The Project Gutenberg EBook of Sanin, by Michail Arzybaschew

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Title: Sanin

Author: Michail Arzybaschew

Commentator: Andr Villard
             Georg Mller

Translator: Andr Villard
            Sergej Bugow

Release Date: September 15, 2018 [EBook #57909]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SANIN ***




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                            M. Artzibaschew
                                 Ssanin




                                 Ssanin


                                 Roman
                                  von
                            M. Artzibaschew

                     Uebertragen von Andr Villard
                              und S. Bugow

               Mit einer Einleitung von Andr Villard,
               einem Vorwort des Verlegers,
               und smtlichen die Konfiskation des
               Werkes in deutscher Sprache betreffenden
               Gerichtsbeschlssen und
                         Sachverstndigengutachten.

                           Siebzehnte Auflage


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1909


                 -- ich habe gefunden, da Gott den
                 Menschen hat aufrichtig gemacht!
                 aber sie suchen viele Knste.

                                       (Pred. 7, 29.)




            Der Ssanin und seine Schicksale in Deutschland


Der Vertrag ber die deutsche Ausgabe des Ssanin wurde im Frhjahre 1908
abgeschlossen. Der Name des Verfassers dieses Romanes, der in Ruland,
wie es in der Vorrede des Mitbersetzers Andr Villard des nheren
ausgefhrt ist, ein so kolossales Aufsehen erregte, war damals in
Deutschland noch so gut wie unbekannt. Nur wenige mit den russischen
Literatur- und Kulturverhltnissen Vertraute wuten, da M. Artzibaschew
einer der vielversprechendsten jungrussischen Dichter ist. Erst whrend
der Drucklegung der deutschen Ausgabe des Romanes erfuhr man so langsam
durch vereinzelte Notizen in der Presse von diesem Buche und seinen
Folgen und hrte schlielich auch, da der Roman in Ruland verboten
worden sei. Hier handelt es sich nun darum festzustellen, welche
Schicksale der Roman in Deutschland erlebte.

Die Nachfrage des Publikums war vor Erscheinen der deutschen Ausgabe,
die Mitte September 1908 erfolgte, eine sehr geringe, dagegen war das
Interesse der Presse, durch die aus Ruland kommenden Meldungen
veranlat, ein auerordentlich reges, und umfangreiche Feuilletons
erschienen in rascher Folge. Alle diese eingehenden Wrdigungen waren
sich bei verschiedenartiger Einschtzung der literarischen Qualitten
des Romanes darber einig, da es sich in diesem Werke Artzibaschews um
eine der bedeutsamsten Neuerscheinungen der neueren russischen Literatur
handele. Ja, manche behaupteten sogar, da man erst durch dieses Buch
die gegenwrtigen kulturellen Strmungen Rulands so recht begreife.

Um so sonderbarer mute es berhren, als das Buch am 28. November 1908
auf Veranlassung der Mnchener Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt
wurde. Ganz unvorbereitet traf ja diese Manahme den Verleger nicht,
denn schon vierzehn Tage vor Zustellung des Konfiskationsbeschlusses
waren auf Veranlassung der Mnchener Polizeidirektion bei dem Drucker
des Werkes in Rudolstadt und bei dem Leipziger Kommissionr des Verlages
Recherchen ber die Hhe der bisherigen Auflage, den Orten, an denen die
noch vorhandenen Exemplare lagerten usw., angestellt worden. Und dabei
wre es doch das Nchstliegende gewesen, wenn die Behrde zunchst bei
dem in Mnchen domizilierenden Verleger des Werkes diese Erkundigungen
eingezogen htte, denn doch nur dieser war zu derlei Ausknften der
einzig Befugte. Auch eine sofort nach Bekanntwerden dieser sonderbaren
Manahme bei der Polizeidirektion gemachte Beschwerde blieb ohne weitere
Aufklrung. Die Konfiskation des Romanes erfolgte gleichzeitig in
Mnchen und Leipzig. In Mnchen waren die Vorrte erschpft, und es
fielen den konfiszierenden Organen nur wenig Exemplare in die Hand.
Reicher war die Ausbeute in Leipzig. Hier sollte gerade mit dem
neuerschienenen Novellenbande Millionen die siebente Auflage des Romanes
versandt werden; demzufolge fielen 1200 Exemplare des Ssanin der Polizei
in die Hnde und fristeten an einem ihr durch die Polizei angewiesenen
sicheren Orte ein geruhiges, aber keineswegs in ihrer Bestimmung
liegendes Dasein. Die Millionen aber muten ihren Weg allein antreten
und haben sich auch so bei Publikum und Presse rhmlich behauptet und
mit dazu beigetragen, da der Name Artzibaschew nun auch in Deutschland
ein literarisches Geprge besitzt, das ihm wohl nicht so leicht streitig
gemacht werden kann. Eine rege Ttigkeit entfalteten die Polizeiorgane
in den verschiedensten Stdten Deutschlands, berall wurden die
Schaufenster und auch sehr oft das Innere der Buchlden inspiziert und
alle noch vorzufindenden Exemplare des Romanes in sicheren Verwahr
gebracht.

Die gegen diesen Beschlagnahmebeschlu vom Verlag sofort eingereichte
Beschwerde wurde nach einigen Wochen abschlgig beschieden, weil das
einzige von der Staatsanwaltschaft eingeholte Gutachten nicht gnstig
lautete. (Es ist unter Nr. 2 abgedruckt.) Den zahlreichen in der Presse
erschienenen Feuilletons und Notizen ber das Werk, die doch in gewissem
Mae die Stellung des deutschen Publikums dokumentierten, ma das
Gericht scheinbar keinerlei Bedeutung bei. Auch eine von dem Vorstand
des Deutschen Goethebundes gegen diese Konfiskation abgegebene
Protesterklrung, die fast in der gesamten Presse abgedruckt wurde,
machte offenbar nur geringen Eindruck auf die die Konfiskation
vertretende Behrde. Merkwrdig mu es aber auch hier wieder berhren,
da man sich nicht an einen mit der modernen Literatur oder gar den
russischen Verhltnissen vertrauten Herrn, sondern an einen
Kunsthistoriker von Beruf wandte, der zudem in seinem Gutachten selbst
bemerkt, da es ihm nicht zustehe, ber das Buch und seine Uebersetzung
in seinem ganzen Umfange zu urteilen, da er nicht russisch kenne.

Im Dezember 1908 erfolgte dann die Ladung des Verlegers vor den
Untersuchungsrichter. Nachdem der Tatbestand aufgenommen worden war,
wurde ihm die Benennung einer Reihe von Sachverstndigen anheimgestellt,
whrend auch von seiten des Gerichts noch eine Reihe von Gutachten
eingefordert wurden. Wie aus den nachstehend abgedruckten Gutachten
hervorgeht, lauteten diese mit Ausnahme des des Herrn Studienrates
Nicklas, der von falschen Voraussetzungen ausging und in dem Buche eine
Gefahr fr die heranwachsende Jugend sah, fr das Buch sehr gnstig.

Auerordentlich interessant ist es, diese verschiedenen Gutachten
nebeneinander zu halten. Wie wohltuend berhrt die Sachlichkeit in den
meisten dieser Schriftstcke, und wie merkwrdig nimmt sich unter ihnen
das Gutachten des Herrn Professor Brunner in Pforzheim aus, der sich
eigentlich nur mit der gar nicht unter Anklage gestellten Einleitung
befat. Das, was in der Einleitung des Herrn Villard gesagt wird, das
konnte man eine Zeitlang fast tagtglich in der Presse lesen, und zwar
schon bevor die deutsche Ausgabe erschienen war. Ist der Herr
Sachverstndige denn derart mit der russischen Literatur und Kultur
vertraut, da er Behauptungen wie die in seinem Gutachten aufgestellten
beweisen kann? Wer kann sich eines Lchelns nicht erwehren, wenn er
hrt, da die russischen Studenten nur die deutschen Universitten und
Hochschulen besuchen, um sich erotisch ausleben zu knnen? Die russische
Jugend sollte wirklich zu derartigen Auslassungen einmal energisch
Stellung nehmen. Derartige Ausfhrungen gehren am allerwenigsten in ein
Sachverstndigengutachten, dessen erste Vorzge Sachlichkeit, Krze,
Grndlichkeit und Sicherheit des Urteils sind. Die Ausfhrungen des
Herrn Professor aus Pforzheim hier zu widerlegen erbrigt sich, denn das
Gutachten des Herrn Universittsprofessors Dr. Muncker, das in seiner
vornehmen Sachlichkeit so wohltuend von dem seinen absticht und eine
Kapazitt wie den Staatsrat Zielinski in St. Petersburg als Zeugen fr
die Richtigkeit der Ausfhrungen des Vorwortes herbeiruft, enthebt mich
dieser Mhe.

Auf eine Sache aber mu im Interesse des Verlagsbuchhandels und der
beteiligten Autoren hier einmal mit allem Nachdruck hingewiesen werden,
denn es ist durchaus notwendig, da diese Frage einmal in der breitesten
Oeffentlichkeit behandelt wird. Es mehren sich in letzter Zeit die auf
durchaus unbegrndete Denunziationen hin erfolgten Konfiskationen in
erschreckendem Mae, und der Schaden, der in materieller und moralischer
Beziehung dadurch angerichtet wird, ist kaum zu berechnen. Der Ssanin,
um auf diesen speziellen Fall hier einzugehen, war nun seit dem 23.
November 1908 beschlagnahmt. Volle vier Monate liegen die Vorrte des
Buches in sicherem Gewahr. Das Interesse fr ein Buch verebbt, denn der,
der es gern besitzen wollte, konnte es nicht bekommen. Wird ein
vermutlicher Ruber oder Mrder in Untersuchungshaft gehalten, und es
stellt sich in der Voruntersuchung oder in der Verhandlung heraus, da
die Anklage nicht aufrecht erhalten werden kann, so ersetzt das Gericht
dem Betreffenden freiwillig den ihm entgangenen Vermgensausfall. Anders
bei einer derartigen Konfiskation. Hier sind die schwer geschdigten
Verleger und die in Mitleidenschaft gezogenen Verfasser machtlos. Aber
nicht nur materiell, sondern auch ideell wird der Betreffende
geschdigt, ganz abgesehen von den die Gesundheit untergrabenden
Aufregungen, die ja schlielich bei derartigen Manahmen nicht zu
vermeiden sind. Wer ersetzt ihm nun den Verlust, wer entschdigt ihn fr
den Aufwand an Zeit und Nerven? Wre nicht wenigstens zu erwarten, da
das Gericht derartige Verfahren beschleunigt, sie in der krzesten Zeit
erledigt? Im vorliegenden Falle ist von einer Beschleunigung des
Verfahrens nichts zu bemerken gewesen, denn trotz fortgesetzter
energischer Reklamationen durch den Rechtsvertreter des Verlags zog sich
die Angelegenheit durch vier Monate hindurch. Mit dem Ammenmrchen aber,
da das konfisziert gewesene Buch unter allen Umstnden nach Freigabe
stark gekauft werde, sollte endlich einmal aufgerumt werden. Wenn
dieser Fall wirklich eintritt, dann mssen andere Grnde gesucht werden.
Entweder wohnt dem Buch von vornherein eine suggestive Kraft, die auf
den Absatz frdernd einwirkt, inne, oder aber der Verleger nutzt die
erfolgte Konfiskation und die endlich verfgte Freigabe des Werkes mit
allen ihm nur zur Verfgung stehenden Mitteln zu Propagandazwecken aus.
Der ihm entstandene Schaden zwingt ihn in den meisten Fllen zu diesen
Manahmen. Wehe ihm aber, wenn es sich um ein aktuelles Thema gehandelt
hat, fr das das Interesse in den vier Monaten -- und was ndert sich in
vier Monaten nicht alles -- vollstndig geschwunden ist, dann kann er
die glcklich losgeeisten Vorrte in die Makulatur werfen.

Die Allgemeinheit betrifft jedoch noch folgendes. Der Ssanin ist, wie
aus allen noch vor der Konfiskation erschienenen Besprechungen in den
Zeitungen und Revuen hervorgeht, ein Werk, das die weitgehendste
Beachtung auch in Deutschland verdient, schon allein seiner
kulturgeschichtlichen Bedeutung halber. Hat das deutsche Volk nicht von
vornherein das Recht, ein derartiges Werk kennen zu lernen? Gengt nicht
ein oberflchlicher Blick in das Buch, da es sich hier nicht um ein
Werk handelt, das eine Gefahr fr die heranwachsende Jugend bildet, da
schon die seitenlangen philosophischen Betrachtungen den jugendlichen
Leser von vornherein abschrecken, ganz abgesehen von dem Preise, der die
Anschaffung des Buches jugendlichen Lesern unmglich macht. Dieser sucht
etwas ganz anderes in den Bchern, die ihm zum Unheil gereichen knnen:
spannenden und erregenden Inhalt, aber nicht breite Schilderung und
philosophische Betrachtung, wie sie russischen Romanen eigen ist. Und
berhaupt: ist denn die Schdlichkeit fr jugendliche Leser ein Grund,
ein von vornherein doch keineswegs fr die Jugend bestimmtes Werk zu
konfiszieren? Sind denn alle der Jugend viel leichter zugnglichen
Schaustellungen unserer Theater und Ausstellungen fr die Jugend
bestimmt? Gibt es nicht Fragen, die in der breiteren Oeffentlichkeit
behandelt werden mssen und die gar nichts fr die Jugend sind? Ich
weise hier nur auf die Zeitungen hin, die doch der Jugend tagtglich
ohne weiteres zugnglich sind. Soll schlielich der Verleger moderner
Literatur die ihm zugehenden Manuskripte einzig und allein nach dem
Grundsatze prfen, ob nicht eventuell in dem Werke eine Stelle enthalten
ist, die den jugendlichen Leser, der spter nach Erscheinen das Buch
durch Zufall in die Hand bekommt, auf wunderbare Gedanken bringen
knnte, die zudem noch Unverstndnis ihre Entstehung verdanken. Welche
Perspektiven erffnen sich, wenn man unsere gesamte Weltliteratur unter
diesen Gesichtspunkten beurteilt.

Und damit gewinnt diese Frage auch eine weitere Bedeutung. Inwieweit ist
es notwendig, da der gebildete Leser in seiner Lektre durch Polizei
und Staatsanwaltschaft bevormundet wird? Sollte im freien Deutschland
nicht auch jeder Gebildete seine Lektre dort suchen drfen, wo er
glaubt, da sie ihm am meisten gibt. Die schlechten nur fr den
Sinneskitzel geschriebenen und verffentlichten Werke richten sich schon
von selbst. Wird durch eine Konfiskation auf dieselben hingewiesen, so
werden sie auf Schleichwegen leicht doch in die Hnde derer kommen, die
sich nun fr dieselben interessieren, und die jedenfalls nie danach
gegriffen htten, wenn sie nicht durch die Konfiskation darauf
aufmerksam gemacht worden wren.

Der Ssanin aber geht aus seiner viermonatlichen Verbannung nur als
Sieger hervor, und selbst das Gericht in seinem Freigabebeschlu mu nun
anerkennen, da es sich hier um ein dichterisches Werk von hoher
kulturgeschichtlicher und auch literarischer Bedeutung handelt.

Mnchen, am Tage der Freigabe des Ssanin, dem 26. Mrz 1909.

                                                          Georg Mller


                       1. Konfiskationsbeschlu.

                Mnchen, 23. November 1908. Anz.-Verz. Nr. VII 610/08.


                                Betreff:

Mller, Georg, Verleger hier, wegen Vergehens wider die Sittlichkeit. --


                               Beschlu:

Angeordnet wird die Beschlagnahme aller Exemplare des Romans Ssanin
von M. Artzibaschew in der Villard-Bugowschen Uebersetzung, soweit sie
sich im Besitze des Verfassers, Druckers, Herausgebers, Verlegers oder
Buchhndlers befinden, ffentlich ausgelegt oder ffentlich angeboten
sind,

sowie der zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen.

                                                   ( 94 R.-St.-P.-O.)


                                Grnde:

Der Roman Ssanin ist geeignet, das Scham- und Sittlichkeitsgefhl
eines normal empfindenden Lesers in geschlechtlicher Beziehung
grblichst zu verletzen. Er ist seinem Inhalte nach von ausgesprochener
erotischer Tendenz. Hierbei ist die Behandlung der aufgeworfenen
erotischen Fragen nicht eine derart wissenschaftliche, da hierdurch die
gleichzeitige Darstellung geschlechtlicher Vorgnge in den Hintergrund
gedrngt wrde. Der Held des Romans vertritt die Ansicht, da nur noch
der Geschlechtsgenu Wert habe, er will die freie Liebe.

Eine ernstliche Besprechung der Grnde fr und wider diese Ansicht
bringt der Roman nicht. Hierzu kommt noch, da geschlechtliche Vorgnge
und Gedanken hierber in krankhaft erotischer Weise realistisch
geschildert werden. (_cfr._ unter anderem Seite 89, 211/212, 440/441,
471/473 des Romans.)

Der Roman erscheint sohin als unzchtige Schrift im Sinne der Ziffer 1
des  184 des R.-St.-G.-B.

          K. Amtsgericht Mnchen I, Abteilung fr Strafsachen.
                          der k. Amtsrichter:
                            gez.: Kaufmann.


                              2. Gutachten

    ber den Roman Ssanin von Artzibaschew von Professor Dr. Karl
                                 Voll.

Artzibaschew gilt in russischen Schriftstellerkreisen als ein sehr
begabter junger Mann. Sein Roman Ssanin ist in der Tat, rein nach
seiner Schreibweise beurteilt, talentvoll und knstlerisch zu nennen,
obschon das Buch in Komposition und Handlung sehr unreif und auch
unbedeutend ist. Die wissenschaftliche Bedeutung der Errterungen
erotischer Fragen halte ich dagegen fr wertlos und ganz dilettantisch.
Ssanin will die freie Liebe, das gengt ihm und soll auch dem Leser
gengen; auf eine regelrechte ernsthafte Besprechung der fr und wider
seine Ansicht geltend machenden Grnde lt er sich nicht ein. Was er
aber zu gesunder reiner Lebensanschauung sagt, ist arg jugendlich.

Die Uebersetzung ist zwar leicht leserlich; aber obschon ich selbst
nicht russisch kann, so glaube ich doch sagen zu drfen, da sie nicht
gerade charakteristisch im Ton ist. Sie ist glatt, mehr aus
Oberflchlichkeit, als durch Feile. Die Darstellung geschlechtlicher
Vorgnge ist unverhllt und krankhaft erotisch, in jener nervs
krankhaften Weise sogar, da sie ansteckend wirkt. Man wird sich zumal
in jungen -- oder auch vorgeschrittenen -- Jahren dieser aufreizenden
Wirkung kaum ohne Mhe entziehen knnen. Das Buch ist Gift, vor allem
fr die Jugend, worunter ich nicht allein die heranwachsende Jugend
verstehe; das ausgesprochen Krankhafte kann meines Erachtens dadurch
nachgewiesen werden, da der Roman schon nahe an sadistischen
Schilderungen steht. Im Gegensatz zu der Behauptung, die Kurt Aram in
seiner beigelegten Besprechung aufstellt, ergaben sich die jungen
Mdchen, soweit sie aus besseren Kreisen stammen, durchaus nicht
freiwillig ihrem Freund oder Verfhrer, sondern selbst, wenn
Artzibaschew vorher alles mgliche beibringt, um die Mdchen in
erotische Hitze hineinzutreiben, so unterliegen sie regelmig nur der
brutalen Gewalt und es werden dann auch fr die eine der Damen dann
sadistische Mihandlungen angedeutet.

Aus diesem Grunde ist es mir nun aber schwer, zu beurteilen, ob der
Verfasser noch bona fide gehandelt hat. Es kann sein, da er nach dem
Spruch zu betrachten ist: kratzt den Russen und ihr werdet den Barbaren
sehen; dann wre es mglich, da ihm, im Lande der Knute, solch
sadistische Betrachtungsweise nicht als Zeichen pornographischer Erotik
anzurechnen ist. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein, und ich
neige persnlich zu der Annahme, da die aufreizende Wirkung
beabsichtigt war, nicht um ehrlicherweise ein soziales Programm zu
vertreten, sondern um die Sinne zu kitzeln.

Jedenfalls ist die Frage aufzuwerfen, ob das Buch jenes
kulturhistorische Interesse hat, um seine Uebersetzung zu rechtfertigen,
und ob wir in Deutschland uns diese Leistung eines jungen erotischen
Doktrinrs vorsetzen lassen sollen. Ich glaube beide Fragen mit nein
beantworten zu drfen. Dagegen glaube ich, da bei dem Verleger ein
dolus nicht gegeben oder wenigstens nicht nachweisbar sein wird.

                                                   gez. Dr. Karl Voll.


                              3. Ablehnung

        der durch den Verleger eingelegten Beschwerde durch das
                              Landgericht.

Ziffer des Anz.-Verz. 610 08. Beglaubigte Abschrift.

Die 4. Strafkammer des kgl. Landgerichts Mnchen I hat am 1. Dezember
1908 vormittags 10 Uhr, versammelt in geheimer Sitzung, wobei zugegen
waren:

der Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat Freiherr von Dobeneck,

die Landgerichtsrte Heuser und Maier B. E. in der Untersuchungssache
gegen Mller Georg, Verleger in Mnchen, wegen Vergehens wider die
Sittlichkeit folgenden Beschlu gefat

nach Einsicht und Verlesung der wichtigeren Aktenstcke des bisherigen
Verfahrens,

nach Ansicht des vom kgl. Staatsanwalte unterm 14. November 1908
gestellten Antrages:

Die Beschwerde des Beschuldigten Georg Mller gegen den Beschlu des
kgl. Amtsgerichts Mnchen I vom 23. November 1908 wird kostenfllig
zurckgewiesen.


                                Grnde:

Der Verleger Georg Mller in Mnchen vertreibt die Druckschrift Ssanin,
ein Roman von M. Artzibaschew, in der von Andr Villard und S. Bugow
hergestellten deutschen Uebersetzung im Wege des Buchhandels.

Auf Antrag des Staatsanwalts hat das kgl. Amtsgericht Mnchen I,
Abteilung fr Strafsachen vom 23. November 1908 auf Grund des  94
R.-St.-P.-O. durch Beschlu die Beschlagnahme aller Exemplare des Romans
Ssanin von M. Artzibaschew in der Villard-Bugowschen Uebersetzung,
soweit sie sich im Besitze des Verfassers, Druckers, Herausgebers,
Verlegers oder Buchhndlers befinden, ffentlich ausgelegt oder
ffentlich ausgeboten sind, sowie die zu ihrer Herstellung bestimmten
Platten und Formen angeordnet mit der Begrndung, da der Roman eine
unzchtige Schrift im Sinne des  184 Ziffer 1 R.-St.-G.-B. sei.

Der Beschlu wurde am 26. November 1908 bei Georg Mller vollzogen. Mit
Schriftsatz vom 27. _pr._ 28. November 1908 legte Rechtsanwalt Dr. W.
Rosenthal in Mnchen namens des Georg Mller auf Grund dessen
schriftlicher Vollmacht gegen diesen Beschlu Beschwerde ein mit dem
Antrage auf Aufhebung des Beschlagnahmebeschlusses mit der Begrndung,
da der Roman nicht unzchtig sei.

Die Beschwerde ist an sich statthaft und formell nicht zu beanstanden,
sachlich aber nicht gerechtfertigt.

Nach  94 ff. St.-P.-O. knnen Gegenstnde, welche als Beweismittel fr
die Untersuchung von Bedeutung sein knnen oder der Einziehung
unterliegen, durch den Richter mit Beschlag belegt werden.

Nach  40 ff. St.-G.-B. knnen, wenn der Inhalt einer Schrift strafbar
ist, in der Regel alle Exemplare der Schrift, sowie die zu ihrer
Herstellung bestimmten Platten und Formen unbrauchbar gemacht, also zu
diesem Zweck eingezogen werden, selbst, wenn die Verfolgung oder
Verurteilung einer bestimmten Person nicht ausfhrbar ist.

Es fragt sich also lediglich, ob der Inhalt der deutschen Uebersetzung
des Romans Ssanin von M. Artzibaschew strafbar ist.

Diese Frage wird vom Beschwerdegericht in Uebereinstimmung mit dem
angefochtenen Beschlusse bejaht.

Nach  184 Ziffer 1 R.-St.-G.-B. wird nmlich bestraft, wer unzchtige
Schriften feilhlt, verkauft oder sonst verbreitet.

Der Roman Ssanin stellt nun nach dem Inhalte der deutschen Uebersetzung
in der Tat eine unzchtige Schrift dar. Die ausgesprochene Tendenz des
Romans ist die Darlegung, da uneingeschrnkter Geschlechtsgenu das
einzige erstrebenswerte Ziel des Menschen sei. Demgem finden sich im
Roman eine Anzahl von Stellen, z. B. Seite 88/90, 94, 196/197, 211/213,
231/233, 236, 248, 311, 316/318, 419/421, 430, 439/443, 470/473, welche
teils den Geschlechtsverkehr selbst, teils die Vorbereitungen dazu und
dessen Folgen und deren Beseitigung schildern oder errtern, teils mit
Beziehung auf den Geschlechtsverkehr Krperteile schildern, immer aber
nach dem Gegenstande und der Art der Darstellung geeignet sind,
Lsternheit zu erwecken. Diese Eigenschaft tritt so stark hervor, da
nach einer Behauptung des Vorworts des Uebersetzers und nach Notizen der
ffentlichen Bltter die Lektre des Romans in Ruland zu
geschlechtlichen Ausschweifungen, namentlich bei jugendlichen Lesern
Anla gegeben hat.

Hiernach ist der Roman in der deutschen Uebersetzung nach seinem
Gesamtcharakter und nach einzelnen Stellen geeignet, das normale im
deutschen Volk herrschende Scham- und Sittlichkeitsgefhl in
geschlechtlicher Beziehung grblich zu verletzen. Der Inhalt des Romans
ist also unzchtig. Daran ndert die knstlerische, wissenschaftliche
oder geschichtliche Bedeutung, die dem Roman von manchen zugesprochen
wird, nichts, sie ist nicht so erheblich, da durch sie der unzchtige
Charakter in den Hintergrund gedrngt wrde.

An dieser Beurteilung des Romans ndern auch die teils vom
Beschwerdefhrer, teils von anderer Seite vorgelegten ffentlichen
Kritiken nichts; sie sind trotz vielfacher Abweichungen im wesentlichen
darber einig, da die literarische Bedeutung des Romanes keine
auergewhnliche ist, da die dort vertretene Auffassung
geschlechtlicher Sittlichkeit mit der in Deutschland herrschenden,
sittlichen Auffassung in grobem Widerspruch steht; ein Teil dieser
Kritiken spricht sich berdies mehr oder weniger offen auch ber die
sittlichen Eigenschaften des Romans verurteilend aus; wenn einige der
Kritiken bestreiten, da der Roman unsittlich oder pornographisch sei,
so mag dies auf einer Verkennung der Begriffe oder auf anderen
besonderen Grnden beruhen, ist aber jedenfalls fr die allgemeine
Beurteilung nicht entscheidend.

Der Roman Ssanin stellt daher in seiner Villard-Bugowschen deutschen
Uebersetzung eine unzchtige Schrift im Sinne des  184 Ziffer 1
St.-G.-B. dar. Das Amtsgericht hat also nach  40 ff. R.-St.-G.-B., 94
ff. R.-St.-P.-O. mit Recht die Beschlagnahme angeordnet.

Die Beschwerde des von der Beschlagnahme betroffenen Verlegers ist daher
unbegrndet und zurckzuweisen.

Die Kosten treffen nach  505 St.-P.-O. den Beschwerdefhrer.

(_L. S._)

                                  gez.
                      Dobeneck, Dr. Heuser, Maier.


                 4. Freigabebeschlu des Landgerichts.

Ziffer des Anz.-Verz. VII, 610/08. Beglaubigte Abschrift.

Die 4. Strafkammer des Kgl. Landgerichts Mnchen I hat am 16. Mrz 1909,
vormittags 10 Uhr, versammelt in geheimer Sitzung, wobei zugegen waren:

der Vorsitzende kgl. Ldgr.-Direktor Hezner

die Landgerichtsrte Dr. Heuser Cl. und Graf in der Untersuchungssache
gegen Mller Georg, Verleger in Mnchen, wegen Vergehens wider die
Sittlichkeit nach  184 I R.-St.-G.-B.

nach Einsicht und Verlesung der wichtigeren Aktenstcke des bisherigen
Verfahrens

nach Ansicht des vom kgl. Staatsanwalt unterm 12. Februar 1909
gestellten Antrags den Beschuldigten auer Verfolgung zu setzen,
beschlossen:

1. Der Angeschuldigte Georg Mller wird wegen eines Vergehens wider die
Sittlichkeit nach  184 Abs. 1 Z. 1 D. R.-St.-G.-B. auer Verfolgung
gesetzt.

2. Der Beschlagnahmebeschlu des kgl. Amtsgerichts Mnchen I Abteilung
fr Strafsachen vom 23. November 1908 wird aufgehoben.

3. Die Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last.


                                Grnde:

Der gesetzliche Tatbestand des  184 Abs. 1 Z. 1 D. R.-St.-G.-B.
erfordert nach der objektiven Seite, da die Schrift in ihrer
gegenstndlichen Erscheinung und dem daraus sich ergebenden geistigen
Inhalte geeignet ist, das allgemeine Scham- und Sittlichkeitsgefhl --
nicht das abgestumpfte gewisser Personenkreise -- in geschlechtlicher
Beziehung zu verletzen. Trifft dies zu, dann ist die Schrift als
unzchtig zu erachten. Ob sie geeignet oder darauf berechnet ist, im
Leser wollstige Empfindungen zu erregen, ist belanglos, ebenso auch, zu
welchen Zwecken die Schrift nach dem bloen inneren Wollen des
Verfassers dienen soll. Vgl. E. d. R. G. i. St. S. Einziehung von
Anekdoten. Urteil vom 9. Dezember 1907, dann Bd. 31 S. 260, 4 S. 87, 24
S. 365, 27 S. 114.

Magebend ist also auch nicht die Anschauung und individuelle Empfindung
einer einzelnen Person, insbesondere auch nicht die Besorgnis fr die
sittliche Integritt der Jugend.

Vor Erffnung der Voruntersuchung hat sich nur ein Sachverstndiger,
Professor Dr. Voll, ber den Roman Ssanin gutachtlich geuert. Sein
Gutachten luft darauf hinaus, da wohl das Werk als unzchtig zu
erachten ist, da aber die _bona fides_ des Verlegers, er sei sich des
unzchtigen Charakters der Schrift nicht bewut geworden, nicht
bezweifelt werden knne. Mit Durchfhrung der Voruntersuchung haben sich
sechs weitere Sachverstndige ber den Charakter des Buches geuert.
Darunter haben mehrere namhafte Kenner der Literatur sich dafr
ausgesprochen, da es sich nicht um eine unzchtige Schrift, dagegen um
ein dichterisches Werk von hohem kulturgeschichtlichem und auch
literarischem Wert handelt. Hierzu uert sich Professor Dr. Munker
wrtlich: Was der Verfasser an solchen Stellen (den beanstandeten)
erzhlt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und
Zustnde, um die es sich handelt, knstlerisch und psychologisch
geradezu notwendig; wie er es aber erzhlt, das beweist durchaus den
vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt
und von jeder Lsternheit weit entfernt ist. Von den brigen
Sachverstndigen haben sich Wilhelm Weigand, Prof. Dr. Schneegans und
Ludwig Ganghofer ohne Einschrnkung dahin ausgesprochen, da der Roman
Ssanin nicht als unzchtig zu erachten sei. Prof. Dr. Brunner erachtet
ihn nur mit dem Vorworte, nicht aber fr sich unzchtig, whrend
Oberstudienrat Dr. Nicklas den Roman, in der Hauptsache wohl von der
durchaus zu billigenden Ansicht geleitet, da Ssanin fr die
heranwachsende Jugend eine keineswegs geeignete, in unreifen Kpfen nur
Verwirrung erzeugende Lektre ist, fr unzchtig hlt.

Angesichts der den unzchtigen Charakter der Schrift verneinenden
Gutachten der Sachverstndigen, denen sich das Gericht nach sorgfltiger
Prfung des Werkes auf seinen gesamten Inhalt und den sich daraus
ergebenden Gesamtcharakter, den seines literarischen und
kulturgeschichtlichen Wertes angeschlossen hat, kann nicht davon
gesprochen werden, da der Roman Ssanin eine unzchtige Schrift im Sinne
des  184 des St.-G.-B. nach der eingangs gegebenen Begriffserklrung
ist. Fehlt es aber schon an einem strafbaren Tatbestande in objektiver
Hinsicht, so entfllt ohne weiteres die Prfung nach der subjektiven
Seite, und es bedarf also der Einwand des Angeschuldigten, er sei sich
des unzchtigen Charakters des Werkes nicht bewut gewesen, keinerlei
Errterung.

Hiernach erbrigte nur dem Antrage des Staatsanwalts, den
Angeschuldigten wegen eines Vergehens nach  184 Abs. I Ziffer 1 des
R.-St.-G.-B. auer Verfolgung zu setzen, stattzugeben, wie geschehen.

Mangels strafbaren Tatbestandes aus  184 war auch der
Beschlagnahmebeschlu des k. Amtsgericht Mnchen I Abt. f. St.-S. vom
23. November 1908 aufzuheben.

Die Kosten des Strafverfahrens fallen der k. Staatskasse zur Last.
R.-St.-P.-O.  202, 99, 496, 499.

_L. S._

                     gez. Hezner, Dr. Heuser, Graf.
                      Mnchen, den 23. Mrz 1909.


                              5. Gutachten

              von Professor Dr. Karl Brunner in Pforzheim.


                              Erster Teil.

Das Vorwort des einen Uebersetzers (Andr Villard) ist in seinen starken
Uebertreibungen und in seiner einseitigen Tendenz, die dem Buch selber
gar nicht in dem Mae eigen ist, geradezu irrefhrend und zwar, wie mir
scheint, in der Absicht, dem Roman einen sensationellen Empfehlungsbrief
mit auf den Weg zu geben. Ich halte diese Vorrede fr bedenklich vom
literarischen wie vom ethischen Standpunkt aus, und zwar aus dem Grunde,
weil sie ein vorurteilsloses Herantreten an das Buch erschwert, ja fr
viele unmglich macht und diesem eine Tendenz vindiziert, die, so an die
Reklameglocke gehngt, den Verdacht erweckt, als wre die Uebertragung
des Romans auf den deutschen Bchermarkt in dem Bestreben erfolgt, durch
Hervorkehren der erotischen Reize als den Aeuerungen einer neuen, fast
mchte man sagen, beglckenden Weltanschauung auf das Lesepublikum
bestechend zu wirken.

Kann dies nicht ohne starke Uebertreibungen, ja Entstellungen des
Inhalts des Romans geschehen, so ist der Verfasser des Vorworts auch um
solche Uebertreibungen nicht verlegen, wenn es sich darum handelt, diese
meines Erachtens unter  184 Ziffer 1 fallenden Versuche einer mit
Sensationsmitteln arbeitenden Reklame mit hochtrabenden, den
oberflchlichen Leser bestrickenden Redewendungen von politischen,
kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen und Tendenzen des Buches
so zu verschleiern, da sie nicht ohne weiteres fabar erscheinen. Aber
ein dnn verschleiertes Objekt erotischer Neigungen ist erfahrungsgem
viel geheimnis- und reizvoller, als ein unverhlltes. Und wenn
beispielsweise S. 8 auf den wilden sexuellen Rausch, der auf den Ssanin
zurckgeht, in ziemlicher Breite hingewiesen wird. Anmerkung. Die Stelle
lautet: Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurckgeht, hat
auch schon genug von sich hren lassen. Die Organisation der Ssaninisti,
die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum
ungehinderten Geschlechtsgenu unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen,
die orgiastischen Klubs, die flschlicherweise behaupteten, die
Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve
taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit fr sich. -- So mu
das den oben ausgesprochenen Verdacht um so mehr bekrftigen, als
derartige orgiastische Klubs in Ruland lngst vor dem Erscheinen des
Ssanin bestanden haben, hier also gewissermaen knstlich herbeigezogen
werden, als eine Folge des Romans. Daran ndert nichts die scheinbare
Verurteilung solcher Exzesse durch den Vorredner. Wenn aber tatschlich
solche Propaganda-Vereine der freien Liebe u. a. in Schler- und
Schlerinnenkreisen, wie ausdrcklich hervorgehoben wird, ihre
Daseinsberechtigung auf Ssanin zurckfhren, dann mchte man wahrlich
noch vor Beginn der Lektre selbst das Buch weit, weit wegwnschen aus
dem Bannkreis deutschen Lebens -- zurck in den tiefen moralischen
Sumpf, aus dem es erwachsen ist.

Doch damit habe ich noch nicht das Buch selbst charakterisieren wollen.
Es sind dies nur Gedanken, die die Vorrede nahelegt.

Es erwchst mir nur die Pflicht, durch eine eingehende Kritik des
Vorwortes diese meine Auffassung zu begrnden, um dann im zweiten Teil
meines Gutachtens das Buch selbst zu behandeln.

Wenn ich auf die kaum acht Seiten umfassenden Vorbemerkungen so
ausfhrlich eingehe, so drfte das in der starken Wirkung dieser
Darlegungen seine Berechtigung finden.

Mir scheint, als htte selten ein Verleger einen so geschickten
Verknder der Sensation, die zudem der Roman selbst gar nicht hat,
gefunden. Offenbar haben die Ausfhrungen Villards ber das Buch viel
mehr als dieses selbst die Auffassung weiterer Kreise ber Ssanin
beeinflut und die Lust es zu lesen hervorgerufen und gesteigert. Ich
konnte das aus dem Mund verschiedener Leute erfahren, die den Ssanin vom
Hrensagen kennen, wie ich es auch aus den Kritiken ber das Buch
ersehen konnte, deren Abhngigkeit vom Vorwort unverkennbar ist.

                   *       *       *       *       *

Auf Seite 8 heit es: Selbst wenn er (Ssanin) nicht durch seine
knstlerischen Qualitten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der
modernen Literatur Rulands geworden wre, htten ihm doch
kulturhistorische Grnde bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die
gegenwrtige Epoche, also die, welche die revolutionre ablste,
psychologisch und soziologisch nicht beurteilen knnen, ohne den
Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt
der Betrachtung zu ziehen.

Welche starke Uebertreibung in diesem Lobpreis der knstlerischen
Qualitten des Buches liegt, wird im zweiten Teil zu beweisen sein.

Die kulturhistorischen Grnde, die Ssanin als den charakteristischen
Niederschlag der ganzen jetzigen Epoche in den Mittelpunkt der
Betrachtung stellen sollen, sind keineswegs so besonderer,
eigentmlicher Art. Vielmehr lassen sich gerade die Prinzipien der
freien Liebe und ihre Bettigung lngst vor der Revolution, so gut wie
in der Revolution und nach ihr, als in breiten Kreisen der russischen
Intelligenz vorhanden, nachweisen (s. u.). Durch diese Einreihung an
hervorragender, kulturhistorischer Stelle sollte nur dem Buch, das eine
realistische Schilderung tatschlicher, keineswegs neuer Zustnde
bietet, eine interessante Folie gegeben werden.

Auf Seite 9 heit es: Interessanter ist die Feststellung, wie es
berhaupt dazu kam, da ein ganzes Volk fr seine Gesamtuerungen mit
einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und da ein
einziges Werk -- eben der Roman Ssanin -- gengt, um sie hervorzurufen,
und sie mit seinem Namen zu decken. -- -- --

Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht -- wohl
aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen
Lebens ausprgt ... Einst beschrnkte sie sich auf den Adel, -- heute
umfat sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe -- die
Intelligenz.

Ein ganzes Volk -- bedeutet doch etwas anderes -- auch fr Ruland --,
als wie wenige Zeilen weiter unten gesagt ist mit der Bezeichnung
russische Gesellschaft. Denn abgesehen davon, da selbst diese Kreise
der Intelligenz keineswegs ein irgendwie einheitliches Geprge tragen,
kommen doch fr jedwede Beobachtung des russischen Lebens in seiner
Gesamtheit die Millionen von Angehrigen anderer sozialer Schichten in
Betracht, die selbst in ihrer Stagnation und Hemmung eine Macht bilden,
wie die Bauern, wenn sie nicht, wie die sozialistischen Kreise der
Stdtebevlkerung eine aktive Rolle spielen.

Doch selbst diese Beschrnkung des Begriffs russisches Volk zugegeben,
-- heit es nicht _die Tatsachen vergewaltigen_, wenn man 1. die ganze
russische Gesellschaft fr ihre Gesamtuerungen _nur noch erotische
Beziehungen_ finden lt, das lehrt uns ja der Roman mit seinen
zahlreichen Personen ganz und gar nicht -- und 2. mit einem Mal und
zwar durch ein einziges Werk so etwas hervorgerufen sehen will? Die
erste khne Bemerkung mu jeden auf die Lektre des Buches uerst
gespannt machen. Denn selbst die Rolle der Erotik im Siecle de Louis
XIV. oder im Zeitalter der franzsischen Revolution, die dem
Geschichtskenner denkbar wichtig und tiefgehend erscheint, mu weit
zurcktreten, gegenber einer so absolut allgemein gewordenen Lebens-
und Weltanschauung, wie sie uns hier verkndigt wird. Wohl folgen auf
Perioden ungeheuren Aufschwungs des Gemeinsinns und der Opferwilligkeit,
kurz der praktisch bettigten Begeisterung fr hohe Ideale, wie sie der
russischen Revolutionsbewegung ohne Zweifel zugrunde lagen, solche des
Gegenteils, sei es stumpfer Apathie oder krassen Egoismus. Und gerade
der slavische Rassencharakter neigt mehr als ein anderer besonders stark
zu solchen Widersprchen. Aber da eine groe Volksbewegung die im Zug
der Zeit liegt und sich wohl vorbergehend -- aus inneren sozialen,
kulturellen und nicht zum wenigsten religisen Grnden -- unterdrcken,
niemals aber mehr ganz ausrotten lt, eine Bewegung, die bei allem
Terrorismus so gut wie einstens die franzsische Revolution vom
Idealismus getragen war, sich ganz und gar auf den Standpunkt des
Zynismus zurckwerfen lt -- durch ein einziges Buch der
Contre-Revolution, das zu behaupten ist eine Ungeheuerlichkeit. Aber es
klingt uerst pikant, wenn gesagt wird: Nichts hat in Ruland die
sozialrevolutionre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war,
so endgltig der Zersetzung zugefhrt, wie Ssanin mit seiner erotischen
Suggestion.

Der Uebersetzer Villard, der solche Ungeheuerlichkeiten als Kenner der
russischen Verhltnisse, der er sein will, im Vorwort geschrieben hat,
kann nicht als so naiv erscheinen, da er sich dessen nicht bewut
gewesen wre. Ich sehe in seinem Vorwort, das von Widersprchen mit
feststehenden Tatsachen und mit dem Inhalt des Romans strotzt, einen
plumpen Versuch einer erotischen Suggestion auf den Leser um seine
eigenen Worte zu gebrauchen, d. h. einer Spekulation auf die besondere
Empfnglichkeit des Lesers fr Erotika. Und dieser Suggestion kann sich
angesichts solch hoher Studienzwecke, wie sie die Vorrede vorspiegelt,
mit Beziehung auf den Ausgang der russischen Revolution, fr die sich
doch alle Welt lebhaft interessiert hat, gar mancher nicht entziehen.

Ich behaupte, -- ich habe an einzelnen, sogar gra erscheinenden Stellen
mit urteilsfhigen Lesern, die die Vorrede nicht kannten, die Probe
darauf gemacht -- da man, ohne die Vorrede gelesen zu haben, an dem
Buch als Ganzem keinen oder wenigstens keinen erheblicheren Ansto
nehmen kann, als an zahlreichen anderen Bchern auch, die ungehindert im
Verkehr sind und da die meisten der inkriminierten Stellen geradezu
besonders aufgesucht werden mssen, um an ihnen etwas Schlimmes zu
finden. Ich behaupte aber zugleich, da das Vorwort geradezu diese
Stellen heraushebt, indem es der Erotik in dem Buch einen solchen
Einflu zuschreibt mit der Aeuerung: Wohl noch niemals wurden durch
ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft
von Grund aus verndert zum Ausdruck gebracht.

Mit wenigen Ausnahmen werden die meisten Leser nach Einblick in die
Vorrede auch in den Kreisen, denen allein das Buch fr 6,50 Mark
zugnglich ist, -- Anmerkung: Ich betone das, weil mir im Kampf gegen
die schlechte Literatur fters entgegen gehalten wurde, da Bcher mit
verhltnismig hohem Preise, schon ihres beschrnkteren Leserkreises
wegen nicht zur Schundliteratur gerechnet werden knnten, -- von
vornherein ihr besonderes Augenmerk auf die erotischen Stellen richten
und darber die knstlerische Seite des Werkes und die tatschlich
interessante Darstellung des sozialen und kulturellen Lebens, kurz die
wissenschaftliche Seite, vernachlssigen oder die oft langatmigen, nicht
eben tiefen Philosopheme einfach berschlagen, bis sie wieder den von
dem Vorwort angedeuteten Spuren begegnen. Dadurch bekommt das Werk einen
Charakter, den ihm der Verfasser ganz und gar nicht gegeben hat.

Statt da der Leser mit einem auf das Groe gerichteten Interesse eine
realistische, meines Erachtens berhaupt kaum tendenzis gefrbte
Schilderung der Verhltnisse und Zustnde in der russischen Gesellschaft
hinnimmt, mu er sich im Vorwort suggerieren lassen, da es sich hier um
das Neue handelt, das man sucht, er mu sich sagen lassen, da es sich
hier -- ausgerechnet in diesem Buch -- um die Vernderung einer gesamten
Anschauung von Grund aus handle, er hrt -- und das wird vielen aus
gesellschaftlichen Grnden verkappten Anhngern der freien Liebe
willkommen sein, -- da die Ssaninisten, endlich die leidige
Konspirativitt, die traditionelle Geheimniskrmerei beiseite werfen
knnen, da die Erotomanie -- frei von gesellschaftlichen Vorurteilen
eben wegen jener fundamentalen Umwlzung der Gesellschaftsanschauungen,
nun stolz das Haupt erheben darf -- nur soll sie es nicht so laut und
lrmend machen, wie die Ssaninisten, sondern mit behutsamem Stolz.
Diese Ausfhrungen des Vorworts stehen, wie bereits angedeutet, in
vlligem Widerspruch 1. mit den Tatsachen der Wirklichkeit wie 2. mit
dem Inhalt des Romans und involvieren eine Tendenz, die meines Erachtens
mit aller Entschiedenheit zu bekmpfen ist, denn sie machen erst den
Roman zu einem sittlich minderwertigen Literaturprodukt, das er, an sich
betrachtet, nicht ist.

Frs erste (Widerspruch mit den Tatsachen) mgen einige wenige Hinweise
gengen. Aus eigener Kenntnis und auf speziell eingezogene Erkundigungen
wei ich, da sich bei russischen und polnischen Studenten, die bei uns
auf deutschen Hochschulen weilen, das weitaus grte Interesse in der
Bettigung erotischer Neigungen erschpft -- ein besonders grasser Fall
ist erst unlngst in Karlsruhe vorgekommen, der mit Mord und Selbstmord
endete. Und beim russischen Militr, insbesondere beim Offizierskorps,
ist eine hnliche oder noch niedrigere Stellung des Weibes, wie sie ihm
in diesem Roman der Offizier Sarudin zuweist, wahrlich schon lngst
traditionell geworden. Ich kann dafr Belege aus unserem hiesigen
industriellen Leben beibringen, die ich mir fr diesen Zweck aus
authentischen Quellen verschafft habe.

Eine einzige hiesige Firma hat zusammen mit ihrem Pariser Hause whrend
des russisch-japanischen Krieges Bijouterie fr Damen nach Ostasien,
speziell an ihr eigenes dafr errichtetes Geschftshaus in Charbin im
Betrag von 4-5 Mill. Frcs. geliefert -- fr die mit der russischen Armee
ausgerckten Scharen von Halbweltdamen. Nach Beendigung des Krieges
mute das Importhaus dieser Firma in Charbin wieder ganz aufhren, und
der Vertreter einer anderen hiesigen Bijouteriefirma, der persnlich
monatelang auf dem Kriegsschauplatz war, kann grauenhafte Dinge von der
Erotik im russischen Lager erzhlen, der man ja wohl mit Recht einen
groen Teil der Schuld gibt an der Niederlage der Russen.

Da solche Anschauungen bei russischen Studenten, wie bei russischen
Offizieren herrschten, wute man im Grunde genommen bei uns und berall;
man stie sich nicht einmal daran, man nahm das eben als russisch hin,
als Ausdruck der Korruption gewisser Kreise, mit denen wir sonst keine
Gemeinschaft suchen.

Wenn aber, wie das im Vorwort geschieht, diese speziell slavische
Schweinerei -- so hrt man sie wohl gelegentlich bei uns nennen -- auf
eine allgemein menschliche Basis gestellt wird, wenn damit eine
Passivitt gegenber aller Auflehnung gegen die staatliche Ordnung,
namentlich aber die Befriedigung eines persnlichen Freiheitsdranges
(Ich lebe fr mich Seite 12), verknpft wird, so liegt darin meines
Erachtens eine schwere Gefahr, zugleich aber auch eine ungeheuere
Anmaung der Trger jener zersetzenden Weltanschauung, die die Kraft der
slavischen Rasse so verhngnisvoll untergraben hat, die auch
erschreckend am Mark der romanischen Vlker nagt und auch in unserem
Volk, besonders durch die herrschenden Richtungen in der Literatur,
immer mehr Boden gewinnt. Es ist wohl kein Zufall, da sich ein Franzose
-- als solchen darf ich wohl Herrn A. Villard, den Verfasser des
Vorworts, vermuten -- so lebhaft zum Propheten des neuen Evangeliums der
freien Liebe aufwirft.

Wenn in der Tat das Buch als Ausdruck einer lngst vorhandenen Stimmung
dessen was in der Jugend schon seit Jahren grte -- so korrigiert Kurt
Aram in der Frankfurter Zeitung das Vorwort -- (Frkf. Ztg. 1908, 16.
September, Abendblatt), nicht als Ausgang einer neuen Bewegung -- auch
nur annhernd die Wirkung in Ruland hervorrief, die die Vorrede
andeutet -- ich kann das mit den mir zur Verfgung stehenden Mitteln
nicht gengend beurteilen, habe aber Nachforschungen in Ruland selbst
angestellt, ber die literarischen Wirkungen des Buches, deren Ergebnis
ich nachzutragen hoffe --, wenn diese Wirkungen tatschlich
hervorgerufen wurden, dann ist bei der Sensationssucht, mit der unsere
Presse sowohl wie nicht selten auch aus rein geschftlichen Grnden
unser Buchhandel spekuliert (vgl. den Fall Ganter), nicht
ausgeschlossen, da auch bei uns das Buch eine Mission erfllt -- von
erschreckender Wirkung. Denn die Faktoren, die einem Buch -- ohne
Rcksicht auf seinen Inhalt und wirklichen Wert -- einen Riesenerfolg
bereiten, sind vollkommen unberechenbar, wie die Schicksale mancher
literarischer Produkte der jngsten Zeit beweisen.

Die reklamehaften Behauptungen des Vorworts stehen aber zweitens auch im
Widerspruch mit dem Roman und seinem Inhalt selbst. Aus der
berschwenglichen Art, wie hier im Vorwort gerade die erotische Seite
des Ssanin dargestellt wird, mchte ich fast den Schlu ziehen, da
die erotischen Momente, die im Roman selbst fr das ins Auge gefate
Publikum zu nchtern behandelt sind, im Vorwort zum Zweck greren
Erfolgs aufgebauscht, ja direkt in falsches Licht der Beurteilung
gerckt werden.

Sonst knnte Villard nicht von Vernderungen der gesamten Anschauungen
einer Gesellschaft von Grund aus sprechen, er knnte auch nicht
sprechen vom Beiseitewerfen der traditionellen Geheimniskrmerei in
solchen Dingen. Die beiden praktischen Vertreter der freien Liebe im
Ssanin sind genau so befangen in den konventionellen Schranken und
genau so ehrbar nach auen, wie solche Leute bei uns zu sein pflegen.
Ja, wenn sie noch die Schranken durchbrchen und in ihrer neuen
Weltanschauung sich vor die breite Oeffentlichkeit stellten, das denkt
und wnscht sich offenbar der Uebersetzer, der Autor ist ganz anderer
Meinung.

Zunchst konnte der im Vorwort besprochene Zusammenhang zwischen dem
Sexualleben und der russischen Revolution einem, der von sexuellen
Erregungen, von besonderen seelischen Schwingungen bei derartigen
sozialen Erschtterungen gehrt hat, einleuchtend erscheinen, zumal,
wenn es sich um solche Erscheinungen whrend der Revolution handelt, von
denen Villard (S. 11) andeutungsweise spricht. Der Hinweis auf die
Anarchisten mit ihrem Terrorismus, die Villard als die Pfadfinder
Ssanins und der Ssaninisten bezeichnet, erinnert daran, da in den
Kreisen der Anarchisten in der Tat auch ein sexueller Rausch
herrschte, freilich ganz anderer Art, als der von Villard angedeutete,
-- Anmerkung: Die von Villard geradezu als vorbildlich fr die russische
Intelligenz hingestellte Bettigung der freien Liebe, seitens der
terroristischen Anarchisten, ist bekanntlich eine propagandistische
Forderung des Anarchismus berhaupt, -- nmlich eine pathologische
Ausprgung des Sexuallebens, der Sadismus.

Ueber diesen sagt Forel (Die sexuelle Frage, S. 239) in Uebereinstimmung
mit Lombroso, da durch Kampf und Schlacht und die vom Krieg
entfesselte Mordlust aufgeregte Soldaten zu viehischen sexuellen,
wollstigen Exzessen gefhrt werden. Ein erschtternder,
sinnverwirrender Beleg dafr findet sich speziell mit Bezug auf die
russische Revolution bei Bloch (Das Sexualleben unserer Zeit, 2. und 3.
Aufl., S. 646 ff.) mitgeteilt von Magnus Hirschfeld: Ein Beitrag zur
Psychologie der russischen Revolution (Entwicklungsgeschichte eines
algotagnistischen Revolutionrs, von diesem selbst verfat).

Von sadistischen Regungen ist aber in vorliegendem Roman nur ganz selten
andeutungsweise die Rede, solche Regungen kommen nach dem Urteil
hervorragender Sexualpsychologen hufig bei exzessiver Bettigung eines
normalen Geschlechtstriebes vor, sie geben darum auch dem Ssanin
keineswegs ein abnormes Geprge.


                             Zweiter Teil.

(Disposition nach den im Schreiben des Untersuchungsrichters vom 31.
Dezember 1908 gestellten Fragen:)

1. Ueber den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans.

Der Gesamteindruck des Werkes in literarischer Hinsicht ist kein
gnstiger. Es fehlt der einheitliche Aufbau und die das Ganze mehr oder
minder beherrschende Haupthandlung. Es sind vielmehr aneinandergereihte,
innerlich wenig oder gar nicht verknpfte Bilder, meist Gruppenbilder
von Personen, die der Verfasser uns eigens vorfhrt, um interessante
Typen aus dem russischen Gesellschaftsleben zu zeigen. So ist meines
Erachtens die Bezeichnung Roman nicht recht angebracht. Die Bilder
sind mit starkem Realismus gezeichnet und gewhren in der Tat tiefe
Einblicke in die russischen Verhltnisse, da sie sowohl das
landschaftliche, das soziale und das geistige Milieu, berhaupt das
Zustndliche, wie auch das individuelle Seelenleben anschaulich und
eindrucksvoll schildern. Insofern kommt dem Ssanin ohne Zweifel ein
kulturhistorischer Wert zu. Was aber den literarischen Genu empfindlich
beeintrchtigt, ist die breite Wiedergabe zahlreicher, meist ziemlich
oberflchlicher philosophischer Errterungen und Monologe, die -- im
Gegensatz zum Vorwort sei dies betont -- hufig nichts von Erotik
enthalten. Direkt unknstlerisch, ja unsthetisch wirkt nach meinem
Geschmack die Behandlung geschlechtlicher Vorgnge -- ich lasse dabei
zunchst die moralische Seite auer acht. Wenn das Weib sonst in der
schnen Literatur auftritt, selbst da, wo ihm eine im ganzen
erniedrigende Rolle zugewiesen wird -- ich erinnere nur an Sudermanns
neuesten Roman Das hohe Lied -- so trgt seine Erscheinung doch
wenigstens stellenweise das Geprge echter Schnheit und Weiblichkeit im
edlen Sinne. Das fehlt hier bei Artzibaschew ganz. Stets ist nur vom
Weib in rein physischer Beziehung, ich mchte sagen, in zynischer
Nacktheit, die Rede, von seinen Schenkeln, Brsten, dem Rcken usw. --
sei es in der Phantasie des Mannes oder in Wirklichkeit. Und selbst der
Bruder tritt der Schwester mit solchen Empfindungen gegenber, diese
einseitige Auffassung und Vorstellung des Verfassers hat literarisch
einen schweren, meines Erachtens seine ganze knstlerische Qualitt in
Frage stellenden Mangel zur Folge, nmlich die Unfhigkeit zum
Differenzieren, was gerade bei einem so schwierigen Problem, wie dem des
Weibes und des Sexuallebens, besonders schwer ins Gewicht fllt.
Darunter leidet namentlich auch seine Charakterschilderung der Mnner in
ihrem Verhltnis zum weiblichen Geschlecht. Man hat das Gefhl, wie wenn
alle diese Mnner das Weib durch genau die gleiche Brille besehen,
gleich begehrlich, gleichweit entfernt von jeder noch so bescheidenen
Wrdigung des weiblichen Charakters als etwas nicht rein Sinnlichen,
Animalischen.

Nun mag vielleicht seine Grundauffassung vom Weib seitens des Mannes in
Ruland typisch sein -- ich kann mir das zwar nicht recht vorstellen,
da in der Heimat der Frauenemanzipation und des weiblichen
Studententums die Frau keine andere Stellung gegenber dem Manne sich zu
erringen vermochte und stehe diesem Typus des russischen
Gesellschaftslebens skeptisch gegenber -- knstlerisch ist sie gewi
nicht. Die Verwickelungen, die das Buch enthlt, stehen zum Teil auf
sehr schwachen Fen, oft spielen Zuflligkeiten, die keinerlei
logischen und psychologischen Zusammenhang mit dem sonstigen Verlauf der
Dinge haben (Karssawina und Ssanin im intimen Verkehr) eine
ausschlaggebende Rolle, und Lsungen (wie der Selbstmord Juriis) der
Konflikte treten mitunter ganz pltzlich und unmotiviert ein.

So darf denn meines Erachtens der literarische Wert des Buches trotz
mancher anerkennenswerter Lichtseiten im ganzen nicht hoch angeschlagen
werden. Schwerwiegende Mngel treten zu sehr in den Vordergrund, als da
der Gesamteindruck ein erfreulicher genannt werden knnte.

2. Ueber die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer
Fragen.

Wissenschaftlich, d. h. in der Absicht, unser Wissen ber das
menschliche Liebesleben irgendwie zu frdern, hat der Verfasser
erotische Fragen sicher nicht behandelt. Nicht ein hherer Zweck, wie
ihn das wissenschaftliche Streben im Auge hat, sondern einfach die
Absicht, Zustnde und Anschauungen wie sie sind, darzustellen, hat dem
Verfasser die Feder gefhrt. Dann kann ich -- unbeschadet meiner
spteren Ausfhrungen unter Nr. 4 -- gleich hier beifgen, da dem
Verfasser nach meiner Meinung auch kein verwerflicher Nebenzweck, etwa
absichtlichen Sinnenreizes bei Darstellung geschlechtlicher Vorgnge,
vorgeschwebt hat.

3. Ueber die Gte der Uebersetzung.

Darber vermag ich mich nicht zu uern in Ermangelung russischer
Sprachkenntnisse. Aber der Eindruck, den die sprachliche Form in der
vorliegenden Uebersetzung macht, ist fast durchweg gnstig. Ich habe nur
an einigen Stellen Ansto an Wortformen genommen, die anscheinend auf
kleine Mngel in der Sprachkenntnis zurckgehen, u. a. an dem fters
wiederkehrenden Adjektiv bange, das -- entgegen unserem Sprachgebrauch
-- zu sachlichen Qualifikationen verwendet wird, so S. 263, 359, 364 und
373.

4. Wird die Darstellung geschlechtlicher Vorgnge durch die
vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaen in den Hintergrund
gedrngt, da das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des normal empfindenden
Lesers nicht verletzt wird?

Die so gestellte Frage mu ich bejahen. Wer ohne Voreingenommenheit an
die Lektre des Ganzen herantritt, kann wohl an der oft bis zum Krassen,
Frivolen, ja Zynischen gesteigerten Realistik (bes. S. 196-197, 215,
231-233, 248, Kap. 26, S. 318, 428-429, 440-441 u. a.) Ansto nehmen. Er
wird aber aus dieser Realistik nicht dem Autor einen sittlichen Vorwurf
machen, weil meines Erachtens auch das Ausmalen widerlicher Vorgnge,
die Darstellung abstoender, niedriger Denkweise nirgends in der Absicht
geboten ist, Freude an pikanten, den Sinnenreiz erregenden Szenen zu
bezeigen und diese Freude etwa auf andere zu bertragen.

Die ganze Eigenart des Buches, das den Eindruck starker Wahrheitsliebe
und rckhaltloser Ehrlichkeit macht, ist nicht auf den gemeinen Grundton
pornographischer Schreibweise gestimmt. Der Verfasser, der nun einmal
die Zustnde der russischen Gesellschaft ohne Schminke schildern wollte,
mute die Farbe so auftragen, wenn aus einem Gemlde berhaupt etwas
Echtes, Brauchbares werden, wenn dabei ein kulturhistorischer rein
wissenschaftlicher Zweck im Auge behalten werden sollte.

Wenn ich krasse Vorkommnisse zu erzhlen und dekadente Stimmungen zu
schildern habe, dann kann ich jene nicht formlos und diese nicht ideal
hinstellen -- will ich nicht der hchsten sittlichen Pflicht als Autor
mich entledigen. So sind nun einmal die Dinge in Ruland. Wrde sie
Artzibaschew nicht schildern, wie sie sind, sondern, wie er sie haben
mchte, dann lge in Anbetracht zahlreicher Stellen seines Ssanin ein
Bestreben vor, das bei solch rauhem Realismus, wie er da zum Ausdruck
kommt, als uerst bedenklich bezeichnet werden mte. Das schliet aber
ohne Zweifel die Behauptung in sich, da wir es hier mit einem
ausgesprochenen Tendenzroman zu tun haben. Und dieser Behauptung
widerspreche ich mit Entschiedenheit.

Wer sie verteidigt, der verurteilt indirekt den Ssanin als eine
pornographische Schrift. Denn wenn das geschlechtliche Leben und alles,
was damit zusammenhngt, nicht wirklich so wre, wie es uns hier vor
Augen gefhrt wird, wenn es vom Autor mit seiner angeblichen Tendenz nur
so erdacht wre, um die Unterlage einer neuen, erotischen Weltanschauung
zu bilden, -- das Vorwort Villards will das glauben machen -- dann mte
sich allerdings das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des normal
empfindenden Lesers schwer verletzt fhlen.

Zustnde und Anschauungen, noch dazu in einem fremden Lande, die aus
tausend Ursachen so geworden sind, die knnen wir aber, ob wir nun
Kenntnis davon haben oder nicht, ob sie sittlich gut oder verwerflich
sind, nicht ndern, nicht ablehnen, nicht durch literarische
Konfiskationen usw. beseitigen, Zumutungen aber, Aufdringlichkeiten
unsittlicher Art, kurzum Tendenzen, die im Gehirn eines Schriftstellers
ihren Ursprung haben, knnen wir ablehnen, von uns fernhalten, ebenso
gut wie die Zudringlichkeiten von Leuten, die uns am Leib und Leben, an
Hab und Gut schdigen wollen, ntigenfalls unter Anrufung des
gesetzlichen Schutzes. _Wer dem Ssanin des Artzibaschew anstelle der
harten und herben Realistik der Tatsachen eine solche Tendenz
vindiziert, der tut ihm meines Erachtens unrecht._

Indem nun aber das oben im ersten Teil meines Gutachtens ausfhrlich
errterte Vorwort in denkbar anspruchsvollster Weise dem Buch eine
geradezu das Ganze beherrschende _erotische Tendenz_ zuschreibt, und
indem es die Schilderung der _ungeheuerlichen Wirkung solcher Tendenz_
dem, der das Buch zu lesen beabsichtigt, als die beste Empfehlung, die
wirksamste Reklame zur Weiterempfehlung aufdrngt, stempelt es, wie
ich oben bereits ausgefhrt habe, das ganze Buch _zu einem
erotisch-tendenzisen_. Es zerstrt seine nchterne Realistik und nimmt
ihm seinen unverkennbaren kulturhistorischen, belehrenden,
wissenschaftlichen Charakter.

Ich stehe nicht an, zum Schlu meines Gutachtens meine Meinung dahin
zusammenzufassen: _Artzibaschews Ssanin an sich halte ich vom Standpunkt
des  183 Ziffer 1 des St.-G.-B. fr einwandfrei. Die vorliegende
deutsche Ausgabe jedoch mit Villards Vorwort fllt meines Erachtens
unter den Begriff einer unzchtigen Schrift im Sinne des erwhnten
Paragraphen._

Pforzheim, 2. Februar 1909.

                                         gez.: Prof. Dr. Karl Brunner.


                              6. Gutachten

                    von Ludwig Ganghofer in Mnchen.

Der mir zur Beurteilung vorgelegte Roman ist als eine dichterisch
hochstehende, aus knstlerischem Geist entsprungene Schpfung zu
bezeichnen, die in der Geschichte der russischen Literatur neben den
Meisterwerken von Gogol, Turgenjew, Dostojewski und Gontscharow ihren
verdienten Ehrenplatz finden wird.

Die Komposition des Romans ist von schner und strenger Geschlossenheit;
die Handlung ist ein starkes und berzeugendes Bild des Lebens, klar
geschaut, grozgig erfat und mit knstlerischer Kraft aus der
Wirklichkeit emporgehoben zu dichterischer Wahrheit; alle Gestalten des
Buches sind mit Meisterhand gezeichnet, ohne Beschnigung, ohne
Uebertreibung, ohne Absichtlichkeit, im plumperen Sinne dieses Wortes,
ohne tendenzise Verschiebung der Linien, die das Leben dem Dichter
zeigte; von fesselnder Wirkung sind die mit den Lebensvorgngen
knstlerisch verwobenen Naturschilderungen, die in ihrem malerischen
Reiz an die feinsten landschaftlichen Stimmungen bei Turgenjew erinnern;
und als glhende Seele dieses Buches redet zu uns die leidenschaftliche
Vaterlandsliebe des Dichters, seine schwermutsvolle Trauer ber das
Schicksal seiner Heimat und ihrer Jugend, deren wertvolle Lebenskrfte
zwischen politischem Unglck und sozialer Entartung nutzlos verbraucht
und zerrieben werden.

Die Lektre dieses Buches brachte mir jenen hohen Genu, wie ihn nur das
Werk eines echten Dichters dem Leser zu bieten vermag -- gleichviel, ob
es nun licht und erhebend oder erschtternd und bedrckend wirkt.

Ich wrde nicht nur als Schriftsteller das lebhafteste Bedauern darber
empfinden, wenn dieses Werk aus Grnden, die nur auerhalb seines
dichterischen Wertes liegen knnten, bei uns in Bayern eine zensurelle
Maregelung erfhre. Denn die an mich gestellte Frage, ob die im
Ssanin geschilderten sexuellen Vorgnge geeignet wren, das Scham- und
Sittlichkeitsgefhl eines normal empfindenden Lesers zu verletzen, mu
ich mit Nein beantworten. Dabei verstehe ich allerdings unter einem
normal empfindenden Leser auch einen gesunden, natrlich fhlenden
Menschen von relativer Bildung und ernsten Kulturinteressen. Auf
entartete und krankhaft gereizte Menschheitsexemplare kann ja auch ein
viel harmloseres Kunsterzeugnis, als es der Ssanin ist, eine zu
sexueller Nervositt umschlagende Wirkung ben. Aber in einem halbwegs
gesunden, natrlich fhlenden und verstndigen Menschen wird die Lektre
dieses Buches niemals ein Gefhl der Lsternheit erwecken, also meines
Erachtens auch nie ein Gefhl der sittlichen Emprung ber die Form
hervorrufen, in welcher die von der Handlung des Romans untrennbaren
sexuellen Vorgnge hier geschildert sind.

Von einer wissenschaftlichen Behandlung der erotischen Fragen oder von
einem wissenschaftlichen Zwecke der hier gegebenen Darstellung
geschlechtlicher Vorgnge zu sprechen, erscheint mir diesem Werke
gegenber als nicht ganz zutreffend. Der Schpfer dieses Werkes wollte
nicht als Arzt oder als Gelehrter sprechen, sondern als Dichter. Er
wollte kein wissenschaftliches Compendium der modernen Erotik seiner
Heimat verfassen, sondern mit Wahrheit und knstlerischer Kraft das
versinkende Leben einer bedrckten und irregeleiteten Jugend schildern,
die sich -- von hheren kulturellen Lebenszielen auf politischem und
sozialem Gebiete gewaltsam abgedrngt -- auf die tierischen
Reservatrechte der Menschheit beschrnkt sieht und sich in verschrfter
Intensitt mit allem beschftigt, was ihr als erotisches Problem
erscheint. Diese Jugend sagt: Untergang und Niederbruch auf allen
Seiten, suchen wir also wenigstens einen Fortschritt auf diesem _einen_
Gebiete zu erzielen, auf dem uns die Arbeit nicht unterbunden werden
kann. Die latente Nhe des Galgens erzeugt sexuelle Subtilitten.

Ich halte es fr einen der Grundgedanken des vorliegenden Romans, da
der Dichter aussprechen wollte: Hindert eine blutvoll und strmisch
heranwachsende Jugend an der redlichen Bettigung ihrer besten
Lebenskrfte, nehmt ihr die fliegenden Hoffnungen, die sie emportragen
ber die Dunkelheiten des ewig Menschlichen, so werden die
Feinfhligsten dieser Jugend zu Unglcklichen wie Ssoloveitschik, die
gedankenvollen Schwchlinge zu ratlosen Selbstmrdern wie Jurii, die
geistig minderwertigen Menschtiere zu perversen Schweinen wie Woloschin
und Sarudin, die seelisch und krperlich Starken zu einsamen Spttern
und zu rcksichtslosen Lebenstrinkern wie Wladimir Ssanin, der aus allem
schwlen Sturm dieses Buches hhnisch und lachend hinausschreitet ins
Ziellose, ein Zyniker und doch ein Held, der keinen Menschen hat, aber
auch um keines Menschen willen leidet.

Man mag erschrecken vor aller Wahrheit, die hier geschildert wird; aber
man darf fr diese Wahrheit nicht den Dichter verantwortlich machen, der
solche Wahrheit sah und zeigte.

Aus dem ernsten Lebensklang seines Buches, aus dem Gang der Handlung,
aus dem Kontrast der geschilderten Figuren, aus der Schrfe des
Gegensatzes, mit dem der Dichter das Helle gegen das Dunkle stellt, das
Kraftvolle gegen die Schwche, gesunde Natur gegen das Verkrppelte und
Entartete, die Reinheit gegen die Vertierung, das Ersehnenswerte gegen
das wirklich Bestehende -- aus diesen kontrastierenden Farben und
Bildern des Werkes wre ohne mhsame Kombination zu erweisen, da dieses
erschtternde Werk geschaffen wurde, um an giftige Lebenswunden das
brennende Eisen zu legen. Aber mit Worten ist eine solche Absicht im
Ssanin nirgends ausgesprochen. Der echte Knstler hat es nicht ntig,
seinem grogefaten Werke jenes Moralfhnchen anzuhngen, wie es in der
kleinen Fabel des Kinderbuches blich ist.

Im Zusammenhange mit allem mutigen Ernste dieses Buches vermag die
Darstellung der fr die Handlung unumgnglichen erotischen Szenen einen
normalen und gesunden Leser weder sinnlich zu erregen, noch sein Scham-
und Sittlichkeitsgefhl zu verletzen. Aber auch losgelst aus dem
knstlerischen Zusammenhange dieses Buches, jede der inkriminierten
Stellen fr sich allein betrachtet -- so, wie sie in der an mich
gerichteten Zuschrift von der Kgl. Staatsanwaltschaft nach Seitenzahlen
aufgefhrt wurden -- knnen diese Darstellungen nicht als unsittlich
oder unzchtig bezeichnet werden. Diese Schilderungen gehen nie von der
Absicht aus, die Lsternheit des Lesers zu erwecken oder eine Wirkung
durch die Spekulation auf seine tierischen Instinkte zu erzielen. Hinter
all diesen Szenen stehen ernste, psychologische, kulturelle und
nationale Werte; die Form der Darstellung ist immer ruhig, abgeklrt,
reinlich und vornehm, sie vermeidet mit Geschmack jede Linie und jedes
Wort, das ber die Grenzen des knstlerisch Notwendigen und Zulssigen
hinausginge. Mit einer einzigen Ausnahme. In der Szene zwischen Jurii
und Karssawina -- Seite 440 -- strte mich die textliche Brutalitt der
drei Worte auf Zeile 25. Diese Wendung ist geschmacklos, eine
stilistische Entgleisung, von der ich nicht entscheiden kann, ob sie dem
Dichter oder dem Uebersetzer anzukreiden ist. Ich mchte das letztere
vermuten.

Im brigen wird die Uebersetzung, von kleinen Nachlssigkeiten der
Sprache abgesehen, dem ernsten Charakter des Buches wohl gerecht, so da
sie als literarische Arbeit zu bezeichnen ist.

Nicht vllig einverstanden bin ich mit einem Abschnitt der Vorrede. Die
Behauptung, da der wilde sexuelle Rausch, der einen Teil der
russischen Jugend erfate, auf den Ssanin zurckgeht, scheint mir
historisch nicht richtig. Ich erwhne das, weil ich mich zu der
Bemerkung verpflichtet fhle, da jene Stelle der Vorrede -- Seite VIII
-- fr mich den unbehaglichen Beigeschmack einer nicht sehr delikaten
Anpreisung des Buches bekam. Es ist mglich, da ein solcher Eindruck in
mir vorbereitet war durch den geschmacklosen und marktschreierischen
Aufdruck der Buchhndlerschleife, mit welcher der Band verschlossen war.
Es ist richtig, da der Ssanin in Ruland verboten wurde. Aber mit
dieser Tatsache buchhndlerischer Reklame zu machen, erscheint mir als
unanstndig. Und Reklame der gleichen Gattung ist der Aufdruck:
Ursprung der sexuellen Revolution. Dieser Reklameschrei, der sich bel
an eine literarisch und kulturhistorische Sache anhngt, ist berdies
eine Unwahrheit, denn der Ssanin ist weder der Weltanschauungsroman
des heutigen Ruland, noch weniger der Ursprung der sexuellen
Revolution. Durch _solche Reklame_ wird das Anstandsgefhl eines
normalen Menschen verletzt, nicht aber durch dieses knstlerisch
wertvolle Buch, das meines Wissens in Ruland nicht aus
Sittlichkeitsgrnden, sondern aus politischen Motiven verboten wurde.
Denn dieses Buch -- dessen sittlicher Wert allein schon durch das
grauenvolle Schicksal dokumentiert wird, dem der Dichter die Gestalt des
Masochisten Sarudin berantwortet -- dieses Buch mit seinem flammende
Geiste und seiner peitschenden Ironie war geeignet, die russische Jugend
aus ihrer seit Jahrzehnten entwickelten, schon _vor_ dem Raskolnikow
und Oblomow angebahnten Verirrung und Versumpfung aufzurtteln und zu
neuem Widerstande gegen die in Ruland herrschenden politischen
Mistnde zu beseelen.

Da der Ssanin nach seinem Erscheinen in unreifen Gehirnen und
krankhaften Organismen der russischen Jugend mancherlei Miverstndnisse
und Verwirrungen anrichtete, das ist dem Dichter und seinem Werke
ebensowenig zur Last zu legen, wie die nationale und kulturelle Wirkung
Goethes durch die Tatsache zu belasten wre, da sich nach dem
Erscheinen der Leiden des jungen Werthers ein paar sensible
Schwchlinge aus trichter Eitelkeit erschossen. Geniale dichterische
Werke pflegen nach einigen Erschtterungen, die sie bei Unverstndigen
anrichten, reinigend zu wirken und gesunde Erneuerungen des Lebens
vorzubereiten.

Mnchen, den 29. Januar 1909.

                                                gez. Ludwig Ganghofer.


                              7. Gutachten

      von Dr. Franz Muncker, Professor an der Universitt Mnchen.

                                              Mnchen, 7. Januar 1909.

Ein Sachverstndigengutachten ber den Roman Ssanin von Artzibaschew
in dem ganzen Umfang, wie es von mir gefordert wurde, kann ich nicht
abgeben:

Zunchst kann ich ber den Wert der Uebersetzung nur mit Einschrnkung
urteilen. Das russische Original liegt mir nicht vor, und auch wenn dies
der Fall wre, wrde meine -- ziemlich drftige -- Kenntnis der
russischen Sprache nicht ausreichen, da ich wirklich ber die Treue und
Gte der Uebersetzung sprechen drfte. Von meinen nheren Kollegen an
der Universitt wre dazu meines Wissens am ersten Professor Dr.
Krumbacher befhigt. Ich kann nur beurteilen, ob das Deutsch, das der
Uebersetzer schreibt, gut und knstlerisch ist. Darin sind mir hie und
da kleine grammatikalische Sorglosigkeiten, bisweilen auch eine allzu
russisch klingende Wendung aufgefallen; im ganzen aber ist die
sprachliche Darstellung ungezwungen, frisch und gewandt: die
Uebersetzung liest sich wie ein gutes deutsches Originalwerk.

Auch ber den kulturhistorischen Wert des Romans habe ich kein
eigentliches Sachverstndigenurteil. Von Berufs wegen gehen mich die
kulturellen Verhltnisse des modernen Ruland nichts an; was ich von
ihnen wei, stammt in der Hauptsache aus den Quellen, aus denen sich
jeder andere Gebildete ebensogut wie ich ber solche Dinge unterrichten
kann, aus Zeitungen oder aus Gesprchen mit Leuten, die mehr davon zu
wissen scheinen. So vermag ich nicht mit Sicherheit darber zu urteilen,
ob Ssanin wirklich, wie es in der Vorrede der deutschen Ausgabe heit,
die sexuelle Revolution in Ruland hervorgerufen hat, oder ob er nur ein
knstlerisches Abbild von dieser Revolution gibt.

Da jedoch die in ihm gekennzeichneten philosophisch sittlichen
Anschauungen und Freiheiten des geschlechtlichen Lebens tatschlich der
Wahrheit entsprechen, steht nach den Berichten der Zeitungen auer
Frage. Auch knnte ich mich dafr auf besttigende Aeuerungen berufen,
die eine der ersten Persnlichkeiten der Petersburger Universitt,
Staatsrat Th. v. Zielinski, hiesigen Freunden -- namentlich auch dem
Geheimrat Professor Dr. Crusius hier, dem ich den Roman zu rascher
Lektre gab, eben weil ich wute, da Zielinski gerade mit ihm ber
diese russischen Verhltnisse ausfhrlich gesprochen hatte; Crusius,
einer der grten Kenner alter und neuerer Literatur, stimmt brigens in
allem Wesentlichen meinem Urteil ber Ssanin bei -- gegenber getan
hat. Durch diese Wahrheit des Inhalts gewinnt der Roman Ssanin,
gleichviel wie seine Bedeutung in Ruland selbst geschtzt wird, fr uns
deutsche Leser allerdings einen hohen kulturgeschichtlichen Wert; und
insofern verdient er zweifellos ins Deutsche bersetzt zu werden. Da er
in Ruland verboten worden ist, kann dabei nicht in Betracht kommen. In
Ruland wird manches von der Zensur unterdrckt, was bei uns als
vortrefflich gilt. Den Roman Ssanin verbot man dort, weil man frchtete,
sein Inhalt mchte der dortigen Jugend gefhrlich werden, weil man sah,
da diese Jugend die in dem Roman geschilderte freie Liebe und berhaupt
die Lebensanschauung des Titelhelden in wildem Rausche praktisch zum
Gesetz erheben wolle. Diese Gefahr besteht bei uns durchaus nicht, weil
bei uns die ganze revolutionre Grung, berhaupt die politisch sozialen
Voraussetzungen fehlen, die in Ruland solchen Bestrebungen die Wege
bahnen.

Unbestreitbar aber verdiente Ssanin auch um seines literarischen
Wertes willen die Uebersetzung ins Deutsche. Mit groer Kraft und Kunst
zeichnet der Verfasser eine Reihe von Personen lebenswahr und
psychologisch sorgfltig in allen ihren Gedanken, Empfindungen, Reden
und Handlungen individuelle Charaktere, die zugleich bedeutsame Typen
der verschiedenen Arten von Menschen sind, mit nicht geringerer Kunst
erzhlt er eine Reihe von Vorgngen, die sich zu einem lebensvollen
Gesamtbilde zusammenschlieen, und trotz der Breite, mit der er das
Meiste in ihnen ausmalt, trotz mancher ermdenden Einfrmigkeit der
einzelnen Geschehnisse wei er sehr wohl den Leser dichterisch
anzuziehen, zu spannen und zu fesseln. Ohne falsche Ueberladung, aber
anschaulich und wirksam schildert er bald die Natur, bald Einzelheiten
aus dem sozialen Treiben. Ausfhrliche Gesprche ber Religion,
Christentum, philosophische Weltanschauung flicht er ein, um die
wechselnden Gedanken und Bestrebungen der russischen Jugend genau zu
beleuchten. Diese Gesprche erstrecken sich oft ber Dutzende von
Seiten; ihnen sind unter anderem die Kapitel 23-25 (S. 276-311), 31-33
(S. 378-409) usw. gewidmet. Mehr als alles brige beweisen diese
umfangreichen und nicht immer gerade kurzweiligen Abschnitte, wie ernste
Absichten der Verfasser mit seinem Roman verfolgte. Wer mit unreinen
sinnlichen Begierden zu dem Buche greifen wrde, den mten diese
Abschnitte unbedingt abschrecken. Er kme aber auch sonst wohl nicht auf
seine Rechnung, obwohl von geschlechtlichen Regungen und Handlungen
mehrfach in dem Roman die Rede ist. Was der Verfasser an solchen Stellen
erzhlt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und
der Zustnde, um die es sich handelt, knstlerisch und psychologisch
geradezu notwendig; wie er es aber erzhlt, beweist durchaus den
vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt
und von jeder Lsternheit weit entfernt ist.

Ich gehe sogleich zu den einzelnen Stellen ber, die in dem
gerichtlichen Schreiben an mich vom 28. Dezember 1908 besonders
hervorgehoben sind.

S. 88-90. Die Hingabe Lydas an Sarudin ist eines der Grundmotive des
Romans, als solches daher unentbehrlich. Die Darstellung dieser Hingabe
ist ganz sachlich, fast nchtern, von jeder Beschnigung durch den
Erzhler, von jeder lstern schlpfrigen Ausmalung frei; streng genommen
wird nur das fieberhafte Verlangen Lydas vor dem Akt der Hingabe selbst
charakterisiert und zwar durch kurze Andeutungen. Fr kleine Mdchen und
unreife Jngelchen sind diese Andeutungen freilich nicht, der
ausgewachsene, normal empfindende Leser aber kann in ihnen nichts
Unsittliches entdecken.

S. 94 u. 96. Wo hier berhaupt etwas Unsittliches liegen soll, kann ich
nicht herausbringen. Ebenso geht es mir bei S. 211-213 und 465-466.

S. 196-197. Es handelt sich um die Charakteristik eines gemeinen
Lstlings, deren Berechtigung in einem Roman kein literarisch
verstndiger Mensch leugnen wird. Dieser Charakteristik dient die rohe
Rede. Aber der Verfasser streicht selbst das roheste Wort und deutet es
nur unbestimmt an, so da es der Leser nicht einmal mit Sicherheit
ergnzen kann. Er weicht hier also geradezu dem aus, was das Schamgefhl
des Lesers verletzen knnte.

S. 231-233 und 236. Eine sittlich verwerfliche Anschauung wird von dem
Helden des Romans ausgesprochen, den der Dichter aber keineswegs als
Ideal gezeichnet hat, dessen Gesinnungen er in keiner Weise billigt.
Dabei werden verschiedene rcksichtslose Ausdrcke (z. B. das Wort
schwanger) gebraucht, allein noch besonders hervorgehoben, da diese
unverblmte Rede die schuldige Hrerin aufs tiefste beschmte. Wie diese
Stellen aber das Sittlichkeitsgefhl des normal empfindenden Lesers
verletzen sollen, ist mir unfabar.

S. 246-248. Ssanins Worte sind roh, aber ohne jeden lsternen,
geschlechtlich erregenden Sinn. Die knstlerische Wahrheit erforderte
brigens gerade hier unbedingt die Roheit des Ausdrucks, und die grbste
Stelle in Ssanins Rede (S. 248) ist vom dichterischen Standpunkt aus
ebenso notwendig wie etwa die Schimpfwrter, die der sterbende Valentin
in Goethes Faust ausstt.

S. 316-318. Wieder handelt es sich um die Charakteristik zweier elender
Gesellen, die der Verfasser berdies wiederholt als schamlos bezeichnet.
Ganz objektiv nchtern berichtet er ber ihre gemeinen Reden, die er
verurteilt, deutet aber von diesen Reden nur das Ntigste an, und lt
ihre unzchtig-witzige Pointe nicht einmal ahnen. Die Stelle ist
geradezu ein Beweis dafr, da er nichts weniger als lstern wirken
will, sonst htte er von dem Gesprch der erbrmlichen Patrone, sogar
mit einem Schein von knstlerischer Berechtigung, viel mehr mitteilen
knnen. Was er sagt, ist kaum unsittlicher als was bei einer Verhandlung
ber seinen Roman im Gerichtssaal Anklger und Verteidiger auch sagen
mten. Denn auch aus seinen Worten klingt berall der sittliche Ernst
heraus; sein sittliches Urteil schwankt nicht einen Augenblick, hier so
wenig wie an anderer Stelle des Romans.

S. 419-421. Das Gesprch der zwei Mnner, ob man eine nackte Frau
betrachten drfe oder nicht, ist rein theoretisch, von jeder Roheit oder
Niedrigkeit frei, die folgende Szene aber, wie beide die badenden
Mdchen beobachten, ist so einfach, fast naiv, jedenfalls dichterisch so
hbsch, da sie einen gebildeten, rein empfindenden Leser ebenso wenig
verletzen kann, wie etwa ein schnes Gemlde, das eine nackte Frau
zeigt. Jede unsittliche Wirkung ist hier ausgeschlossen, wenn die
Phantasie des Lesers nicht an sich schon verdorben ist.

S. 430 u. 435. Rein sachlich, ohne Lsternheit von seiten des
Schriftstellers, wird hier ausgesprochen, da sich in die Liebesgedanken
Juriis auch sinnlich begehrliche Vorstellungen einmischen. Solange nicht
bewiesen wird, da so etwas bei einem jungen Mann, der von wirklicher
Liebe erfllt ist, niemals vorkommt, kann ich das Anstige oder
Verwerfliche dieser Darstellung nicht verstehen.

S. 439-443 und 470-473. Sinnlich geschlechtliche Vorgnge werden hier
allerdings dargestellt, aber in sachlicher, nchtern objektiver Weise
ohne lsterne Zutat. Die Vorgnge selbst sind im Gefge des Romans
unentbehrlich; die Form der Darstellung aber kann nicht unzchtig
wirken, weil sie einen rein geschichtlichen Charakter trgt. Wollte man
um dieser Szenen willen das Buch verurteilen, so mte man vorher
zahllose Werke alter und neuer Literatur verbieten, so z. B. allerlei
griechische, lateinische, italienische, franzsische, englische, ltere
wie moderne deutsche Dichtungen berhmter Autoren, besonders auch
mehrere Erzhlungen Wielands und Heinses, die viel reicher an hnlichen,
nur zwanzigmal sinnlicheren Stellen sind als der Roman Ssanin.

S. 494. Auch hier fehlt jede Lsternheit in dem geschichtlich nchternen
Bericht, von Unsittlichkeit kann keine Rede sein.

Ueberblicke ich alle diese Stellen auf einmal und fasse zugleich den
Sinn und Inhalt des ganzen Romans zusammen, so kann ich nirgends etwas
wahrnehmen, was als unzchtig gelten knnte. Regungen einer starken
Sinnlichkeit werden in den Personen des Romans geschildert, entsprechend
den kulturgeschichtlichen und sozialen Absichten, die der Verfasser als
knstlerischer Darsteller der modernen russischen Jugend verfolgt. Das
Buch ist somit keine Lektre fr unreife Leser, fr Kinder oder fr
Ungebildete. Solche knnten sich allerdings an einzelne unverstandene
Szenen halten und dann allerlei Ansto daran nehmen; die Schuld daran
trge aber nur ihr eigener literarisch und moralisch nicht gengend
ausgebildeter Geist. Normal empfindende Leser, die auch die ntige
knstlerische Bildung besitzen, knnen meines Erachtens unmglich in
ihrem Scham- und Sittlichkeitsgefhl durch diesen Roman verletzt werden;
solche Leser werden vielmehr die Anklage und eine etwaige Verurteilung
des Romans, wenn diese aus mir unbekannten juristischen Grnden mglich
sein sollte, nicht verstehen knnen.

                                               gez. Dr. Franz Muncker.


                              8. Gutachten

            des kgl. Oberstudienrats J. Nicklas in Mnchen.

Der Roman Ssanin von Artzibaschew ist nach meiner Meinung eine
Publikation ohne knstlerischen bezw. literarischen Wert. Das Werk, das
die jetzige Jugend Rulands schildern will, wie sie von revolutionren
Ideen und Handlungen zur Erotomanie berging, entbehrt vor allem des
Rckgrates eines jeden literarischen Kunstwerks, der Handlung und der
Charaktere. Der Verfasser lt seine Helden, die mit Ausnahme des
Egoisten Ssanin blasierte, abgelebte, lsterne, erbrmliche junge Leute
sind, lediglich Zigaretten rauchen, in breiter, selbstgeflliger und
geschwtzigster Weise ohne tiefere Kenntnis der Welt ber alles
mgliche, namentlich ber ihre weltschmerzlichen Gefhle Raisonnements
anstellen; da sie sich in ihrem berreizten Empfinden in der Welt nicht
zurechtfinden und keinen Begriff von der Bedeutung der Pflicht und der
Arbeit haben, gefallen sie sich fortgesetzt in nichtigen
Gefhlsentladungen und suchen den Wert des Lebens in der Befriedigung
sexuellen Genusses. Nur die Darstellung der psychologischen Vorgnge in
der Brust der gefallenen Mdchen Lyda und Karssawina erhebt sich zu
einer gewissen literarischen Bedeutsamkeit.

Die Uebersetzung ist in flieender und gewandter Sprache gegeben, wenn
sie auch nicht immer frei ist von Inkorrektheiten.

Eine kulturhistorische Bedeutung, wie sie etwa Goethes Werthers Leiden
hat, oder gar einen wissenschaftlichen Wert kann ich dem Buche nicht
beimessen; denn auch ohne diesen Roman hat die Welt Kenntnis von den
gegenwrtigen soziologisch wichtigen Verhltnissen Rulands und von
seiner Jugend. Diese Bedeutung kann das Werk schon deshalb nicht haben,
weil das Geschlechtsproblem nicht in ernster, zurckhaltender und
taktvoller Weise behandelt ist, sondern weil die Absicht des Verfassers
immer wieder allzu deutlich hervortritt, unter dem Deckmantel
knstlerischer Offenbarung auf den Kitzel niedriger Sinnlichkeit und auf
gemeine und teilweise perverse Instinkte zu spekulieren. Geradezu
abstoend, ekelerregend und schamlos sind die unfltigen Szenen, in
denen ausfhrlich, eingehend und mit breiter Behaglichkeit dargestellt
wird, wie Sarudin gegenber Lyda, sowie Jurii und besonders Ssanin dem
Mdchen Karssawina gegenber sich benehmen. (S. 211 ff., 430 ff., 439
ff., 470 ff.)

Diese Darstellungen haben mit Kunst gar nichts zu schaffen, da sie nicht
die mindeste sthetische Befriedigung hervorrufen und himmelweit
entfernt sind von einer Erhebung zu hherer sittlicher oder sthetischer
Auffassung; sie gehen nur darauf aus, die Lsternheit zu erwecken.

Schon diese Stellen allein wrden das Urteil rechtfertigen, da das Buch
geeignet ist, eine Verwirrung in die Vorstellungen von Sittlichkeit zu
bringen; aber auch noch viele andere Partien sind geeignet, die normalen
sittlichen Empfindungen der Leser zu verletzen. (S. 233, 248 ff., 311,
316 ff., 338, 419 f., 494.)

Auch das Vorwort, besonders S. VIII, wo von der Organisation der
Ssaninisti und von Verbindungen zum freien Geschlechtsgenu unter
Gymnasiasten und Gymnasiastinnen die Rede ist, ist angetan, die Jugend
sittlich zu gefhrden; es ist dies umsomehr zu befrchten, als
anzunehmen ist, da das Buch, falls es frei gegeben wrde, besonders von
der Jugend gelesen werden wrde.

Die Rcksicht auf die krperliche und seelische Gesundheit unserer
Jugend verlangt gebieterisch, die deutsche Jugend vor der Lektre
solcher literarischer Erzeugnisse zu schtzen, und zwar umsomehr, als
die Welt nichts verliert, wenn das in Ruland beschlagnahmte Buch auch
in Deutschland verboten wird.

Mnchen, 15. Januar 1909.

                                   gez. J. Nicklas, K. Oberstudienrat.


                              9. Gutachten

           des Dr. H. Schneegans, Univ.-Professor, Wrzburg.

Dem mir im Schreiben des kgl. Untersuchungsrichters E. A.-V.-Z. VII
610-08 Tab. Nr. 73/08 E. vom 28. Dezember 1908 auferlegten Auftrage, ein
Gutachten abzugeben ber den literarischen und kulturhistorischen Wert
des Romans _Ssanin_ von Artzibaschew, ber die wissenschaftliche
Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen in ihm und die Gte der
Uebersetzung, sowie darber, ob die Darstellung geschlechtlicher
Vorgnge (s. insbesondere S. 88-90, 94, 96, 196-197, 211-213, 231-233,
236, 246-248, 316-318, 419-421, 430, 435, 439-443, 445-446, 470-473,
494) durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaen in den
Hintergrund gedrngt wird, da das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des
normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird, erlaube ich mir im
folgenden nachzukommen.

Zunchst glaube ich feststellen zu mssen, da nach meiner Ansicht im
Roman von einer _wissenschaftlichen_ Bedeutung oder Tendenz keine Rede
sein kann. Ich wte nicht, welche wissenschaftlichen Zwecke hier
vorherrschen sollten. Eine wissenschaftliche Belehrung ber erotische
Fragen will der Roman nicht geben. Er ist nicht wissenschaftlicher als
irgend ein anderer Roman. Es wre ein ungerechtfertigter Mibrauch, wenn
er diesen Namen beanspruchen wollte. Eine andere Sache ist es natrlich,
ob man vielleicht in spterer Zeit aus der Darstellung erotischer
Vorgnge, resp. der Errterung erotischer Fragen in diesem Roman fr
eine Kulturgeschichte Rulands im zwanzigsten Jahrhundert Nutzen wird
ziehen knnen. Das glaube ich allerdings, doch gilt das mutatis mutandis
von jedem kulturgeschichtlich interessanten Roman.

Was die _literarische_ Bedeutung des Romans betrifft, so ist er an und
fr sich als dichterische Komposition nach meinem Dafrhalten keine
hervorragende Leistung. Die ziemlich lose aneinander gereihten Bilder
der Liebesverhltnisse miger russischer Kleinstdter vermgen kein
sonderliches sthetisches Interesse zu erwecken. Es fehlt dem Roman an
Geschlossenheit der Handlung und an der Erzhlung einer spannenden
Begebenheit, die Personen sind nicht alle scharf gezeichnet, einige
Nebenfiguren heben sich nicht von den andern ab. Im schnsten gelungen
ist die Schilderung der Naturvorgnge und am tiefsten die Darstellung
der psychischen Zustnde der einzelnen Personen.

Die wirkliche Bedeutung des Romans ist aber gewi nach der
_kulturgeschichtlichen_ Seite zu suchen. Darber sagt treffend das
Vorwort S. VIII: Man wird die gegenwrtige Epoche, also die, welche die
revolutionre ablste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen
knnen, ohne den Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den
Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen. Nach dem Scheitern der
Revolution zog sich die Intelligenz in Ruland, wie aus S. X, XI
hervorgeht, von der Politik zurck. Man suchte nach dem Neuen. Dieses
Neue fand man, wie es scheint, in der praktischen Ausbung der freien
Liebe. Man sah, da es Gebiete des tglichen Lebens gab, die, trotzdem
sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals
htte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem
Zeitpunkt das erlsende Wort fr die unbewuten Empfindungen
gesprochen worden wre. Dieses Wort sprach Ssanin aus. Deshalb gilt
nach dem Vorwort Artzibaschew als der charakteristische Vertreter des
heutigen Ruland. Der Roman scheint ungeheuren Anklang gefunden zu
haben, da nach kurzer Zeit die 10000 Exemplare der ersten Auflage
vergriffen waren. Fr jeden gesunden Menschen, heit es im Vorwort S.
XII ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollstndig
eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin
nun kommt Ssanin den oben erwhnten sozialen Unterstrmungen entgegen
und weist ihnen den offenen Weg. Wenn das in der Tat in Ruland
zutrifft, so bedeutet das fr die russische Gesellschaft zugleich den
Bankerott in sittlicher und infolgedessen auch in politischer Beziehung.
Deshalb drfte in letzterer Hinsicht das Buch weit entfernt sein, eine
Gefahr fr die russische Regierung zu bedeuten. Die schwachen, jedem
Liebestaumel sofort erliegenden und bei jeder Schwierigkeit zum
Selbstmord als letzter Zuflucht greifenden Menschen, die der Roman
darstellt, sind keine Revolutionre, die den Staat in irgend welche
Gefahr strzen knnten. Ssanin, der Held des Romans, ist ein
blasierter, gleichgltiger, kalter Egoist. Er hat so wenig Piett
gefhlt, da er z. B. seine Mutter als Idiotin bezeichnet, er hat so
wenig Sinn fr Freundschaft, da er auf dem Grabe eines Freundes, dem er
die Geliebte geraubt hat, als man ihn bittet, auf ihn eine Grabrede zu
halten, antwortet: Was ist hier zu reden? Die Welt ist um einen
Dummkopf rmer geworden, das ist alles; er ist so frei von moralischen
Bedenken, da er z. B. seiner schwangeren Schwester den Rat erteilt, sie
mchte die Frucht ihres Leibes abtreiben. Den hchsten Zweck der
Menschheit erblickt er in folgendem: Er trumt immer von der
glcklichen Zeit, wo zwischen den Menschen und dem Glck nichts mehr
stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm
zugnglichen Genssen hingeben kann ... Die Menschen sollen die Liebe
genieen ... ohne Furcht und Entsagung ... ganz schrankenlos ... Und
dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von
Zuflligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern. S. 469. Und
diese Freiheit gilt nach diesem russischen Evangelium ebenso fr die
Frauen wie fr die Mnner. Heit es doch nach S. 179: Entweder msse man
ewige Keuschheit bewahren oder sich _und auch der Frau_ natrlich volle
Freiheit gewhren, um sich dem Genu der Liebe und Leidenschaft voll und
ganz hinzugeben. So werden wir uns nicht wundern, da Ssanin dem
Liebhaber seiner Schwester Nowikow gegenber es zu rechtfertigen sucht,
da sie sich einem andern Mann vorher hingegeben hat. Es sei nicht
schlimmer, als wenn _er_ eine Frau vorher geliebt habe. Und diesem
Gedanken gibt er den drastischen Ausdruck: Wie oft bist du auf dem
Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier
gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund.

Aus dieser Stelle mag sogleich hervorgehen, wie kra die Ausdrucksweise
des Buches ist. Da ein Roman, der in Liebesfragen eine so vollstndige
Freiheit predigt, auch in der Schilderung erotischer Dinge kein Blatt
vor den Mund nimmt, ist selbstverstndlich. Freilich einige der oben als
das sittliche Gefhl besonders verletzenden angefhrten Stellen sind im
Ausdruck nicht so sehr derb. (S. 94, 96, 196-197, 211-213, 430, 435,
465-466, 494.) -- Dagegen sind die Stellen 88-90, 316-318, 419-421,
439-441, 472 recht krftig. Immerhin sprechen sie nicht in
unverhllterer Weise von erotischen Dingen als zahlreiche Stellen in den
Romanen Zolas (so in Nana, Pot Bouille, Germinal, Fcondit, oder in
Daudets Sapho, oder in zahllosen anderen franzsischen Romanen, die in
aller Hnden sind. Ob obige Stellen das Scham- und Sittlichkeitsgefhl
des normal empfindenden Lesers verletzen, ist sehr schwer zu sagen.
Einem in der modernen Literatur nur einigermaen bewanderten Leser
werden sie nicht besonders auffallen. In der antiken Literatur oder der
Renaissanceliteratur aller Kulturvlker, namentlich Italiens und
Frankreichs, finden sich Stellen, die noch viel freier von der
physischen Liebe reden. Eine Lektre fr die heranwachsende Jugend ist
das Buch natrlich nicht. Doch ist es weniger die Darstellung erotischer
Vorgnge, als die Predigt einer ganz schrankenlosen, ber jedes
sittliche Bedenken sich hinwegsetzenden egoistischen Liebe -- oder um
dieses schne Wort nicht zu entwrdigen, Befriedigung niederer Instinkte
--, die auf die Jugend verderblich wirken knnte. Ein in seinen
Grundstzen nur einigermaen gefestigter Leser wird das Buch viel eher
als document humain auffassen und auf die wenig interessanten
Persnlichkeiten des Buches das Wort Dantes anwenden: _Non ragioniam di
lor, ma guarda e passa._ (Sprechen wir nicht von ihnen; schau sie an und
gehe deines Weges).

Was endlich die Uebersetzung anlangt, so ist ber die Gte derselben ein
wissenschaftliches Urteil nicht abzugeben, wenn man nicht das Original
zum Vergleich daneben hlt. Uebrigens wre es mir gegebenenfalls nicht
mglich, diesen Vergleich anzustellen, da ich kein Russisch verstehe. So
kann ich denn nur im allgemeinen sagen, da die Uebersetzung sich leicht
und flssig liest. Nur einige Ausdrcke fielen mir auf, die sich deutsch
merkwrdig ausnehmen. So S. 11, wenn von dem _gedunsenen_, aber gut
gebauten und krftigen Krper die Rede ist, oder den Ausdruck S. 24
Als Lyda an den Mnnern vorberschritt, _zog_ sie den ganzen Krper ein
wenig an oder S. 48 wenn vom versterbenden Tag gesprochen wird, oder
S. 242 Was _gehst_ du denn gleich in die Hhe? statt springst du
oder etwas hnliches.

Damit meine ich auf alle Punkte, ber die ich befragt worden bin, eine
Antwort erteilt zu haben. Eines kgl. Landgerichts hochachtungsvoll
ergebener

                         gez. Dr. H. Schneegans, Kgl. Univ.-Professor.


                             10. Gutachten

                          von Wilhelm Weigand.

Der Aufforderung des K. Landgerichts Mnchen 1. ein Gutachten ber den
russischen Roman Ssanin von Artzibaschew (bersetzt von Andr Villard
und S. Bugow, Georg Mllers Verlag) abzugeben, komme ich hiermit nach.

Ich mchte gleich bemerken, da ich das Einschreiten des Staatsanwalts
gegen das Buch fr einen ganz entschiedenen Migriff halte. Man mag ber
den dichterischen Wert des Romans verschiedener Meinung sein; aber die
groe kulturhistorische Bedeutung des Buches steht auer Frage. Das
ganze gebildete Lesepublikum Europas ist darber einig. Der Roman
Ssanin ist ein hochbedeutendes Dokument des gegenwrtigen russischen
Lebens, auf das der Betrachter und Forscher immer wieder zurckkommen
wird, schon weil sein Einflu und seine Wirkung historisch geworden
sind. Er nimmt eine hnliche Stellung ein, wie sie Turgenjeffs Roman
Vter und Shne fr die ltere Generation in Ruland hatte. Ich
gestehe, da ich viele Momente des gegenwrtigen geistigen Lebens in
Ruland erst nach der Lektre dieses Buches verstanden habe. Der Autor
zeigt, wie die Kontre-Revolution auf die sogenannten Intellektuellen
gewirkt hat; er zeigt, wie die westeuropische Naturwissenschaft
(Darwin, Haeckel) und die Ideen Nietzsches auf die Jugend wirken. Der
Einflu, den der Roman in Ruland hatte und auch in der Presse vielfach
errtert wurde, ist bezeichnend fr die Krise, die die russische
Gesellschaft gegenwrtig durchmacht. Die Wirkung, die das Buch in
Ruland hatte, ist fr Deutschland und Westeuropa ausgeschlossen.

Ueber den dichterischen Wert des Ssanin kann man, wie gesagt,
verschiedener Meinung sein; er ist nicht so gro wie der
kulturhistorische. Der Held ist eine konstruierte Gestalt. Er ist mehr
dazu da, die anderen zu treiben, als da er selbst handelnd eingriffe.
Das ist echt russisch. Das Buch ist ferner, wie die meisten russischen
Romane, nicht besonders gut komponiert, aufgebaut. Doch dies sind
Fragen, die nur insofern zur Erwgung stehen, als sie die Frage nahe
legen, ob der Roman fr Massenabsatz geeignet ist. Es fehlt aber
durchaus nicht an sehr schnen dichterischen Stellen in dem Buch.
Keinesfalls aber hat der Autor Zwecke verfolgt, die im Sinne unseres
Strafgesetzbuches verfolgbar wren. Die Stellen, die durch die
Darstellung geschlechtlicher Vorgnge auf das Scham- und
Sittlichkeitsgefhl des Normallesers verletzend wirken sollen, sind im
Verhltnis zu dem dickleibigen Roman gar nicht zahlreich. Einen
sogenannten _Normalleser_, der von dem Staatsanwalt namhaft gemacht
wird, kenne ich allerdings nicht. Es kann, wie jeder ohne weiteres
zugeben wird, sehr wohl sein, da sich einzelne Leute, die gewissen
Kulturschichten angehren, durch die inkriminierten Stellen verletzt
fhlen; aber es gibt hundert Meisterwerke der Weltliteratur, von denen
man dasselbe sagen kann: Goethe, Shakespeare, um nur die Grten zu
nennen, bieten Gelegenheit zu derartigen Schnffeleien. Der Autor ist
ferner durch die Schilderung erotischer Vorgnge in keiner Weise aus dem
knstlerischen Ton des Buches herausgefallen, es ist einheitlich. Er
unterstreicht nichts, um der Sensation willen. Er gibt nur das Ntigste.
Er treibt Psychologie als Russe, und wir wissen, in welcher Weise die
groen russischen Romandichter die analytische, oder sagen wir,
zerfasernde Methode lieben. Als Knstler konnte er die psychologische
Zergliederung der erotischen Momente gar nicht auer acht lassen, und er
hat es ohne jede Nebenabsichten getan.

Ich wiederhole noch einmal, da sich das Buch an Intellektuelle wendet.
Nur fr solche kann der Roman Interesse haben; denn stofflich ist er
nicht allzu reizend fr europische Leser, und schon dadurch, da er
sich an das gebildete Publikum wendet, ist die Gefahr, da er
demoralisierend wirken knne, ganz ausgeschlossen. Wohin kommen wir,
wenn schon solche Dokumente der Zeit nach Einzelheiten beurteilt werden,
die eine reine Geschmacksfrage, aber keine Moralfrage sind!

Ich kann also nur betonen, da ich das Vorgehen des Staatsanwalts gegen
den Ssanin fr einen sehr bedauerlichen Migriff halte. Es gibt in der
gegenwrtigen deutschen Romanliteratur viele Bcher, die viel
aufstachelnder wirken, obwohl kein Wort in ihnen steht, das eine uere
Handhabe zum Einschreiten bte. Auch hier heit es: _C'est le ton, qui
fait la musique._

Meinem Gutachten mchte ich zum Schlusse nur beifgen, da es mir nicht
mglich sein wird, der Verhandlung selbst anzuwohnen, da ich auf der
Pariser Nationalbibliothek fr einige Zeit beschftigt sein werde.
Meinem Gutachten knnte ich brigens auch mndlich im wesentlichen
nichts neues hinzufgen.

Mnchen, den 8. Januar 1909.

                                                 gez. Wilhelm Weigand.




                                Vorwort


Der Ssanin wurde zuerst fortsetzungsweise in der Zeitschrift Sowriemenni
Mir verffentlicht. Bei der Bedeutung, die die groen literarischen
Revuen fr das geistige Leben Rulands besitzen, ist es kein Wunder, da
man sofort ganz allgemein zu ihm Stellung nahm. Als der Roman dann in
Buchform erschien, war die erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen.
Die zweite folgte nach kurzer Zeit; das offizielle Verlagsregister gibt
ihren Umfang auf 10000 Exemplare an. Wenige Wochen spter wird sie auf
Anordnung der Zentral-Zensurbehrde konfisziert. Das ist fr die
Wichtigkeit, die man dem Roman in den Kreisen der russischen Regierung
beima, erwhnenswert; fr gewhnlich gehen die zensorischen Manahmen
von den Gouvernementsbehrden aus.

Aber das Verbot des Ssanin war ein Schlag ins Wasser; bei der
Konfiskation in den Buchhandlungen fand sich fast kein Exemplar mehr
vor. Auf diese zweite Auflage war sehnschtig gewartet worden; man hatte
schon in der Zwischenzeit fr gelesene Exemplare 30 und 40 Rubel
bezahlt; das Publikum verschlang auch diese Auflage in wenigen Tagen.
Einer dritten, die vor kurzem in Deutschland erschien, wird es wohl
hnlich ergehen; in keinem anderen Lande wie in Ruland sind Verbote nur
dazu da, um erlassen zu werden. Umgangen werden sie doch und von den
revolutionren Jahren her ist der Schriftenschmuggel eine liebgewordene
Ttigkeit.

Artzibaschew gehrt seit seinem Ssanin zu den Personen, deren Name
unumgnglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknpft ist. Durch seine
sozialen Wirkungen allein ist der Ssanin aus der Reihe der Werke, die
nur literarisch zu werten sind, ausgeschieden. Selbst wenn er nicht
durch seine knstlerischen Qualitten zu einer der wichtigsten
Erscheinungen in der modernen Literatur Rulands geworden wre, htten
ihm doch kulturhistorische Grnde bleibende Bedeutung gegeben. Man wird
die gegenwrtige Epoche, also die, welche die revolutionre ablste,
psychologisch und soziologisch nicht beurteilen knnen, ohne den Ssanin
als ihren charakteristischsten Niederschlag in den Mittelpunkt der
Betrachtung zu ziehen.

Es ist hier nicht der Platz, die Ereignisse in Ruland, welche sich um
diesen Roman kristallisiert haben, im einzelnen zu schildern. Der wilde
sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurckgeht, hat auch schon genug von
sich hren lassen. Die Organisationen der Ssaninisti, die
Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten
Geschlechtsgenu unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die
orgiastischen Klubs, die flschlicherweise behaupteten, die
Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve
taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit fr sich; es lohnt
sich nicht, ihrer Existenz durch Errterungen selbst absprechender Art
neues Leben zuzufhren.

Interessanter ist die Feststellung, wie es berhaupt dazu kam, da ein
ganzes Volk fr seine Gesamtuerungen mit einem Mal nur noch erotische
Beziehungen finden konnte. Und da ein einziges Werk -- eben der Roman
Ssanin -- gengt, um sie hervorzurufen und sie mit seinem Namen zu
decken. -- -- --

Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht.

Da leben hundert Millionen von Mushiks, die ihr Stckchen Feld
bestellen, sich bei Miernten zu Tode hungern, abwechselnd auch an
Epidemien zugrunde gehen, zwischendurch mit Vergngen den Kulak -- ihren
Dorfwucherer -- totschlagen wrden und auerdem darauf warten, da
einmal die groe Landaufteilung kommt. Und sie wird kommen, der
russische Mushik wird zum freien Bauern werden und aus den breiten
unberhrten Krften, deren Naivitt und Intensitt schon heute jeden
entzckt, der sie zum Vorschein kommen sieht, -- Tolstoi kennt sie,
Gorki nicht -- wird das groe, russische Volk erstehen.

Gegenwrtig existiert kein russisches Volk. Wohl aber eine russische
Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprgt.

Einst beschrnkte sie sich auf den Adel -- die Zeiten sind lngst
vorbei. Heute umfat sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe.
Die Reprsentantin des modernen Rulands ist die studierende Jugend, und
was ihr entstammt -- _die Intelligenz_! Dieses Wort wurde in Ruland
nicht umsonst zu einem soziologischen Begriff; es bezeichnet die Klasse,
an die die aktive Entwicklung des Volkes gebunden ist und in der sie
sich in politisch-soziale Formen umsetzt.

Die russische Intelligenz war Jahrzehnte lang revolutionr; so stand
ganz Ruland im Banne der Revolution. In dieser Epoche strmten
Weltanschauung, Moral, soziale Energien in dem einen groen Becken
zusammen -- -- -- Kampf gegen die bestehenden Verhltnisse. Fr das
Geschlechtsproblem war damals kein Platz. Die freie Liebe existierte
hchstens als ein Punkt des sozialistischen Programms. Aber auch ein
Punkt, von dem man nicht viel sprach, da man kein Interesse an ihm nahm.
Wer in jener Zeit und in jenen Kreisen wirklich ungetraut mit seiner
Frau zusammenlebte, stand auf der hchsten Spitze der Entwicklung; auf
den Gedanken, in der Liebe tatschliche Freiheit zu suchen, kam man
nicht. Man hatte ja auch gar keine Zeit, _die Liebe_ zu suchen, -- --
man suchte die Revolution. Sie beanspruchte alle Krfte; sie verlangte
viel. Sie war die stille Frau, der alle Empfindungen zugehrten, ohne
Sentimentalitt aber voll Innigkeit. Die freie Liebe der
Revolutions-Epoche war eine gesetzlich nicht geschtzte Einehe, die
monogamer gehalten wurde, als manche hochzeitliche Verbindung, vor und
hinter welcher der Pope stand. Und die revolutionre Bewegung, die
damals die gesamte Intelligenz umfate, htte ber jeden ihr wtendes
Anathema ausgesprochen, der es wagen wollte, gegen ihre so ganz
gewhnliche, so ganz gut brgerliche, so mehr als brgerliche Moral zu
verstoen.

Die Revolution ging in Stcke, die revolutionren Parteien zerfielen,
lsten sich auf; die Intelligenz zog sich von einer Bettigung zurck,
in der es nur, wenn man Glck hatte, ein vergngtes Ende am Galgen,
sonst ein langwieriges und -weiliges Hinvegetieren in Gefngnissen und
der Zwangsarbeit gab. Doch die aufgepeitschten Erregungen des nationalen
Temperaments lieen sich nicht einfach in die Ecke stellen. An ein
stillverlaufendes, gemigtes Leben war man nicht gewhnt; man konnte es
auch nicht werden, da die Manahmen der Regierung auf keinem sonstigen
Gebiet freie Bahn lieen.

Man suchte nach dem Neuen.

Die Organisationen der Anarchisten haben den Vorzug, noch ehe man an
Artzibaschew und seinen Ssanin dachte, den Weg dahin gewiesen zu haben.
Nachdem der offene revolutionre Kampf unmglich geworden war, fhrten
sie die terroristischen Aktionen in das Alltagsleben ein. Man warf
Bomben zum Morgenimbi und machte Expropriationen zum Nachmittagstee --
am Abend hing man am Galgen, -- eine Tageseinteilung, die auf die Dauer
auch den kaltbltigsten Menschen in besondere seelische Schwingungen
versetzen kann.

Derartige Vibrationen lsen sich am leichtesten in geschlechtlichen
Reizen aus; die terroristischen Gruppen der Anarchisten waren die
ersten, in denen die praktische Ausbung der freien Liebe zur Notdurft
wurde. Die Nachrichten hierber verbreiteten sich bald in den Kreisen
der russischen Gesellschaft, in der Intelligenz; man sah, da es Gebiete
des tglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar,
doch ganz annehmlich waren. Aber niemals htte man diesem Beispiel zu
folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlsende Wort fr
die unbewuten Empfindungen gesprochen worden wre.

Im Anfang steht das Wort; -- wenigstens in Ruland noch immer.

Man tut nichts, was einem nicht schwarz auf wei ins Haus getragen wird.

Und dieses Wort spricht Ssanin aus, um dieses Wortes willen ist
Artzibaschew der charakteristische Vertreter des heutigen Ruland.

Ssanin sieht, da die revolutionre Politik keinen persnlichen Nutzen
bringt, wie sie auch -- gegenwrtig -- nicht einmal einen sozialen Zweck
nachweisen kann. Da fr ihn weiter der persnliche Nutzen im sexuellen
Genu zu liegen scheint, kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht;
-- das erste und wichtigste ist wohl, da in diesem Ruland, wo man
bisher nur die eine Wertbemessung kannte -- wem anderem gereichen unsere
Handlungen zum Guten -- endlich einer hinausschreit: Ich lebe fr mich.
Ich pfeife auf unsere Konstitutionen der Welt, die uns nichts angehen.

Fr jeden gesunden Menschen ist in einem Lande, wo die geistige
Bewegungsfreiheit vollstndig eingeengt ist, die sexuelle
Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben
erwhnten sozialen Unterstrmungen entgegen und weist ihnen den offenen
Weg.

So wurde der Roman Ssanin zum Programm der Gesellschaft. Und als
Programm hatte er die ungeheuren Wirkungen, wie vor ihm nur drei Werke:
Jewgenii Oniegin, Vter und Shne, die Kreuzersonate. Die seinen sind
noch umfassender und eindringlicher, weil er sich in seinen
Gesichtspunkten an weitere Kreise wendet; er hat die Jugend hinter sich.

Ssanin ist sicher fr sein Land zu einem der revolutionrsten Werke der
Weltliteratur geworden. Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so
kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus
verndert zum Ausdruck gebracht. Und doch ist der Ssanin gleichzeitig
das Buch der Contre-Revolution. Nichts hat in Ruland die
sozialrevolutionre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war,
so endgltig der Zersetzung zugefhrt, wie Ssanin mit seiner erotischen
Suggestion.

Die Freudenfeste, die man in seinem Namen beging, waren die
Leichenfeiern der Revolution, und die russische Regierung htte wohl im
Grunde wenig dagegen einzuwenden gehabt, da die Jubelhymnen der
Ssaninisten das letzte Rcheln einer verendenden Emprung bertnten.
Doch die Ssaninisten, anscheinend froh, endlich die leidige
Konspirativitt, die traditionelle Geheimniskrmerei, beiseite werfen
zu knnen, hatten damit auch den behutsamen Stolz der vorangegangenen
Revolution verloren; sie wlzten sich zu laut, zu lrmend in ihrer
Erotomanie. So mute die Regierung, wohl mehr der Not gehorchend, als
dem eigenen Triebe, zur Konfiskation des Buches schreiten, das ihr wie
kein anderes Ereignis die Wege geebnet hat.

Immerhin; -- die einfachste Wahrheit der Tatsachen hat Artzibaschew fr
sich. Sein Roman packte so unwiderstehlich, weil sich jeder in ihm leben
fhlte. Wer nicht Ssanin ist, ist Jurii oder zum wenigsten Schawrow oder
Iwanow. Die Personen sind ber den Rahmen der Einzelschicksale
hinausgewachsen, sie sind zu Typen ihrer Zeit geworden. Auf ihren
Charakteren baut sich nun einmal das gesellschaftliche Leben auf;
dadurch werden sie zur Grundlage jeder kulturellen Betrachtung des
heutigen Ruland.

Artzibaschew war bisher in Deutschland unbekannt; der Ssanin ist das
Werk, welches ihn bei uns einfhrt! In Ruland gilt er seit langem als
einer der prgnantesten Vertreter der Jungen, die die psychologische
Darstellungsweise mit der Leichtigkeit realistischer Schilderung,
hauptschlich bei Behandlung erotischer Probleme, verbinden. Da er aber
nicht an ein enges Stoffgebiet gebunden ist, hat er in seinen Novellen
bewiesen, die mit seinen beiden besten Erzhlungen Millionen und Der
Tod des Iwan Lande in deutscher Uebersetzung erschienen sind.

                                                      _Andr Villard._




                                   I


Die wichtigste Zeit im Leben, in der sich unter dem Einflusse der ersten
Zusammenste mit Menschen und Natur der Charakter bildet, verlebte
Wladimir Ssanin fern von seiner Familie. Niemand beaufsichtigte ihn,
niemandes Hand leitete ihn, und die Seele dieses Menschen wuchs frei und
eigenartig heran, wie der Baum im Felde.

Viele Jahre hindurch war er nicht in der kleinen Stadt gewesen und als
er endlich zurckkehrte, erkannten ihn die Mutter und seine Schwester
Lyda kaum wieder: In den Gesichtszgen, in Stimme und Manieren hatte er
sich nur wenig verndert, aber doch zeigte sich an ihm etwas Anderes,
Unbekanntes, das im Innern herangereift war und das Gesicht mit einem
neuen Ausdruck durchleuchtete.

Es war gegen Abend, als er ankam, und er trat so ruhig in das Zimmer
ein, als ob er es erst fnf Minuten vorher verlassen htte. In seiner
hochgewachsenen, breitschultrigen Gestalt mit den hellen Haaren, in
seinen ruhigen und fast garnicht, hchstens in den Mundwinkeln,
spttischen Mienen, lag weder Aufregung noch Ermdung; die lrmende
Freude, mit der ihn die Mutter und Lyda empfingen, schwand wie von
selbst.

Solange er a und trank, sa ihm seine Schwester gegenber und schaute
ihn gerade an, ohne die Blicke abwenden zu knnen. Sie war in ihren
Bruder so verliebt, wie nur exaltierte, junge Mdchen ihre abwesenden
Brder zu lieben vermgen.

Lyda stellte sich den Bruder als einen ganz besondern Mann vor, dessen
Eigenart sie sich selbst aus den Bchern zusammengetrumt hatte. In
seinem Leben wollte sie einen tragischen Konflikt sehen: Kampf, --
Leiden, -- Einsamkeit einer gewaltigen Individualitt. -- -- -- --

Warum schaust du mich so grade an? fragte sie Ssanin lchelnd. Dieses
interessierte Lcheln bei dem in sich vertieften Blick der Augen war der
stndige Ausdruck seines Gesichts.

Und seltsam, -- dieses Lcheln, an sich hbsch und sympathisch, mifiel
Lyda von Anfang an. Es kam ihr selbstgefllig vor, und es schien ihr so
garnichts von Kampf und Leiden und Einsamkeit zu erzhlen.

Lyda schwieg und wurde nachdenklich, und, die Augen abwendend, bltterte
sie mechanisch in einem Buche.

Als das Mittagessen beendet war, streichelte die Mutter ihrem Sohne zart
und sanft Haar und Stirne und fragte:

Nun erzhle uns aber auch! Wie hast du dort gelebt, was hast du alles
getan? ...

Was ich getan habe? ... Ssanin wiederholte es lchelnd. Na, was
schon? ... A, trank, schlief, arbeitete auch mitunter, manchmal tat ich
auch garnichts, ... so ...

Anfangs schien es ihm peinlich zu sein, von sich selbst zu sprechen,
aber, als die Mutter sich sorgsam nach allem zu erkundigen begann, da
kam er ins Erzhlen und es machte den Eindruck, da er gern erzhle. Und
doch fhlte man heraus, da es ihm im Grunde ganz gleichgltig war, wie
sich die Andern zu seinen Reden stellten. Trotzdem er zrtlich und
aufmerksam blieb, lie sich in seinem Benehmen niemals die intime Nhe
eines verwandten Menschen spren, die von der ganzen Welt absondert, und
man konnte eher glauben, da all seine Zrtlichkeit und Aufmerksamkeit
von ihm so einfach und selbstverstndlich ausgestrahlt wurde, wie das
Licht einer Kerze. Fr alle gleich!

