alles von braunen,
nackten Klippen und Gerllen starrte. ber ihnen erhoben sich die
ungeheuren Kuppen der Gebirge, unter ihnen drhnte der hohle, von
vulkanischen Erschtterungen gehobene und zerrissene Boden; stellenweise
grnte kein Halm und sang kein Vogel, die ganze Umgebung war mit Blcken
von Lava und Gestein berdeckt. An anderen Punkten ragte dichter,
ununterbrochener Hochwald, in dem sich wie auf Tutuila die Palmen am
meisten vertreten fanden.

Wir wollen uns hier nicht aufhalten, hatte Holm gesagt. Nicht nur
alle Samoainseln, sondern berhaupt alle im Groen Ozean besitzen eine
in den wesentlichsten Punkten bereinstimmende Tier- und Pflanzenwelt,
die zwar nach dem quator hin ppiger und artenreicher wird, sonst aber
doch die gleiche ist. Neues, anderes begegnet uns nicht, auch wenn wir
alle Hfen anlaufen; lat uns daher erst auf Opolu lngere Rast machen
und dort Felsen besteigen, dort die Schlnde und Untiefen alter Krater
durchforschen, namentlich da hier die wenigen Bewohner an der Nordkste
leben und fr uns weder Fhrer noch Lebensmittel aufzutreiben wren.

Der Vorschlag wurde angenommen und die beschwerliche Kletterpartie ber
ungangbare Pfade nach wenigen Stunden wieder aufgegeben. Schne,
malerische Felshhlen hatten die Reisenden gesehen, eine groartige,
wildromantische Natur, ein selten berhrtes einsames Gebiet, auf dem
fast alles noch ursprnglich und von keiner Kultur beeinflut erschien;
aber lebende Wesen waren ihnen auer vielen Strandvgeln nicht begegnet.
Ein eigentmliches Gefhl beherrschte die Teilnehmer der jetzt gegen
drei Jahre dauernden Weltreise, als sie von Sawaii aus wieder an Bord
gingen. Auf Opolu wartete ihrer ein halbes Zuhause; bekannte,
befreundete Gesichter wrden sie empfangen, deutsche Laute, deutsches
Wesen ihnen entgegenkommen; da war der Name Gottfried in jedermanns
Mund, da standen die groen Faktoreien des Hamburger Handelshauses und
hatte deutsche Bildung, deutscher Unternehmungsgeist aus der Wildnis ein
kleines, blhendes Gemeinwesen erschaffen, eine hbsche Stadt, die ihre
Bewohner gut ernhrte, und von wo aus sich europische Gesittung
erfolgreich immer weiter verbreitete. Aber mehr als alles das! -- Die
Shne des Gottfriedschen Hauses wrden hier in ihrem Eigentum sein, auf
vterlichem Grund und Boden wohnen, hchst wahrscheinlich sogar auch
mehrere Schiffe der vterlichen Firma antreffen, -- das lie die Herzen
hher schlagen, das stimmte weich und frhlich, wie man es seit langer
Zeit nicht empfunden hatte.

Schon folgenden Tages kam Opolu in Sicht, schner als irgend eine Kste,
der die Vielgereisten bis dahin begegnet waren. Das erste, was die
Blicke aller magnetisch fesselte, war ein Wasserfall. Von schwindelnder
Hhe herab und in die krausbewegten Meereswellen fiel ein mchtig
breiter Wasserstrahl ber eine natrliche Terrasse aus Felsen, die ihre
Vorsprnge und Klippen, ihre Pfeiler und Stufen nur vorzustrecken
schien, um den Lauf des flssigen Elementes in hundert und aberhundert
Einzelwege zu teilen, in Strme und Bche, die sich dennoch um einige
Stufen tiefer wieder zum Ganzen vereinten, breiter und breiter,
schumend, rollend und donnernd, ewig verndert und ewig dasselbe,
wunderbar schn im Sonnenglanz, blau und golden berhaucht, ein
lebendes, bewegliches, majesttisches Etwas, von dem sich das Auge nicht
wieder loszureien vermochte, zu dem es zurckkehrte, so oft auch andere
landschaftliche Schnheiten versuchten, mit diesem hchsten Reiz des
Bildes zu konkurrieren.

Hoch ber der schumenden, silberhellen Welt erhob sich die Reihe
erloschener Vulkane, auf deren einst so verderbenbringenden Gipfeln
heute die Riesen des Waldes ihre grnen Arme ausstrecken, wo Palme an
Palme den schlanken Stamm wiegt und Bltter und Blten im Winde
flstern. Bis in die Wolken hinein, unerreichbar dem Blick, ragte der
Krater Tafna, der Riesenwchter, der uralte ernste, der hchste Punkt
auf viele Meilen ringsumher.

Schweifend, ziellos wanderte von Schnheit zu Schnheit der entzckte
Blick. Rauschender Hochwald im ewigen Blau beginnend und allmhlich sich
senkend, stufenweise vom hellsten bis zum dunkelsten Grn schattiert in
tropischer wechselnder Flle; darunter der Wasserfall und tiefer im Thal
das Stdtchen von fester Kaimauer umzogen, mit friedlichem Hafen, mit
Kirchen und hohen ragenden Bauten, versteckt im Laubgrn, geschmckt mit
bunten Wimpeln wie mit groen, leuchtenden, weithin sichtbaren Blumen im
Kranze. Allen voran wehte von hoher Stange an einem weien Hause unweit
des Hafens die hamburgische Flagge -- rotwei in heller Pracht glnzten
die heimatlichen Farben den Augen der Nherkommenden entgegen; jetzt
wurden am Kai auch Menschen sichtbar, der Kapitn begrte mit drei
Kanonenschssen die Kolonie seines Chefs, und von einem anderen im Hafen
liegenden Dampfer schallte Antwort zurck. Auch das war ein
Gottfriedsches Schiff, dessen Steuermann die Hammonia erkannte und zur
Bewillkommnung derselben ein Boot ausschickte.

Deutsche Worte schallten herauf; hier und da feierten zwei Matrosen ein
Wiedersehen; am Strande hatten sich auf die erste Nachricht vom
Eintreffen des Naturforscherschiffes auch schon mehrere Angestellte des
Gottfriedschen Hauses eingefunden, und bald sahen sich die Weltumsegler
von Bekannten umringt, hrten die jungen Leute Worte des Erstaunens wie:
Ist das Hans? Unmglich! Nur seine Augen sind's, der blasse Junge ist
ja ein brauner Jngling geworden! -- oder: Herr Franz, darf man noch
du sagen? Sie sind wahrhaftig dem Herrn Papa ber den Kopf gewachsen!

Und das ist der Hova mit dem unmglichen Namen! rief ein dritter, dem
verlegenen Malagaschen krftig die Hand schttelnd. Willkommen, junger
Herr, Sie werden finden, da man in Hamburg bestens fr Ihre Zukunft
gesorgt hat. Bleiben Sie bei uns oder gehen Sie mit nach Europa?

So schwirrte es durch einander, und whrend dessen waren die Reisenden
ausgeschifft und ans Land gestiegen. Die Packhuser, welche sich hier
stattlich und gedehnt den Blicken zeigten, bildeten gleich einen Teil
des Gottfriedschen Eigentums, und eine Menge von farbigen Arbeitern lie
den Umfang des Geschftsbetriebes erkennen. In helle, leichte Stoffe
gekleidet, Strohhte auf den Kpfen und mit dem Wesen zivilisierter
Menschen gingen hier mehr als hundert Polynesier aus und ein, Fsser und
Ballen rollend, Wagen abladend oder an Neubauten arbeitend, kurz alles
verriet das frhliche Wachsen der Kultur, den Aufschwung, welchen die
Verhltnisse der Insel, smtlichen anderen voran, dauernd nahmen.

Man konnte glauben, sich in einer kleinen deutschen Stadt zu befinden.
berall Lden, hbsche Wohnhuser, gut erhaltene Straen und Fuhrwerke,
nette Gasthfe und grte Sauberkeit der Bewohner. Die jungen Leute
bezogen Zimmer in dem groen Verwaltungsgebude ihres Vaters und wurden
von den Familien seiner Angestellten natrlich wie liebe Freunde
aufgenommen. Einer derselben hatte sich vor Jahr und Tag eine junge
Hamburgerin nach Opolu heimgeholt, und in eben dieser liebenswrdigen
Wirtin erkannten die Gottfrieds eine ehemalige Schulgenossin von der
Fibelzeit her; man feierte mit deutschem Wein und deutschem Hndedruck
das Wiedersehen, dem dann eine tchtige, nach Hamburger Art bereitete
Mahlzeit folgte; die Gste kamen gar nicht zu sich, da doch auch so
viele Briefe gelesen werden muten, da hier und da ein deutscher
Landsmann einsprach, um die Weitgewanderten, Langerwarteten zu begren;
kurz, der Tag htte doppelt so lang sein knnen und wre doch fr alle
diese verschiedenen angenehmen und erfreuenden Eindrcke noch nicht lang
genug gewesen.

Erst am folgenden Morgen gewannen unsere Freunde Zeit, ein wenig Umschau
zu halten. Sie hatten in einem mit allen Bequemlichkeiten des
verfeinerten Daseins ausgestatteten Zimmer geschlafen, hatten Kaffee und
frisches Brot gefrhstckt, auch die heutige Nummer des
Samoan-Reporter dazu erhalten, mit einem Wort, sie fhlten sich, wie
Franz lachend behauptete, unterwegs zur fast eingebten Ordnung
zivilisierter Menschen; sie wollten sogar nach jahrelanger Entsagung
heute, als an einem Sonntag, die Kirche besuchen und standen am Fenster,
um den Strom der Vorbergehenden zu beobachten.

Alle Welt scheint diesem Gottesdienst beiwohnen zu wollen, sagte
Franz. Man sieht vornehm und gering in seinen besten Kleidern, --
herrscht hier ein so religiser Sinn, Herr Frank?

Der Buchhalter schttelte den Kopf. Es ist sonst leider nicht immer so,
Herr Gottfried, -- aber heute, wissen Sie, da will im nationalen Gefhl
kein Deutscher und aus Neugier kein Amerikaner oder Eingeborner gefehlt
haben.

