The Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 2, by Albrecht Schaeffer

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Title: Helianth. Band 2
       Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der
       norddeutschen Tiefebene

Author: Albrecht Schaeffer

Release Date: April 1, 2019 [EBook #59187]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 2 ***




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                                HELIANTH


                                 Bilder
                             aus dem Leben
                       zweier Menschen von heute
                  und aus der norddeutschen Tiefebene
                      in neun Bchern dargestellt

                                  von
                           Albrecht Schaeffer


                         Der drei Bnde zweiter


                       Im Insel-Verlag zu Leipzig
                                  1920




                             Viertes Buch.
                Fragmente aus den halkyonischen Jahren I
                                  oder
                     Die Friedliebende Gesellschaft


                          Erstes Kapitel: Mai


                                Heimweh

Georg ging eine schrge, braungoldene Flche hinunter. In der Tiefe war
ein lichter, weier Wald; die Bume standen weit voneinander und sahen
wie groe, schneeweie Tten aus, die auf der Spitze standen. Im
Nherkommen gewahrte er, da es riesige, schn gewundene
Muschelschnecken waren; ihre Windungen glhten rosig, und in ihnen
rieselte es goldig. Vor der nchststehenden waren zwei Pfhle aus
Ebenholz, einer immer etwas hher als der andere, so da sie eine Treppe
bildeten, und indem er noch dachte, es mten, da sie sich gegenseitig
stets berhhten, doch wohl mehr als nur zwei Pfhle sein, war er schon
hinaufgestiegen, beugte sich ber den rundwulstig nach innen gebogenen
Rand der Muschel und sah, da eine Wendeltreppe hinunterfhrte. Er stieg
sie hinab, sie wand sich ins Bodenlose unter seinen Fen fort, es ward
Abend und Finsternis, dieweil er stieg, aber dann wute er, da er
wieder die verbotene Treppe im Trassenberger Pallas beging. Diesmal aber
war die Tr doch offen, es wehte eisigkalt aus dem Gang, Georg wute,
da ein solcher da war, ohne ihn sehen zu knnen, und tastete sich
furchtsam, mit beiden Hnden die ganz nahen Wnde streifend, vorwrts.
Bald kam er an eine Biegung, an eine andere, es ging rechts, ging links,
Georg dachte: gleich mu die Falltr kommen, er schritt immer langsamer,
in groer Angst, auf einmal war eine schwarze Trffnung da und hinter
ihr das Bodenlose. Die Angst verschlug ihm den Atem, er wute, da er
sterben, da er hinunterstrzen und zerschellen sollte, nein, er wute,
schon wenn er fiele, wrde alles aus sein, und schon wich der Boden, er
fiel, er lste sich, rcklings sinkend, auf in den Tod, noch denkend, es
ist ja gar nicht so schlimm, das Sterben -- --

Da schlug er die Augen auf.

Eine Weile unbegreifend, wo er sich befand, erkannte er langsam die
braune Tr gegenber mit dem hellen Lichtspalt von nebenan, dann in der
Ecke rechts davon den kleinen Kamin mit dem Schattenri des hngenden
Teekessels ber der roten Glut -- langsam das ganze, kleine Zimmer,
gefllt mit Schatten, den Schattenri des Tisches zwischen Kamin und dem
Sofa, auf dem er sa, und er hrte die englischen, losen Schiebefenster
knacken und leise prasseln unter gelinden Sten des Nachtwinds. Im
Nebenzimmer rusperte sich jemand, Benno ... Da sa er unsichtbar und
komponierte bei seiner Lampe ...

Im selben Ma wie die Schlafbenommenheit entwich auch die Erscheinung
des Traumes, nur die Erinnerung an den finstern Gang blieb noch; ihn
schauderte leise im Gedanken des Sterbens, wie er sich auflste,
angstvoll und doch schon beruhigt ...

Da aber sah er wieder, wie immer, Renate, abgewandt von ihm, durch ein
Zimmer gehn, undeutlich, nur ihre Erscheinung, fast nur ihre Haltung,
als komme sie aus der Tr und ginge zu -- zu einem Tisch -- Georg sah
ihn nicht -- und legte etwas darauf, ein Buch, ein Schlsselbund, worauf
sie sich auflste ... Immer dieselbe Erscheinung ...

Georg stand, trunken von Schlaf und Gefhl, vom Sofa auf, legte ein paar
Stcke Holz in die Glut, setzte sich daneben auf den Stuhl am Tisch,
klappte den daliegenden Briefblock auf, ergriff die Feder und strzte
sich ins Schreiben.

Serk, schrieb er, im Mai.

Galatea, o Galatea! Ich sterbe, ich sterbe ja vor Heimweh nach Dir! Im
Traum eben litt ich einen leichten Tod, Du warst nicht in dem Traum, ich
verstehe es nicht, wie konnte der Tod leicht sein ohne Dich! An meinem
Leibe sind alle Adern geffnet, das Blut strmt, auf jeder Welle
entschwimmt mir Dein Lcheln mit dem fortflieenden Leben ...

Soll ich Dir Trume erzhlen, se Seele? Komm, hre einen Traum!

Es war ein Garten und ein Gebsch. Eine Stimme war im Gebsch, sie
rauschte nur. Da kam ein Arm hervor, der die Zweige nach oben hob, ein
weier Arm, dann stand eine Frau in der Aprilnacht, holte zwei Schwerter
hinter dem Rcken hervor, in jeder Hand eines, und stie sie mir durch
Rcken und Brust ...

In einer Nacht aber hatte ich diesen Traum:

Ich ging am Strande des Ozeans, da sah ich das Meerweib von fern. Sie
stand, nahe von ihr war ein Felsenbogen, ein gewaltiger Grotteneingang,
und sie stand, als habe sie beim Auftauchen aus der dunklen See eine
Glocke von Gewsser mit hochgenommen, die wlbte sich nun als schwarzes
Kleid um ihre untere Hlfte, um die obre hing Wellenschaum als weies,
dreieckiges Tuch mit langen, flieenden Fransen. So stand sie, die Hand
am Kinn, in der anderen den Ellenbogen, sinnend, aber sie sang, ich
hrte ihre Stimme:

                            Einsamkeit -- --

   Einsamkeit, du schner Born
   Stillgewordner Seelenklagen!
   Rausche durch das Muschelhorn
   Tnend in den langen Tagen.

   Wenn der Gott das Horn ergriff,
   Rollt der Donner an den Ksten,
   Und es drhnt des Gottes Schiff,
   Und es tnt -- --

Einsamkeit -- -- schrieb Georg noch, dann ri es ab, denn er hatte: >und
es tnt in meinen Brsten< schreiben wollen, verdrngte es aber, da es
ihm frivol und unpassend vorkam, insgeheim derartig von ihr zu sprechen,
als ob er sie entkleidete, ohne da sie's wute; dann kam ihm auch der
Reim zu alltglich und gemein -- heutzutage -- vor, er ergnzte noch
teilnahmslos die Lcke mit: >in Felsgersten<, hrte nervs das strende
Geklapper des Deckels auf dem Teekessel und hockte sinnlos. Vor seinen
Augen verging der rtlich durchschienene Dampfstrahl aus der Tlle,
nebenan wurde ein Stuhl gerckt, Benno ging behutsam durch das Zimmer,
dann klangen ein paar Griffe auf dem Klavier und pltzlich ein leiser
Akkord von solcher Sigkeit, da Georgs Herz sich zusammenzog. Angst,
Sehnsucht, Schwermut sogen gewaltsam an seiner Brust; warum sitze ich
hier? dachte er schwer.

Gedankenlos, nur um etwas zu tun, zog er die Schieblade gegen seinen
Leib auf, holte eine Wachstuchkladde heraus und schlug sie auf. _La vita
nuova_ stand gro und einsam auf der ersten Seite. Georg machte
kritische Augen. Auf der nchsten stand ebenso vereinsamt: Galatea ...

Georg schlug willkrlich einige Bltter um und las:

Die See war schwarz und eigentlich unsichtbar, aber ber ihren Rand aus
dem Nichts stieg eine rote Scheibe, glhte und war ein groer, runder
Fisch, der ber das schweigsame Meer herschwebte. Auf seinem Rcken
stand ein schwarzer Mann wie ausgeschnitten, mit einem abstehenden Kranz
von wildem Haar, hielt ein Muschelhorn an den Mund und blies unhrbar.
Da sagtest du: man mu die Einsamkeit in das Herz schieen. Ich hatte
aber nur eine kleine Gummizwille in der Hand, wie wir sie als Jungens
machten. Da zielte ich auf den Fisch, und wie ich ihn traf, blieb er
langsam stehn, wurde wieder ganz rund und wedelte einmal mit dem
Schwanz. Dann zauberte er ein glotzendes, grnes Auge in sich hinein,
sah mich boshaft damit an und versank in die Flut, wo er sichtbar blieb
im Tiefersinken, dieweil das Wasser in schwarzen Falten ber ihn
hinging. Der Mann, sein Horn noch immer am Munde, sank mit, und da wute
ich, da das Ganze aus Pappe geschnitten und ein kleines Theater war
...

Georg hob die Augen vom Ende der Seite, griff eine Zigarette aus dem
Kasten, tastete, vllig aufgelst in Bewutlosigkeit, nach den
Streichhlzern und blieb hocken, die Zigarette im Munde, minutenlang.

Der Teekannendeckel klapperte irrsinnig. Georg fuhr mit einem Ruck aus
sich auf, hob den Kessel aus den Haspen und setzte ihn auf die Erde, wo
er noch eine Weile ingrimmig vor sich hin kollerte und prustete, bis ihm
der Atem ausging und er verstummte. Die Bltter des Hefts hatten sich in
die Hhe gestrubt, Georg las irgendwo die Worte:

Es giebt nichts, wozu man die Natur nicht gebrauchen knnte; ich will
sie als Medikament gebrauchen. Es mu mir gelingen, einige Zeit ohne
Gedchtnis zu leben. Wenn es nicht geht, werde ich es Benno bergeben.
Es giebt nichts, was man ihm nicht anvertrauen knnte.

Ja, ja ...

Die Nacht war totenstill, nichts zu hren vom Meer. Da sa man nun
mitten im riesigen Kanal, die ungeheure Brust des Atlantischen Ozeans
drngte gegen ihn heran, fern berall in ihrer Einsamkeit wanderten die
Schiffe ...

Angst lag auf Georgs Brust. Hatte sich irgend etwas gendert? War irgend
etwas klarer geworden? Ach, wenn doch Benno Klavier spielen wollte, da
er sich ins Dunkel daneben setzen knnte und wie als Knabe, wenn Onkel
Salomon einmal spielte, das Ohr gegen die tnende Wand legen und sich
vergessen im Staunen ber das drinnen tosende musikalische Rumoren. Ach
nein, er hatte Benno sein Gedchtnis nicht anvertraut, immer standen
Dinge bevor, die er nicht begriff, als sollte er sich am nchsten Tag
zur Bedienung einer Maschine stellen, von deren Bau und Wirkung er keine
Ahnung hatte ...

Georg bltterte weiter in seinem Heft, ber Seiten voller Verse hin,
Sonette, Sonette, Sonette, und: welche Kunst, dachte er, seine Stimmung
vermittels plausibler Vergleichungen zum Ausdruck zu bringen! -- Dann
kamen wieder Briefe an sie, die er Galatea nannte -- indem es ja sein
hchster und heimlichster Traum war, da sie, dieser wunderbarlichste
Marmor in Frauengestalt, durch ihn zum warmen Leben sich einfhren
lasse, -- Ergsse, Lobgesnge, Gebete, Beichten in blumenreicher Prosa
...

Und wiederum sah er ihre ungewisse Gestalt, abgewandt von ihm, hingehn
und -- -- entschwinden in die Luft.

Da stand geschrieben:

Ich reinige meinen inneren Menschen. Ich werde ein Stck Natur,
Erdboden, wenn mich der Sonnenschein, Baum, wenn mich der Wind, hohle
Muschel, wenn der unablssige Donner der See mich mit lrmendem Gelute
erfllt. Luftiger, offener, ausgebreiteter wird mein Wesen, ich fhls,
ich leere, ich reinige mich. --

Haben wir uns gereinigt, Benno? Gute Seele, was stauntest du doch ber
dies ossianische Eiland von grauem und rtlichem Fels, dies titanische
Gefge, Grotten, Felsenbgen und Hhlen wie auf Odysseebildern von
Preller. Und ringsum der gewaltige Kanal. Da lieen wirs uns wohl sein,
rollten im Ufersand gegen die Brandung, strmten ber den Felsendamm
zwischen den beiden Inselhlften, hundert Meter ber der Meeresflche,
mit flatternden Hemdkragen gegen den offenen Himmel, gegen den wild
anrennenden Wind, schrien den englischen Mwen auf Deutsch
unverstndliche Beschimpfungen zu -- dann --, dann scho ich Kaninchen
auf dem Eilande Brechou, und du bewundertest mich dabei. Ach, immer hast
du mich bewundert! Als ichs allein nicht mehr ertragen konnte, als mir
eines Tages das Gedchtnis alles Gewesenen wie ein Baum aus dem Haupt
wuchs und riesige Frchte, die herunterstrzten, mich zu erschlagen
drohten, da -- ja, da vergingst du in Schaudern ber das unerhrte
Begebnis und in Bewunderung meiner, der sicherlich das Richtige treffen
wrde ...

Und Georg erinnerte sich, wie sie nchtelang miteinander sich
besprochen, den Zweikampf wie mit beweglichen Puppen gefochten hatten,
des Ideales hier, ein Frst zu werden, wie die Welt einen verlangte, der
Wahrheit dort, die Selbsterniedrigung von ihm forderte. Aber die Fehde
blieb immer unentschieden, sie verstummten, schlichen trbe umher --
nun, Benno freilich tat das nicht lange, er hatte ja unendlichen Mut
geschpft, und nachdem er frher kaum gewagt hatte, eine Zeile zu
schreiben, aus Furcht, Beethoven knnte es ihm verargen, so getraute er
sichs nun, es mit allen Stimmen des Ozeans und der Winde aufzunehmen ...

Und dann lagen wir auf einer der grnen, windberstrichenen Inseln im
Innern, gaben uns kummerlos der Sonne preis, trumten Buntes und
Phantastisches, fr Benno Unerhrtes, Gloria und Krnze, Frauen und
Wettrennen, Yachten unter Riesensegeln und weie, nackte Frauenleiber in
einer azurenen See und in paradiesischem Durcheinander mit gestreiften,
gelben Tigern und schwarzen Leoparden.

Bennos Schritte nherten sich der Tr, Georg hrte ihn fragen hinter
seinem Rcken: Schreibst du?

Nein, ich lese blo! Du willst wohl schlafen gehn?

Sich wendend sah er Benno, so lang er war, noch dnn- und langhalsiger
in dem aufgeschlagenen Hemdkragen, Gesicht und Augen durchglht und
beschmt von Visionen, durchs Zimmer gehn und sich aufs Sofa setzen,
gleich die Beine bereinanderlegend und sich schmal machend vor
angeborener Demut. Der rtliche Schnurrbart hing zerzaust und wie
bestraft, die Augen gingen -- wie immer -- nach oben.

Sieh mal, was ich da geschrieben habe, sagte Georg, nachdem Benno
etwas wie gar nicht mde gemurmelt hatte, und las:

Widersetze dich niemals einer Erkenntnis. Jede seelische Geste,
festgehalten in der Anmut gereimter Zeilen, strmt eine bestrickende
Glaubwrdigkeit aus. Je leichter dir das Versemachen fllt, um so
schner werden deine Empfindungen. Es ist doch nur ein papierener
Frhling. Wind und Sterne, Mond und Sonne, Wogen und Mwen, das alles
treibt dich rundum, und am Ende liegst du da. Du bist nur ein
Naturkreisel. -- Horch, Benno, es giebt noch einen Zusatz. Zusatz:
Wirbelt die Oberflche eines buntbemalten Kreisels herum, so schwinden
die Farben in belangloses Grau. So ist es auch mit der Seele. Wenn sie
aber daliegt und stille wird, zeigt sie lieblich ihre reinen, farbigen
Kreise ...

Benno sa und lchelte freundlich.

Benno, was denkst du?

Ich? Ach! Ich dachte, sagte er schamvoll mit seiner gebrochenen
Stimme, an den Kiwi in Unterprima und --

Ach, weil ich von physikalischen Dingen rede, denkst du an
Physikprofessoren! Ach du mein Gott, diese Physikstunden waren das
Grlichste auf der Welt! Und wenn er mal ein Experiment machte, ging
alles kaputt. Ja, da sitzen wir nun im Kanal ...

Benno erhob sich mit einem Ruck zu seiner Lnge und trat an das Fenster,
sttzte die Hnde auf und sah in die Nacht. -- Ich glaube, dachte Georg,
er hat Heimweh.

Nach einer Weile, da weiter nichts geschah, sagte er:

Ja, wie ist es, Benno, wenn du nicht zu mde bist, knnten wir ja noch
einen Schritt vor die Tr und das Meer besehn ...

Benno drehte sich still um; sie gingen hinaus und durch den engen,
warmen Flur voller Schrnke ins Freie. Die Nacht war dunkel, von den
erloschenen Husern kaum hier und da eine weie Wand im Finstern zu
erkennen; oben segelte der kleine Mond hastig durch silbergraues,
bewegtes Gewlk. Da! -- sagte die Klte, indem sie auf die Stelle mitten
auf Georgs Kopf, wo die Kompresse endlich entfernt war, aber noch das
Haar fehlte, ihren kalten Finger setzte. -- Als sie um die Hausecke
bogen, warf sich der Seewind ihnen straff entgegen; Georg wars, als
legte er ihm miteins ein glattes Kleid von Khle um den ganzen Leib. Vor
ihnen lag die schwarze Flche von Haidekraut, die sich ins Nichts
verlor; da und dort, ber der unsichtbaren See in der Tiefe, war ein
vereinsamtes Sternlicht. Langsam, whrend sie auf dem schmalen Pfad von
Klinkern dahingingen, wurde die Brandung hrbar und lauter.

Eine leise Melodie, von Benno gepfiffen, ein kleines, getragenes Stck
in Moll, zrtlich, feierlich, pltzlich abbrechend, wehte an Georgs Ohr,
einmal und noch einmal. Er fragte: Was ist das, Benno?

Ja ... es sei das Thema des ersten Satzes: Sehnsucht nach der Ebene. Und
brigens htten sich ihm, als er es fand, von selber die Worte
unterlegt: Denk ich an Deutschland in der Nacht ...

Ach, denkst du an Deutschland in der Nacht, Benno?

Benno schwang einen Arm, warf den Kopf zurck -- Georg konnte die Haare
im Dunkel flattern sehn -- und war ein wenig entrstet. Ob es nun
vielleicht eine Schande sei, Heimweh zu haben!

Ach, sagte er, ihr seid ja nun Alle Europer! Aber wenn du dichtest,
Georg, dichtest du dann vielleicht europisch? Dichtest du
international?

Aber die Musik, Benno? berhaupt alles Geistige, Kunst, Wissenschaft,
sind sie nicht allgemein?

Der Stoff, Georg, ach natrlich doch, der Stoff! Sind wir nicht Alle
Menschen? Der Gedanke der Verbrderung ist natrlich herrlich! Aber im
Geist war sie doch immer schon da, und dem Bauern und dem Handwerker,
wenn er einen Schrank macht oder Rben baut -- was soll dem
Verbrderung? Keine Feindschaft soll sein, keine gegenseitige
Verachtung, alle sollen sich gelten lassen und ertragen, jawohl, aber --
das ist doch weiter nichts als Menschenpflicht, da ist doch der nchste
Nachbar der nchste Anla, dergleichen zu ben, und wozu brauchts da
fremde Vlker und Erdteile? Das Gute kommt doch immer von selbst.

Benno mute schreien, so laut war nun der Donner der Brandung. Georg sah
im Finstern vor sich die Zaunpfhle am Rande des Abgrunds; jetzt bog ihr
Weg ab und begann langsam anzusteigen; alsbald erschien auch der
Schattenri des kleinen Pavillons ber ihnen in der Nacht. Georg sah
Helenenruh, das weie Haus, Wiesen und Park, eine sonnige Insel; dann
erschien die Goethestrae in Altenrepen, sein Schulweg, das rote,
vielfenstrige Haus mit der Sonne berm Trmchen. Ja, er hatte wohl auch
ein wenig Heimweh ...

Sie betraten den Bretterboden des Pavillons, traten an die hlzerne
Brstung und sttzten sich darauf. Alle Hrner der See stieen ihr
gewaltiges Gebrll aus; sich berneigend sah Georg, schaudernd vor der
Tiefe, den weien Gischt, wie er sich wtend aufwarf und zerflog. Da war
nun, unsichtbar, unermelich nach Westen hin die schwarze, bewegliche
Meeresebene, meilenweit kalte Wasser, Bergtiefen der Gewsser. Ein, zwei
rtliche Lichter in der Ferne schienen eine Kste zu bedeuten, aber es
waren Schiffe, in ungeheurer Einsamkeit verlassen durch die schwere See
hinstampfend, aber innen in ihnen war es doch wieder warm und hell,
waren Tische und Lampen, Keller und Lager voll Geruch von Teer und
Waren, Kabinen voll Schlaf ... Seltsam, diese winzigen, fahrenden Wohn-
und Kaufhuser in der Meeresfinsternis ...

Georg lie sich auf die Bank nieder, leise betubt vom Brausen der
Tiefen, Benno blieb am Pfeiler stehn.

Und die schnsten Dinge, Georg, sagte er pltzlich mit Eifer, die
schnsten Dinge der Welt giebt es doch nur in Deutschland.

Zhle auf, Benno, zhl auf!

Benno schpfte tief Atem.

Eine deutsche Sommernacht, sagte er.

Ja, Benno, da hast du recht. >Wenn die Brunnen verschlafen rauschen<,
nicht wahr? Und Kornfelder im Mondschein und silberne Ritter von Thoma
auf allen Hgeln, die Wache halten. Oder -- nein so, Benno: Eine
Mondnacht ... Ein Stck weier Strae -- und eine weie Hauswand mit
dunklen Fensterscheiben, Gartenmauer, wei, und darber die dunklen,
schweren Baumwipfel, in denen der Nachtwind rieselt -- rieselt --, nun
hier -- nun da, nun rauschend, nun ganz leise nur -- knisternd, da du
fast die einzelnen Bltter sehen kannst, die sich wenden ...

Ja, Georg! ja!

Und -- -- kennst du das von Rilke:

   Und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,
   Und eine Weile bleibt das Schweigen leer,
   Und eine Geige dann ...
   ... und sagt ganz langsam: Eine Blonde ...

Benno war begeistert. Eine Blonde! hauchte er. Ja, ein blondes
deutsches Mdchen, das gehrt auch zum Schnsten!

Ich will sie dir nicht rauben, deine Blonden, sagte Georg, aber ich
bin nun mal mehr fr Dunkel.

Du fr Dunkel, Georg? Aber Renate?

Renate? Ach, erstens ist sie nicht blond! Sowas nennt sich nicht blond,
und zweitens: ist sie vielleicht ein Mdchen?

Benno sagte, das verstnde er nicht. Georg wute es selber nicht zu
erklren. Nein, dachte er, sie ist weder Mdchen noch Frau, aber sie ist
-- -- als wre sie drei Nchte lang die Geliebte eines Gottes gewesen,
und ist verzaubert von unsterblichen Kssen und berweltlicher Hoheit.
-- Aber wieso sagte ich nur eben, ich wre fr Dunkel? Magda ist doch
blond -- ja, deshalb liebte ich sie wohl auch nicht richtig! -- Iris
Runges elfenbeinernes Gesicht erschien ihm da und die trkisfarbenen
Augen im schwarzen Oval der Haare.

Zhle weiter, Benno, was giebt es noch?

Ach, der Frhling, Georg, einen deutschen Frhling, giebt es den
vielleicht in Italien oder in Indien! Wenn die Ebenen noch ganz grau
sind und ferne Wlder durchsichtig und kahl, und die Wolken gehen so
niedrig und langsam bers Land. Der Wind ist feucht, man riecht die
Erde, und irgendwo stehen schon Primeln ...

Ach, wohl, Benno, wohl, und ein deutsches hrenfeld, du sagtest es
schon! Diese Gelbe, und das lange Schwanken der glatten Mauer und
Lerchen im Sommersonntag und ganz ferne Glocken!

Und bist du einmal im Herbst ber Land gegangen, Georg --

Deutsche Herbstwlder, Benno, mein Gott ja, deutsche Herbstwlder
giebts auch in Griechenland nicht! Goldgelbes Birkenlaub in flammend
blauen Lften ...

Ja, und ich dachte eben an die Ebene. Im September, wenn die weien
Morgennebel alles rings verschlieen, und die Sonne bricht nun durch,
und auf einmal ist da eine glhende, weie, beleuchtete Hauswand, dann
siehst du das Dach, und nun die Kronen von Obstbumen, dunkelgrn,
triefend na, nun die roten Flecke der pfel, und am Zaun, der auf
einmal aus den weien Tchern kommt, lehnt vielleicht ein ganz blaues
Waschfa ...

Herbstkrftig, murmelte Georg und fuhr lauter, damit Benno ihn hren
knne, fort: herbstkrftig die gedmpfte Welt -- In warmem Golde
flieen ...

Ach, ja, Georg, und die Dichter, glaubst du denn, da je irgendwo die
Dichter so ihr Land ausgesaugt htten wie Eichendorff und Lenau, und wie
Claudius und George? Wie war doch das noch: >Im Morgentaun -- trittst du
hervor --<. Von George, ich wei es nicht mehr, du lasest es vor ...

Georg fuhr leise und seltsam schmerzlich fort:

   Den Kirschenflor
   Mit mir zu schaun.
   Duft einzuziehn
   Des Rasenbeetes ...
   Durch die Natur
   Noch nichts gediehn
   Von Frucht und Laub.
   Rings Blte nur ...
   Von Sden weht es ...

Benno, zu seinem Munde herabgebeugt, wiederholte voll Inbrunst: Von
Sden weht es ... Dann warf er sich mit einem Ruck hoch, trat weg und
setzte sich auf die Bank.

Ja, da sitzen wir nun im atlantischen Kanal in der Nacht und haben
Heimweh nach Deutschland. Wenn wir jetzt Wiener wren und an Wien
dchten, so wrden wir weinen, murmelte Georg. Aber im selben
Augenblick brach alles immer Unterdrckte mit einer solchen Wucht in ihm
los, da er aufsprang, den Holzpfeiler neben Benno mit beiden Fusten
packte und, die Stirn darangepret, chzte:

Verstehst du es denn, Benno, ja versteht es denn _ein_ Mensch, was das
heit, nicht mehr zu wissen, woher man kommt? Und ich, Benno, ich, der
immer so stolz war auf Ahnen und alle Vergangenheit und Zusammenhnge,
und da all das nun Lge war, Unsinn, gemeine, scheuliche, stinkende
Lge und Irrtum -- Er brach ab und schttelte sich.

Einen Augenblick spter sich wieder aufrichtend und Haltung nehmend,
trat er von Benno fort und lehnte sich mit dem Leib gegen die Brstung
und ber das Meer. Hinter sich wute er Benno, der so still in sich sa
vor Scheu und Ergriffenheit, da sich keine Muskel und keine Faser an
ihm bewegte. Und wiederum erschien da, abgewandt, hingehend, die
unsichtbare Gestalt Renates ...

Seltsam, seit wann ist das nur, da ich sie so sehe? fragte sich Georg.
Und woher gerade diese Bewegung an ihr? Es giebt ja wohl keine Stellung
oder Lage, keine Ttigkeit und keine Bewegung, in der ich sie nicht
getrumt htte -- woher nun diese? Als ob sie selber, indigniert, sich
von mir fortwendete, jedesmal, und davonginge. Habe ich sie totgetrumt?
fragte er sich erschrocken. Ja, ist mein Gefhl noch immer so stark wie
im Anfang? Ich glaube -- -- nicht ... Ach, Renate, Renate, warum stehe
ich denn hier ber dem finstern Atlant, kalten Gewssern und landfremden
Schiffen? Du bist es doch, die gilt, einzig gilt! Dich zu krnen, aus
den Sternen den Thron, fr dich, fr dich, das ist doch -- nun, wenn
nicht das Ziel selber, doch der Leib, in dem es sich irdisch darstellen
mu, um mglich zu werden. Nein, nun ertrage ich es nicht mehr. Dies ist
ja eine dergestalt menschliche Angelegenheit, da tatschlich nichts
weniger helfen kann als Fels und Meereswoge. Ich mu unter Menschen. Die
Maske mu probiert werden, das Herz angestoen werden auf reinen oder
unreinen Klang.

Wie ist es, Benno, sagte er, sich umwendend, wenn wir morgen fahren,
kann ich noch eben rechtzeitig zur Einschreibung ins Semester kommen.

Benno sprang auf.

Ja, sagte er, lang dastehend, aus tiefster Seele, ja, reisen wir!

Neben Georg tretend, legte er einen Arm um seine Schulter. Lange standen
sie so, der Raum fllte sich mit dem Brausen der Tiefen, schlfriger
dachte Georg an Deutschland, an Altenrepen und verlangend und
hoffnungsvoll an einen Garten, Orgel und Liebe.


                                 Magda

Renate sa spt am Abend an ihrem Schreibtisch, in ihrem Gedchtnisbuch
bltternd, um eine Eintragung zu machen; sie schlug, unschlssig, wie
beginnen, einige Seiten zurck und las das zuletzt Geschriebene.

                                              Helenenruh, am 20. April

Im Grunde bin ich doch froh, da ich hierhergekommen bin. Zwar kann ich
so gut wie nichts tun, aber sooft ich denke, ich sei berflssig, so mu
ich nur Magda ansehn und denke gleich, es kommt einmal der Augenblick,
wo sie zusammenbricht, und es ist niemand da, der sie bettet. Und nun,
wo auch Jason al Manach, der die ersten Tage nach meiner Ankunft nur
hei und stumpf umhersa, sich mit einer schweren Gehirnentzndung
hingelegt hat, so verbrennt sie ja in Mitleiden und Dienstbarkeit.
Seitdem herrscht tiefe Stille in Helenenruh, nur das Motorrad des
Doktors unterbricht das dumpfe Krankenzimmerschweigen, in dem wir
Frauen, die Domina und die Pflegerinnen, umhergleiten, und whrend
drauen der April grne Seiden ausbreitet und die schnen Farben
hineinstickt, lagert im Hause die bestndige Dmmerung verschlossener
Vorhnge oder des Nachtlichts und die schwere, dumpfe Luft.

Was war das doch fr ein anderes Helenenruh in Magdas Briefen! Soviel
Trauriges darin war, es war doch das Bogners und der kindlichen Magda,
die ich damals noch vor Augen hatte und nicht auslschen konnte trotz
dieser fremden Briefe. Dies aber, das ich hier gefunden habe, das wei
von alledem nichts; es sind nur Wege und Bume, ein Teich, die Wiesen
und die See, ein schnes Haus mit Slen und vielen Fenstern, und wenn
ich im Klaviersaal gespielt habe und am Fenster stehe und zum
Verwalterhause hinberblicke, die Vorfrhlingswolken ber dem Park sehe
und den Wind, der silbergraue Streifen ber die frisch ergrnte
Wiesenflche schleppt, so finde ich keine Spur von dem hier, was ich
hineingedacht habe, und ich sehe wohl ein, da wir alles fr uns allein
haben. Die Dinge bleiben sich gleich und lassen uns an sich vorber.

                                                             am 1. Mai

Chalybus hat sich langsam erholt und vor ein paar Tagen sein
Bett verlassen in Gestalt einer schiefen, vertrockneten und
zusammengekrmmten Steinzeitmumie. Gleich verlangte er Wein, und als der
ihm verweigert wurde, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Es scheint nichts
anderes brig zu bleiben, als ihm zu willfahren; der Arzt wenigstens
erklrt, es sei vorlufig nichts zu machen. Nun ist er bei einer
alltglichen Menge von drei bis fnf Flaschen Rotwein und verhlt sich
einigermaen still. -- Du arme Magda!

Jetzt beginnt nun auch Jason al Manach, dies fremde Wesen, auf der Bank
neben der Haustr zu sitzen, einer kmmerlichen, weien Kellerpflanze
hnlich und zuerst klagend, das Licht strze sich wie brennende
Vogelschwrme in seine Augen; aber das Brennen hrte auf, nicht nur
seine Augen, sondern auch Lungen und alle Adern sogen still, er genas.

Viel habe er berstanden, sagte er heut abend zu mir und Magda. Sie
stand in der Haustr nahe bei unserer Bank, ber den drei Stufen, ach,
so gebrechlich aussehend von der bermigen Anstrengung der Pflege, in
ihrem schlecht und lose sitzenden Hngekleid von Nessel, das Haar in
einem hellen Tuch, unter dem ihre Zge wie ausgewischt erschienen. --
Man knnte auch sagen, fgte er hinzu, er habe sich selbst berstanden,
und dann sagte er wieder einmal wie in seinen Delirien, aber mit ganz
verstndigem Ausdruck etwas sehr Sonderbares. Er habe ihn wohl gesehen,
den groen Grauen am Fuende seines Bettes; freundlich habe er ihn, den
kranken Jason, eingeladen, doch mit ihm zu gehn, aber er habe ihm ruhig
geantwortet, da er doch selber einsehn mte, es sei durchaus keine
Kunst, das Leben vermittels des Todes zu berwinden, allenfalls mit
Hlfe des Sterbens, womit er sich ja auch eingehend beschftige, aber
solange es nach ihm gehe, wolle er nicht vllig sterben, sondern
vielmehr so gesund wie mglich werden, und brigens glaube er schon
lngst nicht mehr berzeugt an die Existenz des vor ihm Stehenden, der
sich denn daraufhin auch achselzuckend entfernt habe. So gesund wie
mglich, wiederholte er bekrftigend -- er glaube, es wrde ihm noch
gelingen. -- Magda, schwach und todmde, begann leise zu weinen, es
dmmerte zwischen den Bumen, aus dem Heckengang quoll die Nacht, Jason
blickte gegen den hellen, herniederleuchtenden Himmel oben, wir hrten
hinter uns das kleine Weinen rinnen und gedachten des ewigen Lebens.

                                                             am 2. Mai

O, das sind garstige Dinge, die sich da zugetragen haben!

Schon lngst schien mirs eine fixe Idee von Ch. zu sein, da der Herzog
ihn tdlich beleidigt habe, da es ein Verbrechen von ihm, dem Ch.,
wre, nur einen Pfennig vom Herzog anzunehmen -- eine eigentmliche
Vernderung der Sachlage --, und da daher ihm und seiner Tochter nichts
anderes brig bleibe, als mit einer Drehorgel auf den Mrkten
umherzuziehn. -- Nun war er doch entlassen. Magda zeigte mir einen Brief
vom Herzog an Ch. vor einigen Tagen; darin nderte er einen ersten
Vorschlag an Ch., die Heilanstalt Frankenhhe aufzusuchen -- da er
mittlerweile vom Arzt erfahren hatte, da eine Kur vorderhand unmglich
sei --, in eine Rente nebst freiem Aufenthalt in Helenenruh, Magda
zuliebe, die ja so an H. hngt. Der Brief hatte einen frchterlichen
Wutausbruch ihres Vaters zur Folge, hinterdrein ein Schreiben an den
Herzog, das er insgeheim Jason diktierte, fr den er noch immer eine
schne Sympathie bewahrt. Darin standen Dinge, von deren Unwahrheit
Jason wohl berzeugt war, vielleicht auch ist sein Denkvermgen noch
immer etwas imaginr, jedenfalls gab er den Brief M., in meiner
Gegenwart. Magda las lange an dem Brief, schob ihn dann zu mir herber,
ohne das Gesicht zu verziehen, und sah auf den Tisch vor sich. So las
ich denn, da ihr Vater -- auf welche Weise war nicht zu erkennen --
Kenntnis erlangt hatte von einem nchtlichen Besuch des Prinzen in
Magdas Zimmer (im vergangenen Juli). Ob ihr Vater nun mehr dazu neigte,
die Ehe zu verlangen, oder ob er nur einen Erpressungsversuch machen
wollte, das war infolge des Jammergeredes, in das er alles wickelte,
nicht deutlich zu erkennen. -- Als ich endlich aufsehn mute vom Lesen,
fand ich Magdas Augen auf mich gerichtet, so erloschen und hart, da ich
mehr darin lesen mute als Abscheu vor ihrem Vater.

Im ersten Augenblick war ich so erschrocken -- -- Ich sah sie aufstehn
und das Zimmer verlassen, endlich brachte ichs fertig, ihr nachzugehn,
und im Park fand ich sie denn, wie sie wie eine Verlorene schwankend an
den Fliederbschen hinstreifte, und fhrte sie sanft ins Haus. Sie blieb
aber stumm -- und was ist auch zu sagen?

Es ist, als sollt es kein Ende nehmen mit den Lasten, die ihr
aufgebrdet werden. Sogar bereits berstandenes kommt nun wieder und
trifft sie von neuem und von einer anderen Seite. Gott mag wissen, was
er damit will.

                                                                6. Mai

Nun, dies wenigstens hat ein Ende, so ekelhaft es bis zur Neige war. Ich
will auch dies aufschreiben, um mich spter zu erinnern.

Jason schickte Ch.s Diktat an den Herzog mit ein paar Zeilen von ihm
selber, in denen er ihm khl vorlog, da Ch.s Verdchtigung
selbstverstndlich aus der Luft gegriffen sei.

Diesen Brief hat der Herzog mit dem von Ch. an seinen Sohn geschickt und
ist nach empfangener Antwort gestern hier eingetroffen. Ich sprach eine
halbe Stunde mit ihm und htt es gern lnger getan. Ich hielt ihn fr
einen ergrauten Mann in den Fnfzigern, aber nun ist er kaum
fnfundvierzig und sieht aus wie Ende Dreiig, ein wenig zu brtig, aber
khn, und ein Riese, wenn er sitzt. Ihn gehen zu sehn, ist freilich ein
Jammer. Georg also hat gelogen wie Jason, und somit hat der Herzog dem
Ch. einfach eine donnernde, ungeheure Standrede gehalten -- wir konnten
sie in allen Zimmern und bis in den Obstgarten hren -- und ihn
wahrhaftig damit niedergeschmettert. Das alte Vasallenempfinden hat
vielleicht auch mit geholfen, jedenfalls hat er sich geduckt und in
alles gewilligt. Der Herzog hat Magda sehr gestreichelt und gutherzig
bedauert, da zwischen ihr und seinem Sohne alles aus sei, denn er htte
sich gefreut und so weiter, und sie solle Helenenruh nur jetzt schon als
ihr Eigentum betrachten, erben wrde sie es sicher einmal, und der neue
Verwalter sei unverheiratet und knne vorderhand im Gestt wohnen.

brigens ist der Herzog ein Filou, denn als der Sandschneider, den er
selber kutschierte, den Heckengang hinunterrollte, stand ich gerade am
Goldregen und schnitt Dolden herunter, und er rief: Danae! da es
schallte, nickte, freute sich, hieb auf den Schimmel ein und jagte ums
Haus, da die Funken stoben.

                                                 12. Mai. (Altenrepen)

Nun hab ich mein Mdchen hier, zwar auch den Vater in Kauf nehmen
mssen, aber es ist gut so, und mich wird er nicht stren. Er hat nicht
in Helenenruh bleiben wollen, nun wohnen sie ganz in meiner Nhe. Leider
ist Jason al Manach auf der Reise hierher ihnen abhandengekommen.

                   *       *       *       *       *

Renate ergriff die Feder und schrieb:

                                                               18. Mai

Wieder acht Tage nicht zum Schreiben gekommen. Am Tage nach ihrer
Ankunft legte Magda sich mit Lungenentzndung; von der Pflege der
Andern, von aller eigenen Pein entkrftet, lag sie auf das schwerste
danieder, dies arme Herz weigerte sich, weiterzugehn, und sie begehrte
innig, zu sterben. Diese Gefahr ist nun vorber, gebe nur Gott, da es
endlich die letzte war!

So darf ich denn wieder anfangen, an mich selbst zu denken, denn der
gute Saint-Georges wartet schon lange ungeduldig mit seiner Geschichte
der Vereinigten Staaten, damit ich ihm die in englischer Sprache
geschriebenen Bcher deutsch vorlese; das wird eine schne und keine
leichte Arbeit werden.

Und Ulrika und Irene warten auf Musik. Josef, ob du merkst, da du
vermit wirst? Freilich mehr dein Cello als du, und dies ist leider
nicht unersetzlich wie du. Saint-Georges hat mir einen Cellisten
versprochen; er trgt den etwas verqueren Namen Sigurd Birnbaum und
studiert Medizin.

Wohlan, der Tag scheint gefllt!


                           Bei Saint-Georges

Renate, zur ersten Arbeitsstunde mit Saint-Georges fahrend, wurde
einigermaen verwirrt vom haushohen Anblick der roten Gefngnismauer an
der linken Seite der Freiherr-von-Stein-Strae, die sie sich freilich
anders vorgestellt hatte, als Georges ihr den Namen nannte, -- und
gleich darauf hielt der Wagen vor einem ihrer hlichen Huser aus rotem
oder gelbem Backstein -- trbe und schmutzig vom Ru der Fabriken --,
und dieses war gelb obendrein. -- Welch ein Gedanke, dachte sie,
gegenber vom Gefngnis zu wohnen! Aber pat er nicht irgendwie zu
meinem stillen Georges? -- Noch fiel ihr sein gelhmter Bruder ein, als
sie den schmalen Hausflur betrat, gleich umhllt von einem Schwaden von
Gerchen -- Kartoffeln, Kaffee, Kinder, alte Kleider. Dafr waren die
Wnde mit um so kstlicheren, freilich bereits abgeschabten und
zerbrckelten Malereien bedeckt -- eine Schneelandschaft mit Rehen sah
sie im Hindurchgehn. Die ausgetretene Treppe hinansteigend, fing ihr
denn doch einigermaen zu bangen an vor der mglichen rmlichkeit seines
Zimmers, und indem las sie auf der rechten von zwei gelbbraunen, im
Winkel zusammenstoenden Tren seinen Namen auf einer Besuchskarte, die
an einem Reinagel hing -- auch das wenig versprechend --, und darunter
war eine Porzellanklingel mit grlich hart aussehendem schwarzen Knopf.
Das war er auch, als sie darauf drckte, wobei er mit zhem Widerstreben
einen Ton aufspringen lie, klanglos wie eine Greisenstimme, dann aber,
beim Loslassen ihres Fingers, noch einen, als sagte er: Da! Bist du nun
zufrieden? -- Renate hatte whrend des Wartens das peinliche Gefhl,
einen leibhaftigen Adamsapfel mit dem Daumen eingedrckt zu haben, was
sie ein wenig wieder erheiterte.

Nun kamen eilige Schritte auf weichen Socken oder Filzschuhen, und in
der Tr wurde -- zu ihrer neuen, aber ganz angenehmen berraschung --
statt des erwarteten Dienstmdchens der graue Kopf eines freundlichen
und listigen alten Mannes sichtbar, der auf ihr Herr Saint-Georges
erwartet mich! in den engen und dunklen Gang deutend, sagte: Bitt
schn, die Glastr zum Herrn Doktor! und lchelnd zur Seite trat. Sie
ging auf den Schimmer in der linken Wand zu, an einem Gaszhler, einem
Kleiderschrank und einer Kommode mit zwei Petroleumlampen vorber und
zauderte vor dem Arabeskenwerk von Milchglas, das die Scheiben bedeckte,
weiter oben in klares verlaufend. Dann, mit Entschlu, hob sie sich ein
wenig auf den Zehen und sphte hindurch.

Es war -- erfreulich zu bemerken -- ein sehr groer Raum, der sich
langhin quer vor ihr erstreckte; sie selber stand in der Mitte der
langen Wand, den vier Fenstern gegenber, durch deren Gardinen sie noch
eben die Bekrnung der roten Mauer und weiter zurck die vergitterten
Quadrate einiger Gebude mit flachen, grasbewachsenen Dchern gewahren
konnte. -- Kaum, dachte Renate, bin ich beim Gefngnis, benehme ich mich
wie ein Spitzbube, -- und brachte die Augen getrost nher ans Glas, sich
trstend, das Zimmer sei leer. -- Im Gegenteil aber sa am Fenster ganz
links ein junger, blonder Mensch mit sehr zartem, rosigem Gesicht, ein
wenig spitzem Kinn und flachen, hellen Augen, die hinausblickten, in
einem Lehnstuhl, die Beine unter einer Decke. -- Das war sein Bruder; am
Gesicht wre die Gelhmtheit zu sehen gewesen, wenn Stuhl und Decke
nicht von ihr gesprochen htten. -- Da sah sie ziemlich in der Mitte des
Zimmers rechts, ihr den Rcken zuwendend, eine junge Dame sitzen, so
hbsch angezogen, da sie nher zusah. Ei das war reizend: ein kleiner
grner Strohhut mit langen dunkelgrnen Seidenbndern, die im Bogen tief
herunterhingen; der Kleidrock wie die halblangen, spitzdtig
auslaufenden rmel war wei -- Piqueeleinen augenscheinlich --, die
Taille aber, die Brust, Rcken und noch die Hften fest und schlicht
anliegend umschlo -- war aus einem buntgeblmten Stoff -- Rot, Gelb und
ein wenig Grn auf mattblauem Grunde. Sie hatte ein Bein ber das andere
gelegt, die Hnde im Scho, weie Schuhe und Strmpfe, -- und nun wandte
sie auch das Gesicht nach links hinber, so da ihr Profil, zart mit
vorgewlbter Oberlippe und dunklen Augen sichtbar wurde. Die Lippe
bewegte sich, sie sprach. Aber dorthin, wohin sie zu sprechen schien,
war fr Renate nichts zu sehn, sondern nur noch eine braune Tr mit
Giebel an der linken Querwand. -- Wieder rechts hinber schweifend,
schon die Hand auf der Klinke, sah Renate noch einen groen,
dunkelhaarigen Menschen, der sich quer ber einen langen,
schreibtischartigen Tisch vor der rechten Wand beugte, um aus einer
Reihe von dastehenden Bchern eines herauszulsen.

Renate wunderte sich, wer alles da zusammen war, und trat ein.

Gleich sah sie in der Buchtung eines alten, braunen Flgels zur Linken
Saint-Georges selber stehen, der nun auf sie zukam. Die junge Dame stand
auf und hatte ganz runde braune Augen. Der Mensch am Schreibtisch drehte
sich um und zeigte ihr ein langes, schnes Gesicht mit dunklen, ein
wenig schwermtigen Augen. Alle Wnde waren bis zur Decke, auch die
Zwischenrume der Fenster mit Bcherreihen bedeckt.

Guten Tag, Georges, sagte sie.

Er stellte ohne weitere Verlegenheit seine Gste vor: Frulein Cornelia
Ring und der Student Sigurd --

Renate hrte vor berraschung beim Namen der Cornelia den zweiten Namen
nicht mehr. Eilfertig im Unterbewutsein suchend -- denn bewut hatte
sie sich bestimmt keine Vorstellung von ihr gemacht -- fand sie irgend
etwas Bleiches, Stolzes, Einsames, -- nun diese muntere Bereitwilligkeit
der rundesten Augen von der Welt ...?

Aber wie mich das freut! sagte sie, ihre Hand ergreifend. Josefs
Freundin, nicht wahr?

Die errtete lchelnd und sagte nichts. Indessen war Renate inne
geworden, da der schne jdische Mensch Saint-Georges' neuer
Cellospieler sein mute, und reichte auch ihm die Hand, die er mit
linkischer Verbeugung ergriff. Mund und Kinn waren voll und weich, die
Stirn hoch und rein unter buschigem, schwarzem Haar, die Nase ein
langer, im oberen Stck heruntergebogener Haken, die gerteten
Backenknochen standen ein wenig vor. -- O, der gefiel ihr! Und wie fest
und warm seine Hand war!

Und hier ist mein kleiner Bruder, sagte Saint-Georges.

Rasch hinbergehend, beugte sie sich zu ihm und fand ihn so rhrend in
seinem flammenden Rotwerden -- das, da er keine Hand bewegen konnte,
alles sagen und geben mute --, da sie ihn auf die Stirn kte, worauf
er ganz erschreckt O danke! sagte.

Der Schreibtisch war nichts als eine lange fichtene Platte auf Bcken
voller Papiere und Bcher. Daneben war noch eine braune Tr, und in der
Ecke dahinter stand ein altes, rotes Plschsofa vor einem ovalen Tisch
und hnlichen Sesseln; aber ein sehr schner trkischer Schal, ein
Longschal mit schwarzer Mitte, ein Erbstck, hing ber dem Tisch.

Sie sei eben recht gekommen, um zu helfen, sagte Saint-Georges zu
Renate, nachdem sie abgelegt hatte und im Sofa sa, die Cornelia im
Stuhl neben sich, whrend Sigurd Birnbaum sich an dem Bcherstreifen
neben dem Schreibtisch zu schaffen machte. -- Ja, Frulein Ring suche
eine Anstellung, erklrte Saint-Georges, vor den Beiden stehend, weiter,
aber bisher habe selbst Sigurd nichts gefunden. Sigurd nmlich wisse Rat
fr alles. -- Sigurd hingegen verfinsterte sich und murmelte wegwerfend
nach den Fenstern zu, er wisse gar nichts. Gar nichts!

Sie tun immer so, grollte er, als ob Gottweiwas an mir wre, und
dabei bin ich -- bin ich -- Er schlo, augenscheinlich keinen Grad der
Niedrigkeit findend, mit einer verchtlichen Handbewegung und stellte
sich an die Bcherwand, trotzig.

Wie man alten Schweinslederbnden neuen Glanz verleiht, sagte
Saint-Georges lchelnd, wie und wo man einen vor fnf Jahren in einer
vllig vergessenen Zeitschrift gelesenen Aufsatz ber den Anteil des
rumnischen Bauern an der Weltwirtschaft wiederfindet, -- wie man fr
einen aus Sibirien entsprungenen politischen Verbrecher Geld, Psse und
Gnner in Amerika findet -- -- und so weiter, nicht wahr, Sigurd?

Der mute wider Willen lachen, gebrdete sich aber ergrimmt.

Und Sie suchen eine Anstellung? fragte Renate Cornelia. Ja, was
knnen Sie denn Gutes?

Gar nichts! lachte sie munter, das ists ja eben. Alles, was ich
gelernt habe, war Singen -- bis mein letzter Lehrer mir die Stimme
verdarb. Und da -- sie verstummte.

-- kam Josef, ergnzte Renate im stillen, indem sie Wie traurig!
sagte. Wie gut, dachte sie, knnte sie zu uns ins Haus kommen und mir
helfen, allein -- das wrde sie selber nicht wollen, das selbe Haus in
Josefs Abwesenheit betreten, das ihr, als er da war, nicht offen stand.
Aber, als habe etwas aus diesen Gedanken den Weg zu Cornelia gefunden,
sagte sie jetzt mit scherzender Betrbtheit: dann knnte sie ja Kchin
werden ...

Die Kochkunst, sagte Saint-Georges, darf niemand verachten. Wo haben
Sie gelernt?

In Budapest.

Glnzend! Die besten Mehlspeisen in Bhmen, die besten Fleischgerichte
in Ungarn. Wer mit Liebe und Ehrfurcht kocht, erhebt diese Verrichtung
zu einer wahren Kunst, wie auch alle anderen nur dadurch zu einer
werden.

Aber fr wen kocht man mit Liebe? meinte sie klglich.

Sigurd bemerkte schlechtweg:

Fr Bogner, nicht wahr? Der sucht doch eine Haushlterin.

Saint-Georges staunte.

Ich habe doch gesagt, Sigurd, du wrdest es wissen. Bogner -- wandte
er sich an Renate, die eben dabei war, sich hastig den Kopf zu
zerbrechen mit der Frage, ob sie wohl auch mit Andacht und Liebe fr ihn
kochen knnte, -- Bogner hat ein einsames Haus an einem unbekannten
Waldrand gemietet und sucht eine Vertrauensperson, die ihn pflegt, denn
die es zuletzt tat, ist vor kurzem selig geworden. Abgemacht,
Verehrteste, Sie gehen zu Bogner. Sie wissen doch, wer das ist?

O -- ob ich will? sagte sie aufstehend hei und wie es schien
ergriffen. Ja -- o ich kenne ihn! Aber -- glauben Sie denn, da er
will?

Welche Frage! Wenn ich Sie bringe. Er hat mich doch beauftragt.

Dann ists gut, sagte sie fromm und bereit, nahm ein Paar langer
Schwedenhandschuhe von der Tischdecke und streckte Renate die Hand hin,
sich entschuldigend, da sie gestrt habe. Renate, innerlich schwach,
uerlich mit Nachdruck Auf Wiedersehn! wnschend, bedauerte sehr, da
sie ging. Wie leicht ihr Gang war! --

Saint-Georges, der sie hinausgeleitete, blieb eine Weile aus; so
benutzte sie die Gelegenheit, gleich auf ihren Quartettenplan zu stoen
und Sigurd zu fragen, ob er in ihr Haus zum Spielen kommen wollte.
Allein Sigurd lehnte vllig ab. Das sei ganz ausgeschlossen, denn er
knne nicht das geringste. Er sei ein Stmper, behauptete er, den Kopf
gesenkt, mit den Fen bemht, den umgeschlagenen Rand eines grauen
Lufers mit roter Kante zu gltten, der seiner Lnge nach am Boden durch
das Zimmer gespannt war.

Ablenkend fragte Renate zu dem Gelhmten hinber, sein Bruder laufe beim
Arbeiten wohl fleiig auf und ab, da er diesen Lufer hergelegt habe?
-- Der Gelhmte lachte nur heiser zur Antwort, Sigurd aber bemerkte
lchelnd, der Lufer sei doch seine Erfindung! Der Fuboden wre ganz
wei abgelaufen darunter.

Sie studieren Medizin?

Ja -- leider, erwiderte er mit tiefem Ernst.

Warum sagen Sie leider?

Ganz dster versetzte er: Weil mir als Juden doch die besten Wege
verlegt sind. Ich meine natrlich nicht, fuhr er hochmtig fort, da
ich nicht ordentlicher Professor werden kann, sondern da mir die
technischen Hlfsmittel verschlossen bleiben, die mit solchen Stellen
verbunden sind. Und ich bin solch ein kraftloser Mensch ...

Renate, ganz unwirsch von soviel Erniedrigung, war froh, Saint-Georges
wieder im Zimmer zu sehen, der lchelnd dastand, gegen Sigurd blickend,
die Finger in den Westentaschen. Ernst werdend, sagte er dann zu Renate:

Wir kamen frher schon berein, Sigurd und ich, da alle Juden sollten
umgebracht werden. Und schon rief Sigurd erzrnt:

Sogar die Russen sind vornehmer, tun wenigstens wie Herren, behandeln
den Juden als Sklaven und schlagen ihn tot zum Zeitvertreib. Dies aber,
dies ist das Verruchte, dies Geltenlassen und Verachten, da wir
herumgehen wie in einem Labyrinth schmaler Mauergnge, abgeschlossen,
aber nicht ausgeschlossen, beklebt von oben bis unten mit Erlaubnissen
und Verboten, und die Tren stehen uns alle offen, aber kein einziges
Herz.

Renate hatte sich auf das Sofa gesetzt, aber er vermied ihren Blick.

Ja, Saint-Georges, was ist da zu sagen? fragte sie.

Ich, brach Sigurd los, nicht ohne Pathos: ich will nichts sagen, ich
will was leisten, mich einsetzen, dazu ist mein Volk das nchste; ich
will kmpfen und mich ereifern, solange ich jung bin. Ich kann nicht die
Achseln zucken und mein Schicksal anerkennen, kann auch nicht jdische
Witze reien in christlicher Gesellschaft. Sie, gndiges Frulein,
kommen doch aus einem Pfarrhaus, und da knnen Sie mir vielleicht sagen,
ob Ihr Christus, den ich gewi so gut zu lieben verstehe wie Sie, ob er
die Silbe anti gekannt hat? Und wenn er sie gekannt hat, ob nicht etwa
sein ganzes Leben und Sterben darin bestanden hat, sie auszurotten? Sie
haben doch recht behalten, die unten standen und schrien: Dein Blut
komme ber uns!

Sein Blut doch nicht, sagte Renate begtigend und mit innerem Lcheln,
denn von seiner grad eben betonten Kraftlosigkeit schien in diesem
Augenblicke keine Spur vorhanden.

Verchtlich erwiderte er: Freilich, er hat ja vergeben -- was das schon
hilft! und setzte sich auf den Stuhl, der hinter ihm stand.

Jetzt sah Renate, da er den linken Arm auf die Tischplatte legte, diese
groe, prachtvolle Hand, die wie ein sicherer Bergsteiger vom Halse des
Cellos zur Brust nieder und wieder aufwrts klettern mute, und sie
winkte Saint-Georges mit den Augen zu ihr hin. Der sah sie an und sagte
langsam:

Ja, das ist Gideons Hand, die Hand der Makkaber, Salomos Hand war
nicht anders, sie wei noch von davidischen Harfengriffen, und es ist
eines Fischers Haus, und Saulus erhob sie bei Damaskus. Es ist eine gute
Hand, und warum sollte Christus eine andere gehabt haben?

Sigurd errtete und schnob grimmig, die wren Alle hin, und Christus am
lngsten tot. Taten mten geschehen, htte er in einem neuen Buche
gelesen, und er zog ein Zeitungsblatt aus seinen mit Broschren
vollgepfropften Taschen, warf es auf den Tisch und sagte:

Da hat wieder einer eine Umfrage losgelassen, woher es denn nun
eigentlich kme, da kein Mensch uns leiden knnte, und er fat alles
ber uns gut und glatt und schonungslos zusammen, ich knnts nicht
besser, und meint ihr, wir wten selber nicht, wo's uns fehlt? Und das
natrlich steht auch drin, da, wo ein Arier gemein handelt, er, wo ein
Jude gemein handelt, die ganze Rasse verdorben und schuld dran ist. Gott
im Himmel, was haben wir denn gegen euch, warum streuen wir denn Gift
aus, wie kommen wir denn dazu, will denn nicht jeder am liebsten in
Frieden leben, wenn man ihn nur lt? Wir sind doch nur da und wollen
leben, nur die schmhlichste Achtung haben, warum mu denn immer auf uns
herumgetreten werden, seid ihr denn besser? Freilich, ohne Sklaven gings
nirgends, der Amerikaner hat noch immer seinen Neger, und ihr habt euren
Juden.

Er sprang auf und stellte sich an seinen Bcherstreif, um daran zu
zerren. Das Buch, das er in die Hand bekam, schlug er auf, bltterte,
schlugs wieder zu und bohrte es vorsichtig, die unteren Ecken voran,
hinein. berdem klopfte es.

Renate hatte bereits vor Sekunden die Flurglocke gehrt und wunderte
sich, wer nun erscheinen wrde. Was hereinkam, war eine liebliche kleine
Chinesin -- Renate htte es auf den ersten Blick geschworen -- in einem
schwarzwei gestreiften Kleide von leichter Halbseide, einen groen,
flachen, schwarzen Strohhut in der Hand. Ja -- ganz eifrmig war das
kleine, dunkelhutige Gesicht; die nach hinten gekmmten,
glattschwarzen, glnzenden Haare waren zu einem kunstvollen,
chinesischen Bau getrmt, in dem etwas Silbernes steckte; ganz klein und
lackrot war der Mund; die Augen, geschlitzt, funkelten schwarzbraun im
Lcheln, wie sie knickste und vorwrts getrippelt kam und, wieder
lchelnd, stehen blieb. Und doch lag wieder ein deutlicher Hauch von
Europa ber dem Ganzen, der das Befremdliche lieblich vertuschte und
verste. -- Richtig: das waren die Brauen; sie schienen, so dnn und
fein sie gezogen waren, doch nicht chinesisch gefhrt.

Sieh da, Esther! sagte Saint-Georges und zu Renate: Das ist Sigurds
kleine Schwester.

Esther sah ein wenig schchtern aus glitzernden Augen zu Renates Gre
auf, whrend sie ihr die Hand gab.

Ach, entschuldigen Sie nur, sagte sie ganz deutsch, ich wollte nur --
ich dachte, du kmest mit spazieren. Bitte, entschuldigen Sie vielmals.

Sigurd, noch mit dem Hineinstecken seines Buches beschftigt, nickte und
murmelte, er komme.

Du wirst doch noch mal Bibliothekar, Sigurd! sagte sie trumerisch und
lachte. -- Saint-Georges, whrend Renate lchelnd bekrftigte, das wre
ja ein Ausweg, meinte auch: gewi, in eine Bibliothek vergraben brauchte
er sich um nichts zu bekmmern.

Und nun macht, da ihr fortkommt! Jetzt mssen wir arbeiten! rief er.

Esther knickste gleich und ging zur Tr. Renate konnte es nicht lassen,
zu Sigurd, als er ihr die Hand gab, bittend zu sagen, er werde doch
einmal kommen, versuchsweise, -- und nun versicherte er errtend und
bereitwillig, ja, sehr gern, auerordentlich gern. Dann waren sie Beide
drauen.

Nein, woher kommt dieser Tapfere? fragte Renate gleich. Und diese
Chinesin? Ach, die ist ja zu reizend! Georges, die mssen Sie mir
bringen.

Zuerst, sagte Saint-Georges, mu ich um Entschuldigung bitten wegen
der Besucher. Allerdings kam nur Cornelia unerwartet; Sigurd lie ich
selber holen, einesteils damit er helfe, andernteils weil er Ihnen auf
diese Weise am einfachsten gegenbergestellt wurde, denn in Ihr Haus
htte ich ihn schwerlich bekommen. Wie gefllt er Ihnen?

Sehr gut, Georges! Aber wie ist er sonderbar! Und von Ihrem Lufer
sagte er, er htte ihn hingelegt. Und warum holt er immer Bcher heraus
und --

Das ist wieder ganz Sigurd, lachte er. Unseren alten Lufer, Jrgen,
rief er zu seinem Bruder hinber, den schon mein Vater abzulaufen
angefangen hat, den hat er hingelegt!

Ja, lgt er denn?

O niemals, Renate! Er ist nur immer gleich so bei jeder Sache, da es
ihm scheint, sie stamme von ihm her. Er ist ganz wundervoll. Wenn man
ein Mensch ist, der Plne hat, Aussichten in die Zukunft, kann man keine
bessere Sttze finden als ihn. Was man ihm sagt -- Dinge, die einem
selber vielleicht noch unklar sind --, davon lt er sich mit seinem
guten Herzen und hellem Geist augenblicks dergestalt durchflammen, als
wr es sein Eigentum, als habe er nichts getan, als eben diese Sache von
Grund aus zu treiben, und kommt man drei Tage spter und sagt: Sigurd,
das war alles Unsinn, was ich neulich geredet habe, die Sache sieht
vielmehr so aus, dann ist er wieder vllig derselben Meinung, gnzlich
als habe er das erstemal keine andere als die zweite Meinung verfochten.
Ja, schlpfrig ist er schon, fassen lt er sich nirgend, aber welches
Juwel! Sein ganzes Dasein scheint nur darauf gestellt, Andern zu helfen.
-- Ja, was ist denn? brach er ab, trat ans Fenster und ffnete, indem
er sagte: Es hat gepfiffen.

Sich hinauslehnend, bemerkte er zurck: Es ist Esther! Renate hrte
ihn dann nach drauen sprechen und lachen, ohne die Worte zu verstehen.
Dann schlo er das Fenster wieder, lchelte hocherfreut und sagte:

Da haben wir ihn wieder. Esther sagt: vor ihrer Haustr -- sie wohnen
gleich hinter der Ecke -- habe Sigurd erklrt, er htte noch eine
Postkarte zu schreiben. Sie habe dann gewartet, er aber kam nicht, und
wie sie endlich zu ihm ins Zimmer geht, sitzt er und liest, und dann
schmollt er und behauptet, wir htten Alle gesagt, er wre ein Trottel.

Was?

Nmlich, weil wir gesagt haben, er mte Bibliothekar werden, denn alle
Bibliothekare wren Trottel und ergo -- -- ja, das ist Sigurd! Ein
eirundes Kind mit einem Goldfasan innen!

Ich glaube, Georges, zum Arbeiten kommen wir heut doch nicht. Da
erzhlen Sie lieber noch von ihm!

Ja, beim erstenmal pflegt das so zu sein, meinte Saint-Georges
gelassen und setzte sich vor den Schreibtisch, Renate zugewandt.

Er ist Balte, begann er dann, sein Vater ist tot, von seiner Mutter
lt sich seit langen Jahren nur sagen, da sie >noch lebt<. In ihrer
Jugend hat sie einen jungen Menschen geliebt, den sie wegen
beiderseitiger Armut nicht heiraten konnte. Dann besorgte sie ein paar
Jahre einem alten und sehr reichen, verwitweten Verwandten das Haus, bis
er starb, beerbte ihn und heiratete nun ihren Jugendgeliebten. Der Vater
war nach Sigurds Beschreibung der edelste, wahrhaftigste Mensch, aber er
verstand nichts vom Gelde, machte Konkurs und scho sich leider tot.
Seitdem ist die Mutter so wunderlich. Aus der Masse kam dann doch noch
genug zum Vorschein, da die Drei kmmerlich leben knnen, wenigstens
bis Sigurd selber verdient.

Was mag aus ihm werden? fragte Renate nachdenklich.

Ich hoffe, das, was er vor hat, ein Kinderarzt und ein guter. Er ist
ein Mensch mit natrlicher Anlage, sich aufzuopfern. Sie haben wohl auch
seine Sucht bemerkt, sich herabzusetzen.

Freilich! und er sagte, alle Wege wren ihm verschlossen.
Saint-Georges lachte herzlich. Wegen seines Judentums, nicht wahr? --
Aber das ist seine Jnglingsmelancholie, die sich bei Andern in
Weltschmerz oder in Weltwonne zu uern pflegt, bei ihm in
Selbstverachtung. Seine Tchtigkeit, sein praktischer Blick, seine
Arbeitskraft stehen auer Frage, und den Ausnahmen im Lande, wie er eine
ist, haben noch immer alle Wege offen gestanden, auer dem in den
Staatsdienst, den er sicher nicht gehen wird, -- um so besser. Sein Kopf
ist ebenso greisenalt wie sein Gemt knabenjung. Da sieht er aus wie ein
verbannter Erzengel und kommt sich vermutlich so abstoend vor wie
Beelzebub. Wer ihn drei Tage lang kennt, liebt ihn, er aber bejammert
seine Unbrauchbarkeit und Niedrigkeit. Eher erschrecken knnte man
schon, wenn er schwrt -- in seinen trbsten Stunden tut ers --, er
wrde irrsinnig, weil seine Mutter -- und so weiter. Nun, man mu ihn
reden lassen und warten, da er lter wird. Gott erhalte ihm nur den
Knaben im Herzen. -- Heute ist der Zionismus seine Leidenschaft, weniger
aus berzeugung, da die Rckkehr nach Zion die einzige Rettung sei, als
um seiner selbst willen: um was tun zu knnen.

Renate schwieg in Gedanken, hrte ihn nach einer Weile fragen, ob es ihr
recht wre, anzufangen, nickte und hatte gleich darauf ein englisches
Buch in der Hand, whrend sie Saint-Georges drben am Schreibtisch sich
zurechtsetzen sah, um seine Notizen zu machen.


                             Balto-Borussia

Georg, nicht unfroh unterm Absingen des schnen Liedes von der >_aura
academia_<, sa auf der Gartenterrasse des Baltenpreuenhauses bei
seinem Pflichtbesuch.

Die vielen Verse des Liedes lieen ihm Mue, umher- und alles anzusehn.
Es dmmerte bereits; zum Erstaunen geschmackvolle, schn geformte und
zartfarbene Japanlampions schwebten in der dunklen Luft. Grne Grten in
allen Tiefen schauerten angenehm im Sommeratem, wenn es still war in den
Pausen des Gesangs; dahinter waren die roten, festungsartigen Mauern der
Papierfabrik dunkel zu gewahren. Georgs Blick kehrte zurck und
schweifte ber die kleine Tafel mit ihren Gsten in kornblumenblauen
Alltagszerevisen von Mtzenstoff und Pekeschen, deren Blau infolge der
Gre heller schien als das der Mtzen, indem er bedachte: wie nett, da
es so Wenige sind, und die Wenigen obendrein so nett, wie es scheint.
Besonders sein Gegenber war ihm herzerfreuend, wie er dasa, gut
mittelgro, eingepret den rundlichen Leib in die zartgrne
Einjhrigenuniform der schweren Jger mit hohem und engem, grnem
Kragen, voll- und rotbckig, die linke Wange leider von Narben zerfetzt,
freundlich umherglnzenden Auges hinterm ungerandeten Kneifer, die Stirn
mchtig gewlbt und gebuckelt unterm geschorenen Schdel, -- im ganzen
nicht nur lter und gesetzter, sondern durchaus anders scheinend als die
brigen, fast fremdartig, aber nicht ohne Behagen in sich selbst
beschlossen und fr sich allein bei aller Teilnahme. Beim Vorstellen
hatte er nur Schwalbe gesagt, doch gehrte er vermutlich zu den
kurlndischen Freiherren, die mit den Keyserlings verwandt waren, von
denen wieder Georgs Fuchsmajor bei den Schwaben und -- vor allem -- der
Dichter abstammte; ein trstlicher Gedanke. Der Prses neben Georg,
zufllig auch Korpssenior, Graf Ellerau, sah in seiner gewaltigen Gre
und Breite, dunkelhaarig und kleinugig, gutmtig und ein wenig
schlfrig aus, dagegen unten am Fuchsmajorat der kleine, kaffeebraune
portugiesische Marquis, der aufs Haar einem seltenen Azteken glich,
mifiel Georg. Beim Vorstellen hatte er blo gegurgelt. Was kann er den
Fchsen beibringen, wenn er kein Deutsch redet? Ja, etwas schien er
ihnen beizubringen: er schenkte ihnen Allasch aus einer Kruke in jedes
Bierglas, -- was doch wohl nur dazu dienen konnte, da sie sich bten,
bei frher Betrunkenheit sich lieblich aufzufhren, -- eine wahre
Hundsftterei. -- Reizend, was so die Auslnder bei uns lernen! -- Georg
bedauerte die drei Fchse, besonders die bermig langen und dnnen
Zwillinge Rotenhahn -- seltsam vergoldet von literarischen Erinnerungen
-- mit ununterscheidbaren, eben handgroen, blassen Gesichtern, ber
denen die kleinen, blauen Mtzendeckel schwebten. Der dritte Fuchs war
belanglos, klein und schwrzlich. -- Unangenehm waren die Glser, aus
denen ein scheuliches dnnes Biergemisch getrunken wurde, weil wenig
ber faustgro: Georg, an seinen Mnchener Makrug gewhnt, glaubte
mindestens schon zehn verschluckt zu haben in kaum mehr Minuten, allein,
wie er bemerkte, war es Sitte, berhaupt nur Ganze zu trinken ...

Indem hob Georgs Nachbar zur Rechten, der Nordeck hie und bei
erstaunlich langer Nase und blassen, ein wenig idiotenhaften Zgen,
blondes, zierlich gekruseltes Haar trug, sein Glas und trank Georg zu,
der, mitkommend, das seine gegen jenen, merkwrdigerweise
pockennarbigen, finster und vereinsamt wie ein Anarchist aussehenden
Grafen Tastozzi schwang: bers Kreuz vor, Graf, mit Ihrer Erlaubnis!
Der errtete heftig, ergriff tastend sein Glas und trank mit. -- Der
Diener kam, beide Hnde voll gefllter Glser, und Georg bemerkte, da
er jedem immer gleich mehrere hinsetzte, praktisch unleugbar -- fr ihn,
weniger fr das ohnehin schale Bier; jedoch gehrte vielleicht auch dies
zur Erziehung.

Ja, wenn nicht das Trinken wre, seufzte Georg, knnte es ja reizend
sein. Ich bin doch berrascht ...

Der Prsidenspeer knallte auf der Tischplatte. Schnes Lied ist aus,
ein Schmollis den Sngern! Prost Markwis! rief der Senior stehend,
schttete den Inhalt seines Glases hinunter und setzte sich. Georg
beugte sich zu dem Freiherrn gegenber: ob er nicht Balte sei ...

Ich bin Balte, wiederholte der, schnell und fest, bereitwillig sich
zusammenraffend und die Arme auf den Tisch legend. Nein, danke, wehrte
er Georgs Zigarettendose ab, ich rauche nur, wenn ich mich langweile.
-- Recht behaglich klang sein nicht allzubreites Ostpreuisch mit leicht
zungengeschlagenem R-Laut. Er hatte die Gewohnheit, die Augen hinter dem
Kneifer niederzuschlagen, sobald er sprach.

Und sind mit den Keyserlings verwandt?

Ich bin mit Keyserlings verwandt, allerdings, aber mit welchen meinen
Durchlaucht? Mit Ihrem Keyserling bin ich _nicht_ verwandt, betonte er
lchelnd mit tippendem Zeigefinger.

Ich dachte an den Dichter.

Mit dem Dichter bin ich verwandt, jawohl, bekrftigte er, den Kopf
vorwrts drckend, whrend Graf Ellerau ihm die Hand auf die Schulter
legte und nicht unfreundlich sagte:

Unser Schwalbe ist selbst Dichter. Er macht schne Verse. Ja, wir sind
solch ein sthetenklub. Die Zwillinge sollen auch dichten insgeheim; sie
schwrmen fr alle schnen Knste, besonders Malerei, glaub ich. Wie
ists, Fchse, Erwin! Emil! Prost! Fr welche Kunst schwrmt ihr grade?

Die verdonnerten Fuxen griffen nach ihren Glsern und schwiegen. Georg
sagte, um die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken, in das Gelchter der
Andern:

Das ist ja aber erstaunlich! Sie machen Verse -- und Sie lesen sie
womglich?

Ab und zu, gestand der Senior lchelnd ein. Ein gutes Buch hin und
wieder ist man doch schon seiner Gesundheit schuldig. Schwalbe lie
seine Augen standhaft und freundlich in Georgs. Es zuckt mir manchmal
geradezu in den Fingern nach Seitenblttern -- wie's einem im Herbst
drin zuckt, wenn die Krickente streicht, nach dem Abzug.

Der gekruselte Nordeck, ein mchtiges, tiefes und hohles Gelchter
herausschttend, sagte breit altenrepenisch: Ja, man bodet ja auch alle
vierzehn Toge! Ihr Wohl, hohoho, Durchlaucht, ich gestatte mir.

Georg trank. Unser Keyserling, wandte er sich dann wieder zu Schwalbe
hinber, pflegte gern von zu Haus zu erzhlen. Sagen Sie, ist das wahr:
er behauptete, er htte, bevor er zu uns kam, nie einen Buchenwald
gesehen.

Ja! Schwalbe setzte sich wieder in Anteil und Bewegung, das ist wahr.
Als ich selber zuerst einen Buchenwald sah, dachte ich, ich kme in
einen Palmenhain. Es jiebt ke--ine Buchen bi uns.

Was dann? Fichten? Nadelholz?

Jawohl; Fichten. Vor allem aber -- Birken. Und die Birken wachsen nicht
wie hier, in Trupps und kaum mehr als armdick. Bei uns sind es janze
Wldchen, aber die Stmme stehen janz ver--e--inzelt, doch wie die
E--ichen, und der Bo--den ist Wiese und daher janz mit Blumen bedckt.

Ah! Georg sah lebhaft die einzelnen, weien Sulenstmme mit grnem
Laubgeschleier vorm Himmelsblau und unterhalb einen Teppich buntfarbener
Anemonen. Das mu ja beinah -- arkadisch aussehen.

Stellen Sie sich Orkodien so vor, Durchlaucht? schttelte der blonde
Nordeck mit seinem unmigen Gelchter heraus. Der Tastozzi drben
lchelte gezwungen mit; Georg entschlo sich, ihm definitiv zu kommen,
was ihn wieder sehr zu erschrecken schien, und Georg gewann ihn fast
gern dadurch.

Ach, deine Sicherheit! durchzuckte es ihn beim Trinken jhlings. Er
stellte mit innerlichem Achselzucken sein Glas hin. Ich bin, der ich je
war, stellte er fest und bi die Zhne zusammen.

Da er nun den Prsiden mit dem Korpsdiener flstern und die Worte
telephoniert haben sowie einige Namen, darunter Schley, zu verstehen
glaubte, wandte er sich an Ellerau mit der Frage, ob etwa seinetwegen
etwas vorgehe -- womglich die Alten Herren behelligt wrden --, und
Ellerau wehrte verlegen ab. In der Tat, die Nachricht von Georgs
Erscheinen sei erst so spt gekommen, -- da habe er sich bei dem ohnehin
geringen Bestand des Bundes erlaubt, einige alte Herren, die immer sonst
kmen, noch telephonisch herbeizurufen --, worauf er, abbiegend, die
Gelegenheit geschickt benutzte zu hflichem Keilen, indem er
Aufklrungen gab ber die hiesigen Korpsverhltnisse, die durchweg
leider nur geringen Bestnde an Aktiven, die Erwnschtheit des Zuwachses
-- wo dann eine kleine Schmeichelei ber die Beziehungen zu den
Mnchener Schwaben seit altersher einlief --, ferner ber die
verhltnismig freie Auffassung vom Korpsleben in der norddeutschen
Grostadt, wo der Student nicht, wie an den kleinen Hochschulen, alles
gelte und jedem bekannt sei, -- was alles Georg mit schweigsam nickender
und lchelnder Hflichkeit ber sich ergehn lie, am Ende einen
Augenblick still war und, dem Grafen zutrinkend, nach dem gehrten Namen
Schley fragte. Ob er mit der Motorenfabrik zusammengehre.

Jawohl. Sein Vater ist der Besitzer. Der Adel -- Schley-Schleyenburg --
ist ein bichen sehr -- jung; zu jung fr manchen unter uns ... ich wei
nicht, wie Durchlaucht ...

Georg uerte, ihm wrs egal, wenn --

Wenns Herz nur schwarz ist, hohoho, nicht wahr, Durchlaucht? lachte
Nordeck an seiner Seite, sich vornber kippend, Ihr Wohl, Durchlaucht,
ich gestatte mir! -- Also auch der zitierte was, wenn auch eben nur
Rosegger, -- aber Georg setzte eben sein Glas an die Lippen, als die
gesamte Fuchskorona von den Sthlen schnellte und ihr Major beinahe
verstndlich gurgelte, das Fuchsmajorat nehme sich Freiheit -- vier
Ganze! -- -- O, der Teufel hole eure Freiheit, murmelte Georg,
hinunterwinkend, sein Glas an den Lippen, und trank, dem Nordeck nach
und, was seit langem ntig geworden war, Schwalbe vorkommend. Alsdann
stand er auf, um hinauszugehn.

Durch den halb erleuchteten Kneipsaal auf die Flgeltr zugehend,
gewahrte er drauen in der ovalen und rahmenlosen Spiegelscheibe an der
Wand des Vorraums ein neues Gesicht, in dessen rechtem Auge ein Monokel
steckte; im brigen war es bla, die lange Nase verlief oben in die
schrge zurckfallende Stirn, deren Linie wieder weiterhin in den
nackten Schdel verging unter das sprliche blonde Haar; auch hier war
ganz wenig Aztekenerinnerung und nordecksche Geistesleere. -- Jetzt
aber, der Tre nher kommend, sah Georg eine berlange Gestalt darin
erscheinen und erkannte, freudig berrascht, an ihrem oberen Ende das
schmale rechteckige und rtliche Gesicht, die etwas vorquellenden blauen
Augen und die breit auf den breiten, von dnnen blonden Bartzipfeln
chinesenhaft umrahmten Mund gedrckte Nase von >Novalis<, altem Herrn
seines Schlerlesevereins, -- und sein Kinn fiel genau wie damals
zurck. Georg streckte heiter die Hand aus:

Graf Hardenberg! Wie reizend, Sie hier zu sehn! Aber Sie sind doch
nicht Baltenpreue? Nun, was machen Sie? Ich habe lange nichts von Ihnen
gelesen. Sie haben doch nicht aufgehrt? Und was macht Ihr Pollux oder
Kastor, Ihr Freund -- wie hie er doch noch? Nun, das mssen Sie mir
alles drinnen erzhlen, ich bin eben auf dem Weg nach drauen, ja,
vielleicht zeigen Sie mirs gleich ...

Hardenberg, verlegen, rot werdend und einsilbig wie stets zu Anfang,
begngte sich mit Verbeugungen und Hndedruck. Da kam Georg, der weiter
wollte, das Gesicht aus dem Spiegel entgegen, jetzt ber sehr breiten
Schultern und -- bei etwas schlenkrig stolperndem Gang der schmalen Fe
unten -- so geradeswegs und mit so leerem Ausdruck auf ihn zu, da er
einen Augenblick glaubte, von dem Andern nicht gesehen und berrannt zu
werden. Doch fiel jetzt, einem groen Wassertropfen gleich, das Einglas
herunter, die Figur blieb stehen, verneigte sich und sagte breit:

Schley.

Georg schttelte ihm die Hand und versicherte, entzckt zu sein. Der
Freiherr fing an, beraus langsam und mit nselnder, nein nliger Stimme
zu sprechen:

Durchlaucht -- wollten wohl nach -- drauen. Ich erlaube mir --
mitzukommen.

Also gingen sie zusammen.

Dieser hier war erstaunlich, dachte Georg ber seiner Verrichtung vor
der marmornen Nische, aber Hardenberg -- das war wirklich eine neue
Freude. Dies Haus steckte ja voll berraschungen. O, Hardenberg schrieb
die entzckendsten Dialoge, fast ein Geplapper, das sich aber zu einer
fast furchtbaren Verve steigern konnte, und in dem er auf die
allergeistvollste Weise meist die Daseinsberechtigung der geistlosesten
Dinge verfocht. Ja -- zudem war er allerdings homosexuell, allein er
machte -- wie es in der Schlersprache hie -- keinen Gebrauch davon,
und angesichts seiner stillen Wrde und unwandelbaren Vornehmheit
htte niemand es gewagt, in seinem, wie kein anderes inniges
Freundschaftsverhltnis zu -- -- Georg konnte nicht auf den Namen kommen
-- etwas anderes als eben -- Freundschaft zu argwhnen. Wie sich die
Kunde von seiner Anormalitt verbreitet hatte, war unklar, doch die
Tatsache stand fest.

Um etwas zu sagen, uerte Georg beim gemeinsamen Hndeabtrocknen zu
Schley, ob noch viele Balten das Korps aufsuchten, was der langsam
bejahte.

Mein Vater allerdings, fuhr er in seiner Nligkeit fort, war --
Klner. Aber ich bin ei'nlich 'n halber Franzose. Ich seh blo nich so
-- aus. Dabei kratzte er sich ratlos den Kopf und lie -- pltzlich --
das Glas aus dem aufgerissenen Auge tropfen. Als sie den Vorraum wieder
betraten, machte er sich erbtig, Georg das Haus zu zeigen, und so
wandelten sie denn ziemlich schweigsam von Zimmer zu Zimmers, Schley die
Namen sagend, die sich ohnehin von selbst verstanden nach der
Einrichtung, Georg einen Lobspruch fallen lassend. In der Bibliothek
aber fand Georg ein wohlbekanntes stark violettes Buch liegen und sagte:

Da liegt ja der >siebente Ring<. Wem mag der denn gehren?

Schley sah nher hin. Das wird wohl meiner sein, bemerkte er zgernd,
nahm ihn langsam auf, betrachtete ihn ebenso langsam von allen Seiten
und erklrte, ja, es wre seiner.

Ich hab'n Schwalbe geliehen, der seinen glaub ich auf seinem Gut
vergessen hatte. Meine Frau -- ich bin drei Tage verheiratet -- hat 'n
mir grad erst geschenkt.

Haben Sie denn schon drin gelesen? fragte Georg neugierig.

O freilich! Ich kenne ihn lange! Er ist ja sehr -- schwierig, aber wenn
man sich 'n bschen Mhe giebt, dann -- geht es. -- George -- -- ja, das
ist so 'n -- groer Saturn mcht ich sagen ... So ein ganzer riesiger
Weltkrper in einem goldenen Ring von Gesetzen. Nee, wissen Sie, fuhr
er auf einmal ganz lebhaft fort, das Monokel schnell wegtropfen lassend,
wissen Sie, da is ein Gedicht in einem frheren Buch, das fngt an:
>Die Herden trabten aus den Winterlagern ...< Kennen Sie das? -- Ja, ich
mu doch sa--gen, sprach er wieder langsamer, wie ich das zuerst las
-- da sind mir die Trnen in die Augen getreten.

Georg fhlte sich eigentmlich ergriffen, weil der Mensch so ernsthaft
und echt sprach.

Ja, nicht wahr, erwiderte er eifrig dann, so ists mir mit manchem
Gedicht ergangen, und --

Und er hat so was Heiliges, mu ich sagen, hrte er die gar nicht mehr
nselnde Stimme wieder, so etwas Gtternahes wie sonst nur Hlderlin.
Das ist alles wie so groe eherne Platten ...

Ja, eingegraben, nicht wahr? So unabnderlich und unerbittlich!

Georg rgerte sich, da ihm Worte und Geist versagten, wandte sich und
trat an das offene Fenster, das nicht eben hoch ber der Strae lag.

Pltzlich gab es einen Stillstand in Georg.

Die Bogenlampe ber dem Portal verbreitete ein stark flutendes rotes
Licht. Jenseits von dessen Grenze lagen die Anlagen im Dunkel, wo
wenige, grnlich weie Laternen brannten. Eine Zeile von ihnen fhrte
unterhalb des hochbertrmten Schattenrisses der Universitt vorber;
eine andere zur Linken in die Ferne, unterm schwarzen Wall der
Alleebume. Das Pflaster war schwarz, na beregnet. In ein und dem
selben Augenblick sprte Georg einen sehnsuchterregenden Atemzug aus der
Mainacht und hrte er eine Stimme in seinem Innern sagen:

   >Im Spiel, im Fieber, im Gesprch mit Toren --
   In Liebesqual -- in leerem Zeitverprassen ...<

O mein Himmel ja, >wer wte je das Leben ...? Wer hat die Hlfte nicht
davon verloren?<

Schley hinter ihm im Zimmer sagte etwas; Georg konnte sich nicht
losmachen, blickend, ohne zu sehen, doch fing er willenlos an zu zhlen,
als die Uhr im Turme der Universitt schlug, und zhlte zehn Schlge. --
Im Spiel, im Fieber, im Gesprch mit Toren ... Nein, das ging ein wenig
zu weit ... Freilich, was kam auch heraus bei solchen Gesprchen? Nun,
wenns gut ging, eine angenehme Bekanntschaft -- man mute doch Menschen
kennen lernen -- eine Freundschaft womglich. Schade, da Schwalbe, als
Soldat, selten zu haben sein wrde ... Aber wenn ich fter herkme --
Verkehrsgast wrde ... fter herkme ... fter herkme ...

Ja: meine Maske ... Deshalb kam ich ja. -- Georg merkte den leisen Druck
der Angst auf der Brust und fuhr auf. Mit heftigem Schnarchen warf ein
gewaltig groes, offenes Automobil mit blendenden Scheinwerfern sich um
die nahe Hausecke zur Linken und rauschte heran; etwas Kleines,
Weigekleidetes befand sich einsam im erhhten Rcksitz, eine junge
Dame, die, gegen den Fahrtwind geneigt, mit der einen Hand, erhobenen
Armes, einen helmartigen kleinen Hut aus rosafarbenem Stroh auf den Kopf
drckte, und im nchsten Augenblick hielt der Wagen dicht vor Georg. Aus
einem kleinen, weien, fast dreieckig geformten Antlitz richteten sich
bergroe schwarze Augen auf ihn. Dann ffnete sie den Mund und sagte:

Guten Abend. Ach bitte, ist mein Mann vielleicht hier? Baronin Schley.