Sie traten auf die Terrasse hinaus, die in den Garten fhrte, und
setzten sich auf die Stufen nieder. Lyda machte es sich auf einer
tieferen mglichst bequem, und lauschte ganz fr sich und schweigend,
dem, was der Bruder ihnen erzhlte.

Ein unfabarer, kalter Strahl lief durch ihr Herz. Mit dem scharfen
Instinkt des jungen Weibes empfand sie bereits, da ihr Bruder nichts
von ihren Phantasien in sich trug, und sie wurde dadurch unwillkrlich
eingeschchtert und befangen, wie einem Fremden gegenber.

Es war schon Abend, und ein weicher Schatten fiel auf alles. Ssanin
zndete sich eine Zigarette an; das leichte Aroma des Tabaks mischte
sich mit dem duftigen, sommerlichen Hauch des Gartens.

Er begann davon zu reden, wie ihn das Leben hin- und hergeschleudert
hatte, wie er bummelte, manchmal hungern mute; von seiner Teilnahme am
politischen Kampf und wie er sie wieder beiseite warf, als sie ihn zu
langweilen anfing.

Lyda hrte gespannt zu und sa unbeweglich, schn und etwas eigenartig
da, wie alle jungen Mdchen in der Frhlingsdmmerung. Immer klarer
wurde ihr, da sein Leben, welches sie sich in so feurigen Zgen
ausgemalt hatte, ganz einfach und gewhnlich war.

Zwar ... irgend etwas Besonderes klang noch daraus hervor, doch das, was
es sein mochte, konnte Lyda nicht erfassen. Im brigen aber blieb es
unwichtig und gleichgltig, ja, wie es ihr vorkam, sogar banal. Er
wohnte, wo es grad der Zufall mit sich brachte, tat, was ihm in die
Hnde fiel, arbeitete bald, bald bummelte er, alles scheinbar ohne Ziel;
nur trank er mit Vorliebe und kannte gut die Frauen. Hinter diesem Leben
lauerte nicht das schwere und dstere Schicksal, welches die
trumerische Mdchenseele Lydas zu sehen wnschte. In ihm herrschte
keine allumfassende Idee; er hate niemanden und litt auch um keines
Menschen willen.

Im Gesprch drngten sich Worte in seine Rede, die Lyda aus irgendeinem
Grunde unschn fand.

Kannst du denn auch nhen? ... unterbrach sie ihn einmal unwillkrlich
mit verletzendem Erstaunen; das schien ihr hlich und unmnnlich.

Frher hatte ich gewi keine Ahnung davon, aber als es sein mute, gut,
da lernte ich's eben, antwortete Ssanin mit seinem Lcheln; er empfand,
was in Lyda vorging.

Das Mdchen zuckte, ein wenig unbeholfen, mit den Achseln, schwieg aber;
sie starrte tief in den Garten, mit dem Gefhl, wie wenn man des Morgens
voller Trume an die Sonne erwacht und pltzlich den Himmel grau und
kalt erblickt.

Auch die Mutter ergriff eine drckende, lstige Bangigkeit. Es berhrte
sie schmerzlich, da ihr Sohn nichts dazu tat, um in der Gesellschaft
die Stellung einzunehmen, die sich fr ihn gebhrt htte. So begann sie,
darber zu reden, da man auf solche Weise nicht weiter fort leben knne
und da man wenigstens jetzt versuchen msse, sich anstndig
einzurichten. Zuerst sprach sie behutsam, noch in Furcht, den Sohn zu
verletzen; aber sobald sie bemerkte, da er nur oberflchlich hinhrte,
wurde sie ungeduldig und fing an, mit dem stumpfen Verdru einer Greisin
auf ihn einzureden, als ob er sie absichtlich gereizt htte.

Ssanin zeigte keine Verwunderung, wurde auch nicht bse; wie es schien,
hrte er kaum auf sie. Mit zrtlichen Blicken sah er sie vollkommen
gleichgltig an und schwieg. Nur auf ihre Frage:

Aber wie denkst du denn zu leben?

gab er gleichmtig zur Antwort:

So! ... Irgendwie! ...

Doch seine ruhige, feste Stimme und die hellen, nicht blinzelnden Augen
lieen erkennen, da diese zwei bedeutungslosen Worte fr ihn einen
allumfassenden Sinn voll tiefer Bestimmtheit hatten.

Maria Iwanowna seufzte, hielt einen Augenblick inne und sagte dann
traurig:

Nun, wie du es fr das Beste hltst. Es ist deine Sache. Du bist auch
kein Kind mehr ... Doch ihr solltet etwas in den Garten gehen. Seht nur,
wie schn es jetzt ist.

Gehen wir wirklich Lyda! Komm, zeig' mir einmal unsern Garten. Ich habe
schon ganz vergessen, wie es dort aussieht.

Lyda fuhr augenblicklich aus ihren Trumereien empor, seufzte ebenfalls
und stand auf. Langsam schritten sie miteinander den breiten Mittelweg
entlang in die feuchte, dunkle Tiefe hinein.

Das Haus der Ssanins lag an der Hauptstrae der Stadt. Aber die Stadt
war nur klein und der Garten lief direkt zum Flu herunter, an dessen
gegenberliegendes Ufer schon die Felder stieen. Das Haus war ein alter
Herrensitz mit nachdenklichen Sulen, von denen der Bewurf in Stcken
abgebrckelt war, und einer breiten Terrasse, die in den Garten fhrte.
Und dieser Garten war gro, verwachsen und lauschig; man konnte glauben,
da sich eine dichte, dunkelgrne Wolke an die Erde schmiegte.

Des Abends war es im Garten geheimnisvoll schaurig, als ob dort in dem
formlosen Gebsch, geradso wie in den verstaubten Mansarden des Hauses,
irgend ein altes, abgelegtes und trauriges Gespenst herumschleiche.

In dem oberen Stockwerke lagen weite, dunkle Sle und leere Gastzimmer
und im Garten war nur die eine Allee gangbar geblieben, auch sie war mit
abgebrochenen Zweigen und Blttern bedeckt; hin und wieder stie der Fu
an einen zertretenen Frosch.

Das ganze gegenwrtige Leben aber hauste still und bescheiden nur in
einer Ecke. Neben dem Hause schimmerte dort der gelbe Kies hervor,
krause Blumenbeete waren mit bunten Blten durchsetzt; ein hlzernes
Tischchen, an dem man bei gutem Wetter speiste und den Tee einnahm,
hatte dort seinen Platz. Diese ganze, kleine Ecke war von einfachem,
friedlichem Leben durchwrmt, soda sie nicht mit der dsternen
Schnheit des weiten, verwahrlosten Ortes verschmolz, der dem
unvermeidlichen Verfall geweiht schien.

Als das Haus im Grnen verschwunden war und um Ssanin und Lyda nur noch
die vertrumten Bume gleich lebendigen Wesen standen, legte er seinen
Arm um ihre Taille und sagte mit einer eigentmlichen Stimme, die
zrtlich und doch bedrckend klang:

Nein, bist du aber zu einer Schnheit herangewachsen. Mu der Mann
glcklich sein, dem du dich als Erstem hingeben wirst ...

Ein heier Strom zuckte aus seinem krftigen, wie aus Eisen
geschmiedeten Arm durch den schmiegsamen und zarten Krper Lydas.

Sie wurde verwirrt, erzitterte, und schwankte fast von ihm zurck, als
fhlte sie das Herannahen eines unsichtbaren Tieres.

Sie waren schon an den Flu herangekommen, wo man den feuchten Dunst des
Wassers roch, das spitze Schilf nachdenklich hin und her trieb und sich
den Blicken die breite Flche des andern Ufers ffnete, mit dem tiefen,
warmen Himmel und dem ersten Aufblitzen der Sterne.

Ssanin trat einige Schritte zurck und erfate irgendwo mit den Hnden
einen dicken, trockenen Baumast; er brach ihn geruschvoll ab und warf
ihn ins Wasser.

Zarte Kreise erwachten und liefen nach allen Seiten auseinander; das
Schilf am Ufer begann eilig zu nicken, als bestnde zwischen ihm und
Ssanin eine geheime Verbindung.




                                   II


Es war gegen ein Uhr mittags. Die Sonne strahlte hell, doch rckte schon
vom Garten wieder ein weicher, grnlicher Schatten heran. Licht, Stille
und Wrme bebten gespannt in der Luft.

Maria Iwanowna kochte Eingemachtes und unter der grnen Linde roch es
schmackhaft und eindringlich nach brodelndem Zucker.

Ssanin hatte sich seit dem frhen Morgen an den Blumenbeeten zu schaffen
gemacht; er bemhte sich eifrig, die Blumen, welche ihre Kpfchen unter
der Hitze und dem Staube sinken lieen, wieder aufzurichten.

Du solltest doch erst das Unkraut ausjten, rief ihm Maria Iwanowna
zu, indem sie versuchte, durch den blulichen, zitternden Dunst des
Herdes zu ihm herberzublicken. Sage es doch Gruschka, sie wird es dir
machen.

Ssanin hob sein schweibedecktes, heiteres Gesicht empor.

Wozu, sagte er und schttelte mit einer Bewegung das an die Stirn
geklebte Haar zurck, mag es doch wachsen. Ich liebe berhaupt jedes
Grn.

Ein komischer Kauz bist du! meinte die Mutter gutmtig die Achsel
zuckend; aber doch waren ihr seine Worte nicht angenehm.

Ihr seid selbst komische Kuze, rief Ssanin im Tone fester
Ueberzeugung und ging ins Haus, um sich die Hnde zu waschen; er kehrte
bald wieder zurck und lie sich behaglich in dem geflochtenen Korbstuhl
am Tische nieder.

Ihm war froh zumute, leicht und freudig. Das Grn, die Sonne, die Blue
des Himmels drngten sich in einem so starken Strahl in seine Seele, da
sie sich in dem weiten Empfinden vollkommenen Glckes breit ffnete.

Die groen Stdte mit ihrem eiligen Lrm und dem hastenden Leben waren
ihm zum Ekel geworden. Rings um ihn war Sonne und Freiheit und die
Zukunft bekmmerte ihn nicht, weil er bereit war, alles vom Leben
hinzunehmen, was es ihm bieten konnte.

Ssanin kniff die Augen zusammen und dehnte mit krftigem Behagen seine
gesunden Muskeln; dehnte und streckte sie. Es wehte eine stille, weiche
Khle durch den ganzen Garten; er schien tief und sanft aufzuseufzen.
Die Spatzen zwitscherten von irgendwo, zugleich nah und fern und der
gefleckte Foxterrier Mill lauschte, die rote Zunge heraushngend und das
eine Ohr aufgerichtet, nachlssig aus dem dichten, hohen Grase hervor.
Ueber seinem Kopfe rauschten leise die Bltter und ihre runden Schatten
bewegten sich lautlos auf dem glatten Sande des Weges.

Maria Iwanowna verdro die Ruhe ihres Sohnes. Sie liebte ihn ebenso wie
ihre anderen Kinder. Doch eben deshalb kochte es in ihr vor Erregung; --
sie wnschte, seine eigensinnige Klte anzupacken und zu verletzen; sie
wollte ihn zwingen, ihren Worten und ihrer Auffassung vom Leben Wert
beizulegen. Alle Augenblicke ihres langen Daseins durchwhlte sie wie
eine Ameise, die sich im Grase herumgrbt, um den zertretenen Bau ihrer
huslichen Wohlfahrt wieder aufzurichten.

Dieses langweilige, eintnige Gebude, einer Kaserne und einem
Krankenhaus hnlich, bestand aus winzigen Ziegelsteinen, die ihr jedoch,
dem talentlosen Baumeister, als der Schmuck des Lebens erschienen. In
Wirklichkeit beengten sie nur Maria Iwanowna, verdrossen und ngstigten
sie; stets wurde sie von ihnen in eine bekmmerte Trbsal versetzt. Aber
trotzdem glaubte sie, da kein Mensch ein anderes Leben fhren knne.

Nun, wie also, soll es etwa so weitergehen? ... Sie tat, als ob sie
angestrengt in die Schssel mit dem Eingemachten blicke.

Wie ... so ... weiter? ... fragte der Sohn und nieste mehrmals.

Maria Iwanowna war berzeugt, da auch dieses Niesen nur in der Absicht
geschah, sie zu verletzen. Und obgleich sie offensichtlich unrecht
hatte, fhlte sie sich dadurch gekrnkt und wurde noch mimutiger.

Es haust sich doch ganz gut bei euch, meinte Ssanin trumerisch.

Nicht schlecht, gab Maria Iwanowna reserviert zur Antwort, da sie es
fr notwendig hielt, bse zu sein. Aber doch war es ihr angenehm, da
ihr Sohn Haus und Garten gelobt hatte, mit denen sie wie mit nahen,
lieben Wesen verwachsen war.

Ssanin blickte zu ihr auf und erwiderte nachdenklich:

Und wenn ihr mich nicht noch mit allerlei Kleinlichkeiten belstigen
wolltet, so wre es noch besser. Der harmlose Ton, mit dem er dies
hinredete, widersprach dem verletzenden Inhalt seiner Worte, soda die
Mutter nicht wute, ob sie bse sein oder lachen sollte.

Wenn ich dich so ansehe, ... du bist auch als Kind immer anders
gewesen, abnorm, aber jetzt, ...

Was jetzt? ... fragte Ssanin so heiter, als erwartete er etwas sehr
Interessantes und Angenehmes zu hren.

... und jetzt bist du schon ganz vollkommen! antwortete Maria Iwanowna
und schwenkte den Lffel aus.

Nun um so besser! lchelte er und fgte nach kurzem Schweigen hinzu:
Da kommt auch Nowikow!

Vom Hause her kam ein hochgewachsener, hbscher und blonder Mann. Sein
rotes Seidenhemd, das sich dicht an den gedunsenen, aber gut gebauten
und krftigen Krper legte, flammte unter den Sonnentupfen grell und mit
rtlichen Spiegeln auf; seine blauen Augen schauten zrtlich und lssig
gradeaus.

Und Sie zanken sich noch immer? lie er sich schon von weitem mit
einer ebenso zrtlichen und lssigen Stimme vernehmen. Worber nur, um
des Himmels willen?

Ja, siehst du, Mama findet, da meinem Gesicht eine griechische Nase
besser gestanden htte; ich aber meine, wie sie auch ist, dem Himmel sei
Dank!

Ssanin schielte von der Seite auf seine Nase, lchelte und drckte
Nowikows weiche, breite Hand.

Nun, was noch gar! rief Maria Iwanowna verdrossen aus.

Nowikow lachte laut und heiter auf und der abgerundete, weiche
Wiederhall lie sein Lachen gutmtig und drhnend aus dem grnen
Dickicht zurckschallen, gleichsam, als ob sich dort jemand stille
seiner Heiterkeit gefreut htte.

Ja, das wei ich selbst; hier sorgt man in einem fort um dein
Schicksal!

Was soll ich nur damit anfangen? ... sagte Ssanin in komischer
Verlegenheit.

Du hast's ja reichlich verdient.

Hoho, wenn ihr euch meiner etwa von beiden Seiten annehmen wollt, so
steht es mir immer noch frei, davonzulaufen.

Nein, bleib nur, ich werde selbst lieber fortgehen, unterbrach ihn
pltzlich Maria Iwanowna mit ganz unerwartetem Aerger. Sie ri mit
einemmal die Schssel vom Herde herunter und ging ins Haus, ohne einen
von ihnen anzublicken.

Mill sprang aus dem Grase auf, spitzte die Ohren, und sah ihr fragend
nach. Dann rieb er die Nase an der Vorderpfote, blickte wieder
aufmerksam aufs Haus und lief schlielich rgerlich irgendwo tief in den
Garten hinein.

Zigaretten! ... Hast du welche? ... fragte Ssanin uerst zufrieden,
da seine Mutter fortgegangen war.

Nowikow nahm, seinen Krper lssig zurckreckend, das Etui heraus: Du
neckst sie doch rein umsonst. La doch das Necken! sprach er gedehnt
mit zrtlichem Vorwurf in der Stimme. Sie ist doch eine alte Frau.

Womit necke ich sie denn? ...

Nun, mit alledem.

Ach was, alledem! Sie hackt selbst auf mir herum. Ich verlange nie
etwas von den Leuten, Brderchen, mgen sie mich auch in Ruhe lassen.

Beide schwiegen.

Nun, wie geht's dir, Doktor? ... Ssanin verfolgte whrend seiner Frage
angespannt die zierlichen und kaprizisen Gebilde des Tabakrauches, die
sich in der reinen Luft zart um seinen Kopf wanden.

Nowikow, der ber etwas anderes nachdachte, antwortete nicht sogleich.

Schlimm, sagte er schlielich.

Weshalb das? ...

Na so im allgemeinen! Langweilig! ... Dieses Nest hngt mir lngst zum
Halse heraus. Gibt nichts zu tun hier.

Du? ... Fr dich gibt es hier nichts zu tun? ... Du hast ja selbst dein
Leid geklagt, kmst garnicht zum Aufatmen.

Davon spreche ich ja nicht. Man kann doch nicht nur ewig kurieren und
Mixturen verschreiben. Es gibt doch noch was anderes im Leben.

Und was strt dich, auch fr dieses andere zu leben? ...

Nun, das ist schon eine komplizierte Geschichte.

Durch was kompliziert? ... Ueberhaupt, sage mal, was fehlt dir denn
eigentlich? ... Du bist ein junger Kerl; hbsch, gesund ...

Und das ist, wie sich herausstellt, im Grunde sehr wenig, erwiderte
Nowikow mit gutmtiger Ironie.

Wie soll man dir das beibringen. Viel ist das, sehr viel sogar.

Und fr mich nicht genug ... Nowikow schmunzelte ein wenig. Und aus
diesem Schmunzeln konnte Ssanin entnehmen, da ihm das Lob ber seine
Gesundheit, Kraft und Schnheit angenehm gewesen war. Er wurde sogar ein
wenig verlegen und errtete wie ein junges Mdchen auf der Brautschau.

Dir fehlt nur eins, sagte Ssanin nach einer Weile.

Und das wre? ...

Der richtige Blick frs Leben ... Siehst du, du fhlst dich von der
Einfrmigkeit deines Lebens bedrckt. Aber wollte dir jemand
vorschlagen, alles beiseite zu werfen und deiner Nase nachzulaufen, so
wrest du einfach platt. Vor Staunen.

Wohin? ... Vielleicht als Landstreicher?

Meinetwegen auch als Landstreicher! Warum denn nicht? Ich seh dich so
an und denke mir: Das ist nun auch so einer, der bei Gelegenheit fhig
wre, fr irgendeine Konstitution im russischen Reich auf Lebenslang
nach Schlsselburg zu gehen, alle Rechte, seine Freiheit einzuben ...
und man sollte doch meinen: Was kann ihm die Verfassung sein? ... Aber
handelt es sich darum, sein eigenes, berflssiges Leben umzugestalten
und fortzugeben, um einen Sinn und Interesse darin zu suchen, so steht
auch schon die Frage vor ihm: Wovon werde ich leben? ... Und werde ich
auch ja nicht untergehen, ich der gesunde, krftige Mann, wenn ich mal
mein Gehalt verliere und damit auch die Sahne zum Morgentee, das seidene
Hemd und den gestrkten Kragen ... Komisch ist das ... bei Gott
komisch!

Daran ist garnichts Komisches! Dort handelt es sich um eine Frage der
Weltanschauung und hier ...

Was hier? ...

Ja, wie soll man das auseinandersetzen, Nowikow knackte mit den
Fingern.

Hier siehst du, wie du urteilst! Gleich hast du Unterscheidungen zur
Hand. Ich werde es dir noch nicht glauben, da dich die Sehnsucht nach
einer Verfassung mehr aufreibt, als Sinn und Interesse an deinem eigenen
Leben.

Nun, das ist immer noch eine Frage ... Vielleicht doch mehr.

Ssanin winkte ihm verdrielich mit der Hand ab:

Ach la doch den Unsinn. Schneidet man dir in den Finger, so wird's dir
sicher weher tun, als tut man's irgendeinem andern Untertanen
Vterchens. Das ist Tatsache!

Oder Zynismus, Nowikow wollte beiend antworten, aber er forderte nur
zum Lachen heraus.

Mag brigens sein. Aber das steht fest. Obwohl es nicht nur in Ruland,
auch in vielen andern Lndern der Welt keine Verfassung, ja nicht einmal
eine Andeutung davon gibt, grmst du dich jetzt nur, weil dir dein
eigenes Leben nicht das richtige Vergngen macht. Aber nicht im
Geringsten einer Konstitution wegen. Und wenn du was anderes behauptest,
so, nun so schwindelst du eben. Pltzlich unterbrach sich Ssanin selbst
mit frohem Aufleuchten in seinen hellen Augen und richtete sich halb
auf: Du grmst dich ja auch jetzt garnicht, weil dich vielleicht dein
Leben anekelt, sondern ganz einfach, weil dich Lyda bisher nicht lieben
wollte. Nun, ist es nicht so? ...

Jetzt redest du schon ganz und gar dummes Zeug, rief Nowikow rot
werdend wie sein rotes Hemd und in seine guten, ruhigen Augen stiegen
Trnen der naivsten und aufrichtigsten Verlegenheit.

Warum denn dummes Zeug, wenn du ber Lyda die ganze Welt vergit. Von
Kopf bis zu den Fen steht auf dir der eine Wunsch geschrieben, sie
hinzunehmen. Und dann sagst du dummes Zeug. ...

Nowikow zuckte ganz eigentmlich mit der Achsel und ging hastig die
Allee auf und ab. Selbst wenn nicht grade Lydas Bruder davon gesprochen
htte, wre er wohl in Verlegenheit geraten, aber es schien ihm ganz
besonders eigentmlich, diese Worte, deren Sinn er garnicht einmal
richtig verstehen mochte, nun von Ssanin zu hren.

Weit du was, murmelte er endlich vor sich hin, entweder du willst
eine Pose markieren, oder ...

Oder? ... fragte lchelnd Ssanin.

Nowikow zuckte schweigend mit der Schulter und blickte zur Seite. Die
andere Auffassung sollte Ssanin als einen gemeinen, verdorbenen Menschen
bezeichnen. Das aber konnte er ihm nicht sagen, weil er fr ihn stets,
schon auf dem Gymnasium, eine aufrichtige Zuneigung empfunden hatte.
Wirklich gefiel ihm dieser schlechte Mensch, trotzdem er fhlte, da es
eigentlich nicht der Fall sein durfte; das schlug sich in Nowikow als
schwere und trbe Stimmung nieder. Die Erinnerung an Lyda war ihm
schmerzlich und setzte ihn in Verlegenheit; und doch konnte er, da er
Lyda vergtterte und das groe und tiefe Gefhl selbst, welches er fr
sie empfand, anbetete, Ssanin wegen der Erinnerung nicht bse sein. Sie
war qualvoll, aber gleichzeitig auch beglckend, als htte jemand sein
Herz ergriffen und leise gedrckt.

Ssanin schwieg und lchelte; sein Lcheln war aufmerksam und zrtlich.

Nun, denke dir nur die richtige Bezeichnung aus; ich warte ein
Weilchen, ich habe es nicht eilig.

Nowikow schritt noch immer die Allee auf und ab und man sah ihm an, da
er aufrichtig litt.

Mill kam herbeigelaufen, schnffelte besorgt umher und begann, sich an
Ssanins Knieen zu reiben. Augenscheinlich war er ber etwas froh und
wnschte seine Freude auch den andern mitzuteilen.

Du bist mir ein schnes Hundevieh, sagte Ssanin, ihn streichelnd.

Nowikow hielt sich mhsam zurck, mit ihm Streit zu beginnen, frchtete
aber, da Ssanin noch einmal das berhren knnte, was ihn auf der ganzen
Welt am tiefsten traf. Und doch schien ihm alles andere, das ihm in den
Kopf stieg, gleichgltig, leer und tot in Vergleich mit jedem Gedanken
an Lyda.

Und wo ist Lyda Petrowna? ... fragte er ganz mechanisch, grade das,
was er am liebsten fragen wollte, aber sich eigentlich nicht zu fragen
getraute.

Lyda? ... Wo soll sie sein? ... Sie wird auf dem Boulevard mit den
Offizieren herumlaufen.

Nowikow empfand einen schmerzlichen Stich. Eiferschtig erwiderte er:
Lyda Petrowna ... sie ist so klug und entwickelt, ... wie kann sie ihre
Zeit mit diesen vernagelten Kerlen verbringen? ...

Eh, mein Freund, Lyda ist jung, schn und gesund, ganz wie du auch; --
-- vielleicht noch mehr, weil sie das hat, was dir fehlt, die Gier nach
allem. Sie mchte gerne alles wissen, alles durchempfinden. Ah, da ist
sie ja selbst. Schau sie nur an und begreife doch, was fr eine
Schnheit sie ist.

Lyda war im Wuchse kleiner, aber bedeutend schner als ihr Bruder. In
ihr berraschte die feine und zauberhafte Verknpfung reizender
Zrtlichkeit und gewandter Kraft; der leidenschaftliche, stolze Ausdruck
ihrer dunklen Augen und ihre weiche und klangvolle Stimme, auf die sie
stolz war. Langsam und sich beim Gehen ein wenig mit dem ganzen Krper
wiegend, wie eine junge, prachtvolle Stute, stieg sie die Steinstufen,
ihr langes, graues Kleid geschickt und sicher raffend, herab. Hinter ihr
gingen zwei junge, hbsche Offiziere in glnzenden, hohen Reitstiefeln
und enganliegenden Hosen; sie verwickelten sich in die Sporen, deren
Klirren den Eindruck hervorrief, als ob es von ihnen selbst bertrieben
wrde.

Wer ist das? ... Eine Schnheit? ... fragte Lyda, indem sie den ganzen
Garten mit ihrer weiblichen Frische und ihrer klangvollen Stimme
erfllte.

Sie reichte Nowikow die Hand und schielte argwhnisch auf den Bruder, an
den sie sich immer noch nicht gewhnen konnte; sie begriff nicht, wann
er lachte und wann er im Ernst sprach. Als ihr Nowikow die Hand drckte,
bemerkte sie nicht, wie scheu und ehrfurchtsvoll seine Blicke auf ihr
ruhten; sie erregten sie nicht mehr wie frher.

Guten Abend, Wladimir Petrowitsch, grte, die Sporen
aneinanderklirrend und den ganzen Krper reckend, der Offizier, der von
grerem Wuchs und der Schnere war.

Ssanin wute schon, da er Sarudin hie, Rittmeister war und sich
beharrlich und eindringlich um Lyda bemhte. Der andere Offizier war ein
Leutnant Tanarow, der Sarudin fr das Muster eines Offiziers hielt und
nur den einen Wunsch hatte, ihm in allen Dingen gleichen zu knnen. Er
war aber schweigsam und wenig gewandt, auch war sein Gesicht weniger
hbsch als das Sarudins. Er klirrte ebenso mit den Sporen, sagte aber
nichts.

Du! antwortete Ssanin pltzlich auf die Frage seiner Schwester, doch
in einem Tone, der viel zu ernst klang.

Natrlich eine Schnheit und vergi nur nicht, gleich hinzuzufgen,
eine unbeschreibliche. Lyda lachte hell auf und warf sich mit dem
ganzen Krper in den Korbsessel, whrend sie gleichzeitig mit einem
Blick das Gesicht ihres Bruders streifte. Langsam hob sie beide Hnde
zum Kopf, wodurch sich ihre hohe, elastische Brust erhaben ausprgte und
begann die Nadeln aus dem Hut zu ziehen. Dabei lie sie eine dieser
Nadeln, lang wie Stacheln, in den Sand niederfallen und verwickelte
ihren Schleier in das Haar und in die andere Nadel.

Aber Iwan Pawlowitsch, so kommen Sie mir doch zu Hilfe, wandte sie
sich kokett bittend an den schweigsamen Leutnant.

Ja, wirklich, eine Schnheit, wiederholte Ssanin nachdenklich, ohne
seine Augen von ihr zu lassen.

Lyda schielte wieder mit einem mitrauischen Blick zu ihm herber.

Wir sind hier alle nur Schnheiten!

Was sind wir? ... lachte Sarudin. Nur eine armselige Staffage, auf
deren Hintergrund sich Ihre Schnheit noch heller und prunkvoller
abhebt.

Wie elegant Sie sich ausdrcken, sagte Wladimir Petrowitsch und durch
seine Worte klang eine leichte Nuance von Spott hindurch.

Lyda Petrowna wird jeden dazu bringen, sich so auszudrcken, bemerkte
tiefsinnig der schweigsame Tanarow, der mit vielem Eifer versuchte,
Lydas Hut zu lsen, sie aber so am Haare zerrte, da sie zugleich
rgerlich wurde und lachte.

_Sie_ hat sie also auch schon dazu gebracht, meinte gedehnt und
verwundert Wladimir Petrowitsch.

La sie doch, raunte ihm Nowikow unaufrichtig und doch mit einem
Gefhl des Vergngens zu.

Lyda sah mit zusammengekniffenen Augen grade in die ihres Bruders und an
ihren verdunkelten Pupillen konnte Ssanin deutlich lesen: ... Denke
nicht, ich wte nicht gut, was das alles bedeutet. Aber es macht mir
Spa. Ich bin nicht dmmer als du und wei genau, was ich tue.

Ssanin lchelte ihr zu; der Hut war endlich abgenommen und Tanarow trug
ihn feierlich auf den Tisch.

Ach was sind Sie fr ein Mensch, Iwan Pawlowitsch, rief Lyda, im
Augenblick ihren Blick verndernd, wieder liebenswrdig und kokett. Sie
haben mir die ganze Frisur verdorben. Jetzt mu ich erst ins Haus
gehen.

Oh, das werde ich mir niemals verzeihen, murmelte Tanarow verlegen.

Lyda erhob sich schnell, raffte das Kleid zusammen und whrend sie die
erregenden Blicke der Mnner auf sich gerichtet fhlte, lachte sie
grundlos auf und lief die Steinstufen hinauf.

Als sie verschwunden war, fhlten sich alle unwillkrlich freier,
erschlafften und lieen den Krper zusammenfallen; sie verloren jene
nervse Spannung der Bewegung, welche die Mnner in Anwesenheit eines
jungen und schnen Mdchens empfinden.

Sarudin nahm eine Zigarette aus seinem Etui und begann, schon whrend er
sie ansteckte, behaglich zu sprechen. Aber man hrte heraus, da er nur
aus Gewohnheit das Gesprch fortfhrte, und da er dabei an etwas ganz
anderes dachte:

Heute riet ich Lyda Petrowna alles im Stich zu lassen und ganz
ernsthaft mit Gesangsunterricht zu beginnen. Mit ihrer Stimme hat sie
sicher eine Karriere vor sich.

Nicht zu leugnen, eine nette Aussicht! erwiderte ihm dster und zur
Seite schauend Nowikow.

Und weshalb das? ... fragte Ssanin voll Erstaunen; er lie sogar die
Zigarette sinken.

Was ist denn eine Schauspielerin? ... Auch nichts anderes als eine
Dirne. Nowikow geriet pltzlich in Erregung. Doch jedes Wort, das er
sprach, qulte und erregte ihn selbst am meisten. Er litt unter dem
Gedanken, da die Frau, die er liebte, ihren Krper den Blicken anderer
Mnner preisgeben sollte. Und dazu in herausfordernden Kostmen, die
diesen Krper blostellten und ihn noch verlockender machten.

Das ist wohl etwas zuviel gesagt, meinte Sarudin die Augenbrauen
hebend.

Nowikow sah ihn voll Ha an. In seiner Vorstellung gehrte grade Sarudin
zu jenen Mnnern, die das Mdchen, das er liebte, mit begehrlichen
Blicken betrachteten, und es war ihm schmerzlich, da jener schn war.

Nicht im mindesten zuviel. Halb nackt auf die Bhne zu treten. Sich hin
und her zu recken. Unter den Augen von Leuten wollstige Szenen
darzustellen, von Leuten, die spter so fortgehen, wie man von einer
Dirne geht, nachdem man ihr das Geld hingeworfen hat. Nicht zu leugnen,
sehr hbsch.

Mein Freund, bemerkte Wladimir Petrowitsch lchelnd, einer jeden Frau
ist es vor allem angenehm, wenn man ihren Krper bewundert. -- --

Nowikow zuckte verdrielich die Achseln.

Weit du, du sprichst sehr abgeschmackte Dinge.

Wei der Teufel, ob es abgeschmackt ist oder nicht. Wahr ist es!

Lyda wrde sich aber auf dem Theater ganz effektvoll machen. Ich htte
selbst Lust, das mit anzusehen.

Obgleich sich durch diese Worte Ssanins bei allen eine instinktive,
gierige Lsternheit regte, wurde ihnen doch peinlich zumute. Sarudin,
der sich fr intelligenter und abgeschliffener als die anderen hielt,
glaubte verpflichtet zu sein, sie aus dieser unangenehmen Situation
herauszureien.

Und was mu nach Ihrer Meinung eine Frau tun? ... Heiraten? ... Auf die
Universitten laufen? ... Und dafr ihr Talent vernachlssigen? ... Das
wre gradezu ein Verbrechen an der Natur, die sie mit ihren besten Gaben
ausgestattet hat.

Nun, nun, sagte Ssanin mit unverhohlenem Spott. Aber in der Tat, mir
selbst ist niemals der Gedanke an dieses Verbrechen auch nur in den Kopf
gekommen.

Nowikow lachte schadenfroh auf, erwiderte aber Sarudin aus Hflichkeit:
Weshalb denn ein Verbrechen? ... Eine gute Mutter oder eine gute
Aerztin ist doch tausendmal mehr wert als jede Schauspielerin.

Nanu, rief Tanarow entrstet.

Wird es euch wirklich nicht langweilig, Herrschaften, all dieses dumme
Zeug zusammenzuschwatzen? ...

Sarudin blieb die Erwiderung in der Kehle stecken und auch den anderen
schien es mit einemmal, als ob es langweilig und nutzlos wre, noch
weiter zu sprechen. Nichtsdestoweniger fhlten sich alle durch Ssanins
Einwurf beleidigt. Es wurde still und sehr langweilig.

Maria Iwanowna und Lyda waren bei dem letzten Satze Wladimir
Petrowitschs auf die Terrasse hinausgetreten und hatten ihn gehrt; sie
verstanden aber nicht, um was es sich eigentlich handelte.

Ihr seid ja mit eurer Unterhaltung ziemlich schnell bei der Langeweile
angekommen. Gehen wir zum Flu hinunter; da ist's jetzt am hbschesten.

Als Lyda an den Mnnern vorberschritt, zog sie den ganzen Krper ein
wenig an, und ihre Augen schimmerten so rtselhaft, als versprche sie
etwas, doch ohne zu sagen, was ...

So ist's recht! Geht nur bis zum Abendbrot spazieren, rief Maria
Iwanowna.

Sehr schn. Mit Vergngen! Sarudin war bereitwilligst dabei und bot
Lyda, wieder mit den Sporen klirrend, seinen Arm.

Hoffentlich gestatten Sie mir auch, mich Ihnen ... Nowikow versuchte
seinem Ton einen verletzenden Klang zu geben, doch dadurch erhielt sein
ganzes Gesicht nur einen jmmerlichen Ausdruck.

Wer hindert Sie denn? ... fragte Lyda ber die Achseln lchelnd.

Ach, Bruder, geh, geh, riet ihm Ssanin. Ich wrde selbst mitkommen,
wenn Lyda nicht zu sehr daran dchte, da ich ihr Bruder bin.

Lyda erzitterte eigentmlich; ihre Aufmerksamkeit spannte sich. Dann ma
sie den Bruder mit einem raschen Blick und lachte kurz und nervs auf.

Auch Maria Iwanowna hatte diese Aeuerung ihres Sohnes chokiert:

Wozu redest du solche Dummheiten, fragte sie grob. Mut dich durchaus
originell machen.

Fllt mir garnicht ein.

Maria Iwanowna blickte ihren Sohn mit Erstaunen an. Sie konnte ihn
absolut nicht verstehen; sie begriff ebensowenig wie Lyda, wenn er
scherzte oder Ernst machte; und vor allem nicht, warum er grade
entgegengesetzt dachte und empfand wie sie, whrend doch alle ihre
Bekannten mit ihr fast gleicher Auffassung waren. Nach ihren Begriffen
mute der Mensch immer das denken, empfinden und tun, was alle Menschen
dachten, empfanden und taten, die mit ihm in bezug auf Besitz, Bildung
und soziale Lage gleichstanden.

Fr sie war es ganz natrlich, da Menschen nicht einfach nur Menschen
sein sollten, mit all den individuellen Eigenheiten, welche die Natur in
sie hineingelegt hat, sondern Personen, die in eine allen gemeinsame
Form gegossen waren.

Ihre Umgebung befestigte sie in dieser Anschauung: Darauf wurde auch das
Schwergewicht der erzieherischen Ttigkeit gelegt und allein durch sie
wurden die Unterschiede zwischen Gebildeten und Ungebildeten ausgeprgt.
Die letzteren durften ihre Individualitt bewahren und wurden dafr von
den andern verachtet; diese Andern aber zerfielen in Gruppen, die allein
der anerzogenen Bildung entsprachen. Ihre Ueberzeugungen hatten sich
nicht nach ihren persnlichen Anlagen, sondern nach ihrer Stellung zu
richten: -- -- -- jeder Student war revolutionr, jeder Staatsbeamte
bourgeois, jeder Schauspieler schlug ber die Strnge und jeder Offizier
war mit bertriebenen Ehrbegriffen ausgestattet. Wenn sich pltzlich ein
Student als Konservativer, ein Offizier als Revolutionr herausgestellt
htte, so wre das zum mindesten sehr eigenartig, wahrscheinlich aber
uerst unangenehm gewesen. Ssanin durfte seiner Herkunft und Erziehung
nach garnicht so sein, wie er sich gab, und Maria Iwanowna sah ihn, wie
Lyda, Nowikow und alle, die auf ihn stieen, mit dem rgerlichen Gefhl
getuschter Erwartung an. Mit dem Instinkt der Mutter merkte sie sofort
den Eindruck, den ihr Sohn auf die ganze Umgebung machte und dieser
Eindruck war ihr sehr schmerzlich.

Ssanin empfand es. Er htte die Mutter gerne beruhigt, wute aber nicht,
wie er es anfangen sollte. Einen Augenblick kam ihm sogar der Gedanke,
sich zu verstellen und der Mutter einige beruhigende Worte zu sagen.
Aber es wollte ihm nichts einfallen; er lachte auf, erhob sich und ging
ins Haus.

Gelangweilt legte er sich aufs Bett und begann darber nachzudenken, wie
die Menschen die ganze Welt in ein Kloster verwandeln wollen, mit einer
Regel fr alle. Und diese Regel ist auf der Vernichtung jeder
Persnlichkeit und ihrer Unterwerfung unter die strikten Anordnungen
einer geheimnisvollen Greisenhaftigkeit aufgebaut. Dann gingen seine
Gedanken auf das Schicksal des Christentums ber und die Rolle, die es
in der Geschichte gespielt hat; diese Gedanken langweilten ihn aber so,
da ihn unmerklich der Schlummer berkam und er bis zum Abend
durchschlief.

Maria Iwanowna hatte noch lange hinter ihm hergeschaut; endlich seufzte
sie auf und wurde nachdenklich. Sie sann darber nach, da Sarudin
offenkundig Lyda den Hof machte und sie wnschte im stillen, da es ihm
ernst wre.

-- -- -- Lyduschka ist schon zwanzig Jahre alt, zog es ihr leise durch
den Kopf, und Sarudin scheint ein guter Mensch zu sein. Man sagt, da er
in diesem Jahre eine Schwadron bekommen wird. Nur, -- -- Schulden hat er
bis ber den Kopf. Und weshalb habe ich nur diesen abscheulichen Traum
gehabt. -- -- -- Dieser Traum, den Maria Iwanowna an demselben Tage
gesehen hatte, als Sarudin zum erstenmal zu ihnen ins Haus kam, qulte
sie unaufhrlich und Gott wei warum. Sie hatte getrumt, da Lyda in
einem weien Kleide ber ein Feld ging, und die Weie des Kleides schien
ihr ein groes und schweres Unheil vorauszusagen -- -- --

Maria Iwanowna lie sich jetzt in einen Korbsessel nieder, sttzte nach
Art der alten Frauen den Kopf in die Hand und sah lange in den
allmhlich dunkler werdenden Himmel. Kleinliche, aber zhe und
verdrossene Gedanken schoben sich durch ihren Kopf. Es war ihr grmlich
und bengstigend zumute.




                                  III


Es war dunkel geworden, als die Spaziergnger endlich zurckkehrten.
Schon aus der Tiefe des Gartens, der in der Dmmerung weich versunken
lag, vernahm man ihre hellen, belebten Stimmen.

Die lustige, erregte Lyda lief Maria Iwanowna in die Arme. Auf ihr lag
noch der frische Duft des Flusses. Und mit ihm hatte sich jener
reizvolle Hauch schner, junger Mdchen verbunden, welche bis zur
uersten Spannung von liebenswrdigen, jungen Mnnern, die sie selbst
in gierige Stimmung versetzt haben, erregt sind.

Abendbrot machen, Mtterchen, Abendbrot machen, sie zupfte Maria
Iwanowna zrtlich an den Ohrlppchen. Und inzwischen wird uns Viktor
Sergejewitsch etwas vorspielen.

Maria Iwanowna ging, um das Abendbrot anzuordnen und dachte dabei, da
das Schicksal eines so interessanten und ihr so klaren Wesens wie Lydas
nicht anders als glcklich sein knne.

Sarudin und Tanarow gingen in den Saal ans Klavier und Lyda lie sich in
dem Schaukelstuhl nieder, der auf dem Balkon stand; geschmeidig streckte
und reckte sie ihre Glieder.

Nowikow schritt schweigend auf den knarrenden Dielen des Balkons auf und
ab und betrachtete von der Seite ihr Gesicht, ihre hohe Brust und die
schlanken Fe, die in schwarzen Strmpfen und gelben Schuhen steckten.
Sie aber bemerkte weder seine Blicke noch ihn selbst, ganz hingerissen
von dem mchtigen und zauberhaften Eindruck der ersten Leidenschaft. Sie
schlo die Augen und lchelte rtselhaft in sich hinein.

In der Seele Nowikows ging der alte Kampf vor sich.

Er liebte Lyda, aber er konnte sich nicht in ihr zurechtfinden. Manchmal
glaubte er, da auch sie ihn liebe; -- dann wieder kam ihm dieser
Gedanke ganz ungeheuerlich vor. In Augenblicken, in denen er sich ihrer
Liebe sicher fhlte, schien es ihm sehr wahrscheinlich, ja
selbstverstndlich, da ihm einst ihr schlanker Krper in seiner jungen
Reinheit angehren wrde. Sobald jedoch in ihm Zweifel aufstiegen, ob
sie ihn jemals lieben knne, empfand er die gleichen Gedanken als
schamlos und gemein, und wenn er sich dann bei sinnlichen Vorstellungen
ertappte, nannte er sich einen niedrigen, schmutzigen Menschen, der
Lydas nicht wert sei.

Whrend er so ber die Dielen schritt, suchte er sich selbst eine
Entscheidung zu setzen: Trete ich mit dem rechten Fu zuerst auf die
letzte Diele, so bedeutet es Ja und ich mu mich ihr erklren; ... und
wenn mit dem linken, so ...

Er wollte nicht zu Ende denken, was dann geschehen msse.

Die letzte Diele betrat er mit dem linken Fu und wurde von kaltem
Schwei bergossen; er sagte sich aber sofort: Pfui, was fr Dummheiten!
Wie ein altes Weib! Nun, eins, zwei, drei ... Und mit dem Worte drei
gehe ich grade darauf los und sage, ... ja, was sage ich ... nun, ganz
gleich. Also ... eins, zwei, drei ...

Der Kopf brannte ihm, im Munde wurde es ihm trocken und das Herz klopfte
ihm so stark, da seine Beine anfingen zu zittern.

Vielleicht wird es Ihnen doch noch einmal ber, herumzulaufen, rief
ihm Lyda zu, ihre Augen ffnend. Sie lassen einen ja garnicht zum
Zuhren kommen ...

Nowikow bemerkte erst in diesem Augenblick, da Sarudin sang.

Es war die alte Romanze:

   Ich liebte dich, vielleicht ist dieses Feuer
   In meinem Herzen noch nicht ganz verglht,
   Doch deine Ruh' ist mir vor allem teuer,
   Durch nichts betrben will ich dein Gemt.

Er sang nicht schlecht, aber doch so wie alle musikalisch nicht
gebildeten Menschen, die den Ausdruck durch Geschrei und Sinkenlassen
der Stimme zu ersetzen suchen. Nowikow erschien der Gesang von Sarudin
besonders unangenehm.

Was ist denn das? Selbstverfat? ... erkundigte er sich, mit dem
ungewohnten Gefhl des Grolls und der Erregung, nach dieser allbekannten
Romanze.

Nein! Setzen Sie sich doch hin. Stren Sie doch nicht! befahl ihm
launisch Lyda. Wenn Sie die Musik nicht lieben, so gucken Sie eben
solange in den Mond.

Der vllig runde und rtlichschimmernde Mond sah wirklich eindringlich
und geheimnisvoll hinter den schwarzen Baumwipfeln hervor. Sein
leichtes, unfabares Licht strich ber die Stufen, ber Lydas Kleid, und
ber ihr Gesicht, das die eigenen Gedanken belchelte. Die Schatten im
Garten verdichteten sich und wurden allmhlich immer schwrzer wie im
Walde.

Dann schon lieber Sie ansehen, sagte Nowikow ungeschickt. -- -- Ach,
was fr Abgeschmacktheiten ich zustande bringe, wenn ich rede, dachte
er weiter.

Lyda lachte laut auf: Ja, welch ein hlzernes Kompliment.

Ich verstehe es nicht, Komplimente zu machen, erwiderte dster
Nowikow.

Aber so schweigen Sie doch und hren Sie zu. Lyda zuckte unwillig die
Achseln.

   Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich,
   Mit all der Qual, die solche Liebe gibt,
   Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich,
   Gott gb', da dich ein andrer je so liebt.

Die Tne hallten vom Piano wie klingende, kristallene Aufschlge in den
Garten hinein. Der Mondenschein wurde immer leuchtender, die Schatten
immer tiefer. Unten im Grase ging Ssanin leise vorber, setzte sich
unter die Linde, und sa unbeweglich da, bezaubert von der Stille,
welche die Laute des Klaviers und der leidenschaftliche Gesang nicht
verwischen konnten, sondern im Gegenteil noch erhhten.

Pltzlich fuhr Nowikow in die Hhe, als wre es ihm mit einemmal
entschieden ins Bewutsein gekommen, da er unmglich noch einen
Augenblick verlieren drfe: Lyda Petrowna!

Was? fragte Lyda mechanisch und schaute auf den Garten und den Mond
und ber die schaukelnden Zweige, welche sich von seiner runden und
hellen Scheibe abhoben.

Ich warte schon so lange! ... Ich mchte jetzt sprechen! fuhr Nowikow
mit abgerissener Stimme fort.

Ssanin wendete den Kopf und horchte auf.

Worber? ... fragte Lyda zerstreut.

Sarudin beendete grade seine Romanze, schwieg eine Weile, und setzte
dann von neuem ein; er glaubte, eine selten schne Stimme zu haben, und
liebte es, vorzutragen.

Nowikow fhlte, da er abwechselnd errtete und erblate; ein Gefhl der
Uebelkeit stieg in ihm auf und der Kopf schwindelte ihm.

Ich ... sehen Sie ... Lyda Petrowna ... wenn Sie ... vielleicht geneigt
wren, meine ... Frau ... seine Zunge schlotterte und er wurde sich
bewut, da man in solchen Augenblicken nicht so sprechen drfe wie er.
Und bevor er noch geendet hatte, erwartete er es schon als etwas ganz
Selbstverstndliches, da sich sogleich ein sehr beschmender Vorgang,
der ebenso tricht wie lcherlich wre, abspielen msse.

Mechanisch erkundigte sich Lyda noch einmal: Wessen? ... Und pltzlich
wurde sie glhend rot, stand auf, setzte zu einer Antwort an, sagte aber
nichts und wandte sich voller Verlegenheit ab. Jetzt schaute ihr der
Mond grade ins Gesicht.

Ich liebe Sie! Nowikow bebte am ganzen Krper; er hatte die
Empfindung, als ob der Mond zu leuchten aufgehrt htte, als ob es im
Garten beraus schwl sei und alles irgendwo in einen hoffnungslosen,
furchtbaren Abgrund strze. Ich verstehe nicht zu reden. Aber das ist
ja gleich. Ich habe Sie sehr gern!

-- -- -- Wozu brauche ich hier das _sehr_, dachte er pltzlich, als
wollte ich ber Vanille-Eis sprechen. Er verfiel in Schweigen. Lyda
zupfte nervs an einem Blttchen, das ihr grade in die Hand kam. Es
machte sie verlegen, weil seine Worte fr sie gnzlich unerwartet und
unntig waren. Sie riefen eine traurige Stimmung, die nichts wieder gut
machen konnte, zwischen ihr und Nowikow hervor, an dessen Person sie
seit langem fast wie an einen Verwandten gewhnt war und den sie auch
ein wenig liebte.

Ich wei wirklich nicht! ... Ich habe niemals an so etwas gedacht.

Nowikow fhlte sein Herz mit einem stumpfen Schmerz irgendwohin
zurckfallen. Er wurde noch blsser, stand auf und griff zur Mtze.

Auf Wiedersehen! sagte er, ohne da seine Stimme ihm selbst in den
Ohren nachgeklungen htte. Seine Lippen verzerrten sich zu einem
unpassenden, widersinnigen und bebenden Lcheln.

Wo wollen Sie denn hin? ... Auf Wiedersehen! Lyda war verwirrt; beim
Hndereichen bemhte sie sich, harmlos zu lcheln.

Nowikow drckte rasch ihre Hand und ohne die Mtze aufzusetzen, lief er
mit hastigen Schritten ber das betaute Gras, geradeaus durch den
Garten. Als er in die ersten Schatten eintrat, griff er sich erregt in
die Haare: -- -- -- Oh, mein Gott, warum bin ich so unglcklich? ...
Sich eine Kugel durch den Kopf jagen? ... Ach, das sind ja alles nur
Bagatellen. Aber doch, sich eine Kugel durch den Kopf jagen ... so scho
es wirbelnd und zusammenhangslos durch seine Gedanken und er hielt sich
fr den unglcklichsten Menschen, fr vllig entehrt und lcherlich.

Zuerst wollte ihn Ssanin anrufen; er bedachte sich aber anders und
lchelte nur. Es kam ihm sehr komisch vor, da sich Nowikow an den
Haaren ri und beinahe heulte, nur weil es eine Frau, deren Gesicht,
Schultern und Fe ihm gefielen, ablehnte, sich ihm hinzugeben. Dann
aber war es Ssanin auch angenehm, da seine schne Schwester Nowikow
nicht liebte.

Lyda stand einige Minuten unbeweglich auf demselben Fleck und Ssanin
folgte mit scharfer Aufmerksamkeit dem hellen Umri ihrer Gestalt, auf
die grell das Mondlicht fiel. Durch die schon im Mondlicht liegende Tr
trat Sarudin auf die Terrasse heraus; fr Ssanin war sein vorsichtiges
Sporengeklirr deutlich hrbar.

Im Saale spielte jetzt Tanarow einen alten Walzer mit zerrinnenden,
duftigen Lauten zaghaft und grmlich.

Sarudin ging leise auf Lyda zu und umschlang ihre Taille mit einer
weichen, geschmeidigen Bewegung; es fiel Ssanin auf, wie pltzlich zwei
Schatten in einen zusammenflossen, der dann im Mondenlicht sonderbar hin
und her schwankte. Worber sinnen Sie so verloren nach? flsterte
Sarudin leise; seine Lippen ergriffen ihr kleines, zartes Ohr, und seine
Augen blinkten dicht vor den ihren.

Lyda schwamm es s und ngstlich durch den Kopf. Wie immer, wenn sie
und Sarudin sich umarmten, erfate sie ein eigentmliches Gefhl. Sie
war sich klar, da er seiner geistigen Entwicklung nach unendlich
niedriger stnde als sie und da sie sich ihm niemals unterwerfen wrde.
Gleichzeitig aber beherrschte sie ein angenehmer Schauer der
Unsicherheit bei dem Gedanken, diese Berhrungen einem starken und
schnen Mann zu gewhren; es war, als blicke sie in einen bodenlosen
Abgrund: -- -- -- Und mit einemmal raffe ich mich auf und strze mich
hinunter ... will es und strze mich ...

Man wird uns sehen ... flsterte sie kaum hrbar, ohne sich aber
strker an ihn zu drcken oder sich weiter von ihm zu entfernen, whrend
sie ihn grade durch diese hingebende Passivitt noch mehr lockte und
erregte.

Ein Wort! fuhr Sarudin fort, indem er sich, mit heiem Blut
bergossen, strker an sie drngte.

Lyda zitterte. Diese Frage stellte er nicht zum ersten Mal an sie und
stets begann in ihr etwas zu sehnen und zu beben, das sie schwach und
willenlos machte.

Wozu das? fragte sie ihn dumpf und ihre Augen blickten, von
irgendeinem feuchten Schimmer berzogen, weit geffnet in den Mond.

Sarudin konnte und wollte ihr nicht die Wahrheit sagen, obgleich er wie
alle Mnner, die bei Frauen Glck haben, fest davon berzeugt war, da
Lyda ihn verstand und im Inneren dieselben Wnsche hatte; sie ngstigte
sich nur.

Wozu? ... Nun, um Sie endlich einmal frei anschauen zu knnen. Um mit
Ihnen ein freies Wort zu sprechen. Wie wir jetzt zusammenkommen, das ist
eine Folter. Sie qulen mich. Lyda, Sie kommen, ja? ... wiederholte er,
seine bebenden Kniee an ihren elastischen und warmen Schenkel drckend.

Diese Berhrung seiner Kniee brannte in ihr wie glhendes Eisen; um sie
erhob sich nur noch ein dichter, traumschwler Nebel. Ihr ganzer,
biegsamer Krper erstarb; er schob und zog sich ohne ihren Willen dem
seinen entgegen. Ihr wurde qualvoll gut und scheu zumute. Ringsumher
hatte sich alles in sonderbarer, unbegreiflicher Weise verndert. Der
Mond war kein Mond mehr, er leuchtete nahe, ganz nahe durch das Gitter
der Terrasse, als hinge er grade ber der hellerleuchteten Lichtung. Der
Garten, nicht jener, den sie bisher gekannt hatte, sondern ein anderer,
der viel dunkler und geheimnisvoller war, rckte dicht an sie heran und
drngte sich um sie. Ihr Kopf schwindelte langsam und nachhaltig. Doch,
sich mit eigenartiger Lssigkeit biegend, entwand sie sich seinen Armen
und flsterte mhsam durch die pltzlich wie ausgetrockneten Lippen:

Gut!

Schwankend und schwerfllig ging sie ins Haus; sie verstand da etwas
Furchtbares, Unabwendbares geschehen war, das sie lockte, lockte, das
sie in den Abgrund zog.

-- -- Es ist ja nur eine Bagatelle, es wird nichts sein, ich mache nur
Spa; ganz einfach, weil es mir interessant ist, ein Scherz, weiter
nichts; -- -- so bemhte sie sich selbst zu berzeugen, als sie in ihrem
dunklen Zimmer vor dem Spiegel stand und darin nur ihren Schatten sah,
welcher durch den Widerschein der vom Ezimmer aus beleuchteten Tre
hineingeworfen wurde. Sie hob langsam die Hnde ber den Kopf, knackte
die Finger zusammen und dehnte sich leidenschaftlich; dabei beobachtete
sie die Bewegungen ihrer schlanken Taille und ihrer breiten, runden
Hften.

Sarudin durchschauerte es, als er allein geblieben war; er knirschte mit
den Zhnen und zuckte, die Augen schlieend, mit den Achseln. Wie
gewhnlich fhlte er sich glcklich und er empfand, da ihm ein noch
greres Glck bevorstnde. Lyda erschien ihm in dem Augenblick, in dem
sie sich ihm hingeben wrde, so ungewhnlich, so wollstig schn, da
ihm die Erregung physische Schmerzen verursachte.

In der ersten Zeit, als er anfing, ihr den Hof zu machen und auch spter
noch, als sie ihm schon erlaubte, sie zu umarmen, konnte er ein Gefhl
der Furcht in sich nicht unterdrcken. In ihren verdunkelten Augen lag
etwas Fremdes, das ihm unbegreiflich war, wie, wenn sie ihn trotz ihrer
Liebkosungen doch im geheimen verachtete. Sie erschien ihm so klug, so
allen jenen Frauen und Mdchen unhnlich, bei denen er stolz seine
Ueberlegenheit empfunden hatte; -- -- ihr klares Selbstbewutsein zeigte
sie so deutlich, auch whrend er sie kte, da er bei den Umarmungen
zurckhaltend und ngstlich wurde, als erwartete er in jedem Augenblick,
eine Ohrfeige zu bekommen. Der Gedanke, sie ganz zu besitzen, rief in
ihm nur strkere Furcht hervor. Mitunter kam es ihm geradeso vor, als
spielte sie nur mit ihm und seine Rolle schien ihm dann einfach dumm und
lcherlich.

Nach dem heutigen Versprechen jedoch, welches sie ihm mit einer
eigentmlich ersterbenden, willenlosen Stimme, die er schon von anderen
Frauen her kannte, gegeben hatte, fhlte er, wie seine Kraft unerwartet
zurckkehrte. Er verstand, da nun alles so kommen mute, wie er es
wollte.

Und in das beklemmende Gefhl wollstiger Sehnsucht mischte sich fein
und unbewut eine Spur von Schadenfreude darber, da dieses kluge und
gebildete Mdchen, welches so stolz und rein war, ihm ebenso unterliegen
wrde, wie alle die anderen, und da sie mit sich dasselbe vornehmen
lassen sollte, was er bei den andern zu tun pflegte.

Harte, brutale Szenen stiegen vor ihm empor und schwebten nebelhaft vor
seinen Augen auf und ab; sie waren voll berreizter Wollust und von
ausgesprochener Niedrigkeit. Als Mittelpunkt drngte sich allmhlich das
Bild von Lydas nacktem Krper hervor. Sarudin sah ihr aufgelstes Haar,
ihre klugen Augen; alles das verband sich zu einer wilden Orgie
berhitzter Grausamkeit. Pltzlich erblickte er sie deutlich vor sich
auf dem Boden liegen, hrte das Sausen seiner Reitpeitsche und ein
rosiger Streifen zog ber ihren nackten, zarten Krper, der sich in
sklavischer Unterwrfigkeit zuckend dehnte und streckte. Unter einem
pltzlichen Aufschieen des Blutes, das ihm ins Gehirn stieg, schwankte
er zitternd gegen das eiserne Gelnder der Terrasse. Goldene Kreise,
Flammen schwirrten ihm vor den Augen. Es war ihm physisch unertrglich,
weiter zu denken. Mit bebenden Fingern zndete er eine Zigarette an,
seine starken Fe hatten alle Kraft verloren; er trat ins Haus.

Wladimir Petrowitsch, der nichts von allem gehrt, aber doch genug
gesehen hatte, um Sarudins Lage zu begreifen, ging ihm mit einer
Empfindung der Eifersucht nach. -- -- -- Welch ein Glck doch solche
Bestien haben, dachte er. Wei der Teufel ... Lyda und dieser ...

Das Abendbrot wurde im Ezimmer eingenommen. Maria Iwanowna war nicht
gut aufgelegt, Tanarow schwieg gewohnheitsmig und trumte davon, wie
angenehm es sein mte, Sarudin zu hneln und von einem Mdchen wie Lyda
geliebt zu werden. Es schien ihm, da er sie nicht so wie Sarudin lieben
wrde, der nicht imstande war, ein solches Glck zu schtzen.

Lyda war bla und schweigsam; sie schaute niemanden an. Listig und
behutsam dagegen benahm sich Sarudin, wie ein Raubtier auf der Fhrte,
und Ssanin ghnte wie immer, a, trank sehr viel Wodka; dem Anschein
nach war er uerst schlfrig. Das hinderte ihn aber nicht, nach dem
Abendessen zu erklren, er wolle sich noch nicht hinlegen und werde
statt eines Spazierganges Sarudin nach Hause begleiten.

Ssanin und Sarudin gingen bis zur Wohnung des Offiziers in fast vlligem
Schweigen; -- -- um sich die tiefe Nacht. Nur in den obersten
Wolkenschichten schwamm, kaum sichtbar, der Mond. Ab und zu blickte
Ssanin auf den Offizier und berlegte, ob es nicht das beste wre, ihm
eine herunterzuhauen.

Ja, sagte er pltzlich, schon dicht vor Sarudins Wohnung, es gibt
Verschiedenes in der Welt; zum Beispiel so allerlei Lumpen.

Wie meinen Sie das? ... fragte Sarudin, vor Verwunderung die
Augenbrauen hochziehend.

Ja, so im allgemeinen. Aber grade die Lumpen, das sind die
interessantesten Kerle.

Was sagen Sie da? ...

Natrlich, es gibt nichts Langweiligeres in der Welt, als ein
rechtschaffener Mensch zu sein. Was ist so einer? Das Programm der
Rechtschaffenheit und Tugend, das ist doch eine allbekannte Geschichte;
was sollte es darin Neues geben? In diesem alten Plunder geht dem
Menschen jede Individualitt verloren. Das ganze Leben engt sich in
einen den, platten Rahmen der Anstndigkeit ein. Hehle nicht, lge
nicht, verrate nicht, brich nicht die Ehe, und dabei ist die Hauptsache,
da grade alles dies am festesten im Menschen sitzt; jeder Mensch lgt,
verrt, und betreibt besagtes Ehebrechen, nach Magabe seiner Krfte.

Doch nicht jeder, bemerkte nachsichtig Sarudin.

Nein, jeder! Es gengt schon, sich in das Leben eines anderen Menschen
hineinzuversetzen, um darin auf die Snde zu stoen. Sehen Sie, in dem
Augenblick, wo wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, uns dann ruhig
schlafen legen und zum Mittagessen niedersetzen, verben wir schon
Verrat.

Aber was sprechen Sie da? rief Sarudin unwillkrlich entrstet.

Nun wir zahlen Steuern, gengen unsern Brgerpflichten und die Folge
davon ist, da wir dem Staat die Mittel geben, Tausende von Menschen in
denselben Krieg zu schicken, ber dessen Ungerechtigkeit wir uns
empren. Wir legen uns schlafen und wir denken garnicht daran, die zu
retten, die sich gleichzeitig fr unsere Ideen aufopfern. Wir verzehren
soviele berflssige Bissen und lassen Menschen Hungers sterben, fr
deren Wohlergehen wir sorgen mten, wenn wir wirklich tugendhafte
Menschen wren. Und so fort. Das ist ja verstndlich. Aber eine andere
Sache ist es mit dem Lumpen, dem echten, aufrichtigen Lumpen. Das ist
vor allen Dingen ein vollkommen offener, natrlicher Mensch.

Ein natrlicher? ...

Gewi, unbedingt. Er tut eben das, was fr einen Menschen ganz
natrlich ist. Er sieht irgendetwas, was ihm nicht gehrt, aber gefllt,
und nimmt es sich. Er sieht ein prachtvolles Weib, das sich ihm nicht
gleich hingeben will, also nimmt er es mit Gewalt oder mit List. Und das
ist vollkommen natrlich, weil das Bedrfnis und Verstndnis fr den
Genu grade einer der wenigen Zge ist, wodurch sich der Mensch vom
Tiere unterscheidet. Je mehr Tier das Tier ist, um so weniger wei es
etwas vom Genu oder ist imstande, ihn zu suchen. Tiere befriedigen nur
ihre Triebe. Ich glaube, darber sind wir uns doch alle klar, da der
Mensch nicht zum Leide geschaffen ist, und da Leiden nicht das Ideal
menschlichen Strebens sein kann.

Selbstredend, gab Sarudin zu.

Also liegt im Genu das Ziel des Lebens. Paradies ist gleichbedeutend
mit absolutem Genu und alle Menschen trumen auch, so oder so, vom
Paradies auf Erden. Ursprnglich war es ja auch hier unten, wie man
sagt. Und dieses Mrchen vom Paradies ist keineswegs ein Unsinn; es ist
ein Traum und ein Symbol.

Ja, sagte nach einigem Schweigen Sarudin, die Enthaltsamkeit ist
wirklich keine natrliche Eigenschaft des Menschen; am aufrichtigsten
sind tatschlich die, welche ihre Begierden garnicht zu unterdrcken
suchen.

Ganz recht, fiel ihm Ssanin ins Wort, das heit also solche, die man
in unserer Gesellschaft Lumpen nennt. Sehen Sie, wie Sie zum Beispiel.

Sarudin zitterte und prallte zurck.

Sie sind natrlich, fuhr Ssanin fort und tat so, als wenn er nichts
bemerkt htte, der beste Mensch von der Welt. Wenigstens in Ihren
eigenen Augen. Aber gestehen Sie, trafen Sie jemals einen Menschen, der
besser war als Sie? ...

Viele, antwortete unentschlossen Sarudin, der ihn jetzt berhaupt
nicht mehr begriff und nicht mit sich ins Reine kommen konnte, ob es
angebracht wre, sich beleidigt zu fhlen oder nicht.

Sagen Sie wen? ...

Sarudin zog schwankend die Schultern an.

Nun da haben Sie's, rief Ssanin heiter, zuletzt bleiben Sie doch
selbst der allerbeste Mensch. Und ich zhle mich natrlich auch zu
ihnen. Und haben wir beide nicht, wenn's drauf ankommt, den Wunsch, zu
stehlen, zu lgen und ehezubrechen? Selbstverstndlich, ... vor allen
Dingen ehezubrechen.

Sarudin schob wieder die Schultern in die Hhe.

Originell, murmelte er.

Meinen Sie? fragte Ssanin, mit einer unfabaren Nuance von Spott. Von
der Seite habe ich es noch garnicht angesehen. Ja, Lumpen sind die
aufrichtigsten Menschen. Nebenbei auch die interessantesten. Weil man
sich in der menschlichen Lumpenhaftigkeit gar keine Schranken und
Begrenztheit vorstellen kann. Einem Lumpen werde ich stets mit ganz
besonderer Hochachtung und groem Genu die Hand drcken.

Und mit einem ungewhnlich offenen, freudigen Gesicht drckte Ssanin dem
Offizier die Hand, schaute ihm dabei liebenswrdig gerade in die Augen,
verdsterte sich aber pltzlich und murmelte, nun schon mit vllig
vernderter Stimme: Adieu, gute Nacht! und ging fort.

Sarudin blickte, einige Minuten unbeweglich auf demselben Flecke
stehend, dem fortgehenden Ssanin ganz verdutzt nach. Er wute nicht, wie
er seine Worte aufnehmen sollte und er befand sich daher in einer selten
peinlichen Stimmung. Aber sofort wurde sie durch die Erinnerung an Lyda
verdrngt; -- -- er dachte daran, da Ssanin ja ihr Bruder sei und da
er im Grunde wohl recht htte; im selben Augenblick empfand er fr ihn
auch ein Gefhl brderlicher Liebe und Freundschaft.

-- -- -- Er bleibt aber doch ein interessanter Kerl, dachte er
selbstgefllig, als wenn ihm Ssanin bis zu einem gewissen Grade angehre
und er selbst fr dieses Interesse in Frage komme. Dann ffnete er die
Haustr und schritt, immer noch kopfschttelnd und von angenehmem
Nachdenken angeregt, in seine Wohnung.

Ssanin kehrte gleichmtig nach Hause zurck, kleidete sich aus, legte
sich nieder, zog die dicke Decke hoch und wollte zum Zarathustra
greifen, den er bei Lyda gefunden hatte.

Aber schon von der ersten Seite an war ihm das Buch langweilig. Die
aufgeblasenen Bilder erweckten in seiner Seele keinen Rhythmus, er
spuckte drauf, warf es beiseite und schlief sofort ein.




                                   IV


In das Haus des Obersten Nikolai Jegorowitsch Swaroschitsch, das nicht
weit von dem der Ssanins lag, war der Sohn zurckgekehrt, ein Student
der technischen Hochschule. Die Behrde hatte ihn aus Moskau ausgewiesen
und unter Aufsicht der Heimatspolizei gestellt, weil er verdchtig war,
an einer revolutionren Verbindung teilgenommen zu haben. Jurii
Swaroschitsch hatte seine Familie schon frher davon benachrichtigt, da
er verhaftet worden sei und ein halbes Jahr lang im Gefngnis sitzen
mute; auch von seiner Ausweisung schrieb er ihnen, soda seine Ankunft
niemanden berraschte. Gewi war Nikolai Jegorowitsch anderer Ansicht
wie sein Sohn und die ganze Geschichte hatte ihn aufs uerste betrbt,
aber doch sah er in dessen Handlungsweise nur jugendliche Torheit, und
empfing ihn voll zrtlicher Liebe. Absichtlich vermied er es, die
Unterhaltung auf dieses Thema zu bringen.

Jurii war drei Tage lang ununterbrochen in der dritten Klasse gefahren,
wo man vor dem Gebrll kleiner Kinder und den schwlen, muffigen
Ausdnstungen nicht schlafen konnte. Er kam furchtbar mde und
abgespannt nach Hause. Kaum hatte er den Vater und seine Schwester
Ludmilla, die in der ganzen Stadt nur mit ihrem Kindernamen Ljalja
gerufen wurde, begrt, so legte er sich schon in ihrem Zimmer schlafen.

Er erwachte erst gegen Abend, als die Sonne im Untergehen war, und ihre
rtlichen Strahlen die Umrisse des Fensters an der Wand mit bunten
Farben umzogen.

Aus dem Nebenzimmer hrte man das Geklirr von Glsern und Lffeln, das
Rcken von Sthlen; dazwischen das lustige Lachen Ljaljas und eine
aristokratische Herrenstimme, die Jurii vllig unbekannt war.

Zuerst kam es ihm vor, als ob er noch immer im Eisenbahnwagen
dahinfhre, dessen Fensterscheiben und Puffer klapperten und krachten
und wo vom Nachbarabteil her Stimmen unbekannter Leute zu ihm drangen.
Doch sofort besann er sich wieder auf seine Umgebung; er erhob sich
rasch und setzte sich im Bette aufrecht hin.

Ach ja, er dehnte das Wort lang durch die Lippen und fuhr sich mit
allen fnf Fingern durch das dichte und widerspenstige, schwarze Haar.
Nun bin ich also wirklich hier gelandet ... Seine Gedanken sammelten
sich und mit einem Mal kam er ganz erstaunt zu dem Schlusse, da er
eigentlich garnicht nach Hause htte zurckkehren sollen. Die Wahl des
Aufenthaltsortes war ihm freigestellt worden; wie er glaubte, folgte er
nur einem pltzlichen Einfall, als er, ohne sich lange zu besinnen, nach
Hause fuhr. Doch in Wirklichkeit war dem nicht so: In seinem ganzen
Leben hatte er niemals versucht, sich durch eigene Arbeit zu erhalten.
Stets war er auf die Untersttzung des Vaters angewiesen gewesen und
daher scheute er sich jetzt davor, ohne Hilfe an einen fremden Ort zu
gehen. Innerlich schmte er sich dieses Gefhls, gestand es sich aber
selbst nicht ein. Pltzlich kam es ihm vor, als ob er grundfalsch
gehandelt htte. Seine Verwandten konnten seine Situation nicht
begreifen und billigen; das war klar. Dazu kamen auch hier materielle
Fragen; denn es schien ihm wenig angenehm, dem Vater noch einige Jahre
hindurch auf der Tasche zu liegen. All das mute von Anfang an bewirken,
da zwischen ihnen keine harmonischen Beziehungen aufkommen konnten.
Schlielich wrde auch das Leben in dieser kleinen Landstadt, in der er
seit zwei Jahren nicht gewesen war, sehr langweilig sein. Alle Einwohner
kleiner Landstdte hielt Jurii von vornherein fr Spiebrger,
vollkommen unfhig, Fragen der Philosophie und Politik, in denen er den
einzigen Sinn und Wert des Lebens sah, zu begreifen oder sich auch nur
fr sie zu interessieren.

Langsam stand er endlich, noch bedrckt von all diesen Gedanken, auf,
ging auf das Fenster zu, ffnete es und lehnte sich in das Vorgrtchen
hinaus, welches an diese Seite des Hauses stie. Eigentmlich sahen von
oben die auffallend bunten Flecken der vielfarbigen Blumenkpfe aus, die
ber das ganze Stckchen Erde verstreut, wie in einem Kaleidoskop,
durcheinandergeworfen waren. Diesem Vorgrtchen gegenber lag dunkel ein
dichter Garten, der wie alle in diesem kleinen Stdtchen zum Flusse
hinunterlief. Ganz von weitem sah man den blassen Glanz dieses Flusses
durch die Bume schimmern; zart und fein stiegen Nebelschleier aus ihm
empor. Der Abend war still und lag schwer und trchtig in der Luft.

Jurii wurde es traurig zumute. Zu lange hatte er in der groen,
steinernen Stadt gelebt, soda die Natur fr ihn, trotzdem er sie zu
lieben glaubte, leer und de blieb. Sie beruhigte und erfreute ihn
nicht, sondern erregte in ihm einen unbegreiflichen Gram und krankhafte
Trumereien.

Aha, Lieber, du bist ja schon aus den Federn gekrochen! Nun gut, es ist
auch Zeit, rief Ljalja, die mit einem Schwung ins Zimmer kam.

Jurii trat melancholisch vom Fenster zurck. Das schwere Bewutsein
seiner einsamen, abgesonderten Lage und eine stille unbestimmbare
Sehnsucht, von dem versterbenden Tag genhrt, bewirkten es, da er sich
von der Heiterkeit seiner Schwester verletzt fhlte und es unangenehm
fand, pltzlich ihre helle Stimme zu vernehmen.

Bist du vergngt? Zu seinem eigenen Erstaunen richtete er pltzlich
eine Frage an sie.

Na, mit einem Mal aufgewacht! Ljalja ri die Augen auf, lachte aber
gleich noch lustiger weiter, als htte sie die Frage des Bruders an
etwas sehr Freudiges und Vergngliches erinnert.

Wie kam es dir nur in den Sinn, dich pltzlich nach meiner Stimmung zu
erkundigen. Uebrigens ich langweile mich niemals. Hab keine Zeit dazu
... Und mit ernstem Gesicht, augenscheinlich stolz auf ihre Worte,
fgte sie hinzu: Es ist jetzt eine interessante Zeit; da wre es Snde
und Schande, sich zu langweilen. Ich habe auch einige Arbeiterzirkel,
mit denen ich mich beschftige. Und dann nimmt unsre Bibliothek viel
Zeit in Anspruch. Wir haben hier auch ohne dich eine Volksbibliothek
gegrndet; sehr gut geht sie.

Zu anderer Zeit wre all das fr Jurii interessant gewesen und htte
sicher seine Aufmerksamkeit erregt. Jetzt aber strte ihn irgend etwas.
Doch da er sah, da Ljalja zwar ihrem Gesicht einen ber alles erhabenen
Ausdruck zu geben versuchte, aber dabei komisch wie ein kleines Kind auf
Anerkennung wartete, berwand er sich mit vieler Mhe und sagte:

So? ... Nun gut!

Wie sollte ich mich da also langweilen? ...

Na, und ich komme vor Langweile um, gab Jurii ohne Ueberlegung zur
Antwort.

Wie liebenswrdig du bist! ... Garnicht zu sagen! ... Bist gerad erst
ein paar Stunden zu Hause, hast die auch verschlafen und dann langweilst
du dich schon.

Dagegen ist nichts zu tun. Das kommt von Gott, erwiderte Jurii mit
einem Anstrich von Selbstgeflligkeit. Sich zu langweilen, schien ihm
viel eindrucksvoller und ernster, als vergngt zu sein. -- -- -- -- Das
kann jeder, dachte er.

Von Gott, von Gott, schmollte Ljalja scherzhaft und drohte ihm mit der
Hand: Uuuuuu!

Jurii fiel es garnicht auf, da sich seine Stimmung inzwischen bedeutend
gebessert hatte. Die helle Stimme und die Lebensfreudigkeit Ljaljas
zerstreute rasch die schalen Empfindungen, die er fr tief und wichtig
hielt. Auch Ljalja glaubte nicht, doch ohne sich darber klar zu sein,
an seine Trbsal und wurde deshalb nicht im geringsten durch sein Gerede
verletzt.

Ganz vergngt sah ihr Jurii jetzt ins Gesicht und sagte: Ich fhle mich
niemals froh.

Ljalja lchelte sehr interessiert und meinte in diesem Augenblick
wirklich, da er ihr etwas sehr Witziges erzhlt htte.

Nun gut, mein Ritter von der traurigen Gestalt, ... niemals ist
niemals! Aber wir wollen gehen! Pa auf, gleich werde ich dir einen
netten, jungen Mann vorstellen. Gehen wir! Ljalja zog den Bruder
lachend an der Hand hinter sich her.

So warte doch. Was fr ein junger Mann ist denn das!

Mein Brutigam! rief ihm Ljalja glcklich und jubelnd grade ins
Gesicht und drehte sich voll Freude und Entzcken im Zimmer herum, so
da sich ihr Kleid von allen Seiten aufblhte.

Jurii wute schon aus frheren Briefen des Vaters und Ljaljas selbst,
da ein junger Arzt, der sich vor kurzem in der Stadt niedergelassen
hatte, ihr eifrig den Hof machte; -- -- er wute jedoch noch nicht, da
sie mit ihm schon verlobt war.

So? ... meinte er unwillkrlich gedehnt und mit tiefer Verwunderung.
Es erschien ihm ganz sonderbar, da diese reine und frische Ljalja, die
er immer noch fr einen Backfisch hielt, bereits einen Brutigam haben
sollte und bald Frau und Gattin sein wrde. In ihm stieg ein zrtliches
Empfinden fr die Schwester auf, das sich aber fast gleichzeitig in
stilles Mitleid verwandelte.

Jurii legte ihr den Arm um die Taille und sie schritten zusammen in das
Ezimmer, in dem bereits die Lampe brannte, und ein groer, sehr
blankgeputzter Samowar an der Schmalseite des breiten Tisches stand. Am
Tische sa auch Nikolai Jegorowitsch und unterhielt sich mit einem
starkgebauten, doch noch jungen Menschen, an dem Jurii sofort auffiel,
da er nicht den grorussischen Typus zeigte.

Unbefangen, mit ruhiger Liebenswrdigkeit erhob sich dieser und trat
Jurii entgegen.

Nun, machen wir Bekanntschaft miteinander! -- -- Anatoli Pawlowitsch
Rjsanzew.

Von einer komischen Feierlichkeit seid ihr, rief Ljalja und machte
gleichzeitig mit der offenen Handflche eine erhabene Bewegung, als
wollte sie die Vorstellung untersttzen.

Ich bitte Sie, mich zu lieben und zu achten, fgte Rjsanzew ebenso
scherzhaft hinzu.

Mit dem Wunsche aufrichtiger Zuneigung drckten sich beide die Hnde und
dachten auch einen Augenblick daran, sich, wie blich, zu kssen; sie
taten es jedoch nicht, sondern sahen sich nur freundschaftlich und
aufmunternd in die Augen.

-- -- -- So also sieht der Bruder aus, dachte verwundert Rjsanzew, der
aus irgendeinem Grunde erwartet hatte, da die flinke, kleine Ljalja in
ihrer blhenden Blondheit durchaus einen ebensolchen Bruder haben msse.
Jurii aber war hochgewachsen, hager, hatte dunkles Haar, wenn es auch in
seiner Art ebenso hbsch war, wie das Ljaljas; doch er hatte dieselben
feinen, regelmigen Gesichtszge, wodurch er ihr hnlich wurde.

Jurii, der seinerseits interessiert auf Rjsanzew blickte, kam in diesem
Augenblick nur der eine Gedanke, da vor ihm der Mann stnde, der in
diesem kleinen Mdchen, seiner Schwester, das Weib gefunden und
liebgewonnen hatte, in diesem zarten, kleinen Mdchen, das so klar und
frisch wie ein Frhlingsmorgen war. Natrlich so liebgewonnen, wie auch
Jurii Frauen gegenber empfand; ... dieser Gedanke wurde ihm pltzlich
unangenehm. Es war ihm peinlich, beide zu betrachten, als mten sie
sofort seine geheime Ueberlegung erraten.

Jurii wie auch Rjsanzew fhlten, da sie viele Fragen aneinander zu
richten htten. Jenen drngte es, sich zu erkundigen: Lieben Sie Ljalja?
... Lieben Sie sie rein, ... ernst? ... Das wre doch schade, nein,
widerwrtig, wenn Sie sie tuschen wollten. Sehen Sie nur, wie rein und
unschuldig sie ist.

Und Rjsanzew htte ihm geantwortet: Aber ich liebe doch ihre Schwester.
Ja, wirklich, ich liebe sie sehr. Und man kann garnicht anders, als sie
zu lieben. Sehen Sie, wie keck und frisch und lieb sie ist. Wie
entzckend sie sich selbst in ihrer Liebe benimmt. Und wie reizend sich
der Ausschnitt am Halse macht.

Doch statt all dieser Gedanken sprach Jurii berhaupt nicht und
Rjsanzew fragte nur hflich:

Sind Sie fr lngere Zeit ausgewiesen worden?

Nikolai Jegorowitsch, der im Zimmer auf und ab ging, hielt bei
Rjsanzews Frage einen Augenblick inne; fuhr aber gleich wieder fort,
mit den bertrieben regelmigen, abgemessenen Schritten eines alten
Soldaten hin und her zu wandern. Er kannte die Einzelheiten der
Ausweisung noch nicht und die unerwartete Erinnerung an sie stieg ihm zu
Kopf. Wei es der Teufel, murmelte er vor sich hin, um seiner Emprung
einen Ausdruck zu geben.

Ljalja hatte die Bewegung des Vaters sofort verstanden und erschrak; sie
frchtete schon im Voraus allerlei Zank, Streitigkeiten und unangenehme
Errterungen und bemhte sich, das Gesprch abzubrechen. Innerlich
machte sie sich Vorwrfe: Wie dumm bin ich doch. Natrlich htte ich
daran denken und Tolja vorher warnen sollen.

Aber da Rjsanzew garnicht wute, worum es sich handele, erkundigte er
sich, nachdem er Ljaljas Frage, ob er Tee wnsche, bejaht hatte, von
neuem:

Und was beabsichtigen Sie, zunchst hier zu tun?

Nikolai Jegorowitschs Mienen verdsterten sich zusehends; sein dumpfes
Schweigen kam Jurii mit einem Mal zum Bewutsein. Ohne einer Ueberlegung
Raum zu lassen, kochte in ihm die Erregung und der Trotz auf;
absichtlich antwortete er mit dem lssigsten Tone, der ihm mglich war:

Vorlufig garnichts!

Was soll das bedeuten -- -- garnichts? ... fragte stehenbleibend
Nikolai Jegorowitsch. Seine Stimme hatte sich nicht verndert, und doch
klang aus ihr deutlich der Vorwurf heraus:

-- -- -- Wie kannst du eine solche Antwort geben? ... Garnichts!
Erlaubt dir denn dein Gewissen diese Antwort? ... Habe ich denn die
Verpflichtung, dich mein ganzes Leben lang auf meinen Schultern zu
tragen? ... Wie kannst du es vergessen, da dein Vater schon alt ist; es
ist lngst an der Zeit, da du selbst fr dein Brot sorgen mut. Ich
mache dir ja gar keine Vorschriften ... Gut, lebe! Aber begreifst du
denn selbst nicht, wie du zu leben hast? ... Alle diese vorwurfsvollen
Fragen klangen aus seiner Stimme und trotzdem der Eindruck auf Jurii um
so strker war, als er seinem Vater innerlich vollkommen recht geben
mute, fhlte er sich doch bis in die Tiefen seines Wesens verletzt.

Gewi nichts? ... Was soll ich denn tun? ... fragte er herausfordernd
zurck.

Nikolai Jegorowitsch wollte ihm eine scharfe Antwort geben, schwieg aber
und zuckte nur die Achseln. Dann begann er wieder aus einer Ecke in die
andere zu gehen, mit schwerflligen in drei Tempi zerfallenden
Schritten. Seine korrekte Erziehung gestattete ihm nicht, die Erregung
schon am ersten Tage, an dem sein Sohn wieder ins Haus gekommen war, zu
uern.

Jurii verfolgte ihn mit glnzenden Augen; er konnte sich nicht mehr
zurckhalten, gespitzt und wachsam auf den geringsten Anla zum
Widerspruch zu lauern. Er war sich durchaus klar, da er den Streit
hervorrufen wrde, aber es war ihm doch unmglich, sein
Auflehnungsbedrfnis zu bewltigen. Am unglcklichsten fhlte sich
Ljalja, die dem Weinen nahe, bald den Vater, bald wieder den Bruder
hlflos ansah; sie wagte kein Wort zu sprechen, aus Furcht, dadurch
irgendwie den Ausbruch des Sturmes zu beschleunigen. -- -- -- Auch
Rjsanzew, der endlich begriffen hatte, was vorging, suchte ihr zu Hilfe
zu kommen; doch die Art und Weise, wie er mhsam das Gesprch in andere
Bahnen lenkte und mit aller Gewalt immer neue und allen uninteressante
Themen herbeizog, war nicht besonders geschickt und verstrkte nur die
gegenseitige Gereiztheit. So ging der Abend langweilig und gleichzeitig
gespannt vorber. Jurii wollte sich nicht als schuldig betrachten, denn
Nikolai Jegorowitsch verlangte im Grunde, da er mit dem politischen
Kampf nichts zu tun haben drfe, und das mochte er unter keiner
Bedingung zugestehen. Ihm schien es, da der Vater nicht fhig sein
konnte, die einfachsten Dinge zu begreifen, weil er alt und
unintelligent war, und da er nun ganz unbewut einen Groll auf ihn als
den nchsten Zeugen seines Alters und seiner Unintelligenz habe.

Zum Abendessen kamen Nowikow, Iwanow und Semionow. Letzterer studierte
an der Universitt und war im hchsten Grade schwindschtig; seit
einigen Monaten lebte er in der Stadt als Privatlehrer eines Knaben. An
ihm fiel jedem sofort seine eckige Hlichkeit und Schwche auf; sein
vorzeitig gealtertes Gesicht trug den schaudererregenden und doch so
unfabar zarten Schatten des nahen Todes.

Sein Begleiter Iwanow war ein langhaariger und breitschultriger
Volksschullehrer von ungeschliffenem Benehmen. Sie waren beide auf dem
Boulevard spazieren gegangen; sobald sie jedoch von Juriis Ankunft
hrten, kamen sie, um ihn zu begren. Ihr Erscheinen belebte alles.
Witze, Scherze, Lachen erscholl. Beim Abendbrot wurde von allen viel
getrunken, doch von Iwanow am meisten. Auch Nowikow war schlielich von
der allgemeinen Heiterkeit fortgerissen worden und lachte krftig mit
den andern. Im Laufe der wenigen Tage, die seit seiner Erklrung an Lyda
verflossen waren, hatte er sich wieder ein wenig beruhigt. Trotzdem war
es ihm beschmend und peinlich, zu Ssanins zu gehen; um Lyda zu sehen,
lief er zu gemeinsamen Bekannten oder nur die Straen entlang, die sie
hinunterzukommen pflegte. Trafen sie sich, dann war Lyda zu ihm
bertrieben aufmerksam mit einem Anflug von verschmter Zrtlichkeit.
Und schon begannen sich in Nowikow neue Hoffnungen zu regen.

Was meint ihr, Herrschaften, sagte er, als sie schon beim
Verabschieden waren, wollen wir nicht einmal ein Piknik am Kloster
veranstalten.

Das Kloster war ein beliebter Ausflugsort, da es nicht zu weit entfernt
von der Stadt auf einer Anhhe lag, in einer freien, stromumflossenen
Ebene; der Weg zu ihm war sehr bequem.

Ljalja konnte in der ganzen Welt nichts mehr begeistern, als allerlei
Lrm, Spaziergnge, Baden, Rudern und durch den Wald laufen. Daher griff
sie Nowikows Idee mit berquellendem Enthusiasmus auf.

Unbedingt, das machen wir! Unbedingt! Aber wann? ...

Wann wir wollen. Schon morgen meinetwegen.

Und wen werden wir noch auffordern, fragte Rjsanzew, dem der Gedanke
des Ausflugs ebenso gefiel. Im Walde war Ljaljas Krper, dessen Frische
ihn mit seinen ganzen Sinnen anzog, sicher zwanglos in seiner Nhe; er
konnte sie liebkosen und ungehindert kssen.

Ja, wen denn noch? ...

Wir sechs hier, und dann Schawrow.

Wer ist das? fragte Jurii.

Ach, hier luft so ein junger Studiosus herum.

Und Ludmilla Nikolajewna wird Karssawina und Olga Iwanowna auffordern.

Wen? erkundigte sich Jurii wieder.

Ljalja lchelte: Das wirst du schon sehen! und sie kte geheimnisvoll
vielsagend ihre Fingerspitzen.

So? ... Nun, wollen wir sehen.

Nowikow setzte eine zurechtgestutzte Miene auf und fgte mit
unnatrlicher Gleichgltigkeit hinzu: Die Ssanins knnte man auch
mitnehmen.

Lyda vor allen Dingen, rief Ljalja, nicht, weil sie ihr gefiel,
sondern weil sie von Nowikows Liebe wute und ihm eine Freude bereiten
wollte. Von ihrer eigenen Liebe war sie so entzckt, da sie wnschte,
alle Menschen um sie wren von demselben zufriedenen Glck erfllt.

Bissig fiel Iwanow gleich nach ihr ein: Dann wollen wir aber auch ja
nicht vergessen, die Offiziere einzuladen.

Ganz gewi, sie ebenfalls! Je mehr Volk, um so besser.

Die jungen Leute traten auf die Terrasse hinaus; der Mond verbreitete
eine gleichmige Helle und alles war in warme Stille eingehllt.

Oh, welche Nacht, sagte Ljalja, sich unmerklich an Rjsanzew
schmiegend. Er drckte ihren runden, warmen Arm mit seinem Ellenbogen
fest an sich; er fhlte, wie sie wnschte, da er noch bei ihr bleiben
mge.

Ja, die Nacht ist wunderschn, wiederholte er, diesen einfachen Worten
einen tiefen, nur ihnen verstndlichen Sinn gebend.

Mag ihr wohl sein, rief Iwanow im Ba. Meinen Segen, aber ich mchte
schlafen. Gute Nacht, Signori! Er schritt gleichmig die Strae hinab,
mit den Armen um sich fuchtelnd, wie eine Mhle mit ihren Flgeln.
Nowikow und Semionow gingen zusammen fort. Rjsanzew brauchte unter dem
Vorwand, noch das Piknik mit Ljalja zu besprechen, sehr viel Zeit zu
seinem Abschied.

Nun, baba, baba, sagte Ljalja endlich scherzhaft und schob ihn von
sich. Als er ging, reckte sie sich und seufzte auf; es wurde ihr schwer,
das Mondlicht, die warme Nachtluft zu verlassen und alles das, wozu sie
ihr krftiger, junger Krper lockte.

Jurii berlegte, da sich der Vater wahrscheinlich noch nicht
niedergelegt htte und da es nun unvermeidlich zu dieser
unerquicklichen und zwecklosen Auseinandersetzung kommen msse, wenn sie
beide aufblieben.

Nein, sagte er zgernd zu Ljalja, die wartend auf der Treppe stand,
ich laufe noch ein wenig spazieren. Er blickte gradeaus auf die
blulichen Wogen des Nebels, die wie ein Vorhang ber dem Flusse hin und
her schwankten und die ganze Luft in zitternde Bewegung brachten.

Wie du willst. Gute Nacht! Ljalja sprach mit einer eigentmlich
zrtlichen Stimme. Dann reckte sie sich noch einmal in die Hhe, kniff
die Augen wie ein Ktzchen zusammen, lchelte irgendwohin dem Mondschein
nach und schritt schleppend ins Haus.

Jurii blieb allein. Eine Minute lang stand er unbeweglich und starrte
auf die schwarzen Schatten der Huser, die tief und kalt dalagen,
schreckte pltzlich zusammen und schritt ebenfalls in der Richtung aus,
in der er den kranken Semionow dahinschleichen sah.

Der Kranke war noch nicht weit gekommen. Er ging eigentmlich langsam,
Schritt fr Schritt, mit einer besonderen Betonung; er schleifte die
Fe herum, whrend sein Oberkrper gebckt und nach vorn hing und nur
von Zeit zu Zeit in einem dumpfen Husten zusammenfuhr. Auf der hellen
Erde lief sein kalter, schwarzer Schatten aufmerksam hinter ihm her.

Sowie Jurii ihn eingeholt hatte, fiel es ihm auf, da er sich vllig
verndert hatte. Whrend des ganzen Abendessens hatte Semionow mehr
gescherzt und gelacht als all die andern; jetzt aber lief er traurig und
zerbrochen hin und aus seinem harten Husten klangen leidvolle,
hoffnungslose Tne heraus; gleichzeitig drohend und grausam, wie die
Krankheit selbst, an der er litt.

Ach, Sie sind es, meinte er zerstreut, als er Jurii bemerkte, -- wie
es diesem vorkam, unfreundlich.

Ich habe gar keine Lust, zu schlafen. Ich mchte Sie ein Stckchen
begleiten.

So begleiten Sie mich, willigte Semionow mit deutlicher
Gleichgltigkeit ein.

Sie gingen langsam, schweigend weiter; Semionow hustete noch immer und
beugte sich jedesmal nach vornber.

Ist es Ihnen denn nicht zu khl, fragte Jurii oberflchlich, weil ihn
dieser traurige Husten zu belstigen anfing.

Ich friere immer, erwiderte Semionow verdrielich.

Jurii wurde es peinlich zumut, als htte er versehentlich eine kranke
Stelle berhrt. Wie, um diese Empfindung zu berwinden, erkundigte er
sich wieder teilnahmsvoll: Sind Sie schon lange von der Universitt
herunter? ...

Semionow gab nicht sogleich eine Antwort. Lange, sagte er endlich.

Jurii begann, ihm von den Stimmungen in der Studentenschaft zu erzhlen,
von alledem, was er fr das Wichtigste und Aktuellste hielt. Zuerst
sprach er ziemlich gleichmtig, dann aber ereiferte er sich, erzhlte
lebhaft und voll Feuer.

Semionow hrte zu und schwieg. Allmhlich kam Jurii dann auf die Grnde
zu sprechen, welche zur Abschwchung der revolutionren Propaganda in
den Massen fhrten, und man konnte merken, da ihm jedes Wort, das er
hierber sagte, aufrichtig leid tat.

Haben Sie die letzte Rede Bebels gelesen, fragte er hitzig.

Gelesen!

Nun, nett ist das? ... Was? ...

Aber statt einer zusammenhngenden Antwort schwenkte Semionow pltzlich
in groer Erregung seinen Stock mit der breiten Krcke. Sein Schatten
bewegte neben ihm in gleicher Weise seinen langen, grauen Arm und Jurii
mute in diesem Augenblick an das unheilvolle Flgelschlagen irgend
eines schwarzen Raubvogels denken.

Dann setzte Semionow eilig und zusammenhanglos zum Sprechen ein, als
drfe er keine Zeit mehr verlieren und seine Worte strzten sich wild
auf Jurii:

Was ich Ihnen sagen werde, ... ich werde Ihnen sagen, da ich hier
sterbe. Verstehen Sie, einfach sterbe.

Und noch einmal schwang er den Stock und nochmals wiederholte der
schwarze Schatten seine drohende Geste.

Diesmal hatte Semionow selbst sie bemerkt.

Da, sagte er bitter, hinter meinem Rcken steht der Tod und lauert
auf jede meiner Bewegungen. Ach, was ist mir Bebel! Ein Schwtzer
schwatzt _das_, ein andrer etwas Anderes, ins volle Leben schwatzen sie
hinein, und mir steht sowieso bevor, heute oder morgen abzufahren.
Verstehen Sie, zum Teufel zu gehen.

Jurii schwieg verlegen, ihn berkam eine schmerzliche Trauer; das, was
er gehrt hatte, verletzte ihn.

Denken Sie vielleicht, da mir das alles wichtig ist? ... Das, was in
der Universitt geschah oder was Bebel zu reden beliebte. Ich meine,
wenn es einmal mit Ihnen so zum Sterben kommt, wie jetzt mit mir,
verstehen Sie, es handelt sich hier darum, zuversichtlich zu wissen, da
man stirbt, dann, nun zum Teufel, Ihnen wird noch nicht einmal der
Gedanke in den Kopf kommen, da da Worte eines Bebels, Tolstois,
Nietzsches oder von sonst irgend einem Trottel existieren und einen Sinn
haben sollen.

Semionow brach ab.

Der Mond leuchtete hell und gleichmig wie frher, und unablssig glitt
der schwarze Schatten hinter ihnen her.

Also, der Organismus zerfllt, lie er sich pltzlich wieder mit einer
ganz schwachen, jmmerlichen Stimme vernehmen. Wenn Sie wten, wie
schwer es einem wird, so zu sterben. Besonders in einer solchen hellen,
warmen Nacht. Er wendete Jurii sein hliches Gesicht aus Haut und
Knochen und mit anormal glnzenden Augen zu, aus denen eine wimmernde
Sehnsucht sprach. Alles lebt und ich sterbe. Diese Phrase wird Ihnen
selbstverstndlich abgeleiert vorkommen, gewi, sie mu Ihnen so
vorkommen, aber ich ... ich sterbe. Nicht in einem Roman, nicht auf
einem Fest mit knstlerischer Wahrheit niedergeschrieben, nein, einfach
so, in Wirklichkeit sterbe ich. Und mir scheint das wahrhaftig nicht
banal. Ihnen wird dabei auch einmal anders zu Mute sein. Ich sterbe, ...
sterbe, ... und weiter nicht.

Semionow geriet in anhaltenden Husten; es dauerte einige furchtbare
Minuten, bis er ihn berwunden hatte.

Manchmal fange ich an, darber nachzudenken, da ich bald in vlliger
Dunkelheit liegen werde. Verstehen Sie, in kalter Erde, mit
eingefallener Nase und abgefaulten Gliedern. Und hier oben bei Ihnen auf
der Erde wird alles weiter so seinen Gang gehen wie jetzt, wo ich noch
lebend mit herumlaufe. Sie werden ja dann noch am Leben sein. Werden
weiter herumlaufen, auf diesen Mond schauen, Sie werden atmen, an meinem
Grabe vorbergehen; ... vielleicht werden Sie sich dort hinstellen und
ein Bedrfnis erledigen. Und ich werde liegen und ekelhaft weiter
faulen. He, schrie Semionow pltzlich haerfllt auf, was ist mir da
Bebel und Millionen anderer fratzenschneidender Esel ...

Jurii konnte sich noch immer nicht diesen angstdurchbebten Reden
gegenber zurechtfinden und wurde nur verlegener.

Nun leben Sie wohl, sagte Semionow ganz leise und weich, ich bin hier
zu Hause.

Jurii drckte ihm die Hand; er sah mit tiefem Mitgefhl auf seine
eingedrckte Brust, die angezogenen Schultern und auf den Stock mit der
dicken Krcke, den Semionow zwischen die Knopflcher seines abgetragenen
Studentenpaletots eingehngt hatte. Er wollte ein gutes Wort zu ihm
sprechen, ihn irgendwie trsten, und ihm Hoffnung einflen; er fhlte
aber, da er ihm damit doch keine Ruhe bringen knne. So seufzte er nur
und sagte: Auf Wiedersehen.

Semionow fate an die Mtze und ffnete die Pforte. Noch hinter dem
Zaune her hrte man seine schlrfenden Schritte und das hohle Husten.

Dann wurde alles still. Jurii ging langsam zurck. Und alles, was ihm
noch vor einer halben Stunde hell, leicht und ruhig erschienen war, ...
der Mondenschein, der Sternenhimmel, die Pappelbume vom Monde bestrahlt
und ihre geheimnisvollen Schatten, das lag jetzt tot und grauenhaft vor
ihm, wie die Klte eines ungeheuren Weltengrabes.

Als er nach Hause kam, ging er leise in sein Zimmer, und whrend er das
Fenster nach dem Garten ffnete, stieg ihm zum erstenmal der Gedanke
auf, da all die Ueberzeugungen, denen er sich so vertrauensselig und
selbstlos hingegeben hatte, nicht das gaben, was in Wirklichkeit nottat.
Einst, wenn er wie Semionow zum Sterben kommt, dann wird er ebenso
vieles bedauern mssen ... Nicht, da es ihm unmglich war, die Menschen
glcklich zu machen, die Ideale, die ihn beseelten, zu verwirklichen,
... nein, ganz allein, da im Tode seine Empfindungen schwinden, ohne
da er im vollen Mae durchkostet hatte, was ihm das Leben bieten
konnte. Doch sogleich schien ihm dieses Gefhl beschmend; er berwand
sich und suchte nach einer Erklrung: Das Leben besteht eben im Kampfe.

Doch fr wen? ... Warum nicht fr sich? ... Fr seinen eigenen Anteil an
der Sonne, raunte traurig ein Gedanke in ihm. Jurii wollte ihn
unterdrcken und begann sich mit anderem zu beschftigen. Aber das war
schwierig und uninteressant. Immer wieder lief sein Denken in dieselben
Kreise zurck und verdichtete sich zu einem qulenden Druck, der sich
durch nichts abschtteln lie.




                                   V


Als Lyda Ssanina den Zettel mit der Aufforderung zum Ausflug von Ljalja
Swaroschitsch erhielt, reichte sie ihn dem Bruder hin. Sie glaubte, er
wrde fr sich absagen, und sie wnschte es auch. Schon im voraus
durchkostete sie den interessanten und bangen Genu, sich dort am Flu
beim Mondlicht wie frher drngend und beklemmend zu Sarudin hingezogen
zu fhlen; zugleich erfllte es sie dem Bruder gegenber mit Scham, da
es sich gerade um den Offizier handeln mute, den er augenscheinlich von
ganzem Herzen verachtete.

Doch Ssanin erklrte sich sofort mit Vergngen bereit, an dem Ausflug
teilzunehmen.

Es war ein vollstndig wolkenloser, warmer Tag; trotzdem wurde es nicht
zu hei. Man konnte nur mit Schmerzen in den glnzenden Himmel schauen;
er erbebte fortwhrend unter der Reinheit der Luft und dem Schimmern der
weigoldenen Sonnenstrahlen.

Mdchen werden auch dabei sein, sagte ganz mechanisch Lyda. Du wirst
mit ihnen bekannt werden.

Ah, das ist ja nett!

Eigentlich knnen wir uns ein besseres Wetter gar nicht wnschen ...
Fahren wir also.

Zur bestimmten Stunde kamen Sarudin und Tanarow in dem breiten
Schwadrons-Jagdwagen, vor dem zwei hochbugige Soldatenpferde gingen,
angefahren.

Lyda Petrowna, wir erwarten Sie! rief heiter Sarudin, peinlich sauber,
ganz wei gekleidet und stark parfmiert.

Lyda in leichtem, hellem Kleide mit rosa Samtkragen und ebensolchem
Grtel lief von der Terrasse herab und reichte Sarudin beide Hnde. Eine
Weile hielt er sie vieldeutig vor sich hin, ihre Gestalt mit einem
raschen, vollen Blick berfliegend.

Fahren wir, fahren wir, rief Lyda, die seinen Blick verstand und durch
ihn erregt wurde.

Kurze Zeit darauf rollte der Wagen schnell auf dem wenig befahrenen
Steppenweg dahin, wobei er die harten Halme des Feldgrases zum Boden
bog, die dann aufschnellend die Fe streiften. Der frische Steppenwind
bewegte leise das Haar der Fahrenden, er lief zu beiden Seiten des Weges
in den zarten Wellen des Grases nebenher.

Bald holten sie einen anderen Kremser ein, in welchem Ljalja
Swaroschitsch, Jurii, Rjsanzew, Nowikow, Iwanow und Semionow saen. In
ihrem Wagen war es eng und unbequem; aber darum waren sie auch doppelt
lustig und alle in freudiger Stimmung.

Nur Jurii Swaroschitsch fhlte sich in der Gesellschaft Semionows noch
ein wenig von dem Gesprch am vorhergehenden Abend bedrckt. Da
Semionow ebenso sorglos wie die anderen scherzte und lachte, machte
einen sonderbaren und fast unangenehmen Eindruck auf ihn; dieses
Vergngtsein konnte er nach allem dem, was er gestern von ihm gehrt
hatte, nicht begreifen. War es denn nur eine Pose gewesen, dachte er. Er
berflog ihn von der Seite mit einem schiefen Blick und wollte sich
berzeugen, da es mit ihm gar nicht so schlimm stehen knne. Aber
trotzdem brachten ihn seine Gedanken fortgesetzt in Verwirrung, und er
versuchte stets mit aller Mhe, sie zu vergessen.

Aus den beiden Kremsern flogen Scherze und Gre ber Kreuz hin und her.
Nowikow, der ununterbrochen Possen trieb, sprang pltzlich von seinem
Sitz im Fahren herunter und lief eine Zeitlang lachend neben dem Wagen
her, in welchem Lyda sa. Zwischen beiden schien eine schweigende
Uebereinkunft geschlossen zu sein, sich in bertriebener Weise
Freundschaft zu bekunden und jedes Wort, das sie sprachen, erhielt
dadurch eine besondere, liebenswrdige Unterstreichung.

Immer klarer stieg vor ihnen der Berg empor, auf dessen Gipfel
Kirchtrme blinkten und weie Klostermauern glnzend hell
hervorschimmerten. Die ganze Hhe, mit einem Eichenwldchen bedeckt,
erschien wie krausgelockt unter den wogenden Baumwipfeln. Eichen wuchsen
auch unterhalb des Berges an beiden Ufern des Flusses, der sich am Fue
der Hgelkette in breiter, trger Ruhe hinwlzte; auch seine Inseln, die
wie aus einer silbernen Decke hervorbrachen, waren mit starken Eichen
bestanden.

Ueberall roch es nach Wasser und krftigen Baumblttern, nach Wiesengras
und Feldblumen; ein starker, belebender Geruch, der den Frohsinn aller
noch steigerte.

Die Pferde bogen von selbst von dem befahrenen Wege ab und lenkten auf
das weiche, saftige Wiesengras hinber, das unter den Hufen zu Boden
klatschte, sich aber hinter den Rdern der leichten Wagen gleich wieder
in die Hhe richtete. Als Treffpunkt hatte man eine besonders beliebte
Waldwiese bestimmt; dort wurden sie schon von drei Personen erwartet,
die vor ihnen angelangt waren; einem Student und zwei jungen Mdchen,
beide in kleinrussischen, buntgestickten Blusen. Auf dem Grase hatten
sie schon Decken ausgebreitet und unter Lachen und Neckereien waren sie
beschftigt, Tee und Imbi zurechtzumachen.

Die Pferde blieben mit einem Ruck stehen und lieen augenblicklich die
Schweife auf das Fell klatschen, um die Fliegen zu vertreiben; die
Ausflgler, von der Fahrt, der Luft und dem Dunst des Wasser und des
Waldes angeregt, drngten sich alle gleichzeitig aus den Kremsern
heraus, stieen sich und sprangen lachend auf den Boden.

Ljalja begann sofort die beiden Mdchen, die den Tee bereiteten, laut zu
begren. Lyda nickte, ohne unhflich zu sein, doch merklich
zurckhaltender, stellte dann aber ihren Bruder und Jurii Swaroschitsch
vor. Die Mdchen blickten hoch und sahen beide mit jugendlicher,
heimlicher Neugierde an.

Aber ihr seid ja selbst noch garnicht bekannt, rief pltzlich Lyda,
auf ihren Bruder und Jurii blickend. Bitte, das ist mein Bruder,
Wladimir Petrowitsch, und dies, Jurii Nikolajewitsch Swaroschitsch.

Ssanin drckte lchelnd und mit weicher Bewegung, doch nachdrcklich die
Hand Juriis, der ihm bis dahin gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte
und sich auch bei der Vorstellung vollkommen gleichgltig verhielt.

Fr Ssanin war jeder Mensch, der ihm begegnete, interessant, und es
freute ihn stets, neue Menschen kennen zu lernen; Jurii war dagegen
berzeugt, da es fr ihn nur sehr wenig bemerkenswerte Menschen geben
knne und verhielt sich daher im Anfange sehr reserviert. Iwanow kannte
Ssanin bereits oberflchlich und das, was er von ihm gehrt hatte, fand
er sehr sympathisch. Neugierig sah er ihn jetzt an, trat als erster auf
ihn zu und suchte ein Gesprch mit ihm anzuknpfen. Semionow reichte ihm
nur im Vorbeigehen flchtig die Hand.

Nun, jetzt drfen wir aber schon vergngt sein, rief Ljalja, mit der
langweiligen Vorstellerei sind wir endlich fertig.

Doch trotz ihrer Aufmunterung fhlte man sich im Anfang etwas befangen,
da sich zu viele von ihnen das erste Mal sahen; erst, als man mit dem
Essen begonnen hatte und die Mnner Wodka, die Mdchen Wein tranken,
schwand die Spannung und alle wurden heiter. Es wurde viel getrunken,
Scherze, denen dann jedesmal helles Lachen folgte, flogen hin und her,
man tanzte und lief um die Wette und schlielich stiegen sie alle den
Berg hinauf. Der Wald lag in grner Schnheit da, still, in verhaltener
Ruhe, rings um sie regte sich kein fremdes Gerusch, soda keinem von
ihnen ein trbes Gefhl oder irgendwelche Besorgnis im Herzen blieb.

Ja, meine Herrschaften, sagte keuchend Rjsanzew, als man sich wieder
auf der Wiese gelagert hatte, wenn die Menschen mehr springen und
laufen wollten, wrde es neunzig Prozent aller Krankheiten nicht geben.

Auch aller Laster nicht! rief Ljalja, ihm zrtlich zunickend.

Nanu, das wre! fiel Iwanow fast entrstet ber diese Zumutung ein.
Laster wird der Mensch immer bergenug mit sich herumschleppen. Warum
auch nicht?

Obgleich niemand htte erklren knnen, da seine Worte besonders
treffend oder scharfsinnig waren, lachten doch alle aufrichtig ber sie.

Whrend man jetzt den Tee trank, war die Sonne im Untergehen und der
Strom wurde von ihrem matten Lichte golden berspiegelt; auch zwischen
den Bumen zogen schon die rtlichen Strahlen des Abends.

Jetzt aber, Herrschaften, zum Boote. Vorwrts, rief Lyda und lief,
sich die Kleider raffend, den andern zum Ufer voraus. Wer am
schnellsten dort ist, schrie sie noch zurck, whrend sie bermtig den
Kopf wendete.

Im Laufschritt die einen, die andern bedchtiger, ging's zum Ufer
hinunter, und wieder mit dem Lachen, das allen so wichtig schien, nahmen
sie im Boote Platz.

Abstoen! kommandierte Lyda, und das Boot glitt leicht vom Ufer ab,
zog breite Streifen hinter sich, die dann in eleganten Wellen nach dem
Ufer zu auseinanderflossen.

Jurii Nikolajewitsch, warum schweigen Sie eigentlich? fragte Lyda, als
erste das Gesprch beginnend.

Es gibt nichts, worber zu sprechen wre.

Wirklich? ... sagte sie gedehnt und warf den Kopf zurck, von dem
unbestimmten Gefhl beherrscht, da alle Mnner sie bewundern mten.

Jurii Nikolajewitsch liebt es nicht, sich mit Bagatellen abzugeben,
meinte Semionow.

Aha, Sie brauchen ein ernstes Thema? ...

Nun, schauen Sie, da haben Sie eins! unterbrach Sarudin Lyda. Er
zeigte aufs Ufer. Dort tauchte unterhalb des Abhangs zwischen den
knorpligen Wurzeln einer mchtigen Eiche ein enges und dsteres Loch
auf, das noch zur Hlfte von Gestrpp verdeckt wurde.

Was ist denn das? fragte Schawrow, der Student, welcher mit den beiden
Mdchen zusammengekommen war. Er kannte die Gegend noch nicht, da er aus
einem andern Gouvernement stammte.

'ne Art Spelunke ist das, antwortete ihm Iwanow. Und was fr eine!
Wei der Teufel, die Leute erzhlen sowas, hier wre einmal eine
Falschmnzer-Werksttte etabliert gewesen. Natrlich, wie das immer so
kommt; sie sind alle gefat worden. Sehr bedauerlich brigens, da es
immer so kommt.

Sonst wrdest du schnellstens eine Fabrik von 20 Kopeken-Stcken
aufmachen, was? fragte Nowikow.

Aber nicht doch, ... wozu das? Von Rubeln, mein Freund, von Rubeln,
aber sofort.

Hm, rusperte sich Sarudin vernehmlich und zuckte die Achseln. Ihm
mifiel die Anwesenheit Iwanows und dessen Scherze verletzten ihn.

Iwanow achtete nicht darauf und fuhr fort.

Also, eines schnen Tages hob man die Gesellschaft aus. Seitdem erfllt
die Hhle kein Zweckbedrfnis mehr. Kein Wunder, da sie verwahrlost
ist. Eingestrzt ist sie wohl auch. Traut sich niemand mehr hinein. Als
ich noch ein Junge war, kroch ich selbstverstndlich durch. Ziemlich
interessant ist es darin.

Wie knnte es darin nicht interessant sein, rief Lyda begeistert.
Viktor Sergeitsch, ich bitte Sie, kriechen Sie hinein. Sie sind doch
tapfer.

Ihr Ton war eigentmlich, gleichsam, als wollte sie jetzt im Licht und
unter Leuten Sarudin verspotten und sich fr den bangen Zauber rchen,
unter den er sie an Abenden zwang, an denen sie allein zusammen waren.

Wozu das?

Ich werde es tun, rief pltzlich Jurii, errtete aber im selben
Augenblick, weil ihn der Gedanke erschreckte, da man glauben knnte, er
wolle sich auszeichnen.

Iwanow billigte seinen Vorschlag durchaus.

Vielleicht gehst du selbst mit, kannst ja Fhrer sein, neckte ihn
Nowikow. Du weit doch in diesem Mauseloch Bescheid.

Ach nein, Bruder, ich bleibe schon lieber hier sitzen. Und damit
rekelte er sich bequem im Boote zurecht.

Alle lachten auf.

Das Boot stie ans Ufer, und die schwarze Hhlung lag nun grade ber
ihren Kpfen.

Ljalja wurde mit einem Mal ngstlich.

Jurii, mach geflligst keine Dummheiten, bat sie ihn. Das sind
wirklich nur Dummheiten, bei Gott, nur Dummheiten.

Gewi, nur Dummheiten, gab ihr Jurii ruhig zu. Aber bitte Semionow
reichen Sie mir die Kerze rber.

Wo soll ich denn eine hernehmen? ...

Sehen Sie nur hinter sich, im Korb.

Semionow holte, ohne sich zu beeilen, mit besonderem Ausdruck seines
Phlegmas eine Kerze vor.

Wie? Wollen Sie denn tatschlich da hineinkriechen? fragte eins der
Mdchen. Sie war gro und schn; ihre volle Brust hob ihre Gestalt, ohne
die feinen Linien zu verwischen. Ljalja nannte sie Sina; ihr
Familienname war Karssawina.

Natrlich, weshalb nicht. Mal etwas anderes, erwiderte Jurii, indem er
gewaltsam eine gleichgltige Miene aufsetzte; unwillkrlich erinnerte er
sich, wie oft er bei Partei-Unternehmungen dasselbe gleichgltige
Gesicht zur Schau getragen hatte. Doch aus irgend einem Grunde erweckte
diese Erinnerung in ihm ein unangenehmes Gefhl.

Am Eingang zur Hhle war es feucht und dunkel.

Ssanin blickte hinein: Brrrr, machte er voll Ekel. Ihm schien es ganz
unverstndlich und lcherlich, da dieser Jurii sich in eine unbequeme,
vielleicht gefhrliche Situation begeben wollte, nur weil ein paar
Mdchen dabei auf ihn hinschauten. Das kann man doch viel leichter
haben, dachte er.

Jurii steckte die Kerze an und bemhte sich keinen der andern anzusehen.
Ihm kam es jetzt ebenfalls so vor, als ob er sich mit seinem Mut nur
lcherlich mache. Gleichzeitig tauchte aber die andere Empfindung in ihm
auf, da es schn und bewunderswert sei, und damit regte sich in ihm
eine angenehme und bange Neugierde.

Er wartete, bis die Kerze aufflackerte, und lachend, um sich gegen den
Spott zu sichern, schritt er vorwrts; sogleich verschwand er in der
Dunkelheit. Das rief den Eindruck hervor, als wre die Kerze selbst
ausgelscht, und allen wurde es in der Tat unheimlich zumute; man war
besorgt um ihn und doch wieder neugierig.

Seien Sie vorsichtig, Jurii Nikolajewitsch, rief Rjsanzew noch hinter
ihm her, um seine Besorgnis auszudrcken. Geben Sie gut acht. Dort
halten sich mitunter Wlfe versteckt.

Ich habe einen Revolver bei mir, schallte Juriis Stimme dumpf zurck;
sie erklang aus der Erde, so eigentmlich, wie die eines Toten.

Jurii tastete sich vorsichtig vorwrts. Die Wnde waren uneben und
feucht, wie in einem tiefen Keller. Abwechselnd hob sich der Boden und
senkte sich dann wieder; ein paarmal wre er beinahe in glitschige
Lcher gestrzt. Dann kam ihm der Gedanke, doch noch umzukehren. Er
konnte sich ja einfach niedersetzen, sich eine Weile ruhig verhalten,
und ihnen dann drauen vorreden, da er tief hineingegangen wre.

Aber mit einem Male wurden hinter ihm Schritte, die ber den feuchten
Lehmboden hinglitten, hrbar; dazwischen unterbrochenes Atmen.

Jurii hob die Kerze ber seinen Kopf; er erkannte hinter sich das schne
Mdchen.

Sinaida Pawlowna! rief er erstaunt.

In hchsteigener Person! schallte es von Karssawina lustig zurck und
das Kleid aufraffend, bersprang sie eine breite Pftze.

Jurii durchlief ein angenehmes Gefhl, als er ihre stolze Gestalt neben
sich sah; er lchelte glcklich.

Das Mdchen wurde unter seinem Blick verlegen:

Nun gehen wir doch weiter, sagte sie hastig. Folgsam und leicht
schritt Jurii voran, mit keinem Gedanken mehr bei der Gefahr verweilend;
sorgsam suchte er den Weg vor Karssawinas Fen zu beleuchten.

Die braunen, feuchten Wnde der Hhle nherten sich ihnen bald wie mit
einer erstarrten Geste, bald bogen sie sich pltzlich wieder zurck, als
wnschten sie selbst, diesen jungen, frohen Menschen den Weg frei zu
machen. Stellenweise waren groe Erdblcke herausgebrochen, Steintrmmer
niedergestrzt, und an ihrem Platze ghnten nun tiefe, schwarze
Hhlungen, die durch die Dunkelheit noch bedeutend auseinandergedrngt
schienen. Ueber ihren Kpfen hingen ungeheure Erdmassen tot und starr;
es lag eine furchtbare Drohung darin, da sie nicht herunterschlugen,
sondern von einem mchtigen, unfabaren Gesetz gehalten, unbeweglich
ber ihnen wuchteten.

Schlielich mndeten die Gnge in ein breites, dsteres Gewlbe, das von
stickiger Luft erfllt war.

Auch das Licht erlosch beinahe in dieser bedrckenden Finsternis,
whrend Jurii an den Wnden entlang tastete, um einen neuen Ausweg zu
suchen; dabei sprangen schwankende Schatten und getupfte Flecken, die
das Licht zurckwarf, um ihn herum.

Es gab noch einige andere Ausgnge, sie waren jedoch smtlich durch
Erdrutsche verschttet. Alles machte den Eindruck des Grabes und es wre
nicht denkbar gewesen, da hier Menschen gehaust haben sollten, wenn
nicht in einer Ecke die Ueberreste einer hlzernen Lagerstatt traurig
verfault wren. Aber auch sie glich nur einem alten, lngst zermorschten
Sarge.

Hier ist es nun grade nicht sehr interessant, meinte Jurii, ohne es
selbst zu bemerken, mit gedmpfter Stimme. Die Erdmassen drckten so
stark auf beide, da Karssawina unwillkrlich ihre Lippen zu einem
Flstern bewegte, whrend ihre Augen im Lichtschein flimmernd
umherirrten. Ihr wurde es bange, sie drngte sich nher an Jurii, als
suche sie bei ihm Hilfe. Er bemerkte es und es erfllte ihn mit Freuden,
da er, neben der Schnheit und Schwche dieses Mdchens, noch eine
leise Zrtlichkeit hervorrief, von der sie nichts wute, die sie aber
deutlich in ihren behutsamen Bewegungen ausstrahlte.

Wir sind wie lebend Begrabene, flsterte Karssawina. Ich glaube, wenn
hier jemand schreit, so kann ihn drauen keiner hren.

Gewi nicht! Jurii lchelte. Pltzlich wurde sein Kopf von einem
Schwindel ergriffen. Er blickte von der Seite auf ihre hohe Brust, kaum
von dem dnnen Stoff der kleinrussischen Bluse verhllt und sah ihre
runden, weich abfallenden Schultern. Der Gedanke, da sie sich in
Wirklichkeit hier in seinen Hnden befand und da niemand ihre Schreie
hren wrde, packte ihn mit furchtbarer Ueberraschung; im Kopf wirbelte
es ihm so stark, da es ihm einen Augenblick lang dunkel vor den Augen
wurde.

Doch sofort wurde er wieder seiner Herr. Er empfand, wie widerwrtig der
Gedanke allein war, mit Gewalt auf eine Frau einzudringen. Und vor allem
fr ihn, Jurii Swaroschitsch, den Revolutionr. Anstatt der beienden
Erregung, die jeden Nerv in ihm aufreizte, nachzugeben, sprach er ganz
ruhig:

Versuchen wir, wie es hallt.

Ein seltsames Zittern seiner Stimme konnte er nicht unterdrcken; er war
sicher, da auch Karssawina empfinden mute, was in ihm vorging.

Wie? fragte sie.

Jurii zog seinen Revolver heraus:

Ich werde einen Schu abfeuern.

Kann dabei nichts einstrzen? ...

Ich wei nicht, antwortete er aus irgend einem Grunde, trotzdem er
sicher war, da nichts geschehen wrde. Doch dann wendete er sich
pltzlich zu ihr: Frchten Sie sich denn?

Nein, schieen Sie nur! Karssawina rckte etwas von ihm zurck.

Jurii hob die Hand mit dem Revolver und feuerte ihn ab.

Ein blendender Streifen blitzte dicht vor ihren Augen auf; in einem
Moment wurde alles um sie mit einem trben Dunst berzogen, dann rollte
ein schwerer, dumpfer Lrm grollend durch den Berg.

Aber die Erde hing ebenso unbeweglich wie frher ber ihren Kpfen.

Und das ist alles, sagte eintnig Jurii.

Gehen wir zurck! Kommen Sie!

Sie gingen zurck, doch als Karssawina voraus schritt und Jurii nun den
Rcken zukehrte, soda er ihre krftigen, elastischen Hften sah, stieg
die heie Gier in der alten Strke wieder in ihm auf.

Hren Sie, Sinaida Pawlowna, fing Jurii an, obgleich er schon im
voraus von seiner Stimme und der Frage erschreckte; er bemhte sich, sie
mglichst harmlos zu gestalten. Hren Sie. Es ist ein interessantes,
psychologisches Problem! Warum frchten Sie nicht, mit mir hier
herumzukriechen? Sie sagten selbst, da es niemand hren wrde, wenn
hier drinnen jemand schreit. Und Sie kannten mich doch absolut nicht.

Karssawina fhlte, da sie in der Finsternis tief errtete, schwieg
aber; Jurii atmete schwer und sie konnte jedem dieser Atemzge deutlich
folgen. Er war von glhender Scham erfat worden und doch durchflutete
ihn ein angenehmes Gefhl, als glitte er sicher ber einen breiten
Abgrund.

Ich nahm selbstverstndlich an, da Sie ein anstndiger Mensch sind,
stammelte schwach und zitternd das Mdchen.

Vielleicht haben Sie das umsonst gedacht, erwiderte Jurii, noch immer
das heie Gefhl durchkostend. Pltzlich erschien es ihm originell, da
er so und nicht anders zu ihr sprach; er fand sich und die ganze
Situation, in die er sie gebracht hatte, bewundernswert.

So htte ich mich ertrnkt, sagte Karssawina einfach, noch stiller und
noch mehr errtend.

Aus diesem kurzen Satz strmte eine weite und mitleidvolle Bewegung in
Juriis Seele ber. Die Erregung versank mit einemmal, und ihm wurde
vollkommen frei und leicht zumut.

