The Project Gutenberg EBook of Der Weltkrieg, by August Niemann

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Title: Der Weltkrieg
       Deutsche Trume

Author: August Niemann

Release Date: August 8, 2015 [EBook #49656]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WELTKRIEG ***




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Der Weltkrieg




  Druck von
  W. Vobach & Co.
  Berlin N. 4.

[Illustration]




                             Der Weltkrieg

                            Deutsche Trume

                                 Roman

                                  von

                            August Niemann

                            [Illustration]

                            Berlin-Leipzig

                      Verlag von W. Vobach & Co.


  Alle Rechte,
  insbesondere das Recht der Uebersetzung in
  andere Sprachen, vorbehalten.

  Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

  ~Copyright 1904 by W. Vobach & Co.~




[Illustration]


In meiner Erinnerung taucht der britische Oberst auf, der mir in
Kalkutta sagte: Dreimal bin ich hierher nach Indien kommandiert worden.
Vor fnfundzwanzig Jahren als Leutnant: -- damals standen die Russen
fnfzehnhundert Meilen von der indischen Grenze entfernt. Dann als
Kapitn vor zehn Jahren: -- und damals standen die Russen nur noch
fnfhundert Meilen entfernt. Vor einem Jahre als Oberstleutnant: -- die
Russen stehen unmittelbar vor den Pssen, die nach Indien fhren.

Die Weltkarte entfaltet sich vor meinen Blicken.

Alle Meere durchpflgt von den Kielen britischer Kriegsschiffe, alle
Ksten besetzt mit Kohlenstationen und Festungen der britischen
Weltmacht. Die Herrschaft ber den Erdkreis ist bei England, und
England will sie behalten, es kann nicht dulden, da der russische
Kolo Leben und Bewegung aus dem Meere trinkt.

Ohne Englands Erlaubnis darf keine Kanone auf dem Meere abgefeuert
werden, sagte einst William Pitt, Englands grter Staatsmann.

Seit langen Jahren wchst England empor durch den Zwiespalt der
kontinentalen Mchte unter sich. Fast alle Kriege seit Jahrhunderten
sind zum Vorteil Englands gefhrt, fast alle von England angestiftet
worden. Nur als der Genius Bismarcks ber Deutschland wachte, besann
der deutsche Michel sich auf seine Kraft und kriegte fr sich selbst.

Soll es dahin kommen, da Deutschland Luft und Licht und das tgliche
Brot nur noch der Gnade Englands verdankt? Oder lebt noch die alte
Kraft in Michels Armen?

Werden die drei Mchte, die im Vertrage von Schimonoseki nach dem Siege
Japans ber China zusammenstanden, um Englands Plne zu vereiteln,
werden Deutschland, Frankreich und Ruland noch lnger mig bleiben,
oder werden sie sich zu gemeinsamem Handeln die Hnde reichen?

Im Geiste sehe ich die Heere und Flotten Deutschlands, Frankreichs
und Rulands sich in Bewegung setzen gegen den allgemeinen Feind,
der mit Polypenarmen die Weltkugel umklammert. Befreiung aus seinen
erstickenden Schlingen bringt fr ganz Europa der eherne Ansturm der
alliierten drei Mchte. Die Zukunft trgt den groen Krieg in ihrem
Schoe.

Es ist keine Geschichte aus der Vergangenheit, die ich in den folgenden
Blttern schildere. Es ist das Bild, wie es sich klar vor meiner Seele
entrollte, als mir der Inhalt der ersten Depesche des Statthalters
Alexejew an den Zaren bekannt wurde. Und gleichzeitig tauchte wie ein
Blitz in mir die Erinnerung an das Telegramm auf, das Kaiser Wilhelm
II. nach Jamesons Einfall an die Buren sandte, jenes Telegramm, das im
Herzen der ganzen deutschen Nation ein so nachhaltiges Echo gefunden
hat. Ich schaue in die Zukunft und erinnere mich der Pflichten und
Aufgaben unsers deutschen Volkes. Meine Trume, die Trume eines
Deutschen, zeigen mir den Krieg und Sieg der drei verbndeten groen
Nationen, Deutschland, Frankreich, Ruland, und eine neue Verteilung
des Besitzes der Erde als Endziel dieses gewaltigen Weltkrieges.

                                                          Der Verfasser.




[Illustration]




I.


Eine glnzende Versammlung hoher Wrdentrger und Militrs war es, die
sich im kaiserlichen Winterpalast zu St. Petersburg zusammenfand. Von
den einflureichen Persnlichkeiten, die durch ihre amtliche Stellung
oder durch ihre persnlichen Beziehungen zum Herrscherhause berufen
waren, beratend und bestimmend auf die Geschicke des Zarenreiches
einzuwirken, fehlte kaum eine einzige. Aber es konnte kein festlicher
Anla sein, der sie hier zusammen fhrte; denn in allen Mienen war
der Ausdruck tiefen Ernstes, der sich hier und da bis zu banger Sorge
steigerte. Und die in leisem Flsterton gefhrten Gesprche bewegten
sich um sehr bedeutsame Dinge.

Die breiten Flgeltren gegenber dem lebensgroen Bilde des
regierenden Zaren wurden weit geffnet, und unter lautloser Stille der
Versammelten betrat der greise Prsident des Reichsrats, der Grooheim
des Zaren, Grofrst Michael, den Saal. Zwei andere Mitglieder des
Kaiserhauses, die Grofrsten Wladimir Alexandrowitsch und Alexis
Alexandrowitsch, die Brder des verstorbenen Herrschers, befanden sich
in seiner Begleitung.

Huldvoll erwiderten die Prinzen die tiefen Verbeugungen der Anwesenden.
Auf einen Wink des Grofrsten Michael gruppierte man sich um den
langen, mit grnem Tuch berzogenen Konferenztisch inmitten des
sulengetragenen Saales. Noch herrschte tiefe, ehrfurchtsvolle
Stille; aber auf ein Zeichen des Prsidenten erhob sich nunmehr der
Staatssekretr Witte, Vorsitzender des Minister-Komitees, um, gegen die
Grofrsten gewendet, zu beginnen:

Kaiserliche Hoheiten und verehrte Herren! Eure Kaiserliche Hoheit
haben zu einer dringenden Beratung befohlen und mich mit dem Auftrage
betraut, deren Ursachen und Zweck darzulegen. Wir alle wissen, da
Seine Majestt, der Kaiser, unser erhabener Herr und Gebieter, die
Erhaltung des Weltfriedens als das hchste Ziel seiner Politik
bezeichnet hat. Die christliche Idee, da die Menschheit _eine_ Herde
unter _einem_ Hirten sein soll, hat in unserm erlauchten Herrscher
ihren ersten und vornehmsten Vertreter auf Erden gefunden. Die Liga
fr den Weltfrieden ist das eigenste Werk Seiner Majestt, und wenn
wir berufen worden sind, um unsere untertnigsten Vorschlge zur
Beseitigung der dem Vaterlande in diesem Augenblick drohenden Gefahr
dem Allerhchsten Herrn zu unterbreiten, so drfen unsere Beratungen
immer nur von jenem Geiste erfllt sein, der dem christlichen Gebot der
Menschenliebe entspricht.

Unterbrechend erhob Grofrst Michael die Hand.

Alexander Nikolajewitsch, wandte er sich an den Protokollfhrer,
vergi nicht, diesen Satz wrtlich niederzuschreiben.

Der Staatssekretr machte eine kurze Pause, um dann mit etwas erhobener
Stimme und nachdrcklicherem Ton fortzufahren:

Es bedarf keiner besonderen Beteuerung, da bei solcher hochsinnigen
Denkungsart unseres hchsten Herrn ein Bruch des Weltfriedens niemals
von uns ausgehen konnte. Ein heiliges Besitztum aber, das wir von
niemandem antasten lassen drfen, ist die nationale Ehre, und der
Angriff, den Japan im fernen Osten auf uns unternommen hat, zwang uns
zu ihrer Verteidigung das Schwert in die Hand. In der ganzen Welt kann
es keinen gerecht und billig denkenden Menschen geben, der um dieses
uns aufgezwungenen Krieges willen einen Vorwurf gegen uns erheben
drfte. Aber es ist in der gegenwrtigen Gefahr fr uns ein Gebot der
Selbsterhaltung, zu erwgen, ob Japan in Wahrheit der einzige und
der eigentliche Feind ist, gegen den wir uns zu verteidigen haben.
Und es liegen triftige Grnde vor, die uns dahin fhren mssen, diese
Frage zu verneinen. Die Regierung Seiner Majestt ist berzeugt,
da wir den japanischen Angriff lediglich der lange whrenden und
in ihrer heimlichen Whlarbeit nimmer ruhenden Feindschaft Englands
zu danken haben. Unablssig ist England von jeher darauf bedacht
gewesen, uns zur Erlangung eigenen Vorteils zu schaden. Bei allen
unseren Bestrebungen, das Wohl des Reiches zu frdern und die Vlker
glcklich zu machen, sind wir von jeher auf den Widerstand Englands
gestoen. Vom chinesischen Meere aus durch ganz Asien hindurch bis
zur baltischen See legt England uns Schwierigkeiten in den Weg, um
uns der Frchte unserer Kulturarbeit zu berauben. Niemand von uns ist
darber im Zweifel, da Japan in Wahrheit die Sache Englands fhrt.
Aber auch berall, wo sonst auf dem Erdball unsere Interessen in Frage
stehen, stoen wir auf die offenen oder versteckten Feindseligkeiten
Englands. Die von ihm erregten und mit den verwerflichsten Mitteln
begnstigten Wirren in den Balkanlndern und in der Trkei haben
einzig den Zweck, uns mit Oesterreich und Deutschland zu verfeinden.
Und nirgends treten die eigentlichen Ziele Britanniens deutlicher zu
Tage, als in Mittelasien. Mit unsglichen Mhen und den grten Opfern
an Gut und Blut haben weise Regenten die den, von halbwilden Vlkern
bewohnten Landstrecken zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere und
stlich von diesem bis zur chinesischen Grenze und an den Himalaja der
russischen Kultur zugnglich gemacht. Nie aber haben wir einen Schritt
nach Osten oder Sden tun knnen, ohne englischem Widerspruch oder
englischen Intriguen zu begegnen. Jetzt stehen wir nahe der Grenze
des britischen Ostindien und unmittelbar an der Grenze Persiens und
Afghanistans. Wir haben freundschaftliche Beziehungen zu den Herrschern
dieser beiden Reiche geschaffen, pflegen einen eifrigen Handelsverkehr
mit ihren Vlkern, untersttzen ihre industriellen Unternehmungen und
sind vor keinen Opfern zurckgeschreckt, um diese Lnder den Segnungen
der Kultur zugnglich zu machen. Aber auf Schritt und Tritt sucht
England unsere Ttigkeit zu hemmen. Britisches Gold und britische
Hetzereien waren es, die in Afghanistan zeitweilig eine kriegerische
Stellung gegen uns hervorzurufen vermochten. Einmal endlich mssen
wir uns die Frage vorlegen, wie lange wir solchem Beginnen unttig
zusehen drfen. Ruland mu sich den Weg zum Meere frei machen. Viele
Millionen rstiger Arme bebauen die heilige Erde unseres Vaterlandes.
Wir verfgen ber unermeliche Schtze an Getreide, Holz und an
allen Produkten der Landwirtschaft. Aber wir knnen nur mit einem
geringfgigen Bruchteil dieses uns vom Himmel beschiedenen Segens auf
den Weltmarkt gelangen, weil wir von allen Seiten eingeschlossen und
eingeengt sind, solange uns der Weg zum Meere versperrt bleibt. Unsere
mittelasiatischen Provinzen ersticken aus Mangel an Seeluft. Das wei
England sehr gut, und darum ist all sein Verlangen darauf gerichtet,
uns das Meer zu verschlieen. Mit einer durch nichts berechtigten
Anmaung erklrt es den persischen Golf fr seine Domne und mchte das
ganze indische Meer, gleich Indien selbst, fr sein Eigentum gehalten
wissen. Diesem Uebermut sollte endlich ein gebieterisches >Halt<
zugerufen werden, wenn unser geliebtes Vaterland nicht in die Gefahr
geraten soll, unbersehbaren Schaden zu erleiden. Nicht wir sind es,
die den Kampf suchen, sondern man zwingt ihn uns auf. Ueber die Mittel
aber, mit denen er zu fhren wre, wenn England sich aus freien Stcken
zu einer Erfllung unserer berechtigten Forderungen nicht versteht,
wrde uns am besten Seine Exzellenz der Herr Kriegsminister Auskunft zu
geben vermgen.

Er verbeugte sich abermals gegen die Grofrsten und lie sich in
seinen Sessel nieder; die hohe stattliche Gestalt des Kriegsministers
Kuropatkin war es, die sich jetzt auf einen Wink des Prsidenten erhob
und Antwort gab.

Zwanzig Jahre habe ich in Mittelasien gedient, und ich beurteile
unsere Lage an der Sdgrenze aus eigener Anschauung. Fr einen Krieg
gegen England ist Afghanistan zunchst der entscheidende Schauplatz.
Drei wichtige Psse fhren aus Afghanistan nach Indien hinein: der
Kaiberpa, der Bolanpa und das Kuramtal. Als die Englnder im November
des Jahres 1878 in Afghanistan einmarschierten, gingen sie in drei
Kolonnen von Peschawar, von Kohat und von Quetta aus auf Kabul,
Gasna und Kandahar. Diese drei Wege sind auch uns vorgezeichnet. Die
ffentliche Meinung hlt sie fr die allein mglichen. Es wrde zu
weit fhren, wenn ich meine strategische Ansicht ber die Richtigkeit
oder Unrichtigkeit dieser Annahme hier entwickeln wollte. Genug:
wir werden den Weg nach Indien finden. Habib Ullah Khan wrde sein
sechzigtausend Mann starkes Afghanenheer zu uns stoen lassen, sobald
wir in sein Land einrckten. Allerdings ist er ein Bundesgenosse
von zweifelhafter Zuverlssigkeit; denn er wrde wahrscheinlich
ebenso bereitwillig mit den Englndern gehen, wenn diese zuerst
mit einer Macht, die ihm hinlnglich imponierte, in seinem Lande
erschienen. Aber es hindert uns nichts, die ersten zu sein. Unsere
Eisenbahn fhrt bis Merw, 120 Kilometer von Herat, und von dieser
Zentralstelle bis zur Grenze Afghanistans. Mit unserer transkaspischen
Bahn knnen wir die kaukasischen Armeekorps und die Truppen des
Generalgouvernements Turkestan an die afghanische Grenze bringen. Ich
mache mich anheischig, innerhalb vier Wochen nach der Kriegserklrung
eine ausreichende Feldarmee in Afghanistan um Herat herum konzentriert
zu haben. Unserer ersten Armee aber kann ein unablssiger Strom von
Regimentern und Batterien folgen. Die Reserven des russischen Heeres
sind unerschpflich, und wir stellen, wenn es sein mu, vier Millionen
Soldaten und mehr als eine halbe Million Pferde ins Feld. Ich mchte
aber bezweifeln, da England uns in Afghanistan entgegentreten wird.
Die englischen Generle wrden jedenfalls nicht sehr klug daran tun,
Indien zu verlassen. Wrden sie in Afghanistan geschlagen, so kmen
sicherlich nur schwache Trmmer ihres Heeres nach Indien zurck.
Die Afghanen wrden eine fliehende englische Armee erbarmungslos
vernichten, wie sie es schon einmal getan haben. Wir aber, wenn sich,
was Gott verhten mge, das Kriegsglck anfnglich gegen uns wendete,
htten immer noch einen Rckweg nach Turkestan offen, auf dem man
uns schwerlich folgen wrde, und wir knnten den Angriff jederzeit
erneuern. Wird die englische Armee geschlagen, so ist Indien fr
Grobritannien verloren. Denn die Englnder stehen in Indien wie in
Feindesland; sie finden als Unterliegende keinen Rckhalt im indischen
Volke. Von den eingeborenen Frsten, deren Selbstndigkeit sie
brutal vernichtet haben, wrden sie in dem Augenblick, da ihre Macht
zusammenbricht, auf allen Seiten angegriffen werden. Uns aber wrde man
als Befreier von einem unertrglichen Joch mit offenen Armen empfangen.
Die anglo-indische Armee sieht auf dem Papier viel gefhrlicher aus,
als in der Wirklichkeit, sie zhlt angeblich 200000 Mann; aber nur
ein Drittel davon sind englische Soldaten, whrend sich der Rest aus
Eingeborenen zusammensetzt. Und diese Armee besteht berdies aus
vier Korps, die ber das ganze groe Gebiet Indiens verteilt sind.
Eine Feldarmee, die an der Grenze oder jenseits der Grenze verwendet
werden sollte, mte erst aus diesen vier Korps herausgezogen und neu
organisiert werden. Sie knnte hchstens 60000 Mann stark sein, weil
das Land um der Unzuverlssigkeit der Bevlkerung willen nicht von
Garnisonen entblt werden darf. Ich mchte nach all diesem meiner
Ueberzeugung dahin Ausdruck geben, da der Krieg in Indien selbst
gefhrt werden mu und da Gott uns den Sieg verleihen wird.

Die in energischem und zuversichtlichem Ton vorgebrachten Ausfhrungen
des Generals hatten ersichtlich einen tiefen Eindruck auf die Hrer
gemacht. Aber die Rcksicht auf die Anwesenheit der Grofrsten
verhinderte jede laute Kundgebung. Der greise Prsident reichte dem
Kriegsminister die Hand. Dann erteilte er dem Minister der auswrtigen
Angelegenheiten das Wort.

Es unterliegt fr mich keinem Zweifel, sagte der Diplomat, da die
soeben von Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister entwickelten
strategischen Ansichten einer eingehenden Sachkenntnis und richtigen
Wrdigung der Verhltnisse entsprungen sind, und ich bin gewi, da
die sieggewohnten Truppen Seiner Majestt des Zaren im Falle eines
Krieges bald in der Ebene des Indus stehen werden. Auch ist es durchaus
meine Ueberzeugung, da Ruland am besten tun wrde, die Offensive
zu ergreifen, sobald sich einmal die Unhaltbarkeit des gegenwrtigen
Verhltnisses zu England erwiesen hat. Aber wer mit Grobritannien
Krieg fhrt, darf nicht mit einem Kriegsschauplatz rechnen. Wir mten
im Gegenteil auf Angriffe der verschiedensten Art gefat sein, zunchst
wohl auf einen Angriff auf unsere Finanzen, unsern Kredit, worber
Exzellenz Witte uns bessere Aufschlsse geben knnte als ich. Die
englische Bank und die mit ihr verbndeten groen Bankhuser wrden
diesen Finanzkrieg ungesumt erffnen. Weiter wrde sich schwerlich
noch ein unter russischer Flagge segelndes Schiff auf offenem Meere
zeigen drfen, und unser internationaler Handel wrde bis zur
Niederwerfung des Gegners vllig unterbunden sein. Bedeutsamer aber
als Erwgungen dieser Art mu fr uns die Frage nach dem Verhalten
der anderen Gromchte sein. Wer wird fr uns und wer wird gegen uns
sein? Englands politische Kunst hat sich seit der Zeit Oliver Cromwells
hauptschlich in der geschickten Ausnutzung der kontinentalen Mchte
offenbart. Es ist keine Uebertreibung, zu sagen, da Englands Kriege
vornehmlich mit kontinentalen Heeren gefhrt worden sind. Das ist keine
Herabsetzung der Kriegstchtigkeit Englands. Wo immer die englische
Flotte und englische Armeen auf dem Kriegsschauplatze erschienen sind,
hat sich die Energie, die Zhigkeit und Tapferkeit ihrer Offiziere,
ihrer Seeleute und Soldaten stets im glnzendsten Lichte gezeigt. Die
Tradition der englischen Truppen, die einst Frankreich unter Fhrung
des Schwarzen Prinzen und Heinrichs V. siegreich durchzogen, ist in
den Kriegen gegen Frankreich im 18. Jahrhundert und gegen Napoleon
lebendig geblieben. Ungleich grere Erfolge aber als durch diese
eigenen Waffentaten hat England dadurch errungen, da es fremde Vlker
fr sich kmpfen lie und auf dem Kontinent die Truppen Oesterreichs,
Frankreichs, Deutschlands und Rulands gegeneinander fhrte. Seit
zweihundert Jahren sind berhaupt sehr wenig Kriege ohne Englands Zutun
und ohne Nutzen fr England gefhrt worden. Diese wenigen Ausnahmen
sind die nur zum Vorteile und zum Ruhme des eigenen Volkes gefhrten
Kriege Bismarcks, der darum auch der bestgehate Mann der Englnder
war. Whrend das europische Festland von inneren Kriegen zerrissen
wurde, die Englands Staatskunst angeschrt, hat Grobritannien
seinen ungeheuren Kolonialbesitz erworben. Uns selbst hat England
in Feldzge verwickelt, die lediglich seinen Vorteil bildeten. Ich
erinnere nur an den blutigen, opfervollen Krieg von 1877/78 und an den
verhngnisvollen Frieden von San Stefano, wo Englands Intriguen uns
um den Lohn unserer Siege ber den Halbmond brachten. Ich erinnere
weiter an den Krimkrieg, wo eine kleine englische und eine groe
franzsische Armee uns zum Vorteil Englands bekriegten. Da jetzt
hinter unseren japanischen Angreifern wiederum nur England steht, ist
von den Vorrednern bereits betont worden. Unsere Gegner haben eben
nicht die mindeste Veranlassung, von ihrer so gut bewhrten Politik
abzugehen, und die Aufgabe der unsrigen mute es deshalb sein, uns der
Bundesgenossenschaft oder wo dies durch die Umstnde ausgeschlossen
war, wenigstens der wohlwollenden Neutralitt der brigen kontinentalen
Gromchte fr den Fall eines Krieges gegen England zu versichern. Was
zunchst unseren Alliierten, die franzsische Republik, betrifft, so
war eine befriedigende Lsung der Aufgabe schon durch die bestehenden
Vertrge gesichert. Immerhin verpflichten dieselben die franzsische
Regierung nicht, uns fr den Fall eines Krieges, der in den Augen
kurzsichtiger Beobachter vielleicht als ein von uns heraufbeschworener
Angriffskrieg erscheinen wird, seine militrische Untersttzung zu
gewhren. Wir haben deshalb durch unsern Botschafter Verhandlungen
mit Mr. Delcass, dem Minister der auswrtigen Angelegenheiten
Frankreichs, und mit dem Prsidenten selbst fhren lassen. Es gereicht
mir zur besonderen Genugtuung, Ihnen das Ergebnis dieser Verhandlungen
in folgender, heute eingetroffener Depesche unseres Botschafters
vorlegen zu drfen. Dieselbe lautet in der Hauptsache wie folgt:
Ich beeile mich, Eurer Exzellenz mitzuteilen, da mir von seiten
des Herrn Delcass namens der franzsischen Regierung die bindende
Zusage erteilt worden ist, Frankreich werde England sofort den Krieg
erklren, wenn Seine Majestt der Zar seine Armeen gegen Indien
marschieren liee. Ueber die Erwgungen, von denen die franzsische
Regierung zu diesem Beschlusse gefhrt worden sei, sprach sich Mr.
Delcass in unserer heutigen Unterredung ungefhr dahin aus: Schon
Napoleon hat vor mehr als 100 Jahren mit genialem Scharfblick erkannt,
da England der eigentliche Feind aller kontinentalen Vlker ist
und da der europische Kontinent keine andere Politik verfolgen
sollte, als die der gemeinsamen Abwehr dieses groen Seerubers.
Der grandiose Plan Napoleons war die Vereinigung Frankreichs mit
Spanien, Italien, Oesterreich, Deutschland und Ruland, um dem System
der Ausbeutung von seiten Englands entgegenzutreten. Und er wrde
diesen Plan wahrscheinlich durchgefhrt haben, wenn nicht Rcksichten
der inneren Politik den Zaren Alexander I. trotz seiner Verehrung
fr das Genie Napoleons zum Widerstande gegen seine Absichten
bestimmt htten. Die Folgen der Niederlage Napoleons haben sich in
dem gewaltigen Anwachsen der englischen Macht whrend der letzten
100 Jahre deutlich genug gezeigt. Darum sollte man die gegenwrtige
politische Konstellation, die der vom Jahre 1804 in vielen Stcken
sehr hnlich ist, dazu bentzen, den Plan Napoleons wieder zu
beleben. Ruland hat an einer Niederwerfung Englands allerdings das
nchste und dringendste Interesse; denn es gleicht einem Riesen, dem
Hnde und Fe gebunden sind, so lange Grobritannien alle Meere und
alle wichtigen Kstenstriche beherrscht. Aber auch Frankreich ist in
seiner natrlichen Entwickelung gehemmt. Seine blhenden Kolonien
in Amerika und im Atlantischen Ozean wurden ihm im 18. Jahrhundert
durch England entrissen. Aus seinen Niederlassungen in Ostindien
wurde es durch diesen bermchtigen Gegner verdrngt, und -- was vom
franzsischen Volke vielleicht am schmerzlichsten empfunden wird --
Aegypten, das der groe Napoleon mit dem Blute seiner Soldaten fr
Frankreich erkaufte, wurde ihm durch englisches Gold und englische
Intriguen genommen. Der von dem Franzosen Lesseps erbaute Suezkanal ist
im Besitz der Englnder. Er erleichtert ihnen den Verkehr mit Indien
und sichert ihnen die Weltherrschaft. Frankreich wird also fr seine
Bundesgenossenschaft gewisse Forderungen stellen -- Bedingungen, die
so loyal und billig sind, da ihre Annahme von seiten des alliierten
Ruland von vornherein keinem Zweifel unterliegen kann. Frankreich
verlangt, da ihm seine Erwerbungen in Tonking, Kochinchina,
Kambodscha, Annam und Laos garantiert werden, da Ruland ihm
behilflich sei, Aegypten zu erwerben, und da es sich verpflichte, die
franzsische Politik in Tunis und im brigen Afrika zu untersttzen.
Nach den mir gewordenen Instruktionen glaubte ich, Monsieur Delcass
die Annahme dieser Bedingungen zusichern zu drfen. Auf meine Frage,
ob ein Krieg gegen England in Frankreich populr sein wrde, erhielt
ich die Antwort: >Das franzsische Volk wird zu jedem Opfer bereit
sein, wenn wir Faschoda zu unserer Parole machen.< Niemals hat sich der
britische Uebermut brutaler und beleidigender geoffenbart als in diesem
Falle. Unser braver Marchand war mit einer berlegenen Mannschaft
am Platze, und Frankreich befand sich in seinem guten Recht. Aber
die bloe Aufforderung eines englischen Offiziers, dem keine andere
Macht als die moralische der englischen Fahne zur Seite stand, zwang
uns unter den damaligen politischen Verhltnissen, unsere begrndeten
Ansprche aufzugeben und den tapferen Fhrer zurckzurufen. Wie das
Volk diese Niederlage aufnahm, haben wir deutlich genug gesehen. Die
Pariser begrten Marchand jubelnd, wie einen Nationalhelden, und die
franzsische Regierung rechnete allen Ernstes mit der Mglichkeit einer
Revolution. Jetzt knnten wir Revanche nehmen fr die Demtigung,
die wir damals aus vielleicht allzugroer Vorsicht ber uns ergehen
lieen. Schreiben wir den Namen Faschoda auf die Trikolore, und es
wird keinen waffenfhigen Mann in ganz Frankreich geben, der uns nicht
mit Begeisterung folgte. Es schien mir ratsam, mich zu vergewissern,
ob die Regierung oder die von ihr inspirierte Presse dem Volke
vielleicht auch die Wiedererwerbung Elsa-Lothringens als Preis eines
siegreichen Krieges verheien wrde. Aber der Minister verneinte mit
aller Entschiedenheit. >Die Frage Elsa-Lothringen mu gnzlich aus
dem Spiele bleiben, sobald wir uns anschicken, Realpolitik zu treiben,<
erklrte er. >Nichts knnte verhngnisvoller sein, als die Erregung
einer Mistimmung in Deutschland. Denn der deutsche Kaiser ist das
Znglein an der Wage, auf der die Geschicke der Welt gewogen werden.<
Da England von ihm, den es nicht als einen Deutschen, sondern als
einen Englnder ansieht, keine Feindseligkeiten zu befrchten habe, ist
eine feststehende Ueberzeugung bei unsern Nachbarn jenseits des Kanals.
Und diese Zuversicht ist eine der strksten Sttzen des britischen
Uebermuts. Die immer wiederholten Versicherungen des deutschen Kaisers,
da er den Frieden und nichts als den Frieden wolle, scheinen ja die
Richtigkeit dieser Auffassung zu besttigen. Aber ich bin gewi, da
Kaiser Wilhelms Friedensliebe da eine Grenze hat, wo das Wohl und
die Sicherheit Deutschlands ernstlich in Frage stehen. Er ist trotz
seines impulsiven Temperaments nicht der Herrscher, der sich von jeder
Aeuerung der Volksstimme beeinflussen und von jeder aufrauschenden
Strmung zu entscheidenden Handlungen treiben liee. Aber er ist
weitblickend genug, eine wirkliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen und
ihr mit der ganzen Wucht seiner Persnlichkeit entgegenzutreten. Ich
halte darum die Hoffnung, ihn als Alliierten zu gewinnen, nicht fr
eine Utopie, und ich hoffe, da die russische Diplomatie sich mit der
unsrigen vereinigen werde, dieses Bndnis zustande zu bringen. Ein
Krieg gegen England ohne die Untersttzung Deutschlands wrde immerhin
ein bedenkliches Unternehmen bleiben. Wir sind ja bereit, uns um
unserer Freundschaft fr Ruland und um unserer nationalen Ehre willen
darauf einzulassen, aber wir wrden uns einen sicheren Erfolg nur
von einem geschlossenen Zusammengehen aller kontinentalen Gromchte
versprechen knnen.

Mochte auch die Tatsache des mit Frankreich fr den Fall eines Krieges
gegen England abgeschlossenen Schutz- und Trutzbndnisses den meisten
der hier Versammelten nicht mehr unbekannt gewesen sein, so war die
Vorlesung der Depesche, der man in atemloser Spannung gefolgt war, doch
unverkennbar von tiefer Wirkung. Ihre Bekanntgabe lie keinen Zweifel
mehr, da man an hchster Stelle zu diesem Kriege entschlossen sei, und
wenn auch keine laute Kundgebung des Beifalls erfolgte, ging es doch
wie ein Aufatmen der Erleichterung durch die illustre Versammlung, und
deutlich war auf fast allen Gesichtern die freudigste Genugtuung zu
lesen.

Einer nur blickte mit finster zusammengezogenen Brauen wie in ernster
Mibilligung drein -- und dieser Eine galt seit Jahrzehnten fr den
einflureichsten Mann in Ruland -- fr eine Macht, die schon oft
alle Plne der leitenden Staatsmnner durchkreuzt und mit unbeugsamer
Energie ihren Willen durchgesetzt hatte.

Das war der vielgehate und noch mehr gefrchtete greise Pobjedonoszew,
der Oberprokurator des heiligen Synod.

Seine dstere Miene und sein Kopfschtteln waren dem prsidierenden
Grofrsten nicht entgangen. Und er hielt es offenbar fr seine
Pflicht, dem durch die Gunst dreier Zaren fast allmchtig gewordenen
Manne Gelegenheit zur Aeuerung seiner abweichenden Meinung zu geben.

Auf seinen Wink erhob sich der Oberprokurator und sagte unter lautloser
Stille der Versammelten:

Es kann nicht meine Aufgabe sein, mich ber die Mglichkeit oder
die Aussichten eines Bndnisses mit Deutschland zu uern. Denn ich
kenne ebensowenig wie einer der hier Anwesenden die Absichten und
Plne des deutschen Kaisers. Wilhelm II. ist die groe Sphinx unserer
Zeit. Er spricht viel, und seine Reden machen den Eindruck vollster
Offenherzigkeit. Wer aber mag erraten, was sich hinter ihnen verbirgt?
Da er sich ein bestimmtes Programm fr sein Lebenswerk gesetzt
hat, und da er der Mann ist, es durchzufhren, gleichviel, ob die
ffentliche Meinung fr ihn oder gegen ihn sei, scheint mir gewi.
Bildet die Niederwerfung Englands einen Teil dieses Programms, so
drfte die Hoffnung des franzsischen Ministers ja in der Tat keine
Utopie sein, vorausgesetzt, da Kaiser Wilhelm den gegenwrtigen
Zeitpunkt fr den geeigneten hlt, der Welt seine letzten Ziele zu
offenbaren. Die Aufgabe unseres diplomatischen Vertreters am Berliner
Hofe wrde es sein, sich darber zu informieren. Aber eine andere
Frage wre es, ob Ruland eines Bndnisses mit Deutschland oder mit
der westlichen Macht, die vorhin hier genannt worden ist, berhaupt
bedarf. Und meine Anschauung der Dinge fhrt mich dahin, diese Frage
zu verneinen. Ruland ist zur Zeit in Europa der letzte und einzige
Hort des absolutistischen Prinzips. Und wenn ein von Gottes Gnade zu
dem hchsten und verantwortlichsten aller irdischen Aemter berufener
Herrscher stark genug bleiben soll, den Geist der Unbotmigkeit und
der Unmoral niederzuwerfen, der sich hier und da unter dem Einflu
fremder staatsfeindlicher Elemente in unserem geliebten Vaterlande
regen will, so mssen wir vor allem darauf bedacht sein, das Gift
der sogenannten liberalen Ideen, des Unglaubens und des Atheismus,
mit dem es von Westen her verseucht werden soll, von unserem Volke
fernzuhalten. Wie wir vor einem Jahrhundert den mchtigen Heerfhrer
der Revolution niedergeworfen haben, so werden wir auch heute ber
unsern Feind triumphieren -- wir ganz allein! Lat unsere Heere in
Persien, Afghanistan und Indien einmarschieren und durch ganz Asien
die Herrschaft des wahren Glaubens zum Siege fhren. Aber htet unser
heiliges Ruland vor der Ansteckung durch das Gift jenes ketzerischen
Geistes, der ihm ein schlimmerer Feind werden wrde, als es ihm je eine
auswrtige Macht sein kann.

Er setzte sich, und sekundenlang herrschte eine tiefe Stille. Der
Grofrst machte ein ernstes Gesicht und wechselte ein paar geflsterte
Worte mit seinen beiden Neffen.

Dann sagte er: Von all den Herren, die uns hier ihre Ansichten
vorgetragen haben, ist die Kriegserklrung an England als eine zwar
tief beklagenswerte aber den Umstnden nach unabweisbare Notwendigkeit
bezeichnet worden. Ehe ich aber Seiner Majestt, unserem erhabenen
Herrn, diese Anschauung als die der hier Versammelten unterbreite,
richte ich an Sie, meine Herren, die Frage, ob unter Ihnen jemand ist,
der eine abweichende Meinung vertritt. Ich wrde ihn bitten, sich zum
Worte zu melden.

Er wartete eine kleine Weile, aber niemand leistete der Aufforderung
Folge. Da erhob er sich aus seinem Sessel und gab durch ein kurzes
Wort des Dankes und durch eine leichte Verneigung gegen die ebenfalls
aufgestandenen Wrdentrger kund, da er die Sitzung, die fr die
Geschicke der Welt von entscheidender Bedeutung gewesen war, als
geschlossen betrachte.




[Illustration]




II.


Es war zu Chanidigot im britischen Ostindien. -- Der blendenden
Helligkeit des heien Tages war unvermittelt, fast ohne
Dmmerungsbergang, die abendliche Dunkelheit gefolgt und mit ihr eine
erquickende Khle, die alles Lebendige aufatmen lie.

In dem weiten Camp, das dem englischen Lancerregiment als Lagerplatz
diente, war es mit dem Sinken der Sonne lebendig geworden. Die
Soldaten, frei von der Last des Dienstes, vergngten sich je nach
Laune und Temperament mit Spiel, Gesang und frhlichem Zechen. Auch
in dem groen Zelt, das als Offiziersmesse benutzt wurde, ging es
lebhaft her. Das gemeinsame Mahl war vorber, und ein Teil der Herren
hatte sich nach tglicher Gewohnheit zum Kartenspiel niedergesetzt.
Aber die Unterhaltung war hier weniger harmlos als drauen bei den
gemeinen Soldaten. Denn man begngte sich nicht mit einem unschuldigen
Whist, sondern spielte bei ziemlich hohen Einstzen das in Amerika und
teilweise auch in England beliebte Poker, bei dem lediglich der Zufall
und eine gewisse schauspielerische Geschicklichkeit der Teilnehmer
den Ausschlag gibt. Zumeist allerdings waren es die jngeren Herren,
die diesen abendlichen Nervenkitzel in dem eintnigen Lagerleben als
unentbehrlich betrachteten. Die lteren saen mit ihren kurzen Pfeifen
und ihrem Whisky und Sodawasser plaudernd an den abseits stehenden
Tischen. Auch ein Herr in brgerlicher Kleidung war unter ihnen. Die
zuvorkommende Hflichkeit, mit der man ihn behandelte, lie vermuten,
da er nicht dem Offizierkorps des Regiments angehrte, sondern nur
dessen Gast war. Der Klang seines Namens -- man redete ihn mit Mr.
Heideck an -- wrde seine deutsche Abstammung verraten haben, auch wenn
sie sich nicht schon in seiner ueren Erscheinung kundgegeben htte.
Er war von nur mittelgroer Gestalt, aber von athletischem Krperbau.
Seine straffe, soldatische Haltung und die elastische Leichtigkeit
seiner Bewegungen waren unzweideutige Kennzeichen einer vortrefflichen
Gesundheit und einer nicht geringen krperlichen Kraft. Fr den
Englnder aber kann der Fremde kaum eine bessere Empfehlung mitbringen
als diese. Und vielleicht war es vor allem seine imponierende
Erscheinung gewesen, die im Verein mit seinem liebenswrdigen, durchaus
gentlemanmigen Auftreten diesem blondbrtigen jungen Deutschen mit
dem scharf geschnittenen, energischen Gesicht und den treuherzig
blickenden, blauen Augen so schnell Zutritt in die sonst sehr
exklusiven Offizierskreise verschafft hatte.

Seinem Stande nach mochte er ja nach der Auffassung einiger dieser
Herren nicht gerade in ihre Gesellschaft gehren. Denn man wute, da
er zu geschftlichen Zwecken fr ein groes Hamburger Handelshaus
reiste. Sein Oheim, der Chef dieses Hauses, befate sich mit dem Import
von Indigo. Und da der Maharadjah von Chanidigot sehr ausgedehnte
Indigo-Plantagen besa, hielt die geschftliche Verhandlung mit dem
Frsten den jungen Heideck nun schon seit vierzehn Tagen hier fest.
Es war ihm gelungen, whrend dieser Zeit die lebhaften Sympathien
namentlich der lteren britischen Offiziere zu gewinnen. In den
indischen Garnisonen ist jeder Europer willkommen, man zog Heideck
auch zu denjenigen geselligen Veranstaltungen hinzu, an denen die Damen
des Regiments teilnahmen.

Die Einladung zum Spiel hatte er indessen jedesmal mit hflicher
Bestimmtheit abgelehnt, und auch heute machte er dabei nur den
unbeteiligten, wenig interessierten Zuschauer.

Jetzt ffnete sich die Tr des Zeltes, und sporenklirrend, in sehr
selbstbewuter, fast hochmtiger Haltung trat ein hochgewachsener,
aber auffallend hagerer Offizier in den Kreis der Kameraden. Er war im
Dienstanzuge und sprach zu einem der Herren, der ihn als Kapitn Irwin
begrt hatte, davon, da er einen zur Inspizierung eines Auenpostens
unternommenen anstrengenden Ritt hinter sich habe. Von einer der
aufwartenden Ordonnanzen lie er sich einen erfrischenden Trunk, das
beliebte Gemisch aus Whisky und Sodawasser, bringen. Dann nherte er
sich dem Tische der Spieler.

Ist hier noch Raum fr einen kleinen Kerl? fragte er. Und
bereitwillig machte man ihm Platz.

Eine Weile ging es bei der Pokerpartie in der bisherigen ruhigen
Weise fort. Pltzlich aber mute etwas Auergewhnliches eingetreten
sein. Denn man sah, da die Herren bis auf Kapitn Irwin und einen
der Mitspieler ihre Karten niederlegten, und man hrte die unangenehm
scharfklingende Stimme Irwins.

Sie sind ein alter Fuchs, Kapitn Mc. Gregor! Aber ich kenne
Ihre Tricks und falle nicht mehr darauf hinein. Noch einmal also:
sechshundert Rupien!

Wer die Gesetze des Poker kennt, wei, da es bei diesem Spiel, worin
gewissen Kartenkombinationen der Gewinn zufllt, nicht fr unehrenhaft,
sondern im Gegenteil fr eine besondere Feinheit gilt, die Mitspieler
durch kleine, komdiantische Kniffe ber den Wert der beim Austeilen
erhaltenen Karten zu tuschen. Der Name >Bluff<, den man diesem
Hazardspiel beigelegt hat, verrt ja schon, da jeder nach Krften
versuchen mu, seinen Gegner zu verblffen.

Dem Kameraden Mc. Gregor gegenber aber schien es Irwin diesmal nicht
recht zu gelingen. Denn der Kapitn erwiderte mit groer Ruhe:

Sechshundertfnfzig. Aber ich rate Ihnen, Irwin, sie nicht zu halten.

Siebenhundert.

Siebenhundertfnfzig!

Tausend! rief Irwin mit drhnender Stimme und lehnte sich mit einem
siegesgewissen Lcheln in seinen Stuhl zurck.

Ueberlegen Sie, was Sie tun, sagte Mc. Gregor. Ich habe Sie gewarnt.

Eine bequeme Manier, siebenhundertfnfzig Rupien einzustreichen. Ich
wiederhole: Tausend Rupien.

Tausendundfnfzig!

Zweitausend!

Alle im Zelt anwesenden Herren hatten sich erhoben und umstanden die
beiden Spieler, die, ihre Karten verdeckt in der Hand haltend, einander
mit scharfen Blicken betrachteten. Hermann Heideck, der hinter Irwin
getreten war, sah an der Rechten des Kapitns einen wundervollen
Brillanten funkeln. Aber an dem Tanzen der bunten Strahlen, die von
diesem Stein ausgingen, sah er auch, wie die Finger des Spielers bebten.

Kapitn Mc. Gregor wandte sich an seine Umgebung.

Ich rufe die Herren zu Zeugen an, da ich den Kameraden schon bei
sechshundert gewarnt habe.

Wozu bedarf es da einer Warnung? fiel Irwin fast heftig ein. Bin ich
denn ein Knabe? Halten Sie die zweitausend, Mc. Gregor, oder halten Sie
sie nicht?

Nun denn, da Sie es nicht anders wollen: dreitausend.

Fnftausend!

Fnftausendfnfhundert.

Zehntausend.

Jetzt legte einer der hheren Offiziere, der Major Robertson, seine
Hand leicht auf die Schulter des tollkhnen Spielers.

Das ist zuviel, Irwin! Ich mische mich nicht gern in solche Dinge,
und da Sie nicht von meinem Regiment sind, kann ich nicht dienstlich,
sondern nur kameradschaftlich mit Ihnen reden. Aber mir scheint, da
Sie sich in Verlegenheit befinden wrden, wenn Sie verlren.

Unwillig fuhr der Angeredete auf.

Was wollen Sie damit sagen, Herr Major? Wenn Ihre Worte einen Zweifel
an meiner Zahlungsfhigkeit ausdrcken sollen, -- --

Nun, nun -- ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Sie mssen ja
schlielich am besten wissen, was Sie verantworten knnen.

Und mit trotziger Miene wiederholte Irwin:

Zehntausend also! Ich erwarte Ihre Antwort, Mc. Gregor.

Der Gegner blieb unverndert ruhig.

Zehntausendfnfhundert.

Zwanzigtausend!

Sind Sie denn betrunken, Irwin? flsterte von der anderen Seite her
der junge Leutnant Temple dem Kapitn ins Ohr. Der aber streifte ihn
mit einem zornfunkelnden Blick.

Nicht mehr als Sie. Lassen Sie mich geflligst in Ruhe!

Einundzwanzigtausend, klang es gelassen von der gegenberliegenden
Seite des Tisches.

Eine kurze, erwartungsvolle Pause folgte. Kapitn Irwin kaute nervs an
seinem kleinen, dunklen Schnurrbart. Dann aber reckte er seine hagere
Gestalt und rief:

Fnfzigtausend.

Noch einmal glaubte der Major, Halt gebieten zu mssen.

Ich erhebe Einspruch! sagte er. Es ist bisher Regel bei uns gewesen,
da der Pool nicht um mehr als tausend Rupien auf einmal erhht werden
darf. Diese Regel ist lngst berschritten.

Ein hliches, rauhes Lachen kam von Irwins Lippen.

Es scheint, da Sie die Absicht haben, mich zu retten, Herr Major!
Aber ich brauche durchaus keinen Retter. Wenn ich verliere, werde ich
zahlen. Und ich begreife nicht, weshalb sich die Herren in meinem
Interesse die Kpfe zerbrechen.

Der Major, der einsehen mute, da er hier mit allem guten Willen
nichts auszurichten vermochte, zuckte die Achseln. Leutnant Temple
aber vermeinte, einen guten Einfall zu haben. Mit einer anscheinend
unbeabsichtigten, ungestmen Bewegung stie er gegen den leichten
Feldtisch, da Aschenbecher, Flaschen, Glser und Karten zu Boden
fielen. Aber es war nichts damit gewonnen, denn die beiden hielten ihr
Spiel fest in der Hand und lieen sich durch den Zwischenfall nicht
einen Augenblick aus der Fassung bringen.

Einundfnfzig, sagte Mc. Gregor.

Sechzig.

Einundsechzig.

Siebzig.

Einundsiebzig.

Achtzig.

Einundachtzig.

Ein Lakh! schrie Irwin, der jetzt vor Aufregung kreidebleich geworden
war.

Wirklich? fragte Mc. Gregor gleichmtig. Das ist ein schnes Gebot.
Ein Lakh also -- nach dem heutigen Kurse sechstausendfnfhundert Pfund
Sterling. Sie werden ein reicher Mann sein, Irwin, wenn Sie gewinnen.
Zeigen Sie doch, was Sie in der Hand haben.

Mit zitternden Fingern, doch mit triumphierender Miene deckte der
Kapitn seine Karten auf.

~Straight flush!~ sagte er heiser.

Ja, das ist ein starkes Spiel, erwiderte der andere lchelnd. Aber
sagen Sie doch, welches ist Ihre hchste Karte?

Der Knig, wie Sie sehen.

Schade! Ich habe nmlich auch ~straight flush~. Aber bei mir steht das
A an der Spitze.

Langsam, eine nach der anderen, legte er seine Karten auf den Tisch:
Coeura, Coeurknig, Coeurdame, Coeurbube, Coeurzehn. Wie ein einziger
Ausruf der Verwunderung kam es von den Lippen der Umstehenden. Keiner
hatte je das Zusammentreffen einer so merkwrdigen Kartenkombination
erlebt.

Kapitn Irwin sa fr einen Moment regungslos, die flackernden Augen
starr auf die Karten seines Gegners geheftet. Dann pltzlich sprang er
mit einem wilden Lachen auf und verlie mit klirrenden Schritten das
Zelt.

Dieser Verlust bedeutet fr Irwin eine Katastrophe, sagte der Major
sehr ernst. Er ist auer stande, eine solche Summe zu zahlen.

Mit Hlfe seiner Frau knnte er es wohl, meinte ein anderer, aber es
wrde sie so ziemlich den ganzen Rest ihres Vermgens kosten.

Ich nehme die Herren zu Zeugen, da es nicht meine Schuld ist,
erklrte Mc. Gregor, der einen gewissen Vorwurf in den Mienen seiner
Umgebung zu lesen glaubte. Man stimmte ihm zu. Aber Leutnant Temple,
der einzige unter allen Anwesenden, den eine gewisse oberflchliche
Freundschaft mit Irwin verband, bemerkte:

Irgend jemand wird ihm nachgehen mssen, damit er in der ersten
Aufregung nicht eine Torheit begeht.

Er wandte sich schon zum Gehen, aber ein Zuruf Mc. Gregors hielt ihn
zurck.

Es wrde keinen Zweck haben, Temple, wenn Sie ihm nicht zugleich etwas
Beruhigendes sagen knnen. Und es gibt meines Erachtens da nur einen
einzigen Ausweg. Man mte ihm einreden, die Sache htte nur ein Spa
sein sollen und die Karten wren vorher geordnet gewesen.

Der Leutnant kehrte zum Tische zurck.

Die Erfindung dieses Auskunftsmittels gereicht Ihnen zur Ehre, Herr
Kapitn! Aber ich zweifle, da jemand von uns den Mut haben wrde, ihm
mit solcher Lge zu kommen.

Das Schweigen der anderen schien diesen Zweifel zu besttigen. Da
ertnte die markige Stimme des deutschen Gastes:

Wollen Sie mich mit dieser Mission betrauen, meine Herren? Ich kenne
den Kapitn Irwin zwar nur flchtig, und ich htte keinen Anla, mich
in seine Angelegenheiten zu mischen; aber ich hre, da es das Vermgen
seiner Gattin ist, das hier auf dem Spiel steht. Und da ich Mrs. Irwin
fr eine sehr verehrungswrdige Dame halte, wrde ich gern das meinige
dazu beitragen, sie vor einem so schweren Verlust zu bewahren.

Mc. Gregor reichte ihm die Hand.

Sie wrden mich zu Dank verpflichten, Mr. Heideck, wenn es Ihnen
gelnge. Aber ich rate Ihnen, keine Zeit zu verlieren.

Rasch verlie Heideck das Zelt. Und als er in die kstliche, mondhelle
Nacht hinaustrat, sah er in der Entfernung von zwanzig Schritten
Kapitn Irwin neben seinem Pferde. Der Bursche hielt das Tier am Zgel,
Kapitn Irwin aber machte sich am Sattel zu schaffen. Whrend Heideck
nher kam, sah er den Soldaten sich entfernen und gewahrte, da Irwin
einen Revolver in der Hand hielt.

Mit raschem Griff hatte er das Handgelenk des Offiziers erfat.

Einen Augenblick, Kapitn Irwin.

Dieser schrak zusammen, drehte sich um und blickte wtend auf Heideck.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Deutsche. Aber Sie befinden
sich im Irrtum, Herr Kapitn. Das Spiel gilt nicht. Man hat sich einen
Scherz mit Ihnen erlaubt. Die Karten sind vorher arrangiert worden.

Irwin erwiderte nichts, aber er pfiff nach seinem Burschen und ging,
noch immer ohne mit Heideck zu sprechen, in das Zelt zurck, den
Revolver in der Hand. Heideck folgte ihm.

Beide Herren traten an den Spieltisch, und Irwin wandte sich an Mc.
Gregor. Also das Spiel ist arrangiert gewesen? fragte er.

Zur Lehre fr Sie, Irwin, der Sie immer wie toll und tricht darauf
losgehen und sich einbilden, ein guter Spieler zu sein, whrend Sie gar
nicht das kalte Blut dazu haben.

Nun, sagte Irwin, das ist eine Geschichte, die ich als Beispiel
kameradschaftlicher Gesinnung in allen Garnisonen Indiens herumbringen
werde, damit ein jeder sich htet, der einmal hierherkommt und verfhrt
werden sollte, ein Spiel zu machen. Eine solche niedertrchtige
Geschichte habe ich noch nicht erlebt, aber es ist mir allerdings eine
Lehre, da man nur mit ehrlichen Leuten -- --

Ah, Kapitn Irwin, sagte Mc. Gregor, sich hoch aufrichtend, indem er
den Beleidiger mit einem vernichtenden Blick seiner groen blauen Augen
fixierte, an Ihre junge Frau sollten Sie lieber denken, die Sie in
Armut gestrzt htten, wenn dies Spiel kein Scherz war.

Irwin taumelte zurck, der Revolver entfiel seiner Hand.

Was? kreischte er, was ist das? So ist es kein Scherz gewesen? So
habe ich das Geld wirklich verloren? O, ihr -- ihr -- Aber fr wen
haltet ihr mich? Seid gewi, ich werde bezahlen! Aber, rief er, sich
besinnend, ich mchte doch wohl wissen, was nun Wahrheit ist. Euch
alle frage ich und nenne euch Schurken und Lgner, wenn ihr nicht die
Wahrheit sagt: hat man wirklich einen Spa mit mir getrieben oder ist
das Spiel ein ehrliches Spiel gewesen?

Kapitn Irwin, entgegnete der Major, ihm entgegentretend, ich
sage Ihnen als Aeltester im Namen der Kameraden, da Ihr Benehmen
unverzeihlich wre, wenn nicht eine Art von Tollheit Sie beherrschte.
Dies ist ein ehrliches Spiel gewesen, und nur die Gromut des Kapitn
Mc. Gregor war es, die -- -- --

Irwin hrte den Schlu seiner Rede nicht mehr, denn mit einem wilden
Fluch hatte er abermals das Zelt verlassen.




[Illustration]




III.


Hermann Heideck wohnte in einem Dak Bungalo, einem jener von der
Regierung unterhaltenen Gasthuser, die dem Reisenden zwar Unterkunft
aber weder Betten noch Verpflegung bieten. Als er aus dem Camp dahin
zurckkehrte, stand sein indischer Diener Morar Gopal in der Tr, um
den Herrn zu empfangen und teilte ihm mit, da ein neuer Gast mit
zwei Dienern angekommen wre. Da dieses Dak Bungalo gerumiger war
als die meisten anderen, so hatten die Neuangekommenen Platz, und
Heideck brauchte nicht, wie sonst blich, als lterer Gast dem spter
eingetroffenen zu weichen.

Was fr ein Landsmann ist der Herr? fragte er.

Ein Englnder, Sahib!

Heideck trat in sein Zimmer und lie sich am Tische nieder, auf
dem neben den beiden mattleuchtenden Kerzen eine Whiskyflasche,
einige Flaschen Sodawasser und das Zigarettenkistchen standen. Er
war nachdenklich und bel gelaunt. Die aufregende Szene in der
Offiziersmesse war ihm persnlich nahe gegangen. Nicht um des Kapitn
Irwin willen, der ihm seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft
in hohem Mae unsympathisch gewesen war, sondern einzig wegen der
schnen jungen Frau des leichtsinnigen Offiziers, an die er sich
von ihren wiederholten gesellschaftlichen Begegnungen her gut genug
erinnerte. Keine der anderen Offiziersdamen -- und es waren sehr
hbsche und liebenswrdige unter ihnen -- hatte einen so tiefen und
nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht, wie Mrs. Edith Irwin, deren
persnlicher Liebreiz ihn in ebenso hohem Mae gefesselt hatte, wie
ihre ungewhnliche Klugheit ihn in Erstaunen setzte. Die Vorstellung,
da dieses anmutige Wesen mit unzerreibaren Ketten an einen brutalen
und ausschweifenden Menschen vom Schlage Irwins gefesselt war, und
da ihr Mann sie vielleicht eines Tages mit sich hinabri in sein
unausbleibliches Verderben, bereitete ihm eine schmerzhafte Empfindung.
Er htte so gern irgend etwas fr die unglckliche junge Frau getan.
Aber er mute sich sagen, da es dazu fr ihn, den Fremden, der ihr
nichts als eine oberflchliche Bekanntschaft war, keine Mglichkeit
gab. Der Kapitn wre vollkommen berechtigt gewesen, jede unberufene
Einmischung als eine unerhrte Dreistigkeit zurckzuweisen. Und auf
welche Art htte er hier helfend eingreifen knnen?

Ein Lrm, der sich pltzlich im Nebenzimmer erhob, ri Heideck aus
seinen unerfreulichen Grbeleien. Er hrte lautes Schelten und ein
klatschendes Gerusch, wie wenn Peitschenhiebe auf einen nackten
menschlichen Krper fallen. Eine Minute spter wurde die Verbindungstr
aufgerissen und ein nur mit Hftschurz und Turban bekleideter Inder
strzte in das Zimmer, als ob er hier Schutz vor seinem Peiniger suchen
wollte. Ein lang gewachsener, ganz in weien Flanell gekleideter
Europer war ihm auf den Fersen und lie unbarmherzig seine Reitgerte
auf den bloen Rcken des wehklagenden Mannes niedersausen. Die
Anwesenheit Heidecks genierte ihn dabei offenbar nicht im mindesten.

Auf den ersten Blick hatte der junge Deutsche erkannt, da sein Nachbar
nicht, wie der Diener ihm gesagt hatte, ein Englnder sein konnte. Sein
auffallend schmales, fein geschnittenes Gesicht, seine eigentmlich
geschlitzten schwarzen Augen und sein weicher dunkler Bart hatten viel
mehr von dem sarmatischen als von dem charakteristisch angelschsischen
Typus.

Der Mann gefiel ihm seinem Aeueren nach nicht bel, sein Betragen
aber konnte er unmglich ruhig hinnehmen. Indem er zwischen ihn und
den Mihandelten trat, fragte er sehr energisch, was dieser Auftritt
bedeuten solle.

Lachend lie der andere den eben wieder zum Schlage erhobenen Arm
sinken.

Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr, sagte er in fremdartig
klingendem Englisch, ein sehr guter Boy, aber er stiehlt wie ein Rabe
und mu von Zeit zu Zeit seine Prgel haben. Ich wei, da er irgendwo
an seinem Leibe die fnf Rupien versteckt haben mu, die mir heute
wieder fehlen.

Damit packte er, als hielte er die gegebene Auskunft fr vollkommen
ausreichend, seine Handlungsweise zu erklren, den braunen Burschen
von neuem und ri ihm mit raschem Griffe den Turban vom Kopfe. Aus dem
weien, rotgesumten Tuche rollten klirrend ein paar Silberstcke ber
die Steinplatten hin. Zugleich aber war auch ein grerer Gegenstand
vor Heidecks Fe niedergefallen. Er hob ihn auf und hielt ein goldenes
Zigarettenetui in der Hand, auf dessen Deckel ein Wappen mit einer
Frstenkrone eingraviert war. Als er es dem Fremden berreichte,
verbeugte sich dieser dankend und entschuldigte sich wie ein Mann von
der besten Gesellschaft. Der Inder aber nahm die Gelegenheit wahr, sich
mit einigen affenartigen Sprngen aus dem Staube zu machen.

Der Anblick des Wappens auf dem Zigarettenetui hatte in Heideck das
Verlangen geweckt, diesen gewaltttigen Nachbar nher kennen zu lernen.
Als htte er die sonderbare Art seines Eintritts ganz vergessen, fragte
er artig, ob er den ihm vom Zufall bescherten Hausgenossen zu einer
Zigarre und einem Abendtrunk einladen drfe.

Mit liebenswrdigster Bereitwilligkeit nahm der andere die Aufforderung
an.

Sie reisen auch in Geschften, mein Herr? fragte Heideck. Und da er
eine bejahende Antwort erhielt, fgte er hinzu:

Wir wren also Kollegen. Sind Sie mit Ihren hiesigen Erfolgen
zufrieden?

O, es knnte besser gehen. Man hat zuviel Konkurrenz!

Baumwolle?

Nein. Bronzewaren und Seide. Habe von Delhi auch wunderbare Goldarbeit
mitgebracht.

Dann stammt Ihr Zigarettenetui vermutlich auch aus Delhi?

Die geschlitzten Augen des anderen streiften ihn mit einem forschenden
Blick.

Mein Zigarettenetui? Nein! -- Arbeiten Sie vielleicht in Fellen, Herr
Kollege? Haben Sie Kaschmirziegen?

Ich habe alles. Mein Haus arbeitet in allem.

Sie kommen nicht von Kalkutta?

Nein, nicht von Kalkutta.

Schlechtes Wetter da. All mein Leder ist verdorben.

Ist es so feucht dort?

Dampfbad, sage ich Ihnen, veritables Dampfbad.

Heideck war lngst berzeugt, einen Russen vor sich zu haben. Aber um
seiner Sache ganz sicher zu sein, machte er eine scherzhafte Bemerkung
in russischer Sprache. Verwundert blickte sein neuer Bekannter auf.

Sie sprechen russisch, mein Herr?

Ein wenig.

Sie sind aber kein Russe?

Nein, ich bin ein Deutscher, der sich whrend eines vorbergehenden
Aufenthaltes in Ruland einige Sprachkenntnisse angeeignet hat. Wir
Kaufleute kommen ja weit herum.

Der Herr, der seiner Angabe nach in Seide und Bronzewaren reiste, war
sichtlich erfreut, hier, wo er es gewi am wenigsten erwartet hatte,
die anheimelnden Laute seiner Muttersprache zu vernehmen. Und Heideck
bemhte sich mit einem fast befremdlichen Eifer, ihn bei guter Laune
zu erhalten. Er rief seinen Diener und befahl ihm, heies Wasser zu
bereiten.

Es ist sehr khl diese Nacht, wandte er sich an seinen Gast. Ein
Brandy mit heiem Wasser ist da nicht zu verachten.

Ah, sagte der Russe, warten Sie einen Augenblick. Es ist besser, das
Wasser wegzulassen und es durch etwas Schmackhafteres zu ersetzen.

Er ging in sein Zimmer und kehrte alsbald mit einer Flasche Sherry und
zwei Flaschen Champagner zurck.

Ich werde mit Ihrer Erlaubnis hier in diesem Kessel einmal eine Bowle
nach russischem Geschmack mischen. Zucker mu auch hinein. Dieser fr
englische Zungen berechnete Champagner ist so trocken, da er gest
werden mu, um fr unsereinen geniebar zu werden.

Er go die Flasche Kognak, die der Diener gebracht hatte, ebenso wie
den Sherry zu dem Champagner und fllte die Glser.

Nach deutscher Sitte stieen die beiden Herren mit einander an. Noch
einmal betrachtete Heideck dabei aufmerksam seinen neuen Bekannten. Der
lauernde Ausdruck, mit dem er die Augen des anderen auf sich gerichtet
fhlte, machte ihn einen Moment stutzig. Sollte der Russe etwa die
gleiche Absicht haben, wie er selbst, und ihm mit dem Sekt nur die
Zunge lsen wollen? Jedenfalls war er jetzt auf seiner Hut.

Darf ich Sie bitten, eine meiner Havannazigarren zu versuchen? fragte
der Russe, indem er ihm sein Etui darreichte. Die indischen Zigarren
sind nicht schlecht und sehr billig. Die Beaconsfield ist meine
Lieblingssorte. Hier und da mu man aber zur Abwechslung doch etwas
anderes rauchen.

Heideck nahm dankend an und es begann jetzt ein ziemlich scharfes
Zechen, zu welchem der Russe das Tempo angab. Aber er war der Wirkung
des ebenso wohlschmeckenden wie starken Getrnkes offenbar viel weniger
gewachsen, als der Deutsche. Von Minute zu Minute gesprchiger werdend,
fing er bald an, seinen neuen Freund Brderchen zu nennen und allerlei
mehr oder weniger verfngliche Geschichten zu erzhlen. Auch auf seine
heimischen Familienverhltnisse kam er, durch einige geschickte Fragen
Heidecks veranlat, zu sprechen. Er lachte ber eine alte Tante, die
ihr Haar mit Rosen zu schmcken pflege, um kahle Stellen zu verdecken,
und fgte hinzu, da diese Tante wegen ihrer unvergleichlichen
Klatschgeschichten am Zarenhofe ganz besonders beliebt sei. Da solche
Familienbeziehungen bei einem Geschftsreisenden etwas verwunderlich
wren, kam ihm augenscheinlich nicht in den Sinn.

Im Verlauf der Unterhaltung erwhnte er auch, da er vor nicht langer
Zeit in China gewesen wre.

Wir sind zu langsam, Brderchen, viel zu langsam, versicherte er,
mit fnfzigtausend Mann konnten wir uns alles nehmen, was wir haben
wollten, und die Japaner htten wir unsererseits schon lngst angreifen
sollen.

Sagen Sie doch, fragte Heideck anscheinend gleichgiltig, wie stark
ist denn eigentlich die Armee des General-Gouvernements Turkestan?

Der Russe blickte auf, aber es geschah nicht, weil er sich auf die
verlangte Antwort besann. Denn nachdem er langsam ein Glas Sodawasser
ausgetrunken hatte, sagte er:

Wenn du gut leben willst, Brderchen, mut du in die Mandschurei
gehen. Lachse, sage ich dir -- ah! Und kosten beinahe nichts. -- Und
hbsche Mdchen in Menge! Pelze aber kannst du kaufen -- so gut wie
umsonst. Was in Petersburg zehntausend Rubel kostet, hast du in China,
da oben im Norden, fr hundert.

Da haben Sie wohl schne Pelze mitgebracht?

Pelze in Indien? Da wrden sie im Handumdrehen von den Ameisen
aufgefressen werden. Fr meinen Gebrauch allerdings habe ich einen
mitgebracht, der in Petersburg unter Brdern fnftausend Rubel wert
sein wrde. Werde ihn spter im Gebirge gut genug brauchen knnen. Er
riecht eine Werst weit, so gut habe ich ihn eingepfeffert!

Wieder gab es eine kleine Pause. Dann, indem er sein Gegenber scharf
ansah, sagte Heideck pltzlich:

Sie sind Offizier!

Ganz fassungslos starrte ihm der Russe ins Gesicht.

Offenheit gegen Offenheit! erwiderte er nach lngerem Besinnen. Auch
Sie sind Soldat, mein Herr?

Einem Kameraden brauche ich es nicht zu verschweigen. Hermann Heideck,
Hauptmann vom preuischen Generalstabe.

Der Russe erhob sich und machte eine sehr korrekte Verbeugung.

Frst Fedor Andrejewitsch Tschadschawadse, Hauptmann im Garderegiment
Preobraschensky.

Dann klangen aufs neue die Glser zusammen.

Auf gute Kameradschaft! hie es hben und drben.

Kamerad, ich will Ihnen etwas verraten, sagte der Russe. General
Iwanow ist im Anmarsch gegen die indische Grenze. Der Zar beschftigt
sich nicht mehr mit Theosophie, er will England den Krieg erklren.

Heideck htte gern noch mehr erfahren, doch der Frst hatte der
berauschenden Mischung wohl schon ber seine Krfte zugesprochen.
Er fing an, leichtfertige franzsische Chansons zu singen, um dann
pltzlich auf schwermtige russische Volkslieder berzugehen. An ein
halbwegs vernnftiges Gesprch war in seiner gegenwrtigen Verfassung
nicht mehr zu denken.

Heideck befand sich bereits in einiger Verlegenheit, was er mit seinem
bezechten Gaste anfangen solle. Da wurde ihm eine neue Ueberraschung zu
Teil. Die Tr zum Nebenzimmer ffnete sich und ein schner, schlanker
Bursche von hchstens achtzehn Jahren erschien auf der Schwelle.

Er war in eine Art phantastischer Pagentracht gekleidet, die in einem
anderen Lande als dem farbenreichen, malerischen Indien wie eine
Maskerade gewirkt haben wrde. Der blaue, goldgestickte Kittel war mit
einer rotseidenen Schrpe umgrtet und die weiten roten Beinkleider
verschwanden an den Knieen in hohen, glnzenden Lackstiefeln, deren
elegante Form die auffallende Kleinheit der schmalen Fe erkennen
lie. Ueppiges, goldschimmerndes Blondhaar fiel wellig fast bis auf
die Schultern des knabenhaften Jnglings herab. Das schne, lngliche
Gesicht war von rosigstem Incarnat. Aus den groen, blauen Augen aber
blitzte die Energie eines starken Temperaments.

Sowie er des Eintretenden ansichtig geworden war, hatte der Frst
aufgehrt zu singen.

Ah, Georgij -- stammelte er.

Ohne ein Wort zu sprechen, war der Page auf ihn zugetreten und
hatte den pltzlich ganz Willenlosen vom Stuhle emporgezogen. Frst
Tschadschawadse schlang den Arm um seine Schultern und lie sich
hinausfhren, ohne seinem deutschen Kameraden eine >Gute Nacht< zu
wnschen.

Heideck zweifelte nicht einen Augenblick daran, da dieser schlanke
Page ein verkleidetes Mdchen wre. Der schne Wuchs und der seltsame
Ausdruck ungebndigter Naturkraft in den wunderbar regelmigen Zgen
waren unverkennbar Eigentmlichkeiten des cirkassischen Typus. Dieser
angebliche Georgij war sicherlich eine Tochter der kaukasischen
Berge, das Kind eines Bauern oder vielleicht eines Rubers, wie auch
Tschadschawadse seinem Namen nach einem jener alten kaukasischen
Frstengeschlechter angehrte, die einst als echte Raubritter in dem
von Ruland so schwer und so langsam unterworfenen Gebirgslande gehaust
hatten.




[Illustration]




IV.


Die Angabe des Hauptmanns Heideck, da er fr ein Hamburger Handelshaus
reise, war nicht eigentlich eine Unwahrheit gewesen. In der Tat betrieb
er die kaufmnnischen Geschfte, die ihm als Maske fr den wirklichen
Zweck seiner Reise dienten, mit grtem Ernst.

Er hatte von dem Chef des Groen Generalstabes den Auftrag erhalten,
die militrischen Verhltnisse in Indien und die strategische Bedeutung
der Nordwestgrenze zu studieren, und hierzu war ihm ein unbegrenzter
Urlaub bewilligt worden.

Aber der General hatte ihm ausdrcklich erklrt:

Sie reisen als Privatmann, und wenn Sie in irgend einen Konflikt
mit den Englndern geraten sollten, wrden wir in keiner Weise die
Verantwortung fr Ihre Taten und Erlebnisse bernehmen knnen. Sie
erhalten einen Pa auf Ihren richtigen Namen, aber natrlich ohne
Erwhnung Ihrer militrischen Eigenschaft. Da wir Sie bei einer
etwaigen Nachfrage nicht verleugnen werden, ist selbstverstndlich. In
einem gewissen Sinne aber reisen Sie auf eigene Gefahr. Ihr eigener
Takt mu Ihnen Fhrer sein.

Darauf hin hatte Heideck sich mit seinem Oheim in Verbindung gesetzt
und von ihm die erforderlichen Briefe und Empfehlungen an indische
Geschftsfreunde erhalten. Er war von Bombay aus ber Allahabad in die
nrdlichen Provinzen gereist und hatte die wichtigsten Garnisonen,
Cawnpore, Lucknow, Delhi und Lahore besucht. Nach Erledigung seiner
Geschfte in Chanidigot gedachte er sich weiter nach Norden zu wenden
und durch den Kaiberpa nach Afghanistan zu gehen. Lediglich mit
Rcksicht auf diesen Plan hatte er die nhere Bekanntschaft mit dem
Russen gesucht. Er wurde sich klar darber, da dieser von seiner
Regierung einen hnlichen Auftrag erhalten hatte wie er selbst, und
gewisse Andeutungen des Frsten hatten ihn in der Vermutung bestrkt,
da er die nmliche Reiseroute zu whlen gedenke. So konnte es fr den
deutschen Offizier nur von Vorteil sein, wenn er sich dem russischen
Kameraden anschlo, der ihm auf russischem Gebiet sicherlich wertvolle
Empfehlungen zu verschaffen vermochte. --

Die gehaltvolle Bowle des Frsten machte sich noch in einigen
unangenehmen Nachwirkungen bemerkbar, als Heideck in der Frhe des
nchsten Morgens erwachte. Aber das kalte Bad, das ihm Morar Gopal
bereitet hatte, und eine Tasse Tee stellten ihn bald wieder her.

Es war ein indischer Frhlingsmorgen von strahlender Schnheit, in
den er tiefaufatmend hinaustrat. Der Februar hatte hier im Tale
des Indus unter dem 29 nrdlicher Breite etwa die Temperatur des
rmischen Mai. In den Mittagsstunden pflegte die Quecksilbersule des
Fahrenheit-Thermometers auf hundert Grad zu steigen. Die Abende aber
waren erquickend khl und die Nchte mit ihren feuchten Nebeln zuweilen
sogar empfindlich kalt.

Heideck hatte an diesem Morgen mit besonderer Sorgfalt Toilette
gemacht, denn er war zu einer Besprechung mit dem Minister des
Maharadjah geladen, um ber das beabsichtigte Indigogeschft mit ihm zu
verhandeln.

Der Minister bewohnte ein Haus an der Weichbildgrenze der Stadt. Es
war ein inmitten eines groen Gartens gelegenes einstckiges Gebude
mit breiten, luftigen Veranden. Als Heideck eintraf, war die Treppe
der Eingangshalle bereits von einer bunten Menge besetzt, die auf
Audienz wartete. Ihm aber, als einem Vertreter der weien Rasse,
blieb diese lstige Unbequemlichkeit erspart. Der in weien Musselin
gekleidete und zum Zeichen seiner Wrde mit einer breiten roten Schrpe
umgrtete Pfrtner fhrte ihn vielmehr gleich in das ganz europisch
ausgestattete Arbeitszimmer des Ministers.

Auch in seiner ueren Erscheinung verriet der Wrdentrger nur durch
seine Hautfarbe und seinen Gesichtsschnitt den Inder. Kleidung und
Manieren waren ganz die eines abendlndischen Diplomaten. Er reichte
Heideck die Hand und teilte ihm mit, da Seine Hoheit selbst mit ihm
ber den Indigo verhandeln wolle.

Der Preis, den Sie zahlen wollen, ist ungewhnlich niedrig, fgte er
in einem Tone leiser Mibilligung hinzu.

Heideck aber war auf diesen Einwand offenbar vorbereitet gewesen.

Exzellenz mgen darin recht haben, da der gebotene Preis niedriger
ist als in frheren Jahren. Aber er ist noch immer sehr hoch, wenn man
die inzwischen eingetretenen Vernderungen des Marktes bercksichtigt.
In Deutschland wird jetzt durch Anilin ein Ersatz geschaffen, der so
billig ist, da in absehbarer Zeit vermutlich berhaupt kein Indigo
mehr gekauft werden wird. Wenn es mir gestattet ist, Seiner Hoheit
einen Rat zu geben, so wre es der, statt des Indigobaus knftig eine
Industrie zu whlen.

Und welche htten Sie dabei im Auge?

Am vorteilhaftesten wrden mir ~oil-mills~ und ~cotton-mills~
erscheinen. Sie knnten der europischen und japanischen Konkurrenz
damit wirksam begegnen.

Ein indischer Diener erstattete eine Meldung, und der Minister lud
Heideck ein, sogleich mit ihm zum Maharadjah zu fahren. Sie bestiegen
einen mit zwei schnellen turkestanischen Pferden bespannten offenen
Wagen. Der gelb gekleidete Kutscher, der merkwrdige Aehnlichkeit
mit einem geputzten Affen hatte, schnalzte mit der Zunge, und im
Galopp ging es durch weit ausgedehnte Parkanlagen zum Schlosse,
dessen weie Marmorwnde bald aus dem Grn der Palmen und Tamarinden
hervorleuchteten.

Heideck mute whrend der kurzen Fahrt an die zahllosen Kriegsstrme
denken, die ber diesen Boden dahingebraust waren, ehe die englische
Herrschaft alle religisen Kmpfe, alle blutigen Aufstnde und alle
Einflle fremder Eroberer fr immer unmglich gemacht zu haben
schien. Jetzt konnten hier, wo Alexander des Groen sieggewohnte
Krieger gekmpft hatten, wo sich Mohammedaner und Hindus, Afghanen
und Sonnenanbeter blutige Schlachten geliefert, Werke des Friedens
geschaffen werden, die auf eine Dauer von Jahrhunderten berechnet
waren. Es war ein Triumph der Zivilisation, dessen imponierendem
Eindruck sich ein Kenner von Indiens geschichtlicher Vergangenheit kaum
entziehen konnte.

Der Maharadjah von Chanidigot bekannte sich gleich dem grten Teil
seiner Untertanen zum Islam, und schon die uere Anlage seines
Palastes lie den mohammedanischen Frsten erkennen. Abseits von dem
Hauptgebude, aber durch eine gedeckte Galerie mit ihm verbunden,
lag der kleine Haremsflgel, dessen Inneres hinlnglich vor jedem
fremden Blicke geschtzt war. Hier wie dort offenbarte sich in der
Ausschmckung des Palastes die verschwenderischste Pracht. Und Heideck
dachte mitleidig an die armen Untertanen des Maharadjah, deren
Sklavenarbeit die Mittel fr diesen ppigen Luxus hatte liefern mssen.

Der Minister und sein Begleiter wurden nicht in die groe Audienzhalle
gefhrt, die nur fr besondere feierliche Empfnge bestimmt war,
sondern in eine Loggia des ersten Stockwerkes. Die von zierlichen
Marmorsulen getragene offene Seite derselben ging nach einem inneren
Hofe hinaus, der mit seinem tropischen Pflanzenreichtum einen wahrhaft
paradiesischen Anblick gewhrte. Eine leise pltschernde Fontne, die
aus dem Marmorbassin in seiner Mitte emporstieg, warf ihren feinen
Sprhregen bis zu der Loggia hinauf und verbreitete angenehme Khle.

Eine gute Weile lie ihn der Minister warten. Dann kehrte er zurck
und forderte ihn durch ein stummes Zeichen auf, ihn zum Frsten zu
begleiten.

Das Gemach, in welchem der Maharadjah sie empfing, war in seiner
Ausstattung ein sonderbares, fr die Augen eines Europers nicht
gerade anmutiges Gemisch von orientalischem Luxus und englischem
Modegeschmack. Zwischen herrlichen Teppichen und kostbaren Waffen,
mit denen die Wnde geschmckt waren, hingen grellbunte Gemlde von
wahrhaft barbarischem Geschmack, wie man sie in Deutschland kaum
im Hause eines mig begterten Brgers angetroffen haben wrde.
Und hnliche Widersprche zeigten sich mehrfach. Am auffallendsten
vielleicht traten sie in der Erscheinung des Frsten selbst zu Tage.
Denn dieser hochgewachsene Mann mit dem weichen schwarzen Vollbart
und den brennenden Augen, der in seiner malerischen Landestracht
ohne Zweifel schn und imponierend ausgesehen htte, machte in dem
grauen englischen Anzug und dem roten Turban auf dem Kopfe einen
unharmonischen Eindruck.

Er sa in einem mit rotem Juchtenleder berzogenen englischen
Klubsessel und neigte auf Heidecks tiefe Verbeugung zu leichtem
Gegengrue den Kopf.

Es entging dem deutschen Offizier nicht, da der Maharadjah uerst
verdrielich aussah. Und er vermutete, da es der fr den Indigo
gebotene niedrige Preis sei, der ihn verstimmt htte.

Aber schon die ersten Worte des Frsten belehrten ihn eines anderen.

Wie ich hre, sagte er in ziemlich mangelhaftem Englisch, sind
Sie zwar Europer, aber nicht Englnder. Darum hoffe ich, von Ihnen
die Wahrheit zu hren. Ich bin gern bereit, Sie fr Ihre Auskunft zu
belohnen.

Ich pflege auch ohne Belohnung die Wahrheit zu sagen, Hoheit!

Der Maharadjah ma ihn mit einem mitrauischen Blick.

Ich bin ein treuer Freund Englands, sagte er nach kurzem Zaudern,
und ich befinde mich im besten Einvernehmen mit dem Vizeknig. Aber
es geschehen jetzt Dinge, fr die mir jede Erklrung fehlt. An diesem
Morgen erhielt ich eine Botschaft aus Kalkutta, die mich in Erstaunen
setzt. Die indische Regierung beabsichtigt bei Quetta ein Truppenkorps
zusammenzuziehen und fordert mich auf, tausend Mann Infanterie und
fnfhundert Reiter sowie eine Batterie und zweitausend Kamele dorthin
zu senden. Knnen Sie mir sagen, mein Herr, was England veranlat, eine
so bedeutende Truppenmacht bei Quetta zusammenzuziehen?

Es drfte sich lediglich um eine Vorsichtsmaregel handeln, Hoheit!
Vielleicht sind in Afghanistan neuerdings Unruhen ausgebrochen.

Unruhen in Afghanistan? Dabei knnte nur Ruland seine Hand im Spiele
haben. Wissen Sie vielleicht etwas Bestimmteres?

Heideck mute verneinen. Und der Maharadjah, der seine ble Laune nicht
verbarg, fing an, in einer etwas unvorsichtigen Weise seinem Herzen
Luft zu machen.

Ich bin ein treuer Freund der Englnder, aber der Druck, den sie auf
uns ausben, wird tglich schwerer. Wenn England einen Krieg fhren
will, weshalb sollen wir unser Blut und unser Geld dafr hergeben?
Wissen wir doch nicht einmal, wie mchtig die Feinde der Englnder
sind. Sie gehren dieser Nation nicht an, wie mir mein Minister
mitteilte. Deshalb knnten Sie mich recht wohl darber unterrichten.
Ich bin ja selbst in Europa gewesen. Aber man hat mich nicht ber
London hinaus gelangen lassen, wohin ich gereist war, um die nunmehr
verstorbene Knigin zu ihrem Geburtstage zu beglckwnschen. Ich habe
nichts gesehen als viele Schiffe und eine riesengroe, schmutzige
Stadt. Gibt es nicht in Europa starke und mchtige Staaten, die England
feindlich gesinnt sind?

Derartige Fragen waren fr Heideck unbequem. Er zog deshalb vor, einer
bestimmten Antwort auszuweichen.

Ich bin seit fast einem Jahre in Indien, erwiderte er, und ich
wei von den politischen Ereignissen nur, was die >India Times< und
andere englische Zeitungen darber berichten. Eine gewisse Rivalitt
besteht zwischen den europischen Gromchten selbstverstndlich
immer. Und England ist in den letzten Jahrzehnten so gro geworden,
da es naturgem viele Feinde haben mu. Darber aber, wie sich die
politischen Verhltnisse in diesem Augenblick gestaltet haben mgen,
wage ich nicht ein Urteil zu uern.

Unmutig schttelte der Maharadjah den Kopf.

Machen Sie die Geschfte mit dem Manne nach Ihrem Ermessen ab, wandte
er sich kurz an den Minister, whrend zugleich eine verabschiedende
Handbewegung dem jungen Deutschen kund gab, da er entlassen sei.

Als Heideck wieder in die Loggia hinaustrat, sah er den Kapitn
Irwin in Begleitung eines Hofbeamten am Eingange derselben
erscheinen. Der britische Offizier stutzte, als er des vermeintlichen
Geschftsreisenden ansichtig wurde. Er streifte ihn mit einem
lauernden Blick, und eine fast feindselige Zurckhaltung lag in der
Art, wie er den Gru Heidecks erwiderte. Dieser kmmerte sich wenig
darum, langsam schlenderte er durch den weitlufigen Park, auf dessen
prachtvollen alten Bumen viele Affen ihr munteres Wesen trieben. Die
Mitteilung des Maharadjah von dem an ihn ergangenen englischen Befehl
in Verbindung mit der Nachricht vom Vormarsch des Generals Iwanow
gab ihm viel zu denken. Es konnte danach nicht zweifelhaft sein, da
sich in Afghanistan ernste kriegerische Ereignisse vorbereiteten oder
vielleicht schon im vollen Gange waren. Quetta in Beludschistan,
unmittelbar an der afghanischen Grenze gelegen, war das Ausfallstor
gegen Kandahar. Und wenn England die Hilfe indischer Frsten in
Anspruch nahm, mute es die Situation als kritisch erkannt haben. Noch
war ja der Krieg nicht erklrt, aber Heidecks Mission konnte unter
diesen Umstnden pltzlich eine ganz besondere Bedeutung gewinnen,
und es war jedenfalls unmglich, in diesem Augenblick bestimmte
Entschlsse fr die nchste Zukunft zu fassen.

Der Spaziergang nach seinem in unmittelbarer Nhe des englischen Camp
gelegenen Bungalo mochte etwa eine Stunde in Anspruch genommen haben,
Zeit genug, einen gesunden Appetit wach zu rufen. Es war ihm deshalb
durchaus nicht unangenehm, da er seinen russischen Kameraden an einem
schattigen Platze vor der Tr des Gasthauses beim Frhstck sitzen sah,
und mit einem herzlich erwiderten Gru nahm er ohne viel Umstnde an
dem Tische Platz. Frst Tschadschawadse sah recht bla aus und hielt
sich lediglich an Sodawasser, das er gegen allen Landesbrauch sogar
ohne jede Beimischung von Whisky trank. Die appetitlich duftenden
gebackenen Eier mit Schinken standen unberhrt vor ihm, und er lchelte
etwas wehmtig, als er sah, wie gut der andere sie sich auf seine
Einladung munden lie.

Sie hatten erst ein paar gleichgiltige Worte gewechselt, als zwei
indische Mdchen auftauchten, die ihnen allerlei Tand zum Kauf anboten.
Die jngere, deren nackter Oberkrper wie Bronze glnzte, war von
groer Schnheit. Selbst die Bemalung ihres Gesichts vermochte die
natrliche Anmut der feinen Zge nicht zu zerstren. Aber so hbsch sie
war, so kokett war sie auch. Und sie hatte es offenbar auf den Russen
abgesehen. Hinter seinen Stuhl tretend, hielt sie ihm ihre glitzernden
Nichtigkeiten vor das Gesicht. Und ihr Benehmen wurde dabei immer
vertraulicher. Zuletzt streifte sie ein goldglnzendes Armband ber
das zierliche, braune Handgelenk und neigte sich, damit er es besser
betrachten knne, so weit ber seine Schulter, da ihre lebenswarme,
junge Brust seine Wange streifte.

Frst Tschadschawadse war von zu heibltigem Temperament, um solcher
Versuchung lange zu widerstehen. In seinen Augen leuchtete es auf, und
mit einer raschen Bewegung drehte er sich nach dem Mdchen um, ihren
biegsamen Leib mit seinem Arme umschlingend.

Zu weiteren Zrtlichkeiten aber kam es nicht, denn das kleine
Abenteuer, das Heideck unangenehm berhrte, erfuhr eine jhe
Unterbrechung.

Ohne von den am Tische Sitzenden bemerkt zu werden, war der schne,
blonde Page des Frsten aus der Tr des Bungalo getreten, einen Teller
mit Bananen und Mangos in der Hand. Ein paar Sekunden lang hatte er mit
funkelnden Augen den Vorgang betrachtet. Dann aber war er mit einigen
lautlosen Schritten herangeglitten und warf nun, ohne ein Wort zu
sprechen, den Teller mit den Frchten so geschickt und krftig nach der
bronzefarbigen Verfhrerin, da das Mdchen mit einem lauten Aufschrei
nach der getroffenen Schulter griff, whrend das Geschirr zerbrochen am
Boden klirrte.

In der nchsten Minute schon war sie mit ihrer Begleiterin in eiliger
Flucht verschwunden. Das Gesicht des Frsten aber war rot vor Zorn, und
er griff aufspringend nach der neben ihm liegenden Reitpeitsche.

Schon machte sich Heideck bereit, das verkleidete Mdchen vor einem
hnlichen Strafgericht zu bewahren, wie sein neuer Freund es gestern
an seinem indischen Boy vollzogen hatte. Aber er sah, da es seiner
Intervention hier nicht bedurfte.

Hochaufgerichtet und mit einem beinahe verchtlichen Zucken der schnen
Lippen war der junge Page dicht vor den Frsten hingetreten. Ein
halblautes, zischendes Wort, dessen Sinn Heideck nicht verstand, mute
den Zorn des Russen pltzlich beschwichtigt haben. Denn er lie den
schon zum Schlage erhobenen Arm sinken und warf die Peitsche auf den
Tisch.

Geh und hole uns einen anderen Nachtisch, Georgij! sagte er so
gleichmtig, als wre gar nichts geschehen. Es ist eine wahre Plage,
da man vor diesem indischen Gesindel nicht eine Stunde lang Ruhe hat.

Ueber das Gesicht der Cirkassierin huschte es wie ein triumphierendes
Lcheln. Sie warf einen freundlichen Blick auf Heideck und wandte
sich schweigend dem Bungalo zu. Voll Bewunderung und nicht ohne eine
leise Regung des Neides gegen den glcklichen Besitzer von soviel
berckender weiblicher Schnheit sah ihr Heideck nach, wie sie anmutig,
sich leicht in den Hften wiegend, dahin ging. Er hatte schon eine
Bemerkung auf den Lippen, die dem Frsten verraten sollte, da er
hinter das allerdings sehr durchsichtige Geheimnis seiner maskierten
Reisebegleiterin gekommen sei. Aber er wurde durch einen neuen
Zwischenfall daran gehindert.

Ein englischer Soldat im Ordonnanzanzuge trat an den Tisch und
berreichte Heideck, der ihm dem Ansehen nach bekannt sein mute, mit
militrischem Grue ein Billet.

Von dem Herrn Obersten, sagte er. Und ich soll melden, da es sehr
dringlich sei.

Mit Verwunderung griff Heideck nach dem Brief. Er enthielt in zwar
hflicher, doch immerhin ziemlich bestimmter Form die Bitte um einen
mglichst baldigen Besuch des Herrn Hermann Heideck. Das bedeutete bei
der Machtstellung, die Oberst Baird hier in Chanidigot inne hatte,
einen Befehl, dem er ohne Zgern und Widerspruch gehorchen mute.

Baird war der Hchstkommandierende des hier stationierten Detachements,
das aus einem Infanterieregiment von etwa sechshundert Mann, einem
zweihundertvierzig Pferde starken Ulanenregiment und einer Feldbatterie
bestand. Wie in allen anderen Residenzen der groen indischen Frsten,
hatte die britische Regierung auch in Chanidigot eine Streitmacht
stationiert, die stark genug war, um den Maharadjah in Respekt zu
halten und alle Rebellionsgelste im Keime zu ersticken. Da Oberst
Baird zugleich den Posten eines Residenten am Hofe des Frsten
bekleidete und somit alle diplomatische und militrische Gewalt in
seiner Hand vereinigte, war er als der eigentliche Herr und Gebieter in
Chanidigot anzusehen.

Sein Bungalo lag inmitten des auf einer weiten, grnen Ebene
aufgeschlagenen Lagers. Es war eine Gruppe von Gebuden, die einen mit
Pflanzen und einem pltschernden Brunnen geschmckten viereckigen Hof
umschlossen.

Wie es schien, hatte er Befehl gegeben, Heideck sofort vorzulassen.
Denn der Adjutant, bei dem sich Heideck gemeldet hatte, fhrte ihn ohne
weiteres in das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.

Hflich, doch mit einer Gemessenheit, die sich merklich von seinem
bisherigen Benehmen gegen den beliebten Gast des Offizierkorps
unterschied, dankte ihm der stattliche, martialisch aussehende Mann fr
sein rasches Erscheinen.

Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Heideck, fgte er hinzu, ich habe mich
ungern entschlossen, Sie zu bemhen, aber ich konnte es Ihnen nicht
ersparen. Es ist mir gemeldet worden, da Sie heute Morgen bei dem
Maharadjah waren.

Allerdings. Ich hatte in Geschften mit ihm zu reden. Denn ich stehe
im Begriff, fr mein Hamburger Haus einen groen Posten Indigo von ihm
zu kaufen.

In Ihre Geschfte habe ich mich selbstverstndlich nicht einzumischen.
Aber ich mu Ihnen sagen, da wir einen direkten Verkehr von Europern
mit den eingeborenen Frsten nicht gern sehen. Sie werden deshalb gut
tun, mir in knftigen Fllen vorher Mitteilung davon zu machen, wenn
Sie zu dem Maharadjah berufen werden, damit wir uns ber das, was Sie
ihm sagen oder nicht sagen drfen, verstndigen knnen. Wir drfen
leider nicht allen indischen Frsten trauen, und dieser hier ist
vielleicht einer der unzuverlssigsten unter ihnen. Sie drfen das, was
ich Ihnen da sage, nicht als einen Ausdruck des Mitrauens gegen Sie
ansehen. Die Verantwortlichkeit meiner Stellung aber gebietet mir die
allergrte Vorsicht.

Ich begreife das vollkommen, Herr Oberst!

Gerade in diesem Augenblick scheint sich die Lage besonders schwierig
zu gestalten. Ich mte mich sehr tuschen, wenn wir nicht recht
unruhigen Zeiten entgegen gingen. Der Generalgouverneur von Turkestan
ist auf dem Marsche, und seine Avantgarde ist bereits ber die Grenze
von Afghanistan vorgedrungen.

Heideck hatte Mhe, die Erregung zu verbergen, in welche diese
Besttigung der Mitteilung Tschadschawadses ihn versetzte.

Ist das gewi, Herr Oberst? Was wollen die Russen in Afghanistan?

Was sie da wollen? Nun, mein lieber Mr. Heideck, ich denke, das ist
ziemlich klar. Ihr Vorgehen bedeutet den Krieg gegen uns. Ruland will
das natrlich vorlufig noch nicht offen zugeben. Man behandelt den
Vormarsch als eine Angelegenheit, die nur den Emir anginge und um die
wir uns nicht zu kmmern htten. Aber man mte sehr befangen sein, um
die wahre Absicht nicht zu durchschauen.

Und darf ich fragen, was der Herr Oberst zu tun gedenkt?

Oberst Baird mute den jungen Deutschen in der Tat fr eine sehr
vertrauenswrdige oder fr eine sehr ungefhrliche Persnlichkeit
halten, da er ihm bereitwillig Antwort gab.

Die russische Avantgarde hat den Amu darja berschritten und zieht
das Murgabtal herauf nach Herat. Danach werden wir unsere Maregeln
treffen. Die Moskowiter sollen sich in uns getuscht haben. So geduldig
und langmtig sind wir doch nicht, da wir unsere lieben Nachbarn
einfach in offene Tore einziehen lassen. Ich denke, es wird bei den
russischen Generalen einige lange Gesichter geben, wenn sie sich in
Afghanistan pltzlich unseren Bataillonen, unseren Sikhs und Gurkhas,
gegenber sehen.

Der Adjutant erschien mit einer offenbar sehr wichtigen Meldung, und
da Heideck wahrnahm, da der Oberst mit seinem Ordonnanzoffizier
unter vier Augen zu sprechen wnsche, hielt er es fr ein Gebot der
Hflichkeit, sich zu empfehlen.

Die Worte des Obersten: >Das Vorgehen der Russen in Afghanistan
bedeutet den Krieg<, klangen ihm unablssig in den Ohren wieder. Er
pries in seinem Herzen den glcklichen Zufall, der ihn zur rechten
Zeit auf den Schauplatz groer weltgeschichtlicher Ereignisse gefhrt
hatte. Und alle seine Gedanken waren einzig darauf gerichtet, wie er es
anfangen knne, beim Ausbruch der Feindseligkeiten als Zuschauer und
Beobachter zugegen zu sein.

Da sein russischer Freund von demselben Wunsche erfllt sein wrde,
durfte er um so eher voraussetzen, als Frst Tschadschawadse ja einer
der beiden unmittelbar beteiligten Nationen angehrte. Er beeilte sich
deshalb, ihn von dem Inhalt seiner Unterredung mit dem Obersten Baird
in Kenntnis zu setzen. Und die Wirkung seiner Mitteilungen auf den
Frsten war ganz so, wie er es erwartet hatte.

Also wirklich! Die Avantgarde ist schon ber den Amu darja! Und es
wird also an der rechten Stelle der Krieg ausbrechen! rief der Russe
in hellem Jubel aus. In unserer Armee herrschte die Befrchtung,
da der Zar sich vielleicht niemals zu dem Entschlusse aufraffen
wrde, einen Krieg zu fhren. Es mssen mchtige und unwiderstehliche
Einflsse gewesen sein, die zuletzt doch ber seine Friedensliebe
gesiegt haben.

Sie wollen natrlich so schnell als mglich zur Armee? fragte
Heideck. Und da der Frst bejahte, fgte er hinzu:

Ich wrde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir erlauben wollten, mich
Ihnen anzuschlieen. Wie aber kommen wir ber die Grenze? Hoffentlich
lt man uns als unverdchtige Kaufleute unbehelligt passieren.

Das ist nicht so ganz sicher. Wahrscheinlich werden wir nicht so
leicht aus Indien hinauskommen, wie wir hereingekommen sind. Immerhin
aber mssen wir's versuchen. Wir knnen mit der Bahn in zwlf Stunden
in Peschawar und in fnfzehn in Quetta sein. Beide Bahnlinien drften
augenblicklich noch nicht durch Truppensendungen beansprucht sein.
Aber wir werden gut tun, unsern Aufbruch zu beschleunigen. Vermutlich
wrden wir sowohl von Peschawar wie von Quetta aus bald auf russische
Truppen stoen. Denn ich zweifle nicht, da auch gegen Kabul hin ein
russisches Korps im Vormarsch ist, obwohl der Oberst, wie Sie sagen,
nur von einer Avantgarde sprach, die auf Herat marschiere.

Ich wrde vorschlagen, ber Peschawar und durch den Kaiberpa zu
gehen, weil wir so am schnellsten und sichersten nach Kabul gelangen.

Wir werden das nachher noch des nheren besprechen, Herr Kamerad!
Jedenfalls ist es ausgemacht, da wir zusammen bleiben. Hoffe ich doch,
da auch auf der groen Weltbhne in diesem Augenblick Ihre Nation
Schulter an Schulter mit der meinigen gegen England steht.




[Illustration]




V.


Als verheirateter Offizier bewohnte Kapitn Irwin nicht eine der
hlzernen Baracken im englischen Camp, sondern ein Bungalo in der
Vorstadt.

Es war ein einstckiges, von einem groen, gut gehaltenen Garten
umgebenes Haus mit breiten Veranden, das frher einem hohen Hofbeamten
des Maharadjah als Wohnung gedient hatte. Abseits lagen zwei kleinere,
fr die Dienerschaft bestimmte Gebude, von denen gegenwrtig nur eines
benutzt wurde.

Die Sonne desselben Tages, der ihm so wichtige und fr die Gestaltung
seiner nchsten Zukunft entscheidende Entschlsse nahe gelegt hatte,
neigte sich bereits dem Untergange zu, als Hermann Heideck die
Kaktushecke und das Bambusgebsch des zum Irwinschen Bungalo gehrenden
Gartens durchschritt.

Er war in einen Gesellschaftsanzug aus leichtestem schwarzen Tuch
gekleidet, wie es englische Sitte fr einen um die abendliche Dinerzeit
abgestatteten Besuch unter jenem Himmelsstrich vorschreibt.