Baronin Schley? Georg staunte. Aber gewi, Baronin! rief er,
Augenblick! und zu Schley zurck: Herr von Schley, freuen Sie sich,
Ihre Gemahlin ...

Schley kam unglubig und mit Seelenruhe ans Fenster, hatte aber kaum
einen Blick hinausgeworfen, als er nur: Virgo? sagte und schnurstracks
hinausging. -- Virgo? dachte Georg. Mein Gott, das ist hinreiend! --
Und ging flugs hinterher.

Durch das offene Haustor, die Stufen hinunterblickend, sah er sie im
geffneten Wagenschlag stehn, leicht mit dem einen Fu hin und her
schlenkernd -- ganz rosenfarben war der von Strumpf und Seidenschuh --
emsig auf ihren Mann herunter redend und lachend, und whrend Georg nun
hinzuging, rief sie ihm entgegen:

So, also Sie sind dieser Prinz, dessentwegen er mir durchgegangen ist!
Was gehn dich wohl fremde Prinzen an, wenn du gerade geheiratet hast! --
Er telephonierte, ein Prinz wre da und er mte hierher. Sie schpfte
Atem. Ihr Mund mit gesenkten Winkeln war ein entzckendes kleines rotes
Dach. Die Nasenflgel blhten sich zitternd, und wie hoffrtig war die
kleine Biegung der Spitze! Tiefe, blulich schwarze Rnder unter den
Lidern machten die Augen noch grer, als sie waren.

Und da wollten Sie ihn wegholen? hatte Georg gefragt.

Nein, sagte sie, nun will ich hinein. Nun will ich die akademischen
Sitten kennen lernen.

Schley, whrend Georg nur Ach weh! uerte, meinte, zu ihr aufsehend,
langsam und ruhig: Ach, davon verstehst du ja -- gar nichts; worauf
sie aus dem Wagen kletterte.

Los! sagte sie, zwischen den Beiden stehend, Ihren Arm, Durchlaucht!
und deinen, Wolf! Sie warf auflachend den Kopf zurck und zog die
Beiden wie ein Kind mit sich; und wie bei einem Kinde -- Georg sahs, als
sie vor den Haustorstufen den Kopf senkte -- war unter der tiefen Krempe
von zartem, rosigem Stroh -- eine einzige goldene Rose sa daran -- das
Haar, braun, kurzgeschnitten, in lockeren Bscheln durcheinanderstehend.

Augenblicke spter fuhr die freudig berraschte Korona auf der Terrasse
von den Sthlen, wurde vorgestellt, der Senior legte seine Wrde nieder
und -- die Fidelitt erffnend -- die des Vorsitzes zur ersten Attischen
in die Hnde Georgs.

Ja, nun wrde es kstlich werden ... Georg drckte sich mit Behagen
gegen die hohe Rcklehne des Prsidenstuhls zurck, die Tafel
hinunterschauend, die kleine Fremde zur Rechten, ihren Mann zur Linken
und weiterhin all die erwartungsvollen, blitzenden Augen und roten,
vergngten Gesichter, Schwalbes feste, bereitwillige Freundlichkeit und
des berragenden Hardenbergs Georg zugewandtes Lcheln, das merkwrdig
menschlich an dem, wie ein Zaunpfahl ungefge zurechtgeschnittenen
Haupte angebracht war.

Entschuldigen Sie, Baronin, sagte Georg, nun giebts einen Knall! und
sie fuhr zusammen, als das Schlgereisen ber die Tischplatte prallte.
Dann sagte Georg schnell ein paar verehrungsvolle Begrungsworte auf
und befahl -- ihr zumurmelnd: als erste Vorfhrung -- den Salamander.

_Ad exercitium salamandri! Salamander incipitur_ eins, zwei, drei,
eins!

Georg sphte, whrend hrbar ringsum aus den angesetzten Glsern das
Schlucken gluckste und sichtbar die gelbe Flssigkeit abnahm, nach Virgo
-- denn so nannte er sie. Sie sah grougig, den Mund halb offen vor
Staunen, zu ihrem Mann auf.

Zwei, drei. Eins -- -- zwei -- -- drei. Die Glserbden rumorten auf
dem Tisch. Eins! -- zwei! -- drei! Der Aufschlag smtlicher Glser
erdrhnte tadellos. Fchse haben nachgeklappt, in die Kanne eins, eins,
Blume melden! _Salamander ex, silentium ex, colloquium!_ schnurrte
Georg zu Ende und setzte sich, nicht ohne Stolz.

Wolf, was fr'n -- Unsinn! sagte sie hrbar in das allgemeine
Schweigen, worauf ein Gelchterhallo folgte. Drei, viere begannen auf
sie einzureden, aber sie schnitt alles ohne weiteres ab und gebot
spttisch: Na denn weiter! nchste Nummer!

Georg schlug vor, ein Lied zu singen. Von Scheffel, sagte sie, die
sollen ja so komisch sein, und da mehrere Stimmen den >Enderle<
beantragten, befahl Georg diesen. Das Klavier ertnte, vier, fnf Hnde
reichten ihr Liederbuch der Kleinen, Fchse kamen viel zu spt,
aufgeregt noch bltternd, zu dem selben Zwecke herangesegelt, Georg
erhob sich, das Lied begann.

Leider verzog sie, wie Georg bemerkte, bei keinem der kstlichen Verse
eine Miene; selbst das >Jetzt weicht, jetzt flieht, jetzt weicht, jetzt
flieht, mit Zittern und Zhnegefletsch!< entlockte ihr kein Lcheln, und
das Lied war aus.

Aus, sagte sie seufzend und sah umher. War das komisch? Sie zog ein
Gesicht, als argwhnte sie, da man sich ber sie lustig machte. Warum
singt ihr dann nicht lieber von Christian Morgenstern etwas; darin ist
doch wenigstens Sinn. Na, also dann weiter, was giebts noch zu sehen?

Also wurde ihr der Trinkkomment vorgefhrt. Ein Feuerwerk von Zuprosten
nach allen Seiten sprhte. Vor-, mit-, nachkommen, bers Kreuz, unter
demselben, definitiv, bis keiner mehr wute, was er wem schuldig war,
whrend die Fchse in die Kanne steigen muten, da sie verreckten, in
den Verruf flogen und sich verzweifelt herauspaukten, der aus dem
zweiten, der aus dem dritten, ein Tohuwabohu, in dem sie immer stiller
und immer blasser und immer schmaler an ihrer Stuhllehne wurde, selten
matt lchelnd, wenn jemand auf ihr Spezielles mit ausgeschlossener
Lfflung trank, -- als wovon ihr Georg erklrte, da es keine
Beleidigung sei, sondern eine Ehre.

Nun ists genug, raffte sie sich endlich auf, ihr werdet ja alle
betrunken werden.

Schley und Georg betrachteten sich sardonisch whrend des
Hllengelchters der brigen, Beide augenscheinlich das gleiche Wort auf
den Lippen, das sie verschwiegen. Georg selber keuchte einigermaen vom
quellenden Bier in seinem Innern.

Ich hab mal, hrte er sie erst nach einer Weile leise sagen, was von
Bier -- Bierjungen -- heit es nicht so? gehrt. Was ist denn das? Das
ist noch nicht vorgekommen, meinte sie mit mhsamer Heiterkeit. Georg
seufzte.

Also los, Baron, zanken wir uns. Ein Bierjunge, erklrte er ihr, ist
ein Bierduell nach vorangegangener Beleidigung. Ich mu mich doch
wundern, Baron, Sie nach kaum angefangener Ehe in solcher Gesellschaft
zu sehn.

Das geht Sie ja gar nichts an, Durchlaucht.

Nichts angehen! Das ist Tusch! schrien ein paar Stimmen.

Bierjunge! sagte Georg finster.

Doppelt! erwiderte Schley, das ist hier so blich, setzte er hinzu,
entschuldigen Sie.

Dreifach! versetzte Georg. Na, nun ists aber genug. Herr von
Schwalbe, bitte wollen Sie Richter sein? Schwalbe erhob sich
bereitwillig mit einem Ruck.

Da es nun eine Pause gab, bis Schwalbe, zwischen Georg und Schley sich
setzend, die herangeschleiften sechs Glser auf ihre genau gleichmige
Fllung verglichen hatte, meldete der Fuchsmajor gurgelnd von unten
einen Solokantus der Zwillinge, die sich wankend erhoben, dann mit
ungeheurer Anstrengung steif dastanden, die Mtzen abnahmen und sich
langsam herdrehten. Ihre kleinen, todbleichen Gesichter mit schwimmenden
Augen sahen so entsetzlich aus, da Georg Virgo kaum anzublicken wagte.
Sie sah vor sich nieder. Stumm standen die Zwillinge. Aus den Anderen
scholl Gelchter, aber auch Widerspruch. Dann schrie Ellerau, breit
dasitzend, grausam: Also los, Fchse, wirds bald! Euren Kantus!
Baronin wartet. Die schluckten. Hohl, um so hohler, weil ohne
Klavierbegleitung, fingen sie an zu singen:

   Ach, unsre Ju--u--geend --
   Wird -- so -- ver--geu--eu--det --
   Ja -- uns--re -- Jugendzeit --
   Die -- wird -- ver--tan ...

Nun ists aber genug, bemerkte Schley. Genug! schrie Georg,
geschenkt, Fchse, hinsetzen! Macht, da ihr --, er verstummte, fr
sich allein ergnzend: -- hinauskommt! -- Und die Zwillinge setzten
sich verdutzt und eilig. Augenblicke spter verschwanden sie. --
Schwalbe erhob sich, verkndete das Bierduell mit dem Stichwort
Baltoborussia sei's Panier! und Schley und Georg standen auf.

Ergreift die Waffen, berhrt die Waffen, los!

Die ersten Glser verschwanden schnell. Als Georg, etwas langsamer am
zweiten schlang, sah er zu Virgo hinber; die sa wie ein Steinbild mit
Augen wie schwarze Lcher. Als ihr Mann das letzte Glas ergriff, erhob
sie mechanisch die rechte Hand, wie um ihn zurckzuhalten.

Borussia sei's Panier! sagte Georg mhsam, das Glas hinsetzend, und
Schwalbe kndigte an, da Herr Baron von Schley als zweiter Sieger
hervorgegangen sein drfte.

Pltzlich war alles durcheinandergeraten. Georg sa irgendwo und redete
ununterbrochen auf die Allerholdeste ein, aber dann ri das ab, Georg
irrte umher zwischen Stehenden und Sitzenden, fhlte sich sehr
unglcklich und in seiner Sehkraft beeintrchtigt. Lichter verschwammen
blitzend in Qualm, Wnden und blauen Flecken; was er ansah, schwang sich
kreisend zur Seite; ganz hinten stand eine weibliche, kleine, weie
Gestalt, die er auf keine Weise erreichen konnte, sie hatte ihn ja
weggeschickt, obwohl er sie so glhend liebte, nun stand sie mit einem
Andern dort und sprach Schlechtes von ihm, o, sie war ihm entsetzlich
bse, und unglcklich war sie, Georg brach das Herz, es war im Leben
nicht wieder gutzumachen, denn morgen -- nein bermorgen reiste sie nach
Japan. -- Da, jetzt sa er wieder, hatte einen andern -- Schwalbe --
dicht neben sich und redete unaufhrlich auf ihn ein, steigende Rhrung
im Herzen und das Gefhl unermelichen Genusses im Ausschtten seiner
geheimsten Gedanken. Hin und wieder hrte er auch den Andern sprechen,
verstand ihn auch, sah seine rundliche, rote Hand mit ausgestrecktem
Zeigefinger auf sein eigenes Knie zu tippen, fhlte sich bekrftigt und
verstanden und redete wieder. -- Dann wurde ihm furchtbar bel; er
bezwang sich noch, allein es ward schlimmer, der Raum, die Lampen, grne
Wipfel, ein groer, geschweifter, grauer Lampion wankten auf ihn zu, er
stand auf und fand sich im selben Augenblick unter ungeheuren Qualen
seiner in Stcke brechenden Brust, keuchend mit rinnenden Augen und
quellendem Munde ber ein Becken gehngt. Dann ri wieder alles ab, er
erwachte und hrte ein ohrenbetubendes Geheul, fhlte sich in die Lfte
erhoben, Hnde tasteten an seinem Leib, er wurde getragen, hatte eine
blaue Mtze in der Hand, die er schwenkte, rief: Baltoborussia _for
ever_! Pltzlich glitt er zur Erde, stand wankend, umarmte jemand und
sa auf einem Stuhl, ein Glas in der Hand, whrend immerfort jemand kam,
um ihm die Hand zu schtteln, worauf er dann einen Schluck ekelhaft
bittern Zeugs in sich trank.

Und wiederum eine Weile spter kmpfte Georg mit den rmellchern eines
Mantels, fluchte, weil jemand ihn hinten am Kragen in die Hhe reien
wollte, und dann stand er vor einer Droschke, innen und auen beladen
mit Korpsbrdern in Zivil, die sich auf Georg strzten und ihn -- durch
das Fenster, wie es schien -- hineinzwngten. Sie fhren nach einem
herrlich stinkenden Ort, sagten sie und sangen den schnen Choral:
Lasset uns noch einen verlten! whrend einer unendlichen Fahrt durch
eine finstere Fabrikstadtgegend. Schlielich hielten sie den Wagen an
und hatten noch zwei Straen zu gehn, vornberschieend, Georg unter
jedem Arm einen Zwilling, von denen immer einer stehen bleiben wollte,
um eine Rede ber Moses zu halten. Dann ging es irgendwo Treppen hinauf
in ein Haus, in einen kleinen Saal voller Mdchen, die in Jubelgeschrei
ausbrachen. Georg wute noch: nach dem ersten Glase Sekt bin ich hin ...
Dann trank er es.

Einige Zeit spter hatte Georg das Gefhl, zu erwachen, jedenfalls
wurden allerhand Dinge deutlich um ihn, und er fand sich an der Wand
eines Saales mit unaussprechlich den Wnden lehnen, ein Sektglas in der
Hand, das im selben Augenblick zu Boden fiel, und zum Umsinken
berauscht. Im Saal, unter den vom Tabaksqualm und Staub fast blinden
Glhbirnen war ein Hexentanz von einigen zwanzig Mann in Frcken, Rcken
oder Hemdsrmeln und ebensovielen splitternackten Weibern, die Georg
unsglich garstig und alle zu kurzbeinig erschienen. Einmal tat sich fr
Sekunden der Schwarm auseinander und durch die Gasse sah Georg drben
einen groen, hagern Menschen stehn, hektisch und ungesund, der mit
theatralischer Gebrde im ausgestreckten Arm ein nacktes Mdchen lehnen
hatte wie eine Harfe, auf deren Leib er mit der Rechten groe Harpeggien
griff; dazu deklamierte er mit hohler Stimme, deutlich vernehmbar: Vom
Eise befreit sind Strom und Bche ... Dies Bild schwand spurlos, etwas
Nacktes und Weiches taumelte gegen Georg, sank, whrend er, selber auf
einen Stuhl fallend, es schwach festhielt, in seinem Scho zusammen und
schlief ein. Eine Zeitlang betrachtete er das fleischerne, magere Bndel
Schlaf und tote Freude auf seinen Knien, legte ihren Kopf behutsam an
seiner Schulter fest, lie sein Gesicht weinend darber fallen und
schlief auch.

Schtteln erweckte ihn wieder; auch das Mdchen erwachte, klammerte sich
an ihn, schluchzte und wollte ihn nicht fortlassen. Georg entkam jedoch
irgendwie, fand sich bald darauf allein in einer morgengrauen, nebligen
Strae und ging mit dem stumpfen Entschlu, zu Fue heimzugelangen, halb
im Schlaf so lange durch unbekannte Straen, bis ihn ein Automobil fand,
in dem er sein Haus in der Morgensonne unter lebhaftem Vogelgezwitscher
erreichte. O Gott! dachte Georg, als er auf sein Bett fiel, o Gott!
Morgen ist Sonntag!


                                Kaddisch

Georg, an sich selber verzweifelt festgebissen, mit Verwnschungen
beladen, entstellten Herzens voll Wut und de, hockte auf einer Bank im
Park am Sonntagnachmittag. Seltsam schwrzlich war die, schon wie spter
Abend tiefe Dunkelheit in der Luft; tiefschwarz, nur durch den Fuweg
und schmalen Uferstreifen von Georgs Fen getrennt, der Teich, in dem
groe Stcke von kalt grauem Silber glommen. Der letzte, mehr schwere
als scharfe Atemzug des abgestorbenen Winters schien in den feuchten
Lften abzustehn.

Ich habe, sagte Georg zum hundertsten Male zu sich, wie eine Canaille an
mir selber gehandelt. Ich bin ein Pfuscher meines Lebens. O mein Gott,
flehte er elend, sollte es wahr sein, da seit -- seit -- er tastete
nach einer Vorstellung und fand wieder nur, seltsam in der Luft hngend
wie ein Stck kalten Mondes, diese -- Maske --, seit dieser Maske also
die Dinge anfangen, mir zum Unheil auszuschlagen? Ja, warum ging ich
denn zu den Balten? Um die Maske zu versuchen. Dann war alles natrlich
und berraschend freundlich und nun -- -- ich wei zwar nicht: ist
Schley wirklich auf dem Wege nach Japan? Und bilde ich mir nur ein, da
er seinen Assessor abgelegt hat? -- Nun, es wird schon so sein, da er
verschwindet. Schwalbe werde ich kaum haben knnen, hchstens fr mich
allein, nicht an den Abenden, den -- o diese Abende, nun kommen sie
wieder, da kommen sie! Ich bin verwnscht! -- Er krmmte sich, die Stirn
zwischen den Fusten. -- Selbst wenn es, wie Ellerau sagte, nur drei in
der Woche sein sollten und ich mich um die andern herumdrcken kann, fr
mich allein esse ... dann ist noch der Paukboden, und der ganze Fechttag
am Sonnabend, da sind tausend Zwischenflle, die mir Stcke aus meinem
Leben schneiden -- ach, es ist ja nicht auszudenken! -- Ihm brach der
Schwei aus allen Poren; es war, als schwitzte er Fett aus Hnden und
Gesicht, sein Hirn drhnte und kochte, die Augen brannten, der Gaumen
lechzte, und im Magen polterten ekelhafte, moorige Massen. -- Wenn ich,
dachte er sich als letzte Rettung aus, in sptern Jahren einmal mein
Leben in der Hand halten werde und nachsehen, was dies und jenes fr ein
Gewicht und Gesicht darin hatte -- was fr ein Aussehn mag dann dies
Erlebnis haben?

In der Grotte von Buschwerk hinter ihm raschelte es, ein Vogel oder eine
Ratte, sonst war kein Laut in der furchtsamen Abendstille. Die Stcke
bleichen Himmels glommen leidenschaftlich und zuckten im dstern Teich;
Gewlk rollte darberhin, graues und schwarzes. Auf den Ufern umher
standen die kaum belaubten Bume dunkel und regungslos; schwer hangend,
fahl, die Trauerweiden drben an der kleinen Brcke, die ins Trostlose
zu fhren schien. Oben huschte die lautlose, verfinsterte
Wolkenbewegung. Die Luft stand, nicht kalt, nicht warm, unfreundlich.

Will es nun nicht endlich bald regnen? dachte Georg erbittert. -- Es
regnete nicht, aber es wurde unheimlicher, als stnde etwas bevor. Bume
fingen an wie Gespenster auszusehn, wie entseelt, wie entsetzt. Aber all
dies ist in mir, dachte Georg; die gute Natur, sie wei nichts, sie
nimmt die Gestalt von dieser oder jener Stunde an, wenn wir das Herz
danach haben, es zu sehn. Wir sagen dann: heiter, oder: trbe, weil uns
immer etwas peinigen mu oder freun. Du, Natur, schlichte, richtige,
bist ohne Entweder-oder, aber du giebst nach, wenn wir uns an dich
hngen, wir immer Beladenen; du hast nur dich selber zu ertragen, du
entwchsest dir nie, du bist dir immer leicht und schwer genug, derweil
wir strzen oder steigen, hngen oder fliegen -- ich glaube, all das
Elend kommt doch allein von unsern Fen her. Wenn wir fest stnden,
wrden wir vor unendlichem Staunen ber all die Bewegung um uns her
lngst in diese milde Ergebenheit des duldenden Baumes versunken sein,
der allem nachgiebt und um nichts sich bemht. Aber diese Stunde ist
wahrhaft schrecklich. Vielleicht war es doch sie allein, die sich den
Nachmittag ber entfalten wollte, rang und nicht konnte. Ich stand am
Fenster, stundenlang, und sah, wie sichs wandelte. Nun ist es ja, als
lgen berall Tote begraben; unterm Rasen dort rechts, der wie mit
umdsterten Augen herberblickt, durch die Dunkelheit, die sich hebt und
bewegt; im Teich, unter allen Bumen -- vielleicht liegen welche
berall, still, mit gefalteten Hnden, ohne Bewegung, aber sie haben
begriffen, da sie tot sind, und wissen nicht, was nun geschehen wird.

Ach, stnden sie _auf_ einmal! alle, in irgendeiner Gestalt! gingen
umher, streiften mich, da doch nur einmal etwas geschhe, das
entsetzte, das starr machte, das man nicht aus sich heraus erfinden
mte wie jedes Staunen, jeden Schrecken, jedes Gefhl, das tausend
Jahre alte, tausend Male empfundene. Da einmal etwas hereinbrche ber
einen, von drauen, von weit drauen, ein Unmebares, fr das man nicht
im Augenblick alles bereit htte, um es festzustellen, um es zu
erkennen! Ich verstehe Raskolnikoff, ich verstehe, da er etwas tun
mute, von dem er nicht vorher wute, was es sein wrde; das sich vorher
berechnen lie bis aufs Haar, und das doch ein vllig anderes sein
wrde, wenn es geschehen war. Ich verstehe, wie er mit all seinen
Haaren, mit zehntausend schmerzlichen Knoten an seiner Umgebung hing, an
Steinen und Menschen, an Husern und Geschften, an Gefhlen und Plnen,
an Bchern und Maschinen, und wie er den einen, einzigen Ruck haben
wollte, wo alles das ri, und er so allein war im Raum, wie nur die
Seele eines Mrders allein ist, die zwischen Sternen sitzt und friert.

Dummheit friert an mir. Aber ich schreibe ihnen, sie mchten
entschuldigen, ich wre gestern betrunken gewesen, und sie mchten mich
geflligst ... Heut noch schreib ichs, denn wenn ichs heut nicht tue, so
fllt mir morgen ein, mich an ihre edlen Regungen zu wenden und dem
Konvent eine freundliche Rede zu halten, und dann bin ich schon
ihresgleichen, und sie kriegen mich doch herum. Oder am Ende ists heute
doch nur der Alkohol im Leibe, und wenn morgen frh die Sonne scheint,
denk ich, es wird schon gehen, oder da ich wieder acht Tage verreisen
kann, und da sie mich auf vier Wochen hinaushngen, oder da ich
einfach versuche, zu tun, was mir pat, zu ihnen gehe, wann mirs
beliebt, und warte, was _sie_ tun. Warum soll ich auch handeln? Wr es
eine Gemeinheit, ein Verbrechen, das man bereuen knnte, Herrgott, so
htte man doch was _getan_! Nun ists blo eine Dummheit, und -- ist das
ein Mensch, der Schatten da? Ich bin ja ganz schreckhaft geworden! --

Hinter der nackten Esche, die vom rechten Ufer her ihren riesigen Ast
kahl und schweigsam ber die fahle Flche reckte, kam der Schatten
hervor, trat dicht ans Wasser und stand dort, seltsam, als ob er hinge,
dunkel vor der Undeutlichkeit des Parks und dem bleichen Scheinen im
Wasser. Nach einer Weile glitt er fort und verschwand zur Rechten hinter
Gebsch. Georg nahm seinen Stock von der Bank, drehte sich seitwrts,
legte das linke Bein ber das rechte, den rechten Ellenbogen auf die
Banklehne und den Kopf auf den Unterarm.

Es ist ja nicht das, lief das Rad in ihm weiter, nicht diese Eselei,
wieder im Korps zu sein, und auch nicht der Alkohol. Es ist einfach die
Angst, weil du nicht weit, was werden soll. Dies ist nun der dritte
Versuch. Erst sollte die Natur Klarheit schaffen; dachte natrlich nicht
daran. Auerdem Benno, -- nun das war wohl nur ein halbes Viertel von
einem Versuch. Nun die Menschen, auf die es ja schlielich ankommt, und
da merke ich nun die verfluchte Verzauberung der Relativitt. Renate,
schnes Licht! dachte er seufzend, aber sein Feuerzeug war wohl na
geworden, das Licht glomm nicht auf, es wurde nur dunkler umher. Woran
soll ich mich denn messen, wenn alles relativ ist und ich nicht aus mir
heraussteigen kann! Bin ich denn ein Lgner? Ich spiegle den Menschen
etwas vor, das ich nicht bin. Schade ich damit? Bin ich nicht bereit zu
allem Besten? Zahle ich nicht mit Qual? Irgend jemand sagt mir, ich sei
nicht der Sohn meines Vaters, und da soll ich miteins andere Gefhle
bekommen? Wie kann ich zwanzig Jahre auslschen wie ein Talglicht?
Darauf aber kommt es an, auf das Innere, und alles andre -- -- ich wei
nicht, sitzt da jetzt einer neben mir oder nicht?

Er wandte langsam und vorsichtig den Kopf. Ja, neben ihm sa ein Mensch,
den Kopf in den Hnden; schien bers Wasser hin zu sehn. Das war ja ...
Georg wandte sich, beugte sich vor, sah das Profil des Dasitzenden und
sagte erleichtert: Guten Abend, Herr Birnbaum!

Der Angeredete wandte sich um und stand hastig auf.

Entschuldigen Sie, Prinz, sagte er mit mehreren Verbeugungen, ich
hatte Sie nicht erkannt. Und diese Bank, setzte er hinzu, ist
gewissermaen mein Eigentum, meines und meiner Schwester, wir sitzen oft
darauf.

Aber so setzen Sie sich doch, alter Freund, und erzhlen Sie! Vor zwei
Jahren haben Sie Examen gemacht, oder erst vor einem? Habe ich Sie nicht
im Syndikatskolleg gesehn?

Birnbaum bejahte, sagte aber, da er Mediziner sei.

Da Sie's gleich hren, Georg: meine Mutter ist vergangene Nacht
gestorben, sagte er kurz. Nein, sagen Sie nichts, es ist nichts zu
sagen, fuhr er heftig fort, sie war ja kein richtiger Mensch mehr,
jahrelang schon, wir hatten uns, wenn ich so sagen darf, ihrer schon
lngst entwhnt.

Georg dachte an Bennos Mutter, fragte, ob sie denn krank gewesen sei,
und bekam zur Antwort:

Ja, geisteskrank, sechs, sieben Jahre.

Sie saen still beieinander. Georg suchte den verwirrten schwarzen
Himmel ab -- war dort nicht ein Stern? -- Nacht stand um den Teich;
nichts regte sich darin.

Standen Sie vorhin dort am Wasser? fragte Georg. Sehen Sie, es ist
wieder jemand dort! Sehn Sie den Schatten?

Der Andere blickte hin und sagte: Ich glaube fast, das ist meine
Schwester. Er schttelte den Kopf. So ist sie nun; geht aufs
Geratewohl in die Nacht hinein und ist berzeugt, da sie mich findet.
Dafr ist sie ja nun mein Geschpf.

Die Gestalt kam langsam am Ufer den Weg herauf, zgerte, kam nher,
stand endlich vor ihnen, schmal und dunkel, einen Schal um den Kopf.

Bist du's, Sigurd? fragte sie. Er stand auf, trat zu ihr und legte
einen Arm um ihre Schulter. Bist du bse, da ich mitten aus dem
Kaddisch weggelaufen bin?

Georg schiens, als bewegte sie leise den Kopf hin und her, dann hrte er
sie fragen -- eine huschende, verhaltene Stimme --: Mit wem sitzt du
denn hier, Sigurd?

Sigurd sagte: Es ist Prinz Georg, Esther, du weit, da er eine Klasse
unter mir war.

Georg, der inzwischen aufgestanden war, reichte ihr die Hand; die ihre,
in einem Zwirnhandschuh, fhlte sich hlzern an. Ihr Gesicht im Dunkel
war nur ein weier Fleck mit zwei schwarzen darin, den Augen, die
allerdings absonderlich geschlitzt schienen. Sie setzte sich ans andere
Ende der Bank, ihr Bruder sich zwischen den Beiden. Nach einer Weile
hrte Georg ihn flstern, dann sie, er schlo die Ohren, verstand auch
nichts, aber das Flstern dauerte an ... Nun schlo er auch die Augen,
vernahm das seltsame Gerusch der Lippen in Pausen, dachte an die tote
Frau und geriet an Heines Vers: >Keine Messe wird man singen, keinen
Kaddosch wird man sagen ...< Kaddisch hatte Birnbaum gesagt, aber das
war wohl dasselbe. >Dunkler Hund im dunklen Grabe ...< kam das nicht im
selben Gedicht vor? Nein, das war ja:

   Nicht gedacht soll seiner werden.
   Aus dem Mund der armen, alten
   Esther Wolf ...

Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch ... Es lie ihn nicht
wieder los. Sieh, aber nun waren Sterne da! Lieber Gott, wie das nun
gleich erleichterte! Da standen sie, klein, schwach, blulich, dort
einer, dort ganz oben, fast ber ihm. -- Keinen Kaddosch wird man sagen
...

Verzeihen Sie, Birnbaum, was ist Kaddisch? Sie sagten es eben. Und mir
fiel ein Vers von Heine ein, da heits --

Kaddosch, sagte Birnbaum, es ist dasselbe. Kaddisch ist das
Totenbeten; die Verwandten verrichten es, oder auch -- wie bei uns, die
wir keine in der Stadt haben -- Freunde und angestellte Frauen. Ich bin
davongegangen. Ich konnte nicht ertragen, das Klagen zu hren, wo ein
Mensch endlich seine Seele wieder hat, denn das mssen die Andern doch
wenigstens glauben. Komm, Esther, siehst du die Sterne? Wollen wir
Mutter unsern Kaddisch sagen? Sie antwortete nicht. Einige Minuten
spter hrte Georg ihn sprechen, nicht mehr in seiner wegwerfenden,
schnell fertigen Art, sondern seltsam innig und sanft. --

Mutter, sagte er, warst du denn noch ein Mensch? -- Kannst du uns
jetzt sagen, was du warst? Da warst du, warst so klein und noch ganz
schn, saest immer bei uns und hattest keine Augen fr uns, wenn wir
hinsahn. Aber wenn wir still saen und lasen, wie oft merkten wir dann,
da deine Augen auf uns waren, wie Kinderaugen, verschchtert, wie ein
Bestraftes, das nicht sein darf wie die Andern ...

Und so seltsame Dinge mutest du immer tun! Wenn du allein warst, da
bewegte sichs in dir, und du mutest immer folgen, und wenn einer von
uns wieder hereinkam, so warst du nicht mehr da. Dann hocktest du
zwischen Sofa und Bcherschrank ganz klein, die Hnde im Scho, oder du
knietest unter der Tischdecke, als wolltest du Verstecken spielen, oder
du hattest ins Schlafzimmer gehn mssen, das Bett gesehn und dich halb
ausgezogen und hineingelegt. Und niemals durftest du im Bett sein
nachts, wenn Esther erwachte und nachsah: dann mutest du mit kalten
Fen beim Schrank stehn, oder im Fenstervorhang, aber du warst doch
immer willig, kleine Gestalt, und tatest, was man verlangte, legtest
dich gleich wieder hin und decktest dich zu. Manchmal freilich war dirs
verboten, mit uns zu essen, und dann mutest du heimlich in die
Speisekammer gehen und finden, was Esther dir hingesetzt hatte ...

Und wie war es denn, als du starbst? fing er leise wieder an. Auf
einmal fandest du die Korridortr nicht verschlossen und huschtest
hinaus. Und als dein Sohn im Dunkel mit dem Streichholz die Treppe
heraufkam, saest du auf den Stufen, klein und wei in deiner
Nachtjacke, die Stirn ans Gelnder gelehnt, und da warst du tot ...

Ja, Esther, da war er nun wieder hinausgegangen, der trichte Geist,
der ihr all das Seltsame riet, ber das sie so viel den Kopf schtteln
mute. Und all das, weil eines Tages ein lieber Mensch auf der Erde lag
und nicht mehr antworten wollte auf ihr Schreien und Schtteln und
Schlagen, und all das, damit sie nun sein Gesicht wieder hat -- ein
wenig Wehmut am Mundwinkel, ein wenig Friede ber Schlfen und Augen,
und das Unbegreifliche ...

Sigurd war verstummt. Georg sah nicht ohne Erleichterung viele Sterne
oben in der Nacht; auch in der Schwrze des Teichs waren sie sichtbar
geworden.

Und wir, sagte Sigurd leise, aber wieder heftiger schon, wir bewegen
uns, wir greifen dies und jenes an und nennens Verstand. Einmal merken
wir dann, da wir immer das Verkehrte getan haben. Aber in uns sa doch
einer, der wollte es so. Es war so seltsam, Esther, wie Mutter nun dalag
unter der Hngelampe, und du standest neben ihrem Kopf, in deinem
schwarzen Haar, mit flieenden Augen, im langen, weien Hemd und gettet
vom Schlaf. So sonderbar war das! Nun wirst du bald heiraten wollen und
ber das groe Wasser fortgehen. Ja, meine Lehre ist nun aus. Sehen
Sie, wandte er sich zu Georg nicht ohne ein wenig Bombast, es ist ja
nichts ohne eine gute Seite. Esther mute die letzten vier Jahre aus der
Schule fortbleiben; da hat sie viel unntzes Zeug gespart und eine
Menge Gutes von mir gelernt, Buchfhrung und Philosophie,
Sozialwissenschaften, und einen ungeheuren Sto gute Bcher gelesen.
Verloben konnte sie sich auch, und ich kann dann von dem kleinen zum
groen Mtterchen zurckgehen, Mtterchen Ruland, und sehen, ob man
mich dort brauchen kann.

Sie sind doch Balte? fragte Georg, um etwas zu sagen. Sigurd nickte.

Komm, Esther, wir wollen gehn, sagte er, und sie stand auf. -- Georg
ging willenlos mit.

Sie sprachen nicht mehr, bis sie am kleinen Palais anlangten. Als Georg
sich hier verabschieden wollte, hrte er Esther zum ersten Male nach den
wenigen Worten zu Anfang etwas sagen, indem sie erstaunt fragte, ob er
hier wohne? -- Leider, gab Georg zurck, sei die Einrichtung noch nicht
fertig, sonst wrde er sie bitten, hereinzukommen.

Siehst du, Sigurd, sagte sie da ganz heiter, nun komme ich doch
hinein!

Sie hat es sich als kleines Kind schon gewnscht, erklrte ihr Bruder,
einmal in den verschlossenen Garten zu kommen, da freut sie sich nun
freilich.

Georg meinte, das Stck hinter dem Schlchen sei nur klein, aber es
wrde ihn doch sehr freuen, -- was nicht aufrichtig war, denn er hatte
keinerlei Eindruck von ihr gehabt, und obendrein war sie verlobt. Er
hate Verlobungen. -- Also schieden die Geschwister von ihm.

Im Hausflur zauderte Georg, ob er in die unfertigen Zimmer gehen sollte
oder in die fr die Zwischenzeit zurechtgemachten Prunkgemcher. Aber
nach einem Blick in den kahlen, vom schwarzen Abend verdsterten Raum
voller Bcherkisten, Teppichballen und Mbeln in Lattenkfigen, und
einem weiteren durch die Gartentr ins Freie, ob etwa aus Bennos
Fenstern Licht falle -- doch alles war dunkel dort --, wanderte er
schlaff und unfhig in der dunklen Zimmerflucht hin und her, bald nahe
am Weinen vor Schmerzwut im Gedanken an Benno, der natrlich bei Renate
war. Renate, die ihm ewig verschlossene! Denn dort war ja nun Magda im
Hause, und dies -- nein, dies brachte er nun doch nicht fertig, vor
ihren Augen zu Renate zu beten.

Er stand wieder still, durch ein Fenster starrend auf den Rasenplatz, wo
aus der Eichengruppe die Nacht wie eine schwarze Fackel aufstieg.
>Keinen Kaddosch wird man sagen ...< Dieser Sigurd war gewi ein
ungewhnlicher Mensch, in der Schule wurde ja viel von ihm gesprochen,
seinen Kenntnissen, seiner Belesenheit und -- ja vor allem seiner
Hlfsbereitschaft. Nun, mich wird er schwerlich aus meinem Sumpf
herausziehen knnen. Also was bleibt mir brig?

Darauflos leben, lustig sein, wieder die Nchte durchsausen, saufen,
speien, johlen, Zoten hren. Ach, wenn nur die studentische
Ausgelassenheit heutzutage nicht so unendlich nichtswrdig wre! Wenns
noch Freude wre, berschwang, Lebensberflle, wahre Ausgelassenheit
voll Geist und Witz. Ausgelassenheit? Ja, die Vernunft wird ausgelassen
und der Stumpfsinn herein, sie betuben sich, anstatt sich zu befreien,
vernichten sich selber in Berauschung, sie sind so unfeurig, das ist es,
sie brennen ja von nichts und fr nichts, ja sie brennen blo von
Alkohol, von Spiritus, dnne, kraftlose Flmmchen, -- o Renate, Renate!

Georg mute sich niedersetzen vor Mattigkeit, hatte jedoch innerlich
etwas Haltung gewonnen.

Was also mu ich tun? fragte er sich, so klar er konnte. Ihnen
abschreiben oder nicht abschreiben? -- Es durchzuckte ihn, da er diese
Last auf sich nehmen msse, wegen der -- Maske, die sich gerade im
stndigen Umgang mit seinesgleichen allein probieren lasse. Lieber --
dachte er -- ein besonders schweres Stck Weges jetzt -- und dann
Freiheit so oder so, als die lange Ungewiheit, Ratlosigkeit, und so --
Verschleppung.

Wenn ich, dachte er, Herzog bin, werde ich das alles abschaffen. Und
damit ich das kann, fuhr er innerlich errtend fort, mu ich nun wohl
dafr bluten ...

Die Augen fielen ihm zu; er ffnete sie schwer, sah die zwei grauen
Rechtecke der Fenster bleich und de im Dunkel und tastete nach seinem
Herzen. Die Angst stieg darum wie Flut; er atmete mehrmals, so tief er
konnte. Entschliee dich, Georg, gebot er sich, schreibe, schreibe
gleich! -- und schon zum Aufstehen aus dem tiefen Sessel sich
vornberbckend, die Hnde auf den Knien, kam er nicht weiter aus dieser
Haltung.

Wenn ichs nicht tue, fragte er sich besinnungslos, tue ich es dann aus
Tapferkeit nicht oder aus Feigheit?


                         Zweites Kapitel: Juni


                               Begegnung

Georg, an einem glanzlosen Vormittage im Junianfang, ritt Unkas im
langsamsten Schritt die breite Mittelstrae zwischen den Alleen in der
Richtung auf Herrenhausen hinunter, vornberhngend mit halb
geschlossenen Augen, im verschwommenen Blick nahe die leise schlagende
schwarze Mhne, tiefer das wechselnde Zum-Vorschein-Kommen der breiten
Hufe, unter denen die staubtrockenen Erdklumpen vorspritzten. So sa er,
in seiner schweren Mde, seiner Angstwut, seinem unendlichen Mibehagen,
das Hirn in Bierdnsten, das Herz in de; zerpret.

Ihm fiel ein, wie er in der Nacht zuvor halbtrunken in die Gntherstrae
gelaufen war; wie er -- auf ihm selber unbegreifliche Weise -- zur
Rckseite des Gartens gelangt war, halb bewutlos vor Trunkenheit und
Qual am Zaun gehangen und hinber gelechzt hatte nach dem grauen, ganz
dunklen Hause hinter den Bumen.

Renate ... Wann wrde er sie je wieder sehn! Magda -- es geschah ihm
freilich recht, da sie ihm den Eingang verschlo, denn das tat sie ...

Dies war die Gegenwart: freudlos, dumpf, entstellt durch eigene Schuld.
Das war die Zukunft: dumpf, abgeschlossen, umflgelt von Gespenstern des
Grauens. Dennoch mute er hinein, mute, die Maske vor, versuchen, ob --
-- erfahren, ob es ertrglich, mglich ...

Unkas stolperte trg; er ri ihn hoch und bemhte sich gewohnheitsmig,
ihn mit Schenkelschlu und kleinen Paraden zusammenzustellen. In seine
geffneten Augen blendete das halb verhllte Licht; Spatzenzank
schrillte und berlaut Finkenschlag, dicht zu seinen Hupten.
Emporblickend folgte er eine Zeitlang den fast auf ihn herunterhngenden
Zweigen, deren erste, dnne Belaubung -- Bltter und Blttchen, kaum
entrollt, noch zerknittert, weich, weilich behaart, kaum geborenen
Tieren gleich -- Verlangen erregte, danach zu greifen, eins abzupflcken
und vorsichtig hineinzubeien als in leise bitter Ses. Aber er brachte
-- schon zwischen den Zhnen fhlend, wie das Trockene innen saftig sich
zusammendrckte und knisterte -- die Hand nicht hoch, und eine hlflose
Rhrung, die ihn berkam, reizte fast zu Trnen. -- Nun schmerzte sein
nach oben gedrehtes Genick; er senkte den Kopf wieder gerade.

Da sah er, ein paar hundert Schritte weit vor ihm, auf dem getretenen
Fupfad neben dem Hufschotter zwei Gestalten kommen, eine weibliche und
eine kleinere mnnliche, und sofort erkannte er Magda in der weiblichen,
erkannte sie mit dem Instinkt, obwohl er sich sagte, da er, wenn sie es
wirklich war, sie gar nicht erkennen konnte, so entfremdet wie sie
aussah. Allein im Nherkommen blieb es untrglich Magda, -- und er
dachte: Magda -- warum nicht mehr Anna? Es kam so ... Magda in einem
hngenden, nein schlottrigen, mattblauen Kleide, das sie mit den Achseln
trug anstatt mit den Hften. Wie weit ihr Gang war! und trug sie nicht
Sandalen oder wenigstens keine Abstze unter den Schuhen? Damenschuhe
ohne Abstze waren Georg unleidlich. Er konnte die Beine sich abzeichnen
sehen unter dem schrittweis hin und her schlagenden Stoff, jedoch -- wie
reizlos! Auf dem Kopf hatte sie einen groen Panamahut mit tief
gerundeter Krempe, und er sah nun schon ihr Gesicht darunter, bla, mit
undeutlichen Zgen, wie verwischt.

Und daneben, in schwarzem Anzug, den Strohhut aus der Stirn gerckt, die
Hnde auf dem Rcken, in unbedenklicher Haltung etwas vornber -- das
war ja al Manach! Richtig wieder unter den Lebenden ...

Georg sah ihr Gesicht nun von innen sich erhitzen und ganz rosig werden;
sah den Blick der alten braunen Augen und lenkte Unkas hinber.
Augenblicke spter hielt er mit Herzklopfen vor ihr, sie lachte heiter,
nickte ihm zu, rief: Tag, Georg! und begann Unkas den Hals zu klopfen.

Gr Gott, Herr al Manach, sagte Georg, na wie gehts denn?

Besten Dank, uerte Jason, es ginge ja. -- Den Strohhut, den er hflich
abgenommen hatte, behielt er in der Hand.

Aber Georg, was ist das mit Unkas? fragte sie, bevor er etwas vom
Zusammentreffen und Langenichtgesehenhaben vorbringen konnte. Er klemmt
ja die Zunge zwischen die Zhne.

Tut er das? So. -- Ja, er wird ja auch alt ...

Na Georg, schon so alt? Wieviel Jahre hat er denn?

Ich soll wissen! -- Neun oder zehn.

Ach, Georg, du weit gar nichts! lachte sie. -- Wehmtig an ihrem
Gesicht vorber auf die absatzlosen, staubgrauen Schuhe hinunterblickend
-- waren es nicht einmal kleine Lackschuhe gewesen, mit eingedrckter
Spitze? -- hrte er sie weitersprechen: ob er vergessen htte, da er
ihn gekriegt habe, als er elf Jahre alt wurde ... Ich bekam Terpsichore
-- erinnerst du dich noch? -- den Schimmel, der gleich das linke
Vorderbein brach -- ich kriegte doch immer was mit an deinen
Geburtstagen -- und du Unkas, und damals war er noch nicht drei Jahre
alt. Also ist er nun --?

Georg brauchte eine Weile, bis er hinter den Zhnen hervorbrachte:
Zehneinhalb! mit alles vergessender Traurigkeit nun an ihren
brauenlosen Augen haftend und sehr zu fragen versucht: Hast du denn so
gelitten, da du gar nicht mehr weit, was Leid ist, und nichts
empfindest bei solchen Erinnerungen? --

Dann ermannte er sich, lachte, wiederholend: Zehneinhalb! das mu Onkel
Salomons Handschuhnummer sein! Wie gehts denn dem Alten? und sprang ab.
Er hngte die Trense hinter den Bgelriemen ein, gab Unkas einen Klaps
auf die fletschende Zunge, da er unwillig zurckfuhr, und setzte sich
neben Magda in Bewegung, dem Wallach es, wie ers gewohnt war,
berlassend, ob er mitkommen oder stehen bleiben wollte. Er kam ja doch
immer ...

Sie gingen still. Zehn Schritte weiter hrten sie Unkas, der nachgetrabt
kam, bis er mit dem Maul an Georgs Schulter stie, zum Zeichen
getreulichen Vorhandenseins. Jason sagte: Das gute Pferd.

Erst Augenblicke spter fhlte Georg ein zartes Lcheln in sich
aufquellen, wie seltsam bestimmt, sanft und bedeutungsvoll es geklungen
hatte: Das gute Pferd ... Er sphte verstohlen an Magda vorber auf
Jason, der vor sich hin ging. Alles war ein wenig krumm an ihm, Genick,
Rcken und Knie; die schwarzen Augen aber bewegten sich glanzvoll,
lebendig und mit Gelassenheit umher.

Und whrenddes hrte er sich Magda nach ihrem Vater fragen, hrte sie
irgend etwas Unbestimmtes antworten, dann weitersprechen, von Krankheit,
ihrem Gesangslehrer und einer Musikvorlesung, die sie in der Universitt
hrte, und da sie Georg einmal von weitem dort gesehen hatte. Wie es
ihm denn ginge ... Er sehe gar nicht gut aus ...

Ach mit mir ist nichts mehr los, Anna, sagte er gedankenlos.

Ach Georg!

Ich bin wieder aktiv geworden. Er sah starr geradeaus. Sie blieb
stumm.

Das dauerte eine Weile, bis Georg aus den Anlagen zur Rechten die Front
des Schlchens schimmern sah, worauf er sich zusammennahm und fragte,
ob die Beiden nicht seine Wohnung anschauen mchten; sie sei eben fertig
geworden. Und dann knnten sie ja auch Benno besuchen und sehn, wie er
Glck strahlte. -- Magda nickte, sie bogen ab, durchschritten die Allee
und wanderten um das Rasenrund.

Dann sagte Georg aus halber Besinnungslosigkeit, ohne die Worte
unterdrcken zu knnen:

Nun bist du ja wie eine Taube, Anna ...

Sie blieb stehen, so da auch er halten mute und sich zu ihr wenden,
sah ihn sanft an und sagte:

Anna nennst du mich? Ja, behalte nur den Namen.

Dann ging sie weiter, dem vorausgewanderten Jason nach, indem sie
anfing, von Renate zu erzhlen, und da sie nun zweimal allwchentlich
einen Quartettabend htten; Saint-Georges spiele die Bratsche oder
zweite Geige, Irene die erste, Sigurd Birnbaum Cello, -- kennst du ihn
nicht von der Schule her? -- und Georg nickte. -- Benno Prager, Ulrika
und Renate wechselten am Klavier. -- Auch Trios spielten sie, Mittwochs
wrde gebt, Sonntags mte gekonnt werden.

Und wenn du magst, Georg, kannst du gern zuhren kommen. Ich habe mit
Renate darber gesprochen.

Georg zuckte stark. Aber das -- -- nein das -- -- Sie wute ja nicht,
was sie tat. Aber er konnte es nicht hindern, da ein Freudegefhl
mchtig und mchtiger seine Brust aufdehnte, die Angst daraus -- nein,
das Bittere der Angst vertrieb und Ses hineinflte. Er richtete sich
innerlich auf, straffte seine Haltung, und die Welt sah pltzlich
sonniger aus.

Schon hatte er, den Trschlssel in der Hand, das geheime Gefhl, eine
andere als die kleine grau gestrichene Tr hier aufzuschlieen;
leichtfig, die vier Stufen berspringend, strich er voraus durch den
Flur und schlug die Tr zu seinem schnen Zimmer auf, -- zum blassen
Egon, der hbsch in der Gartentr lehnte, hinunterrufend, da Unkas
drauen stehe.

Ja, es war schn. Magda schlug die Hnde zusammen und machte nur groe
Augen. Zwischen den klarweien Vorhngen der hohen Fenster, im Schatten
des dunkelgrnen Wandstcks hinter ihm, sa der ernste, dunkle
Pensieroso und sann nach ber die Welt. Es war ganz feierlich. Von
berall her schimmerten oder funkelten die erlesenen Farben der Kleinode
auf den Bcherregalen, leuchteten die Farben der Frhjahrsblumen, rote
und hellgelbe Tulpen, ein tiefvioletter Busch Veilchen, Narzissen, gelbe
und weie, hngende stark blaue und rote Petunien und ein riesiges
Gebsch lichtgelber Mimosenblten. Jason stand schon unten und
untersuchte aufmerksam die hlzernen braunen Apostel unter dem
Treppendach.

Nein, die Lilien! sagte Magda mit Andacht. Steil aufrecht, edel und
gromtig erhoben sie sich ber den dunklen Pensieroso.

Nein, meine Bucharas! sagte Georg und sah zu seiner Freude zum
erstenmal wieder rasches Leben durch Magda fluten, die nun die Stufen
hinunterlief, sich auf die Teppiche bckte, ja sogar sich niederwarf, um
sie zu streicheln.

Himmlisch, Georg! sagte sie, ganz himmlisch!

Worauf er eifrig zu den Fenstern lief, ein neues Blendwerk versprach,
den gewaltigen samtgrauen Vorhang niederrauschen lie und zugleich eine
Lichtkurbel drehte. Hoch oben im Raum, zwei Meter unter der Decke
entfaltete sich und schwebte eine milchweie Sphre, wie ein groer
Krbis gro, die ein fremdes, fast beklemmendes Mondlicht durch den
dmmerig bleibenden Raum ergo.

Nein, hier mu ich Renate herbringen! gestand Magda noch langer
Atemlosigkeit. Jason, was sagst du?

Allein kein Jason war vorhanden. Nachsehend fand Georg ihn im
Nebenzimmer, wo er, die Hnde auf dem Rcken, den Kopf im Genick,
geduldig zu dem weien Perserteppich aufstaunte, der das Wandstck neben
der glsernen Apsis bedeckte. Auch dies Zimmer mit seiner groen
Helligkeit, den Vitrinen, schwarzem Stutzflgel und Peddigrohrsesseln in
der musselinverhangenen Fensternische fand Magda himmlisch; aber sie war
nun wieder stiller geworden und in sich zurckgekehrt.

Wenige Minuten spter geleitete Georg die Beiden den langen Flur
hinunter und durch den Saal vor Bennos Tr. Drinnen sahen sie ihn in der
Mitte stehen, so lang er war und aussehend, als sei er stundenlang,
glcksmatt und strahlend in seinen drei Zimmern vor seinen vielen Mbeln
auf und nieder geschritten, die er nun selig zeigte: vom Messingbett (es
mute eines sein!) und dem flieenden Waschtisch, an den Bcherschrnken
und Schreibtisch von Palisander vorber bis zum Bsendorfer im schn
getfelten Musiksaal, glcksmatt und strahlend, als ob er sie alle
geboren htte. Auf vieles Zureden Georgs wagte er endlich, eine Taste
anzuschlagen, lauschte verzckt, sa augenblicks vor der Klaviatur und
lie eine Fuge darber hinrollen, da die Wnde bebten. Und er fing an,
Kunststcke zu machen, fegte den _Des-Dur_-Akkord ber die ganze
Klaviatur und lustfunkelte beim Staunen der Andern, da sie den Akkord
drinnen nachbrausen hrten, als wrs eine Orgel. Und er sang einzelne,
besondere Noten in das offene Instrument und freute sich innig mit
Georg, wenn nach Augenblicken aus der Tiefe das Echo sang wie ein
gehorsamer Gott. -- Magda kannte diese Kunststcke schon. Und so
verlieen sie den Beglckten.

Du bist auch ein guter Mensch, sagte Magda, als sie den Korridor
zurckgingen, verstummte aber bei Georgs heftigem Auffahren. -- Und ich
betrge sie ja doch schon wieder! dachte er wild, Renate vor brennenden
Augen.

Als sie dann unter der Haustr standen, nahm Magda seine Hand und sagte,
indem sie Jason nicht mehr zu beachten schien als den lieben Gott im
Himmel oder vielleicht das Sims ber der Tr:

Ich wute wohl, Georg, da ich dir heute begegnen wrde. Sie lchelte
kindlich: Ja, was du da nun wieder mit dir angestellt hast, das mut du
wohl ausessen. Ich, weit du, kann mich um so etwas nicht mehr viel
kmmern. -- Schon wieder ernst geworden bei den letzten Worten, fuhr
sie fort: Ich bin sehr bs krank gewesen, Georg, aber ich habs
berstanden, alles, weit du, und ich mchte dich nicht gerne ganz
verlieren. In unser Haus kannst du nicht kommen, deshalb sprach ich mit
Renate. Du mut aber still sein wie ich, willst du?

Ganz nahe, whrend sie dies sagte, hatte Georg ihre Zge unter den
Augen, und whrend er diese fest in Magdas geheftet hatte, muten seine
Blicke doch gleichzeitig in ihrem Antlitz umherwandern, mit immer
beklommenerem Staunen die, nur aus dieser Nhe erkennbare Vernderung
der Zge begreifend; denn diese nun blasse Haut, unter der jetzt ein
anderer Stoff als Fleisch zu sein schien, war einmal rosig gewesen, und
es lebten damals lebendige Gefhle lieblicher Art um die verwischten
Linien des farblosen Mundes, der freilich damals schon herabgezogen war
an den Winkeln, aber doch nicht so! Unter dieser glatteren Stirn lebten
jetzt andere Dinge, und es war eine ganz andere Stirn; Fltchen waren im
Begriff, sich an den Auenwinkeln der Augen zu bilden, und noch -- nein,
noch war da nichts Welkes unter den Lidern, nur etwas sehr
Durchsichtiges, und das Haar -- -- Indem glaubte er sich eines andern
Gesichts zu erinnern, das er auch in einem irgendwie bedeutenden
Augenblick so wie dieses gesehn hatte, allein nun hatte er ihr dankend
in die Augen zu sehn, ihre Hand zu drcken, Jason ebenfalls, und zu
gehn. Ohne es gewollt zu haben, wandte er bald den Kopf nach ihr um. Da
gingen sie nebeneinander die weie, chaussierte Strae hinab, vorber an
den kleinen Kugelakazien, aus denen die Sternwarte sich erhob, dunkelrot
und schwarzgrn im Efeubehang, Georgs Blicke fr Sekunden emporlenkend,
da er ihren Ernst, ihr Alter, ihre bedrohliche Wrde empfand --: Jason,
die leeren Hnde auf dem Rcken, schwarz und etwas vorgebeugt, den
Strohhut wieder im Genick. An Magda war nichts zu sehn; sie ging ihres
Wegs.

Kein Reiz mehr hauchte aus ihr, das wars.

Hatte sie allen Glanz der Welt von sich getan? Hatte er selber sie
gelscht wie ein Licht? Aber ihre Augen glnzten anders innerlich, es
gab vielleicht Nonnen, deren Augen wie die ihren in einer sehr gewissen
Flamme brannten, in der sie alle ueren Lichter reiner und edler
hatten. Dieser Jason hatte ja Augen wie ein Mrchenerzhler, man mte
-- aber schon, indem Jason ihm erschien, mit einem riesigen schwarzroten
Turban bekleidet, ein blaues, langrmeliges indisches Hemde am Leibe,
mit untergekreuzten Beinen auf einem Teppich, schob sich das Gesicht
seines Vaters in dieses Bild hinein, so als wre es dicht ber Georgs
Augen. Wann war --? Ach, an seinem Geburtstage wars, nicht am
Geburtstage, am Tage vorher, mittags, -- und schon flogen von allen
Seiten Bildstcke auf Georg zu, die hellen Fenster, und drauen die
Wipfel im Regen, Visionen des Trassenbergischen Landes, und schon der
Saal im kleinen Palais, Benno auf einem Stuhl an der Wand, der
Achattisch, Napoleons Weste, Stirn und Haar, und jhlings wieder Magda
an der Erde, am Abend im dunklen Wiesengrn, ihr rtliches Kleid, ihr
ohnmchtiges Gesicht mit geschlossenen Augen und -- -- Georg merkte, da
er vor seiner Haustr stand, die in ihr Schlo gefallen war, fing an, in
der rechten Hosentasche die Schlssel zu suchen, verga dabei, was er
aus der Tasche holen wollte, wlzte Feuerzeug, Taschentuch,
Schlsselbund durcheinander, brachte dies endlich hervor und schlo auf.
Sein Zimmer in geisterhafter Mondesdmmerung erschreckte ihn, er ri den
Vorhang hoch, ffnete die Glastr. Sonnenlos war drauen der Garten, er
lehnte sich gegen den Trrahmen, warf den Hut irgendwohin und hing nun
ganz und gar tief ber dem Erinnerungsfeld jenes Tages, wo Jasons
schwarzer Krper aus dem Grn der Teichoberflche erschien, an einem Arm
emporgezogen, und er sah die klebenden grnen Blattlinsen auf dem
bleichen Gesicht. Unkas stand da, verzerrt, der Maler ging neben ihm,
der Maler sa im Zimmer in der Fensterbank, am Tisch, schob seinen
Bleistift in der Blechhlse, und da war das weie Zeug des Vorhangs an
Magdas Fenster in der Nacht, die kleinen Kronen der Obstbume in der
Dmmerung, das Spalier an der Hauswand, und nun war er im Zimmer, legte
die weie, fremde Gestalt auf das offene Bett, -- diese fremde Gestalt,
fremde, fremde, fremde -- wiederholte er immerfort, und die Klte des
Augenblicks fhlte er, und fragte sich, ob das immer so sei, wenn man
eine Frau --, dies -- Sichentkleiden, dieser schaurige Stillstand in den
erst glhenden Empfindungen, und dies -- Sichzurechtlegen und Rcken und
-- Gepeinigt von diesen Empfindungen mute er sie um so hartnckiger
verfolgen, erinnerte sich des wilden kleinen Wesens in Mnchen,
Fliddridd -- ja, das war freilich ganz anders, viel natrlicher, denn
die war selber uerst bei der Sache gewesen -- -- aber wenn eine Frau
selber nichts -- -- du mein Gott, ja -- das Blut scho ihm siedendhei
in den Kopf -- was ging denn whrend dieser Zeit in ihr vor, die da vor
ihm lag und still hielt, was dachte sie denn, was fhlte sie denn? und
war sie nicht weiter von ihm weg als der Sirius von der Sonne? Und was
war denn das, was er tat an ihr? Hatte er sie nicht einfach
vergewaltigt?

Georg schttelte aufgeregt diese Vorstellungen ab, seufzte, fhlte das
Metall seiner Zigarettendose glhend hei und feucht in der linken Hand
in der Hosentasche, zog es hervor, zndete mit flackernden Hnden eine
Zigarette an und zog mit heftigem Genieen den Rauch in die schwellende
Lunge hinunter. Das abgeglhte Streichholz in die Aschenschale auf dem
Schreibtisch legend, dachte er: Ich wute es ja, man liebt eine Frau
niemals weniger als in dem Augenblick, wo man sie -- liebt, denn im
glhendsten Momente dann -- ist sie ja auch nicht mehr vorhanden,
sondern blo -- das Feuer, in dem man selber schon vergeht, und ein
minuten-, ein sekundenlanger Blick Auge in Auge enthlt ein
tausendfaches Mehr an Glut und Unauslschlichkeit. Liebend besitzen kann
ich jede, liebend anschauen -- wie wenige! Aber Magda? -- Magda? --

Er merkte, da er unbewut nach seiner Brust getastet hatte, denn dort
hatte sich wieder der Druck gezeigt, das Angstgefhl, das lange
bekannte, das im Augenblick schon da war, wenn er allein war, und das
ihn lhmte, das Morgen verschleierte, das Gestern verhllte, das Heute
entfrbte. Doch fand er, es sei leichter geworden, loser ...

Es zuckte in ihm, aufzuspringen und in das geheime Zimmer
hinberzulaufen, das Zimmer der Knigin ... Allein in dem Sessel, in den
er gesunken war, sa er unbeweglich fest, bald nichts mehr sprend als
unerkennbare Gedanken und Vorstellungen, die an ihm zehrten.


                                Erasmus

Renate vernahm, als die Quartettgesellschaft -- Irene, Ulrika, Benno
Prager, Saint-Georges, Sigurd nebst Schwester und Magda -- an einem
Sonntagnachmittag auf dem Rasenplatz im Montfortschen Garten
buntgestreifte Reifen warf, pltzlich aus dem Gang zur Strae neben dem
Haus einen hitzig prasselnden und knatternden Lrm, und kaum da sie
hinsah, sauste mitten in die schreiend auseinander Stiebenden ein
rdriges Ungetm, schnaubend und zischend, mit einem ganz ledernen Kerl
darauf. Da hielts stille, und da wars Bogner, von dessen Gesicht eine
Brille fiel, und der lautlos lachte auf seine Art, whrend sie
ringsherum wie angewachsene Daphnes, wenigstens was die Frauen anlangt,
in mehr oder minder zierlichen Posen verharrten. Aber nun umdrngten sie
ihn und beschimpften ihn wie die Sperlinge, wie die Krhen eine muntre
Eule, und er berichtete, da er schon wochenlang auf diese Weise unter
die Drfer ber die Haide fliege, -- jedoch, sagte er, nicht jede
vernichtete Gans wird ein Stilleben. Nun habe er allerlei Dinge
gesammelt, wolle gleich anfangen, und zwar, mit Renates Erlaubnis, in
der Kapelle, die er mit sechs schnen Engeln schmcken wolle.

Was kostet ein Engel? fragte Irene, fragten sie Alle. Alle wollten
mglichst einen Engel haben. Bogner sagte, er verkaufe nur an fremde
Leute und an Herzge, und da waren sie tief niedergeschlagen, denn
keiner wollte ein fremder Mensch sein, und keiner war ein Herzog, und
schenken lassen konnten sie sich doch auch nichts, woran der Maler ja
nun auch keineswegs dachte. Sie sollten nicht bse sein, sagte er
begtigend, er wollte spter jeden von ihnen in schwarzem Papier
ausschneiden, dann knnten sie sich gegenseitig mit ihren Konterfeis
beschenken und dann htten sie jeder einen Engel. -- Dies, meinten sie,
wre nicht ganz das Richtige. --

Bogner, der sein Rad gegen das Postament der Sonnenuhr gelehnt hatte,
fragte Renate, ob Erasmus im Hause sei, denn mit ihm mte geredet
werden. Er wre ein Sonderling und mchte am Ende nicht zugeben, da er,
Bogner, Renate Bilder schenkte. --

Ja, ob er denn wirklich nichts dafr haben wollte? --

Nein, es wre doch seine Angelegenheit und ein Geschenk fr sie. --

Bogner, sagte sie, das kann ich nicht annehmen.

Schnickschnack, sagte er, Renate Montfort kann alles annehmen. Der
Bauer schenkt dem Knig Wurst, -- sind Bognersche Engel nicht ebensoviel
wert?

Renate war berwunden, mute aber nun fragen, warum Erasmus gefragt
werden mute.

Es ist hflicher, sagte Bogner.

Bogner, sagte sie, Sie haben einen schnen Charakter.

Renate war pltzlich verstummt, whrend sie durch das Haus gingen. Warum
sagte ich das? grbelte sie nach, einen schnen Charakter? Woher sind
die Worte? Ein gutes Herz wollte ich sagen ... Da fiel ihr ein, da es
Worte Bogners waren, aus einem seiner Briefe; ihr Herz zog sich
zusammen; als ob er alles wissen mte, errtete sie langsam und fing
eilig an, ber Erasmus zu klagen. Sie bekomme ihn kaum noch zu Gesicht,
er arbeite Tag und Nacht und komme nicht einmal zu den Mahlzeiten
heraus, sondern esse in der Stadt. Der Onkel sei so still geworden und
arbeite auch unaufhrlich, wenn nicht in der Fabrik, in seinem Zimmer.
Die Aktiengesellschaft war ja lngst vollkommen, und nun waren Onkel und
Erasmus Angestellte im eigenen Betriebe, pekunir war freilich alles
fast wie frher. -- Renate verstummte, da sie inzwischen im Obergescho
und vor Erasmus' Tr angelangt waren. Sie klopfte, hrte ihn laut Herein
rufen und ffnete.

Sie hatte erwartet, da er am Schreibtisch sitzen werde, aber er stand
mitten im Zimmer, halb den Rcken zur Tr, das Gesicht ber die Achsel
hergewandt, die linke Hand auf dem Rcken. Slicher Qualm erfllte den
Raum, und als er sich zur Tre umdrehte, wurde in seiner linken Hand
eine halblange Jgerpfeife mit Troddeln sichtbar. So schien er
umhergewandert zu sein, und die Schreibunterlage auf dem Schreibtisch
war leer. Dieweil er Bogner freundlich die Hand gab und mit seiner
tiefen Stimme ein paar Bemerkungen ber seine Belederung machte, sah
Renate sich verstohlen um, da sie noch nie hier oben gewesen war.

Es sah wie in einer Studentenbude aus; ein schiefes Bcherregal hing an
der Wand, Stapel und Ste von wissenschaftlichen Zeitschriften lagen
auf Sthlen und Teppich, ein Schrank stand halb offen, ein Mantel hing
vom Sofa an den Boden, alle Bilder hingen schief. Unbewut rieb sie die
Knchel der rechten Hand in der Linken, als ob sie frre. Erasmus'
Wollt ihr euch nicht setzen? klang steif genug zur brigen
Unwohnlichkeit. Bogner, in seiner Lederjoppe breiter aussehend als
frher, lehnte sich gegen den Schreibtisch, sprach von seinen Malplnen;
Erasmus nickte dazu und sagte am Ende nur, wenn es ihm, Bogner, gerade
darauf ankme, seine Engel in Renates Kapelle unterzubringen, so solle
ers gewi tun, bezahlt kriegte er ebenso gewi nichts dafr, und Renate
fragte sich mitleidig und unwillig, ob er Bogners Andeutung vom Schenken
nicht verstanden habe oder absichtlich alles ins Geschftliche zge.

Sie htten nichts brig, sagte Erasmus, alles wrde auf die hohe Kante
gelegt, aber, sagte er, nach seiner Art pltzlich in Wut ausbrechend,
der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht alle Lust verliere, wenn ich
dich jeden Tag in dieser weien Fahne herumlaufen sehe! Meinst du, wir
sind Bettelleute geworden? Etwas mehr Takt, das mchte ich denn doch
bitten, meine Liebe!

Renate fing unwillkrlich an zu zittern, fand aber einen Ausweg. Wo
hast du mich denn gehen sehn, Erasmus? fragte sie.

Er wandte sich weg und murrte, sie habe wohl vergessen, da sein
Schlafzimmerfenster auf den Garten hinausgehe, und das schien Renate
eine so dumme Ausrede, da sie lachte und sagte: Es ist doch Sommer,
Erasmus, da trage ich nur Wei und doch nicht immer dasselbe Kleid!

Auf einmal war sie mutig geworden und wagte die Bitte, ob er nicht auch
in den Garten kommen wolle, Herzbruch komme nachher, um seine Frau zu
holen, der sei doch ein alter Freund von ihm, was der denn denken solle.

Sag, da ich arbeite! schnob er, jedoch nicht unsanft.

Erasmus, sagte sie, das ist nicht wahr.

Er stand am Papierkorb, hatte den Pfeifendeckel aufgeklappt und rhrte
mit Irgendetwas in der Asche, die herausfiel. So gut und dumm ist er,
dachte Renate, nun fllt ihm wahrhaftig nichts ein, seine Stirn ist ganz
runzlig vom Nachdenken, und die Augen quellen heraus.

Wo ist dein Onkel? knurrte er endlich, ohne aufzusehen, blies in die
Pfeife und schttete den Rest heraus.

Erasmus, mssen die Dinge denn mit Gewalt immer noch schrfer und
eckiger gemacht werden?

Er klappte die Pfeife zu, legte sie auf die Tischplatte, sah auf und
sagte ruhig:

Geht nur, geht, es ntzt ja nichts.

Erasmus! -- bat sie, aber es war nichts mehr mit ihm anzufangen, er
schob Bogner zur Tr, und sie ging mit gesenktem Kopf und rasch an
Beiden vorber hinaus.

Bogner, bin ich so ungeschickt gewesen? klagte sie drauen. Wenn ich
nur Saint-Georges gefragt htte, der wei immer alles. Sie zucken
natrlich die Achseln.

Ich, meinte der Maler, wenn ich er wre ...

Renate hob die Schultern, machte ein feindliches Gesicht und stieg
schnell und mit mglichster Ruhe vor ihm treppab.

Unten aber zwang etwas sie, stehen zu bleiben, sich nach ihm umzuwenden
und zu fragen: Wollten Sie mir nicht noch etwas erzhlen? In Ihrem
letzten Brief ... Der Maler nickte, meinte aber, es fnde sich wohl
einmal eine Zeit, wenn er erst am Malen sei und nicht knnte.

Ach, ihr seid eine Horde von Egoisten! lachte Renate, wie soll das
berhaupt mit der Malerei werden, Sie malen womglich den ganzen Tag?

Kohleaufrisse, sagte er, knne er auch nachts machen, aber die Musik
wrde ihn gewi nicht stren, nein, Musik sei sogar ein ganz ungemeines
Gerusch.

Himmel, Maler! brach sie aus, denken Sie denn nun wahrhaftig nicht
daran, da Sie uns stren knnten?

Sie lachten Beide; nein, er hatte nicht daran gedacht, versicherte aber
nun, da er ganz wenig Platz brauche, und versprach, immer nur an einem
Fenster zu malen.

Sie waren doch auf der Schule mit Erasmus, sagte sie pltzlich, wie
machten Sie es denn da, wenn er nicht wollte wie die Andern?

Sie standen in der Veranda. Der Rasenplatz war leer, von der Kapelle her
tnten Orgelklnge gedmpft, nur Irene stand neben Bogners Rad,
sanfthftig und anmutig in ihrem, gegen die Fe leicht verjngten
weien Kleid, und drckte vergeblich an Bogners Huppe herum, ohne einen
Ton herauszubekommen. Die schne Nachmittagsglut fiel in breiten
Streifen durch das Gartengrn, und darber standen sie schweigend. Im
Rasen erglnzte hier und da ein Stck von einem bunten Reifen. Der Maler
sagte laut: Beide Hnde! Mit beiden Hnden gehts!

Irene, hochrot im Gesicht, flog herum, blitzte ihn an und entfloh ber
den Rasen nach der Kapelle hin.

Damals, sagte der Maler, blieb jeder sich selbst berlassen; wer sich
abgesondert hatte, mute sich freiwillig wieder herzufinden. Oder es
wurde geboxt; das geht nun nicht mehr. Erasmus war immer ein Topf ohne
Henkel. Er hob die Achseln. Das sind wir Alle im Grunde. Ihr Frauen
solltet wohl eigentlich diejenigen sein, die immer noch eine Handhabe
entdecken. Leiden machen unbeweglich, ich wei das. Wenn dann kein Gott
zugreift, steht solch einer ewig am Feuer und brennt.

Und da soll man warten, bis sie ausgekocht haben? fragte Renate, o
Bogner!

Wir reden in Gleichnissen, sagte er beinah ungeduldig Steht der Topf
denn an Ihrem Feuer?

Sie stand, ihre lange Kette von rosenroten Korallen in den Hnden, und
zog die straffgespannte langsam an den Lippen hin und her. Ja, in
meinem Hause jedenfalls, sagte sie endlich leise, und doch scheint
mir: es ist alles verzaubert, und ich kann den Spruch nicht finden.
Glauben Sie, Bogner, fragte sie ratlos, da ich Josef schreiben soll,
da er wiederkommt? Ach Gott, ich habe ja keine Ahnung, wo er ist!
klagte sie mutlos und lie den Kopf hngen.

Sie sah Bogners Rechte, die er ihr reichte, legte die ihre hinein, sah
ihn gehn und blieb, wo sie stand, ohne zu denken, ohne sich zu bewegen,
bis wieder Schritte laut wurden und Herzbruchs breite Kaufmannsgestalt
und sein gelehrtes Gesicht hinter der runden Hornbrille in der Tr
erschienen.


                                 Mensur

Georg, am Leibe weiter nichts als das einrmelige Mensurhemd und die
oftgewaschene alte Leinenhose, setzte sich rittlings auf den alten
Bandagierstuhl, kreuzte die Arme auf der Lehne und lie sich von
Tastozzi eine nach der andern die viele Meter langen, fast handbreiten
schwarzen Halsbinden umwickeln, die, glitschig vom Blut und Schwei
vieler Wunden des Mensurtages, stanken wie der Teufel. Aber wundervoll
war wieder die unendliche Sorgsamkeit, mit der Tastozzi wickelte, sanft
legend die klebrigen Riemen wie Wundbinden von weicher Gaze, nachtastend
mit der Linken und immer wieder fragend: Ists so recht, Georg? Drckts
auch nicht? Nichts drckte, im Handumdrehn steckte der Hals in einer
weichumschlieenden Wand, um die noch die handhohe wattierte Manchette
leicht umgeschnallt wurde. Sitzts? Danke, glnzend! O Tastozzi war
dunkel, aber eine Seele! Das wute, wenn kein Andrer, Georg. Er sah
dankbar auf, allein Tastozzi hatte sich schon zur Fensterbank hinter ihm
abgewandt, wo die Armbinden aufgehuft lagen.

Von diesen sanfteren Empfindungen abgesehn, befand Georg sich nicht in
der bnglich freudigen Laune seiner frheren Waffengnge. Frh erwacht,
nach wenig Schlaf, endlos wachen Stunden bler Peinigungen des
Geschlechts, Halbtraumvisionen in endlos hartnckiger Jagd, hatte gleich
der Gedanke an seine noch immer nicht restlos vernarbten Kopfwunden sich
festgesetzt: beim Betrachten der kaum behaarten Stelle im Spiegel zeigte
sichs, da sie wieder geschwitzt hatten. -- Ekelhaft, so mit offenem
Kopf zu fechten!

Georg blickte finster gegen die blaugetnchte Wand des kahlen kleinen
Raums, der leer war -- Tastozzi setzte seine Eigenart durch, beim
Anbandagieren keinen Zuschauer zu dulden -- leer, bis auf die Tische,
die drben gehuft voller Bandagen, Schurze, Drahtmasken und
Sekundantenspeere mit farbigen Krben, an den Wnden links und rechts
dagegen bedeckt waren mit dem ganzen Rstzeug der rzte, auf Wattelagern
ausgebreiteten Scheren, Zangen und Nadeln, flachen Schalen voll rosiger
Sublimatlsung und Bergen von Watte. Georgs Blick schweifte abweisend
drber hin und heftete sich auf den eigenen nackten Unterarm, den er
hochhielt, die Faust schon im gepolsterten Handschuh, whrend Tastozzi
die Handgelenkbinde von dnnem gelbgrnem Flanell zart und fest umlegte:
der Arm gefiel ihm, wie er war: glnzend wei, krftig und harmonisch
gebaut, und Schner Arm, nicht? brummte er halbfragend. Der Andere
schwieg, die grauen Augen im gelblichen, dunklen und eckigen Gesicht mit
voller Aufmerksamkeit auf die Schleife gerichtet, die seine Finger
knpften, worauf er, ohne hinzusehn, die erste Armbinde von der
Fensterbank griff und die zu Boden hngende geschickt aufrollte, dann
den Ballen um Georgs Arm abzuwickeln begann. Georg folgte gedankenlos
mit den Augen, immer wieder das leise: Sitzts, Georg? Drckts auch
nicht? hrend und die linke Hand Tastozzis sehend, deren Finger er auf
jede neue Lage prfend aufsetzte; und er wickelte bereitwillig wieder
und wieder zurck, schon auf Georgs leisestes Antwortzaudern hin. Es war
eine Lust, von Tozzi bandagiert zu werden!

Die beiden krassen Fchse, der jngere Ellerau und von Germersheim,
kamen hereingeschlendert und fragten Georg zum siebenten Male, wie er
sich fhle.

Ich habs euch schon sechs Mal gesagt: glnzend! Macht blo, da ihr weg
kommt; nicht wahr! schnob Georg und bewegte das Handgelenk noch einmal
prfend, ehe er Tozzi den dnn wattierten schwarzen Seidenrmel ber das
Ganze ziehen lie.

Gib mal Speere her, Rudi! befahl er dann. Ellerau, geh mal fragen,
wer auf Gegenseite sekundiert. Hoffentlich nicht Everdingen, der fllt
immer -- was ist, Tozzi?

Nichts. Du kannst aufstehn.

Georg erhob sich. Die ekelhafte Hose klemmt immer so!

Man sollte nackt fechten, hrte er Tozzi hinter sich. -- Rudi, mit
zwei Mensurspeeren in den Hnden vor ihn tretend, meinte lachend: Baden
mu man ja sowieso hinterher.

Hol einen Schurz, Rudi, und red nicht, eh du gefragt wirst. Georg
fhrte abwechselnd mit jeder der beiden Klingen in den krbisgroen,
blauweischwarzen Blechkrben ein paar Lufthiebe, und trat zurck, da
sein Gegner, fix und fertig gerstet, den Arm auf der Schulter eines
Korpsbruders hereinkam und sich verbeugte, ein mittelgroer, schwerer
Mensch mit gedunsenem Gesicht, aber friedlichen kleinen Augen.

Whrend Tozzi ihm dann den von Germersheim gebrachten groen Lederschurz
vorhngte, der, steif wie ein Panzer, eine neue Wolke beienden Schwei-
und Blutgeruch ausstrmte, fragte er, in Georgs Rcken festschnallend:
Hast du noch irgendeinen Wunsch? Frs Sekundieren mein' ich?

Ich wte nicht ... Da kam Ellerau zur Tr herein. Also wer
sekundiert drben? fragte Georg halblaut.

Altenburg soll er heien.

Gott sei dank. Also dann, Tozzi, fuhr Georg leise fort, nur eins,
nicht wahr, was ich immer schon sagte: nie einfallen, wenns nicht
unbedingt notwendig ist, -- Abfuhr oder so. Ich -- ja um Gottes willen,
Rudi, bring mir blo die Speere nicht durcheinander, nicht wahr! Ja,
welchen hab ich denn nun eigentlich ausgesucht? Gieb den noch mal her!
den, wo du grad -- -- nicht den! den andern! Sakrament noch mal, ihr
Fchse seid eine Gesellschaft, nicht wahr!

Bei dem Lufthieb aber, den er mit dem empfangenen Speer ausfhrte, htte
er sich ums Haar das Handgelenk verrenkt; es schmerzte, und das war ein
Omen. Georg fluchte leise und sagte, er nhme den andern, Ellerau sollte
ihn in der Hand behalten. -- Der erklrte hochherzig, er testierte Georg
ja sowieso, worber sein groer Bruder hereinkam und sich wunderte, da
Georg noch nicht fertig war.

Die Brille, Tozzi, sagte Georg beklommen. Der Augenblick, wo das
blindmachende, trnenerregende Eisengestell mit Drahtvergitterung um den
Schdel geschnallt wurde, war jedesmal der schlimmste.

Was wolltest du mir denn noch sagen? hrte er Tozzi fragen, der
gleichzeitig sanft den Brillenbgel -- der Gute hatte ihn zuvor mit
Watte umwickelt -- auf Georgs Nasenwurzel legte. Es ward dmmrig vor
Georgs Augen, dann fhlte er, wie unendlich behutsam die Schnalle am
Hinterkopf zugezogen wurde und -- nicht ohne leise Rhrung, da Tozzis
Linke die kurzen Haare, um sie nicht einzuklemmen, nach oben strich. Die
Riemen zogen sich zusammen, langsam, weich, dann ein kleiner Ruck; die
Brille sa. Wundervoll!

Ja -- also du weit ja, nicht wahr! Ich ziehe beim ersten Hiebe immer
nur an, nicht wahr, komme also erst beim dritten, nicht wahr, auf Terz
heraus und dann mit der Hakenquart. Von der Uhlenburg bolzt zwar sicher,
aber fr alle Flle, nicht wahr -- nicht einfallen! auch wenn du mal
Blut -- -- Also kanns losgehn?

Der Raum war jetzt gedrngt voll stehender Korpsleute aller Farben;
Georg wurde durch die Mauer geschoben und gefhrt, fand sich pltzlich
-- was ihm ein leichtes Leeregefhl in der Magengegend versetzte -- vor
der leeren Saalmitte voll blutfleckiger Sgespne, fnf Schritt
gegenber seinem Gegner, der puppensteif auf einem Stuhl hockte, das
Gesicht halb verdeckt von der eisernen Brille, an der noch ein
Nasenblech sa, den rechten Ellbogen auf dem hochgesttzten Knie seines
Testanten, so da die Schlgerklinge senkrecht emporstand. Und indem
Georg merkte, da ihm von hinten ein Stuhl untergeschoben wurde, hrte
er durch das gedmpfte Stimmengemurmel ruhig und vernehmlich sagen:
Silentium fr die Mensur.

Mein Leder! dachte Georg und vernahm, sich nach links wendend,
gleichzeitig Tozzis tiefe Stimme: Mein Paukant ist noch nicht fertig.
Das Leder fehlt. -- Ist es gro genug? fragte er, Georg die
handtellergroe, lederbezogene Platte von Eisenblech an ihren schwarzen
Bndern vorhaltend. Ich denke, erwiderte er, aber nun gabs erst
Aufenthalt. Der Unparteiische trat herzu. Andere von beiden Seiten
steckten die Kpfe vor, alle wollten das berlebensgroe Leder sehen,
das Geburtstagsleder, wie eine Stimme sagte, bis der Arzt kam, Georg
den Kopf senken lie, kaltfingrig auf der nackten Stelle tastete und das
Leder fr ordentlich erklrte. Bis es ber den noch unvernarbten Wunden
festgebunden war, verging noch eine Minute, und Georgs Arm mit der Waffe
auf der Schulter des Fuchsen war unterweil lahm geworden.

Endlich trat gegenber der Sekundant vor seinen Fechter und erklrte,
die Drahtmaske vom Gesicht lftend, sein Paukant trete mit Nasenblech an
wegen Nasenoperation; worauf Tastozzi -- pltzlich beraus schlank und
kraftvoll erscheinend, die Drahtmaske ritterlich im Arm, die Klinge
schrg nach unten -- das Leder verkndete.

Georg schpfte tief Atem; gleichwohl haftete die Bedrngnis in seiner
Brust.

Silentium fr die Mensur.

Georg trat zugleich mit seinem Gegner vor, so da sie wenig mehr ber
einen Meter voneinander entfernt standen. Dann erstarrte in ihm die
letzte Bengstigung, whrend die Sekundanten mit ihren Schlgern den
Abstand von Brust zu Brust maen, und Georg, noch auf seine Mnchener
Art die Faust im Korbe dicht berm Hinterkopf haltend, so da die Klinge
hinten herunterhing wie ein Zopf, bi die Zhne zusammen. Das letzte,
was er deutlich hrte, war drben das gellende: Auf die Mensur! Zwei
Sekunden spter sah er die schrg vorragende Speerspitze des Gegners
sich bewegen und hieb selber zu. Dann kam eine lngere Zeit blinden
verbissenen Dreinhauens, kurzes Pausieren, wieder Dreinhauen; er fhlte
-- gar nicht wie etwas Dazugehriges -- keulenschwere Schlge auf seinen
Schlgerkorb und den Arm fallen und sah endlich aus der, vom
Brillenriemen eingeschnrten Stirn dadrben einen Blutstropfen quellen,
dann einen kleinen roten Ri. Alsbald gab es eine Pause. Ein Mensch in
weiem Kittel, Arzt, erschien und verdeckte fr Augenblicke den Gegner.

Georg, keuchend und schwitzend, atmete erleichtert auf, augenblicks --
wie immer -- ruhiger geworden beim ersten Blut, und konnte sogar
lcheln, da er mit einem Blick nach links unten Tozzi sich nach seiner
Gewohnheit auf beide Abstze hocken sah, statt nur sich ber das
durchgedrckte linke Knie nach hinten zu beugen, -- um aus dieser
Stellung schneller hochfliegen zu knnen, wenns not war.

Silentium fr den Fortgang der Mensur. Durch die Drahtmaske Tozzis
glaubte Georg ein ganz kleines Augenlcheln aufblinken zu sehen. Als
zeige er eine kleine Blume dahinter, dachte Georg dankbar.

Er hatte aber noch kaum zum ersten Hieb wieder ausgeholt, als er einen
schmetternden und so wtend schmerzhaften Keulenschlag langhin ber den
Kopf erhielt, da er zusammenzuckte und taumelte. Zum Hiebe kam er
nicht, seine Klinge wurde aufgefangen, er hrte Halt schrein, hrte
Tozzis Stimme, dann wieder den Gegensekundanten: Auf Gegenseite wurde
zurckgegangen?

Infolge der Wucht der Hiebe? Tozzi.

Ich habe nichts bemerkt, erklrte der kleine Unparteiische, auf seine
Notizkarte blickend.

Georg, noch halbblind vor Schmerz, wollte bitte Pause! sagen,
verhinderte sich jedoch noch rechtzeitig, da das wie ein Zugestndnis
ausgesehen htte, auch war da pltzlich, von der Maske verdunkelt,
Tozzis Gesicht mit blitzenden Augen vor ihm, aus dem es zischte: Nimm
dich zusammen, Georg, du zuckst ja!

Georg schwieg. Einen Augenblick danach war er im heien Kampf. Zweimal,
dreimal ri es wie Feuer ber seinen Kopf hin, er schumte vor Wut,
mute warten, da es wieder Anfragen gab wegen seines Taumelns und
Zurcktretens, -- ich zucke nicht, dachte er weinend und hieb mit
blinden Augen auf eine kaum sichtbare rote Kugel los, dann hrte er ein
Geschrei: Leder weg! und wieder die Frage: Wurde zurckgegangen? Er
lauerte auf die Antwort nach Tozzis augenblicklichem: Infolge der Wucht
der Hiebe? und hrte erst nach Sekunden ein trockenes: Nein.