Welch famoses Mdchen, dachte er warm und aufrichtig. Und das
Bewutsein, da diese warme und aufrichtige Empfindung rein von jedem
beschmutzenden Gedanken war, erfreute ihn so, da aus seinen Augen
Trnen traten.

Karssawina lchelte ihm glcklich zu, stolz auf ihre Antwort und auf
seinen lautlosen Beifall, der sich stumm auf sie bertragen hatte.

Solange sie dem Ausgang zuschritten, dachte sie mit eigentmlicher
Erregung darber nach, warum es ihr garnicht beleidigend und beschmend
gewesen war, sondern angenehm erregend, da er diese Frage an sie
gerichtet hatte.




                                   VI


Die drauen Gebliebenen hatten eine ganze Zeit vor der Hhle gestanden
und ber Jurii und Karssawina gescherzt; dann zerstreuten sie sich am
Ufer.

Die Mnner zndeten sich ihre Zigaretten an, warfen die Streichhlzer
ins Wasser und beobachteten nachlssig, wie der Rauch breite, glatte
Kreise zog. Im Grase schritt Lyda leise singend hin und her und machte,
die Finger um die Taille legend, halb unbewut einige Pas mit ihren
niedlichen Fchen. Ljalja pflckte Blumen und warf sie dann Rjsanzew
zu; er fhlte, wie ihn ihre Augen kten.

Trinken wir doch lieber was, sagte Iwanow zu Ssanin.

Das ist eine gute Idee, meinte dieser entzckt. Gehen wir.

Sie stiegen zum Boot hinunter, ffneten die Bierflaschen und machten es
sich bequem.

Ihr gewissenlosen Sufer! rief Ljalja, und warf ein Bndel Gras, das
sie rasch am Ufer ausgerissen hatte, auf sie hinab.

Im Gegenteil, das ist vorzglich! schrie Iwanow. Und scherzend fuhr er
fort: Ich kann es durchaus nicht begreifen, warum die Menschen gegen
den Alkohol ankmpfen. Meiner Meinung nach lebt berhaupt nur der
Betrunkene so, wie es sich gehrt.

Oder wie ein Tier, lie sich Nowikow vom Ufer her vernehmen.

Und doch, -- -- nur der Betrunkene tut, was er will, rief Ssanin zu
ihm herauf. Er mchte singen, gut, er singt; will er tanzen, tanzt er;
kurz, er schmt sich seiner Freude und Heiterkeit durchaus nicht.

Manchmal prgelt er sich auch, oder prgelt andere, bemerkte trocken
Rjsanzew.

Kommt auch vor! Aber das ist's eben, die Leute verstehen nicht, zu
trinken; sie werden gleich gehssig.

Und du schlgst dich im betrunkenen Zustande nicht?

Nein, meinte Ssanin. Eher im nchternen. Im Rausch bin ich der beste
Kerl von der Welt, wahrscheinlich, weil ich viele Gemeinheiten
vergesse.

Nicht alle Menschen haben einen so liebenswrdigen Charakter, warf
Rjsanzew ein. Die meisten wirklich nicht.

Und wenn schon -- was geht mich das an? Mit seinem frohen Lcheln
fhrte Ssanin das Glas zum Mund.

Nein, man darf nicht so sprechen, wie du, erklrte Nowikow scharf.

Warum denn nicht? ... Und wenn es doch einmal die Wahrheit ist? ...

Eine schne Wahrheit, Ljalja schlug vor Schreck die Hnde zusammen.

Die beste und schnste, die ich kenne, erwiderte Iwanow fr Ssanin.

Lyda, die bis dahin laut gesungen hatte, brach das Gesprch verdrielich
ab. Sie versuchte es auf ein anderes Thema zu lenken.

Die beiden Herrschaften beeilen sich auch nicht.

Wozu htten sie es ntig? ... warf Iwanow hin. Man soll sich
berhaupt niemals beeilen.

Und dann die Heldin ohne Furcht, -- -- und natrlich ohne Tadel!
bemerkte Lyda in sarkastischem Ton.

Tanarow platzte mit lautem Lachen heraus, weil diese letzten Worte grade
seine eigenen Gedanken kreuzten; doch sofort wurde er verlegen. Lyda
blickte auf ihn, umfate wieder ihre Taille und wiegte sich elastisch
hin und her.

Vielleicht sind sie dort sehr vergngt, fgte sie hinzu und zuckte die
Achseln.

Sssst, unterbrach sie Rjsanzew. Ein dumpfes Grollen ertnte aus dem
schwarzen Loch.

Ein Schu, rief Nowikow.

Was bedeutet das? ... fragte Ljalja mit ngstlicher Stimme und
klammerte sich an den Aermel ihres Brutigams.

Aengstige dich nicht! Sollte es auch ein Wolf sein, so sind sie doch um
diese Zeit nicht gefhrlich. Rjsanzew suchte sie zu beruhigen,
innerlich auf Jurii und seinen kindischen Einfall rgerlich.

Und ber zwei Menschen werden sie gewi nicht herfallen, brummte
Iwanow gleichgltig.

Eh, um Gotteswillen! Schawrow, der junge Student war ganz auer sich.

Lyda empfand diese Aufregung als eine unberechtigte Strung.

Aber sie werden ja schon kommen, sagte sie und schrzte verchtlich
die Lippen.

Da tauchten mit einem Mal Jurii und Karssawina aus der Finsternis auf.
Er verlschte die Kerze und lchelte allen liebenswrdig und
unentschieden zu, weil er noch nicht wute, wie sie sich zu seinem
Einfall verhielten.

Er war von oben bis unten mit gelbem Lehm befleckt und auch die Schulter
Karssawinas, mit der sie die Wand gestreift hatte, war beschmutzt.

Nun, was war? ... fragte gleichgltig Semionow, der sich die ganze
Zeit ber scheinbar um nichts gekmmert hatte.

Ziemlich originell und ganz hbsch, gab Jurii unentschlossen, wie um
sich zu rechtfertigen, zur Antwort. Nur reichen die Gnge nicht weit
hinein. Aber irgend ein Holzgestell fault da seinem Ende entgegen.

Und haben Sie den Schu gehrt? fragte lebhaft und mit den Augen
blinkend Karssawina.

Wozu die Heldentaten berichten? ... Meine Herrschaften, das ganze Bier
ist schon ausgetrunken und unsere Seelen sind also in gengendem Mae
erquickt worden. Fahren wir los! schrie Iwanow.

Als das Boot wieder die Mitte des Flusses erreichte, war der Mond schon
aufgegangen. Die Luft war wunderbar still und durchsichtig. Im Himmel
und im Wasser, ber und unter ihnen, prangten, goldenen Feuerhufchen
gleich, die Sterne, und es schien, da das Boot zwischen zwei
unendlichen, erleuchteten Lufttiefen dahinglitt.

Der Wald an den Uferseiten und sein Schatten, der nicht bis in das
Wasser fiel, war dster und geheimnisvoll. Eine Nachtigall begann zu
schlagen. Und wenn alle schwiegen, so war es, als ob nicht ein Vogel
snge, sondern irgendein vernunftbegabtes, in seinem Glcke
nachdenkliches Wesen.

Wie schn, sagte Ljalja, die Augen hebend und legte ihren Kopf auf die
runde Schulter Karssawinas, deren Wrme sie durchdrang.

Dann schwieg man wieder lange und lauschte. Das Schlagen der Nachtigall
erfllte den Wald, hallte trillernd ber den tiefsinnigen Strom und zog
ber die Wiesen dahin, wo lauschig Grser und Blumen in den
monddurchleuchteten Nebel starrten.

Wovon singt sie? fragte Ljalja wieder. Wie unbeabsichtigt fiel ihr Arm
mit der Handflche nach unten auf die Kniee Rjsanzews. Sie fhlte, wie
dieses harte, starke Knie unter ihrer zarten Hand erbebte, und sie wurde
froh und erschrak gleichzeitig ber diese Bewegung.

Von der Liebe natrlich! erwiderte halb scherzhaft, halb im Ernst
Rjsanzew; er bedeckte sachte Ljaljas Hand, die vertrauensvoll auf
seinem Knie lag, mit der seinen.

In einer solchen Nacht mchte man nicht ber Gutes, nicht ber Bses
nachdenken, sprach Lyda vor sich hin und gab damit nur ihren eigenen
Gedanken lauten Ausdruck. Sie dachte daran, ob sie gut oder schlecht
handle, das bange und verlockende Spiel mit Sarudin zu genieen. Als sie
auf sein Gesicht blickte, das im Mondenschein noch hbscher und
mannhafter erschien, fhlte sie pltzlich die gleiche bekannte, se
Schwche, die bange Willenlosigkeit ihr ganzes Wesen durchfluten und mit
sich fortreien.

Sondern ber etwas ganz anderes, setzte Iwanow ihre Gedanken fort.

Ssanin lchelte zu diesen Worten, wendete aber seine Augen nicht von der
Brust und dem weien, im Mondenschein schimmernden Halse Karssawinas,
die ihm gegenbersa. Auf den ovalen Ausschnitt ihres Kleides fiel
pltzlich ein dunkler Schatten von einer der vorspringenden Uferstellen
her; sobald jedoch das Boot, immer den glnzenden Silberstreifen hinter
sich, wieder ber beleuchtete Wellen glitt, kam es Ssanin vor, als ob
dieser Ausschnitt heller, weiter und freier geworden wre.

Karssawina warf ihren breiten Strohhut beiseite, und whrend sie ihre
Brust noch hher hob, begann sie zu singen; ihre Stimme war hbsch und
klar, wenn auch nicht gro.

Es war ein kleinrussisches Volkslied, so weich und traurig, wie all
diese Lieder.

Aeuerst gefhlvoll, murmelte Iwanow ghnend.

Es ist schn, sagte Ssanin.

Als Karssawina endete, klatschten alle Beifall; es schallte scharf in
den dunklen Wald hinein und den Flu hinab.

Singe noch Sinotschka! bat Ljalja oder, besser, trage deine eigenen
Gedichte vor.

Sind Sie etwa auch Dichterin? ... Welche Menge von Talenten kann doch
der liebe Gott einem einzigen Menschen zukommen lassen, wenn er es gut
mit ihm meint!

Ist das denn schlimm? ... Aus Karssawinas Frage klang ein verlegenes
Scherzen.

Nein im Gegenteil, es ist sehr gut, sagte Ssanin mit ehrlicher
Bewunderung.

Wenn, sagen wir, das betreffende Mdchen nebenbei jung und schn ist,
so kann es nichts schaden, stimmte ihm Iwanow bei.

Trage doch vor, Sinotschka, bat Ljalja ganz zrtlich und voll Liebe.

Karssawina blickte verlegen lchelnd ber das Wasser und begann, ohne
sich zu zieren, mit derselben lauten und klaren Stimme.

   Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissen
   Wie mich mein Herz dir entgegentreibt;
   Will meine trumenden Augen verschlieen,
   Da tief mein Geheimnis verborgen bleibt.

   Niemand auf Erden soll es erraten,
   Nur Tage der Trauer haben's gekannt,
   Nur schweigende Nchte durften es ahnen,
   Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.

   Und nur die zitternden, blinkenden Netze
   Der Zweige, die stillen Mrchen gelauscht.
   Wissen's und werden's doch nimmer verraten,
   Wie meine Liebe mich glhend durchrauscht.

Alle gerieten wieder in Entzcken und klatschten voller Begeisterung
Beifall; nicht, weil sie dieses Gedicht so gut fanden, sondern weil sie
sich alle selbst gut und frei fhlten und nach Liebe, Glck und
Sehnsucht verlangten.

Man schwieg, man sah ber das Wasser, lchelte vor sich hin.

Pltzlich rief Iwanow so laut und in so tiefem Ba, da alle erschreckt
zusammenfuhren:

Nacht, ... Tag ... und Sinaida Pawlownas Augen! ... Seid gromtig und
teilt mir mit, ob ich nicht dieser Glcksvogel bin.

Das kannst du auch von mir zu hren bekommen, erwiderte Ssanin. Du
gewi nicht.

Oh, weh mir, heulte Iwanow.

Sind meine Verse schlecht? fragte Karssawina Jurii.

Jurii fand eigentlich, da sie nicht sehr originell und hundert anderen
hnlich seien. Aber Karssawina war so schn und sah ihn mit ihren
schwarzen, schchternen Augen so reizend an, da er ein ernstes Gesicht
machte und ihr antwortete:

Mir schienen sie klangvoll und schn.

Karssawina lchelte ihm zu, selbst verwundert, da ihr sein Lob so
angenehm war.

Du kennst meine Sina noch nicht, rief Ljalja voll Entzcken ihrem
Bruder zu. Sie ist selbst so klangvoll und schn.

Schaut mal an! meinte Iwanow erstaunt.

Ihre Stimme ist klangvoll und schn, sie selbst ist eine Schnheit,
ihre Verse sind klangvoll und schn, und selbst ihr Name ist klangvoll
und schn. Ljalja umarmte sie und drckte ihren Krper an den
Karssawinas.

Uebrigens, auch ich habe nichts dagegen einzuwenden, erklrte Iwanow.
Karssawina errtete und lchelte doch zufrieden vor sich hin.

Es ist Zeit, nach Hause zu kommen, sagte Lyda pltzlich schroff; es
berhrte sie unangenehm, da alle Karssawina lobten.

Ssanin fragte sie: Und willst du nichts singen? ...

Nein, antwortete Lyda in gereiztem Ton, ich bin nicht in Stimmung.

Rjsanzew erinnerte sich, da er am nchsten Tage sehr frh aufstehen
und ins Krankenhaus gehen mute; dann hatte er zu einer Sektion zu
fahren. Darum stimmte er Lyda bei und drang ebenfalls darauf, sich ein
wenig zu beeilen.

Aber alle anderen bedauerten es, weiterfahren zu mssen; sie schienen
durch die Verse Karssawinas noch immer mit diesem Flecken verbunden zu
sein.

Als man spter im Wagen nach Hause fuhr, versprte niemand mehr den
Wunsch, sich zu unterhalten; in sich gekehrt saen sie in den Kremsern,
keiner konnte der schweren Ermattung Herr werden, die sie alle
bedrckte. Man fhlte das Steppengras, jetzt unsichtbar, ber die
Stiefel streichen; hin und wieder haftete das Auge an den grauen
Staubwolken, die die Wagen hinter ihnen aufwirbelten. Und weiter dehnten
sich die Felder unendlich aus, ganz verschwommen im blulichen Glanze
des Mondlichts, ohne dem Auge einen Anhaltspunkt zu geben. Gleichmig
schlugen die Hufe der Pferde auf den Boden; es war das einzige Gerusch,
das die Dunkelheit durchbrach.




                                  VII


Drei Tage darauf kehrte Lyda spt abends heim; sie war wie zerschlagen,
mde und unglcklich. In ihren Gliedern lag eine erstarrte Mattigkeit,
die sie niederzog; die trge Abspannung in ihrem Denken war so stark,
da es ihr Mhe machte, auch nur einen Gedanken zu formen. Sie verstand
sich und begriff doch wieder nichts; in manchen Augenblicken schien sie
sich selber fremd zu werden.

Als sie endlich in ihr Zimmer gekommen war, blieb sie jh stehen,
faltete die Hnde, und sah, langsam erblassend, zu Boden. Mit einem Mal
zerri etwas in ihrem Hirn und erst jetzt erfate sie mit Entsetzen, das
sich sofort in physischem Widerwillen auslste, was eigentlich mit ihr
vorgegangen war, als sie sich Sarudin hingab. Seit diesem Augenblick,
den nichts mehr gut machen konnte, war ihr in dem dummen, eitlen
Offizier, mit dem sie keine geistigen Beziehungen verbanden, eine Macht
entstanden, der sie sich auf keine Weise mehr entziehen konnte.

Sie war rechtlos geworden; jetzt durfte er nach Belieben mit ihr
schalten. Sie konnte sich nicht mehr weigern, ihn zu besuchen, sobald er
es verlangte; nun hatte es aufgehrt, da sie mit ihm nach ihrer Laune
spielte, einmal sich seinen Kssen hingab, dann wieder ihn beiseite
schob und auslachte. Seinen grbsten Zrtlichkeiten mute sie willenlos
und demtig wie eine Sklavin gehorchen.

Wie alles abgelaufen war, suchte sie vergebens in der Erinnerung
festzuhalten; alles verschwamm in der brennenden Hitze, die sie
ergriffen hatte. Wie immer hatten sich ihr seine Zrtlichkeiten zuerst
untergeordnet, wie immer waren sie ihr angenehm und doch bange gewesen
und nur mit einemmal schien ihr ein blasser Nebel in den Kopf zu
steigen, worin jede Klarheit und Ueberlegung versank. Pltzlich befand
sich in ihr nur ein glhender Wunsch, der sie in einen Abgrund von
Begierden und Erregungen zog. Der Boden schwoll unter ihren Fen an,
ihr Krper wurde kraftlos und unterwrfig, die drngenden, furchtbaren
Blicke Sarudins klammerten sich an ihn und dann erzitterten ihre nackten
Beine schamlos und qualvoll unter der rohen Berhrung zweier grober
Hnde. Alles in ihr schob sich diesen Hnden entgegen; in ihr lebte nur
noch der eine Wunsch, -- -- der Neugierde, dem Schmerze und der Wollust
zu folgen.

Lyda erbebte unter der Erinnerung, hob langsam ihre Schultern in die
Hhe und bedeckte ihr Gesicht mit den Hnden. Schwankend ging sie auf
das Fenster zu, ffnete es und blickte fast ohne Bewutsein auf den
Mond, der ber dem Garten stand.

Die trbe Stimmung drckte sie zu Boden; es war eine sonderbare Mischung
von hlicher Begierde und sehnschtigem Stolze, die sie bei dem
Gedanken beschlich, da sie ihr ganzes Leben mit einem Hohlkopf befleckt
hatte und da ihre Erniedrigung nur sinnlos und zufllig gewesen war.
Etwas Drohendes erhob sich vor ihr; sie suchte es vergebens durch
trotzige Verachtung zu zerstreuen.

... wir sind eben zusammengetroffen und ich bin mit ihm mitgelaufen,
dachte sie, und mit schmerzlicher Wollust wiederholte sie sich das Wort
mitgelaufen ... Ich wollte es und darum gab ich mich ihm hin. Aber
doch wurde ich glcklich; es war ja so ... es wurde ihr unmglich, diese
Gedankenreihe zu Ende zu fhren.

Lyda schrak zusammen und reckte sich, indem sie die geballten Hnde nach
vorn streckte. Dann strich sie mit den geffneten Handflchen durch die
Luft, als wenn sie alles von sich fortschieben wollte.

Mit Ueberwindung trat sie vom Fenster zurck und begann sich zu
entkleiden; sie lste mechanisch die Bnder der Rcke und lie sie
gleich dort, wo sie stand, zur Erde fallen.

-- -- -- Warum auch nicht, dachte sie, das Leben ist nun einmal so.

Sie erschauerte unter dem frischen Luftzug, der weich ihre Schultern
berhrte.

-- -- -- Was htte ich gewonnen, wenn ich wirklich die legitime Ehe
abwartete. Was kann sie viel fr mich sein. Es ist ja im Grunde ganz
gleichgltig. Ich bin dumm, da ich dem, was geschah, irgend eine
Bedeutung beimesse ... Dummheiten!

Am Ende dieser Gedanken schien ihr wirklich, da es sich nur um
Kleinlichkeiten handle. Vom nchsten Tage an wrde alle Unruhe ein Ende
haben; sie hatte in diesem Spiel gewonnen, sie war jetzt frei wie ein
Vogel.

   Gefllt es mir, so lieb ich ihn,
   Und hab ich's satt, so ist's vorbei.

Und dem Klange ihrer Stimme lauschend, dachte sie mit Vergngen, da sie
doch viel besser singe, als Karssawina.

-- -- -- Ja, das sind alles nur Dummheiten. Wenn es mir pat, so gebe
ich mich dem Teufel hin ..., sie gab ihren Gedanken einen endgltigen
Sto, dessen Rcksichtslosigkeit sie selbst erstaunte. Mit einem gleich
schroffen, krperlichen Ruck richtete sie sich auf, verschrnkte, wie
zum Halt, ihre Arme hinter dem Kopf und reckte sich so stark, da es
ihre Brust erschtterte.

Schlfst du noch nicht, Lyda? fragte die Stimme ihres Bruders hinter
dem Fenster.

Lyda erzitterte schreckhaft, lchelte aber sofort, schlug um ihre
Schultern ein groes Tuch und lief ans Fenster.

Wie hast du mich erschreckt, sagte sie.

Ssanin trat auf sie zu und sttzte den Ellenbogen auf das Fensterbrett;
seine Augen blinkten, und er lchelte.

Es war aber doch umsonst, erklrte er heiter und leise.

Lyda wandte fragend den Kopf.

Ohne Tuch shst du viel hbscher aus. Er sprach mit bedeutungsvoller
Stimme. Lyda jedoch verstand ihn nicht und wandte sich ihm erstaunt zu;
gleichzeitig aber wickelte sie sich instinktiv noch fester in ihr Tuch.
Verlegen lehnte sie ihre Brust an das Fensterbrett und beugte sich
heraus; sie wurde noch verlegener, als Ssanin pltzlich leise spttisch
auflachte und sein heier Atem ihre Wange streifte.

Du bist eine Schnheit, Liebste, sagte er unvermittelt.

Lyda schaute rasch auf ihn hin und erschrak vor dem Ausdruck seines
Gesichts. Hastig wendete sie sich zum Garten, und sie fhlte es bis in
die uersten Nervenenden, da Ssanin sie ganz besonders anblickte. Das
machte auf sie einen so entsetzlichen Eindruck, da es ihr in der Brust
kalt wurde und ihr Herz schmerzhaft erbebte. Doch sie berwand sich und
lchelte.

Ich wei. Sie hatte das Gefhl, als wre sie gezwungen, ihn so und
nicht anders anzulcheln. Um es zu vermeiden, lehnte sie sich noch
weiter aus dem Fenster. Dabei glitten das Hemd und Tuch herunter, und
der obere Teil ihrer weien und unfabar zarten Brust, unter den
Strahlen des Mondes noch zarter und weier, wurde sichtbar.

Die Menschen errichten stets eine chinesische Mauer zwischen sich und
dem Glck. Ssanins unnatrlich leise Stimme schluchzte fast vor
Erregung und Lyda erstarrte noch mehr unter ihren Lauten.

Wieso? fragte sie tonlos, ohne die Augen von dem dunklen Garten
abzuwenden, in der Furcht, seinem Blick zu begegnen.

Sie fhlte mit Sicherheit, da in dem Augenblick, wo sie ihn ansehe,
etwas Furchtbares geschehen wrde, etwas, dessen Mglichkeit sie nicht
einmal in Gedanken fassen konnte.

Und zur selben Zeit wute sie schon, da alles so kommen mute. Sie
ngstigte sich, sie hatte eine widerwrtige Empfindung und doch war es
ihr gleichzeitig interessant. Ihr Kopf glhte und sie sah nichts mehr
vor sich. Mit Abscheu und Verlangen sprte sie auf der Wange das heie
Atmen ihres Bruders, das ihr Haar an der Schlfe bewegte und in ihr das
Gefhl erweckte, als ob unter dem Tuche Ameisen ihren nackten Krper
herunterliefen.

Ganz einfach! erwiderte Ssanin, doch seine Stimme ri mit einem Male
ab.

Lyda fuhr es wie ein Blitz durch den ganzen Krper; sie richtete sich
auf und ohne zu wissen, was sie tat, neigte sie sich zum Tisch hinber
und lschte die Lampe aus.

Zeit schlafen zu gehen, sie zog das Fenster zu.

Als die Lampe erloschen war, wurde es drauen nur heller, die Gestalt
Ssanins und sein Gesicht traten unter dem Licht des Mondes noch strker
hervor. Er stand im hohen, taubedeckten Gras und lachte.

Lyda ging vom Fenster zurck und lie sich fast ohne Bewutsein auf das
Bett nieder. Alles schwankte und klopfte in ihr und ihre Gedanken
verwirrten sich. Sie hrte die Schritte des Bruders, der mit seinen
Fen das Gras beiseite schob, und sie suchte mit ihrer Hand das
Schlagen ihres Herzens zu unterdrcken.

-- -- -- Bin ich denn wirklich verrckt geworden, dachte sie mit
Widerwillen. Wie ekelhaft ist das alles. Ein Satz, zufllig gesprochen
und ich bin schon ... Was ist das? ... Erotomanie? Bin ich denn wirklich
so verdorben? ... Wie tief mu man fallen, um so zu denken ...

Und pltzlich weinte Lyda, den Kopf in die Kissen gedrckt, still und
bitter auf. Sie fhlte sich gedemtigt und unglcklich und verstand doch
den Grund ihrer Trnen nicht. Sie weinte, weil sie mit der Hingabe an
Sarudin ihren frhern Stolz zerbrochen hatte und weil der verletzende
Blick ihres Bruders immer noch an ihr nagte. Frher hatte er es nicht
gewagt, sie so anzusehen; jetzt tat er es; -- denn er hielt sie fr eine
Gefallene. Doch am strksten beherrschte sie das Gefhl, wie schmerzhaft
und erniedrigend es ist, eine Frau zu sein, und da sie immer, solange
sie jung und schn bleibt, ihre besten Krfte darauf verwenden mu, sich
den Mnnern hinzugeben. Ihr ganzes Leben gipfelte nur darin, ihnen Genu
zu bereiten, und sie konnte doch nur erwarten, von ihnen um so mehr
verachtet zu werden, je mehr sie ihnen von diesem Genu zuteil werden
lie.

-- -- -- Woher kam diese Herrschaft der Mnner? ... Lyda starrte mit
angespanntem Blick in die Finsternis, bis ihr die Augen schmerzten. --
-- -- Werde ich denn wirklich kein besseres Leben mehr sehen? ... Ihr
junger, krftiger Krper gab ihr eindringlich die Antwort. Er rief ihr
zu, da sie vor allem das Recht habe, vom Leben zu nehmen, was ihr
angenehm und notwendig sei, ein Recht, alles mit diesem lebendigen,
kraftvollen Krper zu wagen. Der Krper bin ich und ich bin frei, sang
es in ihr, in einer monotonen, einschlfernden Melodie. Doch pltzlich
verfing sich dieser Satz in einem verwickelten Netz von Gedanken,
versuchte sich aus den Maschen zu reien und fiel kraftlos und trbselig
zu Boden nieder.




                                  VIII


Jurii Swaroschitsch beschftigte sich seit langem mit Malerei; er liebte
sie und opferte ihr seine ganze freie Zeit. Einmal hatte er davon
getrumt, Kunstmaler zu werden. Zuerst hinderte ihn Geldmangel an der
Ausfhrung seiner Plne, spter kam die Parteittigkeit dazwischen,
schlielich griff er nur hin und wieder einmal zu Pinsel und Palette.

Da ihm jede Schulung fehlte, brachte ihm seine Kunst nur Unzufriedenheit
und Enttuschung. Jedesmal, wenn die Arbeit pltzlich nicht mehr weiter
gehen wollte, erregte sich Jurii furchtbar und litt tagelang unter dem
Bewutsein seiner knstlerischen Unzulnglichkeit. Gelang ihm aber
wirklich einmal ein Werk, so geriet er in trumerisches Nachdenken; dann
fra der Gedanke an ihm, da sein ganzes Arbeiten zwecklos sei und ihm
doch kein Glck bringen knne.

Von Karssawina war Jurii entzckt.

Er liebte solche hochgewachsenen und vollen Frauen mit den reinen
Stimmen und etwas sentimentalen Augen. Aber alles, was er von
Karssawinas Reinheit und seelischer Feinheit empfand, war nur durch ihre
Schnheit, ihr zrtliches Wesen in ihm hervorgerufen worden. Aus irgend
einem Grunde jedoch wollte er sich das selbst nicht eingestehen und
suchte sich mit aller Mhe zu berzeugen, da ihm nicht die Schultern,
die Brust und die Augen dieses Mdchens gefielen, sondern ihre
Jungfrulichkeit und Unberhrtheit. Zwar htte er nicht leugnen knnen,
da ihn gerade diese jungfruliche Unberhrtheit in Erregung versetzte;
trotzdem schienen ihm seine Gedanken in dieser Gestalt edler und besser.
Doch schon vom ersten Abend an entstand in ihm ganz langsam die unklare
Gier, welche er von frher her kannte, die ihm aber bis jetzt noch nicht
zum Bewutsein gekommen war, Karssawina ihrer Reinheit zu berauben. Es
waren Gedanken, wie sie stets in ihm auftauchten, wenn er auffallend
schnen Mdchen begegnete.

Diesmal aber schlugen sie einen besonderen, eigenartigen Weg ein. Je
mehr er sich mit Karssawina beschftigte und ihr blhendes Leben vor
Augen sah, um so dringender wurde er von dem Wunsche gepackt, das Symbol
dieses Lebens zu malen.

Kaum war die Idee in ihm aufgetaucht, als er sich auch schon voll
Begeisterung auf sie strzte, ganz berauscht von ihr und fest berzeugt,
sie dieses Mal bis zu Ende durchfhren zu knnen.

Er spannte sich eine groe Leinwand auf und machte sich mit fieberhafter
Eile, als befrchtete er, sich zu verspten, an das Bild. Sowie er die
ersten Pinselstriche hingeklatscht hatte und auf der Leinwand
strahlende, saftige Flecken erschienen, bebte er am ganzen Krper vor
Begeisterung und Kraft; sein zuknftiges Werk stand in allen
Einzelheiten leicht und interessant vor seinen Augen.

Je weiter die Arbeit vorschritt, um so strkere technische
Schwierigkeiten, die ihm unberwindlich erschienen, ergaben sich. Was
ihm die Phantasie hell und kraftvoll vorgespiegelt hatte, wurde auf der
Leinwand schwach und flach. Auch die Einzelheiten, die ihn zuerst so
stark anzogen, lockten ihn jetzt nicht mehr; sie verwirrten ihn nur und
blendeten ihn.

Jurii hielt sich nicht lnger bei den Details auf und begann statt ihrer
die Striche breit und nachlssig anzulegen. Allmhlich trat ein
oberflchlich hingeworfenes, graues Frauenzimmer hervor, ohne jede
Originalitt; alles matt und schwerfllig. Jurii trat ein paar Schritte
zurck, eine Zeitlang starrte er abwesend auf die bunte Flche. Dann sah
er pltzlich ein, da sein Bild nichts Persnliches ausdrckte, sondern
einfach die Kartons von Much nachahmte; selbst seine Idee war nur banal
gewesen.

Ihm wurde matt und traurig zumute.

Htte er nicht geglaubt, da Weinen beschmend sei, so wren ihm jetzt
die Trnen gekommen. Am liebsten wrde er den Kopf in die Hnde
vergraben haben, schluchzend und ber irgend etwas klagend, nur nicht
ber seine eigene Kraftlosigkeit. Doch so sa er nur finster vor seinem
Bilde und dachte, da sich das Leben selbst langweilig und schwchlich
abrolle und nichts mehr enthalte, was ihn anregen knne. Und pltzlich
berfiel ihn geradezu mit Entsetzen der Gedanke, da er vielleicht dazu
verurteilt sei, noch viele Jahre in diesem Neste zuzubringen.

-- -- -- Dann besser der Tod, dachte Jurii und ein Klteschauer berlief
ihn. Und unter der Anspannung, in der sich sein Hirn befand, setzte sich
dieser Gedanke sofort in den Wunsch um, den Tod zu malen.

Jurii griff zum Messer und begann mit einer Gehssigkeit, die ihn selbst
emprte, sein Leben abzuschaben. Gleichzeitig aber rgerte es ihn, da
dieses Bild, an welchem er mit solcher Begeisterung gemalt hatte, jetzt
nur mit Mhe von der Leinwand verschwinden wollte.

Die Farben lsten sich nur wie unwillig, das Messer schmierte, sprang ab
und machte jedesmal zu Juriis grter Wut einige Risse in den Grund.
Dann stellte es sich heraus, da die neuen Kohlenstriche nicht auf der
ligen Unterlage sitzen wollten, und dies verursachte ihm wiederum
geradezu krperliche Schmerzen.

Er griff zum Pinsel und begann sofort Braun aufzusetzen, verlor aber
gleich wieder alle Energie und malte langsam, nachlssig, unter schwerem
und trbem Nachsinnen weiter.

Das Bild, das er jetzt im Kopfe hatte, verlor nicht, sondern gewann
geradezu durch die Oberflchlichkeit der Pinselfhrung und den matten,
schleppenden Ton der Farben. Dazu war die ursprngliche Idee des Todes
wie von selbst geschwunden, das Motiv wurde unter Juriis Pinsel zu einer
Darstellung des Greisentums. Er malte es in der Gestalt einer
abgerackerten, knochigen, alten Frau, die auf einem ausgetretenen Wege,
einen Sarg auf dem Rcken, in grauer, trauriger Dmmerung
dahinschleicht.

Man rief Jurii zum Mittagessen, aber er lie sich nicht aufhalten,
sondern malte ununterbrochen weiter. Spter kam auch Nowikow und begann
ein Gesprch mit ihm, doch er hrte ebensowenig hin, blieb stetig bei
seiner Arbeit und gab ihm keine Antwort.

Nowikow lie sich aufseufzend auf dem Divan nieder; er war es ganz
zufrieden, schweigen und denken zu knnen. Zu Jurii war er nur gekommen,
weil er es nicht ertragen konnte, allein zu Hause zu sein.

Die Ablehnung Lydas qulte ihn sehr; aber er war sich selbst nicht klar,
ob er sich ihrer mehr schmte oder an ihr seelisch verkmmerte. Die
Klatschereien ber Lyda und Sarudin waren ihm noch nicht zu Ohren
gekommen, trotzdem sie schon berall in der Stadt aufstiegen. Daher war
er auf niemanden eiferschtig, sondern litt nur unter der Zerstrung
seines Traumes, der ihm eine Zeitlang nahe und glnzend erschienen war,
so da er sich bereits voll seinem Glck hingegeben hatte.

Obgleich er, whrend er auf Juriis Bild starrte, darber nachsann, wie
jetzt auch sein Leben verderben und alt werden mute, kam ihm nicht
einen Augenblick lang der Gedanke, da er sterben knne. Er begriff nur,
da es nunmehr, seitdem er sein persnliches Leben aufgegeben hatte,
seine Pflicht sei, fr andere Menschen zu leben. So war ihm bereits
unklar der Gedanke aufgetaucht, hier alles stehen und liegen zu lassen
und nach Petersburg zu fahren, wo er wieder die Beziehungen zur Partei
anknpfen konnte. Von dort bis zum Tode war es nicht weit.

Schon das Bewutsein, da ihm diese Idee, die ihm erhaben und schn
dnkte, ganz allein gehre, gab ihm Trost. Sein eigenes Bild umrahmte
sich vor seinen Augen mit einer lichten, schwermtigen Glorie, und durch
den unwillkrlichen leisen Vorwurf gegen Lyda, der sich darin zeigte,
wurde er so tief gerhrt, da ihn fast ein trockenes Weinen ergriff.

Allmhlich wurde ihm das Nachdenken langweilig. Jurii malte
ununterbrochen fort und schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Nowikow erhob
sich mit seiner angeborenen Bequemlichkeit und trat auf ihn zu.

Vorlufig fehlte dem Bilde noch jede tiefere Ausfhrung, aber gerade
deswegen machten seine grellen Andeutungen auf Nowikow einen tiefen
Eindruck. Ihm schien das Bild wunderbar. Er ffnete ein wenig den Mund
und blickte mit naiver, unverhohlener Begeisterung auf Jurii.

Nun was? fragte Jurii zur Seite blickend.

Nowikow sagte einfach und begeistert: Sehr ... gut!

In diesem Augenblick fhlte sich Jurii ganz als Genie, das mit
Verachtung auf sein Werk herabblickt. Er seufzte gefhlvoll auf, warf
den Pinsel hin, so da die Sofaecke bespritzt wurde und trat zur Seite,
ohne das Bild nur mit einem Blick zu streifen.

Eh, Bruder, sagte er. Beinahe htte er sich und Nowikow in diesem
Augenblick die trbe Erkenntnis eingestanden, die einen Moment von der
Freude am Erfolge durchbrochen worden war, da er doch nicht imstande
sei, die Skizze ernsthaft auszufhren. Statt dessen aber meinte er nur
wegwerfend:

Das ntzt doch alles nichts.

Nowikow wollte das fr eine Pose Juriis halten, aber in dieser Minute
gab ihm sein eigener, enttuschungsvoller Gram einen Stich durch das
Herz und er dachte: Wahr. Sehr wahr. Doch wenige Sekunden spter
erwiderte er ganz ohne Ueberlegung:

Was meinst du, es ntzt nicht?

Jurii konnte diese Frage nicht gleich beantworten und schwieg; auch
Nowikow blickte nur noch einmal flchtig auf das Bild und legte sich
dann auf den Divan.

Weit du, Bruder, begann er, sogar deinen Artikel im Sden habe ich
gelesen. Er ist ganz gut.

Hol ihn der Teufel, rief Jurii mit einer Erbitterung, die ihm vllig
unverstndlich war; er erinnerte sich pltzlich der Worte Semionows.
Dann fuhr er fort: Was erreicht man mit dem allem? ... Man wird weiter
rauben, hinrichten und Gewaltttigkeiten begehen. Mit Artikeln ist da
gar nichts zu machen; es tut mir leid, da ich ihn berhaupt geschrieben
habe. Was ist nun schon? ... Einige Idioten werden ihn lesen. Welchen
Zweck hat das? ... Und schlielich, was geht es mich an. Weswegen soll
ich mit dem Kopf die Wnde einrennen?

Vor den Augen Juriis zogen die ersten Jahre seiner Parteittigkeit
vorber. Die geheimen Zusammenknfte, die Propaganda, die Gefahr und die
Mierfolge, der heie Enthusiasmus und die vllige Apathie gerade jener
Schichten, fr die er kmpfen wollte. Er ging im Zimmer auf und ab und
machte eine wegwerfende Handbewegung.

Nowikow brauste pltzlich auf.

Von dem Standpunkt aus lohnte es sich berhaupt nicht, irgend was zu
tun. Und sich Ssanins erinnernd, fgte er hinzu: Egoisten seid ihr
alle! Weiter nichts.

Ja, es verlohnt sich in Wirklichkeit nicht, etwas zu tun, setzte Jurii
zu sprechen ein; er befand sich pltzlich, unter dem Einflu der
gleichen Erinnerung und der matten Dmmerung, die schon ganz sachte
alles im Zimmer zum Erblassen brachte, in einer glhenden, aufrichtigen
Stimmung. Whrend er fortfuhr, schien er sich immer mehr zu erregen:

Wollen wir wirklich ber die Menschheit sprechen, so sage, was bedeuten
denn alle unsere Bemhungen. Diese Konstitutionen, diese Revolutionen,
-- und wir knnen uns doch noch nicht einmal annhernd die Perspektive
vorstellen, die die Menschheit in der Zukunft entlang laufen wird.
Vielleicht, vielleicht liegen gerade in der Freiheit, von der wir
trumen, die ersten Keime der Zersetzung? Vielleicht, nachdem der Mensch
sein Ideal erreicht haben wird, geht es wieder mit ihm rckwrts, und
schlielich luft er von neuem auf allen Vieren ... Und dann wird die
ganze Geschichte von vorne anfangen. Oder denkt man auch nur an sich
selber. Sage doch, -- schrie er pltzlich schmerzlich auf, -- was kann
ich im allerbesten Fall erreichen? ... Natrlich, ich kann mit meinen
Talenten und Taten, wenn alles gut geht, Ruhm einsammeln. Ich kann mich
an der Ehrerbietung von allerlei Volk besaufen ... Sehr schn, von
solchen, die noch niedriger stehen, als ich, also gerade die, welche ich
noch nicht einmal achten kann. Deren Anerkennung mir in der Wirklichkeit
nicht einen Pfifferling wert sein sollte. Und so ... leben, leben bis
zum Ende! ... Weiter nichts! Und war ich noch so bedeutend, -- am Ende
wird mir der Lorbeerkranz an den kahlen Schdel wachsen, da es mir nur
Ekel hervorruft.

So? ... Vor dir selbst? ... fragte Nowikow mit gemachtem Spott, vllig
unklar, warum er eigentlich fragte und woher ihm die Lust zum Spotten
kam.

Aber Jurii achtete garnicht darauf. Er fuhr, voll Trauer in seinen
Worten, fort, zu reden, ohne zu merken, mit welcher Befriedigung er
ihnen lauschte; sie schienen ihm prachtvoll und eindringlich und riefen
in ihm ein eigensinniges, erhebendes Gefhl hervor.

Und schlimmstenfalls bleibe ich ein unbekanntes Genie, ein lcherlicher
Schwrmer, wert als Objekt fr Witzbltter zu dienen, ein Mensch ohne
Sinn und Verstand. Keinem zu Nutzen ...

Nowikow fiel ihm ins Wort. Er wnschte sich seine eigenen Gedanken
wegreden zu knnen, wenn er auch fhlte, wie zwecklos dieses Gerede war.

Aha! -- -- -- Niemandem ntzlich, sagst du! Du merkst also selbst, das
heit, du gestehst ...

Welch ein komischer Kerl du bist, unterbrach ihn seinerseits Jurii.
Meinst du wirklich, da ich mir nicht ganz klar bin, wofr man leben
und was man glauben knnte? ... Vielleicht wrde ich mich mit Freuden
kreuzigen lassen, wenn ich nur wte, da mein Tod die Welt retten wird.
Aber so, was ich auch tun mag, an der Endsumme, die einmal die
Geschichte ziehen mu, ndere ich verdammt wenig. Ach, garnichts, und
der ganze Nutzen, den ich bringen kann, -- -- -- Ihr redet ja immer vom
Nutzen, -- -- -- das ist ja alles so gering, so nichtig, -- -- -- und
wenn ich berhaupt nicht wre, die Welt htte keinen Jota Nachteil
davon. Aber es gehrt sich nun einmal so, und ich mu fr diesen Wert,
geringer als ein Jota, leben und leiden und qualvoll auf meinen Tod
warten. -- -- -- Als anstndiger Mensch, -- -- --

Es fiel Jurii garnicht auf, da er allmhlich auf ein anderes Thema
bergegangen war und zuletzt nicht mehr auf Nowikows Worte antwortete,
sondern zu sich selbst sprach, zu seinen eigenen, sonderbaren und
unbestimmten Empfindungen. In diesem Augenblick erinnerte er sich wieder
Semionows Reden ber den Tod und ein kaltes, widerwrtiges Grauen lief
ihm den Rcken herunter.

Weit du, diese Unvermeidlichkeit qult mich, sagte er still und
vertrauensvoll, indem er mechanisch durch das dunkel gewordene Fenster
schaute. Ich wei, da alles ganz natrlich ist, da es dagegen gar
kein Ankmpfen gibt, -- -- aber doch, es ist entsetzlich und
abscheulich.

Nowikow verstand, da in diesen Worten etwas Richtiges liegen mochte; er
wurde noch trbseliger. Dennoch zwang er sich, ruhig und nchtern zu
erwidern: Der Tod ist eine ntzliche, physiologische Erscheinung.

-- -- Welch ein Narr ist das, dachte wtend Jurii; aufgeregt gab er ihm
zur Antwort:

Ach mein Gott, was geht es mich im Grunde an, ob unser Tod jemandem
Nutzen bringt oder nicht. Alles Unsinn!

Und deine Kreuzigung? ...

Das ist eine ganz andere Sache, antwortete er unentschlossen und mit
einemmal ernchtert.

Du widersprichst dir selbst, bemerkte Nowikow; er fhlte seine
Ueberlegenheit, war aber doch gromtig genug, Jurii in diesem
Augenblick nicht anzusehen.

Jurii fing diesen Ton auf. Er war emprt und erhitzte sich aufs uerste
ber Nowikows Ruhe. Wild fuhr er sich mit seinen Hnden durch die
widerspenstigen, schwarzen Haare, und schrie wtend:

Ich widerspreche mir berhaupt nicht. Das ist ganz klar. Es ist ein
groer Unterschied, ob ich selbst nach meinem eigenen Wunsche sterbe
...

Ganz egal ist es, mein Lieber. Nowikow fuhr in seinem berlegenen Ton
fort, ohne aufzublicken. Was euch krnkt, -- -- -- ihr wollt eben alle
Feuerwerk und Applaus haben. Egoismus, mein Lieber, das ist alles.

Und wenn schon, das ndert an der Sache nichts.

Das Gesprch verwickelte sich. Jurii merkte, da etwas nicht in Ordnung
war, er konnte aber nicht mehr den Faden herausfinden, der ihm noch eine
Minute vorher, so straff gespannt wie eine Saite schien. Aergerlich
rannte er im Zimmer auf und ab und dachte wie immer in solchen Fllen,
um sich selbst zu beruhigen: Es kann einfach nichts Vernnftiges
herauskommen, wenn die Stimmung nicht klappt. Mal spricht man so klar,
da einem alles wie selbstverstndlich vor den Augen liegt, und ein
anderes Mal wieder ist es einem, als ob die Zunge im Munde festgebunden
wre. Alles platzt dann so ungeschickt und grob heraus, ja, das kommt
schon vor.

Sie schwiegen beide eine Weile. Jurii lief immer noch im Zimmer umher,
dann blieb er kurze Zeit vor dem Fenster stehen. Er starrte hinaus.
Pltzlich wendete er sich um und griff zur Mtze.

Gehen wir etwas spazieren, sagte er hastig.

Gut, gehen wir! Nowikow willigte mit der geheimen Hoffnung ein, da
ihnen der Zufall vielleicht Lyda Ssanina in den Weg fhren werde.




                                   IX


Sie gingen den Boulevard hinauf und hinunter, ohne Bekannten zu begegnen
und lauschten interesselos der Musikkapelle, die wie gewhnlich im
Stadtgarten spielte. Jedesmal setzte sie mit falschen Intonationen ein,
kam im Takt immer mehr auseinander, soda man htte glauben knnen, die
Musiker versuchten im Spiel einander zuvorzukommen; trotz alldem klang
aber die Melodie von ferne zart und traurig. Stets dieselben
Spaziergnger kamen an ihnen vorber, flirteten miteinander und ihr
Lachen, ihre aufgeregten, heien Stimmen paten nicht zu der stillen,
traurigen Musik, dem stillen, traurigen Abend; sie versetzten Jurii in
eine verdrieliche, gehssige Stimmung.

Als sie wieder einmal am Ende des Boulevard angelangt waren und gerade
umkehren wollten, trat Ssanin an sie heran und begrte sie vergngt.
Doch er gefiel Jurii offensichtlich nicht und so wollte das Gesprch
nicht recht in Flu kommen. Mit einemmal verletzte es auch Jurii, da
Ssanin alles, was ihm vor die Augen kam, mit seinem leichten Spott
bergo; jedes Wort klang ihm schmerzhaft in den Ohren. Seine Stimmung
vernderte sich auch nicht, als Iwanow auf sie zukam und sich ihnen
ebenfalls mit lauter Frhlichkeit anschlo.

Wo wollen Sie denn hin? fragte Nowikow den Lehrer, um dadurch dessen
Fragen zuvorzukommen.

Ich will meine Freunde freihalten, erwiderte dieser lachend, zog eine
Flasche Wodka aus der Tasche und zeigte sie mit feierlicher Miene im
Kreise herum. Ssanin stimmte sofort in das Lachen ein.

Jurii erschien das Lachen und der Wodka wiederum unnatrlich und platt;
widerwillig wendete er den Kopf ab. Trotzdem es Ssanin bemerkte, ging er
nicht darauf ein und behielt ruhig sein vergngtes Lcheln bei. Iwanow
jedoch machte eine zweideutige Miene und sagte in gedehntem Ba:

Ich danke dir, Herr, da ich nicht bin, wie diese Zllner.

Jurii errtete: -- Der mu natrlich auch noch seinen Senf drauf geben,
dachte er verchtlich, zuckte mit den Schultern und trat zur Seite.

Nowikow, du unbewuter Phariser, so komme du wenigstens mit uns mit,
drang Iwanow in ihn.

Um welches Teufels willen? ...

Nun, um einen zu nehmen.

Nowikow gab nicht gleich eine Antwort, sondern berblickte mit
gleichgltigen Mienen den Boulevard; es schmerzte ihn, da er Lyda
nirgends erblickte.

Lyda sitzt zu Hause und bt ihre Snden, bemerkte Ssanin lchelnd.

Dummheiten, murmelte verlegen Nowikow, ich habe einen Kranken.

Der auch ohne deine Hilfe verrecken wird, fiel ihm Iwanow ins Wort.
Uebrigens knnen wir uns auch ebenso ohne deine Hilfe dem Wodka
widmen.

-- und uns besaufen! Und das ist noch das beste, dachte Nowikow bitter.
Laut sagte er: Nun gut, gehen wir!

Sie verabschiedeten sich flchtig von Jurii und schritten fort; er hrte
noch von weitem den groben Ba Iwanows und das harmlos-zrtliche Lachen
Ssanins.

Er ging wieder, ganz mit seinen Gedanken beschftigt, den Boulevard
hinunter, bis ihn Frauenstimmen anriefen. Sina Karssawina und die
Lehrerin Dubowa saen auf einer der Boulevardbnke, und ihre Figuren in
dunklen Kleidern und ohne Hte, aber mit Bchern unter den Armen, waren
in dem tiefen Schatten kaum erkennbar.

Rasch und erfreut trat er auf sie zu.

Woher kommen Sie? fragte er, sie begrend.

Wir waren in der Bibliothek, gab Karssawina zur Antwort.

Dubowa rckte schweigend zur Seite, soda an ihrer Seite Platz wurde;
aber trotzdem Jurii wnschte, sich an Karssawinas Seite zu setzen, wagte
er es nicht recht und lie sich neben der hlichen Lehrerin nieder.

Warum machen Sie ein so rgerliches, wtendes Gesicht? fragte Dubowa,
wobei sie ihre schmalen und trockenen Lippen gewohnheitsmig mimutig
aneinanderprete.

Sieht es denn so aus? Es ist heiter genug und denn, ich glaube, es ist
hier tatschlich etwas langweilig.

Vielleicht liegt's an Ihnen? erwiderte spttisch Dubowa.

Und verstehen Sie, hier was anzufangen?

Ja, ich habe keine Zeit zu greinen!

Ich auch nicht.

Na, dann quietschen Sie eben, -- scherzte Dubowa.

Das ist nun einmal mein Leben. Ich habe sogar das Lachen verlernt.

In seiner Stimme lag eine so bittere Nuance, da die Mdchen
unwillkrlich stille wurden.

Auch Jurii schwieg; dann lchelte er: Ein Freund von mir sagte einmal,
da mein Leben sehr erstaunlich sei.

In welchem Sinne?

Ich lebe, wie man nicht leben soll, antwortete er bestimmt, ohne da
er zuvor von einem Menschen derartiges gehrt htte.

Jurii hielt sein ganzes Leben fr miraten und sich selbst fr einen
auerordentlich unglcklichen Menschen. Darin verbarg sich fr ihn eine
traurige Genugtuung, und es machte ihm Vergngen, sich ber sein Leben
und die Menschen zu beklagen. Zu Mnnern sprach er niemals davon, weil
er instinktiv fhlte, da sie ihm nicht glauben wrden. Aber Frauen und
besonders jungen und schnen Mdchen erzhlte er gern und lange von
sich. Er war hbsch und sprach schn, und die Frauen hatten mit ihm
stets das Mitleid, das mit Verliebtheit durchsetzt ist.

Auch diesmal, im Scherz begonnen, ging Jurii leicht in den gewohnten,
sentimentalen Ton ber und redete viel ber sein Leben. Nach seinen
Worten mute man glauben, da er, ein Mensch von ungeheurer Kraft und
bedeutender Veranlagung, an dem Milieu und den Umstnden zerbrochen war
und da man ihn auch in der Partei nicht verstanden hatte. Wenn aus ihm
nicht ein Volksfhrer, sondern ein Student wurde, der aus irgend einem
nichtigen Anla verschickt worden war, so trug daran nur eine fatale
Zuflligkeit und menschliche Dummheit, nicht er selber, die Schuld.

Jurii kam, wie allen Menschen mit groer Eigenliebe, niemals der Gedanke
in den Kopf, da diese Auffassung keineswegs auerordentliche Kraft
beweise und da jeder geniale Mensch von gleichen Zuflligkeiten und
Personen umgeben ist. Ihm schien, da nur ihn allein ein schweres,
unberwindliches Schicksal verfolge.

Doch da alles, was er erzhlte, voller Farben und Leben war, machte es
auf die Mdchen den Eindruck, als ob es wirklich der Wahrheit hnlich
sei. Sie glaubten seinen Worten, bemitleideten ihn und wurden mit ihm
traurig.

Die Musik spielte ebenso ungleichmig und sentimental wie vorher, der
Abend war finster und nachdenklich, und ihnen allen wurde es trumerisch
befangen zumute.

Als Jurii schwieg, richtete Dubowa eine Frage an ihn, die eigentlich nur
den eigenen Gedanken, wie langweilig und eintnig ihr Leben sei, und wie
bald sie alt wrde, ohne Liebe und Glck gekostet zu haben,
beantwortete.

Sagen Sie, Jurii Nikolajewitsch, ist Ihnen niemals der Gedanke an
Selbstmord gekommen?

Weshalb fragen Sie mich danach?

So!

Alle schwiegen. Jurii verga die Antwort.

Sie waren also im Komitee?[1] fragte Karssawina voller Neugierde.

[Funote 1: Es ist das lokale Komitee der politischen Partei gemeint, zu
der Jurii gehrte. Es galt als ein besonderes Verdienst, ihm
anzugehren.]

Ja, antwortete Jurii kurz und wie gezwungen; das Eingestndnis war ihm
aber doch angenehm, weil er glaubte, da es ihm in den Augen des
hbschen Mdchens ein neues, geheimnisvolles Interesse verleihen wrde.

Und der Eindruck, den diese kurze Bejahung auf Karssawina und Dubowa
machte, war so stark, da sie beide in Schweigen verfielen und nur hin
und wieder einen fast ehrerbietigen Blick ber Jurii streifen lieen. Er
fhlte sich von dieser guten Stimmung zrtlich geliebkost; um sie nicht
zu stren, vermied er jede Bewegung und sa andchtig neben den Mdchen.
Die Luft um sie wurde von der Sehnsucht, die sich aus ihnen allen
drngte, durchsttigt und schien sich schwerer um sie zu legen, in leise
Kreise getrieben, von den fern herberschallenden Melodien. Endlich
erhob sich Karssawina, sah mit freudig glnzenden Augen, in denen sie
mhsam ihre unbewute Erregung zurckhielt, auf Jurii und Dubowa und
rief ihnen zu: Gehen wir, Herrschaften, gehen wir doch, es wird spt.
Wir verbummeln uns ja hier. Und wieder glcklich lachend, fgte sie
hinzu: Jurii Nikolajewitsch, diesmal aber sind Sie Schuld!

Jurii neigte frhlich den Kopf, trat an ihre Seite und wartete, indem er
ebenfalls ohne Grund in ihr leises freies Lachen einstimmte, auf Dubowa,
die etwas schwerflliger aufstand und erst die Bcher in ihrem Arm
zurechtschob, ehe sie sich ihnen anschlo.

Jurii begleitete die Mdchen nach Haus. Unterwegs sprachen sie lebhaft
und lachten viel; die traurige Stimmung war verflogen.

Welch ein netter Kerl ist er, sagte Karssawina, als Jurii fortging.

Sieh, sieh, verlieb dich nicht! Dubowa drohte mit den Fingern.

Nun, was dir gleich in den Kopf kommt, rief Karssawina mit
verborgenem, instinktivem Schrecken.

Jurii kam in leichter und freudiger Erregung nach Hause.

Er blickte auf das begonnene Bild, empfand nichts Sonderliches dabei und
legte sich vergngt schlafen.

Und in der Nacht trumte er wollstige und sonnige Bilder, trumte er
von jungen und schnen Frauen.




                                   X


Am nchsten Abend ging Jurii wieder auf denselben Platz, wo er
Karssawina und Dubowa begegnet war.

Den ganzen Tag ber machte es ihm Vergngen, sich an den Abend, den er
mit ihnen verbracht hatte, zu erinnern und er wnschte, sie wieder zu
treffen, mit ihnen ber dasselbe zu sprechen und wieder den gleichen
Ausdruck von Teilnahme und Zrtlichkeit in den lustigen und hingebenden
Augen Karssawinas zu sehen. Der Abend war beraus heiter, war still und
schwl. Auf dem Boulevard traf er auer einigen flchtigen Bekannten
keinen Menschen.

Jurii schttelte den Kopf, rgerlich ber das verdrieliche Gefhl, das
in seiner Brust Platz griff, als wenn er von jemandem beleidigt worden
wre, und ging langsam, stumpf vor sich auf die Fe blickend, ber den
Boulevard.

Wie langweilig, dachte er, was soll man jetzt anfangen?

Pltzlich kam ihm mit eiligen Schritten der Student Schawrow entgegen,
der seine freie Hand auf und nieder schwenkte und ihm schon von ferne
hflich zulchelte.

Was bummeln Sie herum, fragte Schawrow freundlich, blieb stehen und
reichte Swaroschitsch die Hand.

Es ist langweilig, ich habe nichts zu tun. Und wo wollen Sie hin?
Juriis Worte klangen faul und herablassend. Er sprach stets in diesem
Tone mit Schawrow, auf den er, als ehemaliges Komiteemitglied, wie auf
ein einfaches Studentchen, das ein wenig Revolution mitspielt,
herabblickte.

Schawrow lchelte mit der Selbstgeflligkeit eines glcklichen Menschen:
Wir haben heute einen Volksvortrag, und er wies auf einen Sto dnner,
bunter Broschren hin, die er im Arm trug.

Jurii nahm aus seiner Hand mechanisch eine der Broschren, schlug
sie auf und las den langen, drren Titel eines populren,
sozialwissenschaftlichen Artikels, den er selbst schon lngst gelesen
und wieder vergessen hatte.

Wo ist denn Ihr Vortrag? fragte er mit demselben herablassenden
Lcheln die Broschre wieder zurckgebend.

In der stdtischen Volksschule. Schawrow nannte die Schule, in der
Karssawina und Dubowa unterrichteten.

Jurii erinnerte sich, da Ljalja ihm bereits von diesen Vortrgen
erzhlte, ohne da er damals besonders darauf geachtet hatte.

Darf ich mit Ihnen mitgehen?

Bitte, Schawrow gab mit freudigem Lcheln seine Einwilligung. Er hielt
Jurii fr einen echten Mitkmpfer und, indem er dessen Parteirolle
bertrieb, empfand er fr ihn eine Achtung, die beinahe an Verliebtheit
grenzte.

Ich interessiere mich sehr fr diese Geschichte. Jurii hielt es doch
fr ntig, dies hinzuzufgen, dachte aber in Wirklichkeit nur daran, da
ein Abend ausgefllt und es ihm mglich sein wrde, Karssawina zu
begegnen.

Bitte, bitte, wiederholte Schawrow.

Nun, so gehen wir denn.

Und sie schritten rasch den Boulevard entlang, bogen zur Brcke um, an
deren beiden Seiten ein herber Wassergeruch emporstieg und traten
endlich in das zweistckige Schulgebude ein, wo sich bereits Menschen
zu versammeln begannen.

In dem groen, noch dunklen Saal, der mit geraden Reihen von Sthlen und
Bnken durchstellt war, schimmerte ihnen die Leinwand fr den
Projektionsapparat wei entgegen, und aus irgendwelchen Ecken wurde
zurckhaltendes, heiteres Lachen vernehmbar. Neben dem Fenster, durch
das der verfinsterte Himmel und die Gipfel tiefgrner Bume sichtbar
wurden, standen Ljalja und Dubowa. Sie begrten Jurii mit freudigen
Ausrufen.

Das ist aber schn, da du mitgekommen bist! ...

Dubowa drckte ihm krftig die Hand.

Warum fangt ihr denn nicht an? fragte Jurii, der verstohlen durch den
dunklen Saal schaute, ohne doch Karssawina zu bemerken. Und beteiligt
sich Sinaida Pawlowna nicht? fgte er in unebenem Ton ein wenig
enttuscht hinzu.

Aber in diesem Augenblick zuckte am Katheder, dicht an der Leinwand, ein
Streichholz auf und beleuchtete das Gesicht Karssawinas, die im Begriff
war, einige Lichter anzustecken.

Wie sollte ich nicht dabei sein, rief sie mit klingender Stimme und
streckte Jurii von oben her die Hand hin. Erfreut, aber schweigend,
reichte er ihr die seine und sie sprang elastisch vom Katheder herab,
whrend sie sich leicht auf ihn sttzte, wobei sie in sein Gesicht den
eigenartigen Duft von Frische und Gesundheit hinberstrmte.

Es ist Zeit anzufangen, sagte Schawrow, der geschftig aus dem
nchsten Zimmer kam.

Schwer mit seinen klobigen Stiefeln auftrampfend, ging der Diener im
Saal umher und zndete die Kerzen an, soda es bald von hellen, lustigen
Lichtern wimmelte.

Schawrow ffnete die Tr zum Korridor und rief laut:

Bitte, meine Herrschaften, es beginnt.

Ein Fescharren, erst scheu, dann eiliger wurde laut, und durch die
Tren drngten sich die Haufen der Besucher in den Saal.

Jurii sah sie mit Neugierde an. Das gewohnheitsmige eindringliche
Interesse des Propagandisten wurde in ihm rege. Da tauchten alte und
junge Leute auf und auch Kinder waren unter ihnen; sie stachen mit ihren
frischen Kpfen hell von den dunklen Kleidern der hinter ihnen
Drngenden ab. In der ersten Reihe hatte niemand Platz zu nehmen gewagt;
sie wurde erst spter durch einige Damen, die Jurii unbekannt waren und
wenig interessant aussahen, den dicken Schulinspektor und die Lehrer und
Lehrerinnen des Knaben- und Mdchenprogymnasiums besetzt.

Der ganze brige Saal aber schien im Augenblick berschwemmt von Leuten
in Jacken und Joppen, von Soldaten, Bauern, Weibern und zahlreichen
Kindern in bunten Hemdblusen.

Jurii setzte sich neben Karssawina an den Tisch und hrte aufmerksam
hin, wie Schawrow ruhig, aber schlecht, ber das allgemeine Wahlrecht
vorzulesen begann.

Schawrow hatte eine dumpfe starke Stimme und alles, was er las, machte
dadurch den Eindruck einer trockenen statistischen Tabelle.

Und doch hrte man ihm aufmerksam zu; nur in der ersten Reihe fingen die
Vertreter der Intelligenz bald an zu tuscheln und sich zu bewegen. Jurii
wurde dadurch gestrt und rgerte sich; er bedauerte, da Schawrow so
schlecht vorlas. Als er merkte, da dieser mde wurde, neigte er sich zu
Karssawina und flsterte ihr ins Ohr: Lassen Sie mich doch zu Ende
lesen.

Karssawina warf durch ihre Wimpern einen zrtlichen Blick auf ihn: Das
ist sehr schn! Lesen Sie!

Lt es sich denn machen? fragte Jurii nun, indem er ihr, wie einem
heimlichen Verbndeten, zulchelte.

Gewi geht es, alle werden damit zufrieden sein.

Sie benutzte eine kurze Pause, um es Schawrow zu sagen. Dieser war mde
und empfand selbst lstig, da seine Stimme so hlich klang. Er
willigte ein, indem er deutlich seine Freude darber zeigte.

Bitte, bitte, sagte er; nach seiner Gewohnheit wiederholte er das
Wort, ihm dadurch eine besondere Wichtigkeit verleihend, und trat seinen
Platz ab.

Jurii liebte es vorzulesen; er verstand es.

Ohne auf jemanden hinzusehen, stieg er auf das Katheder und begann mit
markigem, kraftvollem Ton. Mehrmals schaute er sich nach Karssawina um
und jedesmal begegnete er dann ihren blinkenden und ausdrucksvollen
Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Verwirrt und erfreut lchelnd
wandte er sich dann wieder zum Buch und suchte sein Vorlesen noch
eindringlicher zu gestalten. Und er war berzeugt, da er fr sie irgend
etwas unergrndlich Schnes und Interessantes darstellen msse.

Als er geendet hatte, klatschte ihm auch die erste Reihe Beifall zu.

Jurii verneigte sich ernst, und vom Katheder forttretend, lchelte er im
geheimen zu Karssawina hinber, als wenn er sagen wollte: Fr dich ist
das alles.

Das Publikum fing an, mit den Fen zu scharren, Sthle wurden gerckt,
Zwiegesprche setzten ein, und langsam gingen die Anwesenden
auseinander.

Jurii achtete kaum darauf, da er noch ein paar Leuten vorgestellt
wurde, die ihm Liebenswrdigkeiten ber sein Lesen sagten.

Nach und nach verlschten die Lichter, und nun schien es mit einem Male
noch dunkler zu werden, als es je vordem im Saal gewesen war.

Ich danke Ihnen, sagte Schawrow, Jurii herzlich die Hand drckend.
Wenn man bei uns nur immer so vorlesen knnte.

Die Veranstaltung der Bildungsabende lag in seinen Hnden, und er hielt
sich daher fr verpflichtet, Jurii in ausfhrlicher Weise zu danken, als
ob ihm eine persnliche Geflligkeit erwiesen worden wre. Dabei klang
aber durch seinen Worten unwillkrlich die Nuance, als ob er ihm im
Namen des ganzen Volkes spreche. Er benahm sich sehr ernst und
gewichtig.

Fr das Volk wird bei uns viel zu wenig getan, sagte er mit Mienen,
als weihe er Jurii in ein groes Geheimnis ein. Und wenn wirklich mal
irgend etwas geschieht, dann auch nur ganz oberflchlich und nachlssig.
Es scheint mir in der Tat sonderbar; -- -- um einigen Herrschaften, die
sich langweilen, ein Vergngen zu machen, werden Snger, Schauspieler,
Deklamatoren nach Dutzenden auf das Podium gestellt; um aber dem Volk
etwas zu bieten, mu sich solch elender Vorleser wie ich ans Pult
setzen. Mit gutmtiger Ironie schwenkte er seine Hand hin und her. Und
das Beste ist, -- alle sind noch damit zufrieden. Ja, -- was htte es
denn auch zu wollen, das Volk -- seine Stimme wurde bitter,
schmerzlich.

Das ist ganz richtig, sagte Dubowa. Es ist widerwrtig, etwas
Gedrucktes in die Hand zu nehmen. In den Zeitungen werden ganze Spalten
damit gefllt, wie wunderbar irgendwelche Schauspieler spielen und hier
...

Und wie schn doch unsere Sachen hier stehen, meinte Schawrow und
begann zrtlich seine Broschren zusammenzupacken.

Die reine Einfalt, dachte Jurii, aber die Anwesenheit Karssawinas, und
sein eigener Erfolg stimmten ihn weich und gutmtig. Die Einfachheit
Schawrows rhrte ihn sogar ein wenig.

Wohin gehen Sie jetzt? fragte ihn Dubowa, als sie auf die Strae
hinaustraten.

Drauen war es nicht viel heller als in den Zimmern, obgleich am Himmel
schon die Sterne aufleuchteten.

Schawrow und ich gehen zu Ratowa, fuhr sie selber fort. Und Sie
begleiten Sina?

Mit Vergngen, gab Jurii aufrichtig zur Antwort.

So trennten sie sich.

Den ganzen Weg bis zu der Wohnung Karssawinas, die sie mit Dubowa
gemeinsam in einem kleinen Huschen gemietet hatte, sprachen sie ber
den Eindruck, den die Vorlesung in ihnen hervorgerufen hatte, und Jurii
gewann mehr und mehr die Ueberzeugung, da von ihm etwas Wunderschnes
und sehr Wichtiges geleistet worden war.

An der Pforte sagte Karssawina: Kommen Sie zu uns herein!

Das kann ich! Jurii willigte heiter ein. Karssawina ffnete die Tr
und sie traten in einen kleinen, grasbewachsenen Hof, hinter dem der
Garten in dichtem Schwarz auftauchte.

Gehen Sie in den Garten, sagte Karssawina lachend. Zwar mchte ich
Sie in unsere Wohnung einladen, aber ich frchte, -- wissen Sie, ich war
seit heute morgen nicht zu Hause und da ist es unsicher, ob bei uns zur
Genge aufgerumt ist.

Sie lief allein in das Haus, und Jurii schlenderte langsam in den
duftigen grnen Garten hinber. Er ging nicht weit, sondern blieb am
Anfang des Pfades stehen, starrte erst zwecklos auf den Boden, drehte
sich dann pltzlich um und sah mit brennendem Verlangen in die offenen,
dunklen Fenster des Hauses. Ihm schien, da sich dort ein entzckendes
Geheimnis abspielen msse.

Fast bewegungslos war Karssawina auf die Vortreppe hinausgetreten. Jurii
erkannte sie kaum. Sie hatte ihr schwarzes Kleid abgelegt und eine
dnne, kleinrussische Bluse, mit tiefem Ausschnitt und kurzen Aermeln,
dazu ein leichter, blauer Kleiderrock bedeckten, von der Luft durchweht,
die prchtigen Formen ihres Krpers.

Hier bin ich! sagte sie; ein verlegenes Lcheln berzog aus einem
Grunde, der ihnen beiden unverstndlich war, ihr Gesicht.

Ja, ich sehe, erwiderte Jurii, und jetzt begriff auch sie den
bedeutsamen Ausdruck, der in den wenigen Worten lag.

Sie lchelte wieder und wandte sich ein wenig zurck. Beide schritten
den Pfad zwischen den grnen, niedrigen Fliederbschen und Rasenhecken
entlang. Die Bume, die zerstreut standen, waren noch klein, meistens
Kirschen mit saftigen, jungen Blttern; sie strmten einen starken,
herben Geruch aus.

Hinten an den Garten stie eine Wiese, reich mit Blumen bedeckt, die
hohes ungemhtes Gras trug.

Sie lieen sich auf einem halbeingebrochenen Zaun nieder und schauten
bedchtig auf die Wiese, die durchsichtige, vergehende Abendrte. Jurii
zog einen biegsamen Fliederzweig zu sich herab; zarte Tautrpfchen
glitten dabei auf ihr Haar und setzten sich dort glitzernd fest.

Wollen Sie, da ich Ihnen etwas vorsinge, sagte Karssawina.

Natrlich mchte ich das!

Karssawina reckte, wie auch damals auf dem Flu, ihre Brust, die
deutlich unter dem zarten Stoff hervortrat, und begann zu singen.

Der schne Stern der Liebe -- -- -- -- --

Ihre Stimme klang leicht und rein, aber voller Leidenschaft, durch die
abendliche Luft.

Jurii sa still und wagte kaum zu atmen; er schaute auf sie, ohne die
Augen von ihr einen Augenblick abzuwenden.

Sie fhlte seinen Blick, schlo ihre Augen, dehnte die Brust noch hher;
ihr Gesang wurde immer schner und krftiger. Es schien, da alles
einhielte und lausche. Und Jurii kam die scheinbare, geheimnisvolle und
gespannte Stille in den Sinn, die pltzlich eintritt, sobald eine
Nachtigall zu schlagen anhebt.

Als sie mit einem hohen, silbernen Ton abbrach, wurde alles noch
stiller. Die Abendrte war vollends erloschen, und der Himmel
verdunkelte mehr und mehr.

Kaum sichtbar, kaum hrbar begannen sich die Bltter zu bewegen, das
Gras zu schwanken, und durch die Lfte schwebend, zog ein zarter und
duftiger Laut, wie ein Seufzer, von der Wiese herber und zerrann im
Garten.

Karssawina wandte sich mit Augen, die im Dunkel blitzten, zu Jurii:

Warum schweigen Sie?

Zu schn ist es hier. Jurii flsterte es leise und zog wieder an dem
tautriefenden Zweig.

Ja, sehr schn, rief sie trumerisch, es ist berhaupt schn, auf der
Welt zu sein, fgte sie, nach kurzem Schweigen, hinzu.

In Jurii stieg ein leidiges Gefhl empor, nahm aber keine greifbaren
Formen an und verschwand sofort wieder. Einmal ertnten pltzlich hinter
der Wiese zwei schrille Pfiffe, doch gleich fiel alles wieder in die
zitternde Ruhe zurck.

Gefllt Ihnen Schawrow? fragte unerwartet Karssawina und lachte selbst
ber das Pltzliche ihrer Frage.

In Juriis Brust regte sich eine eiferschtige Stimmung, doch er zwang
sich selbst zu einer ernsten Antwort.

Er ist ein guter Bursche. Mit welchem Enthusiasmus gibt er sich seiner
Ueberzeugung hin.

Jurii schwieg. Auf der Wiese erhob sich ein leichter, weilicher Nebel,
und selbst das Gras nahm unter dem Tau einen weien Schimmer an.

Es wird feucht, sagte Karssawina, sich schnell erhebend. Unwillkrlich
blickte Jurii auf ihre runden weichen Schultern; er wurde verlegen. Sie
fing seinen Blick auf und geriet ebenfalls in Verwirrung, obgleich ihr
angenehm und froh zumute war.

Gehen wir! Und sie schritten mit innerem Bedauern auf dem schmalen
Pfad zurck, hin und wieder streiften sie sich mit den Krpern.

Der Garten blieb leer und schwarz hinter ihnen, und als Jurii sich
umsah, setzte sich der Gedanke in ihm fest, da dort jetzt ein ganz
neues Leben erwachen msse; -- allen verborgen, allen ein Geheimnis.
Zwischen den niedrigen Bumen, ber dem taubedeckten Rasen werden
Schatten hingleiten. Die Dmmerung wird sich verdichten und die Stille
mu beginnen, mit matter Stimme leise Worte zu murmeln.

Er erzhlte ihr die Phantasie. Das Mdchen schaute sich um, blickte
lange in den Garten mit Augen, die nachdenklich und tief geworden waren.

Und Jurii dachte: Wenn sie pltzlich die Kleider von sich wrfe und in
frhlicher, glcklicher Nacktheit hinein in das grne Dickicht liefe,
dann wre das gar nicht sonderbar, -- nur wundervoll und natrlich. Und
es wrde das grne Leben des Gartens nicht stren, sondern ergnzen,
ausfllen und erhhen.

Jurii verlangte es, ihr auch diesen Gedanken mitzuteilen, er wagte es
aber nicht und sprach wieder von verschiedenen Referaten und der
allgemeinen Volksbewegung. Das Gesprch stockte bald und versiegte, als
ob sie nicht von dem sprachen, was ihnen das Nchste gewesen wre. So
gingen sie lchelnd bis zur Pforte und streiften mit ihren Schultern die
nassen, triefenden Bsche. Ihnen schien alles ins Schweigen zu
versinken, ebenso nachdenklich und im gleichen Glck wie sie selbst.

Im Hofe war es wie vorher still und leer. Nur das weie Huschen sah mit
seinen offenen Fenstern schwarz zu ihnen herber. Doch die Pforte nach
der Strae zu stand offen, und aus dem Zimmer hrte man Schritte und
Poltern, als wrde das Schubfach einer Kommode mit Gewalt aufgerissen.

Ah, Ola ist gekommen, rief Karssawina.

Sina, bist du da, fragte Dubowa vom Zimmer her. Ihrer Stimme merkten
beide sogleich an, da etwas Schlimmes vorgefallen war. Dubowa trat auf
die Treppe hinaus, bla und fassungslos. Wo steckst du? Ich suchte
dich, Semionow stirbt! rief sie keuchend und sich berstrzend.

Was, fragte Karssawina entsetzt und lief auf sie zu.

Ja, er stirbt. Er hat einen Blutsturz gehabt. Anatoli Pawlowitsch
meint, da es zu Ende geht. Wir haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Und
wie eigentmlich und unerwartet. Wir saen bei Ratows und tranken Tee.
Er war so lustig, stritt sich mit Nowikow herum, und dann hustete er
pltzlich, stand auf, schwankte, und Blut strzte, strzte -- so --
einfach -- direkt aufs Tischtuch, -- in den Teller mit Eingemachtem
hinein. Dicht, schwarz -- -- --

Und wie? Er -- wei er ..., fragte mit brennender Neugierde Jurii, dem
in diesem Augenblick die Mondnacht, die schwarzen Schatten, und die
aufgeregte, traurige Schwche jener Stimme einfiel: -- -- -- Und Sie
werden noch leben, werden an meinem Grabe vorbeigehen, irgend eines
Bedrfnisses wegen stehen bleiben und ich -- -- -- --

Er scheint es zu wissen, unterbrach Dubowa, mit nervsem Zucken ihrer
Arme, seine Gedanken. Er sah uns alle an und fragte: >Was bedeutet das?
...< Und dann bebte er am ganzen Krper und sagte noch: >Schon? ...<
Ach, wie abscheulich und furchtbar das ist.

Alle schwiegen. Nun wurde es ganz still und trotzdem die Luft ebenso
durchsichtig und klar wie frher war, kam es ihnen vor, als wre die
ganze Welt pltzlich mit einer dunklen Decke berzogen worden.

Eine entsetzliche Sache -- der Tod, sagte Jurii und erblate.

Dubowa seufzte und senkte die Blicke zu Boden, Karssawina bebte das
Kinn; sie lchelte schuldbewut und bedauernswert. Sie konnte das
niederdrckende Gefhl der anderen nicht ertragen, weil ihr ganzes Wesen
von Leben erfllt war. Es lie nicht zu, da sie sich den Tod
vergegenwrtigte. Sie konnte sich kaum vorstellen, da jetzt, wo sie ein
so prchtiger Sommerabend umgab und alles in ihr voll Glck und Freuden
schwankte, ein Mensch leiden und sterben sollte.

Ihre Empfindungen waren nur natrlich; aber ihr schien, da sie schlecht
seien. Sie schmte sich ihrer; unbewut bemhte sie sich, sie zu
unterdrcken und an ihrer Statt bessere hervorzurufen. Mehr als Jurii
und Dubowa drckte sie deshalb jetzt in ihrer Frage Teilnahme und
Schrecken aus:

Ach der Arme, wie geht es ihm? Sie wollte sich noch weiter erkundigen:
... wird er bald sterben; aber sie stockte bei diesem Wort und richtete
an Dubowa, whrend sie sich an sie klammerte, leere Fragen ohne Sinn und
Nutzen ...

Anatoli Pawlowitsch meinte, da es mit ihm heute Nacht oder morgen frh
zu Ende gehen wird, entgegnete diese dumpf.

Karssawina sprach scheu und leise: Wollen wir zu ihm gehen? ... Oder
vielleicht nicht? Ich wei garnicht ...

Und vor allen tauchte pltzlich die gleiche Frage auf: -- -- -- Darf man
dorthin gehen und zusehen, wie dieser Semionow stirbt, und wrde es gut
oder schlecht sein ...

Jurii zuckte unentschlossen die Achseln, sagte aber schlielich: Gehen
wir wirklich hin. Wir werden vielleicht nicht eintreten drfen, aber
mglicherweise ...

Vielleicht will er sogar jemanden sehen. Dubowa willigte erleichtert
ein und auch Karssawina sagte entschlossen: So gehen wir.

Schawrow und Nowikow sind dort, fgte Dubowa wie zur Rechtfertigung
hinzu.

Karssawina lief schnell ins Haus, um ihr Jackett zu holen, dann
schritten alle drei dster und traurig durch die Stadt nach dem grauen,
schlecht abgeputzten, dreistckigen Gebude, in dem sich das Krankenhaus
befand und wo Semionow jetzt sterben mute.

In den Korridoren mit niedrigen, hallenden Decken war es dster; es roch
scharf nach einem Gemisch von Karbol und Jodoform.

Als sie an dem Irrenabteil vorbeikamen, vernahmen sie eine sonderbar
gespannte Stimme schnell und bse sprechen; als dann niemand zu sehen
war, berlief sie eine bange Empfindung. Erschrocken sahen sie nach dem
kleinen quadratischen Fensterchen hin. Doch gleich darauf begegnete
ihnen im Korridor ein alter Bauer mit weiem Vollbart, der in seiner
Dichtigkeit einem gewebten Brusttuch hnlich sah, und einer groen
weien Schrze; hflich scharrend zog er seine schweren Fe an.

Wohin wnschen Sie?

Hier wurde ein Student hergebracht, Semionow. Heute! sagte Dubowa.

Auf der sechsten Station. Bitte, oben! --

Man hrte, wie er fortgehend laut auf den Boden spuckte und wiederum mit
den Fen scharrte.

Oben war es heller und sauberer, und die Decken waren ungewlbt. Die Tr
des Kabinetts, an dem ein Schild mit der Aufschrift: Diensttuender Arzt!
angeschlagen war, stand offen. Dort brannte die Lampe; jemand klirrte
mit Glasflaschen.

Jurii blickte hinein und rief etwas. Das Klirren der Flschchen hrte
auf und Rjsanzew kam heraus, frisch und heiter, wie immer, offenbar an
die Umgebung, die die Anderen bedrckte, gewhnt.

Ah! Heute habe ich Dienst! Guten Abend, meine Herrschaften. Aber
sogleich zog er die Augenbrauen in die Hhe und fuhr mit vllig
vernderter, trauriger und bedeutungsvoller Stimme fort:

Ich glaube, er ist schon ohne Bewutsein. Gehen wir zu ihm. Dort ist
Nowikow und die anderen. Und whrend sie einer nach dem anderen den
bermig sauberen Korridor an groen weien Tren mit schwarzen
Nummerschildern vorbeigingen, sprach Rjsanzew leise weiter:

Man hat schon nach dem Geistlichen geschickt. Es ist ganz erstaunlich,
wie schnell es ihn klein gekriegt hat. Ich habe mich selbst gewundert.
Dazu hat er sich in der letzten Zeit in einem fort erkltet, und das war
in seiner Lage gewagt. So, hier liegt er.

Rjsanzew ffnete eine hohe weie Tr und trat hinein. Die anderen
drngten sich in den Trrahmen und stieen sich gegenseitig an, als sie
hinter ihm hergingen.

Die Station war gro und sauber. Vier Betten waren leer und sorgfltig
mit rauhen, grnen Decken, durch die gerade weie Falten liefen,
zugedeckt. Sie erinnerten an Srge. Auf dem einen sa ein kleiner,
zusammengeschrumpfter Greis im Bauernkaftan, der sich erschrocken nach
den Eingetretenen wie auch nach dem sechsten Bett umsah, wo unter einer
ebenso harten Decke Semionow lag. Neben ihm hockte Nowikow
vornbergebeugt auf dem Stuhl; am Fenster standen Iwanow und Schawrow.
Alle fanden es sonderbar und unpassend, da sie sich in Gegenwart des
sterbenden Semionow begren muten und sich die Hnde drckten. Aber
merkwrdigerweise schien es ihnen ebenso unrichtig, es zu unterlassen,
als wrden sie dadurch die Nhe des Todes besonders betonen.

Daraus ergab sich eine allgemeine Konfusion; einige von ihnen grten
sich; andere nicht. Jeder blieb dort stehen, wo er gerade stand, und
blickte mit scheuer und banger Neugierde auf Semionow.

Semionow atmete schwer und selten. Er war garnicht mehr jenem Semionow
hnlich, der ihnen allen bekannt war, sah berhaupt kaum noch einem
Lebenden hnlich. Obgleich ihm dieselben Gesichtszge wie im Leben,
dieselben Glieder, wie allen anderen Menschen, geblieben waren, hatten
sie doch den Eindruck, da sich seine Mienen irgendwie furchtbar und
unverrckbar verndert htten. Das, was die Krper Anderer belebt und so
selbstverstndlich bewegt, schien fr ihn nicht mehr vorhanden zu sein.
Irgendwo in der Tiefe seines grauenhaft regungslosen Krpers vollzog
sich eilig ein entsetzenerregender Vorgang, als tastete er jetzt schon
nach einer neuen, unabwendbaren Arbeit.

Sein ganzes Leben hatte sich in die Tiefe verkrochen, um dieser Arbeit
mit einer intensiven, unerklrlichen Aufmerksamkeit lauschen zu knnen.

Die Lampe, welche inmitten der Zimmerdecke hing, beleuchtete mit greller
Schrfe seine unbeweglichen Gesichtszge, die nichts mehr sahen, nichts
hrten.

Alle standen schweigend da und schauten, ohne die Augen abzuwenden, auf
ihn; sie hielten den Atem ein in der Furcht, den groartigen Proze zu
stren.

Und in dieser Stille war nur mit schrecklicher Deutlichkeit das
verkrppelte, pfeifende Atmen Semionows vernehmbar.

Die Tr ffnete sich, und trippelnde Greisenschritte klappten auf dem
Boden.

Ein alter dicker Pope kam mit dem Kster, einem mageren und schwarzen
Menschen; hinter ihnen ging leicht und ruhig Ssanin.

Der Pope grte hflich die Aerzte und verneigte sich dann, ebenso
zuvorkommend vor den anderen. Sie antworteten ihm alle gleichzeitig,
bertrieben den Gru eilig und berhflich; dann fielen sie sofort
wieder in ihre Erstarrung zurck.

Ssanin setzte sich, ohne ein Wort, aufs Fensterbrett und sah neugierig
auf Semionow und die Anwesenden; man merkte ihm deutlich den Wunsch an,
das, was er und sie empfanden und dachten bis ins Einzelne zu begreifen.

Der Sterbende atmete in gleicher Weise fort und bewegte sich nicht.

Kein Bewutsein? fragte weich der Geistliche, ohne sich aber mit
seiner Frage an einen von ihnen direkt zu wenden.

Ja, beeilte sich Nowikow zu antworten.

Der Pope lie irgend einen unbestimmten Laut vernehmen; wendete sich
aber, als er nichts weiter hrte, um, stellte das Kreuz zurecht, legte
die Stola an und begann mit dnnem, slichem Tenor und vertieftem
Ausdruck herunter zu lesen, was zum Tode eines Menschen orthodoxen
Glaubens gehrt. Vom Kster her ertnten heisere, unangenehme Balaute,
und diese beiden Stimmen, die nicht zusammen paten, gingen fortgesetzt
auseinander und verklangen in ihrer Dissonanz seltsam und traurig an der
hohen Decke.

Als der scharfe, laute Klagegesang erscholl, sahen alle mit
unwillkrlichem Schrecken auf das Gesicht des Sterbenden. Nowikow, der
nher als die anderen stand, fiel es auf, da Semionows Lider ein wenig
erzitterten und da sich auch seine blicklosen Augen kaum merklich nach
der Seite wandten, woher die Stimmen ertnten. Aber fr die anderen
blieb Semionow genau so sonderbar unbeweglich, wie vorher.

Karssawina weinte gleich bei dem ersten Laut still und klagend vor sich
hin, ohne die Trnen, die ber ihr junges schnes Gesicht rollten,
abzutrocknen. Alle blickten hoch, und auch Dubowa begann zu weinen;
selbst die Mnner fhlten Trnen in ihre Augen steigen und bissen die
Zhne zusammen, um sie zurckzuhalten. Immer, wenn sich der Gesang der
Priester verstrkte, weinten die Mdchen heftiger. Dann runzelte Ssanin
jedesmal bei dem Gedanken die Stirn, wie unertrglich dieser Gesang, der
auch auf gesunde Menschen, die dem Tode fernstanden, schwer einwirkte,
erst fr Semionow sein mte, wenn er ihn hre.

Machen Sie es doch leiser ab, sagte er zornig zum Pfarrer. Dieser
neigte erst liebenswrdig das Ohr, aber sobald er die Worte verstanden
hatte, zog er die Brauen zusammen und sang noch lauter. Der Kster
blickte sich strenge nach Ssanin um und auch die anderen sahen sich
erschrocken an, als ob er eine Unanstndigkeit gesagt htte.

Ssanin winkte die stummen Vorwrfe mit einer verdrielichen Handbewegung
ab und schwieg still.

Als die Zeremonie beendet war und der Pfarrer das Kreuz wieder in die
Stola gewickelt hatte, wurde es noch schwler. Semionow lag unbeweglich
wie vorher.

Und pltzlich begann sich in ihnen allen ein entsetzliches Gefhl, das
keiner berwinden konnte, zu regen: Sie wnschten, da dieser ganze
Vorgang endlich zu Ende gehe und Semionow schneller sterbe. Trotzdem
sich dieses Gefhl immer deutlicher in ihnen festsetzte, gaben sie sich
voll Angst und Scham alle Mhe, es zu unterdrcken und zu verbergen; sie
wagten es nicht, sich einander anzublicken.

Ginge es doch nur schneller, meinte endlich Ssanin leise, welche
schwere Geschichte.

Tja, rief Iwanow.

Beide sprachen still zusammen; es war ganz klar, da Semionow nichts
mehr hren konnte. Und doch schauten sich die Andern entrstet nach
ihnen um.

Schawrow wollte etwas bemerken, aber gerade in diesem Augenblick brach
ein neuer, unsagbar klglicher Laut hervor, der alle krankhaft erzittern
lie.

Fffft -- seufzte Semionow und begann dann, als wenn er endlich das
gefunden htte, was allein ihm ntig war, dieses langgezogene Sthnen
ohne Einhalt zu wiederholen; nur manchmal wurde es durch ein heiseres,
beschwertes Atmen unterbrochen.

Zuerst hatten die Umstehenden nicht fassen knnen, um was es sich
handele, aber gleich darauf setzte das Weinen Dubowas und Karssawinas
wieder strker ein, und auch Nowikow strzten die Trnen aus dem Auge.

Der Pfarrer begann langsam und feierlich die Sndenvergebung zu lesen.
Auf seinem gedunsenen, rhrseligen Gesicht drckte sich sentimentale
Teilnahme und erhabene Trauer aus. Einige Minuten vergingen. Pltzlich
wurde Semionow still.

Ausgelebt, murmelte der Pfarrer.

Aber im selben Augenblick versuchte Semionow langsam und mit Anstrengung
die zusammengeklebten Lippen zu bewegen; sein Gesicht verzerrte sich wie
zu einem Lcheln. Gleich darauf vernahmen Alle eine dumpfe, unglaublich
schwache und ergreifende Stimme, die sich von irgend woher aus der Tiefe
seiner Brust wie unter einem Sargdeckel hervor quetschen mute. Und
diese Stimme sagte:

Ein kompletter Lump.

Die Augen Semionows waren dabei starr auf den Popen gerichtet. Dann
erzitterte er, ri die Augen mit dem Ausdruck eines wahnsinnigen
Schreckens noch weiter auf und reckte sich. Alle hrten seine Worte,
doch keiner bewegte sich. Allein von dem feucht gewordenen, gerteten
Antlitz des Popen schwand in einem Augenblick der Ausdruck erhabener
Trauer. Aengstlich sah er sich um, doch niemand beachtete ihn; allein
Ssanin lchelte ihm interessiert zu.

Semionow bewegte sich, doch kein Laut drang hervor, und nur die eine
Seite seines dnnen, hellen Schnurrbarts senkte sich. Dann streckte er
sich wieder; wurde dadurch noch ausgezogener und grauenhafter. Aber
pltzlich gab es keinen Laut, keine Bewegung mehr.

Jetzt weinte auch niemand. Das Nahen des Todes war furchtbarer und
trauriger als sein Erscheinen. Ja, es kam ihnen jetzt sogar sonderbar
vor, da diese feierliche und qualvolle Geschichte so einfach und
schnell beendet war. Sie standen noch eine Weile um das Bett und
schauten in das scharf gewordene, zugespitzte Gesicht des Toten, als
wenn sie noch etwas erwarteten, und bemhten sich auch, Entsetzen und
Mitleid in sich hervorzurufen; mit gespannter Aufmerksamkeit sahen sie
zu, wie Nowikow ihm die Augen zudrckte und seine Hnde auf der Brust
faltete. Dann begannen sie fortzugehen; zurckhaltend, mit den Fen
scharrend. Im Korridor brannte die Lampe, und hier sah es so gleichmig
und gemtlich aus, da alle befreit aufatmeten.

Voran schritt der Pope. Er machte hufige, kleine Schritte, und in dem
Wunsch, bei der Jugend einen guten Eindruck hervorzurufen oder irgend
eine Liebenswrdigkeit zu sagen, seufzte er tief auf und sprach weich:

Es ist schade um den jungen Mann. Um so mehr, als er augenscheinlich
als ein unbereuter ... Aber, Gottes Barmherzigkeit, nicht wahr.

Ja, gewi, antwortete aus Hflichkeit Schawrow, der ihm am nchsten
ging.

Hat er Familie? fragte der Pope, zuversichtlich werdend.

Ich wei wirklich nicht, gab Schawrow zur Antwort.

Bei dieser Antwort schauten sich alle an; sie fanden es selber sonderbar
und unschn, da keiner von ihnen wute, ob Semionow Familie habe und wo
sie lebe.

Eine Schwester von ihm besucht irgendwo das Gymnasium, bemerkte
Karssawina.

So, nun adieu, sagte der Pfarrer, indem er mit weichen Fingern seinen
Hut lftete.

Adieu, antworteten alle gleichzeitig.

Als sie auf die Strae traten, atmeten sie erleichtert auf und blieben
stehen.

Nun, wohin jetzt, fragte Schawrow.

Zuerst bewegten sie sich unentschlossen auf dem Platz hin und her, dann
begannen sie sich, wie auf Verabredung, pltzlich zu verabschieden und
nach allen Seiten auseinander zu gehen.




                                   XI


Wollen wir zu mir gehen, um des in Gott entschlafenen treuen Knechtes
zu gedenken, sagte Iwanow feierlich zu Ssanin.

Ssanin nickte schweigend mit dem Kopf.

Im Vorbeigehen kauften sie in einem Laden Wodka und einige Kleinigkeiten
zum Essen und holten dann Jurii Swaroschitsch ein, der langsam mit
gesenktem Kopf den Boulevard entlangschritt.

Der Tod Semionows hatte auf Jurii trbe und niederdrckend eingewirkt;
es schien ihm ganz unmglich, sich damit abzufinden.

-- -- -- Ja, das ist so; das alles ist sehr einfach. -- -- -- Jurii
versuchte in seinen Gedanken eine gerade und kurze Linie zu ziehen. Der
Mensch existiert nicht frher, als bis er geboren ist und niemandem
scheint das entsetzlich und unbegreiflich. Der Mensch wird nicht mehr
sein, wenn er gestorben ist, und das ist gerade so einfach und
verstndlich. Der Tod als vlliges Stehenbleiben einer Maschine, die die
Lebenskraft produzierte, ist vollkommen natrlich, und es gibt nichts
darin, was Entsetzen einflen knnte. Es gab einen Jura, der einst aufs
Gymnasium ging, seinen Feinden in der Sexta die Nasen blutig schlug und
Distelkpfe mit Stcken abhieb. Er besa ein eigenes und wunderbar
kompliziertes Leben. Dann ist dieser Jura gestorben, und jetzt geht an
seiner Statt ein ganz anderer Mensch herum, der Student Swaroschitsch.
Knnte man diese beiden gegenberstellen, so wrde Jura nicht imstande
sein, Jurii wiederzuerkennen. Ja, er wrde sogar gegen ihn einen
instinktiven Ha empfinden, wie gegen einen Menschen, der sein Repetitor
werden soll und ihm noch eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten kann.
Folglich liegt zwischen ihnen eine breite Kluft, folglich ist der Junge
Jura wirklich gestorben ... ich selbst bin gestorben, und habe es bis
jetzt noch nicht einmal bemerkt.

Das war so einfach und natrlich geschehen. Und mit allem, was wir im
Tode verlieren, wird uns im Grunde nichts genommen. Im Leben gibt es auf
jeden Fall mehr unangenehme als freudige Ereignisse. Zwar wird es einem
schwer, auch die wenigen Freuden hingeben zu mssen. Aber die Befreiung
von der Last des Schlechten, die der Tod mit sich bringt, mu doch
zuletzt ein Plus ergeben.

Ja, wirklich, das ist ja ganz einfach und gar nicht furchtbar, sagte
Jurii leise mit einem erleichternden Seufzer vor sich hin, aber sofort
unterbrach wieder ein schneidendes Gefhl feinsten, seelischen Schmerzes
diesen Gedanken. Nein, da eine volle, lebende, unendlich feine und
komplizierte Welt in einem Augenblick in ein Nichts verwandelt wird, in
einen Klotz, in ein gefrorenes Scheit, das ist nicht mehr die
Verwandlung des Knaben Jura in Jurii Swaroschitsch, sondern das ist eine
bis zum Ekel abschreckende Widersinnigkeit und darum entsetzlich und
unbegreiflich.

Ein feiner, kalter Schwei bedeckte die Stirn Juriis. Er mute alle
Krfte seines Hirns zusammennehmen, um sich den Zustand, den zu erleben
jedem Menschen unmglich erscheint und den doch ein jeder erleben wird,
vorzustellen. So wie ihn eben Semionow erlebt hatte. Und der war auch
nicht vor Angst gestorben, dachte Jurii und lchelte ber das Sonderbare
dieses Gedankens. Er verspottete sogar noch diesen Popen, den Gesang und
die Trnen.

Es schien, da hier irgend ein Punkt verborgen sein mute, der, wenn er
erst einmal begriffen war, auch alles andere erleuchten wrde.

Aber zwischen seiner Seele und diesem unbekannten Punkt befand sich eine
dichte, undurchdringliche Mauer. Seine Gedanken glitten ber eine
ungreifbar glatte Flche und in dem Augenblick, als er glaubte, der
Lsung des Rtsels nahe zu sein, befanden sie sich wieder unten auf
demselben Platz. Und nach welcher Seite er auch das Netz der feinsten
Gedanken und Vorstellungen auswarf, er fing nur immer dieselben platten
und bis zur Schmerzhaftigkeit berdrssigen Worte: Entsetzlich und
unbegreiflich.

Dieses Spiel qulte und schwchte ihn seelisch und krperlich. Bis ins
Herz stieg die wehe Trbsal, die Gedanken wurden farblos, der Kopf
begann zu schmerzen und ihm kam der Wunsch, sich jetzt hier auf dem
Boulevard niederzulegen, und alles, alles beiseite zu schieben, --
selbst die Tatsache des Lebens.

Aber wie konnte Semionow lachen, da er wute, da nach einigen
Augenblicken das Ende kommt? Was war er? Ein Held! Nein, das hatte mit
Heldentum nichts zu tun. Es bedeutete einfach: Der Tod ist nicht so
schrecklich, als ich denke.

In diesem Augenblick rief ihn Iwanow an:

Ach, Sie sind es? Jurii fuhr mit dem ganzen Krper zusammen.

Ja, und des Sterbens des soeben dahingeschiedenen Knecht Gottes
gedenkend, antwortete frhlich und gertet Iwanow.

Wollen Sie mit uns gehen? Warum treiben Sie sich immer allein herum?

Jurii war es so ngstlich und traurig zumute, da ihm Ssanin und Iwanow
nicht so antipathisch wie sonst erschienen.

Schn, wollen wir gehen! -- Doch kaum hatte er eingewilligt, als er
sich seiner Ueberlegenheit erinnerte und sich sagte: Nun, was werde ich
mit ihnen anfangen. Wodka saufen und Gemeinheiten reden. Er wollte sich
schon zwingen, die Einladung doch noch abzulehnen, aber sein ganzes
Wesen widerstrebte der Einsamkeit und so ging er mit ihnen mit.

Iwanow und Ssanin schwiegen; sie gingen ohne ein Wort bis zur Wohnung
Iwanows. Es war schon tiefe, nchtliche Dunkelheit und nur auf einer
Bank an der Pforte spukte die Figur eines Menschen, der einen dicken
gekrmmten Knppel in der Hand trug, herum.

Ah, Onkel? Pjotr Iliitsch? rief laut Iwanow.

Ich! rollte es im tiefsten Ton einer menschlichen Stimme zurck;
kraftvoll und mnnlich schallte es durch die Luft.

Jurii erinnerte sich, da der Onkel Iwanows ein dem konsequenten Trunk
ergebener Snger des Domchors war.

Er hatte einen grauen Schnurrbart, wie ein Soldat Nikolai des Ersten und
sein abgetragenes Jackett strmte einen hlichen Geruch aus.

Bububu, -- klang es wie ein dumpfer Sto gegen ein leeres Fa von ihm
her, als ihn Iwanow mit Jurii bekannt machte. Jurii reichte ihm
eingeschreckt die Hand und wute nicht, was er sprechen und wie er sich
ihm gegenber benehmen sollte. Doch im Augenblick fiel ihm ein, da ja
fr Jurii Swaroschitsch alle Menschen gleich sein mten, und so ging er
neben dem alten Snger einher, wobei er darauf achtete, ihn bei jeder
Gelegenheit hflich voranschreiten zu lassen. Iwanow wohnte in einem
Zimmer, das einer Rumpelkammer mehr als einer menschlichen Wohnsttte
hnelte, so viel Plunder, Staub und Unordnung war da. Doch als ihr Wirt
die Lampe ansteckte, sah Jurii, da alle Wnde mit Gravren von
Wasnitzow beklebt waren und die Haufen Plunder entpuppten sich als
Bcherste.

Jurii fhlte sich immer noch etwas peinlich berhrt, und um es zu
verbergen, begann er aufmerksam die Bilder zu betrachten.

Lieben Sie auch Wasnitzow? fragte Iwanow, wartete aber nicht auf die
Antwort, sondern lief fort, um das Geschirr zu holen. Ssanin erzhlte
Pjotr Iliitsch, da Semionow gestorben sei.

Mg' ihm das Himmelreich beschieden sein, so ertnte es wieder wie aus
einem Bierfa zurck. Und nach kurzem Schweigen fgte Pjotr Iliitsch
hinzu: Nun gut, so ist also alles vollbracht.

Jurii sah ihn nachdenklich an und empfand mit einemmal Sympathie fr den
Alten. Iwanow kam zurck, brachte Brot, saure Gurken und Weinglser. Er
stellte alles auf dem Tisch zurecht, der mit Zeitungspapier bedeckt war,
und mit einem kurzen Schlag der Handflche gegen die Flaschenbden trieb
er die Pfropfen hinaus, ohne einen Tropfen zu verschtten.

Das ist geschickt! lobte Pjotr Iliitsch.

Man merkt es doch gleich, wenn ein Mensch sein Handwerk versteht,
scherzte Iwanow selbstgefllig und go die grnlich-weie Flssigkeit in
die Glschen ein.

Nun, meine Herrschaften, er nahm sein Glas in die Hand und erhhte
seine Stimme, -- auf die Ruhe der Seele und alles sonstige.

Man griff zum Essen und trank bald mehr und mehr. Es wurde nur wenig
gesprochen. Zumeist tranken sie.

In dem kleinen Zimmer wurde es bald hei und dumpf. Pjotr Iliitsch
zndete eine Zigarette an und berschwemmte alles mit blauen Streifen
schlechten Tabaksqualmes. Von dem Wodka, dem Rauch und der Hitze begann
Jurii der Kopf zu schwindeln.

Er erinnerte sich wieder an Semionow: Eine dumme Geschichte ist der
Tod!

Warum denn? fragte Pjotr Iliitsch, der Tod, -- oho -- aber im
Gegenteil, er -- er ist ja etwas durchaus Notwendiges. Der Tod, -- und
wenn man ewig leben sollte. Oho! -- Nehmen Sie sich in acht, -- -- so zu
sprechen. Ewiges Leben -- was ist das? ...

Jurii dachte pltzlich, da falls er ewig leben sollte ...

Vor ihm breitete sich ein unendlicher grauer Streifen aus, der sich
qualvoll und ziellos im Leeren aufrollte, als wenn er von einer Walze
auf die andere herbergezogen wrde. Jede Vorstellung von Farben und
Lauten, von Tiefe und Flle der Erlebnisse verwischte sich und verblate
wieder, zerrann zu einer grauen Masse, die ohne Bett und Strmung
dahinflo. Das war nicht mehr Leben, das war wieder Tod. Jurii wurde
geradezu schreckhaft ngstlich.

Ja, gewi! murmelte er.

Auf Sie scheint der Tod einen groen Eindruck gemacht zu haben,
bemerkte Iwanow.

An wem knnte er so vorbergehen? fragte Jurii statt einer Antwort.

Iwanow nickte unbestimmt mit dem Kopf und fing an, Pjotr Iliitsch von
den letzten Augenblicken Semionows zu erzhlen.

Im Zimmer wurde es allmhlich unertrglich schwl. Jurii beobachtete
mechanisch, wie der Wodka, im Schein der Lampe glnzend, in die dnnen,
roten Lippen Iwanows hineinflo und fhlte, wie alles um ihn langsam zu
drehen und zu zerrinnen begann. Aaaaah --, sang es in seinen Ohren mit
dnner, geheimnisvoll trauriger Stimme.

Nein, der Tod ist eine furchtbare Sache, wiederholte er, ohne es
selbst zu bemerken, als mte er dieser geheimnisvollen Stimme eine
Antwort geben.

Sie sind zu nervs, meinte Iwanow mit noch lssigerer Herablassung zu
ihm.

Und knnen Sie das nicht empfinden?

Ich -- nein, nicht! Zu sterben habe ich gewi keine Lust. Das ist eine
dumme Geschichte und es ist ganz ohne Vergleich vergnglicher zu leben
... Aber wenn es denn einmal zum Sterben kommt, gut, ich mache mit. Ich
sterbe innerhalb einer Stunde und ohne jeden Apparat.

Du stirbst nicht und weit deshalb nichts davon, sagte Ssanin
lchelnd.

Das stimmt auch, Iwanow lachte auf.

Alles das haben wir schon gehrt, Jurii sprach pltzlich mit
trbseliger Erbitterung. Reden kann man vieles, aber Tod bleibt Tod. Er
ist an sich entsetzlich. Und einem Menschen, der sich -- -- -- nun, der
sich von seinem Leben Rechenschaft gibt, dem mu dieses im Keim
tdliche, gewaltsame Ende jede Lebenslust ertten.

Was htte das fr einen Sinn? ...

Auch das haben wir schon gehrt, unterbrach ihn spttisch Iwanow, der
pltzlich ebenfalls erbittert wurde. Ihr meint alle, da nur ihr ...

Welchen Sinn hat es? fragte nachdenklich Pjotr Iliitsch.

Aber gar keinen, brllte Iwanow mit derselben unbegreiflichen
Erbitterung.

Nein, das ist unmglich, erwiderte Jurii. Alles um uns ist zu weise.

Na, ich denke, es gibt nichts Gutes, meinte Ssanin.

Und die Natur?

Was? die Natur? Ssanin schwenkte mit einem schwachen Lcheln abwehrend
mit der Hand. Es ist ja Brauch, zu sagen, da die Natur vollkommen ist
... In Wirklichkeit ist sie genau so schlimm, wie der Mensch. Jeder von
uns wird sich ohne jede besondere Anstrengung der Phantasie eine Welt
vorstellen knnen, die hundertmal besser wre, als die heutige. Warum
sollte es nicht ewige Wrme und Licht und einen ununterbrochenen Garten
geben, ewig grn und freudig.

Und der Sinn? Einen Sinn gibt es natrlich. Der kann nicht fehlen.
Einfach darum, das Ziel mu auerhalb unseres Lebens liegen, in den
Grnden des Universums selbst. Das ist begreiflich. Wir sind nicht der
Anfang, also knnen wir auch nicht das Ende sein. Uns ist nur ganz
allein eine Aushilfsrolle bestimmt, eine passive Rolle. Durch die
Tatsache, da wir leben, erfllen wir schon unseren Zweck. Unser Leben
ist ntig und folglich ist auch der Tod ntig.

Fr wen? ...

Woher soll ich denn das wissen, lachte Ssanin. Und was geht es mich
denn im Grunde an. Mein Leben, das sind meine Empfindungen; die
angenehmen und unangenehmen. Und was hinter ihren Grenzen liegt, -- ich
spucke drauf. Welche Hypothese wir auch hinstellen mgen; es bleibt
immer nur Hypothese und auf dieser Grundlage sein Leben aufzubauen, das
wre Dummheit. Wem es Bedrfnis ist, der mag sich dafr absorgen; ich
aber will leben.

So trinken wir aus diesem Anla aus, schlug Iwan vor.

Und glauben Sie an Gott? fragte Pjotr Iliitsch, Ssanin seine
trbgewordenen Augen zuwendend. Jetzt glaubt ja niemand mehr. Man
glaubt nicht einmal, da man an Gott glauben darf.

O, an Gott glaube ich schon, sagte Ssanin wieder lchelnd. Der Glaube
an Gott steckt noch von der Kindheit her in mir und ich sehe keine
Notwendigkeit, ihn zu bekmpfen oder auch ihn zu strken. So ist es am
besten. Gibt es einen Gott, so werde ich wahrhaft aufrichtig an ihn
glauben; gibt's keinen -- -- nun, um so besser fr mich.

Aber auf der Grundlage des Glaubens oder Nichtglaubens baut sich ja das
ganze Leben auf, bemerkte Jurii.

Nein, Ssanin machte eine abwehrende Kopfbewegung und seine Zge legten
sich in ein gleichgltig frhliches Lcheln. Ich brauche diese
Grundlage des Lebens nicht.

Welche haben Sie denn? fragte mde Jurii. -- -- -- Ah, ich darf nicht
mehr trinken, dachte er traurig und strich mit seiner Hand ber die mit
kaltem Schwei bedeckte Stirn.

Vielleicht hatte Ssanin irgend etwas darauf geantwortet, vielleicht auch
nicht. -- Jurii hrte nichts mehr, ihm schwindelte der Kopf und fr
einen Augenblick wurde ihm bel.

... Ich glaube, da ein Gott existiert. Aber dieser Glaube ist in mir
ganz abgesondert. Hat seine eigene Ecke, sprach Ssanin weiter. Doch
... mag er existieren oder nicht, ich kenne ihn nicht und wei nicht,
was er von mir will. Woher sollte ich es auch wissen; selbst bei dem
heiesten Glauben. Gott ist Gott und kein Mensch, -- -- -- mit keinem
menschlichen Ma kann er gemessen werden. In seiner Schpfung, soweit
wir es beobachten knnen, gibt es alles: Gut und Bse, Leben und Tod,
Schnheit und Hlichkeit ... Alles. Und da jede Bestimmtheit oder Sinn
in ihr verschwindet und sich ein Chaos offenbart, so ist sein Sinn
folglich kein menschlicher, -- -- sein Gut und Bse ist kein
menschliches Gut und Bse. Unsere Definition Gottes wird immer eine
Gtzenanbeterei sein und wir werden unseren Fetisch stets mit dem
Gesicht und den Kleidern ausstatten, die den lokalen klimatischen
Verhltnissen entsprechen. Unsinn.

So, Iwanow rusperte sich stark, richtig, sehr richtig!

Wofr denn aber eigentlich leben? fragte Jurii und stie sein Weinglas
mit Widerwillen von sich.

Und wozu sollte man sterben? ...

Ich wei nur eines, antwortete Ssanin. Ich lebe und will, da das
Leben fr mich ohne Unannehmlichkeiten sei. Deshalb mu man zunchst die
natrlichen Begierden befriedigen knnen. Sie sind alles. Sterben im
Menschen die Wnsche, so stirbt auch sein Leben, und wenn er in sich die
Wnsche erttet, so ttet er sich selbst.

Aber die Wnsche knnten doch schlecht sein ...

Das ist schon mglich.

Und was denn?

Dasselbe! antwortete Ssanin mit seiner zrtlichen Stimme, und schaute
Jurii mit hellen Augen, ohne zu blinzeln, ins Gesicht.

Iwanow zog die Augenbrauen an, sah mitrauisch auf Ssanin und schwieg.
Auch Jurii sprach nicht mehr; aus irgend einem Grunde wurde es ihm
bnglich in diese hellen, klaren Augen zu sehen, und doch bemhte er
sich wieder, seinen Blick nicht zu senken.

Einige Minuten war es still; man hrte deutlich, wie sich ein
Nachtfalter, einsam und verzweifelt, an der Fensterscheibe zerschlug.
Pjotr Iliitsch schttelte traurig den Kopf, whrend er sein betrunkenes
Gesicht auf eine Zeitung gesenkt hielt.

Ssanin lchelte immer noch.

Dieses bestndige Lcheln reizte Jurii und zog ihn gleichzeitig an. --
-- -- Wie hell seine Augen sind, dachte er unbewut.

Ssanin stand pltzlich auf, ffnete das Fenster und lie den Falter
heraus. Wie ein groer weicher Flgelschlag rauschte eine Welle reiner
khler Luft durch die Stube.

Ja, sagte Iwanow auf seine eigenen Gedanken eingehend, es gibt
verschiedene Leute. Also darum, Rest weg.

Nein, Jurii schttelte den Kopf, ich trinke nicht mehr.

Warum?

Ich trinke berhaupt wenig.

Vom Wodka und von der Hitze hatte Jurii bereits Kopfschmerzen und
wnschte an die frische Luft zu kommen.

Nun, ich gehe, sagte er sich erhebend.

Wohin? Trinken wir doch noch aus!

Nein! Ich mu wirklich fort, er suchte zerstreut nach seiner Mtze.

Na, auf Wiedersehen!

Als Jurii die Tr schlo, hrte er, wie Ssanin Pjotr Iliitsch die
Antwort gab: Ja, wenn ihr nicht wie Kinder sein werdet! Kinder
unterscheiden doch nicht Gut und Bse, sie sind nichts als aufrichtig.
Und darin lgt ihr ...

Jurii drckte die Tr ins Schlo und ganz pltzlich wurde es still um
ihn.

Der Mond stand hoch, und strahlte in leichter Helligkeit hernieder. Die
Luft wehte auf ihn, vom Tau durchfeuchtet, frisch ein. Alles war wie aus
Mondenschein gewebt, war schn und nachdenklich. Als Jurii allein durch
die Straen schritt, die von dem gelben Licht geglttet waren, berhrte
ihn die Erinnerung eigentmlich, da es irgendwo ein schweigsames,
schwarzes Zimmer gibt, wo auf einem kahlen Tische gelb und unbeweglich
der tote Semionow liegt.

Doch es war ihm nicht mglich, jene furchtbaren und schweren Gedanken
wieder in sich hervorzurufen, die seine Seele noch vor kurzem
niederdrckten, und die ganze Welt in einen schwarzen Nebel hllten. Ihm
war nur still und traurig zumute und er wnschte mit seinen Blicken
unverwandt den fernen Mond festhalten zu knnen.

Als Jurii einen leeren Platz, der im Mondenlicht besonders weit und eben
erschien, berschritt, kam ihm wieder Ssanin in den Kopf.

-- -- -- Was ist das fr Einer, fragte er sich und konnte lange nicht
ins Reine kommen.

Ihm war es unangenehm, da da mit einem Mal ein Mensch aufgetaucht war,
der sich von ihm nicht in eine Formel fassen lie; deshalb wnschte er
unbedingt, ber ihn aburteilen zu knnen.

Ein Phraseur, dachte er mit hlicher Freude. Einst posierte man mit
Lebensverachtung, mit hheren, unverstandenen Aphorismen und jetzt
erlangt die Pose der Bestialitt ihre Geltung.

Jurii lenkte seine Gedanken von Ssanin ab und begann sich mit sich
selbst zu beschftigen. Er berlegte, da er sich niemals in Pose
stelle, sondern da sein Leiden, wie jeder seiner Gedanken ganz
originell und keinem hnlich sei. Das war angenehm, aber es fehlte ihm
noch etwas und so begann er sich wieder des verstorbenen Semionow zu
erinnern. Es machte ihn traurig, da er den kranken Studenten niemals
wiedersehen wrde; dieser Semionow, der ihm garnicht besonders gefallen
hatte, stand ihm mit einem Male nahe und wurde ihm teuer. Es rhrte ihn
zu Trnen.

Jurii stellte sich den Studenten vor, wie er im Grabe liegt, mit
verfaultem Gesicht, mit einem Krper voller Wrmer, die langsam und
ekelhaft in dem zerfallenden Brei, der von einer grnen und feuchten
Studentenuniform eingeschlossen wird, herumwimmeln.

Und vom Ekel durchrttelt, erinnerte er sich der Worte des Toten.

-- -- -- Ich werde liegen und Sie werden hier vorbeigehen und an meinem
Grabe irgend eines Bedrfnisses wegen stehen bleiben ...

Auch das waren doch alles Menschen, dachte Jurii mit Entsetzen und
starrte auf den fetten Straenstaub herunter. Ich gehe und trete auf
Gehirne, Herzen und Augen. Eh! -- -- -- er fhlte mit einem Mal eine
widrige Schwche in den Knieen.

Ich werde auch sterben, werde es auch, -- und ber mir wird man ebenso
hinweg schreiten und sich dieselben Gedanken machen, wie ich jetzt. Ja,
man mu leben, solange es noch nicht zu spt ist. Es ist schn zu leben,
aber nur so, da kein Augenblick ungentzt vorbergeht.

Doch wie soll man das tun? -- --

Auf dem Platz war es leer und licht und ber der ganzen Stadt schwebte
eine leuchtende, rtselhafte Mondenhelle.

   -- -- -- Und Bajans helle Saiten tnten,
       Kein Lied, das uns von ihm erzhlt.

sang leise Jurii.

Langweilig, traurig, furchtbar, rief er laut, als wollte er gegen irgend
etwas seine Anklage richten. Doch er erschrak selbst ber seine Stimme
und wendete sich um, ob ihn auch niemand gehrt hatte.

-- -- -- Ich bin betrunken, dachte er.

Die Nacht war hell und schweigsam.




                                  XII


Karssawina und Dubowa waren irgendwohin auf Besuch gereist, und seitdem
verlief das Leben Jurii Swaroschitschs einfrmig und ohne Interesse.

Sein Vater, Nikolai Jegorowitsch, war von huslichen Angelegenheiten und
dem Klub so in Anspruch genommen, und Ljalja und Rjsanzew wurden in so
offensichtlicher Weise von jeder Anwesenheit eines Dritten gestrt, da
sich Jurii in ihrer Gegenwart vollstndig berflssig fhlte.
Schlielich kam es dahin, da er sehr spt schlafen ging, aber auch erst
gegen Mittag aufstand. Und die ganzen Tage lang, whrend er bald im
Garten, bald in seinem Zimmer sa, schwirrten ihm ununterbrochen
Gedanken durch den Kopf; er erwartete eine mchtige Welle von Energie,
durch die er etwas Ganzes in Angriff nehmen wrde. Dieses Ganze
erhielt jeden Tag neue Gestalt. Einmal war es ein Bild, dann wieder eine
Folge von Artikeln, die, ohne da es Jurii bewut wurde, der ganzen Welt
beweisen muten, welchen groen Fehler die Sozialdemokratie beging, als
sie Jurii Swaroschitsch nicht die fhrende Rolle in der Partei zuwies.
Manchmal auch wollte er Anschlu an das Volk und eine rege, innige
Ttigkeit in ihm finden -- immer aber war alles von Bedeutung und in
jedem Zuge grandios.

Doch die Tage gingen ebenso fort, wie sie kamen, und brachten nichts
auer Langeweile mit sich. Einige Mal besuchten ihn Nowikow und
Schawrow; auch Jurii selbst ging auf Vortrge und machte Besuche. Doch
alles blieb ihm innerlich fremd, zerstreute ihn nicht; es hatte keinen
Zusammenhang mit dem, was tief in ihm trauerte.

Eines Tages ging Jurii im Vorbeigehen zu Rjsanzew mit hinein. Der Arzt
bewohnte eine groe und saubere Wohnung; in den Zimmern gab es eine
Menge Gegenstnde, die zur Zerstreuung eines gesunden und intelligenten
Menschen dienen. Turnapparate, Hanteln, Schlger, Angelgertschaften,
Netze fr Wachteln, Pfeifen und Zigarrenspitzen. Ueber allem lag die
Ausdnstung eines krftigen, mnnlichen Krpers ausgebreitet.

Rjsanzew trat ihm liebenswrdig und zutraulich entgegen, zeigte ihm
alle seine Schtze, lachte, erzhlte eine Anekdote, bot zu rauchen und
zu trinken an, und forderte ihn schlielich auf, mit ihm auf die Jagd zu
gehen.

Aber ich habe ja keine Bchse, sagte Jurii.

So nehmen Sie eine von mir. Ich habe acht Stck.

Rjsanzew sah in Jurii den Bruder Ljaljas; er wnschte mit ihm
befreundet zu werden und ihm zu gefallen. So brachte er selbst
bereitwillig seine Gewehre herbei, bat Jurii, sich eins auszuwhlen,
nahm sie auseinander, erklrte ihren Mechanismus und scho dann im Hof
nach der Scheibe, so da schlielich auch in Jurii der Wunsch rege
wurde, ebenso freudig zu lachen und zu schieen wie er. Jetzt machte es
ihm sogar Vergngen, Gewehr und Patronen gleich an sich nehmen zu
knnen.

Also vorzglich, Rjsanzew war aufrichtig erfreut. Grade morgen
wollte ich auf den Entenstrich. Fahren wir zusammen, was?

Erfreut willigte Jurii ein. Nachdem er nach Hause gekommen war, bastelte
er zwei Stunden lang am Gewehr herum, beschaute es gut, pate sich den
Riemen ber den Schultern zurecht, legte den Kolben an und zielte gegen
die Lampe; mit aller Sorgfalt schmierte er sich selbst die alten
Jagdstiefel.

Am andern Tag kam Rjsanzew gegen Abend zu ihm, um ihn auf einem Begunki
-- einem leichten Wagen, zwischen dessen vier Rdern ein gepolstertes
Brett liegt, auf dem man rittlings sitzt -- abzuholen.

Sind Sie fertig? rief er heiter zu Jurii ins Fenster hinein.

Jurii, der sich schon Gewehr, Jagdtasche und Patronen aufgepackt hatte,
trat verlegen lchelnd, aus dem Hause; er verwickelte sich fortgesetzt
in den Jagdutensilien.

Fertig, fertig! sagte er.

Rjsanzew war leicht und bequem angezogen und schaute mit einer gewissen
Verwunderung Juriis Ausrstung an.

So wird es Ihnen unbequem werden. Nehmen Sie vorlufig lieber alles
herunter. Wenn wir an Ort und Stelle sind, legen Sie es wieder an.

Er half Jurii, die Ausrstung wieder abzulegen und sie im Holzkasten des
Wagens unterzubringen. Dann fuhren sie im schnellen Trabe davon. Der Tag
ging zu Ende, doch noch war es hei und staubig. Das Stuckern der Rder
schnellte das Sitzbrett des Wagens auf und nieder; -- Jurii, der das
Fahren in diesem kleinen Jagdwagen nicht gewohnt war, mute sich am Sitz
anklammern. Rjsanzew lachte und sprach ohne Aufhren, und Jurii blickte
mit vollem Vergngen auf seinen starken Rcken, der von einem unter den
Achseln durchschwitzten Seidenrock dicht berspannt war; unwillkrlich
machte er es ihm im Lachen und Scherzen nach.

Als sie auf die Strae hinauskamen, und die drren Feldgrser leicht
ihre Fe streiften, wurde es frischer und der Staub hielt sich am
Boden. An einem unendlich ebenen, mit Wassermelonen bestandenen
Gemsefeld hielt Rjsanzew das schweibedeckte Pferd an und rief in
seinem vollen Bariton, indem er beide Hnde hohl um den Mund legte,
anhaltend: Kusma! Kusma!

Zwerghaft kleine Menschen, die am anderen Ende des Gemsefeldes kaum
sichtbar auftauchten, starrten eine Zeitlang unbeweglich auf die
Schreienden, bis sich schlielich einer von ihnen loslste und langsam
zwischen den Furchen herberschritt. Endlich lie sich erkennen, da es
ein groer Bauer war, mit langem Vollbart und mit herabhngenden
knochigen Armen. Er kam auf sie zu und sagte mit breitem Lcheln:

Guten Tag, Anatoli Pawlowitsch, du hast es aber raus, -- das Schreien.

Guten Tag, Kusma, was machst du? Kann ich das Pferd bei dir
einstellen?

Kann bei mir stehen, sagte ruhig und freundlich der Bauer, das Pferd
am Zgel greifend. Soll wohl auf die Jagd gehen, nicht? Und wer werden
jener Herr sein? fragte er zutunlich auf Jurii blickend.

Der Sohn von Nikolai Jegorowitsch, antwortete Rjsanzew heiter.

So? ... Das merkt sich doch gleich, da der Herr unsrer Ludmilla
Nikolajewna hnlich sind.

Ja? Jurii berhrte es aus irgend einem Grunde angenehm, da dieser
alte, freundliche Bauer seine Schwester kannte und sie so einfach und
nett erwhnte.

Nun, gehen wir also, sagte Rjsanzew, indem er unter dem Vordersitz
Gewehr und Tasche hervorholte und sich umlegte.

Weidmannsheil, rief ihnen Kusma nach und man hrte, wie er auf das
Pferd einsprach, whrend er es zu seiner Htte fhrte.