Franz sah ihn an. Heute? -- Warum gerade heute mehr als sonst?

Der Buchhalter schlug sich vor die Stirn. Ja du lieber Gott, Sie kommen
direkt aus der Wildnis und knnen daher nicht wissen, was inzwischen die
zivilisierte Welt aller Lnder in Abscheu und Entrstung versetzt hat.
So hren Sie denn, Herr Gottfried! Auf unseren ehrwrdigen, alten Kaiser
ist krzlich von zwei Verbrechern nach einander geschossen worden,
whrend er wie gewhnlich ohne Begleitung und im offenen Wagen in Berlin
unter den Linden spazieren fuhr. Der erste Meuchelmrder, ein
verkommenes Subjekt von Hause aus, traf glcklicherweise die Person
Seiner Majestt gar nicht, der zweite aber verletzte den
einundachtzigjhrigen Greis durch nicht weniger als dreiig
Schrotkrner, die an den verschiedensten Stellen des Krpers eindrangen,
freilich ohne das Leben ernstlich zu gefhrden. Fr diese so beraus
glckliche zweimalige Rettung des Monarchen ist in ganz Deutschland ein
Dankgottesdienst abgehalten worden und wird jetzt auf Anregung mehrere
hier lebender Deutscher auch in Apia abgehalten werden. Deshalb sehen
Sie die ganze Bevlkerung unterwegs.

Franz eilte in sprachloser Entrstung zu den brigen, die er schon
unterrichtet fand, und die alle wie er selbst sich freuten, hier zur
rechten Zeit eingetroffen zu sein, um an einer so tief empfundenen
nationalen Feier teilzunehmen. Als die jungen Leute auf der Strae
erschienen, wurde ein Flstern und heimliches Bezeichnen bemerkbar;
offenbar wute schon jedermann, wer sie waren, und mancher Blick ruhte
wohlgefllig auf den schlanken, hbschen Gestalten.

Der erste Gottesdienst nach jahrelanger Entbehrung erhielt fr unsere
Freunde noch seine besondere Weihe durch das Dankgebet fr die
glckliche Errettung des Kaisers, mit welchem heute der Geistliche seine
Predigt erffnete und dem sich die aus dem Herzen kommende Frbitte
unmittelbar anschlo. Das Vaterlandsgefhl der am anderen Ende der Erde
lebenden Deutschen wurde so mchtig erregt, da manches Auge in feuchtem
Schimmer glnzte und da sich jeder einzelne eben so sehr und eben so
innig als Unterthan des beleidigten Heldenkaisers fhlte, wie dies nur
immer in Berlin, in seiner nchsten Umgebung der Fall gewesen sein
konnte. Auch auf der fernen Insel des Stillen Meeres waren und blieben
sie Deutsche, auch unter fremden Vlkern lebend bewahrten sie die Liebe
zu Kaiser und Reich, das empfanden alle, das gestaltete sich whrend
dieser erhebenden Feier in vielen Herzen zu einem Entschlu, dem die
beiden Brder Gottfried nach beendetem Gottesdienst zuerst Worte liehen.
Aus Apia mute eine Adresse an den Kaiser abgesandt werden und alle
Deutschen muten sie unterschreiben.

Die Idee fand ungeteilten Beifall. Noch selbigen Tages entwarf Doktor
Bolten das Schriftstck, von dem schon in der ganzen Stadt gesprochen
wurde und das der Kontordiener allen Deutschen ins Haus tragen sollte.
Franz war der Held des Tages geworden, ehe er selbst es wute.

Nachmittags wurde der erste Spaziergang unternommen. Heute als am
Sonntag arbeitete natrlich niemand, aber desto reger gestaltete sich
das Treiben der Eingebornen, ihre Spiele, ihre Jagd, selbst die Art und
Weise wie sie Vorrte fr das Haus sammelten. Weiterhin im Rcken der
deutschen Niederlassung lag ein Arbeiterdorf, dessen Htten, kreisrund
mit spitz zulaufendem Dache, eng an einander gedrngt, groen
Bienenkrben glichen. Hier war alt und jung in Bewegung zum Strande
hinab, es wurden Messer und Krbe, Kochtpfe und groe Stangen aus den
Husern hervorgeholt, die Mnner trugen zu zweien ihre, einen halben
Meter breiten und bis zu siebzehn Meter langen Khne, an deren Seiten
aus Zhnen sehr hbsche Verzierungen angebracht waren, kurz, alles
schien einem besonderen Vergngen, einer aufregenden Thtigkeit
entgegenzugehen.

Was haben die Leute? fragte Franz.

Wahrscheinlich sind an der Kste Haifische gesehen worden, versetzte
ihr Begleiter. Sie gehen ins Wasser, um dieselben zu fangen.

Aber doch nicht die Frauen, die Kinder?

Ebensowohl diese. Wir werden es ja gleich sehen.

Unsere Freunde folgten dem Zuge und so kamen alle hinab an den Strand,
wo heute die Sonne auf sehr stille, regungslose Wasserfluten brannte, wo
aber gerade aus diesem Grunde der Fischfang bestens bewerkstelligt
werden konnte.

Doktor Bolten wandte sich an den Kommis, der als Fhrer die kleine
Expedition leitete. Aber sagen Sie mir, lieber Freund, woher kommen die
vielen preuischen Infanterieuniformen hier auf der Sdseeinsel? Jeden
Augenblick taucht so ein zerschlissenes, zerfetztes Gewand aus den
Bschen am Wege auf.

Der junge Hamburger lchelte. Das sind die Kleider, welche wir den ganz
Wilden der Kingsmillinseln geben, wenn diese zuerst, nur mit einem
Grasgrtel bekleidet, hierherkommen, um in unseren Faktoreien Arbeit zu
suchen. Sie kennen weder den Begriff des geordneten Staatswesens, noch
den des Anstandes, aber eben darum suchen wir sie zu gewinnen. Wer drei
Jahre lang unter Christen als arbeitender und verdienender Mensch lebte,
den gelstet es nicht mehr, wieder in den Urzustand zurckzukehren.

Franz sah mit stolzem Blick umher. Und das alles schuf mein Vater!
sagte er. Tausende verdanken ihm Glck und Wohlstand.

Weil er ein so ganz ausgezeichneter Kaufmann ist, ja!

Franz errtete. Hm, hm, sagte er. Wer wei, was noch geschieht.

Der Strand war jetzt erreicht und die Samoaner in ihren hellfarbigen
Kleidern schoben die Boote ins tiefere Fahrwasser. Die hbschen,
vielfach geschnitzten Ruder wurden eingelegt und nun fuhren mehrere
Mnner, zu drei in einem Kahne, etwas weiter hinaus bis in den Schatten
der vorspringenden Klippen; hier banden sie ein Stck Fleisch an ein
langes starkes Seil und lieen dann dasselbe ins Wasser sinken. Frauen
und Kinder standen noch am Strande, die Fischer beobachteten gespannten
Blickes das Geheimnis der dunkeln Tiefe da unten.

Pltzlich gab einer ein Zeichen. Der Hai!

Aber das groe Tier, satt und im Halbschlummer des Verdauens begriffen,
regte sich nicht, ob auch der verlockende Bissen gerade vor seiner Nase
auf- und abhpfte. Die Samoaner berhrten sogar mit dem Fleische das
sonst so gefrige Maul, -- umsonst, der Kolo blinzelte nicht einmal.

Einer der Fischer klatschte in die Hnde und auf dieses Signal hin
geschah etwas, das unsere Freunde im ersten Augenblick erschreckte. Wie
von einem einzigen Gedanken erfllt, sprangen alle zugleich in das
Wasser, junge Bursche, Frauen mit Suglingen auf den Armen, selbst
Kinder in einem so jugendlichen Alter, da sie kaum fhig schienen, auf
festem Boden allein zu gehen und zu stehen, -- jede Stimme schrie,
smtliche Hnde klatschten, smtliche Fe stampften und strampelten,
das Wasser wurde aufgewhlt, Steine hineingeschleudert und alles
Mgliche gethan, um es in immer grere Bewegung zu bringen. Die am
weitesten vorgedrungenen Frauen schwammen bereits in der tieferen Flut;
oft mit einem Arme rudernd, ballten sie die andere Hand zur Faust und
von allen Lippen zugleich brach ein Strom solcher Laute, die sich dem
Zuhrer, ob er der Sprache mchtig sei oder nicht, doch sogleich als
Schimpfreden kennzeichnen. Die Frauen schrieen, schlugen mit der flachen
Hand auf das Wasser, sprangen und hpften, kurz, sie vollfhrten,
whrend sich die Mnner in den Booten ganz unthtig verhielten, einen
wahren Hllenlrm.

Unsre Freunde lachten. Das ist die Herausforderung fr den Hai, meinte
Holm. Ob er den Kampf annimmt?

Es schien nicht so. Nachdem der Spektakel etwa eine Viertelstunde lang
angedauert hatte, vernderten die Fischer ihre Taktik. Jetzt muten sich
Frauen und Kinder auf das feste Land zurckziehen, wogegen einer der
Mnner, ein besonders khnblickender, hochgewachsener Huptling, im
Boote stehend die Jacke abwarf und mit flach zusammengelegten Hnden
kopfber in die Tiefe hinabscho.

Der will den Hai mit bloen Fusten angreifen! rief Franz.

Er streichelt ihm die Schnauze. Sehen Sie, Herr Gottfried, dort verlt
noch ein zweiter den Kahn.

Und der hat vorher eine Schlinge geknotet!

Die er im gegebenen Augenblick um den Schwanz des Fisches legt!

Mein Gott, wie ist es mglich!

Beide Taucher waren jetzt unsichtbar, die Handlung bewegte sich unter
dem Spiegel des wieder ruhig gewordenen Wassers, ngstliche Spannung
hatte alle Gemter erfat, -- was wrde folgen?

Da erschien mit jhem Schwung der Huptling wieder an der Oberflche;
etwas weiter hin rauschte das Wasser, als hebe ein Erdbeben die blauen
beweglichen Fluten mit zwingender Gewalt hoch empor; auch der zweite
Samoaner sprang in sein Boot, aber beide muskulse Arme hielten dabei
die Schlinge, er zog etwas Schweres nach sich, er arbeitete aus allen
Krften -- --

Der Hai! Der Hai!

