The Project Gutenberg EBook of Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf, by 
Josephine Siebe

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Title: Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf
       Fnfzehn heitere Erzhlungen

Author: Josephine Siebe

Release Date: August 19, 2015 [EBook #49738]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE KINDERGESCHICHTEN ***




Produced by Iris Schrder-Gehring, Norbert H. Langkau,
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[Illustration: Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf]

[Illustration: Muhme Lenelies und ihre Freunde.]




  Neue Kindergeschichten
  aus Oberheudorf


  [Illustration: Dekoration]


  Fnfzehn heitere Erzhlungen
  von
  Josephine Siebe

  Verfasserin der Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten


  Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
  von =Carl Schmauk=


  [Illustration: Wappen]


  _Stuttgart_
  =Verlag von Levy & Mller=




  Nachdruck verboten.
  Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten.

  Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.




Inhalt.


                                                           Seite
   Einleitung: Warum noch ein Buch geschrieben wurde           1

   Ein Fastnachtsscherz                                        7

   Vorsicht, Gespenster!                                      29

   Es hat in der Zeitung gestanden                            43

   Ein kleiner Held                                           57

   Das Hnengrab                                              76

   Nachtwchter sein ist manchmal schwer                      96

   Schauspieler sind da!                                     114

   Die schne Flickerin. (Ein Mrchen)                       132

   Das zornmtige Annchen                                    149

   Wir wollen die Bahn!                                      164

   Ein Wundervogel                                           176

   Ferienarbeiten, und was manchmal daraus wird              195

   Der unsichtbare Kaspar. (Ein Mrchen)                     211

   Traumfriedes Glck                                        229

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Winter in Oberheudorf]




Einleitung.

Warum noch ein Buch geschrieben wurde.


An einem Wintertag, an dem es drauen schneite und wehte, als htte
der Winter Sehnsucht, ein paar erfrorene Nasen zu sehen, sa der
Schullehrer von Oberheudorf in seinem Wohnzimmer und las seiner Frau
aus einem Buche vor. Die Klte und der Sturm drauen kmmerten sie
alle beide nicht, sie lachten einmal laut, einmal leise, und die Frau
Lehrerin rief manchmal: Na, so etwas! und ihr Mann nickte dann und
sagte vergngt zwischen Vorlesen und Lachen: Es stimmt, es stimmt!
Wirklich, so ist es gewesen, ganz genau so!

Einmal sahen beide auch traurig drein, und die Frau wischte sich
verstohlen ein paar Trnlein aus den Augen, und dann wurden sie alle
beide wieder vergngt und waren so eifrig zusammen, er beim Lesen und
sie beim Zuhren und Strmpfestopfen, da sie gar nicht hrten, als es
drauen klopfte. Erst als das Klopfen strker wurde, hrte der Lehrer
auf zu lesen, und seine Frau ging und ffnete die Tre. Herein kam ein
altes Weiblein, das hatte ein rotes Kopftuch um und ein so liebes,
freundliches Gesicht, als wre die Sonne seine allerbeste Freundin.
Die Lehrersleute riefen ihr auch recht vergngt entgegen: Ei, guten
Abend, Muhme Lenelies! Das ist recht, da Sie sich mal sehen lassen.
Sie kommen just auch gerade wie gerufen!

Muhme Lenelies mute sich an den Ofen setzen, und die Hausfrau brachte
ihr geschwind eine Tasse heien Kaffee und ein Stck Wecken, und als
die Alte nun so recht vergngt und behaglich dasa, nahm der Herr
Lehrer das Buch und las ihr etwas daraus vor.

Da staunte aber die gute Muhme Lenelies. Sie schlug die Hnde zusammen
und rief: Ih n, die Geschichte ist doch hier in Oberheudorf passiert,
nu ganz gewi! Da mir mein Friede, mein Herzensjunge, in den
Suppentopf gefallen ist, das mu ich doch wissen!

Freilich, freilich, lachte der Lehrer und zeigte der alten Frau das
hbsch eingebundene Buch. Da lesen Sie nur einmal! Ein bichen mhsam
und stotternd buchstabierte die Muhme, denn es war schon lange, lauge
her, seit sie in der Schule lesen gelernt hatte: Oberheudorfer Buben-
und Mdelgeschichten.

Was sagen Sie dazu, Muhme? Lauter Geschichten von unsern Buben und
Mdeln stehen in dem Buch, rief die Lehrersfrau. Von Heine Peterle,
wie er zum ersten Male in die Stadt gegangen ist, und von Schulzens
Jakob, von den drei Frieden, von Annchen Amsee, Rse und Mariandel,
selbst von Schnipfelbauers Fritz, diesem unntzen Strick, wird darin
geschrieben. Und auch Sie kommen darin vor, Sie und Ihr Husel und mein
Mann und ich und sogar, kaum zu glauben ist's, auch der Herr Schulrat.

Jemine, jemine, rief die Muhme, so etwas ist mir in meinem Leben
noch nicht passiert. Ein Buch, ein richtiges Buch ist ber Oberheudorf
geschrieben worden? Potztausend noch mal, da wird ja unser Dorf bekannt
werden wie ein bunter Hund oder wie die Schimmel von unserm Herrn
Grafen, die auch jeder Mensch in der Gegend kennt. Pltzlich aber
machte Muhme Lenelies ein ganz ngstliches Gesicht und fragte zaghaft:
Aber liebste, beste Frau Lehrer, sagen Sie mir nur, kommt mein Husel
auch sauber darin vor? 's wre mir doch zu schrecklich, wenn jemand
sagen mchte, ich htte nicht reine gemacht.

Na, wer sollte das wohl sagen? meinte die Lehrersfrau. Bei Ihnen
sieht es doch immer blitzsauber aus, Muhme. Aber wissen Sie, die
Geschichte, wie Ihre Ziege Friederike sich betrunken hat, steht auch im
Buche.

Du meine Gte! schrie die Alte entsetzt. Sie stellte in ihrer
Verwirrung die Kaffeetasse neben die Bank,--plumps, lag die Tasse
unten, und es gab eine kleine braune berschwemmung, worber die gute
Muhme noch verlegener wurde. Sie stammelte tausend Entschuldigungen,
und die Lehrersleute muten sie richtig trsten. Dann aber wollte Muhme
Lenelies wissen, was fr Geschichten noch im Buch stnden, und der Herr
Lehrer erzhlte und las vor, und alle drei staunten, lachten, freuten
sich, schauten die Bilder an, und es war ihnen, als kmen so nach und
nach alle Oberheudorfer Kinder hereinspaziert. Auf einmal sagte die
Frau Lehrerin: Von dem Hnengrab steht doch nichts drin, und was die
Mdel dabei fr eine Dummheit gemacht haben!

Nein, erwiderte ihr Mann, die Geschichte fehlt. Ach, es fehlen
berhaupt noch viele, viele Geschichten. Vom Theaterspiel ist nichts
geschrieben worden und nichts davon, wie Heine Peterle und Schulzens
Jakob Gespenster gesehen haben.

Und die Geschichte fehlt auch, wie es dem Kohlbauern und unsern
Kindern zu Fastnacht ergangen ist, rief die Muhme, und von dem
Nachtwchter ist auch nichts erzhlt worden.

Ein paar von Muhme Lenelies' Mrchen knnten auch noch drin stehen,
meinte die Frau Lehrerin, die gefallen mir gerade so gut.

Die Muhme wehrte bescheiden ab, aber der Herr Lehrer gab seiner Frau
recht. Nachdenklich sagte er: Es gbe freilich ein sehr, sehr dickes
Buch. Eigentlich knnte noch ein Buch geschrieben werden, Geschichten
genug sind in den letzten Jahren in Oberheudorf passiert.

Es passiert wirklich erstaunlich viel, rief Muhme Lenelies stolz.
Ich sag's ja immer, unser Oberheudorf ist ein ganz besonderes Dorf.
Wenn jemand angefangen hat, etwas davon zu schreiben, dann soll er es
auch ordentlich tun, und wenn ich der Herr Lehrer wre, dann wte ich,
was ich tte: Ich setzte mich hin, schrieb in die Stadt, dahin, wo das
Buch gedruckt worden ist, es mchte geschwind jemand herkommen und noch
alle die Geschichten aufschreiben, die hier nicht drin stehen.

Muhme Lenelies hat recht, sagte die Lehrersfrau und go der Alten
schnell die dritte Tasse Kaffee ein. Tu es doch, lieber Mann! Gefllt
den kleinen Leuten  in der weiten Welt =ein= Buch von Oberheudorf, so
gefllt ihnen wohl auch ein zweites.

Der Lehrer lachte herzlich; er nahm eine Feder, tauchte sie in sein
Tintenfa und schrieb eins, zwei, drei den verlangten Brief. Er wird
schon etwas ntzen, sagte die Muhme, stand auf und wickelte sich
wieder fest in ihr Umschlagtuch, denn es war Zeit zum Heimgehen. Mit
vielen Dankesworten nahm die Muhme Abschied. Den Brief versprach sie
beim Wirt Kaspar auf dem Berge abzugeben, der fuhr am nchsten Morgen
zur Stadt und sollte ihn dort zur Post bringen.

Und Muhme Lenelies ging heim. An diesem Tage aber nahm der kurze Weg
schier kein Ende, denn wen die alte Frau sah, wer nur seine Nase zur
Haustr heraussteckte, der bekam geschwind die Geschichte von dem Buche
zu hren. Alle staunten und freuten sich, waren stolz und sagten wie
die Muhme: Hoffentlich gibt es noch ein zweites Buch! Wenn schon, denn
schon. Von unsern Oberheudorfer Buben und Mdeln kann man wirklich noch
mehr Geschichten erzhlen.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]




Ein Fastnachtsscherz.


Fr die Kinder von Oberheudorf gibt es mancherlei Feste, die
Stadtkinder gar nicht kennen; freilich haben diese dafr auch
Vergngungen und Freuden, von denen die Oberheudorfer kein Tipfelchen
besehen. Denen nun war einer der liebsten Tage im Jahre der
Fastnachtsdienstag. Potzwetter, ging es da lustig im Dorfe zu! Jeder
Bube, jedes Mdel verkleidete sich, so nannten sie es wenigstens. Eins
setzte sich einen Papierhelm auf, das andere eine aus bunten Flicken
zusammengesetzte Narrenkappe oder zog gar ein Hanswurstrcklein an.
Heine Peterle, den sie den Stdter nannten, weil er einmal hatte
gern in die Stadt ziehen wollen, stolzierte immer als Knig auf der
Dorfstrae herum. Er besa einen roten Lappen mit ein bichen Goldborte
besetzt, das war der Knigsmantel, dazu hatte ihm seine Muhme Rese
einmal eine Krone aus Goldpapier geschenkt. Hei, wie trug der Bube an
diesem Tage seine kleine Stupsnase hoch, wie klapperte er mit seinen
Holzpantoffeln! Ungeheuer wichtig kam er sich vor.

Was wahr ist, mu wahr bleiben, sagte Muhme Rese einmal zu Muhme
Lenelies, dieser guten Freundin aller Oberheudorfer Kinder, die in
einem windschiefen Huschen am Dorfende wohnte, unser Heine Peterle
hat was Vornehmes an sich, wenn er so als Knig herumrennt.

Ja, hatte Muhme Lenelies lachend erwidert, nur da er sein halbes
Musbrot im Gesicht hat, will mir nicht gefallen.

So 'ne Kleinigkeit! hatte da Muhme Rese gebrummt. Sie war dann aber
doch fix ins Haus gelaufen, hatte ein nasses Handtuch geholt, und
als Heine Peterle wieder mit stolzer Knigsmiene am Haus vorbeikam,
da hatte sie ihn geschwind erwischt und ihm eins, zwei, drei mit dem
nassen Lappen den Musbart aus dem Gesicht gewischt. Heine Peterle
hatte mchtig gebrllt,--welcher Knig lt sich aber auch so etwas
gefallen!

Nun war wieder einmal die Fastenzeit herangerckt. Etliche Tage vor dem
Fastnachtstag stand ein Huflein Kinder auf der Dorfstrae zusammen,
sie warteten alle auf Schulzens Jakob und seine Schwester Rse. Die
Geschwister sollten von ihrem Vater eine Bestellung in Niederheudorf
ausrichten, und die andern wollten sie begleiten. Nach Niederheudorf,
das grer und stattlicher als Oberheudorf war, gingen die Buben und
Mdel gern, obgleich sie eigentlich immer mit den Niederheudorfer
Kindern Streit hatten. Einmal ging es um das Vogelschieen, das in
Niederheudorf abgehalten wurde, und auf das alle Einwohner so stolz
waren wie etwa die Berliner auf ihren Tiergarten; ein anderes Mal
behaupteten die Oberheudorfer, ihre Schulweihnachtsfeier wre schner;
dann wieder sagten die Niederheudorfer, bei ihnen knnte man alles
einkaufen, denn es gab drei Krmer im Ort, Oberheudorf aber hatte nur
einen. Trotz alledem liefen die Oberheudorfer Buben und Mdel gar
geschwind, wenn sie in das Nachbardorf gehen durften. Sie gingen aber
meist truppweise, denn man konnte nicht wissen, die Niederheudorfer
verstanden das Balgen gar zu gut und teilten gern ein paar Pffe aus.

Wo sie nur bleiben? sagte Schnipfelbauers Fritz, von dem Muhme
Lenelies immer behauptete, er wre sehr naseweis.

Heine Peterle, Anton Friedlich, der blaue Friede, der nicht blau war,
nur seine Hosen waren es, und der dicke Friede, der auch nicht dick
war, erhoben ihre Stimmen und schrieen: Jakob, Rse, wo bleibt ihr
denn?

Schreit doch nicht so! sagte Annchen Amsee, und ihre nubraunen Augen
sahen wie lauter Vergngen drein. Waldbauers Mariandel, Krmers Trude
und Bckermeisters Mariele, die natrlich auch dabei waren, quiekten:
Wie ihr auch seid! Buben mssen immer brllen.

Ehe sich die Buben noch grndlich und nachdrcklich gegen diesen
Vorwurf verteidigen konnten, kamen die Schulzenkinder aus dem Hause
gelaufen, Jakob schwenkte einen groen Brief in der Hand und sagte
wichtig: Den mu ich abgeben!

Na, dann mal los! schrie Anton Friedlich, und die Kinder marschierten
vergngt die Dorfstrae hinab. Muhme Lenelies sa an ihrem Fenster, sie
sah die Schar kommen und rief geschwind ihrem Pflegesohn zu, den sie im
Dorf den Traumfriede nannten: Du, Friede, lauf schnell mit, die gehen
nach Niederheudorf; kannst dort mal rumfragen, ob jemand etwas in der
Stadt besorgt haben will.

Muhme Lenelies tat nmlich mitunter Botengnge, und die Bauernfrauen
lieen sich gern allerlei von ihr einkaufen, denn sie meinten, so gut
wie die Muhme verstnde dies niemand sonst. Die schwierigsten Sachen
besorgte die alte Frau, die in der Stadt so gut Bescheid wute wie in
ihrem Husel. Was fr wichtige Dinge hatte sie aber da auch schon
besorgen mssen! Sie war sogar mit der Niederheudorfer Schulzentochter
das Brautkleid einkaufen gegangen, und die reiche Schnipfelbuerin
sagte, die Muhme wre der reine Minister, so gut konnte sie Rat geben.

Friede lie sich das Fortgehen nicht zweimal sagen, schwippdiwupp
war er drauen. Dort wurde er mit groem Geschrei von den andern
Kindern empfangen. Vor einem halben Jahr noch war Traumfriede immer
einsam gewesen, da hatte er als Pflegesohn bei dem Kohlbauern ein gar
jmmerliches Dasein gefhrt, seitdem er aber bei Muhme Lenelies sein
durfte, war er ein lustiger Bube geworden, der nicht mehr scheu zur
Seite stand, wenn die andern Kinder spielten.

Unterwegs sprachen sie alle von Fastnacht. Es herrschte in Oberheudorf
die Sitte, da die Kinder am Fastnachtstage von Haus zu Haus gingen,
ein Sprchlein sagten und dafr Pfannkuchen, Fastnachtswecken, auch
wohl einen Kreisel, bunte Tonkugeln oder dergleichen erhielten. Auf
diesen Umgang freuten sie sich immer alle sehr und konnten es an diesem
Tage noch weniger als sonst erwarten, bis die Schule aus war, denn
gleich nach dem Mittagessen begann der Umgang. Merkwrdigerweise wuten
die Kinder immer schon genau vorher, welche Kuchensorte diese und
welche jene Buerin gebacken hatte, und da es da Zuckerstangen gab
und dort getrocknete Pflaumen, dort viel zu holen sei, in jenem Hause
weniger.

Aber zum Kohlbauern gehe ich nicht wieder, sagte auf einmal Heine
Peterle, n, da gibt's immer so wenig.

Mir hat er voriges Jahr nur eine Backbirne gegeben, und die war
madig, schalt der dicke Friede, noch jetzt darber emprt.

Er rgert sich immer ber den Tag, sagte Traumfriede nachdenklich.

Voriges Jahr war er noch bei dem geizigen Bauern gewesen; er hatte
wie alle Kinder seinen Bittgang tun drfen, als er aber mit seinem
gefllten Scklein heimgekommen war, da hatte es ihm der Bauer
abgenommen, und er hatte nichts von all den Herrlichkeiten mehr
gesehen. Wie jetzt die Kinder so miteinander sprachen, dachte er an
jene bittere Enttuschung und erzhlte Waldbauers Mariandel, die neben
ihm ging, die Geschichte. Annchen Amsee hatte auch zugehrt, und sie
war es, die pltzlich entrstet rief: Nein, pfui, der Kohlbauer ist
aber doch zu abscheulich, hrt nur!

Trotzdem Friede bat, sie mchte schweigen, erzhlte Annchen doch
emprt die Geschichte, und alle andern brachen in ein lautes
Entrstungsgeschrei aus. Wir gehen nicht hin, riefen sie einmtig.

Nur Schnipfelbauers Fritz sagte lachend: Ich gehe gerade hin. Wenn wir
nicht kommen, freut sich doch der Kohlbauer nur.

Sehr erstaunt sahen die andern Fritz an. Ja, der hatte wohl recht. Sie
blieben vor lauter Aufregung mitten auf der Landstrae stehen, schalten
auf den Kohlbauern, stritten, ob sie hingehen sollten, und merkten
darber gar nicht, da ein Wagen angefahren kam. Darauf sa Friede
Hopserling, der Mllerknecht, der groe Friede, wie ihn die Kinder
nannten. Der Knecht war auf seinem Wagen ein bichen eingenickt, sein
Pferd kannte den Weg so gut wie er, und da es bergauf ging, hatte die
brave schwarze Grete auch keine Lust, sehr schnell zu laufen. Da man
in eine schwtzende Kinderschar nicht mitten hineinfahren darf, wute
Grete anscheinend, sie blieb pltzlich stehen, und darber wachte
Friede Hopserling auf. Na, was gibt's denn? fragte er verdutzt.

Friede, hr nur!--Pfui, der Kohlbauer!--So abscheulich ist
er, schrieen die Kinder durcheinander, und es htte einer schon viel
klger sein mssen, als Friede Hopserling war, um zu wissen, was das
Geschrei eigentlich bedeuten sollte. Nach und nach bekam er es doch
heraus, und nun machte Friede seine Zwinkeraugen.

Das tat er gern, wenn es galt, jemand zu necken. Friede Hopserling
war zwar nicht gerade ungeheuer klug, aber er hatte es hinter den
Ohren, faustdick sogar. Er sagte auch jetzt mit einem heimlichen,
verschmitzten Lachen: Freilich mt ihr hingehen, ihr und--die
Niederheudorfer auch. Die sind doch immer dabei, wenn es etwas zu holen
gibt.

Aber beim Kohlbauern gibt es doch nichts! Muhme Rese sagt, so viel
kann eine Maus allemal auf ihrem Schwanz forttragen, rief Heine
Peterle entrstet.

Na ja, eben darum! Friede Hopserling grinste vergngt, blinzelte und
zwinkerte mit den Augen, sagte hhhott, sein Pferd zog den Wagen an,
und fort ging es.

Erst starrten die Kinder ihm ganz verblfft nach. Was meinte nur der
Mllerknecht? Dann aber kam ihnen nach und nach das Verstndnis fr
diese Schelmerei. Anton Friedlich und Schnipfelbauers Fritz begriffen
zuerst, was Friede gemeint hatte. Sie brachen in ein frmliches
Freudengeheul aus und schrieen: Wir wollen den Niederheudorfern sagen,
beim Kohlbauern kriegten sie was Feines. Hurra, hurra, das wird ein
Spa! Die Buben waren gleich alle dafr, selbst Traumfriede meinte,
die Neckerei sei nicht schlimm; auch einige Mdel stimmten in den Jubel
ein, nur Waldbauers Mariandel und Schulzens Rse wollten nicht recht
mittun.

Alte Zimpersusen, schrie Heine Peterle entrstet, und Annchen Amsee,
die vor Vergngen ber diesen neuen Spa immer von einem Bein auf das
andere hpfte, schalt: Ach, seid doch keine Spielverderber!

So sehr zuzureden brauchten die andern nicht, die beiden Mdel
willigten bald ein, und dann ging es weiter, so geschwind sie nur
alle laufen konnten, auf Niederheudorf zu. Ganz atemlos kamen sie
alle an den ersten Husern des stattlichen Dorfes an, und da standen
auch gleich drei Buben. Die sahen die Oberheudorfer kommen und riefen
spottend: Na, wo kommt ihr denn her? Wollt wohl Einkufe bei uns
machen? Freilich, bei euch kriegt man ja nichts!

Aber die Oberheudorfer lieen sich nicht verblffen, sie taten ganz
freundlich, hatten nicht, wie es wohl sonst geschah, schnippische
Widerreden, sondern erzhlten ganz friedlich, was sie vorhtten, und
dann sprachen sie auch von Fastnacht. Es waren inzwischen mehr Kinder
herangekommen; alle standen sie in einem Hmpelchen zusammen, und
ber alle hinweg hrte man Anton Friedlichs Stimme gellen. Der Bube
erzhlte von Fastnacht, und am Schlu sagte er: Beim Kohlenbauern gibt
es den besten Kuchen!

Na, ich denke, der ist geizig, rief ein langer Niederheudorfer Bube.

Freilich, sagte Anton Friedlich geschwind, sonst schon, an Fastnacht
aber, da lt er etwas draufgehen. Kommt ihr denn dieses Jahr etwa zu
uns?

Wir wissen es noch nicht, sagten die Niederheudorfer und schauten
sich an. Mitunter nmlich gingen die Kinder auch in die Nachbardrfer;
es gab zwar manchmal Streit darum, aber wenn die Kinder wuten, da
in diesem oder jenem Hause besonders reichlich fr Fastnachtskuchen
gesorgt worden war, dann kamen sie wohl auch dorthin aus einem
Nachbardorf.

Anton Friedlich, der wute,--er hatte es nmlich ausprobiert,--da
Verbieten manchmal recht wenig ntzt, rief keck: Aber das sage ich
euch, zum Kohlbauern drft ihr nicht, dem sein Kuchen gehrt uns. Es
gibt Prgel, wenn ihr kommt.

Ein Hohngelchter antwortete den Buben. Die Oberheudorfer aber scherten
sich nicht daran, sie behaupteten pltzlich, sie mten geschwind heim,
und eilten alle in das Dorf hinein, ihre Geschfte zu besorgen. Als
sie auf dem Heimweg waren, liefen eine Anzahl Niederheudorfer Kinder
ihnen nach und schrieen: Auf Wiedersehen zu Fastnacht, wir kommen zum
Kohlbauern.

Wir leiden's nicht, riefen die Oberheudorfer drohend zurck. Dann
begannen sie zu rennen, damit nur die Niederheudorfer nicht sehen
sollten, wie sehr sie lachten. Erst an einem groen Birnbaum, der auf
halbem Wege zwischen den beiden Drfern stand, blieben sie stehen,
um sich auszulachen. Von den Niederheudorfern war nichts mehr zu
sehen, die hatten das Nachrennen aufgegeben, die standen zusammen und
berieten, da sie zu Fastnacht nach Oberheudorf zum Kohlbauern gehen
wollten.

Der Kohlbauer war stets an Festtagen, an denen andere Leute vergngt
und lustig sind, schlechter Laune. Er rgerte sich, da Knecht und Magd
feierten, er rgerte sich ber den Festkuchen, der gebacken wurde,
obgleich er immer tchtig davon a, er rgerte sich eigentlich ber die
Fliege an der Wand. Am allerrgerlichsten war er aber zu Fastnacht.
Seiner Meinung nach war das gar kein Fest, sondern ein Unsinn, und
wenn jemand nur das Wort Fastnacht aussprach, dann zog er gleich ein
Gesicht, als htte er einen Liter Essig auf einmal ausgetrunken.
Seine einzige Freude war, wenn es an diesem Tage recht regnete oder
schneite; je toller das Wetter dann war, desto vergngter schaute er
drein. In diesem Jahre nun war das Wetter am Fastnachtsdienstag aber so
schn, als htte es Muhme Lenelies, die immer allen Kindern nur Gutes
gnnte, bestellt. Am frhen Morgen schon hatte die Sonne ihre Vorhnge
weit aufgezogen. Kein Wlkchen war am blauen Himmel zu sehen, und die
Sonnenstrahlen tanzten auf die Erde herunter, als wollten sie auch
Fastnacht feiern.

Man sprte schon den Frhling an allen Ecken und Enden, obgleich er
doch eigentlich noch gar kein Recht zu kommen hatte. In Oberheudorf
redeten alle von Fastnacht und Frhling durcheinander, Muhme Rese
sagte: Er kommt, und Heine Peterle antwortete: Er ist doch schon
da! Da meinte halt Muhme Rese den Frhling und Heine Peterle den
Fastnachtstag. Der Herr Lehrer freilich schob die Unruhe an diesem
Tage nicht auf den Frhling, sondern auf die Fastnachtsfreude, und
wunderlicherweise schien er an diesem Tage manches heimliche Schwtzen
und Kichern gar nicht zu hren; zum Schlu wnschte er auch allen
Kindern noch viel Vergngen.

Daran fehlte es auch nicht. Mit solchem Jubel und Geschrei strmten
die Kinder heimwrts, da es selbst Schuster Pechdrahts Nero zu viel
wurde, der sonst ein sehr duldsamer Hund war; bellend strzte er
zwischen die Kinder. Ach, aber was kmmerten sich die darum. Die
lieen den Nero bellen und die andern Hunde dazu. Fix waren sie in den
Husern drin, und kaum hatten sie den letzten Bissen vom Mittagessen
hinuntergeschluckt, da liefen sie schon hinaus, und vor dem Wirtshaus
Zur himmelblauen Ente, das dem Wirt Kaspar auf dem Berge gehrte,
trafen sie sich alle miteinander. Nun begann der Umgang. Immer drei und
vier gingen zusammen, die einen rechts, die andern links, die einen
geradeaus, die andern im Bogen, und bald erscholl vor den Tren das
Singen:

      Wir gehen vor des Bauern Haus,
      Die Burin sieht zum Fenster raus,
      Sie schaut so freundlich drein--
      Rira, freundlich drein.

      Ach, schenk uns was ins Beutelein,
      Ins Beutelein hinein.
      Schenk uns Wein, schenk uns Weck,
      Wir kehren euch morgen die Asche weg,
      Rira, Asche weg!

Alle Kinder fanden dieses Verslein, das schon ihre Vter und Mtter
in ihrer Jugend gesungen hatten, wundervoll und sangen es aus lauter
Freude daran manchmal dreimal vor einem Haus.

Die Buerinnen schauten auch wirklich meist freundlich zum Fenster
hinaus, neckten auch wohl erst die Kinder ein Weilchen, taten, als
verstnden sie den Bittgesang nicht, und brachten dann doch die
Fastnachtsgaben herbei. Freilich, Wein gab es nie, das schadete aber
auch nichts, die Kinder baten doch immer darum. So allgemach fllten
sich die Scklein, auch der Magen wurde nicht vergessen, und mancher
Pfannkuchen bekam erst gar nicht den Sack zu sehen.--

Als die Kinder so eine Stunde herumgezogen waren, sagte Heine Peterle
zu Annchen Amsee: Ob sie wohl kommen?

Zu gleicher Zeit reckte Schnipfelbauers Fritz seine Nase in die Luft
und meinte: Na, nun knnten die Niederheudorfer bald da sein!

Sie kommen vielleicht nicht, erwiderte Krmers Trude, sie haben es
vielleicht gemerkt.

Aber sie kamen doch. Anton Friedlich, der mit Schulzens Jakob immer mal
zwischen dem Einsammeln bis zu Muhme Lenelies' Huschen gelaufen war,
von wo aus man den Weg nach Niederheudorf ein Stckchen weit bersehen
konnte, rief es zuerst: Sie kommen! Es war, als ob jemand mit
einem Stock in einen Ameisenhaufen gestoen htte, so kribbelten und
krabbelten die Kinder alle durcheinander; eins rief es dem andern zu,
und mit einem Male sahen die Dorfbewohner zu ihrem groen Erstaunen,
wie von berall her Buben und Mdel kamen und nach des Kohlbauern Hof
liefen. Dieser groe, stattliche Bauernhof lag etwas ber dem Dorf auf
einer migen Anhhe, weiter links davon lag dann der Waldbauern-Hof,
wo das Mariandel daheim war.

Nun mchte ich nur wissen, was die Kinder wollen, sagte die
Waldbuerin zur Schulzenfrau, die als erster Gast zu einem
Fastnachtskaffee zu ihr gekommen war.

Die Kinder gingen aber nicht zum Kohlbauern hinein, sondern stellten
sich alle auf eine Wiese, ein Stck abseits vom Hause. Sie zeigten
einander ihre Sckchen, taten ganz ungeheuer wichtig und schienen
gar nichts, auch rein gar nichts von dem zu merken, was um sie herum
vorging. Dabei entstand nach einem Weilchen ein ziemlicher Lrm.
Schwatzend und lachend kamen etwa zwanzig Niederheudorfer Buben
und Mdel den Berg heraufgezogen. Die hatten gemeint, es sei doch
vielleicht lohnend, dem Kohlbauern einen Besuch abzustatten. Sie
schauten nicht links und nicht rechts, sondern zogen schnurstracks
auf das Haus zu. Sie gingen immer paarweise, schwenkten ihre Scklein
erwartungsvoll und begannen laut zu singen:

      Wir wnschen dem Bauern einen goldenen Tisch,
      Darauf soll stehen ein gebratener Fisch,
      Kuchen und Brot und gldener Wein.
      Eia, da wollt' ich zu Gaste sein!
      Mg' sich die Burin bedenken,
      Und uns nun auch was schenken!

N, so ein dummer Vers, brummte der dicke Friede, und die andern
stimmten ihm eifrig zu: Sehr dumm, unser Lied ist viel feiner!

Die Niederheudorfer aber fanden wieder ihr Sprchlein, das auch schon
ihre Vter und Mtter gesungen hatten, wundervoll und warteten sehr
gespannt auf den Kuchen des Kohlbauern.

Der Bauer war an diesem Tage noch griesgrmiger als sonst, er rgerte
sich, da Fastnacht war, da die Sonne schien, da alle Leute vergngt
aussahen, am meisten aber rgerte er sich, da alle Leute ihn geizig
nannten. Er war es, aber wie das oft so geht, er wollte nicht dafr
gelten. Nun hatte ihn am Tage vorher der Schulze so recht spttisch
gefragt, ob er auch guten Fastnachtskuchen htte backen lassen. Des
Kohlbauern Frau war schon lange tot, und eine Haushlterin, ein gutes,
braves Weib, fhrte ihm die Wirtschaft. Zu der hatte er denn am Abend
vorher fuchswild gesagt: Wenn Kinder kommen, gib reichlich!

Das hatte sich Frau Marthe nun nicht zweimal sagen lassen, und
in aller Morgenfrhe hatte sie schon eine tchtige Schssel Teig
eingerhrt und kstliche groe Zuckerbrezeln gebacken. Den Bauern
hatte das freilich sehr gergert, er wollte aber doch nicht sein Wort
zurcknehmen. Seit ihm die Bauern den Traumfriede fortgenommen hatten,
weil er den armen Waisenjungen zu schlecht gehalten, htte er dem
Dorf gern einmal gezeigt: Seht, ich, der Kohlbauer, bin gar nicht so
geizig, wie ihr denkt.

Der Geruch des frisch gebackenen Kuchens durchzog an diesem Tage lecker
das Haus, und der Bauer dachte ingrimmig: Hoffentlich kommen nicht
viel Kinder. Es wre jammerschade, ihnen die Kuchen zu geben.

Nach Tisch war der Bauer gleich hinter das Haus gegangen und hatte
angefangen, Holz zu spalten. Mitten in seiner Arbeit hrte er pltzlich
das Singen der Niederheudorfer. Bums, hieb er wtend mit der Axt auf
ein groes Stck Holz, da es gleich auseinandersprang. So eine dumme
Singerei! schimpfte er.

Die Oberheudorfer Buben und Mdel hatten sich schon auf die langen
Gesichter der Niederheudorfer gefreut, als sie auf einmal sahen, wie
Frau Marthe ihnen Zuckerbrezeln austeilte.

Potzwetter noch einmal, sahen die verlockend aus!

Wir gehen auch hin, rief Heine Peterle strmisch, und rasch rannten
alle auf das Haus zu. Dort aber standen die Niederheudorfer wie eine
Mauer, sangen, so laut sie konnten, und lieen die Oberheudorfer
einfach nicht heran. Jetzt sind wir da, sagten ein paar Buben patzig.

Aber schlielich waren die Niederheudorfer doch mit ihrem Bittgesang
fertig, und die Oberheudorfer drngten sich herzu. Frau Marthe
erschrak; die schnen Kuchen waren schon verschwunden, und noch so
viele, viele Kinder kamen, aber der Bauer hatte doch gesagt, sie sollte
reichlich geben. Rasch lief sie darum in die Vorratskammer, holte
Backobst herbei und begann damit die bittenden Hnde zu fllen. Das
gab lange Gesichter. Backobst hatten die Oberheudorfer Kinder schon in
ihren Beuteln genug, aber solche leckere Zuckerbrezeln noch nicht, und
die verspeisten nun die Niederheudorfer vor ihren Augen mit rechtem
Behagen.

Es ist zu frech von ihnen, zu uns zu kommen, murrten die Buben, und
die Mdel brummten mit, und dabei vergaen sie alle miteinander, da
sie doch die Gste herbeigelockt hatten.

Krach, krach, hieb hinten auf dem Hofe der Bauer wtend ein Stck
Holz nach dem andern entzwei. Nahm denn die Singerei noch kein Ende?
Endlich war es mit seiner Geduld vorbei; er strmte hinaus und erschien
pltzlich mit einem so wtenden Gesicht vor den Kindern, da die Buben
und Mdel aus Oberheudorf, die ihn kannten, geschwind ihr Backobst im
Stich lieen und, so schnell sie konnten, ausrissen. Dem dicken Friede
blieb vor Schreck eine Pflaume im Halse stecken, und Annchen Amsee
verschluckte einen Birnenstiel. Wie schalt aber auch der Kohlbauer!

[Illustration: Kinder aus Nieder- und Oberheudorf]

N, seht nur, sagte drben die Waldbuerin zu ihren Besucherinnen,
so ein alter, unwirscher Kerl! Den Niederheudorfer Kindern lt er
Zuckerbrezeln geben und unsere jagt er weg!

Na, der soll mir nur kommen, rief die Schulzenfrau emprt, der ist
ja eine Schande fr das ganze Dorf.

Das sagten an diesem Nachmittag alle Leute im Dorf. Frau Marthe, des
Kohlbauern Haushlterin, sagte es auch, denn der Bauer schimpfte
frchterlich, als er sah, da von allen guten Zuckerbrezeln kein
Krmchen mehr brig geblieben war, und dazu hatten noch die
Niederheudorfer alles bekommen. Nun wrden die Oberheudorfer ihn doch
weiter geizig schelten und ihn weiter verchtlich anschauen; nicht
einmal etwas gentzt hatten die teuren Brezeln. Es war zum Davonlaufen!
Das dachte Frau Marthe ebenfalls; sie packte flink ihre Sachen und
verlie am gleichen Tage das Haus, denn, meinte sie, bei einem Bauern,
der den Kindern nicht einmal ihre Fastnachtsgaben gnnt, bleibe ich
nicht; also zog sie fort. Nicht einmal die gute Frau hlt es bei ihm
aus, sagten sie im Dorfe.

Die Niederheudorfer Buben und Mdel zogen singend und vergngt wieder
davon, sie hatten es bei der ganzen Geschichte am besten gehabt, und
von den wundervollen Zuckerbrezeln sprachen sie noch lange.

Die Oberheudorfer aber rgerten sich, sie nahmen sich vor, die
Niederheudorfer nie mehr zu necken. Nie mehr bis zum nchsten Mal,
sagte Muhme Lenelies, als sie das hrte. Trotz der nach Niederheudorf
entfhrten Zuckerbrezeln aber verlief der Fastnachtstag doch sehr
vergngt. Heine Peterle war ein sehr stolzer Knig, Annchen Amsee
hielt sich fr eine Prinzessin, und Schulzens Jakob klirrte mit einem
verbogenen Sbel und behauptete, er sei General.

Der dicke Friede aber, der eine Leidenschaft fr Kasperlespiele hatte,
dachte, er sei in seinem himmelblauen Kittel, den ihm die Gromutter
aus einem alten Rock genht hatte, wirklich ein Kasperle und fing auf
einmal an, als alle auf dem Dorfplatz standen, ganz frchterliche
Gesichter zu schneiden, und quiekte wie ein Ferkelchen.

Der Bube hat sich beressen, schrie Muhme Rese, die zusah,
erschrocken, und alle Kinder umringten Friede und fragten mitleidig:
Tut dir der Bauch weh?--Tut er sehr weh?

Friede war so tiefbeleidigt, da er erst gar nichts sagen konnte, er
schnappte ordentlich vor Wut nach Luft. Doch pltzlich erschien seine
Mutter, packte ihn am Arm und rief: Komm, trink Kamillentee, da
werden die Leibschmerzen besser. Muhme Rese hatte nmlich die Mutter
herbeigeholt und ihr von des Buben Krankheit erzhlt.

Ich bin doch ein Kasperle, ein Kasperle, schrie Friede entsetzt,
huhuhu--ich habe gar keine Leibschmerzen. Und schwapp ri er sich
los und rannte die Dorfstrae entlang, die Kinder alle hinter ihm her.
Kasperle, Kasperle! schrieen sie und holten ihn endlich auch ein.
Nach langem Hinundherreden und Bitten entschlo sich Friede, noch
einmal vor ihnen Kasperle zu spielen.

Sie fanden es alle wundervoll, nun sie wuten, da es keine
Leibschmerzen waren, und zuletzt spielten alle miteinander Kasperle,
und es war ein solches Geschrei, ein solcher Lrm auf der Dorfstrae,
da alle Erwachsenen sagten: Gut, da nur einmal im Jahre Fastnacht
ist.

Der Kohlbauer brummte: Wenn doch die dumme Fastnachtsfeier abgeschafft
wrde! und die Buben und Mdel seufzten abends in ihren Betten: Ach,
wenn doch nchste Woche wieder Fastnacht wre!

Wer hatte da nun recht?

[Illustration: Brezeln]

[Illustration: Dekoration]




Vorsicht, Gespenster!


Wenn in Oberheudorf Heine Peterle und Schulzens Jakob einmal fnf
Minuten miteinander vernnftig sprachen, dann kam sicher eine Dummheit
heraus. Waren gar noch Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich dabei,
dann wurde sicher ein sehr dummer Streich ausgeheckt. Hinterher, wenn
die Sache vielleicht bel ablief und es nachher Schelte, Nachsitzen
oder dergleichen schlimme Dinge gab, wunderten sich die Buben freilich
allemal sehr; sie hatten immer gedacht, ungeheuer klug oder ausnehmend
witzig zu sein.

