The Project Gutenberg EBook of Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Anthroposophie im Umriss
       Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage

Author: Robert Zimmermann

Release Date: January 14, 2017 [EBook #53962]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***




Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
Gutenberg (This file was produced from images generously
made available by The Internet Archive/American Libraries.)








                             ANTHROPOSOPHIE
                               IM UMRISS.

                                ENTWURF
                   EINES SYSTEMS IDEALER WELTANSICHT
                                  AUF
                        REALISTISCHER GRUNDLAGE


                                  VON

                           ROBERT ZIMMERMANN.


                              WIEN, 1882.
                           WILHELM BRAUMLLER
                K. K. HOF- UND UNIVERSITTSBUCHHNDLER.








                        "Den Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke
                        "Muss ihn der Mensch gestalten. -- --"

                                                               Schiller.








AN HARRIET.


Du warst es, als sich Nacht ber mein Auge zu lagern drohte, deren
Seelenstrke mir den Entschlu eingab, die lange unfreiwillige Mue
der Dunkelkammer zum ordnenden Abschlu lngst zerstreut gereifter
Gedankenreihen zu bentzen, zu deren Niederschrift eine gefllige
Hand willig sich herlieh.

So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand abzustreiten
im Stande sein wird, da er, wie das Licht, im Dunkeln geboren sei.

Wem anders als Dir drfte dasselbe zu eigen sein?


        Waldvilla am Attersee, den 4. September 1881.

                                                                      R.








VORREDE.


Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede
aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten,
was in das letztere selbst gehrt, so bleibt ihr nur brig, sich
mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschftigen. Ueber
beide werden wenige Worte gengen.

Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche
denselben whlt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr
Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr
genge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu
sein. Wenn derselben -- nicht zu ihrem Leidwesen -- die speculativen
Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen
des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt
ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, ber
die Schranken und Widersprche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt
in sich trgt, das kritische Auge zuzudrcken. Ihr Wunsch geht dahin,
anthropocentrisch d. i. "Menschenwissen" und doch Philosophie d. h. von
der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert,
ber dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein.

Dasselbe bezeichnet sich als "Entwurf eines Systems" und zwar "einer
idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage". Ersterer Charakter
wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik
rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewrtig sein,
so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen "Philosophirens auf
eigene Hand", welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren
herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach
dem ihrigen findet.

Dagegen mchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit
dem schulmssigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische
Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung
verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin,
wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant's
und der Sittenlehre Fichte's, an die Verwirklichung der Ideen durch
Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist
nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus,
wie er auf Kant's kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern
dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden
ist.

Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den
Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart's als geistesverwandt
erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht
unerheblichen Punkten ber denselben hinausgehend genannt werden. Dass
deren Abweichungen von der ursprnglich Herbart'schen Fassung nicht
neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhltniss zur Theorie der
Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der
Annahme der sogenannten "einfachen Empfindungen", in der Denkweise
des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an
vorhanden gewesen seien, haben frhere Schriften desselben, wie dessen
1847 und 1849 erschienene Monographieen: "Leibnitz's Monadologie"
und "Leibnitz und Herbart, eine gekrnte Preisschrift" bezglich
der Selbsterhaltungen, dessen 1865 verffentlichte: "Aesthetik als
Formwissenschaft" bezglich der einfachen Empfindungen hinlnglich
an den Tag gelegt.

Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im
Jahre 1828 erschienenen "allgemeinen Metaphysik" einen "Kantianer
vom Jahre 1828" genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste
Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant's (dem gerade
vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und
Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart's (dem scharfsinnigen
Kritiker der Hegel'schen Psychologie, Exner) verdankt, heute,
wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein
volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes
Jahrhundert verflossen ist, sich "einen Herbartianer vom Jahre 1881"
zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhltniss zu Kant wie
zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit
Beiden verbirgt sich nicht; ber die Abweichungen, zustimmend oder
ablehnend, mgen Kundige urtheilen.

Geschrieben im Scularjahr der "Kritik der reinen Vernunft".


        Wien, den 21. Mai 1881.

                                                          Der Verfasser.








INHALT.


                                                    Seite

    Einleitung                                          1

    I. Buch: Die Ideen.

        1. Capitel: Die logischen Ideen                11
        2. Capitel: Die sthetischen Ideen             40
        3. Capitel: Die ethischen Ideen                77

    II. Buch: Das Wirkliche.

        1. Capitel: Das Nicht-Ich                     141
        2. Capitel: Das Ich                           207
        3. Capitel: Das Social-Ich                    250

    III. Buch: Die Kunst.

        1. Capitel: Die Bildungskunst                 269
        2. Capitel: Die Bildekunst                    283
        3. Capitel: Die bildende Kunst                294

    Schluss                                           307








ANTHROPOSOPHIE.


ZUR EINLEITUNG.


1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die
Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da
man dasjenige, was man liebt, zu verkrpern bemht ist, das Gewusste
in die Wirklichkeit einzufhren. Erstere fllt der Philosophie als
Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i. als
Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung von
Begriffen, whrend die Philosophie als Kunst das Wirkliche bearbeitet;
erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung
gewonnenen, sei es durch Gewhnung und Ueberlieferung berkommenen
Begriffe von dem, was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen
d. i. zu solchen, welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen,
als der erfahrungsmssigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den
Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei
es in blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu
einem den Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem
begriffsgemssen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren
sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der
letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden
sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchstblichen Sinne
nicht von dieser Welt, whrend Philosophie als Kunst von dieser
Welt ist.

2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur
selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe
herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren
gegenber den Sachen als Muster dienen knnen (Musterbegriffe). Jene
bedrfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen haben;
diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen
sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften
Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster
herzustellen, dem die Begriffe, um fr musterhaft gelten zu drfen,
gengen mssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe
zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der
Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu
ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit
des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu
studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden knnen.

3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen
muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn
zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das
Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um fr musterhaft gelten
zu drfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht
beides zugleich betreffen knnen, ja mssen. In ersterer Hinsicht
wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff
ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt
zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher
jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um
als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden;
jene stellt daher die massgebende Norm fr smmtliche Begriffe ohne
Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm fr Begriffe
irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. fr alle diejenigen dar,
die sich auf Seiendes (Existirendes) oder fr alle diejenigen, die
sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen.

4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des
Inhalts, welche fr musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den
Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen
gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen fr musterhaft gelten
sollen, beschrnken, machen den Inhalt der andern philosophischen
Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster fr jeden Begriff ohne
Unterschied, diese stellen die Muster fr diejenigen Begriffe dar,
welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehren. Da
nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches
d. h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder
auf ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie
die mathematischen, berhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein
Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in
der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen
Wissenschaften in zwei Gebiete zerfllen. Das eine derselben umfasst
die Musterbegriffe fr alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit
Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthlt
die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es
berhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe
der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird) knnen
physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich
gedacht wird) mssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei
den letzteren Rcksicht darauf, ob der Inhalt derselben es unmglich
macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den mathematischen der
Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen Moment nichtseiend
gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber keineswegs als unmglich
vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in Gedanken entworfenen
Plane eines knftigen Bauwerks der Fall ist, so tritt eine weitere
Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt die Wirklichkeit
ausschliesst, knnen als solche den obengenannten physischen in dem
Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen wie der andern einen
Zusatz ber dessen Wirklichkeit enthlt, der Inhalt der einen dieselbe
bejaht, jener der andern dieselbe verneint; dieselben knnen daher in
diesem erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen,
welche weder ber die Wirklichkeit, noch ber die Unwirklichkeit
ihres Inhaltes eine Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal ber
die zuknftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit desselben, deren
Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das
Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, knnen nichtsdestoweniger
ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder
unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter
Inhalt einen Zusatz im Gemthe des Denkenden mit sich fhrt, durch
welchen er von letzterem entweder als angenehm oder unangenehm,
ntzlich oder schdlich, schn oder hsslich -- im Allgemeinen
entweder beifllig oder missfllig beurtheilt wird. Begriffe dieser
Art knnen, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten
physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage
ber Wirklichkeit oder (zufllige oder nothwendige) Unwirklichkeit
desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufllig
oder nothwendig) begleitenden Gefhlsausdruck handelt -- sthetische
heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die Musterbegriffe
fr die physischen Begriffe enthlt, ist die philosophische Physik
(oder Metaphysik); jene, welche die Musterbegriffe fr die sthetischen
umfasst, die philosophische Aesthetik.

5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik
machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der
Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist
deshalb nicht berflssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche
die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften
Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und
nothwendigen, sondern zuflligen und individuellen oder hchstens
particulren Zustzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe
umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische
Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die
Bezeichnung Metaphysik fr die erste derselben hat, von dem bekannten
zuflligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen
zulssigen Sinn, als die durch kritische Sichtung herbeigefhrte
systematische Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe,
welche die mit diesem Namen bezeichnete Wissenschaft ausmacht, das
Vorhandensein eines ursprnglich durch Erfahrung gegebenen, logisch
noch unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen
Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische
(Meta-) Physik also der Zeit nach erst nach (meta) der vor- oder
unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann.

6. Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften smmtlich
musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe
umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer Verwandtschaft
unter einander, als ihre musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe
fr Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden,
whrend die metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben,
als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist,
darzustellen. Und zwar enthlt die erstere die Musterbegriffe fr das
Denken sowohl berhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt,
durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben
wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen
Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthlt die Musterbegriffe fr jede
beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische Thtigkeit,
insofern durch dieselbe etwas Beifallswrdiges oder Tadelnswerthes
(Ntzliches oder Schdliches, Angenehmes oder Unangenehmes, Schnes
oder Hssliches) hervorgebracht wird.

7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche fr das Denken
oder fr jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thtigkeit,
werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) fr das Denken,
das zum Wissen werden soll, logische Ideen; als Vorbilder dagegen
fr irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen
gerichtete schaffende Thtigkeit, sthetische Ideen. Erstere machen
daher den Inhalt der Logik, letztere den der Aesthetik aus.

8. Unter den geistigen Thtigkeiten, deren Producte Beifall oder
Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art,
dass sie auf keine Weise, weder willkrlich noch unwillkrlich,
unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wre
ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentmlichkeit,
dass von dem Urtheil ber dessen Beschaffenheit das Urtheil ber
den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhngt und, da, wie
oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhren kann zu wollen, diesem
Urtheil niemals entgangen werden kann. Whrend daher zu jeder andern
sthetisch producirenden Thtigkeit ein besonderes sthetisches Talent
erforderlich ist, ist nicht nur die Fhigkeit, sondern die Nthigung
zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und whrend, um der Kritik
jeder andern sthetisch producirenden Thtigkeit zu entgehen, der
Producirende nichts weiter nthig hat, als dieselbe zu unterlassen,
so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethtigung des Wollens niemals
Verzicht geleistet werden. Aus beiden angefhrten Grnden verdienen
diejenigen sthetischen Ideen, welche als Vorbilder fr das Wollen
dienen, aus dem Kreise der brigen als ein besonders ausgezeichnetes
Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den brigen, welche
sodann im engeren Sinne des Wortes sthetische heissen mgen, mit einem
besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich,
da von dem Urtheil ber das Wollen jenes ber den sittlichen Werth,
das Ethos, des Wollenden abhngt, der Ausdruck ethische, oder, da
das Wollen zunchst zum Handeln berfhrt, praktische Ideen.

9. Logische, sthetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt
der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft
von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im
philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den
Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft
von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer
Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knpft an die Erfahrung, durch
welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie
die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behlt
wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich
d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie
nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie
zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermge des durch
unabweisliche Erfahrung ausgebten Zwanges unvermeidlich sind. Die
logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verrth sich
dadurch, dass in denselben Widersprche bemerkbar werden, welche
demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch
der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich
nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen
aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben
berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmssig Gegebenen ohne Schdigung
der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken
geschpfte Zustze so lange und in der Weise ergnzt werden, bis und
dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational
(widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da
an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe.

10. Logische, sthetische und ethische Ideen knpfen nicht an das
Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe,
dass das Gegebene an sie anknpfe. So wenig nach Kant aus dem
Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen "geklaubt"
werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant's, zwar nicht vor,
aber unabhngig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre
Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschrnkte (comparative)
und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufllige), sondern, wie
die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik
und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie
die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik
es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie
auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen knnen,
praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen.

11. Mit Rcksicht auf letztere Bezeichnung zerfllt Philosophie
als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder
praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft
(Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie
als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder
die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende
Brcke bildet. Die Lsung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen
ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst
berhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne
Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des
gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits mglich. Erstere
macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des
zweiten, die Lehre von der die logischen, sthetischen und ethischen
Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst
jenen des dritten Buches aus.








ERSTES BUCH.

DIE IDEEN.


ERSTES CAPITEL.

DIE LOGISCHEN IDEEN.


12. Logische Ideen (Musterbegriffe) sind die normalen Formen
(Begriffsnormen), welchen das Denken sich zu fgen hat, wenn es als
wahres Denken d. i. Wissen anerkannt werden will. Dieselben sind
weder eins mit den psychologischen Erscheinungsformen des Denkens,
vermge welcher dasselbe ein Entstehen und Vergehen, ein Heller-
und Dunklerwerden im Bewusstsein besitzt, noch mit den sogenannten
logischen Denkformen, nach welchen dasselbe in Begriffe, Urtheile und
Schlsse zerfllt. Jenes nicht, weil psychologisch betrachtet die
Entstehung unwahrer Gedanken (Irrthmer) ebenso nach Naturgesetzen
erfolgt, wie jene von Erkenntnissen (wahren Gedanken) -- dieses nicht,
weil unrichtige und ungiltige Gedanken ebensogut in der Begriffs-,
Urtheils- und Schlussform gedacht, gefllt und gefolgert werden,
wie richtige und giltige. Das Kriterium, durch welches Denken zum
Wissen sich erhebt, muss daher anderswo gesucht werden.

13. Dasselbe kann, da jedes Denken einen gewissen Grad von Intensitt
(Strke, Lebhaftigkeit), mit welchem dasselbe, und einen gewissen
Inhalt besitzt, welcher in demselben gedacht wird, entweder in diesem
oder in jenem liegen. Lge es in jenem, so wrde daraus folgen, dass
jedes Denken, welches einen gewissen hohen Grad von Lebhaftigkeit
besitzt, um dieser seiner Energie willen fr Erkenntniss gelten
msse, whrend es offenbar ist, dass auch einleuchtende Irrthmer,
wie Hallucinationen Geistesgestrter, eine hohe, ja fr diese
unberwindliche Strke besitzen knnen. Liegt es dagegen in diesem,
so kann das Kennzeichen des Inhalts als eines wahren entweder in
dessen Verhltniss zu einem vom Denken als solchem unterschiedenen
Andern, oder es muss in der Beschaffenheit des Denkinhalts selbst
gefunden werden.

14. Das Andere, zu welchem das Denken als Denkinhalt betrachtet,
ein gewisses Verhltniss haben soll, um fr wahr gelten zu drfen,
und das als Anderes des Denkens nicht selbst wieder Denken sein kann,
ist das Sein. Das Verhltniss, in welchem das Denken zum Sein stehen
muss, um fr Wahrheit zu gelten, aber kann kein anderes sein als
das der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein. Das Kriterium der
Wahrheit lautet daher von diesem Gesichtspunkt aus: Wissen ist mit
dem Sein bereinstimmendes Denken.

15. Dasselbe setzt, um mglich zu sein, daher einerseits die
Mglichkeit der Uebereinstimmung, andererseits die Mglichkeit der
Erkenntniss jener Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein von Seite
des Denkens voraus. Wre die erstere unmglich, so wre damit auch
das Wissen d. i. die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein, an
sich unmglich; wre das letztere unmglich, so wre damit das Wissen
um jene an sich vorhandene Uebereinstimmung fr uns unmglich. Im
ersteren Falle wre die Wahrheit berhaupt nicht, im letzteren Falle
so gut als nicht vorhanden.

16. Soll Uebereinstimmung zwischen beiden von einander verschieden
gedachten Elementen -- dem Denken einer-, dem Sein andererseits --
bestehen, so muss entweder das eine vom andern, das Denken vom Sein
oder das Sein vom Denken, abhngig gedacht, oder die Verschiedenheit
beider kann nur als eine scheinbare gedacht werden, so dass entweder
nur das eine von beiden ist, whrend das andere nicht ist, oder dass
beide nur die unterschiedenen Seiten eines dritten Ununterschiedenen
sind. Im ersten Falle wird entweder das Denken vom Sein (das Logische
vom Alogischen) oder das Sein vom Denken (das Alogische vom Logischen)
beherrscht; im zweiten Falle besteht entweder nur das Sein, so dass
das Denken nur ein verhlltes Sein -- oder nur das Denken, so dass das
Sein nur ein verhlltes Denken ist; whrend im dritten Falle Denken
und Sein nur das unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete
unbekannte X eines Dritten darstellen.

17. Gegen die Abhngigkeit eines der beiden qualitativ von einander
unterschiedenen Elemente, des Denkens und des unter der Form der dem
Denken qualitativ entgegengesetzten ausgedehnten Materie gedachten
Seins, hat sich unter den Neuern zuerst bekanntlich Cartesius
ausgesprochen. Denken (Geist) und Sein (Materie) sind fr einander
schlechterdings unzugnglich, und da, wenn weder der Geist die Materie,
noch diese jenen zu beeinflussen vermag, eine Uebereinstimmung zwischen
den beiden undenkbar ist, so bleibt, um Wissen d. i. Uebereinstimmung
des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt zu ermglichen, nichts brig,
als die Brgschaft des gemeinschaftlichen Schpfers beider, welcher
als hchstes wissendes und wahrhaftiges Wesen das Denken nicht kann
tuschen wollen. Das eigentliche Kriterium des Wissens liegt sodann
nicht sowohl in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, von
der das Denken durch sich selbst nichts zu wissen vermag, sondern in
der Brgschaftsleistung eines andern hhern Wesens fr die Wahrheit
unseres Denkens; dasselbe ist sonach kein logisches, sondern ein
blos autoritatives.

18. Weder die mit dem Schleier der gttlichen Allmacht, hinter welchem
auch das Unmgliche mglich wird, sich deckende unbegreifliche
gttliche Assistenz, noch die anscheinende Verbesserung derselben
durch das System der sogenannten gelegenheitlichen Ursachen
(Occasionalismus), durch welches letztere die Gottheit aus dem
erhabenen Dunkel des Nichtwissens herabgezogen und zu einem das Denken
mit dem Sein vermittelnden "deus ex machina" (Leibnitz) erniedrigt
wird, beseitigt die Schwierigkeit. Dieselbe hrt dagegen auf, wenn
deren Ursache, die qualitative Verschiedenheit des Denkens und
seines Andern (der Materie) aufgehoben und entweder, wie Leibnitz
und der Spiritualismus thaten, die Materie in Geist verwandelt
(spiritualisirt), oder, wie Hobbes und die Materialisten lehrten,
der Geist in Materie verwandelt (materialisirt) wird. Jene machen
die Materie zu einem zwar "bene fundatum", aber doch nur zu einem
"phnomenon" des Geistes, so dass der Geist -- diese den Geist zu
einem "Hirngespinnst" d. i. zu einem blossen Phnomen der Materie,
so dass diese allein das wahrhaft existirende ist. Zwischen dem
Denken und einem Sein, das selbst wieder Denken (Idealismus) -- und
dem Sein und einem Denken, das selbst wieder Sein ist (Realismus) --
aber ist Uebereinstimmung mglich.

19. Allerdings nur, wenn zwischen Denkendem und Denkendem einer-, wie
zwischen Seiendem und Seiendem andererseits Causalittsverband denkbar
ist. Wenn das Denken, wie die Materialisten wollen, selbst materiell,
der Geist nichts anderes als ein feinerer Krper ist, liegt nichts
Widersprechendes darin, dass zwischen Geist und Materie in demselben
Sinn Wechselwirkung stattfinde, wie zwischen den Corpuskeln oder
krperlichen Elementen der Materie selbst; wenn dagegen, wie die
Spiritualisten wollen, zwischen dem immateriellen Denkenden und den
gleichfalls immateriellen, folglich ihrer qualitativen Beschaffenheit
nach vom Denken nicht verschiedenen, also selbst als "denkend"
gedachten Elementen der Materie (unkrperlichen Atomen, Monaden,
"Seelen") gegenseitiger Einfluss (influxus physicus) herrschen
sollte, so wre dies nur unter der Voraussetzung mglich, dass sich
dieselben von dem einen Theile ablsten und von dem andern aufgenommen
wrden. Beides aber ist unmglich, da von einem Immateriellen, also
Theillosen, kein Theil sich abscheiden lsst und an dem Ort eines
anderen Immateriellen, der als Sitz eines Theillosen selbst ohne
Theile (ein einfacher Punkt) sein muss, fr einen neu hinzutretenden
kein Platz vorrthig ist, das heisst, weil, wie Leibnitz sagte,
die Monaden keine Fenster haben. Soll dessen ungeachtet zwischen
dem Geiste und dem Rest des aus Monaden bestehenden Universums
Uebereinstimmung d. i. Harmonie bestehen, so muss diese letztere
von aussen, also wie bei Descartes durch die Gottheit, nur weder auf
unbegreifliche (durch schlechthinige Allmacht), noch auf unwrdige
("deus ex machina") Weise, sondern, wie es der Gottheit allein wrdig
ist, auf einem von Ewigkeit her erkannten, gewollten und geschaffenen
Wege als prstabilirte Harmonie hergestellt werden.

20. Allein gesetzt auch, es bestnde einerseits zwischen Denken
und Denken (Idealismus), andererseits zwischen Sein und Sein
(Materialismus) je wirklicher Causalverband, so wre die dadurch
ermglichte Uebereinstimmung, in welcher das Wissen bestehen soll,
doch nur im ersten Fall eine Uebereinstimmung des Denkens mit Denken,
also mit sich selbst, im zweiten Fall eine Uebereinstimmung des Seins
mit Sein, also wieder mit sich selbst, in keinem von beiden aber jene
Uebereinstimmung des Denkens mit Sein, in welcher der Annahme zufolge
das Kriterium der Wahrheit gelegen sein soll.

21. Weder die Unabhngigkeit beider, noch die nur scheinbare
Verschiedenheit eines der beiden Elemente des Wissens (Denken
und Sein) macht deren Uebereinstimmung mit und unter einander
mglich; als dritter Fall ist zu untersuchen, ob die Einerleiheit
beider dieselbe gestatte. Wenn Denken und Sein zwar der Art nach
unterschieden, aber weder, wie im Idealismus, nur das Denken, noch,
wie im Materialismus, nur das ausgedehnte (materielle) Sein ist,
sondern beide, wie der Spinozismus will, Seiten eines Dritten ihnen
gemeinsam zugrundeliegenden (der alleinen Substanz) sind, so sind
Denken und Sein dem Wesen nach substantiell identisch d. h. das
Denken ist dasselbe was das Sein, und dieses was jenes. Es findet
jedoch ebendeshalb zwischen beiden keine "Harmonie" (Uebereinstimmung)
statt, denn eine solche setzt Verschiedenheit der Uebereinstimmenden
(Gegensatz in der Einheit), nicht Einerleiheit der Aufeinanderbezogenen
(Einheit ohne Gegensatz) voraus.

22. Weder Uebereinstimmung mit sich selbst (wie im Idealismus und
Materialismus), noch Identitt (wie im Spinozismus) ist Harmonie;
Leibnitz ist nicht, wie Moses Mendelssohn behauptete, durch Spinoza
auf die Idee der prstabilirten Harmonie gefhrt worden. Jene ist
blos formale, diese ist keine Uebereinstimmung. Das materiale, in der
Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein bestehende Kriterium des
Wissens ist weder auf dem Standpunkt des (metaphysischen) Dualismus,
noch des (idealistischen oder materialistischen) Monismus, noch der
(pantheistischen oder atheistischen) Identittslehre brauchbar.

23. Dasselbe ist jedoch auch berhaupt unbrauchbar. Denn gesetzt,
es fnde zwischen Denken und Sein wirklich und thatschlich
Uebereinstimmung statt, so wrde, um sich ber dieselbe Gewissheit
zu verschaffen, eine Vergleichung zwischen dem Inhalt des Denkens
mit jenem des Seins erforderlich sein. Da nun, um letztere zu
bewerkstelligen, der Inhalt des Seins selbst gedacht, als gedachter
Inhalt aber selbst Gedanke (Denken) sein msste, so wrde in obiger
Vergleichung nicht, wie es verlangt ist, Denken mit Sein, sondern
Denken mit Denken (gedachtem Sein) verglichen, d. h. das Sein selbst
(als ungedachtes, Nichtdenken) bliebe unverglichen. Das materiale
Kriterium des Wissens, die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein
wre unerkennbar.

24. Dasselbe ist daher, logisch betrachtet, weder an sich noch fr
uns mglich. Kann aber das Kriterium des Wissens nicht material in
der Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt gefunden,
so muss es ausschliesslich in ersterem (als formales) gesucht
werden. Die Entscheidung, ob ein Denken Wissen d. i. wahres Denken
sei, kann nur auf Grund der Beschaffenheit des Inhalts desselben,
rein als solcher betrachtet, gefllt werden. Dass damit der Bestand
eines von demselben unterschiedenen Sein weder verneint, noch, was
schon Aristoteles und Kant verboten, das Denken fr das einzige Sein
erklrt werde, ist selbstverstndlich.

25. Mit der Behauptung, dass das Kriterium der Wahrheit des Denkinhalts
in diesem selbst enthalten sei, ist weder ausgesprochen, dass jeder
beliebige Inhalt des Denkens eo ipso als Denkinhalt wahr, wie der
Panlogismus, noch dass jeder Denkinhalt falsch sei, wie der absolute
Skepticismus behauptet. Ersterer, welchem das Denken mit dem Wissen,
das thatschliche mit dem vernnftigen Denken in Eins zusammenfllt,
ist logischer Optimismus; der letztere, dem jegliches (wirkliche
und vernnftige, gleichviel) Denken als Denkillusion (Scheinwissen)
erscheint, ist logischer Pessimismus; beide insofern sie von einem
gnstigen oder ungnstigen Vorurtheil bezglich des Denkens als Wissens
ausgehen, sind unkritischer (positiver oder negativer) Dogmatismus.

26. Dass wenigstens einige Denkinhalte falsch seien, folgt
nothwendigerweise daraus, weil es dergleichen gibt (a, non-a), die sich
untereinander selbst aufheben d. h. von denen der eine mit dem andern
im Denken unvertrglich ist; dass es wenigstens einigen Denkinhalt
gibt, der wahr d. h. wenigstens einiges Denken, das Wissen ist,
folgt daraus, weil das Gegentheil dieser Behauptung, das Wissen,
dass es kein Wissen gebe, sich selbst aufhebt. Aufgabe der Logik
bleibt es nun, diejenigen Merkmale, durch welche derjenige Denkinhalt,
der Wissen (Erkenntniss), von demjenigen, der Scheinwissen (Irrthum)
ist, sich unterscheide, aufzustellen.

27. An jedem Denkinhalt ohne Ausnahme lsst sich zweierlei
unterscheiden: die Art, wie er dem Denken, und das Was, welches in
demselben dem Denken gegeben ist. In ersterer Hinsicht unterscheiden
wir unwillkrliches (ohne, ja wider den Willen des Denkenden demselben
aufgezwungenes) und willkrliches (aus dem eigenen Wollen des Denkenden
entsprungenes) Gegebensein; im ersteren Sinne vermittelter Denkinhalt
kann (in engerer Bedeutung) gegebener, im letzteren Sinne entstandener
wird dann gemachter heissen. Im Hinblick auf das Was unterscheiden
wir verwandten und nicht verwandten, aber vertrglichen Denkinhalt;
unter dem verwandten weiters ganz oder theilweise identischen und
unvertrglichen (sich contrr oder contradictorisch ausschliessenden)
Denkinhalt.

28. In Bezug auf das Wie des Gegebenseins gilt, dass der unwillkrlich
gegebene (also unabweisliche) Denkinhalt, desgleichen derjenige ist,
den wir als Thatsache zu bezeichnen pflegen -- was den Anspruch
betrifft, fr Wissen zu gelten -- (alles Uebrige gleichgesetzt),
vor dem willkrlich gemachten den Vorzug hat. Ersterer kann als
nothwendige Bildung (Reprsentation), letzterer darf als Einbildung
(Imagination) bezeichnet werden. Dass daraus, dass ein gewisser
Denkinhalt unwillkrlich gegeben ist, zwar geschlossen werden drfe,
die Entstehung desselben sei durch eine von dem Willen des Denkenden
verschiedene Ursache, keineswegs aber voreilig gefolgert werden drfe,
sie sei durch eine von ihm gnzlich verschiedene, nicht nur ausserhalb
seines Intellects, sondern auch ausserhalb seines Leibes gelegene,
also durch eine sogenannte ussere Ursache erzeugt, braucht kaum
erst erwhnt zu werden. Ebensowenig, dass aus dem Umstand, dass die
Unwillkrlichkeit des Gegebenseins auf eine vom Willen des Denkenden
verschiedene Ursache zu schliessen erlaubt, keineswegs zu folgern
gestattet sei, dass diese selbst der Beschaffenheit jenes Denkinhalts
hnlich beschaffen sein msse, da sich, wie oben bemerkt, ohne
(unmgliche) Vergleichung des Denkinhalts mit dem jenseits desselben
gelegenen Seinsinhalt ber das wechselseitige qualitative Verhltniss
beider nichts ausmachen lsst.

29. Der Vorzug des gegebenen vor dem gemachten Denkinhalt wird desto
begrndeter sein, je energischer, je hufiger und in je vollkommenerer
Anordnung derselbe gegeben ist. In ersterer Hinsicht wird unter
gleichen Verhltnissen der lebhaftere vor dem minder lebhaft,
der klare und deutliche vor dem dunkel, der dauerhafte und sich
behauptende vor dem augenblicklich und flchtig gegebenen Denkinhalt --
in zweiter Hinsicht der wiederholt vor dem nur einmal, der hufig vor
dem selten, der auch Anderen in gleicher Weise vor dem nur dem Einen
gegebenen Denkinhalt -- in dritter Hinsicht der in regelmssiger Folge
ursprnglich gegebene vor dem zerstreuten und sprunghaft gegebenen,
der in gleich regelmssiger Folge wiederkehrende vor dem in seiner
an sich regelmssigen Reihenfolge unregelmssig wiederkehrenden,
der auch in Andern in der nmlichen Anordnung wiederkehrende vor dem
bei jedem in anderer Reihenfolge gegebenen Denkinhalt in Bezug auf
den Anspruch, als Wissen gelten zu drfen, den Vorrang haben.

30. Das Was des Gegebenen macht dabei keinen Unterschied,
ebensowenig ob das ohne oder wider den Willen des Denkenden dem
Denken Aufgedrungene demselben durch einen von aussen (Sinnen-) oder
durch einen von innen kommenden (Bewusstseins-) Zwang aufgenthigt
ist. Ersteres ist bei den Thatsachen der sogenannten usseren,
dieses bei jenen der sogenannten inneren Erfahrung der Fall. Unter
die ersteren gehrt, dass wir unter bestimmten Umstnden keine anderen
als gewisse Sinnesempfindungen haben (Augenschein), zu den letzteren,
dass wir mit oder nach einander in das Bewusstsein eingetretene
Empfindungen unter einander verbinden mssen (Ideenassociation),
sowie dass wir Denkinhalte, die ein gewisses Verhltniss unter
einander haben, entweder (wenn sie gleich oder hnlich sind) zugleich
denken mssen, oder (wenn sie entgegengesetzt sind), nicht zugleich
denken knnen (Denkgesetz der Identitt und des Widerspruchs). Im
ersteren Fall wird der Zwang durch die Sinne, im zweiten und dritten
durch die Natur des Bewusstseins, und zwar der Zwang zur Verknpfung
gleichzeitiger oder successiver Vorgnge durch die sogenannte "Enge des
Bewusstseins" -- dagegen der Zwang, gewisse Gedanken zugleich denken
zu mssen oder nicht zugleich denken zu knnen, durch deren Inhalt
(logischer oder Denkzwang) ausgebt. In diesem Sinne sind nicht nur
die einzelnen Sinnesthatsachen, sondern ist die (im Sinne Kant's)
transcendentale Thatsache der Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit und
sind nicht blos die einzelnen Bewusstseinsthatsachen, sondern ist die
(gleichfalls transcendentale) Thatsache unserer Bewusstseins- und
Denkorganisation (die thatschlichen Naturgesetze des Bewusstseins,
die Denkgesetze) ein dem Denken unwillkrlich d. h. unabhngig vom
Willen des Denkenden Gegebenes (Zuflliges), so dass an sich auch
eine andere Organisation der Sinne wie des Bewusstseins d. h. ein
anders geartetes Erkenntnissvermgen (als gleichfalls transcendentale
Thatsache) sich denken liesse.

31. Wie bei der Frage nach dem Gegebensein des Denkinhalts von dessen
Was, so wird bei jener nach dem Was des Denkinhalts von dessen
Gegebensein abgesehen. Da nun in Bezug auf den Umstand, dass sie
Denkinhalt sind, smmtliche Denkinhalte einander gleichen, so lsst
sich daraus allein, dass ein gewisses Was Inhalt des Denkens ist, kein
Schluss auf dessen Wahrheit oder Falschheit machen. Die Betrachtung der
Besonderheit des Was der einzelnen Denkinhalte aber gehrt nicht mehr
in die Logik, sondern in die besonderen Wissenschaften, deren Inhalt
sie ausmachen (z. B. der Begriff des Seienden in die Metaphysik, der
des Guten in die Ethik etc.). Dagegen lsst sich aus dem Verhltniss,
in welchem verschiedene Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
stehen (z. B. aus dem Verhltniss ihrer Congruenz oder Incongruenz)
sehr wohl eine Folgerung machen, was, wenn der eine derselben als wahr
oder falsch angenommen oder erwiesen wird, mit dem anderen in Bezug
auf Wahrheit oder Falschheit vor sich gehen msse. Die auf letzterem
Wege mglichen Folgerungen mssen aus einer vollstndigen Aufzhlung
der zwischen Denkinhalten ihrem Was nach mglichen Verhltnisse sich
vollstndig ergeben.

32. Da nun die einzelnen Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
nur entweder verwandt oder nicht verwandt (disparat), die verwandten
aber nur entweder ganz oder theilweise identisch oder entgegengesetzt
sein knnen, so ergibt sich als Uebersicht der zwischen verschiedenen
Denkinhalten ihrem Was nach mglichen Verhltnisse folgendes Schema:
(ganze oder theilweise) Identitt, Gegensatz, Disparatheit.

33. Ganz oder theilweise identische Denkinhalte haben das
Eigenthmliche, dass sie einander bedingen, so dass, sobald der
eine (a oder a b) gedacht wird, ebendadurch auch der andere (a ist
a; a b ist a) ganz oder theilweise gedacht wird. Entgegengesetzte
Denkinhalte haben das Eigenthmliche, dass sie einander ausschliessen
d. h. dass entweder nur, wenn der eine gedacht wird, der andere nicht
gedacht werden kann (contrrer Gegensatz: a ist nicht b), oder so,
dass zugleich, wenn der eine nicht gedacht wird, der andere gedacht
werden muss (contradictorischer Gegensatz: wenn nicht a ist, so ist
non-a). Disparate Denkinhalte haben das Eigenthmliche, dass sie
einander im Denken weder bedingen noch ausschliessen, so dass, wenn
der eine gedacht wird, auch der andere gedacht werden kann, aber weder
der andere noch sein Gegentheil gedacht werden muss (z. B. diese Rose
ist roth -- sie knnte aber auch weiss sein). Ganz oder theilweise
identische, sowie disparate Denkinhalte sind daher unter einander
vertrglich -- entgegengesetzte dagegen unvertrglich. Zwischen ganz
oder theilweise identischen Denkinhalten findet fr das Denken eine
vom Inhalt derselben ausgehende Nthigung statt, vom Denken des einen
zu jenem des andern berzugehen. Bei entgegengesetzten Denkinhalten
findet fr das Denken eine vom Inhalt derselben ausgehende Nthigung
statt, vom Denken des einen zum Denken des Gegentheils des anderen
berzugehen. Bei disparaten Denkinhalten findet eine vom Inhalte
derselben ausgehende Nthigung fr das Denken von einem zum andern
berzugehen, berhaupt nicht statt, sondern wenn eine solche eintreten
soll, so muss sie durch etwas vom Inhalt derselben Verschiedenes,
also entweder durch eine ussere, vom Willen des Denkenden unabhngige
Ursache (z. B. den Augenschein) oder durch eine innere, vom Intellect
unabhngige Ursache (z. B. die Willkr des Denkenden) herbeigefhrt
werden. Erstere heissen daher einhellig (consonirend), entgegengesetzte
misshellig (dissonirend), disparate blos einstimmig.

34. Gnzlich identische Denkinhalte knnen, da es nach dem principium
identitatis indiscernibilium zwei mit einander vllig bereinkommende
Dinge berhaupt nicht geben kann, auch nicht zwei sondern mssen
nothwendig ein und derselbe d. h. als Denkinhalt einzig sein; solche
knnen daher auch kein Verhltniss unter einander haben. Dagegen kann
es sehr wohl Denkinhalte geben, welche, obgleich dem Was ihres Inhalts
nach nicht identisch, doch ihrem Umfang nach identisch sind; in welchem
Fall dieselben quipollent heissen (z. B. Wechselbegriffe). Theilweise
identische Denkinhalte knnen entweder in der Weise identisch sein,
dass der eine ganz in dem andern, aber nicht umgekehrt dieser in jenem
enthalten ist, in welchem Fall derjenige, welcher den andern in sich
enthlt, der bergeordnete, derjenige, welcher in dem andern enthalten
ist, der untergeordnete heisst; oder dieselben sind so beschaffen,
dass jeder ausser dem ihm mit dem anderen Gemeinsamen noch etwas
Besonderes enthlt, so dass beide diesem Gemeinsamen untergeordnet,
unter einander aber beigeordnet sind. Im ersteren Fall ist der im
anderen enthaltene Denkinhalt unter diesem subsumirt, im zweiten
Falle jeder der beiden dem ihnen gemeinsamen subordinirt; von den
quipollenten wird der eine dem anderen substituirt.

35. Von unter einander subsumirten Denkinhalten gilt, dass wenn
der subsumirende Denkinhalt wahr oder falsch, auch der darunter
subsumirte entsprechend eines von beiden sei. Der subsumirende heisst
in Bezug auf den subsumirten der weitere, dieser dagegen der engere
Denkinhalt und es gilt der Satz, dass das von dem weiteren Behauptete
oder Ausgeschlossene ebendarum auch von dem engeren behauptet oder
ausgeschlossen, keineswegs aber das von dem engeren Behauptete und
Ausgeschlossene auch von dem weiteren behauptet und ausgeschlossen
sei. Durch die Fortsetzung dieses Verhltnisses, indem jeder einen
anderen subsumirende Denkinhalt seinerseits selbst wieder unter einen
anderen subsumirt erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
weiteste -- durch die Fortsetzung desselben in umgekehrter Richtung,
indem jeder subsumirte Denkinhalt seinerseits einen anderen als unter
sich subsumirend erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
engste Geltung besitzen. Jenes Verfahren selbst kann als Subsumtions-,
und zwar entweder als analytische (Generalisations-)  Methode, welche
von -- dem Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren --
Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach rmeren, aber dem Umfang nach weiteren
-- Denkinhalt hinaufsteigt, oder als synthetische (Restrictions-)
Methode, wenn sie von -- dem Inhalt nach rmeren, aber dem Umfange
nach weiteren -- Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach reicheren, aber
dem Umfang nach engeren -- Denkinhalt hinabsteigt, bezeichnet werden.

36. Von einander coordinirten (beigeordneten), einem gemeinsamen
dritten subordinirten Denkinhalten gilt, dass der Inhalt des
bergeordneten in dem Inhalt jedes der beiden oder mehreren
untergeordneten, aber nicht umgekehrt, enthalten und der Umfang
des bergeordneten der Summe der Umfnge smmtlicher demselben
untergeordneten Denkinhalte congruent sein msse. Der bergeordnete
Denkinhalt heisst in diesem Sinne der hhere, die demselben unter-,
zugleich aber unter sich einander beigeordneten Denkinhalte heissen
die niederen. Durch die Fortsetzung dieses Verhltnisses, indem der
subordinirende hhere Denkinhalt seinerseits einem hheren subordinirt
erscheint, gelangt man zum hchsten -- durch dessen Fortsetzung
in entgegengesetzter Richtung: indem die subordinirten niederen
Denkinhalte je wieder anderen als unter sich subordinirend erscheinen,
gelangt man zum niedersten Denkinhalt. Von dem hheren Denkinhalt gilt
der Satz, dass, was von demselben behauptet oder ausgeschlossen, auch
von dessen niederen behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs zwar,
was von nur einem oder mehreren der niederen behauptet, auch von dem
hheren behauptet, wohl aber, dass dasjenige, was von smmtlichen
niederen ausgeschlossen, auch von dem hheren ausgeschlossen sei. Das
Verfahren, das auf die Fortsetzung jenes Verhltnisses sich grndet,
heisst die Subordinations-, und zwar die Abstractions- (Inductions-)
Methode, wenn sie von niederen zu hheren Denkinhalten hinauf-,
die Determinations- (Deductions-) Methode, wenn sie von hheren zu
niederen Denkinhalten hinabsteigt.

37. Von einander quipollenten, substituirbaren Denkinhalten gilt, wenn
der eine wahr oder falsch, dass es auch der andere sei (z. B. was vom
gleichseitigen Dreieck gilt, gilt auch vom gleichwinkeligen). Durch
die Fortsetzung dieses Verhltnisses, so dass der einem andern
quipollente Denkinhalt seinerseits einem dritten quipollent ist,
entsteht die Substitutions-, wenn wir die sich gleichbleibende
Identitt des Umfanges, oder die Transmutationsmethode, wenn wir
die von einem zum andern eintretende Aenderung des Inhalts im Auge
haben. Dieselbe findet ihre Verwendung zumeist in den mathematischen
Wissenschaften, in welchen z. B. [m-te Wurzel aus n-te Wurzel aus a]
= [(m  n)-te Wurzel aus a] gesetzt, also bei verndertem Inhalt
derselbe Umfang behalten wird. Whrend das Subsumtions- und
Subordinationsverfahren auf wahrer und vollstndiger Identitt beruht,
indem die Identitt des Inhalts die des Umfangs nach sich zieht, beruht
das Substitutionsverfahren zwar auf wirklicher, aber unvollstndiger
Identitt, indem bei Einerleiheit des Umfangs Verschiedenheit des
Inhalts herrscht. Dasselbe bildet daher bereits den Uebergang von
dem Verhltniss der Identitt zu jenem der Nichtidentitt d. i. der
Disparatheit der Denkinhalte.

38. Disparate Denkinhalte haben mit quipollenten das gemein, dass
sie verschiedenen Inhalt, gehen aber dadurch ber dieselben hinaus,
dass sie auch verschiedenen Umfang haben. Daraus folgt, dass whrend
bei den quipollenten der Uebergang von einem zum andern zwar nicht,
wie bei den identischen, mittels des Inhalts, aber doch mittels des
beiderseitigen Umfanges, also immer noch durch reines Denken erfolgt
-- bei den disparaten derselbe weder aus der Betrachtung des Inhalts,
noch aus jener des Umfangs, also auch nicht aus dem reinen Denken
geschpft, sondern allein durch etwas von diesem Unterschiedenes,
z. B. durch eine Anschauung, welche beide Denkinhalte verbunden
aufweist, vermittelt werden kann. Whrend daher die Verknpfung
zwischen identischen und quipollenten Denkinhalten analytisch d. i. so
erfolgt, dass und weil der mit dem andern verknpfte Denkinhalt, sei
es seinem Inhalt (wie bei den identischen), sei es seinem Umfange
nach (wie bei den quipollenten) bereits in diesem enthalten ist,
erfolgt dieselbe bei disparaten Denkinhalten synthetisch d. i. so,
dass der eine zu dem andern als (ein dem Inhalt und Umfang nach)
vllig neuer hinzugefgt wird. Grund der Verbindung ist bei jenen ein
innerer, der so lange besteht, als Inhalt oder Umfang der mit einander
verknpften Denkinhalte derselbe bleiben; Grund der Verbindung ist
bei diesen ein usserer und die Verbindung besteht nur so lange,
als dieser Grund besteht. Verbindungen ersterer Art sind daher nicht
nur nothwendig, weil und so lange die Denkinhalte dieselben bleiben,
sondern auch allgemein, weil der Denkinhalt, von so Vielen und so oft
er gedacht werden mag, immer derselbe bleibt. Verbindungen letzterer
Art dagegen sind nicht nur zufllig, weil der Grund derselben
ein usserer, sondern auch individuell oder hchstens particulr,
weil der ussere Grund derselben jederzeit nur fr den einzelnen
Denkenden, und zwar in diesem bestimmten Fall, bestenfalls fr
mehrere Denkende und mehrere Einzelflle als der gleiche vorhanden
ist, keineswegs aber fr alle Denkenden und ebensowenig in allen
Einzelfllen derselbe sein muss. Jene, zu welchen noch die spter
zu betrachtenden, auf dem Verhltniss des Gegensatzes beruhenden
Trennungen und Verknpfungen von Denkinhalten hinzukommen, knnen
mit dem fr allgemeine und nothwendige Denkverbindungen seit Lambert
und Kant gebruchlich gewordenen Ausdruck apriorische, letztere
(z. B. die durch sinnliche Anschauung herbeigefhrten) Verbindungen
knnen, da dieselben nicht mit den Denkinhalten ursprnglich gegeben,
sondern zwischen denselben erst nachtrglich (z. B. durch Erfahrung)
entstanden sind, aposteriorische genannt werden.

39. Apriorische Denkverbindungen sind daher stets analytisch oder (wie
die mathematischen) quipollent; synthetische dagegen weder smmtlich
(wie der rationale Dogmatismus lehrte), noch wenigstens zum Theile (wie
der zum Kriticismus herabgedmpfte ursprnglich radicale Skepticismus
Kant's einrumte) apriorisch, sondern smmtlich aposteriorisch. Das
(mathematische) Vorurtheil Kant's, welches darin bestand, dass er
smmtliche mathematische Urtheile fr synthetisch hielt, hat denselben
im Zusammenhang mit dessen unbegrenzter Verehrung fr die Mathematik
als Wissenschaft dahin gefhrt, ihr zu Liebe, da die mathematischen
Stze seiner Ansicht nach synthetisch waren und dennoch allgemein und
nothwendig wahr sein sollten, apriorische Synthesen zuzulassen und,
da dieselben durch Anschauung vermittelt sein mussten, durch sinnliche
Anschauung aber keine apriorische d. i. allgemeine und nothwendige
Verbindung hergestellt werden kann, gleichfalls ihr zu Liebe eine
besondere, psychologisch nicht nachweisbare Art von Anschauung, die
von ihm sogenannte "reine Anschauung", zu erfinden. Dieselbe sollte
einerseits, wie die sinnliche Wahrnehmung, Anschauung, andererseits,
wie die sinnliche Wahrnehmung nicht, allgemein und nothwendig
d. h. sie sollte a und non-a, Thesis und Antithesis zugleich (ein
logisches Wunder) sein; als thatschliche Erscheinungen einer solchen
bezeichnete er die Vorstellungen des Raumes und der Zeit, die er
beide der Einzigkeit ihrer beziehungsweisen Gegenstnde halber fr
Anschauungen, und zwar der sinnlich unwahrnehmbaren Beschaffenheit
dieser wegen fr "reine Anschauungen" erklrte. Die Anschauung des
Raumes legte er als vermittelnde den geometrischen, jene der Zeit
den arithmetischen Synthesen zu Grunde.

40. Den Beweis fr die synthetische Natur des mathematischen
Urtheils schpft Kant aus dem Umstand, dass sowol das Prdicat
des arithmetischen Urtheils: 5 + 7 = 12, wie das des geometrischen
Urtheils: die Gerade ist die krzeste zwischen zwei Punkten, etwas
vom Subjecte derselben Verschiedenes enthalte: das Prdicat 12 sei
nmlich weder mit 5, noch mit 7, das Prdicat "krzeste Linie zwischen
zwei Punkten" nicht mit "die Gerade" identisch. Das Urtheil 5 + 7 =
12 sagt aber weder, dass 5, noch, dass 7 jedes fr sich gleich 12,
sondern besagt, dass die Summe beider 5 + 7 = 12 sei d. h. dass die
Vorstellung (5 + 7) der Vorstellung 12 zwar nicht (dem Inhalt nach)
gleich sei, aber (dem Umfang nach) gleich gelte d. h. wie jeder
Mathematiker weiss, die eine fr die andere substituirt werden
knne. Dasselbe ist bei dem geometrischen Urtheil der Fall; es ist
richtig, dass die Vorstellung "Gerade" nicht dem Inhalt nach eins
mit der Vorstellung "krzeste Linie zwischen zwei Punkten" ist;
unrichtig aber ist, dass sie derselben nicht quipollent d. h. dass
nicht jede Linie, die eine Gerade, auch die zwischen zwei Punkten --
ihrem Anfangs- und Endpunkt -- gelegene krzeste sei. Der Uebergang
vom Subject zum Prdicat wird daher wirklich in beiden Fllen nicht,
wie Kant meinte, synthetisch durch eine von aussen hinzutretende (weder
durch eine reine, noch, wie die heutige "inductive Mathematik" whnt,
sinnliche) Anschauung, sondern ausschliesslich analytisch durch die
Betrachtung des Umfanges beider im reinen Denken vermittelt.

41. Der Irrthum Kant's entsprang daher, dass er quipollente
Urtheile nicht fr identisch und folglich jedes seiner Ansicht nach
nicht (ganz oder theilweise) identische Urtheil fr synthetisch
hielt. Mathematische Urtheile, in welchen Subject und Prdicat wie
bei den zu beiden Seiten des Gleichheitszeichens stehenden Ausdrcken
dem Worte nach verschieden lauten, dem Werthe nach ohne Schdigung
untereinander vertauscht werden knnen, galten ihm fr apriorische
Synthesen, whrend sie, wie oben gezeigt, zwar apriorisch, aber
analytisch sind. Da ihm, wie er sich ausdrckte, smmtliche analytische
Urtheile zwar richtig, aber nicht wichtig, die mathematischen dagegen
nicht nur richtig, sondern auch wichtig erschienen, so htte er,
indem er die letzteren fr analytische erklrte, dieselben in ihrer
wissenschaftlichen Wrde herabzusetzen geglaubt; dieselben mussten
daher um jeden Preis von den analytischen getrennt bleiben.

42. Die Unwichtigkeit analytischer Denkverbindungen hatte fr Kant
darin ihren Grund, dass dieselben zu dem schon bekannten nichts neues
hinzufgten. Dieselbe bezog sich daher nicht sowohl auf die Haltbarkeit
der durch analytische Betrachtung vermittelten Verbindungen gewisser
Denkinhalte, als vielmehr auf den durch dieselben zu bewerkstelligenden
Erkenntnissfortschritt des Denkenden von Bekanntem zu Unbekanntem. Weil
in letzterer Hinsicht das analytische Urtheil in seinem Prdicat das
Subject nur ganz oder theilweise zu wiederholen schien, wurde dasselbe
von ihm im besten Falle als eine unntze Tautologie, in allen anderen
Fllen als ein Herabsteigen von einer hheren auf eine niedere, bereits
berwundene Erkenntnissstufe angesehen. Regressives Subsumtions- und
inductives Subordinationsverfahren waren ihm zufolge nichts weiter
als Auslsen eines Theiles aus einem schon bekannten Inhalt, durch
welchen derselbe zwar "erlutert", unsere Erkenntniss selbst jedoch
keineswegs "erweitert" werde. Des Substitutions- als eines Verfahrens,
durch welches ein bestndiges idem per idem erzeugt werde, hielt Kant
in seinem Bemhen um Ausdehnung der Grenzen der Erkenntniss es nicht
einmal der Mhe fr werth, Erwhnung zu thun.

43. Von diesem Standpunkt aus allerdings mit Recht, wenn es wahr
wre, dass das Substitutions- d. i. das Verfahren, einen gegebenen
Denkinhalt durch einen demselben quipollenten zu ersetzen d. h. den
gegebenen zu transmutiren, in der That fr das Erkennen keinen
Fortschritt bedeutete. Whrend aber derjenige, der an der Stelle des
subsumirenden den jeweilig subsumirten oder an der Stelle des concreten
(subordinirten) nur den abstracten (subordinirenden) Denkinhalt
besitzt, in der That sozusagen "der Masse nach" weniger besitzt als er
vorher besass, und nichts, was er nicht schon vorher besass, besitzt
derjenige, der an der Stelle des ursprnglich gegebenen Denkinhalts
einen demselben quipollenten, aber transmutirten Denkinhalt gewonnen
hat -- zwar "der Masse nach" (wenigstens was den Umfang betrifft)
nicht mehr, als er besass, er besitzt aber etwas, was er vorher
entschieden nicht besass, anstatt des ursprnglichen alten den durch
Transmutation an dessen Stelle getretenen neuen Denkinhalt. Dasselbe
stellt, zwar nicht dem Umfang, aber der Qualitt des Gedachten nach,
wirklich eine Bereicherung des Denkenden dar.

44. Subsumtions- und Subordinationsverfahren machen daher, wie Kant's
analytische Urtheile, in der That blosse Erluterung, Substitutions-
und synthetisch-aposteriorisches d. i. empirisches Verfahren machen,
wie Kant's synthetische Urtheile, eine wirkliche Erweiterung unserer
Erkenntniss, und zwar das erstere mit allgemeiner und nothwendiger,
das letztere allerdings nur mit mehr oder weniger beschrnkter
und mehr oder weniger zuverlssiger, auch im besten Fall nur
wahrscheinlicher, niemals ausnahmsloser (unbedingter) Giltigkeit
mglich. Erstere beiden eignen daher vorzglich den deducirenden,
aus dem Allgemeinen das Besondere ableitenden und classificirenden,
das Allgemeine aus dem Besonderen abstrahlenden Wissenschaften,
whrend das Substitutionsverfahren in den rein mathematischen, das
empirische dagegen in den Erfahrungswissenschaften zu Hause ist. Die
erstgenannten gehen von einem bereits erreichten Erkenntnissvorrath an
Allgemeinem aus, um durch Analyse desselben das darin eingeschlossene
Besondere sich zum Bewusstsein zu bringen. Die zweitgenannten gehen
von einem bereits gewonnenen Erkenntnissvorrath an Besonderem aus,
um durch Ausscheidung des Abweichenden und Zusammenfassung des
Gemeinsamen das in demselben gleichsam schlummernde Allgemeine an's
Licht zu ziehen. Die Wissenschaften, welche, wie die Lehre von den
Gleichungen in der Mathematik und die Theorie von der Erhaltung
der Kraft und des Stoffes in der Physik und Physiologie den seinem
Werthe und Umfang nach sich gleichbleibenden Denk-, wie den seiner
Quantitt und Qualitt nach sich gleichbleibenden Stoffinhalt, in
stets neue Formen sich umgiessen lassen, suchen dadurch das im ewigen
Wechsel Beharrende und das im ewigen Beharren stets Fliessende zu
gewinnen. Die Erfahrungswissenschaften aber sind darauf aus, durch
natrliche und knstliche Beobachtung (Experiment) zwischen bis dahin
wenn nicht fr unverknpfbar gehaltenem, doch unverknpft gebliebenem
Denkinhalt neue, bisher unerhrte Verbindungen in mehr oder weniger
weitreichender und dauerhafter Weise festzustellen.

45. Letztere werden naturgemss um desto mehr sich befestigen, je fter
dieselben wiederholt worden; sei es, dass diese Wiederholung durch eine
unwillkrliche d. i. vom Willen des dieselben verknpfenden Denkenden
unabhngige, also auch ohne ja wider denselben sich erneuernde, oder
eine willkrliche d. i. vom Willen des Denkenden entweder abhngige,
oder mit demselben identische, also auch mit und durch denselben
sich erneuernde Ursache verursacht sei. Dieselbe ist im ersteren
Fall eine gegebene, und so auch der Grund ihrer Erneuerung ein
gegebener; im letzteren Fall eine gemachte, und so auch der Grund
ihrer Erneuerung ein solcher. Im ersteren Fall wird die Verbindung
der disparaten Denkinhalte durch das Denken so lange bestehen und
so oft sich wiederholen, als die gegebene Ursache besteht und sich
erneuert, im letzteren Fall dagegen so lange und so hufig, als der
Wille, sie zu verbinden, im Denkenden entsteht und sich erneuert. In
beiden Fllen wird im Denkenden in Folge der zunehmenden Wiederholung
eine wachsende Disposition zur Verknpfung jener an sich durch nichts
auf einander hinweisenden Denkinhalte zu Stande kommen. Dieselbe wird
jedoch im ersten Fall ihren Grund in einem Gegebenen (also Objectivem),
im letzteren Falle in einem Wollen (Subjectivem) haben, und daher dort
als (objective) Gewohnheit, die dem Denkenden von aussen angewhnt
wird, hier als (subjective) Gewhnung, zu welcher der Denkende sich
selbst verwhnt hat, sich festsetzen.

46. Denkverbindungen disparater Denkinhalte, die auf Gewohnheit
beruhen, gestatten darum einen Rckschluss auf jenen Grund,
dessen Folge dieselbe ist, als einen objectiven d. h. unabhngig
vom Willen des Denkenden bestehenden. Solche dagegen, welche nur
auf einer Verwhnung des Denkenden beruhen, gestatten hchstens
einen Rckschluss auf die subjective Beschaffenheit des Willens des
Denkenden. Ungeachtet der Grund der Verbindung in beiden Fllen kein
logischer (aus dem Inhalt des zu Verbindenden entspringender Denk-),
sondern ein blos psychologischer Zwang ist, welcher in dem einen Fall
durch das Gegebensein des Objects auf den Willen, in dem andern Fall
von dem Willen auf das Gegebenwerden des Objects ausgebt wird, so
ist der Grad wie der Grund der Festigkeit in jedem der beiden Flle
ein verschiedener. Derselbe beruht im ersten Fall auf dem Natur- und
Fundamentalgesetz des Bewusstseins, durch welches dasselbe genthigt
wird, zugleich oder nach einander Gegebenes, sei es (dem Inhalte nach)
Homogenes oder Heterogenes, unter einander dergestalt zu verknpfen,
dass mit dem Einen das Andere gedacht oder nach dem Eintreten des Einen
das Eintreten des Anderen erwartet wird (Ideen-Associationsgesetz
der Coxistenz und der Succession). Da die Wirksamkeit desselben
unabnderlich ist, so muss, sobald irgend etwas dem Denkenden als
zugleich oder nach einander Seiendes gegeben ist, das Denken des
Einen mit dem Andern, oder das Erwarten des Einen nach dem Andern
ebenso unabnderlich erfolgen, so dass selbst der Wille des Denkenden
demselben keinen Einhalt zu thun vermchte. Diese Unabnderlichkeit des
psychischen Vorganges des Verbindens gewisser Denkinhalte in einem und
des Erwartens gewisser Denkinhalte nach einander im andern Falle lsst
in Folge einer (logisch zwar ungerechtfertigten, aber psychologisch
sehr erklrlichen) unwillkrlichen Erschleichung die Sachlage so
erscheinen, als ob die vom Denken notwendigerweise mit oder nach
einander verknpften Denkinhalte an sich mit oder nach einander
nothwendigerweise verknpft wren d. h. die Naturgesetzlichkeit
des Bewusstseinsvorganges (der Association nach Coxistenz und
Succession) wird auf das Verknpfte (Objective) selbst als dessen
naturgesetzliches Mit- oder Nacheinandersein bertragen. Da nun
beispielsweise Eigenschaften (Accidentien) nicht ohne Trger derselben
(Substanz) und Wirkungen nicht ohne vorangehende Ursachen gedacht
werden knnen, so liegt darin der Grund, warum Gegebenes, welches dem
Denkenden entweder mit oder nach einander gegeben wird, von diesem
als im Verhltniss -- wenn es zugleich gegeben ist -- der Inhrenz
d. i. des Accidens zur Substanz -- wenn es nach einander gegeben
ist -- der Causalitt d. i. der Wirkung zur Ursache stehend gedacht
wird. Hume's Behauptung, dass das Causalgesetz aus der Gewohnheit
entspringe und daher nichts anderes als die -- durch das ursprnglich
beobachtete und zu wiederholtenmalen erneuerte Nacheinanderauftreten
gewisser Phnomene -- motivirte Erwartung des Wiedereintretens des
einen derselben sei, wenn das andere vorangegangen ist, hat daher
insofern, als dieselben untereinander vllig disparater Natur sind,
berechtigte Geltung.

47. Dagegen beruht in dem Falle, als die Verbindung disparater
Denkinhalte nicht durch objectives (gleichzeitiges oder successives)
Gegebensein, sondern durch den Willen des Denkenden erfolgt, der
Grad und die Dauer ihrer Festigkeit lediglich auf der Energie und der
Dauerhaftigkeit dieses Willens. Da nun der letztere, insofern er durch
nichts von ihm Unabhngiges beeinflusst (motivirt), sondern lediglich
grundlos sich selbst bestimmend (transcendentalfrei, reine Willkr),
also im buchstblichen Sinn des Wortes Eigenwille (Laune, Eigensinn)
ist, und als solcher ebenso grundlos vergeht als entsteht, also seiner
Natur nach vernderlich (wetterwendisch, launenhaft) ist, so knnen
auch die durch denselben allein herbeigefhrten Denkverbindungen
nicht anders als vernderlich (Denklaunen, Capricen) sein, welche,
so scheinbare Festigkeit dieselben auch besitzen mgen, so lange
die sie festhaltende Willensmarotte Bestand hat, dieselbe nicht
blos in den Augen Anderer, sondern des Denkenden selbst nothwendig
sogleich einbssen, sobald dessen Eigenwille eine andere Richtung
eingeschlagen hat.

48. Auf der durch Gegebenes entstandenen (objectiven) Gewohnheit beruht
die unabweisliche (wirkliche), auf der durch Willkr herbeigefhrten
(subjectiven) Gewhnung beruht die angebliche (scheinbare)
Erfahrung. Jene beansprucht, weil die Naturgesetze des Bewusstseins
fr alle bewusstseinsfhigen Wesen derselben Gattung dieselben
sind, sobald die Bedingungen des Gegebenseins fr das Bewusstsein
(z. B. die Simultaneitt oder Succession) die nmlichen bleiben,
auch fr alle bewusstseinsfhigen Wesen derselben Gattung die gleiche
uneingeschrnkte Geltung. Diese kann eine solche hchstens innerhalb
des Kreises der Herrschaft desjenigen Willens, auf welchem die
ursprngliche Verknpfung des Denkinhaltes und deren Bestand beruht,
ber sich selbst und eventuell ber den Willen anderer Denkenden,
welche dem seinigen gegenber als Dienende (Autorittsglubige,
Willensknechte) sich verhalten, behaupten. Das Verfahren, nach welchem
allgemein giltige Erfahrung zu Stande kommt, kann daher allein als
erfahrungswissenschaftliche (empirische) Methode, dasjenige dagegen,
nach welchem nur individuell oder hchstens in beschrnktem Kreise als
solche anerkannte d. i. Scheinerfahrung erreicht wird, muss als den
Schein erfahrungswissenschaftlicher Methode affectirender, an sich
unwissenschaftlicher Erfahrungstrug bezeichnet werden. Beispiele
der ersten liefern alle wirklichen Erfahrungswissenschaften; das
aufflligste Beispiel des letzteren bietet die auf angeblichen
uncontrolirbaren und nur innerhalb des Kreises glubiger Jnger als
solche anerkannten Erfahrungen einzelner Auserwhlter (z. B. Medien,
Geisterseher) -- angeblich unter genauer Beobachtung des methodischen
Verfahrens wirklicher Erfahrungswissenschaft -- aufgebaute
vermeintliche Erfahrungswissenschaft von der Geisterwelt (Spiritismus).

49. Wie disparate Denkinhalte mit quipollenten darin bereinkamen,
dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt nach nicht identisch
waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem Inhalte nach
entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren ihrem
Umfange nach mit einander vertrglich, die letzteren dagegen in Bezug
auf diesen unter einander unvertrglich sind. Dieselben schliessen
einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang des einen,
nicht in den Umfang des andern fllt, in welchem Fall sie contrr,
oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht in den Umfang
des einen, eo ipso in den Umfang des andern fllt, in welchem Fall sie
contradictorisch entgegengesetzt heissen. Sie knnen einander aber
auch in der Weise ausschliessen, dass, was in den Umfang des einen,
nicht in den Umfang des andern, was nicht in den Umfang des einen,
in den Umfang des andern fllt, die Umfnge beider aber zugleich den
Umfang eines dritten, beiden bergeordneten Denkinhaltes ausmachen,
in welchem Fall sie subcontrr entgegengesetzt genannt werden. Von
contrr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine
wahr ist, der andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten
berdies, dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss;
von subcontrr entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider
Umfnge in den Umfang eines dritten fallen und denselben erschpfen,
dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in dem Umfang des
andern liegen kann (wie bei den contrren), aber auch, dass, was nicht
in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des andern liegen muss
(wie bei den contradictorischen Gegenstzen), dass also, wo a ist,
nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und weiter, dass, wo das eine
von beiden, auch das beiden bergeordnete dritte ist, dass also beide
subcontrr entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug
auf das dritte als "ihre hhere Einheit") eins und dasselbe sind. Ist
der einem andern contrr entgegengesetzte Denkinhalt seinerseits einem
dritten contrr entgegengesetzt, so dass, wenn a wahr ist, b falsch
sein muss, so lsst sich aus der Wahrheit von a nicht schliessen,
dass nun auch der dem b contrr entgegengesetzte Denkinhalt c wahr
sein msse, wol aber, dass derselbe wahr sein knne, indem aus der
Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus der Falschheit von b aber
keineswegs die Wahrheit von c folgt. Lsst sich der einem Denkinhalt
a contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits
wieder in zwei contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und
non-b spalten, so gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als
non-a nothwendig falsch sein msse, sondern auch, dass, wenn a falsch
ist, eines von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von
subcontrr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur
einer von beiden wahr ist, ein dritter, der beiden bergeordnete, wahr
und daher, wenn dieser selbst einem vierten subcontrr entgegengesetzt,
auch der ihm und diesem bergeordnete fnfte Denkinhalt wahr sei. Auf
die Fortsetzung des ersten Verhltnisses grndet sich das Verfahren, zu
einer Reihe contrrer Gegenstze zu gelangen, die alle zugleich wahr,
also copulativ verbunden werden knnen (z. B. die Farbenreihe). Auf
die Fortsetzung des zweiten Verhltnisses grndet sich das Verfahren,
durch Zerfllung des contradictorisch entgegengesetzten Gliedes in
weitere Gegenstze zu einer vollstndigen Eintheilung zu gelangen,
deren Glieder untereinander disjunctiv getrennt werden knnen. Auf die
Fortsetzung des dritten Verhltnisses grndet sich das construirende
oder sogenannte dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe
stets neu eingefhrter subcontrrer Gegenstze zu immer neuen sich
bereinander aufthrmenden "hheren Einheiten" gelangt wird, deren
jede die vorhergehende (nach dem bekannten Hegel'schen Doppelsinn)
zugleich aufhebt und "aufhebt" (tollit et servat).

50. Mit dem Verhltniss des Gegensatzes ist die Reihe derjenigen,
welche das "was" des Denkinhaltes angehen, erschpft. Mit dem ersten,
auf das "wie" des Gegebenseins sich sttzenden, der unwillkrlichen
Nthigung, einen gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich fr
die Beurtheilung des Anspruches eines gewissen Denkens, fr Wissen
gelten zu drfen, im Ganzen fnf Gesichtspunkte, von denen der erste
quantitativ, die brigen qualitativ heissen knnen, weil jener sich auf
das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale des Gegebenen
beziehen, und an deren jeden sich entsprechende methodische Verfahren
zum Wissen zu gelangen anschliessen.

51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der
Denknothwendigkeit. Der unwillkrlich gegebene erscheint als der nicht
nicht zu denkende d. i. nothwendig zu denkende oder denknothwendige
Denkinhalt; und zwar in desto hherem Grade, je besser die
Unwillkrlichkeit seines Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein ohne,
ja wider den Willen des Denkenden bezeugt ist. Letzteres ist aber in
desto hherem Grade der Fall: 1. je unwiderstehlicher derselbe sich
aufdrngt und gegen alle mit Wissen und Willen angestellten Versuche,
sich desselben zu erwehren, behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz:
facta loquuntur, und dass es nichts fruchte, gegen "Thatsachen" die
Augen zu verschliessen; denn da die Ursache dieses ohne, ja wider
Willen Gegebenseins nicht im Willen des Denkenden liegen soll, so
kann dieselbe nur entweder in einem von diesem Willen Verschiedenen
gelegen, oder das Gegebene msste ohne Ursache (grundlos) gegeben
sein. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz
vom zureichenden Grunde (principium rationis sufficientis), welcher
besagt, dass nichts ohne Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist;
denn auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willkrlich
gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillkrlich gegebener
(evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und
der bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder -- und was das
Gewicht seines Gegebenseins verstrkt, Jedermann in gleicher Weise
aufdrngt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein
eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert
sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in
zahlreicheren Fllen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt, und
damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins
wie seiner Wiederholung in einer usseren, und zwar beharrenden
(objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich aufdrngende
Empfindung der rothen Farbe nicht in einer subjectiven Affection des
Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem objectiven, von aussen
kommenden Reize desselben ihren Grund habe.

