Project Gutenberg's Abaellino der groe Bandit, by Heinrich Zschokke

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Title: Abaellino der groe Bandit

Author: Heinrich Zschokke

Release Date: August 4, 2016 [EBook #52718]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROE BANDIT ***




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Dresden









                              Abaellino
                          der groe Bandit.


                                 von
                               J h d z.

                            F. P. Kybnitz.

                        Frankfurt und Leipzig,
                                 1794




                               Vorrede.


Troz dem, da man in unserm Decennio nur romantische Szenen der Vorwelt,
Rittergeschichten, Sagen der Vorzeit, Begebenheiten aus den Tagen des
Faustrechts lesen will, schreib ich doch, wenn ich denn einmal etwas zum
Lesen schreiben will, nichts davon. Ich habe den Grundsaz, der
Schriftsteller msse sich nie nach den Launen der Leser, sondern der
Leser nach den Launen des Dichters bequemen. All unsre Romanschreiber,
die dem Publikum mit Rittermrchen aufwarten, haben eine groe
Aehnlichkeit mit den Musikanten, die nach der Laune der Tnzer bald eine
Menuet leiern, bald einen Walzer geigen mssen.

Sobald ich nun einmahl den Einfall habe _meinen_ Lesern etwas zu
erzhlen; so ists mir gleichviel, _was_ ich ihnen erzhle, aber mehr
darauf denk' ich _wie_ ich ihnen erzhle. Es gilt mir gleichviel, ob ich
ihnen ein morgenlndisches oder abendlndisches Mrchen, eine Lge oder
Wahrheit vorschwazze, aber in allen diesen Plaudereien bemhe ich mich
die Natur, wie sie _ist_, oder sein _knnte_, darzustellen. Ich nehme
gewisse Karaktere und fhre sie durch eine Reihe von Situazionen, und
beobachte, wie sie sich in all diesen Verhltnissen ausnehmen. Darber
freu' ich mich selber.

Aber diese Karaktere, so genau ich sie auch immerhin zeichnen mag,
pflegen gewhnlich am Ende der Geschichte ganz anders dazustehn, als im
Anfang. Nun mu man darber nicht bse werden und denken: die Karaktere
werden sich untreu! nein. Ein andres ists mit der Schilderung des
Menschen im Roman, und ein andres in dem _Drama_.

Das Drama umfat, wenn es regelmig ist, nur einen kurzen Zeitraum. In
einem Tage oder drei Stunden verwandeln sich die Menschen nicht so
leicht -- hier kann sich ihr Karakter von der ersten bis zur lezten
Szene gleich bleiben; hier veranlassen die Karaktere gewisse Ereignisse,
Handlungen, und groe Begebenheiten.

Aber im Roman veranlassen und bilden gewisse Ereignisse und
Begebenheiten den Karakter des Menschen, wiewohl auch dieser Einflu auf
jene hat; das menschliche Gemth wenn es durch eine Reihe von
Begebenheiten gefhrt wird, nimmt von der Farbe einer jeden etwas an
sich, diese vermischet sich endlich und daher oft der bunte Karakter
mancher Menschen. Drngt sich der Sterbliche durch viele schwarze
Situazionen, kein Wunder, wenn seine Gemthsstimmung zulezt dunkel und
ernst wird; wird er gefhrt durch rosenfarbne Verhltnisse, wer wundert
sich dann noch ber seinen frohen Humor?

Aber nicht genug, da ich Menschenkaraktere unter allerlei
Gesichtspunkten und Verhltnissen betrachte: so hab ich auch das einzig
mgliche Prinzip jeder psychologischen Aesthetik, den Zwek der edlen
Kunst stets vor mir, wodurch die Knste allein zur mglich erhabensten
Stufe der Vollkommenheit emporgefhrt werden knnen:

            _Regelmige Mittheilung guter Empfindungen._

Und erreiche ich diesen Zwek, errege ich in meinen Lesern nur dann und
wann das moralische Gefhl, jenes reine Wohlgefallen an groe,
tugendhafte Handlungen und Gesinnungen, schwillt von Liebe, Mitleid und
Freundschaft nur _ein_ Busen; spricht nur _ein_ Leser zu sich selber:
handle in _deinen_ Verhltnissen, bei deiner Erziehung, bei deinen
Kenntnissen so gut, so schn, als dieser, oder jener in dieser
Erzhlung; fache ich nur einem Herzen den Enthusiasmus fr Sittlichkeit
und Tugend an, dann -- dann hab ich berwunden, dann ruf' ich: Triumph!
auch die mir sparsam zugemessenen Augenblikke der Einsamkeit und
Erhohlung von ernstern Geschften sind meinen Mitbrdern wohlthtig
geworden!

So, meine Leser, kleid' ich in das Gewand der Fabel _Natur_ und
_Wahrheit_, und bezielte jeder Dichter diesen herrlichen Gegenstand,
wahrlich: so wrden wir nicht so viel unleidliches, geistloses Gewsch
anhren mssen, woran sich heuer unsre entnervten Knaben und Mdchen bas
ergzzen; so wrden unsre Kunstrichter und Rezensenten nicht auf die
Fabel, sondern auf ihren innern Werth, nicht auf das ^Continens^ sondern
das ^Contentum^ sehn. Der Dichter ist in dieser Rksicht zu beurtheilen
wie ein Maler, der Ideale oder Wirklichkeiten, Menschen mit Flgeln,
oder im Uiberrok hinzeichnet, nicht um der Flgeln, oder um des
Uiberroks willen, sondern um Empfindungen des Guten, Edlen und Schnen
im Zuschauer zu entwikkeln.

Leute, die mich persnlich kennen, drften mir auch hier wieder den
Vorwurf machen: warum schreiben Sie nichts solideres, nichts
nzlicheres?

Antwort: sobald ich fhle, etwas Neues, Gutes, Nzliches in andern
Disziplinen der menschlichen Erkenntni anzeigen zu knnen, werde ich
nicht dazu trge sein. Aber das Sprchwort: ^quid valeant humeri, quid
ferre recusent^ bedenk' ich auch hier.

Der Dichter ist berdies, wenn er den Zwek seiner Bestimmung erreicht,
der menschlichen Gesellschaft so ntzlich, als der Staatsmann im
Ministerio und der Gelehrte auf dem Katheder. Ein elender Dichter im
Gegentheil ist eine eben so groe Null in der Schpfung, als das Genie
eines Holzhakkers im Ministerio und ein geistloser Kohlkopf auf dem
Katheder.

Ich wnschte gern durch Winke guter Kunstrichter das erhabne Ziel des
Dichters erreichen zu knnen -- also keinen Vorwurf darber, da ich --
nur einen _Roman_ schrieb! --

                                Amen!




                               Innhalt.



                    Erstes Buch.
                  Erstes Kapitel.
   Venedig.                                 S. 1.
                  Zweites Kapitel.
   Die Banditen.                               8.
                  Drittes Kapitel.
   Die Banditenwohnung.                       12.
                  Viertes Kapitel.
   Banditenphilosophie.                       17.
                  Fnftes Kapitel.
   Die Einsamkeit.                            23.
                 Sechstes Kapitel.
   Rosamunde, die schne Nichte des Dogen.    27.
                 Siebentes Kapitel.
   Fortsezzung.                               33.
                  Achtes Kapitel.
   Entdekkungen.                              36.
                  Neuntes Kapitel.
   Mollas Huschen.                           45.

                   Zweites Buch.
                  Erstes Kapitel.
   Der Geburtstag.                            56.
                  Zweites Kapitel.
   Flodoard.                                  68.
                  Drittes Kapitel.
   Neuer Lrm.                                76.
                  Viertes Kapitel.
   Das Veilchen.                              81.
                  Fnftes Kapitel.
   Abaellino.                                 92.
                 Sechstes Kapitel.
   Die Entdekkung.                            97.

                   Drittes Buch.
                  Erstes Kapitel.
   Flodoard und Rosamunde.                   104.
                  Zweites Kapitel.
   Ein frchterliches Versprechen.           111.
                  Drittes Kapitel.
   Die nchtliche Verschwrung.              121.
                  Viertes Kapitel.
   Der wichtige Tag.                         127.
                  Fnftes Kapitel.
   Hllenangst.                              134.
                 Sechstes Kapitel.
   Geistererscheinungen.                     140.
                 Siebentes Kapitel.
   Nachschrift.                              156.




                     Abaellino, der groe Bandit.





                             Erstes Buch.




                           Erstes Kapitel.
                               Venedig.


Es war Abend. Ungeheure Wolkenstreifen, halb vom Schimmer des Mondes
erleuchtet, bogen sich rippenfrmig am Horizont hinab und durch ihnen
schwamm der Vollmond in stiller Majestt hin, und sah sich verherrlicht
von jeder Welle des adriatischen Meers. Still wars umher, leise tanzten
die Wogen am Winde, leise hauchte der Nachtwind ber die todten Pallste
Venedigs hin.

Da sas noch ein junger Mann, einsam und traurig in der
Mitternachtsstunde am _langen_ Kanal; bald hob er das Auge zu den
stolzen Zinnen und Thrmen von Venedig empor, bald senkte er den Blik in
die Wellen. Nach einer Weile sprach er:

Verdammt! da sizze ich nun in Venedig, und weis nicht, wie weiter! Was
soll daraus werden? Alles schlft, nur ich nicht. Der Doge wlzt sich
auf seinem Dunenlager, der Bettler auf seinem Strohbett -- und ich lieg
hier auf der kalten, nakten Erde. Der elendeste Gondelier, der rmste
Bootsknecht kennt am Tage seine Arbeiten und Nachts seine Ruhestatt, und
ich -- und ich -- o es ist ein schrekliches Schiksal, das mit mir sein
Spiel treibt! --

Er fing an seine Taschen zu untersuchen, mit den Fingern jede Falte des
Kleides zu biegen, und zu visitiren.

Auch keinen Heller! -- und mich hungert doch!

Er besah seinen Degen im Mondschein und seufzte: Nein, alter, treuer
Gefhrte, dich verkauf ich nicht; sollst mein bleiben und wenn ich
verhungerte. Nicht wahr, damahls wars noch goldne Zeit, als dich
_Emmoine_ mir gab, mir das Bandelier ber die Achseln warf, und ich dich
und Emmoinen kte -- (Pause) Sie ist nun tod, wir beide leben noch!

Er wischte sich eine Thrne von den Wimpern.

Nein, das war keine Thrne; die Nachtluft geht khl und da wird das
Auge leicht nas. (Lchelnd) Hm, ich weinen! -- _weinen_! ha, ha, ha! --

Der Unglkliche, dies schien er, wenigstens seinen Reden nach zu sein,
stmmte den Ellbogen auf die Erde, wollte mit den Zhnen knirschen --
und pfiff. -- Ich mte nicht Ich sein, dachte er bei sich: wenn ich
kleinmthig wrde unter dem Fluch des Schiksals.

In dem Augenblik hrte er in der Nachbarschaft ein Gerusch. Er sah in
einem vom Monde halbhellen Nebengschen einen Kerl auf und
niederschleichen.

Den fhrt mir Gott zu -- ich will -- ich will betteln! Betteln ist
keine Schande, aber neapolitanische Schurkereien schnden. Auch, der
Bettler kann _gros_ denken.

Mit diesen Worten sprang er auf und ging in die Winkelstrae. In eben
den Moment trat von der andern Seite ein Mensch in diese Gasse. Der
schleichende Kerl trat mit einemmale in den Schatten zurk, als
verstekte er sich vor dem Ankommenden.

Was soll das bedeuten? dachte unser Bettler: ist der Schleicher dort
etwa ein unbefugter Handlanger des Todes? haben ihn auch Vettern und
Basen bestochen, um das Geld desto ruhiger in Besiz zu nehmen, was dem
armen Schelm izt noch angehrt, der dort so unbefangen herschlendert?
warte!

Er zog sich in den Schatten zurk und schlich dem Lauerer nahe, der
keine Bewegung machte. Der fremde Mann war schon dem Lauerer und unserem
Bettler vorber, als jener mit bangen Schritten rasch hinter ihn her
schlich, die rechte Hand erhob, worinn ein Dolch schimmerte, und eh' er
sich versah von dem _Bettler_ zu Boden gestrzt wurde.

Der _fremde Herr_ drehte sich um; der _Bandit_ sprang auf und entfloh;
der Bettler lachte.

Was war das? fragte der _Fremde_?

Ein Spas, der Euch, mein Herr, das Leben rettete.

Mir? Wie so?

Die flchtige Massette schlich hinter Euch her wie ein lauernder Kater
und hatte den Dolch schon gehoben. -- Ich dachte Ihr gbet mir dafr ein
Stck Geld, denn bey meiner armen Seele, mich hungert und drstet und
friert.

Euch Spitzbuben, und eure Kniffe kennt man; Ihr habt euch zu dem Spas
beredet, um mir die Brse abzuplndern und einen groen Dank fr mein
gerettetes Leben dazu. Geht mir, geht, und grellt die Leichtglubigkeit
des Dogen selber, nur an Buonarotti wagt euch nicht!

Der arme, hungernde Bettler stand bestrzt da und sah den pfiffigen
Herrn an.

Nein, so wahr ich lebe, Herr, ich lge Euch nichts vor -- es ist mein
Ernst, ich sterbe die Nacht vor Hunger.

Geht, sag ich Euch, oder -- -- der Unbarmherzige zog bey diesen
Worten ein geheimes Schiesgewehr hervor und drohte.

Donner und Wetter, bezahlt man in Venedig die guten Thaten so?

Die Sbirren sind in der Nhe, wie Ihr wit, also -- --

Zum Teufel, seht Ihr mich denn fr einen Banditen an?

Ich sage Euch, mache keinen Lrmen!

Hrt, Buonarotti heit Ihr? ich will mir doch den Namen des zweiten
Schurken aufschreiben, den ich in Venedig kennen lernte. (Mit
schreklicher Stimme) Und wenn du, Buonarotti, jemals den Namen
_Abaellino_ hren solltest, dann zittre!

_Abaellino_ drehte sich um und verlies den Unerbittlichen.




                           Zweites Kapitel.
                            Die Banditen.


Der Unglkliche durchkreuzte izt Venedig, er haderte mit dem Schiksal,
lachte und fluchte, stand zuweilen still, als bersnn' er einen groen
Plan, eilte zuweilen fort, als flg er ihn zu vollfhren.

An einem Ekstein der prchtigen Signoria gelehnt, berdachte er die
ganze Summe seines Elendes. Es schien sein irres Auge Trost zu suchen,
aber er fand ihn nicht.

Das Schiksal bat mich zum Abentheurer oder gar zum Bsewicht verdammt!
tief er in einer Ekstase seines Mismuths: denn warum mu der Sohn des
reichsten Neapolitaners als Bettler, die Barmherzigkeit der Venetianer
anflehen? Ich, der ich Geist und Kraft zu groen Thaten in mir fhle,
mu hier umherschleichen und darauf sinnen, wodurch ich mir das Leben
wider den Hunger bewahre. Menschen, die ich sonst satt ftterte, die an
meiner Tafel im Cyprier ihre Mkkenseelen berauschten und die
Lekkerbissen fremder Welttheile von meinen Schsseln naschten, werfen
mir jezt keine verschimmelte Brodrinde zu. -- O, das ist abscheulich,
abscheulich von Menschen und vom Himmel! -- Er schwieg, schlug die Arme
untereinander und seufzte: Doch, nein, so ists recht, ich will alle
Grade des menschlichen Elendes durchwandern, und allenthalben mir gleich
bleiben, und allenthalben gros sein. -- Jezt bin ich nicht mehr der Graf
Obizzo, um den Neapel einst buhlte -- ich bin der _Bettler Abaellino_.
Ein Bettler! in der Ordnung menschlicher Stnde der lezte, aber doch --
im alphabetischen Namenverzeichnis aller Hungerer, Pflastertreter und
Taugenichtse der _erste_!

Ein Gerusch entstand. _Abaellino_ horchte umher, er war den Schleicher
gewahr, den er vor einer halben Stunde zu Boden geworfen hatte, in
Gesellschaft dreier andern. -- Sie suchten. Und sie suchen dich! sagte
Abaellino leise zu sich selber, und gieng ein paar Schritt vor, und
pfiff ihnen.

Die Kerls blieben stehn. Sie besprachen sich unter einander und schienen
unentschlossen zu sein.

_Abaellino_ pfiff zum andernmal.

Er ists! hrte er einen von ihnen deutlich genug sprechen -- und in
dem Augenblik kamen sie langsam gegen ihn angewandert.

Abaellino blieb stehn, und zog den Degen. Die drey Verkappten standen
einige Schritte von ihm entfernt.

Was soll das? he, warum ziehst du Gauch den Degen? fragte einer von
ihnen.

Wir mssen uns nicht zu nahe kommen, denn Ihr guten Leute lebt vom
Leben anderer, ich kenn' euch; antwortete Abaellino.

Ein Kerl. Galt nicht dein Pfeifen _uns_?

Abaellino. Nun ja.

Ein Kerl. Was willst du?

Abaellino. Hrt, ich bin ein armer Schelm, gebt mir doch von eurer Beute
ein Allmosen.

Ein Kerl. Allmosen? ha, ha, ha! mein Seel, das ist lustig! Allmosen von
uns! doch, es gefllt mir, warum nicht?

Abaellino. Oder strekt mir funfzig Zechinen vor, ich will mich zu euch
in den Dienst geben und die Schuld abarbeiten.

Ein andrer. Wer bist du denn?

Abaellino. Zur Stunde der rmste Schlucker in der Republik. Krfte hab
ich, und lgen drei Panzer vor einem Herz, ich durchbohr' es; und Augen,
da ich in egyptische Finsternis nicht fehlstoen wrde.

Ein dritter. Warum warfst du mich vorhin nieder?

Abllino. Geld zu verdienen; aber der Kerl gab mir fr sein Leben keinen
rothen Heller.

Ein andrer. Das gefllt mir! meinsts redlich?

Abllino. Die Verzweiflung lgt nicht.

Der dritte. Kerl, wenn du aber ein Schurke wrst!

Abaellino. So wren wir nicht weit von einander -- und eure Dolche sind
ja immer geschliffen.

Die drei gefhrlichen Burschen sprachen leise mit einander und stekten
ihre Gewehre ein.

Na, komm zu uns, hier auf der Strae lt sichs nicht gut von gewissen
Sachen reden. Sprach einer.

Aber weh euch, wenn einer feindseelig wider mich handelt! Du Kerl,
vergieb mir, da ich dir vorhin die Rippen etwas zerdrkte -- es soll
nicht wieder geschehn! Ich will euer Gesell werden! sagte Abaellino.

Auf Ehre, riefen alle; wir thun dir nichts Leides; der ist unser Feind,
der dir bel thut, ein Kerl wie du, gefllt uns! komm!

Sie giengen, _Abaellino_ in ihrer Mitte. Mistrauisch schielte er von
allen Seiten, aber in den Banditen schien kein bser Gedanke zu
erwachen, Sie fhrten ihn seitwrts, gelangten an einen Kanal, sie
banden eine Gondel los, sezten sich ein und ruderten zur entlegensten
Spitze Venedigs. Man stieg aus; durchkroch verschiedne enge Straen;
klopfte endlich an ein niedliches Haus; ein junges Weib schlos auf,
fhrte die Herrn in ein simples, aber reinliches Zimmer und beantlizte
den bestrzten halbfrohen, halbngstlichen Abaellino, der noch immer
nicht wute, woran er war, und immer noch an der Sicherheit der
Banditenparole zweifelte.




                           Drittes Kapitel.
                         Die Banditenwohnung.


Die drey Herrn vermehrten sich bald durch zwei Neuankommende, die ihren
unbekannten Gast von allen Seiten betrachteten.

Nun la dich doch beschauen! riefen die Fhrer und Bekannten des
Abaellino, und stellten sich beym Schimmer einer brennenden Lampe um ihn
her.

Pfui, ein hslicher Bube! rief _Molla_, so hies die Wirthin und drehte
sich von ihm hinweg und Abaellino wlzte einen grslichen Blik auf sie
hin.

Kerl, sezte ein andrer hinzu: dich hat die Natur schon zum Banditen
gestmpelt; welchem Zuchthause bist du entronnen, welcher Galeere hast
du Valet gesagt?

_Abaellino_ stmmte die Arme in die Seite. Desto besser, sagte er mit
einer heisern, frchterlichen Stimme: so darf der Himmel zu meiner
knftigen Lebensart nicht sauer sehn, wenn er mich selber dazu
geschaffen hat.

Die fnf Herrn giengen beiseite und besprachen sich mit einander; den
Stof ihrer Unterhaltung knnen wir leicht errathen. Abaellino warf sich
schweigend auf einen Sessel.

Nach einigen Minuten kamen sie wieder zu ihm. Der strkste und wildeste
von ihnen trat hervor, und redete Abaellino'n an.

Hre, Venedig ernhrt fnf Banditen, wie du sie hier siehst, und fr
den sechsten, der du bist, wird sich auch Brod finden. Ich bin _Matteo_
und der lteste von allen, der Rothkopf dort heit _Baluzzo_, der mit
dem glimmernden Kazzenauge da ist _Thomas_, ein Erzschelm; der Kerl
dort, dem du die Rippen zerschelltest, ist _Petrini_, und der Wicht, der
da bei der Molla steht, mit den dikken Mohrenlippen, ist _Struzza_. Jezt
kennst du uns alle. Wir wollen dich znftig machen, weil du ein armer
Teufel bist; aber hre, bist du auch ein ehrlicher Kerl?

Abaellino lchelte, oder vielmehr grinste, und brummte: mich hungert!

Bist du ein ehrlicher Kerl?

Das soll die Folge entscheiden.

Sieh, Bursch, die erste Treulosigkeit kostet dir das Leben. Wirf dich
dem Dogen in den Schoos und umschanze dich mit aller Macht der Republik,
wir ermorden dich im Arm des Dogen, hinter hundert Kanonen. Sez dich auf
den Hochaltar, wir schleppen dich vom Kruzifix hinweg und ermorden dich.
-- Kerl, besinne dich, wir sind _Banditen_!

Das weis ich. Aber gebt mir nur Essen, dann will ich plaudern, so viel
ihr wollt. Ich habe seit vier und zwanzig Stunden fasten mssen.

_Molla_ dekte einen kleinen Tisch, trug nach ihrem besten Vermgen auf
und fllte die silbernen Becher mit herrlichem Wein.

Wenn er nur leidlicher, nur wie andre Menschenkinder ausshe! brummte
sie: aber seiner Mutter ist gewi in ihrer Schwangerschaft der Teufel
erschienen, und da kam denn die abscheuliche Larve zur Welt!

_Abaellino_ lies sich nicht sthren, sondern a und trank als wollte er
sich fr ein halbes Jahr satt essen. Die Banditen sahn ihm mit
Wohlgefallen zu, und stieen auf die glkliche Eroberung an, die sie
hier gemacht hatten.

Will sich der Leser diesen Abaellino denken, so stelle er sich einen
jungen, starken Kerl vor, von dem man sagen wrde, er sei schn geformt,
wenn nicht das hslichste Gesicht, welches je ein Karrikaturmaler
ersonnen, oder _Milton_ dem hslichsten seiner gefallenen Engel
aufgesezt, die brigen Schnheiten entstellte. Schwarz und glnzend,
aber weich und lang flog sein Haar verwildert ihm um den braunen Hals
und um das gelbe Gesicht. Der Mund schien in einer ewigen Verzerrung zu
grinsen und dehnte sich bis zu den Ohren aus; die Augen lagen tief ins
Fleisch vergraben und zeigten fast immer das Weisse; die grbsten Zge,
die je ein Holzschnittsgesicht aufzuweisen hat, traf man hier in einer
abscheulichen Zusammensezzung an, und verlegen war man, ob diese
widerliche Physiognomie Dummheit oder Tkke des Herzens, oder beides
zugleich verrieth.

