The Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock

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Title: Seefahrt ist not!

Author: Gorch Fock

Release Date: February 26, 2016 [EBook #51303]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                          Seefahrt ist not!


                                Roman
                                 von
                              Gorch Fock

                          121.-130. Tausend

                Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921

               Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.







   Lat mich nur auf meinem Sattel gelten,
   bleibt in euern Htten, euern Zelten,
   und ich reite froh in alle Ferne --
   ber meiner Mtze nur die Sterne.

                                                               Goethe.




                           Erster Stremel.


Insonderheit aber bitten wir dich fr die, die auf dem Wasser ihre
Nahrung suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Flu,
behte Mann und Schiff in allen Gefahren!

Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er
laut und warm fr seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm
von Herzen kam, nicht leise und kalt, wie sein Vorgnger, ein zher
Welfe, der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: La deine
Gnade gro werden ber deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn,
und ber das ganze kaiserliche Haus.

Die gefurchte Stirn berhrte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel
vom Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien,
als wenn die Stimme ihm versagte und er aufhren mte. Und er hielt
berwltigt inne und lie die groe Stille kommen.

Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwrder. Regungslos sa die
Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Trnen.

Und die _See_ nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee -- mit ihren
jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm,
mit ihren haushohen, schumenden, brllenden Seen, mit Brand und
Wetterleuchten, mit Dnung und Gewitter, -- mit geborstenen Segeln,
gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracken und
hilferufenden Fahrensleuten.

Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen htte.

Die hellhaarigen Jungen auf den Bnken neben dem Altar, die als groe
Schleefen zu den gegenbersitzenden Konfirmandinnen hinbergelacht und
ihnen zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschmt die Hnde
zusammen und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die
Vter und Brder in den Sinn kamen, die drauen waren, und weil sie
daran dachten, da sie nach Ostern selbst in die Fischerei hineinkamen.

Auch bei den rotbckigen Mdchen wurde es still. Alle falteten rasch die
Hnde, und manches Kinderherz bebte -- vergessen war, da sie abends am
Deich einzuhten hatten und da die Jungen dort vor den Fenstern
trommelten und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder
Sechsundsechzig mitspielen durften.

Gesine Klper, die schnste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um
die die Junggste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten
stiegen, weil keiner sie dem andern gnnte und jeder sie nach Hause
bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht
allein, weil sie wute, da es ihr gut stand, sondern auch um die
Seefischerei, um alle Freundschaft, Bekanntschaft und Verwandtschaft,
die unter Segeln war.

Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den
Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der
Verwegenen, der Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von
denen, die nicht reffen und nicht beidrehen mgen, die mit allen Lappen
segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord
von Edenhall:

   sie schlrfen gern in vollem Zug,
   sie luten gern mit lautem Schall,

die mit dem Glck von Edenhall anstoen und es wohl auch einmal
versuchen. Die See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei
sie nach seiner Meinung erst, wenn sie _koche_, hat Hein Loop einmal
gesagt, und jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er,
denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter nach See, up de Schullen
dol, und konnte mooi Wind und mooi Fang gebrauchen.

Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit
hinter ihm saen, lieen das Kirchenwort in die unerschrockenen
Seemannsherzen hinein, wenn sie in Gedanken auch ein krftiges
Sprchlein achteran hingen, das bei Jan hie: Herr Pastur, de
verdreihten Dnen ne vergeten! Bei Simon lautete es: Amen, Herr Pastur:
ober dat Is mtt irst innen Dutt, ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik
besagte es: De Bt, Herr Pastur, de Bt, de Bt, de hrt dor ok mit to!

Von den mittleren Bnken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saen die
Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln
Kopftchern wie morgenlndische Klageweiber anzusehen. Der letzte
Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein
Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst
sa die greise Geeschen Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer
Landkarte hnlicher sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur noch
fr Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben: ihren Vater,
der dreiundvierzig vor der hollndischen Kste ber Bord gekommen war,
ihren Mann, der in den sechziger Jahren whrend der quinoktien
untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fnf Jahre spter bei
Amrum geholt hatte, ihre beiden Shne, die vor neun Jahren mit ihrem
neuen Ewer verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem groen,
leeren Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen
zurckgelassen hatten, und wunderte sich, da sie immer noch lebte und
da auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere sa.

Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht
zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spkenkieker, der Blut
stillen, Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen
bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhrens besa. Er
beobachtete den Pastor scharf, und als Bodemann die Augen schlo, machte
Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn
kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich stieg und ber die
cker, Grben und Wischen wallte, ohne eines Weges oder Steges zu
bedrfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Tren drngte
und die Kirche fllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren
Pltze und alle Gnge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die
gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die
Knechte. Mit weitgeffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie
an. Wie sie ber Bord gesplt waren, standen und gingen sie, das Wasser
leckte ihnen von den Sdwestern, glnzte auf den lrcken und quoll aus
den Seestiefeln. Der Spkenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter
sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war.
Dabei blieb er ruhig, denn er war an Spuk gewhnt: nur, wenn einer der
Toten ihn ansah, schttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an
den Segeln hat es nicht gelegen, da ihr geblieben seid: die Segel waren
gut! Wobei er allerdings voraussetzte, da er sie auch wirklich gemacht
hatte.

Endlich -- ein erlsendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes
Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei drauen in
den Erlen und Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die
Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam seine
Sprache zurck. Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand
anhielt und alle, die dazugehrten, um gottesfrchtige Eheleute, Eltern
und Herren, gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war
die groe Stille vorber: die Konfirmanden machten wieder ihre
verstohlenen Zeichen, die Mdchen kicherten und stieen einander im
geheimen an, Gesine Klper dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees
Segelmacher sttzte die Ellbogen auf die Brstung und hrte so nipp zu,
als wenn er noch Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die
Prntjer geruhig wieder hinter die Kusen.

Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nhe der Orgel auf dem
Chor sa, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn
jh befallen hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen.
Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen, da er nicht allein recht
in der Sonne sa, sondern auch aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den
Wischen und Grben sah er den hohen Deich aufragen und ber den Stroh-
und Pfannendchern der Huser gewahrte er die Masten der
Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und die
Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen
Elbufer, auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und
Freude fllten!

Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte
nur sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermdlich
neben der Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint,
da er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine
Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und
gesagt hatte, sie wollten das Gesangbuch tragen und ihn bis an die
Kirchentr bringen. Denn htte der Vogel Bunt so lange ruhig gesessen
und geschwiegen? Sicherlich nicht -- er wre bald aufgestanden und
umhergelaufen und htte geguckt und gezeigt und gefragt und getan: beim
stillen Eingangsgebet in der Fensternische htte er gefragt, wie jener
Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut
gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel
htte er in den Hnden gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor
is ober plenni Monne in! Und Geeschen Witten htte er laut gefragt:
Diern, Geeschen, wat schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten
geben? Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wre, htte er geantwortet:
ick bn vrn Pastur ne bang, Vadder! -- oder eingewendet: de lebe Gott
is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen!

Es war weder vorwrts noch rckwrts aufzuzhlen, was er alles
angerichtet htte, und es war besser, da er drauen seine Wache
abreien mute.

Der Seefischer lachte in sich hinein.

Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen
gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle,
mten ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine
Steine bei sich behalte und sie dem Kster an den Kopf werfe. Solle er
aber drauen bleiben, dann wre nur zu wnschen, da der Pastor es kurz
und knapp mache, damit der Junge nicht die Geduld verliere und alles in
Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von oben bis unten
angeguckt und dann ernsthaft erwidert hatte, die brenne ja gar nicht,
weil sie ganz aus Stein gemacht sei. -- Da war dem Seefischer ein
kstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen
und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen
Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Gromast und der
andere der Besansmast und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter
Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat brukst mi ne to
vertillen, hatte der Junge geeifert, dat weet ik jo all lang! Na, dann
solle er aufpassen, war des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle
einmal ausfindig machen, ob der Junge schon etwas knne, ob er schon zu
etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem Ewer zwischen den Bumen
eine Wache nehmen, wie auf See in der Schollenzeit, zwei Stunden
hindurch. Der Kompa lge Nordwest an: er solle darauf achten, da er
nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, da die Segel immer voll Wind
seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er keine
Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Groer
genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte
sogleich das Deck mit groen Schritten ausgemessen, hatte Gromast und
Besan mit den wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken
geworfen und die ste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprft.

Van Burd dtt ik ober doch ne gohn, ne, Vadder? hatte er noch gefragt.

Och du Dsbattel, war des Seefischers Erwiderung gewesen, kannst du
ok van Burd gohn? Bst doch up See, is doch all Woter m di rm.

Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?

Seemann? Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den
Birnbaum gesetzt. Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachthus,
Strtebeker, un sien Nff, dat is de Kumpa. Nun wisse er wohl alles:
er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten,
sondern knne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute
es tten, hatte der Seefischer geschlossen und war in die Kirche
getreten, whrend der Junge unter dem Gelut der Glocken und dem Gebraus
der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen war.

Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer
noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als
ob er wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, da er schon gro
genug wre und allein die Wache gehen knne. Er wollte zeigen, da er
schon mit der See klar kommen knne, damit sein Vater ihn im Sommer mit
auf den Ewer nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte
er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der im Wipfel des
Apfelbaumes sa, lie er sich als Flgel gefallen. Er hatte die Hnde
nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff gefhlvoll
vor sich hin, spuckte auch einmal groartig in die See hinein, als wenn
er bange sei, da er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme.

Es schien strmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weie
Nachthaus ber Bord, sei es, weil eine Ratte ber den Graben schwamm
oder weil sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte.
Junge, was war das fr ein Stck Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun?
Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken
hatte: er verlegte sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das
nicht half, dachte er schlielich: och wat, nu jump ik eenfach ober
Burd: ik kann jo swmmen -- und lief nach der Wurt oder nach dem Graben,
ergriff sein Nachthaus und schleppte es zurck, wobei er pustete, als
wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und
sagte: Du m sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpa! Dann
guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich
nicht ganz sicher, ob er ber Bord springen durfte.

Klaus Mewes sah es wohl und hgte sich ber ihn, whrend ihm das Blut,
das die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schlfen
klopfte. Das war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den
blauen, nordischen Augen und dem wettergebrunten Gesicht, der eine
graue, wollene Matrosenmtze aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes
Tuch trug, einen weiblauen Buscherump und eine marineblaue Bx anhatte
und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, der auf
Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das war sein Junge! Wer den
so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland
einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab -- und durch die Brust
seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel bertnte.

Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann
aus ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und
verwegenen, wie Finkenwrder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen
Sommer wollte er ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und
die Leute den Kopf schttelten. Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er
war es nicht gewohnt, auf andere zu hren, weder an Land noch auf See.
Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein Leben selbst.

Ja, Klaus Strtebeker sollte ein Fischermann werden!

Der Junge hie Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit
Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Strtebeker, einmal, weil er
wirklich ein groer Strmer und Liekedeeler war, ein Brite und
Tunichtgut, dann, weil sein grner Kahn diesen Seerubernamen an Steven
und Gatt trug, schlielich auch wegen des Grovaters, dem er noch
hnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie die alten Leute
behaupteten, -- der auch Klaus Mewes geheien hatte, wegen seines
Freibeutertums aber allgemein Strtebeker genannt worden war. Was den
kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seerubernamen so
einverstanden, da er auf seinen wirklichen nicht mehr hrte: rief einer
Klaus, so sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! -- nannte ihn einer
Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder, du anner! -- erst bei
Strtebeker lie er sich ermuntern und antwortete.

Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das
Deck abma! Da war kein Schritt zu viel und keiner zu wenig! Wenn er
sich beim Birnbaum umdrehte, verga er niemals, nach dem Kompa zu sehen
und die Segel zu berholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war,
sphte er luvwrts und leewrts ber die See. Mit groem Behagen und
einiger Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten, die ihm
sagten, da der Junge ihm und den anderen Fahrensleuten schon viel mehr
abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts strte den kleinen
Fischer, der wute, da er auf See war und kein Land in Sicht hatte, und
sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekmmerte, noch den
vorberrollenden Wagen nachlief.

Da der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hrte, war
nicht zu verlangen: er wurde kaum gewahr, da der goldene Stern oben an
der Orgel klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und htte sogar
den Klingelbeutel bersehen, wenn der ihm nicht pall unter die Nase
gehalten worden wre. Nur der Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem
Jungen ab, denn es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm
zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn das war kein
Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger Schrei hrte es sich
an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn
die Strme sich wieder erhben und die See und die Herzen aufwhlten,
die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die Stimmen
der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar
drckte der Kster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn
dachte, so bermchtig sangen die Fahrensleute.

Klaus Strtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf,
weil es mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht
bange machen lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den
Bumen, deren Stmme der Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen
waren. Unverdrossen hielt er aus, bis der Mond aufging, der stille,
milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs rundes, glnzendes
Vollmondsgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit
der Aufschrift: Ut dat Fer bn ik floten / Peter Struve hett mi goten
-- begann, sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich hher und hher,
bis der Klppel drhnend gegen den Mantel schlug und das helle Gelut
sich erhob. Die Tren wurden aufgestoen, die Jungen strmten heraus,
als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen, die Mdchen drngten
nach, dann kamen die Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachthaus
bellend in die Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut
Strtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun auch ohne Kompa war,
so hielt er dennoch getreulich aus und verlie seinen Posten nicht, bis
sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlste.

Ob er auch Haverei gehabt htte? Nein, nur das Nachthaus wre siebenmal
ber Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein
feiner Streek, hundert Stiege, groe Sdschollen!

Deubel ok, du kannst dat ober! lobte Klaus Mewes.

J, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See,
denn schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt! sagte der Junge mit
blitzenden Augen und fuchsklugen Nasenlchern.

Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie
wollten erst mal sehen, ob die Kltjen noch schmeckten. Kumm, Seemann!
Und er schechtete gro und heiter auf dem Kirchenweg entlang und
berholte eine dunkle Reihe nach der andern. Immer grer wurden seine
Schritte, so da Strtebeker in Sprngen laufen mute, um mitzukommen,
und Seemann, der weite Wege gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von
Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge als
Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen konnte, sich
aus der Fahrt laufen zu lassen.

Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die mibilligenden
Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, da auf dem Kirchenwege
nicht gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und a, was ihm
schmeckte, der groe Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot,
weil er keinen mrben Kram fuhr, der wute, da er den besten Ewer unter
den Fen hatte, mit dem sich etwas beschicken lie, und der Herr und
Knig seines Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei jedem
Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der Besan wehen: das war der
Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner Liebe zu seinem
Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das bunte
Tuch zerfetzt, dann zog er unbekmmert eine neue Flagge auf und lie
weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens
pflgte der glckliche Fischer die See, lachend strich er den reichen
Segen ein, den sie fr ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele
waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefhl, das den Bauer bewog,
sein Feld nicht ganz zu mhen, sondern eine Ecke Hafers stehen zu
lassen, fr die Gtter, fr Wotans Schimmel.

Sie sagten, man solle und drfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg
nach dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem knne doch kein Seemann
werden: am besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen
seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei. Was scherte das
Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach mit seinem Jungen nichts als
Fischerei und Seefahrt und erfllte ihn mit nichts anderem, als da er
Fahrensmann werden msse und solle. Was fr Last haben die Frauen am
Deich, da sie die Kinder vom Graben und von der Elbe fernhalten, da
sie sie aus den Bten und Khnen herausbringen! Goh man ne bit Woter!
ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und
sagt: Goh man betjen bit Woter, Strtebeker! Schipper man mol, kls man
mol not Fohrwoter raf, seil man betjen, swmm man mol, dor liggt de
Boot, dor is de Kohn!

Und eines brannte er dem Jungen wie mit glhendem Eisen ins Herz und
drckte es tief und unverwischbar, unauslschlich ein: Ne bang warrn!
Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange
werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist,
ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem Wasser noch an Land,
weder in den Masten noch auf den Bumen, weder vor Menschen noch vor
Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht
bange werden!

Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dtt ik ne
warrn, ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas
Furcht einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es
wollte.

Sie hatten die Hhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte
aufatmend ber die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im
Wintereise sitzen sah, das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so
fischte und segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei
Helgoland. Und wenn Strtebeker sich auch noch mit dem Gesangbuch
abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm die
Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See.

Da grte sein Ewer ber das Eis, er sah seine Flagge flattern -- und
seine Seele fate noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie
setzte die letzten und hchsten Segel.




                           Zweiter Stremel.


Klaus Strtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hnde hohl um den Mund
gelegt und rief die Leute. Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat
eten!

Endlich entstiegen sie der Kambse, winkten mit der Hand, zum Zeichen,
da sie verstanden htten, und kamen ber das Eis.

Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehrte. Auf der
Bank mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl sa zu oberst
der Schiffer, rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der
Junge, Strtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen.

Gesa trug die vollen dampfenden Schsseln auf. Es gab frische Suppe mit
bunten Korintenkltjen. Safran, Suppenkraut und Muskatnu fehlten nicht
daran, und ein Stck Fleisch, wie ein halber Ochse gro, kam dazu auf
den Tisch.

Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den groen, blanken
Schpflffel und fllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte,
gab er den Lffel dem Knecht. Strtebeker bekam ihn zu allerletzt,
obgleich er vielleicht am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung,
die am Deich galt, durfte nicht gerttelt werden, obschon Klaus Mewes
sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte: Fleesch frn
Schipper, Kltjen frn Knecht, Kantffeln frn Jungen. Er gab ein Essen,
wie es selbst die groen Bauern nicht besser geben konnten.

Bi Disch ward ne snackt: das war nichts fr Klaus Mewes, da htte ihm
wohl einer ein Pechpflaster auf den Mund backen mssen, wenn er das
gesollt htte. Er sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken,
und lie sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus
dem Kurs bringen.

Strtebeker a fnf Kle, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! Vrre
Hand weg, Vadder, versicherte er, ohn uttoseuken; wenn ik no de ltjen
langt harr, harr ik wenigstens sben upkregen.

Oder sbenuntwintig, gab der Knecht trocken drein, aber Strtebeker
verstand den Spott nicht.

Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt noch en
barg beter!

Dat wull ik ok, rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus.

Er htte ja die Schollen annehmen knnen, die Jan-Ohm von der Aue
geschickt htte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wre ja
noch schner, wenn der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus
bringen liee! Gott solle ihn bewahren: die msse er selbst aus der See
geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er sah seinen Jungen an:

Ne, Strtebeker?

Jo, Vadder!

                   *       *       *       *       *

Nachmittag standen die drei am Fenster und kntteten, Klaus der
Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus Strtebeker. Hein Mck der Junge
hatte Urlaub genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und
fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa mit der
Sabbatschndung uppen Snndagnomerdag keineswegs einverstanden war und
eine Lippe zog. Aber die Netzmacher lieen sich nicht stren.

Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes sein Knecht. Er
hie eigentlich anders, aber auf Finkenwrder nannten sie ihn allgemein
Kap Horn. Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gren.

Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf groen Schiffen
gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Sd-Atlantik
Albatrosse geangelt und bei Grnland Walfische harpuniert hatte und
dreiigmal unter der Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der
groen Fahrt abgemustert hatte und vom Viermastvollschiff auf den
Fischerewer geklettert war, wei ich nicht: er fuhr aber schon zwlf
Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu einem Finkenwrder geworden,
nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer Ton und er gab noch oft
ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als alt- und
weitbefahrener Matrose fr etwas Besseres als die anderen
Fischerknechte, die doch hchstens einmal hollndisch oder dnisch
sprechen gehrt hatten.

Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu
fragen: Kap Horn? Und wute der andere dann nicht einmal, was gemeint
war, so spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um
und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als
Antwort, so fragte er schnell: Veel mol? Dree oder so. Dann lachte
er und sagte: An mi kannst nich klingeln, old boy: ik bn sotein Mol
um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en bitten no. Bei einer
solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn getauft worden.

Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer
weien Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit
dem er nur langsam weiter kommen konnte, und Strtebeker hatte etwas in
der Mache, von dem er steif und fest behauptete, da es eine Bunge
werden sollte, ein Reifenkorbnetz fr Hechte und Schleie, whrend Kap
Horn auf ein Zwiebelnetz riet und Klaus Mewes es fr eine Staatsgardine
fr den Krhenkfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie
Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf den Schegern
reihte sich Masche an Masche. Dabei aber wurde ausgiebig geklnt, denn
niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zhlen, also
besonders aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes
Matrosendntje von St. Pauli auf und begann zu singen:

   In England geiht dat lustig her,
   dor bot se Scheepen grot un swor,
   een bannig Deert von Ungetm
   dat sall jo de Gretj Astern sien!
   Lang is dat Deert twee dtsche Mil,
   hoch annerthalf von Deck to Kiel!
   So Masten, hoch bet an den Moon,
   acht Dog brukt een, um roptogohn ...

Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und
die Enten gefttert hatte, trat in die Dn und untersagte ihm den
Hymnus mit den Worten: Snndogs ward ne sungen, Korl!

Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem grlichen
Seerubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen
Spitznamen, sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was fr
einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber:

Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.

Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohop un
mok man Fierobend un les man mol inne Bibel, priesterte sie, und als
Klaus Mewes herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: Ji dree sndt jo
woll ne, snd woll rein mall worden, stillt jo uppen Snndag vrt
Finster hin un kntt! Weet ji ok, keen snndogs arbeit?

Uns Herr Pastur! sagte Klaus.

Ne, de Bedelmann! Fr uns Ld is de Week dor!

Klaus erwiderte gelassen, es msse aber sein, denn es sei Tauwetter und
das Eis knne jede Tide abtreiben, so da sie fahren mten, er wolle
und wolle die beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der
Fischerei unterbliebe das Kntten doch wieder.

Und er msse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Strtebeker sich,
denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die
ganzen Grben sen voller Hechte.

Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Kche oder nach dem Boden oder
nach dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich ber sie rgerte. Sie
sollten sich doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich
sprchen sie sicherlich wieder davon und hielten sich darber auf.

Lot jm, Mudder, erwiderte Klaus sorglos, ik blief doch hier, mag to
giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.

Und er fllte die Nadel, die leer geworden war, und knttete weiter.

Gesa aber ging kopfschttelnd aus der Stube und machte sich in der Kche
zu schaffen, von wo sie ber die Bauerndcher und Obstbume nach ihrer
Heimat sehen konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte
die Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau geworden und
fhlte wieder mit bitterem Schmerz, da aus ihr niemals eine werden
konnte. Immer noch graute ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war
ihr fremd und unverstndlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das eine
lie sich nicht abschtteln und das andre nicht lernen. Klaus rstete
mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre bse Zeit kommen, sie hrte schon den
Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tr saugen und
wute nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu
wissen. Sie liebte ihn tief und hei und lag in seinen Armen wie im
Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange und sie wnschte im
Herzen nichts sehnlicher, als da er kein Seefischer wre, sondern Bauer
oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Knnte er nicht etwas
anderes beschicken, knnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere
Fischer es getan hatten?

Aber Klaus Mewes -- und das tun? Sie mute doch lcheln ber den
Gedanken. Bis Blankenese mte es gewi zu hren sein, sein Lachen, wenn
sie davon sprche, da er an Land bleiben solle.

Da sa sie nun in ihrem Glck, um das die ganze arme Heide sie
beneidete, war eine groe Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der
jede Reise die Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur
ein armes Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und berall Wetter
und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie
manchen Tag sehnte sie sich schon nach der stillen, einsamen Geest
zurck, wo sie nichts von Schiffen und von Seefahrt gewut hatte, wie
manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging! Wie manche
Nacht lie der Wind sie nicht einschlafen, wie manches Mal jagten die
Blitze sie aus dem Bett, wie oft schreckten sie die Stimmen der
gengstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war
auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwrder Frauen aber hatte
sie wenig Verkehr und Freundschaft, weil sie fhlte, da sie als
Butenlnderin nicht ganz fr voll angesehen wurde.

Wie wichtig sie es in der Dn hatten! Als wenn sie sie gar nicht
vermiten! Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten!

Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn
so hatte sie noch niemals jemand lachen gehrt! Das hatte sie in seine
Arme gedrngt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem
Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere
des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen war es gewesen, was sie
gehrt und gelesen hatte von Sturm und Untergang: wo einer so lachen
konnte, da konnte weder Unglck noch Gefahr sein, hatte sie gemeint, als
Klaus sie freite.

Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber
sie konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hren, es schnitt ihr ins
Herz, wenn sie an das Finkenwrder Elend, an die Witwen und Waisen, an
all die Trnen und unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel,
wie eine Snde vor. Da er so verwegen war, machte ihr das Herz noch
schwerer, und eine trbe Ahnung frher Witwenschaft hing ewig wie ein
dunkles Gewlk ber ihrem Leben.

Wie laut sie erzhlten, die beiden Seefischer! Gewi von nichts anderem
als von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. _Der_
war schon der See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und
wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, da er den
Sommer mit an Bord solle: all ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.

Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein
einziger, niemand bekmmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht
mehr zu ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus
lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und alle gren,
aber was er auf der Geest beschicken solle? Er knne auch so weit nicht
laufen. Den Jungen bekam sie nur mit halber Gewalt dazu, da er mitging.
Seitdem er wute, da sein Vater sich nichts aus der Geest machte, trug
auch er kein Verlangen danach. Dort sei fr einen Seefischer nichts zu
lernen, echote er, dort gbe es ja nur Heide und Sand und Steine und
weiter gar nichts.

Schlielich aber ging Gesa doch nach der Dn zurck, weil ihr zu kalt
wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weien
Kachelofen.

Kiek mol an, Mudder kntt ok, Vadder, rief der Junge lustig, kiek mol
an, Kap Horn, un uns will se wat seggen!

Da mute sie wider Willen doch mitlachen.

Wat s de Pastur denn Godes, Klaus? fragte der Knecht, hette ok beet,
dat dat Is bald doldrifft un wi no See seilen knnt?

Jo, dat segg man, sagte Klaus und ri grimmig an seiner Kurre, ik
wull, dor keum mol Westenwind achter!

Er blickte ber die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon
seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der
Elbe stand es noch, zwar schwrzlich und mrbe, aber es hing doch noch
zusammen. Dagegen war das Fahrwasser drben schon fast frei von Eis,
dort trieben nur noch groe und kleine Schollen. Dort segelten denn auch
schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes,
dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten schon die
Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die Hamburger
Smietnettfischer nach Butten, whrend das Negeschwader, das aus dreiig
Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fnfzig Elbjollen und
Bten bestand, noch im Eise festsa und nicht mitkonnte. Die Auer und
Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe
herauf, einige hatten schon groe Reisen nach der Weser gemacht: Klaus
Mewes aber und seine Nachbarn saen noch fest. Wenn der Eisbrecher
binnen Wasser genug gehabt htte, wre ihnen lngst geholfen gewesen,
aber der groe Beier konnte nur eben den Rand ein wenig glatt fressen.

Klaus Mewes sah, da zwei weie Kutter von einem kleinen Schlepper von
Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bnn voller
Schollen hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrmmerten das
Eis und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser.

Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi slben Isbreker speelt? rief er.

Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben? fragte der alte
Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap
der guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehrt
hatte.

Wi weut di bi Isbrekers, warf Strtebeker laut dazwischen, swarten
Kaffe schallst du hebben! Klaus aber hatte seinen Plan schon unter
Segeln. Wi mt allemann bi, rief er, Htz mitte Mtz, Ltjfischers un
Seefischers, Schippers un Ld! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un
spannt uns alltohop vr un denn teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi
denn not Fohrwoter raf kommt!

J!

Wat j? Meenst, wat wi ne soveel Hlpsld uppen Hmpel kriegt? fragte
der Schiffer.

Ik hilp ok mit, versicherte der Junge wichtig, ik kann wat tehn,
Vadder!

Du bliffst hier, Klaus, kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her,
meenst du, wat du dor nnert Is kommen schallst!

An Hilfsleuten wrde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer
wrde sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? _Das_ sei der Knoten!

Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es
wagen, sein Ewer sei einer der strksten und knne es am besten ab, er
wolle gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann
den Deich abklopfen und es aussingen, da die Eisbrecherei mit
Hochwasser anfangen solle. Denn knt wi offermorgen all up de Schullen
dol, Mudder!

Huroh, offermorgen geiht no See! rief der Junge, warf die Bunge hin
und machte, da er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang,
da die Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach
und nach von dem grnkpfigen Wart beruhigen lieen. Wat, wat hebbt ji
egentlich, dat, dat is de Jung doch, doch jo blo! So schnatterte der
Wart.

Du kummst ober noch ne mit, wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar
nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hrte auch nicht
mehr, da Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurckrufen wollte.

Wat will he? All Bescheed seggen? fragte Kap Horn lachend, aber sein
Schiffer lachte noch lauter und sagte: De? Ne, de will no den Schoster
hin un sien Seestebeln holen. Wenn de klor snd, schall he jo mit an
Burd, un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.

Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus, sagte Gesa kopfschttelnd,
dat du em de Stebeln anmeten loten hest! He lppt elken Dag sbenmol
hin un ktt an! De Schoster seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.

J -- du liebe Zeit, erwiderte er, endlich will de Bur de Koh betohlt
hebben un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster
kanns ok jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen
Nachten.

Un denn?

Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is jo
all genog ober snackt worden, sagte er sicher.

Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: Un ik
segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he
noher grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will
ik nix mihr ober em to seggen hebben, ober so lang hrt he mi, mien
Mudderrecht lot ik mi ne nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw
loten mtt: no See schall he noch ne!

Geef di, Gesa, beschwichtigte Klaus gelassen, whrend Kap Horn, der zu
dem Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tr ging und mal ber
den Westerdeich guckte. De Jung _kummt_ dssen Sommer mit no See, dat
is so gewi as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!

Ik lied dat ne un lied dat ne! beharrte sie leidenschaftlich. Du hest
en reinen Vogel mit dienen Jungen, weest dat? Keen een van de
Seefischers nimmt son ltjen Boitel all mit an Burd, de kum en Bx mit
Verstand dregen kann.

Er machte geruhig seine Maschen. De hebbt ok ne son Jungen as ik,
sagte er, lot mi man, Gesa. Ik bn en rechten Fischermann un will en
rechten Fischerjungen ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken,
Diern! Weest, wat dat is?

Sie gab keine Antwort.

En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern? Du geihst ok mit no
See, man to, denn wardt irst mooi! Kiek di mien Fischeree mol mit egen
Ogen an!

Sie schttelte starr den Kopf:

Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all
lang don, ober ik kannt ne!

Dat kummt uppen Verseuk an, erwiderte er, goh man mol mit un du
schallst mol sehn: buten ist en barg beter as binnen!

Klaus, gluf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr seekrank un starf
di all vr Angst, ihr wi mol no See dol snd! Mi grot to dull vrt
Woter!

Jo, du bst en grote Bangbx, schalt er, dann aber tat ihm sein herber
Ton leid und er trstete: Ober dat schall sik woll noch all geben, mien
Diern, pa man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de
Banghaftigkeit gifft sik mit de Johren.

Ne, de gifft sik ne, dat weet ik, sagte sie tonlos und ging aus der
Stube, weil ihr die Trnen kommen wollten.

Da blieb der groe Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er lie
sich den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging
nicht von seinem Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit
schweigend auf.

De Jung kummt doch mit no See, lie Klaus Mewes sich vernehmen. Dann
blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch
bald an den Tag kam.

Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du
geborn weurst, do krz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De
Mudder hett noch en Recht op den Jungen!

Och wat! fiel Klaus ihm barsch ins Wort, ik hebb dat eenmol seggt un
dorbi blifft dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de
Mudder, ober bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo
upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn d un keen anner Woter
to sehn kreeg as dat innen Teeputt. Un wenn wi _blieben_ schulln, Kap
Horn, denn mokt se ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen
Bang, Klaus Mees kann ne blieben!

Der alte Knecht erhob warnend die Hand.

Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is
doch ne wedder kommen mit sien Eber!

Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer fr den besten von der Elbe hielt und
sich fr den besten Fischermann, blieb dabei, da er nicht bleiben
knne. Das war sein Wort von jeher gewesen und seine gewisse,
sturmgewohnte, sonnenfreudige Seele hielt daran fest: Ik kann ne
blieben un ik blief ok ne!

Strtebeker lie sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing
wieder an zu kntten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der
nichts gefangen hat, und lie die Unterlippe vorstehen, als wenn ein
Schock Hhner darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der
Seite an und stichelte: Na, Klaus Strtebeker, groer Seeruber, wat s
de Schoster? Hett he de Sbenmielenstebeln noch nich klor?

Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte
wie ein Groer: Ik gluf, de Knappen is verrckt oder splienig! Dat is
oberhaupt keen Schoster, gluf ik, de kann gorne schostern un gorkeen
Stebeln moken! Dat is en Leisegnger, Vadder ...

Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der
Junge fuhr in seinen Schmhungen fort. Jedermol, wenn ik komm, seggt
he: morgen; ober he kummt ne wieder as he is, de Tffel.

Wat scheut de Stebeln denn all, Strtebeker? fragte Klaus ernsthaft.

Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln
klor wrn, denn schull ik mit, antwortete der Junge zuversichtlich.

Bst du denn ok nich mehr bang? fragte nun Kap Horn lauernd. No See
drft blot welk, de nich bang snd.

Ne, Kap Horn, bang bn ik ne, erwiderte der Junge treuherzig.

Vrn dode Mus woll nich, Strtebeker, un vrn brodten Gnurrhohn ok woll
nich, ober wenn di en ltjen Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst
ut, wat kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!

Lgen, Lgen, Lgen! stritt Strtebeker und pekte ihn mit der
hlzernen Knttnadel. Ik bn vr keen Hund bang un vr gornix!

Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Blken
doch los?

Ne, schreen do ik gewi ne.

Denn warst du ober seekrank!

Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!

Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik blief ne! Und Klaus
Mewes sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders
stecken als ein Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein
Gelbde: Man still, Strtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!

Der Junge freilich hatte fr die Feierlichkeit keinen Sinn und lie ein
enttuschtes: Och, to Sommer irst! fallen, das den Knecht zu der
Bemerkung veranlate, es wre jetzt noch zu kalt auf See.

Un dien Stebeln snd ok jo noch ne klor, gab Klaus zu bedenken, und
Kap Horn kam noch einmal mit der bitterbsen Seekrankheit an den Wind.

Sie kntteten fleiig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis
aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg,
hielt Strtebeker es nicht mehr aus, er lie die Bunge liegen und nahm
franzsischen Abschied.

Neem schallt no to? fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen,
er wolle fttern -- und weg war er.

Dat keum jo bannig zaghaft rut, sagte der Knecht und sah ihm nach,
wenn de man nix anners in de Lur hett.

Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Strtebeker die Ftterung
seiner Krhe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten
Spruch einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!

Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger
beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von
Strtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Mnnchen, als er
den Deckel des Kobens lftete, und lieen ihre Nasen in der Luft tanzen,
Klu aber, die alte Nebelkrhe, die er selbst einmal auf See gegriffen
hatte, sa unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein
halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht
hren sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging er in das Schauer
und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hhnerwiem hingen;
sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht.
Er machte den Warbel vor und blickte ber Wischen, Stegel und
Binnendeich, aber da rhrte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater,
der um einen Musebraten verlegen war und die Stubben berholte. Tiefes
Schweigen lag ber den dunkeln Grben, und in den kahlen Wipfeln der
Eschen und Erlen sa das nchtliche Grauen, das die See nicht hat,
sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaen
bedrckte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte
aber nicht nach Weiberart an das Wasser und da er hineingefallen sein
knnte; brigens wute er ja auch, da Strtebeker schwimmen konnte und
nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte
wissen, wo er abgeblieben war.

So ging er ber die Wurt nach dem Deich zurck und guckte mit seinen
scharfen Augen ber das Eis, er lief ber die Blschen nach dem Ewer,
die Waken und Lcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die
Lichter, die gelben, grnen und roten, nichts zu hren als das
raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das Krachen der
zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.

Sollte der Junge wieder in der Kambse sitzen, wie er es schon mehrmals
gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewhnen? Klaus Mewes turnte
auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajte hinab, die ihm nun
beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst
stndig brennende Licht.

Wo mochte der Junge sein?

Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten
eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge
auf der Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da scho
ihm jh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di blo ne halfstock holen
mtt! -- aber er jagte ihn von dannen, kletterte ber das Schwert und
schritt ber das Eis nach dem Bollwerk zurck. Im Osten glomm der
Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte,
ungeheure Feuersbrunst vortuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte
Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt
war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren
braunen, knochigen Fingern nach dem stlichen Abendrot gewiesen und
gesagt: viel anders htte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht
angesehen: nun wre Hamburg schon so gro, da es jede Nacht einen so
groen Brand htte.

J, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften, hatte
er lachend geantwortet.

Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen.
Neem is Strtebeker, Seemann? Such! Such! rief er hastig.

Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, da er verstanden hatte,
und setzte sich gemchlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen
Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der
andern, wenn er lief.

Klaus wute schon Bescheid, es ging nach der Nekule, in der der Kahn
lag: der Junge schipperte gewi oder go das Wasser aus seinem Fahrzeug,
das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war
nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars und kein Junge war
dabei: jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der
Doggerbank den bsesten Strmen furchtlos in die Augen blicken konnte,
und er lief in Sprngen den Deich hinab.

Klaus!

Der Strtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.

Hier bn ik, Vadder, wat schall ik? rief Strtebeker, und eine dunkle
Gestalt lste sich aus dem Schatten der Baumstmme, die den
Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie nher und
wre umgeschossen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen htte.

Wat is dor los, Strtebeker? Wat fehlt di? Bst du krank?

Der Junge sah bla aus, aber er lchelte doch schon wieder verloren.
Jo, Vadder, ik bn seekrank un mtt mi jmmer speen.

Wat kummt dat denn?

Der Junge wies nach seinem grnen Kahn: Ik will mi seefast moken,
Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen
hett to mi seggt, denn m ik jmmer mitten Kohn dmpeln. rk, rk --
wat bn ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik frn bittern Gesmack
innen Mund!

Klaus wollte lachen, lachen, lachen -- er konnte es aber nicht, weil ihn
die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rhrte, der so lange mit dem Kahn
dmpelte, bis ihm schwindelig wurde, nur, um sich seefest zu machen.

J, Strtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewi
ne mihr mit no See, wat?

Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: Doch, Vadder! Morgen dmpel
ik wedder un offermorgen un den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr
dsig warr un mi ne mihr breken mtt! Ik will mi doch to Sommer van Kap
Horn un Hein Mck nix utlachen loten!

Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen
Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Ne zurck.

In der Dn brannte schon die Lampe.

Als sie sich vor der Tr die Fe abschrapten, sagte Klaus halblaut:
Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hrst? Segg du man nix,
Vadder: ik will woll swiegen, flsterte Strtebeker kameradschaftlich
und setzte sich in der Dn gleich neben den Ofen, mglichst weit von
der Lampe, bckte sich tief und zog umstndlich die Stiefel aus, um sein
Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton
fragte:

Non, neem kommt ji denn her?