An einem Herbsttage, an dem der Wind wie ein recht bermtiger Bengel
durch die Dorfgassen jagte, saen Heine Peterle und Schulzens Jakob auf
einer Gartenmauer und erzhlten sich Gespenstergeschichten. Weil es
heller Tag war und es im Garten wohl fruchtbare Obstbume, aber keine
Gespenster gab, graulten sich die Buben kein bichen, sondern waren
sehr vergngt. Wie nun Heine Peterle mitten im Erzhlen einer hchst
sonderbaren Geschichte war, die Muhme Rese noch von ihrer Urgromutter
wute, und in der ein Gespenst sich ganz unpassenderweise in eine
Milchschssel gesetzt hatte, bekam der Bube pltzlich einen derben Puff
von rckwrts und sauste sehr geschwind in ein Gurkenbeet hinab. Im
ersten Augenblick dachte er, trotz der hellen Mittagsonne, das Gespenst
aus der Milchschssel habe ihn gepackt, aber bald merkte er, da der
Puff von einer krftigen Mnnerhand gekommen war. An der Mauer stand
Heinrich, der bei Heine Peterles Vater den Sommer und Herbst ber als
Knecht diente. Der Bursche lachte ber das ganze Gesicht und sagte sehr
behaglich: Na, ihr Dskppe, ihr knnt auch wirklich etwas Besseres
tun, als euch solche dumme Geschichten erzhlen! Kommt, helft mit
Kartoffeln hacken!

Dazu hatten die Buben nicht die geringste Lust, Heine Peterle sah sogar
sehr wtend aus und sagte patzig: Zu dir wird auch noch einmal ein
Gespenst kommen.

Du meine Gte, Heinrich lachte, da seine weien Zhne in dem
gebrunten Gesicht nur so blitzten, ihr seid doch zu alberne Buben.
Na, kommt ihr nur erst mal zu den Soldaten, da werden euch die
Gespenstergedanken vergehen. Aber nun marsch, kommt helfen!

Hops! war da auch Schulzens Jakob von der Mauer herunter in das
Gurkenbeet gesprungen, und beide Buben sausten davon, als htte der
Herbststurm sie zu seinen Boten ernannt. Heinrich sah ihnen etwas
verdutzt nach, dann brummelte er: Faule Schlingel! und ging darauf
selbst krftig und rstig an seine Arbeit.

Die Buben hatten sich unterdessen am andern Gartenende wieder
zusammengefunden. Statt ber das Gespenst, das Heine Peterle vorlufig
grausam in der Milchschssel sitzen lie, sprachen sie beide ber
Heinrich. Der war ein Bauernsohn aus einem drei Stunden weit entfernten
Dorfe. Ostern war er von den Soldaten gekommen; er hatte bei der
Kavallerie gedient und trug noch immer die Soldatenmtze auf seinem
hbschen Blondkopf. Nach Weihnachten wollte er heiraten und selbst
einen Hof bernehmen, bis dahin diente er bei Heine Peterles Vater, der
ein besonders tchtiger Landwirt war. Heine Peterle mochte Heinrich gut
leiden, aber doch rgerte er sich oft ber ihn. Sein Vater sagte immer
wieder: Sieh dir den Heinrich an, Bube, so sauber und fix mut du auch
einmal werden. Der arbeitet wie ein anderer tanzt.

Heine Peterle fand es etwas beschwerlich, immer an knftige Arbeit
gemahnt zu werden, er war berhaupt mehr fr Ferientage und Freistunden
eingenommen, und Heinrich mit seinem Flei war ihm manchmal etwas
unheimlich. Als wollte der Knecht ihm einen besonderen Schabernack
spielen, so kam es ihm vor, und so sagte er auch an diesem hellen,
strmischen Herbsttag beleidigt zu Schulzens Jakob: Dem Heinrich mte
man mal einen Streich spielen.

Ja, das knnte ihm nichts schaden, stimmte Schulzens Jakob zu und
sah gespannt auf einen rotleuchtenden Apfel, der just vom Baume fiel.
Er meinte, es sei gut, diesen aufzuessen, und weil noch mehr pfel am
Boden lagen, fiel es auch Heine Peterle ein, da pfelessen eine ganz
angenehme Beschftigung sei.

Die Buben schmausten ein Weilchen, aber pltzlich hielt Heine Peterle
inne und rief stolz: Jetzt wei ich was. Und nun bekam Schulzens
Jakob eine ungeheuer komische, geheimnisvolle Geschichte zu hren, ber
die er in ein wahres Freudengeheul ausbrach. Die Buben schttelten sich
vor Lachen, redeten aufgeregt miteinander, vergaen das pfelessen
und strzten zuletzt eifrig auf die Krbisbeete zu. Die trugen
reichen Segen; es gab da Frchte in allen Gren, wie schwere goldene
Klumpen lagen sie im Sonnenlicht. Rasch berschauten die Buben den
Garten,--niemand war darin. ber dem Zaun, der den Garten vom Hofe
schied, hing Wsche, und gerade sahen die Buben noch Muhme Rese im
Hause mit dem leeren Korb verschwinden; sie hatte wohl gerade die
Wsche ber den Zaun gebreitet. Auch auf dem Hofe war es still, ein
paar Hhner gackerten schlfrig darauf herum, sonst war kein Laut zu
hren.

[Illustration: Krbisschnitzen]

Geschwind nahmen die Buben jeder einen mittelgroen, lnglichen Krbis
und verschwanden damit im uersten Winkel des Gartens, in einer
kleinen Bretterbude, die zur Aufnahme von allerlei Gert diente.

Am nchsten Tage sagte Heine Peterles Mutter beim Mittagessen
rgerlich: Es fehlen zwei Krbisse im Garten, gerade zwei, die ich
morgen zu Mus verkochen wollte.

Na nun, sagte der Bauer erstaunt, wer sollte denn in unserm Garten
Krbisse stehlen!

In diesem Augenblick steckte Heine Peterle ein solches Riesenstck
heie Bratwurst in den Mund, da er krebsrot wurde, so mute er an dem
Bissen wrgen und schlucken.

Schme dich doch, so gierig zu sein! schalt die Mutter. Man mu dich
wirklich mal in die Stadt schicken, damit du dich anstndig benehmen
lernst.

Heine Peterle wre gewi noch rter geworden, wenn das nur gegangen
wre, er fiel mit seiner Nase beinahe auf den Teller, und Heinrich, der
ihn beobachtet hatte, dachte bei sich: Na, da stimmt doch etwas nicht.
Von der Bratwurst ist der Bube doch nicht so verlegen geworden.

Am Nachmittag des nchsten Tages kam die Schulzenfrau sehr aufgeregt zu
Heine Peterles Mutter und erzhlte ihr, zwei von ihren guten, weien
Bettchern seien vom Trockenplatz fortgeflogen. Oder sollten sie gar
gestohlen worden sein?

Es gab eine groe Aufregung im Dorfe. Die Schulzenfrau suchte nach
ihren Bettchern, Heine Peterles Mutter erzhlte von den verschwundenen
Krbissen, und kein Mensch konnte sich die Sache zusammenreimen.

Wenn nur nicht eine Dummheit von ein paar Kindern dahinter steckt,
sagte Muhme Lenelies, als sie die Sache erfuhr. Sie fragte daheim
ihren Friede aus, aber der sah sie mit seinen schnen, blauen Augen
treuherzig erstaunt an,--nein, der wute von nichts.

An diesem Nachmittag war Heinrich nach seinem Heimatdorf gegangen und
kehrte erst spt am Abend wieder heim. Es war ein dunkler, strmischer
Herbsttag. In dem Dorfe waren schon alle Leute zu Bett gegangen; am
besten schlief vielleicht Hans Rumps, der Nachtwchter, in einem
Leiterwagen des Schnipfelbauern. Heinrich ging immer, wenn er aus
seinem Dorfe heimkehrte, einen ganz schmalen Weg entlang, der zwischen
des Schulzen und seines Bauern Garten hindurchfhrte, er brauchte dann
nicht erst die breite Dorfstrae hinab zu gehen. An diesem Herbstabend
war es sehr dunkel, der Mond war nicht verpflichtet zu scheinen, und
die Sterne hatten keine Lust dazu. Doch Heinrich kannte den Weg gut,
und so schritt er frhlich dahin. Pltzlich sah er in einem ungewissen
Lichte etwas Weies flattern und schweben, und als er nher kam,
tauchten aus dem Dunkel der Nacht zwei Paar glhende, funkelnde Augen
auf. Da standen rechts und links am Wege zwei weie, hohe Gestalten,
deren Gewnder im Winde hin und her wehten; gespensterhaft und
unheimlich genug sah es aus.

Potzwetter, rief Heinrich im ersten Augenblick erschrocken, aber
gleich darauf sagte er laut: Ei, die verflixten Buben! Na wartet,
euch zahl' ich's heim! Er ging beherzt auf die weien unheimlichen
Gesellen zu, und bald darauf sah der Hofhund des Schulzenhauses einen
Mann ber die Gartenmauer klettern, eine Leiter an das Haus anlehnen
und oben vor einem Kammerfenster eine weie Gestalt befestigen. Den
braven Sultan rgerte die Geschichte sehr, er begann wtend zu bellen.
Aber das strte den Mann auf der Leiter gar nicht; er schlug mit der
Faust einige Male so krftig an das Fensterchen, da die Scheiben nur
so klirrten und drhnten, und dann stieg er geschwind von der Leiter
herab und kletterte wieder zurck ber die Gartenmauer. Der arme Sultan
bellte sich ganz heiser, und zuletzt erwachte der Schulze von dem
Gebell, aber just in diesem Augenblick tnte ein so gellendes Geschrei
durch das Haus, da alle Hausbewohner munter wurden.

Der Jakob schreit, rief die Buerin und lief nach oben, ihr folgte
ihr Mann und die Magd, die im Hause schlief, und alle strzten sie in
Jakobs Kammer. Da sa der Bube in seinem Bett und brllte jmmerlich,
und nebenan klang Rses und der kleinen Geschwister Schreien. Na
Jakob, was... du meine Gte! Die Mutter starrte entsetzt nach dem
Fenster,--in das Kmmerlein hinein schauten ein paar glhende Augen,
und das schwebte und flatterte wei vor dem Fenster auf und nieder.

Zum Kuckuck, was ist denn das? schrie der Schulze, sprang hin, ri
das Fenster auf und holte das Gespenst herein.

Die Magd schrie noch lauter als Jakob und wollte unter das Bett
kriechen, wozu sie freilich zu dick war; sie mute es aufgeben und
kauerte sich nur in einer Ecke zusammen. Mein Bettuch, rief die
Buerin verdutzt, und ein Krbiskopf, ja, und Jakob--ist das nicht
deine Laterne?

Jakob war ganz jh unter das rotkarierte Federbett gekrochen, aus der
Tiefe heraus tnte dumpf und unheimlich sein Geheul.

Ih, du unntzer Bengel du, sagte der Schulze, mir scheint, du weit
etwas von der Sache. Komm einmal hervor, aber rasch, sonst...

Jakob hielt es fr geratener, dem vterlichen Befehl zu folgen.
Schluchzend, jammernd, noch an allen Gliedern vor Schreck zitternd,
beichtete er, da er und Heine Peterle fr Heinrich Gespenster
aufgestellt htten, und da Gespenster entschieden weie Gewnder
brauchen und Kpfe haben mssen und Augen, die unheimlich leuchten,
da--

Unntzes Gesindel ihr! schalt der Schulze. Fr Jakob sah die Sache
in diesem Augenblick hchst bedenklich aus, und er blickte sich gerade
ngstlich um, vielleicht gelang ihm das Untersbettkriechen besser als
der Magd. In diesem Augenblick trat die Gromutter ein. Auch sie war
von dem Lrm erwacht, und ihr gutes, altes Frauengesicht trug einen
ngstlichen Ausdruck. Was gibt es denn? fragte sie. Als sie die
Jammergeschichte erfahren hatte, da lachte sie lieb und herzlich und
sagte schelmisch: O du dummer Bube, nun hast du dich ja vor deinem
eigenen Gespenst gefrchtet!

Jakob nickte, und dicke, dicke Trnen rollten ber seine Pausbacken.
Das Lachen der Gromutter aber fand Widerhall: des Schulzen Gesicht
klrte sich auf, seine Frau lachte, die Magd kam aus ihrer Ecke heraus
und lachte, und an der Tr, die zur Nebenkammer fhrte, stand Rse mit
den zwei kleinen Geschwistern, und die drei Hemdenmtzchen lachten, da
sie ordentlich wackelten, und Hansele, der kleinste Bub, schrie keck
mit krhendem Stimmlein: Oh, is unse Jakob dumm, bitzdumm!

Das war nun sehr beschmend fr Jakob, und da er nicht unter das Bett
kriechen konnte, kroch er tief hinein, zog sich das Deckbett ber die
Ohren und schluchzte und sthnte jammervoll. Der Vater meinte nun auch,
der Bube sei durch die ausgestandene Angst schon genug bestraft, er
zog ihn nur ein wenig an dem dicken schwarzen Schopf, der unter dem
Deckbett hervorsah, und sagte anscheinend streng, whrend doch ein
heimliches Lachen in seinen Augen lag: Die Gespenstergeschichten lt
du mir aber jetzt, Bube, wenn ich noch einmal von dem Unsinn hre,
dann...

Weiter sagte der Vater nichts, Jakob verstand ihn aber auch so, und
er war herzlich froh, als er endlich wieder allein in seiner Kammer
war und es still im Hause wurde. Mit Nachdenken hielt er sich nicht
weiter auf, er drehte sich um und schlief geschwind wieder ein, schlief
galopp, denn er mute doch die versumte Stunde nachholen.

Um die gleiche Zeit lag Heine Peterle in seinem Bett und sthnte vor
Angst. Er war von einem schweren, dumpfen Poltern an seiner Kammertr
erwacht, und aufschauend hatte er etwas ganz Schreckliches erblickt. An
der Tre stand eine weie Gestalt, und zwei glhende Augen funkelten
ihn an. Grlich sah das aus, ein Gespenst war es, nichts anderes.
Heine Peterle kroch unter sein Deckbett, und es wurde ihm glhend hei
darunter. Er pustete und chzte, und es war ihm, als kme leise, leise
etwas auf ihn zu.

Zu schreien wagte er gar nicht, er atmete nur schwer. Er meinte
allerlei seltsame Gerusche zu hren, Tappen und Schreiten, das nher
kam. Ach, sicher hatte irgend ein Gespenst es bel genommen, da
Jakob und er Gespenster hatten nachahmen wollen, und kam nun, ihn zu
bestrafen.

Ein Weilchen lag er so da, endlich wagte er wieder unter seinem Bett
hervorzuschauen. O Himmel, da stand das Gespenst ja immer noch!

Nein--es kam doch nher! Es schwankte-- neigte sich und--plumps!
fiel es polternd, klirrend zu Boden.

Rutsch! war Heine Peterle wieder in seinem Bett verschwunden, immer
heier wurde es ihm vor Angst. Nun wrde das Gespenst ihn anpacken, ihm
den Hals umdrehen oder sonst etwas Schreckliches tun. Frchterliche
Dinge fielen dem Buben ein. Er meinte schon eine kalte, harte Hand zu
fhlen,--aber es blieb alles still.

Nichts rhrte und regte sich in der Kammer, und endlich wagte der Bub
doch wieder unter dem Deckbett hervorzusehen. Da sah er zu seinem
malosen Erstaunen das Gespenst auf der Erde liegen. Es rappelte sich
kein bichen, und die glhenden Augen waren erloschen.

Das war doch ein seltsames Gespenst. Heine Peterle kroch wieder unter
sein Deckbett, pustete und chzte wieder ein Weilchen und schaute dann
wieder zum Bett heraus.

Das Gespenst lag noch immer am Boden, muckstill lag es da. Da legte
sich des Buben Angst etwas, da er aber kein Licht hatte, konnte er
sich das weie Ding nicht nher ansehen. Eine Ahnung jedoch stieg in
ihm auf, da Heinrich vielleicht nicht so ganz unschuldig an dieser
Gespenstererscheinung sein mchte.

Zur Sicherheit freilich kroch Heine Peterle aber doch wieder unter sein
Deckbett,--man konnte nicht wissen! Zwei-, dreimal noch steckte er
den Kopf aus dem warmen Nest heraus, immer lag das weie Ding still am
Boden. Da gab der Bub das Nachsehen auf und schlief wieder ein.

Am nchsten Tage beim Mittagessen--bis dahin hatte sich Heine Peterle
ihm ferngehalten--fragte Heinrich so recht verschmitzt: Na, Heine
Peterle, hast du gut geschlafen?

Der Bube wurde so rot, da die Eltern, Muhme Rese und die Mgde ihn
ganz erstaunt ansahen, und nun erzhlte Heinrich, der bse Heinrich,
die ganze Gespenstergeschichte. Dabei gab es Kle mit Backobst, und
Heine Peterle konnte vor Verlegenheit von dem guten Gericht gar nicht
so viel essen als sonst, beinahe hungrig stand er vom Tisch auf. Es ist
wirklich nicht schn, ausgelacht zu werden.

Zum berflu kam nachher noch die Schulzenfrau und erzhlte, wie es bei
ihnen gespukt htte, und da auch ihr zweites Bettuch frh auf einmal
auf dem Zaun gehangen htte.

Und Heine Peterle mute Abbitte im Schulzenhaus tun, und Schulzens
Jakob kam zu Heine Peterles Mutter abbitten,--es war sehr peinlich.

Seitdem wollen die Buben nichts mehr von Gespenstern wissen, die sind
doch ein zu dummes Gesindel, und um Heinrich machten die Buben noch
lange, lange einen weiten Bogen herum.

[Illustration: Essen]

[Illustration: Dekoration]




Es hat in der Zeitung gestanden.


Es ist doch wirklich toll, was alles auf der Welt passiert! brummte
der Oberheudorfer Schulze an einem Sonntagnachmittag und schaute ber
seine Zeitung weg seine Frau an. N, so was aber auch!

Was gibt's denn? fragte die Buerin und hielt im Nhen inne. Der
Oberknecht, der gerade seinen Sonntagsstritzel verzehrt hatte, und
Jakob, der noch mit vollen Backen kaute, sahen auch beide gespannt auf
den Bauern; wenn der die Zeitung las, wute er nachher immer etwas
zu erzhlen. Der Schulze knurrte, lachte und rief kopfschttelnd:
Potzwetter nochmal, so dumm! Nur gut, da sie noch Wagen und Pferd
gefunden haben!

Was fr einen Wagen? Was fr ein Pferd? fragte die Buerin ein wenig
ungeduldig.

Ihr Mann aber zog erst noch einmal krftig an seiner Pfeife, blies
Jakob eine dicke Rauchwolke ins Gesicht, rckte sich dann die Brille
zurecht und las endlich langsam und feierlich vor: Bei dem letzten
Pferdemarkt in N.....burg ist der Lederhndler Matthias Haberland auf
eigenartige Weise bestohlen worden. Er stand dicht neben seinem Wagen
mit einigen Bekannten zusammen und merkte nicht, da sich ein Fremder
auf den Wagen setzte und einfach davonfuhr. Bekannten des Hndlers,
denen der Dieb unterwegs begegnete, rief der zu: Wir haben schon alles
Leder verkauft. Pferd und Wagen fand man spter auf der Landstrae,
alles Leder aber war spurlos verschwunden.

N, so'n Dskopp, rief der Oberknecht lachend, steht neben seinem
Wagen und merkt nicht, da der davongefahren wird! Er redete mit
dem Bauern und der Buerin noch hin und her ber die sonderbare
Sache, whrend Jakob geschwind hinauslief. Drauen erzhlte er seinen
Kameraden auf der Dorfstrae sehr wichtig die Geschichte.

So dumm, rief Heine Peterle, den Dieb davonfahren zu lassen! Ich
htt's nicht getan.

Ich auch nicht, n, bestimmt nicht, riefen drei, vier Stimmen, und
alle Buben waren gleich miteinander einig, da eben nur in der Stadt
solche Dummheiten passieren knnten.

's ist nischt los mit der Stadt, brummte Heine Peterle verchtlich
und scho mitten auf der Dorfstrae, trotz Sonntagshosen und
Sonntagskittel, einen so wundervollen Purzelbaum, da seine Kameraden
ihn darum ordentlich anstaunten.

Etliche Tage spter marschierten Schulzens Jakob und Rse, der dicke
Friede und Schnipfelbauers Fritz im Frhlingssturm heimwrts. Sie
kamen alle vier von Berenbach, einem Dorf, das etwa eine Stunde bern
Berg von Oberheudorf entfernt lag. Die Berenbacher Kinder kamen nach
Oberheudorf in die Schule, und darum sagten die Oberheudorfer Buben und
Mdel gern: Pah, die Berenbacher, das sind die Rechten, nicht einmal
eine Schule haben sie! Im ganzen aber konnten die Oberheudorfer Kinder
die von Berenbach gut leiden, besser als die Niederheudorfer Buben und
Mdel, denn die waren in ihren Augen eben dort schrecklich eingebildet
auf die drei Kramlden im Dorf und auf sonst noch allerlei. Die vier
Wanderer waren mit ihren Gedanken noch in Berenbach; sie waren dort
bei des dicken Friede Muhme gewesen, die sie mit Kaffee und Kuchen
gut aufgenommen hatte. Davon sprachen sie und von den beiden weien
Ziegenbcken im Stall der Muhme, und da die Berenbacher Kinder es doch
eigentlich recht gut htten, da die Schule nicht im Dorf wre. Wenn
zum Beispiel einmal Hochwasser war oder im Winter haushoher Schnee
lag, dann brauchten sie gar nicht in die Schule zu gehen. Nun lag an
diesem Tage weder haushoher Schnee noch zeigte der Bach Lust, ein
Hochwasser zu verursachen. Doch da der Frhling gekommen war, sah
man schon berall. Bsche und Bume trugen feine Blttchen und dicke
Knospen, und auf dem Boden des Waldes, durch den die Kinder gingen,
blhten Anemonen, Himmelsschlssel, Kchenschellen und noch manch
feines, zierliches Blmchen. Der Kuckuck lie trotz des brausenden
Sturmes seinen lockenden Ruf ertnen, einmal rief er da, einmal dort,
als wollte er die Kinder auffordern, ihm zu folgen.

Schulzens Jakob wollte an diesen Frhlingswahrsager gerade allerlei
Zukunftsfragen stellen, als Schnipfelbauers Fritz auf einmal rief:
Guckt nur, da steht ein Wagen ganz allein!

Im Nu waren alle vier am Wagen, standen und staunten, als htten sie
in ihrem Leben noch keinen solchen Wagen gesehen. Dabei war es ein
ganz einfacher Planwagen, wie ihn die Leute in der Gegend nahmen, wenn
sie zum Markt fuhren. Darauf sa niemand, darin lag niemand, er htte
gerade zwischen dem Stroh liegen mssen, das bis an den Kutschersitz
heranreichte. Das braune Pferdchen, das vor den Wagen gespannt war,
stand still und ergeben da und machte ein Gesicht, als wollte es sagen:
Na, wit ihr, unterhaltsam ist die Sache nun gerade nicht.

Den vier Kindern freilich war die Begebenheit sehr unterhaltsam. Ein
bichen neugierig, ein wenig Hans Dampf in allen Gassen waren die
Oberheudorfer Buben und Mdel fast alle, und so guckten, wisperten und
tuschelten denn jetzt auch die vier sehr eifrig miteinander; alle Tage
findet man ja selbst in Oberheudorf nicht einen Wagen ohne Fuhrmann auf
der Landstrae.

Der Wagen sieht wie der unsrige aus, meinte Schnipfelbauers Fritz.

Wir haben auch so einen, sagte Rse eifrig, ganz genau so!

Das ist so, wie es neulich in der Zeitung stand, rief der dicke
Friede nach einem Weilchen. Ganz genau so ist's! Der Wagen ist sicher
gestohlen worden.

Huh, ist das graulich! rief Rse. Ich reie aus!

Furchttrine, sagte ihr Bruder, wir--wir nehmen den Wagen einfach
mit.

Ja, schrieen Schnipfelbauers Fritz und Friede begeistert. Beide
begannen geschwind auf den Bock zu klettern, Jakob folgte und Rse
auch; sie hatte Angst, die drei Kameraden wrden sie allein im Walde
lassen. Auf dem Bock war es zwar etwas eng, und jedes sa beinahe auf
des andern Scho, aber das strte die vier weiter nicht, sie waren sehr
befriedigt und fanden das Abenteuer wundervoll. Schulzens Jakob ergriff
keck die Zgel, alle miteinander riefen hhhott! und weil das Pferd
nicht gleich laufen wollte, nahm Fritz die Peitsche und knallte damit.

In diesem Augenblick schrie jemand hinter dem Wagen laut auf. Die
Kinder sahen sich entsetzt an. Der Dieb! jammerte Rse, aber schon
hatte Fritz die Peitsche dem armen Pferdchen um die Ohren geschlagen,
und das nahm dies gewaltig bel. Hhhott brauchte nun keiner mehr zu
schreien, das Pferd raste wie besessen davon, und ein lautes Schreien
tnte ihm nach.

Der Dieb, der Dieb! tuschelten die Kinder, das Pferdchen rannte,
und da der Weg bergab ging, wurde es eine tolle Fahrt. Jakob merkte
bald, da das Pferd lief, wie es wollte, nicht, wie er wollte. Jakob
fuchtelte mit der Peitsche verzweifelt in der Luft herum, und die
beiden andern sthnten und klagten immer abwechselnd.

Das Pferd kmmerte sich nicht im geringsten darum, es raste immer
wilder bergab. Einmal flog der Wagen rechts herum, einmal links herum,
einmal hopste er wie ein Frosch, der einen Tmpel sieht. Und innen im
Wagen begann es seltsam zu klirren und zu poltern. Den Kindern wurde es
himmelangst; zuletzt verlor Fritz die Peitsche, Jakob lie die Zgel
sinken, und alle brllten miteinander, so laut sie nur konnten.

Jetzt fallen wir alle in den Graben, dachte Friede verzweifelt, als
Oberheudorf auftauchte und es kurz vor dem Dorf ziemlich steil bergab
ging. Sie fielen aber nicht, es gab auf einmal einen Ruck. Friede
Hopserling stand neben dem Wagen, hielt das Pferd am Zgel, und laut
rufend und jammernd ffneten sich die Haustren, und alle, die daheim
waren in Oberheudorf, kamen angelaufen; die meisten Mnner waren
freilich drauen auf dem Felde. Etliche Frauen kamen an, Mdel und
Buben, Hunde, Gnse, zwei Ziegen, Hhner, und wer sonst noch den Lrm
gehrt hatte.

Die vier Kinder auf dem Bock waren ganz verdattert und konnten zuerst
auf alle Fragen gar keine Antwort geben. Endlich, nachdem der Vater des
dicken Friede seinen Buben ein wenig hin und her geschttelt und seine
Mutter ihm versprochen hatte: Nachher bekommst du ein Honigbrot,
konnte der Bube die wunderbare Begebenheit erzhlen.

Tut, tut! blies Hans Rumps rasch in sein Horn, denn die Sache schien
ihm so ungeheuer wichtig, da er sie beblasen mute.

Seid doch still! murrte der Bauer rgerlich. Was soll denn die
dmliche Blaserei dabei?

Hans Rumps schwieg gekrnkt, seiner Meinung nach gab das Blasen der
Geschichte erst die ntige Feierlichkeit. Der Schulze mu her,
sagten ein paar Stimmen, man mu doch wissen, wem Pferd und Wagen
gehren.

Ich meine, es sieht so--so bekannt aus, brummte Friede Hopserling
und ging um den Wagen herum, das Schild zu lesen, das jeder Wagen haben
mute. Es war keins da, und Schulzens Jakob, der sich jetzt auch darauf
besonnen hatte, da er einen Mund besa und sprechen konnte, sagte
wichtig: Das hat der Dieb abgemacht.

Die Leute sahen sich an. Ja, so war es wohl, und Hans Rumps blies
wieder in sein Horn. Tut, tut, tut, tut, der Schulze mu herbei.
Der kam gerade mit etlichen Bauern und Knechten vom Feld, und als die
Mnner beim ersten Haus vom Dorf das Blasen hrten, kamen sie sehr
eilig angelaufen. Wenn Hans Rumps blies, da war etwas nicht in Ordnung,
und der Schulze dachte: Na, was wird das wieder fr eine Dummheit
sein!

Die Bauern kamen von der einen Seite angerannt, von der andern kam die
Schnipfelbuerin. Der hatte Mine, die Wirtsmagd, zugerufen: Buerin,
Fritz hat beinahe ein Dieb mitgenommen. Auerdem ist er halbtot
gefahren!

Die arme Frau rannte in ihrer Angst alles um, was ihr in den Weg kam.
Sie htte so auch beinahe den Schulzen umgerannt, doch der hielt sie
fest und fragte, was los sei. Mein Fritz, mein Fritz! jammerte die
Frau. Mine, die voran lief, drehte sich um und rief: Schulze, der
Jakob ist auch dabei.

Donnerwetter, rief der Schulze, na, ich dachte es doch! Sicher ist
es eine Dummheit! Er lief auch dahin, wo der Wagen stand, er sah seine
Kinder, Jakob erzhlte, Rse heulte, die Schnipfelbuerin hielt ihren
Fritz im Arm, und ein paar Stimmen riefen dem Schulzen entgegen, was
geschehen war. Verstehen konnte der zuerst in allem Geschrei und Gelrm
nichts, endlich aber erzhlte Jakob stolz und leidlich vernnftig, was
sich eigentlich zugetragen hatte.

Der Schnipfelbauer kam auch vom Feld, auch er hrte den Lrm, und
natrlich kam er so geschwind herbei, als er laufen konnte. Na nu,
schrie er, was ist denn mit meinem Wagen passiert?

Mit Eurem Wagen? fragte der Schulze, und etliche Stimmen
wiederholten: Mit Eurem Wagen?

Mit unserm Wagen? rief die Schnipfelbuerin, die bis dahin nur ihren
Buben und nicht den Wagen angeschaut hatte.

Na freilich mit unserm Wagen, mit dem die Kathrine nach Hohenstein zum
Markt gefahren ist. Ich werde doch unsern Wagen kennen, wenn auch das
Schild fehlt!

Und die Kathrine fehlt auch, rief die Buerin entsetzt.

Ach wo, die ist hier, schrie just da eine Stimme. Keuchend, prustend,
puterrot und fuchsteufelswild kam die Magd angetrabt, unter dem einen
Arm ein Wagenschild, unter dem andern eine Peitsche. So eine freche
Bande! N, die Buben, und unser Fritz immer voran! Haue mssen sie
haben, da es nur so klappt. So was, aber so was auch, mir armen
Person solchen Schrecken einzujagen! Immer ungezogener werden sie, die
heillosen Buben. Na, wenn ich der Herr Lehrer wre, ich brchte ihnen
die Fltentne bei, ich.... Schwapp hatte Fritz einen Katzenkopf
rechts, Schulzens Jakob einen links, und htte die Kathrine vier Hnde
gehabt, dann htten Friede und Rse auch noch ihr Teil bekommen.

Aber Kathrine, Kathrine, riefen Bauer und Buerin, was ist denn
geschehen? Die Buben sagen doch, der Wagen htte allein auf der Strae
gehalten.

Nu freilich, murrte die Magd, dicht dabei hab' ich ein paar Kruter
gepflckt, 's war noch so frh am Tage, und unsere arme Liese sollte
sich ein Weilchen ausruhen. Ich sehe die drei Buben und Schulzens Rse
kommen, die bleiben am Wagen stehen; na, ich denk' mir nichts dabei und
geh' ein paar Schritte tiefer in den Wald. N, und auf einmal--ich
denk', ein Muschen beit mich--hre ich die Peitsche knallen und
sehe den Wagen haste nicht gesehen davonfahren. Ich schrei, aber ach,
da htte ja wohl eher so eine alte dicke Tanne guten Tag gesagt,
ehe die dreimal unntzen Buben gehrt htten. Sie rasten davon, ich
hinterher, ich merkte doch, da unsere Liese durchgeht. Unterwegs
habe ich dann die Tafel gefunden und die Peitsche, und wenn's gerecht
zuging, dann kriegten jetzt alle vier mit der Peitsche tchtige Haue.

Die vier Missetter entschuldigten sich: Wir dachten doch, er wre
gestohlen, huhuhu, es hat doch so was in der Zeitung gestanden!

Ach du meine Gte, nu denk' ich erst an unsere Tpfe, jammerte
Kathrine in das Kindergeschrei hinein. Wenn die entzwei gegangen sind
bei dem Gefahre! Sie sprang auf den Wagen, kauerte im Stroh und warf
pltzlich klagend etliche Scherben heraus; drei von den neuen Tpfen
waren wirklich entzweigegangen, kurz und klein zerschlagen bei der
tollen Fahrt.

Anton Friedlich stie Heine Peterle an, denn natrlich standen die
beiden auch dabei und sahen zu, und tuschelte: Ausreien wre am
besten!

Heine Peterle nickte, er teilte des Kameraden Meinung vollstndig, und
die vier Missetter wren sicher auch himmelgern ausgerissen, wenn sie
nur gekonnt htten; sie standen aber so mitten drin im Gewhl, da
sie sich gar nicht rhren konnten. Der braunen Liese nun schien das
Ausreien an diesem Tage besonders zu gefallen, vielleicht war ihr auch
das Geschrei zu gro, kurz, sie zog ganz pltzlich an und rannte heidi
davon. Kathrine, die auf dem Wagen stand, fiel vor Schreck zwischen die
neuen Tpfe, und alle andern rannten hinter der wilden Liese drein.
Doch die kannte ihren Weg; sie bog rechts um und stand wenige Minuten
spter auf dem Hofe des Schnipfelbauern. Sie hatte wohl an diesem Tage
genug von aller Lauferei und wollte in ihren Stall zurck.

In diesem Wirrwarr flsterte Rse ihrem Bruder zu: Wir wollen zu Muhme
Lenelies gehen, sie mu doch die Geschichte wissen! Schnipfelbauers
Fritz und Friede riefen gleich: Wir gehen mit! und trapp, trapp
rannten alle vier links herum und langten bald atemlos bei Muhme
Lenelies an. Die Muhme war daheim, sie freute sich auch und lachte
auch sehr ber die Geschichte und fand es uerst nett, da die Kinder
gleich zu ihr gekommen waren. Sie wunderte sich kein bichen darber;
es kam fters vor, da sich Oberheudorfer Buben und Mdel, wenn sie
eine Dummheit gemacht hatten, erst etwas bei Muhme Lenelies erholten.
Das Huschen der Muhme lag so schn abseits wie eine Burg, in der
man sicher und wohlbehtet sitzt, kam es den Kindern zu Zeiten vor,
obgleich das windschiefe kleine Haus sonst gar keine hnlichkeit mit
einer Burg hatte.

[Illustration: Muhmes Huschen]

Sehr spt verlieen die vier an diesem Tage ihre Burg, und in der Zeit,
die verronnen war, hatte sich Kathrines Zorn etwas gelegt, ihr lautes
Schelten hatte sich in leises Brummen verwandelt. Fritz kam also
noch so leidlich bei der Sache fort. Der Schulze aber sagte: 's ist
nur gut, da wir keine Zeitung in Oberheudorf haben, sonst kme die
Geschichte noch hinein, denn Dummheiten lesen die Leute allemal gern,
und eine Dummheit war's doch von den Kindern, potzwetter ja!

Als die Berenbacher Kinder aber die Geschichte am nchsten Tage
erfuhren, da fanden sie sie nicht dumm, sondern wundervoll, und
sagten zu den Oberheudorfern: Das nchste Mal bringen wir euch heim,
vielleicht passiert wieder was!

[Illustration: Friedes, Fritz', Jakobs und Rses Kutschfahrt]

[Illustration: Dekoration]




Ein kleiner Held.


Muhme Lenelies war allzeit eine flinke, fleiige Frau, immer wohlgemut
und guter Dinge, und sie pflegte mitunter lachend zu sagen: Das
Kranksein lasse ich gar nicht erst zur Tre hinein! Aber einmal,
Traumfriede war noch nicht allzu lange ihr Pflegesohn, kam doch das
Kranksein unversehens zur Tre hineingerutscht, und die arme Muhme
Lenelies bekam einen bsen Husten, der sie arg qulte. Weil die Muhme
nun aber die besondere Gabe hatte, alle Dinge, auch die schweren und
trben, durch eine rosenrote Brille anzuschauen, so fand sie, auch das
Kranksein habe seine freundlichen Lichtseiten. Sie sagte oft: Es ist
doch behaglich, da ich bei dem bsen Sturm nicht hinausbrauche, aber
am schnsten ist es doch, da man in Krankheitstagen sieht, wie gut
doch eigentlich viele Menschen sind.

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, Muhme,
erwiderte ihr darauf einmal die Frau Lehrerin. Wret Ihr nicht
allzeit so hilfsbereit, dann kmmerte sich just wohl niemand um Euch.
Das mochte schon wahr sein, aber wenn es auch ehrlich verdiente Liebe
und Teilnahme war, wohl tat sie der alten Frau sehr, denn obgleich sie
die rosenrote Brille hatte, eine schwere Zeit war die der Krankheit
doch fr sie. ber nichts aber freute sie sich in diesen Tagen so sehr
wie ber ihres Pflegesohnes Liebe. Traumfriede tat der Muhme alles Gute
an, was er ihr nur an den Augen absehen konnte; er arbeitete von frh
bis abends, hielt das Huschen schmuck und sauber, ja er suchte noch
da und dort ein paar Pfennige zu verdienen, damit nicht alle mhsam
erworbenen Spargroschen daraufgingen. Wie eine Knigin hab' ich's,
sagte die Muhme mitunter zu Friede. Ich habe einen Diener, das bist
du, einen Koch, das bist du, eine Kammerzofe, das bist du, eine Magd,
das bist du auch, und Hofmarschall und Mundschenk dazu,--soll einer
sich so viele dienstbare Geister suchen.--

Der Winter war in diesem Jahre gleich mit viel Schnee und Klte
eingezogen und blieb auch ein strenger Gast. Als der Februar herankam,
da lag noch so viel Schnee in Oberheudorf, als htte der Winter erst
angefangen. Acht Tage schneite es ununterbrochen. Alle Grben und Wege
verschneiten, die Berenbacher Kinder konnten nicht mehr in die Schule
kommen, und eines Sonnabends muten es die Oberheudorfer Bauernfrauen
aufgeben, zum Markt zu fahren. Man kommt nicht mehr durch, sagten sie.

Traumfriede erzhlte dies am Freitag nachmittag seiner Pflegemutter,
und Muhme Lenelies, die in ihrem Lehnstuhl am Ofen sa, seufzte ein
wenig: Ich dacht's mir balde! Na, da mu man auch zufrieden sein.

Muhme, rief Traumfriede erschrocken, deine Tropfen sind doch alle,
und wenn morgen niemand in die Stadt fhrt, mut du ja so lange noch
warten?

Freilich, mein Junge, sagte die alte Frau gelassen, die Tropfen
werden mir schon fehlen, aber vielleicht geht der Husten auch ohne
Tropfen weg. Schneide nicht so ein betrbtes Gesicht, man mu froh
sein, wenn man eine warme Stube hat. Horch nur, wie drauen der Wind
heult.

Friede nickte stumm. Es tat ihm unendlich leid, da die Pflegemutter
keine Tropfen mehr hatte. Sicher wurde der Husten noch schlimmer. Der
Doktor hatte, als er vor acht Tagen dagewesen war, ihn sehr ermahnt,
an die Tropfen zu denken, und gesagt, die Krankheit knnte leicht
schlimmer werden, wenn die Kranke die Tropfen nicht pnktlich einnhme.

In dieser Nacht heulte der Sturm so um das winzige Huschen herum,
als wollte er es nehmen und wie eine Spielzeugschachtel forttragen.
Dazu peinigte die arme Muhme Lenelies der Husten heftig, und erst
lange nach Mitternacht schlief sie ermattet ein. Als sie am Morgen
erwachte, brannte die Lampe, im Ofen war Feuer, und das Stbchen war
ganz behaglich warm. Ei, der Friede, der Tausendsassa, hat sich aber
dazugehalten, dachte sie und richtete sich etwas auf. Wo war denn der
Bub? Sie klopfte an die Wand der Kammer, in der Friede schlief, aber
alles blieb still. Sie richtete sich etwas auf, da sah sie, wie schon
die Kaffeekanne auf dem Ofen stand, und auf dem Tisch an ihrem Bett
stand die Tasse und ein Wecken lag daneben. Du meine Gte, murmelte
die Muhme, da habe ich es richtig verschlafen, und der Bub ist schon
in die Schule gegangen. Wie dunkel es aber noch ist!

Es war in den Tagen ihrer Krankheit schon manchmal vorgekommen, da
Friede bereits in die Schule gegangen war, wenn sie aufwachte. Der
Bube besorgte immer alles so leise wie ein Heinzelmnnchen, und die
Pflegemutter schlief oft erst gegen Morgen ein. Muhme Lenelies holte
sich also ihren Kaffee herbei, trank ihn und blieb dann still in ihrem
Bett liegen, denn die Brust tat ihr weh von dem Husten.