52. Die Unwillkrlichkeit des Gegebenseins wird aber 2. in noch
hherem Grade besttigt, wenn es sich zeigt, dass dieser beharrende
und objective Grund nicht blos fr den einzelnen Denkenden, sondern
fr alle Seinesgleichen in gleicher Weise besteht. Dies aber ist der
Fall, wenn die Persnlichkeit des Denkenden als vernderlich angenommen
und innerhalb derselben Gattung denkender Wesen jede beliebige andere
Persnlichkeit an dessen Stelle gesetzt, der Erfolg ceteris paribus
immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als unwillkrlich
gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen mit gleicher
Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufnthigt, z. B. dieselbe dem
Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdrngende Gesichtsvorstellung auch
von jedem Anderen an seiner Statt als solche empfunden wird. Ist es
nmlich an sich schon hchst unwahrscheinlich, dass das unwillkrlich
scheinende Gegebensein bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei,
so ist es noch unverhltnissmssig unwahrscheinlicher, dass derselbe
Zufall sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen
wiederholen werde.

53. Der hchste Grad der Besttigung der Unwillkrlichkeit des
Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn 3. derselbe Denkinhalt,
der sich dem Einzelnen einmal oder zu wiederholtenmalen, ferner
jedem Anderen an dessen Statt in gleicher Weise sich aufgenthigt
hat, von jedem Anderen nicht nur einmal, sondern in jedem beliebigen
wiederkehrenden Fall als solcher erfahren wird d. h. wenn derselbe
Denkinhalt fr Jedermann und unter beliebig vernderten Umstnden
stets mit gleicher Unabweislichkeit als unwillkrlich gegeben
empfunden wird. Das sich auf diese Thatsache grndende Verfahren kann
als Constatirungs- oder mit Rcksicht auf die demselben zu Grunde
liegende Zhlung der Flle, in welchen die Thatsache des unwillkrlich
Gegebenseins beobachtet worden ist, als das statistische Verfahren
bezeichnet werden. Durch die Fortsetzung desselben gelangt man mit der
Zunahme der Zahl der Besttigungen zu einem immer wachsenden Grade von
Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen Besttigungen
jener der an sich mglichen Wiederholungen gleicht, zur vlligen, wenn
sie derselben sich nhert, ohne einen einzigen Fall des Gegentheils
(negative Instanz) erlitten zu haben, zur moralischen Gewissheit wird.

54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit lsst sich, jedoch nur in
dem Fall, wenn die Zahl der an sich mglichen Flle bekannt ist, der
Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch einen Bruch ausgedrckt,
dessen Nenner die Zahl der berhaupt mglichen (m + n), dessen
Zhler die Anzahl der beobachteten einander besttigenden Flle
(m) ausdrckt. Erreicht die Anzahl der beobachteten die der an sich
mglichen Flle, so wird der Bruch m/(m + n) = (m + n)/(m + n) = 1
und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in Gewissheit. Erreicht sie
dagegen nur die Hlfte der Zahl der an sich mglichen Flle, so dass m
= n ist, so wird der Bruch m/(m + n) = 1/2 und die Wahrscheinlichkeit
verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel. Geht die Zahl
der beobachteten ber die Hlfte der an sich mglichen Flle hinaus,
oder bleibt sie hinter derselben zurck, so wird der Bruch m/(m + n)
im ersten Fall > 1/2, im zweiten Fall < 1/2 d. h. es tritt in jenem
Fall Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein.

55. Der ussere Grund des unwillkrlich Gegebenseins kann, da er
nicht im Willen des Denkenden liegt, nur entweder trotzdem im
Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen psychischer oder
somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben in der
sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst
das unwillkrlich Gegebene eine ussere, in beiden anderen Fllen
drfte es mit Rcksicht auf die innerhalb des Denkenden zu suchende
Ortslage der Ursache eine innere Thatsache heissen; gewhnlich wird
aber nur die in der psychischen Beschaffenheit des Denkenden (in
dessen Intellect oder Gefhlsleben) gelegene Ursache als eine innere
bezeichnet; die in der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der
anormalen Natur seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den usseren
Ursachen gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur
solche genannt, welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects,
sei es des Gefhlslebens, sind, whrend alle brigen, ihr Grund mag
innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen,
ussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der inneren,
letztere die Basis der usseren Erfahrung.

56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects, gehren
unwiderstehlich sich aufdrngende und deshalb von gewissen Denkern als
"angeboren" bezeichnete Begriffe und Urtheile (wenn es dergleichen
gibt); zu den inneren Thatsachen des Gefhlslebens die unwiderstehlich
sich aufdrngenden Aussprche der Mahnung und Abmahnung, die von
gewissen Denkern auf die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des
moralischen oder sthetischen Gefhls; das daimonion des Sokrates, der
"deus in nobis") zurckgefhrt worden sind (wenn es eine dergleichen
gibt); alle brigen Thatsachen, die ihren Grund in einer inner-
oder ausserhalb des Leibes des Denkenden gelegenen Ursache haben,
gehren im weiteren, diejenigen, welche ihren Grund in einer vom
Leibe verschiedenen Ursache haben, wie die sogenannten "objectiven"
Sinnesempfindungen, deren Grund "objective" d. h. von aussen kommende
Sinnesreize sind, im engeren Sinne der usseren Erfahrung an.

57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt Thatsache
des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein solcher
Thatsache des Gefhlslebens d. h. als Gefhl unwiderstehlich sei,
gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung, dass ein gewisser
Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der Erfahrung sei
d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden verschiedenen
Weg. In jedem der genannten Flle muss der Versuch, denselben mit
Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so vielfach
wiederholten Umstnden und von so Vielen wiederholt werden, bis
sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu knnen, zur
moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte, welche diese Probe
bestanden haben, knnen als evidente d. i. einleuchtende, wenn auch
weiter durch nichts begrndungsfhige d. h. als unwiderlegliche,
sei es Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten.

58. Bei den Intellects- und Gefhlsthatsachen, wie bei den
Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment vernderliche
Individualitt des einzelnen, wie die von Individuum zu Individuum
abweichende Individualitt der mehreren Denkenden zu berwinden. Weder
ist der Einzelne in verschiedenen Momenten seines Daseins sich selbst,
noch sind die Einzelnen sich untereinander gleich. Der Intellect
wird zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen eben berwiegenden
Vorstellungskreisen, das Gemth von eben vorhandenen Stimmungen
beherrscht, welche dem gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane
oder temporre subjective Frbung ertheilen. Das ussere Sinnesorgan
des Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu
Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell
gewordenen Strungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die
Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung
eine sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung
(z. B. Farbenflschung, Entfernungsflschung) aufprgen. Letztere
Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung der
sogenannten Bessel'schen Augengleichung gefhrt, durch welche der
habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein- fr allemal
eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer Uhr durch
die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben angestellten
Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag gebracht wird, wie
durch Kenntniss der tglichen Acceleration oder Retardation des Pendels
auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige Zeitbestimmungen erreicht
werden knnen. Wie hier von der individuellen Natur des Beobachters,
so muss bei Beurtheilung desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es
Intellects- oder Gefhlsthatsache, gelten soll, von der individuellen
Natur wie der augenblicklichen Gemthsstimmung abgesehen d. h. das
Urtheil, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkrlich gegeben sei,
muss, um mit Kant zu reden, "mit Vermeidung aller Privatgefhle"
gefllt werden.

59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene
Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee
der Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste
derjenigen Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen
zu werden, sich leiten lsst. Da dieselbe auf dem Nachweise des
unwillkrlich Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst
aber auf einem Constatirungsverfahren beruht, dessen usserste
Grenze die zwar dem Bedrfniss gengende, aber die Sache selbst
niemals erschpfende moralische Gewissheit bildet, so folgt aus dem
Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig, allerdings
nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr sei, aber es folgt mit
Nothwendigkeit, dass derselbe dem Denkenden wahr scheine.

60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf dem Was des
Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar auf dem
Verhltniss der einseitigen oder gegenseitigen Inhaltsidentitt
zweier Denkinhalte ruht, ist die der Analyse d. i. der Versuch,
durch Auflsung des Inhalts in seine nheren und entfernteren
Bestandteile zu einem Urtheil ber dessen Wahrheit oder Falschheit zu
gelangen. Dieselbe tritt, wie oben angefhrt, wenn die Inhaltsidentitt
einseitig ist, als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als
Subordination des einen unter den andern Denkinhalt auf, an welche die
betreffenden Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische
(regressive) und synthetische (progressive), an die letztere die
Abstractions- und die Determinationsmethode sich anschliessen.

61. Die dritte logische Idee, die auf der Identitt des Umfangs
(Aequipollenz) beruht, ist die Gleichgeltung d. i. der Versuch, durch
Substituirung eines dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem,
wenigstens dem Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf
einem Wege zu gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des
letzteren aus jener des gegebenen sich folgern lsst. Auf dieselbe
grndet sich das, wenn man die Identitt des Umfangs im Auge hat,
Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in
Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem
die Wahrheit des ursprnglich gegebenen Denkinhalts durch allen nicht
blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch
und trotz desselben sich forterhlt.

62. Die vierte logische Idee ist die der Synthese d. i. die Verknpfung
disparater Denkinhalte in Folge eines nicht aus der Betrachtung des
Inhalts desselben abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begrndung
jener zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine ussere
(Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant's mathematischen
Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist,
ist die Synthesis selbst entweder empirisch (zufllig, particulr),
welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch (allgemein,
nothwendig), welche (wenn es deren berhaupt gibt) ausnahmslose
Gewissheit gewhrt. Auf dieselbe grndet sich das empirisch- (wenn
die Synthese eine empirische) oder apriorisch- (wenn die Synthese
eine reine ist) synthetische Verfahren, welches im ersten Falle
zu empirischen (mehr oder weniger wahrscheinlichen), dagegen im
letzteren Falle zu apriorischen (mit dem Anspruch auf Allgemeinheit
und Nothwendigkeit ausgesprochenen) Ergebnissen fhrt.

63. Die fnfte logische Idee ist die der Ausschliessung, welche auf
dem Verhltniss des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des
contrren, als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als
sogenannte "Einheit der Gegenstze" (Synthese des Ausgeschlossenen) auf
dem des subcontrren Gegensatzes beruht. Whrend die ersten beiden blos
trennend (disjunctiv), verhlt sich der letzte zugleich verbindend
(copulativ). An jene schliesst sich ein negatives, Denkinhalte
scheidendes, an dieses ein affirmatives, Geschiedenes wieder
vereinigendes Verfahren an, daher jenes vorzugsweise als die Methode
des scharfsinnigen, verborgene Unterschiede des Aehnlichen streng
sondernden Verstandes, dieses als die einer tiefsinnigen, verborgene
Aehnlichkeit des Geschiedenen aufsprenden, Entgegengesetztes als
Eins schauenden (speculativen) Vernunft angesehen wird.

64. Keine der fnf angefhrten logischen Ideen ist der Schlssel zum
ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein Schlssel zu Wahrem. Weder
dasjenige Verfahren im Denken, welches sich ausschliesslich auf das
unwillkrliche Gegebensein (Positivitt) des Denkinhalts sttzt und
daher Positivismus oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf
Thatsachen gegrndetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso
ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalitt) gegrndete
Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der Denkinhalte
zu und unter einander sich sttzt und deshalb Rationalismus heisst,
erschpft die Totalitt des dem Denken zugnglichen Erkenntnissgehalts;
beide sind, indem der Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf,
um von den gegebenen Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven
Grundlage bedarf, um von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu
bestimmt, einander gegenseitig zu ergnzen.

65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen ausgehende
Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder ussere
(Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren entweder Thatsachen
des Intellects, oder des Gefhls, oder des Willens, die letzteren
entweder durch krankhafte von innen kommende oder durch normale
von aussen kommende Sinnesreize erzeugte Sinnesthatsachen, blosse
Hallucinationen (visiones) oder Wahrnehmungen des usseren Sinnes
(visus et auditus) sind, nach der Reihe entweder intellectualer
(wie der auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder
sensualer (wie die Gefhlsphilosophie Jacobi's, die schottische
Moral- und sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes),
oder theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer's),
oder visionrer (wie Swedenborg's Mysticismus und Spiritismus), oder
sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive Comte's,
welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen Namen
fhrt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt lediglich von
den Thatsachen der, sei es inneren, sei es usseren Erfahrung, so ist
er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus); betrachtet er
dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es die ussere)
als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere thatschliche
Erfahrungen (aussermenschliche oder bermenschliche) mglich sind,
so ist er transcendentaler, kritischer Positivismus (Kriticismus).

66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die ein- oder
gegenseitigen Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich sttzende
Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch
die logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der contrren
oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn
er berdies durch jene der Synthese sich leiten lsst. Letzterer
heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch,
dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant's mathematischen
Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des
empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs
in der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese
gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Ergnzung)
nicht behalten werden darf, sobald es Widersprche einschliesst, so
geht derselbe in rationalen Empirismus ber, whrend er im Gegenfall
empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den logischen
Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der "Einheit der
Gegenstze" in der Weise hinzu, dass das durch den Verstand Getrennte
(Reflexions- oder Verstandesphilosophie) in einer "hheren" Vernunft-
(intellectualen) Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der
reine in speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative
oder Vernunftphilosophie) ber.

67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens dasselbe zum
Wissen (Erkenntniss), so fhren die Gegentheile derselben dasselbe zum
Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum). Gegentheil der Denknothwendigkeit
ist die Denkzuflligkeit, des unwillkrlich Gegeben- das willkrlich
Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge dessen derselbe im Gegensatz
zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener (Fiction) erscheint. Das
Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des Denkinhalts in seine
Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist die Confusion
d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des Denkinhalts,
wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil der Gleich-
ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige Denkinhalte,
welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit einander gemein
haben, fr einander gesetzt werden. Das Gegentheil der berechtigten
oder doch fr berechtigt gehaltenen, sei es auf wirklicher Gewhnung
beruhenden empirischen oder auf, wenn auch blos vermeintlicher,
reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese bildet die, sei
es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte, entweder, statt auf
wirklicher Gewhnung, auf blosser Angewhnung oder Verwhnung beruhende
empirische, oder nicht einmal auf vermeintlicher, sondern willkrlich
behaupteter (stat pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende,
flschlich fr apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der
Idee der Ausschliessung bildet die Duldung der Gegenstze, und zwar
nicht blos des contrren und contradictorischen, sondern auch die
des subcontrren, welche letztere sich durch die Annahme der "Einheit
der Gegenstze" von blosser Toleranz bis zur durch die logische Idee
der Ausschliessung verbotenen positiven Anerkennung des Widerspruchs
steigert und in diesem die Wahrheit findet. Wie die logischen Ideen
als Schlssel zum Wahren, kann jedes dieser ihrer Afterbilder als
ein solcher zum Falschen dienen.

68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen das Muster
darstellt, dem das Wahre, so stellt die Summe der Gegentheile derselben
das Schema dar, welchem ganz oder theilweise das Unwahre gleichen
muss. Mit der Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern
zur Abschreckung fr jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden
will, ist das Geschft der Logik als allgemeiner Wissenschaft von
den normalen und anormalen Formen des Denkens (Denknormen) vollendet.








ZWEITES CAPITEL.

DIE STHETISCHEN IDEEN.


69. Wie die logischen Ideen die (formalen) Normen enthalten,
unter welchen beliebiger Denkinhalt zum wahren d. i. zum unbedingt
d. h. von Jedermann und allezeit als solcher anerkannten Denkinhalt
wird, so stellen die sthetischen Ideen die Bedingungen dar,
unter welchen beliebiger Vorstellungsinhalt zu schnem d. i. zum
unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solches anerkanntem
Wohlgeflligen wird. Whrend dagegen die logischen Ideen auf ein
jenseits des Denkinhalts Gelegenes d. i. auf ein Object hinweisen,
auf welches derselbe bezogen wird, weisen die sthetischen von dem dem
Denkenden vorschwebenden Vorstellungsinhalte auf diesen als das Subject
zurck, von welchem derselbe sei es mit Beifall oder mit Missfallen
aufgenommen wird. Jenen, die auf ein Gewusstes d. h. einen dem Sein
entsprechenden Denkinhalt ausgehen, ist es daher keineswegs, diesen
dagegen, die blos auf ein Wohlgeflliges d. h. einen dem Denkenden
genehmen Vorstellungsinhalt aus sind, aber vllig gleichgiltig, ob
ein diesem Denk- oder Vorstellungsinhalt entsprechender Gegenstand
jenseits oder nebst demselben thatschlich vorhanden sei.

70. Der Unterschied beider Auffassungsweisen lsst sich durch das
Verhltniss des Denkers und des Dichters zu ihren beiderseitigen
Stoffen erlutern. Der Denker, er sei nun Philosoph oder Empiriker, hat
ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner, sei es philosophischen,
sei es fr Erfahrung gehaltenen Gedanken mit dem Inhalt, sei es der
philosophischen, sei es der Erfahrungs- (naturgeschichtlichen oder
historischen) Wahrheit sich decke, z. B. dass der Held seiner Gedanken
dem Helden der Geschichte congruent sei. Der Dichter, er sei nun ein
solcher in Farben, Tnen oder Worten, hat nur ein Interesse daran,
dass der Inhalt seiner Vorstellungs- (Farben-, Ton- oder poetischen)
Welt wohlgefllig d. h. seiner eigenen, sowie den Anforderungen seiner
Zuschauer-, Zuhrer- oder Lesewelt an ein sthetisches Kunstwerk
angemessen sei. Der Held seiner Tragdie braucht darum keineswegs
mit dem (wenn auch gleichnamigen) Helden der Geschichte sich zu
decken. Jener nimmt als Historiker an Richard III., Egmont, Wallenstein
ein historisches, dieser als Dramatiker an denselben Persnlichkeiten
nur ein dramatisches (sthetisches) Interesse. Ersterem kommt es darauf
an, seinen Helden zu schildern, wie er wirklich war, aus keinem anderen
Grunde, als weil er so war; dieser begngt sich denselben darzustellen,
wie er seiner Charakteranlage nach nicht nur htte sein knnen, sondern
bei ungehemmter Entfaltung derselben unter den gegebenen Verhltnissen
htte sein mssen, aus keinem anderen Grunde, als weil die wirkliche
Entfaltung eines Charakters nur die naturgesetzlich-nothwendige Folge
seiner ursprnglichen psychischen Naturell- und Temperamentsanlage
sein kann.

71. Verglichen mit dem wissenschaftlichen (theoretischen) Interesse
an der Wahrheit und Wirklichkeit des Gedachten ist das sthetische
an der blossen Wohlgeflligkeit und Mglichkeit des Vorgestellten
streng genommen kein Interesse. Der Poet oder berhaupt der Knstler
scheint dem Forscher und Gelehrten interesselos, gleichgiltig,
wie seinerseits wieder dieser gegen die knstlerische Abrundung und
innere Geschlossenheit eines dem Reiche des blossen Scheins angehrigen
Phantasiebildes kalt und theilnahmslos bleibt. Der sthetisch Gestimmte
nennt den um Wahrheit und Wirklichkeit seiner Gedanken besorgten Denker
und Gelehrten einen Realisten und Prosamenschen; dieser den nur auf
Schnheit und innere Vollendung bedachten Knstler einen Idealisten und
phantastischen Schwrmer. Die Gedankenwelten beider sind durch eine
tiefe Kluft getrennt, ber welche gleichwohl die Unverbrchlichkeit
der logischen Ideen, ohne welche auch die wohlgefllige Gedankenwelt
nicht mglich, durch welche allein aber weder die wirkliche noch irgend
eine mgliche Welt wohlgefllig wird, eine ausgleichende Brcke spannt.

72. Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass das Schne (die sthetische
Vorstellungswelt) Schein, keineswegs aber folgt daraus, dass jeder
Schein schn sei. So wenig zur Wahrheit eines beliebigen Denkinhalts
gengt, dass derselbe Inhalt eines Denkens, so wenig reicht es zur
Schnheit eines beliebigen Vorstellungsinhalts hin, dass derselbe
Inhalt eines Vorstellens sei. Wie vom logischen Gesichtspunkt aus
weder kein noch jeder Denkinhalt wahr, so ist vom sthetischen
Gesichtspunkt aus weder kein noch jeder Schein schn; sthetischer
Dogmatismus und Skepticismus sind wie logischer Dogmatismus und
Skepticismus gleichmssig abzuweisen. Und wie fr die Logik daraus
die Aufgabe erwchst, die Merkmale anzugeben, durch welche wahrer
von falschem Denkinhalt, so erwchst fr die Aesthetik die ihrige,
die Kennzeichen festzustellen, durch welche schner von unschnem
(hsslichem) Schein sich unterscheidet.

73. Wie von derjenigen Logik, welche die Wahrheit in der
Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, also in einem materialen
Kriterium findet, das Kennzeichen des wahren im Unterschied zum
falschen Denkinhalt darin gefunden wird, dass durch denselben ein
anderer, der Seinsinhalt, gedacht und zwar so gedacht wird, wie er
wahrhaft ist: so wird von derjenigen Aesthetik, welche die Schnheit
in der Uebereinstimmung der Idee mit der sinnlichen Erscheinung, also
in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen des schnen vor
hsslichem Schein darin gefunden, dass durch jenen ein Anderes, nmlich
die Idee hindurchscheint und zwar so hindurchscheint, wie sie wahrhaft
ist. Dieselbe, die eben darum Gehaltssthetik heisst, geht davon aus,
dass das Schne nicht sowohl Schein, als vielmehr Erscheinung eines
hinter demselben befindlichen idealen Gehalts und daher nicht an sich
und um seiner selbst willen, sondern mittelbar und um eines andern,
des in demselben zur sinnlichen Erscheinung kommenden Gehalts willen
schn sei. Dasselbe verhlt sich dieser Auffassung zufolge zu dem in
demselben erscheinenden um seiner selbst willen werthvollen Gehalt
wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empfngt, whrend diese
im ureignen Lichte strahlt.

74. Das Schne als sinnlicher Schein ist von diesem Gesichtspunkte
aus betrachtet nichts weiter als die sinnliche Hlle eines an sich
unsinnlichen oder, wenn man will, bersinnlichen, sei es persnlich
(wie in der theistischen Aesthetik: Carrire), sei es unpersnlich
(wie in der pantheistischen Aesthetik: Vischer) gedachten Wesens,
also im ersten Falle die sinnliche Erscheinung Gottes, im zweiten die
sinnliche Erscheinung der logischen oder ethischen Idee. Ersterer
Auffassung zufolge wre sonach Schnheit berall dort, wo Gott,
aber auch nur dort, wo dieser erscheint, letzterer Auffassung zufolge
berall dort, wo die (sei es theoretische oder praktische) Vernunft,
aber auch nur dort, wo diese erscheint. Wie das Schne mit dem sinnlich
erscheinenden Gttlichen, so fiele dessen Gegentheil, das Hssliche,
mit dem gleichfalls sinnlich erscheinenden Un- oder Widergttlichen
(dem Dmonischen oder Satanischen: Weisse) -- zusammen; wie das Schne
mit der sinnlich erscheinenden Vernunft (dem Wahren und Guten), so
fiele dessen Gegentheil mit der gleichfalls sinnlich erscheinenden
Un- oder Widervernunft (dem A- oder Antilogischen, Unwahren, dem Un-
oder Widersittlichen, dem Bsen) zusammen. Im ersten Falle erhielte
das Schne wesentlich religisen, im letzteren dagegen einen im Wesen
lehrhaften (didaktischen und moralischen) Charakter.

75. Folge des ersteren ist, dass die (religise) Gehalts-Aesthetik
die Kunst der Religion unter-, Folge des letzteren ist, dass die
(nichtreligise aber philosophische) Gehalts-Aesthetik die Philosophie
der Kunst berordnet. Jene macht dieselbe zur Dienerin der Theologie,
diese weist ihr den Beruf zu, die "Wahrheit im Bilde" (das Allgemeine
im Besonderen: Allegorie, oder im Individuellen: Symbol) darzustellen.

76. Demzufolge htte die Kunst keinen andern Zweck, als sich
selbst berflssig zu machen d. h. sich entweder in Religion oder
in Philosophie, der schne Schein keine andere Bestimmung, als sich,
sobald irgend mglich, in bersinnliches Sein, sei es in das gttliche,
sei es in das der Idee, aufzulsen. Die Sinnlichkeit, die nach Leibnitz
nur eine "dunkle Vernunft" d. i. eine verworrene Erkenntniss (notio
confusa) des Wahren ist, bildet nur die untergeordnete Vorstufe zur
reinen Vernunft, welche als solche "klare" d. i. deutliche Erkenntniss
(notio clara atque distincta) der Wahrheit ist. Die Vollkommenheit
der ersteren, durch welche schon das niedere Erkenntnissvermgen
in den Stand gesetzt wird, das Wahre und Gute, wenngleich nur
sinnlich zu erkennen, bietet der schwachen, mit der irdischen
Mangelhaftigkeit sinnlicher Leiblichkeit behafteten Menschennatur
einen drftigen Ersatz fr die mangelnde Vollkommenheit reiner
Vernunfterkenntniss, deren bermenschliche Wesen in hherem Grade,
und die Gottheit, die aller Sinnlichkeit ledig ist, im hchsten Grade
sich erfreuen. Dieselbe macht, wie die Sinnlichkeit den Unterschied
des Menschen vom reinen Geistwesen, so gewissermassen einen Vorzug
desselben vor diesem aus, indem der Mensch, der allein Sinnlichkeit
besitzt, allein auch der Vollkommenheit derselben d. i. der Schnheit,
fhig ist. Derselbe theilt, um mit Schiller zu reden, "sein Wissen"
(die reine Vernunfterkenntniss) zwar "mit hheren Geistern", die
Kunst aber hat derselbe "allein".

77. Wie das Schne nach dieser Auffassung nur eine dem Wissen
parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur eine der
Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die Aesthetik als
Wissenschaft von der Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntniss nach
dieser zuerst von Baumgarten aufgebrachten, von den platonisirenden
Aesthetikern des nachkantischen Idealismus (Schelling, Hegel und
ihren Schulen) adoptirten Auffassung eine Paralleldisciplin der
Logik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der reinen Vernunft-
und Verstandeserkenntniss. Indem sich dieselbe zur Aufgabe setzt,
das niedere Erkenntnissvermgen, den Sinn, als Erkenntnissorgan
zur Vollkommenheit zu bringen, steckt sich dieselbe ein Ziel,
welches nachher die von Mill und Anderen sogenannte inductive
Logik mit ungleich grsserem Recht und Erfolg sich vorgesetzt
hat. Indem dieselbe das Schne als sinnliche d. i. zugleich ver-
und entschleiernde Hlle desselben Wahren und Guten betrachtet, von
welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie) die nackte und
schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu einem Nothbehelf,
zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des Sehendgewordenen
den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht aushlt.

78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich vorhandene
Trefflichkeit, also berhaupt nicht Beschaffenheit des Gehalts macht
den Schein zum Schnen. Ersteres nicht, weil sonst jeder Schein schn,
das Zweite nicht, weil der Schein, um schn zu sein, aufhren msste zu
scheinen, das Dritte nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt bessse,
nicht Schein sondern Erscheinung wre. Sehen wir aber beim Schein
(Bild) von der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes
(Sinn) ab, so dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem
er scheint (das Subject, dem das Bild vorschwebt), brig bleibt, so
kann, da nicht jeder Schein schn ist, der Grund, um deswillen einiger
Schein schn ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit
des Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des
sthetischen Subjects) gefunden werden.

79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der schne Schein als
Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem nichtschnen abgehen;
letzterer Fall erheischt, dass das sthetische Subject, dem nur schner
Schein scheint, von demjenigen, dem auch unschner vorschwebt, der
Art nach verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren
bevorzugt, sozusagen ein sthetisches "Sonntagskind" sei. Aus dem
ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem
Schein als Schein nothwendigen Eigenschaften, um schn zu sein,
aufzuspren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben
msse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst
betrogener- oder betrgerischerweise dafr ausgebenden oder von Anderen
flschlicherweise dafr gehaltenen "Sonntagskind" d. h. das echte,
geborene Genie (den knstlerischen Edelstein) von dem unechten,
nachgemachten oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem
pierre-de-Strass der Kunst) zu unterscheiden.

80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in dem Nachweis,
dass das einem gewissen Subject schn Scheinende wirklich schn
d. h. dass das fr ein sthetisches Genie sich ausgebende oder dafr
gehaltene Subject wirklich ein solches sei. Dieser Nachweis kann
aber nicht dadurch gefhrt werden, dass der Ursprung des fraglichen
Scheins aus diesem fraglichen Subject erwiesen wird, denn eben, ob
dieses Subject als solches Genie sei, ist die Frage. Die Schnheit des
dem genannten Subject vorschwebenden Scheins muss daher unabhngig
von dessen Ursprung aus jenem Subject d. h. dieselbe kann nicht
(historisch) durch den Hinweis auf den Ursprung, sondern sie muss
(philosophisch) durch den Hinweis auf die Beschaffenheit des Scheins
dargethan werden.

81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das Gesetz; die
Gte des Gesetzes bewhrt vielmehr den Gesetzgeber. Ist diejenige
Beschaffenheit, welche den Schein zum Schnen macht, an sich erkannt,
so ist damit auch der Massstab zur Beurtheilung des Anspruchs
des Subjects, dem er scheint, gegeben, fr ein aesthetisches zu
gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige Aesthetik, die den durch
die sinnliche Hlle hindurchscheinenden Gehalt zum Massstab der
Schnheit nimmt, didaktischen, so nimmt diejenige Form derselben,
welche die Offenbarungen des wahren oder blos vermeintlichen Genius
zur Norm fr die Nachahmung erhebt, positiven (historischen) Charakter
an. Jene bewundert das Schne, weil es wahr oder gut, diese, weil
es Product dieses oder jenes (mit Recht oder Unrecht) bewunderten
Geistes ist. Der wahre Grund der Bewunderung des Schnen kann aber
weder in dem Umstand, dass es Erscheinung eines Gehalts, noch in dem,
dass es Schpfung eines gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist,
sondern muss in dem Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden,
die es zum Schnen machen.

82. Weder die theologisirende, noch die metaphysicirende, am wenigsten
die moralisirende Aesthetik, welche einen der Kunst fremden, und
ebensowenig der sthetische Positivismus oder Historismus, welcher
eine einzelne positive oder geschichtlich gegebene Erscheinung
der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche Kunst) zum
allgemein giltigen Massstab des Schnen erheben will, stellt die
wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese kann nur von der Betrachtung
derjenigen Eigenschaften, welche das Schne als Schein -- abgesehen
ebenso von dessen mglicher oder wirklicher Bedeutung fr einen
ausserhalb desselben gelegenen Gehalt, wie von dessen Ursprung aus
einem schpferischen Subject -- an sich (objectiv) besitzt, ihren
streng wissenschaftlichen Ausgang nehmen.

83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder materiale, den Schein
auf ein Sein beziehende, noch historische, den Schein seinem Ursprung
nach erklrende, sondern wesentlich formale, den Schein als Schein
behandelnde Wissenschaft. Da sich nun, wenn, wie gefordert, sowol
von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des Scheins abgesehen wird,
an diesem nichts weiteres unterscheiden lsst, als wie derselbe und
was an demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte
Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte
umfassen.

84. Ersterer, welcher das Wie d. i. die Lebendigkeit, Kraft,
Energie, Reichthum, Flle und Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren
Gegentheile ins Auge fasst, kann der Gesichtspunkt der Quantitt,
letzterer, welcher die Einheitlichkeit oder Gegenstzlichkeit, innere
Uebereinstimmung oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der
qualitative heissen. Jener umfasst das Verhltniss, in welchem das
Quantum des vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsfhigen Capacitt
des sthetischen Subjects steht, letzterer begreift die Verhltnisse,
in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem Was nach zu einem
ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da nach dem Obigen von
einem solchen hier abgesehen werden muss, diejenigen, in welchen die
Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und untereinander stehen. Nach
dem ersteren wird der starke vom schwachen, der reiche vom drftigen,
der geordnete vom ordnungslosen Schein, nach diesem werden im Inhalt
des Scheins gleiche und ungleiche, vertrgliche und unvertrgliche,
harmonische und disharmonische Theile unterschieden.

85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit einem hohen Grad
von Lebhaftigkeit dem sthetischen Subject vorschwebende Schein
dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad von Lebhaftigkeit
im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen grssern Raum im
Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt ausfllende Schein dem drftigen,
mit einfrmigem Inhalt erfllten; der in sich zusammenhngende und
geordnete dem zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein
gegenber: so dass je der erstere, wenn von dem Was des Vorschwebenden
abgesehen und nur das Wie des Vorschwebens im Auge behalten wird,
vor dem letzteren -- was den die Vorstellung des Scheins im Gemth
begleitenden Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens betrifft -- den
Vorzug hat. Wird lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem
nur in Bezug auf den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so
gefllt der erstere neben dem letzteren, missfllt der letztere
neben dem ersteren unbedingt, welches auch immer der Inhalt des
Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle Gemths- und
Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er vorschwebt. Aus diesem
Grunde gefllt die sinnliche Vorstellung mehr als die unsinnliche, das
Bild mehr als der Begriff, die anschauliche Vorstellung mehr als die
abgezogene, die concrete mehr als die abstracte; aber auch dasjenige,
was "in krzester Zeit die grsste Menge von Vorstellungen anregt"
(worin Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Schnen fanden) mehr als
dasjenige, das in verhltnissmssig langem Zeitraum verhltnissmssig
wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige, welches das Vorstellen in
gesetzlicher und geregelter Weise beschftigt, mehr als dasjenige,
durch welche dasselbe in sprunghafte und verworrene Thtigkeit gerth.

86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des Missfallens in dem
anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen Beschaffenheit des
Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner Natur angemessene
Bethtigung versetzt, so entsteht ein Lust-, findet das Gegentheil
statt, ein Unlustgefhl. Da nun die lebhafte d. i. mit einem hheren
Grade von Intensitt vorgestellte Vorstellung das Vorstellen in einem
hheren Grade beschftigt als dies bei der minder lebhaften d. i. mit
einem geringeren Grade von Intensitt vorgestellten Vorstellung der
Fall ist, so dass die Differenz der Intensittsgrade beider auf der
Bewusstseinsscala sich wie die Differenz der Wrme-Intensitten auf
der Thermometerscala ablesen lsst, so folgt, dass das Vorstellen
der lebhafteren von einem hheren, jenes der minderen Intensitt von
einem geringeren Lustgefhl begleitet sein muss, welches letztere,
nur mit dem ersteren verglichen, als relatives Unlustgefhl sich
herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren und mannigfaltigeren
verglichen mit dem drftigeren und einfrmigeren Vorgestellten der
Fall sein, indem das erstere das Vorstellen nicht nur quantitativ,
sondern auch qualitativ mehr beschftigt als das letztere; und eben
dies bei dem in sich zusammenhngenden und gesetzmssigen Vorgestellten
im Gegensatze zu dem in sich zerrissenen und lckenhaft Vorgestellten,
indem das erstere das Vorstellen in einem naturgemssen und sich aus
sich selbst entwickelnden Gange erhlt, das letztere dasselbe durch
seine Zusammenhanglosigkeit nthigt, seinen Gang zu unterbrechen,
sowie durch seine Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung pltzlich
und gewaltsam abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete
und vermittelte Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das
Bewusstsein durch den Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts
erleidet, gibt das Gefhl der Langenweile -- von der Unlust, welche die
gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen
Vorstellungsreihe mit sich fhrt, gibt der Widerwille Zeugniss, den
das Anhren eines zusammengewrfelten Vortrags oder das Auffassen
einer regellosen Krpergestalt dem Vorstellenden einflsst.

87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass weder der
Intensittsgrad, noch die Flle des dem Vorstellen Dargebotenen eine
gewisse usserste Grenze der Leistungsfhigkeit desselben berschreiten
darf. Das "nicht zu gross" und "nicht zu klein", worin Aristoteles
in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen Thiere
das Wesen des Schnen findet, hat seine Geltung nicht sowol in Bezug
auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf jene
des vorstellenden Bewusstseins. Was diese berschreitet, kann nicht
mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden Lust,
welche die steigende Bethtigung des Vorstellens nach sich zieht,
die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem
neuen Ansatz sich steigernde Gefhl des Unvermgens vorzustellen,
hervorruft. Auf der letzteren beruht das niederdrckende Gefhl,
welches den Eindruck des Erhabenen d. i. eines solchen begleitet,
dessen Vorstellung eine Entwicklung von vorstellender Kraft erheischt,
welche weit ber die Schranken jedes endlichen, also auch unseres
eigenen Vorstellens, hinausreicht.

88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den Vorstellenden
an die Grenze seines Vermgens vorzustellen mahnt, von einem
Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie denselben
seiner weitreichenden Fhigkeit vorzustellen innewerden lsst,
von einem Lustgefhl begleitet. Denn da eine Grsse als Summe von
Einheiten nicht anders vorgestellt werden kann, als indem diese Summe
d. h. indem diese Einheiten nach einander vorgestellt werden, so ist
bei jeder Vorstellung einer solchen die Bethtigung des Vorstellens,
folglich die aus derselben folgende Lust um so grsser, je grsser jene
Summe d. h. je zahlreicher die nach einander vorgestellten Einheiten
sind. Aus diesem Grunde gefllt das Grssere neben dem Kleineren, weil
es dem Vorstellen mehr, missfllt das Kleinere neben dem Grsseren,
weil es dem Vorstellen weniger Beschftigung, jenes dem Vorstellenden
mehr, dieses ihm minder Lust gewhrt. Weil aber die Fhigkeit des
Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das
Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung
eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich
das eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufhrt. Das in schnen
Verhltnissen gebaute Thier des Aristoteles hrt, obgleich alle seine
Proportionen dieselben bleiben, sobald es zu einer Lnge von hundert
Stadien ausgedehnt und zur Hhe eines Gebirges erwachsen vorgestellt
werden soll, auf, bersehbar und folglich auch, schn zu sein.

89. Vom quantitativen Gesichtspunkt aus gilt daher fr eine sthetische
d. i. eine unbedingt wohlgefllige Welt der Satz, dass (innerhalb
der dem Bewusstsein gesteckten Grenzen des Vorstellens) das Grosse
ohne Unterschied des Stoffs, in welchem, wie des Objects, an welchem
dasselbe sich findet, unbedingt d. h. Jedermann und jederzeit gefalle,
das Kleine (unter der gleichen Einschrnkung) ebenso missfalle. Beides,
das Lustgefhl, welches die Betrachtung des Grossen, wie das
Unlustgefhl, welches die des Kleinen erweckt, sind reine Gefhle;
das Gefhl, welches den Eindruck des Erhabenen begleitet, ist ein
gemischtes Gefhl, indem es einerseits in Folge der oben geschilderten
Unvorstellbarkeit des erhabenen Objects ein Unlust-, andererseits eben
der jener Unvorstellbarkeit wegen vermutheten unendlichen d. i. jedes
Mass berschreitenden Grsse des erhabenen Gegenstandes halber ein
Lustgefhl enthlt. Aus diesem Grunde bewundern wir das Erhabene,
aus jenem Grunde verzweifeln wir an uns selbst; das Erhabene gefllt,
indem wir selbst uns missfallen; jenes erscheint ber jedes uns
erreichbare Mass hinaus gross, whrend wir selbst ihm gegenber uns
ber jedes denkbare Mass hinaus klein erscheinen.

90. Was den qualitativen Gesichtspunkt betrifft, so gilt der Satz,
dass das Was des Scheins, da dasselbe ein sthetisches sein soll,
von einem beiflligen oder missflligen Zusatz im Vorstellenden,
da dasselbe ein schnes sein soll, von dem gleichen Zusatz in jedem
Vorstellenden begleitet sein muss. Ohne das erste wre das Vorgestellte
dem Vorstellenden gleichgiltig; ohne das letztere wre der Zusatz
von einem Vorstellenden zum andern, ja in demselben Vorstellenden von
Zeitpunkt zu Zeitpunkt vernderlich. Gleichgiltiger Vorstellungsinhalt
aber ist nicht sthetisch; vernderliches d. i. vom Vorstellenden zum
Vorstellenden oder im Vorstellenden selbst wechselndes Wohlgefallen
oder Missfallen aber ist nicht unbedingtes d. h. allgemeines und
nothwendiges Wohlgefallen oder Missfallen. Bei vllig gleichgiltigem
Vorstellen wre berhaupt keine Aesthetik, bei dem Mangel eines
allgemeinen und nothwendigen Gefallens oder Missfallens d. h. bei der
Abwesenheit einer allgemeinen und nothwendigen Norm fr Gefallen und
Missfallen aber doch keine Aesthetik als Wissenschaft mglich.

91. Das Was des sthetisch Vorgestellten darf daher, da dessen
begleitender Zusatz im Vorstellenden berall (d. h. in jedem
Vorstellenden) und jederzeit (d. h. bei jeder Wiederholung seines
Vorgestelltwerdens) derselbe sein soll, nicht als Ziel und Inhalt
eines Begehrens (Begierde, Wunsch, Wollen) vorgestellt werden. Denn da
alles, was berhaupt begehrt wird, sobald dieses Begehren Befriedigung
erlangt, ein Lustgefhl nach sich zieht, so wrde, wenn der Zusatz des
Gefallens eines gewissen Vorstellungsinhalts blos von dem Umstnde
abhinge, dass dessen Vorgestelltes begehrt wird, berhaupt jeder
beliebige Vorstellungsinhalt ohne Unterschied gefallen, weil und
so lange, sowie demjenigen, von dem er begehrt wird. Und da sich
in keiner Weise vorhersagen lsst, was unter gewissen Umstnden
Object eines gewissen Begehrens werden knne, da berhaupt jede
gegen Hemmnisse im Bewusstsein aufstrebende Vorstellung Sitz eines
(bisweilen sehr heftigen) Begehrens werden kann, so wre es ebenso
unmglich, vorherzusagen, ob und welcher Vorstellungsinhalt, sowie
wem er unter Umstnden gefallen werde, woraus der Spruch, dass sich
ber den Geschmack nicht streiten lasse, entstanden ist.

92. Nicht alles Gefallende wird begehrt, aber alles, wodurch ein
Begehren befriedigt wird, gefllt. Das hchste und reinste Gefallen
ist dasjenige, welches durch keinerlei Beisatz eines (sinnlichen oder
idealen) Begehrens getrbt, verunreinigt oder auch nur von einem
solchen begleitet wird; "die Sterne, die begehrt man nicht". Das
Gefallen, das nur unter Voraussetzung eines Begehrtwerdens entspringt,
bleibt dagegen aus, wenn das letztere mangelt. Ein allgemeiner
und nothwendiger Zusatz von Gefallen oder Missfallen kann aus dem
zuflligen und individuellen (bestenfalls particulren) Umstand
des Begehrt- oder Verabscheutwerdens nicht abgeleitet werden. Das
nur bedingt d. h. unter Voraussetzung einer Begierde Wohlgefllige
d. h. das nur subjectiv Angenehme, oder, da alles, was als Gegenstand
einer Begierde oder als Mittel zu deren Befriedigung gilt, dem
Begehrenden ntzlich, dessen Gegentheil schdlich scheint, das
Ntzliche ist kein Gegenstand der Aesthetik.

93. Aber auch das nicht subjectiv sondern objectiv d. h. ohne
Voraussetzung eines Begehrtwerdens Angenehme ist als solches noch nicht
ein Gegenstand der Aesthetik. Denn zu dieser, damit sie Wissenschaft
sei, ist erforderlich, dass sich das Aesthetische d. h. das von
einem beiflligen oder missflligen Zusatz unbedingt (bei Allen und
in allen Fllen) Begleitete nicht blos fhlen (d. h. dunkel), sondern
wissen (d. h. klar und deutlich vorstellen und in Worten aussprechen)
lasse. Das Angenehme aber hat die Eigenschaft, dass dessen Inhalt
mit dem begleitenden Zusatz (dem Lustgefhl) ununterscheidbar
zusammenrinnt, wie das Gleiche auch bei dessen Gegentheil, dem
Unangenehmen mit der dieses begleitenden Unlust (dem Schmerzgefhl)
der Fall ist. Das Angenehme der einzelnen Ton- oder Lichtempfindung
lsst sich nicht definiren, der Sitz und der Grund des Schmerzgefhls
(Kopf-, Zahnschmerz) sich aus diesem nicht herauslesen. Der Inhalt
des objectiv d. h. aus dem Vorgestellten selbst, nicht aus der
subjectiven Gemthslage des Vorstellenden entspringenden Lust- oder
Schmerzgefhls ist zwar unbedingt, aber nicht wissbar, also kein
Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniss.

94. Whrend sonach das einzelne Angenehme oder Unangenehme zwar
Gegenstand eines Lust- oder Unlustgefhls, von diesem selbst gesondert
aber nicht vorstellbar ist, sind die zwei oder mehreren Vorstellungen,
aus deren gegenseitiger Beziehung oder Verhalten (ratio) ein auf dieses
bezgliches und die Beschaffenheit desselben zum Ausdruck bringendes
Lust- oder Unlustgefhl entspringt, sehr wol jede fr sich und von
jenem Gefhl abgesondert angebbar. In jenem Fall ist das Gefhl ein
solches, das aus der Beziehung eines gewissen Vorstellungsinhalts
(z. B. einer Ton- oder Farbenempfindung) zum vorstellenden Subject,
in diesem Fall ein solches, das aus der Beziehung zweier oder
mehrerer Vorstellungen (z. B. Ton- oder Farbenempfindungen) zu und auf
einander im Vorstellenden entspringt. Dass jener einzelne Ton oder die
einzelne Farbe gefalle oder missfalle, hngt daher wesentlich von der
augenblicklichen oder habituellen Beschaffenheit des vorstellenden
Subjects, dass das Verhltniss der zwei oder mehreren Tne oder
Farben gefalle oder missfalle, dagegen ausschliesslich von der an sich
unvernderlichen und immer sich gleich bleibenden Inhaltsbeschaffenheit
dieser letzteren selbst ab. Da die Beschaffenheit des Subjects nun
von Individuum zu Individuum eine andere ist, so kann folgerichtig
das mit von derselben abhngige Gefhl von Einem zum Andern ein
anderes d. h. derselbe Ton, dieselbe Farbe kann dem Einen angenehm,
dem Anderen unangenehm sein. Den Beleg dafr bieten die sogenannten
Idiosynkrasien (z. B. Mozart's Abneigung gegen den Trompetenton,
Csar's und Wallenstein's Widerwillen gegen den Hahnschrei,
die Vorliebe gewisser Individuen oder ganzer Vlker fr gewisse
Klangfarben, Tonlagen, Farbentne und Beleuchtungseffecte). Wirkungen
dieser und hnlicher Art, die oft zu den strksten gehren (Klang- und
Lichteffecte) sind daher wesentlich pathologischer, durch die physische
und psychische Beschaffenheit des vorstellenden Subjects bedingter,
keineswegs sthetischer, von der Beschaffenheit des Vorgestellten
(dem Inhalt der Vorstellungen als Object des Vorstellens) abhngiger
Natur. Die durch dieselben hervorgerufenen Gefhle knnen, insofern
die sie verursachenden Vorstellungen nicht in Beziehung stehend zu
anderen d. i. nicht als Glieder eines Verhltnisses gedacht werden,
wol aber an sich in ein Verhltniss zu anderen treten d. h. als Stoff
(Material) zu einem solchen dienen knnen, materiale oder Stoffgefhle;
diejenigen Gefhle, welche sich auf das Verhltniss zweier oder
mehrerer Vorstellungen d. i. auf die Verbindung derselben zu und
unter einander, also auf deren Form beziehen, mssen dann formelle
oder Formgefhle heissen.

95. Nur die letzteren bilden die Grundlage der Aesthetik als
Wissenschaft. Da die Verhltnisse zweier oder mehrerer Vorstellungen zu
einander, insofern sie nur von deren Inhalt abhngen, so lange dieser
Inhalt derselbe bleibt, immer dieselben sein mssen; da ferner die oben
bezeichneten Formgefhle nichts anderes als die sich mit ihren Ursachen
deckenden Effecte jener Verhltnisse im Bewusstsein sind, so folgt,
dass dieselben Verhltnisse auch allezeit und in Jedermann dieselben
Gefhle zur Folge haben werden d. h. dass die zwischen gewissen
Vorstellungen ein fr allemal ihrem Inhalt nach bestehenden Beziehungen
allezeit und bei Jedermann von demselben Zusatz des Wohlgefallens oder
Missfallens begleitet d. h. objective d. i. unbedingt wohlgefllige
oder missfllige Formen sein werden. Von dieser Art ist z. B. das
nur von dem Inhalt der beiden Tne, des Grundtons und der Quinte,
abhngige und als solches unbedingt wohlgefllige Quintenintervall;
ein solches die nur von der Beschaffenheit der beiden Farben, Roth und
Grn, abhngige harmonische Farbenterz; ein solches endlich der nur
von dem Verhltniss der beiden verglichenen Gedanken, des unbildlichen
und des bildlichen, abhngige Gedankenaccord der Metapher.

96. Verbindungen derartiger beharrender Verhltnisse zwischen
Vorstellungen mit den aus denselben entspringenden und daher ihrer
Entstehung nach an deren Vorhandensein im Bewusstsein gebundenen
(fixen) Formgefhlen werden, da sich die ersteren (die Verhltnisse)
abgesondert von den letzteren (den Formgefhlen) fr sich vorstellen
lassen, also das Gefhlte mit dem Gefhl nicht in Eins zusammenfliesst,
nicht mehr blos sthetische Gefhle, sondern sthetische Urtheile
genannt. Das Subject derselben wird durch das zwischen den
Vorstellungen herrschende Verhltniss (z. B. die Harmonie), das
Prdicat derselben durch das darauf bezgliche Gefhl (z. B. die
Wohlgeflligkeit) gebildet. Das Urtheil lautet in diesem Fall: die
Harmonie zwischen a und b (d. i. den beiden im Verhltniss der Harmonie
stehenden Tnen) gefllt. Die logische Natur dieser Urtheile besteht
darin, dass der Umfang des Subjects und der Umfang des Prdicats unter
einander congruent d. h. dass, so oft das Verhltniss der Harmonie,
eben so oft auch das Wohlgefallen vorhanden ist. Dieselben sind daher,
da ihre Subjects- und ihre Prdicatsvorstellung verschiedenen Inhalt,
aber denselben Umfang haben, nach der logischen Idee der Aequipollenz
identische, also unfehlbare Urtheile, und ihre Geltung d. h. die
Behauptung, dass ein gewisses Verhltniss (z. B. die Harmonie) gefalle,
unbedingt d. i. eben so allgemein als nothwendig.

97. Das Was des sthetischen Scheins, wenn derselbe schn
d. h. unbedingt wohlgefllig sein soll, kann daher niemals weder der
Inhalt einer blossen Begierde, noch eine vereinzelte Vorstellung,
sondern muss immer ein Verhltniss zwischen mehreren d. h. dasselbe
muss stets ein zusammengesetztes aus einer Mannigfaltigkeit von
Theilen, welche selbst wieder Vorstellungen sind, bestehendes
Ganze sein. Da nun zwischen Vorstellungen, welche nicht verwandten,
d. i. disparaten Inhalts sind, zwar ein Verhltniss, eben das der
Disparatheit, stattfindet, dieses aber, da die beiden Vorstellungen
keine innere Beziehung auf einander haben, im Bewusstsein keinerlei
auf sich bezgliches Gefhl erzeugt (weder Lust noch Schmerz erweckt),
also sthetisch indifferent d. h. dem Vorstellenden gleichgiltig ist,
so kann das Was des schnen Scheins nur ein Verhltniss zwischen
verwandten d. h. entweder ganz oder theilweise identischen, oder
entgegengesetzten Vorstellungen d. h. es muss selbst entweder die
(ganze oder theilweise) Identitt oder der Gegensatz der Vorstellungen
sein.

98. In qualitativer Hinsicht ergeben sich daher fr das Was des schnen
Scheins folgende Mglichkeiten: entweder das Verhltniss zwischen den
Theilen des Scheins, die selbst wieder Vorstellungen sind, ist das
der vlligen Identitt, so dass beide dem Inhalte nach nicht, und da
an dieser Stelle von der Intensitt des Vorgestelltwerdens abgesehen
wird, auch nicht durch dessen grssere oder geringere Lebhaftigkeit
sich von einander unterscheiden, folglich eins und dasselbe und daher
nach dem principium identitatis indiscernibilium eine und dieselbe
Vorstellung sind. In diesem Falle findet zwar im strengsten Sinn
Identitt, aber kein Verhltniss zwischen den beiden statt, da zu
jedem solchen zwei Glieder gehren, jene beiden Vorstellungen aber
nur ein einziges ausmachen. Das Verhltniss der Identitt kann daher,
wenn sthetisch, nur eines der theilweisen Identitt sein.

99. Letztere, da sie darin besteht, dass beide Theile einen Theil ihres
Inhalts mit einander gemein haben, whrend der Ueberrest, da beide
Theile inhaltsverwandt sind, gegenseitig nicht im Verhltniss der
blossen Disparatheit stehen kann, sondern in jenem des Gegensatzes
d. h. der gegenseitigen Ausschliessung bestehen muss, kann nun
entweder so beschaffen sein, dass das Gemeinsame das Gegenstzliche
oder dieses jenes berwiegt, oder dass beides sich gegenseitig
gleichschwebend erhlt. Letzterer Fall bringt, da das Identische
sowie das Gegenstzliche in beiden das nmliche, also abermals kein
Verhltniss zwischen mehreren, sondern nur eins und das nmliche
(nicht zweimal, sondern ein einzigesmal) vorhanden ist, eben so wenig
wie die strenge Identitt ein wirkliches Verhltniss, sondern nur
den Schein eines solchen hervor und muss daher ebenso wie jene aus
der Betrachtung gelassen werden.

100. Die berwiegende Identitt kann nun entweder eine einseitige oder
eine gegenseitige sein. Im ersten Falle findet der Inhalt des einen
Gliedes sich ganz im Inhalt des zweiten, aber nicht umgekehrt dieser
in jenem wieder. Im zweiten Fall enthlt der Inhalt jedes der beiden
Glieder etwas, das ihm mit dem Inhalt des andern gemeinsam, whrend
der Rest des einen dem Reste des andern entgegengesetzt ist. Beide
Glieder des Verhltnisses verhalten sich so, dass im ersten Fall
eines das andere, aber nicht umgekehrt, im zweiten Fall dagegen
jedes das andere abbildet. Und zwar verhlt sich im ersten Fall
dasjenige Glied, welches im andern ganz, in welchem aber das andere
nur zum Theile enthalten ist, zu diesem anderen wie das Nachbild zum
Vorbild, die Copie zum Original, wie denn auch das getreueste Portrt
selbst dann, wenn es alle Zge der Individualitt auf das genaueste
ausprgt, hinter dieser noch um das Merkmal der wirklichen Belebtheit
zurcksteht. Im zweiten Fall dagegen stellen beide Glieder dem Inhalt
nach Unterarten eines dritten, des beide verknpfenden Gemeinsamen
(tertium comparationis) dar, zu welchem jedes derselben im Verhltnisse
des Vorbildes zum Nachbilde steht.

101. Ausdruck der berwiegenden, sei es einseitigen, sei es
gegenseitigen Identitt im Bewusstsein ist ein Lust-, wie jener des
berwiegenden Gegensatzes ein Unlustgefhl. Ersteres entsteht, indem
die gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen des in ihnen
enthaltenen Identischen halber mit einander zu verschmelzen, letzteres,
indem dieselben des in ihnen enthaltenen Gegensatzes halber sich von
einander gesondert zu halten streben. Jenes wie dieses Streben ist
der Ausdruck eines psychischen Naturgesetzes, kraft dessen ihrem
Inhalt nach hnliche Vorstellungen einander zu verstrken, ihrem
Inhalt nach entgegengesetzte einander gegenseitig zu hemmen gezwungen
sind. Wenn daher in dem Inhalt zweier im Bewusstsein gleichzeitig
vorhandenen Vorstellungen das Identische das Gegenstzliche berwiegt,
so gewinnt auch das Streben nach Vereinigung beider durch Verschmelzung
naturgemss die Oberhand ber das Streben nach Trennung beider
durch Hemmung d. h. die Verschmelzung wird erleichtert; berwiegt
dagegen das Gegenstzliche das Identische, so gewinnt das Streben
nach Auseinanderhaltung Oberwasser, die Verschmelzung wird erschwert
oder gnzlich gehindert. Ausdruck der Erleichterung wird das Lust-,
jener der Erschwerung das Unlustgefhl.

102. Den empirischen Beweis fr die vorstehende Erklrung liefert
die Thatsache der Wohlgeflligkeit harmonischer d. i. solcher Ton-
und Farbenverhltnisse, deren Glieder berwiegend identisch, sowie
der Missflligkeit solcher, deren Glieder berwiegend entgegengesetzt
sind. Seitdem durch die physiologischen Theorien des Sehens wie des
Hrens (von Helmholtz, Young u. A.) erwiesen ist, dass die frher
(z. B. von Herbart) sogenannten einfachen Sinnesempfindungen als
Elemente des Bewusstseins keineswegs einfach, sondern selbst aus
einer Summe gleichzeitig vernommener elementarer Sinneseindrcke
zusammengesetzt sind, handelt es sich bei dem Verhltniss zwischen
solchen, wie es die Ton- und Farbenintervalle sind, nicht mehr um
eine Beziehung zwischen einfachen (theillosen), sondern zwischen
zusammengesetzten (aus Theilen bestehenden) Gliedern. Whrend es,
wenn die Glieder eines (harmonischen oder disharmonischen) Ton- oder
Farbenverhltnisses einfache sind, schlechthin unerklrlich bleibt,
warum dieselben gefallen oder missfallen, wird die Begrndung
dieser empirischen Thatsache unter der Voraussetzung, dass jene
Glieder aus Theilen bestehen, dadurch ermglicht, dass gewisse (mehr
oder minder zahlreiche) dieser Theile in beiden Gliedern dieselben
seien. Ueberwiegt die Anzahl der beiden gemeinsamen Bestandtheile jene
der in beiden einander entgegengesetzten, so muss ein wohlgeflliges,
findet das Gegentheil statt, ein missfallendes Verhltniss sich
ergeben.

103. Die Theorie der Obertne in der Musik (Helmholtz), jene der
gleichzeitigen Erregung der complementren Farben in der Optik
(Young, Hering u. A.) gibt das Beispiel her. Da jeder Ton, der gehrt,
d. i. mittels des Ohres empfunden wird, kein abstracter, sondern ein
concreter d. i. mittels eines gewissen Instruments, als welches auch
das menschliche Stimmorgan gelten muss, hervorgebrachter ist und als
solcher eine charakteristische, von der Beschaffenheit der Tonquelle
herrhrende Frbung, die sogenannte Klangfarbe, besitzen muss, so
wird mit jedem empfundenen Ton nothwendig zugleich dessen Klangfarbe
d. i. die denselben begleitende Wirkung der specifischen Natur des
ihn erzeugenden Organs vernommen. Helmholtz nun hat gezeigt, dass die
Wirkung, die wir Klangfarbe nennen, nichts anderes sei, als die Summe
gewisser, jeden durch irgend eine Tonquelle erzeugten abstracten Ton
(Grundton) begleitenden secundren Tne (Obertne), deren akustischer
Werth und numerische Menge je nach der Art der Tonquelle verschieden,
z. B. bei dem Geigenton eine andere als bei dem Clavierton, bei der
Alt- eine andere als bei der Sopranstimme u. s. w. ist. Werden daher
gleichzeitig verschiedene Tne, deren jeder seine Klangfarbe besitzt,
vernommen d. h. werden statt zweier abstracter Tonempfindungen zwei
Summen von Tonempfindungen vernommen, deren jede aus der Empfindung des
Grundtons und den Empfindungen seiner Obertne zusammengesetzt ist, so
kann nur zweierlei stattfinden: entweder beide Summen der Empfindungen
haben nicht nur gemeinschaftliche, sondern so viele gemeinschaftliche
Bestandtheile, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen
Tonempfindungen jenen der entgegengesetzten Tonempfindungen berwiegt,
oder dieselben haben gar keine oder so wenig Tonempfindungen gemein,
dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen gegen den der
nicht-identischen Tonempfindungen (d. i. solcher, deren Tne nicht
zusammenfallen, Schwebungen) verschwindet. Im ersten Fall consoniren,
im zweiten dissoniren die Tne.

104. Consonanz (Harmonie) und Dissonanz (Disharmonie) der
Tonempfindungen hngt demzufolge von deren berwiegender Identitt
oder dem Gegensatz des Inhalts derselben ab. Da nun bei den
Farbenempfindungen das Analoge stattfindet, indem eben so wenig wie
der abstracte Ton, die abstracte Farbe empfunden wird, so lsst sich
vermuthen, dass auch zwischen der Begrndung der Farben- und jener
der Tonharmonie Analogie sich einstellen werde. Jede empfundene Farbe
ist eine concrete, die unter dem Einfluss einer specifischen dieselbe
bedingenden Lichtquelle (z. B. des Sonnenlichts, des Mondlichts, des
Kerzen- oder Lampenlichts) entstanden ist und die Spur dieser letzteren
in einer charakteristischen Eigenthmlichkeit, dem sogenannten
Farbenton, errathen lsst. Jede Farbenempfindung aber ist zugleich,
physiologisch betrachtet, keine vereinzelte, sondern das gleichzeitige
Resultat der gleichzeitigen Erregungen des Sehorgans durch das dieses
letztere berhrende Licht, so dass gleichzeitig alle in dem letzteren
enthaltenen Farben des Spectrums in jenem angeregt und in Folge dessen
empfunden werden. Ist z. B. das auffallende Licht Sonnenlicht, in
welchem als Grundfarben Roth, Gelb und Blau (oder nach Andern Grn,
Roth und Violet) enthalten sind, so werden im Auge jedesmal die jenen
dreierlei Lichtreizen entsprechenden Vorgnge zugleich erregt und
daher auch in Folge dessen alle drei Farben zugleich empfunden. Der
Unterschied, dass in dem einen Fall die Empfindung als Roth, in dem
andern als Blau bezeichnet wird, obgleich in dem ersteren neben dem
Roth nothwendig auch Blau und Gelb, also Grn -- in dem letzteren Falle
neben dem Blau auch Roth und Gelb, also Orange empfunden worden sein
musste, liegt nur darin, dass in dem einen Fall der rothe Lichtreiz
den blauen und gelben, in dem andern Fall der blaue Lichtreiz den
rothen und gelben, und folglich sowol der Erregungszustand des Auges,
in welchen dasselbe durch rothes und blaues Licht versetzt ward,
die anderen gleichzeitigen Erregungszustnde, wie die Empfindung Roth
und Blau, welche durch jenen Erregungszustand hervorgerufen ward, die
anderen mit ihr gleichzeitigen Empfindungen an Intensitt bertraf,
letztere also durch jene in latenten Zustand versetzt, d. i. fr das
Bewusstsein verdunkelt wurden. Dass dieselben ihrer Latenz ungeachtet
thatschlich vorhanden waren, beweisen die von Goethe und Purkyne
sogenannten subjectiven Farbenerscheinungen d. i. das Hervortreten
des complementren Farbenbildes, nachdem durch lngeres Anhalten des
ursprnglichen das Auge fr den bezglichen Farbenreiz abgestumpft
worden ist. Die strkste unter den gleichzeitigen Farbenempfindungen,
nach welcher a potiori die Benennung derselben erfolgt, z. B. in
obigen Fllen die Empfindung Roth und die Empfindung Blau, knnen nach
Analogie der Grundtne als Grundfarben, die der gleichzeitigen, aber
durch sie in den Hintergrund gedrngten Lichtreize knnen nach Analogie
der Obertne als Oberfarben (Nebenfarben) bezeichnet werden. Letztere
machen zusammen, wie obige Beispiele zeigen, stets die Empfindung
der complementren Farbe aus (Grn, wenn als Grundfarbe Roth, Orange,
wenn als Grundfarbe Blau empfunden wird) und die Nuance, welche die
Empfindung des Rothen dadurch empfngt, dass mit ihr zugleich mehr
oder weniger latent nothwendig Grn empfunden werden muss, kann, wenn
die Beimischung einen erheblichen Grad erreicht, als Farbenstich, und
zwar des Rothen entweder in's Grne als ganze, oder in's Blaue oder
Gelbe als Bestandtheile der grnen Mischfarbe charakterisirt werden.

105. Treten daher unter Voraussetzung derselben Lichtquelle zwei
Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander in's Bewusstsein,
so ist jede derselben nicht einfach, sondern zusammengesetzt, und zwar
aus der Empfindung der Grundfarbe und jener der Oberfarbe; trifft es
sich nun, dass diejenige Farbe, die in der einen derselben Grundfarbe,
in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide Farbenempfindungen ihrem
Inhalt nach berwiegend identisch, wie dies bei der Farbenverbindung
Roth (dessen Nebenfarbe Grn) und Grn (dessen Nebenfarbe Roth ist) und
ebenso bei der Verbindung Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange
(dessen Nebenfarbe Blau ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth
(dessen Nebenfarbe Grn) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist)
thatschlich der Fall ist. Verbindungen ersterer Art knnen daher
harmonische (Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complementrer
Farben mssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen.

106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und dergleichen
Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter ausgefhrt
worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave als Consonanzen,
Secunde, verminderte Quart und Septime als Dissonanzen, so werden
von ihm unter den letzteren die Terz als harmonische, die Secunde
als disharmonische Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen
Accord als harmonischer Verbindung dreier Tne (Dreiklang) wird der
Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der
Vervielfltigung der Tonscala durch Erhhung und Vertiefung der Tne
eine ebensolche der Farbenleiter durch Erhhung und Verminderung der
Lichtstrke, der Unterscheidung von Klangfarben und Tongeschlechtern
nach Ton- eine ebensolche von Farbentnen und Farbengeschlechtern
nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt.

107. Wie die Consonanz auf berwiegender Identitt, so beruht deren
Gegentheil auf berwiegendem Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos
vor sich gehende oder allen Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte
Verschmelzung berwiegend identischer Vorstellungen ein in dem
letztgenannten Fall noch betrchtlich gesteigertes Lustgefhl, so
lsst der alles Bemhens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet
immer wiederkehrende Misserfolg, der durch den als unberwindliches
Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigefhrt wird, ein
nachgerade bis zur Unertrglichkeit sich steigerndes Gefhl der
Unbefriedigung zurck. Die theilweise gleichen, aber berwiegend
entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in ihnen enthaltene
Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das gleichfalls in
ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere berwiegt, aber
unaufhrlich aus einander gehalten. Dieses bewirkt, dass sie nicht
eins werden, jenes verursacht, dass sie trotzdem nicht von einander
loskommen knnen. Dieses gleichzeitige sich Suchen und sich Fliehen,
sich Festhalten und sich Verdrngen der Gegenstze bringt im Gemth
eine Ixionsartige Unruhe hervor, deren Bestand auf die Dauer fr den
Vorstellenden unhaltbar wird.

108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu beseitigen sich
entschliesst. Da dieser aber auf der gegenstzlichen Beschaffenheit des
Inhalts und der in Folge dessen sich schlechterdings unter einander
ausschliessenden Natur der gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen
Vorstellungen beruht, folglich so lange fortwhren muss, als jener
Inhalt derselbe bleibt, so kann obige Qual auf keine andere Weise
beschwichtigt werden, als indem an die Stelle der gegenwrtig im
Bewusstsein vorhandenen und demselben als mit einander unvertrgliche
gleichzeitig vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander
vertrgliche entweder zufllig (etwa durch Versetzung in eine andere
Umgebung, welche andere Vorstellungen bringt) treten, oder absichtlich
(etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenwrtigen durch einen
beliebigen anderen knstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu
ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden Fllen wird die
Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unvertrglicher Gedanken
entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur ein Zufall
das Verschwinden der unvertrglichen Vorstellungen aus dem Bewusstsein
veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein neuerlicher Zufall
die Rckkehr derselben in das Bewusstsein herbeifhrt, im zweiten
Fall nur fr den, der jenen Entschluss gefasst, sein inneres Auge
gewaltsam gegen die wirklich im Bewusstsein gegenwrtigen Vorstellungen
verschlossen und an die Stelle derselben knstlich andere eingefhrt
hat, und nur auf so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft
hat, denselben ins Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigefhrte
Beseitigung der Qual ist daher keine natrliche und, weil aus der
innern Natur der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen,
Dauer verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam "auf Kndigung"
statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die durch den Zufall
oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene knstliche Schranke
einmal, wie immer, aufhre, die ursprnglichen, nicht vernichteten,
sondern nur in Latenz versetzten unvertrglichen Vorstellungen wieder
emportauchen und dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden.

109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den Zufall beseitigten
Qual innerlich vorhandener Gegenstze bietet die Heilung eines
zerrissenen Gemths durch die Abwechslung, Zerstreuung und den
berwltigenden Eindruck, welchen Reisen, Geselligkeit und erhabene
Gebirgsnatur in diesem herbeifhren. Ein Beispiel einer durch
freiwilligen Entschluss "auf Zeit" bewirkten Unterdrckung der
Unruhe, die das Bewusstsein eines widerspruchsvollen Verhltnisses
erzeugt, bietet die Resignation, mit welcher der in einer sogenannten
"Vernunftheirat" Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und
der thatschlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil
ertrgt. In beiden Fllen findet Beschwichtigung wirklich statt, aber
im ersteren nur auf zufllige Weise, so dass mit der Rckkehr in die
frhere Umgebung auch das frhere Gefhl des Unglcks wiederkehrt;
in dem letztern nur auf knstliche Weise, so dass mit dem Schwach-
oder Schwankendwerden des Entschlusses auch das volle Gefhl des
lastenden Widerspruchs erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht
ist labil, nicht stabil.