Wi snd mol no de Nekul wesen, berichtete Klaus Mewes der Wahrheit
gem.

Hest du ok natte Strmp, Klaus?

Ne, Mudder, knokendreuch!

Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vr Nattigkeit. Gliek
treckst jm ut!

Strtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, da sie
weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des
Seefestigkeitskursus ab.

Nach dem Abendbrot wurde das Kntten noch eine Weile wieder aufgenommen,
dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.

Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
Roman: Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Shne mit
aufgesttzten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten,
so nickte er anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht
nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den Kopf schttelte. Ja,
man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind
oder Sturm las (und in einem echten Roman weht und strmt es ja alle
drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las er von Liebe, so
strich er sich ber die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, so
las er mit geballten Fusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber
achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der Koje
liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
zuletzt: Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest. Und
meistens stimmte es, was er dann erzhlte, da der Knecht zuletzt
jedesmal erstaunt sagte: Klaus Mees, ik gluf, du kannst hexen.

Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf
seinen Knien und treunte um eine Geschichte.

Ik weet uppen Stutz keen.

Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.

Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.

Och, man to, Vadder!

Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohrn un noher ne wedder
seggen, dat wr jo gorkeen Geschichte.

Ne, Vadder, dat segg ik ok ne, versicherte Strtebeker, und sein Vater
legte los.

Non, denn hr to: dor wr mol en Mann, de harr keen Kamm, to kfft he
sik een, to harr he een ... Da hielt der Junge seinem Vater aber schon
den Mund zu und paukste: Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du
schallst en euliche Geschichte vertillen!

Non, denn hr to: dor wr mol en Mann, de wr in de Heid verbiestert,
nu hr man god to! Dor wr mol en Mann, de wr in de Heid verbiestert
... Da hielt Strtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wre
auch Tdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt wesen.

Non, denn hr to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so
wit, ich selbst bin Klaus Strtebeker!

O weh -- das htte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen,
denn nun tagelte Strtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar
etwas von Klaus Strtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen
Satz, den er schon tausendmal gehrt habe.

Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah
auf und sagte: Klaus Strtebeker bst du jo slben, Junge, dor brukt di
doch keeneen wat von to vertellen.

Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte
abweisend: Lot den olen Seeruber man nnerwegens un numt den Jungen
man ne jmmer Strtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz
Leben ne wedder los.

De Nom is gornich so slecht, Gesa, sagte Kap Horn ernsthaft, whrend
Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus
Strtebeker sei brigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe
er den reichen Kaufleuten und den Knigen ihr Gold und Gut weggenommen,
aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt wrden die armen
Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er
es auch nicht bs gemeint: er strte sie nicht und wenn er Fische holte,
so bezahlte er sie reichlich.

So erzhlte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante
zusammengetragen hat von den Vitalienbrdern und ihrem Hauptmann Klaus
Strtebeker -- und der kleine Klaus Strtebeker sa mit funkelnden Augen
und glhenden Backen dabei und konnte nicht genug hren, wie sie
Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturme
flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie
Ritzebttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen Knig
gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem groen, breiten
Graben auf Finkenwrder erzhlte, der die kleine Elbe hie, und da
Strtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da
sprang der Junge auf, da Kap Horn ausrief: Neem is dat Fr? und
fragte: Vadder, neem is de Groben?

Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, da es damals noch
keinen Deich gegeben habe und da die kleine Elbe ein Priel von der
groen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht
verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen
konnte, und es blieb schlielich nichts andres brig, als da sie eine
kleine nchtliche Expedition nach dem Seerubergraben ausrsteten, die
trotz der groen Einwendungen von Gesa sofort ausrckte und der sich
auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.

Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!

Der Junge lachte sie aus und sagte, whrend er sein wollenes Halstuch
umband: Brummkirl gifft ne, Mudder.

So?

Hett Vadder seggt! Dor ward blo ltje Kinner mit bang mokt, wat se ne
bit Woter gohn scheut.

Dann schlug die Haustr knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die
Brechseen ber dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken ber ihrem
Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die
quellenden Trnen nicht hemmen! Warum mute sie so erschaffen sein, da
sie nicht getroster Hoffnung und frhlichen Herzens an die Seefahrt
denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht
freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum
mute sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden,
warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, da sie
den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen
solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu
tragen?

Sie begriff es nicht, da eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta
Holst, die doch auch nicht am Deich grogeworden war, sondern wie sie
von der Geest stammte, es aushielt, da sie so frhlich lachen und
singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter
den Linden hinter dem Spinnrad sa und spann: denn ihr Mann und ihre
beiden Shne fuhren auf _einem_ Ewer, schwammen auf _einem_ Stck Holz
in der See. _Ein_ Blitzstrahl, _eine_ Brechsee konnte ihr ganzes Leben
verschtten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen -- und
doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Da eine so fest stehen
konnte!

Gesa schttelte den Kopf.

Der Junge glitt ihr ganz aus den Hnden. Sie hielt viel von ihm, gewi
ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn
zgelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was
trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge
ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schrzenband kaum losgelassen
hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur
immer lachend erklrt, da er mit so kleinen Gren nicht umzugehen
wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor
wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst
wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das msse er beizeiten
lernen, denn spter beim Schollenfang hiee es auch: alle zwei Stunden
raus! -- aber es war nur Spa gewesen, wie es auch Spa gewesen war,
wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dnung zu gewhnen und
ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dmpelt de Eber, so dmpelt de
Eber, so dmpelt de Eber up See ...

Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es
anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein
Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort
gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne
schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn m du
Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die
Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der
Kompa in die Brust gesetzt worden, der bestndig nach der See wies und
all sein Tun und Lassen lenkte.

Dann kam der Kahn, der grne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, da
ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen
Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten
Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun
mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da
bertrugen die Finkenwrder den Namen des Fahrzeuges bald auf den
Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde fr jung und alt ein
kleiner Klaus Strtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an
diesem gottlosen Namen.

                   *       *       *       *       *

Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen
den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und
suchten die Spuren von Klaus Strtebeker. Sie bestimmten den Baum, an
dem er sein Admiralsschiff festgehabt htte, und durchforschten die
hohlen Stmme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben knnte.
Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so da der Junge alle
Augenblicke ausrief: Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld! und sie
von einer Wichel nach der anderen lockte.

Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwlf
Ewerlngen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der
Grnlandshof hie, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfnger
neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze,
weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grnlandshof hatte der alte
Vogt hollndischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomus zu einem
Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es
herausgefunden, da es besser sei, die grne See zu pflgen als das
braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und
Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die
seefahrenden Mewes aber waren immer noch gro am Ruder und machten ein
Drittel der Fischerflotte aus, whrend das zweite und letzte Drittel den
Focken und Klper zukam.

Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurck und
tauschte seinen lieben, groen Ewer gewi nicht gegen den ganzen
Grnlandshof.




                           Dritter Stremel.


Den Montag, der als ein schner, stiller Vorfrhlingstag ber die Elbe
kam, fing Klaus Mewes mit frher Arbeit an, er schleppte Segel und
Kurren mit seinen Leuten ber das Eis, machte die beiden Kurrleinen
fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum fr den
notwendigen Anlauf gewonnen wrde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das
Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mute
er Gewalt anwenden!

Hein Mck, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die
Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die
nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mute tchtig daran glauben.

Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen fr die groe
Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn
war der rechte Mann fr so etwas, denn er konnte gut klnen; zwar
dauerte es Stunden, bis er die hundertfnf Huser abgeklopft hatte, aber
er hatte dafr auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei
Kirschenschnpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen
Mannsleute angeworben zu haben. Strtebeker begleitete ihn ein Stck und
lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen
Stiefel, freilich, ohne da er sie gekriegt htte.

Dann trabte er wieder nach dem Ne und half seinem Vater, dem er in
allen Schiffsdingen der unermdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein
so groer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei
seinem Vater stand, verga er alles andere und war nur noch der
lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.

Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in
seiner groen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.

Hein Mck pumpte noch etwas, bis die Pumpe rchelte, und Strtebeker
drngte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach
Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber
schleppten die beiden schweren Trossen ber das Eis.

Da kamen sie vom Deich herunter und ber das Eis gegangen, die
Seefischer, die Wattfischer, die Ltjfischer, die Frachtschipper, es
kamen der Gastwirt, der Reepschlger, der Blockmacher, der Krmer und
der Segelmacher, weit ber hundert Mann, alle in groen Stiefeln
steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die
gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich ber den Weg,
den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen
Kurrleinen. Alles Grenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und
oben auf dem Deich standen die Frauen und Mdchen und guckten und
warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der
Fahrzeuge, denen der groe Tag die Freiheit bringen sollte. Die
vergoldeten Flgel blinkten im Sonnenschein und in den Klsenaugen
leuchtete es vor Hoffnung.

Der groe Tag -- der grte Tag der Finkenwrder Fischerei, an dem sie
die Mchtigkeit ihrer Flotte, die Strke ihrer Mannschaft, die
Brderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten
bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den groen Triumphzug vom
Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich
unauslschlich in die Seele eingedrckt. Nicht wahr, du Finkenwrder: up
den Dag kannst du di ok noch besinnen?

Es kamen immer noch mehr Fahrensleute ber das Eis: alle, alle wollten
helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus
Mewes stand im Steven wie ein Knig und grhlte, die Leinen mten noch
weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er ber das Eis, so
laut er konnte: All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh!
Huroh! Huroh!

Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute
aber setzten sich mit Huroh und Jmmerbeterbi und Hdjihh in Bewegung
und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und scho durch das
offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es,
schob es zur Seite, drckte es unter sich, bumte sich auf, senkte sich
wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen!
Aber ein schnes Stck war schon bewltigt.

Strtebeker sprang wie ein Wiesel, hpfte wie ein Heister, wie ein
Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er
neben seinem Vater, der unermdlich anfeuerte, und hielt sich am
Vorderpoller fest. Das war was fr ihn. Junge, Junge, Vadder, so geiht
he god.

Stoppi -- stoppi --

Nun mute ein Tau achterut geschoren werden und sie muten den Ewer ein
Stck rckwrts ziehen, damit sie Anlaufraum gewnnen. Klaus Mewes und
seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu
entfernen.

Kord Klper aber, der spaige, der Ontjekolontje hie (er hatte aus dem
bremischen Dreimaster, der mit Stckgut nach Valparaiso wollte und auf
Scharhrn strandete, eine ganze Kiste Klnischen Wassers -- Eau de
Cologne -- erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Sdwester,
Buscherump und lbx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch
alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Klper kam heran und rief: Klaus
Strtebeker mtt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drckt
dat Fohrtch vr to deep dol. Deit he ok! riefen einige Knechte zur
Bekrftigung.

Da trat Strtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn
ans Ruder, damit der Ewer den Steven hher hbe.

Und Jan Krger, der laute, kam ber das Eis und sagte zu Klaus Mewes:
Klaus, du bst en fixen Kirl bi de Kltjenpann, dat weet wi all, du
weest, wat vr un achter is annen Schipp un bst vrn doden Kiwitt ne
bang: ober dat Grhlen, weest du, dat Blken, versteihst du, dat
Andrieben, hrst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne
rut! Dat mtt ganz anners rutflegen! Ik kann grhlen: lot mi dor mol
stohn un kummandiern!

Klaus Mewes aber lachte: Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll;
blief du man anne Kurrlien! Egenbuck! rief Jan laut und ging an
seinen Trn.

Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an.

Huroh! Togliek! Hdjihh!

So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom
Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg
weiter. Zwei Ewerlngen wurden gemeistert, dafr muten aber auch drei
Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walro, der eigentlich
Jakob Witt hie und seinen kelnamen von seinem herunterhngenden,
borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom
nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn
fragte, wie es auf Finkenwrder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner,
jmmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war
Strtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die
Eisblschen mit weggeschoben: dabei war er ber Bord gefallen und wre
beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem
Haken erwischt htte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war
die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog
ihn aus, hngte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann
in seine Koje. Dann mute er wieder hinauf, denn das Eisen war schon
wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mck, der Feuer machen
mute, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug
scheuerte und stie das Eis, dann donnerte und krachte es, als brche
der Ewer in Stcke! Hein Mck sagte: Och wat, dat Fr will woll van
slben inne Gangen kommen! und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und
zu helfen.

Klaus Strtebeker blieb allein in der Kajte und horchte auf den Lrm.
Nun treckten sie wieder, nun mute der Ewer erst wieder ber Steuer!
Bang dtt ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See, sagte er vor sich
hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf
und befhlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wre, dann kroch er
frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.

Oder er guckte die goldnen Sprche an, die unter den Kojen eingeschnitzt
waren.

                   *       *       *       *       *

Was fr Sprche waren das? -- fragt die Seele. --

Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich
mchte seinen Namen _golden_ schreiben, weil er so viel fr unsere
Fischerei getan hat und noch tut!) -- der hat auch in die
puppenkchenenge Kambse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger
Jahren hineingeguckt und die Sprche gelesen, die darin stehen: unter
der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der
Knechtenkoje: Hier eben ber hin / Is beter as op den Bnn: unter der
Jungenkoje: Ht Klt un morgen Fisch / Vergngt gaht wi to Disch. Und er
hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier
erfreuten.

Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten
auch die Ewer ihre Sprche, kstliche Bibelverse zumeist.

Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches
Wort:

                    ^Mediis tranquillus in undis.^

Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen lie, bei Jochen
Behrens an der Sderelbe, der ein gutes Stck der Flotte gezimmert hat,
dachte er selbst viel ber einen Bordsegen nach, bltterte die Bibel und
das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte
nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages,
als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den.
Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mute etwas
wissen.

Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer
Kirchenbuch ber eine angeschwemmte Finkenwrder Leiche bekommen und
ber den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er
ntigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, da Klaus
Mewes an Abrahams Scho erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wrter
auf. Shso, mien lebe Klaus Mees, sagte er und fragte nach Schiff und
Stapellauf.

Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel berkopf,
als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefat wren, guckte ihn nochmals
scharf an und sagte dann: Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?
Jawoll, Herr Mees, latiensch! So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son
betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht ^Ora et
labora^, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Nebur sien Hus steiht
^Soli deo gloria^, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit dt Medis
sitt ik all gliek fast!

^Mediis tranquillus in undis^: Klaus Mewes: geruhig inmitten der
Meereswogen heet dat! sagte der Pastor ernst. Mit den Spruch lett sik
woll no See fohren.

Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der
Spruch gleite zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein
Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein
deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug groen Lrm darum:
Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches
und mu es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem
Sie sich etwas denken knnen? Was sollen berhaupt alle die
lateinischen, griechischen, hebrischen, englischen und franzsischen
Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht,
wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance,
Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es
besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach mte Ihr Ewer
Gesa heien und nicht Laertes. Und statt des Lateins mte hier ein
guter deutscher Spruch stehen!

Schallst recht hebben, mien Jung, sagte Klaus Mewes, ik frei mi
jmmer, wenn een kleuker is as ik bn. An den Laertes lett sik jo nu nix
mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch fr de Koi weest, denn weut
wi mol sehn. Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:

                    Ein feste Burg ist unser GOTT,

den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So
ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der
Ewersprche sammelte, einmal in die Kajte trat und ausrief: Twee
Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drtte, de von Kap Horn bit
ant Nurdkap snackt ward un de ller is as de annern beiden tohop, fehlt
dor noch bi: plattdtsch!

So, lachte Klaus Mewes, du kummst van wegen de Sprch: ik meen all,
du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm,
plattdtsch kannen doch blo snacken, to schrieben geiht dat doch ne!

Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdtsch snd!

Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hrt!

Wat? schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes
Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer
groen plattdeutschen Bibel von 1486 zurck.

Hier, Klaus Mees!

Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wr en rukerten Schinken!

Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung berzeugt hatte, da sie
wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel
daraus vorgelesen hatte, erklrte er sich damit einverstanden, auch
einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter
Scharben fr die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und
leuchteten:

   Hilpt mi, Snn und Wind,
   hilpt mi bit Fischen!
   Ik heet Klaus Mees
   un bn van Finkwarder.

Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm, sagte er aber doch
dabei, ober dat _riemt_ sik jo ne, dorm kriegst du blo tein! Den
hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.

                   *       *       *       *       *

Wiederum stand der kleine Strtebeker auf und befhlte seine Sachen, er
hngte sie um und stkerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange
dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen,
denn bei dem vielen Hurra muten sie wohl bald nach dem Fahrwasser
kommen!

Einem pltzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje
zurck und guckte ber die Ketten hinweg nach den fnf Totenschdeln,
die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeen steckten. Kap Horn hatte
sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die htten sie in der Kurre
gefangen. Man drfe solche Totenkpfe nicht wieder ber Bord werfen,
sondern msse sie in den Steven stecken, dann knne der Ewer niemals
umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht
klug daraus werden knnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen
geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas
zum Schweigen. Wie grsig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam!
Strtebeker zitterte vor Klte, schob die Klappe zu und wrmte sich
wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn
nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte
sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die
kleinen Feuertrme und Baken, die am Rande der Karten standen, whrend
es drauen wieder lrmte und rief.

Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er
dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so
schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es
drauen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb
angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fu und einem in der
Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drngte der Ewer
gerade die letzten Eisstcke beiseite und glitt langsam in das freie
Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die
mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dnung eines
vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen
Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!

Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.

Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut ber ihren
Erfolg, gruppenweise ber das Eis nach dem Deich zurck und sprachen und
taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden:
was dem Einzelnen noch brig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer
nach dem groen Priel, war Sache eines Tages und lie sich leicht
beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen fr die Schollengreifer vom
Ne: Hurra, hurra, hurra!

Auf H. F. 125 aber, dem Ewer Laertes, lieen sie den Draggen zu
Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hngten die Laterne
an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Brenhunger zu
vertreiben, der alle befallen hatte.

Strtebeker sa auf der Euschenducht und qulte sich mit drei Dingen ab:
da der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht
hatte, da sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und da
sein grner Kahn noch im Negraben festsa und er noch nicht schippern
konnte.

Du hest dat en betjen god, Seemann, sagte er aus diesen Gedanken
heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und
noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann
aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von
gebratenen Klen mit dem Abendwind herbergeweht.

Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klen
schon die See und grte Helgoland.




                           Vierter Stremel.


1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in
Sommerblte. Finkenwrder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf
See.

300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu
Finkenwrder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln
tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der
Rest gehrt dem lneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mhlenberg
und der Teufelsbrcke.

Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Klper von
Finkenwrder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie
liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glckstadt, Geestemnde und
Tnning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe,
da halb Holstein und Hannover damit gedngt werden knnen, sie sind die
Knige der Nordsee, die man in Dnemark so gut wie in Holland und
England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Sdwind einmal nach
Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach
London.

Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine
Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch ber den Smeukewer, wenn
sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, da nur
Finkenwrder auf Finkenwrder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen
fahren, sie mssen sich schon mit Butenlndern behelfen: aber dennoch
steht die Sonne von Finkenwrder auf der Mittagshhe und seine Segel
beschatten die ganze See.

Wir gren euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch
alle am Leben wrt!

                   *       *       *       *       *

Klaus Strtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er
mute Brot vom Bcker holen und Proviant vom Krmer, mute einen
Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die
erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte,
der Schinken drfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden),
er trug die Kruken mit Wei- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strmpfen
und Unterhosen nach dem Bollwerk und qulte sich mit Vaters Seestiefeln
und seinem lzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte
ihm Spa und er verga seinen Kummer darber, da er noch an Land
bleiben sollte.

Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem
saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs
von Finkenwrder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen
hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu
seinem Gesellen: Kiek ut vr Strtebeker!

Wir mssen nun freilich wissen, da Klaus Mewes bei der Bestellung der
Siebenmeilenstiefel fr seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile
nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und da Gesa
hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden,
wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See
kommen knne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheien war, wenn
er ihn vertrstete. Er hatte bei den Stiefeln brigens noch nicht einmal
angefangen.

Als Strtebeker die Tr aufklinkte, saen die beiden Pechrte
tiefgebckt da, duckten sich hinter die groen Glaskugeln wie
Verschwrer und klopften fr fnfzehn, ohne aufzugucken.

Schoster, snd mien Stebeln klor?

Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und
deftiger, da die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten,
als knnten sie weder hren noch sehen.

Schoster, wat mien Stebeln klor snd?

Strtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten
sich wieder taub und hmmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhuten
machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll
upstillt? sollte es heien.

Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die groen, langen
Stiefel der Elbfischer, de gngen bit ant Gatt und waren grer als er
selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig,
da er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so
klotzig waren, da er damit htte ber die Elbe schippern knnen, --
aber Kniestiefel, die ihm zu pa waren, konnte er nicht dazwischen
finden.

Schoster, snd mien Stebeln klor? Er grhlte es, so laut er konnte,
aber die Schuster lieen sich in ihrer Klopferei nicht stren, denn sie
wuten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie
wieder ber seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder
ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Strtebeker war rgerlich
geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz
um und lief hinaus.

Nanu, sagte der Meister und lie das Hmmern, nanu, sagte der
Geselle und stellte auch den Betrieb ein, -- aber ehe sie sich's
versahen, sauste ein groer Mauerstein durch das Fenster, da die
Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, da das Wasser ber
den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand.

Nu hol mi noch mol frn Buern! rief Strtebeker drauen, nahm seine
Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein
gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht -- bang bn ik ne, ober
lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit
war, war der Junge schon lngst ber Heide und Zaun. Da lasen die beiden
die Splitter auf, nagelten ein Stck Leder vor das Fenster und gelobten
groe Rache.

Strtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an.
Seine Strmpfe waren klitschenna geworden, denn er hatte auf seiner
Flucht zwar ber alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht
immer gelungen, und dann saen sie auch voller Schlick. Er konnte sich
zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knppelholz
riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die
Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, da er vom
Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strmpfe im
Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hngte sie zum
Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strmpfe einigermaen
trocken waren, und zog sie dann getrost an.

Klor is de Ks! sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm
bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer,
den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten,
rief ihm nach: Strtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all
weg! Wat schull he woll? rief der Junge erregt und lief schneller,
aber er kam doch zu spt, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr
und kein Kap Horn, kein Hein Mck und kein Seemann: sie waren schon alle
an Bord, und als er verstrt hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er
den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.

Er htte brllen mgen, so berkam es ihn: Is Vadder all weg? Worm
hett he mi denn ne Adjst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjst seggen!

Neem kummst du her, Junge? Neem bst du wesen? fragte sie dagegen, wi
hebbt di soveel ropen un allerwrts scht! Vadder wull di so giern
Adjst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!

Och wat! gnitzte Strtebeker, der traurig und zornig war, harr he
denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bn jo man blo eben langsen
Diek ween! Vadder mtt mi doch Adjst seggen un ik mtt em ok doch
Adjst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne,
wat is dat ok doch all fr Krom! Und er stand auf dem Deich und blickte
mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit
glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot
auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, da sein Vater
fahren konnte, ohne ihm Adjst gesagt zu haben, und er dachte: wrst du
doch blo nicht nach dem Schuster gelaufen, dann httest du deinen Vater
noch gesehen!

Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es
Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, da sie an Bord
muten. Strtebeker! Strtebeker! Klaus! Klaus Mees! schallte es ber
den Ne. Auch Kap Horn und Hein Mck riefen mit und sogar der kluge
Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und
nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam
nicht. Da muten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie
nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit
Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im
Verdacht, da sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im
letzten Augenblick noch mitgenommen werden knne, sie dagegen konnte den
Gedanken nicht los werden, da er den Jungen an Bord versteckt halte, um
ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht
anders gemacht werden knnen.

Das verbitterte ihnen den Abschied.

Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, da sie ihrem Mann unrecht
getan hatte, kam die Reue ber sie und sie winkte vom Bodenfenster mit
der groen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine
deutsche Flagge dreimal grend dippte, denn sein Unmut war lngst
verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel
ber sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch
ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer,
nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: berall
eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten
die Segel, lieen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem
andern aus der groen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und
Klaus Mees sien Lock hie. Drauen lieen sie sich mit dem Ebbstrom
daltreiben, denn es war gar keine Khlung. Der erste aber war Klaus
Mewes mit seinem Laertes, dem die norddeutsche Flagge von der Besan
hing.

So gngen se up de Schullen dol.

                   *       *       *       *       *

Strtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wre,
sah nach dem Ewer, der unter der grndachigen Nienstedter Kirche
kreuzte, und grbelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange
gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe fr seine Bangbxigkeit:
er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjst
gesagt. Wre er langsam nach Hause gegangen, so htte er seine Strmpfe
nicht auszuwaschen brauchen und er htte seinen Vater noch gesehen.

Nu will ik ober gewi ne mihr bang warrn! Ganz gewi will ik nu ne mihr
bang warrn! Das sagte er sich.

Die Mutter stand in der Tr. Der kleine Boitel dauerte sie: J, Klaus,
dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu
snd wi wedder den ganzen Sommer alleen!

To Sommer bn ik doch all mit an Burd, sagte er mit halbem Vorwurf,
ohne sich umzudrehen.

Kumm man rin, weut Kaffee drinken.

Och, ik mag nix, Mudder!

Ik will di bi magnix! Gliek anto!

Da mute er sich geben, und als er erst in der Kche am Tisch sa, da
schmeckte es auch. Wann htte es Klaus Strtebeker brigens nicht
geschmeckt? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt
ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und
obgleich er genau wute, da sie es nur tat, um ihm dabei die Backen
eien zu knnen. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der
Krhe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen
zurckzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein,
sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus,
denn diese Fragen schienen ihm recht verfnglich. So guckt der Spatz
mitrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.

Da, beim Schlo von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hie,
segelte der Ewer -- viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war
immer noch totstill.

Strtebeker besann sich, da er noch nicht gefttert hatte. Der Gerechte
erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging ber die
Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber
trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den
Bauch zu befhlen, denn er wartete sehr darauf, da sie jungen sollte,
hatte er doch schon fnf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen
Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Klper, Jan Loop jeder
eine Eve.

Dann bekam die Nebelkrhe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Klu
schlug mit den Flgeln und quarkte vergngt ber das Fressen:
Strtebeker fate es aber anders auf und sagte betrbt: J, Klu,
Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjst seggt!

Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit ber
das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, knntest du deinen Vater
noch sehen und ihm Adjst sagen. Ik mtt un mtt em Adjst seggen! Er
suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein
Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr
werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er ber den Deich,
sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich ber Rillen und
Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser.

Vadder, ik komm!

                   *       *       *       *       *

Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, da der Polizist
auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schlo sich
dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprchen an, um sich ein
wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus
Strtebeker einen groen Schrecken einzujagen.

Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen -- der Vogel war nicht
da. Die ngstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden,
als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, da er geflohen sei, lie
sich kopfschttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe
und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, da Klaus kommen und
Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und
Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glcklich wieder
in die Reihe.

                   *       *       *       *       *

Adjst, Vadder! Adjst, Vadder!

Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal
auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des
Fahrwassers. Strtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gesttzt,
und winkte.

Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mrre Is?

Ik wull di doch noch Adjst seggen, Vadder, rief der Junge, du bst
jo so fohrn.

Kap Horn aber machte Weiberlrm:

Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder
innen Lock kommen kunnt?

Aber Strtebeker sagte ruhig: Dorfr hett de Minsch doch Ogen, Kap
Horn!

Sein Vater lie den Ewer in den Wind schieen und berlegte, was er tun
sollte.

Dat Is is so mrr as Tunner, dor gng ik gewi ne mihr rup, lie Hein
Mck sich vernehmen, aber Strtebeker rief: Dat gluf ik, du Bangbx!
Non, Adjst, Vadder!

Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?

Jo, dat is jo nix, Vadder!

Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: mschicken kannst du em
nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!

Dat hebb ik ok all dacht, stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch
er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mrben Eis mit den zahllosen Lchern
und den groen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge
es berhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die
bestndig abbrckelnde Kante.

Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung
sall mit no See! Nimm em mit!

Dat woll jst ne, lenkte Klaus ab, dat is noch to kold buten un Gesa
weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi
geeft em denn an en upkommen Fohrtch af un schickt em seker no Hus.
Boot vant Deck! Loop ne weg, Strtebeker, ik hol di!

Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man! frohlockte Strtebeker und
dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See!

Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser.
Klaus Mewes stie eben nach dem Eis hinber, packte den Jungen samt der
Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurck.

Da war Strtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie
gesprchig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei
seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf
Segel und Kompa und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er
sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und
Apfelbaum zu erinnern: Dt mokt ober sbenmol soveel Spo, Vadder!

Er lie es sich sogar einfallen, beim Aufluven Ree zu rufen und Hein
Mck nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der hollndische
Kapitn machte, dem der groe Friedrich in der Ems mit Ree zwischen
sein Kommando kam, und sagte: Mynheer, dat Ree kummt mi to!

Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann
an sich und lie sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren,
was es zu sehen gab, whrend sie mit der Ebbe langsam elbabwrts
kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war
Dockenhuden mit den vielen Tannenbumen, da war Blankenese mit den
vielen Ewern und dem hohen Sllberg, da war der Schweinesand mit seinen
Wicheln, da war Hahnfer mit den groen Bumen, um die Hunderte von
Krhen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem
Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
Zementscken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff,
dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dchern, da war die Lhe
mit ihrem hohen Deich -- und von allem gab es Geschichten zu erzhlen.

Als sie bis zur Lhe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und
zwang sie, vor Anker zu gehen. Grosegel und Besan konnten die fnf
Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock lieen sie fallen und den
Klver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus
und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen
Jungen mitgeben knne, aber er konnte zunchst nur einige Dreuchewer und
Lhjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen.

So gingen sie erst in die Kajte hinunter und setzten sich zum Kaffee
nieder.

Ik wull, dat geef brodte Schullen, rief Strtebeker bermtig, dor
verlangt mi eulich no! Er ging aber auch dem Groffbrot tchtig in den
Topp.

Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewut
htte, es wre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu
behalten: aber so ging es nicht: sie ngstigte sich ja zu Tode und
suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an
den Laden kam.

Hein Mck dachte noch immer an die groe, gefhrliche Reise ber das
Eis, die Strtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu
sich selbst als zu den andern: Junge, dat is jst so as der Reiter und
der Bodensee!

Gotts den Donner -- Klaus Mewes verschttete den halben Kaffee und Kap
Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich
dieser Rede ihres Speisemeisters. Wat is dat? fragte der Schiffer
zuletzt. Och nix. Nix? Ne, nix! Ik will di gliek bi nix! Hier
vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Strtebeker ward uns Kock,
befahl Klaus.

Och nix: ik dach blo an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as
Strtebeker sien Reis.

Upseggen!

Hein Mck bekam einen roten Kopf. Das war eine schne Tasse Tee! Htte
er doch nichts gesagt! Nun mute er in seine Koje steigen und sein
Lesebuch aus dem Stroh suchen.

Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht
verbeien: J, j, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he
sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest
den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen
Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!

Jo, sagte Klaus Mewes, ik wr son groten Dskupp: man god, wat de
Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich
Mcke, setzte er gemtlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann,
der ber den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...

   Den Reiter schauderts, er atmet schwer:
   Da hinten die Ebne, die ritt ich her.
   Da recket die Magd die Arm in die Hh:
   Herrgott, so rittest du ber den _See_!
   An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
   hat gepocht des rasenden Hufes Sto!
   Und unter dir zrnten die Wasser nicht,
   nicht krachte hinunter die Rinde dicht,
   und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
   der hungrigen Hecht' in der kalten Flut?
   Sie rufet das Dorf herbei zu der Mr;
   es stellen die Knaben sich um ihn her,
   die Mtter, die Greise, sie sammeln sich:
   Glckseliger Mann, ja segne du dich!
   Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
   brich mit uns das Brot und i vom Fisch! ...
   ...

Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer,
obgleich Klaus Mewes der Schlu nicht recht gefallen wollte, denn
hinterher vor Angst sterben, war nichts fr ihn. Auch Strtebeker war
still, so sehr wunderte er sich darber, da Hein Mck laut lesen
konnte.

Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
anerkennend: Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de
Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to. Damit stand er auf und
ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit fr seinen Jungen
zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Strtebeker wnschte, es
mchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer
an Bord bleiben mute.

Aber da kam Jan Klper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte.
Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn
und Hein Mck an Deck.

Strtebeker sah, da die Herrlichkeit vorbei war und da er von Bord
sollte. Trnen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn
hinberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle bergab. Dann mute er
selbst bersteigen. Adjst, Strtebeker. Jst, Vadder! Er konnte
kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte fr Jan Klper
keinen guten Tag und guten Weg. Greut Mudder man un segg man, wi kommt
bald mit en Reis lebennige Schullen, hrst? Un to Sommer kummst du ok
mit no See!

Jo, sagte Strtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch blo no!

Klaus Mewes wriggte zurck und Jan Klper lie die Jolle schwoien.
Adjst, Strtebeker! riefen Kap Horn und Hein Mck, die auf den Luken
standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr.
Er war ganz krank und wollte nichts hren und sehen. Er wollte auch den
Ewer nicht mehr angucken. Jan Klper hatte gedacht, einen munteren
Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkrze, aber
Strtebeker blieb ein trbseliger Maat und blickte whrend der ganzen
Fahrt bis nach Finkenwrder hinauf starr ins Wasser.

Warr man ne seekrank, Strtebeker, sagte der Elbfischer einmal.

Dor qul di man ne m!

Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung, drohte der Fischer.

Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt, rief der
Junge patzig. Da go Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser ber
den Kopf.

Mit der hereinbrechenden Dmmerung kamen sie zu Finkenwrder an. Am
Khlfleet, eben hinter der Knigsbake, setzte Jan seinen mrrischen
Passagier an Land. Strtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek
in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Ne.

Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hrte er seine Mutter schon
rufen: Klaus! Klaus! Klaus! Und er sah, da Leute bei ihr standen.
Auch sein Groonkel, der alte Jger, den er oft wochenlang nicht sah,
war auf dem Deich.

Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll blo ween?

Hier is he!

Woneem, woneem?

Hier uppen Diek, Mudder!

Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand
und fhrte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt htte. Und als er
seine Reise ber das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter
und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche
bertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat
beleben, denn brukt en ok ne to legen! -- da warf die Mutter sich
schluchzend auf den Tisch und sagte: Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik
kannt ne!

Hebben mtt he wat, erklrte der verbissene und durch das viele Rufen
gereizte Alte.

Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,
sagte Strtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jger, den das
Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: Wat? Van mi
lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!

Erst wollte Strtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war
ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Klper ihn ber
Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und lie sich schlagen,
ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne
vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn
rger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drngte die beiden
auseinander, denn sie wute, da der Trotz des Jungen nicht zu brechen
war, da er sich lieber krumm und lahm prgeln lie, ehe er einen Laut
von sich gab.

Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll
alleen mit em klor warrn, bat sie dringend. Der Alte ging mit einem
bsen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele.

Ungerhrt lie Strtebeker sich die Geschichte von dem Schuster
vorhalten. Dat betjen Hoveree, sagte er verchtlich, wat he dor son
Larm m moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben
kunnt! Abbitte aber tte er nicht: der Schuster htte ihn frn Narren
gehalten und htte selbst Schuld, da ihm das Fenster eingeworfen wre.

Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem
langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn
ik irst an Burd bn, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as
Mudder: -- dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.

Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm
in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm
ab, da sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja
nicht anders flten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt
hatte. Die Mutterliebe wallte hei in ihr auf: sie beugte sich ber ihn
und kte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage htte sie das nicht
tun drfen: er htte sich mit Hnden und Fen gestrubt gegen solchen
Kinderkram, wie er es hie, und wre lieber aus dem Fenster gesprungen,
als da er ihr einen Sen gegeben htte.

Mien Jung bst du doch, flsterte sie zrtlich und strich ihm ber das
Haar, da regte er sich und sagte halblaut: U, Vadder, kiek mol dat
grote Schipp!

Da schlich sie in die Kche zurck und dachte schmerzlich: er steht
schon wieder bei seinem Vater an Bord -- und du, Gesa?




                           Fnfter Stremel.


Den andern Morgen war es das erste, was Strtebeker tat, da er auf den
Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind
wehte, da die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so
kam auch sein Vater gut vorwrts und war um so eher wieder da. Denn sein
Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es
nichts, ohne den wute er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und
ohne den Ewer machte es ihm keinen Spa, zu leben. Beim Kaffeetrinken
ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen
sprach, wie weit sie wohl schon wren, ob das Boot wohl schon wieder
aufgetallt wre, ob sie den groen Klver wieder aufgesetzt htten und
andere fahrensmnnische Dinge: aber als er dann im Trloch stand, da war
er wieder ganz allein und wute nicht, was fr einen Weg er einschlagen
solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete
den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrhe bekam eine Lage frischen
Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach
ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater
noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht,
noch ein Schlei darin, nur ein groer Wasserbulle krabbelte an dem
mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurck. Der Junge stellte
das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem
Binnendeich, um sein Htfa einmal zu berholen; er zog den
durchlcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf
See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im flieenden Wasser
lag, aufs Trockne und berzeugte sich, da die beiden Karauschen, die er
drinnen hatte, noch springenlebendig waren.

Damit waren seine Vormittagsmter eigentlich schon verwaltet. Was sollte
er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hnde voll: nun
war er eigentlich arbeitslos.

Weiterhin auf dem Deich, wo die Huser wieder anfingen, spielten die
Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. Speel doch en
betjen mit de Kinner, sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die
Hhner ftterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit
aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen
wolle, aber er sagte nein: mit Mdchen spiele er berhaupt nicht: er
wre doch kein Mdchenknig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder
Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mdchen, dann htte
er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben -- und
deshalb wurde es ihm bald ber, da Gevatter zu stehen, und er kehrte
ihnen den Rcken.

Der alte Jger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
Sack mit den Lockenten auf dem Rcken und wollte wilde Enten schieen.
Juno, der groe, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.

Strtebeker tat, als she er ihn gar nicht, denn er dachte an die
Schlge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und
sagte vergngt: Meun, Klaus Strtebeker! Strtebeker dachte aber:
snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, -- obgleich die Enten
durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den
Sack geguckt htte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wre.

Als der Jger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete,
da einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Ptten
oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand lie sich blicken: die Mtter
hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit
den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise ber das Eis war schon
bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem
Buschruber abgeben, riefen die Frauen einander zu.

Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Ne no den Strtebeker,
hest mi verstohn? Jo, Mudder!

In seiner Not nahm Strtebeker schlielich die Hechtschnarre zur Hand
und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu
erwischen, aber er hatte auch damit kein Glck: es war nicht sonnig
genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie
schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er nher kam. Einmal gewahrte
er einen groen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte
er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen,
und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfnglich
gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen
war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da
strich eine Krhe ber die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek
gestanden hatte, da lief nun ein Ksel im Wasser.