Bis zum Sumpf hatten sie noch gegen einen Werst zu laufen, und die Sonne
war schon vllig im Untergehen, als der Boden saftiger und allmhlich
von frischem Wiesengras, Rohr und niedrigem Weidengebsch bedeckt wurde.
Wasser blinkte vor ihnen auf, es roch nach feuchter Luft. Die Dmmerung
senkte sich, immer dunkler werdend, nieder. Rjsanzew hrte auf zu
rauchen, und wurde pltzlich ganz ernst, als trete er an ein wichtiges
und verantwortungsvolles Werk. Jurii ging von ihm nach rechts ab, und
whlte sich hinter dem Rohr ein trockeneres und zum Stehen geeignetes
Fleckchen. Grad vor ihm lag das Wasser, das in der hellen Abendrte rein
und tief aussah; hinter ihm schimmerte das andere Ufer herber, doch
vllig zu einem schmalen, schwarzen Streifen zusammengezogen.

Fast im selben Augenblick tauchten Enten auf, und strichen zu zweien und
dreien, schwer mit den Flgeln schlagend an ihnen vorber. Zuerst scho
Rjsanzew und erfolgreich. Ein von ihm getroffener Enterich strzte,
sich in der Luft berschlagend, nieder und prallte irgendwo abseits auf,
wobei das Wasser hoch aufspritzte und die Rohrstengel mit Gerusch
durchschlagen wurden.

Weidmannsheil, schrie Rjsanzew und lachte laut auf.

-- -- -- Im Grunde genommen ist er doch ein sehr guter Kerl, dachte
Jurii pltzlich.

Dann scho er und ebenfalls mit Glck; doch diese von ihm gettete Ente
konnte er spter nicht auffinden, trotzdem er sich die Hnde an den
Rohrstengeln zerschnitt und bis an die Knie ins Wasser geriet. Von jetzt
ab schien ihm alles, was passierte, vergnglich zu sein. Das Pulver
verbreitete in der durchsichtigen, khlen Luft ber dem See einen
eigenartig reizvollen Geruch und bei jedem Schu leuchteten unter dem
hellen Geknatter die Feuerfunken zwischen dem dunkelgewordenen Grn auf.

Die getroffenen Enten berstrzten sich ebenfalls schn und zierlich am
Hintergrund des hellroten Himmels, bis die Abendrte zerrann und die
ersten funkelnden Sterne schwach hervortraten.

Jurii empfand einen ungewhnlichen Zustrom von Kraft und Freude; er
glaubte, noch niemals etwas so Interessantes und Lebensvolles mitgemacht
zu haben. Doch schlielich flogen die Enten immer seltener auf und das
Zielen wurde in der dichten Dmmerung immer schwieriger.

Ehoi! rief Rjsanzew, Zeit nach Hause zu fahren. Jurii tat es leid,
die Jagd abzubrechen, aber er schritt doch Rjsanzew entgegen, ohne die
Wasserlachen zu seinen Fen zu vermeiden; er platschte durch die
Pftzen und blieb im Rohrgestrpp hngen. Mit glhenden Augen und freien
Atemzgen trafen sie zusammen.

Nun, wie steht's? fragte Rjsanzew. Hatten Sie Glck?

Und wie! Jurii zeigte auf seine gefllte Jagdtasche.

Sie schieen ja besser als ich, rief Rjsanzew erfreut.

Jurii war dieses Lob angenehm, trotzdem er bisher geglaubt hatte, da er
auf physische Kraft und Gewandtheit keinen Wert zu legen brauche. I wo
denn besser, sagte er selbstgefllig. Einfach Glck, das ist alles.

Es war schon tiefdunkel, als sie die Htte Kusmas erreichten. Das Feld
lag in tiefer Schwrze und nur die nchsten Beete kleiner Wassermelonen
waren vom Feuer erhellt und warfen lange, flache Schatten.

Neben der Htte schnaubte, nicht sichtbar, ein Pferd; ein kleines, aber
grelles, gewandt aus drrem Steppengestrpp hergerichtetes Feuer brannte
knallend; man hrte harte Bauernstimmen, Weiberlachen. Dazwischen
mischte sich eine heitere gleichmige Stimme, die Jurii bekannt vorkam.

Aber da sitzt doch Ssanin, meinte Rjsanzew verwundert. Wie ist der
denn hierher gekommen?

Sie traten an das Feuer. Der weibrtige Kusma, der inmitten des
Lichtkreises sa, hob seinen Kopf und winkte ihnen freundlich zu.

Glck gehabt? fragte er mit dumpfer Bastimme hinter seinem
herunterhngenden Schnurrbart hervor.

Ssanin, der auf einem groen Krbis hockte, hob ebenfalls den Kopf und
lchelte ihnen zu.

Was hat Sie denn hierher verschlagen? fragte Rjsanzew.

Ich und Kusma Prochorowitsch sind alte Freunde, erklrte Ssanin, sein
Lachen etwas verstrkend.

Kusma zeigte vergngt die gelben Wurzeln seiner abgentzten Zhne und
klopfte Ssanin frhlich mit harten unbiegsamen Fingern auf das Knie.

So, so, sagte er, setze dich hierher, Anatoli Pawlowitsch. Und Sie
auch Junker. Wie nennt man Sie denn?

Jurii Nikolajewitsch, gab dieser mit fast zuvorkommendem Lcheln zur
Antwort. Er fhlte sich etwas deplaziert, aber dieser alte Bauer, mit
dem halb russischen, halb ukrainischen Dialekt, gefiel ihm ausnehmend
gut.

Jurii Nikolajewitsch, gut! So, nun sind wir also Bekannte. Setze dich,
Jurii Nikolajewitsch.

Jurii und Rjsanzew lieen sich am Feuer nieder, nachdem sie sich zwei
schwere harte Krbisse herangewlzt hatten.

Nun zeigt doch, was ihr geschossen habt, bat Kusma voll Interesse.

Ein Haufen Enten fiel aus den Jagdtaschen und bedeckten den Boden mit
Blut. Beim flackernden Feuerschein hatten sie ein sonderbares und
unangenehmes Aussehen. Das Blut war wie schwarz und die
zusammengekrampften Krallen schienen sich zu bewegen. Kusma befhlte
einen Enterich unter den Flgeln.

Fett ist er, sagte er billigend. Du solltest mir doch ein Prchen
hier lassen, Anatoli Pawlowitsch. Wozu brauchst du so viele?

Nehmen Sie die meinen alle, schlug Jurii lebhaft vor, errtete aber
sofort ber seinen Eifer.

Wozu denn alle? Sieh welch ein guter Kerl, lachte der Greis. Und ich
mchte nur ein Prchen, damit jeder was hat.

Auch die anderen Bauern und Weiber kamen herbei, um die Beute zu sehen.
Aber als Jurii die Blicke vom Feuer weglenkte, konnte er nichts
unterscheiden. In der Dunkelheit schien bald das eine, bald wieder ein
anderes Gesicht, je nachdem es von dem Feuerschein getroffen wurde.

Ssanin blickte stirnrunzelnd auf die getteten Vgel, rckte etwas
beiseite und stand rasch auf. Es wurde ihm peinlich, auf die toten Tiere
zu sehen, wie sie in Staub und Blut mit zerschmetterten Flgeln
herumlagen. Jurii verfolgte mit Neugierde das Leben um sich her, bi
gierig in die Schnitten der reinen saftigen Wassermelonen, die Kusma mit
einem Taschenmesser mit gelbem Horngriff absbelte.

I, Jurii Nikolajewitsch, die Wassermelone ist gut. Auch Ihre Schwester
Ludmilla Nikolajewna und den Herrn Papa kenne ich. I und sei gesund.

Jurii gefiel hier alles. Die Ausdnstungen der Bauern, die dem Geruch
frischen Brotes gemischt mit dem von Schafpelzen hnlich sind, der kecke
Glanz des Feuers und die runden Krbisse, auf denen er sa, und da man
Kusmas Gesicht nur sah, wenn er nach unten blickte, whrend es bis auf
die glnzenden Augen verschwand, sobald er den Kopf hoch richtete. Die
Finsternis schien dicht ber den Kpfen zu hngen, so da sich eine
heitere Freundlichkeit ber den beleuchteten Fleck ausbreitete; man
mute sie erst allmhlich durchdringen, bis sich dann pltzlich ein
hoher, majesttisch-ruhiger, dunkler Himmel auftat, an dem sich kleine
Sterne zeigten. Doch hatte er whrend der ganzen Zeit, ohne da es ihn
bedrckte, ein peinliches Gefhl; er wute nicht, worber er mit den
Bauern sprechen sollte. Die Anderen aber, sowohl Kusma wie Ssanin und
Rjsanzew, unterhielten sich, ohne erst ein besonderes Thema zu whlen,
so einfach und frei ber alles, was ihnen in den Kopf kam, da Jurii
erstaunte.

Nun und wie geht es bei Ihnen mit dem Land? fragte er, als alle fr
einen Augenblick schwiegen; dabei fhlte er selbst, da die Frage
hergeholt und unangebracht erscheinen mute.

Kusma sah ihn an und antwortete:

Wir warten immer noch! Vielleicht kommt etwas heraus. Dann sprach er
wieder ber den Gemsegarten, den Preis der Wassermelonen und seine
persnlichen Verhltnisse.

Man hrte Schritte. Ein kleines Hndchen mit aufgerolltem weichem
Schwanz kam in den Lichtkreis, wedelte, beschnupperte Jurii und
Rjsanzew und begann sich an Ssanins Knieen zu reiben, der ihm glttend
ber das Fell strich. Hinter ihm tauchte ein kleiner Greis mit
struppigem Barte und kleinen Aeuglein auf. In der Hand hielt er ein
verrostetes einlufiges Gewehr.

Unser Wchter, sagte Kusma.

Der Greis lie sich auf dem Boden nieder, legte das Gewehr beiseite und
schaute auf Jurii und Rjsanzew.

Von der Jagd, so? brummelte er und zeigte sein hohles Zahnfleisch.

Aeh Kusma, es wird Zeit die Kartoffeln zu kochen, h.

Rjsanzew hob das Gewehr des Alten auf und zeigte es lachend Jurii. Es
war eine schwere, rostbedeckte und mit Drahtfden umschnrte
Pistonflinte.

Das ist eine Muskete, lachte er. Wie kannst du dich nicht frchten,
Grovterchen, daraus zu schieen?

Jawohl, sieh mal, habe mich auch beinahe totgeschossen. Stepan Schapka
sagte mir, da man gar nicht Piston zum Schieen braucht, ehe -- ganz
ohne 'n Piston. Er sagt, wo der Schwefel bleibt, da geht's auch ohne 'n
Piston mit dem Schieen. Da leg ich sie mir nun so bers Knie, zieh den
Hahn an, blo so mit dem Finger und knack, knallt es los. Hat mich
beinah totgeschossen. Ehe, ehe, zieh den Hahn blo an und schie. Knack,
knallte es, hat mich beinahe totgeschossen.

Alle lachten und Jurii traten sogar Trnen in die Augen, so rhrte ihn
der Greis mit dem struppigen grauen Brtchen und dem brummelnden Munde.

Auch der Alte lachte und seine Aeuglein trieften.

Mich beinahe totgeschossen, h.

Im Dunkel hinter dem Feuerschein hrte man Lachen und Kreischen der
Mdchen, die sich vor den fremden Mnnern schmten. Einige Schritte
entfernt, gar nicht dort, wo es Jurii erwartete, knirschte Ssanin mit
einem Streichholz, und als ein Flmmchen aufbrannte, sah Jurii seine
ruhigen freundlichen Zge und das frische Gesicht eines Mdchens, das
Ssanin bewundernd ansah.

Rjsanzew blinzelte ebenfalls nach dieser Seite.

Grovterchen, du solltest doch auf deine Enkelin aufpassen, nicht?

Wozu denn aufpassen? Der alte Mann machte eine gutmtige Handbewegung.
Das ist Sache der Jugend.

Aeh, h, rief der Alte und holte aus dem Feuer mit bloer Hand eine
Kohle heraus.

Ssanin lachte lustig aus der Dunkelheit zu ihnen herber. Aber das
Mdchen war wohl verlegen geworden, denn beide gingen pltzlich fort und
ihre Stimmen waren kaum noch zu vernehmen.

Nun, es wird Zeit, sagte Rjsanzew aufstehend.

Sorgt euch nicht, rief freundlich Kusma, und streifte mit seinen Armen
die schwarzen Kernchen der Wassermelonen ab, die an ihren Anzgen kleben
geblieben waren. Er reichte Jurii und Rjsanzew herzlich die Hand.

Jurii war es wieder peinlich und doch angenehm, seine harten und steifen
Finger zu drcken.

Als sie vom Feuer fortgingen, wurde es heller.

Ueber ihnen glnzten die Sterne und alles schien in wunderbarer
Schnheit und stiller Unendlichkeit dazuliegen. Schwarz hoben sich die
Krper der am Feuer Sitzenden ab. Die Pferde, der Schatten eines Wagens,
ein Haufen Wassermelonen. Jurii stolperte ber einen runden Krbis und
wre beinahe gefallen.

Vorsichtig! Na, auf Wiedersehen! hrte er Ssanin rufen.

Auf Wiedersehen, sagte Jurii, sah sich noch einmal um und bemerkte,
da sich an Ssanins dunkle Gestalt die schlanke Figur eines Mdchens
schmiegte. Sein Herz zog sich zusammen; er empfand einen leisen tiefen
Schmerz. Mit einem Mal kam ihm Karssawina in Erinnerung und
augenblicklich wurde er auf Ssanin rgerlich.

Wieder rollten die Rder des Wagens ber die Steppe. Das gut ausgeruhte
Pferd schnaubte, das Feuer blieb hinter ihnen zurck, das Sprechen und
Lachen brach ab. Jurii hob seine Blicke langsam zum Himmel und sah ein
unendliches Meer von glitzernden Sternen. Sie schwiegen beide whrend
der ganzen Fahrt. Erst als sich die Lichter und Zune der Stadt zeigten,
sagte Rjsanzew:

Ein Philosoph ist doch dieser Kusma nicht? Jurii blickte auf seinen
dunklen Nacken und gab sich Mhe, trotz seiner nachdenklichen
traurig-zrtlichen Stimmung, die ihn innerlich von der ganzen Umgebung
abschlo, zu verstehen, was er meinte.

Ach ja, antwortete er, doch erst nach einigem Besinnen.

Ich wute aber gar nicht, da Ssanin ein so tchtiger Kerl ist, lachte
Rjsanzew.

Jurii kam endlich wieder zu sich und stellte sich Ssanin und jenes
Mdchengesicht vor, welches ihm wunderbar schn und zrtlich erschienen
war, als er es im Aufleuchten des Streichholzes pltzlich erblickte.
Unbewut stieg aber gleichzeitig wieder Aerger in ihm auf und da fand er
mit einem Male, da er Ssanins Verhalten zu diesem Bauernmdchen
verurteilen msse.

So? -- -- und ich bemerkte das noch nicht! erklrte er mit harter
Stimme.

Rjsanzew verstand seinen Ton gar nicht; er schnalzte mit der Zunge, um
das Pferd anzutreiben, schwieg dann eine Weile und sagte schlielich mit
Nachdruck: Ein hbsches Mdel, wie. Ich kenne sie, das ist die Enkelin
des Alten!

Jurii erwiderte nichts. Der gutmtige heiter nachdenkliche Eindruck des
heutigen Abends glitt rasch von ihm ab, der frhere Jurii schob sich
wieder vor und sah bereits klar und bestimmt, da Ssanin ein schlechter
und banaler Mensch sei.

Rjsanzew zuckte endlich komisch mit Kopf und Schultern und rusperte
sich entschlossen. Wei der Teufel, diese Nacht, die ist selbst mir in
die Glieder gefahren. Was meinen Sie, wollen wir nicht mal rber
fahren? Jurii verstand ihn nicht gleich.

Da gibt es ein paar hbsche Mdel. Fahren wir hin, was? ... fuhr
Rjsanzew mit kichernder Stimme fort. Dichte Rte stieg Jurii ins
Gesicht. Der lang unterdrckte Instinkt regte sich in ihm mit tierischer
Gier; bange neugierige Phantasien durchzogen sein entflammtes Hirn. Doch
sofort gelang es ihm sich zu bezwingen und er erwiderte trocken: Nein,
es ist Zeit nach Hause zu fahren; und dann fgte er, schon boshaft,
hinzu: Ljalja erwartet uns.

Rjsanzew schrumpfte mit einem Schlag zusammen, als wenn er im
Augenblick kleiner geworden wre.

Na ja, -- -- brigens scheint es in der Tat an der Zeit ... murmelte
er eilig.

Jurii prete vor Grimm und Ekel die Zhne zusammen und starrte
haerfllt auf den Rcken mit dem festgespannten Rock. Erst nach einer
Weile sagte er:

Ich bin berhaupt kein Freund derartiger Abenteuer.

Nun ja, lachte Rjsanzew feige und feindlich. Dann blieb er still.

-- -- -- Teufel, dachte er fr sich, das habe ich recht ungeschickt
herausgebracht. Sie fuhren im Schweigen nach Hause, der Weg kam beiden
unendlich lang vor.

Treten Sie ein? Jurii blickte whrend der Frage glatt an Rjsanzew
vorbei.

Nein, wissen Sie, ich habe einen Kranken ... es ist auch spt,
erwiderte dieser unentschlossen.

Jurii stieg vom Wagen; es war ihm unangenehm, die Flinte und das Wild
mitzunehmen. Alles was Rjsanzew gehrte, erschien ihm jetzt
widerwrtig. Doch dieser fragte aufmerksam: Und die Flinte?

Gegen seinen Willen kehrte Jurii wieder um, griff mit Abscheu zu der
Flinte und den Enten, reichte Rjsanzew ungeschickt die Hand und ging
ins Haus. Rjsanzew fuhr die erste Minute ganz ruhig weiter. Mit einem
Mal polterten aber die Rder rasch in eine Nebengasse nach der
entgegengesetzten Seite hin. Jurii lauschte mit Ha, in dem unbewuter
Neid und geheime Wnsche steckten, bis das letzte Gerusch verhallt war.
Dieser Plattkopf, murmelte er; -- es tat ihm um Ljalja leid.




                                  XIII


Nachdem Jurii die Sachen ins Haus gebracht hatte, ging er wieder, ohne
zu wissen, was er mit sich anfangen sollte, in den Garten hinaus. Dort
war es dunkel wie in einem Abgrund. Es berhrte ihn eigentmlich,
darber den mit Sternen besten Himmel glnzen zu sehen.

Auf den Stufen sa Ljalja; ihre kleine graue Gestalt schimmerte
undeutlich durch die Finsternis.

Bist du es, Jura? fragte sie.

Ich, antwortete Jurii, stieg behutsam hinab und setzte sich an ihre
Seite. Vertrumt neigte Ljalja ihr Kpfchen an seine Schulter. Aus ihrem
unbedeckten Haare stieg ein frischer und reiner Hauch in Juriis Gesicht.
Es war der weiche Duft eines jungen Weibes und Jurii zog ihn mit Genu
in sich ein.

Habt ihr Glck gehabt? fragte ihn Ljalja freundlich, und nach kurzem
Schweigen fgte sie leise und zrtlich hinzu:

Und wo ist Anatoli Pawlowitsch geblieben? Ich hrte, wie ihr heranfuhrt
...

Dein Anatoli Pawlowitsch ist ein schmutziges Vieh, wollte Jurii in
pltzlicher Wutaufwallung herausschreien. Doch statt dessen antwortete
er zgernd: Wahrscheinlich ist er zu einem Kranken gefahren.

Zu einem Kranken, wiederholte Ljalja mechanisch. Sie verstummte aber
gleich wieder und blickte auf die Sterne.

Sie war nicht betrbt darber, da Rjsanzew nicht mit hereingekommen
war. Sie wnschte selbst eine Weile allein zu bleiben, damit sie sich,
ganz ungestrt von seiner Anwesenheit, das Verlangen, das ihr den ganzen
Krper und ihre junge Seele durchwhlte, vergegenwrtigen konnte. Es war
der brennende Wunsch, jenen unvermeidlichen und doch bengstigenden
Bruch herbeizufhren, nach dem ihr ganzes frheres Leben abfallen und
ein neues beginnen mchte. Ein neues Dasein, das sie zu einem anderen
Menschen machen mute.

Jurii berhrte es sonderbar, wie diese immer lustige, lachende Ljalja,
mit einem Male still und nachdenklich geworden, neben ihm sa. Und weil
er selbst ganz voller trauriger aufregender Stimmungen war, so kam ihm
alles um Ljalja, wie auch der ferne Sternenhimmel und der dunkle Garten,
traurig und kalt vor. Er begriff nicht, da hinter dieser lautlosen und
unbeweglichen Nachdenklichkeit nicht Trauer, sondern rauschendes Leben
gelegen haben sollte. In den weiten Wolken brauste eine berschumend
machtvolle, unverkennbare Kraft, der dunkle Garten zog in jeder Bewegung
aus der Finsternis lebensprhende Regungen ein und in der Brust der
stillen Ljalja verbarg sich soviel Glck, da sie jeden Eindruck
frchtet, der diesen Zauber verletzen konnte. Nur lauschen wollte sie
ihrer Harmonie von Liebe und Sehnsucht, die ebenso glnzte wie der
Sternenhimmel, ebenso lockte wie der geheimnisvolle Garten und unbeengt
in ihrer Seele wiederklang.

Ljalja, liebst du Anatoli Pawlowitsch sehr? fragte Jurii leise und
behutsam, als mte er frchten, sie mit jedem Laut aufzuschrecken.

... Kann man danach noch fragen ..., dachte verloren Ljalja, sie kam
aber gleich zu sich und schmiegte sich an den Bruder, dankbar dafr, da
er jetzt nicht ber etwas Gleichgltiges, sondern gerade von ihrer Liebe
zu sprechen begann.

Sehr, antwortete sie so innig, da Jurii ihre Antwort eher erriet als
hrte. Ljalja mute sich energisch zwingen, die glcklichen Trnen
zurckzuhalten, die ihr in die Augen stiegen.

Jurii bemerkte es nicht. Ihm schien eine traurige Note aus der Stimme
herauszuklingen, und so regte sich von neuem in ihm der Ha auf
Rjsanzew und ein strkeres Bedauern fr Ljalja.

Aber wofr nur, fragte er unwillkrlich, gleichzeitig vor der eigenen
Frage erschreckend.

Ljalja blickte verwundert zu ihm auf, konnte jedoch sein Gesicht nicht
erkennen. Ganz leise lachte sie auf.

Dummer, wofr? ... Fr alles! ... Warst du niemals selbst verliebt? Er
ist doch so gut, so nobel -- -- --

Schn, krftig, wollte Ljalja hinzufgen, aber sie errtete tief in der
Dunkelheit und brach kurz ab.

... Kennst du ihn denn auch jetzt? fragte Jurii. Ach, man sollte doch
nicht davon reden, dachte er mit Trauer und Erregung, -- wozu? Natrlich
ist er fr sie der Allerbeste in der Welt.

Anatoli hat kein Geheimnis vor mir, gab Ljalja mit unterdrcktem
Triumph zur Antwort.

Bist du dessen sicher? lchelte Jurii verzerrt in dem Gefhl, da es
nun keinen Halt mehr gab.

In der Stimme Ljaljas klang eine unruhige Schwche, als sie erwiderte:
Natrlich, was denn sonst?

Nichts, -- ich meinte nur so, sagte Jurii erschrocken.

Ljalja schwieg. Man konnte nicht verstehen, was in ihr vorging.

Vielleicht weit du irgend etwas darber, fragte sie pltzlich und ihr
sonderbar krankhafter Ton berraschte und ngstigte Jurii.

Ach nichts, was sollte ich wissen und besonders ber Anatoli
Pawlowitsch. Ich meinte nur so.

Nein, nein, du wrdest so nicht geredet haben, sagte Ljalja beharrlich
mit einem Klingen in der Stimme.

Ich wollte ganz einfach sagen, da berhaupt ... Jurii wurde verwirrt
und erstarb fast vor Scham. Dann fuhr er gewaltsam fort: Wir Mnner
sind doch nach allen Regeln verdorben. Alle ...

Ljalja schwieg und mit einem Male lachte sie erleichtert auf: Nun, das
wei ich schon.

Dieses Lachen erschien Jurii ganz unangebracht.

So einfach ist die Geschichte doch nicht, wie es dir vorkommt.

Die Aufregung hetzte Jurii in eine boshafte Ironie hinein. Alles kannst
du sowieso nicht wissen. Du kannst dir gar nicht alles Gemeine im Leben
vorstellen. Du bist viel zu rein dazu.

Nun, nun, lchelte Ljalja geschmeichelt, fuhr aber gleich sehr ernst
fort, whrend sie die Hand auf die Knie ihres Bruders sttzte: Du
meinst wohl, ich habe ber alles das noch nicht nachgedacht. O, ich habe
viel nachgedacht. Es war mir immer schmerzlich und beleidigend, weit
du. Warum halten wir unsere Reinheit und unseren Ruf so hoch -- wir
frchten jeden Schritt, frchten zu fallen -- oder so was -- aber die
Mnner, die denken fast, es ist eine Heldentat, eine Frau zu verfhren.
Das ist doch furchtbar ungerecht, nicht wahr?

Ja, sagte Jurii bitter und suchte einen Genu darin, seine eigenen
Erinnerungen zu geieln, doch gleichzeitig davon berzeugt, da er,
Jurii, etwas ganz anderes wre als alle anderen.

Das ist eine der grten Ungerechtigkeiten in der Welt. Frage nur den
ersten Besten von uns. Wird er eine ... Er wollte >Straendirne< sagen,
aber er stockte und fuhr statt dessen fort: eine Kokotte heiraten?
Jeder wird dir >Nein< antworten. Und warum ist denn eigentlich ein Mann
besser als die Kokotte. Jene verkauft sich wenigstens fr Geld, fr ihr
tgliches Brot; der Mann treibt sich einfach in -- in Ausschweifungen
herum und immer auf die roheste und auf die perverseste Art und Weise.

Ljalja schwieg.

Eine unsichtbare Fledermaus schwirrte rasch und schchtern am Balkon
vorbei, streifte mehrmals mit den schwingenden Flgeln die Wand und
glitt dann wieder mit einem leichten Laut hinaus. Jurii lauschte auf die
so geheimnisvolle Regung des nchtlichen Lebens, dann sprach er mit
steigender Erregung, von seinen eigenen Worten fortgerissen: Und das
Schlimmste ist dabei, da es nicht nur alle wissen und hinnehmen, als
wenn es ganz selbstverstndlich wre; nein, sie spielen sogar die
schwierigsten Tragikomdien; sie heiligen die Ehe -- lgen, wie man sagt
-- vor Gott und den Menschen! Und immer geraten die reinsten, idealsten
Mdchen -- das fgte er im Gedanken an Karssawina und mit einer
leichten Eifersucht auf etwas Unbekanntes hinzu -- an die
verdorbensten, schmutzigsten Mnner. Oft genug sind sie ja infiziert.
Semionow, der Tote, sagte einmal: >Je reiner die Frau ist, um so
schmutziger ist der Mann, der sie besitzt.< Und das stimmt!

Es ist nicht mglich ...

O gewi߫; ber Juriis Gesicht flog ein bitteres Lcheln.

Davon wei ich nichts, sagte Ljalja nach einer schweren Weile, und in
ihrer Stimme erzitterten Trnen.

Wie? fragte Jurii zurck, da er nicht mehr hingehrt hatte.

Ist denn Tolja wirklich so wie alle anderen? sagte Ljalja, indem sie
zum ersten Male dem Bruder gegenber Rjsanzew mit dem Kosenamen nannte.
Sie begann zu schluchzen. Nun gewi, er ist auch so einer.

Jurii packte mit Schmerz und Grauen ihre beiden Hnde.

Ljalja -- Ljalitschka -- was hast du denn? Ich wollte ja gar nicht --
mein Tubchen, hre auf -- weine doch nicht, stammelte er
zusammenhanglos, ri ihre feuchten kleinen Fingerchen von ihrem Gesicht
und kte sie.

Nein, nun verstehe ich schon, es ist wahr, wiederholte Ljalja; sie
erstickte fast unter dem Schluchzen.

Obgleich sie ihm vorher sagte, da sie frher bereits ber all das
nachgedacht htte, war dem in Wirklichkeit doch nicht so. Niemals hatte
sie sich das intime Leben Rjsanzews vorzustellen versucht. Sie wute
natrlich, da sie nicht die Erste war, die er liebte, und verstand, was
das bedeutete. Aber dieses Bewutsein verdichtete sich niemals zu einem
klaren Bilde und glitt an ihrer Seele nur leicht vorber. Sie fhlte,
da sie sich beide liebten und das war ihr genug. Alles andere blieb
dagegen unwichtig. Als ihr Bruder jetzt mit scharfer Betonung der
Verurteilung und der Verachtung sprach, tat sich vor ihr ein Abgrund
auf, aus dem unzerstrbar qualvolle Vorstellungen aufstiegen. Ihr Glck
war darin fr immer versunken; es schien ihr undenkbar, Rjsanzew je
wieder zu lieben. Jurii versuchte ihr, selbst fast weinend, gut
zuzureden; er kte sie und fuhr streichelnd ber ihr Haar. Aber sie
schluchzte ununterbrochen fort; -- zerbrochen und hoffnungslos.

Ach, mein Gott, mein Gott, wiederholte sie immer wieder und zerflo
wie ein Kind in Trnen. In der Dunkelheit kam sie Jurii so klein und so
bemitleidenswert, ihre Trnen so hilflos vor, da er von unertrglichem
Mitleid fortgerissen wurde. Bla und kopflos lief er ins Haus, stie
schmerzhaft mit der Schlfe gegen die Tr und holte ihr ein Glas Wasser,
das er sich zur Hlfte ber die Hnde go.

Ljalitschka, hre doch auf! Wie darf man sich so -- --. Nun was ist
denn mit dir. Vielleicht ist Anatoli Pawlowitsch gar nicht so ... besser
als die anderen. Ljalja, stammelte der Bruder verzweifelt.

Ljaljas Krper bebte unter dem Schluchzen und ihre Zhne schlugen gegen
die Wand des Glases.

Was ist denn hier los? fragte aufgeregt das Zimmermdchen, in die Tr
strzend. Gndiges Frulein, was ist denn mit Ihnen? Ljalja stand auf,
sttzte sich auf das Gelnder und ging, ohne im Weinen nachzulassen,
schwankend und schleppend auf ihr Zimmer.

Liebes gndiges Frulein, was ist denn nur los? Soll ich vielleicht den
gndigen Herrn holen? Jurii Nikolajewitsch! Sagen Sie doch ...

Aus seinem Zimmer kam mit festen, abgemessenen Schritten Nikolai
Jegorowitsch und blieb in der Tr stehen; er starrte verwundert auf die
weinende Ljalja.

Was gibt's hier? fragte er.

Aber nichts, -- ganz unwichtige Geschichten, antwortete gezwungen
lchelnd Jurii. Wir sprachen ber Rjsanzew -- Kleinigkeiten.

Nikolai Jegorowitsch blickte ihn sphend an; ihm schien pltzlich ein
Gedanke zu kommen. Mit einem Mal drckte sich auf dem Gesicht des
greisen Gentleman uerste Entrstung aus.

Hol's der Teufel; er zuckte kurz mit den Achseln und machte linksum
kehrt; abgerissen schritt er hinaus.

Jurii errtete, wollte eine Grobheit nachrufen; aber es wurde ihm
beschmend und bange zumute. Mit dem Gefhl aufgestachelten Ingrimms
gegen den Vater und kopflosen Mitleids zu Ljalja, mit der schmerzlichen
Verachtung gegen sich, trat er leise auf die Treppe, stieg die Stufen
hinunter und ging in den Garten.

Ein kleiner Frosch winselte heftig und zuckte unter seinem Fu,
aufplatzend wie eine zerdrckte Eichel. Jurii glitt aus, fuhr zusammen,
sthnte und sprang mit einem Satze zur Seite. Eine Zeitlang rieb er
mechanisch den Fu am feuchten Gras, in seinen Rcken grub sich ein
nervses Gefhl von Ekel und Klte. Er wurde immer migestimmter; am
Fue haftete unverndert die widerwrtige Empfindung des weichen
Krpers; er wand sich schmerzhaft unter ihr. Er war mit Abscheu vor
allem geladen. Tastend suchte er in der Dunkelheit eine Bank und lie
sich schwerfllig auf ihr nieder. Dann starrte er mit gespanntem
trockenem Blick in den Garten hinein, sah aber nur einige verschwommene
Nebelfetzen. Durch seinen Kopf krochen trbe plumpe Gedanken. Er blickte
auf den Flecken, wo irgendwo im dunklen Grase das von ihm zerdrckte
Frschlein lag und wahrscheinlich bereits unter grlichen Qualen
verendet war. Dort nahm jetzt eine ganz Welt voll eigenartigen,
selbstndigen Lebens ihr Ende und doch war der Abschlu, der tatschlich
unsagbar martervoll sein mute, allen verborgen geblieben. Pltzlich zog
dieselbe Gedankenkette eine neue, ganz fremde Vorstellung heran, von der
er sich nicht mehr losreien konnte. Alles das, was sein Leben bis in
die feinsten Fden durchsetzte, die gewaltigen Krfte, die in Liebe und
Ha zum Ausbruch kamen, die unbekannten Triebe, durch die er eines von
sich stie und anderes wieder gegen seinen Willen ergreifen mute, das
Gute und das Bse, fr das er kmpfte und litt, seine ganze
Persnlichkeit -- alles war im Grunde nichts mehr als eine dnne
Nebelwolke, die sich schemenhaft um ihn ausstreckte. Fr die Welt in
ihrem unermelichen Ganzen existierten seine schmerzlichsten und seine
innigsten Erlebnisse ebensowenig, wie hier die Qualen des kleinen
Tieres, von denen auer ihm niemand etwas wute. In dem Glauben, da
seine Leiden, seine Vernunft, sein Gut und Bse noch fr andere Menschen
von groer Bedeutung seien, flocht er absichtlich und offenbar ohne Sinn
ein kompliziertes Netzwerk zwischen sich und der Welt. Aber der einzige
Augenblick des Todes reit jh die blinkenden Maschen in ihrer Mitte
durch und wirft die Reste hinter sich zurck, ohne da er auch nur einen
einzigen Blick ber sie werfen liee.

Ihm kam wieder Semionow in Erinnerung und seine Gleichgltigkeit gegen
die erhabenen Ziele und Ideen, die ihn, Jurii, und Millionen andere so
tief bewegten. Pltzlich wurde ihm wieder der scharfe Gegensatz bewut
zwischen der naiven unversteckten Freude am Leben in der Mondnacht, als
sie im Boote nach dem Kloster zurckkehrten, und jenem dumpfen,
gehssigen Gesprch am Abend zuvor. Wieder fiel ihm ein, wie scharf
dieser Kontrast hervorgetreten war und wie unangenehm er davon berhrt
wurde.

Als sie damals durch die Nacht fuhren, war es ihm unbegreiflich gewesen,
da dieser Semionow so nichtigen Sachen wie dem Rudern oder schnen
Mdchenkrpern irgend eine Bedeutung beimessen konnte, nachdem er am
Abend zuvor die hchsten Ideale bewut von sich gestoen hatte. Jetzt
aber verstand Jurii leicht, da es gar nicht anders sein konnte: jene
Kleinigkeiten entrollten das Leben, -- das echte Leben voll ergreifender
Ereignisse und verlockender Gensse, whrend die groen Ideen nichts
waren als leere Zusammenhnge von Worten und Gedanken, die auf das
unergrndliche Geheimnis des Lebens und des Todes ohne Einflu blieben.
Diese Schlufolgerung htte Jurii frher ganz fern gelegen und stieg
jetzt so unerwartet aus dem Nachsinnen ber Gut und Bse hervor, da er
selber in Verlegenheit geriet. Eine hemmungslose Leere erffnete sich
vor ihm, doch gleichzeitig durchleuchtete ein scharfes Gefhl von
Klarheit und Freiheit, hnlich dem, das den Schlafenden im Traum in die
Lfte hebt und fliegen lt, wohin er will, fr einen Augenblick sein
Gehirn. Jurii erschrak. Mit angespannter Anstrengung sammelte er all die
auseinanderfallenden, gewohnheitsmigen Ueberzeugungen und Begriffe und
sofort verschwand wieder die berkhne und bengstigende Empfindung. Es
wurde dunkel und verworren um ihn.

In dieser Minute wre Jurii geneigt gewesen, einzugestehen, da der Sinn
eines echten lebendigen Lebens in der Ausbung seiner Freiheit liege,
da es natrlich und folgerichtig sei, seinen Genssen zu leben. Selbst
Rjsanzew schien von dieser einheitlichen Erkenntnis eines primitiveren
Standpunktes aus klarer und logischer, als Jurii selbst, schon allein
dadurch, da er mglichst vielen Geschlechtsgenssen als den
tiefgehendsten Lebensuerungen nachstrebte. Aber nach einer solchen
Ueberlegung mte man auch zugeben, da die Begriffe des Lasters und der
Reinheit nichts als drre Bltter sind, die frischer, keimender
Graswuchs bedeckt, und da selbst schamhafte keusche Mdchen wie Ljalja
und Karssawina das Recht haben, sich frei in den Strudel sinnlicher
Gensse zu strzen. Jurii scheute sich, diesen Gedanken zu bejahen, er
schien ihm gemein und schmutzig. Er empfand Entsetzen ber die Erregung,
die sich seiner dabei bemchtigte, und suchte ihn durch altgewohnte,
wuchtige Drohungen aus Kopf und Herz zu drngen. -- Ja gewi, dachte er,
whrend er zum grundlosen, mit strahlendem Sternenstaub bedeckten Himmel
aufblickte: Das Leben ist Empfindung, aber die Menschen sind keine
unvernnftigen Tiere; sie mssen ihre Wnsche zum Guten lenken und sich
nicht ihrer Gewalt unterwerfen. Und wie, wenn es einen Gott dort ber
den Sternen gibt! erinnerte sich Jurii pltzlich und eine bange
ehrfrchtige Stimmung drckte ihn zu Boden nieder. Er starrte auf den
leuchtenden Stern im Schweif des groen Bren und unwillkrlich fiel ihm
ein, da der Bauer Kusma vom Gemsegarten dieses majesttische Gestirn
Karren genannt hatte.

Diese Erinnerung kam ihm, ebenfalls unwillkrlich, unpassend und fast
wie verletzend vor. Er blickte wieder in den Garten, der ihm, im
Gegensatz zum Sternenhimmel, ganz schwarz erschien, und begann wieder zu
grbeln. -- Beraubt man die Welt der weiblichen Reinheit, welche den
ersten jungen Blten, die noch ganz schchtern aber schon prchtig und
rhrend hervorgucken, so hnlich ist, was wird dann noch Heiliges im
Menschen bleiben?

Tausende von Mdchen, prchtig und rhrend wie Frhlingsblumen, tauchten
vor ihm im Sonnenschein, im Frhlingsgras, unter blhenden Bumen auf.
Zarte Brste, runde Schultern, biegsame Arme, schlanke Hften huschten,
sich schamhaft und geheimnisvoll biegend, an seinen Augen vorbei und ein
heier Schwindel verwirrte in wollstigem Entzcken seinen Kopf.

Jurii fuhr sich langsam mit der Hand ber die Stirn und kam sofort
wieder zu sich.

Meine Nerven sind ganz kaput ... Ich mu mich in die Klappe legen.

Unbefriedigt, verstimmt, immer noch durch die blitzartig erschienenen
wollstigen Phantasien erregt, ging er mit gegenstandsloser Wut, durch
die alle Bewegungen heftige Formen annahmen, ins Haus.

Als er schon im Bette lag und sich vergebens zu schlafen bemhte,
erinnerte er sich Rjsanzews und Ljaljas.

Warum ist es einem eigentlich emprend, da Rjsanzew Ljalja nicht als
erste und Einzige liebt?

Seine Gedanken wollten darauf keine Antwort geben, aber vor ihm stieg
das Bild Sina Karssawinas auf. Von stiller Zrtlichkeit umflossen,
liebkoste es sein Gehirn unsagbar wohltuend. So sehr er sich auch Mhe
gab, die traditionelle Empfindung zu unterdrcken, wurde es ihm doch
klar, warum er selbst danach verlangte, da sie rein und unberhrt sei.

Aber ich liebe sie ja! kam es Jurii zum ersten Mal ins Bewutsein, und
diese leise Regung verdrngte alle anderen. Dieser einfache, klare
Gedanke trieb Trnen der Rhrung in seine Augen ...

Doch im nchsten Augenblick fragte sich Jurii schon mit bitterm Hohn:
Aber mit welchem Recht liebte ich dann andere Frauen vor ihr. Allerdings
wute ich noch nichts von ihrer Existenz, aber ebensowenig wute
Rjsanzew etwas von Ljalja. Und seinerzeit glaubten wir beide, da
diejenige Frau, die wir im Moment zu besitzen wnschten, grade die Echte
wre, die, welche zu uns am besten pate. Wir hatten uns geirrt, das
sahen wir spter ein, als wir stets wieder Andere liebten; aber
vielleicht irren wir uns dann auch dieses Mal. Folglich heit es:
Entweder ewige Keuschheit zu bewahren, oder sich und auch der Frau
natrlich volle Freiheit zu gewhren, um sich dem Genu der Liebe und
Leidenschaft voll und ganz hinzugeben.

Aber was rede ich mir nur ein, zum Teufel, fiel sich Jurii pltzlich
selbst in seine Ueberlegungen: Rjsanzew, ... ja es ist auch nicht
schlimm, da er berhaupt geliebt hat, sondern nur, da er jetzt ruhig
fortfhrt, mit verschiedenen Frauen zu verkehren; das aber tue ich nicht
...

Dieser Gedanke versetzte Jurii in einen Taumel von Stolz ber seine
Reinheit; aber nur fr einen Augenblick. Schon in der folgenden Minute
erinnerte er sich wieder der gierigen Empfindung, die sich seiner bei
der Vorstellung tausender, sonnenberstrmter nackter Mdchen bemchtigt
hatte. Ratlos hielt er ein, vllig ohnmchtig, sich selbst zu
beherrschen und das Chaos von Gedanken und Empfindungen zu meistern.

Er merkte, da es ihm unbequem wrde, auf der rechten Seite zu liegen.
Mit einer ungeschickten Bewegung warf er sich herum.

-- -- -- Im Grunde genommen, dachte er, wren doch smtliche Frauen, die
ich kennen gelernt hatte, nicht imstande, mich fr das ganze Leben zu
befriedigen.

-- -- -- Nun gut, so ist eben alles, was ich echte Liebe nannte,
unerreichbar und dafr zu schwrmen ist einfach dumm.

Das Liegen auf der linken Seite wurde ihm bald ebenso unbequem. Wieder
warf er den verschwitzten, klebrigen Krper, in das zusammengepappte,
brennende Laken verwickelt, herum. Es war drckend hei und unbequem.
Der Kopf begann ihm zu schmerzen.

-- -- -- Die Keuschheit mag ein Ideal sein, aber die Menschheit wrde
zugrunde gehen, wenn man es verwirklichen wollte ... Und darum ist es
ein Unsinn. -- -- -- Jurii seufzte verzweifelt. -- -- -- Ja dann, dann
ist das ganze Leben ein Unsinn, schrie Jurii fast brllend heraus und
prete vor Grimm so fest die Zhne aufeinander, da vor seinen Augen
goldene Kreise aufschwirrten.

Und bis tief in das Morgengrauen hinein wlzte er in schwerer,
unbequemer Lage, die Seele voll dumpfer Verzweiflung, mchtigen
Steinblcken gleich, harte und widerstndige Gedanken in seinem Kopfe.
Endlich, um sich von ihnen zu befreien, begann er sich einzureden, da
er selbst ein schlechter, wollstiger und egoistischer Mensch sei und
sein ganzes Zweifeln nichts als unterdrckte Lste wre. Das jedoch
legte auf seine Seele nur schwerere Lasten, entfachte in seinem Gehirn
ein wildes Durcheinander der verschiedenartigsten Vorstellungen und die
ganze verzweifelte Anspannung lste sich zuletzt in der Frage aus: -- --
-- Aber warum eigentlich mu ich, gerade ich mich so qulen? ...

Mit berreiztem Ekel vor jedem Denken und Ueberlegen schlief Jurii in
dumpfer nervser Uebermdung ein.




                                  XIV


Ljalja weinte in ihrem Bett noch so lange, bis sie, das Gesicht tief in
die Kissen vergraben, endlich einschlief. Am nchsten Morgen stand sie
mit schwerem Kopf und geschwollenen Augen auf. Ihr erster Gedanke war,
da sie nicht mehr weinen drfe, da Rjsanzew zum Mittag kommen werde;
es mute ihm unangenehm sein, wenn sie ein verweintes, hliches Gesicht
htte. Doch gleich darauf dachte sie wieder, da es ja gar nicht mehr
darauf ankme, weil doch alles zu Ende sei. Sie empfand einen scharfen
Schmerz, als sie dachte, da Rjsanzew sie nicht mehr lieben knne und
weinte von neuem. Wie hlich, wie abscheulich, flsterte Ljalja in dem
Gefhl, von bitteren, noch nicht frei gewordenen Trnen erstickt zu
werden ... Warum, warum ist das ..., fragte sie sich beharrlich und in
ihre Seele legte sich eine Traurigkeit ber das fr ewig vergangene,
nicht mehr wiederkehrende Glck, die keinen Ausweg vor sich sah.

Es war ihr unerklrlich, wie Rjsanzew sie so leicht und ununterbrochen
belgen konnte.

... Aber nicht nur er allein, nein, alle lgen, sagt man, dachte Ljalja
verwirrt ... Alle, alle freuten sich ja ber meine Heirat und sagten, er
ist ein guter, anstndiger Kerl. Und nein, sie logen auch nicht ... Sie
hielten das einfach nicht fr schlecht ... Wie grlich.

Ljalja war es widerwrtig, die gewohnte Umgebung, die ihr Gestalten in
die Erinnerung warf, welche ihr jetzt unertrglich schienen, vor Augen
zu haben. Sie prete ihr Gesicht an die Fensterscheiben und begann durch
Trnen hindurch in den Garten zu blicken.

Drauen war es trbe; es rieselte ein loser Regen, doch in starken
Tropfen, nieder. Die fallenden Tropfen klopften hart gegen die Scheiben
und rollten dann rasch hinunter; Ljalja wurde es schwer, zu
unterscheiden, wann es ihre Trnen, wann es diese harten Regentropfen
waren, die ihr die Aussicht in den Garten benahmen. Im Garten war es
feucht; die herabhngenden Bltter waren na und bewegten sich traurig.
Selbst die Baumstmme hatte die Nsse geschwrzt und das feuchte Gras
neigte sich demtig zur Erde.

Ljalja schien es, da ihr ganzes Leben voller Unglck, ihre Zukunft
hoffnungslos, ihre Vergangenheit grau sei.

Das Dienstmdchen kam herein, um sie zum Tee zu rufen, doch lange Zeit
verstand Ljalja nicht ein Wort. Spter im Ezimmer schmte sie sich, als
sie der Vater ansprach. Ihr kam es vor, wie wenn er in seine Stimme ein
besonderes Mitleid legte. Alle muten es bereits wissen, da sie dieser
Mann, den sie liebte, schmutzig und gemein betrogen hatte.

Aus jedem Wort hrte sie das verletzende Mitleid heraus. Bald lief sie
wieder in ihr Zimmer. Wieder setzte sie sich ans Fenster und wieder fing
sie an, nachdenklich in den rinnenden, grauen Garten zu blicken.

... Warum heuchelt er, -- warum hat er mich so tief beleidigt? Bedeutet
es, da er mich nicht liebt? Nein, Tolja liebt mich, so wie ich ihn. Und
worum handelt es sich eigentlich? Gewi, er hat mich betrogen. Schon
frher liebte er irgendwelche andere, niedrige Frauen und sie liebten
ihn. -- Ob so wie ich, fragte sie sich mit naiver und brennender
Neugierde. Welch ein Unsinn -- was geht mich das jetzt noch an. Er hat
mich ja mit ihnen verwechselt und nun mu alles zu Ende sein. Wie arm,
wie unglcklich bin ich. Aber nein, es ist ganz meine Sache. Er betrog
mich doch. Und, wenn er es gestanden htte. Aber nein -- ganz gleich; --
es bleibt mir widerwrtig. Er hat schon andere ebenso geliebkost wie
mich, sogar mehr -- das ist entsetzlich. Ich bin sehr unglcklich.

   Ein Frschlein aus dem Grase qukt,
   Wobei es seine Beine streckt,

Ljalja sang in Gedanken den alten Kindervers vor sich hin, whrend sie
auf einen kleinen grauen Knuel starrte, der ngstlich ber den
glitschrigen Weg sprang.

... Ja, ich bin unglcklich und alles ist zu Ende, begannen die Gedanken
wieder, als der Frosch im Grase verschwunden war. Fr mich war es so
wunderbar und schn und fr ihn war es nur eine altgewohnte Geschichte.
Darum vermied er es immer, ber seine Vergangenheit zu sprechen. Darum
machte mir sein Gesicht auch whrend der ganzen Zeit den Eindruck, als
ob er ber etwas nachsnne. Er dachte sich: Alles das kenne ich schon,
alles wei ich. Ich wei auch, was du empfindest und was du bald tun
wirst. Aber ich, wie beschmend, wie widerlich; -- niemals, nie werde
ich wieder jemanden lieben knnen.

Ljalja weinte und legte den Kopf mit der Wange an das kalte
Fensterbrett, whrend sie durch Trnen beobachtete, nach welcher
Richtung die Wolken zogen.

Pltzlich erinnerte sie sich wiederum, da Rjsanzew an diesem Tage zum
Mittagessen kommen werde. Erschrocken sprang sie auf.

... Was werde ich ihm sagen. Wie mu man in solchen Fllen sprechen.
Ljalja ffnete den Mund und starrte mit erschrockenen, verwirrten Augen
auf die Wand. Es fiel ihr ein, da sie sich bei Jurii danach erkundigen
knne und das beruhigte sie.

... Wie ehrlich und gut er ist, dachte sie, mit zrtlichen Trnen in den
Augen. Und wie sie stets alles ohne Verzug tat, ging sie sofort in
Juriis Zimmer.

Doch dort sa Schawrow und redete ber irgendwelche Angelegenheiten.
Ljalja blieb unschlssig an der Tre stehen.

Guten Tag, sagte sie nachdenklich.

Guten Tag, begrte sie Schawrow. Kommen Sie zu uns, Ludmilla
Nikolajewna. Wir haben hier eine Sache vor, bei der Ihre Hilfe
unentbehrlich ist.

Immer noch mit demselben unschlssigen Gesicht setzte sich Ljalja
demtig an den Tisch und begann mechanisch in den grnen und roten
Broschrchen, die in Haufen aufgestapelt lagen, mit den Fingern
herumzustbern.

Hren Sie, worum es sich handelt, Schawrow wendete sich ihr zu und
begann zu erzhlen; dabei machte er ein Gesicht, als wollte er ein
uerst verwickeltes und umfangreiches Problem auseinandersetzen. Die
Genossen in Kursk befinden sich in uerst schwieriger Lage. Man mu
ihnen unbedingt helfen. Da bin ich auf den Gedanken gekommen, ein
kleines Konzert zu veranstalten, wie? Dieses Wie, das bei Schawrows
Reden gewhnliche Anhngsel, erinnerte Ljalja, weshalb sie hierher
gekommen war; voll Vertrauen und Hoffnung schaute sie auf Jurii.

Warum denn nicht? Das ist sehr schn! Sie antwortete ganz mechanisch,
whrend sie sich im stillen wunderte, da Jurii sie garnicht anblickte.

Jurii fhlte sich noch nach dem gestrigen Trnenausbruch Ljaljas und
seinem eigenen nchtlichen Nachdenken wie zerschlagen; er war unfhig,
Ljalja anzusehen. Er hatte es erwartet, da die Schwester bei ihm Rat
holen wrde, fand sich aber, in seiner vlligen Ohnmacht, selbst zu
einer befriedigenden Lsung zu kommen, in nichts mehr zurecht. So wenig
er es fertig bringen mochte, seine eigenen Worte zu widerrufen, Ljalja
umzustimmen und sie wieder Rjsanzew zuzufhren, htte er gar ihrem
naiven kindlichen Glck einen entschiedenen Schlag versetzen knnen.

Also, wir haben nun folgendes beschlossen, fuhr Schawrow fort, indem
er sich noch nher an Ljalja heranschob, als ob sich die Angelegenheit
noch weiter kompliziere und verwickelter gestalte. Wir laden Ssanina
und Karssawina zum Singen ein ... Zuerst jede Solo, dann zusammen. Die
eine hat einen famosen Alt, die andere einen feinen Sopran, das wird
sich sehr schn machen. Nachher werde ich Geige spielen. Spter mu
Sarudin singen und Tanarow kann ihn begleiten.

Ebenso mechanisch wie vorher, mit ihren Gedanken bei ganz etwas anderem,
fragte Ljalja: Werden denn die Offiziere solch ein Konzert mitmachen?
...

Na, gewi doch! Schawrow schwenkte die Hnde. Wenn Lyda Ssanina nur
einwilligt, werden die gewi nicht zu Hause bleiben. Uebrigens liebt es
Sarudin, sich berall zu produzieren, wo man es zult. Wenn er nur
singen kann. Und das wird uns das Regiment heranziehen; wir werden eine
Einnahme haben, na einfach glnzend, wie?

Ja, laden Sie Karssawina ein, stimmte Ljalja bei und sah den Bruder
mit trauriger Unschlssigkeit an ... Er kann es doch unmglich vergessen
haben, dachte sie ... Und wie kann er sich nur ber dieses trichte
Konzert unterhalten, whrend ich ...

Aber das schlage ich doch selber eben vor ... Schawrow staunte sie in
hchster Verwunderung an ...

Ach ja! Ljalja lchelte mde. Nun, und Lyda Ssanina ... Ach ja doch,
sie sprachen ja schon von ihr.

Schawrow nickte eifrig mit dem Kopf: Gewi, gewi! Aber wen laden wir
denn noch ein? ... Wie? ...

Ich wei nicht ... Ich habe Kopfschmerzen ...

Jurii drehte sich im Augenblick nach ihr um, wandte sich aber gleich
wieder ohne ein Wort seinen Bchern zu. Mit ihrem blassen Gesichtchen
und den groen umschatteten Augen, erschien sie ihm ganz erstaunlich
schwach und bemitleidenswert.

... Ach wozu, wozu hab ich ihr nur diese Geschichte erzhlt, dachte er.
Fr mich selbst ist es ja noch ganz unklar. Und berhaupt ist das fr
alle Menschen eine verdammt ungeklrte Frage. Nun erst fr ihr kleines,
winziges Herzchen ... Wozu habe ich das zusammengeredet? ...

Er ri sich beinahe die Haare aus.

Gndiges Frulein, rief das Zimmermdchen in der Tre, Anatoli
Pawlowitsch sind gekommen ...

Jurii blickte wiederum erschrocken auf Ljalja, doch als er ihrem starren
Mrtyrerblick begegnete, meinte er unschlssig zu Schawrow:

Haben Sie Charles Bredlaugh gelesen?

Ja! Wir haben es mit Dubowa und Karssawina zusammen gelesen. Eine
interessante Sache!

So? ... Ja, sind die Mdchen schon wieder zurckgekommen? ...

Gewi!

Wann, fragte Jurii und unterdrckte seine Erregung.

Vorgestern schon!

So? ... Jurii lauschte mit einemmal wieder, was Ljalja tat.

Ein Gefhl von Qual und Angst durchzuckte ihn, als ob er seine Schwester
betrogen htte.

Sie stand noch ein Weilchen im Zimmer herum, ordnete irgend etwas auf
einer Etagere und schritt dann unschlssig auf die Tre zu.

Ihre ungewhnlich nervsen Schritte peinigten Jurii von neuem und noch
strker als der zitternde Ausdruck ihrer Augen.

Ljalja trat in den Saal; sie empfand, wie in ihr alles in gespannter,
trauriger Verwirrung erstarrte. Es sah so aus, als wenn sie in einem
nebligen Wald den Pfad verloren hatte. Unterwegs blickte sie flchtig in
den Spiegel und sah darin ein dunkles, krankes Gesicht.

... Nun gut, mag er es nur sehen, dachte sie.

Mitten im Ezimmer stand Rjsanzew und sprach zu Nikolai Jegorowitsch
mit seiner heiteren, aristokratisch selbstsicheren Stimme.

Das ist natrlich eine seltsame Erscheinung, ist aber vllig
unschdlich.

Beim Laut dieser Stimme erzitterte pltzlich ein unbestimmtes Wehgefhl
in Ljaljas Brust und ri sich ab.

Sowie Rjsanzew sie erblickte, unterbrach er jh seine Rede, ging auf
sie zu und streckte ihr beide Arme entgegen, als wollte er sie umarmen.
Aber doch so, da diese Bewegung nur ihr allein bemerkbar und
verstndlich war.

Ljalja sah von unten herauf in sein Gesicht; ihre Lippen erzitterten.
Schweigend und mit Ueberwindung machte sie ihre Hand von ihm los,
schritt durch den Saal und ffnete die Glastr zum Balkon. Rjsanzew sah
ihr mit ruhiger Verwunderung nach.

Meine Ludmilla Nikolajewna geruhen zu zrnen. Er sprach im Tone
scherzhafter Wichtigkeit zu Nikolai Jegorowitsch.

Dieser lachte laut auf: Sehr gut, ... so laufen Sie, sich zu
vershnen.

Ja, es wird mir wohl nichts anderes brig bleiben, seufzte er komisch
und ging hinter Ljalja zum Balkon hinaus.

Es regnete noch immer, und das feine Pltschern des Wassers lag
unaufhrlich in der Luft. Doch in der Hhe zerflossen die Nebel schon
locker und licht.

Mit der Wange an das kalte, nasse Holz des Pfahls gelehnt, stand Ljalja
ihren Kopf dem Regen entgegen gestreckt, so da ihr Haar sofort
durchnt wurde.

Mein Prinzelein zrnt ... Ljalitschka! sagte Rjsanzew und zog sie an
sich; leise drckte er seine Lippen auf ihr feuchtes, duftendes Haar.

Unter dieser Berhrung, die Ljalja so bekannt und glckverheiend war,
lste sich alles in ihrer Brust auf. Bevor sie noch Zeit hatte, zu einem
Entschlu zu kommen, wand sich ihr Arm, wie von selbst um den festen
Nacken Rjsanzews und inmitten von langen, betubenden Kssen sagte
Ljalja: Wie ich dir furchtbar bse bin, du abscheulicher Kerl!

Mit einmal schien ihr selbst ihre ganze Stimmung unerklrlich. Es war
doch nichts Schreckliches, Schweres, nichts Unverbesserliches
vorgefallen. Am Ende, was ging es denn sie an ... Nur lieben und von
diesem groen starken Mann geliebt zu werden.

Spter beim Essen wurde es ihr peinlich, Jurii anzusehen, der ratlos auf
sie blickte; bei der nchsten Gelegenheit flsterte sie ihm bittend zu:

Widerwrtig bin ich! Jurii lchelte gezwungen. Im Innern war er froh,
da alles so gut abgelaufen war. Aber gleichzeitig war er doch bemht,
in sich eine verchtliche Empfindung ber die philistrse Duldsamkeit
und die kleinbrgerliche Glckseligkeit Ljaljas aufkommen zu lassen. Er
zog sich auf sein Zimmer zurck und blieb fast bis zum Abend allein.
Erst als es in der Dmmerung drauen etwas freundlicher wurde und der
Himmel sich aufheiterte, griff er zur Bchse und ging auf die Jagd. Mit
schnellen Schritten ging er los, bis er wieder das Feld vor sich liegen
sah, auf dem der alte Bauer ihn und Rjsanzew am Tage zuvor empfangen
hatte. Jurii zwang sich, nicht ber das Vorgefallene nachzudenken.

Jetzt nach dem Regen begann der ganze Sumpf aufzuleben. Eine Menge neuer
und mannigfaltiger Laute wurde vernehmbar und bald hier bald dort geriet
das Gras in Bewegung, wie getrieben von dem in ihm hausenden,
geheimnisvollen Leben. Frhlich berboten sich die Frsche in allen
Stimmen; ein ferner Vogel lie anspruchslose, knarrende Tne hren, die
einem Trrrr Trrrr hnlich waren, die Enten krchzten nahe und doch
unsichtbar, geheimnisvoll im nassen Schilf, zogen aber nicht zum Schu
hoch.

Jurii hatte garnicht einmal den Wunsch, zum Schu zu kommen. Gedankenlos
warf er die Flinte ber die Schulter und ging wieder nach Hause, whrend
er angeregt auf die krystallenen Laute horchte und in sich die tiefen
Abendfarben, die bald dunkel, bald wieder hell, um ihn aufleuchteten,
einsog.

-- -- -- Schn ist es, dachte er, alles ist schn -- -- -- nur der
Mensch ist widerwrtig. -- -- --

Von ferne erkannte er das runde Feuer im Gemsegarten und die
hellerleuchteten Gestalten des alten Kusma und Ssanins, die dicht am
Feuer saen.

-- -- -- Wohnt denn der Ssanin hier? dachte er verwundert und neugierig.

Kusma erzhlte irgendetwas und lachte dabei, die beiden Hnde
fortgesetzt hin- und herwerfend. Auch Ssanin lchelte. Das Feuer, jetzt
noch rosig und nicht so grellrot wie in der Nacht, brannte wie eine
Kerze; ber ihm bedeckte sich der Himmel friedlich und weich mit
Sternen. Es roch nach frischer Erde und nach taubesprengtem Gras.

Aus irgendeinem Grunde frchtete Jurii, da man ihn bemerken wrde und
es machte ihn traurig, da er nicht einfach zu ihnen hingehen konnte,
weil zwischen diesen Menschen und ihm etwas Unbegreifliches stand,
gleichsam etwas, das garnicht existierte, und leer aber doch
unberwindlich vor ihm lag, wie ein luftleerer Raum.

In diesem Augenblick fhlte er sich vllig vereinsamt. Die groe Welt in
ihren abendlichen Farben, mit den Feuerchen, mit Menschen und Lauten,
voller Luft und Leuchten, wie sie sich vor ihm wiegte, war doch weit von
ihm getrennt; -- -- -- er war klein und trbe wie ein dunkles Zimmer, in
dem etwas weint und trauert. Und das Gefhl einsamer Wehmut bemchtigte
sich seiner mit solcher Strke, da ihm, als er durch das Gemsefeld
schritt, die vielen hundert Wassermelonen, die in der Dmmerung
gelblichgrau schimmerten, wie menschliche Schdel erschienen, welche
weit ber ein wstes Feld zerstreut liegen.




                                   XV


Der Sommer entfaltete sich berfllt von Licht und Wrme; es schien, da
ein goldener Schleier zwischen dem lichten, blauen Himmel und der
glutmden Erde bebe und sich in tausend Falten breche. In stumpfer
Ermattung standen die Bume, von den heien Dnsten erschlafft mit
gesenkten Blttern; ihre kurzen, durchsichtigen Schatten lagen hilflos
in dem staubigen, matten Gras.

In den Zimmern aber war es khl. Die Lichtreflexe vom Garten schimmerten
grnlich auf den Decken und die Gardinen schwankten seltsam lebendig,
whrend alles sonst in gepreter Ruhe erstarrte, an den Fenstern.

Den weien Kittel geffnet, schritt Sarudin langsam von einer Zimmerecke
in die andere. Mit besonderer von ihm mhsam herausgearbeiteter
Nonchalance rauchte er eine Zigarette, wobei seine groen, weien Zhne
deutlich aus dem Munde hervortraten. Tanarow, ebenfalls
schweidurchnt, lag in breiten Reithosen auf dem Divan und sah mit
kleinen, schwarzen Aeuglein voll verstohlener Besorgnis auf ihn. Er
brauchte fnfzig Rubel erbarmungslos notwendig. Schon zweimal hatte er
Sarudin darum gebeten, aber da er nicht wagte, sie zum drittenmal zu
fordern, wartete er in Aengsten, bis sich Sarudin selbst daran erinnern
wrde.

Dieser wute davon, doch im Laufe des letzten Monats hatte er selbst 700
Rubel verspielt und er rgerte sich ber alles, was mit Schuldenmachen
zusammenhing.

-- -- -- Er ist mir ohnedies noch 250 Rubel schuldig, dachte er, und
ohne auf Tanarow zu blicken, wurde er bei dem Gedanken ber die
unvermuteten Ausgaben immer verbissener.

-- -- -- Eigentmlich, wir sind zwar in den besten Beziehungen zu
einander, aber er sollte sich doch wirklich schmen. Mte sich doch
wenigstens entschuldigen, da er mir noch soviel schuldig ist, -- -- --
nein, ich gebe ihm nichts, fgte er mit bser Freude in Gedanken hinzu.

Der Bursche trat herein. Ein winziger sommersprossiger Kerl, mit Federn
berdeckt. Krumm und schlapp suchte er seinen Krper in die
vorschriftsmige Haltung zurechtzurcken und dabei Tanarow ins Auge zu
fassen.

Hochwohlgeboren erlauben zu melden, da, wie Ihre Hochwohlgeboren Bier
verlangt hatten, dieses Bier grade alle ist.

Mit aufflammender Wut sah Sarudin unwillkrlich Tanarow an.

-- -- -- Na, da haben wir's wieder. Hol ihn der Teufel. Das wird ja
schlielich unertrglich. Er wei doch, da ich selbst keinen Groschen
brig habe und da lt er sich noch Bier holen.

Auch der Wodka wird alle, fgte der Bursche hinzu.

Aber scher dich doch zum Teufel ... Was, du mut doch noch zwei Rubel
haben. Kaufe eben, was ntig ist. Sarudin winkte in wachsendem Zorn dem
Burschen, abzutreten.

Garnichts! ... Nichts ist brig geblieben.

Was heit das? ... Was lgst du da? ... schrie ihn Sarudin an und
blieb stehen.

Wie Seine Hochwohlgeboren befohlen haben, der Waschfrau zu bezahlen, so
habe ich ihr einen Rubel siebzig Kopeken bezahlt, und dreiig Kopeken
habe ich in Ihre Hochwohlgeboren Arbeitszimmer auf den Tisch gelegt.

Ach ja, warf Tanarow, mit geheuchelter Nachlssigkeit ein, whrend er
rot wurde und sich aufregte, ich habe es ihm gestern gesagt. Weit du,
es war schon peinlich, die ganze Woche lief das Weib mir das Haus ein.

Rote Flecken erschienen auf den festen, glattrasierten Wangen Sarudins
und unter ihrer feinen Haut gerieten die Backenknochen in zitternde
Erregung. Schweigend ging er im Zimmer auf und ab. Mit einemmal blieb er
neben Tanarow stehen.

Hr einmal, sagte er mit seltsam zitternder, scharf verletzender
Stimme, ich mchte dich doch bitten, nicht ber mein Geld zu verfgen
...

Tanarow errtete ber und ber und geriet in Bewegung.

Hm, was ist das? ... Diese Kleinigkeiten ... murmelte er verletzt und
zog die Schultern zusammen.

Dabei handelt es sich garnicht um die Kleinigkeiten, entgegnete
Sarudin ihm mit grausamen Vergngen, als mte er sich an ihm rchen.
Nein, um ein Prinzip. Aus welchem Grunde sage bitte, ...

Ich ...

Nein, ich mu dich ganz entschieden darum bitten, fiel ihm Sarudin
hartnckig mit demselben niederdrckenden Ton ins Wort. Und schlielich
knntest du dich doch in solchem Fall zunchst einmal an mich wenden.
Auf diese Weise, das ist wirklich sehr wenig angenehm.

Tanarow bewegte hilflos die Lippen und senkte die Augen; er zupfte mit
zitternden Fingern an dem Perlmuttermundstck seiner Zigarrenspitze.
Sarudin wartete noch eine Weile auf Antwort, dann drehte er sich jh um
und machte sich, mit dem Schlssel rasselnd, an der Tischschublade zu
schaffen.

Hier, kaufe, was du brauchst! schrie er den Burschen zornig an und
reichte ihm eine Hundertrubelnote.

Zu Befehl, sagte der Soldat, machte linksum kehrt und ging hinaus.

Langsam und nachdrcklich klapperte Sarudin mit den Schlsseln an der
Schublade und schob sie zu. Tanarow sah verstohlen auf das Fach, in dem
die fr ihn so notwendigen fnfzig Rubel lagen, begleitete das Schlieen
der Schublade mit schchternen Blicken und begann mechanisch eine
Zigarette anzuznden. Er fhlte sich sehr gekrnkt, gleichzeitig damit
aber frchtete er, dieser Empfindung Ausdruck zu geben, um Sarudin nicht
noch mehr zu erzrnen.

-- -- -- Was machen schon fr ihn zwei Rubel aus. Er wei doch wie
notwendig ich das Geld brauche ...

Sarudin ging im Zimmer auf und ab; er zitterte noch vor Aufregung. Aber
allmhlich begann er sich zu beruhigen und als der Bursche Bier brachte,
trank er selbst mit Genu ein Glas des eisigen, schumenden Trankes.
Pltzlich sagte er ganz ruhig, als ob garnichts vorgefallen wre,
whrend er die Schnurrbartenden durch die Lippenwinkel zog:

Gestern war Lyda wieder bei mir! Bruder, das ist ein interessantes
Mdchen. Feuer!

Tanarow schwieg verdrossen. Ohne es zu bemerken, schritt Sarudin weiter
langsam durch das Zimmer und seine Augen lchelten belebt den
Erinnerungen nach. Sein gesunder, starker Krper war unter der Hitze
erschlafft, soda glhende, erregende Gedanken die Oberhand gewinnen
konnten und ihn fortrissen. Pltzlich lachte er laut, kurz wiehernd auf.
Er blieb stehen.

Weit du, gestern wollte ich mal, ... er nannte hier ein sehr
eindeutiges Wort, das fr die Frau uerst verletzend ist. Da ist sie
zuerst in die Hhe gegangen, hat sich auf die Hinterfe gesetzt, weit
du solch ein stolzes Leuchten steigt bei ihr manchmal in die Augen ...

Tanarow, dessen Leib sich bei diesen Worten rasch und gierig spannte,
lste auf seinem Gesicht erzwungen ein klebriges und aufgeregtes Lcheln
aus.

Und dann, ... na, soda ich selbst fast in Krmpfe verfiel, schlo
Sarudin, der noch unter der unertrglich scharfen Erinnerung
nachzitterte.

Du hast Schwein, hol's der Kuckuck, rief neidisch Tanarow.

Pltzlich ertnte von der Strae her die laute Stimme Iwanows: Ist
Sarudin zu Haus? ... Darf man zu Ihnen? ...

Sarudin erschrak bei dem pltzlichen Anruf und frchtete, wie stets, da
jemand etwas von seiner Erzhlung ber Lyda Ssanina gehrt htte.

Aber Iwanow schrie ber den Zaun von der Nebengasse her; er war nicht
einmal zu sehen.

Zu Hause, zu Hause, rief Sarudin durch das Fenster zurck.

Im Vorzimmer ertnten Stimmen und Lachen, als wenn dort eine ganze
Volksmenge hineingestrmt wre.

Iwanow, Nowikow, ein Rittmeister Malinowski, zwei andere Offiziere und
Ssanin traten herein.

Hurra, brllte Malinowski, sich schief ber die Schwelle schiebend,
whrend ber sein dunkelrotes Gesicht mit zitternden, aufgespannten
Backen und einem buschigen Schnurrbart, der wie zwei Roggengarben in die
Luft starrte, ein grelles Blinken glitt.

Guten Morgen, Kinder.

-- -- -- Na, zum Teufel, dachte Sarudin rgerlich, da geht wieder ein
25-Rubelschein zum Teufel. Aber doch befrchtete er noch mehr, da
irgend jemand denken knnte, er wre nicht der freigebigste, reichste
und kameradschaftlichste Kerl im Regiment. Deshalb rief er mit breitem
Lcheln: Woher kommen Sie in so groer Gesellschaft? ... He,
Tscheriepanow, schleife Wodka her und was du sonst noch hast. Laufe in
das Kasino und lasse sofort einen Kasten Bier heranschleppen. Wollen Sie
Bier, Herrschaften. Es ist doch hei.

Als erst Wodka und Bier kamen, wurde der Lrm noch strker. Man lachte,
brllte in ungezgelter Lustigkeit; alle tranken und lrmten
durcheinander. Nur Nowikow blieb trbe gestimmt und sein stets
weichliches und bequemes Gesicht war unheilvoll durchleuchtet. Erst
gestern hatte er das erfahren, was fr ihn bisher unbekannt geblieben
war, trotzdem die ganze Stadt bereits ber die Affre tuschelte. Das
Gefhl, unertrglich verletzt und in seiner Eifersucht gedemtigt zu
sein, hatte ihn im ersten Augenblick betubt. Es ist nicht mglich, es
ist Unsinn, Klatsch ... sein Hirn weigerte sich, das Bild Lydas, in die
er so rein und mit Ehrfurcht verliebt war, in widerwrtig schmutzige
Nhe zu Sarudin, den er fr unendlich niedriger stehend und dmmer hielt
als sich, kommen zu lassen.

Doch dann brach tief aus seiner Seele wilde, tierische Eifersucht hervor
und begrub alles. Es gab einen Augenblick bitterer Verzweiflung und dann
des frchterlichsten, fast elementaren Hasses gegen Lyda und vor allem
gegen Sarudin. Diese Emprung war seiner weichen schlaffen Seele so
ungewohnt, da er fr sie nach irgend einem Ausweg suchen mute, wenn
sie ihn nicht ganz zerreiben sollte. Die ganze Nacht hindurch schwankte
er auf der krankhaften Grenze zwischen qulerischer Selbstpeinigung und
dem vagen Gedanken an Selbstmord. Gegen Morgen war er wie erstarrt und
nur das sonderbare, trbe Verlangen, Sarudin zu sehen, vibrierte noch in
seinen Empfindungen.

Jetzt, unter den Ausrufen der lrmenden und betrunkenen Stimmen, sa er
abseits, trank ganz mechanisch groe Massen Bier, und mit jeder Fiber
seiner angespannten Empfindlichkeit beobachtete er die Bewegungen
Sarudins, wie ein Tier, das im Walde einem anderen entgegenschleicht,
schon zum Sprunge gebckt, und sich doch verstellt, als ob es nichts
she.

Alles, was von Sarudin ausging, stie mit scharfen Schlgen an eine
berreizt zarte Stelle Nowikows, die jetzt sein ganzes Wesen zu bilden
schien, alles, sowohl das Lcheln Sarudins, das seine weien Zhne
zeigte, wie seine Schnheit, sein Lachen, seine brutale Stimme.

Sarudin, sagte ein langer eckiger Offizier, mit unmig langen, am
Krper baumelnden Armen. Ich habe dir ein Buch mitgebracht. Und durch
den wsten Lrm hindurch hrte Nowikow allein den Namen und die
antwortende Stimme Sarudins heraus, als ob alle anderen schwiegen und
nur dieser eine redete.

Welches denn? ...

Von Tolstoi ... Ueber Frauen, gab der drre Offizier mit Stolz aber
deutlich wie beim Dienstrapport zurck.

Auf seinem farblosen schmalen Gesicht stand klar ausgedrckt, da er
sehr befriedigt war, Tolstoi zu lesen und ber ihn zu sprechen.

Iwanow fiel dieser stolze und naive Ausdruck sofort auf und er fragte
ironisch: Lesen Sie auch manchmal Tolstoi? ...

Von Deutz ist ja unser Tolstoianer, erklrte der betrunkene Malinowski
und lachte auf.

Sarudin nahm die dnne, rote Broschre zur Hand und bltterte ein paar
Seiten um:

Ist das interessant? ...

Na, das wirst du schon merken! Die Antwort von Deutz' berstrzte sich
fast vor Begeisterung. Das ist ein Kopf, sage ich dir. Da kommt's einem
vor, als ob man selber alles wte ...

Aber wozu ... braucht denn Viktor Sergejewitsch Tolstoi vorzunehmen,
wenn seine eigenen Ansichten ber Frauen schon vllig feststehen ...
sagte Nowikow, nicht laut, ohne da er dabei die Augen vom Glase
abwendete.

Woraus schlieen Sie das? ... fragte Sarudin, der instinktiv den
Angriff sprte, aber ihn noch nicht ganz verstand, vorsichtig.

Nowikow schwieg. Alles ri ihn dazu hin, Sarudin anzubrllen, ihm ins
Gesicht zu schlagen, in dieses prchtige, selbstgefllige Gesicht, ihn
zu Boden zu werfen und ihn in einem wilden Ausbruch seines Zornes, der
endlich in die Freiheit strmen kann, mit den Fen zu zerstampfen.

Aber kein Wort kam auf seine Zunge. Unter dem klaren Bewutsein, da er
garnicht das sprche, worauf es ankomme, litt er nur noch mehr. Er wurde
fast zum Wahnsinn getrieben; er lchelte verzerrt; er sagte: Es gengt,
Sie nur anzusehen ... um zu diesem Schlu zu kommen.

Der eigentmlich tragische Ton seiner Stimme zerschnitt im Augenblick
den allgemeinen Lrm und pltzlich verstummte alles, wie vor einem
Morde. Iwanow erriet zuerst, um was es sich handelte.

Sarudins Gesicht hatte sich unter den letzten Worten kaum merklich
verndert, doch sofort beherrschte er sich wieder, als ob er ein scheues
Pferd bestiege, dessen Nervositt er kenne ...

Nu, ... Herrschaften, Herrschaften, was soll denn hier vorgehen, rief
Iwanow.

La sie, la sie sich ruhig prgeln, fiel ihm Ssanin lchelnd ins
Wort.

Mir scheint es garnicht, sondern es ist so, fuhr Nowikow anstelle
Sarudins fort, noch immer nicht den Kopf vom Glase hebend und ohne
seinen Tonfall zu ndern.

Aber eine lebendige Wand von schreienden Stimmen, Armbewegungen,
lachenden Gesichtern und Zwischenrufen, schob sich zwischen sie.

Sarudin wurde von Deutz und Malinowski zur Seite gedrngt; Nowikow von
Iwanow und einem anderen Offizier. Tanarow begann die Glser zu fllen
und irgendwas zu schreien, ohne sich an jemanden direkt zu wenden.

Es entstand eine falsche, gewaltsam frhliche Erregung, die fr einen
Augenblick den Streit verwischte. Mit einemmal empfand Nowikow, da er
die Kraft verloren hatte, diesen Zustand fortzusetzen. Er verzog seine
Lippen zu einem unsinnigen Lcheln, sah sich nach Iwanow und einem der
Offiziere um, die ihn mit Gesprchen festzuhalten versuchten und dachte
ratlos:

-- -- -- Was mache ich nur. Zuhauen mu man. Einfach hingehen und in die
Schnauze schlagen. Sonst bleibe ich ja in der dmmsten Lage. Alle mssen
es verstanden haben, da ich den Streit suchte ...

Aber statt dessen lauschte er mit gemachtem Interesse auf das, was
Iwanow und von Deutz sprachen.

In seinen Ansichten ber die Frau bin ich nicht vllig mit ihm
einverstanden, sprach selbstgefllig der Offizier.

Die Frau ist zunchst mal ein Weibchen, erklrte Iwanow. Unter
Mnnern knnte man vielleicht noch einen auf Tausend finden, der den
Namen Mensch verdient. Aber unter den Frauen, nein, unter ihnen gibt es
keinen Einzigen. Nacklige, rosige, fette, schwanzlose Affen sind es und
weiter nichts.

Das ist ja uerst originell bemerkt; -- -- von Deutz kaute sichtbar
an dem Vergngen ber Iwanows letzter Phrase.

Nowikow dachte bitter vor sich hin, wie wahr das sei.

Eh, mein Lieber, erwiderte Iwanow, seine Hand grade vor der Nase von
Deutz schwenkend, erzhlen Sie mal den Leuten: Ich sage euch: jedes
Weib, das einen Mann geil ansieht, treibt in ihrem Herzen schon Unzucht
mit ihm. Erzhlen Sie das und die Meisten werden berzeugt sein, eine
hchst originelle Sache zu hren.

Von Deutz lachte mit heiserer Stimme, wie wenn ein Windhund pltzlich
anschlgt, und sah Iwanow mignstig an. Den Spott verstand er nicht und
er war nur neidisch, da er sich nicht so witzig ausgedrckt hatte.
Pltzlich reichte ihm Nowikow die Hand.

Was denn? fragte von Deutz verwundert. Neugierig und erwartungsvoll
sah er auf die breite Handflche.

Nowikow gab keine Antwort.

Wohin? erkundigte Ssanin sich ebenfalls.

Nowikow schwieg weiter. Er fhlte, da nur ein Augenblick des Wartens
gengen wrde, um das Schluchzen, das ihm in der Kehle steckte,
ausbrechen und jeden Rckhalt berstrmen zu lassen.

Ssanin lchelte ihn ruhig und doch mit ernstem Interesse an: -- -- --
Ich verstehe, was mit dir ist. Spuck darauf! -- -- --

Nowikow schaute mit wehleidigen Augen ber ihn hin, seine Lippen
zitterten; mit einer verzweifelten Handbewegung, als ob er alles, sich
selbst, die Welt, beiseite schieben wollte, ging er fort, ohne weiter
Abschied zu nehmen. Der Druck schwerer Ohnmacht, wie bei einem Menschen,
der eine Last nicht anheben kann, bi sich in ihm fest und prete ihn zu
Boden. Um sich zu beruhigen, dachte Nowikow:

-- -- -- Nun, was schon, was wre viel damit bewiesen, wenn ich diesem
Halunken die Fresse eingeschlagen htte. Es kme doch nur eine platte
Keilerei heraus. Lohnte es sich wirklich, die Hnde an ihm dreckig zu
machen. -- --

Doch das Gefhl unbefriedigter Eifersucht und der eigenen Schwche
verlie ihn nicht. In tiefster Trbsal kam er nach Hause, warf sich mit
dem Gesicht in die Kissen und lag so den ganzen Tag ber, nur von dem
einen Gedanken geqult, da er nichts tun knne ...

Los, wollen Sie Macao spielen? fragte Malinowski.

Immer hingeschmissen! erwiderte sofort Iwanow.

Der Bursche stellte den Kartentisch zurecht, und das grne Tuch lchelte
ihnen frhlich entgegen. Eine konzentrierte Belebung ergriff alle.
Malinowski begann, Karten zu geben, wobei seine behaarten Finger hart
auf dem Tisch anschlugen. Gewandt zerstoben die bunten Karten in
regelmigen Kreisen auf der grnen Decke; mit hellem Klang rollten die
silbernen Rubel von einem Tableau zum andern und wie gierige Spinnen
liefen nach allen Richtungen Finger ber das Tuch, die das Geld
aufrafften. Nur knappe Worte und eintnige wie auswendig gelernte
Ausrufe des Aergers und des Vergngens waren vernehmbar.

Sarudin hatte offensichtlich ganz besonderes Migeschick. Hartnckig
machte er immer wieder den Einsatz von fnfzehn Rubeln und bei jedem Mal
wurde er vollstndig abgeschlagen. Auf sein hbsches Gesicht traten die
roten Flecke gegenstandsloser Erbitterung. Im Laufe des letzten Monats
hatte er gegen 700 Rubel verspielt; jetzt frchtete er sogar, den
endgltigen Verlust genau festzustellen. Seine verdrieliche Stimmung
teilte sich auch den andern mit. Von Deutz und Malinowski wechselten
scharfe Worte miteinander.

Sehr bestimmt, wenn auch zurckhaltend, erklrte von Deutz, voller
Verwunderung darber, da der betrunkene, ungeschlachte Malinowski sich
berhaupt unterstand, mit ihm, dem klugen und distingierten von Deutz zu
streiten: Ich hatte wohl auf die Flgel gesetzt.

Was wollen Sie mir einreden? warf ihm dieser grob entgegen. Hol's der
Teufel. Schlage ich, so sagt man Auf Flgel und wenn ich gebe ...

Von Deutz brauste auf. Aber erlauben Sie mal. Sofort, wie immer, wenn
er aufgeregt war, wurde seine Aussprache unrussisch und deutsche Laute
mengten sich komisch hinein.

Nichts will ich erlauben. Nehmen Sie das zurck ... nein, bitte, nehmen
Sie das zurck.

Meine Herren, aber das ist doch, -- -- wirklich zum Teufel, schrie
Sarudin wtend, die Karten mit Gewalt auf den Tisch werfend.

Aber sogleich erschrak er seines jhen Ausrufs wegen ebenso wie ber die
betrunkenen, verzerrten Gesichter, Karten und Flaschen, ber das ganze
Bild eines platten soldatischen Trinkgelages, denn -- -- in der Tr
hatte er pltzlich ein neues Gesicht auftauchen sehen.

Ein hochgewachsener schlanker Mann in einem bequemen, weien Kostm
hielt verwundert auf der Schwelle an; seine Augen suchten Sarudin.

Ah, Pawl Lwowitsch! Welches Schicksal hat Sie zu uns hergeweht? rief
dieser rot im Gesicht und strzte ihm eilig entgegen.

Der Herr trat unschlssig tiefer in das Zimmer ein und den Anwesenden
fielen sofort seine weien Stiefel auf, die aus dem Morast von
Bierlachen, Korken und zertretenen Zigarrenresten besonders
hervorstachen. Er war so wei, sauber und parfmiert, da er zwischen
den Wolken Tabakdampfes und den betrunkenen, berhitzten Menschen, an
eine Lilie im Sumpfe erinnern konnte, wre er nicht so hilflos dnn, so
ausgemergelt gewandt gewesen und htte er nicht ein so kleines
Gesichtchen mit schlechten Zhnen und einem winzigen Schnurrbart gehabt.

Woher kommen Sie? Haben Sie Pitier schon lange hinter sich? sagte
Sarudin zu ihm mit berflssiger Eile, wobei er ihm stark die Hand
drckte und gleichzeitig wieder ngstlich berlegte, ob es nicht ein
faux Pas gewesen wre, das legere Pitier statt des St. Petersburg zu
gebrauchen.

Ich bin erst gestern angekommen, antwortete endlich der
Weigekleidete. Seine Stimme war selbstgefllig aber saftlos, wie ein
abgeschnrter Hahnenschrei.

Meine Kameraden, stellte Sarudin vor. Von Deutz, Malinowski, Tanarow,
die Herren Ssanin, Iwanow. Meine Herren, ... Pawl Lwowitsch Woloschin.

Woloschin verneigte sich ein wenig.

Wollen's uns vormerken, antwortete zum Entsetzen Sarudins der
betrunkene Iwanow.

Bitte hier, Pawl Lwowitsch, belieben Sie Bier oder vielleicht Wein.

Woloschin lie sich vorsichtig ins Fauteuil nieder; er schimmerte auf
dem groben Gummituchberzug in seinem matten Wei.

Ich komme nur auf eine Sekunde mit heran. Bitte, lassen Sie sich nicht
stren, entgegnete er mit leichter Khle des Unbehagens, indem er die
Gesellschaft musterte.

Aber warum das? ... Ich lasse sofort Weien bringen. Ich wei doch, Sie
lieben ihn. Sarudin strzte ins Vorzimmer. -- -- -- Dieses Luder hatte
auch nichts anderes zu tun, als gerade heute hierherzukommen, dachte er
wtend, whrend er dem Burschen befahl, nach Wein zu laufen. -- -- --
Spter erzhlt dieser Woloschin bei allen Bekannten in Petersburg
solchen Unsinn, da man mich in kein anstndiges Haus mehr aufnehmen
wird.

Inzwischen fuhr Woloschin fort, ohne es im geringsten zu verbergen, die
Gesellschaft zu mustern, wie wenn er sich ber alle unendlich erhaben
fhlte. Der Blick seiner glasgrauen Aeuglein war voll aufrichtiger
Neugier. Besonders der Wuchs, die offenbare Kraft und das Kostm Ssanins
lockten seine Aufmerksamkeit. Das ist ein interessanter Typus; darin
liegt Kraft, dachte er mit der starken Zuneigung, die alle schwachen
Menschen groen und starken gegenber empfinden. Er wnschte Ssanin
anzusprechen. Aber dieser blickte unbekmmert in den Garten, mit der
Brust an das Fensterbrett gelehnt.

Schon das erste Wort seiner Anrede blieb Woloschin in der Kehle stecken;
der saftlose, abgeriebene Klang seiner Stimme verletzte ihn selbst.

-- -- -- Die andern, das ist irgend welch' Lumpenpack, dachte er sich.

Sarudin kehrte zurck. Er setzte sich neben Woloschin nieder. Hflich
begann er ihn nach Petersburg und nach seiner Fabrik auszufragen, auch
um seinen Bekannten verstehen zu geben, welch reicher und
bedeutungsvoller Kerl dieser Gast sei.

Alles nach dem alten Strich, wie Sie sehen, antwortete nachlssig
Woloschin. Und was machen Sie?

Was kann man hier tun. Ich vegetiere!

Woloschin schwieg und sah verchtlich zur Decke hoch, auf der die grnen
Reflexe des Gartens lautlos hin- und herglitten.

Wir kennen hier nur dies eine Vergngen, fuhr Sarudin mit
bedeutungsvoller Geste fort, in der er alles, seine Gste, die Flaschen
und die Karten einfate.

Jawohl, sagte Woloschin mit unbestimmter Dehnung; aus seinem Ton hrte
Sarudin die Frage heraus: und was bist du denn selbst? ...

Doch gleich darauf erhob er sich schon:

Na, aber ich mu doch schon fort. Ich bin hier im Hotel auf dem
Boulevard abgestiegen. Wir sehen uns natrlich noch? Das letztere
sprach Woloschin in verndertem Ton.

Gerade in diesem Augenblick trat der Bursche ein, nahm nachlssig die
vorschriftsmige Haltung an und meldete:

Hochwohlgeboren, das Frulein sind da!

Wie? fragte Sarudin erschrocken.

Jawohl!

Ach so, ja, ich wei schon, sagte Sarudin rasch und ungeschickt,
whrend seine Augen unruhig ber die Anwesenden hinliefen. Die Ahnung
von Unannehmlichkeiten durchstach ihm das Herz. -- Sollte das wirklich
Lyda sein, dachte er verwundert.

In den Augen Woloschins flammte ein gieriges und neugieriges Feuerchen
auf; sein schwchlicher Krper geriet unter dem weichen, weien Kostm
in matte, konvulsivische Bewegungen.

Na, nun auf Wiedersehen. Er sprach ausdrucksvoller, mit andeutendem
Lcheln. Sie sind also immer noch derselbe? ...

Sarudin lchelte ebenfalls; und war auch dies Lcheln unnatrlich, so
mischten sich doch Selbstgeflligkeit und Besorgnis ein.

Von dem Hausherrn begleitet, ging Woloschin rasch hinaus, seine weien
Schuhe blinkten und seine scharfen Augen bersphten noch einmal das
Ganze.

Sarudin kehrte zurck.

Nun, meine Herren, was wird mit den Karten? ... Tanarow, bernimm du
meine Partie, ich komme sofort zurck.

Lge! brllte der ganz betrunkene, bullenartige Malinowski. Wollen
wir doch selbst mal sehen, was fr ein Frulein da ist.

Tanarow packte ihn an den Schultern und drckte ihn mit Gewalt auf den
Stuhl zurck. Die andern nahmen bereilig ihre Pltze wieder ein, wobei
sie sich bemhten, Sarudin nicht anzuschauen.

Auch Ssanin setzte sich mit ernstem Lcheln nieder.

Er erriet, da Lyda gekommen war, und das trbe Gefhl eiferschtigen
Mitleides zu seiner schnen und jetzt augenscheinlich unglcklichen
Schwester erstand in ihm.




                                  XVI


Auf dem Bette Sarudins sa in einer unbestimmbar seitwrtigen Stellung
Lyda Ssanina und knllte ratlos ihr Taschentuch in den Hnden.

Selbst Sarudin war von der Vernderung, die in ihr vorgegangen sein
mute, berrascht. Von dem schnen Mdchen voll stolzer Kraft war keine
Spur geblieben. Ein krankes, ratloses Frauenzimmer sa da tiefgebckt
vor ihm. Ihr Gesicht war eingefallen, bla geworden, ihre dunklen Augen
liefen aufgeregt hin und her. Als Sarudin kam, heftete sich ihr schwerer
Blick eilends auf ihn, senkte sich aber sofort wieder. Instinktiv erriet
er, da sie sich vor ihm frchtete. Ganz unerwartet stieg Aufregung und
Zorn in ihm krampfartig empor. Er schlo die Tr fest ab, und anders wie
frher, grob und gradeaus, trat er auf sie zu.

Er konnte sich kaum beherrschen; pltzlich hatte er das brennende
Verlangen, sie zu schlagen: Du bist eine verrckte Person. Bei mir
steckt die ganze Bude voller Menschen, drin sitzt dein Bruder und du ...
als wenn du auch keine andere Zeit finden knntest. Das ist ja ... zum
Teufel.

Die dunklen Augen hoben sich mit einem sonderbaren Aufleuchten zu ihm
und wie stets erschrak Sarudin sofort wieder ber seine Heftigkeit,
bleckte ergeben seine weien Zhne und, Lydas Hand ergreifend, setzte er
sich an ihre Seite.

Uebrigens ist es ja ganz gleich; ich frchte doch nur deinetwegen. Ich
bin froh, da du kommst; ich hatte Sehnsucht nach dir.

Er hob ihren weichen, etwas feuchten Arm mit dem vornehmen Geruch und
kte ihn vorsichtig oberhalb des Handschuhs.

Ist das wahr? ... Lyda fragte mit einem ihm unbekannten Ausdruck;
wieder hob sie ihre Augen, deren Blicke Worte zu werden schienen, zu
ihm: ... Ist das wahr, da du mich liebst? Siehst du denn, wie elend
und zerbrochen ich jetzt bin. Gar nicht mehr, die ich frher war. Ich
frchte mich vor dir. Ja, ich fange an, das Entsetzliche meiner
Erniedrigung zu erraten. Hab ja aber niemanden, auf den ich mich sttzen
knnte ...

Zweifelst du? ... erwiderte Sarudin unsicher, und ein feiner kalter
Strahl, der ihm selbst peinlich war, machte sich in diesen Worten
bemerkbar.

Wieder hob er ihren Arm, um ihn zu kssen.

Ein sonderbares, kompliziertes Durcheinander von Gedanken und Gefhlen
regte sich in ihm. Erst zwei Tage zuvor lagen die matten Haare Lydas
zerstreut auf demselben weien Kissen, wand sich ihr heier, biegsamer
Krper im Ausbruche gewaltiger Leidenschaft, ihre Lippen flammten und
Sarudins ganzes Wesen versank in dem fressenden Feuer unertrglichen
Genusses.

In jenem Augenblick verband sich in ihm die ganze Welt, tausende von
Frauen, alle Gensse, das ganze Leben immer wollstiger zu der
schamlosen Grausamkeit, gerade diesem demtigen Krper Qualen zu
verursachen.

Doch ebenso pltzlich schlug dieses Gefhl wieder um; Lyda wurde ihm
widerwrtig. Er mute von ihr fortgehen, sie von sich stoen, nichts
mehr von ihr hren und sehen. Der Widerwille zeigte sich so
unvershnlich, da selbst das Sitzen an ihrer Seite zur Folter wurde.
Aber gleichzeitig machte ihn die dunkle Angst vor ihr, die sich in ihm
wand und krmmte, willenlos und heftete ihn an die Stelle. Mit seinem
ganzen Wesen empfand er, da ihn nichts mehr mit ihr zusammenhielt. Er
hatte sie mit ihrem Einverstndnis, ohne ihr das geringste Versprechen
zu geben, besessen; er gab ihr nur das, was er selbst von ihr erhielt.
Er erwartete, da Lyda von ihm etwas fordern wrde und er mute entweder
einwilligen oder er handelte lumpenhaft und schmutzig. Das Gefhl
vlliger Ohnmacht ergriff ihn, als htte man aus seinen Gliedern alle
Knochen herausgezogen und in seinen Mund statt seiner Zunge einen nassen
Lappen gehngt. Diese Gedanken verletzten und emprten ihn. Es drngte
ihn aufzuschreien, ihr ein fr alle Mal zuzurufen, da sie kein Recht
htte, etwas von ihm zu verlangen. Doch sein Herz zog sich nur feige
zusammen und er rief nur eine Dummheit aus, die fr ihn selbst
unerwartet kam und garnicht zum Moment pate.

Oh, Weib, Weib, -- -- -- so wie Shakespeare sagte.

Lyda sah ihn erschrocken an. Und pltzlich wurde ihr Hirn von einem
schonungslos grellen Licht durchflammt. Jetzt begriff sie, da sie
verloren war. Fr einen Menschen, der in Wirklichkeit garnicht
existierte, hatte sie das ungeheuer Reine und Groe, das zu geben sie
fhig war, von sich gerissen. Ihr herrliches Leben, ihre
unwiederbringliche Reinheit war einem widerwrtigen und feigen Tierchen
vor die Fe geworfen worden; es nahm nichts mit Freude und Dank fr den
Genu entgegen, sondern bespritzte sie nur in Akten stumpfsinniger Gier
mit Kot. Es gab einen Augenblick, wo sie der Ausbruch der Verzweiflung
unter ohnmchtigem Schluchzen und Hnderingen fast zu Boden warf.

Aber in krankhafter Geschwindigkeit wurde die Verzweiflung durch eine
Flut rachschtigen, stechenden Hasses fortgeschwemmt.

Begreifen Sie denn wirklich nicht, welch ein Idiot Sie sind? stie sie
scharf und leise durch ihre zusammengepreten Zhne, whrend sie sich
seinem Gesicht dicht entgegenschob.

Diese groben Worte und der drngende, grimmige Blick waren bei der
feinen und weiblichen Lyda so unerwartet, da Sarudin unwillkrlich von
ihr abrckte. Aber doch verstand er die ganze Bedeutung dieses Blicks
noch nicht und versuchte ihn noch immer mit einem Scherz beiseite zu
schieben.

Was sind das fr Ausdrcke, sagte er verwundert und tat ein wenig
verletzt.

Ich habe an Wichtigeres als an die Ausdrcke zu denken.

Aber wozu gleich die Tragik! Sarudin runzelte unmutig die Stirne. Er
folgte mit pltzlich erwachter Begierde unbewut der Wlbung ihrer
ausgemeielten Arme und schlanken Schultern.

Ihre verzweifelt hilflose Geste brachte ihm das Bewutsein seiner
eigenen Ueberlegenheit wieder zurck.

Es war, als stnden beide auf einer Wage. Senkte sich der eine, so hob
sich sofort der andere. Mit besonderem Vergngen fhlte Sarudin heraus,
da dieses Mdchen, das er innerlich fr hherstehend wie sich selbst
hielt, und vor dem er in Augenblicken wollstiger Zrtlichkeiten nicht
seine Scheu berwinden konnte, nach seinen Begriffen jetzt eine
erbrmliche und erniedrigte Rolle spielte. Diese Ueberlegung war ihm
angenehm und stimmte ihn weicher. Sarudin ergriff zrtlich ihre
gesenkten, willenlosen Hnde und zog sie leise an sich heran; er erregte
sich schon jetzt und atmete heier.

Nun genug doch, es ist ja nichts Schreckliches passiert.

Glauben Sie? fragte Lyda. Sie fate ihn ganz eigentmlich ins Auge;
aus ihrer Ironie holte sie pltzlich neue Kraft.

Na, gewi doch, antwortete Sarudin und suchte sie mit einer erregenden
und schamlosen Berhrung zu umarmen. Aber von Lyda strmte ihm eisige
Khle, unter der seine Hnde unwillkrlich erschlafften, entgegen.

Nun genug doch! Warum bist du bse geworden, mein Ktzchen, sagte er
mit zrtlichem Vorwurf.

Mit einer bsen Bewegung ri sich Lyda aus seinen Armen los.

Sarudin fhlte sich physisch darber verletzt, da das Aufschnellen
seiner Leidenschaft unntz verloren gegangen war.

-- -- -- wei es der Teufel, dachte er. Da fange mal einer mit diesen
Weibern an. Laut fragte er sie: Was hast du denn eigentlich? Auf seine
Backenknochen traten rote Flecken.

Als htte diese Frage in Lyda einen letzten Schleier zerrissen, schlug
sie ihre Hnde vors Gesicht und begann ganz unerwartet zu weinen. Sie
schluchzte geradeso wie die Weiber im Dorfe schluchzen. Mit den Hnden
das Gesicht bedeckt, den ganzen Krper vornbergeneigt und die Laute
gedehnt ausziehend. Die langen Haarstrhnen hingen lngs des nassen
Gesichts; sie wurde hlich. Lchelnd und doch ngstlich, da sie dieses
Lcheln krnken knnte, versuchte er ihr die Hnde vom Gesichte
loszureien, aber Lyda drckte sie hartnckig dagegen und weinte ohne
Unterbrechung.

Ach du lieber Gott, stie Sarudin rgerlich aus. Wieder kam ihm der
Wunsch, ihr Grobheiten zu sagen, sie zu beschimpfen, an den Haaren zu
zerren.

Ja, was hast du denn eigentlich. Nun, du bist eben mit mir gelaufen,
was schadet das schon. Und mit einemmal. Was ist denn Groes passiert?
Hr doch endlich damit auf!

Er ergriff sie am Arm.

Der Kopf Lydas mit dem nassen Gesicht und dem aufgelsten Haar
erschtterte unter dem Sto, und mit einemmal schwieg sie still, die
Hnde gesenkt, ganz zusammengekrmmt; in kindischer Furcht blickte sie
zu ihm herauf. Der wahnsinnige Gedanke, da von jetzt ab jeder das Recht
htte, sie zu schlagen, zuckte durch ihr Hirn. Doch Sarudin erschlaffte
selbst wieder und sprach einschmeichelnd und unsicher:

Aber Lydotschka, genug doch, du bist ja selbst schuld. Wozu diese
Szenen. Nun, du hast gewi viel verloren. Aber dafr gab es doch auch
viel Glck. Niemals werden wir vergessen, -- -- diese -- --

Lyda weinte wieder.

Aber so hre doch endlich auf! Er ging im Zimmer auf und ab und zupfte
den Schnurrbart ber den nervs zitternden Lippen.

Es war still, und hinter dem Fenster schwankten leise, wahrscheinlich
von einem Vogel bewegt, dnne, grne Zweige.

Sarudin beherrschte sich mit Mhe, kam wieder auf Lyda zu und versuchte
nochmals, sie vorsichtig zu umarmen. Doch sie ri sich augenblicklich
mit scharfem Ruck von ihm los und stie ihn mit dem Ellenbogen so gegen
das Kinn, da seine Zhne deutlich aneinanderknackten.

Ah Teufel! Er rief es, wtend ber den Schmerz, aber noch mehr darum,
weil das Klappern seiner Zhne sehr unerwartet und komisch war.

Obgleich es Lyda selbst garnicht bemerkt hatte, fhlte sie
unwillkrlich, da die Situation fr Sarudin lcherlich geworden war.
Und mit weiblicher Grausamkeit ntzte sie diesen Umstand aus.

Was sind das fr Ausdrcke, ffte sie hhnisch.

Das kann jeden in Wut bringen, denke ich. Wenn man wenigstens wte, um
was es sich handelt.

Und das merken Sie noch immer nicht? Lyda behielt noch immer die
gleiche Ironie bei.

Schweigen trat ein. Lyda sah ihn gerade an und ihr Gesicht flammte auf.
Pltzlich begann Sarudin rasch und gleichmig bla zu werden, als wenn
eine graue Decke von auen ber seine Mienen gezogen wrde.

Nun, weshalb schweigen Sie? ... Sagen Sie doch etwas! Trsten Sie doch!
... Lydas Stimme brach in einen hysterischen Schrei ab, vor dem sie
selbst erschreckte.

Ich? ... Sarudins Unterlippe zitterte.

Gewi! Kein anderer! Leider sind Sie es gerade! schrie sie, fast
erstickt von bsen, verzweifelten Worten, die den letzten Schleier der
Feinheit zwischen ihnen zerrissen und mit einemmal aus ihnen eine
verzerrte Bestie herausbrechen lieen.

Reihen von Gedanken durchschlpften blitzschnell, einem Schwarm flinker
Muse gleich, das Hirn Sarudins. Sein erster Gedanke war, Lyda Geld zu
geben, damit sie die Frucht abtreibe und der Sache ein Ende mache. Aber
trotzdem er das fr das Beste hielt, wagte er es nicht vorzuschlagen.

Das habe ich wirklich nicht erwartet, stammelte er.

Nicht erwartet? ... So. Und mit welchem Recht wagten Sie es, das nicht
zu erwarten?

Lyda ... ich habe doch eigentlich nichts ... Sarudin frchtete seine
eigenen Worte schon im Voraus, sah aber ein, da es gesagt werden mute.

Lyda verstand ihn auch so. Wilde Verzweiflung durchbrach ihr schnes
Gesicht. Ohnmchtig lie sie die Hnde fallen und setzte sich aufs Bett.

Gott, was soll ich denn nur machen, sagte sie mit seltsamer
Nachdenklichkeit vor sich hin. Soll ich ins Wasser gehen ... oder wie,
was? ...

Na, ... warum gleich das!

Und wissen Sie, Viktor Sergejewitsch ... Sie htten wahrscheinlich
garnichts dagegen, wenn ich es wirklich tte! In ihren Augen und den
Zuckungen der feinen Lippen lag etwas so Trauriges und Furchtbares, da
Sarudin unwillkrlich die Augen abwendete.

Lyda stand auf. Ekelndes Grauen packte sie pltzlich, da sie nur einen
Augenblick an ihn als ihren Retter denken konnte; daran, da sie mit ihm
fr immer leben sollte. Und nun wnschte sie, nur noch einmal mit der
Hand abzuwinken, um ihm mit dieser einen Bewegung ihre Verachtung
auszudrcken und alle Demtigungen zu rchen; doch sie fhlte, da sie,
sobald sie zu sprechen begnne, auch anfangen msse, zu weinen und sich
dann nur noch mehr erniedrigen wrde. Eine Regung des Stolzes, der
letzte Ueberrest der schnen und starken Lyda, hielt sie davon zurck.
Statt dessen sagte sie nur, zusammengepret, aber klar und deutlich:

Rindvieh!

Dann strzte sie zur Tr, da die Spitzenmanschetten der Aermel von der
Klinke erfat und zerrissen wurden.

Sarudin stieg das Blut zu Kopf. Htte sie ihm Halunke oder Schurke
zugerufen, so wrde er das ganz ruhig ertragen haben, aber gerade das
Wort Rindvieh klang besonders hlich und widersprach ganz der
Vorstellung, die er sich ber seine Person gebildet hatte, er wurde
vollstndig verwirrt. Sogar das Weie seiner schnen, konvexen Augen
rtete sich. Er lchelte ratlos, zuckte die Schultern, ri seinen Kittel
auf und schlo ihn wieder und empfand im Augenblick nur, da er tief
unglcklich sei. Aber gleichzeitig damit begann in irgend einem Winkel
unwillkrlich das Gefhl der Freude darber zu wachsen, da die Affre
mit Lyda so oder anders, doch auf jeden Fall zu Ende kam. Ein feiger
Gedanke flsterte ihm wieder zu, da ein solches Mdchen wie Lyda ihn
niemals mehr aufsuchen wrde. Eine Sekunde lang tat es ihm leid, da ihm
eine so schne und geschmackvolle Geliebte verloren gehen sollte, aber
dann schlug er gleichgltig mit der Hand durch die Luft und dachte:
Hol's der Teufel, es gibt deren viele.

Er ordnete den Kittel, zndete sich mit Fingern, die noch zitterten,
eine Zigarette an, markierte auf dem Gesichte einen geschickten,
sorglosen Ausdruck und ging zu seinen Gsten zurck.




                                  XVII


An dem Spiel war auer dem betrunkenen Malinowski niemand mehr
interessiert.

Alle beschftigte allein die Frage, was fr ein Mdchen zu Sarudin
gekommen sei. Die, welche errieten, da es sich um Lyda Ssanina handele,
waren unbewut neidisch, und ihre Einbildung strte sie am Spiel, indem
sie ihnen Lydas ungekannte Nacktheit und ihre Intimitten mit Sarudin
vorspiegelte.

Ssanin blieb nicht lange bei den Karten sitzen. Er stand auf und sagte:
Ich mache nicht mehr mit! Auf Wiedersehen!

Warte, Bruder, wo willst du hin? fragte Iwanow.

Will mal hingehen und nachschauen, was da eigentlich passiert. Ssanin
zeigte mit den Fingern auf die geschlossene Tr. Alle belachten seine
Worte als einen Scherz.

Genug, den Hans Narr zu spielen! Komm, setz dich hin, genehmigen wir
einen.

Du bist selbst ein Hans Narr, erwiderte Ssanin gleichgltig Iwanow und
ging hinaus.

Als er in eine schmale Gasse trat, in der saftige und dichte
Nesselstrucher wuchsen, machte er sich zunchst klar, wo sich die
Fenster von Sarudins Zimmer befinden muten. Es gelang ihm, die
Nesselstrucher vorsichtig mit dem Fue beiseite zu drcken; er kam bis
an den Zaun und kletterte elegant hinauf. Oben verga er fast, weshalb
er hinaufgeklettert war, so angenehm war es ihm, von dem hohen Platz
herab, auf das grne Gras und den dichten Garten zu schauen und mit
allen von der Bewegung angespannten Muskeln, den frischen, weichen
Luftzug zu empfinden, der die Hitze milderte, und frei durch seine dnne
Bluse hindurchlief. Dann sprang er wieder hinab, trat in die Nesseln,
kratzte melancholisch die verbrannten Stellen und schritt durch den
Garten.

Er trat grade in dem Augenblick an das Fenster, als Lyda zu Sarudin
sagte: Und haben Sie denn selbst nichts gemerkt? ... Sofort verstand
er an dem seltsamen Tonfall ihrer Stimme, um was es sich handelte. Mit
den Schultern an die Wand gelehnt, blickte er in den Garten hinein und
lauschte doch interessiert den Stimmen, die durch die Erregung entstellt
waren. Es tat ihm um die schne, in den Schmutz gezogene Lyda leid, zu
derem reizenden Bild das rauhe, tierische Wort schwanger so garnicht
pate. Aber noch tiefer als der Inhalt ihres Gesprchs berhrte ihn der
sonderbare und unsinnige Kontrast zwischen den erbosten Menschen im
Zimmer und der lichten Stille des grnen Gartens, die auch diesen
Menschen von der Natur gegeben war.

Ein weier Falter schwebte leicht durch das Gras; sich in der sonnigen
Luft badend, senkte er sich und schwirrte wieder empor. Seinen Flug
verfolgte Ssanin ebenso aufmerksam, wie die Worte im Zimmer.

Als Lyda Rindvieh schrie, lachte Ssanin hell auf, prallte mit seinem
ganzen Krper von der Wand zurck und ohne daran zu denken, da man ihn
sehen knnte, schritt er langsam durch den Garten. Eine Eidechse, die
gewandt seinen Weg kreuzte, lockte seine Aufmerksamkeit; sein Blick lief
lange hinter ihrem biegsamen Krperchen her, das elegant durch die
grnen Grasbschel glitt.




                                 XVIII


Lyda ging nicht nach Hause, sondern lief in der entgegengesetzten
Richtung gradaus.

Die Straen waren leer; die Luft, von den heien Sonnenstrahlen mit
Glutwellen durchsetzt, zitterte schwer. Kurze Schatten lagen hart an
Zunen und Mauern, wie vernichtet von der triumphierenden Glut.

Lyda schtzte sich nur aus Gewohnheit mit ihrem Schirm, ohne zu
bemerken, ob es hei oder khl wre, hell oder dunkel; sie lief schnell
die mit staubigem Gras bewachsenen Zune entlang und schaute mit
trockenen, glnzenden Augen, gesenkten Kopfes, auf ihre Fe. Ab und zu
begegneten ihr erhitzte und keuchende Menschen, die von der Hitze schon
ganz zermrbt waren; aber es waren nur wenige. Sommerliche
Nachmittagsstille lag ber der Stadt.

Ein fremdes, weies Hndchen beschnffelte eilig und vorsichtig Lydas
Rock und trottete ihr dann voran, sah sich um und wedelte mit dem
Schwanz, als Beweis, da es mit ihr zusammenhalten wolle. An einer
Straenecke stand ein kleiner, grotesk dicker Knabe, aus dessen Hose
hinten das Hemdchen stach; mit beerenbeschmutzten Backen pfiff er
verzweifelt auf einer Schote.

Lyda winkte dem Hndchen mit der Hand zu, lchelte den Jungen an; alles
das aber streifte nur die Oberflche ihres Bewutseins; ihre Seele blieb
verschlossen. Eine dstere Macht, die sie von der ganzen Welt trennte,
ri sie, die Einsame und Tote, eilends weiter, an dem lichten Grn der
Sonnenhelle und der Lebensfreude vorbei, immer weiter und weiter, einem
schwarzen Abgrund entgegen, dessen Nhe sie bereits an der khlen und
erschlaffenden Wehmut fhlte, die ihr Herz umzog.

Ein bekannter Offizier ritt an ihr vorbei. Sobald er sie bemerkte, lie
er seinen verschwitzten Fuchs tnzeln und karessieren. Auf dem glatten
Fell des Pferdes glitt die Sonne mit goldschmiedenen Tupfen nieder.

Lydia Petrowna, rief er mit lauter und frhlicher Stimme. Wohin gehen
Sie in dieser Hitze?

Lyda lie ihre Augen unbewut ber seine kleine Mtze, die fesch auf
seiner halbgerteten Stirn sa, gleiten und schwieg, obgleich sie ihn
aus Gewohnheit kokett anlchelte. Doch fragte sie sich in diesem
Augenblick selber ratlos: Wo soll ich denn nur hin? ...

In ihr war kein Ha gegen Sarudin; sie dachte garnicht an ihn. Als sie
vorher, ohne selbst zu wissen, weshalb, zu ihm gegangen war, schien es
ihr unmglich zu sein, allein weiterzuleben und ihr Unglck ohne ihn zu
berwinden. Aber jetzt war er einfach aus ihrem Leben verschwunden. All
dies war gewesen und war gestorben; -- was zurckblieb, ging nur sie an
und konnte nur durch sie allein gelst werden. Ihre Gedanken arbeiteten
fieberhaft schnell und deutlich. Das Entsetzlichste war, da allmhlich
die stolze Lyda verschwand und an ihre Stelle ein kleines, gehetztes,
beschmutztes Tierchen trat, das alle Menschen verhhnen werden und das
nun ganz hilflos gegen Geklatsch und Gekeif dastehen wird. Doch ihr
Stolz und ihre Reinheit muten davor behtet werden; sie mute sich aus
dem Schmutze dorthin retten, wo sie die klebrige Welle nicht mehr
erreichen konnte.

Und in einer Sekunde hatte Lyda sich klar gemacht, da es um sie leer
wurde, da Sonnenlicht und Menschen nicht mehr fr sie existieren; sie
wrde unter ihnen einsam bleiben. Es gibt keinen Platz mehr, auf dem sie
frei und aufrecht stehen kann; sie mu sterben, sie mu ins Wasser
gehen.

Das erschien ihr so abgeschlossen und sicher, als wenn sich zwischen ihr
und alldem, was frher war und was noch htte kommen knnen, eine
steinerne Kreismauer aufbaute. Fr einen Augenblick schwand sogar die
eigenartige, widerwrtige Empfindung, die sich in ihr seit jener Zeit,
da sie zum erstenmal erriet, da ein unbegreiflich neues Wesen ihr Leben
in Trmmern schlug, festgesetzt hatte.

Um sie herum bildete sich eine leichte, farblose Leere, in der die
Gleichgltigkeit des Todes herrschte.

-- -- -- Wie einfach doch das alles im Grunde ist. -- -- -- Man braucht
doch eigentlich nichts weiter ... dachte Lyda sich umwendend.

Nach und nach schritt sie schneller aus und doch kam es ihr, trotzdem
sie fast nicht mehr ging, sondern rannte, noch immer unertrglich
langsam vor. Dazu verwickelten sich ihre Fe fortgesetzt in ihren zu
weiten, modernen Rock.

Nur dieses Haus und dann noch eines mit grnen Lden und dann nur noch
den Bauplatz ...

Der Flu, die Brcke, und das, was sich dort unbedingt ereignen wrde,
trat nicht vor Lydas Augen. An ihrer Stelle lag irgend ein leerer
Nebelfleck, in dem alles versinken mute.

Aber dieser Zustand hielt nur so lange an, bis Lyda die Brcke betrat.
Sowie sie am Gelnder stehen blieb und das trbe, grne Wasser unten
pltschern sah, schwand sofort das Gefhl der Gewichtslosigkeit und in
ihr ganzes Wesen senkte sich schwere Angst und klammerndes Verlangen
nach dem Leben.

Sofort vernahm sie auch wieder den Schall der verschiedensten Stimmen,
das Zwitschern der Spatzen, sah das Sonnenlicht, weie Gnseblmchen
zwischen krausem Ufergras und das weie Hndchen, welches zu dem
endgltigen Entschlu gekommen war, Lyda als seine legitime Herrin zu
betrachten. Es setzte sich vor sie nieder, zog das Vorderpftchen etwas
an, und klopfte mit seinem weien Schwnzchen rhrselig auf die Erde.

Lyda sah das Hndchen ernst an und drckte es pltzlich in einer
leidenschaftlichen, verzweifelten Aufwallung an sich. Schwere Trnen
traten ihr in die Augen und das Gefhl des Mitleides mit ihrem schnen,
untergehenden Leben war so stark, da ihr der Kopf schwindelte und sie
sich auf das sonnenerhitzte Gelnder sttzte. Bei dieser Bewegung fiel
ihr der Handschuh ins Wasser; mit unbegreiflichem, stummen Entsetzen
verfolgte sie ihn mit den Augen.

Kreisend trieb er auf der Oberflche, dann sank er lautlos durch die
glatte, schlfrige Wasserdecke nach unten. Rasch wachsende Kreise liefen
dem Ufer zu und Lyda konnte noch immer sehen, wie der hellgelbe
Handschuh dunkler wurde und ganz allmhlich in der ernsten, grnlichen
Tiefe verschwand. Pltzlich stieg er noch einmal, eigentmlich, wie in
einer schwermtigen Agonie, nach oben und drehte sich wiederum in
langsamen, kreisfrmigen Bewegungen. Lyda spannte ihre Blicke an, um ihn
nicht aus den Augen zu verlieren, aber der gelbe Fleck wurde immer
kleiner und dunkler, durchbrach dann noch einmal die grnliche Decke und
verschwand endlich lautlos. Ebenso wie frher lag jetzt wieder eine
glatte, schlfrige, dunkle Flche vor Lydas Augen.

Wie kam es denn, Frulein! ertnte in der Nhe eine weibliche Stimme.
Erschrocken wandte sich Lyda um und sah in das Gesicht eines dicken
Weibes, das sie mit neugierigem Mitleid anblickte.

Obgleich sich dieses Mitleid nur auf den hineingefallenen Handschuh
bezog, schien es Lyda, da dieses dicke, gutmtige Weib sie kennen und
bedauern msse. Fr einen Augenblick kam ihr der Gedanke, es wrde ihr
leichter werden, wenn sie ihr einfach alles erzhlen wollte. Doch zur
gleichen Zeit, wie in zwei Teile gespalten, verstand Lyda, da diese
Gedanken unsinnig waren. Sie wurde rot, kam in Hast, stammelte: Ach
nichts, garnichts, und lief eilig und schwankend, wie eine Betrunkene,
von der Brcke fort.

-- -- -- Hier geht es nicht, das sieht man schon, schwirrte es durch die
kalte Leere, die sich in Lydas Kopf ausgebreitet hatte.

Sie ging nach links abbiegend, einen schmalen Pfad am Ufer entlang, der
zwischen Nesseln, Winden und bitterriechendem Wermut ausgetreten war,
neben sich den Flu und die verwachsene Hecke eines Gartens. Hier war
alles still und friedlich wie in einer Dorfkirche. Die Weiden blickten
mit nachdenklich gesenkten, feinen Zweigen ber das Wasser. Die Sonne
warf bunte Flecken und Streifen auf das grne, steile Ufer. Die breiten
Windenbltter lagen starr in den hohen Nesselbschen und harte Disteln
hefteten sich an die breiten Spitzen von Lydas Rock. Irgend ein krauses
Gras, hoch wie ein Bumchen, bestreute sie mit feinem, weien Staub.

Jetzt mute sie sich schon zwingen, entgegen der starken, inneren Kraft,
die mit ihr rang, den Ort zu erreichen, wohin es sie vorher von selbst
getrieben hatte.

... Ich mu, ... ich mu, ... ich mu ... wiederholte sich Lyda mit
eiserner Energie. Doch als ob sie noch auf jedem Schritt irgend welche
zhe Fesseln zu zerreien htte, konnte sie ihre Fe nur mit Mhe
vorwrts schieben, einer bestimmten Stelle zu, die ihr jetzt ohne zu
wissen warum, als das Ende des Weges bestimmt schien.

Als sie sie erreicht hatte, und unter dem dnnen, verworrenen Gestruch
das kalte Wasser erblickte, welches schnell das berhngende Ufer
umflo, begann sie zu begreifen, wie stark in ihr noch der Drang zu
leben war und wie entsetzlich das Sterben ist. Und da sie dennoch
sterben mute, weil sie nicht leben durfte. Ohne hinzusehen, warf sie
den zweiten Handschuh und den Schirm auf das Gras, und ging ber den
Pfad hinaus durch dichte Disteln an das Ufer heran.

In diesem Augenblick erinnerte sich Lyda an unermelich vieles und
vieles durchlebte sie: -- und tief in ihrer Seele stammelte ohne
Unterla ein kindlicher Glaube, der lngst vergessen und von neuen
Gedanken zurckgedrngt worden war, voll naiven Flehens und voller
Angst: Mein Gott, mein Gott, hilf mir doch! -- -- --

Irgendwie drngten sich die Tne einer Arie dazwischen, die sie vor
kurzem am Piano bte, und schwirrten lckenlos durch ihren Kopf. Sie
erinnerte sich an Sarudin, hielt sich aber nicht bei diesem Gedanken
auf. Dann stieg das Gesicht der Mutter, das ihr in diesem Augenblick
unendlich teuer und lieb war, vor ihr auf und gerade hierdurch wurde sie
von neuem dem Wasser zugestoen. Niemals vorher oder spter, verstand
Lyda mit solcher Klarheit und Tiefe, da die Liebe der Mutter und all
der anderen Menschen, im Grunde genommen garnicht ihr selbst, so wie sie
mit ihren Mngeln und Wnschen war, galt, sondern nur dem, was sie in
ihr sehen wollten. Nun aber, wo sie nackt wurde und sich von dem Wege
entfernte, den diese Leute allein fr gangbar hielten, mute sie von
ihnen um so mehr mihandelt werden, als sie frher geliebt worden war.

Dann verwirrte sich alles wie im Fieber: Angst und der Trieb zu leben,
das Bewutsein der Unentrinnbarkeit, Hoffnung auf irgend etwas und doch
die Sicherheit, da alles zu Ende sei, die Verzweiflung, die qualvolle
Erkenntnis der Stelle, an der sie sterben sollte; pltzlich auch die
Gestalt eines Menschen, der ihrem Bruder hnlich sah und eilig ber die
Hecke geklettert kam.

In diesem Augenblick rief er sie auch keuchend an: Etwas Dmmeres
httest du dir auch nicht aussuchen knnen!

Jener unfabare Zusammenhang von Wnschen und Trieben, fhrte Lyda
gerade zu dem Fleck, wo Sarudins Garten endete, und wo sie sich ihm
einst auf halbzerfallener Hecke, in unbequemer Lage, vor dem Mondlicht
durch den schwarzen Schatten der Bume gedeckt, hingegeben hatte. Ssanin
hatte sie schon von weitem gesehen und erkannt; er erriet sogleich, was
sie im Sinne hatte. Seine erste Bewegung war fortzugehen und sie in
nichts zu stren. Aber ihre, offenbar unbewut hastigen Bewegungen,
zogen sein Herz vor Mitleid zusammen; er strzte, ohne zu berlegen, im
Laufschritt ber die Strucher und Bnke des Gartens springend, zu ihr
hin.

Seine Stimme machte einen furchtbaren Eindruck auf sie. Ihre Nerven, bis
zum uersten im Kampfe mit sich selbst angespannt, erschlafften
augenblicklich, ihr Kopf wurde von Schwindel ergriffen, und alles um sie
begann sich mit leichten Kreisbewegungen von ihr zu entfernen. Lyda
konnte nicht mehr fassen, wo sie sich eigentlich befand, ob im Wasser
oder auf dem Ufer. Hart am Rande gelang es Ssanin noch, sie zu
ergreifen; seine eigene Geschicklichkeit und Kraft kamen ihm angenehm
zum Bewutsein und riefen in ihm ein starkes Gefhl der Freude hervor.