Nun bin ich satt! brllte _Abaellino_, und strzte den vollen
Weinbecher hinter. Was habt ihr nun zu fragen, ich bin bereit zu
antworten.

Ich dchte, hub _Matteo_ an: ich dchte, du legtest einmahl ein
Probestk von deiner Strke ab, denn diese kmmt bei uns sehr in
Anschlag. Bist du gewandt im Ringen.

Ich weis nicht.

Molla, sezz' alles beiseite! -- Abaellino, mit wem nimmst du's unter
uns auf? wen glaubst du so niederschmeisen zu knnen, wie den Poeten da,
den Petrini?

Euch alle, wie ihr da seid, und ein halbes Duzzend solcher Lumpenbunde
dazu! rief Abaellino, warf den Degen auf den Tisch, sprang auf und
schielte die Bande an.

Die Kerls lachten.

Na, macht das Probestk! rief Abllino! was zaudert ihr.

Hr, Bursche, entgegnete _Matteo_: versuchs mit mir allein; und fhle
erst, wer wir sind! denkst du, es stehn hier Knaben, oder saftlose
Ssherrchen, die ihre Kraft in den Eiderdunen verschwizzen, oder feilen
Mezzen vergeuden, oder dem Onan opfern?

Abaellino lachte. -- _Matteo_ wurde wild; die brigen jauchzten.

Halloh! rief Abaellino: ich habe Lust zu rasen, macht euch gefat!
und in einen Klumpen strzte er zusammen, warf den Riesen Matteo ber
sich hin, wie eine Puppe, schleuderte den Baluzzo rechts, den Petrini
links, kehrte dem Thomas das oberst zu unterst, und strekte den Struzza
unter die Bnke.

Drei Minuten lagen die Ueberwundnen ohne sich zu regen am Erdboden
umher, und Abaellino jauchzte und die bestrzte Molla zitterte bei dem
schreklichen Schauspiel.

Beim heiligen Klas! rief _Matteo_ und rieb sich die mrben Schenkel:
der ist unser Meister! Molla, dem Kerl ein gutes Nachtlager!

Er hat mit dem Teufel einen Bund! murmelte _Thomas_, und renkte die
verschobne Gelenke in ihre Fugen.

Niemand war nach einem neuen Probestk lstern; spt wars in der Nacht,
oder vielmehr, es graute der Morgen schon ber das Meer empor und jeder
begab sich in sein Schlafgemach.




                           Viertes Kapitel.
                         Banditenphilosophie.


_Abaellino_, dieser furchtbare Riese, konnte nicht lange, ohne sich eine
unbegrnzte Hochachtung von allen seinen Spiesgesellen zu erwerben, in
der Mitte dieser Leute leben. Jeder liebte, jeder schzte ihn, wegen
seiner Banditentalente, wozu nicht allein die ungeheure Kraft seines
Krpers, sondern auch seine Klugheit, sein Wiz zu dummen Streichen
gehrte. Auch die kleine _Molla_ htte ihn wohl geliebt, aber -- er war
gar zu hslich.

_Matteo_ war, wie Abaellino nun bald erfuhr, der Herr dieser
gefhrlichen Bande. Er war ein raffinirender Bsewicht, unerschrokken
vor jeder Gefahr, wizzig und schlau und gewissenloser, als ein
franzsischer Finanzpchter. Er empfing die Beute und die Bezahlung,
welche seine Untergebnen tglich einbrachten, gab davon jedem sein Theil
und behielt fr sich selbst nie mehr, als jeder andre bekam. Die Zahl
derer, welche er schon in die andre Welt befrdert hatte, war schon zu
gros, als da er sie angeben konnte. Sein grtes Vergngen war, in
einsamen Stunden diese Mordgeschichten zu erzhlen, um durch sein
Beispiel die andern zu begeistern. Er hatte seine besondre Rstkammer;
hier fand man Dolche von verschiednen Gestalten, mit und ohne
Widerhaken, breit, zwei- drei- und vierschneidig. Hier fand man
Windbchsen, Terzerole, Pistolen gros und klein; Gifte verschiedner Art
und verschiedner Wirkung; Kleider zu allen mglichen Verkappungen;
Mnchs- Juden- Taglhner- Senatoren- Soldaten- Bettlertrachten.

Eines Tages rief er den Abaellino zu sich. Hre, sagte er: Du wirst ein
braver Kerl werden, das seh ich voraus. Fange nun auch an, das Brod, was
wir dir geben, selber zu verdienen. -- Hier hast du einen Dolch vom
feinsten Stahl; du lt dir jeden Zoll daran bezahlen. Stichst du nur
_einen_ Zoll tief in das Fleisch deines Gegners, so foderst du von dem,
der dich besoldete, eine Guinee. Zwei Zoll, zehn Guineen; drei Zoll
zwanzig, der ganze Dolch so viel du selber willst -- das ist so die
Taxe. Hier hast du einen glsernen Dolch; an ihn hngt der unfehlbare
Tod dessen, dem er ins Fleisch gestossen wird -- kaum ist der Stich
geschehn, so brichst du ihn in der Wunde ab, das Fleisch schliet sich
ber die abgebrochne Spizze zusammen, die bis zum Auferstehungstage
darin ihr Quartier behlt. -- Hier dieser metallne Dolch bewahrt in
seiner Hhlung ein subtiles Gift; sto ihn, wem du willst, in den Leib,
drkke hart an diese Feder, und du sprzzest in eben den Augenblik den
Tod in die Adern des Verwundeten. -- Nimm die Dolche, ich gebe sie dir
zum Geschenk, ein Kapital, das goldne, schwere Zinsen trgt!

_Abaellino_ nahm die Mordinstrumente mit einem leisen Schauer in die
Hand. --

Ihr mt euch doch schon ein groes Vermgen zusammengestohlen haben!

Schurke, entgegnete Matteo beleidigt: wer stiehlt unter uns. Hltst du
uns fr Straenruber, Beutelschneider, oder fr Verwandte dieses
Lumpengesindels?

Vielmehr fr noch etwas rgers; denn offenherzig gesprochen, Matteo,
jene plndern doch nur die Schrnke und Geldbrsen, die sich immer
wieder fllen lassen, aber wir nehmen dem Menschen ein Kleinod, das er
nur einmahl hat und einmal nur verlieren kann. Sind wir nicht noch
tausendmahl rgere Ruber?

Beim heiligen Klas, Abaellino, ich glaube, du willst moralisiren?

Ha, ha, ha, ha!

Nun was schwazzest du da?

Hre, Matteo, noch eine Frage: wie finden wir uns dereinst mit dem
Weltrichter ab?

Ha, ha, ha!

Glaube nicht, da es dem Abaellino am Muth fehlt; sieh, ich will auf
deinen Befehl das halbe Venedig erwrgen, aber -- --

Nrrchen, als Bandit mut du dich ber die Fabel von Tugend und Snde
hinweg sezzen. Was ist Tugend, was ist Laster? nichts, als ein Etwas,
welches die Landesverfassung, Gewohnheit, Sitte, Erziehung geheiligt
hat; und was _Menschen_ heiligen, knnen auch Menschen _entheiligen_;
htte der Senat die freimthigen Urtheile ber die venetianische Polizei
nicht verboten: so wre die Aeusserung solcher Urtheile keine Snde.
Gott frgt nicht nach Menschensazzungen, sondern nach seinem Willen. Wen
er von uns zur Seligkeit bestimmt hat, der wird einmal selig, und wen er
verdammt hat, der bleibt verdammt in alle Ewigkeit, und wenn er gleich
nach menschlicher Meinung ein Heiliger wre. Also ber die Sorgen sezz'
dich hinweg. Wir sind Menschen, so gut wie der Doge und seine Senatoren;
wir knnen so gut, wie sie Gesezze geben, und aufheben, und bestimmen,
was Snde und Tugend sein soll.

_Abaellino_ lchelte.

Sagst du, wir treiben ein ehrloses Gewerbe? was ist Ehre? ein Wort,
ein leerer Schall und ein leeres Hirngespinnst. Der Knikker sagt: Ehre
ist es reich zu sein, und die Goldstkke zu Tausenden zhlen zu knnen.
Ehre, sagt der Wollstling, ist es von jedem Mdchen angebetet zu werden
und jedes schne Weib zu besiegen. Nein, sagt der Feldherr, Stdte zu
erobern, Armeen zu schlagen, Drfer zu verheeren, das bringt Ehre. Der
Gelehrte sezt seinen Ruhm in die Menge der Folianten die er geschrieben,
oder gelesen hat; der Kesselflikker in die Kunst Scherben wieder genau
zusammen zu kitten; die Nonne in der groen Zahl ihrer Andachtsbungen;
die Weltdame in die Menge ihrer Vergtterer; die Republik in die Gre
ihrer Provinzen und so, Freundchen, sezt jeder seine Ehren in etwas
anders. Warum ist es ehrlos, wenn wir uns in unsrer Kunst Glanz und
Vollkommenheit erringen.

Schade, an dir verliert der Lehrstuhl einen braven Philosophen.

Meinst du? sieh nur Abaellino, ich bin im Kloster erzogen; mein Vater
war ein Prlat in Lukka, meine Mutter eine keusche Nonne vom Orden der
Urselinerinnen. Da hab ich studieren sollen, mein Vater wollte mich zu
einem Kirchenlicht machen, aber ich fhlte mich zu einer
Mordbrennerfakkel tauglicher. Als ich bei dem alten Pater _Hieronimus_
die Moral studierte, sagte er mir oft, _Selbstliebe_ sei das groe
Triebrad aller menschlichen Handlungen, das Urprincip jeder Sittenlehre.
Hieronimus hatte Recht. Gott schuf aus Selbstliebe das unermeliche
Universum, um sich selber zu verherrlichen, und verherrlicht zu sehn;
jedes Thier handelt den Naturgesezzen gems, nach dem ehrwrdigen
Grundsaz der Selbstliebe -- jeder Mensch ordnet seine Thaten diesem
groen Gesez unter, und wer hat nun wider die Sittlichkeit unsers
Geschfts etwas einzuwenden, da wir eben dem Gesez gehorchen, dem das
Universum Gehorsam leistet? -- Mit einem Worte, zittre nicht vor den
Selbstgespinnsten deiner Einbildungskraft!




                           Fnftes Kapitel.
                           Die Einsamkeit.


Schon ber sechs Wochen war _Abaellino_ in Venedig, aber noch hatte er
von seinen Dolchen keinen Gebrauch machen knnen oder wollen. Denn
theils war er in den Straen, Schlupfwinkeln, Pallsten und Kajtten
Venedigs zu unbekannt, theils fehlten ihm auch noch Kunden, deren
mrderische Auftrge er htte executiren knnen.

Diese Geschftlosigkeit ekelte ihm, er wollte handeln und konnte nicht.

Melancholisch schlich er umher, und seufzte. Er besuchte die
ffentlichen Plzze Venedigs, die Wirthshuser, Garten- und Lustplzze,
aber nirgends fand er, was er suchte -- Ruhe.

An einem Abend hatte er sich in einem Garten versptet, der auf einer
niedlichen Insel Venedigs gelegen war. Er schlich von Laube zu Laube,
sezte sich am Ufer des Meeres nieder und sah dem Spiel der Wellen im
Schein des Mondes zu.

So ein schner Abend wars vor zwei Jahren, da ich Emmoinen den ersten
Ku raubte, und Emmoine mir Liebe schwor! seufzte er, und schwieg und
wehmthige Empfindungen stiegen in ihm auf.

Es war so stille. Kein Lftchen bog die Hlmchen des Grases; aber in
_Abaellinos_ Busen strmte es.

Htt' ich es vor zwei Jahren trumen knnen, da ich einmahl in Venedig
als Bandit meine Rolle spielen wrde? O wo sind die goldnen Hofnungen,
die lieblichen Plne, welche meine Jugend umgaukelten? -- Ich bin ein
Bandit, noch weniger, als ein Bettler! --

Wenn mein grauer Vater oft im Enthusiasmus mich umschlang und rief:
Sohn, du wirst den Namen Obizzo glnzend machen! Gott, wie bebte ich da,
was dacht ich, was empfand ich, was wollt' da nicht alles! und der Vater
ist tod, und sein Sohn -- -- ein venetianischer Bandit! -- wenn meine
Lehrer mich bewunderten und liebkoseten, und sie entzkt mir zuriefen:
Graf, ihr verewiget einst das alte Geschlecht von Obizzo! ha, was
versprach ich mir da nicht in seliger Trunkenheit von der Zukunft! --
Als mich Emmoinna von einer schnen That zu sich heimkehren sah, und sie
die Arme mir entgegenstrekte und mich an ihren Busen schlos und mir ins
Ohr lispelte: wer sollte den groen Obizzo nicht lieben, -- -- oh, oh!
hinweg ihr Bilder der Vergangenheit, euer Erscheinen fhrt zum
Wahnsinn!

Er schwieg, bis die Lippen zusammen, hielt die flache Hand vor die Stirn
und krallte die andre zusammen.

Ein Meuchelmrder, ein Diener der Niedertrchtigkeit und Bberei, einer
der grten Schurken, den die venetianische Sonne bescheint ist -- der
_groe Obizzo_! -- pfui! -- und doch hat mich das Schiksal selber zu
diesem unseligen Loose verdammt. --

Plzlich sprang er nach einem langen Stillschweigen auf, sein Auge
funkelte, seine Miene verwandelte sich, sein Odem flog lauter.

Ja, beim Himmel, ja, gros konnt' ich als Graf Obizzo nicht sein, aber
wer wehrt mirs, gros, als Bandit, zu werden? -- Vater, mein Vater! rief
er und sank von ungewhnlichen Gefhlen bestrmt nieder auf die Kniee,
und strekte die Finger empor zum Himmel, als zu einem Eide:

Geist meines Vaters, Geist meiner Emmoina, ich will eurer nicht unwerth
sein! hrt mich, wenn ihr mich umschweben drfet, hrt mich, ich will
auch als Bandit meinen Ursprung nicht verlugnen, eure Hofnungen, mit
denen ihr aus dieser Welt schiedet, nicht vernichten -- o, so wahr ich
lebe, ich will der _einzige_ meiner elenden Zunft sein und werden, und
die Nachwelt soll den Namen verehren, den ich verherrlichen kann. --

Er berhrte mit seiner Stirn den Erdboden und weinte. Die Zweige
lispelten leise im Abendwinde um ihn her, leise lispelten die Gebsche
und das dunkle Schilf am Gestade.

Lnger als eine Viertelstunde verharrte er in dieser Situazion. Groe
Gedanken flogen vor seinem Geiste vorber; ber ungeheuern Plnen
schwindelte er und er sprang auf sie zu realisiren.

Mit fnf erbrmlichen Gaunern mach ich kein Complot wider die
Menschheit. Ich allein mu die Republik zittern machen, und jene
meuchelmrderischen Buben sollen in acht Tagen hngen. Fnf Banditen
soll Venedig nicht fttern, aber einen, _einen einzigen_, und dieser
soll dem Dogen die Spizze bieten, soll ber Recht und Unrecht in der
Republik wachen. Ehe acht Tage verfliegen, soll der Staat gereinigt sein
von dem Auswurf des menschlichen Geschlechts, und dann steh ich noch
allein da. An mich allein mssen sich alle jene Schurken von Venedig
wenden, welche meine Spiesgesellen vormahls zum Morde der Rechtschaffnen
gedungen haben. Ich lerne nun die feigen Mrder, die vornehmen Buben
kennen, die den Matteo sonst und seine Knechte bezahlten -- ha,
Abaellino! Abaellino! -- --

Er taumelte, trunken von seinen Hofnungen durch den Garten, rief einen
Gondelier herbei, sezte sich in die Gondel und eilte zu der Wohnung der
kleinen _Molla_, wo alles schon im Arm des Traumgotts hingestorben lag.




                          Sechstes Kapitel.
               Rosamunde, die schne Nichte des Dogen.


Hr Bursche! sprach _Matteo_ am folgenden Morgen zum Abaellino: heute
sollst du dein Probestk in der Kunst machen!

Heute? murmelte _Abaellino_ durch die Zhne: Wem gilts?

Es ist freilich nur ein Weib, allein man mu jedem den Anfang
erleichtern. Ich will dich selber begleiten, und sehn, wie du dich bei
dieser Probearbeit benehmen wirst!

Hm! sagte _Abaellino_, und ma den Matteo vom Wirbel bis zu den
Sohlen.

Heut Nachmittag um die vierte Stunde gehn wir mit einander, gut
gekleidet in den Garten von Dolabella, auf der Sdseite von Venedig.
Hier pflegt die Nichte des Dogen Andreas Gritti, die schne Rosamunde
von Corfu zu baden, und nach dem Bade allein zu lustwandeln. Und dann --
nun weit du's.

Und du begleitest mich?

Ich will von deiner ersten That ein Zuschauer sein; so pfleg ichs zu
halten bei jedem! --

Wie tief der Stos?

Bis aufs Leben! die Bezahlung ist frstlich; ich empfange sie nach
Rosamundens Tode.

Es wurde alles brige verabredet. Der Nachmittag erschien. Es schlug in
der benachbarten Benediktinerkirche vier Uhr, und Matteo und Abaellino
machten sich auf den Weg.

Sie kamen in den Dolabellischen Garten, der heut ungewhnlich volkreich
war; Menschen beiderlei Geschlechts durchirrten die umbschten Gnge; in
allen Lauben sassen die Edlen von Venedig; in allen Winkeln seufzten
liebende Paare der angenehmern Dmmerung des Abends entgegen; und von
jeder Seite scholl Vokal- und Instrumentalmusik um das schwelgende Ohr.

_Abaellino_ mischte sich unter die Spaziergnger; er hatte seinen Kopf
in eine ehrwrdige Perkke verstekt, die Attitde eines podagrischen
Alten angenommen und schlich so an einem Krkkenstok durch die
Versammlung. Seine goldreiche Kleidung verschaffte ihm allenthalben
Zutritt, jeder lies sich mit ihm in Gesprche ber Witterung, Kommerz
der Republik und die Kriege der Auslnder ein, und Abaellino wute
angenehm zu unterhalten.

So erfuhr er nun auch, da Rosamunde im Garten sei, wie sie sich heut
gekleidet, und in welcher Gegend sie wandele.

Sogleich schlich er dahin. _Matteo_ verfolgte ihn auf den Fus.

In einer entlegnen Laube sas die grte Schnheit Venedigs, _Rosamunde
von Corfu_.

_Abaellino_ nherte sich der Laube; er wankte vor dem Eingang derselben,
als ein Ohnmchtiger umher, und erregte Rosamundens Aufmerksamkeit.
Ach! seufzte er: ist denn niemand, der sich eines schwachen Greises
erbarmet?

Die schne Nichte des Dogen sprang eilig hervor aus der Laube, dem alten
Mann zu helfen. Was ist Euch, lieber Vater? fragte sie mit einer sen
Stimme, und besorgtem Blik.

Abaellino winkte mit der Hand zur Laube hin; Rosamunde fhrte ihn hinein
und sezte ihn auf ein Rasenbnkchen.

Gottes Lohn! stammelte Abaellino mit schwacher Stimme, und sah
Rosamunden ins Auge und errthete.

_Rosamunde_ stand schweigend vor dem verlarvten Banditen und zitterte in
zrtlicher Sorge -- und diese Bekmmernis macht das schne weibliche
Geschpf noch schner. -- Bebend bog sie sich mit dem halben, schlanken
Leibe ber ihren gedungnen Mrder und fragte nach einer Weile: ists
Euch besser?

Besser! stammelte der Betrger mit matten Lippen. -- Ihr seid die
edle Rosamunde von Corfu, des Dogen Nichte?

Wohl bin ichs, lieber Alter!

O, Frulein, da hab ich Euch etwas wichtiges zu entdekken -- ach, du
lieber Gott, wie knnen die Menschen so grausam sein -- seht nur, man
steht Euch nach Euerm Leben.

Das Mdchen bebte erblassend zurk.

Wollt ihr Euern Mrder kennen lernen? -- Ihr sollt nicht sterben, aber
thut mir den Gefallen und verhaltet euch ganz still!

_Rosamunde_ wute nicht, was sie zu den Worten des Greises denken
sollte; es wurd ihr bange in der Gesellschaft dieses alten Mannes.

Frchtet nichts, Frulein, frchtet nichts, seid unbesorgt. -- Der
Mrder soll vor euern Augen sterben.

_Rosamunde_ machte eine Bewegung, als wollte sie entfliehn. Aber
plzlich verwandelte sich der schwache Greis vor ihren Augen. Er der vor
einer Minute ohnmchtig nur lallen konnte, und zitternd da sas, sprang
auf wie ein Riese und hielt sie zurk in seinen Arm.

Um Gotteswillen, lat mich! rief sie.

Frulein, seid sorglos, ich beschzze euch! entgegnete Abaellino
nahm ein kleines Blech in den Mund und pfiff.

Plzlich sprang der lauernde Matteo aus einem Gestruch hervor und in
die Laube hinein. Abaellino zog den Dolch, schleuderte Rosamunden hinter
sich, gieng dem Matteo einen Schritt entgegen und stie ihm das Messer
ins Herz.

Ohne einen Laut von sich zu geben, strzte der Banditenhauptmann zu
Abaellinos Fen nieder und rchelte und gab nach vielen grslichen
Verzukkungen den Geist auf.

Jezt sah der Mrder Matteo's hinter sich, und erblikte Rosamunden
halbohnmchtig auf der Rasenbank.

Nun ist dein Leben gerettet, schne Rosamunde, sagte er: da liegt der
Schurke, der mich zu deiner Ermordung hieher fhrte. Sei ruhig, geh hin
zu deinem Oheim Andreas Gritti, und sage, Abaellino habe dein Leben
erhalten!

_Rosamunde_ konnte nicht sprechen. Bebend strekte sie ihre Arme aus,
ergrif Abaellinos Hand und kte sie mit stummer Dankbarkeit.

_Abaellino_ sah die schne Leidende an, und wer konnte hier gefhllos
bleiben? Man denke sich ein Mdchen, das kaum neunzehn Sommer dieses
Lebens gesehen hatte; den schlanken Gliederbau verstekt in ein weises,
tausendfaltiges leichtes Gewand, mit einem groen, blauen Augenpaar, aus
welchem die reinste Unschuld sprach, einer Stirn, weis wie Elfenbein,
ber welcher das schwarze lokkigte Haar sanftgeringelt herabquoll,
Wangen, die der Schrek izt gebleicht hatte, Lippen, die nie ein
Verfhrer mit seinem Kusse vergiftet, einen Busen, den der keusche
Flornebel vergebens verbergen wollte. Man denke sich dieses Geschpf,
woran die liebende Natur nichts vergas, um es zum Ideal weiblicher
Schnheit zu erheben -- und man wirds dem ungestmen Abaellino nicht
verargen, wenn er einige Minuten entgeistert dastand und sich um die
Ruhe seines Herzens betrog. --

O, bei Gott! rief er: Rosamunde, du bist schn, schn wie Emmoina! --
Er bog sich ber sie hin und drkte einen brennenden Ku auf ihre blasse
Wange.

Geh, schreklicher Mensch! lispelte sie.

Ach, Rosamunde, warum bist du so schn, und warum bin ich -- weit du
wer dich kte, geh, und sage dem Dogen laut: _der Bandit Abaellino_!

Er sprachs und verschwand aus der Laube.




                          Siebentes Kapitel.
                             Fortsezzung.


Und in der That hatte _Abaellino_ Ursach zu eilen; denn wenige Minuten,
nachdem er die Laube verlassen hatte, verirrten sich mehrere
Spaziergnger in dieser Gegend her, die bald den ermordeten Matteo, und
die todtenblasse Rosamunde erblikten.

Man versammelte sich um die Laube: es strmten immer mehrere Personen
herbei und _Rosamunde_ mute fast jedem die Begebenheit der vergangnen
Augenblicke erzhlen.