Zehn andere Fahrzeuge ruderten hinzu, rger und rger wurde unter dem
Wasser das verzweifelte Ringen, zwanzig, fnfzig nackte Arme zogen und
zogen, Frauen und Kinder jubelten laut, langsam nherten sich die
Fahrzeuge dem Strande und als die tollkhnen Mnner heraussprangen, da
konnten sie den wehrlosen, berwltigten Gegner im Verein mit allem, was
Hnde hatte, an den armdicken Seilen aus Kokosfasern aufs Trockene
ziehen.

Ein stattlicher Kerl mit wahrhaft furchtbaren Zhnen und weitgeffnetem,
schauderhaften Rachen, wohl der aufgewendeten Mhe wert. Aber jetzt
wurde er auch gespalten, zerschnitten und zerhackt, da bald die Kste
einem blutbedeckten Schlachtfelde glich, Frauen und Mnner schleppten
eifrig ihre Beute in Krben und Tpfen davon, whrend das beste am
ganzen Tier, das sogenannte Beefsteak gleich an Ort und Stelle
gebraten und mit den Frchten des Urubaumes als Festmahl verzehrt wurde.

Die Samoaner, gastfrei wie vielleicht kein anderes Volk, liebenswrdig
und zuvorkommend, boten den Weien sowohl die besten Bissen als auch die
besten Pltze und so speisten denn unsre jungen Freunde zum erstenmale
die zwischen zwei heien Steinen gebackenen, in Scheiben zerschnittenen
Frchte des Urubaumes, welche dem besten Weibrot an Wohlgeschmack
nichts nachgeben.

berall fanden sich indessen bei den Eingebornen sowohl Messer, Gabeln
und Lffel, als auch saubere Blechteller, sie waren keine Wilden mehr,
diese hbschen, hellfarbigen Ozeanier, freilich noch Naturkinder im
verwegensten Sinne des Wortes, aber doch gesittet und anstndig. Auf den
Huptling, der in das Wasser gesprungen war, um einen Haifisch am Kopf
zu packen, deutete der Begleiter der Reisenden ganz besonders. Es ist
einer unsrer tchtigsten Aufseher, beliebt bei seinen Landsleuten und
bei uns. Wir schicken gerade diesen Mann hinber nach den
Kingsmillinseln, wenn es gilt, Arbeiter zu werben. Furchtlos wie ein
Lwe, geht er dort in die Wlder und hlt frmliche Predigten, natrlich
spricht er auf seine Weise auch deutsch, d. h. ohne unser R, von welchem
die polynesische Mundart nichts wei.

Johannes! rief er gleichzeitig dem herkulischen Manne zu: Sag einmal:
Preuen!

Der Samoaner lchelte: Polusia! antwortete er.

Unter den Kindern entstand ein Flstern. Sie waren jedenfalls in der
Kultur schon weit genug vorgeschritten, um den Begriff eines Trinkgeldes
zu kennen, denn verschiedene der Kecksten drngten sich vor und
erzhlten, da sie auch was knnten, Lesen, Beten, Schreiben und
allerlei ntzliche Dinge. Ich wei, wie dein Huptling heit, sagte
ein zierliches, kleines Mdchen von acht Jahren: Kaisa o Simiani!

Franz amsierte sich kstlich. Simiani? wiederholte er zweifelnd.

^Germany!^ erluterte der Buchhalter. Komm einmal her, kleines Ding,
zeige, da du lesen kannst!

Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und hielt es dem Kinde vor das
Gesicht. Ganz wie ein deutsches Schulmdchen von gleichem Alter las die
kleine Samoanerin den Satz, welchen ihr seine Finger bezeichneten. Da
dabei Kleidchen und Haar noch um die Wette trieften, kam weiter nicht in
Betracht; Wasser und Luft und Wind, alles ist auf jenen glcklichen
Inseln warm und schmeichelnd, -- man geniet ohne Furcht vor der
Zukunft, man ist gesund und daher froh.

Alles Geld aus den Taschen der Reisenden wanderte in die Hnde der
Kinder, welche den Fremden treuherzig das Geleite gaben. Franz war sehr
still geworden, unterwegs winkte er seinem Bruder. Du, Hans, mir kam
vorhin ein Gedanke, ber den ich mit dem Vetter doch noch sprechen
mchte! -- Wenn Deutschland auch in die Wlder von Ceylon seine Boten
senden wrde, wenn _wir_, ja, Hans, _wir_, mit dem Huptling Tippoo eine
Handelsverbindung anknpfen knnten, die das Licht der Zivilisation zu
den baumbewohnenden Singhalesen trge und allgemach ihrem
Schlangenkultus, ihren heiligen Feigenbumen und den Skorpionen im Dache
grndlich den Garaus machen mte, -- wie schn wre das!

Und die Veddas ohne Kleider und Wohnungen, die armen vertierten Veddas
knnten dann die Stelle der Kingsmillinsulaner einnehmen, knnten auch
allmhlich aus bloen, lebenden Wesen wirkliche Menschen werden.

Nicht wahr? -- Du, Hans, es ist doch schn, ein groer Kaufmann zu
sein, ein Apostel der Kultur und Gesittung. Was hat unser Vater hier
alles erschaffen! und fr alle, alle Zeit, jedem Wechsel gegenber!

Sie drckten sich stumm die Hnde und als spter am Abend die
ausgesuchte Gesellschaft von Apia sich in den groen Rumen der
Gottfriedschen Faktorei gastlich zusammenfand, da konnten diese beiden,
aus Hamburg als Knaben fortgegangenen jungen Leute die Honneurs ihres
Hauses mit stolzer Freude machen. Da das deutsche Element auf den
Samoainseln so entschieden vorherrscht, da deutsche Biederkeit und
Treue aus den wilden, von Krankheit und bestndigen Bruderkriegen
zerrissnen Vlkerschaften zufriedene, arbeitende Menschen erschuf, --
ihr Vater hatte das alles ins Leben gerufen.

Franzosen, Englnder und Amerikaner fanden sich in den Slen vereint,
aber weitaus die meisten Gste waren Deutsche, denen auch die Insel ihre
Schulen, ihren Arzt und eine segensreich wirkende Krankenkasse
verdankte. Der erste Toast galt wie immer dem erlauchten Kaiserlichen
Hause, der zweite dem Vaterlande, dem teuren, geliebten.

Als die Sterne hell vom Himmel strahlten, entwickelte sich drauen unter
den Fenstern im Mondschein ein reges Durcheinander. Die Arbeiter der
Gottfriedschen Faktoreien, unter Fhrung des Huptlings, den der
Buchhalter Johannes nannte, vollfhrten zum Vergngen der Fremden einen
ihrer Nationaltnze, wie sie trotz Arbeit und Gesittung bei den
harmlosen Naturkindern immer noch sehr beliebt sind. Es mochten etwa
sechs Anfhrer beisammen sein, jeder begleitet von zwei Narren, die dort
als unerlliches Gefolge des vornehmen Huptlings gelten. Diese beiden
jungen Mnner trugen Anzge von allen erdenklichen Farben, bald mit
Federn, bald mit Stroh, Fasern und Zahnreihen geschmckt, in den Hnden
hielten sie Stcke, die Gesichter waren unter schauderhaften, grob
angestrichenen Masken versteckt, sie gebrdeten sich absichtlich wie
Tollhusler. Was irgend einer der Tnzer unternahm, das suchten sie zu
vereiteln; was er ausfhrte, das ahmten sie in possenhafter Weise nach,
am meisten die Musik, welche lediglich aus einem ohrenzerreienden
Trommeln bestand. Ein zwei Meter langer Block war ausgehhlt, darauf
wurde sonder Takt oder auch nur bereinstimmung der Musiker mit derben
Stcken geschlagen, erst langsam, whrend sich die Tnzer langsam
drehten, dann toller und immer toller, bis die ganze Menge raste, da
der Schwei von allen Stirnen troff.

Nach diesem Tanze kam das Kriegsspiel, bei dem unsere Reisenden eine
Waffe kennen lernten, die ihnen vorher unter keiner wilden Vlkerschaft
begegnet war, Handschuhe nmlich, grobe, plumpe Fausthandschuhe aus
Kokosfasern mit einer inwendig befestigten Doppelreihe von
Haifischzhnen.

Die beiden scheinbar feindlichen Parteien stellten sich einander
gegenber, whrend auch hier die seltsame Trommel mit Einzelschlgen das
ganze Spiel begleitete und nun that jeder Mann ohne Verabredung das, was
ihm als das Beleidigendste, als die rgste Herausforderung erschien, zum
Teil Dinge, wie wir sie nur bei kleinen Kindern zu bemerken gewohnt
sind. Natrlich schrieen und kreischten alle ohne Ausnahme, dann aber
warfen sich einige zu Boden, um wie die Katzen oder Fchse aus dem
Hinterhalt den Feind zu beschleichen, andre streckten die Zungen hervor,
ballten die Fuste, schttelten die schweren, geschnitzten Keulen oder
schlugen geradeswegs Purzelbume, whrend sich ihre Huptlinge nur durch
Worte herausforderten, ohne der Wrde des hheren Standes das Geringste
zu vergeben.

Nach Schlu dieser lrmenden Feierlichkeit folgte ein Schmaus, der
indessen auf keine Weise in ein Trinkgelage ausartete.

Und in Wirklichkeit kommt solcher Kampf, solche Herausforderung niemals
vor? fragte Franz.

Auf den Samoainseln wenigstens nicht. Es gibt hier in den fernen
Gebirgsthlern allerdings noch einige hundert Eingeborne, die weder
arbeiten noch zum Christentum bekehrt sind, aber diese bilden eine so
kleine, in sich uneinige Gruppe, da sie keinen Einflu mehr besitzen.
Europische Waffen und europisches Hausgert findet sich auch bei
ihnen.

Aber sie haben noch ihre eignen Gesetze und betreiben nach wie vor
Gtzendienst.