Du verdreihte Jakob du! rief Strtebeker rgerlich und warf mit einem
Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem
runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war
lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weie, dicke Weibchen
und graue, dnne Mnnchen. Den grten Teil bekam die Mutter, die sie
fr die Hhner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank
unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, fr
Klu zurecht, indem er die Kpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte
Krhe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des
Kastens stopfte.

Als er sich dann aber vor den Kfig auf den Haublock setzte und ihr
ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: Hh,
Klaus Mees! da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als
wenn sie schwerhrig wre, und ffnete mitunter verlangend den Schnabel,
als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wre, sie
krchzte auch einmal, aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der
Junge sich auch um sie bemhte, denn er wollte seinen Vater nach getaner
Reise damit berraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den
Hof hineinging und es mit einem Male rief: Hh, Klaus Mees! Eigentlich
sollte die Krhe lernen: De Jung mtt no See! -- aber das sollte nun
erst spter eingebt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht
gro.

Du bst dummerhaftig, Klu! sagte Strtebeker rgerlich, wenn du ne
bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.

Nach dem Mittagessen -- Plummensaus gab es, eine Gtterspeise fr ihn --
machte er sich ans Kntten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage
vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzhlen und
Ausgucken. Er knttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur
so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, da es ohne seinen Vater
doch nichts schaffte.

Da ging er mit dem Euschfatt nach der Nekule und go den Kahn leer, der
immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mute der werden, das war ein
Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wre, htten
sie es auch zusammen getan: nun mute er wohl allein dabei.

Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon
und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kmen oder
bermorgen!

Der Jger kam vom hohen Ne zurck. Drei Enten baumelten an der Tasche
und machten ihn guter Laune.

Dor achter kummt de Schoster, Klaus Strtebeker, du schallst Afbitt
don, stichelte er, aber der Junge lie sich nicht in die Kneife
bringen. De ward fix nattgoten, sagte er gleichmtig, dann aber besann
er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich,
um die geschossenen Enten zu besehen und zu befhlen, Juno zu
streicheln, der gnzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu
tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis
sein Vater kam.

Wenn dat Is man irst weg wr, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn
schippern kann.

Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,
sagte der Jger und sah den Heben an.

Zu Hause warteten drei Jungen vom stlichen Norderelbdeich, die
dreierlei wissen wollten.

Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann
wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen.

Zweitens: ob es wahr war, da er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
hatte, denn das war am Deich erzhlt worden.

Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann
wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhlzer hatten sie eine
ganze Schachtel voll in der Tasche.

Strtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. Ik weet
ne, veel ltje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief snd verseggt, wenn dor
sben van ward, denn kriegst du noch twee. Wegen des Schusters lie er
es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und
sagte: De Ld snotert sik wat trecht, Hein! Der Feek sei noch mistna
und fr Ostermoonen sei es berhaupt noch viel zu frh: was sie sich
wohl eigentlich einbildeten, sie htten wohl einen Splien? Wenn es
soweit wre, dann wrden sie wohl den weien Rauch trecken sehen. De
Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du ltje Boitel doch noch ne
mit mgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg. Damit entri
er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen
noch Klu und die angefangene Bunge, lie sie in das Htfa gucken und
die Karauschen gebhrend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn
er sah die Gren vom andern Ende doch nicht ganz fr voll an, und wenn
nicht die Bestellung gewesen wre, htte er sich gar nicht weiter mit
ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mute man sich ja gewogen halten.

Er lief nach der Nekule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dmpeln mit dem Kahn,
um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.

In der Dmmerung mute er nochmal den Deich entlang und Graupen und
Zucker vom Krmer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.

Noch s Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder, sagte er
zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.

                   *       *       *       *       *

Ungefhr so wie diesen Tag fllte Strtebeker auch die anderen Tage aus,
ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den groen, schnen
Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grnen Bug und dem rot und
weien Flgel. Als es an der Zeit war, da sein Vater aufkommen konnte,
stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder
er sa im Wipfel der Linden vor der Tr und blickte nach den
vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grnen Ewer und einen
blauweien Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen
mute, nicht lnger, wenn es der rechte sein sollte: das wute er. Zwar
wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen
Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung
der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das
Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen
das groe Warten auf seinen Vater.

Auer seinem Elternhaus und zwei lteren Husern stand auf der Nehuk
nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau,
die im Winter Wurstprkel machte und Strmpfe anstrickte. Auch nahm sie
die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und
aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer
weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch
suchte sie Regenwrmer mit der Laterne fr die Aalfischer. Sill war ein
wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland
allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr
nicht, aber sie hteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es
gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte,
war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere
groe Haverei bekommen, die Kurre eingebt oder nichts gefangen. Manch
einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufrben glaubte und nicht
fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehrig ausgeruchert zu haben. Man
mute Thees to Baben hren, den Hexenmeister, dann wute man erst
Genaueres ber die mannigfaltige Ttigkeit dieses Weibes.

Einmal hatte Peter Klper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen
zum Trocknen aufgehngt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb
ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht
zwischen den Bumen gehen und bemerkte, da sie seine Kurre berhrte.
Nu bn ik behext, dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und
fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und
vergrub ihn, und das war sein Glck, denn sonst htte er das Netz auf
der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to
Baben.

Einer der wenigen, die von solchem Hnenglauben nichts hielten, war
Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darber zukam, als Gesa dem
Jungen einschrfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel
und keine Birne, da sagte er ernsthaft: Mudder, gluf doch ne an Hexen
un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll
geben? De freit sik, wenn se slben wat to bieten hett! Und dann sagte
er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefhl
zugefgt hatte: Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Strtebeker,
un bring Sill de hin! Der Junge tat es: Sill war vergngt und wollte
ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und
sagte ihn fr spter zu.

Als Strtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran,
klinkte die Tr auf und sagte: Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns
hebben.

Er lie sich nicht lange ntigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn
die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle
Diele, denn bange war er nicht. U, Sill, wat bitt de Rook mi inne
Ogen, rief er.

J, j, de Rook! De is slecht fr de Ogen, obersen god fr de
Schinken, sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter
den Wandbetten war.

Junge, wat en barg Schinken! Hrt di de all to, Sill?

Sill sa ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im
frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch
zu hren. Ein anderes Kind wre ngstlich geworden und htte die Beine
in die Hand genommen, aber Strtebeker wute nichts davon.

Wat seggst du, Junge?

Ik meen, wat dat all dien Schinken snd? wiederholte er lauter.

Jo, all mien Schinken.

Diern, denn kannst du di woll frein!

Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glhenden
Augen an. Is dat de Katt oder de Koter, Sill?

Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von
Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei pfel in der
knochigen Hand.

Dat is de Koter, Strtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn
du Lust hest, kannst jm offermorgen all versupen.

Jo, Sill, dat mokt jo Spo, sagte er gemtlich, sie aber gab ihm die
pfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wren fr die Fische
von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne
Danke an und machte, da er hinaus kam, denn er konnte den beienden
Rauch nicht mehr aushalten.

Auf dem Deich berlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die
schnen, rotbckigen pfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext
waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie a? Die Mutter hatte
es gesagt, aber sein Vater hatte darber gelacht, und sein Vater war der
Oberste fr ihn: er wollte sie getrost essen.

Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat snd dat fr Appeln? --
rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh -- das htte
nicht kommen drfen. Kantappeln, Mudder! Keen hett di de geben?
Junge, da sein Vater ihm das Lgen verboten hatte! Nun mute er mit der
Wahrheit an den Tag. Sill, fr de Schullen, de ik ehr to brcht hebb.

Her de Appeln!

Och, Mudder!

Her de Appeln, de schallst du ne upeten!

Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!

Giffst du de her, Klaus?

Er wollte flchten, aber sie kriegte ihn am Hosentrger und nahm sie ihm
weg. Hastig steckte sie sie in die groe Tasche, die sie unter der
Schrze trug, und ging ins Haus zurck. Strtebeker lief hinterher und
versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie
war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie
heimlich, ohne da sie es gewahr wurde. Und als er sie spter aus der
Tr kommen hrte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter
der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann
lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die pfel hinein, um
die Hexerei unwirksam zu machen.

Kaum war sie aber wieder oben, als Strtebeker geschlichen kam und die
pfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte
sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die
Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich sa, in seinem
Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut
hatte, betrachtete er sie wieder und a sie dann mit groem Behagen auf,
ohne bange zu sein, da er krank danach werden knne. Dazu schmeckten
sie viel zu gut.

Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel
auf dem Tische und die Mutter sagte: Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een
van uns egen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne
krank van. Den et man up.

Strtebeker verachtete natrlich auch diese Kost nicht, aber er sagte
doch: Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant
leber as Prins!

                   *       *       *       *       *

Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser
und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stcke, schob das meiste davon
auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen
und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhgel und Schlickhaufen im
Gras. Nun hatte Strtebeker freies Wasser fr seinen Seeruberkahn, er
konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stie er eben vor
der Flut vom Sielgraben ab, lie sich stromab treiben und legte sich
zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen
aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn
jetzt mute und mute sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon
weg. Die Dnung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, --
das erfreute ihn, denn so mute er doch zuletzt seefest werden.

Wie er sphte! Wenn groe Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden,
warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten
hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wute, da sein Vater
nichts von den Stiemksten hielt und da auch Kap Horn nicht gut auf sie
zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer,
Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor
seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.

Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe fr ihn,
denen wriggte er entgegen und die begrte er: Hebbt ji Vadder ne sehn?
Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald? Wuten die Fahrensleute dann
mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lneburger, dann drehte er
einfach seinen Kahn so, da sie seinen Namen Klaus Strtebeker lesen
konnten, -- dann wuten sie gleich Bescheid und dann hie es ja oder
nein, sie htten bei ihm gefischt, er kme bald, oder sie htten ihn
nicht gesehen, er msse wohl in der Sd zugange sein oder er wre nach
der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei
nach Janmerika gefahren und kme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte,
die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am
Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hren wollte: da einer
sagte: Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!
-- das bekam er nicht zu hren, und den schnsten Ewer kriegte er nicht
zu sehen, so weit er auch blickte.

Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die
Frauen zu gren: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.

Abends wriggte er niedergeschlagen zurck. Wenn er dann noch den Deich
entlang mute, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Mnner
aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man
noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett
tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon
Bescheid wuten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich
doch der Besttigung und sahen den kleinen Strtebeker freundlicher an,
um so eher, als er nicht fr Geld ansagte, wie die andern Jungen, die
sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen frmlichen
Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten.
Strtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. Behol man, ik verdeen
Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken, sagte er, wenn ihm eine einen
Groschen geben wollte.

Einen Tag, als er drauen war, lief ein groer, grauer Manofwar, ein
deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte
es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht -- langsam glitt es
nun vorber. Er guckte es gro an, denn auf einem solchen Manofwar war
auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen
viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon
mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und
rief: Hallo, Strtebeker! Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite
von der Stegel wohnte: wat m Hein Sa sik wunnern!

Hh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du wrst in Schino!

Lurst du up dien Vadder?

Jo, Jan! He kummt man blo ne.

Strtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch
fragte er Jan, ob er seine Braut gren solle, dann war das Kriegsschiff
vorber und er mute machen, da er den Steven seines Kahnes gegen die
anlaufende, groe Dnung drehte.

Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge
in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:

Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is
ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!

Is dat eulich wohr, Hein?

Jo, meenst, wat ik di wat vrleeg?

Da schipperte Strtebeker traurig nach dem Deich zurck. Nach der Weser
war sein Vater! Das konnte ja schn werden, denn das letzte Jahr war er
auch immer dahin gewesen, so da die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn
du irst eenmol up de Wesser ween bst, denn fohrst dor woll gliek sben
Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, da er immer dahin
segelte.

Mudder, weest, neem Vadder is? fragte er, als sie beim Kaffee saen.
In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!

Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is, sagte die
Mutter erfreut.

He harr ober man no Hus kommen mt, sagte er darauf, wat deit he no
de Wesser hin?

Dat mtt Vadder slben weten, erklrte sie aber, dor is he dichter bi
de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.

                   *       *       *       *       *

Und richtig erzhlte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches,
am andern Morgen, da so viel Schollen oben an der Brcke wren, da
kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie mten alle berliegen und
htten morgen wohl nur noch tote Fische im Bnn, die sie den
Hkerweibern nachwerfen knnten, ohne da diese sich auch nur umguckten.
Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is!
-- aber Strtebeker steckte eine hochmtige Miene auf, die heien
sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch
slechter!

Die Stutenfrau erzhlte weiter, da Metta Focken Zwillinge bekommen
htte -- twee ltje Jungens, ober krekel un gesund! -- da Hinnik Bott
seinen Ewer kondemmen liee und da Jochen Fahjes Knecht auf See ber
Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er htte sich noch lange ber
Wasser gehalten, aber sie htten ihn nicht wiederfinden knnen, weil es
so dunkel gewesen wre. Jochen, rett mi, Jochen, rett mi! htte er
immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel htten
ihn zuletzt hinuntergezogen. Is man en Butenlanner, Gorch hett he
heten, ober wat is dat bedreuft, schlo die Frau.

Strtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesgten Kurrbaum, der noch
die Zeichen H. F. 125 trug, und hrte zu.




                          Sechster Stremel.


Strtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei
groe Lcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der
Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoen. Da begab es sich, da der
Brieftrger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an
einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst,
als er Jan Beier in das Schtt gehen sah, lie er die Bunge liegen und
sauste ins Haus hinein.

Van Bremen, Gesa, sagte der Brieftrger gerade und gab seiner Mutter
einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lsterte, ob
der Kessel ber dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hrte,
hellte sich seine Miene auf, er holte den groen Beutel aus der
Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: Hunnert
Doler, mien Diern!

Junge, Junge, Mudder, wat en Hmpel! rief Strtebeker aus, als er die
Goldstcke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: Wat kann dat
angohn? Wenn Vadder de Schullen uthkert, denn kriegt he doch luter
Groschens un nu sndt mit eenmol all Guldstcker?

J, dat zaubert wi uppe Post all trecht, antwortete der Postkerl
geheimnisvoll.

Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
hinein, denn es war Jan Beiers herkmmliches Recht, da er einen Grog
verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mtze auf
den Tisch, die Strtebeker wie einen Maikfer betrachtete, holte das
rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar
nicht schwitzte, dann lie er eine kleine Rede ber den langen Weg und
sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu
rechtfertigen, zuletzt aber zerstie er den Zucker und rhrte den Grog
liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein
Weinkfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, da er
gegen das Verhltnis der Zutaten nichts einzuwenden wute, schlielich
aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Strtebeker: Dat
Glas kannst du utlicken.

Ik bn keen Restensuper, sagte der Junge verchtlich und schob das
Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen
Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tr mit den hergebrachten
Worten: So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjst, mien Diern!

Jst, Jan!

Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober! rief Strtebeker
bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot
ihm, es am Deich zu erzhlen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte
sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:

                      Klaus Mewes, Finkenwrder,

ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. Se findt mi ok so,
pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.

Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben,
und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt
waren einander dermaen gleich, da Gesa schon manches Mal gesagt hatte,
sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch
auszufllen htte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme.

                                            Bremen, den 29. Mrz 1887.

                             Liebe Gesa!

   Wir sind hier glcklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und
   350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu
   voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut
   getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre
   Reise nach Hause kommen, wei ich noch nicht. Das Markt ist ja
   immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Strtebeker mitgegangen
   wre, htte ich ihm schn Bremen zeigen knnen. Wir sind noch
   gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.

   Jetzt will ich schlieen.

   Mit Gru an Dich und Strtebeker

                                                Dein Mann Klaus Mewes.

Bei der bersetzung rief Strtebeker einmal: Och, de scheebe Weg no
Bremen! Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen
zeigen: rief er: Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen! Die
Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und
sagte ein Junge ja, so faten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in
die Hhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen knne, bis er
geqult ja sagte.

Im ganzen war Strtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein
Vater wollte ja noch lnger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er
wieder an seine Arbeit.

Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst
mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen,
aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!

Nach einiger Zeit begann es zu trpfeln, da trug er sein Netz nach dem
Schauer und heilte dort weiter, unter den groen Namenbrettern
gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen
war, _Bt_, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf
Grovogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit
Erdl auf Scharhrn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich
trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmckte eine
Inschrift, wie Kalliope, Ceres, Fare well oder Merkur.

Das Schauer von Klaus Mewes wies fnf Namenbretter auf, davon zwei mit
Goldbuchstaben, und ber dem vorderen Eingang stand eine gekrnte
Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen
umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt -- nun von Spatzen umpiept,
von Hhnern umgackert.

Von den fnf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit
der goldenen Inschrift:

                    +----------------------------+
                    |    Suzanne -- LE HAVRE     |
                    +----------------------------+

die andern vier stammten von seinem Vater, dem groen Beutemacher, und
hieen:

          +-----------------+    +--------------------------+
          |    HOFFNUNG     |    |    Goede Verwachting     |
          +-----------------+    +--------------------------+

        +------------------------+    +----------------------+
        |    HAABET -- SKIEN     |    |    MARY THOMPSON     |
        +------------------------+    +----------------------+

                   *       *       *       *       *

Es war ein Trost fr Strtebeker, da seine eigene Fischerei in diesen
Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein
Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen
konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er
sich mit groem Eifer aufs Kntten und bekam die Bunge fertig. Der Jger
stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt
sa das Htfa voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und
Karauschen und er mute daran denken, sie an den Markt zu bringen.

Da trat der seltene Fall ein, da er seine Mutter einmal gebrauchte,
denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mute hin
und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf
nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: Frog em man
slben, bst jo grot un kannst jo snacken, da sagte er aber kurz und
bndig: Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krssen, denn lots
man dot blieben. Htte sie freilich gesagt, er wre wohl bange, da er
selbst nicht fragen mge, so wre er gewi zu dem Fischer gelaufen: sie
dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang fr ihn.

Will he jm mithebben, Mudder?

Jo, schallst jm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!

Da packte Strtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der
Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte,
und hngte sie in den Bnn. Hannes Husteen machte spaeshalber einige
Einwendungen: wenn blo ne son slecht Markt is, dat ik jm los warr ...
de Dinger snd ok so ltj: wenn de de Hkerwieber man nehmt ... Als
Strtebeker aber sagte: Denn schallst du jm gorne mithebben, du
Bangbx, und den Bnn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer
ihn zurck und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als
mglich zu verkaufen und wenn er sie dem Brgermeister von Hamburg
selbst ins Haus bringen msse und die Tide darber versume.

Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag fr ihren Jungen
ausbezahlt. Strtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte
sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte.

                   *       *       *       *       *

Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe
ganz vergessen htte. Bald kam eine Kunde von Geestemnde, bald von
Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von
Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Lcher hinein und versorgte
die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit
Finkenwrder Plattdeutsch. Sie kannten den frhlichen Finken an Geeste,
Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit
aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach
dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.

Strtebeker war bse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter
gegenber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein
Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus,
denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon
bald aus, wenn er fragte.

Er htte wohl nicht gewut, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn
die Eve nicht sieben Junge gekriegt htte, die ihm viel Arbeit machten,
und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wren.

Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!

                   *       *       *       *       *

Was steckt in den Jungen, da sie die Feuer anznden, wenn die Sonne
hher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an
der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen
ihr ferner und knnen schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie
das junge Tier dem Urtier hnlicher ist als das ausgewachsene,
entwickelte, so steht auch das Kind dem frheren Menschen nher als der
Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns lngst verklungen sind. Ihr
Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und
seht mit Ehrfurcht auf das Kind -- straft es nicht um seine
Osterflammen!

Johannisfeuer bleibe unverwehrt!

                   *       *       *       *       *

Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet,
Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen
hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es
hmpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus
Strtebeker, er fhrte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es
nicht mit Mulden go, den Westerdeich belebte. Streichhlzer wurden
immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer
sa, so qualmte ein Hmpel nach dem andern. Wie Wigwams eines
Indianerdorfes sahen die Feekhmpel aus: die Jungen lagen daneben,
pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlcher, schleppten
wieder Feek herbei und freuten sich ber den dicken, weien Rauch, der
bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Ne
bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein,
die grte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Strtebeker sie.

Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche
gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die
Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mgliche, --
aber die Jungen lieen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer
wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwrzt saen
oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer
von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so
zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der
Pttensmpfe, zog die Bretter ab und sa in den Erlenbschen, hinter dem
Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorber war. Strtebeker war
der letzte, der die Feuer im Stich lie, er war auch der erste, der
wieder aus den Ptten kroch, und verga niemals zu sagen: Ik bn obers
ne bang, Jungens! Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tchtig
rucherte, und fand es ganz vergnglich, auch einmal eine alte Wichel in
Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hnde im Graben und
ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu
qulen. Lot man brinnen, sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal
in der Dmmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen
dmpfte, damit nicht alle Bume in Brand kommen sollten.

Ihre Strafpredigten hrte er ungerhrt an: Ostermoonen mten sein: sein
Vater htte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand
am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.

                   *       *       *       *       *

In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hie
Harm Klper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.

Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der
Heimat gegangen -- als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor
Wochen zurckgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um
den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrt, die
vor den Tren gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht mglich
gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mute nach dem Ne getragen
werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und
brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so wei war sein Gesicht.

In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und
niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er
fhlte, da er nicht wieder gesunden knne. Die groe Fahrt war aus --
ber sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden,
den er nicht wegwischen konnte.

Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen
Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhngt. Sein Vater und
sein ltester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, whrend er
butenlands gewesen war.

Harm Klper sah die Osterfeuer qualmen. Mit groen Augen sah er sie an,
als wenn er noch im deutschen Hospital lge und trume. Er sprach nur
noch selten: an stillen Tagen lie er das Bett so stellen, da er die
Elbe sehen konnte, sonst grbelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit
fnfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz
sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel
ansah, als knne er es nicht begreifen, da sie nicht wieder zu machen
waren.

Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Strtebeker, der
jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein
Lcheln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken
bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hrst? ...
Kiek, hier! Dat schall fluckern un rukern! ... Hol du ok mol wat, Harm!
... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat
fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine
Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus
Strtebeker! ...

Sst du wat, mien Jung? fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen
gehrt hatte und von unten gekommen war.

Rop den ltjen Klaus Strtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern
mol mit em snacken, bat er.

Da kam Klaus Strtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem
Feuer gestanden hatte, geschwrzten Gesichts, und lie sich ausfragen
von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und
seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krhe, am meisten aber von
seinem Vater und da er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann
aber fing er an zu fragen: nach den groen Schiffen und den Schwarzen,
nach dem Fliegenden Hollnder und nach Amerika. Ob Harm schon mal
Menschenfresser gesehen htte, wollte er wissen, und ob es wahr wre,
was Kap Horn ihm von der groen Leine erzhlt htte, unter der alle
Schiffe hindurch mten.

Harm Klper fand groes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in
dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder,
die er verloren hatte. Und er behielt Strtebeker lange bei sich, bis
die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mute. Da schenkte er
ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die
Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt
hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage
wieder heraufzukommen.

Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een, sagte er zu
seinem Bruder. Herrgott innen Heben, wat frn mooi Leben hett de nu
noch vr sik -- un mien is ut! Mien is ut! Ik bn beet! sthnte er und
kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.

Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhren konnte, die
Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er
ganz still lag. Dann sagte sie: Harm, hr mol to: ik will mol mit di
snacken.

Och, lot mi doch, Mudder!

Ne, ik mtt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vrn Harten, dat ik
ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut
de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter,
wenn he ne an Land blifft!

Der Kranke schlo die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, da
er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur
keine Antwort geben wollen.

Strtebeker lie die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit fr
sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und
erprobte dessen Segel- und Manvrierfhigkeit.

Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weie Wolken
kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf
dem blauen Luftmeer. Der Matrose lie sich von seinem Bruder die Kissen
hinter den Rcken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete
auf Strtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand,
und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der
Kirche und berlie die Wache dem Konfirmanden.

Strtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern
stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu
entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine groe Ostermoon auf dem Deiche,
wie Strtebeker noch keine gehabt hatte: das war fr das schne
Vollschiff!

Harm Klper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male
der Gedanke: jetzt mu ich sterben! Und der lie ihn nicht mehr los, bis
er sich ihm ergab und das Ruder loslie: treib, Schifflein, treib! Da
kam eine groe, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all
das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer
wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, da sein Leben gro
und schn und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und
lachend lag die See vor ihm, die groe, weite See, und hohe, stolze
Drei- und Viermaster segelten wie Knigsschiffe vor dem Winde! Wie
leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf
der Back im Sonntagsstaat: in der Tr des Logis sa der Norweger und
spielte auf der Harmonika: ber ihm aber wlbten sich die gewaltigen
Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine
spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten ber dem Heck! Und der
Norweger spielte, bis die weien Nocken rot wurden und die Sonne langsam
ins Wasser sank ...

Jan?

Wat schall ik, Harm?

Jan hatte einige Sprche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und
sah verdrielich von seinem Katechismus auf.

Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no
See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn
Vadder un Jakob ok verdrunken snd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un
kodimmt warrn mtt! Ik ro di _to_, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn
goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer,
wenn du goden Wind inne Seils hest!

Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.

Buten ist doch beter as binnen, Jan, gluf mi dat! Wenn de Wieber ok
seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bn krank wedderkommen un hebb
keen Sack vull Gild mitbrcht: ik segg di: mien Leben is _recht_ wesen,
un wnsch mi keen anner!

Snack doch ne soveel, Harm, beschwichtigte ihn der Bruder, der gern
weiterlernen wollte, ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.

Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft
ging er gegen die Schwche an, die ihn bermannen wollte, und verlangte
sein Seefahrtsbuch.

Wat wullt dormit, Harm?

Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!

Er lie nicht nach, bis er es in den Hnden hatte. Fest umschlossen
seine knochigen Finger es, als er sagte: Dor steiht dat in, Jan, woneem
ik allerwrts wesen bn: an de Westkst un in Schino, inne
Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de
Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu
jmmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bn, denn scheut ji mi dat innen
Sarg leggen, wat ik mi vr Gott ok verklorn kann.

Harm, schon di doch, bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah,
aber der Matrose hrte nicht.

Kiek, Jan, ik bn nu so krank, dat ik ne den ltjen Finger mihr krumm
moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik dt Book seh, denn warr ik dor
ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un
Strm, un ne bangen wesen bn, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch
angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben
mtt.

Harm, so snackst du nu -- un to Sommer, wenn du wedder beter bst un
wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.

Der Kranke schttelte den Kopf.

Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de ltje: ik seh de See ne wedder!
Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! nner Seils ist up best!

Ik do ok doch, wat ik will, sagte der Bruder bestimmt, meenst du, wat
ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?

Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drngte er seinen Bruder
hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch
nicht kme, denn er meine, die Kirchenglocken htten schon gelutet.

Er fhlte aber, da der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, da
der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch
einmal ber den Westerdeich, auf dem Klaus Strtebeker noch immer sein
rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herber tuteten die Dampfer
und hinter dem Ne standen viele braune Segel auf dem Wasser.

Dann trat die groe Meeresstille ein: der Tod kam und grte ihn. Und
Harm Klper war tapfer bis zum letzten Augenblick.

                   *       *       *       *       *

Mit dem Seefahrtsbuch in den Hnden fanden sie ihn, und das
Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebckte
Triengretj, die Totenfrau, ging von Tr zu Tr und sagte an, da er
Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Kpke kam mit dem
Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen
Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in
einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Strtebeker ging mit
hinter dem Sarge und trug einen groen Kranz, zu dem er das halbe Geld
aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit,
da es eine groe Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lneburger
Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der
manchen Hafen und manches Meer gesehen htte.

Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhngte, lief
Strtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab
und lie es auf der blinkenden Elbe segeln.




                          Siebenter Stremel.


Der verhngten Fenster wegen verlegte Strtebeker seine Ostermoonen nach
dem Sdende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in
der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der
es hie, da sie nur einen Topf im Hause htte, der abwechselnd als
Etopf, als Waschtopf und als Pipott dienen msse. Den Tisch fege sie
mit dem Besen ab. Sie htte auch nur ein Tuch, das sie morgens als
Schrze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze.
Unter dem Herd wre ihr Hhnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im
Bettstroh.

Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota
eine groe Farm haben, so gro wie ganz Finkenwrder, sagten sie:
anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags
gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst
einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem
Kirchhof: das wre so Mode in Amerika, sagte er, und kmmerte sich nicht
um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der
Totengrber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit
nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun
war, die er fr das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.

Einige Tage danach lutete die Feuerglocke, der Nachtwchter tutete und
die Feuerleute rannten in weien Kitteln nach dem Spritzenhaus, die
Gren hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des
Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand
die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gnzlich
niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner
Mutter hin und her und go Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts:
als die Feuerwehr die Schluche angeschroben und alles in Schu hatte,
war das Haus schon zusammengestrzt und sie konnte nur noch die
Obstbume naspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem
Kltjenpott umher, sagte Goddam und rief, das htten die Jungens getan,
die verdammten Jungens, Klaus Strtebeker und Konsorten. Strtebeker
machte, da er weg kam, als er das hrte.

Es gab groe Verhre vor dem Polizisten, aber Strtebeker blieb dabei,
da er es nicht getan htte, seine Ostermoon wre viel zu weit weg
gewesen, als da Funken nach dem Strohdach geflogen sein knnten.
Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie
drohten ihm mit der Strafschule, aber er frchtete sich nicht. Aber es
kam doch soviel dabei heraus, da kein Junge mehr mit ihm nach dem
Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wre
wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmtig gesagt
htte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei
nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!

Und er verklopfte den Hof, lie sich das Versicherungsgeld ausbezahlen
und dampfte nach Neuyork ab.

Da kam das Gerede auf, er htte das Haus selbst angesteckt, um das Geld
zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Strtebeker war damit nicht
freigesprochen, er hie noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein
gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war berhaupt
verratzt, wie er sich ausdrckte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch
noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.

Den Tag vor Grndonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine
Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog,
und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefhrlich
genug, da sah er drei groe, braune Segel hinter dem Giebel des Nehofes
erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann lie er
das Feuer im Stich und lief in Sprngen nach dem Bollwerk, kettete
lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem _Vater_
entgegen.

Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein
Vater war wieder da!

Wie wriggte er, wie rief er:

Hh, Vadder, hh!

Da wurde er vom Ewer gesehen:

Hh, Klaus Strtebeker!

Non, Vadder, de Reis afmokt? ... Jo, mien Jung! ... Wat geiht di
dat, Kap Horn? ... Och, god, Strtebeker, dat weest woll, slechte Ld
geiht dat jmmer god! ... Bst ok seekrank worden, Hein Mck? ...
Ne, du Schietinnebx.

Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte
an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin.
Nun war alles gut -- er war wieder an Bord bei seinem Vater!

Hein, Hein Mck, du mt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en
eulichen Snauzbort!

Kap Horn aber sagte: Dat is keen Bort, Strtebeker: Hein Mck hett sik
blo en bitten annen Kltjenputt swart mokt.

Dor qult jo man ne m, schnauzte der Koch.

Vom Ruder scholl es: Gohn den Draggen! Der schwere Anker fiel,
rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum
Schwoien.

Vadder, schall ik de Fock dol smieten? rief Strtebeker, der sich
wunderte, da sich niemand um die Segel bekmmerte, aber Klaus Mewes
erwiderte: De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit
allemann no Stadt rup!

Junge, jo! Dat ward fein! sagte Strtebeker, wenngleich er nicht recht
einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit
dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie htten noch Zeit genug
und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn
das Boot in die Tallje und setzten es ber Bord. Der Schiffer warf
unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an
den Deich, Strtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot.
Hein Mck wriggte. Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett
wunnen! rief der Junge und wriggte aus Leibeskrften -- und richtig
wurde er dem schweren Boot leicht ber.

Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glcklichem Herzen
entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe
und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Strme, an den
Nebel und an die dunkeln Nchte.

Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut
alltohopen mit no Altno rup! -- rief Strtebeker schon von unten.

Lachend gab der groe Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt
ihre fest: Goden Dag!

Goden Dag! sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lsen, aber er
hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte
verwirrt: Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Ld dinken!

Er hielt sie fester und htte sie noch lange nicht losgelassen, wenn
nicht der Junge dazwischengetreten wre und gesagt htte: To, Vadder,
lot ehr los, se schall sik klor moken!

Wullt mit, Mudder?

Sie nickte: Jo, dtmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!

Dann saen sie beim Kaffee und aen und tranken, die groen, braunen
Gesellen, die sich fnf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und
konnten alle drei kaum soviel antworten, als Strtebeker fragte. Er
mute alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo
sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebrt hatten, was fr Wetter
sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mhle ging ihm der Mund, wie
eine Pfeffermhle.

Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Strtebeker stadtgem,
obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das
Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn
und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich gro und schn auf dem blanken
Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt
wurde.

Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rcken und brachte sie durch das
Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war
soviel Wind, da sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an
der Fischerbrcke Tamp legten. Strtebeker spielte bald mit Seemann auf
den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemnnischen Angelegenheiten in
Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bnn, in dem das Wasser
wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder
hinunter zu schwimmen, bald sa er auf der Kapp bei Hein Mck, der
Kartoffeln schlte, und a getrocknete Knurrhhne. Oder er besah die
Seepfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.

Er berholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun
pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte
er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine
Mutter ngstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen
ma und bat: Vadder, str doch af, wat wi keen Hoveree kriegt, dann
lachte er sie aus und sagte: Mudder: de Damper mtt dat Seilschipp ut
den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.

Worum denn nich? fragte Kap Horn lauernd.

Vadder seggt dat, gab Strtebeker zur Antwort, un de mtt dat doch
weten!

Jo, mtt he ok, besttigte der Schiffer vergngt und guckte an dem
groen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen
vorbeischob. Strtebeker, wat is dat frn Stiemer? Der Junge sah nach
der Flagge am Heck. En Ingelschmann.

Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.

U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!

Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit
angerichtet hatte. Sie sa auf den Luken und knttete an ihrem Strumpf,
aber sie hatte sich keine gute Stunde fr ihre Klage ausgesucht. Denn
erst sagte Strtebeker mit mildem Vorwurf: Mudder, wi sitt hier nu so
scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!
Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht
noch leichter: so htte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos,
sie solle ihn nur gewhren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor,
sondern Fischermann werden.

Ruberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.

Gesa, mok doch kein Schop bang.

So veel du nu ober em lachst, mt du noch mol ober em weenen!

Ne, dat gluf ik ne, Diern!

Unbekmmert sah er drein, als knne er sein Leben schon berschauen.

Bestrof em, Klaus!

Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen
rmkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa,
anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen
Undt mihr moken!

Da gab sie es auf.

                   *       *       *       *       *

Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder.
Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Strtebeker stimmte
eine Art Lobgesang an und a wie ein Scheunendrescher.

Als sie noch um die Pfanne saen, kamen bereits die ersten Reisenkufer,
Fischhndler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise
abzukaufen und die Schollen aus dem Bnn zu verhkern. Sie boten einen
guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es
waren erst drei Ewer an der Brcke und er konnte auf einen guten Markt
hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu
verhandeln. Die Hndler drngten:

Dor komt ht Nacht noch mehr, Kppen Mewes!

Lot jm kommen, Petersen, wi weut all leben, lachte Klaus Mewes.

Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!

Lot jm blieben, Meier, wi mt all starben, bemerkte er trocken.

Da war nichts zu machen: er lie sich nicht einmal nach Eierkohrs
einladen, sondern sagte, wenn er durstig wre, knne er sich noch selbst
einen kaufen. Und er sog ruhig an den Grten.

Der Ewer dmpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der
Helgolnder Dnung klse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer
in bestndiger Bewegung gehalten.

Gesa wurde dsig. Sie ging an Deck. Du bst seekrank, Mudder, weest,
wat dat is? rief Strtebeker hinter ihr her.

Pa man up, di geiht dat nix beter, steckte Kap Horn es ihm, aber er
lachte sicher und sagte: Nix zu machen, Herr: ik bn seefast!

Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder, warf Hein Mck
dazwischen, aber Strtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem
er spottend rief: Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo fr dot
inne Koi legen, ast weihn worden is!

Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa
die Brcke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den
Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige
Dmpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Strtebeker mute an
Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktdelei
machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den
Nudelkastenmnnern stehen.

Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den
Bnn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
herausgesucht. Strtebeker mute sie vorn aufs Deck legen, damit sie
sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den groen
Klver darber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte.

Hein Mck fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
Wohltter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen
schnen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der
Hafenstrae hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas,
einige deftige Eisbrecher.

Kap Horn aber sa mit Strtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen
der groen Segelschiffe, die bei Blohm und Vo dockten, und nannte alle
Segel und Taue mit Namen, er erzhlte ihm von der groen Fahrt und von
dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hrte nipp zu, wie er dem
todkranken Matrosen zugehrt hatte. Wenn der Knecht aber an gefhrlichen
Stellen beilufig hinzufgte: Dor harrst doch bang bi worden, nich,
Strtebeker? -- dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: Ne, bang
harrk ne worden!

So saen sie in der Dmmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser
schieen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie
auf der dnischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch
viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitn, lieb
gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem
Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheien. Das war ein
stiller Junge gewesen, dieser Strtebeker war ein wilder Ungestm: jener
war auf der Hhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet
worden -- er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenht --: dieser lebte
und drngte mit allen Krften nach der See, als wenn er an Land nicht
leben knne.

Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajte
und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem
Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der
seeschtige Junge.

                   *       *       *       *       *

Am andern Morgen war ein groes Trampeln und Scharren ber Strtebeker,
als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten -- er hatte richtig die Zeit
verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.

Du liebe Zeit, was war da fr ein Leben! Als wenn es Karkme wre! Das
ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was fr ein Gedrnge auch
doch, was fr ein Lrm! Fischfrauen, Kkschen, Brgerinnen,
Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Krben, mit Handtaschen und Beuteln
standen um den Bnn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften
schlielich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bnn und
ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein
Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Krbe hinunter,
langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark fr sechzehn
Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott,
obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war
schollenhungrig.

Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens
man mol, sagte er zu Gesa, die beim Kompahuschen stand und mit
fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert ber ihn,
der damit umzuspringen wute, als sei er als Handelsmann geboren. Sie
schttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Strtebeker? Ja, wo
war Strtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um
sich den Kasper anzusehen?

Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mck
und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser
hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die
vollen Netze seinem Vater hinauf. Fr twee Mark, Vadder! ... Frn
Mark! ... Fr fftein Groschen, Vadder! ... So rief er dabei, mit
einer Stimme, aus der deutlich herauszuhren war: nun pa auf, da alle
bezahlen!