110. Ein unertrglicher Zustand, das gleichzeitige Vorhandensein
sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein,
ist beseitigt; aber ein anderer, gleich unertrglicher, ist an dessen
Stelle getreten. War der frhere Zustand Unruhe, so ist der jetzige
vergleichsweise allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter
als verhllte Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der
Ruhe ist an die Stelle der, obgleich latent, immer noch whrenden
Unruhe getreten; der ursprngliche Zustand schlummert gleichsam
unter dem knstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments,
wo er wieder hervorbrechen, den knstlich bergeworfenen Schleier
zerreissen, den ursprnglich dagewesenen, niemals vernichteten,
sondern nur usserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen kann.

111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich fr Sein gibt,
auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel, ob der wirklich
vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle knstlich
ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich missflliger oder ein
beiflliger, das Zugleichsein einander ausschliessender oder ein
solches mit einander bereinstimmender Vorstellungen sei. Denn
nicht darin besteht die Unertrglichkeit, dass an die Stelle eines
unertrglichen Zustandes ein ertrglicher getreten ist, sondern darin,
dass an die Stelle des wirklich, wenngleich latent, vorhandenen,
ein scheinbar d. i. nur zum Scheine, vorhandener gesetzt worden
ist. Das Unlustgefhl, das sich an das Vorhandensein zweier einander
ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein knpft, ist verschieden
von demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein fr Sein,
ein unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des
gegebenen Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufhrt, sobald
die einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufhren einander
auszuschliessen, oder gnzlich aus dem Bewusstsein geschwunden sind, so
schwindet das letztere nicht eher, als bis der widernatrlicherweise
hergestellte Trug, durch welchen Schein an die Stelle des Seins
gesetzt ward, aufgelst, der knstlich erzeugte Zustand aufgehoben
und der ursprngliche, widerrechtlich aus dem Bewusstsein verdrngte,
wieder in dasselbe zurckgekehrt ist. Ausdruck dieses Verhltnisses
ist der Satz: Schein, der sich fr Sein gibt, missfllt, und zwar in
gleichem Grade, das ursprngliche Sein, welches durch Schein ersetzt
worden ist, mge an sich beifllig oder missfllig d. i. der Schein,
der durch einen andern verdrngt wurde, mge an sich schn oder
hsslich gewesen sein. In dem einen Fall wird durch die Herstellung
des ursprnglichen Zustandes ein wohlgeflliger, im andern Fall ein
missflliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich an
den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes
heftet, wird in beiden Fllen vermieden. Alles, was sich sagen
lsst, beschrnkt sich darauf, dass durch die Wiederherstellung eines
ursprnglichen missflligen Zustandes zwar das Missfallen, das diesem
gilt, nicht vermieden, aber doch ein anderes, das dem Trugbild gilt,
beseitigt wird, whrend im Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines
ursprnglichen beiflligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der
Geltung blossen Scheins fr Sein von Grund aus vernichtet, sondern
zum Ueberfluss ein Beiflliges in das Bewusstsein zurckgefhrt wird.

112. War der ursprngliche Zustand Dissonanz, so wird durch
dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er Consonanz, ein
consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden gewesene Verhllung
des wirklich vorhandenen durch einen flschlicherweise an dessen Stelle
getretenen aber wird in beiden Fllen schwinden gemacht. Im ersteren
Fall wird eine Wunde blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen,
aber nicht wirklich geheilt war; im letzteren Fall wird eine Heilung
wieder als Heilung anerkannt, die flschlicherweise fr eine Erkrankung
ausgegeben worden war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings
Krankheit, aber der Irrthum, welcher dieselbe fr Gesundheit hielt,
wenigstens ist beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum,
welcher Heilung fr Erkrankung nahm, seine Geltung eingebsst,
sondern der Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit.

113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei Abschnitten
verluft. Ausgangspunkt derselben bildet der ursprnglich vorhandene,
deren Mitte der trgerischerweise an dessen Stelle getretene, ihren
Schluss der dem ursprnglichen gleiche, aus dessen Verdunkelung
durch den inzwischen waltend gewesenen Druck wieder hergestellte
Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der verdunkelnde Zustand
knstlich durch eine ussere Ursache an die Stelle des ursprnglich
vorhandenen geschoben worden ist, nicht durch, sondern gleichsam
im Kampfe wider die letztere, und gewinnt dadurch den Anschein,
Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden und sie
bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden Lebenskeims,
einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung erscheint als
lebendige, beseelte Bewegung.

114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene sthetischer d. h. dem
Vorstellenden vorschwebender, beiflliger oder missflliger (schner
oder hsslicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process
selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein ursprnglich
vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden knstlich mit
Wissen und Willen aus demselben verdrngt und durch einen andern,
der sich an seiner Stelle fr den wahren ausgibt, ersetzt worden
ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet,
seinerseits den ihn zu verdrngen bestimmt gewesenen Schein verdrngt
und in's Bewusstsein wieder zurckkehrt, nimmt dadurch selbst den
Anschein selbststndigen Lebens, inwohnender Beseelung an, lst
sich, indem er sich gegen den Vorstellenden auflehnt, vom Willen
desselben, also vom vorstellenden Subject ab und erscheint (nicht
als subjectiver, sondern) als objectiver, (nicht als beherrschter,
sondern) das Subject beherrschender, in sich selbst abgeschlossener
und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar) lebendiger Schein
oder als sthetisches Object.

115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein des
Lebens auftretende Schein ursprnglich schner Schein, dagegen
ein disharmonisches, wenn derselbe ein hsslicher Schein war. Der
sthetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels, ist als
sthetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt, als der
sthetische Schein, den wir als Bild eines Satans bezeichnen; weder
der eine noch der andere muss darum wirkliches Object d. i. beseelte
Wirklichkeit und reale Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz,
wenn sie mehr sein soll als ein Geschpf der Einbildungskraft, gehrt
vor das Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der
Lebendigkeit, die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie,
fllt als solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik.

116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der dramatischen Handlung
kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung des Scheins zur
sthetischen Erscheinung. Wie der ursprngliche Schein aus seiner
Verdunklung durch Ueberwindung der letztern wieder zum Vorschein,
so kommt der ursprngliche Thatbestand aus dessen eingetretener
Verdunklung durch deren Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der
seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge
seines Irrthums, dass er der Sohn des korinthischen Knigspaares sei,
weder das eine noch das andere Verbrechen verbt zu haben whnt, wird
durch die Macht der den trgerischen Wahn zerreissenden Verhltnisse
zur Klarheit ber sich selbst und zum Bewusstsein der thatschlichen
Lage d. i. der auf ihm lastenden tragischen Schuld gebracht. Der
Brudermord im dnischen Knigshause, welchen der ehebrecherische
und kronenruberische Mrder durch die schlaueste und knstlichste
Veranstaltung in den Schleier des tiefsten Geheimnisses zu hllen
verstanden hat, wird durch den berlegenen Scharfsinn des Prinzen,
der sich mit speculativem Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben,
sich in die Maske des Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre
Ausdauer unwiderstehlicher Zhigkeit an's Licht und in der Schlinge,
die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen. Der
ursprngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition --
die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie --
die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des ursprnglichen
Zustandes den Schluss, die Katastrophe der dramatischen Bewegung.

117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufllig, noch
willkrlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden
Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne
und unabhngig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des
Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende
Moment durch den vorhergehenden, wie die unabnderliche Wirkung aus den
gegebenen Ursachen herbeigefhrt. Die dramatische Handlung (und zwar
nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, "die tragische") steht
unter der Herrschaft des Causalittsgesetzes, nach welchem bestimmte
Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre
nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen mssen. Dieselbe gewinnt
dadurch als sthetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines
beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das
Thier, das Geschpf der Mutter Erde, von ihr losgelst, Leben und
selbststndige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische
Kunstwerk, Geschpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und
deren Trger, dem Dichter, losgelst, inneres Leben und selbststndige,
von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen.

118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen
Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton-
und bildenden Kunst) als sthetischem Object gelten. Jedes derselben,
wenn es fr ein solches gehalten werden will, muss den Schein
der Objectivitt d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen
Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schnheit des
beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt
(seelenlose Schnheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs
aufgehoben (seelenvolle Hsslichkeit; "la belle laidron"). Das wirklich
Beseelte hat daher vor dem sthetischen nur scheinbar Beseelten
zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese,
die ihrerseits fr den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht
kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit sthetisch ist,
so bedeutet jener Vorzug, sthetisch genommen, nichts und der schne
wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schn als
der blosse Schein schner Wirklichkeit. Es wre denn, man rechnete die
materielle Wirklichkeit des wirklichen Schnen zu dessen sthetischer
statt zu dessen physischer Natur und verstnde unter sthetischem
d. i. dem Genuss des schnen Scheins (wie der platte Realismus und
sthetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der
schnen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schnheit).

119. Mit der Betrachtung des berwiegend Identischen, so wie des
berwiegend Gegenstzlichen im theilweise Identischen ist die
Aufzhlung der sthetisch in Betracht kommenden mglichen Flle
zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschpft. Ein
ausschliessend Gegenstzliches, das nicht zugleich bis zu einem
gewissen Grade identisch wre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen,
also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff
fllt, Bestandtheile der sthetischen Vorstellungswelt ausmachen
knnen, in dieser nicht geben. Auch die am strksten entgegengesetzten
Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder
einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen
(wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind
nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der
nmlichen Gattung gehren, sondern sie werden einander berdies noch
durch das auszeichnende Merkmal nahegerckt, dass diese beiderseits
Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen
(der Riese eine Abweichung von der gewhnlichen Menschengrsse nach
oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die
Finsterniss das Minimum der gewhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den
hchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensitt des Tones)
darstellen. Obige Flle machen daher zusammengenommen mit derjenigen,
welche aus der Grsse oder Kleinheit des vorgestellten Objects
abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen
sthetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt
immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefllt oder missfllt.

120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die sthetische
Idee der (sthetischen) Vollkommenheit. Dieselbe besteht darin,
dass der sthetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als
was dessen Vorgestelltes betrifft, zum "Vollen kmmt" d. h. sowol das
erstere zu dem hchstmglichen Grade von Intensitt als das letztere zu
dem hchsten mit Rcksicht auf die Grenzen der Vorstellungsfhigkeit
des vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Grsse erhoben
wird. Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen
mit dem hchst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern
mglichst viel Vorstellen in krzester Zeit bethtigt wird, aber auch,
indem das Vorstellen selbst auf mglichst gesetzmssige und normale
Weise sich vollzieht. Letzteres geschieht, indem das Vorgestellte,
soweit dessen Natur es erheischt oder doch gestattet, in mglichster
Grsse, Reichthum, Flle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch
zwar nicht ber (wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an
die erlaubten Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe
schliesst sich ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet
ist, im ganzen Umkreis des das Bewusstsein ausfllenden Vorstellens
schwaches Vorstellen durch energisches, daher, da jede sinnliche
Vorstellung die unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede
bildliche die unbildliche an Lebhaftigkeit bertrifft, unsinnliche
durch sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den
eigentlichen Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im
Allgemeinen Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu
ersetzen, die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gemth
wirkende Nebenvorstellungen zu erhhen, mit einem Wort die gesammte
Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren. Resultat
dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner Bestandtheile
lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben, vollkommener
sthetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des Vollkommenen
d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen Begriffe
Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsmssigen zu verwechseln ist. Jener
gehrt dem Vorstellen, dieser dem Vorgestellten an; jener drckt aus,
dass vollkommen vorgestellt, dieser wrde ausdrcken, dass Vollkommenes
vorgestellt werde.

121. In Bezug auf das Vorgestellte drckt die Idee der Vollkommenheit
aus, dass caeteris paribus dasselbe wohlgeflliger sei, wenn es als
gross, als wenn es als klein vorgestellt wird. Der einschrnkende
Zusatz besagt, dass ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine
gewisse Grsse ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt
werden drfe, weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes
Vorgestelltes wre. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht
als gross, darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden,
als seine Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des
Grossen unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft,
die Grsse vorgestellter Objecte (Rume, Zeiten, Naturgegenstnde,
Helden und Gttergestalten) ber das Mass des Erfahrenen und
Wahrgenommenen, so wie des Natrlichen ins Unbestimmte, Schranken- und
Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja Widernatrliche zu erhhen und sich ohne
Rcksicht auf Mglichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung,
Hufung und Vervielfltigung von Raum-, Zeit- und Naturgrssen zu
ergtzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der Mrchen-
d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und Kindheitsvlkerphantasie,
z. B. bei den Indern, deren Imagination sich in der endlosen Anreihung
von Tausenden und aber Tausenden von Jahren und Meilen, sowie in der
Ausmalung der bernatrlichen Grsse ihrer Gtter- und Bssergestalten,
deren Haupt in die Wolken reicht, whrend ihr Fuss auf der Erde
wurzelt, durch deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab
ergiesst, die hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc.,
gefllt, oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit
dadurch zu schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden,
an dessen Gipfel alle hundert Jahre ein winziges Vgelchen dreimal
sein Schnbelchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein,
die erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen Gtter-
und Heldensagen kehrt die Vergrsserung der Leibesgestalt wieder,
aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch
und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn
seine natrliche Grsse wenigstens scheinbar zu vermehren.

122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der theilweisen, aber
berwiegenden und zwar derjenigen Identitt, bei welcher Einseitigkeit
der Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich
die sthetische Idee des Charakteristischen. Dieselbe besteht darin,
dass derjenige Theil des sthetischen Scheins, der als charakteristisch
bezeichnet wird, zu jenem, als dessen Charakteristik er angesehen
sein will, in dem Verhltnisse des Nachbildes zum Vorbilde, der
Nachahmung zum Nachgeahmten, der Copie zum Originale steht, so dass
alle wesentlichen Zge des letzteren sich an der ersteren wiederfinden
und beide einander ihrer Inhaltsbestimmtheit nach so hnlich werden,
als es, ohne dass beide aufhren zwei, und dahin gelangen ein
einziges zu sein, nur immer mglich ist. Das Wesen dieses sthetisch
Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne
Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das
Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein fr
eins von beiden gehaltenes ist, whrend bei dem ersteren das Vorbild
eben so gut ein erfundenes (als wahr oder wirklich nur fingirtes) sein
kann. Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge
soll, die Natur -- noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die
schne Natur nach; das Wohlgefllige der charakteristischen Nachahmung
ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der Schnheit des
Nachgeahmten unabhngig und beruht einzig und allein auf der Treue
der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur die Nachahmung
des Hsslichen, sondern diejenige Kunst, welche vornehmlich die Idee
des Charakteristischen zum Leitstern nimmt, whlt sogar dasselbe mit
Vorliebe, weil dadurch der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun,
Schnes, als schn darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das
Streben nach Treue der Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst
besteht, am energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker,
auf allen knstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe
treffend als solches bezeichnete "Bedeutende" als das makellose
Schne, Charakterdarsteller vorzugsweise "Charaktere" d. i. mit
hervorstechenden, die Kunst der Nachahmung herausfordernden Zgen
ausgestattete Individuen (Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet,
Othello, Mephistopheles u. A.) zum Gegenstande der Darstellung zu
whlen; unter den Helden Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt.

123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich ein Verfahren
an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen vorschwebenden
Theile, sondern im ganzen Umfange der sthetischen Vorstellungswelt
(des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo und was immer
vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen trachtet. Wenn die
Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der wirklichen Vorstellung
im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in dem besonderen Falle,
da das Vorzustellende ein usseres, ein Object der Aussenwelt ist,
als ussere (geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit
bezeichnet wird, so kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des
Scheins Uebereinstimmung zwischen Vorbild und Nachbild herrschen
zu machen, Streben nach innerer d. h. da das Vorbild auch ein
erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit heissen. Dasselbe geht
sonach nicht darauf aus, im Sinne der usseren Wahrheit wahr zu
sein d. h. einen usseren Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber
darauf, im Sinne derselben wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel
ob erfundenen oder erfahrenen) Gegenstand so treu nachzubilden, dass
diese Nachahmung, wenn jener Gegenstand ein usserer wre, im Sinne
der usseren Wahrheit wahr genannt werden msste. In diesem Sinne
der inneren, nicht in jenem der usseren Wahrheit hat Aristoteles'
Poetik die Tragdie philosophischer als die Geschichte genannt, weil
jene das Geschehende als Mgliches und daher aus innerlichen Grnden
Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes,
seinen inneren Grnden nach erst zu Errathendes darstellt; jene
sonach ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren
Ursachen d. h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren,
die Geschichte dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer
Darstellung mit der usseren Wirklichkeit sucht.

124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber
berwiegenden, und zwar derjenigen Identitt, welche in der
gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich
offenbart, ergibt die sthetische Idee des Harmonischen oder des
(sthetischen) Einklangs. Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des
Verhltnisses, indem es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso
von dem anderen abgebildet wird. Das Wesen des sthetischen Einklanges
unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch,
dass, whrend bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde,
nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes
Glied zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder
enthalten einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verknpft,
und ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander
gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten,
um desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das
Lustgefhl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den Exponenten
des harmonischen Verhltnisses dar und wird, wenn die im Einklang
befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die Vorstellung der
Sache, mit welcher eine andere, das andere die Vorstellung des Anderen,
das mit jener verglichen werden soll, ausmacht, der Vergleichungspunkt
(tertium comparationis) genannt. So bildet in der Metapher, die das
Kameel als Schiff der Wste bezeichnet, das Merkmal, dass beide,
Kameel wie Schiff, als Transportmittel durch eine unwirthbare Wste
benutzbar sind, das verknpfende -- dagegen das Merkmal, dass diese
Wste bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose
Wasserwste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem
die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder
eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in
Worten ausdrcken lassen, wird der Einklang selbst als musikalische,
Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die vorhandene,
aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht, blitzhnlich,
oder in gleichsam visionrer Intuition an den Tag tritt, als Witz
oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol innerhalb der Ton-,
Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen knnen) bezeichnet.

125. Geht die beiderseitige Identitt der Verhltnissglieder so
weit, dass beide sich nur durch die entgegengesetzte Lage im Raume
unterscheiden d. h. dass das eine rechts und links gleichweit
entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach oben gleichweit
ber, wie nach unten gleichweit unter einer idealen Ebene gedacht
wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder den blos rumlichen
Contrast (Contrapost) -- wenn dagegen der Gegensatz zwischen den
Verhltnissgliedern so gross, dass nur das Mass ihrer rumlichen
Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt oder einer gemeinsamen
Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im Raume aber gleichfalls
entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den nicht blos rumlichen,
sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast ber. Unter die erstere
fllt zum Beispiele die Anordnung gleicher Thrme in gleicher
Entfernung von der Mittelaxe der Kirche nach entgegengesetzten
Weltgegenden (wie z. B. beim Klner- oder beim Stephansdom). Unter
den letzteren fllt die Anordnung eines noch unverwundeten und eines
schon verschiedenen Sohnes in gleicher Entfernung von der Mittelaxe
der Gruppe nach entgegengesetzten Richtungen bei der Darstellung
des Laokoon. Beide knnen wie in rumlicher, so auch in zeitlicher
Anordnung, wenn an die Stelle des idealen Mittelpunktes im Raume ein
eben solcher in der Zeit, und statt der rumlichen Richtung nach rechts
und links, oben und unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und
nach der Zukunft hin eingefhrt wird, Anwendung finden. So kehrt in
der Tanzmusik nach der Coda die ursprngliche Melodie, im Ritornell
und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der
dramatischen Handlung Schrzung und Lsung vor und nach dem Knoten
symmetrisch auf.

126. An die sthetische Idee des Einklanges schliesst sich ein
Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des dem Bewusstsein
vorschwebenden Scheins durchzufhren d. h. welches nur solche
Bestandtheile in demselben zuzulassen bemht ist, die unter einander
nicht nur verwandt (homogen), sondern berwiegend identisch sind. Das
Resultat dieses Verfahrens ist die sthetische Einheit, welche je
nach der specifischen Natur des die sthetische Vorstellungswelt
ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als Einheit der
Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als malerische
(d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der Beleuchtungsquelle,
des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als bildnerische (d. i. Einheit
der Formenwelt: der schlanken, aufstrebenden und im Spitzbogen
sich wlbenden in der germanischen; der Quader, des Halbrund
und der flachgewlbten Kuppel in der rmischen; des horizontalen
Architravs, der Sule und des Giebels in der griechischen Baukunst
etc.), in der poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit
der Gemthsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an
welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische
(d. i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt.

127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung des Gegensatzes
ergibt die Idee der sthetischen Correctheit. Dieselbe besteht darin,
dass keine mit einander unvertrglichen Vorstellungen gleichzeitig
im Bewusstsein vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben
beseitigt sind. Jenes kann als natrliche, dieses als knstliche,
also nur auf Zeit und nur fr denjenigen, welcher den Gegensatz
beseitigt hat, bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die
Abwesenheit unvertrglicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar
Missfallen verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft,
so ist die Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit,
des Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv
beifllig sind, nur eine negative sthetische Idee, deren Verletzung
missfllt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig lsst. Dieselbe stellt
daher zwar die conditio sine qua non des unbedingt Beiflligen, fr
sich allein aber weder als natrliche, noch (und zwar noch weniger)
als knstliche ein Wohlgeflliges dar. Beispiel der natrlichen
Correctheit ist der natrliche, Beispiel der knstlichen dagegen
der sogenannte knstliche Anstand, von welchen der erstere auf der
Einhaltung der durch das natrliche Schicklichkeitsgefhl gebotenen
Grenzen, der letztere dagegen auf der ngstlichen Beobachtung der
conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft festgesetzten
Formen und Gebruche des geselligen Umganges beruht. Ein Beispiel aus
der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der natrlichen Correctheit,
welche im Drama Einheit der Handlung fordert, die dem franzsischen
Nationalgeschmack entsprungene knstliche Correctheit des classischen
Dramas der Franzosen, welche noch berdies die sogenannte Einheit
der Zeit und des Ortes erheischt. Whrend daher die natrliche
Correctheit eine allgemeine und nothwendige, drckt die knstliche
eine zufllige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters
beschrnkte Eigenschaft des sthetischen Scheines aus.

128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein Verfahren an,
welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter einander
unvertrglicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis der sthetischen
Vorstellungswelt durchzufhren. Ergebniss desselben ist die sthetische
Reinheit d. i. die Abwesenheit alles Strenden in der sthetischen
Vorstellungswelt, welche, wenn die durchzufhrende Correctheit eine
natrliche ist, selbst als solche, ist sie dagegen eine knstliche, als
knstliche Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit,
nur eine negative Eigenschaft des schnen Scheins, durch welche, wenn
sie eine natrliche ist, das Missfallen fr Alle, berall und auf
immer, wenn sie dagegen blos eine knstliche ist, nur fr diejenigen
nur an jenen Orten und nur fr so lange vermieden wird, fr welche,
an welchen und so lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das
sie begrndet ist, besteht. Beispiele der natrlichen Reinheit bietet
der natrliche, der knstlichen dagegen der knstlich festgesetzte
Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum Beispiele
in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der Herrschaft des
Dictionnaire de l'Acadmie in der franzsischen Literatur stattfindet.

129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung des Seins aus
dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt habenden Schein
ergibt die sthetische Idee der Ausgleichung. Dieselbe besteht darin,
dass die wirklich im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche,
sei es durch Zufall, sei es durch Absicht, aus dem Bewusstsein
verdrngt und durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt
worden sind, ohne, ja wider den Willen des Vorstellenden in das
Bewusstsein zurckkehren und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle
eingenommen haben, verscheuchen. Der durch die Unwillkrlichkeit ihres
Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabhngigkeit der Vorstellungen
vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst den gleichen
Anschein der Selbststndigkeit, inneren Lebens und Beseeltseins, so
dass die Bewegung der wieder auftauchenden Vorstellungen im Bewusstsein
nicht als eine durch den Vorstellenden hervorgerufene, sondern als
eine den Vorstellungen selbst innewohnende, als Selbstbewegung des
Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint d. h. das Geschpf des
Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Je nachdem die aus
ihrer Verdunklung wieder hergestellten Vorstellungen entgegengesetzt
oder harmonische waren, wird das Product des vollzogenen Ausgleiches
entweder das Dasein entgegengesetzter oder harmonischer Vorstellungen
d. h. der Ausgleich selbst entweder ein solcher mit disharmonischem
oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer schliesst zwar mit einer
offenen Dissonanz (wie ein Heine'sches Lied oder eine Chopin'sche
Phantasie), aber das Missfallen, welches der Geltung blossen Scheins
fr Sein anklebt, wenigstens ist vermieden. In letzterem Falle wird
nicht blos letzteres Missfallen unmglich gemacht, sondern die wieder
hergestellte ursprngliche Consonanz lsst den Process der Ausgleichung
in einen volltnenden Accord ausklingen.

130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der Ausgleichung keine
positive, unbedingten Beifall begrndende, sondern blos negative,
unbedingtes Missfallen verhtende Idee. Weder die Vermeidung des
Strenden, noch die Wiederherstellung des Ursprnglichen ist an und fr
sich beifalls-, aber die Gegenwart des Unertrglichen und der Bestand
der Lge fr Wahrheit sind an und fr sich verwerfenswerth. Beide
Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Schnes sein,
durch welche allein aber nichts zum Schnen werden kann.

131. An die sthetische Idee des Ausgleichs schliesst sich
ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen Umkreis des
sthetischen Scheins durchzufhren, allenthalben das Sein an die Stelle
des Scheins zu setzen und die ursprnglich gegebenen anstatt der fr
dieselben eingeschobenen Elemente der sthetischen Vorstellungswelt
wieder herzustellen bemht ist. Ergebniss desselben ist der durch
die gesammte Welt des sthetischen Scheins verbreitete Anschein
selbststndiger Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung,
Ablsung des Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die
sthetische Idee der Objectivitt als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit
des sthetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die Geschpfe
des vorstellenden Subjects als Geschpfe ihrer selbst d. i. als sich
selbst den Leib ihrer usseren Erscheinung, Bewegung und Handlung
bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die gesammte Welt des
sthetischen Scheins als beseelte Welt, das Kunstwerk der Phantasie wie
ein Naturwerk erscheinen zu lassen. Ausdruck dieses Strebens ist die
dramatische, nach der natrlichen Verkettung von Ursachen und Wirkungen
aus den gegebenen Charakteren und der gegebenen Situation mit innerer
Nothwendigkeit hervorspringende, scheinbar ohne Wissen und Willkr
des Dichters, wie "auf eigenen Fssen" einherschreitende dramatische
Handlung. Die aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar
lebendig wandelnden Gestalten gleichen den Steinen Deukalion's,
welche zu Menschen geworden sind.

132. Keine der angefhrten sthetischen Ideen ist das ganze Schne,
aber jede derselben bezeichnet ein Element des Schnen. Weder das
Grosse, noch das Charakteristische oder Harmonische, noch weniger
das Correcte oder das Ausgeglichene fr sich erschpft das Gebiet des
unbedingt Wohlgeflligen, aber jedes der drei ersten, die eben darum
die positiven Merkmale des Schnen ausmachen, stellt ein solches
dar; die beiden letzteren dienen demselben wenigstens als negative
Kriterien. Unter einander verglichen lassen die Eigenschaften der
Vollkommenheit, Wahrheit, Einheit und Reinheit als ruhendes, lsst
sich dagegen die Beseelung, Bewegung und Objectivitt als bewegtes
Schnes bezeichnen. Die Gesammtheit smmtlicher sthetischer Ideen
zu einem Totalbilde vereinigt prgt dem sthetischen Schein, wenn
derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang ist,
den Stempel der Schnheit, wenn derselbe von grsserem, ja von dem
grssten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung der einfachen
sthetischen Ideen mittels des sich an dieselben anschliessenden
Verfahrens: der Grsse zur Vollkommenheit, des Charakteristischen zur
Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der Correctheit zur Reinheit und
der Ausgleichung zur Objectivitt, die nie und nirgends erlschende
Marke der Classicitt auf.

133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der sthetischen
Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der sthetischen Idee der Vollkommenheit
steht die der Unvollkommenheit, der des Grossen die des Kleinen, jener
des Charakteristischen die des Charakterlosen, jener des Einklangs
die des Missklangs gegenber. Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete
gefllt, so missfllt das Kleine, Drftige und Zusammenhangslose. Wie
das sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Zgen wiedergebende
Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen
und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem
Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt
Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu
einem Harmonischen um dieser seiner dem Schnen dienenden Stellung
willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegenstze
des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missflligkeit des
gleichzeitig vorhandenen Unvertrglichen und der Geltung des Scheins
fr Sein selbst als unbedingt missfllig gekennzeichnet: Incorrectheit
und Trug erscheinen als unbedingt verwerflich.

134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich unbedingt
Missflligen, Unvertrglichen, in der Idee der Ausgleichung mit
harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das Ursprngliche und am
Schluss des Processes Wiederhergestellte ein Harmonisches ist und
der Eindruck dieses letzteren durch die vorangegangene Verdunklung,
durch dessen disharmonisches Gegentheil, wie die Erfahrung zeigt,
der auflsenden Consonanz durch die vorangegangene Dissonanz, des
neugeborenen Lichtes durch die vorhergegangene Finsterniss, auf das
vorstellende Subject, den Beschauer und Hrer, erhht und bestrkt
wird, so tritt in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht
wird, unbedingt auszuschliessende Missfllige (die Dissonanz, das
Nachtdunkel) in die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen,
welches als Selbstzweck nicht nur mglich, sondern gefordert ist,
vorbereitenden und frdernden Mittels zurck und wird um dieser seiner
dem Harmonischen ntzlichen Beschaffenheit willen nicht nur zugelassen,
sondern, um den schliesslichen Effect des Harmonischen auf jede
mgliche Weise und zu jedem erreichbaren Grade zu steigern, mit Wissen
und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von dieser Art ist der Gebrauch
der Dissonanzen in der Musik, des Licht- und Schattencontrastes, so
wie der Farbengegenstze in der Malerei, des tragischen d. i. das
Gerechtigkeitsgefhl beleidigenden Schicksalsverhngnisses in der
Tragdie, die Einfhrung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer
Schlagschatten, Bsewichter, Intriguanten) in die dramatische oder
epische Handlung etc.

135. Wie die Zusammenfassung der sthetischen Ideen das Schne,
jede derselben fr sich ein Schnes, so stellen die Gegenbilder
der einzelnen sthetischen Ideen jedes fr sich ein Hssliches, die
Zusammenfassung aller in einem Totalbilde das Hssliche dar. Werden
die Gegenbilder der einzelnen sthetischen Ideen durch ein dem
Verfahren bei den ersteren entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis
der sthetischen Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben
durchgngig statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der
Grsse Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt
der Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich
selbst beseelenden und tragenden Objectivitt gesetzlose Willkr
und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so wird,
wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicitt, so durch
diese demselben das Geprge der ungebundenen Individualitt d. i. des
romantischen Subjects, die formlose Form der Romantik aufgeprgt.

136. Mit der Aufstellung der sthetischen Ideen und ihrer Gegenbilder,
der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung fr jedes
Schaffen, das Schnes d. i. unbedingt Wohlgeflliges hervorbringen,
unbedingt Missflliges vermeiden will d. h. mit der Aufzhlung
der normalen und anormalen Formen, welche Normen des sthetischen
Vorstellens und knstlerischen Producirens sind, ist das Geschft
der Aesthetik als allgemeiner Wissenschaft vom Schnen vollendet.








DRITTES CAPITEL.

DIE ETHISCHEN IDEEN.


137. Wie die logischen Ideen die Normen, unter welchen Denken zum
Wissen, die sthetischen die Normen, unter welchen sthetischer Schein
zum Schnen, so stellen die ethischen Ideen die Bedingungen dar,
unter welchen Wollen zum Guten wird. Von Kant stammt der Ausspruch,
dass das einzige, was wahrhaft und in jeder Hinsicht gut genannt zu
werden verdiene, der gute Wille sei; welcher aber der gute d. h. unter
allen denkbaren Willen derjenige sei, der unbedingt d. h. allgemein
und nothwendig gefllt, sollen nachstehende Betrachtungen entwickeln.

138. Wie bei dem schnen wirklichen Gegenstande dasjenige, was ihn
zum schnen macht, nicht darin besteht, dass er Wirklichkeit, sondern
darin, dass er Schnheit besitzt, so kann bei dem guten wirklichen
Wollen der Grund, der es zum guten macht, nicht darin liegen, dass es
wirklich, sondern darin, dass es gut ist. Da nun der wirkliche schne
Gegenstand vor dem blos gedachten (d. i. dem Schein eines solchen)
nichts weiter voraus hat als eben die Wirklichkeit, und folglich der
Grund seiner Schnheit nicht in demjenigen gefunden werden kann,
was ihn vom Schein unterscheidet, sondern nur in demjenigen, was
auch diesem eigen ist, so kann auch die Ursache, um deren willen
der gute wirkliche Wille gelobt und dessen Gegentheil getadelt wird,
keine andere als eine solche sein, welche der wirkliche mit dem blos
gedachten (d. i. mit dem blossen Schein-) Willen gemein hat. Wie
aber dasjenige, was das schne Wirkliche mit dem schnen gedachten
Gegenstande gemein hat, nur beider Form, so kann auch dasjenige, was
dem guten Wirklichen mit dem blos gedachten guten Willen gemeinsam
ist, nur deren gemeinschaftliche Form, und der einzige wahre Grund,
um deswillen gutes wirkliches Wollen gut genannt zu werden verdient,
kann daher nicht in dessen Realitt, sondern nur in dessen (unbedingt
wohlgeflliger d. i. den Normen des unbedingt Wohlgeflligen
entsprechender) Form gefunden werden.

139. Wre das Gegentheil der Fall d. h. lge der Grund, warum gutes
wirkliches Wollen unbedingt gefllt, in Eigenschaften, welche von
dessen Wirklichkeit abhngen, so ergbe sich Folgendes: Jedes wirkliche
Wollen bringt einerseits als Wirkendes Wirkungen d. i. Folgen hervor
und ist andererseits entweder als Bewirktes die Wirkung eines anderen
Willens, oder als Selbstbewirktes die Wirkung seiner selbst, als
des eigenen Willens. Im ersten Falle ist es selbst als Wirkliches
die Ursache eines anderen Wirklichen; im zweiten Falle ist seine
Ursache der entweder gebietende oder der als Muster zur Nachahmung
reizende Wille eines Anderen; im letzten Falle ist es selbst seine
eigene Ursache.

140. Da jedes wirkliche Wollen ein Streben, ein solches aber nichts
anderes ist als das Aufstreben der Vorstellung des Erstrebten
im Bewusstsein gegen die Hemmnisse, welche bisher auf derselben
lasteten, so erzeugt jedes Wollen, welches etwas bewirkt d. h. eine
wirkliche Vernderung seiner bisherigen Lage hervorbringt, ebenso
unausbleiblicher Weise ein Lust- als im entgegengesetzten Fall, wenn
es nichts bewirkt, ein Unlustgefhl. Indem sich das erstere mit der
Vorstellung des im Wollen Erstrebten d. i. des Objectes des Wollens
verknpft, erscheint dieses letztere als ein Gut; indem das letztere
das gleiche thut, erscheint das Erstrebte als ein Uebel; jenes, weil
an dessen Vorstellung sich ein Lustgefhl geheftet, wird von da an
als ein Begehrens-, dieses, weil dessen Vorstellung fortan von einem
Unlustgefhl begleitet wird, als ein Verabscheuungswerthes angesehen,
die Gte des Wollens von dessen Richtung auf Gter, deren Gegentheil,
die Bosheit, von dessen Richtung auf Uebel abhngig gemacht. Die
Ethik als Wissenschaft von den Bedingungen des Guten nimmt die Gestalt
einer Gterlehre an.

141. Die Eigenschaft eines Objectes als eines Gutes oder Uebels
hngt ab von den die Vorstellung desselben begleitenden Lust- oder
Unlustgefhlen. Je nachdem diese letztern strker oder geringer, werden
hhere und niedere Gter und Uebel unterschieden. Durch den Umstand,
dass die Vorstellung des einen von dem hchsten Lust-, die Vorstellung
des anderen von dem hchsten Unlustgefhl unzertrennlich ist, wird das
hchste Gut vor dem grssten Uebel gekennzeichnet. Dass sich dabei
an die Vorstellung der Lust als solcher das hchste Lustgefhl,
an jene der Unlust das hchste Unlustgefhl und zwar nicht blos
in diesem und jenem, sondern in jedem Fall heften muss, in welchem
von Lust und Unlust als Ziel des Wollens die Rede ist, und dass in
Folge dessen kein Gegenstand geeigneter erscheint, als hchstes Gut
aufgestellt zu werden, als die Lust (Glckseligkeit, eudaimonia) und
keiner nher liegt, um als hchstes Uebel zu erscheinen, als die Unlust
(Unseligkeit, kakodaimonia) scheint eben so wenig befremdlich, als es
unbestimmt bleibt, ob unter jener Lust, die als Gut, und jener Unlust,
die als Uebel bezeichnet wird, jede beliebige ohne Unterschied, oder
irgend eine bestimmte, z. B. nur sinnliche oder nur geistige Lust,
nur eigene (Egoismus) oder nur fremde Glckseligkeit (Altruismus),
die Glckseligkeit eines Theiles oder die des Ganzen (allgemeines Wohl,
salus publica) verstanden werden solle.

142. Letzterem Mangel soll dadurch abgeholfen werden, dass diejenige
Lust, welche mit keinerlei Unlust gemischt, also rein erscheint,
der gemischten -- also diejenige, deren Folgen nicht einer solchen
vorgezogen wird, deren nachtrgliche Wirkungen von Unlust begleitet
sind. Aus diesem Grunde wurde von den Hedonikern und Epikurern die
sinnliche Lust als vorbergehende und flchtige der geistigen als der
dauer- und standhaften nachgesetzt, von Aristoteles das beschauliche
Leben des Denkers als das einzige wahren Genuss gewhrende hoch ber
das banausische Treiben der Sinnlichkeit erhoben. Dem Streben nach
eigener, selbstschtiger Glckseligkeit, in welchem die Einen (die
Encyklopdisten, Helvetius) das Ziel des Wollens erblickten, wird
von Anderen (Hume, Smith, Comte) das Streben nach fremder d. i. nach
der Glckseligkeit des Andern (autrui, Altruismus) entgegengestellt
d. h. das selbstlose und selbstverleugnende uneigenntzige dem
selbstschtigen eigenntzigen Wollen -- mit Recht, aber grundlos
d. h. ohne Angabe eines Grundes, warum das eine besser als das
andere sein solle -- vorgezogen. Eben so richtig, aber auch eben so
wenig motivirt ist der von Leibnitz u. A. hervorgehobene Vorrang der
allgemeinen vor der besondern oder gar individuellen Glckseligkeit,
in Folge dessen das Wohl des Ganzen jenem des Theiles, dieses
jenem des Einzelnen zwar (mit Recht) vorzuziehen, der Grund aber,
durch welchen diese Bevorzugung gerechtfertigt (und welcher, wie
spter gezeigt werden soll, ausschliesslich in der ursprnglichen
unbedingten Wohlgeflligkeit wohlwollender Gesinnung gelegen) ist,
eben so wenig anzutreffen ist.

143. Der andere Mangel, an dem jede Ethik als Gterlehre leidet,
aber kann auf keine Weise beseitigt werden. Dieselbe geht davon aus,
dass es Gter d. h. Objecte gebe, die begehrens-, und solche, die
verabscheuungswerth sind, und will durch die Angabe der ersteren,
wie durch die Ausscheidung der zweiten das gute d. h. auf Gter, von
dem bsen d. h. auf Uebel sich richtenden Wollen unterscheiden. Wenn
aber nach Obigem an jede Befriedigung des Wollens, gleichviel welches
dessen Object sei, ein Lustgefhl sich knpft und jedes Object, dessen
Vorstellung ein Lustgefhl begleitet, ein Gut darstellt, so folgt,
dass das Object jedes Wollens, gleichviel welches es sei, ein Gut --
und daher jedes Wollen ohne Unterschied, weil auf ein Gut gerichtet,
ein gutes, folglich der Unterschied zwischen gutem und nicht gutem
Wollen illusorisch sei. Folge der Ethik als Gterlehre wre daher,
entweder, dass jedes Wollen als Wollen gut (ethischer Optimismus), oder
dass kein Wollen besser als das andere (ethischer Indifferentismus),
oder dass kein Wollen gut (ethischer Pessimismus und Nihilismus),
oder, da jedes wirkliche Wollen aus dem Gefhl des Nichtbesitzes des
Gewollten d. i. aus einem Unlustgefhl hervorgeht, dass Nichtwollen
am besten sei (ethischer Quietismus). In keinem dieser Flle ist
Ethik als Wissenschaft mglich.

144. Wie das wirkliche Wollen als Wirkendes Ursache, so ist es als
Bewirktes Wirkung eines Wirklichen. Kann nun dasjenige, wodurch ein
Wollen bewirkt wird, nur wieder ein Wille sein, so ist nur zweierlei
mglich: entweder ist der bewirkende Wille ein fremder d. h. der eines
von jenem, der will, unterschiedenen, oder der eigene d. i. der eines
mit demjenigen, welcher will, identischen Individuums. In beiden
Fllen kann der Wille entweder als befehlender, das eigene Wollen
als Wirkung jenes Willens als gehorchendes, oder als vorbildender,
das eigene Wollen als nachahmendes auftreten. Im ersten Fall nimmt das
gute Wollen die Form des pflichtmssigen, die Ethik als Wissenschaft
die Gestalt einer Pflichtenlehre, im zweiten Fall das vorbildende
Wollen die Rolle eines Tugendmusters, die Ethik als Wissenschaft die
Form einer Tugendlehre an.

145. Grund der Gte des Wollens ist in der ersten die Beschaffenheit
des befehlenden Willens. Ist dieser selbst gut, so ist es auch
sein Gebot (die Pflicht) und folglich auch das diesem gemsse
d. i. pflichtgemsse Wollen. Ist er dagegen das Gegentheil, so
ist es auch sein Gebot und folglich das Wollen desto schlechter,
je pflichtgemsser es ist. Soll daher die Ethik die Form einer
Pflichtenlehre annehmen drfen, so muss zuerst ausgemacht sein,
dass der gesetzgebende Wille in der That der gute d. h. dass das
von ihm Gebotene niemals etwas anderes sein knne, als was des
Gebotenwerdens werth ist. Dieses aber kann weder einfach dadurch
erwiesen werden, dass dargethan wird, der gebietende Wille sei
der strkste, noch dadurch, dass zu erweisen versucht wird, er sei
entweder der gttliche oder berhaupt ein hherer (bermenschlicher,
bersinnlicher, berempirischer), sondern allein dadurch, dass
dargethan wird, er sei der gute d. h. sein Inhalt stimme mit
demjenigen berein, was den Inhalt des Guten d. h. des am Wollen
unbedingt Wohlgeflligen ausmacht. Erweis der Gte des Gebots durch
den Nachweis, dass der gebietende Wille der strkste d. h. strker
als der gehorchende und folglich denselben zu zwingen vermgend sei,
wrde das Faustrecht d. h. das angebliche Recht des Strkeren bedeuten
d. i. den Grundsatz: dass dasjenige, was die Macht will, gut, nicht
aber, dass nur die Macht, die das Gute will, diejenige sei, der
man zum Gehorsam verpflichtet ist. Das zweite wrde das Vorangehen
des Beweises erfordern, dass der Gesetzgeber, als dessen Gesetz das
gebotene Wollen sich kundgibt, wirklich Gott d. h. nicht blos ein
angeblicher, sondern der wirkliche Gott d. h. ein solcher sei, zu
dessen Eigenschaften es naturnothwendig gehrt, nur das Gute d. i. das
sein Sollende, zu wollen. Da nun dieser Beweis nicht erbracht werden
kann, ohne das Gute d. i. das unbedingt Wohlgefllige am Wollen zu
kennen, auf dessen Uebereinstimmung mit dem angeblich gttlichen Gebot
eben die Anerkennung des letzteren als eines gttlichen beruht, so
setzt die Ethik als theologische d. i. das Gute auf das Gebot Gottes
zurckfhrende Wissenschaft, die Kenntniss des Guten als gewonnen
voraus, statt dieselbe zu gewhren. Wird jedoch der gesetzgebende
Wille statt in einen Andern, in das Innere des Wollenden selbst,
gleichsam als ein hherer, berempirischer in das menschliche,
empirische Individuum verlegt, so dass der Mensch gleichsam als ein
aus zwei Elementen, einem berempirischen und einem empirischen,
zusammengesetztes Doppelwesen erscheint, deren eines zum Befehlen,
das andere zum Gehorchen bestimmt ist, so kehrt dieselbe Schwierigkeit
wieder d. h. es muss neuerdings dargethan werden, dass der sich im
Menschen als der hhere geberdende Wille ("der Gott in uns") wirklich
den Anspruch besitze und nicht blos mache, als solcher anerkannt,
und dessen Gesetz die Berechtigung habe, nicht blos, weil es sein,
sondern weil es ein gutes Gesetz ist, Gehorsam zu fordern.

146. Selbst Kant's souverner kategorischer Imperativ hat der
Verpflichtung, als gutes d. i. Gehorsam zu fordern berechtigtes Gebot
sich zu legitimiren, sich nicht zu entziehen vermocht. Freilich
thut er dasselbe nicht durch den Erweis, dass der Inhalt seines
Gebotes der gute, sondern dadurch, dass das Gegentheil desselben in
sich widersprechend sei. Der von ihm aufgestellte Satz: Handle so,
dass die Maxime deines Wollens fhig sei, als allgemeines Gesetz zu
dienen, soll nicht den Inhalt des Guten, sondern ein Kennzeichen
darbieten, denselben zu erkennen. Die Fhigkeit einer Maxime,
allgemein als Gesetz aufgestellt zu werden, verrth sich darin, dass
das Gegentheil derselben, als allgemeines Gesetz gedacht, sich selbst
widerspricht. Kant's Kriterium des Guten ist logisch, nicht ethisch.

147. Aber das Beispiel, das er gibt, fhrt nicht einmal zum
Widerspruch. Kant erweist die Pflicht, anvertraute Gter zurckzugeben,
auf die Weise, dass er bemerkt, im entgegengesetzten Fall wrde es
keine anvertrauten Gter mehr geben. Allein die der Maxime, anvertraute
Gter zurckzustellen, entgegengesetzte Maxime, anvertraute Gter
nicht zurckzustellen, wrde nur dann auf einen Widerspruch fhren,
wenn sie verlangte, obgleich keine anvertrauten Gter vorhanden seien,
dennoch dergleichen zurckzustellen. Dieselbe fhrt jedoch auf keinen
Widerspruch, wenn sie, wie sie es wirklich thut, verlangt, anvertraute
Gter, wenn dergleichen vorhanden sind, nicht zurckzustellen.

148. Kant geht von dem richtigen Satze aus, dass jedes gute Gebot
allgemein giltig und schliesst daraus umgekehrt, dass jedes allgemein
giltige Gebot nothwendig gut sei. Er erweist daher statt, wie er
sollte, die Folge aus dem Grund, umgekehrt, wie er nicht durfte, den
Grund aus der Folge. Allgemein giltige Gebote sind nothwendig gute,
aber nicht alles, was allgemein gilt d. h. dessen Gegentheil auf
einen Widerspruch fhrt (wie z. B. mathematische Wahrheiten) ist ein
ethisches Gebot. In der krzeren Form, welche Kant seinem obersten
Sittengesetze gibt: folge der praktischen Vernunft d. i. thue, was
du sollst, wird die leere Tautologie, in die sich der kategorische
Imperativ verwickelt, noch aufflliger. Denn da die Vernunft nichts
anderes ist als die Stimme des Sollens, so bedeutet jenes Gebot:
du sollst, was du sollst -- einen identischen Satz.

149. Der kategorische Imperativ oder die sogenannte praktische Vernunft
im Wollenden nimmt in Bezug auf den Inhalt ihres Gebots dem an sich
Guten gegenber keine andere Stellung ein, als Gott und die sogenannte
gttliche Gesetzgebung ausserhalb des Wollenden. Wie die letztere,
um den angeblichen von dem wahren (d. i. eines Gottes wrdigen) Willen
Gottes unterscheiden zu knnen, nach den Worten des Thomas von Aquin:
non ideo bonum est, quia deus prcepit, sed ideo deus prcepit, quia
bonum est, der Rechtfertigung durch Uebereinstimmung ihres Inhalts
mit jenem des an sich Guten (d. i. des unbedingt Wohlgeflligen am
Wollen) bedarf, so muss, um den Ausspruch der wahren von dem einer
blos vermeintlichen gebietenden Vernunft unterscheiden zu knnen,
der Inhalt desselben an dem Massstab einer andern, der ber Werth und
Unwerth des Wollens unbedingt entscheidenden urtheilenden Vernunft
geprft und durch diese entweder besttigt oder verworfen werden.

150. Wie in der Pflichtenlehre der Grund der Gte des gehorchenden in
jener des befehlenden Willens, so liegt in der Ethik als Tugendlehre
der Grund der Gte des nachahmenden in jener des nachgeahmten
Willens. Dieselbe stellt, wie die stoische Moral in der Person des
stoischen Weisen, wie Aristoteles in seinem "gerechten Mann" (orthos
anr) ein ethisches Ideal, das Bild einer vollendeten oder doch
fr vollendet ausgegebenen idealen Persnlichkeit als Tugendmuster
d. i. als nachahmungswerthes Vorbild auf, durch dessen Nachahmung
das Wollen des Nachahmenden selbst tugendhaft, Mustertugend wird,
aus keinem andern Grunde, als weil und insofern es dem Wollen
des Tugendmusters gleicht. Ethik als Tugendlehre ist daher zwar
vorschreibend, insofern sie ein Vorbild zur Nachahmung aufstellt,
aber zugleich blos beschreibend, indem sie das Wesen des Tugendmusters
ausmalt. Die stoische Moral begngte sich nicht damit, auf das Ideal
des Weisen als Muster hinzudeuten, sondern entwarf ein Charaktergemlde
desselben und seines Verhaltens in allen denkbaren Lebenslagen als
musterhaft. Die Ethik als Tugendlehre verfhrt weder imperativ, noch
deducirend, sondern demonstrirend d. i. auf ein gegebenes, sei es
historisch in der Wirklichkeit, sei es poetisch in der idealen Welt,
Vorhandenes hinweisend und dasselbe ein- fr allemal als ethische
Autoritt d. i. als den schlechthinigen Ausdruck des an sich Guten
proclamirend. Wie Max von Wallenstein sagt: "Auf ihn nur braucht' ich
zu schau'n und war des rechten Pfad's gewiss" -- so zeigt die Ethik
als Tugendlehre auf jede Frage nach dem Guten, statt aller Antwort
auf den Guten hin, in dessen jeweiligem Wollen dasselbe verkrpert sei.

151. Soll dessen ethische Autoritt nicht blos "auf Autoritt"
hin, das Ideal des stoischen Weisen nicht blos auf das Zeugniss
der Stoiker, der orthos anr nicht blos auf jenes des Aristoteles
hin als Tugendmuster gelten, so muss die Berechtigung derselben,
ideal d. i. absolut wohlgeflliges Vorbild zu sein, wissenschaftlich
d. i. durch Uebereinstimmung ihres Wollens mit dem an sich Guten
(d. i. dem unbedingt Wohlgeflligen am Wollen) vorher erwiesen
werden. Weil aber dieser Erweis die Kenntniss des Guten bedingt, das
gute Wollen nicht deshalb gut, weil es das Wollen des Guten (Mannes),
sondern der Gute deshalb gut ist, weil er das Gute will, so setzt
Ethik als Tugendlehre, statt selbst Wissenschaft des Guten zu sein,
vielmehr diese d. i. die Wissenschaft der Normen, nach welchen das
Wollen unbedingt gefllt oder missfllt, die sthetische Wissenschaft
vom Wollen, die Willenssthetik voraus.

152. Gter-, Pflichten- und Tugendlehre als Formen der Ethik sind damit
gleichmssig abgelehnt. Die Eigenschaften des Wollens, welche dasselbe
zum guten machen, gehren nicht, wie bei jenen, dem wirklichen, sondern
ausschliesslich dem gedachten Wollen d. i. der blossen Vorstellung
eines solchen, dem Schein eines Wollens an. Wie sthetischer Schein
berhaupt weder dadurch, dass etwas durch denselben hindurchscheint,
noch dadurch gefllt, dass er einem gewissen Subjecte scheint, sondern
allein dadurch, dass er gewisse unbedingt wohlgefllige Formen an
sich trgt, so gefllt das Bild eines Wollens weder dadurch, dass
dieses bestimmte Folgen nach sich zieht (wie in der Gterlehre),
noch dadurch, dass dieses das, sei es gebietende oder als Muster
vorgestellte Wollen eines Andern nachahmt (wie in der Pflichten-
und Tugendlehre), sondern allein dadurch, dass das Wollen gewisse
unbedingt wohlgefllige Formen an sich trgt. Die Aufstellung dieser
letzteren ist die Aufgabe der Ethik als Aesthetik des Wollens.

153. Zieht man von dem guten wirklichen Wollen die ussere Hlle
der Wirklichkeit ab, so bleibt der Gedanke, das Bild oder die
Vorstellung dieses Wollens allein brig. Dieses Bild wird als
Vorgestelltes nicht nur mit einem gewissen Grade von Intensitt
vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird in diesem
als Wollen von einem bestimmten hheren oder niederen Intensittsgrad
vorgestellt. Dasselbe wird ferner nicht blos in Beziehungen und
Verhltnissen (der Gleichheit, Ungleichheit, der Identitt oder des
Gegensatzes) zu anderen hnlichen oder unhnlichen Willensbildern
vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird selbst
als in Beziehungen und Verhltnissen (der Uebereinstimmung oder
des Widerstreits) zu anderem, sei es Wollen, sei es Vorstellen,
stehend vorgestellt. Jenes ergibt einen quantitativen, dieses einen
qualitativen Gesichtspunkt zur Beurtheilung des Wollens.

154. Ersterer betrifft das Wie, letzterer das Was des vorgestellten
Wollens. Dasselbe wird von jenem aus entweder als stark, oder als
schwach, als reich und mannigfaltig, oder als drftig und einfrmig,
als wohlgeordnet und in sich zusammenhngend, oder als ordnungslos
und in sich zerrissen vorgestellt, und nach der sthetischen
Idee der Vollkommenheit dem starken, reichen, zusammenhngenden
vor dem schwachen, armen und zusammenhanglosen Wollen der Vorzug
gegeben. Von diesem aus wird dasselbe entweder als mit einem anderen
Wollen (z. B. dem eines Andern) ganz oder theilweise identisch oder
demselben entgegengesetzt vorgestellt und nach der sthetischen
Idee des Einklangs im ersteren Falle mit Lob, in letzterem mit Tadel
begleitet. Die Entwicklung und Aufzhlung aller sowol vom quantitativen
als vom qualitativen Gesichtspunkt aus mglichen Flle ergibt die
ethischen Ideen.

155. Diese Flle sind folgende. Jedes Wollen als solches besitzt eine
Energie, mit welcher, und einen Inhalt, welcher gewollt wird. Wird
die erstere d. i. das Quantum des Wollens, ohne Rcksicht auf den
letzteren, das Quale des Wollens, allein ins Auge gefasst, so ergibt
sich der quantitative, findet das Gegentheil statt, der qualitative
Gesichtspunkt seiner Beurtheilung. Weil jede Bethtigung des Wollens
als eines Ueberwindens entgegenstehender Hemmnisse von Lustgefhl
begleitet ist und sich dasselbe in gleichem Grade steigert, als das
aufgewendete Quantum der Wollensbethtigung wchst, so muss mit der
Vorstellung des grsseren Quantums von Wollensbethtigung nothwendig
ein grsseres, mit der Vorstellung eines mit dem ersteren verglichen
kleineren Wollensquantums eben so nothwendig ein geringerer Grad von
Lustgefhl verbunden sein d. h. das strkere Wollen gefllt neben dem
schwcheren, das schwchere missfllt neben dem strkeren. Dieser
Erfolg besteht so lange, als das proportionale Verhltniss
zwischen den beiden unter einander verglichenen Wollensquantitten
dasselbe bleibt. Ob die beiden unter einander ihrer relativen
Strke nach verglichenen Wollen als einem und demselben oder als
verschiedenen wollenden Wesen angehrig gedacht werden, macht dann
keinen Unterschied. Wchst das kleinere Wollensquantum, oder nimmt
das grssere ab, so dass schliesslich beide den gleichen Grad von
Strke besitzen, oder bei fortwhrendem Wachsen des kleineren oder
Abnehmen des grsseren das schwchere zum strkeren, das strkere zum
schwcheren Wollen wird, so hrt in dem einen Fall, da beide gleich
stark geworden sind, jeder Vorzug des einen vor dem andern auf,
in dem andern Fall, da das schwchere zum strkeren geworden ist,
kehrt sich das Verhltniss um, das vorher wohlgefllige missfllt,
das vorher missfllige wird wohlgefllig. In beiden Fllen stellt das
strkere den Massstab des schwcheren, jenes gleichsam das "Volle"
dar, zu welchem dieses erst "kommen" soll.

156. Wird das Quantum des Wollens hierbei als ber jedes erreichbare
Mass hinaus fortschreitend vorgestellt, so geht die Vorstellung des
starken in die des durch seine Strke erhabenen Wollens d. i. eines
solchen ber, im Vergleich mit welchem jede dem Vorstellenden
selbst als Wollendem erreichbare Strke seines Wollens in nichts
verschwindet. Das in diesem Fall vorgestellte Wollen erscheint mit
dem des Vorstellenden selbst verglichen unendlich (d. h. ber jede
diesem vorstellbare Grenze hinaus) gross; das eigene Wollen des
Vorstellenden diesem mit jenem verglichen unendlich (d. h. ber
jede von diesem vorstellbare Grenze hinaus) klein. Letzterer
Umstand ruft in dem Vorstellenden das unangenehme Gefhl seiner
Schwche als wollendes, dagegen das Bewusstsein, einen dem seinen
unendlich berlegenen Willen zwar nicht im Wollen erreichen, aber
doch wenigstens mit seiner vorstellenden Kraft vorstellen zu knnen,
das angenehme Gefhl der eigenen Strke als vorstellendes Wesen hervor,
so dass beide, dieses Lust- und jenes Unlustgefhl zusammen, jenem ber
alles Mass hinaus gesteigerten Wollen gegenber wieder das gemischte
Gefhl des Erhabenen erzeugen. Letzteres mag, da es ein Wollen ist,
zum Unterschied von dem im Vorangehenden erwhnten, welches nur auf
der Ueberschreitung der Grenze des Vorstellbaren beruhte, mit einem
Kant'schen Ausdruck das dynamisch Erhabene heissen.

157. Wird, wie oben vom Quale, so vom Quantum des vorgestellten Wollens
ab und nur auf das Was desselben gesehen, so ergeben sich, da in Bezug
auf den Umstand, dass berhaupt etwas gewollt wird, ein Wollen dem
andern gleicht, in Bezug auf dasjenige, welches gewollt wird, aber,
weil jede beliebige Vorstellung Sitz eines Wollens werden kann, eine
so unendliche Mannigfaltigkeit stattfindet, dass von einer Aufzhlung
oder Vergleichung derselben unter einander keine Rede sein kann,
nur nachstehende Flle. Das vorgestellte Wollen wird entweder auf den
Wollenden selbst oder auf einen anderen Wollenden bezogen, letzterer
aber entweder als blos in der Vorstellung des ersten vorhanden, oder
als wirklich vorhanden vorgestellt. Findet das erste statt d. h. wird
das Wollen des Wollenden auf den Wollenden selbst bezogen, so muss
etwas in diesem als vorhanden vorgestellt werden, was sich mit dessen
Wollen vergleichen lsst. Wird dagegen das Wollen auf einen Anderen
bezogen, so muss in diesem etwas vorhanden gedacht werden, das sich
mit dem Wollen jenes ersten vergleichen lsst. Dasjenige im Wollenden,
mit dem sich sein Wollen vergleichen lsst, kann nun nichts anderes
sein, als das Bild dieses Wollens d. h. die Vorstellung, die er sich
selbst von seinem Wollen macht. Dasjenige im Andern, womit das Wollen
des ersten verglichen wird, seinerseits kann wieder nur ein Wollen,
und zwar entweder als blos gedachtes d. i. nur in der Vorstellung des
ersten vorhandenes, oder als wirkliches, thatschlich existirendes
im zweiten sein.

158. Das Bild, das sich der Wollende von seinem eigenen Wollen macht,
gehrt dessen Vorstellen (dem Intellect), das Wollen selbst, von dem er
ein Bild sich macht, dessen mit der Vorstellung der Erreichbarkeit des
Angestrebten verbundenem Streben (dem Willen) an: beide, das Bild des
Wollens im Intellect und das wirkliche Wollen des Willens des Wollenden
verhalten sich zu einander, wie Vorbild und Nachbild, Original und
Copie; der Intellect entwirft das Bild eines gewissen mglichen Wollens
(Willensproject), der Wille fhrt es aus oder auch nicht im wirklichen
Wollen (Willensact). Im ersten Fall trgt das wirkliche Wollen die Zge
des gedachten d. h. dasselbe ahmt das letztere nach; im letzteren Fall
fallen Willensproject und Willensact, auf ihren Inhalt hin angesehen,
gnzlich aus einander, gedachtes und wirkliches Wollen decken einander
nicht. Beide Flle, die auf der einseitigen Identitt des gedachten
und des wirklichen Wollens beruhen, wiederholen die sthetische Idee
des Charakteristischen auf dem Gebiete des Wollens.

159. Wie jene allgemein darin besteht, dass sich der gesammte Inhalt
des Nachbildes am Vorbilde, dagegen nicht alles, was letzterem
eigen ist, an dem ersten findet, so besteht das Verhltniss zwischen
gedachtem und wirklichem Wollen darin, dass der gesammte Inhalt des
wirklichen sich in dem Inhalt des gedachten, nur mit dem Unterschied
vorfindet, dass er das einemal nur als Gedanke (Vorstellung, Bild,
ideal), das anderemal als Wollen (wirklich, real) vorhanden ist. Wie
unter der Herrschaft der Idee des Charakteristischen Original
und Portrait einander so nahe kommen, dass nur der Umstand, dass
das eine ein wirklich, das andere ein nur scheinbar belebtes ist,
sie von einander scheidet, so kommen im vorliegenden Verhltniss
gedachtes und wirkliches Wollen mit einander so vollkommen berein,
dass nur der Umstand, dass das eine als wirklich nur gedachtes, das
andere ein Gedachtes verwirklichendes Wollen ist, sie trennt. Der
unbedingte Beifall, welcher die erstere, die Harmonie zwischen
Vorbild und Nachbild, begleitet, kann daher auch dem letzteren,
welches die Harmonie zwischen gedachtem und wirklichem Wollen des
Wollenden ausdrckt, eben so wenig fehlen, wie dessen Gegentheil,
der Disharmonie zwischen beiden, das unbedingte Missfallen.

160. Wie die Beziehung zwischen gedachtem und wirklichem Wollen im
Wollenden selbst auf der einseitigen, so beruht jene zwischen dem
wirklichen Wollen des Wollenden und seiner Vorstellung vom Wollen
eines Andern auf jenem der gegenseitigen Identitt. Beide Flle
haben das mit einander gemein, dass beide Glieder, deren Beziehung
unter einander das Verhltniss ausmacht, dem Bewusstsein eines
und des nmlichen Individuums (des Wollenden) angehren; ferner,
dass diese Glieder jedesmal je ein gedachtes und ein wirkliches
Wollen sind; der Gegensatz beider Flle aber besteht darin, dass
das gedachte Wollen, auf welches das wirkliche Wollen sich bezieht,
in dem einen Fall als das eigene des Wollenden, in dem anderen als
das eines Anderen gedacht wird. Wie nun im ersten Fall das gedachte
eigene zum Vorbild des eigenen wirklichen Wollens, so wird in dem
hier vorliegenden Falle das gedachte fremde zum Vorbild des eigenen
wirklichen Wollens. In jenem Fall wird das Bild des eigenen Wollens, in
diesem das Bild des fremden Wollens vom Wollenden nachgeahmt, so dass
in jenem Harmonie zwischen gedachtem eigenem und eigenem wirklichem,
in diesem dagegen Harmonie zwischen gedachtem fremdem und wirklichem
eigenem Wollen stattfindet. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches
Wollen werden dabei ihrem Inhalt nach congruent, dem Umstand nach,
dass das eine blos gedacht, das andere wirklich, das eine eigenes,
das andere fremdes Wollen ist, als gegenstzlich vorausgesetzt; jedes
der beiden Verhltnissglieder hat durch die Identitt des Inhalts
etwas, und zwar ein Ueberwiegendes mit dem andern gemein und jedes
etwas, wenngleich nichts berwiegendes, das eine die Eigenschaft,
dass es eigenes und wirkliches, das andere die entgegengesetzte,
dass es gedachtes und fremdes Wollen ist, vor dem anderen voraus.

161. Dass in diesem Willensverhltniss die sthetische Idee des
Einklangs auf ethischem Felde wiederkehrt, braucht kaum erst
hervorgehoben zu werden. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches
Wollen verhalten sich zu einander wie die berwiegend identischen,
obgleich jedes dem andern theilweise entgegengesetzten Glieder einer
Ton-, Farben- oder Gedankenharmonie. Wie dieser auf sthetischem,
so kann jenem Willensverhltniss auf ethischem Gebiet das unbedingte
Lob eben so wenig ausbleiben, wie seinem Gegentheil, der Disharmonie
zwischen gedachtem fremdem und eigenem wirklichem Wollen der unbedingte
Tadel.

162. Schon hier mag erwhnt sein, dass der Einklang des eigenen
wirklichen mit dem gedachten fremden Wollen nicht mit der inhaltlichen
Uebereinstimmung des eigenen mit fremdem Lust- oder Unlustgefhl,
wie sie in den bekannten psychischen Phnomen des sogenannten
Mitgefhls zu Tage tritt, verwechselt werden drfe. Jener drckt
eine Beziehung eigenen Wollens auf fremdes, dieses zwar gleichfalls
eine Beziehung eigener auf fremde Gemthszustnde, jedoch nicht eine
solche des Wollens, sondern des Fhlens aus. Das sympathetische Gefhl
ist die Wiederholung eines fremden oder die Entstehung eines jenem
entgegengesetzten Gefhls im eigenen Gemth, obiges Willensverhltniss
dagegen die Wiederholung eines dem fremden gleichen oder die Entstehung
eines jenem entgegengesetzten Wollens im eigenen Willen. Jenes ist
bei dem Mitleid und der Mitfreude, wo das Leid des Andern Leid, die
Lust des Andern Lust in uns hervorruft, einerseits -- bei Neid und
Schadenfreude, wo die Lust des Andern Leid und das Leid des Andern
Lust in uns nach sich zieht, andererseits der Fall. Dieses ereignet
sich, wenn ein (wirklich oder vermeintlich) vorhandener Wunsch oder
Wille eines Andern Veranlassung wird, unsererseits dasselbe, oder
zum Grund fr uns wird, das ihm Entgegengesetzte zu wollen.

163. Das sympathetische Gefhl, welches durch Nachahmung der Gefhle
eines Andern und obiges Willensverhltniss, welches durch Nachahmung
der Wnsche eines Andern von unserer Seite entsteht, haben nichts
weiter mit einander gemein, als dass in beiden Fllen der Andere
durch seine inneren Vorgnge Ursache wird gewisser Vorgnge in uns,
mit dem bedeutsamen Unterschied, dass bei dem sympathetischen Gefhl,
auch wenn die nachgeahmten Gemthszustnde nicht wirklich vorhanden
sind, doch gewisse Zeichen, welche als Aeusserungen derselben gelten
knnen (z. B. Thrnen als Zeichen des Leides, Lachen als solches der
Freude) wirklich wahrgenommen (also wenn jener Gemthszustand nicht
wirklich vorhanden ist, knstlich, wie es beim Schauspieler der Fall
ist, erzeugt) werden mssen, dass also der Andere jedenfalls wirklich
vorhanden sein muss; whrend bei obigem Willensverhltniss das Wollen
des Andern blos gedacht, daher eben so wie dieser Andere selbst nur
in der Vorstellung des Wollenden als dessen Gedanke (Imagination)
zu existiren nthig hat.

164. Ein neues Willensverhltniss entsteht, wenn das Wollen des
Andern, auf welches das des Wollenden bezogen wird, nicht blos
gedacht d. h. nur als Gedanke im Wollenden vorhanden, sondern wirklich
d. h. unabhngig von dessen Gedacht- oder Nichtgedachtwerden neben und
ausser dem Wollenden vorhanden ist. In diesem Fall muss, da wirkliches
Wollen nicht ohne wollendes Subject als Trger desselben gedacht werden
kann, jener Andere selbst als Wollender neben und ausser dem ersten
Wollenden als wollendes Du neben dem wollenden Ich als existirend
gedacht werden. Das Willensverhltniss, welches bisher nur in einer
Beziehung, sei es des eigenen gedachten zum eigenen wirklichen,
sei es des wirklichen eigenen zum fremden gedachten Wollen, sonach
innerhalb des Bewusstseins eines einzigen Wollenden bestand, erweitert
sich durch die Beziehung des wirklichen eigenen zu fremdem wirklichem
Wollen ber die Sphre des individuellen Bewusstseins hinaus zu einer
Beziehung, welche zwischen zwei verschiedenen Wollenden angehrigen
Wollen d. i. zu einem solchen, welches zwischen zwei verschiedenen
Individuen besteht und daher nicht ohne Hinaustreten des einen wie
des andern der beiden auf einander zu beziehenden wirklichen Wollen
ber die Grenze der Innen- in die Atmosphre der Aussenwelt gedacht
werden kann. Dass diese letztere hiebei fr beide eine gemeinsame
sein muss, leuchtet von selbst ein. Wre sie es nicht d. h. wre die
Welt, in welche das Wollen des einen, von der Welt, in welche das
des andern hinaustritt d. i. sich ussert, in der Weise verschieden,
dass, was in der einen geschieht, in keiner Weise zu jenem, was in der
andern vor sich geht, eine Beziehung zu haben vermchte, so knnte
auch zwischen dem Wollen des einen (des Ich) und jenem des andern
(des Du) als gnzlich ausser einander gelegenen Welten angehrig,
keine solche bestehen, und das Willensverhltniss, von dem hier die
Rede, wre einfach unmglich.