Georg sa und fhlte Hnde an seinem Kopf beschftigt. Besorgt und mit
einem tiefen Ausdruck von Gte beugte Tozzis Gesicht ohne Maske zwischen
Andern sich ber ihn; er fragte ngstlich: Habe ich noch gezuckt,
Tozzi? Der bewegte verneinend den Kopf und lchelte. Indem hrte Georg
die Stimme des Arztes ber sich, der ruhig bemerkte, die alten Schmisse
seien aufgeplatzt, er verbrge sich nicht fr weiteres ... Eine groe
Hand umspannte Georgs Schdel, Elleraus gutherzige Augen erschienen ber
ihm, bevor er den Kopf senkte. Als er wieder aufsah, stand Tozzi zwei
Schritte vor dem Unparteiischen, verbeugte sich genau wie zu Anfang und
sagte: Herr Unparteiischer, wir fhren ab, worauf er sich schlank
umdrehte, seinen Speer wtend auf die Erde schleuderte, den Handschuh
von der Hand zerrte und hinterdrein schmi und ganz bleich flammenden
Gesichts Ellerau mit halber Stimme anfuhr: Ich habs euch vorher gesagt,
ich! Das war eine Roheit! dann sich wegdrehte und hinausging.

Wieder rittlings auf einem Stuhl, jetzt die Stirn auf den Armen, von der
heien Bandagenrstung erleichtert, den schrecklich schmerzenden Kopf
von khlenden Wattebuschen betupft, fragte Georg den Arzt, ob wieder
genht werden mte. -- Das sei leider unmglich; man mte es so zu
heilen versuchen. Eine bse Geschichte. -- Wie lange es denn dauern
knne? -- Nicht unter sechs Wochen.

Georg sank das Herz. Da die Mensur zu alledem schlecht gefochten war,
stand fest; er mute Reinigung fechten, dazu kam es vielleicht nicht
einmal mehr in diesem Semester, so war er gezwungen, auch im nchsten
noch aktiv zu bleiben. Sein ganzer Kopf schwamm in Schwei und Feuer; er
glaubte ohnmchtig zu werden, hob den Kopf schwankend und sah noch
Tastozzis Gesicht und Gestalt, der mit einem Glase Wasser zur Tr
hereinkam. Trinkend kam er rasch zu sich, frstelte, nahm sich zusammen
und sagte, mhsam scherzend: Bei der nchsten wetzen wirs aus, Tozzi,
was?

Der fragte unbeweglich blickend: Wann?

In sechs Wochen, sagt der Arzt.

Drei Sekunden lang sah Georg Tastozzis Augen fest und seltsam stille
gegen die seinen eingestellt, dann bewegte er stumm den Kopf auf und
nieder und wandte sich ab, sein Glas auf den Tisch zu setzen. Der Arzt
hob die rotgewaschenen Hnde voll Watte ber Georg, der den Kopf senkte
und sich verbinden lie.


                                 Esther

Georg, den Kopf mit erhitzenden Binden umwickelt, dampfend von Angst,
de und Jammer, sa im tiefsten Sessel dicht vor der Glastr zum Garten
und sah den Regen in massig fallendem Strom durch den dmmernden Abend
niederstrzen, laut rauschend im Bltterwerk der Gebsche, aus denen
berall weiliche Blten, zerrissenen Nachtschmetterlingen gleich,
hervortrieben und umhertaumelten. Ein Trgerusch weckte ihn aus halbem
Schlaf, er hrte Egons Stimme hinter sich und drehte sich langsam um. In
der Kaminecke schwebte, erleuchtet, der grne Lampenumhang, zwei
Gestalten kamen den Flur herab auf die offene Tr zu, dann erkannte er
Esther und Sigurd und sprang erleichtert auf.

Herr du meines Lebens, wie sie trieften! Das war ja unerhrt! -- Sigurd
-- noch ber den Stufen oben -- zog mit zwei Fingern den Stoff seiner
Hose vom Bein ab, um zu zeigen, wie er klebte, Esther schwenkte ihren
Hut, da es spritzte, und schttelte den Kopf. Da flogen alle Kmme und
Nadeln aus dem Haar, und der schwarze Schopf schlug ihr ums Gesicht;
vorn senkten sich die Bgen des Scheitels, und sie drckte die gewlbten
Hnde dagegen, hob das Gesicht und lachte innig, whrend Georg
erstaunte, denn sie war ja unbeschreiblich kostbar und chinesisch
anzusehen! Diese feinen, halbkreisrunden Brauen unter dem weien Dreieck
der Stirn -- wie ein marmorner Giebel --, die geschlitzten, glitzernden
Augen, und der Mund, ah, er war erstaunlich s, denn er hatte einen
Bart, einen entzckenden, verfhrenden Flaum von Bart ber den
Mundwinkeln! Esther hie sie? Sie war ein wenig klein, Rebekka htte
besser gepat, wie sie dem langen Jakob auf den Zehen den Krug zum Munde
reichte und alle Kamele mit himmlischem Wasser trnkte, -- aber was nun?
Kleider muten herbeigeschafft werden, dies war ja ein gottvolles
Unwetter!

Georg hob den Deckel der Truhe in der Kaminecke.

Dies, sagte er, ist ein vllig ungetragener Bademantel, dunkelrot mit
handbreiter blauer Kante, der steht Ihnen fabelhaft, Sigurd, ziehen Sie
ihn schleunig an! Und hier, aus diesen Seidenpapierhllen schlt sich --
aha! aha! ein Morgenkleid der Weimarer Werksttten in ungefhrer Form
eines japanischen Kimonos! Und er machte wollstig verlockende Augen zu
Esther, welche die Hnde zusammenschlug ber der breit entfalteten
braungoldenen Seide, bestickt mit schwarzgestielten und kupferfarbenen
Mohnblumen, vom Saum nach oben steigend. Augenblicks ffnete Georg sein
Schlafzimmer, machte Licht, warf das Kleid ber sein Bett, schob das
Mdchen hinein und machte die Tr zu. Dann half er Sigurd die klebenden
Hosen vom Leibe, wobei der erzhlte, wie sie jhlings im Park von dem
Unwetter berrascht und hergeflchtet seien, natrlich Esthers wegen,
die behauptete, es wre nher hierher als bis zur elektrischen Bahn, und
das freute Georg ber die Maen. Der blasse Egon half lchelnd bei den
Stiefeln und strzte davon, um den Tee zu beschleunigen. Esther steckte
den Kopf aus der Tr und rief: Schuhe! ich habe alles ausgezogen! Aber
da war nur ein Paar japanischer Holzschuhe in der Truhe mit zwei Zoll
hohen Sohlen, die reichte Georg hinein, und nach einer Weile ging die
Tr auf, und sie kam herein, o wunderbar! auf ganz kleinen, vorsichtigen
Schritten, so da sich kaum das Kleid bewegte, das sie weit und mchtig
umflo, die Unterarme vor der Brust gekreuzt, das Haar hochaufgesteckt
und mit einer sehr lieblichen Kniginnenhaltung des kleinen Hauptes. Ja,
da stand nun Sigurd und sah wie ein Hoherpriester aus mit seinem langen,
ernsten Gesicht, schweren Augen und dunklem Haarbusch in dem langen
roten Kleid. Egon rumte die Bcher vom niedrigen Tisch, setzte das
Teegeschirr auf, Georg zog die Lampe mit dem grnen Umhang tiefer und
konnte sich nicht satt sehn. Esther drehte sich um und um, und berdem
zirpte das Telephon vom Schreibtisch. Georg nahm den Hrer auf und
vernahm drben Bennos Stimme, der mit unzhlbaren Entschuldigungen
vortrug, Frau Tregiorni, Herr Bogner und Herr Saint-Georges seien schon
den halben Nachmittag bei ihm und sen nun fest, und nun wollten sie
Tee trinken, -- worauf nach einem unverstndlichen Gemurmel Ulrika
Tregiornis Stimme erschien, die Georg beglckwnschte, da er da sei,
denn Jason al Manach fehle, um Geschichten zu erzhlen, und er htte
sicherlich was vorzulesen. Georg freute sich heftig, bat sie aber, zu
ihm herberzukommen, da sie etwas Erstaunliches zu sehen bekommen
wrden. Das versprach sie gerne.

Unterweil hatte Esther Tee eingeschenkt und sa auf den Knien ihres
Bruders, der in einen Ledersessel versunken war und sie umschlungen
hielt, whrend sie vorsichtig die dnne Tasse an seine Lippen setzte,
aber er schttelte heftig den Kopf, es sei viel zu hei! worauf sie ihm
gut zuredete, und dann trank er wieder einen Schluck, und sie schwtzte
erstaunlich dummes Zeug dazu. Auf dem Flur drauen aber entstand ein
Getse von schlrfenden Schritten und Stimmen und unmiges Gelchter,
und dann flog die Tre auf mit einem heftigen Ruck, und -- ja da standen
sie!

Esther nmlich war entsetzt aufgesprungen und stand nun, mit den Fen
heimlich ihre halbverlorenen Schuhe angelnd, etwas gekrmmt, die Hnde
auf den Knien, mit den Armen ihr Kleid am Leibe festdrckend, lchelnd
und errtend --, ja so stand sie dicht neben dem groen grnen
Lampenumhang ihr zu Hupten. Georg stellte vor, aber darauf hrte
niemand; endlich fragte Ulrika: Georg, was ist dies? Ein Mrchenfisch?

Es ist Esther, sagte er.

Aus der Bibel?

Freilich, freilich! -- Und da gingen sie Alle herum um Esther und
verneigten sich, sogar Bogner, auch Benno, aber schrecklich verlegen.
Saint-Georges schlug vor, da sie es vormachen sollte. Was? -- Nun, das
aus den Stcken in Esther, ob sie die Stelle nicht kennten? -- Nein! --
Also mute Georg eine Bibel herbeischaffen, und er hatte wirklich eine,
eine Kunstbibel, so gro wie der Tod. Saint-Georges schlug auf und las:

Und am dritten Tage legte sie ihre tglichen Kleider ab und zog ihren
kniglichen Schmuck an.

Und war sehr schn, und rief Gott den Heiland an, der alles siehet, und
nahm zwo Mgde mit sich, und lehnete sich zierlich auf die eine, die
andre aber folgete ihr und trug ihr den Schwanz am Rocke.

Und ihr Angesicht war sehr schn, lieblich und frhlich gestalt; aber
ihr Herz war voll Angst und Sorge.

Und da sie durch alle Tren hinein kam, trat sie gegen den Knig, da er
sa auf seinem kniglichen Stuhl in seinen kniglichen Kleidern, die von
Gold und Edelsteinen waren, und war schrecklich anzusehen.

Da er nun die Augen aufhub, und sahe sie zorniglich an, erblassete die
Knigin und sank in eine Ohnmacht und legte das Haupt auf die Magd.

Da wandelte Gott dem Knige sein Herz zur Gte ...

Ja, so wollten sie es machen! Lieblich und frhlich gestalt, sagte
Georg, es pate alles genau, und er wollte die eine Magd machen, Sigurd
sollte Knig sein, aber der wollte nicht, denn er wre nicht schrecklich
anzusehen, was Esther auch fand, aber das tat sie nur, um davon zu
kommen, und sie protestierte auch gegen Georgs Magdtum, und Ulrika fand
wieder, da sie zu schlecht angezogen sei als eine knigliche Magd, aber
Georg hatte schon einen anderen Kimono aus seiner Truhe geschpft, der
war so blagrn wie ein Morgenhimmel und war zu vielen Teilen bedeckt
mit einem Gewimmel von ganz rosa Wlkchen, silbergerandet, echt
japanische Stickerei, also verschwand sie mit ihm und Esther strahlend
im Speisezimmer, um sich anzuziehn, denn von dort wollten sie
hereinkommen, und sie wollte beide Mgde zusammen darstellen.

Unterweil tranken sie ihren Tee, und Benno berichtete nachtrglich sehr
errtend, da er auf dem Wege von seiner Wohnung hierher nirgend die
Kurbeln fr das Licht habe finden knnen, und so seien sie entsetzlich
furchtsam den Korridor herangetappt, denn Ulrika htte geschworen, es
seien berall Schchte und Wolfsgruben in diesem alten Palais,
Saint-Georges aber hatte versichert -- Benno krmmte sich vor
Schamhaftigkeit und Gelchter --, die Wege zu den Dichtern wren immer
dunkel, und dann hatte er einen Schttelreim gemacht zum Totlachen, und
Ulrika, die alles durch die offene Tr hrte, lachte schon und schrie:
Nein, wie dumm! Aber herrlich war er! Sagen Sie ihn, Benno! Und Benno
brachte wirklich den Schttelreim heraus, und er hie:

   Ein Dichter bei den Milben sa
   Und lernte sie das Silbenma.

Herr du meines Lebens! Georg wollte sterben vor Lachen. Er fiel auf
seinen Stuhl am Schreibtisch, spreizte die Beine von sich, hob den
linken Arm hoch und lie die Hand wie eine Traube auf seinen Kopf
hngen. Und lernte sie das Silbenma! rief er, das ist groartig! Das
ist ganz groartig! Das ist sogar ke!

Im nchsten Augenblick schrie Ulrika: Fertig! Ist der Knig auch
fertig? Flugs wurde der Schreibtisch beiseite geschoben, ein Sessel vor
die Treppe gerollt, der Vorhang vor die Fenster gelassen, -- die groe
Mondkugel schwebte milchbleich in Lften auf und verwandelte den Raum in
eine geheimnisvolle Palastgegend voll feenhafter Dmmerung, Sigurd
setzte sich majesttisch zurecht und rollte die Augen, und da kamen sie
nun herein, Esther wie zuvor, die Stirn s gesenkt, ngstlich genug,
Stirn und Wangen berflogen von Errten, hinter ihr Ulrika in flieenden
Himmelsmorgenfarben, weit zurckgelehnt, die Schleppe in ausgestreckten
Hnden, die Augenlider tief gesenkt, das dunkelrote Haar in zwei dicken
langen Zpfen neben den, im grnlichen Licht durchscheinenden zarten
Wangen herabhangend. Ja, das war ein bezaubernder Anblick, die Mnner zu
beiden Seiten sanken mit flach zusammengelegten Hnden auf die Knie und
sangen nach der schnen Melodie: >Reich mir deine Hand! deine weie
Hand!< die Worte: Schenk mir einen Ku! schenk mir ei--nen Ku! Esther
aber sah den Knig angstvoll an, wankte zierlich und wurde auf das
anmutigste aufgefangen. Dann stand sie wieder, schleuderte aber
pltzlich wider alle Verabredung ihre Holzschuhe links und rechts den
Mnnern an die Kpfe und strzte sich, dunkelgoldumwogt und nacktfig
in die Arme ihres kniglichen Bruders. Georg sagte: Das ist ein
duftender Abend!


                         Drittes Kapitel: Juli


                     Die Friedliebende Gesellschaft

Renate sa am Abend des ersten Juli, ihres Geburtstages, am Schreibtisch
und schrieb im letzten Licht des Sommerhimmels:

Mein lieber Josef:

Hiermit schenke ich dir zu meinem Geburtstage eine Stunde von ihm. Eine
sehr kostbare Stunde, denn unten sitzen sie Alle um Jason in der
dmmerigen Veranda und hren ihn kleine Geschichten erzhlen. Du kennst
Jason ein wenig durch meine Berichte. Wirklich ist er zu den Lebendigen
zurckgekehrt. Nun erzhlt er Geschichten. Geschichten, die er
augenscheinlich selbst macht. Dann sitzen wir Alle um ihn herum, und er
erzhlt, halblaut, leise pltschernd, den blassen Mund immer ganz leicht
gekruselt, beinah mchte man sagen: kaustisch, aber das ists nicht, es
ist bloe Freundlichkeit, immer geruht er ganz leicht, und seine Langmut
ist ja nun unendlich. Die schwarzen Augen wandern unaufhrlich umher,
vom Einen zum Andern, und immer mu man sich freuen, wenn man angesehn
wird. Er wei auch immer eine Antwort, nicht wie Georges, der Aufschlu
erteilt und Dinge klarlegt, sondern da ist irgendwie eine sanfte, ganz
sanfte Unabnderlichkeit in seinen Worten, sie sind so da wie eine
kleine Wiese, sie stehen da wie ein Bschel Blumen, -- was liee sich
dagegen einwenden? Aber er spricht niemals von selber, man mu ihn immer
anreden, und dann wei er immer etwas, ach, ich knnte stundenlang davon
schreiben! Niemals widersteht er; wenn einer spazieren gehen will, Jason
geht mit; wenn einer im Garten sitzen mchte, Jason sitzt mit im Garten;
wenn einer was erzhlt haben will, Jason erzhlt gleich was.
Aufschreiben wollte er nichts, sagte er, er wre kein Literat, aber
nachdem ich ihn gebeten habe, hat er mir schon dies und das Stck Papier
gebracht, darauf war mit ganz kleiner, zierlicher Schrift eine seiner
Geschichten aufgeschrieben, und wenn der Bogen zu Ende war, war die
Geschichte auch aus; das nehme er sich so vor, sagte er.

Aber weiter zu den brigen >Allen<, die ich erwhnte. Da ist:

Magda, die Du kennst, doch wurde sie freilich durch Krankheit und
Schicksal recht verndert. Wenn Du Dir eine sehr mdchenhafte und sehr
deutsche Madonna vorstellen kannst, eine Madonna, die nicht geboren hat
--, dann kannst Du sie sehn, wie sie jetzt ist. Siehe, es giebt
Menschen, die werden durch vieles Leiden -- wie der Stahl durch
Bestreichen mit dem Magnetstein -- magnetisch fr anderes Leid, und wer
das seine mit ihr in Berhrung bringt, dem wei sie es sanft zu
entziehen. -- Glck, hrte ich Dich einmal sagen, ist eines der
hufigsten Fremdworte in der Erdensprache. Nun -- dann hat meine Magda
jene Sprache verstehen gelernt, aus der es stammen mag.

Ulrika kennst Du, und sie ist dieselbe; mir nicht ganz nah wie bisher,
so sehr ich sie liebe. Sie mu einen seltsamen, mir unbekannten Geist
mit sich herumtragen, den vielleicht verstehen mag

Bogner, doch will ichs nicht beschwren. Sie sind viel zusammen, soweit
er nicht, wie zurzeit, vor einem Wandstck in der Kapelle sitzt, die er
mit musizierenden Engeln auszuschmcken beschftigt ist. Um es gleich zu
sagen: Was Bogner sich unter Engel vorstellt, ist nicht mehr und nicht
weniger als ein heroisches Wesen, dem er diesen Namen giebt. Er hat
einen Haufen Studien um sich herstehen und malt. Nein, mit ihm ist
nichts anzufangen, obwohl er nicht ohne Bereitwilligkeit ist; jedenfalls
wenn er nicht malt.

Irene kennst Du. Mit ihr, Georges, dem gleichfalls Dir bekannten Benno
-- dessen Namen ich nur anzuschlagen brauche, um Dich den ganzen
rhrenden Akkord mit allen Ober- und Unterstimmen seines Wesens hren zu
lassen -- und einem Dir Unbekannten, der das Cello spielt, haben Ulrika
und ich eine Quartett- und Triovereinigung an Mittwoch- und
Sonntagabenden. Was das Cello angeht, so bist Du vollkommen ersetzt. Er
heit

Sigurd Birnbaum, studiert Medizin und ist neunzehn Jahre alt. Menschen
beschreiben kann ich nicht gut, so mut Du Dich mit der Versicherung
begngen, da ich ihn schn finde und so aussehend, da ich ihn Unkas
getauft habe nach dem letzten Mohikaner. So sieht er aus; so geht er --
schwer und mit den Fen etwas einwrts, wie diese, noch ein wenig
tierhaften Menschen sich den Gang auf langen Wanderungen erleichtern
sollen; so einfltig ist sein Gemt, kampfbereit sein Geist -- und im
brigen habe ich einen Vers darauf gemacht, der spter kommt. Seine
Schwester heit

Esther, ist das Lieblichste von der Welt, gleicht aufs Haar einer
kleinen Chinesin, wird von allen liebgehabt und kann sonst auch gar
nichts, obwohl sie sehr klug ist. Da sie aber etwas tun mu, so haben
wir einen Fond gegrndet fr Handarbeiten, denn darauf versteht sie
sich. Was kann das Mdchen himmlische Sachen sticken! Wie ich gestern in
Dein Zimmer komme, sitzt sie da mutterseelallein ber einem groen Stck
schwarzer Seide und nht an einer handtellergroen Scheibe in der Mitte
aus kleinen Rosen, von kunstvoll zusammengefalteten, lichten
Seidenlppchen; in handbreiter Entfernung soll ein dichter Doppelkranz
von gleichen Rosen herum, und das Ganze bekommt eine altgoldene
Spitzenborte, die ich hergeben werde. Leider ist sie ganz arm. Also hat
sich der wohlhabende Teil unserer Gesellschaft zusammengetan und einen
schnen Fond gegrndet zum Einkauf von unermelichen Seidenstoffen,
Kanevas, Wolle, Seidenfden und so weiter, und die gute Esther wird die
ganze Gesellschaft mit Kissen und Morgengewndern, Fenstervorhngen und
Tischdecken versorgen. Auerdem ists unendlich behaglich, wenn einer
vorliest und jemand dabei sitzt und stickt. Jason kann ihr Geschichten
erzhlen, wenn sie allein ist.

Prinz Georg wre dann der letzte zu erwhnende, und Du kennst ihn. Nicht
wahr: immer freundlich, gutherzig, ehrlich, immer gern literarisch --
oder mu es in diesem Fall literatisch heien? -- und im brigen so wie
der Vers, den ich auf ihn gemacht habe. (Kommt spter!) Allzuhufig
sieht man ihn nicht, denn er ist in einen >Geheimbund<, wie er das
nennt, eingetreten, wo er >sich in den Sitten wilder Vlkerschaften
bt<.

Ein Name -- sagte Josef einmal -- ist was der Henkel am Topf; also
nennen wir uns die Friedliebende Gesellschaft. Wir kommen und gehen in
diesem Hause, wie es uns beliebt, und unser einziges Statut ist, uns nur
einmal am Tage zu begren.

Ich -- ja was kann ich zurzeit andres tun, als gute Menschen zu
versammeln und zu denken, da sie sich nichts zuleide tun und, solange
sie beisammen sind, sich des Lebens freun. Sie haben ein jeder ihre
Arbeit, drauen; also werden sie auch alle ihre Leidenschaften und ihre
Leiden, ihre Feindschaften, ihre Seufzer und ihre Plagen haben, so wie
ich die meinen, aber sobald sie hier sind, das wei ich, herrscht
Wohlsein, und unsere Gemeinsamkeit ergeht sich auf dem Boden guter
Arbeit erholenderweise, wie der Bauerntanz auf der Tenne. Dazu ist
Sommer, alles blht, die Farbe herrscht, in der Natur und an den
leichten Kleidern von uns Frauen. Nach der Hitze des Tages leben sie
Alle bei Dunkelwerden vollends auf, wandern umher, hren von fern
irgendeine Musik, gehen ber die Wiesen hinaus, an den Flu, singen
unter den Sternen und hinber zu den Lebensbumen des Friedhofs; wir
leben gegenwrtig, gedankenleicht, unbedacht, geschwisterlich. Kommt die
Nacht, steht Schlaf bevor, sind wir jeder wieder allein. Dann herrscht
das Unsrige, -- das Eigentliche wohl. Mag es.

Und so ist es schn. Wer ins Haus kommt, der wei als Gewissestes den
Maler in der Kapelle; der findet Esther, von buntem Zeug umgeben, im
gotischen Fenster, findet Jason im Hintergrund, findet Georg, eine
Seidenstrhne durch die Finger ziehend neben Esther, findet Benno am
Klavier phantasierend, findet Irene, Arme voll Blumen zusammentragend,
die sie ihrem arbeitsamen Mann heimschleppt, damit er auch was hat,
findet Magda unter den sechs Linden, unserer >kleinen Allee< hinter der
Kapelle hin- und herschlendernd, als ob sie innen snge, der armen Frau
Marie Grubbe gleich, als sie noch ein Mdchen war und sehnschtiger als
mein Kind Magda, und findet uns schlielich Alle beisammen in der
Kapelle unterm Gewlk von Klngen voller Sterne, Blumen, Blitze und
Engelsgesichter.

Renate merkte, da es so dunkel geworden war, da sie ihre eigenen
Schriftzge kaum noch erkennen konnte. Sie streckte die Hand nach der
Lampe, die Glhbirne im kleinen gelben Schirm flammte auf, sie blickte
einen Augenblick geblendet nach oben, erkannte das weie Gesicht
Ech-en-Atons ber ihr, lchelte und schrieb weiter.

Zum Beschlu eine kleine Szene von der heutigen Geburtstagsfeier. Zu
diesem Zweck wurde Renate in ihrem allergrten, dem glhroten Kleide
mit blauem Moireemuster, das Du kennst, nebst der grnen Halskette von
Dir, vor der Orgel aufgestellt, und die ganze Gesellschaft kam im langen
Zuge zur Kapellentr herein, indem sie nach der Melodie: >Mariechen
sitzt auf einem Stein, einem Stein, einem Stein< den schnen Choral
sangen: >Renate hat Geburtstag heut, -burtstag heut, -burtstag heut!<
Als sie, Georg als der Durchlauchtigste voran, am Podium angelangt
waren, setzte Benno sich an die Orgel und spielte ganz leise den
Jungfernkranz in Fis-Moll, whrend Einer nach dem Anderen das Podium
bestieg und seine Gabe berreichte. Herrliche Dinge gab es da. Georg
schleppte eine groe, chinesische Gttin der Barmherzigkeit aus
mattgetntem Porzellan, die wie eine Muttergottes aussieht und lieblich
lchelnd segnet. Hinter ihm kam Irene mit einem halben Dutzend
langhngender Seidenstrmpfe in allen Farben an jeder Hand. Ulrika trug
einen Sto Noten auf dem Kopf wie ein Negersklave. Sigurd hatte alles
und Alle photographiert, Menschen, Haus und Garten, und trugs in einem
schnen Album unter dem Arm herbei. Magda hatte Spitzen geklppelt, dnn
wie Spinnweb, der Himmel mag wissen, wo sie die Zeit hernahm, die immer
nur fr Andere da ist! Saint-Georges brachte eine ererbte Kostbarkeit
herbei, einen grnen Porzellanmops, den ich schon immer hatte haben
wollen, und Esther kam, in ausgebreiteten Hnden einen grauen Florschal,
den sie mit silbernen Vgeln bestickt hatte, ein Wunderwerk der Kunst.
Zuletzt kam Bogner und hatte Stiefel gekauft. Das war zum Totlachen! Das
heit, Stiefel nannte es Irene, die vor Gelchter sterben wollte, aber
es waren ganz schlichte, kleine, gelbe Schuhe, und der Maler
versicherte, er htte tagelang nachgedacht, bis ihm beim Anblick der
Schuhe in einem Schaufenster die Erleuchtung gekommen sei, und er hatte
es gut gemacht, denn als Renate ihren linken Schuh abstreifte, sa der
neue wie angegossen. Bogner hatte wirklich einen schnen Charakter,
obgleich Renate im Herzen zitterte und knirschte, nachdem sie eine Woche
lang sich vorgestellt hatte, was er ihr wohl malen wrde. Darum, als
durch das Gedrnge der brigen auf dem Podium, die gegenseitig ihre
Geschenke bewunderten und anpriesen, der gute Benno sich endlich
durchgewunden hatte und mit unzhligen Verbeugungen, Errten und
Stammeln eine zierlich geschriebene Kantate auf den 133. Psalm
geschrieben: >Siehe, wie fein und lieblich ists, da Brder eintrchtig
beieinander wohnen< berreichte, wre sie mit Freuden in Trnen
ausgebrochen. -- Stiefel! jauchzte Irene, der Maler hat Stiefel gekauft!
-- Aber nun, wo war Jason al Manach? Siehe, da kam er herein, wie stets,
wenn er verlangt wurde, nickte Allen herzlich zu, gab Renate die Hand
und seinem Wohlgefallen Ausdruck, da wieder einmal Alle da wren. Ja,
ob er nicht wisse, was heute sei? Richtig, da fiel ihm ein, da
Geburtstag war. Er hatte es vollstndig vergessen. O Jason, wie wurdest
du da verhhnt! Sein berhmtes Gedchtnis! -- Saint-Georges, was sagen
Sie dazu? fragte ich geknickt. Er aber, der alles wei, fand das
erlsende Wort: Was hielte stand vor Renate? sagte er. Sogar Jasons
Gedchtnis versagt.

Renate aber ergriff eine perlgestickte Tasche, holte eine Handvoll
gekniffter Zettel hervor und verteilte sie, befahl darauf, da jeder, in
der Folge, die sie bestimmte, den Inhalt laut und deutlich vorlese. --
Renate hatte nmlich die ganze Gesellschaft mit Ritornellen beschenkt.
Sie selber begann, Magdas Hand, die neben ihr stand, ergreifend:

   Magda, -- vom Leide
   Gefhrt, in unserm Kreis der kleinen Freuden,
   Ist unser Aller Trost und Herzensweide.

Georg mute lesen:

   Georg, der Trasse,
   Strzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
   Drum sieht er rings -- nur Masse, Masse, Masse.

Ulrika las, nicht ohne Errten:

   Ulrika, holde!
   Gott segne deine immer klaren Augen
   Und flle sie mit immer tieferm Golde!

Irene las und dankte mit Knicks und Lcheln:

   Irene, hell,
   Beschwingt und tnend wie die schwarze Amsel,
   Ist nur vergleichbar einem -- Ritornell.

Maler Bogner las, nachdem er mit einem Blick auf seinen Zettel: Eiweih!
gemurmelt hatte:

   Der Maler Bogner
   Ist unsres Hauses festgefgte Sule,
   Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner.

Esther Birnbaum las ganz leise und tief errtend:

   Die kleine Esther
   Ist eine Knigin ganz im geheimen.
   Wie schn ist das! Nun nennen wir sie Schwester.

Sigurd las ein wenig ernst und scheinbar betroffen:

   Sigurd. -- Ein Mahner
   An Gideon, der Makkaber Nachfahr,
   Im Adlerschmuck vom -- letzten Mohikaner.

Saint-Georges beschlo:

   Saint-Georges, der Stille
   Im Hintergrund, ist regsam wie im Fachwerk
   Die niemals ruhende, geschftge Grille.

Und nun hob Jason ein ganz furchtbares Lamentieren an, weil er keins
bekommen hatte. Die Anderen verhhnten ihn malos, weil das die Strafe
fr seine Vergelichkeit sei, Renate aber entschuldigte sich, sie htte
wohl an ihn gedacht, aber keinen Reim weder auf Jason noch auf al Manach
gefunden, und davon habe sie nicht loskommen knnen. Ach, du lieber
Gott, sagte er, es ist doch so leicht wie Wattepusten:

   Jason al Manach.
   Zu nichts zu brauchen als zum Mrchenplappern,
   Vielleicht zu einem Reim auf Lukas --

Statt des letzten Wortes lie er den Mund erschreckt und kindlich halb
offen stehen, als habe er nun auch das Reimwort vergessen.

Eine Weile spter fand Renate sich von Saint-Georges gefragt, warum sie
selber sich vergessen habe. Ach, Georges, sagte sie, Sie knnen gern
noch eins haben, obwohl nur die Hlfte von mir selber ist und die andere
Hlfte von Mrike:

   Des Freundes Achtung
   Ist vor Renates Versen sehr gesunken:
   Sie stieg hinab >zum Abgrund der Betrachtung<.

Warum so giftig? sagte er freundlich.

Von zwei Menschen, die zur Vervollstndigung meines derzeitigen
Lebensbildes gehren wrden, habe ich bislang geschwiegen und -- will es
nun bis ans Ende tun.

Dein Auftrag ist ausgefhrt. Cornelia Ring lernte ich schon vor lngerer
Zeit durch einen Zufall kennen und denke seitdem nicht an sie, ohne zu
bedauern, da sie nicht unter uns sein kann. brigens befindet sie sich
in meinem >Weichbild<, denn Maler Bogner hat sie zu sich genommen, und
sie hlt ihm alles instand, von den Strmpfen bis zu den Pinseln.

Ja, Josef, was fange ich mit dem Brief an, den Du mir da geschrieben
hast? Ein Feuilleton ber >den Unfug der Vereinigten Staaten<. Du
httest es an die Frankfurter Zeitung schicken sollen. Darf ichs
nachtrglich fr Dich tun?

Gott befohlen, Josef!

                                                              Renate.

Ohne das Geschriebene noch einmal zu berlesen, legte sie die Bogen
zusammen, faltete, kuvertierte sie und schrieb die Adresse. Danach
lschte sie das Licht, trat einen Augenblick ans Fenster, lie sich von
der lauen Nachtluft an die Gesellschaft in der Veranda erinnern und ging
treppunter.

                   *       *       *       *       *

Als Renate die dunkle Halle betrat, war von der Veranda her so kein Laut
hrbar, da sie glaubte, es sei niemand dort; doch gewahrte sie gleich
darauf im linken Fenster den Schatten eines Menschen, der wohl drauen
auf der Fensterbank sa, und nun auch im grauen Rechteck der Mitteltr
einen weiblichen Schattenri, undeutlich, der drauen stand. Auf dem
weichen Teppich kam sie wider Willen unhrbar bis zur Tr und sah nun,
da doch wohl Alle da waren, aber so still wie die Bsche im Garten und
kaum zu erkennen im Finstern.

Der weibliche Schatten war Magda, die dicht an der Treppe zum Garten an
der Brstung lehnte, halb verhangen von dem schwarzen Rankenwerk des
Weins und Jelngerjeliebers, das vom Verandadach herabhing. An der
andern Seite des Eingangs stand, fast wie sie, Ulrika. Ganz ferne links
in der uersten Ecke war der weie Schein von Jasons Gesicht tief unten
zu erkennen: er mute auf einem Taburett, fast am Boden sitzen. In
seiner Nhe sa, kaum zu unterscheiden von der Brstung und den Blumen
darauf hinter ihr, Esther; an der Wand Saint-Georges, am roten Glhpunkt
seiner Zigarette zu erraten. Der im Fenster hockte, war Sigurd, und
neben ihm, als Einziger bescheidentlich auf einem graden Stuhl aufrecht,
sa Benno, wie er pflegte: ein Knie berm andern, die Hnde darauf, den
Rcken gebogen, das Gesicht ein wenig emporgerichtet. Und Irene? -- Sie
sa wohl verborgen hinter der Rckenlehne des Sessels, ganz in Renates
Nhe. So war nur Bogner abwesend, -- und Georg -- in seinem Geheimbund
vermutlich.

Erschreckt nicht, sagte Renate behutsam, ich bin es.

Ein Schimmer -- Irenes Auge -- erschien ber dem Sesselrcken. Die
brigen bewegten sich Alle ein wenig, doch keiner sprach.

Ich habe, bemerkte dann Jasons Stimme fein aus dem Hintergrund, wie
man von feindlichen Batterien sagt, sie smtlich zum Schweigen
gebracht.

Wie denn? fragte Renate.

Fr Jason antwortete Irene nach einer Weile tief: Er erzhlte so
seltsam ...

Darf ich wissen was? fragte Renate, in einen leeren Sessel gleitend.

Ach, hrte sie Esther aufatmen, wie kann man das sagen? Es sind ja
keine Geschichten. Nur ein Stck Leben, das er erscheinen lt, wie --
wie in einer _Laterna magica_, so farbig und so leise.

Wenn Sie, ertnte Saint-Georges' Stimme nach einer Zeit, den Inhalt
wissen wollen: Da war ein Buchbinder. Der stand von frh sieben Uhr bis
abends zehn am Arbeitstisch. Er hatte einen sehr alten, weibrtigen
Vater, der noch helfen konnte, eine groe, ppige Frau, die an besonders
arbeitsreichen Tagen zugriff, und einen zehnjhrigen Jungen, der ins
Realgymnasium ging, aber albern war, nur herumlief und lachte, nichts
lernen konnte; ein halber Idiot. Damit der einmal zu leben habe, mhte
sein Vater sich tagein tagaus, ohne Festtag, ohne Freude als eben diese.

Eines Tages fing er an, sonderbare Reden zu fhren. Dann verschwand er.
Dann kam er wieder, redete irre, tobte. Dann kam er ins Irrenhaus, und
dort starb er bald darauf. Fast das ganze Guthaben des Sparkassenbuches
hatte er vergeudet.

Nun stellte die Frau sich an seinen Platz. Sie hatte alle Fertigkeit
gut begriffen, nur die feineren Einbnde machte der Schwiegervater, aber
bald konnte sie das Vergolden der Titelschriften und dergleichen besser
als der Alte, ja mit Frauengewissenhaftigkeit machte sie's sogar
akkurater als der Tote, in freilich lngerer Zeit. Und dann starb
pltzlich der Schwiegervater. Ja -- und dann fand man sie eines Morgens
am Bett des Knaben, sitzend, ber ihn gebeugt, und das Zimmer war
gefllt mit Leuchtgas.

Ja, setzte Saint-Georges nach einer Weile hinzu, das wars.

O nein, das wars nicht! sagte Ulrikas Stimme hinter Renate. Wir haben
es doch alles gesehen! Die lange Werkstatt mit den blinden, verklebten
Fensterscheiben voll rostiger Eisenquadrate, und den langen
Arbeitstisch, darunter das Werkzeug, -- und wie der Mann mit seinen
dunklen Augen und dem zurckfallenden schwarzen Kinn und den wehmtig
hngenden Mundwinkeln soviel plappert, immer seine kurzen: Ja, ja, --
jawohl, jawohl, -- ja ... Und dann der Geruch ... der Leim auf dem Herd,
der Kleister, Druckerschwrze und gekleistertes Papier, und Leder, und
Kaliko, jedes ...

Benno rusperte sich. Ach, sagte er, und drauen der schmale Hofraum,
das alte Pflaster voll Gras, und in der Ecke der alte Leierkasten, der
herrenlos war ...

Und gegenber den Fenstern, redete Sigurd, die vier braun
gestrichenen Tren der Klosette mit dem Herzloch oben, nicht wahr, und
dahinter die alten Fachwerkwnde, die Fenster und Gardinen, und die
Geraniumstcke im Sommer ...

Nun schwiegen sie wieder. Renate, schon -- wie den Geruch der Blumen,
des Rasens, des ganzen Atems der Sommernacht -- den Duft des Erzhlten
aufsteigen fhlend, bat innerlich: nur weiter! so bekomm ich vielleicht
doch noch das Ganze ...

Und berdem hrte sie Esther wieder:

Es war so traurig! Am traurigsten war, wie die groe, dunkle Frau da am
Bett sitzt und nicht mehr lebt. Nein, berbot sie sich, das Traurigste
war wohl doch, wie der Mann da die Dirnenbekanntschaft gemacht hat, und
er nimmt seine Frau mit zum Stelldichein --

Ich glaube, fiel Magda leise ein, am schrecklichsten fand ich, wie er
dann seine Frau auf den Rcken klopft und sagt, sie wre aber doch die
Beste und --

Nein, Magda, raffte Esther sich erregter auf, das wars doch nicht!
nicht das, sondern -- wie sie selber Jason das alles erzhlte und dabei
Zeitschriften heftet und weint und alles zwei und dreimal wiederholt und
>du bist doch die Beste<, wie er das gesagt habe, und sie sagt, da sie
das ja auch immer gewut htte, er wre nur blo eben ... Und wie sie
eigentlich gar nichts Besonderes drin fand und -- -- sags doch, Sigurd!

Keinen Namen, keine Bezeichnung dafr, nicht wahr? Nur ein Unglck, ein
furchtbares Unglck; so furchtbar, da es sich nur hinnehmen lie ...

Sie waren verstummt. Renate konnte, da es heller vor ihren Augen
geworden war, nun von Allen die Helligkeit der Gesichtszge und die
dunklen Flecken der Augen erkennen, in denen es glnzte. Pltzlich tat
sich neben ihr, fast laut, entrstet und verwirrt, Irenes Stimme auf:

Und das Ganze kommt nur von der fehlenden Anzeigepflicht der
Geschlechtskrankheiten.

Ein Lcheln, kaum hrbar rauschend, wehte im Kreise umher. Und
Saint-Georges sagte: Bravo! Die Frau ihres Mannes.

Bevor Irene auffahren konnte, wurde jetzt Jasons melodische Stimme
hrbar, der langsam sagte:

Ihr Kinder! ihr Kinder! Wie seid ihr doch sonderbar! Meint ihr denn nun
eigentlich, die Menschen in meinen >Geschichten< seien andre als ihr
selber, da ihr von alledem sprecht, als ob ihr nie dergleichen gesehn
httet? -- Und in meiner letzten Geschichte, von dem Buchbinder, da
waren sie wohl euch wieder nicht gtig genug bei all ihrem Unglck, denn
war die Mutter nicht fters hart zu dem albernen Jungen, und es gab auch
wohl Schlge, und der Alte erst, der immer schlechter Laune war und
brummte, obwohl er tun und lassen konnte, was er wollte, um sechs Uhr
Feierabend machte und sein Bier trank, und als der Sohn tot war, sprach
er obendrein schlecht von ihm. Denn ber ihnen Allen war das
Unsichtbare, das, was Irene andeutete, was sie alle Drei wuten und
nicht wissen wollten, das Verschulden, das doch keines war, sondern in
Wahrheit -- Verhngnis. Verhngnis? Sie waren es doch selber, in ihnen
wirkte es, ihr Leben wars, das, wonach sie sich eingerichtet hatten, und
sonst nichts.

Ja, fing Esther an, ich wei nicht, Jason, -- deine Menschen sind
doch sonderbar. Irgendwas -- glaub ich -- fehlt. Sie sind nicht gtig
und nicht schlecht, nicht tugendhaft und nicht edel, und auch nicht
gemein. Eigentlich sind sie gar nichts.

Sind sie nicht vielleicht -- leidend?

Oh freilich, Jason ...

Und das, kleine Esther, ist zu wenig, wie? Auerdem, meint ihr, mu
jemand noch etwas _sein_, wie? Nicht nur so -- leben, das Leben
verrichten, sondern auch gewissermaen eine Vorstellung davon haben.
Sage mal -- seid ihr denn wohl anders? Seid ihr auch so etwas
Bestimmtes, so ein Bild mit was Gutem oder was Schlechtem darauf?

Nein, Jason! aber --

Aber die Menschen in Geschichten, das habt ihr so gelernt aus den
Geschichten, die mssen auerdem noch etwas bedeuten, nicht wahr?
Nmlich: Charaktere; dann: Frmmigkeit, Festigkeit, Gte, Heimtcke,
Verwahrlosung, Verkommensein und dergleichen schne Dinge mehr, die es
gar nicht giebt.

Aber Jason!

Weil es eben nur Menschen giebt, und jeder Mensch die Bewegungen, die
Handlungen und all das, was sein Leben ist, tut, wie sie aus ihm kommen,
weil er so ist, aus allen seinen bunten Eigenschaften, die ber jeden in
Menge, ganz gleichmig von der verschiedensten Art und immer nur
teilweise freilich, niemals ganz, ganze Eigenschaften, abgewogen und
ausgeteilt sind, und blo ihr, ihr habt daraus die Begriffe gemacht, und
wieder aus jedem Begriff einen ganzen Menschen, und darum verlangt ihr
dann, da die Menschen -- die Andern! euch selber seht ihr ja niemals --
sich nach den Begriffen richten, danach wachsen und nach ihnen sich
gebrden sollen, nicht nach sich selber. Dann fehlt euch an jedem etwas,
darum scheint euch alles so unzulnglich, es knnte noch so bitter und
zerlitten sein, darum kommt ihr immer hchstens zu eurem: er hat doch
auch so viele gute Seiten ... darum seid ihr nie zufrieden miteinander,
und Gromut und Wahrheit, Glaube, Liebe und Hoffnung, die gehen ihrer
Wege.

Da waren sie auf einmal Alle aufgestanden. Auch Renate erhob sich,
betroffen, und bewegte sich mit den brigen auf Jason zu, sie waren Alle
um ihn herum, und mehrere Stimmen fragten: Was ist es denn, Jason, du
weit es doch, was fehlt uns Menschen, wie sollten wir sein, wie uns
halten, wie uns helfen? --

Er hatte aber die Augen geschlossen und sah fast unwillig aus und
krnklich, und sie wollten sich schon abwenden -- denn war er nicht
selber vor kurzem erst von den Toten auferstanden? -- als er die Augen
wieder aufschlug, und sie erschraken wohl Alle wie Renate vor diesen
schwarzen Augen, die pltzlich im Dunkel waren, viel schwrzer als alles
Schwarze, so glanzlos, als ginge es dort in die schwarze Ewigkeit
hinunter. Dennoch, obgleich er die Augen nun langsam von Einem zum
Andern bewegte, schien er durchaus keinen wirklich zu sehn, sondern
etwas ganz andres. Sie selber aber fhlten nicht ohne Schauder an seinen
Augen: da war es, wonach sie gefragt hatten. Nennen lie es sich nicht,
aber -- es war da. Es glnzte aus dem Schwarzen herauf, es -- nein,
Jason lchelte, das war das Ganze.

Sie gingen aber schweigsam auseinander danach, kaum mehr als stumm sich
die Hnde reichend und zunickend beim Abschied; nicht Zwei blieben
beisammen.


                                Schatten

Georg, am letzten Spielabend vor Semesterende in die Terrassentr
tretend, sah, da er wieder, wenn auch gegen jede Absicht seinerseits,
zu spt gekommen war: um die kleine Tafel zur Rechten vor der Hauswand
saen die wenigen Korpsbrder, wie stets in zwei Gruppen am Kopf- und
Fuende; ein hellrot beschirmtes Windlicht in der Nhe jeder Gruppe
malte ihre Schatten beweglich an der Wand empor. Eigentmlich still
schienen sie Alle, -- die Fchse unten mit einer Bowle beschftigt,
schweigsam, ganz ohne den gewhnlichen Lrm bei dergleichen; oben die
Zwillinge, Nordeck, Sousa -- ah auch Schwalbe sa da und in Zivil! --
Ellerau hatte die Uhr gezogen, sah jetzt Georg unbestimmt entgegen, dann
vor sich hin, indem er, ein Lcheln unterdrckend, mit vorgeschobenem
Kinn die Oberzhne auf die unteren setzte, einen Augenblick, -- worauf
er seine Haltung lste; und Georg wute wohl, das hie mit Worten: Auch
heute wieder versptet; da es aber der letzte Abend vor Semesterschlu
ist -- Schwamm drber! --

Georg, innerlich aufatmend, trat nher, in dem er Guten Abend sagte
und Na, so still heut?

Ellerau sagte: Ja. Er griff mit der Hand in die innere Brusttasche und
zog einen Brief heraus, sah darauf, streckte dann die Hand mit ihm gegen
Georg und sprach:

Diesen Brief hat Tastozzi fr dich hinterlassen. Er ist tot.

Tot? fragte Georg erschreckt. Tozzi? Tastozzi? verbesserte er sich
verwirrt. Mein Gott ...

Leider. Er hat sich heute nachmittag in seiner Wohnung erschossen.
Bisher wei niemand warum. Er war uns ja immer vllig verschlossen.
Vielleicht giebt er dir Aufschlu.

Georg, den Brief mit winzig kleiner Aufschrift am oberen Rande in der
Hand hin und her drehend, ruckte sich zusammen, trat an die leere Stelle
des Tisches, ri den Umschlag auf und hielt die herausgezogene lngliche
Karte in die Nhe des Lichts. -- Kleine, kaum leserliche, verschnrkelte
Schriftzeichen ... Er entzifferte mhsam allmhlich:

Lieber Georg:

Fremd allen Andern, hatte ich Deine Augen immer lieb. Nun, indem ich
fortzugehen bereit bin, sehe ich, da niemand da ist, von dem zu
scheiden wre, also auch niemand, den der Grund meines Fortgangs etwas
anginge, zumal ihn nennen, das teuer gehtete Geheimnis meines Daseins
preisgeben hiee. Da sehe ich Deine Augen vor mir in jener Sekunde, wo
man Dir mein Fortgehen berichtet, und mir scheint, da sie verstehen
mchten -- und nicht so wie die Andern. So reiche ich Beides -- Grund
und Geheimnis -- Dir, schon abgewandt, ohne mehr wissen zu wollen, ob Du
trauern wirst oder richten.

In beiden Fllen: Beklage mich nicht. Es ist gut so.

Aber ich erhoffe ein wenig Trauer.

                                                            Tastozzi.

Georg, nichts begreifend, bemerkte jetzt ein kleines Zeichen, einen
schrgen Strich zwischen zwei Punkten in der rechten Ecke unten, das
>wenden< zu bedeuten schien, und drehte scheu die Karte herum.

Es geschah aus Liebe zu einem Knaben, las er.

Er zuckte leise zusammen. Langsam erschienen hinter dem Licht die Kpfe
der Sitzendem von denen keiner ihn ansah. Schwalbe blickte nach oben;
die Andern sahen vor sich hin. Viele Sekunden lang blicklos dies vor
Augen, merkte Georg, da er etwas in sich niederkmpfte, merkte, da es
-- Widerwille war, und drckte es entschlossen hinunter. Sich
aufrichtend, sagte er leise:

Ja. Es steht hier. Er wnscht aber, da ich es fr mich behalte.

So. Ellerau streifte mit einem Blick ber Georg hin; die Andern lsten
ihre Haltung und bewegten sich. Keiner sah Georg an.

Da sprte er im Augenblick klar, da er und der Tote fr diese
zusammengehren. Keine Feindschaft -- doch auch nicht Freundschaft. Sie
hatten ihn -- auer vielleicht Schwalbe -- nie begriffen. Wie war er zu
ihnen geraten?

In einem leichten Hochmutsgefhl neigte er den Kopf und ging stumm
hinaus.

Die Haustr ffnend empfand er jhlings eine so bermchtige Sehnsucht
nach Renate, da er sich geblendet fhlte und blindlings die Richtung
nach ihr einschlug, bis er Schritte beharrlich neben sich bleiben merkte
und seitwrts blickend Schwalbe erkannte, der lchelte und sagte: Ich
komme mit dir, wenn du erlaubst.

Du weit, weshalb er starb?

Ich wei es nicht, sagte Schwalbe, aber -- ich ahnte es immer.

War es zu ahnen? fragte Georg sich. War ich so arglos?

Und was denkst du davon?

Was soll ich davon denken? fragte Schwalbe frisch und fest. Wenn sie
Jugendliche verfhren, sind sie Verbrecher, und wenn sie das nicht tun,
sind sie zu beklagen. Und ich wei nicht, ob man sie beklagen -- kann.
Es sind Menschen mit einem andern Weltbild. Ihre Leiden und ihre Freuden
-- abgesehn von der Verbanntheit -- sind keine andern als die unsern.
Das klang sehr klar und schn in der singenden Mundart.

Eine Weile, rasch vorwrtsgehend durch die sommerwarmen, dunstigen
Straen im Licht der Bogenlampen, dann der Laternen in kleineren Gassen,
blieben sie still, bis Georg sich Hardenbergs erinnerte und halblaut
sagte: Auch Hardenberg ...

Hardenberg war homosexuell, versetzte Schwalbe hurtig.

Man sollte, fing Georg bald darauf wieder an, eine Stadt fr sie
grnden, wo sie leben knnten und zufrieden sein ...

Ja! Das sollte man tun. Das erinnert mich daran, da ich Hardenberg
einmal ber das Mnchtum sprechen hrte -- du kennst ja seine Weise --,
und zwar kam er bald auf den Trappistenorden, der, wie er sagte, der
einzig mgliche sei. Und dann schilderte er uns das Schweigen dort. Er
machte es wunderbar. Er zog gleichsam mit vollen Hnden das Schweigen
aus den Dingen dort, aus den Mauern, den Zellen, aus jedem Gert, aus
Giekanne und Gebetpult, aus Spaten und Egge, aus den Blumen im Garten,
den Bumen. Wir waren ganz eingehllt in das Schweigen, obwohl er selber
unausgesetzt sprach. Und ich mu sagen, ich war ganz erschrocken, als er
-- nach seinem wunderschnen -- Gesang auf dies Schweigen -- pltzlich
von den Vgeln sprach, die auch stumm geworden waren und nicht mehr
sangen im Klostergarten.

Ergriffen sagte Georg leise: Wie schn! -- und blieb stehn.

Sie waren auf der kleinen Brcke zwischen alten Husern, die zur Insel
hinber fhrte. Rechts unten strmte der schnelle, dunkle Flu zwischen
alten Mauern, am Ufer drben blinkten Lichter aus winzigen Fenstern, aus
dem Grn und Blumenrot der Dachgrten, deren Silberkugeln und weie
Gelnder in der Dmmerung schimmerten. -- Still sahen sie eine Weile
dorthin, dann legte Georg die Arme auf die Brstung, und in der dunklen
Wasserflche unten erschien ihm das Gesicht des Toten mit jenem
besorgten Ausdruck, den es bei Georgs letzter Mensur gehabt hatte.

Ach, wute er nun, was hat denn auch er andres getan und gewollt als --
Lieben. Seine Natur schrieb ihm diese furchtbare, angstvolle Stille vor,
aus der er niemals heraustrat, er, der mit keinem sprach, bevor er
gefragt oder angeredet wre. Sich um Andre bemhn, dienen, gtig sein,
war sein Wunsch, und da fand er denn dies heraus ... Georg mute
sprechen; er sagte, Schwalbe auf dem Gelnder lehnen sehend wie er
selber, breitbrstig und ruhig:

Es war doch schn, wie er um uns Alle besorgt war beim Fechten. Bist du
je von ihm anbandagiert worden? Erinnerst du dich, wie er die Brille
zuzog? Diese Sanftheit des Ziehens, bis mit einem kleinen Ruck die
Brille sa, wie sie nicht besser sitzen konnte?

Jawohl. Wie du das sagst, scheint mir, es war doch etwas Hellenisches
um ihn. Nicht nur, da er einen wundervollen Krper hatte --

Ja, hast du ihn gesehn? Ich kam zufllig einmal dazu, wie er sich eben
ausgezogen hatte zur Mensur und dastand, ganz grade, das Mensurhemd in
erhobenen Armen berm Kopf, wie ein gelber Marmor.

Hellenisch war, scheint mir, vor allem seine Art, uns zum Kampfe zu
rsten. Der Kampf war ihm mehr als uns, war ihm eine schne Sache, und
einmal -- ja einmal habe ich ihn richtig reden gehrt. Da sprach er ein
paar Worte ber italienisches Fechten, das so viel beweglicher sei als
unser stumpfes Dreinhaun und den ganzen Krper erziehe und durchbilde
...

Man sollte nackt fechten ... Tastozzis leise Worte, irgendwann gehrt,
zogen durch Georgs Erinnerung.

Sie schwiegen und sahn auf das endlose dunkle Flieen unter ihren Fen.
Georg dachte:

Aber warum hellenisch? Er wollte im Grunde doch nur dienen. Oh der arme
stumme Trappist mute eine Leidenschaft haben, mit Handlung, mit der
sorgsamen Dienstleistung auszudrcken, was ihn beseelte. Aber ... Nun,
auch wenn es ein krperlicher Reiz und ein sinnliches Verlangen war, zu
den Gliedern der jungen, geschmeidigen Menschen eine Begierde: die
Begierde war es doch nicht, die seinen schnen stummen Hnden diese
Sanftheit gab, diese Behutsamkeit, diese Freude am verstndnisvollen
Behandeln; die kam aus seiner ganzen Natur, von der das andre nur ein
kleiner Teil war, und so fand er denn in seinem Leben diese vorsichtige
kleine Stelle, wo er ein wenig geben konnte und -- ein wenig nehmen ...

Schwalbe richtete sich auf.

Ich mu leider nach Hause, sagte er. Es war schn hier, mit dir zu
stehn und an Tozzi zu denken. Er streckte seine breite Hand aus. Auf
Wiedersehn am Grabe, Georg. bermorgen ist die Beerdigung. Gute Nacht.

Georg, der noch gern ein Wort gefunden htte auf das zugetane es war
schn hier, mit dir ... fand nichts als stummes Zunicken und Lcheln
beim Hndedruck, mit dem sie sich trennten. Gleich darauf befand er sich
auerhalb der Stadt, mitten in den dunklen Wiesen.

Auf Wiedersehn am Grabe ... klang es ihm da im Ohr. Merkwrdig, sagte
man so? Das habe ich noch nie gehrt, -- und es ist ja auch der erste
Tote, den ich kenne. Auf Wiedersehn im Grabe ... das klang fast genau
so. Armer Tozzi! -- Sonderbar, da war er uns Allen ganz fremd, und doch
nannten wir ihn mit der liebevollen kleinen Abkrzung. So mu doch bei
allem Abgekehrtsein von ihm in jedem geheim ein kleines Gefhl fr ihn
gehaust haben, das sich, fr Alle unhrbar, ganz laut mit diesem Namen
nannte ...

Hineilend auf dem vor ihm dmmernden, hellen Streifen des Fupfades am
Ufer ber dem hastig mitkommenden, glucksend sich manchmal
berstrzenden Flu, sah Georg jetzt wieder Renates einzig schne
Gestalt in der Ferne, und hei schwoll ihm die Brust. Nie noch fhlt ich
solche Sehnsucht nach ihr, dachte er, ja ist nicht dies das
allerseltsamste, da sie mich betubt, wenn ich vor ihr stehe, und da
ich sie -- vergessen hatte, wenn ich allein war? berseltsames Wesen,
Renate! -- Er lief und lief. Fast feurig aus den dunklen Grnden der
Wiesen strmte erdiger und grasiger Geruch und der Nachdampf von Regen.
Jenseits des Flusses fern zackten Schattenrisse von Trmen sich ber
schwarzem Gewipfel in das glhende Nachtrot des Stdtehimmels. --
Seliger sich fhlend, befreiter, zuversichtlicher erklomm Georg den
Hgel der Bismarcksule, berschritt langsam die Plattform, fate mit
schweifendem Blick die schwarze Gegend in sich, ein Erglnzen in der
hochgewlbten Flche des Stroms, eine lose Schar Sterne, leis blinkend
im Finstern, und strzte sich mit einem schweren, beklommenen Lustgefhl
die Bschung hinunter in die Wiesen.

Weilich leuchteten von drben die Grabhuser zwischen den Lebensbumen.
Jetzt dmmerte ein Lichtschein darber, seltsam unwirklich und gro.
Langsam erschien eine fleckige Scheibe, der Mond, rot wie neues Kupfer
im grauen Himmel; eine schwarze Spitze reckte sich vor ihm, die er bald
mhelos berklomm. Georg stand und hatte das Gefhl, als ob er nicht
weitergehen knne, ehe es Tag wurde. Schon hing der Mond dort, mchtig
gro, voll und nun bernsteingelb, rauchig; schieferblau der Himmel, --
und Georg ging langsam weiter im Finstern, vorsichtig die sumpfigen
Stellen umgehend, und das einzige Gerusch weit und breit war das
Rascheln der Halme und Blumen, die um seine Fe schlugen. Da bewegte
sich ein Schatten links vor ihm, ein weier Fleck erschien im Dunkel, --
ah, das waren die alten Omnibuspferde, die hier einen Sommer lang
Erholung genieen durften. Er kam ihnen nher, er kannte sie ja, da
stand das schwarze ganz nah als ein dickes Schattenpferd, er hrte, wie
es emsig Gras abrupfte, hrte es schnurpsen; und da war auch der Schecke
mit den groen weien und dunklen Placken; der stand still, schnoberte
und trabte heran; er liebte die Menschen. Georg tastete mit der Hand
zwischen den Drhten der Einfriedigung hindurch und empfand mit
freundlichem Schauer das gewaltig Lebendige, die weiche, samtige
Tierschnauze, die aus der Nacht kam und sich befhlen lie, empfand das
sonderbare Gestrm der Fremdheit aus diesem groen, stummen Wesen, das
mit Fell bekleidet war und ein groes, weiches Maul hatte. -- Armer
Tozzi! murmelte er leise. -- Still stand das alte Pferd und atmete tief
und laut.

Im Weitergehen war es Georg, als schluchzte etwas in der Dunkelheit. War
ihm selber danach zumute? -- Auf einmal hrte er eine Melodie, ein paar
lange, s hinzitternde Noten, eine Stimme, Worte dazu, aber all das war
in ihm selbst, die Nacht umher totenstill, doch erkannte er jene schne
Kirchenarie von Stradella, die ihm Magda vorgespielt hatte, weil sie sie
singen wollte, und er hatte ihr auf ihre Bitte einen deutschen Text
dazugeschrieben, der sich in der Kirche singen lie. Jetzt hrte er die
Worte deutlich, hrte die kleinen Tonreihen, die langen Pausen
dazwischen, hrte, niederschwebend von den Sternen, die sanfte,
melodische Frage:

   Wer weint in Finsternis?

Und wieder, nach einer Pause:

   Wer schluchzt im Dunkel?

Begtigend nun eine milde Stimme:

   O du, sei still!

Chorstimmen, begtigend, hallten daher:

   Siehe doch funkeln
   Sternenschein gewi!
   Siehe doch funkeln
   Sternenschein gewi!

Holder, gesteigerter, entzckter schwoll die Melodie:

   Lasse das Weinen,
   Gott hilft den Seinen,
   Gott, der die Gepeinigten
   Aufrichten will ...

Jetzt? Im helleren Mondlicht deutlich sichtbar stand ein neuer Schatten
ferne auf Georgs Weg; ein menschlicher wars. Mystische Schauder
schweiften im Dunkel. Es konnte der Tod sein, der dort stand, zwischen
ihm und dem Friedhof, einen schwarzen Arm gegen die goldene Mondscheibe
emporstreckend. Hoch oben im Nachtwind verhallten die zarteren Stimmen
...

Georg schritt weiter, behutsam, beklommen; gleichzeitig glitt der
Schatten vor ihm davon; war es eine Frau? trug er antikes Gewand? -- Nun
verschwand er vom Weg, und als Georg die Stelle erreichte, wo er
abgebogen sein mute, wars dort, wo auch Georg abzubiegen hatte, wenn er
zum Montfortschen Hause gelangen wollte. -- Wie still es war! Wer ging
dort und fhrte ihn ungerufen? Da war schon das Gittertor, da der
Graben. Der Schatten, unhrbar, glitt zwischen den, von weitem
verschlossen scheinenden Stben hindurch, erschien an etwas hher
gelegener Stelle im vollen Licht; es war Renate.

Renates Haltung war es, obgleich sonst nichts an der Schattenfigur
Renate zu erkennen gab. Georg folgte ihr leise von fern, sliche Angst
im Herzen, andchtig, sie nicht zu stren, zitternd, voll Melodien. Er
sah sie die schrge Ebene emporgleiten, unter den Bumen schwinden, wo
Finsternis stand, eine Uhr schlug nicht fern zweimal hell und
zuversichtlich. Er hrte die Gartentr zufallen, trat leise hin und sah
Renates Schattenri im Lichtschein zur Rechten, der die offene
Kapellentr ausfllte. Es trieb ihn nher, er versuchte, lautlos durch
das Pfrtchen zu kommen, es gelang, er schlich unterm Buschwerk ber den
Rasen bis zur Tr, trat rechts neben die Stufen und hatte den Raum vor
sich, der von einer unsichtbaren Lichtquelle erleuchtet war. Renate
stand mitten darin; sie trug eine lose grne Tunika mit kurzen rmeln,
die bis in die Nhe der Knie hinabreichte; die Farbe des am Boden
schleppenden Untergewandes war nicht zu erkennen, aber das Grn
leuchtete an ihrer Brust, wie sie sich jetzt zur Seite drehte, ihm halb
den Rcken wendend, auch der weie Nacken, -- und nun erschien sie Georg
drauen im nchtlichen Wiesenland, hinter ihr der Mond, -- er ging auf
dem Grassteig auf sie zu, an ihr vorber, sah ihr weies Gesicht und die
Augen ohne Blick wie eines sinnenden Gottes, und das fremde Gewand. --
Wo kommt sie her? wie kommt sie zu uns? in dies Land? dachte er. Sie ist
ja fremd hierzuland.

Georg sah, da sie mit leicht geneigter Stirn zu jemand sprach, den er
nicht gewahren konnte; das mute wohl Bogner sein. Georg gab es einen
Stich, er wollte davon, blieb aber und sah hin. Ach, ihr gesenkter
Scheitel, der gewellte Bogen von der Stirn zum Ohr, hnlich, doch nicht
ganz so tief wie bei Esther, und dies seltsame lichte Braun des Haars
...

Sie sprach: Noch nicht fertig, Bogner? Morgen frh, hrte Georg die
Stimme des unsichtbaren Malers. Will es nicht gehn? Sie sprach ruhig,
mit verdunkelter Stimme. Die Antwort des Malers blieb unverstndlich;
nach einer Weile kam wieder Renates Stimme: Sie sollten schlafen. Wie
schn verhallte das im leeren Raum!

Nun wars still. Renate stieg auf das Podium, setzte das Windwerk in
Gang, ffnete das Manual und spielte bei geschlossenen Registern ganz
leise den Choral: >Nun ruhen alle Wlder< mehrere Male.

Schweigen. Georg, im Dunkel an die Mauer gepret, durch die Zweige ber
ihm emporblickend, sah einen und zwei kleine Sterne, zitternd im Ewigen.
Er vernahm das sanfte, melodische Brausen in der Nachtstille und
wnschte, nur Herz zu sein, in diesem beweglichen Rauschen ruhend,
atmend darin, wie der still im ziehenden Gewsser schwebende Fisch ...
Er zuckte leise; seitwrts in der Tr ber ihm stand jemand, Renate; sie
stieg nieder, verschwand im Gebsch und kam nicht wieder zum Vorschein;
nach langer Zeit hrte er unendlich leise das Gerusch ihrer Fe auf
dem Steinboden der Veranda. Sie war im Haus. Georg trat auf die Stufen
und ging in die Kapelle.

Bogner nickte blo, als er ihn begrte. Nein, der wunderte sich ja wohl
ber nichts. Er sa da in der Nhe der Orgelempore, hatte die Fuste auf
den Oberschenkeln und sah nach oben gegen sein Gemaltes. Da er nicht
rauchte, steckte Georg ihm eine Zigarette zwischen die Finger, zndete
sie ihm an und rauchte selbst eine. So, die Hnde in den Hosentaschen,
ging er hin und her, die fertigen Gemlde betrachtend, drei an der Zahl,
zwischen den Fenstern gegenber dem Eingang. Es war wohl geplant, da
die Wand oben zwischen den gotischen Spitzbgen ber den drei Meter
breiten und zwischen fnf und sechs Meter hohen Gemlden mit ihrem
Himmel bemalt werden sollte bis zum Beginn der Wlbung, denn die
Bemalung endete oben nicht rechteckig, sondern zerflo in dnnes Gewlk
und Grau, hnlich dem Stein. Georg stand vor dem uersten Engel.

Engel? freilich nur, weil er faltiges Gewand trug und ein Instrument in
Hnden. Georg trat zurck und betrachtete sie alle drei. Oh, sie waren
gro! Obgleich sie alle in der Ferne sich durch ihre Landschaft
bewegten, erschienen sie riesenhaft und bermenschlich; die Haltung
ihres Schreitens war in Formen von Eisen gepret, die Luft mute scharf
und bitter schmecken, mit solcher Schnelle wurde sie von diesem riesigen
Pilger durchschnitten. Es war keine Beleuchtung da, Licht lag in der
Luft. Ja, da schritt er, der engelhafte Bote, in grauviolettem, wehendem
Gewand, heroisch von Zgen, eine kleine Harfe in ausgestreckten Hnden,
vor einem kleinen dunkelgrnen Fhrenwald mit grauen Stmmen; gelbe und
schwarze Haidelandschaft ringsum, aber unendliche Stille herrschte; nur
der Engel ging, ausgreifend vollen Vorderfues wie ein Lwe,
emporfedernd den Hacken des andern. Oh, siehe daneben den andern in
Mattrot, wandelnd mit der Gitarre um einen kleinen grauen Teich unter
einigen Zedern! Und hier, der Schwefelgelbe blies die gegen Himmel
gerichtete lange Lure auf violettem Haidehgel mit kleinen
Wacholderstauden, schwarzgrn. Georg wanderte vom einen zum andern; sie
blieben, um sie herum schien sich die Landschaft zu wandeln im
Vorbeifliehn, es wehte von ihren Kleidern, sie bewegten sich und holten
aus, sie fegten dahin, -- nein, aber dies war nur der eine, der
Violettgraue mit der Harfe, der so hinjagte ber die runde Welt; um die
andern wars still, sie standen.

Georg wandte sich und trat hinter den Maler. Da sa er in seinem
buntgescheckten Kittel unter der tief hngenden, eigens fr ihn
angebrachten Osramlampe, die scharf strahlte, umgeben von Tpfen und
Pinseln. -- Ah, das war unglaublich! Dolomitisches Geklft, rosengrau,
Felswnde, Terrassen, bereinander gesteigert, immer ferner, immer
tiefer, bis sie ganz ferne mit wagrechtem Kamm gegen den mattblauen
Himmel abschlossen, und dort, hoch oben, weit fern, sa der weie Engel,
so gro und deutlich, da er noch berm ungeheuerlichen Geklfte ein
Riese schien, aber er war doch schmaler, doch zarter als die andern; es
war eine Frau, sie hatte kein Instrument, sie lauschte und zeigte die
zarten Zge und das dunkelrote Haar der Ulrika Tregiorni.

Georg blickte nher hin, ob sie es wirklich sei, -- nun, die hnlichkeit
war schwach und bestand hauptschlich im Haar, aber er bemerkte bei
dieser Gelegenheit nun, welch eine simple Malerei dies war, -- aber
welche Kunst! Was mute das gekostet haben, bis die Sparsamkeit dieser
zarten Kontraste, dieser Flchen, dieser Linien herausgepret war aus
der Zahllosigkeit der Mglichkeiten. Was aber diesen Engel anging -- er
war kaum zwei Schuh gro und hielt das Kinn in der Hand des
aufgesttzten linken Arms --, so hatte er keinen rechten Arm, und dieses
schien es zu sein, worber Bogner sich den Kopf zerbrach, denn da
standen auf der Erde unterschiedliche Arme um ihn herum, die Hand nach
unten, als sollte der Engel seinen rechten Arm ein wenig hinter sich
aufsttzen.

Bogner sah auf zu ihm, hatte rote Flecken im grauen Gesicht und schien
verwirrt.

Ganz schn, nicht? sagte er. -- Georg legte ihm eine Hand auf jede
Schulter und sagte feierlich: Bogner, Sie sind ein edler Mensch.

Bogner ergriff einen der Kartons mit der Kohlezeichnung eines nackten
Frauenarms, Ulrikas Arm, wie es schien, nicht sonderlich schn, aber
durcharbeitet, durchseelt; auch eine Hand, locker ausgestreckt, war noch
auf dem Karton. Ja, das war diese seltsame Klavierhand, hager und mit
unzhligen Runzeln auf den Fingergelenken in der locker gewordenen Haut.
Da fiel Georg Renate ein, und es kam ihm, Bogner geradeswegs zu fragen:
Warum lieben Sie nicht Renate Montfort?

Ach, ich! wehrte der Maler unbetroffen ab, wandte sich aber nach einer
Weile ein wenig um und fragte, ob Georg glaube, da sie ihn lieben
knne. --

Lieber Gott, Bogner, sagte Georg, danach sollte der Mensch doch
zuletzt fragen! Ich glaube, Maler, Sie sind ein Individuum gnzlich ohne
Leidenschaft.

Mu denn blo so heien, was sich sexualiter uert, Prinz? fragte
Bogner, stand auf, setzte seine Kohlezeichnung an die Erde, reckte sich
und fing an, hin und her zu gehn.

brigens, sagte er, knnte ich auch wie der Tobias -- wie heit er,
in der Komdie?

Bleichenwang?

Ja, wie der Tobias Bleichenwang sagen: Mich hat auch mal eine lieb
gehabt. Zrtlichkeit ist wunderschn, ja, das wei man ja schlielich,
ja, man entbehrt sie sogar manchmal, -- nun, das kann ja alles noch
kommen. Warum fragen Sie berhaupt immer so aufdringlich?

Georg lachte: Sie brauchen ja nicht zu antworten! Setzen Sie brigens
Zrtlichkeit mit Liebe gleich?

Das nicht, meinte der Maler.

Zrtlichkeit, Wollust und Liebe, das sind die drei unterschiedlichen
Liebesempfindungen, sagte Georg, nur wo alle drei vorhanden sind, ist
das Gefhl vollkommen.

Ob er das meinte, fragte Bogner. Ja, also Liebe ... Nach einer Weile,
vor dem posaunenden Engel stehend, fuhr er fort, da er auch die Liebe
ganz gut zu kennen glaube; er habe sich darin versucht gewissermaen und
sie immer verschieden gefunden, auch sehr angenehm, besonders im Anfang:
Mrz. Aber es sei ihm zuletzt doch immer nur vorgekommen wie ein Absud
von mnnlichem und weiblichem Geschlecht, im Tiegel so lange gemischt
und geschttelt, bis er einfach erschien; in Ruhe gelassen sonderte sich
beides alsbald, mnnliches sank, weibliches schwamm oben, es habe wohl
irgendein wirklich bindendes Element gefehlt. Er sprach undeutlich, da
er abgewandt stand. Georg sagte, eben das wre es, darauf kme es an,
das Element sei zu finden, sei zu suchen.

Suchen? meinte der Maler. Wer denn dazu Zeit habe? Auch sei's wohl klar,
da, wenn es dies Element wirklich gbe, es einzig sei, wirkbar nur bei
einzigartigen Menschen, immer zwei auf zwanzigtausend.

Ja, ja! rief Georg entzndet, Sie bringen mich auf einen Gedanken!
Zum Beispiel Romeo und Julia. Was sind die Beiden? Ein liebender
Geliebter, eine liebende Geliebte; sonst nichts. Womit beschftigten sie
sich? Mit ihrer Liebe. Hatte Romeo einen Beruf? Kmmerte ihn die
Geschlechterfehde? Er und sie hatten nicht Eltern, nicht Geschlecht,
nicht Volk, nicht Stadt noch Heimat; alles dieses war belanglos wie
Tisch, Bett und Gartenbank, von denen nichts vorhanden war, solange
nicht ihre Gemeinsamkeit ihrer bedurfte. Nichts gab es auer ihnen als
die Freunde, die ihrer Liebe beistanden, und den Tod, der das Gift in
Adeptengestalt verkaufte. Aufgelst waren sie in jenes Element, in dem
sich alles mischen mute zu einer einzigen Riesenempfindung. Ja --
setzte er zgernd hinzu, denn Tozzis Gesicht erschien ihm: vielleicht
ist es also -- der Tod?

Der Maler war von ihm fortgegangen und stand bei der Tr, einen
ausgestreckten Arm gegen den Rahmen gestemmt, in den Raum hereinblickend
zu seinen Engeln.

Wirklich, fuhr Georg fort, die allgemeine Liebe empfindet und wnscht
nichts als gesteigerte Freude, gesteigertes Dasein; jene Beiden aber
fhlten die letzte, hchste Steigerung, berlebensgro, in den Tod,
unbewut schon in der ersten Umschlingung, und so erreichten sie die
Dauer.

Im Tod? fragte der Maler von fern. Nein, das ist vorlufig noch
nichts fr mich.

Ja, wo aber die Leidenschaft bleibe? hielt Georg hartnckig fest. Bogner
streckte die Hand aus und deutete auf seine Engel, einen und den andern,
den posaunenden, den wandelnden mit der Gitarre, den reisigen mit der
Harfe. Georg senkte niedergeschlagen den Kopf.

Unbewut in der ersten Umschlingung? fragte der Maler, gutgelaunt, wie
es schien. Wie Sie das so wissen knnen! Ich will Ihnen aber etwas
erzhlen. Nmlich, als ich siebzehn Jahre alt war, also mitten in der
schnsten Erstlingsglut, liebte ich ein Mdchen, etwas lter als ich,
fr mich wunderschn, klger, tapferer und sanfter als ihre Schwestern.

Die Frauen, sagte Georg, da der Maler innehielt, die Frauen, das
glaube ich nun, sind an und fr sich nichts; aber es kann alles aus
ihnen werden. Jeder, mchte ich sagen, jeder Mann findet zur Zeit
diejenige, aus der er machen kann, was er im Augenblick braucht. Sehr
gut sind sie. Und so unendlich geduldig!

Georg, Magdas arme Gestalt mit wehmtigem Gedenken umfassend, hrte den
Maler weitersprechen:

Zur selben Zeit geriet ich an den Scheideweg. Dort mein Vater und sein,
hier ich und mein Wille. Entschied ich gegen ihn, so wars auch gegen
sie, denn dann ging ich fort, und sie mute bleiben. Sie half mir beim
Fortgehn, ja, das tat sie. Dafr bin ich ihr dann treu gewesen, so gut
ich es konnte, und habe auch jedes sptere Mal fr mich und gegen die
Liebe entschieden, denn, sehen Sie, das wollte ich sagen: damals, ein
fr allemal, entschied sich fr mich diese Angelegenheit.

Was ist aus ihr geworden? fragte Georg.

Danke. Sie hat es gut berstanden. Sie war, wie gesagt, tapfer. Sie ist
mit einem Kaufmann verheiratet, hat vier Kinder, und alle sind gesund.
Ich sehe sie zuweilen. Stattlich sieht sie aus, gewi nicht, als ob sie
jemals vor einem Menschen auf den Knien gelegen und gefleht htte: Um
Gottes willen, geh! geh, ehe ich dich halte! --

So sind Sie wohl Beide Ihrer Bestimmung treu geblieben, mute Georg,
wie ihm schien nicht sehr tiefsinnig, bemerken, und der Maler erwiderte
nur zerstreut, ja, ja, er habe ja auch gar nichts dagegen einzuwenden,
und griff nach seiner Pfeife.

Gehn wir schlafen, sagte er, als er sie gestopft und angezndet hatte.
So verlieen sie die Kapelle, der Maler schlo sorglich zu, und sie
gelangten durch den Garten, am dunklen, schlafenden Haus vorber auf die
Strae.

Viele und seltsame Pferde liefen durch Georgs Trume in dieser Nacht,
gelenkt und vorgefhrt von Bogner mit langem Pinsel wie von einem
Zirkusdirektor, aber Renate erschien nicht darunter. Gesang schlug an,
engelstimmig und s, Georg erwachte, und es war Morgengrauen. In
abgeklrten Pausen sang drauen die schwarze Amsel, laut und friedevoll
in der Morgenstille.


                       Drei Gesprche: Das erste

Esther und Georg saen am Wassergraben im Park auf der Bank, und sie
hatte den ganzen Scho voll groer Zentifolien in allen schnen Farben.
Da kam Jason al Manach, setzte sich, lie sich fragen, woher er komme,
und erzhlte:

Gestern abend, als es schon dunkelte, trat ich irgendwo aus dem Walde.
Wiesen und cker waren voll Nebel, darin stand ein einsames, schlechtes
Haus mit einem Stockwerk, ich strich an einer fensterlosen Mauer
hinunter, und wie ich in eins der Fenster nahe ber dem Erdboden an der,
auf die Felder hinaus gewandten Seite des Hauses hineinsehe, sitzt da
Maler Bogner in einem Liegestuhl und raucht eine Pfeife in Hemdrmeln,
denn der Abend war milde. Ich grte: Guten Abend! Ich stre gewi. --
Ja, sagte er, wenn Sie stehen bleiben und mir die Aussicht zudecken.
Kommen Sie herein.

Ich wandte mich wieder, und sieh, da wars eine jener Stunden, wo einem
die Augen fr das Wunderbare der Erde aufgehn. Als htte der Maler
gewinkt, so sah ich nun in eine Landschaft von seltsam wilder
Feierlichkeit. Jenseits der braunen cker voll stehender weier Nebel
blinkte ein Stck des abendklaren Flusses aus der unteren Dmmerung,
voll von gespiegeltem Licht und Baumsilhouetten; die wirklichen Wipfel
darber hoben eine mchtige schwarze, von einigen scharfen Fabrikessen
berstiegene Mauer in das lohende Gelb und Rosa des Himmels. Darber
flossen zerblasene, graue, schwrzliche und violette Wolken in trbes
Rot; zur Linken aber, hoch ber dem graugrnen Dunkel der Wiesen
jenseits des Stromes stand im blablauen, leeren ther ein einzelner
blitzender Stern; der war gleich einem silbergesthlten Sankt Georg und
die schweigsame, blutende Landschaft wie ein verendendes wildes Untier
zu seinen Fen.

O, aber als ich mich zur Rechten wandte, drohte da die Stadt, schwarz,
eine ungefge Masse von Dchern, Kuppeln, Trmen; ein stummes Meer,
brandete hinter ihr der Himmel, berwlbte sie mit durchsichtiger Woge
von offener Scharlachglut, in der sich ein Getmmel von zerrissenen
Wolken umhertrieb und verzehrte, glorreich und ungestm, in einem Wirbel
triumphierender Farben, blutig, traurig, drohend und lechzend von Gelb
und ungesttigtem Purpur. Von allen Richtungen liefen Schnre und Reihen
von Lichtern, opalenen, grnlichen und goldenen, in den schwarzen Berg
der Stadt hinein.

Solche Dinge hatte dieser einfache Maler vor sich, wenn er abends in
Hemdrmeln seine Pfeife rauchte. Es war so viel, da er manche gar nicht
beachten konnte, denn als ich nun um das Haus herumging, sah ich ber
ein verdunkeltes, undeutliches Gelnde von Feldern und Lichtern hinweg
den Mond, eine Scheibe von goldenem Kupfer, der sich mitten aus einer
stumpfen bleifarbenen Wand heraushob.

Das Zimmer, in das mich der Maler fhrte, war folgendermaen: Es hatte
tapezierte, zerfetzte Wnde, einen von herausquellendem Pferdehaar wie
von Geschwren strotzenden Diwan und zwei hlzerne Sthle, auerdem den
Liegestuhl und am Boden eine trbe Pftze von einem alten Gebetsteppich.
In einer Ecke aber stand ein Bananenast, rundum mit gelben und
schwrzlichen Frchten besetzt, einem Bienenkorb hnlich. Ja, und in
einer andern Ecke stand ein Spucknapf, der war mittendurch gesprungen.
Eigentlich war es kein Zimmer, es war ein Durchgang von Abend zu Morgen,
weil es nachts regnen knnte.

Als aber nun der Maler aus einem Nebenzimmer zwei in Porzellanfen
stehende Paraffinkerzen holte, anzndete und auf den Gebetsteppich
stellte, so offenbarten sie dessen ganzes Elend. Mich ergriff wohl
Sympathie mit dem Spucknapf, denn in seine Nhe zog ich mir den
Liegestuhl. Mich rhren so die zersprungenen Dinge, die sich gar nicht
zu helfen wissen. Der Maler legte sich auf den Diwan und lag so still,
als ob er schlafe. Die Kerzen zuckten zuweilen und strten mich in der
Betrachtung meines Schattens ein wenig, der neben mir an der
zerlcherten Mauer sa. Drben, vom fast unsichtbaren Maler her, glimmte
zuweilen ein Manschettenknopf rot und golden.

Jason schwieg so lange, da Esther fragte: Nun, sprachet ihr gar nichts
miteinander?

Doch, erwiderte Jason, aber wir schwiegen viel lnger, als ich eben
geschwiegen habe. Dann fragte ich den Maler, ob wir uns nicht
unterhalten wollten, und er fragte wieder: Ja, wovon? -- Ich schlug vor,
wir wollten Aphorismen sagen, -- aber nun, er redete sich aus, er knnte
das nicht.

Ja, sagte Esther erstaunt, kann man denn das so?

Oh, gewi. Falls du mich nicht miverstanden und gemeint hast, ich
htte gesagt, Aphorismen machen statt Aphorismen sagen. Ich bin
angefllt mit Aphorismen.

Zum Beispiel? fragte Georg.

Dies, erwiderte Jason, ist eigentlich mehr ein Kalenderspruch: Nichts
ist so imaginr wie der bestndig gekte Hund einer jungen Dame.

Esther dachte angestrengt nach und brachte schlielich heraus, sie
verstnde das nicht.

Oh kleine Esther, erklrte ihr Georg, es befinden sich doch lauter
imaginre Liebhaber in dem Hund.

Nun ein andres, sagte Esther.

Jason, der schon lngere Zeit mit einem von Esthers dnischen Handschuhn
spielte, die neben ihr auf der Bank lagen, hob ihn jetzt ans Gesicht,
roch daran und sagte, es wren gleich zwei auf einmal in dem Handschuh.
Wit ihr, fragte er, was die traurigste Freude ist? Das ist der
Parfmduft aus Frauenbriefen, die man spt in einer Schieblade findet.
-- Und nun, Esther, wenn ich dich liebte, wrde ich zu dir sprechen:
Deine Hand im Handschuh ist nur ein Krper, aber der Duft aus dem leeren
ist Wesen.

Ach, sagte Georg, whrend Esther rot wurde und lachte, Sie knnen mir
gewi einen Unterschied formulieren, ber den ich neulich nachdenken
mute, nmlich den eigentlichen zwischen einem Dichter und einem
Schriftsteller.

Nein, Jason bedauerte. Das wrde auf etwas Moralisches hinauslaufen,
und moralisch kann ich nun einmal nicht sein.

Ja, sagte Esther, das ist auch langweilig, erzhle mir lieber,
worber du dich mit dem Maler unterhalten hast.

Richtig, sagte Jason, du erinnerst mich an einige sehr gute Dinge,
ber die der Maler mich belehrt hat. Ich sagte ihm nmlich, ich htte
verschiedentlich von Menschen sagen hren, da der Knstler oder
Dichter, um einer von Bedeutung zu werden, ganz auerordentlich viel
leiden mte. Andre dagegen htte ich wiederum sagen hren, da es auf
der ganzen Welt nichts Grausameres gbe als Knstler, und dies beides
schiene mir doch zu widersprechen. Da sagte der Maler, was die Menschen
anginge, so wrden sie sich ber derlei Dinge kaum aufklren lassen,
weil, so sagte er, sie diese Dinge nicht aus der richtigen Sehrichtung
betrachten knnten, nmlich aus der des Genius. Und das ist richtig,
denn mit dem Genius verhlt es sich so wie mit dem, was der reiche Mann
zum armen Lazarus sagte, als der in Abrahams Schoe sa. Wenn Moses oder
einer der Propheten zu ihnen kme, so wrden sie nicht hren, aber wenn
Lazarus von den Toten auferstnde, so wrden sie. Denn immer unsichtbar
bleibt den Menschen der Genius, wahrnehmen knnen sie nur seine Kraft,
nmlich im Werk, -- und nun sagte der Maler, grausam sei allerdings der
Genius, mitleidlos, weil er vollkommen sachlich sei und alles
Menschliche und Natrliche einfach als Stoff ansehe. Hier mute ich auch
wieder eine Wahrheit finden, sagte Jason, nmlich die, da die
Menschen wohl imstande sind, einen Dichter grausam zu finden, der sich
einen Menschen mit all dessen Eigentum an Leiden und Lsten zur
Darstellung nimmt, nicht aber, wenn er so mit einer Landschaft verfhrt
oder einem Baum oder sonst einem Gegenstand, und dies bedenken sie
nicht, nur weil sie von solchen Dingen weniger wissen oder gar nichts,
wovon der Dichter vielleicht sehr viel wei. -- Wenn der Genius nun,
sagte der Maler weiter, sich vollkommen sachlich verhlt, so tut er das
doch auch gegen das Leiden des Menschen, in dem er wohnt, das heit
also, da ihn des Menschen Gefhl und Meinung von diesem Leiden gar
nichts angeht, sondern er wrde lachen, wenn der Mensch sie ihm
vorhielte, und sagen: Da sorge du! Mach das mit dir allein ab! --
Gefllt es ihm aber wiederum, so sagt er vielleicht: Zeig her! das da
scheint mir brauchbar, ein Funken, nicht viel wert, aber ich wills
versuchen und ihn anblasen. -- Ja, da blst nun dieser Gott, sagte
Jason, auf seine Knie herunterblickend, und was ist nun wohl der
Mensch, dieser Wurm, in einer solchen Lohe, die ihm Knochen und Mark
verzehrt, freilich, Lohe einfach, schmerzlos wie lustlos, nur blo
verzehrend, was dann andern Augen gemeinhin erst an der Asche sichtbar
wird, und dann staunen sie nun ber Beethovens Totenmaske. Er aber, am
ganzen Leibe brennend, schaffte in der Himmelsglut das Werk, blinden
Auges, tauben Ohrs, denn der Genius sieht, der Genius hrt; mit
flatternden Hnden, denn der Genius lenkt, und dieses, dies ist das
Leiden und dies die Grausamkeit, dies darf Leiden und Grausamkeit
genannt werden, weil aus ihnen Leben entsteht, ewiges, so Gott will,
dieweil das andre nur zum Sterben gut ist; doch reinigt der Tod.