Dann wollen wir sie jedenfalls aufsuchen!

Das war ohnehin beschlossene Sache und nach etwa vierzehn Tagen
vollkommensten Ausruhens machte sich die kleine Karawane wieder auf den
Weg, um auch die letzte Entdeckungsfahrt dieser Reise wrdig zu beenden.

Meilenweit ins Innere hinein erstreckten sich freilich zunchst die
Arbeitshfe der Faktoreien, in denen Kokoskerne zerschnitten, getrocknet
und dann als Kopra auf Wagen geladen und zum Ufer befrdert wurden, um
erst in Deutschland ihrer Verwandlung zu Palml, Schmiere und jenem
wertvollen Viehfutter aus den berresten entgegenzugehen. Tausend und
abertausend Nsse lagen in den weiten Rumen aufgestapelt, die
eingebornen Arbeiter sangen und lachten, Scharen von Frauen sammelten
die kostbaren Fasern und banden dieselbe in feste Packen, oder flochten
gleich an Ort und Stelle Matten, Treppenlufer, Fudecken, Krbe und
Taue, die fr den Handel nach Europa bestimmt waren, whrend selbst
Kinder und Greise noch Gelegenheit fanden, sich in irgend einer Weise
ntzlich zu machen und immerhin einige Pfennige zu verdienen, die dann
angeschrieben und bei dem Austausch der Arbeitslhne gegen die
Erzeugnisse deutscher Industrie verrechnet wurden.

Aus diesem heiteren, fast ganz unter dem blauen Himmelszelt sich
entwickelnden Fabriktreiben fhrte der Weg in die eigentlichen Wlder,
wo sich Plantage an Plantage aus dem Gewirre der tausendfltig
wildwachsenden Farne, Orchideen und Bananen erhob. Immer eine junge
Kokospalme und eine Baumwollenstaude standen friedlich bei einander,
damit, wie der eingeborne Fhrer erklrte, die letztere so lange Ertrag
gebe, bis erstere Frucht trgt, was erst nach sechs Jahren geschieht;
dann stirbt die Baumwolle ab. Unabsehbar dehnten sich in jedem Alter der
Anpflanzung die jungen Stmme, es folgten aber neben dieser Hauptsache
auch Felder mit Kaffee, Vanille und sogar Thee, bis zuletzt die
ursprngliche Wildnis wieder aus jedem Fubreit der Umgebung hervorsah.

Zwanzig Meter hoch ber dem Boden trugen die Luftwurzeln der Bananen den
schlanken Stamm mit seinen Riesenbndeln grner und gelber
Schotenfrchte, die uerlich unseren groen Bohnen nicht so ganz
unhnlich erschienen, Melonen und Ananas wuchsen berall, Blumen sahen
hervor aus jeder Spalte, zwischen allen Blttern, von allen sten; in
den Bumen gurrten die groen, prachtvollen Tauben, namentlich weie mit
violettem Kopf und roter Brust, ebenso kleinere Singvgel aller Arten
und hier und dort sogar ein Papagei. -- Das schnste der ganzen
Landschaft aber blieben unstreitig die vielen, teils bedeutenden, teils
zierlichen Wasserflle, welche von den Felsen herab auf das verwitterte
vulkanische Gestein strzten, hier donnernd und brausend, dort in
sanftem Pltschern, berall wie flssiges, im Sonnenschein
diamantengeschmcktes Silber glnzend und schillernd. Hier in diesem
Teil der Insel lebten die wenigen Hunderte noch unzivilisierter
Eingeborner, ein freundlicher, gastfreier und ehrlicher Menschenschlag,
dem jedoch die Arbeit noch gleichbedeutend schien mit einem Schimpf.

Einzeln lagen die kleinen Drfer im Scho der Urwlder, sicher vor
feindlichem berfall durch die Achtung gebietende Nhe der Deutschen,
reich selbst inmitten uerer Armut, durch die Flle der Gaben, welche
gerade hier der Himmel in bestndig flieenden Strmen seinen
Erdenkindern geschenkt hat. Um die friedlichen, von allen Seiten offenen
Htten standen uralte Brotfruchtbume, deren dreie einen Menschen
whrend des ganzen Jahres zu ernhren vermgen, Kokosnsse hingen auch
hier von den Zweigen, der Papiermaulbeerbaum bot in seiner Rinde die
Tapa, das faltige, luftige Gewand des Sdseeinsulaners, die
Riesenbltter der Palmen das Dach seines Hauses, der Bambus Stbe,
Gerte und tausend Kleinigkeiten des tglichen Bedarfes.

Hier lagen die Mnner im Schatten und spielten das beliebte Lupespiel,
indes die Frauen zwischen heien Steinen kochten und backten, oder
feine, dem schnsten Baumwollengewebe gleichende Matten verfertigten;
der Grasgrtel an ganz nackten Gestalten kam wieder zum Vorschein und
schlielich auch ein Tempel mit den beiden gekreuzten Bambusstben ber
dem Eingang _Tabu_ d. i. heilig -- wer den Ort betritt, dessen Leben
ist verwirkt.

Die Reisenden machten Halt. Ein andres Dorf war vor Einbruch der Nacht
nicht mehr zu erreichen, also muten die Hngematten hier aufgeschlagen
werden, whrend sich die Eingebornen beobachtend und zurckhaltend in
ihren Htten hielten oder unbekmmert um das was vorging, dem Lupespiel
nachhingen.

Frchte, Federn und besonders Muscheln gaben dabei den Einsatz. Die
Huptlinge lagen bequem im Gras, auf den linken Ellbogen gesttzt, indes
sich die Rechte wieder und wieder blitzschnell dem Gegner
entgegenstreckte, einige Finger geschlossen, andre emporgehalten,
ziemlich wie bei unserem deutschen Kinderspiel: Vogel flieg auf! --
Verfehlt es der andere, eine gleiche Anzahl von Fingern ebenso schnell
vorzustrecken, dann hat er den Strich verloren. Zehn Striche entscheiden
das Spiel.

Merkwrdig, da man wenige oder gar keine Kinder sieht! meinte Franz.

Holm schttelte den Kopf. Das ist sehr einfach, mein Bester, sie
bringen die, welche ihnen lstig werden, um. Nur die christliche Mission
hat, wohin sie kam, diesem Unwesen steuern knnen, sonst herrscht es
noch auf smtlichen Sdseeinseln.

Was kommt da? rief pltzlich der Malagasche. Ein Zauber!

Rua! -- Rua!

Sieh hin, Herr, sieh hin!

Auch die Spieler und die arbeitenden Frauen waren aufmerksam geworden,
aber keines schien erschrocken oder erstaunt, vielmehr sammelten sich
alle vor den Thren und sahen gespannten Blickes einem Zuge entgegen,
der die Dorfstrae heraufkam. Sechs Mnner trugen den siebenten auf
wahrhaft barbarische Weise des Weges; sie hatten ihn mit Bastschnren an
Hnden und Fen gebunden, einen dornigen, berall von langen Stacheln
umwucherten Stamm hindurchgeschoben und nun das unglckliche Opfer wie
ein Schlachttier aufgeladen. Der Kopf des noch jungen Mannes hing wie
leblos herab, auf seinen Lippen stand Schaum, die Augen waren
unnatrlich weit geffnet und sahen mit vllig irrem Ausdruck gerade vor
sich hin, whrend Hnde und Fe heftig bluteten.

Aus allen Htten strzten die Eingebornen und folgten hhnend und
schimpfend dem Zuge, immer strker und strker schwoll der Strom, dem
ein Priester mit langem Stabe und einer riesenhaften Percke unter
allerlei Grimassen voranschritt, von rechts und links strzten Weiber
mit geballten Fusten herbei, aber ohne doch das Opfer zu berhren, sie
drohten und lrmten nur wie Tollhusler.

Der alte Doktor ging schnellen Schrittes, von Entrstung getrieben, den
Ankommenden entgegen. Was habt ihr da, Leute? rief er voll heiligen
Zornes, augenblicklich lat den unglcklichen Menschen los!

Die brigen waren ihm eben so rasch gefolgt, sie stimmten jetzt smtlich
ein in die gestellte Forderung, ja, Franz und der Malagasche legten
unverweilt Hand ans Werk, um die Faserschnre zu durchschneiden und den
Ohnmchtigen in Freiheit zu setzen. Er fiel schwer, wie leblos zu Boden.

Was hattet ihr mit diesem Manne? fragte Holms ruhige Stimme.

Er ist ein Dieb, wir bestrafen ihn nach unseren Gesetzen. Wenn du in
einem unserer Huser etwas stehlen solltest, dann geschieht dir das
Gleiche, Fremder.

Die Worte waren in drohendem Tone hervorgestoen, ein allgemeines
Murmeln zeigte die Entrstung des Volkes; der Priester schien heimlich
die Nchststehenden aufzuhetzen.

Da legte sich der Fhrer ins Mittel, eben jener Johannes, der in den
Werkrumen als Aufseher fungierte. Wit ihr auch, Leute, vor wem ihr
hier im Augenblick steht? fragte er.

Das Gercht hatte seinen Weg ber die Insel schon gefunden, man sah es.
Die Leute knirschten, aber sie wagten keinen Widerspruch, selbst der
vorlaute Sprecher verstummte und lie es geschehen, da die Weien den
bewutlosen Mann wieder ins Leben zurckfhrten. Johannes reichte ihm
die Hand. Allolo, sagte er, du httest gestohlen? Kann das wahr
sein?

Der Unglckliche weinte. Ja, ich habe es gethan, Johannes, -- und auch
nicht, wie man die Sache nehmen will. Du weit dem Huptling Bela gehrt
die Htte, in der ich wohne, der Yams und Taro, den mein Weib pflanzt,
die alten Urubume. Meine Familie ist leibeigen, ich kann nie selbst
Besitzer werden. Aber Bela trinkt den Branntwein der Weien, er hat alle
seine Lndereien verkauft, er ist arm, Johannes, und ich mu ihn
ernhren. Er hatte verboten, von den Frchten zu nehmen, aber ich lie
mein Weib und die Kinder essen, -- als keine Melonen mehr zu finden
waren, haben sie Yams gegraben, dafr werde ich so unmenschlich
bestraft.