165. Dadurch, dass die Aeusserungen beider wirklicher Wollen in
eine beiden gemeinsame Aussenwelt fallen, ist nur die Mglichkeit,
keineswegs die Wirklichkeit einer Beziehung zwischen denselben
hergestellt. So lange die beiderseitigen Willensusserungen neben,
aber auch ausser einander herlaufen knnen, ohne dass eine der andern
auf ihrem Wege begegnet, mgen sie beide zwar ihrem Inhalt nach
d. h. in Gedanken und als gedachte Willensbestrebungen mit einander
verglichen werden; zwischen beiden als wirklichen d. i. als wirkenden
Wollen besteht, so lange keiner derselben auf den andern wirkt,
kein wirkliches Verhltniss.

166. Letzteres tritt erst ein, wenn die eine Willensusserung auf
die andere trifft, und zwar in der Weise, dass dieselbe weder durch
die andere, noch diese durch jene hindurchgehen kann, ohne einander
zu stren, sondern dass die eine die andere und diese jene in ihrem
Fortschreiten hemmt d. h. dass beide, als gleichzeitig bestehend
gedacht, mit einander unvertrglich sind. Beide Willensusserungen
stehen sodann unter einander in einem Verhltniss, welches dem der
gegenseitigen Ausschliessung des seinem Inhalt nach berwiegend
Entgegengesetzten entspricht und, wie dieses einen Conflict zwischen
mit einander unvertrglichen Vorstellungen im Denken, so einen
solchen zwischen mit einander unvertrglichen Wirklichen im Sein
darstellt. Jene als einander ausschliessende Gedanken knnen nicht
mit einander zugleich gedacht, diese als einander ausschliessende
Krfte knnen nicht als mit einander zugleich bestehend ertragen
werden. Ausdruck dieses Conflicts ist der Streit beider Wollenden.

167. Willensacte (volitiones) sind "Gedanken, die leicht bei einander
wohnen"; Willensusserungen (actiones) sind "Sachen, die sich hart
im Raume stossen". Jene, auch wenn sie dem Inhalt nach einander
ausschliessen, berschreiten die Grenze des Bewusstseins ihres Trgers
nicht; diese, auch wenn sie dem Inhalt nach mit einander vertrglich
sind, gehen ber dieses hinaus und treten als Vernderungen in der
Aussenwelt d. i. als Verschiebungen der bisherigen Lage der Dinge in
der letzteren auf. Auch wenn die Willensusserung in nichts anderem
besteht als in einem Ausruf, einem gesprochenen Wort, einer Miene,
einer Gliederbewegung des eigenen Leibes des Wollenden, so wird durch
dieselbe eine Aenderung der bisherigen Sachlage, durch den Ruf, das
Wort eine Erschtterung der den Raum erfllenden atmosphrischen Luft,
durch die Geberde, die Handbewegung eine Umstellung der Masse des
eigenen organischen Leibes herbeigefhrt, welche bei der stetigen
Erfllung des Raumes mit Nothwendigkeit eine Ortsvernderung der
angrenzenden Luft- oder Stofftheile herbeifhren und so als nhere
oder entferntere Wirkung des durch den Willen gegebenen Impulses
durch den Raum und die Materie sich fortpflanzen muss. Da sonach
jede Willensusserung als solche einen gewissen Theil des den Raum
erfllenden dnneren oder dichteren Stoffes fr sich in Anspruch
nimmt, so kommt es ganz auf die Natur dieses letzteren an, ob derselbe
fhig sei, zweien oder mehreren Willensusserungen als Werkzeug der
Aeusserung zugleich zu dienen. Ist der Stoff, welchen der Wille zu
seiner Aeusserung gebraucht, von der Art, dass er zugleich von einem
andern, von jenem verschiedenen Wollen zu dessen Aeusserung verwendet
werden kann d. h. ist derselbe fr beide Wollen durchdringlich
(permeabel), so entsteht kein Streit: die Aeusserung des einen geht
durch die Aeusserung des anderen Willens hindurch, ohne dieselbe zu
hindern oder durch sie gehindert zu werden. So gehen die Schallwellen,
die das gesprochene Wort des einen erzeugt, durch jene, die das
des andern hervorruft, dem Anscheine nach ohne einander zu stren,
hindurch, indem beiden dieselbe den Raum erfllende atmosphrische
Luft zum Schallorgan dient. Ist dagegen jener Stoff von solcher
Beschaffenheit, dass derjenige Theil desselben, welcher von einem
Willen als Instrument seiner Aeusserung in Beschlag genommen ist, nicht
zugleich von einem andern zu gleichem Zweck in Besitz genommen werden
kann d. h. ist der von einem Wollen erfllte Stoff undurchdringlich
(unpermeabel) fr ein anderes Wollen, so stellt er den Stein des
Anstosses dar, an dem beide Wollen und in dem sie beide an einander
prallen; es entsteht ein Zustand, der so, wie er ist, nicht dauern und
so lange beide Wollen dieselben bleiben, die sie sind, nicht anders
werden kann. Eine unhaltbare und doch thatschliche Sachlage --
ein realer d. i. real gewordener Widerspruch.

168. Von dieser Art war die Situation, von welcher Carl V. sagte,
"dasselbe, was mein Bruder Franz will, will ich auch, nmlich
Mailand." Indem das Object beider Wollen ein solches ist, dass es nur
einem oder keinem von beiden dienen kann und doch beide Wollen solche
sind, dass sie nicht aufhren, eben dieses Object zu begehren, wird
eine Sachlage geschaffen, welche, obgleich factisch, doch irrational
und obgleich irrational, doch factisch ist, als unabweislich zugleich
und undenkbar sich aufdrngt.

169. Ausdruck dieses Eindrucks im Zuschauer ist der unbedingte Tadel,
der dem Streite folgt. Derselbe kann, da der Grund des Streites
einerseits in dem Umstand, dass beide dasselbe Object wollen,
andererseits in dem Umstand, dass dieses seiner Natur nach nicht
beiden zugleich nachzugeben vermag, gelegen ist, nicht der Natur des
Objects, die als solche unvernderlich durch Naturgesetze gegeben ist,
sondern nur den beiden Wollenden gelten, deren Wille der Natur des
Wollens nach vernderlich und von der Selbstbestimmung der Wollenden
abhngig ist. Da nun obiger Tadel so lange sich erneuert, als obige
Sachlage unverndert fortbesteht, letztere aber nur eine Aenderung
erfahren kann, wenn, da die Natur des Objects unvernderlich ist,
eines der beiden streitenden Wollen, oder wenn beide eine Abnderung
erleiden, so folgt, dass, um dem Tadel zu entgehen, kein anderer Ausweg
mglich ist, als dass das streitende Paar, oder wenigstens einer der
Streitenden vom Streite ablsst d. i. sein bisheriges Wollen ndert,
auf das Object desselben verzichtet, dasselbe freilsst.

170. Durch diese Aenderung des Wollens erlischt der Streit, es wird
Friede. Das Object, das den Anlass zum Streite bot, ist dasselbe
geblieben, das es war, nur der nach seiner Beschaffenheit usserliche,
zufllige Umstand, dass es zugleich Gegenstand zweier Wollen und
dadurch Grund geworden war, dass diese sich als unvertrglich mit
einander an den Tag legten, ist geschwunden. Dasselbe kann nunmehr
entweder, wenn beide verzichtet haben, ruhig an seinem Ort beharren
oder wenn nur einer verzichtet hat, ohne Anstand dem Wollen des Anderen
Raum geben. Der unertrgliche, weil in sich widersprechende Zustand
besteht nicht mehr, weil die mit einander unvertrglichen Wollen
nicht mehr bestehen d. h. weil die Wollenden, die bisher sich unter
einander ausschlossen, sich jetzt entweder, weil keiner mehr, oder,
weil nur mehr einer will, was er wollte, sich unter einander vertragen.

171. Je nachdem dieses nunmehrige Sichvertragen der Wollenden
stillschweigend erfolgt oder ausdrcklich durch eine, wie immer
geartete Kundgebung von Seite der Wollenden (Vertrag, pactum)
bekrftigt wird, nimmt der hergestellte Friede selbst natrlichen oder
positiven, vertragsmssigen Charakter an. Je nachdem die Aenderung des
Wollens, auf deren Grund hin der Streit erlischt, sei es bei einem,
sei es bei jedem der Streitenden entweder nur aus dem Grunde erfolgt,
weil derselbe oder dieselben zur Einsicht gelangt sind wegen gnzlicher
Erschpfung an physischer Kraft nicht mehr streiten zu knnen, oder
weil einer oder beide die Ueberzeugung gewonnen haben, es bringe
grsseren Vortheil Frieden zu schliessen als weiter zu streiten,
oder endlich weil derselbe oder dieselben ausser Stande sich fhlen,
den, so lange der Streit fortwhrt, stets sich erneuernden Tadel,
welcher die Streitenden trifft, weiter zu tragen, nimmt der Friede
selbst entweder den Charakter eines blossen "Nothfriedens" oder den
eines "Schacherfriedens", oder im letzten Falle den eines sittlichen
d. h. eines um keines andern Motives willen, als um dem ethischen
Tadel des Streites zu entgehen, geschlossenen Friedens an.

172. Nur der letztgenannte ist dauerhafter, beide vorher angefhrten
sind lediglich vorbergehender Natur. Der aus keinem anderen Grunde
entstandene Friede, als weil die streitenden Parteien sich erschpft
fhlen, whrend der Wille zu streiten, wenn die Krfte zureichten, nach
wie vor vorhanden bleibt, besteht nur so lange, als das Kraftgefhl
mangelt; mit dem Erwachen des letzteren hebt der Streit wieder an. Der
um des materiellen Vortheiles willen geschlossene Friede aber whrt
nur so lange, als die Aussicht auf Erlangung grsserer Vortheile durch
den Frieden, als durch den Streit besteht; von dem Augenblicke an,
als diese Aussicht schwindet, oder die ihr entgegengesetzte sich
erffnet, hrt auch der Wille Frieden zu halten auf und schlgt in
den entgegengesetzten, von neuem Streit zu beginnen, um. Bestand
und Dauer des Friedens hngen sonach in beiden Fllen nicht von
dem an sich unwandelbaren Urtheil ber den unbedingten Unwerth des
Streites, sondern von usseren Umstnden ab: in dem einen Fall von
denjenigen Verhltnissen, welche den Wiederersatz der verlorenen Krfte
beschleunigen oder verzgern, in dem andern Falle von den Umstnden,
welche die Erlangung materieller Vortheile durch den Frieden oder
durch den Streit begnstigen oder verhindern. Nur derjenige Friede,
der auf der Macht der Einsicht in die Verwerflichkeit des Streites
ber Gemther und Wollen der im Streit begriffen Gewesenen beruht,
trgt die Brgschaft unvernderten Fortbestandes, so lange jene Macht
unverndert sich forterhlt, in sich. Die Erhaltung letzterer Macht
aber ist so lange gesichert, als das ethische Urtheil des Wollenden
ungetrbt, seine Beurtheilung des Streites von dessen den Widerspruch
in sich tragender Natur ausschliesslich bestimmt und dadurch die
Wiedererneuerung unbedingter Verwerfung desselben in jedem gegebenen
Falle unvermeidlich ist.

173. Wie die natrliche Correctheit d. i. die Abwesenheit einander
ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein zur knstlichen d. i. zu
der sei es zufllig, sei es willkrlich "auf Zeit" hervorgebrachten
Verdrngung der unvertrglichen aus dem und Ersatz derselben durch
mit einander vertrgliche Vorstellungen in dem Bewusstsein, so verhlt
sich der natrliche d. i. der Friede von Natur aus, innerhalb dessen
unter einander ausschliessende Willensusserungen berhaupt nicht
vorkommen, zum knstlichen d. i. zu demjenigen Friedenszustande,
innerhalb dessen thatschlich vorhanden gewesene mit und unter einander
unvertrgliche Willensusserungen, sei es in Folge physischer Ursachen
(z. B. Erschpfung der Krfte) zufllig oder in Folge den Willen
bestimmender Motive (z. B. der Schdlichkeit oder der Verwerflichkeit
des Streites) willkrlich "auf Zeit und Kndigung" beseitigt und
durch mit einander vertrgliche Willensusserungen ersetzt worden
sind. Derselbe verheisst desto grssere Festigkeit, je dauerhafter die
Grnde sind, welche die Ausschliessung der mit einander unvertrglich
gewesenen Willensusserungen bewirkt haben; dagegen desto geringere,
je wandelbarer und von der Laune des Geschickes abhngiger die Motive
waren, welche die ursprnglich Streitenden zur Ablassung von jenem
ihren Streit erregenden Wollen bewogen haben. Jenes ist, wie oben
gezeigt, bei demjenigen Beweggrund vom Streite abzustehen, der aus
der Einsicht von dessen Verwerflichkeit entspringt, dieses dagegen
bei denjenigen Friedensgrnden der Fall, welche nur durch die Noth
oder den usseren Nutzen dictirt sind.

174. Der knstliche Friede erstickt den Streit, aber nur fr so
lange, als der Wille nicht zu streiten, die Oberhand behlt. Mit dem
Verschwinden oder dem Nachlassen der Macht des letzteren taucht der
Streit wieder empor; dessen "schlangenhaariges Scheusal" schlummert
nur gebndigt aber nicht vernichtet unter der knstlichen Decke des
Friedens. Der hergestellte Friede ist auf sein Wesen hin angesehen
scheinbarer, nicht wirklicher; die wirklich vorhandenen, nur knstlich
beseitigten sind die einander ausschliessenden Willensusserungen
("bellum omnium contra omnes"), der Unfriede. Letztere sind nicht
absichtlich mit Wissen durch das Wollen der Streitenden, sondern sie
sind unabsichtlich, ohne Wissen, ja voraussichtlicher Weise gegen
den Willen der durch dieselben mit einander in Streit Gerathenden
herbeigefhrt. Das Wollen, dessen Aeusserung an einem bestimmten Punkte
der Aussenwelt mit der eines Anderen feindselig zusammentrifft, hat
weder vor dem Zusammentreffen von dem Vorhandensein des Du noch von
dessen auf jenes Object sich richtendem Wollen, also auch nicht von
der Mglichkeit, noch weniger von der Unausweichlichkeit des Streites
eine Vorstellung gehabt, dasselbe hat folglich diesen weder gewollt
noch wollen gekonnt und wrde mglicher Weise, wenn es desselben
Bevorstehen gekannt htte, die streitdrohende Aeusserung seines Willens
nicht gewollt haben. Das Wollen der Streitenden ist an der Entstehung
des Streites keineswegs ohne Schuld, aber jeder der Streitenden ist
am Streite unschuldig; jener wre nicht entstanden, wenn keiner von
beiden das Streitobject gewollt htte; aber keiner von beiden hat
das Object als Streitobject und eben so wenig einer von beiden den
Streit gewollt. Der Tadel, der dem Streit gilt, trifft darum jeden der
Streitenden nur insofern, als ohne das Wollen desselben kein Streit
entstanden wre; derselbe trifft beide Streitende in gleichem Grade,
weil beide an dem Zustandegekommensein des Streites im gleichen Grade
in einem Sinn betheiligt, im anderen unbetheiligt sind.

175. Die gleiche Vertheilung des Tadels auf beide Wollende hrt auf,
wenn die gleiche Betheiligung beider Willenssubjecte an dem zwischen
denselben stattfindenden Verhltniss ein Ende nimmt. Dieser Fall
tritt ein, wenn das Zusammentreffen beider Wollenden nicht zufllig,
ohne Wissen und Absicht beider, sondern absichtlich, mit Wissen und
durch das Wollen des einen von beiden, dagegen ohne Wissen und wider
den Willen des anderen herbeigefhrt wird. Jener, dessen gewusstes
und gewolltes Object nicht, wie im vorhin geschilderten Falle des
Streites ein beliebiges, sondern ein Anderer und zwar der Andere,
das Du, und dessen jeweiliger Zustand ist, heisst insofern der Thtige
(agens), dieser, der ohne Wissen und Willen, ja selbst wider Willen,
mit seinem jeweiligen Zustand Object fr die Willensusserung des
ersten ist, heisst insofern der Leidende (patiens). Letzteres nicht
in dem Sinn, als msse die Folge seines Objectseins fr den Anderen
eben ein eigentliches Leid d. i. ein Schmerzgefhl sein, sondern in
dem Sinn, dass die Vernderung seines gegenwrtigen Zustandes, sei es
zum Schlechteren oder zum Besseren, eben die Folge der ihn zum Object
whlenden Willensusserung des Thtigen sei. An der Verursachung dieser
Folge d. i. an der Vernderung des bisherigen Zustandes, welche der
eine erzeugt, der andere nur duldet, sind beide ungleich betheiligt.

176. Wie Hammer und Ambos verhalten sich Thtiger und Leidender. Das
geschmiedete Eisen ist Wohl oder Wehe des Leidenden. Das Schmieden des
Eisens erfolgt durch den Hammer, aber auf dem Ambos; die Vernderung
der bisherigen Sachlage nicht ohne den Leidenden, an dem, aber
durch den Thtigen, von dem sie vollzogen wird. Jene selbst, mit dem
bisherigen Zustande verglichen, stellt eine Strung desselben dar;
der Urheber derselben, der Thtige, erscheint als Strenfried. Ausdruck
dieser Strung d. i. derjenige von dem bisherigen verschiedene Zustand,
welcher durch den Thtigen verursacht ist, ist die That. Dieselbe als
Zustand, der jetzt ist und vorher nicht war, ist ein Wirkliches und
als solches die Wirkung eines Wirkenden (des Thters). Diese Wirkung
selbst aber ist in dem Geiste des Wirkenden vorgebildet als Vorsatz
(Absicht) und in dem Zustande des durch dieselbe betroffenen Leidenden
abgebildet als Folge (Erfolg). Nur wo beide, Vorsatz im Thtigen,
Erfolg im Leidenden, einander decken, ist wirklich That; wo der
Erfolg mangelt, ist, wenn das Wollen nicht zur Aeusserung gelangt ist,
Intention ohne Action, wenn das Wollen zu nur unvollkommener Aeusserung
gelangt ist, Versuch ohne Gelingen, wenn dagegen zwar der Erfolg,
aber weder Versuch noch Absicht voranging, blosses Ereigniss vorhanden.

177. Da, wo keine That, auch kein Thter vorhanden ist, so kann fr
das nackte Ereigniss, das sich an dem einen der beiden Wollenden, dem
Leidenden, vollzieht, der andere der beiden, der sogenannte Thtige,
zwar vielleicht als eine der mitbedingenden Ursachen, niemals aber
kann das Wollen desselben als Ursache jenes Ereignisses angesehen
werden. Da ferner, wo kein Erfolg, keine That, aber doch Absicht, ja
Versuch einer solchen vorhanden ist, so kann fr das Nichteintreten des
Erfolges am Leidenden zwar die geistige oder krperliche Beschaffenheit
des sogenannten Thtigen (dessen Unverstand oder Ungeschick) als
eine der Mitursachen des Ausbleibens des Erfolges, niemals aber
kann dessen Wollen als die Ursache des Nichtgelingens betrachtet
werden. Wird daher, wie es auf ethischem Gebiete der Fall ist, nur
das Wollen beurtheilt, so fllt in dem ersten der beiden angefhrten
Flle der sogenannte Thtige ganz ausserhalb des Kreises ethischer
Beurtheilung, in dem zweiten dagegen zwar in denselben hinein, aber
da dessen anderweitige psychische und physische Mngel, welche das
Misslingen des Erfolges herbeigefhrt haben, den Schluss auf eine
hnliche Mangelhaftigkeit in Bezug auf Beherrschung und Regelung
seines Wollens gestatten, unter mildernden Umstnden.

178. Durch die That als Strung des bisherigen Zustandes ist etwas
geschehen; aber so lange dieselbe als That d. i. als Strung nicht
anerkannt ist, scheint es, als sei nichts geschehen. Oedipus hat
seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet, aber nach
aussen scheint es, als habe er weder das eine noch das andere
gethan. Gegen scheltende Knechte eines unbekannten Reisenden hat er
als ungerecht angegriffener Wanderer sich zur Wehre gesetzt: die zum
Preise der Befreiung der Stadt von der Pest und Sphinx ausgesetzte
Witwe des verstorbenen Knigs hat er durch Lsung des Rthsels auf
rechtmssigem Wege zur Gattin erworben. Ein Verbrechen ist geschehen,
aber es scheint, als sei keines geschehen; Schein gibt sich fr Sein,
ein nur scheinbar vorhandener fr den wirklich vorhandenen Zustand
aus. Die anscheinende Sachlage steht mit der thatschlichen in einem
Widerspruch, der sich auf eine Zeit lang, aber nicht auf die Dauer
verheimlichen lsst, und dessen klaffender Spalt um so unertrglicher
erscheint, als der Inhalt des scheinbar zu dem Inhalt des wirklich
Geschehenen im einander ausschliessendem Gegensatze steht.

179. Wie das Missfallen am Streit auf dem gleichzeitigen Bestand zweier
einander ausschliessenden Willensusserungen, so beruht das Missfallen
an der Strung durch die That in dem gleichzeitigen Fortbestand
zweier einander ausschliessender Sachlagen, der scheinbaren, die vor
der That bestand und dem Anschein nach trotz der That fortbesteht,
und der wirklichen, welche durch die That erzeugt worden ist und dem
Anschein nach noch nicht besteht. Wie es unmglich ist, dass zwei
mit einander unvertrgliche Willensusserungen zugleich existiren,
so ist es unmglich, dass zwei mit einander unvertrgliche Sachlagen
zugleich als bestehend und wirklich anerkannt werden: dass Oedipus
zugleich schuldig und schuldlos sei. Wie der Bestand unvertrglicher
Willensusserungen, so ist der Bestand unvertrglicher Sachlagen
ein irrationaler; aber, wie der Bestand jener Willensusserungen, so
lange das Object und die Willen der Streitenden dieselben bleiben,
ein factischer, so ist der Bestand der einander ausschliessenden
Sachlagen, deren eine, die scheinbare, fr wirklich, deren andere,
die wirkliche, fr Schein gehalten wird, ein thatschlicher: wie dort,
so ist hier das Irrationale factisch, und ist das Factische irrational;
in jenem wie in diesem Falle existirt der Widerspruch.

180. Derselbe besteht so lange, als der Schein besteht, dass die
scheinbare Sachlage wirklich und die wirkliche Sachlage Schein
sei. Soll derselbe verschwinden, so muss dieser Schein verschwinden,
die scheinbare Sachlage muss als Schein, die wirkliche sich als
wirklich offenbaren. Dies geschieht, wenn die todtgeschwiegene
Strung als solche anerkannt d. h. durch entsprechende Gegenstrung
ausgeglichen und auf diese Weise zwar nicht der ursprngliche Zustand,
der als zeitlich vergangener nicht wiederkehren kann, aber doch ein
demselben gleicher wieder hergestellt wird.

181. Die sthetische Idee des Ausgleichs ist es, die hier auf ethischem
Gebiete wieder zum Vorschein kommt. Die wirkliche Sachlage, die durch
die That herbeigefhrt, aber durch den anscheinenden Fortbestand des
vorherigen Zustandes gleichsam mit einem Schleier bedeckt worden ist,
tritt aus der Verdunkelung wieder ans Tageslicht. Oedipus, der zum
Verbrecher geworden ist, aber keiner scheint, wird durch die Aufhellung
der That als solcher erkannt und durch die an ihm verbte Vergeltung
die durch den Schein seiner Schuldlosigkeit entstandene Verrckung des
wirklichen Thatbestandes wieder zurechtgerckt. So weit die Sachlage
durch den Anschein des Gegentheils nach einer Richtung hin verschoben
worden ist, so weit muss sie zum Zwecke der Aufhebung dieses Anscheins
nach der entgegengesetzten Richtung hin zurckgeschoben werden. So viel
(quantum) Ablenkung vom wirklichen Thatbestand nach der einen Seite
hin stattgefunden hat, so viel (tantum) Einlenkung zum wirklichen
Thatbestande hin muss von der andern Seite stattfinden. Strung und
Gegenstrung heben einander auf; wie jene in der That, findet diese
ihren Ausdruck in der Vergeltung. Das Mass der Gegenstrung ist durch
das Mass der Strung, die Ausdehnung der Vergeltung durch jene der
That gegeben. Ausdruck dieses gegenseitigen Verhltnisses ist die
Billigkeit (quitas).

182. Da, so lange der Widerspruch beider Sachlagen, der wirklichen
und der scheinbaren, bestand, Missflliges bestand, so lange die
Strung als todtgeschwiegene, die That als unvergoltene whrte,
aber auch der Widerspruch whrte, so hrt mit der Aufhebung der
Strung durch Gegenstrung d. i. mit der Vergeltung der That,
zwar der Widerspruch und damit das Missfllige auf, wie mit der
Aenderung der streitenden Willensusserungen der Streit aufhrt,
aber ein unbedingt Beiflliges ist dadurch nicht hergestellt. Weder,
wenn, vom Gesichtspunkt des Leidenden angesehen, die That eine Weh-
noch wenn sie eine Wohlthat ist; denn die Beschaffenheit des Erfolges,
den der Leidende erfhrt, ist fr die Qualifikation der That, insofern
sie dem Thter angehrt, gleichgiltig. Nicht die Wohlthat als Wohl-
noch die Wehethat als Wehe-, sondern beide als Thaten bedrfen der
Vergeltung. Wenn es von einem andern, z. B. vom politischen oder
gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus nthiger scheint, dass Wehthaten,
als dass Wohlthaten Vergeltung erfahren, weil die letzteren die Summe
des schon vorhandenen Wohlbefindens nur vermehren, die ersteren dagegen
die vorhandene Summe nur vermindern knnen und deshalb die Gesetzgebung
der Staaten frher und eifriger fr die Bestrafung der einen als fr
die Belohnung der andern Sorge zu tragen pflegt, so stellt dieser
Unterschied sich vom ethischen Gesichtspunkt aus als unzulssig dar,
da nicht die That in ihrer specifischen Qualitt als Wohl- oder Wehe-,
sondern als That berhaupt zur Vergeltung auffordert. Whrend das
sogenannte jus talionis mit seinem Ausspruch: Aug um Aug, Zahn um
Zahn, sich an das quale der That, dem ein tale der Vergeltung, hlt
sich die Billigkeit an das quantum der That, welchem das tantum der
Vergeltung entspricht. Jenes betrachtet die Zufgung eines andern
als des erlittenen Leides, diese nur die Zufgung eines grsseren,
aber auch die eines geringeren Leides als das erfahrene war, als
Verletzung der Norm. Das eine, die Rckgabe eines geringeren Masses
von Weh, liesse einen unvergoltenen Ueberrest der That zurck; das
andere, die Rckgabe eines grsseren, wre als Ueberschuss ber das
zu vergeltende seinerseits selbst That, die Vergeltung erheischte.

183. Mit der Betrachtung des absichtlich von Seite des einen
der Wollenden herbeigefhrten Zusammentreffens zweier wirklicher
Wollenden ist die Reihe der mglichen Willensverhltnisse, die
Gegenstand unbedingten Lobes oder eben solchen Tadels werden knnen,
erschpft. Dieselbe ist durch eine Folge einander dichotomisch
ergnzender Eintheilungen entstanden, zwischen deren einzelne
Glieder sich weder ein weiteres einschieben, noch an deren Schluss
ein weiteres sich anfgen lsst. Die zu vergleichenden Wollen wurden
entweder ohne, oder mit Rcksicht auf den Umstand, ob sie einem
und demselben, oder verschiedenen Wollenden angehren, angesehen;
jene, welche in den Umfang des letzteren Gliedes der Eintheilung
fielen, abermals in solche, welche einem und demselben oder welche
verschiedenen Wollenden (und zwar der geringsten Anzahl derselben,
dem Ich und dem Du) angehrten, unterschieden. Erstere, da sie, um
als Glieder eines Willensverhltnisses innerhalb desselben Wollenden
auftreten zu knnen, sich zu einander nur wie gedachtes zu wirklichem
Wollen verhalten konnten, boten nur eine Gelegenheit zu weiterer
Unterabtheilung dar -- je nachdem das gedachte Wollen, als dessen
Nachbild das wirkliche auftrat, entweder das eigene (Vorstellung des
eigenen Wollens), oder ein fremdes (Vorstellung des Wollens eines
Andern) war. Letztere, welche als solche verschiedenen Wollenden
angehren und nur dadurch, dass sie mit einander irgendwie und irgendwo
in Berhrung gebracht wurden, in ein Verhltniss zu einander treten
konnten, vermochten in Contact nur entweder durch Zufall oder durch
Absicht (eines der Wollenden) versetzt zu werden. Weder ein Wollen,
das weder eigenes, noch fremdes, noch ein Zusammentreffen Wollender,
das weder absichtslos, noch absichtlich wre, ist denkbar. Die
Glieder obiger Eintheilung schliessen einander daher vollstndig
aus und ergnzen einander zum Umfang des einzutheilenden Ganzen:
die Eintheilung ist vollstndig.

184. Auch in dem Sinn, dass ein weiteres Glied am Schlusse sich
nicht hinzufgen lsst. Denn ein solches knnte nur durch die
Vermehrung der zu einander in Beziehung zu setzenden wirklichen
Wollen ber die kleinstmgliche Anzahl hinaus gesucht werden;
eine solche aber ergibt kein neues, sondern nur eine Wiederholung
vorheriger Willensverhltnisse. Auch die drei, vier, n wirklichen
Wollen verschiedener wollender Wesen mssen, um zu einander ein
Verhltniss einzugehen, irgendwie und irgendwo zusammengefhrt und
dadurch die mehreren Wollenden mit einander in Berhrung gebracht
werden. Da nun von selbst einleuchtet, dass jenes Zusammentreffen nur
entweder durch Zufall oder durch Absicht verursacht werden knnte,
so wrde im ersteren Falle Streit, im letzteren Falle wrden Wohl-
oder Wehethaten die Folge sein d. h. die zwei letztgenannten obiger
Willensverhltnisse wrden, nur vervielfltigt, wiederkehren.

185. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt der Beurtheilung des Wollens
ergibt sich die ethische Idee der (ethischen) Vollkommenheit. Dieselbe
unterscheidet sich von der sthetischen Vollkommenheit dadurch,
dass der letzteren entsprechend das Grosse berall, wo es sich
findet, neben dem Kleineren -- der ersteren zufolge das Grosse am
Wollen neben dem Kleinen an diesem insbesondere gefllt. Da nun die
Grsse des Wollens als eines wirklichen und wirkenden d. i. als einer
Kraft, in der Intensitt d. i. in der Strke desselben besteht, so
nimmt das allgemein sthetische Urtheil: das Grosse gefllt neben
dem Kleinen, das Kleine missfllt neben dem Grossen, auf ethischem
Boden die Gestalt an: das starke Wollen gefllt neben dem schwachen,
das schwache missfllt neben dem starken. Indem hiedurch das strkere
Wollen zum Massstab des schwcheren wird, stellt der Grad seiner Strke
dem schwachen gegenber jene Grenze dar, zu welcher dieses gelangen,
das "Volle", zu dem dieses "kommen" muss, wenn seine Missflligkeit ein
Ende nehmen soll. Mit der Erreichung jener Grenze hrt, wie schon oben
bemerkt, das Missfallen am schwcheren, weil dessen Schwche selbst,
auf, aber auch das Verhltniss; mit der Ueberschreitung derselben
kehrt sich, wie gleichfalls oben bemerkt, dasselbe um: das jetzt
strkere Wollen gefllt, das jetzt schwchere Wollen missfllt von
nun an. Da das Gefallen an der Strke des Wollens von jeder sonstigen
Beschaffenheit desselben abstrahirt, so folgt, dass ein nach der Idee
der ethischen Vollkommenheit wohlgeflliger Willensact in anderer
Hinsicht missfllig, ja unbedingt verwerflich sich darstellen kann,
ohne den Anspruch auf Beifall, ja auf Bewunderung nach jener Richtung
hin einzubssen. In diesem Sinn bleibt auch dem Bsewicht, ja dem
verkrpert gedachten Bsen, dem satanischen Ideal ethisches Lob
nicht aus, wenn sich derselbe oder dieses letztere in gewaltiger,
das gewhnliche, ja selbst alles menschliche Mass bersteigender
Energie der Willenskraft offenbart. Richard III., Jago, Carl Moor,
Milton's Satan, Klopstock's Abadonna, "der Geist, der stets verneint",
regen von diesem ethischen Einzelgesichtspunkt aus "schaudernde
Bewunderung" an. In Heroenzeitaltern und bei Naturvlkern macht
die Verehrung fr die ins Ungemessene gesteigerte Willensenergie
fast allein den Inhalt des moralischen Codex aus; die Achtung des
schwcheren fr das strkere Geschlecht ist vorwiegend auf das Gefhl
berlegener Willensmacht des letzteren begrndet. Wie die intensive
Grsse des einzelnen Willensactes, so erweckt die extensive Grsse der
Vervielfltigung des Willens in zahlreichen, sei es dem Inhalt nach
gleichen, oder mannigfaltigen Willensacten und die Geschlossenheit
und innere Systematik dieser letzteren, verglichen mit Armuth und
Einfrmigkeit des Wollens, so wie mit dessen Halt- und Systemlosigkeit,
unbedingtes Lob, whrend dem letzteren Tadel folgt.

186. An die ethische Idee der Vollkommenheit schliesst sich ein
Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung der
Strke, der Mannigfaltigkeit und des inneren Zusammenhangs des
Wollens einerseits auf den gesammten Umkreis der Willensbethtigung
des Wollenden d. h. auf dessen Gesammtwollen, andererseits ber den
einzelnen Wollenden hinaus, auf jede Vereinigung mehrerer, ja aller
berhaupt Wollenden d. i. auf alle durch ein gemeinsames Band unter
sich verknpften Glieder einer Gesellschaft d. i. auf deren gesammtes,
innerhalb ihres Umkreises vorhandenes Wollen ausdehnt. Dasselbe
besteht darin, dass sowol in jedem einzelnen Individuum als solchem
wie in der Gesellschaft jedes vorhandene Wollen zur hchstmglichen
Energie gesteigert, nicht vorhandenes Wollen in jeder erreichbaren
Vielheit und Mannigfaltigkeit geweckt, ferner das gesammte auf diese
Weise gegebene oder entwickelte Wollen in inneren Zusammenhang und
gesetzliche Anordnung gebracht und in beiden erhalten werde. In
ersterer Hinsicht begnstigt jenes Verfahren die Einseitigkeit, in
Bezug auf die Menge dagegen die Vielseitigkeit des Wollens, davon
die erste weniges, aber starkes, die letztere, wenngleich schwaches,
doch vieles und mannigfaltiges Wollen frdert, whrend durch die
Bercksichtigung des Verhltnisses des gesammten Wollens zu jedem
der dasselbe ausmachenden Willensacte das Vorwiegen der einseitigen
auf Kosten der vielseitigen, aber auch umgekehrt das Uebergewicht
der vielseitigen ber die einseitige Willensentwicklung vermieden
und dadurch das Gleichgewicht zwischen beiden entgegengesetzten
Richtungen der Vervollkommnung des Wollens erhalten wird. In letzterer
Hinsicht geht jenes Verfahren darauf, dass innerhalb des Umkreises der
Gesellschaft jedes in irgend einem ihrer Glieder vorhandene Wollen zu
dem hchsten erreichbaren Grade von Energie gesteigert, aber auch dass
innerhalb desselben jedes nicht vorhandene Wollen, sei es in einem
einzelnen, sei es in smmtlichen Gliedern, geweckt und auf diese
Weise die Mannigfaltigkeit des Wollens innerhalb der Gesellschaft
zum hchsten erreichbaren Grade entwickelt werde. Durch ersteres
wird innerhalb der Gesellschaft die Einseitigkeit, durch letzteres
die Vielseitigkeit des Wollens gefrdert, durch die Herstellung
des Gleichgewichts zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der
innerhalb der Gesellschaft vorhandenen Willensentwicklung aber sowol
die Ueberhebung einer einzelnen, als die Verseichtigung der vielen
vorhandenen Willensrichtungen verhtet.

187. Steigerung wirklicher oder doch als Anlage vorhandener Krfte in
quantitativer Hinsicht ohne Rcksichtnahme auf deren anderweitige
qualitative Beschaffenheit ist es, was im Allgemeinen Cultur
heisst. Die ethische Idee der Vollkommenheit enthlt die Forderung
der Cultur des Wollens in jedem einzelnen Wollenden, wie in jeder
Gesellschaft von solchen. Jedes obiger Forderung entsprechende
Individuum stellt ein ethisches Culturideal d. h. das Ideal eines
ethisch cultivirten Gesammtwollens dar; jede Gesellschaft, welche
das gleiche thut, reprsentirt ein ethisches Cultursystem d. i. das
Ideal einer die Cultur des Wollens in ihrem gesammten Umfang und nach
jeder mglichen Richtung hin verwirklichenden Gesellschaft. Ersteres
schliesst in sich, dass innerhalb des Wollenden keine Richtung des
Wollens unvertreten, aber auch keine ber das mit der gleichzeitigen
Pflege aller brigen vertrgliche Mass hinaus getrieben sei. Letzteres
schliesst in sich, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft jede
vorhandene Willensrichtung stark, nicht nur in jedem einzelnen Gliede,
in dem sie sich findet, sondern durch mglichst viele Glieder der
Gesellschaft, in welcher sie sich findet, vertreten, aber auch, dass
keine innerhalb des Umfangs der Gesellschaft unvertreten d. h. nicht
wenigstens in einigen oder in einem ihrer Glieder in gengender
Strke entwickelt sei. Jene Glieder der Gesellschaft, in welchen die
nmliche Willensrichtung vorhanden ist, machen dadurch in ethischer
Hinsicht eine Gesellschaftsclasse fr sich, die Mannigfaltigkeit der
innerhalb der Gesellschaft vorhandenen einzelnen, mehreren oder vielen
Gliedern derselben gemeinsamen Willensrichtungen macht in Bezug auf die
Gesellschaftsclassen die Buntheit und Mannigfaltigkeit der (ethisch)
cultivirten Gesellschaft aus. Stellen unter den mannigfaltigen in
der Gesellschaft durch Classen vertretenen Willensrichtungen die
ihrem Inhalt nach lobenswerthen das Licht, die ihrem Inhalt nach
verwerflichen den Schatten (in ethischer Hinsicht) dar, so kommt
durch die Vielfltigkeit der Gesellschaftsclassen Licht und Schatten,
berhaupt ethische Frbung in die Gesellschaft, innerhalb welcher
je nach dem Uebergewicht der vorhandenen guten ber die schlechten,
oder der vorhandenen schlechten ber die guten Willensrichtungen in
der Gesellschaft, das Urtheil ber die (im ethischen Sinne) helle oder
dunkle Natur dieser selbst erfolgt und diese je nach der Proportion,
die zwischen der Summe der guten und jener der verwerflichen in
ihr vorhandenen Willensrichtungen (wie sie z. B. die Statistik der
stationren Anzahl innerhalb der Gesellschaft vorkommenden Verbrechen
ausweist) herrscht, als (a potiori) eine relativ gute oder relativ
verdorbene bezeichnet wird.

188. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt der Uebereinstimmung des
eigenen gedachten mit dem eigenen wirklichen Wollen ergibt sich die
ethische Idee der inneren Freiheit. Dieselbe entsteht dadurch, dass
die sthetische Idee des Charakteristischen auf das ethische Gebiet
bertragen, das gedachte eigene Wollen als Vor-, das eigene wirkliche
Wollen als dessen Nachbild angesehen wird. Insofern jenes als Bild
eines noch nicht vorhandenen, aber dem Wollenden mglichen Wollens
in dessen Geiste vorangeht, dieses als wirklich vorhandenes, jenem
Bilde entweder entsprechendes oder nicht entsprechendes, demselben in
der Zeit nachfolgt, lsst sich das erste als Project, das letztere
als getreue oder ungetreue Ausfhrung desselben betrachten. Jede
sogenannte Maxime oder praktischer Grundsatz des Handelns stellt, da
sie nicht vorhandenes Wollen beschreibt, sondern eine Regel fr nicht
vorhandenes, also knftiges Wollen formulirt, das Bild eines mglichen
Wollens, ein Willensproject dar, welches sich zu der Gesammtheit
aller Maximen d. i. zu der sogenannten praktischen Einsicht des
Wollenden verhlt, wie dessen einzelner Willensact zu der Totalitt
seines wirklichen Wollens. Dasselbe Verhltniss, welches zwischen
dem einzelnen Willensproject und dem einzelnen Willensact herrscht,
kann daher auch zwischen der gesammten praktischen Einsicht und dem
gesammten wirklichen Wollen des Wollenden stattfinden, so dass das
letztere entweder als getreue oder als ungetreue Nachahmung der
ersteren sich darstellt. Fasst man blos das Verhltniss zwischen
einem einzelnen Willensproject und dem darauf seinem Inhalt nach
bezglichen Willensact ins Auge, so findet, im Fall der letztere seinem
Inhalt nach dem Willensproject entspricht, zwischen beiden unbedingt
wohlgefllige Harmonie, im Gegenfall, wenn der einzelne Willensact
durch seinen Inhalt dem des Willensprojects entgegengesetzt ist,
unbedingt missfllige Disharmonie statt. Wird an die Stelle obiger
Verhltnissglieder dagegen einerseits die praktische Einsicht,
anderseits die Gesammtheit des wirklichen Wollens des Wollenden
gesetzt, so tritt, wenn zwischen beiden Uebereinstimmung herrscht,
gleichfalls unbedingtes Lob, herrscht aber Zwietracht zwischen beiden,
unbedingte Verwerfung ein.

189. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen Willensproject
und Willensact bietet ein (im psychologischen Sinne) freies, das
missfllige Zerrbild machtlosen Widerstreits zwischen Willensproject
und Willensact bietet ein (im selben Sinne) unfreies Wollen. Im
psychologischen Sinne frei heisst dasjenige Wollen, das durch
Motive, die aus der praktischen Einsicht (diese sei, wie sie wolle)
genommen sind, bestimmt, unfrei dagegen dasjenige, welches, obgleich
wie das vorhergehende motivirt, durch Beweggrnde bestimmt ist,
die anderswoher (z. B. von den Antrieben der Sinnlichkeit, von
Affecten und Leidenschaften) genommen sind. Ein in diesem Sinne freies
(obgleich nicht "transcendental freies", sondern determinirtes) Wollen
wird mit dem praktischen Grundsatz, der sein Motiv ausmacht, sich
stets, ein in diesem Sinne unfreies d. i. anderswoher (z. B. durch
eine Leidenschaft) beherrschtes Wollen wird sich dagegen zwar mit
diesem seinem dasselbe besitzenden Motiv, niemals aber mit einem
der praktischen Einsicht entlehnten Grundsatz in Uebereinstimmung,
sonach mit einem solchen sich stets in Widerspruch befinden. Im
psychologischen Sinne freies Wollen ist daher nicht blos usserlich
d. h. in dem ohnehin selbstverstndlichen Sinn des Wortes "frei",
in welchem zwar das Handeln, aber niemals das Wollen durch eine
usserliche Macht erzwungen oder verhindert zu werden vermag, sondern
ein solches ist zugleich innerlich frei d. h. in dem Sinne, dass
auf dasselbe Beweggrnde, die nicht aus der praktischen Einsicht,
also aus dem Intellect genommen sind, keinen bestimmenden Einfluss
auszuben vermgen. Insofern das nmliche Verhltniss nicht blos
zwischen einem einzelnen Grundsatz und einem einzelnen Willensact,
sondern zwischen dem Ganzen der praktischen Einsicht und dem Ganzen
des Willens besteht, heisst nicht blos, wie oben, das einzelne Wollen
(volitio), sondern der ganze Wille (voluntas) im psychologischen
Sinne und zwar innerlich frei, und der Wollende selbst, dessen Wille
diese Eigenschaft besitzt, ein Charakter. Im entgegengesetzten Falle,
wenn der Wille unfrei ist, heisst derselbe charakterlos.

190. Aus diesem Grunde, weil der Einklang zwischen gedachtem und
wirklichem Wollen der Freiheit des Wollens bedarf, um zur Erscheinung
zu gelangen, wird der auf jenem beruhenden ethischen Idee der inneren
Freiheit letzterer Name beigelegt. Dieselbe ist als Idee d. h. als
Musterbild fr das wirkliche Wollen weder eins mit der Freiheit des
Willens, welche als solche ein Wirkliches, der freie wirkliche Wille,
noch mit dem Charakter, welcher als solcher gleichfalls ein Wirkliches
d. h. der in einem wirklichen Individuum verwirklichte freie Wille
ist. Jene gehrt als Idee dem ethischen, beide letzteren gehren als
Wirkliche dem Gebiete des Wirklichen und zwar des Psychischen, dem
psychologischen Gebiete an; jene, gleichviel ob ein ihr entsprechendes
Wirkliches vorhanden sei, drckt eine allgemein giltige Forderung
(ein Postulat), letztere beiden drcken, wenn und wo sie existiren,
die verkrperte Erfllung dieser Forderung selbst aus.

191. An die Idee der inneren Freiheit schliesst sich ein Verfahren
an, welches bestimmt ist, die Uebereinstimmung zwischen gedachtem
und wirklichem Wollen nicht blos ber die Gesammtheit des Wollens des
einzelnen Individuums, sondern ber die Gesammtheit der innerhalb des
Umkreises einer durch ein gemeinsames Band verknpften Mehrheit von
Individuen (einer Gesellschaft) vorhandenen praktischen Einsicht
und wirklichen Wollens auszudehnen. Dasselbe geht darauf aus,
dass nicht nur innerhalb eines einzelnen Individuums das gesammte
Wollen frei d. i. der Wollende ein Charakter sei, sondern auch,
dass innerhalb der Gesellschaft der Wille jedes einzelnen Mitgliedes
derselben frei d. i. dass die Gesellschaft selbst eine Vereinigung von
charaktervollen Individuen sei. Erstere Forderung drckt aus, dass
die jeweilige praktische Einsicht d. i. die Gesinnung des Wollenden
die Seele seines gesammten Willens und Handelns, letztere Forderung
drckt aus, dass die Gesellschaft eine Vereinigung in diesem Sinne
gesinnungsvoller d. i. durch ihre jeweilige praktische Einsicht,
welchen Inhalts dieselbe auch sein mge, in ihrem gesammten Wollen und
Thun beseelter Individuen darstelle. Die Erfllung der erstgenannten
macht das Ideal eines (im ethischen Sinne) beseelten Wollenden,
die Erfllung der letztgenannten das Ideal einer (im ethischen
Sinne) beseelten Gesellschaft aus. Wie innerhalb der praktischen
Einsicht des Individuums die verschiedenen in derselben enthaltenen
praktischen Grundstze jeder fr sich ein Gebiet des Gesammtwollens
des Wollenden beherrschen, so werden innerhalb der Gesellschaft durch
die dem Inhalt nach unter einander abweichenden Gesinnungsweisen,
deren jede einem Bruchtheil der dieselbe ausmachenden Mitglieder
gemeinsam ist (im ethischen Sinne) Gesinnungsgenossenschaften als
gesellschaftliche Fractionen d. i. Parteien gebildet, deren jede
fr sich als Vereinigung von derselben Gesinnung in ihrem Thun und
Lassen geleiteter Individuen eine beseelte Gesellschaft im Kleinen
reprsentirt. Die Mannigfaltigkeit der in den verschiedenen Parteien
als herrschende auftretenden Sinnesarten gibt der Gesellschaft
selbst, innerhalb deren dieselben sich bewegen, den Charakter
der Buntheit und ertheilt ihr zugleich je nach dem Uebergewicht
gewisser Parteirichtungen ber die denselben entgegengesetzten ihre
(im ethischen Sinne) vorstechende Frbung. Wie dem charaktervollen
Individuum eine Vielheit von Maximen, die sich dem Anschein nach nicht
selten unter einander aufzuheben trachten, in Wahrheit aber, wie es die
Einheit der Gesinnung verlangt, schliesslich einem obersten praktischen
Grundsatz als Kern und Seele der gesammten praktischen Einsicht sich
unter- und einordnen, unentbehrlich ist, so bedarf eine im wahren
Sinne des Wortes beseelte Gesellschaft innerhalb ihres Umkreises
eines rege bewegten Parteilebens, dessen jeweilige Richtungen nicht
selten einander zu widerstreiten, ja gegenseitig einander aufzuheben
scheinen, schliesslich jedoch, je nach dem Uebergewicht einer oder
einiger ber die brigen, einer obersten die Richtung der Gesellschaft
selbst ihrem grsseren oder doch mchtigeren Theile nach (a potiori)
ausdrckenden Tendenz mit oder gegen ihren Willen zu dienen gezwungen
sind. In diesem Sinne stehen die Fortschritts- den Rckschrittsmnnern,
die Reformer den Conservativen, standen einst die liberales, die nach
einem bekannten Witzwort "lieber alles", den serviles, die "sehr
vieles" wollten, stehen noch heute "Culturkmpfer" den Clerikalen,
die Schwarzen den Rothen, die Tories den Whigs u. s. w. gegenber.

192. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt des Einklanges des eigenen
wirklichen mit dem nur gedachten fremden Wollen ergibt sich die
ethische Idee des Wohlwollens. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung
der sthetischen Idee des Einklanges, welche auf dem Verhltniss
berwiegender gegenseitiger Identitt beruht, auf das Gebiet des
Wollens. Beide Glieder, das gedachte fremde und das eigene wirkliche
Wollen, gehren einem und demselben Wollenden an; das fremde Wollen
ist in demselben als Vorstellung, das eigene Wollen dagegen als Wille
wirklich. Ob das seiner Vorstellung entsprechende Wollen des Anderen
in diesem und somit dieser Andere selbst auch wirklich existire,
ist dabei gleichgiltig. Da der Einklang nur zwischen der Vorstellung
des fremden Wollens und dem wirklichen eigenen stattfinden soll,
so kann jene erstere eben so gut eine blosse Einbildung (Fiction)
als eine Abbildung (Reflex) eines anderen Wollens sein. In keinem
Falle leidet die Wohlgeflligkeit der Uebereinstimmung des eigenen
mit dem vorgestellten fremden Wollen dadurch einen Abbruch, dass
dieses letztere und dessen Trger nur in der Vorstellung des ersten
besteht. Zeugniss dafr gibt der Verkehr des Kindes mit seiner Puppe,
deren ihr angedichtete Wnsche dasselbe mit Eifer zu erfllen sich
bemht, wie jener des Dichters mit der nur in seiner Phantasie
beseelten leblosen Natur und mit der oft nur als Ideal seiner
Einbildungskraft lebendigen Geliebten.

193. Eben so wenig als die Schnheit der Harmonie des gedachten
fremden und des eigenen wirklichen Wollens von der mehr als blossen
Gedankenexistenz, ist dieselbe von der Inhaltsbeschaffenheit des
fremden Wollens abhngig. Nicht darin hat der unbedingte Beifall,
welcher obigen Einklang begleitet, seinen Grund, dass das gedachte
Wollen des Anderen ein an sich gutes, sondern darin, dass das
wirkliche eigene Wollen mit dem wie immer beschaffenen Inhalt
des fremden Wollens identisch ist. Die Gesinnung, aus welcher
die Erfllung wenn auch thrichter Wnsche des Andern entspringt
(Affenliebe), ist als wohlwollender Ausdruck der Unterordnung
des eigenen unter die Vorstellung eines fremden Wollens nicht
weniger schn als diejenige, die sich als werkthtige Theilnahme
an berechtigten Strebungen und Absichten des Andern kund thut. Wie
bei der sthetischen Idee des Einklanges ist das Lob des Wohlwollens
nur durch die Harmonie, keineswegs durch die anderweitige stoffliche
Qualitt der Verhltnissglieder bedingt.

194. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen gedachtem fremden
und eigenem wirklichen Wollen bietet das psychische Phnomen des
selbstlosen oder uneigenntzigen d. i. nicht durch die Rcksicht
auf das eigene Selbst, oder den Vortheil des Wollenden begrndeten
Wollens. Dasselbe ist so wenig, wie irgend ein wirkliches Wollen, ohne
Grund d. h. dasselbe ist, wie jedes wirkliche Wollen, durch ein Motiv
(Beweggrund) bewegt (motivirt); aber dieses Motiv ist im Unterschied
von andern, die aus den Folgen des Wollens fr den Wollenden selbst
d. i. aus der mglichen Vermehrung oder Verminderung des eigenen Wohles
des Wollenden (Eudmonie) hergenommen sind, aus dem einzigen Umstand
entlehnt, dass das vorgestellte Wollen wirklich Wollen eines Andern
sei d. h. dessen Gegenstand von einem Andern angestrebt und der Besitz
desselben von einem Andern werde als Lust d. i. als Vermehrung seines
(des Andern) Wohles empfunden werden. Das uneigenntzige Wollen ist
daher keineswegs motivlos, sondern dasselbe hat nur kein eigenntziges
(eudmonistisches), nicht die Rcksicht auf das eigene, wol aber
eine solche auf das fremde Wohl zum Motiv. Wie das Beherrschtsein
des Wollens durch selbstschtige Beweggrnde, wo es als habituelle
Willensbeschaffenheit auftritt, Egoismus (Selbstliebe, Selbstsucht),
so heisst im entgegengesetzten Sinne das Freisein des Wollens von
eudmonistischen Beweggrnden und der willige Gehorsam desselben
gegen von der Rcksicht auf das Wohl des Andern dictirte Motive, wenn
er zu habitueller Willensbeschaffenheit geworden ist, Nchstenliebe
(Altruismus). Wo die letztere lebt, wird die Vorstellung, dass ein
gewisses Wollen von dem Andern gehegt werde, hinreichen, ein demselben
conformes im Vorstellenden zu erzeugen; wo der erstere waltet, wird
dieselbe Vorstellung gengen, nicht blos, um jedes dem Wollen des
Andern conforme eigene Wollen zu hemmen, sondern, wenn die Selbstsucht
so weit gesteigert ist, dass sie das Phlegma ihrer natrlichen
Trgheit zu berwinden und zur Action berzugehen vermag, ein den
Wnschen des Andern widerstrebendes Wollen im Wollenden hervorzurufen.

195. Ausfluss der Nchstenliebe wird ein wirkliches Wollen sein,
das nach der Idee des Wohlwollens gefllt, Wirkung der Selbstliebe
ein solches, das nach derselben Idee unbedingt missfllt. Jenes,
das uneigenntzig nur auf das Wohl des Andern bedachte, wird darum
als gtiges, dieses, das selbstschtig nur auf das eigene Wohl oder
gar auf dem Wohl des Andern Entgegengesetztes bedachte Wollen wird
deshalb im ersten Fall ein herzloses, im andern Fall ein boshaftes,
das Wohlwollen selbst Gte, sein Gegentheil, das Uebelwollen, Bosheit
genannt. Von der ersteren wie von der letzteren, insofern jede von
beiden, die Gte grundlos liebt, die Bosheit grundlos hasst, gilt
des Dichters Wort: Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund
(Immermann).

196. Verschieden von der ethischen Idee des Wohlwollenden, wie von dem
psychischen Phnomen der Gte und deren Gegentheil, ist das gleichfalls
psychische Phnomen der sogenannten sympathetischen Gefhle. Zwar
bietet sowol die psychische Erscheinung des Mitleids wie der Mitfreude
das Bild eines harmonischen Einklangs, die Erscheinung des Neides
wie der Schadenfreude das Bild einer missflligen Disharmonie dar,
aber weder zwischen Wollen, noch zwischen einem blos gedachten
und einem wirklichen Verhltnissgliede, wie beides beim Wohl- oder
Uebelwollen der Fall ist. Das sympathetische Gefhl wiederholt das
Gefhl eines Andern entweder durch ein demselben gleiches, oder durch
ein demselben entgegengesetztes Gefhl. Ursache dieser Wiederholung
ist jedoch keineswegs die bewusste Reflexion, dass das eigene Gefhl
Nachahmung eines fremden Gefhls, sondern der unwillkrliche und
folglich auch unbewusste Reflex des fremden Gefhls durch das eigene
Gefhlsleben. Das fremde Gefhl wirkt auf das eigene gleichsam durch
Ansteckung, wie es im Gebiete der Muskelbewegungen bei der Entstehung
solcher mit gewissen Vorstellungen durch Association verbundener
Bewegungen durch die zufllige oder absichtliche Erregung jener
Vorstellungen der Fall zu sein pflegt. Das Bewusstsein des Unterschieds
der fremden von der eigenen Persnlichkeit wird dabei gar nicht
geweckt, oder geht im Mechanismus des nachahmenden Gefhlsprocesses
verloren. Auf diese Weise setzt ein Komiker die Lachmuskeln, ein
Tragde die Thrnenfisteln der Zuschauer in unwillkrliche und dem
Bewusstsein entrckte Bewegung, so dass die letzteren gleichsam wie aus
einem Zustand der Verzcktheit erwachen und sich hinterdrein wundern,
gelacht und geweint zu haben. So wenig fhlt sich der nachahmende
Theil als Nachahmer eines Andern, dass nicht selten das Mitgefhl, sei
es Mitfreude oder Mitleid, sofort aufhrt, wenn der Mitfhlende sich
darauf besinnt, dass es nicht eigenes, sondern das Leid eines Andern,
und nicht eigene, sondern fremde Freuden sind, die ihn bewegen. In
solchem Fall hlt das Mitgefhl nur so lange und nur darum vor,
als und weil der Mitfhlende sich nur bewusst ist, dass er fhle,
keineswegs aber bewusst ist, dass er nur mitfhle. Ohne daher geradezu
egoistisch zu sein, weil weder das Bewusstsein vorhanden ist, dass
das Gefhlte uns, noch der Gedanke, dass es einen Andern angehe, ist
das Mitgefhl doch sicher nicht altruistisch, weil es im Augenblick
schwinden kann, sobald wir des letzteren innewerden.

197. Dasselbe wird jedoch vollkommen selbstschtig, wenn, wie
Schopenhauer behauptet hat, der Grund des Mitleids einzig darin
gelegen sein soll, dass der Mitleidige sich in demselben seiner
metaphysischen Einerleiheit mit dem Andern bewusst und auf diesem
Wege innewerde, dass weder der Andere von ihm verschieden, noch des
Andern Leid mehr als sein eigenes Leid sei. Unter dieser Voraussetzung
knnte das Mitgefhl nicht nur, wie oben bemerkt, sondern es msste
nothwendiger Weise, also jedesmal aufhren, sobald der Einzelne
ber seine persnliche Unterschiedenheit vom Andern und folglich
ber den Umstand, dass das gefhlte Leid nicht sein eigenes sei,
zur Besinnung kme. Die wesentliche und unentbehrliche Eigenschaft,
wenn auf das Mitgefhl ein Theil des Glanzes fallen soll, den das
Wohlwollen ausstrahlt, die individuelle Sonderung beider Fhlenden,
wre durch obige Annahme grundstzlich beseitigt.

198. So wenig Mitleid und Mitfreude sich mit dem Wohlwollen,
eben so wenig decken sich Neid und Schadenfreude mit dessen
Gegentheil, dem Uebelwollen. Gleichwol tritt bei den letzteren die
unleugbare Aehnlichkeit beider, obgleich gattungsmssig verschiedener
Gemthszustnde strker hervor als bei den ersteren. Whrend Mitleid
und Mitfreude zu ihrer Entstehung des Bewusstseins des individuellen
Unterschieds des Mitfhlenden vom Fhlenden nicht bedrfen, setzt die
Entstehung sowol des Neides, als einer durch fremde Lust geweckten
Unlust, wie der Schadenfreude, als einer durch fremde Unlust erregten
Lust, dieses Bewusstsein in gewissem Grade voraus, da es sich
nicht um eine Wiederholung des fremden Gefhls durch ein gleiches,
sondern um die Beantwortung eines solchen durch ein entgegengesetztes
eigenes handelt, fremdes und eigenes Gefhl also schon um deswillen
als verschiedenen Individuen angehrig empfunden werden mssen,
weil beide verschiedene, und zwar, da sie entgegengesetzter Natur
sind, sehr merklich verschiedene Qualitt besitzen. Beide kommen
daher nicht nur in ihren Wirkungen, die sowol bei dem Neid als bei
der Schadenfreude, bei dem blossen Gefhl nicht stehen zu bleiben,
sondern zu demselben entsprechenden Wnschen, Entschlssen, ja selbst
Aeusserungen fortzuschreiten pflegen, dem Uebelwollen so nahe,
als berhaupt Phnomene verschiedener Gattungen sich einander zu
nhern vermgen, sondern auch das Urtheil, das ber dieselben, wo
sie zu Tage treten, ergeht, fllt von der unbedingten Verwerfung,
welche das Uebelwollen begleitet, nichts weniger als verschieden
aus. Von dem "Neide" der Gtter redet die Mythologie, wenn sie deren
dem Menschengeschlecht belwollende Gesinnung, und vom "Neidhart"
die Volkssage, wenn sie den Bsen bezeichnen will.

199. Die selbstlose Freiwilligkeit der Unterordnung des eigenen
unter das fremde Wollen tritt um so anschaulicher hervor, je grsser
die Ueberlegenheit der eigenen ber die fremde Kraft und je weniger
der Verdacht, dass jene Unterordnung eine durch Furcht erzwungene
sein knnte, zulssig erscheint. Dieselbe offenbart sich dort am
aufflligsten, wo die Ueberlegenheit die denkbar hchste d. h. wo
der dem Andern freiwillig sich unterordnende Wille, mit diesem
verglichen, unendlich stark, derjenige, dem er sich unterordnet,
mit jenem verglichen, unendlich schwach ist. Beides ereignet sich im
Verhltniss der Gottheit zum Menschen, deren Gte gegen diesen eben
darum als unendlich gross und der gttliche Wille selbst als Ideal
des Gtigen sich kundgibt.

200. An die ethische Idee des Wohlwollens schliesst sich ein
Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht
blos auf das gesammte Wohl und Wehe Anderer berhrende (sociale)
Wollen des einzelnen Wollenden, sondern auf die Gesammtheit des
innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft vorkommenden, auf
deren gegenseitiges Verhltniss zu einander bezglichen Wollens
der Mitglieder ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass jedes
sociale Wollen des einzelnen, so wie dass das sociale Wollen jedes
Mitgliedes der Gesellschaft Wohlwollen sei; sociales Uebelwollen
sowohl im Einzelnen wie in der Gesellschaft gemieden werde. Da nun
das Wohlwollen (bene velle) darin besteht, des Andern Wohl zu wollen
(bonum velle), so geht jene Forderung dahin, dass jedes sociale
Wollen im Einzelnen wie in der Gesellschaft die Tendenz habe, in
jenem des Andern, in dieser aller Andern (d. i. das allgemeine) Wohl
zu frdern. Und da die Befriedigung jedes -- stofflich wie immer
beschaffenen -- Wollens Lustgefhl, also Wohlbefinden zur Folge
hat, so kann unter dem, was jeder sein Wohl und folglich auch die
Gesellschaft das ihre, d. i. das allgemeine Wohl nennt, nicht wol
etwas anderes sein als die Befriedigung dort smmtlicher Wnsche
und Willensbestrebungen des Andern, hier die Erfllung smmtlicher
im Umkreise der Gesellschaft vorhandenen oder doch zur Aeusserung
gelangenden Wnsche und Willensbestrebungen Aller. Die Erreichung
beider Ziele, die Befriedigung smmtlicher Wnsche des Andern (die
Glckseligkeit des Andern), und die Befriedigung smmtlicher Wnsche
Aller (die allgemeine Glckseligkeit) mssen daher in der wohlwollenden
Gesinnung, das erste in der jedes Einzelnen gegen jeden Andern, das
zweite in der jedes Mitgliedes der Gesellschaft gegen alle brigen
d. i. gegen die Gesellschaft selbst gelegen und die Erreichung
derselben muss der Zweck aller socialen Bestrebungen sein.

201. Diese selbst d. i. die Befriedigung der vorhandenen Wnsche
aber ist nicht blos durch die auf sie gerichtete dauernde Gesinnung
des Einzelnen und jedes Einzelnen, sondern zugleich, da es sich
um die Realisirung wirklich vorhandener Wnsche in der wirklich
vorhandenen Aussenwelt handelt, durch die Existenz der und die
Mglichkeit der Verfgung ber die zu jenem Endzweck unentbehrlichen
oder doch frderlichen Mittel d. i. der und ber die realen Objecte,
welche, insofern sie jenem Zweck dienstbar gemacht werden, Gter
heissen sollen, bedingt. Dieselben knnen sowol materieller als
geistiger Natur, Gegenstnde der Krper- wie der geistigen Welt sein;
wesentlich ist ihnen nur, dass dieselben zur Befriedigung vorhandener
Wnsche dienen und in Anspruch genommen werden knnen. Von dieser
Art ist der Grund und Boden mit seinem Ertrag, sowol dem inneren
(Erz- und Gesteinsschtzen), wie dem usseren (Nahrungspflanzen
und verarbeitungsfhigen Gewchsen), aber auch der vorhandene Fond
an geistiger Kraft und Intelligenz mit seinem Ertrag, dem inneren:
den Gefhls- und Gedankenschtzen des einzelnen, dem usseren: den
Literatur- und Kunsterzeugnissen des Gesellschaftsgeistes.

202. Diese, sei es materiellen, sei es geistigen Gter zur Befriedigung
vorhandener Wnsche in der Art zu verwenden, dass die mit den gegebenen
Mitteln erreichbare hchste Befriedigung der gegebenen Wnsche
erzielt werde, ist die Aufgabe einer besondern auf dieses Endziel
hin arbeitenden Kunst, die, insofern es dabei auf die bestmgliche
Verwendung der Mittel zum Zwecke d. i. auf die Verwaltung ankommt,
Haushaltungs- oder Verwaltungskunst (Oekonomik) und zwar entweder
private, wenn es sich blos um den klugen Gebrauch der dem einzelnen
Individuum zum Besten des Anderen verfgbaren Gter handelt, oder
ffentliche (Oekonomik der Gesellschaft; Nationalkonomik, Staats- und
Volkswirthschaftskunst), wenn das Ziel die grsstmgliche Frderung
des allgemeinen Wohls durch geschickte Bentzung der innerhalb
der Gesellschaft disponibeln materiellen und geistigen Vermgen
ist. Die Erfllung derselben von Seite des einzelnen Wollenden
macht das Ideal eines Menschenfreundes (Philanthropen), d. i. eines
solchen aus, der sein gesammtes geistiges wie materielles Vermgen in
selbstverleugnender Gesinnung dem Besten Anderer opfert; ihre Erfllung
von Seite einer Gesellschaft dagegen stellt (im ethischen Sinne) das
Ideal eines Verwaltungssystems dar d. i. einer derartigen Organisation
des Gebrauchs und der Verwendung smmtlicher innerhalb des Umkreises
der Gesellschaft vorhandenen und verfgbaren materiellen wie geistigen
Gter, dass dadurch die grsstmgliche Befriedigung vorhandener Wnsche
und Bedrfnisse smmtlicher Gesellschaftsmitglieder, die unter den
gegebenen Umstnden hchstmgliche Summe des allgemeinen Wohls oder
der allgemeinen Glckseligkeit (salus publica) verwirklicht wird.

203. Von selbst leuchtet ein, dass auch bei der sorgfltigsten
und wohlwollendsten Verwaltung die erreichbare Gesammtsumme der
Wnschebefriedigung hinter der jeweiligen Summe der vorhandenen
Wnsche zurckbleiben muss. Denn whrend die letztere eine ins
Unbegrenzte wachsende, ist der Vorrath gegebener Gter und der aus
demselben zum Besten des Ganzen zu schpfende Vortheil auch bei der
umsichtigsten Benutzung nur einer begrenzten Steigerung fhig. Das
Ziel des Philanthropen, wie das der philanthropischen Gesellschaft ist
als erreicht anzusehen, wenn die Summe des allgemeinen Wohls die unter
den gegebenen Bedingungen erreichbare hchste Grenze gewonnen hat. Je
nachdem in den wohlwollenden Bestrebungen des Einzelnen zum Besten des
Andern, der Gesellschaft zum Besten Aller, vorzugsweise die mittels
materieller oder die mittels geistiger Gter realisirbaren Wnsche
d. i. die materiellen oder die geistigen Interessen bercksichtigt
werden, nimmt die Philanthropie dort, das Verwaltungssystem hier selbst
einen vorwiegend materialistischen, der Pflege der materiellen, oder
idealistischen, der Pflege der idealen Interessen gewidmeten Charakter
an. Innerhalb der menschenfreundlichen Bestrebungen des Einzelnen
lassen sich je nach der Beschaffenheit der Gter verschiedene Zweige
des Philanthropismus, innerhalb des wohlwollenden Verwaltungssystems
lassen sich je nach den Zwecken, welche, und den Gtern, mittels
welcher dieselben verwirklicht werden sollen, verschiedene Zweige
der Verwaltung unterscheiden. Die Mannigfaltigkeit derselben,
deren einige auf die Hebung der materiellen Zwecke und Gter,
z. B. auf die Cultivirung, Bebauung und Ausnutzung der Bodenschtze
und des Grundertrags, andere auf die Hebung ideeller Zwecke durch
Frderung und Pflege wissenschaftlicher und literarischer Bildung und
Schpfungen abzielen, bringt in die Verwaltung selbst jene Vielheit
und Buntheit gleichzeitiger auf das Wohl, sei es einzelner Classen
von Gesellschaftsmitgliedern, in deren Besitz eben jene Gter sich
befinden oder zu deren Beruf jene Zwecke gehren d. i. gewisser Stnde
-- sei es des Ganzen, abzweckender Bestrebungen hervor, die sich nicht
selten unter einander zu widerstreiten scheinen, zusammengenommen aber
je nach dem Ueberwiegen der einen ber die andern dem Verwaltungssystem
seine bestimmte individuelle Frbung ertheilen. Dieselbe zeigt je nach
dem Uebergewicht der materiellen ber die geistigen, oder dieser ber
die materiellen Interessen einen bestimmten hervorstechenden mehr
realistischen oder mehr spiritualistischen Ton, zwischen welchen
Gegenstzen ein weises, die Harmonie aller Interessen im Auge
behaltendes Administrationssystem eine gleichschwebende Temperatur
herzustellen und zu erhalten bemht sein wird.