Hat das der Maler gesagt? fragte Esther nach einem Schweigen
leichthin.

Georg sah, da Jason, wenn das bei ihm mglich war, verlegen schien.

Es kommt ja nicht darauf an, sagte er, die Menschen sagen so vieles
nicht, das meiste sagen sie nicht, und du kennst ja mein Gedchtnis, es
mu sich an so vieles erinnern, und gedacht hat er es jedenfalls, davon
seid ihr doch wohl berzeugt. brigens, fuhr er fort, sind wir bald
auf das Meer und die Berge zu sprechen gekommen, und nachdem wir uns
darber geeinigt hatten, da das Meer gro sei, gro, sonst nichts,
indem nichts von seiner Gre sei, so fragte ich ihn, wie das wohl
zugehe, da manche Menschen sagten, das Meer drcke sie nieder; es mache
sie melancholisch, sagen sie. Er vermutete, eben deshalb, weil es ihnen
zu gro erscheine, sie selber daher zu klein. Berge dagegen, ich
erinnere mich genau, da er dieses sagte, weil darauf ich an zu sprechen
fing, Berge verhielten sich menschlich, und gewi ist das so, was ihr
beurteilen knnt, wenn ihr euch solch ein einzelnes, weies Schneehaupt
vorstellt. Denkt ihr euch nun daneben die Erhabenheit eines wunderbaren
Menschen, Dantes oder Bachs, Rembrandts oder Michelangelos oder Homers,
so habt ihr gleich eine Kette einsamer, strahlender Bergeshupter.
Halbgtter sind die Berge, dem Himmel nah und doch furchtbar irdisch
verankert, und sie stimmen den Beschauer zur Andacht, unvermindert seine
eigene Person, eben wegen des gttlichen Eindrucks, der aus Kleinheit
hinaufziehend, nicht aber niederdrckend ist: Gott lt immer viele
Mglichkeiten offen, um so strahlender, wenn er sich menschenhaft
offenbart. Blickt ihr aber von der Hhe ber ganze Ketten und Felder
andrer Gipfel und Gebirgszge hin, so habt ihr auch hier ein Meer von
Wellen, von erstarrten jedoch, von gebndigten, innerlich unfreien, ihre
Verdammung zur Schweigsamkeit mit Gre und Heldensinn ertragenden,
gleich einem Volk gefesselter Knige; ihr aber, ihnen gegenber, von
Beweglichkeit, von eurer ganzen rhmlichen Freiheit ringsum strotzend,
ihr fhlt die Majestt solcher Versammlung mit Andacht und angenehmer
Demut. Dies alles, sagte Jason lchelnd, erklrte der Maler nicht wie
ich, sondern mit einem einzigen Worte, und danach fingen wir an, von den
Wolken zu reden. Von ihnen sagte Bogner gleich, da er sie liebe,
nmlich die vereinzelten, geballten, weien, mittglichen, und er sagte,
da sie wie Gtter seien, schweigend und leuchtend, nur ihr Wesen
ausstrahlend unbeeinflubar, -- und ich dachte wieder, wie richtig das
sei, da eben solche Wolken diejenigen Eigenschaften haben, die wir uns
wnschen, die uns fehlen: die Ruhe, die Unberhrbarkeit, dies leuchtende
Dulden der Vereinsamung, das Schweigen, und so sind sie, wie alle
Gottheiten, vergottete Menschen, uns hnlich, daher noch zu erfassen,
noch in uns, wie die brige Natur, und indem ich dies bedachte, fiel mir
ein, ob der immer sonderbare und rtselhafte Eindruck des Ozeans wohl
darauf beruhe, da er nicht in uns sei wie die brige Natur, und dies
sagte ich dem Maler. Da erzhlte er mir ein Erlebnis aus seiner
Kindheit.

Er beschrieb mir, wie er an einem Sommerabend als Knabe in einem Kahn
gelegen habe. Wie er da mit sich allein war in der unsichtbaren
Dmmerung und eine Hand ins Wasser hngen lie, da sei nun aus dem
Abgrund des Meeres der Mond heraufgestiegen, ganz wie ein schweigender
Gott. Das Herz habe ihm da zum Zerspringen geklopft; er habe gemeint,
der Mond komme aus seiner Brust. --

Dies ist nun freilich ein schner Irrtum gewesen, denn das Unsichtbare
war es, das seine Brust so weit zu machen wute, da sie auch die Nacht,
das Dunkel, alles in sich aufnahm, das Meer spielte eigentlich keine
Rolle in seinem Erlebnis, und ich sagte ihm dies, indem ich ihm
nachwies, da damals, als das einfachste Tier, unser Vorfahr, die
Noctiluca, aus dem Meere das Land erstieg, das Meer von uns abzufallen
begann, durch die Jahrmillionen, durch unzhlbare Geschlechter von
Verwandlungen, und das Leben auf dem Trocknen ward anders als im
Gewsser, fremd ward uns das Meer, aber es war unsre lteste Heimat, und
darum, wenn wir darber hinsehn, so meinen wir, da dort drben, an
einem andern Ufer, unsere Heimat liegen msse; wie Odysseus sich
vorstellte, da gleich drben der Rauch aus seinem Dache steigen mte;
aber die Heimat eigentlich ist in dem Meer, ist es selbst, und deshalb
macht es uns wehmtig, heimschmerzlich, und das drckt uns wohl nieder,
um so geringer unser Glaube, um so tiefer unser Verlangen nach Heimat
ist. Da kamen wir nun auf die Sterne zu reden, und ich glaubte schon,
davon wrden wir die ganze Nacht nicht wegkommen. Aber die grten Dinge
sind auch wieder die einfachsten, und so verhlt es sich auch mit den
Sternen, da von ihnen schon alles gesagt ist, wenn man nur an sie
denkt. Dann gengt ein zuflliges Wort, und so fiel es dem Maler ein, zu
sagen, da die Sterne jenseits wren. Wie wahr ist das, denn sind sie
nicht auerhalb unsrer Erde? Was aber reicht ber unsre Erde hinaus?
Wir? Unser Gefhl? Gegen das unzerreiliche, metallene Gewebe des
Firmaments prallt unsre Seele an wie ein Federball; nichts dringt dort
ein, es sei denn -- das Gefhl, nicht eindringen zu knnen, das uns so
wunderbar anmutet. -- bermenschlich, seht ihr, das sind Wolken und
Berge; berirdisch, das sind die Sterne. Mit ihnen ist uns nichts
gemeinsam, nicht einmal das Gefhl der Fremde. Das Meer jedoch, es ist
unmenschlich, eine Natur auer uns, eine Leidenschaft auer uns, eine
donnernde Unbegreiflichkeit.

Ja, so sprachen wir miteinander, sagte Jason nachdenklich, und
inzwischen hatte der Maler seinen Bananenast aus der Ecke geholt,
stellte ihn auf den Teppich, setzte sich auf die Erde davor mit dem
Rcken gegen die Fenster und ermunterte mich zu essen, indem er eine
Frucht abri, hurtig schlte und die Schale ber seine rechte Achsel zum
Fenster hinauswarf. Wie das aber so geht mit mir, -- ich stand auf
einmal in der Tr, und da sehe ich ihn noch so sitzen in dem leeren Raum
bei seinen rtlichen Kerzen und seinem schattenwerfenden Bananenast, und
die Schalen zum Fenster hinauswerfen. Auf einmal stand ich dann und
blickte gegen den wunderbarsten Nachthimmel, und es war khl und vieler
Atem im Finstern um mich her. Der Himmel aber, der vor mir niederhing,
war ein wundersamer Gobelin mit einem silbernen Wolkenmeer, in dem,
dicht aneinandergedrngt, andre, schwrzliche Wolken gleich riesenhaften
Delfinen und Seeungetmen sich bewegten, und dies alles durchglitt der
Mond, klar und sanft und sich schaukelnd, eine silberne Schale von einem
Gtterboot.

Jason schwieg, rckte ein wenig und schien ans Fortgehn zu denken.

Sage, Jason, fragte Esther, hast du nun wirklich gar nicht daran
gedacht, dir von dem Maler Bilder zeigen zu lassen, da du einmal dawarst
und doch kein Mensch herausbekommt, wo er wohnt?

Nein, Jason hatte nicht daran gedacht. Er schien geistesabwesend.

Es waren so viele Bilder da, sagte er, ringsherum, der ganze Himmel
voll. Vielleicht, sagte er aufstehend, habe ich mir eingebildet, er
htte sie alle selber gemalt.

Sprachs, nickte ihnen leutselig zu und ging davon. Sie muten ihm
nachsehn, wie er an den Gebschen hinstreifte, ein wenig geduckt, die
Knie leicht eingedrckt, den Strohhut im Nacken, die Hnde auf dem
Rcken, schmal in seinem feinen Rock von schwarzem Tuch, und so schwand
er den Weg hinunter um die Ecke, und es war nicht ersichtlich, ob er
nicht nur das uere Verschwinden abgewartet hatte, um gnzlich fort zu
sein, weg, nicht mehr vorhanden oder vielleicht schon in Sdamerika.
Esther und Georg aber taten ihre Augen zusammen, nickten sich zu und
sagten, da es ab und an gut sei, Jason zu hren.


                       Drei Gesprche: Das zweite

Georg, Sigurd und Benno saen spt abends beisammen; Georg, wie er es
gern tat, in seinem Armstuhl, den er mit der Rcklehne gegen den
Schreibtisch gedreht hatte, so da er zur Kaminecke hinber sah gegen
den grnen Lampenumhang, -- und rechts dort sa Benno, in seinem Sessel
so tief, da er Georg unsichtbar war hinter den dunklen Figuren und dem
breiten Dach des Treppengelnders: nur sein obenliegendes Knie war zu
sehn, hell glnzend dicht unter der grnen Tischdecke im nach unten
fallenden Licht. An der anderen Seite hatte Sigurd sich in den breiten
Ledersessel zurckgelegt, das Gesicht nach oben gewandt, das linke Knie
so hoch gegen die Schulter gezogen, da er die Hnde dicht berm
Fugelenk falten konnte, das auf dem rechten Knie lag. Georg hatte, da
sie eben damit beschftigt waren, sich nach Krften an- und
auszuschweigen, Mue genug, ihn zu betrachten, diesen erstaunlich
Schnen; sein dunkelhutiges langes Gesicht glnzte leise aus der
Dmmerung wie etwas Gegossenes; ein Lichtfunke, in jedem Auge hngend,
machte sie starr in aller dstern Lebendigkeit. Schn im Schweigen
formte sich der volle Mund.

Georg dachte in behaglicher Zufriedenheit ber ihn nach. Sich erinnernd,
wie er in dem dunkelroten Mantel hohepriesterlich bei so viel
Jugendlichkeit erschienen war, dachte er, da noch kaum ein Mensch --
und am seltensten eine Frau -- so das Empfinden ihm bekrftigt habe, es
msse im schnen Leibe auch eine schne Seele wohnen. Renate -- ja --
eigentmlich: ihr Glanz war so auerordentlich, so vollkommen, so nichts
mehr zu wnschen lassend, da man nichts begehrte auer eben ihn, -- und
doch nein; war es nicht seelisches Feuer allein, das, ihre Zge und
Farben durchglhend, sie in solche Harmonie und solches Leuchten
versammelte? Also war vielmehr dies das Absonderliche, da aus Renate
Einheit strahlte; hier, aus dem Manne dagegen nur Eines, das ein Zweites
ahnen und wnschen lie, -- und so sehr, dachte er, ist also Schnheit
etwas Nebenschliches, etwas Strendes fast beim Manne, dessen Geist und
Seele allein es sein sollten, die Licht verbreiten. Ja, und Esther, wie
war es mit der? Hatte sie wohl eine Seele berhaupt, oder war da alles
-- nur s; bis hinab in das Innerste? Ach, kleine Esther, kleine
Chinesin, bin ich nun eigentlich verliebt in dich? und wenn wirklich,
wie wre das mglich in Anbetracht Renates? -- --

Wie doch das Schweigen tnt! hrte er da Benno trumerisch sagen. Wir
sind ja ein Dreiklang.

Dur oder Moll, Benno?

Ich wei nicht, Georg. Musik der Seelen -- und die ist es doch, die ich
hre -- wei wohl von irdischen Tonarten nichts, und dort ist das
innerlich Selige von Dur und Moll ein unirdisches Gemisch.

Ja -- dort, Benno, nicht wahr? Aber wir sind hier und mssen immer
heiter oder traurig sein. Es ist aber schn zu denken, was du sagst.
Georg schwieg.

Nach einer Weile zogen ihm sanfte Verszeilen durch die Erinnerung, und
er sagte langsam auf:

   Die Linien des Lebens sind verschieden
   Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen.
   Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergnzen
   Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Sie schwiegen lange.

Benno sagte: Ergnzen, ja. Zu Moll das Dur und zu Dur das Moll; und
doch wird es Ergnzung nicht allein sein, sondern das -- andre, das --
von hier, wird mit darin sausen, und das wird die Vollkommenheit sein,
die weder Dur ist und weder Moll. Und das hat Bach gewut.

Es war wieder still. Georg versank in ihm selber Unbewutes.

Pltzlich -- als sei es genug -- sah er undeutlich Sigurds Haltung sich
lsen; er setzte den Fu an die Erde neben den andern, beugte sich vor,
legte die Hnde um eines der Bcher auf dem Tisch und sagte in seiner
kurzen Weise:

Wissen Sie, Georg, -- ich wollte Ihnen immer schon etwas sagen. Wegen
Esther. Sie wissen ja: meine Schwester gehrt mir, mir ganz allein. Ich
habe sie erzogen von Kind auf; sie ist -- mein Werk. Es gab eine Zeit,
wo sie den Leuten langweilig war, so sehr war sie ein Abgu von mir und
sprach mit meinen Worten. Und was wissen wir schlielich von solch einem
Wesen?

Er brach ab. Ja, was wissen wir, dachte Georg. Sie geht umher und sieht
s aus. Alles, was wir wissen, sind Dinge, die sich auf uns beziehn.
Obendrein antwortet sie nur, schweigt, spricht selten von selber, oder
ganz Belangloses, Tatschliches. Und dabei diese Wandelbarkeit, als
htte sie gar keinen Kern! Mit jedem Kleid, in jedem Hut, ohne Hut, im
Mantel, in der Jacke ist sie ein andres Wesen; heut ein Kind, morgen
abwesend, eine khle fremde, Verirrte, jetzt sanft und hlflos, morgen
sicher und verstndig, ja scharfsinnig, heut altklug und morgen unbewut
--, als ob sie immer und nur auf geheime Unterweisung sei und handle, --
aber immer ist sie verfhrerisch und gefllig mit Miene und Lcheln. Ja,
wenn ich das Sexuelle auch so berschtzte, wie Alle es tun, so wrde
ich denken, ich sei in sie verliebt, blo weil ich ab und an den
zrtlichen Wunsch habe, sie auf den Arm zu nehmen und irgendwohin zu
tragen. -- Whrend er sich dies sagte, betrachtete er Sigurd, der, die
Zunge im Munde wlzend, das Buch hin und her drehte, und dachte, falls
er, wie es schien, ihm etwas mitteilen wollte, sei es das beste, zu
schweigen. Richtig fing Sigurd auch wieder an:

Was wissen wir von ihnen? Ihre Gedanken laufen doch immer wo anders
hin. Nun sind sie in Amerika. Sie giebt bekanntlich vor, einen jungen
Mann zu lieben, da drben ...

Warum: giebt vor? fragte Georg.

Sigurd blickte wegwerfend auf: Ich sagte ja, da sie mir gehrt, also
liebt sie in Wirklichkeit mich, nur ist sie eben meine Schwester und
merkt es nicht. Und berhaupt nun diese sogenannte Liebe. Esther ist
immer von irgendwem geliebt worden und hat immer irgendwen geliebt.
Endlich kommt einer und sagt, er mu sie heiraten, und da mu sie nun
auch. So ists immer, Alle heiraten aus Zufall, und nachher ist das
Unglck da.

Georg glaubte sich zu erinnern, da er das selbe schon einmal von einem
andern Menschen gehrt hatte, -- war es nicht Ulrika? ... Aber Sigurd
war aufgestanden, lehnte sich mit der rechten Schulter gegen das
Bcherregal, den Kopf gesenkt, hier und da einzelne Bnde tiefer ins
Fach klopfend, whrend er sprach:

Ich will sie nicht hergeben, ich brauche sie, wofr lebe ich denn? Er
wandte sich zu Georg. So etwas kennen Sie natrlich nicht, sagte er
mit verchtlicher Traurigkeit in den schweren Augen, Geschwisterliebe.
Nicht Frau, nicht Geliebte, nicht Freundin, aber von jeder ein Hauch, --
und andrerseits, wenn ich denke, ich knnte eine andre Frau lieben, so
wrde mir das Verwandtschaftliche bitter fehlen.

Irgend etwas, sagte Georg weise, fehlt immer.

Esther, fuhr Sigurd fort, ohne hinzuhren, Esther hat diese Macht
ber die Menschen, dies Verlockende, das ihr eigentliches Wesen ist. Sie
kann nicht anders, sagen Sie selber: wenn sie mit Ihnen allein ist, ist
sie da nicht ganz eine andre, als wenn Andre dabei sind? Unter Vielen
ist sie berhaupt nichts, da steht sie wie ein kleiner Hund im Regen
... Er lachte verlegen, Georg lachte gefllig mit.

Nun also der in Amerika, fing Sigurd wieder an. Ein auerordentlich
tchtiger Mensch, mssen Sie wissen. Unglcklicherweise nahm er an einem
Monatsletzten -- als er noch hier war -- dreiig Mark aus der Kasse, um
sie am Ersten wieder hineinzulegen, da kam die Revision. Es gelang mir
natrlich, sagte er mit innerlichem Stolz, den Chef zu berzeugen, da
er keine Anzeige machen durfte und ihm ein Zeugnis ausstellte auf
Tchtigkeit und Flei mit dem Vermerk: verlt seine Stelle nach
bereinkunft. Ja, und trotzdem verfiel der arme Junge so in
Verzweiflung, da er in die Staaten hinberging. Oh auf ihn kann man
sich verlassen, aber auf Esther? Warum soll sie nun grade den immer und
ewig lieben, nachdem sie sich so oft geirrt hat? Aber ihr Gefhl fr
mich, das ist immer das gleiche geblieben. Sie fngt nach einem halben
Jahr an, sich zu langweilen, immer mit dem selben Mann, wohin soll sie
sich noch entfalten?

Ja, ja, lachte Georg, Sie haben recht: unter mehreren Mnnern ist sie
die bescheidene und kluge Lauscherin -- Leonore im Tasso --; mit einem
allein entfaltet sie sich zart -- Leonore mit Tasso.

Achtzehn Jahre ist sie alt, sagte Sigurd kopfschttelnd, und bildet
sich wahrhaftig ein, dieser Kaufmann drben sei in Europa und Amerika
der einzige Mensch, mit dem sie das Leben zu Ende fhren kann.

Sie sind nrrisch, meinte Georg, Liebe und berlegung ...?

Ja, soll sie ihn lieben! brauste er auf, aber warum denn um Himmels
willen heiraten? Wie schn ist die Liebe, wie ideal ist die Liebe! Sie
erregt alle heftigen Gefhle, Sehnsucht, alle Empfindungen nach --
hinaus, nach oben, ins Offne, ins Unbegrenzte, -- und dann wird
geheiratet. Er lief an Georg vorber und hinter seinem Rcken im Zimmer
hin und her.

Georg fiel Cora ein, die er seit Monaten einfach vergessen hatte, und
sagte: Ideale, das wissen Sie doch, Sigurd, sind dazu da, da man sie
hat, nicht da man danach lebt. Zum Leben brauchen die Menschen Ziele.

Na, und was machen Sie da wieder fr einen psycho-philosophischen
Unterschied?

Ein Ideal, sagte Georg ernsthaft, ist keines -- nicht wahr --
innerhalb erreichbarer Grenzen; ein Ideal ist doch nichts Persnliches,
nichts, was man fr sich allein hat, oder kme es nicht mehr von Idee
her? Ideal ist Religion. Wie ich schon sagte, nicht wahr: auch Religion
mssen die Menschen haben, aber wer lebt danach? Fr ihr Leben haben sie
ihre Gesetze und sonst praktische Wegweiser, was ich Ziele nannte.
Wegmarken braucht der einfache Mensch, um zu sehn, woher er kommt und
worauf er zugeht, und da er sich bewegt.

Ach, Sie denken immer so artistisch! Dem Knstler freilich sind seine
Werke solche --

Dem Knstler, griff Georg mit Festigkeit ein, sind seine Werke
niemals Ziele, sondern stets Ideal. Was er erreicht -- im Werk --, das
mag Andern, ja mag ihm selber ein Ziel scheinen, eine Wegmarke, eine
Stufe, um hher zu steigen: im Grunde bleibts ideal, weil unvollkommen
gegenber seiner Idee. Ein vollendetes Kunstwerk, nicht wahr -- das kann
niemals mehr heien als: ein fertiges. Selbst Gott hat nur gesagt, es
wre sehr gut, und ich bin berzeugt, da sein Ideal von Welt hoch, aber
hchst anders ausgesehn hat! Georg, nachdem er seine Stze auf das
eifrigste hervorgesprudelt hatte, stand auf, ging hin und lehnte sich
gegen die Bcherwand. In der Tiefe des dunklen Raumes sah er Sigurd
neben dem Pensieroso stehn, der vor ihm sa, unbekmmert wie je, den
Handrcken unterm Kinn, sinnend.

Es giebt so viele Worte, sagte Sigurd. Wie alt sind wir eigentlich?
Unsereins sieht immer ber die rationalen Dinge hinweg, als ob Gott und
Welt und Ewigkeit das einzige wre, was uns anginge, als ob wir sie im
Sack htten, als ob sie nur so um uns herumstnden wie Schrnke.
brigens haben Sie davon angefangen.

Ja, Sie merken doch alles, Sigurd, sagte Georg sardonisch. Glauben
Sie wirklich nicht, da das Alltgliche gengt, um es zu tun? Soll man
auch davon reden?

Nicht vom Alltglichen, versetzte Sigurd kurz, das ist eine
Unterschiebung. Ich sprach vom Realen oder Tatschlichen und bin nicht
der Meinung, da es so einfach ist, da Tun gengt.

Ich kenne eine Frau, erwiderte Georg nachlssig, deren Ideal wre es,
die Geliebte eines Prinzen zu sein. Jawohl, Sie bemerken ganz recht: der
Prinz bin ich selber. Sitzt mir die Maske? fuhr es durch ihn hin. Er
sammelte sich und fuhr fort. Ich sage Ideal, Sie wrden sagen Ziel.

Weil Sie, Sigurd lachte spttisch, weil Sie ihr dies Ziel nicht
erfllen wollen? Also ein idealisches Ziel, wie Ihr Kunstwerk, wie der
Himmel fr den primitiven Frommen, den Moslem oder so: solange man
danach strebt, Ideal, wenn mans hat, Ziel.

Ach, Unsinn! murrte Georg. Der Himmel (und die Hlle genau so gut)
sind keine Ideale fr den Frommen, sondern einfach Ziele, weil sie mit
zum Irdischen gehren, weil sie in seinem Dasein inbegriffen sind.

Also leugnen Sie berhaupt Religion?

Es klopfte. Die Tr zum Flur wurde geffnet, und Esther stand ber der
Treppe in einem dicken brunlichen Regenmantel, den Kragen
hochgeschlagen, kaum sichtbar das kleine Gesicht mit den funkelnden
Augen unter tiefen Scheiteln und der Kappe aus schwarzem Haar, die sie
heute trug. Sie hatte einen Brief in der Hand.

Ein realer Brief, sagte Sigurd, indem er nher trat, siehst du,
Esther, der Prinz leugnet alle Religion auer Buddhismus.

Ich dachte an Mrtyrer, sagte Georg sich schweigend, indem er Esther die
Hand gab und fand, da sie wie ein gutes, schwrzliches Tierchen aussah,
s zum Wegtragen und Fttern. -- Als wir anfingen, Esther, sagte er,
sprachen wir von Ihnen; nun sind wir glcklich beim Nirwana.

Sie lchelte. Das ist eben das Gute an uns, da ihr von uns berall
hingeraten knnt! Ihr mt immer bei uns anfangen, ihr Mnner.

Und von berallher zu euch zurckkommen, schlo Georg lachend. Ihr
seid der Kreis und seid im Mittelpunkt.

Ja, Kreis, wiederholte Sigurd, am Schreibtisch stehend, Georgs
Malaiendolch in der Hand. Was ist mit dem Brief? schlo er kurz.

Esther erklrte munter, wie sie, um den Brief in den Kasten zu werfen,
vor die Tr gegangen, wie die Nachtluft so herrlich nach dem Regen
gewesen sei und nach nassem Pflaster geduftet habe, da sie hergelaufen
sei, um Sigurd abzuholen, -- und den Brief habe sie dabei in der
Manteltasche vergessen. Georg verschlang sie mit Augen dieweil und hrte
kaum ihre Worte. Sigurd nahm ihr den Brief wortlos fort, whrend Georg,
ihr aus dem Mantel helfend, freundschaftlich fragte: Fr wen ist denn
der dicke Brief, kleine Esther?

An meinen Verlobten, hrte er sie abgewandt sagen, und einen Stich im
Herzen, fiel ihm ein, da Sigurd ihm ja etwas hatte mitteilen wollen,
Esther betreffend. Was konnte das wohl gewesen sein? -- --

Nun saen sie schweigend alle Vier, bis Esther mahnte: Sagt doch was,
Kinder, seid ihr immer so schweigsam?

Ja, Benno! -- Benno sa ganz grade auf dem Vorderteil seines Sitzes,
dieweil eine Dame zugegen. -- Benno hat den ganzen Abend noch nichts
gesagt. Also Benno ...

Benno lachte erschtternd. Er habe alles, was ihm fr heute zu reden
gegeben sei, schon vor Esthers Anwesenheit gesagt. Nun mt ihr reden!

Esther schlug vor, Georg mge etwas vorlesen.

Ja, Georg! bat Benno schmelzend und glitt erwartungsvoll unbedacht
tiefer im Sessel, richtete sich aber gleich wieder auf. Georg wehrte
jedoch ab; er habe nichts Rechtes. Als Sigurd nun aus der Ecke am Kamin
fragte, ob und was Gutes Georg zurzeit lese, fhlte er einigen rger
ber Sigurds schlankes Abbiegen und sagte nachlssig blo: Jean Paul.

Keiner von den Dreien erwiderte etwas. Der Name lste wohl zwiespltige
Empfindungen aus, die nicht zu Worte gelangten.

Natrlich, sagte Georg, wenn man Jean Paul sagt, sind Alle wie auf
den Mund geschlagen. Habt ihr Jean Paul gelesen? Haben Sie Jean Paul
gelesen, Esther? -- Esther murmelte etwas vom Katzenberger.

Dieser ewige Katzenberger! Als ob das nun Jean Paul wre, nicht wahr!
Katzenberger! Das ist wie -- wie so eine hornhutige Ferse am Absatz
eines Engels; als solche ja ganz merkwrdig. Aber den Engel solltet ihr
reden hren! Wartet -- Sich im Stuhl drehend griff er den kleinen
schwarzen Band vom Schreibtisch hinter sich. Flegeljahre, sagte er,
ich will euch nur eine Stelle vorlesen, nur eine, und ihr sollt -- Er
bltterte erregt. Nein, wartet mal, wo war doch das! Richtig, ich hatte
doch ein Zeichen ... An der Stelle ging mir zum ersten Mal mit
blendender Klarheit der Unterschied zwischen Dichtersprache auf und --
wie soll ich sagen? -- da ist die Stelle!

Georg hatte sein Zeichen gefunden, nahm es heraus, bog das Buch auf und
las:

                            No. 16. Berguhr
                         Sonntag eines Dichters

Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und
der Thrme dunkelroth vor der frhen Juli-Sonne standen, und verrichtete
sein Morgengebet, worin er Gott fr seine Zukunft dankte. Die Welt war
noch leise, an den Gebirgen verlief das Nachtmeer still, ferne
Entzckungen oder Paradiesvgel flogen stumm auf den Sonntag zu ...

Das ist es! rief Georg, das ist es: ferne Entzckungen oder
Paradiesvgel flogen stumm auf den Sonntag zu. Ja, was denkt ihr euch
dabei? Ist das irgend etwas Vorstellbares? Ist das nicht unbeschreiblich
imaginr? Entzckungen, die fliegen? stumm? auf den Sonntag zu? Und da
quillt einem doch das Herz ber von etwas geisterhaft Irdischem und
Unirdischem in wunderbarster Vermengung, und die Seele ber von
unsagbaren Visionen des Morgenhimmels und der Dmmerstunde. Und deshalb
-- nicht wahr -- was liegt an den Worten? Das berwogende Empfinden des
Dichters schwemmt sie hervor, -- vom Rhythmus, der alles ist, ergriffen,
ankristallisiert, schwemmt es sie hinber in uns, wo sie zergehend
wieder ausschumen in Empfinden und in Vision. So spricht der Dichter.

Still waren die Andern. Wie, keine entzckte Bejahung? -- Endlich sagte
Sigurd:

Und wie, meinen Sie, sprechen wir?

Wir? Wir machen uns verstndlich. Wir wollen verstanden werden, wollen
wirken und suchen den passenden Ausdruck, den treffenden, nicht wahr,
Deutlichkeit. Der Dichter will sich niemand verstndlich machen, nicht
wahr, sondern mu singen, nachsingen, was der Dmon vorschreibt, und
dies eben, nicht wahr, da er vollkommen wei: er kann sich auf unsre
Weise nicht ausdrcken, weil dann nur Deutlichkeit entstnde, aber nicht
-- Empfinden, Sichtbarkeit, Fhlbarkeit, das -- nicht wahr -- giebt ihm
die Gegensprache vom Ausdruck, das -- eigentlich ists ein Verhllendes,
nicht wahr, das -- Bild, Gleichnis, die Gestalt, das heit: er stellt
dar. Darstellung und Ausdruck, das sind die beiden.

Dagegen, sagte Sigurd nach einer Weile, liee sich wohl nichts
einwenden. Wie Sie aber -- in dem, was Sie zuerst sagten -- das Wort so
erniedrigen, zum Mittler des Gefhls erniedrigen knnen, das verstehe
ich nicht. Ich -- Georg, obwohl sprachlos vor berraschung, da er
erniedrigen sollte, er, dem wie keinem Andern die Einzigkeit, die
vollkommene Aristokratie des Wortes bewut war, -- kam nicht zum
Einfallen. Ich empfinde, sprach Sigurd weiter, da ganz anders. Ich
empfinde -- Vorgebeugt in seiner Ecke, die Ellenbogen auf den Knien,
legte er Gelenke und Fingerspitzen der gewlbten Hnde mit kleinen
formenden Bewegungen gegeneinander -- ich empfinde -- den Leib des
Wortes. Ein tiefes Erflltsein, Umschlossensein; kein berstrmen.

Esther, die sich bislang unteilhaft verhalten hatte, nickte jetzt
beistimmend und schttelte den Kopf. Auch Benno drehte sich.

Nein, da mssen Sie mich miverstanden haben, sagte Georg. Das Wort
als Mittler? Auch ich -- die Zeile Jean Pauls wie auf einer langen
Fahne vor sich, lie er sie auf sich wirken, und sagte, langsam seinem
Gefhl nachsprechend: Ich empfinde das Wort, Leib und Seele. Die Seele
aber flutet ber die Rnder und -- bildet, mich erfllend, den Leib noch
einmal in mir. Und das geht -- hin und her, nicht wahr; immer ist eines
im andern. Die Seele freilich -- auf die kommt es doch allein an -- die
Seele des Worts ist die mchtigere, die immer wieder berflutet und mich
-- ahnen lt, tausendmal mehr ahnen, als das Wort enthlt.

Sie lassen Ihre Phantasie spielen, Georg. Sie sind Romantiker, sagte
Sigurd, und --

Ich bin kein Romantiker, was fllt Ihnen ein?

Dann denken Sie eben an besonders romantische Gedichte, die es ja
giebt, die von dieser berflieenden Art sind.

Esther und Benno nickten lebhaft.

Aber ich bitte euch! widerstritt Georg. Nehmt doch etwas andres,
nehmt -- was ihr wollt! Nehmt >Der Wald steht schwarz und schweiget --
Und aus den Wiesen steiget -- Ein weier Nebel wunderbar ...< Was liegt
denn an den Worten? am schwarzen Wald und weien Nebel? Aber eine golden
verschattete Welt steigt auf, und das ist die Kunst, wie ich sagte: mit
einem Wort hundert und tausend mal mehr zu geben, als es enthlt.

Und das ist romantisch, beharrte Sigurd.

Ja, Georg, wagte Benno sich hervor, handelt es sich hier nicht um
etwas andres? Das ist doch -- Landschaft. Die soll gemalt sein, gesehen
werden, und da wirkt natrlich die Phantasie. Hier tut sie's auch bei
mir. Sonst aber -- verhllt sie sich eher --

Verhllt sich! sagte Sigurd. Esther nickte und lchelte.

Zum Beispiel, wenn du an das von George denkst, dies Wunderbare, du
lasest es neulich: >So war dein sanfter Sang der Sang des Jahres -- Und
alles kam, weil du es so bestimmt.< Benno verhauchte beseligt. Sigurd
am Regal lehnend, die Finger in den Westentaschen, das Gesicht vornber
gesenkt, sagte kurz, nach innen grbelnd:

Es mu etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge sthetisch. Es mu ein
ethischer Vorgang sein.

Da komme ich nicht mit, erklrte Georg. Jeder Vorgang ist an sich
rein sthetisch, nicht wahr? Ethisch wird er allein durch die Erkenntnis
-- Sie verstehen, Esther --, durch Erkenntnis von Werden und Entstehn,
von den Zusammenhngen, von der Form. Hier aber, hier handelt es sich ja
um Vorgang und nur um Vorgang. Das Ethische knnen Sie ja dazu haben,
aber -- was hat das mit Dichtung zu tun? Das ist doch -- abstrakt.

Benno war nicht einverstanden, und Sigurd bewegte stumm den gesenkten
Kopf. Warum abstrakt? fragte Benno und mit ihm Esther aus den Augen.

Warum? Also -- -- also wenn ich sage: Bauen, -- nicht wahr? Wer baut?
Einer schleppt Steine, einer legt sie aufeinander, einer macht Fenster,
Tren, Fubden, einer das Dach. Wer baut denn nun? Der Architekt macht
Plne, beaufsichtigt, das alles sind die Vorgnge. Was aber alle
zusammen tun, nicht wahr, und auch allein der Architekt durch Planen und
Beaufsichtigen, das sehen wir im Begriff >Bauen<. Begriff! der kann
ethisch sein, aber wie wollt ihr den empfinden, nicht wahr? Wo das Wort
so voll Vorgang ist, so voll Vorgang!

Das knnen Sie nicht sagen, Georg! Sigurd hob voll die heien Wangen
und brennenden Augen gegen ihn.

Ich empfinde das eben.

Ich auch, Georg! rief Benno.

Du auch? Ich hatte sonst sagen wollen: Sie, als Jude, nicht wahr, --
seien vielleicht eher begabt fr das rein Gedankliche.

Das sind wir. Herz und Intellekt wohnen bei uns nher zusammen als bei
euch.

Und darum berschtzen Sie das Wort!

Ach das Wort, Georg, doch nicht das Wort! Benno lief aufgeregt mit
schwingenden Armen in den Raum. Wie wre es dann mit der Musik, die
wortlos ist? Wrens da Tne, Akkorde, Septimen, Quinten und Quarten? Ist
es nicht --

Und die Musik, rief Georg aufspringend und sich zu ihm drehend, die
Musik, da du davon sprichst, wie lt die erst berwogen, sich auflsen,
ins Namen-, ins Uferlose, ins --

Bei dir, Georg, aber doch nicht bei mir! schrie Benno vom bronzenen
Borgia her. Die Musik ist eine so vllig klare, gesttigte Sprache wie
die der Dichter. Ja, das ists! Sprache, Georg, Sprache! Nicht das Wort,
das Ganze -- eben -- Musik!

Das ist wieder was andres, Benno. Meinen Sie das?

Sigurd nickte.

Dann also -- meint ihr -- den Rhythmus, nicht wahr?

Es ist mehr, Georg, es ist --

Unter Rhythmus, erklrte Georg, meine ich die innerste Essenz, die
wieder Destillat ist aus dem allen: Worten und Takten, nicht wahr, Reim,
Bildern und ihrer Wahl und Ordnung, der Glut der Stunde vor allem -- was
man Stimmung nennt, nicht wahr? -- der Duft, die Seele -- und der Leib
-- all das, all das strmt zusammen zum Rhythmus, der die Seele des
Gedichts ist, die Seele der Form. Mit einem Wort, die Form meint ihr,
das ganze Gedicht. Ja, dann freilich, -- das ist bei mir natrlich auch
so. Das Gedicht tritt in mich ein und --

Nun kommen wieder Ihre berquellenden Rnder, sagte Sigurd, der ein
Buch aus der Reihe vor ihm gezogen hatte und es eben aufschlagen wollte.
Er lie es aber in der Hand hngen und fuhr fort, zur Bekrftigung damit
Ste gegen Georg fhrend:

Der wirkliche Vorgang ist: den Leib des Wortes, samt der Seele, die
ganze Form: noch einmal aufrichten, noch einmal baun. Er ist, wie alles
in Wahrheit Ethische -- ein Schaffen, Neuschaffen von Grund aus.

Ja, Georg, ja, Sigurd! jubelte Benno aus dem Hintergrund, kam hervor
gestrmt und stand nun im Licht so lang er war, hoch gertet in groer
Gebrde mit flammenden Augen und fliegender Stirn.

Georg! rief er mit ganz unterdrckter, inbrnstig eindringen wollender
Stimme, hast du's denn nie gefhlt? Nie dies tiefe Glck empfunden im
Empfangen der Form, das -- den -- den Einklang, das Vollkommene, die
ewige Harmonie des Irdischen mit dem Unirdischen, vollzogen im
gttlichen Augenblick? Musik, seht ihr, sie ist nicht der Himmel selbst,
aber -- sie ist das Zwischengebiet, von uns erreicht, ja von uns erzeugt
mit unsern irdischen Krften und unserm berirdischen Glauben, -- wo das
Himmlische irdisch ward und das Irdische himmlisch -- himmlisch im
Tnen, himmlisch in der geschaffenen Form, in der wir nun aufgehn,
aufgehn, Georg, in beiden -- und doch nur eins noch empfinden: Glck.

Wundervoll, Benno, ja, aber das, was du da sagst, das habe ich im
Tiefsten immer empfunden. Das ist allerdings ethisch, und es ist dann
so, da ich es unbewut empfand. Ich kann ja -- wenn ich berhaupt ein
ethischer Mensch bin -- nur hierin das Wunder der Kunst erfahren, und --
ja, es ist doch so, nicht wahr: die meisten Menschen -- nun, ethisch
sind sie natrlich alle, denn wenn einer es sein kann, mssen alle es
sein. Sie alle haben, nicht wahr, einen ethischen Grundstoff. Von dem
wissen die Meisten gar nichts und knnen deshalb nur moralisch
empfinden, das heit: das Stoffliche. Die Nchsten gelangen bis zur
Anschauung, zum Empfinden der Form, also zum sthetischen, nicht wahr,
und das sind die, die wir gemeinhin stheten nennen. Die Dritten haben
nicht nur die Erkenntnis des Ethischen, sondern auch -- wie Sigurd,
nicht wahr -- das Empfinden davon. Und bei mir ist es nun so, nicht
wahr, da ich, als selber Schaffender, zwar die Erkenntnis haben und fr
sich allein auch empfinden kann, aber der Anschauung verhaftet bleibe.
Ich habe Phantasie, ich kann sie nicht unterdrcken; alles was sie, die
Anschauung mir zufhrt, bewegt mich _vor_ allem andern, und das Ethische
-- Vischer meinte es wohl auch, wenn er das >Moralische< sagte --
versteht sich von selbst.

Ja, Georg, dann sind wir ja einig, bekrftigte Benno mit gerhrt sich
verbiegendem Krper, als wren sie nach langer Verfehdung wieder Freunde
geworden.

Ja, und Sie, kleine Esther, sagte Georg, vor sie hintretend, Sie
haben berhaupt nichts gesagt.

Ihre Augen glitzerten. Oh ich, lchelte sie errtend, ich freue mich,
wenn kluge Mnner sprechen, da ich verstehen kann, wie sie es meinen.
Sie lchelte mehr bei jedem beziehungsvollen Wort:

   Ich folge gern, denn mir wird leicht zu folgen,
   Ich hre gern dem Streit der Klagen zu --
   Wenn die feine Klugheit,
   Von einem klugen Manne zart entwickelt,
   Statt uns zu hintergehen, uns belehrt!

Georg, die ganze Zeit, whrend sie sprach, stark und strker versucht,
ihr Gesicht in beide Hnde zu nehmen und zu kssen, konnte es nun nicht
lassen, wenigstens ihre Schultern leicht zu berhren, indem er lachend
spottete:

Aber das war ja auch nicht von Ihnen, Esther, das war ja von Goethe!

Wir mssen gehn, sagte Sigurd. Es ist hchste Zeit.


                       Drei Gesprche: Das dritte

Renate schrieb:

Tage und Nchte, Tage und Nchte! Da liegst du nun auf der Lauer ber
deiner Arbeit wie ein Panther, und ich stehe dabei und wei nichts. Wie
in der Ermattung dein Menschliches von dir abfllt, so tritt alltglich,
da ich ihn sehe, der Gott aus deiner Brust, sitzt da gro, durch Wind
und Wolkenri hinuntersphend auf das Werdende; Lnderflucht und
Wolkenschatten jagen durch seine unbewegten Augen. Warum mu ich
ausgeschlossen sein aus deiner Seele, in einer andern Welt, sprachlos
wie Echo in einem Walde, den niemand betritt? Will mir denn niemand dies
Geheimnis lsen, warum dir alles sichtbar ist, nur nicht ich?
berstrahle ich sie nicht alle? Bringe ich nicht Glck hin, wo ich
eintrete? Ach, da ich alle Spiegel der Welt zerschlagen knnte und kein
Bild mehr haben, damit du es merktest, wie ich drste nach deinen
verhngten Augen! Ich ertrage es nicht, du! da ich dastehn mu wie
unbekannt, unsichtbar vor dir in meiner Flle, und dein Auge blinzelt
nicht einmal! An wen soll ich mich denn wegschenken, sag, damit du
endlich, endlich begreifst am Zerschlagenen, was dir aus den Hnden
fiel!

Sie hielt ein, glhend ber und ber, fliegend, warf die Feder hin,
knllte ihr Taschentuch in der Rechten, fate mit der Linken in den
Ausschnitt ihres Kleides am Halse und zerrte. Sie schlug das Buch zu,
lschte die Lampe vor sich und stand auf; teilte den Vorhang und sah
hinaus. Da war nur Finsternis, undeutlich, aber nach Augenblicken wurde
der schwarze Schattenri des Kapellendaches sichtbar ber dem Gewipfel
gegen den gestirnten Himmel, dann auch darunter da und dort der
gelbliche Schein und die Form zweier Fenster. Dort sa er! dahinter sa
er! Sa, malte und sonst nichts. -- Sie prete die Stirn gegen das khle
Glas, atmete tief und wurde ruhiger. Es ist beschmend, dachte sie, ich
mu es jetzt vergessen; man knnte es mir ja vom Gesicht ablesen, was
ich in das Buch schrieb. -- Sie sah in die Tiefe ein wenig rechts und
gewahrte den Lichtschein, der aus dem Verandazimmer breit in den Garten
fiel, darin die Schlagschatten, ber Weg und Rasen hin, der dnnen,
rankenumwundenen Pfeiler und der hangenden Reben voll Weinlaub; grau
schimmerte, wo die Helligkeit am Boden endete, der Sandsteinsockel der
Sonnenuhr. Nun sah sie auch, da eine weie Gestalt zwischen den Bschen
umherging, jenseit des Rasenplatzes; bald kam sie unten zum Vorschein
auf dem Wege, langsam dahinschlendernd, ging durch den Lichtschein -- es
war Magda -- die Unterarme hinter dem Rcken zusammengelegt, am Hause
vorber und wieder in die Tiefe, wo sie schwand, aber nach einer Weile
wieder sichtbar wurde, stehen blieb und nach oben schaute. Einen
Augenblick glaubte Renate, sie sphe nach ihr, aber sie stand ja im
Dunkel und war dunkel gekleidet. So blickte sie wohl zu dem gotischen
Fenster empor, wo Georg und Esther unter der Lampe saen; sie hatte ja
dort auf einmal weglaufen mssen, um zu schreiben.

Magdas weie Gestalt wendete sich wieder und ging zurck und kam
abermals wieder und verschwand auf dem Weg zum Gemsegarten. Renate, all
ihr Eigenes krftig niederdrckend, folgte ihr zrtlich mit Gedanken.
Sie ffnete leise das Fenster und beugte sich hinaus. Gleich drang mit
der schnen Nachtkhle und dem Geruch des vielerlei Blhenden eine
gedmpfte Musik undeutlich an ihr Ohr -- o, sie bten ja an ihrem
Brahmsquartett in der Kapelle --, und nun standen deutlich sichtbar alle
drei spitzbogigen Fensters, dunkelgelb leuchtend, im Finstern. ber den
bltenlosen Massen der Baumwipfel war das Heer der Sterne in reicher,
strahlender Stille aufgezogen. Ganz fern zur Linken schimmerte noch
Weies, -- wohl Magdas Kleid.

Renate dachte, da sie das grne Fenster von unten gesehen haben msse,
wie sie selber immer wieder leise betroffen von seiner Stille im
Schweben, und es wurde ein alter Vers in ihr wach, -- vielleicht summte
auch Magda ihn im Gehen vor sich hin, sie kannte ihn ja:

   Gottesauge still und klar
   Zwischen dem Gezweige!
   Wandellos im Sternenjahr,
   Dulde, da ich wandelbar
   Meine Seele vor dir neige,
   Die verzweifelt war ...

Bist du nun am Land, Kind? dachte Renate. Du bist es, ich wei. Deine
Gedanken gehen kleine Wege, wie deine Fe im wohlbekannten Garten von
selber sich durch das Dunkel finden; gehen ein Stckchen neben Georg,
laufen zu Bogner, der unbekmmert um das musikalische Getse hinter
seinem Rcken vor seinem Wandstck sitzt und mit Kohle Landschaft und
Gestalt in den groen Linien festhlt. Du brauchst deine Gedanken, die
dir nicht mehr weh tun, wenn sie sich nur bewegen, nicht mehr zu hten;
es giebt kein Hinaus mehr aus der wunderbaren, nur mit Gottes Hlfe zu
begreifenden Schmerzlosigkeit, die all deine Poren erfllt ...

Sie atmet leicht, sagte Renate, ich wei es. Ihre Gedanken halten sich
ans Geschaute, rhren an die alltglichen Vorgnge, an Menschen und
Dinge umher nun mit einem sicheren Gefhl und machen sie milde. Nein, es
gab nichts Hartes mehr fr sie; ein wenig schattenhaft war alles
geworden, ein unvernderliches Abendrot von unirdischer Glubigkeit
ruhte am Himmel aus, von dem die sehnsuchtslosen Schatten ein sanftes
Dasein bekamen; da muten alle Stimmen leiser gehn, auf den Gesichtern
lag das starke, aber milde Leuchten des Sonnenscheidens, -- hatte sie
ihr selber nicht einmal gesagt, wie durchsichtig die Gesichter ihr
schienen, bis ins Innerste der Gedanken; von ihrem eignen, Renates,
Antlitz hatte sie es gesagt und hinzugefgt, was sie Saint-Georges
einmal von ihm hatte sagen hren: Niemals kann es welken ...

Da war sie schon wieder bei sich. Ein halbes Jahr jnger war die
Freundin als sie und schien lter fast um zehn Jahre. Sie aber stand im
Anfang ihres Herzens und -- Renate richtete sich auf und ging durch das
dunkle Zimmer hinaus.

Im Treppenhaus blendete sie das grelle Licht, und als sie durch das
erleuchtete Verandazimmer gehen wollte, erschrak sie pltzlich vor einer
schnen und groen Gestalt, die auf sie zuschritt in einem groen,
dunkelgrnen Kleide, -- bei Gott, sie selber wars, vor der sie
erstaunte, die aus dem Empirespiegel auf sie zugeschritten kam. Sie
blieb stehn, lchelte verzweifelt zu der drben hin und spottete sie an:
Ist es wohl nun zu begreifen, da du hier herumgehst so gro wie ein
Pferd, und kein Mensch sieht dich? -- Achselzuckend trat sie an den
Tisch; dort standen Frchte in Schalen, Brombeeren und Himbeeren, auch
Bananen und mchtige Trauben von schwarzblauen Beeren. Von denen nahm
sie eine in jede Hand, drckte sie zu beiden Seiten unterm Kinn gegen
den Hals, trat so vor den Spiegel, aber das half alles nichts, im
Gegenteil dachte sie, da ihre Augen genau wie die Weinbeeren ausshen,
und das rgerte sie irgendwie, sie warf eine der Trauben wieder auf den
Teller, erschrak aber und sagte: Nun mut du sie auch essen, warum hast
du sie angefat! -- Warum nicht? Gerne! -- So schlenderte sie auf die
Veranda, nachdem sie der Verschwendung des elektrischen Lichts Einhalt
geboten, sah ins Dunkel, aber es war niemand zu sehn. Sie trat an die
Brstung, legte eine der Trauben darauf, lehnte sich gegen den eisernen
Pfeiler ins Rebgewind und fing an, Beere um Beere sachtsam ablsend, zu
essen, und nach einer Weile, als ihre Hand sich mit den Schalen fllte,
die folgenden in den Garten zu spucken. In diese Aufgaben vertieft,
angenehm durchtrnkt von dem sen Saft, als ob sie Beeren aus
Nachtkhle e, hrte sie Schritte unten auf dem Sande, blickte auf und
sah Jason al Manachs Schattengestalt und weies Gesicht unverkennbar um
die Hausecke kommen. In der Nhe der Stufen zur Veranda blieb er stehn
und sagte: Guten Abend.

In der Meinung, er habe sie erblickt, wollte sie gerade antworten, als
sie unter sich Magdas Stimme: Guten Abend, Jason! sagen hrte, und
sich berneigend gewahrte sie richtig Magda, die auf der Bank dicht
unter der Veranda sa. Jason ging zu ihr und setzte sich neben sie.

Eine Weile blieb alles still. -- Ich habe Lust, dachte Renate, hier
stehen zu bleiben und zu hren, was sie reden. Vielleicht reden sie von
mir. Vielleicht reden sie von Bogner. Sicher reden sie irgend etwas
Gutes. Es mu angenehm sein, hier in der Nachtkhle zu stehn und gute
Dinge zu hren, die im Dunkel beredet werden.

Nun, Jason, woran denkst du wohl? hrte sie Magdas Stimme.

Woran mchtest du denn, da ich denke? kam es freundlich zurck.

Wie ich vorhin im Garten herumging, mute ich viel an Ulrika denken.
Sie kommt mir so verwandelt vor. Was mag mit ihr sein?

Minutenlang herrschte Stille. Ulrika Tregiorni, hrte Renate Jasons
Stimme ganz langsam, Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage
Benvenuto Bogners, des Malers, niemals nachgesonnen ber das Leben,
seine Gewalt und Verhngnisse, vermochte also nicht zu wissen, da es
Menschen giebt, die eines Tages aus weiter Ferne herkommen, vielleicht
um in ein Haus zu treten und zu jemand zu sagen: Tue dies! und wieder
fortgehn, keiner wei wohin, und unbekmmert um Verwirrung oder
Zerstrung, die sie angerichtet haben mgen und hinter sich dort
zurcklassen, wo Ordnung und gelassene Zufriedenheit das Gesetz aller
Tage gewesen war.

Wie sonderbar du sprichst, Jason! klang Magdas Stimme. Als ob du eine
Geschichte anfangen wolltest.

Sind wir nicht Alle Geschichten? sagte er leise und sprach weiter:
Dies wute sie nicht. Ihre khlen, beschrnkten Mdchenaugen hatten nie
mehr als den Glanz gerader und geflliger Oberflchen erfat; und sie
hatte es nicht anders gekannt, als da alle Dinge, zwischen denen sie
aufgewachsen war, ihr dienten und ihr weiterdienen und mit ihr gehn und
sich nie verndern wrden, so wie sie selber einfach und geraden Weges
aus einem Kinde ein Mdchen und Weib geworden war, das den natrlichen
Gang des Geschehens auch darin erblickte -- -- nun, Ulrika, du kannst
fortfahren, auch darin erblickte ... Richtig, da stand ja Ulrika
Tregiorni, wei gekleidet, im Dunkel vor den Beiden. Spracht ihr von
mir? fragte sie. Worin soll ich was erblicken, Jason? Damit wurde sie
fr Renate unsichtbar; sie setzte sich wohl auf die Bank, zwischen die
Beiden, kam es Renate vor.

Ich sagte, wurde Jason wieder hrbar, es sei auerordentlich
natrlich fr dich gewesen, eines Tages zu heiraten.

Ach, Jason, ist heiraten natrlich oder unnatrlich vielleicht?

Unnatrlich, Ulrika, ganz gewi, denn man spricht von natrlichen
Kindern.

Renate, whrend die unten herzhaft lachten, bi sich auf die Lippen, um
nicht laut zu werden.

Ist Bogner in der Kapelle? fragte Ulrika. Einer von den beiden Andern
mute wohl genickt haben, denn sie sagte gleich darauf: Er mu morgen
wieder in die Haide, ich wei nur noch nicht, wie ichs anstelle, er
sieht ja schauerlich aus. Ich werde ihm alle Pinsel in lfarbe stecken.

Du bist doch ein glcklicher Mensch, Ulrika, sagte Jasons Stimme.

Hnde, sagte Ulrika, Hnde, hrte ich einmal ein kleines Mdchen
sagen, sind doch glckliche Menschen!

Es gab wieder ein kleines Gelchter. Glcklich? kam nach einer Weile
Ulrikas Stimme. Ja, da fand ich Hlderlins Gedichte oben auf dem Tische
und darin die Worte, -- er sagt vom Menschen: Da er verstehe ... Wie
heit es genau, Jason?

   Alles lerne der Mensch, sagen die Himmlischen,
   Da er, krftig genhrt, danken fr alles lern'
      Und verstehe die Freiheit,
         Aufzubrechen, wohin er will.

Wieder war es still unten. Ulrika sagte, ein wenig leiser als zuvor:
Wie sonderbar du das betonst: da er _verstehe_ die Freiheit! Ganz so
sagte mirs Bogner, als ich mit ihm darber sprach. Und ich begreife noch
nicht recht, da Freiheit etwas so Sichtliches --, wie soll ich sagen,
so einfach Vorhandenes sein soll, da auf das Verstehen das meiste
ankommt. Aber es wird schon so sein.

Jason sagte: Die Freiheit ist das Natrliche, mein Kind, das weit du
doch auch, denn die Natur ist frei, auch du, wie du da geboren bist und
mit smtlichen Gedanken. Wenn du dich einmal unterworfen haben wirst,
wirst du auch verstehen, was Freiheit ist.

Lange Zeit herrschte Schweigen; Renate hrte den Nachtwind in den Bumen
oben, dann tiefer unten. Es rauschte, bald hier, bald dort; es kam
khler aus der Tiefe. Eine leise Frauenstimme sagte dort gedankenvoll:
Ja, so meinte er es wohl, ohne da Renate erraten konnte, ob die
Stimme den Dichter meinte oder Bogner. Jetzt war alles still, ein
kleines Gelchter Ulrikas ward hrbar, und sie sagte:

Eben fllt mir etwas so Nettes von ihm ein. (>Ihm< sagt sie, dachte
Renate betrbt, als ob es nur den Einen gbe.) Als wir neulich in ein
Dorf marschierten und der Maler gerade mit seinem ungeheuren Ba eine
schauerliche Musik machte, kam uns ein winziges kleines Mdchen
entgegen, blieb bei unserm Anblick, andachtsvoll den Finger im Munde,
stehn, rannte pltzlich aus Leibeskrften auf den Maler zu, der es
anguckte, und hatte ihn schon bei der Hand erwischt, was er aber, immer
herrlich singend, gar nicht recht zu merken schien; er schleppte es so
am Zeigefinger mit sich, es trabte eifrig, da stolpert' es, fiel hin und
erhob ein so jmmerliches Geschrei, da er es schleunig auf die Arme
nahm. Was nun kommen sollte, wute er augenscheinlich nicht, aber das
Gesicht des Kindes -- es war krnklich und schmutzig mit bergroen
braunen Augen -- blieb mitten im Weinen stehn, und als er sich nun mit
einem beruhigenden Gemurr darber beugte, wurde es ganz still und sah
ihn an. -- Ich wei nicht, was er da gesehen haben mag, aber spter
zeichnete er das Gesicht des Kindes in sein Buch aus dem Gedchtnis, und
es war sonderbar, whrend er zeichnete, hatte sein Gesicht denselben
Ausdruck wie vorher, als er das Kind anblickte, so da es ruhig wurde
und ihn ernsthaft ansah. Es lt sich nicht sagen ... Er lchelte ein
wenig, und von Gte, von Beruhigung, von Vterlichkeit, von Verstndnis,
von all dem war etwas darin.

Einen Augenblick, nachdem sie geendet hatte, setzte die Musik in der
Kapelle wieder ein mit einem schwunghaften Angriff aller Instrumente,
deren jedes deutlich zu unterscheiden war, Klavier, die Geigen zusammen
und die knarrende Stimme des Cellos. Renate hrte zwar wieder Sprechen
nach einer Weile, doch war nichts zu verstehn. Sie wollte schon hinunter
gehn, aber die Musik brach pltzlich ab, und Ulrikas Stimme wurde
hrbar. --

Nein, nie! Davon spricht er scheinbar hchst ungern, und ich habe ihn
beinah im Verdacht, da er mit seinem Schweigen blo seine Dummheit
bemnteln will, aber ... Sie lachte und fuhr fort: Ich versuche es ja
immer wieder, auf den verzwicktesten Umwegen ihn dazu zu bringen, aber
kaum da ich ihn habe, wo ich will, beweist er mir einen grlichen
Irrtum und sagt: Da denken Sie nun mal schn darber nach!

Renate riet noch, um welch geheimnisvolle Sache es sich wohl handeln
mge, als derselbe Angriff der Musik wieder aufbrach, so da sie nichts
mehr verstand. Nun wartete sie nicht ohne Ungeduld auf das Ende des
Satzes; er war nicht lang, wie sie wute.

Endlich war es still, aber auch im Garten herrschte Schweigen. Ein wenig
bergebeugt, sah Renate alle Drei unten sitzen, Ulrika in der Mitte, die
Hnde um das bergeschlagene rechte Knie gefaltet. Gleich darauf sagte
sie:

Aber wie ich schon sagte: Nachdem ich ihm die schwierigsten Sachen
vorgefhrt, Technisches und Handwerkliches, den Orgelpunkt und auch
Kontrapunktisches, soviel ich davon wei, meinte er, es bestehe nicht
der geringste Zusammenhang. Womit denn nun? dachte Renate verzweifelt,
ich mu doch hinuntergehn, -- whrend Ulrika weitersprach: Alle Knste,
sagte er am Ende, sind so vllig voneinander getrennte Gebiete wie die
fnf Sinne, wenn sie auch alle an derselben Stelle verankert sind. Und
seht ihr, so macht er's nun! Mir fiel nmlich ein, da es ja auch fnf
Knste giebt, wie fnf Sinne, und ganz geschwind setzte ich ihm
auseinander, wie das sich auch entsprche, denn Gehr und Gesicht haben
ihre Kunst, auch der Geschmack, sicherlich, denn die Kochkunst und ihr
Genu, wenn ihr's euch richtig vorstellt, ist eine wahrhafte Kunst, wie
das Dichten und Gedichtegenieen; fr das Gefhl steht die Dichtkunst,
innerlich und uerlich, denn unsre Sprache ist doch die Vermittlerin
unseres Fhlens; nur der Geruch habe keine Kunst entwickelt, sagte ich,
und das entspricht nun genau der Architektur, die auch keine Kunst an
sich ist, sondern im Zweck wurzelt, versteht ihr, wie ich es meine? Der
Geruch ist uns ganz Mittel geblieben, whrend die andern Sinne sich doch
ber ihre Zweckmigkeit zu reinem Empfinden, zum Genu des Schauens und
Hrens entwickelt -- ist es nicht so?

Was fr ein kluges Mdchen du doch bist, Ulrika! sagte Jason.

Das hat er auch gesagt, versetzte sie gleichmtig, und dann meinte
er, es wre alles Unsinn, und nun sollte ich mal drber nachdenken, --
ich sagte ja, so macht er's.

Hast du schon? fragte Jason.

Was?

Nachgedacht?

Noch nicht, aber vielleicht hilfst du mir!

Gerne, sagte Jason, aber nun fngt die Musik wieder an, und Renate
versteht kein Wort mehr.

Renate? fragte nach einer Weile Ulrika verdutzt. --

Renate lehnte sich ber die Brstung.

Jason, du schmhlicher Verrter! sagte sie leise.

Die beiden Frauen wandten die Gesichter herauf, auch Jason langsam.
Hast du uns wahrhaftig belauscht? rief Ulrika.

Wahrhaftig. Es war so schn, hier oben zu stehn und euch sprechen zu
hren. Der Wind rauschte, aber die Musik war vorhin wirklich zu laut.
Nun sind sie ja am Adagio, und Jason kann ruhig weitersprechen. Auf
eurer Bank ist ja sowieso kein Platz mehr. Los, Jason, was wolltest du
sagen?

Ulrika flsterte Magda etwas zu, dann flsterte Magda, dann waren sie
still, und Jason fing an.

Was denkst du eigentlich vom Tanzen, Ulrika? fragte er, ist das keine
Kunst?

Ulrika schien betroffen. Wenn man will ... sagte sie endlich zgernd.

Nun, wolle nur! redete Jason ihr zu, und denke auch gleich einmal an
die Mathematik. Nicht an die angewandte, die du so kennst, sondern die
reine. Und Reiten, wie steht es damit? Ist es keine Kunst, mit einem
Tier so zu verwachsen, da es keinen Willen mehr hat als dessen, der es
lenkt? Und bedenke, was ntig war! Es mu doch Jahrhunderte gedauert
haben, bis das Pferd so weit gebracht war, und gleichzeitig wurde
obendrein das ganze Pferd umgewandelt und aus einem kleinen, bsen Vieh
ein groes, seelengutes Tier. Fr Gefhl hast du die Dichtkunst einfach
eingesetzt, aber mir scheint, die Tanzkunst entspricht dem noch viel
einfacher, da sie die empfangenden Nerven an die bewegenden anschliet,
innere Wollust in erleichtertes Bewegen auflst und wieder auf die Sinne
zurckwirkt, betubt und befreit, -- und was meinst du, wre ein
tieferer Zauber aller Knste als eben der, zu betuben und zu befreien,
im Wechsel auf und nieder?

Mit dem Reiten, sagte Renate von oben, scheinst du mir zu
bertreiben, aber das tat nach meinem Gefhl auch Ulrika, ich konnte es
blo nicht sagen vorhin, mit ihrer Kochkunst. Nur mit der Mathematik
magst du recht haben, ich wei nur nicht ganz, wie.

Ich will es erklren, sagte Jason.

Ringsum war alles still. Jason sagte: Was, meint ihr, ist denn nun
Kunst? Ja, nun mt ihr meine Worte recht verstehn, denn nun will ich
vom Allerfeinsten reden, vom Gefhl, vom Empfinden, und das ist, als ob
ich Seifenblasen mit Handschuhen anfassen wollte. Aber doch scheint mir
>Heilen< das beste Wort. Kunst ist Heilkunst. In Heilkunst liegt
Heilkunde zuerst, nicht wahr? Und Mathematik ist Zahlenkunde, da habt
ihr schon einen kleinen Zusammenhang. Und nun denkt euch einmal ein
Kunstwerk, eine Dichtung oder eine marmorne Figur, wie sie dasteht, wie
sie einfach ist, wie sie klar ist, so leicht zu begreifen, so
unweigerlich, so sichtlich und mit den zehntausend unsichtbaren
Verknpfungen in ganz unbekannten Schchten eurer Seelen verankert, euer
Dunkel erhellend im Augenblick und tiefer vertiefend, -- und nehmt
dagegen eure Welt, alle Verworrenheit, alle Irrtmer, alle Unkunde,
alles ewig Schmerzliche, den Tod und die Wege der Liebe, Trbsinn und
Weisheit, Erraten und Verfehlen, Schwinden und Funkeln, Erstehn und
Verfallen, die ungeheure Gesetzlosigkeit, die unzhlbaren Ahnungen, --
und wieder blickt nun zurck! Da stehen mitten in dieser traurigen,
zerrissenen, unbekannten Welt zwei Dinge: die Zahl -- und das Werk.
Beide innig verbunden durch eins: Harmonie. Gott machte die Sterne, wir
aber machen schne Werke immerhin, die uns erfreuen, die, wie sie auch
sein mgen, heiter und tragisch, bitter und schwer und voll Elend
geschilderten Jammers, doch den tiefen Glanz der Ordnung haben, des
Selbstgewollten, des Geregelten, der Harmonie. Den Schein immerhin von
etwas Absolutem, das tiefe Feuer der Notwendigkeit, denn mute nicht
Kunst kommen? Mute sie nicht, wie eines Tages die Zahl entdeckt wurde,
da sie sei und gelte allgegenwrtig? Heilkunde trgt die Kunst; unsre
immerwunde, betrbte, seelenkranke Herzenswelt heilen wir mit dem
schnen Werk, ja den Tod heilen wir und heben ihn auf mit dem
unvergnglichen, dem unsterblichen, dem ewigen Werk. Und Heilkunde,
Heilkunst ist auch die Mathematik, weil sie nach dem Reinen strebt, weil
sie Gesetze erkennt, und so ein jedes Betreiben, ein jedes irdische
Geschft, das ber irgendeinen alltglichen Zweck hinausgeht gegen das
Ewige; das mehr will als Menschliches, mehr als sich selbst, das
Unabhngigkeit will, eignes Wirken, Freiwilligkeit, Freude, denn am Ende
ist dies doch wohl das gute, einfache Wort.

Jason schwieg, still blieb es im Garten, in der Nacht, bis mit so
erschreckender Pltzlichkeit aus der Tiefe der Bsche die Stimme des
Cellos, tief und inbrnstig, einen strmischen Seufzer aushauchte, da
alles umher zusammenzuschaudern schien. Renate fhlte im Augenblick die
Erinnerung an die Stunde vor dieser, oben in ihrem Zimmer, in sich
heraufschieen mit einem so unermelichen Schmerz um Bogner, da sie
glaubte, es nicht ertragen zu knnen. Aber der Schmerz ebbte langsam und
schwand spter. Renate fhlte ihr Haar wehn auf der Stirn, khle
Atemzge strichen ber ihre Wange, ihre Stirn, den Hals, es rauschte
allenthalben in der Nacht, es bewegte sich, Ulrika stand gro und wei
unten, die Hnde im Nacken gefaltet, das Antlitz emporgerichtet. Die
andern Instrumente hatten den Seufzer lngst mit Beruhigung und
Verschleierung in ihre sanftere Gemeinschaft zurckgezogen, gleich
darauf verstummten sie nacheinander, der Garten lag schweigend.

Hinter Renate im Saal flammte das Licht auf, nach Augenblicken wurde
Esther sichtbar, hinter ihr Georg, aber sie sahen Beide Renate nicht.
Esther lief die Stufen hinunter, Georg folgte langsamer quer ber den
Rasen. So verlie Renate ihren Platz, schritt die Stufen abwrts, fand
unten aber nur noch Magda, die ihr entgegensah. Jason war verschwunden.
Ulrikas Gestalt entfernte sich zwischen dem Buschwerk nach der Kapelle
hin. Renate, in unbestimmte Gefhle verloren, hrte Magda fragen, ob
Obst im Zimmer stnde, nickte nur freundlich und ging weiter.

In der Kapelle herrschte Vergngtheit. Esther stand da, drehte sich, als
sie Renate hrte, zu ihr, rief Fertig! und schwenkte einen herrlich
glitzernden Kissenbezug. Ganz rechts in der Ecke hockte der Maler vor
seinem Wandstck und rauchte. ber den Pulten und am Klavier, wo Benno
glcklich sa, brannten rtlich die vielen Kerzen, Ulrika und Irene
haschten nach Esthers Kissen. Ja, und der Prinz und Saint-Georges und
Sigurd waren ja auch da. Gleich darauf erschien Magda mit den beiden
Schalen voll Obst, und alles strzte sich auf sie. Renate sah Ulrika
eine Handvoll roter Himbeeren greifen und damit hinter den Maler
schleichen. ber seinem Kopf hob sie die Hand empor und lie die Beeren
fallen; eine blieb in seinem Haar hngen, er fate, vllig
geistesabwesend das Gesicht herumdrehend, mit einer Hand danach und
zerquetschte sie grausam. Was er zwischen den Fingern behielt,
betrachtete er nachdenklich, bis Ulrika kam und ihm unter vielen
Entschuldigungen mit ihrem Taschentuch die Finger putzte.

Erst als Esthers Kissen ihr an den Kopf flog, endete Renates Verwirrung.


                        Viertes Kapitel: August


                                  Hora

Georg dachte: Sommer, o Sommer! Wie das alles hngt! Die heie Luft in
den grnen Wipfeln, in diesen schwer schlagenden Massen, und herein
hngen die Wolken, weie Ungeheuer, und das Blau hngt herein in all die
glhende Enge. Wie glht der graue Stein am Haus! Oben, die kleinen
Barockfiguren auf dem Dach sehn aus, als wollten sie schmelzen in der
blauen Glut, und sie schmachten nach dem eiskalten Schnee der Wolken,
die ber ihnen hinsegeln, -- arme, kleine Tantalusse! O Sommer, o
Sommer, o -- -- Sommer -- -- Som-- --

Georgs Verstand blieb hier stehn. Durch seinen Traum gingen leichte
Schritte, Schritte im Gras, Schritte aus Sonnenschein, aus Baumschatten,
und etwas sah ihn an, Wesenloses, dann war's weg, und in Meilenferne
brllten langgezogen die Helenenruher Khe. Dann sprengte ein Schimmel
ber den Deich herauf, wiehernd und stampfend, Georg bestieg ihn und
flog mit ihm davon, wunderbar leicht, nicht mehr als ein paar Fu hoch
ber der Erde, und es wiegte wie ein Karussellpferd, es ging den Deich
hinunter und ber das Wasser, in dem eine kleine Insel schwamm, auf der
sein Vater, Onkel Salomon und Professor Prager Skat spielten in
Hemdrmeln, und Georg sah seinem Vater ber die Schulter; der aber hatte
keine Karten in der Hand, sondern lauter Photographien von Georgs
Korpsbrdern, sagte aber ganz richtig Solo an und spielte aus. Es war
aber gar nicht Georgs Vater, sondern der Wachtmeister aus Wallensteins
Lager, und sang in einem fort: Und ist die Nase noch so gro, das macht
nichts fr das Kinn! Esther aber sa derweil still zu seinen Fen, war
zehn Jahre alt und stickte ungeheure kupferrote und lavendelblaue Blumen
auf einen eisengrauen Vorhang, vor dem sie sa, und --

Wo bin ich denn? dachte Georg, sich aufrichtend. Bin ich denn nicht in
Helenenruh? Nein, da steht ja das Montfortsche Haus in der Sonne, hei
und grau, und hier ...

Im Grase sitzend, sah er neben seiner linken Seite das Postament der
Sonnenuhr. Auf den Stufen zur Veranda vor ihm hpften die Spatzen.
Drinnen war es dunkel und schattig; die wei und grn gestreiften
Leinenvorhnge bauschten sich leicht gegen die Pfeiler und
Glyzinienreben. Georg besann sich, da er aus der Universitt
fortgelaufen und hergefahren war, nachdem er Esther nicht im Schlchen
gefunden hatte, aber hier ... Er rutschte etwas vorwrts und beugte sich
vor, um an der Sonnenuhr vorber zu sehn, und richtig, da sa, als htte
sie immer da gesessen, die Chinesin im Schatten des wei und grn
gestreiften groen Leinenschirms und arbeitete an etwas Winzigem in
ihrem Scho.

Ach, wie khl sah sie aus! Weigelblich war ihr Kleid und ihr Gesicht
wie Marmor in dem grnlichen Licht. Aber als er kam, hatte doch nur ihr
Stuhl dagestanden und Nhsachen auf dem Sockel der Uhr? -- Esther sah
auf, schien ihn aber nicht zu sehn, griff ber sich auf die Platte der
Uhr, nahm ein dickes Buch herunter, schlug's auf und blickte lngere
Zeit hinein. Dann legte sie's vor ihre Fe ins Gras, und flugs machte
sich ein kleiner Sommerwind damit zu schaffen wie ein Meerschweinchen,
drehte sich darin herum und schlug die Bltter hin und her, als ob was
darunter zu finden wre. Georg aber fand auf einmal Esthers dunkle Augen
auf sich gerichtet, und sie lchelte paradiesisch.

Habe ich geschlafen? sagte Georg. Wo waren Sie denn? Warum sind Sie
nicht in unserm Park?

Esther sagte, sie htte Brehms Tierleben gebraucht, und Renate hatte ihr
gesagt, da es in der Bibliothek ihres Onkels sei. -- Georg rutschte
noch etwas weiter nach vorn.

Eben trumte mir, sagte er, ich wre in Helenenruh und ritte auf dem
alten Trompeterschimmel von Magdas Vater, immer einen halben Meter ber
der Erde, o, es war wunderbar, und Sie saen -- wo saen Sie doch? Ich
wei nicht mehr, aber sie stickten feurige Lilien ins Montfortsche Haus.
-- _Vulnerant omnia_ -- las er vom Sockel der Uhr ab.

Was murmeln Sie da? fragte Esther.

Georg legte sich lang auf den Rcken und ghnte: _Vulnerant omnia,
ultima necat_ sagte ich. Was auf der Sonnenuhr steht.

Esther antwortete nicht. Es zwitscherte berall, es rauschte leise. Oben
schoben sich die Wolken, lautlos, riesig, unaufhrlich.

Helenenruh, sagte Georg, da mssen wir einmal hinreisen.

Ist es so schn?

Helenenruh ist der ewige Sommer. Immer ist Sommer in Helenenruh und
Ferien. Wei der liebe Himmel, wann die Menschen da arbeiten. Es wird
nur auf Schimmeln geritten. Gott, was rede ich fr'n Unsinn. Ihm fiel
Unkas ein, der See und Jason al Manach, -- welch ein Tag, welch ein
sonderbarer Tag! -- Ach, heute war ihm wohl, endlich, endlich einmal
wohl ...

Helenenruh -- -- wissen Sie, wie das ist? sagte Georg. Das ist blo
Wiese. Wiese nach allen Himmelsrichtungen, und da liegt man und brennt
in der Sonne. Mit vier Jahren habe ich da gebrannt, mit fnfen, mit
sieben, und immer so weiter. Die Grillen zirpen, weit weg brllt eine
Kuh, und manchmal kann man das Meer hren. Blau ist die Luft, man kann
sie aus Tassen trinken. Oh, Helenenruh ist schn, Helenenruh ist ein
Inbegriff.

Esther sagte nichts. Georg richtete sich wieder auf, rote Flecken
schwammen vor seinen Augen, die trnten. _Vulnerant omnia_ -- las er
wieder. Wissen Sie was von Jason?

Ja, was ist das eigentlich fr ein Mensch? fragte Esther, ohne von
ihrer Arbeit aufzusehn. Sie hatte einen kleinen Pappdeckel im Scho und
stocherte mit einer Nadel drin herum.

Was machen Sie denn da eigentlich? fragte er. Sind das Perlen?

Richtig, sagte sie, und er geht eigentlich immer nur herum und sagt
gar nichts. Und -- wissen Sie -- einmal, nein, schon mehrmals, wenn ich
so seine stillen Augen ansah, kam mir's vor, als ob er wirklich alles
wte, auch von mir, wenn er mich ansieht, und sogar, was einmal aus mir
werden wird, aus mir und uns Allen.

Das ist ja unheimlich, sagte Georg, nun, wenn ich einmal nicht weiter
wei, werde ich ihn fragen. Er sttzte sich auf die Hnde und sprang
auf. Jetzt will ich aber sehn, was Sie machen. Schmetterlinge? fragte
er, eine Abbildung in dem offnen Buch erblickend.

Sie hielt ihm hin, was sie in der Hand hatte, einen fingerbreiten Streif
aus lichtgrnen Perlen, aus dessen einer Breitseite ein halber
Falterflgel herauswuchs, dunkelrot von Perlen mit hellgelbem Auge. --
Esther erklrte:

Dies wird ein schmaler Streifen, lichtgrner Grund und lauter ganz
bunte Schmetterlinge, so schrg hin und her nebeneinander, als ob sie
flgen. Die Farben kann ich wohl selbst erfinden, aber die Formen nehm
ich aus dem Buche.

Und wenn's fertig ist?

Kommt's um eine Lampe mit einer flachen grnen Kuppel.

Wie die auf meinem Schreibtisch?

Esther lachte. Sagen Sie mir nun, wie die Inschrift auf deutsch heit!

Georg stierte gegen die Inschrift. Er reckte sich, sthnte, knickte
zusammen und fhlte sich wunderbar sommerschlaff.

Alle verwunden, heit es, die letzte ttet. Es sind die Stunden
gemeint. Ja, -- _ultima necat_. Sollte das wahr sein? Gott sei gelobt,
fr die erste Hlfte stimmte es im Augenblick nicht. Danach kroch er vor
Esthers Fe und legte sich zufrieden nieder. Durch halbgeschlossene
Augen sah er den Saum ihres Kleides und die Spitzen leise in Wellen
gehn, sah die weie Haut durch den dnnen Strumpf schimmern und die
kleinen Eindrcke um die Spitze des bronzenen Schuhs. Dies nicht zu
kssen, ist schwer, dachte Georg.

Indem bemerkte er das kostbare gelbe Haupt einer Nelke an Esthers
Kleidausschnitt und fragte eiferschtig: Esther, woher kommt die
Blume?

Von Sigurd, sagte sie gleichmtig.

Das, schrie Georg, ist zum Tollwerden! Er hat mir vor drei Tagen, als
ich mit Blumen zu Renate kam, den lngsten sozial-ethischen Vortrag
gehalten, was fr sthetische Albernheiten das wren!

Esther zuckte die Achseln Gott, Georg, Sie kennen doch Sigurd.

Jawohl kenne ich ihn! tobte Georg, und wenn ich ihn jetzt darauf
festnagelte, so wrde er entweder schlank leugnen, oder er wrde lcheln
wie ein Waisenknabe und sagen: Ja, da habe ich wohl gelogen ...

Esther nickte strahlend. Ich liebe ihn, sagte sie, er ist
entzckend.

Merkwrdig ist er jedenfalls. In allen geistigen Dingen zuverlssig wie
-- Ajax, aber im Persnlichen wie eine berauschte Wetterfahne.

Er ist doch so reich, Georg! verteidigte Esther, knnen Sie das nicht
verstehn? Sehen Sie doch: er war immer Zionist; jetzt kam einer und
zeigte ihm, wie kostbar, wie einzig gerade die nicht nationale, die
kosmopolitische Seite des Judentums wre, und --

Wetterwendisch und vaterlndisch, wie er ist --

Und feurig, wie er ist, sah er nur das Groe, Seltene, Tiefe drin und
entbrannte dafr.

Es ist ja schrecklich, dachte Georg, wie sie ihn liebt! -- Er schwieg
gekrnkt.

Und weiter, Georg. Kommen Sie ihm heute mit Psychoanalyse, so glaubt er
sich dafr geboren, und morgen mit Chirurgie, so will er Chirurg werden.
Haben Sie gesehn, wie er zeichnen kann? Bogner war sogar erstaunt, und
--

Nun will er Maler werden?

Glauben Sie nicht, da er's sein knnte? Und wie spielt er Cello! --
Ach, Georg, sagte sie pltzlich mit einer Wehmut, glauben Sie, es ist
schwer, so zu sein. Da hat er Stunden, da man meint, die Sonne se ihm
in der Brust, und er knnte, und er mchte die ganze Welt hell machen.
Ja, und dann liest er vielleicht ber -- ber _dementia_, und denkt an
seine Mutter und sagt, er wird wahnsinnig. Georg, man kann nicht lachen
dabei, denn Sie kennen seine Bestimmtheit, und man sieht, wie er's in
sich frit.

Aber Esther, Estherchen! Georg benutzte die Mglichkeit, ihr die Hand
auf den Kopf zu legen, es hlt doch nichts vor bei ihm, es ist ja --
alles nur Jugend, nicht wahr?

Aber kann so einer je alt werden? Stellen Sie sich vor!

Georg trstete mit Bestimmtheit, Sigurd wrde sich ndern und ein Greis
werden. Sie seufzte und wandte sich wieder zu ihren Perlen. Georg
lagerte sich geschmackvoll zu ihren Fen, trstete sich selber mit dem
Anblick seiner schn abgestimmten Kleidung, nmlich zur Flanellhose
pfirsichgrne Socken, gleichfarbiges Hemde und etwas dunkler getnter
Schlips, lie dessen khle Seide durch die Finger gleiten und dachte
nach, worber er ablenkend reden knne.

Wissen Sie, Esther, fing er trge zu sprechen an, es ist rgerlich
mit den Trumen. Vor ein paar Monaten, da hat Renates Vetter Josef --
Sie kennen ihn nicht? -- mir so erstaunliche Dinge vom Trumen erzhlt,
da ich alle Bcher darber gewlzt habe. Sie haben sie wohl gelesen?
Esther nickte und sagte: Freud. -- Natrlich! Und nun -- sehen Sie,
was kommt heraus, nicht wahr? Gar nichts am Ende -- abgesehen von dem
Wert frs Heilverfahren, der ja unschtzbar sein mag --, gar nichts, als
da der Zustand des Trumens ein fortgesetztes Wachen ist, blo da
unsere logischen Verknpfungen fehlen. Manchmal, so nach Tische, wenn
ich nicht geschlafen, sondern nur so gedmmert habe, nicht wahr, --
konnte ich genau beobachten, wie meine Vorstellungen allmhlich in
Bilder bergingen, traumhaft leibhaftig wurden, nicht wahr, wie die
Zeitrechnung verschwand und -- auf einmal alles ein Wirrwarr war und
solche Albernheit, wie ich da eben getrumt habe, -- nun wei ichs nicht
mehr ...

Ein Schimmel, half Esther.

Ja, gleichviel, und mein Vater war Wachtmeister und spielte Karten. Und
das, sehen Sie, ist, was mich rgert. Diese -- Unfruchtbarkeit. Anstatt
da gerade unsere Verworrenheit, die im wachen Leben doch gro genug
ist, -- anstatt da die sich auflste, Klarheit, Ordnung, Erfahrung --
nicht wahr -- entstnde, -- anstatt dessen die vllige Sinnlosigkeit,
hinterdrein Vergessen, und das Ganze ist abgelaufen wie Wasser vom
Stein. Es kann mich ganz unwirsch machen, wenn ich denke, was da
vergeudet wird!

Aber nun giebts doch die Traumdeutung, Georg.

Ach, das ist ja viel zu umstndlich! Und was kommt auch mehr dabei
heraus, als was ich aus meinem wachen Zustand ebenso gut, vielleicht
besser erfahren knnte, wenn ich mich nur gehrig beobachten wrde. Eben
das ist's! Alles denken und Alles fhlen, unaufhrlich, nicht wahr, an
diesen zehntausend Fden unsers verworrenen Daseins hngen, -- und dann
noch beobachten, raten und knacken -- das ist zuviel. Und wie wre es da
nicht einfach und schn und heilsam, wenn der Schlaf, der die Glieder
und Sinne so liebevoll lst -- Georg war trumerisch stolz, so gut
sprechen zu knnen -- wenn er auch die Seele und das Schicksal nur ein
wenig befreite, und wir kmen klarer hervor, als wir hineingingen.

Jason, sagte er nach einer Weile, da Esther schwieg, gedankenvoll,
Jason kann es vielleicht. Irgendeine Medizin mu er haben. Jason,
schlo er bescheiden, ist ein guter Mensch. So sollten wir Alle sein.

Haben Sie, fragte Esther nach einer Weile, haben Sie eigentlich auch
dies merkwrdige Gefhl, wenn er fortgegangen ist, -- als ob er
berhaupt verschwunden wre?

Gar nicht mehr vorhanden? fragte Georg. Freilich, wenn ich mir ihn
jetzt vorstellen soll, bringe ich es nur fertig, indem ich ihn mir
irgendwo bei andern Leuten denke. Knnen Sie sich denken, da er
irgendwo allein ist, zu Hause bei sich, allein in einem Zimmer, lesend?
oder schreibend? Oder wie er sich wscht? Oder wie er im Bett liegt und
schlft? Ich glaube, Esther, sagte er, sich berbeugend, ganz leise
neben ihrem Ohr, er ist ein Geist. Er braucht nicht zu essen und zu
schlafen und sich zu waschen, er ist immer so, wie er uns erscheint, und
nur in unsrer Gegenwart ist er wirklich. Sonst unsichtbar, ein Geist,
nimmt er Gestalt an, wenn er zu uns tritt, es ist schauerlich, finden
Sie nicht?

Esther hatte zuhrend ihr Gesicht langsam zu ihm nach oben gedreht. Sie
sahen sich in die Augen, und Georg dachte angstvoll: Erwartet sie jetzt,
da ich sie ksse? Oder macht das unsre Haltung blo zufllig? Nein, sie
erwartete es scheinbar nicht, denn sie sagte ganz nachdenklich:

Es giebt soviel Seltsames. Da Sie von Trumen sprachen ... Hren Sie
einmal zu.