Nach den alten Gesetzen der Samoaner! rief giftig der Zauberer.

Johannes bersetzte Wort fr Wort, ohne etwas hinzuzufgen oder etwas
wegzulassen. Als der blutende, zerschundene Mann schwieg, sagte er: Und
du willst trotzdem hier bleiben, Allolo, du willst den Yams und die
anderen Frchte bauen, damit deine Kinder hungern, whrend der
verworfene Sufer beansprucht, was dein ist?

Der Wilde war aufgesprungen, er ballte die Faust. Kann ich denn auch
fort? keuchte er.

Gewi! riefen alle wie aus einem Munde. Gewi kannst du fort. Nie und
nirgends ist nach dem Willen Gottes der eine Mensch das Eigentum des
andern. berlasse den elenden Bela seinem Schicksal und gehe mit uns,
Allolo, dann bist du ein freier glcklicher Mann, dem der Hunger nie
mehr nahe tritt.

Der Zauberer schlich sich leise an den Gemarterten heran. Du kennst
doch die Zeichen, welche das weie Volk malt und durch die alle einander
verstehen? Willst du ihren schlimmen Knsten geopfert werden? Allolo,
besinne dich! Sie nehmen dir deine Kinder weg!

Und schicken sie in die Schule! rief Johannes. Meine beiden Buben
haben schon ganze Stapel von Schreibebchern verbraucht und werden
tglich klger dabei. Sie knnen dir auf der Weltkarte die Insel Upolu
ganz genau zeigen, du Schelm, sie lesen alles vom Blatt.

Allolos Augen blitzten. Deine Knaben, Johannes? deine Knaben? Und das
ist gewi?

Das ist so gewi, wie ich hier vor euch stehe!

Ach -- und ihr wrdet uns alle mit nach Apia nehmen, du? O ja, ja, ich
will auch arbeiten, auch ein Christ und ein freier Mann werden.

Der Zauberer sah, da sein Spiel verloren war, er schlich sich heimlich
grollend davon und die sechs andern Henkersknechte folgten ihm
schweigend, whrend aus den Reihen der Umstehenden niemand wagte, sich
zu ihren Gunsten hineinzumischen. Unsere Freunde bemhten sich, den
gengstigten Mann aufzurichten und ihm Mut einzuflen, ja Franz war so
emprt, da er jetzt auch laut den Gedanken an eine Handelsverbindung
mit dem Huptling Tippoo zur Sprache brachte. Ich mchte mir ebenso
viele Segenswnsche erwerben, ebenso Groes erschaffen, wie mein Vater!
rief er mit glhenden Wangen.

Holm lachte lustig. Das nenne ich glnzende Erfolge! rief er. Man
schickt dich in die Weite, weil dir das Kontor zu dumpfig, das Rechnen
zu langweilig ist, aber siehe da! just den Plan einer neuen groartigen
Unternehmung bringst du mit nach Hause. Wahrhaftig, das soll allen
Ernstes berlegt werden. Vielleicht sind es Feigen oder Zimt, mit denen
sich im Innern von Ceylon bei den Baumbewohnern etwas anrichten liee,
jedenfalls aber freut mich dein Gedanke, von dem wir dem braven Tippoo
mglichst rasch Mitteilung machen wollen.

Whrend dieses zwischen den beiden jungen Leuten gefhrten Gesprches
hatten sich Johannes und Allolo ber die nchsten Vorgnge mit einander
verstndigt; die Zelte sollten nicht hier, sondern neben der Htte des
letzteren aufgeschlagen werden, was wohl im Interesse beider Teile
gleich sehr geboten schien. Der Weg war kurz, schon vor Einbruch der
Nacht lag das bescheidene Heim des armen Sklaven vor den Blicken der
Reisenden, sie sahen sein Weib und seine Kinder, die vor Entzcken
jubelten, als ihnen der Vater, wenn auch arg zerschunden, doch lebend
und gesund entgegentrat. Nach Herzenslust durften jetzt in der
schtzenden Nhe der Weien die armen verkmmerten Geschpfe ihre
eigenen Feldfrchte pflcken und essen, ja, jeder einzelne der kleinen
Schar schenkte ihnen, was sich eben im Augenblick entbehren lie, Geld,
Messer, Tcher und bunte Kleinigkeiten, die wie immer zu diesem Zweck in
die Wildnis mitgenommen worden waren. Am lebhaftesten zeigte sich der
Malagasche, er htte wohl gern das Herz aus der Brust weggegeben und
noch vor dem Einschlafen suchte er Gelegenheit, mit seinem jugendlichen
Vertrauten unter vier Augen zu sprechen. Franz, mein Bruder, mein
Freund, wie lieb habe ich dich! Solche, gerade solche Verhltnisse waren
es, aus denen du mich herauszogst! O die armen Sklaven, die Bethrten,
den Weien widerstreben sie und von ihren Landsleuten lassen sie sich
langsam morden.

Franz drckte ihm die Hand. Er war an diesem Abend stumm, aber
glcklich. Wie viele arme Seelen hatte das kaufmnnische Talent seines
Vaters aus unertrglichen Verhltnissen emporgehoben zur Freiheit und zu
dem Glcke des Lebens! --

Die Nacht verging ungestrt, oder doch ohne Schaden, da Holm das
Herannahen eines blutgierigen Vampirs frh genug bemerkte, um die wenig
nachbarlichen Absichten desselben mittels einer Gewehrkugel zu
durchkreuzen. Neue prchtige Beute fr das Museum daheim in Hamburg,
ebenso die Schtze, welche sich im Innern der Bambushtte fanden, ein
vollkommen hieb- und stichfester Panzer aus Kokosfasern, die Handschuhe
mit Haifischzhnen, um den Gegner wie an einem Angelhaken zu fangen und
ihm das Rckgrat zu brechen, ferner den Hausgtzen, einen kleinen
plumpen wohlgenhrten Holzkerl von ganz brauner Farbe, und mehrere
hbsche Krbchen. Allolo schenkte alles freiwillig den Weien, unter
deren Schutz dann die ganze kleine Familie so lange reiste, bis sie, mit
einem Brief des Fhrers versehen, unbehelligt die Faktoreien erreichen
konnte, whrend unsere Freunde die Pferde unter Bedeckung im Thale
zurcklieen und dafr zu Fu das Gebirge erkletterten. Ihr nchstes
Ziel war der Krater Lanuto; siebenhundert Meter ber dem Erdboden
belegen!

Das gleichmige, terassenfrmige Abfallen der Felsen erleichterte
freilich diese Mhe; berall wuchsen Bume, berall sprudelte reichlich
klares Wasser und fand der Fu in Moos und Flechten einen festen Halt,
der Kopf Schatten unter rauschendem Gezweig. Da oben lag hinter dreiig
Meter hohem Klippenkranze ein stiller, kreisrunder See, dessen Bild von
erhabener Schnheit sich der Erinnerung unverwischlich einprgte. Auch
den Krater Tafna bestieg die kleine Gesellschaft und dann fhrte sie
Johannes zu dem bedeutendsten Punkte der Insel, einem unterirdischen
Gange, der meilenweit durch das Gebirge dahinlief und endlich am Ufer
des Ozeans ausmndete. Stellenweise fanden sich Zugnge, so da unsere
Freunde nur etwa eine halbe Stunde durch den gewlbten, von weien und
gelben Inkrustationen bedeckten Tunnel dahinzugehen brauchten, um dann
am Endpunkte desselben ein ebenso schnes als groartiges Schauspiel zu
genieen. Vor ihren Fen brandete gegen das Korallenriff die ewig
bewegliche See und dehnte sich links der Hafen mit seiner stattlichen
Reihe von Schiffen aus aller Herren Lnder, whrend rechts der
Wasserfall donnernd und gewaltig aus schwindelnder Hhe herabfiel und
gerade ber den Kpfen der Schauenden die Stadt selbst am sanft
aufsteigenden Berggelnde sich erhob. Holm sammelte Stcke des
verschiedenen Gesteines, brach auch etliche verirrte Muscheln von der
ueren Kante los und arretierte ungeheure Frsche und Spinnen, die hier
in groer Anzahl hausten, dann kehrten alle durch den kalten, hallenden,
fast schauerlichen Gang zurck zum Walde, wo sich Pferde und Gepck
glcklich wieder vorfanden. Noch vor Abend war Apia erreicht.

Neue Feste, neue Gesellschaften nahmen hier in angenehmem Wechsel mit
den Arbeiten unter Holms Leitung die nchsten Wochen ein, dann wurde
alle diese Gastfreundschaft erwidert durch ein glnzendes Diner an Bord
der Hammonia. Aus so vielen Aufmerksamkeiten konnten die beiden jungen
Leute ersehen, welch hohe Achtung der Name ihres Vaters sich unter der
dortigen Bevlkerung erworben. Franz war geheilt von seinen knabenhaften
Plnen und Ideen, er hatte hier inmitten der Schpfungen kaufmnnischen
Talentes und der regen, energischen brgerlichen Thtigkeit vollauf
erkannt, zu welch segensreichem Wirken gerade der Handel berufen ist,
wie er in seiner hheren Entwickelung zur Basis wird, auf der Kultur und
Sitte ihre festen, weltumschlingenden, welterziehenden Bauwerke
auffhren.