204. Der qualitative Gesichtspunkt des missflligen Streits einander
ausschliessender Willensusserungen ergibt die ethische Idee des
Rechts. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der sthetischen Idee
der Correctheit auf das ethische Gebiet. Wie correcte Vorstellungen
solche sind, die als gleichzeitige im Bewusstsein sich unter
einander vertragen, so sind rechtmssige (d. i. dem Recht gemsse)
Willensusserungen solche, die gleichzeitig vorhanden einander nicht
ausschliessen. Wie die Correctheit eine natrliche oder knstliche,
je nachdem die Vertrglichkeit jener Vorstellungen eine ursprngliche
d. i. aus dem Inhalt derselben selbst fliessende, oder eine (sei
es durch Zufall oder durch Willen) herbeigefhrte ist, indem der
ursprngliche Inhalt so lange abgendert oder durch einen anderen
ersetzt wurde, bis die anfnglich unvertrglichen zu vertrglichen
Vorstellungen wurden, so ist die Rechtsgemssheit (oder, was eben so
viel ist, die Erlaubtheit gewisser Willensusserungen) eine natrliche
oder knstliche, je nachdem dieselben schon ursprnglich ihrem
Inhalt nach vertrglich sind, oder erst in Folge einer gemeinsamen
Uebereinkunft (Vertrag) der Wollenden eine solche Abnderung,
beziehungsweise Ersetzung durch anders beschaffene erfuhren, dass die
bisher unter einander unvertrglichen fortan fr vertrglich gelten
knnen. Heissen daher Willensusserungen, die sich unter einander
nicht ausschliessen d. h. ohne missflligen Streit hervorzurufen
gleichzeitig mit und neben einander bestehen knnen, im Allgemeinen
(im ethischen Sinn) erlaubte, so sind solche, deren Vertrglichkeit
eine ursprngliche, aus ihrem Inhalt selbst fliessende ist, natrlich
erlaubte, solche dagegen, deren Vertrglichkeit erst aus einem zwischen
den Wollenden stattgehabten Vertrage stammt, vertragsmssig erlaubte
Willensusserungen. Erstere, da ihre Erlaubtheit durch den Inhalt der
Willensusserungen selbst begrndet ist, sind jedesmal und jedermann
erlaubt, sobald dieser Inhalt der nmliche ist; diese dagegen, deren
Vertrglichkeit nur aus dem durch Vertrag festgesetzten Inhalt fliesst,
sind nur so lange und nur denjenigen erlaubt, so lange und fr welche
jener Vertrag besteht. Erlaubte Willensusserungen der ersteren
Art werden daher auch wol als natrliche (sogenannte angeborene),
erlaubte Willensusserungen der letzteren Art dagegen als erworbene
(sogenannte positive) Rechte bezeichnet. Die Summe der (angeborenen
und erworbenen) Rechte d. i. der Inbegriff smmtlicher dem Wollenden
erlaubter, oder solcher Willensusserungen, durch deren Vornahme
derselbe keinen Streit erhebt, macht das Recht des Wollenden aus.

205. Wie der als correct bezeichnete Vorstellungsinhalt eine Grenze
fr die unbeschrnkte Freiheit des Vorstellens bezeichnet, jenseits
welcher dasselbe aufhrt, sthetisch geduldet, und anfngt, unbedingt
missfllig zu werden, so stellt der Inhalt der ("angeborenen und
erworbenen") Rechte d. i. des Rechts des Wollenden, eine (natrliche
oder vertragsmssige) Schranke fr die grenzenlose Freiheit der
Willensusserung desselben dar, jenseits welcher diese aufhrt,
ethisch geduldet, und anfngt, unbedingt missfllig zu werden. Der
Doppelsinn des Begriffs der Grenze, welcher zugleich die Ausdehnung
des einen und dessen Ausschliessung von dem Nachbarlande bedeutet,
kehrt im Begriff des Rechts insofern wieder, als durch dasselbe sowol
die Ausdehnung der erlaubten Willensusserung einer-, wie deren
Ausschliessung von der gleichfalls erlaubten Willensusserung des
nachbarlichen Wollenden andererseits bezeichnet wird. Jenes, die Summe
der Rechte des Wollenden, macht das Recht im subjectiven, dieses, die
Summe der (natrlichen oder vertragsmssig festgesetzten) Schranken
der Willensusserung, das Recht im objectiven Sinne des Wortes aus.

206. Wie die Rechtfertigung des Correcten nur in dem Umstand
liegt, dass ein von demselben abweichender Inhalt des Vorstellens
Ausschliessung unter dem gleichzeitig Vorgestellten d. i. Widerstreit
im Vorstellen, und dadurch Missfallen erzeugt, so liegt der Grund
des Rechtmssigen (Erlaubten) ausschliesslich in dem Umstand,
dass eine von dem Inhalt desselben abweichende Willensusserung
mit einander unvertrgliche Willensusserungen im Umfang des zur
Aeusserung gelangenden Wollens d. i. Streit hervorruft und dadurch
Missfallen erzeugt. So wenig dort ein Unterschied dadurch begrndet
wird, dass die Correctheit eine natrliche oder knstliche, so wenig
geschieht dies hier durch den Umstand, dass die Rechtmssigkeit
eine natrliche oder vertragsmssige ist; wie bei dem Incorrecten
das Missfallen nur denjenigen, aber jeden trifft, dessen Vorstellen
vom Correcten abweicht, so geschieht es hier mit dem Missfallen, das
nur jenem, aber auch jedem gilt, dessen Willensusserung das Erlaubte
berschreitet. Wie es aber beim Correcten sich ereignen kann, dass der
Inhalt des knstlich mit dem des von Natur aus Correcten in der Weise
in Collision gerth, dass von Natur aus Correctes durch conventionelle
Uebereinkunft knstlich als incorrect, dagegen durch letztere ein
Vorstellungsinhalt knstlich als correct festgesetzt werden kann,
welchen das unbefangene Vorstellen als incorrect empfindet, so kann
es geschehen, dass natrlich Erlaubtes vertragsmssig als unerlaubt
und solches durch Vertrag als erlaubt hingestellt werden kann, was dem
unbefangenen sthetischen Urtheil als unerlaubt erscheinen muss. Was
in solchem Fall auf sthetischem Gebiete gilt, dass der Umfang des
natrlich Correcten ein unbeschrnkter, weil nur von dem sich immer
gleich bleibenden Inhalt des Vorgestellten abhngiger, jener des
knstlich Correcten aber ein auf den Umkreis eingeschrnkter sei,
innerhalb dessen, sei es Herkommen, Ueberlieferung, Sitte und Gebrauch
oder positive Convention dasselbe fixirt haben, wird anstandslos auf
das ethische angewendet werden drfen, dass das natrlich Erlaubte
unbeschrnkte, weil nur aus dem Inhalt der Willensusserungen
fliessende, das vertragsmssig Erlaubte jedoch nur auf denjenigen
Umkreis beschrnkte Geltung besitze, innerhalb dessen stillschweigender
d. h. blos durch Zulassung, oder ausdrcklicher d. i. mit mehr oder
weniger Frmlichkeit kundgegebener Vertrag dasselbe fr die Vertrag
Schliessenden (aber auch nur fr diese) als erlaubt festgestellt haben.

207. Indem die sthetische Idee der Correctheit jeden
Vorstellungsinhalt verbietet, durch welchen Unvertrglichkeit zwischen
dem gleichzeitig Vorgestellten, so verwehrt die Idee des Rechts
jede Willensusserung, durch welche Streit zwischen den Wollenden
hervorgerufen wird. So wenig die erstere hiebei einen Unterschied
zwischen den beiden Vorstellungen, eben so wenig macht diese einen
solchen zwischen den beiden Wollenden. Die Aufforderung, Streit zu
meiden d. i. sich innerhalb der durch das (sei es natrliche oder
vertragsmssige) Recht gezogenen Willensgrenze zu halten, ergeht an
beide Wollende in ganz gleicher Weise, ganz abgesehen von dem Umstnde,
ob durch diese letztere die Freiheit der Willensusserung des Einen
eine Erweiterung, jene des Anderen eine Verengerung erfahren hat
d. h. ob durch dieselbe dem ersten eine Befugniss (ein Recht gegen
den zweiten) eingerumt, dem zweiten eine solche zu Gunsten des
ersten entzogen (demselben eine Pflicht gegen den ersten auferlegt)
worden sei. Da nun eben so wol Streit entsteht, wenn die eingerumte
Befugniss berschritten, als wenn die entzogene Befugniss wieder in
Anspruch genommen wird, so bedeutet jene Aufforderung fr denjenigen,
dem das Recht jene Befugniss gibt, so viel, dass er dieselbe nicht
missbrauchen, dagegen fr denjenigen, dem das Recht jene Befugniss
nimmt, so viel, dass er dieselbe nicht mehr als sein Recht gebrauchen
drfe, beides aus keinem andern Grunde, als weil jede obiger beider
Handlungsweisen Streit erzeugt.

208. Mehr als diese Aufforderung, um der Vermeidung des Streites willen
einerseits seine Berechtigung nicht zu berschreiten, andererseits
seine Verpflichtung zu erfllen, kann aus der Idee des Rechts
nicht abgeleitet werden. Dieselbe enthlt weder die Ermchtigung
fr den Berechtigten, im Falle unterlassener Pflichterfllung von
Seite des Verpflichteten dieselbe mit Gewalt d. i. durch Anwendung
von Zwangsmassregeln durchzusetzen, noch schliesst dieselbe fr den
Verpflichteten die Befugniss ein, sich im Falle gemissbrauchten oder
mit Zwang durchgesetzten Rechts von Seite des Berechtigten demselben
mit Gewalt d. i. mittels Anwendung von Gegenzwangsmassregeln zu
widersetzen. Ersteres nicht, weil jeder Zwang einen Eingriff in
die erlaubten Willensusserungen des Verpflichteten, somit von
Seite des Berechtigten diesem gegenber selbst eine Streiterhebung
darstellt. Letzteres nicht, weil jeder Gegenzwang von Seite des
Verpflichteten einen Eingriff in die erlaubten Willensusserungen des
Berechtigten, also seinerseits eine Streiterhebung einschliesst. Weder
kann der Zwang, welcher von Seite des Berechtigten zur Durchsetzung
seiner Berechtigung, noch kann der Gegenzwang, welcher von Seite
des Verpflichteten gegen den Berechtigten ausgebt wird, sich auf
diejenige Willensusserung einschrnken, welche im ersten Fall
ausschliesslich das Recht, im letzteren eben so ausschliesslich die
Pflicht ausmacht. Beide, Berechtigter und Verpflichteter, werden in
solchem Falle sich in gleicher Lage befinden wie der Jude Shylock,
dem das Gesetz die Befugniss einrumt, zur Durchsetzung seines Rechts
gegenber dem Kaufmann von Venedig Gewalt anzuwenden d. i. das
contractlich zugestandene Pfund Fleisch nahe dem Herzen demselben
wirklich aus lebendigem Leibe zu schneiden, jedoch unter der von dem
"klugen" Richter hinzugefgten Bedingung, dass er bei Ausbung dieses
seines Rechts nicht selbst seinerseits ein Unrecht begehe d. h. nicht
eine ihm contractlich nicht zugestandene Handlung ausfhre, daher
keinen einzigen Tropfen Blutes vergiessen drfe. Wie durch letzteren
Zusatz die ihm zugestandene Zwangsbefugniss illusorisch, weil der
Natur der Sache nach unausfhrbar, so wird die angeblich in der Idee
des Rechtes enthaltene Zwangsbefugniss in ethisch geschrften Augen
dadurch zunichte gemacht, dass die Ausbung einer solchen ohne neue
Streiterhebung, also seinerseits Rechtsverletzung, dem Berechtigten
durch die Natur der Sache unmglich gemacht wird.

209. Ist nun in der Idee des Rechts wirklich nichts mehr als die
Aufforderung, beim Rechte zu bleiben, keineswegs aber die Erlaubniss
enthalten, Unrecht mit Gewalt zu hintertreiben, so ist allerdings zu
erwarten, dass, wenn nicht auf anderem Wege Vorsorge getroffen wird,
Missbrauch des Rechtes unmglich, Unterlassung der Pflicht unthunlich
zu machen, sowol das eine wie das andere in einem Grade berwuchern
werde, dass der thatschliche Zustand der durch die Idee des Rechts
gestellten Forderung Hohn sprechen wird. Weder lsst sich hoffen, dass
die Scheu, vor der Idee des Rechts durch Streiterhebung missfllig zu
werden, in dem Gemthe des Berechtigten hufiger als es bei solchen,
die einer Aufforderung zur Rechtlichkeit berhaupt nicht bedrfen,
ohnehin der Fall zu sein pflegt, eine solche Macht besitzen werde,
um ihm die Anwendung von Zwang zur Durchsetzung seines Rechts
unmglich zu machen, noch knnte es Wunder nehmen, wenn die Furcht,
durch gewaltsamen Widerstand vor der Idee des Rechts missliebig zu
erscheinen, bei dem Verpflichteten, der sich durch Missbrauch des
Rechtes bedroht und durch Anwendung von Zwang in unbestrittenen
Rechten beeintrchtigt sieht, zu schwach wre, ihn von dem Versuch
gewaltsamer Gegenwehr zurckzuhalten. Vielmehr ist vorauszusehen,
dass in den bei weitem meisten Fllen der Berechtigte der Verlockung,
sein verweigertes Recht auf Kosten des Verpflichteten durchzusetzen,
der Verpflichtete dem Drange, sein angegriffenes Recht gegen den
Uebermuth oder die Uebermacht des Berechtigten sicherzustellen, nicht
werde widerstehen und dadurch an die Stelle des Friedenszustandes, wie
ihn die Idee des Rechtes fordert, ein Kriegszustand, wie ihn der Kampf
des Berechtigten um sein Recht gegen den Verpflichteten und der Kampf
des Verpflichteten fr sein Recht wider den Berechtigten darstellt,
treten werde. Soll letzteres verhtet und die Herstellung des Rechts-
d. i. eines solchen Zustandes, in welchem der Berechtigte sein Recht,
aber nicht mehr als dieses fordert, der Verpflichtete seine Pflicht
und nie weniger als diese leistet, nicht auf jene mrchenhaften Zeiten
verschoben werden, in welchen die Idee des Rechts durch Erziehung
und Gewhnung Macht genug ber die Gemther gewonnen haben wird,
um die Sicherstellung des Rechts durch andere Mittel berflssig zu
machen, so muss ein Ausweg ausfindig gemacht werden, dem Berechtigten
seine Leistung, dem Verpflichteten seinen Schutz vor Uebergriffen
zu verbrgen, ohne von Seite des ersten wie des letzteren durch
unrechtmssige Streiterhebung missfllig zu werden. Derselbe besteht
darin, dass die Befugniss im Falle der Pflichtverweigerung Zwang, im
Falle des Missbrauchs der Berechtigung Widerstand ausben zu drfen,
ihrerseits ausdrcklich vertragsmssig stipulirt und dadurch selbst
zum Recht d. i. zu einem Zwangsrecht erhoben werde. Der Unterschied
desselben von der oben errterten Sachlage besteht darin, dass in der
letzteren das Recht zu zwingen als eine mit jedem Rechte unmittelbar
nicht nur verbundene, sondern demselben innewohnende und folglich
aus demselben ohne weiteres fliessende Befugniss angesehen, dagegen
nun als ein zweites neben und ausser dem Recht, zu dessen Schutze es
bestimmt ist, ausdrcklich errichtetes und mit diesem nicht innerlich
(deductiv), sondern nur usserlich (copulativ) verbundenes Recht
betrachtet wird. Durch dasselbe verwandelt sich der zur gewaltsamen
Zurckeroberung der verweigerten Leistung ausgebte Zwang und der
zum Schutz gegen Ueberschreitung gebte gewaltsame Widerstand aus
unrechtmssigen (unerlaubten) in rechtmssige Handlungen, indem
beide Theile eingewilligt haben, der eine die zur Durchsetzung der
Pflicht, der andere die zum Schutz gegen Missbrauch nothwendigen
Gewaltmassregeln sich gefallen lassen zu wollen.

210. Da die Idee des Rechts nichts weiter verlangt, als dass Streit
gemieden d. h. gegenwrtiger Streit geschlichtet, zuknftiger verhtet
werde, so ist dasselbe in dem Grade als vollkommener anzusehen, als
obiger Zweck erreicht d. h. als durch dasselbe Streit beseitigt oder
unmglich gemacht wird. Welcherlei Inhalt dazu in jedem gegebenen Falle
der zweckdienlichste d. h. welcherlei Recht in jedem gegebenen Falle
das zweckentsprechendste sein werde, lsst sich nicht im Allgemeinen
festsetzen, sondern hngt von dem jeweiligen Inhalt derjenigen
Willensusserungen ab, deren Vertrglichkeit unter einander durch
dasselbe gesichert werden soll. Schon von Natur aus mit einander
vertrgliche Willensusserungen (sogenannte angeborene Rechte),
sobald es deren berhaupt gibt, bedrfen, da zwischen ihnen kein
Streit herrscht, auch nicht besonderer Festsetzungen, denselben zu
vermeiden; es wre denn, es trten Flle ein, in welchen auch diese
sonst vertrglichen Willensusserungen zu einander ausschliessenden
werden und Streit verursachen. Von dieser Art sind z. B. diejenigen
Willensusserungen, die im Gebrauch der Athmungsorgane zum
Einschlrfen der zum Lebensunterhalt unentbehrlichen Quantitt
atmosphrischer Luft bestehen. Dieselben gelten unter normalen
Verhltnissen als vertrglich unter einander, indem jederzeit Luft
genug existirt, um dem gleichzeitigen Athmungsbedrfniss Mehrerer
zu gengen. Das Recht, sich derselben zum Athmen zu bedienen, kann
daher im obigen Sinne als ein natrliches (sogenanntes angeborenes)
angesehen werden. Tritt jedoch der Fall ein, dass (wie z. B. in
Holwell's "schwarzer Hhle" oder unter der Taucherglocke) das
vorhandene Quantum athembarer Luft ein beschrnktes, wol gar fr
das vorhandene Bedrfniss der Mehreren nicht ausreichendes wird,
so werden die sonst vertrglich gewesenen Aeusserungen des Willens,
zu athmen, sofort zu unvertrglichen: es entsteht Streit und damit
nicht nur die Mglichkeit, sondern der Idee des Rechts zufolge die
Aufforderung, ein Recht d. i. eine Bestimmung zu treffen, durch
welche (wie es z. B. unter der Taucherglocke thatschlich der Fall
ist) der Verbrauch der Luft bezglich der Einzelnen geregelt und
deren erlaubter vom unerlaubten gesondert wird. Sind dagegen die
Willensusserungen von Haus aus unvertrgliche, so wird jenes Recht
das beste sein, welches die darin liegende Ursache des Streits am
schnellsten, grndlichsten und dadurch am dauerhaftesten behebt,
wobei indess immer der Grundsatz gilt, dass auch das schlechte Recht,
weil es den Streit, wenn auch nur oberflchlich und vorbergehend,
beseitigt, immer noch besser sei als der Streit selbst.

211. Lsst sich aber auch ber den Inhalt mglicher Rechte ohne
Bercksichtigung des Inhaltes mglicher Willensusserungen nichts
allgemeines aussagen, so lassen sich doch in Bezug auf die Form,
durch welche das Recht seiner Idee in mehr oder minder vollkommener
Weise gengt, Bestimmungen treffen. Hier gilt, dass das Recht (es
sei natrliches oder vertragsmssiges) seinem Inhalt nach, er sei,
welcher er wolle, nicht zweifelhaft sein d. h. dass derselbe entweder
(wie es bei den natrlichen Rechten der Fall zu sein pflegt) an sich
evident sein, oder (wie es bei den vertragsmssigen Rechten durch
besondere die Festsetzung derselben begleitende Frmlichkeiten:
Gebrauch bestimmter Worte oder usserer Zeichen, Handschlag,
Stabbruch u. dgl. zu geschehen pflegt) evident gemacht werden
muss. Zweifel in ersterer Hinsicht, durch welche entweder der Inhalt
wirklicher natrlicher Rechte ungebhrlich ausgedehnt, oder ein
seinem Inhalte nach keineswegs natrliches Recht als angeborenes
in Anspruch genommen wird, sind daher (im ethischen Sinne) nicht
weniger schdlich als Zweifel der letzteren Art, durch welche der
vertragsmssige Inhalt eines positiven Rechtes seinem ursprnglichen
Sinne entgegen umgedeutet oder ein anderes als das vertragsmssige
Recht als vertragsmssig behauptet wird. Doppelsinn, Halbheit oder
Zweideutigkeit des Ausdruckes, Ausserachtlassen von Bedingungen, die
auf die knftige Geltung des Rechtes von Einfluss sein knnen, sind
daher Mngel des Rechtes, denen gegenber die, wenn auch an Pedanterie
streifende Deutlichkeit und Umstndlichkeit der Formulirung, so wie
der vorschriftsmssige Gebrauch feststehender Formeln und Symbole
(wie im rmischen, im deutschen Recht) im Recht am Platze ist.

212. Ist schon das zweifelhafte Recht von Uebel, weil es die
Bestreitung des Rechtes seinem Inhalte nach mglich macht, ja
erleichtert, so ist das "naturwidrige" Recht d. i. ein solches, dessen
Bestimmungen mit Gesetzen, sei es der leblosen, sei es der lebendigen
Natur im Widerspruch stehen, also ohne jene, was unmglich ist, zu
umgehen, nicht in Vollziehung gesetzt werden knnen, in noch hherem
Grade fehlerhaft, weil es anstatt den Streit zu verhten, zu demselben
reizt und dessen Bestand permanent macht. In Bezug auf dasjenige Recht,
dessen Bestimmungen den Naturgesetzen der leblosen Natur zuwiderlaufen,
versteht diese Mangelhaftigkeit und damit die Nichtigkeit desselben
der Idee des Rechtes gegenber sich von selbst, und das Mrchen wie die
Mythe haben von derartigen, physisch unerfllbaren Pflichtleistungen,
die den Hrer rhren und die Hilfe bernatrlicher Mchte herausfordern
sollen, reichlich Gebrauch gemacht. In Bezug auf solche dagegen, deren
Bestimmungen die lebendige Natur z. B. die Bewegung und den Gebrauch
der Glieder des eigenen Leibes als Werkzeug der Willensusserung
betreffen, offenbart sich die Widernatrlichkeit einer Verpflichtung,
durch welche auf jene verzichtet werden soll, dadurch, dass in Folge
der unzerreissbaren Association zwischen Bewusstseinsvorgngen und
Willensimpulsen auf der einen und Muskelbewegungen, die zur Vernderung
der Stellung des Leibes und der Glieder fhren, auf der anderen Seite
jener Verzicht unaufhrlich nicht durch, sondern ohne, ja wider den
Willen des Verpflichteten zurckgenommen, das Recht gebrochen werden
wird, obige Bestimmung daher, weit entfernt, den Streit dauernd
hintanzuhalten, vielmehr unaufhrlich dazu beitrgt, denselben zu
erneuern. Die streng genommen zwar nicht Unrechtmssigkeit, aber
der Idee des Rechtes gegenber Zweckwidrigkeit derartiger Rechte
(Leibeigenschaft, Hrigkeit, Sclaverei) hat dazu gefhrt, z. B. das
Recht auf den Gebrauch der eigenen Glieder und die freie Bewegung
des Leibes als ein sogenanntes "angeborenes" anzusehen, was es im
strengen Sinne des Wortes nicht ist, da die physische Unmglichkeit,
auf dieselben zu verzichten, nicht behauptet, sondern nur der in einem
solchen Verzicht enthaltene, unaufhrlich wiederkehrende Reiz zur
Verletzung des eingegangenen Rechtes tadelnd hervorgehoben werden kann.

213. Ein der Idee des Rechtes entsprechendes Bild eines Zustandes,
in welchem kein Streit herrscht, liefert der Friede, sei es
der natrliche, innerhalb dessen entweder (wie "im Paradiese"
und im "goldenen Zeitalter") nur unter einander vertrgliche
Willensusserungen stattfinden, oder (so wie im sogenannten
Nothfrieden) mit einander unvertrgliche Willensusserungen nur
deshalb nicht stattfinden, weil die Streitenden, oder doch einer von
ihnen, obgleich der Wille zu streiten nach wie vor besteht, in Folge
physischer Erschpfung ausser Stande sind ihren Willen zu ussern,
sei es der vertragsmssige, innerhalb dessen entweder aus Furcht oder
um des Vortheiles willen (Schacherfrieden) in dem einen, oder aus
Respect vor der Idee des Rechtes in dem anderen Falle vertragswidrige
d. h. unter einander unvertrgliche Willensusserungen unterlassen
werden. Letztgenannter entspricht, da der Respect vor der Rechtsidee,
wie diese selbst, sich immer gleich bleibt, dem Ideal eines Rechts-
d. i. eines Zustandes, in welchem der Streit dauernd vermieden wird,
unter den smmtlichen angefhrten in vollkommenster Weise.

214. An die ethische Idee des Rechtes schliesst sich ein Verfahren
an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht blos auf die
gesammten Willensusserungen des Wollenden, sondern auf die Gesammtheit
der innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft an den Tag tretenden
Willensusserungen der Mitglieder derselben ausdehnt. Dasselbe
besteht darin, dass smmtliche Willensusserungen des Individuums zum
mindesten erlaubt d. i. rechtmssig, so wie dass keine der innerhalb
des Umkreises der Gesellschaft an den Tag tretenden Willensusserungen
eines ihrer Mitglieder unerlaubt d. i. unrechtmssig sei; oder,
was dasselbe ist, dass weder der Wollende noch irgend ein Mitglied
der Gesellschaft durch irgend eine seiner Willensusserungen Streit
erhebe. Die Tendenz desselben ist, nicht nur jede unrechtmssige
Handlung zu unterlassen, sondern wo Streit entstanden ist denselben auf
rechtmssige Weise zu schlichten, nicht nur von Seite des Wollenden in
Bezug auf jede seiner Handlungen, sondern von Seite der Gesellschaft
in Bezug auf jede innerhalb ihres Umkreises vorfallende Handlung
ihrer Mitglieder. Die Erfllung derselben von Seite des einzelnen
Wollenden ergibt das Ideal des rechtlichen Mannes d. i. eines solchen,
der nicht nur fr seine Person jeder unerlaubten Handlungsweise sich
jederzeit enthlt, sondern wenn ohne, ja wider seinen Willen Streit
dennoch entstanden ist, denselben auf keine andere als auf erlaubte
Weise (also nicht durch Selbsthilfe, Duell u. s. w.) schlichtet;
die Erfllung derselben von Seite einer Gesellschaft dagegen ergibt
das Ideal einer Rechtsgesellschaft d. i. einer solchen, die nicht
nur innerhalb ihres Umkreises diejenigen Anstalten trifft, um Streit
zwischen ihren Mitgliedern zu verhten (Rechtsgesetzgebung), sondern
auch alle diejenigen anordnet, deren Zweck es ist, entstandenen
Streit auf rechtmssige Weise zu schlichten (Gerichtsverfahren). Jenes
bildet sowol beim einzelnen Wollenden wie bei der Rechtsgesellschaft
den prventiven, den Ausbruch des Streites beseitigenden, dieses bei
beiden den repressiven, ausgebrochenen Streit beschwichtigenden Theil
der Erfllung der Rechtsidee.

215. Je nach den verschiedenen Gattungen unerlaubter Handlungen und
Achtung heischender Rechte, welche der Einzelne sich zu unterlassen
und zu respectiren gebietet, wie je nach der Mannigfaltigkeit der
Veranlassungen, welche zum Streitausbruch, und der Verfahrungsweisen,
welche zum Streitaustrag fhren knnen, kommt in die rechtliche
Gesinnung des Einzelnen wie in die Rechtsgesetzgebung und das
Rechtsverfahren der Gesellschaft eine Buntheit und Vielartigkeit,
welche je nach der vorherrschenden Bercksichtigung einer bestimmten
Classe von Rechten vor und im Gegensatz zu den brigen (z. B. der
privaten vor den ffentlichen, oder umgekehrt der ffentlichen vor
dem privaten, des Hausrechts vor dem Landrecht und dessen vor dem
Reichs- und Staatsrecht, des kirchlichen vor dem weltlichen Recht,
oder umgekehrt u. s. w.) der Rechtsgesinnung des Einzelnen so wie
der Gesellschaft eine bestimmte Frbung (z. B. die privatrechtliche
im germanischen, die ffentlich rechtliche im antiken Recht, die
clericale im mittelalterlichen, die profane im modernen Staate)
ertheilt und in den verschiedenen Zweigen sowol der Rechtsgesetzgebung
wie des Rechtsverfahrens sich, sei es zu Gunsten, sei es zu Ungunsten
einer oder der anderen Classe von Rechten, geltend macht. Letztere
beiden zerfallen je nach den verschiedenen Classen der Rechte, die
zu errichten und zu schtzen sind, sich unter einander aber eben so
wol zu widerstreiten scheinen, als zu ergnzen bestimmt sein knnen,
in eben so viele Zweige sowol der Gesetzgebung als des gerichtlichen
Verfahrens, zwischen welchen ihres scheinbar ausschliessenden
Charakters ungeachtet (z. B. geistliche und weltliche Gesetzgebung,
canonisches, militrisches und Civilgerichtsverfahren u. dgl.) eine
weise Rechtsorganisation das Gleichgewicht nicht nur, wo es gestrt
zu werden droht, herzustellen, sondern dauernd zu erhalten und zu
befestigen bemht sein wird.

216. Der qualitative Gesichtspunkt der missflligen Strung durch
absichtliche Willensusserung ergibt die ethische Idee der (billigen)
Vergeltung. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der sthetischen
Idee des Ausgleichs auf das ethische Gebiet. Wie Schein, der sich
fr Sein gibt, um deswillen unbedingt missfllt und, so weit sich
derselbe vor das Sein hervorgedrngt hat, so weit wieder zurckgedrngt
d. i. das ursprngliche Sein aus seiner Verdunkelung wieder hergestellt
werden muss, damit das Missfallen verschwinde, so missfllt absichtlich
herbeigefhrte Strung, die sich fr Nichtstrung ausgibt und daher
durch entsprechende Gegenstrung ausgeglichen d. i. der ursprngliche
oder doch ein diesem gleicher Zustand wieder hergestellt werden muss,
damit das Missfallen aufhre. Da die Ursache der eingetretenen Strung
weder eine leblose (ein blosses Naturereigniss), noch eine absichts-
(also bewusst-) lose Willensusserung (im Affect, in der Leidenschaft),
sondern eine absichtliche (also bei klarem Bewusstsein beabsichtigte)
Willensusserung ist, so fllt, da die entsprechende Gegenstrung
nichts anderes als die Wirkung der Strung und folglich, da diese
selbst die Wirkung jener Ursache, zugleich die (nur entferntere)
Wirkung jener absichtlichen Willensusserung ist, dieselbe mit
ganzer Gewalt und in ihrem ganzen Umfange auf den Trger der
absichtlichen Willensusserung d. i. den Thter als den "Strenfried"
zurck. Derselbe erscheint daher einerseits als verantwortlich
fr die Strung, andererseits als Gegenstand der Gegenstrung. In
ersterer Hinsicht hngt der Grad seiner Verantwortlichkeit ab von
dem Grad seiner Urheberschaft; in letzterer Hinsicht wird das Mass
der an ihm zu verwirklichenden Gegenstrung durch dasjenige der von
ihm ausgegangenen Strung vorgezeichnet.

217. Der Grad der Urheberschaft wird gemessen durch die Erwgung,
inwiefern und inwieweit eine gewisse Strung als Wirkung
absichtlicher Willensusserung eines gewissen Wollenden angesehen
werden knne. Dieselbe hat zunchst zu erforschen, ob und dass
die stattgehabte Strung Wirkung eines Willens (d. i. ob und dass
sie Willensusserung), hierauf, ob und dass diese Willensusserung
absichtlich d. i. unter Umstnden erfolgt sei, unter welchen allein
von Wollen einer- und Absichtlichkeit andererseits die Rede sein
knne. Erstere Untersuchung, da sie den Zusammenhang einer in der
Aussenwelt eingetretenen Vernderung eines bisherigen Zustandes
und die Verursachung dieser durch einen wirksam gewordenen Willen
betrifft, hngt von der Rcksicht auf die Naturgesetze der usseren
(physischen) Welt ab; letztere Untersuchung, da sie den Zusammenhang
eines bestimmten Wollens mit einem bestimmten Vorsatz d. i. die
Verursachung einer im Innern des Bewusstseins vor sich gegangenen
Vernderung im Wollen durch einen gleichfalls im Bewusstsein
vorgegangenen Act des Intellects betrifft, hngt von der Rcksicht
auf die Naturgesetze der inneren (psychischen) Welt ab. Jene hat zu
constatiren, dass es bei der Verursachung der Strung durch ein Wollen,
diese, dass es bei der Verursachung des Wollens durch den Intellect
"mit rechten Dingen" zugegangen d. h. dass nicht nur zwischen der
Strung und dem angeblichen Strenfried ein Causalzusammenhang
bestehend, sondern dass derselbe an keiner Stelle unterbrochen,
kein Ring der Kette ausgefallen sei. Das Ergebniss der ersteren ist
der Grad der physischen, jenes der letztern Betrachtung der Grad der
psychischen Urheberschaft des Thters.

218. Letzterer hngt ab von der Zurechnungsfhigkeit des Thters. Eine
solche ist nicht vorhanden, wenn die psychischen Bedingungen mangeln,
von welchen nach psychischen Naturgesetzen das Zustandekommen
eines wirklichen Wollens, so wie dessen Beeinflussung durch den
Intellect abhngig ist. Da nun wirkliches Wollen nur dort existirt,
wo weder, wie beim Begehren, zwar eine Vorstellung des Begehrten,
aber keine von dessen Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, noch,
wie beim Wnschen, nebst der Vorstellung des Gewnschten auch noch
die Vorstellung von dessen Unerreichbarkeit, sondern nur dort, wo
ausser der Vorstellung des Gewollten auch noch die Ueberzeugung von
dessen Erreichbarkeit vorhanden ist, so hngt die Entscheidung ber
die Zurechnungsfhigkeit in erster Reihe davon ab, ob der Zustand
des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, in welchem die Mglichkeit
vorhanden war, ber Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit des Begehrten
Erwgungen anzustellen, Urtheile zu fllen und sein Begehren durch
dieselben bestimmen zu lassen d. h. ob der angebliche Thter in einem
Gemthszustande sich befunden habe, der es ihm psychisch mglich
machte, verstndige Ueberlegungen ber sein Begehren anzustellen. Da
ferner von einer Absicht in Bezug auf den Andern nur insofern die
Rede sein kann, als eine Vorstellung davon vorausgesetzt wird, was die
Folge einer gewissen Willensusserung in dem Zustande des Anderen sein
d. h. ob derselbe dadurch verbessert oder verschlechtert werden werde,
so hngt die Entscheidung ber die Zurechnungsfhigkeit in zweiter
Reihe davon ab, ob der Zustand des Bewusstseins ein solcher gewesen
sei, um eine Vorstellung von den unausbleiblichen oder doch mglichen
Folgen einer gewissen Handlung fr den Leidenden wirklich oder auch
nur mglich zu machen d. i. ob der angebliche Thter sich in einem
Geisteszustande befunden habe, der ihm erlaubte, eine vernnftige
Ueberlegung anzustellen.

219. Der Unterschied beider Ueberlegungen ist dieser: erstere,
die sogenannte verstndige, hat es, nachdem das Begehren einmal
vorhanden ist, lediglich mit der Frage zu thun, ob das Begehrte auch
mglich sei. Letztere, die sogenannte vernnftige, hat es, bevor noch
ein Begehren wirklich vorhanden ist, mit der Frage zu thun, ob ein
solches erlaubt sei. Die Antwort auf jene Frage hngt lediglich von
Erwgungen ab, deren Gegenstnde aus dem Bereiche der physischen,
die Antwort auf diese dagegen von solchen, die aus dem Bereiche der
sogenannten moralischen Welt entnommen sind. Ueber Erreichbarkeit oder
Unerreichbarkeit entscheidet richtig oder unrichtig die Kenntniss oder
Unkenntniss der Naturgesetze; ber die Erlaubtheit oder Unerlaubtheit
entscheidet wahr oder falsch das Bewusstsein oder das Nichtbewusstsein
der Moralgesetze. In einem Zustand, in welchem das "Weltbewusstsein"
d. i. die Fhigkeit, nach der vorhandenen Kenntniss der Naturgesetze
zu verfahren, aus was immer fr einem Grunde (augenblickliche oder
dauernde Unwissenheit) nicht vorhanden oder abhanden gekommen ist,
kann keine verstndige, in einem solchen, in welchem "das ethische
Bewusstsein" d. i. die Stimme des Gewissens, die Kenntniss des
Gebotenen und Verbotenen, sei es aus was immer fr einem Grunde
(ethische Blindheit oder ethische Verblendung) unterdrckt ist,
keine vernnftige Ueberlegung stattfinden. Der angebliche Thter ist
in solchem Falle entweder schon in erster oder doch in zweiter Reihe
im psychologischen Sinne des Wortes unzurechnungsfhig.

220. Der Umstand, ob die dem Strenfried zur Last fallende Strung
seinerseits durch die absichtliche Herbeifhrung oder die eben
so absichtliche Unterlassung einer gewissen Willensusserung
verursacht wird, macht in der Beurtheilung seiner Urheberschaft
keinen wesentlichen Unterschied. Ersterer Fall, welcher, wenn die
verursachte Strung ein Wehe des von derselben Betroffenen darstellt,
als dolus bezeichnet wird, kommt mit dem letzteren, welcher unter
derselben Voraussetzung den Namen culpa fhrt, darin berein, dass
beide Ursache der Strung sind, und unterscheidet sich von diesem nur
dadurch, dass der Thter das einemal etwas thut, von dem er weiss,
dass dessen Thun, das anderemal etwas nicht thut, von dem er weiss,
dass dessen Nichtthun eine gewisse Folge nach sich ziehen msse und
werde. Letzteres Wissen wird nothwendig erfordert, wenn von einer durch
Unterlassung auf sich geladenen Schuld des Unterlassenden die Rede
sein soll; wo dasselbe mangelt, aber durch die Unterlassung Strung
entsteht, kann der Unterlassende hchstens in dem Falle fr dieselbe
zur Verantwortung gezogen werden, als ihm die Nichtunterlassung
ausdrcklich zur Pflicht gemacht war. Dessen Vergehen besteht
jedoch in einem solchen Fall nicht sowol in der Herbeifhrung der
Strung, von deren Mglichkeit er nichts wusste, als vielmehr in der
Vernachlssigung der ihm aufgetragenen Pflicht. Fand weder Wissen um
die Folgen, noch ausdrckliches Gebot der Nichtunterlassung statt,
so kann von einer absichtlichen Unterlassung nicht gesprochen und die
Folge der Strung dem "unfreiwilligen" Strenfried nicht aufgebrdet
werden.

221. Mit dem Erweis der Thterschaft ist das Object der Vergeltung,
mit dem Mass der Thterschaft das Mass dieser letzteren gegeben. Jede
wirkliche Strung kann, um nicht missfllig zu werden, nur am
wirklichen Thter und nur in dem Masse, aber auch nicht unter demselben
vergolten werden, in welchem er Thter ist. Inwiefern die von ihm
ausgegangene That selbst Wohl- oder Wehethat, der Thter wirklicher
Wohl- oder Wehethter ist, nimmt die Vergeltung die Gestalt der
Belohnung d. i. des Rckgangs eines dem zugefgten gleichen Quantums
von Wohl an den Wohlthter, oder der Bestrafung d. i. des Rckgangs
eines gleichen Quantums von Wehe an den Wehethter an.

222. Ueber das Subject der Vergeltung d. i. den zur Vergeltung
Berufenen, wird durch die Idee der Vergeltung nichts ausgesagt. Die
Forderung derselben lautet dahin, dass vergolten werde, aber sie
lsst dahingestellt, durch wen vergolten werde. Dieselbe ist erfllt
und das Missfallen geschwunden, wenn die Strung ausgeglichen, auch
dann, wenn durch die Ausgleichung dieser Strung der Ausgleichende
(der Vergelter) aus irgend einem Grunde selbst tadelnswerth geworden
ist. Die Vergeltung kann eben so gut durch einen unpersnlichen
Vorgang (auf dem Naturwege), wie durch einen persnlichen Act (auf dem
Gerichtswege) erfolgen. In ersterem Fall zieht die eingetretene Strung
die entsprechende Gegenstrung (die That das Loos) wie die Ursache ihre
Wirkung nach sich; im letzteren Fall wird die Vergeltung, welche sonst
ausgeblieben wre, ber den Thter in Folge des Rathschlusses einer
persnlichen Vergeltungsmacht (sei es gttlicher oder menschlicher)
verhngt und ausgebt. In ersterem Fall herrscht Nemesis, im letzteren
Dike.

223. Die vergeltende Persnlichkeit kann tadelnswerth erscheinen,
nicht weil sie vergilt, sondern weil sie vergilt. Die Vergeltung von
Wohlthaten durch ein entsprechendes Quantum Wohl an dem Wohlthter
lsst nicht nur die Idee der Vergeltung, sondern auch die Person
des Vergelters in verklrendem Lichte erscheinen, weil bei dem
Wohlspendenden nicht blos billige, sondern (mit Recht oder Unrecht)
auch wohlwollende Gesinnung vorausgesetzt wird. Die Vergeltung der
Wehethat durch ein entsprechendes Quantum Wehe an dem Wehethter
dagegen lsst die Person des Vergelters in einem ungnstigen Lichte
sich darstellen, weil an derselben zwar die billige Gesinnung
allenfalls anerkannt, aber der Verdacht belwollender Gesinnung
d. i. einer Freude am Wehethun rege gemacht wird. Der Strafrichter,
der das Urtheil fllt, noch mehr der Nachrichter, der es vollzieht, hat
die Wirkung dieses unwillkrlichen Nebenverdachtes an seiner Person zu
erfahren; der Henker, der Hand anlegt an den, wenn auch gerechterweise,
Verurtheilten, wird von der Volksmeinung fr unehrlich erklrt und
wurde nicht selten in der Ausbung seiner Pflicht vom Volke gehindert
und gesteinigt. Wie es in feiner empfindenden Zeitaltern einst dahin
kommen mag, dass die Anwendung der Todesstrafe von selbst aufhren
muss, weil sich niemand mehr finden wird, der das verrufene Amt des
Scharfrichters auf sich nimmt, so liesse sich denken, dass die Fllung
von, wenn auch gerechten, Strafurtheilen bei empfindlichen Seelen
Widerstand erfhrt, weil sich dieselben weder vor Anderen noch vor
sich selbst dem Verdacht aussetzen mgen, mehr der Freude, Anderen
weh thun zu knnen, nachgegeben, als der Idee billiger Vergeltung
ausschliesslich gehorcht zu haben.

224. Dieser Verdacht wird gesteigert, wenn die Person des Vergelters
mit dem Beleidigten, schwindet beinahe vllig, wenn dieselbe mit dem
Beleidiger identisch ist. Ersteres enthlt den Grund, um deswillen
Vergeltung von Rache verschieden, letzteres den Grund, warum unter
allen Formen der strafenden Vergeltung die der Selbstvergeltung die
am mindesten anstssige ist. Bei demjenigen, der durch den Andern
absichtliches Weh erlitten hat, liegt die Voraussetzung, dass er die
sich darbietende Gelegenheit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nicht
sowol mit der persnlichen Khle des unbetheiligten Richters, sondern
mit der schadenfrohen Hitze des gereizten Rachgierigen ergreifen
werde, am nchsten; die Hoffnung, dass derselbe es bei dem billigen
Masse der Vergeltung bewenden lassen werde, ist bei ihm die geringste;
die Aussicht, dass er dasselbe in ungebhrlicher Weise berschreiten
werde, die wahrscheinlichste. Unter allen als passende Werkzeuge der
Vergeltung denkbaren Persnlichkeiten ist daher die des Beleidigten die
unpassendste und sonach durch die Idee der Billigkeit vom Vergelteramt
(z. B. im Zweikampf, Duell) ausgeschlossen. Dagegen, da bei jedem
Einzelnen die Neigung, sich selbst Wehe zu thun, nicht, der Entschluss,
sich selbst ein derartiges zuzufgen, nur als Wirkung eines ber die
Schranken eudmonistischer Motive hinausreichenden, idealen d. i. nur
von ethischen Ideen beherrschten Wollens vorausgesetzt werden kann,
ist die Selbstvergeltung d. i. die Zufgung eines dem von ihm
ausgegangenen gleichen Quantums von Wehe an seine eigene Person
von der Hand des Wehethters ber jeden Verdacht anderer als rein
ethischer Vergeltungsgesinnung erhaben und zugleich die Annahme,
dass sich der Vergelter mit dem billigen Masse der Vergeltung
begngen werde, gerechtfertigt, so dass durch dieselbe der Idee
der Vergeltung zugleich in der reinsten und in der angemessensten
Weise Genge gethan wird. Dieselbe ist daher nicht nur des Nimbus
halber, mit dem sie die Person des Vergelters umgibt, sondern auch
um der Krze und Anschaulichkeit des Vergeltungsverfahrens willen
(z. B. als vergeltender Selbstmord) im Drama (Othello, Don Caesar,
Guido von Tarent u. A.) besonders beliebt.

225. Wie die Nothwendigkeit zu strafen, um Missfallen zu vermeiden,
von der Idee der Vergeltung, so hngt die Mglichkeit zu strafen,
ohne missfllig zu werden, von dem Motiv des Strafenden ab. Fordert
die erste: fiat justitia pereat mundus, so erlaubt die letztere nur:
fiat justitia, ne pereat mundus. Das Motiv der Strafe kann kein
anderes sein, als damit die geschehene Wehethat nicht unvergolten,
der Wehethter nicht straflos bleibe. Der Beweggrund des Strafenden
kann kein anderer sein, als die wohlwollende Gesinnung, dass durch
den Vollzug der Strafe nicht sowol Anderen Leid zugefgt, als vielmehr
Anderer Leid verhtet, oder Anderer Wohl gefrdert werde. Je nachdem
dieser Andere der Wehethter selbst, oder ein Anderer als dieser ist
d. h. durch das Wehe, das dem Wehethter zugefgt wird, entweder
dessen eigenes Weh verhtet oder gemildert, dessen eigenes Wohl
gewahrt und gemehrt werden soll, oder das gleiche bei einem Andern
dadurch herbeigefhrt werden soll, zerfllt vom Gesichtspunkt des
Strafenden aus die Strafe in Besserungs- und Abschreckungsstrafe. Jene
geht darauf aus, den Wehethter selbst, diese den Anderen seiner
ethischen Beschaffenheit nach durch das dem ersteren zugefgte Leid zu
verndern d. h. die Strafe als ein Motiv in das Bewusstsein des einen
wie der anderen zu dem Zwecke einzufhren, damit in der Folge eine der
strafbaren Handlung gleiche Handlungsweise, sei es von dem Gestraften
selbst, sei es von den Zeugen seiner Bestrafung unterlassen werde. Die
durch die Strafe herbeizufhrende Aenderung der ethischen Qualitt
besteht bei dem Gestraften in einer wirklichen Aenderung seines
bisherigen (strflichen) Wollens, so dass an die Stelle desselben
knftig ein seinem Inhalt nach entgegengesetztes (unstrfliches) Wollen
trete, sein Wollen demnach ein besseres werde. Bei Anderen dagegen
kann dieselbe nur darin bestehen, dass ein gewisses bisher nicht
wirklich vorhandenes d. h. noch niemals in Handlung bergegangenes,
wenngleich vielleicht als Neigung, Hang, Vorsatz lngst bestandenes
Wollen auch knftig nicht wirklich d. i. wirksam werde. Whrend daher
die Abschreckungsstrafe ihren Zweck erfllt, wenn sie berhaupt Andere,
also auch den Gestraften selbst zur Enthaltung von der strafbaren
Handlung bewegt, hat die Besserungsstrafe denselben erst dann erreicht,
wenn sie in den Anderen und darunter vor allem in dem Gestraften ein
neues, dem Inhalt der strflichen Handlung entgegengesetztes Wollen
erzeugt. Da die Strafe ein Wehe zufgt, so wird der Grund, durch
welchen dieselbe sowol zum Motiv der Enthaltung vom strflichen, wie
zur Erzeugung eines demselben entgegengesetzten Wollens wird, zunchst
kein anderer sein, als Furcht vor dem Wehe, das sie mit sich bringt:
Furcht vor dessen Wiederkehr bei dem Gestraften, vor dessen drohendem
Eintreten bei dem Zeugen der Strafe. Hat dieselbe zur Folge, dass
sowol bei dem Gestraften als bei den Zeugen der Strafe, das strfliche
Wollen, bei dem Gestraften nicht mehr, bei den Anderen berhaupt
nicht eintritt, so sind die letzteren nicht schlechter geworden,
als sie waren, so ist das Wollen des Gestraften besser geworden,
als es war; der Gestrafte selbst aber, so lange nur Furcht vor der
Strafe ihn von der Wiederbegehung der strflichen Handlung abhlt,
ist nicht gebessert. Letzteres ist erst dann der Fall, wenn nicht nur
das Wollen ein anderes, sondern auch das Motiv des anders Wollens ein
anderes als das eudmonistische der Furcht d. h. wenn es das ethische,
die Ueberzeugung von der Verwerflichkeit der strafbaren Handlung
als solcher geworden ist. Diesen ussersten Schritt, welcher nicht
blos eine Aenderung des Wollens, sondern eine solche der Gesinnung
bedeutet, in dem Gestraften herbeizufhren, reicht die blosse Strafe,
welche als solche zwar auf das Gemth d. i. auf die Empfnglichkeit fr
die angenehmen oder unangenehmen Folgen einer gewissen Handlungsweise,
und auf die Klugheit, unangenehmen Folgen auszuweichen, keineswegs aber
auf die praktische Weisheit d. i. auf die Einsicht in den unbedingten
Werth oder Unwerth einer Handlungsweise Einfluss zu ben vermag,
fr sich so wenig aus, dass zur Erreichung dieses Zweckes vielmehr
andere Mittel (Belehrung, Erziehung) zu Hilfe genommen werden mssen,
das Beste aber von dem im Gemth des Gestraften selbst zum Durchbruch
gelangten Erwachen der unwiderstehlichen Stimme und Macht des Gewissens
erwartet werden muss.

226. Letztgenannter Grund ist es, welcher bewirkt, dass die
Formen der Strafe, je nachdem dieselbe als Besserungs- oder als
Abschreckungsstrafe betrachtet wird, unter einander abweichende,
nicht selten sogar entgegengesetzte Gestalt annehmen. So fordert
die Strafe, die abschreckend wirken soll, volle, ja verstrkte
Oeffentlichkeit, whrend die Besserung des Gestraften, wenn sie
den Zweck der Strafe abgeben soll, durch Geheimhaltung derselben,
um diesem die Beschmung zu ersparen, begnstigt wird. Whrend die
Oeffentlichkeit des Strafvollzuges die Furcht vor der Strafe steigert,
erleichtert deren Geheimhaltung dem Gestraften die Aenderung sowol
seines bisherigen Wollens wie seiner bisherigen Gesinnung. Jene
erschwert dem Gestraften auch nach eingetretener Besserung den
Rcktritt in die Gesellschaft, die Zeuge seiner Bestrafung gewesen
ist; diese, indem sie Bestrafung und Gesinnungsnderung in der Stille
sich vollziehen lsst, macht durch weise Schonung des Ehrgefhles dem
Gestraften nicht sowol die Wiederaufnahme als vielmehr das dem Anschein
nach wenigstens ungestrte Fortleben unter Anderen mglich. Entmenschte
Rohheit und gedankenlose Neugier haben den ffentlichen Strafvollzug
lngst mehr zur Befriedigung brutaler Schaulust und barbarischer
Gefhllosigkeit erniedrigt, als zum wirksamen Drohmittel erhabener
Gerechtigkeitspflege erhht; die Verlegung desselben in abgelegene und
der Menge verschlossene Rume, so wie die Ersetzung der die sittliche
Pest durch Ansteckung mehrenden gemeinsamen durch der Einkehr in sich
selbst und dem Wachwerden ethischer Gesinnung vortheilhafte Einzelhaft
stehen in der Gegenwart als sichtbare Zeichen des Uebergewichtes
des Besserungs- ber das blosse Abschreckungsmotiv und verfeinerten
ethischen Zartgefhles aufrecht.

227. An die Idee der billigen Vergeltung schliesst sich ein Verfahren
an, welches dieselbe nicht blos ber die gesammte Willenssphre
des Einzelnen, so weit nicht andere Motive es verhindern, einer-,
so wie auf smmtliche innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft zu
Tage tretende mittels absichtlicher Willensusserung hervorgerufene
Strungen andererseits ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass nicht
nur jede vom Einzelnen verbte, wie jede am Einzelnen gebte That
vergolten, sondern dass jede innerhalb des Umkreises der Gesellschaft
ans Licht getretene Wohl- oder Wehethat in entsprechender Weise
vergolten werde. In ersterer Hinsicht schliesst die Idee der Vergeltung
die Forderung ein, dass jeder, der Gegenstand einer Wohl- oder Wehethat
gewesen ist, deren Vergeltung (entweder durch ihn selbst oder durch
Andere) suche, und jeder, der Urheber einer Wohl- oder Wehethat
geworden ist, deren Vergeltung (durch Andere oder durch sich selbst)
dulde. In letzterer Hinsicht drckt dieselbe aus, dass innerhalb des
Umkreises der Gesellschaft keine wie immer geartete wirklich vollzogene
That verborgen, so wie dass keine durch Zufall oder durch absichtliche
Veranstaltung ans Licht gezogene That ohne Vergeltung bleibe. Die
Erfllung ersterer Forderung stellt das Ideal des gerechten Mannes,
der sein Recht fordert, aber auch nimmt, die Erfllung der letzteren
das Ideal eines Lohnsystems d. i. einer Gesellschaft dar, innerhalb
welcher jeder That ihr Lohn, der Wohlthat die ihr gebhrende Belohnung,
der Wehethat die verdiente Bestrafung zu Theil wird. Jenem entspricht
es, wie Heinrich von Kleist's Michael Kohlhaas darauf zu bestehen,
dass die ihm widerrechtlich geraubten Rosse, von dem junkerlichen
Ruber mit eigener Hand dick gefttert, ihm zurckgestellt werden, aber
zugleich die ber ihn selbst rechtmssig verhngte Strafe gesetzloser
Willkr und widergesetzlicher Selbsthilfe sich willig gefallen zu
lassen. Wie in ersterer Handlung des Gerechten berechtigter "Kampf
ums Recht", so tritt in der letzteren des Gerechten bereitwillige
Anerkennung des "Sieges des Rechtes" ans Tageslicht. Dem Ideal eines
Lohnsystems wrde eine Gesellschaft gengen, in welcher nicht nur alle
zweckdienlichen Anstalten getroffen werden, nicht blos wie die heutigen
"Detectives" verborgen gebliebene Missethaten aufzudecken und wie
die heutigen "ffentlichen Anklger" der Strafgewalt zu denunciren,
sondern in gleicher Weise geheime oder (zufllig oder absichtlich)
vergessene Wohlthaten aufzuspren und als ffentliche Lobredner der
Macht, welche die Pflicht und die Mittel zur Belohnung besitzt,
zur Kenntniss zu bringen. In letzterem Sinn hat schon Sokrates
den ihm gebhrenden Lohn dahin definirt, dass er verdient habe,
auf ffentliche Kosten im Prytaneum erhalten zu werden. Whrend die
heutige Gesellschaft fr den Zweck der Entdeckung und Kundmachung
geschehener Wehethaten ein zahlreiches Heer besonders geschulter und
instruirter Organe besitzt, zieht sie es vor, ohne Zweifel um den
Zartsinn der Wohlthter zu schonen, das Bekanntwerden geschehener
Wohlthaten dem Zufall, oder dem seltenen guten Willen der Empfnger
so wie der Neider anheimzustellen. Dieselbe hat ebenso es lngst als
ihre Aufgabe angesehen, zur Bestrafung innerhalb ihres Umkreises
kundgewordener Vergehen zweckdienliche Anstalten (Strafgerichte)
und Verfahrungsweisen (Strafverfahren) zu errichten und zu ersinnen,
hat es jedoch in Bezug auf den zweiten, nicht minder wichtigen
Theil des Lohnsystems, die Belohnung auch der ihr bekannt gewordenen
Wohlthaten, bei den drftigsten Einrichtungen (Preisgerichte) und
den armseligsten Verfahrungsweisen (Brgerkronen, Ehrenzeichen,
Monthyon'sche Tugendpreise) bewenden lassen. Nicht Keppler allein
ist ein Beispiel, dass die moderne Gesellschaft Wohlthtern der
Menschheit "ffentliche Steine" statt Brot gegeben hat. Wie in der
gerechten Gesinnung des Einzelnen zwischen der Geneigtheit, sein
Recht zu fordern, und der Bereitwilligkeit, dasselbe zu nehmen,
so kann innerhalb des Lohnsystems zwischen der Sorgfalt Strafen zu
verhngen und der Lssigkeit Wohlthaten zu belohnen ein empfindliches
Missverhltniss herrschen, in Folge dessen die gerechte Gesinnung
in Vergeltungssucht einer- und Widersetzlichkeit andererseits, die
Gerechtigkeit der Gesellschaft in drakonische Strenge einer- und
athenische Undankbarkeit andererseits ausartet. Das Ueberwiegen der
Recht fordernden ber die rechtsduldsame, der Straffrohen ber die
belohnungseifrige Gesinnung oder das Gegentheil gibt dem Einzelnen
wie der Gesellschaft hinsichtlich der Idee der Vergeltung ihre
eigenthmliche Frbung und ruft jenen Gegensatz einander bekmpfender
Willensrichtungen, deren eine auf die Zufgung wenn auch verdienten
Weh's, die andere auf die Schenkung wohlverdienten Wohls gerichtet ist,
hervor, zwischen welchen eine weise Organisation sowol des Strafs-
wie des Belohnungssystems das vershnende Mass herzustellen und
festzuhalten bemht sein wird.

228. Mit der Idee der billigen Vergeltung ist die Reihe der
ethischen d. i. der Uebertragungen sthetischer Ideen auf das
ethische Gebiet erschpft. Keine derselben ist das ganze Gute,
aber jeder derselben entspricht ein Element des Guten. Wie das
vollkommene, so ist das innerlich freie und das wohlwollende Wollen
ein gutes; sind die Gegentheile des Streits: der Friede unter den
Wollenden, und der unvergoltenen That: die billige und willige
Vergeltung seitens der Wollenden, kein schlechtes Wollen. Aber nur
alle zusammengenommen als Eigenschaften des Wollens d. i. dasjenige
Wollen, das zugleich in quantitativer Hinsicht stark, in qualitativer
Hinsicht charaktervoll, gtig, rechtlich und gerecht ist, ist das gute
Wollen. Die Erweiterung der ethischen Ideen auf die Gesellschaft,
welche derselben nach einander den Charakter eines Cultursystems,
einer beseelten Gesellschaft, eines Verwaltungssystems, einer
Rechtsgesellschaft und eines Lohnsystems verleiht, bringt nicht nur
durch jede der genannten Eigenschaften eine von dem Gesichtspunkt
einer vereinzelten ethischen Idee aus verehrungs- oder doch wenigstens
achtungswrdige Gesellschaft, sondern durch die Vereinigung aller
genannten Eigenschaften das Ideal desjenigen hervor, was in besserem
als in dem banal-herkmmlichen Sinne der "guten Gesellschaft" eine
wahrhaft gute Gesellschaft d. i. eine solche heissen darf, in welcher,
wie in dem guten Wollen die einfachen, so die gesellschaftlichen
ethischen Ideen zur Verwirklichung gelangt sind.

229. Wie jeder der logischen und sthetischen Ideen, so steht jeder
der ethischen Ideen ein Gegenbild zur Seite; jener der (ethischen)
Vollkommenheit das der (ethischen) Unvollkommenheit, jener der
inneren Freiheit das der inneren Unfreiheit (Willensknechtschaft),
jener des Wohlwollens das des Uebelwollens, whrend Streit und
unvergoltene That die natrlichen Gegenstze des durch die Ideen des
Rechts und der billigen Vergeltung Geforderten ausmachen. Wie jedes
einer ethischen Idee entsprechende Wollen ein gutes (lobenswerthes,
im ethischen Sinn schnes), so stellt jedes einem ihrer Gegenbilder
gleichende Wollen ein schlechtes (tadelnswerthes, im ethischen Sinne
hssliches) Wollen dar. Wie jene zusammengenommen den Inhalt des
Guten, so erschpfen diese zusammengenommen den Inhalt des ethisch
verwerflichen Wollens. Wird dabei durch ein dem bei den ethischen Ideen
angewendeten hnliches Verfahren die in dem Gegenbilde enthaltene
Forderung nicht blos auf das Gesammtwollen des einzelnen Wollenden,
sondern auf jenes einer ganzen Gesellschaft ausgedehnt, so entstehen
nach der Reihe die den oben genannten entgegengesetzten Einzel- und
Gesellschaftsideale. Dem Ideale des Willensstarken tritt gegenber
die Willensschwche, dem Ideal des Cultursystems das Zerrbild eines
solchen in der innerlich schwchlichen, drftigen und zerfahrenen
Willensbeschaffenheit ihrer smmtlichen Mitglieder. Dem Ideal des
Charakters und der beseelten Gesellschaft stellt sich das Extrem
innerer Haltlosigkeit im Einzelnen, so wie der seelenlose Mechanismus
und Formalismus in der Gesellschaft entgegen. Die Kehrseite des Ideals
der Gte und eines wohlwollenden Verwaltungssystems offenbart sich
in dem satanischen Ideal der Bosheit (dem Bsen), wie in dem wsten,
auf Raubbau und nutzlose Vergeudung der Gter gegrndeten Haushalt
innerlich und usserlich verlotterter Wirthschaftsgesellschaften. Das
Widerspiel, sei es auf natrliche, sei es vertragsmssige Basis
gestellter Rechts- und Friedenszustnde tritt in dem rcksichtslosen
Walten der Macht des Strkern, in dem Kriege Aller gegen Alle und dem
auf gegenseitige Vernichtung abzielenden "Kampf ums Dasein" zu Tage,
whrend das Gegenstck zu dem in der Forderung billiger Vergeltung
enthaltenen Gemlde das Bild eines Zustandes darbietet, in welchem
der Wohlthter darbt und das vergossene Blut vergebens zum Himmel
schreit. Wie die Zusammenfassung ethischer Gegenbilder im Wollen
eines einzelnen Individuums dieses zum Ideal der Schlechtigkeit
stempelt, so drckt die Zusammenfassung smmtlicher Gegenbilder
ethischer Gesellschaftsideale im Wesen einer einzigen Gesellschaft
dieser in einem andern als in dem herkmmlich alltglichen Sinn der
sogenannten "schlechten Gesellschaft" das Geprge einer schlechten
Gesellschaft auf.

230. Mit der Aufstellung der ethischen Ideen und ihrer Gegenbilder,
der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung fr jedes Wollen,
das auf Hervorbringung des guten d. h. unbedingt wohlgeflligen Wollens
gerichtet ist d. i. mit der Aufzhlung der normalen und anormalen
Formen, welche Normen des Wollens und Handelns sind, ist das Geschft
der Ethik als allgemeiner Wissenschaft vom Guten vollendet.








ZWEITES BUCH.

DAS WIRKLICHE.


ERSTES CAPITEL.

DAS NICHT-ICH.


231. Was berhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was
oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so
leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft
vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den "hohlen Trumen
der Speculation" entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder
Andere gern berreden mchten. Sofern und so lange es gewiss ist,
dass der Weg zum Wirklichen fr das wirkliche Vorstellen nur durch
das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen fhrt,
der Schein der Wirklichkeit fr das Bewusstsein frher gegeben
ist und demselben nher steht als die, wenn berhaupt vorhandene,
hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es
unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunchst und vor
allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat,
wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches
fr das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der
Wirklichkeit noch befremdender klingen msste, den Schein fr das
einzige Wirkliche zu halten.

232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus,
letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben
gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich
Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines
Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus
aus sind die Dinge nicht nur, wenn, sondern sie sind auch das, was
sie zu sein scheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind
die Dinge, die scheinen, die einzigen, welche sind. Jener schliesst
jede Mglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit
aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen
identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein
Wirkliches vorhanden ist.

233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass es wirklich Scheinendes
gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand,
dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenbersteht, es auch
keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt,
scheint wirklich grsser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht,
ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grsser sei. Der wirklich
vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Tuschung, welche
dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhrt, Tuschung zu sein. Die
scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der
wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist,
ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den
angefhrten Fllen vertreten in allen sogenannten Sinnestuschungen,
denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen),
oder berhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),
anscheinende die Stelle der wirklichen Dinge, whrend in den
sogenannten Sinnesqualitten (Frbung, Klang, Geruch, Geschmack,
Hrte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren
Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans,
die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in
der Zusammensetzung, inneren und usseren Structur, oder in der
Beschaffenheit der Oberflche der Krper selbst haben. So ist die
Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der
Krper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben,
weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung
zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches
den Eindruck des von der Oberflche des Krpers reflectirten Lichts
auf der empfindlichen Netzhaut empfngt und in Empfindung der Farbe
verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu
den realen Eigenschaften des tnenden Krpers gehrt, nichts weiter,
als die in Folge innerer oder usserer Erschtterung der kleinsten
Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der
atmosphrischen Luft, welche dem Hrnerven sich mittheilt und
im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache
des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirende
Empfindung, aus Gehrreiz in Gehrsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen,
lsst sich sagen, wre das All der Dinge dunkel, ohne Gehrsorgan
stumm. Smmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der
Krperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt fr das Auge, hrbaren
Reiz fr das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit fr die brigen
Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden
mit Sinnesorganen ausgersteten Trger des Bewusstseins aufgeprgt, als
diesem von jenem bermittelt, und verdienen daher mit weit grsserem
Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in
Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.

234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alles wirklich
Scheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass der Schein
des Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwgung begrndet
den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines
ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung mchte
denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein
eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches
verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im
Bewusstsein gegenwrtig, auch nicht fr dasselbe vorhanden sei;
dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein
kann als Bewusstseinsvorgang, auch das fr dasselbe Vorhandene
ausschliesslich Bewusstseinsvorgnge sein knnen. Da nun, was im
Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das
Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene
Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich
gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so knne
alles fr das Bewusstsein Vorhandene unmglich das Wirkliche selbst,
sondern nur dessen Schein, somit fr dasselbe das einzige Wirkliche
ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter
dem Schein ein imaginres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus
den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges
Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das
Verhltniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den
Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) fr
wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige,
was mehr als blosse Vorstellung ist, res) fr unwirklich erklrt wird.

235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem
scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemss,
dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des
Wirklichen kein Unterschied bestehe, fr wirklich erklrt, Flle
aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmglich
fr wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus,
wenn sie denselben Weg einschlge und in dem Inhalt des Scheins, den
der letztere fr das einzig Wirkliche erklrt, Widersprche nachwiese,
htte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen,
keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr
ist als Schein, Widersprche vorfinden. Die bekannten Antinomien,
welche Kant in Bezug auf die Mglichkeit aufstellt, dass die Welt
Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie
keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen
daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender
Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der
realen, sondern der Scheinwelt angehrt, von einem solchen aber sich
gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lsst, ohne dadurch
mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist,
also das Widersprechende ertrgt, in Widerstreit zu gerathen.

236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn berhaupt mglich, muss
auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande
geschpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen
sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt
nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben
sich selbst kein Wirkliches zulsst, sich selbst widerspricht. Da nun
ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver
Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein)
vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das
Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein
und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des
Scheinens bedrftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum
wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject,
nher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches
sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein das einzige
Wirkliche sei, sich von selbst aufhebt.

237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des
Denkens Undenkbare unmglich d. h. dass das nach den Gesetzen des
Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt
aus der Natur des Denkens zwar, dass der Denkende einen gewissen
Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken msse, so folgt daraus keineswegs,
dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins
sein msse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem
Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit
dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren
(und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen
Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Mglichkeit offen,
dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die
Gesetze des Denkens letzteres nthigen, das Verhalten derselben mit
Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die
Gesetze des Denkens demselben aufgenthigte Denkinhalt des Denkens
und der um seiner Unzugnglichkeit willen stets unbekannt bleibende
Inhalt des Seins unter einander nicht bereinstimmen, ja vielleicht,
was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur
mglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.

238. Erst ein spterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus
obiger Betrachtung fliessenden Einschrnkung Gebrauch zu machen. Aus
der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des
Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich
Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der
Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der
"Traum der Speculation", wenn er aufhren soll, "Traum" zu sein, zu dem
Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei
es im subjectiven Sinne, als Trger des Scheins, sei es im objectiven
Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufgen muss. Erstere Operation,
durch welche im wirklich Scheinenden der Schein des Wirklichen
vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch
welche zu dem ursprnglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen
ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergnzende. Jene fhrt in
das wirklich Scheinende neben der Betrachtung des Wirklichen, welches
scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein,
welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des
ihrer ursprnglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen
Erklrung, sei es aus einem Wirklichen (dem Subject) oder durch ein
Wirkliches (Object) fort.