Er kam heute nicht aus eigenem Antrieb, und der Morgengru Irwins
hatte nichts Einladendes gehabt. Ein Billet von Mrs. Irwin hatte
ihn zu seiner Ueberraschung um sein Erscheinen zu dieser Stunde
gebeten. Er hatte der Fassung des Briefes entnommen, da es sich um
etwas Dringliches handeln msse, und es lag nicht fern, zu vermuten,
da die unglckliche Pokerpartie des Kapitns die Ursache wre. Was
Mrs. Edith veranlat haben konnte, sich gerade an ihn zu wenden, war
ihm allerdings vorlufig ein Rtsel. Denn seine Beziehungen zu der
schnen jungen Frau hatten bis zu diesem Augenblick ganz und gar nichts
Vertrauliches gehabt. Er war ihr einigemal in grerer Gesellschaft,
beim Polospiel der Offiziere und hnlichen Anlssen begegnet. Und wenn
er, durch ihre Anmut und ihren Geist gefesselt, sich der Gattin des
Kapitns vielleicht auch lebhafter gewidmet hatte, als irgend einer
der anderen anwesenden Damen, so hatte sich ihr Verkehr doch durchaus
in den konventionellen Grenzen bewegt. Und niemals wrde es ihm
eingefallen sein, sich einer besonderen Bevorzugung durch Mrs. Irwin zu
rhmen.

Die zierliche indische Zofe der Hausfrau empfing den Besucher
und fhrte ihn zu der Veranda. Mrs. Irwin, die in einem Kleide
von roher Seide auf einem Schaukelstuhl gesessen hatte, ging ihm
einige Schritte entgegen. Aufs neue fhlte sich Heideck entzckt
durch den Liebreiz ihrer Erscheinung. Sie war eine echt englische
Schnheit von hoher, wundervoll ebenmiger Gestalt, feinen Zgen und
jener weien, durchsichtigen Haut, die den Tchtern Albions einen
ihrer eigenartigsten Reize verleiht. Reiches, dunkelblondes Haar
schmiegte sich in dichten, natrlichen Wellen um die breite Stirn,
und ihre blauen Augen hatten den klaren, ruhigen Blick einer ebenso
intelligenten wie willensstarken Persnlichkeit.

In diesem Moment allerdings schien die junge Frau, die Heideck bisher
nur als die gelassene und beherrschte Dame der groen Welt kennen
gelernt hatte, sich in einer Erregung zu befinden, die sie nur
unvollkommen zu verbergen vermochte. Etwas eigentmlich Befangenes war
in der Art, wie sie den Besucher begrte.

Ich danke Ihnen fr Ihr Erscheinen, Mr. Heideck! Meine Einladung wird
Sie befremdet haben, aber ich wute mir nicht anders zu helfen. Bitte,
lassen Sie uns in das Parlour gehen, es wird hier drauen empfindlich
khl.

Von solcher Khle konnte Heideck zwar noch nichts bemerken, aber er
glaubte zu verstehen, da es nur die Furcht vor einem Lauscher sei,
die den Wunsch der jungen Frau bestimmte. In der Tat schlo sie hinter
ihm die Glastr und lud ihn ein, ihr gegenber auf einem der breiten
Rohrsthle Platz zu nehmen.

Kapitn Irwin ist nicht anwesend, erffnete sie, noch immer
ersichtlich mit einer starken Verlegenheit kmpfend, das Gesprch. Er
ist fortgeritten, um seine Schwadron zu inspizieren und wird, wie er
mir sagte, nicht vor Tagesanbruch zurckkehren.

Heideck begriff nicht recht, weshalb sie ihm diese Mitteilung machte.
Wre er ein von seiner Unwiderstehlichkeit berzeugter Frauenjger
gewesen, so wrde er darin vielleicht eine sehr durchsichtige
Ermutigung erblickt haben. Aber er war weit entfernt, Ediths Worten
eine derartige Deutung zu geben. Die Verehrung, die er dieser schnen
Frau seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft entgegengebracht
hatte, schtzte sie hinlnglich vor jedem unlauteren Verdacht. Wenn sie
ihn zu einer Zeit hierher beschieden hatte, wo sie sicher sein konnte,
da ihr Gesprch nicht durch das Erscheinen ihres Gatten gestrt werden
konnte, so hatte sie dafr sicherlich andere Grnde gehabt, als den
Wunsch nach einem Abenteuer.

Und wie er sie da vor sich sitzen sah, mit einem Zug herben Kummers,
regte sich in seinem Herzen kein anderes Verlangen als der lautere
Wunsch, diesem ohne Zweifel tief unglcklichen Wesen irgend einen
ritterlichen Dienst erweisen zu drfen.

Aber er hatte nicht den Mut, ihr etwas derartiges zu sagen, bevor sie
ihm nicht in unzweideutiger Weise ein Recht dazu gegeben htte. Darum
wartete er schweigend auf das, was sie ihm weiter mitzuteilen wnsche.
Und es gab eine ziemlich lange, etwas peinliche Pause, bevor Mrs.
Irwin, ersichtlich all ihren Mut zusammennehmend, fortfuhr:

Sie waren ein Zeuge des Auftritts, der sich gestern abend in der
Offiziersmesse zwischen meinem Mann und dem Kapitn Mc. Gregor
abgespielt hat. Wenn ich recht unterrichtet bin, habe ich es sogar
lediglich Ihnen zu verdanken, da mein Mann nicht in der ersten
Erregung Hand an sich gelegt hat.

Bescheiden wehrte Heideck ab.

Ich habe durchaus nichts getan, was mir einen Anspruch auf Ihre
Dankbarkeit gbe, Mrs. Irwin, und ich glaube auch nicht, da Ihr Gatte
sich wirklich zu einer solchen unsinnigen Verzweiflungstat htte
hinreien lassen. Im entscheidenden Augenblick wrde der Gedanke an Sie
ihn sicherlich vor dem Aeuersten bewahrt haben.

Er war berrascht von dem Ausdruck der Verachtung, den das schne
Gesicht der jungen Frau bei seinen letzten Worten angenommen hatte, und
von dem harten Klang ihrer Stimme, da sie erwiderte:

Der Gedanke an mich? Ah, wie wenig Sie meinen Mann kennen! Er ist
nicht gewhnt, um meinetwillen irgend welche Opfer zu bringen. Und
vielleicht wre sein freiwilliger Tod nicht einmal das Schlimmste, was
er mir htte antun knnen.

Sie sah wohl die Bestrzung in seinen Zgen, und deshalb fgte sie
rasch hinzu:

Sie werden mich gewi fr das herzloseste Geschpf halten, weil ich so
zu einem Fremden sprechen kann. Aber gilt nicht auch in Ihrem Lande der
Verlust der Ehre fr schlimmer als der Tod?

Unter gewissen Umstnden -- ja. Aber so tragisch ist die Lage Ihres
Gatten hoffentlich nicht zu nehmen. Nach dem Eindruck, den ich bisher
von der Persnlichkeit des Kapitns Mc. Gregor empfangen habe, ist
er nicht der Mann, der Mr. Irwin um einer leichtsinnig eingegangenen
Spielschuld willen zum Aeuersten treiben wird.

O nein, Sie beurteilen diesen Ehrenmann vollkommen richtig. Er wrde
am liebsten ganz auf die Zahlung verzichten. Und in der Absicht, ein
derartiges Arrangement herbeizufhren, war er heute nachmittag hier.
Aber der trichte Stolz, die malose Eitelkeit Irwins machten alle
seine guten Absichten zu schanden. Das Ergebnis von Mc. Gregors gut
gemeinten Bemhungen war einzig eine heftige Szene, durch die die Sache
nur noch mehr verschlimmert wurde. Mein Mann ist entschlossen, seine
Schuld um jeden Preis zu bezahlen.

Und -- verzeihen Sie die indiskrete Frage -- ist er dazu imstande?

Wenn er sich meines Vermgens bedient -- gewi! Und ich habe es ihm
ohne weiteres zur Verfgung gestellt. Ich habe ihm gesagt, da er alles
bis auf den letzten Penny nehmen mge, wenn dieses Opfer ausreichend
sei, mich fr immer von ihm zu befreien.

Heideck wute kaum, ob er seinen Ohren trauen drfe. Auf nichts in
der Welt war er weniger vorbereitet gewesen, als darauf, solche
Gestndnisse zu empfangen. Er fing an, irre zu werden an dieser Frau,
die ihm bisher der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit gewesen
war. Und er suchte nach einer Gelegenheit, weiteren Enthllungen
vorzubeugen, die sie seiner Ueberzeugung nach schon in der nchsten
Stunde bereut haben wrde.

Niemand kann von Ihnen verlangen, Mrs. Irwin, da Sie fr eine
strfliche Leichtfertigkeit, fr eine vielleicht im halben Rausch
begangene Uebereilung Ihres Gatten ein so ungeheures Opfer bringen.
Aber da Sie mich einmal der Ehre gewrdigt haben, mit mir ber diese
Dinge zu sprechen, so ist es vielleicht nicht unbescheiden, wenn ich
Ihnen sage, da es meiner Ansicht nach das richtigste wre, Ihren
Mann die Folgen seiner Handlungsweise tragen zu lassen. Sie brauchen
wohl kaum zu frchten, da diese Folgen allzu schlimm sein werden.
Mc. Gregor wird ihn gewi nicht drngen. Und da wir unmittelbar vor
dem Ausbruch eines Krieges zu stehen scheinen, gehen auch seine
Vorgesetzten in diesem Augenblick wegen dieser Angelegenheit wohl nicht
allzu streng mit ihm ins Gericht. Er wird vielleicht Gelegenheit haben,
sein erschttertes Ansehen durch soldatische Verdienste wieder gut zu
machen oder den Tod auf dem Schlachtfelde zu suchen. In einigen Wochen
oder Monaten werden alle diese Dinge, die Ihnen jetzt so viel Sorge
verursachen, ein ganz anderes Gesicht zeigen.

Sie meinen es sehr gut, Mr. Heideck, und ich danke Ihnen fr
Ihre freundliche Absicht. Aber ich wrde Sie nicht zu einer so
ungewhnlichen Zeit hierher gebeten haben, wenn es mir nur darum zu tun
wre, durch liebenswrdigen Zuspruch getrstet zu werden. Ich befinde
mich in einer wahrhaft entsetzlichen Lage -- entsetzlich besonders
deshalb, weil es hier niemanden gibt, dem ich mich anvertrauen, bei dem
ich mir Rat und Beistand holen knnte. Da ich in meiner Verzweiflung
darauf verfiel, mich an Sie zu wenden, mu Sie gewi in Erstaunen
setzen. Und jetzt will es mir selber fast unbegreiflich erscheinen, wie
ich Sie mit einer solchen Zumutung behelligen konnte.

Wenn Sie mir eine Mglichkeit zeigen knnen, Mrs. Irwin, Ihnen in
irgend einer Weise dienlich zu sein, so bitte ich Sie, unbedingt ber
mich zu verfgen. Ich bin mit allem, was ich vermag, zu Ihren Diensten.
Und Ihr Vertrauen wrde mich sehr glcklich machen.

Als Gentleman drfen Sie mir natrlich nicht anders antworten.
In Ihrem Herzen aber halten Sie mein Benehmen doch vielleicht fr
unweiblich und unschicklich. Denn es ist ja richtig, da wir einander
kaum kennen. Drben in England und gewi nicht weniger in Ihrer
deutschen Heimat wrden so flchtige Begegnungen, wie es die unsrigen
waren, mir sicherlich kein Recht geben, Sie wie einen Freund zu
behandeln. Und ich kann nicht wissen, inwieweit Sie unter dem Einflu
dieser europischen Anschauungen stehen.

Auch in Deutschland wrde jede schutzlose und unglckliche Frau
unbedingten Anspruch auf meinen Beistand haben, erwiderte er ernst.
Wenn Sie mir vor Ihren hiesigen Freunden den Vorzug geben wollen, so
habe ich das nur dankbar anzuerkennen und ber Ihre Beweggrnde nicht
weiter nachzudenken.

Aber Sie sollen sie selbstverstndlich erfahren. Meine hiesigen
Freunde sind natrlich die Kameraden meines Mannes, und an sie kann
ich mich nicht wenden, wenn ich damit nicht zugleich das Todesurteil
ber Irwin sprechen will. Keiner von ihnen drfte es geschehen lassen,
da ein Mann vom Schlage meines Gatten nur eine Stunde lnger dem
Offizierkorps des britischen Heeres angehrt.

Ich verstehe nicht recht, Mrs. Irwin. Die Spielaffre des Kapitns ist
seinen Kameraden doch ohnedies kein Geheimnis mehr.

Es handelt sich auch nicht darum. Wie aber wrden Sie ber den
Charakter eines Mannes urteilen, der seine Frau verkaufen will, um
seine Schulden zu bezahlen?

Das Wort hatte den Hauptmann getroffen wie ein Schlag. Mit groen Augen
starrte er auf die junge Frau, die eine so ungeheuerliche Anklage
gegen ihren Gatten erhob. Nie war sie ihm lieblicher erschienen, als
in diesem Augenblick, wo eine Empfindung weiblicher Scham ihre eben
noch so bleichen Wangen mit dunkler Glut bedeckt hatte. Nie hatte er
mit gleicher Deutlichkeit gefhlt, ein wie kstlicher, unschtzbarer
Besitz dies anmutige Wesen dem Manne sein msse, dem es sich liebend zu
eigen gegeben. Und je weniger er daran zweifelte, da sie soeben die
volle Wahrheit gesprochen, desto heier wallte in seinem Herzen ein
leidenschaftlicher Zorn gegen den Elenden auf, der verworfen genug sein
konnte, das herrliche Kleinod in den Schmutz zu zerren.

Ich wage nicht, Ihre Frage auf den Kapitn Irwin zu beziehen, sagte
Heideck mit merklich bebender Stimme. Denn wenn er dazu in Wahrheit
fhig gewesen wre -- -- --

Ihn unterbrechend, deutete Edith auf ein kleines Etui, das auf dem
neben ihr stehenden Tischchen lag.

Mchten Sie sich nicht einmal diesen Ring ansehen, Mr. Heideck?

Er leistete ihrem Verlangen Folge und glaubte in dem Schmuckstck
denselben prachtvollen Brillanten zu erkennen, den er gestern an
Irwins Finger hatte funkeln sehen. Er gab dieser Vermutung Ausdruck,
und die junge Frau nickte besttigend.

Ich habe ihn meinem Manne an unserem Hochzeitstage geschenkt. Der Ring
ist ein altes Erbstck in meiner Familie. Juweliere schtzen seinen
Wert auf mehr als tausend Pfund.

Und weshalb trgt Ihr Gatte ihn nicht mehr?

Weil er die Absicht hat, ihn zu verkaufen. Natrlich ist der
Maharadjah hier der einzige, der sich den Luxus solcher Erwerbungen
gestatten darf. Und mein Gatte wnscht, da ich den Handel mit dem
Frsten abschliee.

Sie, Mrs. Irwin? Und warum tut er es nicht selbst?

Weil der Maharadjah ihm den Preis nicht zahlen will, den er fordert.
Mein Mann will den Ring nicht unter zwei Lakh hergeben.

Aber das ist ja ungeheuerlich! Damit wre er mehr als zwlffach
berzahlt!

Mein Mann ist trotzdem sicher, da das Geschft ohne Schwierigkeiten
zustande kommen wrde, wenn ich die persnliche Vermittelung bernhme.

Es war unmglich, den Sinn ihrer Worte mizuverstehen. Und so gro war
die Erregung, in welche sie den Hauptmann versetzten, da er ungestm
von seinem Stuhle aufsprang.

Nein, das ist unmglich -- undenkbar! -- Das konnte er Ihnen
nicht zumuten! Sie mssen ihn miverstanden haben. Einer solchen
Nichtswrdigkeit kann ein Mann, kann ein Offizier, kann ein Gentleman
niemals fhig sein!

Sie wrden weniger erstaunt sein, wenn Sie Gelegenheit gehabt htten,
ihn kennen zu lernen, wie ich ihn in der kurzen Zeit unserer Ehe kennen
gelernt habe. Es gibt schon beinahe nichts mehr, das mich in seiner
Handlungsweise berraschen knnte. Er hat eben lngst aufgehrt, mich
zu lieben. Und eine Frau, deren Person ihm gleichgiltig geworden ist,
hat fr ihn nur noch den Wert eines Handelsobjekts. Vielleicht gibt
es fr seine Denkungsart sogar eine gewisse Entschuldigung. Es ist
mglicherweise ein atavistischer Rckfall in die Anschauungen seiner
Vorfahren, die ihre Weiber, wenn sie ihrer berdrssig geworden waren,
mit einem Strick um den Hals auf den Marktplatz fhrten, um sie an den
Meistbietenden zu verkaufen. Es soll noch nicht gar zu lange her sein,
da sich diese schne Sitte verloren hat.

Nicht weiter, Mrs. Irwin! fiel ihr Heideck ins Wort. Ich kann es
nicht ertragen, Sie so sprechen zu hren. Und noch immer bin ich der
Meinung, da der Kapitn unzurechnungsfhig gewesen sein mu, als er
Ihnen das zumuten konnte.

Die junge Frau schttelte mit einem herben Zucken der Lippen den Kopf.

O nein, er war weder betrunken, noch sonderlich aufgeregt, als er mich
um diese >kleine< Geflligkeit ersuchte. Am Ende sollte ich mich seiner
Meinung nach noch dadurch geschmeichelt fhlen, da Seine indische
Hoheit meiner unbedeutenden Person einen so groen Wert beimit. Da
ich ohne mein Zutun das Wohlgefallen des Maharadjah erregt habe,
war mir allerdings schon seit einiger Zeit zum Bewutsein gekommen.
Nach der ersten Begegnung schon hat er angefangen, mich mit seinen
Aufmerksamkeiten zu belstigen. Ich habe davon keine Notiz genommen und
nicht einen Augenblick an die Mglichkeit gedacht, da sich seine --
nun, nennen wir es: seine Zuneigung -- bis zu verbrecherischen Wnschen
versteigen knnte. Nach allem, was ich heute erfahren, mu ich es indes
wohl glauben.

Aber diese Abscheulichkeit, Mrs. Irwin, war doch fr Sie in demselben
Augenblick erledigt, wo Sie das Ansinnen Ihres ehrvergessenen Gatten
zurckwiesen?

Zwischen ihm und mir -- ja. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob damit
die Wnsche des Maharadjah wirklich schon ganz vergessen sind. Meine
indische Zofe ist von einem ihrer Landsleute aufgefordert worden, mich
vor einer Gefahr zu warnen, die mich bedroht. Der Mann hat ihr nicht
gesagt, worin diese Gefahr besteht; aber ich wte nicht, woher sie
kommen sollte, wenn nicht von dem Maharadjah.

Unglubig schttelte Heideck den Kopf.

Von ihm haben Sie sicherlich nichts zu frchten. Er wei sehr wohl,
da er die ganze britische Macht gegen sich herausfordern wrde, wenn
er die Gattin eines englischen Offiziers auch nur mit einem Wort zu
verletzen wagte. Er mte geradezu wahnwitzig sein, wenn er es darauf
ankommen liee.

Nun, etwas Despotenwahnsinn mag schon noch in ihm stecken. Wir drfen
doch nicht vergessen, da die Zeit nicht allzuweit zurckliegt, wo
alle diese Tyrannen unumschrnkt ber Leben und Tod, ber Leib und
Seele ihrer Untertanen geboten. Und wer wei, was mein Gatte -- -- --
Aber Sie mgen ja recht haben. Es ist vielleicht eine ganz trichte
Vermutung, von der ich mich da beunruhigen lasse. Und eben deshalb
wollte ich auch zu keinem von meines Mannes Kameraden davon sprechen.
Ihnen allein habe ich mich offenbart. Ich wei, da Sie ein Ehrenmann
sind und da niemand aus Ihrem Munde erfahren wird, was in dieser
Stunde zwischen uns gesprochen wurde.

Ich danke Ihnen noch einmal fr Ihr Vertrauen, Mrs. Irwin, aber ich
mchte so gerne etwas tun, Sie aus Ihrer Unruhe zu befreien. Sie
frchten sich vor einer unbekannten Gefahr, und Sie sind in dieser
Nacht bei der Abwesenheit Ihres Gatten ohne einen anderen Schutz als
den Ihrer indischen Dienerschaft. Wollen Sie mir gestatten, bis zum
Tagesanbruch in Ihrer Nhe zu bleiben?

Mit einem Errten, das sein Herz schneller schlagen machte, schttelte
Edith Irwin den Kopf.

Nein -- nein! -- Das ist unmglich. Und ich glaube ja auch nicht, da
mir hier im Schutze meines Hauses und inmitten meiner Leute ein Leid
geschehen knnte. Nur fr den Fall, da mir zu einer anderen Zeit und
an einem anderen Orte etwas zustoen sollte, wrde ich Sie bitten, den
Obersten Baird von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung in Kenntnis
zu setzen. Man wird den Zusammenhang der Dinge dann vielleicht besser
begreifen.

Wohl verstand Heideck jetzt, weshalb sie gerade ihn, den Fremden, zu
ihrem Vertrauten gemacht hatte. Und er glaubte auch zu erraten, da es
viel weniger die Besorgnis vor einem Anschlage des Maharadjah, als vor
einer Schurkerei ihres eigenen Gatten sei, von der die unglckliche
junge Frau gengstigt wurde. Aber sein Zartgefhl hielt ihn ab, mit
drren Worten auszusprechen, da er sie begriffen habe. Es war ja auch
genug, wenn sie wute, da sie unbedingt auf ihn zhlen drfe. Und
davon mute sie hinlnglich berzeugt sein, obgleich es nur der Blick
seiner Augen war, der sie dessen versicherte, und der lange, heie Ku,
den seine Lippen auf die zum Abschied gereichte eiskalte, kleine Hand
des armen jungen Weibes drckten.

Sie werden mir erlauben, Ihnen morgen noch einmal meine Aufwartung zu
machen, nicht wahr?

Ich werde Ihnen Nachricht geben, wann ich Sie erwarte; ich mchte
nicht, da Sie meinem Mann begegnen. Vielleicht ahnt er, da Sie mir
freundlich gesinnt sind. Und das gengt, um ihn mit Mitrauen und
Abneigung gegen Sie zu erfllen.

Sie klatschte in die Hnde, und da jetzt die indische Zofe eintrat, um
den Besucher hinaus zu geleiten, mute Heideck ihre letzte Bemerkung
unbeantwortet lassen. Als er sich auf der Schwelle aber noch einmal zu
einer letzten Verbeugung umwandte, suchten seine Augen die ihrigen,
und wenn auch ihre Lippen stumm blieben, hatten sie einander doch
vielleicht in dieser einzigen Sekunde mehr gesagt, als whrend ihres
ganzen, langen Beisammenseins.




[Illustration]




VI.


Als Heideck in den Garten hinaustrat, vermochte er sich zunchst kaum
zu orientieren, aber nach einigen Schritten hatten seine Augen sich
hinlnglich an die nchtliche Dunkelheit gewhnt, und das schwache
Licht der Sterne zeigte ihm den Weg.

Eine undurchdringliche Hecke von Kaktuspflanzen, die indessen niedrig
genug war, um einen hochgewachsenen Mann darber hinwegsehen zu
lassen, bildete die Umfassung des Gartens. Als er die hlzerne Pforte
hinter sich geschlossen, blieb Heideck jenseits dieser Hecke stehen
und blickte nach den hell erleuchteten Fenstern des Hauses zurck.
Solange er der schnen Frau gegenbergestanden, hatte er sich mannhaft
beherrscht. Kein rasches Wort hatte ihr den Sturm von Gefhlen
verraten, den diese nchtliche Unterredung in seiner Brust entfesselt
hatte. Nicht eine Sekunde lang hatte er vergessen, da sie das Weib
eines anderen sei und da er eine Ehrlosigkeit beging, sie zu seinem
Weibe zu begehren, solange sie an diesen anderen gefesselt war. Darber
aber, da sein Blut mit ungestmer Leidenschaft nach ihr verlangte,
konnte er sich selbst nicht lnger tuschen. Heute zum ersten Male war
ihm mit fast erschreckender Deutlichkeit zum Bewutsein gekommen, da
er diese Frau liebte, wie er noch nie ein weibliches Wesen geliebt
hatte. Doch es war fr ihn nichts berauschendes oder beglckendes in
dieser Erkenntnis. Viel eher erfllte sie ihn mit einer Empfindung
der Furcht vor den Wirren und Kmpfen, in die seine Liebe zu dieser
schnen Frau ihn verwickeln konnte. Wre sie nicht seines Schutzes
bedrftig gewesen und htte er nicht sein Wort gegeben, zu ihrem
Beistande hier zu bleiben, er wrde sich dem schweren Herzenskonflikt
durch eine rasche Flucht entzogen haben. Aber davon konnte unter diesen
Umstnden nicht mehr die Rede sein. Er selbst hatte ihr heute ein Recht
gegeben, auf seine Freundschaft zu zhlen; und es war ein Gebot der
Ritterlichkeit, ihr Vertrauen auch zu verdienen.

Unfhig, sich von der Stelle loszureien, wo er das geliebte Weib
wute, verharrte Heideck wohl schon eine Viertelstunde lang auf seinem
Platze, und als er endlich -- das trichte seines Beginnens erkennend
-- den Entschlu gefat hatte, sich zur Heimkehr zu wenden, machte er
eine Wahrnehmung, die befremdlich genug war, um ihn zu lngerem Weilen
zu veranlassen.

Er sah, da die Haustr, die vorhin die indische Zofe hinter ihm
geschlossen hatte, sich ffnete, und bei dem Lichtschein, der aus dem
erhellten Flur in die Dunkelheit hinausfiel, bemerkte er, wie mehrere
in helle Gewnder gekleidete Mnner dicht hintereinander die Stufen
hinaufeilten.

Er erinnerte sich an Mrs. Irwins rtselhafte Aeuerungen von
einem Unglck, das ihr mglicherweise bevorstnde, und von einer
bengstigenden Ahnung erfat, stie er die Gartenpforte wieder auf und
eilte dem Hause zu.

Noch hatte er es nicht erreicht, als der gellende Hilferuf einer
weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Heideck ri den Revolver, den er
stets bei sich fhrte, aus der Tasche und sprang mit einigen Stzen die
Treppe empor. Die Tr des Salons, wo er vorhin noch mit der Gattin des
Kapitns gesprochen hatte, war weit geffnet, und von dort her ertnten
die Hilferufe, deren verzweifelter Klang dem Hauptmann die Gewiheit
gab, da es eine furchtbare Gefahr sein msse, von der Edith Irwin
bedroht war. Nur wenige Schritte noch, und er sah die junge Englnderin
mit wahrem Todesmut gegen drei weigekleidete, eingeborene Mnner sich
wehren, die offenbar willens waren, sie mit sich fortzuschleppen. Ihr
leichtes Seidenkleid war bei diesem ungleichen Kampfe bereits in Fetzen
gegangen, und so gro war Heidecks Emprung ber die ungeheuerliche
Brutalitt der Angreifer, da er keinen Augenblick zgerte, seine Waffe
gegen den baumlangen, wild aussehenden Burschen abzudrcken, dessen
braune Hnde eben mit rohem Griff die entblten Arme der jungen Frau
umklammerten.

Der Schu krachte, und mit einem kurzen, dumpfen Aufschrei taumelte
der Getroffene zurck. Entsetzt lieen die beiden anderen von ihrem
Opfer ab. Einer von ihnen ri seinen Sbel aus der Scheide und drang
auf den Deutschen ein. Heideck konnte nicht zum zweiten Male schieen,
weil er frchten mute, Edith zu treffen. Darum warf er ohne Besinnen
den Revolver zu Boden und packte mit einer Gewandtheit, auf die der
Angreifer nicht vorbereitet war, den schon zum Schlage erhobenen Arm
des Inders. Er war ihm an Krperkraft weit berlegen und hatte ihm mit
einem raschen Griff den Sbel entwunden. Da gab der waffenlos gewordene
den Kampf auf und suchte gleich seinem dritten Gefhrten, der bereits
mit lautlosen, katzenartigen Sprngen entwischt war, sein Heil in der
Flucht.

Heideck verfolgte ihn nicht. Er dachte nur an Edith und daran, da
ihr von den Banditen vielleicht schon ein Leid geschehen war. Sie war
in demselben Augenblick, da die gewaltttigen Hnde der Inder von
ihr ablieen, auf den Teppich niedergesunken, und ihr marmorbleiches
Antlitz erschien Heideck wie das einer Toten.

Whrend seltsamerweise weder Ediths gellende Hilferufe, noch der
Knall des Schusses einen von den Dienstboten herbeizurufen vermocht
hatten, tauchten jetzt, da die Gefahr vorber war, pltzlich ein paar
verstrte braune Gesichter in der Trffnung auf. Und die energische
Aufforderung, die Heideck in englischer Sprache an die noch ngstlich
zaudernde Zofe richtete, brachte sie zum Bewutsein ihrer Pflicht
zurck.

Mit ihrer Hilfe trug Heideck die Ohnmchtige zu einer Chaiselongue, und
da er auf dem Tischchen eines der grnen Flschchen mit Lavendelwasser
liegen sah, die in keinem englischen Hause fehlen, bediente er sich des
starkduftenden Reizmittels, so gut er es verstand, whrend die Inderin
die Fusohlen ihrer jungen Herrin rieb und allerlei andere, unter den
Eingeborenen gebruchliche Handgriffe anwendete, um die Bewutlose ins
Leben zurckzurufen.

Nach kurzer Zeit schon schlug Edith unter diesen vereinten Bemhungen
die Augen auf, und nachdem sie mit wirrem, verstndnislosen Blick
umhergesehen, kehrte ihr in dem Augenblick, wo sie den auf dem Boden
ausgestreckten Krper des von Heideck erschossenen Inders erblickte,
mit voller Klarheit die Erinnerung an das Geschehene zurck.

Den letzten Rest der lhmenden Schwche mit der Energie eines festen
Willens abschttelnd, sprang sie auf.

Sie waren es, der mich gerettet hat, Mr. Heideck -- Sie haben Ihr
Leben fr mich eingesetzt -- wie soll ich Ihnen danken!

Allein damit, gndige Frau, da Sie mir erlauben, Sie unverzglich
in das Haus des Obersten zu geleiten, unter dessen Schutz Sie sich
notwendig bis zur Rckkehr Ihres Gatten stellen mssen. Von wem auch
immer dieser verbrecherische Anschlag ausgegangen sein mag, -- ob diese
Halunken gemeine Diebe waren oder ob sie in irgend jemandes Auftrage
gehandelt, jedenfalls fhle ich mich als einzelner Mann nicht stark
genug, die Verantwortung fr Ihre Sicherheit zu bernehmen.

Sie haben recht, erwiderte Edith fgsam. Ich werde mich sogleich
bereit machen, mit Ihnen zu gehen. -- Aber dieser Mann da -- fgte sie
erschauernd hinzu, -- ist er tot? Oder kann man noch etwas fr ihn
tun?

Heideck neigte sich ber den Regungslosen herab, und ein einziger Blick
in das fahlbraune, verzerrte Antlitz mit den weitoffenen, stieren,
verglasten Augen ersparte ihm jede weitere Untersuchung.

Er hat empfangen, was ihm gebhrte, sagte er, und fr Ihr
hochherziges Mitleid gibt es hier nichts mehr zu tun. Ist denn aber gar
kein mnnliches Wesen hier im Hause, das mir behilflich sein knnte,
den Mann beiseite zu schaffen?

Alle sind fort, sagte die Zofe. Der Haushofmeister hat sie
aufgefordert, sich mit ihm in der Stadt einen vergngten Abend zu
machen.

Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Keines von ihnen
hegte jetzt auch nur noch den geringsten Zweifel, da es sich bei dem
tollkhnen Ueberfall um ein Komplott gehandelt hatte, an welchem auch
die indische Dienerschaft beteiligt war. Und deutlich genug erriet
jedes von ihnen die Vermutungen des anderen hinsichtlich der Urheber
des schndlichen Anschlags.

Aber sie sprachen sich nicht darber aus. Gerade weil sie sich durch
die Erlebnisse dieser Nacht so nahe gekommen waren, wie das Schicksal
zwei junge Menschenkinder verschiedenen Geschlechts nur immer
zueinander fhren kann, hegten sie beide dieselbe, fast instinktive
Scheu vor dem ersten Wort, das vielleicht auch die letzte trennende
Schranke zwischen ihnen niedergerissen htte. Und Kapitn Irwins Name
wurde nicht zwischen ihnen genannt.




[Illustration]




VII.


Es war um die Mittagszeit, als Kapitn Irwin aus dem Bungalo des
Obersten trat und sich seinem Hause zuwandte. Die Unterhaltung mit
seinem Vorgesetzten mute fr ihn sehr bedeutungsvoll und wenig
erfreulich gewesen sein. Denn er war sehr bleich. Auf seinen Wangen
brannten rote Flecken und seine tiefliegenden Augen blickten finster,
wie in mhsam beherrschtem Zorn.

Kurze Zeit darauf wurde das Pferd des Obersten vorgefhrt und
gleichzeitig ritt ein Zug Lancers unter dem Kommando eines
Wachtmeisters in den Hof ein. Der Kommandierende erschien in groer
Uniform und setzte sich an die Spitze des Zuges, der im Galopp dem
Schlosse des Maharadjah zusprengte.

Unmittelbar vor dem Palast machten die Reiter Halt, und in befehlendem
Ton rief Oberst Baird den am Eingangstor lungernden Dienern zu, da er
den Maharadjah zu sprechen wnsche.

Ein paar Minuten vergingen, ehe ein prchtig gekleideter Palastbeamter
mit der Meldung zurckkam, da Seine Hoheit augenblicklich niemanden
empfangen knne. Der Herr Oberst wrde Nachricht erhalten, sobald die
erbetene Audienz bewilligt werden wrde.

Jetzt schwang sich der Befehlshaber aus dem Sattel und ging festen,
sporenklirrenden Schrittes in das Schlo, seinen Sbel mit lautem
Gerassel hinter sich her ber die Marmorfliesen schleifend.

Melden Sie dem Frsten, da ich auf der Stelle mit ihm zu reden habe!
rief er mit drohender Stimme den Palastbeamten und Dienern zu, die ihm
in sichtlicher Bestrzung folgten.

Einer so kategorischen Erklrung wagte man offenbar keinen Widerstand
mehr entgegenzusetzen. Alle Tore ffneten sich vor dem Englnder, und
auch im Vorzimmer brauchte er kaum eine Minute lang zu warten, ehe sich
der Frst bereitfinden lie, ihn zu empfangen.

Auf einer kleinen, hochgelegenen Terrasse des Erdgeschosses sa der
Maharadjah beim Luncheon. Er vernderte seine absichtlich lssige
Haltung nicht, als der englische Resident auf ihn zutrat. Und der
sprhende Blick, mit dem seine dunklen Augen sich auf den Eindringling
richteten, sollte den Fremden offenbar einschchtern.

Den Helm auf dem Kopf, die Faust auf den Sbel gesttzt blieb der
Oberst hart vor dem Frsten stehen.

Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Maharadjah!

Und ich habe Ihnen durch meine Diener sagen lassen, da ich jetzt
nicht zu sprechen bin. Sie sehen, ich bin bei der Mahlzeit!

Das darf fr Sie kein Hindernis sein, den Vertreter Seiner britischen
Majestt zu empfangen. Der Bescheid, den Sie mir erteilen lieen, war
eine Beleidigung, die bei einer Wiederholung nicht ungeshnt bleiben
wrde.

In aufloderndem Zorn fuhr der Frst von seinem Sessel empor. Er
schleuderte dem Obersten ein Schmhwort ins Gesicht, und seine Rechte
fuhr gleichzeitig nach dem Dolche in seinem Leibgurt. Erschrocken
prallte der Diener zurck, der eben im Begriff gewesen war, ihm auf
silberner Schale eine rotschimmernde Languste zu prsentieren. Der
Oberst aber setzte, ohne sich auch nur um Haaresbreite von seinem
Platze zu rhren, das silberne Jagdpfeifchen an den Mund, das an
seiner Schulter hing. Zwei gellende Pfiffe ertnten, und unmittelbar
darauf wurde das Trappeln von Pferdehufen und das Klirren von Waffen
vernehmlich. Die hohen, blaugestreiften Turbane der Reiter und die
Fhnchen ihrer Lanzen tauchten neben der Terrasse auf.

Man rufe meine Leibgarde! schrie der Frst mit vor Wut heiserer
Stimme.

Aber mit eisiger Ruhe klang es von den Lippen des Obersten:

Wenn Sie Ihre Leibgarde kommen lassen, Maharadjah, sind Sie ein toter
Mann. Das wre Rebellion. Und mit Rebellen pflegen wir keine Umstnde
zu machen.

Der Frst prete die Lippen zusammen. Die mit ungeheurer Anstrengung
beherrschte Wut lie seinen Krper wie im Fieber erzittern. Aber er
mute einsehen, da er hier der schwchere sei, denn ohne ein weiteres
Wort lie er sich wieder in seinen Sessel fallen.

Der Oberst trat an die Brstung der Terrasse.

Wachtmeister Thomson! rief er in den Park hinaus.

Auf den Marmorstufen erklangen schwere Schritte, und der Gerufene, dem
zwei Soldaten folgten, trat in dienstlicher Haltung seinem Vorgesetzten
gegenber.

Wissen Sie, Wachtmeister, wer der Herr dort am Tische ist?

Zu Befehl, Herr Oberst! Das ist Seine Hoheit der Maharadjah.

Wenn ich Ihnen Befehl erteilte, den Herrn zu verhaften und zum Camp zu
fhren, -- wrden Sie Bedenken tragen, zu gehorchen?

Der Wachtmeister sah den Fragenden an, als ob der Zweifel an seinem
bedingungslosen, militrischen Gehorsam ihn in Erstaunen setzte. Dann
machte er eine Kopfbewegung gegen die beiden Soldaten hin und trat, als
wollte er den Auftrag sofort zur Ausfhrung bringen, um einen weiteren
Schritt auf den Frsten zu.

Halt, Wachtmeister! rief der Oberst. Ich hoffe, Seine Hoheit wird es
nicht zum uersten kommen lassen. Sie sind doch bereit, Maharadjah,
mir jetzt Rede zu stehen?

Schweigend deutete der Inder auf den vergoldeten Sessel an der anderen
Seite des Tisches. Auf einen Wink des Obersten traten der Wachtmeister
und die beiden Soldaten wieder ab.

Ich habe eine sehr ernste Frage an Sie zu richten, Maharadjah!

Sprechen Sie!

In der letzten Nacht, whrend der Kapitn Irwin abwesend war, sind
einige verbrecherische Leute in sein Haus eingedrungen in der Absicht,
sich ttlich an der Gemahlin des Kapitns zu vergreifen. Was wissen Sie
von dieser Sache, Maharadjah?

Ich verstehe Sie nicht, Oberst! Was sollte ich davon wissen?

Vielleicht tten Sie doch gut, sich zu besinnen. Sie hren von dieser
Affre zum ersten Mal?

Gewi. Ich habe bisher nicht das geringste davon gewut.

Auch das hat man Ihnen also nicht gemeldet, da derjenige von den
Einbrechern, der tot auf dem Platze geblieben ist, einer Ihrer Diener
war?

Nein. Ich habe sehr viele Diener, und ich bin nicht verantwortlich fr
das, was sie tun, wenn es nicht in meinem Auftrage geschah.

Gerade das aber ist es, was ich vermute. Sie werden mir schwerlich
zumuten zu glauben, da einer Ihrer Diener einen derartigen Ueberfall
auf eigene Hand gewagt haben sollte. Die anderen Schurken sind zwar
entkommen, aber einer von ihnen hat einen Sbel zurcklassen mssen,
der einem Manne Ihrer Leibgarde angehrte.

Der Maharadjah kmpfte augenscheinlich einen schweren Kampf, seine
Fassung zu bewahren. Indem er seine Wut hinter einem verchtlichen
Lcheln zu verbergen suchte, sagte er:

Es ist unter meiner Wrde, Oberst, Ihnen darauf zu antworten.

Von irgend einer Wrde, die Sie berechtigte, eine von dem britischen
Residenten verlangte Auskunft zu verweigern, kann nicht die Rede sein.
Sie haben es nicht mit einem einfachen englischen Offizier, sondern mit
dem Vertreter Seiner Majestt des indischen Kaisers zu tun. Wie es
meine Pflicht ist, Sie zu fragen, so ist es die Ihre, mir zu antworten.
Eine Weigerung knnte leicht die schwersten Folgen fr Eure Hoheit
haben. Denn die Regierungskommissare, die man auf meinen Bericht hin
von Kalkutta nach Chanidigot entsenden wrde, drften sich von Ihrer
Wrde sehr wenig imponieren lassen.

Wieder bi der Inder die Zhne zusammen, und ein wilder,
leidenschaftlicher Ha glnzte in seinen Augen. Aber er mochte zu
gleicher Zeit daran denken, da er nicht der erste unter den indischen
Frsten gewesen wre, den man wegen eines geringfgigen Uebergriffes
auch um den letzten Rest seiner Scheinherrschaft gebracht htte. Darum
zwang er sich zu einer uerlich ruhigen Entgegnung.

Wenn Sie es fr ntig halten, nach Kalkutta zu berichten, so kann
ich Sie daran nicht hindern. Aber ich denke, der Vizeknig wird sich
besinnen, einen treuen Alliierten Englands gerade in dem Augenblick zu
beleidigen, wo er ihn um die Entsendung einer Hilfstruppe angeht.

Da Sie dieses Umstandes einmal erwhnen -- wer ist zum Kommandeur der
Truppe bestimmt?

Mein Vetter Tasatat Radjah.

Und wann wird er marschieren?

In etwa vier Wochen, wie ich hoffe.

Der Offizier schttelte den Kopf.

Das wre viel mehr Zeit, als wir Ihnen geben knnen. Ihre Truppe
soll sich meinem Detachement anschlieen, und ich werde sptestens in
vierzehn Tagen ausrcken.

Sie verlangen Unmgliches. Es fehlt vorlufig noch an Pferden,
und ich wei nicht, woher ich in so kurzer Zeit zweitausend Kamele
nehmen sollte. Auch habe ich bei weitem nicht genug Munition fr die
Infanterie.

Die fehlende Munition kann fr Rechnung Eurer Hoheit aus dem Arsenal
zu Mooltan geliefert werden. Was aber die Pferde und Kamele betrifft,
so werden Sie bei einiger Anstrengung die ntige Anzahl ohne Zweifel
zu rechter Zeit stellen knnen. Ich wiederhole, da in vierzehn
Tagen alles bereit sein mu. Vergessen Sie nicht, da die pnktliche
Ausfhrung des Ihnen erteilten Befehls gewissermaen eine Probe auf
Ihre Treue und Ihren Eifer darstellt. Jedes unntige Zaudern und jede
Zweideutigkeit in Ihrer Haltung mten Ihnen verhngnisvoll werden.

Der Nachdruck, mit dem diese Worte gesprochen waren, verriet
hinlnglich, wie ernst sie gemeint seien. Und der Maharadjah, dessen
gelbliche Haut sich fr einen Moment dunkler gefrbt hatte, neigte
schweigend den Kopf.

Oberst Baird erhob sich von seinem Sitz.

Was die Angelegenheit der Mrs. Irwin betrifft, so erwarte ich
die sofortige Einleitung einer grndlichen Untersuchung. Und ich
verlange, da sie mit schonungsloser Strenge, ohne alle Winkelzge
und Heimlichkeiten gefhrt werde. Die Beleidigung, die von einigen
Ihrer Untertanen einem Offizier Seiner Majestt und einer britischen
Dame zugefgt wurde, ist eine so ungeheuerliche, da nicht nur die
Verbrecher selbst, sondern auch der Anstifter dieser Tat der verdienten
Strafe berliefert werden mssen. Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden
Zeit. Wenn ich nicht vor Ablauf dieser Frist einen befriedigenden
Bericht von Ihnen erhalten habe, so werde ich selbst die Untersuchung
fhren. Und Sie drfen gewi sein, da die gewnschte Aufklrung dann
binnen krzester Frist erfolgt sein wird.

Er legte militrisch grend die Hand an den Helm und schritt, diesmal
den krzesten Weg whlend, die Stufen der Terrasse hinab. Klirrend und
rasselnd sprengte der Reiterzug davon.

Mit dster funkelnden Augen blickte ihm der Maharadjah nach. Dann
befahl er dem Diener, Mohammed Bhawon, seinen Leibarzt, zu rufen.
Und als wenige Minuten spter das ganz in weien Musselin gekleidete
magere, verhutzelte Mnnchen mit dem faltigen braunen Gesicht und den
stechenden schwarzen Augen zu ihm trat, winkte er ihm gndig zu, sich
auf dem goldgestickten Polster an seiner Seite niederzulassen.

Eine zweite gebieterische Handbewegung wies den Diener hinaus. Und
indem er seinen Arm vertraulich um den Nacken des Arztes legte, sprach
der Maharadjah lange und angelegentlich mit behutsam gedmpfter Stimme
auf ihn ein -- freundlich und schmeichelnd, wie man zu jemandem redet,
von dem man auerordentliches verlangt -- aber noch immer mit dem
Glitzern einer leidenschaftlichen Wut und eines tdlichen Hasses in den
Augen.




[Illustration]




VIII.


Vergebens wartete Heideck am Tage nach dem nchtlichen Ueberfall auf
eine Botschaft von Edith, die ihm die Mglichkeit gewhrt htte, sie
wiederzusehen. Er war darauf gefat, von Irwin wegen seines abendlichen
Besuchs in der Villa zur Rede gestellt zu werden. Aber der Kapitn lie
sich nicht bei ihm blicken.

Am frhen Morgen schon war Heideck zu dem Obersten beschieden worden,
um ber den Hergang des nchtlichen Ereignisses Bericht zu erstatten.
Die Vernehmung war sehr kurz gewesen, und Heideck hatte den Eindruck,
da der Oberst in seinen Fragen eine eigentmliche Zurckhaltung
beobachtete. Offenbar wnschte er in dem Deutschen die Vorstellung
zu erwecken, da er selbst fest berzeugt sei, man habe es nur mit
verwegenen Einbrechern zu tun, die auf ihre eigene Faust gehandelt
htten. Ganz beilufig nur erwhnte er, da der Tote als ein Mann von
der Leibwache des Maharadjah rekognosziert worden sei. Als Heideck
fragte, ob ihm aus der Ttung des Mannes von seiten der Zivilbehrden
noch Weiterungen erwachsen knnten, beruhigte ihn der Oberst durch ein
entschiedenes Nein.

Sie haben in berechtigter Abwehr gehandelt, als Sie den Burschen
niederschossen, und ich verbrge mich dafr, da Sie weder von den
englischen Behrden noch von dem Maharadjah deshalb behelligt werden
sollen.

Auf seine Erkundigung nach Mrs. Irwins Befinden wurde ihm ebenfalls
eine beruhigende Antwort gegeben.

Die Dame erfreut sich glcklicherweise des besten Wohlseins,
sagte der Oberst. Sie ist eben eine Frau von bewundernswrdiger
Seelenstrke.

Auch bis zum nchsten Morgen hatte Kapitn Irwin noch nichts von sich
hren lassen. Heideck und Frst Tschadschawadse saen in ihrem Bungalo
beim Frhstck und plauderten ber die wichtigen Nachrichten, welche
die eben eingetroffenen Zeitungen gebracht hatten.

Die >India Times< schrieb, da Ruland durch seinen Einmarsch in
Afghanistan die Londoner Vertrge verletzt habe und da England
dadurch ebenfalls berechtigt und gentigt wrde, eine Armee
nach Afghanistan zu senden. Es sei zu hoffen, da friedliche
Verhandlungen den drohenden Konflikt lsen wrden. Wenn aber die
russische Armee nicht nach Turkestan zurckkehre, wrde England sich
ebenfalls zu energischen Maregeln veranlat sehen. Eine englische
Truppenmacht wrde Afghanistan besetzen und den Emir zwingen, seinen
Bndnisverpflichtungen gegen die indische Regierung nachzukommen. Auf
alle Flle wrde eine starke Flotte in den Hfen von Plymouth und
Portsmouth ausgerstet, um im gegebenen Moment in die Ostsee zu gehen.

Bezeichnender als das, sagte Heideck, ist die Tatsache, da die
zweieinhalbprozentigen Konsols an der Londoner Brse gestern einen Kurs
von neunzig notierten, whrend sie vor acht Tagen auf sechsundneunzig
standen. Die Englnder scheuen sich, offen auszusprechen, da der Krieg
tatschlich begonnen hat.

Ein Krieg ohne Kriegserklrung, stimmte der Frst zu. Jedenfalls
mssen wir uns beeilen, ber die Grenze zu kommen. Ich mchte nicht
gern den Augenblick versumen, wo man in Afghanistan losschlgt.

Das kann ich Ihnen nachfhlen. Aber es drfte alsdann in der Tat keine
Zeit zu verlieren sein.

Wenn Sie damit einverstanden sind, reisen wir noch heute ab. Dann
sind wir um Mitternacht in Mooltan und morgen Mittag in Attock.
Morgen Abend knnen wir in Peschawar eintreffen. Dort lassen wir uns
die Erlaubnisscheine zum Ueberschreiten des Kaiberpasses geben. Je
frher wir durch den Pa kommen, desto besser, denn spter drfte es
Schwierigkeiten haben, die Erlaubnis zu erlangen.

Sie fhren doch nichts Verdchtiges bei sich -- Karten, Zeichnungen
oder dergleichen?

Der Russe schttelte lchelnd den Kopf, Nichts als Murrays Handbuch,
den unentbehrlichen Begleiter jedes Reisenden. Ich wrde mich wohl
hten, etwas anderes mitzunehmen. Fr Sie liegt die Sache ja weniger
ngstlich.

Weshalb fr mich?

Weil Sie ein Deutscher sind. Mit Deutschland ist man nicht im Kriege.
Ich aber wrde sofort in Gefahr sein, fr einen Spion gehalten zu
werden.

Uebrigens glaube ich, da wir beide nichts zu frchten htten, selbst
wenn man uns als Offiziere erkennen wrde. Es drften in diesem
Augenblick mindestens ebensoviele englische Offiziere auf russischem
Gebiet als russische hier in Indien sein.

Solange der Krieg noch nicht erklrt ist, pflegt man mit den
Offizieren fremder Mchte allerdings hflich zu verfahren. Aber unter
den obwaltenden Umstnden mchte ich es doch nicht gern darauf ankommen
lassen. Die Mglichkeit, standrechtlich erschossen zu werden, lge
nicht allzu fern. Besser schon, ich suche die Maske eines harmlosen
Kaufmanns festzuhalten und beeile mich, aus dem Machtbereich unserer
Gegner zu kommen. Was ich an Aufzeichnungen, Karten und Festungsplnen
in meinem Gedchtnis bewahre, knnte man ja glcklicherweise selbst mit
Rntgenstrahlen nicht entdecken. Aber Sie haben sich noch gar nicht
geuert, Herr Kamerad -- sind Sie bereit, mich heute zu begleiten?

Ich bitte Sie, nicht auf mich zu rechnen. Ich mchte vorlufig noch
bleiben.

Und da er das Erstaunen des Russen bemerkte, fuhr er fort:

Sie sagten selbst, da ich mich als Deutscher in einer weniger
gefhrlichen Lage befinde. Selbst wenn man mich als Offizier erkennt,
kann man mir kaum ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten. Am wenigsten
hier, wo nichts auszuspionieren wre.

Da es lediglich der Gedanke an Mrs. Irwin war, der die pltzliche
Aenderung seiner Entschlsse herbeigefhrt hatte, verriet er nicht.
Und der Russe zerbrach sich ber seine Beweggrnde allem Anschein nach
nicht weiter den Kopf.

Wissen Sie, was mir in diesem Augenblick allein Sorge macht? fragte
er. Ich frchte, da Deutschland die gute Gelegenheit benutzen knnte,
uns in den Rcken zu fallen. Ihr Volk liebt uns nicht, darber wollen
wir uns nicht tuschen. Es gab ja eine Zeit, wo das Deutschtum bei uns
eine entscheidende Rolle spielte. Aber seit den Tagen Alexanders III.
ist das anders geworden. Auch wir knnen nicht so leicht vergessen, da
Ihr groer Bismarck uns auf dem Berliner Kongre um den Preis unseres
Sieges ber die Trken gebracht hat.

Verzeihen Sie, mein Frst, wenn ich Ihnen da widerspreche. Die Schuld
lag einzig bei Ihrem Kanzler Gortschakow, der seinen Vorteil nicht zu
verfolgen verstand. Die Englnder haben das benutzt. Bismarck selbst
wrde ohne Zweifel jeder russischen Forderung zugestimmt haben. Im
brigen kann ich Ihnen versichern, da von einer nationalen Feindschaft
gegen Ruland bei uns, namentlich in den gebildeten Kreisen, nicht die
Rede ist.

Es mag ja sein, aber in Ruland wird diese Abneigung jedenfalls
als ein Faktor betrachtet, mit dem man in kritischen Augenblicken
rechnen msse. Der Vertrag mit Frankreich wrde sonst wahrscheinlich
niemals zu stande gekommen sein. Und ich knnte Ihrer Nation gewisse
Feindseligkeiten gegen uns nicht im mindesten verbeln. Wir besitzen
nun einmal verschiedene Landesgebiete, die geographisch viel
natrlicher zu Deutschland gehren wrden. Wenn Ihr Vaterland von
seinem Ueberflu an Menschen acht Millionen Bauern in Polen ansiedeln
knnte, wre ihm in mancher Hinsicht geholfen. Stnde ich an der
Spitze Ihrer Regierung, so wrde ich mich zunchst mit Oesterreichs
Zustimmung des russischen Polen bemchtigen, dann aber Oesterreich
zerschlagen, Bhmen, Mhren, Krnthen, Steiermark, Tirol als deutsches
Land annektieren und die sterreichische Dynastie auf Transleithanien
beschrnken.

Heideck konnte nicht umhin, zu lcheln.

Das sind khne Phantasien, Frst! Und Sie drfen versichert sein, da
bei uns niemand im Ernst an solche Plne denkt.

Seltsam genug, wenn es so wre. Denn mich dnkt, es mte Ihnen als
das Natrlichste erscheinen. Was bedeutet denn euer deutsches Reich,
wenn euch gerade die deutschesten Lnder fehlen? Sollte euch nicht die
Bevlkerung der deutschen Provinzen Oesterreichs nher stehen als die
des nordstlichen Preuen? Aber es ist ja mglich, da man bei euch zu
gewissenhaft und zu vertragstreu ist, um eine so grozgige Politik zu
treiben.

Heideck lenkte das Gesprch nicht ohne Absicht wieder auf das
ursprngliche Thema zurck.

Welche Route gedenken Sie zu nehmen? Haben Sie sich bestimmt fr
Peschawar entschieden oder ziehen Sie auch Quetta in Betracht?

Darber bin ich mit mir noch nicht ganz im Reinen. Jedenfalls mchte
ich denjenigen Weg whlen, auf dem ich am schnellsten zu unserer Armee
gelange.

Dann wrde ich Ihnen die Route ber Quetta vorschlagen. Denn es ist
wohl das wahrscheinlichste, da die russische Hauptarmee sich nach
Sden wendet. Herat drfte ihr nchster Angriffspunkt sein. Dorthin
fhren die besten Straen, von Norden und Nordwesten her. Es ist der
Kreuzungspunkt der Karawanenwege aus Indien, Persien und Turkestan.
In Herat kann eine groe Armee konzentriert werden, weil es inmitten
fruchtbaren Landes liegt. Wenn Ihre Vorhut da festen Fu fat, lassen
sich mit der transkaspischen Bahn in verhltnismig kurzer Zeit
sechzigtausend Mann dorthin schaffen. Rcken die Englnder bis Kandahar
vor, so wird dort der Zusammensto erfolgen. Aber die russische Armee
wird so berlegen sein, da der Gegner schwerlich den Marsch auf
Kandahar wagen wird. Durch die afghanischen Truppen verstrkt, kann
General Iwanow mit hunderttausend Mann ungehindert bis zum Bolanpa
kommen.

Wenn ihm das gelnge, meinte der Frst, so stnde ihm der Weg in
das Tal des Indus offen. Denn gegen eine solche Streitmacht vermchte
England den Pa nicht zu halten.

Ist der Bolanpa wirklich so schwer zu passieren, wie man sagt?
fragte Heideck.

Der Pa ist etwa fnfzig Werst lang. Im Jahre 1839 ging das
bengalische Korps der Indusarmee durch den Pa zum Angriff auf das
afghanische Heer und brachte vierundzwanzigpfndige Haubitzen, sowie
achtzehnpfndige Kanonen ohne Schwierigkeiten hindurch.

Wenn ich mich recht besinne, kamen sie ohne nennenswerten Kampf bis
nach Kandahar und besetzten ganz Afghanistan. Aber der endliche Ausgang
war doch eine frchterliche Niederlage. Von ihren fnfzehntausend Mann
sind nur viertausendfnfhundert in eiliger Flucht durch den Kaiberpa
nach Indien zurckgekehrt.

Frst Tschadschawadse lachte spttisch auf.

Fnfzehntausend? Ja, wenn man den englischen Quellen Glauben schenken
wollte! Aber ich kann Ihnen nach besseren Informationen versichern, da
die Englnder im Jahre 1839 mit nicht weniger als einundzwanzigtausend
Soldaten nebst einem Train von siebzigtausend Mann und sechzigtausend
Kamelen gegen Afghanistan ausgezogen sind. Sie marschierten durch
den Bolanpa, nahmen Kandahar und Gasna, rckten in Kabul ein und
setzten Schah Tschudscha auf den Thron. Eine entscheidende Niederlage
erlitten sie eigentlich nicht, aber ein allgemeiner Aufstand der
Afghanen vertrieb sie aus ihrer Position und rieb ihren Truppenbestand
vollstndig auf.

Ich bewundere Ihr Gedchtnis, mein Frst!

O, das alles mssen wir auf Generalstabsschule am Schnrchen haben,
wenn wir nicht jmmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November
1878, als wir den Krieg gegen die Trken mit allen Mitteln zu Ende
fhren muten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind
die Englnder abermals in Afghanistan eingerckt. Sie gedachten, sich
unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre
Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpa,
das Kuramtal und den Kaiberpa. Aber auch diesmal konnten sie sich
nicht behaupten und muten unter groen Verlusten den Rckzug antreten.
Wer nicht die eingeborene Bevlkerung fr sich hat, wird in Afghanistan
niemals festen Fu fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf
unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die
Englnder dagegen gelten ihnen fr unreine Unglubige.

Glauben Sie, da Ruland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates
Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter
gehen?

O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert
Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet.
Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel.
Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow,
mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals
den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein
tollkhner Plan kam nicht zur Ausfhrung. Whrend des Krimkrieges erbot
sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht
dazu. Seitdem haben sich die Ansichten gendert. Wir haben eingesehen,
da nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele fhren kann. Und wir haben
unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an
Herat herangerckt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch
viel nher gekommen.

Es ist mir interessant, das zu hren. Ich selbst habe mir bisher
trotz alles Bemhens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am
Pamirgebiet machen knnen.

Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht.
Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage
verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil
es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nrdlich
von Peschawar und wird im Sden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die
Besitzverhltnisse aber sind auerordentlich verwickelt. Der Emir des
benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft ber die Chanate
Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen.
Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die auerdem
noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von
besonderer Wichtigkeit, denn die Englnder wrden, wenn sie sich ihrer
bemchtigten, was von Beludschistan aus ohne groe Schwierigkeiten
geschehen knnte, eine starke Flankenstellung im Sden unserer
Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.

Das sind allerdings recht unklare Verhltnisse.

So unklar, da wir mit den Englndern seit langen Jahren ber die
Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von
Afghanistan schon wiederholt veranlat, Truppen dorthin zu senden. Und
englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug
in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natrlich stehen wir in dieser
Hinsicht nicht hinter ihnen zurck. Ich selbst habe seinerzeit an einer
solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.

Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?

Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches! erwiderte der Frst
lchelnd. Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den
Hindukusch, zum Baragilpa und einem andern, der keinen Namen hatte,
und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpa nannten. Da stieen wir
auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur
Rahman mute das auf Gehei der Englnder, die ihm Subsidien zahlten,
belnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter
erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt
in die Lnge zogen, um Zeit fr die Erbauung kleiner Forts auf dem
Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schlielich vereinbart, da
der Pentsch die Grenze zwischen Ruland und Afghanistan im Pamirgebiet
sein solle. Und ein paar Monate spter trafen wir am Ssary-Kul mit
einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue
Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine hchst ergtzliche Komdie;
denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen,
da sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch
dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende
war, da nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der
indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich auerdem verpflichten
mute, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also
unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerckt. Dort
sind wir Indien am nchsten, und wenn wir wollen, knnen wir jederzeit
von den Pssen des Hindukusch nach dem unter englischem Einflu
stehenden Tschitratal hinabsteigen.

Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen,
der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses
Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen;
denn er zweifelte nicht, da es Edith war, der er diese Einladung
verdankte, und er war glcklich in der Hoffnung, sie endlich
wiederzusehen.

Sie stehen sich gut mit dem Obersten, sagte der Frst, als der Diener
mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. Das kann Ihnen unter
den gegenwrtigen Verhltnissen von groem Vorteil sein. Lassen Sie
sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!

Es tut mir leid, mein Frst! Ich wrde gewi sehr gern in so
angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschfte halten mich
einstweilen noch hier zurck.

Nun -- wie Sie wollen, -- ich darf Ihnen nicht weiter zureden. Aber
ich gebe die Hoffnung nicht auf, da wir einander nochmals begegnen
werden, und es ist berflssig, zu versichern, da Sie in jeder Lage
auf mich zhlen drfen.




[Illustration]




IX.


Der deutsche Kaiser weilte, wie alljhrlich, im Wildpark von
Springe. Aber fr das edle Weidwerk, bei dem der Monarch sonst in
der nervensthlenden Waldeinsamkeit Erholung und neue Krfte suchte,
blieb diesmal nur selten eine Stunde brig. Der Telegraph war in
ununterbrochener Ttigkeit, und tglich erschienen in dem Jagdschlosse
Staatsmnner, Diplomaten und hohe Offiziere, mit denen der Kaiser lange
Besprechungen hatte. Die Fenster seines Arbeitszimmers blieben bis tief
in die Nacht hinein erleuchtet, und gewhnlich fand schon der frhe
Morgen den Herrscher wieder an seinem Schreibtisch.

Heute aber hatte nach halbdurchwachter Nacht die Sehnsucht nach einem
Atemzug frischer Gottesluft den Kaiser beim Morgengrauen hinausgefhrt
in den schweigenden Tannenwald.

Ein leichter Rauhreif, der ber Nacht gefallen war, bedeckte die Zweige
und den Boden mit feinen, weischimmernden Eiskristallen. Zwischen den
Stmmen lagen noch die Schatten der Dmmerung. Im Osten aber flammte
glhendes Rot ber den fahlen, graublauen Himmel hin.

Dorthin richteten sich die Blicke des Kaisers. Unter einer hohen, alten
Fichte hemmte der Monarch seinen Schritt, und seine Lippen bewegten
sich zu einem leisen Gebet. Von dem Lenker der Geschicke aller Vlker
erflehte er in dieser ernsten Zeit Rat und Kraft fr seinen schweren
Entschlu.

Da schlug der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr. Er sah zwei Mnner,
die seine Nhe nicht ahnten, in lebhaftem Gesprch auf dem unfern
vorberfhrenden schmalen Pirschpfade daherkommen. Des Kaisers scharfes
Jgerauge erkannte in dem einen der beiden hochgewachsenen Herren
seinen Oberstallmeister, den Grafen Wedel. Der andere aber war ihm
fremd.

Und dieser Unbekannte war es, der jetzt sagte:

Es ist mir eine Freude, da wir uns endlich einmal Auge in Auge
aussprechen knnen. Ich habe den tiefen Ri in unserer alten
Freundschaft und Kameradschaft sehr beklagt. Aber auf meiner Seite ist
die Mistimmung lngst vorber. Ich hatte damals nicht in preuische
Dienste treten wollen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, da
unsere alte tapfere hannoversche Armee aufgehrt hatte, zu existieren,
und ich zrnte dir, mein lieber Ernst, weil du, ein hannoverscher Garde
du Corps, vergessen zu haben schienst, was du der Ehre deines engeren
Vaterlandes schuldig warst. Aber du hast weiter gesehen als ich. Der
hochherzige Entschlu des Kaisers, die Traditionen der Hannoveraner
wieder zu beleben, unserem alten Offizierkorps eine Heimsttte in den
neuen preuischen Regimentern zu erffnen und unsere ruhmvollen Devisen
auf die Fahnen und Standarten dieser neuen Regimenter zu schreiben,
hat alles wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern,
wo auch diejenigen Hannoveraner, die jetzt noch grollend beiseite
stehen, einsehen werden, da ein Kriegsherr, der so hochsinnig denkt,
der berufene Sammler und Fhrer aller Krfte des groen, gemeinsamen
Vaterlandes ist.

Nun, ich habe dich und deinen Eisenkopf nie verkannt. Du hast dich ja
inzwischen tchtig in der Welt umgesehen, und da du jetzt ein Hamburger
Grokaufmann bist, wirst du wohl ein groes Vermgen haben.

Mein Leben ist interessant und erfolgreich gewesen, aber mir fehlt
doch das beste. Ich sehne mich nach einer Ttigkeit, die meiner Natur
entspricht. Ich bin nun einmal Soldat, wie meine Vorfahren es seit
Jahrhunderten gewesen sind. Wre ich 1866 in die preuische Armee
eingetreten, so knnte ich heute Kommandierender sein, und vielleicht
htte ich binnen kurzem die Ehre, mein Korps unter den Augen unseres
Kaisers ins Feld zu fhren.

Du glaubst, da Deutschland in den Krieg verwickelt werden knnte?
Gegen wen sollten wir fechten?

Wenn unser Kaiser der scharfblickende und energische Geist ist, fr
den ich ihn halte, -- -- --

Es widerstrebte dem Monarchen, die Sprechenden noch lnger in
Unkenntnis seiner Anwesenheit zu lassen.

Heda, ihr Herren! rief er jovial hinber. Verratet eure Geheimnisse
nicht, ohne zu wissen, wer sie hrt!

Seine Majestt! sagte der Graf halblaut, indem er mit tiefer
Verbeugung seinen Hut zog. Der Begleiter folgte seinem Beispiel, und da
ihn der Kaiser fragend ansah, sagte er:

Untertnigst zu melden: Grubenhagen aus Hamburg.

Der Monarch lie seinen Blick ber die hohe, breitschultrige Gestalt
des stattlichen Mannes hingleiten und fragte lchelnd:

Sie haben gedient?

Zu Befehl, Majestt -- als Leutnant beim Kniglich hannoverschen
Regiment Garde du Corps.

Haben denn auch brgerliche Offiziere bei dem Regiment gestanden?

Majestt halten zu Gnaden: Mein Name ist Freiherr von Grubenhagen.
Aber der Freiherr war dem Kaufmann im Wege.

Das bei aller schuldigen Ehrerbietung freimtige und mannhafte Wesen
des Freiherrn schien dem Kaiser zu gefallen. Lange blickte er in das
scharfgeschnittene, energische Gesicht, aus dem ein Paar khne und
intelligente Augen leuchteten.

Sie haben viel von der Welt gesehen?

Majestt, ich war in Amerika und viele Jahre in England, bevor ich
mein Geschft in Hamburg errichtete.

Ein guter Kaufmann sieht oft mehr als ein Diplomat, denn sein Blick
ist unbefangener und freier. Ich liebe Ihr Hamburg; es ist eine loyale
Stadt voll Einsicht und Unternehmungsgeist.

Man wrde an der Alster glcklich sein, Eure Majestt so sprechen zu
hren.

Frchtet man in Hamburg nicht groe Verluste durch den Krieg?

In Hamburg, Majestt, denken viele Leute so wie ich.

Und wie denken Sie?

Da unter Eurer Majestt glorreicher Regierung alle Deutschen
des Kontinents sich zu einem einzigen und einigen groen Volk
zusammenschlieen werden, dem alle germanischen Stmme des Nordens,
Dnen, Schweden und Norweger, kraft des Gravitationsgesetzes, sich
ankristallisieren mssen.

O! -- Sie haben Mut!

Majestt, wir leben in einem Zeitalter, dessen charakteristisches
Zeichen die Bildung groer Staatswesen ist.

Mit einer freundlichen Handbewegung unterbrach ihn der Monarch:

Lassen Sie uns zum Frhstck gehen, meine Herren! Freiherr von
Grubenhagen, Sie sind mein Gast. Es wird mich interessieren, noch
einiges von Ihren khnen Ideen zu hren.

       *       *       *       *       *

Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschlo betreten hatte, war
ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herbergekommene Reichskanzler
gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der
Frhstckstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein ber den
fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von
dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.

Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im
Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende
Flgeladjutant fr die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen
hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn
von Grubenhagen.

Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hren, wie
nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk ber die Mglichkeit eines
Krieges denkt.

Der Freiherr erhob den schnen, charaktervollen Kopf, und indem er dem
Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:

Niemand, Majestt, ist darber im Ungewissen, da es ein
verhngnisvoller Schritt sein wrde, den Krieg zu erklren. Vielen
Tausenden wird damit ein frhes Grab geffnet, verwstete Lnder,
ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstrter Handel und unzhlige
Trnen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein
hchstes Gesetz, vor dem alle andern zurcktreten mssen: das Gebot,
die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne.
Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen.
Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hngt schlielich doch die
Bewahrung aller andern nationalen Gter ab, und wo der Friede um jeden
Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, mssen
allmhlich alle Gter des Friedens verloren gehen, und das Volk mu
zur Beute seiner strkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als
Gold, denn dem Eisen verdanken wir all' unsern Besitz. Wozu wren
denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen
Wahrheit, da nur Mut und Kraft die Brgschaft fr das Bestehen und
Gedeihen eines Volkes bilden. Ruland und Frankreich stehen zusammen,
um England zu bekmpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefhl, da
es an der Zeit sei, in diesen Kmpfen Partei zu ergreifen. Darber
aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine
Ungewiheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands
Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mchtiger als irgend ein anderes
Gefhl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses
Gerechtigkeitsgefhl ist bestndig durch Englands Politik verletzt
worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele
bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung
emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der
Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen knnte;
wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung
seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der
Sieg aber hat seine eigene Weisheit.




[Illustration]




X.


Um die Mittagszeit war Frst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij
und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte
whrend der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schnen Cirkassierin
gegenber die grte Zurckhaltung beobachtet und hatte nicht zu
erkennen gegeben, da er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut
habe. Und es war, als ob sie ihm dafr Dank wisse. Zwar hatte er
nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lcheln und die
freundlichen Blicke, die sie ihm bei zuflligen Begegnungen zuwarf,
waren hinlnglich deutliche Beweise fr die Art ihrer Gesinnung. Ueber
die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schnen Pagen und seinem
Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wre seine
Seele nicht so ganz ausgefllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so
htte er sich leicht versucht fhlen knnen, den Russen um das Glck
dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich
kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es
die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen
Fremder wute sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzufhren, aber
es war unverkennbar, da sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein
einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen
brutalen Aufwallungen des Frsten niederzuhalten, und er wagte in
ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst,
namentlich unter dem Einflu geistiger Getrnke, leicht geneigt war.

Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei
all seinen kleinen Schwchen sehr liebenswrdigen Kameraden scheiden
sah. Er hegte wenig Hoffnung, da die Erwartung des Frsten, ihm noch
einmal zu begegnen, sich erfllen wrde; aber er zhlte ihn unter
die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an
wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.

       *       *       *       *       *

Pnktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmigen
Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefhl heier
Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, da niemand auer Edith
Irwin darin anwesend war. Sie sah schner aus denn je. Einzig eine
leichte Blsse mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie
erlebt. Lchelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte
ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.

Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch fr eine
Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen, sagte sie. Die
Vorbereitungen fr die Mobilmachung nehmen den Obersten vllig in
Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migrneanfall
gentigt, sich auf kurze Zeit zurckzuziehen.

Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Versto gegen die
Pflichten der Hflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem
Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenber Platz
und sagte:

Ich hoffe, Mrs. Irwin, da Sie von seiten Ihres Gatten keine
Unannehmlichkeiten wegen meines spten Besuchs gehabt haben. Whrend
des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablssig verfolgt.

Mit einem etwas herben Lcheln schttelte die junge Frau den Kopf:

O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu
entschuldigen, da er die persnliche Abstattung seines Dankes
fr Ihre heldenmtige Tat auf spter verschieben mte. Er wurde
in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore
abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, da ihm
nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.

Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe.
Aber er fragte nur:

Und Sie werden whrend der Abwesenheit des Kapitns unter dem Schutz
des Obersten bleiben?

Es ist noch nichts bestimmtes darber beschlossen worden. Wei doch
augenblicklich hier niemand, was uns die nchsten Tage bringen werden.
Es ist gewi, da sich auerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir
armen Frauen mssen im Falle eines Krieges geduldig ber uns ergehen
lassen, was man ber unser Schicksal beschlossen hat.

Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehrt?

Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Frsten
gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut
hatte, danach zu fragen. Da der Maharadjah sich augenblicklich in
feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen
leider nur zu gewi. Ich mte mich sehr schlecht auf die Eigenart
dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute
hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurckzufhren
wre.

Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?

Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.

Wie? fragte Heideck erstaunt. Zu vergiften?

Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas
Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm,
wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber
eine eigentmliche Trbung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er
leerte das Glas nicht sofort, sondern lie es ein paar Minuten lang
stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weier Niederschlag auf
dem Boden des Gefes sichtbar. Die Vermutung, da es sich um einen
Vergiftungsversuch handle, lag um so nher, als der Tafeldecker,
den man wegen der Beimischung befragen wollte, pltzlich spurlos
verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist.
Man schttete einen kleinen Teil der Flssigkeit in das Futtergef
der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fnf oder sechs
dieser gefrigen Nager enthielt. Zehn Minuten spter war nicht eines
der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt
Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung bergeben,
und er hat versprochen, uns beim Diner ber das Ergebnis zu berichten.

Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gesprch auf Ediths
persnliche Angelegenheiten zurckzufhren, erschien Mrs. Baird in
Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit
gewinnender Liebenswrdigkeit begrt, und als wenige Minuten spter
auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man
sich zu Tisch.

Vielleicht wre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der
Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wre.
Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung
versetzten Gemahlin lie sich nicht zgeln.

Nun, Herr Doktor, fragte sie, was haben Sie gefunden?

Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.

Eines der gefhrlichsten aller bekannten indischen Gifte, erklrte
er mit ernster Miene, das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein
Gegengift gibt und das sich im Krper des Vergifteten nicht nachweisen
lt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen
wird.

Mrs. Baird stie einen Schrei des Entsetzens aus und legte fr einen
Moment die Hand ber die Augen.

Mr. Hopkins aber fuhr fort: Ich habe das Diamantpulver noch niemals
unter den Hnden gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung
gelangen soll. Die Zubereitung ist fr uns Europer bis jetzt noch ein
undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfltig
gehtet wird. An den indischen Frstenhfen soll es frher dieselbe
Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berhmte ~acqua toffana~
bei den italienischen Despoten.

Die Ausfhrungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur
durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natrlich nicht
danach angetan, die gedrckte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft
zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des
Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner
Gattin frher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die
Tafel aufzuheben.

Man begab sich auf die von einer Hngelampe beleuchtete Veranda, wo Tee
und eisgekhlte Getrnke gereicht wurden. Obwohl Heideck whrend des
ganzen Abends nur Augen fr Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe
ngstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen fr
die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in
den uersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurckgezogen, wrde er
sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen,
der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in
vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert htte.

Sie haben keinen Platz, Herr Heideck -- bitte -- hier ist noch ein
Stuhl frei.

Und mit einer grazisen Bewegung raffte sie die Falten ihres
Foulardkleides zusammen, um ihn vorber zu lassen. Wieder begegneten
sich, von den anderen unbemerkt, fr einen Moment ihre Augen. Und
wenn er es nicht gewut htte, da er sich rettungslos im Banne dieses
schnen jungen Weibes befand, so wrde der strmische Schlag seines
Herzens ihn darber belehrt haben.

Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt pltzlich unter dem blichen
Lrmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des
Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in
Flu gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem
unerwarteten Schauspiel zuwandten, fr das -- den Obersten vielleicht
ausgenommen -- zunchst wohl noch niemand eine Erklrung hatte.

Man sah, da es fnf, von reich geschmckten weien Buckelochsen
gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde
des Maharadjah eskortierte.

Ihr Anfhrer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda,
schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, wrdevoller
Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des
Obersten empor.

Er war ein schner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und
groen, schwermtigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen
Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgrtet war, englischen
Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener
Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust
sandten haselnugroe Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen
Strahlen aus.

Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des
Frsten, flsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas
wie eine Frage gelesen haben mochte. Ohne Zweifel schickt ihn der
Maharadjah in einer besonderen Mission.

Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte
entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch
nicht zum Niedersitzen ein.

Ich gre dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit, sagte der Prinz
mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, und
ich wnsche dir Glck und langes Leben. Seine Hoheit bersendet dir
als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem
Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich,
es anzunehmen, zum Beweise, da auch du vergessen hast, was gestern
infolge eines beklagenswerten Miverstndnisses zwischen dir und Seiner
Hoheit gesprochen wurde.

Seine Hoheit ist sehr gtig, sagte der Oberst khl und gemessen.
Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?

Mit einer lssigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden
Gefhrte.

Jeder dieser fnf Wagen, Sahib, enthlt hunderttausend Rupien.

Das wren also fnf Lakh?

So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine
gnstige Antwort zu erfreuen.

Der Oberst berlegte ruhig und khl seine Antwort, dann sagte er in
derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht,
wie zuvor:

Ich danke dir, Prinz! La den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle
meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll,
werde ich die Entscheidung des Vizeknigs abwarten.

Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der
Enttuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem
Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mute,
da der Englnder die Unterhaltung als beendet ansah, berhrte er mit
der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die
Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein
Gehei von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande
englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich
der Zug unter demselben Lrm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder
in Bewegung und verschwand in der Ferne.

Ein Lcheln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als
er sich jetzt seinen Gsten zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet,
da er ihnen gewissermaen eine Erklrung fr sein Benehmen schuldig
sei.

Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwnschten Beitrag
zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen knnen
sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere
Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlsliches Rtsel bleiben. Mit
einem Geschenk, das er natrlich mir persnlich zugedacht hat,
glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm
mglicherweise Ungelegenheiten bereiten knnte -- sowohl den Anschlag
gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er
ist durch den verschwundenen Tafeldecker natrlich bereits ber den
Mierfolg unterrichtet, und er wei recht gut, was fr ihn auf dem
Spiele stehen wrde, wenn ich diese skandalse Geschichte nach Kalkutta
berichtete.

Zum ersten Male sprach der Oberst hier vor andern offen aus, da er den
Maharadjah fr den Urheber der beiden Anschlge hielt. Er mute einen
besonderen Grund hierzu haben, und Heideck glaubte ihn zu erraten,
als der Oberst auf die Frage des Regimentsarztes, ob er denn nicht
gesonnen sei, einen solchen Bericht an den Vizeknig abgehen zu lassen,
erwiderte:

Ich wei es nicht -- ich wei es wirklich noch nicht. Nach dem
Grundsatze: ~fiat justitia, pereat mundus~ mte ich es ja
unzweifelhaft tun. Aber mit dem ~pereat mundus~ ist es doch so ein
eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und
der Vizeknig wrde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich
ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbrden wollte.
Wir brauchen diese indischen Frsten jetzt sehr notwendig. Sie mssen
uns ihre Truppen zur Verfgung stellen, und wir drfen keine Feinde
im Rcken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein
schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber knnte uns alle diese
Frsten rebellisch machen. Und es wre ganz unabsehbar, welche Folgen
eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gercht von einer
solchen haben wrde.

Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden
Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen
letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gesprch ber die
Kriegsgefahr und ber den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden
Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser
siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das
laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:

Es geschieht nicht blo aus politischen Rcksichten, sondern auch auf
Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nchtlichen Ueberfall nach
Kalkutta berichtet -- nicht wahr?

Ich habe ihn allerdings darum gebeten, gab sie in demselben
vorsichtigen Flsterton zurck. Heute aber, nach dem milungenen
Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, da ich fr meine Person
und fr -- fr die Person meines Gatten keinerlei Rcksicht mehr
verlange.

Sie halten es also im Ernst fr mglich, da Kapitn Irwin bei jenem
Ueberfall -- --

Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck -- nicht jetzt
und nicht hier, bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden
Blick zu ihm erhoben. Sie knnen nicht ahnen, wie furchtbar ich unter
diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wre vor mir nur
finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, da ich
eines Tages wieder gezwungen sein knnte -- --

Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wute gut genug,
wie sein Schlu hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls
trieb ihn, ihr zu antworten:

Sie drfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr
Herz sich auflehnt. Wer knnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf
Sie zu ben?

O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was fr uns Englnder die Rcksicht
auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal -- nur um
des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste
Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswrdig der Oberst und seine
Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind -- ich frchte sehr, da sie
mich ohne Rcksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen
wrden, wenn ich es zu dem kommen liee, was ihnen als ein Skandal
erscheint.

Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden -- nur Ihrem Herzen
und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin -- nicht den engherzigen
Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie drfen
nicht die Mrtyrerin eines Vorurteils werden -- ich kann diese
Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie mssen mir versprechen --
--

Er kam nicht weiter. Eine pltzlich eingetretene Pause im Gesprch der
anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als she er die
klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des
Mitrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, da
die berauschende Nhe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu
leidenschaftlichem Ha gesteigerte Abneigung gegen ihren unwrdigen
Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber
als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gsten empfahl,
bewies ihm ein warmer, beglckender Druck von Ediths Hand, da sie weit
davon entfernt war, ihm zu zrnen.




[Illustration]




XI.


Jeder neue Tag brachte jetzt weitere Nachrichten, die das drohende
Gespenst des Krieges in immer grere Nhe rckten. Die Mobilmachung
wurde befohlen. Die Feldtruppen wurden von dem Depot gesondert, das
in Chanidigot zurckbleiben sollte. Die Infanterie wurde mit Munition
ausgerstet und tglich mit Schie- und Gefechtsbungen beschftigt.
Pferde wurden eingekauft und ein Train gebildet, zu dem namentlich
eine ungeheure Menge von Kamelen gehrte. Die Vorrte an Lebensmitteln
wurden vervollstndigt, und die Offiziere studierten eifrigst die
Karten von Afghanistan.

Fr Heidecks Begriffe von einer Mobilmachung ging das alles freilich
sehr langsam von statten, und der Maharadjah schien es mit der
Ausrstung seiner Hilfstruppen noch viel weniger eilig zu haben.

Von Sden her kamen bestndig Militrzge durch Chanidigot, um Truppen
und Pferde weiter nach dem Norden zu befrdern. Ihr Ziel war zunchst
Peschawar, wo Generalleutnant Sir Bindon Blood, der Oberkommandierende
des Korps von Pendschab, eine groe Feldarmee zusammenzog. Mit einiger
Verwunderung nahm Heideck wahr, da die durchziehenden Regimenter den
verschiedensten Korps entnommen waren, so da der taktische Verband
dieser Korps und ihre Organisation zerrissen worden waren. Es unterlag
keinem Zweifel, da die Regierung um jeden Preis so schnell als mglich
starke Truppenkrper an der Grenze aufstellen wollte und darber die
Rcksicht auf sptere Ereignisse gnzlich auer Acht lie. Sowohl
Viscount Kitchener, der Oberbefehlshaber in Indien, wie der Vizeknig
und die Minister in London schienen es fr ausgemacht zu halten, da
die englische Armee von vornherein siegreich sein wrde und nicht
gentigt werden knnte, sich auf die Festungen der Nordwestprovinzen
zurckzuziehen. Die Geringschtzung, mit der die Offiziere in
Chanidigot von der russischen Armee und von den Afghanen sprachen,
besttigte diese allgemeine Auffassung zur Genge.

Endlich wurde es klar, da der Krieg zur Tatsache geworden war. Am
zehnten Tage nach der Meldung vom Einmarsch der Russen in Afghanistan
fiel die Entscheidung.

Das Londoner Kabinett hatte in St. Petersburg angefragt, was jener
Einmarsch zu bedeuten habe. Und es hatte die Antwort erhalten,
da Ruland sich gentigt she, dem Emir auf seine Bitte zu Hilfe
zu kommen; denn der Afghanenherrscher wre den Manahmen Englands
gegenber um seine Selbstndigkeit besorgt. Nichts lge der russischen
Regierung ferner, als eine Herausforderung Englands, aber sie knne die
Bedrngnis des Emirs nicht gleichgiltig ansehen und sei entschlossen,
fr die Unabhngigkeit Afghanistans einzutreten.

Daraufhin erklrte England den Krieg, und Generalleutnant
Blood erhielt den Befehl, unverzglich durch den Kaiberpa in
Afghanistan einzurcken. Weiter sollte Generalleutnant Hunter, der
Oberkommandierende des Korps von Bombay, mit einer Armee von Quetta aus
gegen Kandahar marschieren.

Gleichzeitig, -- so hie es, -- sollte von Portsmouth aus eine
englische Flotte abgehen.

Obwohl die in Indien erscheinenden englischen Zeitungen offenbar dahin
instruiert waren, alles zu verschweigen, was die Lage Englands in
einem ungnstigen Lichte erscheinen lassen knnte, brachten sie doch
mancherlei Meldungen, die dem kundigen Leser allerlei Schlsse auf die
gegenwrtige Kriegslage nahe legten. Man konnte daraus entnehmen, da
England auch gegen Frankreich rste. Nur ber die Haltung Deutschlands
in dem drohenden Weltkriege fehlte jede Mutmaung.

Die anfngliche Absicht, die Familien der in Chanidigot stationierten
Offiziere und Beamten sdwrts nach Bombay oder nach dem stlich
gelegenen Kalkutta zu bringen, war bald aufgegeben worden. Die
Verbreitung der Pest in beiden Stdten und die Schwierigkeiten der
Reise sprachen dagegen; denn die Eisenbahnen waren zur Zeit vollstndig
durch Truppentransporte in Anspruch genommen. So wurde beschlossen,
da die Frauen und Kinder zunchst bei dem Depot in Chanidigot bleiben
sollten. Kapitn Irwin, der aus Lahore zurckgekehrt war, und der
auerhalb des Dienstes, bei dem er einen fast fieberhaften Eifer
entwickelte, ein vllig einsiedlerisches Leben fhrte, sollte dieses
Depot kommandieren. Seine Gattin aber, der er seit seiner Ankunft
noch nicht ein einziges Mal begegnet war, sollte seinem Schutze nicht
unterstellt werden. Oberst Baird, der seiner Frau auf ihre dringenden
Bitten zugesagt hatte, da sie ihn mit den Kindern nach Quetta
begleiten drfte, wollte auch Edith Irwin dorthin mitnehmen.

Es war bestimmt worden, da das Detachement im Verein mit den Truppen
des Maharadjah von Chanidigot aufbrechen sollte. Heideck hatte die
Erlaubnis erhalten, es zu begleiten. Der Oberst wollte ihm wohl, und
es war ihm offenbar angenehm, einen so ritterlichen Mann, auf den man
sich in jeder Lage unbedingt verlassen konnte, als Beschtzer bei den
Damen zu wissen, wenn er selbst durch seine militrischen Pflichten
verhindert sein wrde, sich um sie zu kmmern. Am Tage vor dem Abmarsch
war Heideck zum Tiffin bei dem Obersten, und man besprach in ernster
Stimmung die bevorstehenden Ereignisse, als drauen das dumpf klingende
Warnungszeichen eines Automobils vernehmlich wurde. Zwei Minuten spter
trat, ganz mit Staub bedeckt und mit dunkelgertetem Gesicht ein
Offizier auf die Veranda, der sich als Kapitn Elliot, Adjutanten des
Generals Blood, vorstellte.

Der General lt Ihnen melden, Herr Oberst, sagte er in dienstlicher
Haltung, da alle Dispositionen gendert worden sind. Sie marschieren
nicht nach Quetta, sondern unter tunlichster Beschleunigung des
Aufbruchs nach Mooltan.

Und was ist die Ursache dieses vernderten Befehls? fragte der Oberst.

Die Russen kommen vom Hindukusch herunter. Sie ziehen das Tal des
Indus herab, unserer Armee in den Rcken. General Blood ist auf dem
Marsche sdwrts, um nicht abgeschnitten zu werden. Ich befinde mich
unterwegs, um alle Truppenteile nach Mooltan zu dirigieren.

Aber ist das denn mglich? Kann hier nicht doch ein Irrtum vorliegen?
Wie sollten die Russen ber den Hindukusch kommen?

Ich selbst habe russische Infanterie in den Schluchten des Industals
gesehen, Herr Oberst. Der Marsch auf Herat und die Besetzung von Kabul
unter General Iwanow sind hauptschlich Demonstration gewesen. Iwanow
kommt mit zwanzigtausend Mann, verstrkt durch zwanzigtausend Afghanen,
von Kabul her gegen den Kaiberpa heran. Aber der Hauptangriff erfolgt
vom Pamir aus in der Richtung auf Raval-Pindi und Lahore.

Raval-Pindi? rief der Oberst. Wenn die Russen den Indus herabkommen,
treffen sie zunchst auf Attock, und dieses starke Fort wird sie lange
genug aufhalten.

Hoffentlich! Aber wir drfen nicht unbedingt damit rechnen. Die Strke
der russischen Armee ist uns zur Zeit noch nicht bekannt. Ihr Vormarsch
aber ist offenbar trefflich vorbereitet gewesen. Die Pioniere mssen in
den schwierigen Pssen des Hindukusch wahrer Wunder verrichtet haben,
und diese russischen Soldaten scheinen von Eisen.

Nun, sagte der Oberst kurz, so werden wir ihnen zeigen, da wir von
Stahl sind.

Der Adjutant berreichte ihm die schriftlichen Dispositionen, und
nachdem er sie durchgesehen, erklrte der Oberst:

Ich werde morgen frh nach Mooltan aufbrechen und denke, mein
Detachement morgen abend dort vereinigt zu haben. Der Train mit der
Proviantkolonne und der Munitionskolonne freilich kann erst einige
Tage spter eintreffen, und auch nur zum Teil. Was in aller Welt mag
den General bestimmt haben, sich dem Feinde nicht in Raval-Pindi
entgegenzustellen? Die Stadt ist befestigt und von starken Forts
umgeben; sie ist eine der grten Militrstationen Indiens. Weshalb
mute der General da so weit, bis nach Mooltan, zurckgehen?

Der General erwartet eine Entscheidungsschlacht und mchte sich dazu
mit der Armee des Generals Hunter vereinigen. Beide Armeen aber sind
zur Zeit ungefhr gleich weit von Mooltan entfernt, auch wrden die
Russen, wie der General meint, Bedenken tragen, soweit vorzugehen, da
sie von Lahore aus in der linken Flanke angegriffen werden knnten.
Dort stehen schon jetzt zehntausend Mann, die tglich von Delhi aus
verstrkt werden.

Mit der Verabschiedung des Adjutanten, der den angebotenen Imbi mit
dem Hinweis auf die Dringlichkeit seines Auftrages abgelehnt hatte,
wurde auch die Tafel aufgehoben, und der Oberst entschuldigte sich bei
seinem Gaste, dem er sich unter den obwaltenden Umstnden nicht lnger
widmen konnte. Seine Offiziere begleiteten ihn, und bald nachher wurde
auch Mrs. Baird abgerufen. Unerwartet sahen sich Heideck und Edith
Irwin allein.

Ein paar Sekunden lang schwiegen sie beide, wie wenn keines von ihnen
den Empfindungen Ausdruck zu geben wagte, die sie erfllten. Dann aber
sagte die junge Frau:

Sie wollten mit uns ins Feld ziehen, Mr. Heideck, und ich wei, da
Sie dabei von dem Wunsche geleitet wurden, uns Frauen durch Ihren
mnnlichen Schutz ntzlich zu sein. Aber nun ist ja alles anders
geworden, und ich bitte Sie, auf Ihren Plan zu verzichten.

Ueberrascht sah er sie an: Wie, Mrs. Irwin, Sie wollen mir die Freude
versagen, Sie begleiten und schtzen zu drfen? Und weshalb?

Sie haben soeben selbst gehrt, da alle Dispositionen gendert worden
sind. Wren wir nach Quetta gegangen, so htten Sie, sobald unsere
Armee ber die Grenze ging, leicht irgend einen anderen Platz aufsuchen
knnen; wenn es aber auf indischem Boden zum Kampfe kommt, so befnden
Sie sich in bestndiger Gefahr.

In meiner Eigenschaft als Auslnder? Gewi. Ich wrde unter Umstnden
manchen Unbequemlichkeiten ausgesetzt sein. Aber ehe ich meine
Entschlieungen ndere, mchte ich von Ihnen hren, ob Sie auch unter
diesen neuen Verhltnissen bei der Truppe bleiben werden?

Da Mrs. Baird mir die Erlaubnis dazu gegeben hat -- ja.

Und Sie glauben, da ich weniger Mut zeigen werde, als Sie, die Sie
sich damit ohne Zweifel ebenfalls ernsten Gefahren aussetzen?

Wie drfte ich an Ihrem Mute zweifeln, Mr. Heideck! Aber das ist
doch etwas ganz anderes. Wir Soldatenfrauen gehren nun einmal zu den
Mnnern, denen wir nach Indien gefolgt sind. Und berdies sind wir
vielleicht nirgends sicherer, als bei der Armee. Sie aber haben mit
diesem Kriege und mit unserem Heere nichts zu tun. Wenn Sie jetzt
von hier abreisen und in weiter Entfernung vom Kriegsschauplatze,
vielleicht in einer der Hillstations, wo Sie auch von der Pest nichts
zu frchten haben, Wohnung nehmen, so wird man Sie als deutschen
Kaufmann gewi unbehelligt lassen.

Und warum gehen Sie selbst nicht in eine solche Hillstation,
Mrs. Irwin? Ich wrde Ihnen Simla vorschlagen, wenn es nicht dem
Kriegsschauplatz nahe lge. Aber gehen Sie doch nach Poona oder in
sonst einen der sdlichen Gebirgsorte.

Die junge Frau schttelte den Kopf.

Ich vermute, da ich damit in mein sicheres Verderben gehen wrde.

Und was bringt Sie auf solche Vermutung?

Ich sagte Ihnen schon, da im Falle eines Krieges englische Frauen
hier in Indien nur noch in unmittelbarer Nhe der Truppen einigermaen
sicher sind. Sollten wir eine Niederlage erleiden, so wird die
Rache des Volkes an seinen Unterdrckern furchtbar sein. Kennen Sie
die grausamen Instinkte, die in diesen scheinbar so hflichen und
unterwrfigen Menschen schlummern? Die wehrlosen Frauen und Kinder
wrden ohne Zweifel ihre ersten Opfer sein. So war es bei dem Aufstande
vom Jahre 1857, und genau so wird es sich unter hnlichen Verhltnissen
wiederholen. Nana Sahib und seine Gefolgschaft haben sich damals an den
unmenschlichsten Martern weier Frauen und Kinder ergtzt und Strme
unschuldigen Blutes vergossen. Der Kulturzustand des niederen Volkes
aber ist seitdem gewi nicht besser geworden.

Sie sprechen, als ob Sie eine Niederlage Ihrer Armee fr
wahrscheinlich hielten? --

Ich kann meine dsteren Ahnungen nicht los werden. Und Sie selbst, Mr.
Heideck? -- Seien wir doch ehrlich! Als vorhin der Adjutant dort stand,
und als jedes seiner Worte die mangelnde Voraussicht unserer Generale
offenbarte, habe ich Ihr Gesicht beobachtet, und ich habe mehr daraus
gelesen, als Sie ahnen mgen. Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse
drngen, aber ich wrde Ihnen dankbar sein, wenn Sie ganz aufrichtig
gegen mich wren. Sie sind nicht der, fr den Sie sich hier ausgeben.

Nicht einen Augenblick zgerte er, ihr die Wahrheit zu bekennen.

Nein, ich bin deutscher Offizier und von meinen Vorgesetzten zum
Studium der angloindischen Armee hierher entsandt.

Ediths Ueberraschung war ersichtlich nicht allzu gro.

Ich ahnte es. Und nun gestehen Sie mir ebenso offenherzig die Frage:
Glauben Sie an einen Sieg der britischen Waffen?

Ich darf mir darber kein Urteil erlauben, Mrs. Irwin.

Aber Sie mssen doch eine Meinung haben. Und es lge mir unendlich
viel daran, sie zu erfahren.

Nun denn -- ich glaube an die englische Tapferkeit, aber nicht an
einen englischen Sieg.

Sie seufzte tief auf, aber sie neigte zustimmend den Kopf, wie wenn
er damit nur ihrer eigenen Ueberzeugung Ausdruck gegeben htte. Dann
reichte sie ihm die Hand und sagte leise:

Ich danke Ihnen fr Ihr Vertrauen, und es ist selbstverstndlich, da
von mir niemand erfahren wird, wer Sie sind. Aber nun bestehe ich erst
recht darauf, da Sie uns um Ihrer eigenen Sicherheit willen verlassen.

Und wenn ich mich weigerte? Wenn ich es gerade in meiner Eigenschaft
als Soldat fr meine Ehrenpflicht hielte, Sie jetzt nicht im Stich
zu lassen? Wrden Sie mir darum zrnen? Wrden Sie mir nicht mehr
gestatten, das Glck Ihrer Gesellschaft zu genieen?

Ihre Brust hob sich, aber sie senkte den Kopf und schwieg. Deutlich sah
Heideck die glitzernde Trne, die sich unter ihren Wimpern hervorstahl
und langsam ber ihre zarte Wange herabrollte.

Das war ihm Antwort genug. Er beugte sich herab, und indem er ihre
beiden Hnde kte, flsterte er:

Ich wute, da Sie nicht die Grausamkeit haben wrden, mich
zurckzustoen. Wohin auch immer das Schicksal Sie fhren mag, es wird
mich an Ihrer Seite finden, solange Sie noch meines Schutzes bedrfen.

Ein paar Sekunden lang hatte sie ihm ihre Hand berlassen. Dann entzog
sie sie sanft dem Druck der seinen.

Ich wei, da ich Ihnen um Ihrer eigenen Sicherheit willen verbieten
sollte, mir zu folgen. Aber ich habe nicht die Kraft dazu. Der Himmel
gebe, da Sie mir niemals einen Vorwurf daraus machen.




[Illustration]




XII.