Stein frn Mark! Stein grote Schullen! All springenlebennig!
Stein frn Mark! rief Klaus Mewes oben und Stein frn Mark!
Stein grote Schullen! All springenlebennig! Stein frn Mark! echote
Strtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern
Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlwen als Ausrufer anzunehmen.
Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kkschen ... Leben dot de
all! Dor snd keen dode twschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht
vrre Hand weg! ... Ne, dat snd stein, ik hebb mi ne vertillt! ...
An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mute ja helfen.

De snd jo dot, Junge! Wenn du man ne dot bst: de leeft! De snd
jo so ltj, Junge! Wenn du man ne ltj bst: de snd grot! Er lie
sich nicht verblffen. Sotein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft
achttein! Denn goh dor man hin: hier gifft dat blo stein! Er pate
aber auch auf: Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!

Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten
Hilfsmann! Vadder, dat middelste Schott is all leddig!

Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: Wat mokt he sik ok doch
utsehn! Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: Worm hest du em
dat nee Tch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten
kunnt! Stein frn Mark! Stein grote Schullen!

Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, da sie die Luken zumachen
konnten: die paar Stiege, die noch im Bnn saen, brauchte Klaus Mewes
selbst. Ausverkauft!

Knecht und Junge splten das Deck ab, das aussah, wie ein Stck vom
Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die
Kajte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen,
Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezhlt war, waren es
nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte.
Es war wieder Glck dabei gewesen, da er einen guten Markt getroffen
hatte.

Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so gro vor, da sie
immer nur von den _groen_ Seefischern sprachen und auf sie schalten,
denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg
und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den
Tagelhnern vor, die den ganzen Tag fr sechs Groschen wie Pferde
arbeiten muten: wenn sie nicht zu alt fr die Fahrt gewesen wren, sie
htten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!

Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trben: sie ist und
bleibt die beste, schnste Zeit fr den Fischermann. Wie sie Taler haben
mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so knnte die
hamburgische Mnze fr Finkenwrder Taler prgen mit der Aufschrift:
Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, da so
viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die
Zinsen, der Winter -- wir wollen sie dennoch preisen, die schne, schne
Schollenzeit!

                   *       *       *       *       *

Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Ne durch die Klsen. Dol de
Seils! Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an
Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mute
die Taschen kochen, Hein Mck hngte die Scharben auf, da die Leinen
den Deich wie Girlanden berzogen. Klaus Strtebeker mute die Schollen
austragen, die sein Vater in frstlicher Weise verteilte: von der ersten
Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft
lebendige Schollen. De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk
wedder fangt, hie es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die
Handwerker, die Tagelhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte
Sill dachte er. Strtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm
Freude, wenn die Leute fragten: Non, Junge, is dien Vadder her? Jo!
Mit Schullen? Jo! Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei,
der Bcker gab ihm einen Kringel und der Krmer einen Kakerlatje aus
Zucker, Bauer Feldmann go ihm den Eimer voll Milch, Sill aber whlte
wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schnen Apfel
hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn
nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen
msse. Es war ein fetter Tag fr ihn.

In der Schummerei aber sa er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging
mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest
waren, da sie anders nicht geffnet werden konnten. Des Vollmondes
wegen saen sie voll Fleisch und schmeckten vorzglich. Im Binnendeich
schlichen die Katzen mit erhobenen Schwnzen heran und knurrten einander
wegen der Abflle an.

Gesa stand in der Tr: Klaus Mewes sa unter den Linden auf der Bank und
verklarte dem alten Jger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei
bei Juist und Borkum, whrend die Nacht anbrach und die Lichter im
Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und
schwerer in den Heben hineinwuchsen.

Vom uern Ne kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen
Aalkrben beladen.

Non, knt hier utholen?

Jo, Jakob!

Er blieb einen Augenblick stehen.

Lopt de Ool all, Jakob?

Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms
hebben.

J, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all
eulich belurt, ik kann di seggen, as de Vo de Geus un as de Hund de
Rotten! Wi weet de St, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, gstern an
Altno: gode ffteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de
Gildbtel man afkann!

Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemt: er dachte an die drei,
vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Krben schrapte, und rgerte
sich ber den groen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich
warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. So, so, knurrte er und
stiefelte weiter.

Gesa schttelte den Kopf. Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus
Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung wrst?

Er sah sie gro an. Wat meenst du dat? fragte er verwundert. Ik kann
mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor
steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat snd mien
Linnenbum, dor buten liggt mien Eber un hier bn ik slben oder is dat
all ne wohr? Lot den Dbel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik
gluf, uns Herrgott sht ok leber en vergneugten Minschen as en
trurigen!

Wees ne so tro, Klaus Mees! Du bst ok blo en Minsch un wullt wedder
no See! mahnte sie, er aber schttelte die Worte ab, wie die Ente das
Wasser.




                           Achter Stremel.


Es war Ostern auf Finkenwrder.

An den Grben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen
lieen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im
Sonnenschein und glommen wie Frhlingsbrute mit hellblonden Scheiteln.
Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. ber den Wischen gaukelten die
Kiebitze zu Hunderten, und ber dem hohen Ne schwebten die grauen
Reiher.

Und die Finkenwrder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr
Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann kme sonst
auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er
geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht fr Landwege
geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege
es nicht zu, fr die sie frher Stelzen gehabt haben, die aber
abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jtland und Niederland zu
viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.

Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen
Winter eingestellt war und die groe, allgemeine Ausreise erst nach
Ostern stattfand. Da lag es nahe, da der Fischer nochmal seine Insel
auf den Kieker nahm, bevor er sich der See fr lange Monde anvertraute!
Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen,
den Deich noch einmal ganz unter den Fen zu haben, bevor sie an Bord
gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.

Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und
seinen Famulus, an Brger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen
und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten,
mittelalterlichen Stadt Frankfurt -- aber das mu verblassen vor der
groen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag
anfngt und bis zum Abend whrt und voll ist von Gre und Gewaltigkeit.

Breit und blau grt die Elbe -- im Hintergrunde steigen die Blankeneser
Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht ber den Strom.
Deutsche, englische, franzsische, nordische und hollndische Flaggen
flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das
Fahrwasser gleich Riesenvgeln, und im Osten steigen die Hamburger Trme
aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber
und von den Schallen gren die blanken Ewer und Kutter, die starken,
schnen Schiffe, und ihre Flgel lachen im Sonnenschein, als wenn sie
wten, da es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher
Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser.
Zwischen den Masten hngen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen
lassen wie die Panzerhemden eines Hnengeschlechtes, das groe Wsche
gehabt hat.

Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die
Fischerhuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendchern, mit grnen
Tren, gerteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen
Blutstropfen, Schuhbume, Geranien und andre Blumen blhen. Binnendeichs
stehen die groen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbume, die
aufgefischten Hummerksten: dahinter liegen die braunen cker, von
Grben durchzogen, die grnen Wischen, die Wurten mit den groen
Bauerhusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der
Insel.

Da kommen sie an, die Osterleute.

Zuerst die Gren, de mol m Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen
sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand
-- denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei --, damit die Fahrensleute
Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern knnen. Ihnen folgen die
Schlingel, die ihre Krfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die
Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die ber die Grben
jumpen und Enten und Gnse bange machen, die Deerns vom Deich stoen und
die Hunde reizen. Sind die vorber, dann erscheinen die Konfirmandinnen
in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weien
Tchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste
Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den
Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie
ihr Lebtag auf See gewesen wren. Sie tun, als htten sie schon das
kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr
an, bekmmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen
von Schiffen und Mdchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler,
sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der
Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmkt seine Zigarre (un noher
fangt se doch all an to prntjern).

Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen
zu fnfen oder sieben, in Schfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den
ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein,
sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich,
die Huser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die
Alten nehmen sie vor, die vor den Tren stehen oder aus dem Fenster
schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und
fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle.
Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Huser
das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gesprch der Fahrt und
der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so
geht es immerzu.

Klaus Mewes und sein Junge mten keine rechten Finkenwrder sein, wenn
sie nicht auch unterwegs wren! Auch sie machten die Runde um das
Eiland, wobei sie sich ordentlich Zeit lassen muten, denn weil das
Mewesgeschlecht das grte auf Finkenwrder war, hatten sie an allen
Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen muten, und wurden
alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingentigt. Auch mit den
Fischern, die er berholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes
manches zu beklnen. Strtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke,
damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwrder
herum.

Beim Segelmacher wurde ein neues Grosegel bestellt, das bis Karkme
geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling
stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats.
Zunchst bezahlte er die beiden Kurrbume, die er noch an der Rechnung
stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen
lie. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Knigsschiff in
den Heben ragte.

Wat kst de nu, Jochen? fragte er, als er alles befhlt und besehen
hatte.

He lppt sowat up twlfdusend, Klaus, erwiderte der Baas.

Dat Schipp is god, lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an
dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, de schall woll seilen,
Gotts den Dnner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor
Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter
bon, noch greuter un noch scheuner as dsse hier! Un denn will ik jo mol
wiesen, wat Seilen un Fischen to bedden hett, so gewi as ik Klaus Mees
heet!

Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder? rief Strtebeker eifrig, der
Baas aber strich den grauen Bart und sagte bedchtig: Dor snackt wi
noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund snd!

Hest upstnds noch mihr to bon, Jochen?

Noch een Kutter, Klaus. Fr Jan Harm.

Geiht vrwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi
hebbt H. F. 500 up See!

Der Baas aber sagte nur: Wi weut dat best hpen, denn er glaubte nicht
daran.

Vater und Sohn verlieen die Werft und gingen weiter.

                   *       *       *       *       *

Abends saen sie alle in der Dn und warteten auf die Ostereier. Hein
Mck sagte, er wolle ganz gewi zehn essen, und Kap Horn erzhlte, er
habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder
vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der groen Schssel
an, die gehuft voll von den schnen weien Eiern war, und das
Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen
hatte, der die meisten Eier a. Mit glnzenden Augen lffelte
Strtebeker ein Ei nach dem andern aus. Wedder een, Vadder! De smeckt
as Sucker!

Sben, rief sein Vater.

Kann ne angohn, sagte Strtebeker aufgebracht, du kannst heuchstens
dree Eier up hebben. Er zhlte die Schalen: Een, twee, dree, Vadder!

Kap Horn beschftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich
und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne da er's
merkte, die leeren Schalen hin, wie der brtenden Henne Enteneier
untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches
Loch in den Eierhgel, aber schlielich muten sie doch back brassen und
sich fr beet erklren. Da bekleidete Strtebeker sich mit der Wrde
eines Preisrichters und zhlte die Eierschalen, die jeder vor sich
liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fnf. U, wat wenig, Vadder! Du
sst sben! Dat harr ik ne van di dacht! Ik much ne tolangen,
Strtebeker, entschuldigte sein Vater sich, ik dach, anners wrst du
ne satt! Bei der Mutter kam Strtebeker zu dem niederschmetternden
Ergebnis: Twee! Mudder, dat et de ltjen Kinner ok all meist. Du m
gewi de Pann wegdrgen! Hein Mck, der sechs Eier gegessen hatte, kam
glimpflich davon, aber ber Kap Horn, der nur ein Hufchen gnzlich
zusammengedrckter Schalen hatte, go er die volle Schale seines Spottes
aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen.
Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken, stichelte Kap Horn.

Van wegen poor Dinger, ereiferte der Junge sich und zhlte sie in
Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, da er sich nicht
verzhlt hatte, kiek hier: dree, s, sben, acht, negen. Negen Eier!
Ik harr slben ne dacht, wat soveel wren, ober kannst jo sehn!

Wohrraftig negen, rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren
konnte, wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de
Jung mihr Eier eten kann as wi groten Ld?

Kap Horn lachte: Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten
warrn.

Strtebeker aber sagte: Junge, Junge! und knpfte die Hose auf, um
sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen
ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. Vadder, nu komm ik ok doch
mit no See?

Nu noch ne, bremste die Mutter schnell, is noch veel to kold buten,
Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach
dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann knne der Junge die andre
Reise schon mit an Bord.

Och jo, Vadder! Och jo! rief Strtebeker in heller Freude und sprang
in der Dn herum, wie ein Fllen auf der Wisch.

Er msse aber auch lzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er
ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den groen
Schiffen her. Er lie sich eine Elle geben und nahm gleich Ma, was dem
Jungen den grten Spa machte. Umstndlich schrieb er Lnge und Breite
in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darber:
lzeug fr Klaus Mewes junior.

Spt am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei groen
Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen
Tingsttte, auf dem Sande von Teufelsbrcke und auf dem Strande von
Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des
Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.

                   *       *       *       *       *

So bald wurde es doch noch nichts mit Strtebekers Seefahrt, denn ein
starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, da er bis
Michaelis wehen knne, lie seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus
Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen
Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel
im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.

He hett mi frn Narren, sagte Strtebeker immer wieder erbittert zur
Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Lngst hatte der
Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der
Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing,
und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und rgerten ihn
alle Tage.

Strtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompa, das hierhin und
dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte,
bemhte sich um das Sprechen der Nebelkrhe, verkaufte die jungen
Kaninchen, er sprang mit den Jungen ber die Grben und trocknete sein
Zeug im Winde, wenn es dabei na geworden war, er watete schon in der
Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom
Ne, der schon schwamm -- das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm
fast den Atem! --, er suchte Regenwrmer an feuchten Abenden und
pdderte Aale, er lie sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte
seinen Kahn mit Hilfe des Jgers, er ging mit auf die Entenjagd und sa
muschenstill in den Binsen, whrend die zahmen Lockenten nach den
wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte
sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab,
schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafr, da sie
abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er
machte sich Hupuppen, Flten und Dreibsse aus dem leicht abnehmbaren
Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die
Maikfer, die um die grngewordenen Linden schwirrten, -- aber es war
keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen
mute und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und
er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und
Blankeneser, Krnzer und Finkenwrder nach H. F. 125 fragen.

Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte,
unbeweglich auf seine Schaufel gesttzt, und hatte die Maulwurfshgel
unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Whlte
aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den
Hgel, warf den Schwarzrock in die Luft und ttete ihn durch einen Hieb
auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschtzenden Deich von
seinen schlimmsten Feinden, den Erdwhlern, die in alten Zeiten so
manchen Deichbruch verschuldet hatten.

Da kam ein Schnellufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper
von St. Pauli, mit Schellen behngt, eine Glocke in der Hand, und hinter
ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter
ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfnger: die lrmten und
lachten, schrien und sangen wie rechte Gren des lauten Finkenwrders,
des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Strmen zu fischen und in
schwarzen Kleidern zu tanzen. U -- en Snilluper! Vorbei braust die
wilde Jagd: Strtebeker luft barfu neben dem Schnellufer, er berholt
ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben
soll, aber dann fllt ihm ein, da er mit dem Kahn los mu, und er kehrt
batz um. Und als der bunte Mann langsam zurck kam und von Tr zu Tr
ging, um sich fr sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dmpelte
der Junge schon bei Blankenese in der Dnung und rief die Ewer an.

Jan Lanker aber gab dem Schnellufer nichts, als der seine Hand
ausstreckte, sondern fragte nur: Wat is dor los? Ik bn de Snelleuper
un heff snell lopen! Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig
lopen kunnt, sagte Jan patzig und machte ihm die Tr vor der Nase zu.

Da kamen Straenmusikanten, pflzisches oder bhmisches Volk, nicht zu
vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwlfen und zwanzigen, und spielten,
da der ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder
sangen:

   Schosteenfeger sitt upt Dack:
   goh no Schol un lihr di wat!

Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmnner erschienen,
denen weie Muse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hten und
Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat
Rukerts, da kam der Scherenschleifer und lie die Funken springen, der
Wollkmmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und
Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hren am garn- und
fischbehngten Deich, aber Strtebekers Augen waren westwrts gerichtet.
Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und lie Torpedoboote und
Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lhjollen und
Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glckliche
Strfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck
standen, an den roten Bojen, den Pmpeln, die an den Wanten hingen, und
an dem gromaschigen Strgarn, -- er hatte neun groe Stre gefangen,
die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Knige an
Stricken mitnahm, -- aber seinen Vater konnte Strtebeker nicht in Sicht
kriegen. Was gingen ihn die Stre an: sein Vater fischte keine Stre!
Was kmmerte es ihn, da Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und
mit dem Boot weiterfischte, da Hein Schloo zwei Fischottern bei der
Nekule scho, da Paul Fahje sich einen neuen Gromast einsetzen lie,
weil er den alten abgesegelt hatte, da Hinnik Sa doch nach dem Bauern
mute, weil er zu seekrank geworden war, da der kleine Karsten Klln in
den Graben fiel und ertrank, da Hans Peter sich aufhngte, weil sein
Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, da Hein Husteen und
Marieken Krger lustige Hochzeit gaben? Was kmmerte es ihn, der auf
seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemhte, ihn an den Deich
und an das Land zu gewhnen -- er sprach von der See und guckte nach den
Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gbe.

Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beilufig klagte, da sie
keinen Sand mehr htte und den Schweinen kaum noch streuen knnte: wenn
Vater doch bald kme, da er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall
holen knnte. Strtebeker merkte sich das und beschlo, sie zu
berraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich
den dritten Tag, als es mit der Tide besser pate, den kleinen Harm Rolf
zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe
westwrts, nach den Auslufern des Nienstedter Falles, die bei
Niedrigwasser als Sandbnke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht
sagen, da er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.

Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und
Kraut, lie er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strmpfe
aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker
machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte,
huften sie den Sand zunchst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die
Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren
Sand in den Kahn: so mute er ja bedeutend mehr tragen knnen, sagte
sich Strtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hmpel mit der
Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine
ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermdlich.

Schullt ok woll all genog wesen? fragte Harm, aber Strtebeker
schttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hnde. Noch lang ne,
Harm, smiet man noch in, de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn,
de driggt wat, kann ik di flstern. Er mute sich schon den Schwei von
der Stirn wischen, so ri er sich ab. Lot em giern bit an den Dullbom
to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!

Er gnnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand
war. Nu weut wi utscheiden, Harm, sagte er vterlich, setzte sich auf
den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott
machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrcken sa.
Harm betrachtete besorgt den groen Sandhaufen, aber er getraute sich
nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte
und weil Strtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war.

Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot, sagte
Strtebeker gleichmtig, dat durt ober noch wat, setzte er hinzu, als
er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Khnen
vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Krbe
berholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb
erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie
sammelten die groen Elbmuscheln, die Adam und Eva heien, sie jagten
die Mwen und Krhen auf, die an der Fahrwasserkante saen, da sie sich
wie eine riesige, schwarzweie Wolke ber dem Wasser erhoben, sie
griffen die Nesen und Weifische, die in den Prielen schwammen, und
wateten in den tiefen Lchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt
saen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkndenden
Segeln.

Nu ist Stallwoter, sagte Strtebeker, kiek, Harm! Und er wies nach
den Blasen auf dem Wasser, die still standen.

Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird knden von
Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam,
die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf,
unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm
allmhlich zu, wurde strker und strker; gelassen wischte das Wasser
mit leiser, zaghafter Hand ber den Sand und stieg schchtern ber die
ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umsplte,
dann aber nahmen Kraft und Strmung unaufhaltsam zu und wurden stark und
wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser,
wie sprang, wie lief, wie wallte es!

Flot, Schipper, Flot, Flot!

Die Mwen und Krhen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen
folgten die Strche und Reiher, als das reiende Wasser immer mehr vom
Sand fra. Im Fahrwasser lieen die elbab segelnden Schiffe die Draggen
fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafr erschienen bei
Schulau Dampfer ber Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei
Segeln.

Geruhig sa Strtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und
lie die lebendige Flut um seine Fe strmen. Gliek snd wi flott,
Harm! rief er, kiek mol, wat dat Woter kummt! Seines Genossen
Besorgnis aber war angesichts der starken Strmung zur Angst geworden
und er wagte es, wieder davon anzufangen, da sie zu viel Sand
eingeladen htten, da der Kahn es nicht tragen knne und da sie gut
tten, etwas auszuwerfen, Strtebeker indessen verzog geringschtzig den
Mund, nannte ihn einen Bangbx und verfolgte mit Freude, wie ein Stck
des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.

Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der groen
Wasserflche -- und schwamm doch nicht, sondern sa fest und rhrte sich
nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Strtebeker, sie
wollten doch mal dmpeln, krempelte die Hosen weiter auf und ri an dem
Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein groer
Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mhte.

Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt, jammerte sein Kamerad, wi
flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten! Dat wr scheun! sagte
Klaus, kumm hier, ward nix mokt! Und er bemhte sich eifriger, den
Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand,
aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wre, jedenfalls rhrte
es sich nicht. Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wr, scherzte
er, als er sich dann aber ber den Dollbaum beugte und fand, da nur
noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging
hastiger mit dem Riemen zur Kehr. Bang bn ik ober ne, sagte er ...
Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: Wi buddelt af,
wi versupt! klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: Hilpt uns, hilpt
uns! Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren
noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jger in den Binsen oder im Reet sa,
wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon lngst
zurckgerudert.

Strtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der
Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!

Hilpt uns, hilpt uns!

Nu lot doch blo mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no! sagte
Strtebeker barsch, smiet man mit ut, denn snd wi gliek flott!

U, ik bn jo so bang, Klaus!

Denn kannst du ne no See hin! Ik bn keen betjen bang! Smiet doch blo
mit ut, du Knappen!

Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweitropfen, aber er warf
unverdrossen aus. Mol schuben, Harm! Sie stemmten sich, auf dem
Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rhrte
das Fahrzeug sich jetzt. Huroh, wi hebbt em, rief Strtebeker, noch
en ltj betjen, denn geiht de Reis los! Er schaufelte emsig, denn die
Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine
kleine See in den Kahn. Vielleicht wre es Strtebeker in seinem Eifer
doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die
hohe, mchtige Dnung eines groen, schwarzen Amerikadampfers, der schon
bei Teufelsbrcke qualmte, den Strtebeker bei seiner dringlichen Arbeit
aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen ber den Nienstedter Fall
gelaufen, fegte ber den Bordrand und fllte den Kahn mit Wasser,
wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war
nichts mehr zu machen, obschon Strtebeker das Euschfatt ergriff, um das
Wasser auszugieen: es war zu spt.

Wi versupt, wi versupt!

Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten.
Strtebeker meinte freilich, das wre spaig, so auf dem Wasser zu
stehen. Er trstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das
Wasser ihnen an die Knie ginge, wren die Jollen dreimal da und knnten
sie holen; schade wre es nur um den schnen Sand. Er guckte aber doch
mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot kme, denn der Wind war
still geblieben und die Segel kamen nur langsam nher. Als das Wasser
ihnen bis ber die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine
und hie Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht
umrisse.

Es war eine bse Lage. Nun begann auch Strtebeker laut zu rufen,
nachdem er versichert hatte, da er nicht bange sei. Aber sie konnten
wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der
weiten Entfernung nicht gehrt werden, denn kein Boot lie sich sehen.
Immer hher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hften.
Strtebeker trstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm
festhalten, damit er nicht ber Bord komme. Dann sagte er ihm, sie
wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann
noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und
sich mit den Riemen treiben lassen. De drgt uns as en Beesenblt,
sagte er zuversichtlich.

Wat is dat Woter kold, wat frst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!

Strtebeker sttzte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote
kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen
klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne
mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der
Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern
schnellere Fahrt zu machen.

Nu hol di fast, sagte Strtebeker.

Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie
erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie ber den Setzbord
zog.

Junge, du kannst wat moken, sagte er zu Strtebeker, wat meenst woll,
wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch
afsopen as son poor Rotten!

Non, denn lot di man en Medallje geben, antwortete Strtebeker und zog
die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.

Nu bst doch mol bang wesen, wat?

Dat lgst du, Peter! Ik bn ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat
schreest du denn nu noch? wandte er sich an seinen Leidensgefhrten,
aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte
an die Schlge, die zu Hause seiner warteten.

Daran dachte Strtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem
gesunkenen Fahrzeug und den Mglichkeiten, es zu heben.

Segg den Dker man Bescheed, sagte er am Ne zu dem Fischerjungen, als
sie gelandet wurden.

Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen
bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un
Togels durt ne lang, und sagte schlielich, als er wieder seine Prgel
hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich
zum Abendbrot hinsetzte: Bang wesen bn ik ober doch keen betjen,
Mudder!

Den andern Tag ging der Jger los, um den Kahn zu bergen. Strtebeker
wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte,
wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mute einen Tag brummen.




                           Neunter Stremel.


   Der Allmchtige, der Herr der Gtter,
   vor dem der Engel niederfllt,
   Gott redet donnernd aus dem Wetter
   und ruft voll Majestt der Welt!
   Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,
   der Wald ertnt, es bebt die Flur!
   Und Blitze sagens Blitzen wieder:
   Gott ist der Herrscher der Natur ...

... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di m allens inne
Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lcht! De ganze Heben steiht
in Fr un Flammen!

Strtebeker aber, der im Bett lag, sagte mrrisch: Lot mi doch slopen,
Mudder, ik bn so meud! Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit
bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten
Donnerschlgen ngstlich zusammen.

Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer
dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weien Flecken auf
der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dmmerung: nun es Nacht
geworden war, griff es mit Riesenhnden ber den Heben und brach mit
Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken
und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall
alles Grollen bertnte. berall am Deich hatten die Frauen sich
erhoben, die Kinder notdrftig angekleidet und saen nun in Angst und
Bangnis bei dicht verhngten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter
sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert ber dem
Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und
Harburger Bergen und den Husern und Trmen von Hamburg gebildet wird.
Sie knnen weder vorwrts noch seitwrts: wie wirbeln sie da hin und
her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie
mssen sich ber dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und na
wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind
vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen
mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt ber sie: die
nimmt sie mit und drngt sie mit Gewalt ber Hamburg hin: aber bis es
Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.

Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn
die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch
die Bume und die Fenster klirrten bei den harten Schlgen. Oft bebte
das Haus in seinen Grundfesten.

Gesa sa in der Kche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die
grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war
bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere
und ihr Sparkassenbuch in der groen Tasche unter der Schrze, damit sie
wenigstens etwas rette, wenn es einschlge. Strtebeker blieb geruhig im
Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.

Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender
Schlag: es mute in der Nhe eingeschlagen haben!

Klaus, nu steihst du batz up! Gesa lief in die Schlafkammer und holte
den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drngte ihn
in die Kche. Da konnte es denn nicht helfen, er mute sich unter Blitz
und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine
Siebenmeilenstiefel her, damit er drauen waten knne, wenn es
einschlge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er htte lieber
geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wre, er konnte ja
morgen nicht zu den Jungen sagen: Ik bn beliggen bleben!

Hr doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!

Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is, sagte der
Junge in schlfrigem Ton, lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht
bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!

Non, un wat dien grote Vadder deit, dat mt du ok don, ne?

Jo, dat is gewi, Mudder!

Wat en Slag!

Junge jo, sagte Klaus anerkennend, dat wr en eulichen! Petrus hett
alle Negen smeeten bit Kegeln!

Junge, lot den droken Snack!

Err -- hett Vadder ober seggt!

Jo, neem dien Vadder woll klst bi dt Wedder.

De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne
Koi un slppt!

Dat gluf man ne!

Dat gluf man jo! He hett mi dat slben seggt. Bst du denn fix bang,
Mudder?

Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.

Wat kann dat angohn: ik bn gorkeenbetjen bang, Mudder!

Wennt obers insleit, Klaus?

Sleit ne in, Mudder!

Wieder knallte der Donner. Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder
noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji snd beid veel to driest!

Du un dien Vadder -- das hrte Strtebeker am liebsten. ... Das Gewitter
stand nun steil ber ihnen und die Blitze jagten einander. Nu hett dat
inslogen! Nu hett dat gewi inslogen, rief Gesa bei jedem Knall, bis
Strtebeker es zuviel wurde.

Wennt jedesmol inslogen harr, m ganz Finkwarder woll all upfluckert
wesen, sagte er, schlug die Vorhnge zurck und guckte in die Nacht
hinaus. Gesa prallte zurck vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig
in die Blitze: er wute von seinem Vater, da sie ihm nichts taten.
Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de sht ut!
Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen
kwatterwatschen, Mudder, ik gluf, dat wrn Kugelblitz!

Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van
warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!

An Vadder dink ik jmmerto.

Strtebeker wurde gesprchiger.

Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Krf vull. Un
de vunnacht pddert, de kriegt gewi sben Ammers vull! Un de Buern ward
all de Melk sur vunnacht: morgen mt wi swarten Kaffe drinken.

Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald
hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekrht hatte, verstrkte
sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die
Scheiben.

Schullt woll all Flot wesen? fragte Strtebeker und holte den
Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: Jo,
is Flot! Gott Loff un Dank, nu ttt dat Gewidder woll weg, nu kummt de
Wind dor woll achter!

Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Pltzlich sagte er,
er wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zgen, stand auf und trat
ungeachtet des mtterlichen Widerspruches aus der Tr, in den
nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine
groe Pftze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, aber das
Schlimmste schien berstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen
jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener. Strtebeker blickte
nach der Elbe und sah zwei dunkle, groe Segel unweit des Bollwerks: ein
Ewer segelte vorbei. Da hrte er in einem donnerschwachen Augenblick,
wie die Kette durch die Klse rollte, scharf und deutlich!

Da wute er, da es sein Vater war, und er rief, so laut er grhlen
konnte: Hh, Vadder! Hh, Vadder!

Und vom Wasser antwortete es: Hh, Strtebeker!

Er strmte ins Haus: Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier
afward! Kiek man blo mol ut!

Ist wohr, Klaus?

Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert --
damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der
Schrze ber dem Kopf, da war er schon Gott wei wie weit, da war er
schon nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glcklich
geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus, dessen
rote Seitenlaterne sein Kompa war. Vadder, ik komm all! Die Reise
dauerte einige Zeit, denn er mute den reienden Flutstrom berwinden,
dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im lzeug
steckten und deren Gesichter glnzten. Er stand bei ihnen, als sie die
Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mck die
Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte
Hand mit an, als sie das Boot vom Deck setzten! Was kmmerten ihn Regen
und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an
Bord!

Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich
niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf
war, konnten sie auch erst noch Kaffee trinken. Als sie abstieen,
Strtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen ber Blankenese
schon einige Sterne: das Gewittergewlk sa ber Hamburg. Der Regen
hatte aufgehrt. Im Reet piepten die Wasserkken, am Nienstedter Loch
lrmten die jungen Mwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer.
Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.

Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa
stand in der Tr, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie
hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien
sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts
als Regen gehrt hatte, wie freute er sich!

Als die Leute und der Junge in die Kche gegangen waren, hielt er sie
fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden
Linden in die Arme.

Drinnen aber ffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte:
da war das lzeug, das er gemacht hatte, da war eine lbx, lang und
weit genug, da war ein lrock mit groen, blanken Knpfen, da war ein
Sdwester mit blauen Sturmbndern, alles hellgelb und noch klebend, aber
Strtebeker probte es doch gleich an, damit er wute, wie es pate. Er
zog die Hose mit dem Strick zu, lie sich von dem Knecht die drang
gehenden Knpfe zumachen, und setzte den Sdwester vor dem Spiegel auf.
Er zupfte und ri an dem Zeug herum, endlich aber war er fertig und ging
vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge
lobten ihn und sagten, nun wre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte
aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.

Schipper, wat ist, knnt wi nu anmunstern? rief er bermtig und
guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter lieen einander schnell
los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen
herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mute ber ihn lachen, als
er so freiherrlich dastand.

So, Vadder, Stebeln un Eultch hebb ik: nu kannt no See gohn!

Jo, Strtebeker, nu ist so wiet -- nu kummst du mit no See! sagte
Klaus Mewes und sah Gesa gro und gewaltig an, da sie fhlte, dagegen
gbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.

Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.

Mudder, du hest hrt? Kap Horn, du hest hrt? Hein Mck, du hest hrt?
Ji hebbt alltohopen hrt: ik schall mit no See, ik schall mit no See,
huroh! rief der Junge, setzte den Sdwester ab, unter dem ihm reichlich
warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter,
grober Stimme: Non denn so wit: ich selbst bin Klaus Strtebeker! --
da alle lachten.

Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den
Tag, darunter als Hauptstck die groe Haverei. Kap Horn aber erhob den
grauen Kopf und sprang ihm bei: er she kein Unrecht darin, denn der
Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die
Sache vor ein Seeamt kme, erhielte Strtebeker ein Lob wegen seiner
Umsicht und Ruhe. Anderseiner wre dabei ertrunken, meinte Hein Mck, um
auch etwas zu sagen.

Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht, sagte Gesa, in deren
Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, denn nimm em hin! Goht hin un
verdrinkt alltohopen! Die Trnen kamen ihr. Ochott, wat ist en
Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du
deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is blo eenmol fr di
storben: ik starf jede Nacht m di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen
nehmen!

Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Krassier: wo sie die
Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt
ging er in der Kche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und
Strtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, da sie immer wieder
nicht mit konnte, da sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne.
Er dachte an seinen Grovater, der geblieben war, an seinen Vater, der
verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Strme und
Unwetter -- und fand sein Leben doch gro und stark und schn, da er
sich kein andres wnschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen
wollte: Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten
immerdar Fischer bleiben.

Gesa?

Wat schall ik noch?

Sie war mde, krperlich und seelisch.

Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertch?
Seefischerfroo dtt ne bang wesen, dat weest du doch?

Bn ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?

Sie schttelte trbe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin
keine und werde niemals eine werden!

Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an
Burd! Man to! Denn snd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben!
Man to, bst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi
dat up See is!

Er fate sie bei den Hnden an, aber sie wich seinen Blicken aus und
schttkopfte. Ik kannt ne, Klaus, gluf mi dat! Mi groot all vr de
Ilw, wat schull dat irst up See warrn? Ik bleef vr Angst dot!

In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde
zu whlen, und er whlte den Jungen.

                   *       *       *       *       *

Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn
er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Ne, sondern ging
mit der ersten Tide seewrts, um mglichst schnell wieder in die
Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der
Ausrstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn,
der Janmaat, war es zufrieden, da sie schon abends fuhren, obgleich er
dann eine Hochzeit versumte, bei der er auf der Harmonika spielen
sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas
taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. Und Strtebeker? Das
zu sagen, erbrigt sich: ihm dauerte dieser eine Tag schon zu lang und
er htte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker
aufgehievt htten, denn je lnger es dauerte, desto eher konnte noch
etwas dazwischen kommen und er womglich noch wieder abgemustert werden.
Nur einem pate der Kram nicht, dem guten Hein Mck, der auf einen
Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte
^plenty money^ in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal
preuische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde fr
allemann ausgeben, wollte mal mit den Mdchen linksum tanzen und sie in
der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde
wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der
einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekme: sonst htte er
sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!

Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes
auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog
und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch
wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt
stehen. So half sie eifrig bei der Ausrstung des Fahrzeuges und suchte
die Sachen fr den Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer
angeborenen Heiterkeit kam.

Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was
suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn
Strtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine
Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strmpfe und Socken, wollene Jacken,
Rmpfe und Buscherumpen, Halstcher, Handschuhe und Taschentcher,
Mtzen und Hte, Unterhosen und Pulswrmer: ganze Beutel voll standen
auf der Diele in der Reihe, rein gefhrlich anzusehen! Gesa ging dabei
nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hie: Upt Woter ist jmmer
kold -- und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und
Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles gehrte dazu.

Klaus Mewes berholte unterdessen die Rucherkammer und musterte einen
Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwrsten
an, indem er sie von der Leine schnitt.

Strtebeker barg das Htfa und stellte die Bungen auf den Schauerboden,
die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den
Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord
haben, auch seine Krhe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie
htten fr die Munkis kein Futter und Klu knne sich ja doch nicht mit
Seemann vertragen. Strtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder
ber die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu
sagen: Du hest mi ober slben seggt, wat ji up grote Scheep Swien un
Kninken an Burd hatt hebbt. Jo, op grote Scheep, sagte Kap Horn, das
is ok wat anners!

So? Fischereber is ok en grot Schipp, rief Strtebeker patzig.

Nach Mittag mute er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot
und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und
Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam
vorwrts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde
von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er
bejaht hatte, dann sagten sie, er solle blo nicht seekrank werden,
solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, da er nicht ber Bord
falle. War er aber vorbei, so hie es bei den Alten: Sien Vadder is
verrckt: wat schall dat Gr all up See?

Der Krmer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. Wat schall
dat denn? fragte Strtebeker verwundert. Och, nehm man mit! Is god fr
de Fohrt! Neem to? Kumm, dat segg ik di int Uhr, raunte der Krmer
und flsterte: Dor bindst du di de Been mit to, Strtebeker: du deist
de Bx jo doch vull, wenn ji up See snd.

Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm knne
sowas nicht passieren.

Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die
Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Strtebeker mitraute der Sache, er
frchtete, da sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht
alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er
schlielich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise
seines Vaters Strmpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die
Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hrn, wenn du upsteihst!

Der andre Morgen verging rasch. Strtebeker fuhr ununterbrochen zwischen
Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle
Brote und Wrste, alle Kruken mit Weisauer und Schwarzsauer sicher an
Bord. Es war zu verwundern, da er sich nicht in Brand lief.

Als der Flutstrom nachlie, war es soweit, da sie an Bord muten. Der
Abschied nahte. Gesa mute ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es
scheinbar ruhig! Er sprang vor Freude, da es nun wirklich und
dreihaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm
verlangte: sich nicht zu erklten, nicht seekrank zu werden, nicht zu
weinen, nicht ber Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich
nicht von den Fischen beien zu lassen und gesund zu bleiben. Er htte
in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drngte er
zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in
der Stube lachenden Mundes Adjst sagte und seine schne Frau kte, bis
sie sich ihm verwirrt entzog.

Der Kahn mute mit, Strtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm
damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der
leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte
ihnen in den Hfen ganz gut zu pa kommen.

Adjst! Adjst! Adjst!

Sie winkten und stieen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und
bellte nach Gesa hinber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er
Adjst sagen wolle.

Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flgel, der
Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann
schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, -- langsam zog es
davon und segelte in einem groen Gange westwrts. Gesa winkte nochmal,
Klaus Mewes und Strtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte
Kap Horn schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und
spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem
Deich hinber, aber Gesa stimmte es doch so wehmtig, da sie, die sich
bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mute.

So trat Strtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei
Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und
dem Gebell von Seemann.

Fahr wohl, Strtebeker!




                           Zehnter Stremel.


Nun wlbt euch, groe, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt,
ihr Schoten, tanz, Flgel! Du Wind mut wehen, du Sonne mut lachen, du
Wasser mut blinken, auf da die _Freude_ in Klaus Strtebekers Herz
komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf da er ein Fahrensmann werde!
Da er sich dem Kampf mit der See zuschwre, wie der Knabe Hannibal dem
Kampf mit Rom, da er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater etwa
vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu
machen gedchte!

Denn ^navigare necesse est^ -- Seefahrt ist not, und bitter not ist es,
da das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!