Der Sturm heulte drauen immer noch, und sehr langsam nur wurde es
hell. Die Muhme, die sonst nicht ungeduldig war, dachte an diesem Tage
manchmal: Heute will es auch gar nicht Mittag werden! Endlich hrte
sie drauen Schritte, jemand kam. Sie lauschte,--Friede war es nicht,
also wohl eine Nachbarin, die nach ihr sehen kam. Gleich darauf trat
auch, auf das Wetter scheltend, die Schnipfelbuerin ein. Sie wohnte
ganz nahe und hatte der Muhme schon fters in den Tagen der Krankheit
eine gute Suppe gebracht. Auch heute kam sie mit einem Topf Essen an.
Sie stellte es der Kranken an das Bett, holte einen Teller herbei und
sagte: Nun et nur, der Friede hat mich gestern abend noch himmelhoch
gebeten, Euch ja nicht zu vergessen, weil er doch heute nicht daheim
ist.

Ei, rief Muhme Lenelies und verga vor Erstaunen fast das Dankeschn,
wo ist denn mein Friede? Kein Sterbenswrtchen hat er mir vom
Fortgehen gesagt.

Na sehe einer den Buben an, sagte die Buerin, ganz heimlich geht
er auf Arbeit. Wo er ist, hat er mir auch nicht gesagt, aber am
Samstag gibt es halt berall Arbeit, und der Friede lt sich schon
gebrauchen. 's ist recht von ihm, da er darauf sieht, ein paar
Groschen zu verdienen. Ich wollte, mein Fritz wre nur halb so fleiig
und anstellig, aber das ist ein richtiger Faulpelz. Nur wenn es gilt,
dumme Streiche zu machen, da ist er dabei. Mein Mann sagt immer, ihm
kme die Nichtsnutzigkeit noch mal zur Nasenspitze und zur kleinen Zehe
heraus. Ja, ja, 's ist schlimm!

Die Buerin seufzte tief, aber Muhme Lenelies trstete: Ein gutes Herz
hat er aber doch, und das ist die Hauptsache. Pat auf, er wird noch
ein braver, verstndiger Bube werden!

Die Schnipfelbuerin nickte zufrieden, sie hrte es wie alle Mtter
gern, wenn jemand ihrem Buben etwas Gutes nachsagte, und da der
Fritz bei aller Naseweisheit und Frechheit, bei aller Faulheit und
Dummenstreichelust eben doch ein gutes Herz hatte, das trstete sie
immer wieder. Ganz vergngt nahm sie Abschied, versprach noch, mit der
Magd einen Topf Kaffee zu schicken, und ging dann heim. Gerade vor der
Haustr traf sie ihren Buben, der rief ihr gleich entgegen, da er sie
aus Muhme Lenelies' Huschen kommen sah: Warum ist denn Traumfriede
nicht in der Schule gewesen?

Nicht in der Schule gewesen? wiederholte die Schnipfelbuerin
erstaunt. Ja in aller Welt, was macht denn der Bube? Wer nimmt denn
einen Schuljungen den ganzen Tag zur Arbeit?

Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert, sagte Fritz, der ordentlich
froh war, da sich der Lehrer einmal ber etwas anderes als ber seine
Faulheit zu wundern hatte.

Na, der Friede wird schon kommen, und so arg bse wird der Herr Lehrer
nicht auf ihn sein, meinte die Buerin und ging in das Haus, und da es
Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde
von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei
Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wrtern gemacht, davon
bekommt einer schon Hunger.

Whrend alle Oberheudorfer Buben und Mdel vergngt ihr Mittagbrot
verzehrten und Muhme Lenelies still in ihrem Stbchen lag und mit
Mimi, ihrer Amsel, und Schnurpsel, dem Kater, zusah, wie drauen die
weien Flocken in der Luft herumwirbelten, war Traumfriede weit, weit
von Oberheudorf entfernt. Lange vor Tagesanbruch war er mit seinem
Laternchen ausgezogen. Trotz haushoher Schneewlle, trotz Sturm und
Klte wollte er doch nach der Stadt wandern, um fr seine Pflegemutter
die Hustentropfen zu holen. Heimlich war er gegangen; er wute,
Muhme Lenelies wrde sich um ihn sorgen, und die Sorge wollte er ihr
ersparen. Es bedrckte ihn freilich schwer, da er nicht in der Schule
sein konnte, aber er dachte: Wenn ich nachher den Herrn Lehrer bitte,
wird er es mir schon verzeihen; ich mute doch gehen. Tapfer schritt
er aus. Es war, als er fortging, noch so dunkel, da er kaum den Weg
erkennen konnte. Dazu lag der Schnee so hoch, da er oft bis an den
Hals einsank. Bis Niederheudorf ging es noch, da war am Tage vorher der
Weg gebahnt worden, als Friede aber nachher in den Wald einbog, wurde
das Vorwrtskommen immer schwerer, und er blieb manchmal fast verzagt
stehen. Aber der Gedanke, Muhme Lenelies wrde vielleicht krnker
werden, wenn er die Tropfen nicht brchte, trieb ihn immer wieder
vorwrts. Nach und nach dmmerte der Tag herauf, und als er aus dem
Walde wieder heraustrat, da lag das weite Land im blassen Morgenschein
still und wei vor ihm. Es sah so schn aus, da er darber beinahe
alle Beschwerden des Weges verga. Er blies hurtig sein Laternlein aus
und stapfte unverzagt weiter. Nach vielstndiger Wanderung erreichte
er endlich die kleine Stadt, in der die Apotheke war. Er fand sie
bald, trat ein und verlangte die Hustentropfen fr Muhme Lenelies.
Dabei wunderte er sich selbst ber seinen Mut; ganz vergngt dachte
er: Na, Heine Peterle sollte sehen, wie ich mich zurecht finde.
Heine Peterle konnte die Stadt nicht leiden, warum, ist schon in einem
andern Buche erzhlt worden, aber auch die brigen Oberheudorfer Buben
und Mdel wollten nicht viel von der Stadt wissen. Sie kannten sie
nmlich gar nicht; wenn mal eins mitgenommen wurde, das war dann immer
eine besondere Sache. Zum Vergngen fuhren die Oberheudorfer nicht
in die Stadt, nur zum Kauf und Verkauf. Meist waren da, wenn sie von
Oberheudorf abfuhren, die Wagen voll und fr Kindervolk kein Platz
mehr. Auch Friede war noch nie mit in der Stadt gewesen, es gefiel ihm
aber ganz gut darin, und die Leute, die er nach der Apotheke fragte,
gaben ihm auch freundlich Auskunft. Der Apotheker freilich war nicht
nett, der verlangte ein Rezept, und als Friede verlegen sagte, er htte
keins, wollte er ihm die Tropfen nicht geben. Der Bube, der mde und
hungrig war, stand ganz verdattert da. Ein alter Herr neben ihm sah
es und fragte mitleidig, fr wen er die Tropfen wollte. Friede gab
Auskunft, treuherzig erzhlte er alles, und der alte Herr riet ihm, er
sollte doch zu Doktor Treumann gehen, der wohne ganz in der Nhe und
wrde ihm sicher die Tropfen noch einmal verschreiben. Das tat denn
Friede auch. Der Doktor, der just fortgehen wollte, war sehr erstaunt,
den Buben zu sehen. Der freundliche Arzt kam nicht allzu oft nach
Oberheudorf, denn viel Kranke gab es nicht im Dorf, er kannte trotzdem
alle Leute dort, und die alte Muhme Lenelies mochte er besonders gern
leiden. Er wute aber auch, wie weit es bis Oberheudorf war, und wie
schwer es sich bei solchem Schneewetter ging. Junge, rief er ganz
erstaunt, bist du denn zu Fu gekommen?

[Illustration: Traumfriede auf dem Wege zur Apotheke.]

Ja, sagte Friede treuherzig, die Pferde kommen doch nicht mehr
durch, sonst htte die Schnipfelbuerin die Tropfen mitgebracht.

Na, das ist gut, rief Doktor Treumann, die Pferde knnen nicht mehr
durchkommen, und so ein Dreiksehoch luft den Weg, noch dazu in der
Dunkelheit. Aber Junge, Junge, wie konnte deine Pflegemutter nur so
unvernnftig sein und dich gehen lassen!

Verlegen bekannte Friede, da er heimlich davongelaufen sei, weil
die Muhme ihn sonst nicht htte gehen lassen. Und sie mu doch ihre
Tropfen haben, flsterte er.

Der Arzt strich ihm sacht ber den Kopf. Du bist ein braver Bursche,
sagte er ernst, aber ich habe Angst um dich, du wirst nicht heim
kommen. Bergauf brauchst du noch mehr Zeit, das ist noch schwerer; ich
frchte, das wird zu viel fr deine Krfte sein.

Ach n, rief Friede vergngt und mutig, es geht schon, ich bin gar
nicht mde!

Der Arzt berdachte die Sache. Er selbst mute eilig fort zu einem
Schwerkranken, er hatte kaum Zeit, etwas fr den Buben zu sorgen. Kam
der nun heute nicht heim, dann ngstigte sich Muhme Lenelies vielleicht
so, da sie noch krnker wurde. Die Tropfen brauchte sie, ein Bote,
der den Weg machte, wrde sich schwer finden, also mute Friede
schon wieder zurckwandern. Er lie dem Buben heien Kaffee geben,
dazu Butterschnitten, und dann ermahnte er ihn: Du darfst dich aber
nicht ausruhen wollen unterwegs, und wenn du noch so mde bist, sonst
schlfst du ein und erfrierst. Gib mir die Hand darauf, Junge, da du
dich nicht hinsetzt!

Friede gab dem gtigen Mann die Hand, und der mahnte noch einmal: Denk
an dein Versprechen! Sein Wort mu man halten; ein Feigling, wer es
nicht tut.--

Nach einer Stunde trabte Friede gut ausgeruht und satt, die Tropfen in
der Tasche und noch ein Paketchen vom Arzt, das er dem Lehrer abgeben
sollte, wieder der Heimat zu. Anfangs ging es leicht, bald aber merkte
er, da Doktor Treumann recht gehabt hatte damit, da der Heimweg
schwerer sein wrde. An manchen Stellen mute er durch den Schnee
krabbeln wie eine Maus durch einen vollen Mehlsack. Mitunter stand er
minutenlang still und meinte vor Mdigkeit umsinken zu mssen, dann
trieb ihn aber immer wieder der Gedanke an sein Versprechen vorwrts.
Er hatte sein Wort gegeben, das mute er halten, und Muhme Lenelies
mute ihre Tropfen haben, sonst wurde sie krnker.

Immer wieder raffte er sich auf und trabte weiter. Einmal versank er
so im Schnee, da er sich nur an dem tief herniederhngenden Ast einer
Tanne wieder emporziehen konnte. Dazu brauste der Wind und trieb ihm
die Flocken in das Gesicht; das stach wie mit Nadeln, und mitunter
konnte er gar nichts sehen.

Als er endlich den Wald erreicht hatte, berfiel ihn eine solche
Mattigkeit, da er stehen blieb und sich an eine Tanne lehnte; so mde
war er, ach so mde. Da war es ihm pltzlich, als rufe jemand laut
neben ihm: Sein Wort mu man halten; ein Feigling wer es nicht tut!
Da raffte er sich wieder auf, um mit zitternden Hnden sein Laternchen
anzuznden, denn schon war es dunkel geworden. Der Wind blies es
ihm immer wieder aus, von den sorgsam mitgenommenen Streichhlzern
verlschte eins nach dem andern, endlich das vorletzte zndete das
Lichtlein an. Friede nahm das letzte Stck Brot, das er noch in der
Tasche hatte, a es auf und wurde nun wieder etwas munter.

Er stapfte weiter. Immer dichter fiel der Schnee. Der Sturm hatte sich
ganz gelegt, und es war eine tiefe, tiefe Stille ringsum. Friedes
Laternchen schwankte hin und her. Der Bube war so matt, da ihm jeder
Schritt eine schwere Arbeit schien. Immer wieder blieb er stehen, immer
wieder meinte er vor Mdigkeit fast umsinken zu mssen, aber immer
wieder trieb ihn der Gedanke an Muhme Lenelies und an sein gegebenes
Wort empor.

Endlich, endlich sah er Lichter durch die Dunkelheit schimmern.
Niederheudorf, dachte er wie erlst, da kann ich mich ausruhen,
jemand nimmt mich schon auf. Aber wie endlos sich der Weg noch dehnte!
Noch immer kein Haus, noch immer kein Mensch zu sehen! Weiter mute er
wandern, immer weiter!

Und wieder lehnte sich Friede an einen Baum. Er fhlte, wie seine
letzte Kraft schwand, aber die Tropfen, sein Wort! Taumelnd tat er
einen Schritt vorwrts, da packte ihn pltzlich eine krftige Hand, und
eine laute, schnarrende Stimme rief: Zum Donnerwetter noch einmal, wer
treibt sich denn hier herum?

Muhme Lenelies mu ihre Tropfen haben, stammelte Friede halb
bewutlos vor Mattigkeit. Ihre Tropfen--ihre Tropfen--ich mein
Wort---- weiter--weiter!

Na das ist ja eine nette Bescherung! brummte Leberecht Sperling, der
Waldhter, er war der Sprecher, und hob den Knaben auf. Sieh mal einer
an, der Traumfriede ist's. Du, Bube, schrie er, wo kommst du denn
her?

[Illustration: Leberecht Sperling und Traumfriede]

Aus--der--Stadt, lallte Friede.

Bei dem Wetter? Bist du verrckt? schrie der Waldhter. Bist du etwa
hin und zurck gegangen?

Ja, murmelte der Bube schlaftrunken, die Tropfen,--Muhme Lenelies
braucht sie doch!

So eine unvernnftige Kreatur, schalt Leberecht Sperling, luft in
die Stadt bei dem Wetter! Verwichsen mte man so einen Buben! Na,
ich sag's ja, nichts als Dummheiten machen die Buben, dumm, dumm,
ausnehmend dumm!

Von diesem Schimpfen hrte Friede nichts mehr, er lag auf des
Waldhters Arm, und der trug den Buben so sorgsam, als wre er dessen
Mutter, durch den Schnee. Die bsen Worte meinte Leberecht Sperling
nicht bse, je weicher es ihm ums Herz war, desto mehr schalt er, das
war so seine Art, und wenn er alle Oberheudorfer Kinder fr ausnehmend
ungezogen erklrte, so hatte er sie im Grunde doch eigentlich alle
lieb--freilich sie merkten das nur selten.

Als es dunkel wurde und Friede immer noch nicht kam, begann Muhme
Lenelies sich zu ngstigen. Schnurpsel mochte noch so schnurren und
Mimi noch so viel im Zimmer herumhpfen, der alten Frau erschien es
heute doch bedrckend einsam. Sie atmete auf, als endlich drauen
Schritte erklangen. Es war Heine Peterles Mutter, die kam, und
nach einem Weilchen erschien auch die Frau Lehrerin. Von den beiden
nun erfuhr Muhme Lenelies, da Friede an dem Tage gar nicht in der
Schule gewesen war. Ich denke mir, der Bube ist zum Schulzen nach
Niederheudorf gegangen, sagte Heine Peterles Mutter, dort sind zwei
Mgde krank, und weil doch nchstens Hochzeit ist, haben sie alle Hnde
voll zu tun.

Muhme Lenelies schttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht, darum
htte Friede nicht die Schule versumt. Ihr wurde es auf einmal so bang
zumute, und angstvoll rief sie: Meinem Buben ist etwas passiert, ein
Unglck ist geschehen!

Die Frauen suchten sie zu beruhigen, aber ihnen kam die Sache jetzt
selbst seltsam vor. Ja, wenn's mein Heine Peterle gewesen wre,
murmelte dessen Mutter, der brchte es schon fertig, mal hinter die
Schule zu gehen.

Da erklangen drauen schwere Tritte und eine laute Stimme, Leberecht
Sperling ri die Tre auf und setzte Friede mit einem Ruck mitten ins
Zimmer. Da ist er, rief der Waldhter. So ein dummer Purzel luft
bei dem Wetter in die Stadt! Friede ri krampfhaft seine Augen auf,
sah sich verdutzt in dem hellen Zimmer um und murmelte halb im Traum:
Die Tropfen--ich darf nicht ausruhen--mein Versprechen! Ich--

Bube, mein Bube, rief Muhme Lenelies, du warst in der Stadt?

Ja, da war er, sagte Leberecht Sperling, und jetzt geht er ins Bett.
Der schlft ja schon wie ein Hase mit offenen Augen! Er nahm dem Buben
seinen Korb ab, zog ihm ritsch, ratsch die Stiefel aus, die Frauen
halfen Jacke und Hslein herunterziehen, und weil der ganze kleine Kerl
kalt wie ein Eiszapfen war, wickelten sie ihn in eine wollene Decke,
dann legten sie ihn ins Bett. Schon halb schlafend trank Friede noch
den heien Kaffee, den die Frau Lehrerin ihm reichte; von allem dem,
was um ihn herum gesprochen wurde, hrte er aber gar nichts mehr. Er
hrte nicht, da Muhme Lenelies unter Trnen rief: Gott sei Dank, da
mein Goldjunge wieder da ist, und da Leberecht Sperling schalt und
die beiden Frauen ihn lobten, er schlief und trumte wundervolle Dinge.
Er ging im Traum an der weien Hand der Schneeknigin, die fhrte
ihn in einen glitzernden, funkelnden Palast, und lchelnd nahm sie
einen kstlichen Pelz und legte ihn ber seine Knie: Damit du nicht
frierst. Wie weich und warm der Pelz war! Friede strich ihn sacht und
wute nicht, da Schnurpsel, der Kater, der sich auf seine Fe gelegt
hatte, der kstliche Pelz der Schneeknigin war.

Um Mitternacht legte sich der Wind, es hrte auf zu schneien, und am
nchsten Morgen schien hell die Sonne auf Oberheudorf herab. Sie schien
dem Traumfriede so lange auf die Nase, bis der Bube erwachte.

Muhme Lenelies stand vor seinem Bett. Sie hatte eine groe Kaffeekanne
in der Hand und sah aus, als htte sie sich ein bichen mit
Sonnenschein gewaschen. Muhme, stammelte Friede verwirrt, bist du
denn gesund?

Na, so ziemlich, rief die alte Frau. Die Tropfen haben mir gut
getan, mein Goldjunge. Pa auf, nun reit das Kranksein aus!

So wurde es auch, das Kranksein ri wirklich aus. Als nach einiger
Zeit, als der Schnee nicht mehr haushoch lag und die Wege versperrte,
Doktor Treumann nach Oberheudorf kam, da fand er Muhme Lenelies recht
munter und vergngt. Ei, da scheint ja mal wieder der Arzt berflssig
zu sein, sagte er lachend.

Muhme Lenelies nickte: Ihre Tropfen waren gut, aber ich glaube, Herr
Doktor, da mein Friede den schweren Weg fr mich gemacht hat, das hat
mir noch mehr geholfen. Freude ist allemal gesund!

Ja, Freude ist gesund, sagte auch der Arzt, und Euer Friede, Muhme
Lenelies, das ist ein Staatsjunge. Pat auf, der sorgt noch oft fr
Freude in Euerm Leben!

Im Dorfe sagte dies noch mancher Bauer und manche Buerin, und Friede
bekam jetzt jeden Tag so viele freundliche Blicke und Worte wie frher,
als er noch beim Kohlbauern gewesen war, im ganzen Jahr nicht. ber
nichts aber freute er sich mehr als ber Muhme Lenelies' Genesung und
ber den Herrn Lehrer, denn der hatte gar nicht ber den versumten
Schultag gescholten, kein Wort hatte er gesagt, nur den Traumfriede
sehr, sehr gtig angeschaut.

[Illustration: Muhme Lenelies]

[Illustration: Dekoration]




Das Hnengrab.


In dem Kuhberger Walde, der Oberheudorfs Felder nach Sden und Westen
abgrenzte, lag tief innen auf einer Wiese ein mchtiger Steinhaufen.
Es war ein seltsam schner Platz da mitten im Walde, immer lag es wie
eine stille Feierlichkeit darber; eigentlich war es so recht ein
Erdenwinkelchen fr Leute, die einmal ein bichen trumen und ausruhen
wollen. Mitunter kam der Lehrer von Oberheudorf hierher und sa dann
wohl auf dem Steinhaufen und beobachtete still das Leben der Vgel und
Insekten. Es kam auch vor, da er Traumfriede hier sitzen fand, denn
auch der Knabe hatte eine besondere Vorliebe fr die einsame Waldwiese.
Dann erzhlte der Lehrer dem Buben wohl allerlei von den Tieren und
Blumen des Waldes, und Traumfriede hrte versonnen zu. Er selbst
erzhlte freilich nie, warum er just so gern hier sa, denn er war, so
munter er auch mit seinen Kameraden umging, seit er Muhme Lenelies'
Pflegesohn geworden war, doch ein etwas schchterner Junge. Und der
Lehrer bedrngte ihn nie mit Fragen, er dachte immer: Er wird schon
zutraulich werden. Der Bube mit den schnen, blauen Trumeraugen war
ihm lieb, und des Lehrers Gedanken beschftigten sich mehr mit Friede,
als der und seine Pflegemutter ahnten.

Muhme Lenelies lie ihren Buben gern seinen Lieblingsplatz aufsuchen,
sie wute ja, nach solchen Freistunden war er dann doppelt fleiig.
So verbrachte Friede manchen schulfreien Nachmittag auf der kleinen
Wiese. Hier fand er dann auch immer allerlei besonders schne Dinge:
die grten Erdbeeren wuchsen zwischen den Steinen des Hgels, so
saftig und wrzig, da Muhme Lenelies, wenn ihr Pflegesohn die
Beeren heimbrachte, allemal sagte: Das reine Festessen! Auch ein
Stachelbeerbusch, der gelbe, se Beeren trug, hatte sich hier
angesiedelt; niemand wute, woher er gekommen war, er wuchs und trug
Frchte, als stnde er mitten in einem wohlgepflegten Garten. Ihn
umdrngten noch Himbeeren und Brombeeren, dazwischen blhten bunte,
leuchtende Blumen, und in all dem Wirrwarr hausten auch noch ein paar
kleine, lustige Vogelfamilien.

An einem warmen Sommertag sa Traumfriede wieder hier auf seinem
Lieblingsplatz. Die Stille wurde manchmal durch ein Lachen, einen
frhlichen Schrei unterbrochen, denn die Oberheudorfer Kinder suchten
wieder einmal Erdbeeren im Kuhberger Walde. Friede hatte fleiig
gesucht, nicht so viel in den Schnabel, und nun stand sein Tpfchen
schon voll neben ihm. Er wartete hier auf seine Gefhrten und trumte
noch ein wenig in den schnen Sonnentag hinein. Mitten in seinem
Trumen und Sinnen strte ihn Schulzens Jakob, der herbeikam. Sein
Tpfchen war noch ziemlich leer, aber dafr trug er im Gesicht
deutliche Spuren davon, da ihm die Beeren gut geschmeckt hatten.

Weit du, sagte er und blieb vor dem Steinhaufen stehen, auf dem
Friede sa, das ist ein Hhnergrab.

Was, rief Friede verdutzt, ein Hhnergrab? Ja wer hat hier denn
Hhner vergraben?

Das wei ich nicht, brummte Jakob, aber mein Vater hat einen Brief
bekommen, in dem steht, es wollten Leute aus der Stadt kommen und das
Hhnergrab aufmachen. Und Vater sagt, das hier wr's!

Quatsch! sagte Friede rgerlich, doch da wurde Jakob wild. Quatsch
lie er seine, des Schulzensohns, Weisheit nicht nennen. Er stellte
geschwind sein Beerentpfchen auf den Boden und rstete sich zu einer
regelrechten Balgerei. Es wre wohl auch dazu gekommen, wenn nicht
auf einmal Heine Peterle, Schnipfelbauers Fritz, der blaue Friede,
Annchen Amsee und Jakobs Schwester Rse herbeigekommen wren. Unter
groem Geschrei erzhlten sie, da sie soeben drei Rehe im Walde
gesehen htten. Darber verga Jakob ein Weilchen seine Wut, nachher
aber kam sie wieder, und er erzhlte aufgebracht die Geschichte von dem
Hhnergrab.

Ein Hhnergrab ist das? riefen die Kinder alle verdutzt, und Annchen
Amsee fragte ganz hausfraulich weise: Was sind's denn fr Hhner, die
hier liegen, gewhnliche oder etwa Perlhhner? Auf diese Frage wute
Jakob keine Antwort zu geben, es trstete ihn aber sehr, da die andern
seine Weisheit anerkannten, und sein Zorn legte sich allmhlich.

Friede, der den Kameraden nicht hatte krnken wollen, sagte nun auch
einlenkend: Wenn es dein Vater sagt, wird es schon stimmen, aber warum
sind nur hier gerade Hhner begraben?

Das war wirklich eine schwere Frage, die sehr, sehr viel Nachdenken
erforderte. Weil die Oberheudorfer Kinder mitunter recht viel Geschrei
beim Nachdenken machten, so traten sie ziemlich lebhaft und aufgeregt
ihren Heimweg an, und die vierfigen und gefiederten Waldbewohner
verkrochen sich ngstlich in ihren Hhlen, Moosbettlein und Nestern ob
dieses Geschreies.

Am nchsten Tage gab es in der Schule eine sogenannte Plauderstunde,
etwas, das alle Kinder wundervoll fanden. Verstanden die Kinder
etwas nicht, wollten sie etwas wissen, dann durften sie nmlich den
Herrn Lehrer vor Schulanfang fragen. Fand der Lehrer, da die Frage
vernnftig sei und sich darber allerlei sagen lie, so schlo er die
Schule ein wenig frher und hielt dann noch die Plauderstunde ab. In
dieser gab er Antwort, die Kinder durften Gegenfragen stellen, und
meist fanden die Kinder die Plauderstunde viel zu kurz, und sie lernten
darin manchmal mehr als vorher aus den Bchern.

An diesem Morgen hatten neun Buben und Mdel gefragt, ob der
Steinhaufen im Walde wirklich ein Hhnergrab wre. Da erzhlte ihnen
denn in der Plauderstunde der Lehrer, da es Hnengrab heie und
nicht Hhnergrab, und da es solche uralte Grber noch in manchen
Gegenden gebe. In Deutschland, aber auch in Dnemark, England, selbst
in Palstina finde man solche riesenhafte Grabdenkmler. Viele habe
man geffnet und darin alte Urnen, Steinhmmer, auch wohl Schwerter,
Armringe, Pfeile und dergleichen gefunden.

Aber unseres ist doch gar nicht so gro, rief Schulzens Jakob
erstaunt dazwischen.

Nein, erwiderte der Lehrer, das ist es auch nicht, und darum ist man
auch noch im Zweifel, ob es wirklich ein Hnengrab ist. Vielleicht ist
es nur ein groer Steinhaufen, der von Hirten zusammengetragen wurde.
Es mgen auch die berreste menschlicher Wohnungen sein, denn der Sage
nach soll dort frher ein Dorf gestanden haben. Etwas Genaueres lt
sich darber allerdings nicht ermitteln.

Die Kinder lauschten gespannt den Erklrungen; jetzt fanden sie es sehr
dumm, da sie zuerst gedacht hatten, Hhner lgen unter den groen
Steinen begraben. Schulzens Jakob tat wichtig und tuschelte seinen
Nachbarn zu: Wie konntet ihr nur so dumm sein und denken, Hhner
liegen da!

Na, du hast es doch zuerst gesagt, rief Heine Peterle halblaut. Ein
Weilchen gab es ein erregtes Tuscheln und Wispern, und der Lehrer
lie die Kinder gewhren; er lchelte ber ihren Eifer und sah dabei
Traumfriede an, der still und versonnen dasa. Der Bube fhlte den
Blick des Lehrers, er hob seine schnen Augen zu ihm auf und fragte
leise, traurig: Wird nun der Steinberg abgetragen werden?

Der Lehrer nickte. Ja, Friede, es geht an unsern Lieblingsplatz, er
wird wohl etwas zerstrt werden. Der Bube wurde rot. Da der Lehrer
gesagt hatte, >unsern Lieblingsplatz<, das gab ihm eine heimliche
Freude, aber dann wurde er wieder traurig, und whrend die andern
Kinder nach Schlu der Schule laut und lustig auf die Dorfstrae
eilten, ging er still seinen Weg. Die Buben und Mdel redeten daheim
gewaltig klug von dem Hnengrab. Annchen Amsee meinte, vielleicht
knnte ein Topf voll Gold darin gefunden werden. Oder eine Krone und
ein goldenes Schwert, rief Heine Peterle, und zuletzt redeten alle nur
noch von den goldenen Schtzen des Hnengrabes.

Ganz rgerlich aber war Muhme Lenelies. Sie schalt aufgebracht darber,
da auf der schnen, friedlichen Waldwiese gegraben werden sollte.
Wirklich, brummte sie, die Stadtleute mssen ihre Nase auch in
alles stecken. Es ist jammerschade um unsern hbschen Platz. Sie lie
ihren Friede darum auch gleich am Nachmittag dahinlaufen; wer wei,
wie lange der Bub seinen Lieblingsplatz noch haben wrde, mochte er
ihn also noch genieen, soviel er konnte. So sa denn Traumfriede am
Nachmittag wieder still auf einem der beiden Steinhgel dicht neben dem
Stachelbeerbusch. Um ihn herum war ein Schwirren und Summen der Bienen
und Kfer, bunte Schmetterlinge flogen ber die blhende Waldwiese, und
dicht neben ihm saen auf einer Blumendolde vier Perlmutterfalter, ihre
Flgel glnzten und flimmerten mrchenhaft im Sonnenlicht. Whrend
der Knabe so still in der warmen Sommerschnheit sa, war es ihm, als
lste sich pltzlich Stein um Stein von dem alten Grab und riesenhafte
Mnner traten aus dunklen Hhlen hervor. Sie klirrten mit Schild und
Schwert, goldene Kronen funkelten auf ihren Huptern, ihnen folgten
schne Jungfrauen in schimmernden Gewndern, und pltzlich verschwand
der Wald, ein hohes Schlo mit Trmen und Zinnen wuchs empor, auf der
Brcke stand ein Torwchter und blies in sein Horn.

[Illustration: Traumfriede]

Mhmh mh, meckerte es pltzlich neben Traumfriede, und verdutzt
schaute sich der Bube um. Alle Mrchenherrlichkeit war verschwunden, er
sa wieder neben dem Stachelbeerbusch, und vor ihm stand Friederike,
Muhme Lenelies' hchst kluge und gebildete Ziege. Sie war Friede
nachgelaufen und schien sehr ungndig, da sie so wenig beachtet
wurde. Der Bube schmte sich ein bichen, ihm war es immer, als knnte
Friederike in seinem Herzen lesen, und gewi lachte sie heimlich ber
all die Geschichten, die er immer zusammentrumte. Aber Friederike
lachte nicht, sondern beschnupperte ein paar feine Blttchen und
geruhte sie zu fressen. Komm heim, Friederike, rief Friede, du
darfst hier nicht fressen! Wenn es Leberecht Sperling sieht, schreibt
er uns auf.

Leberecht Sperling, der gefrchtete Waldhter, der jedes Kind, das er
im Walde traf, mitrauisch ansah, ob es nicht eine Dummheit gemacht
hatte oder vielleicht eine machen wollte, schien auch Friederike zu
erschrecken. Sie trabte geduldig neben Friede her, und bald lag der
Wald mit aller Mrchenherrlichkeit hinter den beiden.

Es vergingen viele, viele Tage, und die Herren aus der Stadt, die das
Hnengrab erforschen wollten, kamen nicht. Die Kinder vergaen die
Geschichte beinahe, nur Traumfriede nicht, der sa, so oft er konnte,
auf dem Steinhaufen, aber auch seine Angst, die Zerstrer wrden
kommen, legte sich nach und nach.

Und dann waren die Herren auf einmal da. Als die Kinder an einem
Mittwoch aus der Schule kamen, sahen sie vor dem Wirtshaus Zur
himmelblauen Ente einen Wagen stehen. Natrlich liefen sie nun nicht
heim, sondern rannten alle vor das Wirtshaus, und Heine Peterle, dessen
Oheim der Wirt war, lief hinein und brachte die Nachricht: Es sind die
da, die zu dem Hnengrab wollen.

Wir gehen auch hin, sagten gleich zwei, drei Stimmen, und ein paar
andere antworteten: Na ob! Natrlich!

Die drei Herren, die inzwischen in der Wirtsstube saen und auf das
bestellte Mittagbrot warteten, konnten gar nicht begreifen, warum der
Wirt auf einmal sagte: 's ist schade, da Mittwoch ist!--Warum
denn? fragte der lteste der drei Herren erstaunt, es war ein
stattlicher Mann, mit weigrauem Vollbart und klugen Augen, das Wetter
ist doch so gut?

Na ja, brummte Kaspar auf dem Berge und lief hinaus, um nach dem
Mittagessen zu sehen. Drauen schttelte er mit dem Kopfe und sagte:
N, das wei man doch, da am Mittwoch die Kinder immer bei allem
dabei sind und einem in die Quere kommen!

Davon schienen nun die gelehrten Herren aus der Stadt keine Ahnung zu
haben. Sie verzehrten ihr Mittagbrot, auf das sie noch recht lange
warten muten, dann sprachen sie noch mit dem Herrn Lehrer und dem
Schulzen. Der Herr Pfarrer war an diesem Tage nicht daheim, und der
Herr Lehrer erwartete einen Kollegen, er versprach nachzukommen. Nur
der Schulze konnte die Herren begleiten, auch der Wirt kam mit, ein
paar Knechte folgten mit Hacken und Grabscheiten, und so zogen alle
miteinander in den Kuhberger Wald. Als sie auf der Waldwiese anlangten,
blieben die Herren verblfft stehen; auf dem Steinhgel saen smtliche
Oberheudorfer Buben und Mdel, saen da, als mte es so sein, als
wre dies der einzige Fleck, auf dem sie just diesen Nachmittag sitzen
konnten.

Ach so, sagte der Herr mit dem weien Vollbart, den seine Begleiter
immer Herr Geheimrat nannten, darum bedauerte der Wirt, da wir an
einem Mittwoch gekommen sind. Nun verstehe ich, warum!

Ja, das Kindervolk, brummte der Schulze, immer ist es dabei, immer
will es zusehen. Na, und wenn unsere Mdel und Buben nicht dabei sind,
ist es auch nicht recht. Nach dieser Erklrung zog er seine Stirn
in finstere Falten und schrie: Nun marsch runter von da oben! Die
Kinder gehorchten, nicht sehr geschwind und nicht sehr vergngt, aber
sie taten es doch; dann freilich blieben sie dicht an dem Steinhgel
stehen. Sie wurden zwar immer wieder ermahnt, weiter zu gehen, einmal
schalt der Herr Geheimrat, ein anderes Mal der Schulze, dann flogen die
Buben und Mdel auseinander wie eine Spatzenschar, in die jemand mit
einem Blasrohr hineingepustet hat. Fnf Minuten, ach nein, drei, nein,
zwei Minuten spter standen alle schon wieder dicht am Steinhgel, und
bei jedem Stein, der aufgehoben wurde, schrieen sie Oh! und Ah! als
sei das etwas ganz Wunderbares.

Leberecht Sperling kam herbei und Hans Rumps. Die beiden schalten auch
ber das neugierige Kindervolk, aber Heine Peterle sagte patzig: Wir
tun doch nichts, und ein Nachtwchter hat jetzt berhaupt nichts zu
sagen, es ist doch Tag!

Die andern Buben und Mdel gaben ihrem Beifall so laut Ausdruck, da
der Herr Geheimrat und die beiden andern Herren ordentlich erschraken.
Sagt mal, Kinder, fragte der Geheimrat, et ihr gern Schokolade, und
hat der Krmer welche?

Ja, schrieen smtliche Buben und Mdel und lachten, als erwarteten
sie, da die Schokolade gleich vom Himmel herunterpurzeln sollte.

Na, dann pat mal auf, sagte der Geheimrat, zog sein Portemonnaie
hervor und suchte alles Kleingeld zusammen. Seine Begleiter taten es
ihm nach, und jedes Kind erhielt einen Groschen. Dafr drft ihr gehen
und euch Schokolade kaufen.

Geht nach Niederheudorf, da gibt es bessere, riet der Schulze. Er
dachte, Niederheudorf ist weiter, da sind sie nicht so rasch zurck.
Die Kinder nickten, und eins, zwei, drei waren sie vom Steinhaufen weg
und im Walde verschwunden. Zwei Minuten spter aber waren sie alle
wieder da.

Na nu, holt ihr denn keine Schokolade? riefen die Herren verdutzt.

Krmers Trude ist gegangen, sie bringt uns alles, wir erzhlen ihr
nachher, was los ist, riefen Buben und Mdel wie aus einem Munde und
kamen geschwind so dicht heran, als mten sie durchaus mit ihren Nasen
dabei sein.

Mir scheint, es hilft uns nichts, wir mssen uns mit den Kindern
abfinden, sagte der Geheimrat halb lachend, halb rgerlich, na,
vielleicht wird ihnen die Sache bald langweilig!

Diese Hoffnung sollte sich auch erfllen, den Kindern wurde das
Zusehen wirklich langweilig. Sie hatten gedacht, es wrde ganz
geschwind gehen, und die goldenen Schtze wrden aus der Erde gehoben
werden wie die Kartoffeln im Herbst, statt dessen mahnte der Geheimrat
immer zur Vorsicht, und nur langsam wurde ein Stein nach dem andern
abgetragen. So kam es, da die Kinder gar nicht dabei waren, als am
nchsten Tage gegen Abend endlich das Grab geffnet wurde. Es fanden
sich wirklich allerlei Urnen und Bronzegerte darin, ein Schwert,
Armringe und dergleichen. Die Sachen wurden in das Wirtshaus gebracht
und dort aufgestellt. Kaspar auf dem Berge hatte heilig und teuer
gelobt, er wollte alles sorgsam behten, whrend drauen im Walde die
drei Herren das geffnete Grab noch weiter untersuchten.

Ganz Oberheudorf war ber das Hnengrab in Aufregung. Freilich waren
die meisten etwas enttuscht; sie hatten wie die Kinder erwartet, in
dem Grab wrden kostbare Schmucksachen liegen, Gold und Edelsteine; die
paar unansehnlichen Dinge wollten ihnen gar nicht recht gefallen. Sie
konnten nicht begreifen, warum die gelehrten Herren so froh darber
waren und taten, als htten sie Wunder was fr Kostbarkeiten gefunden.

Wenn sie wenigstens ordentlich blank wren, sagte Annchen Amsee und
deutete verchtlich auf einen fast schwarzen Armring. Etliche Buben
und Mdel standen nmlich wieder einmal vor den ausgegrabenen Sachen.
Es war Sonnabend nachmittag, aber obgleich schulfrei war, waren die
Kinder nicht in den Wald gelaufen, wo die Herren das Grab wieder
zuschtten lieen, nur ein paar ganz neugierige Buben waren mitgerannt,
den andern war es eben zu langweilig. Morgen wollten die drei Herren
abreisen, und der Wirt sagte wichtig zu den Kindern: Seht euch nur
alles noch einmal grndlich an, die Sachen kommen nachher in ein
Mu--se--um, ja, so hat der Herr Geheimrat gesagt!

Was ist denn das fr ein Ding, Oheim? fragte Heine Peterle.

Hm ja, Kaspar legte den Finger an die Nase, das ist, nun das ist
eben eine groe Truhe.

Aber so schmutzig, wie alles ist, rief Waldbauers Mariandel, die ein
kleines, sauberes Mdel war und himmelgern putzte und wischte. Wir
wollen es blank putzen, schrieen Annchen Amsee und Schulzens Rse
begeistert, gelt ja, wir drfen? fragten sie den Wirt. Der Herr
Geheimrat wird sich sicher arg freuen.

Na ja, hm, ich wei nicht recht, gut wr's freilich schon, wenn der
Schmutz runter kme, sagte Kaspar nachdenklich.

Die Mdel bettelten und baten, die Buben halfen ihnen, und endlich
erlaubte es der Wirt; er dachte auch, die Gste wrden sich schon
freuen.

Flink holten nun Annchen Amsee und Mariandel Sand, Seife,
Scheuerbrsten und Lappen herbei, die Buben standen mit den Hnden in
den Hosentaschen da und sahen zu, und Heine Peterle befahl, als sei
er mindestens ein General: Zuerst den Sbel! Damit meinte er das
Schwert, aber das wollten die Mdel nicht anfassen, davor graulten sie
sich. Vielleicht ist mal jemand damit totgestochen worden, brr, n,
rief Annchen Amsee und schttelte sich, als sei sie ein Apfelbaum, von
dem alle pfel herunterfallen sollten. Mariandel ergriff einen Armring
und sagte: Wir wollen erst mal sehen, ob es geht. Pfui, ist das Ding
schmierig! Das kleine, handfeste Mdel rieb tapfer mit Seife, Sand
und der Scheuerbrste an dem uralten Reif. Na, das geht aber schwer,
sthnte sie, rieb und rieb und siehe da, der Schmutz ging wirklich
etwas ab.