Georg setzte sich wieder vor ihre Fe, nahm eine Zigarette hervor und
rauchte. Esther begann, ein wenig stockend und unbehlflich:

Es hat aber eine Vorgeschichte. Ich kannte lngere Zeit einen jungen
Menschen, der war lungenkrank. Er liebte mich sehr. Um Weihnachten zogen
seine Eltern von hier fort. Er schrieb mir fters, ich hab ihm aber nie
geantwortet, er verlangte das auch nicht. Lange Zeit kam kein Brief, und
ich dachte niemals an ihn. Nun, -- in der Nacht von Oster--
Grndonnerstag nennen Sie's, nicht wahr? -- auf Karfreitag -- brigens
war er Christ -- trumte ich, -- ja, wie soll ich das beschreiben? -- Es
war ein Kreuz, und daran ein Gesicht mit sterbenden Augen. Ich wute, es
war ein Sterbender, er schien mir auch bekannt, als ich aufwachte, aber
ich konnte mich nicht besinnen. Ich war aber ganz verstrt von dem
Traum, Sigurd merkte es mir noch an, als ich zum Frhstck kam, und ich
erzhlte ihm, was mir getrumt hatte. Dann erfuhr ich eine Woche spter
durch Bekannte, der junge Mensch, der lungenkranke, sei gestorben, und
da wut ich im Augenblick, da ich ihn im Traum gesehen hatte. Nun
schrieb ich an seine Schwester, die ich kannte, sie mchte mir sagen,
wann er gestorben sei, und sie schrieb --, aber ich mu erst sagen, da
sie etwas sonderlich war, altjngferlich und pathetisch -- und so war
auch ihr Brief, nur drei Zeilen, ohne Anrede: Er starb in der Nacht von
Grndonnerstag auf Karfreitag um ein Uhr morgens mit Ihrem Namen auf den
Lippen.

Esther schwieg. Wie sonderbar! sagte Georg nach einer Weile halblaut.
Er dachte noch nach, als er auf einmal Bogner bei der Sonnenuhr stehn
sah, in seinem Malkittel, mit wstem Haar, rotem Gesicht und
verschwimmenden Augen. So starrte er auf das Zifferblatt der Uhr.

Gr Gott, Maler! rief Georg, wollen Sie wissen, was die Uhr ist?

Bogner sah ihn zerstreut und unwirsch an. Ich wollte was, -- sagte er,
aber nun hab ichs -- vergessen. Ich wollte ins Haus und -- -- ah
Streichhlzer! sagte er erleichtert. -- Ich hatte mir eine Pfeife --
Er sah verwundert seine leeren Hnde an, suchte in allen Taschen. Nun
habe ich die Pfeife liegen lassen! schrie er grimmig, machte kehrt und
lief davon. Georg rief ihm nach, er sollte doch warten und sein
Feuerzeug mitnehmen, aber er hrte nicht.

Georg wartete noch eine Weile, ehe er zu sprechen anfing, aber der Maler
kam nicht wieder. Nun hat er das Rauchen vergessen, sagte Georg, der
arme Kerl! Warten Sie einen Augenblick! stand auf und ging in die
Kapelle. Ja, da sa er und hatte eine kalte Pfeife im Mund, malte aber
tchtig an etwas Schwefelgelbem. Georg entzndete ein Streichholz und
hielt es auf den Tabak. Der Maler merkte, da es brannte, sog krftig,
sah verworren auf und murmelte: Danke! danke! Georg gab ihm den Rat,
zu heiraten, aber er hrte nicht darauf, und Georg ging zu Esther
zurck.

Die Arme auf der Sonnenuhr, den Zeiger in Hnden, sagte er:

Wissen Sie auch, Esther, was an Ihrem Traum das Seltsamste ist? Viel
seltsamer als der Traum selbst? Sie hielt inne mit Arbeiten und sah ins
Gras zu ihren Fen. Er sagte: Da war doch ein Sterbender, Esther,
nicht wahr, einer, der Sie liebte, ein immer Kranker, der seine ganze,
trostlose Liebe zu Ihnen in einen ungeheuren Augenblick zusammenprete
und angesichts des Todes die Geliebte _dachte_! dachte, und es gelang,
nicht wahr, und einen Augenblick _zwischen_ Tod und Leben schwebte seine
glhende Seele, einen Augenblick lang vollbrachte sie dies Riesenhafte,
da sie sich ber die Natur erhob und eindrang in ein fremdes Dasein.
Freilich war es wehrlos in dem Augenblick, es schlief, und vielleicht
gelang es ihr nur deshalb, da sie eindrang und Traum ward in Ihnen. Sie
aber, Esther, Sie, der diese gewaltige Anstrengung galt, diese
furchtbare Liebe zustrmte, -- Sie hatten davon nichts als den leisesten
Schauder. Furchtbar, wissen Sie, furchtbar finde ich diese Einrichtung.
Liebe gilt nichts, so gewaltig sie sich ereifert; gilt nichts, gilt
nichts, denn Sie schliefen, und ein dnnes Traumbild wurde aus der
Verzweiflung. Ja, so knnen wir uns bemhn mit heiester Glut, wir
knnen Blut und Trnen vergieen, alle ngste um etwas leiden, unser
ganzes Dasein zum Opfer bringen: all das, alle Anspannung, alles Sen
ntzt nichts, wenn keine Erwiderung da ist, keine Willigkeit im Boden.
Liebe allein gilt nicht, nur Doppelliebe. Und -- ja, was gilt nun hier
der Traum, den Sie davon hatten!

Georg nahm sein Taschentuch heraus und trocknete sich die Stirn. Es
regnete Glut ber ihn, und er sah betroffen, als wr es das erstemal,
da der schrge Weiser vor ihm einen Schattenstreifen ber das
abgeschliffne Erz zog. Esther sa still da, bewegte einmal die Lippen,
zog die untre ein wenig in den Mund, sagte aber nichts.

Es war Mittag, der Vogellrm schwieg. Vor Georgs Augen lag der
geheimnisvolle Schatten des Sonnenzeigers, der in unendlicher Wandrung
um seine Wurzel unzhlbare Stunden anzeigte, spurlos auf der metallenen
Flche von Ewigkeit. Aber es bewegte sich etwas ber Georg, irgend etwas
wurde in seinem Augenfelde sichtbar, und ber den Verandastufen stand
Renate, schn wie Elysium, winkte mit ihrem Lcheln, und Georgs doppelt
ergriffenes Herz ri in zwei Stcke mit lautem Sthnen.


                       Fnftes Kapitel: September


                             Vergangenheit

Renate, an einem Abend im spten September ihr Gedchtnisbuch
schlieend, in das sie eine Eintragung gemacht hatte, hrte jemand an
die Tr klopfen; sie antwortete nicht, in dem Glauben, es sei ihre Zofe,
welche die Eigenart hatte, ihr Eintreten durch ein leises Pochen
anzumelden, legte das Buch in eine Schieblade, schlo zu und erhob sich.
Indem klopfte es wiederum, sie ging zur Tr, ffnete und sah ihren Onkel
drauen stehn, gebckt und wartend.

Oh du bists, sagte sie erschreckt, aber bitte, komm doch herein.

Etwas bermannte sie so, da sie an das Fenster treten mute und
hinaussehn; freilich sah sie nichts in der Nacht.

Oh so war er nun! Stand geduldig drauen und wartete, und so ging er ja
immer im Hause herum, als ob er nur geduldet wrde und jedes Recht
verloren htte. Trnen zurckdrngend wandte sie sich und sah ihn im
Zimmer stehn, das rtliche Gesicht ein wenig schief haltend; die
Ellbogen angezogen, rieb er die Knchel der Linken mit der rechten Hand.
Wie waren seine Schlfen doch eingefallen und grau geworden. Das
Lampenlicht funkelte in den stark geschliffenen Glsern des goldenen
Kneifers, hinter dem die hellen Augen kaum zu sehn waren. Schnell trat
sie auf ihn zu und legte den Arm um seine Schulter. Er sah flchtig zu
ihr auf, sagte leise, wie schn sie es hier htte, das freute ihn, ja,
es sei doch alles in der Ordnung. -- Sie fhrte ihn zum Sofa, aber er
setzte sich auf einen Stuhl, wobei er pltzlich mit beiden Hnden eine
geschwinde Bewegung nach den Schlfen machte, ohne sie zu berhren,
worauf er nach seinem Halskragen tastete und am Schlips schob, eine
erschreckend hlflose Gebrde, die Renate wohl kannte. Er machte sie,
ohne es zu wissen, manchmal auch wenn er die Zeitung las, am Abend, und
Renate von fern nach ihm sah in Besorgnis, da es schien, als habe er das
Zeitungsblatt nur vor sich, ohne es zu sehn. Da stand sie wieder auf,
trat zu ihm, fate seinen Kopf, lehnte ihn zart gegen ihren Leib und
streichelte leise seine Wange. Er nahm den Kneifer ab, sah zrtlich und
dankbar auf.

Wolltest du mir etwas sagen? fragte sie. Er nickte, ergriff ihre linke
Hand, drckte sie und schob sie von sich. Da setzte sie sich in die
Sofaecke. Er sagte nichts, setzte den Kneifer wieder auf und sah nach
den Bildern umher, die Lippen bewegend und ein-, zweimal nickend.
Endlich nahm er den Kneifer wieder ab, legte ihn auf den Tisch, senkte
den Kopf und sagte, den Kneifer in den Fingern drehend:

Ich mchte mich nun doch zurckziehn, weit du, aus dem Geschft. Ich
habe ja, sprach er eilig weiter, seit -- seit dem Tag damals die
technischen Angelegenheiten fast ganz Erasmus berlassen, der es ja auch
alles unbertrefflich besorgt, viel besser als ich, grozgiger, und die
Gesellschaft steht ja prachtvoll. Dafr habe ich mich mehr mit unsern
Wohlfahrtseinrichtungen beschftigt, an die ich frher viel zu wenig
gedacht habe, und die, ich kann wohl sagen, jetzt gleichfalls in einem
recht guten Stande sind, so da ich --, jedenfalls -- er stockte.

Lange Zeit drehte er an den dnnen Enden des weirtlichen Schnurrbarts
und schien sich anstrengend zu besinnen. Das vorher fleischige, feste
Gesicht war schrecklich locker geworden, das Haar weit zurckgetreten
ber der breiten, runden Stirn, locker auch das geringfgige Kinn.
Renate beugte sich vor, legte die Hand ber seine auf dem Tisch und bat:
Wir reisen, Onkel, nicht wahr? Diesmal giebst du nach! Nach Italien
oder Spanien, gelt? Hast du mir nicht lange schon den Prado
versprochen?

Er sah sie unsicher an. Versprochen, -- so? Ja, ich glaube, --
freilich! aber -- Er zog die Hand weg, schob beide ineinander, rieb sie
verlegen und brachte endlich hervor, er wollte allein reisen.

Renate frstelte seltsam. Was war nur mit seinem Gesicht? War es nicht
eine Maske, hinter der es dmmerte wie -- wie das Skelett des Kopfes?
Als sollte Haut und Fleisch auf einmal abfallen und -- Sie schttelte
den Gedanken ab und begann leise zu widersprechen, alles mgliche zu
reden, was sie selber kaum vernahm; er lie das sanftmtig ber sich
ergehn, er hatte sich wohl so in seine Bescheidenheitsrolle gewhnt, da
er nicht zu widersprechen wagte, und machte schon dieser Gedanke sie
verstummen, so bewirkte das obendrein die Bewegung nach den Schlfen,
die jetzt wieder kam. -- Die Arme an den Leib gepret, faltete sie die
Hnde mit heftigem Druck und hielt den Atem an vor pltzlicher Angst.

Ja, nun war es zu spt! Nun war es wahrscheinlich zu spt. Warum hatte
sie sich so wenig um ihn bekmmert, ihn nicht zu stren gewagt, wenn sie
ihn lesend fand, sich immer beruhigt, wenn sie es doch einmal versuchte
und er bescheiden und verlegen abwehrte. Nie hatte sie erfahren, was in
ihm vorging, nun hatte sich wohl alles angesammelt und brach seines
Weges auf, und sie sa dabei.

Ich reise in einer groen Unruhe fort, hrte sie ihn nun reden, ja,
in einer groen Unruhe, mein Kind, oder ich kann fast sagen, es ist
Angst, es ist etwas furchtbar Bedrckendes, Abscheuliches -- er suchte
nach seinem Tuch in den Taschen -- nein, nein, bleib sitzen, mein Kind,
ich befehle dir, -- das heit, das mu jetzt alles ausgesprochen werden,
ich habe soviel gegrbelt und gedacht die ganze Zeit, da ich schon
nicht mehr wei, ob das, was ich sagen wollte, will, nicht vielleicht
ganz unsinnige Gedanken sind, die mir nun -- er suchte lange nach einem
Wort -- erwgungswert scheinen. Ja, es betrifft meinen Sohn Erasmus.

Er hielt inne und atmete auf. Nach einer Weile sagte er geistesabwesend,
an sich selbst gewendet, seufzend: Er ist ein harter Mensch, mein Sohn
Erasmus. Pltzlich drehte er sich nach ihr herum, versuchte, sie
anzusehn, senkte die Augen und fragte: Du -- wie ist es, ich meine --,
du knntest ihn nicht heiraten? Wieder flogen seine Hnde zu den
Schleifen und endeten hlflos in der Luft.

Renate fand lange kein Wort. Dann hrte sie auch schon wieder seine
Stimme aus der Ferne in ihre wirren Gedanken, sie solle ihm nicht
antworten, es habe ja Zeit, vielleicht spter, und anderes mehr, das sie
nicht verstand. Sie fhlte nur nach einer Weile, da sie ihn vergessen
hatte ber sich selber, weckte sich auf und sah ihn dasitzen, tief im
Schatten des Zimmers, nach der gelben Schirmlampe auf dem Schreibtisch
blickend.

Er sagte: Du entsinnst dich Ruths -- Josefs Mutter? Ach Gott, verzeih
nur, du warst ja damals noch gar nicht geboren. Ja, fuhr er in tiefer
Verlegenheit fort, ich habe leider kein Bild von ihr, ich habe sie
damals alle verbrannt, und brigens, was ich sagen wollte ... Er hielt
inne, fragte dann pltzlich ganz lauernd: Denkst du viel an Josef?
Renate verneinte einfach, und er seufzte auf.

Damit du mich verstehst, begann er jetzt beruhigter, ja, ich mchte
wohl, da du mich ein wenig verstehst, und mchte dir deshalb etwas von
mir sagen. Sieh mal, zwischen deinem Vater und mir war ein sehr groer
Unterschied. Kinder wurden ja zu meiner Zeit noch anders erzogen als
heute, strenger und mehr in Furcht vor ihren Eltern, oder wenigstens
ihrem Vater, und du weit vielleicht, ein wie strenger und -- ja,
trockner, einsamer Mensch mein Vater war. Da er mich frh von der Schule
nahm und ins Geschft steckte, so blieb ich immer in seiner Zucht.

Von meiner Jugendzeit ist sehr wenig zu sagen. Ich tat eigentlich nur
nichtsnutzige Dinge, war wohl ganz fleiig, fhrte ein geselliges Leben,
ja, na, -- damit brauche ich dich nicht aufzuhalten. Eines Tages lie
ich mich dann auch verheiraten. Mein Vater beschlo es und fhrte es
aus. Von meiner ersten Frau hast du wohl ein Bild gesehn? Schn war sie
ja nicht, aber doch ganz anmutig, ein wenig drftig, ja, das war sie,
aber meinem Vater gengte ja der Reichtum und der gute Name. Ich
willigte wohl um so leichter ein, als ich hoffte, dadurch selbstndiger
zu werden. Damals war es ja so, da eine Heirat den jungen Menschen
pltzlich vernderte in den Augen der Umwelt; vorher war er Kind, und
nun wurde er gewissermaen Vater und damit selbstndig. Er lchelte,
und Renate war ganz glcklich, doch einen Hauch seines Geistes wieder
wahrzunehmen.

Ich vernderte mich auch; ich versuchte erst, mich mit unsern
technischen Betrieben besser zu beschftigen, aber -- abgesehn davon,
da mein Vater meine Bemhungen mit Khle abwies -- konnte ich auch fr
dies Verfahren, das damals gerade aufkam, die Benutzung der Photographie
zur Vervielfltigung von Bildern, -- bis dahin gabs nur die
Heliogravre, ein Wort, das du vielleicht schon gar nicht mehr kennst,
also, was wollte ich sagen? Ja, ich hatte meinen Umgang meist unter
Knstlern, Landschaftern, die damals zuerst von unsrer Haide verlockt
wurden, und ihnen, und mir deshalb auch, entsprach diese Popularisierung
von Kunst -- aber was rede ich davon? Jedenfalls, ich zog mich zurck,
ich gewann auch meine Frau sehr lieb, wir zogen damals in dies Haus, das
ich nun so schn gestaltete, wie ich nur konnte, aber dann kam schon
diese -- ja, diese Entfremdung.

Renate, ein kleines, mattes Aquarell der lange Verstorbenen vor Augen,
geriet, ihr selber unerklrlich, in um so kltere Erregung, je
geordneter und sicherer, auch eiliger ihr Onkel sprach. Mit Anspannung
hrte sie weiter:

Es mu wohl eine, -- ja, ich wei nicht, welche Strung in ihr diese
Entfremdung bewirkte, die im Augenblick von Erasmus' Geburt begann.
Kaum, da sie mich das Kind sehen lie. Sie richtete sich ein
Schlafzimmer allein ein, und dahinter lag das Kinderzimmer, das ich nur
durch das ihre betreten konnte. Und so weiter ... In so einer Art Trotz
verkapselte ich mich nun selber, fing an zu sammeln damals, auch den
Rosengarten legte ich an, -- nun, fr meinen Charakter war das alles ja
sehr gut; ich fing an, Bcher zu lesen, die Philosophen, glaubte schne
und reiche Quellen in mir zu entdecken, und wurde recht eigentlich
damals erst der, den du kennst. Ja, und pltzlich war sie dann tot. Von
jenen Jahren wei ich sehr wenig. Und nun war dieser verschlossene,
rtselhafte Junge da, der alles tat, was man ihm sagte, der nie etwas
gab, keine Widerrede, keine Bitte und keinen Dank, der nie eine Miene
verzog, so -- das dachte ich damals -- so als ob ihm im Verborgenen von
seiner Mutter ein bser Geist eingeflt, -- nein, nicht bse, was sage
ich denn! nur diese Verstocktheit, dies furchtbar einsame Wesen. Ich
lie ihn gehn, -- ja -- ich -- lie -- ihn -- --

Er hielt inne und schien sich zu verlieren; sein Kinn fiel ab, er
starrte vor sich hin. Aber er ermannte sich, richtete sich grade, atmete
und sprach weiter.

Als ich Ruth zuerst sah, war ich zwanzig Jahr. Du weit, da sie von
der Mutter her Jdin war, und auch, da sie schn war, fast so schn wie
du, ja, ja. Er lchelte vor sich hin. Freilich ganz anders als du,
eher so wie deine kleine Freundin, Esther heit sie ja wohl, nur viel
grer, eher stattlich und wie aus Marmor. Damals heiratete sie einen
Kaufmann, und der starb nun einige Jahre nach dem Tode von Gabriele, und
da ich sie immer von fern sehr verehrt hatte, und auch weil ich glaubte,
da mein Sohn eine Mutter haben msse, bewegte ich sie, mich zu
heiraten. Sie sagte, bevor sie mir ihr Wort gab, in der ihr
eigentmlichen, entfernten Weise -- brigens war sie nach der Meinung
der Leute ohne Herz -- also sagte sie, es gebe in ihrem Leben etwas,
danach drfe ich nicht fragen, und das sei es, warum sie so sei, wie
Alle sie kennten, -- nun -- ich habe es nie erfahren, ich liebte sie
auch nicht mit solcher Leidenschaft, da es mich beunruhigt htte, ich
war zufrieden, sie mein zu nennen, was man so mein heit. Immer
flieender, aber auch mit immer mehr Hast und oft unter sonderbarem
Zucken der Schulter oder eines Arms sprach er weiter:

In Wahrheit wei ich nicht, ob sie imstande war, eine Wrme fr irgend
etwas zu empfinden. Davon wte Erasmus vielleicht etwas zu sagen, denn
mit ihm war sie gewissermaen -- befreundet. Er hielt sich in ihrer
Nhe, lie sich auch bei seinen kleinen Arbeiten von ihr helfen, er
lernte unsagbar schwer, ja, ich glaube -- das ganze Leben war fr ihn
von Anfang an eine ungeheure Aufgabe, die er jeden Tag vom frischen
angreifen mute, und ich wei nicht, ob er jemals richtig aufgeatmet hat
... Nun, aber ich wollte --

Da stockte er wieder vllig, die Hnde gingen empor, er fuhr zusammen,
warf einen scheuen Blick nach Renate, schlo die Hnde, beugte sich vor
und sa nun so, die Ellbogen auf den Knien, die Hnde hart gefaltet, mit
den Augen drberhin auf den Boden starrend, whrend er redete.

Er war nicht imstande, das Pensum einer Klasse anders als in zwei
Jahren zu erledigen, hatte keine Spur von Gedchtniskraft, aber einen
frchterlichen Pflichteifer, so da er sich auf das hrteste Tag und
Nacht mit Dingen peinigte, die Andre im Vorbeigehn erledigten. Freunde
hatte er nicht, er war unbeliebt bei Lehrern und Schlern, ich glaube,
wenn er nicht aus so guter Familie gewesen wre, -- das spielt ja immer
eine Rolle, aber so wurde sein Flei doch anerkannt, und all das wurde
auch besser in den Jahren, wo der Unterricht in Mathematik,
Naturwissenschaften und Physik begann, wo er sich denn gleich auf
wahrhaft erstaunliche Weise hervortat. Seiner Stiefmutter aber diente er
auf so eine verborgene Art, wie ein kleiner Sklave, geriet aber in
grausame Wut, wenn irgend jemand einen seiner kleinen Liebesdienste
entdeckte. Vielleicht war sie fr ihn die Knigin eines Feenreiches und
er ein dienstbarer Gnom, -- ich habe freilich nie bemerkt, da er sich
mit Bchern und Mrchen abgegeben htte; er war immer ein Bastler und
Ingenieur, der Dinge zusammentrug, verglich und zusammenstellte, als er
noch klein war, und der aus allen ein Werkzeug oder Kasten
hervorbrachte, als er grer wurde. Eines Tages stand dann wohl im
Zimmer seiner Mutter oder auch in meinem ein Segelboot, oder etwas
Gepapptes oder eine kleine Maschine; aber davon durfte man nichts sagen
... Seine Mutter duldete all dies ohne Aufhebens, und so vertrugen sie
sich.

Ohne da er seine Haltung vernderte, richtete er jetzt seine Augen
gerade auf die Renatens, seine Blicke aber gingen durch sie hindurch,
weich wie Sptsonnenstrahlen, in die Erinnerung, whrend er sagte:

Ich habe sie unendlich geliebt von dem Augenblick an, wo sie mir sagte,
da sie Mutter --, nein, sie hat es mir nie gesagt, ich sah es, und in
diesem Augenblick fing ich auch schon an, um ihr Leben zu zittern. Sie
war ja nicht mehr jung. Ich habe damals an Liebe nachzuholen versucht,
was ich im Leben vorher versumt hatte, habe sie in einen Garten
kostbarer Dinge gesetzt, sie durfte nur Schnheit sehn, nur Reinheit
atmen, nur Stille trinken, und der Sohn, den ich mir erhoffte -- --, ja,
er ist ja auch wohl so geworden, so schn und ... Die Augen wieder auf
die Hnde senkend, sagte er leise: Es giebt im Talmud eine Anekdote,
die erzhlte sie mir damals, in ihrer sparsamen Art, in dem sie nach
einem langen Schweigen pltzlich anfing, -- eine Anekdote von einem
Rabbi, der sich am Frauenbade aufzustellen pflegte, damit die
Schwangeren ihn shen und sich vershen an seiner Schnheit. Von ihm
wird auch erzhlt, so sagte sie langsam vor sich hin, da, als Rabbi
Elieser im Sterben lag, dieser Jochanaan bei ihm eintrat, und, da es
dunkel im Gemache war, so erhob er einen Arm, streifte den rmel zurck,
hielt ihn hoch und erleuchtete die Finsternis mit der Weie seines Arms.
Elieser aber weinte, und nachdem er drei Fragen Jochanaans nach dem
Grunde seiner Trnen verneint hatte, sagte er endlich: Ich weine, weil
auch deine Schnheit einmal im Grabe faulen wird ...

Renate schauderte leise, aber nach einer kleinen Stille fuhr er eilig
fort:

Bald danach hatte ich den zweiten Sohn, und sie war tot. Wie sie
gestorben ist, wei ich nicht; es drang nichts nach auen. Einmal sah
sie mich an und sagte: Danke. -- Sie lag mit offnen Augen und schwieg.
Spter waren ihre Augen geschlossen; noch spter war sie kalt. Ihren
Sohn hat sie nicht gesehn.

Es mu ungefhr ein Jahr spter gewesen sein, da fand ich Erasmus -- er
war neunjhrig -- ber das Bett seines Bruders gebeugt. Du weit nicht,
wie -- ja, wie abstoend sein finstres Gesicht anzusehn war, denn es war
fast nur Stirn und Augen, -- die untere Hlfte war verkmmert und wuchs
sich erst spt und sprlich aus. Dies Gesicht hob er zu mir und sagte in
seiner furchtbaren, kindlichen Ruhe und mit seiner tiefen Stimme: Die
Leute sagen, meine Mutter starb, weil mein Bruder auf die Welt kam. Also
hat er sie umgebracht? Ich vergesse das nie. Damals schrie ich wohl: er
nicht, er nicht! Ich, ich selber habe es getan! -- Ob er es verstanden
hat, wei ich nicht, er war von den sonderbarsten und entsetzlich
schweren Begriffen, die er sich in seiner Einsamkeit selbst anfertigte
von dem, was ihm zuflog, und die er dann so behielt, unvernderlich,
nicht daran zu rtteln.

Jetzt war es sie selber, Renate, gegen die seine Augen andrangen aus
einer grausamen inneren Verhrtung, da er sagte:

Nun weit du, ganz langsam setzte er die Worte hin, nun weit du, was
meine Shne wurden. Nun weit du, was an ungeheuerlicher Schuld in jenen
Jahren von mir angehuft wurde. Nun weit du, da der eine Sohn mir
alles, alles, und der andre mir nichts, nichts war. Nun weit du, welche
Gerechtigkeit mich jetzt heimgesucht hat, da ich zwei Shne habe und
doch keinen, denn der eine ist nicht da, und der andre rhrt mich nicht.
Dieser aber wuchs auf wie eine schne Blume, zart, s, krftig,
blhend. Der hatte alle Leichtigkeit, alle Anmut, der war ein Windspiel,
ein -- ein Herrscher, so trat er von Anfang an auf, nur sein Wort, sein
Blick galt im Haus, alles war ihm untertan, aber -- die Leute sagten, er
habe kein Herz. Wenn seine Mutter keins hatte, ja, wie sollte dann er
... Er hielt den Kopf in den Hnden, er schttelte sich pltzlich und
streckte die Hnde nach ihr aus. Auf den Knien vor ihm liegend, sein
Gesicht an ihre Brust drckend, hrte Renate ihn stammeln: Ich kann
doch nicht fort, ich kann doch nicht! Wenn er wieder kommt, und ich bin
nicht da ...! Und Erasmus wird ihn tten, er hat ja schon als Knabe
einmal mit dem Messer ...

Laut aufschluchzend weinte er wie ein Kind jmmerliche, erstickte,
zerbrochene Worte heraus, er frchte sich namenlos vor Erasmus, er msse
doch fort, er knne nicht, Renate solle ihm verzeihn, er wre elend, er
habe mit ihr den Erasmus bestechen wollen, und er wisse ja, da Beide
sie liebten.

Warum willst du ihn denn nicht? rief er, sich losmachend und ihre
Augen mit seinen heigeweinten suchend. Ist er denn nicht gut, mein
Sohn Erasmus? bat er mit ausgestreckten Hnden, ist er nicht adlig und
tchtig und gehorsam und -- ach, du mein Gott, was fr ein Engel ist er
gegen seinen Vater und seinen Bruder. Und der Herr sah gndiglich an
Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gndig an.
Kannst du denn, kannst du denn nicht diese entsetzliche Angst von mir
nehmen, ehe ich fortgehe, und ich will fortgehn, und will nicht
wiederkommen, und unstt und flchtig werden ...

Er verstummte, weil sie seinen Mund mit ihrer Wange verschlo, sein
nasses Gesicht in den Hnden an der Brust, selber am ganzen Leibe
zitternd, frierend, entsetzt. Danach machte er sich los, keuchte ein
paar Mal heftig, umklammerte ihre Handgelenke und flehte mit den Augen.
Da raffte sie sich auf, kte flchtig seine Stirn und sagte: Ich will
versuchen ...

Sie stand auf.

Ein welkes Versprechen. Hatte sie ihn wirklich damit beruhigt? Sie stand
abgewandt, die Hnde unter dem Kinn gefaltet, auf ihre Lampe blickend;
hinter ihr sagte er halblaut, er sei von Sinnen; dreiig Jahre habe er
ein Leben in Gedanken- und Planlosigkeit gefhrt, und das solle nun sie
ihm bezahlen. Nun, sie solle nur ruhig sein, er sei es auch, er habe es
ja nun vom Herzen herunter, und nur die Nerven wren wohl schuld, eine
Reise wrde ihn bald wieder aufrappeln ...

Sie hrte ihn kaum. So war es nun mit Allen. So trug Erasmus das Seine,
jahrelang wortlos, so hatte Bogner jahrelang schweigsam unerschtterlich
sein Leben vollfhrt, bis sie ihn einmal zum Reden brachte; so flammte
mancher wohl einmal auf, aber hinterdrein -- so waren sie Alle -- zogen
sie schon wieder den Mantel knapp um sich und wollten nichts mehr wahr
haben. Dann waren die Nerven schuld. Was sagte der Onkel jetzt? Er fuhr
fort, alles so hinzustellen, als ob es auch ebensogut ganz anders sein
knne, als er es eben dargelegt. -- War das nun wieder ihretwegen, die
fr Alle so eine schne Sache war, unter einer unsichtbaren Glasglocke?
Nein, nein, woher nur diese grausame Eifersucht auf unsre Leiden, auf
unsre Schmerzen? Die sind freilich unser einziges und letztes Eigentum,
so eins, das man wohl einmal zeigt, aber an dem keiner teilhaben darf,
und sie --, ja, wrde sie vielleicht anders sein? Wie angewachsene
Hermen, dachte sie, so stehen wir da an den Lebensstraen, unsre Fe
bleiben immer im Stein, einmal schreien wir zum Nachbarn hinber. Josefs
Mutter, wie sie schwieg ... Keiner konnte helfen, keiner. Was? Konnte,
sollte sie denn nicht? Ja, um Gottes willen, war denn das etwas
Denkbares, dies mit Erasmus? Sie verstand nicht mehr. Hier sa der Onkel
und tat, als wre alles nichts, und hier stand sie vor einem Wirbel, aus
dem es toste. --

Verzeih! hrte sie ihren Onkel hinter sich sagen, wandte sich um und
sah, da er eine Zigarette in der Hand hielt und Streichhlzer. Verloren
in sich selbst, ging sie zum Schreibtisch, nahm eine kleine blutrote
Steinschale und setzte sie vor ihn. Er rauchte und sah miteins ruhig,
gefat, beinahe jovial aus. So ging sie auf ihn zu, legte die Hnde auf
seine Schultern, zauderte und sagte:

Also la uns reisen. Oder -- mchtest du lieber, da ich bleibe, falls
-- falls Josef kommt?

Er lchelte trb, meinte, der komme ja nicht, und stand auf.

Ja, falls ich reisen sollte, mchte ich dich wirklich bitten, zu
bleiben, sagte er bescheiden wie im Anfang, wirklich. Ich mchte auch
allein sein, ich -- nun -- Er brach ab, kte sie freundlich auf die
Stirn und ging hinaus.

Lange stand sie mit hngenden Armen, ermdet und kraftlos; dann ging sie
zur Wand, rckte die kleine Genellizeichnung, die dort hing, gerade,
warf sich, die Arme vor dem Gesicht, gegen die kalte Tapete, schluchzte
ein paarmal trnenlos, schlich matt zu einem Sessel und fiel darauf
nieder. Ein wenig Tabaksrauch schwebte slich im Raum, und das war der
Rest. Sie warf den Kopf auf den Tisch und seufzte: Ach! -- Bogner kam
doch niemals. Ob sie Saint-Georges fragen sollte? -- Sieh, sagte sie
spttisch zu sich selbst, du bist doch nicht so und schleppst deinen
Kummer gleich zu jemand anders. Er ist freilich auch danach, dieser
Kummer. -- berdem stand sie auf und begann gedankenlos ihr Kleid zu
ffnen, lie es zu Boden fallen, ffnete die Untertaille, merkte, was
sie tat, raffte das Kleid auf, ging mde ins Schlafzimmer, kleidete sich
aus, legte sich und lschte das Licht. -- --

Hatte sie schon geschlafen? Sie setzte sich auf im Finstern, rieb die
Augen. Was fr eine wunderliche Trunkenheit? Aber da war ja Licht -- sie
erschrak -- im Nebenzimmer; die Tr war angelehnt. Bleich um sie her war
der Raum, die weien Schrnke still, dunkler der dreifache Spiegel dort
hinten, voll Geheimnis, wie ein Schrein, der sich geffnet hatte,
whrend sie schlief. Hatte er etwas entlassen? Wollte er empfangen? --
Sie versuchte, sich zu ermuntern, doch gelang es nicht, und so, seltsam
trunken und gefangen stand sie auf, ging nacktfig zur Tr und blickte
mit leiser Furcht in den Raum. Still war es drin, o so still! Was war
hier doch vorgegangen, am Abend? Still, nur ihr sanftes Wesen
verbreitend, stand die gelbe Schirmlampe auf dem Schreibtisch, geduldig
weiter brennend, ohne Vorwurf, da sie vergessen war, -- ach, und wie
blhte darber die geisterhafte Blume, das Angesicht des gyptischen
Knigs mit dem kssend gewlbten Mund, einsam auf seinem Pfeiler! Still
war alles, und lebte doch. Gesprche, die sie unterbrochen, schienen
berall gestockt zu sein; es knackte im Sofa; in seiner kornblumenblauen
glnzenden Seidenbespannung schien es ganz eine himmlische Hhle; nur
die einzelnen Bcher auf dem Tisch davor schienen in sich gekehrt und zu
schlafen. Mchtig, aufrecht, geziert ragte das Lilienbschel hoch empor.
Leise funkelte es aus der Vitrine, im Schliff der Scheiben glnzte es
gelb und rtlich. Welch fremdes Reich, das sie hier berraschte! Oh all
dies gehrte sich selber an, jeder Stuhl, der Teppich, der Schreibtisch,
die Vasen, die Bilder, jedes gehrte sich selber allein in einem
stummen, aber starken Leben, und nicht ihr. -- Eilig ging sie zum
Fenster, ffnete es und bog sich hinaus, fast zurckgestoen jedoch von
einem graden, kalten Wind, der sie gewaltsam umschlo. Da erinnerte sie
sich: er war das Rauschen gewesen, das sie, whrend der Onkel sprach,
unablssig fernher gehrt und -- auch das wute sie jetzt -- lngere
Zeit fr das ferne Wehr im Flu gehalten hatte. Die Nacht war vllig
schwarz; in den unsichtbaren Wipfeln sauste und tobte es, -- ach, es war
ja September, lngst ... Morgen frh wrde sie den noch verschonten
Garten zerrissen finden wie von einer sinnlosen Hand, und sicherlich war
der gestrige der letzte der weien und goldenen Nebelmorgen gewesen. --
Hastig, nicht weiter zu denken, schlo sie das Fenster, lschte die
Lampe und tastete sich in das Schlafzimmer.

Aber nun war sie doch wacher geworden. Und, verlockt von der dunklen
Hhle des Spiegels, ging sie hin, wiederum leise erschreckend, da ihre
weie Gestalt ihr von fern entgegenschwebte und gegenber stillhielt.
Eine Fremde, murmelte sie, eine Fremde ... und griff, ohne zu denken,
nach der Kurbel. Starkes weies Licht senkte sich von oben, sie schlo
die Augen, ffnete sie wieder, und da gingen in dem Spiegelantlitz die
beiden dunklen, blauen Feuer auf, tief leuchtend, beseelt, aber ganz so
fremd wie die eines zweiten Menschen, in dessen Innres kein Eingang war.
Als sie zu lcheln versuchte, sich lcheln sah und von der Bewegung der
Lippen im Spiegel die Bewegung der eigenen Lippen empfand, erkannte sie
wohl, da sie selber es war, aber hinter diesen Augen, dieser Stirn war
Unbekanntes, blieb Fremde. Sie sah das Heben und Sinken ihrer Brust
unter dem Hemd, streifte es von den Schultern, lie es zu Boden rinnen,
und nun, wie in einem weien Ring von Wellenschaum nackt dastehend, die
Hnde, sich vorbeugend, links und rechts gegen die andern beiden
Glasflchen der Flgelspiegel gesttzt, sah sie sich schaudernd an,
fhlte schaudernd verdoppelt die schne Lebendigkeit des weien Leibes,
dahinter, tief im Grunde, sonderbar in das Gegenberzimmer
hineingestellt, das Fuende des weien Bettes, ein Stck der
zusammengeschobenen Decke und die Dmmerhelle der nchtigen Stunde. An
ihrem rechten Knie zitterte leise das Ende der einen, nach vorn
herabgefallenen, lichtbraunen Flechte. Sie grte sich, sie murmelte
unbedacht: Nein, Erasmus, nein, nein ... Darber sanken ihr die Augen
zu, mit geschlossenen Lidern ertastete sie die Kurbel, drehte sie,
raffte ihr Nachtkleid auf, streifte es ber, erreichte ihr Bett,
verhllte sich frstelnd, atmete tief und schlief ein.


                       Sechstes Kapitel: Oktober


                                Abschied

Georg, mit Sigurd aus der Universitt herbergekommen, der ihm an diesem
Wochentage eine Stunde lang zwischen zwei Vorlesungen Gesellschaft zu
leisten pflegte, fand sein schnes Zimmer hell im vollen Licht der
Sonne, obgleich sie, noch die Fenster nicht erreichend, nur ber den
Herbstgarten sich ausgo. Aus den Nischen zwischen den Bcherregalen
flammten die mchtigen Farben der Oktoberblumen: gelbe Dahlien und
weinschwarze, schneeweie Lockenhupter der Chrysanthemen, violette
Asternstrue, und stmmige Bschel rotgeflammten und gelben Laubes.

Sie haben, fragte Georg schlfrig und etwas verdrossen, da Sigurd,
ohne von alledem etwas zu sehn, seine Mappe in einen Sessel gleiten lie
und zu den Bchern ging, Sie haben wohl nie bemerkt, da das Jahr mit
denselben Farben beginnt und schliet.

Davon versteh ich nichts, Georg, bemerkte er nur, seitwrts den Kopf
tief hinunter beugend, um einen Titel im untersten Fach lngs des
Buchrckens zu lesen.

Nmlich gelb und violett. Gelbe und violette Krokus, Primeln, Veilchen
und Narzissen, und Astern und Sonnenblumen im Herbst.

Schn. Wills mir merken, murmelte Sigurd und schob die Unterlippe vor,
zog pltzlich ein schmales Buch heraus, blies ber den Schnitt und
klappte es auf. Kassner, sagte er. Von den Elementen der menschlichen
Gre. Das kenn ich noch nicht. Wrden Sie mirs leihen?

Gern. Georg rollte sthnend einen Sessel ber die Teppiche, gab ihm
einen Schwung, da er vor die offene Gartentr flog, rckte ihn zurecht
und lie sich hineinfallen. Seine Zigarettendose und Feuerzeug
hervorziehend, murrte er: Was haben Sie blo von all den Philosophen!
Von Kassner verstehe ich nicht ein einziges Wort. Sie sollten Verse
lesen. In drei Zeilen von Rilke steckt mehr Wissen von den Dingen als in
-- ich wei nicht was. Den ersten, tiefen Zug aus der Zigarette in die
Lungen schlrfend, dehnte er die Brust empor und sprach mit tiefem
Aufatmen:

   Als wre die Gebrde
   einer Mdchenhand
   auf einmal nicht wieder vergangen ...

Ja das! Und das von dem Panther:

   Dann geht ein Bild hinein,
   geht durch der Glieder angespannte Stille
   und hrt im Herzen auf zu sein ...

Und so tausend andre! Merken Sie denn, wie einen da die Seele der Dinge
anhaucht, durch Mark und Bein? Wie sie alle menschlich werden, und in
der Vermenschlichung schon halbgttlich?

Die Seele der Dinge? hrte er Sigurd hinter sich. Nun, das ist in
diesem Falle wohl nicht viel mehr als das Empfinden des Dichters von
ihnen.

Ich frchte, Sigurd, unsre ganze Seele ist nichts andres als unser
Empfinden von unserm Leben. Sehen Sie mal ... Die Lider halb
schlieend, blinzelte Georg in die Sonne, ich meine so: zur Zeit als
der Mensch -- nmlich der, der er anfangs gewesen sein mag -- den
Unterschied zwischen seiner Zeitlichkeit bemerkte und dem, -- was er
damals Ewigkeit nannte; Ewigkeit, nmlich die lnger als sein Ablauf
scheinende Dauer seiner Umwelt, bis zu Sternen hinauf, -- da -- nicht
wahr -- hielt er sie fr ewig und gab diese Ewigkeit einem Gott oder
mehreren zur Wohnung, wie er selber in der Zeit wohnte. Da stand also
der Mensch -- gleich Zeit -- gegen Gott -- gleich Ewigkeit.

Schne Spekulationen, hrte er Sigurd kurz hinter sich murmeln.
Vorher, meinen Sie, stand blo Mensch gegen Mensch?

Vorher, sagte Georg, nahm der Mensch den andern Menschen als Teil
seiner Umgebung, -- das heit, ich meine so: da Mensch gegen Mensch,
gegen seinesgleichen stehe, das konnte er erst als Schicksal empfinden,
als er seine Einsamkeit und Kleinheit gegenber der Ewigkeit sprte, so
da dies Gefhl erst wuchs durch jenes.

Die Seele also, fragte Sigurd, wre ein -- eine Wunde des Daseins?

Georg versetzte: Ja, sehen Sie, ich dachte folgendermaen: der Krper
atmet durch Poren, der Geist -- durch Wunden. Die Seele ist eine Wunde;
die Wunde des Geistes. Ich kam auf andre --

Freilich, hrte er Sigurd erwidern, die Lust am Dasein, jedes
Wollustempfinden ist denkbar, ohne Seele. Erst die feindlichen
Empfindungen, das Bewutsein ... Sie wissen ja: ein Hund frchtet sich
beim Gewitter, ohne zu wissen warum ... also: das Bewutsein
bernatrlicher Mchte, unverstndlicher Gewalten und Peinigungen, das
Bewutsein von allem Schmerzlichen und Zerstrenden, das macht erst den
Menschen.

Natrlich! das Feindliche! sagte Georg. Die freundlichen Naturmchte
nahm er einfach und unbedenklich hin, erst die feindlichen rttelten ihn
auf, mit ganz physischen Mitteln: er mute sich wehren. Lust bringt
nichts hervor, Schmerz macht erfinderisch, Schmerz ist zeugend allein.
Lust zweifelt nicht, Lust will bekanntlich Ewigkeit, das heit Dauer --
ihr erster Schmerz ist die Ahnung, da sie enden mu --, Schmerz will
Erkenntnis. Er verstummte, nicht unerfreut ber diese Leistung. --
Dann, da Sigurd still blieb, bog er sich um die Rckenlehne seines
Sessels, entdeckte aber erst nach einer Weile Suchens ganz hinten nur
seinen hohen Kopf zur Rechten der Treppe vor den Bchern; das brige
seiner hockenden Gestalt war hinterm Schreibtisch verborgen.

Hren Sie mir eigentlich zu? fragte Georg unzufrieden. Da schnellte er
pltzlich zu seiner Lnge empor, und Georg mute lachen, weil er richtig
ein Buch aus der Tiefe heraufgetaucht hatte.

Ja, jetzt wei ich, wie Sie's machen, sagte er. Sie ziehen in jeder
Bibliothek die Bcher heraus, lesen Titel und Verfasser, dazu einen
Abschnitt auf Seite siebenundvierzig, und dann kennen Sie's.

Sigurd schmunzelte geringfgig, ohne brigens so auszusehn, als ob er
gehrt htte, ging zum Schreibtisch und setzte sich davor, worauf Georg
die Beine ber die Sessellehne warf, um ihn im Auge zu haben.

Wovon sprachen Sie denn eben? fragte Sigurd, sein Buch aufschlagend.

Von den ersten Menschen, erwiderte Georg zweideutig.

Die im Paradiese, uerte Sigurd aufblickend, wenn Sie die meinen,
kannten freilich Gott. Ob sie aber deshalb schon Menschen waren?

Gott? fragte Georg. Nein. Gott war wohl mehr ihresgleichen. Und sie
wuten doch nichts von Zeit, und da alles einmal enden knnte.

Ach, Georg, Sie glauben ja nicht an Gott. Haben Sie brigens je
bemerkt, da jenes Verbot im Garten Eden, wegen des Apfels, nur an Adam
erlassen ist? Neulich fiel mirs auf, als ich zufllig den Text nachlas;
Eva war noch gar nicht erschaffen. Wie sollte sie also nachher
begreifen? Sie mute sich einfach auf den Mann verlassen, der es ihr
mitteilte, und das gefiel ihr natrlich nicht.

Von da an, bis jetzt, sagte Georg lchelnd, hat sie sich immer auf
den Mann verlassen sollen, aber sie ist immer dagegen angegangen und hat
ihn immer zum Essen verlockt.

Sigurd schien zu lesen. Ich habe doch einmal an Gott geglaubt, dachte
Georg angestrengt. An Gott? Ja, an einen einfachen guten Menschengott,
-- wann war das? Und auf einmal war er fort. Ich wurde konfirmiert, --
nein, damals schon, -- aber ich entsinne mich doch genau, was fr Kmpfe
ich seinetwegen gehabt habe, und wie wir Jungens uns stritten halbe
Nchte lang -- aber, es kommt mir doch vor, als ob schon alles ber ihn
entschieden war, ehe die Kmpfe begannen. Sie waren mehr der Form wegen,
und aus Angst, aber damals frchtete man sich ja nicht vor der Welt, so
getraute man sich schon, es allein, ohne Gott, mit ihr aufzunehmen. Da
wars um Gott geschehn. Wann aber glaubte ich wirklich an ihn? -- Als ich
noch rot werden konnte, durchfuhrs ihn, und er fhlte, wie ihm das Blut
ins Gesicht stieg. Ich errte ja noch! dachte er -- nein, nein, dies ist
ein andres Errten, ich errte vor mir selber; ich meinte aber das
Errten vor der Welt, in der Gott war, das Errten, das von Gott kam,
nicht dies aus mir selber. -- Jetzt klappte Sigurd sein Buch zu, legte
es auf den Tisch und sagte:

Auerdem, fllt mir ein, steht auch von einer Strafe nichts im Buche.
In der Bibel, mein' ich. Er sagte nur: ihr drft nicht. Htte er gleich
zu Anfang gesagt: dann werdet ihr ausgetrieben --

Dann, sagte Georg, wrden sie sich wohl auf den Apfel gestrzt
haben!

Wie? fragte Sigurd zerstreut und sprach weiter: Er verbot nur, wie
sollten sie das verstehn? Adam sagte es Eva, worauf sie vermutlich
gedacht haben wird: Verboten hat er es zwar, -- aber wenn ichs doch tue?
-- er hat doch gesagt, er wre ein lieber Gott ... Und Adam dachte: Was
wohl geschehn wird, wenn ... Sehn Sie, er konnte ja nicht anders, er
mute zweifeln, ihm konnte nichts gengen, ihn hungerte nach Erkenntnis,
nach dem Apfel, nach Schmerz ... Sie sehn, es kommt auf das selbe
hinaus.

Georg, mitgerissen, sagte nachdenklich: Und schon kam die Angst -- Gott
hatte noch nichts gesagt! -- sie versteckten sich. Pltzlich wieder in
seinen eignen Gedanken, sagte er langsam: Er mu ganz rot geworden
sein, als er a.

Wie meinen Sie? fragte Sigurd. Georg besann sich; Sigurd, das Gesicht
in den Hnden, sah auf den Teppich.

Das Verstecken, sagte er, war eine Dummheit. Schuldgefhl verdammt
von vornherein. Die Frauen, wie Sie schon sagten, glauben an einen
liebenden, verzeihenden Gott -- nmlich deshalb, weil sie ihre Schuld
gern fr geringer halten, als sie ist, denn sie knnen nicht abwgen --,
der Mann an einen gerechten Gott.

Nach dem Talmud, versetzte Georg.

Sigurd schwieg. Nach einer Weile, sich aufrichtend, ohne Georg anzusehn,
bemerkte er, das wren so deutsche Unterhaltungen ...

Wieso?

Der Deutsche redet am liebsten von Dingen, von denen er zwar nichts
versteht, an denen sich aber sehr viel raten lt, herumraten.

In Ruland allerdings, bi Georg zu, wird nur von Ruland geredet.
Und wissen Sie, lachte er, was das Deutscheste an unserm Gesprch
ist?

Nun, sagen Sie's schon.

Das Telephon zirpte, Georg erhob sich. Da wirs hinterher kritisieren;
oder wenigstens feststellen, wovon es gehandelt hat. Nun knnen wir ja
noch -- Das Telephon zirpte abermals -- feststellen, sagte Georg,
indem er hinging, da wir festgestellt haben, da der Deutsche gern
feststellt -- Lchelnd den Hrer abnehmend, ber den Tisch gebeugt,
sagte er: Georg Trassenberg.

Gr Gott, Georg, hrte er Esthers Stimme, wie es schien ein wenig
matt. Ist Sigurd da?

Gr Gott, Esther! Ja, er ist hier. Wie gehts Ihnen denn?

Danke ... Das kam zgernd; danach nichts mehr.

Augenblick, Esther! Georg reichte den Hrer an Sigurd, der noch am
Tische sa.

Ja, Esther. -- -- Nein, ich wollte heute erst spter kommen. Was ist
denn? -- -- Georg wanderte langsam bis vor den Pensieroso, Sigurd
weiter hrend in Pausen: Du sollst kommen? -- Ja, dann fahr doch.

Georg -- sonderbar hrtlich hatte das Letzte geklungen -- wagte es, den
Kopf ein wenig zu drehn, allein Sigurd -- er war aufgestanden -- drehte
sich fort.

Natrlich mut du fahren. Das klang wieder wie immer, kurz angebunden,
-- doch so war er. Nach Hamburg erst? Ja, natrlich, sie warten ja
darauf. Wie? Sie warten darauf, sag ich. Wann geht denn das Schiff?
Georg zuckte zusammen. Schiff? -- Er lauschte mit wildem Herzklopfen
pltzlich, doch kam nun endlose Zeit nichts, und er stand, flimmernd
Buntes und Grnes vor den Augen, gemartert von der unhrbaren Stimme in
der Ferne, die alles sagte. Endlich hrte er Sigurds Stimme wieder.

Ja, dann wirds am besten -- wie? -- am besten wirds bermorgen -- ja,
Frulein, ich spreche noch!

Wieder alles still. Also nach Amerika. Fort. Einfach fort. Esther. Das
war unmglich. -- Georg hrte seinen Namen, dann deutlich Sigurd, der
ihn ans Telephon bat.

Ja, was ist denn, Esther?

Mein Verlobter hat geschrieben, Georg. Er wartet ja schon seit einem,
seit dreiviertel Jahr bald. Und er schreibt von einem Schiff, das ich
bentzen soll, -- es fhrt Mitte nchster Woche, und -- Georg glaubte,
sie Atem schpfen zu hren. Und nun erwarten Verwandte von uns in
Hamburg, da ich sie erst noch besuche. Also -- Ihre Stimme erlosch,
raffte sich dann wieder auf. Also werde ich wohl bermorgen fahren.
Dann hab ich noch morgen den ganzen Tag zum Packen und -- Es kam nichts
mehr.

Ja, Esther, wenns sein mu. Was kann man da machen? Bse, einen Stich
im Herzen, fuhr er gleisnerisch fort: Es tut mir nur leid, da ich Sie
dann nicht zur Bahn werde bringen knnen. Morgen mu ich fechten, und
das wird ziemlich schlimm werden, ich -- ja, ich kann Ihnen das so nicht
gleich erklren, warum. Dann -- seine Brust zog sich zusammen -- dann
sehn wir uns wohl gar nicht mehr.

Keine Antwort. -- Sind Sie noch dort, Esther?

Ich -- ich knnte ja heute noch -- -- wenns Ihnen recht wre ... Ich
habe jetzt Zeit.

Aber natrlich, Esther, herrlich! Also kommen Sie? Auf Wiedersehn!
Wollen Sie Ihrem Bruder noch -- -- Sind Sie noch dort?

Georg legte, schwer atmend, den Hrer auf, sammelte sich und sah sich
nach Sigurd um. Er sa auf der Lehne von einem der Sessel in der
Kaminecke, den Kopf gesenkt; das Gesicht war hei, die Augen finstrer
als je. Langsam, die Lippen vor und hin und her schiebend, fing er an zu
sprechen.

Einmal mut's ja sein. Nun ist's zu spt.

Georgs Zunge bewegte sich schwer. Wieso: zu spt?

Sigurd bckte sich tief, den einen Fu anhebend, zupfte an einem Faden
im Hosenaufschlag und ri. Um sie zu halten, stie er dabei undeutlich
hervor.

Ja, wer kann sie halten, wenn sie heiraten wollen, witzelte Georg
unglcklich.

Halten kann man sie schon, uerte Sigurd verdrossen und sah in die
Luft. -- Sonderbar! Das war ja fast wie ein -- ein Wink? -- Indem fiel
Georg ein, da Sigurd ihm doch einmal etwas hatte sagen wollen, in bezug
auf Esther. War es das gewesen? -- Er? Konnte er sie, htte er sie
halten knnen?

Sigurd war aufgestanden. Also auf Wiedersehn, Georg, sagte er, ihm die
Hand hinhaltend, whrend er mit der andern seine Mappe aus dem Sessel
nahm. Sie kommt ja wohl her. Dann will ich nicht stren.

Adieu, Sigurd. Sigurd stieg die Stufen hinan. Vielleicht versuchen
Sie's doch noch mal selber! rief Georg ihm nach. -- Sigurd ffnete die
Tr, schwieg, sagte dann: Ach was! und ging hinaus.

Georg stand verstrt. Vor sich niederblickend, entdeckte er pltzlich
die farbigen Bnder auf seiner Brust, fate wtend nach dem
Porzellanknopf im Rcken unterm Rock, der sie zusammenhielt, zerrte
wtender daran, bis er die Bnder endlich losgerissen hatte, schnellte
sie hervor, ballte sie zusammen und schmi sie auf den Tisch.

Wenn morgen, fluchte er, die Mensur nicht wre, wrde ich mit ihr in die
Gegend fahren, und niemals kme sie fort, niemals! -- O, wie verstrt
sie war! Warum? Warum? -- Er hockte sich in einen Sessel, tat die Stirn
in die Hnde und fhlte Angst vor der Abschiedstunde. Ja, soll ich, will
ich, kann ich sie denn halten? O Gott, liebe ich sie denn nun oder
nicht? --

Da war Esther, da Renate. Da waren Renates Schultern, an dem
verwnschten Festabend, -- das Herz zog sich ihm zusammen. Und da war
Esther, wenn sie frhmorgens aus dem Garten kam, kaum sichtbar hinter
einer Garbe frohlockender Blumen, und er im Stuhl mit seinem
verstauchten Fu, und die langen, langen Tage. Und dann dies, -- war es
denn nun eine Dummheit gewesen? Sie kam herein, und er dachte: ich habe
sie auf eine ebenso eigenartige wie ganz unschdliche Weise lieb und
werde es ihr jetzt sagen. Da stand sie in der Tr zum Garten, lchelte
zu ihm hin, und er nickte und lachte aus seiner Ecke, und wie sie die
ganze Last von -- Ponien oder Stockrosen, oder was es nun war, auf den
Schreibtisch niederwarf, sagte er, nein, da rief er sie zu sich, nahm
ihre Hnde und sagte, nicht ohne starkes Herzklopfen und das deutliche
Gefhl, er solle es lieber unterlassen: Eben, kleines Wesen, ist mir was
Prchtiges eingefallen. Ich habe Sie so lieb, wie ich nie einen Menschen
gehabt habe, auf eine ganz besondre Weise, was sagen Sie dazu? Ist's
Ihnen recht? -- Auf ihrem Gesicht flog ein sonderlicher Schatten auf,
ein -- ja ein Lcheln gleichsam auf Stelzen. Sie lie seine Hnde los
und sagte: O ja ... Sie ging zu den Blumen, nahm eine auf, warf sie
wieder hin, nahm eine andre und roch daran, raffte den ganzen Haufen
zusammen und trug ihn ins Speisezimmer.

Und danach, eine lange, endlose, atemlose, schreckliche Zeit, whrend
der er sie nebenan gehen und hantieren hrte, Vasen zusammentragen,
Stiele abschneiden, vor die Tr und an die Wasserleitung treten, und
hrte, wie das Wasser rauschte, dunkel erst, dann heller, aufsteigend in
den Gefen, sa er und rang mit sich um Unerkennbares im Herzen und
sagte sich schlielich nur, damit die Zeit verginge, auf: Sie also auch,
sie also auch, -- ganz sinnlos, und dann: Da bin ich ja grauenhaft
ungeschlacht gewesen. Sie wute es nicht, und nun wei sie's.

Also liebte sie ihn? Und wollte doch nach Amerika. Sigurd wollte sie
behalten, und er sollte das besorgen. Ja, wie hatte er doch gesagt? Sie
hat immer irgendwen geliebt. Er hielt das also fr einen bergang, auch
hier bei Georg, und im Grunde liebte sie eben ihn, ihren Bruder, und
fand immer wieder zu ihm. Ja, konnten sie vielleicht einander noch in
die Augen sehn, nachdem er damals dies zu ihr gesagt? Nein, sondern da
war zwischen ihm und ihr eine Wand von Angst, Gefahr und Se, durch die
ihre Blicke nicht zueinander gelangen konnten, auer wenn sie lachten
oder viele Menschen zugegen waren.

Eines Tags aber, wrgte er weiter, sah ich Renate in einem goldnen
Kleid. Das Unterkleid war erdbeerfarben, darber das Oberkleid vorn
offen und nach rckwrts geschweift, so da es leicht wehte beim Gehn;
es war wie Flgeldecken aus goldener, brunlicher Seide, ach, und ihr
Hals, ihr Hals! -- Aber dennoch, -- wenn ich es formulieren wollte, so
wre es so: Wre Renate weniger schn, so wrde ich sie lieben; wre
aber Esther weniger schn, so wrde ich sie nicht lieben. Das soll
heien, da ich Renate liebe wie einen schnen Gegenstand (zum Beispiel
die Venus von Milo), und nur das Zufllige ihrer weiblichen Gestalt und
der sexuelle Reiz spiegelt mir ein wahres Liebesempfinden vor. Esther
dagegen, -- ja, wie kann man nur zwischen Beiden schwanken? Esther war,
-- o sie war ja klug und alles mgliche, aber eigentlich war sie doch
nur ein ses Wesen, ja ein so ses Wesen, da ich eben unwiderstehlich
davon verlockt werde, von den braunen Streifen im schwarzen Haar, von
der Stelle der Stirn, an der das Haar ansetzt und das krause die kaum
sichtbaren Schatten wirft, von ihrem Hals, und der Biegung zum Kinn, und
-- und was sollte denn daraus werden? schlo er langsam und stand auf.

Er ffnete die Gartentr, trat ins Freie ein paar Schritt vor und ging
ins Zimmer zurck, erregter, angstvoller, wartend, da sie komme.

Renate, schlechterdings, sie war zu einer frstlichen Stellung
geschaffen und gehrte ihm. Er nahm den kleinen Band der Odyssee vom
Tisch unter der Lampe, bltterte, suchte und fand die Stelle:

   _Kai tote d Kronids afiei psoloenta keraunon,_
   _Ka d'epese prosthe glaukoopidos obrimopatras;_
   _D tot' Odysa prosef glaukoopis Athn ..._

Halblaut bersetzte er:

Nieder warf der Kronide den funkelnden Blitz, da er hinscho vor der
strahlengeugten, der Tochter des obersten Vaters. Und zu Odysseus
sprach die strahlengeugte Athene ...

Das war sie. Eine Gttin in Menschengestalt, Frstin, Herrscherin, kluge
Beraterin, ein Kunstwerk. -- Er schlo das Buch, legte es hin, und nun
erschien ihm Renate in ihrem weien, sommerlichen Faltenkleid mit
viereckigem Ausschnitt, eine Kette von rosigweien Korallen, die tief
herunterhing, um den Hals, ohne Grtel und mit weit offenen rmeln. So
stand sie in der Kapellentr wie ein Legendenwesen, so sa sie an der
Orgel, ausgebreitet, schwebende und gewaltige Stimmen entfesselnd, so
war sie, stets wrdig, stets Anmut, stets Khle, eine schne Weisheit in
Frauengestalt. An wen erinnerte sie nur? Lange grbelte er in Bchern
herum, endlich begann es ihm zu dmmern, seine Kinderstube erschien, und
ein altes Buch, quadratisch, braun, abgegriffen, mit Vignetten, -- von
Richter? Richilde -- stand in verschnrkelter Schrift auf einer Seite,
ein Ritter ritt durch eine Landschaft, ein spitzbrtiger Ritter kniete
vor einem Walfisch, aus der Kelchblte einer groblttrigen,
stilisierten Pflanze winkte ein elfenartiges Wesen mit einem Schleier
nach einem Jngling, der hinter einem Paar schner, weier Stiere
schritt, -- Libussa. -- Flugs stie Georg einen Sessel zur Seite und
langte das Buch tief unten aus einem Regal, wiedererkannte es freudig,
schlug es auf und fand nach einigem Blttern und Verweilen die
Geschichte Libussas, der Elfentochter, der spteren Herzogin von Bhmen,
welche die drei hchsten Gter in sich vereinte, nmlich Weisheit,
Schnheit und Reichtum; und Libussa hatte in ihm als Knaben jenes Gefhl
erweckt, das ihm jetzt von Renate auszugehn schien: sie war ihm zu
makellos und wandellos, zu hoheitsvoll, zu leidenschaftslos erschienen,
zumal gegenber den kriegerischen Werbern, -- ja, wollte Esther denn
noch immer nicht kommen? Wenn ich lese, dachte er, wird sie gleich hier
sein, setzte sich und las, und es stellte sich heraus, da jenes
Knabengefhl ganz ungerechtfertigt gewesen war, denn liebte Libussa
nicht den Primislav, sieben Jahre getreu, und sandte ihm endlich ihr
weies Leibro, um ihn zu holen und zu ihrem Herzog zu machen? -- Ein
rechtes Mrchen, aber bei Renate und mir ists ja umgekehrt. -- Folgende
Stelle las er mit Vergngen:

>Libussa hatte nicht den stolzen, eiteln Sinn ihrer Schwestern. Ob sie
gleich die nmlichen Fhigkeiten besa, in die Geheimnisse der Natur
einzudringen und sich ihrer verborgenen Krfte zu bedienen: so gengte
ihr dennoch an dem Anteil der wunderbaren Gaben aus der mtterlichen
Erbschaft, ohne solche hher zu treiben, um damit zu wuchern. Ihre
Eitelkeit erstreckte sich nicht weiter, als auf das Bewutsein ihrer
Wohlgestalt, sie geizte nicht nach Reichtum, wollte weder geehrt noch
gefrchtet sein wie ihre Schwestern. Wenn diese auf ihren Landhusern
herumtoseten, von einer rauschenden Freude zur andern eilten und den
Kern der bhmischen Ritterschaft an ihren Triumphwagen fesselten, blieb
sie daheim in der vterlichen Wohnung, fhrte das Hausregiment, erteilte
den Ratfragenden Bescheid, leistete den Bedrckten und Prehaften
freundlichen Beistand, und das alles aus gutem Willen ohne Entgelt. Ihre
Gemtsart war sanft und bescheiden und ihr Wandel tugendsam und zchtig,
wie es einer edeln Jungfrau ziemt.<

Auch dieser Satz gefiel ihm sonderlich: >Sie nahm mit bescheidenem
Errten die Herrschaft ber das Volk an, und der Zauber ihres
wonniglichen Anblicks machte jedes Herz ihr untertan.<

O Himmel! dachte er aufseufzend, wenn ich Herzog bin, wird dann alles
anders sein? Wer ist denn zur Herzogin hier geeignet, sie oder Esther?
-- Er lachte fast, hielt kaum rechtzeitig inne.

Das Licht hatte sich verndert drauen, die Schatten waren tiefer und
lnger geworden, Esther kam nicht. Georg, immer angstbeklommener vor
dem, was kommen sollte oder knnte, trat wieder in die Tr zum Garten,
der windstill, tief beschattet bei sinkender Sonne, tiefgrn mit schnen
groen Farbflecken, gelben, roten, glattbraunen, von Birke, Platane und
Roteiche, unter dem reinen, erlsten Himmel ruhte. Darin sollte sie nun
nicht mehr umhergehn mit ihren kleinen, ein wenig breiten Fen,
kleinschrittig, von denen der rechte bei jedem vierten oder fnften
Schritt leicht nach innen schlug.

Indem hrte er hinter sich die Tr, Esther stand drin, sehr bla, in dem
Kleid, das er liebte, von rotvioletter Seide mit Goldborte an Hals und
rmeln. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand, wie sie pflegte, mit
ein wenig vorgeschobenem Leib ganz nah herankommend, und murmelte etwas
wie: Sigurd htte ihm wohl alles gesagt.

Wann geht dann das Schiff? fragte Georg.

Mittwoch.

Und Sie bleiben erst ein paar Tage in Hamburg?

Ja, ich fahre am Sonntag. Und morgen, sagte Georg trbe, mu ich
wieder auf Mensur.

Schon wieder?

Sie hatten sich unterweil in Bewegung gesetzt und schritten langsam den
Weg hinunter. Georg hob eine in den Weg hngende Hopfenranke ber
Esthers Kopf, dachte: Wenn Sigurd gesagt hat, da sie immer irgend
jemand liebte, so heit das wohl auch, da sie mich alsbald vergessen
wird, -- und verstrickte sich derweil in umstndliche Erklrungen: da
er seine letzte Mensur im vergangenen Semester schlecht gefochten habe
--

Ach, als Sie so lange mit dem Kopfkissen herumliefen? fragte sie
lchelnd. Sie meinte das schwarze Stck ber der Gazekompresse, das er
zum heimlichen Gesptt aller Freunde wochenlang nicht vom Mittelkopf los
geworden war. Er bejahte und fuhr fort: da die Mensur ungengend
beurteilt worden sei; da er Reinigung fechten msse, und nun habe es
sich ber die Ferien hingezogen, whrend er doch fr dies Semester
seinen Austritt geplant hatte, und schlielich wrde er morgen einen so
scharfen Gegner bekommen, da -- ja also da sie sich heute wohl zum
letzten Male shen ... Dies schien sie gewut zu haben, denn sie
antwortete nichts.

Sie standen jetzt am dunklen Wassergraben; ringsum loderte der Herbst,
das unbeschreiblichste Grn, mit Gelb gemischt, lohendes Rot, prangendes
Kaisergelb flatterte hoch oben vor der vergoldeten Blue der Luft; noch
hher wehten weiliche Geister aufgelst durch den Oktoberhimmel. Ach,
wie lieblich war ihre verschleierte, huschende Stimme! -- Sie sagte, es
wrde ihr wohl sehr schwer fallen, nicht mehr des Morgens in diesen
Garten gehen zu knnen, und Georg murmelte etwas Unklares von
Kalifornien, Palmen und: auch sehr schn ... Dann setzten sie sich auf
die Bank, die hinter ihnen stand. Esthers Hnde lagen im Scho.

Georg dachte daran, wie er ihre Hand zuerst im Handschuh gefhlt, halb
leblos, und wie sie hier mit Jason gesessen hatten, der ihren Handschuh
von der Bank nahm und davon sprach. Sie schwiegen. Kein Blatt fiel.
Etwas simmte an Georgs Ohr, und eine versptete Mcke setzte sich auf
seine Hand, aber sie sog nicht. Da vertrieb Esthers Linke sie mit einer
flatternden Bewegung, die an ihrem Haar endete, und Georg sagte mit
einem Versuch zu scherzen:

Und nun will so ein kleines Mdchen ganz allein ber das groe Wasser
fahren?

Der gute Jason, sagte sie -- dies war ihr letztes Lcheln! -- wird
mich bringen. Merkwrdig, nicht: Eben traf ich ihn, und er brachte mich
hierher. Als ich ihn scherzend fragte, war er gleich bereit, und im
vollsten Ernst. Er htte lngst mal nach Amerika gewollt, sagte er.

Jetzt wird sie in Trnen ausbrechen, dachte Georg und vermied den
Anblick ihres Gesichts, sah aber doch, geradeaus blickend, neben sich
ihr Profil, ein wenig vorgeneigt, unterm straff zurckgespannten Haar,
die Stirn glatt, ganz wenig gerunzelt, das fremdgeschnittene,
bewegungslose Auge, den unbeweglichen Mund. -- Um nur etwas zu sagen,
fragte er: Warum der _gute_ Jason?

Ich wei nicht, meinte sie nach einer Weile. Einmal, das fllt mir
ein, wollte er ein Buch auf den Tisch legen, und es fiel daneben. Da
sagte er ganz erschrocken: O entschuldige, Buch! -- Ich mute so
lachen.

Ja, er ist mit allen Dingen, die sich nicht selber helfen knnen, wie
mit kleinen Kindern. Wissen Sie eigentlich etwas aus seinem Leben?

Nein, gar nichts.

Ich war dabei, sagte Georg leiser, als er sich das Leben nehmen
wollte, zweimal, und doch glaube ich, da dies nicht das Schlimmste in
seinem Leben war. So wie er jetzt ist, ist er noch gar nicht sehr
lange.

Hrte sie eigentlich, was er sagte?

Wissen Sie, begann sie nach einer Weile, -- aber Sie drfen nicht
lachen, -- nein, ich meine -- -- Sie drfens nicht zu ernst nehmen --
--

Immer was Sie gern wollen, Esther.

Sie schwieg.

Wollen Sie es fr sich behalten, dann -- er zgerte -- nehmen Sie es
mit nach Amerika.

Oh! stie sie schmerzlich hervor, beugte sich vor und sah nach oben.

Schn ist doch der Herbst, sagte sie dann wie beruhigt, das sanfte
Scheiden.

Ja, es wird gut mit uns gemeint.

Auf einmal schnrte sich ihm das Herz zusammen, er suchte nach
gleichgltigen Dingen, fand nichts und bat:

Was wollten Sie denn eben sagen? Sich vorneigend wie sie, sah er sie
nun an und merkte, da ihr Gesicht von innen kalt und bleich geworden
war.

Ich wollte sagen, sprach sie sehr langsam und ohne Betonung, es mu
gut sein, zur rechten Zeit sterben zu knnen. Ich glaube, der Tod --,
ich meine: das Sterben, der letzte Augenblick giebt dem Menschen eine
Klarheit, eine Kenntnis, ganz sichere, ber Leben und Tod. Gut kann die
sein oder sehr schmerzlich. Und die gute wre, da man zur rechten Zeit
stirbt.

Sie hatte nun ganz leise und mit rauher, verhauchender Stimme
gesprochen, und Georg, obgleich er kmpfte, konnte es nicht lassen,
tiefer zu gehn und zu fragen: Esther, sind wir denn so traurig, da wir
statt vom Scheiden vom Sterben reden mssen?

Sie stand auf, zuckte mit den Schultern, wie um etwas abzuwerfen, und
sagte: Ich mu gehn.

Jenseit des Grabens stand eine junge Roteiche, reich mit groen, heftig
gezackten Blttern berhangen, rot wie neues Kupfer und so einzeln, da
sie sich zhlen lieen; im blulichen dunklen Wasser unten hing ihr
Spiegelbild, umgekehrt, verdunkelt. Uns, dachte Georg mit seltsamer
Empfindung, uns und unsre Spiegelbilder sieht von drben der stille
Baum, und nun war ihm, als she er selber sich und sie -- in dem schn
violetten Kleide mit goldenen Borten sie und sich in dem dunkelgrnen
Anzug -- wie zwei geschmckte Geister in einer elysischen Gegend,
weltferne Zwiesprache haltend. Aber, sich umwendend, fand er Esther
nicht mehr neben sich und sah sie schon fern zwischen den grnen Bschen
den Weg hinunter auf einen Trupp hoher, verdorrter Sonnenblumen und
schwarzroter Dahlien zugehn; ihr Gang war nichts als ein notwendiges
Bewegen der Fe, aber daran, da der rechte nicht nach innen --, doch,
da schlug er nach innen, und nachdem Georg eben gedacht hatte, er msse
sie so weiter und weiter und fortgehen lassen, eilte er ihr jetzt nach,
holte sie aber erst im Zimmer ein, wo sie stand und sich umsah.

Eiskalt war ihm am ganzen Leibe, er zitterte, wute aber gleichwohl, da
er imstande sei, die simpelsten Hflichkeiten zu sagen, redete auch ganz
bedeutungslos draufzu, indem er sie bat, sich doch etwas zum Andenken
mitzunehmen. Sie bewegte den Kopf langsam hin und her. Gleich darauf
sank er tief herunter, ihre Brauen zogen sich wie grblerisch fest
zusammen, doch war es wohl etwas andres, und er konnte es nicht mit
ansehn und trat an den Schreibtisch. Mit dem Rcken gegen die Platte
gelehnt, sah er, wie sich ihr Kopf langsam wieder hob; sie stand
aufrecht und sah ihn an, ohne zu lcheln. Jetzt kommt es! dachte er im
Frost, was soll ich jetzt tun? was fragt sie jetzt hinter ihrer Stirn?

Indem fiel ihm ein: Wenn aber nun alles Einbildung ist? Ja, wie, wenn
sie nicht meinetwegen so verzagt ist, sondern Sigurds wegen? Sollt' ich
so nrrisch sein? -- Fast ward ihm da leichter; er dachte: also mu es
geschehn ...

Esther, sagte er, nur um nicht zu schweigen, um nicht -- --

Und sie kam. Er nahm ihre erfrorenen Hnde und legte sie auf seine
Brust. Sie blieb, sie wrde bleiben, sie mute, er konnte sie nicht
entbehren. -- So blickte er in ihre Augen, sah ganz nah die schnen
Brauen, sah winzig sein eigenes Gesicht, ganz wenig verschwollen in
dieser, in jener schwrzlichen Pupille, und die Reflexe vom Licht, sah
die kleinen schwrzlichen Hrchen neben den Mundwinkeln und mute die
Lippen darauf drcken. Seine Augen schlossen sich. O, wie s war dieser
Mund! O nicht fremd wie -- wie -- --

Da ffneten seine Augen sich wieder, sie war zurckgetreten, er sah sie
zum Stuhl gehn, ein flacher, grauer Hut lag darauf mit grnen Blttern
und schwarzen Rosen, den hob sie auf. Ja, mute denn noch etwas -- --,
mute er noch etwas -- --? -- Er sah sie den Hut aufsetzen, die Nadeln
festmachen, und da lag auch eine Jacke, die sie nun anziehen wollte, und
er htte fast vergessen, ihr zu helfen. Noch einmal, whrend er den
Kragen ihres Kleides in die Jacke hineinglttete, ihren Hals berhrte,
sah er ihren Haarknoten, weich geschlungen, ganz nah, aber dies galt
schon nicht mehr, und sie wandte sich und gab ihm die Hand, und er
sagte: Leb wohl!

Das Schluchzen stieg ihm in die Kehle, sie sagte nichts, ging zur
Treppe, der Raum kreiste, etwas klang hart, Esther war nicht mehr im
Zimmer.

An einem Eisenbahnfenster ber vorbeisausender Felderlandschaft erschien
Esthers Gesicht; darauf stand geschrieben: Trostlos. -- Georg nherte
die Hnde dem Gesicht, ermannte sich, schttelte den Kopf, nahm eine
Zigarette vom Rauchtisch, zerbrach ein Streichholz, noch eines, noch
eines, tat endlich den ersten Zug und setzte sich.

Ja, sagte er, ja, ja ...

                   *       *       *       *       *

Nicht mit Absicht berauschte Georg sich an diesem Abend sinnlos, das
heit, er setzte sich nicht in der Absicht, sich zu betrinken, zum
Trinken nieder, sondern es kam so. Quid quod, sagte er in der letzten
hellen Minute, das ist eine lateinische Redensart und heit ungefhr:
Was soll man dazu sagen? -- Einige Zeit spter weinte er sehr am Halse
seines Leibfuchsen, der auch weinte, und abermals eine Zeit spter
wachte er mit riesigem Schdel und ohne Denkvermgen in seinem Bette
auf, tat unbewut das am Morgen Ntige des Badens und Ankleidens, sa
ein paar Stunden, blo eine kahle Bouillon im Magen, bei den Mensuren
herum, brigens ein wenig voll Ekel, ein wenig voll Wut und ein wenig
voll Beschmung, worauf er sich anbandagieren lie, heftig angewidert
von den nassen, warmen, nach Blut, Schwei und ther stinkenden Binden
am Halse. Armer Tozzi, heut gehts mir schlecht, dachte er, die Zhne
zusammenbeiend, als die eiserne Brille auf seine Nase gepret wurde,
und nieste. Dann stand er da und arbeitete schwerfllig mit dem
Schlger, fhlte bald, wie ihm das Blut vom Kopf rieselte, es gab Pause,
er sa, stand wieder, es gab endlose Pausen, um ihn schwirrte und rannte
es, er hrte ein Flstern: la dich lieber abfhren! -- aber das wollte
er nicht. Der Speer ward ihm fortgeschlagen, noch einmal fortgeschlagen,
er wankte und taumelte bei jedem Hiebe und stand dann, den Kopf gesenkt,
von dem das Blut herunterlief, wie Splwasser so dnn vom Alkohol.
Dumpfe Wut hielt ihn aufrecht, aber er ermattete immer mehr, nach jedem
Gang schien eine Pause zu kommen, er trank Wasser, trank Kognak, ihm
ward zum Erbrechen elend, und dann merkte er noch, auf dem Stuhl
sitzend, da sein Blut nicht mehr lief. Und was war das mit seinem
Herzen? Das machte ja Sprnge! Von allen Seiten beugten sich hfliche,
neugierige, ein wenig mitleidige Gesichter, er hrte wieder die Stimme
des Sekundanten von weit fern her: Also noch einen Gang, weiter! Stand
auf, schwankte, hrte hoch ber sich die Worte verhallen: Baltoborussia
fhrt ab nach dreizehn Minuten, und verlor die Besinnung.


                              Sonnenblume

Renate, in der Hand die Gartenschere, trat am frhen Morgen auf die
Terrasse hinaus und blieb ber den Stufen stehn. Warm schien die Sonne,
aber es wehte so heftig, da sie mit den Hnden in den Falten ihres
dunkelgrnen Kleides hinunterfuhr, um sie gegen den Leib zu drcken; sie
bauschten sich schwer hinter ihr, und die langen Enden der dicken,
silbernen Kordel, die sie unter der Brust um den Leib geschlungen hatte,
flatterten wie ihr Haar. Der Garten, schon sehr entblt, war ein
flatterndes Gewimmel von Blttern und kleinen Zweigen, gelb und lockrig
lieen die Wipfel berall den hellen, dunstigen Himmel durchscheinen,
aufgelst ins Trinken des reichen goldenen Lichts. Vollhngende
Fuchsienstrucher schwankten unter der Veranda. Wege und Rasen waren mit
Bltenblttern bestreut; der Grtner hatte den mit Laub verschtteten
Rasenplatz zur Hlfte gekehrt und war zum Frhstcken gegangen; nun
rollte der Wind die braungelbe Masse von einer Seite auf die andre mit
einem kindischen Vergngen. -- Renate kmpfte sich gegen den Wind die
Stufen hinab, ging auf dem Wege zur Linken weiter, durch die Bsche und
rechtsum unter den sechs Linden am Gemsegarten hin auf die Rckseite
der Kapelle zu. Dort flammte, gegen den Wind geschtzt, die ganze Schar
farbiger Georginen und Dahlien, schwarze, rote, scharlachne, weie und
gelbe. Renate schnitt von ihnen, langsam auswhlend, einen Arm voll. Da
hrte sie ihren Namen, fern von Magdas Stimme gerufen, antwortete: Hier!
und sah bald darauf, sich wendend, Magda den Weg unter den Linden
herbeieilen, ein Zeitungsblatt in der Hand, heftig atmend und mit
schreckerfllten Augen.

Du weit noch nichts? fragte sie atemlos. Das Schiff --

Was fr ein Schiff?

Mit Esther! Es ist untergegangen.

Renate schrie: Magda! lie die Schere fallen, prete die Blumen an
sich, griff nach der Zeitung und las unter strmenden Trnen
entsetzliche Dinge von einem Eisberg, bei Nacht, und Hunderten von
Toten.

Vielleicht ist sie doch gerettet, weinte sie. Der Wind ri an dem
groen Zeitungsblatt, sie kmpfte, um es zusammenzulegen, packte dann
ihr Blumenbndel hinein und suchte nach ihrem Taschentuch im Grtel. Da
sah sie es nicht weit von ihr auf dem Wege liegen und eilte daraufzu,
damit es nicht wegfliege.

Wei Sigurd es denn? rief sie Magda zu, die mit zusammengelegten
Hnden dastand. Die fuhr aus ihrer Versunkenheit auf, sagte, ja, sie sei
ja gekommen, um mit Sigurd zu telephonieren, und eilte eifrig an Renate
vorber nach dem Hause.

Mit ihrem groen, bunten Blumenbndel im Arm, heftig weinend und an Nase
und Augen wischend, schwankte Renate den Weg zurck, ber den Rasen und
bis zur Sonnenuhr, blickte lange darauf, als wollte sie die Zeit
entrtseln, und legte dann, heftiger aufschluchzend, mit einer wilden
Gebrde die Last auf das Zifferblatt; das Zeitungsblatt ffnete sich und
flatterte. Sie lehnte sich mit dem Rcken gegen das Postament, wurde
langsam ruhiger, blickte wartend in die Veranda. Schritte wurden hrbar,
Sigurds lange Gestalt erschien, er kam herunter, rote Flecken im
Gesicht, die Augen geschwollen. Er blieb dicht vor ihr stehn und lie
den Kopf hngen.

Ja, hier ist es immer schn, sagte er nach einer Weile, umhersehend.

Sigurd, bat sie leise, ich --, ist es denn -- ist es -- ist es denn
gewi?

Er zuckte die Achseln.

Fr mich ist sie tot, sagte er nach einer Weile abweisend.

Renate wute nichts zu sagen, legte ihm nach einer Weile eine Hand auf
die Schulter, in der sie ihr kleines Taschentuch zusammengedrckt hatte.
Sigurd, den Kopf senkend, blickte darauf und sagte: Ganz na ...

Seine Lippen zuckten, er begann: Esther -- Dann: Was war sie nur? Ja,
was hat sie euch viel bedeutet! Ein kleines Gartenland, -- ausgerauft.
Er stockte. Esther, mein Gott! sagte er, faltete die Hnde, blickte
irr und schrie auf einmal: Ich dachte, sie wre hier! Ich dachte, sie
wre hier, und nun ist sie ja nicht da!

ber den Stufen der Veranda erschien Magda in ihrem mattblauen Kleid und
blieb da stehn, an einer Weinranke zupfend. Sigurd wand sich
verzweifelter.

Helfen Sie mir doch, sagte er, wie soll ich denn das verstehn, da
sie auf einmal tausend Meter tief im Wasser liegt, und die Fische
schwimmen drber weg, und man kann sie nicht heraufholen. O ich Mensch!
o ich Mensch! sthnte er, die Finger in den Haaren, da ich sie habe
allein fahren lassen! Aus Trotz lie ich sie weg und hetzte diesen
Prinzen, diesen Literaten, diesen Hanswurst --

Magda blickte langsam nach ihm hin; Renate sagte leise: Sigurd! Wir
knnen uns doch beherrschen.

Er hielt mitten in seiner Wutgebrde inne, blickte sie erstaunt an,
schien ihr Gesicht zu erkennen und strzte zu ihren Fen hin, laut
schluchzend, rchelnd und sich schttelnd. Das Gesicht auf ihren Schuhn,
umschlang er ihre Knie und ri daran, -- Renate schwankte und griff nach
dem Zeiger der Sonnenuhr hinter sich, um sich daran zu halten. O, ich
liebe dich doch, jammerte er laut, ich liebe dich, und nun ist alles
aus!

O das war schrecklich. Da er wieder ruhiger wurde, gelang es Renate,
seinen Kopf zu fassen, zu heben und an ihre Knie zu drcken. Da stand er
schwerfllig auf, zog sein Taschentuch und brachte Gesicht und Haar in
Ordnung.

Eins zieht das andre nach sich, sagte er trocken. Da man sich in Sie
verliebt, ist freilich natrlich. Ich wute ja, wenn sie den Prinzen
nher kennen lernte, so konnte sie nicht widerstehn, niemals konnte
sie's. Dann ging alles seinen Gang. Eines Tages war die heillose
Verwirrung da, und sie wute nicht mehr, wohin sie sollte, nach Amerika,
zum Prinzen, oder zu mir. Da dachte ich, wir mten es probieren, und
wenn wirklich ich die Hauptperson in ihrem Leben war, so wrde sie sich
ja auch aus Amerika zurckfinden. Nein, Gott, nein, wie htte ich allein
bleiben knnen! Mein Dasein hatte seinen Glanz und seine Freude doch
blo von ihr, und ohne das ist man doch in einer steinernen de und
friert. Aber da hatte ich mich ja selbst von ihr abgewandt und zu Ihnen.
Nun, freilich, was das schon hie, aber mein Gefhl, ja, mein Gefhl war
doch dadurch schwcher geworden gegen sie, und dafr bin ich nun
gestraft. Ihm aber, bei Gott, Renate, ihm aber werde ichs einmal
heimzahlen, da er sie zu sich herberbog so weit und dann wieder fahren
lie, dieser Bastard von einem Literaten! Konfus hat er sie gemacht,
schrie er aufgebracht, und da zeigte der Tod ihr einen Mittelweg, und
sie folgte natrlich wie immer. Meinen Sie denn etwa, fragte er mit
zornigen Augen, ich wte nicht, wie sie gestorben ist! Meinen Sie, ich
htte --, ja, glauben Sie etwa, Jason wre auch ertrunken?

Da er einen Augenblick schwieg, um Atem zu schpfen, murmelte Renate:
Der gute Jason ... Auch sie konnte sich nicht denken, da er tot sei.

O Gott, sthnte er nun wieder vor sich hin, ich seh ihn ja immer und
immer herumlaufen, ber alle Verdecke, durchs ganze Schiff, oben, unten,
in alle dmmsten Winkel sphn, und die Angst ... Und ich bin mit ihm
herumgerast und hab geschrien: Esther! Esther! Esther! -- Aber sie,
schlo er leise und verwirrt, lag wohl schon lange unten und war auch
-- wohl ganz froh ...

Nach diesen Worten drehte er sich langsam und vergrmt um und ging fort,
die Stufen empor, wo Magda einen Arm um ihn legte und mit ihm
weiterging. Sie waren verschwunden, aber nach einer Weile erschien er
wieder allein, blieb ber den Stufen stehn, hob die Hand winkend und
rief: Machen Sie sich keine Sorge um mich!

Renate lief auf ihn zu, wollte ihn fragen, was er denn vorhabe, da kam
er herunter zu ihr und erklrte ihr ruhig und zurckhaltend, er knne
natrlich nicht hier bleiben, wo an jeder Straenecke und in jedem
Zimmerwinkel Esthers Schatten stnde, sondern ginge nach Berlin, wo er
noch gerade rechtzeitig zur Immatrikulation kommen wrde.