Es befanden sich unter den Herbeieilenden verschiedne Hofleute des
Andreas Gritti; man rief ihre Gesellschaftsdamen und Zofen herbei, rief
ihrer Gondel und so begab sich das arme Mdchen in den Pallast ihres
Oheims zurk.

Vergebens hielt man alle andern Gondeln an, vergebens untersuchte man
alle Gste des Dolabellischen Gartens, der sogenannte Bandit Abaellino
war verschwunden. --

Der Ruf dieser Geschichte flog durch ganz Venedig; jedermann bewunderte
Abaellinos That, bedauerte die arme Rosamunde, verfluchte denjenigen,
der den Matteo zu ihrem Morde besoldet hatte, und suchte alle diese
unzusammenhngenden Fragmente mit dem Kitt der Hypothesen, so gut, wie
gewisse deutsche Philosophen ihre Systeme, zusammenzuflikken.

Am Ende entspann sich hieraus der schnste Stoff zu einem
abentheuerlichen Roman, oder Trauerspiel, betitelt: _Die Gewalt der
Schnheit_. Denn Abaellino htte wahrscheinlich Rosamunden den Dolch ins
Herz gestossen, meinten die venetianischen Damen und Herrn, wre
Rosamunde minder schn gewesen.

Zulezt beneideten die Venetianerinnen Rosamunden sogar um das
Abentheuer; man fieng schon an ber den Kus des Banditen zu medisiren.
Hm! sagten einige: was kann die schne Rosamunde ihrem Erretter nicht in
der Angst erlaubt haben! -- Und wird, riefen andere: und wird der Kerl
mit einem schnen Mdchen, dem er das Leben erhielt, allein sich mit
einem einzigen Kusse begngt haben? -- Freilich! entgegnete man:
Banditen pflegen sonst so sehr galant nicht zu sein und in der Liebe zu
platonisiren! --

Mit einem Worte, Rosamunde und der hsliche Abaellino waren so lange der
Gegenstand miger Schwzzer und Schwzzerinnen, bis man endlich die
Nichte des Andreas Gritti die _Banditenbraut_ betitelte.

Keiner aber war aufgebrachter, als der Doge. Er gab sogleich Befehl, man
solle wachsamer als je auf alle und jede verdchtige Personen sein; die
Nachtwachen wurden verstrkt, es wurden alltglich Spione ausgesandt,
aber vergebens, man entdekte keine Spur von den Banditen.




                           Achtes Kapitel.
                            Entdekkungen.


Verdammt! rief am andern Tage der wilde _Parozzi_, ein venetianischer
Nobile erstern Ranges, und ging mit groen Schritten durch sein Gemach:
Verdammt sei die Ungeschiklichkeit des Schurken! aber in der That, ich
begreif es noch gar nicht, wie sich das alles zugetragen hat! -- Weis
man von meinen Plnen? hat Bembi Rosamundens Liebe? Wer hat den
Abaellino wider den Matteo ausgeschikt? -- Bembi vielleicht? -- gewis!
-- Und wird der Doge nun nicht fragen: wer hat Mrder wider meine Nichte
ausgesandt? wer kann es anders gewesen sein, als _Parozzi_, der
unglkliche Liebhaber, dem die schne Rosamunde einen Korb gab, und
Andreas Gritti unhold ist? wird man sagen. -- Pfui! -- Parozzi --
Parozzi! und wenn der schlaue Gritti all deine Plne entdekte, wenn er
wte, da du an der Spizze mehrerer Leichtsinnigen -- Leichtsinnigen?
ja doch, was sind die Knaben anders, die um der Ruthe zu entgehn, den
Eltern das Haus bern Kopf anznden wollen? -- Parozzi, wenn das alles
dem Gritti verrathen wrde!

Er wurde in seinen Betrachtungen gestrt. _Memmo_, _Falieri_ und
_Contarino_ traten herein, drei junge Venetianer vom besten Adel,
Parozzis tgliche Gesellschafter, am Geist und Krper verdorbne
Menschen, Springinsfelde, Bonvivants, die allen Wucherern in Venedig
mehr schuldig waren, als sie jemals mit ihrem vterlichen Erbe bezahlen
konnten.

Aber, Brderchen, rief Memmo, dem das Laster in der grauen
Gesichtsfarbe, dem trben Blik und den rothblauen Ringen um den Augen
verrieth; um des Himmels Willen, ich bin ausser mir, hast du den Matteo
wider die Nichte des Andreas Gritti ausgeschikt?

Ich? sagte Parozzi, und drehte sich um, um die Todtenblsse zu
verstekken, die ihm ber das Gesicht flog: kein Gedanke -- ich glaube,
du schwrmst!

Memmo. Wahrhaftig, ich spreche im ganzen Ernst; frag nur den Falieri,
der kann dir mehr erzhlen.

Falieri. Hre, Parozzi, der Procurator _Sylvio_ hats dem Dogen als eine
heilige Wahrheit beschworen, da kein andrer, als du, den Matteo zu
Rosamundens Ermordung bestellt habest.

Parozzi. Nun, und ich sage euch, der Kerl raset.

Contarino. Aber nimm du dich in Acht. Gritti ist frchterlich.

Falieri. Der Doge ist der elendeste Gauch von der Welt; er kann ein ganz
guter Soldat sein, aber Kopf hat er nicht.

Contarino. Und ich schwre dirs, Gritti ist wild wie ein Lwe und schlau
wie ein Fuchs.

Falieri. Durch das verdammte Kleeblat, davon er der Stiel ist, der es um
sich zusammen hlt. Man nehme ihm den Sylvio, Conari, und Dandoli, so
wird er dastehn, wie ein Schulknabe im Examen, dem mans Concept
gestohlen hat.

Parozzi. Falieri hat Recht.

Memmo. Ja, wahrhaftig.

Falieri. Und stolz ist der Gritti, wie ein Bauer, dem man ein
Purpurkleid angezogen hat. Bei Gott, er ist unleidlich. Bemerkt ihr denn
gar nicht, wie er tglich seinen Hofstaat vermehrt?

Memmo. So wahr ich lebe, du hast Recht.

Contarino. Und welche Gewalt er sich allenthalben anmat? Die Signoria,
die Quaranti, die Procuratoren di St. Marco, die Avogadori wollen und
wnschen nichts anders, als was dem Gritti gefllt. Alle hngen sie an
dem Faden seiner Launen wie Marionetten, die ihre Holzkpfe schtteln
oder verneigen, nachdem sie gezogen werden.

Parozzi. Und das Volk vergttert diesen Gritti.

Memmo. Ja, das ist eben das schlimmste.

Falieri. Aber ich will verdammt sein, wenn sich das Spiel nicht bald
dreht.

Contarino. Ja, nur angefangen, Leute. Aber was thun wir? da liegen wir
in den Weinhusern und Bordellen, saufen und spielen, strzen uns in ein
Meer von Schulden hinein, wo zulezt der beste Schwimmer ertrinken mu.
Lat uns den Anfang machen -- lat uns werben, lat uns angreifen, die
Verhltnisse mssen sich ndern, oder es geht in dieser Welt mit uns
nicht gut.

Memmo. (seufzend) Freilich, freilich, die Glubiger zerklopfen mir schon
seit einem halben Jahr die Thren, wekken mich des Morgens aus dem
Schlaf und lullen mich des Abends mit ihren Klagen wieder ein.

Parozzi. Ha, ha, ha! nun ihr wit ja, wie mirs geht! --

Falieri. Htten wir minder flott gelebt: so wrden wir izt ruhig sizzen
knnen in unsern Pallsten, und -- Aber izt --

Parozzi. Nun, wahrhaftig, ich glaube Falieri hlt uns eine Buspredigt.

Contarino. So machens die alten Snder sammt und sonders, wenn sie nicht
mehr sndigen knnen, dann geloben sie hoch und theuer Reue und
Besserung. Nein, ich bin zufrieden mit meinen Ausschweifungen; ich seh
doch daraus, da ich kein Alltagsmensch bin, der mit seinem Pflegma
hinter dem Ofen zusammenschurrt, Federn spizt, Mnnerchen malt und vor
ungewhnlichen Einfllen schaudert. Die Natur hat mich einmal zum
Wildfang geboren, und ich will meine Bestimmung erfllen. -- Brchte der
Himmel nicht zuweilen Geister wie die unsrigen hervor: so wrden die
Menschen endlich einschlafen. Aber wir treiben die alte Ordnung aus
ihren Fugen, und die Menschen aus ihrem Schnekkengang, geben einer
Million Miggnger Rthsel auf, jagen einige hundert neue Ideen durch
die Kpfe der groen Menge, verursachen allgemeine Ghrung und sind
zulezt der Welt so nzlich, wie ein Sturmwind der trgen, sich selbst
vergiftenden Natur.

Falieri. Prchtige Floskeln, so wahr ich Falieri heie; Contarino; das
alte Rom vermit dich. -- Allein Jammer und Schade, da an dem Geklimper
deiner Worte so wenig Realitten hngen! -- siehst du, inzwischen du
vielleicht mit deinem Rednertalent barmherzigen Ohren ermdet hast, hat
Falieri gehandelt. Der Kardinal Grimaldi ist mit der Regierung
unzufrieden, Gott weis es, wodurch ihn Gritti wider sich aufgehezt hat
-- kurz Grimaldi ist von unsrer Parthei.

Parozzi. (erstaunt und froh) Falieri, bist du toll -- der Kardinal
Grimaldi?

Falieri. Und er hngt an uns mit Leib und Seele. Freilich, ich habe ihm
viel von unsern edeln Absichten, von unserm Patriotismus, von unsrer
Freiheitsliebe vorneindbeuteln mssen, aber Grimaldi -- ist ein Pfaffe,
das heit, ein Gauner! und so taugt er fr uns.

Contarino. (reicht dem Falieri die Hand) Bravo, -- Herr Bruder, wir
spielen den Katilina zu Venedig! -- Was mich betrifft, so hab auch ich
gehandelt. Zwar hab ich fr uns noch keinen groen Fang gethan, aber
doch besizze ich ein groes allmchtiges Nez, womit ich den besten Theil
Venedigs zu unsern Plnen zusammenfischen werde. -- Ihr kennt doch die
Markise Almeria?

Parozzi. Hlt nicht jeder von uns eine Liste der Venetianerinnen, und
wir sollten ^No. I^ vergessen haben?

Falieri. Almeria und Rosamunde, die Losung aller Venetianer.

Contarino. Almeria ist mein.

Falieri. Was?

Memmo. (durch die Zhne) Pest!

Parozzi. Almeria?

Contarino. Nun, gafft ihr mich nicht an, als weissagt ich euch den
Einsturz des Himmels? -- Kurz, ich bin Almeriens Favorit, und mit ihr
aufs innigste vertraut. Aber unsre Liebschaft wird verdekt gehalten; was
ich will, will auch sie, und wie sie pfeift, so tanzt Venedigs halber
Adel.

Parozzi. Contarino, du bist unser Meister.

Contarino. Und nun ahndet ihr doch nicht, welche Macht ich in den Hnden
habe?

Parozzi. Ich schme mich vor euch, denn noch hab ich nichts gethan. Wr'
Rosamunde ermordet: so wrd' ich, wenigstens euch vorlgen knnen, da
ich sie fr mein Geld habe in den Himmel bringen lassen, damit Gritti
den Hamen verlre, womit er Venedigs erste Mnner an sich gefangen hlt.
Lebt Rosamunde nicht mehr: so verliert Gritti allen Reiz; die
glnzendsten Huser werden von ihm ablassen, wenn ihre Hofnung zu Grabe
geht, sich mit dem Gritti durch Rosamundens Verheurathung zu verbinden.
Sie erbt einmahl vom Dogen.

Memmo. Und damit ich eurer wrdig sei, will ich -- Geld schaffen. Mein
alter, grmlicher Oheim hinterlt mir dem Universalerben volle Kisten
-- und der alte Filz, kann ja sterben, wenns mir gefllt.

Falieri. Er htte lngst sterben knnen.

Memmo. Ich war nur zu ngstlich -- wahrhaftig Leutchen, ihr glaubts
nicht, ich bin zuweilen so hypochondrisch, da es mir ist, als htt' ich
Gewissensbisse.

Contarino. Freund, nimm einen guten Rath an. -- Geh ins Kloster!

Memmo. He, he, he, he!

Falieri. Wir mssen die alten Freunde, -- Matteo's Gesellschaft
aufsuchen; die Gauner lassen sich jezt nirgends wittern.

Parozzi. Und vor allen Dingen mu das Kleeblatt des Dogen verdorren oder
abgerissen werden.

Contarino. Vortrefliche Vorszze! wahrhaftig, wenn sie nur so schnell
erreicht, als getrumt wren. -- Kurz, Freunde, wir begraben entweder
unser Elend unter den Ruinen der alten Staatsverfassung, oder wir
befestigen dieselbe noch mehr durch unsere Todtenschdel. -- In beiden
Fllen erlangen wir Ruhe. Die Noth hat uns mit ihrer Geissel nun
hinaufgepeitscht auf den lezten Gipfel ihres Felsen, wo wir entweder uns
durch einen Geniestreich erretten, oder von der andern Seite in den
Abgrund ewiger Vergessenheit und Schande hinunterschwindeln mssen. --
Lat uns izt nur raffiniren: woher Geld zu den nthigsten Unkosten und
woher Theilnehmer an unsern Plnen? Geht hin, und erobert die
berhmtesten Mezzen Venedigs, auf deren Altren der Staatsmann, Mnch
und Brger opfert. Was wir mit aller Beredsamkeit, Banditen mit ihren
Dolchen, Prinzen mit ihren Geldbrsen nicht vermgen, kann solch eine
Phryne mit einem einzigen Blik. Wo der Wiz des Pfaffen scheitert und die
Gewalt des Kriminalrichters ohnmchtig wird, kann noch ein Kus, ein
ssses Versprechen Wunder thun. An dem wollstigen Busen solcher Weiber
schlft endlich die wachsamste Treue ein: ein Kus von solchem Weibe
thaut der stummen Verschwiegenheit die Lippen auf und eine Schferstunde
kann die heiligsten Grundszze zu Grabe luten.

Oder will euch das Glk bei den Weibern nicht wohl, oder frchtet ihr
euch selber in den Nezzen verwirren zu knnen, die ihr fr andere
ausspannt: so versuchts mit den Pfaffen. Schmeichelt den Stolz dieser
Hochmthigen, malt ihnen auf das leere Blatt der Zukunft Kardinalshte,
Patriarcheninsuln, Bischofsstbe und Pontificalien. Ich schwr es euch,
sie haschen zu, und ihr habt sie in eurer Gewalt. Sie, die
Gewissensrthe der bigotten Venetianer, lenken Mann und Weib, Edelmann
und Bettler, Gondolier und Dogen, Gelehrte und Laien am Zaum des
Aberglaubens. Habt ihr die Pfaffen fr euch: so knnt ihr Tonnen Goldes
ersparen, um die Gewissen zu bestechen, denn sie handeln mit dem lieben
Gott in Compagnie, und verschenken nach ihrem Gefallen bald die ewige
Seligkeit bald die hllische Verdammnis.




                           Neuntes Kapitel.
                           Mollas Huschen.


Kaum hatte _Abaellino_ die berchtigte That vollbracht, die nun allen
Venetianern Stoff zum Plaudern gab: so entwischte er so glklich, da
man auch nicht den geringsten Umstand vorfinden konnte, der ihn, als dem
Thter verrathen, oder die Spuren seiner Flucht entdekken konnte.

Er kam an Molla's Huschen -- es war schon gegen Abend. Molla ffnete
die Thr und er begab sich ins Zimmer. Wo sind die andern? fragte er
in einem wilden Ton. _Molla_ erschrak:

Sie schlafen schon seit dem Mittag. Wahrscheinlich wollen sie in der
Nacht auf die Jagd gehn. --

_Abaellino_ warf sich gedankenvoll auf einen Sessel.

Aber du bist ja so dster, Abaellino? sieh nur, du wirst dadurch so
hslich. Weg mit den Falten von der Stirn, sie entstellen dich noch
mehr.

_Abaellino_ antwortete ihr nicht.

Aber ich frchte mich endlich vor dir. Sei doch freundlich du Riese!
ich fange wirklich schon an dir gut zu werden, und deinen Anblik zu
ertragen und -- -- --

Wekke die Schlfer! brummte der Bandit.

Ei, la sie doch schlafen, die trgen Kerls, frchtest du dich denn mit
mir allein zu sein? Seh ich denn so schreklich aus, wie du? -- sieh mich
doch einmal an.

Sie stellte sich in ihrer kleinen, runden Figur vor ihm hin, und
schielte lchelnd mit lsternen Augen zu ihm hinber. -- Molla war in
der That nicht hslich; ihr Stumpfnschen, ihr brennendes Auge, ihr
blondes Haar, das hinter der Haube wild ber den vollen Busen
herabstrzte, der in diesen Augenblikken ohnedies nur sehr leicht bedekt
war, machte sie niedlich. Allein Molla wute auch, da sie ein
Stumpfnschen, einen sprechenden Blik, ein blondes Haar, und einen
vollen Busen hatte. Und ihr Karakter war daher -- wie der Karakter der
meisten Mdchen und Weiber in einem gewissen Alter, in allen Stnden.
Ein Mdchen, die es ihrem Spiegel und ihren Schmeichlern glaubt, es sei
schn, ist auf dem halben Wege, ihre Unschuld zu verlieren. -- Molla
brigens war weder Mdchen noch Weib, sondern -- -- -- was viele ihres
Alters und Geschlechts sind.

Aber sei doch nicht so tkkisch, lieber Abaellino! sagte sie und sezte
sich dicht neben ihn nieder und strich ihm mit ihrer runden Hand die
schwarzen Lokken von der Stirn.

Wekke die Schlfer! rief _Abaellino_, und stierte sie verdrslich
an.

Ei, ich glaube gar, der Schelm will trozzen! sagte sie und stand auf,
warf sich auf seinen Schoos, sah ihn in die Augen -- und das Halstuch
fiel ab.

Bsewicht! rief sie, was machst du?

_Abaellino_ konnte sich des Lchelns nicht erwehren.

Lache nur noch! sagte sie lchelnd und faltete die Stirn, um zornig zu
scheinen, vergab ihm aber bald die nicht begangne Snde, schlang ihre
Arme um ihn und drkte ihn an sich.

Du bist ein gutes Mdgen, Molla! entgegnete er, sties sie sanft
zurk und stand auf: in einer halben Stunde wollen wir uns beide mehr
erzhlen, jezt rufe die Schnarcher herbei, ich mu sie sprechen!

_Molla_ entfernte sich schweigend und drohte ihm im Zurksehn mit dem
Zeigefinger.

_Abaellino_ gieng mit starken Schritten durchs Zimmer, den Kopf auf die
Brust gesenkt, die Arme untereinander geschlagen. Der erste Schritt,
dachte er bei sich! der erste Schritt ist gethan; ein moralisches
Ungeheuer weniger in der Welt. Ich habe in diesem Morde nicht gesndigt,
sondern mich geheiliget. -- Gott, steh mir bei, ich habe ein groes Werk
vor mir. -- Ach, und dann soll Rosamunde der Lohn meiner Mhseligkeiten
-- Rosamunde? die Nichte des Dogen dem verworfnen Abaellino -- o, in
Ewigkeit geht es hier nicht gut zu Ende. Aber welch ein toller Einfall,
ein Mdchen beim ersten Anblik -- -- Aber auch nur eine Rosamunde kann
durch ihr erstes Erscheinen fesseln. -- Rosamunde und Emmoina! -- --
Doch es ist schn nach Unmglichkeiten zu haschen, es belustigen Trume
wenigstens, und der arme Abaellino bedarf Belustigung. O wte die Welt,
was Abaellino vollfhren wird, ach sie wrde ihn gewis lieben und
bemitleiden! --

_Molla_ trat herein. Ihr nach folgten schlaftrunken, ghnend und schlaff
Thomas, Baluzzo, Petrini und Struzza.

Reibt euch den Schlaf von den Augen, und berzeugt euch, da ihr
wachend seid, denn ihr sollt etwas hren, was ihr kaum im Traume glauben
wrdet.

Alle sahn ihn gleichgltig an. Nun was ists denn? fragte _Thomas_ und
dehnte sich schlfrig.

Nichts mehr und nichts weniger, als da unser braver, schlauer, tapfrer
Matteo -- _ermordet_ ist.

Wie? -- ermordet! lallte jeder und starrte den Hiobsboten mit
erschroknen Blikken an, und Molla schlug die Hnde ber den Kopf
zusammen und sank kreischend auf den Sessel nieder, auf welchem sie vor
wenigen Minuten noch um Abaellinos Zrtlichkeit buhlte.

Es herrschte eine allgemeine Stille.

Donner und Wetter! rief endlich Struzza und trat ein paar Schritt
zurk.

Thomas. Von wem?

Baluzzo. Wo?

Petrini. Diesen Nachmittag?

Abaellino. Vor einigen Stunden im Dolabellischen Garten, wo er die
Nichte des Dogen aufgesucht hatte -- wer ihn ermordet, das weis der
Himmel.

Molla. (heulend) Der arme Matteo.

Abaellino. Morgen um diese Zeit findet ihr seinen Leichnam auf dem
Rabenstein.

Petrini. Hat man ihn denn erkannt?

Abaellino. Freilich.

Molla. Der arme Matteo!

Thomas. Ein verdammter Streich!

Baluzzo. Verflucht, das hat ihn nicht geahndet, da er von uns ging, und
uns allen nicht.

Abaellino. Nun, ihr scheint darber bestrzt zu sein? --

Struzza. Ich kann mich noch nicht erhohlen -- Der Schrek htte mich fast
zu Boden geschlagen.

Abaellino. Ei, beileibe, ich lachte, als ich die Botschaft erfuhr. So
frh schon am Ziele! dacht ich.

Thomas. Was?

Baluzzo. Ich she darinn nichts lcherliches wahrhaftig!

Abaellino. Ihr frchtet euch doch nicht davor, eine Gabe zu empfangen,
die ihr selber so gern austheilt? -- Wohin strebt ihr? was drfen wir am
Ende unsrer Arbeiten zum Dank fodern, als Galgen und Rad und
Scheiterhaufen? welche Monumente drfen wir fr unsre Thaten fodern: als
Schandsulen und Rabensteine? Wem es gelstet auf dem groen Welttheater
die Rolle des Banditen zuspielen, der mu vor dem Tode nicht schaudern,
er komme in Gesellschaft des Arztes, oder des Henkers. Also lustig!

Thomas. Das sei hier der Gottseibeiuns, ich kanns nicht sein.

Struzza. Mir klappern die Zhne.

Petrini. Hr', Abaellino, la uns ein vernnftiges Wort mit einander
sprechen. Dein Wiz wird hier frchterlich.

Abaellino. Ha, ha, ha, ha!

Molla. Ach du armer, unglkseliger Matteo!

Abaellino. Nicht doch, Molla, mein Schzchen, wer wollte so sehr
verrathen, da man ein Weib sei. Komm und la uns das Gesprch
fortsezzen, das ich vorhin zerri. Sez dich zu mir und gieb mir ein
Mulchen. --

Molla. Geh, Ungeheuer.

Abaellino. Hat Liebchen die Laune verloren? Nun wohl, sie wird schon
zurkkehren, und wer weis, wie es dann um die meinige steht.

Baluzzo. Da dich der Geier fasse, Abaellino, du bist unausstehlich!

Abaellino. Bist du eiferschtig? Ho, ho, befrchte nichts!

Baluzzo. Verdammt seist du mit deinem hirnlosen Gewsch; saalbadre ein
andermahl. Jezt la uns berlegen, was zu thun sei?

Petrini. Freilich, es ist hier nicht die Zeit zum Spassen.

Thomas. Abaellino, ich halte dich fr einen gewizten Kerl, gieb Rath,
was sollen wir thun?