                   *       *       *       *       *

Sie hatten Nordwestwind und muten kreuzen. Hinter dem Schweinesand,
dwars von Wittenbergen, fllten sie das Wasserfa mit frischem
Elbwasser, wobei Strtebeker fleiig half, denn er konnte auch schon
eine Ptze tragen. Bisher hatten sie nur die drei groen Segel stehen
gehabt, nun setzten sie noch den groen Klver, das Toppsegel und den
Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann nahmen sie das Boot aus
dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch
Strtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter den
Luken an Backbord. Hein Mck verstaute den Proviant in die verschiedenen
Schappen. Es gab Enden aufzuschieen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu
schruppen und zu dweilen.

Schlielich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln,
bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache
bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mck hockte
vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente
die Fock, wenn der Ewer ber Stag ging. Strtebeker sa auf den Luken.
Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Scho gelegt und schlief.

Er guckte nach dem Grosegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam,
da er sich immer wieder wundern mute. Dat reckt bit inne Wulken,
Vadder, sagte er, uns Karkturn is nix dorgegen.

Ree, rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht
hatten, und warf das Ruder hinum, da der Ewer gewaltig aufluvte und in
den Wind scho. Dann sprang Hein Mck auf und hielt die heftig
schlagende, rein wild werdende Fock luvwrts fest, Klaus Mewes aber
drngte den Besansgiekbaum krftig nach Lee. Das Grosegel schttelte
sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblcken, da das Deck
erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der
andern Seite voll und der neue Streek begann. Gohn! scholl es ber
Deck, Hein Mck lste das Tau und gab dem Block einen Futritt, da die
Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.

So ging es die ganze Tide.

Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwrder und Blankeneser unter
Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und lie sich
nicht berholen. So kreuzten sie gegen den allmhlich strker werdenden
Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die
Tonnen und Feuertrme, die Deiche und Kirchtrme, er erklrte ihm
Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmhlen des Alten Landes,
die Berghuser von Blankenese (dat de dor ne dolpurzelt! sagte der
Junge, als er sie in der Nhe sah), den Hahnfersand mit den
Krhennestern, den Lhdeich mit den vielen Kirschbumen, die roten
Dcher von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen
Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stck vom Steven aus dem
Wasser guckten, Juels mit der weien Bake, Brunshausen mit einem
lschenden Neuyorker Dampfer und die Trme von Stade.

Strtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm
doch der groe Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die
Seen scho und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand,
darber mute er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er
mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien
es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in
der Dn. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.

Finkenwrder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem
Sinn, denn als Hein Mck einmal spttisch fragte: Hest ok all Heimweh?
da guckte Strtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht
verstanden htte. Auch als sein Vater einmal meinte: Muchst ok all
wedder no Hus hin, no Mudder? -- da schttelte er nur den Kopf wie im
Traum und blickte nach den Segeln hinauf.

J, ans mt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn bst morgen
wedder annen Diek! setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der
Junge nach dem Feuerturm im Sden, um damit anzudeuten, da er von
solchem Schnack nichts wissen wollte.

Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und
schumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker
zu gehen. Das war in der Dmmerung. Sie lieen die Segel fallen,
steckten das Staglicht an und aen Abendbrot in der Kajte. Als sie
nachher noch mal berguckten, Strtebeker und sein Vater, sahen sie, da
sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden
Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Bschen des ungedeichten
Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander.
Der Heben war von bereinandergetrmten Wolken umlagert wie von Alpen
und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.

Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und lieen sich von den
gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzhlen, bis sie es nicht
mehr hren konnten.

Bst ok all bang, Strtebeker? fragte Klaus Mewes, schon halb im
Traum, aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.

Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajte.

                   *       *       *       *       *

Mitternacht war vorber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus
Mewes: Seilen! und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel
anzuziehen. Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten
mit kleinen Augen nach ihren Sachen. Strtebeker sollte liegen bleiben
wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht hatte, aber er stand
doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock
mit auf und drckte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, denn es
war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das Grosegel stieg
auf, die Besan folgte, dann der groe Klver. Auch auf den andern
Fahrzeugen regte es sich, berall erglommen die bunten Lichter, erscholl
der Lrm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde
herber, die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten.

Der Wind war sdlich gelaufen, soda sie dalsegeln konnten, schier
dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll
und der Ewer, ein groer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach
dem Fahrwasser zurck.

Kap Horn ging ans Ruder und bernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes
wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse
htte. Strtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompa
und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den
alten Knecht, keine Haverei zu machen, und ging mit seinem Vater wieder
zu Koje. Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht
an ihn, denn er zitterte vor Klte.

Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knbel
Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, da er
aufgestanden war, ohne ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon
gekommen wren: da schumte der Ewer mchtig durch bewegtes graugrnes,
schmutziges Wasser und lief, was er konnte. Vadder, neem snd wi all?
To Freeborg, Strtebeker, rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von
Freiburg an der Elbe.

Neem is de See denn?

Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!

Ne, dat gluf ik ne, rief Strtebeker, aber Hein Mck sprang wie ein
Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Ptze voll Wasser auf
und hie ihn kosten. Strtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser
war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der
Geschmack nderte sich nicht. Wie das angehen knne, rief er
kopfschttelnd aus, das knne er nicht begreifen! Da Fische darin leben
knnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch
geheimnisvoller fr ihn.

Der Wind wurde nach und nach so stark, da Klver und Toppsegel
weggenommen werden muten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen
bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal ber Deck,
wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen Ziegenhaare, zerzauste
Wolkenbschel, die auf strmische Witterung deuteten.

Solche Fahrt war Klr fr den Ewer und erst recht fr Klaus Mewes, der
vergngt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dnenzeit war es, den er
beim Wickel hatte, vererbt vom Grovater her:

   Kridderwidderwitt, den dnschen Keunig,
   kridderwidderwitt, den deen ik ne!
   Den sien Lohn is mi to wenig,
   Pillkantffeln mag ik ne!

Strtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die
Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was
sollte ihm da die See tun knnen?

Scheelenkuhlen und die Bsch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch
zog der Laertes davon. Bei Brunsbttel fllte Hein Mck das Essen aus
und bernahm das Ruder, whrend die andern sich die Kltjen und Plummen
schmecken lieen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, da
Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das
Ufer zurck, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich
gesehnt hatte, der kleine Strtebeker, als wenn sein Leben damit
vermacht wre.

Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompa und sagte: ja, er knne
sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine
groe Enttuschung fr ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge,
zu sagen: Dat is ok jo wieder nix as Woter! -- aber er verbi es, denn
er dachte: Erst ganz hin sein!

Vadder, neem fischt wi nu?

Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne
sehn!

Das war Strtebeker recht, denn es mute auch noch anders kommen, wenn
es mehr sein sollte als die Elbe.

Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlnden, die
die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten ri, die
Trme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm,
die Kugelbake. Da sah Strtebeker zum ersten Mal ein groes Schiff, eine
Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen
Hafen, die groen Seeschlepper, die mchtigen Anker, die am Deich
standen, das Schlo Ritzebttel, das klug und geborgen aus den Bumen
guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und
drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten.

Strtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See
grer werden sah, als er wahrnahm, da der Ewer ungestmer auf und ab
tauchte und sich schrger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und
lie sich nichts merken.

Es gab kein Halten mehr fr den groen Ewer: mit dem flagigen, starken
Sdwestwind in den Segeln brauste er mchtig einher und schnitt eine
breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflger. Noch trug er die Segel
ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die
See und auf den Watten rucherte die Brandung. Mit breiten, langen
Kmmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas
ber sie, denn er hatte Wind, und lie sich von ihr nicht mehr
aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der groen Frau der
Elbmndung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch lngst
geblieben ist, -- und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N.
z. W.

Bald verlangte den Sdwest nach Sdwestern; er brachte Regen und jagte
die Seefischer ins lzeug. Auch Strtebeker mute hinein. Als sein Vater
ihm den Rock zuknpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, da das
Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als htte er
nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der
Seekrankheit zu drohen und Strtebeker bange zu machen: so dachte er ihn
am ersten davor zu bewahren.

Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzhlte, da
Strtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt
htte.

Hinter Scharhrn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da
verga der Junge das fremde Gefhl und wurde lebhafter, er holte sich
den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer fr Ewer: er las die
Nummern und lie sich die Schiffer dazu sagen.

94, Vadder? Jakob Fock, dat weest du doch! 138? Jakob Mees. 3?
Friedrichson van de Au, de Strnfischer. 107? Ornd Fock! Er lernte
erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Mwen
flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er
aussetzte. Von da an kmmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und
Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der
Fischerei an. Er drngte, da sie doch auch schon aussetzten, und war
gar nicht erbaut, als er hrte, da sie noch einen ganzen Tag zu segeln
htten.

Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach
dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein
nachbarliches Gesprch wie am Deich und schlo mit einem
Gedankenaustausch ber das Wetter.

Die See wurde dniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot
nahm eine hohe See den Ewer auf den Rcken und warf ihn dwars weg, da
Strtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand
ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Dsigkeit im
Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er
nicht wieder los: er fhlte, da seine Stunde kam, da er seekrank wurde
und sich brechen mute. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das
nicht, nur das nicht!

Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mck,
da sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest bi er die
Zhne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig
und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine
Pfoten ableckte, whrend er es kaum noch aushalten konnte.

Wie eine Mwe schluckt und wrgt, wenn sie einen groen Hering in der
Kehle stecken hat, so schluckte und wrgte Strtebeker auf dem heftig
dmpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.

Kap Horn sagte beilufig zu Hein Mck: wer hier schon seekrank wrde,
sei ein Schietinnebx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge
erst beim ersten Feuerschiff an! Strtebeker hrte es und wehrte sich
noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden.
Sie lachten ihn aus, das war gewi! Wenn er doch mit seinem Vater allein
auf Deck wre!

Da hatte also all das Dmpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts
geholfen! Junge, Junge, Junge, was fr ein Zustand! Er wollte und wollte
sich aber vor dem uersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht
geben!

Als sie daran vorbeigeschumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen
mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wre ber Bord
gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der
Seefischer ging nach vorn -- da lag Strtebeker im Boot zusammengekrmmt
unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mck steckte einen Grientje
auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, da er ihn
schnell wieder sacken lie. Seinen Jungen lie er gewhren --
schlielich, als das Spucken nachlie, legte er ihm die Hand auf die
Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf -- kreidebleich im
Gesicht! -- Dann lchelte er unter Trnen und sagte: Nu lach mi man fix
wat ut, Vadder, wat ik seekrank bn! Urch -- da ging es wieder los:
Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann
bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am
Ruder und sagte, das wre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck
sei, und Hein Mck lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch
ausgelacht hatten. Strtebeker lachte auch mit, wenn auch verzerrten
Gesichts, dann aber mute er sich geben. Gliek ist all rut, trstete
er, denn wardt beter! Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer
rger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und
lag dann regungslos auf der Ducht.

Bang bn ik ober ne, Vadder, sagte er matt, blo seekrank!

Schall ik di wedder an Land setten?

Strtebeker schttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn
er sagte, es ginge bald vorber. Da deckte sein Vater ihn mit einem
alten Segel zu und lie ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war
als die Luft in der Koje.

Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise
und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt
wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder
nach See kam -- wie viele alte Fahrensleute.

Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Strke zu. Es wurde stur.

Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die
meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte
Mtzen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney
und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel
nicht zerreien wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im
Norden blinkte.

Bidewind! Der Ewer scho und kletterte, stampfte und rollte, whrend die
dstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und
der dunkle Felsen stieg immer hher aus der See.

Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem groen Land, d.
h. zwischen der Dne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind
nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so da sie froh sein
konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus,
dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn
nach unten -- und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in
die Koje.

Hein Mck wagte, nochmals zu lachen; dafr bekam er eine nasse Hansch in
den Nacken. Wi snd ok mol seekrank worden, sagte Klaus Mewes, dorm
kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.

Die ganze Nacht aber ri der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klste
wie nichts Gutes hinter Helgoland.

                   *       *       *       *       *

In der Morgendmmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch
nicht nach Aufklaren aus. Drauen stand eine hohe See, so da an Fischen
nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.

Als Strtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze
Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mck sa auf der Treppe und schlte
Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf
der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knttete
an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der
Morgenkaffee.

Vadder, neem snd wi?

Wi liggt achter Hilchland, Strtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne
fischen knnt.

To Anker, Vadder?

Jo, Strtebeker!

Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal
so sauste und warum die ganze Kajte sich um ihn drehte: da fiel ihm
seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie
nicht wiederkommen sollte.

Blief man giern liggen, sagte sein Vater mit verstelltem Ernst,
whrend er geruhig knttete, wenn dat noher stiller is, sett ik di an
Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hrst? Up See is dat doch nix
fr di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du
ok nix, dat kann jo ne god gohn.

Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann,
der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: Nu weut
wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit! Als er die Reihe der
Fahrzeuge berblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six
gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder
unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knttete weiter, als wenn
nichts geschehen wre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das
Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfllte.

Denn siehe -- Klaus Strtebeker war aufgestanden und hatte sich
angezogen. Noch mehr: er sa am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der
Muck. Noch mehr: er a Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war,
es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch
nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer
a und trank er, obgleich der Fuboden und die Kojen wieder zu kreisen
und zu tanzen begannen.

Smeckt all wedder, Strtebeker? fragte Klaus Mewes nach einer Weile.

Dat mtt, Vadder! Ik bn nu mit de Seekrankheit dr!

Dat segg man nich to hart, rief der Knecht von der Diele.

Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will
ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!

Non! sagte sein Vater, denn ist god! Und erging sich mit ihm an
Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die
Teer- und Segelgerche der Kajte waren nicht gut fr seinen Zustand.

Er wies ihm Helgoland und die Dne, das Unterland und das Oberland, die
groe Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die groen rotgrauen
Felsen, die starken Boote der Helgolnder und das Haus des Gouverneurs,
auf dem die rote englische Flagge wehte. Strtebeker verga seines
Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder
Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fhlte: sein Vater lie
ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und
sich nicht wieder hinlegte, denn nun mute die Seekrankheit endgltig
verjagt werden.

Mittags ging Strtebeker mit zu Tisch und a tapfer, wenn auch nicht so
viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurckbekommen
und seine Augen glnzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.

Klaus Mewes warf den Kahn ber Bord und sagte, er wolle an Land: wer
mitginge? Strtebeker war dabei. Hein Mck, der auch mit sollte, lehnte
ab: er wollte ein bichen voraus schlafen.

Up Hilchland ist fein, Hein Mck.

Scheun ist blo in Finkwarder up Musik, sagte Hein Mck aber und zog
die Stiefel aus, um einen Stremel zu vertrumen. Kap Horn, der gern
mitgegangen wre, mute zur Sicherung des Fahrzeuges zurckbleiben.

Der kleine grne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand
noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und
raumer gelaufen war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als da sie
Wasser ber bekamen. Strtebeker guckte die Wogenkpfe scharf an, aber
er frchtete sich nicht und lie auch die Seekrankheit nicht an sich
heran.

An der Brcke banden sie den Kahn zwischen den Helgolnder Booten fest
und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald
schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte,
und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was
Strtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wre Englisch.
Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die
kleinen, kleinen Ewer und Kutter.

U, wat is uns Eber ltj! As mien ltj Schipp bi Hus! rief Strtebeker.
Er bekam den Mnch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden
Felsen mit dem grnen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die
schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedmpft rauschte. Dann
schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegste die Kartoffelallee
getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und
breit ber die graue, hohe See, die beiden Finkenwrder. Im Westen stand
ein Dreimaster mit weien Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber
brandete die See in dumpfem Grollen.

Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den
Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweien islndischen
Gesellen, in groen Scharen saen. Andre flogen hin und her und
krchzten.

Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb
einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland
und wriggten nach dem Ewer zurck. Als Strtebeker bei der Pfanne ber
die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mck pltzlich nachdenklich: Worm
hrt Hilchland egentlich den Ingelschmann to? Worum? lachte Kap Horn.
Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un
Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Ld bleud
weurn.

Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu
Rate, dann aber rief er munter: Seilen! und warf seine Kurre mit einem
groen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder
in ihr Recht und alle strzten an Deck.

Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten
aus dem Helgolnder Loch. Drauen kamen sie in leege Wall und trafen
eine so hohe See und so frischen Wind an, da sie reffen muten, aber
weil er einmal unterwegs war, lie Klaus Mewes sich nicht aufhalten und
dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen
sdwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an
seinem Ruder aus.

Strtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn
der Ewer berholte. Er kmpfte wieder mit bsem Unwohlsein, aber zum
Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte,
nun sei er darber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die
belkeit. Nachts bernahm der Knecht die Wache und Strtebeker ging mit
seinem Vater zu Koje, hocherfreut, da er nicht mehr seekrank geworden
war. Auch Klaus Mewes war recht vergngt darber und lobte ihn.

Gegen Morgen muten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle
angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte.
Dwars von Juist klsten sie und der Wind war wieder etwas schwcher
geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus und setzten die
Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum
und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann
lieen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser,
mitten hinein in Strtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben
aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Strtebeker
war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als msse er alle
Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte ber die
Kurrleine, da er beinahe ber Bord gekommen wre, trat Seemann auf den
Schwanz, da er klagend schrie, und steckte sich berall dazwischen.

Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier
Mnner bewltigt werden konnte, bekam Hein Mck die Wache. Schiffer und
Knecht gingen in die Puk.

Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwrts davon, wie ein Ro mit dem
Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Sden
aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle
sie jeden Augenblick brechen. Strtebeker sah eine Zeitlang ber Bord
und machte sich Gedanken darber: als Hein Mck, der Wachmann, aber
anfing, sich ber ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und
verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.

Intehn! Intehn! Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen
bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mck geffnet
hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei,
drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dnen
die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen
gelassen hatten.

Was fr eine harte Arbeit, dies mhselige, langsame Aufhieven des
Netzes! Hiev, hiev! Wie oft mute Klaus Mewes ermuntern, wie mute er
sich beim Abstoppen abreien! Allen dreien lief der Schwei von der
Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten sa.
Dann beugten sie sich ber Bord und zogen die Kurre mit den Hnden ber
die Reling.

Seemann bellte die Mwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich
zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Mwen war
Strtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und
rief: U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all
wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een --
den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!

Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert,
der Beutel des Netzes, an der Oberflche. Der war so gro und schwer,
da sie ihn nicht ber den Setzbord heben konnten. Sie muten ihn
deshalb in die Talje nehmen.

Da hing er ber dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und
anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das
Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre ffnete sich und
quuks-quaks strzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.

Da kreischten die hungrigen Mwen noch lauter: Strtebeker aber kam
gnzlich aus der Tte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das
war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn
die Ltjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und
spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da
schnappten die roten Petermnnchen nach Wasser, da knurrten die
Knurrhhne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemuse und
Seesterne, Seepfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein
zerbrochener Topf und ein groer Stein.

Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bnn geworfen, nach
der Gre gesondert, und gezhlt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie
kamen auf 8 Stiege groer und 12 Stiege kleiner Schollen. Strtebeker
mute den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bnn hngen, die
Taschen packte Hein Mck, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehrte,
in einen Hummerkasten. Knurrhhne und Rochen wurden fr die Pfanne
bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht
frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake
gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell ber Bord und
setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Hhe, der Ewer fiel
ab und nahm seeseitigen Kurs.

Die Mwen verlieen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen
waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.

Der erste Streek war getan.

                   *       *       *       *       *

Diesmal blieb Strtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie
taten kurze, zweistndige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische,
die lebendig an den Markt gebracht werden muten, in der Kurre nicht zu
sehr litten. Kap Horn und Hein Mck gingen in voller Kleidung zu Koje
und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei
Gewalt ber die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren lie sich nur dann
durchfhren, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter
wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bnn voll war
oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.

Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stckchen
wegwirft, wie er auch die letzte Grte absaugt, so lt er keinen Streek
aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags.

Was fr ein Leben! Strtebekers Backen glhten, seine blauen Augen
leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten
ja! Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spo! versicherte er immer
wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von
dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes
Stck Schwarzbrots aus dem Schapp und a es, er trank Kaffee dazu und
war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwrder, aber dicht
bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.

Wie im Fluge verging die Zeit.

Is so wiet, sagte Klaus Mewes, nu rop jm man!

Freudig sprang Strtebeker ber die Luken, schob die halbgeffnete Kapp
zurck, kletterte die Treppe hinab und grhlte, so laut er konnte: Kap
Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!

Jo, brummte Hein Mck, dem ein schner Traum von seiner Gesine durch
die Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn
aber schwang sich auf die Bank und schalt: Wat is dat egentlich forn
Snack von wegen opstohn, Klaus Strtebeker? Du meenst woll, du bst hier
bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allens _utsungen_ warrn mutt?
Pa mol op: so heet dat:

   Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,
   reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!
   De een von jo sallt Ror verfangen,
   reis ut, Quarteer, de Wacht is don,
   acht Glosen snd slon!
   Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!

Junge, dat is jo en ganzen Gesang, rief Strtebeker, den kannk ne
beholen! Dann aber rttelte er Hein, der auf der Bank wieder
eingedusselt war: Schall ik irst mitten Ptz Woter kommen? Hebb ik di
ne seggt, du schullst upstohn?

Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam
flgst, drohte der Junge mrrisch und erhob sich.

Strtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle
drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schieen
lassen, die Fock war schon gefallen und die Mwen flogen schon wieder
ber den Masten.

Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer
als vorher, da Strtebeker rief, da sen gewi hundert Stiege Schollen
drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der
Gedanken an groe Fnge, an reiche Schtze, wenn Ihr die Kurre einzogt?
Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr
zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder,
da es auch einmal etwas andres sein knne? Der Bauer, der Gerste gest
hat, wei, da er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht
st (Sehet die Fischer an: sie sen nicht und ernten doch, hatte Pastor
Evers gepredigt), fr den ein andrer die Saat bestellt, der immer
unbekannte, geheimnisvolle cker und Felder berakt: was kann der alles
ernten? Strtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein
Fischer wird es einmal finden, heit es. Diese Hoffnung auf Groes,
Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem
armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und
sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschttet
ist.

Klaus Mewes mute Hein Mck und seinem Jungen das Abstoppen fr eine
Weile berlassen, denn ohne seine Brenkraft lie die Winsch sich
diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden.
Diesmal ri Strtebeker schon krftig mit an der Kurre, denn er wute
jetzt, worauf es ankam, und kmmerte sich wenig darum, da er na wurde.
Sogar Seemann half: er bi sich an den Maschen fest und zerrte unter
groem Geknurr.

Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das
Deck, da der Ewer erdrhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen!
Zum Glck waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in
den Bnn. Der groe Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes
wollte ihn hier nicht ber Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer
Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen
Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefhrlich werden
konnte. Strtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die
Sonne ihn abgetrocknet hatte.

Kap Horn bernahm die nchste Wache. Strtebeker, der noch nicht wieder
schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und
Aufhngen der Scharben, die der Wind nun trocknen mute. Der alte
Janmaat freute sich, da der Junge so viel von ihm hielt, und erzhlte
ihm Geschichten von der groen Fahrt, die noch all seine Gedanken
fllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte,
Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrchen und
Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten
Bergen, von dem Fliegenden Hollnder, von der Linie und dem Sargassomeer
bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch
die berhmte Aalgeschichte von Hans Fink erzhlte er ihm. Die war so:
als Hans auf groen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen
Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und
konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer strker. Da riefen sie
Hans Fink, den Zimmermann, da er es dicht mache. Als Hans aber
angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten -- in die Hnde
hatte er schon dreimal gespuckt! --, wat meent ji woll: mit einem Mal
taucht ein groer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den
Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein
Knief aus der Tasche, das mit der knchernen Schale, das er noch heute
hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und lt sich vom Smutje
Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht
nicht einen Tropfen Wasser mehr, da sie glcklich in Singapur ankommen,
blo, weil Hans Fink so schlau gewesen war.

Gotts den Dnner -- was fr eine Geschichte. Minsch, wat kannt angohn,
rief Strtebeker verdutzt, wo grot is dat Leck denn wesen? Och so as
mien Arm dick is! Son dicke Ool gifft ober ne! Kap Horn lie sich
aber nicht aus dem Kurs bringen: es wre eben ein Seeaal gewesen! Veel
Pund schull de woll wogen hebben? Dor mutt ik um legen, Strtebeker:
Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern! Der Junge
konnte auch jetzt noch nicht ber den sonderbaren Fall hinwegkommen und
trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: J, nu segg mi ober
mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch
butenburds? Da sa Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst
wie ein Aal, er suchte beim Kompa und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu
finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung,
indem er tiefsinnig erklrte: Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn
ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em ber den Krom
snacken.

Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, whrend sie stetig
fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, da viele
darber fielen und viele es fr einen Maulwurfshgel ansahen. Einmal
erlebte Jan Wurt eine dreitgige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der
beim Lohen war, sein Grosegel aus Versehen darber gebreitet hatte. Ein
andermal steckte der groe Karsten Klper es im Vorbeigehen in die
Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es
heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Grogglser und
Bierseidel mit den Worten: Kiekt, Junggst, wat ik annen Feekstreek
funnen hebb! Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der
Tr

                              Jan Wurt,
                             Elbfischer.

und sagten, da htte er schn was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und
ehe der groe Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte,
ging die Tr des kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus. Die
Grogglser und den Saal sehen und einen groen Lrm machen, war eins bei
ihm. Alle Tnzer kamen aus dem Gang, die Musikanten konnten nicht weiter
spielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er
grhlen und schelten! Der groe Karsten wurde immer kleiner und wre am
liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mute
das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern,
hochhellichten Tag mute er den Deich entlang und mute Abbitte vor Jan
Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ...

Als des Erzhlens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus
umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte
ihn den Kompa nach der Weise:

   West zum Norden, Westnordwest,
   unsre Freundschaft stehet fest;
   Sd zum Osten, Sdsdost,
   deine Liebe ist mein Trost! ...

Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache
er die Fische bange, dafr aber machte er ihm eine Angel fr Makrelen
und Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie
hinteraus. Es war nur schade, da nie etwas angebissen hatte, so oft
Strtebeker auch aufzog.

Schon strichen einzelne Mwen ber den Ewer hin, als wenn sie sagen
wollten: Man to, wi snd all hungerig!

Da sang Strtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser
Streek brachte nur fnf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor
sie wieder aussetzten. Hein Mck kam an den Trn. Strtebeker aber tat
auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht mde war, er lie sich von ihm
im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch
bettigen, die Kle rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mute.
Das war etwas fr ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie
pate er auf, da kein Segel an zu klappern fing, da sie immer voll
standen, da er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See
ab, da er keine Haverei mache! Sein Vater htte ihn sehen mssen!

Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie ber Ostermoonen und
Binsenschiffe, ber Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und
andre Dinge vom Deich, sie einigten sich ber die fischreichsten Grben
und beschwgten Karkme, Weihnachten und Fastelabend, die drei groen
Feste, die nun bald kamen.

Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach
dem Mittagessen -- gekochte Rochen gab es, etwas Kstliches! -- an Deck
gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen
gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da muten sie das Fischen
aufgeben. Stundenlang dmpelte der Ewer auf der ziemlichen Dnung hin
und her, wie in schweren Trumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten
schlugen mit den Blcken.

Das war die schlechteste Zeit fr die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes
machte ein verdrieliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose
Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdnung
und der Seestrmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Lwen mit der
Maus. Strtebeker wunderte sich sehr ber diese unruhige See und diesen
tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.

Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte
lief an Deck auf und ab: sie wuten die Zeit nicht hinzubringen, so jh
waren sie aus der schnen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie
nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schttelte das
Wetterglas, als wenn darin die Brise se. Zuletzt schleppte er die
angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es hei, und knttete in
groer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber
auf den Luken. Hein Mck kochte Strtebeker einige Taschen, die dieser
unter den Flgelschlgen und dem Gekreisch der Seemwen aufklopfte und
verzehrte.

Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind, rief Kap Horn, aber
Strtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Gromutter man
tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der
Kimmung.

Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmhlich ruhiger. Gegen
Abend sichtete Strtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom
Ewer; mit einem Male erhob er groen Lrm, rief das ganze Schiffsvolk
auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei
eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht,
denn was er fr Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tmmler, die
trge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und
untertauchten. Von ihnen tauchten allmhlich immer mehr auf, mitunter
erschien auch der Kopf eines Seehundes. Lie sich aber einmal einer
einfallen, zu schreien, dann mute man Seemann sehen, wie er aus seinem
Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wtete!
Strtebeker sagte, er knnte sich tot darber lachen.

Es blieb die ganze Nacht todstill -- erst gegen Morgen kruselte sich
die Dnung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.

So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden,
oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer stlicher, bis Langeoog
hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlsende Wort: Utscheiden! Sie
hatten 250 Stiege, der ganze Bnn sa voll von Schollen, sie hatten die
Reise!

Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach
der Weser. Strtebeker sollte es bestimmen: er war natrlich fr die
Weser, denn dort gab es etwas fr ihn zu sehen, und dann: auf der Weser
wohnte keine Mutter, die ihn mglicherweise wieder von Bord holte, wohl
aber auf der Elbe.

berhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte
kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte:
vergessen waren Krhe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig
mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in
der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.

Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam
Strtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei
Jahre vorher errichteten Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere
stehenden rotweien Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt
worden war. Kap Horn meinte, der wrde wohl ebenso spurlos im Meere
verschwinden wie sein Vorgnger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht
auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: einerlei,
Bremen htte da immer sein Meisterstck geschaffen. Strtebeker wunderte
sich am meisten ber das Rettungsboot, das dort haushoch ber dem Wasser
hing. Und da dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.

Sie kamen nachts in der Geeste an und verhkerten den andern Morgen ihre
Schollen. Sie wurden sie auch zu gngigen Preisen los, denn sie waren
nur zu fnfen, und das war fr Bremerhaven und Geestemnde nicht zu
viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den
Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und
mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straen
abklopfen mute.

Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem
Strtebeker ein groes Verlangen hatte, dann Bffelfleisch und Zucker
aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Ne
bekam nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen kurzen
Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdn schrieb, whrend
Strtebeker sich von Marta und Mieze, den Tchtern des Fischerwirtes,
denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten
lie.

Der Junge sei gesund und munter, hie es in dem Brief, den der
Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er
schon nichts mehr davon, er habe groe Lust zu der Fischerei und sei
immer vergngt, Heimweh kenne er nicht. Er liee schn gren. Heute
abend gingen sie wieder hinaus und kmen bald mit Schollen nach der
Elbe. Strtebeker liee ihr noch sagen, sie solle die Krhe und die
Kaninchen nicht vergessen.

Den Gru und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den
Fingern gesogen, denn Strtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf.
Er wollte Bremerhaven sehen, das groe Denkmal und die Schinesen auf den
weien Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie muten an
Bord und nach See.

Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu
Geestemnde: da wehte es zwei Tage und da bekam Strtebeker alles zu
sehen, was er sehen wollte.




                           Elfter Stremel.


   Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
   Kmpfer einst Karls in der Schlacht;
   Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
   jetzo wie einst noch steht er und wacht!

H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen
gro, gefhrt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der
Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trbe, gelbe Wasser der Weser
gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten
berlegen auf ihn herab, denn sie standen schon zweihundert Jahre und
hatten Gter aller Zonen unter ihren Dchern. Auf der Kaje standen die
Bremer Jungen und lachten ber den kleinen Stintmajor, wie sie
Strtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen lieen, mit Steinen
nach ihm zu werfen, da rief er: Ji verdreihten Zigarrenmokers! (das
hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging
ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht
ergriffen.

Die Bremer Brgerfrauen, Fischweiber, Kkschen und Arbeitsleute waren
minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die
Jugend: sie kamen mit Krben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen
die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu
nehmen wute, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der
Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern
Ewer fern.

Um die letzten Stiege stritten sie frmlich: ein Kampf um die Scholle
entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche
klirrend zuguckte, bis er sagte: Nu is de Putt ut: Hein Mck, deck de
Luken to! Dann zhlte er mit Strtebeker die vielen Groschen, Marken
und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und
Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen lie.

Nach Mittag machten Klaus Mewes der Groe und der Kleine und Kap Horn
sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunchst steuerten sie wie
alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue
Brse, den vergoldeten Schtting, das grndachige, verwitterte Rathaus
und das hohe, steife Standbild, die Rolandssule. Strtebeker gefiel von
all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Trmen:
das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von Grnspan; das knnten
sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war
ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht
bis fnf zhlen knne, lachte er.

Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi
vorbei in den halbdunkeln, riesengroen Dom traten, mit den leuchtenden
Glasmalereien und der reichen Pracht der Wnde, die dem nordischen
Gotteshaus etwas Sdlich-Katholisches gaben; -- denn da gingen sie
unhrbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich,
wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten
und das Luten der Glocken zu hren gewesen war. Hier in Bremen hett de
lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder, flsterte er seinem Vater
zu, der leise lachen mute.

Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen
und in dem die Srge reihenweise stehen. Schwedische Grfinnen,
englische Majore, bremische Brger lagen da gelb und lederartig in
offenen Steinsrgen und die Ecken waren mit Totenschdeln ausgefllt. Um
die fortwirkende Kraft des Gewlbes zu beweisen, hingen auch frische
Ratten, Hhner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des
Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht
lange im Schnack aufhielten.

Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er knne den bsen
Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. De mtt dolspeult
warrn, sagte Klaus, lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller
is jo bi de Hand!

Rotskeller? Bst nich klok, Klaus? Dat is blo wat for de Groten, for
Reeders un Kppens, dor gifft blo Wien, Minsch! rief der Janmaat, aber
Klaus Mewes nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff
und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.

Een van de Groten bn ik ok, sagte er stolz, ik bn Reeder un Kppen
un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm,
Strtebeker!

Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich
mitten zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.

Finkwarder Fischermann kann allerwrts to Anker gohn, lachte Klaus,
bst ok bang, Strtebeker?

Ne, bang bn ik ne, Vadder.

Mitrauisch kam einer der Kellner nher, denn die Jan vom Moor konnten
wohl nur versehentlich die Treppe herunter gefallen sein, die wollten
gewi zu Heini Holtentffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als
Klaus Mewes, der es merkte, ihn gro und frei ansah und mit lauter
Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler den Buddel und ein Glas
sen Weins fr den Jungen bestellte. Da nickte er hflich und brachte
das Verlangte.

Es schien allgemein aufzufallen, entweder, da der Finkenwrder so laut
oder da er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die
bedchtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes lie sich
dadurch in keiner Weise stren. Er rief den Kellner und sie lieen sich
durch alle Rume fhren: sie sahen die Rose an der Decke, die ein
italienischer Maler gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen
konnte, sie sahen Fsser, die so gro waren wie ein kleines Haus, sie
kamen durch den Apostelkeller, in dem zwlf nach den Jngern benannte
Fsser lagen, von denen der Judas sauer war, sie hrten von Wein, von
dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.

Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die
Bremer Stadtmusikanten, die Strtebeker noch durchaus sehen wollte,
waren nicht auszumachen, so gingen sie durch die Langenstrae an dem
schnrkelgesegneten Essighaus vorber nach dem Ewer zurck.

Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mck abends unternahm, um sich
etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen,
da er allerhand Havereien machte und schlielich von einem Schutzmann
an Bord gebracht werden mute. Als er da noch weisen Wind hatte und sich
nicht geben wollte, go Klaus Mewes ihm einfach eine Ptze Weserwassers
ber den Kopf, um den groen Brand zu lschen.

                   *       *       *       *       *

Keine Luft von keiner Seite ...

Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer in
totenstiller Luft auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon
keinen Wind mehr gehabt; zwei Tage hat die Dnung geknarrt und gelrmt,
nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie es osterselten
vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei, hngt die Kurre am Mast,
ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das
Deck nieder, das so hei ist, da sie Schollen darauf braten knnten und
da das Pech in den Nhten weich ist. Von den Wanten leckt der Teer.

Plackendotstill ist es, wie Strtebeker, der munterste an Bord, immer
wieder versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die
Strmung zu erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das
groe Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Mwe lt
sich sehen.

Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stck Segeltuches und
schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfa und
liest in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor
mitgegeben hat, bis er dabei einschlft. Hein Mck hat das beste Teil
erwhlt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im Bnn, bis an den
Hals im Seewasser.

Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter
Lwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen -- das
sagt alles.

Er wei nicht mehr, was er tun soll. Lesen? -- Son Schiet! -- Kntten?
-- Son Snarrkrom! -- Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln,
kreuzen, denn sie mssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm der
Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann
war der Fang schlecht gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun
kam ihm noch die Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem
Wetterglas und starrte es an, als wenn es an allem schuld wre mit
seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr schn -- ^very dry^.
Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht -- verdreiht! lesen.

Dann ging er wieder an Deck und sphte nach dem Heben, als wolle er
Lcher hineingucken. Dabei hrte er das Spalken und Pltschern im Bnn.
Erst wollte er Hein die Leviten lesen, da der die paar Schollen im Bnn
noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf
der Achterplicht aus, setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in
Berserkerwut ber Deck nach dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und
sprang mit Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam prustend
wie ein Seehund wieder an die Oberflche.

Kiek mol ober, Kap Horn, rief Hein Mck, ik gluf, Klaus hetten
Snnenstich kregen!

Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein
Schiffer krftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte
und rief: So ist mooi, Kap Horn!

Seemann aber stand mit den Vorderfen auf dem Setzbord und bellte und
Strtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.

Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne
Been, warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und
warf ihn ber Bord, auch fierte er einen Riemen lngseit, damit der
Schwimmer einen Halt htte, wenn er dessen bedrfte. Schlielich setzte
er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in
die Nhe seines Schiffers, denn das Schwimmen in offener See, ohne
Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie der Bauer
sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der Fischer niemals
in der See schwimmen.

Dennoch freute er sich ber den rstigen Schwimmer.

Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und
als der Knecht sich umdrehte, sah er Strtebeker nackt an Bord laufen
und den widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. Strtebeker,
wat mokst du? rief er, Klaus, kiek mol den Jungen!

Wenn se all swmmt, schallst du ok swmmen un wennt mitten Dbel
togeiht, grhlte Strtebeker und warf den winselnden Seemann
kopfheister in die See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra
nach.

Minschenkinners noch mol: nu wllt se jo woll all versupen, rief Kap
Horn, als auch noch Hein Mck ber das Schwert kletterte.

Nimm Seemann man wohr, fr Strtebeker will ik woll uppassen, rief
Klaus Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrstet sagte:
Du meenst woll, ik kann ne swmmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott,
kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all duken: pa up!

Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. Junge, dat do ik ne
wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gorne an dacht! I, wat
bitter!

Klaus Mewes lachte vor Freude ber seinen Jungen und hielt sich in
seiner Nhe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Krfte nachlassen
sollten, Kap Horn aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und
bewachte die drei khnen Schwimmer und den groen, regungslosen Ewer,
der wie tot auf dem Wasser lag.