So, sagte er befriedigt. Dann fhrte er Lyda zur Hecke, setzte sie
herauf und sah sich ratlos um.

-- -- -- Was soll ich nur mit ihr anfangen, dachte er. Doch Lyda kam
sofort wieder zu sich; bla, verwirrt und wie zerbrochen, weinte sie
bitter und unaufhaltsam vor sich hin.

Gott, Gott, stammelte sie, wie ein Kind schluchzend.

Du bist ein Dmmchen, sagte Ssanin zrtlich und mitleidsvoll.

Lyda hrte ihn nicht; aber als er eine Bewegung machte, klammerte sie
sich krampfhaft und fest an seinen Arm und weinte noch lauter.

Was tue ich nur, dachte sie mit Entsetzen. Ich darf doch nicht weinen;
ich mu ja jetzt das Ganze als Scherz hinstellen, sonst errt er alles.

Nun leidest du, meinte Ssanin, und streichelte sie weich ber die
Schultern; es war ihm angenehm, so zrtlich sprechen zu knnen.

Lyda sah unter dem Rand des Hutes herauf, ganz kindlich in sein Gesicht;
pltzlich wurde er still.

Ich wei ja alles. Die ganze Geschichte kenne ich schon lange.

Trotzdem Lyda wute, da ihre Beziehungen zu Sarudin den Leuten bekannt
waren, ri sie sich mit ihrem ganzen biegsamen Krper von Ssanin los,
als wenn er sie ber das Gesicht geschlagen htte. Ihre weitgeffneten,
im Augenblick ausgetrockneten Augen, hefteten sich mit dem prachtvollen
Entsetzen eines reizenden, gehetzten Tieres auf den Bruder.

Nun, was tust du so, als wenn ich dir auf den Schwanz getreten htte.
Ssanin lchelte gutmtig, griff sie mit Vergngen an die runden, weichen
Schultern, die unter seinen Hnden ngstlich zitterten, und hob sie
wieder auf die Hecke. Unterwrfig nahm Lyda die frhere, gebrochene
Stellung ein.

Was hat dich denn so zerschmettert? Da ich alles wei? ... Als du dich
Sarudin hingabst, glaubtest du da so schlecht zu handeln, da du dich
jetzt vor dem offenen Eingestndnis frchtest? Das begreife ich
berhaupt nicht. Und, da Sarudin dich nicht heiraten wollte. Nun, danke
Gott dafr! Jetzt weit du es ja selbst ... und du hast es auch frher
gewut, da dieses Kerlchen ein ganz schmutziges und niedertrchtiges
Kerlchen ist, obgleich er hbsch ist und -- -- sich sicher zur Liebe
eignet. Ja, das war das einzige Schne in ihm, die Schnheit, na und die
hast du wohl zur Genge ausgekostet.

-- -- -- _er_ meine und nicht _ich_ ... oder auch ich? ... Ja, ... Gott,
Gott, ... schwirrte es in dem heien Kopfe Lydas.

Ja, da du schwanger bist ...

Lyda schlo die Augen und zog den Kopf tief in die Schultern ein.

Das ist natrlich schlimm, fuhr Ssanin mit weicher, fast lautloser
Stimme fort. Erstens, ... es ist eine furchtbar langweilige Geschichte,
Kinder in die Welt zu setzen, ... schmutzig und sinnlos. Zweitens, die
Leute werden dich dann zu Tode hetzen ... Und das wird wohl die
Hauptsache sein! Lydotschka, du meine kleine Lydotschka, fiel sich
Ssanin selbst in strmischem Aufwallen schner, zarter Empfindungen ins
Wort. Niemandem hast du doch etwas Bses getan, und wenn du selbst ein
Dutzend Ghren zur Welt brchtest; -- Herrgott, kein andrer hat
Unannehmlichkeiten davon als du.

Ssanin schwieg still und bi nachdenklich auf den Schnurrbart; die Arme
hielt er auf der Brust verschrnkt.

Ich wrde dir sagen, was du machen sollst, aber dazu bist du zu schwach
und dumm ... Dafr reicht dein Mut nicht aus. Aber auch zu sterben lohnt
sich nicht. Sieh nur, wie schn alles ist. Sieh, wie die Sonne leuchtet,
sieh, wie das Wasser fliet. Stelle dir doch vor, da man nach deinem
Tod erfhrt, du wrest schwanger gewesen. Was geht es dich dann an.
Folglich stirbst du nicht, weil du schwanger bist, sondern nur weil du
die Menschen frchtest. Weil du Angst davor hast, da sie dir keine Ruhe
lassen. Das Entsetzliche deines Unglcks besteht nicht darin, da es an
und fr sich ein Unglck ist; nein, nur darin, da du es zwischen dich
und dein Leben stellst. Und du denkst dir, es gbe nichts weiter hinter
ihm. Du frchtest dich doch nicht vor den Menschen, die dich nicht
kennen; natrlich nur vor denen, die dir am nchsten stehen. Und am
meisten vor allen, die dich lieben. Und fr die ist dein Fall ein
schwerer Schlag, aber nur, weil, weil er nicht auf dem Ehebett, sondern
irgendwo im Wald auf dem Grase oder sonstwo vor sich ging. Die werden
doch nicht zgern, dich fr deine Snde zu bestrafen, -- was kann dir
also noch an ihnen liegen? ... Du siehst, sie sind dumm, grausam und
philisterhaft, -- warum sich also qulen und in den Tod gehen, weil
dumme, abgeschmackte, grausame Menschen existieren ...

Lyda richtete weit geffnete, fragende Augen auf ihn; in ihrem Blick sah
Ssanin einen Funken von Verstndnis aufblitzen.

Was kann ich aber sonst tun? ... Was kann ich tun? ... sagte sie
schwermtig.

Zwei Auswege hast du vor dir: entweder du machst dich von diesem Kinde
frei ... dieses Geschpf fehlt ja noch niemandem auf der Welt; seine
Geburt wird auch niemandem etwas anderes als Schaden bringen ...

Schwere Angst zeigte sich in Lydas Augen.

-- -- -- Es ist vielleicht grausam, ein Wesen zu tten, das bereits die
Freude des Lebens und den Schrecken des Todes verstanden hat, aber einen
Keim zu tten, ein sinnloses Klmpchen von Blut und Fleisch ...

In Lyda entstand ein sonderbares Gefhl. Zuerst eine prickelnde Scham,
als wenn man sie bis zur Nacktheit entkleidet und mit groben Fingern in
den tiefsten Geheimnissen ihres Krpers gewhlt htte. Sie frchtete,
den Bruder anzusehen, damit sie beide nicht vor Scham vergingen. Aber
die grauen Augen Ssanins blinzelten garnicht; sie sahen scharf und klar
vor sich; seine Stimme klang ruhig und fest, es war, als sprche er ber
die selbstverstndlichsten und gewhnlichsten Dinge. Unter der
Unbeweglichkeit dieser Worte zerflo die Scham; sie verlor ihre Schrfe,
ja fast ihren Sinn. Lyda sah den tiefen Grund in diesen Worten und
fhlte, da sie jetzt jede Angst berwunden hatte. Dann, ber die
Schrfe ihres Denkens erschreckt, fate sie sich mit Verzweiflung an die
Schlfen; die Aermel ihres Kleides schwangen sich wie die Flgel eines
aufgestrten Vogels.

Ich kann es nicht, kann nicht, fiel sie ihm ins Wort. Vielleicht ist
es auch so, ... mglicherweise ... aber ich kann es nicht ... es ist zu
entsetzlich.

Nun, wenn du es nicht kannst, ... was ist da zu tun, sagte Ssanin, vor
ihr niederknieend, und zog ihre Hnde still vom Gesicht ab. Dann werden
wir es verheimlichen. Ich werde es dahin bringen, da Sarudin von hier
abreist und du ... heiratest Nowikow und wirst glcklich werden ... Ich
wei sicher, wenn nicht diese hbsche Bestie von Offizier gekommen wre,
wrdest du Nowikow lieb gewonnen haben ... Sicher wre es dazu
gekommen.

Bei dem Namen Nowikow schwang sich etwas Helles und Liebes wie ein
lichter Strahl durch Lydas Seele. Weil sie durch Sarudin so unglcklich
geworden war, weil sie fhlte, da Nowikow sie niemals dahin gebracht
htte, erschien ihr eine Sekunde lang das Ganze als ein einfacher und
leicht gutzumachender Irrtum, aus dem alles Entsetzliche verschwinden
msse: Sogleich wird sie aufstehen, gehen, ein paar Worte sprechen und
lcheln; und gleich wird sich das Leben wieder in seinen leuchtenden
Sonnenfarben vor ihr entfalten. Wieder wird sie frei atmen drfen,
wieder lieben, nur um vieles besser, strker und reiner. Doch sofort
erinnerte sie sich, da die Hoffnungen zwecklos wren, da sie bereits
durch die unwrdige, sinnlose Hingabe beschmutzt und zerknllt sei, wie
ein Fetzen Papier. Ein ungewhnlich grobes Wort, das ihr kaum bekannt
und niemals von ihr gebraucht war, trat ihr pltzlich ins Bewutsein.
Mit diesem Ausdruck brandmarkte sie sich wie mit einer schweren Ohrfeige
in schmerzhafter Wollust; sie erschrak vor sich selbst.

-- -- -- Herrgott, aber ist es wirklich schon so weit? ... Bin ich denn
solch eine. Ja, gewi, so eine. Ganz genau so. Hier zeigt es sich.

Was sprichst du da? ... flsterte sie verzweiflungsvoll ihrem Bruder
zu und schmte sich ihrer wie immer klangvollen und schnen Stimme.

Und was denn sonst? ... fragte Ssanin zurck. Er schaute von oben
herab auf ihre schnen in Unordnung geratenen Haare und den gesenkten
weien Nacken, auf dem ein leichter goldiger Tupfen Sonnenlichts, der
durch die Bltter hindurchgefallen war, schwankte.

Ihm wurde allmhlich ngstlich zumute, da es ihm noch nicht gelungen
war, sie zu berreden und da dieses schne, sonnige Mdchen, welches so
vielen Glck zu geben vermochte, in sinnlose Leere versinken sollte.

Lyda schwieg hilflos. Sie strengte sich an, in sich die herbeigesehnte
Hoffnung zu ersticken, die gegen ihren Willen ihren ganzen Krper erfat
hatte. Ihr schien, da es nach dem Geschehenen nicht nur beschmend
wre, weiterzuleben, sondern da allein schon der Wunsch nach dem Leben
unrecht war. Aber ihr starker, glutvoller Krper stie diese
schwchlichen Gedanken wie ein Gift von sich und wollte die
verkrppelten, migeborenen Kinder nicht als die Seinen anerkennen.

Warum schweigst du denn, fragte Ssanin.

Das ist doch unmglich ... das wre gemein ... ich ...

Hr mit dem Unsinn auf, erwiderte er mivergngt.

Lyda schielte wieder mit ihren schnen Augen voll Trnen und verborgenen
Wnschen auf ihn. Ssanin blieb still, ri an einem kleinen Zweig, bis er
abbrach und warf ihn von sich.

Gemein, gemein, wiederholte er. Dich hat wohl furchtbar berrascht,
was ich dir vorschlug ... Weshalb? ... Glaube, weder du noch ich, wir
werden beide auf diese Frage keine bestimmte Antwort geben knnen. Und
wenn wir selbst eine fnden; es wird doch keine rechte sein ... Ein
Verbrechen? ... Was ist denn ein Verbrechen? ...

Wenn die Mutter bei der Geburt vom Tode bedroht wird, so ist es kein
Verbrechen, ein bereits lebendes Kind, das jeden Augenblick losbrllen
will, in Stcke zu schneiden, zu vierteilen, ihm den Kopf mit einer
sthlernen Zange zu zerdrcken. Es ist eben nur eine unglckliche
Notwendigkeit. Und einen unbewuten physiologischen Proze, irgend etwas
noch nicht Existierendes, irgend eine chemische Reaktion, einzuhalten,
das ist ein Verbrechen, etwas Entsetzliches, ja ... Ein Verbrechen!
Obgleich das Leben der Mutter davon genau so gut abhngt und sogar noch
etwas greres als ihr Leben ... ihr Glck. Warum das eigentlich!
Niemand kann darauf eine Antwort geben, aber alle brllen Bravo ...
Ssanin lchelte. Ja, so sind sie, die Menschen, so machen sie sich
irgend ein Schemen, ein Gesetz, eine Fata Morgana und leiden darunter
... Und dann schreit man noch ... Der Mensch, das ist was herrliches,
ist erhaben, unbegreiflich, ... ein Mensch ist ein Knig ... Ein Knig
der Natur, der niemals zum Herrschen kommt ... Immer frchtet er sich
vor seinem Schatten ...

Ssanin schwieg eine Weile.

Aber im Uebrigen handelt es sich ja garnicht darum. Du sagst ...
Niedertrchtig ... Nun, ich wei nicht, ... vielleicht. Aber wenn man
jetzt Nowikow von deiner Geschichte erzhlte, wird er ein tragisches
Drama durchleben, sich vielleicht erschieen, aber, er wird doch nicht
aufhren, dich zu lieben. Und er wird selbst daran Schuld haben, weil er
eben an demselben Aberglauben leidet. Vor der Oeffentlichkeit wird er
das natrlich nicht zugeben. Wenn er wirklich vernnftig wre, wrde er
sich gar nicht darum kmmern, da du schon mit irgend jemandem
zusammengelegen hast. Weder dein Krper noch deine Seele sind dadurch im
Geringsten schlechter geworden. Herrgott, eine Witwe zum Beispiel wrde
er doch ohne weiteres heiraten. Also offenbar handelt es sich garnicht
um die Tatsache; es liegt einfach an der Konfusion, die in seinem Kopfe
herrscht. Und du? ... Ja, wenn die Menschen nicht anders knnen, als nur
einmal zu lieben, ja, dann wrde wohl bei dem Versuch, es ein zweites
Mal zu tun, nichts herauskommen. Es mte nur schmerzhaft, unbequem,
abscheulich sein. Aber das ist doch nicht im geringsten der Fall. Alles
ist gleich angenehm und vergnglich. Du wirst Nowikow lieben ... oder --
liebst du ihn wirklich nicht? Weit du, so reise doch mit mir mit,
Lydotschka! Man kann doch berall leben.

Lyda seufzte, und strengte sich an, aus ihrem Innern etwas Schweres
fortzustoen.

-- -- -- und vielleicht wird wirklich alles wieder gut. Nowikow ... er
ist doch lieb, gut ... und auch hbsch ... Aber nein, ich wei nicht ...

Und welchen Zweck htte es nun gehabt, wenn du dich wirklich ersuft
httest. Gut und Bse wrde weder Gewinn noch Verlust dadurch haben,
nein, nur Schleim wrde deiner aufgedunsenen, formlosen Leiche ankleben,
dann wrde man dich herausziehen und einbuddeln, ... weiter nichts.

Vor Lydas Augen tat sich eine grne, unheimliche Tiefe auf, schleimige
Fden, Streifen, Blasen schlngelten sich in langsamen Windungen an sie
heran; im selben Augenblick packte sie auch schon eine furchtbare
Bangigkeit.

Nein, nein, niemals, ... lieber die Schande, Nowikow, -- alles mgliche,
nur nicht das! dachte sie erblassend.

Da siehst du, wie du vor Grauen vollstndig zusammenklappst.

Lyda lchelte durch Trnen und dieses zufllige, eigene Lcheln erwrmte
sie, als wenn es ihr bewiese, da es noch mglich sei, zu lachen. ...
Was auch sein mag, ich werde leben; -- -- sie dachte es mit
leidenschaftlichem und fast triumphierendem Impuls.

Na siehst du! ... Es gibt nichts Ekelhafteres, als Gedanken an den Tod.
Solange man noch nicht vollstndig fertig ist, nichts mehr vom Leben
sieht und hrt, lebe man weiter! Nicht? ... Na, gib doch das Pftchen.
Lyda reichte ihm ihre Hand und in ihrer scheuen, weiblichen Bewegung lag
kindliche Dankbarkeit.

Na, welch ein hbsches Hndchen du doch hast! ...

Lyda lchelte und schwieg.

Nicht die Worte Ssanins waren es, die die Vernderung in ihr
hervorgerufen hatten. In ihr selbst pulsierte hartnckiges und freies
Leben. Eine Minute des Schweigens und der Schwche spannten es nur noch
strker wie eine Saite an. Noch eine Bewegung und die Saite wre
geplatzt. Aber diese Bewegung kam nicht. Ihre ganze Seele sang noch
lauter und klangvoller von Lebenslust und rcksichtsloser Kraft. Mit
Entzcken und Verwunderung ber die Frische, die ihr selbst seit langem
nicht mehr bekannt war, lauschte Lyda auf sich und erfate in jedem Atom
das mchtige, freudige Leben, das sie umflutete, das heraufbrauste aus
dem Lichte der Sonne, dem grnen Grase, dem flieenden, von der Sonne
tiefdurchtrnkten Wasser, dem lchelnden, ruhigen Gesicht des Bruders
und aus ihr selbst. Es schien ihr, da sie das alles zum ersten Male in
ihrem Leben sah und fhlte.

Lebe! -- -- Lebe! rief es betubend und freudig in ihr.

So, -- so ist es gut, sagte Ssanin. Ich helfe dir im Kampfe, in
dieser schweren Zeit und du, -- -- gib du mir dafr einen Ku, -- -- du
bist so schn.

Lyda lchelte schweigend, ihr Lcheln war unbestimmt. Ssanin legte die
Hand um ihre Taille und, whrend er fhlte, wie sich ihr warmer,
elastischer Krper in seinen sehnigen Armen dehnte und anschmiegte, zog
er sie fest und berlegen an sich.

In Lydas Seele ging etwas Eigenartiges, aber unsglich Angenehmes vor.
Alles lebte in ihr und verlangte gierig nach einem noch strkeren Leben.
Ohne sich selbst Rechenschaft abzulegen, umschlo sie langsam den Nacken
ihres Bruders mit beiden Armen und prete, die Augen geschlossen, die
Lippen zum Kusse zusammen. Als die heien Lippen Ssanins lange und
schmerzhaft die ihren kten, fhlte sie sich unsglich glcklich. In
dem Augenblick kmmerte es sie nicht, wer sie ksse, so wie es der von
der Sonne beschienenen Blume nicht darauf ankommt, wer sie bescheint.

-- -- -- Was tue ich nur, dachte sie mit freudigem Staunen. Ach ja, ich
wollte mich ja aus irgendeinem Grunde ertrnken. O, wie schn ... nur
nochmal, nochmal, ... jetzt ksse ich selbst, oh wie wunderschn und
ganz gleich ist es ja, wer da ist ... nur leben, ... leben ...

So, -- so, der Bruder lie sie aus den Armen, alles was gut ist, ist
gut. Weiter braucht man nicht darber nachzudenken.

Lyda machte langsam ihre Haare zurecht, sie blickte ihn mit einem
glcklichen und doch sinnlosen Lcheln an. Ssanin reichte ihr Schirm und
Handschuh; zuerst wunderte sich Lyda ber das Fehlen des einen,
erinnerte sich dann aber an alles und lachte lange leise vor sich hin;
-- sie berlegte, welchen schrecklichen Eindruck vorher das ganz
bedeutungslose Inswasserfallen des einen Handschuhs auf sie gemacht
hatte.

-- -- -- und so ist alles, dachte sie, whrend sie mit dem Bruder das
Ufer entlang schritt und ihre gespannte Brust der Sonnenglut
entgegenstreckte.




                                  XIX


Nowikow ffnete selbst Ssanin die Tre; er wurde mrrisch, als er ihn
sah. Ihm war alles peinlich, was in ihm die Erinnerung an Lyda und an
all das unbegreiflich Schne, das in seiner Seele, wie eine
zersprungene, feine Vase in Trmmern gegangen war, wachrief.

Ssanin bemerkte es und trat mit vershnlichem und zrtlichem Lcheln
ein. In Nowikows Zimmer herrschte Unordnung. Die Sachen waren
durcheinander geworfen, als wenn ein Sturmwind durchgefegt wre und den
Boden mit Papierfetzen, Stroh und allerlei Plunder bestreut htte. Ohne
jede Ordnung lagen auf dem Bett, den Sthlen und den aufgezogenen
Schubladen der Kommode Bcher, Wsche, Instrumente, Taschen aufgestapelt
umher.

Wohin, fragte Ssanin, der Nowikows Absichten nicht begriff.

Nowikow schob schweigend, ohne ihn anzusehen, ein paar Kleinigkeiten
zusammen.

Bruder, ich fahre in die Hungersnot. Ich habe ein Schreiben erhalten.
Seine Worte waren ungeschickt und er wurde deswegen selbst auf sich
zornig.

Ssanin sah ihn, sah die Koffer an, dann wieder ihn und schmunzelte mit
einem Mal vergngt. Nowikow schwieg und packte mechanisch ein paar
Stiefel mit Glasrhren in ein Packet. Es war ihm schmerzlich zumute und
er fhlte seine volle, trbe Einsamkeit.

Wenn du so weiter packen willst, kommst du sicher ohne Instrumente und
ohne Stiefel an.

Ah ... sagte Nowikow. Er blickte flchtig auf. La mich ... Du
siehst, es wird mir nicht leicht. Ssanin verstand ihn und schwieg.

Nachdenkliche, sommerliche Dmmerung schwamm schon durch das offene
Fenster und ber dem leichten Laub des Gartens verlosch der dnne,
kristallklare Himmel.

Nach meiner Meinung, begann Ssanin nach einer Pause, wrdest du
besser tun, dich mit Lyda zu verheiraten, als wei der Teufel wohin zu
reisen.

Nowikow drehte sich unnatrlich rasch zu ihm herum und zitterte
pltzlich am ganzen Krper.

Ich mchte dich ersuchen, diese dummen Spe zu unterlassen, rief er
mit klirrender Stimme. Dieser scharfe Laut seiner Stimme flog in den
nachdenklichen, khlen Garten hinein und verklang eigenartig unter den
stillen Bumen.

Was gehst du denn gleich in die Hhe? fragte Ssanin.

Hr auf, ... Nowikow sprach heiser, seine Augen wurden rund, seine
Zge ganz unhnlich den weichen, gutmtigen, die Ssanin von frher
kannte; doch er brach sofort wieder ab.

Und willst du behaupten, da eine Heirat mit Lyda ein Unglck wre,
fragte Ssanin ruhig weiter, wobei er nur mit den Augenwinkeln lchelte.

Aufhren, hr auf, winselte Nowikow, schwankte wie ein Betrunkener,
strzte sich dann pltzlich auf Ssanin, ergriff den ungeputzten Stiefel,
der ihm zur Hand lag, und schwang ihn mit unbekannter Wut ber seinen
Kopf.

Nun, ruhig, du Teufel, schrie Ssanin zornig und wich unwillkrlich
zurck.

Nowikow warf den Stiefel mit Widerwillen von sich und blieb vor Ssanin
schwer keuchend stehen.

Du wolltest mich mit dem alten Stiefel ... Ssanin schttelte
mibilligend den Kopf. Ihm war es um Nowikow leid; dabei schien ihm
alles lcherlich, was er tat.

Bist selbst daran Schuld ... erwiderte Nowikow sofort wieder schlaff
werdend und sich schmend. Aber gleichzeitig empfand er Anhnglichkeit
und Vertrauen zu Ssanin. Als wenn dieser gro und ruhig wre, er aber
nur ein kleiner Knabe, so wollte er sich an ihn schmiegen, ihm klagen,
was ihn bedrckte. Sogar Trnen traten in seine Augen.

Wenn du wtest, wie schwer mir ist, sagte er abgebrochen, mit Mund
und Kehle schluckend, um nicht in Weinen auszubrechen.

Ja, mein Lieber, ich wei alles, suchte ihn Ssanin zrtlich lchelnd
zu beruhigen.

Nein, das kannst du nicht wissen, erwiderte Nowikow, whrend er sich
mechanisch an Ssanins Seite setzte. Ihm erschien sein Zustand so
ausnahmsweise schwer, da niemand fhig sein konnte, ihn zu verstehen.

Doch, ich wei es, sagte Ssanin. Nun, wenn du nicht glaubst -- -- bei
Gott! Wenn du dich nicht mehr mit deinem alten Stiefel auf mich strzen
willst, werde ich sogar den Beweis antreten. Nun, wirst du nicht?

Nein, entschuldige, Wolodja, stammelte Nowikow, beschmt, da er
Ssanin mit dem Vornamen anredete, was er sonst nie tat. Ssanin gefiel es
gerade und darum wurde in ihm der Wunsch, zu helfen und alles
beizulegen, nur noch strker.

Hre zu, mein Lieber, wollen wir ganz klar sprechen, begann er, wobei
er seine Hand auf Nowikows Kniee legte. Du hast dich doch nur auf die
Reise machen wollen, weil Lyda dich ablaufen lie, und weiter, weil du
damals bei Sarudin annahmst, da _sie_ gekommen wre.

Nowikow wurde finster. Ihm war es, als wenn Ssanin eine frische,
unertrglich schmerzliche Wunde von neuem aufreie. Ssanin sah ihn an
und dachte sich ... Ach du liebes, dummes Viecherl, wie tricht bist du
doch.

Ich werde nicht versuchen, dir zu versichern, fuhr er fort, da Lyda
mit Sarudin nichts gehabt hat. Das wei ich nicht. Ich glaub es nicht.
Er fgte es eilig hinzu, weil er den Ausdruck des Schmerzes bemerkte,
der wie der Schatten einer vorbeifliegenden Wolke ber Nowikows Gesicht
huschte.

Nowikow sah ihn mit trber Ahnung an.

Ihre Beziehungen sind von so kurzer Dauer gewesen, da nichts Ernstes
vorgefallen sein kann. Besonders, wenn man Lydas Charakter in Betracht
zieht. Du kennst doch Lyda.

Vor den Augen Nowikows erstand das Bild Lydas, so wie er sie kannte und
liebte; das stolze, schlanke Mdchen, mit den groen, bald zrtlichen,
bald fast drohenden Augen, von reiner Klte wie einer eisigen Gloriole
umstrahlt. Er schlo die Augen; er glaubte alles, was Ssanin sprach.

Und wenn es auch wirklich zwischen ihnen so was, wie einen gewhnlichen
Promenaden-Flirt gab, so ist jetzt sicher alles zu Ende. Und was geht
dich im Grunde die kleine Leidenschaft eines freien Mdchens an, das
doch nichts als ihr Glck suchen will. Du wirst sicher, auch ohne lange
im Gedchtnis nachzugraben, Dutzende solcher Leidenschaften oder
wahrscheinlich noch viel schlimmere bei dir selber finden.

Nowikow wandte sich nach ihm um, und das Vertrauen, von dem seine Seele
bervoll war, machte seine Augen hell und durchsichtig. In seiner Seele
bewegte sich eine zitternde Blte leise schwankend hin und her, doch so
schwach, so bereit, in jedem Augenblick zu verschwinden, da er selbst
frchtete, sie mit einem unvorsichtigen Wort oder Gedanken zum Welken zu
bringen.

Weit du, wenn ich ... Nowikow sprach nicht zu Ende, weil er gar nicht
imstande war, das, was in ihm arbeitete, in Worte zu fassen; er fhlte
leise, zarte Trnen der Rhrung ber sein Leiden und seine tiefe
Bewegung in die Kehle steigen.

Was? ... Wenn nun? ... wiederholte Ssanin feierlich, mit erhobener
Stimme und glnzenden Augen. Ich kann dir nur eins sagen, -- --
zwischen Lyda und Sarudin gab es nichts und wird es nichts geben.

Ich dachte aber ... Nowikow fhlte mit Entsetzen, da er ihm nicht
glauben konnte.

Dummheiten hast du gedacht? ... Ssanin sprach mit steigender Erregung.
Verstehst du denn Lyda nicht? ... Wenn sie bisher schwankte, was war es
dann fr eine Liebe? Nowikow ergriff seine Hand und blickte ihm mit
Entzcken auf die Lippen.

Ssanin wurde pltzlich von furchtbarer Wut und Ekel gepackt.

Eine Zeitlang sah er diesem Menschen, den der Gedanke selig machte, da
die Frau, mit der er geschlechtlich verkehren wollte, niemals vor ihm
jemandem angehrt hatte, emprt ins Gesicht. Nackte, tierische
Eifersucht, flach und gierig wie eine Reptilie, kroch ihm aus den
gutmtigen Menschenaugen Nowikows, die dabei von aufrichtigem Leid
verklrt waren, entgegen.

Oho, rief Ssanin in drohendem Ton, nun, so will ich es dir sagen.
Lyda war nicht nur in Sarudin verliebt, -- -- nein, Bruder, sie hatte
auch ein Verhltnis mit ihm; und, -- -- jetzt ist sie von ihm
geschwngert.

Klingende Stille griff durchs Zimmer. Mit abwehrend schwachem Lcheln
sah Nowikow Ssanin an; pltzlich begann er, sich die Hnde zu reiben.
Seine Lippen gerieten in Bewegung, aber nur ein elendes Wimmern drang
hervor und verstarb sogleich. Ssanin blickte ihm von oben herab in die
Augen; in seine Mundwinkel legte sich eine grausame und gefhrliche
Falte.

Nun, warum schweigst du denn? fragte er.

Nowikow hob die Augen rasch zu ihm empor, senkte sie aber ebenso schnell
wieder, schwieg und lchelte weiter; -- schwach und abwehrend.

Lyda durchlebt jetzt ein furchtbares Drama. Ssanin sprach ganz leise,
wie zufllig vor sich hin. Htte mich nicht der Zufall grade im
richtigen Augenblick zu ihr gebracht, so wrde sie schon nicht mehr
sein. Und was gestern noch ein prachtvoller Mensch voller Leben war,
lge jetzt nackt und ekelerregend von Krebsen benagt, irgendwo im
Schlamm ... Aber -- -- da sie nun tot wre -- darum handelt es sich am
wenigsten! Jeder Mensch stirbt. Aber mit ihr wre zugleich die ungeheure
Freude gestorben, die sie in das Leben ihrer Umgebung hineintrug ...
Lyda ist natrlich kein einziger Mensch; doch in ihr zeigt sich das
Ganze. Und wenn die weibliche Jugend zugrunde gehen wrde, dann wre es
in der Welt still, wie in einem Grab. Ja, ich mu sagen, wenn ich sehe,
da man ein schnes, junges Mdchen stumpfsinnig zu Tode hetzt, dann
habe ich das dringende Verlangen, jemanden totzuschlagen ... eins ber
den Schdel ... So ... Ja, hr mal, mein Lieber, mir ist es ganz gleich,
ob du Lyda wirklich heiratest oder ob du zum Teufel gehst. Ich mchte
dir nur eins sagen ... Du Idiot, du, denke doch, wenn in deinem Schdel
nur ein einziger, gesunder Gedanke hockt, wrdest du dich dann selbst so
qulen, dich und andere unglcklich machen, nur weil ein freies, junges
Weib sich geirrt hatte, als sie sich das Mnnchen aussuchte. Grade nach
dem Geschlechtsakte ist sie doch erst zu dem freien Menschen geworden
und nicht vor ihm. Ich spreche nur zu dir. Aber du bist es ja nicht nur
allein. Oh, diese Idioten, die das Leben zu einem unertrglichen
Gefngnis, ohne Sonnenlicht und Bewegung, machen, sie zhlen ja nach
Millionen. Nun und du selbst. Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer
Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und
schmutzig wie ein Hund, -- -- Du! Bei Lyda war Leidenschaft; es war eine
Poesie der Schnheit und Kraft und dagegen bei dir ... Welches Recht
hast du nun, dich von ihr wegzuwenden. Du, du hltst dich fr einen
klugen und gebildeten Menschen. Zwischen eurer Vernunft und dem
Verstndnis fr das Leben sollen angeblich keine Scheidewnde sein. Was
geht dich ihre Vergangenheit an! Ist sie dadurch schlechter geworden?
... Wird sie dir vielleicht weniger Genu geben knnen? ... Wolltest du
ihr nicht selbst die Unschuld nehmen -- -- nein?

Du weit selbst, das ist nicht so ... Nowikows Lippen bebten beim
Sprechen.

Nein, gerade so! Und wenn nicht das, was denn?

Nowikow schwieg. In seiner Seele war es leer und dunkel geworden; nur
wie ein erleuchtetes Fensterchen in dunkelem Feld zuckte in weiter Ferne
das trbselige Glck der Vergebung, des Opfers und des Heroismus auf.

Ssanin schaute ihn an und es schien, als fange er seine Gedanken aus
allen Windungen des Gehirnes heraus.

Ich sehe, sagte er wieder mit leisem aber eindringlichem Ton, da du
an Selbstaufopferung denkst. Hast fr dich bereits ein Loch zum
Durchkriechen herausgefunden. Sehr schn, ich lasse mich zu ihr herab,
ich decke sie vor der Menge und so weiter ... Und nun wchst du schon in
deinen Augen wie ein Wurm auf dem Mist. Nein, du belgst dich da! Nicht
fr einen Augenblick hast du Selbstaufopferung zu ben. Htten Lyda die
Pocken zerfressen, so mtest du dich jetzt vielleicht bis zu einem
gewissen Grade anstrengen; aber nach zwei Tagen wrdest du anfangen, ihr
das Leben zu verekeln. Dann httest du ber das Schicksal gejammert, und
wrst entweder davongelaufen, oder, ... du wrdest ihr das Leben ganz
gehrig versalzen und dich verzweifelt als Opfer fhlen. Jetzt siehst du
wie ein Heiligenbild auf dich. Warum auch nicht. Mache nur noch ein
liebenswrdiges Gesicht und jeder wird dir besttigen, da du ein
Heiliger bist. Zum Teufel, in Wirklichkeit hast du garnichts verloren
... Was willst du denn? Lyda hat genau dieselben Arme behalten,
dieselben Beine, dieselbe Brust, dieselbe Leidenschaft, das gleiche,
starke Leben ... Ja, Bruder, es ist doch wirklich ganz wunderschn, all
das zu genieen und dabei noch mit dem Bewutsein, ein edles Werk zu
tun.

Unter Ssanins Worten schrumpfte die rhrselige Selbstbewunderung in
Nowikows Seele zu einem kleinen Klmpchen zusammen und verendete wie ein
zerquetschter Wurm, der sich daran vollgefressen hatte. In seiner Seele
entstand ein neues Gefhl, reiner und aufrichtiger als das erste. Mit
traurigem Vorwurf sagte er Ssanin:

Du denkst schlimmer von mir, als in Wirklichkeit recht ist. Ich bin
garnicht so stumpfsinnig, wie du meinst. Vielleicht ... ich will's nicht
bestreiten, ist in mir auch ein Stck von dem alten Aberglauben, aber
... sieh, Lyda Petrowna hab ich lieb. Und wenn ich nur wte, da sie
mich liebte, -- -- -- ich wrde mich nicht daran stoen ... Das daran
sprach er nur mit Mhe. Die Schwierigkeit, dies eine Wort ebenso glatt
auszusprechen, die ihm sofort zum Bewutsein kam, verursachte ihm einen
scharfen Schmerz.

Ssanin war pltzlich abgekhlt. Er wurde nachdenklich, ging durch das
Zimmer, blieb am Fenster bei dem dmmrigen Garten stehen und redete
leise vor sich hin:

Sie ist jetzt unglcklich ... Sie ist jetzt nicht in der Stimmung, zu
lieben ... Und ob sie dich liebt oder nicht ... wer kann es wissen ...
Ich glaube nur, wenn du jetzt zu ihr hingingst, und -- -- du dann fr
sie zu dem zweiten Menschen in der Welt wirst, der sie nicht fr das
momentane, zufllige Glck steinigt, sondern -- -- nun, so kann sie ...
aber man kann nicht wissen ...

Nowikow blickte nachdenklich vor sich hin. In ihm mischten sich Trbsal
und Freude; beide bildeten in seiner Seele ein klares, wehmtiges Glck,
das einem absterbenden Sommerabend hnlich war.

Gehen wir zu ihr! Was auch sein mag, es wird ihr leichter sein, unter
all den tierischen Fratzen, ein paar menschliche Gesichter um sich zu
sehen ... Du bist zur Genge dumm, mein Freund. Aber selbst in deiner
Dummheit besitzt du etwas, was andere nicht haben. Was soll man tun. Auf
diese Dummheit hat die Welt lange genug ihr Glck und ihre Hoffnungen
gebaut. Gehen wir!

Nowikow lchelte ihm schchtern zu: Ich will gehen. Aber wird ihr das
auch angenehm sein?

Daran brauchst du nicht zu denken. Ssanin legte ihm beide Hnde auf
die Schultern. Glaubst du, da du richtig handelst, dann wird schon
alles von selber werden.

Gut, so gehen wir. In der Tr blieb Nowikow noch einmal stehen und
blickte Ssanin gerade in die Augen. Mit einer Kraft, die ihm selbst
unbekannt war, sagte er:

Weit du; -- -- wenn es nur mglich ist, so werde ich sie glcklich
machen. Natrlich, die Phrase ist banal. Aber ich kann nicht anders
ausdrcken, was ich fhle.

Das tut nichts, Bruder. Wirklich, ich verstehe dich so.




                                   XX


Glhender Sommer lag ber der Stadt. In den Nchten stieg der helle,
runde Mond hoch ber dem Himmel, die Luft war warm und dicht und rief,
vom Duft der Grten durchtrnkt, mchtige, wirre Wnsche hervor. Am Tage
arbeiteten die Menschen, beschftigten sich mit Politik, Kunst, mit der
Durchfhrung verschiedener Ideen, mit Essen, Baden, Trinken, Sprechen,
doch sobald die Hitze nachlie, die ruhig gewordenen Staubmassen sich
schwerfllig legten und am dunkeln Horizont hinter dem fernen Wldchen
oder den nahen Dchern der Rand einer runden, rtselhaften Scheibe
erschien, die die Grten mit khlem geheimnisvollen Licht berschwemmte,
dann blieb alles stehen, gleichsam als ob man pltzlich irgendwelche
bunte Kleider von sich abwarf, um frei und leicht ein echtes Leben zu
beginnen. Und je jnger die Menschen waren, desto freier und voller
wurde dieses Leben. Von den Grten her sprudelten die Triller der
Nachtigall, die Grser von leichten Frauenkleidern erfat schwenkten
eigenartig ihre Kpfchen, die Schatten wurden tief, in der Luft lag
dumpfes Liebeswirren, die Augen blitzten bald auf, bald bedeckten sie
sich mit Nebeln, Wangen wurden rosig, Stimmen verlangend und
geheimnisvoll haschend, und neues menschliches Leben entstand
urpltzlich unter khlem Mondlicht im Schatten der schweigsamen Bume,
die Khle atmeten, auf niedergebogenem saftigem Gras.

Auch Jurii Swaroschitsch glaubte, als er mit Schawrow Politik trieb,
sich mit Selbstbildungsvereinen und der Lektre der neuesten Bcher
abgab, da er gerade darin sein echtes Leben und die Auflsung und
Klrung aller Zweifel und Unruhen finden msse.

Aber soviel er auch las und was er auch begann, alles wurde ihm
langweilig und niederdrckend; er sah kein Licht in seinem Leben. Ein
solches Licht wollte nur in den Augenblicken aufflammen, in denen Jurii
sich gesund und krftig fhlte und in eine Frau verliebt war.

Frher schienen ihm alle jungen und schnen Mdchen gleich interessant;
sie erregten ihn auch in gleicher Weise. Aber jetzt begann sich eine
einzige abzuheben; sie nahm allmhlich alle Farben und Schnheiten fr
sich allein und stand prchtig und liebenswrdig wie im Frhlingslicht
ein Birkenbumchen am Waldessaum vor ihm.

Sie war sehr schn, von hohem Wuchs, stark und krftig, bewegte bei
jedem Schritt ihre gespannte hohe Brust, trug den Kopf hoch aufgerichtet
auf dem schlanken, weien Hals, lachte hell, sang schn, und obgleich
sie viel las, kluge Gedanken und ihre Gedichte liebte, empfand ihr
ganzes Wesen doch nur dann volle Befriedigung, wenn sie irgend etwas
Anstrengendes vorhatte, sich mit ihrem elastischen Busen gegen etwas
stemmen mute, etwas aus aller Kraft mit den Armen umschlieen, mit den
Fen stoen, lachen, singen und auf krftige und schne Mnner blicken
konnte. Manchmal wenn die Sonne schien, alles Dunkle niederbrechend,
oder wenn auf dunklem Himmel der Mond glnzte, wnschte sie sich die
Kleider herunterzureien und nackt auf dem grnen Grase herumzulaufen,
sich ins schwarze, schwankende Wasser zu strzen, jemanden zu erwarten
und zu suchen und dann mit einem klangvollen jubelnden Ruf an sich zu
locken.

Ihre Anwesenheit erregte Jurii, und zauberte in ihm frische,
unausgentzte Krfte hervor. Vor ihr war seine Sprache farbiger und
heller, seine Muskeln wurden krftiger, sein Herz strker und sein
Denken schrfer. Den ganzen Tag hindurch dachte er nur an sie, des
Abends ging er sie zu suchen; und doch verbarg er es auch vor sich
selbst. In seiner Seele lag noch etwas, wie ein abgenagter Knochen, der
sich der Kraft, die von innen heraus zur Freiheit drngte, in den Weg
legte. Jedes Gefhl, das in ihm auftauchte, hielt er fest, um es zu
analysieren. Dadurch wurde das Gefhl farblos und fahl und verlor seine
Bltter, wie eine Blume im Frost. Wenn er sich danach fragte, was ihn zu
Karssawina ziehe, so antwortete er sich, da es der Geschlechtstrieb sei
und weiter nichts. Und obgleich er selbst keinen Grund dafr angeben
konnte, rief dieses eckige, harte Wort nachlssige und niederdrckende
Verachtung vor sich selbst hervor.

Inzwischen legte sich ein geheimnisvolles Band um sie und wie in einem
Spiegel fand sich jede seiner Bewegungen in ihr und ihrer in ihm wieder.

Karssawina versuchte nicht, sich ber die geheimen Regungen ihrer Seele
klar zu werden. Nur wie von ferne lauschte sie ihnen glcklich,
gleichzeitig aber bemht, sie vor den Anderen geheim zu halten. Es
verursachte ihr qulende Unruhe, da sie nicht alles verstehen konnte,
was in Seele und Krper des schnen und jungen Menschen, den sie liebte,
vorging. Zeitweilig redete sie sich ein, da zwischen ihnen keine
besonderen Beziehungen bestnden; dann brach sie pltzlich in Schluchzen
aus, als ob sie einen unersetzlichen Schatz verloren htte. Auch die
Aufmerksamkeit anderer Mnner, deren seltsame Blicke sie oft auf sich
gerichtet sprte, vermochte sie dann nicht zu trsten. Fast immer blieb
sie ihnen gegenber vollstndig gleichgltig. Nur zu Zeiten, wenn sie
sicher war, von Jurii geliebt zu werden und unter diesem Gedanken wie
eine Braut aufblhte, bemerkte sie, da sie auf andere besonders
aufreizend wirkte; dann wurde sie selbst von den geheimnisvoll gierigen
Wnschen in Aufruhr gebracht.

Eine besondere sinnliche Spannung empfand sie, wenn sich ihr Ssanin mit
seinen breiten Schultern, ruhigen Augen und den sicheren, krftigen
Bewegungen nherte. Sobald sie sich bei dieser unfabaren Erregung
ertappte, erschrak sie, hielt sich fr schlecht und verdorben, konnte es
aber doch nicht unterlassen, Ssanin auch weiter mit Neugierde zu
betrachten.

An dem Abend des Tages, an dem Lyda ihr furchtbares Drama durchlebte,
trafen sich Jurii und Karssawina in der Bibliothek. Sie grten sich
einfach; jeder war von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Karssawina
suchte sich Bcher aus, whrend Jurii die Petersburger Zeitungen
durchbltterte. Doch traf es sich wieder, da sie zusammen hinausgingen
und so begleitete Jurii Karssawina durch die schon leeren vom Mond
beleuchteten Straen.

In der Luft lag eine ungewhnliche Stille und nur die Knarre des
Nachtwchters drang von der Entfernung gemildert zu ihnen herber, hin
und wieder auch hinter den Husern hervor das Belfern eines kleinen
Hundes.

Am Boulevard stieen sie auf eine Gesellschaft, die im Schatten der
Bume sa. Von ihr schallten lebhafte Stimmen zu ihnen her, die
Feuerchen von Zigaretten glimmten einen Augenblick auf und zeigten
Schnurrbrte und rote Gesichter. Als sie bereits vorbeigegangen waren,
hrten sie eine helle, frhliche Mnnerstimme ein Lied beginnen: Das
Herz der Schnen ist ein Hauch im Felde ...

Dicht bei dem Hause, in dem Karssawina wohnte, setzten sie sich auf eine
Bank, die an einem fremden Tore stand. Aus seinem tiefen Schatten heraus
hatten sie jetzt die breite vom Mondlicht gleichmig beschienene Strae
bis zu einer wei schimmernden Kirchenkuppel vor sich liegen. Dort
hinten schwankten breite Linden, die das leuchtende Bild in einen
dunklen Rahmen spannten; ber ihnen funkelte khl wie ein Stern das
goldene Kirchenkreuz gegen den Himmel.

Sehen Sie, wie schn, sagte Karssawina gedehnt und wies mit der Hand
durch die Luft.

Jurii warf verstohlen einen entzckten Blick auf ihren weien Oberarm,
der weich durch die kurzen Aermel der kleinrussischen Bluse blickte; er
hatte das unbndige Verlangen, sie an sich zu reien und auf die vollen
saftigen Lippen zu kssen, die den seinen verfhrerisch nahe standen.
Pltzlich fhlte er, da es sogleich geschehen msse; auch sie schien
mit Furcht und Sehnsucht nur darauf zu warten.

Aber dieser Augenblick entfiel ihm. Er wurde schlaff, zog die Lippen
zusammen und stie ein spttisches Ruspern aus.

Warum das? ... fragte Karssawina.

Ach nichts, Jurii konnte das leidenschaftliche Beben in seinen Fen
nur mit Mhe berwinden. Es ist zu schn ... hier.

Sie schwiegen, lauschten den entfernten Lauten, die von den dunklen
Grten und den vom Mond bestrahlten Grten her herberklangen.

Waren Sie schon einmal verliebt, fragte pltzlich Karssawina.

Ja, ... antwortete Jurii langsam und dachte ... wie wre es, wenn ich
ihr gleich alles sagte. Zgernd fuhr er fort: Ich bin auch jetzt
verliebt.

In wen? Karssawinas Stimme zitterte voll scheuer Zuversicht.

In wen? ... Aber in Sie doch! Jurii neigte sich vor und suchte ihre
Augen, aus denen er nur durch die Schleier des Schatten ein seltsames
Glnzen aufblinken sah. Er versuchte scherzhaft zu sprechen, kam aber
nicht in den Ton hinein.

Sie schaute ihn rasch und erschrocken an und ihr beengtes glckseliges
Gesicht war voll Erwartung.

Jurii wollte sie umarmen; in seinen Hnden fhlte er schon die weichen
warmen Schultern und die elastische Brust, erschrak aber wieder vor sich
selbst und kraftlos, ohne seinem Wunsch nachzugeben, ghnte er.

-- -- -- Er scherzt nur, dachte bitter Karssawina und im selben
Augenblick wurde in ihr alles unter der Empfindung, gekrnkt zu sein,
eiseskalt. Sie sprte, da sie gleich weinen msse; in dem krampfhaften
Versuch, die Trnen zurckzuhalten, prete sie die Zhne zusammen.

Dummheiten, murmelte sie und erhob sich eiligst; in dem einen Wort
tnte ihre Stimme vllig verndert.

Ich spreche ernst, sagte Jurii in einem Ton, der jetzt gegen seinen
Willen unnatrlich klang. Ich liebe Sie und ... glauben Sie es mir, von
ganzem Herzen.

Karssawina nahm ohne Antwort ihre Bcher zusammen.

Warum das? ... dachte sie mit Gram und pltzlich ergriff sie eine
entsetzliche Scham bei dem Gedanken, da er ihre Empfindungen erraten
hatte und sie nun verachten wrde.

Jurii reichte ihr ein Buch, das auf den Boden gefallen war.

Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, sagte sie leise.

Jurii bedauerte es selbstqulerisch, da sie fortgehen wollte;
gleichzeitig fiel es ihm auf, wie alles, was sie sagte, so originell und
schn, weit entfernt von jeder Banalitt, erschien.

Als Karssawina ihm die Hand reichte, verneigte er sich unbeabsichtigt
und kte die weiche, warme Handflche, von der ihm ein lieblich
frischer Geruch ins Gesicht stieg. Karssawina ri sofort mit einem
leisen Aufschrei die Hand zurck:

Was tun Sie!

Doch die flchtige Empfindung, die seine Lippen bei der Berhrung aus
ihrem warmen, jungfrulichen Krper mit sich rissen, war so stark, da
sie ihm den Kopf benahm und er nur glckselig und sinnlos dem raschen
Rauschen ihrer sich entfernenden Schritte nachlcheln konnte.

Bald hrte er die Pforte knarren. Immer noch mit demselben Lcheln
schritt Jurii nach Hause; aus vollen Krften atmete er die reine Luft
ein. Er fhlte seine Krfte wachsen; er war glcklich.




                                  XXI


Sobald Jurii in sein Zimmer trat, das ihm nach der Freiheit und Khle
der Mondnacht eng und dumpf wie ein Gefngnis vorkam, begann er darber
nachzudenken, wie das Leben doch nichts als eine Kette von den
Banalitten sei.

-- -- -- einen Ku abgepflckt ... was fr ein Glck, nein, wahrlich was
fr eine Heldentat, -- -- -- denk einer an ... wie wrdig und poetisch
... Es scheint der Mond ... der Held verfhrt die Jungfrau mit feurigen
Reden und Kssen ... pfui Teufel welche Abgeschmacktheit, -- -- -- in
diesem verfluchten Nest merkt man garnicht, wie flach man wird.

Als Jurii noch in der Grostadt lebte, war er niemals ber den Gedanken
fortgekommen, da er nur aufs Land zu gehen brauche, um in dem einfachen
Leben der buerlichen, schwarzen Erde, voll echter, nicht erst mhsam
konstruierter Arbeit, mit Feldern, Sonne und Bauern unterzutauchen,
damit sein nutzloses Dasein endlich einen tiefen, wahren Sinn erhalte.
Jetzt war er wieder ebenso fest berzeugt, da er sein Leben sofort in
die richtige Bahn bringen wrde, wenn er anstatt in diesem Nest zu
stecken, pltzlich in die Hauptstadt fliegen knnte.

   Es lrmt die Stadt, es brausen Reden,
   Es tobt der wste Tintenkrieg,
   Doch Ruland liegt in tiefem Schweigen,
   Wie es Jahrhunderte lang schwieg.

deklamierte Jurii mit nachdenklichem Gesicht und unwillkrlichen Pathos.

Aber gleich ertappte er sich bei seiner knabenhaften Begeisterung und
fiel automatisch wieder in die teilnahmslose Stimmung zurck.

-- -- -- und brigens, was hat das alles zu bedeuten ... Alles ganz
gleich. -- -- -- Politik, Wissenschaft, das ist Alles sehr gut und
schn, aber nur aus der Ferne, im Ideal. -- -- -- Im Allgemeinen und im
Leben eines einzelnen Menschen ist es gradso gut ein Handwerk wie jedes
andere. Kampf, titanische Krafteinsetzung, ja, -- -- -- im gegenwrtigen
Leben ist es doch unmglich. -- -- -- Gut ich leide aufrichtig, ich
kmpfe, ich suche mich zu berwinden, -- -- aber was bleibt mir denn zu
guter Letzt. Der endgltige Abschlu des Kampfes liegt auerhalb meines
Lebens. Prometeus wollte den Menschen das Feuer bringen; er tat es auch
wirklich. Das war sein Sieg! Wir aber, wir knnen nur Spne in das Feuer
werfen, das wir nicht entfacht haben und das von uns ebensowenig einmal
verlscht werden wird.

Pltzlich stieg ihm der Gedanke auf, da seine Schwche nur daher kme,
weil er kein Prometeus sei. Diese Erkenntnis war ihm unangenehm, und
doch ergriff er sie mit krankhafter Selbstpeinigung.

-- -- -- Was fr ein Prometeus bin ich! Bei mir luft alles sofort aufs
persnliche Gebiet ber; ich, ich ... fr mich, mich ... Ich bin ebenso
schwach und nichtig wie alle diese Leutchen, die ich von ganzem Herzen
verachtete.

Die Parallele wirkte so niederschlagend auf ihn, da er zusammenzuckte
und eine Zeitlang stumpf vor sich hinstarrte, um nach einer
Rechtfertigung fr sich zu suchen.

-- -- -- Nein, ich bin nicht wie die Andern, dachte er endlich mit
Erleichterung ... Schon aus dem einfachen Grunde, weil ich mir hierber
Gedanken mache. Die Rjsanzew, Nowikow, Ssanin, die kommen garnicht zum
Nachdenken ... sie sind weit entfernt von tragischer Selbstkasteiung,
wie die triumphierenden Schweine Zaratustras. Bei ihnen liegt das ganze
Leben in ihrem eigenen, mikroskopisch kleinen Ich; sie sind es gerade,
die auch mich mit ihrer Flachheit anstecken. Mit den Wlfen mu man
heulen, das ist natrlich!

Jurii begann im Zimmer herumzulaufen, und wie es oft der Fall ist,
nderten sich seine Gedanken mit dem Wechsel der Stellung.

-- -- -- Nun gut, das ist so ... Aber ich habe noch mehr zu berlegen.
Wie sind eigentlich meine Beziehungen zu Karssawina. Ob ich sie liebe
oder nicht, das ist gleich ... Aber was kann daraus werden ... Wenn ich
sie heiraten wrde, oder einfach mit ihr fr eine Zeit ein Verhltnis
anfinge ... wre das fr mich wirklich ein Glck? Sie zu betrgen, ist
ein Verbrechen, und -- falls ich sie liebe ... nun gut, sie bekommt
Kinder, -- -- -- Jurii errtete pltzlich ohne Grund. -- -- -- Das ist
noch nichts Schlimmes, aber dennoch wird es mich binden, und fr immer
meiner Freiheit berauben ... Familienglck, Spieerfreuden, nein, das
ist nichts fr mich.

Eins, zwei, drei, dachte Jurii und bemhte sich mechanisch so zu gehen,
da er mit jedem Schritt ber zwei Dielen fort, immer erst die dritte
mit seinem Fue berhrte. -- -- -- Wenn ich nur sicher wte, da es
kein Kind geben wird. Oder wenn ich meine Kinder so voll und ganz
liebgewinnen wrde, da ich Ihnen mein Leben hingeben knnte. Nein, das
ist auch banal, genau so wird auch ein Rjsanzew seine Sprlinge
lieben. Wodurch werden wir uns dann voneinander unterscheiden. Leben und
sich opfern, das ist das echte Leben. Ja, aber wem sich opfern. Wie? ...
Auf welchen Weg ich mich auch strzen werde, und was fr ein Ziel ich
mir auch vorstelle, wo gibt es jenes reine und zweifelsfreie Ideal, fr
das man nicht einen Augenblick zu bedauern brauchte, -- -- -- zu
sterben. Ja, nicht ich bin schwach, sondern das Leben ist keiner Opfer
und Hingabe wert ... Ist es aber so, ... dann lohnt es sich ja garnicht
zu leben.

Diese Schlufolgerung hatte sich noch niemals vorher so stark in Juriis
Hirn festgesetzt.

Auf seinem Tisch lag stets ein Browning. Jetzt bekam er ihn zu Gesicht,
sobald er beim Gehen am Tisch vorbeikam und kehrt machte; jedesmal
fielen ihm dann die glnzenden Teile ins Auge, die gegen das Mondlicht
spiegelten. Schlielich nahm er ihn in die Hand und betrachtete ihn
aufmerksam. Er war geladen. Jurii spannte den Hahn und drckte ihn an
die Schlfe. So, dachte er ... nur einmal abgedrckt und alles ist
fertig. Ist es klug oder nur eine bldsinnige Dummheit sich
niederzuknallen. Selbstmord ist Kleinmut. Auch gut, so bin ich feige.

Die vorsichtige Berhrung des kalten Eisens mit der heien Schlfe war
angenehm und gleichzeitig bange.

-- -- -- Und Karssawina? ... schwirrte es ihm mit einem Mal kalt durch
den Kopf ... Ich werde sie also nicht besitzen und diesen Genu, der mir
vielleicht zufallen wrde, irgend einem anderen berlassen mssen.

Bei dem Gedanken an Karssawina zitterte in ihm alles vor zarter Wollust.
Aber mit scharfer Willensspannung zwang sich Jurii zu der Ueberlegung,
da Alles nur Kleinigkeiten seien, nichts im Vergleich mit jenen tiefen
und wichtigen Ideen, die seinen Kopf durchwhlten. Doch das blieb Zwang
und das unterdrckte Gefhl rchte sich, indem es den unbestimmten Gram
und seine Abneigung gegen das Leben noch verstrkte.

-- -- -- Warum soll ich es in der Tat nicht tun? ... fragte sich Jurii
mit zitterndem Herzen.

Mit einer Bewegung, an die er selbst nicht glaubte und ber die er sogar
schamhaft lchelte, setzte er den Revolver nochmals an die Schlfe. Doch
dann drckte er, ohne sich noch einen Augenblick ber sein Vorhaben
Rechenschaft abzulegen, den Hahn ab. Im selben Augenblick durchzuckte
ihn eine kalte, schneidende Empfindung und ri sich pltzlich in ihm in
entsetzlicher Angst los. Es rauschte in seinen Ohren, das ganze Zimmer
brach hinter ihm fort. Doch es gab keinen Schu, die Waffe hatte
versagt; nur das schwache, metallische Klappern des Hahnes verklang
deutlich in seinen Ohren.

Eine Schwche erfate ihn vom Kopf bis zu den Fen, soda er
unwillkrlich die Hand mit dem Revolver sinken lie. Alles bebte an ihm
und schmerzte ihn, der Kopf schwindelte, der Mund trocknete pltzlich
aus; als er den Revolver aus der Hand legen wollte, schlugen seine Hnde
nervs hin und her und klapperten einige Mal mit der Waffe gegen die
Tischplatte.

-- -- -- Ein schner Kerl bin ich, dachte er. Er bemeisterte seine
Aufregung, trat vor den Spiegel und blickte in die dunkle Flche. -- --
So bin ich also ein Feigling? ... Nein, dachte er mit einem Anflug von
Stolz. Nein, kein Feigling! Getan hab ich's, -- -- -- ist nicht meine
Schuld, da es versagte.

Aus dem dunklen Spiegel sah ihm wie immer ein bleiches Gesicht entgegen;
Jurii aber schien es feierlich und streng. Befriedigt streckte er sich
die Zunge heraus ... dabei gab er sich Mhe, sich selbst die
Ueberzeugung beizubringen, da er diesem Akte der Selbstbeherrschung
keine Bedeutung beimesse und trat wieder zur Seite.

-- -- -- Nicht mein Schicksal also, sagte er laut, und dieses Wort
trstete und ermunterte ihn. Was? ... wenn mich jetzt einer she, dachte
er mit ngstlicher Verwirrung und schaute sich um.

Aber Alles blieb still. Hinter der geschlossenen Tr war nichts zu
hren, es schien, da es hinter den Grenzen dieses Zimmers kein lebendes
Wesen mehr gbe, da Jurii ganz allein in unendlicher Leere existiere
und leide. Er lschte die Lampe aus und wunderte sich, da durch die
Spalten der Jalousieen hellrosiges Morgenlicht ins Zimmer hereindrang.

Er legte sich schlafen, und im Traum fhlte er, da sich eine Gestalt,
die unheimlich rotes Feuer ausstrahlte, schwer und ungelenk auf ihn
setze. Das ist der Teufel, zuckte es voll Entsetzen durch seine Seele.

Jurii machte krampfhafte Anstrengungen, frei zu werden. Aber der Rote
ging nicht fort, sprach auch nicht, lachte nicht; er schnalzte nur mit
der Zunge. Man konnte nicht erkennen, ob dieses Schnalzen spttisch oder
mitleidig klingen sollte ... Jurii verursachte diese Unsicherheit tiefe
Qualen ...




                                  XXII


Weich und liebevoll quoll die Dmmerung, von Grser- und Blumenduft
durchtrnkt, durchs offene Fenster herein. Ssanin sa hinter dem Tisch
und las bei den letzten Tagesstrahlen eine Erzhlung von Tschechow, die
er ganz besonders liebte, -- -- -- ein alter Vikar, umringt von
Menschen, umgeben von Achtung, Weihrauchdunst, umkleidet mit goldenem
Talare, Brillantenkreuzen und allgemeiner Ehrfurcht stirbt -- --

Im Zimmer war es ebenso khl und rein, wie auf dem Hof, der leichte Atem
des Abends lief frei durch den Raum, fllte Ssanins Brust, bewegte seine
weichen Haare, und htschelte seine festen Schultern, die aufmerksam und
ernst ber das Buch gebeugt waren.

Ssanin las, sann nach, bewegte die Lippen; er war so einem groen
kleinen Jungen hnlich, der ber seinem Schmker vertieft die ganze Welt
vergessen hat. Je weiter er las, um so strker durchdrangen ihn traurige
Gedanken ber das schwere Grauen, das im menschlichen Leben liegt, ber
den Stumpfsinn und die Roheit der Masse; er fhlte wieder, wie fern er
ihr stand. Sicher wre es sehr nett gewesen, mit dem alten Vikar bekannt
zu sein; sein Leben wre dann gewi nicht so einsam verlaufen.

Die Tr zum Zimmer ffnete sich und Nowikow trat herein. Ssanin schaute
sich um.

Ah, guten Tag, er schob das Buch von sich. Nun, was bringst du
Neues? Nowikow drckte ihm schwach die Hand; sein Lcheln gab nur eine
blasse, traurige Grimasse.

Nichts. Alles ist ebenso grlich wie es frher war.

Er machte eine abwehrende Handbewegung und trat zum Fenster.

Von Ssanins Platz aus war nur seine gut gebaute Figur sichtbar; durch
den erlschenden Hintergrund der Abenddmmerung wurde von ihr ein zarter
Schatten zurckgeworfen.

Ssanin betrachtete ihn lange voll Aufmerksamkeit.

Als er zum ersten Mal Nowikow, der wie vor den Kopf gestoen war, zu
Lyda schleppte, die selbst vllig ratlos, dem frheren stolzen und
schnen Mdchen gar nicht mehr glich, sprachen die beiden kein Wort ber
das, was ihre Seelen bis zum tiefen Grunde erschtterte. Ssanin
verstand, da sie unglcklich werden muten, sobald erst das erste Wort
gesprochen wre, doppelt unglcklich aber, wenn sie weiterschwiegen. Er
fhlte, da sie nur durch Leid hindurchtastend, das, was fr ihn klar
und selbstverstndlich war, finden konnten.

Aber er versuchte nicht, sie vorwrtszustoen, weil er schon damals
erkannte, da sich diese beiden Menschen in einem geschlossenen Zirkel
bewegten, in dem sie sich doch unvermeidlich frher oder spter treffen
muten.

-- -- -- Nun es wird schon gut werden, dachte Ssanin. Sie werden es
verschmerzen. Im Leide knnen sie nur reiner und inniger werden.

Als er jetzt Nowikow einsam am Fenster stehen sah, sagte er sich, da
diese Zeit gekommen wre. Schweigend blickte jener auf den verlschenden
Himmel. Er war von dem seltsamen Gefhl erfllt, in dem sich Trauer nach
einem unwiederbringlich verlorenen Glck zart mit dem Zittern
sehnsuchtsvoller Erwartung nach neuem Glck verbindet. In dieser traurig
feinen Dmmerung stellte er sich Lyda klarer als je schchtern,
unglcklich, von allen gedemtigt vor. Es trieb ihn, sich vor ihr auf
die Kniee zu werfen, ihre kalten Finger mit Kssen zu erwrmen und sie
durch seine allvergessende, groe Liebe zu neuem Leben zu erwecken.
Alles in ihm verlangte nach diesem Opfer; doch er hatte nicht die Kraft,
zu ihr zu gehen.

Ssanin empfand auch diese Stimmung. Langsam erhob er sich, warf den Kopf
nach hinten und sagte:

Lyda ist im Garten. Gehen wir.

Mit einer erbarmungswrdigen Regung des Schmerzes, und doch glcklich,
zog sich Nowikows Herz zusammen. Eine lichte Zuckung lief ber sein
Gesicht und verschwand. Es war ersichtlich, wie stark seine Finger beim
Drehen des Schnurrbartes zitterten.

Wie also? ... Gehen wir nun zu ihr? ... Ssanin wiederholte es mit
gemessener Stimme, als wenn er an eine wichtige aber selbstverstndliche
Angelegenheit herantrte.

An diesem Ton begriff Nowikow, da Ssanin alles in ihm verstand; er
empfand eine groe Erleichterung, gleichzeitig aber naiven, kindischen
Schreck.

... Also gehen wir! sagte Ssanin noch einmal zart, ergriff Nowikows
Schultern und schob ihn zur Tr.

Nun gut, ja, murmelte Nowikow. Eine rhrselige Zrtlichkeit, der
Wunsch, Ssanin zu umarmen, stieg in ihm auf. Aber er hatte doch nicht
den Mut dazu, er sah ihm nur mit tiefen, feuchten Blicken ins Gesicht.

Im Garten war es dunkel, es roch nach warmem Thon. Die Baumdurchschlge
leuchteten in der Dmmerung wie gotische Fenster. Ueber den weien
Lichtungen rauchte feiner, gelber Nebel; es war, als ginge ein
unsichtbares Wesen zwischen den schweigenden Struchern und leise
erzitterten die schlafbefangenen Grser und Blumen bei seiner
Annherung.

Am Ufer war es heller; die Dmmerung umfate erst die Hlfte des
Flusses, der sich noch immer glnzend gegen die dunklen Wiesen abhob.

Lyda sa hier dicht am Wasser und ihre feine, gesenkte Silhouette stach
wei vom Grase ab, wie ein geheimnisvoller Schatten, der ber dem Wasser
trauert.

Jene leichte, khne Ueberlegenheit, die sich ihrer unter dem Einflu der
beruhigenden Stimme des Bruders bemchtigt hatte, verschwand ebenso
rasch wieder, als sie gekommen war. An ihre Stelle schlichen sich die
schwarzen Gespenster Scham und Furcht, legten sich neben sie und
flsterten ihr von neuem zu, da sie kein Recht mehr auf ein anderes
Glck, ja nicht einmal selbst auf ihr Leben htte.

Ganze Tage lang sa sie mit dem Buche im Garten, weil sie der Mutter
nicht mehr einfach und gerade in die Augen zu blicken vermochte.
Tausende Mal emprte sich alles in ihr. Immer wieder sagte sie sich, da
die Mutter nichts mit ihrem Leben zu tun htte. Aber jedesmal, wenn sie
sich ihr nherte, nderte sich ihre Stimme und in ihren Augen zeigte
sich ein scheuer, schuldbewuter Ausdruck. Die Mutter wurde durch ihre
Verwirrung, ihr Errten, die unsichere Stimme, den irren Blick
beunruhigt. Peinliche Verhre folgten nun; argwhnische Augen liefen
hinter ihr her und qulten sie, bis sie sich zu verstecken begann.

So sa sie auch an diesem Abend, verfolgte gramvoll die am Horizont
niedersteigende Dmmerung und dachte ihre schweren, auswegslosen
Gedanken durch.

Sie begriff nicht, warum es ihr nicht mglich war, das Leben zu
verstehen. Nur eine unfabare Ahnung, unentwirrbar wie ein Polyp,
klebrig und bedrckend, erhob sich vor ihren Augen.

Eine Menge von Schriften, die sie gelesen hatte, eine Reihe von groen
und freien Ideen durchzogen ihr Hirn. Ma sie an ihnen ihre
Handlungsweise, dann war sie nicht nur natrlich; sie war auch schn.
Niemandem hatte sie Bses getan; sich und einem zweiten Menschen gab sie
reiche Lust.

Ohne diese Lust htte sie nichts von der Flle ihrer Jugend gewut und
das Leben wre trostlos, wie ein Baum im Herbst, geblieben, wenn alle
Bltter abgefallen sind. Der Einwurf, da die Kirche den Bund mit diesem
Manne nicht sanktioniert hatte, kam ihr lcherlich vor; schon lngst
waren alle Sttzen dieser traditionellen Forderung durch das freie,
menschliche Denken zerbrckelt und zermrbt worden. Schlielich kam sie
zu dem Schlu, da sie sich eigentlich freuen mte, wie sich eine Blume
freut, die sich an einem sonnigen Morgen von neuem Leben befruchtet
fhlt. Aber in ihrem Innern litt Lyda doch, sah sich tief am Boden eines
Abgrundes, tiefer gesunken als alle Menschen; sie war zur Letzten der
Letzten geworden. Mochte sie auch die erhabensten Ideen, unverrckbare
Wahrheiten zu Hilfe rufen, vor dem kommenden Tage der Schande schmolzen
sie dahin, wie Wachs im Feuer schmilzt. Anstatt den Menschen, die sie
wegen ihres Stumpfsinns und ihrer Beschrnktheit verachtete, den Fu auf
den Nacken zu setzen, dachte sie nur daran, wie sie sich retten und jene
tuschen knne.

In dieser ganzen Zeit fhlte sich Lyda, wenn sie einsam weinte und ihre
Trnen sorgsam vor jedem Menschen verbarg, oder wenn sie pltzlich in
stumpfe Verzweiflung versank, nachdem sie ihrer Umgebung falsche
Frhlichkeit vorgeheuchelt hatte, doch stets, wie eine Blume zum warmen
Sonnenstrahl, nur zu Nowikow hingezogen. Aber wie ein niedertrchtiges
Verbrechen schien ihr der Plan, sich von ihm retten zu lassen. Oft
loderte in ihr wilde Verzweiflung darber auf, da sie von seiner
Vergebung und Liebe abhngen solle. Doch strker als ihr Stolz, strker
als der innere Protest war das Bewutsein ihrer Ohnmacht und die Liebe
zum Leben. Statt sich ber die menschliche Dummheit zu empren, zitterte
sie vor ihr, statt Nowikow frei in die Augen zu blicken, demtigte sie
sich wie eine Sklavin vor ihm.

In diesem zerspaltenen Mdchen lag etwas Bemitleidenswertes und
Hilfloses, wie in einem Vogel, dem die Schwingen gebrochen sind und der
sich nun nicht mehr fortbewegen kann.

In Augenblicken, in denen ihre Qualen ganz unertrglich werden wollten,
kam ihr stets der Bruder in den Kopf; dann fllte sich ihre Seele mit
naiver Bewunderung. Ihr war es klar, da ihm nichts heilig sei, da er
sie, die Schwester, nur mit den Blicken des Mannes betrachtete. Sicher
war er egoistisch, unmoralisch, aber doch blieb er der einzige Mensch,
in dessen Gegenwart ihr leichter wurde, mit dem sie ohne Scham ber die
intimsten Geheimnisse ihres Lebens sprechen konnte. In seiner
Anwesenheit nahm alles andere einfache und nichtige Formen an! -- -- --
Sie war schwanger, nun gut, was hat das weiter zu bedeuten, -- -- -- sie
hatte eine Liebes-Affre hinter sich, um so besser, also hatte es ihr
gradso gefallen; man wird sie verachten und demtigen wollen, was macht
es denn? ... Das Leben, die Sonne und die Freiheit liegen vor ihr und
Menschen gibt es berall. Die Mutter wird leiden, na, wenn sie es
durchaus will? ... Das ist ihre Sache! Lyda hat das Leben der Mutter
nicht mit angesehen, als diese ihre Jugend durchkostete, und die Mutter
wird Lyda nicht mehr beobachten, wenn sie erst gestorben ist. Zufllig
auf der Lebensbahn begegnet, nur eine Strecke des Weges miteinander
gehend, knnen und drfen sie nicht einander die Bahn versperren.

Lyda sah ein, da sie allein niemals so frei werden wrde, wie Ssanin.
Um so zu denken, mute sie sich dem Einflu dieses starken und freien
Mannes unterwerfen. Doch mit um so strkerer Bewunderung und grerer
Zrtlichkeit blickte sie auf ihn, -- -- -- eigenartige, zgellose
Gedanken flatterten durch ihre Seele. Wenn er doch ein Fremder, nicht
der Bruder wre ... dachte sie zaghaft und scheu; doch sie erstickte
schleunigst den Schlu dieses beschmenden, aber verlockenden Gedankens.

Und wieder wendeten sich dann ihre Gedanken Nowikow zu; sie wartete und
hoffte auf seine Liebe.

So schlo dieser Zauberkreis ab; kraftlos zerschlug sich Lyda in ihm.
Die letzten Krfte und Farben ihrer jungen, hellen Seele gingen darin
verloren.

Sie hrte Schritte und schaute sich um.

Nowikow und Ssanin kamen auf sie schweigend zu; ohne darauf zu achten,
schritten sie durch das hohe Gras gradeaus. Man konnte ihre Gesichter in
der blassen Dmmerung nicht gut erkennen, aber eine pltzliche Ahnung
blitzte in Lyda auf, da der gefrchtete Moment nahe sei. Sie sah aus,
als wenn sie das Leben verliee, so bla und schwach wurde sie.

Nun, hier, sagte Ssanin, ich habe dir Nowikow gebracht, was er will,
wird er dir selbst sagen. Bleib ruhig hier, ich gehe Tee trinken.

Jh wandte er sich um; mit weiten Schritten ging er ins Haus. Eine
Zeitlang, nur ganz allmhlich in der Dunkelheit versinkend, schimmerte
noch sein weies Hemd zu ihnen herber; dann verschwand es hinter den
Bumen. Es wurde so still, da man garnicht glauben konnte, er wre
fortgegangen und stehe nicht mehr im Schatten der Bume.

Nowikow und Lyda begleiteten ihn mit den Blicken und beide verstanden,
da in dieser einen Bewegung schon alles gesagt war; jetzt mute man es
nur noch einmal in Worten wiederholen.

Lydia Petrowna, sprach Nowikow leise, und der Klang seiner Stimme trug
so viel Trauer, war so rhrend aufrichtig, da sich Lydas Herz zart
zusammenzog.

-- -- -- Es kann einem auch leid um ihn tun ... Wie unglcklich und gut
er ist, dachte sie mit wehmtiger Freude.

Ich wei alles, Lydia Petrowna, fuhr Nowikow fort, er fhlte, wie die
Rhrung ber sein Tun und das Mitleid mit ihrer traurigen Gestalt in ihm
wuchs. Aber ich liebe Sie wie vorher. Vielleicht werden Sie auch mich
einmal lieb gewinnen. Sagen Sie, wollen Sie meine Frau werden ... -- --
-- ich brauche ihr nichts weiter zu erzhlen; sie braucht nicht zu
wissen, welch Opfer ich ihr bringe. -- -- --

Lyda schwieg. Es war so still, da man das flinke Aufschlagen des
Wassers hrte, das gegen das Gebsch des Ufers pltscherte.

Beide sind wir unglcklich, sagte pltzlich aus der Tiefe seiner
Seele, fr sich selbst unerwartet, Nowikow. Aber vielleicht werden wir
zu zweien das Leben leichter tragen knnen.

Lyda erhob ihr Gesicht zu ihm:

Ja, vielleicht ... antwortete sie einfach, aber ihre Augen sagten: --
-- -- Gott sei mein Zeuge, da ich eine gute Frau sein werde, ich werde
dich immer lieben und alles mit dir fhlen.

Nowikow verstand diesen Blick; er lie sich rasch und impulsiv neben ihr
auf die Kniee nieder und begann ihre zitternde Hand zu kssen. Er
zitterte selbst am ganzen Krper vor Erregung und pltzlicher froher
Leidenschaft. Diese Erregung teilte sich Lyda so tief und leuchtend mit,
da das schmerzliche bange Gefhl der Scham mit einem Mal verschwunden
war.

-- -- Nun, jetzt ist alles zu Ende, ich werde wieder glcklich sein, --
-- du, mein Lieber, mein Armer, dachte sie, glckliche Trnen weinend.
Sie zog ihre Hand nicht zurck, sie beugte sich selbst auf die weichen
Haare Nowikows, die ihr stets gefallen hatten, herab und kte sie. Die
Erinnerung an Sarudin huschte grell an ihr vorber; erlosch aber sofort
wieder.

Als Ssanin, der fand, da nun Zeit genug fr Erklrungen verflossen
wre, zu ihnen zurckkam, hielten sich Lyda und Nowikow bei den Hnden
und sprachen leise und vertrauensvoll miteinander. Nowikow sagte ihr,
da er niemals aufhren knne, sie zu lieben; Lyda ihm, da sie ihn von
nun an immer lieben werde. Es war die Wahrheit; denn Lyda verlangte nach
Liebe und Glck, sie hoffte sie in ihm zu finden und liebte ihre
Hoffnung.

Beide glaubten, niemals so glcklich gewesen zu sein. Als sie Ssanin
erblickten, schwiegen sie still und schauten ihn mit verwirrten,
freudigen und vertrauensvollen Augen an.

Nun, ich verstehe, sagte Ssanin ernst, als er sie erblickte, ... Gott
sei's gedankt. Wenn Ihr nur glcklich werdet. Er wollte noch etwas
hinzufgen, mute aber niesen und tat es so laut und zufrieden, da es
ber den ganzen Flu schallte. Feucht ist es hier. Na, seht zu, da ihr
keinen Schnupfen kriegt, er rieb die Augen.

Vergngt lachte Lyda auf und glcklich und schn klang es vom Flusse
zurck.

Ich gehe! ... sagte Ssanin.

Wohin? ...

Da ist Swaroschitsch gekommen und dann der eine Offizier, der
Tolstoischwrmer, -- -- -- wie heit er doch gleich, dieser lange
Deutsche?

Von Deutz, half Lyda mit grundlosem Lcheln ein.

Ja, ... er! Sie wollen uns zu einer Besprechung abholen. Na, ich sagte
ihnen, da ihr nicht hier wret.

Warum? fragte Lyda, noch immer lachend.

Bleib du nur hier sitzen. Ich htte mir auch lieber hier ein Eckchen
zurecht gemacht, wenn ich nur jemanden dazu htte.

Wieder ging Ssanin fort; diesmal endgltig.

Es wurde Abend. Im dunklen flieenden Wasser schwankten die Sterne.




                                 XXIII


Der Abend war dunkel und dumpf. Ueber den Wipfeln der schwarzen,
versteinerten Bume drngten in schweren Klumpen Wolken dahin, von einem
Ende des Himmels bis zum andern, schnell, als wenn sie einem
unsichtbaren Ziel zueilen mten. In ihren grnlichen Lcken tauchten
blasse Sterne auf und nieder. Der Himmel quoll ber von unaufhrlicher,
unheimlicher Bewegung; auf der Erde kauerte alles in gespannter
Erwartung.

In dieser Stille hrten sich die Stimmen streitender Menschen so
widerwrtig schrill und znkisch an, wie das Klffen kleiner, unruhiger
Kter.

Wie dem auch sei, stie, mit den langen Beinen wie ein Storch
stolpernd, von Deutz hervor. Aber das Christentum hat der Menschheit
als einzige volkstmlich humanitre Lehre einen unvergnglichen Reichtum
gegeben.

Was Sie nicht sagen, erwiderte Jurii, der hinter ihm ging, mit einer
hartnckigen Kopfbewegung, whrend er zornig auf seinen Rcken blickte.
Im Kampfe gegen die tierischen Instinkte hat sich das Christentum
ebenso unzulnglich gezeigt, wie alle and -- -- --

Wieso denn gezeigt? ... rief voll Emprung von Deutz. Die ganze
Zukunft liegt frei vor dem Christentum. Und dann von ihm wie von einer
abgetanen Sache sprechen. -- -- --

Das Christentum hat keine Zukunft, fiel ihm Jurii mit grundloser
Erbitterung ins Wort. Wenn das Christentum die Menschheit nicht in der
Zeit seiner hchsten Entwickelung unterjochen konnte, wenn es nur einem
Haufen Schurken in die Hnde geraten konnte, die es als Werkzeug ihrer
frechen Betrgereien gebrauchten, dann ist es jetzt, wo bereits das Wort
Christentum abgeschmackt klingt, doppelt lcherlich und komisch, irgend
ein Wunder seiner Erneuerung abzuwarten. Die Geschichte verzeiht
niemals. Was einmal von der Bhne herunter ist, kommt niemals wieder
herauf.

Der hlzerne Brgersteig war unter den Fen kaum sichtbar. Ging man
unter den Bumen, war berhaupt nichts mehr zu erkennen, auch die
Stimmen machten, weil man keine Gesichter unterscheiden konnte, einen
unnatrlichen Eindruck. Stie einer oder der andere gegen einen
Straenpfosten, so wurde seine Stimme sofort noch aufgeregter und
wtender.

Das Christentum von der Bhne fort? ... rief von Deutz. In seinem Ton
klang bertriebenes Staunen und Entrstung.

Natrlich! Weg, -- -- einfach weg, beharrte Jurii. Sie tuen so
erstaunt, als wenn man das gar nicht ausdenken drfe. Wie der
Mosesglauben zur rechten Zeit von der Szene abgetreten ist, wie Buddha
und die hellenischen Gtter fr uns nicht mehr leben, so ist auch
Christus gestorben. Das Gesetz der Evolution ... was erschrecken Sie
denn davor! Sie glauben doch wohl nicht an die Gttlichkeit seiner
Lehre.

Selbstredend nicht, fauchte verletzt von Deutz. Er antwortete weniger
auf die Frage als auf den verletzenden Ton Juriis.

Wollen Sie also wirklich die Behauptung aufstellen, da der Mensch ein
ewiges Gesetz schaffen kann? ... dieser Idiot, dachte er im stillen
weiter. Die unerschtterliche Sicherheit, da dieser Mensch niemals
imstande sein wrde, das, was fr ihn selbst so tagesklar und einfach
war, zu verstehen, die angenehme Empfindung, da jener dmmer sei,
verband sich im Kopfe Juriis unsinnigerweise mit dem wtenden Verlangen,
ihn unter allen Umstnden zu berzeugen und umzustimmen.

Zugegeben, da dem selbst so wre, erwiderte dieser jetzt ebenfalls
erbittert. Aber das Christentum ist nun einmal zur Grundlage der
Zukunft geworden. Es ist nicht zugrunde gegangen, sondern wie ein jeder
Same in den Boden gesunken, -- seine Frchte werden ...

Wer hat denn davon gesprochen -- ich nicht, schrie Jurii, aus dem
Konzept gebracht und darber noch erboster. Ich wollte sagen ...

Nein, erlauben Sie bitte, fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort,
er frchtete wieder die Oberhand zu verlieren. Im Gehen drehte er sich
fortgesetzt um und kam dabei stets vom Brgersteig herunter. Sie haben
grade so gesagt ...

Wenn ich sage, da es nicht so war, dann war es eben nicht so ... Es
ist eigentmlich, unterbrach ihn Jurii seinerseits. Er empfand
einfachen, bitteren Ha, bei dem Gedanken, da dieser Dummkopf von
Offizier einen Augenblick glauben konnte, er wre der Intelligentere.
Ich wollte sagen ...

Nun, mag sein. Verzeihen Sie bitte, da ich Sie nicht richtig
verstanden habe. Von Deutz zuckte mit nachsichtigem Lcheln seine
schmalen Achseln; es sollte heien, da er Jurii fr zurckgeschlagen
halte, und da alle Entgegnungen nichts anderes mehr sein wrden, als
eine versptete Retirade.

Jurii begriff das und fhlte sich dadurch so furchtbar gekrnkt, da
sich seine Kehle zuschnrte.

Ich will gar nicht die ungeheure Bedeutung des Christentums leugnen.

Dann widersprechen Sie sich, verschluckte sich von Deutz mit neuem
triumphierendem Entzcken. Es war ihm durchaus klar, da Jurii unendlich
dmmer wre, als er und da er augenscheinlich nicht annhernd das
wute, was in seinem Hirne so harmonisch aufgestapelt war.

Das kommt _Ihnen_ so vor, da ich mir widerspreche. Aber tatschlich
gerade im Gegenteil, ... mein Gedanke ist ganz logisch. Ist nicht meine
Schuld, wenn Sie ... mich nicht verstehen wollen, rief Jurii mit
verletzender Schrfe, durch die er das Gefhl des Leidens in sich
unterdrcken wollte. Ich sagte vorher und das sage ich auch jetzt, ...
das Christentum ist ein durch und durch wiedergekuter Stoff, und von
ihm, so wie er ist, hat man keine Ernhrung zu erwarten.

Nun ja ... Aber, wollen Sie denn den wohltuenden Einflu des
Christentums leugnen. ... Das heit, da es einfach zur Grundlage wurde
... Auch von Deutz erhob seine Stimme, mit hilfloser Eile suchte er
seine weiteren Schlsse, die ihm bei dieser Wendung des Gesprchs zu
entgleiten drohten, wieder einzufangen.

Das leugne ich gar nicht!

Aber ich leugne es! mischte sich pltzlich Ssanin, der die ganze Zeit
schweigend hinter ihnen herging, lchelnd ins Gesprch. Seine Stimme war
leicht und ruhig und schnitt eigentmlich in den wirbelnden, tzenden
Ton des Streites ein.

Jurii schwieg. Er fhlte sich durch diese khle Stimme und den
offensichtlichen Spott, der aus ihr herausklang, verletzt; aber er fand
kein Wort zur Entgegnung. Fr ihn war es stets peinlich und unbequem,
mit Ssanin zu streiten, -- als wenn all die Worte, welche er gewhnlich
brauchte, bei Ssanin nicht am richtigen Platz waren. Dann fhlte er
sich, als mte er eine Mauer umstrzen, whrend seine Fe auf glattem
Eis standen.

Von Deutz konnte nicht schweigen. In seiner Erregung ber den
unerwarteten Angriff stolperte er und klirrte schrill mit den Sporen;
dazwischen schrie er mit sich berschlagender Stimme: Aber warum denn
das, wenn ich fragen darf?

Ganz einfach -- -- -- so, erklrte Ssanin mit unfabarem Unterklang.

Wie denn _so_? ... Wenn man solche Behauptungen aufstellt, mu man sie
auch beweisen.

Wozu htte ich es ntig, sie zu beweisen?

Was heit das: ... wozu? ...

Gar nichts habe ich zu beweisen. Es ist meine Ueberzeugung; aber Sie zu
berzeugen, fehlt mir der geringste Wunsch. Es htte auch keinen Zweck.

Wenn man in dieser Weise urteilen will, sagte Jurii zurckhaltend, so
knnte man wohl die ganze Literatur zum alten Eisen werfen.

Aber nicht im geringsten! Die Literatur, nein, das ist eine wichtige
und interessante Sache. Die Literatur, -- -- ja, nmlich die, die ich so
bezeichne, die ist nicht dazu da, mit jedem dahergelaufenen Kopfwackler
zu polemisieren. Der selbst nichts zu tun hat, und nur alle Menschen mit
seiner Klugheit breitschlagen mchte. Sie baut das ganze Leben um,
dringt von Generation zu Generation in das Blut der Menschheit hinein.
Wenn man die Literatur vernichten wollte, wrden im Leben viel Farben
verbleichen.

Von Deutz blieb stehen, lie Jurii vorbeigehen, und als Ssanin neben ihn
kam, sagte er zu ihm:

Nein, bitte, die Idee, die Sie da eben streifen, interessiert mich aufs
uerste.

Mein Gedanke ist sehr einfach. Wenn Sie durchaus wollen, will ich ihn
Ihnen klar machen. Meiner Meinung nach hat das Christentum in der
Geschichte eine traurige Rolle gespielt. In der Zeit, als die Menschheit
ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte und nur wenig daran fehlte, da
alle Demtigen und Unglcklichen zur Vernunft kmen und mit einem Sto
die ganze unertrgliche und ungerechte Ordnung der Dinge zerschlagen
htten, -- -- -- einfach alles vernichteten, was sich von fremdem Blute
nhrt, ja, gerade in dieser Zeit erschien das stille, demtige, viel
verheiende Christentum. Es verurteilte den Kampf, versprach innere
Seligkeit, suselte die Menschen in einen sanften Schlummer ein, brachte
eine Religion des >Nicht dem Bsen mit Gewalt widerstehen<, nun kurz
ausgedrckt, lie den ganzen Dampf ab. Die gewaltigen Charaktere, die
durch den jahrhundertelangen Schmerz zum Kampf erzogen worden waren,
gingen wie die bldesten Idioten in die Arena hinab und mit einem Mut,
der unendlich bessere Verwendung verdient htte, zogen sie sich mit
eigenen Hnden die Haut in Striemen herunter! ... Ihre Feinde haben
natrlich garnichts Besseres gewnscht. Und jetzt sind wieder
Jahrhunderte ntig, es mu wieder unendliche Versklavung und Knebelung
kommen, um die Emprung in Schwung zu bringen. Der menschlichen
Persnlichkeit, die zu wild war, um zum Sklaven zu werden, zog das
Christentum ein Buhemd ber und verbarg darunter alle Farben des freien
menschlichen Geistes ... Die Starken, die sofort im Augenblick ihr Glck
in ihre Hnde nehmen konnten, hat es betrogen, den Schwerpunkt ihres
Lebens in irgend eine Zukunft verlegt, in den Traum an etwas nicht
Existierendes, an etwas, das keiner von ihnen jemals erblicken kann ...
Und alle Schnheit des Lebens verschwand dadurch: Der Stolz, die freie
Leidenschaft, die Willenskraft, und nur die Pflicht ist brig geblieben
und dann, -- der unsinnige Traum an das kommende goldene Zeitalter,
golden natrlich fr die anderen. Ja, das Christentum hat eine hliche
Rolle gespielt und der Name Jesu Christi wird noch lange wie ein Fluch
auf der Menschheit lasten.

Von Deutz blieb pltzlich stehen und man konnte trotz der Dunkelheit
bemerken, wie sich seine langen Arme hoben und senkten.

Nun wissen Sie -- -- -- er stammelte in Schreck und Ratlosigkeit.

Auch in Jurii regte sich ein eigenartiges Gefhl. Einerseits schien in
Ssanins Worten nichts Besonderes zu liegen, auch konnte ja Ssanin wie
Jurii alles aussprechen, was er dachte und fr gut hielt. Aber doch
wieder legte sich, gleich einem Schatten des Unbewuten, ein schwerer
Druck auf sein stehengebliebenes Denken. Die Existenz dieser vererbten
Furcht hatte Jurii lngst vergessen; er kam niemals darauf, sie sich zu
vergegenwrtigen. Jetzt empfand er sie um so intensiver; es verletzte
ihn.

Denken Sie denn garnicht an die blutige Messe, die ber die Menschheit
losgebrochen wre, wenn sie das Christentum nicht abgewendet htte,
fragte er Ssanin mit eigentmlich nervsem Grimm.

Eh, Ssanin wehrte mit der Hand ab. Unter dem Deckmantel des
Christentums wurden zuerst die Arenen mit Mrtyrerblut berieselt, dann
ttete man Menschen, steckte sie in Gefngnisse, warf sie in
Irrenhuser, tagaus, tagein, noch jetzt strmt Blut in solcher Menge, --
-- kein Weltumsturz wre imstande, ein greres Quantum in Flu zu
bringen. Am schlimmsten ist ja, da die Menschen noch immer jede
Verbesserung mit Blut, durch Revolution erkmpfen mssen. Warum stellen
sie denn als Grundlage ihrer Existenz die Humanitt und Nchstenliebe
auf. Eine platte Tragdie, Lge und Heuchelei kommt da zutage, weder
Fisch noch Fleisch. Ich wrde jetzt lieber eine Weltkatastrophe als das
trbe waschlappig-schleimige Leben von zwei Jahrtausenden kommen sehen!

Jurii erwiderte nichts. Es war eigentmlich, da sein Denken sich nicht
ber dem Sinn der Worte halten konnte, sondern sich stets an die
Persnlichkeit Ssanins klammerte. Ihm schien dessen absolute Sicherheit
uerst beleidigend, ja, geradezu unertrglich.

Sagen Sie bitte, meinte er pltzlich, ohne da er selbst erwartet
htte, er wrde dem dringenden Verlangen, Ssanin zu verletzen,
nachgeben. Warum sprechen Sie immer in einem Ton, als ob Sie kleine
Kinder belehren wollten?

Von Deutz wunderte sich ber Juriis Angriffe, wurde verwirrt und hielt
sich fr verpflichtet, ein paar begtigende Worte vor sich hinzumurmeln.

Da haben Sie's, auch Ssanin war rgerlich. Warum sind Sie denn bse?

Jurii fhlte selbst, da er ausfallend geworden war und da er nicht
weitergehen drfe, aber die Erregung, die sich tief in ihm eingefressen
hatte und der, bis auf die Nerven nackte Eigensinn rissen ihn fort.

Ihr Ton ist wirklich unangenehm, gab er hartnckig, fast drohend
zurck.

Es ist nun einmal so meine Art zu reden, meinte Ssanin, trotz des
erkennbaren Aergers, doch mit dem Wunsche zu beruhigen.

Er ist aber nicht berall angebracht! Ich begreife berhaupt nicht,
warum Sie immer mit solchem Aplomb auftreten ...

Wahrscheinlich in dem Bewutsein, da ich klger bin als Sie,
antwortete Ssanin noch ruhiger.

Jurii blieb, von Kopf bis zu den Fen durchgehend erzitternd, stehen:
Hren Sie mal, obgleich man sein Gesicht nicht erkennen konnte, fhlte
man, da es bla wurde.

Regen Sie sich doch nicht auf, Ssanin hielt ihn liebenswrdig zurck.
Ich hatte gar nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Ich habe Ihnen nur
meine aufrichtige Meinung gesagt. Und dieselbe Meinung haben Sie von
mir, von Deutz hat sie von uns beiden, -- -- -- was wollen Sie, das ist
ganz natrlich ... Ssanins Stimme war so aufrichtig und zart, da es
nur komisch gewesen wre, mit dem aufgeregten Schreien fortzufahren.
Jurii schwieg eine Minute still. Von Deutz, der offenbar die unangenehme
Situation fr ihn mitempfand, klirrte ernsthaft mit den Sporen und
atmete schwer und deutlich.

Aber ich spreche es doch nicht aus, sagte Jurii gepret.

Recht schade darum! Ich habe vorhin Ihrer Diskussion mit Deutz
zugehrt; in jedem ihrer Worte klang ganz handgreiflich und verletzend
dasselbe durch. Es handelt sich also nur um die Form. Ich sage frei
heraus, was ich denke, und Sie tun es nicht. Das aber wird auf die Dauer
uninteressant. Wenn Sie aufrichtig sein wollten, wren Sie viel
geniebarer.

Von Deutz lachte pltzlich kleinlich auf: Das ist aber originell! Er
verschluckte sich wieder einmal vor Entzcken.

Jurii antwortete nichts. Aber sein Aerger legte sich. Er wurde sogar im
Augenblick innerlich froh. Immerhin bedrckte es ihn, da er schlielich
hatte nachgeben mssen; doch das wollte er nicht zu erkennen geben.

Von Deutz war inzwischen mit seinem Entzcken zu Ende gekommen, und
erklrte nunmehr gewichtig:

Auf diese Weise wrde es aber zu primitiv hergehen.

Mssen Sie denn alles durchaus verwickelt und kompliziert haben? ...

Von Deutz zuckte die Achseln und wurde nachdenklich.




                                  XXIV


Sie kamen auf den Boulevard, schritten ihn herunter und bogen in einen
entlegenen Stadtteil ein, auf dessen kahlen Straen viel mehr Licht
schwamm.

Die trockenen Bretter des Brgersteigs hoben sich deutlich von der
schwarzen Erde ab und ber ihnen ffnete sich der blasse Himmel, auf dem
dunstige Wolkenfetzen zerstreut hingen. Nur hin und wieder funkelte ein
Stern.

Hier ist es! Von Deutz klinkte eine niedrige Pforte auf und verschwand
im Augenblick.

Sofort schlug in der Nhe ein alter, heiserer Kter an; dann schrie
jemand von einer kleinen Holztreppe herunter: Sultan, -- -- Still.

Ein ungeheurer, verwahrloster Hof lag vor ihnen. An seinem einen Ende
stand wie mit Kohle hingezeichnet, die stumpfe Masse einer Dampfmhle,
auf der sich ein dnner, schwarzer Schornstein traurig zu den fernen
Wolken hinaufreckte. Um sie herum lagen schwarze Schuppen. Nirgends war
ein Baum zu sehen, nur unter den Fenstern des Seitenflgels stand in
einem kleinen Vorgrtchen einsam ein Bumchen. Dort war ein Fenster
geffnet und eine Garbe grellen Lichts durchdrang die trbe Finsternis
und die durchsichtig grnen Bltter.

Na, das ist ein trostloser Flecken, meinte Ssanin.

Die Mhle arbeitet wohl schon lange nicht mehr, erkundigte sich Jurii.

Oh ja, die steht schon eine ganze Weile, antwortete von Deutz. Im
Vorbeigehen schaute er in das erleuchtete Fenster und wandte sich dann
mit ungewhnlich zufriedener Stimme zu ihnen:

Oho, es ist ja schon eine ganze Menge Volk drin.

Jurii und Ssanin blickten ebenfalls durch das Vorgrtchen hinber. In
dem hellen, frhlichen Viereck sah man schwarze Kpfe sich bewegen;
blauer Tabakdunst schwamm darber.

Jemand lehnte sich in die Dunkelheit hinaus; die dunkle verschobene
Gestalt, der krause Kopf, von einer Gloriole langer Haare umgeben,
verdeckte die ganze Oeffnung.

Wer da? ... wurde laut gefragt.

Von uns, schrie Jurii zurck.

Sie stiegen die Steintreppe hinauf und stieen auf einen Menschen, der
ihnen in bereitwilliger Eile die Hnde drckte.

Ich dachte schon, da Sie werden garnicht mehr kommen ... sprach er
mit stark jdischem Akzent.

Ssoloveitschik ... Ssanin, stellte von Deutz vor und drckte
freundlich die kalte, sehr zapplige Hand des Unsichtbaren.

Dieser kicherte verwirrt und schchtern.

Sehr angenehm fr mich ... Wissen Sie, ich habe doch so viel gehrt von
Ihnen und sehen Sie, -- -- -- es ist sehr ... Ssoloveitschik sprach in
der Aufregung ganz zusammenhanglos, schob sich dabei nach rckwrts,
hrte aber nicht einen Moment auf, Ssanins Hand zu drcken. Mit seinem
Rcken stie er auf Jurii und trat von Deutz auf den Fu.

Verzeihen Sie mir gtigst, Alexander Adolphowitsch, rief er Ssanin
verlassend; er klammerte sich jetzt an Deutz an.

Dadurch verwickelten sie sich alle in dem dunklen Flur, soda lange Zeit
hindurch keiner von ihnen die Tr oder einer den andern finden konnte.

Im Vorzimmer hingen auf Ngeln, die von dem ordnungsliebenden
Ssoloveitschik eigens fr diesen Abend eingeschlagen waren, Hte und
Mtzen. Auf dem Fensterbrett stand eine enge Reihe von Glsern der
verschiedensten Formen, die fr den Tee vorbereitet waren. Auch dieses
Vorzimmer war schon von Tabaksrauch durchzogen. Bei Licht besehen,
stellte sich Ssoloveitschik als ein junger Jude dar, mit schwarzen
Augen, krausem Haar, einem schnen mageren Gesicht und verdorbenen
Zhnen, die sich jeden Augenblick bei seinem schchternen, geflligen
Lcheln zeigten.

Die Eintretenden wurden von einem Chor lebhafter und heller Stimmen
empfangen.

Jurii erblickte vor allen Karssawina, die am Fensterbrett sa; sofort
nahm alles fr ihn ein besonderes freudiges Aussehen an, als wenn hier
nicht eine Zusammenkunft im dumpfen vollgerauchten Zimmer wre, sondern
ein Frhlingsfest auf einer Waldlichtung.

Sie lchelte ihm verwirrt entgegen.

Nun meine Herrschaften, nun -- -- -- wir werden wohl sein vollzhlig,
rief Ssoloveitschik; er mute seine krnkliche und unsichere Stimme
anstrengen, weil er ihr einen hellen, frhlichen Klang zu geben
versuchte. Beim Sprechen konnte er gewisse sonderbare Handbewegungen
nicht unterlassen.

Sie mssen schon mich entschuldigen, Jurii Nikolajewitsch, ich glaube,
da ich Sie habe angestoen, wendete er sich an Jurii; vor Hflichkeit
bog er sich ganz auseinander.

Tut ja nichts. Jurii ergriff ihn gutmtig an der Hand.

Alle sind wir nicht! Aber hol sie der Teufel, die andern, rief ein
gutgewachsener, hbscher Student. An seiner breiten, krftigen Stimme
konnte man gleich den sicheren, selbstbewuten Menschen erkennen.

Ssoloveitschik sprang zum Tisch und schellte schleunigst mit einer
kleinen Glocke, wobei er selbst, vergngt ber diesen kleinen Scherz,
den er seit dem Morgen vorbereitet hatte, lchelte.

Aber lassen Sie doch das! erboste sich der Student. Immer schleppen
Sie irgendwelche Dummheiten heran. Diese Feierlichkeit ist doch wirklich
berflssig.

Ich habe es nicht, -- -- -- ich wollte ... habe ja nur ...
Ssoloveitschik kicherte verlegen, steckte aber die Glocke sofort in die
Tasche.

Ich glaube, den Tisch rcken wir in die Mitte des Zimmers! sprach der
Student wieder.

Sofort ... Werde sofort ... Eilig strzte sich Ssoloveitschik auf den
Tisch und packte ihn in ohnmchtiger Anstrengung am Rande an.

Aber doch die Lampe ... Werfen Sie die Lampe nur nicht um, rief
Dubowa.

So beruhigen Sie sich doch. Es ist ja nicht so eilig, mischte sich der
Student wieder ein.

Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein, schlug Ssanin ihm liebenswrdig
vor.

Aber ich bitte sehr, sagte Ssoloveitschik so hastig, da die Worte
kaum unterscheidbar ineinander klangen.

Ssanin schob den Tisch in die Mitte des Zimmers und solange er damit zu
tun hatte, blickten alle auf seinen Rcken und seine Schultern, deren
Linien unter dem dnnen Stoff seiner russischen Bluse leicht hin und her
liefen.

Nun, Hoshijenko, Sie als Initiator des Ganzen haben die Antrittsrede zu
halten, sagte die blasse, farblose Dubowa. Aus ihren klugen, hlichen
Augen lie sich kaum ersehen, ob sie es ernsthaft meinte oder sich ber
den breiten Studenten lustig machen wollte.

Meine Herrschaften, begann Hoshijenko, indem er seine Stimme anhob.
Sie wissen alle natrlich, aus welchem Grunde wir uns versammelt haben.
Deshalb knnten wir eine Einleitung eigentlich entbehren, aber ...

Ssanin unterbrach ihn lchelnd: Ich fr meine Person wei leider nicht,
warum ich mich versammelt habe. Es hie so etwas, es wrde hier Bier
geben ... Uebrigens, die Einleitung will ich gerne entbehren.

Hoshijenko sah herablassend ber die Lampe auf ihn hin und fuhr fort:
Der Zweck unseres Zirkels ist, auf dem Wege gegenseitigen Lesens, der
Besprechung des Gelesenen, und dann des selbstndigen Referierens ...

Wie meinen Sie ... gegenseitigen Lesens, rief Dubowa dazwischen und es
war wieder nicht zu verstehen, ob sie im Ernst fragte oder zum Spott.

Der dicke Hoshijenko errtete etwas.

Ich wollte sagen ... gemeinsamen Lesens. So ist also der Zweck unseres
Zirkels, indem er beilufig die geistige Entwicklung seiner Mitglieder
frdert, die individuellen Anschauungen herauszuarbeiten, um dadurch die
Entstehung einer Parteiorganisation auf sozialdemokratischer Grundlage
in unserer Stadt in die Wege zu leiten.

Aha, schrie Iwanow gedehnt und rieb sich andauernd den Nacken, dicht
unter dem Kopfhaar, -- so luft der Hase.

Aber das kommt erst spter. Vorlufig wollen wir uns aber keine so
weiten ...

Oder engen ... brach Dubowa wieder in ihrem sonderbaren Ton
dazwischen.

... Aufgaben stellen, der dicke Hoshijenko tat, als wenn er nicht
gehrt htte, sondern werden mit der Ausarbeitung eines Leseplans
beginnen. Was auch, wie ich vorschlagen mchte, die Tagesordnung unserer
heutigen Versammlung bilden soll.

Ssoloveitschik! ... Und Ihre Arbeiter ... Werden Sie kommen? ...

Aber gewi, ja! Ssoloveitschik schnellte aus seiner gebckten Stellung
in die Hhe, als wenn ihn jemand gebissen htte und sprang mit seiner
Antwort zu Dubowa herber. Man ist sie schon holen gegangen.

Ssoloveitschik, regen Sie sich doch nicht jedesmal auf. Seien Sie doch
ruhig, bemerkte Hoshijenko in strengem Ton.

Sie kommen schon, rief Schawrow, der ernst und aufmerksam fast mit
ehrfurchtsvoller Miene den Ausfhrungen Hoshijenkos zugehrt hatte.

Hinter dem Fenster ertnte das Knarren der Pforte und gleich darauf
wieder das heisere Bellen des Hundes.

Ssoloveitschik sprang impulsiv mit unverkennbarem Entzcken aus dem
Zimmer.

Sultan, ... still ... schrie er schrill von der Steintreppe herab.

Man hrte schwere Schritte, Stimmen und Husten.

Ein kleiner Student der technischen Hochschule, der Hoshijenko ziemlich
hnlich sah, nur da er brnett und hlich war, trat ein; hinter ihm
kamen verwirrt und ungeschickt zwei Arbeiter. Ueber ihre schmutzigen
roten Hemden hatten sie Jacken gezogen; ihre Hnde sahen schon von
weitem geschwrzt aus.

Der eine von ihnen war hoch gewachsen, hager mit bart- und blutlosem
Gesicht, auf dem die langjhrige Unterernhrung, die ewige Sorge und der
tief in die Seele eingeprete Grimm unverwischbare Furchen gezogen
hatten. Der andere sah wie ein Athlet aus, war breitschultrig,
kraushaarig und schn; er machte den Eindruck eines Bauernburschen, der
zum ersten Mal in die fremden stdtischen Verhltnisse, in denen ihm
zunchst noch alles lcherlich vorkommt, untergetaucht war. Hinter ihnen
schlpfte, sich mit der Seite voranschiebend, Ssoloveitschik durch.

Meine Herrschaften, nun ... wollte er feierlich beginnen.

Wie gewhnlich fiel ihm Hoshijenko nervs ins Wort:

Aber lassen Sie doch! Dann fuhr er selbst fort: Guten Abend,
Genossen.

Der Technologe bernahm sofort die Vorstellung: Erlauben Sie, hier
Piszow und dies Kudriawi.

Schwer und vorsichtig schritten die beiden Arbeiter durch das Zimmer und
schttelten verlegen die Hnde, die ihnen von den meisten Anwesenden mit
besonderer Zuvorkommenheit entgegengereicht wurden.

Piszow, der Bauer, lchelte unentschlossen und Kudriawi -- er war mager
und bla -- machte mit dem langen, dnnen Hals Bewegungen, als wenn er
an dem engen Hemdkragen ersticken mte.

Dann setzten sie sich nebeneinander ans Fenster zu Karssawina, die auf
dem Fensterbrett hockte.

Aber warum ist denn Nikolajew nicht gekommen? ... fragte unzufrieden
Hoshijenko.

Nikolajew konnte nicht! antwortete zuvorkommend Piszow.

Nikolajew ist besoffen wie ein Stint, fiel ihm dster und abgerissen
Kudriawi ins Wort, wobei er eigentmlich nervs mit dem Hals zuckte.

Ah so, ... so ... Hoshijenko nickte ungeschickt mit dem Kopf.
Unwillkrlich erschien Jurii Swaroschitsch diese Bewegung widerwrtig,
und von diesem Augenblick an sah er in dem Studenten seinen persnlichen
Feind.

Also whlte er den besseren Teil, bemerkte Iwanow in tiefem
Nachdenken. Der Hund schlug im Hofe an.

Noch einer, sagte Dubowa.

Wenn nicht zu guter Letzt die Polizei ... meinte mit gemachter
Nachlssigkeit Hoshijenko.

Das wrde Ihnen wohl ganz gut in den Kram passen, wenn es die Polizei
wre, versetzte sofort Dubowa.

Ssanin blickte auf ihre intelligenten Augen, die aus ihrem hlichen
Gesicht interessiert hervorsprangen. Sie nicht allein verfeinerten es;
auch der helle Zopf, der ber die Achsel auf die Brust geworfen war,
umrahmte es sehr niedlich von der Seite ... Welch ein famoses Mdchen,
dachte Ssanin, ohne die Augen von ihr abzuwenden.

Ssoloveitschik wollte wieder in die Hhe fahren, erschrak aber
rechtzeitig und tat, als ob er auf dem Tisch nach einer Zigarette
suchte. Aber Hoshijenko, der wie gespitzt auf jede seiner Bewegungen zu
lauern schien, hatte es auch diesmal wieder bemerkt und machte eine
abweisende strenge Geste, durch die seine Antwort auf Dubowas Einwurf
abgelenkt wurde. Ssoloveitschik klappte unter ihr pltzlich zusammen;
ihm schien das Verstndnis aufzudmmern, da sein einfacher Wunsch,
allen Menschen zu helfen und gefllig zu sein, bei weitem keine so
schroffe Zurckweisung verdiente.

Vielleicht kmmern Sie sich nicht in einem fort um Ssoloveitschik,
rief Dubowa zu Hoshijenko herber. Seien Sie doch ruhig.

Rasch und lrmend trat Nowikow ins Zimmer.

Nun, da bin ich, bemerkte er mit freudigem Lcheln.

Das konstatieren wir, Ssanin nickte ihm zu.

Nowikow lchelte verlegen und flsterte ihm beim Hndedruck eilig und
wie zu seiner Rechtfertigung ins Ohr:

Lydia Petrowna hat Besuch bekommen.

Na, sollen wir uns auch weiterhin mit Privat-Unterhaltungen
unterhalten, fragte wtend der Technologe.

Beginnen wir doch meinetwegen!

Hatten Sie denn noch garnicht begonnen? erkundigte sich Nowikow
erfreut, whrend er den Arbeitern, die eilig vor ihm aufgestanden waren,
die Hnde drckte.

Es war ihnen peinlich, da ihnen der Arzt, der sie im Krankenhaus von
oben herab behandelte, jetzt die Hand als Genosse reichte.

Ja, mit Ihnen soll einer anfangen, zischte Hoshijenko unangenehm durch
die Zhne. Dann fuhr er fort:

Also, meine Herrschaften, uns allen wre es natrlich erwnscht, unsere
Weltanschauung zu erweitern. Da wir nun glauben, da die beste
Mglichkeit der Selbstentwickelung und Selbstbildung durch
systematisches, gemeinsames Lesen und durch Gedankenaustausch ber das
Gelesene gegeben wird, so haben wir beschlossen, einen kleinen Zirkel zu
bilden ...

So ... Piszow atmete begeistert auf und lie seine freudig glnzenden
Augen ber alle Kpfe gleiten.

Die Frage dreht sich nur noch darum, was wir jetzt lesen sollen.
Vielleicht ist jemand bereit, ein Programm vorzuschlagen.

Schawrow zupfte an seiner Brille herum, dann erhob er sich langsam, ein
Heft in der Hand.

Ich glaube, begann er mit trockener, langweiliger Stimme, da wir
unser Lesen unbedingt in zwei Teile zerlegen mssen, wie? Es ist
unzweifelhaft, da sich jede Bildung aus zwei Teilen zusammensetzt, aus
der Kenntnis des Lebens, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, und der
Kenntnisse der Lebensvorgnge als solcher.

Schawrow spricht gescheiter, bemerkte Dubowa.

Das erstere wird durch das Lesen von Bchern erreicht, die
Naturwissenschaften zur Grundlage haben, das zweite durch Lektre
knstlerischer Literatur, und die wird uns mitten in das Leben
einfhren.

Dubowa konnte nicht zur Ruhe kommen: Wenn wir so langsam
weitersprechen, schlafen wir alle ein. In ihren Augen leuchtete
zrtlicher Spott wie ein lustiges Feuer auf.

Ich bemhe mich, so zu sprechen, da mich alle verstehen knnen, wie?
erwiderte Schawrow sanftmtig.

Nun, Gott mit Ihnen, sprechen Sie schon, wie Sie wollen. Dubowa machte
eine wegwerfende Handbewegung. Auch Karssawina lachte zrtlich ber
Schawrow und warf vor Lachen den Kopf so weit in den Nacken zurck, da
sich ihr voller, weier Hals zeigte.

Ich habe ein Programm zusammengestellt, aber vielleicht wrde es
langweilig sein, es vorzulesen. Darum mchte ich zunchst vorschlagen --
zu -- lesen: Der Ursprung der Familie von Engels, und daneben: Darwin,
und als Belletristisches: Tolstoi.

Tolstoi gewi. Zum ersten Mal beteiligte sich von Deutz, der bis
dahin, nur neugierig auf alles starrend, Zigaretten geraucht hatte, an
der Diskussion. Auch jetzt zndete er sich, sehr befriedigt von seinem
Einwurf, eine neue Zigarette an.

Schawrow wartete, Gott wei warum, bis die Zigarette in Brand gesetzt
war, dann fuhr er methodisch fort:

Tschechow, Ibsen, Knut Hamsun ...

Aber das hat man doch schon lngst gelesen! Karssawina war sehr
erstaunt. Jurii lauschte mit Freude ihrer klingenden Stimme und schlo
sich ihr sofort an:

Selbstverstndlich! Schawrow vergit ganz, da er hier nicht bei seinen
Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das fr eine komische
Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsun.

Schawrow fhrte ruhig und weitschweifig einige Einwnde zur Verteidigung
seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich
sagen wollte.

Nein, widersprach ihm Jurii laut und entschieden, whrend er den Blick
Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fhlte und darber froh wurde.
Ich kann da nicht zustimmen.

Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je lnger er sprach, um so
mehr gab er sich Mhe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er sprte, da
es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen
Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wre.

Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit
scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich fr gebildeter, intelligenter
und vor allem fr einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte
er diesen Zirkel nur gegrndet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu
spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berhrte ihn unangenehm und zwang
ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher
nicht bekannt gewesen, und er war daher nicht fhig, sie in vollem
Umfange zu bekmpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und
strzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende
garnicht vorauszusehen war, schlo sich an. Der Technologe, Iwanow,
Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den
Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein
unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr
herausfinden konnte.

Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der
Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhrte, ffnete ihr
Fenster zum Vorgrtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der
Brust verschrnkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt,
durch die nchtliche Finsternis.

Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmhlich traten aus dem
schwarzen Dunkel die trchtigen Bume, der beleuchtete Vorgartenzaun und
weiter hinten ein trb schwankender Lichtfleck, der ber das Gras auf
den Fupfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab
ihr Schultern und Nacken mit khlen Strichen, -- leise bewegte er zarte,
einzelne Hrchen an ihrer Schlfe. Karssawina hob den Kopf und
unterschied in der allmhlich klarer werdenden Finsternis den
unaufhrlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte
ber Jurii, ber ihre Liebe nach und glckliche schwere Gedanken
erfllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schn, hier zu
sitzen, sich mit dem glhenden Krper der Nacht hinzugeben und dabei mit
ganzem Herzen der einen aufreizenden Mnnerstimme zuzuhren, die fr sie
ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang.

Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lrmen; es stellte sich
immer klarer heraus, da jeder einzelne sich fr gebildeter und
intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein
schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten
erbitterte.

Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann mssen wir auf den Urgrund
aller Ideen zurckgehen. Jurii schrie es mit hartnckiger Anstrengung,
-- einen gleichen hartnckigen Glanz in den Augen. Er frchtete, in
Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung
zurckweichen zu mssen. Er wute nicht, da sie ganz allein auf seine
Stimme hrte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte
zu achten.

Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen? fragte Hoshijenko
spttisch.

Meiner nach? ... Nun, Confucius, das Evangelium, den Ecclesiast ...

Hoshijenko lchelte schadenfroh; dachte aber garnicht daran, da er
bisher noch kein einziges dieser Bcher gelesen hatte.

Aber was wollen Sie denn? ... Das geht doch nicht, wie? meinte
Schawrow gedehnt.

Die Psalter und das Leben der Heiligen ... nur los! bemerkte ironisch
der Technologe.

Wie in der Kirche, kicherte Piszow.

Jurii wurde vor Wut dunkelrot.

Ich scherze nicht. Wollen Sie logisch sein ...

Und was erzhlten Sie vorhin ber Christus? ... fiel ihm von Deutz
triumphierend ins Wort.

Was ich gesagt habe? ... Wenn man an das Studium des Lebens herangeht,
so, -- -- so will man sich eine bestimmte Weltanschauung bilden, um die
gesamten Beziehungen zwischen sich und den Menschen zu klren. Dann ist
doch wohl das Richtigste: zunchst hlt man sich bei der titanischen
Arbeit jener Menschen auf, die die besten Reprsentanten des
Menschengeschlechts waren. Sie haben ja in ihrem eigenen Leben alles
getan, um die verschiedensten Zusammenhnge in der menschlichen
Gesellschaft von den einfachsten bis zu den kompliziertesten, zu prfen
und festzustellen.

Hoshijenko, der die ganze Zeit ber wie gespannt sa, fiel ihm jetzt
gewaltsam ins Wort: Bitte sehr, ich erklre mich damit durchaus nicht
einverstanden. Bitte, ich kann das unter keiner Bedingung zugeben.
Nowikow berschrie ihn: Aber ich bin ganz derselben Meinung. Sehr
richtig war das.

Wieder entstand ein sinnloser, brutaler Wirrwarr der Reden, in dem man
weder Anfang noch Ende einer Ansicht herausfinden konnte.

Ssoloveitschik, der sofort, als die anderen zu sprechen begannen, sich
schweigend in die Ecke gesetzt hatte, achtete intensiv auf jedes Wort.
Zuerst lag auf seinem Gesicht ungeteilte Aufmerksamkeit, die in ihrem
Ernst fast kindlich wirkte. Dann schrfte sich in seinen Mienen mehr und
mehr der Zug voller Verstndnislosigkeit und innigen Leides.

Ssanin schwieg, trank Tee und rauchte. Man konnte Aerger und Langeweile
aus ihm herauslesen. Als nun gar gehssige Nuancen das wirre Geschrei
durchtnten, erhob er sich, drckte seine Zigarette aus und sagte:

Ja, wit ihr, Herrschaften, eure Geschichte hier wird mit der Zeit
langweilig.

Wirklich. Von ganzem Herzen langweilig, untersttzte ihn Dubowa.

Oh Eitelkeit aller Eitelkeiten, Qual fr den Geist! sprach Iwanow in
einem Ton, als ob er diese Phrasen die ganze Zeit auf der Zunge gehabt
und nur auf die Gelegenheit gewartet htte, sie anzubringen.

Und weshalb finden Sie das, fragte wtend der brnette Technologe.

Ssanin schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und wendete sich an Jurii:
Glauben Sie ernsthaft, da man sich nach irgend welchen Bchern eine
gewisse Weltanschauung aufbauen knne?

Aber gewi!

Ganz im Gegenteil. Wenn dem so wre, mte man ja die ganze Menschheit
auf eine Form bringen knnen. Man brauchte ihr nur Bcher von einer
Richtung zu lesen geben. Nein, die Weltanschauung wird nur vom Leben
selbst gestaltet. In dem ist die Literatur und selbst das menschliche
Denken ein verschwindender Teil. Die Weltanschauung ist keine Theorie
des Lebens. -- -- Nein, gewi nicht! Ganz allein die -- nun, warten Sie,
-- die Stimmung der einzelnen Persnlichkeit. Und diese Stimmung wird so
oft wechseln, solange der Mensch seine lebende Seele besitzt. Folglich
kann es berhaupt nicht eine singulre, abgeschlossene Weltanschauung
geben, fr die sie so energisch eintreten knnten.

Aber wieso denn nicht, rief Jurii emprt. Wieder trat auf das Gesicht
Ssanins der Ausdruck von Langeweile.

Natrlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie mglich
wre, so mte ja unser Denken vllig zum Stillstand kommen. Aber das
gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein
neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort mu man hren, ohne sich
vorher durch Begrenzungen festzulegen. -- -- Wozu brigens darber
diskutieren, fiel er sich pltzlich, ber seine Interessiertheit
erstaunt, selbst in die Rede. Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch
eins mchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, -- Sie haben doch
wahrscheinlich schon hunderte von Bchern gelesen, vom Ecclesiast bis
auf den Marx -- noch keine Weltanschauung gebildet.

Ich htte mir keine gebildet? ... Jurii fhlte sich tief verletzt.
Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend
ist sie.

Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ...

Piszow kicherte. Eh, du! herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an,
drohend den Hals anreckend.

Mit naivem Entzcken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, -- -- -- wie
klug er doch ist, dachte sie.

Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Krper durchwhlte ein
schamhaftes, frohes Gefhl, das ihr aber nicht bewut wurde. Als wenn
sich diese beiden nicht aus allgemeinen Grnden stritten, sondern nur,
um vor ihr zu glnzen.

Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne
jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz
klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen
und anzunehmen; dabei frchtet jeder, da man ihn selbst berreden
knnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist de und platt.

Erlauben Sie mal, schrie Hoshijenko.

Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben,
sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Bchern in der Hand
gehabt. Und doch regen Sie sich darber auf, da nicht alle so denken,
wie Sie. Auerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen
Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte.

Hoshijenko schwieg verwundert, als ob ihm etwas ganz Unerhrtes gesagt
worden wre.

Jurii Nikolajewitsch, fuhr Ssanin lustig fort, seien Sie mir nicht
bse, wenn ich Ihnen vorhin etwas derb gekommen bin. Ich sehe, da in
Ihnen tatschlich ein Zwiespalt vorgeht.

Jurii errtete; er war unsicher, ob er sich verletzt fhlen msse oder
nicht. Wieso? ... Weshalb ein Zwiespalt? ... Ebenso wie auf dem
Herwege berhrte ihn auch jetzt die zrtliche, beruhigende Stimme
Ssanins angenehm.

Das wissen Sie doch selbst, erwiderte ihm Ssanin lchelnd. Und auf
dieses kindische Unternehmen hier, da, wirklich, da mu man einfach
spucken; sonst lt man es sich tatschlich noch zu nahe gehen.

Hren Sie mal, schrie Hoshijenko wieder tief errtend. Sie erlauben
sich aber zu viel.

Weniger als Sie.

Was -- als ich?

Denken Sie nur, sagte Ssanin lustig. In jedem Ihrer gehssigen Worte
liegt sicher viel mehr Grobheit und Taktlosigkeit, als in einem
vergngten von mir.

Ich verstehe Sie nicht!

Das ist nicht meine Schuld.

Was?

Ohne zu antworten, nahm Ssanin den Hut und sagte: Ich gehe fort. Das
wird wirklich zu uninteressant.

Eine gute Tat. Und Bier gab es auch nicht mal, stimmte ihm Iwanow bei
und ging ins Vorzimmer hinaus.

Dubowa stand ebenfalls auf: Ja, aus der Sache wird wohl nichts werden.

Kommen Sie mit, Jurii Nikolajewitsch? wendete sich Karssawina an
diesen. Auf Wiedersehen, sie reichte Ssanin die Hand. Fr eine Minute
trafen sich ihre Blicke, unwillkrlich wurde sie betroffen.

Beim Fortgehen sagte Dubowa: Der Zirkel ist verwelkt, bevor er geblht
hat.

Aber warum denn nur, fragte traurig und ratlos Ssoloveitschik, der
allen wie ein Pfahl im Wege stand.

Erst in diesem Augenblick erinnerte man sich an ihn; der sonderbare
Ausdruck seines Gesichts fiel ihnen auf.

Hren Sie, Ssoloveitschik, sagte nachdenklich Ssanin. Ich mchte
einmal zu Ihnen kommen. Mich mit Ihnen ein bichen persnlich
unterhalten.

Ich bitte recht sehr ... Ssoloveitschik verbeugte sich hocherfreut.

Auf dem Hofe schien es nach der Helle des Zimmers so dunkel, da man die
Nebenstehenden garnicht bemerken konnte, man hrte nur laute Stimmen um
sich.