Abaellino. (nach einer Pause) Nichts oder vieles. Entweder wir bleiben,
_was_ wir sind, und wo wir sind, morden fr Geld und gute Worte einem
Schurken zum Gefallen jeden ehrlichen Mann, lassen uns zulezt hngen,
rdern, braten, an die Galeeren schmieden, kreuzigen und kpfen, je
nachdem es der blinden Justiz behagt, oder -- --

Einige. Oder?

Abaellino. Oder wir theilen unsern Raub, verlassen die Republik,
beginnen ein ehrliches Leben, und shnen den Himmel wieder mit uns aus.
Seht, ihr habt izt soviel, da ihr zeitlebens nicht in die verlegne
Frage gerathen drfet: woher nehmen wir Brod? -- Ihr kauft euch in einem
fernen Lande eine Villa, oder ein Wirthshaus, oder treibt Handel, oder
ein Gewerbe, welches euch besser gefllt, als die Meuchelmrderei. Ihr
mustert die Schnen, whlt euch ein Weibchen, zeugt Shne und Tchter,
et und trinkt und wezt die Scharten aus, durch eure Ehrlichkeit, die
ihr durch Bberei schluget.

Thomas. Ha, ha, ha!

Abaellino. Was ihr thut, will auch ich thun, in eurer Gesellschaft la
ich mich entweder hngen und rdern, oder zum ehrlichen Kerl machen. --
Nun whlt!

Thomas. Ein alberner Rath!

Baluzzo. Die Wahl hlt nicht schwer.

Abaellino. Ich sollt' es auch glauben.

Thomas. Wir bleiben beisammen, und treiben nach wie vor unser altes
Gewerbe. Das bringt Geld und ein flottes Leben.

Petrini. Mein Seel, Kerl, du sprichst mir aus dem Herzen.

Thomas. Wir sind zwar Banditen, aber doch ehrliche Kerls, und der Donner
ber den, der dies lugnet. Vor allen Dingen aber mssen wir uns einige
Tage eingezogen halten, damit wir nicht etwa verrathen werden, denn der
Doge hat gewis izt seine Spione allenthalben. Dann aber schleichen wir
uns, erkundigen uns nach dem Mrder Matteo's und erdrosseln ihn zum
warnenden Beispiel ^gratis^.

Alle. Bravo! bravissimo!

Petrini. Und du, Thomas, bist dafr von heut an unser Meister.

Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle.

Alle. Ja, ja!

Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell hierzu mein herzliches
_Amen_.




                            Zweites Buch.




                           Erstes Kapitel.
                           Der Geburtstag.


In ngstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren dumpfen Kammern,
betrauerten die Banditen den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre
Thren machte sie zittern; jedes Gerusch auf der Strae machte sie
grausen.

Frhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen Pallast einher. Der
_Doge_ feierte den Geburtstag seiner schnen Nichte Rosamunde, und
Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden machten mit ihrer
Gegenwart dieses Fest zum glnzendsten in seiner Art.

Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle der Freude
verschlossen geblieben. Ueppig buhlten alle Knste um den Vorrang;
Venedigs erste Dichter besangen diesen Tag schner, als je, denn sie
sangen Rosamunden; die Tonknstler und Virtuosen verschwendeten hier die
Allmacht der Musik, denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit,
alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder Freude; der Geist des
Vergngens umschwebte den Greis und den Jngling, die Matrone und das
Mdchen.

Selten hatte man den alten Dogen heiterer erblikt, als an diesem Tage.
Er war ganz Leben, die frhlichste Laune schwebte um seinen Lippen;
gndig und herablassend lies er niemanden seine Hoheit beahnden. Er
scherzte bald mit den Damen, schwrmte bald unter den Masken umher, die
den Ball glnzend machten, spielte bald mit den Feldherrn und Admiralen
der Republik im Schach, berwand und lies sich berwinden, bald nekte er
Rosamunden, und warnte sie, ihr Herz zu bewahren.

_Dandoli_, _Sylvio_ und _Canari_, seine treuen Freunde und Rthe
vergaen ihr graues Alter; mischten sich unter die jungen
Venetianerinnen und trugen scherzend jeder ihre Liebe an, nekten und
lieen sich nekken.

Als wir vor _Scardona_ lagen, Canari, und die Trken uns dort den Sieg
so schwer machten, da waren wir nicht so vergngt, als an diesem Abend.
Nicht so? rief _Andreas Gritti_ dem alten Canari zu, der in eben dem
Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin sich der Doge mit
seiner Nichte allein befand.

Warlich nicht, gndigster Herr aber es ruht sich nach solchen Arbeiten
schn! -- Ich denke noch immer mit frohem Schauder an den neblichten
Novemberabend, da wir Scardona eroberten und den halben Mond von den
Stadtmauern hinunterstrzten! Bei Gott, unsre Venetianer fochten wie die
Lwen!

Gritti. Nun, alter Kriegsgefhrte, trinkt; wir haben uns Ruhe
erstritten.

Canari. Ruh und Lorbeern. -- O, bei Gott, ich bin glklich und glklich
ist jeder der unter euern Fahnen gefochten. Ihr, gndigster Herr, habt
mich verewigt; wer htte in der Welt an Canari gedacht, wenn Canari
nicht mit dem groen Gritti gefochten htte, und in Sicilien und
Dalmatien die ewigen Trophen der Republik Venedig aufgepflanzt htte
mit dem groen Gritti.

Gritti. (sanftlchelnd) Der Cyprier besticht eure Fantasie, braver
Canari.

Canari. Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu den Groen
nennen, und in eurem Beisein loben, aber ich bin alt, und mag mich nicht
verstellen; mgen das unsre jungen Hofschranzen thun, die noch nicht im
Pulverdampf da standen und fr Venedig und Andreas Gritti fochten. --

Gritti. Alter Schwrmer! -- wird der deutsche Kaiser auch so denken?

Canari. Wenn Karl der fnfte nicht betrogen wird, oder sein Stolz noch
die Gre eines andern ertragen kann: so mu er bekennen: Ich frchte
den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist mir auf Erden
berlegen! bei Gott, das mu Karl.

Gritti. Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich seinem Gesandten gab,
da er mir die Gefangennehmung des Knigs von Frankreichs notifizirte? --

Canari. O, gewi, gndigster Herr, gewi. Aber sei es auch. Venedig
zittert, so lange Gritti lebt, nicht. -- Aber gndigster Herr, wenn ihr
einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen Ruhe und eure Helden mit
euch! O, Venedig, Venedig, ich frchte deine goldne Zeit neiget sich zum
Untergange!

Gritti. Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles hoffen?

Canari. Ach was sind die meisten? Helden in den Feldern der Liebe;
Helden hinter den Pokalen; entnervte Jnglinge, schlaff an Krper und
Geist. Doch halt, -- nein! o, wenn man alt wird, oder neben einen
Andreas Gritti steht, da vergit man doch so leicht das wichtigste. --
Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine groe Bitte.

Gritti. Ich bin neugierig.

Canari. Seit acht Tagen befindet sich hier ein junger florentinischer
Edelmann, Flodoard heit er, ein herrlicher, vielversprechender Mann.

Gritti. Nun?

Canari. Sein verstorbner Vater war mein sehr guter Freund, er ist nun
gestorben, der alte ehrliche Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir
auf einem Schiffe, hat manchen Trkenkopf hinweggesbelt. -- Es war ein
braver Soldat!

Gritti. Ihr verget seinen Sohn.

Canari. Sein Sohn hlt sich jezt in Venedig auf und will in Dienste der
Republik gehn. Ich bitte bei euch fr ihn, stellt den jungen Mann irgend
wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, wenn unsre Asche vom Winde
verweht ist. Ja, bei Gott, das wird er!

Gritti. Hat er Kopf?

Canari. Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt ihr ihn sehn, ihn sprechen?
er ist unter den Masken dort im groen Saale. -- Noch eins -- er hat von
den Banditen gehrt, die in Venedig umherspuken, das erste Probestk
seiner Schlauheit will er euch dadurch ablegen, da er die unsichtbare
Gesindel, dem unsre Polizei vergebens nachsprt, dem Criminalgericht in
die Hnde spielt.

Gritti. (verwundert) Wie ist das mglich? Graf Flodoard heit er? sagt
diesem Flodoard, ich verlange ihn zu sprechen.

Canari. O, nun hab ich schon die Hlfte oder alles gewonnen. Denn
Flodoarden sehn, und nicht lieben, hlt so schwer, als einen Blik ins
Paradies thun und ohne Lsternheit zu verbleiben. Flodoarden sehn und
ihn hassen ist so unmglich, wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu
hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm der Staar vom Auge
gezogen, wird.

Gritti. (lchelnd) Ich habe meinen alten Canari nie so schwrmerisch
gefunden, als diesen Abend.

Canari. O, bei Gott, gndigster Herr, die Flodoarde waren seit den
frhsten Zeiten gros. Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals
herrliche Zweige, als das Geschlecht der Gritti, Canari, Dandoli und
Falieris noch unter den wilden Gestruchen keimte. Und ich glaube, jede
Ceder grnt noch und giebt berhmte Zweige von sich, wenn unsre Familien
rings umher ausgestorben sind, wie drres, schwaches Pflanzwerk.

Gritti. Zeiget mir doch den Wundermann!

Canari. (im Aufstehn.) Ich werd ihn herbeirufen. Ach, es thut mir wohl
meinen alten verstorbnen Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn wieder
lieben zu knnen. -- Und, ihr edle Donna, htet euch! htet euch! (geht
ab)

Rosamunde. Fhrt nur euern Helden vor, ihr habt meine Neugierde
gespannt.

Gritti. Warum sonderst du dich so lange von den Tnzern ab, Rosamunde?

Rosamunde. Ich bin ermdet, und jezt fesselt mich noch die Neugier, den
hochgepriesenen Flodoard zu sehn. -- Ach, lieber Oheim, mir deucht, ich
kenne ihn schon. Unter allen Masken zeichnet sich vorzglich eine
griechische aus, und zeichnet sich so aus, da man sie mit dem
flchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine schlanke, groe Gestalt,
in jeder Bewegung so angenehm, -- und tanzt so treflich.

Gritti. (lchelnd mit dem Finger drohend) Nichte! Nichte!

Rosamunde. O, frwahr, lieber Oheim ich lge nicht -- aber doch kann es
sein, da der florentinische Flodoard und der Grieche zwei Personen --
-- seht, Oheim, seht dort hinunter, da, da steht der Grieche!

Gritti. Und Canari neben ihm. -- Sie kommen! Nun, du bist im Errathen
glklich -- --

Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, als der alte _Canari_
hereintrath, einen schlanken Griechen an seiner Hand fhrend.

Seht hier den Grafen Flodoard, der um eure Gnade bittet! sagte Canari,
und _Flodoard_ entblte ehrerbietig sein Haupte, zog die Larve vom
Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs groen Dogen.

Gritti. Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik treten?

Flodoard. Wenn. Ew. Durchlaucht mich fr dieselben wrdig finden.

Gritti. Canari versprach mir viel Gutes von euch. Warum hat euch euer
Vaterland nicht behalten?

Flodoard. Weil dort kein Gritti lebt.

Gritti. Besttigt es sich, da ihr die Banditen in Venedig aufgesprt
habt?

Flodoard. Ich zweifle nicht daran sie aufspren, und sie euren Gerichten
berliefern zu knnen.

Gritti. Das wre in der That von einem Fremdling viel. Ich bin begierig
zu wissen ob ihr Wort halten knnet.

Flodoard. Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster Herr, hab ich mein
Versprechen erfllt.

Gritti. Und das verspreche ihr so fest? Wit ihr was es heit, Banditen
zu fangen? dies Gesindel ist unsichtbar und allgegenwrtig, man sieht es
allenthalben, und nirgends, und noch ist es den Polizeibedienten der
Republik nicht mglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl kein
Winkel in Venedig existirt, den unsre Spione nicht kennen, nicht
durchstbern.

Flodoard. Ich schzze mich glklich dem groen Dogen von Venedig mich
durch solches Probestk empfehlen zu knnen.

Gritti. Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt zu mir. Jezt wollen wir
uns der Freude berlassen, der dieser Tag geheiligt ist. -- Fhrt meine
Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet.

Flodoard. Ein angenehmer Befehl. --

Rosamunde stand an den Sessel ihres ehrwrdigen Oheims gelehnt, und
musterte den Grafen, und dachte an Canari's Worte: ihn sehn und ihn
nicht lieben hlt so schwer, als einen Blik ins Paradies werfen, ohne
lstern zu werden. Und Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein helles
Roth berflog sie, da der Oheim den Befehl gab, sie war verlegen, und
wute nicht, ob sie vor oder zurktreten mte.

Und wren manche meiner Leserinnen in Rosamundens Stelle gewesen, so
zweifle ich gar nicht, da sie in gleiche Verlegenheit gerathen wren.
Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, ein Gesicht mit einer
so empfehlenden Physiognomie, mit solchen karakteristischen Zgen, die
dem Knstler nichts mehr brig lieen, wenn er das Ideal mnnlicher
Schnheit darstellen wollte, Zge, welche laut sprachen, dieser Jngling
trgt ein Heldenherz im Busen -- ach, die knnen ein armes, schwaches,
unbefangnes Mdchen leicht in Verlegenheit sezzen.

Flodoard nahm Rosamundens Hand und fhrte sie in den Saal der Tnzer.
Hier drehte, hier schwang sich alles nach den Harmonien des rauschenden
Orchesters in lieblichen Gruppen beim Schimmer der brennenden Kerzen.
Aber Flodoard gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards Hand vor
den Reihen der Tnzer vorber -- sie verloren sich bis zum fernsten Ende
des herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem Fenster stehn, und
sahn sich an, und sahn zu den Tnzern, und dann zum Mond hin und
vergaen sich und Tnzer und Mond und waren jeder allein mit sich
beschftigt.

Frulein, sagte _Flodoard_ endlich nach langem Stillschweigen: das hei
ich unglklich sein!

Unglklich? Ich verstehe euch nicht, Herr Graf, wer ist denn
unglklich? entgegnete die schne Rosamunde, und sah dem Jngling ins
Auge, und lchelte sanft.

Der, der in Elysium hineintritt und mit allem fremd ist; der, dem da
drstet, und den Pokal vor sich sieht, welcher nicht fr ihn gefllt
ist.

Seid ihr der Fremdling in Elysium etwa, oder der Drstige neben dem
Pokal, der nicht fr ihn gefllt ist? Es scheint, als wolltet ihr, da
ich eure Worte so verstnde.

Ihr habt es verstanden, schne Rosamunde. Und, sagt, bin ich nicht
recht sehr unglklich?

Wo ist denn das Elysium, in welchem ihr fremd wret?

Um Rosamunden ist Elysium.

Rosamunde schlug die Augen nieder.

Seid ihr bse? hat euch diese Offenherzigkeit gekrnkt? fuhr Flodoard
schnell fort, und zog schchtern ihre schne Hand an sich. --

Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? in Venedig hat man
Galanterien dieser Art. Wenigstens ha _ich_ sie, und von euch wnsch
ich sie am wenigsten zu hren. Sagte Rosamunde.

Nein, Frulein, so wahr ich lebe, hier lauschte hinter den Worten keine
Schmeichelei.

Dort tritt der Doge in den Saal -- Canari und Sylvio neben ihm, er
wird uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den Tnzern!

Flodoard folgte ihr schweigend. Der Tanz begann. -- Himmel, wie schn
war Rosamunde, wenn sie um Flodoarden nach den sssen Akzenten der Musik
hinschwebte -- wie schn war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare
Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge Rosamunden suchte! Er war
entlarvt noch und baarhuptig, aber jedes Auge glitschte ab von den
Federhten und Helmen, und hin zu dem wilden hochfliegenden schwarzen
Haargekrusel des schnen Flodoard. -- Im Saal erhob sich ein Geflster;
die Tnzerinnen vergaen ihre Touren, und die Herzen ihren gewhnlichen
Takt.




                           Zweites Kapitel.
                              Flodoard.


Einige Abende nachher sas _Parozzi_ mit dem _Memmo_ und _Falieri_ auf
seinem Zimmer, trbe leuchteten die Kerzen, trbe und strmisch wars
drauen am Himmel und dster wars in der Seele dieser Wstlinge.

Parozzi. (nach einer langen Stille) Seid ihr eingeschlafen? He, Falieri,
Memmo, trinkt doch.

Memmo. (verdrslich) Ach!

Falieri. Dein Wein schmekt mir heut wie Galle.

Parozzi. Die verdammten Schurken!

Memmo. Du meinst die Banditen?

Parozzi. Keiner lt sich wittern. Es ist bis zum sterben rgerlich.

Falieri. Und die Zeit verstreicht, unsre Plne werden verrathen, und wir
sizzen dann in den venetianischen Staatskerkern dem Pbel zum
Hohngelchter.

(abermahlige Stille)

Parozzi. (seufzend) Flodoard! Flodoard!

Falieri. Der Kardinal Grimaldi erwartet mich noch diesen Abend.

Memmo. Nun ich denke Contarino kann nicht mehr lange ausbleiben.

Falieri. Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken bei Almerien und
vergit Gott, uns, die Republik und Banditen.

Parozzi. Also ihr kennt den Flodoard nicht?

Memmo. Ich kenne ihn nur von Rosamundens Geburtsfest.

Falieri. Parozzi ist eiferschtig.

Parozzi. O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde ihre Hand dem deutschen
Kaiser oder dem rmsten Gondelier in Venedig schenken, es wird mir
gleichgltig sein.

Falieri. Ha, ha, ha, ha!

Memmo. Aber gestehn mu es der Neid, da Flodoard der schnste Mann
unterm Monde ist. -- Bei Gott, wr ich ein Weib, ich mte ihn lieben.

Parozzi. Nun ja, wenn die Weiber Nrrinnen deines Kalibers wren, und
auf die Schale mehr, als auf den Kern achteten -- --

Memmo. Wie denn die Weiber einmal sind.

Falieri. Der alte Canari scheint mit dem Flodoard schon seit alten
Zeiten bekannt gewesen zu sein.

Memmo. Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem Dogen vorgefhrt.

Parozzi. (knirschend) Brder, es nimmt ein trauriges Ende.

Memmo. (seufzend) Dem Himmel seys geklagt.

Parozzi. Still! -- es wird unten gepocht.

Memmo. Contarino ist's. Nun werden wir bald hren, ob er die Banditen
gefunden.

Falieri. (aufspringend) Es ist sein Gang.

Die Thr sprang auf. Contarino in einen Mantel verhllt, trat herein.
Guten Abend! sagte er und warf den Mantel ab -- und Parozzi, Memmo und
Falieri bebten erschrokken zurk, und riefen: Du blutest! was hast du
gemacht.

Kleinigkeiten rief Contarino: He, ist Wein da? giet mir den ersten
besten Becher voll, mich drstet!

Memmo. Aber Herzensbrderchen, du bist sehr erhizt.

Contarino. (trinkt den Becher leer) Gift! Gift! schenkt ein.

Falieri. (giet den Becher voll) Du blutest!

Contarino. Das weis ich; meine Schuld ists nicht.

Parozzi. La dich verbinden und dann erzhle! was ist vorgefallen?

Contarino. (trinkt) tausend Spas! he, fllt den Pokal!

Memmo. Nun, da stehn mir die Sinne still,

Contarino. Nicht so? Siehst du, Memmo, dafr bin ich auch Contarino, und
nicht Memmo. -- Die Wunde blutet zwar, aber gewi sie ist nicht
gefhrlich. (reit das Wamms auf und entblt die Brust) da, seht her,
was ists mehr, als ein Hieb von zwei Zoll Lnge durchs Fleisch.

Memmo. (schaudernd) Brr, ein grslicher Anblik.

Parozzi. (hohlt Pflaster herbei und verbindet die Wunde, nachdem er sie
ausgewaschen.)

Contarino. Vater Horaz hat recht! der Philosoph ist alles was er sein
will, Schuster und Knig und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph
Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu bepflastern weis. -- Magst
Dank haben. Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen Kreis, ich hab
euch wunderliche Geschichten zu erzhlen.

Falieri. Erzhle.

Contarino. Ich gieng um die Abenddmmerung aus, die Banditen
aufzusuchen. Ich kannte die Kerls von Person nicht, und sie mich eben so
wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet ihr sagen: Allein, ich
thats, um euch zu berfhren, man knne alles, wenn man nur knnen
_will_. Ich hatte schon Notizen genug, und siehe da, in meiner
Verkleidung lies ich mich mit einem Gondelier ins Gesprch ein. Ich
merkte fast, da er von dem Aufenthalt der Bravo's etwas wisse, ich
rkte mit Geld und guten Worten nher, er desgleichen, zulezt erfuhr
ich, da er selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schlo mit ihm
einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner Gondel durch ganz Venedig, bald
links, bald rechts, zulezt wut ich in der Dunkelheit selber nicht mehr,
in welchem Viertel der Stadt ich mich befnde. Er verband mir endlich
sogar die Augen und ich mute mirs gefallen lassen. -- Nach einer
Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl mir auszusteigen, fhrte
mich durch ein paar Straen in ein Haus, und da in eine enge kleine
Stube. Hier ri er mir die Binde von den Augen, ich sah mich in der
Mitte von drei fremden Kerln und einer Weibsperson.

Falieri. Ein Wetterkerl der Contarino.

Contarino. Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern ich warf mein Geld
auf den Tisch, versprach ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen
Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch welche wir uns irgendwo
zusammenfinden wollten. Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari,
Sylvio und Dandoli aus dem Wege zu rumen.

Alle. Bravo!

Contarino. Kurz, es gieng alles glklich von Statten; aber plzlich
wurden wir durch einen unerwarteten Besuch gestrt.

Parozzi. Nun?

Memmo. (ngstlich) Um Gotteswillen -- --

Contarino. Man klopfte. Die Weibsperson sprang hinaus, ffnete die Thr
und kam todtenbla wieder zurkgestrzt in unser Zimmer und rief:
flieht! flieht!

Falieri. Nun?

Contarino. Bewafnet und bewehrt traten Polizeioffiziere und Sbirren
herein, und an ihrer Spizze der Fremdling von Florenz mit dem Degen in
der Faust.

Alle. Flodoard? Flodoard?

Contarino. Flodoard!

Falieri. Welcher Teufel fhrt den dahin?

Parozzi. Hagel und Wetter, warum war ich nicht bei dir!

Memmo. Da siehst du nun, Parozzi, da siehst du's, da Flodoard kein
feiges Weiberherz hat?

Falieri. Still, la ihn erzhlen!

Contarino. Wir standen, wie angedonnert, da, und keiner rhrte sich. Im
Namen der Republik und des Dogen, ergebt euch! schrie Flodoard! Der
Satan ergiebt sich dir eher, als wir! rief ihm mein Gondelier zu und
grif nach einem Degen; die andern rissen die Flinten von der Wand und
ich zog die Klinge und schlug die Lampen um, damit keiner den andern
she. Aber der Mond schimmerte trb durch die Fensterscheiben. -- Ich
dachte, hier wirds heien: mit gefangen mit gehangen! und gieng dem
Flodoard mit der Klinge zu Leibe. Aber meine Schlge glitten jedesmal
von seinem Sbel ab, der wie ein Bliz um ihn herumflirrte. Ich schlug
wie ein Rasender um mich her, aber hier ward meine Kunst zu Schanden,
und eh ichs mir versah schlizte er mir die Brust auf. Ich fhlte die
Wunde, sprang zurk, es fielen ein paar Schsse, im Pulverbliz erkannte
ich eine unbesezte Nebenthr, ich entwischte glklich in die eine
Kammer, schlug mit einem Faustschlag ein Fenster durch, sprang hinunter,
lief einen Hofraum durch, berkletterte ein Paar Zune, kam an den
Kanal, ein Gondelier fuhr mich zum Marcusplaz und nun rannt ich zu Fus
hieher. Da habt ihr das vermaledeite Abentheuer!

Parozzi. (aufspringend) Ich werde rasend.

Falieri. Alles, alles geht mit uns den frchterlichen Krebsgang!