Ein ungewhnlich schner und trockener Frhling begnstigte den
Vormarsch der russischen Armee durch die Gebirgslnder. Im Norden
Indiens hielt sich die Temperatur auf durchschnittlich 20 C., und
Tag fr Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel
auf die weiten Ebenen des Pendschab herab, durch deren helles Grn
sich wie lange Silberstreifen die russischen Truppen in ihren weien
Sommeruniformen vorwrts schoben.

Es schien, als sollte das Kriegsglck ihnen gnstig sein; denn sie
hatten den schwierigen und gefrchteten Uebergangspunkt Attock mit
unerwarteter Leichtigkeit berwunden.

Der Kommandant dieser hochgelegenen Festung hatte Befehl, die Brcke
ber den Indus erst dann abzubrechen, wenn General Bloods Armee, die
Peschawar und den Kaiberpa hatte halten sollen, vllig zurckgegangen
wre und bis auf den letzten Mann den Uebergang passiert htte.

Die Brcke bei Attock, die sehr hoch ber den hier in schmalem Bette
mit reiender Schnelligkeit dahinbrausenden Indus erbaut ist, gilt
als ein Wunderwerk der Ingenieurkunst. Sie ist in zwei Etagen erbaut,
deren obere die Eisenbahn, und deren untere eine Strae fr Wagen,
Lasttiere und Fugnger bildet. Auf jedem Ufer liegt ein befestigtes
Tor. Der englische Kommandant von Attock vertraute auf die Strke der
800 Fu hoch ber dem Flusse liegenden Forts und whnte die Russen noch
weit entfernt. Die russische Vorhut war oberhalb Attocks ber den Flu
Kabul, der sich bei Attock mit dem Indus vereinigt, gegangen und kam
zugleich mit den Truppen des Generals Blood in die Nhe der Festung.

Die Truppen Bloods passierten in endlos langen Marschkolonnen die
Brcke. Diese Bewegungen wurden oftmals infolge von Stockungen, die
durch fehlerhaftes Ansetzen der einzelnen Truppenkrper entstanden,
unterbrochen, und so kam es, da in den ersten Morgenstunden eine
grere russische Truppenabteilung, von den Englndern unbemerkt,
in einer solchen Lcke der englischen Marschkolonne den nrdlichen
Brckenkopf erreichte: der morgendliche dichte Nebel hatte der
englischen Aufklrung das Herannahen der Russen verborgen. Die Russen
besetzten sofort die Brcke und schnitten so den Rest der noch auf dem
nrdlichen Ufer befindlichen Englnder von dem Gros ihres Korps, das
in der Hauptsache die Brcke schon passiert hatte, vollstndig ab.
Der Kommandeur der russischen Avantgarde war selbst ber den ihm vom
Kriegsglck in den Scho gelegten Erfolg am meisten erstaunt: htte der
Nebel nicht die beiderseitige Aufklrung illusorisch gemacht und der
Zufall ihn nicht gerade auf eine Lcke der englischen Marschordnung
stoen lassen, so htten die Chancen bei der Enge seiner Marschstrae
fr die Englnder wesentlich gnstiger gestanden, als fr ihn, und der
Kampf wrde wahrscheinlich mit einer Niederlage seiner Truppe geendet
haben. So stie General Iwanow, der ber den Kaiberpa kam, auf die
englische Nachhut, und die fnftausend Mann angloindischer Truppen
derselben muten sich nach kurzem Kampfe gefangen geben. Zweitausend
Englnder und dreitausend Mohammedaner fielen den Russen hier in die
Hnde. Als die Sieger den mohammedanischen Indern versicherten, da sie
gegen die Unglubigen fr den wahren Glauben kmpften, traten diese
ohne weiteres zur russischen Armee ber.

Der Kommandant von Attock verweigerte die Uebergabe der Festung und
lie seine Geschtze auf die russischen Marschkolonnen spielen, aber
die Batterien fgten infolge des Nebels den Russen nicht viel Schaden
zu, und diese setzten, da sie im Besitz der Brcke waren, den Vormarsch
nach Sden fort.

Ehe dann jedoch der so erfolgreich begonnene Einmarsch fortgesetzt
wurde, sammelte der Kommandierende unweit Attocks alle die in kleinen
Abteilungen den Hindukusch bersteigenden russischen Truppen und
vereinigte sie mit dem aus Afghanistan kommenden Korps, so da er ber
eine Armee von siebzigtausend Mann verfgte.

Eine blutgetrnkte Bahn war es, auf der dieses Heer hinter der
weichenden englischen Armee dahinzog. Auf dieser Strae war auch
Alexander der Groe einst in Indien eingezogen. Hier hatte zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts der Afghanenherrscher Ibrahim Lodi mit dem
Gromogul Babar gekmpft; hier wurde wenige Jahrzehnte spter Himu,
der Feldherr des Afghanensultans Mohammed Schah Adil an der Spitze von
fnfzigtausend Reitern, fnfhundert Elefanten und unzhligem Fuvolk
von dem jugendlichen Gromogul Akbar besiegt. Blutiger noch war die
Schlacht gewesen, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der
Afghanensultan Ahmed Schah Durani den groen Mahrattenfrsten Holkar
Sindia, Gaekwar und den Peschwas lieferte; und noch einmal hatten hier
alle Schrecknisse des Krieges gewtet, als im Jahre 1857 die englischen
Generale Havelock, Sir James Outram, Sir Colin Campbell, Sir Hugh Rose,
Sir John Lawrence und Sir Robert Napier mit erbarmungsloser Hrte den
gefhrlichen Aufstand der Sepoys erstickten. Abendland und Morgenland
hatten in gewaltigem Ringen hier an dieser von Sagen umwobenen Sttte,
der Wiege der Menschheit, schon gestritten. Hunderttausende von
Menschenleben waren auf diesem blutdurchtrnkten Boden schon geopfert
worden, und abermals stand hier eine Entscheidungsschlacht bevor, die
mit eisernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte geschrieben
werden sollte.

       *       *       *       *       *

Die Bewegungen der russischen Armee hatten den Plan der englischen
Heerfhrer umgestoen. Die in Mooltan vereinigten englischen Korps
wurden schleunigst nach Lahore in Bewegung gesetzt, als die Absicht
der Russen, nach Sdosten zu gehen, klar zu Tage trat. Die Zeit, die
General Iwanow brauchte, bei Attock seine Truppen zu vereinigen,
ermglichte den Englndern, Lahore zu erreichen. Hier wurden ihre
Streitkrfte durch die starke Garnison erheblich vermehrt, und tglich
kamen neue Regimenter von Delhi und Lucknow an, die den Bestand der
von Sir Bindon Blood befehligten Armee auf die Zahl von hunderttausend
Kombattanten brachte.

Die Englnder bereiteten sich zu einer entscheidenden Schlacht vor,
denn schon erschien die Spitze der russischen Kolonnen zehn englische
Meilen nrdlich vom Grabe des Kaisers Jehangir bei Schah Dara,
einer kaum acht englische Meilen nordwestlich von Lahore liegenden
Bahnstation.

Die englischen Truppen waren in Versammlungsformation in einer
Linie aufmarschiert, deren linker Flgel an dem dicht bei Lahore
vorbeiflieenden Raviflu die Schah Dara-Pflanzungen und die daneben
befindliche Schiffsbrcke besetzt hielt. Sie dehnte sich von dort fnf
englische Meilen weit stlich bis zu einem Kanal aus, der sich am
Shalimar-Park hin nach Sden zieht. Dieser Park und der an demselben
liegende Ort Bhogiwal bildeten den rechten Flgel. Vor der Front
hin zog sich ein Nebenarm des vielgewundenen Ravi mit grtenteils
sumpfigen Ufern. Im Rcken der Stellung lag das befestigte Lahore
mit seiner fnfzehn Fu hohen, von dreizehn Toren durchbrochenen
Backsteinmauer.

Der Ravi, ein Nebenflu des Indus, fhrte zur Zeit nur wenig Wasser.
Das Flubett lag zum groen Teil trocken und war nur von lebhaft
flieenden, unregelmigen Rinnsalen durchzogen, die hier und da
grere und kleinere, zumeist sumpfige Inseln zwischen sich frei
lieen. Dieses Flubett bildete das wesentlichste Hindernis fr den
russischen Angriff, denn es mute passiert werden, ehe die englische
Front und die Stadt Lahore erreicht werden konnte.

Heideck wohnte in einem kleinen Zelte, das er von Chanidigot
mitgebracht hatte. Morar Gopals Pferd hatte es whrend des Marsches
von Mooltan nach Lahore auf dem Rcken getragen, denn die Lancers, zu
denen Heideck sich hielt, da er ja mit ihren Offizieren befreundet
war, hatten den Weg nicht auf der Eisenbahn gemacht. Sie kampierten
jetzt im Shalimar-Park, einer groen, von einer Mauer umgebenen Anlage
voll der prchtigsten Mangobume, mit vielen kleinen Springbrunnen und
zierlichen Pavillons. Da Heideck einen Khaki-Anzug und einen Korkhelm
trug, glich er trotz des Fehlens der militrischen Abzeichen ganz einem
englischen Offizier, umsomehr, als seine Haltung und seine Gestalt
durchaus soldatisch waren.

Er hatte whrend des Marsches und in der Lagerzeit Gelegenheit gehabt,
allerlei Betrachtungen ber die britische Kriegsfhrung anzustellen.
Aber er htete sich wohl, darber mit den englischen Offizieren zu
sprechen, denn es waren nicht eben gnstige Schlsse, zu denen er
gelangt war. Er hatte den Eindruck, da die Truppen weder kriegsmig
gefhrt wurden, noch eine besondere Feldtchtigkeit an den Tag legten.
Die Leute wuten sich im Biwak und im Lager oft nicht zu helfen und
litten hufig empfindliche Entbehrungen, weil das ntige Material nicht
immer rechtzeitig zur Stelle war und die Lebensmittel nicht regelmig
geliefert wurden: auf den Proviantmtern herrschte die grte
Verwirrung.

Und nicht dort allein, sondern auch in den taktischen Verbnden machte
sich infolge der unpraktischen Zusammenstellung der Truppenkrper
berall eine bedenkliche Unordnung fhlbar. Zunchst waren die
Regimenter zur Bildung der Korps in Peschawar und Quetta durcheinander
gewrfelt worden, weil sie, je nachdem sie marschbereit zu sein
schienen, einzeln aus ihren Garnisonen weggefhrt und auf die
Eisenbahn gesetzt worden waren. Die Konzentrierung in Mooltan und
der berstrzte Abmarsch nach Lahore aber hatten vollends ein schier
unentwirrbares Durcheinander geschaffen.

Heideck sah sich inmitten einer Armee, die den groen Krieg und
wohl berhaupt den Krieg gegen regulre Truppen nicht kannte. Des
Kmpfens zwar waren die Englnder gewohnt, denn sie hatten sich ja
bestndig mit wilden und halbwilden Vlkern herumschlagen mssen. Sie
hatten kostspielige Expeditionen gemacht und teuer erkaufte Siege
davongetragen. Aber immer waren es regellose braune und schwarze
Haufen gewesen, mit denen sie es zu tun gehabt hatten. Die Erfahrungen
des Burenkrieges waren noch nicht in Fleisch und Blut der Truppe
bergegangen. Die persnliche Tapferkeit jedes einzelnen war beinahe
immer das allein entscheidende Moment gewesen, und so mochte sich's
auch erklren, da alle Offiziere von einem gewaltigen Selbstgefhl
erfllt waren. Mit Geringschtzung sahen sie auf jeden Fremden herab,
weil sie in ihren Siegen ja tatschlich fast immer ber eine numerische
Uebermacht gesiegt hatten.

Mit Erstaunen bemerkte Heideck, da die Durchfhrung der taktischen
Regeln und Instruktionen in der britischen Armee hufig noch im
Widerspruch mit der modernen Bewaffnung stand. Namentlich wurde bei
der Infanterie immer noch das Salvenfeuer gewohnheitsmig als die
Hauptfeuerart angewandt. Die Mannschaften waren einmal darauf gedrillt,
da sie auf Kommando ein ruhiges, gleichmiges Feuer abzugeben
und dann fest zusammengeschlossen mit dem Bajonett auf den Feind
loszustrmen htten. Dies mchtige Volk war eben zu bequem gewesen,
die neuesten Erfahrungen der Gefechtstechnik sofort zur Durchfhrung
zu bringen; das hochmtige Albion hatte kritiklos alles fr gut
beibehalten, was englisch war und alles Neue und Fremde von vornherein
verachtet. Oder vermieden die Englnder die aufgelste Gefechtsordnung
etwa deshalb, weil sie frchteten ihre indischen Soldaten alsdann nicht
mehr lenken zu knnen?

Die Breitengliederung der taktischen Verbnde im Verhltnis zur Strke
der Armee erschien Heideck zu gering, um eine Aussetzung des Gefechts
kraft derselben zu sichern.

Die Umgebung Lahores, besonders im Norden der Stadt, zwischen der Mauer
und dem Feldlager, machte einen sehr bunten und bewegten Eindruck.
Eine ganz eigenartige Staffage bildeten die unzhligen Kamele, die als
Transportmittel gedient hatten und den Hauptteil des Trains ausmachten.
Sie lagen in dicht gedrngten Haufen am Boden oder schritten
gravittisch ihres Wegs, whrend das laute Geschrei der Treiber grell
die Luft erfllte. Auerdem gab es noch eine ungeheure Menge von
Menschen, die auf die eine oder andere Art zum Heere gehrten, ohne
Kombattanten zu sein. Ein fr malerische Eindrcke empfngliches Auge
konnte also wohl seine Freude haben an den stetig wechselnden, farbigen
Bildern der weiten Ebene. War doch schon die landschaftliche Szenerie
interessant. Zwischen den weit verstreuten Drfern und Vororten der
etwa 180000 Einwohner zhlenden Stadt schimmerten in frischem Grn
prchtige Park- und Gartenanlagen, zumeist als Umgebung der Grabsttte
eines Sultans oder eines berhmten mohammedanischen Heiligen. Nach
Sdosten hin erstreckten sich die groen Kantonnements der Kavallerie
und der Artillerie, zu der auch mehrere Elefanten-Batterien gehrten.

Die Stadt selbst war gedrngt voll von Militr und den Familien der
Offiziere. Fast alle Frauen und Kinder der nordwestlich von Lahore
liegenden Garnisonen hatten sich beim Anmarsch der Truppen hierher
geflchtet. Auch Mrs. Baird mit ihren beiden kleinen Tchtern und
Mrs. Irwin befanden sich in der Stadt, wo sie im Charing-Cro-Hotel
Unterkunft gesucht hatten. Obwohl die Stadt in fast bengstigender
Weise berfllt und die Kriegslage keineswegs unbedenklich war, nahm
Heideck doch nirgends eine besondere Aufregung wahr. Die Englnder
bewahrten die ihnen eigentmliche ruhige Haltung, und die Eingeborenen
schwiegen aus Furcht. Auf sie mochte das vllig Unerwartete und
Unfaliche der vernderten Situation wohl auch eine gewisse lhmende
Wirkung ausben.

Als Heideck kurz vor Sonnenuntergang vom Lager nach der Stadt ging,
um die Damen aufzusuchen, kam es ihm, whrend er das bunte Gewhl
auerhalb der Ringmauer durchschritt, immer mehr zum Bewutsein, da
die Stellung der Armee sehr schlecht gewhlt war. Eine viel zu groe
Anzahl von Menschen und Tieren war in dem verhltnismig engen Raum
zusammengedrngt. Wenn etwa russische Schrapnells in diese Menge
fielen, mute ein schrecklicher Wirrwarr entstehen. Die Nhe der
befestigten Stadt mute die Kmpfenden zur Flucht hinter die Mauern
verlocken. Heideck hatte bisher nicht den Eindruck empfangen, da man
auf ausdauernden Mut bei den eingeborenen Soldaten rechnen knnte.

Auf der Strae, die vom Shalimar-Park zur Eisenbahnstation in der
Vorstadt Naulakha fhrte, mute Heideck bestndig den Batterien, den
langen Zgen hochbepackter Kamele und beladener Ochsenwagen ausweichen,
die ihm entgegen kamen, und er brauchte darum beinahe zwei Stunden, bis
er sein Ziel erreichte. Das Charing-Cro-Hotel war bis unter das Dach
hinauf gefllt, und die beiden Damen muten sich mit den Kindern in
einem einzigen Zimmer des dritten Stockwerks behelfen, das man ihnen
fr einen enormen Preis berlassen hatte.

Mrs. Baird, eine Dame von kleiner, zierlicher Gestalt, aber von
energischem Geist und echt englischem Stolz, erschien vollkommen ruhig
und zuversichtlich. Sie sprach mit keinem Wort von ihrer eigenen,
sicherlich hchst unbequemen Lage und von den Entbehrungen, die unter
den obwaltenden Umstnden ihren Kindern auferlegt waren, sondern einzig
von dem nach ihrer Ueberzeugung unmittelbar bevorstehenden Siege
der britischen Armee. Der Marsch von Mooltan nach Lahore war ja ein
Vorrcken, und es unterlag fr sie nicht dem mindesten Zweifel, da der
Uebermut der Russen binnen krzester Zeit furchtbar bestraft werden
wrde.

Es ist schrecklich, zu denken, sagte sie zu Heideck, da eine
Nation, die sich eine christliche nennt, uns in Indien anzugreifen
wagt. Was war dies unglckliche Land, ehe wir uns seiner annahmen!
England hat es von der Tyrannei barbarischer Despoten befreit und ihm
Wohlstand und Glck gegeben! Die indischen Stdte sind aufgeblht,
weil unsere Gesetze die freie Entwicklung von Handel und Verkehr
ermglichten. Es war im hchsten Sinne des Wortes eine Kulturmission,
die unsere Nation hier erfllt hat. Gbe der Himmel den Russen den
Sieg, so wrde dieses jetzt so glckliche Land wieder in die finsterste
Barbarei zurckgeschleudert werden.

Sie schien ein Wort der Zustimmung von Mrs. Irwin zu erwarten; diese
aber sa ernst und schweigend da.

Sie sollten nicht so still sein, liebste Edith, und nicht ein so
schwermtiges Gesicht machen, wandte sich die Gattin des Obersten mit
sanftem Vorwurf an sie. Ich begreife vollkommen, da die traurigen
Ereignisse in Ihrem Privatleben Sie bedrcken. Aber jedes persnliche
Leid sollte jetzt in der allgemeinen Sorge aufgehen. Was ist das
Schicksal des Einzelnen in dieser Gefahr des Vaterlandes? Ich wei, da
Sie eine so gute Patriotin sind, wie nur irgend eine Englnderin, aber
mir scheint, da es notwendig ist, das auch in diesen ernsten Stunden
zu zeigen. Sorge und Niedergeschlagenheit wirken in solchen Zeiten auf
unsere Umgebung wie eine ansteckende Krankheit.

Vielleicht bin ich in Wahrheit gar nicht die gute Patriotin, fr die
Sie mich halten.

Ah! -- Wie soll ich das verstehen?

Ich kann die Kriege nicht von Ihrem Standpunkt ansehen, meine liebe
Mrs. Baird! Es will mir vorkommen, als unterschieden wir Menschen uns
gar nicht so sehr von den Tieren, die aus Hunger oder aus Eifersucht
oder aus allerlei anderen niederen Instinkten miteinander kmpfen!

O, welch ein Vergleich!

Nun, wir verstehen uns ja allerdings besser auf die Kriegfhrung; denn
wir erfinden komplizierte Instrumente, um unsere Mitmenschen haufenweis
zu tten, whrend die Tiere auf ihre natrlichen Waffen beschrnkt
bleiben. Aber wissen wir darum besser als die Tiere, was wir tun? Wenn
die Heere der Ameisen, der Bienen, der Wiesel oder der Fische im Meer
ausziehen, um andere Geschpfe ihrer Art zu vernichten, werden sie
da nicht vielleicht von denselben Instinkten geleitet, die auch uns
beherrschen?

Ich kann Ihnen da nicht folgen, Mrs. Irwin, sagte die kleine Dame
etwas gereizt. Wir Menschen sind doch vernunftbegabte Wesen, die nach
bewuten Zielen streben!

Ist es wirklich so vernnftig, wenn die Bauern und Arbeiter als
Soldaten in den Krieg ziehen? Streben sie da wirklich nach einem klar
bewuten Ziel? Keiner von ihnen hat etwas zu gewinnen. Man zwingt
sie, sich verstmmeln und totschieen zu lassen und ihre Mitmenschen
zu tten. Die Ueberlebenden aber haben es nach erfochtenem Siege um
nichts besser als vorher. Und die Fhrer selbst? Ehren und Orden und
Dotationen sind doch nur Tand im Sinne des Christentums. Seien wir
ehrlich, Mrs. Baird! Hat England etwa des Christentums wegen Indien
erobert? Nein! Wir haben Strme von Blut vergossen, nur um unsern
Handel zu erweitern und das Vermgen einiger Weniger, die noch dazu dem
Kampfe ferngeblieben sind, ins Ungemessene zu steigern.

Es ist traurig, das aus dem Munde einer Englnderin zu hren.

Die Unterhaltung drohte eine bedenkliche Wendung zu nehmen, da die
Gattin des Obersten sich durch Ediths Aeuerungen in ihren Empfindungen
ernstlich verletzt fhlte. Aber Heideck wute sofort dem Gesprch
einen weniger verfnglichen Charakter zu geben. Bald darauf erschien
der Oberst, der ein Zelt drauen im Lager bewohnte und nur selten
Gelegenheit fand, nach seinen Angehrigen zu sehen.

Er bemhte sich, heiter und gelassen zu erscheinen, aber er war doch
ein zu schlechter Schauspieler, um seine wahre Stimmung, die nichts
weniger als frhlich war, zu verbergen.

Ich kann leider nur kurze Zeit bleiben, sagte er, nachdem er die
kleinen Mdchen, an denen er mit groer Zrtlichkeit hing, noch
herzlicher als sonst geliebkost hatte. Ich bin hauptschlich deshalb
gekommen, um dich, liebe Ellen, ber das zu verstndigen, was du im
Falle eines Rckzuges zu tun hast.

Eines Rckzuges? -- Um Gottes willen -- davon kann doch keine Rede
sein!

Der Oberst lchelte etwas gezwungen.

Natrlich rechnen wir mit Sicherheit auf den Sieg. Aber das wre ein
schlechter Feldherr, der nicht auch an die Mglichkeit eines Rckzugs
dchte. Whrend der letzten Stunden sind alle Dispositionen gendert
worden. Wir brechen auf, um die Russen anzugreifen.

So ist es recht! rief Mrs. Baird mit leuchtenden Augen. Eine
britische Armee darf den Feind nicht erwarten, sondern sie mu ihm
entgegen gehen!

Wir werden in der ersten Morgenfrhe aufbrechen, um den Russen den
Uebergang ber den Ravi zu verwehren. Die Pioniere gehen schon in der
Nacht voraus, um die Brcken zu zerstren, -- sofern es nicht bereits
zu spt dazu ist. Um die richtige Front zu bekommen, mu die Armee
beim Aufmarsch eine groe Linksschwenkung machen. Hierbei soll auch
die Front nach rechts verlngert werden. Der linke Flgel bleibt bei
Schah-Dara und der Schiffsbrcke stehen.

Wre es nicht mglich, mit hinauszugehen und der Schlacht zuzusehen?
fragte Mrs. Baird. Aber ihr Gatte schttelte in entschiedener Ablehnung
den Kopf.

Fr euch, liebe Ellen, hlt unser zuverlssiger Smith einen Wagen
mit zwei tchtigen Ochsen hier im Hotel bereit. Es ist fr alle Flle.
Erhaltet ihr, was Gott verhten mge, die Nachricht, da die Armee
sich auf Lahore zurckzieht, so drft ihr keine Minute mehr verlieren,
sondern mt so schnell als mglich, bevor das Gedrnge an den Toren
und in den Straen beginnt, zum Akbaritore hinaus ber die Kanalbrcke
fahren, die zum Sadar-Bazar fhrt und dann nach Amritsar, wo ihr
vielleicht die Eisenbahn nach Goordas benutzen knnt. Alle brigen
Bahnen sind fr andere als militrische Zwecke gesperrt. Dorthin
aber wird der Strom nicht gehen, und dort werdet ihr in irgend einer
Ortschaft des Gebirges vorlufig sichere Zuflucht finden. -- Darf ich
Sie mit einer groen Bitte behelligen, Mr. Heideck?

Ich bin ganz zu Ihrer Verfgung, Herr Oberst!

Bleiben Sie hier im Hotel -- suchen Sie sich ber die Vorgnge auf
dem Laufenden zu erhalten und seien Sie den Damen und Kindern ein
Beschtzer, bis sie sich in Sicherheit befinden. Wenn ich mir erlauben
darf, Ihnen fr die Bestreitung der Kosten diesen Check -- -- --

Lassen Sie das einstweilen, Herr Oberst! wehrte Heideck ab. Ich bin
mit Geld ausreichend versehen, und ich werde spter Rechnung ablegen.
Ich verspreche Ihnen, Ihre Angehrigen und Mrs. Irwin zu schtzen,
so gut ich kann. Aber ich glaube, da es besser sein wird, wenn ich
nicht in der Stadt bleibe, sondern die Truppe begleite. Sollte eine
ungnstige Wendung eintreten, so kehre ich eben eiligst zurck. Die
Aufregung der Damen wrde sich unntig vermehren, und ich selbst wrde
in Verlegenheit wegen unserer Maregeln geraten, wenn wir hier im Hotel
unzuverlssige Nachrichten vom Stand der Dinge erhielten.

Das ist richtig, sagte der Oberst nach kurzem Bedenken. Schon
jetzt schwirren die abenteuerlichsten Gerchte umher. Unter unseren
mohammedanischen Truppen sind Flugbltter verbreitet worden, die sie
unter den tollsten Vorspiegelungen zum Abfall von der englischen
Armee auffordern. Einige Leute, die sich mit der Verteilung solcher
Flugbltter befaten, sind schon kurzerhand erschossen worden. -- Ich
berlasse alles Ihrer Umsicht und Entschlossenheit. Jedenfalls tun Sie
am besten, sich mglichst in der Nhe des Hchstkommandierenden zu
halten. Mein Passierschein wird Ihnen berall den Weg frei machen. Von
meiner Dankbarkeit werde ich spter reden.

Er drckte Heideck krftig die Hand, umarmte noch einmal seine Frau und
seine Kinder, und die beiden Mnner wandten sich zum Gehen. Schwer und
beklemmend lag auf allen die dumpfe Vorahnung, da es ein Abschied fr
immer gewesen sein knne.




[Illustration]




XIII.


Der rote Schein zahlloser Feuer beleuchtete Heidecks Weg, als er in
das Lager zurckkehrte. Ueberall auf der weiten Ebene zwischen der
Stadt und dem Flusse wurde mit fieberhafter Geschftigkeit gearbeitet.
Lange Zge von Lasttieren waren in Bewegung, Lebensmittel und Munition
wurden verteilt. Viele tausend Hnde arbeiteten daran, den Uebergang
der Armee ber den flachen Nebenflu des Ravi zu erleichtern. Man
suchte den sumpfigen Stellen durch Bedeckung mit Palmenzweigen und
Blttern grere Festigkeit zu geben, und fr die Artillerie wurden in
aller Eile Kntteldmme hergestellt. Heideck legte sich unwillkrlich
die Frage vor, warum die Armee nicht gleich an der Stelle versammelt
worden war, an der die Schlacht stattfinden sollte. Der Aufmarsch
durch die schwierigen Gelnde in Verbindung mit der beabsichtigten
Linksschwenkung stellte an die Leistungsfhigkeit der Truppen
Anforderungen, die ohne Zweifel die nachteiligsten Folgen fr das
Gefecht selbst haben muten!

Vor seinem Zelte traf Heideck auf seinen indischen Boy, der sich
ersichtlich in groer Aufregung befand.

Wenn wir morgen frh aufbrechen, lassen wir das Zelt mit allem, was
darin ist, stehen, sagte Heideck. Du wirst meinen Hengst reiten,
whrend ich dein Pferd nehme.

Morar Gopal war ein Hindu aus dem Sden, fast so schwarz wie ein Neger,
ein winziges, behendes Mnnchen, das kaum fnfzig Kilo wog. Deshalb
wollte Heideck ihn auch zunchst sein Pferd reiten lassen, um dessen
Krfte fr die spteren Anstrengungen des Tages mglichst zu schonen.

Jetzt erst gewahrte er, da der Diener sich gegen seine Gewohnheit
bewaffnet hatte. Er war mit einem Sbel umgrtet, und als er ihn nach
dem Grunde fragte, erwiderte der Inder mit einem gewissen Pathos:

Alle Hindus werden morgen sterben, aber ich will mich wenigstens
tapfer verteidigen.

Und wie kommst du auf die Vermutung, da alle Hindus morgen sterben
mssen?

O, Sahib, wir wissen es wohl. Die Mohammedaner hassen die Hindus, und
sie werden uns morgen alle tten.

Das ist ja Unsinn! Mohammedaner und Hindus werden morgen vereint gegen
die Russen kmpfen.

Aber der Inder schttelte den Kopf.

Nein, Sahib, die Russen sind auch Mohammedaner.

Der dir das sagte, hat dich belogen. Die Russen sind Christen, wie die
Englnder.

So groes Vertrauen Morar Gopal sonst auch zu seinem Herrn haben
mochte, diesmal schenkte er seinen Versicherungen offenbar keinen
rechten Glauben.

Wenn sie Christen wren, warum sollten sie dann Krieg gegen andere
Christen fhren?

Heideck sah ein, da es unmglich sein wrde, den dunkelhutigen
Burschen ber die ihm unverstndlichen Dinge aufzuklren. Und da nur
noch wenige Stunden fr die Nachtruhe blieben, schickte er ihn auf
seine Lagersttte.

Der erste Sonnenstrahl zuckte noch kaum ber die weite Ebene hin, als
der Vormarsch begann. Heideck war bereits vor Tagesanbruch im Sattel
gewesen, und er fand noch vor dem Aufbruch die Zeit, einige Worte mit
dem Obersten Baird zu wechseln.

Dieser war heute auf einen sehr wichtigen und verantwortungsvollen
Fhrerposten gestellt. Er kommandierte eine Brigade, die aus zwei
englischen und einem Sepoy-Regiment, den Lancers und einer Batterie
bestand. Dazu befehligte er das vom Maharadjah von Chanidigot
gestellte und von dem Prinzen Tasatat gefhrte Hilfskorps, das aus
tausend Mann Fuvolk, fnfhundert Reitern und einer Batterie bestand.
Der Prinz selbst war auf das prchtigste gekleidet und bewaffnet;
Griff und Scheide seines Sbels funkelten von Edelsteinen, und an
seinem Turban blitzte eine Agraffe aus kostbaren Diamanten. Er ritt
einen prchtigen Fuchs, dessen Zumung allein ein kleines Vermgen
darstellte. -- Auch seine Truppen waren schn gekleidet und trugen
ein sehr zuversichtliches Wesen zur Schau. Die Reiter waren hnlich
den englischen Lancers mit langen Lanzen ausgerstet und trugen rote,
blaugestreifte Turbane. Viele von ihnen waren aber trotz ihrer schweren
Stiefel gentigt gewesen, in die Reihen der Infanterie einzutreten,
da sowohl bei den mohammedanischen Truppen, wie bei der englischen
Kavallerie infolge schlechter Verpflegung und bergroer Anstrengung
zahlreiche Pferde eingegangen waren.

Die Bewegung der britischen Armee war ziemlich verwickelt. Die
englischen Streitkrfte standen noch in zwei Treffen versammelt
zwischen Schah Dara und dem Park von Shalimar. Das erste bildeten
die von englischen Offizieren kommandierten indischen Truppen, das
zweite die englischen Regimenter. So sollte verhindert werden, da
die zirka fnfundsiebzigtausend Inder die Flucht ergreifen knnten;
sollte das erste Treffen aber zum Rckzug gezwungen werden, dann konnte
es durch die fnfundzwanzigtausend Englnder Aufnahme finden und so
die Schlacht wieder zum Stehen gebracht werden. Der Vormarsch wurde
nun so angetreten, da die rechte Hlfte der Aufstellung weit nach
rechts ausholend die Linksschwenkung ausfhrte und dadurch die Front
um etwa ein Drittel verlngerte; zur Fllung der hierdurch im Zentrum
entstehenden Lcke wurde das zweite Treffen in das erste vorgezogen
und bildete nunmehr die Mitte der Schlachtlinie. Gleichzeitig wurde ein
neues zweites Treffen gebildet, das durch Zurcklassen entsprechender
Truppen aller vorgehenden Abteilungen gebildet und hinter dem linken
Flgel der gesamten Aufstellung zusammengezogen wurde: die Englnder
hielten ihren linken Flgel fr den am meisten bedrohten. Oberst Baird
befand sich mit seiner Brigade in der Mitte der ganzen Aufstellung in
vorderster Linie.

Heideck sah viele indische Regimenter an sich vorber ziehen, und es
entging ihm nicht, wie verschieden die Stimmung und Haltung der Leute
war, je nachdem sie zu den Mohammedanern oder zu den Hindus gehrten.
Whrend jene sehr unternehmend und viele sogar frhlich aussahen,
lieen die Hindus zum Zeichen ihrer Verzweiflung die Enden ihrer
Turbane lose herabhngen und marschierten, Kopf und Gesicht mit Asche
bestreut, trbselig dahin. Die Auffassung Morar Gopals von dem allen
Hindus bevorstehenden Schicksale war also offenbar ganz allgemein.

So weit das Auge reichte, war die weite Ebene mit marschierenden
Infanterie-Kolonnen, Reiterscharen und dumpf rasselnden Geschtzen
bedeckt. Whrend das englische Fuvolk in seinen gelbbraunen
Khakianzgen sich kaum von der Farbe des Bodens abhob, glichen die
Reiterregimenter und die Truppen der indischen Frsten buntfarbigen
Inseln in dem bewegten und unabsehbaren Meere des in zwei Treffen
vorrckenden Heeres.

Dem Wunsche des Obersten entsprechend, hielt sich Heideck in der Nhe
des Hchstkommandierenden, dessen zahlreicher Stab und groes Gefolge
von Dienern, Pferden und Wagen ihm gestattete, sich unauffllig in
das Gedrnge zu mischen. Aber nicht lange blieb der General bei dem
Zentrum. Um einen besseren Ueberblick ber die ganze Schwenkung zu
gewinnen und die Annherung der Russen beobachten zu knnen, ritt er
mit seinem Stabe und einer starken Reitereskorte gegen den Raviflu
vor. Heideck schlo sich, von seinem treuen Diener begleitet, ihnen an
und war auf solche Art der Brigade des Obersten Baird bald weit voraus.

Von den Russen war vorlufig nichts zu sehen, und es mochten wohl
schon drei Stunden seit dem Beginn des Vormarsches verflossen sein,
als der dumpfe Donner der ersten Kanonenschsse ber das weite Feld
dahinrollte. Der Feldherr hielt an und richtete seinen Krimstecher
nach dem linken Flgel, wo die Kanonade mit jeder Minute an Heftigkeit
zunahm. Eine weitere halbe Stunde noch, und das helle Knattern des
Infanteriefeuers mischte sich in das Drhnen der schweren Geschtze.
Es war kein Zweifel mehr: am linken Flgel bei Schah Dara hatte die
Schlacht begonnen. Gegen das rechte Raviufer vorgehend, machten
die Russen Miene Lahore anzugreifen. Der Feldherr entsandte zwei
Ordonnanzoffiziere nach dem rechten Flgel und dem Zentrum, mit dem
Befehl, den Marsch zu beschleunigen. Dann kehrte er selbst mit seinem
Gefolge an den frheren Standort zurck.

Heideck aber konnte sich nicht sogleich entschlieen, ihm zu folgen.
Seit dem Augenblick, da der erste Schu gefallen war, hatte ihn das
Schlachtenfieber ergriffen; er war jetzt nur noch Soldat.

Ein Gebude, das er in geringer Entfernung bemerkt hatte und von
dessen schlankem Minaret aus er einen besseren Ueberblick zu gewinnen
hoffte, zog ihn unwiderstehlich an. Es war das halb verfallene
Grabdenkmal irgend eines Heiligen, und es kostete Heideck einige Mhe,
die Spitze des etwa sechs Meter hohen Minarets zu erklimmen, whrend
sein Diener unten mit den Pferden wartete. Aber die Anstrengung
wurde reichlich belohnt. Weithin bersah Heideck das flache Gefilde.
Der vielfach gekrmmte Raviflu war kaum eine halbe englische Meile
entfernt. Seine Ufer waren mit hohem Grase und dichtem Dschungelgebsch
bestanden; jenseits des Stromes aber zeigten sich ungeheure, dicht
zusammengeballte Truppenmassen: die vorrckende russische Armee.

Beide Heere muten sehr bald am Flusse aufeinanderstoen, denn
einzelne Reiterregimenter und reitende Batterien der Englnder, die in
langer Linie vorrckten, befanden sich bereits in dessen unmittelbarer
Nhe.

Heideck hatte genug gesehen, um den Stand der Schlacht beurteilen
zu knnen. Er kletterte wieder von seinem Minaret herab und bestieg
jetzt den noch vllig frischen Hengst, whrend Morar Gopal sich in den
Sattel seines Pferdes schwang. So gelangten sie sehr bald unter die
britischen Reiter, die dem Gros vorausschwrmten. Der Anmarsch geschah
jetzt mit uerster Schnelligkeit. In der raschesten Gangart, die der
weiche Boden nur immer gestattete, fuhren die englischen Batterien auf,
protzten ab und erffneten das Feuer. Geschlossene Infanteriemassen
marschierten auf das Dschungel los. Von der anderen Seite des Flusses
her aber wurde das lebhafte englische Feuer nur schwach erwidert. Nur
aus der Gegend des linken englischen Flgels her, der von hier aus
nicht zu erblicken war, dauerte das Geschtz- und Salvenfeuer mit
unverminderter Heftigkeit fort.

Die Folge davon war, da betrchtliche Verstrkungen nach dem
anscheinend hart bedrngten linken Flgel entsandt wurden, wodurch
eine erhebliche Schwchung des Zentrums herbeigefhrt wurde, ohne
da wirkliche Klarheit ber die Absichten der Russen vorhanden war.
Gerade das aber mochte nach Heidecks Ueberzeugung die russische Taktik
gewesen sein. Er war der Ansicht, da sie den groen Schlachtenlrm bei
Schah Dara wahrscheinlich nur verursachten, um die Aufmerksamkeit der
Englnder dorthin abzulenken und dann den Hauptsto in das Zentrum zu
fhren. Heidecks Urteil war richtig: die russische Hauptmacht stand dem
Oberst Baird gegenber.

Ein anderer Umstand, der sein Befremden erregte, war die Wahrnehmung,
da sowohl die englischen als auch die indischen Infanterieregimenter
vor dem Dschungel Halt machten, statt bis zum Raviflu durchzustoen.
Es wurden nicht einmal Schtzen hineingeschickt, obwohl das Buschwerk
keineswegs so dicht war, da sich nicht eine Schtzenkette darin htte
einnisten knnen. Die stachlichen Strucher am Ufer standen vielmehr
weit genug von einander entfernt, und das hohe Gras, das den Leuten
wohl bis an die Schultern ging, htte sogar ein vortreffliches Versteck
geboten.

Nach und nach hatte die englische Armee die Linksschwenkung ausgefhrt
und stand der russischen Front nun gegenber, und fortwhrend wurden
neue Regimenter aus dem zweiten Treffen in den vermeintlich gefhrdeten
linken Flgel vorgezogen. Unablssig donnerten die englischen
Geschtze, aber ihre Aufstellung lie manches zu wnschen brig,
viele von ihnen schossen, ohne durch das Dschungel hindurch den Feind
berhaupt sehen zu knnen, und vergeudeten so nutzlos und vorzeitig
ihre Munition.

Hell schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Ein leichter
Nordwest, den das ferne Gebirge herabsandte, trieb den schwachen
Pulverdampf in dnnen Wolken zur englischen Armee zurck.

Die Infanterie stand jetzt bewegungslos, da der Feind fr sie
vllig unsichtbar war. Erwartungsvolle Schwle lag ber den
gewaltigen Kriegermassen, die die Gefahr fhlten und doch zu
qualvoller Unttigkeit verurteilt waren. -- Da mit einem Male erhob
sich vom Flusse her wildes Geschrei, und gleich einem ungeheuren
Heuschreckenschwarm durchbrachen Scharen von Reitern die Dschungeln,
die vorher sogar die englische Infanterie hatten aufhalten knnen.
Tausende der wilden Afghanen und der Krieger aus Buchara, Samarkand,
Chiva und Semiretschensk, die zu den turkestanischen Divisionen
vereinigt waren, hatten den Uebergang ber den Flu bewerkstelligt und
strzten sich nun unter dem gellenden Geschrei: >Allah! Allah!< auf die
englischen Bataillone und Batterien. Im Schieen vom Pferde vorzglich
gebt, waren sie ein schrecklicher Gegner.

Obwohl die Englnder den unvermuteten Angriff mit knatterndem
Salvenfeuer erwiderten und nicht um eines Haares Breite aus ihrer
Position wichen, erlitten die russischen Reihen infolge ihrer
aufgelsten Ordnung nur wenig Verluste. Immer neue Schwrme brachen aus
dem Dschungel hervor, und wie ein Heer von Teufeln ritten sie gegen die
Batterien an. Einige von diesen wurden wirklich zum Schweigen gebracht:
die Bedienungsmannschaften waren niedergeschlagen worden, ehe sie die
Geschtze gegen ihre Angreifer hatten wenden knnen, so rasend schnell
und berraschend waren die khnen Reiter vorgestrmt.

Zu spt kam die in glnzender Attacke vorgehende englische Kavallerie
heran, die Wucht des Stoes verpuffte, da die feindlichen Reiter
schon wieder nach allen Seiten auseinandergestoben waren. Diese Leute
hatten ihre kleinen, flinken Pferde auf eine geradezu wunderbare Weise
in der Gewalt. Sie schienen vllig mit ihnen verwachsen, und die
Schnelligkeit, mit der sie ihre Schwrme auflsten um sich sogleich
wieder an anderer Stelle zu dichten Haufen zusammenzuschlieen, machte
sie fr die kompakten Schwadronen des Gegners fast unangreifbar.

Einmal war auch Heideck mit einem Teil des Stabes, dem er sich
angeschlossen hatte, in das Kampfgedrnge geraten. Er hatte
einen Afghanen, der ihn angriff, vom Pferde schieen mssen, und
wahrscheinlich htte ihn im nchsten Augenblick der Sbelhieb
eines andern getroffen, wenn nicht der treue Morar Gopal, der eine
erstaunliche Tapferkeit an den Tag legte, den Reiter rechtzeitig
mit einem Sto seines Sbels unschdlich gemacht htte. Noch wogte
das Kavalleriegefecht hin und her, als pltzlich eine groe Anzahl
heller Punkte in dem Grase vor dem Dschungel auftauchte. Scharf und
hell knallte es von dort herber, und die verderbliche Wirkung der
Schsse bewies, wie trefflich die russischen Schtzen, die sich
dort langsam gegen die britische Armee zu vorschoben, ihre Gewehre
zu handhaben wuten. Die englische Infanterie gab unermdlich ihre
Salven ab, aber ein nennenswerter Effekt dieser Munitionsverschwendung
war nicht wahrzunehmen. Die Zielpunkte waren zu winzig und zu weit
verstreut, als da das auf Kommando mechanisch abgegebene Salvenfeuer
die gewnschte Wirkung htte ausben knnen. Auerdem hatten die
Russen an dem farbigen Hintergrund des Dschungels eine vortreffliche
Deckung, whrend die Englnder sich wie eine aufgestellte Scheibe
gegen den hellen Horizont abhoben. Planmig nahmen die Russen zuerst
die Bedienungsmannschaften der englischen Batterien unter Feuer. Die
englische Artillerie wurde durch die wohlgezielten Schsse der Russen
auf eine frchterliche Weise dezimiert, so da schon nach Verlauf
von kaum zehn Minuten der Befehl erteilt wurde, mit den Kanonen
zurckzugehen. Soweit es mglich war, protzten die Englnder auf und
jagten zurck, um zwischen den Infanterie-Bataillonen Aufstellung zu
nehmen und von dort aus das Feuer wieder zu erffnen. So rchte sich
das reglementswidrige Vorgehen der englischen Artillerie, das eine
Folge des bereilten Vordringens war, aufs schwerste.

Eine viel strkere und verhngnisvollere Wirkung jedoch als der
Angriff selbst schien das unaufhrliche Allahgeschrei der Afghanen
und turkestanischen Reiter auf die in den britischen Linien stehenden
Mohammedaner hervorzubringen. Heideck sah ganz deutlich, da die
indischen Soldaten hier und dort wie auf Kommando aufhrten zu feuern,
und er gewahrte, wie erregte englische Offiziere mit dem flachen Sbel
auf die Leute losschlugen und sie mit dem Revolver bedrohten. Offenbar
aber hatten die Anfhrer ihren Einflu auf die ihnen unterstellten
fremden Elemente verloren. Ganz in der Nhe des Hchstkommandierenden
wurde ein englischer Kapitn von einem indischen Soldaten mit dem
Bajonett niedergestochen, und es war kaum zu bezweifeln, da hnliche
Handlungen offener Rebellion sich auch bei den brigen indischen
Truppen wiederholten.

Die Leute, die nur mit dem heftigsten inneren Widerwillen dem Befehl
der fremden Tyrannen gehorcht hatten, glaubten augenscheinlich schon
jetzt den rechten Zeitpunkt gekommen, das verhate Joch abzuschtteln,
und zugleich loderte die alte Feindschaft zwischen Mohammedanern
und Hindus, der Gegensatz der beiden Religionen, der sich auch in
friedlichen Zeiten sehr oft in blutigen Schlgereien kundgegeben
hatte, in hellen Flammen auf. Inmitten des britischen Heeres kam es zu
erbitterten Einzelkmpfen zwischen den unvershnlichen Gegnern. Und
es war unvermeidlich, da dadurch die ganze Disziplin verhngnisvoll
erschttert und aufgelst wurde.

Das Schlachtfeld machte einen entsetzlichen Eindruck. Vor der Front
lagen zahllose Verwundete, die um Hilfe schrieen und denen doch keine
Pflege gebracht werden konnte, da das Zurckgehen der englischen
Artillerie ohne Rcksicht auf die Zurckbleibenden hatte vor sich
gehen mssen: verwundete Pferde, die wild um sich schlugen, um aus
den Geschirren zu kommen, erhhten noch den grausigen Eindruck der
schrecklichen Szenerie; dazwischen sprengten vereinzelte Abteilungen
der englischen Kavallerie, auf die die eigene Infanterie aus Furcht vor
dem Vorgehen der russischen Schtzen rcksichtslos scho. Wenn auch im
Kriege die Schlachtfronten an sich ein so grauenvolles Bild bieten,
da nur die Erregung des Augenblickes dem Menschen das Ertragen dieses
Eindrucks ermglicht, so berstieg das sich hier durch den Vorkampf
abspielende Bild doch alle Vorstellungen. Die Disziplinlosigkeit in den
englischen Linien nahm immer mehr zu, so da die englischen Offiziere
ihre ganze Aufmerksamkeit auf die eigene Truppe, statt auf die
Bewegungen des Gegners richten muten. Wie ntig das war, zeigte sich
sehr bald.

Prinz Tasatat war der erste, der mit seiner ganzen Mannschaft die
Brigade des Obersten Baird verlie und offen zum Feind berging. Sein
Beispiel wirkte entscheidend auf die bisher noch zaudernden Inder ein,
und so wuchs die Zahl der Ueberlufer mit jeder Minute.

Eine einheitliche Leitung der Schlachtlinie war lngst unmglich
geworden. Oberst Baird lie seine Geschtze auf die Abteilung
des Prinzen Tasatat richten, und gleich ihm fhrten viele andere
Befehlshaber nach eigenem Ermessen ihren besonderen Kampf. Einzelne
indische Regimenter zerstreuten sich nach allen Richtungen hin, weil
es den Leuten weniger um einen Kampf zu tun war, als darum, Beute
bei den Gefangenen und Verwundeten zu machen. An vielen Stellen
des Schlachtfeldes kam es zum Handgemenge, das bei der fanatischen
Erbitterung der Kmpfenden jedesmal zu einem grauenhaften Gemetzel
wurde. Am schlimmsten ging es denen, die in die Hnde der Afghanen
fielen. Denn diese Teufel in Menschengestalt schnitten allen Gefangenen
und Verwundeten, gleichviel, ob es Mohammedaner, Hindus oder Englnder
waren, kurzerhand die Kpfe ab, und in ihrer Raubgier rissen sie den
Verwundeten und Toten die Wertgegenstnde vom Krper.

Ein ungeheurer Strom von Flchtlingen zog an den noch in geschlossener
Aufstellung verharrenden englischen Regimentern vorbei durch die Ebene
nach Lahore, um hinter den Mauern der befestigten Stadt Schutz zu
suchen.

Heideck hielt die britische Sache schon jetzt fr verloren, und er
war darauf gefat, zusammen mit den tapferen Mnnern seiner Umgebung
hier den Schlachtentod zu sterben. Aber mit einem Gefhl aufrichtiger
Bewunderung mute er erkennen, wieviel Tapferkeit und musterhafte
Disziplin den rein englischen Truppen innewohnte. Diejenigen Regimenter
und Batterien, denen keine einheimischen Elemente beigemischt waren,
blieben in all dem frchterlichen Wirrwarr ruhig und unerschttert, und
dank ihrer Tapferkeit begann die anfangs so regellose Schlacht sich
allgemach zu klren, wie wenn die starren Spitzen eines Gebirges aus
dem sich senkenden Nebel hervortreten.

Statt der halbwilden Reiterei, die den Angriff erffnet hatte, standen
den englischen Truppen jetzt russische Batterien und gewaltige
Infanteriemassen mit dichten Schtzenschwrmen, sowie mehrere
Dragonerregimenter gegenber.

In dem allerdings sehr zusammengeschmolzenen zweiten Treffen der
Englnder befand sich der Oberbefehlshaber mit etwa sechstausend Mann
und zwei Batterien. Er hatte offenbar die Absicht, einen geordneten
Rckzug nach Lahore anzutreten und denselben mit seinen Kerntruppen zu
decken.

Es gelang ihm auch noch, vom rechten und linken Flgel zwei Abteilungen
durch ausgesandte Ordonnanzoffiziere heranzuziehen. Das erste Treffen
aber war so stark im Gefecht mit russischer Infanterie, da ein
geordneter Rckzug fast undenkbar war.

Trotzdem wollte der Feldherr den Versuch machen, auch das erste Treffen
seiner Armee zurckzuziehen. Er entsandte einen seiner Adjutanten,
um dem Obersten Baird, der noch etwa zweitausend Mann um sich haben
mochte, den Befehl zum Abbrechen des Gefechts und zum Rckzug zu
berbringen. Der junge Offizier salutierte mit tiefernstem Gesicht,
zog seinen Sbel und sprengte davon. Aber er legte nur einen kleinen
Teil seines etwa eineinhalb Kilometer langen todumdrohten Weges zurck.
Umherschwrmende Kosaken auf kleinen, struppigen aber blitzschnellen
Pferden griffen ihn an und warfen das Opfer soldatischer Pflicht aus
dem Sattel.

Der General schien unschlssig, ob er noch ein anderes junges Leben an
die aussichtslose Aufgabe setzen solle. Da ritt Heideck auf ihn zu und
legte die Hand an seinen Helm.

Wollen Exzellenz mich reiten lassen! Ich bin mit dem Obersten Baird
befreundet und wrde gern die Gelegenheit wahrnehmen, ihm meinen Dank
fr erwiesene Gte abzustatten!

Der Feldherr musterte den ihm unbekannten Herrn, der wie ein Offizier
aussah aber keine vorschriftsmige Uniform trug, mit scharfem Blick.
Doch er lie sich nicht Zeit, Fragen zu stellen.

Reiten Sie! sagte er kurz. Der Oberst soll nicht lnger Stand
halten; er soll rechts ausbiegend auf Lahore zurckgehen -- wenn er
irgend kann.

Heideck salutierte und warf seinen Hengst herum. Er hatte den Revolver
in den Grtel und den Sbel in die Scheide gesteckt. Denn nicht durch
den Gebrauch der Waffen, sondern einzig durch die Schnelligkeit seines
Pferdes durfte er hoffen, hier zum Ziel zu gelangen. Er lie dem Tiere
die Zgel und ermunterte es durch Zuruf. Und der Hengst machte die
auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht zu schanden. Er schien ber den
zerstampften Boden mehr dahinzufliegen als zu laufen. Die Kosaken, die
auch diesen einzelnen Reiter zu erwischen versuchten, vermochten ihn
nicht zu erreichen. Und von den Schssen, die dem Verwegenen galten,
traf keiner sein Ziel.

Unversehrt erreichte der freiwillige Meldereiter die Brigade. Aber er
kam zu spt; denn fast im nmlichen Moment erfolgte der Zusammensto
mit der trotz ihrer Verluste unaufhaltsam vorrckenden russischen
Infanterie. Um sein und seiner wackern Krieger Leben so teuer als
mglich zu verkaufen, hatte Oberst Baird ein Karree formieren lassen,
in dessen Mitte sich die Reiter und die Geschtze befanden. Viele der
Offiziere waren indessen aus dem Sattel gestiegen, hatten sich mit
den Gewehren und Patrontaschen von Gefallenen versehen und waren mit
aufgepflanztem Bajonett in das erste Glied des Vierecks getreten.
Schweratmend und schweibedeckt hielt Heideck vor dem Obersten und
erstattete ihm seine Meldung.

Aber der tapfere Englnder wies mit einer Handbewegung auf die
russischen Linien.

Unmglich! sagte er. Es ist uns bestimmt, auf diesem Fleck zu
sterben.

Damit stieg auch er ab und nahm ein Gewehr. Aus tausend britischen
Kehlen ertnte ein helles: >Hurrah!< denn die Russen hatten das Karree
erreicht und man begann Mann gegen Mann zu kmpfen.

Unverwischlich prgten sich dem jungen Deutschen die furchtbaren
Schrecknisse dieses Handgemenges ein, bei dem die Englnder mit dem
Mute der Verzweiflung gegen den vielfach berlegenen Feind rangen. Auch
er hatte den Sbel gezogen, doch seine politischen Sympathieen waren
trotz aller persnlichen Beziehungen nicht bei der Sache der Englnder.

Da pltzlich hrte er einen heiseren Aufschrei der Wut dicht an
seiner Seite, und als er sich umwandte, sah er zu seiner grenzenlosen
Ueberraschung in das von Ha und Ingrimm schrecklich verzerrte Gesicht
des Kapitns Irwin. Er hatte ihn bei dem Depot in Chanidigot vermutet,
aber Irwin mute wohl eine Mglichkeit gefunden haben, sich diesem
Kommando, das unter den obwaltenden Umstnden ja einer beschmenden
Zurcksetzung gleichgekommen war, zu entziehen und sich der ins
Feld rckenden Truppe anzuschlieen. Auch er kmpfte hier in diesem
Todesringen mit dem Gewehr in der Hand, wie ein gemeiner Soldat. Und
das rote Blut, das die Spitze seines Bajonetts frbte, gab beredtes
Zeugnis fr seine Tapferkeit. In diesem Moment aber war es keiner der
russischen Angreifer, dem sein zornfunkelnder Blick galt, sondern der
Mann, den er als seinen Todfeind hate, seitdem durch sein mutvolles
Eingreifen der schurkische Anschlag gegen Edith vereitelt worden war.
Hier war der Ort und der Augenblick, dem heien Racheverlangen, das ihn
verzehrte, Genge zu tun. Was bedeutete inmitten dieses groen Sterbens
das Sterben eines Einzelnen!

Noch ehe Heideck die Absicht des Unseligen erraten konnte, drang
Irwin mit geflltem Bajonett auf ihn ein. Einzig ein Aufbumen des
erschreckten Hengstes rettete dem Hauptmann das Leben; denn der
Bajonettsto, der seiner Brust zugedacht war, streifte den Hals des
Tieres. In demselben Augenblick traf der furchtbare Sbelhieb eines
Russen den durch keinen Helm mehr geschtzten Hinterkopf Irwins mit
solcher Wucht, da er mit einem dumpfen Aufschrei vornber auf das
Gesicht fiel.

Was tun Sie noch hier? klang die merkwrdig vernderte heisere Stimme
des Obersten pltzlich an Heidecks Ohr. Reiten Sie -- um des Himmels
willen! Reiten Sie schnell! Wenn Sie sie wiedersehen, so bringen Sie
meinem Weibe und meinen armen Kindern meine letzten Gre! Stehen Sie
ihnen bei!

Aus einer tiefen Stirnwunde rann ihm das Blut ber das Gesicht, und
Heideck sah, da er sich nur noch mit gewaltiger Willensanstrengung
aufrecht erhielt. Er wollte etwas erwidern, aber schon hatte der
Oberst sich wieder in einen Knuel von Kmpfenden gestrzt, und wenige
Sekunden spter war er unter den Kolbensten und Sbelhieben der
Russen zusammengebrochen.

Da warf Hermann Heideck sein Pferd herum und sprengte davon.




[Illustration]




XIV.


Von tausendfltigem Tode umdroht, wie sein Ritt zu der Brigade des
Obersten Baird, war auch Heidecks Rckweg. Wenngleich er allen
geschlossenen Truppenkrpern auf seinem Wege ber das blutgetrnkte
Schlachtfeld erfolgreich und glcklich auswich, so kamen vereinzelt
russische Reiter doch in seine Nhe, und mehr als einmal hrte er den
feinen, pfeifenden Ton der dicht an seinem Haupte vorbeisausenden
Gewehrkugeln. Aber in dem Schlachtenfieber, das ihn ergriffen hatte,
dachte er kaum einen Augenblick an die Gefahr, denn alle seine Gedanken
beschftigten sich einzig mit der Lsung der Frage, wie er nach Lahore
gelangen sollte, um die letzte Bitte des Obersten zu erfllen.

Aus mehreren Wunden blutend, setzte sein wackerer Hengst die letzten
Krfte ein, um seinen Reiter glcklich aus dem Schlachtgetmmel zu
bringen. Eine bedeutende Strecke noch vermochte das verwundete Tier im
langen Galopp zurckzulegen. Dann jedoch fing es pltzlich an, seinen
Gang zu verlangsamen und zu straucheln, so da Heideck merken mute,
es ging mit seinen Krften zu Ende. Er schwang sich aus dem Sattel,
um die Verletzung des Hengstes zu untersuchen, und erkannte, da er
dem Pferde weitere Anstrengungen nicht mehr zumuten drfe. Es hatte
auer dem Bajonettstich am Halse auch noch ein Kugelloch im linken
Hinterschenkel, und namentlich aus dieser Wunde ergo sich das Blut.
Aengstlich schnaubend rieb das arme Tier den Kopf an der Schulter
seines Herrn, und Heideck kraute ihm liebkosend die Stirn.

>Armer Bursche -- du hast deine Schuldigkeit getan. Ich mu dich hier
zurcklassen.< Erst jetzt berkam ihn die bange Befrchtung, da auch
er von diesem Schlachtfelde nicht lebend entkommen werde.

Da sah er einen Reiter in indischer Kleidung mit hochgeschwungenem
Sbel auf sich zukommen. Heideck ri seinen Revolver aus dem Grtel,
um sich gegen den Angreifer zu verteidigen. Pltzlich aber erkannte
er in dem vermeintlichen Gegner seinen getreuen Boy, Morar Gopal, der
vor Freude strahlte, seinen totgeglaubten Herrn durch einen Zufall
wieder gefunden zu haben. Er wollte Heideck ohne weiteres sein Pferd
berlassen und sich zu Fu weiterzuhelfen suchen. Aber der deutsche
Offizier nahm das uneigenntzige Opfer seines Dieners nicht an. Und
er wurde der Notwendigkeit, sich abermals von seinem treuen Diener zu
trennen, dadurch berhoben, da eben jetzt ein reiterloses englisches
Offizierpferd in Sicht kam. Das Tier, ein schner Brauner, war
unverletzt und lie sich ohne sonderliche Mhe einfangen. Nun konnten
sie ihre Flucht gemeinsam fortsetzen, und Heideck fate den Entschlu,
sich dem linken englischen Flgel zuzuwenden, weil, wie es ihm schien,
dort noch mit weniger Unglck gekmpft wurde, als bei den brigen
Teilen der schon vllig zersprengten britischen Armee. Der krzeste
Weg, um nach Lahore zu gelangen, war dies freilich nicht. Aber es wre
ein tollkhnes Unternehmen gewesen, sich in das wilde Getmmel von
Fliehenden und Verfolgern zu mischen, das sich jetzt nach Lahore ergo.

Die an beiden Ufern des Ravi liegenden, langgestreckten Plantagen von
Schah Dara und die sie verbindende Schiffsbrcke waren in der Tat
noch von englischen Truppen besetzt, die ihre Stellung bisher ohne
allzuschwere Verluste behauptet hatten. Allerdings hatten sie sich den
Russen gegenber in der Mehrzahl befunden. Denn der Angriff auf Schah
Dara, mit dem die Schlacht begonnen hatte, war in der Hauptsache ja nur
ein Scheinmanver gewesen, dazu bestimmt, das Zentrum der englischen
Armee, gegen das der Hauptsto gefhrt werden sollte, zur Entsendung
von Verstrkungen zu veranlassen und dadurch in verhngnisvoller Weise
zu schwchen. Heideck hatte mit eigenen Augen gesehen, wie vollstndig
dieser Plan geglckt war. Nun freilich, da durch den erfochtenen Sieg
ihre Streitkrfte an anderen Stellen entbehrlich wurden, fingen die
Russen an, auch hier mit greren Massen anzugreifen. Aus der Reserve
rckten russische Bataillone im Sturmschritt heran, und neue Batterien
erschienen, um das Feuer auf Schah Dara und das sdlich davon gelegene
Grabmal Schah Jehangirs zu erffnen.

Und die Englnder waren verstndig genug, es nicht auf einen
hoffnungslosen Verzweiflungskampf ankommen zu lassen, sondern sie
begannen ihren Rckzug, so lange er sich noch in leidlicher Ordnung
vollziehen konnte.

Als Heideck das sdliche Ende der Pflanzungen erreichte, kam eben ein
Regiment bengalischer Reiter ber die Schiffsbrcke, und Heideck schlo
sich ihm an. Eine russische Granate, die mitten in den Trupp einschlug,
ohne indessen trotz ihrer zahlreichen Opfer die Marschdisziplin zu
zerstren, war ein recht deutlicher Beweis, da die Situation auch hier
in der Tat unhaltbar war.

Mit verhltnismig geringen Verlusten und ohne noch einmal in einen
Kampf verwickelt worden zu sein, gelangte das Regiment bis unter die
Zitadelle, die im Norden von Lahore innerhalb der Umfassungsmauer liegt.

Mit Entsetzen aber muten die unglcklichen Lanzenreiter wahrnehmen,
da ihnen auch von dort her mrderische Kugeln entgegengesandt wurden.
Sie galten freilich nicht ihnen, sondern den verrterischen indischen
Truppen und den irregulren russischen Reitern, die sich in wildem
Getmmel gegen die Mauern wlzten. Aber ihre Wirkung war darum nicht
minder verderblich. Die zurckgebliebene englische Besatzung hatte
alle Tore der Stadt geschlossen und schien gesonnen, niemand mehr
einzulassen, weder Freund noch Feind. Trotzdem lie der Fhrer des
bengalischen Regiments seine Leute dicht aufschlieen und bahnte
sich mit unwiderstehlichem Druck einen Weg durch den Wirrwarr der
unmittelbar unter den Mauern in grauenhaftem Handgemenge Kmpfenden. Er
hatte seine Richtung auf eines der Tore zu genommen. Und drinnen kam
man glcklicherweise seiner Absicht entgegen: in der Zuversicht, da
die wuchtigen Hiebe und Ste der Reiter den Feind verhindern wrden,
gleichzeitig mit ihnen einzudringen, ffnete man im entscheidenden
Augenblick das Tor, und inmitten des Regiments gelangte auch Heideck
mit seinem treuen Gefhrten glcklich in die Stadt.

Die Lancers rckten in die Zitadelle ein, und Heideck wandte sich mit
Morar Gopal, der ihm wie sein Schatten folgte, dem Charing-Cro-Hotel
zu.

Aber es war nicht leicht, dahin zu gelangen. Denn die Straen
waren mit einer schier undurchdringlichen Menge laut schreiender
und gestikulierender Eingebornen gefllt, die sich ersichtlich in
grter Aufregung befanden. Die Nachrichten von der fr die Englnder
verlorenen Schlacht hatten lngst ihren Weg in die Stadt gefunden,
und die lang gehegte Befrchtung, da eine solche Nachricht eine
verhngnisvoll aufreizende Wirkung auf die indische Bevlkerung ben
wrde, zeigte sich berraschend schnell als berechtigt. In all' den
braunen Gesichtern, die er da auf sich gerichtet sah, glaubte Heideck
deutlich eine haerfllte Drohung zu lesen. Man hielt ihn natrlich
fr einen Englnder, und nur seine entschlossene Miene und der blanke
Sbel in seiner Faust mochten die Leute abhalten, ihrem Groll gegen
den Angehrigen der verhaten Unterdrcker-Rasse durch Ttlichkeiten
Ausdruck zu geben.

Das Tor des Hotels war verschlossen, vielleicht, weil man einen Angriff
von Seiten der Eingebornen frchtete. Aber als ein weier Mann, den
man obendrein fr einen englischen Offizier hielt, Einla begehrte,
wurde es aufgetan. Heideck fand einen groen Teil der in dem Hotel
untergebrachten Offiziersdamen und Kinder im Vestibl und dem daran
anstoenden Speisesaal versammelt. Die Ahnung eines schrecklichen
Unglcks und die durch den Straenlrm bestndig gesteigerte Angst
vor den kommenden Ereignissen hatten die Bedauernswerten nicht lnger
in ihrem Zimmer geduldet. Mrs. Baird und Edith Irwin aber befanden
sich nicht unter denen, die Heideck umdrngten, und die in hundert
durcheinanderschwirrenden Fragen von dem staubbedeckten Manne, der
sicherlich vom Schlachtfelde herkam, Auskunft ber den Stand der Dinge
zu erhalten hofften.

Heideck sagte nichts weiter, als da die Armee sich tapfer kmpfend
zurckzge. Es wre eine nutzlose Grausamkeit gewesen, den Schrecken
und die Verzweiflung dieser Unglcklichen durch eine Mitteilung der
ganzen Wahrheit ins Ungemessene zu steigern. Fast gewaltsam mute er
sich aus dem dichten Knuel befreien, um sich in das Zimmer der Mrs.
Baird hinaufbegeben zu knnen. Es war die erste freudige Empfindung
whrend dieses verhngnisvollen Tages, die seine Seele durchzitterte,
als er in dem freundlichen Zuruf, der sein Klopfen beantwortete,
Edith Irwins Stimme erkannte. Die Befrchtung, da ihr whrend seiner
Abwesenheit etwas zugestoen sein knnte, hatte ihn whrend der letzten
Stunden unablssig gepeinigt, und er verga fr einen Augenblick all
das Grauen, das sie umgab, ber dem Entzcken, in das ihn bei seinem
Eintritt der Anblick ihrer unvergleichlichen Schnheit versetzte.

Sie hatte sich aus dem Sessel inmitten des Zimmers erhoben, mit
tiefernstem, aber vollkommen ruhigem Gesicht und klarblickenden
Augen, die bereit schienen, auch der furchtbarsten Gefahr fest
entgegenzusehen. Mrs. Baird lag mit ihren beiden kleinen Mdchen in
einer Ecke auf den Knieen. So ganz war sie in ihre inbrnstige Andacht
versunken, da sie den Eintritt Heidecks vllig berhrt hatte. Erst
als Edith sagte: Da ist Mr. Heideck, liebe Freundin! Ich wute wohl,
da er kommen wrde -- sprang sie in groer Erregung auf.

Dem Himmel sei Dank! Sie kommen von meinem Gatten? Wie haben Sie ihn
verlassen? Ist er noch am Leben?

Ich verlie den Obersten, als er sich inmitten seiner tapferen Leute
gegen den Feind verteidigte. Er trug mir auf, Ihnen seine Gre zu
bringen.

Er hatte sich bemht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Aber
der scharfe weibliche Instinkt der bedauernswerten Frau erriet, was
sich hinter seinen trstlich klingenden Worten verbarg.

Warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit? Mein Mann ist tot!

Er war verwundet, aber Sie brauchen die Hoffnung nicht aufzugeben, ihn
lebend wiederzusehen.

Wenn er verwundet ist, will ich zu ihm. Sie werden mich fhren, Mr.
Heideck! Es mu doch eine Mglichkeit geben, zu ihm zu gelangen.

Ich bitte Sie dringend, sich zu beruhigen, verehrte Mrs. Baird! Es
ist gewi begreiflich, da Ihr Herz Sie jetzt zu Ihrem Gatten zieht.
Aber die Ausfhrung Ihrer Absicht ist ganz unmglich. Die Nacht bricht
herein, und wenn es auch heller Tag wre, wrde niemand durch das
Getmmel der zurckgehenden Armee dahin gelangen knnen, wo wir den
Obersten suchen mten.

Die Schlacht ist also verloren? Unser Heer ist auf der Flucht?

Der Verrat der indischen Truppen trgt die Schuld daran. Ihre
Landsleute, Mrs. Baird, haben gekmpft wie Helden, und da eine
verlorene Schlacht noch nicht einen verlorenen Feldzug bedeutet, werden
sie die Scharte von heute vielleicht bald ausgewetzt haben.

Was aber soll nun aus uns werden? Man wird doch die Verwundeten
hierher bringen, nicht wahr? Darum werde ich unter keinen Umstnden
fortgehen, ehe ich meinen Gatten wiedersehe.

Ihr Entschlu, in der aufgeregten Stadt auszuharren, wre sicherlich
durch keine Kunst der Ueberredung zu erschttern gewesen. Aber
Heideck dachte auch gar nicht daran, Mrs. Baird von diesem Entschlu
abzubringen. Denn es war seine feste Ueberzeugung, da die von dem
Obersten fr den Fall einer Niederlage empfohlene Flucht nach Amritsar
in der gegenwrtigen Lage ganz unausfhrbar war. In der Tat gab es kaum
eine andere Mglichkeit, als hier im Hotel auszuharren und geduldig den
weiteren Verlauf der Ereignisse abzuwarten.

In die aufgeregte Volksmenge drauen auf den Straen durften sich weie
Frauen und Kinder jetzt unmglich hinauswagen. Im Hause aber glaubte
sie Heideck einstweilen noch vollkommen sicher, denn er hielt es fr
unmglich, da der Fanatismus der Eingebornen sich bis zu einem Angriff
auf das Hotel steigern knnte, whrend sich noch betrchtliche Mengen
englischen Militrs in der Stadt befanden.

Nur zu bald aber sollte er erfahren, da auch er den Ernst der
Situation unterschtzt hatte. Ein roter, zuckender Flammenschein, der
das eben noch von der sinkenden Dmmerung erfllte Gemach pltzlich
erhellte, lie ihn bestrzt an das Fenster eilen, und er sah zu seinem
Schrecken, da eines der Huser auf der gegenberliegenden Seite der
Strae in Brand geraten war. Auch in dem anstoenden Gebude zngelten
die Flammen bereits an den hlzernen Sulen der Veranda empor. Es war
kein Zweifel, da das Hotel in kurzer Zeit von Flammen umringt sein
wrde.

Unter diesen Umstnden war an ein Verweilen im Hotel nicht mehr zu
denken. Dem Feuer zwar konnten seine massiven Mauern vielleicht eine
Zeitlang Widerstand bieten, aber der beiende Qualm, der Heideck schon
jetzt den Atem benahm, als er fr einen Moment das Fenster ffnete,
htte menschlichen Wesen den Aufenthalt in dieser Glut bald unmglich
gemacht. Nun wurde auch mit heftigen Schlgen an die Tr des Zimmers
geklopft, und Morar Gopal, der Heideck berall im Hotel gesucht hatte,
beschwor seinen Herrn, auf der Stelle zu entfliehen.

Der deutsche Offizier war sich vollkommen klar darber, da es jetzt
galt, die eine Gefahr mit einer andern, vielleicht noch greren, zu
vertauschen. Aber es gab trotzdem kein Zaudern und Ueberlegen.

Wir befinden uns inmitten einer Feuersbrunst, Mrs. Baird, sagte er
dringend. Niemand wird in dieser allgemeinen Aufregung einen Versuch
machen, dem rasenden Element Einhalt zu gebieten. Und wenn Sie nicht
hier mit Ihren Kindern ersticken wollen, mssen Sie mir folgen.
Ich hoffe, Sie unversehrt in die Zitadelle oder an einen anderen
geschtzten Ort zu bringen.

Edith Irwin hatte bereits eines der kleinen Mdchen in ihren Arm
genommen, und als die Gattin des Obersten mit wirren Blicken suchend
umhersah, als htte sie den Wunsch, noch irgend welche teuren
Besitztmer zu retten, drngte sie sie nachdrcklich zur Eile.

Es gibt jetzt nichts wertvolleres, als das Leben Ihrer Kinder. Alles
andere mag in Gottes Namen verloren gehen.

Und die arme Frau, deren Sinne sich in dem Ueberma des Schrecklichen
zu verwirren begannen, fgte sich gehorsam der kaltbltigen
Ueberlegenheit ihrer jungen Freundin. Von den Bewohnern des Hotels war
schon beinahe alles geflchtet. Nur ein paar unglckliche Frauen, die
vllig den Kopf verloren hatten, irrten noch in den unteren Rumen
umher, allerlei wertlose Dinge, von denen sie sich nicht trennen
wollten, in den Hnden haltend. Heideck rief ihnen zu, sich ihm
anzuschlieen. Aber sie verstanden ihn kaum, und er hatte nicht Zeit,
sich weiter um die Bedauernswerten zu kmmern.

Den bloen Sbel in der Faust, suchte der treue Hindu dem Gebieter
und dessen Schtzlingen einen Weg durch die zwischen den brennenden
Husern hin- und herwogende Menge zu bahnen. Es war jetzt vllig
dunkel geworden, und nur die roten Flammen beleuchteten unheimlich die
grausige nchtliche Szene. Der wtende Fanatismus der Menge schien sich
whrend der letzten halben Stunde noch gewaltig gesteigert zu haben.
Diese sonst so bescheidenen, unterwrfigen und liebenswrdigen Menschen
waren pltzlich in eine Horde von Wilden verwandelt. Ueberall sah man
geschwungene Dolche und Sbel, whrend ein betubendes Geschrei die
Luft zerri. Nie zuvor hatte Heideck menschliche Wesen in solchem
Aufruhr gesehen. In tollen Gestikulationen warfen diese braunen
Burschen ihre Arme und Beine umher. Wie wilde Tiere fletschten sie die
Zhne und brachten sich selbst mit ihren Waffen Verletzungen an Brust
und Gliedern bei, um durch den Anblick des flieenden Blutes ihre
Mordgier zu erhhen.

Schritt fr Schritt bahnten sich die beiden Mnner durch gebieterische
Zurufe und durch krftige Schlge mit der flachen Klinge ihren Weg.
Aber nach Verlauf von zehn Minuten hatten sie wenig mehr als hundert
Meter zurckgelegt. Das Getmmel um sie her wurde immer enger und
bedrohlicher, und Heideck sah ein, da es unmglich sein wrde, die
Zitadelle zu erreichen.

In banger Sorge um die seinem Schutze anvertrauten Menschenleben hielt
er Umschau nach einem anderen rettenden Zufluchtsort. Aber die Europer
hatten ihre Huser fest verschlossen und verrammelt, und keiner von
ihnen wrde den Hilfeflehenden aufgetan haben. Pltzlich wuchs das
wste Geschrei, das die weinenden Kinder schon jetzt fast zu Tode
gengstigt hatte, zu einem markdurchdringenden Kreischen und Toben an,
und eine Rotte von ihrer fanatischen Leidenschaft bis zum Wahnsinn
gestachelter Dmonen strmte aus einer Seitenstrae gerade auf Heideck
zu.

Sie hatten irgendwo auf ihrem Wege schon eine Anzahl anderer weiblicher
Flchtlinge aufgefangen. Und der Anblick dieser Unglcklichen lie
dem deutschen Offizier das Blut in den Adern erstarren. Man hatte
den Frauen, unter denen sich auch zwei fast noch an der Grenze des
Kindesalters stehende Mdchen befanden, die Kleidungsstcke vom Leibe
gerissen und stie sie jetzt unter bestndigen grausamen Mihandlungen
vorwrts, so da sie aus zahlreichen Wunden bluteten.

Unfhig, seinen hei aufwallenden Zorn ber diese Bestialitt
niederzuhalten, ri Heideck den Revolver aus dem Grtel und streckte
eines der fanatisch heulenden Scheusale durch einen wohlgezielten Schu
zu Boden.

Aber es war nicht klug gewesen, was er da getan hatte. Wenn sein
soldatisches Aussehen die im Grunde feige Gesellschaft bis dahin noch
von Gewaltttigkeiten gegen ihn und seine Begleitung zurckgehalten
hatte, so ri die aufkochende Wut jetzt alle Dmme nieder.

In der nchsten Sekunde schon war das kleine Huflein in einen Knuel
tobender brauner Teufel eingeschlossen, und Heideck gab sich keiner
Tuschung mehr darber hin, da es sich nur noch darum handeln knne,
tapfer kmpfend zu sterben. Die ersten und ungestmsten der Angreifer
vermochte er sich damit vom Leibe zu halten, da er die fnf noch
in seinem Revolver befindlichen Schsse gegen sie abfeuerte. Der
letzte von ihnen blies einem schwarzbrtigen Burschen gerade in dem
Augenblick das Lebenslicht aus, als er mit brutalen Fusten nach Edith
Irwin gegriffen hatte. Jetzt warf Heideck den nutzlos gewordenen
Revolver, den er nicht mehr von neuem zu laden vermochte, einem der
zhnefletschenden Unholde ins Gesicht, schlang seinen freigewordenen
linken Arm um Edith und setzte, sie fest an sich drckend, seinen
verzweifelten Verteidigungskampf mit dem Sbel fort.

Fr Mrs. Baird und ihre Kinder konnte er nichts mehr tun. Seitdem er
den treuen Morar Gopal unter den Hieben einiger Mohammedaner hatte
fallen sehen, wute er, da sie rettungslos verloren seien. Er gewahrte
noch, wie man der Gattin des Obersten ebenfalls die Kleider in Fetzen
vom Leibe ri; er hrte das herzzerreiende Wehgeschrei, mit dem sie
unter den Schlgen und Sten der entmenschten Peiniger nach ihren
Kindern rief. Aber es blieb ihm wenigstens erspart, auch das Ende der
unschuldigen kleinen Mdchen mit eigenen Augen sehen zu mssen. Sie
waren seinem Blick in dem schrecklichen Gedrnge entschwunden, und da
sie ohnedies vor Entsetzen schon halb bewutlos gewesen waren, mochte
der Himmel wenigstens die Barmherzigkeit gehabt haben, sie die Qualen
des Todes, den ihre fhllosen Schlchter ihnen bereiteten, nicht mehr
empfinden zu lassen.

Und Edith?

Sie war nicht ohnmchtig. Nichts von jenen Schauern des Entsetzens,
die selbst den Mutigsten im Angesicht des Todes berkommen, war in
ihren Zgen zu lesen. Man htte glauben knnen, da die Vorgnge um sie
her alle Schrecken fr sie verloren htten, seitdem Heidecks Arm sie
umschlang.

Aber der Moment war nicht dazu angetan, Heideck die Seligkeit der
Gewiheit ihrer Liebe empfinden zu lassen. Er war mit seinen Krften
zu Ende, und obwohl er bis auf eine geringfgige Verletzung an der
Schulter noch unverwundet war, wurde es ihm doch schon unsglich
schwer, den Sbel zu fhren, dessen wuchtige Hiebe die Angreifer bis
auf einige Tollkhne, die ihren Vorwitz teuer genug bezahlt hatten,
bisher noch immer in einer gewissen respektvollen Entfernung gehalten.
In demselben Augenblick, wo ihn die Ermattung ntigte die Waffe sinken
zu lassen, waren Edith und er hilflos der dmonischen Grausamkeit
dieser Horde menschlicher Bestien preisgegeben. Das wute er, und darum
setzte er, obwohl es vor seinen Augen schon wie ein blutroter Nebel
wogte, den letzten Rest seiner Kraft daran, diesen frchterlichen
Augenblick noch um ein Geringes hinauszuschieben. --

Und pltzlich geschah etwas Unerwartetes, Wunderbares, -- etwas, das
er in seinem gegenwrtigen Zustande berhaupt nicht zu begreifen
vermochte. Zahlreiche Ausrufe der Angst und des Schreckens mischten
sich in das Wut- und Triumphgeheul der rachetrunkenen Inder. Mit der
unwiderstehlichen Wucht einer Flutwelle drngte der ganze, dicht
zusammengedrngte Menschenschwarm vorwrts und gegen die Huser an
beiden Seiten der Strae. Pferdegetrappel, Kommandorufe, das Gerusch
klatschender Schlge wurden vernehmlich, und die Oberkrper brtiger
Reiter tauchten ber den Kpfen der Menge auf.

Es war eine Schwadron Kosaken, die sich da rcksichtslos ihren Weg
durch das Getmmel bahnte. Die Stadt mute sich also in den Hnden
der Russen befinden, und es war jedenfalls der Befehl ergangen, zur
Verhinderung weiterer Massakres und Brandstiftungen die Strae von dem
fanatischen Gesindel zu subern.

So trieben denn die grimmig dreinschauenden Reiter alles, was
ihnen in den Weg kam, vor sich her. Und sie machten ihre Sache
gut; denn den Hieben der an ihren Enden mit dnnen, harten Stcken
versehenen Peitschen, die in ihren Fusten zu einem frchterlichen
Zchtigungsinstrument wurden, widerstand nichts.

Heideck sah sich pltzlich von seinen Angreifern befreit, und da
er sich mit Edith hart an die Mauer eines Hauses drckte, blieb er
auch von den Futritten der Pferde, wie von den wahllos ausgeteilten
Knutenhieben glcklich verschont.

Aber das scharfe Auge eines Kosakenoffiziers hatte die kleine Gruppe
inmitten eines ganzen Haufens von Toten und Verwundeten erspht.
Er ritt zu den beiden heran, und da er in Heidecks Khakianzug eine
englische Uniform zu erkennen glaubte, erteilte er seinen Leuten einen
Befehl, ber dessen Bedeutung die Geretteten nicht lange im Zweifel
blieben, denn sie wurden alsbald von zweien der Kosaken zwischen ihre
Pferde genommen, und ohne zu wissen, wohin man sie bringen wrde,
durchschritten sie die hier und da von den Flammen der brennenden
Huser glutrot beleuchteten Straen.




[Illustration]




XV.


Das Grabmal Anar Kalis, ein groes, achteckiges Gebude in den
sdlichen Anlagen, war es, das die Gefangenen aufnahm. Heideck und
Edith Irwin waren die ersten nicht mehr, die man hier unterbrachte.
Denn auer etwa hundert Offizieren befanden sich darin zahlreiche
englische Damen und Kinder, denen die Befreier frh genug erschienen
waren, um sie vor dem grauenhaften Schicksal der Mrs. Baird und ihrer
Kinder zu bewahren.

An der offenen Tr des den Frauen angewiesenen Raumes mute sich
Heideck von Edith Irwin trennen. Zu langem Abschiednehmen lie man
ihnen nicht Zeit. Aber selbst wenn sie ganz allein mit einander gewesen
wren, wrden sie in diesem Augenblick kaum fhig gewesen sein, viele
Worte zu machen. Nach all den vorausgegangenen, schier bermenschlichen
Anstrengungen und Aufregungen dieses frchterlichen Tages war jetzt
eine so tiefe Abgespanntheit und Erschlaffung ber sie gekommen, da
sie sich nur noch ganz mechanisch ihrer Glieder bedienten und da statt
der Leidenschaften, Hoffnungen und Befrchtungen, von denen sie noch
vor kurzer Zeit bewegt worden waren, nur dumpfe Leere in ihrem Hirn wie
in ihrem Herzen war.

Auf Wiedersehen morgen! das war alles, was noch zwischen ihnen
gesprochen wurde. Dann, sobald man ihn in den ihm zugewiesenen Raum
gefhrt hatte, warf sich Heideck da, wo er stand, auf die Fliesen
des Steinbodens nieder und fiel fast augenblicklich in einen tiefen,
traumlosen Schlaf. --

Die leuchtende indische Sonne, die durch eine runde Fensterffnung in
der Decke auf sein Gesicht schien, weckte ihn am nchsten Morgen.

Wohl waren seine Glieder von dem unbequemen Lager steif geworden, aber
der kurze Schlaf hatte ihn doch gestrkt, und seine Nerven hatten die
alte Frische und Widerstandsfhigkeit vollstndig zurckgewonnen.

Seine Schlafgenossen muten schon frher an einen anderen Ort gebracht
worden sein; denn er sah sich in dem hohen, nur durch die Oeffnung in
der Decke beleuchteten Raume ganz allein. Die Sonnenstrahlen fielen
ihm gegenber auf ein Denkmal aus reinstem, glnzendstem Marmor, das
ganz mit fr ihn unleserlichen Schriftzeichen bedeckt war. Noch in die
Betrachtung des anscheinend schon sehr alten Denksteins versunken,
hrte er pltzlich hinter sich das leise Rauschen eines Frauengewandes,
und als er sich umwandte, sah er mit freudigster Ueberraschung in Edith
Irwins bleiches, schnes Gesicht.

Wie glcklich bin ich, Sie noch zu finden, sagte sie mit
aufleuchtendem Blick. Ich frchtete schon, da man Sie mit den andern
Gefangenen fortgefhrt htte.

Augenscheinlich war man zu rcksichtsvoll, meinen wohlverdienten
Schlummer zu stren, erwiderte er mit einem kleinen Anflug von Humor.
Dann aber, sich des furchtbaren Ernstes der Situation erinnernd, fuhr
er in verndertem, herzlichen Tone fort:

Wie haben Sie diese Nacht berstanden, Mrs. Irwin? Mir ist, als knnte
alles, was ich seit meiner Rckkehr nach Lahore erlebt habe, nur ein
Traum gewesen sein.

Mit einem schmerzlichen Zucken der Lippen schttelte sie den Kopf.

Wir drfen leider nicht daran zweifeln, da es grausame Wirklichkeit
gewesen ist. Die arme, arme Mrs. Baird! Fast sollte man es fr ein
Glck halten, da ihr Gatte das frchterliche Schicksal seiner
Angehrigen nicht mehr erlebt hat.

Sie haben Nachrichten vom Schlachtfelde erhalten? Sie wissen, da der
Oberst tot ist?

Edith nickte.

Der Oberst ist tot, mein Gatte ist tot, Kapitn Mac Gregor und viele
andere unserer Freunde aus Chanidigot sind auf dem Schlachtfelde
geblieben.

Sie sagte es ruhig; doch er las in ihren Augen die tiefe Trauer ihrer
Seele.

Ergriffen von soviel heroischer Charakterstrke, beugte er sich herab
und kte ihre Hand. Sie lie sie ihm einen Augenblick, dann zog sie
die schmalen, khlen Finger mit einem bittenden Blick, dessen Bedeutung
er recht wohl verstand, zurck.

Der Hchstkommandierende und sein Stab haben den Bahnhof erreicht,
fuhr sie fort, und sind mit dem letzten Zuge, der Lahore verlassen
hat, nach Delhi gefahren. Es war die hchste Zeit; denn gleich nachher
rckten die Russen ein. Die Trmmer der Armee marschieren jetzt nach
Delhi, aber die Verfolger sind dicht hinter ihnen. Gott allein wei,
welches das Schicksal unserer armen, geschlagenen Armee sein wird.

Er fragte sie nicht, woher sie alle diese Nachrichten habe. Davon, da
sie zutreffend seien, war er ja nach seinen eigenen Erlebnissen fest
berzeugt. Er wute auch nicht, was er ihr Ermutigendes sagen sollte,
ihr, der er nimmermehr mit leeren Phrasen htte kommen mgen. Eine
kleine Weile blieben sie schweigend, und ihre Blicke richteten sich
dabei gleichzeitig auf das sonnenbeschienene Marmordenkmal vor ihnen.

Kannten Sie dies Coenotaphium schon? fragte zu Heidecks Ueberraschung
die junge Frau pltzlich. Und als er verneinte, sagte sie erklrend:

Es ist das berhmte Grabmal der Anar Kali, der Geliebten des Sultans
Akbar, der man um ihrer Schnheit willen den Namen der >Granatblte<
gegeben hat. Sie mag wohl auf hnliche Weise dahingegangen sein,
wie wir dahingegangen wren, wenn die Dolche der Mrder uns gestern
getroffen htten. Sie kam vielleicht ebensowenig zum Bewutsein dessen,
was mit ihr geschah, wie wir uns dessen in dieser Nacht bewut geworden
wren.

Knnen Sie die Schriftzeichen lesen? fragte Heideck.

Nein, aber man hat mir ihren Inhalt mitgeteilt; denn es ist eine der
berhmtesten Inschriften Indiens. Die schne Anar Kali beging einst
die Unklugheit, verfhrerisch zu lcheln, als der Sohn ihres Herrn
und Gemahls den Harem betrat. Und noch in derselben Stunde lie der
eiferschtige Sultan die Unglckliche hinrichten. Aber er mu sie doch
wohl sehr geliebt haben, da er ihr dann ein so schnes Grabmal erbaute,
das auch den kommenden Jahrhunderten den Namen Anar Kalis berliefern
sollte. So voll unlslicher Widersprche ist die arme, trichte
Menschenseele.

Klirrende Schritte wurden drauen auf den Steinfliesen laut, und im
nchsten Augenblick erschien ein Offizier mit mehreren Soldaten im
Eingange des Raumes. In kurzem, befehlenden Tone forderte er Heideck
auf, ihm zu folgen.

Jetzt zum ersten Mal sah der Hauptmann in Edith Irwins Zgen etwas wie
einen Ausdruck der Angst.

Was bedeutet das? wandte sie sich hastig an den Russen. Dieser Herr
ist kein Englnder.

Der Russe verstand die englische Frage nicht. Aber als Heideck ihn auf
russisch fragte, was man mit ihm vorhabe, erwiderte er achselzuckend:

Ich wei es nicht. Kommen Sie mit!

Man wird Aufklrung ber meine Person haben wollen, sagte Heideck
gelassen, um die junge Frau zu beruhigen. Ich hoffe, da man mich auf
Grund meiner Legitimation freilt.

Gewi, man mu Sie freilassen! rief sie fast leidenschaftlich aus.
Es wre ja gegen alles Vlkerrecht, wenn man Ihnen ein Leid zufgte.
Aber wie soll ich die Ungewiheit ber Ihr Schicksal ertragen!

Ich werde unverzglich hierher zurckkehren, sobald mir die
Mglichkeit dazu gegeben ist.

Ja, ja, ich beschwre Sie, mich nicht eine Sekunde lnger warten zu
lassen, als es durch die Situation geboten ist. Ich bin ja noch nicht
einmal dazu gekommen, Ihnen zu danken.

Der russische Offizier gab so deutliche Zeichen von Ungeduld, da
Heideck nicht lnger zgerte, ihm zu folgen.

Der Weg, den er zurckzulegen hatte, war nicht weit. Man fhrte ihn
zu einem nahegelegenen Hause, ber dessen Portal die Worte >~School
of arts~< in Stein gehauen zu lesen waren. In einer Vorhalle mute
er kurze Zeit warten; dann ffnete sich vor ihm die Tr eines im
Erdgescho gelegenen, mit Skulpturen geschmckten Zimmers, in welchem
eine Anzahl von Offizieren an einem langen Tische sa. Heideck war sich
sofort darber klar, da er vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Ein
paar sehr niedergeschlagen aussehende Mnner wurden eben hinausgefhrt.
Der Offizier, der den Vorsitz fhrte, bltterte in den vor ihm
liegenden Papieren und wechselte dann, nachdem er einen scharfen Blick
auf Heideck geworfen, einige Worte mit seinen Kameraden.

Wer sind Sie? fragte er in einem schwer verstndlichen Englisch von
sehr russischer Klangfrbung.

Heideck, der sich ebenfalls der englischen Sprache bediente, gab kurz
und klar Auskunft und legte dem Obersten seinen Pa vor, den er als
augenblicklich wertvollstes Besitztum stets in der Brusttasche trug.

Sobald er ihn gelesen, sagte der Vorsitzende in tadellosem Deutsch:

Sie sind also kein Englnder, sondern ein Deutscher? Was haben Sie
hier in Indien zu tun?

Ich bereise das Land in Geschften fr das Haus Heideck in Hamburg.

In Geschften? So? Und gehrt es auch zu Ihrem Geschft, gegen Ruland
zu kmpfen?

Nein! Ich habe das auch nicht getan.

Sie leugnen also, gestern an der Schlacht teilgenommen zu haben?

Nicht als Mitkmpfer. Es waren andere Grnde, die mich auf das
Schlachtfeld fhrten.

Sie wollten nur den Zuschauer machen? Kam Ihnen nicht zum Bewutsein,
da dies unter Umstnden recht gefhrlich fr Sie werden knnte?

Ich habe persnliche Beziehungen zu einigen Herren der englischen
Armee, und diese Beziehungen veranlaten mich, sie whrend des
Gefechtes aufzusuchen.

Der Oberst wandte sich an einen abseits stehenden jungen Offizier:

Leutnant Osarow, ist es richtig, da Sie in diesem Mann, als er
whrend der letzten Nacht hier eingebracht wurde, eine Persnlichkeit
wiedererkannten, die Sie whrend der Schlacht in einem englischen
Karree gesehen haben?

Jawohl, Herr Oberst! lautete die entschiedene Antwort. Ich erkenne
ihn auch jetzt mit voller Bestimmtheit. Er ritt ein schwarzes Pferd und
jagte davon, als wir in das Karree einbrachen.

Heideck sah ein, da es nutzlos gewesen wre, dieser bestimmten Aussage
gegenber die Tatsache in Abrede zu stellen, und sein soldatisches
Ehrgefhl wrde ihm auch nicht gestattet haben, es zu tun.

Was der Herr Leutnant da bekundet, ist richtig, erklrte er, einer
Frage des Obersten zuvorkommend. Aber ich habe mich nicht an dem
Kampfe beteiligt. Als ein Freund des gefallenen Obersten Baird hielt
ich mich so lange als mglich in seiner Nhe, um seinen hier in Lahore
zurckgebliebenen Angehrigen Nachricht ber sein Schicksal und ber
den Ausgang der Schlacht bringen zu knnen.

Sie waren als Auslnder bewaffnet in einem englischen Karree. Da
Sie das zugeben, brauchen wir uns nicht mit weiteren Verhandlungen
aufzuhalten. Die Herren werden damit einverstanden sein, da wir Sie
nach Kriegsrecht als Verrter behandeln?

Die letzten Worte waren an die Beisitzer gerichtet, und mit stummer
Verbeugung gaben sie ihre Zustimmung zu erkennen.

Da Sie als Angehriger einer nicht im Kriege mit uns befindlichen
Nation in den Reihen unserer Feinde gekmpft haben, mu das
Kriegsgericht Sie zum Tode verurteilen. Das Urteil wird sofort
vollstreckt werden. Haben Sie noch etwas zu sagen?

Heideck war wie betubt. Es war ihm, als zge sich pltzlich ein
schwarzer Schleier ber die Welt. Und ein schneidendes Weh zerri sein
Herz bei der Vorstellung, da er Edith nie mehr wiedersehen, da sie
bis in alle Ewigkeit vergebens auf ihn warten wrde.

Dann aber erwachte sein Stolz. Niemand sollte ihn schwach und zaghaft
sehen.

Es gibt keine Mglichkeit der Berufung gegen das Urteil dieses
Kriegsgerichts? fragte er, dem Obersten fest in die Augen sehend.

Nein!

Dann mu ich mich ja dem Spruch unterwerfen; aber ich protestiere
gegen die Art des Verfahrens wie gegen das Urteil.

Sein Protest machte offenbar nicht den geringsten Eindruck.

Haben Sie den Exekutionsbefehl ausgefertigt? wandte sich der
Oberst an den Protokollfhrer. Dann setzte er seinen Namen unter das
Schriftstck und hndigte es einem der bereitstehenden Kosaken ein.

Der Verurteilte ist abzufhren.

Zwei der Soldaten nahmen Heideck zwischen sich, und er folgte ihnen
in stolzer, aufrechter Haltung, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Im
Kugelregen der Schlacht hatte er nicht die leiseste Anwandlung der
Furcht empfunden; aber der Gedanke, wie ein Tier zur Schlachtbank
gefhrt zu werden, erfllte ihn mit Grauen. Dennoch hielt ihn eine
Kraft aufrecht, die er noch nicht an sich entdeckt hatte. Die neue
Gefahr erweckte in ihm neue Krfte der Seele und des Geistes.

Die Kosaken fhrten ihn auf der Strae, die von Anar Kali nach dem
Meean Meer Cantonment fhrt, einen weiten Weg. Heideck sah um sich und
betrachtete die Vernderungen, die mit Lahore vorgegangen waren, gleich
einem Reisenden, der im Geiste schon in der neuen Welt lebt, die er
aufsuchen will, und der auf bekannte Gegenstnde wie auf etwas Fremdes
sieht. Ueberall erblickte er kleine Abteilungen Kavallerie, die fr
Ordnung sorgten. Und an den Brand in der Stadt, der augenscheinlich
gelscht worden war, erinnerten nur noch schwache Rauchwolken. Die
prchtigen Anlagen der Donald-Stadt, durch die der Weg fhrte, die
landwirtschaftlichen Pflanzungen, der Lawrence-Park, lagen wie im
tiefsten Frieden da.

Heideck war nicht gefesselt, aber die Kosaken neben ihm trugen
ihre Karabiner im Arme, bereit, auf ihn zu schieen, wenn er etwa
davonlaufen wollte. Aber wie htte er entlaufen knnen? Ringsum zeigten
sich die Patrouillen der russischen Kavallerie. Hinter ihm fhrten
berittene Kosaken einen ganzen Trupp von Indern. Wahrscheinlich waren
es Brandstifter und Plnderer, die gleich ihm hingerichtet werden
sollten. Und es konnte seine Stimmung wahrlich nicht verbessern, da er
sich auf seinem letzten Gange in solcher Gesellschaft sehen mute.