Die Arbeiter gingen abseits von den anderen. Als sie schon in der
Finsternis untergetaucht waren, sagte Piszow:

So geht's doch ein fr alle Mal. Ich mchte mal sehn, ob's nicht immer
dasselbe ist. Da laufen die Herrschaftens nun zusammen und wollen ne
Sache machen. Und was? ... Jeder will's in seine Hnde kriegen. Aber
dieser gesunde Kerl da, der, der da immer zuletzt red'te, Donnerwetter,
der macht Laune.

Na, du hast auch 'ne Ahnung, wenn gebildete Leute unter sich zu reden
haben, erwiderte Kudriawi und drehte wieder seinen Hals als wenn er
einen Erstickungsanfall bekme. Seine Stimme war stumpf und erbittert.

Piszow pfiff selbstsicher und spttisch.




                                  XXV


Ssoloveitschik stand noch ziemlich lange unbeweglich auf der Steintreppe
und starrte in den sternenlosen Himmel; mechanisch rieb er die mageren
Finger gegeneinander.

Der Wind bog hinter den schwarzen Scheunen und Schuppen, an deren
Eisenpfosten er klirrte, die Wipfel der Bume, die sich wie Gespenster
lautlos drngten, hin und her; ber ihnen zogen Wolken in furchtbarer
Hast, wie von einer unwiderstehlich mchtigen Bewegung erfat, vorbei.
Ihre schwarzen Massen bauten sich schweigend am Horizont auf, trmten
sich in unerreichbare Hhen; pltzlich brachen sie weit in der Ferne in
einem jhen Abgrund nieder. Man htte glauben knnen, da ihre
unbersehbaren Regimenter hinter dem weiten Rand der Erde ungeduldig
warteten und eins nach dem andern mit wehenden, dumpf grauen Fahnen in
eine phantastische Schlacht zge. Ab und zu drhnte mit dem ruhelosen
Wind das Tosen und Wuchten ihres Kampfes herber.

Mit kindlicher Furcht blickte Ssoloveitschik hinauf; niemals frher
hatte er so stark als in dieser Nacht empfunden, wie klein und
ohnmchtig, fast garnicht existierend er sich inmitten dieses
grandiosen, sich verschlingenden Chaos ausnahm.

-- -- -- Oh Gott, Gott, seufzte er und sein Herz krmmte sich vor
Trauer.

Angesichts des Himmels und der tiefen Nacht war er nicht mehr derselbe
wie unter den Augen der Menschen. Die hastige Geflligkeit der
verzerrten Bewegungen war in irgend eine Tiefe versunken, die hlichen
Zhne, die den Eindruck eines fletschenden alten Kters hervorriefen,
verbargen sich hinter den dnnen Lippen eines jungen Juden; seine
schwarzen Augen blickten traurig und ernst.

Langsam ging er ins Zimmer zurck, lschte eine berflssige Lampe aus,
rckte ungeschickt den Tisch an seinen alten Platz und setzte die Sthle
mit peinlicher Mhe zurecht. Durch die Zimmer zogen noch immer Schwalme
dnnen Tabaksrauches, auf dem Boden lag viel Schmutz, zertretene
Zigarettenstummel und abgebrannte Streichhlzer.

Ssoloveitschik holte den Besen und fegte das Zimmer aus. Wie immer
bemhte er sich, den Ort, wo er wohnte, mit einer seltsamen,
nachdenklichen Liebe so schn und gemtlich als mglich zu machen. Dann
brachte er aus der Kammer einen alten Eimer mit Schmutzwasser, krmelte
noch Brod hinein und ging ber den dunklen Hof, wobei er, um das
Gleichgewicht zu halten, gezwungen war, den ganzen Krper auszurecken,
die Fe in trippelnden Schritten voreinanderzusetzen und mit dem freien
Arm hin und herzuschlenkern.

Um sich ein wenig Licht zu schaffen, hatte er die Lampe auf das
Fensterbrett gestellt; dennoch war es im Hof dunkel und bnglich.
Ssoloveitschik war froh, als er an der Htte Sultans angelangt war.

Der zottige Hund kroch ihm keuchend entgegen und rasselte traurig mit
der eisernen Kette.

Ah Sultan, still, schrie Ssoloveitschik, um sich an seiner eigenen
lauten Stimme zu beruhigen. In der Finsternis stie ihn der Hund mit der
nassen, kalten Schnauze an die Hand.

Hier, hier, Ssoloveitschik stellte den Eimer nieder.

Sultan glubschte und prustete im Eimer und Ssoloveitschik stand neben
ihm; er lchelte traurig in die Finsternis hinein.

-- -- -- Was kann ich tun, dachte er, kann ich denn die Menschen
zwingen, anders zu denken, als sie Lust haben? Ich hatte selbst
geglaubt, von ihnen zu hren, wie man leben und denken soll. Gott gab
mir keine Prophetenstimme ... Was mu ich also tun ...

Sultan knurrte freundlich.

Fri schon, fri, ... ja, ja, ist ja gut ... Ich mchte dich schon von
der Kette losmachen, damit du ein bichen herumlaufen kannst, aber ich
habe keinen Schlssel. So bin ich zu schwach.

-- -- -- Was fr kluge, wunderbare Menschen das sind ... Und wieviel sie
wissen ... Und dennoch ... Oder vielleicht bin ich selbst schuld. Ich
mte ein einziges Wort sagen. Und doch, ... dieses Wort fand ich nicht.
-- --

Fern hinter der Stadt erklang ein gedehntes trbseliges Pfeifen. Sultan
hob den Kopf und lauschte. Man konnte hren, wie von seiner Schnauze
schwere Tropfen klingend in den Eimer fielen.

Aber fri doch weiter, da pfeift der Zug ...

Sultan seufzte schwer.

-- -- -- Und werden einmal die Menschen so leben knnen ... oder
vielleicht knnen sie es garnicht. -- -- -- Ssoloveitschik sprach diesen
letzten Satz laut in die Luft.

Ein endloses Menschenheer, das aus der Finsternis heraufstieg und wieder
in sie hineinwallte, schob sich pltzlich an seinen Augen vorber. Eine
Reihe von Jahrhunderten ohne Anfang und Ende, eine Kette von Leiden ohne
Lichtstrahl, ohne Sinn, ohne Erlsung ... Und oben, wo Gott thront,
herrscht ewiges Schweigen. -- -- --

Sultan klapperte mit dem leeren Eimer, stie ihn um und wedelte unter
schwachem Kettengeklirr mit dem Schwanz.

Nu, ... hast du gefressen, ... nu ...

Ssoloveitschik streichelte den rauhen Rcken, fhlte einen Augenblick an
der Hand den lebendigen, sich zrtlich biegenden Krper und ging ins
Haus.

Weit hinter ihm klirrte Sultan mit der Kette; auf dem Hof war es etwas
heller, aber gerade dagegen erschien das alte, schwarze Gebude der
Mhle mit dem zum Himmel ragenden Schornstein und dem schmalen,
sargartigen Schuppen noch dunkler und furchtbarer. Ein schmaler
Lichtstreifen schob sich vom Fenster durch das Vorgrtchen. Schwankende
Kpfe zarter Blumen hoben sich von ihm ab, bewegten sich unter dem
schwarzen Himmel, der seine grauen Fahnen unendlich entfaltet hatte,
gengstigt hin und her, als wenn sie die dumpfe Ahnung des Sterbens
heranschleichen fhlten.

Ssoloveitschik ging ins Zimmer; er war von der erdrckenden Trauer,
etwas unwiderbringlich verloren zu haben und jetzt ganz einsam zu sein,
durchdrungen. Er setzte sich an den Tisch und begann langsam und schwer
zu weinen.




                                  XXVI


Gewaltsam waren den mden Sinnen immer neue Gensse abgetrotzt worden
und doch reagierte der Krper, den die Ausschweifungen bis zu Schmerzen
gepeinigt hatten, immer von neuem auf die eine Tatsache: Weib! ...

Das Weib stand vor Woloschin nur nackt, stets zugnglich; in jedem
Augenblick seines Lebens setzten Frauenkleider, die sich vollen,
biegsamen Figuren eng anschmiegten, seine Nerven in Spannung, bis seine
Knie scharf erzitterten und alle Muskeln an ihm zerrten.

In Petersburg hatte er einen ganzen Haufen luxuriser und gutgepflegter
Weiber zurckgelassen, die in jeder Nacht seinen Krper mit den
raffiniertesten Perversitten aufpeitschten. Am Tage lag in seinen
Hnden die Leitung eines wichtigen, umfangreichen Werkes, von dem die
Existenz vieler Menschen, die fr ihn arbeiten muten, abhngig war;
doch sobald er es gegen Abend verlie, strzten sich alle seine Gedanken
auf das eine Ziel: Weib! ...

Als er wenige Tage zuvor von Petersburg abgereist, weil in seiner Fabrik
ein umfangreicher Streik eingesetzt hatte, entstanden vor seinen Augen
welke Trume von blutjungen, unberhrten Frauen kleiner Provinznester.
Er stellte sie sich scheu und ngstlich, saftig wie Waldpilzchen vor,
und schon von der Ferne her sog er gierig ihren aufreizenden Duft von
Jugendfrische und Reinheit in sich ein.

Nachdem er die Verbindungen mit den hungrigen, schmutzigen und innerlich
erbitterten Leuten frei zerrissen hatte, erfrischte er seinen
bleichschtigen, zermrbten Krper mit Parfms und der schneeweien
Sauberkeit eines hellen Kostms, nahm eine Droschke und fuhr zu Sarudin.
Auf dem Wege zu ihm zitterte er fast vor Ungeduld, obgleich ihn seine
Gesellschaft eigentlich chokierte.

Der Offizier sa am Fenster zum Garten, trank kalten Tee und bemhte
sich, in bessere Stimmung zu kommen.

... Ein sehr schner Abend, wiederholte er sich mechanisch, aber er
konnte seine Gedanken nicht an diesen einfachen Phrasen festhalten; er
war mit sich selbst unzufrieden; er schmte sich.

Er frchtete Lyda. Seit dem Tage ihrer Auseinandersetzung hatte er sie
nicht mehr gesehen. Sie stand jetzt ganz anders vor seinen Augen, als in
der Zeit ihrer Hingabe.

... Wie dem auch sein mag; die Sache ist sicher noch nicht zu Ende. Man
mu auf irgend eine Weise das Kind los werden. Oder ... sollte man
einfach darauf spucken? ...

... Was mag sie jetzt tun? ... Vor ihm tauchte das hbsche Gesicht des
Mdchens auf, aber mit drohendem, rachschtigem Ausdruck, mit
festzusammengepreten Lippen und seinen rtselhaften Augen.

... Und wenn sie mir hier einen Tanz auffhren wird. -- So Eine, wie
sie, lt die Geschichte nicht ruhig ablaufen ... Ich mte doch
eigentlich etwas ...

Das Gespenst eines entsetzlichen Skandals, der sich in seiner Form noch
gar nicht voraussehen lie, tauchte vor ihm auf; sein Herz begann feige
schneller zu schlagen.

... Aber am Ende, fragte er sich immer, was kann sie denn schlielich
tun ... Nichts! ... Dann erhellte sich etwas in seinem Hirn, alles wurde
klar und einfach, und er war zuletzt berzeugt, da nichts passieren
wrde.

... Sie ersuft sich? ... Nun, mag sie der Teufel holen ... Ich habe sie
auch nicht mit Gewalt zu mir hergeschleppt. Sie sagt, da sie nicht
meine Geliebte war ... Was bedeutet das viel? ... Das Ganze zeigt doch
nur, da ich ein hbscher Kerl bin. Da ich sie heiraten werde, habe ich
niemals versprochen.

... Sonderbar, bei Gott! ... Sarudin zuckte mit den Achseln; wieder
legte sich in diesem Moment der trbe, bange Druck in seine Seele ...
Aber doch, auf jeden Fall gibt's Klatschereien, ... ich werde mich schon
nirgends mehr zeigen drfen ... Ein wenig zitternd fhrte seine Hand das
Glas mit kaltem Tee zum Mund.

Er war ebenso reinlich und hbsch wie immer, aber zumute war ihm, als
wenn auf ihm, auf seiner ganzen Persnlichkeit, auf dem Gesicht, dem
schneeweien Kittel, den Hnden, ja selbst auf dem Herzen ein
schmutziger Fleck lge, der langsam weiter um sich frit.

... Eh, das geht schon mit der Zeit vorber, ist ja nicht das erste Mal,
trstete er sich. Doch in seinem Innern wollte sich das unbekannte
Gefhl nicht damit beruhigen lassen.

Woloschin trat ein, scharrte mit den Stiefelsohlen und zeigte
nachsichtig die kleinen Zhne in einem zufriedenen Lcheln. Mit einem
Mal erfllte sich das ganze Zimmer mit dem Geruch von Parfms, Tabak und
Moschus, der den Duft des grnen Gartens und der Khle ablste.

Ah, Pawl Lwowitsch, Sarudin erschrak etwas.

Woloschin begrte ihn, setzte sich ebenfalls ans Fenster und zndete
eine Zigarre an. In Sarudins Augen schien er so selbstsicher, so
elegant, da dieser leichten Neid darber empfand. Aus allen Krften
bemhte er sich, ein ebenso sorgloses und keckes Aussehen zu gewinnen.
Aber seine Augen liefen die ganze Zeit ruhelos umher. Seitdem ihm Lyda
das Wort Rindvieh ins Gesicht geschleudert hatte, kam es ihm vor, da
jeder Mensch davon wte und innerlich ber ihn spottete.

Mit Lcheln und alten, aber ungeschickten Witzen begann Woloschin ber
Kleinigkeiten zu schwtzen, doch wurde es ihm schwer, den Ton aufrecht
zu halten; das ungeduldige Verlangen nach dem Worte _Weib_ prete sich
bald durch alle seine Witze, die Erzhlungen von Petersburg und den
Streik in seiner Fabrik.

Er wollte die Pause, die durch das Anrauchen einer neuen Zigarre
entstanden war, ausnutzen, schwieg aber noch eine Weile und blickte
Sarudin zunchst nur ausdrucksvoll ins Gesicht.

Etwas Schlpfrig-Schamloses glitt aus seinem Blick in die Augen des
Offiziers herber, und dieser verstand ihn sofort. Woloschin rckte sein
Pincenez zurecht und lchelte weiter. Sofort spiegelte sich dieses
Lcheln auf dem hbschen Gesicht Sarudins wieder; doch dadurch nahm es
einen frechen Ausdruck an.

Sie verlieren hier Ihre Zeit wohl auch nicht, fragte Woloschin, ein
Auge listig und bestimmt zusammenkneifend.

Sarudin antwortete mit einer prahlerisch wegwerfenden Bewegung der
Schultern:

Das ist so schon Sitte. Was sollte man hier auch anderes tun.

Sie lachten und schwiegen. Woloschin erwartete gierig Details; unter
seinem linken Knie zog sich krampfhaft eine kleine Ader an. Aber Sarudin
dachte wiederum nicht mehr an die Einzelheiten, die Woloschin meinte,
sondern an all das, was ihn seit Tagen qulte.

Er wandte sich ein wenig zum Garten hinaus und trommelte mit seinen
Fingern unruhig auf dem Fensterbrett.

Der Besuch wartete schweigend, und Sarudin empfand die Notwendigkeit,
wieder in den eingeschlagenen Ton hineinzukommen.

Ich wei, begann er mit gemachter Selbstsicherheit. Ihr von der
Hauptstadt meint, die hiesigen Frauen htten was Besonderes. Aber ihr
irrt euch gewaltig. Allerdings die haben Frische, doch dafr fehlt ihnen
die Eleganz, ... wie sollte ich es sagen ... nun -- die Kunst, zu
lieben.

Woloschin bebte im Augenblick. Seine Stimme nahm einen anderen Klang an:

Ja, allerdings ... Aber auch das wird schlielich langweilig. Unsere
Damen aus Petersburg haben keinen Krper, verstehen Sie ... Das sind
Nervenknuel, und weiter nichts, whrend hier ...

Das ist schon wahr, gab Sarudin zu. Unmerklich wurde er aufgeheitert,
behaglich drehte er seinen Schnurrbart.

Ziehen Sie der elegantesten Hauptstdterin das Korsett vom Leibe und
Sie sehen dort ... Halt, hier haben Sie's ... Kennen Sie den neuesten
Witz? ...

Welchen. Ich kenne ihn gewi noch nicht. Sarudin beugte sich mit
entflammtem Interesse vornber.

So ... er ist recht bezeichnend. Eine Pariser Kokotte ... und
Woloschin erzhlte ausfhrlich und kunstgerecht eine raffiniert
schamlose Geschichte, in der gemeine Gier und magere Frauenbrste zu
einem so berckenden und benebelnden Bild ineinandergriffen, da Sarudin
nervs zu lachen und sich hin- und herzuwerfen begann, als wenn er am
Spiee steckte.

Ja, das Allerwichtigste bei den Weibern sind die Brste. Eine Frau mit
mangelhafter Bste existiert einfach nicht fr mich, schlo Woloschin
und klappte seine Augen, die sich mit einer weien Hlle zu berziehen
schienen, nach oben.

Sarudin kam Lydas Brust in Erinnerung, zart, hell, rosig, mit
elastischen Wlbungen, die wie Trauben einer unbekannten herrlichen
Frucht aussahen. Er erinnerte sich, wie sie stets danach lechzte, da er
ihre Brust kte. Pltzlich wurde es ihm peinlich, mit Woloschin weiter
darber zu sprechen, gleichzeitig auch schmerzlich zumute, da nunmehr
alles vorbei war und nicht zurckkehren wrde.

Doch berzeugt, da dieses Gefhl eines Mannes und Offiziers unwrdig
sei, erwiderte er gleich darauf mit unnatrlicher Uebertreibung:

Jeder hat seinen Gott! Fr mich ist an der Frau der Rcken, wissen Sie,
so -- seine Biegung das Wichtigste.

Ja, meinte nervs gedehnt Woloschin, bei einigen Frauen, besonders
bei sehr jungen ...

Der Bursche, der die Lampe anstecken wollte, trampelte mit seinen
plumpen Kommistiefeln herein. Solange er sich am Tische zu schaffen
machte, mit dem Zylinder klirrte und Streichhlzer anrieb, schwiegen
Woloschin und Sarudin; bei dem aufflammenden Lampenlicht sah man nur
ihre glnzenden Augen und die krankhaft aufzuckenden Zigarettenfeuer.

Nachdem er fortgegangen war, griffen sie sofort wieder dasselbe Thema
auf; das Wort Weib hing nackt und schamlos, zu perversen, fast sinnlosen
Formen ausgezogen, in der Luft. Die Renommiersucht des Mnnchens packte
Sarudin. Das unertrgliche Verlangen, Woloschin zu berbieten, ri ihn
fort; um sich zu rhmen, welch prachtvolles Frauenzimmer ihm gehrt
hatte, fing er an von Lyda zu sprechen und enthllte mit jedem Wort die
geheimen Quellen seiner Lust mehr und mehr. In vlliger Nacktheit stand
Lyda vor Woloschins Augen; in den sesten Geheimnissen ihres Krpers
und ihrer Leidenschaften entblt, wie ein Vieh, das zum Markt getrieben
und durch den Dreck geschleift wird. Die Gedanken dieser Mnner krochen
ber sie dahin, beleckten sie, kneteten ihren Krper, ihre Triebe,
verspotteten sie nach ihren augenblicklichen Gelsten; stinkendes Gift
troff auf dieses herrliche Mdchen, das nichts gewollt hatte, als Lust
und Liebe zu verschenken. Sie liebten die Frauen nicht, dankten ihnen
nicht fr die gereichte Gunst; alles spornte sie an, sie zu demtigen
und zu verletzen, ihnen den infamsten und unertrglichsten Schmerz
zuzufgen.

Im Zimmer wurde es dumpf und raucherfllt. Ihre verschwitzten Krper
dnsteten schwer und ungesund aus, die Augen glitzten trb, ihre Stimmen
klangen abgebrochen, gedmpft, wie das Scharren wildgewordener Tiere.
Hinter dem Fenster erhob sich auf leisen Sohlen die Mondnacht; aber die
ganze Welt mit allen Farben, Tnen und Reichtmern war irgendwohin
verschwunden, in der Erde versunken. Allein das nackte Weib blieb vor
ihren Augen. Bald zwngten sich diese Bilder so gewaltsam in ihre
Einbildung, da es ihnen unumgnglich notwendig schien, diese Lyda zu
sehen, die sie schon nicht mehr Lyda oder gar Lydia, sondern kurzweg
Lydka nannten.

Sarudin lie eine Droschke rufen, und sie fuhren nach einem gewissen
Stadtviertel.




                                 XXVII


Ein Brief, den Lydia Ssanina am nchsten Tage von Sarudin erhielt, kam
Maria Iwanowna in die Hnde, weil ihn das Stubenmdchen auf dem
Kchentisch hatte liegen lassen. Unter undeutlichen ungeschickten
Anspielungen, da sich immer noch vieles ndern liee, bat der Offizier
darin um die Erlaubnis, sie zu sehen.

Aus den Seiten dieses Briefes schien Maria Iwanowna ein unheimlicher
Schatten beschmutzend auf das Bild ihrer Tochter, das sie nur umgeben
von reiner, heiliger Zrtlichkeit kannte, zu fallen. Ihr erstes Gefhl
war kummervolle Ratlosigkeit. Dann stiegen Erinnerungen an die eigene
Jugend, an Liebe und Enttuschungen, vor ihr auf; sie gedachte der
schweren Schicksalsschlge, die sie in der Zeit ihres Ehelebens
durchgemacht hatte. Ein langes Band von Leiden, die durch ein fest
geregeltes Leben ineinander verwebt worden waren, reichte bis an ihr
Alter heran. Es war ein grauer Streifen mit trben Flecken von Kummer
und Langeweile, mit den abgerissenen Rndern gezhmter Wnsche und
Trume; in ihrer Vorstellung rollte er sich als eine lebende Reihe
gleichgltiger Tage auf.

Bei dem Gedanken jedoch, da ihre Tochter die tnerne Wand dieses
grauen, verstaubten Lebens durchbrochen haben knnte und vielleicht
schon in den hellen Strudel geraten war, wo Lust und Glck chaotisch mit
Schmerz und Tod zusammenbranden, ergriff die alte Frau Entsetzen.

Sehr bald lste es sich in Zorn auf. Wenn es in diesem Augenblick
mglich gewesen wre, htte sie Lyda am Halse gepackt, zu Boden
niedergedrckt, mit Gewalt in den engen Gang ihres eigenen Lebens
gezogen, von dem in die sonnige Welt nur gefahrlose, winzige Fensterlein
eisenvergittert fhrten, um sie von neuem zu zwingen, den gleichen Weg
herunter zu laufen, den sie einst hatte gehen mssen.

... Garstiges, abscheuliches Mdchen, dachte Maria Iwanowna, whrend
ihre Hnde verzweifelt auf die Kniee sanken. Doch der Gedanke, da ja
alles nicht ber eine gewisse ungefhrliche Grenze hinausgegangen sein
konnte, beruhigte sie ein wenig. Ihr Gesicht wurde stumpf. Sie begann
den Zettel wieder und wieder zu lesen; es gelang ihr aber nicht, aus dem
gemacht khlen Styl etwas Bestimmtes herauszulesen. Da weinte die alte
Frau bitterlich im Gefhl ihrer Ohnmacht, rckte ihre Haube zurecht und
fragte das Hausmdchen:

Dunka, ist Wladimir Petrowitsch in seinem Zimmer?

Was? ...

Dumme Gans, ich frage, ob der junge Herr zu Hause ist.

Der Herr sind soeben in ihr Arbeitszimmer gegangen. Sie schreiben einen
Brief.

Maria Iwanowna blickte dem Mdchen hart und streng in die Augen; in
ihren gutmtigen, verblaten Pupillen zeigte sich mit einem Mal wtende
Emprung.

Und du ... wenn du niedertrchtiges Frauenzimmer noch einmal Briefchen
abgeben wirst, so nehme ich dich mir mal vor, da dir grn und blau vor
den Augen wird.

Ssanin sa und schrieb. Maria Iwanowna war nicht gewhnt, ihren Sohn an
der Arbeit zu sehen; trotz ihres Kummers wurde sie interessiert. Was
schreibst du da ...?

Einen Brief, erwiderte Ssanin, seinen frhlichen, ruhigen Kopf
erhebend.

An wen ...?

So ... an einen bekannten Redakteur. Ich will sehen, vielleicht werde
ich wieder bei ihm auf der Redaktion eintreten.

Ja, kannst du denn wirklich fr Zeitungen schreiben? ...

Ich tue alles ... Ssanin lchelte.

Wozu mut du dorthin gehen?

Bei euch hngt mir schon alles zum Halse heraus. Alles. Ssanin
erwiderte es mit aufrichtigem Lcheln. Ein leichtes Gefhl der
Verletzung durchstach Maria Iwanowna.

Sehr nett von dir! ...

Ssanin sah sie aufmerksam an, er wollte noch hinzufgen, sie knne doch
nicht so dumm sein, um nicht zu begreifen, da es schlielich jedem
langweilig werden msse, auf einer Stelle und dazu noch ohne jede
Beschftigung zu sitzen; aber er schwieg. Es war ihm ekelhaft, der
Mutter eine so kleinliche und selbstverstndliche Sache erst
auseinanderzusetzen. Maria Iwanowna zog das Taschentuch heraus und
zerknllte es in ihren drren Greisenfingern. Wre der Zettel von
Sarudin nicht gewesen und ihre Seele durch ihn in einen Wirrwarr von
Zweifeln und Aengsten gestrzt worden, so htte sie jetzt ihrem Sohne
eine lange, bittere Predigt ber seine Schroffheit gehalten. So aber
beschrnkte sie sich nur in tragischem Ton auf die Gegenberstellung:
Ja, der eine bricht wie ein Wolf aus dem Hause und die andere ...

Sie machte eine wegwerfende, mde Handbewegung.

Ssanin hob neugierig den Kopf. Augenscheinlich nahm das Drama mit Lyda
seinen Fortgang.

Woher wissen _Sie_ denn das, Mutter? ...

Mit einem Mal empfand Maria Iwanowna ein unerklrliches Gefhl der
Beschmung, weil sie den Brief an die Tochter geffnet hatte. Auf ihre
eingefallenen Wangen trat ziegelrote Farbe; sie versetzte unsicher, aber
zornig:

Ich bin Gott sei Dank nicht blind. Ich hab doch noch meine zwei Augen
im Kopf.

Ssanin dachte eine Weile nach: Nichts sehen Sie, ... nun, ich kann
Ihnen zur Verlobung Ihrer Tochter gratulieren. Lyda wollte es Ihnen
selbst sagen, aber ... ist ja alles egal.

Ihm tat es leid, da sich in das junge Leben Lydas eine neue Tortur
eindrngen sollte -- -- stumpfsinnige Greisenliebe, die fhig ist, den
Menschen durch die feinste und furchtbarste Qual zu Tode zu martern.

Wie? ... Maria Iwanowna setzte sich streng aufgerichtet auf ihren
Stuhl.

Lyda wird heiraten.

Wen? ... rief sie freudig und unglubig.

Nowikow natrlich. ...

Ja, ... aber, was ist denn mit ...?

Ach hol ihn doch der Teufel! Kann es Ihnen denn nicht ganz gleich sein?
... Warum mssen Sie denn durchaus fremde Seelen berwachen.

Nein, ... ich begreife nur nicht, Wolodja ... Die Greisin suchte sich
verwirrt zu rechtfertigen.

Ssanin zuckte streng die Achseln: Was ist denn hierbei nicht zu
verstehen? ... Sie liebte einen, hat jetzt einen andern liebgewonnen,
mit Gottes Hilfe wird sie morgen einen dritten lieben ... na also ...

Was sprichst du da? ... rief Maria Iwanowna entrstet.

Ssanin lehnte sich mit dem Rcken gegen den Tisch und verschrnkte seine
Arme.

Haben Sie denn Ihr ganzes Leben lang nur einen Mann geliebt, Mutter?

Maria erhob sich; auf ihrem unintelligenten Gesicht prgte sich
steinkalter Stolz aus.

So spricht man nicht zu seiner Mutter!

Wer? ...

Was ... wer? ...

Wer nicht? ... Ssanin wiederholte seine Frage mit angezogenen
Augenbrauen. Er blickte scharf auf die Mutter; zum ersten Mal kam es ihm
ins Bewutsein, wie stumpfsinnig und nichtig der Ausdruck ihrer Augen
war; ihre Haube wackelte auf ihrem Kopf ganz haltlos, wie der rote
Lappen einer Henne, hin und her.

Niemand spricht so! Kein Mensch!

Aber ich doch! Das ist eben der Unterschied, Ssanin wurde pltzlich
ruhig, seine gute Laune kehrte wieder zurck; er wandte sich ab und
setzte sich. Sie haben alles vom Leben genommen, Mutter, was Sie
wollten. Sie haben durchaus kein Recht, jetzt Lyda ersticken zu wollen,
sagte er, ohne sich abzuwenden, mit ziemlicher Gleichgltigkeit. Er
hatte wieder zur Feder gegriffen.

Maria Iwanowna sah den Sohn mit groen Augen an; in ihren Ohren klebte
nur die einzige Phrase: Wie darf er es wagen, so mit seiner Mutter zu
sprechen. Wie unter einem Bann erstarrt, wute sie nicht mehr, was sie
tun sollte. Doch bevor sie noch zu einem Entschlu kam, wandte sich
Wladimir Petrowitsch zu ihr, ergriff ihre Hand und sagte zrtlich:

Aber lassen Sie doch das alles. Und Sarudin lassen Sie herauswerfen,
wenn er kommen sollte. Sonst wird er womglich tatschlich noch
Unzutrglichkeiten anrichten.

Eine weiche Welle durchglitt das Herz der Mutter.

Nun, Gott sei mit dir. Ich bin froh. Mir gefiel Sascha Nowikow immer.
Und Sarudin werden wir natrlich nicht mehr empfangen. Wenn auch nur aus
Achtung vor Sascha.

Wenn auch nur aus Achtung vor Sascha, willigte Ssanin ein; seine Augen
lachten.

Wo aber ist Lyda? fragte schon mit ruhiger Freude die Mutter.

Auf ihrem Zimmer? ...

Und Sascha? ... Maria Iwanowna sprach den Namen ganz zrtlich aus.

Ich wei wirklich nicht ... Er ging wohl, ... begann Ssanin, doch in
diesem Augenblick erschien Dunja in der Tr und meldete:

Viktor Sergejewitsch sind gekommen und noch ein fremder Herr.

So? ... schmei sie die Treppe runter, sagte Ssanin ruhig.

Dunja kicherte verstohlen.

Was Sie sagen, junger Herr? ... Darf ich's denn? ...

Selbstverstndlich! Du darfst es! Was sollen wir mit ihnen anfangen,
zum Teufel!

Dunja bedeckte ihr Gesicht mit dem Aermel und lief hinaus.

Maria Iwanowna richtete sich auf; sie verjngte sich fast. In ihre Seele
trat, als ob sie mit einer Karte geschickt eine Volte geschlagen htte,
eine vollstndige Aenderung ein. So warm ihr Herz fr Sarudin auch
frher, als sie noch annahm, da er Lyda heiraten werde, schlug, so khl
wurde es jetzt, als sich herausstellte, da ein anderer Lydas Gatte
wrde.

Wie sie sich dem Ausgange zuwendete, blickte Ssanin auf ihr steinernes
Profil, aus dem das eine Auge unfreundlich hervorbrach, und dachte sich:
Ist das aber eine Idiotin ...

Dann faltete er das Papier und ging ihr nach. Er war sehr neugierig, wie
sich die neue verwickelte Situation, in die diese Menschen geraten
waren, wieder lsen wrde.

Sarudin und Woloschin traten ihm mit bertriebener Liebenswrdigkeit,
doch ohne die Freiheit, die der Offizier sonst in seinem Wesen
ausdrckte, entgegen. Auf seinem Gesicht spiegelte sich augenscheinlich
schchterne Verlegenheit. Er begriff selbst, da er nicht htte kommen
drfen; er schmte sich und war verwirrt. Er konnte sich nicht
vorstellen, wie er Lyda entgegentreten sollte. Aber doch wrde er diese
Regung unter keinen Umstnden Woloschin verraten und etwa auf den
gewohnten selbstsicheren Ton verzichtet haben. Trotzdem er diesen
Woloschin zuzeiten geradezu hate, lief er doch wie gefesselt,
ohnmchtig, seine wahre Seele zur Geltung zu bringen, hinter ihm her.

Meine gndigste Maria Iwanowna, gestatten Sie, da ich Ihnen meinen
guten Freund Pawl Lwowitsch Woloschin vorstelle. Bei diesen Worten
lchelte er mit einem unfabar kniffligen Zug um Mund und Augenwinkeln
Woloschin zu.

Woloschin verneigte sich, whrend er Sarudin das gleiche Lcheln, aber
bemerkbarer, fast frech, zurckgab.

Sehr angenehm, erwiderte khl Maria Iwanowna.

Verborgene Unfreundlichkeit glitt aus ihren Blicken auf Sarudin hinab;
der vorsichtig auf der Lauer liegende Offizier bemerkte es sofort.

Im Augenblick war sein letzter Rest von Sicherheit verschwunden, und
sein Besuch verlor endgltig den scherzhaften Charakter. Jetzt kam er
ihm selbst einfach sinnlos und unpassend vor.

... Eh, ich htte lieber doch nicht kommen sollen, dachte er. Zum ersten
Mal kam ihm hier nachdrcklich zum Bewutsein, woran er in der
animierten Gesellschaft Woloschins immer verga: Gleich mu ja Lyda
eintreten. Dieselbe Lyda, die mit ihm in intimstem Verkehr gestanden
hat, die von ihm geschwngert wurde, die Mutter seines eigenen knftigen
Kindes, das doch auf jeden Fall einmal zur Welt kommen mu. Was wird er
ihr denn sagen? Wie wird er sie anblicken? ...

Sein Herz zog sich schchtern zusammen, wie ein schwerer Klumpen drckte
es nach unten. Er wagte nicht, auf Maria Iwanowna zu sehen ... wenn die
nun alles wei, dachte er mit Entsetzen. Er begann auf dem Stuhl hin-
und herzurutschen, bewegte sich beim Anznden einer Zigarette, schob
Schultern und Fe vor und zurck, und lie die Augen nach allen Seiten
laufen.

... wre ich doch nur nicht hergekommen ...

Kommen Sie fr lngere Zeit zu uns? ... Maria Iwanowna wendete sich
khl an Woloschin.

Oh nein. Er blickte die Dame aus der Provinz ungeniert spttisch an.
Mit einer geschickten Handbewegung schob er die Zigarre in die
Mundwinkel, soda der Rauch der alten Dame ins Gesicht zog.

Nach Pitier wird es Ihnen bei uns langweilig sein.

Ganz im Gegenteil. Es gefllt mir hier ausgezeichnet. Ihr Stdtchen ist
so patriarchalisch.

Machen Sie einmal Ausflge. Wir haben eine prachtvolle Umgebung ...
Badepltze, Reitwege ...

Oh gewi, rief Woloschin, zwar mit spttischer Zuvorkommenheit, aber
doch gelangweilt.

Das Gesprch kam nicht vom Fleck; es war schwer und farblos, wie eine
lchelnde Pappmaske, unter welcher bswillige Blicke hervorschieen.

Woloschin begann von neuem, Sarudin Blicke zuzuwerfen; ihr Sinn war
nicht nur dem Offizier, sondern auch Ssanin, der die beiden aus seiner
Ecke aufmerksam beobachtete, verstndlich.

Die Unsicherheit Sarudins trat allmhlich hinter dem Wunsch zurck, in
Woloschin den Eindruck hervorzurufen, da er ein gewandter,
unverfrorener Mensch und zu allem fhig sei. So berwand er sich und
fragte:

Wo ist denn Lydia Petrowna? Wieder geriet er ganz unntig in zuckende
Bewegungen.

Maria Iwanowna sah ihn mit erstaunter Feindseligkeit an: ... was
interessiert dich das, da du sie ja nicht heiraten willst, fragten diese
Blicke.

Wahrscheinlich bei sich auf dem Zimmer. Ich wei es nicht, erwiderte
sie khl.

Woloschin warf Sarudin wieder einen ausdrucksvollen Blick zu: ... Wre
es denn nicht irgendwie mglich, diese Lydka schneller herauszuholen;
dieses alte Stck Mbel ist doch wirklich nicht besonders interessant.

Sarudin ffnete den Mund und wedelte hilflos mit dem Schnurrbart.

Ich habe soviel Schmeichelhaftes ber Ihre Tochter gehrt, sprach
Woloschin, bog sich mit dem ganzen Krper nach vorn und rieb sich die
Hnde. Ich hege die Hoffnung, da ich die Ehre habe, ihr vorgestellt zu
werden.

Maria Iwanowna lie ihren Blick ber das unwillkrlich vernderte
Gesicht Sarudins gleiten und begriff in diesem Augenblick, was
eigentlich dieser Kerl, der mit einem Mal einem faulen Pilz hnlich sah,
von ihrer Tochter wollte. Der Gedanke durchschnitt so scharf ihr Herz,
da in ihr die furchtbare Ahnung von Lydas Fall aufstieg, die sie
hilflosem Schrecken preisgab. Sie sa ratlos da, ihre Augen wurden
menschlicher und weicher.

-- -- -- Wenn man diese Bande nicht sofort aus dem Hause jagt, werden
sie Lyda und Nowikow sicher noch viel Aerger machen, dachte Ssanin und
richtete sich pltzlich auf. Ruhig sprach er pltzlich aus seiner Ecke,
dabei nachdenklich auf den Boden starrend:

Ich habe gehrt, da Sie abreisen wollen?

Sarudin wunderte sich, da ihm selbst dieser einfache und bequeme
Gedanke noch nicht in den Kopf gekommen war. -- -- -- Gewi auf ein paar
Monate Urlaub nehmen, das ist ja das Einfachste, -- -- -- schwirrte es
durch sein Hirn. Er beeilte sich zu antworten:

Ganz recht, -- -- das wollte ich auch. Ich mchte mich ein wenig
erholen ... Wissen Sie, ein bichen auslften, ewig auf einem Fleck,
dabei kann man ja verschimmeln.

Ssanin lachte hell auf. Dieses ganze Gesprch, in dem kein einziges Wort
ausdrckte, was die Leute in Wirklichkeit dachten und fhlten, diese
ganze Kette von Lgen, die doch niemanden betrog, die Einfachheit, mit
der alle fortfuhren, zu heucheln, trotzdem sie ganz klar sahen, da
keiner von ihnen dem anderen glaubte, hatten ihn zum Lachen gebracht.
Ein resolutes frhliches Gefhl packte wie ein froher Windsto sein
Herz.

Na, denn glcklichen Rutsch, er nahm den ersten Ausdruck, der ihm auf
die Zunge kam.

Momentan vernderten sich die drei Menschen, als ob ein steifgestrkter
Anzug von ihnen abgestreift wrde.

Maria Iwanowna erblate und sank in sich zusammen, in Woloschins Augen
blitzte ein feiges, tierisches Leuchten auf, und Sarudin erhob sich
langsam und unsicher von seinem Stuhle.

Eine lebende Bewegung lief durch das Zimmer.

Wie sagten Sie eben? ... fragte der Offizier mit gepreter Stimme und
in diesem Augenblick klangen seine Worte zum ersten Mal aufrichtig.
Woloschin kicherte kleinlich auf, indem er schon mit schchternen
Aeuglein nach dem Hute suchte. Ohne Sarudin zu antworten, ergriff Ssanin
Woloschins Hut und reichte ihn ihm mit frhlichem Lcheln hin.

Woloschin ffnete seinen Mund; ein dnner winselnder Laut schob sich
langsam hervor.

Wie soll ich Sie verstehen, fragte Sarudin noch einmal; er hatte das
Gefhl, den Boden vollstndig unter den Fen verloren zu haben. Dieser
Skandal, zuckte es durch sein erstarrtes Hirn.

Verstehen Sie es nur recht genau. Hier sind Sie nmlich vollstndig
berflssig. Unser Genu wird um so grer sein, je eher Sie sich
herausscheren!

Sarudin tat einen Schritt nach vorwrts. Sein Gesicht wurde bla.

Ah so, stie er krampfhaft keuchend hervor.

Also raus! sagte kurz und hart Ssanin.

In seiner sthlernen Stimme lag eine so furchtbare Drohung, da Sarudin
zurckwich, stillschwieg, sinnlos und wild die Augen verdrehte.

Aber das ist ja unerhrt, murmelte Woloschin kleinlaut; doch
gleichzeitig wandte er sich eilig, den Kopf in die Schultern eingezogen,
zur Tre.

In diesem Augenblick trat Lyda ein.

Noch niemals -- weder frher noch spter -- hatte sie sich so gedemtigt
gefhlt. Als sie zuerst von dem Besuch Sarudins und Woloschins hrte und
deutlich seinen Sinn verstand, war in ihr die Empfindung krperlicher
Erniedrigung so stark, da sie nervs aufschluchzte und mit dem wieder
erwachten Gedanken an Selbstmord zum Flu herunterlief.

... was ist das nur? ... wird es denn niemals ein Ende geben. Habe ich
denn wirklich ein so groes Verbrechen begangen, da es mir niemals
verziehen, ... da ein jeder stets das Recht haben wird ... schrie sie
fast ... und rang die Hnde.

Aber im Garten war es hell und voll Licht, grelle Blumen, Bienen und
Vgel lebten dort so friedlich nebeneinander, so blau schimmerte der
Himmel, so zart glnzte am Wasser das Schilf, und Mill umsprang sie so
vergngt, als er sie zum Flusse laufen sah, da Lyda wieder zu sich kam.
Instinktiv fiel ihr mit einem Mal ein, da ihr die Mnner immer gierig
nachliefen; sie gedachte der Spannung, die ihr Krper stets unter den
Blicken dieser Mnner angenommen hatte, und vollbewut erwachte das
stolze Gefhl, im Recht zu sein.

... nun gut, dachte sie, was geht es mich an. Ist er da, gut, mag er es
sein. Ich liebte ihn frher, jetzt sind wir auseinander; niemand hat
deswegen ein Recht, mich zu verachten ... Jh drehte sie sich um und
ging ins Haus. Sie trug ihr Haar nicht in einer koketten Frisur, sondern
in einfachem Doppelzopf ber den Nacken hngend, und sie zog auch keine
moderne Toilette an, sondern blieb in dem einfachen Hauskleid, das sie
gerade trug.

Als sie mit gemachter Ruhe ber die Schwelle schritt, warf sie ihrem
Bruder ein seltsames Lcheln zu und sprach in besonders mdchenhaftem
Tone:

Hier bin ich! Wo wollen Sie denn hin, Viktor Sergejewitsch? ... Bitte,
legen Sie doch Ihre Mtze aus der Hand.

Ssanin schwieg und sah mit neugierigem Entzcken die Schwester an ...
Was ist mit ihr, dachte er sich.

Eine unberwindliche Kraft, drohend und doch frauenhaft lieblich, war
ins Zimmer getreten. Wie eine Tierbndigerin im Kfig wtender Raubtiere
stand Lyda unter den Mnnern. Und sogleich wurden sie weich und gefgig.

Sehen Sie, Lydia Petrowna ... stammelte verwirrt Sarudin. Als er zu
sprechen begann, huschte ber Lydas Gesicht ein lieblicher, hilfloser
Ausdruck; sie schaute rasch auf; pltzlich erfllte sie ein
unertrglicher Schmerz. In ihr bewegte sich krankhafte Zrtlichkeit und
das Verlangen, auf etwas zu hoffen. Doch im selben Augenblick schlug das
Verlangen in den Wunsch um, Sarudin zu beweisen, wie viel er verloren
und wie stark und rein sie sich trotz des Leides und der Erniedrigung,
die er ihr zufgte, erhalten hatte.

Ich will garnichts sehen, sagte sie mit etwas theatralischem Ausdruck
und schlo richtig ihre schnen Augen.

Mit Woloschin geschah etwas Sonderbares. Die weiche Wrme, die dem kaum
eingehllten, weiblichen Krper entstrmte, zerkochte sein ganzes Wesen.
Seine spitze Zunge beleckte die trocken gewordenen Lippen, seine
Aeuglein wurden klein, und der ganze Krper zerflo unter dem weichen
Anzug in kraftloser, physischer Entzckung.

Aber bitte, machen Sie mich doch bekannt, sagte Lyda und blickte ber
die Schultern auf Sarudin hin.

Woloschin, Pawl Lwowitsch, murmelte dieser, von dem Gedanken, da
dieses prchtige Mdchen seine Geliebte gewesen sein sollte, vollstndig
hingerissen.

Lyda wandte sich langsam zur Mutter.

Mama, drauen wollte Sie jemand sprechen.

Das hat Zeit ...

Verzeihen Sie, auch wir hatten uns ... Sarudin kam mit seinem Satz
nicht zu Ende. Lyda schien ihn garnicht zu beachten. Strenger
wiederholte sie der Mutter:

Aber Sie hren doch, unerwartet brachen sich an ihren Worten Trnen.

Maria Iwanowna erhob sich eilig.

Sarudin und Woloschin waren ratlos zurckgetreten, sie schauten sich
nervs an und schienen keinen Weg mehr zu finden, um sich
zurckzuziehen.

Ssanins Nasenflgel weiteten sich stark und kraftvoll.

Meine Herren, bitte, wir gehen in den Garten. Hier ist es zu hei.
Lyda schritt zum Balkon voran, ohne sich umzusehen, ob man ihr folge.
Wie suggeriert gingen die Mnner hinter ihr her; es machte den Eindruck,
da sie sie mit ihrem Zopf umschlungen hielt und mit Gewalt nach sich
zge, wohin sie wollte.

Als erster kam Woloschin, entzckt, gespannt; er hatte alles in der Welt
auer ihr vergessen.

Lyda warf sich in den Schaukelstuhl unter der Linde und steckte ihre
kleinen Fe, die in durchbrochenen Strmpfen steckten, lssig aus. Zwei
Wesen arbeiteten in ihr. Das eine qulte sich vor Scham und Krnkung;
das andere nahm bewut aufregende Posen an, eine immer schner und
elastischer als die andere.

Nun, Pawl Lwowitsch, welchen Eindruck macht unser Nest auf sie?

Woloschin spreizte und rieb seine Finger.

Nun, so ungefhr wie ihn vielleicht ein Mensch hat, der pltzlich im
wildesten Walde eine Blume vor sich sieht.

Und nun entspann sich zwischen ihnen eine leichtfertige durch und durch
verlogene Unterhaltung, in der jedes ausgesprochene Wort eine Lge war
und Wahrheit nur das, was in ihr verschwiegen blieb. Ssanin beteiligte
sich nicht am Gesprch; dafr beobachtete er gerade jene stummen,
eigentlichen Reden, die sich ohne Worte in den Gesichtszgen, den
Bewegungen der Hnde und Fe, im Klingen und Zittern der Stimmen
offenbarten.

Lyda litt. Woloschin sog unbefriedigt ihre Schnheit und ihren Duft in
sich ein. Sarudin hate ihn, Ssanin, Lyda, die ganze Welt; er wnschte
fortzugehen und blieb dennoch sitzen; er wollte irgend etwas Grobes
begehen und rauchte doch nur eine Zigarette nach der andern.
Whrenddessen lastete das unbndige Verlangen, da Lyda sich vor allen
als seine Geliebte erweisen msse, wie ein Alpdruck auf seinem Hirn.

Also gefllt es Ihnen wirklich bei uns? Bedauern Sie nicht, da Sie
Petersburg verlassen haben?

_Mais au contraire!_ erwiderte Woloschin mit einer koketten
Handbewegung und starrte Lydas Brust an.

Aber ohne Phrasen! befahl Lyda liebenswrdig. Immer noch kmpften in
ihr zwei Wesen. Das eine trieb ihr die Rte ins Gesicht, das andere
streckte noch gewaltiger und schamloser ihre Brust dem entblenden
Blick entgegen.

... Du glaubst, ich wre sehr unglcklich, ... ich wre vollstndig
zerbrochen. So sieh denn das Gegenteil! Ich brauche mich meiner
Handlungen nicht zu schmen! Und wenn ich tausendmal mehr und
Schlechteres getan htte, ich brauchte mich nicht zu schmen ... sprach
sie innerlich zu Sarudin.

Ah, Lydia Petrowna! Sarudin mischte sich trotz seiner gehssigen Laune
ins Gesprch. Das brauchen doch wahrhaftig keine Phrasen zu sein!

Ich glaube, Sie sagten etwas? meinte Lyda khl; doch sofort wandte sie
sich wieder in verndertem Ton zu Woloschin. Erzhlen Sie doch bitte
von dem Leben in Petersburg ... Bei uns lebt man ja nicht, wir
vegetieren nur!

Sarudin fhlte, da Woloschin kaum merklich nach seiner Richtung hin
lchelte; ihm kam der Gedanke, jener glaube nicht mehr, da Lyda seine
Geliebte gewesen wre.

Unser Leben? O, dieses rhmlichst bekannte >Petersburger Leben<! ...

Woloschin schwatzte leicht und schnell; er machte den Eindruck eines
kleinen, nrrischen Affen, der in seiner leeren, unverstndlichen
Sprache etwas vor sich hinplappert.

... Wer kann wissen! dachte er und musterte mit geheimer Hoffnung Lydas
Gesicht, Brust und ihre breiten Schenkel.

Ich kann Ihnen auf Ehre versichern, Lydia Petrowna, da unser Leben
recht arm und langweilig ist ... Bis zum heutigen Tage glaubte ich
brigens, jedes Leben msse langweilig sein, gleichviel, wo der Mensch
auch wohnen mag -- in der Hauptstadt oder auf dem Lande ...

Wirklich? Lyda schlo halb die Augen.

Ja, was das Leben geben kann, -- das ist -- eine schne Frau! Und die
Frauen der Grostdte -- ach, wenn Sie sie nur sehen knnten! -- Wissen
Sie, ich bin berzeugt, wenn etwas die Welt zu retten vermag, so ist es
die Schnheit! Den letzten Satz fgte Woloschin ganz unerwartet an. Er
hielt solche Seitensprnge fr eindrucksvoll und geistreich.

Auf seinem Gesicht lagerte sich ein sinnlos erhitzter Ausdruck; mit
zitternder Stimme kehrte er immer wieder zu dem einen Thema zurck: das
Weib. Er sprach von ihm so, als wenn er es im geheimen unaufhrlich
entkleidete und vergewaltigte. Sarudin, der diese Nuance heraussprte,
wurde pltzlich eiferschtig. Sein Gesicht wurde rot und bla, er konnte
sich nicht auf einem Platz halten und trat auffallend nervs in der
Allee von einem Fleck zum andern.

Unsere Frauen sind sich so gleich, abgeplattet und verzerrt! Etwas zu
finden, das fhig wre, Ehrfurcht vor der Schnheit einzuflen ...
wissen Sie, nicht ein geteiltes Gefhl, sondern reine, aufrichtige
Ehrfurcht, wie man sie vor einer Bildsule empfindet, das ist in einer
Grostadt nicht mglich. Dazu mu man in die Tiefe der Provinz
hinuntersteigen, wo das Leben noch jungfrulichen Boden darstellt; der
ist allein imstande, prchtige Blumen hervorzubringen!

Ssanin strich sich unwillkrlich den Nacken und legte ein Bein ber das
andere.

Und wozu sollten sie hier aufblhen, wenn es niemanden gibt, der sie
pflcken knnte? erwiderte Lyda.

... Aha! dachte Ssanin interessiert. Das also hat sie im Sinn! ...

Ihm war es uerst amsant, dieses Spiel der Instinkte und Begierden,
das sich klar und doch nicht greifbar vor seinen Augen entwickelte, zu
verfolgen.

Wie meinen Sie das?

Jawohl, ich meine es so. Wer sollte unsere anspruchslosen Blumen
pflcken? Wo sind die Menschen, die wir zu unseren Helden machen
knnten! ... Die Worte kamen Lyda aus dem Herzen unerwartet aufrichtig
und rhrend traurig.

Sie sind erbarmungslos zu uns! erwiderte Sarudin unwillkrlich auf die
verborgene Nuance in ihrer Stimme.

Lydia Petrowna hat recht, stimmte Woloschin begeistert bei, besann
sich aber gleich und sah sich scheu nach Sarudin um.

Lydia lachte, und ihre in Rache und Scham brennenden Blicke bohrten sich
in das Gesicht Sarudins. Woloschin schwatzte inzwischen lustig weiter,
und seine Worte schttelten sich, sprangen und stoben auseinander, wie
ein Schwarm Gott wei woher kommender nrrischer Kobolde.

Er setzte auseinander, da eine Frau mit schnem Krper auf der Strae
nackt herumlaufen knne, ohne unsaubere Lste zu entfesseln; man merkte
ihm an, wie sehr er wnschte, da gerade Lyda diese Frau wre und da
sie sich fr ihn entkleiden wrde.

Lyda lachte laut, fiel ihm immer wieder ins Wort, doch durch ihr
Gelchter brachen stets neue Trnen der Krnkung und des Schmerzes.

Es war hei; die Sonne stand hoch am Himmel und lie senkrechte Strahlen
auf den Garten niederfallen; leise bewegten sich die Bltter, als wren
sie von heien Wnschen bewegt, die nur ihre eigene Schwerflligkeit
zhmen konnte. Unter ihnen sa ein junges, schwangeres Weib, das ihre
verletzte Leidenschaft rchen will; sie fhlt, da es ihr milingt und
leidet in ohnmchtiger Scham. Ein kraftloses, feiges Mnnchen qult sich
unter den Zuckungen mhsam verborgener Wollustkrmpfe, ein anderes
zerbricht unter seiner eiferschtigen Bosheit.

Ssanin stand abseits unter dem weichen, grnen Lindenschatten und
schaute alle ruhig an.

Sarudin hielt es schlielich nicht mehr aus. Er drngte zum Aufbruch.
Ohne selbst den Freund klar zu verstehen, empfand er alles -- in Lydas
Lachen, in ihrem Blick, im Erzittern ihrer Finger -- als heimliche
Ohrfeigen. Mitten in der Erbitterung gegen sie, in der Eifersucht auf
Woloschin, in den physischen Qualen, die ihm das Gefhl eines
unersetzlichen Verlustes verursachten, berfiel ihn eine vollstndige
Erschpfung.

Schon fort? fragte Lyda.

Woloschin lchelte ergeben, kniff s die Lippen zusammen und beleckte
sie mit seiner dnnen Zunge.

Was soll man tun? ... Viktor Sergejewitsch scheint sich nicht ganz wohl
zu fhlen, erwiderte er spttisch. Er fhlte sich als Sieger.

Man verabschiedete sich. Als Sarudin sich ber Lydas Hand beugte,
flsterte er ihr pltzlich zu:

Lebe wohl!

Er begriff selbst nicht, warum er es tat, aber noch niemals hatte er
Lyda so geliebt und gehat, wie in diesem Augenblick.

Und in Lydas Seele neigte sich diesem Worte ein Wunsch entgegen und
verstarb. -- Der Wunsch, von einander in stiller, zarter Dankbarkeit fr
die gemeinsam erlebten Freuden Abschied zu nehmen. Doch sofort berwand
sie sich und antwortete schonungslos und laut:

Adieu! Glck auf die Reise! Pawl Lwowitsch, vergessen Sie uns nicht!

Man hrte noch, wie Woloschin beim Fortgehen lauter, als es ntig wre,
sagte:

Das ist ein Mdchen ... sie berauscht wie Sekt!

Sobald ihre Schritte verklungen waren, lie sich Lyda in den
Schaukelstuhl nieder, aber ganz anders, als sie frher dagesessen hatte.
Jetzt hockte sie gebckt und zitterte am ganzen Krper. Stille, tief
ergreifende Mdchentrnen flossen ber ihr Gesicht. In diesen Minuten
erinnerte sie Ssanin an das rhrende Bild des nachdenklichen russischen
Mdchens, so wie es das Volkslied schildert, mit dem dicken Zopf, seinem
freudlosen Leben und weien Mullrmeln, mit denen es seine Trnen
trocknet, wenn es im Frhling vom Abhang herab heimlich auf den ersten
Eisgang des Flusses schaut ... Und die Tatsache, da dieses veraltete,
naive Bild auf die Lyda mit den modernen Frisuren und Spitzenrcken fr
gewhnlich gar nicht pate, lie sie ihm jetzt noch rhrender und
bemitleidenswerter erscheinen.

Nun, weine doch nicht! sagte er zu ihr, indem er auf sie zutrat und
ihre Hand ergriff.

La mich ... wie entsetzlich doch das Leben ist ... Lyda beugte sich,
das Gesicht in den Hnden vergraben, bis auf die Knie nieder, ihr
weicher Zopf schlngelte sich still ber ihre Schultern und fiel herab.

Pfui! rief Ssanin rgerlich. So wrde ich mich denn dieser
Nichtigkeiten wegen doch nicht aufregen!

Gibt es denn wirklich keine ... anderen, besseren Menschen! kam es wie
eine Klage ber Lydas Lippen.

Natrlich nicht, der Bruder lchelte wieder, der Mensch ist seiner
Natur nach widerwrtig ... Erwarte von ihm nichts Gutes, dann wird dir
das Bse, das er dir zufgt, keine Schmerzen machen.

Lyda erhob den Kopf und blickte ihn mit verweinten, schnen Augen an.

Und du, erwartest du auch nichts Gutes?

Gewi nicht, ich lebe fr mich!




                                 XXVIII


Am Tage darauf rannte Dunja barfu und blokpfig, in ihren dummen Augen
den Ausdruck erstarrten Schreckens, auf Ssanin zu, als er auf einem
Gartenwege das Unkraut ausjtete, und schrie ihm eine Phrase ins Ohr,
die ihr offenbar eingetrichtert worden war:

Wladimir Petrowitsch, die Herren Offiziere wnschen Sie zu sprechen
...

Ssanin war nicht verwundert; er hatte erwartet, da ihm Sarudin eine
Forderung schicken wrde.

Wnschen sie es sehr? fragte er scherzhaft.

Aber Dunja schien etwas Furchtbares zu ahnen; sie bedeckte sich nicht,
wie gewhnlich, das Gesicht mit dem Aermel, sondern sah ihm gerade voll
hilfloser Teilnahme ins Gesicht.

Ssanin lehnte den Spaten an einen Baum, schnallte den Grtel ab, band
ihn wieder fester um, und ging, sich nach seiner Manier ein wenig in den
Hften wiegend, ins Haus.

... Das sind aber dumme Jungens. Das sind Idioten! dachte er rgerlich
ber Sarudin und seine Zeugen, wollte sie aber dadurch nicht einmal in
Gedanken beleidigen; er gab damit nur seiner aufrichtigen Meinung
Ausdruck.

Als er durch das Haus ging, trat Lyda aus der Tr ihres Zimmers und
blieb an der Schwelle stehen. Ihr Gesicht war gespannt und bla; in
ihrem Blick lag Schmerz. Sie bewegte die Lippen, sagte aber nichts. In
diesem Augenblick hielt sie sich fr das unglcklichste und
verbrecherischste Geschpf in der Welt.

Im Gastzimmer sa Maria Iwanowna hilflos im Fauteuil. Auch sie machte
ein ngstliches, unglckliches Gesicht, und die einem Hhnerlappen
hnliche Haube hing ratlos auf der einen Seite hinab. Sie sah Ssanin mit
ebensolchen bittenden Augen an, bewegte ebenfalls die Lippen und
schwieg, wie Lyda.

Ssanin warf ihr einen lchelnden Blick zu, wollte stehen bleiben, kam
aber gleich davon ab und ging weiter.

Im Saal saen, auf den Sthlen, die der Tr am nchsten standen, Tanarow
und von Deutz. Sie saen nicht wie gewhnlich, sondern stramm
aufgerichtet und die Beine nebeneinandergestellt, als ob sie sich in
ihren weien Kitteln und den engen blauen Reithosen furchtbar unbequem
fhlten. Bei Ssanins Eintritt erhoben sie sich langsam und unschlssig;
sie wuten augenscheinlich nicht, wie sie sich weiter zu benehmen
htten.

Guten Tag, meine Herren, sagte Ssanin laut, auf sie zukommend, und
reichte ihnen die Hand.

Von Deutz war einen Augenblick verlegen, aber Tanarow verneigte sich
beim Hndedruck bertrieben rasch und tief, soda Ssanin eine Weile
seinen Nacken mit dem kurzgeschnittenen Haar vor den Augen hatte.

Nun, was wollen Sie mir Schnes erzhlen? fragte Ssanin. Er merkte die
zuvorkommende Hflichkeit Tanarows und wunderte sich, wie gewandt und
sicher der Offizier die Dummheit der verlogenen Zeremonie durchmachte.

Von Deutz richtete sich auf und wollte seinem langen Gesicht einen
khlen Ausdruck geben, erzielte aber nur einige verlegene Mienen. Es
berhrte eigentmlich, da der sonst so schweigsame und schchterne
Tanarow sofort das Wort ergriff.

Unser Freund, Viktor Sergejewitsch Sarudin, gab uns die Ehre, in seinem
Namen mit Ihnen Rcksprache zu nehmen, deutlich und khl, wie von einem
in Bewegung gesetzten Apparat, kamen die Worte aus Tanarows Mund.

Aha! versetzte Ssanin mit geffnetem Mund und komischer Feierlichkeit.
Das ist aber nett von Ihnen.

Jawohl, fuhr Tanarow mit zusammengezogenen Augenbrauen beharrlich und
fest fort, er glaubt, Grund zu der Annahme zu haben, da Ihr Benehmen
ihm gegenber nicht ganz ...

Ja gewi ... ich verstehe schon ... fiel Ssanin, der die Geduld
verlor, ein. Ich habe ihn fast die Treppe hinuntergeworfen ... Was kann
da schon _nicht ganz_ erklrlich sein!

Tanarow gab sich Mhe, ihn zu verstehen; es gelang ihm aber nicht und so
fuhr er fort:

Jawohl ... Er verlangt nun, da Sie Ihre Worte zurcknehmen.

Ja, ganz recht ... Auch der lange von Deutz hielt es fr ntig
einzugreifen und trat wie ein Storch von einem Bein aufs andere.

Wie knnte ich sie denn zurcknehmen? Ein Wort ist doch kein Sperling,
fliegt es heraus, so kann man es nicht wieder einfangen, erwiderte
Ssanin, allein mit den Augen lachend.

Tanarow schwieg eine Weile und blickte Ssanin ratlos an.

... Mein Gott, was fr wtende Blicke der mir zuschmeit, dachte Ssanin.

Wir sind hier nicht um zu scherzen ... brach Tanarow, der mit einem
Male zu begreifen anfing und sofort puterrot wurde, zornig los:

Wollen Sie Ihre Worte zurcknehmen oder nicht?

Ssanin schwieg ... Wirklich ein kompletter Trottel! dachte er fast
bedauernd und nahm sich einen Stuhl.

Ich wrde vielleicht meine Worte zurcknehmen, um Sarudin ein Vergngen
zu machen und ihn zu beruhigen, sprach er ernst; umsomehr, als das fr
mich absolut nichts bedeuten wrde. Aber erstens ist Sarudin dumm und
wird es nicht so auffassen, wie er mte. Statt sich zu beruhigen, wird
er daran seine Freude haben, -- und dann, zweitens, gefllt mir Sarudin
absolut nicht. Unter diesen Umstnden lohnt es sich auch nicht, die
Worte zurckzunehmen ...

Tanarow zischte schadenfroh durch die Zhne: So ...

Von Deutz blickte ihn erschrocken an, und die letzten Farben
verschwanden aus seinem Gesicht; er wurde gelb und hlzern.

In diesem Falle ... Tanarow erhob die Stimme und gab ihr einen
drohenden Unterklang.

Ssanin sah mit pltzlich aufkommendem Widerwillen seine schmale Stirn
und engen Reithosen an; er lie ihn gar nicht zu Ende sprechen.

Und so weiter und so weiter. Das kenne ich alles. Aber mit Sarudin
werde ich mich nicht schlagen.

Von Deutz wendete sich rasch um; Tanarow richtete sich auf und fragte
mit einer verachtungsvollen Miene, scharf jede Silbe ausprgend:

Aus welchen Grnden?

Ssanin lchelte, und sein Widerwille verschwand ebenso schnell, wie er
gekommen war.

Ganz einfach. Erstens, weil ich keinen Wunsch habe, Sarudin zu tten,
zweitens und wohl hauptschlich, weil ich selbst nicht wnsche, von ihm
gettet zu werden.

Aber ... begann Tanarow mit einer verzerrten Miene.

Ich will nicht -- und damit fertig! Ssanin stand auf. Soll ich Ihnen
etwa noch auseinandersetzen, warum? ... Fllt mir gar nicht ein! Ich tue
es nicht ... Ich sage es, das gengt!

Die tiefe Verachtung auf einen Menschen, der eine Forderung nicht
annimmt, verband sich in Tanarow mit der unverrckbaren Ueberzeugung,
da auch kein Zivilist die Tapferkeit und Aufopferung besitzen knne,
sich zu schlagen. Daher war er nicht im geringsten verwundert, --
vielmehr freute ihn die Weigerung beinahe.

Das ist schon Ihre Sache, sagte er, ohne aus seiner Verachtung ein
Hehl zu machen. Aber ich mu Sie in diesem Falle davon in Kenntnis
setzen ...

Auch das kenne ich, lchelte Ssanin, aber davon mchte ich Sarudin
geradezu abraten ...

Wie? Tanarow lchelte ebenfalls, whrend er die Mtze vom Fensterbrett
nahm.

Ich rate ihm, mich nicht anzufassen, sonst prgle ich ihn so durch, da
...

Hren Sie mal! Von Deutz brauste pltzlich auf, ich kann es nicht
erlauben ... Sie hhnen geradezu ... Und begreifen Sie denn wirklich
nicht, da eine Forderung ablehnen, -- das ist ... das ist ...

Er bekam einen ziegelroten Kopf, die trben Augen sprangen aus den
Hhlen, und auf den Lippen entstand ein kleines Strudelchen aus
Speichel.

Ssanin sah ihm mit Neugierde auf die Lippen und sagte:

Und dieser Mensch hlt sich noch fr einen Anhnger Tolstois!

Von Deutz hob den Kopf hoch und zitterte.

Ich mchte Sie bitten! rief er schrill, aber doch beschmt, da er
einen guten Bekannten, mit dem er erst kurz vorher ber viele wichtige
und interessante Gegenstnde gesprochen hatte, anbrllen mute. Ich
mchte Sie bitten, derartige Bemerkungen zu unterlassen. Sie gehren
nicht zur Sache!

Im Gegenteil! erwiderte Ssanin. Sogar recht sehr!

Aber ich bitte Sie ... schrie hysterisch von Deutz, den Speichel um
sich spritzend, das ist ganz ... mit einem Worte ...

Nun genug doch! sagte Ssanin ungehalten, indem er dem Speichelregen
auswich. Denken Sie darber, wie Sie wollen, und Sarudin knnen Sie
bestellen, da er ein Dummkopf ist.

Sie haben kein Recht! heulte von Deutz mit verzweifelter Stimme.

Sehr schn, sehr schn, wiederholte Tanarow vergngt. Gehen wir!

Nein, schrie von Deutz immer noch in demselben weinerlichen Ton und
fuchtelte mit seinen langen Armen wie toll in der Luft umher: wie
untersteht er sich ... das ist geradezu ... unerhrt ist das! ...

Ssanin sah ihn an, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging aus dem
Zimmer.

Wir werden alles wortgetreu unserem Freunde mitteilen, rief ihm
Tanarow nach.

Schn, teilen Sie es ihm nur mit! antwortete er, ohne sich umzudrehen,
und schlo die Tr hinter sich.

-- -- -- Welch Esel ist dieser Offizier im Grunde, und doch, -- -- es
gengt, da er sich diese Marotte ummantelt, und er wird reserviert und
ganz gescheit! dachte Ssanin, als er hrte, wie Tanarow den schreienden
von Deutz beruhigte.

Nein, das kann man nicht so ohne weiteres hingehen lassen! erklrte
der lange Offizier aufgeregt. Er sah traurig ein, da er durch dieses
Vorkommnis einen interessanten Bekannten verloren hatte und, da er nicht
wute, wie es zu ndern wre, erbitterte er sich noch mehr und verdarb
die Sache augenscheinlich nur um so grndlicher.

Wolodja, rief Lyda leise in der Tr ihres Zimmers.

Was? Ssanin blieb stehen.

Komm her ... ich brauche dich.

Ssanin trat in ihr kleines Zimmer ein, in dem es dunkel war und grn von
Bumen, die das Fenster verstellten, und wo es nach Parfms, Puder und
jungen Mdchen roch.

Wie schn es hier bei dir ist! sagte er mit tiefem Seufzer der
Erleichterung.

Lyda stand mit dem Gesicht dem Fenster zugewandt; auf ihren Schultern
und Wangen lag weich und schn das grne Lichtgemenge, das vom Garten
her hineingeworfen wurde.

Nun, was wolltest du? fragte Ssanin zart. Lyda schwieg und atmete
hufig und schwer.

Was hast du?

Du wirst nicht ... das Duell ...? fragte Lyda mit gepreter Stimme,
ohne sich umzudrehen.

Nein, antwortete Ssanin kurz.

Lyda schwieg.

Nun, was weiter?

Ihr Kinn zitterte. Sie wendete sich pltzlich zu ihm und sprach mit
erstickter Stimme, schnell und zusammenhanglos.

Das ... das kann ich nicht begreifen ...

Ah, erwiderte der Bruder mit einer rgerlichen Grimasse, tut mir
aufrichtig leid, da du es nicht begreifst!

Die niedertrchtige, stumpfsinnige Dummheit der Menschen, die von allen,
von Schlechten und Guten, von Schnen und Hlichen, gleich ausgestrahlt
wird, ermdete ihn. Er drehte sich um und ging hinaus.

Lyda sah ihm nach. Pltzlich fate sie sich mit beiden Hnden an den
Kopf und strzte aufs Bett. Der lange dunkle Zopf lste sich schn wie
ein weicher molliger Schweif auf der weien Decke. In diesem Augenblick
war Lyda so kraftvoll schn und geschmeidig, da sie trotz ihrer
Verzweiflung und Trnen wunderbar lebendig und jung aussah. Durch das
Fenster blickte der vom Sonnenlicht durchsttigte grne Garten herein;
das ganze Zimmer strahlte freudig und hell; -- -- -- Lyda sah nichts.




                                  XXIX


Ein Abend voll seltenem Schweigen stand ber der Erde; ein Abend, der
aussah, als wre er irgendwoher im Schlafe vom durchsichtigen,
majesttisch prachtvollen Himmel herabgesunken. Die matte Sonne des
Sptsommers war schon untergegangen und doch war es hell geblieben; die
Luft hielt sich wunderbar rein und leicht. Es war trocken; nur in den
Grten fiel mit einem Mal schon starker Tau. Der Staub konnte nur mit
Mhe hochgeweht werden, dann aber schwebte er lasch und faul in der
Luft. Nach und nach wurde es dumpf und khl. Ueberall drangen Tne,
leicht und schnell, wie auf Flgeln getragen, vorwrts.

Ssanin ging ohne Hut in seinem blauen Hemd, das allmhlich grn geworden
war, durch die lange, mit Nesseln bewachsene Seitengasse, nach dem
Hause, in dem Iwanow wohnte.

Dieser sa breitschultrig und ernst -- seine langen Haare lagen gerade
wie Strohhalme um den Kopf -- am Fenster zum Garten und stopfte
methodisch Tabak, der alles im Umkreis von zwei Metern zum Niesen
bringen konnte, in dnne Zigarettenhlsen.

Guten Tag! sagte Ssanin; er reichte Iwanow durchs Fenster die Hand.
Dann sttzte er sich mit dem Ellenbogen aufs Fensterbrett und schaute
dem Freunde lssig zu.

Guten Abend.

Ich bin heute gefordert worden.

Die Sache ist gut! meinte Iwanow gleichmtig. Von wem und warum?

Von Sarudin. Ich hatte ihn aus dem Hause geworfen, folglich fhlte er
sich beleidigt.

So, -- du wirst dich also schlagen? Schn, ich werde dein Zeuge sein;
mgen sie denn schon meinem teuren Freunde die Nase wegschieen.

Warum gleich das? Die Nase ist ein edler Krperteil. Ich habe gar keine
Lust, mich zu schlagen! erwiderte Ssanin lachend.

Auch das ist vernnftig. Wozu sich schlagen -- ist ja gar nicht ntig,
sich zu schlagen!

Nun, meine Schwester Lyda -- die beurteilt die Geschichte von einer
anderen Seite. -- --

Weil sie eine Gans ist! erwiderte Iwanow mit Nachdruck. Was doch fr
eine Unmenge Dummheit in jedem Menschen steckt!

Er stopfte die letzte Zigarette und zndete sie sogleich an; die anderen
packte er zusammen, steckte sie ins Etui und sprang, nachdem er den
Tabak vom Fensterbrett weggeblasen hatte, durch das Fenster hinaus.

Was werden wir anfangen? fragte er.

Wollen wir zu Ssoloveitschik gehen?

Ach, hol ihn der Teufel!

Warum denn?

Ich liebe ihn nicht! Ein Regenwurm!

Er ist auch nicht schlimmer, als alle anderen. Vorwrts, Bruder, gehn
wir!

Nun, schn, meinetwegen! Rasch wie immer bei Ssanins Vorschlgen,
willigte Iwanow ein. Sie gingen zusammen durch die Straen, beide
krftig und frhlich, -- beide mit breiten Schultern und freien Stimmen,
-- sie sprachen zusammen, als wenn auer ihnen keine Menschen auf der
Welt existierten.

Ssoloveitschik war nicht zu Hause, das niedrige Haus war abgeschlossen,
der Hof leer und ausgestorben; nur Sultan rasselte neben dem Schuppen
mit seiner Kette und bellte wtend auf die fremden Leute ein, die,
niemand wei wozu, ber den Hof gingen.

Was fr eine Oede hier! sagte Iwanow. Gehen wir lieber auf den
Boulevard!

Sie gingen fort, die Pforte klappte zu, und Sultan setzte sich, nachdem
er noch ein paarmal in die Luft gebellt hatte, vor seine Htte und
blickte traurig auf seinen leeren Hof, auf die tote Mhle und die engen
und krummen weien Pfade, die sich durch das niedrige, staubige Gras
schlngelten.

Im Stadtgarten spielte wie gewhnlich die Kapelle. Auf dem Boulevard war
die Luft schon khl und leicht. Es gab viele Spaziergnger, und die
dunkle Menge, wie das Steppengras mit Blumen, von Frauenkleidern und
Hten durchsetzt, zog sich in Wellen hin und her, go sich bald in den
dunklen Garten hinein, ebbte dann wieder vor seinem steinernen Tore
zurck.

Ssanin schritt mit Iwanow am Arm, durch den Park. Gleich in der ersten
Allee trafen sie Ssoloveitschik, der nachdenklich unter den Bumen
entlang bummelte, die Arme auf dem Rcken und die Blicke starr auf die
Fe gerichtet.

Wir waren eben bei Ihnen, rief ihn Ssanin an.

Ssoloveitschik lchelte schchtern: Ach so, Sie mssen mich
entschuldigen. Ich hab nicht gewut, da Sie werden kommen ... Sonst
mcht' ich schon gewartet auf Sie. Ich bin, wissen Sie, so gerade ein
bichen gegangen spazieren ...

Seine Augen waren glnzend und traurig.

Kommen Sie mit uns! schlug Ssanin vor, und reichte ihm liebenswrdig
den Arm hin.

Ssoloveitschik legte freudig seinen Arm in den Ssanins, machte selbst
ein frhliches Gesicht, schob den Hut in den Nacken und ging mit einer
Miene einher, als wenn er nicht den Arm Ssanins, sondern wer wei was
fr ein kostbares Ding mit sich trge.

Sein Mund zerrann bis an die Ohren.

Zwischen den Militr-Musikern, die mit puterroten Gesichtern und vollen
Backen in die berlauten Messingrhren hineinbliesen, drehte sich der
schmchtige Regimentskapellmeister, und schwang in dem augenscheinlichen
Bestreben, mehr als die Musik seine Person zur Geltung zu bringen, mit
spatzenartigen Bewegungen den Taktstock. Daneben stand in dichten Reihen
das einfachere Publikum -- Unteroffiziere, Militrschreiber,
Gymnasiasten, Burschen in hohen Stulpenstiefeln und Mdchen mit farbigen
Kopftchern; in den Alleen zogen einander, wie in einer endlosen
Quadrille, bunte Gruppen von Damen, Studenten und Offiziere, entgegen.

An den dreien kamen Dubowa, Schawrow und Swaroschitsch vorbei. Sie
lchelten einander zu und grten sich. Ssanin, Ssoloveitschik und
Iwanow gingen noch einmal durch den ganzen Garten; beim Rckwege
begegneten sie ihnen wieder. Jetzt war noch Karssawina hinzugekommen;
ihre hochgewachsene, schlanke Figur wurde durch ein helles Kleid
prchtig zum Ausdruck gebracht. Schon aus der Ferne lchelte sie Ssanin
zu; in ihren Augen zuckte ein Schimmer koketter Freundlichkeit.

Was laufen Sie da so einsam herum? rief Dubowa, schwenken Sie bei uns
ein!

Wollen wir in den Seitenweg einbiegen, meine Herrschaften, hier ist zu
groes Gedrnge, schlug Schawrow vor. Und die lustige junge
Gesellschaft tauchte in dem Halbdunkel der dichtbelaubten schweigsamen
Allee unter und erfllte sie mit frhlichen, klangvollen Stimmen und
schallendem, grundlosem Gelchter.

So waren sie bis zum Ende des Gartens gegangen und wollten eben wieder
umwenden, als hinter einer Ecke des Weges Sarudin, Tanarow und Woloschin
einbogen.

Ssanin sah sofort, da der Offizier diese Begegnung nicht erwartet hatte
und unwillkrlich eine ratlose Miene annahm. Sein hbsches Gesicht
rtete sich tief; doch nach kurzem Zusammenfahren richtete sich seine
Gestalt straff auf. Tanarow lchelte wtend.

Und dieser Wiedehopf steckt auch noch immer hier? ... Iwanow wies mit
den Augen verwundert auf Woloschin.

Woloschin sah sie nicht an; im Vorbeigehen blickte er sich fortgesetzt
um und starrte auf Karssawina, die voranschritt.

Noch hier! lachte Ssanin.

Dieses Lachen bezog Sarudin auf sich; er empfand es als eine Ohrfeige.
Das Blut stieg ihm ins Gesicht, in der Kehle stickte der Atem; er fhlte
sich von einer unberwindlichen Macht fortgerissen. Rasch trennte er
sich von seinen Begleitern und schritt in groen Stzen auf Ssanin zu.

Was wnschen Sie? fragte dieser. Er war mit einem Mal ernst geworden;
er betrachtete nur interessiert die dnne Reitgerte, die Sarudin
unnatrlich in der Hand hielt. -- -- -- Ach, welch ein Dummkopf, dachte
er mit Aufregung und Mitleid.

Ich habe mit Ihnen ein paar Worte zu reden, keuchte Sarudin heiser.
Meine Forderung hat man Ihnen berbracht.

Ssanin neigte leicht bejahend den Kopf und sagte einfach, whrend er
noch immer auf die Reitpeitsche des Offiziers sah: Ja!

Und Sie weigern sich entschieden ... diese Forderung ... wie es einem
Menschen mit Ehrbegriffen geziemt ... eh, anzunehmen? Sarudin sprach
undeutlich, aber mit erhobener Stimme, die er selbst kaum mehr erkannte.
Er erschrak vor ihr und dem kalten Handgriff der Reitpeitsche, die sich
jetzt besonders fest in seine verschwitzten Finger drckte; dabei war er
vollstndig unfhig, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen.

Es kam ihm vor, als wenn im Park mit einem Mal vllige Luftleere
eingetreten wre.

Alle blieben stehen und hrten auf seine Worte.

Das ist doch aber ... Iwanow wollte sich zwischen Ssanin und Sarudin
drngen.

Selbstverstndlich weigere ich mich ganz entschieden, sagte Ssanin in
seltsam ruhigem Tone und richtete seinen scharfen Blick, der sofort
wieder alles bersah, von der Reitpeitsche hoch gerade auf Sarudins
Augen.

Der Offizier atmete schwer, als erdrckte ihn eine ungeheure Last.

Zum letzten Mal, weigern Sie sich? fragte er noch lauter.

Ssoloveitschik starrte auf den Offizier ... Ach, das ist ja entsetzlich,
dachte er. Er wird ihn schlagen ... Sein ganzer Krper zuckte bei diesem
Gedanken nervs zusammen.

Was wollen Sie denn? ... wie, murmelte er, reckte sich pltzlich auf
und stellte sich mit seinem ganzen Krper vor Ssanin. Sarudin bemerkte
es kaum, als er ihn mit einer einzigen Bewegung beiseite schob. Vor ihm
standen nur die ruhigen ernsten Augen Ssanins.

Das habe ich Ihnen schon vorhin mitgeteilt, antwortete dieser in dem
frheren milden Ton.

Alles um Sarudin geriet in Drehung. Whrend er hinter sich Schritte und
einen weiblichen Aufschrei hrte, schwang er mit krampfhafter
Anstrengung, etwas zu hoch und ungeschickt, die dnne Reitpeitsche.

Im selben Augenblick schlug ihm Ssanin scharf und kurz, aber die Muskeln
mit furchtbarer Anspannung zusammenziehend, mit der Faust ins Gesicht.

So, entschlpfte es unwillkrlich, aber sehr befriedigt Iwanows
Lippen.

Sarudins Kopf schlug ohnmchtig auf die Seite, etwas schneidendes
Trbes, das mit kalten Nadeln Augen und Hirn zerstach, bergo Mund und
Nase ...

Eeeeeee, drang ein krampfartiger Laut aus seinem Munde. Er verlor
Reitpeitsche und Mtze, fiel auf die Hnde, wurde nichts mehr gewahr. Er
hatte nur die eine brennende Vorstellung, da nun alles unwiderbringlich
zu Ende sei, und einen dumpfen, brennenden Schmerz im Auge.

In der stillen, menschenleeren Allee entstand ein irres Durcheinander.
Karssawina schrie schrill auf, griff sich mit Entsetzen an ihre Schlfen
und schlo die Augen. Mit dem gleichen Gefhl des Ekels strzte sich
Jurii, whrend er nur den auf allen Vieren hockenden Sarudin vor sich
sah, zusammen mit Schawrow auf Ssanin zu.

Woloschin rannte eiligst die Allee herunter, gerade durch das nasse
Gras, wobei er das Pincenez verlor und sich in die Bsche verwickelte;
seine weien Hosen wurden sofort bis an die Knie schwarz.

Tanarow sprang mit zusammengepreten Zhnen und wtend aufgerissenen
Pupillen auf Ssanin zu; aber Iwanow packte ihn khl von hinten an den
Schultern und warf ihn beiseite.

La ihn doch, lasse, sagte Ssanin mit Ekel. Er stand mit
breitgespreizten Beinen da, atmete hart; auf seine Stirn traten schwere
Tropfen Schwei.

Sarudin erhob sich taumelnd. Dabei stie er armselige,
unzusammenhngende Laute mit zitternden, geschwollenen Lippen aus. Es
waren abgerissene Drohungen gegen Ssanin, die in ihrer Ohnmacht nur
abstoend wirkten.

Die ganze linke Seite seines Gesichts schwoll rasch an, das Auge schlo
sich, aus Mund und Nase troff Blut, die Zhne klapperten, sein Krper
zitterte wie im Fieber; er hatte nicht mehr die geringste Aehnlichkeit
mit dem eleganten Menschen, der er noch eine Minute vorher gewesen war.
Die furchtbare Kraft Ssanins hatte ihn mit einem Schlag alles
Menschlichen beraubt und ihn zu etwas Elendem, Formlosem, Feigem
gemacht. Weder der Wunsch zu fliehen, noch ein Versuch sich zu
verteidigen, lie sich an ihm wahrnehmen. Er spie Blut aus; mit
zittrigen Hnden klopfte er unbewut den an den Knien kleben gebliebenen
Sand ab, taumelte aber wieder und fiel um.

Wie entsetzlich, wie entsetzlich, wiederholte Karssawina und wnschte
so schnell als mglich von dem Platz fortzukommen.

Gehen wir, sagte auch Ssanin zu Iwanow. Er blickte dabei nach oben,
weil es ihm unangenehm und peinlich war, Sarudin anzusehen.

Gehen wir, Ssoloveitschik!

Aber Ssoloveitschik bewegte sich nicht vom Flecke. Mit weitaufgerissenen
Augen starrte er den Offizier, das Blut und den schneeweien Kittel an,
auf dem sich einige Sandflecken eigentmlich abhoben. Er zitterte und
klapperte sinnlos mit den Lippen.

Iwanow zog ihn zornig am Arm, aber Ssoloveitschik ri sich mit starker
Anstrengung los, umfate mit beiden Hnden einen Baum, als wenn man ihn
fortschleppen wollte, weinte pltzlich auf und schrie: Wozu haben Sie
das ... Wozu?

Jurii Swaroschitsch trat auf Ssanin zu:

Was fr eine Niedertracht, schrie er ihm gerade ins Gesicht.

Doch Ssanin beherrschte sich. Ohne hoch zu schauen, lchelte er
angeekelt: Ja, Niedertracht. Wre es denn besser, wenn er mich
geschlagen htte. Er machte eine abweisende Geste und ging rasch durch
die breite Allee fort. Iwanow sah Jurii verchtlich an und, sich eine
Zigarette ansteckend, schlenderte er langsam hinter Ssanin her. Noch an
seinem breiten Rcken und den geraden Haaren konnte man sehen, wie
gleichgltig er sich gegen alles Vorgefallene verhielt.

Wie dmlich und gemein doch der Mensch sein kann, meinte er.

Ssanin sah sich schweigend um, antwortete aber nichts.

... Wie die Tiere, sagte Jurii vor sich hin, als er aus dem Park ging.

Zwar lag der Park ebenso da, wie er ihn vielmals vorher gesehen hatte,
nachdenklich dunkel und schn, jetzt aber schlo er sich durch das
Vorgekommene von der ganzen Welt aus und wurde bange und abstoend.

Schawrow atmete schwer und ratlos auf, sah sich ber die Brillenrnder
schchtern nach allen Seiten um, als wenn er glaubte, da man jetzt aus
jedem Winkel Ueberflle und Gewaltttigkeiten gewrtigen msse.




                                  XXX


In einem einzigen Augenblick hatte sich das Aussehen von Sarudins Leben
auf das Furchtbarste verndert. Wie leicht und verstndlich es frher
war, so unertrglich wurde es jetzt. Es schien, da man eine helle,
lchelnde Maske abgestreift htte; nun kam die wtende Fratze eines
Raubtieres darunter zum Vorschein.

Als Tanarow ihn in einer Droschke nach Hause brachte, suchte er vor sich
selbst Schmerz und Schwche zu bertreiben, um nur nicht die Augen
ffnen zu mssen. Er machte sich glauben, da die Schande, die ihn von
allen Seiten mit gierigen Augen anstarrte und nur auf diesen Blick
wartete, um johlend, Grimassen schneidend und Finger zeigend, hinter ihm
herzulaufen, so noch weiter aufgehalten werden knnte.

Aus allem, aus dem mageren Rcken des blaugekleideten
Droschkenkutschers, aus jedem Straenpassanten, aus den Fenstern, hinter
welchen ihm schadenfrohe Gesichter aufzutauchen schienen, und selbst in
Tanarows Hand, die ihn an der Seite hielt, sprte er schweigende aber
aufrichtige Verachtung heraus.

Und dieses Gefhl war so berwltigend, so herzzerreiend schmerzlich,
da es Sarudin zeitweise nicht mehr ertrglich schien.

Sein Gehirn strubte sich dagegen, das Geschehene hinzunehmen; es wollte
hoffen, da all das nicht gewesen wre oder da hier doch noch ein
Irrtum vorliege. Manchmal meinte Sarudin, da er irgend einen
nebenschlichen Punkt, der aber die ganze Situation vollstndig
verndern wrde, nicht richtig auffasse; im Grunde wre seine Lage gar
nicht so entsetzlich und auswegslos. Die einfache Tatsache jedoch blieb
klar und offen vor ihm bestehen; immer enger und enger hllte die
Finsternis der Verzweiflung seine Seele ein.

Sarudin hatte die Empfindung, in schmerzlicher, unbequemer Stellung am
Boden festgebunden zu sein; in der widerwrtigsten Weise fllten sich
seine Hnde nach und nach mit Blut und Staub. Dabei fand er es
gleichzeitig erstaunlich, da er berhaupt noch imstande war,
Einzelheiten herauszufinden. Eigentlich htte sich sein Krper sofort
auflsen mssen, nachdem alles, was den schnen, eleganten,
frhlich-sicheren Sarudin ausmachte, spurlos verflogen war; nun aber
lebte er, ohnmchtig und besudelt, noch immer weiter.

Manchmal, wenn sich die Droschke bei scharfen Wendungen auf die Seite
neigte, ffnete Sarudin ein wenig die Augen und erkannte durch trbe
Nsse die bekannten Straen, Huser, eine Kirche, Menschengestalten.
Alles war so wie sonst; jetzt aber machte es einen unendlich fernen,
fremden und feindlichen Eindruck. Die Passanten blieben stehen und
schauten ihnen neugierig nach; wieder schlo Sarudin schnell die Augen
und verlor vor Beschmung und Verzweiflung fast die Besinnung.

Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit; er glaubte nicht, da sie noch einmal
ein Ende nehmen wrde.

Nur schneller, nur nach Hause! schwirrte es durch sein Hirn, doch
sofort tauchten die Gesichter des Burschen, der Zimmerwirtin, der
Nachbarn vor ihm auf, und augenblicklich wnschte er, so wie er sich
jetzt befand, abzureisen, nur immer unaufhrlich zu fahren, zu fahren,
und niemals mehr die Augen aufschlagen zu mssen.

Tanarow, der ihn ununterbrochen an der Seite hielt, empfand fr Sarudin
tzende Scham. Er starrte abgemessen geradeaus und gab sich alle
erdenkliche Mhe, jedem entgegenkommenden Straenpassanten klar zu
machen, da er persnlich mit der Sache nichts zu tun habe, und da
nicht er, sondern ein anderer geschlagen worden wre. Sein Gesicht war
gertet, mit kaltem Schwei bedeckt, wodurch seine Verwirrung noch
gesteigert wurde. Zuerst sprach er noch zu Sarudin, bewegte sich,
versuchte zu trsten, wurde aber bald schweigsam und trieb nur mit
zusammengepreten Zhnen den Droschkenkutscher zur Eile an. Daran und an
der Unsicherheit der Hand, die ihn halb sttzte, halb von sich entfernt
hielt, erriet Sarudin, was in Tanarow vorging. Und dieses eine
Vorkommnis, da Tanarow, diese Null, dieser Trottel, dem er immer
unendlich berlegen war, mit einem Male das Recht erhielt, sich fr ihn
zu schmen, gab seinem Bewutsein, alles sei nunmehr zu Ende, den
letzten endgltigen Sto.

Sarudin konnte nicht ohne fremde Hilfe durch den Hof gehen; er mute von
Tanarow und dem erschrockenen Burschen, der ihnen zitternd entgegen
gerannt kam, fast auf den Hnden ins Haus geschleppt werden. Ob auf dem
Hof noch Leute waren, bemerkte Sarudin nicht. Die beiden legten ihn auf
den Divan und hatten zunchst keine Ahnung, was sie mit ihm anfangen
sollten. So standen sie kopflos vor seinen berreizten Augen und
bereiteten ihm dadurch entsetzliche Qualen. Der Bursche kam zuerst zu
sich, geriet in Eile, holte warmes Wasser, ein Handtuch und wusch
Sarudin behutsam Gesicht und Hnde ab. Der Offizier frchtete beinahe,
seinem Blick zu begegnen, aber das Gesicht des Soldaten zeigte nichts
von Schadenfreude, hatte nichts von Verachtung oder Hohn an sich; es sah
nur erschrocken und mitleidsvoll, wie das eines alten, gutmtigen
Weibes, aus.

Wo hat man denn das, Hochwohlgeboren ...? fragte er Tanarow. Ach, du
lieber Herrgott! Wie war es denn mglich ...!

Das geht dich gar nichts an! schrie Tanarow mit zornrotem Gesicht, sah
sich aber sogleich schchtern um.

Er ging an das Fenster und griff mechanisch nach einer Zigarette, wurde
aber unschlssig, ob er wohl in Sarudins Zimmer rauchen drfe. So
steckte er das Etui unmerklich wieder in die Tasche.

Soll ich den Arzt holen? fragte der Bursche von neuem.
Gewohnheitsmig nahm er Haltung an, schien aber auch Tanarow, trotz des
Anschnauzens, nicht mehr zu frchten.

Tanarow spreizte unentschlossen die Finger. Ja, ich wei wirklich nicht
... er antwortete in einem ganz anderen Ton und sah sich wieder um.

Sarudin hrte die Frage und erschrak bei dem Gedanken, da auch noch der
Arzt sein Gesicht anschauen solle.

Ich brauche ... keinen! sagte er mit unnatrlich schwacher Stimme. Er
bemhte sich immer noch, sich und die anderen glauben zu machen, da es
mit ihm zu Ende gehe.

Nachdem ihm jetzt Blut und Schmutz vom Gesicht gewaschen waren, sah er
nicht mehr so schrecklich, sondern einfach nur abstoend und
bemitleidenswert aus. Tanarow warf ihm mit kleinlicher Neugierde einen
verstohlenen Blick zu, wandte aber sofort die Augen wieder ab. Diese
fast unmerkliche Bewegung wurde von Sarudin, wie fast alles, was ihn
jetzt umgab, mit krankhafter Schrfe aufgefat; unter ihr erstickte er
beinahe vor Verzweiflung. Er kniff das geschlossene Auge noch fester zu
und rief mit scharfer, gebrochener Stimme:

Lat mich ... lat mich allein!

Tanarow schielte auf ihn und wurde pltzlich von verchtlichem Zorn
fortgerissen.

... Schreien tut er auch noch. Ganz wie jeder andere Mensch ... dachte
er wtend.

Sarudin wurde ganz still und lag unbeweglich, mit geschlossenen Augen
da. Tanarow trommelte leise mit den Fingern auf dem Fensterbrett, zupfte
sich an seinem Schnurrbart und schaute wieder auf die Strae hinab. Das
erkltende Verlangen fortzugehen, lie ihm keine Ruhe.

Es pat sich doch nicht! ... Lieber abwarten, bis er einschlft, dann
geht es erst ... dachte er niedergeschlagen.

So verging gegen eine Viertelstunde, aber Sarudin bewegte sich von Zeit
zu Zeit immer wieder. Tanarow wurde es allmhlich unertrglich ekelhaft
zumute. Endlich lag Sarudin ganz still.

... Scheint doch eingeschlafen zu sein! ... dachte Tanarow mit
geheuchelter Teilnahme und blickte ihn verstohlen an. Wirklich
eingeschlafen!

Er machte eine schchterne Bewegung und klirrte ganz leise mit den
Sporen. Sarudin schlug im Augenblick die Augen auf. Die nchsten
Sekunden hindurch blieb Tanarow unbeweglich. Doch Sarudin fhlte seinen
Wunsch heraus, wie auch Tanarow seinerseits pltzlich wute, da Sarudin
alles verstehe. Und da geschah etwas Seltsames, Banges. Sarudin schlo
rasch wieder die Augen, und Tanarow bckte sich heimlich und schlich auf
den Zehenspitzen aus dem Zimmer, mit der angestrengten Bemhung, sich
selber diesen Schlaf einzureden. Aber er konnte gleichzeitig nicht das
klare Bewutsein berwinden, da sie beide ganz genau wuten, wie der
Sachverhalt lge.

Die Tr drckte sich leise ins Schlo, und alles, was sie beide frher
so fest und freundschaftlich miteinander zu verbinden schien, war jetzt
fr immer verschwunden. Sarudin, wie auch Tanarow fhlten, da sich
zwischen ihnen ein luftleerer Raum geschoben hatte, der nicht mehr zu
verdrngen war. Von nun an existierte unter allen Menschen Einer nicht
mehr fr den anderen.

Im Nebenzimmer atmete Tanarow wieder freier auf und fhlte sich
bedeutend leichter. Er empfand weder Mitleid noch Bedauern darber, da
zwischen ihm und Sarudin, mit dem er so viel Jahre gemeinsam verlebt
hatte, alles zerbrochen war.

Hre du, sagte er, sich nach den Seiten umschauend, eilig, als wenn es
eine lstige Formalitt wre, die er noch zu erfllen htte, zu dem
Burschen, ich gehe jetzt fort, und du, pa auf ... wenn etwas vorkommen
sollte ... Du wirst schon wissen ... nicht?

Zu Befehl! erwiderte erschrocken der Bursche.

Nun, also denn ... Ja ... diese Umschlge da, die wirst du fters
wechseln ...

Er stieg die Steinstufe herab und sah wieder zufrieden um sich, als er
in die breite, menschenleere Strae hinaustrat. Der Abend war schon
angebrochen. Tanarow freute sich, da die Straenpassanten sein
glhendes Gesicht nicht mehr sehen konnten.

Mglicherweise kann ich auch noch in diese schlimme Geschichte
hineingezogen werden, dachte er pltzlich, als er in den Boulevard
einbog, und ein kalter Hauch wehte durch sein Herz. -- Aber
schlielich, was habe ich denn damit zu tun? Er gab sich Mhe, nicht
mehr daran zu denken, wie er sich selbst auf Ssanin gestrzt hatte, und
vor allem nicht an den Sto Iwanows, der ihn fast zu Boden schleuderte.

Pfui Teufel, was fr eine verfluchte Geschichte da herausgekommen ist!
dachte Tanarow beim Gehen mit einer rgerlichen Grimasse und voll
Bitterkeit gegen Sarudin. Nur dieser Esel ist an allem schuld! Er hatte
es auch ntig, mit dem Lumpengesindel anzubinden! Pfui, wie ekelhaft!

Und je mehr er berlegte, welche unangenehme Wendung die Angelegenheit
genommen hatte, desto hher reckte sich seine winzige Gestalt, mit den
hoch aufgezogenen Schultern und der engen Brust, die im weien Kittel,
engen Reithosen und eleganten Stiefeln steckte, instinktiv auf. Nach
allen Seiten begann er drohende Blicke zu werfen.

In jedem entgegenkommenden Passanten sah er Spott und Hohn; jetzt htte
die geringste Andeutung gengt, um die Spannung in ihm zur Auslsung zu
bringen. Er wre mit blankem Sbel vorwrts gestrzt, um ohne
Ueberlegung tdliche Hiebe auszuteilen. Aber er begegnete nur wenigen
Menschen, und auch die glitten an ihm, wie flache Schatten an den Zunen
des dunklen Boulevards, schnell vorber.

Zu Hause, whrend er sich allmhlich beruhigte, kam ihm wieder in
Erinnerung, wie ihn Iwanow zur Seite geschleudert hatte.

Warum habe ich ihm nicht in die Schnauze geschlagen? ... Ich sollte ihm
doch einfach in die Zhne hauen! Schade, da der Sbel nicht scharf ist!
Sonst ... Uebrigens, ich hatte ja den Revolver in der Tasche! Da ist er
noch. Ich konnte ihn wie einen tollen Hund niederknallen. Nicht? ... Ich
verga den Revolver!

... Gewi habe ich nicht an den gedacht, sonst htte ich ihn wie einen
Hund ber den Haufen geschossen! Oder ... vielleicht ist es auch gut,
da ich's vergessen hatte; ein Totschlag immerhin ... auf jeden Fall
gibt's ein Gericht ... und mglicherweise hatte von ihnen ebenfalls
einer einen Browning ... da wre es mglich gewesen ... wegen eines
Nichts ... hole es der Teufel, zu Schaden zu kommen! ... So wei ja
niemand, da ich den Revolver bei mir hatte, und nach und nach wird man
berhaupt das Ganze vergessen ...

Tanarow zog vorsichtig, sich nach allen Seiten umsehend, den Revolver
aus der Tasche und legte ihn in die Schublade.

... Ich mu heute noch zum Oberst gehen und ihm melden, da ich an der
Sache unbeteiligt bin ..., beschlo er, indem er die Schublade mit
lautem Geklirr abschlo.

Aber strker noch als dieser Entschlu drngte sich ihm der nervse,
fast prahlerische Wunsch ganz unwiderstehlich auf, in den Klub zu gehen
und ber den Skandal als Augenzeuge zu berichten.

Im hellerleuchteten Militrklub, der mitten in der dunklen Stadt lag,
versammelten sich in aufgeregter, lrmender Entrstung die Offiziere.
Sie hatten von dem Vorfall im Park schon gehrt und waren voll geheimer
Schadenfreude gegen Sarudin, der sie mit seiner Eleganz und Verve stets
auf die Seite drngte. Mit brutaler Neugierde empfingen sie Tanarow, der
in seinen eigenen Augen pltzlich zum Helden des Tages wurde. Seiner
Bedeutung angemessen schilderte er die Szene bis in die kleinsten
Details. In seiner Stimme und den dunklen schmalen Augen zuckte
schchtern das zurckgehaltene und unbewute Gefhl der Rache.

In der hufigen Wiederholung und Durchschnfflung all der Einzelheiten,
wie Sarudin geschlagen worden war, entschdigte Tanarow gleichsam seine
Gehssigkeit fr den ganzen Druck des frheren Freundes, fr die
Geldaffren, die herablassende Behandlung, die sich durch die
Ueberlegenheit Sarudins ganz von selbst ergeben hatte.

Der Offizier aber lag ganz einsam, der ganzen Welt fremd, in seinem
Zimmer auf dem Divan.

Der Bursche, der bereits erfahren hatte, wie die Affre mit seinem Herrn
vor sich gegangen war, bereitete noch immer, mit dem mitleidsvoll
erschrockenen Weibergesicht den Samovar, holte Wein, und vertrieb den
frhlichen zrtlichen Setter aus dem Zimmer, der aufs uerste erfreut
war, da sein Herr zu Hause blieb. Dann trat er wieder auf Zehenspitzen
an den Divan heran:

Hochwohlgeboren mgen doch etwas Wein trinken, sagte er kaum
vernehmbar.

Wie, was? ... Sarudin ffnete die Augen, schlo sie aber sofort
wieder. Trotzdem aber fuhr er, wie es ihm selber schien, mit elender und
in der Tat mitleiderregender Grimasse fort, wobei er die geschwollenen
Lippen nur mit Mhe bewegen konnte: Gib -- -- den Spiegel ... her.

Der Bursche seufzte, brachte gehorsam den Spiegel und leuchtete mit der
Kerze. Mibilligend dachte er: -- -- -- Was ist da viel reinzugucken ...

Sarudin blickte in den Spiegel und sthnte unwillkrlich auf. Aus der
dunklen Flche schaute ihn, von der Seite rtlich beleuchtet, ein
einugiges blutunterlaufenes, blulich schwarzes Gesicht an, dessen
Schnurrbart zur Hlfte widersinnig in die Hhe stach.

Hier, nimm, murmelte Sarudin; pltzlich schluchzte er hysterisch auf.

Hochwohlgeboren ... wozu sich so rgern. Es wird schon wieder gut
werden, sagte der Bursche mitleidig, whrend er ihm in einem klebrigen
Glas, das nach kaltem sen Tee roch, Wasser reichte.

Sarudin trank nicht, sondern fuhr nur mit den Zhnen am Rande des Glases
entlang und go sich das Wasser ber die Brust.

Scher dich fort, schrie er wtend. Und doch empfand er in diesem
Augenblick, da der Bursche der einzige Mensch auf der Welt sei, der mit
ihm Mitleid htte. Aber das warme Gefhl fr den Soldaten wurde sofort
von der unertrglichen Vorstellung beiseite geschoben, da jetzt sogar
der Bursche das Recht htte, ihn zu bedauern.

Der Soldat ging auf die Steintreppe hinaus. Er blinzelte mit den Augen
und hatte das deutliche Verlangen, zu heulen; er setzte sich auf die
Stufen nieder und streichelte seufzend den weichen Rcken des Hundes,
der sich an seinen Hosen rieb.

Ueber dem Garten funkelten lautlos glnzende Sterne. Der Setter legte
ihm die elegante Schnauze auf die Kniee und schaute ihn von unten her
mit dunklen unverstndlichen Augen, die doch etwas zu sprechen schienen,
an. Dem Soldaten wurde es bange und traurig, als ahnte er einen
unabwendbaren Schicksalsschlag voraus.

-- -- -- Eh, das Leben, das Leben, dachte er erbittert; eintnig
begann er ber sein Dorf nachzudenken.

Sarudin drckte sich krampfhaft an die Rckenlehne des Divans und
zerfiel vllig in dem Gram, ohne zu spren, da ihm das warmgewordene
nasse Handtuch aufs Gesicht herabgerutscht war.

-- -- -- Nun ist alles zu Ende, wiederholte er sich mit innerem
Schluchzen ... Was ist zu Ende? ... Alles, das ganze Leben. Alles, das
Leben ist verloren. Weshalb ... weil ich geschndet bin ... weil ich
geschlagen bin wie ein Hund ... Mit der Faust ins Gesicht ... und ich
kann ja nicht mehr im Regiment bleiben -- --

Ungemein deutlich sah sich Sarudin inmitten der Allee auf allen Vieren
hocken, ohnmchtig sinnlose Drohungen, die doch nur in einem elenden
Winseln verklangen, ausstoen. Immer von neuem und von neuem erlebte er
diesen furchtbaren Augenblick, immer heller hob er sich vor seinen Augen
ab. Alle Einzelheiten kamen ihm wie von einem elektrischen Reflektor
berstrahlt, ins Bewutsein. Aus irgend einem Grunde waren gerade diese
ungereimten Drohungen und das weie Kleid Karssawinas, das in demselben
Augenblick an ihm vorbeihuschte, die qualvollsten Bilder seines
Gedchtnisses.

-- -- -- Wer hat mich denn aufgehoben, dachte er ... Dabei strengte er
sich an, nichts zu denken; geflissentlich suchte er sein Hirn zu
verwirren ...

Tanarow oder etwa der Judenbengel, den sie bei sich hatten. Tanarow ...
darum handelt es sich ja garnicht ... Um was denn? ... Nur darum, da
das ganze Leben verdorben ist und da ich nicht mehr im Regiment bleiben
kann. Und ein Duell ... Er wird sich ja ganz gewi nicht schlagen wollen
... Also ... ich werde nicht im Regiment bleiben knnen.

Sarudin erinnerte sich, wie einmal ein Ehrengericht, an dem er selbst
teilgenommen hatte, zwei alte, verheiratete Offiziere aus dem
Offizierkorps stie, weil sie sich zu schlagen weigerten.

-- -- -- Man wird es mit mir ebenso machen. Hflich, ohne mir die Hnde
zu reichen, dieselben Leute, ... und niemand wird mehr darauf stolz
sein, wenn ich ihn auf dem Boulevard unter dem Arm nehme. Niemand wird
mich mehr beneiden, ... meine Manieren kopieren ... Aber das ist noch
das wenigste ... Doch die Schande, die Schande, das ist die Hauptsache!
... Und weshalb Schande ... Geschlagen ... Ja, ich wurde doch auch im
Kadettenkorps geschlagen ... Damals, als mich der dicke Schwarz
durchprgelte und mir einen Zahn ausgeschlagen hatte, da wurde doch auch
nichts weiter draus ... Spter vershnten wir uns miteinander und
blieben bis zum Examen die besten Freunde ... Und kein Mensch verachtete
mich ... Und warum denn jetzt alles ganz anders ... Ist es denn nicht
ganz gleich ... Auch damals flo Blut ... Ebenso fiel ich um. Warum? ...

Auf diese auswegslosen gramvollen Fragen konnte Sarudin keine Antwort
finden. Er fhlte nur, da er bis ber den Kopf in einen bodenlosen
Sumpf geraten war, da er unaufhaltsam tiefer sinke, ohne nach dem
geringsten Sttzpunkt greifen zu knnen. Wenn er das Duell angenommen
und mich mitten ins Gesicht getroffen htte ... Das wre doch noch viel
schmerzhafter und widerwrtiger als jetzt gewesen. Aber dann htte mich
niemand verachtet, nein, alle mich bemitleidet. Folglich besteht
zwischen der Kugel ... und der ... Faust ... Ja, was fr ein Unterschied
... was, warum? ...

Sein Denken lief in Sprngen vorwrts.

Doch in der Tiefe arbeitete sich etwas Neues durch, das anscheinend
schon einmal dagewesen, aber in seinem oberflchlichen, leeren
Offiziersleben, das aus nichts als Lrmen bestand, vergessen worden war.
Jetzt tauchte es in dem Unglck, das nichts wieder gut machen konnte und
durch die erlittene Qual nur geschrft, von neuem wieder auf.

Einmal stritt von Deutz mit mir darber, da einer, der auf die linke
Wange geschlagen wird, auch die rechte hinhalten soll, diesmal aber kam
er doch selbst und schrie, fuchtelte mit den Armen, regte sich auf, weil
sich dieser Kerl geweigert hatte, die Forderung anzunehmen. Da haben sie
doch eigentlich die Schuld, da ich ihn mit der Reitpeitsche zchtigen
wollte. Meine ganze Schuld lag darin, da ich keine Zeit fand,
zuzuschlagen ... Das Ganze ist also widersinnig ungerecht ... Und
trotzdem die Schande und man darf nicht im Regiment bleiben.

Sarudin fate ohnmchtig an seinen Kopf, schttelte ihn auf dem Kissen
und verfolgte mechanisch den qulenden Schmerz im Auge. Pltzlich
erfate ihn eine furchtbare Flut von Grimm und Wut.

-- -- -- Einfach zum Revolver greifen und den Hund ber den Haufen
schieen ... eine Kugel nach der andern ... Und ihn mit den
Stiefelabstzen ins Gesicht treten, wenn er umfllt. Einfach ins
Gesicht, in die Zhne, in die Augen.

Mit nassem schwerem Aufschlag klatschte der Umschlag plump auf den
Boden. Sarudin ffnete erschrocken die Augen, sah das kaum beleuchtete
Zimmer, die Schssel mit Wasser, das nasse Handtuch und an der Seite das
schwarze bange Fenster, das ihn wie ein schwarzes Auge rtselhaft trbe
anstarrte.

-- -- -- Nein es ist gleich, es hilft doch nichts, dachte er, whrend
seine ohnmchtige Verzweiflung allmhlich ruhiger wurde. -- -- Es ist
gleich, alle haben gesehen, wie er mich aufs Gesicht schlug und wie ich
auf allen Vieren kroch ... Der Geprgelte, der Geprgelte, -- -- hat
eins in die Fresse bekommen. Und man kann es nicht wieder gut machen.
Nichts! Niemals werde ich wieder glcklich und frei sein. -- --

Wieder bewegte sich etwas Scharfes, ungewhnlich Klares in seinem Gehirn
... Aber war ich denn wirklich jemals frei, ... Ich gehe doch auch jetzt
nur darum unter, weil mein Leben niemals frei und eigen war. Wre ich
denn von selbst zum Duell gegangen ... Htte ich denn mit der Peitsche
schlagen wollen ... Dann wre ich auch nicht geschlagen worden ... Und
alles blieb so schn und glcklich ... Wer und was hat es erfunden, da
man eine Verletzung mit Blut abwaschen mu ... Ich doch nicht. Da habe
ich sie abgewaschen ... Mich hat man mit Blut abgewaschen ... Was? ...
ich wei nicht ... Aber aus dem Regiment mu ich heraus.

Das ohnmchtige, ungeschickte Denken versuchte sich emporzuheben, fiel
aber wieder wie ein Vogel mit zugestutzten Schwingen nieder. Wohin auch
seine Gedanken trieben, immer kehrten sie, wie in einem Kreise
eingeschlossen, wieder auf den einen Punkt zurck, -- -- -- da er aus
dem Regiment herausmsse, da er nun fr immer geschndet sei.

Pltzlich setzte bei ihm Fieber ein. Er begann zu phantasieren. Mit
einem Mal sah er ganz klar zwei Bauern. Sie schimpften und prgelten
sich und der eine traf den anderen gegen die Schlfe ... dieser, schon
alt und grau, strzte nieder, erhob sich dann und, indem er das aus der
Nase flieende Blut mit den Hemdrmeln abwischte, sagte er berzeugt:
Aber ein Narr bleibst du doch.

Ja, das habe ich einmal mit angesehen, erinnerte er sich endgltig; doch
sofort kam ihm wieder klar sein halb dunkles dumpfes Zimmer und die
Kerze auf dem Tisch vor die Augen. Nachher tranken die beiden am
Monopolladen Wodka.

Wahrscheinlich verlor er das Bewutsein, denn die Kerze und das Zimmer
verschwanden irgendwohin. Aber er hrte doch nicht auf, zu denken ...
Spter als die Kerze aus der Finsternis wieder vor ihm auftauchte,
gelang es ihm nur mit Mhe, diesen Gedanken noch zu entziffern ... Mit
einer solchen Schande kann man nicht weiterleben ... So, ich mu also
sterben ... Aber ich will durchaus nicht sterben ... Nicht ich doch ...
Aha, der gute Name ... aber zum Teufel, was geht mich der gute Name noch
an, wenn ich sterben mu ... Aber ich mu doch aus dem Regiment heraus
... Und wie dann weiterleben ...

Als etwas unbegreiflich Trbes und Fremdes erschien ihm seine Zukunft
... Er wich ohnmchtig zurck ... Jedesmal, wenn der leidenschaftliche
Durst nach Leben und Glck den Nebel, der sein Gehirn bedeckte, zu
vertreiben begann, senkte er sich wieder tiefer herab; wieder stand
Sarudin vor einer unabwendbaren Leere.

Die Nacht verging. Schwere Stille lauerte hinter dem Fenster, als ob
Sarudin in der ganzen Welt nur allein litt ... Auf dem Tisch brannte und
schmolz die Kerze und ihre Flamme flo gelb, gleichmig, mit tdlicher
Ruhe herunter. Sarudin starrte mit dem in Fieber und Verzweiflung
glnzenden Auge ins Feuer und bemerkte nicht, wie die Flamme kleiner
wurde; es war ganz erfat von dem schwarzen Dunst unendlich verwirrter,
kraftloser Gedanken.

Inmitten des Chaos von Erinnerungsfetzen, Vorstellungen, Gefhlen und
Gedanken war eine Empfindung am schrfsten; sie drngte sich wie eine
klingende Saite der Trbsal tief ins Herz hinein. Das war der Schmerz,
das bemitleidenswerte Bewutsein seiner vlligen Einsamkeit. Irgendwo
drauen, da lebten Millionen von Menschen, freuten sich und lachten und
sprachen vielleicht auch von ihm; -- -- -- er aber war allein. Vergebens
rief sich Sarudin ein bekanntes Gesicht nach dem andern vor die Augen.
In blasser fremder gleichgltiger Reihenfolge stiegen sie vor ihm auf,
in ihren khlen Zgen las er nur Schadenfreude und Neugierde. Da
erinnerte er sich in schchterner Trauer an Lyda.

So wie er sie zum letzten Mal gesehen hatte, stellte er sie sich jetzt
vor; mit groen Augen, denen jede Lebensfreude fehlte, mit dem schwachen
Krper unter dem Hauskleid und aufgelstem Zopf. In ihrem Gesicht war
weder Schadenfreude noch Verachtung zu sehen. Mit traurigem Vorwurf
blickte es ihn an und der Zuspruch, da noch irgend etwas mglich sei,
schimmerte in Augen, denen jede Lebensfreudigkeit fehlte. Er erinnerte
sich an die Szene, als er sich im Augenblick ihres schwersten Kummers
von ihr lossagte. Das messerscharfe Bewutsein eines unwiederbringlichen
Verlustes ri in den tiefsten Fasern seiner Seele.

-- -- -- Und sie litt damals wahrscheinlich noch mehr als ich jetzt.
Trotzdem habe ich sie von mir gestoen. Ich wnschte selbst sogar, da
sie stirbt, da sie sich ertrnkt.

Wie zu einer letzten Zufluchtssttte streckte sich ihr seine Sehnsucht
in verzehrendem Durst nach Liebkosungen und Teilnahme entgegen. Fr
kurze Zeit kam ihm der Gedanke, da das Leiden, welches er jetzt
durchlebte, die Vergangenheit erlsen knnte. Doch im selben Augenblick
wute er auch, da Lyda niemals mehr zu ihm kommen wrde, weil alles zu
Ende sei. Vllige Leere ffnete sich vor ihm wie ein Abgrund. Sarudin
hob die Hand, prete sie fest gegen den Kopf; er schien zu erstarren ...
seine Augen waren geschlossen, seine Zhne in der Anstrengung, nichts
mehr zu sehen, nichts zu hren, nichts zu fhlen, aufeinandergepret.
Aber bald lie er die Hand fallen, schob sich in die Hhe und setzte
sich aufrecht hin. Sein Kopf schwindelte, im Munde brannte es, Beine und
Arme zitterten. Er stand auf und ging schwankend, unter dem Druck im
Kopfe, der pltzlich ungeheuer schwer wurde, zum Tische.

-- -- -- Alles verloren -- -- -- alles verloren -- -- -- das Leben und
Lyda und alles ... Ein greller Blitz klarer Gedanken beleuchtete einen
Augenblick sein Schicksal. Er verstand mit einem Schlag, da es in
seinem verschwundenen Leben nichts Gutes und Schnes und Frohes gegeben
hatte, sondern da alles heuchlerisch, beschmutzt und tricht war. Nicht
einmal ein besonderer Sarudin, den sein Charakter zu allem berechtigte,
hatte existiert. Es gab nur einen ohnmchtigen schchternen, und
verhtschelten Krper, der frher einmal alle Gensse durchkostete und
jetzt Schmerz und Demtigung erlitt. -- -- -- --

-- -- -- Man kann nicht weiterleben, dachte Sarudin klar und ruhig. Um
ein neues Leben zu beginnen, mu man alles frhere von sich werfen
knnen, zu einem ganz anderen Menschen werden. Aber das kann ich nicht.
-- -- --

Er lie den Kopf schwer gegen den Tisch fallen und starrte wie gebannt
in die schwankende Flamme der Kerze, die an den Rndern des Leuchters
herunterschmolz.




                                  XXXI


Am selben Abend kam Ssanin allein bei Ssoloveitschik vorbei.

Der Jude sa ganz einsam auf der Steintreppe des Hauses und schaute auf
den den Hof, ber den sich, Gott wei fr wen, schmale Wege langweilig
hinzogen; zwischen den Steinen verwelkte staubiges Gras. Die
abgeschlossenen Schuppen mit riesigen, verrosteten Schlssern, die
trben Fenster der Mhle und der ganze ungeheure leere Platz, in dem das
Leben, wie es schien, bereits vor langen Jahren ausgestorben war,
atmeten grliche, geprete Zerschlagenheit aus.

Ssanin war beim ersten Anblick von den Mienen Ssoloveitschiks
berrascht. Er lchelte nicht, bleckte nicht wie sonst gefllig mit den
Zhnen, sondern sah nur traurig und abgespannt vor sich hin ... Nur aus
seinen dunklen Augen lugte lange ein bohrender Gedanke hervor.

Ah, guten Tag, sagte er gleichgltig und drckte schwach Ssanins Hand;
dann wandte er sich sofort wieder mit dem Gesicht zu dem dunklen Himmel,
von dem sich die abgestorbenen Scheunendcher noch lebloser abhoben.

Ssanin setzte sich auf eins der Treppengelnder, zndete sich eine
Zigarette an und schaute lange auf Ssoloveitschik, an dem ihm etwas
Besonderes auffiel. Was machen Sie hier? ...

Ssoloveitschik wandte ihm langsam seine traurigen Augen zu.

Ich bin hier so ... Die Mhle blieb stehen. Ich war beschftigt im
Kontor ... Da wohnte ich auch hier. Sind schon alle weggefahren, ich bin
hier geblieben, als einer nur.

Es ist Ihnen wohl bange, so einsam zu wohnen?

Was ist bange? -- -- -- Ist ja alles ganz egal, er schlug mit der Hand
trbe durch die Luft. Es war lange still und man konnte nur das einsame
Kettenklirren in der Hundehtte hinter den Scheunen her vernehmen.

Nicht hier ist es so bange, -- -- -- Ssoloveitschik kam pltzlich ins
Reden und geriet unerwartet in laute leidenschaftliche Bewegung.

Nicht hier ... sondern ... er zeigte auf Brust und Stirn, da und da
...

Was ist denn? fragte Ssanin ruhig.

Hren Sie, Ssoloveitschik fuhr noch lauter und leidenschaftlicher
fort. Da haben Sie geschlagen heut einen Menschen, haben ihm
zertrmmert sein ganzes Leben. Zrnen Sie mir nicht, ich bitte, da ich
spreche, alles das ... aber ich denke viel daran. Ich sa hier und
dachte daran immerzu und ist mir geworden so traurig ... Ich bitte,
antworten Sie mir doch! -- Fr einen Augenblick verzerrte das
gewhnliche, gefllige Lcheln sein Gesicht.

Fragen Sie, wonach Sie wollen. Glauben Sie wirklich, Sie werden mich
verletzen? ... Durch eine Frage knnen Sie es gewi nicht. Was ich getan
habe, habe ich getan. Wenn ich jetzt glauben wollte, da es schlecht
war; ich wrde es selber eingestehen.

Ich wollte Sie nur eines fragen ... Wenn Sie sich vorstellen -- --
jetzt -- -- vielleicht haben Sie gettet diesen Menschen?

Daran zweifle ich kaum. Ein solcher Mensch wie Sarudin kann sich kaum
von dem Schlag frei machen, als ... nun da er mich oder sich ttet ...
Aber was mich betrifft ... Nein, der psychologische Moment ist versumt.
Der ist jetzt viel zu deprimiert, um mich jetzt gleich zu tten. Spter
aber wird er keinen Mut mehr dazu haben. Sein Spiel ist zu Ende.

Und darber knnen Sie sprechen so ruhig?

Was soll das Ruhig? ... Ich kann nicht ruhig mit ansehen, wie man eine
Henne abschlachtet. Und hier handelt es sich noch um einen Menschen. Und
das Schlagen selbst ist peinlich. Zwar ... das Gefhl der eigenen Kraft
ist ein bichen angenehm ... aber doch ... es ist dumm. Und hlich war
es auch, da alles so roh vor sich ging, doch mein Gewissen ist ruhig.
Ich war hierbei nur eine Zuflligkeit. Sarudins Leben luft eine Bahn
herunter, bei der es nur verwunderlich ist, da nicht allein dieser eine
Mensch zugrunde geht, sondern nicht noch alle andern zum Teufel gegangen
sind. Die Leute lernen Menschen zu tten, ihren Krper zu pflegen und
begreifen nicht, was und wozu sie es tun. Das sind Verrckte, Idioten.
Und wenn man Verrckte auf der Strae frei herumlaufen lt, schneiden
sie sich alle untereinander die Kehlen ab. Was bin ich schuld, da ich
mich gegen einen solchen Tollen verteidigen mute.

Aber gettet haben Sie ihn, beharrte Ssoloveitschik.

Darber mag er sich schon beim lieben Herrgott beschweren, der uns
beide auf einem Punkt zusammenbrachte, wo wir nicht aneinander
vorbeikommen konnten.

Aber Sie konnten ihn halten fest, ihn kriegen bei die Hnde.

Ssanin hob den Kopf.

In solchen Fllen denkt man nicht darber nach, was man tun knnte ...
Und welchen Zweck htte es gehabt, das Gesetz seines Lebens verlangte
Rache um jeden Preis. Ich konnte ihn doch keine Ewigkeit an den Hnden
halten. Fr ihn wre das nur eine neue Beleidigung gewesen ... und
weiter nichts.

Ssoloveitschik breitete beide Arme weit aus und wurde schweigsam.

Die Dunkelheit rckte gierig von allen Seiten heran. Der rosa Streifen
der Abendrte, von den Rndern der schwarzen Dcher scharf
abgeschnitten, wurde immer ferner und khler. Die lautlosen Schritte
schwarzer, unfabarer Schatten, die sich hinter den dunklen Scheunen zu
drngen schienen, muten es sein, die Sultan pltzlich beunruhigten.
Denn mit einem Male kam er aus der Htte herausgekrochen und hockte sich
davor nieder; wtend klirrte er mit seiner Kette.

Mgen Sie -- mglicherweise -- recht haben ... Aber dann ist es
wirklich immer notwendig ... Vielleicht wre es gewesen besser, wenn Sie
selbst htten ertragen den Schlag.

Weshalb besser? ... Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Schlag
hinzunehmen. Wozu auch? ... Aus welchen Grnden?

Nein, ich bitte, hren Sie mich an ... fiel ihm Ssoloveitschik rasch
ins Wort. Vielleicht, es wre gewesen doch besser ...