Macht nur nichts entzwei, warnte der Wirt die Eifrigen.

Bewahre, riefen die Buben, als wren sie es, die putzten, wir passen
schon auf!

Na, euch brauchen wir gar nicht, erwiderte Annchen Amsee schnippisch,
ihr steht uns ja nur im Wege.

Schulzens Jakob wollte gerade seine Entrstung ber diese Frechheit
aussprechen, als sich die Tre ffnete und der Herr Geheimrat eintrat.
Zum Donnerwetter, was macht ihr denn da? schrie er so laut und so
wtend, da Mariandel vor Schreck gleich mit ihrer Scheuerbrste
hintenber purzelte.

Wir putzen, stammelten Annchen Amsee und Krmers Trude, wir...
Weiter kamen sie nicht, der Geheimrat ri ihnen die Reifen aus
den Hnden, und dabei schalt und wetterte er so, da es den Buben
und Mdeln himmelangst wurde und der Wirt mit puterrotem Gesicht
erschrocken zur Tre hereinsah. Was gibt's denn, was gibt's denn?
rief er.

Die dummen Dinger hier, schrie ihn der gelehrte Herr an, putzen an
den Sachen herum. Nennen Sie das aufpassen, Herr Wirt?

Hm ja, murmelte Kaspar ganz verdattert, schmutzig genug ist doch
das Zeug, und die Mdel wollten dem Herrn Geheimrat doch eine Freude
machen!

Eine Freude! Der Geheimrat schaute drein, als wte er nicht, ob er
lachen oder vielleicht jemand eine Ohrfeige geben sollte, und die Mdel
brachen vor Angst in ein so furchtbares Jammergeschrei aus, da der
Geheimrat sie entsetzt anstarrte. Sein Zorn legte sich ein wenig, da er
sah, da der angerichtete Schaden noch nicht gro war, und er sagte
etwas freundlicher: Aber Kinder, weint doch nicht so!

Wenn die Oberheudorfer Mdel aber einmal heulten, dann besorgten sie
das gleich grndlich. Mit drei Trnlein vielleicht war bei ihnen die
Sache nicht abgetan, Taschentuch und Schrze muten zum Ausringen na
sein, und an Geschrei durfte es auch nicht fehlen. Zum berflu stand
noch Mine an der Tre und heulte mit, Kastor, der Haushund, bellte
dazu, die Buben schnitten grimmige Gesichter, und drauen auf der
Dorfstrae schnatterten die Gnse, bellten die Hunde, und Schuster
Pechdraht schaute zu dem offenen Fenster hinein und fragte: Was haben
denn die Mdel, was fehlt ihnen denn?

Der Geheimrat sah sich ratlos um: der Lrm war ja grlich, die Ohren
htte man sich zuhalten mgen bei diesem Geschrei. Ihm ri schlielich
die Geduld, und er schrie emprt: Hinaus, macht, da ihr alle
hinauskommt!

Er haut! schrie Anton Friedlich erschrocken, und hops! war er an
der Tr. Er rannte Mine und Kastor beinahe um, und wie die wilde Jagd
folgten ihm die andern. Ein Scheuereimer wurde umgeworfen, ein Stck
Seife flog in eine Ecke, eine Scheuerbrste fiel dem Geheimrat vor
die Fe, und der alte Herr fing da pltzlich an zu lachen, laut und
herzlich. Er ist bergeschnappt, jammerte Mine und flchtete in die
Kche. Dem Geheimrat aber kam die Geschichte nun doch sehr komisch
vor, er lachte noch, als seine beiden Gefhrten zurckkamen. Er zeigte
ihnen die Putzversuche und sagte: So etwas ist mir auch noch nicht
vorgekommen, nein, so dumme Mdel!

Im Dorf sagten ihm spter dies Wort nur etliche Leute nach, die
meisten fanden, die Mdel wren doch aber sehr brav gewesen, und dem
schmutzigen, alten Kram wre das Putzen schon recht gewesen; viel
dmmer sei es, ihn schmutzig zu lassen!

N, schmutzig mssen die in der Stadt aber sein, sagte Heine Peterle
verchtlich und wischte sich mit seinem Jackenrmel seine kleine
Stupsnase ab. Pfui, nicht mal putzen lassen die die alten Sachen!

Pfui! riefen auch die Mdel verchtlich, die noch immer tief
beleidigt waren.

Die drei gelehrten Herren aber packten ihre ausgegrabenen Sachen
geschwind sorgsam ein; sie hatten Angst, es knnte sie noch jemand mit
Sand und Seife abscheuern wollen. Am nchsten Morgen, der sonntglich
hell und schn war, ging der Geheimrat noch einmal nach dem Hnengrab
hinaus, das wieder sorgfltig zugeschttet worden war. Als er hinaus
kam, fand er Friede drauen. Der Bube sa auf den Steinen, er hatte
den Stachelbeerstrauch, den man achtlos beiseite geworfen hatte, neben
sich liegen und weinte bitterlich.

Warum weinst du denn? fragte der alte Herr den Knaben mitleidig.

Der hob seine blauen Augen zu dem gelehrten Herrn empor und sagte
leise, zaghaft: Der Busch hier ist ausgerissen worden und alles
zerstrt. Und--es war doch so schn! Dann sprang er rasch auf, nahm
den Stachelbeerbusch und lief davon.

Kopfschttelnd sah der Geheimrat ihm nach: Eine wunderliche
Gesellschaft, diese Oberheudorfer Kinder, hchst merkwrdig! Ein Bube,
der weint, weil man ein paar Bsche ausgerissen hat, ist wirklich
sehr merkwrdig; ich glaube beinahe, in dem steckt ein Dichter. Na,
ich werde den Kindern eine groe Zuckertte schenken! Das tat der
Geheimrat auch, und seitdem finden ihn alle Oberheudorfer Buben und
Mdel sehr nett. Annchen Amsee aber sagte: Er hat sich halt doch ber
unsere Putzerei gefreut.

In Muhme Lenelies' winzigem Garten fand der Stachelbeerbusch von dem
Hnengrab noch ein Pltzchen, und Friede pflegte ihn, als sei er der
kostbarste Strauch der Welt.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]




Nachtwchter sein ist manchmal schwer.


In Oberheudorf sagten die Leute wohl manchmal von einem, der recht,
recht gut schlft: Er schlft so fest wie Hans Rumps. Darber war
dann allemal Hans Rumps, der Nachtwchter, sehr rgerlich; er wollte
das nicht gern hren, weil doch eigentlich ein Nachtwchter wachen
und nicht schlafen soll. Aber freilich, viel zu wachen gab es in
Oberheudorf nicht, es passierte selten ein Unheil. Wenn es wirklich
einmal brannte, dann war das Feuer meist so freundlich, am Tage
auszubrechen, oder andere Leute merkten es und schrieen gleich so
gewaltig, da selbst Hans Rumps aufwachte und dann immer noch Zeit
hatte, in sein Horn zu blasen. Spitzbuben und anderes lichtscheues
Gesindel lie sich kaum in Oberheudorf sehen. Hans Rumps meinte, weil
sie alle Angst vor ihm htten, die Dorfbewohner aber dachten, wohl weil
ihr Dorf abseits von der groen Landstrae liegt und selbst Spitzbuben
manchmal zu faul sind, erst Umwege zu machen. Mitunter hatten der
Schulze und andere Bauern schon gesagt, eigentlich brauchten sie gar
keinen Nachtwchter mehr, einen Nachtwchter zu haben, sei berhaupt
gar nicht mehr Mode.

Potztausend, dann schimpfte aber Hans Rumps, wenn er so etwas hrte. Er
meinte, ein Nachtwchter sei etwas ungeheuer Notwendiges und Wichtiges;
wenn die Leute in den Stdten so dumm wren und statt Nachtwchter
Polizisten htten, na gut, das mochten sie, aber ein Nachtwchter sei
eben doch am besten, und Oberheudorf ohne Nachtwchter sei gar nicht
auszudenken. Im Ernst dachte schlielich auch niemand daran, Hans Rumps
seinen Posten zu nehmen. Von seiner Wichtigkeit waren freilich nur
wenige berzeugt, aber das schadete nichts, er selbst war es desto mehr.

Weil nun Hans Rumps schlielich doch nicht Tag und Nacht schlafen
konnte, spazierte er in der Zeit, in der er wachte, gern auf der
Dorfstrae herum und tat, als htte er tausend notwendige Dinge zu tun.
Passierte irgend etwas im Dorf, und der Nachtwchter erfuhr es, dann
konnte man sicher sein, da es eine halbe Stunde spter alle andern
Leute auch wuten.

Mit den Kindern war Hans Rumps meist gut freund, die erzhlten ihm
gern alle ihre Schulgeschichten, und wenn der Nachtwchter langsam und
feierlich durch das Dorf ging, dann hopsten meist ein paar Buben und
Mdel neben ihm herum und schwtzten mit ihm.

Muhme Lenelies sagte manchmal: Es hat halt jeder Mensch mitunter
seinen Linksaufstehtag, an dem er nicht wei, ob er mit der Sonne
Streit anfangen oder dem Wind das Blasen verbieten soll. So einen
Linksaufstehtag hatte nun Hans Rumps auch mitunter, und dann war mit
ihm nicht gut Kirschen essen, dann brummte und schalt er ber alles,
dann schrie er die Gnse an, sie sollten das Schnattern lassen, die
Hhner sollten mehr Eier legen, und die Kinder htte er dann am
liebsten den ganzen Tag in der Schule nachsitzen lassen.

An einem solchen Tage nun fand der Nachtwchter einmal mitten auf der
Dorfstrae ein paar Holzpantoffel. Heine Peterle hatte sie stehen
lassen, weil es ihm einfiel, da das Barfulaufen an einem heien Tage
behaglicher sei. Die Pantoffel erst nach Hause zu tragen, das war ihm
zu anstrengend gewesen, er hatte sie einfach auf der Strae stehen
lassen und gedacht: Wenn ich zurckkomme, nehme ich sie mit. Schulzens
Jakob, Anton Friedlich und noch einige andere Buben hatten ihn nmlich
zum Indianerspielen aufgefordert, und dazu war es ihm gerade nicht zu
hei.

Hans Rumps sah auch die Holzpantoffel an, schttelte mit dem Kopf, zog
die Stirn in Falten, bckte sich endlich, hob die Pantoffel auf und
trug sie finster bis an den Dorfteich und--warf sie hinein. Es mu
Ordnung auf der Dorfstrae sein, murrte er, mit dem Kindervolk ist's
auch nicht mehr auszukommen.

Annchen Amsee und Bckermeisters Mariele, die am andern Ufer sehr
eifrig mit ihren kleinen Geschwistern Puppenwsche abhielten, sahen
die Untat; sie schrieen laut auf vor Emprung, und Annchen Amsee wre
beinahe vor Schreck in das Wasser gefallen. Hans Rumps rgerte sich
ber das Geschrei, hob drohend die Hand empor und sagte scheltend: Ich
werde euch in das Spritzenhaus sperren, wenn ihr so schreit!

Das war doch arg! Die Mdel sahen sich ganz entsetzt an ob dieser
Grobheit, dann nahmen sie eins, zwei, drei Wsche, Puppen und kleine
Geschwister und zogen heim. Unterwegs trafen sie die Buben, die
gerade in voller Indianeraufregung ankamen. Ihnen erzhlten die Mdel
emprt, was geschehen war, und nicht lange nachher standen smtliche
Oberheudorfer Buben und Mdel um den Teich herum, auf dem Heine
Peterles Pantoffel schwammen, und lrmten, als zge der Feind mit
hundert Kanonen auf Oberheudorf los.

Hans Rumps aber war in seiner schlechten Laune erst zum Schulzen und
dann zum Herrn Lehrer gegangen und hatte die Kinder verklagt; sie
wren ausbndig ungezogen. Der Schulze war gerade arbeitsmde vom
Felde heimgekommen und hatte ein groes Amtsschreiben vorgefunden, das
er beantworten sollte. Nun kam auch noch der Nachtwchter mit seiner
Klage. Das war ihm zu toll. Er lief hinaus und hielt den Buben und
Mdeln eine solche Strafrede, da es denen zumute war, als prasselten
Hagelkrner auf ihre Kpfe hernieder. Sie waren anfangs so verdutzt,
da sie berhaupt nichts sagen konnten, als aber der Herr Lehrer auch
noch dazukam, gefolgt von Hans Rumps, und auch noch schelten wollte, da
erhoben Mdel und Buben ein furchtbares Jammergeheul. Sie schrieen und
klagten: Wir haben ja nichts getan!

Heine Peterles Holzpantoffel, die eigentlich das ganze Unheil
angerichtet hatten, schwammen inzwischen ganz vergngt auf dem Teich
herum. Ein leichter Wind hatte sich erhoben und bewegte ein wenig
das Wasser. Schnipfelbauers Fritz, dem das Schelten und Klagen etwas
langweilig geworden war, hatte eine Bohnenstange am Teichrand gefunden.
Damit bemhte er sich in allem Wirrwarr, die Pantoffel an das Land zu
ziehen, und gerade als Hans Rumps seine Anklage vorbringen wollte,
platschte es, das Wasser spritzte hoch auf, und--zwei Bubenbeine
ragten einige Sekunden zappelnd in die Luft.

Entsetzt sprangen der Schulze und der Lehrer herbei, und so schnell als
er hineingefallen war, so schnell kam Schnipfelbauers Fritz auch wieder
aus dem Wasser heraus. Er schluckte, pustete, spuckte und schrie, der
Schulze aber fuhr ihn an: Mach, da du nach Hause kommst, dummer
Bengel du! Und ihr andern schert euch auch fort, sonst fallen noch ein
paar von euch ins Wasser. Nun marsch, kehrt, drckt euch!

Damit endete die Geschichte. Hinterher fand der Schulze, da eigentlich
nur Heine Peterle einen Rffel verdient htte, denn Holzpantoffel
drfen eben nicht auf der Dorfstrae stehen. So ein Gezeter um ein
Paar Holzpantoffel, brummte er Hans Rumps an, was soll denn das
heien? Haben die Dinger vielleicht gebissen?

Der Nachtwchter zog beschmt von dannen, ging heim und legte sich
schlafen, um sich fr den Nachtdienst zu strken.

Die Kinder aber waren emprt, sie waren alle miteinander bitterbse
auf Hans Rumps. Am rgerlichsten war Heine Peterle. Der Bube bekam
daheim noch einmal Schelte, und das wre alles nicht gewesen, wenn der
Nachtwchter die Pantoffel nicht in den Teich geworfen htte. Hans
Rumps nimm dich in acht! murmelten die Buben in den nchsten Tagen,
und die Mdel flsterten und tuschelten einander zu: Sie spielen ihm
einen Streich.

Dem Nachtwchter selbst war es gar nicht behaglich zumute. Als sein
Linksaufstehtag zu Ende war, sah er ein, da er den Kindern doch
eigentlich unrecht getan hatte; er rgerte sich darber und war darum
noch dreimal schlechterer Laune als vorher. Er schnitt ein Gesicht,
als sollten alle Nachtwchter der Welt auf eine wste, einsame Insel
verbannt werden, und jeder, der in diesen Tagen Hans Rumps traf,
erschrak vor dessen bitterbser Miene.

Etliche Tage vergingen, und der Freitag kam heran. An diesem Tage
butterten alle Oberheudorfer Bauernfrauen, zhlten ihre Eier zusammen,
pflckten Obst und Gemse ab, denn am Sonnabend fuhren immer etliche
in aller Morgenfrhe in die nchste Stadt, um dort auf dem Markt ihre
Sachen zu verkaufen. Meist fuhren drei bis vier Frauen, und die andern
gaben ihnen ihre Waren mit. Die Buerinnen wechselten meist mit dem
Fahren ab, sie sparten auf diese Art viel Zeit.

Hans Rumps konnte den Sonnabend gar nicht leiden, der begann immer
viel frher als andere Tage, und meist wurde er gerade im schnsten
Morgenschlummer gestrt, was er nicht gut vertragen konnte. Er wollte
aber auch dabei sein, wenn die Buerinnen abfuhren, er hielt das
fr seine Pflicht. Die Buerinnen sagten zwar, es sei Neugier, und
neugierig war nun Hans Rumps wirklich sehr. Der Freitagabend war sehr
schn und warm, ja man konnte schon sagen hei. Hans Rumps, der sich
sonst gern in eine Scheune legte, wenn er die zehnte Stunde abgeblasen
hatte, legte sich an diesem Abend auf die Bank unter der Linde, die
gerade vor dem Wirtshaus Zur himmelblauen Ente stand. Hier pflegten
sich am Morgen alle Bauernfrauen zu versammeln, hierher kamen sie mit
ihren Wagen, und die andern, die daheim blieben, brachten ihre Waren.
Der Nachtwchter war also gleich dabei, und verschlafen konnte er es
nicht; die Frauen sprachen meist lebhaft miteinander, da wurde er schon
munter.

Es war ein heller Sommerabend. Der Mond stand rund und voll am Himmel
und guckte recht behaglich auf Oberheudorf hinab. Das war so ein
kleines Nest, an dem der Mond immer seine besondere Freude hatte; er
schaute darum auch stets ordentlich liebevoll in alle Ecken und Winkel
hinein. Jedes Haus, jeder kleine Schuppen, jeder Baum, ja selbst jeder
Strauch im Gartenwinkel bekam ein Scheinchen Himmelsglanz. Und in
manches Mdchenstbchen und Bubenkmmerlein lugte der Mond hinein,
sah sich die Schlafenden an und dachte wohl: Wenn sie so friedlich
schlafen, sieht man es ihnen gar nicht an, was fr wilde, unntze Buben
und Mdel es eigentlich sind. An diesem Sommerabend nun machte der
Mond so ein verwundertes Gesicht, da ein berhmter Professor, der das
liebe Himmelslicht gerade durch ein Fernrohr betrachtete, erstaunt
ausrief: Alle Wetter, ja, was fllt denn dem Mond ein? Bei dem scheint
etwas nicht in Ordnung zu sein.

An des Mondes verndertem Aussehen war aber niemand weiter schuld als
Heine Peterle, Schulzens Jakob, der dicke und der blaue Friede und
Schnipfelbauers Fritz. Die fnf Buben kamen barfu und nur mit Hemd und
Hschen bekleidet sacht aus den Husern heraus. Vor Anton Friedlichs
Vaterhaus blieben sie ein Weilchen stehen und warteten, aber drinnen
rhrte und regte sich nichts, nur der Hofhund begann zu bellen, und
da wurde es den Buben unheimlich, und sie zogen ab. Drinnen im Hause
aber sa Anton auf der obersten Treppenstufe und traute sich nicht
hinabzugehen, weil die Treppe so knarrte, da er meinte, alle im Hause
mten davon aufwachen. Ach, und er wre so gern dabeigewesen bei dem
dummen Streich, den seine Kameraden jetzt leise im Mondschein unter
heimlichem Wispern und Kichern ausfhrten.

Die Geschichte kam allen fnf Buben unendlich komisch vor.
Heine Peterle steckte einmal beide Hnde in den Mund, um nicht
herauszuplatzen, und der dicke Friede fhrte die wunderlichsten Sprnge
aus vor Vergngen, Schnipfelbauers Fritz gar legte sich platt auf die
Erde, versteckte sein Gesicht im Gras und strampelte mit den Beinen, so
mute er lachen. Hans Rumps aber schlief tief und fest, schlief einen
rechten, guten Nachtwchterschlaf und merkte gar nichts von allem dem,
was um ihn herum vorging. Er trumte sogar allerlei hchst angenehme
Dinge, von einem riesengroen Kalbsbraten und einer Leberwurst, und im
Traume hrte er jemand sagen: Hans Rumps soll nchstens Nachtwchter
in Berlin werden, der Kaiser hat es gewnscht! Aber dann wollte ihm
jemand die Leberwurst wegnehmen, und irgend etwas kitzelte ihn an der
Nase, heizih! nieste er und schlief dann weiter.

Er hat nichts gemerkt, wisperte und tuschelte das neben ihm, und dann
krachte es oben in den Zweigen der Linde, huschte hierhin und dahin,
und der Mond wurde immer runder vor Erstaunen. Was war nur heute in
Oberheudorf los?

Sehr frh am Morgen, die Sonne trumte noch hinter lichtroten
Wolkenschleiern, wurde es auf dem Dorfplatz lebendig. Die Buerinnen
kamen, um die Wagen zur Marktfahrt zu rsten. Die Schulzin war zuerst
zur Stelle, gleich nach ihr kam die Schnipfelbuerin, die ein braunes
Pferdchen am Zgel fhrte. Schnipfelbuerin, kommt nur und seht, rief
die Schulzenfrau, und der Waldbuerin, die hinterdrein kam, rief sie es
auch zu. Und nun kamen die andern Frauen auch, eine nach der andern,
und alle stellten sich um die Bank herum, auf der Hans Rumps noch
immer im tiefen Schlaf lag, und lachten, lachten so laut und herzhaft,
da der Nachtwchter erschrocken aufsprang. Es brennt, rief er, es
brennt! Er griff nach seinem Horn und wollte blasen. Potztausend,
schrie er verdutzt, was ist denn das? Statt des Hornes hielt er einen
alten hlzernen Hampelmann im Arm.

[Illustration: Nachtwchter in der Wasserbtte]

Er sprang auf und platschte mit beiden Beinen in eine Wasserbtte.
Das Wasser spritzte hoch auf, die Frauen wichen lachend und schreiend
zurck, Hans Rumps aber griff nach seinem Kopf und rief: Das ist
verhext, das ist verhext! Plumps rutschte ihm ein dicker, gelber
Ringelblumenkranz ber die Nase und lag dann wie eine Krause um seinen
Hals.

Hilflos starrte der Nachtwchter um sich. Was war nur mit ihm
geschehen? Da fiel sein Blick auf seinen Stock, an dem seine Laterne
sonst hing. Nein, sein Stock war das doch nicht, auf einer Bohnenstange
hing ein alter Blechtopf. Und keine Knpfe hat er am Rock, rief die
Schulzenfrau, und die andern Frauen wiederholten: Keine Knpfe!

Hans Rumps sah seinen Rock an, auf dessen blanke Knpfe er so stolz
war: Tannenzapfen bammelten daran, von Knpfen war nichts zu sehen.
Ich trume, ja, ja, das ist eben ein Traum, murmelte er, natrlich,
na freilich, ich trume!

Unsinn, rief die Schulzenfrau, das ist kein Traum, das ist ein
Schabernack, den die Buben Euch gespielt haben, Hans Rumps. Ganz
sicher, die Buben sind's gewesen, denn das da ist unser alter
Kaffeetopf, den ich erst vor ein paar Tagen fortgeworfen habe. Die
Btte gehrt auch uns, na, und Schnipfelbuerin, den Hampelmann mt
Ihr doch kennen.

Na ob, sagte die Schnipfelbuerin, der gehrt meinen Kindern. So
gewi, wie ich die Schnipfelbuerin aus Oberheudorf bin, so gewi sind
das die Buben gewesen, die dies angerichtet haben. Meint Ihr nicht
auch, Muhme Lenelies?

Die Muhme war als letzte herbeigekommen, sie nickte: Freilich,
freilich sieht das wie ein Bubenstreich aus, oder vielleicht sind's gar
Heine Peterles Holzpantoffel gewesen!

Darum, murmelte Hans Rumps, darum! N, so eine verflixte Bande!
Und dann schrie er angstvoll: Ach du meine Gte, n, nun haben die ja
wohl mein Horn und meine Knpfe in den Teich geschmissen. So was, n,
so was! Ich bin ja gar kein Nachtwchter mehr, ich habe kein Horn, ich
habe keine Knpfe, ich habe keine Laterne! Ich beschwere mich, ich gehe
zum Herrn Grafen, dem Gericht zeige ich es an, unserem Herzog sage ich
es, ich, ich, ich--

Hier ging Hans Rumps vorlufig die Luft aus, er sank wieder auf
die Bank zurck und starrte die Frauen verzweifelt an. Seht doch
nach oben, sagte da auf einmal Muhme Lenelies mit leisem Lachen,
und alle schauten empor in das Blttergewirr der Linde. Es sah aus,
als htte die gute, dicke Linde in der warmen Sommernacht durchaus
ein Weihnachtsbaum werden wollen. Sie hatte sich allerlei aufhngen
lassen: da baumelte eine Laterne, eine Mtze und ein Horn, und mit
bunten Wollfden waren einzeln die blanken Knpfe vom Nachtwchterrock
angebunden.

Potztausend, das nenne ich einen guten Schlaf, rief die Schulzenfrau.
Da liegt der Nachtwchter und merkt nicht, da ihm die bsen Buben
seine Knpfe abschneiden!

Ich soll geschlafen haben, ich--ich? stotterte Hans Rumps verlegen.
Es schien ihm selbst sehr unglaublich, am liebsten htte er sich
gleich wieder auf die Bank gelegt und darber nachgedacht, ob er
wirklich geschlafen habe; da dies aber doch nicht anging, begann er,
seine Sachen von der Linde herabzuholen. Er seufzte und sthnte dabei
jmmerlich und schalt rgerlich vor sich hin, whrend die Frauen unter
Lachen sich daran machten, ihre Wagen zu rsten. Jeden Knopf sah Hans
Rumps ngstlich darauf an, ob die Buben ihn auch nicht verdorben
hatten, und immer dachte er: Wenn es nur wenigstens niemand gemerkt
htte, dann wre es ja weiter nicht schlimm. Ob die Frauen wohl davon
still sind, wenn ich sie darum bitte? Er schleuderte rgerlich den
Kranz weit fort und stlpte sich seine Mtze auf. Nun hing nur noch
sein Horn auf der Linde, sein geliebtes Horn. Verflixte Buben, wie die
auch klettern knnen, seufzte er und griff nach dem Horn. Heil und
unversehrt kam es in seine Hnde, er dachte aber doch: Vielleicht haben
sie es verdorben und gar was hineingesteckt. Er setzte es an und blies
hinein, so leise, da er selbst nichts hrte. Er blies noch einmal,
etwas strker, ein Ton kam heraus, aber er meinte, der klnge gar nicht
so wie sonst. Hans Rumps wurde es ganz unheimlich zumute, sein Horn war
vielleicht kaput. Und auf sein Horn war er doch so stolz, ohne Horn war
er doch gar kein richtiger Nachtwchter mehr, auf das Horn kam es doch
an und nicht auf das dumme Wachbleiben.

Er sthnte schwer, dann setzte er mit aller Kraft an und blies in sein
Horn hinein, da es nur so schmetterte. Ha, es geht, frohlockte Hans
Rumps und blies und blies im Eifer, da es die Leute in jedem Hause
hrten.

Die Frauen waren erschrocken zusammengefahren. Mein Himmel, was macht
Ihr denn? rief die Schnipfelbuerin, und die Waldbuerin chzte: Mir
ist der Schreck in die Beine gefahren, Hans Rumps, was soll denn das?

Feuer, Feuer, es brennt, es brennt! schrie in diesem Augenblick
Kaspar auf dem Berge und kam zur >Himmelblauen Ente< herausgestrzt.
Magd und Knecht folgten ihm. Auch aus den andern Husern strzten die
Leute heraus. Muhme Rese kam mit der Kaffeekanne in der Hand, und der
Schulze zog sich noch auf der Gasse seine Weste an. Auch der Pfarrer
und der Lehrer kamen herbei, und alle wollten sie wissen, wo es brenne.

Hans Rumps stand ganz verdattert da. Er hielt sein Horn ngstlich an
sich gedrckt und stammelte, immer verlegener werdend: Daran sind nur
die verflixten Buben schuld, oh n, die Buben, die Buben, die Buben!

Nehmt mir das nicht bel, Hans Rumps, sagte die Schulzenfrau lachend,
aber ein bichen dsig scheint Ihr mir zu sein. Ja, nun blast Ihr noch
das ganze Dorf zusammen, damit alle erst erfahren, wie es Euch ergangen
ist!

Nun erfuhren es wirklich alle, was die Buben dem armen Nachtwchter fr
einen Streich gespielt hatten.

Und das soll nun ein Nachtwchter sein! rief der Bcker. Der merkt
es ja nicht einmal, wenn das ganze Dorf weggetragen wird!

Doch, doch, brummelte Hans Rumps, ich merk's schon, ich merke alles.
Aber die Buben, n, die heillosen Buben, die sind zu unntz!

Von diesen unntzen Buben nun lie sich merkwrdigerweise kein einziger
sehen, und sie waren doch sonst berall, aber auch berall, wo es was
zu sehen gab, dabei. Selbst die, die nicht mitgemacht hatten, blieben
fern, es war doch sicherer. Und in der Schule waren sie alle an diesem
Morgen so erschrecklich brav, da der Herr Lehrer dachte: Ja, man
merkt das schlechte Gewissen!

Der arme Hans Rumps aber ging tiefbetrbt nach Hause. Dort trank
er Kaffee, a sechs Klappbrote dazu und legte sich danach zu Bett,
er mute sich ausschlafen von den Anstrengungen der Nacht. Nachher
wollte er selbst die Buben bestrafen, hatte er gesagt. Als er mittags
aber aufstand, stieg er mit dem rechten Bein aus dem Bett. Natrlich
hatte er da gleich gute Laune, und dann hatte ihm die Schulzenfrau
ein Gericht Schweinefleisch mit Sauerkraut geschickt und eine andere
Buerin ein Stck Wurst, da wurde Hans Rumps noch vergngter. Es tat
ihm daher ordentlich leid, da er die Buben bestrafen wollte, und als
er sie nachher auf der Dorfstrae sah, ging er ihnen aus dem Wege.

Die Buben machten es ebenso, denn sie hatten ein sehr schlechtes
Gewissen.

Drei Tage lang gingen sich Nachtwchter und Buben aus dem Wege, Hans
Rumps, weil er nicht wute, wie er die Buben bestrafen sollte, und
diese, weil sie nicht wuten, ob sie bestraft werden wrden. Und dann
waren sie auf einmal alle miteinander wieder gute Freunde. Wie es
gekommen war, das wuten sie selbst nicht recht, aber sie waren es.
Hans Rumps hatte gelchelt, als er Heine Peterle sah, und Heine Peterle
hatte gelacht, und dann war Schulzens Jakob dazugekommen, und der hatte
gesagt: Das Feuerlrmblasen, das war mal ein feiner Spa!

Na freilich, sagte der Nachtwchter stolz, ich kann auch Spa
machen.

ber diesen Witz lachten die Buben so sehr, da geschwind noch ein paar
andere dazukamen, und dann standen sie alle miteinander eintrchtig
auf der Dorfstrae, schwatzten und lachten, und niemand dachte an eine
Strafe. Hans Rumps blieb Nachtwchter und ist es immer noch. Was sollte
ohne ihn auch aus Oberheudorf werden!

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]




Schauspieler sind da!


Was ist denn das? fragte Schnipfelbauers Fritz, als er an einem
Maitag so geschwind aus der Schule herauskam, wie er nie hineinlief.
Das Herauskommen war dem Fritz nmlich das Angenehmste von der ganzen
Schulgeschichte. Er ri seine Augen so weit auf, als mten durchaus
ein paar Suppenteller daraus werden. Nein, diese berraschung!

Was ist denn das? riefen nun auch alle Buben und Mdel, die nach
Fritz aus der Schule kamen, und es gab an diesem Tage erstaunlich viele
aufgerissene Augen und offene Mnder in Oberheudorf.

Es war aber auch etwas sehr, sehr Seltsames, was da auf der Dorfstrae
stand. Ein groer grner Wagen war es, der Fenster hatte mit kleinen
Gardinen daran, und vor dem Wagen standen etliche Damen und Herren,
richtige Stdter. Die sprachen mit dem Schulzen; der sah sehr wichtig
drein und sagte endlich laut und vernehmlich, er htte nichts dagegen.

Wie in Niederheudorf zum Vogelschieen sieht es aus, sagte Heine
Peterle bewundernd.

[Illustration: Schauspieler sind da]

Aber ach, was waren alle Wunder des Niederheudorfer Vogelschieens, was
waren Karussell, Pfefferkuchen, ja selbst das Kasperletheater gegen die
Herrlichkeit, die jetzt in Oberheudorf ihren Einzug hielt! Schauspieler
waren gekommen, es sollte in dem groen Saal des Wirtshauses Zur
himmelblauen Ente Theater gespielt werden. Kaspar auf dem Berge, der
Wirt, war unendlich stolz; der Herr Schauspieldirektor hatte zu ihm
gesagt, so einen wundervollen Wirtshausnamen htte er noch nie gehrt,
berhaupt scheine ihm das Oberheudorfer Publikum sehr viel Interesse
fr die Kunst zu haben.

Das war nun wahr, wenigstens die Kinder standen unentwegt und starrten
das Wirtshaus an, als htten sie es noch nie gesehen. Und wenn einer
der Schauspieler nur die Nasenspitze zur Tre hinaussteckte, gleich
gab es ein frchterliches Geschrei, die Buben und Mdel stieen und
drngten, als wollten sie die himmelblaue Ente umreien.

Der Schulze hatte nichts gegen das geplante Spiel, und die Dorfleute
freuten sich. Sie hatten gerade genug Zeit, in das Theater zu gehen,
denn die Heuernte sollte erst in der nchsten Woche beginnen. Die
Kinder aber fanden es ber alle Maen wundervoll, denn der Herr
Theaterdirektor hatte gesagt, das Stck, das gespielt wrde, sei fr
Erwachsene und fr Kinder. Da wurden Sparbchsen geleert, und mancher
Bube oder manches Mdel, das in der nchsten Zeit Geburtstag hatte,
wnschte sich das Eintrittsgeld im voraus als Geburtstagsgeschenk.
Gab das einen Lrm und ein Geschrei unter den Kindern! Hatte eins
die Erlaubnis erhalten, in das Theater zu gehen, dann schrie es die
Neuigkeit die ganze Dorfstrae entlang. Von allen Buben aber war
keiner aufgeregter als der dicke Friede und Heine Peterle. Die beiden
vergaen zuerst gnzlich, da sie Schularbeiten zu machen hatten, ja
sie vergaen fast Essen und Trinken darber, sie standen und bohrten
beinahe Lcher in den grnen Wagen mit ihren Blicken.

Am Freitag waren die Schauspieler in Oberheudorf eingezogen, und am
Sonntag sollte gespielt werden. Als die Kinder am Samstag wieder aus
der Schule kamen und natrlich alle am Wirtshaus vorbeirannten, als sei
das der einzig richtige Heimweg, da kam ihnen gerade der Herr Direktor
entgegen. Der blieb stehen und schaute die Kinder so forschend an, als
wre er ein Schulrat und wollte prfen, was sie gelernt htten. Einigen
war das Ansehen unheimlich, die liefen fort, etliche aber blieben
stehen, darunter natrlich der dicke Friede und Heine Peterle. Und als
htte der Herr Direktor ihre allergeheimsten Wnsche erraten, so war
es, er lchelte pltzlich und fragte sehr freundlich: Wollt ihr beide
mitspielen, ja?

Heine Peterle, der sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen war,
brachte kein Wort heraus, der dicke Friede aber schrie aufgeregt: Ja!
Es klang, als wollte er das Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr
zusammenschreien. Der Herr Direktor trat vor Schreck einige Schritte
zurck. Dann aber lchelte er doch wieder und sagte: Na, dann kommt
nur mit mir, ich will euch sagen, was ihr zu tun habt.

An diesem Nachmittag sprachen die Oberheudorfer Buben und Mdel
von nichts weiter als von Heine Peterles und des dicken Friedes
Theaterspiel. Wenn sich einer der beiden Buben sehen lie, und die
rannten immer mit hochroten Gesichtern und ungeheuer wichtigen Mienen
vor der himmelblauen Ente auf und ab, liefen hinein und kamen heraus,
dann strzten gleich ein paar Buben und Mdel auf sie zu und schrieen:
Erzhlt uns doch was! Seid ihr ein Knig? Was zieht ihr denn an? Mt
ihr ein Gedicht sagen?

Aber die beiden neuen Schauspieler blieben stumm und taten, als wren
sie bis an den Rand vollgestopft mit Geheimnissen. Sie lchelten nur
gndig, als wre ohne sie in Oberheudorf eine Theatervorstellung nicht
mglich. Von der Wichtigkeit ihrer Mitwirkung hatten sie beide auch
ihre Eltern berzeugt; die hatten erst gar nicht ja sagen wollen,
besonders den Mttern war es nicht recht. Es ist und bleibt ein
Unsinn, sagte Heine Peterles Mutter. Wer wei, was dabei fr eine
Dummheit herauskommt.

Aber Muhme Rese meinte: Unser Heine Peterle wird seine Sache schon
machen. Wenn der Bengel nur sagen wollte, wen er eigentlich im Spiel
vorstellt.

Dem ist sein Mund zugeklebt vor lauter Einbildung, sagte Heinrich
lachend.

Damit tat der Knecht dem Buben bitteres Unrecht; sie htten alle
beide himmelgern etwas erzhlt, wenn sie nur gewut htten, was. Sie
hatten blo dreimal ber die Bhne gehen mssen, dann hatte der
Direktor gesagt, sie sollten sich neben den einen Stuhl stellen, und
hinzugefgt: Haltet nur das Maul und macht keine dummen Gesichter,
das ist die Hauptsache. Der dicke Friede sagte: Es kommt noch.
Was, verriet er nicht, aber Heine Peterle trstete sich auch mit dem
Wort: Es kommt noch. Irgend etwas Wunderbares, Herrliches mute
doch geschehen. Der dicke Friede bte sich in dieser Erwartung schon
allerlei Kasperlessprnge ein, vielleicht konnte er sie gebrauchen.

Am Sonnabend abend erzhlte der Wirt, der Direktor und alle
Schauspieler allen, die es hren wollten, und manche hrten dreimal
zu, da Grafens auch zur Vorstellung kommen wrden. Der Herr Graf
Dachhausen auf Schlo Friedheim, das etwa eine Stunde vom Dorf entfernt
lag, hatte dem Direktor fr sich, seine Familie und seine Gste gleich
acht Billets abgekauft. Dabei hatte er gesagt, er freue sich sehr auf
die Vorstellung.

Wenn Grafens kamen, durften die Oberheudorfer nicht fehlen, ja selbst
von Niederheudorf kamen etliche Bauern hinauf, und der Wirt sagte
stolz: Es wird rappelvoll werden.

Es wurde auch rappelvoll. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der
Vorstellung war der Saal besetzt, nur die Pltze fr Grafens waren
frei, und immer, wenn die Tr aufging, dachten alle: Jetzt kommen
sie! Endlich kamen sie auch, und der Wirt begleitete die vornehmen
Gste unter vielen Verbeugungen in den Saal hinein. Er verneigte sich
rechts und verneigte sich links, und jedesmal, wenn ein Herr oder eine
Dame sich setzen wollte, griff der Wirt in seiner Aufregung nach dem
Stuhl, zog ihn weg und lie den auch eine Verbeugung machen. Dabei
htte sich die Frau Grfin beinahe auf die Erde gesetzt, im rechten
Augenblick aber griff die Schnipfelbuerin, die auf der zweiten Reihe
sa, zu, und so setzte sich die Grfin auf deren Scho statt auf den
Stuhl.

Die Gste lachten, die Oberheudorfer lachten, zuletzt lachte der Wirt
auch, obgleich er gar nicht recht wute, warum. Er war heilfroh, als
Grafens saen, die waren es auch, und jeder im Saal dachte: Nun kann
es losgehen!

Es war eine kleine Bhne aufgebaut worden. Ein roter Vorhang schlo den
Raum gegen den Saal hin ab, und neugierig, gespannt starrten alle auf
den roten Vorhang. Als der einmal ein bichen wackelte, riefen ein paar
Buben aus dem Hintergrund des Saales: Nun geht es los!

Es ging aber noch nicht los. Der Vorhang zitterte eine Weile, dann
verhllte er wieder ruhig die Bhne, und aus der Ecke, wo Buben und
Mdel miteinander saen, tnte ein klagendes Stimmlein: Es dauert so
lange!

Abwarten und dann Tee trinken, sagte Leberecht Sperling, der auch
gekommen war, brummig. Aber da ging auch schon der Vorhang auseinander,
und alles Warten hatte ein Ende. Das Stck begann.