So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in
der See, als wre es am Finkenwrder Bollwerk und nicht zwischen
Spiekeroog und Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.

Wenn Gesa das gesehen htte!

Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachlie, saen sie
allemann auf Deck. Dort aen sie auch Abendbrot, denn in der Kambse war
es nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bnken
und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache.

Gegen Morgen stieg unter der englischen Kste ein Gewitter aus der See
und fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit
verbreitete es sich ber den sternklaren Heben, furchtbar knallte der
Donner und die ganze Wolke sa voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und
seine Gesellen begrten das Wetter mit Freude, denn nun mute ja auch
Wind kommen und sie erlsen.

Als die ersten, groen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und
gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der
gefhrlichen Nhe der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind
auf den Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die Masten
erdrhnten, der Ewer zitterte, die Lampe schwankte, die See kam
allmhlich in leise Bewegung. Geruhig saen oder lagen die Seefischer
unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorber war, zogen sie
die lrcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der
letzten Blitze fierten sie die Kurre ber Bord, denn nun hatten sie
wieder Wind genug.

                   *       *       *       *       *

                                    ^Ships that pass in the night ...^

Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so
heller um den Schleier der Milchstrae. Wie tanzt der Orion, wie blitzt
die Wega, wie leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie
gleit der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige
Wisch, die mit abertausend weien und bunten Blumen bewachsen ist und
auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.

Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie
urgewaltige dunkle Khe, die auf der groen Wiese in den Blumen grasen.
Ruhig und bedchtig grasen sie, wie Khe tun, und fressen sich langsam
weiter.

Klaus Strtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in
solchen Nchten nicht viel.

Eine Khlung, eine leichte, westliche Brise, wandert ber die See und
gibt den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grn und gelb
spielen die Fischerlichter auf der Dnung. Die Kielfurche leuchtet, als
ginge es durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie
ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast
und wie im Traum reit der Klver, der Jager, das khnste aller Segel,
an seiner Schote, ber der Besan aber weht die dunkle Flagge im
Nachtwinde. Seemann schlft im Nachthaus neben dem Kompa und Klaus
Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und her, die Hnde in
den Taschen, whrend Strtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn
Steuern hat er lngst gelernt.

Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck
ist, er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er
nicht: da fhlt er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein
Wesen, seine Atemzge, da haben alle Segel und Wanten, alle Bume und
Masten ihre eigene Sprache. Nchte, die gewesen sind, und Nchte, die
noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen
beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle
Heunenland hinunterzieht. Gedanken ber Gedanken kommen ihm entgegen,
wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der
Sehnsucht nach Gesa, nach einem guten Streek und einem schnen Markt,
die ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen Nchten mu er
Verklarung ber sich selbst tun, der lachende Seefischer, und nicht
lachend, sondern ernst beantwortet er seine eigenen Fragen, denn je
hher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich seine
Wurzel -- und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.

Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weie, grne, denn
sie fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen
Grnden wimmelt es von Finkenwrdern und Blankenesern. Mitunter ist das
Geklapper einer Winsch in der Weite zu hren, wenn sie irgendwo
einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier Fischer, die einander nahe
gekommen sind, abgebrochen herber.

Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorber, und weil der Laertes wegen
seiner Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hben und drben
gerufen.

Klaus, bst du dat?

Jo, Hinnik! Wat fangt ji?

Ochott, is ne slimm: acht Stieg!

So. J, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de Reis?

Morgen weuf utscheiden!

Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen lostowarrn,
Klaus.

So!

Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als da das
Seegesprch fortgesetzt werden knnte, und Klaus Mewes geht wieder
schweigend auf und ab. Einmal steht er hart an den Wanten und blickt
starr in die Weite, als she er seines Grovaters Kuff im Norden
untergehen, dann horcht er, als hre er seines Vaters Todesschrei aus
der See heraus.

Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedchtig in den
Sternen.

                   *       *       *       *       *

Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Trumen. Sie sah, wie ein Schiff
sich mit haushohen Seen abri, wie es leck wurde und wie zuletzt eine
groe Woge ins Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem
Seemannszeug in der See schwammen, sie hrte, wie sie um Hilfe riefen.

Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren
ihr Mann und ihr Junge.

Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.




                          Zwlfter Stremel.


Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweilingen,
Fchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen:

   Schomoker, sett di annen greunen Diek,
   Schomoker, sett di annen greunen Diek.

U kiek, Klaus Strtebeker, de jmmer mit no See geiht! Woneem? Dor!
Kannst ne kieken? U Minsch, wat sht de mol ut! Ganz anners as to.

Hh, Klaus Strtebeker!

Hh, Peter! Non, wat mokst?

Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!

Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un smeern, wat meenst! Uns
Eber sht ut as ik weet ne wat.

Klaus Strtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?

Ik hebb keen Tied, Krischon, mtt Teer holen.

Und Klaus Strtebeker ging mit der Teerptze in der Hand an ihnen
vorber und freute sich, als er fhlte, da sie ihm nachguckten. Er war
grer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein
Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hnde waren die eines
Tagelhners.

Dat is keen Kirl mihr fr Hus und Hoff, dat is een fr Schipp un See,
hatte der alte Jger zu Gesa gesagt. Strtebeker hrte es und verga es
nicht wieder. Und er verga auch nicht, was der greise Willem Fock ihm
sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog
den Jungen einer Kleinschifferprfung, fragte ihn nach Wind und Wetter,
Fang und Markt und freute sich ber die fahrensmnnische Klugheit des
kleinen Gesellen.

Hest den flegen Hollanner ok sehn?

Ne, Willem, denn stnn ik woll ne hier. De den flegen Hollanner in
Sicht kriegt, de blifft!

So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vrn flegen Hollanner,
Strtebeker, wenn du grot bst, un seh man to, dat du jmmer goden Wind
hest, un warr man en fixen Fischermann, hrst?

Jo, Willem, dat will ik ok, sagte der Junge mit lachendem Munde und
ging stolz weiter.

Da spielten die Mdchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose
wohl ber das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ...
Strtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Krmerladen
hinein und lie sich die Ptze voll Teer gieen. Kinderspiel war ihm
fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem
Ewer.

                   *       *       *       *       *

                                             Sonnenwende, Sonnenwende!

A und O von Finkenwrder, der kleine schwarze Ewer H. F. 1, Jan Sieverts
Hoffnung, und der groe, weie Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs' Mwe, die
noch die Krnze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, lagen im
Khlfleet beieinander und um sie herum und auf den Schallen ankerten
wohl hundertfnfzig groe Ewer und Kutter. Schwarz, grn, rot und wei
spiegelten die Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen
Sinn.

Schwarz rhrte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das
Watt hinter sich lieen und sich auf die offene See wagten, die bei
Helgoland und Terschelling die dunkeln hollndischen Logger und die
schwarzen englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch
Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.

Grn brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflge verrosten lieen
und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen
See an ihre grnen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen
erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.

Rot erwhlten sich die glcklichsten Fischerleute, die Strfnger und
Beutemacher, die Schollenknige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen
haben wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.

Wei aber war die erklrte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei
waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch drauen klsten, wenn
andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prchtig
seinem Kutter der weie Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu
Gesicht stand, und binnengekommen wute er nichts Besseres zu tun, als
den Bug wei zu malen, damit das Schiff bestndig im Schaum whle.

Hochwasser!

Eine schlanke stliche Brise blst von Hamburg herunter, umstreicht
Heitmanns weien Leuchtturm und die mchtige Knigsbake, das alte
Wahrzeichen von Finkenwrder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und
lt die Flgel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser
sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die
Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es mu ein groes
Ding sein, das diese mchtige Flotte, die gewaltigste der deutschen
Ksten, im Hafen festhlt und die Helgolnder Bucht vereinsamen lt!

Es _ist_ ein groes Ding: _Karkme_ ist da, der Jahrmarkt, der
Sonnwendtag der Finkenwrder Fischerei, ein Tag von so groer Bedeutung
und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, da es
Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu sein.
Knecht und Junge wrden schne Gesichter machen, wenn sie Karkme nicht
kriegten, und bei den Nachbarn hiee es: Den geiht dat jo woll bannig
ltj: he is jo ne mol Karkme bi Hus ween!

Von Finkenwrder erzhlen und Karkme vergessen, hiee nach Rom reisen
und den Papst nicht sehen, denn Karkme ist die groe Sonnenwende von
Finkenwrder, ist der Nordstrich auf seinem Kompa und Mittelpunkt der
Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkme oder
soundsoviel nach Karkme, das hrt einer am Deich auf Schritt und Tritt
und sben Weeken vr Karkme߫ oder fief Weeken no Karkme߫ sind genaue
Zeitangaben, ber die kein Zweifel aufkommen kann. Karkme teilt das
Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit.
Vor Karkme werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend
an den Markt gebracht werden: nach Karkme geht es auf die Zungen los,
die auf Eis gepackt werden: da sind die Reisen lnger und mhseliger und
das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.

Die Sonne steht am hchsten: Wotan will nach Sden reiten, aber ehe er
sein weies Ro, den Sleipner, wendet, hlt er einen Augenblick in
Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwrder Fischer,
um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nchten
entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen
sie einen Tag lachen.

Wer das nicht kann, wer bis Karkme nicht seinen guten Schilling
verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See
und mag denken, die alten Weiber htten ihn behext.

Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hhner, wenn Tucktuck gerufen
wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher fllt sich das Fleet
mit Schiffen: Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, da alle an einem
Tag den Hamburg-Altonaer Markt berfallen und die Fische wertlos machen.

Es gibt auch mancherlei zu tun.

Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und
Fischerjungen auf Musik sind und sich _en Perd_, ein Mdchen, fr das
Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt
wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den
Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die
Reitbudenpfhle mit einzurammen, denn erst mu der Ewer sein
Karkmekleid haben. Teeren und Schmeeren heit die Losung, den langen
Tag wird geteert und geschmeert, da der ganze Deich danach riecht und
da das Wasser in allen Regenbogenfarben glnzt. Da wird geschruppt und
kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren
werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles ber
sich ergehen, denn sie wissen, da es gut fr sie ist.

Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwrder Ewer
zu Karkme, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er
hollndisches Blut in sich und eine groe Lust an Reinlichkeit und
Buntheit: so schmckt er seinen Ewer mit bunten Farben und glnzenden
Streifen und wird nicht mde, ihn zu zieren.

Da wird der Bnn grndlich gereinigt, da werden die Eiskisten berholt,
schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene
Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der
ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Grosegel an
Grosegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebrunt und
geloht, damit sie haltbarer werden sollen.

Das Lohen haben die Finkenwrder vor den Blankenesern voraus, die keinen
Platz dafr haben (denn in den Sand knnen sie die Segel nicht legen)
und deshalb mit weien Lappen fischen und segeln mssen.

berall am Bollwerk bruddelt es in den groen Wurstkesseln und Fischer
und Frauen schpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.

Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und
begleicht die groen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied,
beim Segelmacher und beim Reepschlger stehen hat, denn Karkme ist
allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also
das stehende Geld noch nicht zurckbezahlt, so bekommt noch der Bauer
seine Zinsen.

In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die
Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwrder Seefischer, die 1835
gegrndet worden ist, als schwere Strme die damalige kleine Flotte zu
vernichten drohten. Sie lt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen,
das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grner
Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch
wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder wei, was er will, und
niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von
Finkenwrder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.

Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten
Gemeinsinnes. Sie ist der mchtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom
Skagerrak bis zur Themsemndung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen,
Strme wollten sein Licht verlschen: er steht und leuchtet!

Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Mggenburg bis zum Tun, auch
nicht mig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und
gehmmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die
Sonne blank und schn aus dem Hamburger Daak und der groe Freudentag
ist da mit seinen Luftbllen und Reitbuden, seinen Aalzelten und
Schiestnden, seinen Eiskarren und Lungenprfern, mit Lukas und Kasper,
mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltnzern und Negern, mit Hn
und Perdn, mit Jubel und Trubel! Die Gren sind wie durchgedreht und
die Jungkerls und Deerns wissen vor bermut und Lebensfreude nicht, was
sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und
getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue
wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und
Rinaldinischnurrbrte, sie essen Knackwrste und Eis, bis sie nicht mehr
knnen: die Mdchen kaufen sich Puppen und Kokosnsse und lutschen an
Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkme alles los
ist. Die sich erzrnt hatten, vertragen sich und trinken wieder einen
zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzrnen sich und kriegen
das Tageln: dat is so bi Karkme mit vermokt. Hein Mck haut den Lukas,
da es knallt, und lt sich fr die hervorragenden Leistungen eine
goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann lt sich
elektrisieren, Hinnik Klper kauft seiner Braut ein groes Zuckerherz,
Peter Grhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein
Getute und Geblarre, ein Flten und Knarren, ein Juchen und Schreien!

Das beste Teil erwhlen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein
weies Hemd an, holen den Stuhl aus der Dn und setzen sich geruhig auf
den Deich. Sie lassen die Karkmeleute an sich vorberziehen, necken die
beladenen Kinder und fhren ein nachbarliches Gesprch.

Das Allerschnste sehen aber auch sie nicht vor Luftbllen und
Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende
Korn im Lande und den weien Flieder auf den Wurten und die Lindenblten
am Elbdeich: das groe Sommerblhen. Das geht allen verloren.

                   *       *       *       *       *

Der groe und der kleine Klaus Mewes htten nicht von hier sein mssen,
wenn sie dem Karkme fern geblieben wren. Zumal Strtebeker hatte sich
den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er
geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde
hngend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rcken war er in den
Bnn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er
hatte beim Lohen geholfen wie ein Groer, er hatte das Nachthaus grn
angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flhen und Wanzen
auf dem Schlick verbrannt.

Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurckkam, wo er seines
Amtes gewaltet hatte, denn er sa trotz seiner Jugend schon im Vorstande
der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mck, Klaus Strtebeker
und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein
Knigsschiff lag der groe Ewer auf dem blinkenden Wasser und glnzte
wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grte
seinen Schiffer.

Dem aber lachte das Herz.

                   *       *       *       *       *

   Wennt Karkme is, wennt Karkme is,
   denn goht wi langsen Diek!

Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Strtebeker.
Dieser voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit,
die Reitbuden und die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht
mehr. Kann ik up See jo doch ne bruken, sagte er verchtlich, und als
er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er
ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten
Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnu, damit der an Schina erinnert wrde,
und seinem Vater einen dicken gerucherten Aal. Einen Augenblick guckten
sie auch bei Trina Klpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa
tanzten durch den Saal wie Brutigam und Braut. Da bekam auch der alte
Janmaat einen Tanz von der schnen, jungen Frau seines Schiffers.

                   *       *       *       *       *

Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkme.

Kap Horn und Strtebeker blieben auf dem Ne. In der Dmmerung saen sie
vor der Tr. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und
erzhlte vom Walrofang bei Grnland.

Und ber den blhenden Lindenbumen tanzten die Mcken.

Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.

                   *       *       *       *       *

Sommer heit der gewaltige Herr, den die Welt hat. In kniglicher Pracht
schreitet er einher, weithin ber Land und See gleit und funkelt sein
Purpurmantel. Gro und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder,
alles mu sich vor ihm beugen! Das grne Korn erbleicht und senkt die
hren, die Blumen verdorren, die Vgel verstummen, die Tiere verkriechen
sich.

Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jngling ist der _Mann_
gekommen, der Riese. Stckwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze
Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drckt er alles Freundliche,
Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er
allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fusten, dann reckt er die Arme,
dann stemmt er die Beine, dann sprht es aus seinen Augen, dann glht
und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zhne. Selbst die groen
Meister, die Winde, mssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja
erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er wei, was er
zu tun hat, wei, da es um Brot und Leben geht, wei, da der Winter
kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den
milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem
Ernst, in kochendem Eifer, in glhendem Ha, in flammendem Zorn -- und
all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!

Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fhlt
sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille
und das Deck ist bratenhei. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und
das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft
mssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis
geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen,
die nicht freihndig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden,
sind in Geestemnde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal
segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen
sie nach Esbjerg in Dnemark. Manche Kurre zerreien sie in den Steinen,
soda bestndig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt
es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die
Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu
hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl
an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer trnt auf,
steht einen Augenblick fast still, dann aber reit die Kurrleine und
dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische
Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, da sie nach der
Oste segeln und dort zimmern mssen. Dann wieder liegen sie vor Wind
hinter Wangeroog.

Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es
kommen ja auch schne, groe Reisen: einmal, als die Zungen auf
Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute
vierhundert Mark.

Klaus Strtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem
hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehrt er doch als
Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mck.
Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater
bleiben darf.

Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich
auf Finkenwrder nicht lange auf. Klaus Mewes vertrstet Gesa auf den
Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er
mu fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder
bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird
gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis
nicht wegschmelze!

All ihr Bitten und Flehen ntzt ihr nichts: der Wind blst in die Segel
und der Ewer zieht westwrts. Zwar winken die beiden Seefischer vom
Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, da sie wieder
einmal glcklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.

                   *       *       *       *       *

In der Krze eines Seeamtsspruches knnte ich nun auch berichten, da
sie einmal im Sturm mit genauer Not ber das Watt gesegelt sind.

Es liee sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwrderisch
wre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage
vorkommen kann.

Der alte Regenwind, der Sdwest, war Baas auf der See. Graue Wolken,
eine noch grauer als die andre, trieb er ber den Heben.

Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den
Sdwestern tief im lzeug und lieen den Regen auf sich niederstrmen.
Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete
stark in der schweren Dnung und schlug trotzig und gereizt mit den
leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf,
die Seen krnten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und
tiefer.

Klaus beschlo deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu
lassen.

Intehn, intehn! sang Strtebeker, und Kap Horn und Hein Mck
kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten
sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger
und der Ewer stampfte und rollte strker als zuvor, nun ihm der Halt des
schweren Netzes mangelte.

Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das
Deck. Strtebeker und Hein Mck zogen die Fock auf und machten sich mit
dem Knecht ber die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte.
Als keinerlei Aussicht war, da das Wetter sich so bald ndere, dachte
er hinter Wangeroog zu flchten, dann aber besann er sich und hielt nach
der Elbe hinber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklsen.

Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem
mchtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schumte wie ein
Dampfer und manchen Spritzer berkriegte.

Die paar Petermnnchen, Knurrhhne, Rotzungen, Rochen, Kleie,
Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann splten sie
das Deck rein. Hein ging in die Kambse, um Kle zu braten und Kaffee
zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und
packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es
wollte schon dmmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch
brchte.

Die Elbe war weit weg.

Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war
die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoweiser als vorher und lief
raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen
liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wlfe: eine groe Gefahr fr
Boot und Segel. Aber der Laertes, der khne Schwimmer, hielt kraftvoll
den Kopf oben und lie sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen.
Strtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half
das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wre,
htten sie es lngst in Sicht haben mssen.

Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urpltzlich eine blauschwarze
Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit
unheimlicher Schnelligkeit fhrt sie in die Hhe und verbreitet sich mit
unfalicher Macht ber den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze
und dumpfe Donnerschlge sind das nchste.

Nu gifft wat! ruft Kap Horn.

Gluf ik ok! antwortet Klaus Mewes, goh no binnen, Strtebeker!

Worm, Vadder? Ik bn ne bang, lot mi man hier blieben!

Ne, du m dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un
lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder
ropt!

Strtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: Jo, Vadder! und geht
nach unten, denn er wei, da man dem Schiffer gehorchen mu und wenn
man's auch zehnmal besser wte.

Bang bn ik ober keen betjen, Vadder, ruft er noch vom Gromast, dann
verschwindet er und verklart Hein Mck die Sache, der aber ruhig weiter
brt und meint, es wrde jawohl nicht so schlimm werden.

Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen
sie darber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen,
was die groe Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Zge sind wie aus Holz
geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen:
niemand she es beiden an, da sie so frhliche Menschen sind und so
gern lachen.

Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jhes
Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt
und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der
Sdwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt
ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft
sich mit Ungestm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind
wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich:
Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!

Die See, die See!

Wie gischt und schumt sie! Sie _kocht_!

Wie ein Amoklufer geht der Nordost die Sache an. Er fat die schweren,
langsamen Seen des Sdwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um.
Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fusten, da sie wild
durcheinander laufen.

Dat ward een beuse Nacht for mannich ltj Schipp, dat noch buten is,
will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer
ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der
Sturm ber den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Lwe
ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister
werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel,
da sie den Ewer platt aufs Wasser drcken und er zittert und bebt, als
knne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajte purzelt Hein gegen
den Ofen und Strtebeker gegen die Dielentr, an Deck aber klammern
Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht ber Bord zu splen.
Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn berfallen hat. Fock
dol! gellt seine Stimme durch den Lrm. Kap Horn turnt nach vorn und
reit sie herunter. Seil dol! schrillt es. Der Schiffer kettet das
Ruder an und strzt nach den Fallen.

Rumms! Rumms! Drhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und
zerschlgt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt
frchterlich auf das Deck. Kap Horn wre getroffen und gettet worden,
wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen htte. Wieder ein harter Windsto
-- da ein scharfer Knall: ber dem zweiten Reff ist ein groes Loch in
das Grosegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht
innen Dutt!

Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch
einmal danach, zwngt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als
seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wtend heult
der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beien gibt,
dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen
krummen Buckel -- und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in
die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne
Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der
brllenden Seen.

Vor Topp und Takel lenzend, dmpelt und scheistert er in der wilden
Dnung und die hohen Seen rollen ber ihn hinweg.

Dor is en Licht! ruft Kap Horn und weist ber den Steven. Klaus blickt
nach der bezeichneten Richtung und sieht ein _Licht_ auf der See, hell
und trstend. Ein unerschrockener, unauslschlicher Weiser, reit dort
das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompa? Klaus peilt
und als er Nordost ruft, da schttelt der alte Matrose ernst den Kopf
und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit
dem Loch im Grosegel und ohne die Besan ein Ding der Unmglichkeit. Die
Elbe ist nicht zu erreichen.

Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen
Platz: die gefhrlichen Sandbnke der Westertill sind in bedrohlicher
Nhe und der Sturm mu sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange
zgern.

Es hilft nichts: sie drfen es nicht mehr mit ansehen, sie mssen
handeln. Zurck mssen sie, zurck nach der Weser!

Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du
doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt
warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! -- und
obgleich Hein Mck ihn stren will und sagt, es sei nichts Genaues,
bleibt er frhlich und lacht sorglos: Vadder is jo boben!

An Deck ist das Halsen glcklich gelungen. Gezogen von der halb
aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen
Klver am Gromast, geschoben von den immer grber und ochsiger
werdenden Seen, whlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.

Sdwest liegt an.

Es ist eine bse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen
alle Sicht. So weit sie sehen knnen, ist kein Licht zu erblicken: sie
sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnt, denn die Seen laufen
ber den Setzbord, wie sie wollen.

Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schlft
oder trumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz
ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind
alle Stuben und Kammern beleuchtet und ber die Treppen eilen die
aufgejagten Diener.

Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lrm, wie
aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich
dermaen verstrkt, da er es mu.

Lot ut! ruft er dann jh und reit das Blei aus dem Nachthaus. Der
Knecht peilt die Tiefe.

Fief Fohm!

Denn snd wi uppe Grnnen!

Fnf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger
Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der
nun kommt!

Klaus Mewes fhlt sich von kalten, eisernen Fusten gepackt, die ihn
erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm,
Gefahr! schreit der Ewer. Nu geiht op Leben un Dot, ruft der Knecht.

Klaus aber verkettet das Ruder und grhlt Seil upsetten! denn er will
sich nicht geben. Mit groer Mhe setzen sie das Sturmsegel am
Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Grosegel halb auf
und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt
sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und
Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden
Groen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und
Wut branden die Seen ununterbrochen ber den Setzbord, da das Deck
_ein_ Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis
zum Flgel fliegen. Wenn eine der groen Unsulten von Sturzseen
gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle
und nimmt sie von Steuerbord ber, richtet sich hoch und steil auf und
schttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im
Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr
dich, Ewer!

Kap Horn, halt aus! Denk an die Strme im sdlichen Atlantik, an den
dstern Felsen, nach dem du genannt bist, und la die Kette nicht los!
Steh fest auf dem glatten Deck, la dich nicht ber Bord splen! Denk an
die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen
sollst!

Klaus Mewes, du Leu von Finkenwrder, der du immer in der ersten Reihe
gestanden hast, mu ich dich aufrufen? Nein -- das braucht es nicht: da
steht er am Ruder, im zerrissenen lrock, na wie ein Kater, knietief im
Wasser, und wankt und weicht nicht, er hlt den Ewer, er hlt ihn! Damit
er nicht ber Bord schle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden.
So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und spht durch
Nacht und Regen nach Land und Feuern.

Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es
Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein
Licht erscheint? Rodensand! ruft der Knecht, aber der Schiffer
schttelt unglubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein
schwcheres auf und er mu glauben, was er erst nicht glauben wollte,
weil er sich nicht denken konnte, da sie so weit abgetrieben sein
knnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie mssen hoch
auf dem Trocknen sein!

Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten
Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine mu gehakt sein! Aber es
bleiben drei Faden.

Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm! ruft er durch den Sturm. Hest hrt,
Kap Horn? grhlt er, als er keine Antwort bekommt.

In diesem Augenblick schiebt Strtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die
Kapp auf, um auszugucken: da schlgt ihm die See dermaen ins Gesicht,
da er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe
hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp
zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht:
Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as
wenn Vadder mi en fixen Backs geef!

                   *       *       *       *       *

Kap Horn schweigt noch immer.

Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die
letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen
konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es
kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es
bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschtterliche Ruhe des
Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich
nicht klein machen. Er kann sterben -- ob Klaus es auch kann? Er sieht
ihn an.

Dree Fohm blo noch!

Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwrder hinein, er sieht, wie
die Kpfe sich tiefer auf die gefalteten Hnde senken, er hrt, wie
Bodemann sagt, da Frbitte zu tun sei fr drei Brder, die seit zwei
Wochen vermit wrden. Und sein schnes Haus sieht er, die bunte Haustr
und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken
Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau
spiegelte, sind dicht verhngt. Und die Tr ist zu: der Hahn und die
Hhner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.

Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was
ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, wei der eine wie
der andre: vor ihnen ist der gefhrliche Brand der Tegeler Plate, sind
die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch mssen sie, sonst
bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer
so hoch als mglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch
die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund,
ist alles verloren. Flchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stcke,
aber sie knnen sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn
eins ist so gefhrlich wie das andre.

Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den
Watten stehen mssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!

Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fhlt das Zittern
und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich
durchzuschlagen. Nu hol di fast, Kap Horn! ruft er gell.

Und hinein in die Brecher geht es! Hndereibend steht der Tod neben ihm
auf dem Achterdeck und jauchzt: Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik
di! Aber der Schiffer hlt das Ruder fest und lt sich nicht
erschttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hlt
darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen
entgegen, die sich wild berschlagen -- er verzieht keine Miene.

Gott im Heben -- da strzt die erste groe See wie ein wildes Tier auf
das Deck und rollt ber den Ewer weg, zertrmmert das Backbordschwert,
reit das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der
Klemme sitzen bleibt. Kap Horn strzt auf die Luken. Das Nachthaus ist
weg, sie sind ohne Kompa. Ein Glck, da sie Seemann vorher in die Kapp
gestopft haben.

Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klst
weiter.

Fastholen!

Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite
Riesensee stt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergiet sich ber das
Deck, sie schlgt in die Segel, da das Fahrzeug sich auf die Seite legt
und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber
sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See
hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder
aufzurichten.

Abermals fegt es heran, steigt pltzlich steil auf und schlgt furchtbar
auf das Deck nieder, da die Luken verloren gehen und der Ewer sich halb
mit Wasser fllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und
Strtebeker und Hein Mck waten aus der Kajte und klettern oben auf die
Treppe, um sofort hinaus zu knnen, wenn etwas passieren sollte. Fest
klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. Junge, wat snuft
dat langs! ruft Strtebeker, ober bang bn ik dorbi doch keen betjen!

An Pumpen ist nicht zu denken: sie mssen sich festhalten! Sie mssen
durch! Durch mssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann
es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder
hlt!

Wieder ein Brecher?

                   *       *       *       *       *

Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von
Bremerhaven liegt, lieen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die
Pumpen, pumpten das Grbste heraus und krochen dann todmde in ihre
Kojen.

Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von
Geestendorf und von Bremerhaven klangen ber die Weser, aber auf dem
Fischerewer rhrte sich nichts: alles an Bord schlief.

Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer
erschienen einer nach dem andern und berholten das haverierte Schiff,
das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie
feststellten, da es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den
kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager.
Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Grosegel zu nhen und einen
Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste
gelangen konnten.

Von Bremerhaven lie Klaus schlagen, das heit drahten, und den andern
Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwrder und schtzte
den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschlger und
Optiker zu gutem Verdienst -- der Ewer aber mute ganze acht Tage
unttig an der Kaje liegen.

Endlich waren sie so weit, da sie wieder in See gehen konnten.

Sall he wedder mit? fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach
Strtebeker, der mit Seemann zwischen den weien Eisschuppen tollte.
Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.

Worm denn ne? fragte er.

Och nix, ik meen man blo, lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber
sah ihn schief an und sagte: Up wat fr Gedanken du ok doch kommen
kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt
warrn, wat?

Ik heff jo doch gornix seggt, beschwichtigte der alte Jantje ihn
sanftmtig und verschwand in der Kajte.

Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und
wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das
Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn ber das Watt jagte, sollte er
den Jungen abmustern und seiner Mutter zurckschicken, die so sehnlich
nach ihm verlangte?

Ach was -- Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.

Strtebeker?

Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Bx
twei.

Wullt noch wedder mit no See?

Gewi, Vadder!

Das klang so selbstverstndlich, da Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er
nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu
kaufen.

                   *       *       *       *       *

Im Fischerhaus zu Geestemnde hing ein schlichter Briefkasten an der
Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein
der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrchiger. Es war nichts
Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten
Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe fr die Fahrensleute,
fr die Schiffer, fr die Matrosen. Nach schweren Strmen: wie fllte er
sich dann mit Briefen der Frauen, der Mtter, der Brute! Wie mancher
Seemann trat an den Kasten, schlo ihn auf und bltterte den Haufen
durch, bltterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie
glnzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude
anzuhren war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz
in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste
hinunter. Fand einer nichts, so schlo er leise den Briefkasten. Ein
andrer schlug ihn knallend zu.

Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und bltterte die Briefe
durch.

Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is
all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten
Hein, Geeschen? ... Willem Mees? ... -- er machte eine lange Pause,
denn Willem Mewes war geblieben ... Paul Klper? De liggt jo blangen
uns; den Breef bring em man eben gau dol, Strtebeker! ... Der Junge
war bereit, Brieftrger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste
hinunter ... Jan Sa? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt,
Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik
Wrie, Hein Klln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125:
dat bn ik slben! August, geef mi mol en ltjen Angostura!

Er verschlo den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch.
Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, da Gesa beim
Schreiben geweint hatte.

Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht
einmal nach Hause kmen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam
und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes
fhlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. Dor is
obern barg baschen Peper twschen, August! Den mokst du woll slben,
wat? sagte er laut und hielt das Glas mitrauisch gegen das Licht. Dann
las er weiter ... Ob sie noch gesund wren, ob den Jungen gar nicht nach
Haus verlange? Er mchte doch sofort antworten! Am Deich erzhlten sie
so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wre? Sie sagten, da
sie schon in London gewesen wren und immer mitten unter den Englischen
fischten: das mchte er doch ja lassen, denn das wren bse Briten, die
knnten einen totschlagen, htte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein
Mcks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, da der Junge gar
nichts von sich hren lasse: wenn er nur nicht ber Bord gekommen sei,
habe sie gemeint.

Dann kamen wieder Klagen ber das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es
weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heit Tinte und
Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die
Feder eintunkte, wute er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde
wieder einer der berhmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur
stand: Liebe Frau, es grt dich dein Mann!

Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust
glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewutsein einer guten Tat
nach dem Ewer zurck, mit den Mehltten unter dem Arm, rief Strtebeker,
der auf einem Eiswagen sa und an einem getrockneten Petermantje kaute,
und setzte die Segel auf.

Hein Mck bekam zwischen Grosegel und Besan seinen Segen.

Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder
weet gornix van di af: wat is dat egentlich?

Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to, sagte der Koch
leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann
bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und
schnell einige Zeilen schrieb, die Strtebeker dann noch zwischen dem
Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.

                   *       *       *       *       *

Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte
sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen.
Er hatte deshalb die groe Haverei noch nicht ganz bezahlen knnen. Und
weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel
war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so
segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war
ihm bange, da Gesa den Jungen zurckverlangte.

                   *       *       *       *       *

Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der
Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Strtebeker eine schne
Reise: sie gingen zu Fu nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den
weien Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein groes
Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark Elisabeth, auf der er
lange Jahre gefahren hatte.

Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an
Bord ging, um seinen alten Kppen zu begren. Unter dem Arm trug er
einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing
noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.

Als sie am Fallreep standen, erstaunte Strtebeker sehr ber die
himmelhohen Masten und ber die mchtigen Rahen, denn so nahe hatte er
ein groes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mute er sich ber
die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann
betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und
freute sich ber seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor
den Mast gehrte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten
Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und
neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen
Seeleuten.

Strtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck,
an der Reling und hrte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er
das Schiff genauer, ma und klopfte, befhlte und besah. Er lie sich
von dem Koch, einem vergngten Dicken, ins Verhr nehmen und lauerte
sich einen Lffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem
Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saen die Matrosen, die
keine Landwache genommen hatten, und klnten. Einer spielte leise auf
einer Mundharmonika und machte groe Augen. ber dem Vortopp aber stand
der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und
jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die
Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen
auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.

Strtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken
darber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum.
So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die
wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen
sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der
Hausnummer versehen?

Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der
Fockrah stand, als sie aber hrten, da er Klaus Strtebeker hie und
ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig,
nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten ber sein
Finkenwrder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen
seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend
mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen
Besenstiel als Mast htte, aber Strtebeker lie sich nicht verblffen:
mit springenden Augen verteidigte er den groen Ewer und die groe
Seefischerei und sprach so klug und seemnnisch von Fahrt und Wind, da
sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hnde
zusammenschlugen. Er zeigte auch, da er von groen Schiffen etwas wute
und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und
Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig
werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen
ganz sicher.

Un wo is Backbord? fragte der Zimmermann, ein Dne.

Dor frog dien Gromudder man no, antwortete Strtebeker, mi kannst ne
frn Buern hebben.

Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang.
Der Segelmacher, der groes Gefallen an ihm gefunden hatte -- alle alten
Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! --, schenkte ihm einen
ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entlieen den kleinen Seemann
mit Adjst und Good bye.

Der Kapitn nahm ihn mit in seine Kajte und wies ihm seine kleinen
Schiffe, das groe Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten,
wunderlichen Gtzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch
er freute sich ber Strtebeker, und als der eine kleine nautische
Prfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprmie von
dem Alten: ein weiseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.

Nu grt dien Vadder, du ltte Seerver -- damit wurde Strtebeker
zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen
die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter
Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und
sie sprachen noch lange von ihm.

Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und
lie sich das groe Belebnis erzhlen, whrend der Knecht mit blanken
Augen auf der Bank sa und noch ganz von seinem alten Schiff erfllt
war.

Als der Kapitn der Elisabeth den andern Tag etwas in der
Brgermeister-Smidt-Strae zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und
ging ber den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und
dem groen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzhlt
hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der
Morgenfrhe nach See gesegelt, so da Kppen Vinnen kein Glck damit
hatte.

                   *       *       *       *       *

Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren
dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.

Strtebeker nahm die Knurrhhne aus, die er besser halten konnte als die
glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang
und den Seesternen einen besonders groen, dicken Steinbutt spaddeln. Er
zog ihn heraus und wies ihn herum: Kiek mol, Vadder, wat frn scheunen
Steenbutt, rein en Stoot!

Er stand dicht am Setzbord -- und der Ewer holte in diesem Augenblick
pltzlich weit ber! -- da sackte er langsam nach hinten ber und fiel
ber Bord in die See hinein.

Mann ber Bord!

Klaus Mewes, der wohlgefllig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich
jh von dem Hummerkasten, auf dem er sa, warf Fisch und Messer hin,
strzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem
Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe
Grund sehen. Zu spt dachte er daran, da er die schweren Stiefel htte
ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er fate den Jungen
nicht und hatte Mhe, wieder an die Oberflche zu kommen. Wie Blei hing
es an ihm.

Da schwamm der Junge. Hol di, Klaus, fix roonen! Jo, Vadder! Bevor
er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm
unter die Arme. Lot den Butt doch los, Junge! Ne, Vadder! Zum Glck
sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn ber Bord
geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Krfte
erlahmt waren.

Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt
und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfate die Leine, die ihm zugeworfen
wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen
und konnten sich verpusten.

Strtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. Son scheunen Butt
schull ik wedder swmmen loten? sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater,
dann aber zog er das nasse Zeug aus und hngte es an den Wanten auf,
damit die Sonne und der Wind es trockneten.

Up See mtten Kummer gewinnt warrn, sagte er lachend zu Kap Horn, der
ihn kopfschttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes
Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhhnen
hin, als wenn nichts geschehen wre. Was war's denn auch weiter: er
hatte blo einmal ber Bord gelegen.




                         Dreizehnter Stremel.


Is de Sommer all her? -- fragen die Frauen, die einander begegnen, denn
ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide
schwerfllig ebbt. Nach starken, nchtlichen Regengssen ist die Luft
dick geworden. So diesig ist es, da die Sonne kaum einen Schatten
werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weie Scheibe ohne
Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.

Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche
Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um
Zusammenste zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger luten die
Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer
tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumhlen
bis Blankenese, da man meinen knnte, mitten im Hamburger Hafen zu
sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft,
sich zu erheben. Mde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe
haben etwas Formloses, Gespenstisches.

Wie Herbst ist der Tag.

                   *       *       *       *       *

Stuten! Weu ok Stuten?

Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr,
der ein bichen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwrder
Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mchtigen Kiepen den Deich
entlang, die fast grer sind als sie, und singt vor allen Tren.

Wullt ok Stuten, Greta? Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie
die Frau gerade heit. Zu verwundern ist es, da sie bei den vierhundert
Husern, die den Elbdeich krnen und die sie abzuklopfen hat, niemals
die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und
Ginen miteinander verwechselt.

Nun hat sie den Ne erreicht, setzt die Krbe hin und atmet auf.

Gesa, wullt ok Stuten hebben? ruft sie ins Haus hinein. Die
Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich ber
die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstcke und berschnitte
auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen
ermittelt.

Was fr schne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die
Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbumen
gesetzt hat. Sie will doch sehen, da sie von den dunkeln Blutstropfen
einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat
etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den
Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend:

Diern, is dat wohr mit dien Jungen?