Fr Sarudin allerdings.

Nein, fr Sie auch. Denken Sie sich nur ...

Ach, Ssoloveitschik, erwiderte leicht angergert Ssanin. Das ist
immer das alte Mrchen von dem moralischen Sieg. Und dazu ist dieses
Mrchen noch sehr plump. Der moralische Sieg besteht nicht darin,
unbedingt seine Backe hinzuhalten, sondern vor seinem eigenen Gewissen
im Recht zu sein. Und wie man sich dieses Bewutsein verschafft, das ist
ganz gleich ... Das hngt vom Zufall, von den Umstnden ab. Nichts ist
entsetzlicher als die Sklaverei, und es gibt wieder keine schrecklichere
Sklaverei, als wenn sich ein Mensch bis auf die Knochen gegen eine
Gewalttat, die ihn trifft, emprt und sich ihr dann doch im Namen eines
strkeren Prinzips unterwirft.

Ssoloveitschik fate sich pltzlich an den Kopf, doch in der Dunkelheit
blieb der Ausdruck seines Gesichts unerkennbar.

Was soll ich sagen? ... rief er mit weinerlicher Stimme. Meine
Vernunft ist so schwach. Ich kann sich garnichts erklren, nichts
verstehen, ... ich wei nicht, wie man soll leben.

Und wozu brauchen Sie es zu wissen. Leben Sie wie der Vogel fliegt.
Will er den rechten Flgel heben, gut, so hebt er ihn, will er um einen
Baum biegen, gut, biegt er um ...

Ja, aber es ist doch das ein Vogel, wohingegen ich bin ein Mensch ...

Ssanin lachte laut, und sein frhliches, mutiges Lachen erfllte alle
Ecken des dunklen Platzes mit momentanem Leben.

Ssoloveitschik hrte auf und schttelte langsam den Kopf.

Nein, sprach er trb. Das ist alles nur so ... Worte. Sie knnen mich
nicht lehren, wie mu ich leben. Niemand, niemand kann es.

Das ist wahr, niemand kann das. Die Kunst zu leben, das ist auch ein
Talent. Und wer dieses Talent nicht besitzt, der geht unter.

Sie sind jetzt so ruhig, Sie sprechen so, als wenn Sie wissen schon
alles. Und ... ich bitte, seien Sie mir nicht bse ... Waren Sie immer
einer, Soner ... So wie Sie sind jetzt. Ruhig ... Ssoloveitschik fragte
es mit brennender Neugierde, in der Erregung verschlechterte sich sein
Russisch immer mehr.

Oh nein, Ssanin schttelte mit dem Kopf. Allerdings, ich besa immer
viel Ruhe. Aber es waren doch Zeiten, wo ich die unterschiedlichsten
Zweifel durchmachte. Es gab eine Zeit, wo ich im vollen Ernst von dem
Ideal des christlichen Lebens trumte.

Ssanin schwieg nachdenklich, und Ssoloveitschik blickte mit
ausgestrecktem Halse auf ihn, als wenn er von ihm etwas unbegreiflich
Wichtiges erwartete.

Einst hatte ich einen Freund, einen Studenten, einen Mathematiker ...
Iwan Lande. Es war ein wunderbarer Mensch von unberwindlicher Kraft,
ein Christ nicht aus Prinzip, nein, einfach seiner Natur nach. In seinem
Leben haben sich alle kritischen Elemente des Christentums
widergespiegelt ... Wenn man ihn schlug, verteidigte er sich nicht, er
vergab seinen Feinden, ging zu jedem Menschen wie zu seinem Bruder hin,
... wer es tun kann, der tue es. Und da er es tun konnte, tat er es auch
... die Verneinung der Frau ... als eines Weibes ... Sie erinnern sich
wohl an Semionow.

Ssoloveitschik nickte ihm mit naiver Freude zu. Fr ihn war es ungeheuer
wichtig: In einer gewohnten Umgebung, zwischen Bekannten, erstand
pltzlich vor seinen Augen ein Bild des wahren Christen, von dem er
stets nur eine trbe Ahnung hatte, das ihn aber immer wieder anzog, wie
ein Licht den Nachtfalter. Er entflammte ganz in Aufmerksamkeit und
Erwartung.

Nun also, Semionow ging es damals entsetzlich schlecht. Er lebte zu der
Zeit in der Krim bei einem Schler. Da ging er in dieser Einsamkeit
einfach unter, war immer inmitten von Todesahnungen ... in dsterster
Verzweiflung. Lande hatte davon erfahren und entschlo sich natrlich,
die versinkende Seele retten zu gehen. Und er ist buchstblich gegangen.
Geld hatte er nicht. Borgen wollte ihm niemand, als einem an
Gutmtigkeitsirrsinn Leidenden, und so ging er den Weg von 1000 Werst zu
Fu. Irgendwo unterwegs ist er denn auch zugrunde gegangen. Hat also auf
seine Weise sein Leben fr seine Mitmenschen hingegeben.

Voller Begeisterung, ekstatisch mit den Augen blitzend, rief
Ssoloveitschik: Nun, werden Sie nicht anerkennen diesen Menschen?

Ueber ihn gab es seiner Zeit viel Streit, erwiderte Ssanin
nachdenklich. Die einen hielten ihn nicht fr einen echten Christ und
wollten ihn aus diesem Grunde nicht anerkennen, die andern hielten ihn
direkt fr verrckt, so mit einer gewissen Mischung von Eigensinn.
Wieder andere sprachen ihm alle Kraft ab, weil er nicht gekmpft, nicht
gesiegt hatte, kein Prophet wurde, sondern nur allgemein Entfremden
hervorrief. Nun, und ich sehe ihn wieder anders an. Damals war ich
selbst noch von ihm bis zur Bldheit fasziniert. Es ging so weit, da
mir einmal ein Student eins in die Fresse schlug. Zuerst wurde alles in
mir rasend ... Aber Lande war dabei. Er blickte mich ruhig an. Ich wei
nicht, was da in mir vorging ... Nun ... ich bin schweigend aufgestanden
und fortgegangen. Und dann ... zuerst war ich darauf furchtbar stolz,
brigens man kann sagen, dummstolz, und zweitens habe ich auf diesen
Studenten einen Ha von ganzer Seele bekommen. Nicht weil er mich
geschlagen hatte, sondern einfach, weil meine Handlungsweise ihm sicher
ein Vergngen gemacht hatte wie kein zweites. Ganz zufllig bemerkte
ich, in was fr eine falsche Stellung ich mich selbst gebracht hatte,
wurde nachdenklich, lief zwei Wochen lang wie wahnsinnig herum, und
hrte am Ende auf, meinen bldsinnigen, moralischen Sieg als etwas
Groartiges zu betrachten. Aber diesen Studenten habe ich dann bei
seiner ersten selbstgeflligen, frechen Bemerkung bis zur
Bewutlosigkeit und mit kstlichem Genu durchgeprgelt. Zwischen mir
und Lande kam es zu innerer Entfremdung. Ich sah mir sein Leben genau an
und sah ein, da es ganz elend und armselig war ...

Oh, was sagen Sie da, rief Ssoloveitschik, knnen Sie sich denn
vorstellen, wie er war reich an innere Erlebnisse?

Seine Erlebnisse waren eintnig, weiter nichts. Das ganze Glck seines
Lebens bestand darin, widerspruchslos jedes Unglck aufzunehmen, und der
Reichtum darin, da er immer mehr und tiefer jedem Lebensreichtum
entsagte. Das war ein Bettler aus freien Stcken und ein Phantast, der
nur um deswillen lebte, was ihm garnicht bekannt war.

Sie wissen garnicht, wie Sie qulen mich. Ssoloveitschik rief es
pltzlich und rang die Hnde.

Aber was fr ein hysterischer Kerl sind Sie, Ssoloveitschik, bemerkte
Ssanin verwundert. Ich erzhle Ihnen doch garnichts Besonderes. Oder
hat sich diese Frage in Ihnen mit sehr vielen Schmerzen eingefressen.

Sehr ... sehr ... ich denk und denk ... und mein Kopf tut mir weh. War
denn das ein Irrtum ... Alles wirklich. Da sitz ich nun wie in ein
dunkles Zimmer, und niemand kann mir sagen, was ich mu tun. Wozu lebt
denn der Mensch? Sagen Sie es mir.

Wozu? Das ist niemandem bekannt.

Und es ist gar keine Mglichkeit, zu leben fr die Zukunft, damit es
soll wenigstens spter einmal geben ein goldenes Zeitalter.

Niemals wird ein goldenes Zeitalter sein. Wenn sich Leben und Menschen
sprungartig verbessern knnten, das wre das goldene Zeitalter ... Aber
das kann niemals eintreten ... Verbesserungen steigen auf unmerklichen
Stufen heran. Der Mensch sieht nur die letzte und die folgende Stufe.
Sie und ich leben jetzt nicht wie rmische Sklaven oder wie Wilde in der
Steinzeit. Daher empfinden wir gar nicht das Glck unserer Kultur. Auch
der Mensch des goldenen Zeitalters wird keinen Unterschied mit dem Leben
seines Vaters sehen, wie der Vater mit dem des Grovaters und so zurck.
Der Mensch geht auf ewiger Bahn und eine Brcke zum Glck bauen wollen,
das ist dasselbe, als wenn man zu einer unendlichen Zahl neue Einheiten
addieren wollte.

Also ist alles leer ... Also, es gibt denn nichts?

Ich glaube nichts ...

Nun, und Ihr Lande ... Sie haben doch selbst ...

Ich liebte Lande ... Aber nicht, weil er so lebte ... Nein, nur weil er
aufrichtig war und niemals auf seinem Wege stehen blieb, vor keinen
Barrieren ... weder vor lcherlichen noch vor furchtbaren ... Fr mich
war Lande wertvoll an sich. Mit seinem Tode ist auch dieser Wert
verschwunden.

Und Sie glauben denn nicht, da solche Menschen veredeln das Leben.
Bekommen sie doch Anhnger solche Menschen manchesmal ... wie ...

Wozu mte es veredelt werden. Das erstens. Und zweitens kann man
solchem Beispiel nicht folgen ... Ein Lande mu geboren werden ... Jesus
war herrlich, die Christen armselig ... sie haben die erhabene, reine
Idee zu einem toten Dogma herabgewrdigt.

Ssanin wurde es mde, weiter zu sprechen; er schwieg still. Alles um sie
schwieg ebenfalls. Und nur die hoch ber ihnen schwebenden Sterne
schienen ohne Ende ein lautloses Gesprch fortzufhren.

Pltzlich flsterte Ssoloveitschik etwas und sein Flstern war sonderbar
und bange.

Was, fragte Ssanin erzitternd.

Sie mssen mir sagen ... was denken Sie ... wenn ein Mensch nicht wei,
wohin zu gehen ... und immer denkt er, und immer nur denkt er, nur denkt
und immer leidet, und alles ist ihm furchtbar und unbegreiflich.
Vielleicht ist es fr solch einen Menschen besser, berhaupt zu
sterben.

Ja, sagte Ssanin klar und stark; er begriff tief, was aus der jungen
Seele Ssoloveitschiks unsichtbar zu ihm emporstieg. Vielleicht ist es
in einem solchen Fall besser, zu sterben. Leiden ist sinnlos, und ewig
leben wird ja sowieso niemand. Zu leben lohnt es sich wirklich nur fr
einen Menschen, der in der Tatsache des Lebens selbst einen Genu sieht.
Wer aber nur leidet und leidet, dem ist es besser, zu sterben ...

Das hab ich mir auch gedacht, rief Ssoloveitschik mit Nachdruck.
Pltzlich klammerte er sich an Ssanins Hand. Es war ganz dunkel, das
Gesicht Ssoloveitschiks schimmerte kaum merklich, fast bleich wie das
einer Leiche, die Augen blickten aus schwarzen, leeren Hhlen hervor.

Ja, Sie sind ein toter Mensch. Ssanin erhob sich, in seiner Kehle
steckte ein unwillkrliches Zittern. Und fr eine Leiche ist wohl
wirklich ein Grab das beste ... Leben Sie wohl, Ssoloveitschik!

Ssoloveitschik schien nichts mehr zu hren. Er sa unbeweglich wie ein
schwarzer Schatten da, mit abgestorbenem Gesicht.

Ssanin wartete noch einen Augenblick schweigend, dann drehte er sich
ebenso schweigend um und ging. An der Pforte hielt er noch einmal an und
lauschte. Es war alles still; Ssoloveitschik war auf der Steintreppe
kaum noch zu erkennen; er zerflo fast im Dunkeln. Eine unangenehme,
bohrende Ueberlegung kroch in Ssanins Herz.

... Ganz gleich, dachte er, ob so zu leben oder zu sterben ... Es wre
auch ohne dies gekommen ... wenn nicht heute, dann morgen ...

Er wendete sich rasch um, ffnete die knarrende Pforte und ging zur
Strae hinaus. Auf dem Hof war es lautlos wie frher.

Als Ssanin auf den Boulevard kam, hrte er in der Ferne unruhige,
sonderbare Laute. Jemand lief schnell durch das Dunkel der Nacht, mit
lrmendem Fuscharren und klagte oder weinte beim Laufen vor sich hin.

Eine schwarze Gestalt tauchte auf und strzte immer nher und nher auf
ihn zu. Aus irgend einem Grunde wurde Ssanin wieder bange zu Mute.

Was ist los? fragte er laut.

Der Rennende hielt fr einen Augenblick an, und Ssanin sah neben sich
ein erschrockenes, dmliches Soldatengesicht.

Was ist denn los? ... schrie er aufgeregt.

Aber der Soldat murmelte nur etwas und lief weiter, scharrte wie vorher
schwer mit seinen Fen und klagte oder weinte.

Nacht und Stille verschlangen ihn wie ein Gespenst.

... Aber das ist ja der Bursche Sarudins, fiel es Ssanin ein. Pltzlich
go sich ein harter, glhender Gedanke scharf in seinem Kopf aus:
Sarudin hat sich erschossen.

Eine leichte Klte berhrte seine Schlfe. Eine Minute lang starrte er
schweigend in das trbe Gesicht der Nacht und zwischen dem Rtselhaften
und Drohenden, das darin aufstand, und in dem starken Menschen schien
ein kurzer, schweigender aber furchtbarer Kampf zu toben.

Die Stadt schlief, die Brgersteige schimmerten wei, die Bume stachen
schwarz dagegen ab; stumpf blickten die dunklen Fenster, sie bewahrten
die behutsame Stille.

Mit einem Male ruckte Ssanin mit dem Kopf an, lchelte ernst und sah mit
harten Augen vor sich hin.

... Ich trage keine Schuld daran, sagte er laut. Einer mehr oder weniger
...

Und als grauer Schatten durch die Dunkelheit schimmernd schritt er
vorwrts.




                                 XXXII


Bei der Schnelligkeit, mit der sich in einer kleinen Stadt jede
Neuigkeit verbreitet, war es sofort bekannt geworden, da sich am selben
Abend zwei Menschen das Leben genommen hatten. Jurii Swaroschitsch
erfuhr es von Iwanow, der gerade zu ihm kam, als Jurii von einem
Unterricht zurckkehrte. Er hatte sich eben an die Staffelei gestellt,
um an Ljaljas Bild zu malen. Sie sa ihm in leichter heller Bluse, mit
nacktem Hlschen und durchschimmernden rosigen Armen. Die Sonne
leuchtete durch das Zimmer, entzndete in goldigen Funken die buschigen
Haare; die ganze Ljalja sah so jung, reinlich und lustig wie ein
goldener Vogel aus.

Guten Tag! Iwanow schleuderte mit groartiger Bewegung seinen Hut auf
den Tisch.

Aha, was bringen Sie neues? fragte Jurii und lchelte ihm freundlich
zu. Er war in zufriedener, heiterer Stimmung, weil er endlich einen
Schler gefunden hatte und nicht mehr dem Vater auf dem Halse zu liegen
brauchte, sondern jetzt auf eigenen Fen stand. Dazu kam auch der
Einflu, den die glckliche Ljalja auf jeden Menschen in ihrer Nhe
ausstrahlte.

Sehr vieles, antwortete Iwanow mit unbestimmtem Ausdruck in seinen
grauen Augen. Der eine hat sich den Kopf zersprengt, -- -- der andere
hat sich aufgehngt, den dritten holt der Teufel, damit er nicht hinter
den Weibern schwenkt.

Was heit das? ... Jurii starrte verwundert auf Iwanow.

Beruhigen Sie sich, den dritten habe ich schon selber hinzugedichtet,
-- -- -- bitte, zur Steigerung des Effekts, und weil der Reim so schn
ist, aber bei zweien ist es Tatsache ... Schicksal! Heute nacht erscho
sich Sarudin und soeben hrt man so was, Ssoloveitschik htte sich
aufgehngt ... Da haben Sie es ...

Aber das ist ja nicht mglich, rief Ljalja, mit erschrockenen aber vor
Neugierde strahlenden Augen aufspringend.

Jurii legte eilig die Palette zur Seite und ging auf Iwanow zu:

Sie scherzen nicht? ...

Wer denkt an Scherze!

Wie immer bemhte er sich ein philosophisch gleichgltiges Aussehen zu
markieren, aber man konnte ihm anmerken, da ihm bange und unangenehm
zumute war.

Warum sich erschossen ... Weil ihn Ssanin geschlagen hatte ... Und wei
es Ssanin ... Ljalja klammerte sich an Iwanow.

Offenbar ja ... Ssanin wei es schon seit gestern Nacht, antwortete
Iwanow.

Und wie? ... fragte unwillkrlich Jurii.

Iwanow zuckte die Achseln. Schon mehrere Mal hatte er Gelegenheit
gehabt, sich mit Jurii ber Ssanin zu streiten und er regte sich jetzt
schon im Voraus auf.

Nichts, was soll denn sein, erwiderte er rgerlich.

Aber wie man es auch nimmt, er ist doch die Ursache, bemerkte Ljalja.
Sie machte ein bedeutungsvolles Gesicht.

Na, und wenn schon ... Htte doch dieser Idiot nicht auf ihn los gehen
sollen. Ssanin ist an der Sache ganz unschuldig. Das ist alles recht
bedauerlich, natrlich, es mu aber auf das Konto von Sarudins Dummheit
gesetzt werden.

Na, die Ursachen liegen wohl tiefer. Sarudin lebt in einem gewissen
Milieu -- -- --

Und wenn er in einem solchen dummen Milieu lebte und sich ihm
unterwarf, so ist das nur ein Beweis dafr, da er selbst ein Esel war
...

Jurii schwieg; er rieb die Finger mechanisch aneinander. Es war ihm
peinlich, so ber einen Verstorbenen urteilen zu hren, trotzdem er
nicht einmal den Grund fr dieses Gefhl htte angeben knnen.

Nun gut, Sarudin -- -- -- das ist begreiflich ... Aber doch
Ssoloveitschik ... das htte ich niemals gedacht ... Ljalja zog
unschlssig die Augenbrauen an. Weshalb der nur? ...

Wei es Gott? ... bemerkte Iwanow. Er war immer so ein Eingnger. War
niemals ganz bei sich.

In diesem Augenblick kamen Rjsanzew und Karssawina; er in einem Wagen,
sie zu Fu. Sie trafen sich unten an der Haustr und man hrte schon von
der Terrasse her die hohe, ratlos fragende Stimme Karssawinas und die
frhliche und scherzhafte Rjsanzews, wie er sie immer schnen jungen
Frauen gegenber gebrauchte.

Als erste trat Karssawina herein, man sah ihr das aufgeregte Interesse
an: Anatoli Pawlowitsch kommt von dort.

Rjsanzew schlo bedchtig die Tr und machte sein gewohntes zufriedenes
Gesicht; er zndete sich noch im Gehen eine Zigarette an.

Na, das sind schne Sachen, meinte er. Im Augenblick fllte sich das
Zimmer mit seiner gesunden Stimme und seiner selbstsicheren
Frhlichkeit. Auf diese Weise wird in unserer Stadt bald keine Jugend
mehr brig bleiben.

Karssawina setzte sich schweigend nieder; ihr schnes Gesicht war
verstimmt.

Na, legen Sie los, sagte Iwanow.

Nun, was ... Rjsanzew sah noch immer zufrieden aus, wenn auch
allmhlich der frhliche Einschlag schwand. In derselben Weise wie
Ljalja zog er seine Brauen an.

Als ich gestern Abend aus dem Klub herauskomme, luft mir pltzlich
Sarudins Bursche in die Arme. Der Hochwohlgeborene, heulte er schon von
weitem, haben sich erschossen. Ich springe in eine Droschke und hin.
Komme an, fast das ganze Regiment ist schon da. Er liegt auf dem Bett,
der Kittel offen ...

Und wie erscho er sich? ... Ljalja hngte sich neugierig in seinen
Arm.

In die Schlfe ... Die Kugel hat den Schdel zertrmmert und ist dann
in die Decke gegangen.

Aus einem Browning? fragte interessiert Jurii.

Aus dem Browning. Ein schlimmer Skandal. Sogar die Wand ist mit Blut
bespritzt. Das ganze Gesicht ist ihm zerrissen. Ja, es ist doch ganz
entsetzlich ... wie ihn Ssanin getroffen hatte. Und wieder frhlich
zuckte Rjsanzew mit den Achseln. Ein energischer Kerl.

Ja, allerdings ein krftiger Bursche, Iwanow schlo sich ihm
befriedigt an.

Widerwrtig, Jurii ekelte es.

Karssawina sah schchtern zu ihm hinber. Aber er ist doch garnicht
schuld ... Er konnte doch nicht warten, bis ...

Ja, Rjsanzew steckte eine unbestimmte Miene auf. Aber auch gleich so
zuzuschlagen. Das Duell wurde ihm doch angeboten.

Es ist reizend, ganz reizend ... Iwanow zuckte emprt mit den Achseln.

Nein, eigentlich ... ein Duell wre Dummheit gewesen, gab Jurii
nachdenklich zu.

Selbstredend, Karssawina stellte sich sofort auf seine Seite.

Aber auf Jurii machte es den Eindruck, da sie sich freue, Ssanin
rechtfertigen zu knnen und das reizte ihn sofort zu neuem Widerspruch.
Aber auch auf diese Weise ist es ja nichts anderes als ...

Bestialitt ... wie Sie wollen! sagte ihm Rjsanzew vor. Jurii dachte,
da Rjsanzew der satten Bestie selbst nicht allzu fern stnde. Doch er
wollte nicht auch mit ihm noch Zank beginnen; er schwieg und war froh,
als sich Karssawina mit Rjsanzew herumstritt und Ssanin ebenfalls
scharf verurteilte.

Karssawina, die von Juriis Gesicht einen gergerten Zug aufgefangen
hatte, suchte ihn wieder zu vershnen, indem sie auf seine Meinung
einging, obgleich ihr Ssanins Kraft und Entschiedenheit imponierte. Als
Rjsanzew dann aber ber Kultur zu sprechen anfing, schien ihr selbst
seine Meinung falsch und unbegrndet und sie fand ganz wie Jurii, da er
nicht fhig sei, darber zu urteilen.

Jetzt geriet auch Iwanow in Zorn; hartnckig wandte er sich nur an
Rjsanzew.

Denk doch einmal einer an. Welch eine hohe Stufe der Zivilisation! ...
Einem Menschen seine Nase wegzuschieen ... oder ihm einen eisernen
Stock in den Bauch zu stoen? ... Sehr schn! Reizend!

Und mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, ist das besser? ...

Aber gewi doch! ... Viel besser! ... Was macht schlielich eine Faust
aus? ... Eine Beule geht auf und ... weiter nichts. Von einer Faust kann
keinem Menschen Schaden entstehen.

Das kommt auf die Auffassung an. Aber darum handelt es sich garnicht!

Und worum denn. Iwanow verzog verchtlich die platten Lippen. Meiner
Ansicht nach sollte man sich berhaupt nicht schlagen. Wozu denn solchen
Unfug treiben ... Aber wenn es schon einmal zum Schlagen kommt, dann
wenigstens ohne Gliederverrenkungen ... Das ist doch klar.

Er hatte ihm fast das Auge ausgeschlagen, versetzte Rjsanzew
ironisch. Das ist zwar keine Gliederverrenkung, sehr richtig, aber
erlauben Sie, -- der Zerstrung eines Organs kommt es doch bedenklich
nahe.

Hm, das Auge gewi. Wenn man ein Auge ausschlgt, so wird dadurch dem
Menschen ein Schaden zugefgt. Schn, aber ich sage, Gedrme wiegt ein
Auge doch noch nicht auf. Immerhin ist das noch nicht gleich ein
Totschlag, ein Auge.

Und Sarudin ist doch daran zugrunde gegangen ...

Nun, das war schon sein eigener Entschlu.

Jurii drehte unschlssig sein Brtchen.

Fr mich persnlich, -- das sage ich ganz offen, -- ist das alles eine
ungelste Frage. Ich wei selbst nicht, wie ich an Ssanins Stelle
handeln wrde. Aufs Duell gehen, gewi, das ist eine Dummheit, aber sich
mit den Fusten verprgeln, das ist natrlich auch nicht schn.

Aber was soll ein Mensch tun, der dazu gezwungen wird?

Jurii zuckte traurig die Schultern. Alle schwiegen.

Nein, wer zu bedauern ist, das ist Ssoloveitschik, bemerkte Rjsanzew
nach einer Pause; doch sein Gesicht, das selbstgefllig und lustig
blieb, pate nicht zu seinen Worten.

Allen fiel mit einem Male ein, da bisher noch keiner von ihnen auch nur
mit einem Worte nach Ssoloveitschik gefragt hatte; sie empfanden es
jetzt um so strker als peinliche Nachlssigkeit.

Wissen Sie, wo der sich aufgehngt hat ... Hinter der Scheune, neben
der Hundehtte. Er lie den Hund von der Kette los und hngte sich auf.
Rjsanzew erzhlte es in aller Ruhe; Karssawina und Jurii klang im
selben Moment eine dnne Stimme in den Ohren: Sultan ... still ...

Und versteht ihr ... er hat sogar einen Zettel hinterlassen, fuhr
Rjsanzew fort, ohne den vergngten Glanz in den Augen verbergen zu
knnen. Ich habe ihn mir sogar abgeschrieben. Es ist doch sozusagen ein
_document humain_. Aus seiner Seitentasche zog er ein Notizbuch heraus.

-- -- -- Wozu soll ich leben, wenn ich selbst nicht wei, wie man leben
mu. Solche Menschen wie ich knnen der Menschheit kein Glck bringen.
Rjsanzew las es vor und verstummte pltzlich, ganz unerwartet, es wurde
eigentmlich still.

Im Zimmer war es, als ob ein blasser und trauriger Schatten
hindurchschliche. Karssawinas Augen fllten sich mit schweren Trnen,
Ljalja errtete, wie wenn sie jeden Augenblick losweinen wollte, und
Jurii trat mit krankhaftem Lcheln ans Fenster.

Mechanisch fgte Rjsanzew hinzu: Und weiter nichts.

Und was sollte auch weiter sein? ... fragte Karssawina mit zitternden
Lippen.

Iwanow erhob sich und murmelte, indem er die Streichhlzer vom Tisch
nahm:

Eine kapitale Dummheit! Das ist wahr.

Wie, schmen Sie sich nicht! brauste Karssawina emprt auf.

Jurii sah angeekelt Iwanows lange gerade Haare an und wandte sich wieder
ab.

Ja, sehen Sie, hier haben Sie nun auch den Ssoloveitschik, sagte
Rjsanzew mit unbestimmbarer offener Handbewegung und wieder mit
frhlichem Augenzwinkern. Ich dachte auch, als ich es hrte: Nun welch
ein Stck Dreck ... So ... ein Judenbengel. Und da sehen Sie nun ... Mit
einem Mal zeigt er sich, so -- -- -- wie garnicht von dieser Welt ... Es
gibt doch keine hhere Liebe, als wenn jemand sein Leben fr seine
Mitmenschen hingeben will.

Nun, der hat es doch garnicht fr seine Mitmenschen geopfert. -- -- --
Wozu macht er berhaupt soviel Wesen davon, ... dieser Kerl ... ist doch
selbst nur ein Vieh ... dachte Iwanow und sah mit Ha und Verachtung
auf das satte glatte Gesicht Rjsanzews; aus irgend einem Grunde warf er
pltzlich auch seiner weien Weste, die seinen starken Leib
faltenziehend umschlo, einen wtenden Blick zu.

Das ist gleich ... Man fhlt den Drang dazu heraus.

Das ist bei weitem nicht gleich, erwiderte Iwanow beharrlich ... Eine
Schneckenseele und weiter nichts.

Sein sonderbarer Ha gegen Ssoloveitschik wirkte auf alle abstoend.
Karssawina erhob sich und flsterte Jurii zu, gleichsam als ob sie ihm
besonders vertraue:

Ich gehe fort. Ich halte es einfach nicht aus, er ist mir widerlich.

Ja, nickte ihr Jurii zu. Eine unerhrte Roheit.

Nach Karssawina gingen Ljalja und Rjsanzew. Iwanow wurde nachdenklich,
rauchte schweigend seine Zigarette zu Ende, schaute mit bsen Augen in
die Ecke und ging ebenfalls. Als er auf die Strae trat und beim Gehen
gewohnheitsmig mit den Armen schlenkerte, dachte er aufgeregt und
bse: -- -- -- Dieses dumme Volk bildet sich natrlich ein, da ich ihre
Empfindungen nicht verstehen knnte. Reizend ... Ich wei, was sie
fhlen. Besser als sie selbst ... Ich wei, da es keine grere Liebe
gibt, als wenn ein Mensch sein Leben fr den Nchsten opfert. Aber sich
aufzuhngen, weil einer nicht zu den Menschen taugt ... na, das bleibt
eben ein Unsinn ...

Und indem er sich einer Menge von Werken, die er gelesen hatte,
erinnerte, begann er in ihnen nach dem Sinn zu suchen, der ihm die Tat
Ssoloveitschiks so, wie er es wnschte, erklren knnte. Doch trotzdem
sich die Bcher gehorsam auf den Seiten aufbltterten, die er gerade
brauchte, redeten sie nur mit toter Zunge das, was er selbst verlangte,
zu ihm. Sein Hirn arbeitete angestrengt und war so mit den gedruckten
Gedanken verflochten, da er selbst nicht mehr unterscheiden konnte,
wenn er Eigenes dachte und wo er sich nur des Gelesenen erinnerte.

Als er nach Hause kam, legte er sich aufs Bett, streckte die langen
Beine aus und dachte ununterbrochen weiter darber nach, bis er endlich
einschlief. Erst am spten Abend wachte er wieder auf.




                                 XXXIII


Als man Sarudin unter dem Klange der Blechinstrumente beisetzte, sah
Jurii vom Fenster aus die ganze dstere und prchtige Prozession mit dem
schwarzbeflorten Pferd, dem Trauermarsch und der einzelnen
Offiziersmtze, die verwaist auf dem Deckel des Sarges lag, mit an. Es
gab viel Blumen, nachdenklich schne Frauen und melancholische Musik.

In der Nacht, die diesem Tage folgte, war es Jurii besonders traurig
zumute.

Am Abend war er lange mit Karssawina spazieren gegangen, hatte immer
dieselben herrlichen verliebten Augen, den wundervollen Krper, der sich
ihm entgegenstreckte, angesehen; trotzdem aber war ihm selbst das
Zusammensein mit ihr schwer.

... Wie sonderbar und entsetzlich ist doch alles, sprach er vor sich
hin, whrend er angestrengt zu Boden blickte. Nun hat dieser Sarudin zu
leben aufgehrt. Das war ein Offizier, hbsch, jung, sorgenlos; man
knnte glauben, da er immer leben wrde, da das Schreckliche im Leben,
Qualen und Tod, fr ihn nicht vorhanden wren. Mit ihm drfte das keinen
Zusammenhang haben. Und dann kommt ein einziger Tag, und dieser Mensch
ist zerknllt, in Staub zerrieben; er durchlebt nur ein ihm bekanntes
Drama und existiert schon nicht mehr und wird auch niemals mehr
existieren. Und am Ende ruht nur seine Mtze auf dem Deckel des Sarges.

Jurii verstummte und blickte wieder mit trauriger Anspannung auf den
Boden. Karssawina ging leicht neben ihm her, hrte ihm aufmerksam zu und
zupfte leise mit ihren vollen, runden Hnden an der Spitze des weien
Schirmes.

Sie dachte nicht an Sarudin und freute sich nur krperlich ber die Nhe
Juriis. Unbewut unterwarf sie ihm ihre Stimmung, machte, um ihm zu
gefallen, ein trauriges Gesicht und ging ebenfalls mit mden,
ausdruckslosen Schritten.

Ja, es war sehr traurig, das alles mit anzusehen ... Und auch diese
Musik.

Pltzlich machte sich Jurii Luft: Ich klage Ssanin garnicht an. Er
konnte nicht anders handeln. Aber es ist entsetzlich, da sich die Wege
dieser zwei Menschen so gekreuzt haben, ... entweder der eine oder der
andere mute weichen. Es ist entsetzlich, da der jeweilige Sieger
garnicht das Furchtbare seines Sieges begreift. Er hat einen Menschen
vom Erdboden fortgewischt und ist damit im Recht.

Ja, gewi im Recht ... Karssawina, die nicht auf alles gehrt hatte,
belebte sich bei diesen Worten so, da sich sogar ihre Brust anzuspannen
schien.

Nein, aber ich sage doch, es ist entsetzlich, fiel ihr Jurii mit
eiferschtigem Ha ins Wort, nachdem er einen kurzen Blick auf ihr
belebtes Gesicht und ihre hohe Brust geworfen hatte.

Warum denn? ... fragte Karssawina, sofort wieder schchtern und in
furchtbarer Verwirrung. Wie mit einem Hauch erloschen ihre Augen und
errteten ihre Wangen.

Weil es fr jeden andern die schwerste Qual bedeuten wrde, Zweifel,
Schwanken ... Der seelische Kampf mte sich doch zeigen ... Ueber das,
was geschah ... Aber bei ihm gibt es keine Spur davon ... Er ... Nun, es
tut mir sehr leid, sagte er ... aber ich bin nicht schuld daran ...
Handelt es sich denn nur um die eine Schuld hier in diesem Fall ... Um
das direkte Recht ...

Um was handelt es sich denn? ... fragte Karssawina unschlssig und
leise mit tief gesenktem Kopf; offenbar frchtete sie, ihn zu erzrnen.

Das wei ich nicht. Vielleicht ganz einfach: Der Mensch hat kein Recht,
eine Bestie zu sein, rief Jurii scharf und herb mit einem Unterton des
Leidens. Sie gingen lange schweigend. Karssawina litt unter dem
Bewutsein, da sie sich Jurii entfremdet hatte, und fr einen
Augenblick das liebliche, warme Band, das sie beide tief in der Seele
zusammenhielt, zerri. Jurii fhlte selbst, da seine Ausfhrungen
verwirrt und unklar herauskamen; ein schwerer Nebel legte sich um sein
Herz.

Er verabschiedete sich bald und lie Karssawina in dem schmerzlichen
Bewutsein unbefriedigten Zusammenseins und unverschuldeter Krnkung
zurck.

Zwar bemerkte er ihre Ratlosigkeit, aber es machte ihm, ohne da er
wute warum, ein eigenes Vergngen, sie verletzt zu wissen, als wenn er
sich an ihr, die er liebte, fr die schwere Beleidigung irgend eines
Menschen rchen mte.

Zu Hause fhlte er sich unertrglich schlecht.

Beim Abendbrot erzhlte Ljalja, sie htte von Rjsanzew gehrt, da die
Straenjungen bei der Mhle, als man Ssoloveitschik abschnitt, ber den
Zaun schrien und sangen: Der Jude hat sich aufgehngt, der Jude hat sich
aufgehngt ...

Nikolai Jegorowitsch brach in behagliches Gelchter aus und lie sich
den Vers von seiner kleinen Ljalka immer von neuem vorsingen: So, also
... der Jude hat sich aufgehngt, hahaha.

Jurii ging in sein Zimmer, setzte sich hin, um das Heft seines Schlers
zu korrigieren und dachte mit unaussprechlichem Ha: Welch ungeheure
Summe von Bestialitt liegt doch noch immer in den Menschen. Soll man
denn fr dieses stumpfsinnige, dumme, rohe Pack leiden und sich opfern
...

Doch im selben Augenblick fhlte er, da seine Gehssigkeit unschn sei;
er schmte sich seiner Erregung.

... Sie haben ja keine Schuld, ... sie wissen ja nicht, was sie tun ...
Aber ob sie es wissen oder nicht, ... in diesem Augenblick sind sie doch
Tiere ... Er gab sich Mhe, nicht weiter darber nachzudenken, sondern
lie wieder das Bild Ssoloveitschiks vor seine Augen treten.

... Wie einsam doch der Mensch ist ... Da hat nun dieser einsame
Ssoloveitschik gelebt, hat in sich ein groes Herz, das fr die ganze
Welt leiden wollte, zu jedem Opfer bereit, getragen. Und niemand ...
selbst ich nicht ... das durchschwirrte mit einem unangenehmen Stich
seinen Kopf ... bemerkten und schtzten ihn. Man verachtete ihn fast.
Und weshalb doch ... Nur weil er sich nicht zum Ausdruck bringen konnte;
vielleicht verstand er es nicht. Weil er immer in Eile, eben etwas
lstig war. Und gerade darin, in dieser Eilfertigkeit, dieser Lstigkeit
zeigte sich doch sein heies Bemhen, sich uns allen zu nhern, allen
hilfsbereit und gefllig zu sein. Er war ein Heiliger, und wir hielten
ihn fr einen Toren ...

Das Schuldbewutsein plagte ihn so stark, da er die Arbeit beiseite
schob und lange im Zimmer auf und nieder ging, ganz im Banne trber,
unlsbar schmerzlicher Gedanken. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm
die Bibel, und, sie aufs Geradewohl aufschlagend, las er wieder eine
Stelle, die er sich fter als die andern vornahm. Die Seiten waren dort
zerknifft und an den Rndern abgenutzt.

In Zufall sind wir geboren und werden spter sein, wie nie gewesen; der
Odem in unseren Nstern ist Dampf und das Wort ein Funke in den
Bewegungen unseres Herzens.

Wenn er erlischt, wird der Krper zu Staub verwandelt und der Geist wird
zerstreut wie wehende Luft.

Und unser Name wird mit der Zeit vergessen werden und niemand erinnert
sich an unsere Taten; und unser Leben vergeht wie die Spur einer Wolke
und zerrinnt wie Nebel, den die Sonnenstrahlen zerstreuen und den die
Wrme beschwert.

Weil unser Leben ein Gleiten des Schatten ist, und es nicht gibt fr uns
eine Rckkehr vom Tode, weil ein Siegel aufgedrckt ist und niemand
zurckkehrt.

Jurii brach hier ab, denn er kam an die Stelle: ... da es keinen Sinn
htte, ber den Tod nachzudenken, sondern da man Leben wie Jugend
genieen msse. Das aber wollte er nicht begreifen; es entsprach nicht
seinem krankhaften Trbsinn.

... Wie wahr, wie entsetzlich, wie unbegreiflich das ist ... Er
versuchte mit aller Anspannung, sich vorzustellen, wie sein Geist nach
dem Tode zerflieen wrde. Aber es war ihm nicht mglich.

... Das ist entsetzlich ... Da sitze ich hier ... der Lebende ... der
nach Leben und Glck Lechzende und lese mein unabwendbares Todesurteil,
lese und kann mich nicht einmal dagegen auflehnen.

Die gleichen Gedanken, auch in diesen nmlichen Worten, hatte Jurii
bereits vielmals durchdacht. Schon lngst waren sie an ihrer eigenen
Schwche, die ihm ganz klar bewut war, mde geworden; -- es verstimmte
und qulte ihn noch mehr.

Jurii griff sich in die Haare und rannte verzweifelt wie ein wildes Tier
im Kfig hin und her. Mit geschlossenen Augen, unendliche Mdigkeit im
Herzen, wandte er sich an irgend ein Wesen. Mit Zorn, doch ohne Kraft,
mit Ha und gleichzeitig mit einer stumpfen Bitte, die er aber selbst
nicht fr eine solche gehalten htte, suchte er den Menschen, der ihm
helfen wrde.

... Gott! ... Was hat dir der Mensch getan, da du seiner so spottest!
Warum verbirgst du dich vor ihm, wenn du in Wirklichkeit existierst.
Warum hast du es eingerichtet, da ich selbst, wenn ich an dich glauben
wollte, nicht einmal an meinen Glauben glauben wrde. Wenn du mir auch
antwortest, wrde ich doch nicht glauben, da du es bist und nicht ich
selbst. Wenn ich recht habe in meinem Verlangen nach Leben, warum nimmst
du mir dann das Recht, das du mir selbst gegeben hast. Wenn du Leiden
brauchst, gut, dein Wille geschehe. Wir wrden sie ja aus Liebe zu dir
darbringen wollen, aber wir wissen doch nicht einmal, was wichtiger ist,
ein Baum oder wir. Selbst fr den Baum gibt es eine Hoffnung ... Noch
gefllt, kann er Wurzeln schlagen, Aeste treiben, noch einmal aufleben.
Aber der Mensch stirbt und verschwindet. Wenn ich mich hinlege und nicht
mehr aufstehe, so wird niemand jemals erfahren, was mit mir geschah.
Vielleicht werde ich zu neuem Leben erwachen, aber ich werde doch nichts
davon wissen. Wenn ich nur das Eine wte, da ich erst nach Milliarden,
nach Abermilliarden von Jahren wieder leben werde, so wrde ich all die
Jahrtausende dieser Zeit geduldig und ohne Auflehnung in der ewigen
Finsternis warten ...

Und wiederum begann er zu lesen:

Was hat der Mensch fr Gewinn von all seiner Mhe, die er hat unter der
Sonne.

Ein Geschlecht vergehet, das andere kommet, die Erde bleibet aber
ewiglich.

Die Sonne geht auf und gehet unter und luft an ihren Ort, da sie
wieder daselbst aufgehe.

Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder
herum an den Ort, da er anfing.

Was ist's, das geschehen ist? ... Eben das hernach geschehen wird ...
Was ist's, das man getan hat ... Eben, das man hernach wieder tun wird.
Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind, also auch derer, so
hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein
werden.

Ich, der Prediger, war Knig ber Israel zu Jerusalem.

Ich, der Prediger, war Knig, wiederholte Jurii laut und fast drohend
mit einer ihm selbst unerklrlichen ingrimmigen Trbsal. Er erschrak vor
seiner eigenen Stimme und sah sich erschreckt um, ob nicht jemand hinter
ihm gehrt htte ... Dann griff er nach einem Blatt Papier und begann
halb mechanisch gleichsam einem unbewuten Drange nachgebend, das
niederzuschreiben, was ihm immer wieder und wieder durch den Kopf
gegangen war.

Ich beginne diese Niederschrift, die mit meinem Tode enden soll ...

Pfui, wie abgeschmackt, rief er mit Ekel, und stie das Blatt Papier so
heftig von sich, da es vom Tisch herunterfiel und sich in leichten
Kreisbewegungen auf den Boden niedersenkte.

Und Ssoloveitschik ... dieser kleine armselige Kerl sagte sich doch
nicht, da es abgeschmackt sei, nachdem er zu der Ueberzeugung gelangt
war, da er das Leben nicht verstehen knne.

Jurii bemerkte garnicht, da er sich mit einem Mal einen Menschen als
Beispiel anfhrte, den er noch jetzt als klein und armselig bezeichnete
...

Nun, was schon ... ich fhle, da ich frher oder spter auf die gleiche
Weise enden werde. Es gibt eben keinen anderen Ausweg! ... Weshalb
keinen ... weil doch ...

Jurii blieb stehen. Er verstand alles, wie ihm schien, sehr gut und
hatte soeben erst das ganze Problem klar im Kopf gehabt, fand aber jetzt
keine Worte mehr, um sich seine Fragen zu beantworten.

In seiner Seele wurde mit einem Mal etwas schlaff; ein Gedanke war
hinuntergefallen und verloren gegangen.

Unsinn, alles Unsinn, schrie Jurii laut voll Wut.

Die Lampe war fast vllig ausgebrannt. Das Licht wurde trbe und
unangenehm; in der Finsternis grenzte es nur einen kleinen Kreis um
Juriis Kopf ab.

... Warum starb ich nicht damals, als ich ein Kind war und an
Lungenentzndung krank lag. Jetzt wre es so ruhig um mich ...

In derselben Sekunde rckte auch schon mechanisch das Bild vor seine
Augen, da er damals gestorben wre; er erschrak darber so, da in ihm
alles abzusterben schien. Dann htte ich ja auch nicht das gesehen, was
ich alles noch sah, noch erlebte ... Nein, das wre ebenso frchterlich
gewesen.

Jurii ri den Kopf in die Hhe und sprang auf:

So kann man ja verrckt werden.

Er schritt zum Fenster und wollte es aufstoen; doch die Jalousie wurde
von einem Bolzen festgehalten. Er nahm einen Bleistift und drckte ihn
mit Anstrengung durch. Drauen drhnte etwas stark gegen die Mauer; der
Laden ffnete sich leicht, und reine, berklare Luft drang durch das
Fenster hinein.

Jurii schaute stumpf auf den Himmel, auf dem schon die Morgenrte lag.
Rein und khl war der Morgen. An der einen Seite berzog sich der helle,
blaue Himmel mit starkem anschwellenden Rosa ... Die sieben Sterne des
groen Bren erblaten und sanken unter. Der groe, zrtlich-blaue,
kristallene Morgenstern strahlte leise, mit hellem feuchtem Glanz in die
aufgehende Dmmerung hinein. Scharfer, khler Wind zog vom Osten heran,
und weier Nebeldampf schwebte in leichten gebogenen Streifen vor ihm
ber das dunkelgrne, taubedeckte Gartengras. Er blieb an den hohen
Winden- und Hopfengewchsen hngen; ber dem kaum gekruselten,
durchsichtigen Wasser des Flusses, ber den weien Lilien, deren es so
viele am Ufer gab. Der durchsichtige blaue Himmel wurde von
Wolkenhufchen, die in rosiges Feuer gehllt waren, dicht besetzt ...
einsame und fast ganz erblate Sterne versanken spurlos und verschwanden
im bodenlosen Blau. Am Flusse tastete sich feuchter, weilicher Nebel
hoch, langsam streifenweise schwankte er ber dem tiefen, khlen Wasser,
flo zwischen den Bumen in die feuchte, grne Tiefe des Gartens, in dem
immer noch leichte durchsichtige Dmmerung herrschte. Und durch die
matte Luft schien noch immer ein eigenartiger Silberlaut zu schweben.

Alles war so schn und still, als ob sich die verliebte Erde ganz
entblte, um sich auf die groe, genuerfllte Feier des
Sonnenaufgangs, die noch nicht war, deren Wehen aber schon leicht und
rosig ber ihr zitterte, vorzubereiten.

Jurii legte sich schlafen, doch das Licht beunruhigte ihn, der Kopf
schmerzte, und vor seinen Augen zuckte etwas schmerzlich ohne
Unterbrechung hin und her.




                                 XXXIV


Am frhen Morgen, als die Sonne noch schrg und weich niederstrahlte,
gingen Iwanow und Ssanin zur Stadt hinaus.

Der Tau glnzte unter der Sonne und funkelte in vielen Feuerchen; im
Schatten wurde das Gras unter ihm silbergrau. An den Seiten des Weges
gingen entlang den drren, alten Weiden Pilger zum Kloster; ihre roten
und weien Kopftcher, Bastschuhe, Rcke und Hemden leuchteten bunt in
den Lichtbscheln, die durch die Zaunspalten hindurchdrangen.

Vom Kloster her wurden die Glocken gelutet. In der Morgenruhe klang ihr
krftiger Ton wie ausgewaschen; in besonderer Reinheit drhnte er ber
die freiliegende Steppe, flog wahrscheinlich bis an die stillen Wlder
heran, die wie eine Fata Morgana dicht am Rand des Horizonts blau
schimmerten. Auf dem Wege klang scharf und abgebrochen die Glocke eines
zurckfahrenden Dreigespanns; laut schallten die derben, geschftlich
klingenden Stimmen der Pilger dazwischen.

Wir sind frh aus den Federn gekrochen, meinte Iwanow.

Ssanin schaute sich frhlich um. Wahrhaftig, wir haben Zeit, den Tag
abzuwarten.

Sie setzten sich unterhalb eines Zaunes gerade auf den Sand und zogen
mit Genu den Zigarettenrauch ein. Die Bauern, die hinter ihren Wagen
zur Stadt gingen, sahen sich nach ihnen um, die Dirnen und Frauen, die
in leeren Karren hin- und hergeschleudert wurden, lachten laut und
zeigten mit frhlich spttischen Augen auf die beiden. Iwanow schenkte
ihnen keine Aufmerksamkeit, aber Ssanin nickte ihnen vergngt zu. Der
ganze Weg leuchtete unter dem klangvollen weiblichen Lachen auf.

Es wurde hei.

Endlich trat der Verkufer eines Schnapsmonopolladens auf die
Steintreppe hinaus, ein hochgewachsener Mann in Hemdrmeln.
Schlsselrasselnd ffnete er die Tr. Ein Weib mit rotem Kopftuch
schlpfte hinter ihm hinein.

Ah, die Bahn ist uns schon frei gemacht, begrte Iwanow das Ereignis.

Sie gingen hinein und kauften Wodka, dann bei demselben Weib im roten
Kopftuch grne Gurken.

Oho, Freund, du bist wohl reich geworden, meinte Iwanow, als Ssanin
die Brse aus der Tasche zog.

Ein Vorschu, lachte dieser. Zur groen Schande meiner Mutter habe
ich mich bei einem Versicherungsagenten als Schreiber vermietet. Habe
mit einem Schlag ein Kapital und die mtterliche Verachtung erworben.

Jetzt wird es sich doch bedeutend bequemer gehen, meinte Iwanow, als
sie wieder auf den Weg hinaustraten.

Und wie, wenn wir noch die Stiefel ausziehen wollten.

Kann man machen!

Die beiden zogen die Stiefel aus und gingen barfu.

Die Fe versanken tief im warmen Sand; sie wurden nach dem Druck der
engen Stiefel angenehm erfrischt. Der Sand schob sich zwischen die
Zehen, rieb aber den Fu nicht, sondern schien ihn im Gegenteil zu
liebkosen.

Famos, rief Ssanin voll Freude.

Die Sonne strahlte immer strker und strker.

Vor ihnen stiegen ferne Dnste auf, alles schien sich blau und
durchsichtig aufzulsen. An den Telegraphenpfhlen, die neben den
Gleisen einer Bahn pltzlich ber ihren Weg liefen, sang der Draht,
darauf saen Schwalben und zwitscherten kokett zu ihnen herab. Ein Zug
mit blauen, gelben und grnen Waggons sauste ber die Bschung. An den
Fenstern und auf den Plattformen sahen sie verschlafene, zerdrckte
Gesichter; er tauchte auf und verschwand. Auf der hintersten Plattform
standen zwei Mdchen in hellen Hten, mit frischen neckischen
Gesichtern, die der Morgenwind angeregt hatte. Mit ihren Augen
begleiteten sie unverwandt die frhlichen barfigen Mnner. Ssanin
lchelte ihnen zu und tanzte ein paar Walzerpas auf dem Sande, da seine
nackten Fersen in der Sonne aufglnzten.

Sie kamen an einer Wiese vorbei, wo das Gras feucht und dicht war; es
war ebenso angenehm und vergnglich, sie mit bloen Fen zu
durchlaufen.

Wunderschn, sagte Iwanow.

Tatsache, es liegt gar keine Notwendigkeit vor, zu sterben, gab Ssanin
zurck.

Iwanow warf ihm einen Seitenblick zu; es schien ihm, da sich Ssanin bei
diesen Worten Sarudins erinnern mte, obgleich bereits einige Zeit seit
der Beerdigung Sarudins vergangen war. Aber Ssanin erinnerte sich
offenbar an nichts; das berhrte Iwanow zwar eigentmlich, gefiel ihm
aber trotzdem.

Hinter der Wiese setzte wieder die Landstrae ein, wieder mit Wagen,
Bauern und lachenden Weibern berfllt. Dann kamen Bume und Schilf, das
unter Sonnenstrahlen glnzende Wasser wurde sichtbar und endlich der
Klosterberg, von dem wie ein goldener Stern das Kreuz herabstrahlte.

Am Ufer lagen bunte Boote; Bauern, in Westen und farbige Blusen
gekleidet, saen herum; nach langem, frhlichen Feilschen mieteten
Ssanin und Iwanow von ihnen ein Boot.

Iwanow nahm die Ruder zur Hand, Ssanin setzte sich an das Steuer und das
Boot glitt leicht und schnell am Ufer entlang, bald im Schatten
verschwindend, dann im Licht aufleuchtend, hinter ihm zogen die
Silberwellen glatte Streifen. Iwanow ruderte schnell und geschickt mit
hufigen gleichmigen Schlgen, unter denen das Boot erzitterte und
sich dann wieder keuchend anhob. Manchmal streiften die Ruder knackend
die dichten Zweige und diese schwankten lange und nachdenklich ber der
dunklen Tiefe des Ufers. Ssanin legte sich manchmal stark auf das
Steuerruder, so da das Wasser mit freudigem Gerusch quirlte und
aufschumte. Einmal drngte sich das Boot jh in eine schmale
Wasserstrae, zwischen berhngende Bsche, wo es khl und dunkel war.
Das Wasser war hier von vollendeter Klarheit. Bis in die Tiefe von zwei
Metern konnte man darin Haufen gelber Steine sehen und die Rudel
rotflossiger Fische, die herdenweise hin- und herzogen.

Iwanow meinte: Das wre auch die allergeeignetste Stelle. Seine Stimme
hallte lustig wieder. Knirschend stie das Boot ans Ufer; mit einem
bertriebenen Satz sprang Iwanow hinaus.

Auf der Erde das ganze Menschengeschlecht, sang er mit mchtigem Ba,
von dem die Luft aufgerhrt wurde und drhnte. Lachend sprang Ssanin
hinter ihm aus dem Boot und lief schnell, whrend er bis an die Kniee im
hohen, satten Ufergras versank, die Bschung hinauf.

Eine bessere wre wei Gott nicht zu finden, rief er.

Und wozu auch lange suchen, schrie Iwanow von unten zurck und holte
aus dem Boote Wodka, Brot und einen Packen Kleinigkeiten. Alles das
brachte er an einen kleinen Hgel, unter der Krone eines breiten Baumes,
und breitete es auf dem Grase aus.

Nun, sei bei Lucullus zu Gaste.

Und la es dir schmecken wie er, endete Ssanin.

Nichts ist vollkommen, sagte Iwanow in scherzhaftem Aerger, das
Glschen haben wir doch vergessen.

Schade! Wirklich schade. Na, wir wollen nicht trauern. Wir machen uns
eins.

Und ohne an etwas anderes zu denken, als da sein Krper Licht, Wrme,
das Grne und seine eigenen leichten Bewegungen genieen konnte,
kletterte er auf einen Baum, whlte sich einen grnen, weichen Zweig und
begann an ihm herumzuschnitzen. Das saftige Holz gab dem Messer leicht
nach und weie duftende Spne schtteten sich auf das grne Gras. Iwanow
schob sich auf dem Rcken zurecht, hob den Kopf und blickte zu ihm
herauf; in dieser Lage ging der Atem so leicht und bequem, da er die
ganze Zeit ber vergngt vor sich hin schmunzelte. Als der Zweig auf das
Gras hinunterfiel, sprang Ssanin mit einem kurzen Satze ab und hhlte
dann aus dem Holz ein Glschen aus, wobei er sich Mhe gab, nicht die
Rinde zu verletzen. So wurde es auch eben und hbsch.

Bruder, ich will nachher baden, sagte Iwanow, whrend er Ssanins
Arbeit aufmerksam verfolgte.

Das ist eine gute Idee, Ssanin warf das fertige Glschen in die Luft
und fing es wieder auf.

Sie setzten sich aufs Gras, begannen mit Appetit Wodka zu trinken und
grne, saftige Gurken zu essen.

Ich halte es nicht lnger aus, sagte Iwanow. Meine Seele schreit
danach. Er konnte nicht schwimmen und ging daher an der flachsten,
durchsichtigsten Stelle, wo der ebene sandige Boden noch gut sichtbar
war, ins Wasser. Ohne Eile kleidete sich Ssanin aus, sah zu Iwanow
hinber, sprang im Laufschritt ins Wasser, warf sich mit einem Aufschrei
in die Wellen und schwamm quer ber den Flu.

Du ersufst, schrie Iwanow. Sicher, -- du ersufst!

I wo, gab Ssanin fauchend und lachend zurck. Unterzugehen, Bruder,
das verstehe ich nicht!

Ihre lustigen Stimmen schwebten weit und freudig ber den hellen Flu
und die grne Wiese fort. Spter gingen sie heraus und wlzten sich
nackt im weichen, feuchten Grase.

Herrlich, sagte Iwanow, indem er seinen breiten Rcken mit den darauf
glnzenden Wassertropfen der Sonne zuwendete.

Schlagen wir hier unsere Zelte auf, rief Iwanow.

Ach, hol sie doch der Teufel, es ist auch ohne Htten schn. Mir hngen
verschiedene Htten schon lang zum Halse heraus.

Hoha, trik brik! brllte Iwanow und machte groteske lustige
Tanzschritte.

Ssanin stellte sich ihm gegenber auf, lachte aus vollem Halse und
begann hnliche Pas.

Ihre nackten Krper glnzten in der Sonne und die Muskeln gingen schnell
und krftig unter der gespannten Haut.

Uff, Iwanow keuchte.

Ssanin tanzte noch eine Weile allein, stand dann Kopf und schlo mit
einem eleganten Salto mortale.

Komm her, sonst trinke ich dir den ganzen Wodka aus, rief ihm Iwanow
zu.

Nachdem sie sich angekleidet hatten, legten sie sich wieder zum Essen
hin und tranken den Wodka zu Ende.

Jetzt wre kaltes Bier geradezu wun--derbar --, sagte Iwanow
trumerisch.

Fahren wir los ... gelt? ...

Sie liefen um die Wette zum Boot herunter, sprangen beide fast
gleichzeitig hinein, schaukelten und fuhren krftig davon.

Es ist schwl, sagte Ssanin, indem er sich auf dem Boden des Bootes
lagerte und vor der Sonne die Augen zusammenkniff.

Wir werden Regen bekommen ... Geh doch ans Steuer, zum Teufel.

Ih, du wirst auch alleine fertig.

Iwanow spritzte mit dem Ruder auf ihn und helle zarte Tropfen, durch und
durch von der Sonne durchflutet, stieben wie ein Wassersturz umher.

Auch dafr, Freund, nun sei bedankt, sang Ssanin.

Als sie an einer grnen Insel vorbeifuhren, hrten sie lustige Rufe,
Wasserpltschern, und klingendes, frhliches Frauenlachen. Es war ein
Feiertag und sehr viele Leute waren aus der Stadt gekommen, um sich zu
erholen und zu baden.

Mdchen baden, sagte Iwanow.

Wollen mal hinschauen, meinte Ssanin.

Sie werden's merken.

Nein, wir legen hier an und schleichen durch das Schilf.

Ach, la sie doch, sagte Iwanow, errtete aber dabei.

Gehen wir doch. Man soll nichts versumen.

Aber das ist nicht anstndig, Iwanow zuckte scherzend die Achseln.

Weshalb denn nicht?

Wahrscheinlich sind das noch sehr jungfruliche, junge Damen. Das
schickt sich doch wirklich nicht.

Du Dummkopf, rief Ssanin lachend, dabei mchtest du es selber gern.

Ja, wenn es junge Mdchen sind, gewi, interessant wre es schon.

Nun, so gehen wir also.

Aber la doch.

Pfui, rief Ssanin. Es gibt doch keinen Mann, der nicht eine hbsche
nackte Frau ganz gern anshe. Und sicher gibt es auch keinen, der nicht
wenigstens einmal im Leben, und wenn auch nur verstohlen, eine gesehen
htte.

Das ist wahr ... Aber wenn du so urteilst, dann solltest du einfach,
geradezu hingehen. Siehst du, du versteckst dich doch!

So ist es viel verlockender, mein Freund, bemerkte Ssanin lustig.

Das mag dich zwar sehr gelsten, aber ich rate dir, halte dein Fleisch
davon zurck.

Etwa von wegen der Keuschheit? ...

Vielleicht!

Dummheit -- -- vielleicht! Ein Vielleicht gibt's dabei gewi nicht.
Einen anderen Zweck knnte es berhaupt nicht geben.

Nun schn.

Siehst du, aber diese Keuschheit steckt doch nicht in uns.

So dich dein Auge verlockt, reie es aus, sagte Iwanow.

Schmeie doch nicht mit solchem Bldsinn um dich, wie dieser
Swaroschitsch. Gab dir Gott ein Auge, so hast du nicht ntig, es
auszureien.

Iwanow zuckte lchelnd die Achseln.

Also Bruder, -- Ssanin steuerte das Boot zum Ufer, wenn du beim
Anblick einer nackten Frau gar keine Erregung empfndest, dann wrst du
wirklich ein keuscher Mensch. Und ich wre der erste, der deine
Keuschheit bewunderte. Zwar wrde ich es dir nicht nachmachen,
wahrscheinlich sogar wrde ich dich ins Irrenhaus bringen. Aber solange
in dir noch all die Triebe vorhanden sind und nach auen drngen und du
sie dann nur gewaltsam wie einen Hund an der Kette zurckhalten mut,
dann ist deine ganze Keuschheit keinen Pfifferling wert.

Das stimmt schon. Aber wenn ein Mensch sich nicht selbst zurckhalten
wollte, so knnte man unter Umstnden recht viel Unheil anrichten.

Was fr Unheil? Wenn auch die Wollust mitunter Bses mit sich bringt,
so ist sie gewi nicht selbst, fr sich, daran schuld.

Richtig, richtig, erklre nicht erst weiter.

Nun, also gehn wir!

War ich denn dagegen? ...

Ein Dummkopf bist du. Tritt doch leiser auf, sagte Ssanin lchelnd.

Sie schlichen fast auf dem Bauch ber das duftende Gras hinweg und
schoben das rauschende Schilf mit den Hnden vor sich auseinander.

Sieh doch, Bruder, rief Iwanow hitzig.

Es muten Mdchen aus der besseren Gesellschaft sein, die dort badeten;
man konnte es an den farbigen Rcken, Blusen und Hten erkennen, die auf
dem Grase lagerten. Die einen waren im Wasser, pltscherten, bespritzten
einander und das Wasser berieselte weich ihre zarten Schultern, Arme und
Brste. Eine von ihnen, hochgewachsen, ganz von Sonnenlicht durchtrnkt,
stand rosig und zart am Ufer und lachte. Von diesem Lachen erzitterte
frhlich ihr rosiger Leib und die mdchenhaften Brste. Sie schien im
Sonnenlicht ganz durchsichtig.

Oh, Bruder, sagte Ssanin mit ernstem Entzcken.

Iwanow wich erschrocken zurck.

Was hast du? ...

Ruhig, das ist Karssawina.

Wirklich? ... und ich habe sie gar nicht erkannt. Aber nein, wie
wundervoll sie ist.

Tja, Iwanow lchelte breit und gierig.

Sie wurden gehrt, vielleicht auch gesehen. Ein Schrei und Lachen
erscholl; Karssawina strzte sich erschrocken, geschmeidig ihnen
entgegen und warf sich ins durchsichtige Wasser. Auf der Oberflche
blieb nur ihr rosiges Gesicht mit den glnzenden Augen.

Glcklich und aufgeregt liefen Ssanin und Iwanow voller Hast, obgleich
sie sich immer wieder im Schilf verwickelten, zurck.

Ach, es ist herrlich auf der Welt, rief Ssanin, reckte und streckte
sich breit und sang laut:

   Ruberschiffe ziehn, die schnellen
   Von den Inseln mutig fort,
   Scharf durchschneiden sie die Wellen
   Stjenka Rjasin trgt ihr Bord.

Hinter den grnen Bumen hrte man noch lange das eilige, verwirrte
Gelchter der Frauen, die beschmt und doch belustigt waren.

Ein Gewitter kommt! Iwanow schaute auf den Himmel, als sie zum Boot
zurckgekehrt waren. Die Bume wurden schon dunkel und ihre Schatten
glitten schnell ber die grne Wiese.

Ehe, Bruder, laufe nur!

Wohin, -- dem Gewitter luft doch keiner davon, schrie Ssanin zurck.

Leise und windlos rckte die Wolke immer nher heran; ganz pltzlich war
ihre Farbe zu einem schweren Bleigrau geworden. Alles verfiel in stille
Betubung, schien duftiger und dunkler.

Das wird uns bis auf die Haut begieen, meinte Iwanow. Stecken wir
uns aus Kummer eine Zigarette an.

Ein schwaches Feuerchen blitzte auf. In dem schwachen gelben Licht unter
der drckenden Finsternis, die von oben immer tiefer herunterwuchtete,
lag etwas Seltsames.

Ein scharfer Windsto stie heran, drehte sich lrmend und ri das
Feuerchen fort. Am Boot zerschellte ein schwerer Tropfen, ein anderer
sprang Ssanin auf die Stirn. Und mit einem Mal trommelte es ber den
Blttern und klatschte auf das Wasser. Alles wurde im Augenblick
schwarz; der Regen go wie mit Eimern und bertnte mit seinem
wunderbaren, breiten Schall alle Laute ringsherum.

Auch das ist schn, sagte Ssanin, whrend er die Schultern hin und her
rieb, an denen das nasse Hemd ankleben wollte.

Schlecht gerade nicht, erwiderte Iwanow. Dabei sa er aber wie ein
begossener Pudel da.

Die Wolke wurde nicht leichter, doch der Regen schwchte sich ebenso
schnell wieder ab, wie er gekommen war, bespritzte nur noch unregelmig
das nasse Laub, die Menschen und das Wasser, auf dessen Oberflche er
wie mit sthlernen Ngeln wieder in die Hhe sprang. In der Luft lag es
dster und irgendwo hinter dem Wald zuckte ein Blitz.

Nun, nach Hause ... Wie? ...

Ganz egal ... Meinetwegen auch nach Hause!

Sie fuhren auf die breite Flche des Flusses hinaus, ber dem eine
plumpe Wolke in dsterem niedrigem Klumpen herabhing. Die Blitze zuckten
immer hufiger und grelle Feuer zerschnitten den schwarzen Himmel. Es
hatte vllig zu regnen aufgehrt. In der Luft wurde es trocken; es
begann erregend nach dem Gewitter zu riechen. Schwarze zottige Vgel
flogen dicht an der Oberflche des Wassers entlang. Die Bume standen
dunkel und unbeweglich und hoben sich deutlich gegen den bleiernen
Himmel ab.

Uff, uff, schrie Iwanow.

Als sie ber den Sand schritten, der von Regen festgestampft worden war,
blieb hinter ihnen alles dunkel und schweigsam zurck.

Nun wird es erst losgehen.

Die Wolke senkte sich immer tiefer herab; sie drckte ihren
unheimlichen, weigrauen Leib fast gegen die Erde.

Aber pltzlich brach der Wind wieder mit neuer Kraft durch, wirbelte den
Staub und die Bltter in die Hhe, der ganze Himmel zerri unter
furchtbarem Krachen, Glnzen, Wiederdrhnen in zwei Hlften.

Oho ho ho ho, ... rief Ssanin und strengte sich an, das Gerassel zu
bertnen, das alles umher betubte.

Doch er konnte selbst seine Stimme nicht hren.

Als sie ber das Feld hinauskamen, herrschte vollstndige Finsternis.
Nur wenn der Blitz zuckte, hoben sich ihre scharfen, dunklen Gestalten
vom glatten Sande ab und zeigten in der schwarzen Luft eigentmlich
hastig abgeschnittene Formen. Alles um sie drhnte und krchzte.

Oh, ah, oh, schrie Ssanin wieder.

Was? rief Iwanow aus allen Krften zurck.

Ein Blitz funkelte und er sah ein glckliches Gesicht mit strahlenden
Augen.

Iwanow konnte die Antwort nicht verstehen. Er frchtete sich ein wenig
vor dem Gewitter. Als es wieder einmal aufblitzte, breitete Ssanin die
Arme aus, sein ganzes Wesen strmte in dem Gefhl von Kraft und Leben
ber. Aus voller Kehle stie er gedehnte und glckliche Rufe aus; dem
Donner, der mit wtendem Brllen, Krachen und Drhnen den Himmel von
einem Ende der mchtigen Freiheit zum anderen durchrollte, jubelte er
seine Freude entgegen.




                                  XXXV


Die Sonne schien hell wie im Frhling, aber es lag ein herbstlicher Zug
in der unfabar sanftmtigen Stille, die zwischen den Bumen, um welche
schon gelbe absterbende Farben leuchteten, schwebte. In ihr tnten die
einsamen Vogelstimmen wehmtig abgebrochen und grell klang das Summen
der groen Insekten, die unheimlich ber ihrem vergehenden Reichtum
schwirrten, wo es nicht Blumen und Grser mehr gab und nur das Unkraut
hoch und wild aufscho.

Jurii schlenderte langsam die Gartenwege entlang und schaute mit
weitaufgerissenen, in tiefem Nachdenken erstarrten Augen auf alles hin,
auf den Himmel, auf die gelben und grnen Bltter, die stillen
Gartenwege und das glserne Wasser, als wenn er all dies zum letzten Mal
sehen sollte und es nun fest in sein Gedchtnis einprgen mute, um es
niemals mehr zu vergessen.

Trbsal umzog weich sein Herz, aber ihr Ursprung war ihm selbst nicht
klar. Immer schien es ihm so, da sich ein wunderbares Ereignis, welches
sein konnte und doch niemals war und nie mehr kommen wird, mit jedem
Augenblick von ihm weiter und weiter entfernte.

Ein schmerzliches Gefhl flsterte ihm zu, da alles nur durch seine
eigene Schuld geschehen wre. Vielleicht war es die Jugend und ihr
junges Glck, das er nicht aufzugreifen verstand, und das nun nicht mehr
wiederkehrte, vielleicht die gewaltige, menschheitsbefreiende Ttigkeit,
die ihm aus den Fingern geglitten war, obgleich er sie eine Zeitlang in
ihrem Kernpunkte hatte mitergreifen knnen. Doch wie es gekommen war,
konnte Jurii nicht fassen. Er war berzeugt, da er in der Tiefe seines
Wesens Krfte barg, die fr das Zersprengen ganzer Weltklippen
ausreichen wrden und einen Geist, der so ferne Horizonte zu umschlieen
vermochte, wie nur irgend einer in der Welt. Woher er diese Sicherheit
nahm, htte er nicht erklren knnen; er wrde sich auch geschmt haben,
sie zu einem Menschen, selbst dem Allernchsten zu uern. Aber die
Sicherheit blieb bestehen. Auch zu Zeiten, wo er klar fhlte, wie
schnell er ermdete, wie vieles er nicht wagte, wie er in Wirklichkeit
nur von einem Winkel aus ber das Leben nachgrbeln konnte, war er ihrer
sicher.

... Was gibt es auch viel, dachte Jurii, ins Wasser blickend, in dem
sich die verkehrten Ufer mit gelben und roten Spitzen besetzt
widerspiegelten.

... Vielleicht ist das auch noch das Schnste und Klgste ... In diesem
Augenblick schien ihm das Bild eines Menschen verlockend schn, der voll
Geist und Verstndnis abseits vom Leben steht und das sinnlose Treiben
der dem Tode Geweihten betrachtet.

Aber er merkte bald, da in diesem Gedanken etwas Leeres lag. Und aus
dieser Leere stieg der Wunsch empor, da es jetzt jemanden gbe, der
sieht und versteht, wie schn sich Jurii Swaroschitsch in der Pose eines
ber dem Leben Stehenden ausnimmt. Bald ertappte er sich jedoch wieder
bei dieser Selbstgeflligkeit und fhlte sich bitter beschmt.

Da begann er, um den schweren Druck, der auf seinem Bewutsein lastete,
loszuwerden, sich zum tausendsten Mal zu sagen, da der breite und
scheinbar so grandiose Strom des Lebens, wer auch an seinen Irrlufen
Schuld trage, schlielich doch schwach und dumpf in das schwarze Loch
des Todes hineinstrze. Dort gibt es keine Wertschtzung mehr, keine
Ueberlegung, wie und wozu der Mensch lebe.

... Ist es nicht ganz gleich, ob ich als ein Volkstribun sterbe, als der
grte Gelehrte, der tiefsinnigste Schriftsteller oder als ein leer
herumlaufender von Trbsal geplagter russischer Intelligenzler. Alles
derselbe Unsinn, dachte Jurii mit trber Schwermut und ging nach Hause.

In dem durchsichtigen Schweigen des neuen Tages, durch das nur die
eigenen Gedanken deutlich hervortnten und in dem man das langsame,
unabwendbare Absterben des Vergangenen in jedem Nerv empfand, war ihm
immer schwerer zumute.

... Da luft Ljalja, dachte Jurii, als er etwas Rosiges und Lustiges
hinter den grnen und gelben Bschen flimmern sah. Die glckliche Ljalka
lebt wie ein Falter mit dem heutigen Tage, braucht nichts, verlangt
nichts, als ihr Glck, ach, wenn ich auch so leben knnte.

Doch dieser Gedanke glitt nur ber die Oberflche; er stie ihn selbst
von sich. Sein Geist, seine Trbsal, die Qualen, unter welchen er so
schmerzlich litt, schienen ihm eine ungewhnliche Seltenheit und
Kostbarkeit, die er ganz gewi nicht gegen das Schmetterlingsleben
Ljaljas eintauschen mochte.

Jura, Jura, schrie Ljalja mit klangvoll singender Stimme, obgleich sie
nur in einer Entfernung von drei Schritten vor ihm stand. Schweigsam,
ganz mit dem Lcheln eines mutwilligen Geheimniskrmers reichte sie ihm
ein schmales, rosiges Kuvert.

Von wem? fragte Jurii unfreundlich.

Von Sinotschka Karssawina, Tubchen, erklrte Ljalja feierlich,
gleichzeitig in mysterisem Ton; sie drohte ihm mit dem Finger.

Jurii errtete furchtbar. Ihm schien in diesem Ueberreichen von
parfmierten Briefchen in rosigem Kuvert etwas Abgeschmacktes zu liegen,
durch das er sich selbst nur als glcklicher Empfnger bis zu einem
gewissen Grade lcherlich machte. Doch mit einem Ruck ri er sich
zusammen, einem Igel gleich steckte er aber noch immer nach allen Seiten
stechende Nadeln heraus. Ljalja, die neben ihm herlief, bemerkte nichts.
Mit dem eigenartigen Entzcken, mit dem sentimentale Schwestern an den
Liebesaffren ihrer geliebten Brder teilnehmen, begann sie ihm
zuzutuscheln, wie sehr sie Karssawina liebe und wie sie sich darauf
freue, da er sie einmal heiraten wird.

Das unglckselige Wort heiraten spiegelte sich auf Jurii in neuem
Errten und zornblitzenden Augen wieder. Der echte Provinz-Roman mit
rosigen Zettelchen, den Schwestern als Vermittlerinnen, mit der
legitimen Ehe, der Wirtschaft, dem Weibchen, den Kindern, stand gerade
in der abgeschmacktesten, waschlappigsten, pflaumenweichsten
Zuckersyrupform, die er am meisten verabscheute, vor ihm.

Ach, la doch bitte, was fr dummes Zeug, wehrte er fast erbittert
Ljalja ab. Seine Bewegungen waren so grob, da sie sich gekrnkt fhlte.

Was fr Komdie spielst du? ... Bist du wirklich verliebt, was schadet
es denn, schmollte sie. Mit unbewuter weiblicher Rachsucht traf sie
ihn gerade an der empfindlichsten Stelle, indem sie hinzufgte: Ich
kann nicht begreifen, weswegen ihr alle aus euch die groartigsten
Helden machen wollt.

Sie schwenkte ihr rosiges Kleid herum, zeigte verchtlich die
durchbrochenen Strmpfchen und schritt wie eine erzrnte Prinzessin ins
Haus.

Jurii sah ihr noch wtender nach, errtete noch mehr und ri das Kuvert
auf.

... Jurii Nikolajewitsch, wenn Sie wollen und knnen, so kommen Sie
heute ins Kloster. Ich werde mit meiner Tante dort sein. Sie ist bei der
Beichte und kommt nicht aus der Kirche heraus. Mir ist entsetzlich
langweilig, ich mchte ber vieles mit Ihnen sprechen. Kommen Sie doch.
Es ist vielleicht nicht richtig, da ich Ihnen schreibe, aber kommen
mssen Sie doch! ...

Jurii verga an alles, was er bisher gedacht hatte und las den letzten
Satz mit sonderbarer Aufregung, geradezu in physischer Freude. In dem
einen kurzen Satz spiegelte sich das junge, reine Mdchen, das
zuversichtlich und naiv das Geheimnis seiner Liebe uert, ungemein
deutlich wieder. Als ob sie nun zu ihm kommen msse, machtlos,
schchtern, liebend; sie kann nicht mehr kmpfen, wei nicht mehr, was
geschieht, sie fhlt nur, da sie sich ganz seinen Armen hingeben mu.
Die unerwartete Nhe der Entscheidung durchschttelte seinen ganzen
Krper, brachte ihn zu ergreifendem Beben. Einfach und unvermeidlich
fhlte er jetzt ihre drstende Jugend, ihren reinen Krper, der sich vor
ihm zum ersten Mal entblen wrde, den Duft der weiblichen Haare, die
erschreckten, glcklichen Augen, mit Trnen, die wie Tauperlen
erglnzten. Der Versuch, ironisch zu lcheln, gelang ihm nicht, alles
ging in einem solchen Schwung gierigen Glckes unter, da er sich
vorkam, als flatterte er wie ein Vogel ber die Wipfel des Gartens empor
zum blauen, sonnendurchtrnkten, freien Raum.

Den ganzen Tag war sein Herz licht; er empfand in seinem Krper eine so
starke Kraft, da ihm jede Bewegung vollen, frischen Genu bereitete.
Gegen Abend nahm er eine Droschke, um nicht durch den Sand laufen zu
mssen, und fuhr zum Kloster hinaus; unbewut schmte er sich vor der
ganzen Welt und lchelte ihr doch zu. An der Anlegestelle stieg er ins
Boot und ein krftiger Bauer ruderte ihn flink zum Kloster hinber.
Jurii konnte immer noch nicht verstehen, was er eigentlich durchlebte.
Erst als das Boot aus der Wirrnis der engen Gnge auf die breite
Wasserflche hinausscho und der Flu ihm den feuchten Duft der Tiefe
weich ins Gesicht atmete, empfand er mit voller Seele, da er glcklich
war und da ihm das rosige parfmierte Kuvert dieses Glck gebracht
hatte.

... Und ist es im Grunde genommen nicht ganz gleich ... Jurii hielt es
doch fr ntig, Karssawina in Gedanken zu verteidigen. Sie lebt doch in
einem solchen Kreis. Ein kleinstdtischer Roman, gut, mag es auch ein
solcher werden.

Mit rhythmischem Gekrusel lief das Wasser neben dem Boot einher und
beleckte seine Rnder. Der grne Berg, mit seinem breiten, eigenartigen
Atmen von der Dmmerung und Feuchtigkeit des Waldes geschwngert, wuchs
ihm schnell entgegen. Der Sand rasselte, lrmend sprang die hinter dem
Boot vergleitende Welle noch einmal auf und zurck. Jurii stieg aus dem
Boot, gab mit einem Gefhl der Beschmung dem Bootsmann einen halben
Rubel und schritt den Bergpfad hinauf.

Stiller Abend ging schon durch den Wald; seine Schatten legten sich um
den Berg. Von der Erde hoben sich nachdenklich ernste Nebel, die gelben
Bltter waren in der Dmmerung unsichtbar geworden, der Wald schien
wieder sommerlich grn und dicht. Oben in der Klosterumfriedung war es
noch ruhiger und rein wie in einer Kirche. Die Pappeln standen wrdig
und streng wie bei einem Gebet; unter ihnen gingen wie lautlose
Abendschatten lange, schwarze Mnche auf und nieder. In den dunklen
Oeffnungen der Kirchentren flimmerten kleine Flmmchen vor den
Heiligenbildern; ein unfabar zarter Geruch wandte sich herum, und man
konnte nicht verstehen, ob es nach altem Weihrauch oder nach
verwelkenden Pappelblttern roch.

Ah, guten Tag, Swaroschitsch, brllte jemand hinter ihm.

Jurii blickte sich rasch um und sah Schawrow, Iwanow, Ssanin und Pjotr
Iliitsch. Sie kamen in dunklem, lrmvollem Haufen ber den Hof, und die
schwarzen Mnche schauten unruhig auf sie hin; selbst die Pappeln
schienen ihre gebetartige Unbeweglichkeit, durch den pltzlichen Lrm
und die Bewegung verwirrt, eingebt zu haben.

Wir haben Groes vor, erklrte Schawrow und trat als erster an Jurii,
der ihm besondere Achtung einflte, heran. Durch seine runden
Brillenglser blickte er ihm freundlich in die Augen.

Das ist ja ganz nett, murmelte Jurii gezwungen.

Vielleicht beteiligen Sie sich daran.

Nein, danke bestens ... ich bin nicht allein hier. Jurii trat
ungeduldig einen Schritt zurck.

Na, was denn, versetzte Iwanow mit herber Gutmtigkeit und packte ihn
unter dem Arm. Kommen Sie doch mit uns!

Jurii stemmte sich unfreundlich gegen den Boden, und so zogen sie sich
eine Weile etwas lcherlich nach verschiedenen Richtungen hin und her.

Nein, bei Gott, es geht nicht! Vielleicht komme ich spter noch zu
Ihnen heran, wiederholte Jurii, mehr und mehr in seinen berreizten Ton
verfallend. Ihm kam diese freundschaftliche Aufdringlichkeit
unangebracht und taktlos vor.

Nun gut, Iwanow, der nichts bemerkt hatte, lie ihn los. Also werden
wir Sie erwarten. Kommen Sie doch!

Schn, schn ...

Sie gingen aus der Umfriedung fort, sie lachten, schlenkerten mit den
Armen; dann wurde es rings herum wieder ehrfurchtsvoll still wie bei
einem Gebet. Jurii nahm die Mtze ab und trat mit einer Mischung von
Spott und Schchternheit in die Kirche.

Gleich nachdem er eine der dunklen Kolonnen umbogen hatte, sah er in der
Dmmerung Karssawina in ihrem grauen Jackett und einem runden Strohhut,
der ihr das Aussehen einer Gymnasiastin gab, vor sich auftauchen. Das
Herz zitterte ihm, und dieses Zittern war dem Erschrecken eines Vogels
und dem Beben einer Katze vor dem Sprung gleichermaen hnlich. Alles an
ihr erschien ihm so reizvoll, da er es auf der Zunge als angenehmen
Geschmack zu verspren glaubte; ihr Jackett, wie der Hut und die
schwarzen Haare, die auf dem Nacken in einer Spirale verschlungen waren.
Das gab ihr das Aussehen einer Gymnasiastin; bei einem so reifen,
erwachsenen Mdchen wirkte es fast rhrend.

Sie fhlte Juriis Nhe, sah sich um und ihre schwarzen Augen spiegelten,
trotzdem sie bescheiden ernst blieben, in ihren Tiefen die erschrockene
Freude wieder.

Guten Tag, sagte er mit gedmpfter und doch zu lauter Stimme, im
Augenblick unschlssig, ob es sich hier schicke, ihr die Hand zu reichen
oder nicht. Die benachbarten Beterinnen blickten sich nach ihnen um und
verwirrten Jurii mit ihren dunklen pergamentfarbenen Gesichtern noch
mehr.

Er errtete. Karssawina, die seine Verlegenheit gleichsam mitfhlte, kam
ihm mit mtterlichem Gefhl zu Hilfe. Sie lchelte ganz leise und drohte
ihm zrtlich mit verliebten Augen.

Jurii war selig und wurde muschenstill.

Sie schaute nicht mehr auf ihn und bekreuzigte sich oft, aber Jurii
wute whrend der ganzen Zeit, da sie seine Nhe empfand. Diese
ungreifbaren Regungen spannten zwischen sie ein geheimes elastisches
Band ein, welches das Herz schlagen und ersterben lie, und alles um sie
geheimnisvoll und wunderbar vernderte.

Dem Diakon auf der Kanzel, dem Aufleuchten der Lichter, den betenden und
singenden Menschen, den schweren Seufzern und den einsam drhnenden
Schritten am Eingang sah Jurii mit wichtigen und strengen Augen zu. In
dieser Stille hrte er deutlich sein kleines Herz, das sich leicht und
frhlich gegen die schwere Stimmung der Kirche auflehnen wollte.

Er stand ohne Bewegung, blickte auf den weien Hals unter den schwarzen
Haaren, auf die weiche Biegung der Taille, die sich unter dem grauen
Jackett herausfhlen lie, und es wurde ihm manchmal so gut, da der
Schlag des Herzens seine ganze Brust durchflo. Er wnschte so zu
stehen, da ihn alle shen ... Und obgleich er an nichts glaubte, weder
an das Singen, noch das Lesen der Bibelsprche, noch an die Lmpchen vor
den Heiligenbildern, fhlte er doch auch nichts anderes als gutmtige
Freundlichkeit fr sie. Er bekam selbst Mut, seine Stimmung zu
analysieren und mit der trbseligen Gehssigkeit des Morgens, der sie
vollstndig unhnlich war, zu vergleichen.

... Also kann man doch glcklich sein, fragte er sich innerlich lchelnd
und gab sich sofort die ernste Antwort: Sicherlich! Alles, was ich ber
den Tod dachte, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Fehlen eines
vernnftigen Zweckes im Leben, das mag alles ganz wahr und vernnftig
sein, aber glcklich kann man trotzdem werden. Ich bin glcklich! Und
gerade dank diesem wunderbaren Mdchen, von dem ich vor kurzem noch
keine Ahnung hatte.

Ihm stieg die komische Idee in den Kopf, wie sie sich einst, als sie
noch kleine, lcherliche Kinder waren, irgendwo htten begegnen, sich
anblicken, sich wieder trennen knnen, ohne zu wissen, da sie einmal
freinander das allerteuerste auf der Welt sein, sich einander lieb
haben werden und da sie fr ihn alle Geheimnisse ihres Krpers
enthllen wird.

Der letzte Gedanke schlo sich ganz unerwartet an, er wurde von ihm fast
beschmt. Gleichzeitig aber fhlte er sich so gut und frei, da er bis
in die Haarwurzeln errtete; er frchtete sich lange, sie wieder
anzublicken.

Karssawina, die da in Gedanken von ihm entkleidet wurde, stand lieblich
und rein vor ihm und betete ohne Worte zu Gott, da Jurii sie so innig
und zart lieben mge wie sie ihn.

Wahrscheinlich teilte sich von ihr auch Jurii eine reinigende Welle mit,
denn die schamlosen Gedanken glitten mit einem Mal von ihm fort; in
seiner Seele wurde es klar und friedlich.

Trnen der Rhrung und der Liebe traten warm in seine Augen. Er hob die
Blicke, sah das Gold des Heiligenstockes, welches in den Kerzenfeuern
Funken sprhte, darber die zwei Arme des Kreuzes, die sich ihm bei
jedem Blick tiefer zusenkten; in Gedanken rief er mit lngst vergessener
innerlicher Spannung: Gott, wenn du existierst, so lasse es sein, da
dieses Mdchen mich liebt, und da ich sie immer lieben werde so wie
jetzt.

Er schmte sich dieser Gefhlsaufwallung ein wenig, aber diesmal
lchelte er nur herablassend ber sich.

... Das ist doch nur so ... dachte er.

Gehen wir hinaus, raunte ihm Karssawina zu; sie flsterte es, aber es
klang fast wie ein Seufzer.

Sie gingen gravittisch, mit Frieden in der Seele, als ob sie die leise
singenden und laut lesenden Stimmen, Seufzer und das Flimmern der
Lichter mit sich forttragen wollten, auf die Terrasse hinaus. Sie gingen
nebeneinander lngs der Einfriedung und traten dann durch die alte
Pforte auf den Bergabhang. Hier war niemand; die alte weie Mauer mit
dem Trmchen, an dem der Putz herunterhing, trennte sie von all den
Menschen.

Unter ihren Fen kruselten sich lngs des Abhangs die Wipfel der
Eichen, und weit unten erglnzte eben und glatt wie geschliffenes Glas
der Flu. Die grnen Felder und Wiesen dehnten sich hinter dem dunklen
Horizont weit in die Ferne hinein.

Schweigend schritten sie bis an den Rand des Abhanges und blieben
unschlssig, was sie anfangen sollten, stehen. Sie frchteten sich vor
etwas und wagten es nicht. Es schien, da sie niemals die Kraft finden
wrden, es zu sagen und zu tun. Doch Karssawina hob den Kopf, und es kam
dann ganz unvermutet und einfach, da ihre Lippen Juriis Lippen trafen.
Sie wurde leichenbla, schrak auf und erstarrte dann. Jurii umarmte sie
schweigend; er fhlte zum ersten Mal ihren warmen, biegsamen Krper in
seinen Armen.

Um sie wurde es still. Ihnen schien die ganze Welt in dieser
feierlichen, gespannten Stille zu ersterben.

In ihren Ohren gellte etwas; Jurii kam es vor, da irgendwo eine
unsichtbare, unhrbare Glocke gebieterisch ihre Begegnungsstunde schlug.

Pltzlich ri sich Karssawina los, lchelte ihm noch einmal zu und lief
fort. Die Tante wird mich suchen, warten Sie eine Weile, ich komme
wieder ...

Jurii konnte sich spter niemals erinnern, ob sie ihm diese Worte mit
einer klingenden frhlichen Stimme, die im dunklen Walde widerhallte,
zurief oder ob ihm der warme Abendwind nur ein abgebrochenes, gleitendes
Flstern zutrug.

Er setzte sich aufs Gras und fuhr mit der Hand durch die Haare.

... Wie tricht und wundervoll schn das doch alles ist, dachte er mit
seligem Lcheln. Er schlo die Augen, zuckte die Achseln und warf in
diesem Augenblick alle seine frheren Gedanken, Zweifel und Leiden von
sich.

Karssawina lief in die Pforte hinein und blieb noch einmal stehen. Ihr
Herz pochte ungestm und ihr Gesicht brannte. Sie drckte ihre Hand fest
auf die wogende linke Brust und lehnte sich fr einen Moment an die
Wand.

Dann ffnete sie die Augen, schaute verwundert umher, atmete leicht auf,
raffte den schwarzen Rock und lief mit schnellen Fchen nach dem
Gasthaus. Noch aus der Ferne rief sie der alten dunklen Tante, die auf
den Steinstufen sa und sie erwartete, zu:

Da bin ich schon, Tantchen, da bin ich ja schon.




                                 XXXVI


Zuerst wurde die Ferne dunkel, dann der Flu im Nebelgehnge; von den
weitabgelegenen Wiesen erscholl das verhallende Wiehern der Pferde; mit
einem Mal leuchteten auch die Hirtenfeuer auf.

Jurii sa noch immer auf dem Abhang und wartete auf Karssawina;
mechanisch zhlte er die Scheiterhaufen auf den Wiesen.

Eins, zwei, drei ... nein, noch einer, ganz hinten, kaum sichtbar am
Horizont. Wie ein kleiner Stern. Und dort sitzen jetzt erwachsene
Menschen, Bauern, die auf die Nachtweide hinauszogen, kochen auf dem
Felde Kartoffeln, sprechen miteinander. Der Scheiterhaufen brennt
lustig, lodert auf, zischt, und man hrt, wie die Pferde schnauben. Vom
Abhang aus sahen die Feuer wie einzelne Funken aus ... Nur noch eine
geringe Bewegung und sie muten ganz erlschen.

Es wurde Jurii schwer, ber irgend etwas nachzusinnen, als knne er bei
dem Klang seines triumphierenden Denkens, die eigenen Gedanken nicht
hren. Er sa lange, ohne sich zu rhren, er sprte, wie sich in seinem
Krper Elastizitt und Kraft ansammelte, als bereite er sich zu etwas
vor, dessen man nicht bewut werden drfe. Immer noch fhlte er den
ersten Druck des jungen, noch vom dnnen Stoff verhllten Krpers und
der halbgeffneten, frischen Lippen. Von Zeit zu Zeit sagte er sich mit
Schrecken: Aber gleich mu sie ja kommen.

Sein Herz erzitterte, dann starb es leise ab. Aber um so mehr spannte
sich jeder Nerv in ihm, sein Krper wurde frisch und drngend.

So sa er, nur mit der einen Erwartung vollgesogen am Abhange und
lauschte, ohne es zu wissen, dem fernen Wiehern der Pferde, dem Schreien
der Gnse hinter dem Flu und den tausenden verschwimmenden Lauten des
Waldes und des Abends, die wie Saiten hoch ber der Erde bebten.

Als er endlich ungleichmig rasche Schritte und das Rauschen eines
Kleides hrte, wute er, ohne sich umzuwenden, da sie es war. Sein
ganzer Krper glhte und zitterte, und doch schien er von dem
entscheidenden Augenblick gengstigt, jede Fhigkeit, sich zu bewegen,
verloren zu haben. Pltzlich wandte er sich scharf um, sicher, gerade
das Richtige zu tun, schlo sie in die Arme und trug sie mit unbekannter
Kraft und Zuversichtlichkeit ber das Gras hinunter.

Wir werden hinfallen, flsterte sie; Glck und Scham erstickten sie
fast.

Wieder prete Jurii ihren Krper in seinen Armen zusammen; bald kam sie
ihm gro und ppig wie eine Frau, bald winzig und zerbrechlich wie ein
kleines Mdchen vor. Durch das Kleid fhlte seine Hand ihre Beine; er
erschrak, als ihm die Berhrung in sein Bewutsein trat.

Unten zwischen den Bumen war es dunkel; nur von oben fiel blasses
Dmmerlicht ber den Rand des Abhangs, der den hellen Himmel abschnitt.
Jurii legte das Mdchen auf das Gras nieder und setzte sich neben sie.
Bei dem matten Licht fand er ihre heien, weichen Lippen und zehrte mit
verlangenden, zhen Kssen, die ihren drngenden Krper wie mit
weiglhendem Eisen durchbrannten, an ihnen.

Es war ein Augenblick vlligen Wahnsinns, in dem nur noch eine
bermchtige tierische Kraft in ihnen gebot. Karssawina widerstrebte
nicht und zitterte nur, als Juriis Hand schchtern und frech, wie es
noch niemals zuvor geschehen war, ihre Rcke hochschob.

Du liebst mich? ... Wirklich? fragte sie ihn mit abgerissener Stimme.
Das Flstern ihrer in der Finsternis unsichtbaren Lippen war seltsam wie
die leichten, geheimnisvollen Laute des Waldes.

Aber pltzlich fragte sich Jurii mit Entsetzen: Was tue ich denn hier?
... Eisige Klarheit durchstrmte das flammende Gehirn, alles wurde mit
einem Mal kalt und leer, wurde bla und hell wie ein Wintertag, in dem
es kein Leben und keine Kraft mehr gibt.

Sie ffnete halb die hellgewordenen Augen und streckte sich ihm mit
trber, unruhiger Frage entgegen. Doch pltzlich sah sie ebenfalls alles
mit raschen, weitgeffneten Augen vor sich, fhlte seine Blicke sich
tief in ihren Krper bohren, und unter unertrglicher Scham erglhend,
schlug sie rasch das Kleid herunter und setzte sich aufrecht hin.

Ein qualvolles Durcheinander von Gefhlen durchstrmte Jurii. Jetzt
stehen zu bleiben, schien ihm unmglich, als mache er sich dadurch
lcherlich. Ratlos und ohne Besinnung suchte er wieder auf sie
einzudringen und sie niederzuwerfen, aber sie wehrte sich ebenso ratlos
und ohne Besinnung dagegen. Das kurze, ohnmchtige Balgen, das Jurii
trotz des entsetzlichen, hoffnungslosen Bewutseins seiner lcherlichen
und abstoenden Lage fortsetzte, war in der Tat nur lcherlich und
abstoend. Doch fast in dem Augenblick, als ihr Widerstand versagte und
sie von neuem bereit war, sich ihm hinzugeben, lie er wieder von ihr
ab. Karssawina atmete kurz und abgebrochen, wie gehetzt. Es entstand
eine auswegslose, schwere Pause; dann sagte er pltzlich:

Verzeihen Sie mir ... ich bin ... wie verrckt ...

Sie atmete hufiger; er begriff, da er das nicht sagen durfte, da es
sie verletzen mute ... Schwei bedeckte seinen ohnmchtigen Krper, und
wieder murmelten seine Lippen fast wider seinen Willen etwas von dem,
was er heute gesehen hatte, ber seine Gefhle zu ihr, ber jene
Gedanken und Zweifel, von denen er immer erfllt war und durch die er,
selbst fortgerissen, auch sie so oft hinri. Doch in diesen Minuten
schien ihm alles, was er sagte, ungeschickt, gebunden, leblos, seine
Stimme klang falsch und schlielich brach er ab, pltzlich selber
verlangend, da sie fortginge und dadurch dieser unertrglichen,
lcherlichen Situation, wenn auch nur fr kurze Zeit, ein Ende mache.

Wahrscheinlich durchlebte sie dasselbe, denn fr einen Augenblick hielt
sie ihr Atmen an. Dann flsterte sie, schchtern und bittend:

Ich habe keine Zeit mehr. Ich mu gehen.

... Was tun, ... was tun, fragte sich Jurii; er wurde am ganzen Krper
kalt. Sie standen auf, schauten aber einander nicht an. Mit der letzten
Bemhung, noch einmal alles zurckzurufen, umarmte sie Jurii
schwchlich. Da erwachte in ihr wieder eine mtterliche Regung, als ob
sie sich pltzlich als die Strkere fhle; weich schmiegte sie sich an
ihn und lchelte ihm mit aufmunterndem, lieblichem Lcheln gerade in die
Augen.

Auf Wiedersehen, kommen Sie morgen! sagte sie.

Sie kte ihn so zrtlich, so stark, da Juriis Kopf schwindelte und ein
Gefhl der Ehrfurcht seine ratlose Seele erwrmte.

Als sie fortging, lauschte Jurii lange auf das Rauschen ihrer Schritte,
suchte sich dann seine Mtze auf, die voll Erde und Bltter war,
schttelte sie aus, setzte sie auf und ging ins Gastzimmer hinauf, dem
Pfad weit ausweichend, ber den Karssawina kommen mute.

... Ja, dachte er, als er durch die Dunkelheit schritt, war es denn
unbedingt ntig, dieses reine Mdchen zu beschmutzen. Unser Zusammensein
unbewut ebenso abzuschlieen, wie es jeder Normalmensch an meiner
Stelle getan htte. Gott, mein Gott ... Das wre abscheulich gewesen. Es
war gut, da ich dessen nicht fhig war ... Und wie widerwrtig doch all
das ist. Mit einem Mal, ohne ein Wort, wie ein Tier. Er empfand jetzt
nur Ekel ber das, was ihn noch kurz vorher mit solcher Kraft und
solchem Glck erfllt hatte.

Doch trotzdem bohrten und rissen unausgelste Spannungen weiter in
seinem fruchtlosen Gram und riefen schwere, dumpfe Scham in ihm hervor.
Selbst seine Arme und Beine schlenkerten, wie es ihm vorkam, ungelenker
als sonst; seine Mtze mute wie eine Narrenkappe auf seinem Kopfe
sitzen.

Bin ich denn wirklich noch fhig, weiter zu leben, fragte er sich in
pltzlicher Verzweiflung.




                                 XXXVII


Im breiten Korridor des Klostergasthauses roch es nach Brot, Weihrauch
und dem Samowar. Ein behender, gesunder Mnch sauste mit einem Samowar,
der rund wie eine Wassermelone war, an Jurii vorbei.

Vterchen, rief Jurii, aber unwillkrlich wurde er durch die
Anredeform in Verwirrung gebracht; er erwartete, da auch der Mnch ihn
verwundert anstarren msse.

Was belieben? ... fragte dieser ruhig und hflich, wobei sein Gesicht
kaum aus den Dampfwolken hervorguckte.

Zu Ihnen mu heute eine Gesellschaft aus der Stadt gekommen sein.

Die ist auf Zimmer sieben, entgegnete der Mnch so rasch, als ob er
gerade auf diese Frage gelauert htte. Bemhen Sie sich bitte hier
hinaus auf das Balkonchen.

Jurii ffnete die Tr zum Zimmer sieben. In dem groen Raum war es
dunkel und wahrscheinlich auch durch Tabaksrauch ganz undurchsichtig
geworden. Hinter der Tr zum Balkon dagegen sah es hell aus; Flaschen
klangen, Menschen bewegten sich unter Schreien und Lachen.

Das Leben ist eine unheilbare Krankheit, vernahm Jurii durch den Rauch
Schawrows Stimme.

Und du selber bist ein unheilbarer Dummkopf, schrie ihm Iwanow unter
krftigem Lachen zurck. Sieh mal einer an, wie die Phrasen aus dir
herausplatzen!

Als Jurii zu ihnen hinaustrat, kamen ihm alle mit freudigen, trunkenen
Ausrufen entgegen. Schawrow sprang von seinem Platz auf, ri dabei fast
die Decke vom Tisch herunter, kroch hinter ihm vor und murmelte
verliebt, whrend er Juriis Hand in der seinen drckte:

Das ist aber schn, da Sie gekommen sind. Besten Dank bei Gott. In der
Tat ... Meiner Treu ...

Jurii nahm zwischen Ssanin und Pjotr Iliitsch Platz und schaute sich um.
Der Balkon war von zwei Lampen und einer Laterne hell beleuchtet; man
hatte den Eindruck, da hinter den Grenzen des Lichts eine
undurchdringliche schwarze Mauer stand. Sobald sich Jurii jedoch von dem
Licht abwandte, sah er noch ziemlich klar den grnlichen Streifen der
Abendrte, die bucklige Silhouette des Berges, die Wipfel der nchsten
Bume und weit unten die schwach erglnzende, einschlafende Oberflche
des Flusses.

Falter und Kfer kamen aus dem Walde ans Feuer geflogen, wirbelten
herum, schwenkten nieder, erhoben sich, und krochen vom Lichte
angesengt, langsam ber den Tisch.

Jurii schaute sie an und wurde traurig.

-- -- -- Wir Menschen sind ganz ebenso, dachte er. Wir fliegen geradeso
aufs Feuer los, auf jede glnzende Idee, zerschlagen uns an ihr, und
sterben in Leiden. Wir glauben, da diese Idee ein Ausdruck des
Weltwillens sei und sie ist doch nur ein Brennen unseres Gehirns.

Nun trinken wir aus! rief ihm Ssanin freundlich zu und reichte die
Flasche herber.

Schn, sagte Jurii melancholisch und dachte auch sofort, da das
Trinken vielleicht das einzige sei, was ihm noch brig bleibe. Sie
stieen an und strzten das Glas herunter. Der Wodka schien Jurii
widerwrtig wie heies, bitteres Gift. Mit eklem Zittern am ganzen
Krper griff er zu den Speisen. Aber auch sie bewahrten lange einen
abstoenden Geschmack und wollten nicht durch die Kehle rutschen.

-- -- -- Nein, ich mu um jeden Preis von hier fort, sagte er sich. Aber
wohin denn? ... Es ist doch berall dieselbe Geschichte. Sich selbst
kann man nicht entrinnen. Wenn der Mensch ber sein Leben hinauswchst,
so wird es ihn nirgends und in keiner Form befriedigen. Ob in diesem
Nest oder in Petersburg; das ist alles gleich.

Meiner Meinung nach ist der Mensch an sich ... nichts! schrie Schawrow
laut.

Jurii sah sein plattes Gesicht mit den Brillenglsern und den
langweiligen Augen und dachte, da ein solcher Mensch in der Tat schon
an sich ein Nichts sei.

Das Individuum ist eine Null, nur Persnlichkeiten, die aus der Masse
hervorgehen und mit ihr nicht die Fhlung verlieren, also, die sich der
Menge nicht entgegenstellen, wie es die bourgeoisen Helden zu tun
belieben, ich sage ihnen, nur die besitzen eine wirkliche Kraft, --
wie?

Aber worin soll denn diese Kraft liegen, entgegnete Iwanow wtend,
indem er sich gewichtig mit beiden Ellenbogen der gekreuzten Arme auf
den Tisch stemmte ... Im Kampfe mit der bestehenden Ordnung? ...
Meinetwegen ... Aber im Kampf fr ihr eigenes Glck, was hilft ihnen da
die Masse? -- -- --

Aha, Sie sind ja ein ... Uebermensch ... Sie brauchen irgend ein
besonderes Glck ... Ein eigenes ... Aber wir Menschen der Menge
glauben, da wir gerade im Kampfe fr das allgemeine Glck auch unser
Glck finden werden. Verstehen Sie, der Triumph einer Idee, das ist
Glck ...

Und wenn die Idee Fehler besitzt? ...

Das ist ganz gleich, Schawrow schttelte energisch den Kopf, als msse
er von vornherein jede Berufung auf eine hhere Instanz ablehnen. Man
braucht nur zu glauben ...

Spucke doch darauf, rief ihm Iwanow verchtlich zu. Jeder Mensch
glaubt, da das, was er treibt, gerade das Wichtigste und Notwendigste
ist. Daran glaubt sogar ein Damenschneider. Du wutest es auch ... Hast
es wahrscheinlich nur vergessen ... Die Pflicht deiner Freunde ist, dich
daran zu erinnern, Bruder.

Jurii schaute mit grundlosem Ha in Iwanows Gesicht, das von dem
getrunkenen Wodka bla geworden war; es sah verschwitzt aus und die
groen, grauen Augen blickten glanzlos in das Licht.

Und worin liegt dann Ihrer Meinung nach das Glck? fragte Jurii mit
verzerrten Mienen.

Auf keinen Fall sicher darin, das ganze liebe Leben lang zu jammern und
auf jedem Schritt sich zu fragen: Halt, da nieste ich doch eben ... habe
ich's auch gut gemacht ... Wird daraus womglich nicht fr jemanden
Schaden entstehen ... Habe ich durch dieses Niesen meine Berufung
erfllt? -- -- --

Jurii sah in den kalten Augen klar die Abneigung gegen sich geschrieben
und krmmte sich unter dem Gedanken, da sich Iwanow ber ihn lustig
machen knnte.

-- -- -- Nun, das werden wir doch sehen, sagte er sich ... Das ist kein
Programm, erklrte er und gab sich Mhe, in jedem Zug seine Entrstung
zu zeigen und die vollkommenste Verachtung auszudrcken.

Sie brauchen unbedingt ein Programm? Nun, ich ... was ich will, was ich
kann, das tue ich ... da haben Sie ein Programm.

Schawrow war emprt ... Das ist ein nettes Programm, wie? ... Gar nicht
zu sagen.

Jurii schwieg und machte nur eine abwehrende Bewegung mit der Schulter.

Eine Zeitlang saen alle schweigend und tranken ... Dann wandte sich
Jurii zu Ssanin und begann von dem, was er fr das beste hielt, zu
reden. Er sah Iwanow nicht an, sprach aber doch nur fr ihn. Ihm schien
es, da er jetzt nur einige Worte im Zusammenhang zu sagen brauche, um
seine Gedanken vollstndig zum Ausdruck zu bringen, und niemand wrde
imstande sein, ihn zu widerlegen. Aber zu seiner Emprung brllte Iwanow
bei Juriis ersten Worten, da ein Mensch nicht ohne einen Gott leben
knne und da er sich, wenn er einen gestrzt htte, sofort einen
anderen suchen msse, damit sein Leben nicht ganz sinnlos wre, ber die
Schultern weg:

Aha, das Mrchen von Katharina -- -- das haben wir schon gehrt.

Jurii berhrte geflissentlich den Ausfall und fuhr in der
Auseinandersetzung seiner Anschauungen fort. Von der Diskussion
hingerissen, bemerkte er garnicht, da er mit einem Male das, was fr
ihn selbst noch eine Quelle des Zweifels war, sehr energisch vertrat.
Erst am selben Morgen hatte er sich noch Fragen ber Glauben und
Nichtglauben gestellt. Aber jetzt im Streit zeigte sich, da er alles
schon in sich durchdacht und auf den festesten Grundlagen zu stehen
hatte.

Schawrow hrte ihn mit Ehrfurcht und rhrseliger Freude an. Ssanin
lchelte und Iwanow schaute halb abgewandt hin und warf bei jedem
Gedanken, der Jurii originell und individuell vorkam, ein verchtliches:
Auch das haben wir schon lngst gehrt dazwischen.

Jurii brauste endlich auf:

Hren Sie, das haben wir auch schon oft genug gehrt. Es gibt nichts
Leichteres, als so ein gehrt einzuwerfen. Wenn man keine Einwnde
findet, sich damit zu beruhigen. Knnen Sie nur das eine reden: Gehrt,
gehrt, so habe ich ebensogut das Recht, zu sagen: Nichts, garnichts
haben Sie gehrt.

Iwanow erblate, und seine Augen rollten aufgeregt.

Vielleicht, sagte er mit unverhohlenem Spott und dem Wunsch, zu
verletzen, haben wir wirklich noch nichts gehrt. Weder von tragischem
Nachdenken, noch ber die Unmglichkeit, ohne Gott zu leben, noch ber
den nackten Menschen auf der entblten Erde. -- -- Jeden Satz sprach
er in einem Ton, der wie auf Stelzen ging. Doch pltzlich schrie er bse
und abgerissen auf: Denken Sie lieber mal etwas Neues aus.

Jurii fhlte, da in Iwanows Hohn ein wahrer Kern stecke. Er erinnerte
sich mit einem Mal, wie viele wissenschaftliche Werke er schon
durchgearbeitet hatte. Sowohl ber Anarchismus, wie ber Marxismus, ber
Individualismus, ber den Uebermenschen und den verklrten Christen,
ber den mystischen Anarchismus, und noch ber vieles Andere. In der Tat
hatten alle das schon gehrt, aber doch nderte sich in ihnen nichts
gegen frher und in ihm selbst lag immer noch das schwere Gefhl
geistiger Unbefriedigung. Dennoch kam ihm nicht fr eine Sekunde der
Gedanke, nun zu schweigen. Er sprach mit aller Schrfe weiter, obgleich
er selbst sah, da er damit mehr Iwanow verletzte, als da er seine
Gedanken begrndete.

Iwanow geriet in Wut; er wurde jetzt einfach frchterlich. Sein Gesicht
erhielt einen noch blasseren Schein, die Augen wlbten sich in ihren
Hhlen und seine Stimme donnerte wild und grob.

Da mischte sich Ssanin mit verdrielichen und gelangweilten Zgen in
ihren Streit: Aber so hren Sie doch endlich auf, meine Herren. Wird
Ihnen denn das nicht mit der Zeit langweilig. Man kann doch keinen
Menschen dafr hassen, da er nach seiner Manier denkt.

Das ist kein Denken mehr, nein, das ist nichts als Schwindel, schrie
Iwanow. Da will einer zeigen, da er tiefer und feiner denkt als wir
alle ... und nicht ...

Mit welchem Recht behaupten Sie das? ... Warum soll ich das gerade
wollen und nicht Sie?

Hren Sie, rief Ssanin laut und strenge. Wenn Sie sich beide prgeln
wollen, so gehen Sie hinaus und tuen Sie es, wo es Ihnen Spa macht.
Aber Sie haben kein Recht, uns andere zu zwingen, Ihre unsinnigen
Znkereien mit anzuhren.

Iwanow und Jurii schwiegen. Sie waren beide rot und zerzaust; sie
vermieden es, einander anzuschauen. Eine ziemlich lange Zeit herrschte
peinliche Stille.

Dann begann Pjotr Iliitsch melancholisch zu singen:

   Vielleicht wird man auf einem stummen Hgel
   Die ernste Bahre Rulands einst errichten. --

Sei unbesorgt, die errichtet man schon, wenn's ntig ist, warf Iwanow
hin.

Sei dem, wie's sei, sagte Pjotr Iliitsch unterwrfig, setzte aber sein
Glas nieder und schenkte Jurii Wodka ein: Hren Sie auf zu denken,
trinken Sie lieber.

-- -- -- ach alles zum Teufel jagen zu knnen, -- -- er nahm das Glas
und go es in einem Zug hinunter.

Im selben Moment fhlte er sonderbarerweise das dringende Verlangen,
Iwanow mchte diese Heldentat bemerken und vor ihm Achtung bekommen. Und
htte Iwanow es in diesem Augenblick auf irgend eine Weise angedeutet,
wrde Jurii zu ihm Freundlichkeit und sogar Zrtlichkeit empfunden
haben, aber er rhrte sich garnicht, und sofort bezwang dieser den
herabwrdigenden Wunsch. Er wurde von der nackten ekelhaften Empfindung
einer Unmenge Wodka, die in seinen Drmen brannte und ihm in die Nase
stieg, bis zur Uebelkeit gepeinigt.

Bravo, Jurii Nikolajewitsch, bei Gott, rief Schawrow.

Durch dieses Lob fhlte sich Jurii nur beschmt.

Er suchte mit Mhe die Wodkawelle, die an seinen Mund heranquoll, zu
berwinden. Lange konnte er unter dem physischen Ekel, der ihn
durchschauerte, nicht zu sich kommen. Er schob die Speisen auf dem Tisch
hin und her, fand etwas und lie es dann wieder liegen. Alles schien ihn
wie Gift anzuekeln.

Ja, bei solchen Menschen hte ich mich, sie Menschen zu nennen,
vernahm Jurii, als er wieder zu sehen und hren begann, Pjotr Iliitschs
gewichtigen Ba.

Du htest dich davor ... Bravo Onkelchen, gab ihm Iwanow schadenfroh
zurck. Trotzdem Jurii nicht den Anfang des Gesprchs gehrt hatte,
erriet er dennoch an dem Ton, da sich die Rede auf Menschen wie ihn
bezog.

Ja, da hte ich mich. Ein Mensch mu ... ein General sein, bekundete
Pjotr Iliitsch deutlich und gemessen.

Ist aber nicht immer mglich ... Wie steht es denn mit Ihnen selbst?
... bemerkte Jurii, ohne hochzublicken, unter bitterem Zittern ber die
empfundene Krnkung.

Ich ... gewi doch, ... ich bin ein General ... im Innern meiner
Seele.

Bravo, brllte Iwanow so entzckt, da sich irgend ein Nachtvogel
erschreckt zum Walde hinstrzte und dort in den Zweigen niederbrach.

Aber auch nur in der Seele, Jurii war bestrebt, seine Ironie zu
bewahren. Ihn plagte die krankhafte Einbildung, da sich alle gegen ihn
verschworen htten und ihn erniedrigen und demtigen wollten.

Pjotr Iliitsch sah ihn erst von oben herab, dann von der Seite her
eindringlich an.

Ganz ... wie es sich gebhrt ... Wenn auch nur in der Seele ... Schadet
nichts ... ist auch was wert. Der eine ist alt und betrunken und arm,
wie ich ... der ist ein General in der Seele, der andere ist jung und
krftig ... nun, der ist ein General auch im Leben ... Jedem das Seine
... Und solche Menschen, welche weinen, welche feig sind, ah, da hte
ich mich schnstens, die noch Menschen zu nennen.

Jurii erwiderte etwas, aber in dem Lachen und Lrmen der anderen gingen
seine Worte ungehrt unter. Und gerade diese Entgegnung hatte er fr
ganz vernichtend gehalten. Er wiederholte sie noch lauter, doch man
hrte ihn wieder nicht. Die neue Krnkung flo wie Gift durch seinen
ganzen Krper. Es schien ihm, da ihn alle verachteten.

Uebrigens, ich bin ja einfach besoffen, dachte er unerwartet. In
diesem Augenblick begriff er auch, da er tatschlich betrunken war und
nichts mehr zu sich nehmen drfe.

Sein Kopf schwamm hin und her ... Die Flammen der Lampe und der Laterne
standen dicht vor seinen Augen und sein Gesichtskreis verengte sich ganz
eigentmlich. Alles, was ihm vor die Augen kam, war klar und hell, aber
rings umher breitete sich die Finsternis. Auch die Stimmen erklangen
ganz ungewhnlich. Trotzdem man betubend laut sprach, lie sich kein
einziges Wort unterscheiden.

Du sagst ein Traum? fragte wichtig Pjotr Iliitsch.

In der Tat, ein interessanter Traum, antwortete Iwanow.

Ja, da liegt was drin, in den Trumen ... betonte mit Nachdruck der
Snger.

Siehst du, da habe ich mich gestern schlafen gelegt ... Ja, -- -- hatte
mir fr den kommenden Schlaf ein Bchelchen vorgenommen, wollte mir den
Kopf ein bichen ausfegen, so ... vorher reinigen. War darin
verschiedenes, eitel und Plage. Da kommt mir ein Artikel vor die Augen,
wo, wie, wann, und wer verflucht wurde. Ich sehe, es handelt sich nur um
eine geistige und seelische Sache ... Ich lese, lese ihn und lese und
sehe, mit jeder Zeile wird es immer erschrecklicher. Ich komme an eine
Stelle, in der es heit, wer und wofr man dem Anathema verfllt. Da sah
ich ein, allerdings ohne besondere Verwunderung, da ... gerade ich in
einem fort anathematisiert werden mte. Als ich nun absolute Sicherheit
hatte, da ich von allen bestehenden Kirchen verflucht werden mu, warf
ich das Buch beiseite, rauchte eine Weile und schlief ein, ich sage dir,
ber meinen Platz im Weltall war ich vollstndig beruhigt. Durch den
Schlummer versuchte ich die Frage zu lsen: Wie nun, wenn Millionen
gelebt und mich aus vollster Ueberzeugung mit dem Fluch belegt htten,
so ... und also bei dem Punkt bin ich gerade eingeschlafen ... die Frage
blieb sozusagen im Keim. Da begann ich zu fhlen, da mein rechtes Auge
gar kein Auge mehr war, sondern der Papst Pius der Zehnte und mein
linkes so etwas wie der Patriarch in Konstantinopel. Und beide
verfluchten einander. Und durch eine solche sonderbare Verwandlung der
Dinge erwachte ich wieder.

Und weiter nichts? ... fragte Ssanin.

Im Gegenteil, Bruder ... Ich schlief von neuem ein.

Nun? ...

Nun, dann hatte mein Geist berhaupt keine Ruhe mehr. Irgend ein Haus
stand mir vor den Augen. Aber nicht unseres, ein ganz unbekanntes. Und
im grten Zimmer lief ich von einer Ecke in die andere. Und du,
Onkelchen Pjotr Iliitsch, du warst auch irgendwo in der Nhe. Versteht
ihr, er sprach und ich hrte zu, aber ich sah ihn nicht, glaube ich,
doch ich verstand ihn: -- -- -- >Ich merke,< sagte dieser Pjotr
Iliitsch, >wie die Kchin betet.< -- -- -- Und ich begreife auch
momentan, da in der Kche auf der Schlafbank die Kchin in der Tat
betet. -- -- -- >Mir mag es unklar sein und verstehen kann ich es auch
nicht, aber ein Mensch, der reinen Herzens ist, ... begreifst du das,
reinen Herzens ... Als sie nun betete und uns alle erwhnte, da
passierte noch nichts, aber als sie dich, mich und Ssanin erwhnte, so
...< Als Onkelchen dies sprach, da fhlte ich, da etwas ganz
Ungewhnliches geschehen mu ... >Nicht umsonst beten doch alle
einfachen Leute vom Tage der Schpfung an ...< Und da leuchtete es mir
ein, gerade zur rechten Zeit, da es garnicht anders sein konnte, als
da Gott der Kchin erschienen war. Und Pjotr Iliitsch zerflo
vollstndig in nichts, aber doch redete er immer weiter ... >Ihr soll
sich eine Erscheinung gezeigt haben ...< Dabei fhlte ich mich weiter
garnicht schlecht, denn wenn es auch nicht gerade Gott war, so gab es
also doch etwas ... es ist immerhin schmeichelhaft ... Ihr erschien zwar
keine Erscheinung, aber dennoch eine Erscheinung. Darauf existierte das
Onkelchen berhaupt nicht mehr. Ich wurde unruhig ... Dieses andere, das
keine Erscheinung war, hatte meine Ruhe vollstndig vernichtet. Um sie
wieder herzustellen, mute man unverzglich das zerstren, was sich in
der Zimmerecke befand und was winselte. Offenbar war es einfach eine
Maus. Sie nagte an etwas und nagte es durch ... Sie schien sogar darber
erfreut zu sein. Schwermut packte mich ... die Maus nagte und nagte
immerzu ... gleichmig und im Takt ... Und dabei erwachte ich gerade.

Wrst du doch lieber noch eine Weile nicht aufgewacht, bemerkte
Ssanin.

Ja, spter habe ich das selber eingesehen.

Trotz des scherzhaften Tones, in dem Iwanow seinen Traum erzhlte,
merkte man doch, da er auf ihn einen starken Eindruck gemacht hatte,
der sich in der Tiefe seiner Seele in unbegreiflicher Furcht
verwandelte. Er lchelte verzerrt und griff wieder zum Bier.

Alle schwiegen. In diesem Schweigen schien die Finsternis hinter dem
Balkon noch nher heranzurcken; keinem war mehr frhlich, allen nur
bange und gelangweilt zumute. Der unbegreifliche Traum drang mit dem
dnnen Stachel trbseligen Grauens durch Spott und Unglauben hindurch in
die Herzen.

Ja, sagte feierlich Pjotr Iliitsch, klug seid ihr alle ... Klug wie
die Teufel ... Aber es existiert etwas, ... es existiert. Ihr kennt es
nicht, aber doch -- -- -- es spricht zu euch.

Lag es an den Worten des Sngers oder an den lauten Stimmen, die durch
die vom Wodka bedrckten Gehirne krochen oder an der pltzlich
aufgeflammten Nhe des Geheimnisses von Leben und Tod; irgend etwas
hallte in der Seele eines jeden von ihnen traurig wieder.

-- -- -- Vielleicht existiert es wirklich ...

Ssanin erhob sich; sein wie immer ruhiges Gesicht sah gelangweilt aus.
Er ghnte und schob die Hand abwehrend durch die Luft:

Das sind alles Aengste! Wenn ihr euch nur noch etwas zur Nacht graulich
machen knnt. Sterben wir, dann merken wir's.

Er zndete langsam eine Zigarette an und schritt zur Tr hinaus. Auf dem
Balkon wurde weiter gebrllt und gestritten, und in dem Lrm der lauten
betrunkenen Stimmen flatterten auf dem Tisch noch immer lautlose Falter,
die auf das Feuer zugeflogen waren, halb versengt herum.

Ssanin trat in den Hof des Gasthauses hinaus; die laue Nacht strich
erfrischend ber seinen erhitzten Krper.

Wie ein Goldei lugte der Mond hinter der Waldecke hervor und sein halb
mrchenhaftes Licht glitt flssig ber die schwarze Erde. Hinter dem
Garten, aus dem ein zher und ser Geruch von Birnen und Pflaumen
drang, schimmerte trb das weie Gebude des zweiten Gasthauses hervor.
Ein Fenster blickte Ssanin von dort durch die grnen Bltter hell an.

In der Finsternis schallte das Klatschen barfiger Schritte, dem
Auftreten von Tierpfoten hnlich. Ssanin konnte mit seinen Augen, die
nicht an die Finsternis gewhnt waren, kaum die Silhouette eines Knaben
erkennen.

Wohin willst du? fragte er.

Zu Frulein Karssawina, -- -- -- die Lehrerin.

Wozu? ... Ssanin fiel es bei ihrem Namen wieder ein, wie sie nackt
ganz durchtrnkt vom Licht der hellen Sonne und ihrer Jugend vor ihm am
Ufer stand.

Ich mu ihnen einen Zettel bringen, antwortete der Knabe.

Aha, na, sie wird wohl im anderen Gasthaus sein. Also, mein Sohn, walle
dorthin.

Wieder klatschte der Knabe wie ein Tierchen mit den bloen Sohlen auf
den Boden und verschwand in der Finsternis so schnell, als ob er sich in
den Bschen versteckt htte.

Ssanin schritt langsam hinter ihm her und atmete mit voller Brust die
Gartenluft, dicht wie Honig, ein.

Er trat an dem Gasthaus dicht unter das beleuchtete Fenster heran und
ein Streifen Licht legte sich ber sein nachdenkliches und ruhiges
Gesicht. Im Licht waren unter dem grnen Laub groe schwere Birnen
sichtbar. Ssanin erhob sich auf die Zehenspitzen und pflckte eine; im
Fenster sah er Karssawina.

Sie stand im Profil, im Hemd; ber ihre runden Schultern glitten
Lichtstupfen wie Atlasblenden.