Geld, sagte er, habe ich ja nun mehr als frher. Dann, wenn ich die
Examina gemacht habe, -- das mu schnell gehn, hchstens in einem Jahr
geh ich nach Ruland zurck. Da knnen sie mich vielleicht brauchen.
Jedenfalls bewegt sich das Leben dort in den Kreisen, die mir nahe sind,
so, da ich hineinpacken kann; ich mu mich ja nun wohl an das
Allerreellste halten, was man so >Taten< nennt, und -- und vielleicht
kann man die Dinge doch fhlen; ich will versuchen, sie wieder
anzuwrmen; der Tod pflegt ja alles erst mal kalt zu machen. Sie werden
wohl zuweilen an den letzten Mohikaner denken.

Renate nickte nur und sah ihm liebevoll in die Augen; er ergriff ihre
Hand, kte sie ungeschickt, ging ruhig und kehrte nicht zurck.

Renate, noch hinter ihm her sehend, erinnerte sich, da Josef der letzte
war, der ihr die Hand gekt hatte. Dem einen war alles genommen, der
andre wollte nichts mehr haben. Sie sah ber das Dach des Hauses hinauf,
wo die kleinen grauen Steinfiguren sich vor dem leichten Gewebe von
Wolkenwei und Himmelsblau zu bewegen schienen; die Sonne brach
krftiger hervor. Seltsam war mit dem Ende von Sigurds heftigem Ausbruch
auch der Wind stiller geworden; es wehte nur leise durch den Garten hin.
Sie zog die silberne Schnur, deren Knoten sich gelockert hatte, fester
zusammen, nahm ein zusammengerolltes Blatt von ihrem Kleid, glttete die
grne Seide, in der schwarze Linien von oben nach dem Saum hin liefen,
und sah die Blumen auf ihrer Zeitung auf dem Postament liegen; der Wind
zauste darin wie ein Kakadu; einige lagen am Boden. Die sammelte sie
gedankenlos auf und legte sie zu den andern. Ja, nun mute sie wohl zu
Saint-Georges --, nein, es war ja Sonntag. Sie dachte an ihre Orgel,
irgend etwas aber trieb sie, den Weg, den sie vorhin gekommen,
zurckzugehn. Vor einem Trupp halb welker Sonnenblumen stand eine sehr
hohe mit nicht sehr groem Antlitz, das sich mit einem geringen Ausdruck
von Ernst und Hoffart herabneigte. Wie stolz du bist, Schwester
Sonnenblume, sagte sie, la dich kssen. Sie bog das gelb und
schwarze Sonnengesicht zu sich hinunter, kte es leicht in die Mitte,
knickte den Stiel dicht unterm Kopf ab, hielt einen Augenblick die
weiche Bltterschale in den Hnden, hngte sie dann vorn in den spitzen
Ausschnitt ihres Kleides. Dann ging sie weiter, langsam an einer Linde
nach der andern vorber, die den Weg mit welken Blttern bestreuten,
blieb endlich am letzten Stamm stehn, die Hnde auf dem Rcken
zusammengelegt, den Blick durch die fast entlaubten Wipfel
emporgerichtet. Ununterbrochen trieb und flatterte es von oben durch das
Licht. Sie sprte, in Gedanken verloren, wie ihr Kleid unten zuweilen
seine Falten regte, sich bauschte und wieder hinsank.

Saint-Georges kam die Allee herunter und blieb bei ihr stehn; sie sah
ihn durch den dnnen Schleier an, den eine vom Wind gelockerte
Haarstrhne ber ihre linke Wange breitete, und las in seinen ernsten
Augen, da er alles wute. Er sagte nichts weiter als seinen Gru; nach
einer Weile begann sie leise:

Ach, Georges, hren Sie die Glocken?

Lauschend vernahmen sie Beide das ferne, dunkle Getse, das in der hohen
Weite gegen den Wind ankmpfend umher wanderte und nach Glubigen
hinunter rief.

Eben war mir, fuhr sie fort, als htte ich schon ein Jahr hier
gestanden und die rufenden Glocken im Winde gehrt. Alles war mir so
fern, -- da Josef ging, und der Zorn des Erasmus, und Sigurds Schmerz
und Emprung. Hier bleibt es immer still.

Ihr fielen bei diesen Worten Sigurds ganz hnliche ein, die er beim
Kommen gesagt hatte, allein sie vermochte nicht zu begreifen, wie das
zusammenhing. Entbltterte Linden, sagte sie wie zu sich selbst,
entbltterte Linden ... Am Boden wirbeln gelbe Bltter ruhlos, -- wer
wei, wer wei, wohin einst wir verschwinden!

Getrieben vom Verlangen, ihre eigne Stimme zu hren, um die Stille und
die ferne Stimme Sigurds abzuwehren, sprach sie weiter: Sie sind nun
bald alle fort. Wissen Sie, da auch Magda geht? Ihr Lehrer ist an die
Berliner Oper gekommen, sie will ihn nicht aufgeben, ein Wechsel wre ja
auch ungesund fr die Stimme. Bogner ist irgendwohin; Ulrika ist mit
ihrer Mutter nach Sden; wo ist Jason? Jason ist verschwunden. Sigurd
geht, Georg ist fort, und Esther ... Ach, mir gellt immer noch das
Todesgeschrei all der Menschen in den Ohren, das ich hrte, als Sigurd:
Esther! schrie. -- Ich bin geblieben, -- wie kommt das? Was wird aus
ihnen, dort, wo ich sie nicht mehr kenne? was wird aus mir? Sie faltete
die Hnde und sah ihn ngstlich an.

Saint-Georges' ruhige, lichte Augen umfaten ihre Gestalt, berhrten die
Sonnenblume, sie hrte ihn sagen: Ich sah Ihre Blumen auf der Sonnenuhr
liegen, -- hatten Sie die schne Last in die Zeit fortgelegt? Da dachte
ich, da -- er sprach sehr langsam -- da Ihnen nichts geschehen wird,
solange Sie in diesem Hause sind. Hier knnen Sie leben und sterben
unwandelbar; verlassen Sie es nie.

Josef, entgegnete sie nachdenklich, mu vor langer Zeit einmal etwas
gesagt haben, worin das Gegenteil von Ihren Worten stand.

Er lchelte nun abwehrend, berhrte mit einer Hand leicht die
Sonnenblume und sagte nach einer Weile versonnen: Wissen Sie, woher das
Wort Heiland kommt?

Renate meinte, es bedeute doch wohl heilend. Ja, das lege man dem Wort
wohl jetzt unter, versetzte er, aber, fuhr er aufblickend fort, die
Sonnenblume heit griechisch Helianthos, und daraus wurde Helianth,
Heliand, wie es noch im Frhmittelalter hie, dann Heiland.

Renate schauderte leise unter einem unkenntlichen Gefhl und hrte ihn
weiter sprechen:

Carossa sagt: >Wenn uns gegeben wre, immerfort ein Wesen zu schauen
und zu denken, so wrden wir uns langsam in dasselbe verwandeln.< So
glaubten Heilige, und so verbrgt es die Form der Sonnenblume.

Und wissen Sie, fuhr er fort, wer dasselbe geglaubt hat, und wessen
Antlitz es uns verbrgt?

Sie lchelte und sagte glcklich: Ech-en-Aton.

Und, kaum wissend, was sie tat, griff sie nach der Blume, lste sie vom
Kleide und reichte sie ihm, lie aber ihre Hand noch am Stiel, den er
fate. Den Kopf hielt sie tief gesenkt, und, in blinde Wonne versinkend,
sah sie mit unbeschreiblichem Staunen eine kleine Gestalt in weiem
Gewande vor sich stehn, den Knig, der an ihr vorber sah mit dem
fortschwebenden Blick, den er immer hatte, und sie reichte ihm die
Blume, demtig, die er nicht sah. -- --

Pltzlich schrak sie leise schaudernd auf, blickte auf die Blume und
rief: Aber --, sie ist ja schwarz, die Blume, mit goldenem Rand,
umgekehrt wie die Sonne.

Nun standen sie Beide, die Blume zwischen sich haltend, und
Saint-Georges schien nicht minder betroffen als sie.

Ja, sagte er endlich, so weit ist sie gekommen, diese groe, eifrige
Blume. Da sie keine Augen hat wie wir, so ist es wahrscheinlich, da sie
die Sonne als scharfe Lichtscheibe wahrnimmt, und herum ist es schwarz;
davon ward sie das Negativ, und so auch wir: Denn der Gott ist das
gewaltige Strahlen in der Finsternis; wir aber, finster von Leiden, wir
knnen einmal strahlen, -- schn, Renate.

Langsam lie sie ihren Blick aus seinen Augen gleiten, lie auch die
Blume los, nickte, sich fassend, und ging an ihm vorber den Weg hinab.

Saint-Georges sah: Es flatterte und rieselte gelb und grnlich ber ihre
groe, grne Gestalt; das Kleid wehte nach links in schwerem, gebogenem
Bausch, vom Hacken bis zur Hfte zeigte sich in Festigkeit die Linie des
rechten Beines, das sich gegen den Stoff prete, seltsam lebendig,
geheimnisvoll anzusehn, als wre es der Leib der Dryade, an den Stamm,
ins Gezweige geschmiegt. Etwas vorgeneigt ging sie, langsam Fu vor Fu,
ihr Haar wehte, ein brunlicher Schleier, die Arme hatten ab und an eine
leichte, anmutsvolle Bewegung. Da blieb sie stehn, wandte sich, hob mit
sanfter Gebrde das Haar aus der Stirn, so da es wie ein Winken schien,
und Saint-Georges folgte ihr nach.


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                        Renate an Saint-Georges

                                                Flor am Rhein, 9. Nov.

Mein Lieber!

So bin ich doch vom Fenster fort zum Papier geflchtet. Es ist offen --
mein kleines Zimmer liegt im Oberstock des Lehrerhauses --, und lange
sa ich davor ber dem langsam verdmmernden Garten. Der Tag, den ich
ins matte Braun und Grn der Baumwipfel versickern sah, war
wolkenverhangen und warm; und wenig anders im Herzen, empfand ich wieder
das wolkenverhangene weite Land, durch das ich bis zum Nachmittag
gereist war, den achtlos hinjagenden Himmel von grauer und weier
Gestaltlosigkeit und die Einsamkeit alles kleinen Lebens an seinem
Grunde, hnlich dem im dunklen Wasser abgeschlossenen, langsamen mit
sich selber Beschftigtsein von Schnecken, Kfern, Pflanzen, das man am
Grunde von Teichen beobachten kann. Und so, wenn ich mich einsam
empfand, empfand ich mich doch nicht allein einsam, sondern innerhalb
der einen groen Verlassenheit unter dem Himmel, von der ich wute, da
sie heilbar sei. Mein Auge derweil hielt dem mhlichen Dunkelwerden
stand, worin sich hier und dort die Gegenwart eines geheimnisvollen
Wesens verriet -- an dem Bltterwerk eines kleinen Strauches in der
Tiefe, am schon entbltterten Ast einer Kastanie, an Blumen ganz unten,
die schon nicht mehr zu erkennen waren, und die alle von Zeit zu Zeit
sich bewegten, ganz lautlos, so als habe etwas sie verlassen, und sie
verneigten sich und murmelten unhrbare Abschiedsworte. Da wars
beruhigend, sich ein stilles und unsichtbares Geistwesen zu denken, das
hier beschftigt war, Zuspruch und Beruhigung auszuteilen vor Nacht.

Aber dann kam das Dunkel, und die Einsamkeit berlief mich. Mir schien,
ich bin meinem lieben Freund doch eine Erklrung schuldig, warum ich ihm
mitten aus der Arbeit fort und hierher in die Heimat gelaufen bin, aber
leider -- das mu ein bichen Geheimnis bleiben. Da man es aus einer
rechten Verwirrung heraus getan hat, wird er ja verstndig geahnt haben.
Sagen aber lt sich, was man hier suchte -- und auch fand --, und um so
lieber, weil ich mich erinnere, da Sie schon mehr als einmal nach
meinem Papa gefragt haben und ich damals noch nicht erzhlen konnte,
will ich es heute tun und nun gleich damit anfangen ohne weitere
Vorrede.

Einmal fragten Sie, ob es kein Bild von ihm gebe, und ich sagte: Nur in
meinem Herzen. -- Photographien mochte er nicht leiden, und an Malern
fehlte es wohl. Aber er ist nicht schwer zu beschreiben. Ein kaum mehr
als mittelgroer, etwas gebeugter Mann, an dem Ihnen zuerst seine Nase
aufgefallen wre, die nicht eben schn war und etwa so krumm und
migestalt wie die von Allmers. Sein Haar, ursprnglich von rtlichem
Blond, begann frh wei zu werden und auszufallen, und ich sehe ihn nun
immer so wei wie in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Nur fnfzig
ist er alt geworden. Seine Stirn war an Reinheit und edler Wlbe das
Schnste, was ich mir vorstellen konnte als Kind. An seinen Augen wuchs
ich auf. Sein Geist war feurig, er erregte sich leicht, und dann waren
sie blaue Flammen. Wie der Sommerhimmel, wenn ich ihn in die weie
Obstblte glhen sah, so waren sie und ihr Blick nur schwer zu ertragen.
Durchdringend war er, fast durchbohrend, eine unbeschreibliche Mischung
von Gte und Strenge. Was aber Strenge schien, das kam allein aus der
starken Wahrhaftigkeit seines Willens und Geistes, und sein Herz machte
es milde, wie die Strenge des Marmors mild wird in der Seele des Bildes.
Sehen Sie, Georges, er liebte die Welt, und er und ich, wir liebten uns
so, da wir uns nie verlieen, und was mich betrifft, ich bin krank
geworden, wenn ich mehr als eine Stunde Weges von ihm getrennt war. Ich
konnte nicht atmen mehr, und das war wirklich. Meine Mutter habe ich
nicht gekannt und sie doch niemals vermit. Er war mein Lehrer; in eine
Schule bin ich nie gegangen, auch mit Kindern habe ich selten gespielt,
aber ach die unendlichen Spiele mit ihm! Wie wurde da alles lebendig
unter seiner Hand, und er bevlkerte meine kleine Welt mit unzhlbaren
sen Seelen. Er hatte so viele Gewalt, er konnte Krankheiten heilen
durch Handauflegen. Gewi -- nicht Lungenschwindsucht und dergleichen --
Sie verstehn. Mir fllt ein: Als Magda krank war, sagte ich es zu Jason,
der trbsinnig an ihrem Bett sa, und er sagte in seiner furchtbaren
Zerstreutheit: Freilich, freilich, ich kann es ja auch! Es sei gar nicht
so schwer, meinte er, man msse die Geister beschwren. -- Die Geister,
Jason? -- Nun, sagt er, oder die Nerven, ich habe keine Vorliebe fr das
Wort. Das sei auch so eine Erfindung wie die mit dem Telephon; ein jeder
brauchts, aber keiner wei, wie es zugeht.

Wie aber kann ich Ihnen begreiflich machen, was er lehrte? Er flte mir
sein Wesen ein. An jedem Tage, in jedem Augenblick gab er mir seine
strahlende Liebe zu erkennen, und da sie ein Licht war im grern
Licht. Er lehrte nicht Gott. Bedenken Sie, da ich sieben und acht Jahre
alt wurde, ohne das Wort Gott zu hren, und da ich noch lter geworden
bin, ohne mehr und andres davon zu wissen, als da es der Name aller
Vlker fr ein Wesen sei, das ich lange kannte, also da es einen Gott
der Juden gab, der Griechen oder der Christen. Sehen Sie, Georges, er
wollte, da mir das Wort ganz heilig sei, da ich mir nicht angewhnte,
es diesem und jenem beizulegen, oder es im Munde zu fhren. Er wollte,
da ich es selber erzeugen sollte aus meinem tiefsten Gefhl, und so ist
es gekommen. Als ich fnfzehn Jahre alt war, mute er eine Reise machen
und lie mich zurck, weil ich einmal zu erfahren hatte, wie es ohne ihn
sei. Es waren zwei grausige Tage. Ich lag krank am zweiten an Leib und
Seele, mir war zum Ersticken in meiner Not, am Abend konnte ich nicht
mehr liegen, konnte auch kaum gehen, und halb auf dem Weg ihm entgegen,
fiel ich um und lag an einer Hecke, als er kam. Da schrie, da weinte
ich: Gott! -- unwissend, ob ich den Vater meinte, der wiederkam, oder
das vterliche Wesen, das ihn mir wieder gab.

Aber nein, so geht es nicht weiter, ich sehe, man mu sein Leben erst
kennen, um verstehen zu knnen, was er lehrte, denn auch Christus war
ihm Gottes Sohn nicht anders, als wir alle seine Kinder sind. Wo fang
ich an?

Flor ist nur ein kleines Dorf, abseits vom Rhein, aber die Kirche, die
fr das ganze Kirchspiel erbaut ist, ist ziemlich gro und sehr hbsch,
ein einfaches und leichtes Barock, graue Pfeiler und Bogen und Kanten,
dazwischen die Flchen von neuer, schn gelber Tnche. Der Turm ist
zierlich, mit einem Kranz kleiner Sulen unter dem Helm, durch die man
die Glocken sehen kann, die ein und aus fliegenden Schwalben und den
Himmel. Im selben Stil war unser Haus gebaut, das nun nicht mehr steht.
Wenige Tage nach seinem Tode schon brannte es ab mit allem, was darin
war, in einer Nacht. Damals war manches geheimnisvoll, und auch dies.
Das ist nun zwei Jahre her. Die Menschen im Dorf, in der ganzen Gegend
haben ihn sehr geliebt. Sie haben nur den Schutt fortgerumt, einen
Rasenhgel aufgeworfen und ihn darunter begraben, denn sein Grab war
noch kaum geschlossen. Auf den Hgel haben sie eine alte steinerne
Sonnenuhr gestellt, von der er selber einmal gesagt hatte, da er unter
ihr liegen mchte. Unter ihrem Spruch: _Demit una, dat altera_ war Platz
fr seinen Namen. -- brigens waren die zwei ersten Lettern der Schrift
immer ausgelscht, und Papa sagte, man knnte also das Wort sowohl als
_Demit_ ergnzen wie als _Sumit_, je nachdem, wie man den Spruch
wnsche: die eine Stunde nimmt fort, die andere giebt wieder, oder: die
eine empfngt, und die andre giebt hin. --

Dort stand ich nun heut, und im Anfang war es doch schmerzlich, so im
Leeren zu stehn. Von der Haustr, an deren Stelle ich mich versetzen
konnte, fhrt eine Allee kleiner Kuppellinden auf die Gittertr des
Friedhofes zu; zwischen ihren Stmmen sind mannshohe dichte Hecken, so
hoch, da die Baumkuppeln nahe darber schweben, im Sommer ein ganz
grner Gang, ganz voll Schatten, Sonnensprenkeln und Lindenduft und
tnend vom Summen der Bienen. An jedem Abend gingen wir lange darin auf
und nieder. Das Land umher mssen Sie sich vorstellen wie einen einzigen
Obstgarten. Nur nach dem Rheine zu sind es Rebengrten, etwas kahl, und
der glatte Strom, der sich biegt, scheint de zwischen den grnen
Uferhngen. Aber ich war dort geboren, und er war mir vertraut und sehr
lieb.

Ach, Georges, aber das ist auch kein Anfang geworden, und meine tickende
kleine Uhr sagt, es ist schon zwlf. Nun, ich bin gar nicht mde und
will nun ganz von vorn anfangen und bei meinem Grovater.

Papa sprach selten von ihm, aber Onkel Augustin sagte, er sei
unwidersprechlich der hrteste Mensch gewesen, den man sich einbilden
knne. Stellen Sie sich Onkel Augustin vor, seine Gestalt und Gesicht,
ein bichen kleiner, aber in den rosigen und ewig freundlich scheinenden
Zgen eine nicht zu beschreibende Verhrtung. Seine Mutter ist eine
Wuppertalerin gewesen, und er sah recht aus wie so ein alter Wuppertaler
Fabrikmensch, glatt, freundlich, geistlich und hart. Diese Hrte ist
aber so innerlich gewesen, da sie sich niemals unmittelbar uerte.
Gegen alle Menschen, auch die er qulte und zugrunde richtete, war er
hflich und scheinbar herzlich; in Gesellschaft verstand er zu plaudern
wie ein Franzose, aber sein Witz soll Trnen in die Augen gebissen
haben. Er war so, da er zum Beispiel sagte, er pflege zum Aufschneiden
der Bcher, die er lese, ein silbernes Obstmesser zu bentzen; davon
bekmen selbst die trockensten eine Erinnerung an Frchte.

Onkel Augustin ist ganz in seiner Gewalt gewesen -- das waren Kinder
auch damals noch mehr als heut --, aber mit meinem Papa traf er es
schlecht, der war unbndig. Er war kein gutes Kind, war ber die Maen
hitzig, kannte im Zorn keine Ehrfurcht noch andere Grenzen und hatte --
ja, er litt unter einem unbezhmbaren Zwang, seinen Gelsten zu folgen.
Zwischen seinem Vater und ihm kam es, als er kaum laufen und sprechen
konnte, zu solcher Feindschaft, da es ihn, Papa, wie er mir erzhlt
hat, noch als er schon lange erwachsen war, schttelte in der Erinnerung
an manche Szene, und er hatte die qualvollsten Trume. Man mu freilich
wissen, da Vaters Wesen damals, als er Kind war, nicht sein wirkliches
war, und die Feindschaft kam aus einer hllischen Gegenstzlichkeit
ihres Wesens. Der eine war eben warm, der andre ganz kalt.

Kalt, ja, und hat doch seine Zeit einer Wrme gehabt. -- Papas Mutter
war ein sanftes, ganz weiches Wesen. An ihr htte, so sagte Papa, ein
Engel nichts auszusetzen gefunden, und sein Vater hatte keine
Gelegenheit, seine Hrte gegen sie anzuwenden. Zrtlichkeit kannte er
zwar nicht, aber -- sie war katholisch, und um sie heiraten zu knnen,
ist er es geworden.

Als Papa sieben oder acht Jahre alt war, gab Grovater den Kampf mit ihm
auf und steckte ihn in eine von Jesuiten geleitete Erziehungsanstalt.
Sie wren, meinte Papa, seinem Vater alle hnlich gewesen in der ueren
Hflichkeit und Gltte des Betragens und der inneren Verhrtung, und es
waren fr ihn furchtbare Jahre. Nicht ohne sein Verschulden, gewi, er
verbte tausend Tollheiten, er bemhte sich, ihnen entsetzlich und
unertrglich zu werden, als er sah, da Davonlaufen nichts half, da er
stets eingefangen wurde, und wie er es anstellte, ihnen schrecklich zu
werden, knnen Sie sich denken. Er hhnte und lsterte die Religion, er
verdarb seine Mitschler, er kmpfte einen jahrelangen Berserkerkampf
gegen das Gttliche, die heiligen Einrichtungen und Symbole bis zu den
schmhlichsten und ausgesuchten Lsterungen. Dies war in ihm wie ein
wstes Feuer, und er war klug und erfinderisch, und als er im Unterricht
auch die heidnische Gtterwelt kennen gelernt hatte, stellte er sich als
Heide, behauptete, das Blut oder die Seele irgendeines Griechen oder
Rmers in sich zu spren, und statt zur Mutter Gottes oder einem
Heiligen zu beten, sprach er mit lauter Stimme Anrufungen an Isis oder
Dionysos. Denen errichtete er insgeheim Altre in der Absicht, da sie
entdeckt wrden, feierte mit selbsterfundenen oder gar den kirchlichen
Riten ihre Kulte, ja, und dann endete es, glaub ich, damit, da er eine
Katze umbrachte, um sie dem Poseidon oder Ares Opfer darzubringen. Da
haben denn auch die frommen Vter den Kampf aufgegeben und ihn
heimgeschickt. Drei Tage spter sa er im Kadettenkorps.

Das war wenige Jahre vor dem Krieg 1864, den er als Junker mitgemacht
hat. Im Korps tat er zwar kaum besser als bei den Vtern Jesuiten, aber
jenes schwarze Feuer der Gottlosigkeit fand dort keinen Stoff, um zu
brennen, und alt genug war er auch geworden, um einzusehen, da er den
Erwachsenen ausgeliefert war, und da er nichts Klgeres tun konnte, als
sich zu beeilen, gleichfalls erwachsen zu werden; so nahm er sich mit
seinen Tollheiten, nchtlichen Gelagen und Kartenspielen und was es nun
war, einigermaen in acht. Obschon er nicht aufhrte, alles Religise,
vor allem die frommen oder frmmelnden uerungen der Mitschler zu
verspotten, sagte er mir, da mit dem Abfallen jenes schaurigen Zwanges
der Gotteslsterung eine wahrhafte Erleichterung ber ihn gekommen sei.

Trotz allem diesem hat er nicht so wenig gearbeitet und gelernt, nur
eben aus Trotzigkeit nicht im Unterricht; fr sich allein aber trieb er
beispielsweise Italienisch und Spanisch. Wenn aber in der Klasse
Thukydides gelesen wurde oder Cicero, so las er im Gegenteil Pindar und
den verbotenen Catull oder die Begebenheiten des Enkolp -- ach, er war
schrecklich!

Das Schlimmste daran, jedenfalls fr ihn, war, da er sich zwar weder
kannte, noch anders konnte, da es aber im Grunde eine unaufhrliche
Qual gewesen; da ihm immer bewut gewesen ist, falsch zu handeln, zu
denken, zu fhlen, so als sei er einmal vergiftet worden und mte Gift
ausschwitzen bei jeder Erregung. Onkel Augustin hat mir erzhlt, als wir
ber dies alles sprachen, da Papa als ganz kleines Kind beim ersten
Sehen seines Vaters in ein heftiges Schreien und Weinen ausgebrochen und
noch lange Zeit spter seinem Anblick niemals begegnet sei ohne
Geschrei, ohne Trnen, dergestalt da er spterhin -- Onkel -- sich des
Gedankens nicht habe erwehren knnen von einem schaurigen Spiel der
Natur, und da Papas Dasein von Anfang an auf ein falsches Geleise
gesetzt worden sei, von dem frei zu kommen die gefangene trichte Seele
kein Mittel gefunden habe. -- In der Jesuitenschule hat er einen Freund
gehabt, einen sehr alten Mann, der keinen Unterricht mehr erteilte,
seine eigenen Wege ging und sich -- freilich immer in dem vom Glauben
gezogenen Rahmen -- mit naturwissenschaftlichen Forschungen
beschftigte, auch mit Sternkunde und Astrologie. Der habe, erzhlte
Papa, ihm wie jedem neuen Schler das Horoskop gestellt, und was er
erfuhr -- er verriet es nicht --, mu ihn bewogen haben, den Knaben in
seine Nhe zu ziehen. Nun war sein ueres so ehrfurchtgebietend, da
Papa ihm gegenber sich hat beherrschen mssen. Sicherlich erfuhr der
alte Mann -- Bruder Jucundus, so hie er -- von den Lehrern der Anstalt
alles ber den Jungen, was ihm selber verborgen blieb. Er hat aber nie
etwas andres getan, als ihm beim Betreten und Verlassen seiner Zelle die
Hand auf den Kopf zu legen und in sein Auge einen Blick zu senken, dem
der Knabe vergeblich standzuhalten versuchte. Er lie ihn teilnehmen,
auch mit den jungen geschickten Hnden helfen bei seinen Untersuchungen
mit dem Mikroskop und den chemischen Experimenten, wies ihm an klaren
Abenden die groen Himmelskrper im Fernrohr, abgesondert vom Firmament,
und ohne eine Erwiderung je zu verlangen, lehrte er ihn nicht nur die
Kenntnisse, sondern das Walten der gttlichen Vernunft in alldem, und
da Stern und Tier und Pflanze und Menschenherz nur uerungen seien
eines ewigen Willens. Seltsam sei es gewesen, sagte Papa, da er die
Stunden mit dem Greis allzeit als schn, als rein, als wundervoll
empfand, und da doch mit dem Augenblick, wo die Tr hinter ihm zufiel,
wo noch der unwiderstehliche Abschiedsblick in ihm brannte, die Luft des
Flurs, des brigen Hauses als dumpfe Wolke sich ber ihn gesenkt habe.
Im Augenblick habe er vergessen mssen, krampfhaft und doppelt gereizt
zum alten Treiben.

Beim Verlassen der Anstalt hat Pater Jucundus ihm dann ein einziges Wort
gesagt. Er sagte: Ich wei alles von dir, mein Sohn, habe es immer
gewut, und Damaskus ist nun nicht mehr fern. Gehe mit Frieden! -- Dies,
und mehr noch der gtevolle, ja vertrauensvolle Ausdruck, mit dem es
gesagt wurde, hat Papa noch lange bewegt, ehe er es verga.

Es vergingen aber seit seinem Abschied von dort noch vier Jahre. Dann,
wie ich schon sagte, machte er den Feldzug gegen Dnemark mit, und da
traf er sein Schicksal.

Lieber Georges, nun ists aus, und ich kann nicht mehr. Halb drei ist,
mein Licht ganz heruntergebrannt, ich bin todmde, so schn die Nacht
eben ist. Aus der Tiefe des Gartens steigt so ein feines Duften, das
Schlafende atmet strker, auch reiner als am Tag, und immer wieder hr
ich ein ganz leises Knistern -- Regentropfen auf Zweigen --, und da fhl
ich so schn: die Natur schlft und trinkt zugleich wie ein ganz kleines
Kind. Die gute Natur! Sie ist geduldig und voll, und wir sind schlaflos
und rastlos und verstehen uns nicht in ihrer Flle.

                                                   Am 10. (vormittags)

Gestern kam ich vor Schlfrigkeit nicht mehr dazu, Ihnen zu sagen, da
ich den ganzen Tag noch hierbleiben mu. Der Lehrer hat nicht reinen
Mund gehalten ber mein Hiersein, nun wei es die ganze Gegend, und alle
wollen mich sehn. Aber es giet vom Himmel in Strmen, ich kann nicht
aus dem Haus, und keiner kann zu mir. Da sitzt sichs schn in der
Verschleierung und Regenkhle dicht am offenen Fenster, mitunter spritzt
was herein, also was da Flecken sind in der Schrift, das ist aus den
Augen des Himmels gefallen und nicht aus meinen.

Und nun gehts weiter.

Sie wissen von dem bergang der preuischen Truppen ber den Sund und
der Erstrmung der Insel Alsen am 29. Juni. Er war dabei, in groen
Khnen setzten sie ber, und als der Morgen graute, wagten sie die
Landung.

So hat er mirs zwanzig- und hundertmal beschrieben. Die lange
Nachtfahrt, lautlos, ohne Licht, mit umwickelten Rudern, dann das
schaurige Ergrauen der Welt im Osten, das Schwinden der Sterne im kalten
Nachtraum. Ihm war schon schauerlich um das Herz; obwohl er seine
Erregung nur fr Abenteuerlust hielt, schien es ihm mehr, als fhren sie
alle zu einem Fest der Sonne ber das dunkel Unsichtbare, dessen Dasein
seltsam pltscherte an den tastenden Rudern, als zum Sterben und Tten.
Als einer der Ersten sprang er dann in das flache Wasser. Es ward
bereits hell; die Umrisse der Insel erschienen deutlich im Morgengrau,
und das Letzte, was mein Vater sah, war am bleichen Osthimmel der eisige
Morgenstern und seine schreckliche Verwandlung. Denn da fiel ein Schu,
er sprte einen allmchtigen Schlag auf die Brust, nein, mitten auf das
Herz, und in einem ungeheuren Erdonnern fand er sich angedroht von dem
gewaltigen Stern wie vom Auge der Welt.

Ihm schwanden die Sinne; er lag, als er erwachte, am Ufer; und da war er
ein anderer Mensch.

Und wie ging es zu, Georges? Er hatte in seinem Besitz eine alte groe
Mnze, die er bei einem seiner ersten Besuche in der Zelle seines alten
Freundes an sich genommen und spter nicht zurckzugeben gewagt hatte.
Die war ihm eigentmlicherweise in die Hand geraten am Tage, wo er
seinen Koffer fr den Feldzug packte, und in einem unbegreiflichen
Gefhl, wie unter einem unwiderstehlichen Zwang hatte er, da ein Loch
darin war, eine Schnur durchgezogen und sie um den Hals gehngt auf die
nackte Brust. Er zog sie hervor, als er am Ufer der Insel in der
Morgensonne lag; ein Gescho steckte darin, und sie war blutig, da es
noch in seine Brust eingedrungen war.

Nicht wahr, Georges, das scheint nicht eben viel, ein glcklicher
Zufall, nichts weiter, und ich glaube wohl, man mte es alles erlebt
haben, um es zu begreifen: die nchtliche Fahrt, die Waffen, die
morgendliche See und den Feind im Verborgenen, den bleichen gewaltigen
Himmel und den Stern und vorher das ganze gequlte Leben: um zu fhlen,
da eine Hand ausfahren kann aus dem Unendlichen, um ihren Finger auf
eine Brust zu setzen, whrend das Auge des Ewigen dich bedroht.

Ja, so war sein Damaskus. Er hat dann den Feldzug noch mitgemacht, ohne
freilich mehr an den Feind zu kommen, hat danach sein Abschiedsgesuch
geschrieben und ist mit bewilligtem Urlaub ins Riesengebirge gefahren.
Er fand dort eine Stelle, wo er in fast vlliger Unabhngigkeit von
Menschen und in Einsamkeit leben konnte, und dort ist er lnger als ein
Jahr geblieben, indem er gewann, was er gewinnen sollte: die Einsicht in
die vollkommene Ordnung der Welt.

Verstehen Sie, Georges? Die Weisheit Kaiser Mark Aurels, >die von Ende
zu Ende reicht und stark und sanft alle Dinge ordnet<. Ganz gewi, diese
wars, die er einsehen lernte, und die ward sein Glaube. Aber welcher Art
war diese Einsicht? Sie hat ihn erfllt wie ein Odem, so war sie
berall, und jedes Ding von ihr lebend, sie, die ewige Weisheit, deren
Walten die Liebe ist. Aus Neigung und Abneigung der gewaltige Einklang,
und da alles Beseelte beseelt ist vom Streben nach Neigung und nach dem
Einklang.

Ich wei nicht, ob Sie ganz verstehen, oder ob Sie vielleicht fragen,
wie mancher fragen wird: Warum, wenn eine Vollkommenheit ist, warum ist
sie so, da ich sie nicht zu sehen bekomme, indem es mir elend geht?

Nun, auf diese Frage hatte er allerlei Antworten, und eine sehr einfache
ist mir im Gedchtnis geblieben. Er sagte: Wenn einem Menschen, der
niemals ein Bauwerk gesehn hat, ein einzelner Stein gezeigt wird, so
wird es ihm auf keine Weise gelingen, sich eine Vorstellung zu machen
von der Vollkommenheit des Gebudes, das sich aus einer Anzahl solcher
Steine errichten lt. Und, die Vernunft des betrachtenden Menschen in
jenen Stein bertragen, so wird auch der Stein keine Vorstellung haben
knnen. Darum, wie hoch auch die Vernunft eines Teiles sein kann, so
wird er doch niemals eine Vorstellung gewinnen knnen von der Ordnung
des Ganzen, dem er zugeteilt ist, ja das durch ihn besteht. Da aber der
Mensch nur ein Teil ist, kein Ganzes, wie jedes Ding, das braucht nicht
bewiesen werden.

Nein, hre ich meinen klugen Freund sagen, denn sonst wrde er nicht
zeugen, -- immerhin aber ein sehr schwerer Glaube fr Menschen, und gab
es keine Erleichterung?

Freilich wohl, und eine vor allem. Er hatte doch in einem Augenblick
seines Lebens diese Vollkommenheit wirklich gesehen. Ja, Georges, er
hatte ihren Finger gefhlt leibhaft, mitten im Herzen -- das heit, er
hatte Allmacht gefhlt, sie, die ihm dann in seinem einsamen Jahr wieder
erschien in anderer, nicht mehr bedrohlicher Gestalt, eben als die
Vollkommenheit. Also konnte sie offenbar werden. Und so war dies sein
Erkennen und sein Glaube, da sie beherrscht war von einer sen
Neigung, offenbar zu werden. Liebe, das war die Kraft, die all die
Myriaden Teile dieses Ganzen zusammenhlt, und so war es ihm durchzogen
von einem schimmernden Netzwerk von Offenbarungen. Lassen Sie es mich
noch einmal sagen: als er Einsicht gewann in die ewige Weisheit, da ward
sie ihm so feurig leibhaftig, so odemvoll lebendig, so schnaubend regsam
in ihm und reich an unendlichen Sinnen und Krften, da sie sich von
einem persnlichen Gotteswesen, wie Andere es fr wahr halten, nur durch
die Eigenschaften unterschieden haben mag, die eben die Andern ihm
beilegen. Sie hatte ja fast Zge, und mir, Georges, mir sah sie schon
ganz aus wie mein Vater. Sehen Sie, Freund, Gott ist immer ein und
derselbe, und verschieden sind nur die Wege.

Ein wundervolles Gewebe von Offenbarungen, das erfllte ihm die Welt,
und berall konnte dessen Feuer hervorleuchten, aus einer Blume, aus
einem Stern, aus Kindesmund, aus der Bibel. Der Einfltigste konnte es
empfinden, und der Weise es auslegen. Ja, so stark sei der Wunsch
Gottes, offenbar zu werden, da die Offenbarung nicht wahr zu sein
brauche an sich, sondern allein wahr durch den Glauben des Herzens, und
Spiritismus und Okkultismus, Bibelauslegung und Zungenreden der Sekten
-- all das galt ihm so lange fr ernst, wie er den Ernst zu sehen
glaubte in der Seele des Menschen. Er selbst glaubte fest an die Sterne,
und das war der Grund, weshalb ich geboren wurde.

Das ist nun aber mal furchtbar komisch gewesen. Er glaubte an die
Sterne, ihren Zusammenhang untereinander und unseren mit ihnen, wie
schon sein alter Lehrer, Pater Jucundus, ihn unterwiesen hatte. Und so
-- nachdem er grndliche Kenntnisse in der Sterndeutekunst erworben
hatte -- glaubte er auch, da ein Mensch, zu einer bestimmten Stunde
gezeugt, zu einer bestimmten Stunde geboren, gewisse, in den Sternen
ausgedrckte und erkennbare Eigenschaften auf die Welt bringen wrde.
Und nun sehen Sie, Georges: es ist alles eingetroffen, Zeugung und
Geburt zu den vorgesetzten Stunden, und gewisse Eigenschaften auch, blo
-- er hatte alles berechnet auf einen Sohn, und es kam eine Tochter,
nmlich ich.

Papa, als er es mir erzhlte, sagte, er sei im Leben nicht so verblfft
gewesen. Er hatte die Mglichkeit, da es kein Sohn werden knne,
berhaupt nicht im entferntesten geahnt und wollte nicht glauben, was er
sah. Nachher freilich habe er auch lachen mssen wie nie im Leben. Er
sah nun ein, da die Vorsehung sich zwar erkennen lt, aber in keiner
Weise beeinflussen. Im brigen stimmte, wie gesagt, die
Sternenberechnung durchaus, und auch ich hatte gewisse Eigenschaften
bekommen, die jene Stunde der Geburt einem weiblichen Kinde verleihen
sollte, und weiter noch hat es sich in meinem Leben gezeigt, da von
drei >Schicksalstagen<, als welche auch in der Sternauslegung eine groe
Rolle spielen, der erste eingetroffen ist -- die andern verriet er mir
nicht --, sein Todestag.

Aber davon spter; wir verlieen ihn ja im Riesengebirge, und ich will
weiter erzhlen.

                                                     Nun wieder nachts

Es ist doch Besuch gekommen, und ich hab abbrechen mssen. Gegen Mittag
hat das Wetter sich dann aufgeklrt, ich konnte meine Besuche machen,
und um ja zu recht Vielen zu kommen, hab ich einen Wagen anspannen
lassen. Das war eine Fahrt! Der Himmel so blau, die Erde dampfte ganz
wild in der Sonne, und ber das lchelnd Blaue flog immerfort Weies,
als wrden lauter Tcher emporgeworfen, immer dahinten, wo man nicht
sein kann. Die Obstblte, dahier das Schnste, ist ja leider zu andrer
Jahreszeit, aber dies Grn, o dies nasse, schwere Grn der Bume und
Wiesen, und noch Blumenfarben in den kleinen Grten und die blitzenden
vielen Silberkugeln und die blauen, die sie lustig hineingestellt haben,
und in denen man den Himmel sehn kann und alles, mitten zwischen den
Blumen. Vor jedem Dorf auf der Landstrae kamen die Kinder mir
entgegengelaufen, alle kleinen Hnde voll Strue, mein Wagen ist so
voll geworden, da sie an den Seiten wieder herausfielen, und aus den
Haustren traten die alten Leute, lachten und weinten -- sicher hab ich
zwanzigmal Kaffee getrunken, na und Kuchen so viel, da ich kein' Atem
mehr kriegen konnt, und geredet! Das sind ja dahier rheinische Menschen,
nicht so plump wie der Bayer und so derb, auch nicht so verschlossen wie
der Bauer im Norden, sondern treu- und offenherzig und redselig, und o
fein sind wir und gebildet, und wie war ich froh, da ich ihr Schwbisch
noch hab verstehen knnen! Ach, da sie mich Alle gern mgen, wei ich
ja auch, aber eigentlich hat es alles doch ihm gegolten, und ich bin ja
auch sein Geschpf, und ich hab wohl gesehen, da ihnen Allen so lustige
kleine Spruchbnder vom Mund wegflogen, wie auf den Bildern im
Mittelalter; wo aber auf denen jedesmal der Name der Person aufgemalt
ist, da hat immer sein Name gestanden --, ach lieber Freund, ganz satt
und trunken haben sie mich gemacht mit ihrer Liebe zu ihm!

Und ich mu nun, wenn ich weiter erzhlen will, im Gegenteil von
Lieblosigkeit reden, aber es wird ein bergang sein, und halt lt es
sich nicht ndern.

Er hatte, bevor er in seine Einsamkeit ging, dies Vorhaben und seine
Notwendigkeit seinem Vater nur schriftlich mitgeteilt und keine Antwort
empfangen. Ins Haus zurckkehrend, mute er von der Dienerschaft
erfahren, da seine Mutter gestorben war, und da sie den Auftrag
htten, ihn am Eintritt zu verhindern. Er kehrte um, eine Adresse
zurcklassend, um die er gebeten wurde. Der Grovater schrieb ihm, da
er nunmehr satt sei der Unbotmigkeit. Er mge sehn, was er treibe, ihm
jedoch nicht frher vor Augen kommen, als bis er im Besitz eines Berufes
sei, der ihn ernhre. Die Untersttzung hierzu knne er alljhrlich bei
einer Bank beheben. --

Papa hatte nun das Glck, einen wundervollen Aufschwung all seiner
Krfte und Fhigkeiten zu erleben. Die Offenheit der Welt war in ihm,
und was in ihn strzte, war Reichtum der Welt und kostbare Nahrung. In
der Einsamkeit hatte er zu der groen ersten Erkenntnis eine zweite, fr
sein ttiges, sein gleichsam persnliches Leben gltige gewonnen -- die
seiner Berufung zum Priester. Zum Priester ja, und weniger zum
Verknder, zum Apostel, sosehr er glaubte, damals, im mchtigen Feuer
seines Gottesgefhls glaubte, den Schatz einer neuen Religiositt
gefunden zu haben. Jedoch hatte er bei aller Leidenschaftlichkeit
keinerlei Anlage zum Revolutionr, ja, er verabscheute das
Revolutionre, das Zerstrerische daran und auch die Gewaltsamkeit neuer
Formung. Da allezeit kaum der hundertste Teil von dem, was der
revolutionre Geist erstrebt, seine Verwirklichung in der menschlichen
Gemeinschaft findet, so schien es ihm ersprielicher und seinem Wesen
gem, die Verwirklichung des von ihm Erkannten zu erstreben und
versuchen im einfachen Wirken. Bilden, sagte er, im menschlichen Stoff,
ist Umbilden; ist, den guten, den brauchbaren Keim zu erkennen und, ihn
entfaltend, die alte Form zu durchwirken und umzuschaffen.

So ging er frs erste daran, die menschlichen Wissenschaften vom
Gttlichen sich zu eigen zu machen, indem er zunchst Theologie
studierte, spter auch Philosophie, Natur- und Sozialwissenschaften.
Dazu erwarb er reiche Kenntnis in den lebenden und toten Sprachen, sogar
im Sanskrit und der Bilderschrift der gypter, berall aus den Quellen
selber zu schpfen geneigt. Erst fnf von den zehn Jahren, die er daran
setzte, waren vorber, als sein Vater die Zahlung der Untersttzung
einstellte mit der Begrndung, es sei ihm zu Ohren gekommen, da er mit
einer Weibsperson zusammen lebe. Er mge sie aufgeben oder ihn. Papa
mute dies Ansinnen leider abweisen. Durch seine Verheiratung mit jener
Weibsperson, meiner Mutter, einige Jahre spter, und seinen
gleichzeitigen bertritt zum Protestantismus, zog er sich die vterliche
Verfluchung zu. (Seltsam, nicht wahr, da der Grovater am Sohn nicht
anerkennen wollte -- ja, vielleicht nicht einmal erkannte --, was er
selber im gleichen Alter getan hatte!) Er lie ihn wissen, da er fortan
nur noch einen Sohn habe, und er hielt dies Wort so, da er auch die
Beziehung zwischen Papas Bruder und ihm gewaltsam verhinderte und ihn
nicht rufen lie, als er starb. Papa hat ihn nur als Leiche
wiedergesehen. -- Lassen Sie mich aber nun erst von meiner Mutter
erzhlen.

Nachdem jener Schu auf Alsen Papa getroffen hatte, lag er noch zwei
Tage an der Kste von Schleswig in einer seltsamen Gelhmtheit, die er
erst am folgenden Morgen versprte, fast weniger der Glieder als des
Willens, bei dnischen Bauersleuten, die ihn pflegten. Besonders nahm
sich ein Mdchen seiner an, noch halb ein Kind, das in jenem Haus
aufgewachsen war, aber ihm nicht entstammte. Sie war eine Deutsche und
dies alles, was man von ihr wute. Eines Morgens war das Kind auf dem
trocknen Strand in einem Korbe gefunden worden, ohne Zweifel in einem
Boot hergebracht. Ein Zettel von mnnlicher Hand mit der Bitte, sich des
Kindes um Gottes willen anzunehmen und es zu taufen, verriet so viel,
da es nicht von burischer Herkunft war, was sich denn auch erwies, als
es heranwuchs und von bergroer Zartheit des Leibes ward. Nicht eben
schn, von sehr schmchtigem Wuchs und auch schmchtigen, lnglichen
Zgen, blond und hellugig mit jenen starken Augpfeln, wie man sie
nicht selten sieht bei so zarten und schmchtigen Geschpfen, so kenne
ich sie nach ihrem einzigen Bild. Sie war so still wie ein Licht, und
wie das Licht nur Flamme ist, so verzehrte sich in ihr eine goldene
Seele von lauter Feuer. Seit dem Augenblick, wo sie meinen Vater
erblickte, hing ihre reine Jungfrulichkeit ihm an, und er wurde der
Leuchter, der die allzuglhende Flamme noch so lange dem zarten Krper
erhielt. Mu ich sagen, da und wie sehr er sie liebte? Sie wich nicht
von ihm. In die Einsamkeit zog sie mit, freilich nur bis zu einem Dorf
in der Nhe seines Aufenthalts, von wo sie ihm alltglich Speisen
brachte. Spter lebten sie dann ehelich zusammen, merkwrdigerweise
lange Jahre, ohne Kinder zu bekommen. Denn auf jenen Einfall der
Sternengeburt ist Papa erst viel spter gekommen, und obschon sie dann
eine Pause eintreten lieen im ehelichen Umgang, bis sich die Stunde
erfllte, schien ihm die anfngliche Kinderlosigkeit grade ein Zeichen,
da alles sich so vollziehn sollte, wie es dann geschah. Aber ach, sie
hat mit dieser Geburt ihre Kraft erschpft! Fast nur noch Seele, glhte
sie in grausamer Schnelle nieder, und sie erlosch ganz, anderthalb Jahr
nach meiner Geburt, freilich in der inbrnstigen Gewiheit, nunmehr erst
zu reiner Flamme aufzublhn in der Vollkommenheit und berall zu sein
wie das Licht.

Ich habe, soviel ich vom Vater bekam, doch manches von ihr ererbt. Sie
mu eine Norddeutsche gewesen sein, nach ihrem Charakter und allem, was
man von ihr wei, und bertrug so auf mich, was schon von Voreltern her
Nrdliches im Blut des Geschlechtes war und was mein Vater entbehrte,
dessen Ungebrdigkeit und pltzliches Wesen erst in spteren Jahren zur
Ruhe kam, zu einer mehr gleichmigen Glut sich verdichtete.

Was aber nun ihn angeht und seinen Beruf, so hatte er inzwischen einsehn
gelernt, was ich schon sagte: da Gott der Eine ist, verschieden nur die
Wege. Er wollte Neues bringen, einen neuen Weg, aber nicht mit Schrecken
und berma, sondern allein durch das Wirken von innen. Er hatte auch
die Menschen kennen gelernt und sah, da sie des Priesters bedurften,
die Einfltigen wie die Klugen, des Hlfreichen, Heilenden, so gut wie
ihr Krper des Arztes, und dies wollte er sein. Ja, wenn er einen neuen
Weg zu finden gemeint hatte, so war er ersichtlich doch neu nur in
seinen Augen und uralt in Wirklichkeit, daher es seinem Wesen
widerstrebte, als neu auszurufen, was es in Wahrheit nicht war. Lngst
erkannt hatte er auch Jesus von Nazareth und sein ewig Gltiges, obschon
er ihm mehr durch sein Leben als durch sein Sterben jene >stark und
sanft alle Dinge ordnende Weisheit< zu vertreten schien. Und wenn sie
ihn nicht gekreuzigt htten, sagte er, wrde er _nicht_ gen Himmel
gefahren sein nach solchem Leben? Also kann ich mit Recht den Kreuzestod
berschlagen, aus dem sich doch, wenn man die Summe zieht, zwar die
Kraft seines Wesens und Glaubens, aber mehr noch die Unvernunft der
Menschen ergiebt, und die, sagte er und lachte, ist schon anderweitig
bekannt geworden. Er unterlie nicht, auch das Blutzeugnis Christi
anzurufen, wenn er an die Kraft der Glubigkeit im Menschen gemahnen
wollte, aber seine Abendmahlspredigten -- nun, ich werde sie Ihnen
daheim zu lesen geben.

Er hatte ferner erkannt, da der einfache Mensch der Satzung bedrftig
sei und des Dogmas, aber da es Beruf und Aufgabe eben des Priesters
sei, diese auszulegen auf den rechten Gebrauch, damit sie wrden, was
sie sein sollen: Mittel des Lebens, Hlfen, Ordnungen, nicht aber was
die Menschen allzeit aus ihnen gemacht haben: Ketten, Hindernisse und
Kerker und Fallen, die sie unaufhrlich einander stellen. Er erkannte
endlich, wie schwer es sei, sie zu seiner Einsicht zu fhren, die fr
ihre Augen zu blendend war, und da sie der lindernden Spiegel
bedurften, um den ewigen Strahl zu ertragen, um ihn zu lernen, bevor sie
ihn ungeschtzten Auges empfingen, -- aber auch da es berall die
Wenigen gebe, die der Wahrheit ins Antlitz zu schauen vermgen; da es
seine Aufgabe sei, vor allem diese zu finden, zu bilden, zu einer
Gemeinschaft zu gestalten, die weiterhin sich auswirke.

Priester des katholischen Bekenntnisses zu werden, war ihm solchermaen
unmglich, da er keinen Stellvertreter des Ewigen auf Erden anerkennen
konnte. Im Kern der protestantischen Lehre dagegen, dem: so halten wir
es nun, da der Mensch gerecht werde nicht durch des Gesetzes Werk,
sondern allein durch den Glauben, fand er den Quell seiner Lehre wieder,
die mit der Einsicht in das Wesen der Vollkommenheit beginnt, die eine
Religiositt und Lehre freilich sein soll fr das Leben und das Handeln,
in der aber jegliche Handlung erst mglich wird durch den Glauben. -- So
ist er Protestant geworden und verknpfte mit dem bertritt die
uerliche Form der Ehe mit Mama, die zuvor nur vor Gottes unsichtbarem
Altar geschlossen war.

Sehen Sie, lieber Freund, welch schwerer Glaube es war, den er seinem
Kinde von Anbeginn lehrte, nur mit dem einen lindernden Spiegel, dem
Augenpaar ewiger Liebe unter seiner eigenen Stirn. Denn eines war fr
den Menschen in dieser Lehre nicht enthalten; eines, dessen mit allen
Religionen auch das Luthertum, das er auf der Kanzel vertrat, nicht zu
entraten wute; die eine gewaltige Hlfe Gottes im Leben: das Gebet. Ja,
die Wenigen, die er ganz fr sich gewann, des Gebets zu entwhnen, war
die schwerste, war ja die eine, eigentliche Aufgabe. Denn sie ist, die
Vollkommenheit, ist, und sonst nichts. Erflehen lt sie sich nicht,
sondern allein empfinden, und dies ist die Aufgabe, die sie auferlegt,
so ganz von ihr erfllt zu sein an Seele und Gliedern, sie so aufgesogen
zu haben in das Sein, ins Fhlen und Denken und Handeln, da sich in ihr
leben lt, und da Leben heit, sie ausstrahlen. Und davon die Folge?
Da in jeder Lebensnot, jeder Gefahr, in aller Ungeduld und Verwirrung
und Trbsal der Mensch allein angewiesen ist auf sich selbst. Nichts
ist, was sich erbitten und beschwren, was um Halt, um Erleuchtung, um
Linderung sich anrufen liee. Man mu glauben. So viel gab er wohl zu,
da ein Streben in der ewigen Weisheit walte, eine Neigung,
zurckzugewinnen, was aus ihr gefallen sei, entgegenkommend dem Streben
des Gefallenen selbst. Verwirrung dagegen liee sie kaum noch gelten,
sagte er, und was berhaupt die groe Mehrzahl der Daseinsnte angehe,
alltgliche Kmmernisse und dergleichen, so mge sich keiner einbilden,
da sie, die Weisheit, eine Ahnung davon habe, und mge sich fr sich
allein damit abfinden. Wohl habe das Gttliche eine Sehnsucht danach,
ausgestrahlt zu werden vom letzten Punkt der Erde, und eine Freude
daran, sich zu ergieen in jede willfhrige Stelle; sie bemhe sich aber
so wenig um das Taube wie um das Blinde, und das hingegen mge der
Mensch selber besorgen.

Man mu glauben; und ich, ach ich habe es bald erfahren, denn hier bin
ich ja, heute wieder geheilt, aber die Verwirrung, in der ich kam -- ach
wie klein seh ich sie nun! --, war doch so stark, da sie alles umwarf
in mir und mich hertrieb zu der ganz irdischen Stelle, wo ich einst
alles hatte, Gott und Glauben und Vater und Heimat und Seelenruhe, alles
in ihm, der zu frhe ging und als ich noch lange nicht fertig war.

Als er starb, da glaubte ich es zu sein. Das war so:

Er legte sich nieder in seinem fnfzigsten Jahr mit Lungenentzndung und
sagte gleich, er wisse, da es das Ende sei. Er sagte das mit einem
furchtbaren Gram der Sorge um sein Kind, und bald, als er das Bewutsein
verlor und delirierte, war aus den Worten, die er hervorstie, zu
erkennen, da er von nichts anderem geqult wurde als einer malosen
Angst, mich schutzlos, unfertig zu verlassen, und ins Ungemessene stieg
auch die meine. Pltzlich war dann fr mich alles aus. Was geschehen
ist, wei ich kaum. Von Papas Bruder, den ich gerufen hatte, dessen
Kommen ich aber schon nicht mehr wahrnahm, erfuhr ich spter, da ich
bewutlos dagelegen habe und wie von Stein. Und dies sieben Tage. Er hat
mir nicht sagen wollen, was unterweil mit meinem Vater geschah; sein
Grab war, als ich aus einem tiefen und reinen Schlummer erwachte, eben
geschlossen. Vorher, vor dem Schlummer, so viel nur wei ich, war das
Entsetzliche. Es hatte keinerlei Gestalt, doch ich wei, da es Kampf
gewesen ist. Ein Kampf um Leben wurde ausgefochten, ich wei nicht von
wem, aber mein Vater hat teil daran gehabt wie ich selbst. Wer gesiegt
hat in dem Kampf, auch das ist mir unbekannt geblieben, aber mein Vater
starb. Spter sagten sie mir, die Vgel der ganzen Gegend htten nicht
gesungen noch gezwitschert in jenen sieben Tagen, -- und was es
bedeutet, werden Sie verstehen, wenn Vetter Josef sagte -- er war mit
seinem Bruder zum Begrbnis gekommen --, da er niemals eine so
vollkommene Reinheit der Luft eingeatmet htte wie whrend jener Tage im
Haus.

Es war frher Morgen, als ich zu mir kam aus dem schnen Schlaf, -- Ende
des Mrz wars, und in mein Fenster zu ebener Erde herein blhten die
Kirschbume des Gartens. Am Fenster stehend, so erquickt, als sei ich in
Himmel gebadet, sah ich ihn ber den Wolken der Blte, erwacht wie ich
selbst, seiner wieder froh, vollkommen rein und leicht wie das Licht.
Da Papa nicht mehr war, wute ich auf einmal; aber kein Schmerz! So wie
damals in seine Brust der Stern, aber liebend traf mich von oben sein
wieder ewiges Auge. Es machte mir zum Hause die Welt; es legte mich mit
Blumen und Sternen und Husern und fr immer an seine Brust.

Damals, ach damals war ich stark in seinem Glauben wie nicht vorher,
nicht nachher. Ja, noch so stark, da, als ich eine Woche spter das
Haus verschlo, um in die Schweiz zu fahren, so schmerzlich mich das
Scheiden von allem bewegte, was sein, was doch leiblich an ihm gewesen
war, s und haltbar, -- da ich als ganz leicht die Ahnung empfand, ich
wrde das Haus nicht wiedersehn. Und selbst als ich, wieder eine Woche
danach, die Nachricht bekam, da es niedergebrannt sei, weinte ich wohl,
aber ich hielt es fr gut und schn, da auch die weitere Hlle seines
irdischen Daseins nicht mehr sein sollte.

Seitdem bin ich schwcher geworden und so schwach, da ich nun hier
sitze. Er war gut zu mir wie je, lie mich die Schwche nicht entgelten,
sondern blickte mich an aus allem, aus seinem Hgel und der stillen Uhr,
aus Bumen und Wolken, und es fiel mir bald leicht, ihm zu versprechen,
da es das erste und das letzte Mal gewesen sein sollte.

Sein Blick nmlich erinnerte mich an eine kleine besondere Lehre, ein
privates Haben von ihm, das er mir mitteilte, und dem freilich viel in
meiner Natur entgegenkam -- die Lehre vom Warten. Wie er sein Damaskus
gehabt hatte zur festgesetzten Frist, so glaubte er -- jawohl, ein
bichen aberglubisch! -- an bestimmte Stunden, in denen lange Gereiftes
zur Vollendung komme, an Tage, in die das Schicksal sich sammle, und --
wieweit er recht hat, wei ich zwar nicht, aber in mir kam immer alles
ihm entgegen, wenn er von der Pflicht sprach, geduldig zu sein, ohne
Unrast, nicht bitter zu werden vor der Reife, nicht krnklich im Sehnen,
sich nicht zu vergeuden, nicht zuzugreifen nach allem, was _scheine_,
nicht den edlen Hunger zu speisen mit nichtigen Happen, stark und eifrig
nur in jedem Streben nach einem Guten, dem Glck, da es doch niemals
ntze, die vorbestimmte Frist durch bereifer und trabende Fe zu
qulen, so wenig es im Eisenbahnwagen helfe zu laufen. Ja, schn, nun
wei ich das alles wieder recht gut, und doch wre ich gern den Gang auf
und nieder gerannt im Eisenbahnwagen, um schneller hier zu sein und die
Stillung zu empfangen fr das innre Gerenn meiner letzten Wochen.

Sie aber wissen nun auch, lieber Freund, weshalb ich Ihnen so dankbar
bin fr das Geschenk des gyptischen Knigs, und weshalb ich ihn so sehr
liebe, Ech-en-Aton, unseren Freund! Da ich sein Antlitz erkannte als
reinen Spiegel der Weisheit; da ich an seinem Auge sehe, wie es blind
und selig ins Herz des ewigen Wesens blickt und sein Strahl es nicht
blendet; da er nur immer dasteht seit Ewigkeit und sich mht, die
Vollkommenheit aufzufangen mit Leib und Seele. O mchte ich ihn einst
brderlich empfinden knnen, wie heute noch tief unterlegen!

Gute Nacht, Freund, morgen komm ich zurck. Den Brief werden Sie zwar
spter zu sehen bekommen als mich selbst, aber deshalb stecke ich ihn
morgen doch in den Kasten, weil ich wei, da bermorgen Ihr Geburtstag
ist, und allein zu diesem Zweck hab ich ihn geschrieben. -- Auf
Wiedersehn!

                                                                Renate


                              Erschpfung

Es waren wohl Wochen vergangen. Georg vermutete so, -- und auch, sehr
krank gewesen zu sein. Nun war da Helenenruh, und irgendwie war alles
gut. Er merkte, da er sehr allein war, da er nicht denken konnte, da
ganze Tage durch ihn hingingen wie Schatten durch Wasser, da sein Vater
da war -- und nicht mehr da. -- Da er zittrig umherging, da es einmal
Nachmittag war, einmal Abend, und da viele Fenster waren, hinter denen
es regnete.

Pltzlich war Bogner zugegen. Er legte eine Mappe vor ihn hin mit
Radierungen, und Georg konnte sehn, was es war, konnte sich freilich
nicht recht entscheiden, ob diese Dinge da wirklich vor sich gingen oder
nur gezeichnet waren. Es sei ein Zyklus >Hades<, hrte er eine Stimme
mehrmals sagen, und jetzt kam er zu sich, Bogners Gesicht dicht ber
sich gewahrend, da er neben ihm stand, um die Bltter umzuwenden. Jetzt
htte er ihn fragen knnen, wie er denn hierher komme, mochte das aber
nun nicht mehr, sondern beugte sich tiefer ber die Bltter, die ihm
ungeheuerlich erschienen wie manche Dinge im Traum. Da waren die
Danaiden, ein unbeschreibliches Gewimmel von Frauenkrpern, die sich
ber drei aneinandergereihte Bltter hin an den Gestaden eines Flusses
bewegten; etliche lagen an der Quelle, blumenflechtend, etliche beugten
sich mit ihren Krgen von bekrnzten Flen, Gruppen und Scharen, und
einzelne Wallerinnen schritten in schner Bewegung von Hgeln zur vollen
Stromesbreite, alle in einer unwahrscheinlichen Helligkeit, alle nur in
Umrilinien gehalten, und alle ohne Gesichtszge, leere Ovale statt der
Antlitze zeigend, grauenhaft seelenlos anzusehn. Da war Tantalos, eine
kaum sichtbare Gestalt in einem schwarzen Geklft, am Boden ausgestreckt
wie ein Frosch, wo ein Wasser verrann, und hier noch einmal,
emporfliegend wie ein Schatten zu den ber ihm fortwirbelnden Zweigen
und Frchten. Sisyphos war da, der Akt eines Athleten, der mit Hnden,
Kinn und Schultern zusammengekrmmt den riesigen Wrfel bergan trieb;
und hier starrte er vom Hgel dem rutschenden Felsen nach, ein Riese,
hlflos, mit ungeheuerlich nach vorn hngenden Schultern und vergreistem
Antlitz; und da war der zu Tal jagende Block in Qualm und Gerll,
dahinter der Mensch, nachstrmend, mit flatternden Haaren, springend,
schreiend, aufgerissen, sinnlos. Persephoneias Antlitz blickte gerade
aus dem Blatt, bleich und ergraut; durch kerzenschlanke Stmme hinter
ihr, unter wagrecht abgeschnittener Masse schwarzer Wipfel schimmerten
elysische Gefilde und Gestalten. -- Georg gingen die Augen ber; Bogner
war nicht mehr da.

Nun kam viel Schlaf. Dann konnte er wieder grade umhergehn und erkennen,
da es November war. Hin und wieder schlief er, in Decken gewickelt
unter freundlich wrmender Sonne auf der Terrasse. Milch gab es zu
trinken, sehr schne, in kleinen, kostbaren Schlucken. Stundenlang
hockte sichs angenehm schlfrig an einem Fenster im Klaviersaal, whrend
es drauen hagelte und strmte, oder whrend die Nebel heranwogten und
alles verhllten.

Dann trat eines Tages Jason al Manach bei ihm ein, setzte sich nach der
Begrung -- es war im Klaviersaal --, erhob sich wieder, ging zu
Bogners Gemlde und stand lange darunter. Georg folgte ihm mit den Augen
und wunderte sich, da er in kleinen Pausen immerfort den Kopf hin und
her bewegte oder schttelte. Dann sah er ihn einen Sto Briefe vom
Harmonium nehmen, damit zum Fenster gehn und sie langsam durchsehn;
schlielich behielt er ein Telegramm in Hnden und drehte es um; es war
verschlossen. Al Manach ffnete es, schttelte, schttelte, schttelte
den Kopf, las fr sich, schnaubte eine Art Lachen und sah Georg an.

Sie haben seit drei Wochen keine Post gelesen? fragte er.

Georg bejahte, auf einmal ganz wenig gengstigt. Ist denn was? fragte
er.

Jason blickte wieder in das Telegramm und las vor: New York, 28.
Oktober. Gerettet. Esther verloren. Jason.

Georg zuckte leicht zusammen, hrte das laute Rauschen des Regens auf
den Steinplatten der Terrasse, besann sich, was die Worte bedeuteten,
sah al Manach ans Fenster treten, hinausblicken, den Kopf schtteln, sah
ihn sich setzen, den Kopf senken, ngstlicher nun jeder Bewegung dieses
Menschen anhangend, und hrte ihn reden.

Also: Zusammensto mit einem Eisberg. Nachts. Ich sa im Caf. Die
Rettungsboote kamen meist nicht ins Wasser, zerschellten. Die See war
glatt. Es herrschte eine sogenannte Panik. Ich benahm mich verstndig.
Ich suchte Esther. Ich habe sie nicht gefunden. Ich half Leuten in die
Boote. Ich suchte, wie man so im Traume was sucht. Ich sah einen, der
vor Angst ins Wasser sprang. Da wurde ich ber Bord geworfen. Ich hatte
eine Schwimmweste an. Ich wurde von einem Boot aufgefischt. Ich sah
etwas, das Sie eine Halluzination nennen werden. Nmlich, ich kenne den
Tod sehr gut. Ich habe ihn seit meiner Kindheit vor mir her gehen sehn,
zuweilen stehn bleiben und mich anschaun und mich vorberlassen. Auch
unterhielten wir uns oft ber das menschliche Leben. In bedeutender
Weise erschien er mir mehrmals, diesmal wars das achte. Wo ich geboren
wurde, stand er dabei, und meine Mutter starb. Als ich acht Jahre alt
war, fiel ich drei Stock hoch herunter und blieb lebendig. Als ich
sechzehn alt war, stand er vor meinem Bett, wo mich die Diphtheritis am
Hals hatte. Als ich vierundzwanzig alt war, stand er zu Fen des
Bettes, in dem Angelika starb in ihrem Blut. Als ich zweiunddreiig alt
war, sah ich ihn an einem brennenden Eisenbahnzug entlang gehn, und dann
gab er die Genauigkeit auf, und ich sah ihn gleich darauf an einem
Teich, und bei einer Windmhle, und jetzt sah ich ihn mitten im Wasser
stehn, grau und verschleiert wie immer. Ich sah noch etwas. In der Nacht
hoch ber mir -- denn so ein Ozeandampfer hat eine schne Hhe -- war
eine Gesichterreihe berm Bordgelnder, und darin das Gesicht von
Esther, sehr deutlich. Das war still, und die Augen sahen starr nach
einem, der neben mir im Boot sa. Sie warens, Prinz. Da gingen ihre
Augen zur Seite, sie sah wie ich den groen Grauen im Wasser, der den
Arm hob und nickte. Dann lchelte sie. Ich bin gekommen, um Ihnen zu
sagen, da Esther Sie angesehn hat, als das Schiff unterging. Dies war
sehr feierlich. Sie spielten einen Choral. Ich habe den Tod so groartig
noch nicht erlebt.

Nachdem er eine Weile aufrecht gestanden hatte, setzte er sich nun
wieder, als msse er sich da durch zum Aufhren seines Redens ntigen.
Georg fhlte, da ihm etwas Schmerzliches in Kehle und Augen aufstieg,
da etwas ihm hei ber die Wange lief, und dachte: Ich glaube, ich
weine. Darber aber rannten die Gedanken fort ins erste Kapitel von Jean
Pauls Flegeljahren, wo die Erben um den Tisch sitzen und sich in einer
halben Stunde zum Weinen zu bringen suchen, um das Haus zu gewinnen, und
einer erhebt sich feierlich und sagt, grade wie ein Andrer die Trnen in
sich steigen fhlt: Ich glaube, -- ich weine ... Georg fing leise an zu
lachen, wollte das Lachen halten, es gelang ihm nicht, endlich
schluchzte er auf und wurde still.

Tot war die kleine Esther. Schon lange war sie fortgefahren, schon lange
war sie tot. Darum hatte sie ihm so traurig zugenickt aus dem
Eisenbahnfenster. Vom >zur rechten Zeit sterben< hatte sie etwas gesagt.
War das nun eingetroffen? -- Einmal hatte er ihr ein Veilchenstruchen
gekauft; eines war herausgefallen, das hatte sie ihm gegeben, eine
winzig kleine, embryonische, dunkle Blume, die er innen in seinen
Handschuh geschoben hatte. Beim Ausziehn dieses Handschuhs fiel es auf
die Erde, und er hob es in einer leeren Zigarettenschachtel auf, er
hatte soviel Anhnglichkeit an so was. Als er sie nach ein paar Tagen
wieder ffnete, war die Blume schwarz und trocken, aber die Schachtel
war ganz voll von Duft gewesen. So breitet die sere Seele sich ber --
ber ... Wie berauschend brauste der Regen! welch ein Getse! Es ward
dmmrig, es ward dunkel. Jasons bleiches Gesicht war noch dort, aber
nach einiger Zeit verschwand es auch, lste sich auf. --

Ob der rote Baum noch am Wasser stand? -- Ein sterbendes Gesicht an
einem Kreuz, erzhlte Esther, das mich ansah. -- Georg fing heftig an zu
weinen. Drauen rauschte das unendliche Wasser. Ganz unten lag die eine
Tote, rotviolett gekleidet; eine Muschel lag vor ihrer Stirn, sie
schlief sich aus. -- Warum so ernst, Esther? -- Georg weinte heftiger
und unaufhaltsam, weinte wieder leiser und verlor Schmerz und sich im
Schlaf.


                        Achtes Kapitel: Dezember


                            Renate an Magda

                                           Altenrepen, am 23. Dezember

Mein liebes Herz:

Du sollst nun hren, weshalb ich Dir einen ganzen Monat fast nicht
geschrieben habe. Onkel ist am 2. zurckgekommen; er war nicht zu
erkennen. Im Treppenhaus sah ich einen alten Mann; er war weihaarig,
mit weien Bartsprossen am Kinn, gebckt und schlottrig, und verzog sein
Gesicht zu einem abwesenden Hflichkeitslcheln. Dann ging er an mir
vorber zu seinem Zimmer. Ja, da hing ich am Treppengelnder, mir wars,
als wr ich aus Kalk. Ich wei nicht, wie lange Zeit verging, bis ich
wagte, ihm nachzugehn. Er sa in einem Sessel und schien aus dem Fenster
zu sehn, antwortete auf nichts. Wie er hergefunden hat, -- ich wei es
nicht. Ich umschlang ihn und weinte, aber er schien es nicht so recht zu
begreifen; schien nur ungeduldig, mich los zu sein. So ist er seitdem.
Die Speisen kommen meist unberhrt zurck. Milch trank er gern; soviel
er bekam, trank er immer aus, und nachdem die Kchin ihn einmal aus der
Speisekammer hat kommen sehn und hinterdrein eine Verminderung der Milch
bemerkte, lasse ich immer eine grere Menge auf seinem Zimmer sein; das
bildet nun, mit etwas weiem Brot, seine Nahrung. Im Anfang, wenn ich
ihn auf meinem Weg zur Kapelle oder zurck am Fenster stehn sah,
lchelte er noch und grte mich, aber auf eine so fremde und
unterwrfige Art, -- mich schaudert noch; aber spter verlor er mich
scheinbar aus dem Gedchtnis. Jeden Mittag, gleichviel wie das Wetter
ist, geht er in den Garten und fngt an, den Rasenplatz zu umkreisen,
die Hnde auf dem Rcken, eine Stunde und lnger. Nun laure ich jedesmal
auf seinen Schritt im Treppenhaus, um ihm einen Mantel umzuhngen. Der
Bart ist ihm lang gewachsen, er sieht nun ganz wrdig aus, sein Gesicht
ist sonderbar rosig geblieben, die Augen scheinen nun viel dunkler, und
der Bart fngt dicht darunter an. Natrlich habe ich ihn von Doktor Pahl
beobachten lassen; der meinte, er msse einen Schlaganfall erlitten
haben; ich erzhlte ihm alles, von Josef und auch das andre, was er vor
seiner Reise mit mir sprach, und der Doktor sagte etwas von fixer Idee,
und was hilft uns das?

Einmal sprach ich mit Erasmus. Der sagte wenig. Um seinetwillen, sagte
er, wre sein Vater nicht so geworden.

Ich klage nicht, Magda. Ich wei nicht, wieviel hiervon mein Verschulden
ist. Ich habe ihn allein reisen lassen, ich habe mich frher viel zu
wenig um ihn gesorgt, o wenn es doch mehr wre, hundertmal mehr, da ich
etwas _htte_, da ich leiden mte, leiden! Nun ist alles so unbestimmt
und macht nur mde.

Denkst Du auch wohl an heute vor einem Jahr? Ja, da war ich gro und
stolz und voll guter Lehren.

Wie ich sonst lebe? Das Haus verlasse ich kaum. Saint-Georges kommt, und
wir arbeiten hier zusammen. Damit der Gelhmte seinen Bruder nicht
entbehrt, habe ich ihm ein Zimmer zurechtmachen lassen, und er wohnt
hier. Das ist er recht zufrieden, sitzt behaglich am Fenster und liest
in sieben Bchern auf einmal. Nun hab ich zwei Gelhmte im Haus.

Irene kommt sehr oft, hat Dir auch wohl geschrieben. Ihr Mann hat so
viel Arbeit, da sie viel allein ist: vorlufig trgt sie's mit
Munterkeit. Ulrika gab ein schnes Konzert; sie ist viel in andern
Stdten. Sie behauptet, jedesmal den kopfschttelnden Jason zu treffen,
ich wei nicht, wie sie das macht, da ich ihn auch mindestens in jeder
Woche zu sehn bekomme, aber er hat ja wohl bernatrliche Fhigkeiten.

Ich lese viel. Philosophie ist kein Trost, aber haltbar; ich kam durch
Zufall dazu, da ich Schopenhauer aufschlug und in der Vorrede ein so
nachdrckliches Verbot der Lektre seines Werkes fand, es sei denn, man
htte die smtlichen Philosophen vor ihm gelesen, da ich -- unter
Saint-Georges' Anleitung -- von vorn angefangen habe.

Dies ist ein schlechter Brief. Mir stehn die Trnen im Halse, und die
Feder in der Hand will nach jedem Wort stillstehn.

Eben ffne ich in Gedanken den letzten Brief von Ulrika. Folgendes steht
drin: Mir fllt gerade ein, wie ich Dich neulich dasitzen sah und
lesen, in Deinem grnen Kleid neben der Schirmlampe, das Buch im Scho,
ein Bild der Nachdenklichkeit. Jetzt wei ich, wem ich Dich damals
bewut verglich; ich dachte, Du seist Pallas Athene, der man das erste
gedruckte Buch in die Hnde legte, und sie kann es gleich lesen, die
Allwissende, und freut sich, wie klug die Menschen mit der Zeit geworden
sind. Man kann sich kaum denken, da Du wirklich liesest, was Du in der
Hand hltst, Du bist so schn, was kannst Du auch lernen, es ist, als
httest Du alle Weisheit, und Dein Lesen ist nur ein Wiedererkennen von
Dingen, die Du vor tausend Jahren selber erdachtest. Mir zur Strafe hab
ich das aufgeschrieben. Das denken, das wissen die Menschen von Einem,
so knnen wir erscheinen, ach, das Miverhltnis, zwischen dem, was man
ist, und dem, wofr unser nchster Nachbar uns hlt, wird mir vor Tragik
bald komisch erscheinen. -- brigens ist mir Ulrika eigentlich auch so
fremd wie -- -- ach, was wissen wir voneinander!

Manchmal, weit Du, ist es so still, da ich meine, ich mte es hren,
wenn nur ein Zug in meinem Gesicht sich bewegt. Es ist ja alles in
dieser furchtbaren Stille vor sich gegangen. Alles? Sigurd schrie doch
einmal auf, Erasmus tobte; aber mir scheint, dies war nicht das
Eigentliche. Stillschweigend ging Jason, still Esther, stillschweigend
der Onkel, und in diesem Schweigen vollzog sich das Eigentliche, und
dennoch, dies, was wir nicht lrmen und platzen hrten, es schickt doch
seine gefhrlicheren Wellen in den Raum, und diese verschlingen und
vergiften uns schrecklicher und boshafter als die lauten Gefahren und
die erschtternde Verzweiflung.

Nun luft die Feder. Ich fragte Saint-Georges: Wie nennt man doch diese
Zeit der Windstille im Jahr, -- ich verga das Wort. Er, gleich
verstehend wie stets -- ja, wenn ich ihn nicht htte! -- sagte: Wenn der
Eisvogel, Halkyon, brtet, herrscht Windstille, wie man sagt. -- Dann,
sagte ich, haben wir wohl die halkyonischen Jahre. Der groe Eisvogel
Schicksal brtet. Er hoffe, meinte er freundlich, es werde kein
Basiliskenei sein, das man ihm untergeschoben habe. -- Ja, wer wei
denn, ob nicht alles erst kommt ... Ich bin ja auch vollkommen
unberhrt. Eigenes Schicksal blieb aus; ich warte.

Ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten ging schon vor drei Tagen an Dich
ab. Jede mut Du Dir eingepackt denken in eine Hlle guter, frommer
Wnsche. Sag, sind das nicht Verse von Georg, die er Dir einmal
schickte:

   Sie hlt ihr Herz nun offen in der Hand
   Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,
   Dieweil sie wei: durchstochen und verbrannt,
   Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Hnden ...

Ich verga das brige; damals mochte ich es nicht sehr, eben traf es
mich seltsam. Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen, -- schlo es
nicht so? Genug. Leb innig wohl!

                                                                Renate


                             Heiliger Abend

Renate stand, den Rcken in eine Fensternische der Halle gelehnt, und
blickte in die gelben Lichtflammen des kleinen Baums auf dem
reichbeladenen Tisch, den sie fr Saint-Georges' Bruder aufgebaut hatte.
Saint-Georges sa auf einem Stuhl daneben, ein Buch in der Hand, in dem
er bltterte. Sie schwiegen.

Renate dachte: Gleich werde ich anfangen zu weinen. Die Lichter
verschwammen vor ihren feuchtwerdenden Augen, unsgliche
Kindheitsstunden lsten sich aus dem Geruch von brennendem Wachs, Harz
und Nadeln. Ihre Stimme war heiser, als sie fragte: Wie feiertest du,
-- wie feierten Sie eigentlich Weihnachten?

Er sah nachdenklich auf und antwortete: Gar nicht. Da wir keine Eltern
hatten, hatten wir auch kein Weihnachten.

Richtig, sagte sie, sich ermannend, es ist ja ein Familienfest.
Wollen Sie nun Ihren Bruder holen?

berdem wurden viele Schritte drauen hrbar, es klopfte, Kchin, die
Hausmdchen, Zofe, Diener, Grtner, Chauffeur kamen verlegen herein,
knicksten und dienerten und wollten sich bedanken. Der Diener hielt eine
kleine Rede, in der er dem Hause auch wieder frohe Tage wnschte, da
sie es alle so gut gehabt htten. Renate gab allen die Hand, dankte
ihnen fr ihre Dienste und fragte, ob der junge Herr auch bei ihnen
gewesen sei. Ja, und er htte sogar Punsch mit ihnen getrunken. Immerhin
schienen sie Alle froh, wieder verschwinden zu knnen. Eins der
Hausmdchen, verschmitzt, wnschte Renate persnlich beim Hndedruck,
da auch der junge Herr Josef bald wiederkommen mchte. -- Gleich darauf
rollte Saint-Georges seinen Bruder im Stuhl herein, schon hochrot im
Gesicht.

Und nun bekam er Gottfried Kellers smtliche Werke, die er sich
gewnscht hatte, und Conrad Ferdinand Meyers smtliche, von denen er
einmal zart wie von etwas unerreichbar Kostbarem gesprochen hatte, und
den schnen Till Eulenspiegel von de Coster, und den ganzen Strindberg,
und den ganzen Jakobsen und die Gedichte von Rilke und die Geschichten
vom lieben Gott und alle Novellen von Storm, o Gott, es schien berhaupt
nicht aufzuhren. Es kam dazu, da er ganz laut krhte. Aber dann sa er
glhend still neben seinem Tisch und dem eichenen Regal, das diese
Herrlichkeiten enthielt, und versank darin. Renate, vor unsglicher
Gerhrtheit zitternd, wre Saint-Georges gerne um den Hals gefallen, gab
ihm eine goldene Uhr im Armriemen und stammelte verzagt, er mchte auch
an sie denken. Bei seinem Gelchter fand sie sich wieder, konnte mit
Fassung sein Geschenk, nmlich eine Photographie von sich selber
entgegennehmen, die sie sich ausbedungen hatte, und als es jetzt wieder
klopfte und Bogner mit einer groen Kiste auf der Schulter erschien, in
der Tr stehn blieb und erstaunt sagte: Guten Abend, Frau von Bernus!
hatte sie sich so weit wieder, da sie triumphierend die bloen Arme
ausstrecken konnte und rufen: Er hats gleich gesehn, und du hast nichts
gesehn! (Aber mein Gott, dachte sie, ich verspreche mich bald
fortwhrend!)

Was denn? fragte Saint-Georges. -- Bogner setzte geschickt seine Kiste
ab wie ein Dienstmann. -- Sie trat vor Saint-Georges, lie den breiten
Umhang von Blaufuchs von den nackten Schultern gleiten, zeigte ihm die
spitze Schneppe der Taille vorn, strich die grauen Falten ihres
mchtigen Seidenrocks weit auseinander und schttelte den Kopf, um ihm
die Frisur von Zpfen zu zeigen, die vorn vor den Ohren in Schleifen
herunterhingen.

Ja, aber er kennte Frau von Bernus doch gar nicht.

Bogner erklrte, es sei ein Portrt von ihr von dem Maler Veit in der
Jahrhundertausstellung gewesen, und Renate sei ihr tatschlich ein wenig
hnlich, wenn auch im Entferntesten nicht so s.

Und meine Hakennase! schrie Renate. Nein, denkt euch, nun mu ich
euch was erzhlen. Die Kiste mach ich nachher auf, Bogner, ich darf
doch? Also ich wollte doch Erasmus etwas zu Weihnachten schenken. Da
ging ich in sein Zimmer, um nachzusehn, was er wohl brauchen knnte.
Aber da sahs aus! Ein Wust von Sachen, alle Sthle waren hochauf beladen
mit Stapeln von technischen Zeitschriften, aber dann hab ich eine
merkwrdige Entdeckung gemacht. ber seinem Bett an der Wand hing an
einem eisernen Krampen und Schnren ein ganz windschiefes Bcherbrett,
drei Stockwerke, und darauf standen die smtlichen Werke von Jean Paul,
Balzac, Dickens und Dostojewsky, diesen ausgenommen in der Ursprache.
Und auf dem Nachtkasten, offen mit dem Rcken nach oben, lag der Komet
von Jean Paul. Httet ihr das von ihm gedacht? Nun hab ich ihm ein
festes Gestell machen lassen, und da die Bcher alle grausam
zerfleddert, auch die Ausgaben sehr gewhnlich waren, hab ich ihm alle
neu gekauft, und schlielich die ganzen Zeitschriften in das groe Regal
nach Nummern geordnet, ja, das war eine Arbeit!

Bogner sagte nachdenklich, den Erasmus kenne keiner, worauf er sich
verabschiedete. In der Tr begegnete ihm der Diener, durch den Erasmus
das gndige Frulein und die Herren Saint-Georges bitten lie, mit ihm
zu speisen. Renate staunte.

Das Speisezimmer war leer, als sie es betraten. Auf Renates Teller lag
ein Strau samtschwarzer Rosen, darunter ein Lederetui, in dem sie unter
einer Karte mit einem Glckwunsch von Erasmus' Hand eine mehr als
talergroe Scheibe von dunkelbraunem, stumpfem und rauhem Bernstein
fand, die an einer dnnen Goldkette hing, eingefat in einen Kranz
kleiner Perlen. Darber entstand eine kleine Wirrnis in ihr. Welche
Anstrengung der Phantasie fr seinen mhseligen Geist! So also
beschftigte er sich mit ihr?

Georges, sagte sie -- denn sie mute sich herauswinden -- haben Sie
ihm dabei geholfen? Er gestand es.

Da sie nun den Schmuck um den Hals hngen wollte, erwies sich die Kette
nicht lang genug, da die Scheibe auf ihrer Brust aufliegen konnte.
Saint-Georges nahm sie aus ihrer Hand und legte sie um ihr Haar, so da
die Bernsteinplatte vor ihrer Stirne hing. Sie trat vor den Spiegel. Ja,
sie war ein Wunder an Schnheit. berdem liefen ihr die Trnen aus den
Augen, sie strzte aus dem Zimmer, an Erasmus vorber, ohne ihm mehr als
einen furchtsamen und hastig versten Blick zuzuwerfen, die Treppe
hinunter und hielt vor der Tr ihres Onkels inne. Sie ffnete lautlos,
glitt hinein. Im Dunkel waren Kopf und Oberkrper des alten Mannes, hell
genug beleuchtet vom einfallenden Schein der entfernten Straenlaterne
drauen; so sa er am Fenster; an der Decke ber ihm hing der
Schlagschatten des Fensterkreuzes, verzerrt. Als sie die Hand leise auf
seine im Scho gefalteten Hnde legte, blickte er auf und lchelte
gtig, lie es sich auch gefallen, da sie seinen Kopf an ihre Brust
legte, aber nach einer Weile merkte sie das Widerstreben seiner
Kopfhaltung, lie die Hnde fallen, trat von ihm fort, zerrte an ihrem
Taschentuch, raffte den Pelzumhang zusammen, fate und hob ihr Kleid
berm Knie und glitt leise hinaus.

Wie lange Zeit vergangen war, wute sie nicht, da sie sich am Fenster
der dunklen Halle fand, hinter sich die Stimme des Dieners vorwurfsvoll
vernehmend, es sei doch aber schon lange angerichtet. Auch was sie
gedacht und empfunden in diesen Minuten, suchte sie vergebens in sich,
als sie, wieder im Speisezimmer, verdunkelten Auges auf Erasmus zuging,
der vor seinem Teller stand, ihm die Hnde auf die Schultern legte und
ihn zwang, mit den Augen den ihren standzuhalten.