Noch heute wei niemand recht in Oberheudorf, was eigentlich gespielt
worden ist. Auf dem Zettel, der drauen an dem Tor des Wirtshauses
klebte, stand zwar Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragdie
von Friedrich von Schiller. Das klang ja sehr verheiungsvoll, aber
alle, die das Stck kannten, meinten, es wre es eben nicht. Erstens
war die Jungfrau kein Hirtenmdchen, sondern eine Prinzessin, dann
waren die Franzosen keine Franzosen, sondern Deutsche, und dann dachten
im ersten Akt alle Zuschauer, es wrde vielleicht ein Lustspiel werden.
Muhme Rese sagte, es wrde vielleicht Genoveva gespielt, dies war
nmlich das einzige Stck, das sie je gesehen hatte.

Die Hauptsache aber war, da das Stck den Zuschauern gefiel, und
das tat es. Besonders entzckt waren die Kinder; sie fanden alles
wundervoll, nur waren sie enttuscht, da Heine Peterle und der
dicke Friede nicht gleich von Anfang an auf der Bhne waren. Doch die
lieen sich erst im zweiten Akt sehen. Mit denen wird es ganz was
Groartiges, sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies, neben der sie sa.
N, n, mein Herze zittert vor Angst, wenn ich an unsern Heine Peterle
denke. Wenn er's nur recht macht!

Gemtlich war es just eben Heine Peterle nicht zumute. Der stand mit
dem dicken Friede hinter der Bhne, und beide starrten ngstlich und
ehrfurchtsvoll auf die Schauspieler, die hin und her gingen und so
seltsam redeten. Die beiden Buben steckten in rosenroten Pagenanzgen,
dazu hatten sie gelbe Mtzen auf, und goldene Leuchter, die aber nur
aus Blech waren, sollten sie tragen. Ganz wundervoll kamen sie sich
vor. Der dicke Friede fand freilich seine Hslein, die er sonst trug,
viel bequemer als die rosenroten, die waren so eng, da er sich gar
nicht zu rhren wagte. Und Heine Peterle sah auch schon krebsrot aus,
so prete und drckte ihn das Wmslein. Die Frau Direktor aber hatte
beim Anziehen gesagt: Ja, wer der Kunst dienen will, hat es nicht
leicht. Fr so ein Paar dicke Dorfbuben sind unsere Pagenanzge auch
freilich nicht gemacht!

Im zweiten Akt sollten die beiden Pagen auf der Bhne erscheinen, sie
sollten neben dem Knigsthron stehen ganz still und feierlich, und je
nher der Augenblick kam, da sie hinausgehen sollten, desto bnglicher
schlugen ihre Herzen. Heine Peterle trat schon immer von einem Bein
auf das andere, und dem dicken Friede lief der Angstschwei ber das
Gesicht, als stnde der Bube unter einer Regenrinne.

Ich rei aus, chzte Friede einmal, und Heine Peterle seufzte tief.
Ach, so schwer hatte er sich das Theaterspielen doch nicht vorgestellt.
Wenn's doch erst vorbei wre! murmelte er.

Jetzt kommt! rief in ihr Seufzen, Sthnen und heimliches Klagen
hinein der Direktor und zog die Buben etwas unsanft auf die Bhne
hinaus. Der Vorhang war noch geschlossen, aus dem Zuschauerraum tnte
wie ein Brausen das Stimmengewirr. Friede seufzte laut, Heine Peterle
leise, seufzen taten beide, und beide hrten vor Angst und Aufregung
kaum, da der Herr Direktor, der als Knig auf einem Thronsessel sa,
sie ermahnte: Steht still, zappelt nicht immer hin und her! und dann:
Donnerwetter, Jungens, macht nicht so schrecklich dumme Gesichter!

Die Mahnung war kaum verklungen, da schrillte eine Klingel, und schnurr
ging der Vorhang auf.

Da sind sie, n, seht doch, seht doch! brllten im Zuschauerraum
etliche Buben und Mdel.

Ach wie fein! quiekte Annchen Amsee.

N, unser Heine Peterle, da ist er, da ist er! schrie Muhme Rese.
Sie verga ganz, da so vornehme Gste anwesend waren, stand auf und
winkte mit ihrem Taschentuch. Guten Tag, Heine Peterle, n, was siehst
du fein aus! Muhme Lenelies zog die Aufgeregte rechts am Rock, Heine
Peterles Mutter links, und endlich setzte sich Muhme Rese, whrend alle
im Saal laut lachten.

Heine Peterle hatte gar nichts gehrt. Den Buben da oben auf der Bhne
war es zumute, als wren sie auf einmal in einem fremden Lande. Wie
die Schauspieler nur redeten! Ein Mann, der mit einem Schwert immer an
einen Schild schlug, schrie pltzlich den Herrn Direktor so an, da
Heine Peterle vor Schreck seinen Leuchter ganz schief hielt.

Halte das Licht doch nicht so schief, brummte ihn ein Ritter an, du
bekleckst mir ja mein Wams.

Erschrocken drehte Heine Peterle sein Licht nach der andern Seite und
hielt es gerade einem andern Ritter unter die Nase, der eben auch etwas
sagen wollte. Kruzitrken, schimpfte der, Bengel, du brennst mich ja
an!

Schwapp, fuhr Heine Peterle wieder mit seinem Leuchter herum, und
pardauz, kollerte die Wachskerze auf den Boden, lschte aus und rollte
bis an die Brstung vor.

Heine Peterle hat sein Licht verloren! tnten von unten ein paar
Stimmen herauf.

Da liegt's, da liegt's! riefen Schnipfelbauers Fritz und Annchen
Amsee eifrig.

Heine Peterle blieb ganz verdattert stehen, aber Friede sprang
diensteifrig zu, rannte dem Licht nach, bckte sich und--

O Jammer und Graus! Mitten hinein in des Knigs bewegliche Klage um
sein Land und der Knigin sanftes Trsten klang ein scharfes Reien.

Unwillkrlich hielt der Knig betroffen in seiner Rede inne, und aus
der Kinderecke des Zuschauerraumes gellte es: Friede, deine Hosen sind
geplatzt. Friede, Friede, n, Friede, deine Hosen!

In das Rufen mischte sich Lachen, von der ersten Reihe kam es, da wo
die vornehmen Gste saen, und bald lachten alle Zuschauer, drhnend,
herzhaft, lachten so, da die Schauspieler nicht weitersprechen
konnten, weil ihre Stimmen in dem Lrm verhallten. Zieht den Vorhang
zu! sthnte der Direktor auf seinem Knigsthron, und schnurr verschlo
der rote Vorhang die Bhne, und Friede mit den geplatzten Hosen war
den lachenden Blicken entrckt.

Jemand wollte schelten, aber der Direktor sagte seufzend: Lat nur die
Buben, sie fangen sonst noch an zu heulen, und ein paar Pagen mssen
wir doch haben!

Viel fehlte auch nicht, und Friede und Heine Peterle htten geheult;
es zuckte ihnen schon bedenklich um die Mundwinkel, und beiden war die
Bhne nachgerade recht unheimlich geworden. Friede hielt krampfhaft
seine Hslein zusammen, und Heine Peterle starrte hilflos auf sein
Licht, das noch immer am Boden lag, und das er nicht zu holen wagte.

Was tun? Weitergespielt mute werden, die Pagen wurden gebraucht, aber
einen Pagen mit geplatzten Hosen und einen, dem sie vielleicht noch
platzten, konnte man doch nicht an einem Knigshofe brauchen. Die Frau
Direktorin war es, die in dieser Not Rat wute. Sie holte geschwind ein
Paar grasgrne Schrpen herbei, band jedem Buben eine um und steckte
breit und voll eine Schleife ber die geplatzte Naht. Nun sieht es
niemand, sagte sie befriedigt, nun steht nur hbsch still und bckt
euch nicht.

Der Vorhang ging wieder auf. Steif und unbeweglich, die Leuchter
kerzengerade in den Hnden, so standen die beiden Pagen rechts und
links vorm Knigsthron und ein lautes Ah! der Bewunderung ertnte ob
der Pracht der grnseidenen Schrpen.

Man sieht's gar nicht, flsterte Annchen Amsee halblaut, und
Waldbauers Mariandel sagte begeistert: Nun sehen sie aber noch feiner
aus!

Der Akt ging nun ohne Zwischenfall zu Ende. Alles war sehr rhrend
und schn, und alle waren zufrieden. Die Zuschauer waren es und die
Schauspieler, weil es eben die Zuschauer waren. Und der Wirt war
zufrieden, weil er sah, wie Grafens lachten und vergngt dreinsahen. Am
allervergngtesten aber waren die beiden Buben oben auf der Bhne, sie
meinten, sie wren bei der Auffhrung eben doch die Hauptsache.

Beim nchsten Akt hatten Heine Peterle und Friede dreimal ber die
Bhne zu rennen. Ihr mt sehr aufgeregt und ngstlich tun, hatte
der Direktor zu ihnen gesagt. Und die beiden befolgten seine Worte
so getreulich, da unten im Saal Muhme Rese sehr ngstlich zu Muhme
Lenelies sagte: Was haben denn nur die beiden, sind sie denn nrrisch
geworden? N, n, die machen noch 'ne Dummheit, und der Friede denkt
auch gar nicht an seine Hosen!

Die haben was verloren, behauptete Schulzens Jakob, und seine
Schwester Rse sagte ngstlich: Sie werden noch alles umrennen!

Aber die Buben rannten nichts um, die Hosen platzten nicht weiter, und
der Direktor sagte freundlich: Das habt ihr brav gemacht!

Der nchste Akt sollte einen feierlichen Krnungszug bringen, und
weil die Schauspielergruppe nur klein war, muten alle immer rund um
die Bhne herum, dicht an der Rampe entlang gehen und zur einen Tre
hinaus- und zur andern hineinspazieren, es sollte aussehen, als ob
viele, viele Menschen ber die Bhne gingen. Drauen auf einem Tisch
lagen allerlei Mtzen und Hte, einmal setzten sich die Schauspieler
welche auf, das nchste Mal kamen sie ohne Kopfbedeckung ber die
Bhne. Sie taten dies, damit man denken sollte, es wren immer andere
Leute. Auch Heine Peterle und Friede setzten ihre Mtzen einmal ab.
Als sie wieder an dem Tisch vorbei kamen, lagen aber obenauf allerlei
andere Hte. Unsere Mtzen! rief Friede suchend. Schnell, schnell,
nehmt ein paar andere! sagte ein Schauspieler hinter ihnen ungeduldig,
und die Buben ergriffen rasch, was gerade dalag. Heine Peterle
erwischte dabei einen groen Federhut, der ihm, als er ihn aufsetzte,
fix auf die Nase rutschte.

Seht doch den Heine Peterle an, was der fr einen Hut hat! ertnten
unten gleich wieder etliche Kinderstimmen.

Da man seinen Hut bewunderte, schmeichelte Heine Peterle zwar sehr,
aber wenn er nur etwas htte sehen knnen! Der Hut war ihm ber die
Augen gerutscht, er wollte ihn zurckschieben, und dabei stolperte er.

Bengel, du fllst ja hinunter, flsterte ihm ein Schauspieler
erschrocken zu.

Es war schon zu spt: Heine Peterles linkes Bein schwebte bereits in
der Luft; der Bube war an die Rampe gekommen, er schwankte, rutschte,
und fallend griff er nach einem Halt. Dabei packte er einen Ritter am
Bein, der verlor auch das Gleichgewicht; auch er griff unwillkrlich
nach etwas und erwischte die Schleppe einer Hofdame. Der dicke Friede
wollte seinen Kameraden halten, auch er wurde mitgezogen, und mit einem
wahren Donnergepolter sausten alle vier ber die Rampe und plumpsten in
den Zuschauerraum hinab, Grafens gerade vor die Fe.

Ein wahrer Hllenlrm erhob sich. Oben auf der Bhne stockte der
Festzug, unten schrieen, heulten und lachten alle durcheinander. Der
Wirt und der Schulze kamen herbei, die Gestrzten aufzurichten. Heine
Peterle heulte, seine Mutter und Muhme Rese, die nicht gleich zu ihm
gelangen konnten, jammerten laut. Friede chzte und hielt krampfhaft
seine Hslein fest, die nun vllig geplatzt waren, und seine Mutter
stieg ber zwei Stuhlreihen hinweg, um ihren Buben zu trsten.

Aus der Kinderecke kam klgliches Schreien und angstvolles Fragen. Ein
paar Mdel weinten, ein paar Buben lachten, und oben auf der Bhne
sagte der Direktor grimmig: Kruzitrken nochmal, sind das ein paar
dmliche Bengel!

Und dann sa Heine Peterle auf einmal auf dem Scho der Frau Grfin und
Friede auf dem einer andern Dame, und die beiden Damen trsteten die
Buben, steckten ihnen Schokolade in den Mund und sagten, eigentlich
htten sie ihre Sache doch sehr gut gemacht.

Da versiegten die Trnen der beiden, ganz stolz und wichtig schauten
sie sich um. Man sa doch nicht alle Tage auf dem Scho einer Frau
Grfin und a wunderfeine Schokolade. Potztausend, war das fein! Weh
getan hatten sie sich nicht weiter, ein paar blaue Flecke und Schrammen
rechnet ein echter Oberheudorfer Bube nicht erst, auch die Schauspieler
hatten sich nichts gebrochen, und so konnte das Spiel weitergehen. Die
Buben waren dazu bereit, aber der Direktor sagte, jetzt brauchte er
keine Pagen mehr, sie sollten lieber unten bleiben.

So kamen denn die beiden nach einem Weilchen in ihren eigenen
Sonntagshslein in den Zuschauerraum hinab und schauten sich den Schlu
des Stckes an. Ohne Unfall ging es nun zu Ende, aber Heine Peterle und
Friede und Muhme Rese und noch manch andere sagten: Die Pagen htten
bis zuletzt oben bleiben mssen, dann wre es viel lustiger gewesen.

Die Oberheudorfer meinen nmlich, in einem richtigen Trauerspiel msse
man herzhaft lachen knnen.

Noch heute aber sagen die Oberheudorfer Kinder bei jedem Theaterspiel:
Damals war es fein, als Heine Peterle und Friede mit Theater spielten!

[Illustration: Heine Peterle und Friede]

[Illustration: Dekoration]




Die schne Flickerin.

(Ein Mrchen.)


Wenn Muhme Lenelies den Kindern, die eigentlich alle miteinander ihre
Freunde und Freundinnen waren, Mrchen erzhlte, dann fing sie meist
an: Es war einmal ein Knig, eine Knigin, ein Prinz, eine Prinzessin
oder doch wenigstens ein Graf. Anders tat es Muhme Lenelies nicht. Die
Kinder waren darum ganz unzufrieden, als die Muhme ihnen, als sie an
einem regennassen Herbstnachmittag zum Mrchenhren kamen, erzhlte:
Es war einmal eine Waschfrau!

Das ist nicht hbsch! rief Annchen Amsee gleich entrstet, und der
blaue Friede sagte: Mit 'nem Knig mu es anfangen!

Es fngt an, wie es anfngt, und wenn es eine Waschfrau ist, die
zuerst kommt, dann ist es eben eine Waschfrau, erwiderte Muhme
Lenelies freundlich. Ihr braucht aber nicht zuzuhren. Wer gehen will,
kann gehen, wer zuhren will, mu den Schnabel halten. Also wer will
gehen?

Niemand wollte das. Die Kinder fanden es wieder einmal ungeheuer
gemtlich bei Muhme Lenelies. Drauen flo der Regen in wahren
Giebchen vom Himmel herunter, der Herbststurm zerrte noch die letzten
rotgelben Bltter von den Bumen und brauste dazu: Gib her, gib
her! Mut alles geben, mut alles geben! An solchen Tagen besannen
sich immer etliche Oberheudorfer Buben und Mdel darauf, da es doch
eigentlich wundervoll bei Muhme Lenelies sei, und da sie mit der
alten Frau doch sehr befreundet wren. Im Sommer, wenn die langen Tage
schier zu kurz fr alle lustigen Freispiele waren, kehrten bei Muhme
Lenelies meist nur die Kinder ein, die sich zufllig mal irgend etwas
zerrissen hatten; die gute Muhme heilte geschwind die Schden und nahm
es nicht weiter bel, wenn Buben oder Mdel das Wiederkommen nachher
ein Weilchen vergaen. Sie kannte ihre Freunde schon, sie wute, da
Sturm und Regen und dunkle Wintertage sie ihr wieder zufhrten. Muhme
Lenelies konnte so viele Mrchen erzhlen, da selbst der Herr Lehrer
ihr manchmal zuhrte und dann sagte, Muhme Lenelies sei eigentlich eine
Dichterin.

Von allen Kindern aber hrte der alten Frau niemand lieber zu als ihr
Pflegesohn Traumfriede. Der lauschte auch an sonnenhellen Sommertagen
gern allein, was seine gute Pflegemutter ihm erzhlte. Er war es auch,
der an diesem Nachmittag, an dem Muhme Lenelies die Geschichte von der
Waschfrau begann, nochmals rgerlich rief: Ja, geht doch, wenn ihr
nicht zuhren wollt!

Es ging aber auch jetzt niemand, alle saen muschenstill, und so
begann Muhme Lenelies wieder: Es war einmal eine Waschfrau. Sie war
arm, wie es Waschfrauen oft sind, aber sie war zufrieden und froh, was
selbst Kniginnen nicht immer sind. Freilich mute sie von frh bis
abends arbeiten, denn sie hatte vier Kinder zu ernhren, ein Mdel
und drei Buben. Liebelinde, die Tochter, schaffte fleiig in der
Wirtschaft, versorgte die drei kleinen Brder und half der Mutter,
soviel sie konnte. Es war eine fleiige, frhliche kleine Familie, die
da am uersten Stadtende wohnte. Die drei Buben waren, wie kleine
Buben eben sind, oft recht wild und bermtig, und der Tag, an dem
einer nicht mit einem Ri im Hslein oder in der Jacke heimkam, war
noch nicht dagewesen.

Seht ihr, wie ihr seid, sagte Schulzens Rse ein bichen wichtig und
guckte die Buben ordentlich strafend an.

Die taten, als htten sie das gar nicht gehrt. Nur Heine Peterle
brummte: Mdel mssen immer dreinreden!

Muhme Lenelies achtete nicht auf die Zwischenreden, sondern fuhr fort:
Liebelinde stopfte immer alle Risse bereitwillig zu, und weil sie
nicht wollte, da ihre Brder unordentlich aussehen sollten, gab sie
sich immer besondere Mhe, und manchmal sagte die Mutter: >Ei, wenn nur
alle Mdel so gut flicken knnten wie du!<

ber Land und Stadt herrschte ein mchtiger Knig. Der hatte drei
Shne, die alle drei gut und brav waren und ihren Eltern viel Freude
bereiteten. Bei der Geburt der Shne war, wie das frher manchmal
vorkam, schnurstracks eine bse Fee gekommen und hatte die armen
Prinzlein verwnscht. Aber so geschwind wie hinter einem rechten
Gewitter manchmal der Sonnenschein kommt, war gleich eine gute Fee
erschienen, die hatte der Knigin fr jeden Sohn zwlf wunderfeine
Hemden aus goldgelber Seide geschenkt, die sollten die Prinzlein
immer tragen: so lange wrden sie gesund und glcklich sein, und alle
Zaubersprche der bsen Fee knnten ihnen nichts anhaben. Die Knigin
tat wie die Fee ihr geraten hatte, und seitdem trugen die Prinzlein
immer die Hemden von goldgelber Seide.

Das ist fein, das mchte ich auch, zwitscherte Annchen Amsee
dazwischen.

Wenn du mal eine Prinzessin bist, kannst du es ja tun, spottete Anton
Friedlich.

Seid doch still, sonst erzhle ich nicht weiter, rief Muhme Lenelies.
Da waren alle gleich wieder ganz still, und Annchen Amsee hielt sich
den Mund zu, damit nur ja kein vorwitziges Wrtlein entschlpfte.
Die Muhme aber erzhlte: Weil nun die Knigin wute, da Glck und
Gesundheit ihrer Kinder von den Hemden abhingen und Hemden, selbst wenn
sie von Seide sind und von einer Fee stammen, doch manchmal reien, gab
sie selbst jedesmal der Wscherin die Hemdlein und nahm sie ihr auch
wieder ab und sah sie sorgfltig durch, ob auch kein Ri darin wre. Du
lieber Himmel, zwlf Hemden, wenn sie ein ganzes Leben halten sollen,
sind wirklich nicht viel, zumal fr einen Prinzen.

Das ist wahr, sagte Waldbauers Mariandel bedchtig, meine Mutter
hat--. Heine Peterle legte ihr geschwind seine kleine, braune
Hand vor den Mund, so krftig, da Mariandel beinahe mitsamt ihrem
Schemelchen umgefallen wre.

Nein, zwlf Hemden sind wirklich nicht viel fr das ganze Leben,
fuhr Muhme Lenelies fort, da hie es eben achtsam sein, und als die
drei Prinzen Karlemann, Hannemann und Friedemann noch drei kleine
Mnnlein waren, da sagten sie mitunter ganz klglich: >Ach, wir mchten
lieber ohne Hemden gehen. Es ist so langweilig, da wir uns immer in
acht nehmen mssen.< Einmal zog auch Prinz Karlemann sein Hemdlein
heimlich aus, flugs bekam er einen Schnupfen, und die Frau Knigin
sagte: >Siehst du, wie recht die gute Fee hatte? Nun bist du ohne dein
goldgelbseidenes Hemd gleich krank geworden.<

Auch Prinz Hannemann zog einmal heimlich sein Hemdlein aus, und an
diesem Tage schttete er einer fremden Frstin, die zu Besuch da war,
Himbeersauce auf ihr himmelblaues Atlaskleid. Er bekam dafr zur Strafe
einen Katzenkopf und keinen Nachtisch, und alles kam nur davon, da er
das goldgelbseidene Hemdlein nicht trug.

Als die Prinzen erwachsen und mutige, khne Jnglinge geworden waren,
zogen sie nacheinander in die Welt hinaus; sie sollten einmal sehen,
wie es wo anders ist, und sollten sich dabei gleich eine schne
Prinzessin zur Gemahlin aussuchen. >Sie mu aber sehr gut stopfen
knnen,< sagte allemal die Frau Knigin, >denn wit ihr, mit euren
Hemden ist das so eine Sache, wer wei, ob sie halten!<

Prinz Karlemann kam heim und brachte eine wunderschne Frau mit. Es war
die reiche Prinzessin Gerlinde, die konnte singen, Klavier spielen,
reiten und tanzen, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Als
die alte Knigin es einmal von ihr verlangte, da lachte sie und rief:
>Aber Frau Mutter, eine Prinzessin braucht doch nicht zu stopfen.<

Die Knigin seufzte und dachte, vielleicht bringt mein Sohn Hannemann
eine Frau heim, die stopfen kann. Prinz Hannemann brachte die
wunderschne Prinzessin Theolinde als Gemahlin mit. Die konnte malen,
Schlittschuh laufen und noch besser tanzen als Gerlinde, aber stopfen,
nein, stopfen konnte sie nicht. Sie wollte sich halbtot lachen, als es
die Knigin von ihr verlangte. Die seufzte sehr und dachte sorgenvoll:
>Vielleicht bringt mein Sohn Friedemann die rechte Frau mit.<

Aber Prinz Friedemann kam eines Tages lustig und guter Dinge heim.
Er brachte einen Papagei, einen Affen, ein Nashorn, ein Kamel, ein
Knguruh, prchtige Kleider fr seine Mutter und noch viele andere
schne Dinge mit, eine Frau aber hatte er vergessen. Er war sehr
betrbt, als ihn seine Eltern ausschalten, und sagte: >Oh, Frau
Mutter, ich mute nur immer und immer an Euch denken, und darber
hat mir keine andere Frau gefallen.< Die Knigin strich ihrem Sohn
ber das dunkle Lockenhaar und sagte gtig: >Ja, mein Prinzlein, das
ist nun nicht anders, eine Frau mut du haben, und eine mu es sein,
die stopfen kann, eher werde ich nicht ruhig sein. Vielleicht ist es
ganz gut, da du keine Prinzessin genommen hast, die sind heute gar zu
verwhnt; wir wollen es einmal mit einer Grafentochter versuchen.<

Dem Prinzen war das sehr recht. Er dachte, wie es meine Mutter macht,
wird es schon richtig sein. Er sorgte sich nun nicht weiter um die
Sache, die Knigin aber gab mit ihren beiden Schwiegertchtern zusammen
einen groen Kaffee und lud smtliche Grafentchter des Landes dazu
ein. Whrend sie nun alle saen und Kaffee tranken und Kuchen aen,
muten sie erzhlen, was sie alles konnten. Oh, sie konnten sehr
viel, ungeheuer viel sogar. Sie konnten malen, singen, Laute spielen,
reiten, jagen, schwimmen, tanzen, turnen, sie konnten gelehrte und
ungelehrte Bcher lesen und schreiben, konnten alle Sprachen der Welt,
eine konnte smtliche Lnder, Stdte, Flsse und Gebirge der Erde
wie das Abc hersagen, schnurr ging das wie ein Spinnrad; eine wute,
wieviel Edelsteine jeder Knig der Welt in seiner Krone hatte; eine
andere sagte immer ein Gedicht nach dem andern auf und erzhlte, sie
knnte tausend Tage ununterbrochen Gedichte sagen und wte immer
noch neue. Bei dieser sagte Prinz Friedemann gleich: >Die will ich
nicht, nein, die will ich bestimmt nicht.< Eine andere wieder verstand
alle Vogelstimmen nachzuahmen und sagte, jetzt wre sie dabei, die
Sugetiere zu studieren, wie ein Esel knnte sie schon schreien.
Wirklich, die Grafentchter waren sehr gebildet. Als die Knigin aber
fragte, ob sie auch stopfen knnten, da fingen sie alle an zu lachen,
verneigten sich sehr ehrerbietig und sagten: >Euer Majestt machen sehr
gute Witze! Stopfen, eine Grafentochter stopfen! Hihihi, hahaha, das
ist zu drollig!<

Die Knigin wurde sehr bse, schalt die Grafentchter, und die gingen
sehr gekrnkt und betrbt heim. Den Prinzen htte nun schon jede gern
geheiratet, aber stopfen lernen, nein, stopfen lernen, das wollten sie
doch nicht.

Unter den Hausmdchen im Knigsschlo nun war eine, die war boshaft und
zankschtig. Mit allen andern Mgden hatte sie Streit, und wenn sie
jemand etwas zuleide tun konnte, so tat sie es mehr als gern. Just an
dem Tage, an dem alle Grafentchter zum Kaffee im Schlo waren, hatte
sie von der Frau Oberkchenmeisterin Schelte bekommen, weil sie von der
allerschnsten Torte die Frchte abgegessen hatte. Darber war sie so
wtend, da sie geschwind ihre Sachen packte und davonlaufen wollte.
Vorher freilich gedachte sie allen noch etwas recht Bses anzutun. Sie
schlich sich in die Wschekammer und fand dort den Schrank offen, in
dem die goldgelbseidenen Hemden der Prinzen lagen. Da nahm die bse
Magd geschwind eine Schere und schnitt eins, zwei, drei lauter Lcher
in die Hemden, ritsch, ratsch ging das, und sie htte die Hemden
gewi ganz und gar zerschnitten, wenn sie nicht die Stimme der Frau
Oberwschebesorgerin gehrt htte. Da ri die bse Magd eilig aus, nahm
ihre Sachen, lief zum Schlo hinaus und wanderte in die weite Welt
hinein.

Noch an diesem Abend aber wurden die zerschnittenen Hemden entdeckt,
und ein groes Wehklagen erhob sich. Die Knigin sandte verzweifelt
nach der guten Fee, und die kam auch sehr geschwind herbei, aber ach,
helfen konnte sie nicht. Und wenn gute Feen nicht helfen knnen, ist
das sehr betrblich, denn natrlich wollen sie doch allen Menschen
etwas Liebes antun. >O weh, o weh,< klagte die schne, gute Fee, >das
ist wirklich ein rechtes Unglck. Die Hemden kann ich nicht ersetzen,
und wenn sie zerrissen sind, ntzen sie auch nichts gegen all die bsen
Verwnschungen. Sie mssen so geflickt sein, da man den Schaden kaum
sieht. Sucht eiligst die geschickteste Flickerin im Land und lat sie
die Hemden flicken. Freilich,< setzte die gute Fee traurig hinzu, >ich
wei schon, eine rechte Flickerin wird jetzt schwer zu finden sein.
Ach, es ist wirklich ein groes, groes Unglck!<

Der Knig und die Knigin, Prinzen und Prinzessinnen, ja der ganze Hof
waren unendlich betrbt. Noch hatte ja jeder Prinz ein unzerrissenes
Hemd an, aber wehe, wenn das kaput ging. Gerlinde und Theolinde fingen
gleich an, sich im Stopfen zu ben, aber das ging gar nicht, es wurde
frchterlich, man sah es schon von groer Weite, da da ein Ri
geflickt war, und die Fee sagte immer wieder, man drfe es nicht sehen.

Die Fee verlie sehr traurig das Schlo und ging zurck in ihren
Wunderwald. Ganz langsam ging sie durch die Straen der Stadt, niemand
achtete auf sie, niemand wute, da die Frau in dem grauen Mantel eine
gute, mchtige Fee war. Ein Mgdlein ging vorber und dachte: >Wenn ich
eine Fee wte, dann ging ich zu ihr und wrde sie sehr bitten, mir
ein wunderfeines Ballkleid zu schenken.< Dabei streckte das Frulein
die Nase in die Luft und rannte die gute Fee beinahe um. Ebenso erging
es einem jungen Mann, der auch das Herz voller Wnsche hatte, ihm
mute die Fee sogar noch ausweichen. >Die Menschen sind doch manchmal
zu ungeschickt,< sagte sie ordentlich rgerlich, und just in diesem
Augenblicke purzelte vor ihr ein Bbchen mit seinem Schulranzen hin.
Er hatte mit einem andern Buben Kriegsspiel gespielt, aber nun standen
alle beide, Freund und Feind, etwas verdattert da, und der Hingefallene
heulte laut: >Meine Jacke, meine Jacke! Wenn ich nach Hause komme,
kriege ich Haue. Huhuhuhu!<

>Ach, heule doch nicht,< sagte der andere, >komm rasch mit, meine
Schwester flickt dir geschwind deine Jacke. Sie kann es so gut, da man
nichts mehr von dem Loch sieht. Komm nur, sie tut es schon, sie ist
sehr gut.<

Nun htte die Fee dem Bbchen schon schnell eine neue Jacke schenken
knnen, denn so etwas ist fr eine Fee natrlich nicht schwer, sie
tat es aber nicht, sondern folgte eiligst den Buben, die beide bis an
das Stadttor gingen dorthin, wo die Waschfrau mit ihren vier Kindern
wohnte. Liebelinde sa vor dem Haus unterm Fliederbaum; sie nannten es
das Grtchen, obgleich es nur den einzigen Busch gab. Sie nhte und
sang dabei vergngt ein Liedchen.

      Eile, Nadel, hin und her
      Ganz geschwind, doch nicht zu sehr,
      Fdchen darf nicht reien.

      Hei, das geht ja wie im Nu,
      Lchlein schau, du bist schon zu,
      Hslein ist nun heil!

Als die Buben ankamen und ihr ihre Not klagten, lachte sie und rief:
>Komm her, du Schelm! Ach du lieber Himmel, ich wollte, ich htte fr
jeden Ri, den ich in Bubenhosen und -Jacken schon gestopft habe, ein
Goldstck, ei, da sollte es unserer Mutter gut gehen.< Dabei nahm sie
rasch Nadel und Faden und begann das Jcklein zu stopfen; es ging wie
ein Mhlrdchen. Die Fee war nher getreten, tat, als sei sie eine mde
Wanderin, fragte dies, fragte das, und Liebelinde gab ihr bereitwillig
Auskunft. Sie erzhlte heiter und zufrieden von ihrem stillen,
rmlichen Leben, und dabei hatte sie im Umsehen den Ri zugestopft,
kein Linschen war mehr zu sehen. Der Bube zog vergngt sein Jcklein
an, verga auch seinen Dank nicht und lief dann so schnell nach Hause,
als sei er Sturmwinds Lehrjunge.

Die Fee nahm ein goldenes Ringlein und sagte zu Liebelinde: >Mdchen,
oben auf dem Schlosse braucht die Frau Knigin eine gute Flickerin; ich
sollte meinen, du wrst die Rechte. Geh nur hinauf, gib das Ringlein
ab und sag', Gutenberga schicke dich, dann wird dich die Frau Knigin
schon vorlassen.<

>Liebe Frau, aber liebe Frau,< rief Liebelinde erschrocken, >was
denkt Ihr Euch? Ich, einer Waschfrau Tochter, sollte so ohne weiteres
auf das Schlo gehen? Nicht den Mund knnte ich aufmachen vor lauter
Verlegenheit, und meine liebe Mutter wrde sicher denken, ich sei
nrrisch geworden.<

Die Fee aber redete zu, eine Nachbarin kam herbei, und als sie alles
hrte, redete sie mit zu, sie versprach auch, auf Haus und Buben zu
achten. So schlpfte denn Liebelinde in ihr Sonntagsrcklein, nahm
Abschied von den Brdern, der Nachbarin, dem Huschen und der Katze,
als ginge sie auf Nimmerwiedersehen davon, und lief ins Schlo hinauf.
Oben wollte man sie erst gar nicht vorlassen. Erst rmpfte der Torwart
die Nase, dann der Diener, die Mgde, die Hofdamen, und wer sonst
noch herumlief. Liebelinde dachte gerade, dies sei wohl Hofsitte, und
begann auch ihr feines Nslein zu rmpfen, als die beiden Prinzessinnen
Gerlinde und Theolinde vorbeikamen. Sie sahen schrecklich traurig aus,
denn sie hatten es wieder vergeblich versucht zu stopfen und hatten
doch kein Loch zubekommen.

>Ei, die sehen gut aus,< dachte Liebelinde, machte einen Knicks und
richtete ihren Auftrag aus.

>Sie kann stopfen,< schrie Gerlinde, und Theolinde fiel Liebelinde
gleich um den Hals und jubelte: >Sie kann stopfen, sie kann stopfen!<

>Na nu,< dachte die kleine Waschfrauentochter, >das ist doch nicht so
etwas Absonderliches.< Sie lie sich zur Knigin fhren, gab ihren
Ring ab, und die Knigin beschlo gleich, die Probe zu machen. Sie
lie eins der zerschnittenen goldgelbseidenen Hemden holen, dazu Seide
und die allerfeinsten goldenen Nhnadeln und fragte Liebelinde, ob sie
das wohl stopfen knne. >Ei freilich,< rief diese, nahm eine Nadel und
zog sich kurz entschlossen eins ihr goldblonden Haare aus, denn die
waren feiner als die allerfeinste Seide und schimmerten gerade so wie
die Wunderhemdlein. Mit ihrem Haar stopfte Liebelinde, und es ging
so schnell, da die Nadel rascher hin und her flog als ein Bienchen
am Sommertag. Nach einem Weilchen rief Liebelinde: >So, ein Loch ist
gestopft. Freilich, zu dem ganzen Hemd werde ich schon etliche Tage
brauchen!<

Die Knigin sah auf den Ri und fragte: >Wo ist er denn?< Das fragten
auch die Prinzessinnen und alle Hofdamen, die zugesehen hatten, und
alle staunten und verwunderten sich und sagten, so etwas htten sie
noch nie gesehen.

Liebelinde wurde nun sehr feierlich zur Geheimen Oberhofstopfmeisterin
ernannt. Sie sollte auf dem Schlo wohnen bleiben, und ihre Mutter und
Brder durften auch hinaufziehen; mitten im Schlogarten bekamen sie
alle ein wunderfeines kleines Haus zum Wohnen. Freilich war es Tag und
Nacht von Wachen umstanden, damit nicht etwa eines der kostbaren Hemden
geraubt wrde. Als Liebelinde alle Hemden sah, die sie stopfen sollte,
seufzte sie ein wenig, dann nahm sie eine Schere und schnitt sich
ritsch, ratsch ihre beiden blonden Zpfe ab. >Ich mu doch ordentliches
Stopfgarn haben,< sagte sie.

Sechs Monate lang stopfte Liebelinde, dann waren alle Hemden heil,
niemand sah auch nur einen kleinen Fehler daran. Inzwischen waren
Liebelinde lauter goldblonde Ringellocken gewachsen, und sie sah so
wunderlieblich aus, da alle vornehmen Hofherren, die noch keine Frau
hatten, sie heiraten wollten.

Prinz Friedemann aber lachte alle aus, denn er bekam die Braut.
Die alte Knigin wollte eben durchaus eine Schwiegertochter haben,
die stopfen konnte. Und sie lebten alle glcklich und zufrieden
miteinander. Die goldgelbseidenen Hemden hielten bis an der Prinzen
Lebensende. Die bse Fee, die die Prinzen verwnscht hatte, rgerte
sich darber so, da sie vor lauter Wut das Verwnschen aufgab.

Na, und die bse Magd? fragte Schulzens Jakob, als Muhme Lenelies
schwieg, neugierig.

Ach so, sagte die Muhme, die htte ich beinahe vergessen, und der
ging es doch sehr, sehr schlecht. Sie wurde gefangen genommen, in einen
Turm gesteckt, und dort mute sie sitzen und ungeschickten Mgdlein
das Stopfen beibringen. Erst wenn eine es einmal so gut knnte wie
Prinzessin Liebelinde, dann sollte die Magd frei werden. Sie hat aber
beinahe hundert Jahre in ihrem Turm gesessen und ist dann gestorben,
und kein Mgdlein hat das Stopfen so gut gelernt wie Liebelinde. So,
nun ist die Geschichte zu Ende, und nun geht geschwind nach Hause, ich
glaube, es ist gleich Abendbrotzeit.

[Illustration: Turm in dem die bse Magd gefangen ist]

[Illustration: Dekoration]




Das zornmtige Annchen.


Was ist immer munter, geht bei Tag und Nacht und wird von allen gern
gelitten? Dieses Rtsel gab einmal Schuster Pechdraht etlichen Buben
und Mdeln auf, und selbst die, die eigentlich keine guten Rater
waren, riefen gleich: Unser Dorfbrunnen. Schulzens Jakob fgte ganz
hochmtig hinzu: Solche leichte Rtsel sollte man gar nicht aufgeben.

Schuster Pechdraht konnte, so oft er wollte, sagen, er htte die
Turmuhr gemeint, die Kinder glaubten es ihm doch nicht. Das Brnnlein
auf dem Dorfplatz, das Tag und Nacht leise pltscherte, war ihnen allen
viel, viel lieber als die Turmuhr, die dummerweise immer anzeigte,
wann Schulzeit war. Was hatten die Buben und Mdel schon fr lustige
Sachen am Brunnen erlebt! Welch ein prchtiger Rettungshafen war der
bei Ritter- und Ruberspielen! Am Brunnen konnte man spritzen, da
wagte sich die feindliche Partei nicht so leicht heran. Wollten sich
ein paar Mdel oder Buben treffen, immer hie es: Am Brunnen. Da
war schon mancher dumme Streich erdacht worden, und wie oft war schon
ein Bube oder Mdel, ein Schulbuch, eine Wasserkanne, ein Puppenkind
oder eine Schrze, eine Bubenmtze oder gar ein Vesperbrot in den
groen Steintrog des Brunnens gefallen. Ja, der Brunnen konnte etwas
erzhlen. Lustige und ernsthafte, kurze und lange Geschichten wute
er, viel dumme, aber herzlich wenig kluge. Hans Rumps hatte ordentlich
Mitleid mit dem vielgeplagten Brunnen; er hatte oft gesagt, es sei
unausstehlich, da die Kinder fortwhrend am Brunnen herumspielten. An
einem Linksaufstehtag hatte er einmal den Schulzen so lange gebeten,
bis der wirklich das Spielen am Brunnen verbot. Hans Rumps selbst hatte
sthnend und seufzend ein Plakat geschrieben, auf dem stand: =Es is
ferbohden hiher zu schpieln un Uhnsinn un Lerm magen. Wr das nich duht
wirtt beschtrafft. Di Ohrdsbollezeih.=

[Illustration: Dorfbrunnen]

Mit der Rechtschreibung standen die Oberheudorfer Kinder nun zwar
selbst manchmal auf dem Kriegsfu, Hans Rumps' Plakat erregte aber doch
ihr allergrtes Vergngen. Sogar Heine Peterle, der es meist unter
zehn Fehlern im Diktat nicht tat, sagte: Na, wenn das der Herr Lehrer
sieht!