239. Die Einfhrung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um
aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des
Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinende als deren Product
begreiflich zu machen, bedeutet die Einfgung eines idealistischen
Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufgung eines
Wirklichen, sei es als Trger (Subject), sei es als Ursache
(Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen,
sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu
machen, bedeutet die Einfhrung eines realistischen Elements in die
idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmlige Ausbreitung des
ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmlige
Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus
nher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge
kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen,
der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergnzenden
d. i. philosophisch erklrenden Behandlung realistischen Charakter an.

240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung
gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche
nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden
und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich
von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als "Idole"
(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich
vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten "Idola tribus", dem
auffassenden (menschlichen) Subject vermge dessen Gattungscharakter
angehren und daher bei smmtlichen Individuen derselben Gattung
(also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des
ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen mssen,
kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrcklich hervorgehobenen
Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an
dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren,
eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem
zufolge "die Welt der Erscheinung" d. i. das wirklich Scheinende zwar
der "Materie" d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint,
der "Form" nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem
es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden
zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt
(der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden
Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der
"Idola tribus").

241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese
subjective Hinzuthat im wirklich Scheinenden als eine Verunreinigung
der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe
so bald und so grndlich als mglich befreit werden msse, um die
Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, whrend der andere,
der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden
und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher
Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das
Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine
fr alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische
Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine
allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging
darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus
angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gnzlich aus
demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht
sowol Schein eines Wirklichen, als Schein des Wirklichen ist, fr
Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat
gezeigt, dass die sogenannten secundren Eigenschaften der Krper,
wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten
liess, nur als Schein eines Wirklichen gelten drfen d. h. nicht,
wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von
einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare
Eigenschaften den Krpern angedichtet seien. Werden dieselben,
als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden
ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur
mehr die sogenannten primren Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung,
Grsse) und als Kern alles wirklich Scheinenden und kat' exochn
Wirkliches das (brigens unbekannte) Substrat des Scheins und Trger
der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object
einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen brig. Das von Bacon
vergebens zu verdrngen gesuchte idealistische Element hat seine
Stelle im Realismus mit Gewinn zurck erobert.

242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund
getreten. Wenn die sogenannten secundren Eigenschaften nur den
Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen
darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als
Schein des Wirklichen zeigt, eine trgerische, den Schein an die
Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht
sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Tuschung ber die
Wirklichkeit. Die nchste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein,
als dem Sinnenschein, welcher die Basis aller sinnlichen Erfahrung
ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage
sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.

243. Dasselbe muss sich naturgemss in demselben Grade steigern, als
sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven
Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben
hat zuerst Locke's idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigefhrt
durch die Behauptung, dass die sogenannten primren Eigenschaften der
Krper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar
als die sogenannten secundren Eigenschaften, und, ebenso wie diese,
Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden
d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object
des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines
Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den
hchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufgte,
dass der Krper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die
Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Trger der
Eigenschaften eine an sich vllig berflssige, von dem vorstellenden
Subject, wenn auch nicht willkrlich, aber doch unwillkrlich gemachte
grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol
wie die sogenannten primren und secundren Eigenschaften zwar der
Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches
sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Krper fortan nichts
weiter als die Summe seiner (primren und secundren) Eigenschaften,
diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren
Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich
wirklichen Krper in blossen Schein eines Krpers, die sogenannte
Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und
lste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte
Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug,
und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die
leere Vorspiegelung einer solchen auf.

244. Diese usserste mgliche Ausdehnung des idealistischen Elementes
im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den
ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge
haben. Hatte der Idealismus smmtliches wirklich Scheinende in
innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die
Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf dem Wege der Erfahrung
sich in die trostlose Einsicht in die Unmglichkeit einer solchen,
auf Grund vlligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur
die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus
welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein
eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknpfung derselben
unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das
durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein
d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich
wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und
wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste
sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile
als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar
anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden
Subject in die Welt der Phnomene hineingelegter, keineswegs (wie
die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus
derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.

245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem
in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgnger
gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die
Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm
die subjective Gewhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird,
in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phnomene
jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das
andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache,
letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass
zwar, wenn der eine jener Vorgnge der reale Grund, der andere die
reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten
nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise
das (vielleicht ganz zufllige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen
der andern Erscheinung als gengender Beweis dafr gelten darf, dass
die erste die Ursache der zweiten sei. Whrend die Auseinanderfolge
zweier Phnomene deren Aufeinanderfolge nothwendig, macht deren
Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur mglich;
die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge
einer durch fter beobachtete Succession beider Erscheinungen im
Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung
stehend zu denken, kann daher niemals vllige (apodiktische), sondern
hchstens sogenannte moralische (problematische) Gewissheit d. i. mehr
oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.

246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt,
"aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat", nicht aus dem des
Wolf'schen Rationalismus, ber welchen er lngst hinaus, sondern aus
dem des Locke-Newton'schen Empirismus, in welchem er damals (1770)
noch vllig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen
Wege, der auch ihm als die natrliche Fortsetzung der Bahn seiner
Vorgnger galt, schliesslich dahin kommen msse, dass auch die
allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und
die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und
ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbssen und sich in
blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger
Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und
in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren mssen,
erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber fr ein auf Erkenntniss
des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen
Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unertrglich,
dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus
brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch
nur particulr giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu
der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer
zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen
und nothwendigen Erfahrung berging.

247. Wie die bisherige Betrachtung das allmlige Eindringen des
idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmlige,
schliesslich denselben berfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt
hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter
Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des
realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon
dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit
nicht entgangen, die fr denjenigen, der die gesammte wirklich
scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen
Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwchst,
dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter
denselben Uebereinstimmung und Mittheilung mglich sein soll,
diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt
in smmtlichen Vorstellenden die nmliche, nach Inhalt und Form
unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage
beantworten liesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht,
diese Welt in allen als die gleiche entstehen msse. Leibnitz hat diese
Frage, die sich auch ihm aufdrngen musste, weil jede "fensterlose"
Monas in ihrem Innern eine "Welt als Vorstellung" enthlt, mit der
Berufung auf die durch Gott prstabilirte Harmonie aller Monaden und
somit auch ihrer smmtlichen, obgleich von einander unabhngigen
inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne,
von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht
die Lsung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen
Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden knnen,
gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden
vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter
der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden
vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines
Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein
einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber
des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt
nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt
d. i. dem er scheint, sondern berdies seinen Urheber, Gott, durch den
er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der
Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige
Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject
einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen,
berhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), whrend der
Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.

248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein,
als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprnglichste
Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er
scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint
(der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das
Wirkliche auf als Trger, von dieser aus angesehen, als Ursache des
im Bewusstsein schwebenden Scheins. Whrend aber in dieser Gestalt
des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Trger
des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein
thtig (spontan) sich verhlt, sind daneben Auffassungen denkbar, nach
welchen entweder der Trger sich gleichfalls wie die Ursache thtig,
oder der Trger sich thtig, aber zugleich als einzige Ursache sich
verhlt, whrend eine dritte von jener ursprnglichen nur dadurch
sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins nicht ein
geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject
d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualitt nach
beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt
bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Trger
des Scheins vllig unabhngig ist.

249. Wird der Trger des Scheins d. i. das vorstellende Subject
ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als
thtig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet,
so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen,
die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phnomenon), ein Product
aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der
Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der
Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhngen muss. In
dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products
besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects
auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phnomenalen
Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des
andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen,
auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen,
auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.

250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen
der phnomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe
als Wirkliches durch seine Thtigkeit nichts weiter bewirkt, als dass
berhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phnomenalen Welt
durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein
vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant
dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger
Darstellung spielt, ist die nmliche, die Kant seinem "Ding an sich"
zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung,
als die Existenz, keineswegs aber die Qualitt des im Bewusstsein
schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein
Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch
die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein
unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem
vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualitt nach sei, dagegen
kann aus der Qualitt des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht
ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualitt des
vorstellenden Subjects abhngig ist. Das reale Object, "das Ding an
sich", ist der Grund, dass berhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen
(wie Gesichts-, Gehrs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)
vorhanden sind; die Qualitt des realen vorstellenden Subjects
dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie
Farben, Tne, Wohlgerche, Wohlgeschmcke, Hrte, Weichheit) vorhanden
sind. Wre das erste nicht, so entstnde berhaupt kein Schein, wre
das letztere ein anderes, als es ist, so entstnde anderer Schein. Wie
die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hngt die Qualitt
des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche
Schein in seiner qualitativen Eigenthmlichkeit ist daher nur durch
das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen
Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der
alten Terminologie seiner Wolf'schen Schulung sich ausdrckte)
"des Erkenntnissvermgens" erklrlich.

251. Erklrlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen
thatschlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermgens
an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phnomenalen Welt der
Lwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding
an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst,
sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die
phnomenale Welt aufgebaut werden soll, berhaupt im Bewusstsein
vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der
Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher
derselbe zum Baue verwendet wird, gnzlich in dem subjectiven Factor
d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener
seines sogenannten Erkenntnissvermgens gesucht werden. Letzteres,
als Baumeister der phnomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand,
nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material;
das "Ding an sich" als Bauherr ist nur die Ursache, dass berhaupt
gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.

252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermgens ist es,
welchen Kant seiner "Kritik der reinen Vernunft" zu Grunde gelegt
und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser
letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor
der phnomenalen Welt reprsentirt, hat Kant seine Philosophie als
Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben
als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gesttzt sind, als
Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz
zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus
bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus
beschrnkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied,
sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden
Subjectes, welches den idealistischen Factor der phnomenalen Welt
ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle
Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject,
oder, nach Kant's Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject
ist. Folge davon ist, dass die Form der phnomenalen Welt, insofern
dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt,
im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufllige,
fr die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im
transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige,
die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben
Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einfhrung der Form als
einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zuflligen
und singulren berwindet Kant den Hume'schen Skepticismus, der sich
an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt
die phnomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur fr
den Einzelnen giltigen und nur zufllig (durch dessen individuelle
Gewhnung) entstandenen in eine fr Alle identische und nothwendig
(d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation
des Erkenntnissvermgens) entstehende Erfahrung.

253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors
d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und
des realistischen Factors d. i. des fr Alle identischen (als seiner
Qualitt nach unbekanntes x hinter der phnomenalen Welt stehenden)
Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung
sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der
Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehrt nach der Auffassung
Kant's nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das "Ding
an sich" den usseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehren
smmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die
(im Sinne der alten Wolf'schen psychologischen Theorie) einander
bergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermgens, des
Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als
solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten
"reinen Anschauungsformen", welche dem Sinn, die (zwlf) von ihm
construirten "Urtheilsformen", welche dem Verstande, und die (drei)
von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und
eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der
reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den
durch die usseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des
Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff
entsteht der Schein rumlich und zeitlich verschieden angeordneter
Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung
der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe
(Kategorien) des Verstandes den Schein wirklicher Einzeldinge, und
zwar solcher erhalten, die als Substanzen Trger von Eigenschaften,
und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als
Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als
Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen
Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht
der Schein solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das
einheitliche Subject zu allen mglichen Prdicaten, oder (wie die Welt)
die Totalitt aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit)
als ens realissimum die Summe aller mglichen Prdicate darstellen.

254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen
des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen
Erweis, dass obige Gattungen des wirklich Scheinenden nur eben so viele
Gattungen vom Schein eines Wirklichen seien, das negative Resultat
des Transcendentalidealismus. Hauptschlich um des letzteren willen
ist Kant der "alles Zermalmer" genannt worden. Es ist aber nicht zu
bersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant's Philosophie dem
negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche
in Schein auflst, gegenber ein sehr positives Ergebniss durch
die nachdrckliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen
Unterlage der phnomenalen Welt in der Existenz des "Dings an sich"
bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat,
die zweite Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" sehr merklich
von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des
idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen
Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstnde der
alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem
Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelst haben, bleibt
als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein brig, welches man
mit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant's Philosophie,
und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man
als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des
Wortes Kant's Metaphysik heissen darf.

255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren
Existenz durchaus aus negativen Prdicaten zusammen. Dem Ding an sich
knnen weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt
werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als
Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als rumlich
(also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt,
noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch
weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig
(immateriell) oder krperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles,
was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen
berechtigt ist, beschrnkt sich darauf, zu behaupten, dass es sei,
aber nicht, was es sei.

256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als
wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher
als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung,
dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben msse (das von
Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehrt zu den
fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem
Organismus des Erkenntnissvermgens wesentlichen Urtheilsformen des
Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, fr welches
obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser
Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen,
fr welches derselbe jene Giltigkeit nicht bessse, schlechterdings
keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass
ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermgen der Folgerung,
dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben gengende Ursache
entsprechen msse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne
sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die
auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen
Scheins zu dem Schlusse fhren muss, dass auch als Ursache desselben
irgend ein Wirkliches existire.

257. "Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Sein";
in diesen Worten Herbart's ist obiger Schluss am prgnantesten
ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete
Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen, welches
den Trger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects
zu suchen sein mchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant's,
die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in
die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich
auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines
idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins
(den realistischen Factor) sttzt, d. i. eines realistischen Idealismus
(der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander
gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem
Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung
des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch
einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch berhaupt durch
einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von
diesem gnzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefhl wie Jacobi,
oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu knnen glauben,
sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden
(deshalb flschlich transcendental genannten) Realismus gelangt sind.

258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische
Idealismus, mit einander berein, dass der Schein als wirklicher
eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben msse; aber
darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache
innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der
"Jude Kant's", Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung
machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant's auf einem
Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache
haben msse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermgens
lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und
zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das
Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung
betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus,
dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermgens zu diesem
Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass
eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant
aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des
Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine
mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung,
indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects, sondern
hchstens fr das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse,
ein solches vorauszusetzen. Als Fichte's Wissenschaftslehre mit der
Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an
sich als Ursache des Stoffs der phnomenalen Welt mit sich selbst in
unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon
vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch
zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings
an sich als eines vom Trger des im Bewusstsein wirklichen Scheins
unterschiedenen Wirklichen gnzlich fallen gelassen d. h. dass der
realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welches
scheint, entfernt werden msse.

259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden
Factoren, durch deren Zusammenwirken die phnomenale Welt des
transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor,
nach der Entfernung des Objects, welches scheint, von den beiden
Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist,
nur das Subject, welchem scheint, brig, geht der transcendentale
Idealismus in einen solchen des Subjects (subjectiver Idealismus)
ber. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen
Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem
Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des
idealistischen und des realistischen Factors der phnomenalen Welt
bernimmt d. h. der phnomenalen Welt nicht nur (wie der erste)
die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen
Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Whrend
daher im transcendentalen Idealismus der Trger des Scheins,
das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche
Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thtig verhlt,
stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Trger (Subject)
zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen
Wirklichen dar, verhlt sich das nmliche Wirkliche zugleich als
Subject leidend gegen sich selbst als Object und thtig als Object
gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss,
welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing,
um Empfindung d. i. Material der phnomenalen Welt im Bewusstsein
hervortreten zu lassen, empfngt dasselbe nunmehr nicht von einem
von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm
unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus
noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah,
ist in den Augen des subjectiven Idealismus nur mehr ein scheinbar
Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das
erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die
Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt,
producirt nicht blos smmtlichen Stoff der phnomenalen Welt, sondern
es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes
als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects,
welches den Stoff der phnomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom
Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects
und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine
Schpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene
und daher von diesem abhngige Setzung desselben, eine Fiction,
aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorbergehend
verkannt, der Schein eines Objects fr dessen Wirklichkeit genommen,
das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wre, dem Subject
entgegengesetzt, so muss diese Tuschung, welche, weil das Subject
das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttuschung des Subjects sein
kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein
eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene,
als von ihm unabhngig wirklich bestehendes gedachte Object als von
ihm abhngiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom
Subjecte zurckgenommen werden.

260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des
scheinbaren Objects, indem dasselbe fr wirklich gehalten wird,
und Wiedererkennung des flschlich fr wirklich gehaltenen Objects
als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei
Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen
Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat,
des Trgers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe
stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in
welcher das ursprnglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils
vorbergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder
hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor
dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also
der Kenntniss des Zuschauers anfnglich entzogen ist, so liegt im
obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene,
die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn
d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese
Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein
ber sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt, dass beim Beginne
des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was
wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen
des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist,
was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht
geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht
gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lsung erfolgt, wie
in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so
in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch
das Bewusstwerden des Subjects ber sich selbst und seine eigene
Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.

261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist
es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das "Ich" genannt
und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis,
Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals
rastendes Thun (d. i. unablssiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe
setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das
Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst
gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurck. Der erste Theil dieses
Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die
bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich,
der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht,
stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und,
da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die
Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur,
dieser jene des nmlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als
Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom
Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als
Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie),
aber auch die Mglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der
Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nmlichen
Ich, als identisch betrachtet (Identittsphilosophie), so wie einer
weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich
als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese
Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen
Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt
(Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.

262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser
Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entweder als
endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird,
gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des
(im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte),
absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener
besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich
(das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges
Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der
dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersnliche Wirken
und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende
(denkende) Subject ist, das unpersnliche Denken, die Vernunft
angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der
Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar,
mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum
Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht
den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute
Subject durch die vorlufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte
hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner
Gttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist,
Gott wird. ("Am Ende der Weltgeschichte", sagte Schelling, "wird
Gott sein".) Der Panlogismus endlich reprsentirt den dialektischen
Process, mittels dessen die unpersnliche (objective) Vernunft
(die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein
(die Natur), hindurch zur persnlichen (subjectiven) Vernunft (zum
absoluten Geiste) wird. ("Aufgabe der Philosophie ist", sagte Hegel,
"die Substanz zum Subjecte zu machen".)

263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin berein,
das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird
daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen,
welcher entweder verhindert, dasselbe berhaupt anzunehmen, oder doch
hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden smmtliche
Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging
von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus
von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein
Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der
Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und
daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache
haben msse, zwar fr den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts
weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht,
wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der
Thatsache des im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende
Ursache desselben zurckzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er
dieselbe nicht ausserhalb des Bewusstseins (in ein Object), sondern
in den Trger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses
selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus
behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse
Verstandesform berhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von
der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte
innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der
Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte
ussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem
Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches,
wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt,
ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.

264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewhnlich
kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt
dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts
vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger
ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches,
er hat berdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm
angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme
fllt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit
einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als
wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige,
was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch
einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu
Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden
kann, dass es mglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss
muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich
einen Widerspruch enthlt, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe
unmglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche
des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass
dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei,
den Stoff seiner phnomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge,
also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst
als Thtiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es
zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui),
also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes
d. i. sich unter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von
beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der
lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich
gedacht werden.

265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu besttigen
scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzufhren liebt,
um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thtiges
und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher,
was auch die Logik dagegen einwenden mge, mglich sei, ist
das Phnomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der
Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst,
ist thatschlich Subject und Object, Leidendes und Thtiges, Ursache
und Wirkung zugleich: das Ich stellt sich vor und das Ich stellt
sich vor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das
Vorgestellte (Object), als beider Identitt ist das Ich Vorstellendes
und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar
scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines
im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der
Meinung des Idealismus die Mglichkeit, ein in sich Widersprechendes
als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass
Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden knne, abgewiesen.

266. Gegenber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht
der Idealismus von dem entgegengesetzten aus: ab esse valet conclusio
ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hngt von dem Umstande
ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins
wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die
Behauptung, das Ich stelle sich vor, auf einer wirklichen Erfahrung
oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den
Widerspruch zu strzen bestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf
einen Widerspruch sich sttzen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede
der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente,
nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.

267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des
Selbstbewusstseins dieser Forderung gengte. Wenn, wie der Idealismus
einrumt, das Phnomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich
schliesst als das "Sich sich Vorstellen" (se sibi repraesentare)
des Ichs, so enthlt das Sich (se) abermals nichts anderes als
das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem
aber das nmliche "Sich sich Vorstellen" zum dritten, und das
sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f.,
d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich
als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen,
behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin
unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache
d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die
keine sein kann, gegenber steht der Einwand der Logik, dass in sich
Widersprechendes niemals wirklich sein knne, aufrecht.

268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst,
liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein
schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er
als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt,
das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der Idealismus des
Objects, der Realismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein
als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut
er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut;
indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes,
sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich
gedacht werden kann, thut er wirklich anderes und besseres, als jener
that. Derselbe begngt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des
Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen,
noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlsslichkeit der Annahme
eines brigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder
denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblssten
"Dings an sich", zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden
zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort,
dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien
d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklrung
des thatschlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht
widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der
Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.

269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht
widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es
gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt
worden. Von dem "Rauche" des Scheins gilt der Schluss auf die
"Flamme" des Seins. Wo nichts Wirkliches wre, knnte auch keines
scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz, dass, wo
kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn
es lsst sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu
scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen
Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist
ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes,
also unbedingtes. Dasselbe wird gesetzt, weil der Schein gesetzt ist;
aber es wre gesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wre. Die
Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects
im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der
von seinem Gedachtwerden unabhngige Denkinhalt, auch ohne Subject,
welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject
(im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fllt auch das
Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eine absolute;
dieselbe hrt nicht auf, auch wenn das Subject aufhrt.

270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine
Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position
nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject);
die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre
Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von
ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche
sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das
Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach,
sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch
das Subject unabhngig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist,
auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein
Subject, noch berhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je
wirklich vorhanden ist.

271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe
ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der
Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhngig. Dasselbe
ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der franzsischen Republik sagte:
"wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!" Dem Denken bleibt
nichts brig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als
Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung
durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte,
"vor" dem Denken, aber es bestnde auch ohne das Denken.

272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von
ihm unabhngig gesetzt dchte, htte dasselbe nicht als Sein, sondern
als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nthigt, ein
Wirkliches zu denken, nthigt es auch, dieses letztere als unbedingt
gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der fr das Denken
die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des
Scheins des Wirklichen d. i. das -- nicht willkrlich durch den Willen
des Denkenden, sondern unwillkrlich, ohne, ja selbst wider den Willen
des Denkenden -- Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt
dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch
die Erfahrung bedingten Setzung ist das unbedingt Gesetzte.

273. Dass das Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt,
nicht aber, was das Wirkliche, wenn gesetzt, seinem Was nach sei, ist
damit ausgesprochen. Nur so viel lsst sich folgern, dass, wie auch
das Was des Wirklichen gedacht werden mge, dasselbe nicht so gedacht
werden drfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmglich
gemacht wre. Dies aber wrde der Fall sein, nicht nur wenn das Was
des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe
Setzenden abhngig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch
das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht wrde. Dasselbe darf
in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie
das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner
Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses
letztere vorstellt, oder als fhlend, oder wollend, weil dieses
letztere fhlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht
nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein
eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus
Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein
jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wre. Aus
ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was
etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden
erschlossen werden knne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des
Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht
aus Theilen bestehend sein drfe, sondern streng einfach sein msse.

274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe
ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar,
sondern wirklich "atom" d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil
es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder
fr den gegebenen Zweck nicht mehr weiter getheilt zu werden braucht,
sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst
seiner Einfachheit halber zwar nicht jede Vielheit, aber doch jede
Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe
ist weder ein Bndel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch
eine Summe ebensolcher sogenannter Krfte oder Vermgen. Es kann
sein Was weder verlieren noch verndern, ohne (was unmglich ist
bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhren. Dasselbe kann
daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr
oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist,
sowol ewig als unvernderlich; weder dessen (unbedingtes, also von
jeder Bedingung unabhngiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches,
jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder
Abnahme unfhiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche
Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist
die Erhaltung des wandellosen Selbst jedes Wirklichen.

275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist
d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualitt von
dessen Wirken d. i. sich Bethtigen unabtrennlich ist. Weder ein
Wirkliches, das nicht wre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wre
ein wahrhaft Wirkliches; jenes wre nur der Schein eines Wirklichen,
dieses wre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehrigkeit
beider darf nicht so gedacht werden, als wre das Sein und die Qualitt
das Substrat des Wirkens d. h. als bessse das Wirkliche als seiende,
aber nicht wirkende Qualitt seine besondere, als seiende, aber
wirksame Qualitt wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als
stellte die seiende Qualitt nach Abzug des Wirkens gleichsam
das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt
gesetzte einfache Qualitt und das Wirken sind nicht nur im Begriffe
des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass
das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend
zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne
zu wirken.

276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte
d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im
Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten
Bedingung abhngig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch
dessen Aufhren an einen Zeitpunkt geknpft werden, vor welchem und
nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes,
sondern als Wirkungsloses bestnde, noch darf dasselbe so verstanden
werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm,
dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu
bewhren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualitt
unauflslich und unablsbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist
dessen Wirklichkeit.

277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach
verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die
Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht
sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg htte
nichts bewirkt d. h. wre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der
Einfachheit und Unvernderlichkeit der Qualitt des Wirklichen ist,
dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der
absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative,
sei es qualitative Abnderung der Qualitt eines Wirklichen, weder
der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich
geschieht, weder die Qualitt, noch das Gesetztsein des Wirklichen,
sondern nur das mit demselben unablslich verschmolzene Wirken des
Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des
Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens
selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Frderung oder
Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern
Richtung bedeuten kann.

278. Dass berhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt,
macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches,
eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische
Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass
scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache,
dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Whrend
der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne
Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit
des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit
und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit
des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lsst
unerklrt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor,
die Ursache der Empfindung, das nmliche ist, die Wirkung derselben,
die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das "Ding an sich", von
welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald
eine Gehrsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen,
ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst als
Ursache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das
Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualitt substituirt,
so erhht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere,
welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander
qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich
Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ
unterschiedener Empfindungen werden knne; dieselbe fhrt daher mit
Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene
Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene
Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ
unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen
und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.

279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem
Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des
Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder
All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter
oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser,
er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren
Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein
(Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute
Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum
Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist
zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins
blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche
(es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer'scher Allwille)
entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder
(wie das Hartmann'sche "Unbewusste") zu dem Zwecke sich vorgaukelt,
um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung
oder durch werkthtigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu
gelangen. Whrend der erstere begreiflich zu machen unterlsst, wie
aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit
besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen knne, setzt
der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht
einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein
einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen knne,
vorsichtiges Stillschweigen entgegen.

280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein -- lautet der
Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbe
begngt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit
des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche
Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er
enthlt sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen,
welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt
werden msse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale
des Wirklichen anders als durch die schon oben angefhrte, aus dem
Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen
Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die
Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der
Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins
zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht
die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und
mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei
Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.

281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit
des Wirklichen ist die denkbar grsste, wenn dessen Verschiedenheit
nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer
sogenannten usseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen
ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, berhaupt keinerlei
Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei brigens
vllig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind
die rumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines
Wirklichen, welche sich ndern knnen, ohne dass dieses letztere
selbst dadurch eine Aenderung erfhrt, obgleich andere Wirkliche
dadurch eine solche erfahren mgen. Der in seiner Umlaufsbahn und
Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine
Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Vernderungen,
whrend die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausbt
(z. B. die sogenannten Strungen) wesentlich durch die Stellung
d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem
jeweiligen Zeitpunkt im Verhltniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben
so wenig erleidet der Weltkrper, wenn nicht andere Ursachen in und
an demselben Vernderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der
Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurcklegt, eine Vernderung,
obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet
derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar
ist, dass seine Beschaffenheit vor und seine Beschaffenheit nach
obiger Vernderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und
verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in
keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in
der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentitt ihrer rumlichen und
zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit
d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern
ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht
verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind
verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander
(d. h. der rumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden,
dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf
die Zeit sind smmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern
nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder
zeitlichen Bedingung unabhngig ist; dagegen knnen sie als Wirkende
insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ndert, whrend sie
selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme
mglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken
dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.

282. Wirkliche, die sich durch rumliche und zeitliche Bestimmungen
unterscheiden, knnen im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht
unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen
und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitten, Atome
d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben mssen
als rumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander,
beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern
es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll,
kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da
dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst
unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es
der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das
Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen
anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens
eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abnderungen seines
Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen
ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der
Unbestimmbarkeit der Zahl mglicher Abnderungen des Wirkens eines
und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der
Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die
Erfahrung gegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lsst sich
die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden
Orte, so wie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen
Abnderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je
nach Bedrfniss ins Unbestimmte erweitern.

283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung
gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff
smmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von smmtlichen
Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff smmtlicher
Orte den Raum, und jener smmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da
der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung
aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern
endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits
abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das
Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen
Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss,
wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen
aber ber dasselbe keine andere Bestimmung mglich ist, als dass das
Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins
proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein
keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt
viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf
Grund der gegebenen Erfahrung ber das Quantum des anzunehmenden
Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein
verhltnissmssiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen
Scheins fr das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich
aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abnderung
seines Gesetztseins fhig ist, ein unvernderliches sein muss.

284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich
als vernderlich d. i. der Zunahme fhig, und als unvernderlich,
einer solchen unfhig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme
wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen
scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des
ersteren nur im Verhltniss zu dem erfahrungsmssig gegebenen Quantum
des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes
als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen
Qualitt und folglich, da diese letztere unvernderlich ist, die Summe
der Verwirklichungen smmtlicher einfacher Qualitten des Wirklichen
eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das
Gesetz der Unvernderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. der
Erhaltung der Kraft ist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der
Unvernderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. der Erhaltung des
Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung
gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das
Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen
scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Vernderung, und zwar
eines im richtigen Verhltniss zu der allmlig anwachsenden Erfahrung
zunehmenden Wachsthums bedrftig und fhig.

285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des
scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist,
noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem
Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden
Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In
der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise
der Qualitt nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken
ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr
Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet,
weil die unbedingt gesetzte und selbst unvernderliche Qualitt des
Wirklichen der Vernichtung unfhig ist, aber ganz oder theilweise
hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde
weniger gewirkt, whrend thatschlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt
wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte,
also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im --
durch entgegengesetztes Wirken -- gebundenen Zustande vorhandene Wirken
ist gleichsam latentes, schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch
ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie
Wirken offenbares, lebendiges Wirken. Die Summe des letzteren muss,
da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil
unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig
kleiner ausfallen als die Summe des berhaupt (im gehemmten und
ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner,
je grsser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich
hemmenden Wirkens im Verhltniss zur Summe des Wirkens berhaupt
ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um
dieses Gehemmtseins willen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu
sein scheinen, whrend sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen
zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar
wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. fr die aus dem
Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung
so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten,
jeweilig nicht nur seiner Qualitt nach unbekannten, sondern auch
seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.

286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren,
wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren
erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus
irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus
dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst,
wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu
der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als
offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken
vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen
Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen
Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand
die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die
Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in
der Totalitt des Wirklichen lebendig thtigen, im Verhltniss zur
Summe der in derselben leblos schlummernden Krfte, durch diesen die
Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen
gegenber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich
gekannten, ebenmssig vergrssert.

287. Da das Quantum des berhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem
unvernderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber
vernderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren
von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und
umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet
sein muss. Knnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich
erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes
wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so msste an
Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte
Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es msste
der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen,
welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter
Weise die Zunahme des sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass
smmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder
Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des
Wirkens auflste, so msste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus
der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden
entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden
berhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien berhaupt nicht
unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur
ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus,
All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die
Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung
des Scheins einer Vielheit ermglicht, sich selbst widerspricht. Da
sonach von diesen beiden Fllen keiner als jemals mglicher Weise
eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes
zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens
jemals so weit gehen kann, dass vllige Ruhe (Leblosigkeit), noch die
Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgngige
Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche,
sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit
zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile
des Wirklichen vorhanden sei.

288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis
des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit
zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der
Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grsser
noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das
letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht vernderlich, in einer
andern dagegen unvernderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das
Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des
bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer
Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des
bisherigen Quantums des Raums nthig. Die Erhaltung des Quantums des
Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von
dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung
des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes
ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen,
unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes
geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann, so
folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte,
denjenigen, in welchen das unvernderte, und denjenigen, in welchen
das vernderte Wirken fllt, fordere, und daher das Quantum der
Zeitpunkte nicht kleiner sein knne als das Quantum der eingetretenen
Vernderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens berhaupt,
also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abnderungen des
Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer
dasselbe, andererseits, wie aus der Vernderlichkeit des scheinbaren
Wirkens folgt, vernderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der
Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der berhaupt
wirklichen Abnderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe,
dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden
Quantum scheinbaren Wirkens abhngig ist, vernderlich sein muss.

289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfllter Raum sei
d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben knne. Da
derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung
eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines
Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben,
in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, fr welche kein Ort gesetzt
ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen knnen daher
zwar nicht nur ausser einander, sondern es knnen auch zwischen ihren
Orten andere Orte gelegen d. h. sie mssen nicht an einander sein;
keineswegs aber drfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer
d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich
ist. Folge davon ist, dass eine sogenannte actio in distans d. h. ein
Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmglich
wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen
nicht erfllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang
des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende
Annahme ist.

290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle
Unterschiedenheit von ihren rumlichen und zeitlichen Bestimmungen
abhngig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe
so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lsst,
welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden
kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als
eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht
und sonach der Ort desselben als lediglich durch die Entfernung von
dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn
sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich
unzhlige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen
angenommen werden knnen, da sie alle von dem zweiten die gleiche
Entfernung haben, nmlich alle diejenigen, welche die Oberflche
einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren
Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen
unzhligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden,
so mssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen,
deren eine darin besteht, in welcher der unzhligen Kreisebenen, welche
durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden knnen, deren zweite
dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an
die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen
sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des
Wirklichen vllig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings
kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nmlichen rumlichen
Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher fr jeden unter obigen
Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch
dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten
Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise
gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen
der Lnge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.

291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das
Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem
anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit
schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt,
das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von
einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem
d. h. statt von dem rumlichen Aussereinander von dem rtlichen
Ineinander beider Wirklichen abhngig gedacht wird. In diesem Falle
wre nmlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage
im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt,
da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die
nmliche Lage im Raume bessse, nmlich jener des zweiten Wirklichen,
von welchem das erste der Annahme zufolge "nicht entfernt", sondern
mit welchem dasselbe "in einander" sein soll. Es msste also, wenn
die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entweder der Raum
eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher
Orte desselben, deren Lage nach Lnge, Breite und Tiefe identisch
ist, dennoch verschieden sein knnten, oder die Verschiedenheit
der Wirklichen drfte nicht mehr blos in deren rumlichen (oder
zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie msste in deren sogenannter
innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken
des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere
enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit
der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat
der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen "Gedanken von der
wahren Schtzung lebendiger Krfte" (Werke Hart. VIII. 26) fr eine
"willkrliche" erklrt, an deren statt an sich eben so gut eine andere,
z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete,
oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. htte gedacht
werden knnen. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von
einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem
vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine
Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des
scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und
der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten
bereinstimmt.

292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function
der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der
Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abnderung seines Wirkens
dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im
Raum durch sein Verhltniss zu einem andern nach drei in demselben
auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit
durch sein Verhltniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung
gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange
vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites
Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung,
dass es sich nicht mehr um eine Abnderung des Wirkens desselben,
sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es mglich, dass es
noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nmlichen Richtung
von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nmliche
Entfernung besitzt wie jener erste.

293. Mit der Annahme, dass das Wirken berhaupt keine Function der
Entfernung, also von dieser unabhngig, jedes Mass der Entfernung
fr das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus,
der an die "Wirkung in die Ferne" glaubt, mit der Voraussetzung, dass
der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes
Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass
die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren
rumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer
qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom
quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart,
Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus,
dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen
ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in
St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in Mnchen seien, die
Entfernung beider Orte jedoch fr die Wirkung gleichgiltig d. h. diese
auch bei der grssten Entfernung ungeschwcht und die nmliche sei. Der
zweite lsst, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal
angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt,
dass derselbe auch fr Naturforscher verlockende Kraft besitzt --
der zweite lsst die Annahme, dass das Wirken eine Function der
Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei,
gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen,
deren rumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des
Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der
Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative
Atomismus aber, welcher die rumliche und zeitliche Verschiedenheit
der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit
derselben ansieht d. h. deren rumliches Ausser- und zeitliches
Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der
Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung
als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr
(wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung vlligen "Ineinanders"
der Wirklichen fr mglich hlt, kommt dadurch dahin, die rumliche
und zeitliche Ausdehnung fr blossen (wenngleich objectiven) Schein,
die Totalitt smmtlicher individueller Wirklichen fr rumlich und
zeitlich ungeschieden, sonach (in rumlicher und zeitlicher, also
quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach
als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.

294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalitt des Raums aus der
"willkrlichen Annahme", dass das Wirken Function der Entfernung
sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen,
was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen
auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen
lsst, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst
aufheben wrde, berschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und
Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch
seine rumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht
werden msse und nicht nicht gedacht werden knne, ohne das Denken
mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu
versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins
vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das
Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des
Wirklichen, zu der Erklrung des ersteren demnach die Annahme der
Dreidimensionalitt des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe
aber nur als Mglichkeit, neben welcher andere Mglichkeiten, und
auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben
welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die
Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung,
noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat,
so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte
Thatsachen deren Mglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit fr
sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen
(quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat
den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll,
und damit die Mglichkeit gegen sich.

295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und
mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu
bemchtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch
(obgleich, wie oben bemerkt, flschlich) sogenannte transcendentale
Realismus wagt, fhrt zu keinem andern Ziel. Derselbe sttzt sich
entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom
Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von
diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu mssen,
auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss
der Sinne besttigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde,
falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens
entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei,
und fllt dadurch auf den lngst kritisch berwundenen Standpunkt
des gemeinen empirischen Realismus zurck. Oder er beruft sich, um
den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen
(dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ,
ber welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des
Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten,
noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von
der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefhlsphilosophie:
Jacobi) das Gefhl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer)
das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefhl der Fhlende
das Wirkliche (bersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft
und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mngel des
Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst
als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche,
den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch
ohne das Trgerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass,
da im Gefhl Gefhltes und Fhlen ununterscheidbar zusammenrinnt,
derjenige, der blos fhlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses
Fhlen eben so wenig wie blosses "Ahnen" (Fries) Princip und Grundlage
einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie
schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner
selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen,
folglich die Mglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben
nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das
angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen,
um berhaupt mglich zu sein, das Denken voraussetzt.

296. Letzterer Einwand, welcher die Mglichkeit, mit Umgehung des
Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen,
berhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch
die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege
zwar nicht der gemeinen, sinnenflligen, aber einer nicht gemeinen,
mystischen Empirie erkannt d. h. dass das "speculative Resultat" die
Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, "auf inductivem Wege"
d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wre nur
dann der Fall, wenn entweder der "Erfahrungsweg" das Denken aus- oder
der angeblich "inductive Weg" exacte Thatsachen einschlsse. Jenes
findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten
empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot,
sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorlufige Sichtung nach
den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt
wenigstens so lange und fr alle diejenigen zweifelhaft, als und fr
welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens,
des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache
entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so mglich, ja
vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.

297. Mit obiger Grenzberschreitung ist aber auch der Punkt
erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der
Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene,
die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener
Nthigung ber dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die
nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb
derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu
machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte
Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens
der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu
legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische
Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den
entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar fr einander,
aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen
Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu
bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig
und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Hhlung desselben
zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und
Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die
erfahrungsmssig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit
nach vorwrts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der
Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche
Voraussetzungen nach rckwrts. Wenn beider methodische Grundstze
giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide frher
oder spter irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen,
andererseits des Erfahrbaren einander begegnen mssen.

298. Einen thatschlichen Beweis fr die Richtigkeit dieser
Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits
als philosophische ber die philosophische, andererseits als
physikalische ber die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen
hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und
pluralistische Grundlegung der phnomenalen Welt an die Stelle der
sowol idealistischen als monistischen einstigen "Naturphilosophie", in
der letzteren ist sie, wie Fechner eben so grndlich als scharfsinnig
ausgefhrt hat, lngst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant
begnstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig,
wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit
der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren
vertrglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit
einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen
Anknpfungspunkt dar fr die Zurckfhrung der gesammten Phnomene
der krperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer
und daher gleichfalls "einfach" genannter, mit rastlos thtigen
Krften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten
Einfachheit ungeachtet von Fechner als "krperliche" bezeichnet werden,
ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom
Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren
bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus ber dieselben hinaus
fhrt, zwar stetig sich nhert, aber sie noch nicht berhrt.

299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der krperlichen,
auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des
gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft
vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser
in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinstrger eine reale und
pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher
Wirklicher den haltbaren Boden fr den aus einer eben so unbestimmten
Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen
Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren
Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer
Bewusstseinsvorgnge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phnomen
der Einheit des Ich's wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und
macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art,
deren jedes fr sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche
Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band
unter einander verknpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfhiger
Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben
in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte
ausmacht.

300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der
krperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert,
aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen,
sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der
philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen,
die unausgefllte Kluft, welche zwischen den ussersten erlaubten
Consequenzen des Denknothwendigen und den ussersten Grenzen
des Erfahrbaren brig bleibt, durch Conjecturen ausfllen, oder
den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen
zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens,
noch schon in der Mglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu
finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung
zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der
Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollstndig dnkt,
dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemss der ersten nach zu
berichtigen, dem zweiten nach deren Ergnzung abzuwarten, aber sie
hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn
sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals
die Anmassung, die Erfahrung berflssig machen zu wollen. Indem
sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschpfte Eintheilung
des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der
sogenannten usseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus
der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen
Kenntniss aus der ussern und innern Erfahrung zugleich stammt
(Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begngt
sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem
auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen ber dieselbe als
denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in
einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des
durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht
des erfahrbaren Wirklichen in der Krper-, in der Geistes- und in
der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der
philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt,
oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der
bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer
gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur
Einheit verknpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft
sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.

301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten,
was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen
Sprung, der ber die wirkliche Erfahrung hinausfhrt, erreichbar ist,
des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampre, Moigno
u. A.) zwar einfach aber doch "krperlich" (Fechner); jenes bedeutet,
dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens fr jetzt nicht weiter
als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto
weniger als materiell d. i. dem krperlichen Stoff (Materie), dessen
letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere
Eigenschaft nhert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom
von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn
des Wortes seiner Qualitt nach als einfach, dessen Qualitt selbst
aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des
physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem
empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass smmtliche
Atome unter einander der Qualitt nach gleich, oder einige derselben
ursprnglich und unvernderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach
von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine
rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative
Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Krper,
sondern auch smmtliche Erscheinungen der krperlichen Welt aus den
Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualitt
nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch
theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der
Krper, so wie die Grundlage krperlicher Erscheinungen ausmachender,
unter einander heterogener Atome abzuleiten bemht ist.

302. Die erfahrungsmssig gegebenen Verschiedenheiten der Krper
d. i. der rumlich und zeitlich begrenzten zusammengehrigen Gruppen
von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen)
oder leblosen (unorganischen) Krpers, ferner die Unterschiede der
letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualitt
nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten
einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflsen
lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer
qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des
Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden
von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative
Verschiedenheit der den Stoff der Krper ausmachenden letzten Elemente
zurckgefhrt, so dass dieselben bei den organischen Krpern andere
als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Krper,
welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der
zusammengesetzten abgeben, andere als bei den brigen seien. Dieselbe
betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Krper
als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten
Zellen, whrend der leblose Krper bis in seine letzten Elemente
hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt
wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur
den zusammengesetzten Krper, z. B. das Wasser, fr bestehend aus
qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an,
davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon
jene mit diesen nach einem bestimmten Verhltniss, so dass auf je
zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem
sogenannten stchiometrischen Verhltniss), unter einander verbunden
sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Krper
ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen
gedacht werden, welche unter andern Verhltnissen die Bestandtheile
unorganischer Krper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff,
Kohlenstoff und hauptschlich Stickstoff, so schwindet zwar der
qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Krpern, aber
derjenige zwischen den einfachen Krpern bleibt bestehen d. h. die
Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden
von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons
u. s. w. Zeigen nun Krper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile
derselben die nmlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften
(die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit
nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit
der Elemente sich erklren lsst, quantitative Verschiedenheiten der
(qualitativ gleichen) Krper und zwar solche, welche entweder aus dem
arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen
der (rumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklrung
herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsure, welche auf die
Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausbt, bei der
Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter brigens ganz
gleichen Verhltnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen
dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die
Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsure eine Lagerung nach rechts,
jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)

303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht
darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in
Ausnahmsfllen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft,
der gesammten Erklrung der Krperwelt als alleinige zu Grunde
legt. Whrend dieser zufolge die Verschiedenheit der Krper in der
Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf
der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fllen auf der
Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer brigens gleichen Elemente
d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur
Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame
Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Krper und leitet
smmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der
Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus brigens gleichen Elementen
d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente
des belebten nicht von jenen des unbelebten Krpers, sondern auch
die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes
beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass
die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nchsten --
durch die Analyse organischer Krper erreichbaren -- Bestandtheile von
den -- durch Analyse sogenannter unorganischer Krper darstellbaren --
Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Protens, des Caffens, Thens
u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die
gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst
gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der
verschiedenen Art der Verbindung ursprnglich durchaus homogener
Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Krper
zwar in seinen nchsten und nheren, keineswegs aber in seinen
entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten
unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergnzende
Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe
nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines
einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines
bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung,
die der stofflichen Identitt der lebendigen und leblosen Krper,
hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung
gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in
exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie,
von der Transformationsfhigkeit der verschiedenen Krper in einander
erneuert, hat in der sogenannten "Philosophie der Chemie" (J. B. Dumas)
ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie
und die Entdeckung der sogenannten typischen Krper, durch welche von
Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe
bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine
empirische, wenigstens annhernde Besttigung erhalten.

304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs
kann es nicht sein, ber die Geltung der einen oder der andern
beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, ber welche nur
Thatsachen zu entscheiden vermgen, einen Ausspruch zu thun. Die
logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch
die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen
Grundlage der phnomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist,
die quantitative Atomistik in hherem Grade als die qualitative fr
sich. Ist es berhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten
einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative
Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche
in deren rumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrckt,
so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen
Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Krperwelt ausmachen,
der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger
Elementarbestandtheile der Krper zu betrachten. Das elementare Atom,
dessen Qualitt eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist,
wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe
bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher
sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom,
das Gold-Atom u. s. w.) auftreten wrden, deren jedes fr sich durch
eine eigenthmliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei
es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wren,
reprsentirt wrde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die bliche
Zerlegung organischer und unorganischer Krper in deren sogenannte
einfache Bestandtheile ber die Grenze der bis zu diesem Augenblicke
als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch
versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten
nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt,
wrde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.

305. Wie der quantitativen Atomistik fr die stoffliche Beschaffenheit
smmtlicher Elemente der Krperwelt eine einzige Qualitt, so gengt
ihr fr die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz;
die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ
unterschiedener Classen krperlicher Bestandtheile zulsst, bedarf fr
die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben
eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente
organischer Krper selbst als organisch, die unorganischer Krper
dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken
der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so
wenig wie das Wirken jener "lebendigen" Elemente (die Lebenskraft)
mit jenem der "leblosen" Elemente (der todten Naturkraft) identisch
sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der
qualitativen Verwandtschaft (Affinitt) der Krper hat (chemische
Anziehung) das nmliche sein mit demjenigen, das auch bei vlliger
Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneitt) der Krper erfolgt
(mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches
jenes (Affinittsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen,
welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung
qualitativer Verschiedenheit der Krper tritt der umgekehrte Fall
ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Krper
bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der
Elemente unorganischer Krper abhngt, eben so wenig verschieden zu
sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der
Krper hat, als das Wirken der ursprnglichen Elemente d. h. als
dasjenige betrachtet werden kann, fr welches Gleichartigkeit oder
Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so
wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen
Gegensatz der Krper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und
unbelebter Krper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken
und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der
Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprnglichen Elemente, so ist
auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren,
und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Krper sind, nicht
mit jenem der wahren Krperelemente identisch. Wird daher, wie die
quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile
der Krperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter
unterschiedenen Atome zurckgegangen, so muss das Gesetz, welches
das Wirken dieser letzteren regelt, das nmliche und einzige fr das
Wirken der gesammten Krperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes,
welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen
Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen
Krper bis zur Auflsung der ersteren in die berall in gleicher Weise
erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Krpern qualitativ
identischen Elemente der Krperwelt verfolgt und dadurch die gesammte
phnomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn
gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes,
dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhlt, stehend erweist,
msste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.

306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das
Gravitationsgesetz Newton's an. Die philosophische Wissenschaft vom
Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine
Function ihres rumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht
ber diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere nher
als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt
jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach
stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale
nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grssten Abstnden
der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ
kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt,
dass die Atome auch in den relativ weitesten Abstnden von einander
noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen
zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden smmtliche
durch dieselbe an einander geknpfte Atome ein nicht nur in Gedanken,
sondern durch ein physisches Band zusammenhngendes Ganzes; in Folge
der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annherung
der Atome an einander ber das Mass einer gewissen (kleinsten)
Entfernung hinaus unmglich macht, ein discretes Ganzes. Whrend
der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge,
demnach stetig mit "philosophischen" Atomen d. i. im strengsten
Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfllt gedacht werden muss,
erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur
in der Weise mit "physikalischen" Atomen d. i. mit im physikalischen
Sinn letzten Elementen der Krperwelt erfllt, dass zwischen je
zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in
dem keine weiteren "physikalischen" Atome sich befinden. Dass mit
der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer
actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch
wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine "philosophische" ist,
der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.

307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten
"Imponderabilien" veranlasst gesehen, durch die Einfhrung eines
weiteren gleichfalls krperlichen, jedoch, mit den physikalischen
Atomen verglichen, relativ "unkrperlichen" Stoffs, des sogenannten
"Aethers", in die leer gelassenen Zwischenrume der physikalischen
Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne
am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im
Wasser, in unregelmssigen Abstnden zu schwimmen scheinen, der
Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem
stetigen Erflltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen
betrchtlichen Schritt nher zu kommen. Die Elemente desselben, die
sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam
wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar
eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenrume, letztere selbst
aber werden im Verhltniss zu diesen als "unendlich klein" und das
von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das
der Krperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der
kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Krperatom erscheint
wie von Aetheratomen eingehllt, welche dasselbe in Gestalt einer
Sphre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form
winziger Kgelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Krperatom,
deren dnnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch
den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.

308. Je nachdem die erfahrungsmssig gegebenen Phnomene der
krperlichen Welt auf die Krperatome allein ohne Bercksichtigung des
deren Zwischenrume ausfllenden Aethers, oder auf die Aetheratome
allein als Bestandtheile des die Zwischenrume der physikalischen
Atome ausfllenden Stoffs zurckgefhrt werden, ergeben sich zwei
Hauptclassen physischer Phnomene, deren eine das Wirken und die
Zustnde des im engern Sinn sogenannten krperlichen Stoffs, die
andere das Wirken und die Zustnde des Zwischenstoffs d. i. des
Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grsse der Abstnde der
Krperatome unter einander und der davon abhngigen Menge dieser
letzteren selbst innerhalb bestimmter rumlicher Grenzen (Volumen),
dreierlei Gattungen von Krpern, deren eine bei einem gewissen
Volumen die relativ grsste, deren dritte bei demselben Volumen
die relativ kleinste Menge von Krperatomen enthlt, whrend die
zweite eine im Verhltniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen
einschliesst. Folge davon ist, dass in den Krpern der ersten Gattung
die Abstnde der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten,
dagegen bei Krpern der dritten Gattung relativ die grssten sein
mssen, whrend bei den Krpern der Mittelgattung die Distanz der
Atome eine mittlere ist. Die Atome von Krpern der ersten Gattung
werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto
strker wirkt, am festesten, die Atome von Krpern der dritten Gattung
werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten
unter einander zusammenhngen; die Atome der Krper der Mittelgattung
werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere
ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Krpern
der ersten Art wird daher nicht nur das Verhltniss der Menge der
Atome (der Masse) zu der rumlich begrenzten Grsse des Inhalts (dem
Volumen) d. i. die relative Dichtigkeit die grsste, sondern auch der
Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen,
in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohsion)
der relativ bedeutendste, bei Krpern der dritten Art dagegen aus
demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand
gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, whrend den Krpern
der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer
Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder
erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig
verhlt, eigen ist. Krper der ersten Art, als deren Reprsentant
die Erde angesehen wird, werden als feste, Krper der dritten Art,
als deren Reprsentant die atmosphrische Luft gilt, als luft- oder
gasfrmige, Krper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt,
werden als flssige bezeichnet.

309. Weder die Grsse des rumlichen Volumens, noch jene der Masse,
oder der Abstnde der Atome von einander, absolut betrachtet, macht
hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen
Weltkrper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhlt, ist genau
das nmliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils
eines festen Krpers auf der Erde an einander bindet; die Atome
des Weltmeeres hngen in keiner andern Weise zusammen, als jene
des Wassertropfens; und die Atmosphre, welche entfernte Weltkrper
umhllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdnnte
Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthlle verglichen nur
graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen
von Krpern aber herrscht dabei das Verhltniss, dass einerseits
der luftfrmige Krper durch Verminderung der Abstnde seiner Atome
unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung
erreicht, in flssigen, wenn sie denselben berschreitet, allmlig in
festen Zustand bergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste
Krper durch Vergrsserung jener Abstnde seinerseits in flssigen
und allmlig in luftfrmigen Zustand bergehen d. h. sich verdnnen
kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten
Zustnde verschieden, also entweder der feste, oder der luftfrmige,
oder der flssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem
die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der
Verdichtung allmlig die Verdnnung, im zweiten aus der Verdnnung
allmlig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer
mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch
Verdnnung andererseits das Luftfrmige hervorgeht, gliedern sich die
verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Reprsentanten
schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die
krperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und
Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher
das Flssige fr das der Zeit nach Erste erklrten, aus dem alles
Uebrige entstanden sei.

310. In allen genannten Fllen ist die Verbindung der Atome unter
einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz
der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte,
welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher
jeder willkrlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer,
entzogen ist. Die zum Krper vereinten Atome erscheinen unter der
Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern
Gefge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke
unterworfen. Die Elemente der Krper selbst stellen zusammengenommen
einen durch Vereinigung (Association) entstandenen rumlich begrenzten
Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar,
deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich fr
die andern fr sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied
eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit
der zum Ganzen des Krpers verbundenen Theile konnte bisher schon
aus dem Grunde keine Rcksicht genommen werden, weil die quantitative
Atomistik eine solche bei den ursprnglichen Elementen der Krperwelt,
den primitiven Krperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von
qualitativ unterschiedenen Elementen der Krper die Rede sein,
so knnen diese nicht selbst primitiv, sondern sie mssen aus
der allerdings primren Verbindung primitiver Atome gleichsam als
Atome hherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wren, wenn
die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf
fussende Behauptung der "philosophischen" Chemie, dass alle scheinbar
heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein
sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Krper wie
Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder
demzufolge aus Atomen bestehend gedacht wrde, welche selbst eine
eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlssen. Das
sogenannte Sauerstoffatom wre sonach zwar im Verhltniss zu dem
sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhltniss zu den
primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen,
da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das
Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber,
wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, berhaupt nicht aus
weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches,
so wre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem
Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der
(feste, flssige oder luftfrmige) Krper, bei dessen Zusammensetzung
die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist
sonach als ein in seinen nchsten Bestandtheilen nicht aus einfachen,
sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.

311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten
Krper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten
Krper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen
Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer
qualitativen Verwandtschaft (Affinitt) beruhende. Dieselben stehen
wie die Bestandtheile des mechanischen Krpers unter der Herrschaft
eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort,
einem von aussen ausgebten Drucke, als vielmehr einem von innen aus
der Beschaffenheit der Atome stammenden Zuge sich vergleichen lsst,
vermge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie
sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen
(z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fhlen. Wie
die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als
die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen,
so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger,
als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als
Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als "Mischung"
im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist
insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine vllige
"Durchdringung" der einzelnen Atome als mglich anzunehmen, whrend
doch nur eine "Durchdringung" der sich unter einander verschmelzenden
Krper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensure) in der Weise
stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren
sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam hherer Art entsteht,
dessen Atome je eine binre Verbindung zwischen O und C darstellen,
die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen fr
einander undurchdringlich bleiben.

312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte
Krper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile
zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer fr einem Grunde
erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflsen
muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Krper selbst enthaltenen
Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert,
entweder indem berhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder
neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt,
von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus
Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte
(organische) Krper. Die Eigenthmlichkeit, welche denselben von dem
mechanischen Krper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere,
sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht
mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher,
der organische Krper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner
Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch
andere, noch immer derselbe wie frher d. h. ein blos erneuerter
ist. Die Eigenthmlichkeit, welche denselben vom chemischen Krper
unterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Krper
niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen
d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber
nicht, wie andere chemische Krper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus
Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphrische Luft aus Sauerstoff und
Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und
Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt
sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des
organischen Krpers, nmlich derjenige, in dem die Veranlassung
liegt, dass sich der brige Theil ohne Schdigung des Ganzen zu
erneuern vermag, diesem letzteren gegenber eine ausgezeichnete
Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den
wechselnden Bestandtheil des Krpers ausmacht, jener also denjenigen,
durch welchen der Krper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen,
durch welchen derselbe unaufhrlich ein anderer wird. Folge der
letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Krper
mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff,
Stickstoff und hauptschlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat,
die Entstehung organischer Krper, auch wenn alle brigen Bedingungen
und die grsste Flle anderweitiger chemischer Krper vorhanden
wre, unmglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der
kleinstmglichen Anzahl krperlicher Atome Erfllung, so entsteht der
denkbar kleinste belebte Krper, das organische Atom, die sogenannte
Zelle, whrend aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es
ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus
d. i. der -- wie der mechanische Krper aus mechanisch verbundenen
mechanischen, wie der chemische Krper aus chemisch verbundenen
chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen
bestehende -- organische Krper hervorgeht.

313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenber dem
wechselnden im belebten Krper ussert sich nicht blos darin, dass er
selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen)
whrend der ganzen Dauer des organischen Krpers (Lebensdauer) immer
derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten
ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar
zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft,
sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprngliche
Form (Leibesform) im Wesentlichen unverndert erhalten wird. Derselbe
stellt daher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt ("die Seele")
dar, zu welchem die Gesammtheit des brigen den Krper jeweilig
ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen
verbrauchbares Material ("als Leib") verhlt. Da derselbe beherrschend
nur im Verhltniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhren der
Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor
vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden
sind, so hrt mit dem Erlschen des organischen Bandes zwischen der
"Seele" und dem "Leibe" des belebten Krpers d. i. mit dem Tode
auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf,
Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil
desselben aufhrt, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die
Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche
bisher den jeweiligen vernderlichen Bestandtheil des organischen
Krpers ausgemacht haben, hren jedoch dadurch keineswegs auf, als
Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelst, aber
fhig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als
"Seele" eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele
(Palingenesie), zu existiren.

314. Je nachdem der organische Krper als am Orte haftend, oder
mit der Fhigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie,
je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder berhaupt
nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle,
da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung,
noch Zeichen vorstellender Thtigkeit aufweist, als pflanzenartiger,
im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie
Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen)
keine Spur von vorstellender Thtigkeit zeigt, als thierartiger, im
dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fhigkeit, anderes, sondern
(wie schon bei den hheren Thiergattungen) sogar die Fhigkeit
ussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen,
da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich)
hauptschlich am Menschen kennt, als menschenhnlicher bezeichnet
werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch
welche der belebte Krper andere, sei es belebte oder leblose Krper,
von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich
sich gegenberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in
ein Verhltniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu
der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedrfnisse
im Vergleich zu den Bedrfnissen jenes Andern zu einem berlegenen
oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu
friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das
Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.

315. Wie die Atome, so ben auch die Krper eine Wirksamkeit
auf einander aus, welche je nach der Beschaffenheit derselben
entweder mechanischer, chemischer oder organischer Art ist. Erstere
ussert sich als Schwere, indem ein Krper den andern vermge
seiner berlegenen Masse, die zweite als Wahlverwandtschaft, indem
ein Krper den andern vermge seiner innigeren Verwandtschaft, die
dritte als Geschlechtsneigung, indem ein Krper den andern in Folge
des geschlechtlichen Gegensatzes an sich zieht. Wie durch die erstere
eine Ablenkung des angezogenen Krpers, wenn derselbe bewegt ist, von
seiner ursprnglichen Richtung, wenn er unbewegt ist, eine Annherung
an den Ort des anziehenden Krpers, in beiden Fllen jedoch, wenn
kein anderweitiges Hinderniss, z. B. die widerstrebende Eigenbewegung
des angezogenen Krpers, dazwischen tritt, eine Vereinigung des
angezogenen mit dem anziehenden und dadurch eine Vergrsserung der
Masse des letzteren herbeigefhrt wird, so wird durch die zweite eine
Auflsung der bisherigen Verbindung des angezogenen Krpers und die
Entstehung einer neuen Verbindung durch die Verschmelzung desselben
mit dem anziehenden veranlasst, auf dem dritten Wege aber durch
die organische Vereinigung zweier geschlechtlich entgegengesetzten
belebten Krper ein neues organisches Individuum auf Kosten und aus
dem Stoffe der Zeugenden erzeugt. Jene, die mechanische Anziehung
associirt bisher getrennte Krper zu einem neuen, welcher dieselben
in sich begreift; die zweite trennt nicht zusammengehrige Krper, die
vereinigt, und fhrt zusammengehrige zusammen, die getrennt waren; die
dritte leitet aus bisher vereinzelt gestandenen organischen Individuen
durch Zusammenschluss derselben ein neues, in keinem derselben fr
sich allein, aber in beiden zusammengenommen wol- und vollbegrndetes
Individuum ab. Das Wirken der ersten wie der zweiten Art bringt als
producirende Thtigkeit zwar nicht dem Stoff, aber der Form nach neue
Krper, die letztgenannte als reproducirende weder dem Stoff, noch der
Form nach neue, sondern denjenigen, aus welchen sie entstanden sind,
gleiche Krper d. h. sie bringt das in der Zeugung untergegangene
in einem neuen Individuum wieder hervor. Whrend durch die erstere,
die schaffende ("die Phantasie der physischen Welt") Thtigkeit
der gegebene Stoff in vorher nicht gegebener Gestalt umgebildet,
wird durch die letztere, die fortpflanzende ("das Gedchtniss der
Materie") Thtigkeit die Spur des einmal vorhanden Gewesenen in allem
Folgenden mehr oder minder getreu aufbewahrt und dessen Andenken
durch dasselbe erneuert. Auf ersterem Wege bilden sich aus dem im
Weltraum gleichmssig vertheilten Stoffe durch locale Verdichtung frei
schwebende, sogenannte "kosmische Wolken", durch Anhufung desselben
um einen dichtern Kern sogenannte "Nebelflecke" und "schweifende
Kometen"; wachsen durch Vereinigung kleinerer Weltkrper allmlig jene
im Weltraum zerstreuten Massenkugeln heran, die andern als Central-
und, wie es das Niederstrzen von Sternschnuppen und Meteorsteinen
auf deren Oberflche beweist, zum Sammelpunkte dienen. Auf dem zweiten
Wege bildet sich jener wirthschaftliche Haushalt in der Natur, durch
welchen die von den pflanzlichen Organismen aufgenommene Kohlensure
im Inneren derselben zersetzt, der Kohlenstoff zurckbehalten und der
Sauerstoff durch die Lungen der Pflanze, die Bltter, ausgeathmet,
von den thierischen Organismen dagegen eingeathmet und in den Lungen
zur Oxydirung des Blutes verwendet wird. Auf dem letztgenannten
Wege endlich werden wenigstens in den hheren pflanzlichen und
thierischen Gattungen die unzhligen Nachkommen gezeugt, whrend auf
den niederen Stufen der vegetabilischen Organismen die Fortpflanzung
durch Keimzellen (Sporen) und Sprossen, bei den animalischen durch
Theilung und Zerfllung der ursprnglich zu einem einzigen vereinigt
gewesenen in mehrere selbststndige Individuen die Stelle der sexualen
Generation vertritt.

316. Wie die Atome, so sind die Krper in verschiedenen regelmssigen
oder unregelmssigen Abstnden durch den Weltraum ausgestreut, so
dass einzelne derselben unter einander, wie die Atome zu Krpern, so
die Krper zu Systemen und weiter diese selbst wieder zu ihrerseits
unter sich zu einem Ganzen verknpften Aggregaten von Systemen gehren,
whrend andere keinem in sich geschlossenen Krperverband einverleibt,
sei es aus dem Gebiet eines in das eines anderen Krpersystems
hinberstreifen, theils frei durch den Weltraum irren. Zu den
ersteren gehren die Systeme einzelner Centralkrper mit ihren in
ihren Bewegungen von ihnen abhngigen Begleitern, welche ihrerseits
wieder von solchen begleitet sein knnen. Dieselben bilden im Weltmeer
des mit Krpern erfllten Raumes gleichsam "Weltinseln" und knnen
ihrerseits mit anderen ihresgleichen zu einem "Inselmeer" d. i. zu
einem Archipelagos von Weltsystemen vereinigt sein. Ein solches bildet
allem Anschein nach der selbst um einen, sei es idealen, sei es realen
(nach Mdler Alpha Herculis) Mittelpunkt gravitirende Weltring der
sogenannten Milchstrasse, von welchem unser Sonnensystem mit seiner
Centralsonne, seinen Planeten und Planetoiden, deren Trabanten und
Ringen, sowie mit den theils gleichfalls ringfrmig angeordneten,
theils zerstreut rotirenden Asteroiden, Sternschnuppen und Meteormassen
einen Bestandtheil ausmacht. Der Inbegriff smmtlicher Weltkrper
bildet das sichtbare Universum, das mechanisch durch das Gesetz
der Gravitation beherrscht und chemisch, wie die Spectralanalyse
gezeigt hat, durchgngig aus solchen Stoffen zusammengesetzt ist,
welche auch auf oder innerhalb der Erde vorkommen. Flssige und
luftartige Bildungen (Meere und Atmosphren) sind auch auf von
der Erde verschiedenen Weltkrpern beobachtet, dagegen Spuren
organischen Lebens bisher nur auf dieser wahrgenommen worden, daher
von vegetabilischen und animalischen, so wie von menschenhnlichen
Bewohnern erfahrungsgem bisher nur auf dieser die Rede sein kann.

317. Sowol die Zwischenrume zwischen den Welt-, so wie jene zwischen
den festen und flssigen Krpern auf der Erde sind von luftartigen
Krpern (auf der Erde von einem aus Sauerstoff und Stickstoff,
so wie einigem Ozon bestehenden Luftkrper, der sogenannten
atmosphrischen Luft) ausgefllt, deren Gegenwart auch in den
scheinbar leeren Theilen des Weltraums durch die Widerstnde, welche
bewegte Weltkrper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch
die allmlige Verengung der Bahn des Enke'schen Kometen), erwiesen
ist. Die Zwischenrume der physikalischen Atome werden, wie oben
bemerkt, durch Atome des sogenannten Weltthers erfllt gedacht,
auf dessen Zustnde diejenigen Phnomene, welche sonst je specifisch
verschiedenen sogenannten "unwgbaren" Stoffen (Imponderabilien),
z. B. die Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem
magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf
deren gemeinsamen Trger zurckgefhrt zu werden pflegen. Dieselben
zerfallen in solche, bei welchen die qualitative Beschaffenheit der
Krperatome gleichgltig, und solche fr welche dieselbe bestimmend
ist. Zu den ersteren gehren die Licht- und Wrmeerscheinungen,
die sich deshalb (wenngleich in unzhligen Graden der Abstufung)
zwischen und in allen Krpern des Weltalls vorfinden; zu den
letzteren lassen sich die sogenannten, magnetischen und elektrischen
Erscheinungen zhlen, deren erstere an die Gegenwart eines bestimmten
chemischen Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und
gegenseitige Berhrung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe
(z. B. Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst
wird als kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung)
in verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied
stattfindet, dass diejenigen, welche als Trger des Lichtphnomens
angesehen werden, an der Oberflche der Krper (mit Ausnahme der
durchsichtigen oder durchscheinenden) stattfinden und diese daher im
Inneren dunkel erscheinen, whrend diejenigen, welche die Trger des
Wrmephnomens sind, auch im Inneren der Krper statthaben, diese
daher je nach dem Grade derselben innerlich erhitzt oder erkltet
erscheinen. Bei den magnetischen und elektrischen Erscheinungen lsst
sich die Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken,
dass derselbe in dem Krper, welcher den erforderlichen Stoff,
das Eisen enthlt, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen,
angehuft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige
Pole einander abstossen, whrend bei den elektrischen Erscheinungen
an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen Krpern der
Aether an zwei einander der Richtung nach entgegengesetzten Enden (+
und -) sich anhuft, wobei die Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte
Pole sich anziehen. Inwieweit bei den elektrischen Strmen, von
welchen Muskelcontractionen begleitet zu werden pflegen, sowie bei
den Erscheinungen des sogenannten thierischen Magnetismus und der
thierischen Elektricitt eben so wie bei jenen der sogenannten
animalischen Wrme die Betheiligung des Aethers eine Rolle
bernehme, muss um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme
der elektrischen Muskelstrme und der thierischen Wrme die brigen
sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Besttigung
bedrfen. Insofern jene dem Weltther zugeschriebenen Phnomene,
mit den auf die physikalischen Atome zurckgefhrten Erscheinungen
verglichen, dem der groben Masse der letzteren gegenber verfeinerten
Charakter ihrer materiellen Grundlage entsprechend selbst einen
gleichsam "vergeistigten" Stempel tragen, sind sie es, welche
durch ihre Gegenstze der Helligkeit und der Finsterniss, der
Hitze und der Klte, der magnetischen und elektrischen Spannung
und Lsung der Physiognomie der physischen Krperwelt ein an die
wechselnden Stimmungsgegenstze des menschlichen Gemthes mahnendes
Geprge aufdrcken und daher als Bilder und Gleichnisse fr die
letzteren mit Vorliebe pflegen verwendet zu werden. Steigern sich
dieselben so weit, dass sie namhafte Vernderungen in der Welt der
physischen Krper verursachen, die Lichterscheinung als Brand, die
Wrmeerscheinung als Explosion oder Eruption, der Magnetismus als
magnetisches, der elektrische Strom als atmosphrisches Ungewitter
auftritt, so nimmt deren Wesen eine an die pltzliche, aber auch
vorbergehende Natur der von unwillkrlichen Krperbewegungen
begleiteten Gemthserschtterungen, der sogenannten Affecte, an und
liefert fr diese ("flammender Zorn", "leidenschaftlicher Ausbruch")
das treffendste Gleichniss.