Ich danke dir auch, sagte sie heftig atmend. Ihre Brust wogte. Da
merkte sie, da sie nicht seinetwegen zu ihm gegangen war, sondern um
jemand zu haben, an dessen Schulter sie einmal diesen nie gebeugten Hals
ausruhen knne, und nun erschrak sie: Was tu ich denn! was mach ich aus
ihm? ich werde ihn verrckt machen. Sie glitt hastig mit den Hnden an
seinen Armen herunter, drckte ihm die Hnde und sagte irgend etwas
Muntres. Spter bemerkte sie die ungemeine, fast gewandte Gesprchigkeit
des Erasmus, redete ihn auf ihr Geschenk an und hrte seine beinah
launischen Vorwrfe, da ihr Erscheinen vorhin ihn nicht zum Danken habe
kommen lassen. Als sie nun ihre Verwunderung ber seine schne
Autorensammlung uerte, meinte er kurz -- es war deutlich, da er
sofort alles Verdienst ablehnen wollte --, Josef habe er das zu danken.
Er, Erasmus, sei der Meinung gewesen, da ein gebildeter Mensch eine
gewisse geistige Nahrung brauche, und habe Josef gefragt, ob es nicht in
jedem Lande ein Dichtergewchs gebe, das so quasi die besten
Mglichkeiten seines Bodens und Klimas in sich entfaltete, so da man
also mit dreien oder vieren der Art alle gute Nahrung beisammen htte,
und er habe sich denn auf Ruland, das ein schnes, breites Land sei,
England, Frankreich und Deutschland beschrnken wollen, was Josef einen
sehr ordentlichen Gedanken genannt habe, nur schien er gemeint zu haben,
da Deutschland noch um ein Stck breiter sei als Ruland, und da sei
die Auswahl schwer. Da ich nun Goethe ablehnte, denn den hatten wir ja
auf der Schule, so nannte er mir Jean Paul.

Denn den hatten wir auf der Schule, dachte Renate, wie ist das nun
wieder kmmerlich und traurig.

Also will ich den nehmen, sagte ich, fuhr Erasmus fort. Der wird dir
aber zu schaffen machen, sagte Josef.

Renate, die den Namen seit einer Ewigkeit nicht gehrt zu haben glaubte,
staunte noch mehr darber, da er sich so leicht hinsagen lie wie
Hamburg oder Wettrennen.

Erasmus sagte weiter, er knnte ja nur abends vor dem Schlafengehn
zwanzig oder dreiig Seiten lesen, aber er hoffte doch, vor seinem Tode
noch fertig zu werden. -- Welch eine tiefe, drhnende Stimme er doch
hatte! -- Wer ihm denn der liebste von den Vieren sei, fragte sie, um
noch einen kleinen Schlssel zu ihm zu erlangen.

Chuzzlewitt, sagte er mit grausiger Aussprache, und Renate hrte ihn
wieder Schang Pol sagen; Jean Paul freilich, dachte sie, wrde sich
noch im Grabe freuen, wenn er sich ausgesprochen hrte, wie er wollte.
--

Unterweil verbesserte sich der Erasmus und nannte Dickens. Der sei so
komisch. -- Er lachte gleich: Ha ha, ha! Ja, manchmal nachts im Bette
knnte er sich totlachen ber Sam Weller, und wenn Mister Micawber
sagte: ... kurz! -- Dabei, setzte er mit einem Anflug von Ehrfurcht
hinzu, ist der Chuzzlewitt fr mich viel grausiger als der ganze
Dostojewsky. Saint-Georges knne ihm vielleicht sagen warum.

Weil, sagte Saint-Georges, die Menschen des Dostojewsky, wie auch die
Balzacs, sich noch gebrden. Weil sie Leidenschaften haben, die immer
noch den Schein einer wenn auch dmonischen Freiwilligkeit erzeugen, und
weil sie diesen Leidenschaften nachgeben, weil sie sich peitschen lassen
und selber peitschen, sich beugen und zerbrechen, rasen, stammeln,
schluchzen und klagen. Vor allem klagen. Wir sehn dann die Gebrde, aus
der die seelische Glut wie Rauch und Flammen hervorschlgt, und das
empfinden dann Sie wohl wie -- Erleichterung. Bei Dickens aber ist das
Leid, wie soll ich sagen -- krtenhaft; hockt da, funkelt bsugig, und
es ist ja alles komisch. Drinnen aber hockt die sich qulende Kreatur,
stumm, boshaft, verhrtet. Denken Sie mal an Peckskniff. Ein furchtbarer
Schurke, der sich fr einen Engel hlt, aufrichtig. Es lt sich gar
nicht ausdrcken, diese Art, nur Gemeinheiten zu begehn im Schein, in
der Form edelsinniger Taten. So kreuzen sich fortwhrend die Gebrden,
die boshafte der inneren Gemeinheit und die sich in die Brust werfende
der scheinbaren Hochherzigkeit.

Chuzzlewitt, sagte Erasmus langsam, mit der Fingerspitze auf dem
leeren Salatteller kreisend, kommt mir vor, als msse er sich immer
heimlich die Hnde an den Hosen wischen, damit nicht das Gift aus den
Fingerspitzen herunterluft.

Und Raskolnikoff und der Jngling lecken ihre Fingerspitzen mit
Wollust, schlo Saint-Georges. Sie schwiegen nun.

Renate hrte die Mnner sprechen, ohne etwas zu verstehn. Sie sah den
Erasmus, wie er im Bett lag, das ihr viel zu schmal und kurz fr ihn
erschienen war, unter den Bcherreihn an der Wand, das Haar gestrubt um
den schweren Schdel, lesend und laut vor sich hinlachend. An seiner
Statt erschien ihr der Onkel, in seinem dunklen Zimmer, im
Laternenlicht, von Einsamkeit berwlbt dieser wie jener, und hier saen
sie zusammen, nanntens Gemeinsamkeit. Sie begriff nicht, wie all dies in
einem Hause sein konnte. Nun wurde wieder der Tisch vor ihr sichtbar,
rund, blumengeschmckt, mit silbernen Armleuchtern und stillen
Kerzenflammen; ringsum die Gesichter, Saint-Georges gegenber, gut,
ernst und still, das rosige Knabenantlitz seines Bruders mit dem spitzen
Kinn, den groen, flachen Augen, und links das berhngende des Erasmus,
mit gesenkten Augenlidern unter der gebuckelten Stirn, und dann sah sie
diese und sich selbst, die ganze, stille Gesellschaft fern drben im
Spiegel, die Lichter, die Dmmerung umher. Eine tiefe Stimme sagte
etwas, sie schrak auf, da eine Hand von rckwrts an ihr vorber nach
ihrem Teller griff, der darin fortschwebte; alsbald versank wieder
alles, und ein wenig spter sah sie sich im Spiegel drben aufstehn; sie
hob die Tafel auf. Nachdem sie den Gelhmten selbst ins Rauchzimmer
geschoben hatte, ging sie in die Halle hinunter und machte Licht.

Die flache Kiste war mit Drahtstiften so leicht verschlossen, da sich
der Deckel mit kleiner Mhe hochbiegen lie. Sie holte ein Bild in einem
dunkelsilbernen Rahmen heraus, lehnte es gegen den Tisch und sah, da
sie selber es war: auf einem Grunde von dunklem Rot, im unteren, linken
Viertel des Bildes ihr Gesicht, nach links blickend, im Profil, sehr
zart, vergehend, scheinbar in einer Dmmerung schwebend wie eine
Erscheinung; rechts oben in einer fensterartigen ffnung war eine ferne
Landschaft, sonnig, ein Birkenweg zwischen Wiesen, brunlich, rtlich,
und ganz wenig tiefblauer Himmel; die Farben ihrer Augen, ihres Haars,
ihres Mundes, die in dem gemalten Gesicht kaum angedeutet waren,
leuchteten deutlich dort oben.

Ja, dies war doch ein Traum von ihr, von ferne gesehn und getrumt, und
vielleicht, wenn es frher gekommen wre -- -- ja, was dann? Es waren
doch wohl nur Vorstellungen malerischer Art, die sie ihm erregt hatte.
Seltsam frstelnd stand sie vor dem Bild. Wie alt bin ich eigentlich?
scho es pltzlich durch sie hin, aber sie konnte die Zahl nicht finden,
war es achtzehn, neunzehn oder zwanzig? Ungeduldig machte sie sich von
alldem los, legte das Bild in seine Kiste, den Deckel darauf und ging
nach oben.

Durch die offene Tr zum Rauchzimmer fiel Licht in die vordere Hlfte
des Speisezimmers; im hohen Spiegel konnte sie ein Stck des
Ledersessels sehn, in dem Saint-Georges sa, seine Unterschenkel und den
Kopf, den er in die Hand gesttzt hatte; den Erasmus hrte sie reden;
Tabaksschwaden zogen in der Luft unter der elektrischen Krone.

Auf einmal brannten vor ihren Augen alle Lichterbume der Stadt, sie
hrte Gejubel, Klavierspiel und Kinderlieder, dann das wirkliche Getn
ferner Glocken. Und da war der letzte Christabend mit ihrem Vater, mit
bescheidenen alten Mnnerchen und Weiberchen, Kinderchorgesang im
Schlackerschnee und der vterlichen Stimme, die den Weihnachtstext
auslegte. Da war der erste Weihnachtsabend in diesem Haus, mit einem
Berg glitzernder Geschenke, mit dem Gelchter des Onkels, des Erasmus
Gefrigkeit in Marzipan und Spekulatius, mit Josefs Eleganz, mit den
Gedanken an Magda und mit Bogners Brief im Kleid auf der Brust. Sie
machte eine unwillkrliche Bewegung nach dem Halse und merkte ihren
Irrtum: Bogners Brief war erst am zweiten Feiertage gekommen. Die
absonderlichen Weihnachtstage, die er beschrieben hatte ... Seltsam, da
sein Weg doch in diesem Hause begonnen hatte ...

Sie fing an, die Hnde auf dem Rcken im Zimmer hin und her zu gehn,
lautlos auf dem Teppich, nur ihr Kleid knisterte und rauschte, wenn sie
sich drehte. Wenn, dachte sie stillstehend, einmal nach mir das
Schicksal die Hand ausstrecken wird, so werde ich erkennen, da seine
Fe -- vielleicht in dieser Stunde stehn, vielleicht in der
glcklichsten frher. Furchtbar finster war es umher. Wo mochte Sigurd
nun sein? Kme doch Jason! Alle waren fortgegangen. Saint-Georges wute
jede ihrer Fragen zu beantworten, aber er stand ihr nicht bei. Nicht
bei? Ja, bei was denn? Was qult mich? Wie alt bin ich? Wen erwarte ich?
Was fehlt mir? Tue ich zu wenig? Oh was sagte doch Saint-Georges einmal
von der Sonnenblume? Nein, war es das? Vor ihren Augen brannte wohl kein
Licht, in das sich zu verwandeln ihr Herz sich verzehrte. Wie lebten
denn Andre? Schiffe gingen unter, es gab Hunderte von Toten,
Bergwerkszechen explodierten, und es gab Hunderte Toter, Eisenbahnzge
strzten um, -- ja, verlange ich nach solchem Geschehn? Wie leben Andre?
In Armut, in Lastern, in Qual jahraus, jahrein, hlflos verstrickt in
Unrettbarkeit, unerbittlich erniedrigt. Aber -- Frauen hatten doch
Mnner und Mnner Frauen, auch Kinder; Bogner hatte sein Werk, sie hatte
nichts als sich, und Josefs Stimme sagte grandios, wie am Abschiedstage
vor einem halben Jahr: Was brauchst du eine Seele? Niemand sieht sie.
Und er sagte noch etwas von einer goldenen Bluse, die sie trug. -- Sie
schritt aufgeregter auf und nieder. -- Es ist so still! klagte sie
furchtsam. Lebe ich? trume ich? Weihnachten ist, -- wem schenke ich
was? Wen liebe ich? Alle und keinen. Warum ist niemand da? Oh --
Zrtlichkeit! -- So geriet sie in die Tr zum Nebenzimmer. Erasmus stand
am Schreibtisch und sagte, er habe ihr gerade Gute Nacht sagen wollen;
es sei noch zu arbeiten, die Neujahrsabschlsse ...

Wiederum war sie vor ihn hingestellt. Ganz laut -- obgleich sie schwieg
-- hrte sie sich sagen: Wie wre es, Erasmus, wenn du mich heiratetest?
und sah ihn zurcktaumeln. Jetzt war etwas geschehn. Sie stand gerade
und aufrecht, dachte noch: Einen Sto, -- so! -- einen Sto habe ich
versetzt! -- und whrenddem war nichts geschehn; sie sagte whrenddem
irgendwelche freundliche Worte, die nichts galten. Sie fhlte seine
Hand, lie ihn, tiefer ins Zimmer tretend, an sich vorber, wandte sich
dann und sagte: Erasmus ...

Ja, -- ist noch etwas? fragte er stehen bleibend.

Er liebt mich ja viel zu sehr, dachte sie klar, und mu allein bleiben.

Hab auch Dank fr den Abend, sagte sie und lie den Kopf sinken. Er
murmelte etwas und ging.

Am Kamin saen Saint-Georges und sein Bruder, sahn in die Flammen. Da
fate sie hundert verworrener Fragen in eine zusammen, trat zu dem
Gelhmten und fragte, seinen Kopf fassend, schlicht zu seinem Bruder
hinber: Georges, lieber Freund, was fehlt mir?

Kinder, sagte er, ohne sich zu bedenken, es ist Weihnachten.

Ach so, deswegen ... Ja, da kannst du recht haben.

Schon wieder versprochen! Oh ich will ihm eine Freude machen, dachte sie
mit Heftigkeit, streckte die Hand aus und fragte bestrickend: Mchtest
du nicht du zu mir sagen?

Er stand langsam auf, ergriff ihre Hand, kte sie und sagte
schlechtweg: Wie du befiehlst.

Jetzt aber fiel alles von ihr ab, sie stampfte mit dem Fu auf und
schrie: Georges! Aber dann, in pltzlicher Sanftmut zerschmelzend,
legte sie die Hnde zusammen, trat dicht vor ihn und flehte: Georges,
lieber Freund, bitte, was ist mir?

Er erfate ihr linkes Handgelenk, blickte mit tiefer Freundlichkeit in
ihre Augen und sagte langsam und sicher: Nichts ist dir, Renate, gar
nichts.

Ja, ja, nickte sie seltsam erleichtert, es ist ein bergang, nicht
wahr?

Jawohl, ein bergang, besttigte er lchelnd. -- Sie seufzte: Dann
ist es gut. Kommt, dann wollen wir noch etwas Schnes lesen, die Leiden
eines Knaben, von Conrad Ferdinand, nicht?

Sie nickte dem Gelhmten zu und ging in die Halle hinunter, das Buch zu
holen.


                        Neuntes Kapitel: Januar


                             Georg an Benno

                                                Trassenberg, am 15. 1.

Danke, teuerster Benno, danke Dir tausendmal fr Deine Karte! -- Ich,
siehst Du, ich kann nicht schreiben. Wenn Du mein Tagewerk kenntest,
wrdest Du versteinern. Seit ich hier bin, also seit bald zwei Monaten,
kenne ich nur noch ein Ding: die Zentrale. Papas Zentrale, das groe
rote Verwaltungsgebude -- Du erinnerst Dich -- unten am Waldrand, das
kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg zu fhren scheint, gegen das aber
eine elektrische Zentrale mit ihren hunderttausend Anschlssen,
Krafteinnahmen und Kraftverteilungen in einer deutschen Grostadt gar
nichts ist. Gar nichts, Benno! Dort verbringe ich nun fast den ganzen
Tag. Onkel Salm fhrt mich in alles ein. Verwaltung, Verwaltung,
Verwaltung! Hast Du eine Vorstellung, Benno? Nein! So kann ich Dir auch
keine erwecken. Stelle Dir nur vor, da unser ganzes Land mit allen
Anhngseln in bersee, und mit allem, was darin hervorgebracht wird
jeder Art -- Landwirtschaft, Viehzucht, Heilanstalten, Wissenschaft,
Kunst, Industrie und so weiter, so weiter -- hier zusammenstrmt und von
hier wieder aus. Genug! Mir schwindelt der Schdel, wenn ichs denke, die
einzige Mglichkeit, die ich habe, ist, mich blind hineinzufressen, wie
in den berhmten Berg der kstlichen Hirse. Dann ists in Augenblicken
doch, als fre ich weder, noch grbe mich in dampfende Finsternis,
sondern ich stiege, stiege einen gewaltigen Berg hinan, darf nur weder
hinaufblicken -- um mir nicht den Mut -- noch hinunter -- um mir nicht
die ganze Gre des Ausblicks von oben zu verderben. Zahlen, Zahlen,
Zahlen. Um eine elementare Grundlage zu bekommen, lerne ich doppelte
Buchfhrung; dazu Lombardieren, alle Arten des Wechselgeschfts. Hast Du
in Deinem ganzen Leben je einen Kurs gelesen, Benno? Weit Du, was das
ist? Trste Dich, Benno, ich wei es auch erst seit kurzem. Im brigen
sorge Dich nicht um mein Herz, es arbeitet wieder vortrefflich. Noch was
ber Tageseinteilung: weit Du, da ich trotz alledem beinah zehn
Stunden am Tage schlafe? Folgendermaen: aufgestanden wird -- um fnf
Uhr morgens. Siehe da, was ist der Erfolg? Vormittags um zehn, wenn Du
trge Deinen Tag anschlrfst, habe ich beinah schon einen Arbeitstag
hinter mir, um elf sinds, mit kleinem Imbi dazwischen, ganz gut sechs
Stunden. Dann wird geschlafen, fnf Stunden, im Bett, fest, und wenn Du
Dich dann, wie ich, um vier Uhr zum Essen erhbest, wrdest Du jauchzen
vor Kraft, Frische und Arbeitswonne, welche drei bis Mitternacht mit
Abendbrotpause freudig vorhalten. Also -- machs nach, Benno, machs nach
und lebe jetzt wohl, es ist Mittag, ich geh schlafen. Wie gesagt: keine
Sorgen, guter Engel, und im zweiten Monat nach diesem befinde ich mich
wieder im gesegneten Altenrepen. Was macht der Flgel, die Wohnung, die
Vgeleins? Gre alles, was lebt und mir freundlich gesinnt ist, und sei
umarmt von Deinem bis in den Tod getreuen

                                                                 Georg

                                                                am 16.

Der Brief blieb versehentlich liegen.

Ein letztes Wort, Benno, ber mich selbst.

Nmlich, lge die Sache einfach; wre er, den ich Vater nenne -- heut
wahrer als jemals! -- wre er ein Privatmann, und handelte es sich
sonach fr mich um nichts weiter als Namen, gesellschaftliche Stellung
usw.: dann wre die Sache einfach. Ja, dann wre sie derartig einfach,
da ich fast denke: in solchem Fall wrde ich bleiben, der ich --
scheine, sein Sohn. Es wre nicht der Rede wert, nderungen zu schaffen,
die rein moralisch sein und bleiben wrden, die keine praktischen Folgen
htten.

Die Sache liegt aber nicht einfach, sondern verdoppelt durch die
Mglichkeit, das ich in Deutschland regierender Landesherr werde; da
ich -- die Worte klingen groartiger als die Sache -- vor einen Teil der
Menschheit mit Ansprchen hintreten kann, die sie nach den in ihr
bestehenden Gesetzen mir nicht zubilligen wrde, wenn sie mein Geheimnis
kennte.

Dies die negative Seite der Sache; und die positive?

Nicht eitel genug, mir vorzuspiegeln, da dieses Land, das ich innig
liebe, Trassenberg, meiner bedrftig ist und keines Andern; und zu klug,
um nicht einzusehn, da ich nur selbstschtig, nur aus -- Ehrgeiz
handle, weiter nichts: kann und darf ich mich doch der Einsicht in das
nicht verschlieen, was werden wrde, wenn ich -- abtrete. Trassenberg
ist, dank der Einflsse meines Vaters, ein blhendes Land. Beuglenburg
ist ein Sumpf mit einigen Kaligruben, und aus dem Beuglenburger
Geschlecht kann nichts Gutes mehr kommen. (Der Alte ist krank und
stumpf, der Sohn ein krnklicher Knabe, eine Tochter zhlt nicht, weil
nicht erbberechtigt.) Mu mir nicht Vieles schicksalsvoll vorkommen?
Warum liegen die Dinge eben so? Warum gehrte dies Land einmal den
Trassenbergern? Warum war und ist mein Vater, warum grade ich? Hier ich
-- und da die todkranke Beuglenburger Sippe?

Darum nunmehr zum Kern.

>Von des Lebens Gtern allen ist der Ruhm das hchste doch< ... Wie,
Benno, ich sollte verzichten mit dieser Aussicht? Solche Mittel in
Hnden -- zu meiner gottseidank noch unerschtterten Gesundheit, meiner
geistigen Freiheit und Beweglichkeit, meiner Lernkraft, meiner Kultur
und meiner Tatenlust die ueren Machtmittel meines Vaters, deren Ausma
Dir bekannt ist: sollte ich ein hundertfaches Gutes ungetan lassen, das
ich auf mich warten sehe? Ich kann Ruhm gewinnen, wahrhaftigen Ruhm,
nicht einer vereinzelten Tat oder Eigenschaft, nicht den Ruhm des
Entdeckers, Eroberers, Erfinders, des Feldherrn, des Dichters,
Volksmanns; Ruhm, der vom Dmonium abhngt, von Begabung und vom Glck,
-- sondern einen Ruhm, den ich herzustellen, den ich anzufertigen habe
mit meiner Hnde lebenslanger, unverdrossener Arbeit; den nur mein
ganzes Wesen, mein ganzes Sein mir verschaffen kann, weil nur Arbeit
eines ganzen Lebens, und das heit jedes Tages, jeder Stunde seine
Grundlage sein wird. Verstehst Du den Unterschied, den ich meine? Nicht
Taten, Werke, Gedanken -- obwohl diese im einzelnen Verkrperungen sein
knnen, sondern: _sein_ mu ich, leben, von A bis Z meinen Platz
ausfllen, nicht sternhaft erstrahlend, wie Dichtung und Kunstgebild
pltzlich blitzend hervortreten aus langem Gewlk, sondern still im
Schatten meiner vier Wnde, da doch die Wenigsten und niemals die Masse
bemerken werden, was hinter dieser und jener offenbaren Erscheinung an
unvermerkter Anstrengung und Mhsal liegt. Zu schweigen davon, da, wenn
mir berhaupt etwas zu leisten gelingt, das Dauer hat und Wrde vor
spteren Geschlechtern, es bei den Zeitgenossen kaum Anerkennung, ja
eher Verkennung, Verachtung, wo nicht Feindschaft erregen wird. Wer ein
Dauerndes zu schaffen gewillt ist, der mu im Morgen leben, nicht im
Heut, darf also nicht verlangen, da das Heute ihm Krnze flicht. Ich
bins gewillt.

Wie ich denkt mein Vater, und was wre ich freilich ohne diese Sttze?
Der wundervolle Mensch! Mit keinem Blick, mit keiner Miene hat er sich
mir als Beistand gezeigt. Ohne Blick, ohne Miene hat er mich
verstndigt, da ich seines Beistandes gewi sein werde, wenn die
Entscheidung erst gefallen ist. Sie ist schon gefallen, in meinem Herzen
ist sie's. Ach, mein Benno, wie ist der glckselig, der im Wnschen und
Schwanken, im Zweifeln und Vertrauen sicher ist eines Unwandelbaren, und
wenn er Vater nennen kann, was mit Leib und Seele, mit Haut und Haar,
mit allen Krften der Liebe ihm vterlich ist!

Und dies giebt mir Kraft, dies wird mir Heil geben. Ja, ich wei,
Freund, ich wei: wre er mir nur um ein Gran minder vterlich, so wrde
ichs spren, wrde meine Kraft sinken, mein Recht bleichen, -- ich wre
entblttert, ehe ein Monat um wre. Aber ich stehe auf ihm, und so sei's
drum.

Ich bin entschlossen. Und somit -- Gott befohlen!

                                                                 Georg


      Hier enden des vierten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
                                Monate.




                             Fnftes Buch.
               Fragmente aus den halkyonischen Jahren II
                                  oder
                                Cordelia


                        Erstes Kapitel: Februar


                                 Ulrika

Renate und Ulrika saen des Abends an den beiden ineinander geschobenen
Flgeln unterm Orgelpodium und bten an Johannes Brahms' deutschen
Tnzen, als Renate, der Orgel gegenbersitzend, eine dunkle Gestalt
hinter Ulrika vorbergehn und die Stufen zur Empore hinansteigen sah.
Schreckhaft, wie sie diesen Winter war, nahm sie die Hnde von den
Tasten, blickte, whrend Ulrika noch einige Takte weiterspielte,
angestrengt durch den rtlichen Nebelglanz der Lichter und sah nun, da
es Saint-Georges war, der sich grade leise in den Drehsessel oben
niederlie. Vor drei Tagen war er verreist, um seinen pltzlich
verstorbenen Vater zu beerdigen, -- ihn, von dessen Dasein Renate
niemals etwas geahnt hatte.

Da auch Ulrika jetzt auf und zu ihr herber sah, sagte sie:

Georges ist gekommen. Und zu ihm hin leise: Schon zurck?

Er nickte. Sein Gesicht in der dunstigen, rtlichen Beleuchtung der
wchsernen Kerzen schien ihr nicht blasser oder trauriger als immer, --
doch wars vielleicht eben dies, was sie bewog, aufzustehn, zu ihm hinauf
zu gehen und eine Hand auf seine Schulter zu legen.

Bleib sitzen, sagte sie, da er eine Bewegung machte, -- ist es gut
hier?

Das wollte ich sagen, Renate. Ja, wieviel Kerzen habt ihr denn da
angezndet? Er zhlte ber die dicken gelben Kerzen in graden
Silberfen hin, die sich in der schwarzen Politur der Klaviere
spiegelten, und sprach weiter: Acht Stck. Eine schne Zahl, die mir
immer angenehm war. Sie enthlt so viel und ist so ordentlich und glatt,
auch der Laut: acht, -- zwei mal zwei mal zwei. Schade brigens, da ihr
selber das gar nicht sehn konntet, wie ich, als ich hereinkam von
weitem, euch dasitzen sah in dem rtlichen Nebel der Lichter an den
groen schwarzen Instrumenten, und dazu deinen groen schwarzen
Kleidrock, dein farbiges Gesicht, und Ulrikas rotes Haar und braunes
Kleid; dazu die graue Orgelwand ber euch, und umher -- er machte eine
umschreibende Handbewegung -- die sechs gemalten Unsterblichen an den
Wnden. Es war nicht ganz dster -- und auch nicht sehr froh, -- ja,
eigentlich wars ganz so, wie wenn man von Begrbnissen kommt und wieder
ins Leben will. Dank fr den schnen bergang, Renate, sagte er zu ihr
empor und, ehe sie etwas sagen konnte, bist du mir zuliebe so schwarz
heut? Ja, du bist ein guter Mensch.

Mchtest du mir nicht ein wenig von deinem Vater sprechen? bat sie.

Ja, sagte er, es gbe wohl allerlei zu er--zhlen. Aber das ist nun
immer so: wenn ich nur die Klinke an der Vorgartentr anfasse, so wei
ich schon: hier ist alles anders. Jetzt bleibt vieles drauen, denn hier
ist die Grenze. Hier endet eine Welt, hier fngt eine andre an. Hin und
her zwischen beiden gehen nur die Krper; die Seelen aber sind andre,
ganz andre. Ich stand vorhin schon eine Weile bei der Tr und bewunderte
die Engel. Er lchelte zu Ulrika hinunter. Die gemalten, meine ich.
Sie sind jedesmal gewachsen, wenn ich komme; tiefer ist ihre Einsamkeit,
mchtiger ihr Schritt, -- und da sitzt ihr nun zwischen ewigen Wnden
und ertragt es so mhelos. Freilich euch Frauen sind Dinge
selbstverstndlich, die wir nie begreifen. Es braucht fast nur etwas
recht gro zu sein, so seid ihr zuhause darin, als wre es fr euch
gemacht. Als wret ihr darin aufgewachsen. Ja, ihr wachst; unsereiner
mu immer Stufen steigen und sie obendrein selber haun. Ich habe dir da
ein Paket auf den Stuhl gelegt. Es sind Briefe meines Vaters, die du
lesen sollst. Mein Vater lebte fnfundzwanzig Jahr in einer
Irrenanstalt, und nun ist er endlich tot.

Renate wagte nicht, sich zu bewegen. Nur ihre Hand schob sie ein wenig
hher, so da sie seinen Nacken berhrte. Sie sah die Kerzenflammen
leise sinkend sich zusammenziehn, whrend andre flatternd in sich
standen, sich aufrichten wieder und haardnne Strahlen aussenden. Dann
hrte sie von Georges' Stimme leise die Verse Hlderlins:

   Es haben ihn die Gtter sehr geliebt,
   Doch nicht ist er der erste, den sie drauf
   Hinab in sinnenlose Nacht verstoen
   Vom Gipfel ihres giftigen Vertrauns.

Eine Weile danach lste sie ihre Hand, stieg die Stufen hinunter und
setzte sich vor ihren Flgel. Whrend sie ihr Notenheft lautlos
zuklappte und zur Seite legte, hrte sie ihn reden.

Hlderlins Schicksal hatte er wohl, ein Dichter war er auch, aber
niemand wird von ihm sprechen. Es lohnt sich allerdings nicht. In den
achtziger Jahren erschien ein Epos >Elias<, spter auch noch Gedichte,
-- ihr knnt euch eine Vorstellung machen, wenn ihr an Enoch Arden
denkt; ein weiches, mattes Gedicht, in dem viel von Elias' furchtbarer
Leidenschaftlichkeit die Rede ist. Sonderbar, da davon nichts Gestalt
wurde. Er selber, der das dichtete, war ein so leidenschaftlich atmender
Mensch. Du wirst es sehn in den Briefen. Ich kenne ihn nur als grau-,
dann weihaarigen Mann mit gutherzigen braunen Augen und einer
wundervollen Stirn, wie ein Stck Himmel gewlbt. Und drinnen das Chaos.

Die Briefe sind an eine Frau gerichtet, mit der er befreundet war, --
damals. Dann liebten sie sich. Sie war verheiratet und hatte Kinder. Ein
Jahr rissen sie Beide an der Kette, aber der sie festgelegt hatte, lie
nicht los. Zwei Jahre danach heiratete mein Vater ein sanftes Mdchen,
und ich bin ihr Sohn. Sie liegt nun auch schon so lange in der Erde, wie
mein lahmer Bruder lebt, und das ist ihr gut.

Renate, betrbt, fragte nach einer Weile zaghaft:

Sage mir, Georges ... Giebt es denn das, da jemand einen Menschen
gegen seinen Willen zwingen -- --

Er lchelte mitleidsvoll. Ich sagte es ja, Renate: hier ist die eine
Welt, und drauen die andre, die man auch die moralische nennen knnte.
Die Menschen, Renate, fuhr er aufatmend mit leichterer Stimme fort,
haben Einrichtungen geschaffen, die sind fr unsereinen -- nicht
schlecht, oder sinnlos, oder falsch, sondern sind: unglaublich
schlechterdings, nicht zu glauben, auf keine Weise zu begreifen, weil
dir dazu Organe fehlen, -- so wie der Fisch nicht atmen kann in der
Luft. Etwa folgendermaen: Gesetzt, du bist ein halbes Kind von einem
Mdchen, in einer geldarmen aber zahlreichen Familie. Und ein Mann setzt
dir zu, mit Jammer und mit Trnen, mit Flehen und mit Drohungen, er
strbe, wenn du ihn nicht heiratest. Und aus reinem Mitleid giebst du
nach und giebst dir nun auch Mhe, jahrelang, ihm gut zu sein, und
schenkst ihm Kinder --

Renate schauderte unbewut. Was ist, Georges? fragte sie, da er
innehielt. Er lchelte sanftmtig.

Ja, wenn du schon jetzt schauderst, Renate, was willst du denn spter
tun?

Habe ich geschaudert? Ach -- bei den Kindern, -- von der Frau, die
ihren Mann nicht liebt. Nur weiter, sagte sie khl.

Gern, Renate. Immerhin wollen wir uns einen Augenblick lang darauf
besinnen, da -- _wir_ zwar da sind zu dem, was wir wollen, also auch um
zu lieben, was und wen wir wollen. Da aber die Welt nicht da ist, um zu
lieben, sondern um zu bestehn, also sich fortzupflanzen, wozu sie Frauen
braucht, die Kinder gebren. Das tun sie auch. Und auch das ist Liebe.

Er schwieg. Renate erwiderte nichts. Er fuhr fort.

Gesetzt also, du tatest alles dies, und eines Tages siehst du nun, es
geht nicht, er ist ein trauriges, stumpfes Wesen, mit dem sich nicht
leben lt, er streut Bitterkeit umher, er macht dich zu Alltag, er
verstaubt dich mit Nrgelei und Gejammer, und du siehst und kennst dich
nun selbst, da du in die Jahre dazu kamst, merkst tausend schne Krfte
in dir, Flgel deines Geistes, Taster, zarte, innige, deiner Seele,
Lust, in dein Weltgetriebe hunderthndig hineinzugreifen, so hilft dir
doch alles nichts, und du mut dir die Seele besudeln und dir eine Hlle
machen lassen aus deinem, zum Segen dir geschenkten Dasein, solange --
solange er deinen Leib nicht schlgt, denn so lange gehrt ihm nach dem
Gesetze dein Leib, und alles andre sind Fisematenten. Wenn du aber am
Ende einen Andern findest, einen Menschen, einen Edlen, Gtigen, Zarten,
Wissenden, und Worte der Ewigkeit klingen an dein Ohr und erinnern dich
an dein Herz und was du schuldig bist, dir und den Menschen und deinen
Kindern zumeist: nmlich einen so vollkommenen Menschen du aus dir zu
machen weit, und dazu: Freiheit, dein Himmelslehen, die dich rstig
macht, deine Seele zu reifen, deine Kinder blhen und schn zu machen,
-- und erinnern, was du verschuldet hast, weil du nicht warten konntest,
warten Jahre und aber Jahre, bis das kam, was du trumtest, und nicht
lieber mit allen Trumen wie eine triumphierende Meereswoge in dein Grab
gestiegen bist, so hilft dir all das doch nichts, denn du bist kein
Mensch, du bist eine Snderin blo, auf die jeder den ersten Stein zu
werfen bereit ist, am ehesten aber ihr Mann, und bist nicht wrdig,
Kinder zu haben, denn du bist gemein. Denn mit einer Ehe verhlt es sich
so, da du sie nur nicht zerbrechen darfst, brechen darfst du sie in
Hirn und Herzen wohl tausendmal bei Tag und Nacht; aber wenn du nur
deinen Leib im alten Bette lt, so bist du edel und wrdig, Kinder zu
haben.

Renate war so heftig aufgesprungen, das der Deckel des Klaviers, auf dem
ihre Hnde lagen, zuschlug und alle Saiten nachdrhnten.

Es ist Wahnsinn, sagte sie, es ist mir unertrglich zu hren.

In ihrem groen, schwarzen Kleide rauschte sie in der Kapelle hin und
her, blieb stehn, faltete die Hnde vor der Brust und rief zu ihm
hinauf:

Ich will nicht, da es wahr ist, Georges, ich will es nicht! Es macht
mich unrein in allen Frauen, die so etwas dulden knnen. Sage, da es --
vergieb mir, Georges, bat sie leise, ich habe dich ber mir
vergessen.

Sie wogte, ihr war, als mte sie in Trnen ausbrechen. Ulrika, was
sind wir fr Wesen, klagte sie, es ist ja nicht zu sagen!

Dies, Renate, hrte sie Saint-Georges von oben, derweil Ulrika
gesenkten Hauptes verblieb wie vorher, dies ist ja alles nichts. Auch
das ist nichts, da ein Mann, weil er zu schwach ist, daran zugrunde
geht. Aber da eine Frau, eine solche Frau, die ich beschrieb, es nicht
nur leidet, sondern sich daran gewhnt, das ist -- sagen wir --
erstaunlich. Erinnerst du dich, fragte er, Dora Vehms, der Schwgerin
Irenens? Renate nickte. Ich denke, fuhr er fort, die mu dir
gefallen haben. Ich wei Einiges von ihr, sie soll an Lebenskrftigkeit,
an sachlicher Tchtigkeit ein Wunder sein; ihr sah das Bild jener Frau,
das ich bei den Briefen meines Vaters fand, etwas hnlich, und ich
glaube, sie wars auch im Wesen. Nun denke dir solch eine Frau, und
weiter denke dir folgendes.

Bei den Briefen meines Vaters -- die er also scheinbar von ihr
zurckerhielt, wie er ihr die ihren zurckgab, denn ich fand keine --
lagen zwei mit einem Jahre spteren Datum; der eine von seiner, der
andre von ihrer Hand. In dem ihren stand etwa folgendes. Er mge ihr
doch nicht schreiben; er wisse, da sie versprochen habe, jede
Gemeinschaft mit ihm abzubrechen, und sie wolle das halten. Nun wolle
sie ihm aber noch mitteilen, da sie sich sehr ber die Nachricht von
der Geburt eines Sohnes gefreut habe; ja, so sehr, da sie gedacht habe,
nun drfe sie auch noch einmal eine Freude haben, und die sei ihr denn
auch erfllt, und sie habe vor einiger Zeit einen Sohn bekommen.

Renate sagte: Au! ohne es gewollt zu haben.

Wunderst du dich, hrte sie Georges, ber die Logik? -- Das also
schrieb sie und setzte noch hinzu: alles was je zwischen ihnen Beiden
gewesen wre, das sei unvergnglich, oder so hnlich. Und zum Schlu
wiederholte sie: er mge ihr, wie gesagt, nicht schreiben. Wenn er ihr
aber doch schreiben wolle, so mge ers gleich tun, denn ihr Mann sei
eben verreist. -- Sagtest du was, Renate? Sag au, Renate, immer sag au,
aber bitte: denke dir keine alberne Gans als Schreiberin jenes Briefes,
denke dir Dora Vehm, die du kennst, ja denke eine so verstndige Frau,
wie du selbst bist, und wundere dich nur, wie -- Erniedrigung die
Menschen erniedrigen kann! -- Sie bekam also einen Sohn von -- dem Mann.

Und der andre Brief, redete er mit einer grausamen Leichtigkeit
weiter, den ich fand, der von meinem Vater, der war augenscheinlich
nicht abgeschickt worden. Es stand nur darin, da er auf ihre Nachricht
hin nichts weiter sagen knne, als da sie durch die fortgesetzten
Keulenschlge auf ihn, und damit auf sie selbst, sich gleichsam immun
gehmmert habe. Er empfinde deshalb weiter keinen Ha gegen sie, msse
aber doch sagen, da, wenn er hren wrde, jemand habe sie durch ein
rasches Gift oder durch einen Messerstich aus der Welt geschafft, da es
ihm nicht leid sein wrde.

Er schwieg. Renate sa so vllig leer von Gedanken und Gefhlen, da sie
mit einem seltsamen Schauder die Flammen der Lichter, die Gestalt von
Georges, Ulrikas Kopf, die Wnde, alles in sich hereinschweben sprte,
als ob sie Luft geworden wre und alles umfassen knnte. Dann schmerzte
ihr Kopf; sie kam zu sich. Saint-Georges sagte:

Was haben wir denn, wir -- Andern? Wenn es denn schon Niedriggeborene
giebt, und wenn sie uns zwingen knnen, was haben wir denn fr uns, als:
besser zu sein und immer besser zu werden? Wenn sie niedrig sind, so ist
doch ihre schlimmste Niedrigkeit die, da sie uns nicht verstehn, und
da sie uns verurteilen, wir aber, wir knnen sie verstehn und ihnen die
Niedrigkeit nachsehn. Dieser Mensch da, dieser Andre, ihr Mann, der
hatte nie etwas andres als sich selbst und seine Begierden. Die aber
sind es, die nichts haben als sich und ihre Begierden, die sich zum
Schutze jene Gesetze ausgedacht haben, nach denen nun alles geregelt
wird. Wenn du nach Jahren des Jammers und des Ekels, der Ohnmacht und
der Verzweiflung dich eines Tages vergit und in deinem armen, unseligen
Mdchenhunger nach >Glck< den Rest der Se, die dir noch verblieben
ist, mit einem andern Mann teilst, als deinem Ehegatten, so bist du nur
gemein und wert, davongejagt zu werden. Giebst du aber nach, weil du
Kinder hast und weit, man stirbt an vernichteter Liebe vielleicht, aber
niemals an Mutterliebe, und bleibst und lt dir Leib und Seele
vergewaltigen, so bist du edel und gut, und ob du gemein bist oder edel,
das hngt nicht von dir ab, sondern von dem, was du zu tun scheinst. Die
Kinder aber, die du geboren hast, mit deinen Schmerzen, mit deiner
Todesnot, mit deiner unbeschreiblichen Gutwilligkeit, etwas
herauszuschenken aus deiner Flle, und wenn es dich das Leben kostet,
die du ernhrt hast und erzogen, jahrelang allein, whrend sie deinem
Mann ein unverstndliches Spielzeug waren, und spterhin, wo er nicht
viel mehr Zeit fr sie hatte, als sie Sonntags zu prgeln fr die
Wochensumme ihrer Unarten, -- diese Kinder legt er dir als Kette um dein
Herz und erdrosselt dich mit deiner eignen -- Er verstummte und fuhr
gleich darauf leiser fort: Das Gesetz, so heit es nmlich, ist fr
Alle da und mu deshalb schematisch sein. Verfolgst du nun aber einen
Scheidungsproze, so findest du Monate und Jahre womglich an Zeit und
Mhseligkeit aufgewandt, um jeden Schmutzfleck, jedes Staubkorn
aufzudecken, um alles und aber alles aufzuhufen, was mit dieser
Angelegenheit nur von fern einen Zusammenhang haben knnte, aber
geurteilt wird am Ende nach dem Schema. Ist das nicht ein ekelhafter
Widersinn? Dies aber ist mglich, denn _hier_ liegt das Gesetz mit
seinen angestellten Richtern und _hier_ die Einrichtung der Anwlte.
Denn das Gesetz, heit es, mu da sein, danach kann es verdreht und
gedeutet werden. Wem aber kommt dies zugute? Den Findigen, den Hurtigen,
den Geschickten, und allemal sind auch dies die Untiefen, die Leichten,
die Liederlichen, die zur Ehe zusammenlaufen und wieder auseinander, die
ihre Kinder verwahrlosen lassen oder zerdrcken, die gar nicht wissen,
was ein Kind ist, dies heilige Geschpf, die finden im Gesetz ihre
Mglichkeiten, ihre Erlaubnisse, ihre Freiheiten. Aber der Edle, der
Schwere, der Wahrhaftige, der Zarte, der Scheue, der Liebende, der
Fromme, wenn der sich frchtet, vor allen Augen den Unrat zu offenbaren,
mit dem er beschmutzt wurde, so kann er von jeder Bestie vergewaltigt
werden, deren Eigentum er zufllig ist wegen einer jahrealten
Unbedachtheit. Bei Gott hat dein Vetter Josef recht, als er sagte, da
der Mensch vielleicht gut sei, alle zusammen aber eine Gemeinschaft von
Bestien.

Nachdem seine Worte stets eisiger und hrter geworden waren, hrte
Renate ihn nun mit Gelassenheit sagen: Merke dir fr alle Flle, was
ein Gesetz ist. Ein Gesetz ist keine Einrichtung, um zu ntzen, zu
schtzen, zu erleichtern, den Guten zu helfen und die Schlechten zu
unterbinden, das Gute zu frdern und das Bse auszutilgen, sondern ein
Gesetz ist dazu da, da die Menschen nach ihm gemessen und beschnitten
werden, da sie mit ihm sich gegenseitig verurteilen und mihandeln,
Gewalt antun und verkrpfen.

Er war, noch whrend er den letzten Satz hinwarf, aufgestanden, kam vom
Podium herunter und reichte Ulrika die Hand. Neben Renate stehend, sagte
er:

Lies die Briefe. Sie sind schn, sie sind leidlos. Die brigen hab ich
verbrannt. Es steht nirgend der volle Name der Frau drin, an die sie
gerichtet sind, und das ist ganz gut. Renate sah trbe zu ihm auf, aber
er lchelte nun und schien alles fr erledigt zu halten. Sie fate seine
Hand und fragte ngstlich:

Sag mir noch --, ist die Krankheit deines Vaters -- --, hngt sie
zusammen mit --

Er schttelte nachdenklich den Kopf und erwiderte: La das Fragen. Es
wei keiner genau. Krankheiten des Gehirns kommen wohl niemals von
auen, sie knnen hchstens beeinflut und -- vielleicht -- verfrht
werden. Also vielleicht ein Unterschied von fnf Jahren, um die ich
lnger einen Vater gehabt htte. Er ist nun tot und hat Frieden. --
Drauen ist Februar. Da zieht ein Winter nach dem andern herauf. Er und
die Gestorbenen bleiben sich unvernderlich gleich, und dazwischen leben
wir und geben uns keine Mhe. -- Gute Nacht, Kinder, gute Nacht!

Es war lange Zeit still in der Kapelle. Ulrika stand auf, ergriff die
Lichtschere und beschnitt alle Dochte vorsichtig und suberlich. Renate
ging in der Kapelle hin und her, stieg zur Orgel hinauf, setzte sich.
Sie schauderte leise, bedenkend, da der Freund nun wieder durch die
Winternacht ging, allein, zu dem gelhmten Bruder und der Aussicht auf
die Gefngnismauer, die sie pltzlich begriff. Tief aus ihrer
Versonnenheit fragte sie endlich Ulrika, die wieder vor ihren Noten sa:
Und was sagst du zu alledem?

Ulrika hob langsam den Kopf. Gegen die Dunkelheit hinter ihr zeigte
sich, von den Kerzenflammen hell beschienen, ihr Profil, streng Nase und
Brauen, wie wenn sie spielte, und in dem fr Renate sichtbaren Auge
glnzte es feucht und rtlich auf vom Lichterschein. Sie sagte nichts,
sondern klappte das Heft vor sich zu, stand auf, ging um den Flgel,
legte es hin, legte, in der Einbuchtung des Flgels stehend, beide
Unterarme auf die Platte, senkte schlielich den Kopf tief darber und
sagte:

Ich bin auch verheiratet.

Renate zuckte zusammen und regte sich nicht. Aber da richtete Ulrika
sich schon wieder auf, strich eine Haarstrhne aus der Stirn, machte sie
fest, wandte sich und sagte:

Du mut nichts Falsches denken. Mein Mann ist sehr gut. Ja, er ist wohl
noch viel besser, als ich bisher gedacht habe, nach dem, was ich heute
hre. Aber die Menschen werden wohl allerlei reden, weil er niemals hier
ist.

Sie legte die Arme wieder auf die Platte, lie die Augen umherwandern
und sprach leise weiter:

Du mut wissen, da ich niemals etwas andres gekannt und gewut habe
als mein Klavier. Ich verlobte mich, weil es so kam und wir uns sehr
gern hatten, und am Ende heirateten wir auch, aber ich dachte nicht, da
das etwas Besondres wre. Ich wute ja nichts. Gar nichts. Und so --
nun, so war ich am andern Tage wieder bei meiner Mutter. Ich bin dann
wieder zurckgegangen, aber -- seine Frau bin ich nie gewesen. Ich wei
nicht, sprach sie schnell weiter, all das hat mir immer ganz einfach
geschienen, nur dies eine, das er von mir verlangte, als etwas
Ungeheures, und jetzt ist es pltzlich umgekehrt, und es scheint, als
wre es ungeheuerlich, da er sich in alles fgte, aber das eine htte
ganz einfach sein sollen. Oder doch nicht? Wer sagt mir das nun? Da ich
nichts wute, so wute ich doch auch von mir selber nichts. Ich brauchte
mich selber ja nicht, ich hatte ja mein Klavier, wozu mute ich das eine
fr mich behalten? Wem hab ich damit gedient? Mir doch nicht. Wie er
leben mag, das wei ich freilich nicht, er ist in seinem
Auslandgeschwader, und wir reisen jedes Jahr ein paar Wochen zusammen.
Das ist freilich keine Ehe. Sie brach ab und legte das Gesicht in die
Hnde.

Wenn es dich beruhigen kann, sagte Renate sanft, ich wrde so
gehandelt haben wie du.

Ach, sagte sie nun, aufschauend erhitzt und rot, das ists ja wohl gar
nicht, was mich pltzlich beschwert. Ich habe ja auch meine Freiheit und
kann -- Sie brach wieder ab, legte jhlings den Kopf in die Arme und
auf das Instrument und weinte.

Renate glaubte, alles zu wissen. Sie stand leise auf, ging hinunter und
zog die Weinende in ihre Arme. Dort wurde sie bald ruhiger, trocknete
ihr Gesicht, lachte leise und sagte:

Du meinst nun, ich dachte, es knnte mir so ergehn wie der Frau, von
der er erzhlte, aber findest du nicht, da ich einen Vorsprung habe?
Oswald ist doch gut, ich wei, er ist gut, sie faltete die Hnde,
drckte die Unterarme gegen die Brust und die rechte Wange gegen den
Handrcken und fragte ngstlicher: Glaubst du nicht, da er gut ist?
Nach allem, was wir hrten --, aber -- sie warf Hnde und Arme
auseinander, lie den Kopf sinken und sagte: Da hab ich zeitlebens in
die Noten gestarrt, und wenn was passiert, werde ich selber schuld sein.
Endlich kam Bogner und machte ein Fenster auf; das war er selbst, und
vor lauter Wundern und Gegenstnden drauen sah ich ihn selber nicht. Da
kommt nun dieser Saint-Georges und macht das Fenster einfach zu, und da
steh ich nun, und da seh ich ihn nun, und es ist finster, und drauen
mgen die schrecklichsten Dinge bevorstehn -- Sie verstummte und
starrte verloren an den Boden. --

Komm, sagte sie pltzlich, ich mu heim.

Sie fing an, die Lichter auszublasen. Renate ging willenlos zur Kurbel
fr die elektrische Lampe, die hliche Helle bedrckte sie, und Beide
verlieen eilig und schweigsam den pltzlich ungastlich gewordenen Raum.

Renate, in ihrem Zimmer spter, glaubte beide zu spren: von Ulrika her
Schatten einer Zukunft, von Saint-Georges her die Schatten des
Vergangenen, und ihr Herz zog sich schauriger als je zusammen. Dann aber
lie dies ab, und statt dessen brachen von innen die Schauder der
Gegenwart, da sie sich mit deutlichen Worten sagen mute: Da stehst du
unversehrt und freust dich dennoch nicht, sondern du ngstigst dich vor
Kommendem, und gleichfalls wre dir alles andre lieber als diese deine
schne Leere. -- Da -- pltzlich -- erschien die immer fremde Freundin
ihr, wie sie zuvor neben dem Flgel stand im Lichterschein, seidenbraun,
rot im Haar, und bleich neben dem schwarzen Ungetm, und die Arme
auseinanderwarf und etwas sagte, das Renate nicht mehr wute und
verstand, in den schmerzlichen Brauen aber, in den Winkeln des Mundes
und in den Augen so viel jh ausbrechende Inbrunst und innerstes
Leuchten, da Renate erschrak. -- Sie ging auf und ab im Zimmer.

Ihre Brauen --, an denen hing sie jetzt fest. Was ist denn, Ulrika, du
fremde Seele, nun habe ich Jahre schon, sooft du saest und spieltest,
deine Brauen geliebt -- fast -- ja fast wie ein sehr schnes, adliges
Tier, einen Aar, einen Sperber -- so ernsthaft ausgebreitet schwebten
sie dunkel berm groen Strom der Musik, -- und immer doch habe ich sie
vergessen mssen, wenn der Strom endete und -- du selber da warst. Dann
blieb da ein feines, zartes, unendlich gescheites, ernstes und
liebenswertes Geschpf, aber zwischen ihm und mir -- war Zwischenraum,
und ging er nicht von dir aus? eine Zauberluft, in der du dich
abschlossest? Und warest du erst abwesend, so verga ich dich fast, und
du warst nicht viel mehr als ein farbiger Schatten.

Und das wars natrlich auch -- ja, das wars vor allem: Wann htte sie je
von sich selber gesprochen? Oder so sie's tat, wars -- Musik; ihr
Lernen, ihr Vorwrtskommen, Konzerte ... Warum aber das? Ach, sie war
doch verheiratet, hatte einen Mann --, wovon zu sprechen natrlich
gewesen wre, aber dies -- hatte ja kein Dasein in ihr, es sei denn ein
so verfehltes, da es verdeckt werden mute vor ihr selber. Und er --
mein Gott, ja -- er, der Einzige, der ihr der Nchste sein sollte -- ihn
mute sie immer fernhalten von allen Gedanken, vom ganzen Leben, -- und
davon blieb die Haltung dann wohl, die innerlich abweisende Gebrde, die
Einsamkeit, in der dem dunklen Gttervogel an ihrer Stirn die Flgel
hingen, bis er sie wieder ausbreiten durfte im pfeilgraden Flug ber
Strmen.

Sie blieb stehn und sah den Ech-en-Aton, der aus seiner Ecke ber sie
hinweg blickte, wie seit ewig. Ja, staunte sie, du ja auch! In Ulrikas
Haltung nicht, nicht in den Zgen, -- im Wesen war dieser Blick -- ber
alles hinweg, der mir manchmal -- wie Hochmut schien, trotz deines
warmen und glhenden Herzens, fr alles was edel, rein und wahrhaftig
ist. Doch verurteiltest du manchmal, und wo du nicht verstandest, da
wolltest du auch nicht verstehn. Oh gleichviel, bin ich vielleicht
besser? -- Diese Frau -- Renate wandte sich ab --, wie Georges sie
erklrte, war sie unsglich liebenswert und traurig, allein -- -- Sie
blickte wieder das kleine Knigsantlitz an. >So glaubten Heilige, und so
verbrgt es die Form der Sonnenblume<, murmelte sie. Sich verwandeln,
wie? Ja -- Ulrika, -- sie war Musik und nichts andres. Wie sagte sie
selber? ... da ich nie etwas andres gekannt habe als mein Klavier.
Das wars wohl. Und du, Bogner -- ah, wars das, was dich zu ihr zog:
Glut, unstillbar, wie die deine, zum einen Ziel, und die Verwandlung? Du
aber bist doch nicht einsam, nicht verschlossen, obgleich ... Sie brach
seufzend den Gedanken ab.

Nicht einsam? nicht verschlossen? nicht mir ewig fremd?

Und doch, fing sie nach einer Weile wieder an, kaum bemerkend, da sie
auf einem Stuhl sa, -- Ulrika war -- mehr als -- beschlossen. Sie war
-- -- Angestrengt nach einer Vorstellung suchend, fand sie schlielich:
befangen. Das ungefhr, dachte sie, gefangen in sich selber, unfrei
irgendwie in der einen Aufgabe. Georges -- Renate lchelte --, was
wrdest du nun sagen? -- Jedoch fiel ihr ein Wort Josefs ein:
Tennisspielende Frauen werden schief; tennisspielende Mnner niemals.
Und -- hatte er hinzugefgt -- jeder Frau, die alles an eine Sache setzt
wie ein Mann, es sei denn an die natrliche, ergeht es wie den
Tennisspielerinnen.

Ist uns denn -- mein Gott! -- murmelte Renate verzagt, wirklich nur die
eine Stelle im Dasein gegeben, um zu lieben und ganz wir selber zu sein
und schn?

Wieder war ber ihr das Knigsgesicht, fortblickend ins Ewige. -- Er
lchelt ja! durchzuckte es sie leise. Sie senkte den Kopf: Und was steht
vor deiner Seele, Renate, und fordert die Verwandlung?

Lange Zeit blieb alles leer in ihr und dunkel. Dann fiel ihr ein, da
sie das Paket mit den Briefen in der Kapelle hatte liegen lassen. Also
ging sie frstelnd und traurig, -- von Treppe zu Treppe, von Zimmer zu
Zimmer von dem auflohenden und verlschenden Licht begleitet, durch das
dunkle Haus, den zerstrten Frostgarten und in die Kapelle, wo sie noch
die halbe Nacht, da Streichhlzer fehlten, unter der hochhngenden
Glhbirne sa und schaudernd in der Nachtklte mit heiem Gesicht las,
als wre sie es Saint-Georges schuldig, was sein toter Vater einst
schrieb.


                         Zweites Kapitel: Mrz


                                  Leda

Georg, abgespannt von berhitzten Arbeitswochen in Mozarts Figaro
sitzend, merkte schon whrend des ersten Aktes, da es ihm wie immer
erging: nach dem ersten wunderbaren Durchspltsein von der gttlichen
Musik, dasitzend mit geschlossenen Augen, um die Bhnengeschehnisse
unbekmmert, entfaltete in ihm sich Phantasie; Bilder, von den Klngen
tiefer gefrbt und bewegt, schwirrten auf, schwanden, wiederholten sich
und vergingen unter neuen Erinnerungen an dies und jenes, Gedanken an
die Zukunft, die er erleichtert sah, pltzlich ein Stck Traumes aus der
letzten Nacht, ein Mdchen, eine Frau -- deren Gestalt und Zge ihm kaum
noch erinnerlich waren, die er geliebkost hatte, wie sie ihn, bis zur
hchsten, letzten Wollust liebkost, in einem Garten ... worauf er,
erwachend, dann merken konnte, da nur seine Seele getrumt hatte, nicht
aber sein Leib. Und wieder, wie in der Nacht, fhlte er das Peinliche
der Erleichterung, -- und Erleichterung doch. Diese Weise war immer noch
besser als -- -- er zerdrckte das brige, sah, die Augen ffnend, ein
wenig geblendet von der Helligkeit der Bhne, eben den Grafen, ohne da
ers gleich merkte, den silbernen und blauen Cherubim aus der Decke
hllen, lchelte zerstreut und lie sich untergehn im harmonischen
Wirrwarr der Instrumente und Stimmen, bis der Vorhang fiel.

Benno hinter ihm seufzte tief auf, und sein heies, gertetes Gesicht
kam zum Vorschein mit ersterbenden Augen. Allein, wie deren Blick jetzt
in das Logenhaus hinunter geriet, zeigte sich Erschrockenheit darin. Er
fate Georg am Arm und flsterte:

Sieh nur! das Gespenst unten! Drben auf der Seite, in der dritten --
vierten -- fnften Parkettloge, wo all die Schauspielerinnen sitzen!

Georg suchte dort, ber die Brstung der Proszeniumsloge geneigt, und
gewahrte in der Tat bald ein seltsam gespenstisches Gesicht, das, als
gehrte es zu einem Kinde, dicht ber dem grnen Plschwulst der
Brstung war: gelbes, in die Stirn gekmmtes Haar, unter dem hervor aus
dem ganz weien, altkindischen Gesicht mit spitzer Nase, unbestimmt
helle Augen umhersphten, sich verdrehend, so da darin das Weie
glnzte, ugend in einem abstoenden Gemisch von Munterkeit und Bosheit.
Ein Gespensterwesen ohne Jugend und ohne Alter, fast Knabe und fast
Mdchen ...

Siehst du? raunte Benno. Ein Vampir!

Allein Georgs abirrender Blick hing an dem Gesicht daneben fest, aus dem
zwei schne und traurige, dunkle Augen ihn anblickten; ihn? -- ja --
gewi -- ihn, -- und zwar senkte sie wohl gleich die Lider -- sehr
schwarz und lang muten die Wimpern auch am untern Lide sein, denn die
Augensterne waren rundum verschattet --, aber im nchsten Augenblick kam
der Blick wieder empor und hing an ihm fest, viele Sekunden lang. Dann
wagte Georg es, zu lcheln; sie blieb ernst. Nein, nun lchelte auch
sie, traurig, und schlug die Augen nieder.

Georg streckte die Hand nach dem Opernglas, das Benno haben mute,
murmelte, er mte das Gespenst sich nher ansehn, erhielt es und konnte
nun die Gesichter beide nahe vor sich sehn und in fast natrlicher
Gre. Das des Gespenstes war wei geschminkt und abscheulich; auch das
der Andern war -- ein sehr weiches, fast rundes Oval -- wei, eher ein
wenig grau, wie von vielem Schminken. Auch diese -- waren es wirklich
Schwestern? -- trug das Haar in die Stirn gekmmt, aber es war
tiefbraun, sehr altem Mahagoni oder polierter Eiche gleich, ja, es
schien fast einen grnlichen Hauch zu haben wie Bronze, -- aber das kam
wohl von dem nahen Samtgrn der Brstung und -- ja, auch ihr Kleid war
von hnlich grnem Samt. -- Befremdend war der Mund, von dem nur in
seiner Mitte ein hagebuttengroer, tiefroter Fleck der Oberlippe
sichtbar war; die Mundwinkel, tief ins weiche Wangenfleisch eingebettet,
waren darin wie ausgewischt, hnlich wie die Augen vom Schwarz der
Lider.

Indem sah er sie ein kleines Opernglas heben, aber gleich wieder sinken
lassen, -- wohl da sie das seine auf sich gerichtet sah.

Und dann, nachdem er das seine fortgetan, blickten sie einander wieder
in die Augen, in Pausen, wieder und wieder. Es war s, melodisch, --
fast wie Drosselgesang, dachte Georg. -- Dann begann der nchste Akt.

Wer ist sie? dachte Georg, wieder im Dunkel geschlossener Augen und
wirrer Harmonien. Hat sie mich erkannt? Ach, wahrscheinlich doch!
berall haben sie ja Photographien von mir aufgehngt. Freilich, wenn
die Menschen einen vor sich sehen -- im Laden zum Beispiel --, denken
sie doch nicht, da mans sein knnte. Er lchelte, da ihm einfiel, was
der berhmte Gaffron, der Mime, ihm einmal erzhlt hatte, wie er eine
Ansichtskarte von der Wiener Burg gekauft und die Verkuferin ihm eine
empfohlen hatte mit den Worten: Da habens auch den Gaffron gleich mit
drauf ...

Er wandte sich und suchte im Dunkel der Menschen unten ihr Gesicht, fand
es auch, mattwei leuchtend, und sah, da sie zu ihm emporblickte.
Obwohl er ihren Blick nicht wahrnehmen konnte, fuhr er fort, hin und
wieder sekundenlange Blicke mit ihr zu tauschen, dieweil er dachte:

Will sie etwas? Sie sah so ernst aus; das mu echt sein. Nein,
dirnenhaft war sie doch gar nicht! Empfand sie wirklich etwas fr ihn?
Ach, ja so wars immer mit ihm gewesen: die er htte haben mgen,
pflegten ihn nicht zu sehn, solange sie nicht wuten, wer er war, und
die Unbekannten, die ihm ihre Geneigtheit zeigten, stieen ihn ab eben
dadurch. Auch diese -- -- sie ging fast zu weit ... Und was nun? Nun das
Anknpfen, das unleidlich war. Sie mute ihm erst doch mehr
entgegenkommen, damit er sicher wrde, dann wars ja einfach, allein --
-- um so mehr wrde dann wieder die Zudringlichkeit ihn abstoen ... Und
natrlich grade heute mute ihm dies begegnen, wo er nach Wochen und
Wochen des Schmachtens und Leidens -- nun einmal sich bedrfnislos
fhlte! Dieses Leben hier war von allen Bestien die heimtckischeste.

Schweren Herzens, als der Vorhang fiel, erhob er sich doch langsam und
sah sie aufstehn. Bennos Arm nehmend, schlenderte er durch das heie
Gedrnge auf den Treppen und Gngen, behelligt und unwirsch vom vielen
Ansehn derer, die ihn erkannten, in den Wandelgang hinter den
Proszeniumslogen hinunter, der fast leer war. Sie stand in der Tr ihrer
Loge und sah ihn kommen, bewegte sich vor, ging an ihm vorber, ihn
ansehend, ohne zu lcheln.

Und dann begegneten sie sich, Beide umwendend -- Benno, aufgelst in
Musik, wanderte blindlings und schweigsam mit --, begegneten sich noch
einmal -- und lchelte sie jetzt nicht wieder? -- und ein drittes Mal,
worauf sie verschwand. Das grne Samtkleid, das schlecht und lose sa,
wunderte Georg, ohne seine wachsende Zuneigung viel zu stren.

Oh er wrde sie lieb haben knnen! Wenn sie nur nicht trichten Geistes
war, -- aber das schien nicht so. Also mute es sein. Mute, mute!
Nicht wieder aus Feigheit die Gelegenheit versumen! Nun -- aber wie? --
Es mute sich finden ...

Der dritte Akt war noch nicht halb vorber, als Georg sie mit dem
Gespenst flstern sah. Dann stand sie auf, stand noch einen Augenblick
aufrecht, zu ihm aufblickend, und verschwand.

Georgs Herz tat einen Sprung und begann zu rennen. Festgebannt noch fr
Sekunden, erhob er sich dann doch und sagte zu Benno, er msse ihn
entschuldigen, und, verlegen lchelnd: ein Abenteuer verlangte ihn ...

Aber wie denn, Georg? fragte Benno fassungslos. Ich hab doch gar
nichts gesehn!

Georg drckte ihm die Hand, verlie eilig die Loge, lie sich Hut und
Mantel geben und lief mit angstpochendem Herzen hinunter. Noch auf der
Freitreppe sah er sie unten in der Halle stehn, -- ja was fr einen
abscheulichen, vergilbten alten graden Strohhut hatte sie denn auf dem
Kopf! -- Georg fand sie so entstellt, da er fast dies als letzten
Ausweg benutzt htte, um davonzukommen, allein was sollte Benno denken?
-- Sie stand -- er sah sie von der Seite --, langsam einen schmutzigen
weien Glaceehandschuh anziehend --, und nun wandte sie sich herber,
sah ihn und ging schnell hinaus. Er folgte. Sehr langsam; so langsam er
konnte.

Die dunkle, enge Strae war voll von wartenden Automobilen und
Equipagen. Die Nachtluft atmete lau. Und dort links bewegte ihr Schatten
sich davon, auf das rote Leuchten der breiten Goethestrae zu. Langsam
folgte Georg, mit Entschlulosigkeit kmpfend, mit: Soll ich? und: Soll
ich nicht? wechselnd fast bei jedem Schritt. An der Ecke angelangt,
gewahrte er sie erst nach einigem Suchen schon fern drben auf der
andern Seite, wo das steinerne Brckengelnder die Huserzeile
fortsetzte, und etwas rascher nachgehend, sah er sie ber die Brcke, am
Gitter der Molkerei hinabgehn, dann um die Ecke biegend entschwinden.
Selber dort -- auf einmal ganz verwirrt vom Erinnerungsgeruch der
Gegend, durch die ihn jahrelang sein Schulweg gefhrt, -- sah er sie
wieder auf der andern Seite der zweiten Brcke ber der Flubiegung, und
sie stand still an der Brstung, fluabwrts blickend, -- dorthin, wo am
linken Ufer sein alter Schulhof lag und dahinter das rote Haus mit der
Sonne auf dem Trmchen ...

Ja, nun mute es geschehn. Unaufhaltsam kam er nher. Was war zu sagen?
Abscheulich war das ja! Und dies Wesen war womglich ihre Schwester mit
dem Gespenstergesicht! -- Und dann ballte er sein Innres zusammen wie
ein Papierknuel, trat neben sie und sagte -- eben zwei nherkommende
Mnner gewahrend -- im Ton alter Bekanntschaft, wenn auch heiser:

Es ist angenehm khl hier, nicht wahr?

Nun erst wandte sie das Gesicht herum, lchelte ein wenig krampfhaft,
bewegte die Lippen und sagte endlich, dieweil Georg pltzlich in
schnster Sicherheit dachte: sie hat ja mehr Angst als ich! --:

Ja.

Und nun gingen sie zusammen weiter, Georg besinnungslos dies und jenes
redend, von der Musik, von den Darstellern, ohne zu wissen, was er
sagte, -- gingen die dunklen, laternenerhellten, gewundenen Straen, wo
Georg jeden Stein kannte, an seiner alten ltzenstrae, ganz nahe am
Pragerschen Hause, am Kolonialwarenhndler Kiffe, am Bcker Engelhardt
vorber, an den alten Schildern mit Anpreisungen von Malzkaffee,
Kindermehl, Leibnizkakes, -- wo Georg dann merkte, da er vor
Erinnerungen wieder verstummt war -- einerseits, und da sie ja in der
Richtung seiner Wohnung gingen -- andrerseits.

Wohin gehen wir eigentlich? fragte er da kameradschaftlich.

Sie lachte leise. Halt in die Allee.

Und so kamen sie ber den Platz und waren bald im Dunkel der noch kahlen
Lindenwlbungen. Da schob Georg seinen Arm in den ihren, und siehe da,
sie fate mit der Hand, an der kein Handschuh war, die seine, und er
mute nach einer Weile wieder loslassen, um gleichfalls den Handschuh
auszuziehn.

Und nun, sagte Georg in vlliger Sicherheit, nun erzhlen Sie mir,
nicht wahr! Wie heien Sie? Nur den Vornamen, -- Nachnamen interessieren
mich nicht.

Cornelia, hrte er sie sagen.

Cornelia? fragte er berrascht. Wer hie denn Cor--? Ach, Cornelia
Ring!

Nicht Cornelia, sagte sie lachend, Cordelia mit d, von _cor_,
_cordis_.

Oh Sie knnen ja Latein!

A bissel!

Und Bayrisch?

Na freilich! Oberbayrisch, mei Muttersprache!

Am Ende auch Griechisch?

Auch. A weng!

Das glaab i nimmer! versuchte Georg sich Mnchnerisch. Sagen Sie mal
was auf!

Sie sah gradeaus. Er merkte beseligt, da ihre Finger mit den seinen
spielten.

Na, fllt Ihnen nichts ein? Dann bersetzen Sie mal: _Anr tis
athnaios -- uk ebuleto fotografizestai!_

Leicht auflachend stutzte sie. Hatte sie gelogen?

Was heit denn das? fragte sie dann. Ein griechischer Mann, der nicht
photographiert werden wollte? Wo kommt denn das vor?

Also wahrhaftig, Sie knnens! Das ist so ein alter Schlerscherz. Dann
knnen wir ja griechisch weiter reden.

Awo! sagte sie, seine Hand drckend. Sagens mir lieber, wie Sie
heien?

Wissen Sie das nicht? fragte er unbedacht. -- Sekunden vergingen, bis
sie ihn ansah und fragte: Nein, -- woher soll ich das wissen? Und
Georg atmete auf.

Ich heie Georg.

Georg? Ach, das ist schn!

Und auch griechisch.

Ja: ge--vor--gs, sagte sie mit genauer Betonung schulmig, der
Landmann. Sans an Landmann, gell?

Oh dies >gell< war entzckend! Georg schttelte nur lachend den Kopf,
und sie wanderten langsam weiter, schweigsam, whrend Georgs Herz immer
zrtlicher, sein Geschlecht immer begehrlicher empfand. Sie nahm jetzt
den Hut ab, schttelte den Kopf, und Georg sah, da ihr Haar kurz
geschnitten rund um den Nacken fiel. Darber erlag er pltzlich, blieb,
sie festhaltend stehn, umschlang sie und drckte sie an sich, whrend
ihr Kopf schon hintenber sank, ihr Mund emporkam, doch traf er, sie
kssend, erst die Wange. Dann, als er ihren Mund gewann, brauste sein
Blut siedend auf, durchflammt von der erschreckenden Sigkeit dieses
Mundes. Er stolperte, sie schwankten, lieen sich dann los und gingen
hastig weiter, Georg trunken und beglckt. Bald nahm er ihre Hand, dann
zog er sie davon, durch die Bume der Allee und in einen der Wege in den
Anlagen. Und dann saen sie auf einer Bank, er hielt sie fast auf den
Knien, ihre Brust lag an ihm, sie lie sich kssen, Gesicht und Hals,
kte wieder und atmete tief und wild.

Wieder stille geworden nach dem Ausbruch, fragte Georg, ganz froh vor
glcklicher berraschung:

Nun sag, was mchtest du? Hast du Wnsche? Wollen wir nach gyptenland
reisen? Oder nach Stockholm? Na?

Sie schwieg; ihre Augen blieben geschlossen an seiner Schulter.

Aber erst mu ich wissen, wer du bist, nicht wahr? sagte er leise
scherzend. Da schlug sie die Augen auf und sah ihn lange an. Endlich
sagte sie ganz ernst und mit tiefer Stimme:

Ich bin nur eine arme Seele!

Und eine Weile spter hrte er, bermannt von Mitleid, Zrtlichkeit und
Staunen, sie sagen:

Bist du denn so reich? -- I moan, setzte sie hinzu, weils du von
Reisen redst.

Mchtest du denn reisen?

Ich will, was du willst, sagte sie leise.

Ihn berliefs. Was war das hier? Was hielt er denn hier im Arm?

Lange wars still. Ob ihr nicht kalt sei, fragte er.

Oh nein, sie sei ja ganz glhend.

Aber schad, da nicht Mai ist, meinte sie dann trumerisch vor sich
hin.

Die Nachtigall ... fing er an.

-- mt halt schlagen, ergnzte sie wohlgemut, halblaut wie aus dem
Schlaf.

Also gehn wir doch hin, wo sie schlgt, Cordelia. Du wolltest dir doch
was wnschen. Wnsch doch mal! Na, was mchtest du wohl jetzt?

Was i mcht? Sie lchelte geschlossenen Auges und fuhr sachte mit
lieblichem, innerm Humor fort:

Ich sollt in eim Schlo sein drfen ... im Garten von dem Schlo --,
und in an -- Teich. Ja, in dem Wasser, dem khlen, -- da sollt ich stehn
drfen, bis zun Knien. Und auf meinen Armen -- so ausgestreckten Armen
weit und am Kopf und den Schultern -- da sollt alles voll sein drfen
von -- Papagoyen. Naa! ich mein' ja nicht Papagoyen, ich mein' --
Lerchen. So a kloans Gsindl, weit! Aber -- -- das brucht halt a net!
Blo das khls Wasser bis zun Knien, das sollt schon drfen, schlo sie
bescheiden.

Und das Schlo?

Und das Schlo halt, wiederholte sie befriedigt.

Dann also los, gehn wir hin! entschied Georg, sprang, sie abgleiten
lassend, auf und zog sie mit sich den Weg hinunter auf die chaussierte
Strae zum Schlchen. Sie sagte lange Zeit nichts, wohl im Glauben, er
scherze. Pltzlich aber hielt sie an, fate ihn mit beiden Hnden bei
den Schultern und fragte, ihre Augen fest und ganz nah unter die seinen
haltend:

Georg! bist du wirklich reich?

Er bejahte verwundert. Langsam irrte ihr Blick ab, fiel, sie senkte die
Stirn gegen seine Brust.

Ach, das ist schade! seufzte sie tief auf. Ich dachte, du wrest auch
arm ... Aber gut bist du, nicht wahr? sprach sie, ihn wieder
anblickend, hastig weiter, bist du nicht? Ja, du bist gut! Oh sag doch,
da du gut bist, bitte sags, bitte, bitte sag mirs doch! wiederholte
sie bettelnd geqult, bis er Ja sagte.

Danke, seufzte sie leise. Dank dir viele Male. -- -- Gehn wir nun zum
Schlo? fragte sie kindlich zum Spa. Er nickte nur, verwirrt von all
dem sonderbaren Hin und Her, aber sehr gerhrt, dankbar und voll
Vorfreude ber die kommende berraschung.

Ists das? fragte sie, als zur Linken die Hausecke im Dunkel sichtbar
wurde. Er nickte nur und zog sie weiter an der Hand, die Rampe empor vor
das Portal, wo er sein Schlsselbund hervorholte und mit den Worten
Wolln mal sehn, ob einer pat! einen nach dem andern versuchte, bis er
den richtigen nahm und aufschlo.

Es geht ja auf! schrie sie ganz entsetzt. Er aber war schon im Saal,
drehte die Lichtkurbel, nahm den Hrer des Haustelephons von der Wand,
hrte nach Sekunden -- dieweil er sie dastehn sah, ihren alten Hut in
der Hand, fassungsloses Staunen berm ganzen Gesicht -- des blassen Egon
verschlafene Stimme und trug ihm auf, Limonade und zwei Glser ins
Arbeitszimmer zu bringen.

Oder magst du lieber Wein? Ich trinke keinen, fragte er sie, die mit
runden feuchten Augen immer noch langsam umhersah. Dann schien sie ihn
zu erkennen, ihre Augen verdunkelten sich schwer, auf einmal war sie vor
seine Fe hin an den Boden geglitten, legte die Stirn an seine Knie und
sagte:

Habe Dank, Herr!

Und nach einer ganzen, fr Georg fast verzweifelten Minute in der Scham
seines Nichtseins und Scheinens:

Ich bin dein eigen. --

Dann gelang es ihm endlich, sie hochzuziehn. Sie lie sich geduldig
kssen wie ein erschpftes Kind, lachte dann leise und verlangte, wieder
in ihrem kindlichen Spaton, das brige.

Georg schlo aus alledem mit Bestimmtheit, da sie Schauspielerin war;
zwar hatte er nie eine gesehn, die so fortwhrend agierte; aber die Art,
wie sie's tat, war ihm bezaubernd.

Als aber bald darauf im Arbeitszimmer die Mondsphre aufleuchtete, war
sie vor Andacht kaum zu bewegen, da sie die Stufen herunterkam, und
dann ging sie umher und bewunderte und berhrte ein jedes, die
Kostbarkeiten, die Blumen, die Mbel, mit einer kleinen, scheuen,
bittenden und vertraulichen Bewegung der Hand, bis sie vor dem
Penserioso in vollkommenes Schweigen versank. Unterweil brachte Egon
Limonade, Georg mischte ein Glas, brachte es ihr, und sie nahm es, ohne
es zu bemerken, trank und gab es ihm wieder.

Man mcht ihn immer anschaun, sagte sie endlich. Und, die Hnde
faltend vor der Brust:

So mcht man auch einmal knnen sitzen -- immer so -- und nachdenken,
immerfort nachdenken, wie das alles kommt ...

Ja, nun bin ich im Schlo! stellte sie erwachend fest. Und du bist
also der Prinz. Schad, wie a Prinzessin schau ich net aus da herum!
sagte sie, den Fu vorstreckend, um ihn auf ihr altes Kleid aufmerksam
zu machen.

Georg lief zur Truhe neben dem Kamin. Darber gebckt, in den seidenen
Zeugen whlend, erinnerte er sich mit Macht, aber er wollte sich nicht
Esthers erinnern, whlte stumpf weiter, den roten und blauen Bademantel
hervor, den Sigurd, den Kimono, den Ulrika getragen. Es mute etwas
Dunkles sein fr Cordelia, -- nein, es war nichts, das gepat htte,
auer Esthers Gewand. Schweitropfen standen auf seiner Stirn, als er es
Cordelia brachte und sie, ganz wie Esther dazumal, ins schnell
erleuchtete Schlafzimmer damit drngte. Dann khlte er sich mit Limonade
und versuchte, zu glauben, da Esther das Kleid gerne hergab.

Ihre Stimme hinter sich hrend, drehte er sich um. Oh sie sah nun
kstlich aus in dem dstern Kleid mit feurigen Blumen, das sie,
nacktfig, mit beiden Armen an den Leib drckte, schmitzugig
flsternd; sie habe nichts drunter an; so weich sei's, so ...

Er glaubte, alles zu begreifen, sprang auf sie zu, ergriff ihre Hand,
lief mit ihr zur Gartentr, ffnete und zog sie ins Freie, den Weg
hinunter durchs Gebsch bis an den Wassergraben. -- Das sei der Teich,
den er htte. Aber ob es ihr denn wirklich nicht zu khl sei ...

Sie stand, den Kopf im Nacken, lange nach oben blickend. Endlich
flsterte sie melodisch und auch theatralisch:

Nicht Mond noch Sterne in der Nacht. Dann will ich leuchten! und lie
das Kleid an den Boden fallen.

Georg zitterte in den Knien. Er wagte fast nicht, sie anzusehn, sah die
dunkle Wasserflche, das schwarze Strauchwerk drben, auch -- einen
grauen Fleck im Schwarzen der Flut -- den jungen Schwan, der sich
bewegte, und endlich sie selber, die wieder erhobenen Hauptes aufwuchs
aus der Erde, vllig wie Marmor so bleich wei, so weich und schmal,
aber mit vollen, schnen, breit aufgesetzten Brsten. Sein Blut lief
ber, er lag an der Erde und kte ihre Knie, ihre Fe, sprang wieder
auf, wollte sie an sich ziehn, erschrak, ihre Brust berhrend, weil sie
khl war, nein kalt, wie Marmor, jedoch weich, -- allein sie wies ihn
leicht ausweichend von sich und ging schnellfig die schrge
Uferbschung hinab bis ans Wasser. Er sah, da sie strahlte mit ganzem
Leib. Nun rauschte die Flut, in die sie watete. Stehen bleibend, drehte
sie sich nach ihm um; er hrte durch das Brausen in seinen Schlfen ihre
Frage, ob der Schwan gefhrlich sei, und sah, leise verneinend, sie
tiefer in die schwarze Flut gehn. Der Schwan kam jetzt mit leichten
Sten heran, -- er war jung und zutraulich --, bewegte voll Anmut den
Hals auf und nieder, drehte den Kopf, beschrieb einen Kreisbogen, sie
streckte die Hnde nach ihm aus und lockte, da kam er nher, ganz nahe
zu ihr, richtete sich auf, spreizte sich und schlug mit den Flgeln.
Stillehaltend danach, lie er sie sich zu ihm bcken und ihn liebkosen,
schmiegte den Hals an ihr empor und legte den Schnabel auf ihre Brust.

Fast khl ward es Georg im Hinsehn. Die Nacht war unbewegt, windlos,
geruschlos, wie ohne Jahreszeit, nur Nacht, und, ins Vorjahrgras der
Uferbschung niedergleitend, fhlte er das Rieseln ber Rcken und Armen
vom unbegreiflichen Schauder einer Furcht, bis er jetzt ganz berronnen,
schamhaft wie ein Knabe das Gesicht in den Hnden verbarg, dann vllig
verwirrt, glcklich, schwellend von tausend Gefhlen, sich auf dem
Rcken ausstreckte.

Leise rauschte es wieder in der Flut. Er sah sie heraufkommen, nicht
dort, wo er lag, ein wenig links von ihm, und hingleiten. Lange Sekunden
mute er ohne Bewegung bleiben, nach oben blickend, trunkenen Auges. Als
er sich dann zu ihr wandte, lag sie abgekehrt, ganz still, und wie er
nun die Hand ausstreckte nach ihrer Schulter und sich hinberbog,
erkannte er, da sie den Kopf auf den Arm gelegt hatte und weinte. --
Erschrocken zog er die Hand zurck, streckte sie wieder aus, wollte
etwas sagen, blieb stumm, ratlose Bestrzung im Herzen und Mitleid, so
wenig er begriff.

Pltzlich lag sie auf den Knien, das Haupt tief hintenber zum Rcken
gesenkt, die Arme schlaff. Trotz des Dunkels konnte er sehn, wie ihre
Brust sich hochwlbte und spannte, bis ihr Mund mit einem haschenden
Wehlaut aufbrach, und sie seufzte ein sterbend tiefes, erschtterndes:
Ach!

Im nchsten Augenblick war sie aufgestanden und ging langsam, ohne nach
ihm zu sehn, das Ufer hinauf, den Kopf gesenkt, schlaff hangender Arme,
und weiter und zwischen dem schwarzen Strauchwerk fort, wo das Wei
ihrer Glieder noch lange schimmerte. Endlich klang leise die Tr zum
Haus.

Georg wartete, still in sich hinein lchelnd. Sie schmt sich nun,
dachte er, oh wie werde ich sie lieben knnen!

Als aber sein Blut anfing, heftiger zu sausen, das Zittern der
Begehrlichkeitsangst ber der Herzgrube wtender pochte, spiegelte er
sich vor, sie erwarte ihn drinnen, im Schlafzimmer womglich -- und
ging, jedoch langsam.

Das Arbeitszimmer war leer. Die Tr zum Schlafzimmer stand halb offen,
und drinnen war Licht. Er trat leise nher und sphte hinein. Niemand
war darin.

Georg fhlte sich einen Augenblick versucht, die Schrnke zu prfen, ob
sie sich in einem versteckt halte, doch brachte ers nicht fertig, ging
ratlos ins Zimmer zurck, und als er absichtslos ber den Schreibtisch
hinblickte, schien ihm dort irgend etwas verndert. Nhertretend sah er
auf dem weien Lschblatt der Schreibunterlage groe Schriftzge, mit
dem Blaustift geschrieben, der noch darber lag.

Dank! Dank! Dank! las er; und darunter: die arme Seele.

Ha und Enttuschung, die aufquellen wollten, kamen doch nicht hoch vor
dem Schauder der Ratlosigkeit und des Staunens. Seine Stirn sank langsam
vorber, indem er in den Stuhl hinabglitt. Er htte weinen mgen vor
Bitterkeit. Dann verging auch diese in offenbares Nichtverstehn. Sie
wieder im Wasser unter sich sehend, beneidete er den Schwan. Bald fhlte
er sich mde, stand kopfschttelnd auf, lchelte mit Anstrengung und
begab sich ins Schlafzimmer.


                                 Renate

Renate erwachte beim Frhgelut aus der nahen katholischen Kirche,
dehnte sich, machte die Augen versuchsweise ein paar Mal auf und wieder
zu und stellte fest, da sie friedlicher und behaglicher Laune war.
Vielleicht, dachte sie, kommt ein Brief, oder Besuch, und sie streckte
sich gerade aus, faltete die Hnde unterm Nacken, sagte sich, wie
wunderbar breit ihre Muschel von Bett sei, heftete die Augen auf die bei
der Dmmerung kaum kenntlichen Zge der dunklen Madonna Feuerbachs
drben an der lichten Wand, schnurrte schlielich ghnend wie eine
Spirale in sich zusammen und sprang aus dem Bett. Im Schlrfen ihre
bastenen Badeschuh an die Fe bringend, ging sie ans Fenster, das weit
offen stand, schlug den Vorhang zurck und fand den kaum ergrnten
Garten angenehm verschleiert von einem lautlos fallenden Regen, worauf
sie mit schnem Schaudern wieder unter die Decke kroch, um sich zu
erinnern, was sie getrumt hatte. -- Allein unvermutet entglitt sie sich
selber, und langsam, nicht wissend, ob sie wache oder trume, sah sie es
vor ihren Augen sich entfalten ...