Der bekam es aber nie zu sehen, denn als Hans Rumps diese schne
Verordnung eben am Brunnen befestigen wollte und dazu auf den Rand des
Troges trat, verlor er pltzlich das Gleichgewicht und plumpste mit
seinem Plakat ins Wasser. Er kam wieder heraus und wurde auch wieder
trocken, seine schne Verordnung aber war aufgeweicht, die Schrift
ineinander gelaufen und alles unbrauchbar geworden. Hans Rumps schrieb
kein zweites Plakat, der Schulze dachte: Ach, mgen sie doch spielen!
und so blieb der Brunnen den Kindern unverboten.

Etliche Tage, nachdem Muhme Lenelies die Geschichte von der schnen
Liebelinde erzhlt hatte, sa Annchen Amsee am Brunnen und nhte. Es
war wieder schnes Wetter geworden. Ein bichen kalt war es zwar,
aber das kmmerte Annchen nicht weiter, sie nhte mit vielem Eifer
an ihrem Rckchen und war rot und hei dabei geworden. Annchen Amsee
war ganz fleiig in der Schule, war flink mit den Beinchen und noch
flinker mit dem Znglein, aber Nhen, Stricken, Sticken und Stopfen
wollte und wollte ihr nicht gelingen. In der Handarbeitsstunde war
sie die schlechteste Schlerin, und es gab Ermahnungen und Strafen
ohne Ende. Seit Muhme Lenelies aber von der geschickten Flickerin
erzhlte hatte, war in Annchen der Wunsch erwacht, auch so fleiig
und geschickt zu werden, um dann vielleicht einen Prinzen zum Mann zu
bekommen. So sa sie denn am Freitag nachmittag und stopfte. Natrlich
hatte sie gerade ein Loch im Kleid, sie hatte sich auch geschwind
etliche Haare ausgerissen und versuchte damit ihr Heil. Es ging aber
nicht so einfach, immer wieder rissen die Haare, und das Loch war
wie ein groes hungriges Maul, das sich nicht schlieen will, selbst
beim grten Butterbrot nicht. Neben der Kleinen standen zwei Mgde,
Mine aus der Himmelblauen Ente, die gekommen war, Wasser zu holen,
und Amsees Laura, die wusch Eier am Brunnen ab. Morgen sollte zum
Markt gefahren werden, und Laura meinte, den Stdtern msse man die
Eier schn sauber bringen. Ihre Buerin fand zwar immer, dies sei eine
berflssige Arbeit, Laura aber lie nicht gerne davon ab, Oberheudorfs
Sauberkeit sollte in der Stadt gerhmt werden. Krmers Trude hatte
sich auch eingefunden, und die groen und kleinen Mdel schwatzten
gerade eifrig miteinander, als fnf Buben die Dorfstrae entlang kamen.
Natrlich blieben sie stehen, und natrlich sahen sie zu, was die Mdel
taten. Schnipfelbauers Fritz war es, der zuerst rief: Annchen stopft,
seht doch nur! N, sie will wohl 'nen Prinzen heiraten?

Annchen Amsee wurde rot. Sie neckte sonst gern und lie sich necken,
aber nur nicht mit ihren Nhknsten. Sie sagte darum sehr schnippisch:
Was geht's euch an? So dumme Buben, wie ihr seid, will ich freilich
nicht heiraten.

Sie stopft, sie will 'nen Prinzen, riefen nun auch die andern Buben
hhnend.

Sie kriegt gar keinen, sie mu auch hundert Jahre lernen! schrie
Heine Peterle.

Seid doch still, ihr, schalt Mine, die gerade fortgehen wollte, und
spritzte die Buben. Haltet den Mund! gebot Laura, und auch Trude
schalt und fing an zu spritzen; nur Annchen tat, als bemerkte sie die
Buben nicht mehr, eifrig stopfte sie weiter.

Sie nimmt ihre Haare, n, seht doch! rief Schulzens Jakob, der sich
gar nicht um das Spritzen kmmerte. Die fnf Buben brachen in ein
lautes, hhnisches Gelchter aus, und soviel auch Laura und Trude
schalten, sie neckten das arme Annchen immer weiter. Die dachte tapfer:
Sie werden es schon satt kriegen, dabei kamen ihr aber doch die
Trnen in die Augen, und immer ri der Faden. Darber wollten sich nun
die Buben ausschtten vor Lachen. Bei jedem Stich, den Annchen tat,
schrieen sie: Es reit, es reit! Aufgepat, der Prinz rennt fort!

Nun hrt aber endlich auf, sagte Laura und schwang drohend einen
nassen Lappen, sonst bekommt ihr den an den Kopf!

Erst treffen! rief Heine Peterle schnippisch und stellte sich breit
und keck vor den Brunnen hin.

[Illustration: Das zornmtige Annchen.]

Ritsch! ri Annchens Haar entzwei und damit auch ihre Geduld. Sie
besann sich einen Augenblick, sollte sie spritzen oder ihr Rckchen
den Buben an die Kpfe werfen. Da fiel ihr Blick auf Lauras Eierkorb.
Hastig griff sie hinein und--platsch! flog ein Ei Heine Peterle
gerade mitten auf seine kleine, dicke Stupsnase. Das halbe Gesicht
wurde gelb, es sah aus, als hinge dem Buben ein Eierkuchen an der Nase.
Ehe sich die andern noch besannen, ergriff das zornmtige Annchen zwei
andere Eier. Platsch! flog das eine dem dicken Friede in den offenen
Mund, der Bube schluckte und pustete, und da hatte Schulzens Jakob
schon ein Ei gerade vorn auf seinem Buchlein, als htte er eine groe
Sonnenblume vorgesteckt.

Bist du denn nrrisch, Mdel? schrie Laura erbost und rettete
jammernd ihren Eierkorb. N, zum Kuckuck, was fllt denn dir ein?
Das ist ja wohl eine neue Mode, mit Eiern Fangball zu spielen? Warte,
ich werde dir zeigen, was es heit, Eier aus Vergngen andern an die
Kpfe zu werfen! Ehe Laura aber noch ausgeredet und die Buben sich von
ihrem Schreck erholt hatten, war Annchen Amsee schon auf und davon.
Wie gejagt eilte sie nach Hause, Trude rannte schluchzend hinterdrein.
Annchen raste, Trude raste, und so kamen sie unbemerkt in Amsees
Holzstall hinein. Dort kauerten sich beide Mdel in den dunkelsten
Winkel und heulten erst ein Weilchen um die Wette. Hrte Annchen einmal
auf, so schluchzte Trude Huhuhu! und hrte Trude auf, dann jammerte
Annchen Achachachach! Eigentlich hatte es Krmers Trude doch gar
nicht ntig zu weinen, sie war jedoch eine viel zu gute Freundin, um
Annchen in ihrem Kummer allein zu lassen.

Auf einmal flsterte aber Trude ngstlich: Es kommt jemand! Ganz
geschwind krochen beide hinter einen Reisigberg. Trude schob noch rasch
ein paar Bndel vor, und so saen sie wie in einer kleinen Kammer. Aber
da lugten auch schon etliche bitterbse Bubengesichter in den Holzstall
hinein, und tuschelnde Stimmen wurden laut: Ob sie hier sind?--N,
die sind sicher ins Haus gelaufen, die Bangbxen, sagte Heine Peterle
verchtlich. Eine Weile standen die Buben beratend an der Tre.
Einer sagte: Wir mten sie doch sehen! Der dicke Friede meinte:
Vielleicht sind sie hinters Holz gekrochen, ich gehe rein und suche!
Die Mdel zitterten wie Espenlaub in ihrem Versteck, und beinahe htten
sie beide losgeschrieen, als pltzlich eine barsche Stimme rief: Was
macht ihr denn da? Ein Knecht kam ber den Hof, und ein wenig verlegen
brummelten die Buben, da sie Annchen und Trude suchten. Die sind
nicht hier, rief der Knecht, kam in den Holzstall hinein und rief:
Mdel, seid ihr da?

Alles blieb still, die beiden wagten in ihrem Reisigkmmerlein kaum zu
atmen, sie frchteten sich schrecklich, und Annchen hatte das Gefhl,
eine furchtbare Tat begangen zu haben. Na seht ihr, sie sind nicht
drin, sagte der Knecht, also marsch hinaus! Er trieb die Buben aus
dem Holzstall, schlo die Tre und schob den Riegel vor.

Die beiden Mdel hrten, wie die Buben fortgingen, und nach einem
Weilchen flsterte Annchen: Wir wollen jetzt ins Haus gehen, da sind
wir sicherer. Sie versuchten die Tre zu ffnen, aber o weh, sie
war verschlossen. Betroffen schauten die beiden einander an. Wir
sind--eingesperrt! Einen Augenblick standen sie beide ratlos an der
Tr; sie wuten erst nicht recht, sollten sie lachen oder weinen. Weil
nun das Trnenbrnnlein aber schon einmal aufgezogen war, fingen sie
ein jmmerliches Weinen an. Sie hockten beide im dmmerigen Holzstall
und schluchzten wieder abwechselnd Huhuhuhu! und Achachachach!,
schluchzten, bis Krmers Trude auf einmal an ihr Vesperbrot dachte,
das sie in der Tasche hatte. A--a--annchen, heulte sie,
i--i--ich haabe was zu essen!

Dies Wort wirkte sehr beruhigend auf Annchen, denn ihr fiel ein, da
sie eigentlich Hunger und kein Vesperbrot hatte. Sie trocknete daher
ihre Trnen, und beide Mdel begannen Trudes Schnitten zu verzehren.
Sie wurden leidlich satt zusammen und waren nun imstande, etwas
ruhiger ber ihre Lage nachzudenken. Zu schreien wagten sie nicht,
sicher trieben sich die Buben in der Nhe herum. Nachher holt unsere
Laura noch Holz, sie tut das immer gegen Abend, sagte Annchen, dann
knnen wir raus. Sie ist schon nicht mehr bse, die brummt nie lange!

Wenn--wenn nur keine Ratten hier sind, flsterte Trude bnglich.

Hu hu, quiekte Annchen und hopste so hoch, als se ihr schon eine
auf dem Scho, Ratten, pfui!

Ich glaube, da krabbelt was, tuschelte Trude und kletterte geschwind
auf einen Sto Reisigbndel hinauf. Komm hierher, hier kommen sie
vielleicht nicht hinauf. Annchen folgte dem Rat. Oben sa es sich
ganz behaglich, nur etwas stachlig, aber wie sie beide gerade recht
berlegten, wie sie sich setzen wollten, geriet der Reisighaufen ins
Rutschen, und die beiden Mdel kamen sehr fix wieder unten an. Ich
habe mir mein Kleid zerrissen, sthnte Trude, und Annchen barmte: Ich
habe mich gekratzt.

Selbst in einem Holzstall lt sich allerlei erleben, dies merkten
Annchen und Trude an diesem Nachmittag. Die Rattenfurcht veranlate sie
immer wieder zu neuen Klettereien; waren sie oben, so purzelten sie
wieder herab. So ging es hin und her, und sie vergaen beinahe, da
sie eingesperrt waren. Es wurde dunkler und dunkler, und als die Mdel
nun genugsam heruntergefallen waren, gaben sie es auf, vor den Ratten
zu flchten; sie kauerten sich in eine Ecke und begannen, sich leise
allerlei Geschichten zu erzhlen.

Die fnf Buben waren unterdessen im ganzen Dorfe herumgezogen und
hatten die Mdel gesucht. Dreimal hatten sie beim Krmer und bei Amsees
gefragt, ob Trude oder Annchen da wren, aber niemand wute etwas von
ihnen. Inzwischen war Annchens Tat auch im Dorfe bekannt geworden. Ihre
Mutter hatte sie ebenfalls erfahren, und alle dachten: Die Mdel haben
sich versteckt.

Es wurde dunkel, die Hausfrauen rsteten das Abendbrot, und Hans
Rumps stand seufzend aus seinem Bette auf und berlegte, wo er in
dieser Nacht wohl am besten schlafen knnte. Jetzt begannen Annchens
Mutter und die Krmerin doch ngstlich nach ihren Mdeln auszuschauen.
Es wurde im Dorfe herumgeschickt, aber niemand wute etwas von den
beiden. Die Turmuhr schlug sieben. Das war die Zeit, in der in jedem
Oberheudorfer Haus das Abendessen auf dem Tische stand, aber kein
Annchen, keine Trude lieen sich sehen. Amsees Laura kam zum Schulzen,
fragte nach Annchen und sagte zrnend zu Jakob: Daran seid nur ihr
Buben schuld. Wer wei, was den Mdeln passiert ist! Und die Krmerin
jammerte in Heine Peterles Elternhaus: Wo nur mein Mdel ist!

Da lieen alle Buben, auch die, die gar nicht dabei gewesen waren, ihr
Abendbrot im Stich und rannten hinaus, die vermiten Mdel zu suchen.
Sie vergaen allen Zorn und suchten sehr eifrig und aufgeregt, denn sie
hatten wirklich Angst, den Mdeln knnte etwas passiert sein. Nach und
nach geriet das ganze Dorf in Aufregung, die Erwachsenen schalten und
klagten, die Kinder schrieen, und Hans Rumps tutete etliche Male in
sein Horn. Bei Amsees hatten sie das Haus schon dreimal abgesucht, nun
kamen wieder etliche Buben und sagten: Vielleicht sind sie hier doch
wo!

Wir wollen noch einmal in den Holzstall gehen, meinte Laura.
Friedrich behauptet zwar, sie wren nicht dort, aber je ja, der bringt
es fertig, zu Himmelfahrt nach dem Ostersonntag zu suchen!

So ein dummes Gewsch, schrie Friedrich erbost, ging mit schweren
Schritten voran nach dem Holzstall, ri die Tre auf und rief: Na seht
her, nischt ist da!

Du meine Gte, n, da liegen ja alle beide und schlafen wie'n paar
Ratten! rief Laura, und die Buben brllten los: Sie sind da, sie sind
da!

Mit diesem Jubelruf rannten die Buben hinaus und erfllten die
Dorfstrae mit ihrem Geschrei. Laura aber sagte kurz entschlossen zu
Friedrich, der ganz verdutzt dastand und sich immerfort wunderte, da
die Mdel im Holzstall waren: Nimm du Krmers Trude und trag sie rasch
heim, ich nehme unser Annchen, sonst kommen die Buben zurck, und es
gibt ein groes Getratsch!

Friedrich tat ganz stillschweigend, wie es Laura anordnete, und als
wirklich nach einigen Minuten eine ganze Schar Buben ankam, die nun
alle die beiden Mdel sehen wollten, da lagen diese bereits in ihren
Betten, und die Buben muten abziehen. Sie waren sehr entrstet
darber, sie htten zu gern gewut, wie die Mdel eigentlich in den
Holzstall hineingekommen waren, denn Heine Peterle und Schulzens Jakob
behaupteten noch immer, sie wren bestimmt nicht darin gewesen.

Am nchsten Morgen gingen Annchen und Trude mit etwas schwerem Herzen
zur Schule. Trude hatte ja eigentlich keinen Grund dazu, aber aus
lauter Freundschaft war sie mit verlegen und schaute mit ngstlich nach
den Buben aus. Vor dem Brunnen trafen sie wieder alle fnf Kameraden,
die gestern dabeigewesen waren. Einige Augenblicke standen Mdel
und Buben stumm einander gegenber, die Mdel verlegen, die Buben
nicht wissend, ob sie gut oder bse sein sollten. Auf einmal platzte
Schulzens Jakob heraus: Wie seid ihr denn reingekommen?

Annchen und Trude waren heilfroh, da sie sprechen konnten und ihre
wunderbaren Abenteuer im Holzstall erzhlen durften. Sie taten es sehr
eifrig, erzhlten von ihrem Versteck, von den Ratten, die vielleicht
dagewesen wren, und von der Purzelei, und die Buben lauschten,
lachten, fanden die Holzstallgeschichte sehr vergnglich und bedauerten
eigentlich, da sie nicht mit dringewesen waren. Pltzlich rief Krmers
Trude kichernd: Ach, Heine Peterle, dir sa das Ei gerade auf der
Nase!

Wie ein Zauberwort wirkte dies. Sie brachen alle in ein lautes Lachen
aus, Schulzens Jakob und der dicke Friede schrieen ordentlich stolz:
Mir sa es hier!--Mir sa es hier! Trude hopste vor Vergngen hin
und her, Annchen kicherte in ihre Schrze hinein, und Schnipfelbauers
Fritz und Heine Peterle fhrten einen reinen Indianertanz auf. Die
Schulranzen gerieten in Gefahr, in den Brunnen zu fliegen, und die
Bcher und Federkasten polterten wie wild in den Ranzen herum. Die
Kinder hatten allen Zorn, alles Beleidigtsein vergessen und htten wohl
bis Mittag am Brunnen gestanden und gelacht, wenn nicht pltzlich
mahnend die Schulglocke getnt htte. Da liefen sie eilig alle Hand in
Hand der Schule zu; sie waren wieder gute Freunde, wie sie es bisher
gewesen waren, und waren vergngt, da sie den Berenbachern eine so
furchtbar komische Geschichte erzhlen konnten.

Das Brnnlein aber rann und gluckste, tropf, tropf, tropf, tropf! Es
freute sich auch, da es wieder etwas gesehen und gehrt hatte.

[Illustration: Oberheudorfer Schulkinder]

[Illustration: Dekoration]




Wir wollen die Bahn!


Wer in Oberheudorf eine Reise tun wollte, der mute erst zwei oder drei
Stunden laufen, je nachdem er lange oder kurze, flinke oder mde Beine
hatte, um die Bahnstation zu erreichen. Die Erwachsenen fanden das
beschwerlich, aber die Kinder entrsteten sich darber, als wre ihnen
das Eisenbahnfahren so notwendig wie das liebe Brot. Da hie es nun
auf einmal: Die Eisenbahn kommt! Ganz dicht an Oberheudorf sollte sie
vorbeifahren, ja Oberheudorf sollte sogar Bahnstation werden. So sagten
sie in Oberheudorf, in Niederheudorf sagten sie wieder, sie bekmen die
Station. Um diese Zeit war es, da einmal etliche Oberheudorfer Buben
und Mdel mit ein paar Niederheudorfer Kindern beim Erdbeerpflcken
im Kuhberger Walde zusammentrafen. Wir kriegen die Bahn! schrie ein
langer Niederheudorfer Bube, als er kaum die Oberheudorfer erblickt
hatte, und seine Genossen stimmten ihm zu: Ja, wir kriegen die Bahn!

N, wir kriegen sie, schrie Schulzens Jakob patzig; er als
Schulzensohn mute es doch wissen.

Ja, drei Meilen am Mund vorbei, hhnten die Niederheudorfer, und die
Oberheudorfer gaben keck zurck: Wir sind Ober, ihr seid Nieder, und
Ober kommt allemal zuerst.

Pah, ihr! So 'n kleines Dorf! Nicht mal 'n richtiges Vogelschieen
habt ihr, trumpften die Niederheudorfer auf, und die von Oberheudorf
spotteten: Wir haben Grafens und ihr nicht, und wir haben 'n Theater
gehabt und ihr nicht, etsch!

Der Streit wre wohl noch eine Weile hin und her gegangen, und wer
wei, ob es nicht zu einer Prgelei gekommen wre, aber Leberecht
Sperling, der Waldhter, erschien in der Ferne, da liefen die
Oberheudorfer geschwind links, die Niederheudorfer rechts, und nur
von weitem noch brllten sie sich gegenseitig zu: Wir kriegen
sie!--N, wir!

Daheim erzhlten dann die Oberheudorfer Buben und Mdel, wie frech die
Niederheudorfer gewesen wren, und diese erzhlten das gleiche von
den Oberheudorfern. Die Erwachsenen nahmen Partei: jedes Dorf wollte
gern die Bahn, jedes Dorf hielt sich fr berechtigt, jedes meinte,
besonders gut zur Bahnstation zu passen, und es dauerte nicht lange, da
standen sich die beiden Drfer wie Hund und Katze gegenber. Kriegen
wir die Bahn? das war die Frage, die in dieser Zeit die Alten und
die Jungen, die Groen und die Kleinen beschftigte. Standen zwei auf
der Dorfstrae zusammen, dann redeten sie ber die Bahn, die Kinder
sprachen sogar davon in der Schule, und der Herr Lehrer sagte mitunter
seufzend zu seiner Frau: Ich wollte, die Bahn fhre schon am Dorf
vorbei und nicht immer meinen Schulkindern im Kopf herum.

Smtliche Buben und Mdel hatten schon die wunderbarsten Reisegedanken,
und die Sparbchsen hatten es in dieser Zeit gut, sie durften so
tchtig Pfennige schlucken, da sie ganz fett wurden. Es war Mode unter
den Buben und Mdeln, Reisegeld zu sammeln, und wer einen Pfennig oder
gar einen Fnfer in seine Sparbchse tun konnte, der krhte wie ein
Hhnlein bei Sonnenaufgang. Auch bei den Erwachsenen fing beinahe jedes
Gesprch mit den Worten an: Wenn wir erst die Bahn haben!

Nun wird's Ernst, sagte in dieser Zeit einmal der Oberheudorfer
Schulze, die Bahnlinie soll jetzt vermessen werden.

Die gleichen Worte sagte an diesem Tage der Niederheudorfer Schulze,
und mehr noch als sonst wurde nun in den Drfern vom Bahnbau
gesprochen. Als ein reisender Handwerksbursche durch Oberheudorf kam,
dachten sogar etliche Buben und Mdel, der Mann knnte vielleicht
etwas mit dem Bahnbau zu tun haben, und dem armen Handwerksburschen
wurde himmelangst, weil ihm auf Schritt und Tritt eine Anzahl Buben
und Mdel nachliefen. In Niederheudorf ging es zur gleichen Zeit einem
Handelsmann nicht besser, aber der war ein Schelm und erzhlte den
Kindern: Ja freilich, ihr kriegt schon die Bahn, pat nur ordentlich
auf! Wenn einer von der Bahn kommt, dann mt ihr ihm nur gut
zureden. Eine Stunde spter sagte der Handelsmann dies auch zu den
Oberheudorfern, und seitdem warteten smtliche Buben und Mdel in Ober-
und Niederheudorf auf den Mann, dem sie gut zureden konnten.

In diesen Sommertagen wurde es einem Studentlein in einer groen Stadt
zu schwl. Er packte seinen Rucksack und zog hinaus ins weite Land,
ging ber die Berge und durch Wlder, um sich einen recht stillen
Erdenwinkel auszusuchen, wo er in aller Ruhe arbeiten konnte. Das arme
Studentlein mute im Herbst sein Examen machen, und nun zuguterletzt
fiel ihm ein, da er recht, recht oft das Studieren vergessen hatte. Es
galt nun, das Versumte nachzuholen, und weil ihn in der Stadt allerlei
von der Arbeit abgezogen hatte, wanderte er mit sehr ernsthaften
Fleigedanken auf das Land hinaus. Er wanderte etliche Tage hin und her
und gelangte an einem besonders warmen Nachmittag an eine Wassermhle,
die ein wenig abseits von einem freundlichen, schmucken Dorf im Tale
lag. Wie ein silbernes Band, das irgend eine Riesenjungfrau verloren
hatte, flo das Bchlein durch den grnen Wiesengrund, die Mhle
klapperte, das Wasser rauschte, und im blhenden Grtchen neben der
Mhle sa eine freundliche Frau und nhte. Sie grte den Studenten
mit einem so guten Lcheln, da er stehen blieb und rasch fragte, wie
der Ort heie. Oberheudorf, sagte die Frau. Ob er hier wohl etliche
Wochen wohnen knnte, forschte der Fremde weiter. Wir sind kein
Gasthaus, sagte die Frau freundlich, was will denn der Herr?

Arbeiten, sagte das Studentlein, studieren. Das ist eine sehr
wichtige Sache, und Ruhe mu ich dazu haben.

Freilich schon, das stimmt, Ruhe mu eins zur Arbeit haben, gab die
Frau zu.

Und ruhig ist's hier, noch nicht einmal die Bahn fhrt, sagte das
Studentlein und lachte.

Der ist von der Bahn, dachte die Mllerin, dem mu ich schon ein
Quartier geben, sonst luft er noch nach Niederheudorf. Sie erklrte
sich also bereit, den Studenten aufzunehmen, rumte ihm eine gerumige
Stube im Oberstock ein und sorgte fr den Gast, als sei das ein lieber
heimgekehrter Sohn. Dem Studenten gefiel es sehr in der Mhle. Er
packte seinen Rucksack aus, schrieb in die Stadt, man sollte ihm Bcher
nachschicken, und dachte: Na, das habe ich mal gut getroffen!

Am Abend wuten es schon alle Leute in Ober- und Niederheudorf, da der
Herr von der Bahn in der Wassermhle wohnte. Allweil 'n bichen jung
sieht er aus, sagte der Schulze, dem einfiel, wie man einmal einen
Maler fr den Schulrat in Oberheudorf gehalten hatte. Man mu sehen,
ob's stimmt, meinten auch die andern Bauern.

Am Abend sagte der Mller zu seinem Mieter: Hm, 's wr schon recht,
wenn wir die Bahn kriegten, nicht die Niederheudorfer!

Freilich, erwiderte der Student, der recht hflich sein wollte.
Als er am andern Tage erst den Schulzen, dann den Schnipfelbauern,
den Kaspar auf dem Berge, den Waldbauern und zuletzt Hans Rumps
hintereinander traf und jeder sagte: Hm, 's wr schon gut, wenn wir
die Bahn kriegten und nicht die Niederheudorfer, erwiderte er allemal
sehr freundlich: Natrlich, Oberheudorf mu die Bahn haben. Er meinte
das auch wirklich so, Niederheudorf kannte er gar nicht, und da die
Oberheudorfer sich so sehr eine Bahn zu wnschen schienen, wnschte er
sie ihnen auch.

Die Niederheudorfer waren wtend, denn natrlich erzhlten es ihnen
die Oberheudorfer gleich: Wir bekommen die Bahn! Am zweiten Tage
lief darum der Niederheudorfer Schulze so lange im Walde herum, bis er
den Studenten traf. Der sammelte gerade Blumen, denn er war Botaniker,
und das Blumensuchen gehrte zu seiner Arbeit. Hm, brummte der
Niederheudorfer Schulze grimmig, die Bahn soll wohl hierher kommen?

Bewahre, die kommt doch nach Oberheudorf, erwiderte der Student
und lie den Schulzen stehen, seine Pflanzen gefielen ihm besser als
der dicke Schulze. Der lief wtend heim, und die Niederheudorfer
beschlossen, eine Eingabe an die Regierung zu machen, die Bahn solle
ber ihr Dorf gehen.

Am nchsten Morgen trafen zufllig etliche Oberheudorfer Buben und
Mdel mit einigen aus Niederheudorf zusammen, und die Oberheudorfer
taten sich so gewaltig mit der Bahn, da es den Niederheudorfern zu
viel wurde; sie behaupteten, es sei noch gar nicht sicher, gingen wie
die Kampfhhne auf die andern los, und mit lautem Geschrei prgelten
sie sich alle lustig untereinander.

Der Student geriet bei seiner Heimkehr aus dem Walde gerade unter die
Streitenden. Er rief: Aber Kinder, aber Kinder, was tut ihr denn?
Schmt euch doch!

Da ist er! schrieen die Oberheudorfer, und die Niederheudorfer riefen
ebenfalls: Da ist er! Ihnen allen fiel die Mahnung ein, da sie gut
zureden sollten, und sie dachten, jetzt sei die Gelegenheit gnstig,
und auf einmal begannen die Niederheudorfer zu bitten: Wir mchten die
Bahn, ach bitte, bitte, wir mchten sie!

Wtend schrieen die Oberheudorfer: Gelle, wir kriegen sie, uns ist sie
versprochen!

Der Student schttelte erstaunt den Kopf. Die Leute schienen hier
sonst so nett zu sein, wenn sie nur nicht die unglckliche Bahn im
Kopf gehabt htten; er konnte mit niemand reden, ohne da gleich von
der Bahn gesprochen wurde. Und dabei war es doch gerade so schn
still. Gut, da es noch keine Bahn gab! Das wilde Geschrei der Kinder
rgerte ihn, und nun begannen noch die unntzen Buben und Mdel an ihm
herumzuzerren und baten immer lauter: Wir wollen die Bahn, gelle, wir
kriegen die Bahn!

Niemand kriegt sie, rief der Student rgerlich und versuchte,
die Kinder von sich abzuwehren. Aber die dachten an das Wort des
Handelsmannes, sie sollten nur zureden, und so baten sie immer
strmischer: Wir wollen die Bahn, nein, wir, wir, gelle, wir kriegen
sie?

Dem Studenten wurde die Sache zu bunt, er schttelte sich wie ein ins
Wasser gefallener Pudelhund und schalt frchterlich. Aber alles half
ihm nichts, am Rockzipfel hingen ihm zwei, an der Botanisiertrommel
eins, rechts und links an jedem Arm gleich immer drei, und alle
bettelten und baten: Wir wollen die Bahn, bitte, bitte, uns!

[Illustration: Student und Oberheudorfer Kinder]

Niemand kriegt sie, niemand, brllte der Student, da ri der Riemen
seiner Botanisiertrommel, und pardauz flogen Pflanzen, Notizbuch,
Frhstcksbrot, alles in einem weiten Bogen herum, und ritsch, ri
dem Studenten auch noch ein rmel aus. Wenn ihr mich jetzt nicht
los lat, dann--dann drft ihr nie mit der Bahn fahren, rief der
Geplagte wtend. Da bekam er endlich etwas Luft, raffte seine Sachen
zusammen und rannte, was er konnte, der Mhle zu.

Die Kinder ihm nach, heidi, wie der Wind, sie sahen aber nur gerade
noch des Fremden Rockzipfel in der Mhle verschwinden, als sie ankamen,
und hinein wurden sie nicht gelassen. Sie zogen also jammernd nach
Hause, und dort erzhlten sie klagend, was geschehen sei. Darber gab
es eine mchtige Aufregung in beiden Drfern. Zuerst bekamen alle
Buben und Mdel, die dabeigewesen waren, so heftige Schelte, da sie
die Nase bis auf die Erde hingen und sich nur wunderten, da an diesem
Tage nicht auch drauen Blitze und Donner herniedergingen. Wenn wir
die Bahn nicht kriegen, seid ihr schuld daran, sagten sie in Ober- und
Niederheudorf.

Es wre schon am besten, einmal zu dem Herrn hinzugehen, sagte am
nchsten Morgen seufzend der Schulze von Oberheudorf, und der von
Niederheudorf dachte das auch. Aber freilich, es mu noch jemand
mitgehen, sagte der Oberheudorfer Schulze, und der von Niederheudorf
forderte gleich zwei reiche Bauern auf. Die Niederheudorfer hatten
sich etwas schneller besonnen, und so kam es, da die Bauern alle
miteinander an der Wassermhle zusammentrafen. Sie schauten sich
ein bichen verlegen an, es wute gleich jeder vom andern, warum er
gekommen war. Die Mllerin kam den Gsten mit betrbter Miene entgegen
und klagte: Er ist fort! Gestern ist er fuchswild heimgekommen,
und heute in aller Morgenfrhe hat er seine Sachen gepackt und ist
abgezogen. Er hat gesagt, hier wr's sonst schon recht, und die Mhle
gefiele ihm besonders gut, aber da die Leute alle den Bahnrappel
htten, das wre schlimm. Die Mllerin trocknete sich die Augen mit
der Schrze ab, die Sache ging ihr nahe; da das Studentlein fort war,
tat ihr bitter leid, sie htte dem blassen Stadtherrn doch himmelgern
rote Backen angepflegt. Wie er schon ein Stckchen weg gegangen war,
fuhr sie klagend fort, hat er sich noch umgedreht und gerufen: >Besser
wr's, wenn gar keine Bahn herkme!<

Die Bauern sahen sich betroffen an. Na, das wre ja eine schne
Geschichte! ber diesen Schreck vergaen sie allen gegenseitigen Zorn
und redeten ganz vernnftig zusammen. Nachher zogen sie sehr verstimmt,
sehr gergert heimwrts. Die Mllerin sagte zwar, sie glaube, der
Herr habe gar nichts mit der Bahn zu tun gehabt, aber trau' einer den
Stadtleuten. Nach drei Tagen bekamen der Ober- und Niederheudorfer
Schulze je einen Brief, in dem stand, da die Bahn ber Langenrode
gehen wrde, das lag etwa eine Stunde von jedem Dorf landeinwrts.
Schockschwerenot, da haben wir's! An der ganzen Geschichte sind nur
die Kinder schuld, das unntze Gesindel, rief der Niederheudorfer
Schulze, und der von Oberheudorf schalt nicht minder, nur sagte er:
Hagelwetter!

Die Buben und Mdel, die dabeigewesen waren, hatten keine guten Tage.
Immer hie es: Da seid ihr daran schuld! Ach, und sie hatten es doch
so gut gemeint und hatten sich selbst so sehr auf die Bahn gefreut.

Wieder nach einigen Tagen erfuhren es die Leute in beiden Drfern,
da das Studentlein ganz unschuldig an der Sache war. Da atmeten die
Kinder auf: nun konnten sie doch nichts dafr, da es keine Bahn gab.
Sie sagten auch gleich sehr keck: Na, auszureien brauchte der Herr
auch nicht gleich, wir waren doch so nett mit ihm! Und flugs waren
sie wieder lustig und unntz wie vorher. Die Mllerin meinte auch, nun
knnte ihr Stadtherr eigentlich wiederkommen. Aber der kam nicht, der
hatte genug von der Oberheudorfer Ruhe.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Leberecht Sperling und der Papagei]




Ein Wundervogel.


Wieder einmal war die Zeit der groen Sommerferien gekommen. An einem
Sonnabend saen alle Buben und Mdel, die fleiigen und die faulen,
sehr vergngt und feierlich zum letzten Male in der Klasse. Drei Wochen
Ferien lagen vor ihnen, eine lange, wundervolle Zeit! Smtliche Buben-
und Mdelfe zappelten an diesem Tage unter den Tischen hin und her
wie Muslein, wenn sie in eine Falle gegangen sind, sie konnten das
Hinauslaufen gar nicht mehr erwarten. Und das tuschelte und wisperte in
den Reihen, und die Augen blitzten und blinkerten wie frisch geputzte
Fensterscheiben im Sonnenglanz. Mdelzpfe wippten auf und ab, und
bald kicherte es hier, bald dort, ein Federhalter, der zu Boden
fiel, brachte die ganze Schar zum Lachen, und Anton Friedlich tunkte
beinahe mit seiner Nase in das Tintenfa vor Vergngen. Die Spatzen,
die auf dem Fenstersims saen und Frhstckbrotreste verspeisten,
dachten sicher: Na, das sollen nun brave, gesittete Schulkinder sein!
Potztausend, ja, anders geht es in unserer Spatzenschule auch nicht zu!

Ob wir viel Ferienarbeiten kriegen? flsterte auf der Mdelseite
Annchen Amsee ihrer Nachbarin Mariandel zu, und drben auf der
Bubenseite seufzten Heine Peterle, Anton Friedlich und noch einige
andere: Hoffentlich gibt's nichts auf!

In diese Fragen hinein sagte der Herr Lehrer pltzlich: Ferienarbeiten
will ich nicht viel geben, nur einen Aufsatz sollen die Groen
schreiben, von irgend etwas erzhlen, was ihr erlebt habt, oder etwas
beschreiben, was euch sehr gefllt; die Kleinen mgen...

Was die Kleinen sollten, darauf hrten die Groen gar nicht mehr, sie
waren nur heilfroh, da sie selbst nicht viel aufbekommen hatten.
Ein Aufsatz! Pah, die Arbeit war nicht gro, die strte nicht die
Ferienfreude, und so strmten denn die Kinder mit lautem Jubelgeschrei
nach Schlu der Schule auf die Dorfgasse hinaus.

Bewahr' mich! sagte Muhme Rese, die mit ihrem Strickstrumpf vor der
Haustre sa, heute schreien aber die Kinder wie die Hottentotten!
Muhme Rese hatte zwar in ihrem ganzen Leben noch keinen Hottentotten
gesehen, und wo die eigentlich lebten, wute sie auch nicht, aber
Hottentottengeschrei galt ihr als etwas Frchterliches.

N, der Lrm! Wozu es auch nur Ferien geben mu! murrte Schuster
Pechdraht.

Nun, wenn es der Schuster auch nicht wute, die Buben und Mdel wuten
es ganz genau, wozu Ferien da sind; sie hatten so viele lustige
Ferienplne, wuten so viele Spiele, die sie spielen wollten, da sie
auch mit sechs Wochen Ferien fertig geworden wren.

Als Traumfriede heimkam und seine Bcher in den Schrank legte, kam
Muhme Lenelies rasch aus dem Grtchen heraus und sagte: Du, Friede,
die Wassermllerin war vorhin da, sie lt fragen, ob du die Ferien
ber Hirt bei ihr sein willst; ihr Peter soll bei der Ernte helfen.
Magst du?

Die gute Muhme fragte ein bichen mitleidig, sie htte ihrem Pflegesohn
gern die Ferienfreiheit gegnnt.

Friede aber machte gar kein betrbtes Gesicht, sondern sah sehr
vergngt drein. Des Wassermllers Khe austreiben und den lieben
langen Tag drauen sein zu drfen, erschien ihm ein kstliches
Ferienvergngen.

Er sagte darum hell und froh: Ei gewi, Muhme, ich tu's gern!

Am Montag in aller Morgenfrhe zog der Bube mit seiner kleinen Herde
nach dem Buchberg, einem nicht allzu hohen Berg, der gutes Weideland
hatte. Alle andern Oberheudorfer Buben und Mdel lagen noch in ihren
Betten und genossen Ferienruhe, aber Friede beneidete sie nicht,
es dnkte ihm wundervoll, so an einem taufrischen Sommermorgen
auszuziehen, einen langen, sonnigen Tag vor sich. In seinem
Rucksckchen hatte er Brot und ein Buch, das ihm der Lehrer geborgt
hatte, damit kam er sich reich und glcklich wie ein Prinz vor.--

Ferien sind eigentlich kuriose Dinger, sie haben so lange Beine, da
sie weglaufen, ehe Buben oder Mdel noch recht wissen, da sie da sind.
Hui, wupp! sind sie um die Ecke herum, und das arme Schulkind steht da
und hat das Nachsehen. Den Oberheudorfer Kindern erging es gerade so.
Erst hatten sie gemeint, die Ferienwochen wren endlos lang, und auf
einmal war schon die dritte Woche da, sie wuten nicht wie. Es sind
gar keine richtigen Ferien, schalt Heine Peterle am Montag dieser
letzten Ferienwoche; er hatte nmlich dreimal auf dem Felde helfen
mssen, und nun sthnte der kleine Faulpelz ber die viele Arbeit. An
diesem Montagmorgen nun hatte er so viel zu tun, da er, die Hnde in
den Hosentaschen, vor der Haustr stand und--ghnte. Er wute nicht,
was er zuerst anfangen sollte. Die Mutter hatte gesagt: Fange heute
einmal deinen Aufsatz an, es wird Zeit! Muhme Rese hatte geraten:
Hilf mir heute etwas im Garten, das ist gesund, und der Vater hatte
den Vorschlag gemacht: Erst schreibe etwas, dann komm und hilf beim
Einfahren, das mu ein knftiger Bauer lernen.

Heine Peterle fand nun alle diese Plne nicht sonderlich verlockend,
viel vergnglicher fand er Schulzens Jakobs Vorschlag, mit nach dem
Buchberg zu gehen und Traumfriede zu besuchen. Wenn nur der Aufsatz
nicht gewesen wre, die Gartenarbeit und das Einfahren, dann----

Heine Peterle, rief just in diesem Augenblick seine Mutter, du
knntest heute erst einmal nach Niederheudorf laufen und dort beim
Krmer Schnelle Strke holen, unserer hat keine mehr!

So, das war nun eine Arbeit, die Heine Peterle gut gefiel, zu der
fanden sich auch Genossen, und schon nach etlichen Minuten trabte eine
vergngte Schar auf Niederheudorf zu. Dicht hinter dem Dorfe trafen die
Kinder einen Boten des Grafen Dachhausen, der hielt sie an und erzhlte
ihnen, der Papagei der Grfin sei ausgerissen; sie mchten unterwegs
aufpassen, wer ihn wiederbrchte, sollte eine Belohnung erhalten. Der
Vogel habe eine feine goldene Kette am Fu, an der sei er vielleicht
zu fangen. Dies war eine aufregende Sache. Wir suchen ihn, sagten
die Kinder gleich sehr eifrig. Schulzens Jakob meinte sogar ganz
kaltbltig: Heine Peterle kann ja allein nach Niederheudorf gehen, wir
laufen in den Wald und suchen den Vogel.