Gesa schrickt zusammen, von bser Ahnung befallen. Wat schall wohr
ween? fragt sie hastig und wird wei im Gesicht.

Weest du dor noch nix af?

Ne, wat schall ik weeten? stt Gesa heraus, ik weet blo, wat he
gesund un munter an Burd is!

Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn
ist woll Snackeree vanne Ld; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn
ist jo man god!

Wat hebbt se denn doch woll blo seggt, Metta?

Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so
verjogt, mien Diern! Fftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch
wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!

Aber Gesa lt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzhlt worden
ist, und lt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist
erzhlt worden, da der kleine Klaus Strtebeker ber Bord gekommen und
in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber
er habe ihn nicht wiederkriegen knnen. Wann es gewesen sein soll, wei
sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht
hat, sie wei nur, da es erzhlt worden ist.

Schree man ne gliek, mien Diern, trstet sie, is jo blo Snackeree.

Aber Gesa hrt nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen
erschttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann.
Dann sitzt sie strmenden Gesichts am Tisch.

Es ist gewi, es ist gewi! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr
als bloes Gesprch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es
getrumt hat! Heftiger flieen ihre Trnen. Nun wei sie auch mit einem
Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle
Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um
seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen
treten, er mag nicht sagen, da er ihm ber Bord gesplt ist! Ob er nun
auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen
gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen
Strtebeker verloren hat?

Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, da er mit zur See
kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles
in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt,
gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an.
Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken mssen und
trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen
umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen
und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm
nicht einmal die Augen zudrcken und konnte ihm keine Blumen auf sein
Grab pflanzen!

Riesengro liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu
erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein,
nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des
Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fllt nicht ber Bord und
Klaus lt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein:
ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein groer Vater lebt und lacht,
und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden
Fahrensleute!

Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie
verjagen. Sie ffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe
von Bremerhaven und Geestemnde heraus. In jedem steht, da der Junge
gesund und munter ist -- und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie
Klaus Mewes sollte lgen knnen? Gesa kann es nicht glauben und richtet
sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht
sie die Tage ber Deich und Wurt, wartet auf den Brieftrger und blickt
ber die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewi
wei, da ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme
Mutter -- da er wiederkme! Da er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht
sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und
will nichts hren und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist
sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre
Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich
eine Falte gegraben. Wre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine
Wartung verlangte, so htte sie sich wohl eingeschlossen und wre
tiefdenkern geworden.

                   *       *       *       *       *

Den fnften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemnder Stempel in
der Hand und ri ihn jh auf, da Jan sie verwundert anguckte.

Sie las, da Strtebeker gesund und munter wre, dann aber kamen die
Zweifel wieder ber sie, sie sthnte auf und zerknllte den Brief. Dat
lgst du, Klaus Mees, he is verdrunken! schrie ihre gemarterte Seele.
In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, da sie wenig Schlaf finden
konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war
krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die
klagende Stimme des Jungen.

Als der Morgen dmmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach
der Weser zu fahren und sich Gewiheit zu verschaffen. Sie mute Ruhe
haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr
schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles
bereit hatte -- es gehrte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit
der Eisenbahn gefahren --, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jger
an, der gar nicht wute, was los war und es auch nicht herausbekommen
konnte, denn sie sagte nur, da sie etwas in der Stadt zu besorgen habe
und erst den andern Abend zurckkomme.

Die Frauen, die vor den Tren oder auf dem Deich standen, erwiderten
ihren Gru in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn
vor, willst es uns nicht erzhlen? Aber sie ging nicht darauf ein,
sondern machte, da sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell
der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden
anzuholen und vor allen Tren stehen zu bleiben, erschien ihr, der
Ortsfremden, wie ein Spierutenlaufen mit Hindernissen.

Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Kpfe zusammen und sahen
ihr nach.

Se hett jo man blo den eenen Jungen, hie es dann.

Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wre, nach Geestemnde
schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht,
damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wre. Er sollte nicht
wissen, da sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte
sie gewi bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren.

Der Klapperkasten Courier paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet
und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und
fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den
Pariser nannten.

                   *       *       *       *       *

Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am spten Nachmittag mde und
angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie
erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Auenweser
und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer
doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von
ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren
Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, da hier an
der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen
und da Werften, hben waren Holzstapel und drben schmutzige, graue
Maschinenhuser und weiter nichts als hchstens noch Kohlenhaufen: was
Klaus wohl hatte, da er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es
weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grnen Deich
doch nimmermehr vergleichen konnte?

Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie
nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie
an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: Sh, Gesa, ok
mol oberreist?

Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. Klaus liggt dor wieder
rup, rief er ihr noch nach, dor eben vrre Brgg, de Flagg dor, dat is
he.

Die Flagge -- sie mute bitter und schmerzlich lcheln: so wenig
Seefischerfrau war sie, da sie nicht einmal an das allgemein bekannte
Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf
der Besan, wehte lustig und frhlich, wie sie immer geweht hatte: aber
ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt
hatte.

Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief
aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren
sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch
umkehren?

In der Kajte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der
Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.

Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe
hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das
rautenfrmige Trfenster in die erhellte Kajte hinein.

Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Kltjenpfanne stand
darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saen im Kreise herum,
hatten die Gabeln in den Hnden und langten tchtig zu. Obenan sa Klaus
Mewes, gro und breit, da sa Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und
erzhlte von der groen Hitze im Roten Meer, da sa Hein Mck mit einem
Gesicht, das heien sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant
Rode Meer snacken kannst, dorm bst un bliffst du doch en Butenlanner
vr mi --, da sa der griese Seemann und liebugelte mit den gebratenen
Klen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber sa mit lachendem Gesicht
der kleine Klaus Strtebeker und fragte in einemfort dazwischen.

Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hrte sie eine Stimme
hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter
auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die
Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst
kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem
einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn
fest, den Traum ...

Da rief Strtebeker: Dat is wat to dull mit di, Hein Mck, jedesmol
mokst du de Brotkltjen to sult! Und er stand auf, um aus dem Wasserfa
auf der Diele zu trinken. Als er die Tr aufri, war es mit Gesas Kraft
zu Ende.

Klaus, mien Klaus! schrie sie auf und sank um.

                   *       *       *       *       *

Schiffer und Frau waren allein in der Kajte: als Klaus Mewes seine Gesa
aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach
dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stren.

Hein Mck war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu
lassen, Kap Horn und Strtebeker aber standen auf Deck und guckten nach
dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht
eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum
noch Antwort, denn er ahnte, da es unten um ihn ging, da er von Bord
sollte. Der Knecht fhlte es auch und machte sich Gedanken darber.

                   *       *       *       *       *

Es ging um Strtebeker.

Zh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter
Heftigkeit verlangte sie es zurck, sie drohte und warnte, bat und
schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte
Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so
leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lbischen
Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und
Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm hher zu stehen als das
der Kranken. Aber Gesa lie nicht nach: die lang unterdrckte und
gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schlielich
doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreien lie, heftig zu
werden, da verspielte er schlielich. Er mute einwilligen, da der
Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf
und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief
bestndig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst
verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, la ihn nicht von Bord: der gehrt
zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor
dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen,
und mute es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe
und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen
von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.

Ein schiefes, verkehrtes Ende der schnen Sommerfahrt war dieser
Beschlu, darber kam er nicht hinweg. Er htte den Jungen selbst nach
dem Ne bringen mssen, mit seinem Ewer: darein htte er sich vielleicht
gefgt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu
bleiben und die eine Reise, die gewi nach der Elbe gehen solle,
mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mute Wort halten.

Der schwerste Streek kam: er mute es seinem Jungen sagen.

Als er rief, sagte Strtebeker hastig zu Kap Horn: Un ik goh ne mit un
goh ne mit! Dann trat er in den Lichtkreis.

Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.

Strtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefhl, als ob sein Vater
ihn schlge, und bei Schlgen sagte er nichts. Seemann richtete sich an
seinem Bein auf, als wenn er ihn trsten wolle: er wurde es gar nicht
gewahr. Htte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er htte
etwas Hliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun.

Erst als er nachher drauen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in
seines Vaters Koje war kein Platz mehr fr ihn und bei Kap Horn wollte
er nicht schlafen), lste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes
Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See
haben wollte. Er glaubte, sie hrten ihn nicht, aber sein Vater, der
auch nicht schlafen konnte, hrte ihn wohl, und wenn er nicht gefrchtet
htte, Gesa oder die Leute mchten es merken, so wre er aufgestanden
und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.

In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das
Deck.

Den andern Morgen half Strtebeker noch getreulich beim Pumpen, whrend
seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie
hatte gelernt, wie die beiden genommen werden muten, und handelte
danach.

Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an,
aber ohne Teilnahme. Er htte lieber einen schweren Sturm auf der groen
Fischerbank ausgestanden, als da er nun seinen Jungen von Bord jagen
mute wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er
gesehen, da Strtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten
angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hnde lsen mssen: dann
war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den
achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder,
denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
aufgeweckt.

Strtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem
Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als she er ihn nicht, so
tat er.

Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: Kumm, Klaus, du m di klor
moken! Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.

Strtebeker tat, als wenn er nichts gehrt htte. Dien Mudder hett di
ropen, Klaus, goh dol, sagte Klaus Mewes ernst.

Da setzte der Junge die Ptze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an.
Schall ik wrklich van Burd, Vadder? fragte er mit heiserer Stimme.

Klaus Mewes nickte ernst.

Da ging der Junge schweigend in die Kajte und lie die Mutter mit ihm
machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzhlte, vom Deich und seinen
Spielkameraden, war ihm zuwider und er hrte deshalb auch kaum darauf.

Schlielich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap
Horn. Hol di man fuchtig, sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken,
Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fhlte, gab ihm
die Hand und trstete: Nich bang wesen, Klaus Strtebeker, nich bang
wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder
mit no See!

Strtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja
doch selbst nicht!

Adjst, mien Seemann, sagte er und streichelte dem Hund das struppige
Fell.

De bringt di noch langs, rief Klaus Mewes, der sich auch fertig
gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.

Als sie den Deich erreicht hatten, sah Strtebeker noch einmal verloren
nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr
sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrngt.

Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen
sehen.

Er sagte aber nichts.

                   *       *       *       *       *

Auf dem Bahnhof drngte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug
vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des
Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive
pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.

Adjst, mien Jung!

Adjst, Vadder, jst, Seemann!

Strtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte,
bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da lste es sich in ihm und er legte
den Kopf auf ihren Scho und weinte bitterlich. Da beide allein in dem
Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und
weich ber das sonnenhelle Haar.

                   *       *       *       *       *

Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurck.
Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen
Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weien
Erdltanks waren, merkte der Seefischer, da er sich verlaufen hatte,
und ging ber die Geleise zurck. Wie in eine Totenkammer trat er in
seine Kajte und lie sich mde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte
einen schweren Streek hinter sich.

Was fr einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine
Stimme in ihm, dir trumte, da Gesa gekommen sei und den Jungen
mitgenommen htte, und du weit doch ganz gut, da der kleine Klaus
Strtebeker vor der Weser ber Bord gekommen und ertrunken ist: sie
haben es ja sogar schon am Deich laut erzhlt!

Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge
fehlte ihm dabei. berall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen
Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajte und wieder nach oben,
als ob er etwas verloren htte, das er nicht wiederfinden knne. Er war
gnzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heien Zorn auf sich, da
er sich so hatte berteufeln und unterkriegen lassen.

Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die
halben Segel back gebrat und konnte keine Fahrt machen. Strtebeker
fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fhlte er erst
jetzt so recht.

Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die
kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren frhlichen Maaten
verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und
fhlten, da sie das nicht wieder gutmachen knnten und da der Junge es
nicht verwinden noch vergessen wrde.

Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und
gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.




                         Vierzehnter Stremel.


Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht
zugeschttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war
umgeweht, Klu sa noch struppig und vergngt in seinem Hummerkasten und
die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich
auf dem Ne war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der
Eisenbahn von der Weser zurckgekommen war, der war anders geworden, der
ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den
Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht,
weil er es nicht wollte.

Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten
ihm noch die schmalen, seichten Grben, der die ungeheure, tiefe See
gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf
Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gren
spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen groen
Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den
Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen
war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!

Wohl ftterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Grben und
streifte in den Ptten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu
vertreiben, und nicht, weil es ihm Spa machte. Wenn er wenigstens seine
Siebenmeilenstiefel gehabt htte, die er an Bord zurckgelassen hatte,
und seinen grnen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!

Wie in einem Gefngnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit
aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem
Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm:
das Leben ohne seinen Vater war berhaupt kein Leben mehr fr ihn.

Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach
erzrnte er sich mit allen, da zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach
und keiner mehr nach dem Ne kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie
ein Groer mit ihnen, befahl noch mehr als frher, konnte keinen
Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und
Wetterdingen (dat mtt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du
Kiekinnewilt, hie es herrisch) -- und das lieen sie sich bald nicht
mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.

Gesa lie ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich qulte, da er ihr
selten ein gutes Wort gnnte und einen Bogen um sie machte, so lie sie
sich uerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, da die
Zeit die groe Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, da der Junge die
See verge: so wenig kannte sie ihn.

Nach zwlf Tagen schwenkte Strtebeker den Kieker vor Freude und rief
ins Haus: Vadder kummt up! Gesa lchelte und dachte: ei, Klaus Mewes,
ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging
sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Strtebeker lie sie durch das
Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen
Hahnfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, da es ein
Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wre sein Vater, er kenne ihn
ganz genau an den Segeln; sie knne getrost Essen machen.

Und Strtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und
dem Westwind herankam und grer und grer wurde. Die braunen Lappen
wuchsen und der grne Steven hob sich hher aus dem Wasser. Nun war auch
die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.

Strtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen.
Htte er seinen Kahn schon gehabt, er wre wieder hinausgewriggt und
htte das Fahrzeug jubelnd umkreist.

Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang
ber Schoten und Blcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord
wre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten
Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein
Mck hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.

Hh, Vadder!

So rief es ber das Wasser und rief wieder und wieder: Hh, Vadder!
Hh, Kap Horn! Hh, Hein Mck!

Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen
zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich ber die Maen
und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, da der
trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause kme, und sich nicht
um ihn bekmmere, -- und er htte es ihm gar nicht einmal so sehr
verdacht. Wie freute er sich nun, da Strtebeker gesund und frhlich am
Wasser stand und Ausguck hielt!

Gohn den Draggen! Fock dol! scholl es dann ber Deck und das Echo am
Bollwerk wiederholte laut und bermtig, denn das Herz war ihm warm
geworden: Gohn den Draggen! Fock dol! Da gewahrte auch Seemann seinen
Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn
sein Herr fragte: neem is Strtebeker, Seemann? -- und er stellte sich
mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grend, whrend die
Kette durch die Klse rollte und der Ewer schwoite.

Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den groen Klver, nahmen das
Toppsegel weg, warfen das Grosegel dal und fierten die Besan herunter.
Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu
lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig
zwischen den Bumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel
zusammengebunden und das Boot konnte ber Bord gesetzt werden. Es wurde
aber auch Zeit, denn Strtebeker konnte sich nicht entsinnen, da es
jemals so lange gedauert htte! War Kap Horn schon zu alt fr die Fahrt
geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!

Mien Kohn ne vergeten, Vadder! rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum
Zeichen, da er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte
der kleine grne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dnung, die
vom Fahrwasser herberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben
von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn ffnete die Luken und
stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische fr den Deich
einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen
Beuteln in der rechten Hand und Strtebekers Seestiefeln in der linken
aus der Kapp und stieg ins Boot.

Endlich kamen sie an: Hein Mck wriggte, wie es ihm als Jungen zukam,
Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap
Horn saen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der
Kette nach.

Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Strtebeker hatte schon mehrmals
seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch lnger gedauert htte,
htte er sich nackt ausgezogen und wre nach dem Ewer geschwommen.

Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af, lachte er nun und wehrte
dem Hunde, dann griff er nach seinen groen Stiefeln und trug sie im
Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden
Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein
Stckchen Segeltuches aus dem Boot geschnffelt und schleppte sich damit
ab.

Da war groe Freude auf dem Ne: erst tranken sie kstlichen Kaffee in
der Kche, und die gelben Birnen und rotbackigen pfel, die sich leicht
im Winde wiegten, lachten sie von drauen an. Und kstlich war die
Fragerei von Strtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hrte
nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein
buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.

Gesa wunderte sich auch sehr ber seine groe Munterkeit und sie sah
Klaus mehrmals bedeutsam an; er wute aber nicht, was sie damit sagen
wollte.

Nach dem Kaffee hngte Strtebeker mit Hein Mck die Scharben auf, dann
versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die
Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon
Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und
verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater,
in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf
seinem groen, schnen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte
das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das
Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als
wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er
blickte nach dem Kompa und nach allem.

Den Abend sa er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tr und piepte
wie ein Sperling, whrend sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der
Jger in der Dmmerung auf der Bank saen, nach den Lichtern auf der
Elbe guckten und in geruhigem Gesprch verweilten. Als der Spatz aber
gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den
nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.

                   *       *       *       *       *

In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Strtebeker
standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich
entlang nach der Nekule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und
nakalt. Die Bume tropften und in den Pappeln sa ein Flstern, wie die
Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern
braute der Fuchs.

Strtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine groen
Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stieen vom
Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der
Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Khe
regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf
und verschwand surrend.

Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch klter. Der fliegende
Nebel wischte seine feuchten Hnde an ihnen ab und lie sie erschauern.
Klaus Mewes sa in Gedanken auf der Ducht und hrte auf das Knarren des
Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten htte. Eine Jolle, die kein Licht
brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst
vorbei, dann stieg der Ewer gro und schwarz vor ihnen auf, da Klaus
Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.

Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen
schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Krbe und
Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar
gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehit, sie verstauten die
Krbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in
Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem
Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden,
soda sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie
saen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem
Helmholz des Ruders liegen. Groe, hohe, leere Kohlendampfer, die von
oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief
hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und
wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele
Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches
Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen
zumute.

Machte es der Herbst, der sich ankndigte, dachte er der Strme, die ihm
bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm sa? Er
konnte es nicht deuten.

Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp,
setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der
Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewlbe
und rief die Fischhndler, die Hker und die Weiber zusammen, der
Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern,
denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der groe und der
kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an
sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die groen Zungen,
die Mittelzungen, die kleinen, die Kleie und Steinbutte, die Schollen
und Rochen, die Petermnnchen und Knurrhhne. Strtebeker mute sich
bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war
schon alles verkauft und die Hndler standen bereits auf andern Kisten,
aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darber, da alles so
schnell gegangen war. Was er in langen, mhseligen Streeken, an
strmischen Tagen und in dunkeln Nchten dem Meere abgewonnen hatte, was
er Fisch fr Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet
hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlgen abgetan.
Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes -- und damit
basta.

Die Abrechnung konnte er erst spter bekommen -- sie hatten deshalb noch
viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten,
guckten sie nach Altona hinber und schauten den Elbjollen in die
Bnnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee
ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr
festgebunden wren, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn
hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten
denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die
Fenster und gingen dann zurck nach dem Fischmarkt.

Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See? fragte Jan Tiemann,
der Elbfischer.

Ne, Jan, he is blo mol mit to Markt, sagte Klaus Mewes.

J, j, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is
to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr fr son ltje Geutjen,
Klaus!

Klaus Mewes nickte halb, Strtebeker aber sah den Elbfischer feindselig
an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?

Als sie spter mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen
Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig
und blickte wieder frhlich ber die Elbe. Und Strtebeker sah ihn von
der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen
wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit
an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schne Reise
gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehrt: konnte es da nicht sein,
da sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte
die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und
fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes
fhlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz
unbefangen.

So segelten sie die Elbe hinunter.

Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den
Tisch, da sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn
Prozent, der Junge neun Prozent des Erlses. Klaus Mewes, der gute Leute
hatte und ein glcklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben
als die andern Fischer, und er tat es gern.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich ein Fischer wre, liee ich meine Segel nicht von Thees to
Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Clln am stlichen Norderelbdeich
oder zu Kai Krger auf der Mggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich
nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann
noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie bernatrlich lodert es in
seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie
wirr ist sein Haar! berall sieht er es spuken, allerwrts wittert er
Unglck und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein
Tun, wenn er Segel nht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und
die rechte Stunde fr die Arbeit herauszuklamstern, und dann rutscht er
wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverstndlich vor sich
hin, spricht mit den Reffbndern wie mit Menschen und streicht sonderbar
ber die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er wei, welche Segel zerreien
und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergnge der letzten
vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.

                   *       *       *       *       *

Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saen auf
dem Segelboden und erzhlten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte
auf einem neuen Grosegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich,
und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der
sich dem Teufel verschrieben hatte und dafr alles bekommen konnte, was
er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schne Mdchen und das
Feinste zu essen und zu trinken.

Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend ber die Deichbrcke zur
Tr herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den
Segelmacher, was er fr den neuen Klver zu bezahlen htte.

Thees lchelte eigentmlich und sagte: Du kummst ok jmmer, wenn ik di
ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wr hier so scheun mit Dokter Faust inne
Gangen un nu frogst du, wat de Klber lppt un ik mtt upstohn un an to
reken fangen!

Dorm kannst du doch wieder vertillen, Thees, lachte Klaus.

Ne, ne, di vertill ik nix, antwortete der Segelmacher, der
aufgestanden war und sein Buch suchte, di vertill ik nix, du lachst jo
doch blo ober sowat; du meenst, dat gifft blo dat, wat du vr Ogen
shst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol
de Kortjen leggen?

Ne, lot man, Thees, wehrte der Seefischer heiter ab, ik gluf ne an
Hexen.

Wat he guchelt, de grote Klaus Mees! wandte der Alte sich an die
beiden Wattenlufer, wat he glst, as wenn he ne blieben kunn!

Man keen Bangen, rief Klaus sicher, ik blief ok ne! Und Strtebeker,
der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrcklich hinzu:
Vadder kann ne blieben, he kummt jmmer wedder!

Do ik ok, mien Jung!

Der Segelmacher aber blickte ihn ber seine Brille hinweg an und sagte
mit vernderter Stimme: Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De
kunn ok ne blieben! Thees, s he tro to mi: van tein blifft jmmer blo
een: ik hr ober to de negen, de glcklich fohrt. J, un de See is em
doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat
gluf man, is noch jmmer hungerig no Ebers un Kutters!

Dat vertill man ole Wieber, de keen Thnen mihr hebbt, erwiderte Klaus
Mewes unerschttert, wi knt noch fix bieten un lot uns ne oberdbeln!
Wat ist mit den Klber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?

Der Segelmacher schttkopfte und strich sich mit der Hand ber die
Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu
blttern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er
sei wieder behext, die Hexen stnden hinter ihm und hielten ihm die
Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. Betohl anner Reis,
Klaus Mees, dat lppt jo ne weg!

Och wat, kiek man mol eulich to, Thees, mahnte der Fischer, ik kann
ne jeden Dag langsen Diek slarpen m dienenhalben.

Unglubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi, sagte Thees und
vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchfhrung. Das dauerte
Klaus zu lange, er trat nher und sah ihm ber die Schulter. Pltzlich
rief er: Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein
Klfer 98 Mark.

Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er
wie in Gedanken: Dat is jo all drstreken, Klaus: keen hett dat denn
don?

Dat hest du woll slben mol innen vullen Galopp don? lachte Klaus,
betohlt hebb ik gewi noch ne. Und er zhlte das Geld auf. Shso,
Thees, till no, wat dat ok stimmt!

Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er knne es nicht
nehmen, das Geld gehre ihm nicht.

Kumm, Strtebeker!

Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach
Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der
Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.

Dat is jo en bannigen Quarkbdel, Vadder, sagte Strtebeker, als sie
drauen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm
doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: Jo, de hett allerhand
Grabben.

Sie gingen westwrts.

Mit einem Male griff Strtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst
nur selten tat.

Vadder ...

Non?

Och -- nix ... Du bliffst doch gewi ne, Vadder?

Ne, mien Jung, ik blief ne! rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer
auf dem Wasser.

                   *       *       *       *       *

Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als
die Gste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch
nochmals vor und besah forschend die Striche, die ber Klaus Mewes und
seinen Klver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen
waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann
bezahlt hatte oder -- wenn er geblieben war.

Kopfschttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das
Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen
Seitenblicken ein.

                   *       *       *       *       *

Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag
er wieder vor dem Ne. Strme hatten ihn einige Tage hinter List
festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Strtebeker freute
sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur
konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte.
Die deutsche Flagge war gnzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem
Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag
die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war
aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen.

Bei Teufelsbrcke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige
Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestm auf die Segel warf. Aber
der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein
Stier und wies dem Wind die Hrner.

Pltzlich rief Kap Horn: U, kiek und sprang nach vorn. Da trieb eine
Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und
strzte auch nach dem Steven. Dor drifft een! schrie Kap Horn und wies
leewrts. Denn fot man gau de Boot mit an, schrillte Klaus, Hein,
inne Wind den Eber!

So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und
sprangen ber den Setzbord. Hilpt uns, hilpt uns! rief es
todesngstlich an Backbord, aber der Hagel lie wenig Sicht zu: sie
konnten niemand erblicken. Liek vrut mtt dat ween, rief Klaus,
roon, wat du kannst, Kap Horn! Der Sdwester war ihm in den Nacken
geweht und die scharfen Krner flogen ihm in das Gesicht, aber er lie
den Riemen nicht los. Holt jo, wi kommt! Wi kommt! grhlte er, so laut
er konnte.

Hilpt uns!

Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!

Klaus ri den Riemen ein und sprang ber die Duchten nach dem Steven, er
beugte sich blitzschnell ber den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden
bei den Haaren. Und als er ihn hatte, lie er ihn nicht mehr los. Kap
Horn stand neben ihm und sie zogen den gnzlich ermatteten Fischer in
das Boot. Hans Danker war es, der Lttfischer.

Neem is Trino? fragte Klaus dringend und sphte umher, denn er hatte
die Frau in Altona an Bord stehen sehen. Kiek mol to, Kap Horn, wat se
dor drifft!

Hans Danker aber chzte dumpf: De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch
verdrinken loten! So, un dien Kinner? fragte Klaus, er blieb aber
noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen
und suchten, um die Frau zu finden.

Hein Mck zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden
abstieen, warf er sofort Anker, lie die Fock fallen und machte das
Ruder los, so da der Ewer mit den klappernden groen Segeln keinen
Schaden nehmen konnte und die Flage gut berstand. Strtebeker stand an
den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von
allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote
herbei. Da berlie Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gnzlich
gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der
Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.

Von ihm und Kap Horn gesttzt, wankte der Fischermann seinem Hause zu.
Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten.

Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das lteste Mdchen fing laut an
zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: Vadder,
Vadder, neem hest du uns Mudder loten? Da sthnte Hans Danker furchtbar
auf und wollte sich losreien, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus
Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und
brachten ihn mit vieler Mhe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der
Nachbarn anvertrauten.

Strtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.

                   *       *       *       *       *

Der andre Tag war ein Sonntag, ein trber, grauer Tag, an dem die Sonne
nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.

Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten
die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit
den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu
fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrcke und Godefroo
auf und ab.

Klaus Mewes, Kap Horn und Strtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei.
Sie sprachen aber wenig.

Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen fllte,
schlichen alle Boote mit mden Segeln nach dem Deich zurck. Sie hatten
die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.

                   *       *       *       *       *

Drei Tage spter lief der Wind raum, das heit auf Finkenwrder:
nrdlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den
Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge ber der Besansgaffel
und ber dem Toppsegel drehte sich der Flgel wie ein bunter Vogel.

Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.

Strtebeker lag noch mit seinem Kahn lngsseits des Ewers, als wenn er
der Lotse wre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen htte. Als Hein
seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lrm und hielt darum an, da sie
ihn ein Stck schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein
lngeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mute, und zogen dann
mit ihm los.

So geiht he god, Vadder, rief er vergngt, als der Ewer recht an den
Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich ber den Schaum vor
seinem Bug und ber die groen Segel, die ihn beschatteten.

Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mchtig
davon und hatte den Ne bald hinter sich. Strtebeker sollte abschwenken
und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war,
tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.

Junge, was fr eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit
dem Wasser gleich und Strtebeker mute aufmerksam mit dem Riemen
steuern, damit er sich trocken hielt.

Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mute das Tau
losmachen und zurckbleiben.

Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.

Adjst, Strtebeker!

Jst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder! ... Adjst,
Strtebeker! ... Jst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!
... Adjst, Klaus Strtebeker! ... Jst, Hein Kltjenbacker, pett di
man keenen Nudelkassen innen Foot! ... Wauwauwauwau! ... Jst,
Seemann, fall man ne ober Burd!

Dann rannte ihm der Ewer davon.

Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten,
schwenkte er seine griese Wollmtze. Erst als die braunen Segel bei
Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach
Finkenwrder um.

Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?




                         Fnfzehnter Stremel.


                                              Sinne, ffnet eure Tore!

                                                               Grabbe.

Die quinoktien!

Herbsttagundnachtgleiche!

Die bsen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in groer Angst.
Ringsum lauern die grauen Strme, die die Natur brechen und die
Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfden hngen sie
an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde knnen sie fallen.

Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei
unruhigem Wetter. In vielen Husern liegt die Bibel jeden Abend
aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf
Wind und Wetter, und die Finkenwrder Nachrichten mit der Cuxhavener
Meldung ber die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reit
eine der andern aus den Hnden. Jeder Ankmmling aber wird befragt:
Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo
fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewrts auf
der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen!

In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille,
bange Zeit.

Glcklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und
auflegen kann: das knnen und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten
sind schon nicht mehr danach, da man mit dem Sommerfang auskme: es mu
auch Winters gefischt und verdient werden.

Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Strmen
entgegenfahren.

                   *       *       *       *       *

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfnfzig Seemeilen hinter
Helgoland auf der Hhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwrme
haben die Fische die seichten Ksten verlassen und sind nach der Mitte
der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wrmer und der
Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der mu
Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der
weiten See anvertrauen. Die Schollen mssen aus den Strmen herausgeholt
werden.

Es sind nur die grten Kutter und die strksten Ewer, die diesen
Winterfang betreiben knnen: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven
und warten auf den Hering.

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.

Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und
fr sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den
Englndern und Hollndern und lt seine deutsche Flagge im Winde wehen.
Es verschlgt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, da er
reffen mu, oder wenn der Wind es so gut meint, da er das Netz
einhieven und treiben lassen mu: gefischt wird doch wieder, und wer die
Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Frhlichkeit von
Klaus Mewes erfllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine
Klaus Strtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.

Im Sden segeln zwei schwere Finkenwrder Austernkutter, als wenn sie
binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise
haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend
kreuzt nur noch ein hollndischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne
Mitrauen und geht geruhig zu Koje.

In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie
verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden,
denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu
Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mck tut dasselbe,
denn das Wetterglas ist schon fters gefallen, und auf Kap Horn, den
Altbefahrenen, knnen sie sich verlassen wie auf den Deich bei
springender Tide.

Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und
er mu befrchten, da der jagende Ewer die Kurrleine abreie. Klaus
Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, da sie einziehen.
In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann
schickt er die Leute zu Koje und bernimmt selbst die Wache. Im Sturm
gehrt das Ruder ihm, dem Schiffer!

                   *       *       *       *       *

Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so da
die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine
Haverei, so viel Wasser er auch berbekam und so stark der Ewer auch
stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte
etwa in Strke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort.

Da mit einem Male legte er sich gnzlich -- ganz still wurde die Luft.
Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und
donnernden Schoten dmpelte der Ewer in der hohen Dnung.

Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie
machten sich klar zum Sturm, der kommen mute, denn das Wetterglas fiel
rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde
ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht ber Bord
gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden
geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann
steckten sie das zweite Reff in die Segel -- und dann kam der Sturm
wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es
trommelte und pfiff im Sdwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum
Strmen lrmte, der weie Geifer flo aus dem Maul des Untieres, das
brllend auf sie zukam und sich wtend auf sie warf, da die Masten sich
bogen und Hein Mck laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn
der Ewer dem ersten, grlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er
umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und
ri ihn auf. Wie brauste es in den Lften, wie erhob sich die See, wie
tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem
Achtersteven so hoch, da es aussah, als berschlge er sich, und erhob
er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das trnenberstrmte Gesicht
eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klsenaugen und ber die
Backen. Wenn nur die Masten nicht ber Bord gingen, wenn nur die Luken
nicht zerschlagen wurden!

Sdweststurm --

Noch vor Mittag muten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn
der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an
Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er
nicht los lie. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn
einige starke Taue kreuz und quer ber Deck, von Wanten zu Wanten und
von der Winsch nach der Besan, damit sie berall einen Halt fnden, wenn
sie stolpern sollten.

Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er
trstete sich, da es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gbe,
und lie sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der
unbekmmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Strme erlebt und
berstanden.

Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen
jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es
auch mit dem gerefften Grosegel nicht mehr tun: sie muten es wegnehmen
und dafr den kleinen Klver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber
den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen ber den Ewer brachen und
alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er
nicht ber Bord sple, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an
Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im
Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so
schwer auch die Wogen ber den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er
des Sturmes und wnschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen
knne, was Klsen heie. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog,
verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu
besinnen, sprang er die Treppe hinunter, ri das Segel aus der
Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige
Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jhlings hereinbrach, eine
sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwlf
Windstrken sein schweibedecktes, mit weitgeffneten Nstern und
fliegender Mhne einherbrausendes Ro, die Nordsee, und selbst die
Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie
nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, muten die Segel
gnzlich abgeschlagen werden.

Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie
machten die Sturmanker zurecht. Backbords schkelten sie einen unklaren
Anker auf dreiig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden
Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf
fnfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am
Winde halten und verhten, da er dwars schlge und von den Seen
kopfheister geworfen wrde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am
Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.

So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich
her wie der Jger das Wild, das er lahm geschossen hat. Die ganze Nacht
trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnt und ermattet, aber
in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends
war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die
Strahlen des Elmsfeuers, das in Bscheln auf den Toppen der Masten und
an den Blcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es
verlschte.

Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an
Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine
schwere Sturzsee ber, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und
verheerend ber das Deck brandete und schumte. Die Fischer fhlten sich
emporgehoben und verloren den Grund unter den Fen, sie muten
schwimmen und splten hin und her, da sie glaubten, der Ewer sei schon
in die Tiefe gedrckt. Es war nichts mehr zu machen!

Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet -- da schrie er
gellend auf, denn eine schwere, kreiende, ungeheure See hing wie ein
Berg, wie ein Eisberg steil ber ihm und senkte sich ehern. Holt jo
fast, holt jo fast! rief er schrill, aber der Lrm des Wassers und des
Windes drngte ihm die Worte in den Mund zurck und erstickte sie. Dann
schleuderte die See ihn wie Germpel zur Seite und warf ihn gegen das
Nachthaus, da ihm Hren und Sehen vergehen wollte.

Als der Ewer die Sturzsee berstanden hatte und sich wieder mit den
kleinern Dwarslufern abri, hing Kap Horn mit zerrissenem lzeug und
blutendem Gesicht in Lee an den Wanten, von Hein Mck war aber nichts
mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck verschwunden:
zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. Sie suchten die See mit den
Augen ab und warfen den Rettungsring ber Bord, aber obgleich es schon
einigermaen hell geworden war, konnten sie doch weder Hein Mck, noch
das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der Junge war weg
...

Dat duert blo en Ogenblick, denn ist ut, sagte Kap Horn trstend, der
nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt
hatte.

Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch ber die See und
suchte seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter
angeweint kam und ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen htte?

                   *       *       *       *       *

Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr, rief Klaus, aber Kap
Horn schttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen
sollte -- und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen
Kajte ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit
war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren.

Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte,
sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See,
wie ein Lwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt
er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte
Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach, er
lotete gewissenhaft und tat alles, was sich noch tun lie bei solcher
Gelegenheit. Er dachte an Hein Mck und dessen arme Mutter, an
Strtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.

Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit
zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu
tun. Dennoch htte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die
Notflagge gezeigt htte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von
einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott schall mi
bewohren, dachte er und lie John Bull stiemen, der dann auch wieder aus
den Augen kam.

Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nrdlich genug, um von Jtland
freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Kste zu tun -- und
die war noch weit weg.

Ik gluf, wi kommt dorch, sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der
Schiffer ihn an. Wat schullen wi ne drkommen! antwortete er, wi weut
doch ne blieben!

Und er ging in die Kajte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach
mute Kap Horn hinunter, damit er nicht flau wrde.

Am spten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwcher
gewesen war, zum Orkan! Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr
unter als ber dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dnung ber
Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe
aufgerttelt hatte und die mit Sand geschwngert und mit Muscheln und
Steinen beladen war, scho herauf, richtete sich urgewaltig auf und lief
dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. Bleischwer strzte sie
sich auf das Achterdeck und drckte es nieder, da der Steven steil aus
dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit
ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaen auf das Wasser,
da er nicht wieder aufstehen konnte.

Kap Horn kam nicht wieder an die Oberflche, er fhlte, da er den einen
Arm nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den
Kampf und das Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines
Gottes Hnde: er htte noch mit seinem Schiffer fischen und segeln
knnen, htte bei Hochzeiten am Deich auf seiner Harmonika spielen und
den kleinen Klaus Strtebeker mit zu einem rechten Fischermann machen
knnen, aber wenn es sein mute, ging es wohl auch ohne ihn. Er hrte
nicht mehr das Sausen des Wassers: eine groe, tiefe Stille legte sich
um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...

Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die
ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie seinen Knecht. So tauchte er wieder
auf und versuchte, zu schwimmen. Kap Horn, neem bst du? schrie er in
den Sturm hinein und rang schwer mit der Dnung, die ihn furchtbar hin
und her warf. Bestndig liefen ihm die Seen ber den Kopf, so da er
viel bitteres Wasser schlucken mute.

Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal
aufrichteten und dann untertauchten, da kein Topp und kein Flgel mehr
zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich
der Sturm mit unwirscher Hand ber die Stelle hin und machte sie wieder
so kraus, wie die ganze See war.

Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein
Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dnung von Skagen: nirgends
war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett
des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er
konnte nichts sehen.

Geef di, geef di, Klaus Mees! brllte die See, aber er gab sich nicht,
mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben
und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden,
den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen ber den Ewer hergefallen
waren, so wrden sie am Deich ber ihn herfallen und alles zerstren
wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schne Furchtlosigkeit, die
Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude
am Sturm: alles wrden sie ermorden wollen! Ob Strtebeker schon stark
genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen
Hunden erlag, ob er den Sommer auf See verga und sich zu einem
Schneider oder Schuster machen lie! Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!
rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und
blhend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie
hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame,
ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wute, da er oft hart mit
ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen
abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -- aber Reue fhlte
er nicht. Sie wrde weinen, aber die Ruhe wrde in ihr Herz kommen und
sie wrde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen,
wie ihn die andern Witfrauen aufmachen muten, um sich zu ernhren,
brauchte sie nicht.