318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene
Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene
Wirken gegenber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr
logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch
den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome
im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches
eins und zugleich der Trger vielfach sich ndernden Wirkens,
noch endlich jener der Vernderung d. h. eines Dinges, welches
anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der
unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsvernderung ohne
schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die
Einsicht in die Unmglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile
sich loslsen und durch einen Sprung ber das Leere hinber einem
andern eben so Einfachen einverleibt werden knnten, streng genommen
die Mglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die
Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Krperwelt
an. Die Einheit des Dinges, whrend dessen Wirken ein vielartiges
sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden
knne, die Identitt des Dinges, nachdem es ein anderes geworden,
ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe
sein knne, wider sich hervor und nthigt, dem ersteren durch die
Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen
Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und
demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien,
sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein knne, sondern sein msse,
dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes
sogenannte "Ding" nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei,
dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer,
whrend der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Vernderung
erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identitt aufrecht
erhalten haben knne. Bezglich der Bewegung als Ortsvernderung
aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse,
wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im
selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht
befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das
Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem
anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig
die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhltniss des in
einem gewissen Zeitabschnitt zurckgelegten Raumes d. i. durch die
Geschwindigkeit gemessen.

319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmssig gegebene
Geschehen, die Vernderung des Zustandes der Krperwelt, ist eine
dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort
des Krpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben,
oder nur die Form des Krpers, whrend der Stoff unberhrt bleibt,
oder schliesslich auch dieser eine Vernderung erleidet, als Orts-,
Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung
der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss
und Wurf, oder eine in sich zurckkehrende, wie bei den rotirenden
Weltkrpern und den Blutkrperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich
fortschreitende und in sich zurckkehrende Bewegung, wie bei dem um
die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten
Monde sein. Der Qualitt nach kann dieselbe entweder eine in gleichen
Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichfrmige)
oder in gleichen Zeitrumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende
(accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht berdies entweder
eine am selben Ort sich gleichfrmig wiederholende (schwingende),
oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der
nmlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von
der Fortschrittslinie gleichfrmig ausschlagende Bewegung sein: jene
ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich
des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Krper ein
Uebergang des festen in den flssigen und luftartigen Zustand, oder des
flssigen in den festen und luftfrmigen, oder des letztgenannten in
den festen und flssigen statt, whrend beim organischen die sogenannte
Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie
von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich
gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten
und Gattungen der Organismen durch allmlige Umbildung einer oder
weniger ursprnglichen Pflanzentypen ("Urpflanze", "Metamorphose der
Pflanze": Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und
Gattungen des Thierreichs durch allmlige Umbildung eines oder einiger
ursprnglicher Thiertypen ("Bathybios", "Gastraea": Haeckel), sei es
auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natrlicher
Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkrlicher, reflexartiger Nachahmung
("Mimicry": Wallace) in einander bergehen. Was den Stoffwechsel
betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung,
dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des
primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie
wahrscheinlich zu machen, fr die Behauptung aber, dass der organische
Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkrper
aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio quivoca), entstanden
sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis
durch Thatsachen zu fhren vermocht, wie fr die weitere, dass das
"Phnomen der Empfindung", durch welches der (anderes und sich selbst)
vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich
ebenfalls organischen Krper unterscheidet, nichts anderes als eine
Umbildung des derselben entsprechenden "Nervenreizes" und demnach als
psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem
d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang
von den unorganischen Vorgngen der mechanisch-chemischen Krper dem
Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den
positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie
noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer
von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft,
haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus,
einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches:
ignorabimus ausgesprochen.

320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und
der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen)
Krper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehrigkeit mit
und in ihrer Abhngigkeit von einander, so weit dieselben unserer
Erfahrung zugnglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht
die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich
gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-,
Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation
des Aethers bis zu den Umlufen der Weltkrper und dem schwankenden
Gleichgewicht einander quilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung
des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente
bis zu den ein System von Weltkrpern erleuchtenden und erwrmenden
Verbrennungsprocessen gasfrmiger Centralsonnen, von der molecularen
Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten
mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens
und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe
unserer Erfahrung zugnglich ist, die Naturgeschichte der physischen
Welt, die Geschichte des Weltalls aus.








ZWEITES CAPITEL.

DAS ICH.


321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische,
chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische
d. h. dass es Phnomene des Empfindens und Vorstellens, des Fhlens,
Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass
physische und psychische Vorgnge identisch, noch dass sie nicht
identisch seien. Was die Erfahrung als ussere an der Hand der
sinnlichen Beobachtung und des durch knstliche Werkzeuge verschrften
Experiments ber die Phnomene des als vorstellend bezeichneten
belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur
Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern
jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine
Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die
Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und
Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, knstlich
angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer
(Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer
wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung,
elementares Lust- oder Schmerzgefhl, elementares Streben oder
Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver
Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand)
Bewegung sei, ist jede fr sich ein unerlaubter Schritt auf Grund
angeblicher ber die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet,
wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus
Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag.

322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen
dem usseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig
als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer
Krper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt
sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz
dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos
scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen
Krper, auch physische und psychische Phnomene dem Wesen nach
als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemhen sich auf das
angebliche wissenschaftliche Bedrfniss sttzt, in der Gesammtheit
der erfahrungsmssig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit
nachzuweisen, wrde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der
Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wre, mehr ein sthetisches,
also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct
wissenschaftliches Bedrfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit
(langweilige Monotonie, abwechselungslose Einfrmigkeit), wie es
wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedrfniss
befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der
Phnomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identitt
des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat,
widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der
Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen
Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen
msse. Das Gleichniss Fechner's, dass Physisches und Psychisches wie
die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der
Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie
aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhren, ein und dasselbe
zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses
Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser
aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhltniss zwischen Physischem und
Psychischem aus dem Grunde unmglich, weil der Umkreis des Psychischen
d. i. der Bewusstseinsphnomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung
und sinnliche Wahrnehmung gehrt, auch von demjenigen Beobachter,
der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in
keiner Weise berschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das
Wesen des optischen oder des akustischen Phnomens erblickt, von der
Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen,
was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehrsempfindung
ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts
Gleichartiges anzutreffen, noch lsst sich die Anzahl von mehr als
vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder
jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hrbaren
C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen,
als Phnomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft
verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was
deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar.

323. Dennoch wre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut,
aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf
eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate
d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet,
auf eine zwiespltige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu
schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig
sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen
ein verschiedenartiges sein msse, hat nur dann Gewalt, wenn sie
dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu
Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum
von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht
ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von
mehreren Wirklichen zu Grunde liegen msse. Keineswegs aber folgt
daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern
ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden
sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen
angehren mssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse
Verschiedenheit usserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage,
Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein
in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie
das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht,
im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter
Voraussetzung durchgngig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich
durch verschiedene Zahl und rumliche Anordnung derselben verschiedene,
ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phnomene (wie z. B. das nach
rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklren
lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege,
auch physische und psychische Phnomene auf qualitativ gleichartiges
Wirkliches zurckzufhren.

324. Letzteres wrde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualitt eines,
mehrerer, oder aller zum erklrenden Phnomen einer-, und jene des
denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in
der Weise widersprchen, dass die durch die Erfahrung gewhrleistete
Thatschlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer fr einem
Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen
wird. Dieser Fall wrde eintreten, wenn zum Beispiel unter den
thatschlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfnde,
die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner
Qualitt nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, whrend
dagegen von anderer Seite behauptet wrde, nicht nur, dass alles, was
berhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden knnen,
eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein
msse, sondern auch, insofern dasselbe als Trger einer Erscheinung
gelten soll, seiner Qualitt nach zusammengesetzt sein msse. In diesem
Fall wrde entweder die Thatschlichkeit jenes Phnomens verleugnet,
oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenber als unausfhrbar
sich herausstellt, angenommen werden mssen, dass dasselbe, obgleich
wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe.

325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phnomen der sogenannten Einheit des
Bewusstseins, der Theorie der sogenannten "Psychologie ohne Seele" und
der Psychologie des sogenannten "Materialismus" gegenber. Jene geht
davon aus, dass die Natur des Phnomens der Einheit des Bewusstseins
mit der Qualitt des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft
Wirklichen unvertrglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht
bestritten werden knne, dasselbe thatschlich ohne reales Substrat
sei. Letztere rumt ein, nicht nur dass obiges Phnomen thatschlich,
sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phnomen ohne
irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar,
behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der
Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates vertrglich sei. Die
Widerlegung der ersteren msste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur,
dass dasjenige Substrat, welches die "Psychologie ohne Seele" fr das
ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mgliche ausgibt,
weder das einzig Wirkliche, noch berhaupt ohne Selbstwiderspruch
ein mgliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene
Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch berhaupt
ohne Substrat gedacht werden knne. Die Widerlegung der letzteren
msste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur
obigen als thatschlich anerkannten Phnomens mit der materiellen
d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als vertrglich
darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Mglichkeit,
dessen Thatschlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines
"atomistischen" d. i. theillosen Trgers fr dasselbe gelegen sei.

320. Den Beweis zu fhren, dass das wahrhaft Wirkliche seiner
Qualitt nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach
dasjenige Wirkliche, welches die "Psychologie ohne Seele" nicht nur,
obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur
(materiell) ist, fr das wahrhaft Wirkliche hlt, weder ein solches
sei noch sein knne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte,
hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von
der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Grnden ber dieselbe
hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen bernommen. Derselbe hat
aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem
Vorigen sich ergibt, selbst die "Psychologie des Materialismus" ihm als
Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn
er ein wirklicher d. i. thatschlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches
als dessen Substrat gedacht werden knne und daher die Annahme der
"Psychologie ohne Seele", dass der von ihr als thatschlich anerkannte
Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstblich
ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttuschung beruhe.

327. Zum Beweise fr die andere d. i. fr diejenige Behauptung, welche
den thatschlichen Schein der Einheit des Bewusstseins mit der aus
Theilen bestehenden Natur des Trgers derselben fr vereinbar hlt,
haben sich deren Vertheidiger, die Psychologen des Materialismus,
auf ein ihrer Meinung nach zutreffendes Beispiel aus der exacten
Naturwissenschaft, auf die in der Mechanik der Zusammensetzung der
Krfte fundamentale Thatsache der Resultante berufen. Dieselbe stellt
in der That ein Wirkliches dar, welches als solches nur durch das
Zusammenwirken anderer Wirklichen, der sogenannten Componenten zu
Stande kommt, zugleich aber auch ein solches, das mit der Wirklichkeit
dieser letzteren verglichen nur ein scheinbares ist d. h. nur den
Schein selbststndiger Wirklichkeit hat, whrend die eigentlich
Wirklichen, weil die eigentlich Wirkenden, die Componenten sind. Werden
die letzteren, also ein Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden,
welche als solche ein Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige
Thatsache anschaulich zu machen, wie die zusammengesetzte Natur
der Grundlage eines Phnomens die einheitliche, ja sogar einfache
Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die
Mglichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Phnomen der Einheit
des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit von
Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu machen.

328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts; beweist es
aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach dem Wunsche
seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die Beweiskraft desselben
hngt davon ab, dass dasjenige, was unter dem Namen der Resultirenden
mit dem Phnomen der Einheit des Bewusstseins verglichen wird, wirklich
im Sinn der Mechanik eine solche sei. Aber schon Lotze hat bemerkt,
dass dieser sogenannten Resultanten das wichtigste Merkmal einer
solchen, nmlich nichts geringeres fehle als der gemeinschaftliche
Angriffspunkt, der ihr mit ihren Componenten gemeinsam sein muss. Die
Resultirende ohne einen solchen wre wie Schiller's Glocke, welcher,
wie Schlegel witzig bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die
Resultante eine wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren
Componenten den Punkt des Angriffs wirklich gemein, dann stellt
dieser Punkt eben dasjenige dar, was fr das Phnomen der Einheit
des Bewusstseins der atomistische Trger desselben darstellen soll
d. h. obiges Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil fr
die Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des
Phnomens der Einheit des Bewusstseins.

329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins folgt, dass es
Phnomene gibt, welche als Substrats nur eines einzigen theillosen
und untheilbaren Wirklichen bedrfen und daher mit allen denjenigen
Phnomenen, welche zu ihrer realen Unterlage ein Aggregat von solchen
d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr oder weniger verfeinerten
oder vergrberten) Krper voraussetzen, qualitativ schlechterdings
unvergleichbar sind. Umgekehrt wird es erlaubt sein, anzunehmen,
dass alle diejenigen Phnomene, welche mit letzteren unvergleichbar,
ihrerseits dagegen mit dem Phnomen der Einheit des Selbstbewusstseins
insofern vergleichbar seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie
zusammengesetzte Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit
diesem unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Trger
als reale Unterlage bedingen. Da nun das Phnomen der Einheit
des Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Phnomene
aber, welche als ihr Substrat eine materielle Grundlage erfordern,
als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren
unvergleichbaren Phnomene (wie Vorstellen, Fhlen, Streben und Wollen)
als psychische dem Phnomen der Einheit des Bewusstseins gleichartig
sein und daher ebenso wie dieses an einem theillosen Trger haften
werden. Wird dabei vorzugsweise die Eigenthmlichkeit ins Auge
gefasst, dass jedes zusammengesetzte d. h. aus Theilen bestehende
Substrat ein Aussereinander der Orte dieser letzteren d. h. eine
rumliche Ausdehnung (extensum) erheischt, whrend das einfache
theillose Wirkliche eine solche ausschliesst und nur den einfachen Ort
(mathematischen Punkt) eines einfachen Wirklichen (eines dynamischen
Punkts oder einer punktuellen Kraft; "Monade", "Dynamide") ausfllt,
so knnen die physischen Phnomene auch extensive und mssen die
psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt werden. Jene
schliessen die Ausdehnung und damit die Rumlichkeit ein, diese
dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die Rumlichkeit aus; jene
erfolgen als Vorgnge innerhalb eines rumlich ausgedehnten Substrats
selbst in rumlich ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsvernderung,
Anziehung, Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorgnge innerhalb
eines zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen
oder unrumlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen)
Ort im Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen
zwar im Raume, knnen aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche,
dessen Vorgnge sie sind, rumlich ausgedehnt sein (Empfindung als
Intensittsvernderung, Hemmungsgefhl, Streben u. s. w.). Wie der
Inbegriff der extensiven Phnomene die Grundlage der Physik, so bildet
jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder Psychologie; jener
umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen Substrat haftenden
und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen der Materie,
den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser dagegen alle an
einem atomistischen Substrat haftenden und aus der Wechselwirkung der
elementaren Vorgnge innerhalb desselben entspringenden Erscheinungen.

330. Da das einzige atomistische Substrat erfahrungsmssig gegebener
Erscheinungen dasjenige ist, welches auf Grund des thatschlichen
Phnomens der Einheit des Bewusstseins als Trger nicht nur dieses,
sondern smmtlicher ihm gleichartiger Phnomene vorausgesetzt
wird, so folgt, dass wie es voreilig schien, aus der qualitativen
Verschiedenheit der physischen und psychischen Erscheinungen auf
qualitativ verschiedene Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen
Substrate zu schliessen, es eben so voreilig wre, aus den
erfahrungsmssig gegebenen Zustnden eines atomistischen Wirklichen
auf das Vorhandensein gleicher oder doch hnlicher Zustnde im Innern
anderer oder gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus
der denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem
atomistischen Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern
den erfahrungsgemss gegebenen Vorgngen des Vorstellens, Fhlens
und Strebens hnliche Zustnde sein knnen, folgt keineswegs, dass,
weil dergleichen in demjenigen Atome, welches als Trger des Phnomens
der Einheit des Bewusstseins gilt, durch die Erfahrung gegeben sind,
hnliche auch in allen brigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch
in denjenigen, welche als letzte reale Grundlage der physikalischen
Materie angesehen werden, gegeben sein mssten oder thatschlich
seien. Jene einfachen Wirklichen, welche auf Grund thatschlich
erfahrener intensiver Zustnde d. i. erfahrungsmssig gegebener
psychischer Phnomene (selbst erlebter oder an Anderen beobachteter
Vorstellungen, Gefhle, Begehrungen und Willensentschliessungen) als
deren unentbehrliche atomistische Trger denknothwendig vorausgesetzt
werden mssen, mgen als solche "Seelen" d. h. reale Atome heissen,
deren eigenthmliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form
des Vorstellens, Fhlens, Strebens und anderer aus diesen letzteren
abgeleiteten Zustnde erscheint, deren specifische Qualitt aber eben
so wie jene aller brigen einfachen Wirklichen, welche den Boden
des erfahrungsmssig gegebenen Scheins der Wirklichkeit ausmachen,
der Erkenntniss entzogen bleibt. Wie die Farbe, der Klang, die Hrte
oder Weichheit, ja wie die Krperlichkeit selbst nicht das Wesen des
Wirklichen, sondern die Form ausmacht, unter welcher dasselbe fr die
ussere Erfahrung, so stellt die vorstellende, fhlende, strebende
Thtigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar,
unter welcher das Innere des Wirklichen fr die innere Erfahrung
erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, usserer wie
innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie
dort unbekannt.

331. Wie aus der einfachen Qualitt des atomistischen Wirklichen,
welches als Trger der erfahrungsmssig gegebenen psychischen
Zustnde vorausgesetzt werden muss, dessen Unvernderlichkeit,
so folgt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der zugleich und
nach einander durch die Erfahrung gegebenen psychischen Zustnde,
als deren Trger es gilt, dessen Vernderlichkeit. Whrend der
ersteren zufolge die Qualitt desselben und dadurch das Wirkliche
immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige Selbst, das es ist, sich
erhlt, scheint es der letzteren zufolge nicht nur im nmlichen
Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich, sondern in auf
einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu sein. Da jener
Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen knnte, wenn
in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht dessen Anlage
gegeben wre, so entsteht die Frage, wie sich die letztere mit der
ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen mit der Vielheit
und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also die Annahme,
dass viele und vielerlei Zustnde im Wirklichen zugleich oder nach
einander gegeben seien, mit der denknothwendigen Voraussetzung seiner
Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung derselben wird
zwar erleichtert, aber nicht berflssig gemacht durch die Bemerkung,
dass diese mehreren zugleich gegebenen Zustnde vorbergehende, also
nicht etwa bleibende Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte
dauernde "Seelenvermgen" oder Seelenkrfte sein sollen, welche schon
Herbart treffend der alten Psychologie gegenber als "mythologische
Wesen" bezeichnet hat; die Schwierigkeit besteht fort, wenn auch nur
in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit unter einander verschiedener
Zustnde in dem einfachen Wirklichen als zugleich vorhanden vorgestellt
und dasselbe dadurch gleichsam in vieles gespalten gedacht werden soll.

332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass dies thatschlich
der Fall sei. Qualitativ verschiedene Empfindungen, wie die einer
bestimmten Farbe, eines bestimmten Wohlgeruchs u. s. w. sind in der
sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem Bewusstsein gleichzeitig gegeben
und mssen sonach in dem realen atomistischen Trger desselben als
gleichzeitig vorhandene, aber qualitativ unterschiedene Zustnde
angesehen werden. Dasselbe soll daher nicht blos wirklich, sondern
es soll als einfache Qualitt zugleich in so vielen verschiedenen
Qualitten wirklich sein, als qualitativ verschiedene Zustnde in
demselben als zugleich vorhanden gedacht werden sollen. Wie die
qualitative Atomistik die Gesammtheit der krperlichen Erscheinungen
auf eine Anzahl einfacher qualitativ unter einander verschiedener
Stoffe zurckfhrt, so leitet eine derselben entsprechende empirische
Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen von einer
Anzahl einfacher, qualitativ verschiedener Elementarzustnde ab,
als dergleichen sie die sinnlichen Empfindungen, wie sie durch
die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind (Gesichts-, Gehrs-,
Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen, ferner die Temperatur-,
die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden die letztern als
wirklich einfach und zugleich als unter einander specifisch verschieden
angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in dem qualitativ einfachen
Trger qualitativ verschiedene Zustnde zugleich gegenwrtig sein
knnen, in ganzer Schrfe hervortreten.

333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der sogenannten
"zuflligen Ansichten" ergriffen. Indem das Reale a, dessen einfache
Qualitt a sein soll, mit dem Realen b, dessen Qualitt durch b
ausgedrckt werden soll, der Qualitt nach verglichen wird, zeigt sich,
dass jede der beiden Qualitten Bestandtheile enthalte, die sich unter
einander wie plus und minus verhalten und daher, wenn die beiden Realen
zusammengedacht werden, sich unter einander aufheben mssen. Da jedoch
die einfache Qualitt, als einfach, keine Theile enthalten, also auch
keine solchen, die sich, mit einer andern Qualitt verglichen, wie plus
und minus verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung
derselben in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern
einer andern Qualitt entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht
den wahren Inhalt der Qualitt, sondern blos eine zufllige Ansicht
derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der Qualitt des
Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden sollten, aber
nicht knnen, die Qualitt zwar verndert werden sollte, aber nicht
kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben keine Theile, sondern nur in
der zuflligen Ansicht der Qualitt als solche angedichtet sind. Diese
durch das Zusammen eines Realen mit anderen Realen demselben
in Folge des gegenstzlichen Verhaltens seiner Qualitt zu deren
Qualitten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken zugemutheten,
aber da jede einfache Qualitt unvernderlich ist, niemals wirklich
eintretenden Strungen sind es, welche Herbart "Selbsterhaltungen"
des Realen genannt und als die einzige mit der strengen Einfachheit
der Qualitt desselben vertrgliche Art des wirklichen Geschehens,
den erfahrungsmssig gegebenen psychischen Vorgngen als metaphysische
Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach der Qualitt
desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um dessen Zustand es
sich handelt, in einer zuflligen Ansicht zusammengefasst wird,
selbst qualitativ verschieden (z. B. einmal eine Gesichts-, das
andere Mal eine Gehrsempfindung u. dgl.), nichts desto weniger aber
die Qualitt des Realen, dessen Zustnde sie sind, qualitativ immer
dieselbe und ungespalten sein. Sie sollen ferner wirklich und doch als
Strungen der Qualitt des Realen, die zwar eintreten sollten, aber,
weil sonst letztere und damit das Reale selbst aufgehoben wrde,
niemals eintreten knnen, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich
gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale
um seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken
gestellt, aber von jenem niemals erfllt werden. Ob Zustnde der Art
berhaupt das Recht gewhren, dieselben als wirkliches Geschehen und
zugleich als den einzigen Anknpfungspunkt zu bezeichnen, welchen
das streng einfache Reale fr die erfahrungsmssig gegebene vielfache
Mannigfaltigkeit psychischer Phnomene zu bieten vermge, ist von der
Seite der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von
der Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt
worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder
das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die Qualitt des
Realen nicht einfach sein knne. Jenes, weil Einfachheit der Qualitt
die Wirklichkeit qualitativer Verschiedenheit des Geschehens, dieses,
weil die qualitative Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit
der Qualitt ausschliesse.

334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche Geschehen als
qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das Gegentheil
statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ nicht
verschieden d. h. seiner Qualitt nach unter einander homogen und der
Qualitt des Wirklichen, dessen Geschehen es ausmacht, entsprechend
vorgestellt, so entfllt der nicht abzustreitende Widerspruch zwischen
der Qualitt des Wirklichen, die einfach, und jener des Geschehens,
die mannigfaltig sein soll, und damit auch der Grund, welcher die
Wirklichkeit qualitativ verschiedenen Geschehens mit der Einfachheit
der Qualitt des Wirklichen selbst unvertrglich zu machen droht. Nicht
die Vielheit des Wirkens, sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des
Wirkens widerspricht der qualitativ einfachen Natur des Wirklichen;
letztere schliesst nicht aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen
einfachen Wirklichen gleichzeitig anders sich verhlt, wol aber
schliesst sie aus, dass sich dasselbe zu jedem der andern als ein
Anderes verhlt.

335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen,
an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome
entgegensetzt, so fhrt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ
unterschiedenen psychischen Elementarzustnden gegenber, qualitativ
ununterschiedene primitive psychische Vorgnge in die Betrachtung
ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten
einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme
berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein
nicht die ursprnglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern,
aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich
gleichartigen primitiven Krper-, diese aus gleichfalls unter einander
homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie
die quantitative Atomistik in der Krperwelt, so strebt sie in der
Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede
zurckzufhren; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe
primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom,
als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so
geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des
Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als
verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten
Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das
qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer
Auffassung zufolge eine rumlich, die qualitativ specifische Empfindung
(z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine
zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser
einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines
Wrfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander
folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben fr
die Empfindung des Roth, 32 derselben fr den Ton des tiefen C).

336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der
typischen Krper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe
in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere
vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien,
eine Bestrkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass
die bis jetzt fr einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere
zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines
Grundstoffs fhren werden; diese lsst die Vermuthung zu, dass,
wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich
als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen
einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene
Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lsst weder
der gegenwrtige Stand der ussern noch jener der innern Erfahrung
zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative
Atomistik, wie sie der Erfahrung ber die Krperwelt sich am bequemsten
anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt
Vortheile in Aussicht stellt.

337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass
durch die Zurckfhrung der vermeintlich specifisch verschiedenen
elementaren Bewusstseinsvorgnge auf ursprnglich gleichartige
die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgnge, wie
es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch
dieselben ausgelsten und auf dieselben bezglichen Empfindungen
sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden,
wie lngst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt
die Verschiedenheiten smmtlicher Phnomene auf rein quantitative
Bestimmungen zurckgefhrt, so steht nichts im Wege, die quantitativen
Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen
Vorgnge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner'sche Gesetz in
einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu
denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings
durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprnglichen
physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls
ursprnglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver
ist) zu beschrnken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher
die nchste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der
sich stufenfrmig ber einander erhebenden physischen Vorgnge des
mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste,
so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich
anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise
ber einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste
oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung
der kleinsten Krpertheilchen (physikalische Atome, Molecle) alle
hheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle hheren
psychischen Bildungen sich entwickeln.

338. Fr die primitive Empfindung d. i. fr den dem elementaren
Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein
hat Lotze den Ausdruck "ictus" geprgt. Derselbe macht anschaulich,
dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer
einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer
solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende
Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang,
die Aetherschwingung, im ussern sich wiederholt. Wie die Empfindung
selbst von der veranlassenden Schwingung, so hngt die Zahl der sich
wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender
gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen
des Physikers der specifische Charakter des physischen Phnomens
(z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde
jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich
wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des
psychischen Phnomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen)
in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen
innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drckt fr den Physiker das
Quale, die Grsse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensitt
des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen
des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich
wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Strke des
einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensitt des
psychischen Phnomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen)
dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen)
und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven
Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe
sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen
Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet,
eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine
durch die andre zu messen.

339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch mglich, nicht
nur das Verhltniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern
auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phnomene,
hnlich wie das Verhalten der krperlichen Elemente und aller daraus
abgeleiteten physischen Phnomene, mit Rcksicht auf die in denselben
enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander
einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der
Krperwelt sich als Krfte betrachten lassen, die im Verhltniss
ihrer Strke anziehend oder abstossend auf einander wirken,
so lassen die primitiven Empfindungen mit Rcksicht auf den Grad
ihnen eigener Intensitt als Krfte sich ansehen, welche sich unter
Voraussetzung gleichartiger Richtung verstrken, unter Voraussetzung
entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte
Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der krperlichen
Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen,
nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annherungen und
Entfernungen der kleinsten Theilchen der krperlichen Masse (der
Molecle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen
Gesetzen zurckzufhren; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel,
die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige
Verstrkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen
("Bewusstseins-Atome") nach statischen und mechanischen Gesetzen vor
Augen haben.

340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der
Krper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgnge
den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene
erfahrungsgemss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach
unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation
die Elemente der Materie zusammenhlt, so ist die Menge des psychischen
Materiales erfahrungsgemss fr jedes individuelle Bewusstsein
eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden
(Geburt), deren Ende mit jenem des erlschenden Bewusstseins
(Tod) des Individuums zusammenfllt. Jene wie diese stellt ein
Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lsst,
dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen
Stoffs whrend der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven
Bewusstseinsmaterials whrend der Dauer des psychischen Individuums,
Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die
Erfahrung, die ussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte
des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein
des Individuums, zeigt, thatschlich erfhrt. So wenig jemals dem
Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein
d. h. Realitt hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische
Trger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus
sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung
zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch
das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden
vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen
(eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von
Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt,
aber niemals ungeschehen gemacht werden.

341. Wie die Totalitt des krperlichen Stoffs und aller daraus
nher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des
rumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit
des Bewusstseinsmaterials und aller nher oder entfernter daraus
abgeleiteten Bewusstseinsphnomene den Inhalt des nicht rumlich,
wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige
Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander,
sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen
Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander,
in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein
knnen. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen
Zustnde sie sind, keinen Raum darbietet fr eine gleichzeitige
"itio in partes". So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des
krperlichen Stoffs ihres rumlichen Aussereinander ungeachtet durch
das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als
Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang
zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des
individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres
gemeinsamen Trgers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins
unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein
Weltkrper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren
Universum und seinem Verband mit anderen Weltkrpern sich entfernen,
so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berhrung
mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen
Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder bel, gezwungen,
sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact
zu setzen.

342. Letztere Nthigung enthlt den Grund der sogenannten
Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig
in demselben Bewusstsein vorhandenen Phnomene. Derselbe ist ein
"mechanischer", demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch
einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Krper
ausgebt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen
Beschaffenheit der Krper, zu der qualitativen Beschaffenheit der
associirten Phnomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem
Inhalt nach hnlich oder unhnlich, sondern allein die Thatsache,
dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind,
knpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit
nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus,
welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein
anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklrlich,
warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen,
vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor
die gegenwrtigen gnzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren
gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfllt, alle einander
succedirenden Bewusstseinsphnomene sich unter einander associiren.

343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphnomene (z. B. primitive
Empfindungen) thatschlich zugleich oder in der Weise nach einander
ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn
die folgende schon eintritt, so mssen sich dieselben unter einander
verbinden, und zwar desto inniger, je fter das gleichzeitige oder
successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Grnde
vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phnomene niemals anders als
gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein
eintreten knnen, so muss diese Nthigung, sich unter einander
zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene
Phnomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass
dieselben nur als ein zusammengehriges Ganzes d. i. als Aggregat
von Bewusstseinsphnomenen gedacht werden knnen, dessen Theile zwar
eben so wenig wie die des mechanischen Krpers durch Gleichartigkeit
oder Gegensatz unter einander verwandt sein mssen, aber eben so wie
diese durch mechanischen Druck und Cohsion, so durch den Zwang der
Simultaneitt oder Succession mit einander verbunden sind.

344. Aggregate dieser Art sind von Herbart "Complicationen" genannt
worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die
Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund
der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge
des Verknpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so
gut verwandte, als gnzlich disparate Bewusstseinsphnomene zur
Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst
Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder
der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen)
Ganzen zusammengewrfelt und durch den Zwang der Ideenassociation
zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch
zusammengesetzte physische Krper aus qualitativ gleichartigen
Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen;
so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der
chemisch einfache Krper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts
weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer
Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann,
weil bei dessen Zusammensetzung die Qualitt seiner Bestandtheile
noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen
Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth
oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe
primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein,
als eine Complication, weil bei derselben von einer Rcksicht auf
qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein
kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den mglichen
Gruppirungen, welche physikalische Atome berhaupt einnehmen knnen,
eine solche dar, welche thatschlich gegeben und von der usseren
Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist;
eben so mchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine
Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrcken, welche unter den
zahllosen mglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente
thatschlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen
des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.

345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen
wie Roth, Blau, Grn; Tonempfindungen wie Violinton g, h;
Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.),
welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte
sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ
verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom,
Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprnglicher Molecle zu diesen
letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven
Bewusstseinsacten nchste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins,
wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen
Atomen nchste Stufe unter den Krperbildungen des Naturlebens ein
und knnen, wie diese letzteren zu "Gemengen" einfacher Stoffe (wie
die atmosphrische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff
darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es
ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung
chemisch gleichartiger Atome ein homogener Krper, so entsteht aus der
Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen
rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger
Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknpfung heterogener
Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser
Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese
letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind
die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus
durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen
zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen,
von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass
vermge der flchenfrmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf
der Oberflche des kugelfrmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen
Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen,
sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem
Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine
durch Gleichzeitigkeit verknpfte Complication unter einander homogener
Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass
mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object
zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und
die gelbe Farbe des Goldes, der Hrnerv durch dessen Metallklang, der
Tastnerv durch dessen Gltte und Klte u. s. w. in Erregung versetzt
werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die
unter einander durch Gleichzeitigkeit verknpft und als Complication
mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.

346. Wie chemisch disparate Krperbestandtheile, die zu einander
keinerlei Affinitt besitzen und lediglich durch mechanischen Druck
zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so
lange beharren, als jener whrt, chemisch verwandte Krperbestandtheile
aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so
weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht
wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge
strkerer Verwandtschaft mit einem anderen Krper gelst werden kann:
so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also
dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer
durch blosse Gleichzeitigkeit verknpften Complication nicht stehen,
sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneitt unter einander
allmlig eine viel innigere Verbindung ein, whrend die gemischten
Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt
nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich
durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene
innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu
der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit
hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend "Verschmelzung" genannt
und dadurch von der blossen Complication in hnlicher Weise wie die
chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das
Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung
des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgnge, aber
nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig
gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen knnten,
wenn sie nicht gleichzeitig wren, jedoch nicht verschmelzen, weil
sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.

347. Wie mit der Einfhrung des qualitativen Unterschieds der
krperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung
der physischen Welt erffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau
des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Bercksichtigung
des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die
einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu,
unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben
bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder
gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in
Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter
einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so
ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen
Identitt oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst,
in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im
Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact
treten mssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder
theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter
ist, wird die Berhrung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen
Vorgnge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit
ihres gemeinsamen Trgers nicht auszuweichen vermgen, freundlich
oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter
einander verstrken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall
unter einander schwchen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener
Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ
gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Krpern,
von welchen der eine Bestandtheile enthlt, welche zu dem andern
eine grssere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu
ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der
Verschmelzung der gleichen Krper, so fhrt dieser zur Ausscheidung
des Entgegengesetzten, worauf die zurckgebliebenen, nunmehr nicht
mehr gegenstzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen.

348. Wie bei der Nichtbercksichtigung der qualitativen Beschaffenheit
des zu Verknpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit
oder Succession, so findet bei Bercksichtigung derselben zwar
gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des
Gegensatzes des zu Verknpfenden statt. Zwar lsst sich die letztere
auf die erstere zurckfhren, insofern Bewusstseinsphnomene, die
ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich
ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in
diesem Fall als der nmliche gegeben ist, welcher in allen folgenden
Fllen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts
nichts desto weniger ein von der ursprnglichen Vorstellung desselben
verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues
Bewusstseinsphnomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist,
so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren
(nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder
theilweisen) Identitt ihres Inhalts gesucht werden. Die Association
durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam "mechanische", und die
Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam "chemische"
Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgngen zu Stande kommen, ist
daher wesentlich verschieden.

349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication
homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung
entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es
gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen
d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstrken sie einander,
so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensitt
die Intensitten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren
Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die
sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives
Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung
zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen
allmlig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte
Anschauungsunterricht durch knstliche Veranstaltungen, welche
die wiederholte Vorfhrung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung
des nmlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von
bedeutender Intensitt zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam
die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie
erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen
ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen berlegen gewordene
Intensitt jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben
eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe
sofort, denselben neuerdings verstrkend, verschmolzen wird. Da
die Strke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit
der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein
ausmachen, sich fortwhrend steigert, so erklrt es sich, dass
solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat),
also aus den natrlicher Weise hufigsten entstanden sind, die
relativ grsste Strke besitzen mssen und daher im Bewusstsein
am lngsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die
weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer fr
einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den
grssten Einfluss ben mssen.

350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener
Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen
Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen
Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich
einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer
sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die
durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung
der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander
heterogen sein mssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit
der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander
entweder gnzlich disparat, oder ihrer Heterogeneitt ungeachtet mehr
oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise
identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen,
zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet
das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder
nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication
hherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile
im Gegensatz zu den frher erwhnten niederer Gattung weder blosse
primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen,
sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde hherer
Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter
einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die
identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begnstigen, die
entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln
werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen,
in welchem ein Theil vllig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil
dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen
ist. Jener setzt sich aus den in smmtlichen sinnlichen Vorstellungen,
aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen
aus den in smmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander
abweichenden d. h. sich unter einander ausschlieenden Bestandtheilen
zusammen; jener, der die Intensitt smmtlicher jenen sinnlichen
Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt
eine vergleichsweise berlegene, die widerstrebenden Bestandtheile
gleichsam "wider Willen" festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne
Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen
mchten, aber nicht knnen, weil sie mit den identischen zu einem
Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter,
einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ
schwacher Krfte dar, welche gegenber der gesammelten Intensitt der
in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente
gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das
zu seinem Inhalt die smmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten
Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile,
zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die
Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist,
selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen
Sinne der Begriff.

351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkrper
als physischem Gebilde insofern berein, als er, wie dieser, einen
bleibenden unvernderlichen und einen vernderlichen, wechselnden
Bestandtheil in sich schliesst. Vermge des ersteren bleibt das
Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche,
Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen
gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, whrend
die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthmlich sind,
beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald
in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verndern
knnen. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte
u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den
Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt
des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam "die Seele"
dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe
als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen
Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass
er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden
ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die
Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwchst, keine
andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, whrend die
sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwchst, neben den
homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit
einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte
Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und
gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit
der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff
Baum enthlt, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten,
in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter
einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lsst, ob
nicht knftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche
Vorstellungen herbeifhren werden, welche zwar unter denselben
bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich
schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen
des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang
des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken
zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes
als die Verschmelzung smmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen
Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhlt. Je
nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus
denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher
ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter
einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben,
dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige
der letzteren (mit Ausschluss der brigen) vorgestellt wrden,
whrend im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen
und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist,
dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der
letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische
Gebilde in eine niedere und eine hhere Ordnung, welche zugleich an
die entsprechende der organischen Krperwelt erinnern. Im ersten Fall,
so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung
eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern
nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der
Baum nur als belaubt, whrend es doch auch Coniferen gibt, oder nur
als stig, whrend es doch auch astlose Bume wie die Palmen gibt),
erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem
es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet,
die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der
"Scholle" losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen)
ber die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat,
erheben zu knnen. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es
aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen,
eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines
ebenen oder sphrischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem
Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder
als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals
aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto)
vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus
denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlpften Kchlein
des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen
Entwickelung gleichsam noch auf dem Rcken an. Dasselbe erhlt sich
um so lnger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen
Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssfte
zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter
einander d. h. je geringer an Zahl und Intensitt die unter einander
entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen
und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der
Zusammenhang zwischen den identischen und den particulren Merkmalen
d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto
leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere
Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Frbung
(in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen
der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grssere
Gegenstze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr lschen die
einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander vllig aus,
um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen
und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger
tritt eine Nthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen
auch noch eines oder einige nur particulre Merkmale vorzustellen,
um desto mehr lst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der
ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und
schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr
verwachsenes Gebilde frei ber der Sphre concreter Vorstellungen. Erst
das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres
Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile
des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann,
statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des brigen
zu haften, ber alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her
sich bewegen. Das so geluterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn
es begreift smmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in
dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses "Ideal", dem sich das
wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nhern, welches dasselbe jedoch
niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen
den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen,
den sinnlichen Vorstellungen angehrigen Merkmalen zwar vermindert,
aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatschliche Begriff
eine, wenn auch noch so leichte Frbung auf Grund seines Ursprungs
immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern,
als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit
der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet,
dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet
bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur
hchst allmlig durch Acclimatisation einverleibt.

352. Die hchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst
begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen
erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn
das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben
Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser
seiner Homogeneitt als gleichartig erkennt, vermge seiner berlegenen
Intensitt an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige
Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thtige), spielt
dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen
wird, das leidende, die unterthnige Rolle. Jenes erscheint als
das berlegene, das sich des anderen bemchtigt; gleichsam als
der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder
als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der
thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung)
sich assimilirt, so wird von dem mchtigeren psychischen Gebilde das
ihm homogene schwchere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden
wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehrig
erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat
sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst
derselbe jede spter in dasselbe eintretende homogene Erscheinung
d. i. jede knftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als
ihm zugehrig an sich und fgt sie als ihm Gleichartiges zu sich
als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch
naturgemss zu immer grsserer Strke und dem entsprechender Macht
im Bewusstsein anwachsen muss.

353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder
zunchst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven
Bewusstseinsacte durch extensive (ussere) veranlasste intensive
(innere) Zustnde oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen,
niederen und hheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder
durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere
ihresgleichen beherrschende Phnomene sind, lassen sich als im
Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen
andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht
derselben ber andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen
berlegenen Intensitt abhngt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr
hnliche desto leichter sich aneignen wird, je strker sie selbst
und je schwcher die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige,
welche durch die Umstnde begnstigt, nothwendig von allen die strkste
werden, zugleich die strkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich
die brigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche
aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden
d. i. auf den Trger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb
als "Ich" bezeichnet wird. Whrend z. B. die Vorstellung des Baumes
nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen,
aus welchen dieselbe erwchst, wirklich in das Bewusstsein jemals
eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene
Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben
die Tne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezgliche Vorstellung
dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren
Grund dieselbe erwchst (zunchst die Empfindungen des eigenen
Leibes) demselben nie fehlen knnen; und dieselbe muss nothwendig
unter allen brigen die relativ hchste Intensitt erreichen, weil
die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen
verglichen die hufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein
beinahe ununterbrochen gegenwrtig sind. Zwar durchluft dieselbe
als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in
deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von berflssigen d. h. zur
reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen
befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunchst aus den
Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht,
allmlig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein
hinauf lutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge
ihre appercipirende Macht ber die brigen Bildungen im Bewusstsein
bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im
Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden,
durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.

354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung
ber die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausbt,
liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff
d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild
"Ich-hnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann,
whrend er fr die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein
das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche
das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem
Kreise gehrig appercipirt werden. Jeder derselben lsst sich mit
einem jener kleineren Centralkrper, im Weltraum vergleichen, welcher
seinerseits wieder einem grsseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden
Centralkrper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig
die Abhngigkeit von diesem die relative Selbststndigkeit jenes ersten
anderen gegenber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff
gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fhigkeit des ersteren aus,
seinerseits zu seinem Kreise gehrige Vorstellungen als die seinigen
zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff
im Grossen, so stellt jeder fr sich ein Ich im Kleinen dar und ffnet
dadurch die Mglichkeit, unabhngig vom Ich als ein solches fr sich
d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.

355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben
der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende
Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an
sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben
Weltsystem zwei Centralkrper, so in einem und demselben Bewusstsein
zweierlei Ich sich in die Herrschaft ber dasselbe getheilt zu haben
scheinen, lassen sich auf die bermchtig gewordene Apperception
solcher "Neben-Iche" zurckfhren. In dem Geisteskranken, der sich in
seinem Delirium fr Gott Vater hlt und als solcher betrgt, whrend
er in den sogenannten lichten Zwischenrumen bei gutem Verstande
ist und seinem eigentlichen Ich gemss denkt, will und handelt, ist
jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum
der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich
krystallisirt, whrend der mit ihm disharmonirende von demselben
abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke whrend seiner
gesunden Momente von dem, was er whrend seines "Aussersichseins"
geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden
Bewusstseinsphnomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung
seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden,
wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen,
ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse
appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker
von der Haltlosigkeit seiner Selbsttuschung niemals berzeugt werden
kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgrnden zugnglich ist, mit
demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren
beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Trger zu Grunde
liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben
Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgnge nach aber
von demselben gnzlich verschieden ist.

356. Mit dem Erwachen und allmligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung,
welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem
Auftauchen psychischer Vorgnge zu verwechseln ist, tritt in der
Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das
neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht
nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch
Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen
und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und
in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden
Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in
der Krperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar
gesetzmssig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch
von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhltniss stehend
auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein
vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und
regelmssig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer
auf den Trger des Bewusstseins bezglichen Vorstellungsmasse als die
ihrigen angeeignet zu werden. Whrend der leblose Naturkrper den
ihn bewegenden Impulsen der Naturkrfte Widerstand und bewusstlos
Folge leistet, ist es fr den belebten Naturkrper, sobald er
sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur
Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das
Vorgestellte, die ihn umgebende Krperwelt, in ein Verhltniss zu
sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und
nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und fr ihn
daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als
bestimmt, ihm zu leuchten, Frchte und Thiere als bestimmt, ihn zu
nhren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des
gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte
des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mchtigwerden der
Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche
(wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche)
Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphnomene
verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefhle, Begierden und Wnsche)
bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in
ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden,
als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehrig angesehen und dadurch
aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu
"bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern
auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und
als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener
Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phnomene im Bewusstsein vor
sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb
dessen nach dem Erwachen und Mchtigwerden der Ich-Vorstellung auch
bewusste psychische Zustnde, und zwar in immer steigender Menge
auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann
durch vorbergehendes Erlschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in
der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im
Schlafe stattfindet) eben so vorbergehende Unterbrechungen (gleichsam
Rckflle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem
bleibenden Aufhren der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.

357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so ben die durch
Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen
Bewusstseinsgebilde hherer Ordnung, durch die Einheit des
atomistischen Trgers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet,
gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer
Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen
mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer
Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu
verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zgernd und erst
nach vorausgegangenem Sichstruben, wenn dieselben dem Inhalt nach
entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstrken, im zweiten Falle
schwchen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander,
indem in jenem Fall die Intensitt des einen zu der Intensitt des mit
ihm identischen andern einfach hinzugefgt, dagegen im zweiten Fall
ein Theil der Intensitt des einen durch einen Theil der Intensitt
des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der
Intensitt des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensitt des
anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprngliche Intensitt
beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf
diese Weise an Intensitt gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich
gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensitt abgenommen hat,
sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der
Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung
so weit d. h. hat die Intensitt eines Bewusstseinsactes so sehr
abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich
wird (in hnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz
fr die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz fr den Gehrsnerv
unmerklich werden kann), so hat der Act die usserste Grenze im
Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der
Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch
tiefer herab, letztere berschritten. Das sogenannte Vergessene
ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe,
da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann,
zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil
unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden
ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil
niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter
gnstigen Umstnden wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein
wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst
der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen
gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der
frhere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent"
d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden
im Gegensatz zu den ursprnglichen auf Veranlassung usserer Reize
erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und,
je nachdem sie den ursprnglichen ganz oder nur zum Theile gleichen,
als unverndert (Gedchtnissacte) oder als verndert reproducirte
(Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder
mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem
Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam
von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung
(z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts
ausgebte Druck) aufgehrt hat zu wirken; in ersterem Falle wird
der unter die Schwelle herabgedrckte Bewusstseinsact durch einen
andern ber derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch
Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit
des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte
Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen,
wenn sie whrend des Schlafes auftreten, als Trume, wenn sie mitten
unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als
sogenannte Einflle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach
als besonders berraschend oder glcklich erscheinen, wol auch
fr "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung
geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich
unverndert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedchtniss
und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn
sie zugleich zum Theil verndert reproducirte sind, das wirksamste
Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei
umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch
eine Flle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die
gesammte Vorstellungsthtigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.

358. Wie die Wirksamkeit der Krper im physischen, so ist die
Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen
Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher
Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen
Krpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rcksicht
auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer
usseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander
getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen
Krpern, wenn dieselben mit Rcksicht und in Folge der Beschaffenheit
ihres Inhalts mit einander verknpft oder getrennt werden, endlich
nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Krpern, wenn
durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rcksicht auf deren
Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art
der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder
Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu
Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prdicatsbegriff
zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prmissen und Schlusssatz
zu Schlssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu
Verknpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass
das zu Verknpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein
erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des
Grundes der Verknpfung halber die vollzogene Verknpfung selbst eine
empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen
Begriffe, Urtheile und Schlsse deshalb empirische genannt. Die
zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneitt bewirkten
Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so
wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser
Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei
der mit Rcksicht auf den Inhalt herbeigefhrten Vereinigung bisher
getrennt gewesener, aber zusammengehriger Begriffe als Subjects- und
Prdicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden
gewesener, aber nicht zusammengehriger Begriffe im verneinenden
Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich,
wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus,
aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise
identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein
neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vorderstze fr sich, aber mit
allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgrnde)
identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit
werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit
Rcksicht, die erste dagegen ohne Rcksicht auf den Inhalt erfolgt,
um der logischen Natur des Grundes der Verknpfung willen logische und
die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische
Begriffe, logische Urtheile und logische Schlsse genannt. Whrend die
erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit
oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknpft,
welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine
durch Wiederholung sich stets vermehrende Hufung einzelner Erfahrungen
ausmacht, verfhrt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung
gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenber kritisch (sichtend), indem
sie dasselbe mit Rcksicht auf dessen Inhalt prft, das Verwandte
verbindet, das Vertrgliche duldet, das Unvertrgliche ausscheidet, die
dritte Art der Wirksamkeit aber begrndend (constructiv), indem sie auf
Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in
jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem
Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres,
das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben
und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch
als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen,
das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthtigkeit
im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht,
die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernnftigkeit
im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht,
bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern
das individuelle Bewusstseinsleben als berwiegend empirisches
(mechanisches), verstndiges (auflsendes) oder vernnftiges
(organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch
das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der
Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden
anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben
gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener
Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der
frheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten
Urtheile; der auf vollstndiger Induction ruhende Schlusssatz als
Summe der vollstndig aufgezhlten Prmissen), so kommen durch die
Verbindung des Zusammengehrigen aber Getrenntgewesenen, und durch
die Trennung des Nichtzusammengehrigen aber Verknpftgewesenen
neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den frheren nicht
dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil:
die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflsung des frheren
Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fllen bestehen
diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist,
neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile
der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind,
im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im
obigen Beispiel von dem Verhltniss der Erde zur Sonne, das frhere
Subject zum Prdicat, das frhere Prdicat zum Subjecte geworden
ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthtigkeit
die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben
gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der
Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle
der alten (der Prmissen); letztere werden durch die neu entstandene
Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergnzt, sondern im vollen
Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten
durch deren Nachfolger abgelst. Wie die Summe nicht mehr enthlt
als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in
welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthlt auch das neue auf
Grund seiner Vorgnger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde,
die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Grnde)
zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der
Summe, die Factoren im Product unverndert fortbestehen, whrend
die Theilgrnde in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser
zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges
unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende
Kette von Grnden und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied
alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen
folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen
Kette vergleichen lsst, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich
geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet
wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so
erhlt sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die
Spur aller Stammgrnde. Und wie jene durch die organische Umbildung
smmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen
Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken
aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen
Theilgrnde begrndet.

359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgnge waren
entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus
diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und
qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen,
von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden
abgesehen, abgesondert fr sich im Bewusstsein sich geltend, so
entsteht eine neue Classe von psychischen Phnomenen, die von der
ersteren zwar insoweit abhngig ist, als sie ohne Vorhandensein
jener berhaupt nicht entstnde, sich aber zugleich dadurch
von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei
den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in
Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den
Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden
im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die
relative Unterdrckung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung,
welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein
erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgnge, welche durch
solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung,
die Lust bei der Erlsung eines Bewusstseinsgebildes durch andere,
werden Gefhle genannt. Whrend alle primitiven Bewusstseinsacte und
in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn
auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem
Gegenstand ein usseres Object haben, ist das Object der Gefhle,
das relative Verhltniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu
einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem
Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen
oder Begriffe) durchaus unhnlich. Dieselben lassen sich als psychische
Phnomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den
physikalischen Atomen und deren Verknpfung zu Krpern, sondern in dem
die Zwischenrume der physikalischen Atome ausfllenden Weltther und
dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht,
Wrme, Magnetismus und Elektricitt stellen Erscheinungen dar,
deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt;
Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phnomene, deren Grund nicht
oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage
gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu
finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem
Unlustgefhl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes
unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner
Abwesenheit gedrckt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus
welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe
Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefhls
auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der
Vorstellung seiner Abwesenheit erlst. Dieselben zerfallen (wie
die Aetherphnomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem
die Entstehung des Gefhls von der Beschaffenheit des Inhalts der
Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des
Aetherphnomens von der Qualitt der Krper, deren Zwischenrume er
ausfllt) unabhngig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphnomen
durch die specifische Natur der Krper) bedingt ist. Gefhle ersterer
Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst
werden knnen, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche,
die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe"
bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und
Wrme-, diese den magnetischen und elektrischen Phnomenen. Jene,
da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei
derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit
Bewusstsein ausgersteten Individuen immer wieder andere sein knnen
(indem nicht nur Demselben dasselbe bald sss bald bitter, sondern auch
Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem
Sprichwort, dass sich ber den Geschmack (eigentlich das Gefhl) nicht
streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivitt"
halber auch wohl "subjective Gefhle" genannt worden. Diese, die
fixen Gefhle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem
Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im
einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen
auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefhlen "objectiv"
(allgemein d. i. allen gemein) sind; dafr tritt bei ihnen, wenn nicht
besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefhls,
dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf
Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf
jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fhlt) so sehr in den
Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem
Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu grnden, ausgeschlossen
zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefhlte
(die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und
Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefhl in eins zusammenrinnt,
sondern, wie es bei dem Schnen und Hsslichen der Fall ist, von
dem Gefhl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefhlt, sondern
auch gewusst und als Subject eines sthetischen Urtheils d. i. eines
solchen, dessen Prdicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrckt,
im Verhltniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise
Identischen oder Gegenstzlichen) seiner Uebereinstimmung oder
Nichtbereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach
beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefhle (der vagen wie der
fixen) berhaupt das Gemth, so wird der Inbegriff der sthetischen
Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare
Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object
des sthetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt.

360. Wie die Aetherphnomene zeigen auch die Gemthserscheinungen
Gegenstze und Intensittsunterschiede, die bei jenen durch die
Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Klte
andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-,
Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits
ausgedrckt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und
elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen,
als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen
Krpers bedrfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen
wird, so spielen unter den Gefhlen diejenigen, welche zu ihrem
Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedrfen,
in welchem hnliche oder entgegengesetzte Gefhle entweder wirklich
vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten
sympathetischen oder Mitgefhle, eine eigenthmliche Rolle. Dieselben
stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen
oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefhles des fremden im eigenen
Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines
wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefhles im andern durch
ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefhl im eigenen Bewusstsein
dar. Fremdes und eigenes Gefhl sind im ersten Fall gleich-, im
letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte
Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung
begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches
Gefhl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte
im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie
Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkrlich, ja wider Willen
von einem zum andern fort. Sympathetische Gefhle haben daher,
auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid
und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und
Veranlassung zu wohlthtigen wie zu feindseligen Handlungen werden
knnen, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen
durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage
zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedrfen, so
weisen dieselben ber den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen
zwischen diesem und dem andern eine zunchst blos ideelle d. h. nur
im Bewusstsein des Mitfhlenden vorhandene Verbindung her, die aber,
wenn das Gefhl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen
nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden
(sympathische Annherung) oder von sich entfernenden (antipathische
Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen
entweder befrdern oder hemmen kann, daher die sympathetischen
Gefhle auch als sociale oder gesellige Gefhle bezeichnet und die
aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen
den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen
wirksamer Anziehungs- und Abstossungskrfte verglichen werden.

361. Wie pltzlich zu grosser Intensitt gesteigerte und ber
einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphnomene als
(magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden pltzlich
hochgesteigerte Gefhle, wenn dieselben sich ber den grssten
Theil des Bewusstseins oder ber das ganze Bewusstsein in der Weise
ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrckt und die von dieser
ausgehende, beherrschende Macht vorbergehend aufgehoben wird,
als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten,
aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten
Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund,
doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen
des regelmssigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie
jene als elementare, so als psychische Zuflle betrachtet zu werden
pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrckung
der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und
die durch das aussergewhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben,
Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen
knnen eben so wenig den (vorbergehend ausser Wirksamkeit gesetzt
zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verbten
unerlaubten oder gemeinschdlichen Handlungen dem (vorbergehend
seiner Herrschaft ber das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen
zur Last gelegt werden. Folge der pltzlichen Lsung des Bandes
zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten
Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen
zwischen inneren Gemths- und usseren Krperbewegungen widerstandslos
zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemthszustand z. B. des
Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes
gehemmt oder doch gezgelt wrde, sich rcksichtslos in masslose
Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die
Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrckt wird, darin besteht,
dass pltzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins
Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten
vermag, oder dass Umstnde eintreten, welche bewusstes Vorstellen
(also auch das der Ich-Vorstellung) berhaupt unmglich machen,
werden die Affecte in sthenische (Affecte der Strke) und asthenische
(Affecte der Schwche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung
gehemmt, whrend die durch den Affect herbeigefhrten Vorstellungen
einander gegenseitig untersttzen; in diesen werden die letzteren
sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn,
welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.

362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen
in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein
dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Krperwelt darin
besteht, dass der Krper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so
besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin,
dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwrtigen in einen anderen,
also zuknftigen Zustand berzugehen strebt d. h. seinen "Ort"
im Bewusstsein verndert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer
durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins
gedrckten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden
Widerstnde. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung
stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand
der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung
jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist,
dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti
nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde
werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der
Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grsser die Zahl
und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der
aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die
Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil
sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel
an Nahrung) in gedrcktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach
Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen
sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von
Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist
die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich
in deren Genuss begriffen, so hrt die Begierde auf. Die Befriedigung
ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse
Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte"
zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung
hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen
Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verndert.

363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung
ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann
das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je
nachdem dasselbe von einer Vorstellung ber Erreichbarkeit oder
Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten
nicht nur begleitet, sondern von dieser abhngig gemacht wird oder
nicht, wird es verstndiges oder verstandloses, vernnftiges oder
vernunftloses Begehren heissen. Das verstndige Begehren ist Wollen,
wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser
Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar
scheint. Das vernnftige Begehren ist vernnftiges Wollen, wenn es
begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten,
dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt,
erlaubt, vernunftwidriges (bses) Wollen, wenn es begehrt, was und
obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit
des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens
macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb
desselben eingeschlossenen verstndigen und vernnftigen oder verstand-
und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts)
Charaktermssigkeit oder Charakterlosigkeit aus.

364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist
die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Vernderung ein
Formwechsel. Wie der feste Krper in flssigen und luftfrmigen,
so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser
Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente
bergehen. Wie der chemische Krper in Folge der Anziehung
wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an
sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die
Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile
einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile
andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verndert, werden im
ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der
gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren
Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander
vertrglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher
Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder
(Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der
Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im
Pflanzen- wie im Thierreich in einander bergehen, so werden aus den
ursprnglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch
fortgesetzte Abstraction hchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien)
und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente
eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit
(Phantasiewelt) gewonnen. Whrend aber in der physischen Welt die
Erfahrung den Beweis fr den Uebergang der unorganischen in die
organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben
ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhngigkeit der beiden scheinbar
fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphnomenen, der
Gefhle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an
den Tag, indem sowol die Gefhle wie die Strebungen sich nicht als
gattungsmssig verschiedene Vorgnge, sondern als blosse Zustnde
der Vorstellungen herausgestellt haben.

365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der
Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt,
indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den
intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen
Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der
psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefhl,
Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache,
Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang
in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung
der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das
Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tnenden Laut
des Worts, das Gefhl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der
Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch
mittelbar eines oder mehrerer fremder Krper wieder in die materielle
d. i. in die Krperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan
schallend bewegte atmosphrische Luft als Verkrperung des Gedankens,
die unwillkrlich vernderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie
als Verleiblichung des Gemths, die durch Muskelbewegung der eigenen
Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkrper
als sich bethtigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die
erste als hrbares Zeichen fr die Vorstellung liefert das Werkzeug
fr die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die
Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen fr das im
Innern lebendige Gefhl liefert das Material zur Veranschaulichung des
Anderen (Hheren, Niederen oder Gleichen) gegenber vorhandenen oder
doch vorhanden zu sein scheinenden Gefhls und bildet als solches die
Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder
wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert
den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten
streitschtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die
Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein
Inneres nach aussen kehrt, die Vorgnge seines Bewusstseins in Reden,
Geberden und Thaten umsetzt und dadurch fr andere seinesgleichen
hrbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem
vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit
Anderen fhigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage
eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.

366. Wie die Gesammtheit der Weltkrper und ihrer "Parasiten" den
physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen
Bewusstsein whrend der gesammten Fortdauer desselben vertheilten
Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefhle,
Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung
zugnglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer
relativen Abhngigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen
Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine
unmerkliche Transversalschwingung des Weltthers entspricht, bis zu
den hchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs,
des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten
Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf
die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalitt
des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so
stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach
unvernderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von
der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu
der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu
Urtheilen, Urtheilen zu Schlssen, Schlssen zu Gedankensystemen und
dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden
Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust
bis zu Entzcken und Jammer und den verheerenden Strmen affectvoller
Gemthserschtterung, von sinnlichen Gelsten und kindischen Wnschen
bis zu sittlichen Entschliessungen und mnnlichen Thaten andererseits
herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugnglich ist, den
Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der
Seele dar.








DRITTES CAPITEL.

DAS SOCIAL-ICH.


367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen
gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Mglichkeit des
individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde
und Handlung die Mglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins
gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe,
sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was
dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins
Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto
weniger bei jedem das eigene sei. Identitt des Bewusstseins
in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, wrde die
Individualitt der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen
verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact
des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflsen. Letzteres
darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie
vorbergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in
Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden
Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche
zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen
Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins,
dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grsserer, in dem
andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit vlliger Klarheit, hier
im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhrt,
jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil
des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein.

368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der
Angehrigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele
vor, neben oder ber den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts
weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar,
worin alle Volksangehrigen als vorstellende, fhlende und strebende
Wesen mit einander dauernd bereinstimmen d. h. was abgesehen von
den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmcken und Gelsten
jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil
ihres Frwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht.

369. Weil nun jeder Versuch, ber die Gemeinsamkeit des Inhaltes
individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fllen,
nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst usserlich
wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verstndlich sei, so
folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen
Bewusstseinsinhaltes gegrndeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit
die Mglichkeit gegenseitig verstndlicher Mittheilung durch Allen
gemeinsame ussere Zeichen der inneren Vorgnge bedingt. Letztere
werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich
wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne
verschiedenartige (hrbare, sichtbare, tastbare etc.) sein knnen,
da die Gemthsvorgnge, zu deren Versinnlichung fr Andere sie dienen
sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber
auch Gefhle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren
andere sein mssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache,
die zur Bezeichnung hrbare, die Schrift- und Geberdensprache, die
zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die
zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt
aus lsst sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefhls und
des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet
die Sprache der Vorstellung meist hrbare, als (chinesische und
mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die
Beschaffenheit der zu verkrpernden Vorstellungen Rcksicht genommen
wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen),
so knnen dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man
die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Tne (Musik)
und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren
Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so knnen dieselben Anderen
mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen
gefhrt (demonstrirt) oder statt der Gegenstnde selbst deren Bild zur
Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind
sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in
der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch
die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden knnen, so
bleibt nur brig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen
(Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstnde oder
deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hrbare
Zeichen zu whlen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so
gewhlt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung
eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopen,
natrliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkrlich
festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefhls
verwendet sowol hrbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die
Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung
gewisser Rede- und Begrssungsformeln, um bestimmte Gefhle (Ehrfurcht
oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrcken, unter diesen
Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch
Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefhle (der
Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile)
zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem
dieselben ohne Erklrung jedermann verstndlich, oder nur innerhalb
eines bestimmten Kreises blich sind, in natrliche (Natursprache des
Gefhls) und knstliche (conventionelle Gefhlssprache). Die Sprache
des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer
Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des
tnenden (Stimmorgan), um sich hrbar (Befehl), oder der Gliedmassen,
um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen
physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu
machen, wobei auch diese Zeichen in natrliche (Erhebung der Stimme,
des Stockes) und knstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen,
Anstecken des Ringes als Vermhlungszeichen etc.) sich sondern.

370. Mittheilbarkeit und Verstndlichkeit der Zeichen wrden
nicht ausreichen, wenn die rumlichen und zeitlichen Verhltnisse
nicht derart beschaffen wren, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger
Verstndigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck drfen
diejenigen, durch deren Verstndigung unter einander ein allen
gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder rumlich noch
zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von
einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hrbare, sichtbare,
tastbare) Zeichen unmglich wird. Dieselben drfen daher weder
durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmssigen
dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen
Raumwelt) angehren, noch innerhalb derselben Welt rumlich und
zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es rumliche
Berhrung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben,
doch in usserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach
bis zum Unmerklichen herabgeschwcht wird. In ersterer Hinsicht wird
die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert
durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und
vermittelt durch ein Generationen berdauerndes und von Geschlecht
zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mndlich (Tradition), sei
es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch
die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur
Einheit erwchst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines
gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begnstigt wird,
dass die Umgebung fr alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende
Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller sptern Vorstellungs-
und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nmliche ist, so wird
den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkrliche
Gewhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath
von Begriffen, Gebruchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam
angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge
davon ist, dass sich der Besonderheit der rumlichen und zeitlichen
Verhltnisse, so wie der Verstndigungsmittel, unter welchen das
Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend,
letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher
es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen
eigenthmliche Frbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit
dem Allgemeinbewusstsein einer andern "Gesellschaft" verglichen,
einen individuellen Charakter trgt, sondern auch der Gesellschaft
selbst, deren Eigenthum es ist, das Geprge einer (gesellschaftlichen)
Individualitt verleiht.

371. Was die physikalischen Atome fr die physischen, die primitiven
Bewusstseinsacte fr die psychischen, das sind die "sociabeln"
Individuen fr die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen
den Stoff aller krperlichen, die primitiven Empfindungen das
Material aller Bewusstseinsphnomene, so machen die mit Bewusstsein
ausgersteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen
Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der
quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprnglich
eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven
Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten
selbst ein Gegenstand weder der ussern noch der innern Erfahrung sind,
sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung ber dieselbe hinaus
als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig
werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der
(geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme
der thatschlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch
untergelegt. Letztere macht es mglich, wie es die Physik mit den
Krpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut,
auch die verschiedenen "Gesellschaftskrper" (Corporationen) aus dem
Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen ("Atomen
der Gesellschaft") zu betrachten und je nach der Beschaffenheit
des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft
zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen
socialen Zusammenseins anzusehen.

372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei welcher
die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem Ganzen
verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verknpfende Band von
derselben unabhngig ist, der Grund der Vereinigung daher eben so
gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur, wie
gnzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser zuflligen
Umstnde gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle aus der allen
Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und psychischen
Beschaffenheit (z. B. dem Bedrfniss nach Nahrung, nach Schutz,
nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden Anlsse zur
Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den Menschen als "das
gesellige Thier" bezeichnet, und aus welchen Hugo Grotius den von
ihm sogenannten "Geselligkeitstrieb", so wie Hobbes das im "Kriege
Aller gegen Alle" erwachende Schutzbedrfniss der Schwchern als Motiv
gesellschaftlicher Vereinigung besonders hervorgehoben hat. Letzterer
Art ist das absichtslos, ja selbst wider die Absicht herbeigefhrte
Zusammensein Mehrerer an demselben Orte und zu derselben Zeit
(z. B. Schiffbrchiger auf einer einsamen Insel, welche sie nthigt,
oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es wider, sei es mit ihrem Willen
unter einander in gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der
Art, welche entweder, wie die letztgenannten zuflligen, kein oder,
wie berall dort, wo es sich um die blos vorbergehende Befriedigung
eines (wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegrndeten,
also in anderer Form stets wiederkehrenden) Bedrfnisses handelt, ein
gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache
haben, sind dieser ihrer Natur nach die hufigsten, weil sie immer
wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben
Bedrfnisses entstehen, aber eben so zufllig wie nach eingetretener
Befriedigung sofort wieder vergehen knnen und werden. Das zunchst
liegende Beispiel liefern die sogenannten geselligen Zusammenknfte,
deren Beweggrund lediglich in dem augenblicklichen Bedrfniss
des Zeitvertreibs, oder die ebenso zahlreichen als mannigfaltigen
Associationen, deren Ziel auf gemeinsam durchzusetzende Zwecke der
Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der Sicherung und Versicherung
des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet ist. Insofern dieselben
nichts weiter sind als vorbergehende, durch das Band eines usseren
Zwecks, aber auch nur durch dieses zusammengehaltene Aggregate
einander im brigen persnlich durchaus gleichgiltiger Individuen,
lassen sie sich mit nur mechanisch zusammengesetzten Krpern
vergleichen, deren zeitweiliger Cohsionszustand von der geringeren
oder grsseren Anziehung zwischen den Atomen und deren Dauer von
jener des sie zusammenhaltenden usseren Druckes bedingt ist. Wie
die letztern desto schwerer beweglich sind, je ungleichartiger,
dagegen desto leichter, je gleichartiger ihre Bestandtheile sind,
so erscheinen gesellige Vereinigungen "schwerflssig", wenn sie aus
ungleichartigen Individuen zusammengewrfelt, dagegen "leicht in Fluss
zu bringen", wenn ihre Mitglieder der Stimmung, dem Stande und dem
Streben nach gleichgeartet sind. Sogenannte Actiengesellschaften,
deren Theilnehmerschaft weder an persnliche Mitwirkung, noch an
ein Andere bertreffendes Mass der Betheiligung, sondern lediglich
an den Besitz einer mit jeder andern gleichwerthigen, gleichgiltig
von Hand zu Hand wandernden Actie geknpft ist, stellen die loseste,
gleichsam "luft- oder gasfrmige" Form der Gesellschaft zur Schau,
deren Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten
Distanzen von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen
einander begriffenen ruhelos beweglichen Molecle eines Gases stehen.