Franz hatte aber auch aus eigner Erfahrung gelernt, da vorwiegend die
gemigte Zone berufen ist, alle Blten der Kultur und hchsten
Vollendung zu erzielen. Nur wo der Mensch ein Heim, ein Vaterland
besitzt, das in Klima und Produkten der industriellen Thtigkeit, dem
Ackerbau und der Gesundheit als Frderungsmittel dient, da kann er ber
das einfach _Unerlliche_, ber die tierischen Bedrfnisse hinaus, an
mehr und Hheres denken, da kann er schmcken und aufbauen, whrend in
_heien_ und _kalten_ Lndern alle Sorgfalt der bloen Erhaltung im
Kampfe mit verheerenden Naturkrften zugewendet bleiben mu und
einerseits die ppige Flle des Sdens in seinen Bewohnern jenen
sittlichen Ernst des schaffenden, arbeitsstarken Nordens niemals
aufkommen lt, anderseits die erstarrende Klte der Polarzone notwendig
jeden freieren Trieb lhmt. -- --

Das Schiff nahm Palml und Kopra ein; whrend dessen erhielt der
Malagasche, wohl vorbereitet durch seinen wrdigen Erzieher, Doktor
Bolten, als Rudolf Harms die christliche Taufe, bei welcher Gelegenheit
ihm im Namen der Firma Gottfried ein ansehnliches Geldgeschenk und ein
Brief des Chefs berreicht wurden, in welch letzterem Herr Gottfried den
jungen Mann aufforderte, als Lehrling bei ihm einzutreten und in seinem
Geschft zu bleiben, nach freier Wahl auf dem Kontor in Hamburg oder in
Apia.

Holm und Herr Frank versahen Patenstelle, viele hbsche Geschenke wurden
dem ehemaligen Sklaven gespendet und allerseits geraten, lieber vorerst
hier in Apia zu bleiben. Rudolf -- wie wir ihn nun nennen mssen --
hatte das auch heimlich lngst schon erkannt und sprach es zuletzt offen
aus. Ein halber Wilder bin ich ja doch noch, sagte er lchelnd, also
lat mich einstweilen bleiben, wo -- auer mir auch andere Wilde leben.

Holm und die brigen gaben ihm im Herzen recht, als aber endlich der Tag
des Abschieds herankam, da that doch die Trennung sehr weh. Franz konnte
nicht glauben, da ihm Rua fortan fehlen solle, er konnte ihn nicht
lassen, als seine Hand zum letztenmale in der des Freundes lag. Immer
wieder umarmten sich die beiden, immer wieder erneuten sie das Gelbde
jenes Abends, als einer das Blut des anderen getrunken, jenen Schwur,
der sie unzertrennlich als Brder verband. Sie sollten nun beide von
Weltumseglern zu fleiigen Lehrlingen werden, der eine in Apia, der
andere in Hamburg; aber dennoch wollten sie sich dereinst wiedersehen,
dennoch mute ihre Zukunft eine gemeinsame bleiben, das gelobten sie
sich fest.

Und als der letzte Hndedruck gewechselt, als das Schiff zur Heimfahrt
die Schraube in Bewegung setzte, da wiederholten die Herzen, was frher
die Lippen ausgesprochen. Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn! -- --




                         Sechzehntes Kapitel.


Die Sdsee und der Indische Ozean waren durchlaufen, das Schiff befand
sich im Roten Meer, wo widriger Wind und schwere Strme die Reise zu
einer uerst anstrengenden und gefahrvollen machten. Das einzig Neue
dieser Fahrt bestand in langen Zgen einer mikroskopischen Alge, die
stundenweit treibend das Wasser mit tiefem, gesttigten Purpurrot
frbte, und der das Meer seinen Namen verdankt, -- spter erst bei dem
Eintritt in den Meerbusen von Suez gewann die Tour wieder fr alle
Teilnehmer lebhafteres Interesse.

Als sie beim Eintritt in diesen zipfelartigen Auslufer des Roten Meeres
an der gebirgigen Kste Arabiens entlang fuhren, da war es, wo der
Doktor seine jungen Gefhrten auf die heilige Bedeutung des Ortes
hinwies.

Seht ihr den Berg da im Nebel? fragte er, auf die vom blauen Duft
verhllte, imposante Masse in der Ferne hindeutend. Das ist der Sinai,
von dessen Gipfel der Menschheit erstes Gesetz verkndet wurde. Es ist
heiliger, klassischer Boden, den wir berhren, -- zum erstenmale seit
unsrer Abreise von Hamburg.

Mittlerweile hatte der Dampfer Suez erreicht, den Anfangspunkt des
berhmten Kanals.

Eine fnfzehn Meilen breite Landenge, das Rote und das Mittellndische
Meer trennend, hatte sich hier unter Menschenhand in eine Wasserstrae
verwandelt und nur gegen eine hohe Abgabe -- 10 Frank die Tonne und
ebensoviel der Kopf -- war die Durchfahrt gestattet.

Zwischen bebauten Ufern wie auf einem stillen Strom des Binnenlandes
glitt der Dampfer dahin. Der Kanal besa nur sieben Meter Tiefe und
achtundfnfzig bis hundert Meter Breite und war durch Zementdmme
eingefat, whrend mehrere Seen, die er passierte, immer von schmalen
Bodenschwellen unterbrochen, von Zeit zu Zeit eine hchst interessante
Abwechselung darboten. An Ismailia, der Wunderstadt des Khediven von
gypten vorbei, durch brakige Seen verfolgte der Dampfer langsam und
vorsichtig seine Bahn, bis er endlich bei Port Said den engen Kanal
verlie.

Vor den Blicken aller dehnte sich das Mittelmeer, -- sie waren jetzt
wieder in Europa, konnten die Tage zhlen, bis das Schiff seine letzte
Bahn durchmessen; kein Wunder also, da namentlich an dieser
hochinteressanten Stelle, an der Schwelle zweier Welten, ihre Stimmung
eine ernste, gesammelte war. Drei lange Jahre des Genieens, des reichen
Ertrages lagen hinter ihnen, aber auch drei Jahre der schwersten
Anstrengungen und des Entbehrens; aus den spielenden, ahnungslosen
Knaben waren denkende Menschen geworden; das Leben hatte ihnen seinen
Ernst, seine Anforderungen aus nchster Nhe gezeigt; sie hatten zwei
Genossen der Reise, zwei junge Leute, die frhlich mit ihnen das
Wanderlos geteilt, im fernen tropischen Sden dem Grabe berliefern
mssen und hatten erst vor zwei Tagen den altehrwrdigen Punkt
gestreift, von welchem aus dereinst das Licht der Kultur und Religion
hellstrahlend aufging ber alle Welt und alle Zeit, -- der tiefe
Eindruck wurde erst verwischt, als das weite Meer wieder unabsehbar den
Dampfer umgab und andere Schiffe vielfach vorberglitten, Gren aus der
Heimat gleich, Boten, die vom Wiedersehn kndeten, von entzckendem,
seligen Ausruhn nach langer, sturmvoller Fahrt.

Am zweiten Tage sahen die Reisenden ein Schiff, das bei stillem,
sonnigen Juliwetter zwei Boote aussetzte und selbst back lag, d. h.
Segel nach beiden Seiten gestellt hatte, so da es die Luftstrmung,
anstatt zu treiben, auf seiner Stelle festhalten mute. Jedenfalls
arbeiteten hier Taucher; der Kapitn begrte daher in seemnnischer
Weise mittels der Flagge seinen Kollegen und lie den Dampfer seitlngs
von dem stillliegenden Segelschiff beidrehen. Hier war vor einigen
Wochen ein franzsisches Dampfschiff durch Explosion zu Grunde gegangen,
weshalb jetzt Taucherversuche gemacht werden sollten, um womglich den
Eisenrumpf aus dem Wasser zu heben, wenigstens aber doch das Wertvollste
der verunglckten Ladung zu bergen.

Die beiderseitige Bekanntschaft war bald gemacht; auch die Hammonia
setzte ihr groes Boot aus, und smtliche junge Leute fuhren bis zu der
Stelle, wo auf dem sehr seichten Grunde einzelne Teile des Wracks
deutlich erkennbar dalagen. Es sollte zuerst festgestellt werden, ob
sich das gesunkene Schiff in heilem oder geborstenem Zustand befinde,
daher wurden zwei Taucher zu beiden Seiten desselben langsam
herabgelassen, ganz in wasserdichte Stoffe gekleidet mit dem Helm, der
nach dem System Rouquonvil den selbstthtigen Apparat zur Luftbereitung
und Luftzufhrung in sich schlo, die Nase verklemmt, was ihnen ein
teuflisches Aussehen gab, und im Mund das Rohr der einfachen aber
vortrefflichen Vorrichtung. Die Leute konnten bei gnzlich freiem
Gebrauch ihrer Glieder fast eine volle Stunde unter Wasser bleiben, sie
begannen daher das Wrack zu erklettern, als pltzlich ein halb
komischer, halb ernster Zwischenfall den weiteren Verfolg der Arbeit
hinderte und auf der Oberflche des Wassers die im Boot Sitzenden mit
lebhaftestem Interesse erfllte.

Dem einen Taucher hatten sich zwei riesige Schwertfische genhert, von
wenigstens fnf Meter Lnge mit sgenartig gezahnten Auslufern des
Oberkiefers, anderthalb Meter langen, furchtbaren schneidenden Schnbeln
oder Schwertern, die aber auch, vorn spitz wie ein Degen, als Stowaffe
dienen konnten. Die walzenfrmigen, glatten, nur mit einer einzigen
Rckenflosse versehenen Krper schossen pfeilschnell heran und
versuchten beide irrtmlich zuerst den Eisenleib des Wrackes zu
durchbohren, richteten dann aber ihre ganze Aufmerksamkeit gegen den
unvorsichtigerweise ihrem Treiben zusehenden Taucher und warfen diesen
so schnell zu Boden, da oben in freier Luft die Leitungsrhren von dem
heftigen Anprall erzitterten.

Und nun entstand ein belustigender Kampf. Die Fische schwammen in
hchster Wut hin und her ber dem Krper ihres besiegten Gegners, ohne
ihm jedoch mit Erfolg beikommen zu knnen. Stieen die furchtbaren
Schwerter gegen den Helm, so prallten sie ab, kehrte sich jedoch ihre
Wucht gegen den in Kautschuk steckenden Mann, so wich dieser dem ohnehin
unsicheren Stoe mit leichter Mhe aus, wodurch der Zorn der gewaltigen
Tiere nur immer lebhafter erregt wurde. Da ihr Gegner unter ihnen lag,
anstatt wie gewhnlich ber ihnen zu schweben, so konnte die gewohnte
Taktik des Unterlaufens nicht befolgt werden, weshalb beide Ungeheuer
ratlos tobend, da die Boote schaukelten, durch das Wasser hin und her
jagten, jedesmal aber, wenn von oben an der Maschinerie gewunden wurde,
um den Bedrohten heraufzuziehen, den Fluchtversuch desselben durch
erneute Ste sogleich verhinderten. Die Lage des Mannes wurde ernst und
immer ernster! Wenn sich unter allen diesen ruckartigen Bewegungen der
Helm lste, so war er unrettbar verloren.