Nach langem Marsche erreichte man endlich das von den Englndern
verlassene Kantonnement, dessen Baracken und Zelte jetzt die russischen
Truppen fllten. Mit Mhe nur konnten sich seine Begleiter hier einen
Weg durch das Gedrnge bahnen; das Gercht, da man eine Anzahl von
Delinquenten in das Lager bringe, mute wohl dem Transport vorausgeeilt
sein, denn Soldaten der verschiedensten Waffengattungen drngten von
allen Seiten neugierig herzu, um die armen Snder aus der Nhe zu
betrachten.

Und pltzlich fhlte Heideck eine kleine, aber eisenfeste Hand an
seinem Arme.

O Herr, was ist das? -- Weshalb fhrt man dich hier wie einen
Gefangenen?

Beim ersten Wort schon hatte Heideck die weiche Stimme erkannt, die
in der Erregung ganz ihren natrlichen weiblichen Klang angenommen
hatte. In demselben phantastischen Pagenkostm, darin er ihn zuletzt
in Chanidigot gesehen, stand der angebliche Diener seines Freundes
des Frsten Tschadschawadse hier, wo er ihn gewi am allerwenigsten
vermutet htte, wie aus der Erde gewachsen vor ihm, und in seinem
schnen, ausdrucksvollen Gesicht spiegelte sich die lebhafteste
Bestrzung.

Du bist es, Georgij? rief Heideck, in dessen verdsterte Seele der
Anblick der Cirkassierin einen schwachen Hoffnungsschimmer warf, und
dein Herr -- der Frst? -- Befindet er sich ebenfalls in der Nhe?

Aber die Kosaken schienen nicht geneigt, ihrem Gefangenen lange
Privatunterhaltungen zu gestatten.

Mach, da du weiterkommst, Bursche! schrie einer von ihnen den
vermeintlichen Pagen an, das ist ein Spion, der sogleich fsiliert
werden wird. Und niemand darf mit ihm reden.

Er machte Miene, die schlanke, zierliche Gestalt mit einer kleinen
Bewegung seiner mchtigen Faust bei Seite zu schieben. Aber Georgij
stie furchtlos seinen Arm zurck und ma ihn mit einem sprhenden
Blick.

Hte deine lsterliche Zunge, du Lgner! Tausendmal eher bist du
selber ein Spion, als dieser Herr. Wenn ihr ihn nicht auf der Stelle
freilat, wird man euch knuten, da ihr bis an das Ende eures Lebens
daran denkt!

Die Kosaken sahen sich an und lachten. Es war wohl nur die Schnheit
und halb instinktiv von ihnen empfundene Vornehmheit des dreisten
jungen Burschen, die sie verhinderte, handgreiflich zu werden.

Nimm dich in Acht, Kleiner, da man nicht dir zuerst die Rute gibt,
sagte gutmtig der eine, und geh deiner Wege, damit wir dich nicht aus
Versehen zwischen unseren Fingern zerbrechen.

Geh, Georgij, mahnte nun auch Heideck, da er sah, da die
Cirkassierin durchaus nicht willens schien, dem Befehl zu gehorchen.
Wenn dein Herr in der Nhe ist, so sage ihm, da man im Begriff sei,
mich gegen alles Vlkerrecht zu erschieen. Aber er msse eilen, falls
er mich noch einmal lebend sehen wolle; denn es hat ganz den Anschein,
als ob seine Kameraden kurzen Proze mit mir zu machen gedchten.

Er hegte einigen Zweifel, ob die schne, heibltige Tochter der
Berge ihn vollkommen begriffen habe. Jedenfalls aber sah er, da sie
sich pltzlich blitzschnell umwandte und sich mit der geschmeidigen
Behendigkeit einer schlanken Eidechse einen Weg durch das Gedrnge
rauher Kriegsmnner suchte.

Eine neue Hoffnung war in Heidecks Herzen erwacht, und er fhlte sich
mit einem Mal wieder durch tausend Bande an das Leben gefesselt, mit
dem er noch soeben vllig abgeschlossen zu haben glaubte. Er wollte
seinen Schritt verlangsamen, um dadurch Zeit zu gewinnen. Aber die
Kosaken, die ihn bis dahin mit einer gewissen Rcksicht behandelt
hatten, schienen durch den Zwischenfall mit dem Pagen gereizt worden zu
sein, denn einer von ihnen trieb den Gefangenen mit herrischem Zuruf
zur Eile an, und der andere erhob sogar mit drohender Geberde die Faust.

Vielleicht wrde er zugeschlagen haben, doch der deutsche Offizier sah
ihm mit einem so stolzen, gebieterischen Blick in die Augen, da er den
erhobenen Arm sinken lie. Der finster blickende Bursche fhlte wohl,
da er es hier unmglich mit einem gewhnlichen Spion zu tun haben
knne. Und von diesem Augenblick an kam kein Fluch und kein Schimpfwort
mehr ber seine Lippen.

Das Knattern einer Gewehrsalve schlug an Heidecks Ohr. Und es ging ihm,
der doch an den Knall von Schssen hinlnglich gewhnt war, durch Mark
und Bein. Die Kugeln, die dort abgefeuert waren -- er wute es, ohne
da es ihm jemand zu sagen brauchte -- hatten irgend einem armen Teufel
gegolten, der sich in derselben Lage befunden wie er selbst. Das war
es, was diesen Schssen fr ihn eine so besondere Bedeutung gab, eine
ganz andere jedenfalls, als sie gestern all das Knattern und Krachen
der ihn umtobenden Schlacht gehabt. Wahrhaftig, man braucht nicht feige
zu sein, um bei dem Gedanken an zehn oder zwanzig auf die eigene Brust
gerichtete Gewehrlufe etwas wie ein eisiges Erschauern zu verspren. --

Und nun war der verhngnisvolle Platz erreicht, der auch das Endziel
seiner irdischen Wanderung bedeuten sollte. Man hatte das Exerzierfeld
hinter der Barackenstadt fr die Exekution ausersehen, und man ging
sehr summarisch zu Werke, da man sich nicht einmal Zeit lie, die
Leichen der Erschossenen einzeln fortzuschaffen. Man lie sie einfach
in dem Graben liegen, vor dem die Delinquenten aufgestellt worden
waren, wahrscheinlich, weil die Bestattung in einem Massengrabe dadurch
bequemer wurde.

Ein Offizier nahm den von dem Vorsitzenden des Kriegsgerichts
ausgefertigten Exekutionsbefehl in Empfang und bergab den Verurteilten
einem Unteroffizier, der ihn mit einem Ausdruck des Bedauerns musterte
und ihn in beinahe verbindlichem Tone aufforderte, ihm zu folgen.

Wenige Minuten nach seiner Ankunft auf dem Exerzierplatze stand Heideck
ebenfalls vor dem verhngnisvollen Graben und sah einen Zug Infanterie,
Gewehr bei Fu, vor sich aufmarschiert.

Jetzt hegte er keine Hoffnung mehr. Seit dem Augenblick, da man das
Urteil ber ihn gesprochen, htte ja nur noch ein Wunder ihn retten
knnen. Und dies Wunder war nicht geschehen. Fr eine kurze Spanne
Zeit war er tricht genug gewesen, aus der zuflligen Begegnung mit
der Cirkassierin neuen Lebensmut zu schpfen; nun aber war auch das
vorber. Selbst wenn sie von dem eifrigsten Willen beseelt gewesen
wre, ihn zu retten, was htte sie schlielich tun knnen, um das
Unmgliche zu vollbringen? Er bedauerte jetzt, da er sich nicht darauf
beschrnkt hatte, den Frsten durch sie um ein ehrliches Begrbnis
und um die Entsendung einer Nachricht an den deutschen Generalstab
bitten zu lassen. Diese Wnsche wren doch vielleicht nicht unerfllbar
gewesen, und er zweifelte nicht, da sein liebenswrdiger russischer
Bekannter ihm gern den letzten kleinen Liebesdienst erwiesen htte.

Ein Kommando ertnte, und die Soldaten ihm gegenber nahmen unter
Geklapper und Gerassel ihre Gewehre auf. Gleichzeitig aber schlug von
der anderen Seite her ein lautes, gebieterisches Rufen an Heidecks Ohr,
und er sah einen Reiter in russischer Dragoneruniform heransprengen,
dessen vor Aufregung dunkel gertetes Gesicht er auf den ersten Blick
als das des Frsten Tschadschawadse erkannte.

Hart vor Heideck parierte er sein schweibedecktes Pferd und schwang
sich aus dem Sattel.

Brderchen! -- Brderchen! rief er, noch ganz atemlos von dem wilden
Ritt, und schlo mit echt russischem Ungestm den unter so seltsamen
Umstnden Wiedergefundenen in die Arme. Bei allen Heiligen -- ich
glaube, es war die hchste Zeit, da ich kam!

Dann wandte er sich an den verblfft dreinschauenden Offizier des
Pelotons:

Hier mu ein Irrtum vorliegen. Diesem Herrn darf kein Leid zugefgt
werden, denn er ist nicht nur mein persnlicher Freund, sondern auch
ein Kamerad, ein Offizier der mit uns verbndeten deutschen Armee.

Der Leutnant zuckte die Achseln:

Ich habe zu tun, was mir befohlen wird, Herr Oberst! Fr etwaige
Irrtmer meiner Vorgesetzten oder des Kriegsgerichts trage ich keine
Verantwortung.

Dafr aber, da ich Sie an der Ausfhrung des Ihnen erteilten Befehls
verhindere, nehme ich die Verantwortung auf mich, Herr Leutnant! Dieser
Herr wird mich begleiten, und ich brge fr ihn.

Er bergab einem Soldaten sein Pferd, schob seinen Arm in den Heidecks
und fhrte ihn hinweg bis zu dem von ihm bewohnten Zelte in der
Barackenstadt, fortwhrend in den lebhaftesten Worten seiner Freude
ber das Wiedersehen Ausdruck gebend. Das Frhstck, von dem die
Botschaft Georgijs ihn aufgescheucht hatte, stand noch auf dem Tische,
und Heideck lie sich nicht lange zum Zugreifen ntigen; denn er merkte
eigentlich erst jetzt, wie lange er gefastet hatte und wie dringend
er einer leiblichen Erquickung bedurfte. Von seinen Dankesuerungen
wollte Frst Tschadschawadse nichts wissen; aber als Heideck ihn
fragte, ob er vorhin denn wirklich recht gehrt habe, als der Frst
von einem Bndnis zwischen der russischen und der deutschen Armee
gesprochen, gab er bereitwillig Auskunft.

Ja -- es ist so! Das Deutsche Reich geht mit uns. Die erste
Freudenbotschaft, die mich empfing, als ich die Armee erreichte, war
die Kunde, da Kaiser Wilhelm II. England den Krieg erklrt habe. Die
Welt steht in Flammen. Nur Oesterreich und Italien halten sich neutral.

Und davon hatte ich keine Ahnung! Doch das erklrt sich freilich
leicht genug. Alle Telegraphenkabel befinden sich in englischen Hnden,
und man hatte es leicht, jede miliebige Depesche zurckzuhalten.
Die in Indien erscheinenden Zeitungen aber durften natrlich nur
verffentlichen, was der Regierung angenehm war. Aber ich brenne
darauf, mehr zu erfahren. Wissen Sie vielleicht auch, wie sich die
Dinge bisher entwickelt haben und auf welche Art Deutschland den Krieg
zu fhren gedenkt?

Es scheint, da man einen Einfall in England beabsichtigt. Deutschland
hat die Hlfte seiner Armee mobil gemacht und die Niederlande besetzt.
Die franzsischen Truppen dagegen sind in Belgien eingerckt, so da
den beiden Mchten die ganze Kste England gegenber zur Verfgung
steht.

Und ist zur See schon etwas geschehen?

Nein, wenigstens ist bis zur Stunde noch keine Nachricht ber eine
Seeschlacht hierher gelangt. Man befindet sich offenbar noch im Stadium
der Rstungen, und ber die Bewegungen der deutschen und franzsischen
Flotten verlautet nichts. Uebrigens sind meine neuesten Nachrichten
auch schon ziemlich alt. Wir erfahren bei der Armee nur, was die
Kosaken berbringen.

Heideck griff sich an die Stirn.

Ich bin wie betubt. -- Das alles mit einem Mal zu fassen und
zu verarbeiten geht fast ber die Fhigkeiten eines gewhnlichen
Menschenhirnes hinaus. -- Aber verzeihen Sie, mein Frst, wenn ich
Ihnen, der Sie heute schon so viel fr mich getan, noch mit einem
weiteren Anliegen komme. Ich befinde mich in groer Sorge um eine
Dame, die Witwe eines gestern gefallenen englischen Offiziers, die
sich meinem Schutze anvertraut hat. Ich verlie sie heute frh, als
man mich verhaftete, um mich vor das Kriegsgericht zu stellen, an dem
Grabdenkmal der Anar Kali, wo sie mit anderen Gefangenen untergebracht
war. Raten Sie mir, was ich tun soll, um der Dame, deren Wohl mir
sehr am Herzen liegt, eine beruhigende Nachricht ber mein Schicksal
zukommen zu lassen und um zugleich sie selbst vor Belstigungen und
Ungemach zu schtzen.

Das ist sehr einfach. Haben Sie ein Bedenken, mir den Namen der Dame
zu nennen?

Durchaus nicht. Es ist Mrs. Edith Irwin, die Witwe des Kapitn Irwin,
der auch Ihnen in Chanidigot vielleicht begegnet ist.

Ich glaube mich zu erinnern. Es wurde da von einer Spielaffre
erzhlt, in der er eine nicht gerade rhmliche Rolle gespielt haben
soll -- nicht wahr? Nun wohl, whrend Sie hier in meinem Zelte
tchtig ausschlafen, werde ich nach Anar Kali hinberreiten, um die
Dame aufzusuchen und mich ber ihre Lage zu unterrichten. Seien Sie
versichert, da ihr nichts Unangenehmes widerfahren wird, sofern es mir
nur gelingt, sie zu finden.

Sie beschmen mich wirklich, mein Frst -- ich -- --

Sie wrden genau dasselbe tun, wenn das Schicksal uns zufllig mit
vertauschten Rollen agieren liee. Weshalb also viele Worte darber
machen! Ich kann Ihnen leider keine bequemere Lagersttte anbieten als
mein Feldbett da. Aber Sie sind ja Soldat und ich denke, wir beide
haben schon schlechter gelegen. Also angenehme Ruhe, mein Freund! Ich
werde Sorge tragen, da Sie whrend der nchsten zwei Stunden von
niemand gestrt werden.

Und eilig, um sich allen etwa beabsichtigten weiteren Dankesuerungen
zu entziehen, verlie der Frst das Zelt.




[Illustration]




XVI.


So fest auch Heidecks Schlummer gewesen war, der wste Lrm, der
pltzlich durch die dnnen Wnde des Zeltes drang, htte selbst einen
Bewutlosen ins Leben zurckrufen knnen. Verwirrt und schlafbefangen
eilte er hinaus, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, da ein wild
aussehender, kaffeebrauner Inder mit dem dicken Knttel, den er in
seiner Rechten schwang, einen wuchtigen Schlag gegen den mageren,
schwarzgekleideten Herrn fhrte, den ein ganzer Trupp von Eingeborenen
umringte. Der Europer hatte mit seinem schmalen, bartlosen Gesicht das
Aussehen eines Geistlichen, und es mute Heideck umsomehr in Erstaunen
setzen, da keiner von den russischen Soldaten und Unteroffizieren, die
dem Schauspiel zusahen, die Hand zu seinem Schutze rhrte. Gewi war
er nicht berufen, hier den Befehlenden zu spielen; aber die Gefahr, in
der er da einen vllig wehrlosen Menschen sah, lie ihn alle Bedenken
vergessen. Mit drohendem Zuruf scheuchte er die aufgeregten Inder
hinweg und nahm den Arm des Fremden, um ihn in das Zelt zu fhren.

Keiner von den russischen Kriegern hinderte ihn daran. Man hatte ihn
vorhin in vertrautem Gesprch mit dem Obersten gesehen, und seine
Eigenschaft als Freund des Frsten verschaffte ihm Respekt.

Der vor Schrecken halb ohnmchtige Fremde nahm dankbar das Glas Wein,
das Heideck ihm eingegossen hatte, und als er sich einigermaen erholt
hatte, dankte er seinem Retter mit schlichten aber herzlichen Worten.
Er stellte sich ihm als Professor Proctor vom Aitchison-College
vor und erzhlte, da er ins Lager gekommen sei, um nach einem
wahrscheinlich schwer verwundeten Verwandten zu sehen. Pltzlich habe
er sich von einer Rotte aufgeregter Inder bedroht gesehen, die ihn
seiner Kleidung nach wohl fr einen Geistlichen gehalten htten.

Auch Sie sind kein Russe, mein Herr. Ihrer Aussprache des Englischen
nach halte ich Sie fr einen Deutschen.

Heideck besttigte die Vermutung und erzhlte ihm mit wenig Worten
seine eigene Geschichte. Dann aber konnte er nicht umhin, seiner
Verwunderung ber den Angriff Ausdruck zu geben, dem der Professor
ausgesetzt gewesen war.

Von einem besonderen Ha der Inder gegen die englischen Geistlichen
hatte ich whrend meines bisherigen Aufenthalts im Lande nie etwas
bemerkt, sagte er, und der Professor erwiderte:

Vor wenig Tagen noch htte auch wohl keiner von ihnen etwas zu
frchten gehabt. Bei so traurigen Umwlzungen aber, wie sie sich jetzt
vollzogen haben, verwirren sich alle Begriffe. Alle schlummernden
Leidenschaften werden entfesselt. Ich wage nicht auszudenken, welche
Greuel in dem weiten Indien geschehen werden, nachdem der Zgel
gerissen ist, der das Volk lenkte. Und das schlimmste ist, da wir
selbst uns die Schuld daran beizumessen haben.

Sie meinen durch die Lssigkeit, mit der man die Verteidigung des
Landes vorbereitet hat?

Ich meine nicht allein das. Unsere Schuld ist, da wir eine ewige
Wahrheit ignoriert haben, die Wahrheit nmlich, da alle politischen
Fragen nur der uerliche Ausdruck, gleichsam das Kleid religiser
Fragen sind.

Verzeihen Sie, aber der Sinn Ihrer Worte ist mir nicht klar.

Betrachten Sie das langsame, stetige Vordringen der Russen in
Asien. Alles, was sie unter ihre Herrschaft gebracht haben, alle
die ungeheuren Landstrecken Zentralasiens, sind zu ihrem sicheren,
unbestrittenen Besitz geworden. Warum? Weil die Russen sich auch
die Seelen der Vlker zu erwerben und ihren religisen Anschauungen
Rechnung zu tragen wissen. Deshalb gehen Besiegte und Sieger leicht
ineinander auf. Wir Englnder dagegen haben nur eine rein politische
Herrschaft ber Indien gefhrt. Die Seelen der Vlker sind uns fremd
und feindlich geblieben.

Es mag etwas Wahres in Ihren Worten sein. Aber Sie werden zugeben
mssen, da die Englnder dafr eine neue Kultur nach Indien gebracht
haben. Damit war die Gewiheit geistigen Fortschritts gegeben, und
ich meine, da kein Volk auf die Dauer blind bleiben kann gegenber
der Erscheinung hherer Ideen. Die ganze Weltgeschichte bildet eine
fortlaufende Kette von Beweisen fr die Richtigkeit dieser Tatsache.

Das Wort >Kultur< hat einen vielseitigen Sinn. Handelt es sich
nur darum, zu untersuchen, ob die Regierung und Verwaltung des
Landes besser geworden ist, so bedeutet ja die von uns nach Indien
gebrachte Kultur unzweifelhaft einen ungeheuren Fortschritt gegenber
den Zustnden frherer Jahrhunderte. Wir haben die Despotie der
eingebornen Frsten gebrochen und haben den unaufhrlichen blutigen
Kriegen, die sie untereinander und mit den asiatischen Nachbardespoten
fhrten, ein Ende gemacht. Wir haben Straen und Eisenbahnen gebaut,
Smpfe und Dschungeln beseitigt, Hfen eingerichtet, dem Meere groe
Landstrecken entrissen und schtzende Kais gebaut. Die erschreckende
Sterblichkeitsziffer der Grostdte ist unter der englischen Verwaltung
erheblich zurckgegangen. Wir haben Gesetze gegeben, die die
persnliche Sicherheit schtzen und dem Handel neue Bahnen erffnen.
Aber das Streben unserer Regierung ist ein rein utilitaristisches
gewesen, und was den tieferen Strom der Entwicklung betrifft, so ist
nirgends ein wichtiger Fortschritt zu erkennen.

Und was ist es, was Sie darunter verstehen?

Unsere Ansichten in dieser Beziehung gehen vielleicht weit
auseinander. Ich sehe in den meisten derartigen Errungenschaften nur
eine neue Erscheinungsform jenes Materialismus, der von jeher das
schlimmste Hindernis aller wahren Entwickelung gewesen ist.

Mir scheint, Mr. Proctor, warf Heideck lchelnd ein, da Sie hier in
Indien Buddhist geworden sind!

Vielleicht, mein Herr, und ich wrde mich dessen nicht schmen. Schon
mancher, der Indien zuerst mit den Augen des Christentums betrachtete,
ist hier, -- vielleicht ohne es selbst zu wissen, -- zum Buddhisten
geworden. Griechische Weise haben einst gewnscht, da man die Knige
unter den Philosophen auswhle. Das mag ein unausfhrbarer Gedanke
sein, aber ich glaube nicht, da ein Herrscher, der die Philosophie
verachtet, seine hohe Aufgabe jemals in vollem Mae erfllen wird.
Eine Politik ohne Philosophie ist ebenso wie eine unphilosophische
Religion nicht fester gegrndet, als jene Huser dort am Raviflusse,
deren Existenz nicht fr einen einzigen Tag gesichert ist, weil es dem
Strome gelegentlich einfllt, seinen Lauf zu ndern. Eine Regierung,
die den religisen Empfindungen des Volkes nicht Rechnung zu tragen
wei, steht nicht fester da als diese Htten. Das Schicksal, das sich
jetzt an uns Englndern vollzieht, ist der beste Beweis dafr. Wir
sind die erste Macht in Asien gewesen, die eine politische Herrschaft
nicht auf die Religion des Volkes gegrndet hat. Unklug haben wir die
gewohnte Einfachheit eines Volkes zerstrt, das bis dahin nur geringe
Bedrfnisse hatte, weil es sich Jahrtausende hindurch mehr um das Leben
nach dem Tode, als um das irdische Dasein gekmmert hatte. Wir haben
die schlummernde Leidenschaft dieses Volkes aufgestachelt und durch
den Anblick von europischem Luxus und europischer Ueberkultur bis
dahin ungekannte Wnsche in ihm geweckt. Unser System des ffentlichen
Unterrichts ist darauf gerichtet worden, in allen Klassen des indischen
Volkes die geringwertige materialistische Volksbildung unserer eigenen
Nation zu verbreiten. Unter allen Gouverneuren und Schulinspektoren,
die von England hierherkamen, hat sich keiner bemht, die Oberflche
indischen Volkslebens zu durchdringen und die Seele dieses religisen
und transcendental angelegten Volkes zu ergrnden. Welche Gegenstze
sind dadurch geschaffen worden! Hier ein heiliger Strom, Priester,
Asketen, Jgins, Fakire, Tempel, Heiligenschreine, geheimnisvolle
Lehren, ein vielfltiges Ritual -- daneben aber ganz unvermittelt
Schulen, darin ein hausbackener englischer Elementar-Unterricht
getrieben wird, ein Staatskolleg mit einer Medizinalanstalt und
christliche Kirchen der verschiedensten Konfessionen.

Wie wre es aber auch mglich gewesen, moderne wissenschaftliche
Bildung mit dem Fanatismus der Inder pdagogisch zu vereinen?

Ueber das geistvolle Gesicht des Professors glitt ein berlegenes
Lcheln.

Vergleichen Sie bitte die ermdenden Trivialitten der englischen
Missionsschriften mit den unsterblichen Meisterschriften der indischen
Literatur! Dann werden Sie begreifen, da der Inder, selbst wenn
er das Christentum als Moralsystem gutheit, eine tiefere und
umfassendere Begrndung dieser Moral verlangt und auch dem Ursprunge
der christlichen Lehre nachforscht. Und da findet sich dann gar bald,
da alles Licht, das nach Europa gekommen ist, von Asien ausging. ~Ex
oriente lux.~

Ich bin zu ungelehrt, um Ihnen da zu widersprechen. Es mag sein,
da selbst das Christentum nicht allein aus dem Judentum, sondern
auch aus dem Buddhismus herausgewachsen ist. Es mag auch sein, da
die Lehren unserer heutigen Missionare den Indern zu nchtern sind.
Aber die metaphysischen Bedrfnisse eines Volkes haben mit gesunder
Politik und guter Rechtspflege doch wohl wenig zu schaffen. Denken
Sie an Rom! Der rmische Staat hatte eine vorzgliche Rechtspflege,
und eine gewaltige politische Kraft, die ihn viele Jahrhunderte
hindurch in seiner weltbeherrschenden Stellung erhielt. Wie aber
war es mit der Religion und der Philosophie in Rom bestellt? Eine
Staatsreligion gab es berhaupt nicht. Es gab keine priesterliche
Hierarchie, keinen strengen theologischen Kodex, sondern nur eine
Mythologie und eine Gtterverehrung, die wesentlich praktischer Natur
war, und eben durch ihren praktischen Sinn oder -- wie Sie es nennen
wrden -- durch ihren krassen Materialismus wurden die Rmer befhigt,
eine nationale Gesellschaft auf einfach menschliche Bedrfnisse und
Ansprche zu grnden. Was aber ihnen gelang, warum sollte es nicht
auch jenen Nationen mglich sein, von denen sie in der Weltherrschaft
abgelst wurden? Der Geist der Zeiten ndert sich, aber es ist nur
eine regelmig wechselnde Wiederkehr derselben Strmungen, so wie die
Gestirne in ihrem Kreislauf immer wieder auf ihren Platz zurckkehren.

Und wenn der Zeitgeist gleich manchen Gestirnen nicht im Kreise,
sondern in einer Spirale ginge? Die britische Weltherrschaft hat wohl
schon einen hheren Schwung genommen als die rmische. Htte nicht
dieses britische Weltreich, indem es weise Staatskunst mit den tiefen
Ideen indischer Philosophie durchtrnkte, zu einer groen Reformation
des ganzen Menschengeschlechts gelangen knnen? Es wre ein herrlicher
Gedanke gewesen, aber ich habe hier gelernt, zu erkennen, wie weit man
von seiner Verwirklichung entfernt geblieben ist.

Gleichwohl denke ich, da die englische Armee nicht von den Russen
geschlagen worden wre, wenn sie nicht nach den Regeln einer veralteten
Taktik gekmpft htte.

O, mein Herr, wenn die indischen Truppen mit ganzer Seele fr England
gefochten htten, so htten wir diese Niederlage nimmermehr erlitten.

Als Soldat mchte ich das bestreiten. Die Inder werden einer
militrisch geschulten europischen Armee niemals gewachsen sein.
Das Volk entbehrt dazu in viel zu hohem Mae der kriegerischen
Eigenschaften.

Es ist wahr, das indische Volk ist von Natur sanft und gutherzig. Man
mute es in seinen heiligsten Empfindungen verletzen, um es wild und
blutgierig zu machen.

Vielleicht beurteilen Sie es doch etwas zu milde. Es steckt noch ein
gut Teil Barbarei in dieser Rasse, selbst bis in die hchsten Kreise
hinauf. Hat doch, -- wie ich Ihnen aus eigener Wahrnehmung berichten
kann, -- ein indischer Frst vor Ausbruch des Krieges den Versuch
gemacht, durch seine Diener eine englische Dame aus ihrer Wohnung zu
rauben und den englischen Residenten, der ihn deshalb zur Rede stellte,
durch einen gedungenen Meuchelmrder zu vergiften.

Der Professor war im hchsten Grade erstaunt.

Ist es mglich? Konnten sich solche Dinge ereignen? Sollten Sie nicht
doch vielleicht durch einen bertreibenden Bericht getuscht worden
sein?

Ich habe die Vorgnge selbst aus nchster Nhe beobachtet, und ich
kann Ihnen die Namen nennen. Die Dame, gegen die man den schndlichen
Anschlag versuchte, ist Mrs. Edith Irwin, die ihrem Gatten, einem
Kapitn bei den Lancers, in das Lager von Chanidigot gefolgt war.

Die Verwunderung des Professors wuchs ersichtlich immer mehr.

Mrs. Edith Irwin? Ist es mglich? Die Tochter meines alten Freundes,
des trefflichen Rektors Graham? Gewi, sie mu es sein, denn sie war
mit einem Kapitn von den Lancers verheiratet.

Seit gestern ist sie die Witwe dieses Offiziers. Er fiel in der
Schlacht bei Lahore, und sie selbst befindet sich unter den Gefangenen
in Anar Kali.

Dann mu ich versuchen, sie zu finden; denn sie hat schon um ihres
Vaters willen Anspruch auf meinen Beistand. Vorlufig freilich, fgte
er mit einem etwas wehmtigen Lcheln hinzu, bin ich selbst ja noch
recht sehr des Schutzes bedrftig.

Ich glaube, Sie wegen dieser Dame beruhigen zu knnen. Mein Freund,
der russische Oberst Frst Tschadschawadse, ist eben jetzt nach Anar
Kali hinbergeritten, um auf meine Bitte fr sie zu sorgen.

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die schlanke Gestalt des Frsten
im Eingang des Zeltes erschien. Seine niedergeschlagene Miene weissagte
nichts gutes. Er trat auf Heideck zu und schttelte ihm die Hand.

Ich kann Ihnen leider nichts Erfreuliches melden, lieber Kamerad! Ich
habe Ihre Schutzbefohlene nicht mehr vorgefunden.

Wie? Sie war fort? Und konnten Sie nicht erfahren, wohin sie sich
begeben hat?

Alles, was ich zu ermitteln vermochte, war, da sie in Begleitung
mehrerer Inder in einem eleganten Wagen davongefahren sei. Eine
englische Dame, die den Vorgang beobachtete, hat es mir erzhlt.

Eine furchtbare Ahnung schnrte Heidecks Herz zusammen.

In Begleitung von Indern? Und ohne da man wei, wohin sie gefhrt
wurde? Hat sie denn keine Nachricht fr mich oder sonst jemand
hinterlassen?

Die Dame hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihr zu sprechen. Sie
hat die Abfahrt nur aus der Ferne gesehen.

Aber sie mu doch wahrgenommen haben, ob Mrs. Irwin das Grabmal
freiwillig oder gezwungen verlie?

Der Frst zuckte die Achseln.

Ich kann darber leider nichts sagen. Meine Erkundigung blieb ohne
jedes Ergebnis. Weder von den englischen Gefangenen noch von den
russischen Wachen konnte mir irgend jemand nhere Auskunft geben.




[Illustration]




XVII.


Im Foreign Office zu London versammelte sich der Ministerrat. Mit
dsteren Mienen hatten sich die Lords eingefunden. Wie eine finstere
Wolke lagerte die Ahnung einer Katastrophe ber England, allerhand
schlimme Gerchte waren im Lande verbreitet, und mit dumpfer Beklemmung
sah man den kommenden Ereignissen entgegen.

Eine Depesche des kommandierenden Generals, sagte der
Ministerprsident, indem er das Papier in seiner Hand entfaltete. Und
es wurde totenstill im Gemach:

  >Schmerzlich bewegt sende ich der Regierung Seiner Majestt die
  Nachricht von einer groen Niederlage, die ich vorgestern bei
  Lahore erlitten habe. Erst heute habe ich Delhi mit den Trmmern
  meiner Armee erreicht, die von der russischen Avantgarde verfolgt
  wurde. Wir hatten eine sehr gnstige Aufstellung am linken Ufer
  des Ravi eingenommen und waren im Begriff, der russischen Armee
  den Uebergang ber den Flu zu verwehren, als ein berraschend
  starker Angriff auf unsern linken Flgel bei Schah Dara uns ntigte,
  diesen Flgel zu verstrken und dadurch das Zentrum zu schwchen.
  Gedeckt vom Dschungel am Fluufer, gelang es russischer Kavallerie
  und mohammedanischen Hilfstruppen der russischen Armee den Flu zu
  berschreiten und unsere Sepoy-Regimenter in Unordnung zu bringen.
  Die Truppen des Maharadjah von Chanidigot gingen in verrterischer
  Weise zum Feinde ber, und das war entscheidend. Wren nicht
  smtliche Sepoy-Regimenter abgefallen, so htte ich die Schlacht
  halten knnen, aber die englischen Regimenter unter meinem Befehl
  waren zu schwach, um der Uebermacht des Feindes lange Widerstand
  zu leisten. Die Tapferkeit dieser Regimenter verdient das hchste
  Lob, aber nach mehrstndigem Kampfe mute ich den Befehl zum Rckzug
  geben. Wir zogen uns auf die Stadt Lahore zurck, und es gelang mir,
  einen Teil der Truppen mit der Eisenbahn nach Delhi zu bringen. Diese
  Stadt werde ich aufs uerste verteidigen. Verstrkungen sind aus
  allen Militrstationen des Landes unterwegs. Wie gro unsere Verluste
  sind, kann ich noch nicht angeben. An intakten Truppen habe ich
  fnftausend Mann nach Delhi zurckbringen knnen.<

Eisiges Schweigen lag auf dem Kreise der Lords nach Verlesung der
Unglcksbotschaft. Dann nahm der Kriegsminister das Wort:

Diese Depesche ist freilich wie ein Keulenschlag. Unser bester
Feldherr, die aus den besten Truppen Indiens gebildete Armee sind
vllig besiegt. Mit Recht knnten wir ja sagen, da Englands Gre noch
fest auf beiden Fen steht, so lange England, diese meerumgrtete
Insel, vor dem Feinde gesichert ist. Keine Niederlage in Indien oder in
einer der Kolonieen kann uns tdlich treffen. Was wir in einem Erdteil
verlieren, nehmen wir doppelt in einem andern zurck, so lange wir
im Haupte selbst und im Herzen, auf unserer Insel, stark und gesund
sind. Aber das ist es gerade, was mich besorgt macht. Die Sicherheit
Grobritanniens ist bedroht, wo fast die ganze Welt die Waffen gegen
uns erhebt. Eine starke franzsische Armee steht zur Invasion bereit,
Dover gegenber, eine starke deutsche Armee in den Niederlanden,
ebenfalls bereit, an unsere Ksten berzusetzen. Ich frage, welche
Maregeln sind getroffen worden, um einen Angriff auf unser Mutterland
abzuwehren?

Die britische Flotte, entgegnete der erste Lord der Admiralitt, ist
stark genug, die Flotten unserer Feinde zu zerschmettern, wenn sie
wagen sollten, sich auf offenem Meere zu zeigen. Aber die russische,
franzsische und deutsche Flotte sind so klug, sich unter dem Schutze
der Festungen in den Hfen zu halten. Wir haben zwei Flotten im
Kanal, die eine, von zehn Linienschiffen nebst achtzehn Kreuzern und
den ntigen kleinen Fahrzeugen, dazu bestimmt, die deutsche Flotte
anzugreifen, die andere, strkere, von vierzehn Linienschiffen und
vierundzwanzig Kreuzern, dazu bestimmt, die franzsische Flotte zu
vernichten. Eine dritte Flotte ist im Hafen von Kopenhagen, um die
russische Flotte an ihrer Vereinigung mit der deutschen zu verhindern.
Der Plan, nach Kronstadt zu fahren, ist aufgegeben worden, da die
Erfahrungen des Krimkrieges warnen und wir unsere Seestreitkrfte nicht
zu weit auseinanderziehen wollen. Unsere Admirale und Kapitne werden
durch die Nachricht von den Erfolgen der Russen davon berzeugt werden,
da es sich jetzt um Englands Ehre und Englands Bestand handelt. Als
wir im achtzehnten Jahrhundert Frankreichs Seemacht von allen Meeren
vertrieben, und als wir die Flotte des groen Napoleon besiegten,
da galt die Regel, da jeder besiegte Admiral und Kapitn unserer
Marine standrechtlich erschossen wurde und da schon bei jedem nicht
vllig ausgenutzten Erfolg unserer Kriegsschiffe das Kriegsgericht den
Befehlshaber absetzte. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo jene alten,
strengen Gesetze wieder in Wirkung treten mssen.

Nach dem letzten Bericht der Admiralitt, sagte der Lord Grokanzler,
hatte die Flotte siebenundzwanzig neue Panzerschlachtschiffe,
deren ltestes von 1895 ist. Die Panzer von 1902: Albemarle,
Cornwallis, Duncan, Exmouth, Montagu und Russell, sowie die Panzer
von 1899: Bulwark, Formidable, Implacable, Irresistible, London und
Venerable sind, wie ich aus dem Bericht ersehe, nach den neuesten
technischen Grundstzen konstruiert und armiert. Sind alle modernen
siebenundzwanzig Panzer bei der Kanalflotte?

Nein, der Albion, der Ozean und die Glory sind auswrts. Die
zwlf neuesten Panzer, die Eure Herrlichkeit nannte, sind beiden
Kanalflotten eingereiht. Aber auch mehrere ltere Schlachtschiffe,
wie Centurion, Royal Sovereign, Empre of India, sind im Kanal. Ich
darf wohl sagen, da die beiden Kanalflotten vllig geeignet fr
ihre Aufgaben sind. Wir haben vierundzwanzig ltere Panzer, die aber
smtlich von ausgezeichnetem Werte fr das Gefecht sind.

Von diesen lteren Panzern sind viele noch mit Vorderladern
ausgerstet.

Allerdings. Aber ob die allgemeine Annahme, Hinterlader seien
gefechtstchtiger, durchaus richtig ist, kann erst eine Seeschlacht
erweisen. Bei Schnellfeuergeschtzen ist es ja gewi, da der
Hinterlader die allein richtige Konstruktion ist, aber bei unseren
schwersten Geschtzen, die ein Kaliber von 30,5 Zentimeter haben und
eine Zeit von drei bis vier Minuten beanspruchen, um geladen zu werden,
kommen die Vorteile des Schnellfeuers berhaupt nicht in Frage, sondern
hier kommt es auf das genaue Zielen an, damit das wuchtige Gescho an
die richtige Stelle schlgt. Und hierzu ist ein geschicktes Manvrieren
von der grten Wichtigkeit. Auerdem zeigen uns die Kmpfe vor Port
Arthur die groe Bedeutung des Torpedos und der Mine. Die russische
Flotte hat ihre schwersten Verluste durch das gewandte Manvrieren und
den berlegenen Torpedogebrauch der Japaner erlitten. Es scheint, als
ob berhaupt in modernen Seeschlachten der Artilleriekampf gegen den
Minenkrieg zurcktreten sollte, und da wird sich unsere Ueberlegenheit
an Unterseebooten beim Angriff auf die in den Hfen liegenden Flotten
Deutschlands und Frankreichs zeigen. Erst eine Seeschlacht zwischen
unseren Geschwadern und denen der Franzosen und Deutschen kann eine
Lehre fr den richtigen Gebrauch moderner Kriegsschiffe sein. Und
es wird eine Lehre werden, eine Lehre fr die Unbesonnenen, die es
wagen werden, sich dem Feuer einer britischen Breitseite und dem
Angriff unserer Torpedoboote und Unterseeboote auszusetzen. Mgen die
Panzerungen sein, wie sie wollen: der beste Panzer Grobritanniens ist
die feste, treue Brust der Briten.

Ich kann, wenn ich solche Erklrungen hre, warf der Kolonialminister
ein, mich des Verdachtes nicht erwehren, da der ganze Plan der
Flottenverwendung falsch ist.

Ich bitte um Begrndung dieses Verdachtes, erwiderte der Lord der
Admiralitt etwas gereizt.

Von jeher ist gesagt worden, da England die Oberherrschaft zur See
htte. Nun whrt der Krieg schon eine ganze Zeit, und ich merke nichts
von unserer Oberherrschaft.

Wie knnen Sie das sagen? Der Handel unserer Feinde ist vollstndig
lahmgelegt worden, und unsere Schiffe verkehren berall frei wie sonst.

Das mag sein, aber unter der Oberherrschaft zur See verstehe ich etwas
anderes. Kein Seesieg ist bis jetzt erfochten worden. Die feindlichen
Flotten sind noch intakt. So lange diese nicht vernichtet sind, liegt
immer noch die Gefahr nahe, da der Krieg eine fr uns nachteilige
Wendung nehmen kann. Erst der Kampf auf offener See entscheidet.
Die englische Flotte sollte, wenn sie wirklich die herrschende ist,
die feindlichen Schiffe zur entscheidenden Schlacht zwingen. Warum
blockieren wir nicht die franzsische und die deutsche Flotte in den
Hfen und zwingen sie, sich uns zu stellen? Unsere Geschtze tragen
drei Meilen weit, wir knnen die Feinde im Hafen erreichen. Was soll
diese Trennung in drei Teile? Die Flotte sollte im Kanal zu einem
zerschmetternden Schlage vereinigt werden.

Der sehr ehrenwerte Herr vergit, da eine Vereinigung unserer Flotte
auch die Vereinigung der feindlichen Flotte zur Folge haben wrde.
Verlassen wir unsere Stellung bei Kopenhagen, so kommt die starke
russische Flotte von Kronstadt hervor und vereinigt sich mit den
deutschen Kriegsschiffen in der Ostsee. Diese vereinigte Flotte knnte
durch den Kaiser Wilhelm-Kanal in die Nordsee gelangen. England hat
immer bei seinen Seerstungen den ~two powers standard~ eingenommen,
und obwohl wir den ~three powers standard~ angestrebt haben, sind die
Mittel an Geld und Menschenmaterial doch nicht ausreichend gewesen,
eine Seemacht aufzustellen, die den Flotten der drei jetzt vereinigten
Mchte berlegen wre. Gleichwohl hlt unser altes Prestige alle drei
Mchte in Schach, so da sie nicht wagen, uns zur See anzugreifen.
Setzen wir dies Prestige nicht dadurch aufs Spiel, da wir ohne
eine bestimmte Aussicht auf Erfolg eine Seeschlacht provozieren!
Diese Seeschlacht wird kommen, aber der gnstige Augenblick mu
sorgfltig abgewartet werden. Beim jetzigen Stande des Krieges wre
es leichtsinnig, alles auf eine Karte zu setzen. Das tun wir aber,
wenn wir eine Seeschlacht erzwingen wollen. Gelingt der Angriff nicht,
erleidet unsere Flotte eine Niederlage, so ist England der Landung
einer kontinentalen Armee ausgesetzt. Es ist wahr, da unsere Flotte
durch Teilung geschwcht wird, aber dasselbe gilt von den feindlichen
Flotten, so da dieser scheinbare Nachteil ausgeglichen wird. Wir
mssen den Augenblick ersphen, wo eine Verschiebung der gegenwrtigen
Lage uns erlaubt, eine der feindlichen Flotten mit berlegenen Krften
anzugreifen.

Es mchte wohl ein Mittel geben, die deutsche Flotte hervorzulocken,
beharrte der Kolonialminister. Lat uns ein Panzergeschwader
nach Helgoland schicken und den Felsen mit seinen Befestigungen
zusammenschieen, da er zerbrckelt ins Meer sinkt. Die Erwerbung
Helgolands war eine Lieblingsidee Kaiser Wilhelms II., und dieser
Monarch wird schon dafr sorgen, da Helgoland nicht vom Erdboden
verschwindet. Kommen aber die Deutschen trotz einer Beschieung
Helgolands auch dann noch nicht heraus, so lat das Geschwader in
die Mndung der Elbe fahren und Hamburg in Brand schieen. Lat auch
die Panzer von Kopenhagen vorgehen und den Kieler Hafen, wie die
Kstenstdte an der Ostsee zerstren. Dann wrde sich die deutsche
Flotte schon zeigen!

Dieser Plan ist erwogen worden und kommt vielleicht zur Ausfhrung. Es
stehen ihm jedoch zwei Bedenken entgegen: erstens wrden wir durch die
Zerstrung offener Stdte ein Odium auf uns laden, das ....

Pah! Fr den Sieger gibt es kein Odium! England wre niemals zu
seiner jetzigen Gre und Macht gelangt, wenn es sich von praktischen
Maregeln durch allzu ngstliche Rcksichten auf Humanitt und
Vlkerrecht htte abschrecken lassen.

Nun, dann bleibt jedenfalls noch das andere Bedenken.

Und das wre, Mylord?

Der Kampf von Schiffen, selbst wenn sie die strksten Panzer tragen,
gegen Landbefestigungen ist immer eine gefhrliche Taktik, zumal, wenn
die Ksten durch zahlreiche Minen und Torpedoboote verteidigt werden.
Dazu kommt, da Panzerschiffe eine sehr teure und in gewissem Sinne
zerbrechliche Ware sind.

Eine zerbrechliche Ware?

Die Deutschen haben alle Leuchtschiffe, alle Feuerschiffe, alle
Seezeichen auer Dienst gesetzt, und gerade so, wie die franzsischen
Hfen, sind auch die deutschen durch Minen verteidigt. Ein Panzerschiff
ist stark bei ruhigem Wasser gegenber einem anderen Schiff, aber die
Natur seiner Bauart macht es schwach beim Sturm und in unsicherem
Fahrwasser. Ein Panzerschiff kentert vermge seiner enorm schweren
Belastung ungemein leicht, sobald es nach einer Seite hin das
Uebergewicht bekommt. Es darf auch wegen seiner ungeheuren Wucht
nirgends anstoen, weil es sonst zerbricht; heftet sich ein Torpedo
an seine Panzerhaut oder fhrt es auf eine Mine, so geht es durch die
Explosion leichter unter als ein Holzschiff des vorigen Jahrhunderts.
Und wenn es irgendwo in einer Untiefe oder an einem Felsen aufluft, so
bringt man es nicht wieder los. Auerdem bedarf es hufiger Erneuerung
seines Kohlenvorrats, so da man es nicht auf langdauernde Expeditionen
schicken kann. Unsere Panzer haben ihren ganz besonderen Zweck: sie
sind fr die Seeschlacht. Aber sie gleichen Riesen, die durch das
eigene Gewicht schwerfllig gemacht und zu Boden gezogen werden,
und der Verlust eines Panzer-Schlachtschiffes bedeutet, von seiner
sonstigen Bedeutung fr den Krieg abgesehen, den Verlust von mehr als
einer Million Pfund. Auch die Kreuzer wrde ich nicht ohne dringende
Not den Stahlgeschossen einer Kruppschen Kstenbatterie aussetzen.
Hten wir uns auch vor dem kleinsten Mierfolge zur See! Er wrde fr
unser Prestige und damit fr unsere Machtstellung so gefhrlich werden
wie eine Stahlgranate fr die Wasserlinie eines unserer Kriegsschiffe.

Der Kolonialminister schwieg. Er hatte diesen Einwendungen nichts mehr
entgegenzusetzen.

Unsere indischen Truppen werden dringend der Verstrkung bedrfen,
nahm der Ministerprsident wieder das Wort. Wir mssen englische
Mnner ins Feld stellen, da man sich auf die Sepoys nicht mehr
verlassen kann.

Allerdings, besttigte der Kriegsminister, und es gehen ja noch
immer Truppentransporte nach Bombay. Vierzigtausend Mann sind
eingeschifft worden; von diesen sind mehr als zwanzigtausend in
Indien gelandet, die anderen sind noch auf der See. Eine groe
Flotte ist unterwegs, und acht Panzer sind in Aden stationiert, um
jedem feindlichen Angriff auf unsere Transporte zu wehren. Aber es
ist die Frage, ob wir gut daran tun, noch mehr Truppen nach Indien
zu schicken. Mylords, so schwer es mir wird, es auszusprechen: wir
mssen vorsichtig sein. Man wrde mich mit Recht der Unbesonnenheit
zeihen, wenn ich hier mehr tte, als die uerste Vorsicht erlaubt.
Grobritannien ist von Truppen entblt. Nun bin ich gewi, und ganz
England ist sich dessen bewut, da niemals ein feindlicher Fu diesen
Boden betreten wird, da unsere Flotte die Unberhrtheit unserer Insel
verbrgt, aber wir wren unseres verantwortlichen Amtes nicht wrdig,
wenn wir irgend eine Maregel zur Sicherheit des Landes versumten.
Lat uns Feiglinge sein, Mylords, vor dem Kampfe, Helden erst in der
Schlacht selbst! Lat uns annehmen, wir besen keine Flotte, sondern
mten Englands Boden auf dem Lande verteidigen. Wir mssen eine
schlagfertige Armee auf englischem Boden aufstellen oder wir machen
uns des Verrats am Vaterlande schuldig. Die Mobilmachung unserer
Reserve mu noch weiter ausgedehnt werden. Zehntausende von Yeomen
sind noch imstande das Gewehr zu tragen und den Sbel zu schwingen,
ohne da wir sie eingezogen htten. Jetzt mssen alle krftigen Mnner
heran. Das Gesetz erlaubt, jeden Mann, der nicht der regulren Armee
oder einem Freiwilligenkorps angehrt, zur Armee heranzuziehen, vom
18. bis zum 50. Jahre, und dergestalt eine Miliz aller waffenfhigen
Mnner zu bilden. Wenn Seine Majestt es genehmigt, werde ich ein
Milizheer von hundertundfnfzigtausend Mann bilden. Ich rechne auf
Indien hundertundzwanzigtausend Mann, auf Malta zehntausend, auf
Hongkong dreitausendfnfhundert, auf Sdafrika zehntausend, auf
die Antillen dreitausend, auf Gibraltar sechstausend, auf Aegypten
zehntausend Mann, abgesehen von den kleineren Garnisonen, die alle an
ihren Pltzen bleiben mssen, und hoffe dann noch mit Aufbietung aller
Freiwilligenkorps und Reserven eine Armee von vierhunderttausend Mann
zur Verteidigung des Mutterlandes aufstellen zu knnen.

Der Lord Grokanzler schttelte den Kopf: Lassen wir uns nicht durch
solche Zahlen zu einem falschen Optimismus verfhren! Groe Haufen ohne
militrische Schulung, ohne Uebung in den Waffen, mit neu ernannten und
von den Mannschaften gewhlten Offizieren, die ohne jede praktische
Einsicht, ohne jedes Verstndnis fr die Anforderungen moderner
Kriegsfhrung sind, wollen wir wohlgeschulten Truppen entgegenstellen,
solchen ausgezeichneten Truppen, wie es die franzsischen und die
deutschen sind? Woher denn nur die Artillerie nehmen? Wir haben
1871 gesehen, wohin es fhrt, wenn man Herden von Bewaffneten den
geschulten regulren Truppen gegenberstellt. Bourbaki fhrte ein
Heer, das monatelang gebt worden war, und doch hatten seine Scharen,
obwohl sie mit Kavallerie und Artillerie ins Feld zogen, ungeheure
Verluste beim Zusammensto mit einer an Zahl weit schwcheren,
aber wohlgegliederten, kriegsgebten und von erfahrenen Offizieren
befehligten Armee. Sie wurden ber die Grenze nach der Schweiz
gedrngt, wie wenn eine groe Schafherde von einem Rudel Wlfe gejagt
wird.

Das waren Franzosen, wir aber sind Englnder!

Ein Englnder wird von einer Kugel niedergestreckt wie ein Franzose.
Die Zeiten des Schwarzen Prinzen sind vorbei, kein Heinrich V. siegt
mehr bei Agincourt, wir haben das Feuergefecht mit Magazingewehren.

Die Buren, Mylord, haben uns gezeigt, was eine tapfere Miliz noch
immer gegen regulre Truppen vermag.

Ja, im Gebirge. So haben auch die Tiroler eine Zeitlang dem groen
Napoleon Widerstand geleistet. England aber ist flach, und in der Ebene
zeigt sich die Ueberlegenheit der taktischen Kunst. Nein, nur auf der
Flotte beruht Englands Heil.

Eine Depesche des Vizeknigs von Indien wurde dem Prsidenten
berbracht:

  >Der Vizeknig meldet der Regierung Seiner Majestt, da der
  Oberbefehlshaber in Delhi ein Heer von dreiigtausend Mann
  zusammengezogen hat und die Stadt verteidigen wird. Die Sepoys
  bei seiner Armee gehorchen, da sie innerhalb der Befestigungen
  eingeschlossen sind und nicht fliehen knnen. Der Vizeknig wird
  Sorge tragen, da die mohammedanischen Sepoys mglichst alle nach
  dem Sden kommen und da nur Hindutruppen gegen die Russen ins
  Gefecht gefhrt werden. Es ist Befehl gegeben worden, den abtrnnigen
  Maharadjah von Chanidigot, dessen Truppen in der Schlacht bei Lahore
  das Signal zur Fahnenflucht gaben, standrechtlich zu erschieen. Der
  Vizeknig ist der Ansicht, da die russische Armee vor Delhi Halt
  machen wird, um die Verstrkungen heranzuziehen, die immerfort, aber
  nur in dnnem Flusse, durch Afghanistan herankommen. Er zweifelt
  nicht daran, da die englische Armee, deren Zahl tglich durch die
  neu ankommenden Regimenter wchst, in den Nordprovinzen vereinigt,
  den Russen eine entscheidende Niederlage beibringen wird. Der
  Oberbefehlshaber wird dem General Egerton die Verteidigung Delhis
  bertragen und eine neue Feldarmee bei Cawnpore zusammenziehen, mit
  der er nach Delhi vorzurcken beabsichtigt. Auf allen Bahnlinien
  werden unausgesetzt alle verfgbaren Truppen nach Cawnpore befrdert.<

Diese Nachrichten sind allerdings geeignet, uns mit neuem Mut zu
erfllen, sagte der Ministerprsident, nachdem er das Telegramm
vorgelesen. Und wir wollen uns doch nicht verhehlen, Mylords, da
wir mehr als je des Mutes bedrfen. Dieser neue Mann in Deutschland,
den der Kaiser zum Kanzler gemacht hat, regt die Gemter der
Deutschen schrecklich gegen uns auf. Er scheint ein Mann nach des
Frsten Bismarck Art zu sein, ein Mann khner Rcksichtslosigkeit und
berraschender Schlge. Wir stehen ganz allein. Ruland, Frankreich und
Deutschland haben sich zu einem Bndnis gegen uns zusammengeschlossen.
Oesterreich kann und will uns nicht zu Hilfe kommen, Italien dreht sich
in gewundenen Antworten auf unsere Antrge, sagt weder ja noch nein und
lauert auf den Augenblick, wo es im Bndnis mit Frankreich die letzten
italienischen Landstriche von Oesterreich losreien und sich an unseren
Kolonien bereichern kann. Nun wohl denn, wo England allein stand, da
stand es noch immer in Glanz und Macht. Vertrauen wir auf uns selbst
und die Treue unserer Kolonien, die uns mit Geld und mit Mannschaften
beispringen und die wir nach dem Siege mit allen Gaben belohnen wollen,
die Seiner Majestt Regierung auszuteilen hat.

Unsere Kolonien! mischte sich jetzt auch der Handelsminister in die
Debatte. Jawohl, sie sind opferwillig. Ich frchte nur, da die Opfer,
die der sehr ehrenwerte Kolonialminister von ihnen fordert, ihnen zu
viel werden knnen, und da sie bei der Richtung, die der moderne
Imperialismus unserer Regierung einschlgt, nicht an die Belohnungen
glauben werden, die ihnen in Aussicht gestellt werden.

Mylord, entgegnete der Angegriffene. Man nennt mich einen Agitator,
und man wirft mir vor, da ich die jetzige gefhrliche Lage Englands
verschuldet htte. Gut, ich will sie verschuldet haben. Aber niemals
hat ein Staatsmann groe Plne verfolgt, ohne sein Land einer gewissen
Gefahr auszusetzen. Ich erinnere nur daran, da Bismarck nach dem
glcklich beendeten Kriege von 1866 sagte, da ihn die alten Weiber
mit Kntteln totgeschlagen haben wrden, wenn die preuische Armee
besiegt worden wre. Aber sie wurde nicht besiegt, und er stand da als
ein Mann, der Deutschland geeinigt und Preuen gro gemacht hatte.
Er setzte Preuen der allergrten Gefahr aus, indem er durch seine
Agitation fast die ganze Welt zum Feinde Preuens machte, Oesterreich
und das ganze Sddeutschland angriff und es schlielich auch zum
Kriege gegen Frankreich brachte. England hat damals eine unglckselige
Politik des Zusehens und Abwartens befolgt, weil kein Agitator seine
Politik leitete. Htte England 1866 Preuen den Krieg erklrt, so wre
Deutschland jetzt nicht so mchtig, da es uns bekriegt. Seit jener
Zeit haben sich tiefgehende Vernderungen in England selbst vollzogen,
gerade durch das Wachstum der deutschen Macht. Wir haben uns seit
Napoleons Sturz nicht mehr genug um die Ereignisse auf dem Kontinent
gekmmert, sondern in stolzem Selbstgefhl uns selbst fr so mchtig
gehalten, da wir die Entschlieungen der fremden Regierungen nur zu
beeinflussen brauchten, um unsere eigene Politik zu verfolgen. Aber
dieses Selbstgefhl ist erschttert worden durch die Ereignisse von
1866 und 1870, und England ist mit Recht nervs geworden. Der Englnder
hat bis zu jenem Zeitpunkt die Uebergriffe der kontinentalen Mchte
verachtet. Das tut er nicht mehr, sondern es sind sogar patriotische
Strmungen in England selbst entstanden, die der schwachsinnige
Friedensfreund als chauvinistische brandmarkt. Nun wohl, ich nenne mich
mit Stolz einen Chauvinisten in dem Sinne, da ich nicht den Frieden um
jeden Preis, sondern Englands Gre will. Die patriotischen Strmungen
unseres Volkes sind von meinem Vorgnger Chamberlain in das rechte
Bett geleitet worden. Und hat nicht die Regierung seit dreiig Jahren
eben demselben patriotischen Gefhl Folge geleistet, indem sie, mochte
sie von Disraeli oder Gladstone geleitet werden, eine ganz enorme
Verstrkung unserer Wehrmacht zu Lande wie zur See ins Werk setzte?
Diese militrischen Rstungen haben dem Mutterlande allein die Lasten
aufgebrdet, whrend sie nicht nur dem Mutterlande, sondern auch den
Kolonieen zugute gekommen sind und noch zugute kommen sollen. Wie aber
sollen solche Kosten, wie sie der Krieg jetzt verursacht, weiterhin
aufgebracht werden? Wie soll der Handel des englischen Weltreiches
fernerhin gehoben und vor jeder Konkurrenz geschtzt werden, wenn
die Kolonieen sich nicht an den Kosten beteiligen? Ich will nur, da
eine gerechte Verteilung der Lasten eintritt und da demnach nicht
England allein, sondern auch die Kolonieen die Lasten tragen. Der
Plan der Imperial Federation, den wir verfolgen, ist das Heilmittel
unserer chronischen Krankheit und soll die Kolonieen wie das Mutterland
wirtschaftlich wie politisch und militrisch strken. Gewi scheinen
solche Reden verwegen, Mylords, im Augenblicke, wo eine russische Armee
in Indien eingebrochen ist und wo unsere Armee eine schwere Niederlage
erlitten hat, aber ich mchte daran erinnern, da noch jeder Krieg
Englands mit Niederlagen begonnen hat. Andere als siegreiche Kriege
aber hat England niemals gefhrt, seitdem Wilhelm der Eroberer das
romanische Blut in Englands Staatskrper eingefhrt und ihm damit eine
Konstitution von solcher Zhigkeit und Hrte verliehen hat, da kein
anderer Staatskrper jemals auf die Dauer England hat widerstehen
knnen. So werden wir auch die Russen wieder aus Indien hinauspeitschen
und werden die Flotten Frankreichs, Deutschlands und Rulands, die
sich vor uns in ihren Hfen verstecken, schlielich hervorzwingen,
vernichten und damit alle bermtigen Plne unserer Feinde zerstren,
den Union Jack aber zur Standarte einer Weltherrschaft erheben, der
niemand mehr feindlich zu nahen wagt.




[Illustration]




XVIII.


Die Kunde von Ediths Entfhrung -- denn nur darum konnte es sich
Heidecks Ueberzeugung nach handeln, weil sie sonst irgend eine
Nachricht fr ihn hinterlassen haben wrde, -- wirkte auf Heideck mit
niederschmetternder Gewalt.

Er erinnerte sich der furchtbaren Grausamkeiten, von denen man aus den
Zeiten des Sepoy-Aufstandes erzhlte. Und er brauchte sich nur seine
eigenen Erlebnisse in Lahore ins Gedchtnis zurckzurufen, um berzeugt
zu sein, da alle jene entsetzlichen Geschichten keine Uebertreibung
waren, sondern wohl eher noch hinter der Wirklichkeit zurckblieben.

War es aber nicht dieses Schicksal, dem Edith Irwin entgegenging, so
wartete ihrer vielleicht ein anderes schmachvolles Los, das dem Manne,
der sie liebte, noch frchterlicher erscheinen mute als der Tod.

Sein Erschrecken und seine tiefe Niedergeschlagenheit hatten dem
Frsten nicht entgehen knnen. Teilnehmend legte er die Hand auf
Heidecks Schulter und sagte:

Ich bin wirklich untrstlich, Herr Kamerad! Denn ich sehe wohl, wie es
mit Ihnen und der Dame steht. Aber vielleicht beunruhigen Sie sich ohne
Not. Diese Abreise kann doch immerhin noch eine ganz unverfngliche
Aufklrung finden.

Heideck schttelte den Kopf.

Ich hege in dieser Hinsicht keine Hoffnungen mehr, denn alle Umstnde
sprechen dafr, da es der Maharadjah von Chanidigot war, der die Dame
in seine Gewalt gebracht hat. Dieser wollstige Despot hat ja schon
seit Monaten danach getrachtet, sie zu besitzen. Was, um des Himmels
willen, kann man tun, die Unglckliche aus seinen Hnden zu befreien?

Ich werde den General in Kenntnis setzen und zweifle nicht, da er
eine Untersuchung anordnen wird. Wenn Ihre Vermutung zutrifft, wird
der Maharadjah selbstverstndlich gezwungen werden, die Dame wieder
freizugeben. Aber ich mchte fast daran zweifeln. Der Despot von
Chanidigot ist augenblicklich weit von hier entfernt.

Das wrde nicht ausschlieen, da andere in seinem Auftrage gehandelt
haben. Und glauben Sie wirklich, Ihr General wrde es um einer
englischen Dame willen mit einem einflureichen indischen Frsten
verderben, auf dessen Bundesgenossenschaft Ruland in diesem Augenblick
doch vielleicht noch recht sehr angewiesen ist?

O, lieber Freund, wir sind nicht die Barbaren, fr die man uns
im westlichen Europa leider noch immer hlt. Wir wnschen an
Ritterlichkeit hinter niemandem zurckzustehen, und wir werden unser
Regiment in Indien sicherlich nicht damit beginnen, da wir unter
unseren Augen verabscheuungswrdige Gewalttaten geschehen lassen. Ich
bin berzeugt, da der General in diesem Punkte nicht anders denkt als
ich.

Sie wissen nicht, wie trstlich und beruhigend es fr mich ist, das zu
hren. Denn ich selbst werde ja nichts mehr fr Mrs. Irwin tun knnen.
Seitdem ich wei, da Deutschland sich im Kriege befindet, darf ich ja
kein anderes Interesse mehr haben als das, so schnell als mglich zu
meiner Armee zu gelangen.

Allerdings! Die Soldatenpflicht ber alles. Wie aber wollen Sie es
anfangen, jetzt nach Deutschland zu kommen? Es drfte eine verteufelt
schwierige Aufgabe sein.

Ich mu es dennoch versuchen. Unter keinen Umstnden darf ich hier
mig verharren.

Nun, so lassen Sie uns berlegen. Das Nchstliegende wre ja, da Sie
von Bombay oder einer anderen Hafenstadt, wie Kalkutta, Madras oder
Carachi aus zur See nach Europa zurckkehrten. Carachi liegt uns am
nchsten. Man hat ihm ja den Namen des Eingangstores von Zentralasien
gegeben. Und von Lahore, Quetta oder Mooltan aus ist Carachi mit der
Eisenbahn am schnellsten zu erreichen. Aber eine Dampferverbindung
zwischen Carachi und Europa besteht nur auf dem Wege ber Bombay. Es
gibt von dort aus keine andere direkte Schiffslinie als die nach dem
Persischen Golf. Sie mten also auf einen der englischen Dampfer der
Peninsular- und Oriental-Linie gehen, die zweimal wchentlich fahren.
Denn die franzsischen Messageries Maritimes, die sonst zwischen
Carachi und Marseille verkehrten, werden selbstverstndlich ihre
Fahrten lngst eingestellt haben. Sie knnten also ebensogut mit der
Eisenbahn bis Bombay fahren. Ueber Kalkutta oder Madras wre es ein
gewaltiger Umweg!

Und ich sollte einzig auf die Benutzung der englischen Dampferlinie
angewiesen sein?

Da die Schiffe des Norddeutschen Lloyd oder des Oesterreichischen
Lloyd noch verkehren sollten, halte ich fr gnzlich ausgeschlossen.

Dann werde ich den Gedanken an diesen Reiseweg berhaupt aufgeben
mssen. Wenn ich mich nicht geradezu geflschter Legitimationspapiere
bedienen will, die berdies kaum zu erlangen sein drften, wird mich
kein englischer Dampfer als Passagier aufnehmen.

Das ist allerdings sehr wahrscheinlich, stimmte der Frst nach
einigem Nachdenken zu. Und dann -- wie sollten Sie nach Bombay
gelangen? Die Englnder zerstren auf ihrem Rckzuge ja alle
Eisenbahnen.

Nun, was das betrifft -- ich knnte ja zu Pferde reisen.

Mitten durch die englische Armee hindurch? Und auf die Gefahr hin, als
Spion aufgegriffen zu werden? Wissen Sie nicht, da die Besiegten mit
dem Fsilieren vermeintlicher Spione gewhnlich noch schneller bei der
Hand sind als die Sieger?

Heideck mute lcheln.

In dieser Beziehung drfte die Promptheit des russischen Verfahrens
doch kaum zu bertreffen sein. Aber ich gebe zu, da Ihre Bedenken
sehr berechtigt sind. Danach verbliebe mir also nur noch der Weg nach
Norden.

Ja, Sie mten mit einem leerfahrenden Zuge oder mit einem Transport
englischer Gefangener bis zum Kaiberpa fahren, dann zu Pferd durch
Afghanistan bis an die Grenze, und von dort wiederum mit der Bahn bis
Krasnowodsk reisen. Weiter wrde die Route ber das Kaspische Meer nach
Baku oder mit der Eisenbahn ber Tiflis nach Poti am Schwarzen Meer und
dann zu Schiff nach Konstantinopel gehen. Aber, mein lieber Kamerad,
das ist eine sehr lange, beschwerliche Reise.

Ich mu es dennoch versuchen. Es handelt sich um ein Gebot der Ehre,
und Sie sagen ja selbst, da es keinen anderen Weg als den von Ihnen
bezeichneten gibt.

Gut! -- So werde ich fr einen Pa sorgen und von dem General eine
Vollmacht fr Sie erbitten, die Sie in den Stand setzt, auf unserer
Etappenstrae durch Afghanistan jederzeit Kosaken zu Ihrer Begleitung
zu erhalten. -- Aber -- und das Aufleuchten in seinem Gesicht verriet,
da ihm eine nach seinem Dafrhalten sehr glckliche Idee gekommen
sei -- liee sich nicht doch vielleicht ein Ausweg finden, der Ihnen
all' diese ungeheuren Strapazen erspart? Die Deutschen und Russen sind
Alliierte. Auch in den Reihen unserer Armee wrden Sie Ihrem Vaterlande
dienen. Und ein Offizier, der Indien so gut kennt, wie Sie, wre fr
uns in diesem Augenblicke von groem Wert. Wenn Sie wollen, spreche ich
noch in dieser Stunde mit dem General. Und ich bin gewi, da er keinen
Augenblick zgern wird, Sie mit dem Range, den Sie in der deutschen
Armee bekleiden, seinem Stabe zu attachieren.

Gerhrt schttelte Heideck dem Freunde die Hand.

Sie machen es mir schwer, Ihnen nach Verdienst zu danken. Ohne Ihr
Eingreifen htte mein Dasein einen sehr ruhmlosen Abschlu gefunden,
und was Sie mir da vorschlagen, ist mir ein neuer Beweis Ihrer
liebenswrdigen Teilnahme an meinem Geschick. Aber Sie zrnen mir
nicht, wenn ich ablehne -- nicht wahr? Gewi wrde es mir eine Ehre
sein, in Ihrer ausgezeichneten Armee zu dienen. Aber Sie sehen ein, da
ich nicht nach Belieben ber mich verfgen darf, sondern als Soldat
auf meinen Posten zurckkehren mu, gleichviel, welche Schwierigkeiten
dabei zu berwinden sind. Ich bitte Sie -- -- aber, mein Gott, was ist
denn das? Knnen in diesem Lande der Wunder selbst die Toten wieder
lebendig werden?

Das Erstaunen, das ihm diese Frage eingegeben, war sehr natrlich, denn
das magere, schwarzbraune Mnnchen, das soeben im Eingang des Zeltes
erschien, war niemand anders als sein totgeglaubter treuer Diener Morar
Gopal. Um seine Stirn trug er einen frischen Verband. Einen Augenblick
blieb er wie gebannt in der Zelttr stehen, und in seinen dunklen
Augen spiegelte sich die Freude darber, seinen Herrn unverletzt
wiedergefunden zu haben.

In tiefster Erregung strzte Morar Gopal auf Heideck zu, warf sich
zur Erde, um nach Hindusitte den Boden mit der Stirn zu berhren, und
sprang dann mit allen Anzeichen der grten Freude wieder auf die Fe.

Heideck aber war kaum weniger bewegt als er und drckte dem treuen
Burschen krftig die braune Hand.

Diese Wahnwitzigen haben dich also nicht umgebracht? Aber ich sah dich
doch unter ihren Hieben fallen?

Morar Gopal grinste verschmitzt.

Ich warf mich zu Boden, als ich sah, da doch alle Verteidigung
umsonst war. Und weil ich aus einer Wunde am Kopfe blutete, meinten sie
wohl, ich htte genug. Gleich nachher kamen die Kosaken, und vor ihren
Pferden, die mich sonst zertreten htten, machte ich mich schleunigst
wieder auf die Beine.

Du besitzt eine groe Geistesgegenwart! Wie aber bist du zu dem
schnen Anzuge gekommen?

Ich lief ins Hotel zurck -- durch den hinteren Eingang, wo der Rauch
nicht so arg war, -- weil ich dachte, da Sahib sich vielleicht dahin
gerettet htte. Sahib habe ich allerdings nicht gefunden, wohl aber
diese Kleider. Und weil ich dachte, es sei besser, sie anzuziehen als
sie verbrennen zu lassen -- --

Schon gut, mein Braver! -- Man wird dich wegen dieses kleinen
Eigentumsvergehens schwerlich zur Rechenschaft ziehen.

Ich suchte Sahib an allen Orten, wo sich englische Gefangene befinden.
Und als ich in Anar Kali gerade dazukam, wie Mrs. Irwin in einem Wagen
weggefhrt wurde, da wute ich, da ich nun auch die Spur meines Sahib
gefunden hatte.

Mit Ungestm erfate Heideck seinen Arm.

Du hast es gesehen? Und du weit auch, wer sie entfhrte?

Ja, Herr, es war der Siwalik, der Stallmeister des Prinzen Tasatat.
Und die Lady ist mit ihm auf dem Wege nach Simla.

Nach Simla? Woher kannst du das wissen?

Ich stand nahe genug, um jedes Wort zu verstehen, das die Inder
miteinander sprachen, und es war zwischen ihnen davon die Rede, da sie
nach Simla gingen.

Und Mrs. Irwin? Sie strubte sich nicht? Sie rief nicht um Hilfe? --
Sie lie sich ruhig fortfhren?

Die Lady war sehr stolz. Sie sprach kein Wort.

Ein Ordonnanzoffizier trat ins Zelt und berbrachte dem Frsten den
Befehl, sich sogleich bei dem Kommandierenden einzufinden.

Wissen Sie, in welcher Angelegenheit? fragte der Oberst.

Soviel ich wei, handelt es sich um eine Beschwerde des Hauptmanns
Obrutschew, der die Exekutionsmannschaften befehligt. Er hat gemeldet,
der Herr Oberst habe einen Spion weggefhrt, der auf Befehl des
Kriegsgerichts fsiliert werden sollte.

Heideck war bestrzt.

So werden Ihnen nun aus Ihrer Rettungstat noch ernste Ungelegenheiten
erwachsen, sagte er. Aber da ich jetzt aus meiner Eigenschaft als
deutscher Offizier kein Hehl mehr zu machen brauche, kann ja, falls der
Feldtelegraph schon eingerichtet sein sollte, durch eine Anfrage beim
Generalstab meine Legitimation erwirkt werden.

Gewi! Und ich bitte Sie, sich meinetwegen nicht zu beunruhigen. Ich
werde schon verantworten, was ich getan habe.

Er entfernte sich in Begleitung des Ordonnanzoffiziers. Und Heideck
bestrmte den braven Morar Gopal aufs neue mit Fragen ber die nheren
Umstnde von Ediths Entfhrung.

Aber der Hindu konnte ihm nichts weiter sagen, da er nicht gewagt
hatte, sich Edith zu nhern. Ihm war es ja auch nur um die Auffindung
seines Herrn zu tun gewesen. Er hatte in Erfahrung gebracht, da
Heideck von Kosaken fortgefhrt worden sei, und war nicht mde
geworden, weitere Nachforschungen anzustellen, bis er endlich mit dem
angebornen Scharfsinn seiner Rasse alles herausgebracht hatte. Da er
von nun an das Los seines vergtterten Sahib wieder teilen wrde, galt
ihm als selbstverstndlich. Und Heideck hatte nicht das Herz, schon in
dieser Stunde des Wiedersehens seine Illusionen zu zerstren.

Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte Frst Tschadschawadse zurck.
Seine heitere Miene bewies, da er gute Nachrichten bringe.

Es ist alles in Ordnung. Mein Wort war fr den General Brgschaft
genug, und eine Anfrage in Berlin erschien ihm als berflssig.

Wahrhaftig, ihr Russen treibt doch alles im groen Stil!
rief Heideck. Ein groes Reich, eine groe Armee, eine groe,
weitausschauende Politik und eine groe Auffassung aller Dinge.

Auch wegen meiner Idee, Sie in die Reihen unseres Heeres
einzustellen, habe ich mit dem General gesprochen. Und er ist
vollkommen damit einverstanden. Auch er hlt die Schwierigkeiten
einer Reise nach Deutschland unter den obwaltenden Umstnden fr fast
unberwindlich. Und er macht Ihnen das Anerbieten, mit dem Range eines
Rittmeisters in seinen Stab einzutreten. Nach Berlin wrden Sie ja
selbst im gnstigsten Fall wahrscheinlich erst kommen, wenn der Krieg
lngst beendet ist.

Ich glaube nicht, da dieser Krieg so schnell beendigt sein wird.
Bedenken Sie, da der halbe Erdball in Flammen steht!

Gleichviel! Sie sollten das Anerbieten nicht zurckweisen. Wir knnen
ja zu Ihrer Beruhigung in Berlin dieserhalb anfragen, der Feldtelegraph
reicht bis Peschawar zurck, die Verbindung mit Moskau, Petersburg und
Berlin ist also hergestellt.

Das nehme ich ohne weiteres an. Ich wrde glcklich sein, wenn mir die
Erlaubnis erteilt wrde, in Ihren Reihen zu kmpfen.

Daran ist gewi nicht zu zweifeln. Ich werde Ihnen sofort die weie
Sommer-Uniform und die eines Dragoner-Rittmeisters besorgen. Diesen
Sbel aber, Herr Kamerad, werden Sie, wie ich hoffe, als ein kleines
Gastgeschenk von mir annehmen.

Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Oberst!

Ich begre Sie als den Unsrigen. Ich wre sogar in der Lage, Ihnen
sogleich einen dienstlichen Auftrag zu erteilen.

Nicht ohne die Genehmigung aus Berlin, mein Frst!

Nun wohl, warten wir sie ab. Aber es wre sehr schade, wenn sie sich
wider unsere Erwartung verzgern wrde. Der Auftrag, den ich Ihnen da
verschaffen wollte, wrde Sie gewi sehr interessiert haben.

Und darf ich fragen -- --

Der General beabsichtigt, ein Detachement nach Simla zu entsenden.

Noch Simla, der Sommerresidenz des Vizeknigs?

Ja.

Aber diese Gebirgsstadt ist doch jetzt ohne alle Bedeutung, der
Vizeknig ist doch in Kalkutta geblieben?

Ganz recht, das schliet indessen nicht aus, da die Nachricht von der
Besetzung Simlas drauen in der Welt einigen Effekt machen wrde. Und
berdies knnten sich in den dortigen Regierungsbureaus mglicherweise
interessante Aktenstcke befinden, von denen Kenntnis zu nehmen schon
der Mhe wert sein wrde.

Und Sie halten es fr mglich, da Seine Exzellenz mich dahin schicken
knnte?

Da das Detachement, bei dem brigens auch meine Dragoner, sowie
Infanterie und zwei Maschinengewehre sein werden, meiner Fhrung
anvertraut werden wrde, habe ich den General gebeten, Sie der
Expedition zuzuteilen.

Heideck verstand die hochsinnige Absicht des Frsten, und fast
strmisch schttelte er ihm beide Hnde.

So mge der Himmel geben, da die Erlaubnis aus Berlin rechtzeitig
eintrifft. Nichts in der Welt wnsche ich so sehnlich, als mit Ihnen
nach Simla gehen zu drfen.




[Illustration]




XIX.


Schneller fast, als es bei der starken Beschftigung des Telegraphen
zu erhoffen gewesen war, traf aus Berlin die Weisung ein, da der
Hauptmann Heideck einstweilen in der russischen Armee Dienste tun drfe
und da es seinem Ermessen anheimgestellt werde, die erste gnstige
Gelegenheit zur Rckkehr nach Deutschland zu benutzen.

Er stellte sich nunmehr dem kommandierenden General vor, wurde von ihm
mit Wort und Handschlag verpflichtet, und in aller Form dem nach Simla
bestimmten Detachement als Rittmeister zugeteilt.

Am nchsten Morgen schon setzte sich die Truppe unter Fhrung des
Frsten Tschadschawadse in Bewegung.

Der Marsch fhrte ber den stlich von Lahore gelegenen Teil des
Schlachtfeldes, auf dem sich vornehmlich die Kmpfe zwischen den Sepoys
und den verfolgenden russischen Reitern abgespielt hatten.

Der Anblick, den diese zerstampfte, blutgetrnkte Ebene gewhrte, war
traurig erschtternd. Obwohl zahlreiche Inder und russische Soldaten
unter der Leitung von Armee-Gendarmen mit dem Aufsuchen der Leichen
beschftigt waren, lagen doch noch berall die teilweise schrecklich
entstellten Leiber der Gefallenen in denselben Stellungen, in denen sie
von dem mehr oder weniger qualvollen Tode ereilt worden waren. Ein fast
unertrglicher Verwesungsgeruch erfllte die Luft und mischte sich mit
dem beizenden, atemraubenden Qualm der Scheiterhaufen, auf denen man
die Leichen verbrannte.

Das Gros der russischen Armee befand sich im Lager und in der Stadt.
Nur die Avantgarde, von der Verfolgung der fliehenden Englnder
zurckgekehrt, war sdlich der Stadt vorgeschoben. Die von Peschawar
abgegangenen Verstrkungen, die mit einiger Ungeduld erwartet wurden,
waren noch nicht eingetroffen.

Heideck hrte, da etwa viertausend englische Soldaten und mehr als
hundert Offiziere tot oder verwundet seien, whrend sich dreitausend
Mann und fnfundachtzig Offiziere gefangen in den Hnden der Russen
befanden. Die Verluste der Sepoy-Regimenter lieen sich vorlufig nicht
einmal annhernd schtzen, da sich die Kmpfe ber ein zu weites Gebiet
hingezogen hatten.

Frst Tschadschawadse, der jetzt bei aller Herzlichkeit gegen Heideck
doch mehr die Haltung eines militrischen Vorgesetzten angenommen
hatte, erzhlte whrend des Rittes, da die russische Armee den Weg
durch die Westprovinzen nehmen, das Industal und die dem Indus zunchst
liegenden Lnderstrecken aber unberhrt lassen wrde.

Wir werden auf Delhi marschieren, uerte er, und dann
wahrscheinlich auf Cawnpore und Lucknow vorgehen.

Das Detachement konnte die Eisenbahn, die ber Amritsar und Ambala nach
Simla fhrt, nicht benutzen, da sie zum groen Teil von den Englndern
zerstrt worden war. Die Schnelligkeit des Marsches war natrlich ganz
von der Leistungsfhigkeit der Infanterie abhngig. Und so sehr Heideck
die Frische und Ausdauer dieser abgehrteten Soldaten bewundern mute,
kam man doch fr seine Wnsche viel zu langsam vorwrts.

Wie glcklich wre er gewesen, wenn er mit seiner Schwadron im
Geschwindmarsch auf dem Wege htte vordringen drfen, den die
unglckliche Edith hatte einschlagen mssen!

Schon am zweiten Tage zeigten sich in der Ferne deutlich schn
umrissene blaue und violette Gebirgszge: -- das dem Himalaja
vorgelagerte Hgelland, dessen niedrige Sommertemperatur den Vizeknig
und die hohen Beamten der indischen Regierung alljhrlich bestimmte,
sich aus dem unertrglich heien und dunstigen Kalkutta in das khle
und gesunde Simla zu flchten. Auch die Familien der im Pendschab und
in den westlichen Provinzen wohnenden reichen englischen Kaufleute und
Beamten pflegten whrend der heien Jahreszeit hier ihren Aufenthalt zu
nehmen.

Die Vegetation wurde immer reicher und ppiger. Man kam durch prchtige
Dschungeln, die stellenweise ganz den Eindruck knstlich angelegter
Parks hervorbrachten. Scharen von Affen tummelten sich in den Banianen
und Palmen und machten die waghalsigsten Stze von einer Luftwurzel zur
anderen. Die Annherung der Soldaten schien diesen munteren Geschpfen
sehr wenig Furcht einzuflen; denn sie blieben oft unmittelbar ber
ihren Kpfen sitzen und betrachteten mit ebensoviel Neugier als
augenflligem Wohlgefallen das ungewohnte militrische Schauspiel.
Buntgefiederte Papageien erfllten die Luft mit ihrem durchdringenden
Gekreisch, und hier und da wurde ein Rudel Antilopen sichtbar, die
indessen stets in rascher Flucht davongingen, wobei ihre merkwrdige
Art, mit allen vier Beinen zugleich vom Boden empor zu springen, den
wunderlichsten und ergtzlichsten Anblick gewhrte.

Am dritten Tage kreuzte ein farbenbunter Reiterzug den Weg des
Detachements. Es waren augenscheinlich vornehme Inder in halb
einheimischer, halb englischer Kleidung auf vortrefflichen Hengsten,
wie sie aus der Kreuzung von arabischem und Guzerat-Blut hervorgehen.
An ihrer Spitze ritt ein prachtvoll gekleideter, dunkelbrtiger Mann
auf einem Schimmel von besonderer Schnheit.

Er hielt an, um einige Worte hflicher Begrung mit dem russischen
Obersten auszutauschen. Als er sich dann mit seinen lanzenbewehrten
Reitern wieder in Bewegung gesetzt hatte, um den Blicken der
Nachschauenden gar bald im dichten Dschungel zu entschwinden, winkte
der Frst Heideck an seine Seite.

Eine Neuigkeit fr Sie, Herr Kamerad! -- Der vornehme Inder, mit dem
ich soeben sprach, war der Maharadjah von Sabathu, und er ist eben im
Begriff, seinen auf einem Jagdausfluge begriffenen Gast und Freund, den
Maharadjah von Chanidigot, zu suchen.

Den Maharadjah von Chanidigot? rief Heideck mit funkelnden Augen.
Der Elende wre also wirklich in unserer unmittelbaren Nhe?

Das von den beiden Frsten aufgeschlagene Jagdlager befindet sich in
unserer Marschrichtung, und der Maharadjah hat mich eingeladen, mit
meinen Leuten diese Nacht dort zu kampieren. Ich htte in der Tat nicht
bel Lust, diese freundliche Einladung anzunehmen.

Und haben Sie ihn nicht nach Mrs. Irwin gefragt, mein Frst?

Das Gesicht des Obersten hatte bei dieser Frage Heidecks einen
befremdlich ernsten, beinahe abweisenden Ausdruck angenommen.

Nein.

Aber es ist doch mehr als wahrscheinlich, da sie sich ebenfalls in
seinem Lager befindet.

Wohl mglich, obwohl einstweilen noch jeder Beweis dafr fehlt.

Sie werden Nachforschungen nach ihr anstellen, nicht wahr? Werden den
Maharadjah zwingen, uns Aufklrung ber ihren Verbleib zu geben?

Ich drfte ihn hchstens in hflicher Form um eine Aufklrung
ersuchen. Aber auch das kann ich Ihnen noch nicht mit Sicherheit
versprechen.

Heideck war auf das Aeuerste berrascht. Er konnte sich die Wandlung
in dem Benehmen des Frsten durchaus nicht erklren. Und er wre
geneigt gewesen, seine sonderbaren Antworten fr einen, freilich nicht
sehr zarten Scherz zu nehmen, wenn nicht der eisige, undurchdringliche
Ausdruck seines Gesichts jede derartige Vermutung von vornherein
ausgeschlossen htte.

Aber ich verstehe nicht, mein Frst -- sagte er betroffen. Sie
hatten doch noch vor wenig Tagen die Gte, mir Ihren tatkrftigen
Beistand in dieser Angelegenheit zu versprechen.

Ich bin zu meinem Bedauern gentigt, die Zusage zurckzunehmen. Denn
ich habe strikte Weisung von Seiner Exzellenz, alles zu vermeiden,
was zu einer Reibung mit den eingeborenen Frsten fhren knnte. Da
man gerade auf die Person des Maharadjah von Chanidigot einen ganz
besonderen Wert legt, war mir zur Zeit unserer Unterredung nicht
bekannt. Er ist der Erste gewesen, der sich offen fr Ruland erklrt
hat und dessen Truppen zu uns bergingen. Der glckliche Ausgang
der Schlacht bei Lahore ist vielleicht zum nicht geringen Teil ihm
zu verdanken. Sie begreifen, Herr Rittmeister, da es den belsten
Eindruck hervorrufen wrde, wenn wir mit einem fr uns so wichtigen
Mann aus geringfgiger Ursache in Zwistigkeiten gerieten.

Aus geringfgiger Ursache? fragte Heideck ernst, und seine Augen
funkelten hell auf vor Erregung.

Nun ja, was Ihnen von so groer Bedeutung erscheint, ist doch von
einem hheren politischen Standpunkte aus betrachtet sehr klein
und unwichtig. Sie knnen unmglich erwarten, da die politischen
Interessen eines Weltreiches den Interessen einer einzigen Dame
geopfert werden, die noch dazu ihrer Nationalitt nach zu unsern
Gegnern gehrt.

Sie sollte also hilflos der Bestialitt dieses Wstlings preisgegeben
sein?

Frst Tschadschawadse zuckte die Achseln; aber er streifte zugleich
den neben ihm reitenden Heideck mit einem sonderbaren Seitenblick, der
ungefhr zu sagen schien:

>Wie schwerfllig bist du doch, mein Lieber! Und wie langsam von
Begriffen!<

Der andere aber verstand diese stumme Augensprache nicht. Und nach
einem kleinen Schweigen konnte er sich nicht enthalten, im Tone
schmerzlichen Vorwurfs zu uern:

Weshalb, mein Frst, erwirkten Sie mir so gromtig die Teilnahme an
dieser Expedition, wenn ich doch zugleich zur Unttigkeit gezwungen
werden sollte, in einer Sache, die mir, wie Sie wuten, augenblicklich
mehr als alles andere am Herzen liegt!

Ich erinnere mich nicht, Ihnen einen solchen Zwang auferlegt zu haben,
Herr Rittmeister! Es war lediglich meine Stellungnahme zu der Sache,
die ich Ihnen klar zu machen wnschte. Und ich hoffe, Sie haben mich
vollkommen verstanden. Ich will und darf mit der Angelegenheit der Mrs.
Irwin offiziell nichts zu schaffen haben, und ich wnsche, nichts davon
zu hren. Da ich mich andererseits nicht in Ihre Privatverhltnisse
einmischen und mich nicht darum kmmern werde, ist selbstverstndlich.
Es gengt mir vollstndig, wenn Sie mich nicht in irgend welche
Verlegenheit und Zwangslage bringen.

Das war ja allerdings viel weniger, als Heideck nach den feurigen
Versprechungen seines Freundes erhofft hatte. Aber er mute sich
bei ruhiger Ueberlegung sagen, da der Frst in der Tat kaum anders
handeln durfte und da er bis an die uerste Grenze des Mglichen
ging, wenn er ihm nicht geradezu verbot, irgend etwas zu Gunsten der
unglcklichen Edith zu unternehmen. Heidecks Entschlu, das Aeuerste
fr die Befreiung des geliebten Weibes zu wagen, wurde dadurch ja
keinen Augenblick erschttert; aber er wute nun, da er mit uerster
Vorsicht zu Werke gehen mte und da er auf niemandes Beistand zu
rechnen habe -- eine Erkenntnis, die nicht gerade geeignet war, ihn mit
freudigen Hoffnungen zu erfllen.

Nach kurzem Marsche erreichte das Detachement den unmittelbar am Fue
der ersten Hgel gelegenen weiten, von mchtigen Bumen beschatteten
Platz, auf dem der Maharadjah sein improvisiertes Jagdlager
aufgeschlagen hatte. Eine groe Anzahl von Zelten war unter den Bumen
aufgerichtet worden. Ein buntes Menschengewimmel bewegte sich zwischen
ihnen.

Da er selber nicht das Lager nach Edith Irwin durchsuchen konnte,
ohne die Aufmerksamkeit der Inder zu erregen und damit den Erfolg
seines Vorhabens von vornherein zu vereiteln, war Heideck vollkommen
klar. Und er hatte niemanden, den er mit der bedeutsamen Aufgabe
betrauen konnte, als den treuen Morar Gopal, der ihm trotz aller
drohenden Kriegsschrecknisse auch auf diesem Marsche nach Simla
gefolgt war, obgleich ihm Heideck seine Entlassung unter Zahlung eines
mehrmonatlichen Lohnes angeboten hatte.

So nahm er ihn denn, nachdem das Signal zum Halten und Absitzen gegeben
worden war, beiseite und erteilte ihm seine Instruktionen, indem er
ihm zugleich eine Handvoll Rupien fr die etwa ntigen Bestechungen
einhndigte.

Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte der Hindu seinen Worten, und das
Mienenspiel seines klugen, dunklen Gesichts verriet, ein wie lebhaftes
persnliches Interesse diese Angelegenheit seines Herrn fr ihn hatte.

Es wird alles geschehen, wie du es wnschest, Sahib! sagte er, und
war bald nachher scheinbar spurlos in dem bunten Gewhl der schier
zahllosen Dienerschaft der beiden indischen Frsten verschwunden.




[Illustration]




XX.


Whrend die Russen etwas abseits von dem Feldlager ihre Kochlcher
gruben und alle sonstigen Vorbereitungen fr das Biwak trafen, hatte
Heideck Gelegenheit, die Groartigkeit zu bewundern, mit der diese
indischen Frsten ihre Jagdvergngungen in Szene setzten.

Die Zelte der beiden Maharadjahs hatten fast die Gre von einstckigen
Bungalos, und als er durch den offenen Eingang des einen in das Innere
blickte, sah Heideck, da es verschwenderisch mit roter, blauer
und gelber Seide ausgeschlagen und mit den kostbarsten Teppichen
ausgestattet war.

Wohl ein halbes Hundert kleinerer Zelte war fr die Aufnahme des
Gefolges und der Dienerschaft bestimmt. Hinter ihnen aber lagerte
eine ganze Herde von Kamelen und Elefanten, die das Gepck und das
Material fr die Zelte getragen hatten. Das Blken zahlloser Hammel
mischte sich in das hundertstimmige Lrmen der geschftig hin- und
herlaufenden Inder, und Heideck schtzte die Zahl der Buckelochsen und
mit Kampierleinen gefesselten Pferde, die neben dem Lager weideten, auf
mehr als dreihundert.

Der Maharadjah von Sabathu betrachtete die Russen, die auf seine
Einladung hier Rast gemacht, als seine Gste, und er bte die Pflichten
der Gastfreundschaft mit echt indischer Freigebigkeit. Er lie den
Soldaten so viele Hammel und anderen Proviant zur Verfgung stellen,
da sie sich daran fr manche frher ausgestandene Entbehrung
berreich schadlos halten konnten. Die Offiziere aber wurden feierlich
zu dem in seinem Zelte veranstalteten Festmahl eingeladen.

Heidecks Erwartung, bei dieser Gelegenheit den Maharadjah von
Chanidigot wiederzusehen und vielleicht eine Mglichkeit zur Aussprache
mit ihm zu finden, wurde allerdings grndlich getuscht.

Als er von seinem Rundgang durch das Zeltlager, bei dem er nirgends
eine Spur von Edith gefunden, in das russische Biwak zurckkehrte,
erfuhr Heideck aus dem Munde des Frsten Tschadschawadse, da der
Maharadjah von Chanidigot auf seinem heutigen Jagdausfluge einen
leichten Unfall erlitten habe und sich in seinem Zelte, wohin man ihn
eben gebracht, unter rztlicher Behandlung befinde.

Es hie, da die Hauer eines Ebers, der seinem Pferde zwischen die
Beine gerannt war, ihn empfindlich am Fue verwundet htten, und es war
jedenfalls gewi, da er heute fr niemanden mehr sichtbar werden wrde.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr Heideck auch, welchen Umstnden man die
Begegnung mit den beiden indischen Frsten zu danken habe.

Der Maharadjah von Chanidigot, dem es sehr wohl bekannt war, da die
Englnder ihn wegen Hochverrats zum Tode verurteilt hatten, war aus
seiner Residenz geflohen. Mit hundert Reitern und vielen Kamelen,
die den wertvollsten Teil seiner beweglichen Schtze trugen, war
er im Rcken der vordringenden russischen Armee aus dem Bereiche
der britischen Macht nordwrts gezogen. Er hatte seinen Freund, den
ebenfalls mohammedanischen Maharadjah von Sabathu, besucht, und beide
Frsten hatten sich zu ihrer greren Sicherheit hierher an den Fu des
Gebirges begeben, wo sie einstweilen trotz der aufgeregten Zeiten mit
der Sorglosigkeit echter Grandseigneurs den Jagdvergngungen oblagen.

Wahrscheinlich wrde der verrterische Despot von Chanidigot es
vorgezogen haben, direkt nach Simla zu gehen, und nur die auch den
Russen zugekommene Nachricht, da in Ambala noch englische Truppen
stnden, mochte ihn veranlat haben, auf halbem Wege Halt zu machen.

War doch auch Frst Tschadschawadse durch diese Kunde bestimmt worden,
die beabsichtigte Route ber Ambala zu verlassen und in gerader Linie
durch das Dschungel vorzurcken. So konnte er aller Voraussicht nach
Simla ohne Kampf erreichen, konnte aber auch, wenn sich feststellen
lie, da die Besatzung von Ambala nicht sehr stark war, die Englnder
berraschend von Norden her angreifen. In Friedenszeiten bildete
Ambala ja eines der greren Kantonnements, jetzt aber lie sich wohl
vermuten, da die Hauptmasse der dort stehenden Truppen nach Lahore
herangezogen worden war. --

Der ganze Luxus einer indischen Hofhaltung wurde bei dem Festmahle des
Maharadjah entfaltet. An der mit rotem Samt gedeckten, verschwenderisch
mit goldenen und silbernen Gefen bestellten Tafel saen die
russischen Offiziere in bunter Reihe mit den vornehmen Begleitern der
beiden Frsten. Man speiste vortrefflich, und der Champagner flo in
unerschpflichen Mengen. Die Russen lieen sich nicht lange zum Trinken
ntigen, aber auch die mohammedanischen Inder standen in diesem Punkte
kaum hinter ihnen zurck. Allerdings war ihnen ja der Weingenu durch
die Satzungen ihrer Religion verboten; aber man wute dies Gebot in
Bezug auf den Champagner dadurch zu umgehen, da man ihn auf den
harmlosen Namen >Brauselimonade< taufte, eine Umschreibung, die seiner
anfeuernden Wirkung natrlich nicht den geringsten Abbruch tat. Die
gegen den Alkohol weniger widerstandsfhigen Inder waren vielmehr
durchweg viel schneller berauscht als ihre neuen europischen Freunde.
Und es konnte nicht ausbleiben, da unter dem Einflu des erheiternden
Trankes bald eine allgemeine Verbrderung eintrat.

Der Maharadjah selbst hielt eine blumenreiche Rede zum Preise der
russischen Sieger, die als langersehnte Befreier Indiens vom
britischen Joche gekommen seien. Allerdings mute er selbst sich
dabei der verhaten englischen Sprache bedienen, der einzigen, deren
er auer seiner Muttersprache einigermaen mchtig war, und Frst
Tschadschawadse mute seine Worte ins Russische bertragen, damit sie
allen Gefeierten verstndlich wurden.

Trotz dieses etwas umstndlichen Verfahrens aber weckten sie eine
flammende Begeisterung, und es kam bis zu Umarmungen und brderlichen
Kssen.

Als die allgemeine Frhlichkeit ihren Gipfel erreicht hatte, erschienen
zwei Bajaderen, die zum Hofhalt des Maharadjah von Sabathu gehrten,
indische Schnheiten, deren weibliche Reize wohl auch das Blut
verwhnter Europer in Wallung bringen konnten. In goldschimmernde
Rcke und Jckchen gekleidet, die um die Taille eine Handbreit der
hellbraunen Haut frei lieen, mit Goldmnzen auf dem blauschwarzen
Haar, fhrten sie auf einem inmitten des Zeltes ausgebreiteten Teppich
zu dem eintnigen Klang seltsamer Musikinstrumente ihre Tnze aus. Die
bloen Arme, die Knchel und Zehen ihrer kleinen, nackten Fe waren
mit perlenbesetzten Goldreifen und juwelenfunkelnden Ringen geschmckt.
Und wenn auch ihre Bewegungen nichts von der bacchantischen Wildheit
anderer Nationaltnze hatten, so war das anmutige Spiel der schlanken,
geschmeidigen Glieder doch verfhrerisch genug, um das Entzcken der
Zuschauer zu erregen. Die Inder warfen den Tnzerinnen Silbermnzen zu,
die Russen aber klatschten nach heimischer Sitte Beifall und wurden
nicht mde, in strmischen Zurufen eine Wiederholung zu verlangen.