Ganz in Gedanken versunken, blickte sie unverwandt nach unten auf den
Boden. Wahrscheinlich erregte sie das, woran sie dachte, mit Scham und
Freude; denn ihre Augenlider zitterten und ihre Lippen lchelten. Dieses
Lcheln erstaunte Ssanin. Eine unfabare Zrtlichkeit und Leidenschaft
bebte darin, als lchelte das Mdchen einem nahen Kusse entgegen.

Er stand und schaute auf sie hin, ein Gefhl, das strker war als er
selbst, hatte ihn ergriffen. Karssawina dachte darber nach, was mit ihr
geschehen war, es war ihr qualvoll, niederdrckend und s ums Herz.

-- -- -- Mein Gott, fragte sie sich mit einer reinen Empfindung, wie sie
wohl die knospenbrechende Blume ergreifen mag, bin ich denn wirklich so
verdorben. -- -- --

Mit tiefster Freude erinnerte sie sich dabei an die unbegreiflich
hinreiende Empfindung, die von ihr Besitz genommen hatte, als sie sich
zum ersten Mal Jurii unterwarf.

-- -- -- Mein Liebster, es zog sie hei und ermattend in Gedanken zu
ihm. Wieder sah Ssanin, wie ihre Wimpern zuckten und ihre rosigen Lippen
lchelten.

Der abscheulich rohen Szene, die spter vorgefallen war, gedachte sie
garnicht mehr. Irgend eine geheime Bewegung ri sie immer wieder aus der
Ecke heraus, in der wie ein dnner Splitter eine krankhaft verletzte
Ratlosigkeit stecken geblieben war.

Es wurde gegen die Zimmertr geklopft.

Wer ist da? fragte Karssawina den Kopf erhebend.

Ich bringe einen Brief, piepste die Stimme des Knaben hinter der Tr.
Karssawina warf ein groes Tuch um, und der barfige Knabe bis an die
Knie mit Schmutz bespritzt, trat herein; er ri eilig die Mtze vom
Kopf.

Das Frulein haben ihn Ihnen zugeschickt, sagte er.

Dubowa schrieb an Karssawina:

Sinotschka, wenn es Dir irgend mglich ist, so komme noch heute in die
Stadt zurck. Der Schulinspektor ist angekommen und wird morgen bei uns
inspizieren. Es geht nicht gut, da Du dann gerade fehlst.

Was ist denn los? ... fragte die alte Tante.

Ola schreibt ... Der Schulinspektor ist gekommen.

Der Knabe rieb einen Fu an den anderen.

Sie haben mchtigen Fetz gemacht, da Sie auch sicher kommen sollen.

Gehst du hin? ...

Wie kann ich denn allein gehen. Es ist doch finster.

Der Mond ist ja da, mischte sich der Knabe ein. Es ist ganz hell.

Ja, ich mte eigentlich gehen, meinte Karssawina unschlssig.

Gewi, du mut gehen. Nachher hast du Aerger.

Also ja, ich gehe, das Mdchen nickte entschlossen mit dem Kopf.

Sie zog sich rasch an, befestigte den Hut und ging zur Tante.

Auf Wiedersehen, Tante.

Auf Wiedersehen, Kindchen. Jesus mit dir.

Und willst du mit mir gehen, fragte sie den Knaben.

Der Knabe drckte sich hin und her und rieb sich wieder den Fu.

Ich bin hier zu Muttern gekommen. Sie ist hier bei den Mnchen, auf
Wsche.

Aber wie soll ich denn allein gehen, Grischa? ...

Nun gut, also, ich komme mit. Der Knabe warf mit starkem Entschlu die
Haare zurck.

Sie traten in den Garten hinaus und die blaue Nacht umfate das Mdchen
ganz weich und behutsam.

Wie gut riecht es hier, sagte sie; gleich aber schrie sie erschrocken
auf, als sie pltzlich auf Ssanin stie.

Das bin ich ja, meldete er sich lchelnd.

Karssawina reichte ihm durch das Dunkel ihre Hand, die noch vor Schreck
bebte.

Sieh mal, was fr 'ne Angst, ... bemerkte Grischa herablassend. Das
Mdchen lchelte verwirrt.

Es ist nichts zu sehen, suchte sie sich zu rechtfertigen.

Wo wollen Sie denn noch hin?

In die Stadt. Deshalb hat man mir den Jungen geschickt.

Allein? ...

Nein, ich gehe mit ihm. Er soll mein Ritter sein.

'n Ritter, wiederholte Grischa grinsend und rieb sich sein Bein.

Und was tun Sie hier? ...

Wir sind in flssigen Angelegenheiten hier, erklrte Ssanin scherzend.

Wer ... wir? ...

Schawrow, Swaroschitsch, Iwanow -- --

Auch Jurii Nikolajewitsch ist mit Ihnen? Es war ihr bange und
angenehm, diesen Namen laut auszusprechen, als blickte sie in eine tiefe
Hhle.

Und was? ...

So? ... Ich hatte ihn hier allein getroffen, sie errtete noch tiefer,
wie schon bei der ersten Antwort. Nun auf Wiedersehen.

Ssanin hielt die gereichte Hand eine Weile zrtlich in der seinen.

Erlauben Sie, da ich Sie aufs andere Ufer bersetze. Warum sollen Sie
erst ringsherum laufen?

Nein, wozu denn, erwiderte sie mit unbegreiflicher Schchternheit.

La ihn lieber bersetzen. Auf dem Damm ist es dreckig genug, sagte
mit Autoritt der barfige Grischa.

Nun schn ... Dann kannst du zur Mutter gehen.

Aber frchtest du dich nicht, nachher allein bers Feld zu laufen,
fragte Grischa solide.

Ich werde sie doch bis zur Stadt begleiten.

Und wo bleibt dann Ihre Gesellschaft? ...

Die saufen sich hier noch bis zum Morgen durch. Und sie sind mir auch
so schon zur Genge ber.

Nun, wenn Sie so freundlich sein wollen. Dann kannst du ja gehen,
Grischa.

Auf Wiedersehen. Fruleinchen.

Der Knabe schien sich wieder pltzlich in dem Gestruch zu verlieren.
Karssawina blieb mit Ssanin allein.

Geben Sie mir Ihren Arm, sonst knnten Sie noch vom Berg abstrzen.

Karssawina reichte ihm den Arm; sie fhlte mit eigenartig beklemmender
und stickiger Erregung seine eisenharten Muskeln, die sich unter dem
dnnen Hemd bewegten. So gingen sie durch den Wald zum Flusse hinunter,
stieen sich unwillkrlich an und empfanden bei jedem Schritt die
Elastizitt und Wrme ihrer Krper. Im Walde stand eine ununterbrochene
Finsternis, als ob sie ewig wre, und es schien, da es dort keine Bume
gab, sondern nur diese dichte, wrmeatmende Finsternis.

Oh, wie dunkel ...

Tut nichts, sagte leise, dicht an ihrem Ohr Ssanin; in seiner Stimme
zitterte etwas. Ich liebe den Wald des Nachts noch mehr. Im nchtlichen
Wald verlieren die Menschen ihre gewohnten Gesichter, sie werden viel
rtselhafter, khner, interessanter.

Die Erde glitt unter ihren Fen ab und sie muten sich mit Mhe
aufeinander sttzen, um nicht zu fallen.

Durch das Dunkel, durch das Anschmiegen des elastischen und festen
Krpers, durch die Nhe des starken Mannes, der ihr immer gefallen
hatte, bemchtigte sich des Mdchens eine unbekannte Aufregung. Sie
wurde rot und ihr Arm schien auf dem Ssanins zu brennen. Oft lachte sie
auf; es klang hoch und kurz.

Unter ihnen wurde es allmhlich lichter und ber dem Flu leuchtete
schon hell und ruhig der Mond. Die Khle des Wassers schlug ihnen ins
Gesicht und der schwere Wald atmete so dster und geheimnisvoll zurck,
als trete er sie dem Flusse ab.

Und wo ist Ihr Boot? ...

Hier!

Das Boot hob sich wie gezeichnet von der glatten hellen Flche ab.

Whrend Ssanin die Ruder anlegte, ging Karssawina ein wenig mit den
Hnden die Balance haltend, zum Steuer und setzte sich dort nieder. Mit
einem Mal wurde sie phantastisch von dem blauen Mond und der
schwankenden Wiederspiegelung des Wassers beleuchtet.

Ssanin stie das Boot ab und sprang hinein. Mit leisem Knirschen glitt
es ber den Sand, klang im Wasser und kam schnell ins Mondlicht, whrend
es hinter sich breite Wellen, die sich leicht entfernten, zurcklie.

Lassen Sie, ich werde rudern ... Karssawina war voll von einer
mchtigen gebieterischen Kraft, die sie zum Ausdruck bringen wollte.
Ich liebe es, selbst zu rudern.

Gut, setzen Sie sich hierher, rief Ssanin mitten im Boot stehend.

Wieder stieg sie leicht und geschmeidig ber die Bnke an ihm vorbei und
berhrte mit den Fingerspitzen kaum seine ausgestreckte Hand. Ssanin
schaute sie, als sie neben ihm war, von unten herauf an und ihre Brust
berhrte kaum die seine, whrend sie ihm doch den krftigen Geruch ihres
frischen Krpers zustrahlte.

Sie glitten ber das Wasser. Um sie spiegelte sich der blaue Himmel
wieder, soda das Boot im hellen ruhigen Luftraum zu schweben schien!
Karssawina sa aufrecht, bewegte kaum die Ruder und pltscherte mit dem
Wasser, whrend sie ihren Busen elastisch anhob.

Ssanin lehnte am Steuer, schaute sie an, ihre Brust, auf die man so
schn den heien Kopf htte legen knnen, ihre runden geschmeidigen
Arme, die sich so krftig und zrtlich um den Nacken schmiegen mochten,
ihren jugendlichen wonnevollen Krper, den man so toll und alles
vergessend an sich zu reien wnschte. Der Mond leuchtete auf ihr weies
Gesicht mit den schwarzen Strichen ber den Augen und den glnzenden
Augen selbst, glitt ber ihre weie Bluse, die leicht auf ihrer Brust
anlag, ber den Rock auf den vollen Knieen und in Ssanin ging etwas vor,
als wenn er mit ihr immer weiter und weiter in ein fernes Mrchenreich
schwimme, und sich immer mehr von den Menschen, der Vernunft, und den
vernnftigen menschlichen Gesetzen entferne.

Wie schn ist es heute, sagte Karssawina sich umschauend.

Ja, schn! erwiderte er leise.

Sie lachte pltzlich ...

Aus irgend einem Grunde mchte ich den Hut ins Wasser werfen und den
Zopf aufreien, rief sie einem unbewuten Drang nachgebend.

Sehr gut, tun Sie es nur! Ssanin sprach noch leiser.

Aber sie wurde wieder verschmt und verstummte.

Und von neuem stiegen in der Seele des Mdchens Erinnerungen, die von
der Nacht, der Schwle und der Freiheit hervorgerufen waren, auf; es war
ihr wieder peinlich und doch angenehm, um sich zu schauen.

Ihr schien immer mehr, da Ssanin unmglich von dem nichts wissen
konnte, was mit ihr vorgegangen war. Dadurch wurde ihr Gefhl aber nur
strker und komplizierter. Ein unbndiges, ihr kaum bewutes Verlangen
berkam sie, ihm anzudeuten, da sie nicht immer ein so zurckhaltendes
stilles Mdchen sei, da sie sich ganz anders, auch nackt und schamlos,
benehmen knnte. Diese instinktive Regung berhrte sie freudig und lie
ihr Herz leichter schlagen.

Kennen Sie Jurii Nikolajewitsch schon lange? fragte sie mit unruhiger
Stimme.

Nein, erwiderte Ssanin. Warum?

So? ... Nicht wahr, er ist doch ein hbscher netter Kerl.

Durch ihre Worte klang fast kindliche Schchternheit, als ob sie sich
bei einem erwachsenen Menschen, der sie liebkosen und bestrafen konnte,
eine Ueberraschung ausbat.

Ssanin sah sie lchelnd an und antwortete: Ja!

Karssawina erriet an seiner Stimme, da er ber sie lchele und wurde
ber und ber rot.

Nein, wirklich ... und wie sehr er ... Er hat wahrscheinlich viel
durchgemacht.

Wahrscheinlich! Da er unglcklich ist, stimmt ... Doch haben Sie mit
ihm Mitleid?

Gewi! sie sagte es mit gemacht naivem Ton.

Ja, das ist begreiflich. Nur fassen Sie das Wort unglcklich sehr
eigenartig auf. Sie glauben doch sicher, da ein seelisch
unbefriedigter, ber alles nachdenkender Mensch nicht einfach
unglcklich und bemitleidenswert sei, sondern etwas ganz anderes, etwas
Besonders darstellt ... Er ist krftiger, strker. Das ewige Hin- und
Herschleudern seiner Taten von rechts nach links erscheint Ihnen als ein
schner Zug, der dem Menschen das Recht gibt, sich hher als andere
einzuschtzen, das heit nicht so sehr das Recht auf Mitleid, wie auf
Achtung und Liebe.

Aber wie denn anders? ... fragte sie naiv.

Sie hatte noch nie viel mit Ssanin gesprochen. Doch sie hrte ihn stets
als einen ganz eigenartigen Menschen beurteilen, und sie empfand in
seiner Gegenwart die Nhe von etwas Neuem, Interessantem, das sie
erregte.

Ssanin lchelte: Es gab eine Zeit, wo der Mensch ein beschrnktes
viehisches Leben fhrte, ohne sich darber Rechenschaft abzulegen, was
er treibt und fhlt. Dann kam die Zeit des bewuten Lebens. Die zweite
Stufe war die der Umwertung aller Gefhle, Bedrfnisse und Wnsche. Auf
dieser steht auch Jurii Swaroschitsch, der letzte der Mohikaner einer in
die Ewigkeit versinkenden Periode menschlicher Entwickelung. Wie alles,
was am Ende steht, sog er alle Sfte seiner Zeit in sich ein. Bis in das
Innere seiner Seele ist er durch sie vergiftet. Er kennt kein Leben als
dieses eine ... Alles, was er tut, ruft in ihm endlosen Streit darber
hervor, ob es gut, ob es schlecht ist. Das ist bei ihm bis zur
Lcherlichkeit bertrieben. Als er der Partei beitrat, zweifelte er, ob
es nicht unter seiner Wrde sei, in Reih und Glied mit den andern zu
stehen. Seit seinem Austritt aus der Partei qult ihn wieder der
Gedanke, ob es nicht erniedrigend ist, sich abseits von der allgemeinen
Bewegung zu halten. Uebrigens, solche Menschen gibt's in Menge. Es ist
die Mehrzahl ... Jurii Swaroschitsch bildet nur darin eine Ausnahme, da
er nicht so dumm ist wie die anderen und da der Kampf mit sich selbst
in ihm nicht lcherliche, sondern manchmal wirklich tragische Formen
annimmt. Irgend ein Nowikow, der mstet sich nur an seinen Zweifeln und
Leiden wie eine im Stall eingesperrte Zuchtsau, Swaroschitsch aber, der
schleppt vielleicht tatschlich eine Katastrophe in sich herum.

Ssanin hielt pltzlich an. Seine eigene laute Stimme und die tglichen
einfachen Worte, scheuchten den nchtlichen Zauber fort; das tat ihm
leid. Er schwieg still, sah nur das Mdchen an, ihre schwarzen
Augenbrauen auf dem weien Gesicht, ihre hohe Brust.

Ich verstehe nicht, wie Sie so von Jurii Nikolajewitsch reden knnen.
Als wenn er selbst daran schuld wre, da er so ist und nicht anders.
Wenn ein Mensch vom Leben unbefriedigt ist, so steht er also hher als
das Leben.

Ein Mensch kann niemals hher als das Leben stehen. Er ist selbst nur
ein Teilchen des Lebens. Unbefriedigt kann es wohl sein, aber die
Ursachen liegen in seiner eigenen Person. Er kann es entweder nicht oder
wagt es nicht, sich von dem Reichtum des Lebens so viel anzueignen, wie
er tatschlich fr sich bedarf. Die einen sind lebenslang in einem
Gefngnis eingesperrt, die andern wagen einfach nicht aus ihrem Bauer
herauszufliegen, so wie Vgel, die schon zu lange in einem festgehalten
wurden. Der Mensch ist solange eine harmonische Verbindung von Geist und
Seele, wie sie noch nicht durchbrochen ist. Auf natrlichem Wege wird
sie nur durch das Nahen des Todes gelst, aber auch wir selbst knnen
sie aufheben -- -- -- durch eine miglckte Weltanschauung. Wir haben
die Wnsche unseres Krpers als Bestialitt gebrandmarkt, fingen an, uns
ihrer zu schmen, umkleideten sie mit einer erniedrigenden Form, und
schafften ihnen eine einseitige Existenz. Diejenigen unter uns, die
ihrem Charakter nach schwach sind, fristen ein Leben in Ketten. Aber
solche, denen die Krfte nur infolge der falschen Lebensauffassung, an
die sie gebunden sind, fehlen, das sind Mrtyrer. Die unterdrckte
Energie reit an ihren Fesseln, der Krper verlangt nach Freude und
qult sich selbst. Ihr ganzes Leben lang krochen sie zwischen
Zwiesplten, klammern sich an jeden Strohhalm in der Sphre neuer
sittlicher Ideale und schlielich grmen sie sich zu Tode in der Furcht,
zu leben und zu fhlen.

Mit unerwarteter Kraft fiel ihm Karssawina ins Wort:

Ja, ja, so ist es!

Eine Menge neuer, unerwarteter Gedanken stieg leicht in ihr auf. Sie
schaute mit glnzenden Augen um sich und die machtvolle prchtige
Schnheit der Flle, die im unbeweglichen Flu, im finstern Wald, in der
Tiefe des blauen Himmels mit dem nachdenklichen Mond, um sie ausgegossen
war, strmte in tiefen Wellen in ihren Krper und ihre Seele ein.

Des Mdchens begann sich jenes eigentmliche Gefhl zu bemchtigen, das
ihr bereits bekannt war, das sie liebte und frchtete, das Gefhl trben
Suchens nach der Auslsung von Kraft und Bewegung, -- -- von Glck.

Ich trume immer von der glcklichen Zeit, sprach Ssanin nach einer
Weile, wo zwischen den Menschen und dem Glck nichts mehr stehen wird,
wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugnglichen Genssen
hingeben kann.

Und was dann? ... Wieder Barbarei? ...

Nein! Das Zeitalter, in dem die Menschen nur mit dem Unterleib lebten,
war zwar barbarisch grob und arm ... unseres aber, wo der Krper dem
Geist unterworfen ist und in die Rumpelkammer gedrngt wurde, ist auch
nur sinnlos schwach. Doch die Menschheit hat nicht umsonst gelebt. Sie
wird neue Lebensbedingungen ausfinden ... in denen es keinen Platz mehr
geben wird ... weder fr Bestialitt noch fr Asketik.

Sagen Sie bitte ... und die Liebe ... gibt sie Pflichten ... fragte
Karssawina unerwartet.

Nein, -- -- denn die Pflichten, die die Liebe gibt, sind fr den
Menschen nur durch die Eifersucht schwer geworden. Die Eifersucht aber
wurde allein durch die Sklaverei ins Leben gerufen. Jede Sklaverei zieht
Bses nach sich. Die Menschen sollen die Liebe genieen ... ohne Furcht
und Entsagung, ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle
Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zuflligkeiten,
Ueberraschungen und Verbindungen erweitern.

-- -- -- ich habe doch damals nichts gefrchtet, dachte das Mdchen mit
Stolz und sah Ssanin pltzlich an, als se er zum ersten Mal vor ihr.

Gro und krftig lehnte er am Steuer, mit von der Nacht verdunkelten
Augen; seine breiten Schultern waren unbeweglich wie aus Eisen.
Unverwandt blickte ihn Karssawina mit bangem Interesse an. Mit einem Mal
kam ihr der Gedanke, da sie vor sich eine ganze Welt unbekannter,
eigenartiger Gefhle und Krfte liegen habe; ihr kam der Wunsch, sie in
sich aufzunehmen.

... er ist doch sehr interessant, schwirrte es fein durch ihren Kopf.
Sie lchelte sich selbst verstohlen zu, aber eine stechende Aufregung
durchzuckte ihren ganzen Krper mit nervsem Zittern.

Wahrscheinlich fhlte auch Ssanin diese pltzliche Flutwelle weiblicher
Neugierde, denn er atmete selbst krftiger und strker auf. Die Ruder
verwickelten sich in der engen Strae, in die das Boot langsam
hineinglitt und fielen aus den Hnden des Mdchens. Auch in ihrem Innern
schien ganz ebenso etwas niedergefallen zu sein.

Ich kann hier nicht weiter, sagte sie schuldbewut. Es ist zu
schwer. Ihre Stimme klang wie zu Boden gesunken, leise und melodisch in
der dunklen, schmalen Wasserenge, wo das unsichtbare Gekrusel der
Wellen still fr sich pltscherte.

Ssanin erhob sich und ging auf sie zu.

Wohin wollen Sie? rief sie mit unerklrlichem Schrecken.

Lassen Sie mich.

Karssawina stand auf und wollte zum Steuer gehen. Das Boot schwankte,
als ob es unter den Fen fortgleiten wollte. Sie mute sich
unwillkrlich an Ssanin anklammern, wobei sie mit ihrer elastischen
Brust stark gegen ihn stie. In diesem Augenblick, in dem ihr selbst
nichts bewut wurde, in dem sie nichts glaubte und nichts mehr erriet,
hielt sie selber diese Berhrung an und verstrkte sie noch, als mte
sie sich im Fluge an ihn anschmiegen. Und so fing er in einer Sekunde
mit seiner ganzen Person den mrchenhaften Zauber der Nhe einer Frau in
sich auf. Sie verstand sein Gefhl in der Flle ihres Wesens, empfand
die ganze Strke seiner Erregung und wurde daran trunken, bevor sie
begriffen hatte, was sie tat.

... Ahaaaaa, ri es sich erstaunt und entzckt durch Ssanins Brust;
schmerzhaft und leidenschaftlich umarmte er sie, so da sie sich hinten
bergebeugt fast in der Luft befand und instinktiv nach dem fallenden
Hut und der Frisur griff. Das Boot schwankte noch strker, und die
unsichtbaren Wellen stieben mit aufgewirbeltem Lrmen an die Ufer.

Was tun Sie? ... schrie sie schwach auf. Lassen Sie mich. Um
Gotteswillen, was tun Sie? ... Sie flsterte atemlos, whrend sie sich
nach kurzem, lautlosen Schweigen aus seinen sthlernen Armen reien
wollte.

Aber krftig, ihre weiche Brust fast zerquetschend, prete Ssanin das
Mdchen an sich ... ihr wurde schwl, alles, was zwischen ihnen als
Scheidewand stand, war mit einem Mal irgendwohin versunken.

Ringsherum war Stille, wrziger Geruch von Wasser und Grsern,
eigentmliche Klte und Glut und Schweigen. Pltzlich senkten sich ihre
Arme, sie fhlte sich selbst von einer vlligen Willenlosigkeit
berwunden, lag ohne etwas zu sehen oder wahrzunehmen am Boden und gab
sich dem fremden mnnlichen Willen und seiner Strke mit brennenden
Schmerzen und taumelndem Genusse hin.




                                XXXVIII


Es dauerte lange, bis ihr Bewutsein zurckkehrte. Sie sah nur
allmhlich die Flecken des Mondenlichtes auf dem schwarzen Wasser, das
Gesicht Ssanins mit sonderbaren Augen, und merkte, da sie halb im Boote
lag; er hielt sie wie die Seine umschlungen, whrend sich ihr nacktes
Knie am Ruder rieb. Sogleich begann sie leise und unaufhaltsam zu
weinen, ohne sich aus seinen Hnden loszureien; noch immer unterwarf
sie sich ihm mit der gleichen Willenlosigkeit.

In ihren Trnen lag die Trauer ber etwas Unwiederbringliches, lag
Furcht und Mitleid mit sich selbst und schwache Zrtlichkeit zu Ssanin,
die nicht aus der Vernunft oder dem Herzen, sondern direkt aus der Tiefe
ihres jungen Krpers, der sich zum ersten Mal in seiner ganzen Kraft und
Schnheit entfalten konnte, heraufquoll. Das Boot glitt langsam auf eine
breitere, kaum beleuchtete Stelle und schwankte in dem dunklen Wasser,
in dem die Wellen der Strmung mit stillem, gleichmigen Pltschern
hinunterliefen, leise hin und her.

Ssanin nahm sie in seine Arme und setzte sie auf seine Kniee. Hilflos
und ratlos wie ein kleines Mdchen sa sie da.

Wie durch Trume hindurch hrte sie, da er sie zu beruhigen suchte, ihr
du sagte, und es berhrte sie angenehm, da seine Stimme voll von
Zrtlichkeit gelster Kraft und dankbarer Ergebenheit war.

-- -- -- Spter gehe ich ins Wasser, dachte sie matt, indem sie doch
dabei auf seine Worte lauschte und gleichsam einem andern Antwort gab,
der von ihr Rechenschaft forderte: Was hast du getan und was wirst du
tun? ...

Ganz unerwartet fragte sie halblaut: Was nun jetzt?

Das werden wir sehen ... antwortete er.

Sie wollte von seinen Knieen hinuntergleiten, aber er zog sie sofort
wieder an sich und unterwrfig blieb sie sitzen. Es schien ihr selbst
eigentmlich, da sie weder Zorn noch Widerwillen gegen ihn empfand.

Auch spter, wenn sie sich dieser Nacht erinnerte, war ihr alles
unbegreiflich und wie im Traum. Alles um sie schwieg; alles war dunkel,
feierlich, unbeweglich, wie wenn es sich bewut wre, ein schweres
Geheimnis wahren zu mssen. Das Licht des Mondes, das die schwarzen
Waldeswipfel glatt abschnitt, blieb sonderbar unbeweglich und
gespensterhaft in einer Richtung liegen. Die unfabare Finsternis
blickte sie vom Ufer her mit bodenlosen Augen an; alles erstarrte in
gespannter Erwartung vor irgend etwas, das geschehen mute. Sie hatte
keine Kraft und keinen Willen mehr, um zu sich zu kommen, sich zu
erinnern, da sie einen anderen liebte, um wieder das frhere freie
Mdchen zu werden und die mnnliche Brust zurckzustoen. Sie strubte
sich auch garnicht, als er sie wieder zu kssen begann und nahm fast
bewutlos den neuen brennenden Genu hin, whrend sie mit
halbgeschlossenen Augen immer tiefer in die unbekannte Welt, die sie
geheimnisvoll zu locken suchte, hineinglitt. In Minuten kam es ihr vor,
da sie nichts sah, nichts hrte, nichts empfand. Allein jede seiner
Bewegungen, jeden seiner Angriffe auf ihren unterworfenen Krper nahm
sie doch mit gemischten Regungen von Erniedrigung und heischender
Neugier wahr.

Die Verzweiflung, die sich dicht um ihr Herz wand, flsterte ihr
zerbrochene, sich kaum biegende Gedanken zu.

-- -- -- Jetzt ist ja alles gleich, ganz gleich, sprach sie zu sich, und
die geheimnisvolle krperliche Neugierde wollte durchaus wissen, was
dieser ferne und nahe, so feindselige und so krftige Mensch mit ihr
noch beginnen knnte.

Spter, als er sie losgelassen und, neben ihr sitzend, zu rudern
begonnen hatte, schlo sie halb liegend die Augen. Trotzdem sie sich
bemhte, alles Leben von sich abzuwerfen, erzitterte sie unter jedem
Sto seiner Arme, die ihr jetzt so gut bekannt waren und die sich nun
taktmig ber ihrem Busen bewegten.

Mit leisem Knistern stie das Boot ans Ufer. Karssawina ffnete die
Augen. Ringsumher dehnte sich Feld, Wasser und weier Nebel. Der Mond
leuchtete bla und unklar, wie ein Gespenst, das an der Morgendmmerung
vergehen mu. Es war schon hell und durchsichtig. Durch die Luft zog der
erste leise Windsto vor dem Morgenrot.

Darf ich Sie jetzt begleiten, fragte Ssanin leise.

Nein, ich -- -- -- allein ... antwortete sie mechanisch.

Ssanin hob sie in die Arme und trug sie mit dem Genu kraftvoller
Anstrengung aus dem Boote; er war noch voll von der berstrmenden
Empfindung seiner Liebe und dankbarer Zrtlichkeit. Bevor er sie auf den
Boden niedersetzte, prete er sie noch einmal stark an sich. Karssawina
taumelte; sie konnte sich nicht auf den Fen halten.

O, du Schnheit, du, sagte Ssanin inbrnstig, als ob seine ganze Seele
in einer Flut von Leidenschaft und Mitleid vor ihr entstrmen wollte.

Sie lchelte mit unbewutem Stolz.

Ssanin ergriff sie bei den Hnden und zog sie an sich.

K du mich einmal!

-- -- -- Jetzt ist doch alles gleich, -- -- -- warum hat er soviel
Mitleid mit mir, warum ist er so nahe bei mir? ... Es ist alles ganz
gleich, man braucht nichts mehr denken ... Zusammenhanglos schwirrten
die Gedanken durch Karssawinas Kopf; klingend und zrtlich kte sie
Ssanin auf die Lippen.

Nun lebe wohl, flsterte sie; sie verwickelte sich in ihre eigenen
Worte ... Sie bemerkte gar nicht, was sie sagte.

Liebste, sei mir nicht bse ... sprach Ssanin mit stiller Bitte.

Als sie dann allein den Damm entlang schritt, taumelnd, sich in die
Rcke verwickelnd, sah ihr Ssanin traurig nach. Es packte ihn
schmerzlich, wenn er an die unntigen Leiden dachte, die sie noch zu
ertragen haben wird, und ber die sie sich, wie er glaubte, nicht wrde
erheben knnen.

Ihre Gestalt lste sich im Nebel auf und verlor sich, whrend sie immer
weiter der Morgenrte entgegenschritt. Als sie nicht mehr zu sehen war,
sprang Ssanin mit Macht in das Boot und unter den mchtigen
triumphierenden Ruderschlgen schlug das Wasser lrmend und glcklich
gegen die Planken. An einer breiten Stelle des Flusses unter dem
Morgenhimmel, inmitten der weien wogenden Nebel, warf Ssanin die Ruder
hin, sprang in voller Gre auf die Bank und schrie aus aller Kraft laut
und freudig in den Morgen hinein.

Wald und Nebel lebten auf und antworteten ihm mit dem gleichen,
frhlichen weitverhallenden Rufe.




                                 XXXIX


Sobald sich Karssawina nur niederlegte, schlief sie auch augenblicklich
ein, wie wenn sie ein Schlag ber den Schdel zu Boden geworfen htte.
Doch schon am frhen Morgen erwachte sie wieder nach schwerem kurzem
Schlaf, am ganzen Krper krank und kalt wie eine Leiche. Die
Verzweiflung in ihr schien nicht zur Ruhe gegangen zu sein; nicht fr
eine Minute fhlte sie ein Vergessen des Geschehenen. Sie sah sich
scharf nach jeder Kleinigkeit um, als ob sie irgend etwas herausfinden
mte, das in ihrer Umgebung seit dem letzten Tage anders geworden war.

Aber hell und ruhig, wie an jedem Morgen, sahen sie die Heiligenbilder
aus der Ecke, die Fenster und der Boden, die Mbel und der hellblonde
Kopf Dubowas, die im andern Bett in festem Schlaf lag, an. Alles war so
einfach wie immer, nur ihr armes zerknautschtes Kleid, das sie lssig
ber den Stuhl geworfen hatte, schien von etwas zu erzhlen.

Die Rte, die der kurze Schlaf auf ihrem Gesicht hervorgerufen hatte,
wurde mehr und mehr von einer toten Blsse fortgeschoben und ihre
schwarzen Augenbrauen hoben sich dagegen so deutlich ab, als ob ihr
Gesicht noch wie gestern vom Monde beschienen wre.

Mit erstaunlicher Klarheit und mit der Prgnanz eines kranken Gehirns
stand vor ihr wieder das Erlebte auf; am klarsten sah sie, wie sie am
Morgen durch die verschlafenen Straen der Vorstadt lief. Die Sonne, die
sich soeben ber die vom Tau besprenkelten Dcher und Zune erhoben
hatte, leuchtete ihr schonungslos blendend, wie nie zuvor, ins Gesicht.
Durch die geschlossenen Lden verfolgten sie, wie durch heuchlerisch
geschlossene Lider, die feindseligen Fenster der kleinbrgerlichen
Huser. Einsame Straenpassanten schauten sich nach ihr um. Sie lief
unter der gleitenden Morgensonne hin, verwickelte sich in einzelne
Bahnen ihres langen Rockes und konnte den grnen samtenen Pompadour kaum
in den Fingern halten. Wie eine Verbrecherin schlich sie lngs der Zune
mit unsicheren, schwankenden Schritten entlang ... Wenn sich in diesem
Augenblick die ganze Menschheit mit geffneten Mulern und gierigen
Augen in ihren Weg gestrzt und sie mit hhnenden Rufen und Worten, die
infam wie Knuten einschnitten, verfolgt htte, wre es ihr ebenso
gleichgltig gewesen; weiter wrde sie, taumelnd unter den Schlgen,
ziel- und sinnlos mit leerer Trauer in der Seele, vorwrts gelaufen
sein.

Schon im Felde, als im Nebel die schallenden Ruderschlge, die strmisch
die Wellen durchschnitten, verstummten, erfate sie pltzlich die
furchtbare Last, die auf sie niedergefallen war. Ihr Herz, Vernunft und
Leben wurde zu matter Verzweiflung. Sie schrie auf, lie den Pompadour
auf den nassen Sand fallen und griff sich an den Kopf. Von diesem
Augenblick an befand sie sich nur noch im Banne der Worte, die ihr von
jetzt ab jeder Mensch entgegenschleudern konnte. Ihr eigener Wille war
in der gestrigen Nacht, die wie ein wtender Rausch hinter ihr lag,
verloren gegangen. Es gab nur noch ein Ungewhnliches, wahnsinnig
Ergreifendes, etwas so kraftvolles wie niemals zuvor.

Und doch konnte sie sich nicht erklren, wie es geschehen war, da sie
sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben
auszufllen schien, vergessen konnte.

In krperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor,
und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fhlte, wie
bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Krper von eisiger Khle
durchstrmt wurde.

Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten,
unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnten Bume
hellgrn und gelb aufleuchteten.

Ihre Gedanken zogen an ihr vorber, wie schwarzer Rauch, den der Wind
hin- und hertreibt. Wenn jemand ihre Seele htte entfalten und wie ein
Buch durchblttern knnen, er wre von Entsetzen gepackt worden.

Auf dem Hintergrunde ihres ungewhnlich krftigen und frischen Lebens,
in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von
sonnendurchleuchtetem Blut getrnkt war, ballten sich furchtbare Bilder
ineinander.

Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr
Bewutsein ein, leidenschaftliche Trauer ber den Verlust der reinen
hellen Liebe zu Jurii prete ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch
eine trbe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden
Gesichtern, die sich vor ihr drngten, berschwemmt.

Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustrzen, sich vor ihm auf den
Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und
dann fr immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder berfiel sie bei
dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie
wnschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu
mssen, einfach, indem sie zu leben aufhrte. Dann wieder schien ihr
pltzlich, da es vielleicht noch mglich wre, alles gut zu machen. Die
Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben,
-- -- -- sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte
durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des
mnnlichen Krpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch
die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlos betubt, lag sie ohne
Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett.

Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen
und die erregten Mienen der Freundin.

Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewhnt.

Als Karssawina am frhen Morgen zurckgekehrt war, hatte sie Dubowa nur
halb im Schlaf gefragt: Wie siehst du denn zerzaust aus? sie war aber
sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fhlte sie, da etwas
geschehen war, und im Hemd, barfu, ging sie auf die Freundin zu:

Was ist dir? ... Fehlt dir etwas? sie fragte zrtlich und besorgt, wie
eine ltere Schwester.

Karssawina zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag erwartete, doch ihre
rosigen Lippen verzogen sich nur zu einem falschen Lcheln und eine
Stimme, die ihr selbst fremd erschien, antwortete viel zu lustig:

Aber nichts! Garnichts! Ich habe nur zu wenig geschlafen.

So war das erste Wort der Lge gefallen und es vernichtete ohne Rest die
Erinnerung an das frhere freie, aufrechte Mdchen. Dies Eine war
gewesen; jetzt wurde es zu einer Anderen. Und dies Andere war verlogen,
feig und beschmutzt.

Whrend Dubowa sich wusch und ankleidete, blickte Karssawina sie
verstohlen an; die Freundin kam ihr hell und rein vor; sie selbst
dagegen wie eine dunkle, zertretene Krte. Diese Empfindung ergriff sie
so stark, da ihr der Teil des Zimmers, in dem sich Dubowa bewegte,
sonnendurchleuchtet erschien, whrend ihre Ecke in feuchte, klebrige
Finsternis versank. Karssawina erinnerte sich, wie erhaben sie sich in
ihrer Gloriole der Schnheit und Frische ber die farblose, alternde
Freundin gefhlt hatte; Gram und Wehmut weinten jetzt in ihr mit Trnen
schwer wie Blutstropfen.

Doch alles das spielte sich tief in ihrem Innern ab; uerlich blieb sie
ruhig, fast frhlich. Sie zog ihr schnes blaues Kleid an, nahm Hut und
Schirm und ging mit ihren gewhnlichen Schritten, die den Eindruck
machten, da sie klar wie starke Wassertropfen niederfielen, in die
Schule. Dort hatte sie bis zum Mittag zu tun, dann kam sie nach Hause.

Unterwegs begegnete ihr Lydia Ssanina. Die beiden jungen Mdchen standen
von der Sonne berstrmt, lchelten mit leidenschaftlichen Lippen und
sprachen von allerlei Nichtigkeiten.

In Lyda entstand sofort wieder krankhafter Ha auf das sorglose
glckliche Mdchen und Karssawina beneidete Lyda um das Glck, so schn,
lustig und unberhrt zu sein.

Jede sah in dem Leben der anderen eine schreiende Ungerechtigkeit.

-- -- -- Ich bin doch besser als sie ... Warum hat sie Glck und ich bin
so unglcklich, liefen die Gedanken einer jeden eilig hin und her.

Nach dem Mittagessen nahm Karssawina ein Buch zur Hand, setzte sich ans
Fenster und begann wieder teilnahmslos und unverwandt auf das Licht und
die Wrme des Gartens, der seine letzten Sommertage erlebte,
niederzuschauen.

Der erste scharfe Schmerz war vorber. In ihrer Seele verschwamm alles
in indifferenter krankhafter Mdigkeit.

-- -- -- Nun sei's denn ... ich gehe unter ... So ist es mir also
bestimmt ... Ich werde sterben, wiederholte sie sich apathisch.

Da sah Karssawina Ssanin kommen; noch frher, als er sie bemerkte.

Er ging stolz und ruhig durch den Garten, sah sich nach allen Seiten um
und strich mit seinen Hnden ber die Zweige der Bsche, als ob er sie
zrtlich begren wollte.

In die Hhe schnellend, das Buch an die Brust gepret, starrte sie
erregt auf ihn, bis er ans Fenster herantrat.

Gr Gott, sagte er ihr die Hand reichend.

Bevor sie noch aufstehen und sich aus dem halb bewutlosen Sturm der
Empfindungen freimachen konnte, wiederholte Ssanin mit beharrlicher
Zrtlichkeit: Nun, gr dich doch Gott! In seiner Stimme lag etwas,
das Karssawina der Mglichkeit, aufzuschreien, in die Hhe zu springen,
fortzulaufen, beraubte.

Sie verlor jeden Willen und antwortete nur leise: Guten Tag.

Nach dieser Antwort fhlte sie, da er strker ist als sie und da sie
alles mit sich mu tun lassen, was er will.

Ssanin lehnte sich an das Fensterbrett und sagte: Kommen Sie auf einen
Augenblick in den Garten hinaus ... Wir mssen ber einiges miteinander
sprechen.

Karssawina stand auf. Ganz im Banne einer unbegreiflichen Macht wute
sie nicht, was sie zu tun htte, wohin und wie sie gehen sollte.

Ich werde drauen warten, bemerkte Ssanin.

Sie nickte nur mit dem Kopf.

Er ging mit ruhigen langsamen Schritten fort; sie frchtete hinter ihm
herzusehen. Einige Sekunden lang stand sie unbeweglich; sie hielt die
Hnde fest zusammengepret. Dann kam sie in Bewegung, alles wurde
pltzlich in ihr voller Hast; als sie aus dem Hause trat, raffte sie
sogar ihr Kleid, um leichter gehen zu knnen.

Das goldene Licht der Sonne und das Leuchten der gelben Bltter
durchdrang unaufhaltsam den ganzen Garten. Schon von weitem sah sie
Ssanin, der mitten auf dem Wege stand. Er lchelte ihr entgegen; unter
seinem weichen, anteilnehmenden Blick wurde es dem Mdchen schwer, die
Fe vorwrts zu setzen. Ihr schien es, da sie das Kleid nicht mehr vor
seinen Augen verhlle, und da ihm jede Bewegung ihres nackten Krpers,
der ihm nicht mehr fremd war, sichtbar sein msse. Das Gefhl der
Hilflosigkeit und der Scham wurde in ihr so stark, da sie den Garten
und das Licht zu frchten begann. Fast strzend, eilig, trat sie auf ihn
zu und blieb so dicht vor ihm stehen, da er sie nicht ganz von Kopf bis
zu Fen ansehen konnte.

Da nahm er sie an den Hnden, fhrte sie tief in das Dickicht der
verwachsenen Bume und zog sie sich auf die Kniee, whrend er sich
selbst halb auf den Stumpf eines alten Apfelbaumes niedersetzte.

Von der Seite sah er ihr gesenktes zartes Profil, ihre runden Schultern,
weich und schwach, neben seiner breiten festen Brust, trotzdem aber
harmonierten sie eigentmlich gut miteinander. Unwillkrlich wurde er
von einem verzckten Rausch ber ihre Schnheit erfat, und indem er
sich gleichsam vor ihr beugte, bog er sich nieder und kte den feinen
trockenen Stoff, durch den ihr frischer Krper schimmerte und
Wrmefluten ausstrahlte. Sie erschauerte, zog sich aber nicht zurck. Er
besiegte sie mit seiner Kraft und Sicherheit; sie ihn durch ihre
Zrtlichkeit und Schnheit. Beide hatten Furcht voreinander. Ssanin
wnschte ihr viele zarte beruhigende Worte zu sagen, aber er glaubte,
da sie der erste Laut verletzen wrde; er schwieg. Das Mdchen hrte
das gespannte Gerusch seines Atmens.

-- -- -- Was will er, ... was wird er tun, dachte sie vor Scham und
Furcht fast ersterbend ... Wirklich denn wieder dasselbe? ... Dann reie
ich mich los ... ich laufe fort.

Sinotschka, sagte er endlich. Seine Stimme, die den ungewohnten Namen
ungeschickt aussprach, war doch zrtlich und eindringlich. Karssawina
blickte ihm fr einen Augenblick ins Gesicht und begegnete seinen
glnzenden Augen, die entzckt und doch zurckhaltend so nahe in die
ihren blickten, da sie zurckschrak ... Aber gleichzeitig fhlte sie
instinktiv, da er garnicht so furchtbar wre, und da er sich in diesem
Augenblick mehr vor ihr scheute als sie vor ihm. Eine Regung, hnlich
einer kecken, mdchenhaften Neugierde, bewegte sich in einem Winkel
ihrer Seele, und pltzlich wurde es ihr leichter und nicht mehr
beschmend, auf seinem Schoe zu sitzen.

Ich komme mit mir nicht zurecht ... sprach Ssanin. Vielleicht bin ich
Ihnen gegenber sehr schuldig und ich htte nicht noch kommen drfen.
Aber ich konnte Sie nicht so lassen. Ich wnschte so sehr, da Sie mich
verstehen ... und zu mir keinen Widerwillen und keinen Ha empfinden.
Was sollte ich tun ... Es gab einen Augenblick, in dem ich fhlte, da
zwischen uns etwas niedergefallen war. Ich wute, wenn ich diesen
Augenblick vergehen lasse, so wird er sich in meinem ganzen Leben nicht
mehr wiederholen. Sie gingen an mir vorbei; und niemals wrde ich diesen
Genu und das Glck erleben, das ich erleben konnte ... Sie sind ja so
schn und so jung.

Karssawina schwieg. Ihr durchsichtiges Ohr halb mit Haaren bedeckt,
wurde rosiger und ihre Wimpern zuckten.

Und ebenso leise, mit zitternden und unklaren Worten sprach Ssanin
weiter von dem ungeheuren Glck, das sie ihm gegeben hatte, und da
diese eine Nacht nun fr immer in seinem Leben wie ein Mrchen
verbleiben wird. An seiner Stimme konnte man hren, da er offenbar
unter der Unmglichkeit litt, ihr etwas sagen zu knnen, worunter die
Trauer vergehen und eine neue frhliche Welle heranschwellen mte, die
sie glcklich machen wrde.

Sie leiden und gestern war es doch so schn, fuhr er fort. Aber diese
Leiden kommen doch nur daher, da unser Leben sinnlos aufgebaut ist, da
die Menschen selbst einen bestimmten Zehnten fr ihr eigenes Glck
aufgestellt haben. Wenn wir anders leben wrden, dann mte diese Nacht
in unserer Erinnerung als eines der wertvollsten und wunderbarsten
Erlebnisse, die nur das Leben teuer machen knnen, bleiben.

Wenn ... ja, wenn nur ... Und pltzlich, auch fr sich ganz
unerwartet, lchelte sie neckisch vor sich hin.

Als wenn die Sonne aufginge, als wenn die Vgel zu singen und die Grser
zu rauschen begonnen htten, so wurde die Seele leicht und licht von
ihrem Lcheln, das fr einen Augenblick das frhere frhliche und freie
Mdchen auferstehen lie. Aber es war nur ein Aufflammen, das sofort
wieder erlosch.

Mit einem Mal stieg vor Karssawina ihr zuknftiges Leben auf, wie
abgerissene schmutzige Fetzen von Hohn, Klatsch und Schande. Alle
bekannten Gesichter sah sie vor sich und alle trugen in ihren Mienen
Spott und Ekel; sinnlose Bilder sprangen um sie herum; dichte Furcht
bedeckte wieder ihre Seele und rief in ihr nur Ha hervor.

Gehen Sie ... lassen Sie mich, rief sie. Sie erblate und prete ihre
Zhne mit einem grausamen Ausdruck, als wenn sie sich fr ihr Lcheln
rchen wollte, zusammen; dann stie sie sich von seiner Brust ab und
stand auf.

Ein schwerer ohnmchtiger Druck bemchtigte sich Ssanins. Er fhlte, da
sie keine Worte in dem, was sie offensichtlich mit Leiden und Schande
bedrohte, trsten konnten. Sie hatte Recht in ihrem Zorn und Schmerz; in
seinen Krften lag es nicht, die Welt mit einem Mal umzugestalten, um
von ihren weiblichen Schultern die entsetzliche Last abzunehmen, die auf
sie, ohne Schuld fr die Freuden und das Glck, die er durch ihre junge
Schnheit erhalten hatte, herabgesunken war. Fr einen Augenblick stieg
in ihm der Gedanke auf, ihr seinen Namen, ihr jede Hilfe anzubieten,
doch davon hielt ihn etwas zurck. Er fhlte, da alles das in dieser
Minute zu kleinlich wre und da jetzt anderes nottue.

-- -- -- Gut, mag denn das Leben seinen Weg gehen, dachte er
schlielich.

Sie stand in der Nhe, die Arme gesenkt, den Kopf, der mit einer Krone
herrlichen Haares bedeckt war, gebeugt; sie war in Gedanken versunken,
whrend eine tiefe Falte ihre weie Stirne durchschnitt.

Ich wei, sprach Ssanin. Sie lieben Jurii Swaroschitsch. Vielleicht
leiden Sie gerade darunter am allermeisten.

Ich liebe niemanden, flsterte sie, die Hnde krampfhaft ineinander
verschlingend.

Mit scharfen Strichen physischen Schmerzes zeichnete sich das Bewutsein
ihrer Schuld gegen Jurii und hilflose Verzweiflung auf ihrem Gesicht.

In ihrer Seele stieg inzwischen die ungeheure Frage, die ber ihre Kraft
ging, die, wie ihr schien, das ganze Entsetzen und die ganze Auflsung
des Vorgefallenen enthielt, auf und schwankte wie eine Rauchsule ber
ihrem ganzen bisherigen Leben.

-- -- -- Wie ist es mglich, das miteinander zu verbinden, -- -- -- ich
liebe Jurii so sehr, liebe ihn noch jetzt, da es mein Herz zerreit.
Beim Gedanken daran, da ich fr ihn nicht mehr so rein und einzig sein
werde, wie ich war, wird in mir alles dunkel wie vor dem Tode. Und
dennoch ... dennoch konnte ich ...

Der Gedanke an Ssanin hatte keinen Ausdruck. Er bewahrte nur die
Erinnerung an tolle Kraft, an berschumenden Genu, in dem der Schmerz
mit dem Verlangen nach noch grerer, noch tieferer Innigkeit
zusammenfiel; fr Augenblicke sprang aus ihm der Wunsch, zu Tode
gemartert zu werden. Aber weiter trug er die lichte stille Erinnerung an
eine singende, unsagbar innige Zrtlichkeit in sich, die ihr Herz
liebkoste.

-- -- -- Ich bin selbst schuld, sagte sich Karssawina ... Ich bin eben
ein garstiges, lasterhaftes Geschpf. -- -- --

Am liebsten htte sie geweint, gebt, den weien herrlichen Krper, der
strker als die Vernunft, die Liebe und Bewutsein gewesen war, mit der
Peitsche gezchtigt.

Einen Augenblick lang schien ihr, da sie diesen furchtbaren Taumel
nicht ertragen werde; das Bewutsein wird untergehen, sie mu sterben.
Doch es ging gleich wieder vorber, entkrftigte sie nur und lie
hoffnungslose, stille Trauer in ihr zurck.

Da sagte ihr Ssanin mit besonders rhrender Bitte: Gedenken Sie meiner
nicht bse! Sie sind ebenso herrlich wie Sie stets waren ... Dem Mann,
den Sie lieben, werden Sie dasselbe Glck geben knnen, das Sie mir
gegeben haben ... Nein, noch ein greres, viel greres ... Wahrhaftig
... ich wnsche fr Sie nichts anderes, als das Allerbeste, das
Allerzarteste ... Immer werde ich Sie so in meinem Gedchtnis haben, ...
wie ... gestern. Leben Sie wohl ... und wenn ich einmal irgend etwas fr
Sie tun kann, so ... ich bitte Sie, sagen Sie es ... ich wrde Ihnen ja
gerne mein Leben geben, wenn es Ihnen nur ntzen knnte ...

Ganz leise blickte ihn Karssawina an; es tat ihr um etwas leid.

... Aber vielleicht geht alles vorber ... ging es durch ihren Kopf. Im
Augenblick schien alles nicht mehr so entsetzlich und schwierig. Eine
Minute lang schauten sie einander in die Augen und aus dem Innern ihrer
Herzen trat ein gutes, tiefes Gefhl. Es verband sie, als ob sie beide
mit einem Mal verwandt und nahe wren, und etwas erfahren hatten, das
kein anderer auer ihnen wissen durfte, und das in ihren Seelen immer
als zarte, warme Erinnerung bleiben wrde.

Nun leben Sie wohl, sprach Karssawina mit mdchenhafter Stimme.

Freude und Zrtlichkeit durchstrmte Ssanins Gesicht.

Sie reichte ihm die Hand, doch alles kam so, da sie sich pltzlich
einfach und warm wie Geschwister gekt hatten. Als Ssanin fortging,
begleitete sie ihn bis an das Tor und sah ihm lange und nachdenklich
nach. Dann ging sie still in den Garten zurck und legte sich auf das
Gras, die Hnde unter dem Kopf. Das verdrrende aber noch immer duftige
Gras knisterte um sie und sie starb fast ab, ohne Gedanken, ohne
Empfindungen, mit geschlossenen Augen. In ihr ging etwas Neues vor. Wenn
es geendet hatte, dann mute sich wieder das alte frhliche offne
Mdchen, vor der das Leben seine schnsten und glcklichsten Seiten
auftun wird, erheben.

Zhes Nachsinnen darber, ob sie Jurii das Vorgefallene erzhlen sollte
oder nicht, kam ihr in den Kopf und brachte neues Entsetzen und frische
Scham mit sich, aber sie sagte sich sofort: Ich werde nicht darber
nachdenken, ... ich werde es nicht ... Alles mag von selbst kommen.

Und wieder verfiel sie in den Zustand schlaffer Erwartung.




                                   XL


Am darauffolgenden Tage stand Jurii erst sehr spt auf; er war in
gedrckter Stimmung, hatte schlechten Geschmack im Mund und feinen
bohrenden Schmerz in den Schlfen. Zuerst konnte er sich an nichts
erinnern, als an das Schreien und Glsergeklirr, die blassen Feuerchen
und an die Morgendmmerung, die fr die trunkenen, stumpf gewordenen
Augen sonderbar klar und durchsichtig war. Dann fiel ihm ein, wie sich
Schawrow und Pjotr Iliitsch von ihren Pltzen taumelnd erhoben hatten
und grunzend auf ihr Zimmer krochen, whrend er mit Iwanow, der nach dem
Wodka furchtbar bla aussah, aber sich wie immer gerade hielt, noch
lange auf dem Balkon blieb.

Sie stritten sich; Iwanow bewies Jurii triumphierend, da Leute seiner
Art zu nichts tauglich wren. Sie wagten nichts vom Leben, das doch ihr
freies Eigentum sei, zu nehmen; es wre das Allerbeste, wenn sie ohne
jede Spur von der Bildflche verschwnden. Mit unbegreiflicher
Schadenfreude wiederholte er fortgesetzt den Ausspruch Pjotr Iliitschs:
Solche Leute Menschen zu nennen, davor hte ich mich. -- -- -- Dabei
lachte er jedesmal wild auf, als wollte er Jurii in seinem Lachen
ersufen. Dieser fhlte sich eigentmlicherweise garnicht verletzt,
sondern hrte interessiert zu. Er ging berhaupt nur auf den Vorwurf
ein, da seine Erlebnisse armselig seien, und behauptete dagegen, solche
Menschen wie er, fhrten im Gegenteil ein besonders feines und
kompliziertes Leben; schlielich aber gab er zu, es wre tatschlich
besser, wenn sie untergingen.

Juriis Stimmung quoll von unertrglicher Traurigkeit ber; er wnschte
zu weinen und zu ben. Beschmend kam es ihm ins Bewutsein, da es ihn
innerlich fast gedrngt hatte, Iwanow eine Beichte abzulegen. So
trottete er immer um die Episode mit Karssawina herum und htte das
feine liebe Mdchen beinahe dem aufgeblasenen groben Kerl vor die Fe
geworfen. Doch Iwanow war viel zu betrunken, um irgend etwas zu bemerken
und Jurii wnschte jetzt nachtrglich, glauben zu knnen, da ihm seine
Niedergeschlagenheit tatschlich nicht aufgefallen wre.

Iwanow war zuletzt unter grundlosem Brllen in den Hof gegangen;
berhaupt schienen mit einem Mal alle verschwunden zu sein. Es wurde um
Jurii ungemein leer; er blieb ganz allein zurck. Sein Gesichtskreis war
von trunkenen Nebeln begrenzt; vor ihm baumelte nur das schmutzige,
begossene Tischtuch, die grnen Schwnzchen der abgebissenen Radieschen,
Glser mit Zigarettenstummeln und begossene Bierunterstze.

Jurii sa mit gesenktem Kopf, schaukelte sich hin und her, und fhlte
sich als Mensch, der von der ganzen Welt verlassen ist.

Spter kehrte Iwanow nochmals zurck und schleppte Ssanin mit sich, der
irgendwo gesteckt haben mochte.

Ssanin war liebenswrdig und voller Leben, nur blickte er Jurii etwas
eigentmlich bald berzrtlich, bald wieder zu spttisch, an. Nun kam in
seiner Erinnerung ein weier leerer Fleck und dann tauchte ein Boot, der
Flu, milchrosige Luftfetzen, wie er sie noch nie zu Gesicht bekommen
hatte, vor ihm auf. Sie fuhren ber khlem durchsichtigem Wasser, gingen
ber glatten Sand, der von der Sonne fast wie von unten durchleuchtet
wurde, ein scharfer Schmerz lief nebenher durch seinen Kopf,
zwischendurch packte ihn hin und wieder wtender Ekel.

-- -- -- Wei der Teufel, wie widerwrtig das war, dachte Jurii. Grade
Trinken, das hat mir nur noch gefehlt. Doch nachdem er all diese
Erinnerungen, die, gleich Straenschmutz an den Fen, in ihm kleben
blieben, von sich abgestreift hatte, dachte er intensiv daran, was
vorher im Walde geschehen war.

In einem Augenblick stand dieser ungewhnlich geheimnisvolle Wald vor
ihm, die tiefe bewegungslose Finsternis unter den Bumen, das sonderbare
Licht des Mondes, der weie khle Krper des Mdchens, ihre geschlossene
Augen, der betubende aufregende Geruch, das gierige Verlangen, das ihm
den Kopf bis zur Tollheit benahm.

Die Erinnerung durchlief seinen Krper mit schwerem, wollstigen
Zittern. Irgend etwas stach anhaltend in seiner Schlfe und prete sein
Herz zusammen. Voll berflssiger Einzelheiten schienen daraus die
Bilder der Szene aufzusteigen, wie er das Mdchen, ohne da ihn die
innere Erregung betubend fortgerissen htte, auf den Boden
niederdrckte; -- sie wehrte sich dagegen, stie ihn zurck, ri sich
los, bis er schlielich einsah, da er selbst gar nichts tun mochte,
nichts von ihr wollte; und dennoch warf er sich immer von neuem auf sie.

Jurii schauderte unter diesem Nachsinnen in allen Nerven; das Tageslicht
steigerte die Verachtung vor sich. Am liebsten htte er sich ins Dunkel
verkrochen, sich in die Erde eingegraben, -- um seine Schande selbst
nicht zu sehen. Doch schon im nchsten Augenblick suchte er sich zu
berzeugen, da all das nicht deshalb so hlich verlief, weil er einen
mchtigen Trieb der Leidenschaft verunstaltet und herabgewrdigt hatte,
sondern weil er eine Minute lang nahe daran gewesen, eine Vereinigung
mit dem Mdchen gewaltsam erzwingen zu wollen.

Da drehte er mit furchtbarer, fast physischer Anstrengung, als wenn er
einen Menschen, der viel strker ist, als er, berwinden mte, sein
Gefhl einfach um. Und jetzt fand er seine Handlungsweise pltzlich in
dieser Form berechtigt und notwendig.

Doch eine neue, viel drckendere Frage schob sich jetzt ein ... Was ist
weiter zu tun? ...

Aus dem Chaos der verschiedensten Gedanken und Wnsche, kristallisierte
sich allmhlich der eine: Alles zerreien!

Sie hinnehmen und an ihr Freude haben! Doch sie dann wegwerfen, das kann
ich nicht ... ich bin nicht solch ein Mensch ... Fremde Leiden gehen mir
zu nahe, als da ich andern welche zufgen knnte. Und sie heiraten? ...

Dieses Wort klang Jurii ungewhnlich platt. Er, mit seiner besonderen,
ganz eigenartigen Veranlagung, die ewig an der Grenze groer Gedanken
und erhabener Schmerzen schwankte, kann sich nun einmal nicht ein
Philisterglck mit Frau, Kindern und Wirtschaft zurechtbauen. Er
errtete sogar bei dieser Vorstellung, als ob ihn schon die Annahme
eines solchen Ausweges verletzen mte.

-- -- -- Also sie von sich stoen, einfach fortgehen ...

Doch ihr Bild schien ihm jetzt, whrend es sich allmhlich von ihm
entfernte, als das hchste Glck. Es glitt unwiederbringlich aus den
Hnden; -- -- die Entsagung zerri sein Herz. Hinter ihr schleiften
zuckende Sehnen und rissen sich mit bluttriefenden Fetzen ab. Um ihn
schwand das Licht, seine Seele hing leer und schwer; sein Krper selbst
erschlaffte.

Aber ich liebe sie ja, sagte sich Jurii mit dem letzten Aufwand
qualvoller Ratlosigkeit. Wie ist es denn mglich, da ich selbst mein
eigenes Glck zerstre. Unsinnig, widerwrtig wre es doch. Aber was
denn? ... Heiraten? ...

Wieder von dem bloen Gedanken wie vor den Kopf geschlagen, sank Jurii
von neuem in haltlose Trauer. Um nicht mehr weiter nachdenken zu mssen,
setzte er sich an den Tisch und nahm sich einige Bltter zum Lesen vor,
auf denen er im Tone des Prediger Salomo einige Aufzeichnungen gemacht
hatte:

In der Welt gibt es nicht Gutes, nicht Bses.

So sagen die einen: Was das Natrliche ist, das sei auch gut und gerecht
sei der Mensch in seinen Wnschen.

Aber eitel Lge ist das, denn alles ist natrlich, nichts wird aus Leere
und Finsternis geboren. Alles hat seinen Anfang.

So sagen die anderen: Das ist gut, was da von Gott kommt. Aber ebenso
ist das eitel Lge, denn, wenn ein Gott ist, so kommt alles von ihm, und
so auch die Gotteslsterung.

So sagen die dritten: Das ist gut, was den Menschen Gutes bringt. Aber
gibt es denn solches? Was dem einen das Gute ist, das ist Bses dem
anderen. Dem Sklaven ist seine Freiheit gut, dem Herrn die Knechtschaft
des Sklaven. -- Dem Reichen die Erhaltung seiner Reichtmer, dem Armen
der Untergang des Reichen. -- Dem Ungeliebten, da sie ihn lieb gewnne,
dem Glcklichen, da sie alle Anderen verwerfe, auer ihm. -- Dem
Lebenden, er mge nicht sterben, dem Geborenen, da da alle sterben und
lassen ihm freien Platz. Dem Menschen der Untergang der Tiere, den
Tieren der Untergang der Menschen. Und so ist alles, und so ist es von
Anfang bis an das Ende der Zeiten. Und niemand hat vor dem anderen ein
Vorrecht auf das Gute, das ihm allein das Gute ist.

Hier gilt es unter den Menschen als Wahrheit: Gutes und Liebes schaffen,
sei besser als Bses und Ha. Aber das ist verborgen. Denn so es eine
Vergeltung gibt, ist es den Menschen besser, Gutes zu schaffen und sich
selbst zu opfern, so es aber keine gibt, ist es besser, nach seinem Teil
auf der Erde zu streben.

Hier noch ein Beispiel fr die Lge, die da unter den Menschen lebt: Da
ist einer, der sein Leben, fr die anderen hingibt. Und ihm wird gesagt:
Dein Geist wird dich berleben, weil er in den menschlichen Taten, wie
ein ewiger Same, verbleiben werde. Aber das ist Lge, denn wir wissen,
da in der Kette der Zeiten der Geist der Schpfung in gleicher Weise
lebt wie der Geist der Zerstrung und es ist unbekannt, was einst
auferstehen und was zerfallen wird. Hier noch eins: Da denken die
Menschen daran, wie man nach ihnen leben wird, und sagen sich, da es
gut sei, und da ihre Kinder ihre Frchte ernten werden. Aber wir wissen
nicht, was nach uns sein wird, wir knnen uns kein Bild machen von den
Myriaden und Abermyriaden, die auf unseren Pfaden wandeln werden. Und
wir knnen sie nicht lieben oder hassen, wie wir nicht die lieben oder
hassen knnen, die vor uns waren. Das Band zwischen den Zeiten ist
zerrissen.

So wird gesagt: Machen wir die Menschen gleich vor der Quelle der Freude
und des Kummers und teilen wir allen nach gleichem Mae zu. Aber kein
Mensch kann Freude und Kummer, Schmerz und Genu in grerem Mae
bekommen, als er sich selber schafft. Und wenn der Anteil der Menschen
nicht gleich ist, so, weil sie nicht gleich sind. Und so auch ihr Ma
gleich gemacht ist, werden ihre Herzen in Ewigkeit nicht gleich werden.

So spricht Hochmut: Groe und Kleine gibt es.

Aber jeder Mensch ist Aufgang und Untergang, Gipfel und Abgrund, ein
Atom und eine Welt. Da wird gesagt: Gro ist die menschliche Vernunft.
Aber das ist Lge, weil die Vernunft beschrnkt ist. Und der Mensch
sieht weder seinen Wahnsinn noch seine Vernunft im unbeschrnkten
Weltall, wo Vernunft und Wahnsinn zerflieen wie flssige Luft.

Was wei der Mensch? ...

Auch Adam wute, wie er zu essen und zu trinken htte und wie sich zu
kleiden nach seinem Bedrfnis und auch hat er seinen Samen erhalten. Und
wir wissen das Gleiche und werden unseren Samen in der Zukunft erhalten.
Aber Adam wute nicht, was er tun solle, um nicht zu sterben und nicht
zu frchten. Auch wir wissen es nicht. Viel Kenntnisse sind erfunden
worden, nur ist nicht erfunden Leben und Glck, um sie zu fllen.

Der Mensch hatte stets in allem, vom Haupt bis zu den Fen das Ziel,
seinen Krper vom Tode zu retten. Und da sehen wir: Hat nicht durch
einen einfachen Stock Kain den Abel umgebracht und kann man denn nicht
mit dem gleichen Stock den Ersten der Menschen umbringen, der auf der
hchsten Stufe der Erkenntnis steht. Lebte denn nicht lnger als alle
anderen Methusalem? Aber auch er starb. War nicht glcklicher als alle
Hiob? -- Aber auch ihn traf Gram. Und wird nicht ein jeder der Menschen,
der in seinem Leben solch gerttelt Ma von Glck und Kummer erduldet
hat, wie es nur seine Schultern zu ertragen vermchten, den gleichen Tod
sterben, wie ihn sein Urahn starb? ... Jetzt, wo die Menschen Gtter der
Wissenschaft krnen, schreien und rhmen sie sich. -- -- -- Doch: Gleich
fressen alle die Wrmer!

Ein kaltes Gefhl kroch ber Juriis Rcken und das Bild weier Wrmer,
die in einer dicken Schicht auf der ganzen Erde von einem Ende bis zum
andern wimmeln, durchrttelte ihn. Doch das, was er geschrieben hatte,
kam ihm ungemein eindringlich und gewaltig vor.

Das ist ja alles richtig, hmmerte es in seinem Hirn und das stolze
Gefhl der Schpferkraft vermischte sich mit einer breiten Welle Wehmut.
Er trat an das Fenster und blickte lange ziellos in den Garten, wo die
Wege unter einer Schicht gelber und roter Bltter bereits goldig wurden
und neu ersterbende Bltter, leise in der Luft kreisend, lautlos
herunterfielen. Tote rote Farben deckten sich auf alles, Bltter starben
ab ... Milliarden von Insekten, die nur von Licht und Wrme lebten,
starben ab ... alles starb ab im stillen ruhigen Schein des Tages.

Diese Ruhe war Jurii unbegreiflich und der stille Tod rief in seinem
Innern formlosen plumpen Ha hervor.

Hier ... krepiert alles ... und dabei strahlt es noch, als wenn es sich
an Zuckerbrot berfressen htte, dachte er mit ausgesuchter Grobheit und
es drngte ihn, noch grbere, hrtere Worte auszudenken.

Viele Gedanken kamen; -- -- sie blieben in der Leere hngen und fielen
ihm kraftlos auf die Seele. Und eine Wut packte ihn bis an die
Haarwurzeln, da er beinahe an ihr erstickte. -- -- --

Hinter dem Fenster dehnte sich der goldene Garten, hinter dem Garten zog
der Flu den grnblauen herbstlichen Himmel in sich ein, hinter dem Flu
liefen die von den Netzen der Sommerfden versilberten Felder, hinter
den Feldern kam wieder ein Flu; -- -- -- ein umgekehrter Wald auf
seinem Spiegel, dann Ufer, Eichen, schmale Wege ...

-- -- -- Ruhe. -- -- --

Dort geht einer still fr sich.




                                  XLI


Der dem Trunke ergebene Kirchensnger Pjotr Iliitsch geht still fr
sich.

Wenn der Herbst kommt und die Villenstadt leer und de wird, wie ein
abgelegener Kirchhof vergangener Freuden, dann steigt in ihr
eigenartige, prchtige Schnheit auf: die feinen durchbrochenen
Gartengitter dringen wie Spitzenwerk durch Bume und Bsche, roten
Girlanden gleich hngt der Hopfen von ihnen herab, durch die goldenen
Ornamente der entbltterten Aeste leuchten die spielzeugartigen
Sommervillen; auf den leeren Blumenbeeten stehen einsam geordnet rote
Astern, sinnen nach und nicken mit khlen Kpfchen; Balkons und grne
Bnke scheinen noch die Spuren des vergangenen frhlichen, lrmvollen
Lebens zu tragen, nur von Freude, Kraft und Glck mag dieses Leben
erfllt gewesen sein; es war ein ganz besonderes, schmuckes Leben. Die
verschlossenen Fenster und Tren heben die Stille noch mehr hervor, und
unwillkrlich schleicht sich der Glaube ein, da sie es allein ist, die
Herbststille, die jetzt hier ihr rtselhaftes menschliches Leben fhrt.

Pjotr Iliitsch geht feierlich durch die verwahrlosten Wege und raschelt
mit seinem Stock in den abgefallenen gelben Blttern.

Wenn es hier voller Menschen, Lrm und Lust ist, dann kommt Pjotr
Iliitsch niemals hierher. Vielleicht fhlt er instinktiv, wie alt,
armselig unscheinbar er ist, und die Menschen mit ihrem Lachen und
frhlichen Mienen stren ihn, auf das zu lauschen, was nur fr ihn
vernehmbar klingt ...

Er geht an den Villen vorbei, setzt sich auf eine verlassene Bank und
schaut lange, lange vor sich hin, bis der jetzt erkaltete Himmel dunkel
wird; so empfindet er wohl das Wehen der Ewigkeit, die unsichtbar ber
diesem Flecken menschlicher Lust und Freude schwebt.

Dann geht er unter den gravittischen Eichen zum Flusse hinunter; er
schaut auf das verstummte Wasser. Dann legt er sich ins trockene Gras
und hrt stundenlang mit dem Ohr an der Erde, ihrem lautlosen Gesprche
zu und atmet ihren ruhigen wrzigen Odem ein.

Bis an die wildesten Pltze schlgt er sich durch, wo Flu und Berg
zusammenstoen und der Berg sich langsam in den Flu hineinschiebt, als
ob er ihn erdrcken wollte; es war ihm nur noch nicht gelungen. Der Flu
lachte ber den Berg, erschauerte vllig unter seinem blauen, silbernen
Lachen; der Berg blieb dster, die Bume rauschten. Manchmal drngten
sich riesige Eichen vom steilen Ufer ins Wasser herab und versenkten
ihre herunterhngenden Aeste in der rollenden lachenden Tiefe.

Wellen spielen im Flusse -- blau vom Himmel und grn von der Erde; es
scheint, da jemand in fliegender Eile auf der Wasserflche
unverstndliche, geheimnisvolle Schriften schreibt. Schreibt sie und
verwischt sie, und schreibt eilig wieder und verwischt sie von neuem.

Was diese Schriften erzhlen -- das kann niemand lesen, aber offenbar
dringen sie Pjotr Iliitsch, der sie stundenlang betrachtet, tief ins
Herz; still und ruhig machen sie ihn wie der verglimmende Abend des
menschlichen Lebens.

Wald, Flu, Felder und Erde geben ihm etwas, was ihm sein versoffenes
armseliges Leben nicht zu geben vermochte, was aber seine Seele bis in
die tiefsten Winkel erfllt. Und das Aussehen des alten Kirchensngers
ist bei solchen Streifzgen voll heimlicher Nachdenklichkeit und Wrde.

Wenn er dann zurckkehrt und einem seiner wenigen Bekannten begegnet,
erzhlt er ihm etwas mit feierlichen Mienen; er versucht mitzuteilen,
was er nicht mitteilen kann. Und immer wieder schliet er, ohne selbst
zu wissen, warum, mit dem gleichen Satz:

Ja, im Winter ... s' ist dort herrlich! -- Ganz still. -- So, -- -- die
Schneeflckchen schwanken in der Luft, -- fallen ... die Snger singen!
...

Eine Stimme steigt in die hchsten Hhen, sie lst sich in der Luft auf;
oh, man kann fhlen, da es dieser Mensch trotz seiner Armseligkeit
wahrhaft versteht, auf ganz eigene Weise die tiefsten Feinheiten der
Lebensschnheit zu ergreifen. Wenn er einen Augenblick von Arbeit und
Sorge um das Stck Brot, von Wodka und Krankheit frei wird, dann fllt
er sein Leben so restlos schn aus, da seine Seele glcklich ist.




                                  XLII


-- -- -- Herbst ... Schon Herbst ... Nun kommt der Winter, -- schnell
... Wieder wird es Frhling werden, Sommer, wieder Herbst ... Winter,
Frhling, Sommer ... Bis zum Ueberdru der alte Gang! ... Und was werde
ich in dieser Zeit anfangen? Das gleiche, wie jetzt!

Jurii lchelte bitter.

Im besten Fall werde ich ganz verbldet sein, werde ber nichts mehr
nachdenken! Und nachher kommt Alter und Tod!

Wieder zogen in endloser Reihenfolge Gedanken durch seinen Kopf: wie das
Leben an ihm vorbeischlich, und da es eigentlich gar kein
hervorragendes Leben geben kann. Jedes Dasein, auch das der Grten
quillt von Langeweile ber, hat seine trbseligen Perioden, in denen es
strichweis vorbereitet wird, in denen es zu freudlosem Ende kommt. Er
erinnerte sich, wie er gewartet hatte, da sich endlich etwas Neues,
Umwlzendes ereignen wrde und wie er alles, was er im Augenblick trieb,
nur als interimistisch ansah, whrend sich dieses Vorbergehen in
Wirklichkeit gleich einer Raupe auswuchs, neue und immer neue Ringe
ansetzte. Nunmehr lie sich deutlich erkennen, da ihr grauer Schwanz
dereinst im Alter und Tod verschwinden wird.

-- -- -- Heldentaten! Alles Heldentaten! -- -- -- Jurii prete
todestraurig die Hnde zusammen. -- Besser schon gleich zu enden und zu
verschwinden, ohne Furcht und Qual! Nur darin kann noch ein Wert des
Lebens liegen!

Tausende heroische Taten, eine grandioser als die andere, standen vor
ihm auf; doch aus jeder starrte ihm ein Totenkopf entgegen.

Jurii schlo die Augen und sah ganz deutlich den klglichen Petersburger
Tagesanbruch, nasse Ziegelmauern, einen Galgen, der als farblose
Silhouette am bllichen Himmel klebte ...

Oder ein bestialisches Gesicht, ein Revolverlauf an der Schlfe,
Entsetzen, das gar nicht auszudenken sein scheint und das doch gedacht
werden mu, der Knall des Schusses gerade ins Gesicht ...

Oder die Nagaiken schlagen ber Kopf und Rcken ... ber den entblten
Krper -- -- Auch damit wrde ich rechnen mssen! -- Oder wrde es mir
gleichgltig sein? -- -- --

Jurii lie traurig die Hnde fallen.

Die Heldentaten verblaten, versanken und zerrannen im Nebel; an ihrer
Stelle lugte die spttische Fratze eigener Ohnmacht hervor und des
klaren Bewutseins, da alle diese groartigen Trume nichts als
Spielereien seines Hirns sind.

-- -- -- Aus welchen Grnden soll ich meine Person in Schndung und Tod
fhren, nur damit die Arbeiter des zweiunddreiigsten Jahrhunderts
keinen Mangel an Nahrung und Geschlechtsgenssen leiden! Der Teufel mge
sie doch holen, alle Arbeiter und Nichtarbeiter der ganzen Welt! ...

Und wieder fhlte Jurii die Aufwallung seiner lcherlichen, vllig
gegenstandslosen Emprung. Der verzehrende Wunsch, etwas von sich
abzuwlzen, abzuschtteln, peitschte ihn auf. Aber unsichtbare Krallen
hielten ihn fest, und der kriechende Druck endgltiger Erschlaffung
schlich immer nher an Hirn und Herz heran und hllte den lebendigen
Krper mit toter Gleichgltigkeit ein.

-- -- -- Wenn mich nur irgend jemand niederschlagen wollte ... dachte
Jurii schlaff, -- unerwartet, von hinten, damit ich meinen Tod nicht
bemerke. Pfui Teufel, was fr Dummheiten mir in den Kopf kommen! Aber
weshalb denn ein Fremder und ich nicht selbst? Bin ich denn wirklich ein
solches Nichts, da ich keine Kraft mehr finde, mir selbst das Leben zu
nehmen, wenn ich das klare Bewutsein habe, da Leben nur Qual bringt?
Frher oder spter mu man sterben, ob man will oder nicht! Was ist das
fr eine Art ... wie mit Pfennigen daran herumzurechnen.

Aber jetzt drckte sich Jurii in Gedanken bis zur Erde nieder und sah
sich selbst von oben herab mit verchtlichen Mienen und schmerzhaftem
Spott an:

-- -- -- Nein, warte nur, Bruder, das bringst du nicht fertig! Aufs
Grbeln verstehst du dich gut; sobald es aber zur Tat kommt ... Nein, --
brauchst dir nicht erst Mhe zu geben!

Eine leichte Khle, neugierig und feige, drngte sich an Juriis Herz.

-- -- -- Vielleicht doch noch einmal probieren, wie? Nicht im Ernst --
so, zum Scherz! Nicht, um gleich ... sondern einfach so ... es wre doch
immerhin interessant! Er sagte es sich, gleichsam, als mte er sich vor
jemandem entschuldigen.

Im Augenblick, als er den Revolver aus dem Schubfach des Tisches nahm,
berkam ihn unsinnige Scham; der Gedanke, da Dubowa, Schawrow, Ssanin
und an allererster Stelle Karssawina erfahren oder erraten knnten, was
fr kindische Experimente er mit sich anstellt, erschreckte ihn.

Verstohlen wie ein Dieb steckte er die Waffe in die Tasche und ging auf
die Garten-Terrasse hinaus. Auf ihren Stufen lagen drre, leichengelbe
Bltter. Jurii berhrte sie mit den Stiefelspitzen, lauschte dem
schwachen Knistern und summte eine langgedehnte traurige Weise vor sich
hin.

Ljalja, die mit Buch und Schirm vom Garten ins Haus ging, hrte ihn.

Was fr eine Melodie, fragte sie ihn. Sie war glcklich; sie war unten
am Flu mit Rjsanzew zusammengetroffen und kehrte frisch und bewegt von
seinen Kssen zurck. Niemand hinderte die beiden, sich, wo sie wollten,
zu sehen, aber im Geheimen, in der Leere und dem Schweigen des alten
Gartens lag das Eindringliche, wovon die Ksse krampfhafter wurden und
in Ljalja neue Wnsche erweckten.

Als wenn du deine Jugend zu Grabe trgst! fgte sie im Vorbeigehen
hinzu.

Dummheiten! erwiderte Jurii bse; von diesem Augenblick an fhlte er
das Nahen eines Schicksals, das strker war als er selbst ...

Wie ein Tier in Todesnot begann Jurii vorwrts zu laufen und einen
Flecken fr sich zu suchen. Im Hofe fand er ihn nicht; er mute zum Flu
hinunter gehen, wo gelbe Bltter mit glnzenden Sommerfden schwammen.
Er warf einen drren Zweig ins Wasser und schaute lange hin, wie ber
die Oberflche rasch schwache Kreise liefen und die schwimmenden Bltter
erzitterten. Dann schritt er wieder ins Haus, wo sich die letzten roten
Blumen einsam und schwermtig wie roter Trauerschmuck von den
zertretenen, vergilbten Beeten abhoben. Jurii stand hier eine Weile und
schlenderte dann wieder ohne Grund in die Mitte des Gartens.

Auch dort war alles im Verfall; die Zweige traten wie schwarze
Samtarabesken im goldenen Spitzennetz der Bltter hervor. Nur ein Baum
war noch grn -- die Eiche, die majesttisch ihre schnen Bltter trug.
Auf einer Bank hinter der Eiche sa der mchtige Kater mit rotem Fell
und wrmte sich an der Sonne.

Jurii streichelte traurig und zart den molligen Rcken und fhlte, da
ihm Trnen in die Kehle stiegen.

-- -- Das ganze Leben verloren, das ganze Leben verloren ... wiederholte
er mechanisch Worte, die er selber sinnlos fand und die ihm dennoch mit
feiner Schneide tief ins Herz hineindrangen.

-- -- -- Aber das ist ja alles Unsinn! Ich habe noch mein ganzes Leben
vor mir ... Ich bin doch erst sechsundzwanzig Jahre alt! rief er in
Gedanken. Fr eine Sekunde hatte er sich pltzlich von dem Nebel, wie
eine Fliege aus dem Spinnennetz, freigemacht.

-- -- -- Ach, es kommt ja gar nicht darauf an, ob ich sechsundzwanzig
bin, nicht darauf, ob das ganze Leben vor mir liegt ... Aber was ist
eigentlich der Kernpunkt. -- -- --

Pltzlich tauchte der Gedanke an Karssawina auf. Nach der widerwrtigen
Szene von gestern konnten sie unmglich noch zusammentreffen, doch
ebenso undenkbar schien es ihm, sie nicht mehr zu sehen. Das war
unmglich. Er stellte sich ihre erste Begegnung vor, Selbstverachtung
stieg betubend in Kopf und Herz; von neuem schob sich der Gedanke, da
da der Tod das Beste sei, automatisch vor.

Der Kater bog den Rcken und knurrte rhrend, so wie wenn der Samowar
sein Lied zu summen beginnt. Jurii betrachtete ihn aufmerksam. Dann fing
er an, vor ihm auf- und abzugehen.

-- -- -- Vom Leben aufgefressen ... Langweilig, Elend -- -- Uebrigens,
ich wei nicht mehr, was ... Aber lieber der Tod, als sie nochmals zu
sehen!

Nun schien sie fr immer aus seinem Leben geschieden zu sein. Es war
einmal ein Augenblick ergreifender, wilder Bewegung gewesen, weiblicher
Nhe -- -- -- Jetzt ist sie fort und kommt nicht mehr zurck.

Vor Jurii stand pltzlich der blasse kalte Tag seines zuknftigen
Lebens; weder Licht noch Finsternis: leer, grau und schleichend,
schleichend! ...

-- -- -- Lieber Tod!

Mit schweren Schritten ging der Kutscher einen Eimer voll Wasser in der
Hand, an ihm vorbei. Auch im Eimer schwammen die toten gelben Bltter.

Das Hausmdchen trat auf die Steinstufen der Terrasse, die durch die
Zweige schimmerte, winkte Jurii und rief ihm etwas zu. Lange konnte er
nicht verstehen, um was es sich handelte. Die Verbindung zwischen ihm
und allem, was ihn umgab, begann zu reien, sich aufzulsen. Mit jedem
Augenblick wurde er, von auen nicht merklich, allem ferner und ferner,
weil er sich von der ganzen Welt in die dunkle Tiefe seines einsamen
Wesens zurckzog.

Ach so, gut ... sagte er, als er endlich verstanden hatte, da ihn das
Hausmdchen zu Tisch rufen soll.

-- -- -- Mittag essen? fragte er sich erschrocken. Mittag essen gehen!
Also, alles wird beim alten bleiben ... Wieder leben, wieder jammern,
wieder suchen, wie man die Geschichte mit Karssawina einrenken kann,
einsam sein, mit meinen Gedanken, mit allem? ... Es mu bald geschehen,
sonst ... zu Mittag essen gehen -- -- nachher habe ich keine Zeit mehr!

Eine eigentmliche Hast bemchtigte sich seiner, ein Zittern schttelte
seinen ganzen Krper, drang fein durch alle Gelenke hindurch, in die
Brust, in die Arme, bis hinunter in die Fe. Dabei hatte er die
Ueberzeugung, da es doch zu nichts kommen wrde, da eben alles nur so.
-- -- -- Gleichzeitig damit aber prgte sich die Enge des Alltags noch
schrfer aus und Tne des Entsetzens gellten in seinen Ohren. Das
Hausmdchen stand, die Hnde unter der weien Schrze, auf der Terrasse,
und ging nicht fort, sie wollte augenscheinlich noch ein paar Zge der
herbstlichen Gartenluft mit hineinnehmen.

Jurii trat verstohlen unter die Eichen, damit er nicht von der Terrasse
aus gesehen wrde, und whrend er gleichzeitig auf das Stubenmdchen
sah, ob sie nichts bemerke, drckte er den Revolver sehr rasch und
unerwartet gegen die Brust ab. Versagt, -- -- -- schwirrte es im selben
Moment freudig durch seinen Kopf zusammen mit dem drngenden Verlangen,
zu leben und der Furcht vor dem Tode. Jetzt sah er aber gerade ber
seinen Augen den Wipfel der Eiche, -- den blauen Himmel und den
rtlichen Kater, der mit ein paar Stzen fortsprang.

Das Hausmdchen strzte mit einem Schrei ins Haus und wie es Jurii
vorkam, befanden sich auch sofort eine Menge von Menschen neben ihm.
Jemand go ihm kaltes Wasser auf den Kopf; auf seiner Stirn klebte ein
gelbes Blatt, das ihn furchtbar strte. Aufgeregte Stimmen ertnten um
ihn herum, jemand weinte und schrie:

Jura, Jura, wozu ... wozu? -- -- --

-- -- -- Da weint Ljalja, dachte er.

Im selben Augenblick ffnete er die Augen und begann in wilder
tierischer Verzweiflung um sich zu schlagen und zu schreien: Einen
Arzt, ruft einen Arzt ... Schneller!

Doch mit unglaublichem Entsetzen verstand er, da alles zu Ende sei, und
nichts mehr helfen kann. Die Bltter, die auf seiner Stirn lagen, wurden
rasch schwer und drckten den Kopf zusammen. Jurii reckte den Hals, um
noch etwas hindurchsehen zu knnen, aber die Bltter wuchsen immer
schneller nach allen Richtungen und verdeckten alles.

Weiter verstand Jurii nichts mehr von dem, was in ihm vorging.




                                 XLIII


Wer Jurii Swaroschitsch gekannt und wer ihn nicht gekannt hatte, wer ihn
liebte und wer ihn miachtete, auch solche Menschen, die nie zuvor an
ihn gedacht haben, -- sie alle bedauerten ihn jetzt, als er gestorben
war.

Niemand konnte begreifen, weshalb er sich das Leben genommen hatte, aber
doch war jeder berzeugt, da er ihn verstnde und im Grunde seine
Gedanken teile. Dieser Selbstmord machte einen wunderbaren Eindruck, er
schien schn und die Schnheit hatte Trnen, Blumen und prchtige Reden
zur Folge.

Bei der Beerdigung waren die nchsten Angehrigen nicht zugegen, weil
Juriis Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und Ljalja seitdem
keinen Augenblick von ihm wich.

Nur Rjsanzew nahm teil; er leitete auch die Beisetzungszeremonie. Die
Vereinsamung Juriis schien dadurch noch im Tode besonders
hervorzutreten; sein Bild wuchs zu grerer Bedeutung, seine Person
wurde noch erhabener, so da die Trauer der Teilnehmenden sich nur noch
mehr verstrkte.

Viele schne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer
farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der
durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt
aus.

Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten
beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina
sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schndung
und Hinrichtung fhrt. Trotzdem sie wute, da Jurii alles, was sich
zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war,
konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreien, da zwischen seinem
Selbstmord und dem Geschehenen ein Zusammenhang bestnde, der niemals
zu entrtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld
auf sich; sie fhlte sich als das unglcklichste Geschpf in der ganzen
Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, das Bild des Toten
umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, flo sie in
unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Ha gegen Ssanin ber.

Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufllige Annherung an ihn; aber noch
abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen
und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen
geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund
geschleudert worden, da es fr sie keine Rckkehr mehr gab. Als Ssanin
an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und
Widerwillen an und wandte sich momentan ab.

Die eisige Berhrung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu
einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles,
was sie empfand und dachte; er verstand, da er fr sie von nun an stets
ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er berlegte
eine Weile, dann schlo er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen
mit seinen wehmtig herabhngenden gelben Haaren einherging.

Hre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt, meinte Ssanin.

Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertnten die
hohen Noten des Trauergesanges, der Ba von Pjotr Iliitsch zitterte
deutlich und schwermtig durch die Luft und verklang ber den anderen
Stimmen.

Das Ganze ist einfach zum Staunen, sagte Iwanow. Im Grunde war doch
dieser Mensch nur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an!

Ich bin berzeugt, mein Lieber, erwiderte ihm Ssanin, da er drei
Sekunden vor dem Schu noch nicht gewut hatte, da er losknallen wird.
Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben!

Das ist 'ne Sache ... Aber, -- seinen Platz hat er schlielich doch
gefunden. Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen
unverstndlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas
aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein
beruhigen konnte.

Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bume standen
da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen
lugte noch grnes Gras unter der Schicht abgefallener Bltter hervor;
auf den Wegen waren die Bltter vom Wind in dichte Haufen
zusammengefegt, so da gelbe Bche ber den ganzen Kirchhof zu flieen
schienen. Wei schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau
standen Marmordenkmler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den
Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden
Wesens kund, als wre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen,
welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermtige Gestalt durch die
Alleen gegangen, htte an den Grbern gesessen und ohne Trnen und
Hoffnungen still fr sich getrauert.

Die schwarze Erde hatte Jurii verschlungen und schlo sich wieder; um
die Gruft drngten noch lange Menschen, sphten mit banger fragender
Neugierde in die Finsternis ihres Schicksals und sangen ernste
Klagelieder.

In dem furchtbaren Augenblick, als der Deckel des Sarges aus dem
Gesichtsfeld verschwand und sich fr immer ewige Erde zwischen den
Lebenden und dem Toten ausbreitete, schluchzte Karssawina gellend auf,
und die hohe weibliche Stimme erhob sich im Weinen hoch ber den stillen
Kirchhof und den in Gram und Unruhe verstummten Menschen.

Karssawina nahm nicht mehr darauf Bedacht, da die Leute ihr Geheimnis
erraten knnten. Und es errieten auch alle. Aber das Grauen des Todes,
der das Band zwischen dem in die Erde Gesenkten und dem weinenden jungen
Mdchen, die ihm ihr ganzes Leben, ihre Jugend, ihre Schnheit geben
wollte, zerschnitt, war so offensichtlich, da niemand mit einem
heimlichen Gedanken die unverhllte Frauenseele zu verletzen wagte.

Nur noch tiefer senkten sich voll unbewuter Achtung und voller Mitleid
die Kpfe.

Karssawina wurde fortgefhrt, und ihr Schluchzen, das allmhlich in ein
stilles hoffnungsloses Wimmern bergegangen war, verhallte in der Ferne.
Ueber der Gruft wuchs ein lnglicher grner Hgel auf, der unheimlich an
den unter ihm verborgenen Krper erinnerte. Schnell berdeckte man ihn
mit einer grnen Tanne, deren Zweige noch seine Seiten umschlossen.

Da geriet Schawrow in Eile. --

Herrschaften, jetzt mu eine Rede kommen, ... Herrschaften, so geht es
doch nicht, wie? sprach er geschftig und doch in auffallend klagendem
Tone, bald zu einem, bald zum anderen.

Bitten Sie doch Ssanin, schlug Iwanow hinterlistig vor.

Schawrow sah ihn erstaunt an, aber Iwanows Gesicht sah so treuherzig und
offen aus, da er ihm glaubte.

Ssanin, Ssanin ... wo ist Ssanin, Herrschaften? er eilte und sphte
mit seinen kurzsichtigen Blicken nach allen Seiten umher.

Ah! Wladimir Petrowitsch ... reden Sie ein paar Worte ... so geht es
doch nicht!

Reden Sie selbst, wenn Sie Lust haben, gab Ssanin verrgert zur
Antwort, whrend er noch immer der verstummten Stimme Karssawinas
nachlauschte. Er fhlte diese hohe, selbst im Weinen schne Stimme noch
immer in der Luft schweben.

Wenn ich reden knnte, wrde ich es gewi tun ... Er war doch im Grunde
genommen ein ganz bedeutender Mensch! -- -- -- Nun, ich bitte Sie ...
nur einige Worte!

Ssanin sah ihm gerade ins Gesicht und rief rgerlich: Was ist hier viel
zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf rmer geworden, das ist alles!

Seine scharfen lauten Worte schlugen mit berraschender Kraft und
Deutlichkeit durch. Im ersten Augenblick standen alle wie erstarrt, doch
ehe noch der grte Teil von ihnen zu einem Entschlu gekommen waren, ob
man die Worte gehrt haben sollte oder nicht, rief Dubowa mit
zerrissener Stimme: Das war niedertrchtig gemein!

Warum? Ssanin drehte den Kopf und zuckte die Achseln.

Dubowa wollte noch etwas erwidern, doch einige Mdchen umringten sie.
Alles kam in Bewegung. Unsichere, aber emprte Stimmen ertnten, rote
aufgeregte Gesichter tauchten auf, und als ob ein Windzug in einen
Haufen drrer Bltter geschlagen htte, so stieb die ganze Gesellschaft
am Grabe auseinander. Schawrow war ebenfalls weggelaufen, kam aber
wieder zurck. In einem getrennten Haufen gestikulierte Rjsanzew in
voller Emprung.

Ssanin bemerkte oberflchlich ein entrstetes Gesicht mit Brille, das
auf unbekannte Weise dicht unter seine Nase geraten war, sich aber
vllig schweigsam verhielt, und wandte sich Iwanow zu.

Iwanow war verwirrt. Als er Schawrow gegen Ssanin aufhetzte, ahnte er,
da es zu einem Zwischenfall kommen wrde, doch diese Erregung hatte er
nicht vorausgesehen. Einerseits entzckte ihn das Ganze durch seine
Schrfe, doch aber hatte er das unsichere Gefhl, sich in einer
unbequemen Situation zu befinden.

Er wute nicht, wie er sich jetzt uern sollte und blickte daher
unbestimmt ber die Kreuze hinweg auf das weite Feld.

Schon lngere Zeit hatte ein Gymnasiast vor seinen Augen gestanden, ohne
da er ihn bis dahin bemerkte; pltzlich wurde er wtend. Eine Minute
lang blickte er dem Gymnasiasten mit kalten Augen gerade ins Gesicht.

Wozu stehen Sie hier herum, -- -- vielleicht als Schmuck?

Der Gymnasiast errtete: Sehr witzig! antwortete er schlielich.

Um den Witz handelt es sich nicht, sondern ... scheeren Sie sich
geflligst zum Teufel!

In den Augen Iwanows zeigte sich so viel Wut, da der Gymnasiast bla
wurde und unschlssig auf die Seite trat.

Ssanin sah mit schwachem Lcheln zu. Dann machte er eine wegwerfende
Handbewegung.

Dummes Viehzeug! meinte er mit aufrichtiger Trauer, den
Auseinandergehenden nachblickend.

Sogleich fhlte sich Iwanow beschmt, da er ber irgend etwas
unschlssig sein konnte; seine Zge beruhigten sich, er steckte seinen
Stock hinter sich in den Boden, um sich darauf zu sttzen und sagte:

La sie zum Teufel gehen! Ziehen auch wir von dannen!

Schn, meinetwegen ...

Sie gingen an Rjsanzew vorbei, der sie feindselig anblickte, und dem
Huflein, das sich um ihn drngte, und schritten dem Ausgang zu. Aber
schon von weitem merkte Ssanin eine Gruppe ihm wenig bekannter junger
Leute, die sich wie eine Hammelherde mit den Kpfen nach innen
aneinanderdrckten. In der Mitte stand Schawrow und sprach unter
hastigen Bewegungen auf sie ein, verstummte aber, sobald er Ssanin
erblickte. Alle Gesichter wandten sich diesem zu und auf allen lag ein
eigentmlicher Ausdruck: eine Mischung edler Entrstung, feuriger
Emprung, kindischer Schchternheit und naiver Neugierde.

Da werden gegen dich Rnke geschmiedet, sagte Iwanow.

Ssanin wurde pltzlich finster, so da selbst Iwanow erstaunte, als er
den Ausdruck seines Gesichts erblickte. Als sich Schawrow von der Menge
der Studenten und jungen Mdchen mit teils erschreckten, teils
entzckten rosigen Gesichtern trennte und rot wie eine Rbe, die
kurzsichtigen Augen zusammengekniffen, auf Ssanin zuschritt, erwartete
ihn dieser in einer Haltung, wie wenn er jeden, der sich ihm nherte,
niederschlagen wollte.

Schawrow schien es zu erwarten, denn er wurde bla und blieb etwas
entfernter, als ntig, vor Ssanin stehen. Die Studenten und die Mdchen
drngten ihm, wie eine kleine Herde hinter dem Bock, nach.

Wnschen Sie noch etwas? fragte Ssanin nicht laut.

Wir? -- -- -- Nichts, meinte Schawrow verwirrt. Nur, -- -- -- wir
mchten Ihnen im Namen unserer ganzen Gruppe Genossen unsere
Unzufriedenheit und ...

Daran liegt mir sehr wenig, an Ihrer Unzufriedenheit, stie Ssanin
durch die zusammengepreten Zhne mit Mienen, die nichts Gutes
verkndeten, hervor. Sie haben mich gebeten, ich mchte ber den
verstorbenen Swaroschitsch etwas sagen, und weil ich das sagte, was ich
fr richtig halte, erklren Sie mir Ihre Unzufriedenheit. Meinetwegen
... Wenn Ihr nicht sentimentale dumme Jungen wret, wrde ich Euch
auseinandersetzen, da ich recht habe, da Swaroschitsch in der Tat wie
ein Dummkopf gelebt hat, sich mit Nichtigkeiten abqulte und den Tod
eines Narren gestorben ist, aber ihr ... ich habe mit euch ja einfach
eures Stumpfsinns, eurer Dummheit wegen nichts zu tun. Schert euch doch
alle zum Teufel! Pack ich euch an? ... Weg!

Und Ssanin ging, indem er die Menge, welche ihm den Weg verlegte,
durchschritt, ohne umzuschauen, vorwrts.

Stoen Sie nicht! protestierte Schawrow, rot, fast heulend, mit einer
Stimme, die wie Hahnenkrhen klang.

Das ist geradezu emprend! begann jemand, brach aber gleich wieder ab.

Ssanin und Iwanow traten auf die Strae hinaus; beide schwiegen eine
ganze Weile.

Weshalb erbitterst du die Menschen so? sagte endlich Iwanow. Demnach
mut du als ein ganz bsartiges Geschpf bezeichnet werden.

Wenn es mit dir so ginge, wie mit mir, da dir dein ganzes Leben lang
diese freiheitsliebenden jungen Menschen ohne Unterbrechung vor die Fe
laufen, antwortete er ernst, so httest du sie noch ganz anders
angefat! ... Uebrigens, hol sie der Teufel!

Na, rege dich nicht auf, Freund! sagte Iwanow halb im Scherz, halb
ernst, weit du was: wollen wir mal etwas Bier holen gehen und dann des
nun verstorbenen Knecht Gottes Jurii Nikolajewitsch gedenken ... wie?

Schn, meinetwegen ... willigte Ssanin gleichgltig ein.

Bis wir wiederkommen werden die andern schon fort sein, fuhr Iwanow
lebhaft fort, da werden wir gerade ber dem Grabe fr sein Heil trinken
knnen ... so, dem Toten als Ehrung und uns zum Vergngen.

Meinetwegen.

Als sie wieder auf den Kirchhof kamen, war kein Mensch mehr da. Die
Kreuze und Denkmler standen wie in Erwartung und drckten bewegungslos
auf den gelbgewordenen Boden. Kein Lebewesen war zu sehen und zu hren;
nur eine glitschige schwarze Schlange glitt rasch ber den Pfad und
rauschte im abgefallenen Laub.

Ah, du Biest! rief Iwanow und schrak zusammen; vergebens schlug er mit
dem Stock hinterher.

Am frischen Grab Juriis, wo es nach aufgerissener kalter Erde, nach
verfaulten alten Blttern und der grnen Tanne roch, stapelten sie im
Gras einen Haufen schwerer Bierflaschen auf.




                                  XLIV


Weit du was? sagte Ssanin, als sie eine Stunde spter auf die dunkle
Strae hinaustraten.

Was denn?

Begleite mich zum Bahnhof, ich will von hier fort.

Iwanow blieb stehen.

Warum?

Mir wird es hier zu langweilig.

Hast wohl Angst gekriegt?

Nicht im geringsten. Mchte einfach weg von hier, weiter nichts.

Wozu denn das?

Mein Freund, stelle nicht erst dumme Fragen. Ich will, das ist alles
... Solange man die Menschen nicht kennt, glaubt man immer, sie wrden
einem doch noch etwas geben ... Es waren hier ein paar interessante
Leute. Karssawina kam mir neu vor, Semionow war noch am Leben, Lyda
htte vielleicht einen anderen Weg gehen knnen ... Jetzt aber ist es
langweilig. Alle fallen mir auf die Nerven. Gengt dir diese Erklrung
nicht? Verstehst du, ich habe diese Leute solange es nur ging, ertragen;
-- -- -- lnger kann ich's nicht.

Iwanow schaute ihn lange an.

Nun schn, gehn wir also, sagte er, du nimmst doch noch von deiner
Familie Abschied, ja?

Ah, zum Teufel mit ihnen! Die sind mir am meisten ber!

Aber deine Sachen mut du doch mitnehmen?

Ich habe nur sehr wenig ... Geh du durch den Garten und ich laufe in
mein Zimmer und reiche dir dann den Koffer zum Fenster raus. Sonst sehen
sie's, hngen sich mit Fragen an mich an, und was soll ich denn sagen,
was trsten knnte?

So--o! Iwanow senkte fr eine Minute den Blick und schlug verchtlich
mit der Hand durch die Luft. Fr mich ist es recht traurig ... aber was
liegt daran!

Fahre doch mit!

Wohin?

Das ist ja ganz egal. Das werden wir schon spter merken.

Ich habe kein Geld.

Ich ebenso wenig! lachte Ssanin.

Nein, fahr schon allein ... Am fnfzehnten fngt meine Schule an. So
bleibt schon alles im alten Geleise!

Ssanin schwieg und schaute Iwanow gerade in die Augen, und ebenso gerade
blickte ihn Iwanow an. Doch mit einem Mal wurde es diesem peinlich
zumute, er zog sich zusammen, als wenn ein Spiegel sein Gesicht als
tierische Fratze zurckgeworfen htte.

Ssanin wandte sich ab.

Sie gingen durch den Hof.

Ssanin trat in das Haus, Iwanow bog in den abendlichen Garten ein, wo
ihn der Schatten des spten Herbstes und der Duft stiller Verwesung
traurig umschlo. Ueber Gras und Bsche, begleitet vom Rauschen der
Bltter und Aechzen der Zweige, kam er zum Fenster von Ssanins Zimmer.
Es war offen und dunkel.

Ssanin war inzwischen durch den Saal gegangen; an der Balkontr, von wo
er bekannte Stimmen hrte, blieb er stehen.

Was willst du also von mir? klang die Stimme Lydas zu ihm herber; er
war von ihrem matten, gequlten Ton berrascht.

Nichts will ich, erwiderte Nowikow, seine Stimme hrte sich offenbar
gegen seinen Willen, mrrisch und verdrielich an, es kommt mir nur
komisch vor, da du die Sache so ansiehst, als wenn du mir ein Opfer
bringst. Ich wollte doch ...

Schn, brach es aus Lyda heraus. Die kristallenen Tne naher Trnen
drangen unerwartet durch die Stille der Abenddmmerung: Nicht ich ...
du bringst mir also das Opfer ... du! Ich wei es! Was willst du also
noch hren?

Nowikow gab einen verwirrten und ratlosen Hm-Laut von sich; man konnte
aber herausmerken, da er sich Mhe gab, seine Ratlosigkeit zu
verbergen.

Wie wenig scheinst du mich zu verstehen! Ich liebe dich, und daher kann
von einem Opfer keine Rede sein ... Aber wenn du selbst unser
Zusammensein als ein Opfer von einem von uns beiden ansiehst, welch ein
Leben soll dann fr uns werden?

Nowikows Stimme wurde fester und sicherer, fast froher, als htte er
jetzt das Wichtigste herausgefunden und wre glcklich, Lyda berzeugen
zu knnen.

Du mut es begreifen ... Wir knnen nur unter einer Bedingung
zusammenleben: da an kein Opfer, weder von deiner, noch von meiner
Seite zu denken ist ... Eins von beiden: entweder wir lieben uns, und
dann ist unsere Zusammengehrigkeit vernnftig und naturgem, oder wir
lieben uns nicht, und dann ...

Lyda schluchzte pltzlich auf.

Was weinst du! fragte Nowikow erstaunt und erregt. Ich verstehe dich
nicht! Ich glaube, -- -- ich kann doch nichts Verletzendes gesagt haben
... Hre doch auf! Ich hatte uns beide ganz gleich im Auge ... Aber das
ist doch zum Teufel! Was weinst du eigentlich! ... Man darf sich kein
Wort erlauben --

Ich wei nicht ... ich wei nicht ... Die gedrckte, bemitleidenswerte
Stimme Lydas klang unsagbar traurig, voll unfabarer, ohnmchtiger
Klage.

Ssanin machte eine verdrossene Miene und ging in sein Zimmer.

-- -- -- Nun, Lyda ist wohl auch fertig! dachte er. Am Ende htte sie
besser getan, wenn sie damals ins Wasser gegangen wre -- -- aber
vielleicht kommt sie trotz allem noch in die Hhe ... Man kann es nie
voraussehen!

Iwanow hrte hinter dem Fenster Ssanin etwas eilig zusammensuchen; dann
raschelte er mit Papier und lie etwas fallen.

Bist du bald fertig? fragte er ungeduldig. Es war ihm langweilig und
bedrckend, in der blassen Dmmerung des Herbstabends unter dem
finsteren Fenster zu stehen, hinter sich den dunklen geheimnisvollen
Garten. Das Rauschen erinnerte ihn an seinen Traum.

Sofort, antwortete Ssanin so dicht am Fenster, da Iwanow
zusammenfuhr. Die Finsternis im Fenster geriet in Schwanken; dann hob
sich von ihr der Handkoffer und das weie Gesicht Ssanins ab.

Halt fest!

Nun, gehn wir los!

Sie schritten schnell durch den Garten.

Blasse Dmmerung und der feine kalte Geruch der abgekhlten Erde lag um
ihnen. Die Bume standen schon ziemlich kahl; alles machte einen
ungeheuer leeren gerumigen Eindruck. Hinter dem Flu erlosch allmhlich
die Abendrte, und das Wasser erglnzte einsam, vergessen und verlassen
hinter dem Garten, der mit einem Mal ebenfalls fr niemanden mehr von
Interesse schien.

Als sie zum Bahnhof kamen, brannten schon Signalfeuer auf den unzhligen
schwarzen Gleispaaren, und die Lokomotive eines abfahrtbereiten Zuges
keuchte gleichmig und schwer. Menschen liefen umher, klappten mit den
Tren, riefen einander an und schimpften mit herben, gehssigen Stimmen,
gleichsam, als wren alle in trauriger Stimmung und suchten das unter
der Maske der Gehssigkeit zu verbergen. Ein dunkler Haufen ratloser
Bauern mit Bndeln beladen, drngte sich auf dem Bahnsteig.

Im Wartesaal tranken sich Ssanin und Iwanow noch einmal zu.

Nun, Glck auf die Reise! wnschte Iwanow traurig.

Ich habe immer gleiches Glck, Freund, lchelte Ssanin. Ich verlange
nichts vom Schicksal, ich erwarte auch nichts von ihm. Und das Ziel der
Reise ist doch niemals glcklich. Alter und Tod, weiter bleibt nichts!
...

Sie gingen zusammen auf den Bahnsteig und blieben vor dem Waggon stehen:
Na, Lebewohl!

Lebewohl!

Es war beiden unerwartet, da sie sich kten.

Knirschend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung.

Ach, Bruder, wie lieb, wie lieb du mir geworden bist! rief pltzlich
Iwanow Ssanin zu. Der einzige wahre Mensch bist du fr mich!

Und du bist der einzige, der mich gern hat, Ssanin lchelte, er sprang
auf das Trittbrett eines vorbeirollenden Wagens.

Abgefahren! rief er lustig. Lebewohl!

Lebewohl!

Schnell eilten die Wagen an Iwanow vorbei, als ob sie sich pltzlich
verabredet htten, von ihm fortzulaufen. In der Dunkelheit huschte die
rote Laterne vorbei und strahlte lange, noch lange rot im Finstern, so
da sie sich garnicht zu entfernen schien.

Iwanow sah dem Zug nach; er fhlte sich traurig und niedergeschlagen.
Unmutig schlenderte er durch die Straen der Stadt und schaute auf die
armseligen, kleinlichen Lichter.

-- -- -- Sich bis zu Ende durchsaufen, was? fragte er sich, und das
blasse, drre Gespenst eines farb- und klanglosen Lebens trat mit ihm
ins Wirtshaus ein.




                                  XLV


In der Dunkelheit und Enge erstickten die Wagenlaternen, und zwischen
schwankenden, ruigen Schatten und trben Flecken Lichts krmmten sich
zerknllte mde Menschen.

Ssanin setzte sich neben drei Bauern.

Als er eintrat, unterhielten sie sich, und einer von ihnen, in der
Dunkelheit kaum sichtbar, fragte gerade:

Also meinst du, mit dem Land kommt nichts heraus?

Kann auch nichts herauskommen, antwortete mit hoher gebrochener Stimme
ein alter zottiger Bauer, der neben Ssanin sa. Die Gutsbesitzer haben
ihr Eigenes im Auge, unsertwegen wollen sie nicht zum Teufel gehen. Da
kann man erzhlen, soviel man will; wenn es einem an den Leib geht, so
wird am Ende der das Blut austrinken, der strker ist!

Aber warum braucht ihr so lange zu warten? fragte Ssanin, der sofort
verstanden hatte, um was sich das gierige, ekelhaft eintnige Gesprch
drehte.

Der Alte wandte sich zu ihm und schlug die Arme auseinander.

Was sollen wir tun? ...

Ssanin stand auf und ging auf einen andern Platz. Er kannte diese
Menschen zur Genge, die wie Tiere lebten und dabei weder selbst
zugrunde gehen, noch andere vernichten konnten. Sie lebten immer das
viehische Leben fort in trber Hoffnung auf ein Wunder, das niemals
kommen wird und in dessen Erwartung Millionen ihresgleichen bereits
gestorben sind.

Die Nacht verging. Alle schliefen und nur ein Kleinbrger im langen Rock
zankte sich erbittert mit seiner Frau, die ngstlich schwieg und allein
ihre erschrockenen Augen krampfhaft bewegte.

Warte nur, du Aas, ich werde dir das noch beibringen! zischte der Mann
wie eine mit dem Fu getretene Schlange.

Ssanin war schon eingeschlummert, als das leise Aechzen der Frau ihn aus
dem Schlafe weckte. Der Kleinbrger zog rasch seine Hand zurck, doch
Ssanin konnte noch bemerken, da er die eine Brust der Frau um seine
Finger drehte.

Na, Brderchen, du bist ein Biest! schrie er zornig.

Der Kleinbrger blieb erschrocken stumm und blickte ihn nur mit kleinen
bsen Augen an.

Ssanin sah voll Ekel auf ihn hin, dann trat er auf die Plattform hinaus.
Als er durch den Wagen ging, sah er eine Menge Menschen, die in dichtem
Gedrnge fast bereinander lagen. Bei dem blassen blulichen Licht des
kommenden Morgens, das durch die Fenster des Wagens eindrang, schienen
ihre Gesichter wie tot, und nchterne, traurige Schatten, die ber sie
glitten, gaben ihnen einen ohnmchtigen leidenden Ausdruck.

Auf der Plattform atmete Ssanin mit vollen Zgen die frische Morgenluft
ein.

Ein widerwrtiges Ding ist doch der Mensch! dachte er weniger, als da
er es mit seinem ganzen Krper fhlte. Und pltzlich brach in ihm das
Verlangen durch, sich sofort, wenn auch nur fr eine Zeit, von allen
diesen Menschen, vom Zuge, von der stickigen Luft, vom Rauch und
Gerassel freizumachen.

Die Morgenrte stieg schon deutlich am Horizont auf. Die letzten
Schatten der Nacht verliefen, bla und krank, spurlos in der blauen
Finsternis, die sich weit in der Steppe auflste.

Ohne sich lange zu besinnen, trat er auf das Trittbrett des Wagens, lie
seinen Koffer im Stich und sprang auf den Boden herab.

Mit Fauchen und Rasseln sauste der Zug neben ihm vorbei; der Boden glitt
unter seinen Fen hin, und er fiel auf den nassen Sand der Bschung.
Die rote hintere Laterne war schon weit, als er sich erhob. Er lchelte
sich selber zu.

Auch das ist schn! rief er laut und stie einen freien, gellen Schrei
aus.

Weit und gerumig war es um ihn her. Das Gras, noch immer grn, breitete
sich in einem endlosen, ebenen Feld nach allen Seiten aus und versank
erst hinten in den fernen Morgennebeln.

Leicht atmete Ssanin auf und schaute mit frohen Augen in die unendliche
Weite der Erde, als er mit groen, krftigen Schritten in den lichten,
freudigen Schein der Morgenrte hineinwanderte. Und als die erwachte
Steppe in der grnen und blauen Ferne aufzuleuchten begann und vor
seinen Augen die ungeheure Himmelswlbung auf sich lud, als gerade vor
ihm die Sonne aufging, blitzend und funkensprhend, da schien es Ssanin,
da er ihrem Lichte entgegenschreite.


                  In Krze erscheint im gleichen Verlage:

                              M. Artzibaschew


                                 Millionen
                            und andere Novellen

                             Ein starker Band

                       Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.50

   Tritt in Ssanin die Tendenz des Buches etwas zu sehr in den
   Vordergrund, so haben wir es hier in diesem Novellenbande mit
   novellistischen Meisterwerken zu tun, die Artzibaschew in die
   erste Reihe russischer Erzhler stellen.


                            Anna Croissant-Rust


                              Winkelquartett

                    Eine komische Kleinstadtgeschichte

                       Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--

   _Gabriele Reuter_ schreibt ber das Buch in einem 7spaltigen
   Feuilleton der Neuen Freien Presse in Wien vom 26. September 1908
   unter dem Titel:

                        _Eine moderne Humoristin_

   unter anderem:

   Zu diesen Lebenshumoristen mit der groen, freien menschlichen
   Seele und dem Mut zu jeder Entdeckung hat sich nun doch eine Frau
   gesellt. Trotz aller gegenteiligen Theorieen, welche ihr die
   Existenz eigentlich verbieten, hat sie sich hingesetzt und ein
   Buch geschrieben, das zu den wenigen, wirklich guten
   humoristischen Romanen der Jetztzeit gehrt. Die Frau heit Anna
   Croissant-Rust und ihr Buch ist das Winkelquartett. Anna
   Croissant-Rust? fragt manch ein Leser zgernd, kenne ich den
   Namen? Erinnere mich nicht -- wird wohl ein Erstlingswerk sein.
   Verzeihung -- nein! Ein solches Buch schreibt man nicht, wenn man
   jung ist, schreibt man nicht als Erstlingswerk. Dazu ist diese
   Menschenschilderung viel zu reif, dazu ist die knstlerische Luft
   viel zu klar und herbe, trotz aller blitzenden Sonnenlichter, die
   in Stil und Darstellungsart hin und wieder spiegeln. So
   souverain gelassen sieht man die Welt nur in ersten
   Septembertagen, wenn die schwlen Sommergewitter vorbergerauscht
   sind und alle Bume fruchtbeladen winken. -- -- (Nun folgt eine
   eingehende Analyse des Inhalts, voll grter Bewunderung ber das
   Buch und zum Schlu fhrt Gabriele Reuter fort): Das
   Winkelquartett ist eine so durch und durch originelle Schpfung,
   da es betrbend fr das Urteil des Publikums wre, wenn sie
   nicht die ihr gebhrende Beachtung fnde.


                      Im gleichen Verlage erschienen:

                           Otto Julius Bierbaum


                               Prinz Kuckuck

        Leben, Taten, Meinungen und Hllenfahrt eines Wollstlings

                            In einem Zeitroman

          3 Bde geh. Mk. 15.--, geb. Mk. 18.--, Luxusausgabe Mk.
                                  30.--.

   Fritz Engel im Berliner Tageblatt:

   Ein strotzendes Buch, aus dem das Leben wie in tausend Lichtern
   ins Auge des Beschauers zurckfllt. Der beste Erziehungsroman
   der letztjhrigen Literatur und hocherhaben ber alle die Gtz
   Kraffts, die nun durch die Leihbibliotheken spuken. Ein
   Zeitroman, in dem sich der gehetzte, zwischen Totem und Werdendem
   hin und her gerissene Charakter der Gegenwart spiegelt ... So
   sage ich noch einmal: ein starkes, mnnliches, ernstes Buch,
   trotz aller Schelmereien. Reif wie es ist, mge es nicht in
   unreife Hnde fallen. Es gehrt in die Hnde der Erzieher. Nicht
   in die der Mucker, die unreif bleiben selbst mit grauen Haaren.
   Sie wrden an Bierbaum ein Ketzergericht vollziehen wollen, weil
   er auf gewisse Entartungen der Zeit mit ruhiger Sachlichkeit und
   -- nebenbei bemerkt -- mit stupender Darstellungskunst hinweist.


                           Weitere Urteile ber


                               Prinz Kuckuck

   Leonhard Adelt in der Neuen Hamburger Zeitung:

   ... Alles aber wird weit in den Schatten gestellt durch den
   einleitenden Abschnitt von der Mutter, der schon im Stil eine
   Novelle fr sich bildet -- eine Meisternovelle, grazis, mokant,
   geistreich, schillernd und sprhend, ein Stck Welt, gesehen
   durch eine originelle, dichterische Natur, in einem kstlichen,
   geschliffenen und verzierten Spiegel.

   Fritz Droop in der Dortmunder Zeitung:

   ... Es ist ein _reifes kraftvolles Buch_, das nicht zuletzt dem
   Berufserzieher eine Flle von Anregungen und manche ernste Lehre
   gibt ... Wer die wahren Schden unserer Zeit kennt und sich
   nicht frchtet, dieses zu bekennen, der wird Bierbaums neuen
   Roman mit _noch grerer Freude begren wie einst den Stilpe_.
   Lest dieses Buch!

   Dr. Ludwig Finckh in den Propylen:

   ... Seid stille: Stilpe, der alte Stilpe, hat den Mund wieder
   aufgetan. _Das ist ein Ereignis in Deutschland_, denn wir haben
   alle seit Jahren eine _Lustanwandlung und Sehnsucht danach_
   gehabt, ihn wieder zu begren. Der junge Stilpe heit Prinz
   Kuckuck, seine Geschichte ist nicht blo die eines einzelnen
   Menschen, sondern die einer ganzen Zeit mit ihren Anstzen,
   Auslufern und Entwicklungen ... Eins ist gewi, _keiner
   handhabt heute in Deutschland den galanten Roman so in aller
   Grazie wie Bierbaum_; es ist sein wahres Element und er ist
   unbertroffen. Ein Buch voll Freude am schnen, am
   abenteuerlichen, lebendigen Leben, darin das Blut rauscht hin und
   her und seine Gefe oft zu sprengen droht.


               Als Ausstrmung einer reichen Seele, als
               Dokument von Johannes Schlafs innerer
               Persnlichkeit ist dieser Roman
               ein ungewhnliches und
               groenteils stark fesselndes Buch.

                                                (Kunstwart).

             Willi Rath urteilt so an der Spitze einer langen
                             Besprechung ber

                              Johannes Schlaf


                                 Der Prinz

                           Roman in zwei Bnden

                  Broschiert 8.-- Mk., gebunden 10.-- Mk.

   und hnlich und noch mehr anerkennend eine Reihe von magebenden
   Schriftstellern, z. B.

   Professor Dr. Ludwig Geiger in Die Zeit:

   Ich erklre es fr das tchtige Buch eines Denkers. Eines
   Denkers mehr als eines Dichters. Denn wenn auch der Dichter in
   einzelnen Episoden (Naturschilderungen, Liebesszenen) das Wort
   fhrt -- auch der Humorist macht sich geltend in der Zeichnung
   eines kleinen Krmers aus Halle und der Figur eines Sonderlings,
   Traugott Taube, eines bemoosten Hauptes, der Zahnarzt werden
   will, der in allerlei Schrullen verfllt -- das Hauptwort hat
   der Denker ... Das Werk ist gedankenreich, voll trefflicher
   Episoden, bietet eine ausgezeichnete Entwicklungsgeschichte,
   lebensvolle Zeichnungen von Menschen und Gegenden ...

   Gegenber den zahlreichen widerwrtigen und unerfreulichen
   Erscheinungen der modernen Romanliteratur ein erfreuliches Buch,
   das man nicht als Lesefutter bezeichnen, sondern als ein
   literarisches Werk anzusprechen und einzuordnen hat.


                                Rudolf Huch


                           Die beiden Ritterhelm

                                   Roman

                   Geheftet Mk. 4.--, gebunden Mk. 5.--

   In einer umfangreichen Kritik schreibt Willy Rath in der
   Tglichen Rundschau:

   Die beiden Ritterhelm sind ein sehr ernstes und doch heiter
   anmutendes Buch, ein Werk schnster Reife. Zwei, eigentlich drei
   Sprossen einer Patrizierfamilie werden mit kundiger Liebe und
   zugleich mit gelassener Sachlichkeit dargestellt ... In der
   Darstellung selbst und ebenso zwischen Darstellung und Stoff
   herrscht eine undurchbrochene Einheit, als sei das Ganze
   mhelos in einem Zuge heruntergeschrieben. Und der Einheit
   gesellt sich eine auerordentliche Feinheit, die in diskretester
   Form sehr bedeutsame psychologische und gesellschaftkritische
   Ausblicke erffnet. Die beiden Ritterhelm -- so darf prophezeit
   werden -- gehren im literarischen Heute zu dem wenigen, das
   bleiben wird.


                  Druck von Mnicke & Jahn, Rudolstadt


                     Anmerkungen zur Transkription

In den Materialien zum Verbot des Buches (Seiten VII-LXX) wird
wiederholt auf Seiten im Vorwort des bersetzers (Seiten LXXI-LXXVIII)
verwiesen. Diese Verweise beziehen sich auf die Seitenzahlen in den
Ausgaben vor dem Verbot, in denen sich das Vorwort auf den Seiten
VII-XIV fand. Zu den entsprechenden Seitenangaben mssen also in der
vorliegenden Ausgabe 64 hinzugezhlt werden.

In der Druckvorlage auf Seite 54 war die Zeile Jurii verfolgte ihn mit
glnzenden Augen; er mit der Zeile Jurii konnte sich noch immer nicht
diesen auf Seite 62 vertauscht. Auerdem war die Zeile spazieren
gegangen, hatte immer dieselben herrlichen auf Seite 401 an das Ende
des vorhergehenden Absatzes verschoben.

In Kapitel XVIII setzt Ssanin Lyda auf eine Hecke, was unlogisch
erscheint. Die richtige bersetzung fr den entsprechenden Ausdruck im
russischen Original wre aber Flechtzaun oder einfach Zaun. Dies
wurde hier dennoch beibehalten wie in der Buchvorlage.

Hufig fehlende Fragezeichen wurden nach Abgleich mit dem russischen
Original ergnzt.

Andere offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Die
variierende Transliteration hufig vorkommender russischer Personennamen
wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Formen in Klammern):

   Anatoli (Anatol, Anatole)
   Jurii (Juri)
   Kusma (Kuma)
   Pjotr (Peter)
   Schawrow (Schaffrow)

Weitere nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen
Originaltextes, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 44]:
   ... er spuckte drauf, warf sie beiseite und schlief sofort ...
   ... er spuckte drauf, warf es beiseite und schlief sofort ...

   [S. 236]:
   ... ich; wir werden beide auf diese Frage keine bestimmte ...
   ... ich, wir werden beide auf diese Frage keine bestimmte ...

   [S. 279]:
   ... Dann widersprechen Sie sich, verschluckerte ...
   ... Dann widersprechen Sie sich, verschluckte ...

   [S. 283]:
   ... auf sein stehengebliebenes Denken. An die Existenz ...
   ... auf sein stehengebliebenes Denken. Die Existenz ...

   [S. 319]:
   ... Sehr bald lste es sich in Zorn aus. Wenn ...
   ... Sehr bald lste es sich in Zorn auf. Wenn ...






End of the Project Gutenberg EBook of Sanin, by Michail Arzybaschew

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SANIN ***

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www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