Memmo. Der Himmel warnt uns!

Contarino. Kleinigkeiten! So mu es sein. Je mehr Hindernisse, je grer
mein Muth!

Falieri. Haben dich die Banditen erkannt?

Contarino. Nein, sie wissen nicht wer ich bin, noch wer sie zum Morde
des herzoglichen Kleeblatts besolden wollte.

Memmo. Ich danke Gott, da du so glklich davon gekommen bist.

Falieri. Aber wie hat Flodoard den Aufenthalt der Banditen erfahren, da
er doch in Venedig fremd ist?

Contarino. Wahrscheinlich durchs Ohngefhr, wie ich. -- Aber meine
Brustwunde soll er noch bezahlen!

Falieri. Flodoard macht sich zu schnell merkwrdig.

Parozzi. (hebt den Becher auf) Sein Tod!

Contarino. (trinkt) Gift fr ihn!

Falieri. Ich mu mit ihm bekannter werden.

Contarino. He, Memmo, schaff Geld! wann fhrt dein Alter dahin?

Memmo. Morgen Abend! --




                           Drittes Kapitel.
                            Neuer Lrmen.


Der schne Fremdling von Florenz war seit dem Geburtsfest der Rosamunde
von Korfu das tgliche Gesprch und der ewige Gedanke aller
Venetianerinnen geworden, die irgend nur entlegne Ansprche auf
Schnheit und Eroberungen machen konnten. Manches Mdchen schlief jezt
unruhiger, und trumte jezt schwerer, manche vermhlte Donna stellte
jezt Vergleichungen an und seufzte; manche eingezogne Sprde besuchte
jezt die vorzglichsten Spaziergnge und Grten Venedigs, wo Flodoard
sich etwa sehn lassen drfte.

Allein seit der Zeit, da eben dieser Flodoard an der Spizze der Sbirren
die Banditen in ihrem Neste berfallen und mit Lebensgefahr gefangen
genommen hatte, wurde er nun auch der Aufmerksamkeit der Mnner
wrdiger. Man bewunderte nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine
Khnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche er die Wohnung der
Bravo's erspht und die scharfsichtige weltberhmte Polizei der
Venetianer beschmt hatte.

Der Doge _Andreas Gritti_ zog ihn nun fterer zu sich in Gesellschaft,
und fieng an, diesem wunderbaren jungen Mann mit vorzglicher
Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein knigliches Geschenk fr
seine That, wodurch er der Republik so nzlich geworden war, und erhob
ihn zu einer ansehnlichen Civilcharge.

Allein bescheiden lehnte der liebenswrdige Florentiner diese
Ehrenbezeugungen von sich ab. Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr
wenigstens zu erlauben, frei und unabhngig in Venedig leben zu drfen;
dann wolle er selber um ein Amt anhalten. --

_Flodoard_ wohnte in dem prchtigen Pallast des alten Canari, aber lebte
hier sehr eingezogen, studierte in den Schriften der Alten und Neuern,
verschlo sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien selten nur auf
den gewhnlichen Promenaden.

Aber _Canari_, der _Doge_, wie auch _Sylvio_ und _Dandoli_, Mnner, die
Venedigs Ruhm fr Jahrhunderte gegrndet hatten und glnzend erhielten,
Mnner, in deren Gesellschaft man sich aus dem Zirkel der
Alltagsmenschen gerissen fand und im Umgang mit hhern Wesen zu leben
glaubte, Mnner, die den ausserordentlichen Jngling Flodoard jezt in
ihre Mitte aufnahmen, um ihn zum groen Mann auszubilden; _Canari_,
_Gritti_, _Sylvio_ und _Dandoli_ sag ich bemerkten leicht, da Flodoards
Heiterkeit ein verstelltes Wesen sei, da ein geheimer Gram an seinem
Herzen nage.

Vergebens durchforschte ihn Canari, der ihn, wie seinen eignen Sohn
liebte, vergebens heiterte ihn der ehrwrdige Doge auf -- Flodoard
blieb, wie er war, schwermthig.

Und _Rosamunde_? Rosamunde htte kein Mdchen sein mssen, wenn sie
heiter geblieben wre: dster und melancholisch schlich sie umher, sie
ward blas und immer blsser, der Doge, der sie zrtlich liebte, wurde
besorgt fr ihre Gesundheit, -- Rosamunde wurde zulezt wirklich krank
und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten hier umsonst ihre
Kunst, Rosamunde mute das Bett hten und fieberte.

In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine Lieblinge befanden,
erfuhren sie eines Morgens etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs
hchste treiben mute. Denn eine solche Verwegenheit war bisher in
Venedig unerhrt gewesen, als diejenige war, welche jezt begangen ward.

Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, _Petrini_, _Struzza_,
_Thomas_ und _Baluzzo_ lebten lngst in gefnglichem Verhaft, muten ein
tgliches Verhr dulden und sahn mit jedem Tage ihrer Todesstunde
entgegen -- jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es sei nichts
mehr fr die ffentliche Ruhe zu frchten und Venedig gesubert von all
dem Gesindel, welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen lt --
als mit einemmahle an den vorzglichsten Staten, Straenekken und
ffentlichen Gebuden folgende Addresse angeschlagen gefunden wurde.

   Venetianer!

   Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und Baluzzo, die bravsten
   Mnner von der Welt, die, wenn sie an der Spizze einer Armee
   gestanden htten, Helden heien wrden und izt als Banditen
   der Staatsetikette zum Opfer gebracht worden sind, existiren fr
   euch zwar nicht mehr, aber mit Leib und Seele noch einer,
   dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. Lcherlich ist
   mir Venedigs Polizei, lcherlich der Stolz des schlauen Flodoard,
   der meine Brder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe noch!
   Wer meiner bedarf, der suche mich, er wird mich allenthalben
   finden, wer mir verrtherisch nachsprt, wird mich nirgends sehn!
   -- Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, der mich verfolgt;
   sein Leben und sein Tod ruhn in meiner Hand. -- Ich bin der
   venetianische Bandit

                                                          _Abaellino_.

Hundert Zechinen! rief der brave Doge von Venedig: hundert Zechinen
dem, der mir das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der mir es
liefert! --

Allein umsonst flogen die Spione der Polizei umher; sie trafen keinen
_Abaellino_. Umsonst paten jezt alle Miggnger, Pflastertreter,
Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend Zechinen zu gewinnen,
Abaellino machte ihren Wiz zu Schanden.

Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino gesehn haben, der eine in
der Gestalt eines Greises, der andre in der eines Knaben, der dritte in
einem Weiberrok, der vierte in der Mnchskutte; es hatte ihn jeder
gesehn und keiner.




                           Viertes Kapitel.
                            Das Veilchen.


Ich erzhlte den Lesern im Anfang des vorigen Kapitels, da _Flodoard_
so traurig und Rosamunde so dster geworden wren, aber das _warum?_ hab
ich ihnen noch nicht entdekt.

_Flodoard_, der sonst so heiter und die Seele der Gesellschaften gewesen
war, fing seit einem _gewissen Tage_ an, ernster zu werden, und von eben
dem Tage an verlor auch die frhliche Rosamunde ihren Humor.

An diesem Tage nmlich fhrte die Hand des launenhaften Ohngefhrs, oder
die Gttin Liebe, die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden in
ihren Oheimes Garten, der nur den Vertrauten des Dogen offen stand, und
in welchem er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend eines schwlen
Tages ausruhte.

_Rosamunde_ gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief
in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Bltter von den
Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen
plzlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder
stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll
ihr schner Busen strmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrkter
Seufzer ber ihre kleinen Lippen. --

Aber er ist doch schn! sprach sie leise, und starrte schmachtend vor
sich hin, als she ihr Auge ein Etwas, das gewhnlichen Blikken
verschleiert ist.

Doch _Iduella_ hat auch Recht! fuhr sie dann wieder fort, und sah bse
aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt htte.

Diese _Iduella_ war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der
wrdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nmlich ihre Eltern
frh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen
lallen konnte, und ihr Vater _Guiscardo_ von _Korfu_, Kommandeur eines
venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem
Seetreffen wider die Trken untergegangen, da er noch ein Mann in den
besten Jahren war. _Iduella_ wurde nun die Erzieherin und Mutter
Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse.

Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwrdige
_Iduella_ aus einem Seitengang hervor.

Rosamunde. (bestrzt) Bist du auch hier?

Iduella. (sanftlchelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewhnlich deinen
Schuzgeist, und Schuzgeister mssen nie von ihren Lieblingen fern sein.

Rosamunde. Hre, Iduella, ich habe deine Reden berdacht, und gefunden,
da sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein -- --

Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz?

Rosamunde. Gewis.

Iduella. Ich tadle dich auch gar nicht, liebes Kind, sondern ich habe
dir ja selber gestanden, da, wr ich in deinem Alter, und ein Flodoard
erschiene, und bettelte oder bettelte nicht um meine Gunst, ich ihm
gewis nicht bse sein wrde. -- Flodoard bleibt unstreitig ein
angenehmer, und, fr jedes Mdchen von Geschmak, sehr gefhrlicher
junger Mann. Er hat viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz in
seinem Umgang, viel schne Zge in seinem Karakter -- -- aber er ist ein
armer Edelmann, dem der Doge von Venedig unmglich seine Nichte zur
Gemahlin geben kann und wird.

Rosamunde. (lchelnd) Ei, wer spricht denn von Gemahlin werden? ich will
ihm ja nur -- -- nur gut sein.

Iduella. So? also, wrdest du zufrieden sein, wenn Flodoard sich mit
einer andern Venetianerin -- -- --

Rosamunde. (schnell) O das thut er gewi nicht.

Iduella. (lchelnd) Liebes Kind, du willst dich so gern selbst betrgen.
Aber thu es nicht. Ein Mdchen, welches liebt, verknpft mit den
Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch einer ewigen Verbindung. Und
den Wunsch darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen Oheim zu
beleidigen, der, er mag der beste Mann von der Welt sein, doch dem
eisernen Gesez der Politik und Etikette gehorchen mu.

Rosamunde. Ja, ja, ich weis das sehr gut. Sieh nur, ich will ihn auch
nicht lieben, sondern, ich will nur seine _Freundin_ sein. Und er
verdiente gewi, da ich ihm gut bin; ach, glaube nur Flodoard verdient
noch weit mehr.

Iduella. Und Freundschaft und Liebe, -- o, Rosamunde, du kennst diese
Gste nicht. Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre Masken unter
einander. Die Liebe hngt oft den Mantel der Freundschaft um, wenn man
sie in ihrer eigenthmlichen Gestalt nicht dulden will. -- Mit einem
Worte, liebes Kind, denk an deinen Oheim, denke daran wieviel du ihm
schuldig bist, und opfre ihm eine Grille deines Herzens auf.

Rosamunde. Ja, ich glaube beinah selber, da nur eine vorbergehende
Laune bei mir ist. Ich will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst
dich darauf verlassen. -- Ich bin ihm jezt gar nicht mehr gut, wenn ich
daran denke, da er mich von meinem lieben Oheim abwendig machen will.

Iduella. (lchelnd) Solltest du so viele Gewalt ber deine rebellischen
Empfindungen haben?

Rosamunde. Gewi. Es wird sich zeigen. Ich bin ihm gar nicht mehr gut,
dem Verfhrer.

Iduella. (mit einem scharfen Blik auf sie) _Gar nicht mehr gut?_

Rosamunde. (seitwrts blikkend) I nun ja, wohl noch _etwas_; denn hassen
kann ich doch den armen Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet.

Iduella. Nun, wir sprechen uns wieder. Vergi deinen schnellen Vorsatz
nicht so rasch, als er dir auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die
Gondel erwartet mich.

Iduella verlor sich in den Gngen des Gartens und Rosamunde schlich
langsam umher und trumte und dachte, wnschte und verdammte, sehnte
sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer Sehnsucht gestehn.

Es war ein heier Sommernachmittag, und Rosamunde sah sich um nach einem
schattigten Plzchen. Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher eine
kleine Rasenbank angelegt war, worber die zauberischen Hnde der Kunst
und Natur ein Nez von Jasmin und Epheu gewebt hatten. Die Plzchen
suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte sich um die Hekken und --
ach! errthend flog sie zurk, denn _Flodoard_ sas auf dem Rasenbnkchen
unter dem Jasmin- und Epheunez neben der Fontaine und las in einem
Bndel Schriften.

Rosamunde wute nicht ob sie fliehn, oder stehn bleiben msse. --
_Flodoard_ sprang auf, so bestrzt er auch war, und rettete sie aus der
Verlegenheit, indem er ihr die Hand kte.

Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton sndigen wollte, _mute_ sie
stehn bleiben.

Flodoard behielt ihre Hand in der seinen -- was konnte sie davor, da er
auf den sehr natrlichen Einfall kam? die Hand zurkzuziehn? -- je nun,
er that ja der Hand nichts zu leide, und schien in ihrem Besiz so
glklich zu sein -- und wie konnte Rosamunde die namenlose Grausamkeit
begehn, und jemanden ein Glk rauben, das ihrem Glkke nicht
widersprach?

Frulein, sagte Flodoard, um doch etwas zu sagen; der schne Nachmittag
ists werth, da man ihn im Freien verlebt!

Aber ich stre Euch im Studieren, Herr Graf.

Wird man gestrt in seiner Pflicht, wenn sich uns eine angenehmre
aufdringet?

Nun war das Gesprch zu Ende. Sie sahn sich beide an, schlugen beide die
Augen nieder, sahn beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bumen und
Blumen, suchten Stoff fr ein Gesprch und je msiger sie suchten, je
weniger fanden sie, und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei
kostbare Minuten.

Ach ein niedliches Veilchen! rief plzlich Rosamunde, um doch etwas
vorzunehmen, und sprang hin, bkte sich und pflkte das Blmchen,
welches sie gewi zu jeher andern Zeit nicht gepflkt haben wrde.

Eine schne Blume! sagte _Flodoard_ und rgerte sich ber diese
leeren Worte.

Eine herrliche Farbe! fuhr _Rosamunde_ fort: _Violet_, roth und blau
so schn unter einander gemischt, wie kein Maler die Farben mischen
kann.

Und ein bedeutungsvolles Blmchen! sezte er hinzu: _Roth_ die Farbe
der Freude, _Blau_ die Farbe der Freundschaft und -- -- ach, wie
glklich wre der Mann, Rosamunde, dem ihr die Blume gbet! --
Freundschaft und Seeligkeit hngen unauflslich aneinander, Freundschaft
und Seeligkeit sind inniger vermischt, als die Roth und Blau des
bedeutungsvollen Veilchens!

Was ihr nicht ber eine simple Blume schnes zu sagen wit!

Aber, wem wird einstens Rosamunde _das_ geben, was diese Blume
bezeichnet? -- doch, eine alberne Frage -- ich weis auch gar nicht, wie
ich heut beschaffen bin -- verzeiht mir den lcherlichen Vorwiz,
Frulein!

Er war still. Rosamunde war still; Stille herrschte am Himmel und auf
Erden, aber nicht im Herzen der Liebenden.

Aber wenn sie auch ihrer Zunge gebieten konnten, da sie nicht Verrther
der geheimen Leidenschaft wurde, wenn gleich die Lippen Rosamundens
nicht gestanden: du bist es, Flodoard, dem dies Veilchen von mir gegeben
werden soll; wenn gleich Flodoards Mund nicht fragte: Rosamunde, gieb
mir die Blume und das was sie bedeutet! o so schwiegen doch ihre Augen
nicht. Diese treulosen Dollmetscher heimlicher Gefhle bekannten hier
mehr, als das Herz sich selber eingestand. --

Flodoard und Rosamunde standen in ssse Quaalen versunken vor einander
da; ihre Blikke ruhten auf einander und wurden die Herolde der
wachsenden Empfindung. Mit einem namenlosen schwrmerischen Lcheln
starrte die unschuldige Rosamunde den auserkornen Liebling an; und
schchtern zweifelnd studierte der schne Jngling die Lcheln
Rosamundens. Und er verstand es; und das Herz pochte lauter, und rascher
flog sein Odem.

Rosamunde bebte; ihr Busen erhob sich ungestmmer; sie wurd es gewahr
und ein liebliches Roth der Schaamhaftigkeit strmte ber ihr Angesicht
hinab.

Ach, eine Ewigkeit so dazustehn, sich spiegeln zu knnen im liebenden
Auge des Geliebten, hren zu knnen die leisen Seufzer der Sehnsucht,
berechnen zu knnen am Aufwallen und Sinken des Busens, die Ebbe und
Flut der Empfindungen -- die ist der erste Himmel, zu welchem die Liebe
fhrt.

Rosamunde! seufzte Flodoard unwillkhrlich, und unwillkhrlich
lispelte sie: Flodoard!

Gieb mir das Veilchen, o mir! stammelte er, und zitterte nicht vor
seiner khnen Foderung.

Rosamunde hielt die Blume fest.

Fodre, fodre dafr eine Knigskrone, ich will sie dir stehlen.
Rosamunde, mir die Blume!

Sie sah den Bittenden an und schwieg.

Mein Glk, meine Ruhe, mein Leben hngt an dieser Blume. So wahr ein
Gott lebt, ich thue dann Verzicht auf alles, was die Erde Schnes
trgt!

Die Blume schwankte in ihrer schnen Hand.

Du erhrst mich, Rosamunde? Ich bettle nicht umsonst?

Bei dem Wort _betteln_ fiel ihr Iduella ein. Wo bleibt dein Versprechen,
dein Vorsaz? sagte sie zu sich selber: flieh, flieh! du wirst dir und
Iduellen und deinem Oheim treulos.

Und sie zerri die Blume.

Ich verstehe euch, Flodoard, sagte sie: aber gebt eure Plne auf -- und
so wie jezt lat uns nimmer in diesem Leben wieder beisammen stehn.

Sie sprachs, drehte sich um und lies den armen Flodoard angedonnert
stehn.




                           Fnftes Kapitel.
                              Abaellino.


Kaum war sie auf ihrem Zimmer, o so beweinte sie auch schon ihre
Heldenthat. -- Es that ihr wehe, ihn so beleidigt zu haben. Sie dachte
sich den armen Jngling, wie er nun nach ihrer Flucht dagestanden habe,
niedergeschlagen, hoffnungslos mit nassen Augen. Sie sah ihn im Geiste
sich hrmen, und trostlos jammern; sah ihn, wie er nun freudenlos
umherschlich, die Mrderin seiner Seelenruhe verdammte, dem Grabe
entgegen hoffte und sich demselben mit jeder Thrne, die er ihrentwillen
verweinte, nherte; sie hrte schon im Geiste die Nachricht: Flodoard
ist gestorben! sah nun schon das Volk um seine Gruft versammelt weinen,
um ihn, den das halbe Venedig anbetete, und die ganze Stadt und seine
Feinde selbst bewunderten.

Nein, nein! rief sie: das war eine erbrmliche Heldenthat! nein,
Flodoard, ich habe es nicht so gemeint, als ich sprach, ich liebe dich
doch, ich will dich lieben, und wenn auch Iduella zrnt, und mein Oheim
mich hasset!

Einige Tage nachher erfuhr sie, da Flodoard allen seinen Bekannten sehr
verwandelt erscheine, da er melancholisch umherirre und sich in den
Zirkeln der Freude nur selten hineinmische.

Dies war ihrem weichen Herzen eine schrekliche Post. -- Sie floh in die
Einsamkeit ihres Gemachs, weinte sich satt, und bte mit tausend
Thrnen der Reue ihr Verbrechen.

Niemand kannte ihrer Schwermuth Quelle niemand ihrer Krankheit Ursprung.
Darf es uns noch wundern, wenn Rosamunde zulezt die ngstlichen Sorgen
den alten Oheims wekte, und jeder um ihr Leben zitterte. Darf es uns
noch wundern, wenn Flodoard sich mit seinem Seelengram den Augen der
Welt entzog und vergebens den harten Kampf mit einer Leidenschaft
begann, welche schon jede andre Empfindung in ihre Wirbel verschlungen
hatte?

Doch wir verlassen Rosamundens Krankenbett auf einige Augenblikke und
besuchen zur Abwechslung die Wohnung der Rebellen, die in ihren Planen
immer weiter rkten, immer zahlreicher, immer mchtiger und fr den
alten Andreas Gritti und sein Venedig frchterlicher wurden.

_Parozzi_, _Memmo_, _Contarino_, _Falieri_ die Hupter der werdenden
Verschwrung versammelten sich jezt fter im Pallast des Kardinal
_Grimaldi_, wo sie ihre Entwrfe zur Staatsvernderung Venedigs
gemeinsam spannen. -- Jeder handelte hier angetrieben von seinem
Privatintresse; der eine um seiner ungeheuer angelaufnen Schulden mit
einemmale quitt zu werden, der andre um seinem Ehrgeiz ein Opfer zu
bringen, der dritte um Rache zu ben fr gewisse lngst verghrte
Krnkungen, der vierte um seine Rechte ausgebreiteter zu machen u. s. f.

Diese schreklichen Menschen, welche nichts geringers als entweder
Venedigs Umsturz, oder Erfllung ihrer berspannten Foderungen
verlangten, hatten um so mehr zur Ausfhrung ihrer Schwindeleien Muth,
da der grte Theil des venetianischen Pbels, der ber die neuen
Auflagen und Steuern klagte, sich an sie schlos.

Reich genug an Menschen, reich genug an Geldern, um die frchterlichen
Projekte zu realisiren, reich genug an khnen, verwegnen, schlauen
Mnnern, die fhig genug waren Revoluzionen anzuzetteln und
durchzufhren, sahn sie schon stolz herab auf den guten Doge Andreas
Gritti, der von diesem hllischen Komplot nichts beahndete.

Allein ein frchterlicher Schall wars ihren Ohren, als man die arme
Snderglokke lutete und die gefangnen Banditen zum Richtplaz fhrte,
auf welche sie einen groen Theil ihrer Hofnungen gesezt hatten. Desto
froher aber machte sie der Stolz des verwegnen Banditen _Abaellino_, der
ffentlich aufzuschlagen sich erkhnte, er lebe noch in Venedig, und man
solle nicht verzagen.

Der Tollkopf ist ein Mann fr uns, riefen alle entzkt, und jezt lag
alles daran den verwegnen Menschen in ihre Verschwrung zu verzetteln.

Es gelang ihnen wirklich. Abaellino fand sich zuweilen bei ihnen ein,
aber er war in seinen Foderungen eben so vermessen, als in seinen
Versprechungen.

Alle verlangten zuerst den Tod des Prokurator Sylvio, ein Mann, der zu
den wrmsten Freunden des Dogen gehrte, ein Mann, vor dessen Falkenblik
sich ihr lichtscheues Gewissen frchtete, und der den Kardinal Grimaldi
bei dem Dogen verdrngt hatte.

Aber _Abaellino_ verlangte fr das Leben dieses einzigen ungeheure
Goldsummen.

Ich versprech' es euch, sagte er, als ein ehrlicher Kerl, da wenn ihr
mir mein Geld gebt, der Prokurator Sylvio in der andern Stunde die Augen
auf immer schliet. Er hnge am Himmel, oder verkerkere sich in der
Hlle, ich finde ihn, und treffe ihn.

Was sollte man thun. Handeln lie sich Abaellino nicht; der Kardinal
wollte so gern seinem Ziele nher rkken, ber Sylvios Grab aber fhrte
sein Weg.

_Abaellino_ empfieng das Geld, und am andern Morgen fehlte der
verehrungswrdige Sylvio, der Liebling den, braven Gritti, der Stolz
Venedigs in der Gesellschaft der Lebendigen.

Ein frchterlicher Kerl, der Abaellino! riefen die Verschwornen, und
feierten triumphirend an der Tafel des Kardinals das Todesfest des
Prokurators.