373. Wird die qualitative Beschaffenheit der Gesellschaftsatome
bercksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung geselliger
Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten Krper
vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener Atome der
chemisch einfache, durch die Complication qualitativ verschiedener
Stoffe der chemisch zusammengesetzte Krper, so entstehen auf
Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei Arten von
Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ gleichartiger,
die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen gehrt, wenn
dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die sogenannte "Mnner-"
oder "Frauen-", zu diesen die "gemischte Gesellschaft", ferner,
wenn jene aus Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht,
die Alters-, Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen,
wenn sie aus Personen verschiedener Berufe und Stnde gemengt ist,
die sogenannte brgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der
geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen
Personen desselben (mnnlichen oder weiblichen), die Liebe zwischen
Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren Halt
im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft, so
bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher Zusammengehrigkeit,
welche als physische (Bluts-) Einheit, da sie im Gegensatz zur
Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden Gliedern
besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-) Einheit
im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range nach
gleich hoch stehende Mitglieder begreift, Jngerschaft (Wissens-
oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung in den
genannten Fllen nicht in einem vorbergehenden Zweck, sondern in der
bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen Beschaffenheit der
Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur, sondern muss
dieselbe (Ausnahmsflle abgerechnet) so lange bestehen, als jene
Beschaffenheit unverndert bleibt, also z. B. die geschlechtliche
Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorgnge in eine geschlechtlose
verkehrt oder das geistige Band des Jngerthums durch den Abfall vom
Glauben zerschnitten wird.

374. Wie der beseelte Krper vom leblosen sich dadurch unterscheidet,
dass ein Theil desselben ("die Seele") beharrt, whrend der andere
("der Leib") sich im Laufe des Lebens fortwhrend erneuert, ohne dass
der Krper selbst ein anderer wird, so liegt das Charakteristische
der dritten Ordnung gesellschaftlicher Vereinigungen darin, dass
dieselben "ewige Dauer" besitzen, indem ein Theil derselben ("der
herrschende") immer derselbe bleibt ("le roi est mort, vive le roi"),
whrend der andere (der "beherrschte") sich unaufhrlich erneuert, ohne
dass die Gesellschaft selbst eine andere wird. Je nachdem das Band,
welches den bleibenden Bestandtheil mit dem vernderlichen verbindet,
ein reales (Blutsband) oder blos ideales (Gesinnungsverband) ist,
erfolgt die Erneuerung entweder durch Geburt jngerer aus den lteren
(Generation) oder durch Aufnahme spterer Mitglieder durch die frhern
(Adoption). Ersteres ist in der Familiengemeinschaft zwischen Eltern
und Kindern (Ascendenten und Descendenten, Vorfahren und Nachkommen),
letzteres in der Gesinnungs- oder Glaubensgemeinschaft (Schule,
Kirche, politische Partei) der Fall. Jene erweitert sich durch die
Aufnahme der Seitenverwandten zur Stammesgemeinschaft, durch die
Zurckfhrung blutsverwandter Stmme auf einen gemeinsamen Stammvater
zum Stammvolk (Nation), durch die Ableitung mehrerer Stammvlker von
einem gemeinsamen Urvolk (Indogermanen, Arier) zur Racengemeinschaft
und mittels der mythischen Abstammung der gesammten Menschheit
von einem gemeinsamen Stammvater zur Gemeinschaft aller Menschen
(Weltbruderschaft). Diese dehnt sich von der an Umfang kleinsten
Gesinnungs- und Glaubensgenossenschaft, die, wie z. B. die erste
Christengemeinde, nur den Stifter und zwlf Genossen umfasst, bis zu
der rumlich Millionen und zeitlich Jahrtausende einschliessenden
Bildungs- oder Glaubensgemeinschaft aus, welche, wie z. B. die
europische Civilisation, das Christen- oder Buddhistenthum Theilnehmer
und Bekenner im Laufe der Zeit nach hunderttausenden von Millionen
zhlen. Wie die durch Geburt der Gemeinschaft einverleibten Mitglieder
von Natur aus den Aeltern hnlich, so werden durch Aufnahme gewonnene
den ursprnglich vorhandenen knstlich verhnlicht (assimilirt),
indem entweder, wenn die Aufnahme durch Wahl erfolgt, nur hnliche
gewhlt (z. B. in eine Akademie der Wissenschaften nur Gelehrte,
in eine politische Partei nur politische Gesinnungsverwandte) oder,
wenn sie durch freiwilligen Anschluss geschieht, die Aufgenommenen im
Sinn der bestehenden Gemeinschaft (z. B. der gyptische Neophyt durch
die Priesterschule, der knftige Soldat durch das Cadetteninstitut)
erzogen werden.

375. Die so entstandene Gesellschaft bildet einen organischen
Krper, welcher entweder wie der vegetabilische Organismus an dem
Boden haftet, auf dem er erwachsen und mit dem er verwachsen ist,
oder wie der animalische Organismus von demselben usserlich und
innerlich abgelst, frei ber ihn hinstreifend, obgleich innerhalb
durch die Schranken der Acclimatisationsfhigkeit gezogener Grenzen
den Ort seiner vorbergehenden Niederlassung wechselt. Jener ergibt
die autochthone, dieser die nomadische Gemeinschaft (Familie,
Stamm, Volk). Jene tritt vorzugsweise als sesshafte und in Folge
dessen, da die von der Natur freiwillig dargebotene Nahrung allmlig
versiegt, zur knstlichen Erzeugung derselben, so wie der brigen
Lebensbedrfnisse d. i. zum Ackerbau und zur Industrie gedrngte
Bevlkerung auf. Diese, da sie die an einem Orte mangelnden Bedrfnisse
nicht selbst erzeugt, sondern dort nimmt, wo sie dieselben findet,
erscheint in den mannigfaltigsten Formen als Jger-, Handels-
und Ruber- oder Eroberervolk. Wie der belebte Organismus durch
die Entwickelung eines Centralorgans (Gehirn und Nervensystem),
innerhalb dessen der physische Reiz sich in bewusste Empfindung
umsetzt, zum vorstellenden, Ich-hnlichen und als solcher durch die
allmlige Vorstellung seiner selbst (Ich-Vorstellung) selbst zum Ich
d. i. zum sein selbst bewussten Individuum wird, so gestaltet sich die
organische Gesellschaft dadurch, dass innerhalb ihres Umkreises ein
Centralorgan (Regent und Regierung) entsteht, in welchem das allen
gemeinsame Denken, Fhlen und Streben sich in bestimmte Vorstellung
d. i. in deutlich vorschwebenden Zweck, Erwgung und Herbeischaffung
der Mittel und verwirklichende That umsetzt, zu einer (nach Haupt und
Gliedern) organisirten staathnlichen Gesellschaft, welche durch die
allmlig fortschreitende Verkrperung der Vorstellung der Gesellschaft
(der Gesellschaftsidee) selbst zum Staat d. i. zu der ihrer selbst als
Gesellschaft bewussten, die Verwirklichung der Gesellschaftsidee sich
zum Zweck und dieselbe mittels der zu ihrer Realisirung erforderlichen
Mittel in Vollzug setzenden individuellen Gesellschaft wird.

376. Organisirte Gesellschaften der Art, wenn sie reale d. h. ihre
Mitglieder unter einander blutsverwandt sind, treten je nach dem Umfang
und dem Grade der Verwandtschaft als Familie im engeren, nur Eltern und
Kinder, oder weiteren, auch die nchsten Seitenverwandten begreifenden
Sinne als Verband der Familienglieder unter dem Familienhaupt, oder
als Stamm (Clan) unter dem Stammeshaupt (Huptling, Scheik), oder
als Volk unter dem (angestammten) Volkshaupt (Knig) auf. Dagegen,
wenn ihre Glieder zwar geistes-, glaubens-, oder gesinnungs-, aber
nicht blutsverwandt sind, erscheint die organisirte Gesellschaft,
je nachdem der Inhalt der allen gemeinsamen Ueberzeugung entweder
ein wissenschaftlicher, oder ein religiser, oder ein politischer
ist, in Gestalt entweder der (philosophischen oder knstlerischen)
Schule unter einem (philosophischen oder knstlerischen) Schulhaupt
(Meister), oder als (Landes-, National-, Welt-) Kirche unter einem
(Landes-, National-, Universal-) Kirchenhaupt (Landesbischof,
Papst, Dalai Lama), oder als (theokratischer, nach gttlichen,
oder militrischer, nach mit Gewalt aufgedrungenen fremden Gesetzen
beherrschter, oder autonomer, Verfassungs- d. i. nach eigenen Gesetzen
sich selbst beherrschender) Staat unter einem (theokratischen, von Gott
eingesetzten, oder kriegerischen, durch Unterjochung aufgedrungenen,
oder verfassungsmssigen) Staatsoberhaupt (Frst "von Gottes Gnaden",
Eroberer, constitutioneller Herrscher). Je nachdem das Centralorgan,
in welchem das allen gemeinsame Bewusstsein der Gesellschaft sich
verkrpert, dessen Bewusstsein also gleichsam die Stelle des allen
gemeinsamen Bewusstseins vertritt, selbst aus einem einzigen oder
mehreren unter einander coordinirten oder aus einem und mehreren
diesem zusammengenommen coordinirten Individuen besteht, nimmt
derselbe monarchische, oder collegiale, oder parlamentarische Form
an, indem im ersten Fall das Gesammtbewusstsein im Monarchen (Josef
II. und Friedrich II. als "erste Diener des Staates") im zweiten
Fall im Regierungscollegium (Directorium, Bundesrath), im dritten
Fall im Herrscher und den Stellvertretern des Gesammtbewusstseins
(Abgeordnete, Parlament, Kammer, Reichstag) zusammengenommen incarnirt
erscheint. Die monarchische Gestalt entartet zur Tyrannis, wenn an die
Stelle des Gesammtbewusstseins das Einzelbewusstsein des Herrschers
(l'tat c'est moi), die collegiale Regierung zur Oligarchie,
wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins jenes einer Minderheit
(einer Kaste in der Priester-, Adels- oder Geschlechter-, eines
Standes in der Militr- oder Znfte-, des Geldes in der Finanz-
und Bankiersherrschaft: Theokratie, Aristokratie, Martokratie,
Plutokratie), dagegen zur Ochlokratie, wenn an die Stelle des
Gesammtbewusstseins die bewusstseinslose Menge als herrschende
Macht tritt. Die parlamentarische Regierung kann je nach dem
Uebergewicht des Einen ber die Vielen, oder der Vielen ber den
Einen in Scheinparlamentarismus (wie unter dem Juliknigthum)
oder in Scheinmonarchismus (wie in England) ausarten. In der
monarchisch organisirten Gesellschaft wird nicht nur die Einheit des
Gesammtbewusstseins, sondern werden auch die in demselben, wie in jedem
Bewusstsein vorhandenen und einander bestreitenden Gegenstze in das
stellvertretende Bewusstsein des Alleinherrschers verlegt und damit
demselben die gesammte Verantwortlichkeit fr die aus dem Zwiespalt der
letzteren entspringenden Folgen aufgebrdet. In der collegialen Form
der Regierung prgen die im Gesammtbewusstsein einander bekmpfenden
Extreme (Radicalismus und Conservatismus) innerhalb des hchsten
Regierungsorgans selbst als solche sich aus, whrend die Einheit des
Bewusstseins durch die mangelnde Spitze nur collectiv und daher nur
unvollkommen (Prsident) vertreten erscheint. Die parlamentarische Form
hat den Vorzug, dass in derselben die Einheit des Gesammtbewusstseins,
wie die in demselben vorhandenen Gegenstze gleichzeitig, die eine
in der monarchischen Spitze und durch deren ewige Dauer in der
festgesetzten Erbfolgeordnung am dauerhaftesten, die andere in den
innerhalb der Volksvertretung einander bekmpfenden politischen
Parteien (Fortschritts- und Stillstandsmnner, Whigs und Tories)
am vollkommensten reprsentirt erscheint und daher das Ganze der
Regierung, Monarch und Parlament, vereinigt das treueste Spiegelbild
des gesellschaftlichen Gesammtbewusstseins darstellt.

377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h. sich
anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein,
so stellen die einzelnen, jede fr sich organisirten Gesellschaften
(Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der rumlich, zeitlich
und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft Mittelpunkte dar,
welche vermge ihrer bereits erlangten und befestigten Macht ihren
Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und Assimilirung gesinnungs-
oder stammesverwandter Individuen zu vergrssern und zu erweitern
bemht sind. In diesem Sinne bildet sich um die durch Geburt, Ansehen
oder Reichthum hervorragende Familie ein Familienanhang, um den durch
Zahl, Macht oder Intelligenz zur Prponderanz gelangten Stamm ein
Stammesgefolge, zieht die zu Gewicht und Nachdruck gelangte Schule
(Staatsphilosophie Hegel's unter Altenstein) stets neue Anhnger,
wie eine durch den Besitz himmlischer und irdischer Gter reich
gewordene, mit Privilegien fr jenseits und diesseits ausgestattete
Kirche (Staatskirche, englische Hochkirche) stets neue Bekenner
an sich und droht, indem sie aus einer staathnlichen zu einer
dem Staat ebenbrtigen oder demselben berlegenen Macht innerhalb
der Gesellschaft heranwchst und die besonderen Familien- oder
Stammes- (Nationalitts-), Schul- oder Kircheninteressen allmlig im
Allgemeinbewusstsein einen berwiegenden Einfluss gewinnen, zu einem
Staat im Staate und dadurch fr diesen selbst zu einer hnlichen
Gefahr, wie das im individuellen Bewusstsein bermchtig gewordene
Neben- oder zweite Ich fr die Ich-Vorstellung zu werden.

378. Wie die Ich-Vorstellung ber das gesammte, oder doch den grssten
Theil des Bewusstseins seine Herrschaft auszudehnen, so strebt
der Staat ber alle innerhalb seiner Raum-, Zeit- und Volksgrenzen
vorhandenen organisirten Gesellschaften die Oberhoheit auszuben
d. h. sie aus unabhngigen in von ihm abhngige Corporationen, als
seine Familien und Stmme, seine Schule, seine Kirche u. s. w. zu
verwandeln. Derselbe duldet demgemss innerhalb seines Umkreises weder
sich souvern geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich
emancipirende Nationalitten- oder Lndergelste (Kantnligeist), eben
so wenig von derselben unabhngige Unterrichts- (die "freie Schule"),
oder religise Krperschaften (die "freie Kirche"), whrend diese
ihrerseits gegen den "Racker von Staat" (Friedrich Wilhelm IV.) sich
zu behaupten bemht sind (Kampf der Reichsfrsten gegen den Kaiser,
der Vasallen gegen den Landesherrn, der Provinzen und Stmme gegen das
Reich, der "freien" d. i. katholischen Universitten in Belgien gegen
die Staatsuniversitt, der Kirche gegen den Staat; "Culturkampf").

379. Wie die physischen, so ben die Gesellschaftskrper gegenseitig
Wirkungen auf einander aus. Wie die mechanisch zusammengesetzten
Krper durch Hufung, so vergrssern sich die auf Association zu einem
gemeinsamen Zwecke beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer
Mitgliederzahl in Folge der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke
verfolgen. Dieselbe wird berall dort, wo die gegebenen Umstnde
das gleichzeitige Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden
Gesellschaften nicht erlauben, durch den daraus entspringenden
"Kampf ums Dasein" d. i. durch die sogenannte "freie Concurrenz"
herbeigefhrt, dessen Devise das "te toi, que je m'y mette", und
dessen Ursache das "da-" d. i. das "an dem Orte sein wollen" ist,
den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen
Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften
unter einander wie die chemischen Krper in wahlverwandtschaftlichen
Beziehungen, vermge deren bestehende Verbindungen in Folge strkerer
Anziehung gelst und bisher nicht bestandene aus demselben Grunde
geschlossen werden. Wechsel der Berufs-, der Standesgenossenschaft auf
der einen, des Gegenstandes der Freundschaft, der Liebe auf der anderen
Seite sind die Folgen derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den
gegenwrtigen, durch Vorliebe fr den knftigen Beruf oder Stand, diese
durch Antipathie gegen den bisherigen, Sympathie fr den knftigen
Gegenstand der Freundschaft oder der Liebe verursacht. Organische
Gesellschaftskrper verschmelzen unter einander entweder auf realem
z. B. dem geschlechtlichen Wege, indem durch Heirat verschiedenen
Familien angehriger Familienglieder (Familienheirat) eine neue
Familie, durch Heiraten aus verschiedenen Stmmen ein neuer Stamm
(Rmer: aus Latinern und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier
oder mehrerer Nationalitten eine neue Nationalitt (die englische:
aus Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen;
die amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder
auf idealem Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer
Wissens-, Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule
(z. B. die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue
Kirche (z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum),
eine neue politische Partei (z. B. Disraeli's Reformtories aus Tories
und Peeliten) hervorgehen.

380. Autochthone Gesellschaften, die ihre "Scholle" behaupten,
werden auf diesem Wege von nomadischen, welche dieselbe vorbergehend
occupiren, letztere von staatbildenden, welche daselbst sich bleibend
niederlassen wollen, im "Kampf ums Dasein" bedrngt und verdrngt. Wie
jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte
Gesellschaften (Familien, Stmme, Schulen, Kirchen und Staaten) im
Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass,
Krieg) in feindliche oder freundliche Berhrung (Familienbund,
Stammesbndniss, Schulen- und Kircheneinigung, Staatenbndniss.) Je
nachdem die Folge derselben die gegenseitig anerkannte Unabhngigkeit
oder die auf gewaltsamem oder friedlichem Wege herbeigefhrte
Abhngigkeit des einen von dem andern Gesellschaftskrper ist, geht
im ersten Falle ein statisches Gleichgewicht zwischen denselben
(Oesterreichs und Preussens Aequilibrium im deutschen Bunde; das
"europische Gleichgewicht") oder das Uebergewicht eines ber die
brigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands whrend der Zeiten der
heiligen Allianz in Europa; der Nord- ber die Sdstaaten in Amerika),
in beiden Fllen ein System von Gesellschaftskrpern (Staatensystem)
aus demselben hervor, in welchem entweder die einzelnen sich zu
einander wie Gegensonnen oder wie um eine Centralsonne rotirende
Planeten verhalten. Ersteres kann, wenn die einzelnen Glieder (Staaten)
ihrer Unabhngigkeit von einander ungeachtet zu einem Ganzen sich
vereinigen, zu einer Gesellschaftsfderation (Staatenbund), letzteres,
wenn die Abhngigkeit der vielen vom Centralkrper sich vermindert,
zu einem Fderativkrper (Bundesstaat) fhren.

381. Wie der die Zwischenrume der physikalischen Atome fllende
Aether und die zwischen den festen Krpern befindliche Luftmasse,
jener gleichsam die immaterielle, diese die materielle Atmosphre der
Krperwelt ausmacht, wie die auf die Beziehungen zwischen den einzelnen
Bewusstseinsgebilden bezglichen Phnomene des Bewusstseins (die
Gefhle) gleichsam die gemthliche Temperatur der Bewusstseinswelt,
deren Wrme oder Klte ausdrcken, so stellt das innerhalb einer
Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen
gemeinsamen Vorstellungen, Gefhlen und Strebungen gleichsam das
psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren Geist, die
zweiten deren Gemth, die letzten deren Charakter dar. Erstere, der
Inbegriff des im Bewusstsein der Gesellschaft lebenden Meinens,
Glaubens und Wissens, macht dabei gleichsam die Licht-, die
Summe der innerhalb derselben vorhandenen Lust- und Unlustgefhle,
insbesondere aber jene der im gemeinsamen Bewusstsein wirksamen Mit-
oder socialen Gefhle gleichsam die Wrme-, die magnetischen und
elektrischen Phnomene innerhalb der gesellschaftlichen Atmosphre aus,
whrend die Zahl und Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft
begangenen Thaten, wenn dieselben als unvorstzliche im Rausche
der Leidenschaft begangene Handlungen angesehen werden drfen,
den Grad der innerhalb der Gesellschaftsatmosphre vorhandenen,
der Gewitterschwle vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn
sie dagegen als vorstzliche, im zurechnungsfhigen Zustand zur
Aeusserung gelangte Willensacte betrachtet werden mssen, das der
mittleren Witterung hnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft
gegebenen Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss
in der physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt
als die Gegenstze der Aufklrung und des Wahn- und Aberglaubens,
Hitze und Klte jener als Gemthsflle und Gemthlosigkeit,
Anziehung und Abstossung gleichnamiger und ungleichnamiger Pole
als menschenfreundliches Mitgefhl und erkltende Selbstsucht,
verheerende Sturmfluten, magnetische und elektrische Ungewitter, aber
auch luftreinigende Gewitterstrme und befruchtende Frhlingsregen
als zerstrende Ausbrche entfesselter Leidenschaft, aber auch
als heroische Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der
durchschnittliche Zustand der Licht- und Wrmevertheilung in dem
durchschnittlichen Verhltniss begangener Ausschreitungen und
Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist)
zu der Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder.

382. Wie die Krper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so
wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft,
die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach
und vor andern Gesellschaften. In dem "Kampf ums Dasein", welchen die
Krper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt,
wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit
einander fhren, werden die einen, die herrschenden, von oben nach
unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrngt, und wie die
Hindernisse, die dem im Raume bewegten Krper, und die Hemmungen,
die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen,
so die gesellschaftlichen Widerstnde, welche den innerhalb der
Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glck oder Klugheit
berwunden. Wandervlker und Auswanderer verndern den Ort ihres
geselligen Zusammenlebens, whrend bis dahin blhende Gesellschaften
durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Hhe herabsinken oder
durch andere von derselben gestrzt werden. Wie aber der physische
Krper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch
Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskrper
nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft
in Handelscompagnie), sondern aus der qualittslosen in die qualitative
Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich
in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhltniss zur Heirat und
Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen
Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der
Wandergesellschaft, nach dieser in die hhere Form der staathnlichen
Organisation und schliesslich in deren hchste und vollkommenste
Gestaltung, den Staat ber.

383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte,
so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener
Bewusstsseinsindividualitten, welche unter einander durch die
Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle
umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hrt eines dieser
Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der brigen zu
harmoniren, so gehrt dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein
an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich
von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich lngst aufgehrt
Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen
bisheriger Verband dem Anschein nach unverndert fortbesteht. So kann
der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft
Abgefallene usserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner
Kirche fortleben, also lngst "confessionslos" geworden sein,
ehe er sich usserlich als solchen bekennt. Mit der Auflsung des
gemeinschaftlichen Bewusstseins lst die Gesellschaft sich selbst
auf, mit der Selbstauflsung aller unter eine gemeinsame Kategorie
(z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehrigen
Gesellschaften tritt fr jede jener Kategorien socialer Nihilismus
(der Familie als Auflsung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als
solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der
Selbstauflsung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung
der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die
Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes berhaupt und damit
die Rckkehr zum ursprnglichen Zustand ungesellter Individuen, des
Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome.

384. Wie die Gesammtheit der physischen Krper den Kosmos, die
Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt
des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Krper
von den gleichgiltigsten und flchtigsten Associationen bis zu
dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande
verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu
der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den
Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbrtigkeit, sei es auf
Abhngigkeit gegrndeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die
geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die
Totalitt des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein
sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des
Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit
des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von
den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im
Umkreis locker verknpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen
Denkens, Fhlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch
eng verwandter Individuen, von dem einfrmigen Dahinleben der Natur-
bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvlker,
von den seltenen und zuflligen feindseligen und freundlichen
Berhrungen zerstreuter Horden, Familien und Stmme bis zu den eng
verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und
Zeit berwindenden Handels-, literarischen und persnlichen Verkehr
einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der
Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so
weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unvernderlichen
Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft,
die Weltgeschichte dar.








DRITTES BUCH.

DIE KUNST.


ERSTES CAPITEL.

DIE BILDUNGSKUNST.


385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als
Musterbegriffe ohne Rcksicht auf eine denselben entsprechende oder
nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das
Wirkliche ohne Rcksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene
Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete
rein, ohne Beeinflussung oder Frbung durch das andre fr sich
darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen
Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten
vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende
Betrachtung, sondern reale Bethtigung ist, die Ideen in die
Wirklichkeit einzufhren d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang
stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet,
harmonisch zu gestalten.

386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter
demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird,
weder mit jenem der schnen Kunst, welche die Darstellung sthetischer
Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung
der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter
Widerstnde in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide
ist und als auf Wissen sich sttzendes Knnen berall dort zur
Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was fr welcher Ideen
in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprdem Stoffe die Rede
ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst
von der ideenlosen Virtuositt, die sich in Ueberwindung im Material
nicht gegebener, sondern in demselben ausdrcklich hervorgesuchter,
also selbstgemachter Schwierigkeiten gefllt. Dieses, das Merkmal
der Realitt des Materials, durch welche die Idee selbst solche
gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden
Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach
logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach sthetischen
Ideen sthetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen
ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkrperung in lebendigem,
eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie
jene Knnen ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen
der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur
Ideendarstellung bestimmten Stoffs vertrgt), so stellt dieses, auch
wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein
Wissen ohne Knnen dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen
der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermgen
knstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer
Anlage oder aus "gttlicher Trgheit" entspringen kann).

387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als berhaupt
zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme
derselben empfngliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint
in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, sthetischer und
ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schnen und Guten. In letzterer
Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst
sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller)
Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des
eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich
in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgnge des
eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fhlen, Wollen), so wie jener eines
fremden Bewusstseins, endlich der Krper und Processe der physischen
(leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, sthetischen,
ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen
Vorstellen, Fhlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens
nach logischen, sthetischen und ethischen, des eigenen Fhlens nach
sthetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt
die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als
Kunst, das Vorstellen, Fhlen und Wollen eines Andern, das erste nach
logischen, sthetischen und ethischen, das zweite nach sthetischen,
das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der
Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die
Processe und Krper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur
nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu
beherrschen, durch die Schnheit als Kunst zu verschnern und durch
die Gte als wohlwollende und menschenwrdige Behandlung zu veredeln,
ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst.

388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist
als Darstellung logischer Ideen in demselben zunchst logische
Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen
ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe
darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in
Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm
alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig
und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer
Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls
weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn
er berhaupt keine Grnde, letzteres, wenn er andere als logische
d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Grnde hat, dasselbe fr
wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefhl,
oder aus dem Begehren, Wnschen und Wollen genommen sind, so dass der
Vorstellende dasjenige fr wahr oder falsch hlt, was seinen Gefhlen,
oder dasjenige, was seinen Wnschen entspricht oder entgegen ist,
tritt das von ihm fr wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefhlten
(Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn
dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten
weder vorhergesehen, noch berhaupt gewusst werden kann.

389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben
verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt
derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder
Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische
Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln
zunchst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das
eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und
Zustzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht
selbst Vorstellung, sondern Gefhl oder Streben (Begierde, Wunsch,
Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden
von jeder Rcksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der
Inhalt des Gedachten zu dessen Gefhlen, Begierden, Wnschen und
Willensbestrebungen in frderlicher oder hemmender Beziehung steht
d. h. entweder ein sthetisches oder ein praktisches Interesse fr
denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende
eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend
einem Grunde ntzlich, angenehm oder schn erscheint d. h. gefllt,
fr wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfllt, fr falsch
oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein,
dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wnscht oder will,
fr begehrenswerth, mglich und erlaubt, so wie dessen Gegenstze
d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wnscht noch will,
fr das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das fr
wahr Gehaltene deshalb dafr gehalten wird, weil dasselbe uns ntzlich,
dagegen fr falsch, wenn es uns schdlich scheint, die sogenannte gute
oder schlimme Ahnung, -- wird es dagegen fr wahr oder falsch gehalten,
je nachdem es uns angenehm und schn oder unangenehm und hsslich
dnkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube
oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem
das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden
nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber
doch Mgliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches ber
diesen hinaus fr wahrscheinlich, ja selbst fr gewiss zu halten,
oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches
fr wahrscheinlich, sondern Unmgliches fr mglich, ja selbst fr
wirklich hlt, im ersten Fall Leichtglubigkeit, im zweiten Fall
Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wnsche und
Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an
sich lblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben
nicht blos thricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.

390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn
das letztere von fremdartigen, sthetischen und praktischen Zustzen
gereinigt ist, "sine ira", aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf
Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen
geschieht, "cum studio". Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von
den Einflssen des sthetischen und praktischen Interesses auf sein
Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt
des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus,
die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatschlich in
demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen
einer kritischen Prfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische
oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die
Aufgabe der ersteren ist erfllt, wenn es derselben gelungen ist,
auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch sthetische, noch
praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken
(Begriffe, Urtheile, Schlsse, Systeme), jene der letzteren aber erst,
wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens
gegenber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige
oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlsse und Systeme)
herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische
und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die
bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete
Wissenschaft.

391. Die naive Wissenschaft fhrt ihren Namen daher, weil sie
einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflssen des Gefhls
und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage,
ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei,
dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden
Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlsse, Schlussketten und Systeme)
wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein
mssen oder doch sein knnen, sich unbekmmert zeigt. Letztere aber
d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres
als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Wrdigung
der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen
Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthlt, ist um
so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lsst, dass gewisse
auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein
sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung
fr die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen
d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehren
die sogenannten Sinnestuschungen (Illusionen und Hallucinationen),
aber auch der Schein der tglichen Bewegung des gestirnten Himmels
um die Erde, oder des am Horizont vergrsserten Durchmessers des
Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so
wenig wie der Laie, der sie fr Wirklichkeit nimmt, zu erwehren
vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener
Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit
naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich,
aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind,
welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt fr mglich,
geschweige denn fr wirklich, also auch nicht sie selbst fr richtige
und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe,
deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben
thatschlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird,
zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung,
denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als
ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als
wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu
denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen
gehren, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften,
Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die
freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen
Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebude, die sogenannte Natur-
und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, berhaupt
keinerlei Halt bessse, so erscheint das in die Zuverlssigkeit und
Glaubwrdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange
als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht
entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener
Wissenschaften selbst zu zerstren, unmglich ist, wenigstens die
Widersprche aus deren Inhalt verschwunden sind.

392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten
metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches
bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den
allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart)
namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Vernderung
(incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angefhrt worden
sind. Dieselben sind smmtlich "Thatsachen des Bewusstseins" d. h. sie
finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in
jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher
Weise, als aus den ursprnglichen Bewusstseinsacten gesetzmssig
abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher
weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkrlich anders gemacht,
als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich
so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil
widersprechende Bestimmungen enthlt, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff
des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin,
dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der
Vernderung darin, dass das Vernderte zugleich als dasselbe und nicht
dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt
und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich
darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus
in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet
gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das
gesammte Gebude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft
auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Krper-, noch
die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmssig gegeben sind, wren
ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trgern zahlreicher
Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer
Vernderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in
der anderen mglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung
beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen msste sonach so
lange fr bodenlos, diese Wissenschaft selbst fr naiv gelten, als jene
vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.

393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem
Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener
erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen
selbst, sondern durch das Verhltniss der Naturgesetze des Denkens (des
psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen)
bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivett ber das
ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rcksicht auf obige Frage)
verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen
Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen
mgen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik,
nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die
theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von
Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-,
Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem
handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende,
sondern ausschliesslich auf dieselbe sich sttzende d. i. empirische
Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den
Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit
die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder
nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen
Form willen im eminenten Sinn "philosophisch" (rational, speculativ,
dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).

394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt
die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus
gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer
Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der
Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser
selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete
Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle
thatschlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem
wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehren mgen, sich ausdehnt,
unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede
sich nur auf ein begrenztes Gebiet fr richtig und giltig gehaltener
Begriffe, Urtheile oder Schlsse erstreckt d. i. wie die sogenannte
historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte
philologische Kritik vermeintlich echte Textesberlieferungen, wie
die sthetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene
Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt
zurckzufhren sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand
dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angefhrten Arten der
Kritik berdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde
liegenden Massstabs ab, welcher fr sie weder in der Uebereinstimmung
oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches
Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang
oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als
solche beglaubigten Textesberlieferung (wie bei der philologischen
Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten
oder getadelten Leistung mit den sthetischen Normen (wie bei der
Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit
oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe
nach logischen Normen gelegen ist.

395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene
Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den
besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie
entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht
darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der
Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit
ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt
werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der
Erde, so bei der Theilung des (Bacon'schen) "Globus intellectualis"
zu spt gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die
bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein
wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe
zerfllt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach
logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben
gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische
Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich
als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben
abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe
ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam
durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe bercksichtigt,
unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den
Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst,
deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen,
deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefllig oder missfllig
gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft
fllt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und
praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik
(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik
(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden,
welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich
schliesst) zusammen.

396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen
logische, so ist jene, sthetischer Ideen in demselben schne
Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen
enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff
unbedingt gefllt oder missfllt, geht die sthetische Ideendarstellung
darauf aus, das eigene ohne Rcksicht auf sthetische Zwecke durch
psychischen Mechanismus entstandene in schnes d. i. den sthetischen
Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige,
wodurch Vorgestelltes gefllt oder missfllt, nicht das Was (der
Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss,
um das gegebene Vorstellen in sthetisches zu verwandeln, zunchst
von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein
demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei,
vllig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse
an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das sthetische (poetische)
Interesse an der Schnheit des Gedachten ersetzt werden. Whrend die
logische Kunst Denken in Wissen, muss die schne Kunst auch wahre in
nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben sthetisch
d. i. als schner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische,
oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte
didaktische oder moralische Kunst ("moralisch Lied") ist daher nicht
sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform
(Lehrgedicht, Fabel).

397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die
"Welt der Phantasie") bildet das Material der sthetischen
Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig
als das Vorstellen selbst und zerfllt, wie dieses, je nach
der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die
erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen
(des Gesichts oder Gehrs oder des Tastsinns, whrend Geruchs- und
Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als sthetisches
Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie,
in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmcke, oder in
der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener
Wohlgerche ein dem sthetischen verwandter Eindruck hervorgebracht
werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der
quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht
und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrcke
(Farben) liefern den Stoff fr die Kunst des Colorits (Helldunkel
und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehrssinns, und zwar sowol
jene der quantitativ verschiedenen Intensittsgrade des Schalls (forte
piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize
(Tne) liefern den Stoff fr die phonetische Kunst (Modulation,
Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ
verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft,
die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen
(ebenen oder gekrmmten) Krperoberflchen (Ebene, Kugeloberflche,
gewellte Oberflche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern
das Material, jene fr die bauende, diese fr die bildende Kunst
(Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift
diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grssenverhltnisse,
und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhltnisse ausmachen,
welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich
(wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenstnden im Raum), oder
proportional (wie bei der regelmssigen Aufeinanderfolge gleicher
und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig
(z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder
gekrmmte Flchenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen)
oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien,
ebenen und gekrmmten Flchen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern
nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein knnen. Dieselben
liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhltnisse zum
Inhalt haben, fr die zeichnende (raummessende und raumbildende),
wenn Zeitformen und deren Verhltnisse ihren Inhalt ausmachen,
fr die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die
dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen
und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche
als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar,
oder durch inzwischen eingetretene Vernderungen mittelbar geschpften
Inhalt besitzen d. i. Gegenstnde darstellen, welche entweder ganz
oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der
phnomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff
zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung
d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier
oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Knste zu einer einzigen
Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in
einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum
Ganzen verbundenen Knste ist. So ergibt sich durch die Verbindung
der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch
jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch
jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch
jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur drfen
die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht
ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform
sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst,
deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv),
nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht
und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lsst.

398. Aus dem Umstande, dass die sthetische Ideendarstellung je
nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer
schne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass
wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in
ungengendem Masse vorhanden ist, die bezgliche schne Kunst durch
keine Art knstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta
nascitur). Derjenige, welchem aus was immer fr einem Grunde
(z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines
Gesichts-, oder Gehrsreizempfindlichkeit seines Gehrsorgans)
die Unterscheidungsgabe fr die feinen Nuancen der Farben- oder
Tonempfindungen und deren Intensitten versagt ist, ist weder zum
Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher fr die
sinnlichen Eindrcke seiner Umgebung entweder, wie der trumerische
Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflchliche
Weltling in Folge unaufhrlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr
besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.

399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern
die Virtuositt in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel
hat, in Sophistik, so artet die schne Kunst, wenn sie nicht die
Darstellung sthetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschrnkter
Herrschaft ber das sthetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit
sich zum Zweck setzt, in Knstelei aus. Jene wie diese wird dadurch
abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schne Kunst unter
die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die
Ausbung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene
der sthetischen Pflicht, nur Schnes zu schaffen, von der ethischen
Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhngig gemacht d. h. weder alles,
was berhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles,
was Schnes berhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen
wird. Ausdruck dieser Mssigung, welche vor allem einerseits das zur
Erfllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes")
im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende
seiner lockenden Schnheit ungeachtet im Schaffen unterlsst d. h. nur
Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schnes, aber
nicht jedes Schne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen
im eigenen, sei es Forscher-, sei es Knstlerbewusstsein, die Weisheit.

400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen,
sthetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der
Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fhlens nach sthetischen
Ideen die Kunst der Gemthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst
d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material
zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefhle, in ihrer Reinheit
herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefhl
(z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des
Gefhls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wre,
freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen
Gefhle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung
eines eben vorhandenen zuflligen und ausschliesslich individuellen
Begehrens, Wnschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten
"vagen" oder subjectiven Gefhle, Erregungen), andrerseits aber
auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder
Missfallen ausdrckenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen
Urtheilen als ihren Grnden abgeleitet, also nicht in der Gefhlsform
d. h. als unwillkrlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im
Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material
fr sthetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige
(sogenannte "fixe" oder objective) Gefhle, Folge des letzteren, dass
nur sogenannte sthetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises
weder fhige noch bedrftige) Werthurtheile als solches zugelassen
werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehrt,
allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens
oder Missfallens zu sein, die sthetischen Ideen aber selbst nichts
anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefllige und Missfllige,
machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme"
im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je
nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd ber
eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder
disharmonischer Nachklang fremder Gefhle vernehmen lsst, wird sie
im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach
beurtheilt, Geschmack (sthetisches Gewissen), wenn sie das eigene
Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack),
in letzterem Falle sympathetisches Gefhl und zwar als harmonisches
Sympathie (Mitgefhl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist,
Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.

401. Frucht der Gemthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der
"Stimme des Gottes") im Knstler, des Gewissens (der "Stimme Gottes")
im Einzel- und des Mitgefhls (socialen Gefhls) im geselliglebenden
(socialen) Menschen. Wie die erste der schnen Kunst, so arbeitet die
zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen
vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und
des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Knstlers gehoben
und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen
Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt,
beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die
sthetische Norm fr den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil
die sittliche Norm fr den Wollenden dar, und deren Anwendung auf
den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im
Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen
d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wnschens und Wollens um so
widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zustzen
und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher
weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener
eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wnschens, sondern
es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen,
um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme
des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu knnen. Indem
auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf hnlichem
Wege die sthetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt,
verkrpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte
Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der
Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die sthetische Idee,
der Inhalt der Geschmacksstimme, im knstlerischen Charakter und
tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-,
jene im eigenen Fhlen als Gemths-, so jene im eigenen Wollen als
Kunst der Charakterbildung auf.








ZWEITES CAPITEL.

DIE BILDEKUNST.


402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so
ist die Bildekunst bemht, fremdes Vorstellen, Fhlen und
Wollen ideengemss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur
Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfnglichkeit fr dieselben
im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt berdies, wie jede fr
Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein
beiden verstndliches Verstndigungsmittel voraus. Ersteres, wie
letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende
Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der
Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf,
dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung
des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwcht werden
darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu vlligem Gegensatz
sich steigert. Jenes wre der Fall, wenn das sich mittheilende
Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt
von dem des empfangenden bessse, letzteres dagegen, wenn das
empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ
berlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das
eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches
(gttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wre. Whrend
qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende
Bewusstseinsindividualitten immerhin der nmlichen Welt angehren und
eines gemeinsamen Verstndigungsmittels sich bedienen knnen, fallen
die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitten,
wie diese selbst, als qualitative Gegenstze aus einander und ist
zwischen denselben eine Verstndigung nur unter der Voraussetzung
mglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphre
der andern ("der Mensch zum Gotte") emporgehoben, oder die andere
(die hhere, unendliche) in jene der niederen "der Gott zum Menschen"
herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt
und Form des unendlichen (der Mensch Gttergestalt: Apotheose) und
damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern
auch die Ausdrucksweise (visionre, prophetische Sprache) des absoluten
Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das gttliche Bewusstsein
nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch
zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen
Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.

403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die
Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere
als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe
von Bewusstseinsindividualitten, zu der es gehrt, von fremdartigen
Zustzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde
Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger
Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst
entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ
untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ
entweder ebenbrtiges oder berlegenes, in beiden Fllen fertiges
Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die
Thtigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder
des fremden Fhlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder
derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene
drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen
im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der
Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein
(Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im ffentlichen
Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst
der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst
der Darstellung der sthetischen Ideen im fremden Fhlen (Zucht),
c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).

404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemths- und
Charakterbildung, so begreift die der Jugendbildung (Erziehungskunst,
Pdagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung
der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wie jede Kunst, die Kenntniss der
darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur
Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen
Bewusstseins berhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des
jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere
andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen
Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen
seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath
des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren
drftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin,
einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein
einzufhren, andererseits fr die normale Entwickelung der aus dem
Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefhle, Begehrungen,
Wnsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes,
die Zufhrung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der
Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des Unterrichts;
dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und
Frderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefhle macht die
Aufgabe der Zucht, dagegen die Bndigung des aus den aufstrebenden
Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens,
Wnschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit
Andern strenden Aeusserungen der Gefhle und Begierden in Handlungen
die Aufgabe der Regierung der Jugend aus.

405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugefhrt
werden soll, hngt von der Natur der in demselben darzustellenden
Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden
Unterrichts wird naturgemss ein anderes sein, wenn Ideen aller
Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die
sthetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in
demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle
Vorstellungen dem Bewusstsein zugefhrt werden mssen, an deren
Vorhandensein berhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur
solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse
nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen
und Vorstellungsmassen, an deren Herbeifhrung der Erziehungs-
d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie
der moralischen und sthetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen
ist, und wird deshalb als erziehender, im Gegensatze dazu jene Form
des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen
und zwar der logischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, als
wissenschaftlicher Unterricht bezeichnet. Letztere Form zerfllt, je
nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein
wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemsse Vorstellungen und
Vorstellungsmassen zu berliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen,
sondern anzuleiten und zu befhigen, dergleichen ohne vorhergegangene
Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen
entsprechende Thtigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine
niedere und hhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, Gelehrte,
deren letztere darauf hinzielt, Forscher zu bilden. Die Aufgabe der
Bildung durch erziehenden Unterricht fllt, wenn der Unterricht weder
gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern
vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt
(Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, fr alle
ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der Volksschule; die
Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse
und zugleich zur Vorbereitung fr die Selbstforschung gewidmeten
Gelehrtenschule (Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung
knftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe,
der Hochschule (Universitt, Polytechnicum) zu.

406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des sthetischen
Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende
Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem
durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen,
durch welche die Entstehung (sei es der Intensitt wie der Qualitt
nach) bedenklicher Gefhle entweder gnzlich verhindert oder doch
beschrnkt, dagegen jene (sowol der Strke als dem Inhalt nach)
wnschenswerther Erregungen geweckt und gefrdert wird, bei der Auswahl
des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen
Gefhle nach Qualitt und Energie erleichtert, das jugendliche Gemth
in Freud und Leid "in Zchten", in seinen Mitgefhlen fr und gegen
Andere keusch, schamhaft und "zchtig" gehalten wird; der letzteren,
indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen
bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits
die Furcht vor den Folgen unbndiger Ausschreitungen in Affects-
und Willensusserung erweckt und erhht, andererseits die Aussicht
auf die wohlthtigen Wirkungen gemssigten Verhaltens nach aussen,
so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert, der
Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte
und Leidenschaften gezgelt, der Strungs- und Zerstrungseifer der
Jugend durch Lohn und Strafe eingedmmt wird.

407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung,
also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der
Erreichung ihres Ziels, der Geistes-, Gemths- und Charakterreife,
sich selbst berflssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schler
zum Selbstforscher, dieses, wenn das strmisch bewegte und erregte
Gemth zur ruhig prfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos
zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich
gefesteten Charakter geworden ist.

408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite
Art der Bildekunst an ein bereits ("im Strom der Welt") gewordenes
Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einfrmiger Wiederholung,
sondern lebendiger Wechselwirkung zugnglich und fhig sein,
so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich
zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern "nach
seinem Bilde" Gebildetwerden gefallen lsst, zwar Verwandtschaft,
aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz
herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist,
Gemth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem
Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range,
Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere
einander ber- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen,
Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber
zwischen dem Glubigen und dem "nach seinem Ebenbilde" gedachten
d. i. vom Menschen menschenhnlich erschaffenen Gott (homo homini
deus).

409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein
eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete)
Erziehung, sondern als "Regiment" (des Mannes ber das Weib oder
umgekehrt; des Herrn ber den Knecht oder "des Kammerdieners
ber den Frsten"; des Glubigen ber seinen Gott oder umgekehrt
der Gtter ber den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des
Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung,
an Bildung berhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung
der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser
Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein
bildender, sondern fachmnnischer (Fachunterricht), der Lehrer dem
Schler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondern nur an Bildung
in dem besondern Fache berlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die
Stelle des erziehenden tritt daher hier der fr ein bestimmtes Fach
vorbereitende Unterricht (Proseminar fr Philologen; pharmaceutischer
Vorbereitungscurs fr Apotheker), whrend der Fachunterricht selbst
in zwei Stufen, die niedere und hhere zerfllt, auf deren erster das
Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausbung desselben
praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der
Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach-
und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule
d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das
Fach, fr welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schlers, fr
welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht
massgebend ist, der sogenannte "weibliche Unterricht" (Tchterschule,
Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt,
der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn
das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht
(confessionelle Schule, katholische Universitt) u. s. w.

410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn
der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als
der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich die
Ironie des Unterrichts darstellt, ereignet sich dort, wo dem Klger
ein Richter, dem Glubigen sein Gott gegenbersteht. Jener wie
dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet,
fr ihn selbst an Einsicht berlegen und doch von dem besonderen
Fall, um den es sich handelt, fr nicht unterrichtet gehalten,
zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenber nur einer
"Vorstellung", dem Gotte gegenber nur eines "Gebets" bedrfe, um
als Klger von jenem die Gewhrung seines Rechts, als Glubiger von
diesem die Erhrung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall
ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn
whrend bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein
Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt,
welcher der Belehrung bedarf.

411. Wie das Regiment dem Unterricht das Geprge des Fachs, Standes,
Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe
der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefhls-
und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der sthetischen
oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind,
wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlecht oder
Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalitt angehrt, die
entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religisen Bekenntniss
u. s. w. angehrigen besonderen Gefhle (mnnliches Ehr-, weibliches
Schamgefhl; militrischer esprit de corps; Adels-, confessionelles,
Nationalittsbewusstsein), welche als Ausdruck der sthetischen
Idee im Gemthsleben die sogenannte (militrische, religise, sexuale
u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge
haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte,
Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten
Willensusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck
der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes,
Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus-
und Dienstordnung; religises Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung
etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen ber den Geringen
der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau ber den Mann
der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein's) Frauendienst. Wie auf
der Herrschaft des Gottes ber den Glubigen der Gottes-, so ruht auf
der romantischen Anbetung der jungfrulichen Mutter der Mariendienst.

412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment
das erwachsene Einzel-, so geht die Politik (Staatskunst) das
den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei,
Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches ffentliche Bewusstsein
an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im ffentlichen Bewusstsein
dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im ffentlichen Geiste,
wie in dessen Fhlen d. i. in der ffentlichen Meinung, und dessen
Wollen d. i. im ffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede
organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik
ihre eigene Schule zu grnden, ihren eigenen Anstand zu behaupten und
ihre eigene Regierung zu fhren. Je nachdem die Gesellschaft selbst
als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder
Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem
Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England),
als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter
dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter
Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist,
bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell
kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem
Geiste entsprechenden ffentlichen Geistes, deren und der von ihr
aus verbreiteten Wissenschaft Frbung demnach eine politische, die
Farbe der Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft
(der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe
wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im
Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhnger ihrer Secte,
Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder "gute" Staatsbrger zu
bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Hnden in eine Schul-,
Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.

413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den
ffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der
Anwendung der sthetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand,
in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene
verbietet, den ffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die
Berufung auf den sogenannten "beschrnkten Unterthanenverstand",
der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung
des ffentlichen Schicklichkeitsgefhls, die dritte, denselben
vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem lngst im ffentlichen
Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik
als ffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des ffentlichen
Gemthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefhls, Rohheit
und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits
Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben
hinderlichen antisocialen Gefhle nach Mglichkeit zu hemmen und
deren entgegengesetzte, die socialen Gefhle (Mitgefhle) eben so zu
wecken und zu frdern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder
indirect (durch Anschauung) die sthetischen Gefhle zu beleben,
die sittlichen Gefhle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des
ffentlichen Humanittsgefhls, Gewissens und Geschmacks wirksam
beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der
Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das ffentliche
Gemthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch
die innerhalb ihrer herrschende ffentliche Zucht einen der Politik
dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur
innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders
als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders
als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach
dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des
Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als
in einer anderen (z. B. in jener der Epikurer), unter Radicalen und
Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen,
unter Christen anders als unter Mohamedanern und in einem freien
anders als in einem sdstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht
nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene,
auch die Schnheits- und sittlichen Gefhle werden je nach dem
Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins
verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule,
so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die ffentliche Meinung
aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit
sich fortreissende Erregung der Gefhle auf dasjenige, was sie fr
lblich oder schndlich, erlaubt oder unerlaubt, schn oder hsslich,
anstndig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf
die Erregung, sei es des ffentlichen Mitgefhls oder des ffentlichen
Hasses, anderseits vorbergehend oder bleibend thtigen Einfluss
zu ben vermgen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des ffentlichen
Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des
ffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefhls der schnen Kunst
und zwar der sthetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es
(wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es,
wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der
"moralischen" Schaubhne herab (Schulkomdie, politisches Tendenzstck,
Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schne Kunst (Tempel und
Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst)
den ffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat
durch ffentliche Feste ("Circenses") das ffentliche Vergngen zu
frdern, durch Veranstaltung ffentlicher Schauspiele (wie in Athen
durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau-
und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den ffentlichen Geschmack
zu erziehen, durch Auffhrung von Tragdien, welche "Mitleid und
Furcht", von Komdien, welche durch Darstellung "unschdlicher
Thorheit" Heiterkeit erregen, wohlthtige "Entladung" (Katharsis:
Aristoteles-Bernays) des ffentlichen Gemths von "diesen und derlei
Leidenschaften" zu bewirken. Wie die Predigt und die Bhnenrede vom
Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) sthetische
Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mchtigen
Wirkung willen auf das ffentliche Gemthsleben (Romanliteratur)
von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand
der ffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken
derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen
(Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen,
Preise) zu frdern gesucht.

414. Wie durch den Unterricht auf den ffentlichen Geist, durch die
Zucht auf die ffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch
die Regierung auf den ffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes
zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen
oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei,
der Kirche oder des Staates, das zweite zur sthetischen Erziehung
ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so fhrt
das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul-
oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt
aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur
Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei,
Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches
jenen gemss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten
Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben
ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des ffentlichen
Willens zuvorzukommen (prventive), andererseits stattgehabte
Ueberschreitungen zurckzudrngen (repressive Massregeln) im Stande
ist. Zu jenen gehrt in erster Reihe die (politische) Belehrung,
welche den ffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft
demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es
durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum
Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehrt die
(politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen
Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr hnlicher
durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der
Katheder, die ffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubhne, so
bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem
der Gerichtsbhne. Von jener herab wird auf den ffentlichen Willen
im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft
durch ffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der
obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben
durch das Schauspiel ffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. ffentlicher
Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung
andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hlt,
abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner fr die Schule,
so wirbt der Parteiredner (mndlich oder als Parteischriftsteller
schriftlich) fr die Partei, der kirchliche Redner fr seine
Kirche, der staatliche fr den Staat; wie die Schule Schulstrafen
z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen,
so verhngt die Kirche fr den Abfall von ihrem gemeinsamen
Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet
ffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos
da f), und bt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt
deren Urtheile ffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, ffentliche
Gefngnisse). Whrend die letzteren auf das Auge, so sind die
Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz
auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit ber den
Gehrskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und
nichtperiodische) Presse ("die sechste Grossmacht"), die Rednerbhne
durch den Leitartikel, das ffentliche Gericht durch die (politische)
Caricatur und den ffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die
ffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer
Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-,
Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander
so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche
die Presse nach einer Seite schlgt, von derselben Presse wie von
der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.

415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der
ideenlosen Virtuositt, die logische Kunst insbesondere das ihre
in der grundsatzlosen Sophistik, so findet der Jugendunterricht,
dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein
liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation
(vorzeitigen Reife, Prcocitt), das Regiment als Bildung des Andern
nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die
qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen
Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche
Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lsst,
endlich die Staatskunst als Erziehung des ffentlichen Bewusstseins
ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren
als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische
Routine) in der willkrlichen Beeinflussung des ffentlichen Geistes
nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der ffentlichen
Meinung nach persnlichen Stimmungen und des ffentlichen Willens
nach Opportunittsgelsten unterschiebt.








DRITTES CAPITEL.

DIE BILDENDE KUNST.


416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst
im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung
in unbewusstem, sei es leblosem, sei es belebtem Stoff. Dieselbe
setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen,
sthetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche berdies
die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und
belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene
der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie)
in ihrem ganzen Umfange voraus. Whrend jedoch letztere sich mit der
Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begngt
d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der
Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der
Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zu verndern.

417. Da jeder Abnderungsversuch der der Natur natrlichen Gestalt,
Herrschaft ber die Natur, letztere aber vor allem Macht ber dieselbe
d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Krfte bedingt, letztere
aber nur durch die Wissenschaft ("Wissenschaft ist Macht") erlangt
werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem
Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu
suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollstndigen
Herrschaft ber die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.

418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu
Gebote gestellten Macht ber die Natur sich bedient, um berhaupt
Vernderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbe technische,
inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu
bringen, jedoch allein bildende Kunst. Jene fllt als nur um ihrer
selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer
Beherrschung in den Weg gestellter Widerstnde mit der Virtuositt,
als Unterschiebung persnlicher, der Ideendarstellung fremder
Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben
zu persnlichem Gewinn) mit der politischen Willkrherrschaft in
Eins zusammen, whrend die letztere einerseits mit der Bildungs-
und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit)
gleichlaufende Richtungen verfolgt.

419. Dieselbe geht zunchst darauf aus, die Gestalt der Natur
logischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes
thatschlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen
mglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit
dem Gegebenen Vertrgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes
thatschlich nicht gegeben, aber dessen Herbeifhrung mglich ist,
dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht
Zusammengehrige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehrige,
aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur fr
die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder
lngst bestandener innerlich zusammengehriger, sondern auch fr das
knftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehriger
Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfllung
der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung
gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben
(negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden,
so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die
Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche,
an Inhalt ungleiche (quipollente), andererseits mit der Erzeugung
neuer Urtheile als Schlussstze aus durch die Erfahrung gegebenen
Prmissen (Vorderstzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und
Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht
nur mit Rcksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher,
sondern auch auf die begleitenden Umstnde und die Umgebung, unter
welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander,
folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in
Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als fr ihn ntzlich oder
schdlich ins Auge; diese bercksichtigt bei der Betrachtung der
im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkrper vornehmlich deren
Vergnglichkeit in der Zeit und bemht sich, einerseits durch die
Frsorge fr die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch
die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehriger Individuen
neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die
blosse Vernderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der
Naturproducte beschrnkt oder an deren qualitative Zusammensetzung,
so wie deren stoffliche Vernderung Hand anlegt, zerfllt dieselbe in
drei verschiedene Classen, die sich als Handel und Verkehr, Gewerbe
und Industrie, Bodenbebauung und Thierzucht bezeichnen lassen.

420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem
eigenen und des Menschen Bedrfniss von Orten, welche fr sie nicht
passen, weil sie zu eng fr dieselben geworden sind (Ueberproduction
im Pflanzen- und Thierreich; Uebervlkerung), zu entfernen (Export;
Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung
finden (productionsarme Flchen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen
(Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken,
welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im
Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; "Time is money"),
andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb
der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit
der Bewegung erhhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch
zum (schriftlichen und mndlichen) Verkehr krzen (Post, Telegraph,
Telephon) und die Sicherheit desselben gewhrleisten (Handelsschutz,
Handelsbndniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie
gehen darauf aus, unzusammengehrige Stoffverbindungen, wenn sie
Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn
sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lsen (Erzschmelze),
zusammengehrige durch Anhufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung
(Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder
organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen
oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je
nachdem es durch Hndearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese
mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbststndigkeit gesteigerter
Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an
(Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der
zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe,
Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr
eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie
eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie
zu finden sind, ihrer Form nach zu verndern, (rtliche Vereinigung
von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs
als Baumaterial: Schieferdcher am Rhein, Holzbau im Gebirge;
Tracht aus Thierhuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen
daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes
berhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials
(Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit,
Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden,
welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formnderung der
Naturstoffe ermglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst)
oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst),
zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product
gegen Verdrngung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche
sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zlle, industrielle
Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits
jene durch knstliche Anpflanzung von Gewchsen dieselben vor der
allmligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang,
diese durch knstliche Zchtung von Thieren letztere vor gleichem
Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung)
auf knstlichem Wege neue Varietten von Pflanzen wie durch Kreuzung
neue Schlge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus,
nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich
nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen
(natrliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualitt derselben den
Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemss zu ndern,
Futterpflanzen fr Thiere, Gemse fr die Menschen zu schaffen, oder
wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden
(Agricultur), so wie durch Zhmung und Pflege wild lebende Thiere in
Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung
schwcherer mit strkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen
brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-,
Pferde-, Geflgelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie
Gewerbe und Industrie, eine natrliche Tendenz am Orte zu bleiben
besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe,
was diesem an natrlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch knstliche
Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (knstliche Dngung,
Bewsserung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch
knstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Strungen
von aussen (atmosphrische Einflsse, Drre, Hagelwetter) zu schtzen
trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die
Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen
eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fhlen,
den Mngeln des Orts, an dem sie gebt wird, durch Ortsvernderung
(Weidepltze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach
dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit
ihrer Pfleglinge gegen drohende Strungen von aussen (Thierseuchen)
entweder indirect durch knstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote),
oder direct durch knstliche Heilung und Wiederherstellung
(Thierarzneikunde, Sanittsmassregeln) schtzen zu knnen. Insofern
aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natrliche Hinderniss
aus dem Wege zu rumen vermgen, welches durch das Aufwachsen von
Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphrischen
Einflssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd-
und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die
(der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und
allmlige Einbrgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck
beide durch besondere Eingewhnungsanstalten (Acclimatisationsgrten
fr Pflanzen und Thiere) zu gengen bedacht sein werden.

421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die
Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter
den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der
Natur einnimmt, macht es erklrlich, dass die Beziehungen der brigen
Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Ntzlichkeit
oder Schdlichkeit fr den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt
aus die Hauptrichtschnur fr die Zwecke des Handels und Verkehrs, der
Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie
derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als
den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des
Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen,
ihm zu leuchten, ihn zu wrmen, so sieht er sich als den natrlichen
Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung
an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen
Schtze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem
Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung
im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch
anderen Naturproducten gegenber fr sich eine Ausnahmsstellung
beansprucht, unwillkrlich einen beschrnkten, im menschlichen Sinn
egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen
gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale,
auf Darstellung der logischen, sthetischen, oder ethischen Ideen
gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natrlichen, aber auch,
wenn er mit dessen erknstelten (Luxus-) Bedrfnissen, Gelsten
und Anmassungen in Widerstreit gerth, denselben rcksichtslos
aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkrherrschaft ber
die Natur der ideenlosen technischen Virtuositt in der Besiegung
natrlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur
Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den
natrlichen Formen und Krften des menschlichen Krpers ausgeartete
Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt-
und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und
normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Dit und
Gesundheitspflege das Gegenstck darstellen.

422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in
der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt
sie als Verwirklichung der sthetischen Ideen in derselben als
"Weltverschnerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus,
die Gestalt der Natur sthetischen Normen anzubequemen d. h. wo in
derselben Schwchliches, Verkommenes, Krppelhaftes sich zu entfalten
droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopdie bei Pflanzen und
thierischen Krpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen
(Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und
Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatschlich gegeben ist
oder bevorsteht, nach Mglichkeit Einklang an dessen Stelle zu
setzen (Landschaftsgrtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur
wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und
der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe;
Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose
oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die
thierische, in dieser insbesondere der menschliche Krper gewhlt,
die sthetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon
vorgefundene Gestalt des natrlichen Stoffes gebunden erscheint,
wird die bildende Kunst als sthetische Ideendarstellung (Plastik)
in leblose und lebendige, oder in freie (schne), oder decorative
(verschnernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des
verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.

423. Zu der im leblosen Material sthetisch bildenden Kunst gehrt
die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff,
z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte sthetische Form
ertheilt (Hhlentempel, Felsengrber, behauener Fels) oder bewegliches,
lebloses Material (natrliches oder knstliches Gestein, Bruchstein,
Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn,
Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann
etc.) oder sthetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz
und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)
in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes
Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz,
behauenen Stein) zu sthetischen Formen zusammenhuft und entweder
auf natrlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch
knstliche Bande (Kitt, Mrtel, Klammern etc.) zu einem sthetischen
Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu
der lebendigen Plastik gehrt, je nachdem das Material derselben
dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgrtnerei,
welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte
Gewchse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem sthetischen Ganzen
(Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche
thierische und menschliche Krper, sei es in ihren natrlichen
(Nacktheit), sei es in knstlichen Bedeckungen (Maske, Costm) zu
einem sthetischen Ganzen (lebendigem Gemlde) vereinigt, welches
letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt
und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade,
Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde
dramatische Handlung (Bhnenschauspiel) dargestellt wird.

424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der
sthetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine
andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in
physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik
und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren
selbst liegen (Brchigkeit des Gesteins, Geder des Marmors,
Spaltrichtungen und Gest im Holze u. s. w.), dagegen gebunden,
wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der sthetischen
Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedrfnisses oder des
Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem
Fall ist die Plastik schne, in diesem dagegen nur verschnernde
Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus,
Hausgerth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwnschte
(Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter
Gesellschaftszwecke (Gotteshuser und Altargerth in der Kirche,
ffentliche Gebude und politische Insignien im Staate) oder
das Ueberflssige, auf zuflligen Stimmungen und vorbergehenden
Einfllen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode,
"chic") mit sthetischen Formen zu schmcken. Der ersten der genannten
Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das
Wohnhaus und die husliche Umgebung, so wie die ussere Erscheinung
(Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche
auch die weiteren und in grsserem Massstabe angelegten Umgebungen
(Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst,
welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel,
Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische
oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgnge
(Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof-
und Staatsceremoniell) sthetisch belebt und veredelt. Zur schnen
Plastik gehren Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es
sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik
z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik:
Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschnernden Kunst
gehrt das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich
um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstnde handelt, als
"Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst
u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstnde (Nutzbauten,
Wohnrume, Gesellschafts- und Festsle, Grten, ffentliche Anlagen
und Pltze, Brcken, Thore u. s. w.) verschnert werden sollen,
als decorative Kunst (Stadtverschnerung, Gartenarchitektur) auftritt.

425. Ausdruck der Verwirklichung der sthetischen Idee in der
gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der
Gesellschaft und ihrer nheren und entfernteren Umgebung, ist die
Kunst "schn zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe
ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben"
("rasend" gut zu leben, rhmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten
Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die
Kunst (logisch) berzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch)
berredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin,
aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des
Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fhlen und
Wollen, aber auch aus deren hrbarer und sichtbarer Selbstdarstellung
in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder
doch selbstgewhlter naher und ferner Hlle und Begleitung (Kleidung,
Schmuck, Hausgerth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebruchen) nicht
nur (negativ) alles Strende und Disharmonische auszuscheiden,
sondern (positiv) denselben das Geprge edler Freiheit und innerer
Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefllig
abgerundeten Ganzen aufzudrcken d. i. das Leben in jedem gegebenen
Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie
die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss
derselben, so weit ein solches durch die sprde Natur der ideenlosen
Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schne Erscheinungs-, wie jenes
der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchluternden Kunst
eine wahre Gedankenwelt.

426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der sthetischen,
sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen
Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemht, die gegebene
Gestalt der Erfahrungswelt zu verndern. Dieselbe kann nicht darauf
ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen":
Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen,
weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht
derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit
thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,
wenn sie von einem Willen beseelt wre d. h. die Fhigkeit bessse,
die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern
auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben msste. Da unter
dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen
Verhltnissen beste d. h. diejenige geworden wre, welche den Normen
der ethischen Ideen unter allen berhaupt mglichen Gestaltungen der
Natur am meisten entsprochen haben wrde, so folgt, dass das Streben
der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als
auf die Herstellung der besten unter den berhaupt mglichen Naturen,
beziehungsweise auf die Annherung der bestehenden an das Ideal der
besten Natur gerichtet sein knnte.

427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer
Natur, deren smmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen
in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmssigste d. h. der
Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedrfnisse,
Wnsche und Bestrebungen unter allen berhaupt denkbaren am meisten
entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glckseligkeit des
Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten gengend wre. Da
nun die Summe in der Natur gegebener Wnsche eine bestimmte, die
Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen
d. i. der Naturproducte, als Gter betrachtet, gleichfalls eine
begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf
nichts anderes gerichtet sein knne, als durch die unter allen
denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grsstmglichen
Summe von Glckseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen)
Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.

428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern
das unter den gegebenen Verhltnissen beste Verwaltungssystem der
Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die
Nationalkonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als
Weltkonomik Weltwirthschaftskunst (bestmglicher Haushalt der Natur)
zu sein d. h. weder (wie die gewinnschtigen Ausbeuter der Natur)
ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie
erbarmungslose Naturkrfte) taub gegen Wohl und Wehe gefhlsfhiger
Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs-
und genussfhigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der
gesammten Natur gemss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln
des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei
entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstrung oder
Verminderung gegebener, oder um die Frderung des Verbrauchs durch
Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Gter handelt,
nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewsser,
Wlder, Singvgel; Antisclavenliga; Sanittspflege; vlkerrechtlicher
Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter
an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich
von Panama; Handels- und Schifffahrtsbndnisse, Entdeckungsreisen). Je
nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wnschen entsprechende
Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung
der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Gter gerichtet
ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender
Wnsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gtertheilung) oder
Vorsorge (fr knftige Wnsche durch neue Mittel: Socialismus,
Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte
Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen
Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete,
dem Zweck grsstmglichen Wohlbefindens aller empfindungsfhigen
Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umstnden bestmgliche Natur,
der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus).

429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die
zweite die sthetischen, so verkrpert die dritte die ethischen
Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen
Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst
Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die
Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst
die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen
und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen berhaupt,
die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte
derselben von deren ersten Anfngen im erwachenden Bewusstsein des
Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein
hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit
dieselben unserer Erfahrung zugnglich sind, bildet den Inhalt der
Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls.








SCHLUSS.


430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Krperwelt ist
die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts
einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie
als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus
geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches
vernnftig, noch dass das Vernnftige als solches wirklich sei
(Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass
das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder
gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik:
Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernnftige,
welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass
das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernnftig ist
(Natur, Geist, Geschichte), vernnftig werden kann, werden soll und
werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit
thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache,
die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart,
sondern eine Aufgabe, deren Erfllung in der Zukunft und in den
Hnden des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters",
von welchem ein nchterner Rationalist wie Kant als von jenem des
"ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem
"tat positif" schwrmte, wird dann erfllt sein, wenn die gesammte
Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen
durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss
des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form"
offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrckte, "wenn die Ethik
Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie,
welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen
menschlichem Wissen unzugnglichen theocentrischen Standpunkt versetzt,
um von ihm aus den "Vernunfttraum" als lngst geschaffene Wirklichkeit,
noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber
unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine
ideenerfllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche
sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung
ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens
ber dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie.










End of Project Gutenberg's Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***

***** This file should be named 53962-8.txt or 53962-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/5/3/9/6/53962/

Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
Gutenberg (This file was produced from images generously
made available by The Internet Archive/American Libraries.)

Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