Heine Peterle war sprachlos ber diese Treulosigkeit, Annchen Amsee
aber rief fix: Nein, das tue ich nicht, der Vogel kann ja ebenso
gut an der Strae auf einem Baum sitzen. Ich hab's Heine Peterle
versprochen mitzugehen und gehe mit!

Schulzens Jakob schwieg, er schmte sich ein bichen, die andern Kinder
aber sagten alle: Annchen hat recht. Sie zogen also miteinander nach
Niederheudorf, liefen sehr still und eilig ins Dorf hinein, kauften
Strke ein und rannten wieder hinaus, sie wollten nicht erst von den
Niederheudorfer Kindern gesehen werden. Auf dem Wege nach Niederheudorf
hatten sie keinen blaugrnen Papagei gesehen, soviel sie auch geguckt
hatten, und auf dem Rckwege durch den Wald war auch kein fremder Vogel
zu erblicken.

Nahe am Buchberg, wo Traumfriede seine Herde htete, kam Hans Rumps den
Kindern entgegen. Wit ihr schon, rief er bereits von groer Weite,
daߠ----

Ja, schrieen die Kinder alle, wir wollen ihn suchen!

Suchen, warum denn suchen? fragte Hans Rumps verdutzt.

Ist er denn schon da? riefen die Kinder enttuscht.

Na freilich ist er da, ist immer dagewesen. Warum sollte er auch nicht
da sein? Er hat es doch gesehen, wie der Wagen umfiel, erklrte der
Nachtwchter.

Ist denn der Papagei in einem Wagen gefahren? Die Kinder sahen Hans
Rumps verwundert an, und Hans Rumps sah die Kinder verwundert an
und brummte: Was redet ihr denn da von einem Papagei? Was ist das
berhaupt fr ein nrrisches Ding?

Ein Vogel ist das, riefen die Kinder und redeten dann alle
durcheinander: Davongeflogen ist er. Manchmal kann ein Papagei
auch sprechen, sagt der Herr Lehrer.--Der Frau Grfin gehrt
er.--Wenn wir ihn finden, sollen wir was kriegen. Helft uns doch
suchen.

Na, ich sag's doch, rief Hans Rumps hchlichst erstaunt, bei uns
passiert immer mehr, als ein Mensch vertragen kann. Dem Schulzen ist
sein Erntewagen umgefallen, pardauz! da lag er, und nun fliegt auch
noch ein Papagei im Walde herum. Du meine Gte, was soll das nur
werden, wenn es so fortgeht!

Schafskopp, Schafskopp, halt den Schnabel, kreischte neben Hans Rumps
pltzlich eine Stimme, und der brave Nachtwchter erschrak so, da er
sich rittlings in das Moos setzte. Was ist denn das, was schreit hier
denn so? jammerte er ngstlich. Kinder, erbarmt euch, hier ist ja
wohl am hellichten Tage ein Gespenst!

Mach die Tr' zu, mach die Tr' zu, kreischte es wieder, und nun
sahen die Kinder einen blaugrnen Vogel, der ber ihnen auf einer Buche
sa und sich Nachtwchter und Kinder ganz vergngt von oben herab ansah.

Es ist der Papagei, der Frau Grfin ihr Papagei! Er kann sprechen,
ach, er kann sprechen! Wir kriegen was, schrieen die Kinder aufgeregt
und sprangen an dem Baum hoch, um die feine goldene Kette zu fassen,
die an dem Fu des Wundervogels hing. Hans Rumps, sieh doch, da ist
er, da sitzt er!

Wo denn? murmelte Hans Rumps und sah immer an einer Tanne hinauf. Er
zitterte ordentlich, so war ihm der Schreck in die Glieder gefahren.

Schafskopp, Schafskopp, mach die Tr' zu, kreischte der Papagei
wieder. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Hans Rumps sprang wtend
auf. Ein Vogel sollte das sein, der da sprach und ihn, den Nachtwchter
von Oberheudorf, einen Schafskopf nannte,-- das war ihm doch zu toll.
Was fllt dir denn ein, du dummes Vieh du? brllte er und sprang auf.
Was hast du denn zu sprechen? So eine Frechheit, mich Schafskopf zu
nennen! N, nu sag' noch ein Wort, dann sollst du...

Mach die Tr' zu, geschwind, geschwind! schnarrte der Papagei und
hopste wild von Ast zu Ast. Unten sprangen die Kinder ebenso wild
nach der Kette, um den Vogel zu fangen, der Nachtwchter aber sagte
beleidigt: Das ist ein unverschmtes Tier, n, das ist gar kein
richtiger Vogel. Ich geh' nach Hause, schimpfen lasse ich mich nicht.
Er warf dem Papagei einen verchtlichen Blick zu, bckte sich, hob
seine Mtze auf, die zu Boden gefallen war, und schickte sich an
heimzugehen.

Hahahahaha, willst du ein Kchen? kreischte der Vogel.

[Illustration: Traumfriede und der Papagei.]

Na, nun schlgt's dreizehn, nun will mir das unvernnftige Biest gar
noch einen Ku geben! Na warte! rief Hans Rumps emprt. Er nahm sein
Horn, das er immer bei sich trug, denn es htte doch wirklich einmal
brennen knnen, und tutete laut hinein. Tuttut, klang es durch den
Wald, und erschrocken flog der Papagei auf--und weg war er.

Verblfft starrten ihm die Kinder nach. Nachtwchter, riefen sie
klagend, du hast ihn verjagt, nun kriegen wir vielleicht nichts!

Schadet nischt, sagte Hans Rumps ungerhrt, nun hat das Untier doch
mal gesehen, wer ich eigentlich bin. Geht lieber nach Hause, 's ist
gleich Mittagszeit. Wenn ihr zu spt kommt, kriegt ihr Schelte, und
nachmittags ist der Vogel, der gewi gar kein Vogel ist, sicher noch
da. Marsch, lauft, sonst bekommt ihr nichts zu essen!

Brummelnd, sehr verdrielich und doch recht mittagshungrig traten
die Kinder den Heimweg an. Der Nachtwchter tat, als bemerkte er
ihren rger gar nicht, er ging stolz voran. Da er dem Vogel Respekt
eingeblasen hatte, befriedigte ihn ungemein; wie ein rechter Held kam
er sich vor.--

Muhme Lenelies' Pflegesohn sa an diesem stillen Sommertag hchst
vergngt unter einer alten Eiche und gab auf seine Herde acht.
Sonderlich schwer machten es die fnf Khe und drei Ziegen ihrem
Hter nicht, sie in Ordnung zu halten, und der Bube war wieder einmal
recht der Traumfriede, er trumte mit offenen Augen wundervolle
Dinge. In den Zweigen des Baumes rauschte es, und dem Buben war es,
als flsterten die leise aneinanderschlagenden Bltter ihm allerlei
seltsame Geschichten zu. Der Herr Lehrer hatte den Kindern in der
Schule von den alten Germanen erzhlt, die im heiligen Eichenhain dem
Gott Donar geopfert hatten, und von diesen lngst vergangenen Tagen
rauschte und raunte es in dem alten Baum, von den Helden, die einst
in seinem Schatten von ihren Kriegstaten berichtet und die Schdel
der geopferten Kriegsrosse am Stamme befestigt hatten. Aber auch von
Elfen und Waldweibchen flsterte es, von Sommernchten, in denen hier
auf weichem Wiesengrund sich ein lustiges Mrchenvolk im Tanze drehte.
Aus diesen Trumen schrak der Bube pltzlich empor. ber ihm rief eine
schnarrende Stimme: Schafskopp, gib mir ein Kchen, hahaha, gib mir
ein Kchen! Friede fate sich unwillkrlich an seine Nase und zog
krftig daran,--trumte oder wachte er?

Mach die Tr' zu, mach die Tr' zu! kreischte es da wieder, und
nun sprang Friede doch auf und sah sich um. In dem Gezweig der Eiche
sa ein blaugrner Vogel, der mit schief gehaltenem Kopf den Buben
sehr prfend ansah. Friede mute an das Mrchen vom blauen Vogel des
Glcks denken, das Muhme Lenelies ihm erzhlt hatte. War das nun ein
Glcksvogel? Er fate sich wieder an die Nase: nein, er war doch wach
und trumte nicht mehr, und der Wundervogel gehrte ins Mrchenland,
also mute das wohl hier doch ein anderer sein. Nun sah der Bub aber
auch die feine, goldene Kette, die von dem Fu des Vogels herabhing.
Gewi war der Vogel irgendwo ausgerissen. Lola hat Hunger, Hunger,
kreischte der Vogel und schlug mit den Flgeln, als wollte er
davonfliegen. Friede besann sich nicht lange. Er nahm rasch sein Brot
aus dem Sack, zerbrckelte ein Stck und streute es fr den seltsamen
Gast hin. Der besah sich etwas erstaunt die Sache, hpfte aber doch
auf einen niedrigen Ast, legte den Kopf auf die andere Seite und
schien sich zu berlegen, ob die Mahlzeit wohl fr ein so vornehmes
Tier gut genug sei. In diesem Augenblick griff Friede rasch nach der
Kette und zog daran den Vogel vom Baum. Der war erst so verblfft, da
er sich ruhig greifen lie, pltzlich aber besann er sich und hackte
wtend nach Friedes Hand. Au! schrie der Bube laut, hielt den Vogel
aber trotz des heftigen Schmerzes fest und steckte den zappelnden und
laut Schafskopp schimpfenden Gesellen kurz entschlossen in seinen
Rucksack. Da war der Herr Papagei gefangen; es half ihm nichts, da er
schnarrte: Schafskopp, Schafskopp, mach die Tr' zu, mach die Tr'
zu!

Friede lachte: Sie ist ja zu! Sei du nur still, es wird schon
herauskommen, wem du ausgerissen bist. Der Bube war nicht so
empfindlich wie Hans Rumps, und die vielen Schafskpfe, die ihm der
Papagei in seiner Wut zurief, rgerten ihn nicht. Er lachte darber,
wie drollig das war, da ein Vogel sprechen konnte. Gewi war es ein
Papagei, von diesen Vgeln hatte der Herr Lehrer auch erzhlt.

ber des Buben Hand aber rann das Blut, und die Wunde schmerzte heftig.
Friede nahm einen Krug mit Wasser, den er sich immer an der Quelle,
an der er frh vorbeikam, fllte, und wusch die Wunde ab. Der Papagei
hatte ein ganzes Stck Fleisch aus dem Ballen der linken Hand gehackt,
und so weh es tat, Friede dachte doch: Gut, da es die linke Hand ist,
da kann ich wenigstens was anfassen. Der Papagei zappelte in seinem
Gefngnis hin und her, bald fuhr er hier, bald dort mit seinem Schnabel
durch den Stoff und suchte sein Gefngnis zu zerreien. Friede hatte
einen Bindfaden genommen und damit die Kette an einem niedrigen Ast
angebunden; kam der Vogel aus dem Sack heraus, so mute er immer noch
eine Weile zerren und beien, ehe er ganz frei wurde.

Etwas hilflos sah sich Friede nun um. Er wute nicht recht, was er tun
sollte; seine Herde konnte er nicht verlassen, sie heimzutreiben, war
es zu frh, aber die Hand tat ihm sehr, sehr weh, und er sehnte sich
nach Muhme Lenelies, die so gut solche Schden zu heilen wute.

Es war recht gut, da an diesem Tage Leberecht Sperling auch einmal
aus dem Walde heraus nach dem Buchberg ging, sonst wre dem armen
Friede die Zeit doch wohl recht lang geworden. Seit ihn der Waldhter
heimgetragen, war zwischen ihnen beiden eine stille Freundschaft, und
so rief Friede heute auch laut, als er diesen von ferne erblickte:
Herr Waldhter, Herr Waldhter!

Na, was soll's denn? brummte der und kam nher. Friede rannte ihm
entgegen und erzhlte ihm rasch von seinem Fange. Den suche ich doch
gerade, diesen Ausreier, schalt Leberecht Sperling. Unsere Frau
Grfin ist ganz traurig, und die junge Grfin heult wie--wie eine
Dachrinne. Da eine weinende Grfin und eine tropfende Dachrinne
doch recht verschieden sind, strte den Waldhter nicht, und Friede
fand den Vergleich sehr schn. Leberecht Sperling aber schimpfte auf
den Papagei, auf Friede, auf die verletzte Hand, auf des Waldmllers
Ziegen, weil die neugierig herbeikamen, auf die Sonne, die zu hei
brannte, und noch auf alles Mgliche und Unmgliche. Als er genug
geschimpft hatte, sagte er, Friede solle noch ein wenig warten, er
wrde nach seinem Hause gehen, das nahe lag, und einen Korb holen
und darin den Papagei selbst nach dem Schlosse tragen. Es dauerte
auch nicht lange, da kam Leberecht Sperling wieder zurck. Er brachte
in dem Korb ein reines Tuch und eine Flasche Arnika mit und verband
Friede unter vielem Sthnen und Brummen sehr sanft und ordentlich die
Hand, dann holte er aus dem Korb noch einen Topf Kaffee und ein Stck
Striezel heraus, sagte zu Friede mit einer Stimme, als wollte er den
Buben selbst aufessen, er sollte jetzt essen und trinken, nachher
wrde er wiederkommen und ihm erzhlen, wie er den Papagei nach dem
Schlo gebracht htte. Mach die Tr' zu, mach die Tr' zu, schrie
der Gefangene in seinem Korb. Freilich wird sie zugemacht, brummte
Leberecht Sperling ungerhrt und trabte los.

Friede sa nicht mehr lange in Einsamkeit und Stille unter der
Eiche. Schwatzend, lrmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt und
hoffnungsvoll kamen ungefhr zwanzig Buben und Mdel angelaufen.
Friede, wir suchen einen Papagei! Friede, denke nur, er kann sprechen,
und wenn wir ihn fangen, dann kriegen wir was!

Traumfriede lachte und erzhlte nun von seinem Fang, und da Leberecht
Sperling den Papagei nach dem Schlo getragen htte. Das ist doch ein
Mrchen, sagte Annchen Amsee, und ein paar Stimmen riefen: Er neckt
uns nur.

Aber Friede verteidigte sich, er zeigte seine verletzte Hand und
erzhlte, was der Papagei gesprochen hatte, da muten es ihm die andern
freilich glauben, da der Wundervogel bereits gefangen sei. Anton
Friedlich, Krmers Trude und noch ein paar andere sagten ein bichen
enttuscht: Ach, nun kriegt Friede alles und wir nichts!

Pfui, murrte der dicke Friede, ihr seid neidisch, das ist hlich.
Auch Annchen Amsee, Mariandel, Heine Peterle und noch andere riefen:
Der Friede verdient's doch, gnnt's ihm doch! Da schwiegen die
kleinen Neidhammel beschmt. Friede aber war rot geworden, an eine
Belohnung hatte er gar nicht gedacht; nun kam's ihm auf einmal in den
Sinn, wie schn das wre, wenn er Muhme Lenelies etwas mitbringen
knnte. Darber verga er fast die Schmerzen an seiner Hand, und als
Annchen Amsee ihn mitleidig fragte: Tut's sehr weh? da lchelte er
tapfer: Es ist nicht so schlimm!

Die Kinder beschlossen, auf Leberecht Sperling zu warten. Er wrde
zwar brummen, aber das schadete nichts, die Neugier war doch grer
als die Angst vor seinem Schelten. Aber ach, Leberecht Sperling kam
freilich wieder, doch er erzhlte gar nichts, er sagte nur ganz kurz
und brummig zu Friede: Sie lassen schn danken, das Schwatztier ist
gut angekommen! Dann wandte sich der Waldhter zu den Kindern: Da
ihr mir nicht in den Wald kommt! Hier knnt ihr bleiben. Ob die Khe,
Ziegen oder ihr auf dem Buchberg herumtrampeln, ist ja gleich! Weg war
Leberecht Sperling, und alle miteinander sahen ihm gergert nach.

Das ist alles? schrie Heine Peterle endlich emprt, und Anton
Friedlich schalt: Der tut gerade so, als ob jeden Tag ein Papagei im
Walde herumfliegt. Nun gehen wir doch in den Wald.

Er fand aber keinen rechten Beifall mit seinem Vorschlag. Die Kinder
fanden es viel besser, auf der andern Seite des Buchberges, dort,
wo sich eine kleine Hhle befand,--Leberecht Sperling nannte es
ein Loch,--Indianer zu spielen, da man doch einmal drauen war.
Schulzens Jakob orakelte: Wenn wir jetzt heimgehen, mssen wir Aufsatz
schreiben. Dazu hatten sie alle miteinander herzlich wenig Lust,
und so zogen sie lachend und schwatzend weiter, und bald klang ihr
frhliches Spielgeschrei zu Friede hin, der still unter der Eiche sa.
Er war ein wenig betrbt und enttuscht und fhlte wieder heftiger die
Schmerzen in seiner Hand.

Auf einmal raschelte es neben ihm: Waldbauers Mariandel war es, die
zurckkehrte. Friede, sagte sie ein wenig verlegen, ich will dir
frisches Wasser holen fr deine Hand, weil du doch nicht fortkannst.
berrascht sah der Bube auf. Mit dem Mariandel hatte er immer nur wenig
gesprochen; mal vor einiger Zeit, als der Kleinen ein Buch in den
Schmutz gefallen war, da hatte er sie getrstet und sie heimgebracht.
Mariandel nahm Friedes Wasserkrug, lief zur Quelle und kam vergngt
wieder; sie tat ordentlich wichtig wie eine kleine Krankenpflegerin.
Dann saen sie beide unter der Eiche, und Friede begann seiner
Gefhrtin von den Geschichten zu erzhlen, die er am Morgen getrumt
hatte. Mariandel lauschte andchtig, sie sah mit ihren groen
Kornblumenaugen ernsthaft zu Friede auf, und wenn der einmal Atem
holte, flsterte sie rasch: Ach, bitte, weiter!

So saen die beiden friedlich zusammen. Sie sagten es einander nicht,
aber sie fhlten es beide, da sie von dieser Stunde an gute Freunde
waren. Der Nachmittag verging ihnen schnell genug, und sie waren
beinahe erstaunt, als die andern spielmde zurckkamen und mahnten, es
sei Zeit heimzukehren. Friede trieb seine Herde zusammen, und vergngt
zogen alle dem Dorfe zu. Als Friede dann Muhme Lenelies sein Abenteuer
erzhlte und von der entgangenen Belohnung sprach, fragte die sonst so
freundliche Muhme ganz ernst und streng: Hast du's um eine Belohnung
getan?

Nein, sagte Friede beschmt.

Na, das wre auch noch schner gewesen, schalt die Muhme. N, n,
nur nicht immer alles gleich aufs Belohnen ansehen, dabei kommt nischt
Rechtes raus. Und nun geh ins Bett und sei vergngt, da du jemand hast
einen Gefallen tun drfen! Damit basta!

Und Friede kroch geschwind und frhlich in sein Bett und verschlief
selbst die Schmerzen an seiner Hand. Es war doch ein reicher, schner
Tag gewesen: er hatte einen Wundervogel gefangen und eine liebe kleine
Freundin gefunden.

[Illustration: Papagei]

[Illustration: Dekoration]




Ferienarbeiten, und was daraus wird.


Man fngt nicht immer einen seltenen Vogel, und nach sehr
ereignisreichen Tagen kommen mitunter recht stille Stunden. Dies merkte
Traumfriede so recht am Tage nach seinem glcklichen Fange. Er sa
wieder am Buchberg und war ein bichen unruhig und erwartungsvoll, weil
er dachte, irgend etwas oder irgend jemand mte kommen. Aber kein
Papagei, kein Waldhter, keine frhlichen Schulkameraden lieen sich
sehen, ja selbst die Sonne kam den ganzen Tag nicht zum Vorschein. Frh
war es trbe gewesen, und am Nachmittag war es immer noch grau und
trbe, es regnete nicht, der Wind wehte auch nicht, und alle Vgel,
Eichhrnchen und Hslein, und was sonst einmal an Friede vorbeigehuscht
war, blieben ebenfalls unsichtbar. Alles in allem war es eigentlich
etwas langweilig. Zum ersten Male fand es Friede recht still und
einsam, und schlielich nahm er sich seine Bcher vor und begann seine
Ferienarbeit ins Unreine zu schreiben.

Um die gleiche Zeit wanderte Muhme Lenelies nach Schlo Friedheim. Am
Morgen, bald nach Friedes Weggang, war Leberecht Sperling bei der alten
Frau gewesen und hatte ihr gesagt, sie mchte doch einmal zur Frau
Grfin kommen. Warum, das sagte der Waldhter nicht, das war ihm zu
beschwerlich, er war schon wieder drauen, ehe sich die Muhme von ihrem
Erstaunen erholt hatte. Na, ist recht, dachte diese, werd's schon
erfahren. Sie versorgte noch ihre Ziege Friederike, brachte ihr Husel
in Ordnung und trat dann ihren Weg an.

Muhme Lenelies war eine schlichte, bescheidene Frau, gehrte aber
nicht zu den Menschen, die vor einem, der reicher und hher gestellt
ist, gleich allen Freimut verlieren. Jedem die Ehre, die ihm gebhrt,
aber nicht vergessen, da wir Menschen vor unserm Herrgott alle gleich
sind, pflegte sie wohl zu sagen. Unter allerlei guten, freundlichen
Gedanken verging der Muhme der Weg rasch, und bald lag das Schlo vor
ihr. Sie fragte hflich und bescheiden nach der Frau Grfin, und ein
Diener fhrte sie gleich in ein hohes, schnes Zimmer.

In einem blanken Messingkfig sa nun wieder gefangen der Papagei. Als
der die fremde Frau erblickte, schlug er mit den Flgeln und rief recht
unhflich: Schafskopp, Schafskopp!

Na, sagte Muhme Lenelies ganz ruhig, ich dchte, du wrst eher
einer. Wozu brauchst du denn auszureien?

Das stimmt, sagte lachend jemand hinter der Muhme. Es war die Grfin
selbst, die leise eingetreten war. Freundlich reichte sie der alten
Bauernfrau die Hand, und dann sa Muhme Lenelies, sie wute selbst
nicht wie, auf einmal auf einem wunderschnen, weichen Samtstuhl
und erzhlte vergngt, als mte es so sein, von ihrem Friede. Sie
erzhlte, wie der Bube zu ihr gekommen war, und wie lieb, brav und
fleiig er sei, und weil die Frau Grfin so aufmerksam zuhrte,
erzhlte sie auch von dem Wintertag, an dem der Bube im Schneesturm den
weiten, weiten Weg gelaufen war, um ihr die Medizin zu holen.

Ganz still hrte die Grfin zu, dann fragte sie noch allerlei, auch,
was der Friede wohl einmal werden wollte. Du meine Gte, sagte Muhme
Lenelies bescheiden, was soll er werden! Ein rechtschaffener Arbeiter
hoffentlich. Freilich, freilich, so'ne Buben die haben immer mchtig
groe Rosinen im Kopf. Da ist der Heine Peterle, der sagt, er mchte
mal General werden, und Schnipfelbauers Fritz, dem die Unntzigkeit
schon aus den Jackenrmeln herausguckt, meint, zu einem Doktor wrde
er's schon bringen.

Und der Friede? fragte die Grfin noch einmal.

Muhme Lenelies wurde ein wenig rot, dann sagte sie halb lachend, halb
verlegen: Na ja, der ist erst recht ein Hochhinaus, obgleich er ja
sonst ein ganz bescheidener Bube ist, der--der--n, die Frau Grfin
mssen ihn dann nicht fr eingebildet halten, er mchte ein Lehrer oder
ein Bcherschreiber werden.

Die Grfin lachte und meinte: Da wird er freilich noch viel lernen
mssen. Sie fragte sie noch dies und das, dann brachte ein Diener
einen vollgepackten Handkorb herein, den bergab die Grfin der alten
Frau und sagte freundlich: Lassen Sie und Ihr Friede sich das gut
schmecken, was in dem Korbe ist.

Muhme Lenelies war ganz verwirrt; sie dankte etliche Male, hrte es gar
nicht, da der Papagei sie um ein Kchen bat, und dann war sie wieder
drauen und war ordentlich niedergeschlagen, weil sie ihrer Meinung
nach nicht genug gedankt hatte.

Als Friede am Abend heimkam und alle Herrlichkeiten anschaute,--es
waren Kaffee, Zucker, Schokolade, Wurst und noch viele andere gute
ebare Dinge in dem Korb gewesen,--tanzte er vor Freude in der Stube
herum. Nun war der Papagei doch ein Glcksvogel! jubelte er. Oh,
Muhme Lenelies, was fr wunderschne Ferien habe ich!

Die Ferien benahmen sich nun nicht mehr anders, als sich Ferien leider
benehmen. Schwipp, schwapp waren sie zu Ende, und an einem Montagmorgen
liefen die Oberheudorfer Kinder wieder ihrem roten, leuchtenden
Schulhause zu. Sie saen wieder auf ihren Bnken, hier die Mdel, da
die Buben, hinten die Groen, vorn die Kleinen. Und der Herr Lehrer,
der verreist gewesen war, stand da, schaute in all die blinkeblanken
Kinderaugen und fragte: Na, waren die Ferien schn?

Ja! schrieen alle miteinander, und alle Ferienlust und Ferienfreude
klang in dem Ruf noch mit. Am lautesten aber schrie Friede, und seine
Augen strahlten wie ein Paar Sterne. Dann begann die Stunde. Zuletzt
sprach der Herr Lehrer: Nun sollen noch einige von euch uns ihren
Aufsatz vorlesen. Heine Peterle, fang mal an!

Heine Peterle bekam einen Kopf, so rot wie ein ganzes Bschel
Feuernelken, und stotternd las er: Es war furchtbar schn. Dreimal
mute ich aufs Feld. Viermal gab's Kuchen. Es hat mir am besten
gefallen, da der Papagei immerfort Schafskopf schriete.

Schreite! tuschelte Schulzens Jakob.

Schreite, stotterte Heine Peterle.

Hat geschriet! flsterte der dicke Friede.

Hat geschriet! stammelte Heine Peterle.

Schrie! sagte der Herr Lehrer und runzelte ein wenig die Stirn. Nun
lies weiter!

Heine Peterle ri die Augen weit auf, seufzte schwer und murmelte
bedrckt: Ich--bin fertig.

Na, das mu man sagen, rief der Herr Lehrer, angestrengt hast du
dich nicht.

N, bekannte Heine Peterle ehrlich und fiel mit der Nase beinahe auf
sein Pult.

Wir sprechen nachher noch miteinander, sagte der Lehrer streng.
Annchen Amsee, lies du vor!

Annchen las. Sehr lang war ihr Aufsatz auch nicht, auch sie hatte von
dem verflogenen Papagei geschrieben. Dann kam der blaue Friede dran,
der hatte die gleiche Geschichte erzhlt. Ein Berenbacher Bube hatte
eine Fahrt nach der Stadt beschrieben, ein Mdel einen Besuch bei der
Gromutter. Zuletzt rief der Herr Lehrer Traumfriede auf, und rasch
wisperten ein paar Stimmen: Der hat auch den Papagei.

Aber Friede hatte den Papagei nicht in seinem Heft. Der Bube hatte
einen Tag im Walde beschrieben. Von Bumen und Blumen, von der Sonne,
dem Wind, dem Gesang der Vgel und den schneeweien Ziegen hatte er
erzhlt; von dem alten Hnengrab und denen, die darin schliefen, und
deren Singen und Sagen an sonnenhellen Tagen im Walde zu hren war.
Wie ein Mrchen klang es. Alle hrten ganz andchtig zu, und als Friede
geendet hatte, da sahen ihn alle verwundert an. Nein, so einen Aufsatz
hatte kein anderes Kind geschrieben, das war ja beinahe, als htte
Muhme Lenelies eine Geschichte erzhlt.

Der Lehrer sagte nichts weiter, er nickte Traumfriede nur sehr
freundlich zu, so freundlich, da in dem Herzen des Buben die Hoffnung
erwachte, eine besonders gute Zensur zu erhalten. Nun gebt mir alle
eure Hefte ab, gebot der Lehrer, und da ertnte auch schon drauen das
Bimbaum der Schulglocke.

Etliche Minuten spter standen alle Buben und Mdel drauen vor der
Schule und schwatzten noch ein Weilchen hin und her, denn so ein erster
Schultag nach den Ferien ist doch eine wichtige Sache.

Pltzlich rief Anton Friedlich ganz laut und patzig: Traumfriede kann
gut Aufstze schreiben, wenn er sie sich von Muhme Lenelies machen
lt. Und gleich riefen ein paar andere Buben- und Mdelstimmen:
Pfui, das darf man doch nicht!

Traumfriede war totenbla geworden. Er war so ein ehrlicher,
aufrichtiger Junge, da der Gedanke, seine Arbeiten nicht allein
zu machen, ihm nie gekommen wre. Der leichtfertig ausgesprochene
Verdacht krnkte ihn so tief, da er gar nicht sprechen konnte. Als
sei ihm die Kehle zugeschnrt, so war es ihm, und er kmpfte mit den
hei aufsteigenden Trnen. Da sagte auch Heine Peterle, der sich
wegen seiner schlechten Arbeit schmte, ein bichen hochfahrend: Na,
abschreiben wrde ich nicht. Pfui, wie ruppig!

Schwapp hatte er eine Ohrfeige bekommen, er wute nicht wie, und
Traumfriede wandte sich nach dieser Tat bleich mit funkelnden Augen
von Heine Peterle zu Anton Friedlich: der flog in den Sand wie ein
Gummiball. Die andern Kinder stoben erschrocken auseinander, so hatten
sie den sonst so freundlichen, sanften Traumfriede noch nie gesehen.
Der Bub sah aus, als wollte er seine smtlichen Schulgenossen in den
Sand werfen, und alle Buben und Mdel erhoben ein wildes Geschrei. Er
hat doch abgeschrieben, schrieen einige, und Anton Friedlich, der
wieder aufgestanden war, brllte laut: Jawohl, sonst wre er nicht so
wild. Pfui, pfui!

In all das laute Stimmengewirr hinein tnte ein sanftes Stimmlein: Er
hat es bestimmt nicht getan, er schreibt gewi nicht ab! Niemand hrte
sonderlich auf Waldbauers Mariandel, nur Friede hatte der Freundin
Stimme gehrt. Die brachte ihn etwas zur Besinnung, und er begann sich
seiner Heftigkeit zu schmen. Er sagte kein Wort, aber er drehte sich
verchtlich um und rannte weg, so blitzschnell, da die andern ihm erst
ganz verdutzt nachsahen. Aber dann erhoben Anton Friedlich und Heine
Peterle ihre Stimmen: Er reit aus, er reit aus, pfui, er reit aus!
Und Mdel und Buben, die Groen und die Kleinen rannten alle lrmend
hinter Friede her.

Der Bube aber war bei seiner eiligen Flucht auf ein unerwartetes
Hindernis gestoen. Mitten auf der Dorfstrae vor der Schmiede
stand ein stattlicher Wagen, und an dem Wagen stand die Frau Grfin
Dachhausen und sprach mit dem Schulzen. Etliche Dorfleute standen
dabei, auch Muhme Lenelies hatte sich dazugesellt. Die Grfin kam mit
ihrer Begleiterin von einer Spazierfahrt zurck. Unterwegs hatte das
eine Pferd ein Hufeisen verloren, nun sollte der Schmied das Tier
frisch beschlagen. N, Friede, rief Muhme Lenelies entsetzt und hielt
ihren Pflegesohn geschwind am Jackenrmel fest, warum rennste denn so?
Man luft doch die Menschen auf der Strae nicht um!

Friede blickte sich ganz verstrt um; er sah die Frau Grfin, die
erstaunten Gesichter der andern, hrte das immer nher kommende
Geschrei seiner Kameraden, und eine wilde Verzweiflung ergriff ihn.
Nun wrden es alle hren, da man ihn fr einen Abschreiber, einen
Lgner hielt. Er klammerte sich an Muhme Lenelies an und brach in ein
verzweifeltes Schluchzen aus.

Friede, mein Junge, ih, was fehlt dir denn? rief die alte Frau
besorgt, und die Grfin fragte freundlich: Ist das der Bube, der
meinen Papagei gefangen hat? Warum weint er denn so?

Die ganze lrmende, schreiende Schuljugend war jetzt herangekommen. Als
sie die allen bekannte Grfin erblickten, blieben sie aber doch ganz
verdattert stehen, und ihr Schreien verstummte. Nur ein Stimmlein hob
sich wieder mutig aus der Schar heraus, und diesmal wurde es von allen
gehrt; Mariandel rief: Er hat es nicht getan, er tut so etwas nicht.

Was soll denn mein Friede getan haben? Warum verfolgt ihr ihn? fragte
Muhme Lenelies aufgeregt. Ihre sonst so freundlichen Augen blitzten
drohend die Kinder an, und die wurden ganz verlegen; eins sah betreten
das andere an, und etliche, die vorn standen, suchten sich hinter den
andern zu verstecken. Endlich aber trat doch Anton Friedlich vor und
wollte erzhlen, was Friede getan haben sollte. Gleich fielen zwei,
drei andere Stimmen ein, und dazwischen rief Mariandel wieder: Er hat
es nicht getan. Annchen Amsee und Krmers Trude riefen nun auch der
Freundin nach: Er hat es nicht getan!

Potzwetter noch einmal, macht nicht so'n Geschrei, brllte jetzt der
Schulze die Kinder an. Was soll denn die Frau Grfin von unserm Dorf
denken? Jakob, komm mal vor und sag, was los ist, aber geschwind und
kurz, sonst sperre ich euch alle zusammen ein!

Das half. Jakob trat vor und erzhlte etwas stotternd und verlegen
von Friedes Aufsatz, und was Anton Friedlich und Heine Peterle gesagt
htten, und da Friede gleich wild geworden sei.

Es ist nicht wahr! Friede lste sich aus Muhme Lenelies' Armen, rot,
hei, mit blitzenden Augen stand er da. Er schmte sich unsagbar, da
er so verklagt wurde, aber Mariandels Ruf und Muhme Lenelies' Nhe
hatten ihm seinen ganzen Mut zurckgegeben. Er reckte sich stolz und
gerade auf, wie ein kleiner Held schaute er sich um und rief noch
einmal laut mit klingender Stimme: Es ist nicht wahr, was sie sagen,
ich habe die Arbeit bestimmt allein gemacht, aber--er stockte
einen Augenblick, dann fuhr er tapfer fort-- Heine Peterle habe ich
geschlagen und Anton Friedlich hingeworfen!

Nu guck einer den Buben an, brummelte vergngt der Schulze, wie ein
richtiger kleiner Kampfhahn steht er da.

Seine Arbeit hat er allein gemacht, erklrte Muhme Lenelies laut und
ernst, das mu ich doch wissen. Lgen tut mein Friede berhaupt nicht.
Freilich so wild um sich zu hauen, das brauchte er nicht.

Ich denke, sagte nun die Grfin, die still zugehrt hatte, ihr
vertragt euch miteinander. Wer einen Kameraden unrecht beschuldigt, ihn
gar einer Falschheit und Lge zeiht, verdient zwar mehr Strafe als eine
Ohrfeige und einen Puff, aber weil Friede auch gleich zu heftig war,
werdet ihr euch wohl gegenseitig verzeihen.

Das gtige Wort stellte den Frieden wieder her. Die meisten Buben und
Mdel schmten sich ohnehin, da sie gleich Anton Friedlichs bsem Wort
geglaubt hatten, besonders Heine Peterle. Er war herzlich froh, da er
mit dem Kameraden wieder gut sein konnte, und schttelte Friede ganz
vergngt die Hand, so herzlich, als sei eine Ohrfeige mindestens ein
Stck Kuchen. Anton Friedlich aber ri aus. Er war ein Trotzkopf und
ging mitunter tagelang einsam und verrgert herum, ehe er es fertig
brachte, sich mit jemand auszushnen. Er fhrt am schlimmsten dabei,
sagte Muhme Lenelies, als sie mit Friede und Mariandel heimging. Trotz
qult allemal den, der trotzig ist, am meisten. Und nun, Friede, bringe
Mariandel heim, und dann komm geschwind zum Essen.

Hand in Hand liefen die Kinder nach dem Waldbauernhof. Friede war
ordentlich stolz auf seine tapfere Freundin, und an dem Hoftor sagte er
treuherzig: Ich danke dir!

Du, Friede, ich wei was! Mariandel hopste von einem Beinchen auf das
andere, und ihre Kornblumenaugen strahlten den Freund lustig an.

Was weit du denn?

Ach, was Feines, was Feines! Rate mal! Aber ehe Friede noch seinen
Mund auftun konnte, flsterte Mariandel schon rasch: Die Frau Grfin
liest deinen Aufsatz. Ich hab's gehrt, sie hat's zu der andern Dame
gesagt.

Friede wurde blutrot und sah so unglcklich drein, da Mariandel
erschrocken fragte: Freust du dich nicht?

Der Bube schttelte den Kopf. Ich schm' mich so, ich schm' mich so,
stammelte er, und dann lief er geschwind weg und lie Mariandel stehen.
Die Kleine sah ihm traurig nach, ihr war es zumute, als sei sie mit
ihrem Sonntagskleid ins Wasser gefallen.

Friede kam so niedergeschlagen heim und gab so kurze Antworten, da
Muhme Lenelies rgerlich sagte: Na, das ist schon wie beim Bader, wenn
der'n Zahn rausziehen will, just grad' so mu ich dir die Worte aus
dem Mund ziehen. Jetzt red' mal fix und sag, warum du so ein Gesicht
machst, als mtest du sechs Mhlsteine als Vesperbrot verzehren!

[Illustration: Muhme Lenelies und Friede]

Da erzhlte Friede kleinlaut, was Mariandel ihm verraten hatte. Muhme
Lenelies lachte herzhaft: Na, was schadet das? Eine Arbeit, die man
recht getan hat, braucht man doch nicht zu verstecken. Wenn die Frau
Grfin die Arbeit liest und ist zufrieden, dann freue dich, aber bilde
dir nicht gleich ein, ein wichtiger Bube zu sein. Na, und wenn die
Arbeit der Frau Grfin nicht gefllt, dann mut du dir halt immer noch
mehr Mhe geben. So, und nun i dich ordentlich satt, und nachher
wollen wir beide Kruter und Pilze suchen gehen.

Nach dieser Rede der Muhme schmeckte dem Friede das Essen gleich
prachtvoll, und frhlich rstete er sich dann zum Waldgang. Er durfte
Mariandel dazu holen, und die Kleine wurde darber auch wieder
vergngt; mit Muhme Lenelies in den Wald zu gehen, war eine lustige
Sache. Die alte Frau wute so viel zu erzhlen von allen Bumen
und Blumen des Waldes, es war immer, als bltterte sie Seite fr
Seite eines groen Bilderbuches um. An diesem Tage sagte Friede mit
nachdenklicher Bewunderung: Weit du, Muhme, wenn du mir wirklich bei
meiner Arbeit geholfen httest, da wre sie schon besser geworden. Ich
glaube, niemand auf der ganzen Welt kann feiner erzhlen als du.

Die Muhme lachte schelmisch: Na, seh einer den Schmeichler an! Aber
wer wei, Friede, gar lernst du's auch noch mal. Aus einem Traumfriede
kann schon ein Geschichtenerzhler werden. Doch nun flink, Kinder,
sucht Pfifferlinge! Dort wachsen welche, und wenn ihr brav sucht,
erzhle ich euch zum Schlu noch eine Geschichte. 's ist mir just eine
eingefallen.

Flink suchten alle drei. Die Muhme fand Kruter und die Kinder jedes
ein Scklein Pfifferlinge. Ganz stolz schaute Mariandel auf ihren
Fund: Das gibt ein Abendessen! Ehe sie heimgingen, setzten sie sich
noch alle drei am Waldrand nieder. Ein Baumstamm lag da, der krzlich
gefllt worden war, und auf dem noch mehr Buben und Mdel Platz gehabt
htten. Es war, als htten das des Schulzen Kinder Jakob und Rse und
Heine Peterle gewut, sie kamen gerade von Niederheudorf heim, am
Waldrand entlang. Kommt her, Muhme Lenelies erzhlt uns was, rief
Friede. Das lieen sich die drei nicht zweimal sagen. Sie waren da,
als htte ein Windsto sie hergeweht, und setzten sich auch auf den
Baumstamm, Heine Peterle so eintrchtig neben Friede, als htten sie
sich nie gestritten. Muhme Lenelies nickte: so war es recht, Bsesein
und Unfrieden konnte sie nicht leiden, und mit einem kleinen lustigen
Schelmenlachen begann sie die Geschichte vom unsichtbaren Kaspar zu
erzhlen.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Burg von Berenbach]




Der unsichtbare Kaspar.

(Ein Mrchen.)