Der Doge war bestrzt und lange ausser sich vor Schrek. Er sezte eine
groe Prmie darauf, wer denjenigen entdekken wrde, der den Freund des
Dogen aus der Welt geschafft htte. -- --

Es wurde dieser Wille des Dogen an allen Straenekken ausgerufen, in der
ganzen Republik bekannt gemacht, und einige Morgen nachher fand man
folgenden Zettel angeschlagen an die Hauptpforte der venetianischen
Signoria:

   Venetianer!

   Bemht euch nicht den Preis zu verdienen, der auf meine
   Entdekkung gesezt ist. Ich selber bekenne hiemit: _Abaellino_ war
   _Sylvios Mrder, und wer ihn hascht, den will er kniglich
   belohnen._

                                                            Abaellino.




                          Sechstes Kapitel.
                           Die Entdekkung.


Ich darfs gewi meinen Lesern nicht erst erzlen, da Venedig ob dieser
Frechheit ausser sich war. Nie hatte noch ein Mensch so etwas gewagt,
nie einer so voll stolzen Uibermuthes der berhmten Polizei Venedigs und
der Gewalt des Dogen gespottet. Alles gerieth in Bewegung, die
Patrouillen wurden verdoppelt, die Wachen verstrkt, die Sbirren
umhergesandt, und niemand sah und hrte und sprte etwas von dem
Abaellino.

Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, und riefen die
schlummernde Rache Gottes auf, solchen Greuel zu rgen. Die Damen
zitterten vor dem Namen Abaellino's, denn wer konnte ihnen dafr stehn,
da er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, zu seiner Braut einweihte. Die
alten Mtterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem Teufel
verkauft und mit dessen Beistand spotte er der gerechten Wuth aller
frommen Venetianer. Kardinal Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren
stolz auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten jezt schon
lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. Die verwaiste Familie des
ermordeten Sylvio rief Fluch herab auf den Mrder, und jede Thrne,
welche sie verweinte, wnschten sie in ein Schwefelmeer verwandeln zu
knnen, worinn sie den Abaellino hinabstrzen knnten. Der Doge und
seine Getreuen betrauerten lange ihren verlornen Freund und schwuren
nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen Verbrecher ertappt, und
schreklich bestraft haben wrden.

Aber bei alle dem, sagte _Andreas Gritti_: bei alle dem mu ich dennoch
gestehn, der Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er vielleicht
an der Spizze eines Heers stnde, die halbe Welt erobern wrde. Ich
mchte wenigstens den Mann nur einmal sehen!

Ich will deinen Wunsch erfllen! sagte eines Abends, da _Gritti_ allein
in dem Garten seiner Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter
Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfllen. Sieh hier den
_Abaellino_, den Freund des erschlagnen Sylvio und deinen und der
Republik allgetreusten Diener! --

_Gritti_ sah auf und bebte zurk. Eine, halb in ihren Mantel vermummte
Gestalt, mit dem scheuslichsten Angesicht von der Welt, stand vor ihm
und rchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- und Seeschlachten
nie gezittert, und von keiner Gefahr aus seiner Gleichmthigkeit gestrt
war, er, der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige Minuten
seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte er den Banditen an, der
furchtlos vor ihm da stand, und nicht von der Majestt des Ersten in
Venedig gerhrt wurde.

_Abaellino_ grinste ihn freundlich an.

Du bist ein frchterlicher -- ein abscheulicher Mensch! sprach
_Gritti_ indem er sich wieder sammelte.

_Frchterlich?_ entgegnete der Bandit: das freut mich! --
_Abscheulich?_ das mcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushngeschild
zeugt von einem abscheulichen Handwerke, aber Doge, was meinst du?
vielleicht sind wir beide die grten Mnner Venedigs, du in deiner, ich
in meiner Art!

Der Doge lchelte unwillig.

O! fuhr _Abaellino_ fort: lchle nicht so unglubig. Erlaub es
immerhin, da ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; ich
denke immer, man darf sich mit _dem_ vergleichen, mit wem man sich
messen darf! --

Der Doge machte eine Bewegung ihn zu verlassen.

Nicht doch! rief der Bandit schmunzelnd: das Ohngefhr fhrt solch
ein Paar groer Mnner nicht sobald wieder auf diesen kleinen Landstrich
zusammen. Bleib doch!

Hre Abaellino, redete ihn der Doge an, mit aller Hoheit, die in
seiner Gewalt stand: Du hast groe Talente vom Himmel empfangen, warum
wucherst du mit denselben nicht besser. -- Ich verkndige dir vllige
Verzeihung und Amnestie ber alles das, was geschehen ist, unter der
Bedingung, da du mir den nennst, der dich zu Syivios Mrder gedungen,
und da du das Gebiet der Republik verlassest. --

Hi, hi! entgegnete Abaellino: ber die Grillen bin ich lngst
hinweggesprungen. Menschen knnen fr meine Snden keinen Abla
ertheilen, und an jenem Tage, wenn alle Menschen ihren Schuldbrief
vorzeigen, werd' ich auch den meinigen aufzeigen knnen. Den Namen
dessen, der mich zu Sylvios Mord bezahlte, wirst du, aber nur heute
nicht erfahren. Ich soll das Gebiet der Republik rumen? -- warum? aus
Furcht vor dir? hi, hi! aus Furcht vor der Republik? -- ha, die frchtet
den Abaellino, aber Abaellino sie nicht! Doch unter einer Bedingung
knnt' ichs vielleicht thun -- --

Und die wre? fragte der _Doge_: willst du zehntausend Goldstkke?
--

Ich gbe dir selber gern zehntausend Goldstkke, wenn du deine
hlichen Worte ungesagt machen knntest. -- Nein, gieb mir deine Nichte
_Rosamunde_, die, Tochter des _Guiscardo_ von _Korfu_ zur Gemahlin!

Unmensch!

Hi, hi! Geduld! -- Du willst nicht? --

Fodre Geld und Gut, ich gbe dirs. Und wenn die Republik eine Million
an dich verlre, sie gewnne dabei, wenn du ihre Luft nicht mehr
verpesten wolltest!

Wahrhaftig? -- sieh eine halbe Million beinah hab ich schon wieder
bekommen fr das Leben deiner treusten Freunde, fr Kanaris und Dandolis
Kopf! gieb mir Rosamunden, oder -- --

Schurke!

In vier und zwanzig Stunden sind Kanari und Dandoli zum Teufel! sag,
Abaellino hats gesagt!

Bei diesen Worten zog der Bandit ein Terzerol hervor, schos es in die
Luft ab -- der _Herzog_ prallte zurk, und als er sich umsah, war
_Abaellino_ verschwunden.

An eben demselben Abend, oder vielmehr in der Mitternachtsstunde stand
Abaellino im Pallaste des Kardinal _Grimaldi_ unter den Verschwornen.
_Parozzi_, _Memmo_, _Falieri_, _Kontarino_, welche wir schon kennen und
andre ihres saubern Gelichters waren gegenwrtig.

Man sas eben bei Tische und schwenkte die vollen Pokale. _Grimaldi_
erzhlte, wie er sich beim Dogen eingeschmeichelt und den Parozzi, Memmo
Kontarino und Falieri empfohlen htte; _Kontarino_ prahlte mit der
erledigten Procuratorstelle, wie sie ihm gewi nicht entgehn wrde,
_Parozzi_ zweifelte gar nicht an Dandolis oder Kanaris Stelle beim
Herzog Plaz nehmen zu knnen, wenn sie nur erst hingerichtet sein wrden
und -- in dem Augenblik stand _Abaellino_ vor ihnen.

Na, rief er: Wein her! das Werk war vollbracht! Dandoli und Kanari
sizzen jezt beim Teufel zum Nachtmahl! --

Alle sprangen erstaunt auf.

Und den Dogen hab ich persnlich Wahrheiten gesagt. Seid ihr nun
zufrieden mit mir, ihr Bluthunde?

Flodoarden noch! schrie jauchzend _Parozzi_, und _Abaellino_ rief:
Brr! Brr!




                            Drittes Buch.




                           Erstes Kapitel.
                       Flodoard und Rosamunde.


_Rosamunde_, Venedigs Liebling, war krank: _Iduella_ seufzte sich mde
am Lager der schnen Elwin und seufzte sich wach daran. _Rosamunde_ war
krank, ein stiller Seelenharm nagte an der Blte ihrer Reize, -- ach,
sie liebte den edeln _Flodoard_; aber wer htte Flodoarden auch _hassen_
knnen. -- Sein Heldenwuchs, sein schnes Angesicht, sein
schwrmerischer Blik, sein ganzes Wesen predigte laut: seht hier den
Favoriten der Natur -- und Rosamunde? -- Rosamunde liebte die Natur so
sehr!

Aber _Flodoard_ war auch krnklich. Er schlos sich oft ein: vermied alle
Gesellschaften, oder reiste zur Erheiterung seines Geistes durch die
Stdte der Republik. Oft war er Wochenlang abwesend, und wenn er dann
wieder kam, o, wie sehnsuchtsvoll erwartete ihn dann jeder
Familiencirkel, in welchen er eingeweiht war!

Jezt war er drei Wochen von Venedig abwesend gewesen. Niemand wute von
ihm, in welchen Gegenden er umherschwrmte. Der Doge htte ihn so gern
jezt gehabt, um sich nach so vielen Fatalitten etwas in seiner
Gesellschaft zu zerstreuen, und -- wie gerufen -- erschien er nun.

Lieber Flodoard! seufzte der _Doge_, als _Flodoard_ zu ihm in das
Zimmer trat: ihr mt euch nicht nicht so lange von uns entfernen. Ich
bin jezt ein verwaister Mann. Ihr wit doch schon, da mein Kanari, mein
Dandoli -- -- --

Alles entgegnete _Flodoard_ mit verbinem Schmerz.

Es schleicht der Teufel durch Venedig, unter dem Namen _Abaellino's_,
und raubt mir alles, was mir theuer ist. Flodoard, ich zitterte auch
schon fr euch. -- Wir haben vieles, vieles mit einander zu reden, aber
jezt gebricht mir die Zeit. Es hat sich ein Fremder melden lassen; ich
mu ihn empfangen. Aber -- --

In diesem Augenblik schwankte _Rosamunde_ aus einem Nebenzimmer herein.
Sie sah Flodoarden und bebte seitwrts. Flodoard schlug die Augen nieder
und begrte bebend die holde Nichte des bekmmerten Dogen.

In einer halben Stunde werd' ich euch rufen lassen; fuhr der Herzog
fort; unterhaltet meine kranke Nichte.

Der ehrwrdige _Gritti_ verlies den bestrzten Jngling. _Rosamunde_
trat an ein Fenster. Flodoard schlich ihr langsam nach.

Verlegen standen sie beide da -- sahen bald hinaus auf den St.
Markusplaz, bald nach den herrlichen Gemlden des herzoglichen Zimmers,
bald auf ihre Fingerspizzen.

Ihr zrnet noch? stammelte endlich Flodoard, und dachte an die fatale
Gartenscene.

Ich zrne nicht, antwortete Rosamunde, und ein schnes Roth flog ber
die blassen Wangen.

Flodoard. (mit festerer Stimme) Und ihr habt mir meine Snde ganz
vergeben?

Rosamunde. (vor sich nieder lchelnd) _Snde?_ -- nun ja, ganz vergeben.
-- Ein Sterbender mu ja gern verzeihn, damit Gott in seinem Gericht
auch gern verzeihe. Und ich bin eine Sterbende -- ich fhl es.

Flodoard. Sennora!

Rosamunde. Zweifelt nicht. Seit gestern hab ich zwar das Krankenlager
verlassen, aber, es ahndet' mir, ich werd' es bald wieder aufsuchen, um
es nie wieder zu verlassen. Und darum -- darum bitt ich auch von euch
Verzeihung, wenn ich euch gekrnkt haben sollte.

Flodoard. (schweigt)

Rosamunde. Ihr scheinet sehr rachschtig, sehr unvershnlich zu sein.

Flodoard. (lchelt sie wehmthig an)

Rosamunde. (ihm die Hand reichend) Nun, Signor, alles vergessen?

Flodoard. Nein, nein! das kann ich nicht. Ich kann nichts vergessen, was
ich mit euch gelebt habe. Ich will nichts vergessen, die Auftritte sind
mir zu heilig. -- Aber verzeihen? (indem er ihre Hand an seinen Mund
drkt) Ach, wollte Gott, ihr httet mich recht sehr beleidigt, theure
Sennora, recht sehr beleidigt, dann knnt ich euch auch sehr vieles
verzeihn -- aber jezt kann ich nichts vergeben. (lange Pause)

Rosamunde. Ihr habt wohl viel umhergeschwrmt seit den lezten Wochen.

Flodoard. Viel.

Rosamunde. Und hattet vieles Vergngen?

Flodoard. (schnell) Warum nicht? man sprach ja allenthalben mit mir von
Rosamunden.

Rosamunde. (mit einem strafenden Blik und sanften Ton) Flodoard?

Flodoard. Und wit ihr, welchen Plan ich nun habe?

Rosamunde. Wieder fortzureisen?

Flodoard. Getroffen, und zwar um nie wieder nach Venedig heimzukehren.

Rosamunde. (berrascht) Nicht doch, Flodoard! Flodoard, das solltet ihr
knnen? (vor ihren Worten errthend. ) Ihr -- ihr scherzt!

Flodoard. So wahr Gott lebt, ich habe nie ernster gesprochen!

Rosamunde. (mit einem intressanten Blik) Nein, Flodoard, ich glaub es
euch in Ewigkeit nicht.

Flodoard. Hab ich schon allen Glauben bei euch verloren?

Rosamunde. Und wohin wollt ihr, wenn ich darum fragen darf?

Flodoard. Nach Maltha, und mit den Malthesern wider die Korsaren. Der
Himmel wirds doch geben, da ich mich zum Kommandeur eines Schiffs
aufschwinge -- das Schiff fhre dann den Namen _Rosamunde_, und das
Schlachtgeschrei sei _Rosamunde_! Ich hin dann gewi unberwindlich! --

Rosamunde. Ihr spottet bitter, aber bei Gott, das hat Rosamunde um euch
nicht verdient.

Flodoard. Spott? -- ich euch verspotten? -- wahrhaftig ich spotte nicht,
die Zeitungen mgen ber Jahr und Tag mich und diese Stunde
rechtfertigen.

Rosamunde. (ihn anstarrend) Ihr treibt es weit mit euern Wiz.

Flodoard. (lchelnd) Nun ja, und wem verdank' ich diesen Wiz? kurz und
gut, Sennora, ich verlasse Venedig, um euch keine unangenehme
Augenblikke zu schaffen. Vielleicht sehn mich die trkischen Freibeuter
lieber.

Rosamunde. Man sollte auf euch Jagd machen; ihr freibeutert nur zu sehr
und selbst auf festem Lande.

Flodoard. Gott weis es, und bin ein sehr unglklicher Freibeuter auf
festem Lande, denn ich gerathe da in Gefangenschaft, wo ich zu siegen
trumte.

Rosamunde. (ausweichend) Und ihr knntet den Dogen verlassen, der euch
so sehr schzt?

Flodoard. Die Liebe des Dogen ist mir theuer. Aber, bei Gott, Rosamunde,
sie macht mich nicht glklich, und wenn man mir Knigreiche zu Fssen
legte, sie machten mich nicht glklich --

Rosamunde. Bedrft ihr zu euerm Glk soviel?

Flodoard. Viel, unendlich viel! -- ich habe darum gebettelt -- (indem er
sie anstarrt und ihre Hand heftig drkt) ich habe darum gebettelt --
Rosamunde, und man hat mirs abgeschlagen.

Rosamunde. Ihr seid ein Schwrmer!

Flodoard. (sich nher an sie schlieend) Rosamunde!

Rosamunde. (zitternd) Was wollt ihr?

Flodoard. (halbleise) Mein Glk!

Rosamunde. (sieht ihn ein Weilchen an, zieht ihn zu sich, stt ihn
wieder zurk) Geht! geht! um Gotteswillen geht! --

Flodoard. (wandelt langsam und traurig mit untereinander geschlagnen
Atmen durchs Zimmer)

Rosamunde. (schwankt ihm nach, nimmt seine Hand -- sinkt an seine Brust)
Flodoard!




                           Zweites Kapitel.
                   Ein frchterliches Versprechen.


Heil dem glklichen _Flodoard_, er hatte berwunden! er hielt das
liebende Mdchen in seinen Armen fest, und glaubte eine Gottheit zu
umarmen. Fest schlang sich Rosamundens Hand um Flodoardens Nakken; er
war der ihrige, dem sie so manche Thrne geweint, so manchen Seufzer
geseufzt, so manchen Traum getrumt hatte.

Dicht in einander verschlungen, standen sie da, eine herrliche Gruppe
fr den Pinsel einer Angelika Kaufmann -- und die Engel Gottes schwebten
unsichtbar ber die Liebe dieser Heiligen.

Nur einmahl schlgt unter allen tausend Stunden des Lebens dem
Sterblichen eine _solche_ Stunde: Heil dem, der sie noch erwartet, Heil
dem, der sie noch genieet! Man sage immerhin, es ist doch nur
Gaukelspiel der entzkten Einbildungskraft, ein leicht verdunstender
Rausch der Sinnlichkeit -- o, nennt mir unterm Mond eine Seeligkeit,
welcher die Einbildungskraft ihren Zauber nicht leiht! --

Flodoard und Rosamunde vergaen nun zum erstenmahle, da sie Menschen
wren. Das Zimmer um ihnen her ward zum Himmel; die Erde der Altar
Gottes, ihre Seufzer, ihre Ksse wurden Lobgesnge dessen, der das
Hochgefhl der Liebe gab!

Ich bin dir gut! lispelte Rosamunde und gedachte nicht ihrer Iduella:
ach, ich bin dir nur zu gut, Flodoard! --

Der _Jngling_ antwortete nichts. _Rosamunde_ stammelte ein leises, Ach!
und Lippe glhte an Lippe, Busen strmte an Busen, Arme hingen gewunden
um Arme.

Und -- plzlich erffnete sich die Seitenthr.

Der Doge _Andreas Gritti_ trat schon wieder herein. Der erwartete Fremde
war, Krnklichkeiten halber, nicht erschienen. --

_Flodoard_ und _Rosamunde_ hrten den Hereinkommenden nicht.

_Gritti_ stand bestrzt da, er sah der Scene einige Augenblikke zu,
seine Mienen verzogen sich in ein sanftes Lcheln, er drehte sich um und
ging wieder zurk.

Das Gerusch seines Kleides an der hohen Flgelthr erwekte die Trunknen
aus ihrem Wonnetraum. _Rosamunde_ ri sich mit Entsezzen los; _Flodoard_
verlor seine Geistesgegenwart aber keineswegs.

Gndigster Herr! rief er dem Dogen nach -- --

Der _Herzog_ wandte sich um und _Flodoard_ lag zu seinen Fssen.

Gritti sah mit stiller Wrde und mit Ernst auf den Knieenden hernieder.

Ich mag eure Vertheidigung nicht hren! sagte der Doge mit steigender
Stimme.

Nein, entgegnete _Flodoard_, mit festem Tone: nein, gndigster Herr,
_ich_ bedarf keiner Vertheidigung, da ich Rosamunden liebe, wohl mu
sich _der_ vertheidigen, der sie _nicht_ liebte! Ists aber ein
Verbrechen, da ich Rosamunden anbete, o so mag mich Gott von dieser
Snde frei sprechen, weil er Rosamunden so schn erschuf. --

Ihr scheint auf eure wizzige Apologie vielen Flei verwandt zu haben;
aber sie verfehlt ihren Zwek, versezte _Gritti_.

Ich sag es noch einmahl, gndigster Herr! erwiederte _Flodoard_, und
stand auf: entschuldigen will ich mich nicht. Aber ich will mehr, ich
bitte bei euch um Rosamunden.

Gritti stierte den Khnen mit einem fremden Blik an.

Freilich, gndigster Herr, freilich bin ich ein armer Edelmann, und es
scheinet Verwegenheit zu sein, wenn ein solcher um die Nichte des
Venetianischen Doge buhlt. Aber, beim Himmel, ich glaube der groe
Gritti wird seine Rosamunde nicht an Mnner verschenken, die nur mit
Goldstkken, Grafschaften, und Titeln prahlen, oder sich in den Glanz
ihrer Ahnen verhllen, wenn sie nicht selber glnzen. -- Ich gesteh es
freilich, noch besizze ich keine Verdienste, die mich eurer Rosamunde
wrdig machen knnten, aber ich will sie mir erwerben. -- --

Der Doge drehte sich unwillig um. _Rosamunde_ flog herbei und schlang
ihren Arm um Grittis gebeugten Nakken. --

Zrnet nicht! rief sie und verbarg ihr bethrntes Antliz an dem Busen
ihres Oheims.

Fodert! rief _Flodoard_; was mu ich sein, was soll ich thun, um
Rosamunden zu erhalten von euch. Fodert, es soll mir das Schwerste ein
Kinderspiel werden. Beim Himmel, ich wnschte Venedig lge unter der
grslichsten Gefahr, oder euer Leben wrde von zehntausend Dolchen
bedroht -- dann drft ich hoffen Rosamunden zu verdienen. Ich rettete
Venedig und schlge zehntausend Klingen zurk. --

Gritti lchelte bitter. Ich habe, sagte er: ich habe der Republik
viele Jahre gedient; ich habe Leben und Blut gewagt, ich erwartete
wenigstens zur Belohnung ein sanftes, glkseliges Alter -- aber ich habe
mich betrogen. Meine alten Freunde werden mir durch Banditen geraubt und
-- ihr, Flodoard, ihr nehmt mir nun noch diese einzige, die bisher meine
lezte Freude war. -- -- Hre, Rosamunde, liebst du den Flodoard
wirklich?

Flodoard zitterte. _Rosamunde_ ergriff des Jnglings Hand und --
schwieg.

Gritti wandte sich aus Rosamundens Arme, und gieng langsam mit tiefem
Ernste im Zimmer auf und nieder. Rosamunde warf sich auf einen
benachbarten Sessel; und weinte. _Flodoard_ beobachtete den Dogen.

So verstrichen einige Minuten. Es herrschte im Zimmer eine feierliche
Stille; _Gritti_ schien mit einem frchterlichen Entschlusse schwanger
zu gehn. Bekmmert erwarteten die Liebenden den Ausgang der Geschichte.

Plzlich blieb der Doge in der Mitte des Zimmers stehn. Flodoard!
sprach er, und Flodoard nahte sich ihm ehrerbietig: Flodoard, ich habe
den Entschlu gefat: Liebt euch meine Rosamunde, wohl, so mag sie es
thun; ich will der Wahl ihren Herzens keine Schranken bauen. Aber
Rosamunde ist mir viel zu theuer, als da ich sie dem ersten besten
berlassen knnte, der sie fodert. Der Mann, dem ich Rosamunden lasse,
mu Rosamundens werth sein; sie soll eine Belohnung seiner Verdienste
werden. Noch habt ihr euch nur geringe Verdienste um unsern Staat
erworben -- es ist jezt Gelegenheit da, euch ein sehr groes zu
verschaffen. Schafft mir den Mrder Sylvios, Kanaris und Dandoli's --
schafft mir den frchterlichen Banditenknig _Abaellino_ tod oder
lebendig! --

Flodoard trat bei dieser Foderung, an deren Erfllung sein Wohl und Weh
hieng, erblassend zurk. Gndigster Herr -- -- stammelte er.

Ich weis, fuhr _Andreas Gritti_ fort: ich weis sehr gut, welch eine
Foderung ich wage, wenn ich den _Abaellino_ fodre. Lieber will ich
selber mich durch eine trkische Flotte schlagen und das Admiralschiff
aus ihrer Mitte stehlen, als diesen Abaellino fangen, der mit der Hlle
einen Bund geschlossen zu haben scheint, der allenthalben und nirgends
ist, den viele gesehn haben und den keiner kennt, der den Wiz unserer
Staatsinquisitoren, des Collegiums der zehn Mnner und ihrer Spione zu
Schanden macht; vor dem jeder edle Venetianer zitiert, vor dessen Dolch
ich selber auf meinem Throne nicht sicher bin. -- Ich weis es, was ich
fodre, aber, Flodoard, ich weis auch, was ich gebe. Ihr seid verlegen?
-- Ihr schweiget? -- Flodoard, ich habe euch lange genug beobachtet, ich
habe in euch Spuren eines wahrhaft groen Geistes entdekt -- darum wag
ich die Foderung, ists einer vermgend, den Abaellino zu fassen, so
glaub ich seid ihrs. -- Nun?