Einer nur blieb verstimmt und sorgenvoll inmitten der allgemeinen
Ausgelassenheit. Und dieser eine war Heideck, der jngste Rittmeister
der russischen Armee.

Er wute, da es der Schlauheit Morar Gopals ein leichtes sein wrde,
ihn zu finden, falls er ihm etwas zu melden hatte. Und da der Hindu
nicht erschien, war ihm ein entmutigender Beweis, da es dem Diener
bisher nicht gelungen sei, Ediths Verbleib zu ermitteln oder sich
Gewiheit ber ihr Schicksal zu verschaffen.

Was half es ihm, da er sich in unablssigem Grbeln bereits einen Plan
zu ihrer Befreiung zurechtgelegt hatte, wenn es keine Mglichkeit gab,
sich mit ihr in Verbindung zu setzen!

In der Annahme, da sie in einem Haremszelte gefangen gehalten
wrde, hatte er beabsichtigt, Morar Gopal mit einem Briefe zu ihr zu
schicken, fest berzeugt, da es dem verschlagenen Inder durch List und
Bestechung mglich werden wrde, zu ihr zu gelangen. Er hatte schon
vor der Tafel mit einem der indischen Radjahs wegen des Ankaufs eines
Ochsenwagens verhandelt, und wenn sich Edith durch seinen Brief zu
einem Fluchtversuch bewegen lie, drfte es nach seinem Dafrhalten
nicht allzu schwierig sein, sie unter Morar Gopals Schutze nach Ambala
zu bringen, wo sie sich wieder bei englischen Landsleuten befand.

Aber dieser Plan blieb gegenstandslos, so lange er nicht einmal wute,
wo Edith sich befand. Und unfhig, diesen martervollen Zustand der
Ungewiheit lnger zu ertragen, war er eben im Begriff, das Zelt zu
verlassen, um auf jede Gefahr hin selbst nach dem geliebten Weibe zu
forschen, als ein russischer Dragoner hinter seinen Stuhl trat und ihm
in dienstlicher Haltung meldete, da eine Dame den Herrn Rittmeister
drauen vor dem Zelte erwarte.

Von der beseligenden Hoffnung erfllt, da es Edith sein knnte, sprang
er auf und eilte hinaus. Aber sein sehnschtiger Blick suchte vergebens
nach Kapitn Irwins Witwe. Er gewahrte statt ihrer ein schlankes,
weibliches Wesen in dem kurzen Jckchen und dem fufreien, bunten Rock,
den er auf seinen Reisen bei den georgischen Bergbewohnerinnen gesehen
hatte. Haar und Gesicht des Mdchens waren fast ganz unter einem
verhllenden Kopftuche verborgen. Und erst, als sie dasselbe bei seiner
Annherung ein wenig zurckschob, erkannte er, wen er vor sich habe.

Georgij -- du hier! rief er berrascht. Und in solcher Kleidung?

Er hatte wohl Ursache, erstaunt zu sein; denn er hatte den schnen,
blonden Pagen, dem er zu allermeist fr die Rettung seines Lebens
verpflichtet war, seit jener Begegnung auf dem Wege zur Richtsttte
nicht mehr wiedergesehen.

Als er am Abend des fr ihn so schicksalsreichen Tages den Frsten
Tschadschawadse nach Georgij gefragt hatte, war ihm nur eine kurze,
ausweichende Antwort zu Teil geworden, und die Stirn des Frsten
hatte sich so finster bewlkt, da er wohl erkannte, es msse sich
etwas Besonderes zwischen den beiden ereignet haben, so da es ihm
zweckmiger erschienen war, den Namen der Cirkassierin nicht wieder zu
erwhnen.

Vergebens hatte er sich dann bei dem Aufbruch des Detachements nach dem
von seinem >Gebieter< sonst unzertrennlichen Pagen umgesehen, und nur
die seinem Herzen so viel nher liegende Sorge um Edith mochte Schuld
daran sein, da er sich nicht allzu viele Gedanken ber das rtselhafte
Verschwinden des verkleideten Mdchens gemacht hatte.

Sie hier, in so weiter Entfernung von der russischen Hauptarmee,
und in weiblicher Kleidung wiederzufinden, hatte er sicherlich am
allerwenigsten vermutet. Aber die Cirkassierin schien nicht geneigt,
ihm umstndliche Aufklrungen zu geben.

Ich habe dich gebeten, zu mir herauszukommen, Herr, sagte sie, weil
ich nicht wollte, da der Frst mich erblickt. Ich bin deinem indischen
Diener begegnet. Und er hat mir von der englischen Dame erzhlt, die
der Maharadjah von Chanidigot dir geraubt hat.

Nicht mir hat er sie geraubt, Georgij, denn ich habe keine Rechte auf
sie. Sie hat sich nur unter meinen Schutz gestellt, und deshalb ist es
meine Pflicht, zu ihrer Befreiung alles zu tun, was ich vermag.

Das Mdchen sah ihn an, und es war wie ein Funkeln verhaltener
Leidenschaft in ihren schnen Augen.

Warum sprichst du nicht die Wahrheit, Herr? Sage doch, da du sie
liebst! Sage mir, da du sie liebst, und ich will sie dir zurckbringen
-- noch an diesem Abend!

Du, Georgij? Wie, in aller Welt, wolltest du das anfangen? Weit du
denn, wo die Dame sich befindet?

Ich wei es von deinem Diener Morar Gopal, Herr! Sie ist dort, in
jenem Zelte des Maharadjah von Chanidigot, vor dessen Tr die beiden
Inder Wache halten. Hte dich wohl, dort Einla zu begehren; denn die
Wchter werden dich eher in Stcke hauen, als da sie dich auch nur
einen Schritt in das Zelt tun lieen.

Es mag wohl sein, da du recht hast, sagte Heideck, dessen Brust
die endlich erlangte Gewiheit von der Nhe der angebeteten Frau mit
einem beseligenden Glcksgefhl erfllte. Wie aber wolltest du zu ihr
gelangen?

Ich bin ein Weib, und ich wei, wie man diese armseligen, indischen
Trpfe behandeln mu; der Maharadjah von Chanidigot ist krank, und er
mag in seinen Schmerzen wohl an alles andere eher denken, als an die
Freuden der Liebe. Diese Gunst des Zufalls mut du benutzen, Herr! Und
noch in dieser Nacht mu geschehen, was berhaupt geschehen soll.

Gewi! Jede verlorene Minute bedeutet ja vielleicht eine furchtbare
Gefahr fr Mrs. Irwin. Aber wenn du einen Plan hast, sie zu retten, so
sage mir -- --

Die Cirkassierin schttelte den Kopf.

Weshalb von Dingen sprechen, die erst noch getan werden sollen?
Kehre zurck zu deinem Feste, Herr, damit niemand einen Argwohn gegen
dich hegt. Um Mitternacht wirst du die englische Dame in deinem Zelte
finden. Oder du wirst auch mich niemals wiedersehen.

Sie wandte sich zum Gehen; aber nachdem sie wenige Schritte getan
hatte, kehrte sie sich noch einmal nach ihm zurck.

Du wirst dem Frsten nicht sagen, da ich hier bin, hrst du? -- Noch
ist es nicht an der Zeit, da er es erfhrt.

Damit war sie verschwunden, ehe noch Heideck eine weitere Frage hatte
tun knnen. Und so wenig er sich auch nach dem eben Erlebten aufgelegt
fhlen mochte, in den nachgerade ziemlich wst gewordenen Lrm des
Banketts zurckzukehren, sah er doch ein, da ihm kaum etwas anderes
brig blieb, da eine Einmischung in die ihm unbekannten Plne der
Cirkassierin schwerlich von irgend welchem Nutzen fr Edith gewesen
wre.

Aber wenn ihm die Viertelstunden schon vorher schier endlos erschienen
waren, so schlichen sie jetzt vollends mit unertrglicher Langsamkeit
dahin. Er sah und hrte kaum noch etwas von dem, was um ihn her
geschah. Der neben ihm sitzende Radjah mhte sich vergebens, in seinem
gebrochenen Englisch eine Unterhaltung in Flu zu bringen, und berlie
endlich kopfschttelnd den schweigsamen Fremdling seinen Grbeleien,
die inmitten dieser hochgehenden Frhlichkeit fr ihn allerdings etwas
sehr Verwunderliches haben muten.

Kurz vor Mitternacht, noch ehe Frst Tschadschawadse und die brigen
Kameraden an den Aufbruch dachten, verlie Heideck abermals das
Prunkzelt des Maharadjah und lenkte seine Schritte dem durch den
rtlichen Schein der Biwakfeuer weithin kenntlich gemachten russischen
Lager zu, in welchem ebenfalls noch die lauteste Lustigkeit herrschte.

Er hegte im Grunde sehr wenig Hoffnung, da die Cirkassierin ihr khnes
Versprechen eingelst habe; denn was sie da auf sich genommen hatte,
mute ihm ja so gut wie unausfhrbar erscheinen. Aber sein Herz klopfte
doch in ungestmen Schlgen, als er die Leinwand zurckschlug, die den
Eingang des ihm zugewiesenen Zeltes verschlo.

Auf dem Klapptisch inmitten des kleinen Raumes standen neben einer
brennenden Laterne zwei angezndete Kerzen. Und bei ihrem Schein
erblickte Heideck -- nicht Edith Irwin, wohl aber den schnsten jungen
Radjah, der ihm jemals unter Indiens strahlendem Himmel vor die Augen
gekommen war.

Eine Sekunde lang stand er ungewi; denn der tannenschlanke Jngling
in der von einer roten Schrpe umgrteten Seidenbluse, den englischen
Reithosen und den zierlichen kleinen Stiefelchen hatte ihm den
Rcken zugewandt, so da er sein Gesicht nicht sehen konnte, und das
Haar war vollstndig unter dem Turban von rosa und gelb gestreiftem
Seidenmusselin verborgen. Aber die glckselige Ahnung, die ihm
zuflsterte, wer in dieser anmutigen Verkleidung steckte, konnte
unmglich lgen. Mit zwei raschen Schritten war er an der Seite des
feingliedrigen, indischen Jnglings, und berwltigt von einem Sturm
leidenschaftlicher Empfindungen, schlo er ihn im nchsten Augenblick,
alle Rcksichten und trennenden Schranken vergessend, mit einem
jauchzenden Jubelruf in seine Arme.

Edith! -- Meine Edith!

Mein geliebter Freund!

Was weder in den Stunden traulichen Alleinseins noch in den
Augenblicken der gemeinsam bestandenen hchsten Gefahr ber ihre Lippen
gekommen war, in der berschwenglichen Wonne dieses Wiedersehens
drngte es sich unaufhaltsam aus ihren Herzen: das Gestndnis einer
Liebe, die fr sie lngst den ganzen Inhalt ihres Lebens ausmachte.




[Illustration]




XXI.


Es whrte lange, bis die beiden Liebenden ruhig genug geworden waren,
sich gegenseitig die Erklrungen zu geben, die ihnen das volle
Verstndnis der letzten, fast mrchenhaften Ereignisse und Fgungen
erschlossen.

Heideck verlangte natrlich vor allem, zu wissen, wie es mglich
gewesen war, da Edith sich hatte entfhren lassen, ohne Lrm zu
schlagen und den Beistand ihrer Umgebung in Anspruch zu nehmen. Was
sie ihm erzhlte, war der ergreifendste Beweis ihrer Liebe zu ihm.
Die Kreaturen des Maharadjah muten auf irgend eine Weise Kenntnis
von Heidecks Verhaftung und Verurteilung erhalten haben, und sie
hatten nicht vergebens auf Ediths Anhnglichkeit an ihren Lebensretter
gerechnet.

Man erklrte ihr, da ein einziges Wort des Maharadjah hinreichen
wrde, den tollkhnen Deutschen zu vernichten, und da sie nur dann
eine Hoffnung hegen drfe, ihn vor dem Aeuersten zu bewahren, wenn
sie Seine Hoheit persnlich um Gnade fr ihn bte. Obwohl sie keinen
Zweifel darber hegte, welche schndliche Absicht sich hinter allem
verbarg, hatte Edith in ihrer Herzensangst um das Leben des geliebten
Mannes nicht gezgert, den Leuten zu folgen, die sie zum Maharadjah
zu fhren versprochen, und die sich in heuchlerischen Versicherungen
erschpften, da ihr kein Leid widerfahren wrde. Sie hatte so viele
Beweise fr die Rachsucht und Grausamkeit dieses indischen Despoten
erhalten, da sie von seinem Ha das schlimmste fr Heideck befrchtete
und da sie entschlossen war, im schlimmsten Fall, wenn nicht ihre
weibliche Ehre, so doch ihr Leben fr seine Errettung zu opfern.

Der Maharadjah hatte sie mit groer Zuvorkommenheit empfangen und ihr
versprochen, seinen Einflu zu Gunsten des als Spion und Verrter von
den Russen gefangen genommenen Deutschen geltend zu machen. Aber er
hatte zugleich ziemlich deutlich durchblicken lassen, welchen Preis er
dafr verlangen wrde, und er hatte sie von dem Augenblick an, wo sie
selbst sich in seine Hnde geliefert, wie eine mit groem Respekt aber
zugleich mit noch grerer Wachsamkeit behandelte Gefangene gehalten.
Jeder Verkehr mit anderen Personen als der indischen Dienerschaft des
Maharadjah war ihr vollstndig abgeschnitten worden, und sie hatte
sich keiner Tuschung darber hingegeben, welches Los ihrer warte,
sobald der Frst sich in irgend einem von den kriegerischen Ereignissen
unberhrten Gebirgsnest wieder ganz sicher wute.

Wohl hatte sie sich in dieser Gewiheit bestndig mit dem Gedanken
an Flucht getragen; aber die Furcht, damit das Schicksal ihres
unglcklichen Freundes zu besiegeln, hatte sie noch mehr als das immer
rege Mitrauen ihrer Wchter von der Ausfhrung zurckgehalten.

Um so berschwenglicher war die Freude gewesen, als an diesem Abend
Morar Gopal in Begleitung der Cirkassierin in dem Frauenzelte
erschienen war, um sie von den fast unertrglichen Qualen der
Ungewiheit ber Heidecks Geschick zu erlsen.

Den Zutritt zu der sonst so sorgsam gehteten Gefangenen hatte der
schlaue Hindu sich und seiner Begleiterin dadurch zu verschaffen
gewut, da er den wachehaltenden Indern vorlog, der Maharadjah habe
das in seiner Gesellschaft befindliche Mdchen zur Dienerin fr die
englische Dame bestimmt. Mit wenigen geflsterten Worten hatte er
Edith von allem unterrichtet, was ihr fr den Augenblick zu wissen
not tat. Und nachdem er sich zurckgezogen, hatte niemand in ihrer
Umgebung etwas Aufflliges darin gefunden, da sie eine Weile mit der
neuen Dienerin allein zu bleiben wnschte. Dies Alleinsein aber hatte
sie benutzt, um mit Hilfe der Cirkassierin die von ihr in einem Paket
mitgebrachten leichten indischen Mnnerkleider anzulegen. Die Wachen,
durch den Genu von Spirituosen berauscht, hatten den schlanken, jungen
Radjah, in den sie sich verwandelt, unbehelligt fortgehen lassen, und
Morar Gopal, der sie an einem verabredeten Ort in der Nhe erwartete,
hatte sie zu dem Zelte Heidecks gefhrt, wo sie sich -- fr den
Augenblick wenigstens -- als in Sicherheit betrachten durfte.

Aber Georgij? fragte der Hauptmann nicht ohne Besorgnis. Sie ist
in dem Frauenzelt des Maharadjah zurckgeblieben? Wie nun, wenn man
entdeckt, welchen Anteil sie an deiner Flucht gehabt?

Dieser Gedanke qulte auch mich. Aber das heldenmtige Mdchen
versicherte mir immer wieder, da sie schon Gelegenheit finden wrde,
sich aus dem Staube zu machen, und da sie in keinem Fall etwas zu
frchten htte, sobald sie sich auf den Frsten Tschadschawadse
beriefe.

Das drfte allerdings zutreffen. Aber es stimmt schlecht zu ihrem
Verlangen, die Tatsache ihrer Anwesenheit im Lager vor dem Frsten als
ein Geheimnis zu bewahren. Ueberhaupt ist mir das Benehmen des Mdchens
vllig rtselhaft. Ich begreife nicht, was sie veranlassen konnte, sich
mit so bewunderungswrdiger Selbstlosigkeit fr uns zu opfern, die wir
fr sie doch eigentlich nur gleichgltige Fremde sind. Die Aussicht
auf eine Belohnung war es sicherlich nicht, die sie dazu bestimmte.
Denn sie hat den ganzen Stolz ihres Stammes, und ich bin gewi, da sie
jedes derartige Anerbieten als eine Beleidigung empfinden wrde.

So glaube auch ich. Aber ich bin vielleicht nicht so sehr weit davon
entfernt, ihre wahren Beweggrnde zu erraten.

Und willst du mir nicht offenbaren, was du vermutest?

Edith zauderte ein wenig; aber sie gehrte nicht zu den Frauen, die
eine kleinliche Regung die Oberhand gewinnen lassen in ihrem Herzen.

Ich vermute, mein Freund, da sie dich liebt, sagte sie mit einem
kleinen, reizenden Lcheln. Einige unbedachte Aeuerungen und das
Feuer, das in ihren Augen aufleuchtete, sobald wir von dir sprachen,
haben es mir fast zur Gewiheit gemacht. Da sie trotzdem ihre Hand
dazu bot, mich zu befreien, ist unter diesen Umstnden gewi ein um
so grerer Beweis ihres hochsinnigen Charakters. Aber ich begreife
es vollkommen. Ein liebendes Weib, wenn von Natur edel veranlagt, ist
jeder Selbstverleugnung fhig.

Heideck schttelte den Kopf.

Ich glaube doch, da dein Scharfblick dich diesmal im Stich gelassen
hat, widersprach er. Sie ist meiner festen Ueberzeugung nach die
Geliebte des Frsten Tschadschawadse, und nach allem, was ich von ihrem
Verkehr gesehen habe, halte ich es fr ganz undenkbar, da sie ihm um
eines Fremden willen, mit dem sie kaum hundert gleichgltige Worte
gewechselt, die Treue brechen sollte.

Nun, wir werden ja vielleicht noch Gelegenheit haben, festzustellen,
ob ich mich in einem Irrtum befinde oder nicht. Jetzt, mein Freund,
mchte ich vor allem wissen, was du weiter ber mich beschlossen hast.

Heideck war in einiger Verlegenheit, ihr darauf zu antworten, und er
sprach zgernd von seiner Absicht, sie mit Morar Gopal nach Ambala zu
schicken. Edith aber lie ihn nicht ausreden. Mit einer entschieden
verneinenden Geberde fiel sie ihm in die Rede.

Fordere von mir, was du willst -- nur nicht, da ich dich noch einmal
verlasse! Was sollte ich in Ambala ohne dich? Ich habe so Unsgliches
gelitten, seit man dich in Anar Kali vor meinen Augen weggefhrt, da
ich tausendmal eher sterben will, ehe ich mich noch einmal der Folter
solcher Ungewiheit aussetze.

Ein Gerusch hinter seinem Rcken veranlate Heideck, den Kopf zu
wenden. Er sah, da sich der Trvorhang des Zeltes ein wenig lftete
und da es Morar Gopal gewesen war, der durch ein diskretes Ruspern
seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht hatte.

Mit freundlichem Zuruf veranlate er den treuen Burschen, vollends
einzutreten, und der Dank, den er ihm aussprach, war nicht mehr die
herablassende Anerkennung, die der Herr seinem geschickten Diener
spendet, sondern der Dank eines Freundes.

Das Mienenspiel des Hindu verriet, wie glcklich ihn die Gte seines
abgttisch von ihm verehrten Herrn machte; aber nicht fr einen
einzigen Augenblick nderte er seine demtig bescheidene Haltung. Und
ehrerbietig wie immer sagte er:

Ich bringe gute Neuigkeiten, Sahib! Einer vom Gefolge des Maharadjah,
den ich durch einige deiner Rupien gesprchig gemacht habe, hat mir
erzhlt, da der Maharadjah von Sabathu den Russen vierzig Reiter
mitgeben werde, die ihnen die besten Wege nach Simla zeigen sollen.
Dies Land hier steht ja unter seiner Herrschaft, und seine Leute kennen
bis hoch ins Gebirge hinauf jeden Winkel. Wenn die Lady sich morgen
in der Tracht eines Radjah diesen Reitern anschliet, wird sie gewi
unbehelligt von hier entkommen.

Die Trefflichkeit und Ausfhrbarkeit dieses Planes leuchtete ohne
Weiteres ein, und Heideck erkannte aufs neue, welchen Schatz ihm ein
gtiger Zufall mit diesem indischen Boy beschert hatte. Auch Edith
erklrte sich einverstanden, da sie sah, wie freudig Heideck dem
Vorschlage zustimmte, wenngleich die Aussicht, sich am hellen Tage
und vor aller Welt in dieser Mnnerkleidung zeigen zu mssen, ihr
weibliches Empfinden peinlich berhrte.

Sie fragte Morar Gopal, ob er inzwischen etwas von Georgij gehrt habe,
und der Hindu nickte.

Ich sprach sie vor einer halben Stunde. Sie ist glcklich aus dem
Frauenzelt des Maharadjah entkommen und war eben im Begriff das Lager
zu verlassen.

Wie? rief Heideck verwundert. Wohin in aller Welt wollte sie sich
denn wenden?

Ich wei es nicht, Sahib. Sie war sehr traurig, aber als ich sie bat,
mich zu dem Sahib zu begleiten, sagte sie, da sie ihn und die Lady
nicht wiedersehen wolle; sie entbietet dem Sahib ihren Gru und bittet
ihn, seines Versprechens eingedenk zu bleiben, da er dem Frsten
Tschadschawadse nichts von ihrem Hiersein verraten wolle.

Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Das Benehmen
dieses seltsamen Mdchens gab ihnen Rtsel auf, die sie vorlufig nicht
zu lsen vermochten. Aber es war natrlich und menschlich, da sie ber
ihren eigenen Angelegenheiten die Cirkassierin sehr rasch vergaen.

Edith mute sich damit einverstanden erklren, da Heideck ihr fr
den Rest der Nacht sein Zelt berlie, whrend er selbst die wenigen
Stunden bis zum Tagesanbruch an einem der Biwakfeuer verbringen
wollte. Morar Gopal aber sollte sein Lager vor dem Eingang des Zeltes
aufschlagen, und Heideck war gewi, da er sein kstliches Kleinod
keinem treueren Hter anvertrauen konnte.

       *       *       *       *       *

Das Schicksal, das die beiden Liebenden auf eine so wunderbare Weise
wieder vereinigt hatte, zeigte sich ihnen auch weiter gnstig. In
aller Frhe des folgenden Tages hatte Heideck ohne groe Schwierigkeit
einen fertig gezumten zierlichen Braunen fr Edith erstanden, und
als sich der Trupp der indischen Reiter, die den Russen als Fhrer
und Kundschafter dienen sollten, in Bewegung setzte, gesellte sich
der knabenhafte junge Radjah ihnen zu, ohne da irgend jemand seine
befremdliche Erscheinung zum Anla zudringlicher Fragen genommen htte.
Die Inder hielten ihn wahrscheinlich zunchst fr einen blutjungen
russischen Offizier, den besondere Grnde bestimmt hatten, die Tracht
des Landes anzulegen, und bewahrten deshalb eine durchaus respektvolle
Haltung. Frst Tschadschawadse aber, den vor dem Aufbruch einmal der
Zufall in Ediths unmittelbare Nhe gefhrt hatte, sagte kein Wort,
obgleich er sie wohl eine Minute lang scharf ins Auge fate.

Da von seiten des Maharadjah von Chanidigot nichts geschah, um den
schnen Flchtling wieder in seine Gewalt zu bringen, erklrte sich
leicht genug aus den schlechten Nachrichten ber sein Befinden, die im
Lager von Mund zu Mund gingen. Er wurde, wie es hie, vom Wundfieber
und von heftigen Schmerzen gepeinigt, so da ihm wohl in der Tat jedes
Interesse an der Auenwelt vergangen sein mochte. -- --

Das russische Detachement ging nach herzlicher Verabschiedung von
den indischen Gastfreunden weiter in das Hgelland hinein, und
schon am Nachmittage brachten ausgesandte Kundschafter dem Frsten
Tschadschawadse die Meldung, da die Englnder Ambala vollstndig
gerumt und den Marsch nach Delhi angetreten htten. Wahrscheinlich
hatte man die Strke der russischen Abteilung, von deren Anmarsch man
gehrt hatte, in Ambala weit berschtzt und es deshalb vorgezogen,
einem voraussichtlich aussichtslosen Kampfe aus dem Wege zu gehen.

Edith wute sich mit frauenhafter Gewandtheit in unaufflliger Weise
in der Nhe Heidecks zu halten, so da beide oft Gelegenheit fanden,
miteinander zu plaudern. Ihre zarte, weie Farbe mute wohl auffallen
unter den braunen Gesichtern, aber der Wille und die Launen russischer
Offiziere muten respektiert werden, und so schien niemand zu wissen,
da eine englische Dame im Kostm eines Radjah bei der Truppe sei.
Uebrigens dauerte der Marsch nicht mehr lange. Das Jagdlager war nur
zweihundertfnfzig Kilometer von Simla entfernt, unterhalb des Ortes
Kalka gelegen. Noch einmal wurde bernachtet, und am andern Morgen traf
die Kolonne vor Simla ein und fand Jutogh, das hochgelegene britische
Kantonnement westlich der weitausgedehnten Hgelstadt, von den Truppen
gerumt.

Frst Tschadschawadse legte seine Infanterie und Artillerie in
die englischen Baracken und marschierte mit den Reitern in den
halbmondfrmigen, sogenannten Bazar ein, die eigentliche Stadt, die
von zahlreichen, auf den Hgeln und in Gartenanlagen verstreuten
Villen umgeben war. Er entsandte sogleich Offizierspatrouillen nach
dem Stadthause, den Bureaus der Regierung und des Oberbefehlshabers
und begab sich selbst zum Gouvernementshause, einem schnen Palast am
Observatoriumshgel.

Simla war trotz des Frhlings wie im Winterschlaf, verlassen von
der bewegten glnzenden Gesellschaft, die zur Sommerzeit, wenn die
unertrgliche feuchte Wrme den Vizeknig von Kalkutta vertrieb,
die prchtigen Tler und Hhen mit ihren Pferden und Wagen, mit
ihren Spielen, Gesellschaften und eleganten Toiletten belebte. Nur
Dienerschaft zur Bewachung und Instandhaltung der Gebude und die
angesessene Bevlkerung waren anwesend, weil der Krieg die englische
Gesellschaft fern hielt. Etwa 2500 Meter ber dem Spiegel des indischen
Ozeans steigen die Hgel an und hufige Regenschauer machten das Klima
hier oben so rauh, da Heideck im Mantel ritt und auch Edith vorgezogen
hatte, sich einen Dragonermantel umzuhngen, um sich gegen die Klte zu
schtzen.

Die Offiziere hatten den Auftrag, in den Regierungsgebuden nach
wichtigen Aktenstcken und sonstigen Papieren zu suchen, die von der
englischen Regierung in Simla zurckgelassen sein konnten und die fr
die russische Regierung von Wichtigkeit waren.

Heideck sollte die in sieben eleganten Blocks befindlichen Bureaus der
Regierung durchsuchen, vor allem aber die fr den Oberbefehlshaber, den
Generalquartiermeister und die Generaldirektion der Eisenbahn, Posten
und Telegraphen bestimmten Gebude.

Er stie berall nur auf untergeordnete Beamte, aber zuletzt im Bureau
des Judge Advocate General fand er einen bejahrten, wrdevollen Herrn,
der so ruhig in seinem Lehnsessel sa, da Heideck unwillkrlich an
Archimedes erinnert wurde, als ihn die rmischen Krieger bei seinen
Berechnungen berraschten.

Der alte Herr richtete aus seinen groen, gelblich gefrbten Augen
einen durchdringenden Blick auf den eintretenden Offizier und die
ihm folgenden Soldaten. Aber er fragte nicht, was sie wollten, und
machte nicht einmal eine ablehnende Bewegung. Heideck bat unter
hflicher Verbeugung um Entschuldigung wegen seines ihm dienstlich
vorgeschriebenen Verhaltens. Dies artige Benehmen schien den alten
Herrn zu berraschen, er erwiderte den Gru und sagte, es bliebe ihm
ja nichts brig, als sich allen Maregeln zu unterwerfen, die von der
Macht des Siegers verhngt wrden.

Da hier in diesen Rumen wohl nur juristische Bcher und Akten zu
finden sind, sagte Heideck, so brauche ich keine Nachforschungen
anzustellen, denn es ist uns lediglich um militrische Dinge zu tun.
Es wrde mich freuen, wenn ich persnliche Wnsche Ihrerseits erfllen
knnte, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, da ich die
Ehre habe, einen hheren Beamten vor mir zu sehen, den besondere Grnde
veranlat haben, hier in Simla znrckzubleiben.

In der Tat, entgegnete jener, meine Aerzte waren der Meinung, da
es meiner Gesundheit zutrglich sein wrde, den Winter im Gebirge
zuzubringen. Sie knnen sich denken, wie sehr ich es bereue, dem
rztlichen Rate gefolgt zu sein. Ich bin der Judge Advocate General
Kennedy.

Ist Ihre Familie auch in Simla? fragte Heideck.

Meine Frau und meine Tochter sind hier.

Mein Herr, es ist eine englische Dame bei unserer Kolonne, die Witwe
eines Offiziers, der bei Lahore den Tod gefunden hat. Wren Sie
geneigt, die Dame in Ihrer Familie aufzunehmen?

Eine englische Dame?

Sie ist das Opfer einer ganzen Kette abenteuerlicher Ereignisse, ber
die am besten sie selbst Ihnen berichten knnte. Sie heit Mrs. Irwin.
Wren Sie geneigt, der Dame Ihren Schutz angedeihen zu lassen, so wrde
ich ihr damit gewi eine willkommene Freudenbotschaft berbringen.

Meinen Schutz? fragte der alte Herr verwundert. Meine Familie
und ich bedrfen selbst des Schutzes, und wie knnen wir unter den
gegenwrtigen Verhltnissen eine solche Verantwortung bernehmen?

Sie und Ihre Familie haben von uns nichts zu frchten, mein Herr. Wir
gedenken im Gegenteil fr Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Nun, mein Herr, Ihr Benehmen verrt den Gentleman, und wenn die Dame
zu uns kommen will, so steht dem von unserer Seite nichts entgegen.
Kann ich mit ihr sprechen, damit wir uns verstndigen?

Ich werde mich beeilen, sie zu holen.

Er zgerte in der Tat keinen Augenblick. Und wie er es erwartet hatte,
wute ihm Edith lebhaften Dank fr seinen freundschaftlichen Vorschlag.

Mr. Kennedy war hchst erstaunt, einen jungen Radjah eintreten zu
sehen, und schien durch diese Maskerade nicht gerade angenehm berhrt
zu sein.

Dies ist die Dame, von der Sie sprachen? fragte er befremdet. Aber
sein ernstes Antlitz hellte sich merklich auf, als Edith mit ihrer
schnen, weichen Stimme sagte:

Eine Landsmnnin, die diesem Herrn hier ihr Leben dankt, und die nur
mit Hilfe dieser Verkleidung vor Schmach und Tod bewahrt geblieben ist.

Mrs. Irwin, wenn Sie sich entschlieen, zu Mrs. Kennedy zu gehen,
sagte Heideck, so werde ich Ihr Gepck in Mr. Kennedys Wohnung
schaffen lassen. Ich entferne mich jetzt, um noch andere dienstliche
Obliegenheiten zu erfllen und werde spter wiederkommen.

Auf jeden Fall nehme ich meine Landsmnnin gern bei mir auf,
versicherte der alte Herr. Hier vom Fenster aus sehen Sie das Haus,
das ich bewohne, und ich bitte Sie, mich zu besuchen, wenn Ihr Dienst
beendigt sein wird.

Erst als die Sonne sank, kam Heideck dazu, seinen Besuch bei Mr.
Kennedy zu machen. Er stand einen Augenblick am Gartentor und sah die
schneebedeckten Hhen im Feuer des Abendrots glhen. Lange Reihen von
blauen Bergen trmten sich auf, hher und immer hher nach Norden hin,
bis zuletzt die hchste Kette am fernen Horizont, von ewigen Gletschern
umstarrt, in wunderbarem Glanze zum Himmel aufstieg.

Mr. Kennedy bewohnte eine sehr stattliche Villa. Heideck wurde von
dem Hausherrn und den Damen so beraus freundlich empfangen, da er
Ediths warme Frsprache nur zu deutlich herausfhlen mute. Edith
mute wohl auch erzhlt haben, da er ein Deutscher sei. Sie war
wieder in Frauentracht und hatte durch ihr offenes Wesen bereits alle
Herzen gewonnen. Mrs. Kennedy war eine Matrone mit feinen, angenehmen
Gesichtszgen und dem Benehmen einer Dame der groen Welt. Die mit
Edith etwa gleichaltrige Tochter aber schien sich besonders innig an
Edith angeschlossen zu haben.

Heideck sa mit der Familie am Kaminfeuer, und man bemhte sich, zu
vergessen, da er die Uniform des Feindes trug.

Wenn wir es nur einrichten knnten, sagte Mrs. Kennedy, Indien zu
verlassen und nach England zurckzukehren. Mr. Kennedy wnscht in
Kalkutta zu bleiben, um seiner Pflicht nachzukommen, aber er kann
das Klima seines Leidens wegen nicht vertragen. Und wie knnten wir
auch nach Kalkutta gelangen? Die einzige Mglichkeit wre doch, ein
russisches Dokument zu bekommen, das uns ungehinderte Reise verschafft.

O liebste Beatrice, widersprach ihr Mann, ich wei ja, da du ebenso
gut wie ich nicht an unser eigenes Schicksal denkst, jetzt, wo ein
solches Unglck ber unser Vaterland hereingebrochen ist. Was ist in
diesem allgemeinen Unglck an unserm Geschick gelegen?

Ich sollte meinen, mischte sich Heideck hflich ein, da der
Einzelne, selbst wenn er das Unglck der Allgemeinheit auch noch so
schmerzlich empfindet, sich doch nicht zur Verzweiflung hinreien
lassen darf, sondern immer darauf bedacht sein mu, wie in ruhiger Zeit
fr sich und seine Familie zu sorgen.

Nein! rief Mr. Kennedy. Diese internationale Weisheit kann ein
Englnder nicht verstehen. Der Deutsche hat einen anderen Charakter, er
wechselt leichter sein Vaterland, der Englnder nicht. Doch ich bitte
um Entschuldigung, fuhr er sich besinnend fort. Sie verletzten meine
nationale Ehre, und ich verga die Situation in der wir uns befinden.
Ich wollte Sie selbstverstndlich nicht beleidigen.

Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagten, entgegnete Heideck ernst,
aber erlauben Sie mir eine Erklrung. Unser deutsches Vaterland ist
in frheren Jahrhunderten immer der Schauplatz der Schlachten aller
Vlker Europas gewesen. Die meisten deutschen Frsten kannten in
jener Zeit kein deutsches Nationalgefhl und vertraten engherzige
dynastische Interessen. So wuchs unser deutscher Volksstamm ohne das
Bewutsein eines groen gemeinsamen Vaterlandes heran. Unser deutsches
Selbstgefhl ist nicht lter als Bismarck. Aber dadurch, da wir
fremde Vlker und Sitten haben ber uns ergehen lassen mssen, sind
wir weitherzig und grozgig geworden. Unser religises Empfinden und
unser Patriotismus umschlieen einen weitern Kreis, als bei andern
Vlkern. Deshalb glaube ich, da wir jetzt, da wir uns nun seit einem
Menschenalter auch auf unsere materielle Kraft besinnen und uns
politisch zusammengeschlossen haben, vermge unserer universellen
Bildung zur Weiterentwicklung der Kultur berufen sind, die den
Englndern und Franzosen bis jetzt am meisten verdankte.

Der alte Herr antwortete nicht sogleich. Er sa in Gedanken verloren
da, und erst nach einer geraumen Weile sagte er:

Man kann ja, wenn man will, den Standpunkt seiner Betrachtung immer
hher schrauben. Es ist, wie wenn man die Berge dort hinaufsteigt. Von
jeder hheren Bergkette aus wird der Rundblick umfassender, whrend die
Einzelheiten des Panoramas immer mehr verschwinden. Natrlich, wenn man
von einem so hohen Standpunkt herabsieht, schrumpfen alle politischen
Interessen zu bedeutungslosen Nichtigkeiten zusammen, und dann gibt
es keinen Patriotismus mehr. Aber ich meine, da wir zunchst in dem
Kreise zu wirken verpflichtet sind, in den wir nun einmal gestellt
sind. Ein Mann, der seine Frau und seine Kinder vernachlssigt und
mit seinen Ideen die Welt beglcken will, vernachlssigt den engsten
Kreis seiner Pflichten. Sodann aber mu einem jeden Manne die Wohlfahrt
des eigenen Volkes, des eigenen Staates das hchste Ziel seiner
Bestrebungen sein, dann erst darf er, von der eigenen Nation ausgehend,
seine Wnsche noch hher richten. Ich kann niemand achten, der sich
vom Boden des Patriotismus entfernt, um auf politischem Gebiete
Phantastereien zu treiben, fr Weltfrieden zu schwrmen und alle
Menschen Brder zu nennen.

Und doch, sagte Edith, ist dies die Lehre des Christentums.

Des theoretischen, nicht des praktischen, widersprach eifrig der
Englnder. Ich achte den alten Rmer Cato, der sich das Leben nahm,
als er die Freiheit des Vaterlandes schwinden sah. Und niemals wre
England gro geworden, wenn es nicht viele solcher Catone geboren
htte.

Mr. Kennedy, Sie proklamieren die Staatsidee der alten Griechen,
sagte Heideck. Aber ich glaube nicht, da die alten Griechen wirklich
den Staat so aufgefat haben, wie die modernen Professoren behaupten,
und wie das alte Rom sie praktisch ausgefhrt hat. Die Professoren
pflegen Platon anzufhren, aber Platon war ein zu hoher Geist, um
nicht einzusehen, da der Staat doch aus lauter Menschen besteht.
Platon betrachtete den Staat nicht als ein Gtzenbild, auf dessen Altar
der Brger sich opfern mte, sondern als eine Erziehungsanstalt.
Er sagt, da wirklich tugendhafte Brger nur durch einen vernnftig
eingerichteten Staat erzogen werden knnten, und deshalb sprach er so
viel von der Bedeutung des Staates. Ein Staat ist ursprnglich nur
die uere Form, die sich das innere Leben der Nation auf natrliche
Weise selbst geschaffen hat, und an dieser Auffassung sollte nicht
gerttelt werden. Der Staat soll die Massen erziehen, nicht nur zur
Verwirklichung des Rechts, sondern auch des ueren und inneren
Wohls. Die Rmer freilich scheinen nicht die Erziehung der tchtigen
Persnlichkeit nach Platons Idee zum Zweck des Staates gemacht zu
haben, sondern sie waren modern wie die heutigen Gromchte, die das
Ziel verfolgen, mglichst reich und mchtig zu werden. Wir Deutschen
wollen das ja auch und fhren deshalb jetzt Krieg, aber ich behaupte,
da dem deutschen Nationalcharakter doch etwas hheres innewohnt; es
ist die Idee der Humanitt! Mit unserer Nation gehen auch unsere Ideale
zu Grunde, und darum kmpfen wir fr unsere Machtstellung, um mit
unserer nationalen Gre auch unsere Ideale zu schtzen und zu sichern.

Ein Diener trat ein und meldete, da das Essen angerichtet wre.

Das Gesprch verlie bei Tisch die Gebiete der Philosophie und Politik
und wandte sich der Kunst zu. Die Damen bestrebten sich, den alten
Herrn von seinen finstern Gedanken abzulenken und seine verzweifelte
Stimmung zu heben. Elisabeth erzhlte von den Konzerten, die in Simla
und Kalkutta gegeben wrden, und erwhnte dabei der groen technischen
Schwierigkeiten, die das Musizieren in Indien bte, weil durch den
Einflu des Klimas die Instrumente so leicht verdrben. In der feuchten
Luft der Seestdte quoll das Holz, im trockenen Mittelindien dagegen
vertrocknete es, was namentlich den Violinen und Celli schadete, aber
auch den Klavieren nachteilig wre. Man konstruierte fr die Tropen
Klaviere, die nur Metall im Innern anstatt des Holzes htten, aber
diese htten einen scharfen Klang und litten ebenfalls durch schroffen
Temperaturwechsel.

Nach dem Diner setzte sich Elisabeth an den Flgel, und Heideck
berhrte es wohltuend, da Edith eine so angenehme Altstimme und eine
so gute Schulung hatte. Sie sang einige schwermtige englische und
schottische Lieder.

Seitdem ich England verlassen habe, habe ich nicht mehr gesungen,
sagte sie bewegt.

Heideck hatte mit Entzcken der Musik gelauscht. Nach den schrecklichen
Szenen der letzten Zeit gingen ihm die Melodieen um so tiefer zu
Herzen, so da seine Augen sich mit Trnen fllten. Und nicht die Musik
allein war es, die ihn rhrte, es war Ediths Seele, die durch die Macht
der Musik zu ihm sprach.

Was gedenken Sie zu tun, Mr. Kennedy? fragte er den alten Herrn.
Werden Sie in Simla bleiben und Mrs. Irwin bei sich behalten?

Ich habe es mir berlegt, entgegnete jener. Ich werde nicht hier
bleiben. Ich werde nach Kalkutta reisen, wenn ich kann. Es ist meine
Pflicht, in Kalkutta auf meinem Posten zu sein.

Aber wie wollen Sie reisen? Wo die Eisenbahnen noch vorhanden sind, da
sind sie von der Armee ausschlielich in Anspruch genommen. Bedenken
Sie, da Sie beide Armeen, die russische und die englische, passieren
mten. Sie mten von Kalka nach Ambala, von dort ber Delhi.

Wenn ich einen Passierschein bekme, wrde ich mit Wagen und Pferden
nach Delhi reisen, und dort bin ich bei der englischen Armee. Knnen
Sie mir einen Passierschein verschaffen?

Ich werde es versuchen. Mglicherweise lt sich Frst Tschadschawadse
dazu bewegen. Ich werde ihn darauf aufmerksam machen, da Sie
Zivilbeamter sind.

       *       *       *       *       *

Frst Tschadschawadse weigerte sich mit aller Entschiedenheit, den
von Heideck fr Mr. Kennedy und seine Familie erbetenen Passierschein
auszustellen.

Es tut mir leid, Herr Kamerad, sagte er, aber es ist einfach
unmglich. Der Judge Advocate General ist ein sehr hoher Beamter, dem
ich nicht gestatten kann, sich nach seinem Gefallen in das englische
Hauptquartier zu begeben und dort Bericht ber die hiesigen Vorgnge zu
erstatten. Man wrde mir eine so unangebrachte Liebenswrdigkeit hhern
Ortes mit Recht sehr bel auslegen. Und ich mchte den guten Eindruck,
den das Gelingen der Expedition nach Simla bei meinen Vorgesetzten
gemacht hat, nicht gern durch eine unverzeihliche Torheit wieder
verwischen.

Heideck sah ein, da gegen eine solche Entscheidung mit Zureden nichts
auszurichten sein wrde, und setzte Mr. Kennedy unter der Versicherung
aufrichtigen Bedauerns von der Ergebnislosigkeit seiner Bemhungen in
Kenntnis.

So werde ich denn in Gottes Namen versuchen nach England
zurckzukehren, sagte der alte Herr mit einem schmerzlichen Seufzer.
Fragen Sie bitte den Frsten, ob er etwas dagegen hat, da ich abreise
und mich auf dem krzesten Wege nach Carachi begebe? Vielleicht wird er
mir wenigstens fr diese Route einen Passierschein ausstellen.

Dazu war Frst Tschadschawadse sofort bereit.

Im Rcken der russischen Armee mgen die Herrschaften meinetwegen
reisen, wohin sie wollen, erklrte er. Ich habe nicht den geringsten
Anla den wrdigen alten Herrn als einen Gefangenen zu behandeln.

An demselben Tage noch hatte Heideck mit Edith eine ernste Unterhaltung
ber die Gestaltung ihrer nchsten Zukunft. Er fragte sie nach ihren
Wnschen und Plnen; sie aber schmiegte sich zrtlich an seine Schulter
und flsterte:

Ich habe keinen Wunsch als bei dir zu bleiben und keinen anderen Plan
als dich glcklich zu machen.

Er kte die weichen Lippen, die so beseligende Worte zu sprechen
wuten und sagte bewegt:

Nun wohl, so schlage ich vor, da wir zusammen nach Carachi reisen.
Ich bin entschlossen den russischen Dienst zu verlassen und die
Rckkehr nach Deutschland zu versuchen. Du aber, mein Lieb, wrdest du
es ber dich gewinnen knnen, mir in mein Vaterland, das Land deiner
jetzigen Feinde, zu folgen?

Meine Heimat ist bei dir. Sage, da wir hier in Simla ein Heim grnden
wollen, und ich bin mit Freuden bereit, bis an das Ende meiner Tage
hier zu leben. Fhre mich nach Deutschland oder nach Sibirien, und ich
folge dir -- mir gilt alles gleich, wenn ich nur dich nicht verlassen
mu.

Da sie so gar kein Wort der Anhnglichkeit an ihr Vaterland hatte,
mochte Heideck fr einen Moment peinlich berhren; aber er hatte ja
bereits gelernt, sie mit anderem Mae zu messen als die Frauen, denen
er bisher auf seinem Lebenswege begegnet war; und ihm am wenigsten kam
es zu, ihr aus diesem Mangel an Patriotismus einen Vorwurf zu machen.

Mr. Kennedy hat sich mir gegenber bereit erklrt, dich auf der Reise
unter seinen Schutz zu nehmen, sagte er. So werde ich denn noch heute
mit dem Frsten sprechen. Und da er kein Recht hat mich zu halten, wird
es mir, wie ich zuversichtlich hoffe, mglich sein, zugleich mit euch
nach Carachi aufzubrechen.

Ich aber werde nur in deiner Begleitung das Anerbieten der Kennedys
annehmen, erklrte Edith mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel
darber zulie, wie unerschtterlich ihre Entschlsse seien.

Aber Frst Tschadschawadse bereitete ihm in der Tat keine
Schwierigkeiten.

Ich bedaure aufrichtig, Sie schon so bald wieder zu verlieren,
erklrte er, aber die Entscheidung darber, ob Sie bleiben oder
gehen wollen, liegt einzig bei Ihnen, denn es war ja von vornherein
ausgemacht, da Sie den russischen Dienst quittieren knnten, sobald es
die Umstnde fr Sie wnschenswert machten. -- Die Frauen sind ja nun
einmal die Schicksale unseres Lebens.

Der Frst wute natrlich lngst, da es Edith Irwin war, die sich im
Hause der Kennedys befand, aber es geschah zum ersten Mal, da er der
Herzensangelegenheit seines deutschen Freundes Erwhnung tat.

Und hastig, als msse er sich gegen einen beschmenden Vorwurf
verteidigen, erwiderte Heideck:

Sie miverstehen meine Beweggrnde! Vor allem ist es meine soldatische
Pflicht, die mich ruft. Bis jetzt gab es keine Aussicht fr mich,
Passage auf einem englischen Dampfer zu erhalten. In der Begleitung des
Mr. Kennedy aber und auf seine Empfehlung hin wird man mir, wie ich
hoffen darf, die Ueberfahrt nicht verweigern.

Verzeihung! Ich zweifelte selbstverstndlich keinen Augenblick
an Ihrem patriotischen Pflichtgefhl, und ich wnsche Ihnen von
Herzen eine glckliche Heimreise. Natrlich ist es trotz aller
Bundesgenossenschaft unserer Nationen fr Sie nicht dasselbe, ob Sie
in den Reihen der russischen oder des deutschen Heeres fechten. Und
wenn die Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft zu reisen, den letzten
Ausschlag fr Ihre Entschlieungen gegeben hat, so htten Sie sich
dessen, wie ich meine, durchaus nicht zu schmen. -- Ich fr meine
Person bin allerdings zu der Erkenntnis gekommen, da ein Soldat besser
tut, dem weiblichen Element eine mglichst untergeordnete Rolle in
seinem Leben anzuweisen. Er mte es denn so machen, wie die meisten
meiner Landsleute und sich eine >handliche< Frau zulegen, d. h. eine,
die es vertrgt, mit oder ohne Anla geprgelt zu werden. Es mag sein,
da ich es gerade in diesem einen Punkte versehen hatte. Und ich bin
denn auch recht empfindlich dafr gestraft worden.

Sein Gesicht war pltzlich sehr ernst geworden, und da seine Anspielung
sich nur auf den verschwundenen Pagen beziehen konnte, glaubte Heideck
endlich eine Frage nach dem Verbleib der Cirkassierin wagen zu drfen.

Aber der Frst schttelte abwehrend den Kopf.

Fragen Sie mich nicht nach ihr! Das ist eine rgerliche Geschichte, an
die ich nicht gern erinnert werde, weil sie mir eine der hlichsten
Stunden meines Lebens ins Gedchtnis zurckruft. Schlimm genug, da wir
armen, ohnmchtigen Kreaturen mit aller Reue nicht wieder gutmachen
knnen, was wir einmal in einem Augenblick gefehlt.

Und dann, als wolle er damit kurzerhand alle weiteren, unbequemen
Errterungen abschneiden, kehrte er zu dem Ausgangspunkt ihrer
Unterhaltung zurck:

Von meinem Standpunkt aus mu ich es ja rein praktischer Grnde wegen
fr einen Fehler halten, da Sie Ihre unter den gnstigsten Auspizien
begonnene Laufbahn in der russischen Armee schon so bald wieder
verlassen. Tchtige Mnner Ihres Schlages knnen bei uns eine glnzende
Karriere machen, denn in unserm Heere ist mehr Ellbogenraum als bei
Ihnen. Aber ich wei wohl, da es berflssig ist, weiter darber zu
reden. Nur eins noch! -- Sie brauchen die Uniform, der Sie alle Ehre
gemacht haben, nicht gleich hier in Simla auszuziehen. Ich trete morgen
den Rckmarsch nach Lahore an, und ich bitte Sie, whrend desselben
noch an der Spitze Ihrer Schwadron zu bleiben. Ihre englischen Freunde
reisen am sichersten mit unserer Kolonne. In Lahore knnen Sie dann ja
machen, was Sie wollen. Da der Feldzug sich nach Sdosten wendet, ist
der Westen frei, und Sie knnen mglicherweise die Reise nach Carachi
zum groen Teil bereits wieder auf der Eisenbahn zurcklegen.

Heideck erkannte in diesem Vorschlag einen neuen Beweis der
freundschaftlichen Gesinnung, die ihm der Frst schon so oft an den Tag
gelegt hatte, und er unterlie es nicht, ihm auf das Wrmste hierfr zu
danken.

Fr Mr. Kennedy war es allerdings ein nicht sehr erfreulicher Gedanke,
unter dem Schutz der Feinde reisen zu mssen; aber er mute sich im
Interesse seiner weiblichen Angehrigen fgen, da es in der Tat keine
bessere Mglichkeit gab, schnell und sicher nach Carachi zu gelangen.

Sie knnen sich nicht vorstellen, wie schwer es mir wird, dies teuer
erkaufte Indien zu verlassen, sagte er zu Heideck. Zwanzig Jahre
meines Lebens habe ich ihm gewidmet, Jahre der hrtesten, unermdlichen
Arbeit. Und nun ist mein Werk gleich den Werken so vieler besserer
Mnner mit einem einzigen Schlage verloren.

Sie sind ohne Unterbrechung zwei ganze Jahrzehnte hindurch in Indien
gewesen?

Ja, ich konnte mich nicht entschlieen, meine Frau und meine Tochter
zu begleiten, wenn sie gelegentlich zu ihrer Erholung auf einige Monate
nach Europa gingen. Ich war eben geradezu verliebt in meine Arbeit, und
ich werde es kaum verwinden, da nun alles, alles verloren sein soll.
Und es ist verloren -- darber gebe ich mich keiner Tuschung hin.
Nachdem die Russen einmal hier Fu gefat haben, werden sie auch das
Land niemals wieder aufgeben. Ihre Herrschaft wird eben schon deshalb
fester gegrndet sein als die unsrige, weil sie dem indischen Volke
innerlich viel nher stehen als wir -- -- -- --

Am nchsten Tage brachen sie auf.

Mr. Kennedy und seine Damen fuhren in einer mit vier australischen
Pferden bespannten Mail-Coach, die ursprnglich fr den Besuch der
Rennen von Annandale bestimmt gewesen war. Er hatte seinen eigenen
englischen Kutscher, einen englischen Diener und eine englische
Kammerfrau mitgenommen, die zahlreiche, indische Dienerschaft aber
hatte er vor der Abreise abgelohnt und entlassen.

Der Marsch ging ber Kalka, die Endstation der nach Simla fhrenden
Eisenbahn, ohne jeden Zwischenfall nach Lahore. Hier erfuhr Frst
Tschadschawadse, da die russische Armee tags zuvor nach Delhi
aufgebrochen war, und er mute sich beeilen, ihr mit seinem Detachement
zu folgen.

Whrend des Eintritts in die Straen von Lahore, deren Anblick in ihm
so viele trbe Erinnerungen weckte, wurde Heideck pltzlich aus seinen
Trumereien gerissen. Es war ihm, als htte er hinter den Sulen, die
den Balkon eines Hauses trugen, eine weibliche Gestalt erspht, die mit
groen Augen dem glnzenden, rasselnden, sbelklappernden Reiterzuge
folgte. Und obwohl ihr Gesicht fast ganz von einem weit herabgezogenen
Kopftuche verhllt gewesen war, hatte ihn bei ihrem Anblick die halb
instinktive Empfindung durchzuckt, da dies Weib keine andere, als
seine und Ediths Retterin, der Page Georgij, sei. Er hatte sein Pferd
gewandt und war auf das Haus zugeritten. Aber die Erscheinung war bei
seiner Annherung verschwunden, wie wenn die Erde sie verschlungen
htte. Und so mute er wohl annehmen, da es nur eine Tuschung seiner
Sinne war.

Seine Verabschiedung von dem Frsten Tschadschawadse war so herzlich,
wie es ihrem bisherigen Verhltnis entsprach. Der Frst umarmte
ihn wiederholt, und in seinen Augen schimmerte es feucht, als er
dem Kameraden noch einmal glckliche Reise und die Lorbeeren des
siegreichen Kriegers wnschte.

Auch Heideck schmte sich seiner Bewegung nicht, als er dem Frsten zum
letzten Mal die Hand drckte.

Wenn Sie Ihren Pagen wiedersehen, so bitte ich Sie, auch ihm meine und
Mrs. Irwins Abschiedsgre zu bermitteln.

Ueber das Antlitz des Frsten legte sich ein dsterer Schatten.

Ich tte es wahrlich von Herzen gern, mein Freund! Aber ich werde
meinen Pagen niemals wiedersehen! Schweigen wir von ihm! Es gibt
Wunden, deren man sich nicht rhmen darf. --

Damit gingen sie auseinander.

Heideck, der wieder seine Zivilkleidung angelegt hatte, verbrachte
die Nacht im Hotel und nahm dann den ihm von Mr. Kennedy angebotenen
Platz in dessen Wagen ein. Er hatte in Erfahrung gebracht, da die
Eisenbahn zwischen Lahore und Mooltan von der Station Montgomery aus
fahrbar wre. Mit der ihnen eigenen Zhigkeit setzten die Englnder
in dem von dem Kriege nicht berhrten Teile Indiens den regelmigen
Eisenbahnbetrieb fort. War doch bei der ungeheuren Gre des Landes
der Kampf der beiden Armeen in gewisser Hinsicht ein eng begrenzter.
Im Westen Indiens, im Zentrum wie im Osten war vom Kriege kaum etwas
wahrzunehmen. Nur die Truppentransporte auf den Bahnlinien zwischen
Bombay und Kalkutta verrieten den Kriegszustand.

Die Eisenbahn im Westen sah keine Truppen mehr, seitdem die englische
Armee von Lahore zurckgegangen war, und diese Strecke war deshalb fr
den gewhnlichen Verkehr wieder vollstndig freigegeben.

Auch bei der indischen Bevlkerung dieser Gegend war durchaus nichts
von einer besonderen Erregung wahrzunehmen. Nur die unmittelbare
Gegenwart der russischen Truppen hatte das geduldige und friedfertige
Volk in Aufruhr versetzt. Selbst durch Chanidigot fuhren die Reisenden
ohne eine Strung des Betriebes oder einen unerwarteten Aufenthalt.

Das Wetter war nicht zu hei, da die Zeit der Gewitter begonnen hatte,
und das Reisen in den hchst bequemen, gerumigen Eisenbahnwagen wre
unter anderen Verhltnissen ein wahres Vergngen gewesen.

Wohlbehalten langten die Reisenden in Carachi, dem Hafenplatz an den
vielverzweigten Mndungen des Indus, an, und Mr. Kennedys hohe Stellung
verschaffte ihnen Aufnahme in dem vornehmen Sind-Klub, wo Verpflegung
und Wohnung nicht das geringste zu wnschen brig lieen. Der Klub war
von seinen regelmigen Besuchern fast ganz verlassen, da auer den
Offizieren auch alle irgend entbehrlichen Beamten zur Armee abgegangen
waren. Der Familie Kennedy aber stand ebensowenig wie Edith und Heideck
der Sinn nach interessanter Gesellschaft. Sie alle hatten jetzt keinen
anderen Wunsch mehr, als den, das Land so schnell als mglich zu
verlassen und den gegenwrtigen, peinlichen Zustand beendet zu sehen.
Auf Grund der bei der Schiffsagentur eingezogenen Erkundigungen hatten
sie beschlossen, mit einem Dampfer der British-India-Gesellschaft nach
Bombay zu fahren und von dort mit der >Caledonia<, dem besten Schiffe
der Peninsular- und Oriental-Linie, nach Europa zu reisen.

Am Nachmittag vor der Einschiffung mietete Heideck einen bequemen
kleinen Einspnner und fuhr mit Edith zur Napier-Mole, wo man ihnen im
Bootshause des Sind-Klub bereitwillig ein mit vier Laskaris bemanntes,
elegantes Segelboot zur Verfgung stellte. Mit ihm fuhren sie in dem
durch drei mchtige Forts geschtzten Hafen bis ber Manora Point, die
uerste Spitze der befestigten Mole, in die arabische See hinaus ....

Wahrlich, es ist schwer, dies wunderbare Land zu verlassen, sagte
Heideck ernst. Es ist schwer, fr immer Abschied zu nehmen von dieser
strahlenden Sonne, diesem Glanz des Meeres, diesen mchtigen Werken der
Menschenhand, die in ein natrliches Paradies den Luxus und das Behagen
einer raffinierten Kultur gebracht haben. Nie habe ich den Schmerz
des Mr. Kennedy besser verstanden, als in diesem Augenblick! Und ich
kann ihm die Bitterkeit nachfhlen, mit der er sich in seinem Zimmer
verschliet, um nichts mehr von all dieser lockenden und prangenden
Herrlichkeit zu sehen.

Edith hatte sich in seinen Arm geschmiegt, und indem sie ihren Blick
liebevoll zu ihm aufschlug, hatte sie keine andere Erwiderung als die:

Ich sehe die Welt nur, wie sie sich in deinen Augen spiegelt. Und da
ist sie fr mich immer von derselben Schnheit.




[Illustration]




XXII.


Das von Carachi nach Bombay gehende Dampfschiff hatte gegen zwanzig
Offiziere und eine grere Anzahl von Unteroffizieren und Mannschaften
an Bord, die in den ersten Kmpfen an der Grenze verwundet worden
waren. Ihr Anblick war nicht danach angetan, die dstere Stimmung
der englischen Reisenden zu verbessern, trotzdem diese drei Tage
lang bei herrlichstem Wetter in der strahlend blauen See an der mit
Naturschnheiten so berreich ausgestatteten indischen Westkste
dahinfuhren.

Der Hafen von Bombay, einer der schnsten der Welt, bot denjenigen,
die ihn von frheren Besuchen her kannten, einen seltsam vernderten
Anblick. Die sonst stets in betrchtlicher Anzahl hier vor Anker
liegenden franzsischen, deutschen und russischen Handelsschiffe
fehlten vollstndig, und auer englischen Dampfern waren nur einige
wenige italienische und sterreichische Fahrzeuge auf der Reede.

Der Dampfer von Carachi warf unweit des sterreichischen Lloyddampfers
>Imperatrix<, der von Triest gekommen war, die Anker aus, und mittels
kleiner Schiffe wurden die Passagiere nach dem Landungsplatze von
Apollo Bandar gebracht.

Zugleich mit seinen neuen englischen Freunden stieg Heideck im
Esplanade-Hotel ab. Das vortrefflich geleitete Haus war ihm
wohlbekannt, denn er hatte bei seiner Ankunft in Indien einige Tage
hier gewohnt. Aber die Physiognomie des Hotels hatte sich inzwischen
ebenso vollstndig gendert, wie die des europischen Viertels von
Bombay, aus welchem alles Leben verschwunden schien. Das verheerende
Auftreten der Pest mochte daran einen nicht geringen Anteil haben, in
der Hauptsache aber war es natrlich der Krieg, der sich in dem Fehlen
zahlreicher sonst am meisten in die Augen fallender Elemente bemerklich
machte.

Sonst ein Sammelpunkt der eleganten Gesellschaft, beherbergte das Haus
jetzt fast nur Militrs, die wenigen anwesenden Damen aber erschienen
nur in Trauer-Toiletten, und die gemeinsamen Mahlzeiten pflegten unter
gedrcktem Schweigen zu verlaufen.

Mr. Kennedy, der sich unmittelbar nach der Ankunft in Heidecks
Interesse zum Gouverneur begeben hatte, war mit guten Nachrichten
zurckgekehrt. Er hatte dem jungen Deutschen die Erlaubnis ausgewirkt,
Indien auf der >Caledonia< zu verlassen, die in zwei Tagen mit einer
greren Anzahl verwundeter und kranker Offiziere abgehen sollte.
Die Route des Dampfers ging wie gewhnlich ber Aden und Port Said.
In Brindisi sollten diejenigen Passagiere abgesetzt werden, die mit
der Eisenbahn weiter reisen wollten, whrend der Bestimmungshafen der
>Caledonia< Southampton war.

Wir werden also bis Brindisi das Vergngen Ihrer Gesellschaft haben,
sagte Mr. Kennedy gegen Heideck gewendet. Dieser hatte durch eine
Verbeugung zu erkennen gegeben, da der alte Herr seine Absichten
vollkommen richtig beurteilte.

Ueber Ediths Gesicht freilich war es wie ein Ausdruck heftigen
Erschreckens gegangen, als der Widerspruch, den sie mit Sicherheit
erwartet haben mochte, nicht erfolgt war. Sie hatte sich erhoben, um
auf ihr Zimmer zu gehen, aber im Vorberstreifen hatte sie Gelegenheit
gefunden, dem Geliebten zuzuflstern:

Heute Abend auf dem Balkon! Ich mu dich sprechen.

Nach dem Diner saen Heideck und Mr. Kennedy rauchend auf der Terrasse
vor dem Speisesaal des Hotels. Ein lauer Seewind rauschte in den
Banianen, die ihr dichtes, glnzendes Laubdach unmittelbar vor ihnen
wlbten. Noch einmal sprach Heideck dem alten Herrn herzlichen Dank fr
seine liebenswrdigen Bemhungen aus.

Ich habe damit doch nur in sehr bescheidenem Mae vergolten, was
Sie fr uns getan, erwiderte Mr. Kennedy. Uebrigens hatte es gar
keine Schwierigkeiten. Ich habe dem Gouverneur gesagt, da Sie ein
Deutscher und ein Freund meiner Familie seien, der einer englischen
Dame und mir selbst die wertvollsten Dienste erwiesen habe. Ihren
militrischen Charakter aber glaubte ich allerdings mit gutem Gewissen
verschweigen zu drfen, denn aus ihm htten sich doch leicht allerlei
Schwierigkeiten ergeben knnen. Ich fr meine Person mache mir bei
allem Patriotismus keinen allzu groen Vorwurf aus diesem Verschweigen.
Denn welche militrischen Geheimnisse knnten Sie in Berlin verraten?
Unsere Mierfolge liegen vor aller Augen klar erkennbar da. Und alle
Zeitungen sind mit Nachrichten und Vermutungen angefllt.

Allerdings. Der eigentliche Zweck meiner Reise ist durch die
Ereignisse berholt und gegenstandslos geworden.

Dieser Zweck war -- um es ohne Beschnigung zu sagen -- Spionage.
Nicht wahr, Mr. Heideck?

Spionage in demselben Sinne, wie die Entsendung von Botschaftern,
bevollmchtigten Ministern und Militr- oder Marine-Attachs Spionage
ist, entgegnete Heideck sichtlich verdrossen.

O, ich finde da doch einen kleinen Unterschied. Alle diese Herren
nennen von vornherein ihren Namen wie ihr Amt, und sie werden in ihrer
diplomatischen Eigenschaft ausdrcklich beglaubigt.

Es liegt mir fern, Mr. Kennedy, mich Ihnen gegenber zu rechtfertigen,
denn ich habe nicht den geringsten Anla, mich meiner Mission zu
schmen. Jede Armeeleitung mu ber die militrischen Zustnde der
anderen Mchte unterrichtet sein, auch wenn kein bestimmter Krieg
erwartet oder geplant wird. Um fr alle Eventualitten gerstet zu
sein, mu man die Krfte und Hlfsquellen der anderen Mchte kennen,
gleichviel, ob sie im Kriegsfalle als Gegner oder als Bundesgenossen in
Betracht kmen.

Mr. Kennedy antwortete scheinbar erbittert:

Es scheint fast, als ob wir Englnder diese Vorsicht grblich
vernachlssigt htten. Die Russen wrden uns schwerlich berrumpelt
haben, wenn wir verstanden htten, mit deutscher Klugheit zu rechnen.

Nun, ich glaube kaum, da man von englischer Seite wesentlich anders
verfahren ist als von der unsrigen. Ihre Regierung drfte ebenso
wie die deutsche berallhin Offiziere entsandt haben, um sich zu
unterrichten. Wie der Generalstab in Berlin Nachrichten ber alle
fremden Heere, Festungen und Grenzen sammelt, geschieht es ohne
Zweifel auch in London. Es ist das brigens ein rein theoretisches
Verfahren, ebenso wie die Aufstellung von Kriegsplnen fr alle Flle.
In Wirklichkeit pflegt es dann immer wesentlich anders zu kommen. Der
gegenwrtige Krieg liefert dafr ja den besten Beweis. Ich bin hierher
entsandt worden, um die anglo-indische Armee und die russisch-indischen
Grenzverhltnisse zu studieren, ohne da wir einen nahe bevorstehenden
Krieg ahnten und ohne da wir etwa geplant htten, Indien anzugreifen.
Das Unsinnige einer solchen Idee lge ja auch auf der Hand. Wenn Sie
mich brigens fr einen Spion halten, Mr. Kennedy, so bitte ich Sie
dringend, keinerlei Rcksicht zu nehmen und dem Gouverneur meinen
wahren Charakter zu nennen. Ich bin jederzeit bereit, mich vor den
englischen Behrden zu verantworten.

Mr. Kennedy streckte ihm seine Hand entgegen.

Sie haben mich miverstanden, mein lieber Mr. Heideck! Ihre
persnliche Ehrenhaftigkeit ist fr mich so hoch ber jedem Zweifel
erhaben, da es mir nicht einen Augenblick in den Sinn kommen konnte,
Sie auf eine Stufe zu stellen mit jenen Spionen, denen man den Proze
macht, wenn man sie erwischt.

In diesem Augenblick kam einer der weigekleideten, barfigen Kellner
gelaufen und schrie in den Saal hinein:

Groer Sieg bei Delhi! Die russische Armee vollstndig geschlagen!

Und triumphierend schwenkte er ein bedrucktes Papier in seiner Rechten.

Mr. Kennedy fuhr in die Hhe, ri dem Burschen das Blatt aus der Hand
und las die von der >Bombay-Gazette< ausgegebene Nachricht.

Wahrhaftig, es ist so! rief er mit freudestrahlendem Gesicht. Ein
Sieg! Ein groer, entscheidender Sieg! Dem Himmel sei Dank -- das
Kriegsglck hat sich gewendet.

Er beschenkte den Ueberbringer der Freudenbotschaft mit einem Goldstck
und eilte, den Damen die groe Neuigkeit mitzuteilen. Heideck aber
blieb nachdenklich zurck. Im Hotel wurde es bald lebhaft. Die
Englnder liefen hin und her und riefen einander den Inhalt der
Depesche zu. Allmhlich machte sich auch in den Straen eine wachsende
Erregung bemerkbar. In dem sogenannten Fort, dem europischen Teile
von Bombay, wurden Fackeln angezndet und Freudenschsse abgefeuert.
Heideck nahm einen der vor dem Hotel haltenden Einspnner und befahl
dem Kutscher durch die Stadt zu fahren. Hier konnte er wahrnehmen, da
der Jubel sich durchaus auf das Fort beschrnkte. Sobald der Wagen
die eigentliche Stadt erreichte, bot sich ihm das gewohnte Bild, das
er schon von seinem ersten Aufenthalt her kannte und das ganz und gar
nichts von dem Eintritt auerordentlicher Ereignisse erkennen oder
vermuten lie. In den engen Gassen herrschte trotz der vorgerckten
Stunde ein geschftiges Treiben. Alle Huser waren erleuchtet und alle
Tren geffnet, so da man in das Innere der primitiven Wohnungen
blicken, die Handwerker bei ihrer Arbeit, die Hndler bei ihren
Geschften und die Hausfrauen bei ihren oft sehr intimen huslichen
Verrichtungen beobachten konnte. Um den Krieg kmmerte man sich hier
augenscheinlich ebenso wenig wie um die schreckliche Wrgerin der
indischen Bevlkerung, die Pest, und die Siegesdepesche, die doch ohne
Zweifel auch in der Eingeborenenstadt bekannt geworden war, hatte
offenbar nicht den geringsten Eindruck gemacht.

Gegen elf Uhr kehrte Heideck in das Hotel zurck, wo er die Familie
Kennedy mit Edith noch in eifriger Unterhaltung auf der Terrasse
antraf. Der alte Herr schien pltzlich um ein Jahrzehnt verjngt.

Natrlich werden wir jetzt nicht abreisen, erklrte er. Sobald die
Russen den Norden wieder gerumt haben, kehren wir nach Simla zurck.

Heideck sagte nichts dazu, und als bereite ihm die so offen
kundgegebene Herzensfreude der Englnder eine peinliche Empfindung,
verabschiedete er sich sehr bald, um in sein Zimmer hinaufzugehen, das
ebenso wie dasjenige Ediths im zweiten Stockwerk gelegen war.

Nach der Sitte des Landes hatten smtliche Rume Tren nach dem breiten
Balkon, der das ganze Stockwerk als Auengalerie umgab. Und da ihm ein
Blick Ediths wiederholt hatte, da er sie dort erwarten mge, trat
Heideck auf diese Galerie hinaus. Seine Geduld wurde nicht allzu hart
auf die Probe gestellt. Auch sie mute bald Gelegenheit gefunden haben,
sich aus der Gesellschaft der Kennedys loszumachen, denn frher noch
als er gehofft hatte, sah er ihre weie Gestalt auf sich zukommen.

Ich danke dir, da du mich erwartet hast, sagte sie, aber wir knnen
hier nicht bleiben, da wir keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher
wren. La uns lieber in mein Zimmer gehen.

Heideck folgte ihr zgernd. Aber er wute, da Edith es als eine
Beleidigung empfinden wrde, wenn er gegen ihre Aufforderung ein
Bedenken uern wrde, denn im felsenfesten Vertrauen auf seine
ritterliche Ehrenhaftigkeit schien sie in der Tat keine Besorgnis zu
kennen. Nur der schwache Schein des Mondes erfllte das Gemach mit
einer matten Helligkeit. Vom Turme der nahen Universitt schlug es
zwlf.

Das Schicksal treibt ein sonderbares Spiel mit uns, sagte Edith, die
sich in einen der kleinen Korbsessel niedergelassen hatte, whrend
Heideck in der Nhe der Tr stehen geblieben war, ich gestehe dir,
da ich seit dem Eintreffen der Siegesnachricht ein paar frchterliche
Stunden verlebt habe, denn die Kennedys haben ja auf diese Nachricht
hin ihre Reiseabsichten aufgegeben, und sie scheinen es fr ganz
selbstverstndlich zu halten, da ich mit ihnen hier in Indien bleibe.

Und wrdest du nicht in der Tat vorerst dazu gezwungen sein, liebste
Edith?

Auch du also hast bereits mit dieser Mglichkeit gerechnet? Du wrdest
dich nicht besinnen, ohne mich zu reisen? Vielleicht sogar mit einem
Gefhl der Erleichterung, von mir befreit zu sein?

Wie kannst du solche Gedanken aussprechen, Edith, an die du selbst
doch wohl nimmermehr glauben kannst?

O, wer wei! Du bist ehrgeizig, und wir armen Frauen sind niemals
bler daran, als mit ehrgeizigen Mnnern.

Aber es ist wahrscheinlich berflssig, da wir uns jetzt mit der
Errterung solcher Mglichkeiten qulen. Ich habe bis jetzt noch
nicht einen Augenblick an den Eintritt einer Aenderung in unseren
Reisedispositionen geglaubt.

Das heit, du zweifelst an der Zuverlssigkeit der Siegesnachricht?

Ehrlich gesprochen: ja. Ich habe den alten Herrn nicht krnken und
ihm die kurze Freude nicht verderben wollen. Darum habe ich ihm
gegenber meinem Mitrauen nicht Ausdruck gegeben. Aber die Depesche
macht in Wahrheit einen sehr wenig glaubwrdigen Eindruck. Enthlt
sie doch nicht einmal eine genauere Angabe des Ortes, wo die Schlacht
stattgefunden haben soll. Sie mu einem unbefangenen Beurteiler zum
mindesten sehr verdchtig vorkommen.

Und wer sollte sich das traurige Vergngen bereitet haben, die Welt
fr eine kurze Zeitspanne auf solche Art zu tuschen?

O, es gibt viele, die ein Interesse daran haben wrden. Whrend jedes
Krieges flattern hier und da solche falschen Nachrichten auf, ohne
da sich in den meisten Fllen feststellen lt, woher sie kamen.
Vielleicht ist es ein Brsenmanver.

Du hltst es also fr ganz unmglich, da wir die Russen besiegen
knnen?

Nicht gerade fr unmglich, aber doch fr sehr unwahrscheinlich.
Wenigstens bei der augenblicklichen Kriegslage. Und dann ist es das
Ausbleiben aller genaueren Nachrichten, das mich stutzig macht. Ein
siegreicher Feldherr findet immer Zeit zur Mitteilung von Einzelheiten,
mit denen der Besiegte gern auf sich warten lt. Ich bin berzeugt,
da der hinkende Bote sehr bald nachkommen und hinsichtlich unserer
Reiseplne alles beim Alten bleiben wird.

Edith schwieg. Ihr Vertrauen zu Heideck war so unbegrenzt, da seine
Worte sie vollstndig berzeugt hatten. Aber sie hatten ihr die freudig
zuversichtliche Stimmung der letzten Tage dennoch nicht wiederzugeben
vermocht.

Es wird alles beim Alten bleiben? sagte sie endlich. Das heit, du
wirst uns in Brindisi verlassen?

Allerdings. Es gibt ja fr mich keinen anderen Weg, um zur Armee zu
gelangen.

Und wenn du nun berhaupt darauf verzichtest, zur Armee
zurckzukehren? Hast du denn noch gar nicht daran gedacht, da wir
unser knftiges Glck recht wohl auf einer anderen Grundlage aufbauen
knnten?

Verwundert sah Heideck sie an.

Nein, liebste Edith, daran habe ich in der Tat noch nicht gedacht,
denn es wre ein sehr berflssiger und trichter Gedanke gewesen,
solange mir durch Pflicht und Ehre auf das Bestimmteste vorgeschrieben
ist, was ich zu tun habe.

Pflicht und Ehre! Natrlich, ich konnte mir wohl denken, da du
sogleich wieder mit groen Worten bei der Hand sein wrdest. Es ist
so bequem, sich hinter einen solchen unangreifbaren Schutzwall
zurckziehen zu drfen, wenn damit zugleich den eigenen Wnschen Genge
geschieht!

Edith! Wie ungerecht haben dich doch die traurigen Erlebnisse der
jngsten Vergangenheit gemacht! Bei ruhiger Ueberlegung wirst du selbst
einsehen, da meine persnlichen Wnsche und die Sehnsucht meines
Herzens hier gar nicht in Frage kommen. Und ich verstehe nicht einmal,
was ich deiner Meinung nach denn eigentlich tun sollte.

O, es gbe mehr als eine Mglichkeit, die uns den Schmerz einer
Trennung ersparen wrde. Aber ich will dir nur die nchstliegende
nennen. Knnten wir nicht sehr wohl zusammen in Indien bleiben? Wenn
es die Vermgensfrage ist, die dir Bedenken verursacht, so kann ich
dich darber leicht beruhigen. Ich habe Geld genug fr uns beide,
und was mir gehrt, das ist auch dein. Wenn wir uns hier in eine
Gegend zurckziehen, in die der Krieg nicht kommen kann -- in eine
Hill-Station, nach Poona oder Mahabaleshwar, so wird niemand dich mit
Fragen behelligen oder gar daran denken, dich zu verfolgen. Und es wird
Gott wohlgeflliger sein, wenn du dort ganz deiner Liebe lebst, als
wenn du deine Brder ttest.

Trotz der Ernsthaftigkeit, mit der sie sprach, konnte Heideck sich
nicht enthalten, ihr lchelnd zu entgegnen:

Wie wunderlich sich doch zuweilen in so einem hbschen Frauenkpfchen
die Welt und die Verhltnisse malen. Es ist wahrhaftig ein Glck,
da wir nchterne Mnner unsern Verstand nicht ganz so leicht mit
dem Herzen durchgehen lassen. Wir wrden sonst schlimm genug daran
sein, denn ihr selbst wret sicherlich die ersten, die sich mit
Geringschtzung von uns abwenden wrden, sobald wir uns das Glck eurer
Liebe um jeden Preis, selbst um den eurer und der eigenen Achtung,
erkaufen wollten.

Edith Irwin gab es auf, ihm zu widersprechen. Mit schwermtiger Miene
blickte sie lange schweigend in die mondhelle indische Nacht hinaus.
Und dann, als Heideck auf sie zutrat, um sich mit einem zrtlichen
Wort zu verabschieden, sagte sie in einem Ton, der ihm ganz seltsam zu
Herzen ging:

Ob wir uns nun verstehen oder nicht -- in einem wenigstens sollst du
dich keiner Tuschung hingeben: Wohin du auch immer gehen magst -- in
ein Paradies des Friedens oder die Hlle des Krieges -- ich werde dich
nicht verlassen.

Sie warf sich mit leidenschaftlichem Ungestm an seine Brust und prete
ihre heien Lippen auf seinen Mund. Dann aber, als frchte sie sich vor
ihres eigenen Herzens Gluten, drngte sie ihn mit sanfter Gewalt zur
Tr.




[Illustration]




XXIII.


Auf die Siegesbotschaft folgte, wie Heideck vorausgesehen hatte, eine
fr die Englnder niederschmetternde Nachricht. Am folgenden Tage,
sehr spt, nachdem Bombay den Morgen und Mittag hindurch vergebens auf
eine Besttigung der Depesche von gestern und auf nhere Einzelheiten
gewartet hatte, und die Stimmung bereits eine recht gedrckte
geworden war, verffentlichte der Gouverneur folgende Depesche des
Hchstkommandierenden:

  >Als am gestrigen Tage grere Truppenmassen des Feindes nrdlich
  von Delhi gemeldet wurden, nahm die Armee eine fr die Defensive
  gnstige Stellung ein, und es kam zu einem fr die britischen Waffen
  ehrenvollen Kampfe. Die Russen erlitten ungeheure Verluste. Bei
  Einbruch der Dunkelheit, die eine weitere Verfolgung der errungenen
  Vorteile nicht gestattete, beorderte ich das Gros der Armee zu einem
  strategisch wertvollen Marsche auf Lucknow, der sich grtenteils
  auf der Eisenbahn vollzog. Die Brigade Simpson ist zur Verteidigung
  Delhis zurckgeblieben. Die schweren Geschtze der Sha-Bastion und
  der Bastion von Kalkutta-Gate und North-Gate sind in erfolgreiche
  Ttigkeit getreten. Alle Truppenteile haben sich ausgezeichnet
  benommen und verdienen das hchste Lob. Die Brcke ber den Jumna ist
  intakt und vermittelt den direkten Verkehr mit General Simpson.<

Mr. Kennedy sa nachdenklich ber dieser Depesche, als Heideck zu ihm
trat.

Also eine entscheidende Niederlage, nicht wahr, Mr. Heideck? sagte
er. Sie als Militr knnen ja noch mehr zwischen den Zeilen lesen
als ich. Ich kenne doch Delhi. Wenn die Batterien an der Jumnabrcke
feuern, so mssen die Russen im Begriff sein, sich dieses Uebergangs zu
bemchtigen. Die North-Gate-Bastion ist ja der Brckenkopf.

Heideck mute ihm recht geben; aber er hatte noch mehr aus der Depesche
gelesen und erblickte die schlimmsten Anzeichen in dem Rckzuge des
Generals auf Lucknow.

Weitere Depeschen vom Kriegsschauplatze wurden im Laufe des Tages nicht
verffentlicht, weil der Gouverneur der Bevlkerung verheimlichen
wollte, wie traurig die Verhltnisse lagen. Mr. Kennedy aber, der im
Gouvernementsgebude gewesen war, erfuhr mehr. Er erzhlte Heideck, da
die englische Armee in voller Auflsung geflohen wre und 8000 Mann an
Toten und Verwundeten, 20 Geschtze nebst vielen Fahnen und Standarten
verloren htte. Die Regierung gbe Delhi bereits auf, denn General
Simpson knne die Stadt nicht halten.

Indien ist uns verloren, schlo Mr. Kennedy in tiefem Schmerz. Jetzt
habe ich auch meine letzte Hoffnung begraben. -- -- --

       *       *       *       *       *

Die >Caledonia< hatte im Victoria-Dock, einem Teil der groartigen
Hafenanlagen auf der Ostkste der Halbinsel, festgelegt, und die
Reisenden begaben sich inmitten eines dichten Menschengewhls an Bord.
Viele verwundete und kranke Offiziere und Soldaten sollten auf dem
schnellen Dampfer nach England zurckbefrdert werden und nahmen die
sonst fr die Passagiere bestimmten Pltze ein. Von Reisenden, die in
Geschften oder zum Vergngen nach Europa fuhren, war nichts zu sehen.
Alle Frauen, die an Bord kamen, gehrten Militrfamilien an. Die
allgemeine Stimmung war sehr trbe.

Heideck hatte vor der Einschiffung seinen treuen Diener entlassen. Wohl
hatte Morar Gopal mit Trnen in den Augen gebeten, ihn mitzunehmen,
aber Heideck mute frchten, da der arme Kerl am europischen Klima
zu Grunde gehen wrde. Und beim Eintritt in die Armee htte er sich
ja doch von ihm trennen mssen. So schenkte er ihm hundert Rupien und
machte ihn dadurch zum reichen Mann.

Langsam bewegte sich der groe Dampfer aus dem Hafenbassin, vorbei
an englischen Handelsfahrzeugen und den weien Kriegsschiffen, die
Soldaten und Kriegsmaterial hergefhrt hatten.

Heideck sah, als die >Caledonia< nun in schnellerer Fahrt den
Auenhafen durchschnitt, wohl zwanzig Kriegsschiffe, darunter mehrere
groe Panzer, auf der Reede. Von zwei Transportdampfern, deren Verdeck
von Waffen glnzte, wurden englische Truppen, die von Malta kamen, in
Booten gelandet.

Dann ging es immer schneller auf die hohe See hinaus. Die Stadt mit
ihren Leuchttrmen verschwand in der Ferne, die blauen Berge des
Festlandes und der Insel lsten sich in verschwimmenden Nebel auf. Eine
lange, weischimmernde Furche folgte dem Dampfer.

Die Fahrt war wundervoll fr jeden, den nicht schwere Sorgen
unempfindlich machten fr die Erhabenheit der Natur. Heideck, der
glcklich war, sich endlich auf dem Heimwege zu befinden, geno in
vollem Mae die Schnheit des Meeres und des Himmels. Die bangen
Zweifel, die ihn zuweilen wegen Ediths und seiner eigenen Zukunft
berkamen, wurden unterdrckt durch den Reiz ihrer Gegenwart. Wohl
hielten die Strme ihres Charakters ihn bestndig in unruhiger
Bewegung, aber er liebte Edith, die seit jener Stunde, da sie ihm
erklrt hatte, da sie ihn niemals verlassen wrde, ganz Hingebung und
Zrtlichkeit war, als wre sie von einer bestndigen Furcht geqult,
da er sie dennoch eines Tages von sich stoen knnte.

So saen sie wieder einmal auf dem Promenadendeck beieinander. In
azurblauen Wogen rauschte das Meer um die Planken des Schiffes. Ein
wunderbares Flimmern und Leuchten ging von der unabsehbaren Flche aus.
Die ganze Welt schien in Licht gebadet; aber das doppelte Sonnendach
ber den Huptern des jungen Paares wehrte der Glut der Sonne, und ein
erfrischender Lufthauch strich unter ihm dahin.

Du wrdest also in Brindisi mit mir an Land gehen? fragte Heideck.

In Brindisi oder schon in Aden oder in Port Said -- wo du willst.

Ich denke, Brindisi wird der geeignetste Platz sein. Dann fahren wir
zusammen nach Berlin.

Edith nickte zustimmend.

Aber ich wei nicht, wie lange ich in Berlin bleibe, fuhr Heideck
fort. Ich hoffe, man schickt mich nicht sofort wieder zur Armee.

Dann gehe ich mit dir, wohin es auch sei, sagte sie so ruhig, als ob
es sich um etwas ganz Selbstverstndliches handle.

Das ist wohl nicht gut mglich, erwiderte er lchelnd. Bei uns fhrt
man Krieg ohne Frauen.

Und ich werde doch mit dir gehen.

Heideck sah sie verwundert an. Aber begreifst du denn nicht, mein
Lieb, da es etwas ganz Neues sein wrde und Aufsehen erregen mte,
wenn ein deutscher Offizier mit seiner Braut ins Feld zge?

Ich frchte das Urteil der Menschen nicht. Ich kmmere mich ja auch
nicht darum, was die Kennedys sagen werden, wenn ich in Brindisi das
Schiff verlasse und mit dir gehe. Es wird ja ein schlimmer Sturz fr
mich werden; denn die Kennedys wrden mich von Stund an als eine
Verlorene ansehen. Aber ich mache mir nichts daraus. Ich bin lngst von
der Torheit geheilt, da man sein Glck opfern msse, nur dem Gerede
der Welt zuliebe.

Er nahm natrlich ihre Absicht, ihn ins Feld zu begleiten, trotzdem
nicht ernst und benutzte die Gelegenheit, ihr einen Vorschlag zu
machen, den er bei sich selber schon reiflich erwogen hatte.

Ich wrde es fr das Beste halten, liebe Edith, wenn du zu meinem
Onkel nach Hamburg gingest und dort das Ende des Krieges abwartest.
Dann -- sofern mir der Himmel das Leben gelassen, -- steht unserer
Vereinigung nichts mehr entgegen.

Sie antwortete nicht, und Heideck, der ihr Zeit lassen wollte, mit
sich zu Rate zu gehen, beeilte sich, das Gesprch von diesem Thema
abzulenken.

Sieh, wie schn das ist! sagte er, auf das Wasser deutend.

Eine lange Reihe wei aufschumender Wellen zog sich jetzt zu beiden
Seiten des Schiffes hin, so da es aussah, als durchschnitte der Kiel
eine Menge kleiner Klippen, ber die das Meer hinwegbrandete. Aber
bei nherer Beobachtung lie sich erkennen, da es keine Klippen
waren, sondern unzhlige groe Fische, die wie in langer Schlachtreihe
einherzogen und das Schiff begleiteten. In groen Sprngen schnellten
sie aus dem Wasser empor, so da man die hellen Leiber in der Luft
glitzern sah.

Ich mchte wohl einer von diesen Delphinen sein, sagte Edith. Sieh,
wie frei und lustig ihr Dasein ist.

Du glaubst ja an die Seelenwanderung, scherzte Heideck, vielleicht
bist du einmal ein solcher Delphin gewesen.

Dann habe ich sicherlich keinen vorteilhaften Tausch gemacht. Mit
unserer hheren geistigen Entwicklung verlieren wir unzweifelhaft den
rechten Genu des natrlichen Daseins. Die Schmerzen aber, an denen das
menschliche Leben so viel reicher ist, als an Freuden, lernen wir um so
tiefer empfinden. --

       *       *       *       *       *

Die Fahrt durch den indischen Ozean whrte sechs Tage, und Heideck
hatte oft Gelegenheit, die Ansicht der englischen Offiziere und Beamten
ber die politische Lage zu hren. Alle klagten sie die Unfhigkeit der
Regierung an, die England in eine so gefhrliche Situation gebracht
hatte.

Die guten alten Grundstze der englischen Politik sind aufgegeben
worden, sagte eines Tages ein Oberst, der wegen einer schweren
Verwundung nach England zurckkehren mute. In frheren Zeiten hat
England seine Eroberungen gemacht, wenn die kontinentalen Mchte in
Kriege verwickelt waren, oder es hat auch selbst in Koalition mit
anderen Mchten Krieg gefhrt, um seinen Besitz zu erweitern. Nie aber
hat es sich so schimpflich berrumpeln lassen wie jetzt. Frankreich und
Deutschland werden wir natrlich besiegen; denn hier handelt es sich um
die Seemacht. Aber selbst wenn diese beiden Mchte geschlagen worden
sind, bleiben wir doch die Unterliegenden; denn der Verlust Indiens ist
fr Englands Gesundheit und Leistungsfhigkeit so schlimm, wie fr mich
die Amputation meines linken Beines. Ich kehre als Krppel nach England
zurck, und auch mein armes Vaterland wird nach dem Verluste Indiens
nur noch ein Krppel sein.

Ja, wahrhaftig, sagte Mr. Kennedy, es wird schwer, ich frchte,
es wird unmglich sein, Indien wieder zu erobern. Den Franzosen, den
Hollndern, den Portugiesen konnten wir ihre indischen Besitzungen
entreien, weil sie auch nur durch ihre Seemacht mit Indien in
Verbindung standen, aber die Russen gliedern die Halbinsel an ihr Reich
an und knnten selbst im Falle einer Niederlage immer neue, ungezhlte
Scharen dorthin zu Lande marschieren lassen. Ich sehe sie schon auf
Kalkutta, auf Bombay, auf Madras losgehen, die Hfen besetzen, die mit
unserm Gelde gebaut wurden, und in unsern Docks eine Kriegsflotte mit
den Hilfsmitteln Indiens bauen.

Es ist den kontinentalen Mchten ja nicht zu verdenken, fuhr
der Oberst fort, wenn sie unsere Niederlagen benutzen, um sich zu
vergrern. Da ist keine Macht, auf deren Kosten wir nicht gro
geworden wren. Alle unsere Besitzungen haben wir den Spaniern, den
Hollndern, den Portugiesen, den Franzosen mit Gewalt der Waffen
entrissen, und Ruland haben wir bekmpft, seitdem es anfing seine
Macht zu entfalten. Wir haben die Trkei untersttzt, wir sind in die
Krim eingefallen und haben Sebastopol zerstrt, wir haben die Flotte im
Schwarzen Meer erstickt. Aber jetzt haben wir uns verrechnet. Wir haben
den Japanern erlaubt, Ruland anzugreifen, aber wenn unsere Minister
geglaubt haben, die Japaner wrden fr jemand anders als sich selbst
kmpfen, so haben sie sich stark verrechnet. Ruland entschdigt sich
bei uns fr seine Verluste in Ostasien.

Nicht Ruland ist unser schlimmster Feind, Deutschland ist es,
widersprach Mr. Kennedy. Ruland ist es erst geworden, seitdem
wir Deutschland so mchtig werden lieen. Ich erinnere mich noch,
wie unsere Minister triumphierten, als Preuen mit Oesterreich und
Frankreich Krieg fhrte. Denn wieder schien der europische Kontinent
durch seine innere Zerrissenheit auf lange Zeit hinaus lahmgelegt.
Ein kurzer Triumph! Niemand hatte geahnt, da Preuen sich so stark
erweisen wrde. Und damals zeigten sich die ersten Schwchen unserer
Politik. Nach den ersten deutschen Siegen am Rhein htte England eine
Allianz mit Frankreich schlieen und Preuen den Krieg erklren mssen.
Groe politische Umwlzungen erfordern eine lange Zeit, und eine kluge
Regierung mu weit voraussehen. Bismarck hat Englands Niederlage
langsam vorbereitet. Das lag vor dreiig Jahren wie eine Ahnung in
uns, gleich einer drohenden Gewitterwolke zog es herauf, aber unsere
Regierung hatte nicht den Mut, klar zu sehen und ermangelte der rechten
Energie.

Ein General, der schweigend dagesessen hatte, ergriff das Wort. Er war
aus dem Geniekorps hervorgegangen und jetzt dazu bestimmt, das Kommando
von Gibraltar zu bernehmen.

Wir sprechen von dem Verluste Indiens, sagte er, aber wer wei, ob
nicht England selbst eine Invasion im Mutterlande zu befrchten hat!

Unmglich! entgegneten alle anwesenden Herren, niemals werden
Englands Kriegsschiffe sich aus dem Kanal verdrngen lassen.

So hoffe auch ich, aber ich wei nicht, ob die Herren sich noch
erinnern, wie nahe einst die Gefahr war, da eine napoleonische Armee
Englands Boden betrat.

Und wenn sie erschienen wre, so wre sie von Britenfusten
zerschmettert worden! rief Mr. Kennedy.

Vielleicht! Aber warum haben wir niemals zugegeben, da ein Tunnel
unter dem Kanal von Calais nach Dover gebaut wrde? Alle militrischen
Autoritten, namentlich Wolseley, haben es unter keiner Bedingung
erlauben wollen, da dem Verkehr und dem Handel dieser bequeme Weg
erffnet werde. Sie haben es immer fr notwendig erklrt, da England
eine Insel bliebe, die nur bers Meer zu erreichen wre. Ganz gewi ist
dies die erste und wichtigste Bedingung fr Englands Macht.

Nun also, sagte Mr. Kennedy. Da England doch eine Insel ist und wir
stets den Grundsatz aufrecht erhalten haben, unsere Flotte der Seemacht
zweier Seemchte, und zwar der strksten, berlegen zu erhalten -- wo
wre da eine Gefahr?

Eine Gefahr? Eine Gefahr besteht immer, wenn man Feinde hat,
erwiderte der General. Und ich behaupte: es hing zu Anfang des 19.
Jahrhunderts an einem Haar, da Napoleon herberkam, und ich glaube
nicht, da wir diesem groen Gegner gewachsen gewesen wren, wenn er
einmal festen Fu an unserer Kste gefat htte.

Sein Plan war phantastisch und darum unausfhrbar, sagte Mr. Kennedy.

Sein Plan scheiterte nur daran, da er zu kompliziert war. Htte
Napoleon aber telegraphische Verbindungen zur Verfgung gehabt, wie sie
heute bestehen, so wre sein Plan nicht zu kompliziert gewesen. Mit den
Kabeln von heutzutage htte er seine Flotten dirigieren knnen. Wre
der Admiral Villeneuve nicht nach Kadix, sondern, wie ihm befohlen war,
nach Brest gesegelt, um sich dort mit Admiral Ganteaume zu vereinigen,
so htte er, an der Spitze von sechsundfnfzig Linienschiffen, den
Uebergang Napoleons von Boulogne nach der englischen Kste decken
knnen. Nein, meine Herren, denken Sie sich die strategische Lage
Englands nicht als unangreifbar. Ich vertraue so fest wie Sie auf die
Ueberlegenheit unserer Seestreitkrfte, aber zur Zeit des Dampfes und
der Elektrizitt ist England nicht mehr so sicher, wie damals, als
die Bewegung der Schiffe vom Winde abhngig war und die Befehle durch
reitende Boten und Signale bermittelt werden muten.

So glauben Sie wirklich, da Napoleons Plan ausfhrbar gewesen wre,
General?

Ganz gewi. Napoleon hatte bei diesem Unternehmen kein Glck. Zunchst
war sein grtes Migeschick der Tod des Admirals Latouche-Trville.
Dieser Mann htte an Villeneuves Stelle die Flotte wahrscheinlich
richtig gefhrt. Es war der einzige franzsische Seeoffizier, der
unserm Nelson htte entgegentreten knnen. Aber er starb fr Frankreich
zu frh, und sein Nachfolger Villeneuve war ihm geistig nicht
ebenbrtig. Aber es gibt noch besondere Verhltnisse, die heutzutage
gnstiger fr eine Landung in England sind als zu Napoleons Zeit. Dazu
gehrt, abgesehen von Kabel und Dampf, zum Beispiel noch der Umstand,
da die modernen Transportschiffe ungleich viel mehr Truppen fassen
knnen, wie damals. Napoleon hatte zweitausendzweihundertdreiundneunzig
Fahrzeuge zum Transport seiner Armee von einhundertfnfzigtausend Mann
und zur Bedeckung der Transportschiffe ausrsten mssen, verfgte ber
eintausendzweihundertvier Kanonenboote und einhundertfnfunddreiig
andere bewaffnete Fahrzeuge, auer den eigentlichen Transportschiffen.
Fast alle seine Fahrzeuge waren so gebaut, da sie ohne Boote auf
flachem Sandstrande Mannschaften und Pferde mit Geschtz landen
konnten. Sie bedurften also auch der Windstille, um ber den Kanal
zu kommen. Etwa zehn Stunden ruhiger See htten sie ntig gehabt, um
zwischen Dover und Hastings anzukommen. Jetzt aber ist dies anders. Die
groen Dampfer der Schiffsgesellschaften Deutschlands und Frankreichs
stehen zur Verfgung der Marineleitung.