Oben bei Berenbach, ein bichen weiter in den Wald hinauf, stand, wie
ihr wit, vor Zeiten eine Burg. Jetzt ist nur noch ein kmmerliches
Mauerrestchen davon da, frher aber war es eine stattliche Burg. Sie
gehrte einem reichen Grafen, der rings im Lande noch viele Schlsser
besa. Auf der Burg wohnte er nur selten; sein Vogt, ein braver,
schlichter Mann, bewohnte mit den Seinen darin etliche Zimmer. Des
Vogtes einziger Bube hie Kaspar. Das war ein Bube, der immer zu
hundert Dingen Lust hatte, aber nie zur Arbeit, wie das ja manchmal bei
Buben vorkommen soll. Am liebsten trieb er sich im Walde herum, immer
mit dem heimlichen Wunsch, einmal ein Abenteuer zu erleben. Damals gab
es noch Zwerge, Wichtlein, Waldweiblein und Nixen, und der Kaspar htte
zu gern mal so ein kleines, seltsames Mnnlein oder Weiblein gefangen.
Und einmal, es war gerade am Johannistag, lief dem Buben wirklich so
ein kleiner Wichtel in den Weg, und Kaspar ergriff ihn flink und hielt
ihn fest, so sehr das Mnnlein auch zappelte und schrie. Was willst du
denn von mir? rief der Wichtelmann bse, la mich doch gehen! Dummer
Bube du, mit deinen groben Tatzen zerdrckst du mich ja!

N, sagte Kaspar, los lasse ich dich nicht, erst mut du mir was
schenken. Meine Gromutter hat erzhlt, die Wichtelleute wten
Farnsamen zu finden, der unsichtbar machen soll; gib mir etwas davon.

Meinetwegen, sagte der Wichtelmann, den sollst du haben. Heute ist
Johannisnacht, da werde ich welchen fr dich suchen, morgen um diese
Zeit kannst du ihn dir holen. Hier auf diesem Baumstumpf wird ein
silbernes Dschen liegen, darin ist Farnsamen. Aber merke wohl, wenn du
einem Menschen davon erzhlst, verliert der Samen seine Kraft; solange
du schweigst, kannst du dich immer unsichtbar machen, wenn du das
Dschen bei dir trgst. So, nun la mich los!

Kaspar lie das Wichtelmnnlein los; er wute, die kleinen Waldleute
hielten, was sie versprachen. Am nchsten Tage konnte er es kaum
erwarten, wieder in den Wald zu kommen. Endlich war es Zeit, und er
rannte so geschwind in den Wald, als htte er mit einem Hasen einen
Wettlauf verabredet. Da war die Stelle, wo er gestern den Wichtelmann
gefangen hatte, da der Baumstumpf, und richtig lag das silberne
Dschen darauf. Kaspar nahm es, steckte es ein und rannte nicht minder
geschwind heim; er mute doch sehen, ob er wirklich unsichtbar war. Der
Vogt war mit den beiden Knechten zur Heuernte ausgezogen, die Mutter
war in der Waschkche mit den Schwestern, und nur die Magd kam gerade
ber den Hof, als Kaspar zurckkehrte. Geschwind stellte der sich
im Haus auf und dachte: Ich will sie mal erschrecken. Die Magd trug
einen Korb voll Holz, und mit krftigem Schwung schttete sie das Holz
gerade dahin, wo Kaspar stand. Au! schrie der Bube, denn die dicken
Buchenscheite waren ihm auf die Fe gefallen. Na, wer schreit hier
denn? rief die Magd und sah sich erstaunt um. Da merkte Kaspar, da er
wirklich unsichtbar war. Er rieb sich sein Knie, das ganz wund gestoen
war, und humpelte nach der Waschkche; er gedachte nun den Schwestern
einen Schabernack zu spielen, von der Magd hatte er vorlufig genug.
Als er die Waschkche betrat, go seine Mutter gerade das schmutzige
Waschwasser aus. Man machte das damals sehr einfach: schwapp! wurde
es zur Tre hinausgeschttet, es konnte ja dann, wenn es Lust hatte,
den Burgberg hinunterlaufen. So ein voller Eimer Waschwasser traf nun
gerade Kaspar; seine Mutter sah ihn ja nicht, und so bekam er das warme
Seifenwasser ber den Kopf. Huhuhu! heulte er.

Der Kaspar schreit drauen, riefen seine Schwestern und schauten
hinaus, erstaunt, da der Bruder nicht da war.

So ein Wildfang, sagte die ltere, nichts als Dummheiten hat er im
Kopf. Er knnte wahrlich schon dem Vater helfen.

Ja, es ist schlimm mit ihm, er ist ein rechter Tunichtgut, erwiderte
die jngere.

Da lief Kaspar wtend fort; patschna war er, und gescholten wurde
er auch noch, das ging ihm doch ber den Spa. Er legte sich in das
Burggrtlein und schaute sich die Wolken an. Es sah ja niemand, da er
faulenzte.

Zum Abendessen kam er erst wieder. Jetzt sollen sie einmal alle
staunen, dachte er und nahm sich vor, sich eiligst die besten Bissen
aus der Schssel zu nehmen. Er setzte sich vergngt auf seinen Platz.
Der Vater sprach das Tischgebet und sagte dann: Nehmt Kaspars Stuhl
weg! Wer nicht zur rechten Zeit kommt, braucht nicht zu essen.

Schweigend nahm der Knecht Hermann den Stuhl mit dem unsichtbaren
Kaspar und stellte ihn in eine Ecke. Potzwetter, ist der Stuhl
schwer, rief er verblfft und schttelte ihn ordentlich, da plumpste
Kaspar ziemlich unsanft herunter. Alle sahen erstaunt auf. Was war das
eben gewesen?

Kaspar stand wtend auf. Er hatte sich den Arm verrenkt, dazu war er
noch immer na, sein Bein tat ihm weh, und sein Magen knurrte gewaltig.
An den Tisch wagte er sich nicht mehr, obgleich er sehr hungrig war.
Er schlich sich hinaus, suchte sich ein Stck Brot in der Kche, und
dann dachte er patzig: Nun werde ich Hermann zur Strafe recht rgern!
Er legte sich also in das Bett des Knechtes und schlief auch bald ein.
So fest schlief er, da er gar nicht hrte, als der Knecht in die
Kammer kam, sich auszog und sich auch in das Bett legte. Uff! sthnte
Kaspar, denn Hermann hatte sich ihm gerade auf das Buchlein gelegt.

Hui, fuhr der Knecht empor. Zum Kuckuck, was ist denn das hier?
schalt er. Das schreit ja, und etwas liegt im Bett, und dabei seh'
ich doch nichts! Bums, drehte er sich rechts herum, bums, links herum,
er puffte und stie, und Kaspar flog jh in einem weiten Bogen wie ein
Federball zum Bett hinaus. Er rollte an die Kammertr, die flog auf,
der Bube rollte hinaus, die Treppe hinunter, und auf einmal lag er
jmmerlich zerschlagen und zerbleut im Hausflur.

Oben schrie der Knecht: Hier spukt es im Hause! Unten jammerten die
Schwestern und die Magd, vom Hofe her tnte der Mutter Stimme: Kaspar,
Kaspar, wo bist du denn?

Der blieb stumm, er dachte: Wenn ich mich jetzt melde, mu ich alles
erzhlen, und erzhlen darf ich nichts, sonst verliert der Farnsamen
seine Kraft. Er seufzte tief, er fand es eigentlich ziemlich schwer,
unsichtbar zu sein. Es ist am besten, ich gehe in die weite Welt zu
einem Knig. Vielleicht kann ich in eine Schatzkammer kommen und mir
viel Geld holen, dachte er. Vorlufig kroch er in eine Scheune; dort
schlief er, bis es Tag wurde, dann nahm er sich noch ein Stck Brot und
wanderte ziemlich niedergeschlagen in die weite Welt hinaus.

Sehr unterhaltsam war es auf die Dauer wirklich nicht, unsichtbar zu
sein, und manchmal htte Kaspar gern sein Dschen fortgetan, aber er
wagte es doch nicht, weil er dachte, es knnte ihm gestohlen werden.
Am schwersten hielt es, etwas zu essen zu bekommen. Anfangs hatte
Kaspar auch mal da, mal dort um ein Stck Brot gebeten, da waren die
Leute immer schreiend davongelaufen, und natrlich hatte niemand daran
gedacht, einem, der unsichtbar war, Brot zu geben. Dem Kaspar blieb
nichts weiter brig, als selbst in die Speisekammern der Hausfrauen
zu gehen, um sich etwas zu holen. Das drckte ihn schwer. Er schmte
sich recht und merkte sich immer die Huser und dachte: Ich zahle es
spter zurck! Einmal ging er auch in ein Bauernhaus und betrat eine
Kammer, weil er meinte, dies sei wohl die Speisekammer. Er war aber in
eine Waschkammer geraten, und ehe er noch wieder hinaus konnte, wurde
drauen zugeschlossen, und er mute die ganze Nacht in der Kammer
sitzen; es gab nicht einmal eine Bank, auf der er sich htte richtig
ausstrecken knnen.

Nach etlichen Wochen gelangte der Bub schlielich doch in die
Knigsstadt. Am Eingang der Stadt lag ein groes Kloster, wohlverwahrt
wie eine Festung. Hier will ich mich ausruhen, dachte Kaspar und
schlpfte neben einem Mnch in die Klosterkche. Ein guter Bratengeruch
zog ihm entgegen. Das Kloster hatte vornehmen Besuch erhalten, und der
Klosterkoch wollte zum Abendessen Ehre einlegen mit seiner Kochkunst.
Am Spie steckte ein saftiger Wildbraten, und in der Pfanne schmorten
junge Hhnchen. Kaspar war nicht faul, er nahm eine Gabel, fuhr in die
Pfanne, nahm sich ein Hhnchen heraus und setzte sich damit in eine
Ecke.

Der Koch schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen, als eine Gabel in
seine Pfanne fuhr und ein gebratenes Hhnchen durch die Luft flog, als
wre es ein lebender Sperling. Der brave Mann erhob ein so furchtbares
Geschrei, da Kaspar gewaltige Angst bekam und am liebsten durch
das Fenster gesprungen wre. Aber das war fest vergittert, und die
Tr konnte der Bube nicht erreichen. Der Koch hatte einen Rubesen
genommen, stberte damit in allen Ecken herum und brllte: Hinaus
mit dem Teufel, hinaus mit dem Teufel! Ritsch fuhr er Kaspar mit dem
schwarzen Besen ber das Gesicht und merkte es gar nicht. Nun drehte
sich der Bube um, ritsch bekam er eins ber die Jacke, und schlielich
war er heilfroh, als es ihm endlich gelang, aus der Kche zu flchten.

Drauen begegneten ihm sehr viele Mnche, die alle auf des Kochs
Geschrei herbeikamen, und Kaspar flchtete in seiner Verwirrung in die
Bcherei des Klosters. Ganz still und niedergeschlagen kauerte er dort
und knabberte an seinem Hhnchen herum, aber das wollte ihm trotz
seines Hungers gar nicht recht schmecken. Und wieder, wie so manches
Mal in den letzten Tagen, dachte der Bube sehnschtig: Wre ich doch
daheim!

Nach und nach verstummte der Lrm im Kloster, und dann ertnte das
Abendgelut fromm und feierlich. Das hrte Kaspar noch halb im Traum,
dann schlief er fest in seinem Winkel ein. Er schlief bis zum nchsten
Morgen, da schlich er sich leise zum Kloster hinaus, an einem Pilger
vorbei, der gerade zur Rast einkehrte. Kaspar war zwar sehr hungrig,
er wagte aber nirgends, in eine Kche oder Speisekammer einzudringen;
noch zitterte er vor Angst, wenn er an den gestrigen Auftritt in
der Klosterkche dachte. Er schlug den Weg nach dem Schlo ein, und
unterwegs hrte er, da heute ein groes Fest stattfinden sollte. Bald
stand der Bube auch vor dem goldenen Schlotor und staunte ber die
Pracht ringsum. Keine Wache sah ihn, niemand hinderte ihn daran, in
das Schlo hineinzugehen, trotzdem war es ihm sehr beklommen zumute,
und immer, wenn jemand an ihm vorbeikam, drckte er sich an die Wand.
Sein Bchslein mit Farnsamen hatte er in die Hand genommen und hielt
es ngstlich fest, denn er hatte eine gewaltige Angst, er knnte es
verlieren. Bei dem Herumwandern im Schlo kam er auch in den groen
Festsaal. Heisa, ri er da die Augen auf, denn in dem Saal blinkte
es nur so von Gold. Viele Diener liefen geschftig hin und her, sie
trugen goldenes und silbernes Geschirr herbei, wundervolle Torten und
groe Schalen, auf denen herrliche Frchte und andere leckere Sachen
lagen. Dem Kaspar lief das Wasser im Munde zusammen. Am liebsten htte
er gleich eine ganze Torte aufgegessen, aber das wagte er doch nicht.
Er schlich sich vorsichtig an eine Tafel heran und wollte sich heimlich
ein paar Frchte nehmen. Doch o weh, die Schale geriet ins Wanken, sie
wackelte hin und her, und dann purzelte sie mit groem Gepolter um,
und alle kstlichen Frchte und Bonbons kollerten auf den Fuboden.
Die Diener schalten einer auf den andern, er htte die Schale schlecht
hingestellt.

Kaspar hatte sich ngstlich in eine Ecke geflchtet. Einen einzigen
Apfel hatte er aufzuheben gewagt, er hielt ihn in der Hand und dachte
bedrckt: Wenn ich ihn esse, hren sie es vielleicht. Wie er nun
so stand und sich ngstlich im Saale umschaute, fiel sein Blick auf
den goldenen Baldachin ber dem Platz des Knigspaares. Wenn er dort
oben se, dann wrde er sicher ganz ungestrt das ganze Fest mit
ansehen knnen. Er sah sich den Baldachin an und fand, da es gar
nicht so schwer war hinaufzukommen, und whrend sich die Diener noch
gegenseitig stritten, kletterte er geschwind hinauf. Dabei verlor er
aber seinen Apfel; das drhnte ordentlich, als der herunterfiel und
durch den ganzen Saal rollte. Hier spukt es, o Himmel, hier spukt es!
schrie der alte Haushofmeister. Hier ist doch kein Apfelbaum, von dem
die pfel herunterfallen knnen!

Nein, ein Apfelbaum ist wirklich nicht hier, sagte der
Obertellerabwischer und drehte sich wie ein Kreisel auf seinen Abstzen
herum, ich sehe keinen.

Seht doch nur, wie der Thronhimmel wackelt, schrie pltzlich
der Obermesserputzer so laut, da Kaspar beinahe von seinem hohen
Sitz heruntergefallen wre. Vor Schreck blieb er mucksstill
sitzen, und als alle Diener hinaufsahen, wackelte der Baldachin
nicht mehr. Du hast getrumt, lieber Obermesserputzer, sagte der
Obermesserbnkchenverwahrer spttisch.

Ich bin noch nicht so kurzsichtig wie du, der neulich einer echten
Prinzessin nur ein silbernes Messerbnkchen hingelegt hat, hhnte der
Obermesserputzer.

Sputet euch, sputet euch! schrie der Haushofmeister erschrocken, in
zwei Minuten kommt der Knig. Geschwind, geschwind! Oh, die Schande,
wenn nicht alles zu rechter Zeit fertig ist!

Da vergaen der Obermesserputzer und der Obermesserbnkchenverwahrer
ihren Streit, und alle rannten aufgeregt durcheinander, hierhin und
dahin,--nach dem Thronhimmel sah niemand mehr. Darber war Kaspar
herzlich froh. Er setzte sich behaglich zurecht, und wenn er nur etwas
zu essen gehabt htte, dann wre ihm die ganze Sache recht gemtlich
gewesen. Er staunte aber und verga ein Weilchen allen Hunger, als
endlich der Knig und die Knigin mit ihrem ganzen Hofstaat und vielen
edlen Gsten in den Saal zogen. Potzwetter, das war eine Pracht! Der
Knig und die Knigin trugen Kronen, die funkelten wie zwei Sonnen, und
es war ein solches Rauschen von Seide im Saal, ein solches Funkeln von
edlen Steinen, da dem Kaspar ordentlich Ohren und Augen weh taten.
Das war doch eine andere Sache als das Erntefest daheim im Dorf! Neben
dem Knig sa seine Tochter, eine wunderholde, liebliche Prinzessin,
schn wie ein Frhlingsmorgen. An der konnte sich Kaspar gar nicht
satt sehen. Ganz verwegen dachte er, die mchte ich mal heiraten; es
hat doch schon mancher arme Bube spter eine Prinzessin bekommen,
warum soll es mir nicht gelingen? Darber wurde er so lustig, da er
zu pfeifen begann. Unten an der Tafel sahen sich die edlen Herren und
Frauen ganz erstaunt um, auch der Knig horchte auf. Ist denn hier
eine Amsel im Saal?

Nein, gewi nicht, sagte der Haushofmeister und verbeugte sich ganz
tief. Ein Apfelbaum ist auch nicht im Saal, und doch ist vorhin ein
Apfel durch die Luft geflogen.

Ei, das spukt hier wohl? rief der Knig. Na, das wre ja eine nette
Sache, wenn es in unserm kniglichen Speisesaal spuken sollte.

Die holde Prinzessin rief kichernd: Ach, das wre so schn! Ich habe
mir schon immer gewnscht, einmal ein Gespenst zu sehen, und heute ist
mein Geburtstag. Wenn doch gleich eins kme!

Nun, wenn heute ein Gespenst erscheint, dann schenke ich es dir,
sagte der Knig lachend, und die Prinzessin klatschte in ihre
schneeweien Hndchen und jubelte: O wie freue ich mich, o wie freue
ich mich!

Ich heirate sie ganz gewi, sie gefllt mir zu gut, dachte Kaspar und
beugte sich weit vor. Nein, wie gut das roch! Er schnupperte wie ein
Muschen, das eine Speckschwarte riecht. Ach, der Bratenduft! Er sprte
wieder gewaltigen Hunger, und sein Magen knurrte so laut, da unten die
Prinzessin rief: Es ist ein Wolf im Saal, ich hre ihn knurren!

Nein, eine Katze schnurrt, sagte ein alter Graf, der Katzen nicht
leiden konnte.

Ich glaube, es ist ein Frosch, der quakt, flsterte ein Hoffrulein
zimperlich, vor Frschen graulte sie sich sehr.

Inzwischen hatten zwei Diener eine mchtige goldene Schssel voll
Kompott gebracht, die stellten sie vor die Frau Knigin hin. Kompott
teilte diese immer selbst aus, es wurde sonst zu viel davon gegessen.

Ach, wie fein! dachte Kaspar. Knnte ich doch mitessen!

Das roch so kstlich wie ein groer Obstgarten und ein groer
Zuckerladen dazu. Noch weiter beugte sich der Bube vor, und als die
Knigin dem Diener immer einen gefllten Kompotteller nach dem andern
reichte, da griff er unwillkrlich danach, und dabei rutschte ihm sein
silbernes Dschen mit dem Farnsamen aus der Hand, und platsch fiel es
in die goldene Kompottschssel hinein.

Die Knigin schrie laut auf: Wo ist denn meine Schssel hin?

Sie war doch eben da, sagte der Knig betroffen und setzte sich
geschwind seine Brille auf. Hm ja, liebe Frau, wo ist denn die
Schssel?

Jeder schaute hin, niemand sah sie, denn weil nun der Farnsamen darin
lag, war die Schssel auf einmal unsichtbar geworden.

Da oben sitzt das Gespenst, es sieht wie ein schmutziger Junge aus!
quiekte die Prinzessin mitten in alles Verwundern und Erstaunen hinein.
Erschrocken sahen alle zum Thronhimmel hinauf,--da oben sa der nun
nicht mehr unsichtbare Kaspar und heulte.

Bist du ein Gespenst? rief der Knig zrnend.

Der Bube heulte nur, er brachte vor Angst kein Wort heraus. Holt ihn
herunter! gebot der Knig, und zwei Diener kletterten geschwind hinauf
und brachten den zitternden Kaspar vor den Knig. Der sah ihn so bse
an, da der Bube dachte: Nun werde ich gewi ins Gefngnis geworfen!
Ach, es war jammervoll, und sein Bchschen lag in der Kompottschssel,
und sehen konnte er es nicht, weil ja die ganze Schssel unsichtbar war.

Bist du das Gespenst, das erst gepfiffen und dann geknurrt und jetzt
die Kompottschssel verzaubert hat? fragte der Knig streng. Und
warum siehst du wie ein schmutziger Straenjunge aus und spukst am
hellen Tage in meinem Schlo herum? Gespenster drfen doch nur in der
Nacht erscheinen, und auerdem sehen sie wei aus!

Halten zu Gnaden, mit pfeln hat es auch geschmissen, sagte der
Haushofmeister.

Ich--ich--bin--ja kein Gespenst, ich-- bin ja der Kaspar,
schluchzte der Bube. In seiner Herzensangst und Verzweiflung begann er
die Geschichte von dem Farnsamen zu erzhlen.

Als er von dem Geschenk des Wichtelmannes anfing, rief die Knigin
erstaunt: Jetzt ist meine Kompottschssel wieder da! Da stand
wirklich die Schssel wieder breit und golden, halb gefllt mit
kstlichen Frchten auf dem Tisch--das Farnsamenbchslein hatte seine
Kraft verloren. Kaspar jammerte laut und erzhlte heulend von seiner
Wanderung und all seinem Ungemach.

Hm, sagte der Knig und legte ernsthaft sein Szepter an die
Nasenspitze, eigentlich mte ich dich jetzt aufhngen, kpfen oder
mindestens in das Gefngnis stecken lassen. Du bist ja ein heilloser
Bube!

Ach bitte, bitte, lieber, guter Herzensvater, tu das nicht, flehte
die Prinzessin, deren Herzchen voll Mitleid war. Du hast mir doch das
Gespenst zu meinem Geburtstag geschenkt, das gepfiffen und geknurrt
hat.

Aber mein liebes Kind, das ist doch ein Junge und kein Gespenst,
sagte der Knig noch immer sehr ernst.

Er hat aber doch gepfiffen und geknurrt, rief die Prinzessin, und
dicke, dicke Trnen flossen ber ihre Rosenwangen.

Dem Knig tat sein Kind leid, und weil nun doch einmal Geburtstag war,
sagte er: Na meinetwegen, entscheide du, was mit dem Buben werden
soll.

Willst du bei mir bleiben oder nach Hause gehen? fragte die
holdselige Prinzessin den Kaspar frhlich.

Heim, schluchzte der, heim will ich, heim!

So lauf, rief die Prinzessin und klatschte in die Hnde. Da lief der
Kaspar wie gejagt zum Schlo hinaus, er frchtete, sie kpften ihn
vielleicht doch noch. Er rannte ber die Straen und Pltze, am Kloster
vorbei, bis er drauen im Walde war; da fiel er um vor Mdigkeit und
Hunger und schlief bums ein.

Es war eine beschwerliche Wanderung fr den Buben. Um ein Stckchen
Brot mute er oftmals lange bitten, nichts bekam er als Brot und
Wasser; die Schuhe hatte er sich auch schon durchgelaufen, und seine
Fe wurden wund, und ganz krank und elend kam er eines Tages wieder
daheim an.

Im Abendsonnenglanz sah er die Heimat vor sich liegen, und sie kam ihm
viel, viel schner vor als die weite Welt da drauen. Weil der Kaspar
nun nicht mehr unsichtbar war, erblickten ihn gleich seine Schwestern.
Die riefen laut ber den Burghof: Unser Kaspar ist wieder da!

Der Bube mute nun seine Erlebnisse erzhlen, und der Vater meinte,
eigentlich htte er tchtige Prgel verdient, er htte aber wohl schon
Strafe genug gehabt, darum sollte ihm verziehen sein. Die Mutter nahm
ihren Buben in die Arme und sagte nur leise: Ich habe so viel um dich
geweint!

Dieses Wort tat dem Kaspar weher als aller Hunger, alle Schmerzen und
alle Angst, und er gelobte sich still im Herzen, den Eltern fortan ein
guter Sohn zu sein. Das hat er auch gehalten. Er hat auch nie wieder in
seinem Leben einen Wichtelmann gesehen und gefangen, nur manchmal, wenn
er Beeren oder Reisig im Walde suchte, dann hrte er ein leises, leises
Kichern; das waren die Geistlein, die ihn auslachten. Mitunter rief
auch wohl neckend ein feines Stimmlein: Willst du wieder Farnsamen?
Willst du wieder unsichtbar sein?

Dafr aber bedankte sich der Kaspar sehr, er dachte: Einmal und nicht
wieder!

[Illustration: Kaspar]

[Illustration: Dekoration]




Traumfriedes Glck.


Eines schnen Tages, als sich der Sommer gerade wieder in vollem
Behagen in seinem Reich umsah, erblickte er pltzlich den Herbst, der
in seinem rotgoldenen Prachtkleid einhergewandert kam. Schnell kte
da der Sommer noch einmal seine Lieblinge, die Rosen, da sie wieder
aufblhten wie im Juni, und dann zog er, groe Rosenstrue in den
Hnden tragend, von den Hhen herab, aus den Tlern heraus, dem heien
Sden zu.

Der Herbst trat seine Herrschaft an. Zu seinem Empfang blhten in den
Grten Astern und dicke Georginen auf, die Herbstzeitlosen standen bla
und zart auf den Wiesen, und pfel, Birnen und Pflaumen bekamen groe
Lust, von den Bumen herab ins Gras zu fallen.

Fr die Oberheudorfer Kinder war das eine vergngliche Zeit. Jedes Haus
hatte sein Grtchen, jedes Grtchen hatte seine Obstbume, und auf der
Landstrae nach Niederheudorf standen die Pflaumenbume wie Soldaten.
Sie hingen so voll, da niemand schalt, wenn sich die Buben und Mdel
die herabgefallenen Frchte auflasen. Am Buchberg waren die Haselnsse
reif; die Kinder zogen miteinander zur Nuernte hinaus, was freilich
die Eichktzchen im Walde hchst berflssig fanden. So ein alter
Eichkatzenonkel sagte einmal ingrimmig: Was die Oberheudorfer Buben
und Mdel futtern knnen, das ist unglaublich. Ob andere Kinder wohl
auch so gern etwas Gutes essen?

An einem dieser reichen, schnen Herbsttage, an dem der Himmel so klar
und blau war wie ein einziger groer Saphir, gingen Muhme Lenelies und
Traumfriede nach Schlo Friedheim. Die Frau Grfin hatte sagen lassen,
sie mchten beide an diesem Nachmittag zu ihr kommen. Sie wuten beide
nicht, warum, und sie waren beide ein wenig unruhig. Vielleicht hat
sie Friedes Arbeit gelesen und will ihm etwas sagen, dachte die Muhme,
und der Bube hatte den gleichen Gedanken, nur meinte er, loben wrde
ihn die Frau Grfin sicher nicht. Ziemlich bedrckt ging er hinter der
Muhme her, als ein Diener beide in ein groes Zimmer lie. Gib mir ein
Kchen, gib mir ein Kchen! tnte ihnen gleich eine schrille Stimme
entgegen, und Muhme Lenelies sagte lachend: N, das ist richtig wieder
der verrckte Vogel!

Der Papagei! jubelte Friede, der alle Scheu verga. Bewundernd
schaute er den bunten Vogel an. Wie schn er ist!

Meine Mimi ist mir lieber, sagte Muhme Lenelies, an ihre lustige
kleine Amsel denkend. Das mchte ich nicht, so 'n Vogel, der mich
jeden Tag um einen Ku bittet.

Schafskopp, Schafskopp, schnarrte der Papagei so laut, da die Muhme
ordentlich erschrak.

Mal schimpft er, mal will er 'n Ku, das wre mir zu unruhig, sagte
die Muhme. Aber nun pass' auf, Friede, dort durch die Tre kommt die
Frau Grfin.

Diesmal kommt sie durch eine andere Tre, sagte die Grfin lachend,
die von einer groen Veranda aus das Zimmer betrat. Sie reichte der
alten Frau und Friede freundlich die Hand und fhrte beide hinaus
auf die Veranda. Dort saen der Graf, der Pfarrer von Oberheudorf
und Friedes geliebter Herr Lehrer. Dem Buben wurde es ganz seltsam
feierlich zumute, denn die drei Herren sahen ihn so ernsthaft prfend
an, und geschwind berlegte er, was er alles in der letzten Zeit getan
hatte, und atmete erleichtert auf, als ihm kein sonderliches Unrecht
einfiel; in der Schule hatte er nur gute Nummern gehabt, das war ihm
ein Trost.

Dann sprach der Herr Graf zu ihm. Friede hrte es, aber doch meinte
er, der Graf sagte das alles zu einem andern Buben, ihn konnte er doch
nicht meinen. Ihm konnte er doch nicht sagen, da er in die Stadt
kommen sollte auf eine Schule, auf der er viel, viel mehr lernen mte,
und da er dann spter einmal auch ein Pfarrer, ein Lehrer oder sonst
ein gelehrter Mann werden knnte. Nein, sicher, das galt nicht ihm,
dem armen Waisenjungen, der noch vor einem Jahr der jmmerlichste,
schmutzigste Bube von Oberheudorf gewesen war.

Doch da rief Muhme Lenelies: Lieber Gott, das Glck! So gut soll's
mal mein Friede haben, mein Junge! N, wo soll ich nur da zu danken
anfangen!

Nun wagte Friede erst aufzusehen. Er sah, wie ihn alle freundlich
anschauten, sah, wie der Herr Lehrer ihm ermunternd zunickte, und da
wurde es ihm erst zur Gewiheit, da er wirklich der Bube sein sollte,
dem ein so groes Glck geboten wurde.

Lernen sollte er drfen, soviel er mochte. Schon der Vater des Grafen
hatte eine Stiftung fr arme begabte Knaben gemacht. Seit vielen
Jahren aber hatte kein Oberheudorfer Bube Lust gehabt, etwas anderes
als ein tchtiger Bauer zu werden. Einmal war einer zur See gegangen,
und ein anderer war Tischler geworden, das bestimmte Geld aber hatte
keiner verstudiert. Nun war so viel da, da Friede in einer Stadt
lernen und studieren konnte. Bis Ostern sollst du noch bei Muhme
Lenelies bleiben, sagte der Graf, der Herr Lehrer will dich besonders
unterrichten, zu Ostern sollst du dann in die Stadt kommen.

In die Stadt! Pltzlich durchfuhr es Friede: dann mute er doch von
Muhme Lenelies fort, mute seine Pflegemutter verlassen. Erschrocken
sah er zu der Muhme auf, sah in das gute, freundliche Gesicht, und die
Stunde fiel ihm ein, in der die Muhme ihn in all ihrer Armut in ihr
Haus genommen hatte, fort von dem harten, geizigen Kohlbauern, und an
den Winter dachte er, an die Krankheit der Muhme, und wie oft sie da
sagte: Wie gut, mein Friede, da ich dich habe!

Traumfriede senkte den Kopf, und ganz leise sagte er: Das geht nicht.

Schafskopp, Schafskopp, kreischte drinnen im Zimmer der Papagei, und
der Graf sah den Buben rgerlich an. Hr mal, unsere Lola scheint
recht zu haben. Was ist denn das fr eine dumme Rede: Es geht nicht?

Es ging Friede wieder wie damals auf der Dorfstrae, als seine
Kameraden ihn einen Abschreiber genannt hatten: er fand jetzt pltzlich
den Mut zu sprechen. Er richtete sich auf und sah mit seinen klaren,
blauen Augen den Grafen an und antwortete: Ich kann doch Muhme
Lenelies nicht verlassen! Nein, das geht nicht! Wenn sie wieder krank
wird--sie hat niemand-- nein--nein, ich will immer bei ihr
bleiben. Und rasch trat Friede neben die alte Frau und sah diese
treuherzig an. Muhme Lenelies legte ihren Arm um den Buben und sagte,
und in ihrer Stimme klang es wie heimliches Lachen und heimliches
Weinen: N, mein Friede, da sage ich nun, das geht nicht. Du mut in
die Stadt und lernen. Es ist ein groes, groes Glck fr dich, da
der Herr Graf fr dich sorgen will, dafr wollen wir beide von Herzen
dankbar sein. Da du hast bei mir bleiben wollen, das, Friede, werde
ich nie vergessen, das ist akkrat so, als httest du mir ein groes
Schlo, ach, noch viel mehr geschenkt. Aber fort mut du, da hilft nun
nichts.

Es gibt ja auch Ferien, sagte der Lehrer freundlich.

Nu richtig! rief die Muhme. N, Friede, wird das schn, wenn du dann
heimkommst! Du meine Gte, ich freu' mich jetzt schon auf die Ferien
wie Faulpelze, die's auch immer nicht erwarten knnen. Ich mache dann
auch Striche in meinem Kalender und zhle die Tage, bis Ferien sind.

Die Grfin und die drei Herren lachten laut ber die groe Ferienfreude
der Muhme. Der Graf gab Friede die Hand und sagte freundlich: Also,
mein Junge, es geht doch; was die Muhme sagt, mu geschehen. Da heit
es folgen. Wirst du nun auch fleiig sein?

Ja, rief Friede so fest und froh, da seine Beschtzer wuten, der
Bube wrde wirklich ein guter Schler werden.

Nun muten Muhme Lenelies und Friede noch Kaffee trinken und Kuchen
essen, aber so gut alles war, die beiden konnten vor Freude kaum essen.
Es kam ihnen beiden vor, als trumten sie einen schnen Traum, als
wren sie ins Mrchenland gekommen, und noch als sie schon heimwrts
gingen, sagte die Muhme: Friede, Friede, ich kann's noch gar nicht
fassen, du sollst in die Stadt, sollst ein gelehrter Herr werden!

In den Ferien darf ich aber immer, immer zu dir kommen? bat Friede,
dem der Gedanke an den Abschied von seiner treuen Pflegemutter, trotz
aller Freude, bitter schwer auf dem Herzen lag.

Muhme Lenelies nickte nur und blieb stehen. Sie waren jetzt beide
auf der Hhe des Weges angekommen und sahen unten ein wenig im Tal
Oberheudorf liegen. Wie Kchlein an die Henne, so kuschelten sich die
Huser behaglich an die kleine, weie Kirche an, und die herbstlich
gefrbten Bume standen im goldenen Kranz um das Dorf herum. In der
Luft aber war ein seltsames Schwirren und Tnen: groe Scharen von
Zugvgeln flogen ber Dorf und Wald dem fernen Sden zu. Sie fliegen
fort und kommen wieder, denn hier ist ihre Heimat, sagte Muhme
Lenelies nachdenklich. Schau, Friede, so soll es dir auch gehen;
du sollst wegziehen und wiederkommen, und was auch aus dir wird,
Oberheudorf soll immer deine Heimat bleiben, trag sie immer im Herzen.

Friede nickte und sagte leise und andchtig, wie ein Gelbnis klang es:
Immer.

Da sind sie, da sind sie! brllte es in diesem Augenblick los. Vom
Walde her kamen Buben und Mdel, alle mit Krben, Tpfen und Sckchen,
sie hatten Waldernte gehalten und Beeren, Pilze und Tannenzapfen
gesucht. Dabei hatten sie Leberecht Sperling getroffen, und der hatte
sie erst angebrummt und ihnen dann erzhlt, Muhme Lenelies und Friede
wren von der Frau Grfin zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden. Ist
das wahr, ist das wahr? schrieen sie alle durcheinander. Hat's viel
Kuchen gegeben? War der Papagei da? Was hat er gesagt?

Muhme Lenelies nickte: Na ja, Kaffee und Kuchen gab's schon, aber noch
was viel Besseres. Nun erzhlte sie den Kindern von Friedes Glck,
und die rissen Mund und Augen auf. In die Stadt sollte Friede und ein
gelehrter Herr werden; so etwas war ja noch gar nicht dagewesen! Heine
Peterle fuhr sich durch sein Strubbelhaar und murmelte: Das mchte mir
nicht gefallen, n,--na berhaupt die Stadt! Geh nicht hin, Friede,
da ist's dumm!

Schulzens Jakob aber sagte nachdenklich: Nachher wirst du gar nichts
mehr von uns wissen wollen.

Dafr httest du nun was auf deinen Schnabel verdient, rief Muhme
Lenelies rgerlich. So ein albernes Gerede! Seine Heimat und seine
alten Freunde vergit man nicht in der Fremde, merk dir das, Jakob. Wer
das tut, der ist gar nicht wert, so eine schne Heimat wie Oberheudorf
zu haben!

Gibt's in der Stadt auch Ferien? flsterte Waldbauers Mariandel und
ergriff Friedes Hand.

Freilich gibt's Ferien, sagte Muhme Lenelies, die die Frage gehrt
hatte, und dann besucht uns Friede allemal. Aber nun kommt heim, die
Sonne geht unter!

Die gute Sonne hatte wirklich schon die rosenroten Vorhnge ihres
Wolkenbettes zugezogen; nur ein wenig, blinzelte sie noch hervor
und grte mit einem letzten Scheinen und Glnzen die Heimkehrenden.
Sie warf noch etwas strahlendes Licht ber das Dorf, da alle
Fensterscheiben wie Diamanten blitzten und auf allen Dchern ein
Rosenschimmer lag.

Die Kinder schwatzten und lachten, schmiedeten Zukunftsplne und bauten
turmhohe Luftschlsser. Nur Friede und Mariandel schwiegen und schauten
versonnen auf das Dorf, das so schn und friedlich im Abendschein vor
ihnen lag. Das Bild grub sich Friede fest ins Herz und nahm es spter
mit in die Fremde. Er trug fortan seine Heimat im Herzen, wie Muhme
Lenelies gesagt hatte.

[Illustration: Oberheudorf]




Anmerkungen zur Transkription:


Das Original ist in Fraktur gesetzt.

Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert.

Im Original _fett_ gesetzter Text wurde mit _ markiert.

Doppelte Anfhrungsstriche wurden durch  (unten) und  (oben) ersetzt.

Einfache Anfhrungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt.

Abbildungen wurden aus der Mitte von Abstzen zum Anfang bzw. Ende
derselben verschoben.

Das Format der Abbildungsunterschriften wurde vereinheitlicht.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Beibehalten wurde:

Einige Ausdrcke wurden in beiden Schreibweisen bernommen:

Burin (Seiten 19 und 22) und Buerin (15fach verschiedene Seiten)

Eurem (Seite 51 2fach) und Euerm (Seite 75)

Himmelblauen Ente (Seiten 111 und 153) himmelblauen Ente (Seiten 19,
85, 103, 115 und 118)

Waldbauernhof (Seite 207) und Waldbauern-Hof (Seite 21)

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

  gendert wurde "guten, weien Betttchern seien vom"
              in "guten, weien Bettchern seien vom"
             (Seite 34)

  gendert wurde "Hans Rumpf sah auch die Holzpantoffel an,"
              in "Hans Rumps sah auch die Holzpantoffel an,"
             (Seite 98)

  gendert wurde "sie die himmelblaue Ente umreien."
              in "sie die himmelblaue Ente umreien."
             (Seite 116)

  gendert wurde "Dorf in Feuersbrunst und Wassergegefahr
                  zusammenschreien."
              in "Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr
                  zusammenschreien."
             (Seite 117)

  gendert wurde "Feuersbrunst und Wassergegefahr zusammenschreien. Der"
              in "Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien. Der"
             (Seite 117)

  gendert wurde "vor der himmelblauen Ente auf und"
              in "vor der himmelblauen Ente auf und"
             (Seite 118)

  gendert wurde "neben dem Knigstron stehen ganz still"
              in "neben dem Knigsthron stehen ganz still"
             (Seite 123)

  gendert wurde "darum gan uznzufrieden, als die Muhme"
              in "darum ganz unzufrieden, als die Muhme"
             (Seite 132)

  gendert wurde "Annchen raste, Trudel raste, und so"
              in "Annchen raste, Trude raste, und so"
             (Seite 155)

  gendert wurde "Annchen und Trudel waren heilfroh, da"
              in "Annchen und Trude waren heilfroh, da"
             (Seite 162)

  gendert wurde "fuhr sie klagend fort, hat er sich noch umgedreht und
                  gerufen: >Besser wr's, wenn gar keine Bahn herkme!<"
              in "fuhr sie klagend fort, hat er sich noch umgedreht und
                  gerufen: >Besser wr's, wenn gar keine Bahn herkme!<"
             (Seite 174)

  gendert wurde "Schwatzend, lrmend, Mubrote schmausend, sehr aufgeregt"
              in "Schwatzend, lrmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt"
             (Seite 190)

  gendert wurde "Der Bube aber war"
              in "Der Bube aber war"
             (Seite 203)





End of the Project Gutenberg EBook of Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf, by 
Josephine Siebe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE KINDERGESCHICHTEN ***

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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