Flodoard gieng schweigend vor sich umher; ein frchterliches Wagestk
wars, das er unternehmen sollte, wehe, wenn Abaellino sein Vorhaben
erfuhr! aber _Rosamunde_ war der _Preis_! Er warf einen Blik auf das
Mdchen, und sein Plan war entworfen, alles zu wagen.

Er gieng zum Dogen.

Gritti. (sanft) Nun, Flodoard?

Flodoard. (mit groem Nachdruk) Erhalt' ich warlich dann Rosamunden,
wann ich euch den Abaellino berliefre? --

Gritti. Nicht eher.

Rosamunde. Flodoard! Flodoard! das Spiel endet sich schreklich -- hte
dich selber vor Abaellinos Dolch!

Flodoard. (indem er mit den Zhnen knirscht) Still! -- (gefat)
Gndigster Herr, gebt mit eure Herzogliche Hand darauf.

Gritti. Ich schwr es euch, Flodoard, schafft ihr mir den schreklichen
Feind der Republik lebendig oder tod, so geb ich euch Rosamunden mit
frstlicher Aussteuer zur Gemahlin!

Flodoard. (hlt schweigend die Hand hin)

Gritti. Hier empfangt meine Herzogliche Rechte.

Flodoard ging in Gedanken verloren durch das Zimmer. Im Thurme der St.
Markuskirche schlug es fnf Uhr.

Der Abend bereilt uns! tief _Flodoard_ wohlan so sei's; in _vier und
zwanzig Stunden_ berliefr' ich euch den frchterlichen Banditen
Abaellino.

Gritti. (betroffen) Junger Mensch, versprecht weniger und leistet mehr.

Flodoard. (ernst und fest) Es gehe wie es gehe, ich halte entweder mein
Wort, oder trete nimmermehr wieder ber die Schwelle eures Pallastes.
Ich habe Spuren und sichre Merkmahle von dem Bsewicht -- entweder spiel
ich morgen um diese Zeit ein Lustspiel, oder es werde in Gottesnamen ein
Trauerspiel!

Gritti. Uebereilung ist gefhrlich.

Flodoard. (mit Stolz) Ueber die Jahre der Uebereilung denk ich in meinem
Leben hinweggesprungen zu sein. --

Rosamunde. (seine Hand fassend) Flodoard, Flodoard besinnet euch. Mein
Oheim liebt euch, -- nehmet euch vor Abaellinos Dolch in Acht!

Flodoard. Eben deswegen mu alles in vier und zwanzig Stunden, oder nie
gethan werden. Wohlan, gndigster Herr, ich will beweisen, da die Liebe
alles wagen kann -- --

Gritti. _Wagen_ freilich, aber ob _erringen_?

Flodoard. (dem man eine wachsende Verlegenheit ansieht) Macht mich nicht
kleinmthig, gndigster Herr, seht, ich will euch bessern Muth geben.
Habet die Gnade morgen Nachmittag in diesem Zimmer groe Gesellschaft
zusammenzubitten, Damen und Herrn, denn gewinn' ich morgen den Sieg, so
erleb ich ein groes Fest. Ladet vorzglich die Beisizzer des
ehrwrdigen Gerichts der zehn Mnner ein, damit sie doch den Abaellino
von Angesicht zu Angesicht kennen lernen, mit dem sie so lange vergebens
im Kriege lebten.

Gritti. (sieht ihn lange bedenklich an, endlich:) Sie sollen erscheinen.

Flodoard. Und ihr habt ja wohl, wenn ich nicht irre, einige neue Freunde
an dem Kardinal Grimaldi, dem Nobile Kontarino, Memmo, Falieri und
Parozzi erhalten. Sie sind auch meine Freunde vor kurzer Zeit geworden;
ich wnschte sie wren morgen gegenwrtig.

Gritti. Sie sollen gegenwrtig sein.

Flodoard. Aber noch eins. Sagt niemanden frher die Ursach der
Zusammenkunft, ehe sie nicht alle angekommen sind. Dann stellt rings um
eueren Pallast Wache mit geladnen Gewehren und selbst vor den Thren
dieses Zimmers, mit dem strengen Befehl, jeden herein, niemanden, bei
Todesstrafe, heraus zu lassen. Denn vor Abaellino ist niemand sicher.

Gritti. Es wird geschehn.

Flodoard. Morgen mit dem Glokkenschlage fnf, oder nie, sehn wir uns
wieder!

Flodoard empfahl sich schnell. _Rosamunde_ bebte am Arme des Herzogs und
_Gritti_ schttelte den Kopf.




                           Drittes Kapitel.
                     Die nchtliche Verschwrung.


Juchheisa! rief in der Mitternachtsstunde _Parozzi_ im Zimmer des
Kardinals _Grimaldi_, wo das ganze hllische Complot wieder beisammen
war: die Sachen gehn treflich. Flodoard ist heut angekommen und
Abaellino schon richtig bezahlt!

Grimaldi. Der Flodoard ist ein Schlaukopf, ich wnschte lieber, er
bliebe am Leben und schlge sich zu unsrer Parthei. Ich sage euch,
Flodoard ist ein Schlaukopf!

Parozzi. Wie die Vagabonden immer sind.

Memmo. Und stolz ist er, stolz, als wr er Venedigs Herrgott.

Falieri. Rosamunde, wie ich erfahren habe, soll ihm nicht unhold sein.

Parozzi. O, Geduld, Abaellino bricht ihm den Hals, dann kann er mit dem
Teufel und seiner Grosmutter liebeln.

Kontarino. Uebrigens hab ich troz aller Kundschaft seinetwegen in
Florenz wenig erfahren. Es sollen einmahl, schreibt man mir, es sollen
einmahl Flodoardo's in Florenz existirt, aber sich lngst von da hinweg
begeben haben, man wisse nicht, wohin? und zu dieser Familie Flodoardo
msse denn wohl unser Vagabond gehren.

Grimaldi. Der Doge hat euch also smmtlich auf morgen Nachmittag zu sich
eingeladen?

Alle. Wahrhaftig! wahrhaftig!

Grimaldi. (mit Selbstgefhl) Das freut mich, das freut mich. Ich sehe
mit Vergngen, da meine Empfehlung bei ihm so vieles gewirkt hat. --
Und morgen Abend ist bei ihm Ball mit Masken, wie mir sein Kammerdiener
sagte?

Falieri. Freilich!

Memmo. Wenn er nur nicht um unsre Verschwrung weis -- ich wre des
Todes!

Grimaldi. Er kann unmglich davon wissen.

Memmo. Ei, zum Teufel, jeder Beutelschneider, Pflastertreter,
Abentheurer, Bettler und wie das Lumpengesindel heissen mag, welches
unsre Armee ausmacht, weis davon und er sollte noch nichts gewittert
haben?

Kontarino. Du Narr, da gehts ihm, wie betrognen Ehemnnern; jedermann
weis, da sie Hrner tragen, nur sie selber haben keine Notiz davon.
Aber, wahrhaftig, wir mssen nun den Anfang machen, unsre Projekte zu
realisiren, oder wir werden endlich verrathen. --

Falieri. Du hast recht, Bruder.

Parozzi. Die Misvergngten, die sich auf unsre Seite geschlagen haben,
sinds zufrieden, wenn der Betteltanz in dieser Nacht vor sich gienge.

Kontarino. Ich nehme morgen den Dogen auf mich, und steche ihn nieder.
Dann ergeh es, wie es wolle. Entweder wir sind dann aus allen
Bedrngnissen durch allgemeinen Aufruhr der Republik gerettet, oder wir
seegeln mit vollem Winde aus dieser vermaledeiten Zeitlichkeit ab.

Parozzi. Wir versehn uns alle mit Gewehr.

Grimaldi. Das Kollegium der Zehnmnner ist sammt und sonders morgen
gegenwrtig -- --

Falieri. Alle mssen sie niedergemacht werden!

Memmo. Wenns nur zulezt nicht schreklich fr uns selber abluft.

Kontarino. Ei, du verdammter feiger Knabe, bleib zu Hause hinterm Ofen;
aber sind wir durchgedrungen, so komm nicht und fodre deine Geldsummen
wieder.

Memmo. Bei meiner Seel, Kontarino, an Muth fehlts mir nicht; willst du,
ich messe mich mit dir in diesem Augenblik mit der Klinge. Aber dein
unseeliger Hitzkopf fehlt mir.

Grimaldi. Und wenn alles verdorben ist, so macht es die Kirche wieder
gut und das groe Wort Sr. Heiligkeit.

Memmo. Aber wo sind denn die Briefe vom Pabst?

Grimaldi. (wirft ihm zwei Papiere vor) Lies, unglubiger Thomas!

Memmo. Donner und Wetter, wir treiben also eine privilegirte Schurkerei!
--

Grimaldi. Der Pabst mu uns schzzen, ich sage, er _mu_, denn wir
vertheidigen als gute Christen die Gerechtsame seines Stuhls in der
Republik Venedig -- schon das kann euch eine Quelle des Muths werden,
wenn in der lezten Noth alles scheitern sollte. Keine Hand darf euch
verlezzen!

Kontarino. Hre, Parozzi, es bleibt nach unsrer Abrede dabei, du
bestellst unsre Bundesgenossen mit Waffen und Wehr in deine Behausung.
Um Mitternacht verlt du den Ball, und bemchtigst dich des Arsenals.
Der Hauptmann Sebilli ist unser, und hlt dort die Wache.

Grimaldi. Der Schiffkapitain Adormo wird auf das Signal der Sturmglokke
zu uns stossen mit seinen Leuten.

Falieri. Es kann gar nicht fehlen!

Kontarino. Macht nur die Verwirrung so gros, als mglich, Freunde und
Feinde mssen durcheinander wthen, keiner mu wissen woher der Aufruhr,
warum, und wohin! --

Parozzi. Bei meiner Seele, ich danke Gott, da es endlich so weit
gediehen ist.

Falieri. Hast du die weien Armbinden unter unsre Leute ausgetheilt,
Parozzi?

Parozzi. Schon vorgestern.

Kontarino. Halloh, Brder, die Kelche gefllt! so wie jezt sizzen wir
nicht sobald wieder beisammen, als nach vollbrachter Arbeit! --

Memmo. Lat uns noch einmahl alles weislich berlegen!

Kontarino. Pfui! Ueberlegung ist das Kind der kalten Vernunft, und diese
gilt in der Rebellion nicht. Hier spricht die Verzweiflung. Nur erst das
Werk begonnen, das Staatssystem Venedigs mit Heldenmuth ber einander
geworfen, bis keiner mehr weis, wer Herr, und wer Unterthan sei, dann
kann die Ueberlegung kommen, um zu rathen, wie weiter! -- lustig,
eingeschenkt! -- Der Doge bietet uns durch seinen Ball die Hand -- ha,
ha, ha!

Parozzi. Den Abaellino mssen wir nothwendig vorher sprechen.

Kontarino. (schwnkt den Weinbecher) Es lebe Abaellino!

Alle. (trinkend) Abaellino! Abaellino!

Grimaldi. Und glklichen Ausgang der knftigen Nacht!

Memmo. Ja, wohl! ja wohl!

Alle. Ein glklicher Ausgang!

Parozzi. Wo sizzen wie bermorgen Nacht?




                           Viertes Kapitel.
                          Der wichtige Tag.


Am folgenden Morgen war alles so ruhig in Venedig, als wre nichts
geschehn, und doch war es gewi, da dieser Tag einer der merkwrdigsten
in diesem Staate werden mute.

Im Herzoglichen Pallaste war alles schon sehr frh erwacht. Der
bekmmerte _Gritti_ verlies ungewhnlich zeitig das Nachtlager, auf
welchem er sich diemal schlaflos und sorgenvoll hin und her gewlzt
hatte. _Rosamunde_ hatte vom schnen Flodoard getrumt und wachend sezte
sie ihre Trumereien fort. _Iduella_ hatte unruhig geschlafen; sie
liebte Rosamunden zu sehr und wute schon welch ein intressanter Tag fr
das arme liebende Geschpf der heutige werden wrde. Aber Rosamunde war
ungemein heiter; sie scherzte mit Iduellen, sezte sich zu ihrer Harfe
und sang sich das Lied ihres Lieblingsdichters:

   Liebe, Liebe, Kind des Himmels,
   Aller Welten Knigin,
   Durch die Graun des Weltgetmmels
   Warst du meine Fhrerin.
   Frh hat mich dein Arm umschlungen,
   Frh dein holder Geist bezwungen,
   Frh dein Rosenmund gekt.

   In dem Morgentraum des Lebens
   Sog des Lebens erste Lust
   Stiller Wonne, frohen Lebens
   Lieb o Lieb an deiner Brust!
   Ach, von deinem Arm geschaukelt,
   Deinen Tndelein umgaukelt
   Froh zu frh der Morgentraum!

   Deinen Namen, deinen Stmpel
   Trgt die Schpfung immerdar;
   Sieh, der Himmel ist dein Tempel
   und die Erde dein Altar --
   Ja, so lange meine Augen
   Noch den Reiz der Schpfung saugen,
   Bet' ich dich, o Liebe, an!

Aber _Rosamundens_ selige Laune verschwand, als der Mittag heranrkte
und vorberzog. Aengstlich wankte sie hier und dahin; ihr Herz klopfte
ungestm, in Erwartung frchterlicher Auftritte.

Schon versammelten sich die Vornehmen Venedigs im Pallast ihres Oheims,
schon war der schrekliche Nachmittag da, und der Doge sandte Iduellen an
sie ab, in den groen Saal sie zu fhren, wo die Herrn und Damen ihrer
harrten.

Gott! o mein Gott! rief sie leise: la alles wohlgelingen.

Blas wie eine Leiche trat sie in das Zimmer, in welchem sie gestern
ihren Flodoard Liebe bekannt hatte und Flodoard -- war noch nicht da.

Die Gesellschaft war glnzend und heiter gestimmt; man sprach von
Stadtnovellen, europischen Staatsangelegenheiten. _Kontarino_ und
_Grimaldi_ unterhielten sich mit dem Dogen; _Memmo_, _Falieri_ und
_Parozzi_ standen in einem Winkel schweigend beisammen.

Draussen wars trbe und dunkel; es strmte der Wind in den Wellen des
Kanals und den Wetterfahnen der Pallste am Markusplaz; ein Regenschauer
folgte dem andern.

Es schlug vier Uhr. Rosamunde ward blsser, als vorher. _Gritti_ befahl
dem Kammerdiener etwas leise ins Ohr. Man hrte bald darauf Mnner von
aussen wanken, und Waffen klirren an den Thren des Saals.

Eine plzliche Stille herrschte durch die Gesellschaft. Die jungen
Nobili stokten in ihren Liebeserklrungen vor den Damen; die Damen
vergaen ihre Modeneuigkeiten; die Staatsmnner starrten sich an und
brachen ihre politischen Discourse ab.

Der Doge trat langsam in die Mitte der Versammlung. Jedes Auge wandte
sich zu ihm. Hoch schlug den Verschwornen das Herz.

Wundert euch nicht, meine Lieben, ber jene seltsamen Anstalten!
redete _Andreas Gritti_, Venedigs Herzog, sie an: Es hat nichts zu
bedeuten, was dem Vergngen dieser Gesellschaft gefhrlich sein knnte.
Euch allen wird der Bandit _Abaellino_ bekannt sein, der Mrder des
braven Prokurator Sylvio und meiner getreuen Rthe Kanari und Dandoli.
Dieser, vor welchem jeder rechtschaffne Republikaner zittern mu, dem
nichts heilig und ehrwrdig heit, der allen Troz bietet, die ihm
drohen, -- dieser hllische Auswurf wird vielleicht binnen einer Stunde
in diesem Saale vor unsern Augen erscheinen!

Alle. (erstaunt) Abaellino? Abaellino?

Grimaldi. Freiwillig?

Gritti. Nein, freiwillig in der That nicht. Aber Flodoard von Florenz
hat gelobt unsrer Republik diesen wichtigen Dienst mit Gefahr seines
Lebens zu leisten, es koste was es wolle, den Abaellino zu fangen, und
hieher zu bringen.

Einer der Beisizzer des Zehengerichts. Viel, unendlich viel gelobt!

Ein andrer. Ich zweifle an der Vollfhrung des Gelbdes!

Ein dritter. Aber bei Gott, Flodoard machte sich uns die Republik zu
groen Schuldnern.

Ein Vierter. Wahrhaftig, wie soll der Staat dem Flodoard vergelten.

Gritti. Die Vergeltung bernehm ich allein. Flodoard hat um die Hand
meiner Nichte angehalten -- ich gebe sie ihm.

Alle. (sehn sich schweigend unter einander an, theils mit Blikken der
hchsten Zufriedenheit, theils des Erstaunens)

Falieri. (leise) Parozzi, was meinest du?

Memmo. Ich habe das kalte Fieber, so wahr Gott lebt!

Parozzi. (heimlich lachend) Abaellino wird sich fangen lassen! --

Kontarino. Meine Herrn, hat einer von euch schon den Abaellino von
Angesicht zu Angesicht gesehn?

Einige. Wir nicht! wir nicht!

Ein andrer. Es ist ein Gespenst, der nur dann und wann und sehr
unverhoft und ungebeten erscheint.

Rosamunde. Ich vergesse das Ungeheuer nicht -- (sie erzhlt einigen
Damen leise)

Gritti. Und wie er mir erschienen ist, wird euch bekannt sein.

Memmo. (zu einigen Senatoren) Ich habe mir von dem Ungeheuer tausend
Wunderdinge erzhlen lassen -- er ist der Teufel in menschlicher Gestalt
-- ich halte nicht fr gut, da man ihn in diese Versammlung bringt,
denn er ist fhig hier ohne Gnade einen nach dem andern zu erwrgen.

Mehrere Damen. Gott bewahre, in dieses Zimmer?

Kontarino. Die Hauptsache ist, ob ihm Flodoard, oder er den Flodoard
besiegt. Und ich geh eine schwere Wette darauf ein, da Flodoard
unverrichteter Sache abzieht.

Ein Senator. Und ich halte die Wette mit, da nur ein einziger Mann in
Venedig es unternehmen darf den Abaellino zu fangen -- und der eine ist
_Flodoard von Florenz_; eben der, von dem ich lngst prophezeit habe, er
werde in den Jahrbchern der Welt einmahl eine glnzende Rolle spielen
--

Ein andrer. Ihr habt recht, Sennor, ich bin erstaunt ber ihn, als ich
zum erstenmahle in seine Gesellschaft trat.

Kontarino. Tausend Zechinen! Abaellino lt sich nicht greifen, oder er
wre denn gestorben.

Der erste Senator. (hizzig) Tausend Zechinen, Flodoard hascht ihn --

Gritti. Und liefert ihn tod oder lebendig.

Kontarino. Ihr, edle Venetianer, seid Zeugen: (er reicht dem Senator die
Hand) (sie geben sich die Hnde.)

Senator. Die Wette gilt.

Kontarino. (lachend) Ich danke euch fr die tausend Zechinen, Sennor!
Abaellino ist ein feiner Gauch -- gewi Flodoard hat Ursach sich zu
hten.

Grimaldi. Hat Flodoard die Sbirren zur Hlfe?

Gritti. Keinen, als sich selber. Seit gestern ist er nun schon abwesend,
um auf den Banditen Jagd zu machen.

Grimaldi. (mit einem triumphirenden Lcheln zu Parozzi) Glk zu, Sennor!

Parozzi. (mit einer erfurchtsvollen Verbeugung) Gewi, Ew. Eminenz
prophezeien wahr.

Memmo. Ich lebe wieder auf. Nun, nun! man wird doch sehen!

Drei und zwanzig Stunden waren vorber, seit dem Gelbde des khnen
Flodoard -- die vier und zwanzigste brach an und er kam noch nicht.




                           Fnftes Kapitel.
                             Hllenangst.


Der Doge wurde unruhig. Der Senator fieng an fr seine tausend Zechinen
zu zittern, und _Kontarino_ und seine Parthei lachten schadenfroh, wie
wohl Kontarino laut bekannte: er wnsche lieber tausend Zechinen und
zwei tausend zu verlieren, weil mit der Gefangenschaft Abaellinos die
allgemeine Sicherheit der Republik gewnne.

Es schlug im Thurme der St. Markuskirche fnf Uhr -- Rosamunde bebte;
Todesschweis perlte von ihrer schnen Stirn. _Flodoard_ kam noch nicht.

Der alte _Andreas Gritti_ liebte Flodoarden wirklich -- jezt schauderte
er zum erstenmal vor dem Gedanken, da Abaellinos Dolch gesiegt haben
knne.

Rosamunde gieng zum Herzog, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, aber
die Angst lhmte ihre Zunge, eine Thrne quoll in ihrem Auge hervor. Sie
verbarg die Angst und ihre Thrne so meisterhaft, als es sich immer hier
thun lies -- in einem Winkel warf sie sich auf einen Sessel nieder, rang
die Hnde und ihre Seufzer flehten Hlfe von dem barmherzigen _Gott_.

Die brige Gesellschaft trippelte in sichtbarer Verlegenheit umher; man
wollte frhlich sein, aber auch nicht einmal der Schein der Frhlichkeit
konnte affektirt werden.

So verflos wieder eine Stunde, und _Flodoard_ kam nicht.

Jezt brach die Abendsonne lchelnd hinter den Regengewlken hervor, ein
Strahl der sinkenden Tagesknigin fiel auf Rosamunden -- und Rosamunde
wurde, sie wute nicht, warum? froh.

Kontarino. Um fnf Uhr wollte Flodoard den Abaellino liefern! -- es sind
anderthalb Stunden darber.

Senator. Wenn er ihn nur liefert, mgen dann auch anderthalb Wochen
darber sein.

Gritti. Nein! -- still! -- ich hre draussen Gerusch. -- --

Die Flgelthren sprangen auf und _Flodoard_ trat allein herein im
Reisekleide und Regenmantel. Wild und wst flog sein Haar, dster rollte
sein Auge durch die Gesellschaft. Er ris den Federhut vom Kopf herab und
begrte die Versammlung.

Alles drehte sich zu ihm hin, jeder Mund schien zehn Fragen zu haben,
jedes Auge studierte seine Mienen.

Jesus! schrie _Memmo_: mir ahndet was!

Seid ohne Sorgen, Sennor! murmelte _Kontarino_.

Edle Venetianer, sprach Flodoard, und seine Sprache war die Stimme des
Helden: wahrscheinlich hat unser Durchlauchtigster Herr euch die Ursach
dieser Zusammenkunft gemeldet -- ich will jezt eure Sorgen lsen. Aber
vorher frag ich noch einmahl, gndigster Herr, wird Flodoard Rosamunden
zur Gemahlin erhalten, wenn er den Abaellino in eure Hnde liefert?

Gritti. (ihn mit den Augen messend) Habt ihr den Abaellino?

Flodoard. Empfang ich Rosamunden?

Gritti. Ohne Widerspruch, ja! ihr empfangt sie mit einem frstlichen
Brautschaz.

Flodoard. Ihr Edeln von Venedig, ihr habt das Wort des Dogen gehrt!

Viele Senatoren. Wir haben's gehrt!

Flodoard. (indem er drei Schritt durch den Saal macht) Wohlan,
Abaellino, ist in meiner und eurer Gewalt!

Alle. (im wilden Tumult) Hilf Himmel! -- Wo ist er! -- Jesus Sohn
Gottes! -- Abaellino!

Gritti. Tod oder lebendig?

Einige. Tod oder lebendig, Sennor?