Dennoch bleibt alles beim alten, sagte Mr. Kennedy. Der Sieg auf
hoher See gibt den Ausschlag. Keine feindliche Flotte wird sich im
Kanal zeigen knnen, ohne von der unsrigen zerstrt zu werden.

Hoffen wir es! sprach der General.

Auf der Fahrt nach Aden begegneten der >Caledonia< nur wenige,
ausschlielich englische Schiffe. Mehrere Transportdampfer mit Truppen
an Bord, passierten auch einige Kriegsschiffe. Ueberholt wurde der
Dampfer von keinem Fahrzeuge, denn er machte durchschnittlich 22
Seemeilen Fahrt in der Stunde. Am Morgen des sechsten Tages erschienen
die rotbraunen Felsen von Aden, und die >Caledonia< warf auf der Reede
Anker. Eine Menge von kleinen Fahrzeugen scho heran. Nackte schwarze
Araberknaben schrieen nach Geld und zeigten ihre Taucherknste, indem
sie Silberstcke, die vom Bord geworfen wurden, auffischten. Da
Kohlen eingenommen werden sollten, gingen die Passagiere, soweit sie
bewegungsfhig waren, in von Arabern geruderten Fahrzeugen an Land.

Heideck schlo sich der Familie Kennedy an.

Als das Boot den tief eingeschnittenen Hafen erreichte, der in mehreren
Biegungen zwischen befestigten Hhen eine sichere Unterkunft fr eine
ganze Flotte bot, sah Heideck wohl zwanzig englische Kriegsschiffe,
aber mindestens die dreifache Zahl deutscher und franzsischer sowie
einige russische Kauffahrer. Es waren Fahrzeuge, die von englischen
Kriegsschiffen erbeutet waren. Auch mehrere Kreuzer der drei mit
England in Fehde befindlichen Mchte lagen hier im Hafen. Sie waren
nach Ausbruch des Krieges im Indischen Ozean von berlegenen englischen
Schiffen genommen worden.

Da der ganze Tag bis zum Abend zur Verfgung stand, nahm Mr. Kennedy
einen Wagen, und Heideck fuhr mit der Familie zur Stadt, die, von der
Reede aus nicht sichtbar, zwischen hohen, spitzen Bergen eingebettet
lag. Die Fahrt ging an einem groen, freien Platze vorber, auf dem
Tausende von Kamelen und Eseln zum Verkauf standen, und Heideck
konnte nun in der Nhe die mchtigen Festungswerke bewundern, die die
Englnder seit dem 9. Januar 1839, wo sie Aden den Trken abgenommen
hatten, auf der wichtigen, meerbeherrschenden Gebirgsecke Arabiens
erbaut hatten. Auch die merkwrdigen Tanks wurden besichtigt, jene
berhmten Zisternen, die Aden mit Wasser versorgen, etwa fnfzig
Becken, die dreiig Millionen Gallonen Wasser enthalten sollen,
Anlagen, deren Ursprung in das graueste Altertum zurckreicht und den
Persern zugeschrieben wird.

Um sieben Uhr abends waren die Reisenden wieder an Bord und vertieften
sich, whrend die >Caledonia< ihre Reise fortsetzte, in die Lektre
der englischen, franzsischen und deutschen Zeitungen, die sie in Aden
gekauft hatten. Diese Bltter waren freilich zehn Tage alt, enthielten
aber trotzdem vieles, was den Reisenden neu war.

Im Roten Meere war es sehr hei, und die Gesellschaft der ersten Kajte
schlief zum grten Teile nachts auf dem Verdeck, wie sie es schon die
letzten Tage vor Aden getan hatte. Fr die Damen ward ein besonderer
Teil des Decks durch ein ausgespanntes Segel abgeteilt.

In Port Said, wo viele englische Kriegsschiffe lagen, wurden wiederum
Kohlen eingenommen; dann ging die Fahrt bei ungnstigem Wetter und
etwas bewegter See in das Mittellndische Meer hinein. Die >Caledonia<
fuhr an der Sdkste Kretas hin. Dann nahm der Dampfer den Kurs
nordwestlich auf Brindisi, das am achten Tage nach der Abfahrt von
Aden erreicht werden sollte. In der Frhe des siebenten Tages aber
wurde ein Schiff, von der Nordseite Kretas kommend, bemerkt, dessen
Erscheinen den Kapitn der >Caledonia< in lebhafte Unruhe versetzte.
Bald teilte sich diese Unruhe auch den Passagieren mit. Alle Fernrohre
und Feldstecher richteten sich nach jenem Fahrzeuge, dessen Kurs den
der >Caledonia< durchschneiden mute.

Bald war der Dampfer so nahe gekommen, da man ihn erkennen konnte.
Es war der kleine franzsische Kreuzer >Forbin<, und er mute mit der
>Caledonia< zusammentreffen, wenn diese ihren Kurs fortsetzte.

Der >Forbin< war ein Kreuzer dritter Klasse; er war nicht so schnell
wie die >Caledonia<, die Offiziere schtzten seine Geschwindigkeit
auf 21 Seemeilen, und wenn es einen Wettlauf gegolten htte, so wre
der >Forbin< unterlegen; aber wenn die >Caledonia< nach Brindisi
fuhr, mute sie dem Franzosen begegnen und ihrer Wegnahme gewrtig
sein. Infolgedessen nderte der Kapitn seinen Kurs und fuhr westlich
in der Richtung auf Malta, ohne auf das Signal zum Stoppen und die
nachfolgenden Schsse zu achten, von denen nur einer durch die Takelage
ging, ohne jedoch nennenswerte Havarie anzurichten.

>Jetzt ist es Mittag,< sagte sich Heideck. >Wir sollten morgen in
Brindisi sein. Statt dessen werden wir wohl morgen in La Valetta sein,
wenn nicht etwa der Kapitn wiederum den Kurs ndert und auf die
Schnelligkeit der >Caledonia< vertraut, um trotz des >Forbin< Brindisi
zu erreichen.<

Da erscholl ein Ruf. Der Posten hatte ein Schiff an Backbord voraus
gemeldet.

Aber neben jenem einen tauchten innerhalb der nchsten Minuten noch
weitere zwei Fahrzeuge auf.

Das eine davon war, wie sich nachher herausstellte, der franzsische
Kreuzer zweiter Klasse >Arthuse<, die beiden anderen der geschtzte
Kreuzer >Chanzy< und ein Torpedojger.

Unmglich konnte die >Caledonia< an den Franzosen vorbei nach Malta
kommen, denn der Torpedojger, viel schneller als sie, ging gewi bei
Volldampf mit 27 Seemeilen Fahrt in der Stunde. So blieb dem Kapitn
nichts anderes brig; er drehte und fuhr zurck in der Richtung auf
Alexandria.

Whrend der groe Dampfer aber noch seine Drehung machte, wurde schon
an Bord wahrgenommen, da auch die Franzosen ihn gesehen hatten und auf
ihn Jagd machten.

Inzwischen war auch der >Forbin< wieder bedeutend nher gekommen und
versuchte die >Caledonia< abzuschneiden. Infolgedessen lie der Kapitn
noch weiter sdlich steuern.

Heideck stand mit Edith auf dem Promenadendeck und verfolgte die
Bewegung der Schiffe.

Was knnte uns denn geschehen, fragte Edith, wenn die Franzosen uns
einholten? Sie werden doch nicht auf ein unbewaffnetes Schiff schieen!

Gewi nicht. Aber sie wrden uns auffordern, unsere Fahrt zu
unterbrechen, und dann wrden sie die >Caledonia< nach dem nchsten
franzsischen Hafen bringen.

Ist denn dies Seekriegsrecht, und ist das allgemeine Vlkerrecht so
unvollkommen, da ein Passagierdampfer weggenommen werden kann? Die
>Caledonia< fhrt doch nicht Krieg. Sie bringt Verwundete und harmlose
Reisende nach Hause.

Unser Kapitn scheint kein groes Vertrauen zum Seekriegsrecht und
zum Vlkerrecht in dieser Beziehung zu haben, sagte Heideck. Und in
der Tat gibt es nichts Ungewisseres, als diese Bestimmungen. Genau
genommen gibt es gar kein Vlkerrecht, sondern der Strkere macht
mit dem Schwcheren, was er will, und die einzige Schranke, die der
Willkr des Siegers entgegengesetzt werden kann, ist die Scheu vor
der ffentlichen Meinung. Aber diese Scheu ist bei dem Mchtigen auch
nicht allzu stark, zumal er wei, da die ffentliche Meinung bestochen
werden kann.

Das Vlkerrecht, sagte Edith mit schwermtigem Lcheln, scheint also
dem Recht sehr hnlich zu sein, das berhaupt auf Erden zwischen den
Menschenkindern gebt wird.

Die Franzosen wrden brigens keine schlechte Beute machen, wenn sie
die >Caledonia< aufbrchten, fuhr Heideck fort. Unter den achthundert
Passagieren sind gegen dreihundert Militrs, und ich habe gehrt, da
sich groe Summen Geldes an Bord befinden.

Das Promenadendeck war angefllt mit den Passagieren der ersten Kajte,
die gespannt und angstvoll die Bewegung der Schiffe verfolgten. Auch im
Zwischendeck, wie unter den Passagieren der zweiten Kajte herrschte
groe Unruhe. Im gnstigsten Falle, wenn die >Caledonia< den Verfolgern
entkam, mute die Reise ja eine betrchtliche Verzgerung erfahren.
Aber es war kaum anzunehmen, da die >Caledonia< bis nach Alexandria
gelangen wrde. Denn wenn auch der >Chanzy<, der 22 Knoten Fahrt haben
mochte, merklich zurckblieb, kam doch der Torpedojger immer weiter
herauf, und auch der >Forbin< rckte in bedrohliche Nhe.

Da kam eine neue, berraschende Meldung. Zwei Dampfer fuhren der
>Caledonia< entgegen. Alle Glser wandten sich dorthin, wo die winzigen
Rauchsulen ber dem Wasserspiegel erschienen, und bald war mit
Sicherheit die britische Flagge zu erkennen.

Der zweite Offizier teilte den Passagieren mit, da der Kreuzer erster
Klasse >Royal Arthur< und das Kanonenboot >O'Hara< herankmen. Und er
sprach die Hoffnung aus, die >Caledonia< wrde in den Schutz dieser
Kriegsschiffe kommen, ehe die Franzosen sie erreichten.

Die See war nur schwach bewegt. Das Leuchten und Flimmern von Himmel
und Meer hatte aufgehrt, seitdem die >Caledonia< aus dem Suezkanal
herausgekommen war und sich im Mittellndischen Meer befand. Die den
europischen Breiten eigentmliche graue Frbung war an seine Stelle
getreten, und streifige Wolken zogen am mattblauen Himmel hin. Die
Bewegung der Schiffe lie sich in dieser Beleuchtung genau verfolgen.

Die englischen Fahrzeuge nherten sich rasch. Und als die Entfernung
zwischen dem >Royal Arthur< und dem franzsischen Torpedojger
etwa noch zwei und eine halbe Seemeile betrug, begann er aus
seinen Buggeschtzen auf das wenig ber die Oberflche des Wassers
emporragende Fahrzeug zu feuern. Eines der schweren Geschosse sauste
so nahe an der >Caledonia< vorber, die sich jetzt mitten zwischen den
beiden Schiffen befand, da die Passagiere deutlich den heulenden Ton
der die Luft durchschneidenden Granate hren konnten.

Der Franzose erwiderte das Feuer nicht. Er migte seine
Geschwindigkeit, um das Herankommen des >Chanzy< zu erwarten. Von
Norden her aber kam inzwischen der >Forbin< heran und erffnete aus
seinen Buggeschtzen das Feuer auf das britische Kanonenboot. Kurze
Zeit darauf fiel auch aus den Geschtzen des >Chanzy< der erste Schu,
und jetzt war die Stellung der Schiffe derart, da das Kanonenboot
mit der Breitseite dem >Forbin< gegenberlag, die beiden Kreuzer mit
den Buggeschtzen aufeinander feuerten und der Torpedojger sich im
Hintergrund zurckhielt. Die >Caledonia< aber war inzwischen so weit
vorgerckt, da sie sich vollstndig im Schutze der britischen Kanonen
befand.

Htte der Kapitn jetzt seine Fahrt fortgesetzt, so wre er
wahrscheinlich ungefhrdet nach Alexandria gelangt. Aber er wnschte
eine so bedeutende Verzgerung seiner Reise zu vermeiden, und die
drngenden Bitten der Reisenden, die ihn aufgeregt bestrmten, in der
Nhe des Kampfplatzes zu bleiben, kamen seinen Wnschen entgegen.

Die >Caledonia< migte deshalb ihre Fahrt und hielt sich sdstlich
des Gefechtsfeldes, so da sie ebensowohl nach Brindisi wie nach
Alexandria steuern konnte, sobald eine Entscheidung gefallen war.

Eine Weile stand der Kampf gleich. Sowohl der >Chanzy< wie der >Royal
Arthur< hatten gewendet, kehrten einander jetzt die Breitseiten zu
und feuerten, ohne da jedoch von der >Caledonia< aus die Wirkung der
Geschosse beobachtet werden konnte.

Pltzlich setzte sich der >Royal Arthur< nordwrts in Bewegung und
scho aus den Heckgeschtzen auf seine Gegner.

Es scheint fast, als wolle er dem >O'Hara< zu Hilfe kommen, sagte
Heideck zu der mit dem Feldstecher neben ihm stehenden Edith. Das
Kanonenboot ist dem >Forbin< offenbar nicht gewachsen, und es hat
mglicherweise einen verhngnisvollen Treffer erhalten.

In der Tat blieb der >Royal Arthur< in der begonnenen Bewegung nach
Norden und steuerte unter bestndigem Feuern gegen den >Chanzy< und den
noch immer im Hintergrunde lauernden Torpedojger dem >Forbin< zu, auf
den er alsbald mit seinen Buggeschtzen Feuer zu geben begann.

So entfernte sich das Gefecht immer mehr nordwrts, und der Kapitn
der >Caledonia< beschlo, seinen Kurs wieder westlich zu nehmen. Malta
anzulaufen, erschien nicht ratsam, dagegen durfte man in der Annahme,
da der >Royal Arthur< die franzsischen Schiffe noch eine geraume
Weile festhalten wrde, wohl hoffen, Brindisi, das ursprngliche
Reiseziel, zu erreichen.

Aber die Ereignisse machten dem englischen Passagierdampfer einen
Strich durch die Rechnung. Es wurde ein Schiff voraus gemeldet, und man
sah die >Arthuse< herankommen, mit einem Kurs, der sie geradenwegs
der >Caledonia< entgegenfhrte. Um der Begegnung auszuweichen, lie
der Kapitn sofort nordwrts steuern, und die >Caledonia< kam dadurch
nher, als es beabsichtigt gewesen war am Kampfplatz vorber, so nahe,
da eine auf den stlich liegenden Torpedojger gezielte britische
Granate, ber das niedrige franzsische Schiff hinwegfliegend,
dicht vor ihrem Bug ins Wasser fiel, einen gewaltigen Springquell
emporschleudernd.

Wenige Sekunden spter setzte sich der franzsische Torpedojger
in schnelle Fahrt gegen den >Royal Arthur<. Und nun bot sich den
Passagieren der >Caledonia<, sowie allen auf dem enger gewordenen
Gefechtsfeld befindlichen Seeleuten ein furchtbarer Anblick. Der
Torpedojger hatte endlich den rechten Augenblick zum Angriff erspht,
und sein Lanzierrohr hatte einen meisterhaft gezielten Torpedo gegen
den Feind entsandt. Man sah in der Mitte des >Royal Arthur<, dicht ber
dem Wasserspiegel, erst eine kleine Rauchwolke und dann eine gewaltige
Wassersule emporsteigen. Gleichzeitig ertnte ein dumpfer, die Luft
in weitem Umkreise erschtternder Knall, der selbst den Donner der
Geschtze bertnte.

Und nun war es, als ob der Kreuzer von Riesenhnden mitten auseinander
gerissen wrde. Der ungeheure Schiffskrper teilte sich in zwei
Hlften. Langsam neigte sich das Vorderteil nach vorn, das Hinterteil
nach hinten. Gleich darauf richteten sich beide Teile wieder
auf, als wollten sie sich ber der klaffenden Bresche aufs neue
zusammenschlieen. Aber nur wenige Sekunden dauerte diese Bewegung.
Dann zog das Gewicht des einstrmenden Wassers den Riesenkrper in die
Tiefe. Der >Royal Arthur< sank mit grauenerregender Schnelligkeit.
Jetzt ragten nur noch die drei Schornsteine ber dem Wasserspiegel
empor, wenige Augenblicke spter sah man nichts mehr als die Spitzen
der Masten mit den fr das Gefecht gehiten Toppsflaggen. Dann stieg
eine mchtige, schumende Welle empor, und nur das Branden der Wogen
zeigte die Stelle an, wo der stolze Kreuzer gesunken war.

Die Kanonen waren verstummt, und auf allen Schiffen herrschte tiefes
Schweigen. Die Passagiere waren wie gelhmt von dem Ueberma des
Entsetzens. Der Kapitn aber befahl, smtliche Boote auszusetzen, um
der Bemannung des >Royal Arthur< zu Hilfe zu kommen. Man sah, da auch
der >Chanzy< Boote zu Wasser lie. Der >O'Hara< entfloh, um nicht eine
Beute der jetzt weit berlegenen franzsischen Streitkrfte zu werden,
und entfernte sich vom Kampfplatz in stlicher Richtung, verfolgt von
dem >Forbin<, der ihm Schu auf Schu nachsandte.

Wenn der Kapitn der >Caledonia< auf jeden Fluchtversuch verzichtet
hatte, so folgte er damit nicht nur einer Regung der Menschlichkeit,
sondern er gehorchte auch den Signalen des Torpedojgers, die ihm
befahlen, beizudrehen. Er wute, da es fr den ihm anvertrauten
Dampfer kein Entrinnen mehr gab, seitdem die Granaten des >Royal
Arthur< aufgehrt hatten, den Feind zu bedrohen.

Der Kampf der Unglcklichen, denen es gelungen war, sich aus der
dunklen Tiefe emporzuarbeiten, und die nun verzweifelt um ihr Leben
rangen, gewhrte einen erschtternden Anblick. Die des Schwimmens
Unkundigen gingen sehr bald unter, wenn es ihnen nicht gelungen war,
sich eines treibenden Gegenstandes zu bemchtigen. Von den zahlreichen
Kpfen, die man unmittelbar nach dem Untergang des Kreuzers ber dem
Wasser gesehen hatte, verschwanden mit jeder Sekunde mehr, und es
unterlag keinem Zweifel, da die heldenmtig arbeitende Besatzung der
Schiffsboote nur einen sehr kleinen Teil der Mannschaft wrde retten
knnen.

An der Fallreepstreppe der >Caledonia< legte unterdessen die Gig des
Kommandanten des >Chanzy< an. Der erste Offizier dieses Schiffes stieg
in Begleitung von vier Seesoldaten und einem Deckoffizier an Bord und
begrte den Kapitn der >Caledonia< mit seemnnischer Hflichkeit.

Ich bedaure sehr, mein Herr, da ich gentigt bin, Ihnen und Ihren
Passagieren Unbequemlichkeiten zu verursachen. Aber ich handle nach dem
mir erteilten Befehl, wenn ich Sie bitte, mir die Schiffspapiere zu
zeigen und eine Durchsuchung Ihres Schiffes zu gestatten.

Nach Lage der Dinge haben Sie zu befehlen, erwiderte der Englnder
finster.

Dann stieg er mit dem Franzosen in die Kajte hinab, whrend
der Deckoffizier mit den Soldaten am Fallreep stehen blieb. Die
Verhandlungen whrten fast zwei Stunden. Whrenddessen wurden
die Rettungsarbeiten unermdlich fortgesetzt. Es war gelungen,
hundertundzwanzig Matrosen und Soldaten, fnf Offiziere, sowie den
Kommandanten des >Royal Arthur< den Wellen zu entreien. Die Mehrzahl
der Offiziere und Mannschaften aber war verloren.

Fr die Sicherung der Prise, die man mit der Wegnahme der >Caledonia<
gemacht hatte, wurden ungewhnliche Maregeln getroffen. Der Kapitn,
der erste und zweite Offizier wurden an Bord des >Chanzy< gebracht.
Dafr bernahm der erste Offizier des >Chanzy< den Befehl ber das
Schiff, und zwei Leutnants mit fnfzig Mann wurden zur >Caledonia<
hinbergerudert. Diese Vorkehrungen erklrten sich zur Genge aus
dem hohen Wert der Ladung, die der Passagierdampfer an Bord hatte.
Er fhrte nach Ausweis der Schiffspapiere nicht weniger als zwanzig
Millionen Rupien, teils gemnzt, teils in Silberbarren, die von
Kalkutta htten nach England geschafft werden sollen. Eine so kostbare
Ladung sicher nach Toulon zu bringen, mute dem franzsischen
Kommandanten natrlich sehr am Herzen liegen.

Und noch ein weiterer Triumph war den franzsischen Waffen beschieden.
Der >Forbin< brachte das britische Kanonenboot, das statt des
>Union-Jack< nun die Trikolore gehit hatte, auf den Kampfplatz zurck.
Alle vier franzsischen Schiffe begleiteten die beiden genommenen
Fahrzeuge auf der mit Volldampf angetretenen Fahrt nach Toulon.




[Illustration]




XXIV.


Verzweifelte Niedergeschlagenheit und heftigste Erbitterung hatten
sich der Passagiere der >Caledonia< bemchtigt. Man suchte die Schuld
fr das Unglck nicht so sehr in einem unberechenbaren Zufall, als
in einer unverzeihlichen Nachlssigkeit der magebenden englischen
Militrbehrde.

Da haben wir wieder einmal ein schlagendes Beispiel englischer
Unvorsichtigkeit, sagte Mr. Kennedy. Wie durfte man die >Caledonia<
unbeschtzt fahren lassen! So viel Kriegsschiffe lagen mig in Bombay,
in Aden, in Port Said, und doch sah man sich nicht veranlat, diesem
prachtvollen Schiff mit fast tausend Englndern an Bord und mit einer
Ladung im Werte von mehr als einer Million Pfund eines oder mehrere von
ihnen zur Begleitung mitzugeben. Hatten denn unsere Flottenkommandanten
keine Ahnung von der Nhe franzsischer Schiffe?

Unsere Kommandanten, meinte der General, werden sich darauf
verlassen haben, da genug englische Schiffe im Mittellndischen Meere
verkehrten, um derartige Unternehmungen zu verhindern.

Aber man lie die Entschuldigung nicht gelten, und viele bittere
Worte fielen gegen die englische Kriegsleitung. Als dann die Nacht
hereinbrach, zogen sich die meisten Passagiere, von den ausgestandenen
Aufregungen aufs uerste erschpft, in ihre Kabinen zurck. Heideck
aber stand noch lange auf Deck und lie sich den kstlichen Nachtwind
um die heien Schlfen wehen. Ruhig zog das Geschwader seines Weges
durch die leise rauschenden Wogen, und die Positionslaternen zeigten
deutlich den Stand der einzelnen Schiffe an. Rechts fuhr der >Chanzy<,
links die >Arthuse<, rckwrts der >Forbin< und der mit franzsischer
Mannschaft besetzte >O'Hara<. Nur von dem Torpedojger war nichts zu
sehen.

Endlich ging auch Heideck, mde gemacht durch die gleichmigen
Schritte der auf dem Verdeck auf- und niedergehenden franzsischen
Schildwache, in seine Kajte hinab. Rasch senkte sich der Schlaf auf
seine Lider, aber es waren unruhige Trume, die ihn verfolgten. Noch
einmal durchlebte er den Kampf, dessen Zeuge er gewesen war. Und die
Traumbilder muten sehr lebhaft gewesen sein, da er unausgesetzt den
dumpfen Knall der Schsse zu hren vermeinte. Er rieb sich die Augen
und setzte sich auf dem schmalen Lager auf. War das denn Wirklichkeit
oder nur eine Tuschung seiner erregten Sinne? Der dumpfe Donner schlug
ja noch immer an sein Ohr; und nachdem er minutenlang mit gespannter
Aufmerksamkeit gehorcht hatte, sprang er auf, um in seine Kleider
zu schlpfen und auf Deck zu eilen. Schon auf dem Gange traf er mit
mehreren Herren zusammen, die ebenfalls durch den Knall der Schsse aus
dem Schlummer geweckt worden waren. Und sobald er das Verdeck erreicht
hatte, sah er, da man sich in der Tat wieder inmitten eines heftigen
Seegefechtes befand.

Die Nacht war ziemlich dunkel; aber wenn schon das Aufblitzen der
Schsse die Stellung des Feindes ungefhr erkennen lie, so wurde
dieselbe mit vlliger Deutlichkeit gerade jetzt sichtbar, als von der
>Arthuse< ein Scheinwerfer aufleuchtete und seinen breiten, blendend
hellen Lichtkegel ber die Wasserflche spielen lie. Die riesigen
Massen zweier Linienschiffe tauchten weiglnzend aus der Dunkelheit
auf. Auer ihnen lieen sich noch fnf andere, kleinere Kiegsschiffe
und mehrere winzige, niedrige Fahrzeuge erkennen, die Torpedoboote des
britischen Geschwaders, das dem franzsischen entgegenkam. Hell wie
eine kleine Sonne ging jetzt auch von englischer Seite ein elektrischer
Scheinwerfer auf. Es war ein interessantes Schauspiel, zu beobachten,
wie diese beiden elektrischen Lichter, sich langsam drehend, die
einzelnen Schiffe gleichsam aus der Dunkelheit hervorzerrten, den
Geschtzen sichere Zielpunkte zeigend.

In dem franzsischen Geschwader, dessen Kommandant hinsichtlich der
Ueberlegenheit des Feindes nicht im Ungewissen sein mochte, entstand
eine lebhafte Bewegung. Alle Fahrzeuge, auch die >Caledonia<, drehten
und gingen mit Volldampf zurck. Aber die schweren englischen Granaten
aus den 30,5 Zentimeter-Kanonen der Linienschiffe fielen bereits
zwischen ihnen nieder, obwohl die Entfernung noch etwa drei Seemeilen
betragen mochte. Und pltzlich, als die >Caledonia< whrend des
Wendungsmanvers dem britischen Geschtzfeuer eine Breitseite zeigte,
lie sich ein scharfer, erschtternder Schlag im Schiffe spren, dem
der Knall einer heftigen Explosion folgte. Die Bewegung des Dampfers
stockte, und lautes Wehgeschrei erscholl aus dem Maschinenraum. Zu
Tode erschreckt liefen die Passagiere umher. Man durfte ihnen nicht
verhehlen, da eine Granate eingeschlagen hatte und explodiert war.

Aber es stellte sich heraus, da die >Caledonia< zwar stark beschdigt,
doch nicht unmittelbar gefhrdet war. Nur die Manvrierfhigkeit und
Schnelligkeit des Schiffes hatten dadurch erheblich gelitten, da ein
Dampfrohr getroffen war.

Die franzsischen Kriegsschiffe entfernten sich eiligst und berlieen
die >Caledonia< und die eingeschiffte Prisenmannschaft ihrem Schicksal,
da es nicht mglich war, sie mitzunehmen. Sie muten auf die gute
Prise verzichten und sich mit dem groen Erfolge begngen, den sie
mit der Zerstrung des >Royal Arthur< und der Wegnahme des >O'Hara<
errungen hatten. Die >Caledonia< aber, vom Scheinwerfer beleuchtet und
von den britischen Kommandanten erkannt, hatte keinen ferneren Schu
zu befrchten. Sie bewegte sich langsam in nrdlicher Richtung und
wurde, als der Morgen dmmerte, von zwei britischen Kreuzern erreicht.
Ein Offizier kam an Bord, erklrte die franzsische Prisenmannschaft
fr kriegsgefangen und erfuhr von dem dritten Offizier, der sie jetzt
fhrte, die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden.

Das britische Geschwader folgte den franzsischen Schiffen, die
>Caledonia< aber nahm, nur noch mit acht Knoten Geschwindigkeit, den
Kurs auf Neapel, das ohne weitere Zwischenflle erreicht wurde. Die
Passagiere wurden ausgeschifft, die groe Geldsumme wurde in der Bank
von Neapel fr Rechnung der englischen Regierung deponiert und nur die
Ladung an Baumwolle, Teppichen und gestickten Seidenstoffen blieb an
Bord.

Die Familie Kennedy nebst Mrs. Irwin gingen in das Hotel de la Riviera,
und Heideck schlo sich ihnen an. Er wollte nur einen einzigen Tag in
Neapel bleiben und dann mit dem durchgehenden Zuge nach Berlin fahren.

Edith ahnte seinen Plan, obwohl er nicht mit ihr ber seine Reise nach
Berlin gesprochen hatte, und sie redete ihn wenige Stunden nach der
Ankunft im Lesezimmer an, wo er eifrig die Zeitungen studierte.

Wichtige Neuigkeiten?

Alles ist mir neu. Wir haben bis jetzt doch immer nur einen kleinen
Ausschnitt aus dem Kreise der Ereignisse bersehen knnen, und erst
aus diesen Zeitungen vermochte ich einen umfassenden Ueberblick zu
gewinnen.

Und jetzt hast du natrlich kein anderes Verlangen, als die Sehnsucht,
deine Fahnen wiederzusehen? Ich wei wohl, da es einzig der Ehrgeiz
ist, der dich leitet.

Kannst du einem Offizier einen Vorwurf daraus machen?

Ja, wenn er darber die Menschlichkeit vergit. Aber sei ganz ruhig,
ich werde dich nicht daran verhindern. Ich will deinem Ehrgeiz nicht
in den Weg treten, aber ich will ihm auch nicht zum Opfer fallen.

Das sollst du gewi nicht. Wir werden glcklich werden, wenn dieser
Krieg beendigt ist. Ich werde dir so wenig untreu werden, wie meiner
Pflicht. Kehre ich lebend aus dem Felde zurck, so wird mein Dasein
einzig deinem Glcke geweiht sein.

Die Liebe ist ein Vogel, dem man nicht zu viel Freiheit lassen darf.
Du erinnerst dich, da ich dir immer gesagt habe, ich wrde dich nie
verlassen.

Aber, meine geliebte Edith, das ist doch ganz unmglich! Hast du denn
gar keine Vorstellung davon, wie es im Kriege zugeht?

Ich dchte, da ich genug davon gesehen htte.

Ja, in Indien und auf dem Meere. Aber in Europa wird der Krieg doch
etwas anders gefhrt. Jeder Platz in den Eisenbahnzgen ist genau
berechnet, und in den Quartieren, in den Kantonnements und im Biwak ist
es ebenso. Fr eine Dame ist da nicht Raum. Was wrden die Kameraden
von mir sagen, wenn ich in deiner Gesellschaft erschiene?

Du kannst ja sagen, ich sei deine Frau.

Aber Edith, ber so etwas ist gar nicht ernsthaft zu reden. Als
preuischer Offizier bedarf ich des Konsenses, um heiraten zu knnen.
Wie kann ich jetzt in Begleitung einer Dame zur Armee kommen? Oder wie
knnte ich gerade jetzt einen Heiratskonsens verlangen?

Das kannst du recht gut. Viele Offiziere heiraten zu Beginn des
Krieges.

Nun gut, aber selbst, wenn ich den Konsens jetzt verlangte, so mten
doch nach dem Gesetz noch Monate vergehen, ehe wir heiraten knnten.
Ich machte dir schon einmal den Vorschlag, zu meinen Verwandten nach
Hamburg zu gehen und dort das Ende des Krieges abzuwarten. Und ich
halte das noch jetzt fr den einzig richtigen Weg.

Aber ich will nicht nach Hamburg zu deinen Verwandten.

Und warum nicht?

Ich soll in einer deutschen Familie sitzen, ich als Englnderin, und
ich soll mich angaffen lassen? Ich soll in den deutschen Zeitungen alle
die Lgen ber England lesen?

Mein Onkel und meine Tante sind sehr taktvolle Leute, und meine
Cousinen werden es nicht an der gebotenen Rcksicht fehlen lassen.

Auch noch Cousinen! Nein, ich danke! In das Familienglck fremder
Leute passe ich nicht hinein.

Wenn du das nicht willst, so kannst du in Berlin in eine Pension
gehen.

Nein, das will ich auch nicht. Ich will bei dir bleiben.

Aber liebste Edith, wie denkst du dir das nur?

Ich will ganz auerhalb aller konventionellen Formen stehen, sonst
ertrage ich das Leben in Deutschland nicht. Ich soll wohl vor
Bangigkeit sterben in einer Pension, whrend ich jeden Augenblick an
die Gefahren denke, denen du ausgesetzt bist. Nein, das ertrage ich
nicht. Ich habe zuviel erlebt, ich habe zuviel Schreckliches gesehen.
Meine Nerven halten das nicht aus, jetzt in einer Familie oder in
einer Berliner Pension in der Trivialitt des Alltaglebens dahin zu
vegetieren. Habe Mitleid mit mir und verla mich nicht! Deine Gegenwart
ist die einzige wirksame Arznei fr meine Seele.

Ach, liebste Edith, mein ganzes Herz ist ja von dir erfllt, und
gern tue ich, was du willst. Aber zweckmig und praktisch mu doch
jeder Schritt sein, den wir tun. Wenn du sagst, da du bei mir bleiben
willst, so mu sich deiner Vorstellung doch irgend ein Bild, irgend
eine bestimmte Form der Ausfhrung zeigen. Wie denkst du dir denn die
Art und Weise unseres Beisammenseins? Bedenke, da ich nach meiner
Rckkehr Offizier im Dienst bin und die Befehle ausfhren mu, die ich
erhalte.

O ja, ich wte schon einen Weg. Wir haben doch gesehen, da Frst
Tschadschawadse einen Pagen bei sich hatte. Ich will dein Page sein.

Welche Phantasie! -- Preuische Offiziere haben keine Pagen im
Feldzuge!

Nun, auf das Wort kommt es nicht an. Ihr mt doch Diener haben, wie
die englischen Offiziere auch; ich will dein Boy sein.

Zu solchen Dienstleistungen werden bei uns Soldaten kommandiert,
liebste Edith.

Dann werde ich als Soldat mitgehen. Bin ich doch auch schon als Radjah
gegangen!

Eine Falte der Ungeduld erschien auf Heidecks Stirn, und sie war den
scharfen Augen des jungen Weibes nicht entgangen.

Ja, sagte sie heftig, wenn es auch so scheint, als httest du mich
satt, ich lasse nicht von dir! Die Entfernung ist der Liebe schlimmster
Feind, und du bist das einzige Band, das mich an das Leben fesselt.

Heideck schlug die Augen nieder, um seine Gedanken nicht zu verraten.
Seitdem er die Zeitungen gelesen hatte, die ihm eine deutlichere
Vorstellung der Weltlage gaben, war sein Geist noch mehr als auf
der bisherigen Reise mit kriegerischen Bildern erfllt. Er liebte
Edith, aber die Liebe fllte sein Leben nicht aus wie das ihre.
Die Nachrichten der italienischen und franzsischen Bltter hatten
ihn, der so lange von Europa entfernt gewesen war, in ein wahres
Fieber versetzt. Die Auflsung des Dreibundes und die neue Allianz
Deutschlands mit Frankreich und Ruland hatte eine vllige Vernderung
des politischen Horizonts herbeigefhrt. Er hrte das Stampfen der
Rosse, das Klirren der Waffen, den Donner der Geschtze. Unermelich
und bedeutungsvoll war der Krieg.

Es handelte sich um Deutschlands Existenz! Auf mehr als drei Milliarden
wurden die Verluste geschtzt, die Deutschland bis jetzt erlitten
hatte. Alle deutschen Kolonieen waren von den Englndern in Beschlag
genommen worden, hunderte von deutschen Handelsschiffen waren
verloren, der deutsche Handel mit dem Auslande war vollstndig lahm
gelegt, der deutsche Kredit war erschttert. Wenn Deutschland nicht
schlielich den Sieg errang, so bedeutete dieser Krieg das Ende seiner
Gromachtstellung.

Er sprang auf.

Es mu sein, teuerste Edith, wir mssen uns zunchst trennen!

Sie erbleichte. Mit angstvollem Blicke haschte sie nach seiner Hand und
hielt sie fest.

Verla mich nicht!

Ich mu vllige Freiheit haben! Fr jetzt! Nach dem Kriege gehre ich
ganz dir.

Nein, nein, du kannst nicht so grausam sein! Du darfst mich nicht
verlassen!

Wir werden uns wiedersehen! Ich liebe dich und ich bleibe dir treu.
Aber jetzt verlange ich ein Opfer von dir. Ich bin ein deutscher
Offizier, mein Leben gehrt jetzt meinem Vaterlande.

Sie glitt von ihrem Stuhl nieder auf die Erde und umklammerte seine
Kniee.

Ich kann nicht von dir gehen! Es wird dir keinen Segen bringen, wenn
du mich vernichtest!

Sei stark, Edith. Ich bewunderte immer deinen groen, festen Willen.
Hast du denn mit einem Mal alle Besinnung, alle Vernunft verloren?

Alles habe ich verloren! schrie sie jammernd, alles, bis auf dich!
Und nun will ich nicht auch dich noch hergeben!

Mrs. Irwin! rief in diesem Augenblick eine entsetzte Stimme, wie ist
es mglich?

Edith fuhr empor.

Mrs. Kennedy und ihre Tochter waren unbemerkt eingetreten. Sie hatten
mit grenzenlosem Erstaunen die seltsame Situation wahrgenommen und
Ediths letzte Worte gehrt.

Mein Gott -- mein Gott -- wie ist es nur mglich! wiederholte
die wrdige Dame mit bebender Stimme, und dann, gegen ihre Tochter
gewendet, fgte sie hinzu: Geh, mein Kind! --

Edith Irwin hatte ihre Fassung sehr schnell wiedergewonnen. Aufrecht
und mit stolz erhobenem Haupte stand sie der entrsteten Dame gegenber.

Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, Mrs. Kennedy, da man niemals ein
Urteil abgeben soll, ohne den Zusammenhang der Dinge zu kennen.

O, ich denke, was ich gesehen habe, wre deutlich genug gewesen.

Wenn darin etwas Tadelnswertes zu finden ist, so fllt alle Schuld
lediglich auf mich, nahm jetzt Heideck das Wort. Gnnen Sie mir
einige Minuten unter vier Augen, Mrs. Kennedy, und ich werde Sie
berzeugen, da Mrs. Irwin keinen Vorwurf verdient.

Ich bedarf keines Frsprechers und keines Verteidigers! rief Edith in
leidenschaftlicher Erregung. Weshalb sollen wir unsere Liebe lnger
verbergen? Dieser Mann, Mrs. Kennedy, hat mir mehr als einmal Leben und
Ehre gerettet, und es bedeutet fr mich keine Demtigung, vor ihm auf
den Knieen zu liegen.

In ihrem Gesicht und in dem Ton ihrer Worte mochte etwas sein, das der
Englnderin trotz ihres emprten Schicklichkeitsgefhls ans Herz ging.
Der strenge Ausdruck verschwand aus ihren Zgen, und mit freundlicher,
fast mtterlicher Sanftmut sagte sie:

Kommen Sie, mein armes Kind! Ich habe gewi kein Recht, mich zur
Richterin aufzuwerfen ber Ihr Tun und Lassen. Aber ich bin wohl alt
genug, da Sie Vertrauen zu mir haben drfen.

Edith lehnte, berwltigt von dieser pltzlichen Gte, den Kopf an ihre
Schulter. Heideck aber fhlte, da es gut sei, die beiden Damen jetzt
sich selbst zu berlassen.

Sie erlauben mir, meine Damen, mich vorlufig zu entfernen.

Mit einer raschen Bewegung legte Edith ihre Hand auf seinen Arm.

Sie geben mir Ihr Wort, Kapitn Heideck, da Sie nicht abreisen
werden, ohne mir Lebewohl zu sagen?

Ich gebe Ihnen mein Wort.

In schmerzlichster Gemtsverfassung verlie er das Zimmer. Es war ihm,
als ob er ber die Leiche des teuersten Wesens hinwegschreiten msse,
um seine Pflicht zu erfllen.

Am Abend brachte ihm die Zofe der Mrs. Kennedy ein Billet von Edith,
worin sie ihn mit wenig Worten ersuchte, sogleich zu ihr zu kommen. Er
fand sie in ihrem dmmerigen Zimmer auf dem Ruhebett; aber bei seinem
Eintritt stand sie auf und ging ihm anscheinend ruhig entgegen.

Du hast recht, mein Freund, ich bin inzwischen zur Vernunft gekommen.
Es gibt keine andere Mglichkeit -- wir mssen uns trennen.

Ich schwre dir, Edith -- --

Schwre mir nichts! -- Die Zukunft liegt allein in Gottes Hand.

Sie streifte vom Goldfinger ihrer linken Hand den Reif mit dem
kostbaren Brillanten, der den Anla zu ihrer ersten bedeutsamen
Unterredung gegeben hatte.

Nimm diesen Ring, mein Freund, und denke an mich, so oft dein Blick
auf ihn fllt. Die Trnen erstickten jetzt ihre Stimme. Sei ohne
Sorge um mich und meine Zukunft. -- Ich gehe mit der Familie Kennedy
nach England.




[Illustration]




XXV.


Ein rauher Nordwind fegte ber die Insel Walcheren und die Mndung
der Wester Schelde hin. Zu leichten Wellen kruselte er das Wasser
des breiten Stromes, der in der Abenddmmerung wie ein uferloses Meer
erschien. Nur der Kundige wute, da die Leuchtfeuer bei Vlissingen zur
Rechten und bei Fort Frederik Hendrik zur Linken mit ihren blitzenden
Lichtern die Grenzen jener weiten Einfahrt bezeichneten, die im Jahre
1809, als Holland unter der Regierung Ludwig Bonapartes stand, eine
groe englische Flotte zum Angriff auf Vlissingen und zur Einnahme
dieser Festung in die Schelde eingelassen hatte.

In der Mitte zwischen den beiden leuchtenden Punkten, die etwa fnf
Kilometer von einander entfernt waren, schaukelte sich der hier vor
Anker liegende deutsche Kreuzer >Gefion<, und auf seinem Verdeck stand
Heideck, der nach seiner Rckkehr unter Befrderung zum Major mit dem
Nachrichtendienst fr das hollndische Kstengebiet betraut worden war.

Er hatte am Nachmittage ein Fahrzeug in die Schelde einlaufen sehen,
das ihm vom Lootsen als eine der Fischersmacks bezeichnet worden war,
die zwischen den Shetlandinseln und den hollndischen Hfen verkehren.
Und er hatte dem Kapitn der >Gefion< seinen Verdacht mitgeteilt,
da diese Smack noch eine andere Bestimmung, als die des Handels mit
Heringen haben knnte. Das kleine Schiff hatte drben am linken
Ufer zwischen den Drfern Breskens und Cadzand angelegt, und Heideck
beschlo, sich zu ihm hinber rudern zu lassen.

Sechs Seesoldaten und vier Matrosen, unter Fhrung eines Maaten,
bemannten ein Boot der >Gefion<, und die Fahrt ging durch das bewegte
Wasser nach dem linken Ufer, dem verdchtigen Schiffe zu. Im Kampfe mit
der Strmung und dem Winde, der heulend vom Meere kam, bedurfte es fr
die Ruderer wohl fast einer halben Stunde harter Arbeit, ehe der dunkle
Rumpf des Fischerbootes in deutlichen Umrissen vor ihnen auftauchte.
Vom Bord herab fragte eine rauhe Stimme nach ihrem Begehr.

Dienst Seiner Majestt! rief Heideck zurck, und als das Boot
angelegt hatte, warf er seinen Mantel ab, um sich behende auf das Deck
hinauf zu schwingen. Drei Mnner in der dunklen Wollentracht und mit
den geteerten Hten der Kstenfischer traten auf ihn zu und antworteten
auf seine Frage nach dem Patron in einem schwerverstndlichen Gemisch
von hollndisch und deutsch, da der Patron an Land gegangen wre.

Sein Name?

Maaning Brandelaar.

Und wie heit dies Fahrzeug?

Bressay.

Die Antworten wurden zgernd und mrrisch gegeben, und die Leute legten
ein so verdrossenes Wesen an den Tag, da Heideck das Gefhl hatte,
sie wrden ihn gern ber Bord geworfen haben, wenn nicht seine Uniform
ihnen Respekt eingeflt htte.

Woher kommt ihr? fragte er.

Wir kommen von Lerwick.

Und wohin ist das Schiff bestimmt?

Wir wollen unsere Heringe verkaufen. Wir sind ehrliche Leute, Herr
Major.

Wo wollt ihr eure Heringe verkaufen?

Wo wir knnen. Der Schiffer ist nach Breskens gegangen. Er wollte bald
wieder zurckkommen.

Heideck sah sich um. Die Smack hatte in einer kleinen Bucht angelegt,
wo das Wasser ruhig war. Das Dorf Breskens und das kleine Seebad
Kadzand lagen beide so nahe, da man die erleuchteten Fenster sehen
konnte. Es war neun Uhr abends. Etwas spt fr die Handelsgeschfte,
die Maaning Brandelaar in Breskens zu machen gedachte.

Heideck lie die Seesoldaten auf Deck steigen und stellte sie als Wache
auf, damit niemand das Schiff verliee, bevor der Kapitn zurck kam.
Dann befahl er eine Laterne anzuznden, mit der er den Raum unter Deck
besichtigen wollte. Es dauerte recht lange, bis die Laterne bereit
war, und sie brannte so trbe, da Heideck vorzog, die elektrische
Lampe spielen zu lassen, die er ebenso wie den Revolver stets bei sich
fhrte. Er kletterte die Treppe in den Schiffsraum hinab und fand,
da der Geruch von Pkelheringen, den er schon auf Deck wahrgenommen
hatte, in der vorhandenen Ladung seine gengende Ursache hatte. In der
kleinen Kajte saen zwei Mnner beim Grog und rauchten aus kleinen
Tonpfeifen. Heideck begrte sie freundlich und setzte sich zu ihnen.
Sie sprachen englisch mit breitem schottischen Akzent und mit vielen
Dialektausdrcken, die Heideck nicht verstand. Sie erklrten von der
Insel Bressay zu stammen. Aus ihrer Unterhaltung entnahm Heideck, da
die Smack einem Reeder in Rotterdam gehrte, dessen Namen sie aber
nicht zu kennen schienen oder nicht aussprechen konnten. Ueberhaupt
waren die Leute sehr vorsichtig und zurckhaltend in ihren Angaben.
Heideck wartete eine halbe, eine ganze Stunde. Der Kapitn kam immer
noch nicht wieder. Er versprte Hunger, und indem er ein Geldstck auf
den Tisch warf, fragte er, ob man ihm nicht etwas zu essen geben knne.

Die Fischer ffneten den Schrank an der Kajtenwand und holten ein
groes Stck Schinken, ein halbes Schwarzbrot sowie Messer und Gabel
hervor. Heideck sah, da in dem Schrank neben Glsern und Flaschen
noch zwei kleine Brote von hellerer Farbe lagen. Gebt mir von dem
Weizenbrot, sagte er. Aber der Mann, der die Speisen hervorgeholt
hatte, murmelte etwas, das Heideck nicht verstand, und verschlo
den Schrank wieder, ohne den Wunsch des Offiziers zu erfllen. Sein
Benehmen mute Heideck auffllig erscheinen. Er hatte wirklich nur
deshalb von dem hellen Brot verlangt, weil das Schwarzbrot alt, trocken
und ungemein grob war, nun aber drngte sich ihm der Verdacht auf,
da sich hinter der unhflichen Miachtung seiner Bitte irgend eine
besondere Absicht verberge.

Ihr habt mich, wie es scheint, nicht verstanden, sagte er, ich
mchte das Weizenbrot haben.

Das Weizenbrot gehrt dem Schiffer, wurde ihm erwidert, das drfen
wir nicht nehmen.

Ich werde es bezahlen. Euer Kapitn wird sicherlich nichts dagegen
einzuwenden haben.

Die Mnner taten als hrten sie nicht.

Jetzt aber wiederholte Heideck in strengem und gebieterischem Tone
sein Verlangen. Die Mnner sahen einander an, dann ging der eine zum
Schrank und legte das eine helle Brot auf den Tisch. Heideck schnitt
es an und fand, da es recht gut war. Er a mit Appetit davon und sann
darber nach, warum die Leute zuerst so ungefllig gewesen wren.
Als er das Brot noch einmal zur Hand nahm, um sich ein zweites Stck
abzuschneiden, fiel ihm auf, da es ungewhnlich schwer war. Er schnitt
in die Mitte hinein und als er merkte, da die Messerklinge auf etwas
hartes stie, brach er das Brot auseinander. -- Da schimmerte ihm Gold
entgegen. Er untersuchte weiter und zog nacheinander dreiig goldene
Mnzen mit dem Bildnis der Knigin von England hervor. Dreiig Pfund
Sterling waren in dem Brot versteckt gewesen.

Ihr habt da ein recht nahrhaftes Brot, sagte er, die Leute mit
scharfem Blick ansehend.

Die aber zuckten die Achseln.

Was geht es uns an, sagte der eine, wie der Kapitn sein Geld
aufbewahrt!

Da habt ihr recht, was geht es euch an? Warten wir, bis der Patron
kommt! Da, legt das Brot und das Geld wieder in den Schrank, und dann
macht einen hbschen Topf voll Grog fr meine Leute. Die armen Kerle
werden frieren, hier habt ihr noch drei Mark.

Die Leute gehorchten, und einer von ihnen ging mit dem dampfenden Topfe
die Treppe hinauf, brachte auch nach einiger Zeit den leeren Topf
zurck und bestellte, da des Herrn Majors Mannschaften sich bedankten.

Wenige Minuten spter zeigte sich einer der Soldaten in der Kajtentr
und meldete, da zwei Mnner vom Land herkmen. Es ist gut, sagte
Heideck, haltet euch ruhig, bis sie an Deck sind und dann lat sie
nicht wieder hinunter, sondern sagt ihnen, sie sollten hierher kommen.

Gleich darauf waren Schritte und Stimmen von oben zu vernehmen,
und nach wenig Minuten traten zwei Mnner in die Kajte. Der
erste, der die Kleidung eines Schiffers trug, war von ungewhnlich
krftigem Krperbau, breitschultrig, mit einem Stiernacken und einem
wetterharten, viereckigen Gesicht, aus dem kleine verschmitzte Augen
hervorblitzten. Der andere, erheblich jngere, war ziemlich stutzerhaft
gekleidet und trug den Bart nach modernstem Schnitt.

Mynheer Brandelaar? fragte Heideck.

Jawohl, der bin ich, erwiderte der Breitschultrige in brskem, fast
drohendem Tone.

Sehr erfreut, Sie zu sehen, Mynheer. Ich habe mit Ihnen geschftlich
zu reden, und ich erwarte Sie schon seit mehr als einer Stunde. Darf
ich Sie bitten, mich auch mit diesem Herrn bekannt zu machen?

Der Hollnder zauderte mit der Antwort. Es war klar, da er in der
belsten Laune war und nicht recht wute, wie er sich benehmen sollte.
Der ruhige, etwas spttische Ton des Offiziers brachte ihn offenbar aus
der Fassung.

Er gab den beiden Seeleuten einen Wink, sich zu entfernen. Dann wandte
er sich an Heideck.

Dieser Herr ist ein Geschftsfreund. Und ich mchte wohl wissen, was
er und meine Angelegenheiten berhaupt den Herrn Offizier angehen.
Ich bin hier, um meine Heringe zu verkaufen, das ist doch wohl nicht
verboten?

Gewi nicht! Aber nicht nur Sie haben Ihre Geschfte, Mynheer, sondern
auch ich habe die meinigen. Und ich denke, es wre fr uns beide das
angenehmste, wenn wir sie gleich hier abmachen knnten und nicht erst
zur >Gefion< hinberzurudern brauchten.

Zur >Gefion<? -- Was soll das heien? -- Mit welchem Recht wollten Sie
mich dazu zwingen? -- Meine Papiere sind in Ordnung, ich kann sie Ihnen
vorlegen.

Ich bitte darum. -- Aber wollen Sie nicht endlich auch die
Freundlichkeit haben, mir den Namen dieses Herrn zu nennen? Es ist
wirklich von Interesse fr mich, Ihren Geschftsfreund kennen zu
lernen.

Jetzt hielt es der andere fr angemessen, sich selbst vorzustellen.

Ich heie Camille Pnurot, sagte er, und bin Materialwarenhndler in
Breskens. Maaning Brandelaar hat mir seine Ladung zum Kauf angeboten,
und ich bin mit ihm gekommen, um mir die Ware anzusehen.

Was ohne Zweifel am besten bei Nacht geschieht, erwiderte Heideck in
sarkastischem Ton, aber mit unerschtterlich ernster Miene. Lassen Sie
mich also Ihre Papiere sehen, Mynheer Brandelaar.

Wie er es nicht anders erwartet hatte, befanden sich diese Papiere
in bester Ordnung. Die dem Reeder Maximilian van Spranekhuizen
in Rotterdam gehrige Fischersmack >Bressay< kam mit einer Ladung
von gesalzenen Heringen von Lerwick. Kapitn Maaning Brandelaar
-- Besttigung der englischen Hafenbehrde in Lerwick -- alles in
vollkommener Richtigkeit.

Sehr schn! sagte Heideck. Zwar hat Kontre-Admiral Sir Frederik
Hollway in Dover sein Visum nicht darauf gesetzt. Aber das war ja auch
gar nicht notwendig.

Die Wirkung dieser gleichmtig hingeworfenen Worte auf die beiden
Mnner war ganz erstaunlich. Pnurots gelbes Gesicht nahm eine fast
grnliche Frbung an; die harten Zge des andern verzerrten sich in
geradezu erschreckender Weise zu einer Grimasse der Wut. Er wrgte, als
ob er einen ingrimmigen Fluch hinunterschlucken mte, und dann, nach
einem schweren Atemzuge, sagte er:

Einen Admiral Hollway kenne ich nicht, und in Dover bin ich berhaupt
nicht gewesen.

Gut! Gut! -- Reden wir von Ihren Geschften! Oder auch von den
Ihrigen, Herr Pnurot! Die Schiffsladung Heringe, die Sie da kaufen
wollen, ist natrlich nicht fr den Absatz in Breskens bestimmt,
sondern fr irgend einen Geschftsfreund in Antwerpen, nicht wahr?

Er erhielt keine Antwort. Und ruhig, als handelte sich's bei seinem
Reden und Tun um die selbstverstndlichsten Dinge von der Welt, wandte
er sich zu dem Schrank, nahm, ehe die Anderen seine Absicht noch recht
begriffen hatten, das zweite Weizenbrot heraus und brach es rasch
mitten durch. Diesmal war es ein zusammengefaltetes Papier, das dabei
zum Vorschein kam. Heideck breitete es auseinander und sah, da es mit
einer langen Reihe von Fragen in englischer Sprache beschrieben war.

Sieh da, sagte er, es mu ja ein verwnscht neugieriger Herr
sein, der dies Papier in Ihr Frhstcksbrot hat hineinbacken lassen.
>Wie stark ist die Besatzung von Antwerpen? Welche Regimenter?
Welche Batterien? Wer sind die Kommandanten der Auenforts? Wie
ist der genaue Plan des Ueberschwemmungsgebiets? Wie verhlt
sich die Bevlkerung gegenber den deutschen Truppen? Wieviel
deutsche Kriegsschiffe liegen im Hafen und in der Schelde? Wie sind
sie verteilt? Genaue Angaben ber die Bestckung und Bemannung
aller Kriegsschiffe. Wieviele und welche Schiffe der deutschen
Schiffahrtsgesellschaften sind der deutschen Flotte zugeteilt?
Wieviele Truppen stehen auf der Insel Walcheren? Wieviele in der
Umgebung Antwerpens? Wie sind die Truppen an beiden Ufern der Schelde
verteilt? Sind Truppen bereit gestellt, um auf den Kriegsschiffen
und Transportfahrzeugen eingeschifft zu werden? Ist ein Zeitpunkt
dafr festgesetzt worden? Besteht ein Plan fr die Verwendung der
deutschen Flotte? Was verlautet ber die Vereinigung der deutschen
Flotte mit der franzsischen?< -- -- Das ist nur ein kleiner Teil
des langen Registers; aber er gengt schon, um die Natur der brigen
Fragen erraten zu lassen. Was der Tausend mchte Admiral Hollway fr
seine armseligen dreiig Pfund alles erfahren? Oder war das nur eine
kleine Anzahlung? Es scheint mir undenkbar, Herr Pnurot, da Ihr
Korrespondent in Antwerpen fr dreiig Pfund so viel sollte liefern
knnen.

Die beiden Mnner waren von der Wucht des unerwarteten Schlages
offenbar ganz niedergeschmettert. Fr einen Augenblick, als Heideck
das Papier aus dem Brot zog, hatte es den Anschein gehabt, als ob
Brandelaar sich auf ihn strzen und es ihm mit Gewalt entreien wolle.
Aber der Gedanke an die Soldaten mochte ihn noch zur rechten Zeit von
einer trichten Handlung zurckgehalten haben.

Nun stand er mit zusammengekniffenen Lippen und tckisch glitzernden
Augen da.

Ich verstehe Sie nicht, Herr Major, brachte Pnurot mit sichtlicher
Anstrengung heraus. Ich wei nicht das mindeste von diesem Papier, ich
bin ein rechtschaffener Geschftsmann.

Und auch Sie hatten natrlich keine Ahnung von der bedeutsamen Fllung
Ihrer Weizenbrote, Herr Brandelaar? -- Nun, ich bin ja nicht berufen,
das weiter zu untersuchen. Das ist Sache des Kriegsgerichts, und da
wird schon Klarheit in die Angelegenheit kommen.

Der Materialwarenhndler war leichenfahl geworden. Flehend erhob er die
Hnde.

Gnade, Herr Major, Gnade! So wahr ich lebe -- ich bin unschuldig.

Heideck tat, als htte er diese Versicherung gar nicht gehrt.

Uebrigens mu ich euch doch sagen, meine Herren, da ihr verwnscht
schlechte Geschftsleute seid. Fr jmmerliche dreiig Pfund riskiert
ihr euer Leben? Das war eine unverantwortliche Dummheit. Und wenn
ihr schon einmal auf solche Art Geld verdienen wolltet, httet ihr
wahrhaftig lieber fr uns arbeiten sollen. Wir wrden einem Mann,
der uns ber die englische Flotte und die englische Armee wirklich
zuverlssige Ausknfte von dieser Art verschafft htte, ohne Handeln
und Feilschen das fnffache gezahlt haben.

In den Mienen der beiden Mnner schien es bei diesen in beinahe
jovialem Ton gesprochenen Worten wie ein Hoffnungsschimmer
aufzuleuchten. Aber als der Materialwarenhndler eben die Lippen zu
einer Erwiderung ffnen wollte, winkte ihm Heideck, zu schweigen.

Gehen Sie mal geflligst fr ein Weilchen an Deck, Pnurot, sagte
er. Ich werde Sie rufen, sobald ich die Unterhaltung mit Ihnen
fortzusetzen wnsche. Sie aber, Brandelaar, werden mir vorerst noch
Gesellschaft leisten. Ich mchte ein paar Worte unter vier Augen mit
Ihnen reden.

Der Mann mit dem modischen Spitzbrtchen gehorchte. Und Heideck wandte
sich an den zurckgebliebenen Hollnder:

Dieser Pnurot ist an allem schuld, nicht wahr? Als Schiffer haben
Sie sich ja wahrscheinlich Ihr Leben lang nicht viel um Politik
gekmmert. Und Sie hatten wohl kaum einen rechten Begriff von der
Gefahr, in die Sie sich begaben. Wenn das Kriegsgericht Sie verurteilt,
haben Sie sich einzig bei Ihrem Freunde Pnurot dafr zu bedanken.

Wahrhaftig, Herr, es ist, wie Sie sagen, erwiderte der Schiffer mit
gut gespielter Treuherzigkeit. Ich habe meine Ladung, die ich fr die
Firma van Spranekhuizen verkaufen soll, und ich kmmere mich den Teufel
um Krieg oder Spionage. Ich bitte den Herrn Major, ein gutes Wort fr
mich einzulegen. Ich hatte keine Ahnung von dem, was in den Broten
enthalten war.

Dieser Pnurot hat Sie also ohne Ihr Vorwissen in die Geschichte
hineingezogen. Wollte er denn mit Ihnen nach Antwerpen fahren?

Ich will Ihnen alles der Wahrheit gem erzhlen, Herr Major! Admiral
Hollway in Dover, der doch das ganze Nachrichtenwesen fr den Kanal und
die Kstenstrecke von Cuxhafen bis Brest unter sich hat, gab mir die
beiden Brote fr Camille Pnurot; das ist alles, was ich von der Sache
wei.

War es denn das erste Mal, da Sie solche Auftrge fr den Admiral
Hollway auszufhren hatten?

So wahr mir Gott helfe: das erste Mal!

Aber Herr Pnurot sollte die eigenartigen Brote wohl nicht fr sich
behalten? Er ist doch ebenfalls nur eine Mittelsperson? Wenn Sie sich
Hoffnung auf meine Frsprache machen wollen, mssen Sie mir ohne jeden
Rckhalt alles sagen, was Sie darber wissen!

Pnurot hat einen Geschftsfreund in Antwerpen, wie der Herr Major
ganz richtig vermutet haben.

Sein Name?

Eberhard Amelungen.

Was ist der Mann?

Ein Grokaufmann. Meine Schiffsladung ist fr ihn bestimmt.

Und in welcher Verbindung steht Pnurot mit ihm?

Das wei ich nicht; Pnurot ist ein Agent, der die
verschiedenartigsten Geschfte betreibt.

So? -- Und was sagt der Reeder, Mynheer van Spranekhuizen, dazu,
da Sie sich auf solche Dinge, wie die Uebermittelung dieser Brote,
einlassen?

Mynheer van Spranekhuizen und Mynheer Amelungen sind nahe Verwandte.

Mit andern Worten: die beiden Herren haben sich darber verstndigt,
die >Bressay< von den Shetlandinseln nach Dover und von da nach
Antwerpen zu schicken?

Davon wei ich nichts, Herr Major! -- Ich habe Ihnen alles gesagt, was
ich wei. Weiter als bis nach Terneuzen darf ja doch kein Schiff in die
Schelde hinein. Und da kann ich in Breskens ebensogut lschen wie in
Terneuzen und die Ware mit der Bahn nach Antwerpen gehen lassen.

Nun, Brandelaar, gehen Sie noch einmal hinauf und schicken Sie mir
Herrn Pnurot herunter.

Schweren Schrittes stapfte der Schiffer die schmale Kajtentreppe
hinauf, und gleich darauf trat Pnurot ein. Heideck lud ihn durch eine
Handbewegung ein, ihm gegenber Platz zu nehmen und sagte:

Ich habe mich aus der Vernehmung des Brandelaar davon berzeugt, da
er ein abgefeimter Spitzbube ist. Es war sehr unvorsichtig von Ihnen
gehandelt, sich mit einem solchen Manne einzulassen. Wenn Sie jetzt
vor ein Kriegsgericht gestellt werden, haben Sie sich bei ihm dafr zu
bedanken.

Um Gottes willen, Herr Major -- es soll mir doch nicht ans Leben
gehen? -- Ich beschwre Sie, haben Sie Mitleid mit mir!

Darauf, ob ich persnlich Mitleid mit Ihnen habe oder nicht, wird sehr
wenig ankommen. Sie werden mit mir zur >Gefion< fahren und dann in
Vlissingen vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Denn die Tatsache,
da Sie Brandelaars Mitschuldiger geworden sind, lt sich nicht aus
der Welt schaffen. Er hat soeben mit aller Bestimmtheit behauptet, die
beiden Brote seien fr Sie bestimmt gewesen.

Fr mich? -- Das ist eine nichtswrdige Lge. Noch nicht einen Penny
habe ich von den Englndern erhalten.

Na, so ganz ohne besonderen Grund machen Sie sich doch wohl nicht das
Vergngen, zu nchtlicher Stunde ein Heringsschiff zu besuchen? Die
Ladung konnte doch wohl auch ohne Ihre Besichtigung an Herrn Eberhard
Amelungen abgeliefert werden?

An Eberhard Amelungen?

Stellen Sie sich doch nicht so unwissend! Brandelaar hat schon so viel
gestanden, da Sie ruhig alles zugeben knnen. Die Herren Amelungen
und van Spranekhuizen sind im Komplott miteinander, um eine ganz
regelrechte Spionage im Interesse Englands zu betreiben. Sie werden als
Mittelsperson benutzt, und Maaning Brandelaar versucht, sich heraus zu
winden, indem er Sie opfert.

Wahrhaftig, so scheint es. -- Aber ich bin ganz unschuldig, Herr Major
-- ich habe von all dem nichts gewut. Als Brandelaar das letzte Mal
aus der Schelde hinausfuhr, besuchte er mich hier in Breskens, und da
sagte er mir, da er bald wiederkehre und da es ein gutes Geschft fr
mich werden wrde.

Wann ist das gewesen?

Vor drei Wochen. Ich hatte keinen Grund Brandelaar zu mitrauen, weil
er schon fter fr Eberhard Amelungen geliefert hatte.

Und heute? Weshalb sind Sie an Bord gekommen?

Brandelaar verlangte es. Er sagte, ich solle mir die Ladung ansehen
und mit ihm besprechen, ob hier oder in Terneuzen gelscht werden
solle.

Nun wohl, Herr Pnurot, ich will Ihnen etwas sagen. Sie werden mit mir
nach Antwerpen fahren, und ich werde mich dort bei Herrn Amelungen
davon berzeugen, ob Sie wirklich so unschuldig sind, wie Sie sagen,
und wie ich Ihnen einstweilen gern glauben will.

Der Materialwarenhndler schien noch immer einigermaen beunruhigt.

Aber der Herr Major werden mich doch nicht vor das Kriegsgericht
bringen?

Das wird sich finden. Ich verspreche Ihnen nichts. Alles wird von der
Auskunft abhngen, die ich von Herrn Amelungen ber Sie erhalte, und
davon, wie Sie sich fernerhin benehmen. Ich werde jetzt Brandelaar
wieder herunterkommen lassen, und Sie werden schweigen, whrend ich mit
ihm rede.

Ich werde selbstverstndlich alles tun, was der Herr Major befehlen.

Brandelaar wurde in die Kajte gerufen, und Heideck sagte:

Hren Sie, Maaning Brandelaar, ich wei alles, und ich brauche Ihnen
wohl nicht erst zu sagen, da es mehr als genug ist, um Ihnen nach
Kriegsrecht den Hals zu brechen. Aber ich will Ihnen einen Weg zeigen,
wie Sie sich retten knnen: Fahren Sie morgen nach Terneuzen und warten
Sie dort auf Nachricht von mir. Ich werde Ihnen die Ausfhrung Ihres
Auftrages bequem machen, indem ich selbst Ihnen die Antworten auf die
Fragen des Admirals Hollway aufschreibe. Die mgen Sie dann Ihrem
Auftraggeber nach Dover bringen. Aber ich werde Ihnen gleichzeitig eine
Reihe von Fragen mitgeben, auf die Sie Ihrerseits mir zuverlssige
Antworten nach Vlissingen zu bringen haben. Fhren Sie diese Mission
zu meiner Zufriedenheit aus, so zahle ich Ihnen bei Ihrer Rckkehr
dreitausend Mark. Da Sie auerdem Ihre Belohnung von dem Admiral
erhalten, machen Sie also ein recht gutes Geschft. Aber hten Sie sich
vor jedem Versuch, mich zu betrgen, er wrde herzlich schlecht fr
Sie ablaufen. Ich wei ja nun, wo ich Sie fassen kann, und Sie wrden
verhaftet werden, sobald Sie sich wieder irgendwo an der hollndischen
Kste zeigten. Also gehen Sie weislich mit sich zu Rate!

Das breite Gesicht des Schiffers hatte sich immer mehr aufgehellt, und
jetzt verzog er die Lippen zu einem pfiffigen Grinsen.

Dreitausend Mark! Wenn das ein Wort ist, Herr Major, so knnen Sie
sich darauf verlassen, da ich Sie ehrlich bediene.

Es kommt vielleicht nicht so sehr auf Ihre Ehrlichkeit als auf Ihre
Geschicklichkeit an. Entspricht die Auskunft, die Sie mir bringen,
meinen Erwartungen nicht, so wird selbstverstndlich auch die Zahlung
demgem ausfallen. Wie die Ware, so der Preis.

O, der Herr Major sollen mit mir zufrieden sein. Ich habe drben meine
Verbindungen, und wenn der Herr Major sonst noch einen Wunsch haben --
Sie sollen sehen, was Brandelaar leisten kann.

Gut -- es wird nur in Ihrem eigensten Interesse liegen, mich gut und
zuverlssig zu bedienen.

Die Mienen des Schiffers wurden pltzlich wieder nachdenklich.

Eine Besorgnis htte ich doch noch, Herr Major.

Nun -- und was fr eine Besorgnis?

Meine Leute haben gesehen, da ein Offizier mit Soldaten auf mein
Fahrzeug gekommen ist. Wenn sie nun drben in England davon erzhlen
und der Admiral daraufhin Argwohn gegen mich schpft?

Er wird keinen Anla dazu haben, wenn er sich berzeugt, da die
Nachrichten zutreffend sind, die Sie ihm bringen. Er wird ja noch
andere Quellen haben als Sie, und wenn er Ihre Nachrichten besttigt
findet, wird er Ihnen in jeder Hinsicht vertrauen.

Maaning Brandelaar war durch diese Antwort nicht beruhigt.

Ja, aber -- -- der Herr Major wollen mir doch wohl keine zutreffenden
Ausknfte geben?

Gewi! Alles, was ich Ihnen aufschreibe, wird vollkommen richtig
sein.

Diese Antwort ging offenbar ber das Verstndnis des Schiffers hinaus.
In wortloser Verwunderung starrte er Heideck an.

Dieser aber fuhr ruhig fort:

Der Admiral will die Strke der deutschen Armee bei Antwerpen
wissen, und ich will Ihnen sagen, wie es damit steht. Wir haben
hundertzwanzigtausend Mann in Holland und dem kleinen Stck von
Belgien, das wir rund um Antwerpen besetzt halten. In der Festung
selbst liegen dreiigtausend Mann; auf der Insel Walcheren sind nur
fnftausend Mann, die Vlissingen und andere wichtige Punkte besetzt
halten. Das sind ganz zuverlssige Daten.

Der Kapitn schttelte den Kopf.

Wenn nicht der Respekt verbte, es zu vermuten, so wrde ich annehmen,
da der Herr Major mich zum besten halte.

Nein, mein Freund, dazu habe ich gar keinen Anla; Sie knnen fr
alles einstehen, was ich Ihnen aufschreiben werde, und Ihre Belohnung
wird rechtschaffen verdient sein. Etwas anderes wre es mit den
Nachrichten, die Sie etwa auf eigene Hand dem Admiral nebenher
berbringen.

Brandelaar nickte.

Ich verstehe, Herr Major, und ich werde mich danach richten. Aber neue
Matrosen mu ich doch wohl anmustern. Es ist nicht gut, da diese hier
so viel wissen. Sie knnten mir doch Unannehmlichkeiten bereiten.

Nein, nein, das wre ganz verkehrt. Behalten Sie ruhig Ihre Leute.
Wenn ich nach Terneuzen komme, werde ich Sie und die Bemannung des
Fahrzeugs in Haft nehmen lassen. Sie werden von mir verhrt und nach
einigen Tagen wieder in Freiheit gesetzt werden.

Diese Aussicht schien dem Schiffer einigermaen unbehaglich.

Und wenn der Herr Major inzwischen anderen Sinnes werden und mich doch
vor das Kriegsgericht bringen?

Verlassen Sie sich getrost auf mein Wort. Es wird sich nur um ein
Scheinverhr handeln, damit Ihre Leute sich nicht unntze Gedanken
machen und nichts verraten knnten, was drben Verdacht erregen mchte.
Es wird im Gegenteil so aussehen, als htten Sie allerlei Gefahren und
Widerwrtigkeiten zu bestehen gehabt; und wie ich Sie taxiere, mein
werter Herr Brandelaar, werden Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen
lassen, dem Herrn Admiral als Entschdigung fr die ausgestandene Angst
noch einen Extralohn aus der Tasche zu locken.




[Illustration]




XXVI.


Als Heideck mit seinem Gefangenen, dem Herrn Camille Pnurot, wieder
auf der >Gefion< anlangte, fand er den Kommandanten trotz der
vorgerckten Stunde auf Deck. Er meldete sich bei ihm und bat, Pnurot
als Gast zu behandeln.

Ich war schon in einiger Sorge um Sie, sagte der Kapitn, und nahe
daran, die Dampfpinasse nachzuschicken. Haben Sie etwas Wichtiges in
Erfahrung gebracht?

Ich denke wohl. Die beiden Halunken, die ich da abgefat habe,
scheinen nicht zu der Gattung der gewhnlichen Spione zu gehren. Es
sind der Schiffer Brandelaar und der Mann, den ich Ihnen mitgebracht
habe.

Haben Sie den Schiffer nicht auch in Haft genommen?

Ich habe die Absicht, mich der Leute in unserem Interesse zu bedienen
und hoffe, da Admiral Hollway sich in seinem eigenen Netze fangen
wird.

Ist das nicht ein etwas gewagtes Spiel? Wenn die Kerle den Admiral
Hollway verraten haben, so ist ihnen dasselbe doch wohl mit Sicherheit
auch uns gegenber zuzutrauen.

Ich rechne auch weniger auf ihre Ehrlichkeit, als auf ihren Eigennutz
und ihre Furcht. Um den Englndern Nachrichten ber uns zu bringen,
mssen sie wieder zu uns kommen, und ich habe sie also in der Hand.

Umgekehrt aber trifft dasselbe zu. Ich gestehe, da ich zu solchen
Doppelspionen herzlich wenig Vertrauen habe.

Mir geht es selbstverstndlich ebenso; aber ich glaube endlich den
Weg zu der Zentralstelle fr das Spioniersystem der Englnder gefunden
zu haben. Ich kann, um der Sache ganz auf den Grund zu kommen, den
Beistand der beiden Kundschafter nicht entbehren.

Eine Zentralstelle?

Ja. Die Handlanger, die ihr Leben riskieren, sind doch immer von
untergeordneter Bedeutung, und es gilt vor allem, die hher stehenden
Persnlichkeiten zu ermitteln, die sich weislich im Hintergrunde zu
halten wissen.

Ich wnsche Ihnen guten Erfolg.

Bevor ich nach Antwerpen gehe, wohin mich Herr Pnurot morgen
begleiten soll, mchte ich dem Reichskanzler Bericht erstatten. Darf
ich bitten, mir morgen frh ein Boot zur Verfgung zu stellen, mit dem
ich nach Vlissingen fahren kann?

Gewi, Sie knnen jedes Boot erhalten, das Sie zu haben wnschen.

Dann bitte ich um die Dampfpinasse.

Ist es Ihnen vielleicht bekannt, ob der Kanzler noch lange in
Vlissingen bleiben wird?

Das entzieht sich meiner Kenntnis. Antwerpen wre freilich in mancher
Hinsicht ein besserer Plan; aber er ist nach Vlissingen gegangen, um zu
demonstrieren.

Um zu demonstrieren? wiederholte der Kommandant verwundert.

Die Englnder erfahren natrlich, da er sich dort befindet, und seine
Anwesenheit in Vlissingen mu sie in dem Glauben bestrken, da unsere
Hauptaktion hier von der Mndung der Schelde aus erfolgen wird.

Ist es nicht bewunderungswrdig, da unser Kanzler im Mittelpunkt
aller Operationen steht, obwohl er weder General noch Admiral ist?

Wir haben hnliches doch schon bei Bismarck gesehen. Wenn wir die
Geschichte der Kriege von 1864, 66 und 1870/71 verfolgen, so stehen wir
unter dem Eindruck, da Bismarck gleichsam die Seele aller Operationen
war, obwohl er seinen militrischen Titel nur als Dekoration trug.

Das ist richtig, aber die Verhltnisse lagen doch wesentlich anders.
Bismarck war ein geschulter Beamter, Diplomat, Botschafter, ehe er
Kanzler wurde. Er hatte selbst den Heerfhrern gegenber eine gewaltige
Autoritt fr sich. Unser neuer Reichskanzler entstammt doch aber einer
ganz anderen Sphre.

Aber auch er hat die Macht einer starken Persnlichkeit fr sich, und
diese ist es, die in allen groen Dingen den Ausschlag gibt. Der feine
Instinkt des Volkes fhlt, da der Kaiser die rechte Wahl getroffen
hat, und die allgemeine Beliebtheit des Kanzlers gewhrt ihm auch
den Heerfhrern gegenber einen mchtigen Rckhalt. Zudem mssen wir
alle ja immer wieder seinen praktischen Verstand und seinen weiten
Gesichtskreis bewundern. Ist nicht die Besetzung Antwerpens dafr ein
neues Beispiel? Belgien ist sonst von der franzsischen Armee besetzt,
aber der Kanzler hat bei der franzsischen Regierung durchgesetzt, da
wir Antwerpen halten, weil unsere Flotte in der Schelde liegt. Und ich
bin sicher, da wir es niemals wieder herausgeben werden.

Der Kommandant schttelte zweifelnd den Kopf.

Sie glauben wirklich, da wir Antwerpen so ohne weiteres werden
behalten knnen?

Wir mssen und werden Antwerpen haben. Die Niederlande und Belgien
mgen bestehen bleiben; denn wir knnen gerechterweise diese Lnder
nicht annektieren. Aber die Niederlande und Antwerpen werden zum
Schutze ihrer eigenen Interessen zum Deutschen Reich in ein engeres
politisches Verhltnis treten. Ihre Regierungen sind auf die Dauer
zu schwach, um der revolutionren Bewegungen in ihren Lndern Herr
zu werden. Wir steuern ja unaufhaltsam auf die Bildung grerer
Staatswesen hin. Die Grausamkeit der Kriege erscheint mir dadurch
etwas gemildert, da der Krieg in seinen Begleiterscheinungen ein
Einigungsmittel der Vlker ist.

Das klingt sehr schwrmerisch, Herr Major, sagte der Kapitn
verwundert, und dem Gesprch eine andere Wendung gebend fuhr er fort:
Was fr Nachrichten denken Sie durch Ihre Mittelspersonen nach Dover
gelangen zu lassen?

Ich denke den Admiral in der Meinung zu bestrken, da wir
mit der Flotte und zahlreichen Dampfern unserer privaten
Schiffahrtsgesellschaften aus der Schelde herauskommen und mit
Untersttzung der franzsischen Flotte eine Armee nach Dover
hinberwerfen wollen.

Mich wundert, da die Englnder so gar keinen Versuch machen, unsere
Stellungen zu forcieren. Man ist fast versucht zu glauben, da die
englische Marine ebensowenig kriegstchtig sei, wie die englische
Armee. Wenn unsere Gegner sich stark fhlten, wrden sie doch wohl
schon lngst vor Brest, Cherbourg, Vlissingen, Wilhelmshaven oder Kiel
erschienen sein. Helgoland knnte eine Panzerflotte doch eigentlich
nicht hindern, in die Elbe einzudringen, es mte der englischen Flotte
vielmehr ein willkommenes Angriffsobjekt sein. Wenn ich ber die
englische Flotte zu gebieten htte, fhre ich mit den lteren Panzern
>Albion<, >Glory<, >Canopus<, >Goliath<, >Ocean< und >Vengeance<
gegen Helgoland. Die kleine Insel wrde diesen sechs Linienschiffen
schwerlich lange Stand halten, und die deutsche Nordseeflotte --
vorausgesetzt, es wre eine vorhanden -- wrde ehrenhalber aus
Wilhelmshaven hervorkommen mssen.

Da nichts derartiges geschieht, erklrt sich wohl weniger aus dem
englischen Bewutsein der eigenen Schwche, als daraus, da die
Englnder niemanden haben, dessen Genie der Situation gewachsen wre.
Gewi fehlt es ihnen nicht an tchtigen Admiralen, aber es ist kein
Nelson darunter. Auch unser Krieg wre ja vielleicht unterblieben,
wenn der Kaiser nicht in dem neuen Kanzler das Genie entdeckt htte,
dessen unsere Zeit bedarf. Die Kriege gegen Dnemark, Oesterreich
und Frankreich wren ohne Bismarcks Initiative schwerlich gekommen.
Groe Staaten knnen auch bei der elendesten Regierung und bei
den grten Fehlern noch lange bestehen, aber ein Aufschwung, ein
wirklicher Fortschritt ist nur durch das Eingreifen einer gewaltigen
Persnlichkeit mglich.

Ich bin darin nicht ganz Ihrer Meinung, denn meiner Ueberzeugung nach
sind es die wirtschaftlichen Verhltnisse, die von Zeit zu Zeit zu
groen Umwlzungen drngen. Glauben Sie, da den Russen beispielsweise
die Eroberung Indiens gelungen wre, wenn die dortigen wirtschaftlichen
Verhltnisse innerhalb der eingebornen Bevlkerung besser gewesen
wren?

Gewi nicht. Auch ein groer Mann mu den Boden vorbereitet finden,
auf dem seine Kraft sich bettigen soll. Und ich meine, da unser
Kanzler eben zur rechten Zeit auf dem Plane erschienen ist.

Heideck beurlaubte sich von dem Kommandanten und zog sich in seine
Kabine zurck, um einen Bericht aufzusetzen und dann die wohlverdiente
Ruhe zu suchen.

Als er sich am nchsten Morgen Herrn Camille Pnurot kommen lie,
fand er ihn auffallend verndert. Der stutzerhafte Herr zeigte nicht
mehr die niedergeschlagene Miene von gestern, seine dunklen Augen
leuchteten wie in heller Zuversicht. Jetzt am Tage sah Heideck, da
sein Gefangener ein recht hbscher Mann von etwa 30 Jahren war, der
mehr einem Spanier, als einem Niederlnder glich.

Mit hflicher Verbeugung begrte er Heideck, und dann, -- mit einer
gewissen Vertraulichkeit, -- fragte er:

Verzeihen Sie, Herr Major, -- wenn ich mich um das deutsche Reich
verdient mache, werde ich dann auf eine entsprechende Belohnung rechnen
drfen?

Ich sagte Ihnen schon, Herr Pnurot, da wir bereit sind, mehr zu
zahlen, als die Englnder.

O, es war nicht das, was ich meinte. Sie drfen mich nicht mit Maaning
Brandelaar und derartigen Leuten auf dieselbe Stufe stellen.

Heideck lchelte.

Wollen Sie mir denn geflligst sagen, Herr Pnurot, auf welchen Platz
ich Sie stellen soll?

Ich bin willens, von nun an der Sache der Alliierten alle meine Krfte
zu widmen.

Angenommen! Aber welcher Art sind denn die Wnsche, die Sie
hinsichtlich einer Belohnung hegen?

Ich mchte Sie um Ihre Verwendung bitten, Herr Major, da ich einen
Orden erhalte.

Heideck konnte sein Erstaunen ber diese sonderbare Bitte nicht
verbergen.

Solche Auszeichnungen werden bei uns in der Regel nur fr Handlungen
der Tapferkeit oder fr Verdienste gegeben, die durch klingenden Lohn
nicht entsprechend vergolten werden knnten.

Auch zu dem, was ich tun will, bedarf es der Tapferkeit.

Sie sollen mir doch nur helfen, die Spione in Antwerpen aufzuspren.

Aber es sind gefhrliche Leute, deren Feindschaft ich mir zuziehe --
Leute, deren Werkzeuge zu allem fhig sein wrden.

Seien Sie versichert, Herr Pnurot, da Ihre Belohnung den geleisteten
Diensten entsprechen wird. Sie wissen doch wohl, da ich selbst keine
Orden zu verleihen habe, und berdies verstehe ich nicht recht, was
Ihnen gerade an einer Dekoration gelegen sein kann.

Sie schtzen meine Gesinnung zu niedrig, Herr Major! Aber damit Sie
mich verstehen, will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Ich liebe
eine Dame aus sehr guter Familie, und ihre Angehrigen wrden sich
entgegenkommender gegen mich zeigen, wenn ich einen Orden htte.

Sie sind also mit Ihren Herzenswnschen vermutlich sehr hoch
hinaufgestiegen?

Wie man es nehmen will. Ich befinde mich hinsichtlich meiner
Herkunft in jener peinlichen Lage, die das Erbteil aller aus einem
freien Liebesbunde hervorgegangenen Kinder ist. Meine Mutter war eine
spanische Tnzerin, mein Vater aber ist der reiche Herr Amelungen. Er
liebt mich und sorgt fr mich. Auch das Geschft in Breskens hat er
fr mich gekauft. Aber seine Frau, eine Englnderin, ist mir wenig
freundlich gesinnt.

Ich verstehe Sie jetzt noch weniger wie zuvor! Denn wenn Sie ber so
reiche Hilfsquellen verfgen, weshalb, in aller Welt, lassen Sie sich
dann auf derartige gefhrliche Unternehmungen ein?

Herr Amelungen wnschte es, Herr Major.

In Herrn Amelungen also htten wir den eigentlichen Schuldigen zu
erblicken?

Um Gottes willen, Herr Major, Sie werden mein Vertrauen doch nicht
mibrauchen? Ich wre trostlos, wenn ich durch meine Aeuerungen das
Unglck des Herrn Amelungen verursachte.

Machen Sie sich keine unntigen Sorgen. Herrn Amelungen wird
ebensowenig etwas geschehen, wie Ihnen, wenn Sie ihn bestimmen knnen,
die Partei zu wechseln und fortan zu uns statt zu den Englndern zu
halten.

Pnurot senkte den Kopf und schwieg.

Wie ist es denn mit dem Herrn van Spranekhuizen in Rotterdam? fuhr
Heideck fort. Auch er ist natrlich mit im Bunde?

Er ist der Schwager meines Vaters. Seine Frau ist eine geborene
Amelungen.

Und was hat eigentlich diese beiden Herren, die doch, wie ich hre,
reiche Kaufleute sind, dazu bewogen, fr England Spionage zu treiben?

O, Herr Major, das ist doch nicht so wunderbar! Frankreich hat Belgien
besetzt, Deutschland die Niederlande. Darber herrscht im Lande
natrlich groe Erbitterung.

Mag sein. Aber wohlhabende Kaufleute pflegen sich trotzdem nicht aus
bloem Patriotismus in Gefahr fr Leib und Leben zu strzen. Das tun in
der Regel nur solche Leute, die nicht viel zu verlieren haben.

Ich sagte Ihnen bereits, da meines Vaters Frau eine Englnderin ist.
Ihr zuliebe tut er vieles, wozu ihn sonst gewi nichts veranlassen
wrde. --

Heideck erhielt die Meldung, da die Dampfpinasse bereit sei, und er
forderte Pnurot auf, mit ihm das Fahrzeug zu besteigen. Im Hafen von
Vlissingen verabschiedete er sich fr eine Weile von ihm, mit der
Weisung, ihn in einer Stunde auf seinem Bureau aufzusuchen, dessen Lage
er ihm genau bezeichnete. Er hegte keine Besorgnis, da Pnurot die
Flucht ergreifen wrde. Dieses Herrn war er unbedingt sicher.




[Illustration]




XXVII.


Auf seinem Bureau, das in der Nhe des Hotels zum >Herzog von
Wellington< lag, fand Heideck seine Untergebenen in eifrigster
Ttigkeit. Ein Leutnant war damit beschftigt, die franzsischen und
deutschen Zeitungen auf bemerkenswerte Mitteilungen hin durchzusehen,
whrend ein anderer die russischen und die englischen Bltter
studierte. Von den letzteren gab es freilich nicht viele und nicht die
neuesten Nummern. Denn man war ausschlielich auf diejenige Lektre
angewiesen, die waghalsige Schiffer und Fischer heimlich von den
britischen Inseln herberschmuggelten.

Aus Petersburg lagen mehrere Depeschen vor, die neue Siegesnachrichten
aus Indien brachten.

Die russische Armee war bis nach Lucknow vorgedrungen, ohne da
seit der Schlacht bei Delhi ein nennenswerter weiterer Zusammensto
stattgefunden hatte. Es schien, als ob die Englnder vorlufig dem
Feinde ihre Armee nicht mehr im offenen Felde entgegenstellen wollten,
sondern darauf rechneten, da die Russen bei der nunmehr herrschenden
Sommerhitze und bei der enormen Lnge ihrer Etappenstraen nicht in
gengender Strke bis zu den sdlichen Provinzen gelangen wrden,
um einen dort zu leistenden energischen Widerstand zu brechen.
Aber Heideck glaubte nicht mehr an die Mglichkeit eines solchen
Widerstandes und schlo aus den Nachrichten ber bestndige Nachschbe
durch den Kaiberpa, da alle Verluste der Russen rasch genug ersetzt
wrden. Den Englndern wrde seiner Meinung nach kaum etwas anderes
brig bleiben, als die Trmmer ihrer Armee in den Hfen von Kalkutta,
Madras und Bombay einzuschiffen und so wenigstens einen Teil der
geschlagenen Streitkrfte aus Indien zu retten.

Whrend seines Verweilens in dem Bureau kamen unausgesetzt Depeschen
aus Wilhelmshaven, Kiel, Brest und Cherbourg. Der Nachrichtendienst an
der ganzen nrdlichen Kste stand unter Heidecks Leitung.

Die strategische Lage war im groen und ganzen, von einzelnen
Seegefechten abgesehen, seit Monaten unverndert. Auf englischer Seite
sowohl wie auf Seite der Alliierten trug man Bedenken, sich auf eine
entscheidende Schlacht einzulassen. Die englischen Flotten wagten so
wenig einen Angriff auf die feindlichen Hfen, als die Geschwader der
vereinigten Festlandsmchte geneigt erschienen, ihr Glck auf hoher
See zu versuchen. Beide Parteien suchten Fhlung mit dem Feinde zu
gewinnen, auf den gnstigen Augenblick wartend, wo eine Schwche des
Gegners Aussicht auf ein erfolgreiches Vorgehen bieten wrde.

Es ist erstaunlich, sagte einer der Offiziere aus Heidecks Umgebung,
was diese Kstenbewohner riskieren. In ihren Fischerbooten fahren sie
ber den Kanal und schlpfen an den Kriegsschiffen vorbei. Der Mann,
der die neuesten englischen Zeitungen gebracht hat, sagte mir, da
er dicht in der Nhe der Kriegsschiffe hinfhre, um den Eindruck der
Harmlosigkeit zu erwecken. Und es bedarf frwahr nicht geringen Mutes,
um das zu wagen.

Aber die Spione unserer Gegner stehen ihnen darin nicht nach. Ich habe
gestern mehr zufllig als durch eigenes Verdienst in der Scheldemndung
einen in englischem Solde stehenden Heringsfischer ertappt, und ich bin
dabei auf eine anscheinend wichtige Spur gestoen, die ich in Antwerpen
weiter zu verfolgen gedenke. Zuvor aber will ich mich bei dem Kanzler
melden.

Sie finden ihn nicht mehr in Vlissingen. Er ist mit dem Kriegsminister
und dem Chef des Generalstabs nach Antwerpen gefahren, wie ich
hre, zum Zwecke wichtiger Verhandlungen mit dem franzsischen
Generalstabschef.

Haben Sie vielleicht auch etwas nheres ber die Natur dieser
Verhandlungen in Erfahrung bringen knnen?

Nur soviel, da die Frage weiterer Mobilmachungen errtert werden
soll. Es scheint jedoch, als hielte man die sechs Armeekorps, die wir
bis jetzt auf Kriegsfu haben, fr unsererseits ausreichend. Wir fhren
keinen Landkrieg, weshalb also sollte man den Vlkern ohne zwingende
Not die Lasten einer weiteren Mobilmachung auferlegen?

Freilich, die Opfer, die dieser Krieg fordert, gehen ja ohnedies ins
Ungemessene, da Industrie und Handel vllig darniederliegen.

Niemand gewinnt bei diesem Weltenbrande als Amerika. Die Vereinigten
Staaten liefern seit Ausbruch des Krieges den Englndern alles, was sie
bisher von dem europischen Kontinent bezogen.

Nun, nach der Entscheidung wird sich ja alles wieder ausgleichen.
Jetzt aber, da es hier nichts Dringendes mehr fr mich zu tun gibt, ist
es wohl an der Zeit, da ich mich nach Antwerpen begebe.

       *       *       *       *       *

Eberhard Amelungen vermochte seine Betroffenheit nicht zu verbergen,
als er einen Offizier in der Uniform des preuischen Generalstabs ber
die Schwelle seines Privatkontors treten sah.

Er war ein Mann von etwa sechzig Jahren und der typischen Erscheinung
des soliden, ehrenhaften Kaufmanns.

Ich bin einigermaen berrascht, mein Herr, sagte er gemessen. Womit
kann ich Ihnen dienen?

Heideck stellte sich vor und nannte ihm ohne Umschweife die Ursache
seines Erscheinens.

Ich habe Grund, zu vermuten, Herr Amelungen, da Sie, wenn nicht alle,
so doch einige Hauptfden eines weitverzweigten Spionagenetzes in Ihren
Hnden halten. Und ich glaube, da es in Ihrem Interesse liegen wrde,
mir aus freien Stcken die volle Wahrheit zu sagen. Wir wissen schon so
viel, da es Ihnen voraussichtlich wenig ntzen wird, sich aufs Leugnen
zu verlegen.

Amelungen spielte mit dem Federhalter, aber seine Hnde zitterten
merklich, und er suchte vergebens nach Worten. Sein Gesicht war
aschfahl geworden, und Heideck konnte sich einer Regung des Mitleids
nicht erwehren.

Es tut mir leid, durch mein Amt zum Vorgehen gegen Sie gezwungen
zu werden, fuhr er fort. Ich kann ja Ihre Beweggrnde sehr wohl
verstehen. Sie sind Niederlnder und Patriot, und da Sie die politische
Lage vielleicht nicht vollkommen verstehen, stellt sich Ihnen die
Okkupation Ihres Vaterlandes durch eine fremde Macht als ein Gewaltakt
dar, der Sie mit Ha und Zorn gegen uns erfllt. Darum glaube ich,
Ihnen versprechen zu drfen, da man Sie mit aller nur mglichen
Milde behandeln wird, sofern Sie mir meine Aufgabe durch ein offenes
Gestndnis erleichtern.

Eberhard Amelungen schttelte den Kopf.

Ich wei nichts von dem, dessen Sie mich da beschuldigen, sagte er
tonlos. Sie haben die Gewalt in Hnden und knnen daher ber mich
verfgen. Aber ich habe nichts zu gestehen.

Auch dann nicht, wenn ich Ihnen sage, da ich meine Wissenschaft aus
dem Munde Ihres eigenen Sohnes habe?

Der Kaufmann starrte den Sprechenden mit groen, angstvollen Augen an.

Aus dem Munde meines Sohnes? -- Aber ich -- ich habe ja gar keinen
Sohn.

So hat Herr Camille Pnurot also gelogen, als er Sie seinen Vater
nannte?

Um Gottes willen, seien Sie barmherzig! Spannen Sie mich nicht auf die
Folter! Was ist's mit Camille? Wo befindet er sich? --

Er ist bei der Ausbung der Spionage betroffen worden. Und was weiter
mit ihm geschieht, wird zum groen Teil von Ihrem eigenen Verhalten
abhngen.

Eberhard Amelungen fiel wie gebrochen in seinen Schreibsessel.

Mein Gott -- mein Gott! -- Sie haben doch nicht die Absicht, ihn ins
Gefngnis zu werfen -- ihn vielleicht gar zu erschieen?

Sein Schicksal liegt, wie Sie sich denken knnen, nicht allein in
meiner Hand. Aber mein Einflu ist vielleicht gerade in diesem Fall
ziemlich bedeutend, und es wrde jedenfalls von Wert sein, wenn ich
ihn zu Ihren und zu seinen Gunsten in die Wagschale werfen wrde.
Darum gebe ich Ihnen noch einmal zu bedenken, ob Sie nicht nach Lage
der Dinge am besten tun wrden, ganz offen gegen mich zu sein. Ihre
Hintermnner knnen Sie nicht mehr schtzen, und Sie drfen Ihre
Hoffnungen nur noch auf die Milde der deutschen Behrden setzen. Weisen
Sie darum die Mglichkeit nicht zurck, sich diese Milde zu sichern.

Der Handelsherr kmpfte ersichtlich einen schweren Kampf. Aber nach
Verlauf einiger Augenblicke hob er den Kopf und erwiderte in einem
vernderten, trotzig klingenden Tone:

Machen Sie mit mir, was Sie wollen -- ich habe nichts zu gestehen.

Nun nahm auch Heideck eine strengere, dienstliche Haltung an.

Dann werden Sie sich nicht beklagen drfen, wenn ich jetzt damit
beginne, eine Haussuchung bei Ihnen vorzunehmen.

Verfahren Sie, wie Sie es fr gut halten. Der Eroberer darf sich ja
alles herausnehmen.

Heideck ffnete die Tr und lie zwei der Berliner Kriminal-Polizisten
eintreten, die mit einer groen Anzahl von Schutzleuten nach Antwerpen
kommandiert worden waren, und die er sich fr diesen Gang ausgebeten
hatte. Er war allerdings von vornherein berzeugt, da sie nichts
finden wrden; denn Eberhard Amelungen wre sehr ungeschickt gewesen,
wenn er sich nicht lngst auf die Mglichkeit eines solchen Besuches
vorbereitet und danach seine Manahmen getroffen htte. Es war dem
Major, als er sie mitgebracht hatte, viel mehr um den moralischen
Eindruck der ganzen Prozedur zu tun gewesen. Und er war Menschenkenner
genug, um zu sehen, da dieser in der Tat nicht ausblieb.

Noch eins, Herr Amelungen, sagte er. Ungefhr in demselben
Augenblick, wo wir hier mit der Nachsuchung beginnen, wird eine solche
auch in Ihrer Privatwohnung erfolgen. Ich erwarte in jeder Minute den
Bericht der damit betrauten Beamten.