Klaus Mewes fhlte, da seine Arme ermatteten und da er es nicht mehr
lange machen konnte. Noch einmal lie er sich von einer Wogenriesin
emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers ber
die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es pate
nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und
mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!

Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem
Schicksal trotzig vor die Fe, wie ein Junge. Gro und kniglich, wie
er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der wei, da er zu
seines Gottes Freude gelebt hat und da er zu den Helden kommen wird.
Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen
glnzenden, neuen Kutter mit leuchtenden, weien Segeln und bunten
Krnzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder
stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Strtebeker ... grend
winkte er mit der Hand ... fahr glcklich, Junge, fahr glcklich, sieh
zu, da du dein frhliches Herz behltst, fahr glcklich! Guten Wind und
mooi Fang, mien Jung! ...

Dann ging die gewaltige Dnung des Skagerraks ber ihn hinweg. -- -- --
--

                   *       *       *       *       *

Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzhlt, wie es an
demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen htte, bei dem er gerade
zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der
unsichtbare Hnde wie in hchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu,
dann fragte er erschttert: Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock
di woll tweireten? und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das
aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der
Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine
breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und lzeug, den
Sdwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der
gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie
nicht voll Wasser schlgen, sie kmpften sich nach den Ewern und Kuttern
hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus,
damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandscke herbei
und verstopften die Lcher im Deich, damit das Land keine Haverei htte.
Is Klaus Mees bihus? fragte der Segelmacher. Ne, de is buten,
erwiderte Jan Lanker, der lustige. Denn weet ik genog, sagte Thees
nickend und ging langsam nach seinem Boden zurck. Als er das Segel
wieder bers Knie legte, lag es ganz still -- das Zerren hatte
aufgehrt. Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus? fragte er leise und
wollte weiternhen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten
sich, als wenn er etwas she, dann stand er auf, rollte das Segel
schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Klpers
Besan.

                   *       *       *       *       *

Gesa stand in der Kche hinter der Waschbalje und rubbelte Strtebekers
Kleibxen, die voll Schlick und Schmeer saen und gar nicht rein zu
kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange
auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wute
nicht, ob Klaus einen Hafen htte, oder ob er drauen sei. Wie wehte es!

Pltzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jh um, denn an der Tr
hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehrt. Stand der Hund, der
Seemann, drauen und begehrte Einla, war er vorausgelaufen und kam
Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die
Hnde ab, um die Tr zu ffnen, da stand ihr das Herz still und ihre
Knie bebten, denn die Tr war von selbst aufgegangen und auf der
Schwelle stand ihr Mann, als wre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht
war totenwei, sein Haar war wirr und seine Augen waren mde und
glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie
ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie
vermochte nicht, die Fe voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen,
ob etwas passiert wre, ob er Haverei gehabt htte, aber ihre Zunge war
gelhmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.

Gesa, sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie
Gesa laut auf und sank zu Boden.

                   *       *       *       *       *

Strtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich
zugange, mit einem groen Knppel bewaffnet, und schlug die Ratten und
Muse und Maulwrfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den
niedrigen Katendeich berflutete und das weite Land des Nebauern
berschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland sa und im
Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas fr
Strtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und
befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wr wat!

Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich
mit dem Stubben, auf den sie sich geflchtet hatte, zu Wasser mute, da
rief es mit einem Male hinter ihm: Hh, Strtebeker! und als er sich
schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken.
Hdjihh, Vadder, rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte,
dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts
mehr an: sein Vater war gekommen!

Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte -- nun war
er weg? Strtebeker lachte und glaubte, da er sich versteckt htte, wie
er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im
Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbschen, aber er konnte ihn nicht
wieder ausfindig machen. Vadder, neem bst du? rief er, aber er bekam
keine Antwort. Da nahm er an, er wre schon nach Hause gegangen, und
lief in Sprngen nach dem Ne. Er guckte ber das Wasser -- der Ewer war
nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St.
Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit
der Eisenbahn bergereist sein.

Mudder, is Vadder ne hier? rief er schon auf der Diele und strmte
suchend in die Kche, berholte hastig die Schlafkammer und suchte die
Dn ab.

Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen, klagte
seine Mutter und sah trnenberstrmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch
auf, in dem sie gelesen hatte.

Eben wr he annen Westerdiek, lachte er und stieg auf den Stuhl, um
aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. Ik will em woll gewohr
warrn, den Versteekspeeler den!

Da wurde sie aufmerksam. Keen wr annen Westerdiek? fragte sie tonlos.

Vadder! rief Strtebeker, he stnn boben uppen Diek un lach un wink.
As ik to rupleep, wr he batz weg.

Da zog sie ihn jh an sich, da er sich nicht wehren konnte, und
jammerte: Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien
Jung!

Er schttelte den Kopf. Dat is ne wohr, Mudder, sagte er bestimmt,
dat hest du drumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he
slben to mi seggt. Vadder kummt jmmer wedder!

Sie weinte nur noch heftiger.

Stopp, ik will em woll finnen, rief er und lief wieder in den Wind
hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewi auf dem
Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hrte nicht
darauf.

                   *       *       *       *       *

Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fnf stand sie: das war die
Todesstunde von Klaus Mewes.

Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoen.
Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.

                   *       *       *       *       *

Zufall? Gaukelei der Sinne?

Alle Seebevlkerung wei, da die Fahrensleute in der Stunde, in der sie
auf See ertrinken, mchtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder
zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen,
die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in
Lebensgestalt zu erscheinen.

                   *       *       *       *       *

H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heit von
Cuxhaven, bergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und
gebrochenem Gromast hinter der Alten Liebe lag, und erzhlte, da er
ein solches Wetter noch nicht erlebt htte, auf See wenigstens noch
nicht, es wre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der
Dmmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit
bleichen Backen und verweinten, gerteten Augen, und ihn nach ihrem Mann
fragte, sprach er anders; da war es drauen gar nicht so schlimm
gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes.
Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm
gehrt, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewi mit einem Reff
im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu fllen und dann gleich eine
gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der
kam wieder, so gewi wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute
noch, dann morgen oder bermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte,
hatte Klaus mit seinem viel greren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da
konnte sie ganz geruhig sein. So trstete der Seefischer sie in seiner
Unbeholfenheit, bis sie kopfschttelnd hinausging, denn sie merkte, da
er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster
auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: Inne Nurd
schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween snd -- un ik gluf,
Klaus Mees is inne Nurd wesen.

                   *       *       *       *       *

Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der
Wasserkante, denn er hat viel Unglck und Haverei gebracht.

Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der
Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken,
Huser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bume waren
entwurzelt. Auf Scharhrn war eine groe englische Bark gestrandet und
mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein
Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast
einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den
Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.

Von Finkenwrder wurden noch sieben vermit, fnf Kutter und zwei Ewer,
darunter Klaus Mewes. Tag fr Tag lauerten sie am Deich auf sie und
sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mute
zurcktreten, bis sie Gewiheit ber das Schicksal der sieben Fahrzeuge,
der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten,
das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie
kein zweiter, mit dem groen, seetchtigen Ewer unter den Fen und
guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mute
ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Strme bestanden und sich
immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den
geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten
Schiffern und den wenig befahrenen, butenlndischen Leuten: die mochten
ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.

Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter
kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei
war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben,
weder auf der Weser noch auf der Elbe.

Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und
Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel
herab Frbitte fr ihn und die beiden Leute und er betete stark und
ergreifend, da es wie ein groes Weinen durch die Kirche ging, denn der
Untergang dieses groen, frhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer
mag noch Fischer sein, wenn solche Mnner bleiben, dachte er.

Dann mute die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen.
Sie muten es endlich glauben, da sie seine Flagge nicht mehr flattern
sehen wrden, da er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich
entlangkommen konnte, da Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten
aufspielte und da Hein Mck nicht mehr mit den Mdchen tanzte. Was fr
ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut
und frhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort
gegnnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da
hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten
Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend
gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei
ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein
Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie
so manche es waren.

Auf dem Ne war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den
Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhngt und vor der
verschlossenen Tr, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten
standen der Hahn und die Hhner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im
Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die
Klaus Mewes mit seinem Lachen erfllt hatte. Verhngt waren der Spiegel
und das groe Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst
durch die stillen, totenstillen Rume. Meistens sa sie in der
dmmerigen Kche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tr
schlo sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen,
die Tag fr Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trsten (denn nun
Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie fr eine
Finkenwrderin), muten gewhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren
Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich lie sie sich selten sehen,
denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen,
konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne da ihr die Augen
bergingen.

                   *       *       *       *       *

Und Klaus Strtebeker? Der sa wohl bei ihr, in der dunkeln Kche, und
weinte mit?

Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, da sein
Vater untergegangen war, da der Ewer nicht wiederkommen konnte, da er
Kap Horn und Hein Mck und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater
war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewi
kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas lnger, weil sie so
viel vor Wind hinter Wangeroog liegen muten, aber wieder kam er ganz
gewi, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des
Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschtterlich war sein
Glaube.

Strtebeker, dien Vadder is bleben, sagten die andern Jungen zu ihm,
aber er schttelte geruhig den Kopf und antwortete: Wat weet ji dorvan
af? -- Doch, Vadder hett dat seggt! -- Denn segg dien Vadder man,
dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt
wedder, sagte Strtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter
trstete er jeden Morgen und jeden Abend: Schree doch ne, Mudder, gluf
doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder, aber er
erreichte damit nur, da sie noch heftiger weinte.

Widerwillig trug er schwarze Strmpfe und ein dunkles Halstuch: sein
Vater wrde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mimutig.

Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus,
bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen
im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater.
Groe Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den
Fusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier
ebensoviel Recht als ihr, und kmmerte sich nicht darum. Die Dnung warf
den Kahn wie eine Nuschale auf und ab: Strtebeker ging nicht vom
Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach
seinem Vater.

Hest Vadder ne sehn, Jannis?

Hh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?

Aber immer bekam er ein Kopfschtteln und ein Nein und den guten Rat,
nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn
alle. Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien ltjen Jungen, sagten die
Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind
und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dmpelte und
trieb Strtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr
blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer
wieder Schiffe auftauchten. Einmal mute sein Vater doch gewi dabei
sein, einmal mute er ihn doch hergucken knnen! So viele Schiffe!

Is keen Breef van Vadder kommen, fragte er abends, denn sie konnten ja
auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepat htte.

Junge, glufst du noch jmmer, wat Vadder wedderkummt? fragte Gesa
bekmmert.

Ganz gewi gluf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!

Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau
ein grner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte,
er wre es, und eine groe Freude kam ber ihn, da ihm die blanken
Trnen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er
ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur
schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu
erkennen war, wollte er sich barfu ausziehen, damit sein Vater die
alten schwarzen Strmpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er
die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte,
und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann
wollte er lngseit wriggen und berklettern und seinem Vater steuern
helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mck ein bichen rgern,
wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er
immer getan hatte. Ach -- er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken
schon lngst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er
einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.

                   *       *       *       *       *

Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen drauen
auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden.
Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den
Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom
oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren,
sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater knne nicht wiederkommen,
nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.

Aber Strtebeker hrte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der
nchsten Tide fuhr er wieder elbabwrts und suchte seinen Vater. Oft
hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen
ihn bis auf die Haut durchnt hatte, aber er wriggte immer wieder,
immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen.
Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab -- und er
wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.

Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im
Gras, denn er hatte sich der Fischerei gnzlich begeben. Klu, die alte
Krhe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie
im Garten ein und stellte den Kfig in die Ecke. Die Kaninchen
verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum
bekmmerte: gleichgltig lie er es geschehen, denn es war ihm einerlei
geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mute sein Vater wieder
da sein, erst mute der groe Ewer wieder ber den Deich schauen! Dann
kam auch all das andre wieder an die Reihe.

In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -- lief er nach
seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.

Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst
nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wre am Westerdeich
zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu frh oder zu spt
oder berhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine
rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in
tiefen, schweren Trumen.

Bis Strtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig
geworden war und er sich auf der Elbe, zwischen Kranz und Wittenbergen,
verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den
Westerdeich ab und lief ngstlich ber die Weiden. Als sie ihn nirgends
finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hrte sie von den
Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, da er stndig mit dem
Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie
erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, da sie sich in all den
Tagen und Wochen nicht um ihn gekmmert hatte. Wenn er nun ertrunken
war!

Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht
mehr aus den Augen lassen!

Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fnfen
auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, da sie einen Kompa
mitnehmen muten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und
ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen ber das
stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hren, noch zu sehen. Sie
wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este
und brachte den halberstarrten Strtebeker gegen Mitternacht nach dem
Ne. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er sprang
aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein
nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden
mute!

Morgen kummt Vadder gewi, trstete er seine Mutter, als er sich das
klamme Zeug auszog, sie aber wute vor Schmerz und Freude und innerster
Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen
sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und
kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, da ihm gar nichts fehle.

Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak,
wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken
schuld daran, da sie nicht einschlafen konnte. Sie ri sich schwer ab,
dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr
als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen
vom Wasser abzubringen, zu verhten, da er mit seinem Kahn ertrnke, zu
verhindern, da er ein Seefischer wrde und zu Schaden und frhem Tode
kme, wie sein armer Vater, dafr zu sorgen, da er sein Brot in Frieden
und auf dem Trockenen verdienen und essen knnte und nicht auf der
wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses
Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes
vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu
machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen
Nachmittag von ihr gewollt: sie fhlte es und hrte es, was sie hatten
sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, da der
Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters,
la ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es
gewesen! Jo, Klaus, dat will ik, flsterte sie vor sich hin, du
schallst dien Rauh hebben! Starr richtete sie sich aus den Kissen auf
und gelobte es dem Toten und sich. Sie wute, da es schwer halten
wrde, da sie streng und hart sein mte, denn der Junge sa voll von
diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen,
aber ihr zhes, niederschsisches Blut bernahm es. Sie wollte sich um
ihn bekmmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn
dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu
bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt
abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung
war, mute noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille
dahinter stand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie
konnte es nicht ...

Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um
die See. Gleich am andern Morgen bekam Strtebeker eine groe
Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasa und nichts mehr sagte. Als seine
Mutter dann aber weiterging und davon sprach, da sein Vater nicht
wiederkommen konnte, da er auf dem Grunde der See lag, da richtete er
sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg,
sie wten alle nichts davon! Sein Vater kme wieder: dabei blieb er und
davon ging er nicht ab. Der Ewer knne nicht umkippen und sein Vater
knne nicht ertrinken: er glaubte es nicht und wenn sie es auch alle
zusammen sagten!

Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu
schippern, aber als er nachher auf dem Deich stand und ber das Wasser
blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein
Vater mte gewi kommen und er mte ihm entgegenfahren. Und als seine
Mutter hinterm Hause war und die Schweine ftterte, da machte er seinen
Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den
Ewer mitbrchte, wrde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten:
mit dem Gedanken trstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte.

Auf der Rckfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen
und kam deshalb erst spt am Abend zurck.

Klaus, worm bst du nu wedder wegschippert? fragte Gesa erregt,
wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?

Strtebeker pustete den Kaffee, der zu hei war, und bi von seinem
Brotknu ab, ohne etwas zu erwidern.

Junge, du Egenbuck! Wat bst du frn Jungen! Dien Mudder hett di woll
gornix mihr to seggen? fragte sie bebend.

Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb, erwiderte er
geruhig und setzte abweisend hinzu: Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!

Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn berschrie alles andre
in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und lie sich schlagen,
weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest bi er die
Zhne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.

Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
zurck, soda er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf
flchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie
wnschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch kme, der grne Ewer!
Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater
kam nicht, und er mute schlielich doch zurckwriggen. Er hatte den
ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war
sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte
seine Mutter an, die schon bei der Lampe sa, als wenn er sagen wollte:
nu hau mi man wedder!

                   *       *       *       *       *

Sie lie ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
fest. Streng achtete sie darauf, da ihn niemand mehr Strtebeker
nannte, da er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach
dem alten Schulmeister Mhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten
wrde, den Jungen Strtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur
das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst
recht Strtebeker.

Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen
hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stie mit den Fen
gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbumen steckte, so da es
regelmig knarrte. Sie trat nher, und als sie sein glckliches Gesicht
sah, fragte sie ihn weich: Wat schall dat denn, Klaus? Er schttelte
erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestrt werden wollte, dann aber
besann er sich und sagte leise: Mok de Ogen ok mol to, Mudder! -- Wat
schall dat denn, Junge? -- Moks doch mol to, Mudder, och man to! --
Ik hebbs jo all to, Klaus. -- Ganz fast? -- Jo, ganz fast! --

Denn snd wi up See, Mudder, sagte er vertrumt, kannst hrn, wat dat
boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt,
Mudder! ... Twee Stnnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek mt wi
intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de
Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpa liggen
sehn? Dor slppt he jmmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap
Horn! Pa up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up --
dat hrt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mck
schillt Kantffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken
... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is
Hilchland! ...

So verlor Strtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzhlte immerzu.
Gesa sa auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125
trug, und hrte zu, whrend ihre Augen sich verdunkelten. Woneem is
Vadder denn? fragte sie zuletzt erschttert.

Vadder? rief er verwundert, Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur,
de hett jo de Wacht! Hr mol, wat he lachen kann!

Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurck, er aber sa noch lange
und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.

                   *       *       *       *       *

Manchmal wachte Gesa nachts auf und hrte ihn im Traum sprechen: immer
war er dann auf See bei seinem Vater.

Tagsber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und
Schlge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen.
Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn
wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen
aber immer wieder durch die Maschen! Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm
gewesen war, hatte sich zum Stahl gehrtet, und gewisser als zuvor
hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.

Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von
allen Seiten nach ihm schnappten, beschlo er, nach der See zu schippern
und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn
gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht
wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt
aufgegeben htte, so da Gesa neue Hoffnung schpfte, heimlich aber
rstete er sich fr die Flucht aus. Er suchte sich eine groe Kruke her
und fllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas zu trinken htte,
er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs Fische fangen
knnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt
unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen knnte. Als
er soweit fertig war, wartete er auf einen gnstigen Augenblick, und als
seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompa von
der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem
Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich
beim Bcker zwei groe Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann
wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war und
er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwrts, bis ber die Lhe
hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante
in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel
hinein, denn es war frstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als
Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis
Krautsand war er schon gekommen: da ereilte ihn sein Verhngnis; als es
Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf
seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er sprang ins Boot und
verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Strtebeker bat und bi, aber
es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und
brachte ihn den andern Tag, als er den Bnn voll hatte, nach
Finkenwrder zurck. Diesmal ging es nicht so gndig ab, denn der Jger
kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder
ein Stck Vieh vor sich htte. Strtebeker schrie doch einmal auf, dann
aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wr,
de wull jo god!

Den Tag darauf schlo Gesa ihn ein und lie den Kahn nach dem andern
Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie htte ihn einem Fischer
verkauft, der ihn mit nach See genommen htte. Wat kannst du blo den
Kohn verkupen? rief er heftig, de hrt mi to un dor hett nms wat
ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen! Als er sie dann aber nach
dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so da ihm die Sache
muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und sphte solange, bis
er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los
und brachte es nach dem Ne zurck.

Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mute ja
wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.

War da niemand, den diese Treue rhrte? Wohl nicht, denn die Frauen
bestrkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn, wo sie
seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen
Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!

Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein
Wasser und kein Boot gab, und hoffte, da er dort auf der Heide seinen
Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen wrde. Der
alte Heidjer und die Gromutter freuten sich, den Enkel endlich einmal
bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu
passen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Strtebeker lie
sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er
ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkrbe nach, er lernte
Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er
kletterte auf die Berge und guckte weit ber das Alte Land: dann aber
fiel ihm pltzlich ein, da sein Vater aufgekommen sei und auf dem Ne
mit dem Ewer lge und auf ihn warte; da sprang er kopflngs von dem
Schimmel herab, auf dem er sa, und lief in Sprngen weg, ohne Mtze und
alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fhre an der Sderelbe,
lie sich von Paul Mller bersetzen, raste den Westerdeich entlang und
stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er
wieder nach der Geest zurcklaufen, dann aber getraute er sich doch nach
seiner Mutter Haus.

Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach
der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie
schlug ihn, da er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit
seinem Wagen angefahren kam, erbost ber die Flucht und den Trotz des
Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder
mitnehmen, aber Gesa sagte, das hlfe doch nichts: sie wolle ihn hier
behalten: er solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den Kahn
nun wirklich verkaufen.

Schweigend lie Strtebeker sich nach dem Keller bringen. Da sa er im
Gefngnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch
die Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jger, der gerade
unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und
sagte grimmig: Wi weut di woll mrr kriegen, du Dickkupp!

Als er weg war, setzte der Junge sich mde und hungrig auf eine
Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wute sich nicht mehr zu
helfen.

Hilp mi doch, Vadder! schluchzte er, hilp mi doch! Kumm doch wedder!

Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen
beizustehen, ihn aus der Haft zu erlsen und ihn wieder mit an Bord, auf
den Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn trstete ihn und kein
Seemann kam, ihm die Hnde zu lecken.

Hilp mi doch, Vadder! ......




                           Letzter Stremel.


Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grnen Ewer
geblieben ist.

Wir kurren in der Gegenwart.

                   *       *       *       *       *

Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Bltter von
den Bumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat.

Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat,
sondern ihren Namen von der Olive bekommen hat, einem haverierten und
abgeschlachteten Schiff, das zuerst den Anleger bildete) -- liegt die
Austernflotte und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die neun
Kutter, die Dohrmann, der groe Austernhndler, fr den Winterfang
angenommen hat.

Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben
mit den hamburgischen Trmen, die am Finkenwrder Deich die Todesflagge
genannt wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die
allergefhrlichste Fischerei, weil sie in die strmischen Monate fllt
und weil die Austernbnke so weit drauen liegen, inmitten der Nordsee,
meilenweit hinter Helgoland. Da ist keine Reede und kein Hafen zu
erreichen, wenn das Wetterglas fllt: alle Strme mssen drauen
ausgeklst werden.

Nur die neuesten, grten und seetchtigsten Kutter knnen sich des
Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten
Seefischer, die jungen und starken, knnen diese Fischerei betreiben:
aber auch sie wrden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen
mten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer
geworden, seitdem die Fischdampfer gro geworden sind: Winter und Sommer
mu der Fischermann kurren, wenn er noch bestehen will: die
Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die
Strme hinein.

Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht
aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer.

Der erste der neun Kutter trgt den Steven am hchsten und ist der
strkste von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Grotopp,
bunte Bnder und grne Bltter -- so neu ist er.

Und heien seine Kameraden Prsident Herwig, Landrat Temar, Farewell,
Senator von Melle, Sllberg, Fairplay und Providentia, so heit er Klaus
Strtebeker.

In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:

                     +----------------------+
                     |  Klaus Strtebeker,  |
                     |    Finkenwrder.     |
                     +----------------------+

Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm
eine deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein
Vater und zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann mu ihn so fahren
lassen.

Der schne, schmucke Kutter gehrt dem jungen Klaus Mewes! Dem jungen
Klaus Mewes!

Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehrt er, dem kleinen Klaus
Strtebeker, aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen
Zimmermann und was nicht alles machen wollten und aus dem doch nur eins
werden konnte, in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum
Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und ist ein Fahrensmann
geworden wie sein Vater.

Der Strtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist
er bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoen und hat ihn dabei
eingebt. Nun liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will
Austern fischen.

Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter
den Fen gehabt haben, vor dem groen, herrlichen Fischerkutter stehen,
betrachten die glnzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug,
und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den
Schiffer, dem er gehrt und der mit ihm nach See gehen kann.

                   *       *       *       *       *

Die Kajte ist gro und hoch, denn der junge Klaus Mewes fhrt zu vieren
und ist hochgewachsen.

Drei Sprche zieren sie.

Unter der Schifferkoje leuchtet der schne goldene Spruch aus dem Ewer:

   Hilpt mi, Snn un Wind,
   hilpt mi bit Fischen!
   Ik heet Klaus Mees
   un bn van Finkwarder.

Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn
-- und die letzte Koje schmckt das trotzige Wort:

   Finkwarder blifft Finkwarder
   un geiht ne van de See!

                   *       *       *       *       *

Da kommt der junge Klaus Mewes.

Er kommt vom Kriegshafen herber, von den Torpedobooten her. Er hat
seinen Leutnant besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch
jetzt viel voneinander.

Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht
bange, hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefgt:
Mehr als auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See
an! England ist Rom und wir sind Karthago -- goden Wind, Klaus Mewes!

Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der
ausgesehen hat: es ist, als wre der andre Klaus Mewes wiedergekommen.

Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und hher hat auch er den
Kopf nicht getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem
Islnder und auf seinen Seestiefeln.

Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann.
Nicht als finsterer Fliegender Hollnder geht er einher: viel hnlicher
ist er dem blonden Konradin, der tapfer lachend ber die Alpen zog, nur
von seinem Schwert begleitet, und sich sein Knigreich erobern wollte.

Da er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgrovater, Grovater und
Vater sind geblieben, seine Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die
schweren Winterstrme vor sich -- und dennoch lacht er, wie die Sonne,
wenn sie scheint.

An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, auf See aber ein
verwegener Draufgnger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber
ein Segel in die See gehen lt, als da er ein Reff einsteckt. Die
Furcht, die schon der Junge nicht kannte, hat auch in der Seele des
Mannes keinen Raum.

Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht die schnellsten
und besten Reisen. Das wei der ganze Deich. Und wenn ein Junggast bei
ihm als Koch gefahren hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht,
denn die Fahrzeit bei dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird
doppelt gezhlt.

Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein lachender,
glcklicher Vater, den er in Gedanken immer bei sich stehen hat, wenn er
steuert. Bei ihm an Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spren, die
die stolzen Flotten von Finkenwrder und Blankenese bis auf neunzig
Schiffe zerschlagen und zertrmmert hat: er hat Leute genug: wie der
Magnet das Eisen, so zieht er das tchtige Jungvolk, den Nachwuchs von
Finkenwrder, der noch Lust zur Seefischerei hat, mit Gewalt an sich.

Er brauchte nicht whrend des Winters zu fischen, denn er hat im Sommer
Geld genug verdient, da er geruhig auflegen knnte: aber er geht
dennoch auf die Austern los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb,
den Zug ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er
mu berall der erste sein! Er kann und will sich nicht sagen lassen,
da er hinter dem Ofen gesessen htte, whrend andre in den Austern
gewesen seien!

Er wei, da sie auf ihn sehen, wie auf ihren Fhrer, und er ist stolz
darauf und freut sich dessen.

Als der Kutter auf der Helling sa, machte der junge Klaus Mewes einige
Reisen als Fischdampferkapitn, um sein groes Steuermannspatent auch
einmal auszunutzen: er fischte im Angesichte von Island im Schein der
Mitternachtssonne und an der Kste von Marokko in der Glut des Samums,
er sah sich Aberdeen und Lissabon an: als aber sein Kutter zu Wasser
gelassen war, da bedankte er sich selbst lachend bei seinem Reeder und
zog es vor, sein eigenes Schiff zu steuern und nichts ber sich zu
haben, als seine Segel und seinen Herrgott!

Er hat sein schnes Schiff erreicht, der junge Klaus Mewes. Er springt
an Bord und ruft die Leute auf.

Sie wollen fahren!

Klappernd steigen die weien, leuchtenden Segel, die noch keine Lohe
geschmeckt haben, an den Masten auf, die Gaffeln knarren und die Schoten
schlagen wie wilde Geister, denn es ist noch stur.

Der junge Klaus Mewes zieht sein lzeug an und setzt den Sdwester auf,
dann fat er das Ruder an und lt die Stroppen losmachen. Langsam
schwoit der Kutter -- die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich
allmhlich in Bewegung.

Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schiet
mchtig davon, um Austern zu kurren. Gewaltig taucht es in die schwere
Dnung hinein.

Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes
und seiner Fahrt.

                   *       *       *       *       *

Seefahrt ist not!

Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes!

                   *       *       *       *       *

                                 Ende




    Verklarung einiger Schiffsausdrcke und plattdeutscher Wrter.


ans = sonst (entstanden aus anders)

back brassen = einen Teil der Rahsegel so stellen, da der Wind von vorn
hineinfllt, wodurch das Schiff aus der Fahrt kommt; in bertragenem
Sinne = stoppen

ballern = poltern, werfen, da es knallt

bannig = sehr

barg = viel

batz = pltzlich

Black = Tinte

blangen = neben

Blsch = Eisscholle (Mehrzahl Blschen)

Blutstropfen = Fuchsie

Boitel = Wicht, Kerlchen

Bnn = mittschiffs eingebauter, durch Lcher mit dem Wasser verbundener
Fischbehlter

Bunge = Reifenstellnetz in Trommelform

Buscherump = Oberhemd (entstanden aus Burschenrumpf)

Bt = Beute, Strandgut

Buttpedder = Buttentreter, Neckname der Elbfischer

Daak = Dunst, Nebel

Dachhaus = Strohdachhaus

diesig = dunstig, unsichtig

Dn = Stube

Draggen = vierzahniger Anker

Dreuchewer = Frachtewer, der keinen Bnn hat, also trocken ist

drok = dreist

Ducht = Bootsbank

dmpeln = schwanken, schaukeln

dwars = quer, gegenber

Dweel = leinenes Tischtuch

Dweil = gestielter Schiffsfeudel

elk = jeder, jedes

Euschfatt = Holzschaufel zum Wasserausgieen

Ewer = zwei- oder einmastiger Segler auf der Elbe (der Name bedeutet
Eber; vergl. Bollen = Bulle [Anleger], Buck = Bock [stumpfes Schiff])

Fall = Sand- oder Schlickriff, das sich durch den Fall der vom Wasser
mitgefhrten Bestandteile gebildet hat

fieren = herunterlassen

Flage = Schauer, B

Fleek = Flche

Flgel = Windfahne auf den Masten (eigentlich Flgel)

Gaffel = oberer Segelbaum (-Gabel)

Gatt = Hinterteil des Schiffes

gau = schnell

Geutjen = Kinder (eigentlich Gnschen)

Giekbaum = Schlagbaum, unterer Segelbaum

gnostern = knirschen

Grientje = schmieriges Lachen

gucheln = in sich hinein lachen

Heck = Hinterwand des Schiffes

heilen, ausheilen = ein Netz flicken

Helmholz = oberer Teil des Ruders (Steuers)

Hemdsmauen = Hemdsrmel

hieven = aufziehen

hild = eilig

Hdjihh = Ahoi

Huk = Ecke (hollnd. hoek)

jumpen = springen, aus dem Englischen

Jalk = Tjalk, kleines breitbugiges Frachtfahrzeug

Kambse = Kche, auch Schiffskajte

Kapp = Deckverschlu der Kajte

Kapuze = Wandbett mit Schiebetr

Kastetten = Staket

Kieker = Fernrohr

Kimmung = Horizont

klamstern = grbeln

Klitsch = leichte Mtze

Klr = Farbe, Couleur

klsen = scharf segeln, hart ankern, da das Wasser durch die Klsen
(Kettenlcher) kommt

Kluten = Erdstck

Knipptasche = Geldtasche, Portemonnaie

kodimmen = kondemnieren, ein Schiff abschlachten

Kolosen = Vorhnge, Rouleaus

krssen = ersticken

Kule = Vertiefung, Senkung, Wasserloch

Kurre = Schleppnetz

Kurrgut = Netzgarn

labsalben = die Masten und Stengen schmeeren

lavieren = kreuzen, hin und her segeln

Lee = die dem Winde abgekehrte Schiffsseite

leege Wall = gefhrliche Nhe von Land

Liek = Tau, das das Segel einfat

Liekedeeler = Gleichteiler, mittelalterliche Seeruber der Nordsee

Luv = die dem Winde zugekehrte Schiffsseite

Macker = Kamerad, Gefhrte

mall = krank, verrckt

meuten = aufhalten (inne Meut = entgegen)

mooi = gut, schn, angenehm

mrr = mrbe

Muck = schmale Henkeltasse (engl. mug)

Nachthaus = Kompahuschen

Ne = Nase, Westspitze von Finkenwrder

Nock = Ende der Rah

Nff = Nase

offermorgen = bermorgen

Patt = Pftze

Pek = Schlittenhaken

Plicht = kleine Koje

Poller = kurzer Deckspfahl

Posensteel = Gnsekiel, Federhalter

Priel = schmaler Wasserarm

Putt = Sumpf

Ptze = Schiffseimer, an einem Tau befestigt

Ramm = Hexenschu

raum ist der Wind, der von hinten kommt

Reepschlger = Seiler

reffen = die Segel durch Zusammenrollen verkleinern

Reff = der zusammengerollte Teil des Segels

Rickels = Zaun

Riemen = Ruderstange

rollen heit die Bewegung des Schiffes um seine Lngsachse

Ruder = Steuer

sacken = sinken

Schallen = Schlickvorland

Scharben = scharfschuppige Schollenart

schechten = ausschreiten

Scheger = Holzbrettchen, das beim Netzmachen die Maschen hlt

scheistern = schwanken

Schleef = Schlingel, eigentlich groer Lffel

schlen = splen, waschen

Schote = unteres Segeltau

Schtt = Hauszaun

schwoien = drehen (nur von Schiffen)

Setzbord = Reling, Bordwand

Sickberg = Eisberg

Siel = kleine Schleuse im Deich, aus hohlen Baumstmmen gemacht

slarpen = lssig, schlrfend gehen

sleupen = schleppen

Smutje = Schiffskoch

Spake = dicke Holzstange zum Bewegen des Spills (s. d.)

Spill = Ankerwinde

stampfen = die Bewegung des Schiffes um seine Querachse

Steert = Netzende, eigentlich Schwanz

Stegel = Weg vom Deich ins Land hinab

Streek = Strich, Zug

Stremel = Streifen, Stck

Stropp = dickes Tau

Stubben = Baumstumpf

stur = aufrecht (vom Mann), hart (vom Wetter)

Tamp = kleines Tau

Tamp legen = ein Schiff anbinden

Trn = Reihe, Tour, Zug, auch Schlinge

treunen = betteln

tro = stolz

Tunner = Zunder

Vogel Bunt = Vagabund

Wake = Wasserstelle im Eis

Warbel = Drehriegel

Wanten = Taue, die die Masten seitlich halten

Wart = Enterich

Wichel = Weide

Wiem = Hhnerstall

Winsch = Winde

Wisch = Wiese

ziepen = piepen (ein Fahrzeug ziept, wenn es ein wenig leckt).







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                                ------

                      Auszge aus Besprechungen:

   Fritz Lau's Menschen wissen von Mhe und Arbeit, von Sorgen und Not,
   aber sie wissen auch wieder von Gott und sie haben immer noch ein
   herzliches Lachen in der Brust. Und wenn er dann von Kindern
   spricht, oder von Tieren erzhlt, dann kann es ber uns kommen,
   da wir anhalten mssen, weil wir heilig Land vor uns sehen: so
   fein, so innig wird Fritz Lau dann. Um seiner Kinder und Tiere
   willen stelle ich ihn am hchsten. Er ist ein Meister der Stille,
   und die Stillen im Lande werden zu ihm kommen. Er macht uns die
   Augen auf und lt uns weit sehen: in die Kindheit, in unseren
   Alltag, in den Heben. Wahr und tief und lebendig ist alles, was
   er geschrieben hat: auch alle fr uns toten Dinge leben zwischen
   seinen Fingern. Fritz Lau's Bcher sind Bcher fr die Wasserkante.
   Bcher fr die Fahrt und das Leben. Sie sind fr uns geschrieben und
   sollten von uns gelesen werden.

                              Gorch Fock (Der Fischerbote -- Hamburg).

   Fritz Lau sieht die Welt mit Dichteraugen an und wird vieles gewahr,
   was andere, gewhnliche Leute nicht bemerken. Und was er sieht,
   das wei er lebendig zu schildern und zwar immer in den
   treffendsten, bezeichnendsten Ausdrcken. Es ist daher wie bei
   einem Maler ganz gleichgltig, was er darstellt. Unser Interesse
   wird immer gefesselt. Was er in seinen Bildern gibt, ist echte
   Poesie, und zwar echte plattdeutsche Poesie. Es gibt Bcher, und
   die bilden die Mehrzahl, die man, wenn man sie einmal gelesen
   hat, nicht wieder in die Hand nehmen mag. Zu diesen gehrt das
   Buch von Fritz Lau nicht. Man kann es immer wieder lesen und hat
   immer neuen Genu davon.

          Prof. Dr. Wisser-Oldenburg (Anz. fr das Frstentum Lbeck).

   Der Dichter wei den Leser in seinen Bann zu ziehen, lt ihn mit
   ihm sehen die gewaltigen Bilder der tosenden See wie die
   lachenden Fluren, das einfache Dorfleben abseits der Welt, wie
   die Tiefen in den Seelen der Meeresanwohner, die lichten und die
   dsteren Farben, -- immer verklrt von warmen, vollen
   Herzensregungen und von reiner Gte. Hinter seinen Gestalten steht
   der Dichter mit seherischen Augen, mit feinem Empfinden und
   vollendetem Knnen in der Formengebung: wahrhaft echte Poesie und
   Prosa. Die Erzhlungen Klas un Lena, De Regenbagen und Dat
   Polakengr, sowie die ergreifende Schilderung Up Scharhrn
   gehren zu dem Besten, was ich je in mundartlicher Dichtung und
   berhaupt gelesen habe.

                                                Deutsche Tageszeitung.




Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 7]:
   ... der in der sechziger Jahren whrend der quinoktien ...
   ... der in den sechziger Jahren whrend der quinoktien ...

   [S. 14]:
   ... Strmer und Liekedeeler war, ein Britte und Tunichtgut, ...
   ... Strmer und Liekedeeler war, ein Brite und Tunichtgut, ...

   [S. 43]:
   ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis treib nicht weg und ...
   ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und ...

   [S. 80]:
   ... hohe Tiede Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...
   ... hohe Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...

   [S. 106]:
   ... Strtebecker mute sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...
   ... Strtebeker mute sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...

   [S. 139]:
   ... Strtebeker barg dat Htfa und stellte die Bungen ...
   ... Strtebeker barg das Htfa und stellte die Bungen ...

   [S. 163]:
   ... Linie und dem Sargossameer bei Westindien, in dem ...
   ... Linie und dem Sargassomeer bei Westindien, in dem ...

   [S. 183]:
   ... sein, da diese mchtige Flotte, die gewaltigste der ...
   ... sein, das diese mchtige Flotte, die gewaltigste der ...

   [S. 231]:
   ... schalt die Glocke laut durch das Gewlbe und rief die ...
   ... schallte die Glocke laut durch das Gewlbe und rief die ...






End of the Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! ***

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