Flodoard. (ernst) lebendig!

Alle (in sprachloser Verwunderung oder mit Entsezzen ihm nachlallend):
Lebendig! lebendig!

Grimaldi. (mit der Hand ber die Stirn fahrend) Lebendig!

Kontarino. Das geht ins weite.

Rosamunde. (Iduellens Hand kssend) Hrst du, Iduella! Iduella!
lebendig!

Senator. Sennor Kontarino, tausend Zechinen!

Kontarino. (durch die Zhne) Mit Vergngen!

Flodoard. (mit einem schweren Seufzer) O gndigster Herr -- --

Gritti. (sanftlchelnd) Die Republik ist deine Schuldnerin, mein Sohn.

Einige Senatoren. Und wir danken euch jezt, heldenmthiger Florentiner,
fr eure unbegreifliche Heldenthat. Die Republik wird vergelten.

Flodoard. (den Arm traurig nach Rosamunden ausstrekkend) Dort, seht sie
dort meine Vergeltung.

Gritti. (mit Freudestrahlenden Antliz) Fhre den Bluthund Abaellino
hieher -- ich kenne ihn. Es war eine Zeit, da sagte er zu mir: Herzog,
ich messe mich mit dir, die Erde trgt selten auf einem so schmalen
Strich Landes zwei so groe Mnner -- fhre doch den grossen Mann
hieher!

Senatoren. Wo ist er? wo ist er?

Einige Damen. (in schreklicher Furcht) Um Gotteswillen -- --

Flodoard. (schmerzhaft lchelnd) Frchtet euch nicht mehr vor ihm,
schne Venetianerinnen, er hat ja nun seine Braut! (indem er auf
Rosamunden deutet)

Falieri. (erblassend) Ist er hier schon im Pallast?

Flodoard. Hier im Pallast.

Ein Senator. Warum lat Ihr uns so lange in banger Erwartung schweben?

Flodoard. (fhrt den Dogen zu einem Lehnsessel) Wohlan, so mag die
Komdie beginnen! -- Abaellino soll erscheinen. Tretet alle an die
Seiten!

Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog alt und jung erschrokken zurk
nach den Wnden. Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, als den
Verschwornen, die mit Hllenangst der Erscheinung Abaellinos
entgegenharrten.

Der Doge _Andreas_ sas ernst und ruhig in seinem Stuhle, wie ein Richter
zum Gericht des Banditenfrsten. Einzeln, in besondern Gruppen standen
die Anwesenden mit verschiednem Mienenspiel da -- wie am
Weltgerichtsmorgen die Schatten der Seeligen und Verdammten einst
untereinandergemischt, und doch grell von einander verschieden dastehn
werden. Die schne _Rosamunde_ lehnte sich in ruhiger Engelsunschuld an
Iduellens Achsel und musterte mit durstgen Augen ihren groen Liebling.
Die Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und hin stierenden
Augen formirten den Hintergrund. Dumpfe Stille waltete ber die
Versammlung; kein Odemgerusche strte sie.

Und nun soll der schrekliche Abaellino vor euch erscheinen; zittert
nicht, er wird keinen verlezzen! rief _Flodoard_ aus, drehte sich um,
ging zur Flgelthr, wischte sich ber das Gesicht, warf den Mantel ab,
kehrte wieder um -- und wie durch ein Gaukelspiel, war _Flodoard_ in
_Abaellino_ verwandelt! --




                          Sechstes Kapitel.
                        Geistererscheinungen.


Ein lautes Zetergeschrei scholl plzlich durch den Saal -- _Rosamunde_
strzte ohnmchtig zusammen, die _Verschwornen_ schnappten nach Luft,
die _Damen_ kreuzigten und segneten sich, die _Senatoren_ standen leblos
wie steinerne Puppen umher und _Andreas Gritti_ verlor im Schrek Gehr
und Gesicht.

_Abaellino_ stand ruhig da in seiner ganzen furchtbaren Hlichkeit, in
seinem Banditenhabit, mit dem Grtel voller Pistolen und Dolche, mit dem
abscheulichen verzerrten, gelben Gesicht, ber dem rechten Auge ein
Pflaster, das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. Er grinste
nach einer Minute rings umher, und trat dann zum erstarrten Doge.

He! rief er mit heisrer, grlzender Stimme: kennt ihr noch den
Abaellino, hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gndiger Herr,
um seine Braut einzuhohlen!

_Andreas Gritti_ seufzte tief auf, starrte den Ausbund der Hlle mit
einem schreklichen Blik an und rief: so bin ich noch nie hintergangen!

Wache! Wache! schrie _Grimaldi_, der Kardinal, und _Abaellino_ zog
eine Pistole hervor aus dem Grtel, spannte den Hahn und drohte zu ihm
herber: der erste, rief er, der erste, der Wache schreit, oder eine
Bewegung macht, ist in dieser Minute des Todes. Glaubt ihr, da ich mich
selber hier berliefern, selber die Wachen an den Thren bestellt haben
wrde, wenn ich mich vor ihnen frchtete, oder wenn ich euch entrinnen
wollte? Ja, ich will euer Gefangner sein, aber ohne Gewalt; ich will
euer Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. Fangen soll den
Abaellino kein Mensch, er mu selber kommen, um sich seinen Richtern zu
berantworten. Oder glaubt ihr, der Abaellino sei der gewhnlichen
Bravo's einer, der vor den Sbirren luft, aus Armuth oder Leidenschaft
meuchelmordet? nein, beim Himmel, nein, der bin ich nicht! war ich
Bandit, so war ich Bandit aus Grundszzen! --

Gritti. (die Hnde zusammenwerfend) Groer Gott, ist es mglich?

Ein schauerliches Stillschweigen wohnte im Saale. Jeder gehorchte der
Stimme des groen Banditen, der mit der Majestt des hllischen
Monarchen durch den Saal schritt, wenn anders der Teufel Majestt
besizzen kann.

_Rosamunde_ schlug die Augen auf -- ihr erster Blik haftete auf den
verwandelten _Flodoard_.

O! rief sie: Allbarmherziger, es ist nicht mglich -- es ist ein
satanisches Blendwerk!

Abaellino. (zu ihr tretend) Nein, kein Blendwerk, Rosamunde; dieser
Bandit Abaellino ist dein Flodoard von Florenz.

Rosamunde. Geh, geh, entsezlicher Lgner, es ist nicht mglich! -- du
und Flodoard, Seraph und Satan! wer schmilzt die zusammen? Flodoard
handelte gros und gut, wie ein Halbgott -- ich habe von ihm gelernt
tugendhaft zu handeln. Er war ohne Leidenschaft, zu jeder schnen That
willig. Elend und Kummer ertrug er um des Guten willen, die Thrnen der
Leidenden abzutroknen -- das waren seine Triumpfe! -- Hllischer
Bsewicht, den die Schaaren der Ermordeten vor Gottes Richterstuhl
lngst verklagt haben, prahle nicht mit Flodoards Namen.

Abaellino. (mit Stolz) Rosamunde, du bist -- -- -- ein Weib. Sieh her,
ich und dein Flodoard sind eins -- sieh her! sieh her!

Abaellino ri das Pflaster vom Auge, rieb mit seinen Tuch im Gesicht
umher, faltete die verzognen Mienen in ihre natrliche Ordnung zurk,
strich die schwarzen Haare von der Stirn, und siehe da, der schne
Flodoard stand in Abaellinos Banditentracht vor den Augen der
Versammlung.

Abaellino. Sieh, Rosamunde, siebenmahl will ich mein Gesicht noch
verwandeln vor deinen Augen, und so tuschend, da du mich in Ewigkeit
nicht erkennen solltest. Aber die Gesicht ist Flodoards Angesicht, ich
will es vor der Hand beibehalten.

Grimaldi. Entsezlich!

Die Senatoren. (durch einander murmelnd) Unerhrt! Schreklich!

Abaellino. (liebreich zu Rosamunden) Nun? -- vershnst du dich mit mir?

Rosamunde. (ihn anstarrend) Flodoard, du bist kein Mensch!

Abaellino. (sich zu ihr hinabbeugend) Rosamunde -- Rosamunde -- bist du
mein?

Rosamunde. (mit schaudernder Verlegenheit) Flodoard -- ach, da ich dich
nie gesehn, nie geliebt htte!

Abaellino. Willst du nun noch die Braut Flodoards -- die Banditenbraut
sein?

Rosamunde. (sieht ihn schweigend an, mit sich selber im frchterlichen
Kampf.)

Abaellino. Sieh, Mdchen, um deinetwillen hab ich mich selber verrathen
-- selber hingeliefert -- -- ach, Rosamunde, ich knnte noch mehr thun!
-- doch still! Rosamunde, nur eine Sylbe la mich hren von deiner
Lippe, nur ein armseliges Nein, oder Ja! Rosamunde, liebst du mich noch?
-- --

Rosamunde antwortete nicht. Ihr Auge sah zu ihm empor, schuldlos und
liebevoll, wie das Auge eines Engels, und ihr Blik bekannte dem
verfhrerischen Bsewicht, Liebe. Ihr Busen strmte ungestm -- ungestm
wie das Meer der Gedanken und Empfindungen in ihrer Seele. Sie sank in
_Iduellens_ Arm zurk und _Iduella_ weinte eine mitleidige Thrne auf
ihren Liebling herab.

Der _Doge_ sprang in diesem Augenblik wild vom Sessel auf; sein Auge
blizte Wuth, seine Unterlippe zog sich hher hinauf; sein Odem flog
heftiger. -- Die Senatoren sahn ihn, warfen sich ihm vor und hielten ihn
gewaltsam zurk. _Abaellino_ inzwischen gieng ihm mit befremdender Klte
entgegen, und bat ihn sich zu beruhigen.

Werdet ihr mir euer Wort halten, gndigster Herr? -- ihr gabt es mir,
des sind jene edeln Venetianer und Venetianerinnen Zeuge.

Gritti. (wild) Abscheulicher Bsewicht, dein Plan ist fein, boshaft und
schreklich angelegt, mich zu betrgen. Sagt, Venetianer, bin ich
verpflichtet, einem solchen frchterlichen Gauner Wort zu halten? Da
geht er hin und spielt eine betrgerische blutige Rolle: mordet Venedigs
bravste Mnner fr Lohn, um mit dem Blutgelde in Venedig Aufwand zu
machen. Dann kmmt der abgefeimte Abentheurer unter der Maske eines
Biedermanns, verfhrt meine unglkliche Rosamunde zur Liebe, fodert mir
das Mdchen ab, unter der Bedingung den Abaellino zu schaffen -- stellt
sich dann selber ein, verlangt die Erfllung meines Versprechens und
erwartet schlau genug zugleich Amnestie seiner Verbrechen. -- Sagt,
Venetianer, darf ich dem Bsewicht Wort halten.

Alle. Nimmermehr, nimmermehr!

Abaellino. (mit Ernst) Auch dem Frsten der Finsternis msset ihr euer
Versprechen halten, wenn ihrs einmahl von euch gabet. O, Pfui, pfui,
Abaellino, so hast du dich denn schreklich verrechnet: mit Biedermnnern
glaubt ich zu handeln, pfui, und ich lies mich betrgen! -- (mit
schreklichem Ernst) Noch einmahl und zum leztenmahle: soll das
herzogliche Wort gebrochen sein?

Gritti. (richterlich) Entwaffnet euch.

Abaellino. Und ihr wollt mich verstoen -- ich habe mich umsonst in eure
Hnde geliefert?

Gritti. Dem braven Flodoard htt ich Rosamunden nicht verweigert, aber
dem Mrder Abaellino hab ich nichts in der Welt versprochen.

Abaellino. Hi, hi! meine Mordthaten drkken euch ja nicht, sondern mich;
dereinst will ich die Sache vor dem Richter der Welt schon ausfechten.

Grimaldi. (zum Doge) Welche Gotteslsterung!

Abaellino. O, Herr Kardinal, bittet doch fr mich -- ihr kennt mich ja,
ich bin ein guter Kerl.

Grimaldi. (mit Zorn und geistlicher Hoheit) Elender, was hab ich mit dir
zu schaffen?

Abaellino. Soll ich also wahrhaftig verdammt werden? He da, nimmt sich
keiner von euch des armen Abaellino an? (Eine Pause) Alle schweigen?
gut, so eile denn alles zu Ende mit mir!

Rosamunde. (aufspringend, und zu den Fssen des Dogen) Gnade! Gnade!
Barmherzigkeit fr ihn!

Abaellino. (mit Seeligkeit) Oh, oh! ein Engel betet fr mich in der
leztcn Stunde.

Rosamunde. Erbarmen fr ihn, mein Vater, Erbarmen fr ihn! war er ein
Snder, so richte Gott ber ihn! -- ach, ich liebe ihn noch!

Gritti. (sie von sich stoend) Weg, Geschpf, ich kenne dich nicht!

Abaellino. (steht mit verschrnkten Armen da und weidet sich an der
Szene)

Rosamunde. (auf dem Erdboden sich halb erhebend) Habet ihr mit ihm kein
Erbarmen, so habet es nur mit mir nicht. Richtet ihr ihn, so richtet
mich zuvor! -- -- Vater, -- Vater! verstoet mich nicht.

Gritti. (zum Abaellino im ernsten Ton) Entwaffnet euch!

Abaellino. Und ihr knnt es kalten Auges ansehn, wie sich dies Lamm zu
euern Fssen windet? -- geht, ihr habt sie nie geliebt, diese Rosamunde.
-- (Er hebt sie vom Boden auf und trgt sie zu Iduellen) Jezt ist sie
mein! -- ich sag es euch, jezt ist sie mein, und der Tod soll uns erst
von einander scheiden.

Venetianer, es scheinet als wollet ihr jezt Gericht ber mich halten, es
scheint, als wolltet ihr den Stab ber mich brechen -- wohlan, es sei
euch erlaubt! aber zuvor will ich mit mehrern von euch erst richten.

Seht hier, ich bin der Mrder Sylvios, der Mrder Dandolis, der Mrder
Kanari's! ich leugne es nicht; wollt ihr nun die Herren kennen lernen,
die mich dazu besoldeten -- so seht, Venetianer, seht auf jene Schurken
da -- ein, zwei, drei, vier -- Grimaldi, Parozzi, Memmo, Falieri und
Kontarino. -- Diese lat in Verhaft nehmen.

Versteinert und entgeistert standen die genannten da -- das
verrtherische Gewissen blinzelte durch die starren Augen, durch die
bleichen Wangen hervor und Abaellino wurde von keinem widerlegt.

Was ist das? frugen sich die Senatoren erschrokken untereinander.

Ein schndlicher Gaunerkniff! lallte der Kardinal _Grimaldi_,
rachschtig will nun der Boshafte uns in seinen Proze verwikkeln, da
er sieht, da ihm nichts zu seiner verlornen Freiheit verhilft!

Kontarino. (sich ermannend) Er war in seinem Leben der grte Bsewicht
und will es nun auch im Tode sein.

Abaellino. (mit Majestt) Schweigt! ich kenne euer ganzes Komplot, kenne
eure Proscriptionslisten, kenne euern Anhang, und indem wir hier mit
einander sprechen, nimmt man die Herrn mit den _weissen Armbinden_
gefangen, die in der kommenden Nacht Venedig umdrehn sollten. --
Vertheidigt euch nicht.

Gritti. (erstaunend) Was soll das sein?

Abaellino. Nichts mehr und nichts weniger, gndigster Herr, als eine
enthllte Verschwrung wider den Staat und euer Leben. -- Seht, so
erhlt euch ein Bandit zur Dankbarkeit euer Leben, weil ihr ihm bald das
seinige rauben werdet.

Ein Senator. (zu den Angeklagten) Edle Venetianer, ihr schweiget.

Abaellino. Hier sind alle Vertheidigungen fruchtlos -- ihre Bande ist
auf meinem Befehl jezt desarmirt, und in die Gefngnisse des Staats
vertheilt -- besuchet sie, da werdet ihr mehr erfahren. -- Uebrigens
bildet euch nicht ein, da ich um und in diesen herzoglichen Pallast die
bewaffneten Soldaten um des frchterlichen Banditen Abaellinos willen
hinstellte, nein, sondern um jene Helden dort in engere Verwahrung zu
fhren. --

Und nun, Venetianer, ich habe mit Gefahr meines Lebens den Staat
gerettet, ich habe mich als Bandit in die Versammlungen der Gottlosen
gewagt, habe Sturm und Regen, Frost und Hizze ertragen, habe, wenn ihr
schliefet, fr Venedig gewacht, und ich darf noch auf keine Belohnung
Ansprche, machen? Das alles hab ich fr Rosamunde von Korfu gethan, und
ihr wollt sie mir verweigern; ich habe euch euer Leben, euch das Leben
eurer Weiber und Kinder erhalten -- Menschen, Menschen und ihr wollt mir
das meinige rauben. --

Seht doch, wie jene Bsewichter dastehn, von Gott verdammt und ihrem
innern Richter. Oeffnet sich wohl ein Mund zur Rechtfertigung? widerlegt
mich einer auch nur mit einem Kopfschtteln? -- Ich will euch von meiner
Ehrlichkeit noch besser berzeugen. (Indem er sich zu den Verschwornen
wendet.) He da, bekennet die Wahrheit -- derjenige, der sie unter euch
zum ersten gesteht, soll Gnade erhalten im Gericht, das versprech ich,
der Bandit Abaellino.

Die Verschwornen schwiegen. Endlich nahte sich _Memmo_ einem der
Senatoren zitternd. -- Venetianer! lallte er: Abaellino lget nicht!
--

Er lget! er lget! riefen mit einemmahle _Falieri_, _Grimaldi_,
_Kontarino_ und _Parozzi_.

Still! schrie Abaellino und frchterlicher Grimm blizte aus seinen
Gebehrden: Still! lat mich sprechen -- oder besser noch, lat die
Geister der Ermordeten sprechen. Hollah, ho! schrie der Frchterliche
und sprengte die Flgelthren voneinander und siehe die lngst
beweinten, lngst betrauerten Edeln traten herein, _Sylvio_, _Kanari_
und _Dandoli_!

Verrtherei! brllte _Kontarino_ und sties sich einen verborgen
gehabten Dolch ins Herz.

Welch ein Auftritt!

Weinend sank _Andreas Gritti_ in den Arm seiner todgewhnten Freunde;
weinend schlang das lebende Kleeblatt groer Mnner sich um den Freund
und Waffenbruder und Herzog. -- Erst in den Wohnungen des Himmels
glaubten sich diese schnen Seelen, diese Helden, wieder finden zu
knnen, und sie fanden sich nun auf Erden wieder zusammen. Sie die
einstens als Jnglinge mit einander aufwuchsen, mit einander fr das
Wohl ihres Vaterlandes fochten, hingen jezt als Greise hier umeinander.
Gerhrt standen die Zuschauer da, und die alten ehrwrdigen Senatoren
konnten sich bei dieser heiligen Szene der Thrnen nicht erwehren. Man
hrte und sah in dieser seeligen Trunkenheit nichts -- hrte und sah
nicht, da die Verschwornen und der Selbstmrder _Kontarino_ der Wache
berliefert wurden -- hrte und sah nicht Rosamunden, die sich
schluchzend an die Brust des schnen _Abaellino_ warf und berlaut
schrie: Dieser -- _dieser ist kein Mrder_!

Aber man ermannte sich endlich. Die Besonnenheit kehrte zurk. -- Heil
dem Erretter der Republik! schrie man und weinte man laut und umringte
den Abaellino.

Abaellino, vor einigen Minuten noch von allen verdammt, stand hehr und
gros unter der entzkten Menge da, wie ein Gott, und an ihm hinauf
schlang sich die schne Rosamunde.

Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von Florenz, sprach er sanft
lchelnd: ich bin der vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam hieher
als ein Bettler; Banditen nahmen mich in ihren Bund auf, und ich ergrif
mit Freuden ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig von dieser
Menschenklasse selber zu reinigen, theils um auch diejenigen Buben
kennen zu lernen, in deren Solde diese Meuchelmrder standen. Ich
berlieferte euch die Banditen, und ihren Anfhrer ermordete ich vor
Rosamunden mit eigner Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; an
mich muten sich alle Schurken wenden; ich lernte sie und ihre Plne
kennen und ihr kennt sie jezt auch. _Sylvio_, _Kanari_ und _Dandoli_
sollten hingerichtet werden -- wollten diese Mnner nicht durch die
Dolche andrer fallen: so muten sie mit mir flchten. Ich brachte sie
durch Gewalt, Gte und List an einen Ort, wo sie sicher vor jeder
Entdekkung waren, bis zum heutigen Tage. Sie entwarfen mit mir Plne fr
die Zukunft und wie man die Verschwornen fassen msse -- das alles ist
jezt ausgefhrt und nun Venetianer, wollt ihr mich noch verdammen?

_Dich verdammen?_ riefen Doge, Senatoren und Nobili, und jeder ris ihn
an sich, und drkte ihn nassen Auges an sein Herz.

O! rief _Andreas Gritti_, indem er seine Augen trocknete: ich gebe
meine herzogliche Mzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, wie
du! -- _Grosser Bandit_, du hast mich berwunden, du bist grer, als
ich! Nimm hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers hab ich nicht,
sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum -- nimm sie hin!

Abaellino! jauchzte _Rosamunde_, und kte den schnen Banditen mit
Glut.

Rosamunde! rief _Abaellino_ und vergas in dieser Umarmung die ganze
Welt.




                          Siebentes Kapitel.
                             Nachschrift.


Freilich wr es so unrecht nicht, wenn man sich jezt zwischen den Graf
Obizzo der schnen Rosamunde und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo's
Erzhlung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen Abentheuern, die ihn
nach Venedig trieben, mit anhren knnte -- allein hier sind vorlufig
nur zwei Fragen zu beantworten, die alles entscheiden. _Erstlich:_ hrt
man mir gern zu, wenn ich Mrchen erzhle? -- _Zweitens:_ Hab ich auch
Zeit genug brig Mrchen zu erzhlen? --




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die krftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
Originales wurden unverndert beibehalten. Lediglich offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 13]:
   ... und der Wicht, der da bei der Molda steht, ...
   ... und der Wicht, der da bei der Molla steht, ...

   [S. 21]:
   ... wird einmal selig, und wenn er verdammt hat, ...
   ... wird einmal selig, und wen er verdammt hat, ...

   [S. 22]:
   ... der groen Zahl ihrer Andachstbungen; die Weltdame ...
   ... der groen Zahl ihrer Andachtsbungen; die Weltdame ...

   [S. 29]:
   ... Abbaellino mischte sich unter die Spaziergnger; ...
   ... Abaellino mischte sich unter die Spaziergnger; ...

   [S. 34]:
   ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetiaschen ...
   ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetianischen ...

   [S. 37]:
   ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Griti
       ausgeschikt? ...
   ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Gritti
       ausgeschikt? ...

   [S. 38]:
   ... Parrozi. Falieri hat Recht. ...
   ... Parozzi. Falieri hat Recht. ...

   [S. 50]:
   ... und sank kreischend auf den Sessell nieder, ...
   ... und sank kreischend auf den Sessel nieder, ...

   [S. 54]:
   ... Balluzo. Die Wahl hlt nicht schwer. ...
   ... Baluzzo. Die Wahl hlt nicht schwer. ...

   [S. 55]:
   ... Balluzo. Ja, an Matteo's Stelle. ...
   ... Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle. ...

   [S. 55]:
   ... Abellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ...
   ... Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ...

   [S. 61]:
   ... hassen, da er zum erstenmahl erblikt, da ihm ...
   ... hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm ...

   [S. 91]:
   ... Sieh sah den Bittenden an und schwieg. ...
   ... Sie sah den Bittenden an und schwieg. ...

   [S. 117]:
   ... Geistes endekt -- darum wag ich die Foderung, ...
   ... Geistes entdekt -- darum wag ich die Foderung, ...






End of Project Gutenberg's Abaellino der groe Bandit, by Heinrich Zschokke

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROE BANDIT ***

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