Amelungen atmete schwer. Sein scheuer Blick suchte in Heidecks Gesicht
zu lesen. Dann, nach einem letzten inneren Kampfe, flsterte er:

Schicken Sie diese Leute hinaus, Herr Major! -- Ich mchte unter vier
Augen mit Ihnen reden.

Als Heideck seinem Verlangen Folge geleistet hatte, fuhr er in
hastigen, wie in schwerer Anstrengung hervorgestoenen Worten fort:

Sie sehen in mir einen Bedauernswerten, der ganz gegen seinen
Wunsch und Willen in Verhltnisse verwickelt worden ist, die ihn
kompromittieren. Wenn es hier einen Schuldigen gibt, so sind es mein
Schwager van Spranekhuizen und die Dame in Brssel, die mit meiner Frau
korrespondiert. Ich habe hier und da die Mittelsperson gemacht, wenn es
sich um die Befrderung der Korrespondenzen oder um die Ueberweisung
von Geldbetrgen an die Grfin -- an die Dame handelte; aber ich habe
persnlich niemals irgend welchen Anteil genommen an den Dingen, die
dabei in Frage standen.

Das ist eine Auskunft, die mir nicht gengen kann. Ich setze keinen
Zweifel in die Wahrheit Ihrer Worte, aber ich mte ber alle
Einzelheiten unterrichtet sein, ehe ich von weiteren Manahmen gegen
Sie abstehen knnte. Wer ist die Dame, von der Sie sprachen?

Eine frhere Hofdame der verstorbenen Knigin.

Und ihr Name?

Grfin Clementine Arselaarts.

Wie sind Sie zu ihrer Bekanntschaft gekommen?

Sie ist eine Freundin meiner Frau, die sie im vorigen Jahre
gelegentlich eines Aufenthalts in Brssel kennen lernte.

Und Ihre Frau ist eine Englnderin?

Ja -- eine geborene Irwin.

Eine Flut wehmtiger Erinnerungen strmte beim Klang dieses Namens auf
Heideck ein.

Irwin? wiederholte er. Hat diese Dame vielleicht auch Verwandte in
der britischen Armee?

Ich hatte einen Schwager, der als Kapitn bei den indischen Lancers
diente. Aber er ist nach den uns zugegangenen Nachrichten in der
Schlacht bei Lahore gefallen.

Der Major hatte Mhe, seine Erregung zu meistern, doch als htte er
sich schon zu lange von seiner Pflicht ablenken lassen, kehrte er
hastig zu dem eigentlichen Gegenstand seines Verhrs zurck.

Sie sagten, da Sie der Grfin Arselaarts Geldbetrge berwiesen
haben. In wessen Auftrage? -- Und fr wessen Rechnung geschah dies?

Fr Rechnung der englischen Regierung und auf die Ordre eines
englischen Bankhauses hin, mit dem ich seit vielen Jahren in
geschftlicher Verbindung stehe.

Waren die Betrge bedeutend?

Sie beliefen sich whrend der letzten Zeit auf durchschnittlich
zehntausend Francs im Monat.

Und in welcher Form erfolgte die Ueberweisung?

Ich sandte die Summen zuweilen in bar, manchmal auch in einem Scheck
auf Brsseler Bankhuser.

Besitzen Sie irgend welche Ausweise darber -- vielleicht eine
Quittung von der Hand der Grfin?

Amelungen zauderte.

Ich empfehle Ihnen dringend, mir nichts vorzuenthalten. Fr Sie wie
fr Ihre in diese Angelegenheit verwickelten Angehrigen steht so viel
auf dem Spiel, da Ihnen alles daran gelegen sein mu, sich durch
freimtiges Bekennen eine milde Behandlung zu erwirken.

Nun denn -- ich besitze solche Quittungen.

Wollen Sie sie mir aushndigen?

Amelungen zog eine Schublade aus seinem Schreibtisch und lie durch
Federdruck ein dahinter verborgenes Geheimfach aufspringen.

Da sind sie! sagte er, indem er Heideck ein Pckchen von
Briefblttern berreichte. Das scharfe Auge des Majors aber hatte
mit raschem Blick erspht, da sich noch andere Papiere in dem Fache
befanden, und mit hflicher Bestimmtheit bestand er auch auf deren
Auslieferung.

Es sind belanglose Privatbriefe, wollte Amelungen einwenden,
Korrespondenzen meiner Frau, die sie zufllig hier in meinem Kontor
zurckgelassen und von deren Inhalt ich selbst keine Kenntnis habe.

Seien Sie versichert, da wir mit harmlosen Privatkorrespondenzen
keinen Mibrauch treiben. Aber ich mu unbedingt das Recht in Anspruch
nehmen, mich zuvor durch eigene Prfung von der Richtigkeit Ihrer
Aussagen zu berzeugen.

Der Kaufherr mochte wohl einsehen, da es kein Ausweichen mehr gab, und
berreichte sichtbar erregt Heideck das kleine Konvolut.

Der Major nahm es an sich, ohne den Inhalt sogleich einer genaueren
Prfung zu unterziehen.

Und Sie versichern mir bestimmt, Herr Amelungen, da sich sonst nichts
auf diese Angelegenheit Bezgliches in Ihren Hnden befindet?

Nichts! Ich versichere es Ihnen bestimmt, Herr Major!

Heideck stand auf.

So lege ich Ihnen hiermit die Verpflichtung auf, da Sie keinen
Versuch machen, die Stadt zu verlassen oder sich sonstwie den deutschen
Behrden zu entziehen. Sie werden diese Verpflichtung nicht nur fr
Ihre eigene Person, sondern auch fr die Ihrer Gattin bernehmen; und
Sie werden mir auerdem versprechen, sofort alle Beziehungen zu den in
diese Spionage-Angelegenheit verwickelten Persnlichkeiten abzubrechen
-- es sei denn, da Sie auf unsere Veranlassung und im Einvernehmen mit
uns handelten.

Eberhard Amelungen, dessen Widerstandskraft in dieser qualvollen Stunde
gnzlich gebrochen schien, nickte zustimmend.

Ich verspreche Ihnen das eine wie das andere, Herr Major!

Heideck lie einen Kriminalbeamten, nachdem er ihm Instruktionen
erteilt hatte, zur Beobachtung zurck und begab sich unverzglich
in das Bureau des Oberstleutnants von Nollenberg, der dem
Nachrichtendienst fr Antwerpen vorstand. Er berichtete ihm von
dem Ergebnis seiner Unterredung und prfte in seiner Gegenwart die
konfiszierten Papiere.

Es waren zum guten Teil Briefe der Grfin Clementine Arselaarts an
Frau Beatrix Amelungen, und, abgesehen von einigen Wendungen, die zu
Wachsamkeit und Schnelligkeit mahnten, von unverfnglichem Inhalt.

Daneben aber befand sich in einem besonderen, mehrfach versiegelten
Umschlage ein auf allen vier Seiten engbeschriebenes Briefblatt, das
nicht ohne weiteres leserlich war, weil die Buchstaben scheinbar ganz
regellos und willkrlich durcheinander geworfen waren.

Chiffreschrift! sagte Heideck. Aber wir werden schon dahinter
kommen, was sie verbirgt. Sie haben ja einige tchtige Dechiffreure zu
Ihrer Verfgung, Herr Oberstleutnant, und es drfte gut sein, wenn sie
sich sofort an die Arbeit machten.

Er setzte die Prfung fort, und pltzlich schlug es wie eine Blutwelle
in sein Gesicht, denn in seinen Hnden hielt er jetzt einen Brief,
dessen Handschrift er auf den ersten Blick als diejenige Ediths erkannt
hatte.

Er lautete:

  >Liebe Beatrix! Wie Du siehst, bin ich wieder in England angekommen.
  Du weit, da ich als Witwe zurckgekehrt bin, und Du darfst mir
  glauben, da es schreckliche Dinge waren, die ich erleben mute.
  Dein Bruder ist bei Lahore auf dem Felde der Ehre gefallen; mir aber
  ist es nach unsglichen Schwierigkeiten gelungen, unter dem Schutze
  des Generalanwalts Kennedy und seiner Familie Indien zu verlassen.
  Ich mte ein Buch fllen, um Dir alle Schrecknisse unserer Reise zu
  schildern. Doch es ist wohl jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, ber
  ein trauriges Einzelschicksal zu klagen. Wir alle sind Fremdlinge und
  Pilger auf Erden, die ihr Kreuz tragen mssen, so wie es ihnen eben
  auferlegt wurde.

  Der unmittelbare Anla meines heutigen Schreibens ist eine
  Angelegenheit, in der ich Deiner Meinungsuerung bedarf. Als ich
  hier bei meinen Eltern ankam, erfuhr ich, da Onkel Godfrey am
  16. April gestorben ist. Ich wei nicht, ob Du bereits Kenntnis
  davon hast, da ja jede regelmige Verbindung mit dem Kontinent
  unterbrochen ist. Onkel Godfrey hat ein Testament hinterlassen,
  in dem er sein ganzes Vermgen Dir als seiner Nichte und meinem
  verstorbenen Mann zu gleichen Teilen vermacht. Sein Besitz ist
  grer gewesen, als mein Mann ihn geschtzt hatte. Nach der Teilung
  wrde meinem Mann ebenso wie Dir eine jhrliche Rente von 5000 Pfund
  zugefallen sein. Nun ist Dein Bruder aus dem Leben geschieden, ohne
  eine letztwillige Verfgung zu hinterlassen. Aber mein Rechtsanwalt
  sagt mir, da ich als seine alleinige Erbin Anspruch auf den ihm
  zugefallenen Teil des Nachlasses habe. Um mich darber mit Dir
  verstndigen zu knnen, habe ich mich hierher nach Dover begeben;
  denn ich habe erfahren, da es nur mit Hilfe des Admiral Hollway,
  der den Sicherheitsdienst unserer Kste leitet, mglich sein wrde,
  den Brief nach Antwerpen gelangen zu lassen. Zu meiner Ueberraschung
  teilte mir der Admiral mit, da ihm Dein Name bekannt sei, und er
  bernahm es bereitwilligst, diesen Brief an Dich zu befrdern. So
  bitte ich Dich denn um Deine Zustimmung zu einer Teilung von Onkel
  Godfreys Erbschaft zwischen Dir und mir. Ich glaube ja nicht, da Du
  irgend welche Bedenken haben wirst, aber ich halte es fr geboten,
  Deine ausdrckliche Einwilligung einzuholen. Ich werde mich freuen,
  von Dir zu hren, da es Dir wohl geht.

  Getreulich die Deinige!                     Edith Irwin.

  ~P. S.~ In Indien habe ich die Bekanntschaft eines deutschen
  Offiziers gemacht, der mir whrend der Schreckenszeit des Krieges
  groe Dienste leistete und mir wiederholt das Leben gerettet hat.
  Er ist mit der Familie Kennedy und mir auf der >Caledonia< bis nach
  Neapel gefahren und von dort nach Berlin weitergereist, whrend wir
  unsere Reise auf einem Kriegsschiff durch die Strae von Gibraltar
  nach Southampton fortsetzten. Dieser Offizier ist ein Hauptmann
  Heideck vom preuischen Generalstab. Ich wrde Dir dankbar sein, wenn
  Du Dich erkundigen wolltest, wo er sich gegenwrtig befindet. Es
  liegt mir daran, seine Adresse zu erfahren. Ich bleibe vorlufig in
  Dover, und Briefe erreichen mich unter der Adresse der Mrs. Jones, 7
  St. Pauls Street.<

Eine Welt peinigender Erinnerungen lebte beim Lesen dieses Briefes
in Heidecks Herzen auf. Er zweifelte keinen Augenblick, da die
Nachschrift, in der sein Name vorkam, der eigentliche Zweck des
Schreibens war. Alles andere war sicherlich nichts als ein Vorwand;
denn er wute, mit welcher Gleichgiltigkeit Edith alle ihre
Geldangelegenheiten behandelte, und war berzeugt, da es ihr mit der
Regelung dieser Erbschaft durchaus nicht so eilig war, als es nach
ihrem Brief den Anschein haben mute.

Der Oberstleutnant trat auf ihn zu und sagte:

Die Entzifferung des Schriftstcks ist schneller gelungen, als ich
zu hoffen gewagt. Und ich habe sofort an das Polizeiamt in Schleswig
telegraphiert, da der Verfasser, ein gewisser Brodersen, unverzglich
verhaftet werde. Bitte berzeugen Sie sich selbst, was fr Freunde wir
dort unter den Dnen haben.

Heideck las:

  >Im Kieler Hafen liegen von greren Kriegsschiffen nur die
  Schlachtschiffe >Oldenburg<, >Baden<, >Wrttemberg<, >Bayern<,
  >Sachsen<, die groen Kreuzer >Kaiser<, >Deutschland<, >Knig
  Wilhelm<, die kleinen Kreuzer >Gazelle<, >Prinze Wilhelm<, >Irene<,
  >Komet< und >Meteor<, sowie die Torpedodivisionsboote >D 5< und >D
  6< mit ihren Divisionen. Auerdem ca. 100 groe und kleine Dampfer
  des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie, der Stettiner
  Gesellschaft u. a. Alle groen Dampfer sind mit Schnellfeuerkanonen
  und Maschinengewehren, die kleinen nur mit Maschinengewehren
  ausgerstet. Aus Hannover, Mecklenburg, Pommern und der Provinz
  Sachsen sind 50000 Mann Infanterie und Artillerie mit nur zwei
  Regimentern Husaren in der Nhe von Kiel zusammengezogen worden.
  Ueber die Plne der deutschen Regierung gehen die Ansichten
  meiner Freunde auseinander. Mglicherweise ist ein Heranziehen
  von Linienschiffen durch den Kaiser Wilhelm-Kanal und ein mit der
  russischen Flotte kombinierter Angriff auf die britische Flotte bei
  Kopenhagen beabsichtigt.

  Am wahrscheinlichsten ist, da die Transportflotte die bei Kiel
  zusammengezogene Armee aufnehmen und durch den Kaiser Wilhelm-Kanal
  in die Nordsee bringen soll, wo dann eine Vereinigung mit der bei
  Antwerpen liegenden deutschen Schlachtflotte und den von Cherbourg
  herberkommenden franzsischen Geschwadern stattfinden wrde. Unter
  dem Schutze der Schlachtflotte wrde man versuchen, die deutsche
  Armee und die von Boulogne kommenden franzsischen Truppen bei
  Dover oder sonst einem nahen Punkte der englischen Kste an Land zu
  bringen.

  Ich besttige Herrn van Spranekhuizen den Empfang von 10000 Frs,
  bitte aber um weitere Uebersendung des doppelten Betrages. Meine
  Agenten setzen ihr Leben ein und wollen nicht billiger arbeiten.<

Auch du, mein lieber Brodersen, hast dein Leben eingesetzt, sagte
der Oberstleutnant ernst, und ich mchte in diesem Augenblick nicht
allzuviel dafr geben.

Diese Notizen sind fr uns recht lehrreich, bemerkte Heideck.
Wenn wir den Admiral Hollway in dem Glauben bestrken, da wir
nicht von Kiel, sondern von Antwerpen aus eine Landung der deutschen
Truppen in England beabsichtigen, so wird unsere in Kiel vereinigte
Transportflotte mit um so grerer Sicherheit die Nordsee passieren und
die Landung in Schottland bewerkstelligen knnen.




[Illustration]




XXVIII.


Aus Brssel meldete der Oberst Mercier-Milon, da er die Grfin
Arselaarts verhaftet habe und einen guten Fang gemacht zu haben
glaube. Die Grfin sei stark verschuldet und treibe groen Aufwand.
Bis vor kurzem htte sie sich des finanziellen Beistandes einer hohen
Persnlichkeit zu erfreuen gehabt, seitdem diese sich aber im Auslande
befinde, seien ihre Hilfsquellen versiegt, und sie habe seither den
Englndern vermutlich gegen hohe Belohnung Spionendienste geleistet. Er
sei im Begriffe, ein weit verzweigtes Netz von Kundschaftern in Belgien
und Frankreich aufzudecken.

Auch Herr van Spranekhuizen und Hinnerk Brodersen in Schleswig waren im
Laufe desselben Vormittags verhaftet worden.

Htten wir nur sichere Auskunft ber die Strke der britischen
Flotte, sagte der Oberstleutnant, der Heideck diese Mitteilungen
gemacht hatte. Zuweilen bin ich wirklich geneigt, zu glauben, da
diese Flotte durchaus nicht so gefechtstchtig ist, wie bisher von
aller Welt angenommen wurde. Es ist eben fr den Auenstehenden so
gut wie unmglich, in die Zustnde der englischen Marine einen klaren
Einblick zu gewinnen. Ganz methodisch werden, soweit ich zurckdenken
kann, falsche Berichte ber die Flotte offiziell, offizis und privatim
verbreitet. Von Zeit zu Zeit tritt dann im Parlament irgend ein von
der Regierung dazu bestimmter Redner auf, der die Marineverwaltung in
der heftigsten Weise angreift. Dieser wird von einem Vertreter der
Admiralitt widerlegt, und der Welt ist wieder einmal Sand in die Augen
gestreut worden. An einem der letzten Geburtstage der Knigin Viktoria
war, wie es hie, ein gewaltiges Geschwader auf der Reede von Spithead
zur Revue vereinigt. Aber es wurde keinem Auslnder ermglicht, diese
imposante Flotte nher zu betrachten, und ich bin sehr geneigt, zu
glauben, da es mit ihr ganz hnlich bestellt war, wie mit jenen
berhmten Kulissendrfern, die Potemkin der russischen Kaiserin bei
ihrer Reise nach der Krim zeigte. Die offiziellen Angaben gehen dahin,
da England ber 400 Kriegsschiffe hat, wobei die Torpedoboote nicht
eingerechnet sind. Darunter sind aber recht viel veraltete und wenig
kriegstchtige Fahrzeuge.

Heideck nickte.

Wre die englische Flotte wirklich so kriegstchtig, wie man glaubt,
so wre es ja in der Tat schwer zu verstehen, da sie noch nichts
Entscheidendes unternommen hat.

Das ist auch meine Ansicht. Die Flotte von Kopenhagen htte lngst
einen Angriff auf den Kieler Hafen ins Werk setzen knnen. Es hie
ja, sie solle die russische Flotte in Schach halten. Aber das war ja
doch anfnglich berflssig, so lange der Bottnische und der Finnische
Meerbusen vom Eise blockiert waren und die russischen Geschwader sich
gar nicht bewegen konnten. Diese Kriegfhrung erinnert lebhaft an die
Zustnde im Krimkriege, wo eine gewaltige englische Flotte unter allen
Posaunensten der Reklame gegen Kronstadt und Petersburg auszog,
aber nichts anderes ausrichtete, als das Bombardement des obskuren
Bomarsund, so da die englische Presse nur mit Mhe das groe Fiasko
ihrer weltberhmten Flotte bemnteln konnte.

Ich denke, sagte Heideck, zu dem Ausgangspunkt ihrer Unterhaltung
zurckkehrend, da wir uns um die Verbindungen der Grfin Arselaarts
und der Herren Amelungen und Konsorten nicht weiter zu kmmern
brauchen. Mit diesen Leuten mgen sich jetzt die Kriegsgerichte
beschftigen. Ungleich wichtiger ist mir der Schiffer Brandelaar, den
ich in der Hand habe, und durch den, vielleicht im Verein mit Camille
Pnurot, ich noch Nachrichten ber die britische Flotte und deren
beabsichtigte Verwendung zu erhalten hoffe. Brandelaars Schiff drfte
jetzt vor Terneuzen liegen. Ich mchte Sie bitten, Herr Oberstleutnant,
den Mann und seine Leute noch heute verhaften zu lassen.

Wie stimmt das zu Ihrer Absicht, ihn als Spion in unserem Interesse zu
benutzen?

Ich verga, Ihnen zu sagen, da es sich dabei um eine zwischen
Brandelaar und mir getroffene Verabredung handelt. Er selbst hielt es
zu seiner eigenen Sicherheit der Mannschaft gegenber fr geboten.
Natrlich darf es sich nur um ein Scheinverhr handeln, und der Mann
mu wegen Mangels an Beweisen sobald als mglich wieder freigelassen
werden, damit er schon morgen nach England zurckkehren kann.

Der Oberstleutnant versprach, nach dem Wunsche des Majors zu verfahren.

Am Abend desselben Tages traf Heideck in einer verabredeten Weinstube
mit Pnurot zusammen.

Unser Geschft ist etwas verwickelt, sagte Heideck. Es mu doch noch
mehr Leute geben, die fr Ihren Vater arbeiten, und die wir bisher
nicht kennen.

Woraus schlieen Sie das, Herr Major?

Ihr Vater besa Briefe, die vom Admiral Hollway bestellt worden waren,
aber nicht durch Brandelaar befrdert worden sind.

Ja, ja, ich wei. Ich kann mir's denken.

Wissen Sie, wer die Ueberbringer waren?

Ich kenne sie nicht genau, aber ich habe meine Vermutungen.

Knnen Sie mir keine sicheren Ausknfte verschaffen?

Ich will es versuchen.

Wie wollen Sie das anfangen?

Es gibt hier Matrosenkneipen, in denen ich die Leute aufzuspren
hoffe. Aber es sind verzweifelte Burschen, und es ist nicht
ungefhrlich, sich mit ihnen einzulassen.

Wenn Sie mir jene Kneipen nher bezeichnen wollen, werde ich noch
heute Abend die ganze Gesellschaft, die dort verkehrt, festnehmen
lassen.

Um des Himmels willen nicht, Herr Major! Damit wrden wir alles
verderben. Diese Menschen wrden sich eher in Stcke schneiden lassen,
als da sie Ihnen etwas verrieten. Wenn jemand sie zum Reden bringen
kann, so bin ich es.

Sollten Sie sich da nicht zuviel zutrauen?

Nein, nein. Ich verstehe mich darauf, mit ihnen umzugehen, und ich
wei manches, was ihnen den Mund ffnen wird.

Nun wohl, so tun Sie, was Sie knnen. Die Sache ist wichtig. Mir liegt
sehr viel an einem Mann, der zuverlssige Auskunft ber die britische
Flotte beschaffen knnte, und Sie wissen, da wir mit Geld nicht
sparen.

Pnurot war auf der Stelle bereit, das schwierige Unternehmen zu
versuchen, und er verabschiedete sich von Heideck mit dem Versprechen,
bald nach Mitternacht hier in der nmlichen Weinstube wieder mit ihm
zusammenzutreffen.

Bald nach ihm verlie Heideck das Restaurant und ging, seine heie
Stirn zu khlen, den Quai Van Dyck entlang.

Die Stadt hatte in dieser Kriegszeit ein eigentmlich verndertes
Aussehen angenommen. In den Straen wimmelte es von deutschen Soldaten,
der sonstige lebhafte Verkehr am Hafen hatte vollstndig aufgehrt.
Es gab ja keinen Handel mehr, seitdem die deutschen Kriegsschiffe
gleich schwimmenden Zitadellen in der Schelde lagen. Und doch war es
beinahe unbegreiflich, wie das alles so schnell hatte kommen knnen.
Antwerpen war eine fast uneinnehmbare Festung, wenn die Ueberschwemmung
des umliegenden Landes rechtzeitig ins Werk gesetzt wurde. Aber die
belgische Regierung hatte nicht einmal einen Versuch der Verteidigung
gemacht, als die Spitzen des siebenten und achten Armeekorps in
der Nhe der Stadt erschienen waren. Ohne weiteres hatte sie die
Festung mit all ihren starken Auenforts der deutschen Heeresleitung
ausgeliefert und ihre eigene Armee zurckgezogen. Der Reichskanzler
hatte wohl recht, wenn er die Bedeutung Antwerpens fr das Deutsche
Reich so hoch bewertete. Die Bevlkerung war fast ausschlielich
vlmisch, und Antwerpen war somit der Nationalitt nach eine deutsche
Stadt.

Aber von der allgemeinen Weltlage kehrten Heidecks Gedanken an diesem
Abend immer wieder zu Edith und ihrem Briefe zurck, so da er sich
endlich dazu entschlo, ihr noch heute zu schreiben.

Um seinen Plan auszufhren, ging er in das Restaurant zurck, in dem
seine Zusammenkunft mit Pnurot stattgefunden hatte, und lie sich
Papier und Tinte geben. Als er den Brief beendet hatte, berflog
er noch einmal die Zeilen, in denen er, ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit, sein Herz hatte sprechen lassen:

  >Meine liebe Edith! Durch einen Zufall gelangte ich bei Ausbung
  meines Dienstes in den Besitz des Briefes, den Du an Frau Amelungen
  geschrieben. Es geschah, als ich nach ganz anderen Dingen suchte,
  und Du kannst Dir wohl denken, wie gro meine Ueberraschung bei der
  unverhofften Entdeckung war.

  Seit der Stunde, da wir uns trennen muten und Du mir vielleicht
  nicht ohne Groll und Vorwurf die Hand zum Abschied reichtest, fhle
  ich immer mehr, wie unentbehrlich Du mir bist. Ich bewahre jedes
  Wort, das Du zu mir gesprochen, jeden Blick, den Du mir geschenkt, in
  meiner Erinnerung, und immer schner, immer leuchtender steht Dein
  Bild vor meiner Seele.

  Nie habe ich bei einer Frau einen so schnen, feinen und scharfen
  Geist gefunden wie bei Dir. Ich darf nicht verschweigen, da Deine
  Gedanken mich anfangs zuweilen erschreckt haben: Deine Anschauungen
  entfernen sich oft so weit von dem Alltglichen und erheben sich
  so hoch ber das Gewhnliche, da man Zeit braucht, um sie recht
  zu wrdigen. Wenn ich jetzt zurckdenke an das, was mich einst
  befremdete, so geschieht es nur mit Empfindungen der Bewunderung. Von
  Tag zu Tag hat sich der Eindruck vertieft, den ich bei unserer ersten
  Unterredung von Dir empfing, und immer unerschtterlicher ist in mir
  die beglckende Gewiheit geworden, da die Liebe zu Dir der Inhalt
  meines ganzen knftigen Lebens sein wird.

  Trotzdem darf ich es nicht beklagen, da ich die Kraft hatte, mich in
  Neapel von Dir zu trennen. Der schne Traum unseres Zusammenlebens
  wre von der rauhen Wirklichkeit ja doch bald genug zerstrt worden.
  Mein Dienst fhrt mich bald hierher, bald dorthin, und so lange
  dieser Krieg whrt, bin ich nicht eine Stunde lang Herr ber mich
  selbst. Wir mssen Geduld haben, Edith! -- Auch dieser Feldzug kann
  nicht ewig whren, und wenn es der Himmel beschlossen hat, mich
  lebend aus ihm hervorgehen zu lassen, werden wir uns wiedersehen, um
  uns nie mehr zu trennen.

  Du wirst mir auf diesen Brief vielleicht nicht antworten knnen. Denn
  die Verbindung mit Frau Amelungen ist unterbrochen. Aber ich wei,
  da Du mir antworten wirst, wenn es Dir mglich ist, und ich bin
  glcklich in der Vorstellung, Dir durch dieses Lebenszeichen eine
  Freude bereitet zu haben, der, wie ich hoffe, bald die noch schnere
  des Wiedersehens folgen wird.

  La uns mit Geduld und mit Zuversicht dieser Stunde entgegenharren!<

Er verschlo den Brief und steckte ihn zu sich, um ihn am folgenden
Tage Brandelaar zu bergeben. Dann wartete er auf das Wiedererscheinen
Pnurots, der ihm versprochen hatte, bis Mitternacht zurck zu sein.
Aber obwohl Heideck noch fast eine Stunde ber diese Zeit in der
Weinstube verblieb, wartete er doch vergebens. Die Aeuerungen, die
der natrliche Sohn des Herrn Amelungen ber die Beschaffenheit der
an diesem Abend von ihm aufgesuchten Gesellschaft getan, machten den
Major um das Schicksal Pnurots besorgt, und ehe er in sein Quartier
zurckkehrte, ging er zur stdtischen Polizei, um zu ersuchen, da man
in den weniger gut beleumundeten Matrosenkneipen der Hafengegend nach
Herrn Camille Pnurot forsche, von dessen Persnlichkeit er eine genaue
Beschreibung gab.

Auch am nchsten Morgen war noch keine Nachricht von ihm da, und
jetzt zweifelte Heideck kaum noch daran, da die Angelegenheit einen
fr Pnurot unglcklichen Ausgang genommen habe. Aber er durfte sich
in diesem Augenblick nicht mit Nachforschungen nach dem Verbleib des
jungen Mannes aufhalten.

Von dem Oberstleutnant erfuhr er, da Brandelaar, dessen Schiff in der
Tat vor Terneuzen lag, mit seinen Leuten noch in der Nacht verhaftet,
verhrt und wieder entlassen worden war, ganz wie es zwischen den
beiden Offizieren verabredet wurde.

Nun fuhr Heideck ebenfalls nach Terneuzen, um Brandelaar das auf seinem
Bureau zusammengestellte Auskunftsmaterial fr den Admiral Hollway
nebst den fr ihn so wichtigen privaten Informationen zu berbringen.

Zuletzt, als er ihm auf die versprochene Belohnung eine Anzahlung von
tausend Francs geleistet, hndigte er ihm mit genauen Anweisungen fr
die Art der Bestellung auch den Brief an Edith ein. Und der Schiffer,
dessen Diensteifer fr die deutsche Sache jetzt ohne Zweifel ehrlich
war, versprach wiederholt, alles gewissenhaft und nach bestem Vermgen
zu besorgen.

Als Heideck am Nachmittag nach Antwerpen zurckkehrte, fand er auf
seinem Bureau die polizeiliche Benachrichtigung, da man Camille
Pnurots Leiche mit mehreren Messerstichen in Hals und Brust in einem
der Hafenbassins gefunden habe. Die Nachforschungen nach den Ttern
seien sofort aufgenommen worden. Bis jetzt aber fehle von ihnen noch
jede Spur.




[Illustration]




XXIX.


Nach der mit Heideck getroffenen Verabredung sollte Brandelaar bei
seiner Rckkehr von Dover in Vlissingen anlegen, und der Major hatte
die Wachtschiffe in der Mndung der Westerschelde angewiesen, die Smack
unbehelligt und ohne Aufenthalt passieren zu lassen. Aber er wartete
von Tag zu Tag vergeblich auf den Schiffer. Das Wetter konnte nicht
an der Verzgerung schuld sein; denn fr einen Mann von Brandelaars
Wagemut war es gewi nicht zu schlecht gewesen. Fast whrend der ganzen
Zeit hatte ein miger Nordwind geweht, so da ein geschickter Schiffer
die Fahrt von Dover nach Vlissingen recht wohl in einem Tage htte
zurcklegen knnen.

Es muten also andere Ursachen sein, die den Mann noch immer drben
zurckhielten. Und Heideck fing schon an zu frchten, da entweder
seine oft bewhrte Menschenkenntnis ihn diesmal doch im Stiche
gelassen habe, oder da Brandelaar in England das Opfer irgend einer
Unvorsichtigkeit geworden sei.

Fr heute -- es war eine volle Woche seit der Abfahrt des Schiffers
vergangen -- hoffte er am allerwenigsten auf seine Wiederkehr. Denn
der Nordwind hatte sich gegen Abend fast bis zum Sturm gesteigert und
rttelte ungeberdig an den Fenstern des Hotelzimmers, in dem Heideck
noch um Mitternacht am Schreibtisch sa.

Ein leises Klopfen veranlate ihn von seiner Arbeit aufzusehen. Wer
konnte noch in dieser spten Stunde zu ihm kommen? Eine Ordonnanz aus
seinem Tag und Nacht geffneten Bureau war es sicherlich nicht, denn
Soldatenfinger pflegen krftiger zu klopfen.

Auf sein >Herein< ffnete sich zgernd die Tr, und Heideck sah
in dem matt erleuchteten Korridor eine schlanke Gestalt in langem
Wachstuchmantel mit groem Schifferhute, dessen Krempe tief in die
Stirne gedrckt war.

Von einer tollen Vermutung durchzuckt, sprang Heideck auf. Noch in
demselben Augenblick aber ri der vermeintliche Jngling den Hut herab
und breitete mit einem Jubelschrei die Arme aus:

Mein teurer -- mein geliebter Freund!

Edith!

In diesem Augenblick verstummten in Heidecks Innern alle andern
Gedanken und Gefhle vor der bermchtigen Freude des Wiedersehens. Er
strzte auf Edith zu und ri sie an seine Brust. Lange sprachen beide
kein Wort. Aber sie wurden nicht mde, sich zu kssen und einander
lachend wie bermtige Kinder in die Augen zu sehen.

Dann endlich, sich langsam aus seinen Armen befreiend, sagte Edith:

Du zrnst mir also nicht, da ich trotz deines Verbots gekommen bin?
Du wirst mich nicht wieder von dir weisen?

Ihre Stimme drang ihm ins Ohr wie se, schmeichelnde Musik. Wo wre
der Mann gewesen, der dieser bestrickenden Stimme htte widerstehen
knnen?

Ich mchte dir wohl zrnen, mein Lieb, aber ich kann nicht -- bei
Gott, ich kann es nicht!

Und wieder begegneten sich ihre Lippen in einem langen, glhenden Kusse.

Ich htte nicht lnger leben knnen ohne dich, flsterte das junge
Weib. Ich mute dich wiedersehen, oder ich wre an meiner Sehnsucht
gestorben.

Du Se, Einzige! -- Aber diese Verkleidung? -- Und wie hast du es nur
angefangen, ber den Kanal zu kommen?

Ich habe den Weg eingeschlagen, den du mir gezeigt hast. -- Und meine
Verkleidung -- mifllt sie dir gar so sehr?

Sie hatte den hlichen, entstellenden Mantel abgeworfen und stand in
einem dunkelblauen Matrosenanzug vor ihm. Selbst in der malerischen
Kleidung eines indischen Radjah war sie ihm nicht reizender erschienen.

Was mir daran mifllt ist nur, da auch andere Augen als die meinigen
dich darin sehen durften. Aber du bist mir noch immer die Erklrung
schuldig geblieben, wie du hierher gelangen konntest.

Mit deinem Liebesboten, deinem Postillon d'amour, der freilich etwas
ungeschlacht und unbeholfen war fr eine so zarte Mission.

Wie? Mit Brandelaar kamst du? rief Heideck berrascht.

Ja! Schon in dem Augenblick, da ich deinen Brief aus seiner groben
Seemannsfaust empfing, war mein Entschlu gefat. Ich fragte ihn, ob
er nach Vlissingen zurckkehre, und als er es bejahte, erklrte ich,
da er mich mitnehmen msse, es koste was es wolle. Ich wrde ihm
unbedenklich mein ganzes Vermgen fr die Ueberfahrt bezahlt haben.
Aber der Gute hat es sehr viel billiger getan.

Du Unbesonnene! schalt Heideck. Aber der Stolz auf sein schnes,
unerschrockenes Lieb leuchtete ihm dabei hell aus den Augen. Ich werde
diesem Brandelaar ernsthafte Vorwrfe machen mssen, da er seine Hand
zu einem so gefhrlichen Spiel bieten konnte. Warum aber hat er so
lange mit der Rckkehr gezgert?

Ich glaube, er hatte allerlei Geschfte geheimnisvoller Art. Und nicht
er allein. Auch ich hatte meine Geschfte. Denn ich wollte nicht mit
leeren Hnden zu dir kommen, mein Freund!

Nicht mit leeren Hnden? Wie soll ich das verstehen?

Ich zerbrach mir den Kopf, womit ich dir wohl eine recht groe Freude
machen und deinen Zorn ber mein pltzliches Erscheinen beschwichtigen
knnte -- diesen schrecklichen Zorn, vor dem ich eine solche Angst
hatte. Und da ich von Brandelaar hrte, da es deine Aufgabe sei,
militrische Geheimnisse auszukundschaften --

Der gute Brandelaar ist ein Schwtzer. Es scheint ja, da deine
schnen Augen ihn verleitet haben, dir sein ganzes Herz auszuschtten.

Und wenn es so gewesen wre? fragte sie mit schelmischem Lcheln.
Httest du dann nicht alle Ursache, dich bei ihm wie bei mir dafr zu
bedanken? -- Aber freilich -- du weit ja noch nicht einmal, was ich
dir mitgebracht habe. Bist du denn gar nicht neugierig?

Doch nicht etwa ein militrisches Geheimnis?

Er sagte es in scherzendem Tone. Sie aber nickte mit wichtiger Miene.

Jawohl -- ein groes Geheimnis. Der Zufall war mein Bundesgenosse,
sonst wre ich schwerlich dazu gekommen. Da ist es! -- Aber sei gewi,
da ich eine entsprechende Belohnung dafr verlangen werde.

Sie hatte ihm einen verschlossenen Umschlag gereicht, den sie so lange
unter ihrer Kleidung verborgen gehalten hatte. Und als Heideck in
wachsender Spannung das darin befindliche Blatt entfaltete, erkannte er
auf den ersten Blick das blaue Stempelpapier der englischen Admiralitt.

Sobald er die ersten Zeilen gelesen, fuhr er in heftigster Erregung
auf. Sein Gesicht war dunkelrot geworden, und zwischen seinen
Augenbrauen lag pltzlich eine scharfe, tiefeingeschnittene Falte.

Was ist das? stie er hervor. Um Gottes willen, Edith, wie kamst du
zu diesem Papier?

Wie ich dazu kam? -- Ach, das ist doch ganz nebenschlich. Die
Hauptsache ist doch, ob es fr dich einen Wert hat oder nicht. Aber
freust du dich denn nicht darber?

Wie hypnotisiert starrte Heideck noch immer auf das mit den
gleichmigen Zgen einer gebten Kanzlistenhand beschriebene Blatt.

Unfabar! murmelte er. Und dann, indem er seine Augen pltzlich mit
einem beinahe drohenden Blick auf Edith richtete, wiederholte er:

Wie bist du dazu gekommen?

Du fragst wie ein Untersuchungsrichter. Aber du magst es in Gottes
Namen wissen. Der Bruder der Frau, bei der ich in Dover wohnte, ist
als Geheimsekretr bei der Admiralitt angestellt -- ein armer,
brustkranker Mensch, der keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als den,
sich auf Madeira oder in Aegypten von seinem Leiden zu kurieren.
Ich habe durch die Gewhrung der hierzu erforderlichen Mittel ein
menschenfreundliches Werk getan. Ich bat ihn, mir gegen ein weiteres
Geldgeschenk die Kopie eines wichtigen Schriftstckes seines Ressorts
zu geben.

Sie brach pltzlich ab, denn ein kurzes, schneidendes Auflachen
Heidecks hatte sie mit Schrecken und Bestrzung erfllt.

Ein menschenfreundliches Werk! wiederholte er im Tone unsglicher
Bitterkeit. Ja, wutest du denn auch, was dieser Mensch dir da
verkaufte?

Er sagte, es sei der Plan des englischen Flottenangriffs, und ich
dachte, das wrde dich interessieren.

Aber du warst dir der Tragweite deiner Handlung nicht bewut, nicht
wahr? du ahntest nicht, da deinem Vaterlande ein unberechenbarer
Schaden erwachsen knnte, wenn dieser Plan zur Kenntnis seiner Feinde
gelangte?

Etwas wie eine furchtbare Angst zitterte aus seiner Stimme. Edith aber
schien seine Aufregung nicht zu begreifen.

Ich verstehe dich immer weniger, sagte sie ungeduldig. Hier gibt
es doch nur zweierlei: Entweder hat dies Papier Bedeutung fr dich,
und dann solltest du mir umsomehr Dank wissen, je wichtiger es dir
erscheint. Oder der Schreiber hat mich hinsichtlich seines Wertes
getuscht. Und dann verlohnt es nicht der Mhe, noch ein Wort weiter
darber zu verlieren.

Siehst du es so an, Edith? fragte er traurig. Nur so? Dachtest du
nur an dich und an mich, als du mit deinem Golde einen Unglcklichen
bestachst, das schimpflichste aller Verbrechen zu begehen?

O, du hast starke Ausdrcke, Liebster! Ich war, bei Gott, auf
derartige Vorwrfe nicht gefat. Gewi dachte ich nur an dich und an
mich, und ich schme mich nicht im geringsten, es einzugestehen. Denn
fr mich gibt es eben auf der Welt nichts Wichtigeres als unsere Liebe.

Und dein Vaterland, Edith? -- Gilt es dir nichts?

Mein Vaterland -- was ist das? Ein Stck Erde mit Steinen, Bumen,
Tieren und Menschen, die mir gleichgltig sind, denen ich nichts
verdanke und nichts schuldig bin. Warum sollte ich sie mehr lieben,
als die Bewohner irgend eines anderen Himmelstriches, unter denen es
ebensoviele Gute und Schlechte gibt wie unter ihnen? Ich bin eine
Englnderin -- nun gut: -- Aber ich bin auch eine Christin. Und wer
drfte mich verdammen, wenn mir die Gebote des Christentums heiliger
wren als alle engherzigen, nationalen Rcksichten? Wenn der Besitz
dieses Papieres euch wirklich zu den Strkeren machte -- wenn England
statt des erhofften Sieges, der den Krieg ins Endlose verlngern wrde,
auch hier eine Niederlage davontrge -- was wre fr die Menschheit
damit verloren? Man wrde vielleicht um so eher Frieden schlieen, und
in gerechtem Stolz auf meine Tat wrde ich mich dann vor aller Welt zu
ihr bekennen.

Heideck hatte sie nicht unterbrochen, aber sie sah, da ihre Worte
keinen Weg gefunden hatten zu seinem Herzen. Mit dsterer Miene stand
er vor ihr, schwer atmend, wie einer, dem eine schwere Last die Brust
beengt.

Vergib -- aber ich vermag deinem Gedankengang nicht zu folgen, sagte
er mit einem traurigen Kopfschtteln. Es gibt Dinge, die sich nicht
beschnigen lassen, welches Mntelchen auch immer man ihnen umhngen
mag.

Nun denn, wenn es deiner Meinung nach etwas so Ungeheuerliches war,
was ich getan habe -- was hindert uns dann, es ungeschehen zu machen?
Gib mir das Papier zurck, ich werde es vernichten. Dann wird niemand
durch meinen Verrat einen Schaden erleiden.

Sie streckte ihren Arm nach dem Schriftstck aus, das Heideck noch
immer in den Hnden hielt. Aber er gab es ihr nicht, sondern barg es in
der Brusttasche seines Uniformrocks.

Dazu ist es zu spt. Jetzt, da ich wei, was dieses Blatt enthlt,
gebietet mir mein Pflichtgefhl als Offizier, mich seiner auch zu
bedienen. Du hast mich hier in einen furchtbaren Zwiespalt mit mir
selbst gebracht.

Ah, ist das deine Logik? Dein Ehrgefhl verbietet dir nicht, die
Frchte meines Verrats zu ernten; die Verrterin aber strafst du mit
dem ganzen Gewicht deiner Verachtung.

Er vermied es, ihrem flammenden Blick zu begegnen.

Ich sagte nicht, da ich dich verachte, aber -- --

Nun, was willst du anderes sagen?

Nochmals -- ich verachte dich nicht, aber es entsetzt mich, zu sehen,
wessen du fhig bist.

Ist das nicht mit anderen Worten dasselbe? Man kann das Weib nicht
lieben, vor dessen Handlungsweise man sich entsetzt. Sage mir's doch
frei heraus, da du mich nicht mehr lieben kannst!

Es wre eine Lge, Edith, wenn ich es sagte. Unser Glck hast du
gettet, nicht aber meine Liebe.

Sie hrte von seiner Erwiderung nichts als die letzten Worte, und mit
hell aufleuchtendem Blick warf sie sich an seine Brust.

So schilt mich nach Gefallen, du strenger Mann! Ich will geduldig
alles hinnehmen, wenn ich nur wei, da du mich noch liebst und da
du mein sein wirst, ganz mein, sobald dieser entsetzliche Krieg sich
nicht mehr wie ein Schreckgespenst immer aufs neue zwischen uns drngt.

Er hatte ihre Liebkosungen nicht erwidert, und nun drngte er sie mit
sanfter Gewalt von sich.

Verzeih, wenn ich dich jetzt verlassen mu, sagte er mit seltsam
gepreter Stimme, aber ich mu mit Tagesanbruch in Antwerpen sein.

Ist es wirklich so dringend? Darf ich dich denn nicht begleiten?

Nein, das ist nicht mglich, denn ich werde auf einer Lokomotive
fahren mssen.

Und wann kehrst du hierher zurck?

Heideck wandte sein Gesicht ab.

Ich wei es nicht. Vielleicht entsendet man mich weit fort von
hier, so da ich keine Mglichkeit finde, mich vorher von dir zu
verabschieden.

Mit anderen Worten -- du willst mich nicht wiedersehen? -- Du
schweigst? -- Du hast nicht das Herz, mich zu belgen! Mu ich dich
daran erinnern, da du geschworen hast, mir zu gehren, wenn du in
diesem Kriege das Leben behieltest?

Wenn ich das Leben behielte -- ja!

Der Ton seiner Erwiderung hatte sie getroffen wie ein Schlag. Und sie
brauchte ihm nicht einmal mehr ins Gesicht zu sehen, um zu wissen,
was in seinem Inneren vorging. Jetzt erst hatte sie begriffen, da es
keine Hoffnung mehr fr sie gab. Heideck hatte nicht gelogen, als er
sagte, da er sie noch immer liebte, und der Abscheu, den er vor ihrer
Handlungsweise empfand, entband ihn vor dem eigenen Gewissen nicht
von seinem Wort. Aber da er es doch zugleich als eine unumstliche
Gewiheit empfand, da er die Verrterin ihres Vaterlandes nimmermehr
zu seinem Weibe machen knnte, drngte seine Auffassung von der Ehre
des Mannes und des Offiziers ihn auf den einzigen Weg, der ihn aus
diesem furchtbaren Widerstreit der Pflichten hinausfhrte.

Er hatte geschworen, sie zu heiraten, wenn er lebend aus diesem Krieg
hervorginge. Und weil er seinen Schwur so wenig brechen wollte, als
er ihn halten konnte, war er in diesem Augenblick entschlossen, den
Zwiespalt dadurch zu lsen, da er den Tod suchte, den zu finden sein
Beruf ihm so leicht machte. Mit dem Scharfblick des liebenden Weibes
las Edith in seiner Seele wie in einem offenen Buche. Und sie kannte
ihn so gut, da sie sich keinen Augenblick der Illusion hingab, durch
Bitten oder durch Trnen seinen Sinn zu ndern. Sie wute, da dieser
Mann im stande war, alles fr sie zu opfern -- nur nicht seine Ehre.
Und nie war ihre Seele mehr erfllt gewesen von demtiger Bewunderung,
als in dem Augenblick, da die Erkenntnis, ihn fr immer verloren zu
haben, einen dunklen Schleier ber all ihre sonnigen Zukunftshoffnungen
breitete.

Sie sprach kein Wort. Und nun, da ihr Schweigen ihn veranlate, ihr
sein Gesicht wieder zuzuwenden, sah sie den Ausdruck namenloser Qual
in seinen sonst so beherrschten Zgen. Da erwuchs auch in ihr die
Kraft des groen, befreienden, opfermutigen Entschlusses. Und aus den
Niederungen egoistischer Leidenschaft erhob sich ihre Seele zu der Hhe
selbstlosen Entsagens. Nie aber war es ihre Art gewesen, nur halb zu
tun, was zu vollbringen sie sich einmal vorgenommen hatte. Was hier
geschehen mute, durfte nicht feige hinausgezgert werden, und kein
weichmtiger Abschied durfte Heideck erraten lassen, da ein Erkennen
seiner Absichten ihre Handlungsweise bestimmt hatte.

Mit jener heroischen Selbstberwindung, deren in solcher Lage
vielleicht nur ein Weib fhig ist, zwang sie sich zu uerer
Gelassenheit und Ruhe.

Dann hege ich keine Besorgnisse mehr wegen unserer Zukunft, mein
Freund, sagte sie mit einem schmerzlichen Lcheln nach langem
Schweigen. Und ich will dich jetzt nicht lnger zurckhalten; denn
ich wei ja, da deine soldatischen Pflichten dir ber alles andere
gehen mssen. Ich bin glcklich, da es mir vergnnt war, dich
wiederzusehen. Um der Erfllung deiner Pflicht in dieser ernsten,
kriegerischen Zeit nicht hinderlich im Wege zustehen, gebe ich dich
frei. Vielleicht fhrt deine Liebe dich einst freiwillig zu mir zurck.
Doch nun lebe wohl.

Ihr pltzlicher Entschlu und die Ruhe, mit der sie sich in die
abermalige Trennung fgte, muten ihm nach dem Vorhergegangenen fast
unbegreiflich erscheinen. Aber ihr schnes Gesicht verriet so wenig von
der verzweifelten Hoffnungslosigkeit ihres Herzens, da er nach kurzer
Ungewiheit auch diese seltsame Wandlung hinnahm, wie so viele andere
Ueberraschungen, die ihre rtselhafte Natur ihm schon bereitet hatte.

Sie hatte mit so ruhiger Festigkeit gesprochen, da er ihren Entschlu
unmglich lnger fr die Eingebung einer trotzigen oder zornigen Laune
halten konnte.

Um Gottes willen! Was hast du vor, Edith?

Ich werde eine Gelegenheit suchen, morgen nach Dover zurckzukehren.
Hier wrde ich dir doch nur im Wege sein.

Wir wrden uns dann also vor deiner Abreise nicht mehr sehen?

Du selbst, mein Freund, sagtest ja, da wenig Aussicht darauf
vorhanden wre.

Ich bin nicht Herr ber mich selbst -- und diese Nachricht --

Es bedarf keiner Entschuldigung, und die Rcksicht auf mich soll dich
nicht in der Ausbung deiner dienstlichen Pflichten behindern. Noch
einmal denn: Lebe wohl, mein Teurer, mein geliebter Freund! Der Himmel
schtze dich!

Sie warf sich an seine Brust und kte ihn; doch nur fr wenige
Sekunden umschlang ihr weicher Arm seinen Nacken. Sie wollte nicht
schwach werden, und doch fhlte sie, da sie nicht lange mehr die
Kraft haben wrde, sich zu beherrschen. Hastig raffte sie ihren
Wachstuchmantel vom Boden auf und griff nach dem Schifferhute.
Wohl hatte Heideck das heie Verlangen, ihr noch etwas Liebes und
Zrtliches zu sagen, aber es war, als ob ihm von einer unsichtbaren
Faust die Kehle zusammengepret wrde, und er brachte nichts anderes
ber die Lippen, als ein merkwrdig trocken klingendes:

Lebe wohl, mein Lieb! -- Lebe wohl!

Als er die Tr hinter ihr zufallen hrte, machte er eine ungestme
Bewegung, wie wenn er ihr nachstrzen und sie zurckhalten wollte.
Aber nach dem ersten Schritt blieb er stehen und prete die zur Faust
geballte Linke fest auf das strmisch pochende Herz. Ein Ausdruck
unbeugsamer Entschlossenheit war auf seinem gleichsam versteinerten
Gesicht, und um seine Mundwinkel hatten sich zwei tiefe, scharfe Linien
eingegraben, als wre er innerhalb dieser einzigen Stunde um ein
Jahrzehnt gealtert.




[Illustration]




XXX.


Der Schiffer Brandelaar hatte Edith den Namen des am Hafen gelegenen
Gasthofes genannt, in dem ihn eine Nachricht Heidecks noch whrend der
Nacht erreichen wrde, denn er mute voraussehen, da der Major den
Wunsch haben wrde, ihn so bald als mglich zu sprechen.

Nun war er nicht wenig berrascht, als er statt des erwarteten Boten
seinen schnen, verkleideten Passagier in das niedere, verrucherte
Schnkzimmer eintreten sah, und er ging Edith mit einer gewissen
unbeholfenen Ritterlichkeit entgegen, um sie vor der Neugier und
den Zudringlichkeiten der Mnner zu schtzen, die mit ihm am Tische
gesessen hatten, und deren verwitterte Gesichter ebensowenig
vertrauenerweckend aussahen, als ihre teerduftende, von Wind und Wetter
arg mitgenommene Kleidung.

Er wollte eine verwunderte Frage an sie richten, aber Edith kam ihm
zuvor.

Ich mu noch in dieser Nacht nach Dover zurck, sagte sie leise und
hastig. Wollen Sie mich hinber bringen? -- Ich zahle Ihnen dafr, was
Sie verlangen.

Bedchtig, aber mit aller Entschiedenheit schttelte der Schiffer den
Kopf.

Unmglich! -- Auch wenn ich schon wieder von hier fortknnte, bei
diesem Wetter wrde es doch nicht gehen.

Es mu gehen. Das Wetter ist nicht so schlecht. Und ich wei, da Sie
nicht der Mann sind, der sich vor einem Sturm frchtet.

Frchten -- nein! -- Und es mag wohl sein, da ich mit meiner Smack
schon schlimmere berstanden habe als diesen. Aber es ist etwas anderes
um die Gefahr, mit der man fertig werden mu, weil man ihr nicht
entrinnen kann, und um die, der man sich leichtsinnig aussetzt. Wenn
ich auf der Fahrt bin, mag kommen, was Gott gefllt; aber so -- --

Keine Worte, Brandelaar, fiel Edith ihm ungeduldig in die Rede. Wenn
Sie selber nicht fortknnen oder nicht fahren wollen, unter Ihren
Bekannten hier wird es doch sicher einen geben, der mutig und gescheit
genug ist, sich auf leichte Art ein paar hundert Pfund zu verdienen.

In den kleinen Augen des Schiffers leuchtete es auf.

Ein paar hundert Pfund? Liegt Ihnen wirklich so viel daran, noch heute
von Vlissingen fortzukommen? Wir sind ja doch kaum gelandet!

Ja, es liegt mir sehr viel daran. Und ich sagte Ihnen schon, da es
mir ganz gleichgltig ist, wieviel es kostet.

Der Schiffer, der offenbar schwankend geworden war, rieb sich
nachdenklich das Kinn.

Hm! -- Ich selber knnte es allerdings nicht machen. Ich habe wichtige
Nachrichten fr den Herrn Major, und er wrde es mir mit Recht
verbeln, wenn ich auf und davon ginge, ohne ihn auch nur gesprochen
zu haben. Aber vielleicht -- vielleicht knnte ich einen Schiffer
ausfindig machen, der sich auf das Wagestck einliee, vorausgesetzt,
da auch fr mich etwas dabei abfiele.

Gewi -- gewi! Ich begehre Ihre Geflligkeit nicht umsonst. Fnfzig
Pfund fr Sie in dem Augenblick, wo ich meinen Fu in das Boot setze.

Wohl! -- Und zweihundert fr den Schiffer und seine Leute -- nicht
wahr? Die Mnner setzen ihr Leben aufs Spiel -- das drfen Sie nicht
vergessen. Und sie mssen es auerdem verteufelt geschickt anstellen,
wenn sie unbemerkt an den deutschen Wachtschiffen vorbeikommen sollen.

Ja doch -- ja! Weshalb verlieren wir so viel Zeit mit dieser
berflssigen Verhandlung! Hier ist das Geld -- nun schaffen Sie mir
ein Boot!

Gehen Sie dort hinein, sagte Brandelaar, auf die Tr eines kleinen,
dunklen Nebenzimmers deutend. Ich will versuchen, ob es mein Freund
van dem Bosch tut.

Edith warf, ehe sie seiner Aufforderung Folge leistete, einen Blick zu
dem Manne hinber, auf den er mit einer Bewegung des Kopfes hingewiesen
hatte. Von gewinnender uerer Erscheinung war dieser vierschrtige
Seebr sicherlich nicht, aber sein abschreckendes Aussehen vermochte
Edith nicht eine Sekunde lang in ihrem Entschlu zu beirren.

Gut -- reden Sie mit Ihrem Freunde, Brandelaar! Aber sorgen Sie, da,
ich nicht zu lange auf seine Zusage warten mu.

       *       *       *       *       *

Und der wackere Brandelaar mute in der Tat ein sehr wirksames Mittel
der Ueberredung gefunden haben, denn es waren noch kaum zehn Minuten
vergangen, als er Edith melden konnte, da van dem Bosch bereit
sei, unter den angebotenen Bedingungen die Fahrt zu wagen. Von der
Gefhrlichkeit des Unternehmens sprach er jetzt nicht mehr, als frchte
er, die junge Englnderin damit von ihrem fr ihn so gewinnbringenden
Vorhaben abzuschrecken. Und es wurde von diesem Augenblick an berhaupt
nicht mehr viel von der Sache geredet. Der Weg bis zu der Stelle, wo
der Fischerkutter vor Anker lag, war nicht lang, und wacker kmpfte
sich Edith zwischen den beiden Mnnern, die schweigend an ihrer Seite
dahinstapften, gegen den in unregelmigen Sten vom Meere her
brausenden Nordsturm vorwrts. In einer Jolle ruderten sie zu dem
Fahrzeug hinber, und Brandelaar hatte, als er zum Quai zurckkehrte,
seine fnfzig Pfund richtig in der Tasche.

Wenn Sie der Herr Major nach mir fragt, drfen Sie ihm getrost die
volle Wahrheit mitteilen, hatte Edith ihm gesagt. Und auch einen Gru
von mir sollen Sie ihm ausrichten -- einen herzlichen Gru. Vergessen
Sie das nicht, Brandelaar!

       *       *       *       *       *

Die beiden Leute des Schiffers, die unten im Kutter schon im
tiefsten Schlafe gelegen hatten, mochten nicht wenig erstaunt und
sicherlich noch weniger erfreut sein ber die Zumutung dieser
nchtlichen Fahrt. Aber ein paar Worte, die der Schiffer in seiner
fr Edith unverstndlichen Sprache zu ihnen gesprochen, hatten ihre
Unzufriedenheit sehr schnell verscheucht. Willig griffen sie jetzt zu,
um die Segel zu setzen und Anker zu lichten. Die mchtigen Fuste des
Schiffers erfaten das Steuer; das kleine, fest gebaute Fahrzeug machte
eine kurze Drehung und scho dann, weit nach einer Seite berliegend,
in die Dunkelheit hinaus.

Nahe genug kam es an der >Gefion< vorber, und wenn es zufllig von
dem Lichtkegel des Scheinwerfers getroffen worden wre, der von Zeit
zu Zeit suchend ber die bewegte Wasserflche hinhuschte, so htte
die nchtliche Fahrt jedenfalls eine sehr unliebsame Unterbrechung
erfahren. Aber der Zufall war dem tollkhnen Unternehmen gnstig. Kein
Zuruf oder Signal von Bord des Wachtschiffes hielt sie auf, und bald
waren die Lichter von Vlissingen im Dunkel verschwunden.

Edith hatte seit der Abfahrt am Mast des Fahrzeuges gestanden, den
Blick unverwandt rckwrts gewendet -- dahin, wo sie alles lie, was
ihrem Leben bis zu dieser Stunde Wert und Inhalt gegeben hatte. Der
Schiffer und seine beiden Leute, die bei dem ungleichmigen Winde
genug mit ihren Segeln zu tun hatten, schienen sich nicht um sie zu
kmmern, und erst als pltzlich eine heftige Regenb einsetzte, rief
ihr van dem Bosch zu, ob sie nicht lieber hinunter gehen wolle, wo sie
doch wenigstens gegen Wind und Wetter geschtzt sei.

Aber Edith rhrte sich nicht von der Stelle. Fr ihre von allen
Qualen einer grenzenlosen Verzweiflung durchwhlte Seele waren das
Toben des Sturmes, das Klatschen des niederprasselnden Regens und das
zischende Aufspritzen der an den Planken des Bootes zerschellenden
Wellen gerade die rechte Musik. Der nchtliche Aufruhr um sie her
stimmte so ganz zu dem Aufruhr in ihrem Innern, da sie ihn fast wie
eine Befreiung empfand. Die Kerkerenge einer niedrigen Kajte wre
ihr jetzt unertrglich gewesen. Nur da sie die von dem Salzduft des
nahen Meeres geschwngerte Luft in vollen Zgen atmen, da sie ihr
Gesicht dem Sturm, dem Regen und dem Wogengischt preisgeben konnte,
hielt ihre Kraft aufrecht. Es war wie ein physischer Kampf, den sie
gegen die brutalen Gewalten der Natur zu bestehen hatte, und seine
nervenaufstachelnde Wirkung half ihr wohlttig ber den Jammer ihrer
zerrissenen Seele hinweg.

Sie hatte keinen Mastab fr Zeit und Raum. Nur an dem orkanartigen
Anschwellen des Sturmes, an dem immer wuchtiger werdenden Anprall
der Wellen und dem wilderen Tanz des Bootes nahm sie wahr, da es
das offene Meer sein mute, auf dem sie sich befand. Sie war trotz
des Wachstuchmantels vllig durchnt, und ein Kltegefhl, das von
den Fen herauf allmhlich ihren ganzen Krper erfate, lie ihre
Glieder erstarren. Aber sie kam trotz alledem nicht einen Augenblick
in Versuchung, sich nach unten in den Kielraum zurckzuziehen. Und der
Gedanke an eine Gefahr blieb ihr fern. Sie hrte die Matrosen fluchen,
und zweimal schlug ein Zuruf des Schiffers an ihr Ohr, der irgend eine
gebieterische Aufforderung zu enthalten schien. Aber um das alles
kmmerte sie sich nicht. Wie wenn sie bereits von allem Irdischen
losgelst wre, verhielt sie sich vollstndig gleichgltig gegen das,
was um sie her geschah. Je unempfindlicher ihr von der durchdringenden
feuchten Klte gelhmter Krper wurde, desto unbestimmter, traumhafter
wurden alle auf sie einwirkenden Sinneseindrcke. Es war ihr, als
htte sie jeden festen Boden unter den Fen verloren, als flge sie
auf Sturmesschwingen, frei von allen Hemmungen krperlicher Schwere,
durch den unbegrenzten Raum. Und all das Brausen, Heulen, Prasseln
und Pltschern der entfesselten Elemente flo ihr in ein eintniges,
majesttisches Rauschen zusammen, das nichts Erschreckendes, sondern
nur noch etwas wundersam Beruhigendes fr sie hatte. Ihren langsam
entschwindenden Sinnen wurde der Aufruhr zur erhabenen Harmonie, und so
ganz fhlte sie sich eins mit der groen, allgewaltigen Natur, da das
letzte Gefhl, dessen sie sich bewut wurde, ein heies, inbrnstiges
Sehnen war, in dieser groen Natur aufzugehen, wie eine der ungezhlten
Wogen, deren Schaum im Vergehen ihre Fe netzte.

       *       *       *       *       *

Ein Knall, der scharf wie ein Schu das Chaos von Geruschen bertnte
-- ein lautes Knattern -- und ein paar wilde Flche aus rauhen
Seemannskehlen! Wie ein Korkstckchen tanzte und schwankte pltzlich
das Boot auf den Wellen, whrend das groe Segel im Sturm flatterte,
als ob es in der nchsten Sekunde zu tausend Fetzen zerrissen werden
mte.

Das Pikfall war gebrochen, und die ihres Haltes beraubte Gaffel
schlug mit furchtbarer Gewalt nach unten. Mit der ganzen Kraft
seiner riesenstarken Arme legte sich der Schiffer in das Steuer, um
das Fahrzeug an den Wind zu bringen. Die beiden anderen Mnner aber
arbeiteten wie Verzweifelte, um das Segel festzumachen.

An die verkleidete Frau im Wachstuchmantel, die so lange regungslos wie
eine Statue am Mast gestanden, dachte in diesen Augenblicken hchster
Gefahr keiner von den dreien. Erst als das schwierige Werk glcklich
vollbracht war, bemerkten sie ihr Verschwinden. Mit verstrten
Gesichtern sahen sie sich an. Und der Schiffer am Steuer sagte:

Sie ist ber Bord gegangen. Die Gaffel hat sie wohl an den Kopf
getroffen. Da ist nichts mehr zu machen. Warum wollte sie auch an Deck
bleiben!

Er rusperte sich und spuckte nach Seemannsart ins Meer.

Die beiden anderen sprachen kein Wort. Schweigend gehorchten sie den
Befehlen des Schiffers, der wieder auf die Scheldemndung zuhalten
wollte.

Einen Rettungsversuch machten sie nicht. Es wre ja auch ein vllig
zweckloses Beginnen gewesen. -- --




[Illustration]




XXXI.


Der letzte fahrplanmige Zug nach Antwerpen war lngst abgegangen,
als Heideck auf dem Bahnhof ankam. Aber es bedurfte nur einer
kurzen Verhandlung mit dem Eisenbahnlinien-Kommissar, um den Wunsch
des Majors, ihm eine Lokomotive zur Verfgung zu stellen, sofort
zu erfllen. Als er den Heizerstand bestiegen hatte, legte der
Stationsvorsteher salutierend die Hand an die Mtze und gab dem
Lokomotivfhrer das Zeichen zur Abfahrt. Wie ein schneidender,
krperlicher Schmerz fuhr es fr einen Moment durch Heidecks Brust,
als die Maschine sich stampfend in Bewegung setzte. Was er bei
dieser Abreise fr immer hinter sich lie, war das Glck seines
Lebens. Eine dumpfe, lhmende Traurigkeit lag auf seinem Herzen. Er
erschien sich selber wie ein seelenloser Mechanismus, der gleich
dieser keuchenden, rastlos vorwrts strebenden Lokomotive in blindem
Gehorsam einem fremden Willen untertan war. War doch all sein
Handeln jetzt nicht mehr durch eigene Entschlieungen bestimmt,
sondern durch ein unerbittliches, hheres Gesetz -- durch das eherne
Gesetz der Pflicht. Er hatte keine persnliche Freiheit und keine
persnliche Verantwortlichkeit mehr. Sein Weg war ihm so klar und
scharf vorgezeichnet, wie ihn die eisernen Schienengeleise auch diesem
Dampfwagen vorschrieben. Mit fest zusammengepreten Lippen blickte er
unverwandt vor sich hinaus. Was hinter ihm lag, mute ja fr immer fr
ihn abgetan sein. Nur ein gebieterisches >Vorwrts< durfte fortan noch
seine Losung sein. -- -- --

Um sechs Uhr morgens stand er vor dem kniglichen Schlosse an der Place
de Meir, wo der Prinz-Admiral sein Quartier aufgeschlagen hatte. Knig
Leopold hatte ihm das Schlo als Wohnung angeboten.

Trotz der frhen Stunde wurde Heideck sofort in das Arbeitskabinett des
Prinzen gefhrt.

Knigliche Hoheit, sagte Heideck, ich bringe eine Meldung von
grter Wichtigkeit. Diese Ordre der englischen Admiralitt ist in
meine Hnde gefallen.

Der Prinz wies ihm einen Platz neben seinem Schreibtisch an.

Lesen Sie mir bitte die Ordre vor, Herr Major!

Heideck verlas das bedeutungsvolle Schriftstck:

  >Den Lords der Admiralitt erscheint es wnschenswert, die deutsche
  Flotte als die schwchere zuerst anzugreifen. Dieser Angriff auf die
  deutsche Flotte mu ausgefhrt werden, bevor die russische im stande
  ist, ihr im Hafen von Kiel zu Hilfe zu kommen. Daher ist am 15. Juli
  ein gleichzeitiger Angriff auf die beiden Stellungen der deutschen
  Flotte zu richten.<

Am 15. Juli? wiederholte der Prinz, der sich in groer Erregung
erhoben hatte. Und heute haben wir den elften! Wie sind Sie in den
Besitz dieser Ordre gekommen, Herr Major? Welche Beweise haben Sie fr
die Echtheit dieses Schriftstckes?

Ich habe die triftigsten Grnde, Knigliche Hoheit, es fr echt zu
halten. Knigliche Hoheit wollen sich berzeugen, da diese Ordre auf
dem blauen Stempelpapier der englischen Admiralitt geschrieben ist.

Sehr wohl, Herr Major! -- Aber das wrde eine Flschung doch nicht
ausschlieen. Wie kamen Sie in den Besitz des Papiers?

Knigliche Hoheit wollen mir gndigst eine Erklrung darber erlassen.

Dann lesen Sie weiter!

Heideck folgte diesem Befehl:

  >Am genannten Tage hat die Flotte von Kopenhagen den Kieler
  Hafen anzugreifen. Zwei Linienschiffe legen sich vor die Festung
  Friedrichsort und das Fort Falkenstein auf der westlichen Seite, zwei
  andere Linienschiffe vor die Festungswerke bei Lab und Mltenort
  auf der stlichen Seite der Kieler Frde und unterhalten ein so
  intensives Feuer auf die Festungswerke, da die brige Flotte hinter
  ihnen und in ihrem Schutze in den Hafen einfahren kann.

  Im Kieler Hafen liegen etwa hundert Transportschiffe und einige
  ltere Panzerschiffe und Kreuzer, die dem Angriff unserer Flotte
  keinen ernstlichen Widerstand entgegensetzen knnen. Alle diese
  Schiffe mssen mit uerster Schnelligkeit und Wucht angegriffen
  werden. Es ist das Hauptaugenmerk darauf zu richten, da ein
  Linienschiff sogleich bis zum Eingang des Kaiser-Wilhelm-Kanals
  vordringt, um den deutschen Schiffen den Rckzug durch diesen Kanal
  abzuschneiden. Smtliche im Hafen liegenden deutschen Schiffe sind
  zu zerstren. Der Angriff ist dadurch einzuleiten, da einige
  Kreuzer der brigen Flotte voran in die Kieler Frde einlaufen, ohne
  Rcksicht darauf, da sie durch Seeminen in die Luft gesprengt werden
  knnten. Diese Fahrzeuge sind eventuell zu opfern, um die Einfahrt
  frei zu machen.

  Zum Angriff auf die deutsche Flotte in der Schelde, der ebenfalls
  am 15. Juli erfolgen mu, hat Vizeadmiral Domvile aus den
  Kanalgeschwadern und der Kreuzerflotte eine Flotte von zwei
  Divisionen zu bilden.

  Die erste Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: >Bulwark<
  (Flaggschiff des Vizeadmirals Domvile), >Albemarle<, >Duncan<,
  >Montagu<, >Formidable<, >Renown<, >Irresistible< und >Hannibal<.
  Ferner aus den Kreuzern >Bacchante< (Kontreadmiral Walker),
  >Gladiator<, >Najad<, >Hermione<, >Minerva<, >Rainbow<, >Pegasus<,
  >Pandora<, >Aboukir<, >Vindictive< und >Diana<.

  Ferner aus den Torpedobootzerstrern: >Dragon<, >Griffon<,
  >Panther<, >Locust<, >Boxer<, >Mallard<, >Coquette<, >Cygnet< und
  >Zephyr<.

  Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.

  Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff
  werden der Division zugeteilt.

  Die zweite Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: >Majestic<
  (Vizeadmiral Lord Beresford), >Magnificent< (Kontreadmiral Lambton),
  >Cornwallis<, >Exmouth<, >Russell<, >Mars<, >Prince George<,
  >Victorious< und >Caesar<.

  Ferner aus den Kreuzern: >St. George< (Kommodore Winsloe), >Sutley<,
  >Niobe<, >Brillant<, >Doris<, >Furious<, >Pactolus<, >Prometheus<,
  >Juno<, >Pyramus< und >Pioneer<.

  Ferner aus den Torpedobootzerstrern: >Myrmidon<, >Chamois<, >Flying
  Fish<, >Kangaroo<, >Desperate<, >Fawn<, >Ardent<, >Ariel< und
  >Albatro<.

  Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.

  Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff sind
  der Division zuzuteilen.

  Ein Geschwader unter dem Kommodore Prinz Louis von Battenberg
  (Flaggschiff: >Implacable<) bleibt in Reserve, um die etwaige
  Annherung einer franzsischen Flotte zu beobachten. Fr den Fall,
  da eine solche sich zeigt, hat die erste Division sich mit diesem
  Reservegeschwader unter dem Oberbefehl des Vizeadmirals Domvile zu
  vereinigen und die franzsische Flotte mit aller Energie anzugreifen,
  whrend es der zweiten Division berlassen bleibt, den Kampf mit
  der deutschen Flotte aufzunehmen. Die fr den Angriff der ganzen
  Flotte gegebenen Befehle gelten alsdann allein fr die zweite
  Division. Seiner Majestt Regierung erwartet, da die Division im
  stande sein wird, auch ohne Hilfe der ersten Division den Feind zu
  besiegen. Sobald die Aufklrungsschiffe der zweiten Division die
  deutschen Wachtschiffe aus der Mndung der Westerschelde vertrieben
  haben, hat die linke Flgelgruppe der Schlachtschiffe das Feuer auf
  Vlissingen, die rechte auf die Landbefestigungen des sdlichen Ufers
  zu erffnen. Doch halten sich die Flgel nicht auf, sondern dampfen
  mit der brigen Flotte weiter, und die ganze Division dringt bis
  gegen Antwerpen oder so weit vor, bis sie die deutsche Schlachtflotte
  trifft. Diese Flotte ist mit uerster Energie anzugreifen.

  Die nheren Bestimmungen ber die Art des Angriffs bleiben dem
  Vizeadmiral Domvile berlassen.

  Sollte sich wider Erwarten die deutsche Schlachtflotte beim Beginn
  des Angriffs in der Scheldemndung zu einem Vorgehen ihrerseits
  entschlieen, so mu der kommandierende Admiral den Umstnden
  gem nach eigenem Ermessen handeln, wobei in erster Linie zu
  bercksichtigen ist, da mehr daran liegt, mglichst viele deutsche
  Schiffe wegzunehmen, als sie zu zerstren, um die genommenen Schiffe
  fr den weiteren Verlauf des Krieges im eigenen Dienst zu verwenden.<

Schweigend war der Prinz-Admiral dieser Vorlesung gefolgt. Deutlich
spiegelte sich auf seinem Antlitz die Erregung wieder, in die das
Gehrte ihn versetzt hatte.

Eine starke innere Wahrscheinlichkeit spricht fr die Echtheit dieser
Ordre, sagte er nachdenklich, aber ich mchte dafr doch noch
andere und zuverlssigere Beweise haben; denn die Mglichkeit einer
absichtlichen Irrefhrung ist nicht ausgeschlossen. Woher stammt dieses
Schriftstck, Herr Major?

Knigliche Hoheit haben bereits meine untertnigste Meldung darber
erhalten, da ich den Schiffer Brandelaar, den ich als englischen Spion
verhaftet hatte, bewogen habe, fortan in unserem Interesse ttig zu
sein. Brandelaars Boot hat diese Ordre gebracht.

Wo ist dieser Mann?

Sein Boot liegt im Hafen von Vlissingen.

Und auf welche Weise will Brandelaar in den Besitz dieses
Schriftstckes gelangt sein?

Nicht Brandelaar selbst hat mir die Ordre bergeben, sondern eine
Dame, eine Englnderin, die mit ihm von Dover herbergekommen ist.
Meine Ehre legt mir Schweigen auf. Ich darf den Namen dieser Dame
nicht nennen, aber ich hege die feste Ueberzeugung und glaube, mich
dafr verbrgen zu knnen, da das Schriftstck im Bureau des Admirals
Hollway wortgetreu nach dem Original kopiert worden ist.

Man wird wohl bald Mittel und Wege finden, sich darber zu
vergewissern, ob die britische Flotte Vorbereitungen zur Ausfhrung
dieser Ordre trifft. Jedenfalls wre dann endlich der Zeitpunkt zu
energischem Handeln gekommen. Seine Majestt hat ein hnliches Vorgehen
der britischen Flotte vorausgesehen, und wir haben nunmehr den Plan des
allerhchsten Kriegsherrn auszufhren. -- Ich danke Ihnen, Herr Major!

Heideck verneigte sich und wandte sich zum Gehen. Er fhlte, da es
mit seinen Krften beinahe zu Ende sei, und bewahrte nur noch mit Mhe
seine straffe, militrische Haltung.

Als er schon auf der Schwelle stand, kehrte der Prinz sich ihm noch
einmal zu:

Ich glaube Ihnen eine Ehre damit zu erweisen, Herr Major, wenn ich
Ihnen Gelegenheit gebe, dem groen Ehrentage unserer jungen Flotte in
meiner unmittelbaren Umgebung als Augenzeuge beizuwohnen. Melden Sie
sich am Morgen des 15. Juli bei mir an Bord meines Flaggschiffes. Fr
die Besetzung Ihres jetzigen Postens werde ich Sorge tragen.

Knigliche Hoheit sind sehr gndig!

Sie haben Anspruch auf meinen Dank. Auf Wiedersehen also, Herr Major!

Ohne eine Minute zu verlieren, berief der Prinz den diensttuenden
Adjutanten und erteilte ihm den Befehl, sofort mehrere Kopieen des
englischen Flottenplanes anfertigen zu lassen.

Eine dieser Kopieen war fr den kommandierenden Admiral der
franzsischen Flotte in Cherbourg bestimmt, und dem Feldjger, der das
Papier berbringen sollte, gab der Prinz ein eigenhndiges Schreiben
mit, worin er den Admiral dringend ersuchte, alles daran zu setzen, um
mit einer mglichst starken Schlachtflotte am 15. frh vor Vlissingen
erscheinen zu knnen und der deutschen Flotte in ihrem Kampf gegen die
berlegene englische Flotte zu Hilfe zu kommen.




[Illustration]




XXXII.


  >Mein lieber Freund und Kamerad! Obwohl mir das Schreiben noch
  recht sauer fllt, kann ich es mir doch nicht versagen, der Erste
  zu sein, der Sie zur Verleihung des Ordens vom >Heiligen Wladimir<
  beglckwnscht. Ein in unserem Kriegsministerium beschftigter Freund
  benachrichtigt mich soeben von der heute erfolgten Unterzeichnung der
  Verleihungsurkunde, und ich hoffe, da diese Dekoration, auf die Sie
  sich durch Ihre bei der Besetzung von Simla geleisteten Dienste einen
  so berechtigten Anspruch erworben haben, Ihnen einige Freude bereiten
  wird. Sie wissen ja, da der >Wladimir< nur an Russen oder an Fremde,
  die in russischen Diensten stehen, verliehen werden darf, und Sie
  werden darum einer der wenigen deutschen Offiziere sein, deren Brust
  dieses hierzulande sehr hoch gehaltene Ehrenzeichen schmckt.

  Da mein Glckwunsch aus St. Petersburg datiert ist, wird Sie
  Wunder nehmen; denn Sie vermuten mich ohne Zweifel noch unten im
  sonnigen Indien, dem Schauplatz unserer gemeinsam bestandenen
  Kriegsabenteuer. Sicherlich wre ich auch bis zur Beendigung des
  Feldzuges dort geblieben, wenn nicht eine englische Kugel meiner
  militrischen Ttigkeit -- wie Sie sich denken knnen, allzufrh fr
  meinen Ehrgeiz -- vorlufig ein Ziel gesetzt htte. Unversehrt aus
  zwei groen Schlachten und einer ganzen Anzahl kleiner Scharmtzel
  hervorgegangen, mute ich mich leider bei einem ganz unbedeutenden
  und ruhmlosen Zusammensto zum Invaliden schieen lassen. Und wenn
  nicht ein heldenmtiges Weib meine Retterin gewesen wre, htten Sie
  von Ihrem alten Freunde Tschadschawadse nichts anderes mehr gehrt,
  als da auch er unter den auf dem Felde der Ehre Gebliebenen gewesen
  sei.

  Erraten Sie den Namen dieses Weibes, Herr Kamerad? Ich denke wohl,
  da mein angeblicher Page Georgij Ihrer Erinnerung nicht ganz
  entschwunden ist, und ich sage Ihnen wohl nichts neues, wenn ich
  heute den Schleier des Geheimnisses lfte, mit dem ich in Indien aus
  naheliegenden Grnden seine Beziehungen zu mir umgeben mute. Georgij
  war ein Mdchen, und sie hat mir jahrelang nher gestanden als irgend
  jemand. Sie war zwar einfacher Herkunft und besa sehr wenig von
  dem, was wir Bildung nennen. Aber sie war mir trotzdem das liebste
  Geschpf, dem ich auf meinen Fahrten durch die Lnder zweier Erdteile
  begegnet bin; ein wunderbares Gemisch von Wildheit und Herzensgte,
  von unbndigem Stolz und selbstloser, hingebender Zrtlichkeit; ein
  Kind und eine Heldin. Aus reiner Zuneigung, nicht um irgend eines
  Vorteiles willen, hatte sie sich mir zu eigen gegeben und war mir auf
  meinen Reisen gefolgt. Ihr eigener Wille war es gewesen, die Rolle
  eines Dieners zu spielen. Ich will indessen nicht damit sagen, da
  sie niemals von der Macht, die sie ber mich besa, Gebrauch gemacht
  htte, denn sie war stolz und wute zu herrschen.

  Einmal -- es war im Beginn unserer indischen Reise -- hatte ich,
  aufs uerste gereizt durch ihren trotzigen Stolz, meine Hand gegen
  sie erhoben. Ein einziger Blick des Mdchens brachte mich sofort
  zur Besinnung, noch ehe die Zchtigung erfolgt war. Und spter, als
  mein Blut sich lngst beruhigt hatte, sagte sie mir, den flammenden
  Zorn noch immer in den Augen: >Httest du mich wirklich geschlagen,
  so wre ich auf der Stelle von dir gegangen, und keine Bitte htte
  mich je bestimmt, zu dir zurckzukehren.< Ich lachte ber ihre
  Worte, aber ich beherrschte mich fortan mehr, und so lebten wir in
  vollkommener Eintracht bis zu dem Tage, da Georgij Ihnen, mein werter
  Herr Kamerad, in Lahore das Leben rettete. Sie war es, die mir die
  Schreckensnachricht brachte, man fhre Sie zum Tode. Nie zuvor hatte
  ich das Mdchen in so furchtbarer Aufregung gesehen als in jenem
  Augenblick. Ihre Augen glhten und ihr ganzer Krper zitterte. Es
  war, als wollte sie mich mit Peitschenhieben vorwrts treiben, damit
  ich den rechten Moment nicht versume. Ich war selber zu bestrzt,
  um mir ber die seltsame Erregung des Mdchens lange den Kopf zu
  zerbrechen. Aber als Ihre Rettung dann geglckt war, als Sie sich
  geborgen in meinem Zelte befanden, und als ich Georgij aufsuchte,
  um ihr das Ergebnis meiner Intervention mitzuteilen, da geriet sie
  in einen solchen Paroxismus der Freude, da mir wahrhaftig nicht
  das geringste htte an ihr gelegen sein mssen, wenn ihr Jubel
  nicht einen bsen eiferschtigen Verdacht in mir wachgerufen htte.
  Hingerissen von der Erregung, schleuderte ich ihr ein heftiges Wort
  entgegen, und dann, da sie mir eine trotzig herausfordernde Antwort
  gab -- es war eben ihr und mein Unglck, da ich die Reitpeitsche
  gerade in der Hand hatte -- dann war das Hliche geschehen, das ich
  lieber als irgend eine andere meiner vielen Torheiten ungeschehen
  machen mchte. Sie hatte den Schlag hingenommen, ohne einen Laut von
  sich zugeben. Aber im nchsten Augenblick war sie verschwunden, und
  ich wartete vergebens auf ihre Wiederkehr. Bis zu unserem Aufbruch
  nach Simla lie ich berall nach ihr suchen, ohne da einer meiner
  Leute ihre Spur gefunden htte. Ich selbst gab sie schon damals fr
  immer verloren. Als wir dann nach Lahore zurckgekehrt waren und nach
  Delhi weitermarschierten, wurde mir hier und da von einem in indische
  Gewnder gekleideten Mdchen berichtet, das in der Nhe unserer
  Truppe aufgetaucht sei und meinem verschwundenen Pagen Georgij
  hnlich gesehen habe. Aber sobald ich dann nach diesem Mdchen
  forschte, war es, als ob die Erde sie verschlungen htte, und unter
  den rasch wechselnden Eindrcken des Krieges begann ihr Bild langsam
  in mir zu verblassen.

  Bei einem Rekognoszierungsritt, den ich eines Tages mit meinem
  Regimentsstab und einer geringen Bedeckung bei Lucknow unternahm,
  gerieten wir durch selbstverschuldete Sorglosigkeit in einen von
  den Englndern gelegten Hinterhalt, der dem greren Teil meiner
  Begleiter das Leben kostete. Mich hatte gleich im Beginn des
  Gefechtes ein Schu in den Rcken aus dem Sattel geworfen. Man hielt
  mich fr tot, und die wenigen meiner Gefhrten, die sich durch die
  Flucht zu retten vermochten, hatten nicht Zeit, die Gefallenen
  mitzunehmen. Als ich aus langer Bewutlosigkeit wieder erwachte,
  sah ich, wie eine Anzahl bewaffneter Inder die auf dem Kampfplatz
  zurckgebliebenen Toten und Verwundeten ausplnderte. Einer der
  braunen Teufel nherte sich auch mir. Und als er sah, da ich mich
  aufrichtete, um nach meinem Revolver zu tasten, strzte er mit
  geschwungenem Sbel auf mich zu. Ich parierte den ersten nach meinem
  Kopf gefhrten Hieb mit dem rechten Arm. Wehrlos, wie ich war, machte
  ich mich schon auf das Schlimmste gefat. Aber im selben Augenblick,
  als der Halunke zum zweiten Hieb ausholte, taumelte er rckwrts
  und brach lautlos zusammen. Es war Georgij, die mir durch ihren
  wohlgezielten Schu das Leben gerettet hatte.

  Mit den von unserem Lager aus zur Bergung der Toten und Verwundeten
  entsandten Dragonern war sie gekommen und den Reitern um ein gutes
  Stck voraus gewesen. So war es ihr mglich geworden, mich zu retten.

  Ich war zu sehr entkrftet, um viele Fragen an sie zu richten, und
  ber den wenigen Augenblicken dieses Wiedersehens liegt es in meiner
  Erinnerung wie ein Schleier.

  Acht Tage lang lag ich zwischen Leben und Tod. Dann siegte meine
  unverwstliche Natur. Wie gro meine Sehnsucht war, Georgij
  wiederzusehen, werden Sie begreifen, liebster Freund! Aber sie war
  nicht mehr im Lager, und niemand konnte mir ber ihren Verbleib
  Auskunft geben. So wie sie an jenem Tage pltzlich aufgetaucht war,
  ebenso war sie wieder verschwunden. Und diesmal mu ich mich wohl mit
  der Ueberzeugung abfinden, da ich sie fr immer verloren habe. Noch
  auf dem Krankenlager erhielt ich neben einer sehr schmeichelhaften
  Befrderung die Ordre, mich nach St. Petersburg zu begeben, und
  sobald es mein Zustand gestattete, machte ich mich auf die Reise.

  Verzeihen Sie, lieber Freund, da ich so lange bei einer persnlichen
  Angelegenheit verweilte, die fr Sie ja am Ende nur wenig Interesse
  haben kann.

  Von den mannigfachen Wechselfllen dieses Krieges, der nun schon
  Werte von ungezhlten Millionen vernichtet und Hunderttausende
  hoffnungsvoller Menschenleben gekostet hat, sind Sie ja ebenso gut
  unterrichtet wie ich. Ich mchte Sie fast darum beneiden, da es
  Ihnen noch vergnnt ist persnlich Zeuge der groen Ereignisse zu
  sein, whrend ich zu der Rolle eines unttigen Zuschauers verurteilt
  bin. Aber ich glaube nicht mehr an eine lange Dauer des Kampfes. Die
  Opfer, die er den Vlkern auferlegt, sind zu gro, um noch Monate
  hindurch getragen zu werden. Alles drngt einer raschen Entscheidung
  zu, und ich bin nicht im Zweifel, wie sie fallen wird. Denn wenn
  auch die bisherigen Niederlagen und Verluste der Englnder teilweise
  aufgewogen werden durch ihre hier und da errungenen Erfolge, so wrde
  doch ein einziger groer Seesieg der verbndeten Mchte den Ausschlag
  zu Ungunsten Grobritanniens endgiltig geben. Man hat bisher auf
  beiden Seiten gezgert, diese Entscheidung herbeizufhren, aber man
  lebt hier der Ueberzeugung, da schon die nchsten Wochen endlich
  die lngst mit Spannung erwarteten groen Ereignisse auf dem Wasser
  bringen werden.

  Noch immer begegne ich zu meinem Befremden in der auslndischen
  Presse vielfach einer abflligen Kritik unseres Friedensvertrages mit
  Japan. Allerdings hatte sich ja in der zweiten Phase des japanischen
  Feldzuges das Kriegsglck zu unseren Gunsten gewendet, doch der Kampf
  um Indien war fr Ruland so wichtig, da es seine Krfte nicht
  lnger zersplittern wollte. Deshalb konnten wir Japan goldene Brcken
  bauen, und so kam der Frieden von Nagasaki zu stande. Der deutsche
  Reichskanzler ist durch den Anteil, den er an dem Abschlu dieses
  Friedens gehabt hat, eine sehr populre Persnlichkeit auch hier in
  Ruland geworden.

  Haben Sie vielleicht Gelegenheit gehabt, dem Reichskanzler persnlich
  nahe zu treten? Dieser Baron Grubenhagen mu eine gewaltige
  Persnlichkeit sein.

  Ich lasse diesen Brief auf dem Umwege ber Berlin an Sie gelangen,
  denn ich wei nicht, wo Sie sich augenblicklich befinden. Aber ich
  hoffe, da er richtig in Ihre Hnde kommt und da Sie gelegentlich
  einmal Zeit finden, durch ein Lebenszeichen zu erfreuen

                        Ihren alten Freund

                                           Tschadschawadse.<

Heideck hatte den in franzsischer Sprache geschriebenen Brief des
Frsten, den er nach seiner Rckkehr aus Antwerpen vorgefunden, rasch
berflogen. Nicht einmal die Kunde von der ehrenvollen Auszeichnung,
die ihm durch die Verleihung des russischen Ordens zu teil geworden
war, hatte einen Schimmer der Freude auf seinem ernsten Antlitz
hervorzurufen vermocht. Der liebenswrdige russische Frst und
sein schner Page, sie waren ihm wie Gestalten aus einer fernen,
unendlich weit hinter ihm liegenden Zeit. Die Ereignisse der letzten
vierundzwanzig Stunden hatten ihn so tief erschttert, da ihm fremd
und gleichgltig geworden war, was vielleicht noch wenige Tage vorher
seine lebhafteste Anteilnahme erweckt haben wrde.

Die Ordonnanz meldete einen Mann in Seemannstracht, und Heideck
wute, da es nur Brandelaar sein konnte. Die Auskunft, die er
von Dover mitgebracht, hatte der Schiffer bereits am Morgen dem
stellvertretenden, diensttuenden Offizier bergeben. Wenn es auch
nicht gerade militrische Geheimnisse waren, die damit zur Kenntnis
der deutschen Heeresleitung gelangten, so befanden sich unter den
mancherlei Nachrichten doch einige, die von Bedeutung fr die
Dispositionen des Prinz-Admirals werden konnten.

Heideck nahm an, da Brandelaar jetzt gekommen sei, um sich die
versprochene Belohnung zu holen. Als der Schiffer indes nach Empfang
des Geldes noch immer seinen Hut zwischen den Fingern drehte, wie
jemand, der mit einem peinlichen Auftrag oder Anliegen nicht recht
herauszukommen wagt, fragte Heideck verwundert:

Wnschen Sie mir sonst noch etwas zu sagen, Brandelaar?

Nur zgernd kam es ber die Lippen des Mannes: Jawohl, Herr Major!
-- Ich sollte noch einen Gru bestellen. Der Herr Major werden wohl
wissen, von wem.

Ich glaube es zu erraten. Sie haben die Dame also seit dem gestrigen
Abend noch einmal gesehen?

Die Lady kam gestern noch zu spter Stunde zu mir ins Gasthaus
und forderte von mir, ich sollte sie auf der Stelle nach Dover
zurckbringen. Aber ich dachte, der Herr Major wrden es nicht
wnschen.

Sie weigerten sich also? --

Brandelaar starrte noch immer unablssig vor sich hin auf den Fuboden.

Die Lady wollte durchaus fort -- trotz des schlechten Wetters. Und sie
lie nicht eher nach, als bis ich meinen Freund van dem Bosch berredet
hatte, sie mit seinem Kutter nach Dover zu fahren.

Noch gestern Nacht?

Jawohl -- gestern Nacht.

Und dann, was weiter? drngte Heideck.

Heute vormittag ist er zurckgekommen. Es -- es ist ihnen unterwegs
ein Unglck passiert.

Heideck zuckte zusammen. Eine furchtbare Ahnung stieg in ihm auf. Er
mute seine ganze Willenskraft aufbieten, um sich zu beherrschen.

Und die Lady?

Herr Major! Es war ja eben die Lady, der das Unglck zustie. -- Sie
ist unterwegs ber Bord gegangen.

Mit beiden Hnden umklammerte Heideck die Lehne des vor ihm stehenden
Stuhles. Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.

Ueber -- Bord? -- Gott im Himmel, Mann -- und sie ist nicht gerettet
worden?

Brandelaar schttelte den Kopf.

Nein, Herr Major! Sie wollte trotz des Sturmes durchaus auf Deck
bleiben, obwohl van dem Bosch sie immer wieder aufforderte hinunter
zu gehen. Als dann bei einer heftigen B das Pikfall brach, wurde
sie von der heruntergeschleuderten Gaffel ins Meer geworfen. Bei der
hochgehenden See war an Rettung nicht zu denken.

Heideck hatte die Augen mit der Hand bedeckt. Ein dumpfes Sthnen rang
sich aus seiner heftig arbeitenden Brust und in seinem Inneren schrie
eine Stimme:

>Du trgst die Schuld! Freiwillig hat sie den Tod gesucht, und du warst
es, der sie dazu getrieben!<

Seine Stimme klang hart und sprde, als er sich zu dem Schiffer wandte
und sagte:

Ich danke Ihnen fr Ihre Mitteilung, Brandelaar, lassen Sie mich jetzt
allein. -- --




[Illustration]




XXXIII.


Das IX. und das X. Armeekorps waren an der Kieler Fhrde
zusammengezogen worden. Die Stadt Kiel und ihre Umgebung waren
erfllt von dem Klirren der Waffen, dem Stampfen der Pferde und
von den frhlichen Gesngen der Soldaten, die groe Entscheidungen
hoffnungsfreudig erwarteten. Niemand aber wute etwas Genaues ber das
Ziel der bevorstehenden Expedition.

Seit den frhen Morgenstunden des 13. Juli ergo sich ein
schier endloser Strom von Mannschaften, Pferden und Geschtzen
ber die Landungsbrcken, welche die Riesendampfer der groen
Schiffahrtsgesellschaften mit den Hafenquais verbanden. Andere
Truppenabteilungen wurden mit Booten an Bord befrdert, und am Abend
des 14. war die Einschiffung der ganzen, aus 60000 Mann bestehenden
Feldarmee beendet.

Als letzter begab sich in einer Barkasse der kommandierende General
in Begleitung des deutschen Reichskanzlers an Bord des groen
Kreuzers >Knig Wilhelm<, der in der Holtenauer Bucht vor Anker lag.
Unmittelbar darauf stiegen drei Raketen, die sich leuchtend von
dem dunkeln Nachthimmel abhoben, von Bord des Flaggschiffes empor.
Langsam setzte sich das ganze Geschwader auf dieses Signal gegen den
Kaiser-Wilhelm-Kanal hin in Bewegung.

Die Transportflotte bestand aus etwa 60 groen Dampfern, dem
Besitzstande des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie und
der Stettiner Gesellschaft entstammend. Zu ihrem Schutze wurden
sie von den Linienschiffen >Baden<, >Wrttemberg<, >Bayern< und
>Sachsen<, den groen Kreuzern >Kaiser< und >Deutschland<, den
kleinen Kreuzern >Gazelle<, >Prinze Wilhelm<, >Irene<, >Komet< und
>Meteor<, sowie den Torpedo-Divisionsbooten >D 5< und >D 6< mit ihren
Torpedoboot-Divisionen begleitet.

Als um die elfte Vormittagsstunde des 15. Juli der dumpfe Donner der
englischen Panzer vor den Befestigungen der Kieler Fhrde ertnte und
die deutschen Festungsgeschtze den britischen Kanonen antworteten,
hatte lngst das letzte Torpedoboot den Hafen verlassen. --

Heller Sonnenschein brach durch das leichte Gewlk, als der >Knig
Wilhelm< bei Brunsbttel in die Elbe einlief. Die vorauseilenden
Torpedo-Divisionsboote meldeten, da die Mndung des Stromes frei sei
von englischen Kriegsschiffen, und von Helgoland kam ein auf drahtlosem
Wege bermitteltes Telegramm, das diese Meldung besttigte.

Das Geschwader fuhr nun mit Volldampf Nordwest. Die Torpedodivision >D
5< ging zur Aufklrung voraus, und diesen kleinen, schnellen Fahrzeugen
folgten die Kreuzer >Prinze Wilhelm< und >Irene<, die wegen ihrer
hohen Takelage zu Aufklrungsschiffen besonders geeignet waren und die
die erforderlichen Einrichtungen fr drahtlose Telegraphie an Bord
hatten. Die brige Flotte, die ihre Fahrgeschwindigkeit nach der des
>Knig Wilhelm< richten mute, folgte in den vorgeschriebenen Abstnden.

Als die roten Felsen Helgolands scharf umrissen aus dem Meere
auftauchten, kam der deutsche Kreuzer >Seeadler< von der Insel her dem
Geschwader entgegen und meldete, da die Kstenpanzerschiffe >Aegir<
und >Odin<, die Kreuzer >Hansa<, >Vineta<, >Freya< und >Hertha<, sowie
die Torpedoboote in der Nacht von Wilhelmshaven ausgefahren waren
und nichts vom Feinde gesehen hatten. Das Meer schien frei. Alle
verfgbaren englischen Kriegsschiffe des Nordseegeschwaders waren zum
Angriff auf Antwerpen herangezogen worden.

Die Flotte von Wilhelmshaven blieb nun, weil eine Verstrkung der
Transportflotte nicht ntig schien, bei Helgoland liegen. Die
Transportflotte mit den begleitenden Kriegsschiffen aber setzte ihre
Fahrt mit West-Nordwest-Kurs fort.

Wohin aber ging diese Fahrt?

Wenige nur waren unter diesen vielen Tausenden, die darauf htten
Antwort geben knnen, und diese Wenigen schwiegen. Der rote Felsen
von Helgoland war lngst in der Ferne verschwunden, und Stunde auf
Stunde verrann, ohne da sich den Blicken der gespannt ausschauenden
Krieger etwas anderes gezeigt htte als das unendliche, leicht bewegte
Meer und das kristallklare blaue Himmelsgewlbe, das es gleich einer
Riesenglocke berspannte. Die Nacht sank hernieder und der junge Tag
brach an, aber noch immer war nichts von einer Kste zu sehen, und
immer hufiger wurde unter den Offizieren und Mannschaften die Frage
wiederholt:

Wohin geht die Fahrt?