Die Aufmerksamkeit unserer Freunde, ihr lebhaftes Interesse verdoppelten
sich von Augenblick zu Augenblick. Sie sahen, wie der Taucher langsam am
Boden gegen das Wrack hin fortkroch und begriffen sofort, was er wollte,
-- sich durch schnelles Erklettern desselben den Unholden entziehen.
Diese schwammen fortwhrend ber ihm her, peitschten das Wasser mit
ihren Schwnzen und stieen blindlings nach allen Richtungen, meistens
ellenhoch ber den Bedrohten dahin.

Franz erhob sich pltzlich vom Sitz. Eine wollene Decke und ein Tau,
Steuermann! rief er mit lauter Stimme. Schnell! schnell!

Der Alte hatte schon den gleichen Gedanken gehabt; er konnte daher die
Bitte seines jungen Freundes um so schleuniger erfllen, und nun lieen
Holm und die beiden Brder langsam das groe, mit einem Gewicht
beschwerte Bndel in die Tiefe hinab, um dadurch das Interesse der
Fische von ihrem bedrohten Opfer abzulenken. Der Taucher sah alles;
seine Handbewegungen schienen um Eile zu bitten; er schob und drehte an
dem Helm, als drohe dieser, sich zu lsen.

Aller Pulse klopften in fieberhafter Spannung. Wenn nicht bald Hilfe
kam, so war der gengstigte Matrose seinen Peinigern verfallen.

Die Fische sahen das Bndel und stutzten, dann warfen sie sich mit
vereinter Kraft auf diesen neuen Gegner, der vor ihren Augen hpfend
erhalten wurde, und suchten den weichenden, tanzenden mit furchtbaren
Sten zu durchbohren. Gottlob! die List gelang. Der Taucher hatte sich
in das Innere des Wrackes gerettet und gab das Zeichen, ihn
heraufzuziehen. Schon schwebte sein Krper wenige Fu tief unter der
Oberflche, da entdeckten ihn die beiden Ungeheuer und konnten nun von
unten her ihre toddrohenden Waffen zur Anwendung bringen. Der Kautschuk
ri, Blut berstrmte die Glieder des Tauchers, und nur einem krftigen
Schlag mit dem Ruder aus Holms Hand verdankte er es, nicht bei
lebendigem Leibe gespiet zu werden. Als er im Boot anlangte, hatte sich
sein Helm zum Teil gelst, so da Wasser eingedrungen war, er blutete
frchterlich und mute bewutlos unter Deck geschafft werden. Auch der
andere wurde heraufgezogen, um nicht dem gleichen Schicksal zu
verfallen.

[Illustration: Der Taucher und die Schwertfische.

Die Fische sahen das Bndel und stutzten, dann warfen sie sich mit
vereinter Kraft auf diesen neuen Gegner ...]

Jetzt konnten unsere Freunde mit erleichtertem Herzen die Jagd wieder
aufnehmen. Im Wasser schwammen, nachdem auch das Bndel entfernt worden,
die groen Fische in toller Eile um einander herum, als wolle einer den
andern fr die Flucht der Beute verantwortlich machen. Zuerst stieen
sie sich wie zufllig, spielend, dann aber immer heftiger, bis endlich
die beiderseitigen Waffen zum vollstndigen Gebrauch kamen und sich die
Kmpfenden in einander so verflochten und festrannten, da sie
schlagend, drehend und tobend nur eine groe, unlsliche Masse bildeten.

Die haben wir! jubelte Holm, die haben wir! schnell, Papa Witt, geben
Sie uns einen Mann mit einer Harpune.

Auch das geschah. Ein Matrose warf vom Schiff aus mit groer
Geschicklichkeit den mrderischen Haken einem der Schwertfische in den
Krper, und dann wurden Anstalten getroffen, um die an die Oberflche
gezogenen auf das Schiff zu bringen, wobei man natrlich den Booten
sorgfltig aus dem Wege ging. Beide Tiere lebten noch; sie schlugen mit
den Schwnzen und glotzten halb wtend, halb dumm die Menschen an,
whrend von dem franzsischen Schiff aus, jetzt wo die gefhrlichen
Feinde besiegt waren, neue Taucher ihre unterbrochene Arbeit wieder
aufnahmen. Man verabschiedete sich, des unverhofften Fanges froh; dem
unverletzten Schwertfisch wurde behufs Ausstopfung das dicke Fell
abgezogen und beide Schnbel als wertvolle Beitrge fr das Museum
gereinigt und verwahrt. Noch lange besprachen die jungen Leute diesen
glcklich verlaufenen Zwischenfall, und dabei geschah es, da Franz
zufllig sagte: Unser letztes Abenteuer!

Hans warf ein: Fr diesmal vielleicht, aber wie lange wirst du es zu
Hause aushalten, nchstes Jahr strebst du vielleicht nach Amerika.

Aber Franz schttelte den Kopf. Nun nicht wieder. Was mein Vater jetzt
ist, der Ernhrer und Versorger von Tausenden, das will ich dereinst
auch werden, -- wir beide, nicht wahr, Hans?

Und der jngere Bruder lchelte. Ich wollte es immer, Franz.

Das Schiff verfolgte seinen Lauf durch das blaue Mittelmeer, sah Kreta
und Sizilien, und trat durch die Sulen des Herkules in den Atlantischen
Ozean. Bald lag auch der bse biskayische Meerbusen hinter ihm.
Glcklich durcheilte es den Kanal und kam in die Elbe, wo es von dem
Lotsenkutter mit lautem Hurra begrt wurde. Alles wohl zu Hause! --
Der Mann konnte es behaupten, denn er hatte mit Herrn Gottfried gestern
noch gesprochen. Die Hammonia wird von ganz Hamburg erwartet.

Und weiter und weiter verfolgte der Eisenbau seine Bahn. Vorber an der
Kste von Holstein, an den Elbinseln, an Altona und dann langsam bis zum
Hamburger Hafen. Wo wart ihr, drei lange lange Jahre, seit das Schiff
von dieser Stelle hinauszog in die unermeliche Weite? --

Niemand sprach, aber es war ihnen wie einst Robinson, dem
wiederkehrenden Robinson, sie htten den Boden der Heimat kssen mgen.

                   *       *       *       *       *

Und dann standen im Kontor die Shne dem Vater gegenber, er erkannte
sie kaum; der laute Jubel brach erst los nach langem, innigen Umarmen
und Begren. Fr heute hatte alle Arbeit ein Ende; Mann fr Mann, vom
Kapitn bis zum Kajttsjungen, muten die Gefhrten der Weltreise ihren
Chef besuchen; alle erhielten eine bedeutende Extrazulage, und fr die
Hinterbliebenen der beiden Verunglckten sollte reichlich gesorgt
werden; dann aber, nachdem der Mannschaft Freiheit gegeben, sich in der
Stadt nach Belieben zu bewegen, nachdem die Weltumsegler ihrem Reeder
ein donnerndes Hoch gebracht, -- dann sah Herr Gottfried
freudestrahlenden Blickes von einem seiner beiden Shne zum anderen und
sagte mit erstickter Stimme: Jetzt kommt zur Mutter nach Dockenhuden!

Wir folgen ihnen nicht. Solche Augenblicke kann niemand schildern,
niemand aus der Schilderung kennen lernen, -- man mu sie erleben, um zu
wissen, da sie des Daseins seltene, selige Hhepunkte bilden.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die variierende und inkonsistente Schreibweise des Originals wurde
weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
korigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   ... dem Julius Csar. Nachrichten von Haus. Weitere Arbeiten mit
       dem Schleppnetz. ...
   ... dem Julius Csar. Nachrichten von zu Haus. Weitere Arbeiten
       mit dem Schleppnetz. ...

   ... Nach Bombeck. Die einmal blhende Palme. Nach Celebes.
       Naturwissenschaftliche ...
   ... Nach Lombock. Die einmal blhende Palme. Nach Celebes.
       Naturwissenschaftliche ...

   [S. 16]:
   ... Tiere, gewissermassen wie Offiziere und Huptlinge, und ganz
       inmitten ...
   ... Tiere, gewissermaen wie Offiziere und Huptlinge, und ganz
       inmitten ...

   [S. 18]:
   ... Zweigen unterbrach pktzlich die angefangene Rede. Papageien ...
   ... Zweigen unterbrach pltzlich die angefangene Rede. Papageien ...

   [S. 24]:
   ... schaukelte in den Lften und hing wie ein dichter, bunter
       Tppich, ...
   ... schaukelte in den Lften und hing wie ein dichter, bunter
       Teppich, ...

   [S. 49]:
   ... durch die Luft, und wenigstes ihrer sechs zitterten an den
       langen ...
   ... durch die Luft, und wenigstens ihrer sechs zitterten an den
       langen ...

   [S. 64]:
   ... fiel, von dem Spiegel des Mikroskopes aufgegangen werden
       konnte. ...
   ... fiel, von dem Spiegel des Mikroskopes aufgefangen werden
       konnte. ...

   [S. 65]:
   ... Stelle vier Fensterchen und wird deshalb Camplyodiscus
       fenestratus ...
   ... Stelle vier Fensterchen und wird deshalb Campylodiscus
       fenestratus ...

   [S. 66]:
   ... packte Holm das Misroskop wieder ein und versprach den
       Knaben, ...
   ... packte Holm das Mikroskop wieder ein und versprach den
       Knaben, ...

   [S. 72]:
   ... von der Verfolgung der Feinde ab, kehrte um und suchten ...
   ... von der Verfolgung der Feinde ab, kehrten um und suchten ...

   [S. 75]:
   ... behalten hatten und jetzt den letzten Uberrest ihrer
       entspringenden ...
   ... behalten hatten und jetzt den letzten berrest ihrer
       entspringenden ...

   [S. 76]:
   ... die innere Frucht, welche einer dem andern zu verbergen
       strebte, ...
   ... die innere Furcht, welche einer dem andern zu verbergen
       strebte, ...

   [S. 77]:
   ... Ich desso besser, Hnschen. Die Sterne mssen mir ebensowohl ...
   ... Ich desto besser, Hnschen. Die Sterne mssen mir ebensowohl ...

   [S. 89]:
   ... zu schnell, um dem vorauseilenden Knaben bemerbar zu werden, ...
   ... zu schnell, um dem vorauseilenden Knaben bemerkbar zu werden, ...

   [S. 93]:
   ... gestattete, und daher die stummen Bewohner des Wasserreiches
       deutich ...
   ... gestattete, und daher die stummen Bewohner des Wasserreiches
       deutlich ...

   [S. 97]:
   ... Weise es mglich ist, das Vergangliche fr die Mit- und
       Nachwelt ...
   ... Weise es mglich ist, das Vergngliche fr die Mit- und
       Nachwelt ...

   [S. 100]:
   ... setzten aus, die Gedanken traten als ein Gott erbarmn ...
   ... setzten aus, die Gedanken traten als ein Gott erbarme ...

   [S. 100]:
   ... und wohl auch whrend unseres Nachtaufenthaltes im
       unbeschtztee ...
   ... und wohl auch whrend unseres Nachtaufenthaltes im
       unbeschtzten ...

   [S. 101]:
   ... alle vorigen, den Zauschauern vorbehalten. Aus einer dichten
       Wolke ...
   ... alle vorigen, den Zuschauern vorbehalten. Aus einer dichten
       Wolke ...

   [S. 105]:
   ... Holm fragte den Fhrer nach dem Grunde deser auffallenden, ...
   ... Holm fragte den Fhrer nach dem Grunde dieser auffallenden, ...

   [S. 111]:
   ... das Los fast eines jeden der Huptlinge, die ihr Leben
       faullenzend ...
   ... das Los fast eines jeden der Huptlinge, die ihr Leben
       faulenzend ...

   [S. 118]:
   ... nickt er und sagt: >Wir haben erst von ein paar Tagen einen ...
   ... nickt er und sagt: >Wir haben erst vor ein paar Tagen einen ...

   [S. 122]:
   ... mit den ihnen zu teil gewordenen Anblick weier Menschen noch ...
   ... mit dem ihnen zu teil gewordenen Anblick weier Menschen noch ...

   [S. 131]:
   ... von Ubergabe nichts hren. Die zweitfolgende Nacht wird ganz ...
   ... von bergabe nichts hren. Die zweitfolgende Nacht wird ganz ...

   [S. 140]:
   ... Hhne sind heilig, erklrte sie, aber eben darum werden sie
       auch ...
   ... Hhne sind heilig, erklrten sie, aber eben darum werden
       sie auch ...

   [S. 161]:
   ... Holm lchelte. Dergleichen mu du jetzt ber Bord werfen, ...
   ... Holm lchelte. Dergleichen mut du jetzt ber Bord werfen, ...

   [S. 165]:
   ... wei es, er hat hier oft die jungen Pagageien aus ihren
       Nestern ...
   ... wei es, er hat hier oft die jungen Papageien aus ihren
       Nestern ...

   [S. 165]:
   ... Nsse, weshalb auch bunte Papageien in ganzen Scharen die
       Baumwimpfel ...
   ... Nsse, weshalb auch bunte Papageien in ganzen Scharen die
       Baumwipfel ...

   [S. 182]:
   ... bestandenen Ufer der Insel Mauritus -- so bot sich dem
       staunenden ...
   ... bestandenen Ufer der Insel Mauritius -- so bot sich dem
       staunenden ...

   [S. 193]:
   ... selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das
       schwrzliche hinberspielende ...
   ... selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das
       schwrzliche hinberspielender ...

   [S. 194]:
   ... netwas Groartiges oder gar Wildes besa. Drfer und stille,
       einsame, ...
   ... etwas Groartiges oder gar Wildes besa. Drfer und stille,
       einsame, ...

   [S. 194]:
   ... So knnen wir denn diesmal das Moschustier erlegen und de ...
   ... So knnen wir denn diesmal das Moschustier erlegen und den ...

   [S. 196]:
   ... med Kinde gleichsam unmerklich, mhelos bekannt werden, und ...
   ... dem Kinde gleichsam unmerklich, mhelos bekannt werden, und ...

   [S. 198]:
   ... dem Raum wurden groe Glashafen mit eingeschliffenem, breiten ...
   ... dem Raum wurden groe Glashafen mit eingeschliffenem, breitem ...

   [S. 207]:
   ... der Tierwelt, eine Gattung immer die Bekmpferin die ...
   ... der Tierwelt, eine Gattung immer die Bekmpferin der ...

   [S. 207]:
   ... Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerpruch ...
   ... Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch ...

   [S. 207]:
   ... mit den Gewohnheiten wilder Geschpfe verstrkte sich ber ...
   ... mit den Gewohnheiten wilder Geschpfe verstrkte sich bei ...

   [S. 215]:
   ... dem sie offenbar lauschte, bewogen die Zigenmama, diesmal ein ...
   ... dem sie offenbar lauschte, bewogen die Ziegenmama, diesmal
       ein ...

   [S. 216]:
   ... Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mi ...
   ... Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mit ...

   [S. 223]:
   ... von Shinghala in bleibendem Andenken erhalten mute. Zwei
       saubere ...
   ... von Singhala in bleibendem Andenken erhalten mute. Zwei
       saubere ...

   [S. 231]:
   ... waren, Kokusmilch trinkend und im Schmutz vergehend, ...
   ... waren, Kokosmilch trinkend und im Schmutz vergehend, ...

   [S. 255]:
   ... Flammen war eisende Kobolde an den Felsklippen hinauf
       klettern ...
   ... Flammen wie rasende Kobolde an den Felsklippen hinauf
       klettern ...

   [S. 263]:
   ... Kochkessel und Baatpfanne unaufhaltsam frische, reinigende
       Fluten ...
   ... Kochkessel und Bratpfanne unaufhaltsam frische, reinigende
       Fluten ...

   [S. 272]:
   ... vor den erstern Husern der Stadt Bezahlung verlangten, da ...
   ... vor den ersten Husern der Stadt Bezahlung verlangten, da ...

   [S. 284]:
   ... als Lanzenspitzen. Da diese Kresbart in den Aquarien ...
   ... als Lanzenspitzen. Da diese Krebsart in den Aquarien ...

   [S. 289]:
   ... zu bemerken, da in demselben Jod- und Bromsalbe aufgelst
       sind, ...
   ... zu bemerken, da in demselben Jod- und Bromsalze aufgelst
       sind, ...

   [S. 302]:
   ... grere Tiere, mehrere an der Zahl, hier durchgedrungen sein
       dun ...
   ... grere Tiere, mehrere an der Zahl, hier durchgedrungen sein
       und ...

   [S. 309]:
   ... Bassar nickte. Zunchst ist es doch den Herren daran
       gegelegen, ...
   ... Bassar nickte. Zunchst ist es doch den Herren daran
       gelegen, ...

   [S. 310]:
   ... Rat der Fhrer im Nacken eine herabhngendes Stck Leinen
       nach ...
   ... Rat der Fhrer im Nacken ein herabhngendes Stck Leinen nach ...

   [S. 331]:
   ... Zickzack, es ist zum Tollwerden. Mit Naturforscher reise ich
       all ...
   ... Zickzack, es ist zum Tollwerden. Mit Naturforschern reise ich
       all ...

   [S. 342]:
   ... sich alle Einzelnheiten des kleinen Abenteuers ins Gedchtnis
       rufen. ...
   ... sich alle Einzelheiten des kleinen Abenteuers ins Gedchtnis
       rufen. ...

   [S. 348]:
   ... Laute, sein Bewegungen deuteten auf lebhafte Furcht. ...
   ... Laute, seine Bewegungen deuteten auf lebhafte Furcht. ...

   [S. 361]:
   ... wir ihn die Schatzkammer der Naturforscher nennen. ...
   ... wir ihn die Schatzkammer der Naturforscher nennen? ...

   [S. 382]:
   ... flatterten vom Walde herber und Dingos spangen mit groen ...
   ... flatterten vom Walde herber und Dingos sprangen mit groen ...

   [S. 386]:
   ... aufgesperrt. Rua-Roa schien rettungsvoll verloren. ...
   ... aufgesperrt. Rua-Roa schien rettungslos verloren. ...

   [S. 394]:
   ... genommen wurden, so waren sie in dem Lande, da keine ...
   ... genommen wurden, so waren sie in dem Lande, das keine ...

   [S. 414]:
   ... Einzelwesen, die jedoch zusammen ein geschlossenes Ganze
       bildeten, ...
   ... Einzelwesen, die jedoch zusammen ein geschlossenes Ganzes
       bildeten, ...

   [S. 425]:
   ... schien ganz leicht, sich diesen Mnner bis auf Schrittweite
       zu ...
   ... schien ganz leicht, sich diesen Mnnern bis auf Schrittweite
       zu ...

   [S. 426]:
   ... Franz reichte ihm die Hand. Rua, wie willst du dich dem ...
   ... Franz reichte ihm die Hand. Rua, wie willst du dich den ...

   [S. 439]:
   ... wo alles von braunen, nackten Klippen und Gerllen starrte.
       Uber ...
   ... wo alles von braunen, nackten Klippen und Gerllen starrte.
       ber ...

   [S. 444]:
   ... Fartoreien Arbeit zu suchen. Sie kennen weder den Begriff des ...
   ... Faktoreien Arbeit zu suchen. Sie kennen weder den Begriff des ...

   [S. 454]:
   ... Das ist so gewi, wie ich hier vor euch stehe? ...
   ... Das ist so gewi, wie ich hier vor euch stehe! ...

   [S. 455]:
   ... Hause. Wahrhaftig, das soll alles Ernstes berlegt werden. ...
   ... Hause. Wahrhaftig, das soll allen Ernstes berlegt werden. ...






End of Project Gutenberg's Das Naturforscherschiff, by Sophie Wrishffer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NATURFORSCHERSCHIFF ***

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