Das Gestade Englands konnte ihr Ziel nicht sein, denn man wrde es
inzwischen lngst erreicht haben. Wo aber sollte die Landung vor sich
gehen, wenn nicht dort? Welchem fernen Ufer fhrte man die deutsche
Armee entgegen, die grte, deren Schicksal jemals den trgerischen
Fluten des Meeres anvertraut war?

Als bei Tagesanbruch von den aufklrenden Schiffen wieder einmal
die Meldung kam, da von feindlichen Schiffen nichts zu sehen sei,
konnte der Oberbefehlshaber der Landarmee nicht umhin, dem Admiral
gegenber seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, da die Englnder den
Aufklrungsdienst in der Nordsee scheinbar so ganz auer Acht lieen,
und da auch Handelsschiffe nicht zu Gesicht kmen.

Die Erklrung fr diese anscheinend befremdliche Tatsache liegt nicht
allzu fern, Exzellenz, erwiderte der Admiral. Kauffahrteischiffe
werden uns schwerlich in Sicht kommen, weil jetzt, bei der Unsicherheit
der Meere, der Seehandel fast gnzlich stockt. Einer Fischerflottille
sind wir nicht begegnet, weil dieser Teil der Nordsee keine Fischgrnde
hat. Feindliche Schiffe aber sehen wir nicht, weil die Englnder wohl
mit jeder andern Mglichkeit eher gerechnet haben mgen, als damit, da
wir hier oben in Schottland eine Landung versuchen knnten.

Ihre Erklrung, Herr Admiral, leuchtet mir ein, aber trotzdem will es
mir scheinen, da unsere Gegner es bei ihrem Beobachtungsdienst an der
ntigen Umsicht fehlen lassen.

Exzellenz drfen nicht ohne weiteres einen Vergleich zwischen
den Operationen zu Lande und denen auf dem Wasser ziehen. Die
Voraussetzungen sind hier doch wesentlich andere. Ich zweifle keinen
Augenblick, da eine gengende Anzahl englischer Aufklrungsschiffe
in der Nordsee kreuzt; und wenn wir ihrer Aufmerksamkeit wirklich
entgangen sind, so ist uns das Kriegsglck eben gnstig gewesen.
Wenn ich Eurer Exzellenz sage, da selbst bei unsern Manvern in der
Ostsee, wo wir doch das Fahrwasser ebenso genau kennen wie die Strke
und Geschwindigkeit des markierten Feindes, diesem der Durchbruch
zuweilen gelungen ist, ohne da unsere Aufklrungsschiffe ihn gesehen
haben, so werden Sie zu einer milderen Beurteilung der hier scheinbar
vorliegenden englischen Unvorsichtigkeit gelangen. --

Endlich, am Abend des 16. Juli, wurde vom >Knig Wilhelm< Land
gemeldet. Das Ziel der Fahrt zeigte sich den Blicken, und von Mund zu
Munde ging die Kunde, da es die Kste von Schottland sei, die sich da
aus den Fluten hob.

Wir werden in die Mndung des Firth of Forth einlaufen! hie es
auf allen Schiffen; und auch die braven Soldaten, die diesen Namen
vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben hrten, wiederholten das
Wort mit so wichtiger Miene, wie wenn ihnen nun mit einem Male alle
Geheimnisse der obersten Heeresleitung offenbar geworden wren.

Im roten Schein der untergehenden Sonne zeichneten sich beide Ksten
violett vom tiefblauen Himmel und dem graublauen Meere ab, doch war
die nrdliche Kste weiter entfernt als die sdliche. Von ruhiger
See begnstigt, steuerte das Geschwader gut geschlossen in einer
Lngenausdehnung von etwa fnf Seemeilen in den Firth of Forth hinein.

Erwartungsvoll sah das Landungskorps das groe, khne Unternehmen vor
seinen Augen sich entwickeln. Seit 900 Jahren war keine feindliche
Armee an Englands Kste gelandet. Wohl hatte Britannien in alten
Zeiten gegen eindringende Feinde kmpfen mssen: Julius Csar war als
Sieger eingezogen, Knut der Groe, Knig von Dnemark, hatte sich
das Land unterworfen. Die Angeln und Sachsen waren von Deutschland
herbergekommen, um sich zu Herren des Landes zu machen. Harald
Schnhaar, der Knig von Norwegen, war in England gelandet. Aber seit
Wilhelm von der Normandie, der die Sachsen bei Hastings schlug und die
Herrschaft der Normannen in England aufrichtete, war es auch nicht den
mchtigsten Feinden, weder Philipp II. von Spanien, noch dem groen
Napoleon gelungen, ihre Truppen auf dem meerumgrteten Boden Englands
Fu fassen zu lassen.

Wrde es jetzt einem deutschen Heere gelingen? --

Immer deutlicher traten die Umrisse des Landes hervor, und einige
glaubten sogar, das hochgelegene Edinburgh-Castle am Horizont zu
erkennen. Bald aber verschleierte sich die Ferne, und die Dmmerung
brach langsam herein.

Bis dahin hatte man kein einziges feindliches Schiff zu Gesicht
bekommen. Nun aber, als der grere Teil des Geschwaders bereits in die
Bucht eingefahren war, fiel das Licht der mit Einbruch der Dunkelheit
in Ttigkeit getretenen Scheinwerfer auf zwei englische Kreuzer, deren
Anwesenheit von den vorausgeeilten Torpedo-Divisionsbooten bereits
gemeldet worden war.

Angesichts der gewaltigen Uebermacht lieen sich diese Kreuzer indessen
nicht auf einen Kampf ein, sondern gaben durch Niederholen der Flagge
alsbald zu erkennen, da sie bereit seien, sich zu ergeben. Nun standen
einer Landung der deutschen Truppen Hindernisse von der See her nicht
mehr entgegen. Die Transportschiffe nherten sich dem sdlichen Ufer
der Bucht, an welchem Edinburgh und die Hafenstadt Leith liegen und
schickten nach dem Ankern beim Scheine der elektrischen Lichter ihre
Boote mit Mannschaften an Land. Die Infanterie fate dort alsbald
festen Fu und besetzte die gnstig gelegenen Punkte, um einem etwa
noch erfolgenden Angriff zu begegnen. Aber es geschah nichts, was die
Landung htte hindern knnen. Die schottische Bevlkerung verhielt sich
vollkommen ruhig, so da sich die Ausschiffung des Landungskorps ohne
Strung vollzog.

Die Bevlkerung von Leith und die neugierig herbeigeeilten Einwohner
von Edinburgh sahen in grenzenlosem Staunen dem ihnen fast
unbegreiflichen Schauspiel zu, das sich im hellen Lichte der von
den deutschen Schiffen strahlenden elektrischen Scheinwerfer mit
bewunderungswrdiger Przision vollzog.

An dem groen Kriege, den England gegen die verbndeten Mchte
Deutschland, Frankreich, Ruland fhrte, hatte das Volk gewi
lebhaftesten Anteil genommen, aber wohl mit dem Gefhl, da es sich
um Ereignisse handle, die vornehmlich die Regierung, die Armee und
die Flotte angingen. Man empfand es schmerzlich, da der Gang der
Geschfte immer schlechter wurde, aber man war berzeugt, da die
Regierung den Feind sehr bald niederwerfen wrde. Es war jedermann
bekannt, da die Russen in Indien eingedrungen waren, aber die groe
Masse des Volkes gab sich darber keiner Sorge hin. Das konnte ja nur
ein vorbergehendes Migeschick sein, und der jetzt darniederliegende
Handel wrde sicher bald nur umso mchtiger wieder aufblhen. Die
Vorstellung, da ein Feind, eine kontinentale Armee, an den Ksten
Grobritanniens landen, da deutsche oder franzsische Krieger jemals
britischen Boden betreten knnten, hatte den Schotten bisher so fern
gelegen, da sie jetzt von der Macht der Tatsachen vllig berwltigt
zu sein schienen.

Gegen Mittag des folgenden Tages standen die beiden Armeekorps schon
sdlich von Leith. Eine Brigade war nach Sden vorgeschoben worden, die
brigen Truppen aber hatten Biwaks bezogen. Die Leute sollten sich von
der zweitgigen Seefahrt erholen.

Die Fouriere hatten in der Stadt, in den kleinen Ortschaften, in
den verstreut liegenden Pachthfen gegen bare Zahlung Lebensmittel
eingekauft. Die Kriegsschiffe fllten ihre Bunker aus den in reichem
Mae vorhandenen englischen Kohlenvorrten auf, wobei die zur Sicherung
des Geschwaders ausgesandten Wachtschiffe sich ablsten. Der Admiral
hatte Befehl gegeben, da nach Beendigung der Kohlenbernahme die
Kriegsschiffe am Eingang zur Bucht Station nehmen, whrend die
Transportschiffe im Hafen verbleiben sollten. Bei der etwaigen
Annherung eines berlegenen englischen Geschwaders sollte die ganze
Flotte eiligst den Firth of Forth verlassen und sich in alle Winde
zerstreuen. Freilich wurde alsdann die Armee des Mittels der Rckkehr
beraubt, aber die Heeresleitung war berzeugt, da das Erscheinen einer
Armee von 60000 Mann deutscher Truppen auf britischem Boden tatschlich
das Ende des Krieges bedeuten wrde, zumal da ein gleich starkes
franzsisches Korps im Sden Englands landen sollte. Die Heeresleitung
glaubte also wegen der Mglichkeit der Zurckfhrung der Truppen sich
keiner Sorge hingeben zu mssen.

Die Garnison von Edinburgh hatte sich ohne jeden Widerstand ergeben,
da sie in der Tat viel zu schwach gewesen wre, um der Invasionsarmee
irgend welche Hindernisse zu bereiten. Die deutschen Offiziere und
Soldaten konnten deshalb ganz ungehindert in der Stadt verkehren. Man
fand eine Anzahl von Depeschen und neuen Kriegsberichten, die einiges
Licht ber die strategische Lage verbreiteten, obwohl sie teils unklar
waren, teils offenkundige Lgen enthielten.

Es sollte danach am 15. Juli eine groe Seeschlacht bei Vlissingen
stattgefunden haben, die mit einem Rckzuge der deutschen und
franzsischen Flotte unter schweren Verlusten geendet htte. Ferner
hie es, da die britische Flotte Vlissingen zerstrt und mehrere Forts
von Antwerpen bombardiert habe. Endlich war in den Zeitungen zu lesen,
da die vor Kopenhagen stationiert gewesene englische Flotte, nachdem
sie allerdings im Eingang der Kieler Fhrde zwei Linienschiffe verloren
htte, bis in den Hafen von Kiel vorgedrungen wre und alle dort
liegenden deutschen Schiffe weggenommen htte. Die deutschen Offiziere
waren berzeugt, da davon lediglich die Nachricht von dem Untergang
der beiden Linienschiffe Glauben verdiene, da die Englnder eine solche
Hiobspost schwerlich erfunden htten. Alles brige trug nach Lage der
Dinge den Stempel der Unwahrscheinlichkeit an der Stirn.

Die Trompeten bliesen, die Mannschaften ergriffen ihre Gewehre, und
die Bataillone setzten sich in Marsch. Dumpfdrhnend rasselten die
Batterien daher. In vier Kolonnen, auf vier Wegen nebeneinander her,
zogen die vier Divisionen gen Sden.




[Illustration]




XXXIV.


Die Strategie vom grnen Tische aus, durch die dem militrischen
Oberkommandierenden die Hnde gebunden waren, sollte sich, wie schon in
so manchen frheren Feldzgen, auch diesmal fr die Englnder als ein
verhngnisvoller Fehler erweisen.

Mit stillem Ingrimm hatte Sir Percy Domvile, der britische Admiral,
die ihm von London aus erteilte ~Ordre de bataille~ -- dieselbe, die
auch den Deutschen in die Hnde gefallen war -- empfangen. Mehr als
einmal schon hatte er den Lords zu beweisen versucht, welchen Schaden
das Gebundensein an strikte schriftliche Ordres bei oft unberechenbaren
Verhltnissen anrichten konnte, aber er hielt jetzt den Beweis in
Hnden, wie wenig die von dem Bewutsein ihrer Bedeutung und ihrer
berlegenen Klugheit durchdrungenen Wrdentrger geneigt waren, sich
belehren zu lassen. Doch er war viel zu sehr Soldat, um sich nicht dem
Befehl der vorgesetzten Instanz in widerspruchslosem, militrischem
Gehorsam zu fgen. Freilich, wenn er die Tragweite des hier begangenen
Fehlers im voraus htte bersehen knnen, wrde er als Patriot
wahrscheinlich lieber seine Person geopfert haben, als da er sich
zum ausfhrenden Werkzeug der schweren taktischen Irrtmer hergegeben
htte, die dem ihm bermittelten Schlachtplan zu Grunde lagen. Denn was
hier auf dem Spiele stand, war mehr, als die stolze britische Nation je
zuvor bei einem Seegefecht eingesetzt hatte. Es handelte sich um das
Prestige Englands als weltbeherrschende Seemacht und vielleicht um
die endgiltige Entscheidung dieses fr Grobritannien so unglcklich
verlaufenen Feldzuges. Das allgewaltige Albion, die gefrchtete
Beherrscherin der Meere, kmpfte heute um Ehre und Existenz. Eine groe
verlorene Schlacht mochte da leicht genug einen Schlag bedeuten, von
dem sich der todwunde britische Lwe nie wieder erholen konnte.

       *       *       *       *       *

Zu derselben Stunde, in der der >Knig Wilhelm< an der Spitze der
deutschen Transportflotte in den Kaiser Wilhelm-Kanal einlief, fhrte
der Prinz-Admiral, der seine Admiralsflagge auf der >Wittelsbach<
gehit hatte, die deutsche Schlachtflotte aus dem Hafen von Antwerpen
in den Zuid-Bevelanden-Kanal, der die Wester-Schelde mit der
Ooster-Schelde verbindet und die Insel Walcheren von Zuid-Bevelanden
trennt, und ging dort zu Anker.

Sein Geschwader bestand aus den der >Wittelsbach<-Klasse angehrigen
Linienschiffen >Mecklenburg<, >Schwaben<, >Zhringen<, >Wettin<
und >Wittelsbach<, dem Flaggschiff des Prinz-Admirals, sowie den
Linienschiffen der Kaiserklasse: >Kaiser Wilhelm der Groe<,
>Barbarossa<, >Karl der Groe<, >Wilhelm II.< und >Friedrich III.<

Diesen Panzerschiffen gesellten sich die groen Kreuzer >Friedrich
Karl<, >Prinz Adalbert<, >Prinz Heinrich<, >Frst Bismarck<, >Viktoria
Luise< und >Kaiserin Augusta< zu, sowie die kleinen Kreuzer >Berlin<,
>Hamburg<, >Bremen<, >Undine<, >Arcona<, >Frauenlob<, >Medusa<.

Die dem Prinzen zur Verfgung stehende Torpedobootflottille bestand aus
den Torpedobooten >S 102 bis 107<, >G 108 bis 113<, >S 114 bis 125< mit
den in der Gre von Torpedobootzerstrern gebauten Divisionsbooten >D
10<, >D 9<, >D 7< und >D 8<.

Als Aufklrungsschiffe waren schon vorher die drei schnellen Kreuzer:
>Friedrich Karl<, >Prinz Adalbert< und >Kaiserin Augusta< mit den
Torpedobooten >S 114 bis 120< in See geschickt worden, um die
Annherung des Feindes rechtzeitig zu melden. Die Kreuzer hatten
Befehl erhalten, sich dreiig Seemeilen W. N. W. von Vlissingen auf
je fnf Seemeilen Abstand zu legen, whrend die Torpedoboote auf
Sichtweite nach jeder Seite patrouillieren sollten. Nachdem die
englische Flotte dem Hauptgeschwader durch drahtlose Telegraphie
gemeldet, sollten sich diese Aufklrungsschiffe auer Schuweite
vor dem Feinde her in die Wester-Schelde zurckziehen und dabei ein
solches Kesselfeuer unterhalten, da mglichst viel und dicker Rauch
entwickelt wurde, um den Feind ber die Anzahl und die Gre der sich
zurckziehenden Schiffe zu tuschen. Nachdem sie den Englndern auer
Sicht gekommen, sollten sie wieder Kehrt machen, um sich zu zeigen, und
wenn die Verhltnisse es gestatteten, sollten sie die vorher befohlenen
Pltze einnehmen, anderenfalls hatten sie den Umstnden gem zu
handeln.

Der Zweck dieses auf die Irrefhrung des Feindes berechneten Manvers
wurde denn auch vollkommen erreicht.

Ein Funkentelegramm meldete dem Prinz-Admiral das Insichtkommen der
Englnder, und ein von dem Aufklrungsgeschwader abgeschwenktes
Torpedoboot brachte genauere Mitteilungen ber Zahl und Formation der
feindlichen Schiffe, Mitteilungen, die den in der ~Ordre de bataille~
gegebenen Anweisungen durchaus entsprachen und demnach als ein neuer
Beweis gelten konnten, da es bei diesem Schlachtplan bleiben sollte.

Nun war eine sichere Grundlage fr die taktischen Operationen der
deutschen Flotte gegeben. Es konnte bei dem, was tags zuvor im
Kriegsrate beschlossen worden war, sein Bewenden behalten und den
Kommandanten der einzelnen Schiffe brauchten daher neue Instruktionen
nicht gegeben zu werden.

Die in diesem Kriegsrat festgesetzte ~Ordre de bataille~ lautete in
ihren Hauptzgen:

  >Das Geschwader liegt bei Zuid-Beveland vor Anker, kurzstag gehievt,
  Feuer aufgebnkt, so da in fnfzehn Minuten Dampf auf sein kann.

  Die Linienschiffe ankern in Doppelkiellinie ihren taktischen Nummern
  nach, Flaggschiff in der Peilung Insel Nordland N.N.O. Beeren Kirche
  S.S.W. miweisend.

  Die Kreuzer zwischen Nord-Beveland und Zuid-Beveland.

  Die Torpedoboote mit ihren Divisionsbooten dahinter.

  Auf Signal >Anker lichten< gehen die Schiffe ihren taktischen Nummern
  nach Anker auf; die Schlachtschiffe durch das Roompot; die Kreuzer
  gehen wieder durch den Kanal in die Wester-Schelde und legen sich in
  Hhe von Vlissingen in Dwarslinie.

  Die beiden andern Torpedobootsdivisionen gehen mit dem Geschwader.<

Genau nach diesen Dispositionen entwickelte sich nun der Gang der
Ereignisse.

Auf die Meldung von der Annherung feindlicher Schiffe kamen vom
Flaggschiff des Prinz-Admirals die Signale:

>Anker lichten! Toppsflaggen hissen! Klar Schiff zum Gefecht! Dem
Kielwasser des Admirals folgen! Kreuzerdivision und Torpedoboote
Befehle ausfhren!<

Sich dicht unter der Kste von Walcheren haltend, fuhr das deutsche
Geschwader mit Volldampf dem Feind entgegen.

Inzwischen hatten die herangekommenen Englnder, nachdem sie ihre
Lazarett-, Munitions- und Kohlenschiffe unter dem Schutz der Kreuzer
in See gelassen und die befohlene Formation eingenommen hatten, auf
sechstausend Meter das Feuer auf Vlissingen und das Fort Frederik
Hendrik erffnet.

So strikte hielt sich der englische kommandierende Admiral an
die ihm erteilten Anweisungen, da er es in schwer begreiflicher
Sorglosigkeit unterlie, die Ooster-Schelde durch das zweite Geschwader
oder wenigstens durch Aufklrungsschiffe untersuchen zu lassen.
Das Einlaufen der aus See zurckgesandten deutschen Schiffe, deren
gewaltiger Qualm eine Schtzung ihrer Strke fast unmglich gemacht
hatte, in die Wester-Schelde war Sir Domvile offenbar als eine
hinlngliche Besttigung fr die Annahme erschienen, da die gesamte
deutsche Flotte in diesem Mndungsarm liege.

Dadurch wurde es dem Geschwader des Prinz-Admirals mglich, sich dem
Feinde soweit unbemerkt zu nhern, da es die britische Flotte in der
Flanke fassen konnte, als diese die westliche Spitze von Walcheren
erreicht hatte.

Auf Signal: >Dwarslinie formieren! -- Alle Kraft! -- Ran an den Feind!<
dampften die deutschen Schiffe den berraschten Englndern entgegen und
erffneten aus ihren Buggeschtzen das Feuer.

Natrlich lie der englische Admiral sofort das erste Geschwader
sich hinter das zweite setzen, machte mit beiden linksum und ging in
Doppelkiellinie auf den Gegner zu.

Dies war der im Schlachtplan des Prinzen vorausgesehene geeignete
Moment fr das Vorgehen der in der Wester-Schelde liegenden Kreuzer.
Mit den Torpedobooten, die jetzt abermals einen dicken Qualm
entwickelten, um den Feind ber ihre Anzahl zu tuschen, nherten sie
sich in schneller Fahrt und ntigten den durch den Doppelangriff vllig
berrumpelten englischen Admiral, seine Aufmerksamkeit nach zwei Seiten
hin zu verteilen.

Ein tollkhnes Unternehmen freilich blieb dieser Torpedo-Angriff unter
den obwaltenden Verhltnissen noch immer. Die Englnder schossen gut,
und zwei der deutschen Boote wurden durch feindliche Granaten zum
Sinken gebracht. Drei anderen aber gelang der Schu, und jeder dieser
Treffer beschdigte eines der englischen Schiffe so schwer, da es
manvrierunfhig wurde.

Besonders nachteilig fr die Englnder war es, da auch ihre
Torpedoboote durch die nicht vorhergesehene vernderte Formation
der Linienschiffe die ntige Deckung verloren hatten. Die deutschen
Torpedobootzerstrer versumten nicht, diese gnstige Situation
auszuntzen und fingen an, sie zu jagen. Ohne da die Verfolger bei
diesem Kampfe, der bei der Schnelligkeit der kleinen Fahrzeuge etwas
besonders Spannendes und Aufregendes fr die Beteiligten hatte,
nennenswerte Havarie erlitten htten, gelang es ihnen, vier englische
Torpedoboote zu vernichten. Die anderen liefen aus Sicht und kamen fr
das Gefecht vorlufig nicht mehr in Betracht.

Auf die Frontvernderung des Gegners hin hatte der Prinz-Admiral
rechtsum machen lassen, so da er mit allen Geschtzen einer Seite
in Aktion treten konnte. Auch der englische Admiral lie nun
eindoublieren, aber das Manver wurde fr ihn die Ursache eines
verhngnisvollen Migeschicks. Sei es, da die Strung der taktischen
Einheit durch das Ausscheiden der drei von den deutschen Torpedos
getroffenen Schiffe die Schuld daran trug, oder da die 1. und
2. Division zu wenig gewohnt waren, mit einander zu manvrieren,
jedenfalls gehorchte der Panzer >Formidable< dem gegebenen Befehl so
schwerfllig und ungeschickt, da er von der ihm zunchst befindlichen
>Renown< mittschiffs gerammt wurde und sich sofort auf die Seite
legte, um innerhalb weniger Minuten zu sinken, Hunderte von tapferen
englischen Seeleuten mit sich in die Tiefe ziehend.

Aber auch die >Renown<, deren Sporn das furchtbare Unglck angerichtet,
war bei dem Zusammensto, der das mchtige schwimmende Kastell in allen
Fugen erschttert hatte, nicht ohne schweren Schaden davongekommen.
Die ersten beiden vorderen Kompartiments waren, da die Schotten nicht
dicht hielten, voll Wasser gelaufen. Das Schiff lag infolgedessen ganz
auf der Nase und hatte damit an Gefechtswert sehr empfindliche Einbue
erlitten.

Da diese erste groe Katastrophe der Schlacht nicht durch feindliche
Gewalt, sondern durch das ungeschickte Manver eines befreundeten
Schiffes herbeigefhrt worden war, mochte in manchem der vom Untergang
des prchtigen Schiffes und seiner wackern Besatzung in tiefster Seele
erschtterten Zuschauer die Frage wachgerufen haben, ob die gewaltigen
Vervollkommnungen im Bau der modernen Kriegsschiffe nicht zu einem
guten Teile wieder aufgewogen wrden durch die mit der zunehmenden
Gre und Gefechtsstrke dieser riesigen Panzer verbundenen Mngel.
Kein Linienschiff, keine Fregatte, nicht einmal das kleine Kanonenboot
frherer Zeiten htte so schnell und spurlos aus der Schlachtlinie
verschwinden knnen, wie die in gewaltigen Dimensionen erbaute und
mit allen Errungenschaften maritimer Kriegstechnik ausgerstete
>Formidable<. Wohl htten ihre Panzerhaut und ihre sthlernen Trme
einem Hagel wuchtigster Geschosse erfolgreichen Widerstand leisten
knnen, aber ein falsch verstandenes Steuerkommando war hinreichend
gewesen, ihr den Untergang zu bereiten. Weder die doppelten Bden noch
die Schottenteilung, die dem Eindringen einer zu groen Wassermenge
vorbeugen sollten, hatten das Schicksal abzuwenden vermocht, das
jeden modernen Panzer bei einer greren Beschdigung unter der
Wasserlinie bedroht. Das Holzschiff vergangener Zeiten konnte wie ein
Sieb durchlchert sein, ohne zu sinken. Die Stabilitt eines modernen
Panzerschiffes aber konnte schon durch ein einziges Leck, sei es durch
ein Torpedogescho oder die Ramme, derart berschritten werden, da
die gigantische Eisenmasse innerhalb weniger Minuten durch ihr eigenes
Gewicht in die Tiefe gezogen wurde. --

Es entwickelte sich nun ein laufendes Gefechtsfeuer auf circa 2000
Meter Entfernung, bei dem die Ueberlegenheit der Kruppschen Geschtze
ebenso deutlich in die Erscheinung trat, wie die vorzgliche
Schieausbildung der deutschen Geschtzfhrer, hinter der die der
Englnder zweifellos weit zurckstand. Allerdings erlitten auch die
deutschen Schiffe mancherlei Schaden, doch waren erhebliche Havarien
bis jetzt nicht vorgekommen.

Die drei von Torpedos getroffenen englischen Kriegsschiffe hatten
in ihrer Hilflosigkeit den deutschen Kreuzern besonders gnstige
Zielobjekte dargeboten. Sich auf und in passende Entfernung legend,
hatten diese die kaum noch bewegungsfhigen Fahrzeuge so lange
beschossen, bis sie die Flagge streichen muten. Aber ehe sie sich dazu
entschlossen, leisteten die Englnder heldenmtigen Widerstand, und
auch ihre Geschtze hatten manchen wirksamen Treffer zu verzeichnen.
So wurde der Kommandoturm des >Friedrich Karl< von einer Granate
durchschlagen, und der tapfere Kommandant fand mit seiner Umgebung
einen rhmlichen Soldatentod. Auch sonst fehlte es nicht an mehr oder
minder erheblichen Beschdigungen, und es war fast ein Wunder zu
nennen, da noch nirgends vitale Teile oder Schiffskrper verletzt
worden waren.

Nachdem die drei englischen Schiffe kampfunfhig geworden, war ein
lngeres Verweilen der Kreuzerdivision auf diesem Teil des Kampfplatzes
nicht mehr erforderlich, deshalb gingen die deutschen Kreuzer mit
uerster Kraft dahin, wo der Prinz-Admiral mit den Linienschiffen das
Hauptgefecht fhrte.

Und hier war Hilfe in der Tat ntig gewesen. Denn wenn auch vier
feindliche Schiffe verloren gegangen waren, so war die Uebermacht
doch noch immer bei den Englndern, umsomehr, da einer der deutschen
Panzer, die >Mecklenburg<, jetzt hatte ausscheren mssen, nachdem ihre
Rudervorrichtung zerschossen war.

Als der englische Admiral die Kreuzer herankommen sah, die in
Staffelkiellinie Steuerbord achteraus liefen und somit smtlich ihre
Buggeschtze zum Feuern bringen konnten, erkannte er, da jetzt der
entscheidende Moment sich vorbereite.

Die Geschtze der Kreuzer fgten den Englndern schweren Schaden zu,
denn sie hatten sich rasch auf die gleichmig geringer werdende
Entfernung eingeschossen. Die hohen Deckaufbauten der Linienschiffe
boten ihnen vortreffliche Zielobjekte, so da bei der lang ausgezogenen
Schlachtlinie der Englnder fast jeder Schu ein Treffer war.

Jetzt wurde fr Sir Percy Domvile rasches und energisches Handeln
ein zwingendes Gebot der Selbsterhaltung. An die nach der erhaltenen
~Ordre de bataille~ anzustrebende Wegnahme der deutschen Flotte war den
Umstnden nach nicht mehr zu denken, und es konnte sich daher fr den
Admiral nur noch darum handeln, mglichst viele der feindlichen Schiffe
zu vernichten. Auf dem britischen Flaggschiff erschien das Signal
>rechts um<, und die Kommandanten wuten, da es gleichbedeutend war
mit dem Befehl, die deutschen Panzer zu rammen.

Aber dieses Manver, durch welches Sir Domvile der durch den
zweiseitigen Angriff veranlaten drohenden Gefahr allein begegnen
konnte, traf den Prinz-Admiral nicht unvorbereitet. Schon in dem
gestern abgehaltenen Kriegsrate war damit gerechnet worden, und jeder
Kommandant hatte seine Instruktion hinsichtlich der in diesem Falle
zu beobachtenden Taktik erhalten. Es war dafr ein besonderes Signal
vereinbart worden, und sobald man die Schwenkung der englischen Panzer
bemerkte, flog es an der Signalleine des Admiralschiffes in die
Hhe. Sofort nahm jedes der deutschen Linienschiffe die ihm nach dem
Schlachtplan vorgeschriebene Position ein. Das Geschwader teilte sich
in zwei Hlften, von denen die erste Division, hinter das Flaggschiff
einschwenkend, mit diesem zusammen >links um!< machte, whrend
die andere Division, auch links um machend, sich hinter das linke
Flgelschiff setzte.

Dies ihm gnzlich unbekannte Manver kam dem englischen Admiral
vllig unerwartet. Seine Absicht war durch das rasche und geschickte
Ausweichen der deutschen Schiffe vollstndig vereitelt, der geplante
Vernichtungssto versagte, und seine eigenen Panzer hatten nun,
whrend sie in Dwarslinie weiterfuhren, von rechts und links ein
furchtbares Feuer auszuhalten, das namentlich den beiden Flgelschiffen
verhngnisvoll wurde. Mit einem Hagel schwerer und leichter Geschosse
berschttet und berdies von wohlgezielten Torpedos getroffen, waren
sie innerhalb weniger Minuten gefechtsunfhig geworden, und das
eine von ihnen, die >Victorious<, das Schicksal der unglcklichen
>Formidable< teilend, versank mit ihrer ber 700 Mann starken Besatzung
in den Fluten.

Aber auch die junge deutsche Flotte hatte in diesem Entscheidungskampfe
ihre Feuertaufe empfangen.

Alles, was die moderne Kriegstechnik an Vernichtungsmitteln kennt,
wurde von jedem der beiden Gegner aufgeboten, um dem anderen den Sieg
zu entreien. Zu den Granaten der schweren Geschtze gesellten sich
die Geschosse der leichteren Armierung und der in den Gefechtsmarsen
postierten Maschinengewehre, so da es im eigentlichsten Sinne des
Wortes ein >Geschoregen< war, der beim Passieren auf die in Rauch und
Dampf gehllten Schiffe niederging.

Hermann Heideck hatte in Indien die Schrecken des Landkrieges in
ihren mancherlei Gestalten so grndlich kennen gelernt, da er seine
Nerven vollkommen gesthlt glaubte gegen den grauenhaften Anblick von
Tod und Verwstung. Die Szenen aber, die sich whrend dieses Kampfes
rings um ihn her auf dem verhltnismig engen Raum des prchtigen
Flaggschiffes abspielten, lieen in ihrer Furchtbarkeit alles hinter
sich zurck, was er bisher erlebt hatte. Heideck war voller Bewunderung
ber den Heldenmut und die todverachtende Disziplin der Offiziere und
Mannschaften, von denen keiner auch nur einen Fu breit von dem ihm
zugewiesenen Posten wich.

Da er bei dem jetzt auf seinem Hhepunkt angelangten Drama nur die
Rolle eines unttigen Zuschauers spielte, konnte er sich frei in allen
Teilen des Admiralschiffes bewegen. Und wohin er auch kam, berall
bot sich seinem Auge dasselbe Schauspiel grauenhafter Zerstrung und
heldenmtiger Pflichterfllung.

Der Aufenthalt in den Geschtztrmen und Kasematten war fr die
Bedienungsmannschaften zu einer geradezu hllischen Pein geworden. Es
herrschte in den niederen, eisengepanzerten Rumen eine Gluthitze, die
selbst das Atmen erschwerte. Der ungeheure Lrm und die bermenschliche
Erregung der Nerven schienen derart abstumpfend auf die Sinne der Leute
gewirkt zu haben, da sie berhaupt keine klare Vorstellung mehr hatten
von dem, was um sie her vorging. Auf ihren Gesichtern lag nicht jener
Ausdruck von Erbitterung und Wut, den Heideck in der Landschlacht bei
Lahore in den Physiognomieen so vieler Soldaten gesehen hatte, vielmehr
beobachtete er eine gewisse stumpfe Gleichgltigkeit, die durch das
Grliche der Situation nicht mehr erschttert werden konnte.

Eine Granate schlug vor Heidecks Augen in eine Batterie ein, krepierte
und ri mit ihren umherfliegenden Sprengstcken fast die ganze
Bedienungsmannschaft nieder. Glcklich die, welche dabei sofort den
Tod gefunden hatten. Denn die Verletzungen derer, die sich verwundet
am Boden krmmten, waren entsetzlicher Natur. Die glhendheien
Eisenstcke, die den Unglcklichen das Fleisch zerrissen und die
Knochen zerschmetterten, fgten ihnen auch gleichzeitig schreckliche
Brandwunden zu. Heideck wrde es fr eine Tat der Menschlichkeit
gehalten haben, wenn er mit einem wohlgezielten Revolverschu die
Leiden dieses oder jenes Unglcklichen htte enden drfen, dem Haut und
Fleisch in Fetzen vom Leibe hingen oder dessen Glieder zu formlosen
blutigen Massen verwandelt waren.

Aber die unverletzt Gebliebenen erfllten nach wenigen Augenblicken
der Betubung wieder ihre Pflicht mit derselben mechanischen Przision
wie zuvor. Zwischen ihren toten und sterbenden Kameraden, um die sich
fr den Augenblick niemand kmmern konnte, standen sie in dem warmen
Menschenblute, das den Boden schlpfrig machte, und bedienten das nur
unerheblich beschdigte Geschtz ruhig weiter.

Ein blutjunger Seekadett, der aus dem Kommandoturme des Prinz-Admirals
mit einem Befehl in den Maschinenraum hinuntergeschickt worden war,
kam Heideck auf dem schmalen, erstickend heien Gange entgegen. Es war
ein schlanker, hbscher Jngling mit zartem Knabengesicht. Aus einer
Stirnwunde lief ihm das Blut ber Auge und Wange. Er mute mit beiden
Hnden an der Wand eine Sttze suchen, whrend er in bermenschlicher
Willenskraft seine wankenden Kniee zwang, ihn vorwrts zu tragen, denn
er war nur von dem einzigen Gedanken erfllt, da er aufrecht bleiben
msse, bis er sich seines Auftrages entledigt habe. Als Heideck ihn in
mitleidiger Teilnahme nach der Art seiner Verwundung fragte, versuchte
er die bleichen, schmerzzuckenden Lippen sogar noch zu einem Lcheln zu
verziehen, denn trotz seiner siebzehn Jahre fhlte er sich in diesem
Augenblick ja ganz als Mann und als Soldat, dem es s und ehrenvoll
war, fr das Vaterland zu sterben. Aber sein heldenmtiger Wille war
doch strker gewesen, als sein zum Tode verwundeter Krper. Bei dem
Versuch, vor dem Major eine straffe, dienstliche Haltung anzunehmen,
brach er pltzlich zusammen. Er hatte gerade noch Kraft genug, Heideck
den Befehl des Admirals zu bermitteln und ihn zu bitten, den Befehl
weiterzugeben. Dann verlieen ihn seine Sinne.

In einer anderen Batterie war durch eine einschlagende Granate die
bereit gehaltene Munition zum Explodieren gebracht worden. Hier kam
auch nicht ein Mann mit dem Leben davon. Heideck selbst, obwohl er sich
seit Beginn der Schlacht stets rcksichtslos allen Gefahren ausgesetzt
hatte, war wie durch ein Wunder bisher dem ihn in hundert verschiedenen
Gestalten umdrohenden Tode entgangen. Es war ihm vergnnt gewesen,
auf den ausdrcklichen Befehl des Prinzen lngere Zeit in dem oberen
Kommandoturm zu verweilen, von wo aus der frstliche Admiral die
Schlacht leitete, und die zielbewute, berlegene Ruhe des hchsten
Befehlshabers hatte ihn trotz der Uebermacht der Englnder mit der
unerschtterlichen Zuversicht eines fr die deutsche Flotte glcklichen
Ausganges erfllt.

Seitdem Heideck aus Brandelaars Munde die Nachricht von Edith Irwins
Tode erhalten hatte, war in seinem Innern alles erstorben, was ihn
mit rein menschlichen Gefhlen und Empfindungen an das Leben noch
geknpft hatte. Er war nichts mehr als der Soldat, dessen Denken und
Trachten ausschlielich erfllt war von der Sorge um den Sieg der
vaterlndischen Waffen. Alle persnlichen Schicksale waren seinem
Erinnern vollstndig entrckt, als lgen sie um Jahrzehnte hinter ihm.
Und so bedeutungslos war ihm in diesen Augenblicken, wo um das Sein und
Nichtsein von Nationen gerungen wurde, das eigene Leben, da er sich
nicht einmal der tollkhnen Unerschrockenheit bewut wurde, mit der er
es bei jedem seiner Schritte aufs Spiel setzte. --

Majesttisch und gewaltig, todbringende Blitze aus ihren Trmen und
Geschtzluken sprhend, hatte die >Wittelsbach< bisher ihren Weg
gemacht, der Wunden nicht achtend, die feindliche Geschosse ihrem
Krper geschlagen. Und eine fast dankbare Empfindung fr das herrliche
Schiff, das ihn trug, regte sich in Heidecks Herzen.

>Du machst frwahr dem groen Namen Ehre, den man dir gegeben<, dachte
er. Seine Augen suchten durch Rauch und Qualm den Kommandoturm, in dem
er den Prinz-Admiral wute. Aber er fand ihn nicht mehr, denn pltzlich
legte sich's wie ein dichter schwarzer Nebel vor seine Augen. Er hatte
nur einen leichten Schlag gegen seine Brust gefhlt, keinen Schmerz.
Seine Hand wollte sich zu der getroffenen Stelle erheben, aber kraftlos
sank sie wieder herab. Es war ihm, als wrde er von einer unsichtbaren
Faust im Kreise gedreht. Tausende von leuchtenden Feuergarben schossen
pltzlich aus dem schwarzen Nebel auf -- dann wurde es vollends Nacht
um ihn her -- tiefe, undurchdringliche Nacht und feierliches, lautloses
Schweigen.

Der Major Hermann Heideck hatte den Heldentod gefunden.

       *       *       *       *       *

Ein durch Signale herbeigerufenes Torpedoboot nherte sich in
schnellster Fahrt dem auf der Seite liegenden Flaggschiff des
Prinz-Admirals. Ein Breitseittorpedo hatte die >Wittelsbach< getroffen.
Und wenn auch das Sinken des Panzers nicht zu befrchten stand,
war doch eine weitere Leitung der Schlacht vom Bord des bisherigen
Flaggschiffes aus unmglich geworden.

Der damit verbundenen Gefahr nicht achtend, lie sich der
Prinz-Admiral mit seinem Stabe von dem Torpedoboot an Bord des
Linienschiffes >Zhringen< bringen, auf dem alsbald seine Flagge
emporstieg.

       *       *       *       *       *

Wohl war der Verlauf der Schlacht bisher ein fr die deutsche Flotte
berraschend gnstiger gewesen. Ihre Verluste waren betrchtlich
geringer als die des an Zahl weit berlegenen Feindes, und ihre
Schiffe befanden sich mit wenigen Ausnahmen noch in gefechtstchtigem
und manvrierfhigem Zustande. Von einer Entscheidung zu Gunsten der
deutschen Flotte aber konnte bei der Strke der noch verfgbaren
gegnerischen Krfte bisher nicht die Rede sein. Und wenn auch das
geschickte Manver des deutschen Geschwaders den beabsichtigten Vorsto
der Englnder vereitelt und ihnen sehr empfindlichen Schaden zugefgt
hatte, so war Sir Domvile doch noch immer die Mglichkeit geboten, die
Scharte auszuwetzen und das launische Schlachtenglck an seine Flagge
zu fesseln.

Hatten sich doch auf den anderen deutschen Linienschiffen und Kreuzern
dieselben furchtbaren Szenen abgespielt, wie die, deren Zeuge Major
Heideck an Bord der >Wittelsbach< gewesen war. Ueberall war das Blut in
Strmen geflossen, und bei einer weiteren Fortdauer des mrderischen
Gefechts konnte der Augenblick nicht fern sein, wo die Lcken, die der
Tod in die Reihen der wackeren Schiffsbesatzungen gerissen, nicht mehr
auszufllen waren. Ein paar glckliche Torpedoschsse der Englnder
-- und keine Genialitt der obersten Leitung, kein Heldenmut der
Kommandanten, Offiziere und Mannschaften htte noch einen fr die
deutschen Waffen ungnstigen Ausgang abzuwenden vermocht.

Da pltzlich, von Sd-Westen her kam ein neues, anscheinend sehr
starkes Geschwader in Sicht, das, wenn es eine britische Reserveflotte
war, den Sieg sofort zu Gunsten der Englnder entscheiden mute.

Minuten hchster Spannung und Erregung waren es, die man bis zu dem
Augenblick der erlsenden Gewiheit an Bord der deutschen Schiffe
durchlebte. Um so beglckender aber wirkte nun die Erkenntnis, da
man es nicht mit neuen Streitkrften des Feindes, sondern mit dem in
schnellster Fahrt herankommenden franzsischen Geschwader des Admirals
Courthille zu tun habe, das gerade im rechten Moment die Entscheidung
bringen sollte.

Nun war mit einem Schlage das Bild so vllig zu Ungunsten der Englnder
verwandelt, da ein Sieg der britischen Flotte zur Unmglichkeit
geworden war. Das Eingreifen des noch vllig intakten, aus zehn
Linienschiffen, zehn groen und einer entsprechenden Anzahl kleiner
Kreuzer bestehenden franzsischen Geschwaders in den Kampf mute
notwendig die Vernichtung der englischen Flotte herbeifhren.
Der englische Admiral war einsichtig genug, die Sachlage richtig
zu beurteilen, sobald auch er die herannahenden Schiffe als die
franzsische Flotte erkannt und sich Gewiheit ber die Strke des
Gegners verschafft hatte. Den eben gegebenen Befehlen zu einer
abermaligen Angriffsformation folgten jetzt an Bord des englischen
Flaggschiffes neue Signale, die nichts anderes bedeuteten als
die Ordre zum schleunigen Rckzug. Der englische Admiral gab die
Schlacht endgltig verloren und hielt es fr seine Pflicht, von den
ihm anvertrauten Schiffen zu retten, was sich noch retten lie. Ehe
die Franzosen wirksam in den Kampf eingreifen konnten, dampfte die
englische Flotte mit aller Kraft nach Nord-West ab.

Donnernde Hurras auf allen deutschen Schiffen feierten den mit diesem
Rckzuge proklamierten Sieg. Die Torpedo-Divisionsboote und ein paar
schnelle Kreuzer erhielten Befehl, sich in Kontakt mit dem fliehenden
Feinde zu halten.

Der kommandierende franzsische Admiral war an Bord des Flaggschiffes
>Zhringen< gegangen, um sich und sein Geschwader unter den Oberbefehl
des Prinz-Admirals zu stellen und ber die weiteren gemeinsamen
Operationen der beiden vereinigten Flotten ein Einverstndnis
herzustellen. Denn es unterlag keinem Zweifel, da dieser Sieg sofort
bis aufs uerste ausgenutzt werden mute, wenn er ein wirklich
entscheidender sein sollte.

In tiefer Bewegung schlo der Prinz den Admiral Courthille in seine
Arme und dankte ihm fr sein Erscheinen in der entscheidenden Stunde.
Der franzsische Admiral aber entschuldigte sich wegen seines spten
Eingreifens in die Schlacht. Ich mute die Nacht abwarten und weit
in See gehen mit sdwestlichem Kurs, bevor ich den nrdlichen Kurs
nehmen konnte, um unter dem Schutze der Nacht ungesehen von dem
uns blockierenden englischen Geschwader des Prinzen Battenberg den
Durchbruch bewerkstelligen zu knnen.

Inzwischen waren die hinter dem Feinde hergesandten Aufklrungsschiffe
mit der Meldung zurckgekommen, da die englische Flotte ihren Kurs
gendert htte und auf die Themse zuzuhalten schiene. Ein weiteres
Verfolgen des Feindes war nicht mglich gewesen, da der englische
Admiral einige Schiffe detachiert hatte, denen die nachfolgenden
deutschen Kreuzer nicht gewachsen waren.

Es waren Vorbereitungen getroffen worden, die Verwundeten und Toten
an Bord der durch ein Signal dazu bestimmten Schiffe zu geben, was
sich auch bei der nun ruhiger gewordenen See mit nicht allzugroen
Schwierigkeiten bewerkstelligen lie. Jetzt, wo der furchtbare Kampf
ausgetobt hatte, kamen die Besatzungsmannschaften erst zum vollen
Bewutsein der durchlebten Schrecknisse. Die Bergung der Verwundeten
zeigte, welche grausamen Opfer die Schlacht gefordert hatte. Es war
eine schwere und traurige Aufgabe, die manches starke Seemannsherz
in Schmerz und Mitleid erbeben lie. Die Gefallenen waren durch die
Sprenggeschosse, die ihnen den Tod gebracht hatten, zumeist entsetzlich
zugerichtet, und auch die Verletzungen der Verwundeten, denen die an
Bord befindlichen Aerzte im Getmmel der Schlacht nur notdrftig die
erste Hilfe hatten angedeihen lassen knnen, waren fast durchweg so
schwerer Art, da der Transport nur langsam vor sich gehen konnte.

Nachdem die deutschen Schiffe durch Signale gemeldet hatten, da sie
wieder gefechtsfhig wren, erhielten die anderen, welche die Toten
und Verwundeten an Bord hatten, sowie die nicht mehr gefechtsfhigen
deutschen und die genommenen englischen Schiffe den Befehl nach
Antwerpen zu gehen. Das vereinigte deutsch-franzsische Geschwader aber
setzte sich unter dem Oberbefehl des Prinz-Admirals, den Kurs auf die
Themsemndung nehmend, in Bewegung.




[Illustration]




XXXV.


Die langen Fensterreihen von Hampton Court Palace bei London waren
trotz der vorgerckten Nachtstunde noch hell erleuchtet. Der vom
Regiment der Knigs-Ulanen gestellte Doppelposten vor dem Portal
kam nicht zur Ruhe, denn ein unausgesetztes Kommen und Gehen hoher
Offiziere von den Armeen der drei verbndeten Nationen verlangte
die militrischen Honneurs. Unmittelbar nach der fr England so
unglcklich verlaufenen Seeschlacht bei Vlissingen waren eine groe
franzsische Armee und einige Garde-Regimenter des Zaren bei Hastings
an der englischen Kste gelandet worden und lagen nun im besten
freundnachbarlichen Einvernehmen mit den franzsischen und den von
Schottland her anmarschierten deutschen Truppen im Lager von Aldershot.
Das Hauptquartier des Prinz-Admirals war nach Hampton Court verlegt
worden, dessen stilles, altehrwrdiges und altberhmtes Schlo damit
pltzlich zum Mittelpunkt eines regen militrischen und diplomatischen
Lebens wurde.

Ernsthafte kriegerische Operationen kamen zwar kaum noch in Frage, denn
die Voraussetzung, da die Landung groer feindlicher Heere tatschlich
das Ende des Feldzuges bedeuten wrde, hatte sich als zutreffend
erwiesen.

Bei dem Widerstand, den englische Truppenkrper den Franzosen auf
ihrem Vormarsche gegen London zu leisten versucht, hatten zwar die
englischen Freiwilligen ihre Tapferkeit und ihren patriotischen
Opfermut im hellsten Lichte gezeigt, aber sie hatten den Siegeslauf
des besser geleiteten Gegners nicht mehr aufhalten knnen. So war der
Abschlu eines Waffenstillstandes zum Zwecke von Verhandlungen ber den
von England angebotenen Frieden erfolgt, noch ehe die von Schottland
her vorrckenden deutschen Truppen Gelegenheit gehabt hatten, in die
kriegerischen Ereignisse zu Lande einzugreifen.

Der Friedensschlu, von allen Kulturnationen des Erdballs
herbeigesehnt, konnte als gesichert gelten, wenn auch kein Zweifel
darber bestand, da seiner endgltigen Unterzeichnung noch lange
und schwierige Verhandlungen wrden vorausgehen mssen. Der von dem
deutschen Reichskanzler angeregte Gedanke, einen allgemeinen Kongre
nach dem Haag einzuberufen, auf dem nicht nur die kriegfhrenden
Parteien sondern alle Regierungen vertreten sein sollten, hatte
allgemeine Zustimmung gefunden, da alle Staaten an der Neugestaltung
der Machtverhltnisse interessiert waren. Die Erledigung der
Friedensprliminarien aber mute zunchst Sache der kriegfhrenden
Mchte sein, und es waren zu diesem Zwecke auer dem deutschen
Reichskanzler, Freiherrn von Grubenhagen, der franzsische Minister
des Auswrtigen, Delcass, und der russische Staatssekretr Witte, in
Begleitung des Grafen Lambsdorff, mit einem ganzen Stabe von Beamten
und diplomatischen Hilfsarbeitern in Schlo Hampton Court eingetroffen.

Die Vorverhandlungen zwischen diesen Staatsmnnern und den englischen
Bevollmchtigten, dem Premierminister und ersten Lord des Schatzes
Balfour und dem Lordprsidenten des Geheimen Rates, Marquis von
Londonderry, wurden mit rastlosem Eifer betrieben. Ueber ihr bisheriges
Ergebnis aber wurde von allen Beteiligten das strengste Stillschweigen
bewahrt.

Dafr, da die Heerfhrer sich trotz der beginnenden
Friedensverhandlungen nicht der Unttigkeit hingaben, war das
Verhalten des Prinz-Admirals ein augenflliger Beweis. Obwohl er
sich der diplomatischen Aktion ganz fernhielt und sich lediglich mit
den militrischen Angelegenheiten befate, war fr ihn nicht nur
jede Minute des Tages, sondern auch ein guter Teil der Nachtstunden
ausgefllt durch Arbeiten und Besprechungen mit den Herren seines
Stabes, mit den leitenden Offizieren der Landarmee, sowie mit den
Oberkommandos der verbndeten franzsischen und russischen Armee.
Jedermann war voll Bewunderung fr die nie versagende Frische und
die unermdliche Arbeitskraft des Prinzen, dessen hohe, schlanke
Germanengestalt und dessen blondbrtiges Antlitz mit den ruhigen klaren
Seemannsaugen auf niemanden, der ihm nahetrat, ihre imponierende
Wirkung verfehlten. Nur sein kaiserlicher Bruder, der alle Fden
der politischen Aktion in der Hand hielt, mochte den Prinzen in der
traditionellen Hohenzollern-Arbeitskraft in dieser groen Zeit noch
bertreffen.

Es war nahe an Mitternacht, als nach einer langen, mit groer
Lebhaftigkeit gefhrten Beratung der franzsische General Jeannerod das
Arbeitskabinett des Prinzen verlie. Die Tr hatte sich kaum hinter
ihm geschlossen, als der diensttuende Adjutant des Prinzen mit einem
merklichen Ausdruck des Erstaunens im Klang der Stimme meldete:

Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler, Freiherr von Grubenhagen!

Bis in die Mitte des Zimmers ging der Prinz dem Eintretenden entgegen
und schttelte ihm krftig die Hand.

Ich danke Ihnen, Exzellenz, da Sie trotz der spten Stunde und trotz
der Arbeitsberhufung meiner Bitte um eine Unterredung noch heute
Folge geleistet haben. Ich hatte zu dieser Konferenz einen besonderen
Grund, den Sie verstehen werden, wenn ich Ihnen sage, da allerlei
Gerchte von bertriebenen Forderungen unserer Verbndeten zu mir
gedrungen sind. Mein bisheriges Verhalten wird Ihnen ein Beweis dafr
sein, da ich nicht die Absicht habe, mich in die diplomatischen
Verhandlungen einzumischen oder gar einen Einflu in dem einen oder
andern Sinne auszuben. Ich fhle mich hier nicht als Staatsmann,
sondern nur als Soldat, und gerade deshalb, meine ich, knnen Sie um so
offener zu mir sprechen. Man sagte mir, es sei bei der Feststellung
der Friedensbedingungen auf eine vllige Vernichtung Englands
abgesehen.

Der Kanzler, dessen mnnlich-charaktervollem Gesicht trotz der fast
bermenschlichen Arbeitsleistungen nichts von Erschlaffung anzumerken
war, sah dem Prinzen freimtig ins Auge und bewegte verneinend den Kopf.

Knigliche Hoheit sind nicht zutreffend unterrichtet worden. Eine
Absicht, England zu vernichten, besteht weder bei uns, noch bei einem
unserer Verbndeten. Allerdings herrscht darber volle Einigkeit, da
dieser furchtbare Krieg nicht vergebens gefhrt sein darf und da der
Preis auch der Gre der Opfer entsprechen mu, mit denen er erkauft
wurde.

Und wem soll dieser Preis zufallen?

Allen Nationen, Knigliche Hoheit! Denn es wre ein Frevel gewesen,
diesen Weltenbrand zu entznden, wenn es nicht in der sicheren
Voraussetzung geschehen wre, da seine luternden Flammen den
Boden vorbereiten wrden fr das Glck und den Frieden der Vlker.
Jahrhundertelang hat Britannien seine Machtmittel dazu mibraucht, die
eigenen Reichtmer auf fremde Kosten zu vermehren. Skrupellos wute es
alles an sich zu raffen, was ihm erreichbar war, und damit, da es bei
jedem Schritt wichtige Lebensinteressen anderer Nationen verletzte,
forderte es jenen Widerstand heraus, der jetzt die Zertrmmerung seiner
Weltmacht-Stellung herbeigefhrt hat. Das Glck der Vlker erblht
nur aus einem auf lange Zeit hinaus gesicherten Frieden, und nur
eine gerechte Verteilung des Besitzes der Erde kann den Weltfrieden
gewhrleisten. Darum wird England notwendig einen wesentlichen Teil
seines berseeischen Besitzes ausliefern mssen. Ruland will den Weg
zum indischen Ozean freihaben, denn nur wenn es eine gengende Anzahl
von Hfen hat, die das ganze Jahr hindurch offen bleiben, werden die
ungeheuren Reichtmer seines Bodens aufhren ein toter Besitz zu sein.
Und Frankreich -- --

Bleiben wir zunchst bei Ruland, Exzellenz! Hat die russische
Regierung ihre Forderungen bereits formuliert?

Diese Forderungen ergeben sich im wesentlichen schon aus der
Kriegslage, denn sie gipfeln in der Abtretung von Britisch-Indien an
Ruland. Was unser stlicher Nachbar darber hinaus anstreben wird,
soll weniger zu seiner Bereicherung, als zur Sicherung des europischen
Friedens dienen. Die stndige Gefahr, die der Ruhe Europas aus dem
Wetterwinkel der alten Welt, der Balkanhalbinsel, droht, mu endlich
beseitigt werden. Unter den beteiligten Mchten ist ein grundstzliches
Einverstndnis darber erreicht worden, da die Interessen-Sphren
Rulands und Oesterreichs auf dem Balkan in einer Weise abzugrenzen
sind, die eine definitive Regelung der Verhltnisse in den
Balkanstaaten zur Folge hat. Es ist die Rede von einem selbstndigen
Knigreich Macedonien unter der Herrschaft eines sterreichischen
Erzherzogs. Das Aequivalent fr diesen Zuwachs der sterreichischen
Macht gegenber dem russischen Reiche wird allerdings erst auf dem
Haager Kongre endgltig gefunden werden mssen. Jedenfalls aber soll
den Gefahren, die dem europischen Frieden von Bulgarien, Serbien und
Montenegro her drohen, fr die Zukunft wirksam vorgebeugt werden.

Aber frchten Sie denn nicht, da sich der Sultan einem solchen
Ausgleich, der doch im wesentlichen auf Kosten der Trkei erfolgt,
widersetzen wird?

Der Sultan wird sich der Macht der Verhltnisse beugen mssen.
Wir drfen nicht vergessen, Knigliche Hoheit, da der europische
Besitzstand der Trkei bisher viel weniger durch geheiligte Anrechte
der Pforte als durch die Uneinigkeit der Gromchte aufrecht erhalten
wurde. Die unaufhrlichen macedonischen Wirren haben gezeigt, da
der Sultan ebensowenig die Kraft als den guten Willen hat, den unter
seiner Herrschaft stehenden Balkanlndern eine den Forderungen moderner
Kultur entsprechende Verwaltung zu geben. Wenn die Pforte den Rckhalt
verliert, den sie bisher an England hatte, entfllt fr den Sultan
zugleich jede Mglichkeit eines ernsthaften Widerstandes.

Und was ist hinsichtlich Aegyptens geplant?

Aegypten bedeutet den Siegespreis fr Frankreich, dem damit ja nur
das zurckgegeben wird, was es auf Grund einer glorreichen Geschichte
mit Recht beanspruchen darf. Die Souvernitt des Sultans, die ja
lediglich eine Formsache ist, wird auch weiter bestehen bleiben. Aber
die Stellung, die jetzt England in Aegypten einnimmt, wird -- mit einer
Einschrnkung allerdings -- von nun an Frankreich zufallen.

Mit welcher Einschrnkung?

Nicht Frankreich allein wird die Verwaltung fhren, sondern eine
internationale Kommission, von allen Mchten eingesetzt, wird unter
Frankreichs Vorsitz an Stelle der jetzigen englischen Verwaltung
treten. Die erste Bedingung hierzu ist, da England alle seine
finanziellen Forderungen und seinen groen Besitz an Aktien des
Suezkanals den alliierten Mchten zediert. Diese Finanzopfer sollen
zugleich einen Teil der Kriegsentschdigung bilden, die England zur
Last fllt.

Weitergehende Ansprche erhebt Frankreich nicht?

Frankreich ist mit den Erfolgen dieses Krieges um so mehr zufrieden,
als eine Angliederung Belgiens an die franzsische Republik sehr
wahrscheinlich ist. Deutschland beansprucht indessen fr sich den Hafen
von Antwerpen, den wir gleich bei Beginn des Krieges besetzt haben.

Wenn ich recht unterrichtet bin, war davon die Rede, da Aden an
Frankreich fallen oder neutralisiert werden solle?

Der Gedanke war allerdings angeregt worden, aber die verbndeten
Mchte sind zu dem Entschlu gekommen, Aden bei England zu lassen.
Dagegen wird sich England verpflichten mssen, keinerlei Ansprche zu
erheben, die den Bau und Betrieb der Bagdadbahn illusorisch machen
wrden. Der Hafen Koweit am persischen Meerbusen, der sdstliche
Endpunkt dieser Bahn, mu unangetastet der Trkei verbleiben.

Und Gibraltar? Es rief ja einen Sturm der Entrstung in England
hervor, als pltzlich das Gercht auftauchte, man wrde die Abtretung
dieser Festung verlangen.

Und doch wird die englische Regierung sich darein finden mssen,
denn die Uebergabe Gibraltars ist eine unerlliche Bedingung der
verbndeten Regierungen.

Es ist unmglich, diese natrliche Felsenfestung zu schleifen!

Es wrde gengen, da die englische Besatzung zurckgezogen und
alle Befestigungen desarmiert wrden. Gibraltar wird aufhren, als
Festung zu existieren und soll unter bestimmten Garantien an Spanien
zurckfallen. Da es indessen nicht in der Absicht der Verbndeten
liegt, den englischen Einflu in der Levante vllig zu zerstren,
soll Malta dem britischen Reiche verbleiben. England behlt damit im
Mittellndischen Meer den wichtigsten Sttzpunkt seiner Flotte.

Es wird nicht leicht sein, die Annahme dieser Bedingungen bei der
englischen Regierung durchzusetzen. Doch Sie haben noch nicht von den
Forderungen Deutschlands gesprochen, -- Antwerpen berhrt nicht direkt
die Interessen Englands.

Die Politik der deutschen Regierungen wird darin gipfeln, sich
gefestigte handelspolitische Beziehungen zu England und seinen
Kolonieen und eine Abrundung unseres kolonialen Besitzes zu sichern.
Fr Deutsch-Sdwestafrika verlangen wir deshalb die Walfischbai,
den einzigen guten Hafen, der als englisches Besitztum jetzt wie
wildes Fleisch mitten im Krper unserer jungen sdwestafrikanischen
Kolonie sitzt. Auerdem aber mssen wir darauf bestehen, da auch
die ostafrikanischen Gebiete, die wir im Austausch gegen Helgoland
aufgegeben haben, uns zurckgegeben werden. Dieser schwere Fehler der
deutschen Politik mu ausgeglichen werden, denn die Ueberlassung des
Protektorats ber Zanzibar an England war ein Schlag, der nicht allein
den Eifer unserer besten Kolonialfreunde lhmte, sondern auch unsere
ostafrikanischen Kolonieen entwertete.

Wenn ich Sie recht verstehe, Exzellenz, ist Ihre Politik darauf
gerichtet, den kolonialen Bestrebungen Deutschlands eine festere Basis
zu geben.

Dies halte ich allerdings fr eine der wichtigsten Forderungen unserer
Zeit. Wir mssen nachholen, was die Politik der letzten Jahrhunderte
verabsumt hat. Zu derselben Zeit, da Eurer Kniglichen Hoheit groer
Ahnherr um eine Handbreit Landes, um das kleine Schlesien, sieben Jahre
hindurch Krieg fhrte, gelang es der weitausschauenden englischen
Politik, sich mit geringen Opfern in den Besitz von unermelichen
Lndergebieten zu bringen, die in ihrer Gesamtheit den ganzen
europischen Kontinent weit bertrafen.

England war eben seit Jahrhunderten eine Seemacht, die ihr Bestreben
auf den Erwerb berseeischer Kolonieen richten mute.

Und was htte Preuen gehindert, schon vor Jahrhunderten eine
achtunggebietende Seemacht zu werden? Unser Unglck war es, da die
gewaltigen Ideen und weitblickenden Absichten des Groen Kurfrsten
an der Unzulnglichkeit seiner Mittel scheitern muten. Htten seine
Nachfolger fortgesetzt, was er begonnen, so htte Grobritanniens Macht
sich niemals zu solcher Hhe emporheben knnen. Denn auch wir wrden
uns dann schon in den frheren Jahrhunderten den uns gebhrenden Anteil
in den auereuropischen Erdteilen rechtzeitig gesichert haben.

Der Prinz blickte sinnend vor sich hin. Nach einem kurzen Schweigen
fuhr der Reichskanzler fort:

Knigliche Hoheit werden darber unterrichtet sein, da in den
Niederlanden die feste Absicht besteht, sich im Interesse der
Selbsterhaltung dem Deutschen Reiche als ein Bundesstaat anzugliedern,
wie es nach dem deutsch-franzsischen Kriege Bayern, Sachsen,
Wrttemberg, Baden und die brigen deutschen Staaten getan haben.
Damit wrden dann auch die reichen und ausgedehnten niederlndischen
Kolonieen zu deutschen Kolonieen werden, d. h. sie wrden unter
Fortbestand der hollndischen Verwaltung in den politischen Verband
der brigen deutschen Kolonieen mit eintreten. Auf die niederlndische
Bevlkerung hat es einen sehr guten Eindruck gemacht, da wir
beabsichtigen, das Unrecht wieder gutzumachen, das England den Buren
zugefgt hat. Die Burenstaaten sollen unter Wiederherstellung ihrer
Selbstndigkeit in dasselbe Verhltnis zu uns treten, in dem sie vor
dem Burenkriege zu England standen.

Das heit also: Selbstverwaltung unter Anerkennung der deutschen
Oberhoheit. Nun ja, sie sind der Niederlnder Stammverwandte. Aber,
mein bester Baron, wird das deutsche Volk nicht erschrecken vor den
Konsequenzen einer Erweiterung unseres berseeischen Besitzes? Ein
grerer Kolonialbesitz erfordert auch eine grere Flotte. Denken Sie
doch an die Kmpfe, die die verbndeten Regierungen zu fhren hatten,
um im Parlament eine Vergrerung der deutschen Flotte selbst im
bescheidenen Umfange durchzusetzen!

Diese Schwierigkeit frchte ich nicht so sehr, denn das deutsche Volk
hat den Wert der Flotte schtzen gelernt. Wir sind ber das Stadium der
tastenden Versuche hinausgekommen und haben Lehrgeld genug bezahlt. Wir
mssen festhalten, was wir besitzen und zurcknehmen, was uns durch den
leider so wenig kaufmnnischen Geist unserer auswrtigen Politik in
frheren Jahrzehnten verloren gegangen ist. Dann wird das deutsche Volk
auch wieder Vertrauen zu unserer Kolonialpolitik fassen.

Wie aber wollen Sie die Lasten aufbringen, die notwendig sind, um
unsere Flotte stark und mchtig zu machen?

Unsere Verhandlungen mit den befreundeten Regierungen von Frankreich
und Ruland zeigen, da in diesen Staaten ebensosehr wie im deutschen
Volke der Wunsch nach einer Verminderung des Landheeres besteht. Und
in Oesterreich und Italien regt sich machtvoll dasselbe Bestreben,
die Landmacht zu verringern. Die Vlker wrden unter der Last
zusammenbrechen, wenn die Ausgaben fr die Armee noch weiter stiegen.
Verringern wir unsere Landarmee, so gewinnen wir die Mittel zur
Vermehrung unserer Marine. Jetzt, nach dem siegreichen Kriege, ist der
Augenblick gekommen, wo wir auf dem ganzen Kontinent die ungeheuren
stehenden Heere auf einen der finanziellen Leistungsfhigkeit der
Vlker entsprechenden Stand zurckfhren knnen. Der uere Feind ist
besiegt; wir drfen nicht daran denken, den inneren Feind durch eine
bermige Belastung aller Stnde heraufzubeschwren.

Sie sprachen vorhin von einem wenig kaufmnnischen Geist in unserer
auswrtigen Politik. Wie ist dieser Vorwurf zu verstehen?

Ganz buchstblich, Knigliche Hoheit! Der Vertrag, der Zanzibar
aufgab, um Helgoland zu gewinnen, wre niemals mglich gewesen, wenn
unsere Diplomatie es der englischen an jenem Weitblick und jenem
Verstndnis fr wirtschaftliche Fragen gleich tte, die ich eben
nicht anders bezeichnen kann, als mit dem Ehrentitel >kaufmnnischen
Geistes<. Dieser kaufmnnische Geist ist die Triebfeder in Industrie
und Landwirtschaft, in Handel und Handwerk, wie berhaupt in dem
gesamten Erwerbsleben, und es ist notwendig, da dieser kaufmnnische
Geist auch in unseren Ministerien als eine notwendige Voraussetzung
fr die Qualifikation zur Beurteilung der wirtschaftlichen Interessen
des Volkes anerkannt wird. In keiner anderen Hinsicht knnen unsere
Staatsmnner und Beamten und unsere erwerbenden Stnde von unserem
besiegten Gegner mehr lernen, als gerade in dieser. Da es eine
Nation von Kaufleuten ist, hat England gro gemacht, whrend unsere
wirtschaftliche Entwicklung und unsere Geltung nach auen hin
vielleicht durch nichts anderes so sehr behindert worden sind, als
durch die Geringschtzung, mit der bei uns die erwerbenden Stnde bis
in die jngste Zeit hinein behandelt wurden. In England stand auf der
gesellschaftlichen Stufenleiter der Kaufmann stets ber dem Offizier
und dem Beamten. Bei uns bedeutet er neben diesen beiden Kategorieen
fast einen Staatsbrger zweiter Klasse. Was in England nur als Mittel
zum Zweck Geltung hat, das wird bei uns als Selbstzweck angesehen. Der
Geist jener starren Bureaukratie, ber die schon Frst Bismarck geklagt
hat, ist in unserem Deutschen Reiche von den niedrigsten bis zu den
hchsten Stellen hinauf, leider mit nur geringen Ausnahmen, noch immer
der herrschende, und aus dem mangelnden Verstndnis fr die Bedeutung
des wirtschaftlichen Lebens resultiert dann die niedrige Wertschtzung
der erwerbenden Stnde. Der gesunde kaufmnnische Geist, der durch das
ganze englische Staatsleben geht, entzieht auch der Sozialdemokratie
in England den Boden, whrend sie bei uns von Jahr zu Jahr an Boden
gewinnt. Ich habe die Ueberzeugung, da unser deutsches Volk die
Sozialdemokratie nicht zu frchten braucht, denn es kommt bei der
Bekmpfung wirtschaftlicher Schden weniger auf die Regierten an als
auf die Regierenden.

Es mag manches Wahre sein in dem, was Sie da sagen, Herr
Reichskanzler! Aber die Vergrerung unseres Kolonialbesitzes wird ja
in erster Linie dem Handel zu Gute kommen, und damit wird naturgem
auch bei uns der Kaufmann zu grerer Bedeutung gelangen. Man hrt ja
schon jetzt von groen Plantagengesellschaften, die mit enormem Kapital
ins Leben gerufen werden sollen.

Gerade gegen die Bildung dieser Gesellschaften denke ich meinen ganzen
Einflu geltend zu machen, Knigliche Hoheit! Knnten wir doch keinen
verhngnisvolleren Fehler begehen, als den, da wir die Land- und
Bodenspekulation, die in den alten Kulturstaaten so unheilvolle Frchte
gezeitigt hat, auch in unseren Kolonieen staatlich privilegierten.
Grund und Boden drfen kein Spekulationsobjekt sein, sondern mssen
Staatseigentum bleiben. Zu den Stnden, die heute wirtschaftlich am
meisten leiden, gehrt die Landwirtschaft. Nur eine Erhhung der
Schutzzlle kann die ackerbautreibende Bevlkerung vor der dringenden
Gefahr des wirtschaftlichen Ruins bewahren. Mit dem erhhten
Schutzzoll wird die gesteigerte Rentabilitt des Bodens eintreten, doch
im Zusammenhange damit auch eine weitere Preissteigerung des Bodens,
da er eben auch ein Handelsartikel ist. Mit dem Steigen der Bodenwerte
wachsen dann aber gleichzeitig auch die Zinsen, die aus Grund und Boden
herauszuwirtschaften sind, und ich mu aus diesem Grunde frchten, da
trotz einer Erhhung der Schutzzlle die Landwirtschaft schon in der
nchsten Generation unter der weiteren Steigerung der Bodenpreise und
den sich daraus ergebenden erhhten Zinsanforderungen zu leiden haben
wird.

Wir drfen in unseren Kolonieen nicht in den gleichen Fehler verfallen,
der in den heutigen Kulturstaaten die soziale Frage geboren hat. Nach
einem hheren Gesetz, als es menschliche Unvollkommenheit geschaffen
hat, gehrt die Erde den Geschpfen, die auf ihr und durch sie leben.
Darum darf der Boden unserer Erde kein Handelsobjekt sein. Er ist
untrennbar mit dem Staatskrper verwachsen. Ich wage nicht zu hoffen,
da es mir oder einem meiner Zeitgenossen beschieden sein wird, die
soziale Frage zu lsen, doch ich werde nicht mde werden, meinen ganzen
Einflu dafr einzusetzen, eine falsche Bodenpolitik wenigstens in
unseren jungen Kolonieen zu verhindern. Das Unrecht stirbt an seinen
Folgen, denn mit dem Unrecht wchst zugleich sein Rcher auf. Ein
verhngnisvolles Unrecht aber war es, da die Menschheit den Boden,
der sie ernhrt, zum Spekulationsobjekt werden lie. Diese unheilvolle
Saat zeitigt unheilvolle Frchte. Es mu die hchste Aufgabe aller
Regierungen sein, die Bodenreform, diese groe, das Schicksal einer
Welt entscheidende Frage, mit allen gesetzgeberischen Machtmitteln
durchzufhren. Jetzt, wo nach menschlicher Voraussicht der Friede
gesichert ist, wo uere Gefahren den Bestand unseres Reiches nicht
mehr bedrohen, jetzt enthebt uns nichts mehr der ernsten und heiligen
Verpflichtung, mit dem grten und gewaltigsten Reformwerke der
Menschheit zu beginnen. Dann fhrt uns unser Weg -- vom Weltkrieg zum
Weltfrieden.

In demselben Augenblick ffnete sich die Tr des Gemaches, und aus
den Hnden eines von dem diensttuenden Adjutanten eingefhrten
Feldjgers nahm der Prinz einen mit der Kaiserkrone und dem Initial des
kaiserlichen Namens geschmckten Brief entgegen.

Der erste Schimmer des anbrechenden Morgens fiel in die geffneten
Fenster, und durch die Wipfel der uralten Parkbume von Hampton Court
ging ein geheimnisvolles Rauschen und Raunen, wie wenn sie Zwiesprache
hielten ber den wunderbaren Wechsel der Geschicke, deren stumme Zeugen
sie seit den fernen Tagen ihrer Jugend gewesen.

Die blauen Augen des Hohenzollernprinzen aber leuchteten in freudigem
Stolze auf, whrend sie das kaiserliche Handschreiben berflogen. Ein
paar Sekunden lang herrschte tiefe Stille. Dann wandte sich der Prinz
dem Reichskanzler zu:

Wir gehen einem groen Tage entgegen, Exzellenz! An der Spitze der
verbndeten Armeen wird Seine Majestt der Kaiser in London einziehen.
Der Friede ist gesichert. Gebe Gott, da es der letzte Krieg sein mge,
den wir fr das Glck und die Zukunft der deutschen Nation fhren
muten!


                                _Ende._




In demselben $Verlage von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig$, ist
erschienen:


  ~Regiments-Indiskretionen.~

  Ein Offiziers-Roman
  von
  ~Teo von Torn~.

  Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.

Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. Verfasser hat versucht,
beides gleichmig zu verteilen. Er schildert uerst spannend und
wahrheitsgetreu das dienstliche und gesellschaftliche Leben in kleinen
Garnisonen, unter besonderer Bercksichtigung der Lebensgewohnheiten
der Offiziersdamen. Teo von Torn ist es meisterhaft gelungen, den
richtigen Ton zu treffen, ohne der Uebertreibung anheim zu fallen. Ein
Buch, das allenthalben Aufsehen erregt.


  ~Venus als Siegerin.~

  Ein Offiziers-Roman
  von
  ~Caesar Magnus~.

  Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.

Unter dem Pseudonym Caesar Magnus hat ein hherer preuischer
Generalstabs-Offizier diesen hochinteressanten Roman geschrieben,
welcher den Gegensatz der Forderungen der Konvenienz zu dem sich ungern
an Gesetze bindenden Genie zum Vorwurf hat und gleichzeitig zeigt,
da auch der erweckte Mann den Lockungen der Liebe, noch dazu der
verbotenen, zu der Frau eines anderen Mannes nicht widersteht und daran
zu Grunde geht. Sehr ansprechend ist der Frst eines kleinen deutschen
Landes geschildert, der ber kleinlichen Vorurteilen erhaben, den als
Offizier Gechteten doch als Dichter zu wrdigen und zu ehren wei.

  In allen Buchhandlungen zu haben.


  Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.


  ~Gegen den Strom.~

  Ein Zeitroman
  von
  ~Ludwig Rohmann~.

  Preis 90 Pf. geheftet, 1 Mark gebunden.

Der Verfasser entwirft ein beraus fesselndes Kulturbild aus
Pomerellen, dem alten Kassubenlande, dessen polnisch sprechende
Bewohner noch heute die Herrlichkeit des Polenreichs nicht vergessen
knnen und den deutschen Usurpatoren mit glhendem Ha begegnen.
Zugleich geielt er scharf den geltenden Ehren- und Duell-Kodex,
dessen verderbliche Folgen durch die Schicksale eines hoffnungsvollen,
aus seiner Bahn gedrngten Juristen illustriert werden. Eine innige
Liebesgeschichte ist mit dem Grundthema geschickt verwoben.


  ~Sinkende Sonnen.~

  Ein Knstler-Roman
  von
  ~Georges Ohnet~.

  Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.

Ein Knstler-Roman, in welchem der Verfasser des Httenbesitzers in
einer gewissen wehmtigen Beleuchtung uns das untergehende Gestirn
eines gefeierten Malers zeigt, der seinen Ruhm berlebt hat, an der
Grenze seiner Schaffenskraft angekommen ist, um so mehr, als er auch
seine Herzenswnsche aufgeben mu. Das Mdchen, das er liebt, das
er einst als Modell von der Strae aufgelesen und das er wie eine
Pflegetochter zur Knstlerin herangebildet, schenkt ihr Herz einem
jngeren genialen Maler. Der Knstler endet durch Selbstmord. Der
Roman ist ein fein ausgefhrtes Seelengemlde; das Milieu des Ateliers
ist besonders gut getroffen, ebenso einzelne Charakterkpfe, wie die
Schriftstellerin Zlie Bazin und der Journalist Teneran.

_Professor G. Schnleber_ schrieb uns: Ich habe Sinkende Sonnen mit
groem Interesse gelesen. Das Buch enthlt nur Wahres, der Verfasser
versteht Knstler, wie sie in der Tat fhlen, seine Personen sind
typisch, auch ohne Pariser Atmosphre.

  In allen Buchhandlungen zu haben.


  ~Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.~


  ~Pflug und Schwert.~

  Historischer Roman
  von
  ~Heinrich Vollrat Schumacher~.

  2 Bnde. Preis 6 Mark geheftet, 7 Mark gebunden.

$Seine Exzellenz der Reichskanzler Graf Blow$ schrieb uns: Die
Verlagsbuchhandlung W. Vobach & Co. hat mir durch Uebersendung des
Romans Pflug und Schwert von Heinrich Vollrat Schumacher, wie nicht
minder durch die Ausfhrung des gefl. Schreibens eine besondere Freude
gemacht. Ich wnsche dem Roman einen Platz auf vielen deutschen Tischen
und seinem Verfasser Schaffenslust und gutes Gelingen seinen weiteren
Arbeiten.

Die groen Leidenschaften, wie sie die ungeheuren Umwlzungen der
napoleonischen Kriege entfacht, die glhende Vaterlandsliebe, der bis
zur Selbstentuerung sich erhebende ideale Sinn der Freiheitskrieger
und dem gegenber die finstere Selbstsucht, die vor nichts
zurckschreckende Habgier, die in der Not des Vaterlandes und den
Bedrngnissen ihrer Nachbarn den eigenen Vorteil sucht, sie geben auf
einem mit realistischer Kraft gemalten Hintergrund ein jeden Leser
ergreifendes Bild. Die Sprache des Romans ist edel und erhebt sich
stellenweise zu wunderbarer Schnheit.


  ~Prinzessin Fee.~

  Eine Hofgeschichte
  von
  ~Paul Oskar Hcker~.

  2 Bnde. Preis 2 Mark geheftet, 2,50 Mark gebunden.

Dieser Roman ist wie kaum ein zweites Werk des beliebten Autors
geeignet, das Interesse der weitesten Kreise zu erregen. Die
Erzherzogin Fedora und ihre Schicksale, die in dramatisch bewegter
Handlung sich vor uns abspielen, sind keine bloen Phantasiegebilde
des Dichters, sondern lehnen sich an tatschliche Vorgnge in einem
Frstenhause an. Es handelt sich um die Schpfung eines Dichters, der
mit offenen Augen durchs Leben geht, um das, was er dort sieht, frei,
allein dem knstlerischen Gesetze folgend, zu gestalten. Neben den
ernsten und ergreifenden Szenen, die die inneren Kmpfe und Leiden
der Heldin schildern, bricht immer wieder, die Hrten des Lebens
vergoldend, der liebenswrdige Humor des Dichters durch und entzckt
mit seiner tiefen Innerlichkeit.

  In allen Buchhandlungen zu haben.


  ~Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.~


  ~Berenice.~

  Kulturgeschichtlicher Roman aus der Zeit der Judenverfolgungen
  von
  ~Heinrich Vollrat Schumacher~.

  2 Bnde. Preis 2 Mark geheftet, 2,50 Mark elegant gebunden.

Eine treffliche Arbeit, in welcher sich Wissenschaft und Kunst zu einem
hchst anziehenden Werke verbinden. Einzelne Scenen desselben sind
mit markerschtternder Kraft geschrieben. Die Zerstrung der heiligen
Stadt, der Brand des Tempels, die Preisgebung der gefangenen Juder
in der Arena an die wilden Bestien, die Anteilnahme des Volkes an dem
ihm willkommenen, blutigen Schauspiele sind prachtvoll, wenngleich
schrecklich, und erinnern in der Plastik ihrer Furchtbarkeit an die
Zerstrung Jerusalems von Kaulbach in der Pinakothek. Doch kommen auch
Stellen von rhrender Zartheit in Berenice vor, in denen der Leser
ausruht, so das Gesprch der beiden blutsverwandten Juderinnen, der
stolzen Salome und der lieblichen Thamar, der Tochter Johannes von
Gischala, welche keine sklavische Nachahmung der Schwestern von Georg
Ebers sind, allein doch durch einen Familienzug an dieselben erinnern;
die Flucht Debora-Berenices mit Reguel nach Beth-Iden, und die Liebe
Gabbas, des Zwerges, zu seiner Jugendgefhrtin, der Germanin Wunnehild,
und die poetischen alten Sagen, welche in dem Roman geschickt verwebt
sind, und unter welchen die von der Liebe Hadad-Rimmons und der Gttin
Derketo, aus welcher sich die Adonissage entwickelt haben soll, als
eine der schnsten bezeichnet werden mu.


  ~Familie von Ellernbruck.~

  Humoristischer Roman
  von
  ~Kthe van Beeker~.

  Preis 3 Mark geheftet, 4 Mark gebunden.

Die Verfasserin fhrt den Leser in das gut beobachtete und mit
liebenswrdigem Humor geschilderte Milieu einer hocharistokratischen
Offizierfamilie, welcher von all dem Glanze einer ruhmvollen
Vergangenheit nichts geblieben ist, als der unbefleckte Ehrenschild
ihres grflichen Wappens. Wie nun in diese unsichtbare Mauer von
Standesbewutsein und -- Standesvorurteil aus dem Kreise der eigenen
Familie heraus nach und nach Bresche gelegt wird, wie der Sohn und
die jngste Tochter, die so tapfer als Selektanerin und angehende
Lehrerin den Kampf ums Dasein aufnimmt, ihre moderne Anschauung von
den Pflichten des Adels gegenber den Aufgaben und den Anforderungen
ihrer Zeit zur Geltung bringen, das hat die Verfasserin mit frischer,
berzeugender Anschaulichkeit geschildert.

  In allen Buchhandlungen zu haben.


  ~Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.~


  ~Vobachs
  illustrierte Roman-Bibliothek~

  ~Jeder Band kostet 1 Mark gebunden.~


~Der Verdacht.~ -- Roman von ~Teo von Torn~.

Mit unerbittlicher Folgerichtigkeit ziehen sich die Fden der Handlung
zu dem unheilvollen Konflikt ber dem Haupte der Schuldigen zusammen.
Es ist ein uerst fesselnder Roman, der nur wenige seinesgleichen hat.


~Zum Frieden.~ -- Roman von ~Hilde von Selkow~.

Die tief ergreifende Geschichte einer Ehe, wie sie in den Kreisen der
oberen Zehntausend so oft geschlossen wird, ist diesem gemtvollen
Roman zu Grunde gelegt. Mit immer wachsender Anteilnahme folgen wir
den inneren Kmpfen des treuen Frauenherzens, das sich langsam zur
Entsagung durchringt, um endlich zum Frieden zu gelangen.


~Durch Kampf zur Krone.~ -- Roman von ~Ada von Gersdorff~.

Ein hohes Lied von der siegenden Macht der Liebe verdient dieser Roman
genannt zu werden. Wie die Liebe im Weibe alle Zweifel, die von fremder
Hand in ihre Seele gest werden, siegreich berwindet, wie die Liebe,
die anfangs in blindem Vertrauen dem Manne ihrer Wahl folgt, sich im
Kampfe des Lebens zum bewuten Glauben an den Geliebten durchringt, wie
sie fr beide Gatten zur Krone des Lebens wird, das ist mit packender
Darstellungskunst in diesem Roman der berhmten Schriftstellerin
geschildert.


~Um einen Knigsthron.~ -- Roman von ~Emilia Pardo-Bazan~.

Mitten hinein in den schweren Kampf zwischen der Pflicht, die den Mann
an die ihm gestellten Aufgaben ruft, und der Liebe, die strmisch
ihr Recht begehrt, wird der Held dieses Romans gefhrt. Vor die
Entscheidung gestellt, folgt er dem Rufe der Pflicht und fllt als Held
im Kampfe zwischen Pflicht und Neigung.


~Bis in den Tod.~ -- Roman von ~W. Granath~.

Eine dstere Episode der Weltgeschichte, das Sterben und Irren eines
unglcklichen Knigs schildert dieser ungewhnlich spannende Roman.
Die gewaltige Tragik der Ereignisse wird gemildert durch ein zartes
Liebesidyll, das sich wirkungsvoll auf dem geschichtlichen Hintergrunde
aufbaut.


~Der Berghaldnerhof.~ -- Roman von ~F. Kaltenhauser~.

Ein packendes Stck Leben, das zum Hintergrund die groartige Szenerie
der Alpenwelt hat. Die Glut der Darstellung, die Wucht der Handlung
erinnern an die besten Werke eines Ganghofer.


~Treue.~ -- Roman von ~B. Corony~.

Ein Seelendrama, das mit seltenem psychologischen Scharfsinn gezeichnet
ist. Das Schicksal eines Weibes, dem wir mit innerster Anteilnahme
folgen mssen, ein Stck Leben, ber das wir als Motto schreiben
mten: Liebe ist stark wie der Tod.


~Stolze Herzen.~ -- Roman von ~Ada von Gersdorff~.

Wohl eines der besten Werke aus der Feder der vielgelesenen
Schriftstellerin. Die tiefsten Klnge, die die Menschenseele bewegen,
werden hier von Meisterhand angeschlagen. Niemand kann das Buch ohne
tiefe Ergriffenheit aus der Hand legen.

  In allen Buchhandlungen zu haben.


  ~Verlag von W. Vobach & Co., Berlin und Leipzig.~

  ~Vobachs
  illustrierte Roman-Bibliothek~

  ~Jeder Band kostet 1 Mark gebunden.~


~Der Goldmacher.~ -- Roman von ~C. Falkenhorst~.

Ein fesselndes Kulturbild aus der Zeit der Alchimisten, die den
Stein der Weisen suchten. Auf diesem Hintergrunde spielt ein zartes
Liebesidyll, dessen Zauber sich kein Leser entziehen wird.


~Unter dem Dornenkranz.~ -- Roman von ~Frieda H. Kraze~.

Wie unter dem milden Hauch echter Weibesliebe auch aus dem Dornenkranz,
der das Haupt eines in seiner einsamen Hhe wandelnden Dichters
umschlingt, endlich nach qualvollen inneren Kmpfen die lachenden Rosen
des inneren Glckes erblhen, ist von Meisterhand tief ergreifend in
diesem einzig schnen Roman geschildert.


~Hexenknste.~ -- Roman von ~Gustav Johannes Krauss~.

Zwischen Furcht und Hoffnung schwankt der Leser bei der Lektre dieses
Romans, der uns durch die Irrpfade von Leidenschaft und Verbrechen zu
den lichten Hhen reinen Liebesglckes emporfhrt.


  ~Von folgenden Romanen der $II. Serie$ kostet jeder Band
  $1 Mark$ geheftet und $1,25 Mark$ hochelegant gebunden.~


~Weltuntergang.~ -- Roman von ~Max Dunckel~.

Eine hochdramatische Schilderung der franzsischen Schreckensherrschaft
unter Robespierre. Die sich unter dem Schafott abspielenden
verzweifelten Scenen und die leidenschaftlichen Gefhlsausbrche vor
der Hinrichtung im Kerker sind von eminent packender Wirkung.


~Klippen.~ -- Roman von ~Anton von Perfall~.

In formvollendeter Darstellung gibt der bekannte Autor hier die
Schicksale eines Abenteurers wieder, der bei der Jagd nach dem Glck
zwar strauchelt, aber in ernster Arbeit und tiefer Reue einen Fehltritt
bt. Gerade zu meisterhaft sind die seelischen Konflikte gelst, und
bewundernd steht der Leser vor der Hoheit der Seele des Weibes.


~Du bist der Mann.~ -- Roman von~ M. E. Braddon~.

Ein uerst spannender Roman der beliebten Verfasserin, der vor dem
Auge des Lesers die fein ersonnenen und geschickt durchgefhrten
Intriguen entrollt, die angewendet wurden, um eine edle Frau einem
unaufrichtigen Manne zuzufhren. Die Handlung ist packend von der
ersten bis zur letzten Zeile.


~Die Rainhoferin.~ -- Roman von ~F. Kaltenhauser~.

Aufrichtiges Mitleid empfindet der Leser dieses Hochland-Romans mit
der Heldin, die in einer ihr aufgezwungenen Ehe alle Qualen des
geknechteten Herzens durchkosten mu. Mit seinem psychologischen
Verstndnis schildert die einem Anzengruber ebenbrtige Verfasserin
jene Volkskreise, in denen jahrhundertalte Traditionen noch heute
lhmend auf ganzen Familien lasten.


~Der Liebe Gebot.~ -- Roman von ~Elsbeth Borchart~. -- 2 Bnde.

Der Fehltritt eines deutschen Frsten in seinen Jugendjahren und
dessen Konsequenzen hat diese Arbeit zum Vorwurf. Die Seelenstimmung
des alternden kinderlosen Witwers, dessen natrlicher Sohn durch
Zufall als Leibarzt an den Hof gelangt, ist so fein durchgearbeitet,
da niemand dem Frsten seine Teilnahme versagen wird. Fr jeden, der
Hofgeschichten mit ihren tausenderlei Intriguen liebt, wird dieser
Roman eine uerst fesselnde Lektre sein. Der Liebe Gebot wurde des
packenden Inhalts wegen bereits dramatisiert.

  In allen Buchhandlungen zu haben.




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| Anmerkungen zur Transkription                                |
|                                                              |
| Idiomatische Schreibweisen des Autors wurden beibehalten,    |
| wie: Knieen, Kopieen, Melodieen, Physiognomieen, schrieen,   |
| umsomehr, Diner.                                             |
|                                                              |
| Die folgenden Inkonsistenzen wurden beibehalten, da beide    |
| Schreibweisen gebruchlich waren:                            |
|                                                              |
| anderen -- andern                                            |
| anglo-indisch -- angloindisch                                |
| Aufenthaltes -- Aufenthalts                                  |
| benutzen -- bentzen                                         |
| Cantonment -- Kantonnement                                   |
| dunkeln -- dunklen                                           |
| Eingeborenen -- Eingebornen                                  |
| Entwickelung -- Entwicklung                                  |
| Fahrzeuges -- Fahrzeugs                                      |
| Garde-Regiment -- Garderegiment                              |
| General-Gouvernement -- Generalgouvernement                  |
| Generale -- Generle                                         |
| Generalstabes -- Generalstabs                                |
| gewohnt -- gewhnt                                           |
| gleichgiltig -- gleichgltig                                 |
| Hilfe -- Hlfe                                               |
| Hill-Station -- Hillstation                                  |
| hheren -- hhern                                            |
| hundertundzwanzigtausend -- hundertzwanzigtausend            |
| im stande -- imstande                                        |
| Kaiser Wilhelm-Kanal -- Kaiser-Wilhelm-Kanal                 |
| Khaki-Anzug -- Khakianzug                                    |
| Kieler Fhrde -- Kieler Frde                                |
| Kolonieen -- Kolonien                                        |
| Kontre-Admiral -- Kontreadmiral                              |
| Mac Gregor -- Mc. Gregor                                     |
| Panzer-Schlachtschiff -- Panzerschlachtschiff                |
| Papieres -- Papiers                                          |
| Sommer-Uniform -- Sommeruniform                              |
| Stockwerkes -- Stockwerks                                    |
| Sympathieen -- Sympathien                                    |
| Torpedo-Divisionsboote -- Torpedodivisionsboote              |
| Union Jack -- Union-Jack                                     |
| unseren -- unsern                                            |
| wackeren -- wackern                                          |
| weiteren -- weitern                                          |
| Wester-Schelde -- Westerschelde                              |
|                                                              |
| Die Umwandlung von -ss in - an Wortende bei englischen      |
| Begriffen (Empre, Cro) wurde beibehalten.                  |
|                                                              |
| Folgende nderungen wurden vorgenommen:                      |
|                                                              |
| S. 6 "Schimonosaki" in "Schimonoseki" gendert.              |
| S. 15  eingefgt.                                           |
| S. 17 < verschoben.                                          |
| S. 17 "ans" in "aus" gendert.                               |
| S. 18 "unserigen" in "unsrigen" gendert.                    |
| S. 23 "auergewhnliches" in "Auergewhnliches" gendert.   |
| S. 23 "austeilen" in "Austeilen" gendert.                   |
| S. 24 "Siebenhuudertfnfzig" in "Siebenhundertfnfzig"       |
|       gendert.                                              |
| S. 28 "sie" in "Sie" gendert.                               |
| S. 29  eingefgt.                                           |
| S. 35  eingefgt.                                           |
| S. 39 "htte" in "hatte" gendert.                           |
| S. 43  eingefgt.                                           |
| S. 43  eingefgt.                                           |
| S. 49 "Gurkas" in "Gurkhas" gendert.                        |
| S. 64 . eingefgt.                                           |
| S. 70 "Rnhe" in "Ruhe" gendert.                             |
| S. 73 "Madharadjah" in "Maharadjah" gendert.                |
| S. 76 "gegeben" eingefgt.                                   |
| S. 97 "hunterttausend" in "hunderttausend" gendert.         |
| S. 104  eingefgt.                                          |
| S. 112 "Blindon Blood" in "Bindon Blood" gendert.           |
| S. 118 "Sie" in "sie" gendert.                              |
| S. 120 "nnd" in "und" gendert.                              |
| S. 128 "Lenten" in "Leuten" gendert.                        |
| S. 131 "Eiudrucks" in "Eindrucks" gendert.                  |
| S. 132 "Wirrwar" in "Wirrwarr" gendert.                     |
| S. 140 "verlornen" in "verlorenen" gendert.                 |
| S. 141 , eingefgt.                                          |
| S. 143 "beizende" in "beiende" gendert.                    |
| S. 149 "voraufgegangenen" in "vorausgegangenen" gendert.    |
| S. 151 "Cnotaphium" in "Coenotaphium" gendert.             |
| S. 154 "zurck gebliebeneu" in "zurckgebliebenen" gendert. |
| S. 155 "Erkenntnis" in "Urteil" gendert.                    |
| S. 156 "Mean Meer Cantonment" in "Meean Meer Cantonment"     |
|        gendert.                                             |
| S. 159 "er felbst" in "er selbst" gendert.                  |
| S. 165 "Atchison-College" in "Aitchison-College" gendert.   |
| S. 166 "nnserer" in "unserer" gendert.                      |
| S. 167  eingefgt.                                          |
| S. 167 "vor" in "von" gendert.                              |
| S. 174 "Ermouth" in "Exmouth" gendert.                      |
| S. 174 "Russel" in "Russell" gendert.                       |
| S. 181 "Tyroler" in "Tiroler" gendert.                      |
| S. 182 "nnd" in "und" gendert.                              |
| S. 192 "wir" in "Wir" gendert.                              |
| S. 194 "Armee-Gensdarmen" in "Armee-Gendarmen" gendert.     |
| S. 197 "Majaradjah" in "Maharadjah" gendert.                |
| S. 224 "Tschatschawadse" in "Tschadschawadse" gendert.      |
| S. 229 "Anandale" in "Annandale" gendert.                   |
| S. 232 Ellipse ".." in "...." gendert.                      |
| S. 232 "Manore Point" in "Manora Point" gendert.            |
| S. 233 "Apollo Bander" in "Apollo Bandar" gendert.          |
| S. 240  eingefgt.                                          |
| S. 251 "Admiral Gantaume" in "Admiral Ganteaume" gendert.   |
| S. 251 "Latouche-Treville" in "Latouche-Trville" gendert.  |
| S. 254 "Takellage" in "Takelage" gendert.                   |
| S. 259 "Topsflaggen" in "Toppsflaggen" gendert.             |
| S. 263 "Dentlichkeit" in "Deutlichkeit" gendert.            |
| S. 266 , eingefgt.                                          |
| S. 273 "Kadzand" in "Cadzand" gendert.                      |
| S. 278 "Batterieen" in "Batterien" gendert.                 |
| S. 281 "Mittelspersou" in "Mittelsperson" gendert.          |
| S. 282 "uehmen" in "nehmen" gendert.                        |
| S. 288 "Hallunken" in "Halunken" gendert.                   |
| S. 336 "Abukir" in "Aboukir" gendert.                       |
| S. 337 "Desparate" in "Desperate" gendert.                  |
| S. 341 > eingefgt.                                          |
| S. 358 , eingefgt.                                          |
| S. 358 "Torpedobootflotille" in "Torpedobootflottille"       |
|        gendert.                                             |
| S. 361 "Verhlnissen" in "Verhltnissen" gendert.           |
| S. 363 "Havarieen" in "Havarien" gendert.                   |
| S. 364 "Krenzerdivision" in "Kreuzerdivision" gendert.      |
| S. 368 "explodieren" in "Explodieren" gendert.              |
| S. 375 "Lamsdorff" in "Lambsdorff" gendert.                 |
| S. 380 "Garantieen" in "Garantien" gendert.                 |
|                                                              |
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End of the Project Gutenberg EBook of Der Weltkrieg, by August Niemann

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START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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