Sie glaubte, da sie auf der Veranda stehe und ber die Stufen in den
Garten schaue, in dem es nicht dunkel, nicht hell war; schattenloses
Traumlicht herrschte, es war alles grn, Bume und Bsche standen
dichter und stiller als sonst. Da begann etwas Weies sich im Garten
umher zu bewegen, und sie erkannte sich selber, die auf dem um den
Rasenplatz fhrenden Wege pltzlich deutlich sichtbar ward und sich in
das enge Grn hinein entfernte. Darin taten sich immer neue Wege auf,
und ihr Gehen war schn und friedlich anzusehn, und jetzt war sie es
auch wirklich selber, die ging, und sie sah sich nicht mehr. Hinter ihr
sagte die Stimme Bogners: Jetzt kommen die groen Verneigungen. Da war
wieder die weie Gestalt, sie selber, und hatte auch schon angefangen,
sich zu verneigen, mehrere Male, im Gehen, und aus Verneigung und
Sichaufrichten wurde ein sehr ernster Tanz, der endete, indem all dieses
verschwand in einem grenzenlosen, leidenschaftlichen Schluchzen, das aus
allen Tiefen und Hhen zugleich herauszuquellen schien, zusammenschlug
und sie verschlang. -- Renate ging suchend im Garten umher, Magda wars,
die sie hinter allen Gebschen suchte, immer ngstlicher und
aufgeregter, allein immer, wenn ein Weg und ein Blick frei zu werden
schien, verstellte etwas die Aussicht, ein Mensch, den sie umgehn, ein
Busch, ein Zaun, ein kleines Haus, um die sie laufen mute, und auf
einmal befand sie sich vor ihrer Orgel, die mitten in einem Walde stand.
Es war dmmrig geworden, und oben auf den matt glnzenden Pfeifen saen
regungslos viele dunkle Vgel ohne Augen, und sie sagte: Das sind die
Eulen. Sie mute die Blge wohl angetrieben haben und dachte, wenn ich
ganz leise spiele, werden die Eulen es vielleicht nicht merken, sonst
wrden sie gewi aufgeplustert und in die Luft geworfen werden, und sie
zog _Vox humana_ und das Fltenmanual auf, aber indem sie nach ihren
Fen blickte, die sie auf die Pedale setzen wollte, hrte sie hoch ber
sich die _Vox humana_ ganz fern _Agnus dei_ singen, vor ihren Fen aber
rauschte Wasser klar hervor, die Orgelpfeifen standen darin, und in der
hellen Flut wurden erst Hnde, dann Bogners Zge sichtbar, die langsam
nach oben schwebten, anzusehn wie ein grner Wassergott ...

Renate fuhr zusammen und sprte, da sie lag. Und jetzt, da das
Glockengelut schwieg, hrte sie die kleinen Takte und Pausen der
schwarzen Amsel und wute, da die es gewesen war, die im Traum _Agnus
dei_ sang.

Eine Weile noch lag sie still; die Amsel sang nicht mehr; sie hrte das
Hausmdchen, das die Treppe fegte und mit dem Schmutzblech klapperte,
und auf einmal -- fhlbar -- merkte sie den Stillstand in sich und
fragte: Wie kommst du hierher, Renate? -- Sie lag und mute still
liegen, und es war Unvernderlichkeit, das wute sie, solange sie diese
Lage festhielt. Nichts konnte geschehen, zuvor war alles ein bestndiges
Flieen, Gleiten, Nachfolgen gewesen, nun aber war sie hier angelangt,
aus gelinder Flut den Kopf an ein schlichtes Gestade hebend,
rckschauend ber Strom, Brcken fern, Stadt und Trme, -- wie fremd sah
alles aus! Wer denn hatte sie hierher getragen? Es schien ihr nun, als
ob einmal viele Arme und Hnde sie umschlungen hatten, worauf ihr Leben
sich zerstreut, immer zur Hlfte, zu Dritteln, zu Fnfteln sich
weggegeben hatte, und jedesmal entstellte und beraubte der fortgegebene
auch den gebliebenen Teil. Wann hatte das angefangen? Als sie in dies
Zimmer kam, in dies Haus. Ja, hatte sie vordem nicht allein auf sich
gestellt hingelebt? Zugleich freilich ihrem Vater, aber wie war der ihr
gewohnt gewesen! Der war nun schon so lange tot, da sie, seiner
gedenkend, nichts empfand als sein gtiges Gewesensein in ihrem Leben,
nichts sah, als sein immer freundliches altes Gesicht. -- Dann, ja, dann
war dies hier gekommen, Erasmus, Josef, der Onkel, und bald alle die
Andern, die Friedliebende Gesellschaft, Saint-Georges und -- Bogner. Und
lange schon waren Viele von ihnen wieder fort. Herbst, Winter, Frhling,
-- das waren Namen, -- fr was? Orgel- und Klavierspiel, Arbeit mit dem
Freunde, ein Konzert, ein Besuch, ein Mensch, der von der Reise kam,
Gesprche, viel Bcher, immer Beschftigung, und alldas -- wozu? Wellen
durchs Herz, spurenlose. Sie mhte sich eine Zeitlang, deutliche
Erinnerungen zu finden, aber im Augenblick hatte alles ins Unsichtbare
sich hinweggezogen, es war leer, Windstille, Eisvogelbrten. Siedendhei
ward ihr pltzlich. Liebte ich nicht jemand? fragte sie lautlos, aber
beinah grimmig in die Stille hinein, richtete sich auf und heftete die
Augen angstvoll ratlos in die regenumschleierten Wipfel drauen. Wie
wei das Zimmer ist! dachte sie pltzlich, und, mit Heftigkeit die Knie
an sich ziehend, die Hnde neben sich aufsttzend, zur Tr blickend,
sagte sie laut: Hier kommt niemand herein. --

Da mute sie lcheln ber diese Versicherung an sich selbst. Und was
habe ich schon davon, murmelte sie und lie den Kopf hngen. Eine
Flechte fiel an ihrer Wange herab, sie ergriff das Ende davon und strich
damit ber die Decke wie mit einem Pinsel.

Ich bin wohl, sagte sie sich khl, zu Manchem hingegangen; wer kam zu
mir? Niemand. Wie? Kam nicht Josef, nicht Erasmus? Georg vielleicht, war
der nicht auch auf dem Wege gewesen, und wie war das mit Sigurd? Aber
du, du, du, eiferte sie bse, du kamst nicht, und was sollten mir also
die Andern! -- Sie schleuderte ihr Haar hinter sich zurck, packte es
mit beiden Hnden am Hinterkopf und warf sich so ins Kopfkissen. -- Mein
ganzes, unverbrauchtes Herz habe ich so in der Hand, knirschte sie
wutentbrannt, wie dies Haar, meines Weges bin ich dahergeglitten, und
nun kommen die tiefen Verneigungen. -- Da mute sie nun lcheln, ihres
Traumes gedenkend, und jetzt gedachte sie einen schnen Namen zu
flstern, einen selbstgesprochenen Namen zrtlich zu hren, aber statt
dessen schleuderte sie die Fe unter der Decke hervor und sa nun
aufrecht auf dem Bettrand, vorgebeugt, die Hnde aufgestemmt, und
horchte. Alles blieb still, aber ihr Herz schlug laut und langsam.
Pltzlich schlug es dreimal schnell hintereinander, setzte aus und ging
wieder ruhig. War sie erschrocken? Sie lchelte ber sich selbst. War
jemand ins Haus gekommen? Die Klingel konnte sie hier nicht hren. Sie
blickte auf die Uhr, es war acht. Gleich darauf klopfte es an der Tr,
und das Mdchen meldete Frau Tregiorni.

Als Renate nach beschleunigtem Bad und Ankleiden herunterkam, wurde ihr
gesagt, Ulrika sei in der Kapelle. Es regnete heftiger, sie mute unterm
Schirm hinbergehn. Ulrika, in einem nassen Lodenmantel und Kapuze,
frisch und lebendig aussehend, stand vor einem von Bogners Engeln. Ja,
nun mute Renate erst ihr Kleid von allen Seiten in Augenschein nehmen
lassen und erzhlen, da sie sich fr den Winter als Haustracht drei
solcher einfacher Rcke habe machen lassen, einen russischgrnen, einen
violetten und einen eisengrauen; die Blusen hatten die Form eines
russischen Kittels mit ledernem Grtel, an dem der Hals frei blieb und
der Verschlu von der rechten Seite des Ausschnittes schrg ber die
Brust hinunter zur linken Hfte lief. Ja, und der graue Kittel war
orangefarben gepaspelt, und man konnte jeden Kittel zu jedem Rock
tragen, und so trug sie heute Grau und Grn zusammen. Alle Farben knnte
sie tragen, jammerte Ulrika, sie mit ihrem roten Haar htte blo ihr
ewiges Blau oder Grn, und an Festtagen Lila. Braun hab ich dir doch
offenbart, lachte Renate und umarmte sie. -- Warum sie aber wohl in
aller Herrgottsfrhe herausgelaufen sei? -- Dies wute Ulrika
keineswegs; es htte so schn geregnet. Und sie htte so seltsam
getrumt, sagte sie nachdenklich.

Whrend Ulrika ihren Traum erzhlte, frei in der leeren Kapelle stehend,
den Blick im offenen Fenster, wogten so seltsame und wirre Empfindungen
durch Renate, da sie pltzlich erschrak, da sie allein, als habe sie
Ulrika getrumt, vor ihrer Orgel sa. Nachtrglich begann jetzt Ulrikas
Erzhlung sonderbar in ihr zu klingen, in einem langsam schreitenden
Takt, der die Worte allmhlich ordnete, und sie begann in das erste
beste Notenbuch vorn auf die leere Seite den Traum aufzuschreiben,
folgendermaen:

   Mir trumte: In der nchtigen Allee
   Entgegen kam ich ihm; ich sah: er war es,
   Jedoch ein Fremder schien er, und er ging
   Vorber mir wie ich an ihm, jedoch
   Nach wenig Schritten mute ich mich wenden.
   Da stand er hergewandt nach mir, und Beide
   Entgegen kamen wir uns nun und sahn
   Uns lange ernsthaft, ernsthaft in die Augen.
   Ich kann nicht sagen, was ich da empfand.
   Wir gingen nun zusammen, er und ich,
   Hinab die finstere Allee ganz schweigsam.
   Am Ende blieb er stehn, ich aber bog
   Zur Seite in den Park, und um den Teich
   Ging ich und sah nicht um, doch als im Bogen
   Ich weit herumgekommen war, da sah
   Ich ihn, wie er mir langsam nachging. Endlich
   Fand ich die Bank, wo wir einmal die Drossel
   Am Abend hrten und gesprchig wurden.
   Dort setzt ich mich. Da kam er, und er sah
   Nicht mich und ging vorber als ein Fremder.
   Verschwunden war er, aber ich stand auf
   Als eine andre; als ein andrer Mensch;
   Neu war ich, reif, vollkommen, ganz in Frieden,
   Mit mir, mit euch, mit Gott; nicht klug, nicht reich,
   Jedoch gehalten, aufrecht, und von innen. --
   Sag, warum weint ich so, als ich erwachte?

Sag, warum weint ich so, als ich erwachte, wiederholte Renate noch
willenlos, auf die geschriebenen Bleistiftzeilen starrend. Dann errtete
sie langsam, whrend sie sich fragte: Habe denn nun ich das getrumt,
oder wer? -- Sie sah Gegend und Menschen dieses Traumes dergestalt
leibhaft, da ihre Vernunft ihr in Verwirrung zu geraten drohte. Auch
die Amsel sang in diesem Traum, blo hatte Ulrika gesagt: Drossel. Nein,
>entgegen kam ich _ihm_<, das hatte sie nicht gesagt, sondern: >Bogner<.

Renates Augen, die gedankenleer langsam nach oben gingen, trafen sie
selbst in dem kleinen Spiegel ber ihr. -- Ja, so schreckhaft bin ich
geworden, sagte sie vor sich hin, da ich den Spiegel da habe machen
lassen. Manchmal kam Onkel ja herein, whrend ich spielte. Wie oft sa
ich schon hier, sagte sie, sich immer ansehend, entfremdet hinter dem
Spiegelglas, seltsam zusehend, wie in den Zgen Bewegungen entstanden,
eine Wendung des Halses, ein Senken der Lider, die doch sie selbst
machte, die aber da drinnen von selber vor sich zu gehn schienen, -- wie
oft sa ich hier, spielte nicht, hatte die Hnde im Scho und hatte in
ihnen so wenig wie im Herzen. -- So sa sie nun wieder, mde an sich
selber, ratlos, tatlos, sah durch das in ihrer Nhe offene Fenster das
matte Regengrn des Gartens, hrte die Spatzen und die ersten Tne der
Grasmcken. Verging nun Zeit? Ja, es regnete nicht mehr; ganz fern, kaum
hrbar sang die Amsel. Verging Zeit? Sie schlo die Augen, sie hrte
wieder das spitze Picken von Regentropfen auf Blttern, und nun strmte
es schwer herunter, es wurde dunkler, es rauschte ganz um sie her,
schlielich spritzte es na zu ihr herein, und sie stand widerwillig
auf, ging die Stufen hinunter und schlo das Fenster, hinter dem die
Strucher sich unwillig im Regenstrom hin und her warfen. Ihr fiel ein,
da es Zeit sein msse, zu Saint-Georges zu fahren, aber sie brachte es
nicht fertig, die Uhr hervorzuziehn, sie stand vor dem groen Engel, der
mit der kleinen Harfe in ausgestreckten Hnden durch die Landschaft ber
die Wand hineilte, dachte: So luft er an mir auch vorber! und rgerte
sich ungemein, da sie immer und immer an ihn dachte. Da schttelte sie
sich, ging zur Tr, sah nichts mehr, fhlte nur das groe Rauschen der
Wasser, das alles in sich hinabschlang, fhlte sich ergebungsvoll und
nachlssig gefangen gehalten. Durch diesen Regen komme ich ja nicht,
sagte sie. Wozu hinaus? Ich schlafe langsam vor meiner Orgel ein, die
Eulen setzen sich lautlos auf die Pfeifen, damit kein Staub hineinfllt,
und ich werde hundert Jahre so sitzen. Nicht Jahre, nein, Jahr--en! sagt
man hierzuland. Die Orgel schlft ber mir, der Regen braust, wir wachen
niemals auf.

Auf einmal war sie dabei, nachzurechnen. Jeden Vormittag vier Stunden
Arbeit mit Georges; jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden Klavier
und Orgel; jeden Tag mindestens ein Besuch bei Kranken oder Bedrftigen;
dazu Kche, Haushalt und all die Rechnungen, nur Abends Erholung, ein
Buch, ein Konzert, ein stilles Gesprch mit Georges. Es ist so viel, da
ich mitunter nicht zum Nachdenken komme. Warum gengts mir denn nicht?
Ist mein Herz nicht dabei?

Sie verlor sich, lange gedankenlos, mute sich mhsam besinnen,
schreckte zusammen und flsterte: Nein, so ists aber nicht! Mein Herz
ist immer dabei, und ein jedes ist mir Freude, solange ich dabei bin ...
Aber eben: solang ich dabei bin nur, und wenn ich jetzt daran denke, so
meine ich -- so mein' ich ...

Wieder sich verlierend, ertappte sie sich, da sie schief auf dem Stuhl
sa, den rechten Ellbogen auf dem Knie, die Hnde gefaltet,
vornberhngend, aber sie war minutenlang unfhig, die Haltung
aufzulsen, sa nur gelhmt und vermochte sich nicht zu helfen, bis ein
Gezwitscher drauen vorm Fenster sie aufzuschauen bewog und sich grade
zu setzen.

>Die rechte Freude am Leben<, trumte sie dann, >kann nur von einer
tiefen liebenden Erregtheit kommen, gleichviel auf was sie sich richtet,
Gott oder Mensch oder Sache; denn dann findet sie ihre Erfllung in
jedwedem Tun, jedem Geschft und Gedanken, und alles wird liebevoll.
Dann formt sich das ganze Wesen in Ttigkeit aus, nichts wird gespart,
nichts unterdrckt, und die Belohnung ist guter heilsamer traumloser
Schlaf.<

Das war Papas Rede, dachte sie, Wort so fr Wort. Ja, so war er selber
erfllt von Gott, und ich wars von ihm, aber heut bin ich leer.

Pltzlich schrak sie zusammen. Ihr Herz schlug laut, sie atmete schwer.
Was ist das, mein Gott, dachte sie angstvoll, ich war doch so leicht und
bewut beim Erwachen? Was geht denn vor? Was geschieht jetzt? -- Und
einen Augenblick lang war sie vllig wie verzaubert, gelhmt, nicht
imstande, ein Glied zu bewegen. Aber dann wute sie: Mein mattes Herz,
meine schwache Seele, mein mder Geist, die lhmen mich so.
Nutzlosigkeit, sagte sie langsam vor sich hin. Und danach, mit
Anstrengung, sich selber verlockend:

Es ist nicht die Stille. Es ist nicht das Unglck dieses Hauses, nicht
das finstre Wesen des Erasmus, nicht die Angst vor dem Onkel, nicht mein
Schuldgefhl, was mich so lhmt, mich so ungefge, so nutzlos, so
kleinmtig, so beklommen, so elend macht. Vielleicht, ja, es wird auch
all dieses mit sein, aber seit wann bin ich denn so, da Fremdes mich
hindert, anstatt mich gut und hlfreich zu machen?

Tief in ihr schrie eine gellende Stimme: Was ich bin und habe, Leib und
Seele, Leib und Seele, alles, alles, Herz und Scho, Brust und Knie,
Haar und Augen und Lippen will ich -- will ich -- --

Auf einmal lief sie gepeitscht durch den Raum, aufs Podium, drckte sich
mit dem Rcken, die Hnde ringend, in die Nische der Tabulatur zu den
Registern hinein, warf den Kopf in den Nacken, als biete sie den Hals
einer Kralle, einem Gebi, das hineinschlagen solle, wehrte sich,
kmpfte, berwand sich, senkte das Haupt wieder, blickte starr, schlo
die Hnde, rang die Hnde. Sie demtigte, zerknirschte, ffnete sich,
wollte, versuchte zu sprechen, flsterte, gestand und sprach: Ich will
bekennen.

Wieder warf sie sich herum. Ich will, ich kann nicht, hilf mir, mein
Gott! Und sie umklammerte mit den Augen ein Bndel Pfeifen und sagte
laut und deutlich empor:

Auf dich warte ich jeden Tag. Um deinetwillen leide ich, durch dich bin
ich so mde, so lahm, so nichtswrdig, so arm. Ich liebe dich, du! Ich
liebe dich, ich liebe dich! Von mir und dir rhrt all dies Elend her, an
deinem Leben hnge ich, an deinen Lippen schlafe ich, von deinen Augen
trume ich, du machst mich so schwer. Fr dich singt die Drossel,
zwitschern die Vgel, grnen die Bume und blhen die Strucher, aber
ich habe meine Augen abgewandt, und all das ist mir nichts. Vergieb mir,
du, meinen Stolz, hre mich an, erhre mich, sei gut zu mir, trste
mich, richte mich auf, mache mich wieder gut, komm zu mir, komm zu mir!
Ich vergesse die Welt, wenn du da bist, ich vergesse mich, wenn du da
bist, ich bin leicht, ich bin gut, ich bin schn, wenn du da bist. O
vergieb mir, du bist ja langmtig! vergieb, du bist freundlich, vergieb,
ich war so klein! Sage mir, da du bist, so will ich alles Elend der
Erde tragen. Sage mir, da du an mich denkst, so will ich tapfer sein
und nicht sorgen. Sage mir, da du morgen kommen willst, so will ich
mich ver--wan--deln ...

Sie brach ab, denn sie hatte unweigerlich einen Schritt auf den
Steinfliesen der Veranda gehrt, und doch war das unmglich, denn die
war viel zu fern. Sie schwankte todbleich. Was habe ich getan? Hat er
mich gehrt? Rief ich ihn her? Und indem wurde sie ganz khl. Jetzt
kommt Ulrikas Freund, dachte sie friedlich, und siehe da, in der Tr
stand Bogner, schwenkte einen triefenden Hut, lachte und rief, ob Ulrika
nicht da wre. Renate lachte gleichfalls und erwiderte, sie sei eben
gegangen. Der Maler kam einen Schritt vor, drehte und besah seinen Hut,
schien unschlssig und murmelte endlich verlegen, ja, dann knnte er
wohl wieder gehn. Scheinbar war er in Ulrikas Wohnung gewesen, aber er
verga natrlich, das zu sagen. Einen Augenblick spter war er
verschwunden. Renate aber hrte, eigentmlich melodis und schmeichelnd
die Worte auf sie zuschweben: Ja, wenn du lebtest, wre vieles nicht.
Der Tag nicht bla, es glnzte dein Gesicht. Die Nacht nicht schwarz, du
leuchtetest mir gern, ach, du bist fern, bist fern, bist fern, -- ich
weine nicht. --

Freilich nein, gtiger Himmel, sie weinte nicht. Ja wenn -- du --
leb--test! sagte sie mit listiger Betonung vor sich hin. Bogner? Das war
ja ein gnzlich fremder Mensch gewesen! Sie mute sich umdrehn und an
den Orgelpfeifen emporsehn, ob da vielleicht noch von ihrem Bekenntnis
etwas hafte und ihr beweise, da es ihm, Bogner gegolten habe. Nein, da
war nichts. Dieser Bogner aber war nur ein Bild, eine Heiligenfigur
gewesen, und sie hatte an ganz jemand Andern gedacht. An wen? An
irgendwen! Und was war nun? Erlsung? Freiheit, Guterdingesein,
Hoffnung, Sicherheit, Zukunft, Irmelin Rose, nmlich: alles was schn
ist? -- Nichts davon, nein, sondern eine furchtbare Traurigkeit senkte
sich in schwarzen Schauern ber sie, Schritte waren im weichen Sand des
Gartens hrbar, langsam, unbekannte, -- nein, war das -- --?

Und langsam, wie ein Geist in ihren Augen anzusehn, dem sie entsetzt
entgegenstarrte, stieg die schwere Gestalt des Erasmus die Stufen in der
Tr herauf, den Kopf gesenkt, und nun sah er sie erst, zuckte ein wenig
die Stirn empor, stand still, murmelte: Verzeih, ich dachte -- Dann
ganz heiser: -- bei dem Regen ...

Dann warf er die Schultern auf und nieder, als wende er sich im Rock
angewidert hin und her, wtend, da er gekommen war. Renate glaubte, sie
wrde im Augenblick zu ihm hinfliegen, ihm zu Fen, ihn anzuflehn, er
solle gut sein, anders sein, -- ja, was denn? -- -- Aber sie stand,
ganzen Leibes in die Tabulatur hineingedrckt, die Augen im Schrecken
weit offen, und danach, als er wieder verschwunden war, sank ihr der
Kopf langsam wie abgeschlagen vornber auf die Brust.

Viel spter fand sie sich, durchnt vom Regen, mitten im Garten, wie
sie zu den Fenstern aufsah. Ohne Willen machte sie sich dann zurecht und
fuhr zu Saint-Georges wie alltglich.


                         Drittes Kapitel: April


                                 Tandem

Georg stand vor dem groen Spiegel im Schlafzimmer und betrachtete sein
Abbild auf einem schnen Hintergrunde offener Fenster voll Gartengrn,
Sonnenlichter, Goldregen und windiger Bewegung. Ein Ladenknabe, so
dachte er, knnte sich leicht eleganter anziehn als ich. Zum Beispiel
wrde er doppelt so weite Hosen tragen, um zart anzudeuten, da er die
Mode kenne; aber ihm wrde nicht einfallen, dunkelblauen Marengo zum
Cutaway zu nehmen wie ich -- hier lachte er und freute sich --, denn das
ist eine Kunst. -- Er atmete auf. Ich glaube, heut bin ich glcklich.
Pltzlich, nahe an sein Spiegelbild herantretend, fate er mit Gewalt
sein Antlitz ins Auge, und so, Auge in Auge mit sich selber, mit
festgebissenen Zhnen, murmelte er sich zu: Sage! Sag, bist du ein
Prinz, oder nicht? Schurke! sagte er besinnungslos, gesteh! --
Irgendetwas im Gegenber schien zu bejahen. Das Blut stieg ihm in die
Schlfen, er schttelte den Kopf, lchelte und wandte sich ab. Am
Fenster stehend, empfand er die berschwngliche Gte des Tages. Der
Garten vor ihm lag im Schatten, still die Wege, ins Buschwerk
entschwindend; ber den schillernd grnen Wipfeln flammte der feuerblaue
Himmel und im tiefen Blau groe, gewaltige, schneeweie Wolkenballen mit
majesttischen Schatten. O gttlicher Tag, dachte er. Und auerdem
Korso! und ein fabelhaftes Tandemgespann! Und Renate! Und mein Plan.
Mein Plan. Langsam, langsam -- aber nher werde ich ihr kommen. Und in
den Sommerferien dann Helenenruh. Da werde ich sie ganz ...

Augenblicks meldete hinter ihm der blasse Egon: Frulein von Montfort.
-- Georgs Herz erschrak wunderbar angstvoll. Mit der Pnktlichkeit der
Knige ... murmelte er und eilte hinaus.

Drben, mit ausgestreckter Hand auf Renate zueilend, umfate er ihre
Gestalt mit Blicken und sah alles: das graue Schneiderkleid, den
flachen, grauen Hut und die schwarze, hangende Feder. Er strahlte.

Ach, Sie sehen ja wie eine Prinzessin aus! sagte er glcklich. Ja,
jetzt wollen wir Tee trinken. Oder lieber Kaffee?

Da Renate um Kaffee bat, schrie er zur Tr hinaus: Kaffee! --

Ach, Sie haben ein Bild von Esther, sagte sie, am Schreibtisch
stehend, darf ich es sehen? Sie nahm es in die Hand, ihr Gesicht ward
wehmtig, sie stellte es wieder fort. Heut vor einem Jahr war es
anders, sagte sie leise.

Es ist eine ganze Rinde um sie, dachte Georg und erinnerte sich, wie sie
im Vorjahr um diese Zeit hinter Irene durch die Bsche gejagt war, oder
auf dem Rasen gelegen hatte.

Wir sind ein ganzes Jahr lter geworden, bemerkte er nichtssagend.

Zwanzig Jahr werd ich, meinte sie ruhig.

Ein Monat mehr als ich. So, hier kommt Kaffee. --

Sie zog die Handschuh aus, go sich Kaffee ein, dann fr Georg Tee aus
der andern Kanne, tat Zucker, Sahne hinein und gab ihm die Tasse. -- Wie
es denn mit seinem Herzen stehe, fragte sie, in den Sessel gleitend.

Er lehnte sich an den Schreibtisch und versicherte: Glnzend! Die
Wochen im Taunus haben mich vllig wiederhergestellt. Ich habe in
Trassenberg schon wieder fest gearbeitet. brigens haben Sie dort einen
groen Verehrer. Das heit, eigentlich sinds zwei, denn mein Vater
fragte gleich nach Ihnen. Der andre ist Onkel Birnbaum. Sie kennen doch
Onkel Salm? Sie haben einmal in Helenenruh drei Worte mit ihm
gesprochen, davon ist er noch beseligt. Als ich anfing, sprechen zu
lernen, soll Onkel Salm mein erstes Wort gewesen sein. Ach, was haben
wir ihn geliebt, Magda und ich! Er war zu allem gut, er hatte in
Helenenruh immer Zeit fr uns, schleppte uns herum, lie sich
maltrtieren, kam fr jeden Schaden auf, vertuschte alles, oh eine Seele
von einem Menschen.

Weiter, Georg, Sie erzhlen so nett.

Er setzte die Tasse fort, faltete die Hnde ums bergeschlagene Knie und
dachte an seine Kindheit.

Haben Sie je gemerkt, wie sonderbar das mit uns ist, Renate? In meinem
Leben hat es -- Gott, ich bin ja noch so jung! -- viele goldene, schne,
glckliche, erhebende Augenblicke gegeben. Wenn ich mich aber jetzt
erinnern soll: wann war ich glcklich? was fllt mir dann ein? Dann mu
ich an die Stille denken im Pragerschen Hause, nach dem Essen, wenn
alles schlief, wenn ich in meinem Zimmer sa und Karl May las oder
Kpten Marryat und dabei von fern, aus der Kche, die Gerusche des
abwaschenden Mdchens hrte, und hier und da ein Stck ihres Gesangs: Es
war ein Sonntag hell und klar ... so eintnig, so -- de und -- ach, so
unbeschreiblich sonderbar in der Stimmung, -- und dazwischen das
Klappern der Teller, die sie in die Aufwaschbtte stellte. Ja, da mu
ich glcklich gewesen sein. Oder ich sehe die Dmmerung, und in der
Dmmerung die Tapete im Trassenberger Kinderzimmer, und das dicke
Federbett vor mir, unter dem ich mit ein bichen Mandelentzndung oder
Masern, oder was es nun war, lag, und mit diesem wunderbar dumpfen
Gefhl angenehmen Krankseins im Kopf sehe ich den hngenden Schnurrbart
von Onkel Salm, und seine immer noch ein bichen abstehenden Ohren, und
seine dicklichen, und doch so geschickten Finger, mit denen er mir eine
Festung pappt, oder Figuren ausschneidet, oder die Steine auf dem
Damebrett zieht. Oder ich sehe ihn auf den Zehenspitzen hereinkommen,
von weitem sphend, ob ich wach sei oder nicht. So sonderbar ist das!
Wenn meine Mama einmal kam -- Georgs Gedanken irrten flatternd ab --,
das war immer eine erstaunliche Freude, und auch ein Schauder, obwohl
ich den damals wohl noch kaum sprte, aber glcklich war ich, wenn Onkel
Salm kam, den ich am Schnurrbart zerren konnte ... Haben Sie je etwas
hnliches ... fragte er hastig, seine Gedanken abbrechend.

Oh ja -- sagte sie gedehnt, es ist wohl hnlich bei allen Menschen
...

Ja, sagte er wissend, denn was aufregend war, vergeht, alles
Pltzliche verliert seine Kraft, da es ja niemals wieder pltzlich sein
kann, aber was sich von selber einstellte, kaum bemerkt, ja ganz
unbewut, -- was namenlos in uns war, aber innerst tief und stark, das
taucht wieder auf, das sind stille Schtze, die sich immer wieder
hervorholen lassen ... Was vom Menschen nicht gewut, oder nicht bedacht
... Durch das Labyrinth der Brust ... Ja, nun wollen wir fahren, ists
Ihnen recht?

Sie gingen hinaus, traten aus der Tr und -- halloh, da standen sie!
Ja, was sagen Sie nun? fragte Georg triumphierend.

Es ist ein Staat, sagte sie und ging schnell zum Vordersten der beiden
groen, stmmigen Belgier, die unbeweglich hintereinander standen, wei
und rot gesprenkelt, mit weiem Lederzeug. Auch der Grtner hatte seine
Sache brav gemacht und den Dogcart sehr leicht in die schwarzen Iris
gepackt; die Rder waren durchsichtige Scheiben davon.

Graue Iris, sagte Renate, Georg, das ist wirklich schn!

Raffiniert, heit es, lachte er, sehen Sie wohl: Schwarz, das nicht
Schwarz, Wei, das nicht Wei, und Rot, das nicht Rot ist! Steigen wir
ein.

Ja, dieses war ein wahrhaft kniglicher Tag. Leicht klangen die Schellen
vor der Brust der locker vorwrts stelzenden Pferde, leicht und locker
wippte das Wagengestell. Schade, meinte Georg, da Sie nicht spren
knnen, wie die Pferde im Zgel gehn, als wren sie blind; nur von Zgel
und Peitsche hngen sie ab, geben Sie acht, ich lasse einen Augenblick
locker! jetzt! Der Wagen rollte langsamer, die Pferde standen still.
Georg schnalzte, warf die lange Peitschenschnur wie eine Angel aus, und
es ging leicht und locker um den Rasenplatz weiter.

Die Alleen waren ein Gewimmel schwarzer und weier Menschen unter einer
goldenen Schicht von Staub; Blumengestelle, fahrende Ungetme, die
Kutscher, Reiter ragten drber hinweg. Vorsichtig tastete er sich mit
den Pferden durch das Getmmel den Fahrdamm hinunter zum Ende der Alleen
und bog um ins Innere der Lindenreihn, den vor ihm rollenden Wagen
folgend. Ah, ja die Rotschimmel erregten mchtiges Aufsehn, wie sie fast
nackt in dem dnnen Riemengeschirr das schwrzliche Gefhrt dahinrollen
lieen. Georgs Sinne fingen heftig an zu glhn. Das ist diese herbe
Rinde um ihre Gestalt, dachte er, um Gottes willen, ihr Mund ist ja zum
Tollwerden! Und dies Profil, und dies Lcheln!

Ha, sagte er, sehen Sie, die Leute fangen an zu gren. Ich hoffe,
sie denken, ich fahre meine Braut. Welch ein Jammer, da ich nicht
regierend bin, dann wrden sie Hurra schrein. Dies scheint mir wirklich
haarstrubend natrlich, dachte er innerlich. Die Militrmusik rauschte
auf, Staub wlkte, Wagen um Wagen rollte vorbei. Aufgedonnerte
Gemsekhne, murrte Georg. So, da wren wir am Ende.

Langsam drehten die Pferde sich um ihre Mitte und liefen den Weg zurck.
Georg, Renates Profil unverrckbar in den Augenwinkeln, hing am
unaufhrlichen Spiel der braunroten Ohren, er wehrte traumverloren die
Fliegen von den blanken Rcken, -- ununterbrochen gingen die
Stummelschwnze hin und her. Die Menschen drngten unter den Bumen
heran, Mdchen knicksten scharenweise, Renate neigte das entzckt
scheinende Gesicht, und Georg nannte sie die Knigin des Tages.

Da waren sie wieder am Ende. Renate meinte, noch einmal hinauf, dann sei
es wohl genug. -- An diese Augenblicke, dachte Georg, werde ich mich
niemals erinnern, aber sie sind doch kostbar. Ach, da steht ja Benno!
Sehen Sie, Renate, da steht Benno und strahlt!

Sie nickte und winkte, Benno, hochrot, warf den Kopf zurck, lchelte
beseligt und verbeugte sich tausendmal.

Unter diesem Getmmel das reinste Herz, sagte Georg anerkennend. Da
waren sie wieder am Ende, und Renate bat, sie noch um den See zu fahren.

Whrend sie auf dem hohen Ufer um den tiefliegenden Teich voll
Himmelsblau und Wolkenballen hinrollten, bi Georg die Zhne zusammen
und verschwor sich, da er an Renate und alles andre seine Seele setzen
wolle. Ich habe sie doch immer geliebt, sagte er sich zornig, ich kann
ja nicht los von ihr. Bin ich nicht etwa der Einzige, zu dem sie pat?
-- Er fand keine Worte mehr, still schweigend fuhren sie dahin,
ununterbrochen klangen die kleinen Schellen, trabten die acht Hufe.
Georgs Sinne verlangten nach einer verdreifachten Schnelligkeit und
zuckten zugleich vor Schreck, wenn ihm einfiel, da alles gleich ein
Ende nehmen wrde. Der See lag schon hinter ihnen, da glhten die
Sportswiesen zur Rechten weithin dunstig in der Sonne, rot- und
weigestreifte Hockeyspieler sprangen in wilden Zuckungen hin und her,
nun rollten sie in den Schatten der groen Bume, da stand der Obelisk
am Wassergraben, der Weg bog zur Rechten aus, sie waren wieder im
Freien, neben der Hecke, an den Wiesen, dumpf polterten die Hufe auf der
kleinen Holzbrcke, Baumschatten nahm sie auf, rechts dunkelte der
Graben, hinten erschien der gelbe Mauerputz des Schlchens im bewegten
Grn. -- Ob ich ihr nicht eine Andeutung -- ein ...? Aber er wagte kein
Wort. Seine Hnde glhten in den Handschuhn, er lie die Zgel locker,
die Pferde fielen zum erstenmal in Schritt, er sah, wie sie gleichmtig
dahinschritten, wie Khe mit schaukelndem Rcken. Die Hlse gingen tief
nieder und empor, das Vorderpferd hob den Kopf, schttelte ihn und
grunzte. Wie still es war! Es ist Wahnsinn, dachte Georg, aber wie kann
ich sie ungekt lassen?

Nun, wars schn? fragte er freundschaftlich. Sie nickte und meinte, es
fhre sich sehr angenehm und leicht. Duft ging unbeschreiblich von ihr
aus. Es flimmerte vor Georgs Augen. Blaue Strze von Himmel brachen
durch das Gewimmel der Wipfelzweige, laut schlugen Buchfinken. Drei
Spatzen tummelten sich im weien Staub der Strae, schimpften und
flatterten schwrzlich auf vor den Hufen. Da standen die Kandelaber vor
der Rampe, da der groe schwarze Kasten von Automobil am Rande des
Rasenplatzes, und der Kutscher ging schon um den Wagen und bckte sich
und warf den Motor an. Die Pferde standen still.

Georg, kalt vor Erregung, Bitterkeit im Munde, schleuderte die Zgel
unbekmmert ber die Pferde hin, da sie erschraken, vortraten und der
Wagen anruckte, whrend er absprang und nach der andern Seite herumlief,
um Renate selbst herunterzuheben. Das Herz schlug ihm slich, als er
ihre Hand, ihre Last auf der Schulter sprte. Sie wechselten noch
irgendwelche Worte, sagten: Auf Wiedersehn! Dann sank sie in die Tiefe
des dmmrigen Wageninnerns zurck, der Motor murrte und rasselte, und
alles rollte mit langsam knurrender Schwenkung auf die Wegmitte und
davon. Georg las noch lange ohne Gedanken die Nummer auf dem Schilde
unterm After der Karosse, stand und wute auf einmal nichts mit sich
anzufangen. Ja, was nun? dachte er. --

Danach stand er beim Vorderpferde, das den Kopf auf seine Schulter
legte, ttschelte ihm den festen Hals, atmete den Geruch von Rohaar am
Gesicht und sagte sich: Was war nun das? Eine halbe Stunde Pferdelenken.
Die Gule verkauf ich morgen mit Gewinn an Prinz Taxis, was soll ich mit
einem Tandem? Unkas gengt mir. Da bin ich mit einer schnen Frau ber
den Korso gefahren, und wir haben geplaudert. --

Der Groom sagte etwas, Georg antwortete etwas, wandte sich um und sah am
Rande des Rasens eine Dame stehn, in einem fliederblauen Kleid,
verschleiert, die mit der Spitze des Sonnenschirms zwischen den Halmen
stocherte, und es war Cora. Hatte sie ihn gesehn? Aber natrlich! Er
bewegte sich, sie sah auf und tat, als she sie in diesem Augenblick,
da er es sei. Nun ging er auf sie zu, unwissend, was kommen wrde, aber
entschlossen, da nichts ihn bekmmern sollte. Sie blickte ihm gerade in
die Augen und sagte:

Bereits auer Dienst gestellt, Prinz, oder nur _ la suite_? ber sein
langes Fernbleiben also glitt sie stillschweigend hinweg ...

Er fragte, ob sie einsteigen wolle, aber sie antwortete gar nicht.
Abgewandt stand sie da, Georg stumm neben ihr und verbissen.

Zeigen Sie mir lieber Ihre Wohnung, sagte sie spitz, wo waren Sie so
lange?

Ich will nicht antworten, dachte er und bemerkte obenhin, es sei ein
schner Tag, und er wre viel unterwegs gewesen; brigens schien sie
keine Antwort zu erwarten, entspannte einen apfelgrnen Sonnenschirm und
setzte sich in Bewegung.

Auf dem Flur, im Zimmer sah sie sich mit leichten Bewegungen des Kopfes
im langsamen Vorbeigehn alles an, lie sich den Schirm abnehmen, blieb
dann vor einem kleinen lbild stehen, das am Boden stand, an den
Schreibtisch gelehnt, eine Bulldogge, von Bogner gemalt.

Ach, sagte sie entzckt, das mu von Benvenuto sein! Es ist herrlich,
der Mann ist ein Genie, finden Sie nicht? Schade, da er so selten hier
ist, haben Sie von dem Riesenauftrag gehrt? Ich habe ihn kaum zu sehn
gekriegt, ich bin jetzt viel allein, mein Mann ist verreist, -- ja, er
hat sich berarbeitet, -- nein, dieser Hund! Wie er dasteht! Aber
mchten Sie so einen Hund haben? Er ist doch zu hlich! Ich kann
Bulldoggs nicht ausstehn, Herbert wollte immer einen haben, -- Gott,
wenn man keine Kinder hat! wir hatten auch mal einen Terrier, aber er
roch so ... Sie sehen gut aus, sagte sie, vor ihn hintretend.

Sie hatte den Schleier hochgeschoben, er sah ihre matten Augen, das
blasse Band von Sommersprossen darber, den verwischten Mund, die in der
Mitte breiten Lippen, dann wichen ihre Augen aus, sie ging an ihm
vorber und mit ihren weichen Seitwrtsbewegungen im Zimmer umher. Georg
trat an ein Bcherregal zurck, sttzte, die Hand am Hinterkopf, den
Ellenbogen dagegen, sah ihren Hals von hinten und den goldbraunen,
flachen Strohhut, wie sie sich ber den Schreibtisch beugte und Esthers
Photographie in die Hand nahm. Doch war sie eigenartig, und ihm ward
lsterner zumut, er sprte ein hitzig glhendes Schwellen am Leibe,
dachte, er wollte hinter sie treten, ihren Kopf zurckbiegen und -- blo
sie haben, ja so blo ... Da sah er Esthers kleines, photographiertes
Gesicht in ihrer Hand, ihm fiel ein, wie er hier zum erstenmal
eingetreten war nach ihrem Tode, wie er sie dann berall versprt hatte,
immer hinter sich; wenn er am Klavier sa: im Nebenzimmer, wenn er am
Fenster stand: am Klavier, -- aber empfinden lie sich das nicht mehr.
Dann war er in den Taunus gefahren ... Esther war lange tot. --

Cora hatte das Bild stillschweigend wieder hingesetzt, bewegte sich
wieder, stand in der Tr zum Nebenzimmer. Er glhte auf, ging auf sie
zu, trat hinter sie, fate ihre Ellbogen, sie wehrte sich, gleich darauf
fiel ihr Kopf nach hinten zurck, ihr Gesicht lag an seiner Schulter,
sie atmete heftig, die Augen geschlossen, den Mund zugepret. Er legte
den seinen darauf, prete, so stark er konnte, ihre Lippen teilten sich,
er fhlte ihre Zhne und schob seine Zunge dazwischen. Nun warf sie sich
herum, gegen seinen Leib, warf ihre Arme um ihn, er fhlte ihre Hnde
auf seinem Rcken zucken und fliegen, ihr Leib ging stoweise auf und
nieder, whrend ihre Lippen, ihre Zungen, ihre Atemste sich
vermischten, er ri ihr Kleid auf, tastete nach ihrer Brust, und sie
griff zu und ri die Bnder an der Untertaille auf, und er hatte ihre
linke Brust in der Hand, schlaff, warm und weich, aber doch ... Da
wankten sie, -- oh Teufel, nun war kein Diwan da! Wohin mit ihr? Sein
Bett war greulich schmal. In den Garten? am lichten Tag? Wtend jagte es
ihm durch den Schdel: das verschlossene Zimmer! Er lie sie los, griff
die Schlssel aus der Tasche, lief, die Tren aufstoend, durch Bade-
und Schlafzimmer zur Tr, schlo auf und ffnete, ohne umzusehn. Er
zauderte, kehrte langsam zurck, da stand sie abgewandt, vorn an ihrer
Taille hakend, aber sie hatte den Hut abgenommen, und er umschlang sie
wiederum, hob sie auf und trug sie davon. Sie war schwer, aber er zwang
sich bis zur Tr des Zimmers, wo er sie niederlassen mute. Sie,
ungeschickt sich aufrichtend, machte erstaunte Augen in den Raum,
whrend ihm die seinen berquollen vor Gram ber die Schndung des
Heiligen, so da er sekundenlang nichts sah, als die schwarzen, ber die
Fenstervorhnge von Cremewei fliegenden Reiher. Dann erschien, schrg
im Raum mit dem korngelben Teppich am Fuboden, der dunkelviolett
berspannte Diwan mit einigen Kissen in Lichtgrn, Fleischfarbe und
Wei, dahinter das alte indische Tempelpaukenbecken auf einem
Ebenholzschemel gefllt mit imaginren Blumen. Und endlich mute er
gegenber der Tr das Himmelbett sehn, meergrnes Gewoge von Falten und
Buschen, aus dem das wenige Mattgold der schlanken Sulen blitzte und
-- unter seinem wilden Fingerdrucke entflammte eine geheimnisvolle
Leuchte -- der zarte Perlmutterschimmer in den Kassetten des
Betthimmels. Indem sah er Cora vorwrts gehn und das ovale, in rosene
Marmorwlste gefate Becken in Augenschein nehmen, aus dem ein
silberner, fadendnner Strahl steigen und Wohlgeruch aus Ophir
zerstuben sollte, wenn -- -- Georg verlieen die Sinne. Aus den groen
farbigen Flecken schmolz die eine Farbe, die Un-Farbe, die nicht
auszudrckende, nicht zu beschreibende, -- nicht wei, nicht rosen,
nicht elfenbeinen, nicht marmorn, und doch Farbe von allem, vom Schnee,
und vom Mandelbaum, vom Kirschbaum und der Narzisse, und nicht Farbe,
ueres, sondern Hauch von innen, Leuchten, Atem, Blut, Se von innen,
-- Renate! -- Georg zuckte.

Mit geschlossenen Augen sa sie da. Dann warf sie sich, das Gesicht in
den Hnden verbergend, in die Kissen. Einen Augenblick dachte er, davon
zu laufen. Da war wieder diese entsetzliche Pause! Er spreizte die Hnde
von sich, die kalt und schweiig waren. Sie rhrte sich nicht. Da kniete
er mit dem rechten Knie neben sie auf den Diwan und fing an sie
auszuziehn, die Taille, den Rock, den Unterrock, graue Halbseide, das
Korsett, violett, abscheulich, -- wie dick ihre Beine waren! Er hrte
sich schnaufen, zerdrckte das bestndige Gefhl vieler
Scheulichkeiten, sah ihre gelbliche, sehr glatte Haut zum Vorschein
kommen, streifte Hose, Strmpfe, Schuhe herunter, sie fhlte sich kalt
an, das Hemd lie er ihr noch, whrend er sich auszog, nichts denkend,
gar nichts denkend. Sie hatte ihr Gesicht wieder versteckt, warum wohl?
aber jetzt sah sie auf und sah das Himmelbett, richtete sich auf, wollte
aufstehn und hingehn, aber da schrie er wtend: Bleib! ri das steife
und verwickelte Manschettenhemd ber den Kopf und strzte sich ber sie,
fhlte sie und sich kalt und unbehlflich, dann bumte sie sich und
umschlang ihn mit allen Gliedern. Einen Augenblick, ber ihren Kopf, ihr
verschlossenes Gesicht, die Kissen hin, zu Boden starrend, ging es durch
ihn hin: Esther -- -- Renate -- -- Welche war es? S quoll es in ihm
auf: Cordelia! -- Da erschien ihm Renates Gesicht, schwebte und entwich,
er fhlte Cora, eine fremde Frau, auf der er lag, die ihn schwer
umschlang. Einen Pulsschlag lang schauderte ihn, und er gefror; eine
Schlange lag um ihn mit kalten Ringen; die aber wurden warm und
schmolzen, und er wrgte sich in sie hinein.


                                  Cora

Georg wachte auf in der Nacht; der Regen spritzte ins offene Fenster, es
donnerte in der Ferne, -- ihm war hei, das Federkissen lag an der Erde,
die Schlafbeinkleider waren ihm bis zu den Hften heraufgerutscht,
scheulich! Schlaftrunken tastete er nach der Wasserkaraffe, setzte sie
an den Mund, trank lange, lie die Hand mit ihr zu Boden hngen, den
Kopf vornberfallen und dachte: Aus der Karaffe trinken ist die grte
Wollust des Lebens. -- In allen Gliedern merkwrdig leicht und
gelockert, wollte er sich umdrehn und weiter schlafen, aber der Regen
plantschte jetzt heftiger auf das Fensterbrett, und er stand unwirsch
auf, ging ans Fenster und machte es zu. Am Riegel hangend, wand er sich
im ungeheuren Ghnkrampf und dachte: Ach, ich mchte auch ein Gewitter
sein! -- Dann legte er sich wieder hin, schwacher Blitzschein glomm vor
seinen Augen auf, es donnerte lauter. Ah, wie der Regen rauschte!

Ich wollte, sagte er vor sich hin, es schlge ein und Cora ginge dabei
tot. Ich denke unchristlich. Man kann nicht fr Gedanken. -- Er sah sie
an der Erde liegen, maustot, er sandte einen Kranz zu ihrem Begrbnis,
munterte sich dann auf, setzte sich im Bett hin, ein krachender Donner
rollte wtend im finstern Mauerhof der Nacht umher, dann ging die Tr
auf, und Cora stand darin, bleich, sichtbar im Blitzschein. Er verstand
nicht, was sie sagte, da ein neuer Donner herunterknallte, rollend
dahinbrllte, polterte, aufgrollte und sich murrend zusammenrollte. Cora
hatte Licht gemacht, er fragte, ob sie sich frchte.

Frchten nicht, sagte sie matt, aber man regt sich doch auf.

Sie glitt durchs Zimmer zur Tr gegenber, ffnete, glitt hindurch,
Georg sah auch dort drinnen das Licht aufflammen. Ihr nachsehend dachte
er kmmerlich: Sollte dieses Weib es darauf angelegt haben, mich
zugrunde zu richten? Wie werde ich sie blo wieder los? -- Er rollte
sich im Bett zusammen, indem flammte das Zimmer blauhell auf, und mit
ungeheurem Prasseln knatterte der Donnerschlag hinterdrein, da alles
knallte und krachte, sprang in wsten Sprngen, tobend, lrmend, um sich
hauend mit Keulen, Wagenlasten voll metallener Schilde umstrzend, Zge
voll Porzellan zusammenschiebend und schlagend, weit hinweg, ermattete
endlich in langen rchelnd rollenden Sten und ward still, whrend Cora
erschreckt im Trrahmen erschien. Ganz leise fiel nun der Regen.

Das Licht brannte in George Augenwinkeln; er sah sie dastehn,
mdchenhafter aussehend mit dem gelsten Haarschopf. Sie sagte
theatralisch, sie mchte nackend drauen im Regen liegen und mit Blitzen
spielen. Georg lachte kurz, der Donner knatterte wiederum auf, jedoch
entfernter, er sagte, sie solle schlafen gehn. Wirklich ging sie gleich
darauf hinaus, ohne das Licht abzudrehn.

Georg sah sie nebenan in dem kniglichen Bett liegen und wrgte an
trocknen Verwnschungen. Herr des Himmels, dachte er, man tut so was
wohl einmal, man umschlingt sich und geniet sich, aber einmal doch
blo, einmal! Ach, da zur Verrichtung der sexuellen Notdurft eigentlich
alle Frauen zu schade sind! Wie kann ich denn eine Frau acht Tage lang,
acht Jahre lang immerzu lieben? Das ist doch eine Unmglichkeit! Ich
schwre, da man eine Frau, die man liebt, ein einziges Mal umarmen
darf, nicht mehr! Oder es mssen Wochen und Monate vergehn, bis man das
erste Mal vergessen hat. Ich hasse dies Weib. Ich habe sie von Anfang an
gehat, ich erinnere mich nicht, mich jemals mit solcher Wut in eine
Frau gebohrt zu haben, -- aber, dachte er, wenn ich schlaff --
zusammengekrllt wie ein welkes Blatt oder -- wie so eine aufgestochne
Raupe neben ihr lag, so war das doch geradezu eigenartig. Wenn ich nun
blo wte, was sie von mir will! Blo so: nicht wieder weg? Geld? nein,
das glaube ich nicht. Sie verdarb sich ihr Dasein, indem sie heiratete,
und nun kann sie den neuen Weg nur nicht finden, hat wohl auch noch
Scheu davor. -- Hier fingen seine Gedanken an, undeutlich zu werden,
bald darauf schlief er ein.

Beim Erwachen fiel ihm ein, da -- wie eigenartig! -- Himmelfahrt sei.
Er mute schlecht geschlafen haben, fhlte sich dumpf und unklar, kam
erst einigermaen zur Besinnung, als er mit der ersten Zigarette vor der
Gartentr im Sessel sa, angesichts des gewaltig herunterstrmenden
Regens, in dessen grauer, kalter Masse die Gartenbume erschttert und
duldend hin und her wankten. Cora kam dann und ging zu ihrem Frhstck
hinter ihm vorber nach nebenan. Er ghnte krampfhaft, legte sich mit
geschlossenen Augen zurck und geno die Wohltat des groen Rauschens
und der fallenden Gewsser, sprte aber alsbald den Angstdruck in der
Magengegend, ruckte wieder empor, sa frstelnd, die Handknchel
reibend, und begann zu berlegen. Wenn er abreiste, -- ja, wohin? Und
wie stand er dann vor seinem Vater? Von England war er eben rechtzeitig
ins Semester gekommen, an dem Herzfehler war er freilich gewissermaen
unschuldig, aber dies Hin und Her war doch abscheulich! Und Renate? Er
fhlte den Druck in der Magengegend strker, die Gedanken zerstreuten
sich. Da sprang er auf, ging ins Schlafzimmer, zog feste Stiefel und den
Gummimantel an und lief in den Regen hinein. Das tat wohl, er konnte
ber sich selbst hinwegsehn, Wipfelwanken und Regensturz gro und
strmisch empfinden, und als er wieder die Tr des Schlchens ffnete,
hatte er das Gefhl, da etwas sich inzwischen ereignet habe. Ja, der
Diener sagte, Frulein Chalybus habe aus Berlin angerufen; sie wrde
nach einer Stunde noch einmal telephonieren. Magda? Was war da geschehn?
Sie hatte kein Telephon in der Wohnung, er mute warten.

Als er ins Zimmer kam, sa Cora am Flgel und klimperte aus
irgendwelchen Noten, die sie gefunden hatte. Er setzte sich wieder in
den Sessel und begann alte Gedichte durchzulesen, um zu sehn, was sie
wert waren. -- >An E.< stand da.

   Trumerische Stunden lang
   Senk ich mich in deine Ferne
   Wie in einen Glockenklang,
   Den ich zrtlich lieben lerne ...

Lieben lernen? Einen Glockenklang?

   Der aus unbekanntem Tal ...

Georg berflog zwei Strophen und kam zur letzten:

   Und indes die Nacht anbricht,
   Sprech ich seufzend zu den Winden:
   War ich heimgerufen nicht?
   Aber sagt, wie soll ich finden!

Georg fluchte. Vor einem Jahr schrieb ich das? Und wann htte ich jemals
zu den Winden gesprochen? -- Da fing er das nchste Gedicht an:

   Aber du, Geliebte, deine Augen
   Hat noch nie ein falscher Hauch getrbt ...

-- bersprang eine Zeile --: In der seligen Geduld gebt ... Wen meinte
ich damit? Er nahm ein anderes Stck vor und las:

                                 Sonett

   O Herbst, du schwankend Abbild meiner Seele!
   Wo jhe Klarheit schnellt aus Dmmernissen,
   Vom Himmel flutend, berall zerrissen,
   Und oft durchbrllt von einer rauhen Kehle.

   Und Bume, Felder und der Bsche Hgel
   Wlzen sich hart, ganz wankend ist die Welt,
   Und nirgends etwas, das nicht nchstens fllt,
   Doch noch im Sturz sich hebt auf kargem Flgel.

   Und wie das Blatt, das golden, schngebrunt
   Zum Falter wird in buntem Taumelfluge,
   So spr ich tiefer frstelnd, armer Freund:

   Was in mir zuckt, sich wirft, lebt, schwankt und siedet,
   Sich selber jagt wie eine irre Fuge:
   Alltod umfngts, Allsterben stillt und friedet.

Dies gefiel ihm ganz gut, obgleich es schwchlich klang und an hohe
Vorbilder gemahnte. >Lied des Sehers< stand ber dem nchsten. Was ist
das? fragte er sich, wann schrieb ich das? Er las:

   Du Herrlichkeit! Weit du denn nicht dies Glck:
   In blinden Spiegeln, Scherben, blankem Tand,
   Falschen Juwelen oder trben Wassern
   Der groen Sonne einen Strahl zu fangen?

(Weiterlesend dachte er an Cora, und an wen er wohl damals gedacht haben
mochte ...)

   Jubeltest niemals du, wenn nach des langen
   Schwermtigen Regens Dmmernis am Abend
   In ferner Huser grauer, der Mauer
   Ein Glas aufquoll, lebendiges Blut und Feuer?

   Du Herrlichkeit! (Georg schttelte den Kopf) gebckt, wenn du mir
      fern,
   Schleif ich die Blicke ber dumpfem Boden;
   Dann zuckt ein Glanz, dann regt vielleicht ein ses,
   Mitleidiges Leuchten ...

Heftig schrillte das Telephon. Georg legte das Buch aus der Hand, ging
hin und hob den Hrer. Magdas Stimme fragte, ob er es sei; er bejahte,
und sie bat um Verzeihung, da sie stre, aber ihr Vater sei in der
Nacht gestorben. Ja, als sie am Morgen ins Zimmer gekommen sei, habe er
tot im Bett gelegen.

Es ist ja wohl gut, Georg, hrte er sie sagen, er hat ein sanftes,
unbemerktes Ende gehabt. Und nun wollte ich dich bitten ... Wie ist es,
hast du nicht Pfingstferien? Georg bejahte. Dann, -- knntest du
vielleicht ein paar Tage kommen und mir helfen? Ich habe hier eigentlich
niemand und -- Georg unterbrach sie mit heftigen Versicherungen, da er
sofort komme, und sie endeten das Gesprch.

Eine Weile ohne feste Gedanken stand Georg hinter dem Sessel, in dem das
aufgeschlagne Buch lag, nahm es dann auf und las willenlos das Gedicht
zu Ende:

   Mitleidiges Leuchten sich und singt von dir:
   Nichts das von dir nicht lebte, selige Sonne!
   Da ist nichts so gering: ich liebe es doch
   Und drnge mich daran mit Auge und Lippe.
   Auch im Verworfenen fand ich den Spiegel,
   Darin die Gottheit gerne sich vergit.

Nun lchelte er trber, fragte sich, ob Cora der trbe Spiegel von
Renate sein solle, und ob er davon wirklich entzckt sei, wenns der Fall
wre, legte das Buch in die Schieblade, stand davor, die Schlssel in
der Hand, und konnte sich auf nichts besinnen. Endlich fiel ihm ein:
Kursbuch! -- Er fand es auf dem Schreibtisch, sah, da es zum
Zwlfuhrzug schon zu spt war, da es bis zum Dreiuhrzug ihm zu lange
dauerte, ging hinaus und befahl dem Hausmeister, den Reitknecht zu den
Adlerwerken an der Goseriede zu schicken und einen Wagen zu mieten. Er
selber half dem Diener den Koffer packen. Danach ging er zu Cora und
sagte, er verreise, was sie zu tun gedenke. Oh, sie wrde warten, meinte
sie leichthin.

Sie lag in dem selben Sessel ausgestreckt, in dem er eben gesessen
hatte. Ihn schauderte vor ihrem ganzen krperlichen Dasein, an dem keine
Stelle nicht abgentzt war durch Liebkosung und nicht nur durch seine.
Ob sie tatschlich nicht zu ihrem Mann zurckwolle, fragte er.

Sie habe es ihm ja gesagt; ihre Ehe sei lngst keine mehr, sie htten
sich blo noch krperlich gebraucht, sie sei das mde, ihr Mann
vermutlich auch, aber man knne ja nicht wissen, vielleicht liebte er
sie noch immer, sie aber knne nicht mehr.

Du hast eignes Vermgen? fragte Georg in Gedanken. Sie zuckte die
Achseln und meinte: Genug fr mich!

Ich werde, sagte Georg langsam, nicht zurckkommen. Dies Haus ist zu
deiner Verfgung, nur mut du die Gte haben, in der Stadt zu essen.

Das heit also, ich bin entlassen? fragte sie spitzig.

Georg senkte den Kopf und meinte, wenn sie es so ausdrcken wolle ...

Er setzte sich auf die Lehne des Schreibsessels, griff nach dem
Schildpattmesser zum Briefaufschneiden und sah, da es schwcher
regnete; am Himmel, ber den Bumen, brach silbrige Helligkeit auf. Da
es grade Magda sein mu, die mich frei macht! dachte er gebeugten
Sinnes, und vor ihm schwebte seltsam das Gesicht ihres Vaters.

Die Gedanken verliefen sich; er sah ungeduldig auf die Standuhr, indem
trat der Reitknecht ein und sagte, der Wagen stnde drauen. Er hrte
Cora etwas sagen, verstand es aber nicht, da er nun den Telephonhrer
aufhob, den antwortenden Hausmeister bat, ihn mit Benno zu verbinden,
dann Bennos Stimme hrte und ihm sagte, da Magdas Vater gestorben sei
und da er hinfahre, um ihr zu helfen. Benno fragte nichts weiter, trug
ihm Gre auf, und jetzt war der Diener da mit dem Mantel. Er zog ihn
an, schickte den Diener weg und ging auf Cora zu. Auf einmal hob sie die
Hnde wie Krallen, Lenuschs Gesicht erschien ihm in dem ihren, da sie
die Lippen ffnete bei zusammengebissenen Zhnen. Hte dich! keuchte
sie und warf sich herum, ihr Taschentuch in den Mund steckend. Da mute
er lcheln und sagen, sie werde ihm hoffentlich nichts kaputt machen in
der Wohnung. Sie warf die Schultern hin und her, fiel in den Sessel und
weinte. Sie tat ihm leid.

Cora, sagte er leise, legte ihr die Hand auf die Schulter und fragte,
was denn aus ihnen Beiden werden solle.

Sie unterdrckte ihr Schluchzen, murmelte, er sei's ja nicht wert, sie
wollte nicht weinen. -- Ach, sie hatte ihn doch wohl sehr lieb. --

Nun sprang sie auf und meinte khl und hoffrtig, er htte wohl recht,
sie wolle fort. Da legte er den Hut wieder aus der Hand und sagte, er
wolle ihr helfen, ihre Sachen zu packen. Sie ging, und er folgte. Das
schne Zimmer, kaum entstellt, machte ihn traurig, sie packten wortlos
Coras Koffer und Handtasche, der Diener trug alles hinaus, Georg half
Cora in den Mantel, sie gingen.

Im Wagen starrte sie abgewandt aus dem Fenster. Als sie in die
Eichstrae einbogen, sah er, da sie weinte. Aber sie bersah seine
Hand, nickte nur, stieg aus und ging ins Haus. Der Diener folgte ihr mit
den Koffern. Georg atmete auf und bedauerte sie erleichterten Herzens.

Was wird nun kommen? dachte er, als der Wagen sich wieder in Bewegung
setzte.


                             berraschungen

Georg, aus Berlin zurckgekehrt, hatte sich umgekleidet und trat eben
aus dem Schlafzimmer hervor, als die Tr zum Flur von drauen geffnet
und -- vom berragenden Benno vorwrtsgeschoben -- etwas anscheinend
sehr Liebliches ber der kleinen Treppe sichtbar wurde, ein Mdchen in
gesticktem weien Kleide und gelben Schuhn, das Gesicht noch
zurckgewandt unter einem groen und flachen, gelblichen Strohhut von
lndlicher Form, einen leichten Feldblumenkranz um den Kopf und mit
langen, nach hinten hngenden breiten Bndern von schwarzem Samt. Das
Gesicht, das nun erschien -- errtet und mit schchternem Lcheln -- war
ganz und gar mdchenhaft, jung, zart, gerundet, grougig, ja beraus
lieblich wie das Ganze. -- Benno aber kam jetzt die Stufen herunter
gestrmt, fliegend ber und ber, fliegender langer Beine und Rocksche
und Arme, fliegender Stirne und Haare, fliegender Augen, ja selbst die
rot angelaufene Nase im heien Gesicht schien, sich krmmend und mit den
Flgeln zitternd, entfliegen zu wollen, und so hatte er Georgs Hnde
gepackt, zerrte sie nach unten, ri sie nach oben und schleuderte sie
wieder nach unten, stotterte und war glckselig.

Das ist sie, Georg! Seine Stimme war ganz ins Tiefe umgebrochen. Ich
habe sie errungen! Nun nimm sie! Und die Stimme verhauchte ihm. Die
Augen verkehrt in Scham und Wonne, lie er Georg fahren, strzte wieder
zu dem oben noch zgernden und lachenden Mdchen, ergriff ihre Hand und
rief, sie ritterlich zu ihm geleitend:

Das ist Georg! Nun -- sieht er frchterlich aus? -- Sie hat gedacht,
kicherte er, und das eigene Lachen verschlug ihm die Stimme, du mtest
schrecklich sein wie Artaxerxes! Und lachte unmig ber den Witz.

Georg, bei allem Gerhrtsein ber Benno, fand sich wider Erwarten mehr
berrascht als entzckt, dieweil er dem Mdchen entgegenging, lachte und
fragte:

Bennos Braut, das solls doch bedeuten, nicht wahr? Und er beteuerte
seine Freude, klopfte Benno die Schultern, alle Drei lachten, das
Mdchen eine erstaunlich melodische, fast romanhafte -- dachte Georg --
Silberlache, die Tonleiter hinauf und hinunter.

Rtlich blond war sie; die Scheitel, von der Stirnmitte ber die Brauen
zu den Ohren gesenkt, bauschten sich locker und zausig, und weiliche
Streifen zeigten sich im Roten und Goldenen. Die Augen schienen gemischt
Grau mit Braunem und Grnlichem. Oh, sie war hbsch.

Aber wie heien Sie denn, bitte? Benno, wie heit sie? Denken Sie, ich
wei Ihren Namen so wenig, wie ich bislang von Ihrem Dasein etwas ahnen
durfte. Wie kommt das, Benno, gesteh!

Benno war tdlich verlegen. Doch -- einmal -- ganz im Anfang htte er
Georg von ihr erzhlt, -- von Begegnungen ...

Tausenden sei er begegnet, Tausenden! -- Und wieder ertnte das gurrende
Lachen hinauf und hinunter, whrend sie sich mit geschmeidiger Bewegung
vor und zurck bog. Georg gestand, mit halbem Bewutsein lgend: Ja,
Benno, wenn sie lacht, ist sie unwiderstehlich. Und nun bitte den
Namen!

Aber Benno ereiferte sich noch ber die tausend Begegnungen, war selig
gekrnkt, eitel und beschmt und beteuerte, seit einem Jahr, wo er sie
das erste Mal gesehn, habe er nicht eine einzige Begegnung gehabt. Und
sie heit Elfriede! brachte er endlich, wieder verzckt, hervor.

Elfriede Krumm, sagte sie frhlich und bewutlos.

Aber ich habe sie -- Elfe getauft!

Wunderbar, Benno! das ist recht! lobte Georg, in diesem Augenblick
seiner erst unbewuten Enttuschung ganz inne. Der schndliche Zuname
hatte sie ans Licht gefrdert. -- Ja, was ist denn? fragte er sich
besorgt. Hatte ich etwas andres erwartet von Benno? Warum gefllt sie
mir denn nicht? -- berdem sah er den blassen, stets lchelnden Egon
dastehn zum Zeichen des Abendessens.

Geh hin, Egon, gratuliere Herrn Prager, das ist sein Frulein Braut.
Whrend Benno des blassen Egon Arm auszureien suchte, drngte Georg die
Elfriede -- Elfe gelang ihm zu denken nicht -- zum Mitessen und bewegte
sie, obwohl sie sich zierte -- ihre Mama erwarte sie doch --, allmhlich
durch das Zimmers, dann zum Annehmen seines Arms und fhrte sie durch
die Tr.

Er konnte sie von der Seite betrachten im Gehn. Ihre Nase war grade,
kurz, schlecht und recht, -- wie auch der Mund, der undeutlich und bla
war, >als Mund gemacht<, wie Georg einfiel, der sich nicht von ihm
verlockt fhlte. Und nun sah er etwas --, etwas Winziges nur, doch -- es
war etwas ... Am ueren Augenwinkel nmlich zwei kleine Fltchen in der
Haut, kaum brunliche Fltchen, die sich bewegten, wenn sie, wie sie
bestndig tat, die Augen zusammenzog im Lcheln und Lachen. -- Die
sinds, stellte Georg unerbittlich fest; ich werde dahinterkommen, was
sie bedeuten.

Und whrend das Mdchen nun am Kopfende der ovalen Tafel in der Apsis
zwischen den Freunden sa, mehr lachte als sprach, Georg ihr von der
Omelette und ihrer Fllung von kleinen Frhjahrserbsen mit der Bemerkung
vorlegte, das sei die einzig mgliche Speise fr zarte Brute und, so
weiterhin scherzend, mehr albern war als heiter -- was jedoch allein er
selber zu bemerken schien --, prfte er sie auf das genaueste.

Die Bewegungen beim Essen waren zierlich. Aber die Hnde waren nichts.
Rtlich, ausdruckslos, nicht gro, nicht klein; die Zeigefinger waren
schief gebogen, die Gelenke verdickt, und der Daumen hier -- oh der
Daumen war ein leibhafter Altjungferndaumen, und augenblicks erkannte
Georg, da ihre Augen -- hart waren, im Schnitt und Eingefgtsein in die
Lider, nein hart sogar, wenn sie sich ernst verhielt, im Blick. Und da
waren die zwei Fltchen links und rechts. Diese Fltchen, dachte Georg,
werden dafr sorgen, da ihr Gesicht lange so bleiben wird wie jetzt,
rundlich, weich, die Zge unverndert, nur die Frische, die wird eines
Tages verschwunden sein -- ich sehe ja das reizlose Fleisch schon jetzt
unter der zarten Haut. Und dann auf einmal wird sie -- hart geworden
sein, oh hart ist sie jetzt schon ganz innen! -- und alt ...

Es half Georg nichts, sich zu wundern und zu schelten wegen seiner
Richterlichkeit. Sie war reizend -- und er mochte sie nicht. Und ihn
bangte wegen Bennos. -- Habe ich nicht immer fr ihn sorgen mssen?
fragte er sich gerhrt, ihn sitzen sehend in seiner bergossenheit von
Seele und Seligkeit.

Egon trug, wie Georg befohlen, Sekt im Khler herein und stellte
Spitzglser auf, zu Bennos tiefstem Entsetzen auch eins vor Georg, der
doch keinen Wein mehr trank seit seiner Krankheit.

Ich dulde es nicht, Georg! emprte er sich, es ist unerhrt von dir!
und ging so weit, ihn am Arm festzuhalten, da der Wein das Tischtuch
berschumte. Das schaffte denn Aufschub, und Georg gelang es, seinen
Trinkspruch auszubringen, anzustoen und einen Schluck zu nippen.

Aber was wird nun Renate sagen? spottete er, das Glas niedersetzend.
Ich denke, Benno, du verzehrst dich in Anbetung, nicht wahr --, und nun
...

Oh dies ewige, mhelose Lachgeklingel sollte der Teufel holen! -- Georg,
dem nach der langen Entbehrung der Schluck Weins doch den Kopf erhitzte,
sah und hrte nichts mehr, dieweil er innerlich scharrte: Da ist nun
Renate, da ist doch auch Ulrika, Irene, Magda erst! -- Da war Esther, da
war die ganze Stadt voll schner, sanfter Frauen, -- und er nahm diese
endlose Heiterkeit. Ist das nun seine Ergnzung? Hatte er denn je ein
Verlangen nach Leichte und Frhlichkeit bezeigt? Ach, sie ist ja
gewhnlich, Benno, siehst du's denn nicht? Ihre Mutter mcht ich gesehn
haben, dann wte ich alles. -- Und nun hatte Georg auch ein ungefhres
Bild von dem stillen und ernsten, vielleicht sanften und rhrenden,
jedenfalls aber ernsten Wesen und jedenfalls ganz zarten und feinen, in
Heiterkeit vielleicht liebevollen Geschpf, das er unbewut irgendwie
als Bennos Ideal in der Zukunft zu gewahren geglaubt hatte. Nun diese
kleine Tnzerin oder Sngerin meinetwegen, Elfriede Krumm, -- na, fr
den Namen konnte sie freilich nichts, obwohl besser noch grotesk als
gemein -- aber immerhin hatte sie es nicht weiter gebracht, als an
diesem holzigen Stamm eine kleine Windenblte aufzutun. Eine seltene
Aloe am Stamme des Gemeinen war sie nicht, und Georg fing an, sich den
Kopf zu zerbrechen, ob nur Benno sich von ihrem Liebreiz hatte blenden
und irren lassen, oder ob also doch ein Stck vom Brger in ihm steckte,
den es zu seinesgleichen zog. Schubert, dachte er, Schubert war auch so
ein Halbgott in Stiefeln, unsterblich wenn er sang, im Dasein ein
kleiner Spiebrger. -- Ganz hei ward ihm da im Gedanken, dieser se
versilberte Engel knnte den armen, schwachen Benno aus seinem wahren
Paradies vertreiben. Denn was tut sie, und was ist an ihr, wenn sie
nicht lacht? -- Heiraten, mein Gott! Wenn er sie doch zur Hetre nhme!
Oh Benno, es wird ein Unglck geben!

Wit ihr, fahren wir doch gleich zu Renate, mischte er sich mit
Bewutsein wieder ins Gesprch. (Oh wie zog es ihn zu Renate!)

Aber meine Mama ...

Bei der fahren wir vor. Oder sie kommt mit.

Im Dogcart, Georg? Benno, sein Glas in der Hand, mute es schnell
niedersetzen, um in eine schallende Lache ausbrechen zu knnen, die ihn
unwiderstehlich schttelte, whrend das Mdchen errtete, unwillig
schien, ja sichtlich einen bsen Blick unterdrckte, -- und Benno
unterbrach sich jhlings im Gelchter, nun furchtbar verlegen.

Ja, was lachst du denn so? stach Georg -- in einer Ahnung -- auf ihn
ein.

Mama -- sagte die Elfriede berernst in Bennos Gestammel, pat
allerdings kaum in einen Dogcart. Mama ist ein wenig stark.

Dick ist sie! Unglaublich dick! eine Maschine! ein Elefant! jauchzte und
fluchte Georg innerlich. Nun ist mir alles klar. Eine Brgersfrau aus
der Markthalle. Rentiere im Adrebuch! -- Und um so dringlicher fuhr er
fort, der Tochter sein Schimmelgespann zu preisen, das schon halb
verkauft sei; so sei's vielleicht das letzte Mal ... Ich mu die Alte
sehn, dachte er. Und dann zu Renate!

Egon, sich zu ihm beugend, flsterte: die Dame sei wieder da ...

Was fr eine Dame? fragte Georg laut.

Die gestern schon da war, wie ich Durchlaucht ...

Ach, die sich nicht offenbaren wollte? Bitte entschuldige mich, Benno,
-- gndiges Frulein ... Es wird wohl ein Bittgesuch ... Georg legte
die Serviette hin, ging zur Tre, ffnete und schlo hinter sich, das
Zimmer zuerst leer findend. Dann sah er Cordelia.

Sie war noch keinen Schritt in den Raum gekommen; oben vor der Tr, die
Hand am Gelnderdach stand sie, ihren alten Strohhut in der Hand, ein
welkes weies Kleid, mit moosgrnem Seidenband unter der Brust, um den
Leib gezogen. Aber -- -- oh -- das ist ein Mensch! war Georgs erstes,
voll aufseufzendes Empfinden in der Erinnerung an Bennos Elfe.

Erstaunt, entzndet von Freude sie wiederzusehn, sagte er leise nur
Cordelia --, nun erschttert von einem unendlichen und schweren Ernst,
einer Wehmut, einer Demut und -- diese durchglhend -- einer fast
mystischen Se im Dunkel ihrer fernen Augen, im ganzen bleichen,
atmenden, sehnschtig bewegten Gesicht.

Der Hut, ihr entfallend, rollte die Stufen hinunter. Sie folgte ihm,
schrittweis, die Hnde gefaltet, die Blicke unvernderlich auf ihn
geheftet mit einem fr Georg kaum noch ertrglichen, sprachlosen Flehen.
Einmal lchelte sie hlflos. Ein paar Schritte noch von ihm entfernt,
hielt sie an, schauderte heftig zusammen, bezwang sich furchtbar,
lchelte mit Anstrengung und fragte kaum hrbar: Mu ich -- ganz --
hin?

Ihm brach das Herz. Sich losreiend, durchzuckt: Sie stirbt ja vor
Angst! -- sprang er zu, ri sie an sich, legte ihren Kopf an seiner
Schulter fest, hielt ihn, der herabsinken wollte, streichelte ihn
unaufhrlich, flsternd: Was ist denn, mein Gott, was ist denn? Es ist
ja gut! ist ja gut! Ich bin ja glcklich!

Leise schluchzend hrte er sie etwas stammeln wie: Gott sei Dank! und:
ja, nun ist es gut ... Langsam kam ihr Gesicht wieder hoch, na
berstrmt, flieender Augen, aber er lchelte wie ein Engel durch den
glnzenden Strom. Sie bewegte stumm den Kopf hin und her. Ihre Augen
fielen zu.

Willst du mich denn noch? fragte sie zwischen den Zhnen, wirklich?

Ob ich will, Cordelia? Ja doch, ja! Ich bin ja nur glcklich, wenn du
kommst! Ach, fuhr er, erschttert von Mitleiden, fort: sag mir doch,
was dir fehlt, was dich qult, alles, alles! ich will dir doch helfen!

Aber sie schwieg.

Im Nebenzimmer ward ganz leise ein Akkord des Flgels hrbar, nur der
eine, s aufschwirrende Schlag, als habe ein Vogel die Tasten
gestreift, fr Georg ein lieblich erstaunendes Zeichen des Augenblicks.
Dann, abgelenkt, sah er durch die Wand Bennos lange Schattenfigur, wie
sie sich auf die Tasten bckte: er mute sie wohl doch einmal berhren,
einen Ton hren, die Musik ein Wort sagen lassen zu seiner Inbrunst.

Cordelia aber hatte aufhorchend die Augen geffnet.

Was war das? flsterte sie, und Georg gestand, es sei Besuch nebenan,
ein Freund mit seiner Verlobten; ob sie erlaube, da er ihnen eben
Bescheid sage, sie seien eben schon im Begriffe zu gehn. Cordelia nickte
nur stumm und machte sich los von ihm.

Die Tr ffnend scheuchte er das Brautpaar aus der Buchtung des Flgels
und aus einer ganz hnlichen Stellung wie die, in der Georg selber sich
eben befand, was seine Betubtheit rasch in angenehme Heiterkeit lste,
also da er, da das Mdchen ohnehin heimwrts drngte, mit leichtem
Bedauern der verhinderten Fahrt sich entschuldigen konnte. Er brachte
sie noch durch das gangartig lange und halbdunkle Billardzimmer auf den
Flur und bis vor die Tr, winkte ihnen nach und dachte, mit den Augen an
Bennos Rcken haftend: Seltsam doch, da grade er so aus unsern Kreisen
fallen mute. Gedichte mach ich ja auch, aber der einzige Unsterbliche
war doch immer er. Ach so, erinnerte er sich im Abwenden, die Gtter
trugen ja immer nach besonders irdischen Frauen Verlangen. Ja, sie war
eine kleine Rubensschnheit, Dana ... und --

Georg richtete sich lchelnd straff. Und Benno mu heiraten, mu -- weil
er das nicht fertigbringt was ich. Ah sie war wieder da! Gott sei
gelobt, murmelte er vor sich hin, nun kommt die Erlsung erst von Cora!
-- Er schlo die Tr hinter sich.

Wie er aber leichtfig den Flur zurckeilte, wurde die Tr am Ende
geffnet, mit Vorsicht. Cordelias Antlitz erschien im Spalt, gro
offenen, furchtsam sphenden Auges, und erschrocken bei seinem Anblick
schlug sie den Trflgel wieder vor ihm zu, den er gleich darauf
erreichte.

Als er dann drinnen stand, war sie an das Gelnder zurckgewichen, hielt
es mit den Hnden neben sich gefat und lie wie eine Schuldige den Kopf
sinken. Sich berwindend, sie nicht feindlich anzusehn, versuchte er zu
scherzen, ob sie ihm doch wieder habe entwischen wollen ...

Sie lchelte traurig und sah auf. Es soll also wohl doch sein, sagte
sie leise. Nein! sie drngte sich an ihn, sieh mich nicht so an!
frage nicht! ja, versprich mir das, schwren mut du's, Georg, hrst du,
du mut es schwren!

Ja, gewi! gewi doch! was denn?

Nie fragen, Georg! Nie, nie, niemals und nach nichts fragen! Ach,
weinte sie pltzlich laut auf, was willst du denn von mir? Ich wei
doch, da du mich nicht liebst. Sie brach ab, ihn hart und verschlossen
anblickend.

Georg vermochte nicht auszuweichen. Nicht lgen! dachte er nur, und
seinen Augen es berlassend, sie zu bezwingen, sagte er klar und
verstndlich, wie er es meinte.

Ich brauche dich.

Den Leib, hauchte sie elend.

Was nun sagen? -- Er kte behutsam ihre Stirn, und damit schien er
Glck gehabt zu haben, denn mit aufblhendem Lcheln unter seinem Ku
flsterte sie:

Und die arme Seele mit ... Meinst du, da ich eine habe? -- Ach la
nur, wehrte sie matt und drckte die Augen an seine Schulter.

Du kennst mich doch nun ein wenig, redete er, ihr Haar streichelnd,
auf sie herab, du weit doch, wer ich bin! und hrte sie aufsagen
leise, ohne den Kopf zu heben: Prinz -- Georg -- Trassenberg.

Dann, sehr liebevoll: Mein Prinz! und Georg fuhr zurck wie gestochen.
Er strauchelte auf den Stufen, erreichte mit Mhe aufrecht den Boden,
seine Knie versagten, er tat noch zwei Schritte und stand, entsetzt, die
Hnde an den Schlfen.

Jetzt -- da wars! Jetzt wars gekommen. Jetzt mute -- -- mute -- was?
-- was? -- Die Wahrheit gesagt werden oder -- oder gelogen. Warum
gelogen? Um die letzte Probe ... um zu sehn, ob es ertrglich, mglich
...

Was ist dir denn? hrte er sie aus weiter Ferne fragen, sah aber in
der selben Sekunde dicht vor sich ihre besorgten Augen, die flackerten;
ihr Gesicht, ihre weie Gestalt, die dunklen Wnde des Raums, der groe,
grne Lampenumhang -- alles flackerte auf und nieder wie aus gasigen
Flammen, whrend er sie nur anstarren konnte und merkte, wie sie seine
Hnde ergriff und herabzog. Durch das Sausen in seinen Ohren hrte er
sie etwas sagen, ohne zu verstehn.

Du Feigling! sagte dann eine Stimme, du willst es ja nur aufschieben!

Nichts, Kind, nichts! brachte er endlich hervor. Es war wohl mein
Herz, -- es ist nicht ganz in Ordnung. La nur, es geht schon wieder.
Ja, wovon sprachen wir doch eben? Richtig, meinen Namen sagtest du ...
Er irrte wieder ab. Ja, und wie ist der deine? hrte er seine eigene
Stimme fernher, erwachte dann und setzte beherrscht hinzu: Oder darf
ich das auch nicht fragen?

Cordelia Severin, sagte sie leise. Aber ist dir auch wirklich wieder
gut? Komm, setz dich hin!

Sie fhrten sich gegenseitig zu einem der Sessel in der Kaminecke, Georg
fiel ermattet hinein und zog sie auf seine Knie. Sein Herz jagte in der
Tat haltlos. Vielleicht war doch der Schluck Sekt schuld.

Und was wird nun aus uns? konnte er indessen wieder scherzen. Bleiben
wir zusammen? Mchtest du hier wohnen? In einem Schlo? -- Es stach
wieder in seinem Herzen. Er verstand nicht recht, weshalb ihm so
unendlich sanft und weich zumute war, und fuhr fort, ihr weiches Gesicht
unablssig zu streicheln und zu gltten. Da sie nur nachdenklich vor
sich hin lchelte, fragte er weiter: Oder soll ich zu dir kommen?

Nun schauderte sie leicht zusammen. Nein! oh nein! stie sie hervor.

Also was denn? Soll ich ein Haus kaufen?

Wieder ruhiger blickte sie in seine Augen, kte ihn leise auf den Mund
und sagte liebreich:

Ich will, was du willst. Aber ich mchte nicht gern in -- dein andres
Leben. Mcht ganz fr mich sein -- und fr dich. In mein Leben sollst du
auch nicht. Wir wollen zusammen ein drittes haben, ganz fr uns, gell?

Ja, das wollen wir. Also dann willst du wohl Geld haben, was?

Ja, bitte! sagte sie ganz ernst.

Ich hab aber selber keins da, meinte er lustig. Nun, warte, es findet
sich schon ein Weg. Willst du mich mal aufstehn lassen?

Whrend er eine Schreibtischlade aufzog, ein Checkbuch hervorholte, sich
setzte und mit eiliger Hand in ein Dutzend und mehr Seiten seinen Namen
eintrug, fragte er zurck, ob sie vielleicht auch schon ein Haus wisse?
-- Leise auflachend bejahte sie und sagte pltzlich wieder im Dialekt
und in ihrem vertrumten Ton:

I hab ans aangschaut vor a paar Tag. In der Alleestrae heroben, ganz
heroben am End, auf an Hgel liegts. I tu alsfort Huser anschaun, wanns
fein ausschaun und Mietzettel ham.

Na, das ist ja schn! Da mu ich dir wohl einrichten helfen?

Nimmer ntig! 's steckt ganz voll von Mbeln bis ans Dach, schne
Mbel, olte, ach du mein!

Georg, sich umdrehend beim Schreiben, sah sie auf der weichen
Sessellehne sitzen und mit runden Augen nach allen Seiten sphn.

Nicht so schn halt wie die, plapperte sie weiter, nach der Bcherwand
nickend. Aber ein Schlafzimmer hats, das wird dich freun. Da stehts
Bett im Alkoven, der hat -- so ein Fu grad berm Bett -- ein ganz
schnes, breites, groes Fenster. Wenn man da naus schaut, -- ja, das
glaubst net, Gorch, da hast vor dir das ganze Land, alle Wiesen und
Weiden und die blauen Wlder hinten und Drfeln -- ah -- viele! Schlafen
kannst da mitten im Frein, und unterm Fenster -- da ist der Garten, und
der Teich, und eine ganze Wstn von floribus, schlo sie pltzlich mit
hrbarem Punkt. Georg sprang auf, warf sie fast in den Sessel hinunter
und erstickte sie mit Kssen.

Und Hesekiel! Georg, la los, ich ersticke ja! keuchte sie, und
Hesekiel, darf ich den aach kaufn?

Was du willst, Liebling, was du willst! Aber wer ist denn Hesekiel? --
Er hielt sie wieder auf den Knien und lie sich kleine Ksse von ihr
geben, whrend sie erzhlte:

Hesekiel -- das ist ein -- orms Luder. Ein bichen dumm ist er schon,
weit! so ein -- Idiot oder -- -- wie? Er vergit halt alles. Nur eins,
ein einziges, das kann er grad behalten. Und er hat ein' Buckel und ein
ganz spitzes, altes Gesicht und einen wehmtigen kleinen Mund. Oh
Hesekiel ist ein lieber Kerl, der wird dir gfalln. Nun ist er -- was die
Blle aufklaubt bei die Tennisleut. A so a olter Mensch und klaubt Bll
auf. Verheirat is er net. Gell, den nehm mir? Den nehm mir zu uns?

Georgs Herz jubelte vor Entzcken. Oh Benno, was habe ich und was du! --
Sogar die Erscheinung Renates ging schmerzlos vorber. Ich werde
lebendig sein, ganz lebendig, arbeiten knnen, gesund sein, und das
andre -- alles andre wird sich finden, sich finden.


                          Viertes Kapitel: Mai


                             Haus Herzbruch

Renate schrieb in ihrem Zimmer am spten Abend:

Hellwach wie ich bin, will ich gleich suchen, Einiges von diesem Abend
festzuhalten.

Nachmittags gegen sechs Uhr fuhr ich zu Irene hinaus (ich mute es
einmal wagen; Saint-Georges versprach, auf Onkel achtzugeben, und es ist
nichts geschehn). Es war so warm, da ich unterwegs das Verdeck
zurckschlagen lie, und so war es schn, durch den weiten Frhling zu
fahren, zwischen den unendlichen, tiefgrnen, saatgrnen Flchen, auf
den Himmel zu, den weit fernen, blulich weien, goldgestreiften von der
tiefen Sonne, an den kleinen Gehften vorber, die stets schrg mit der
Stirnseite zur Strae stehn, unter Bumen, kaum ergrnten. Einzelne
Primeln waren auf den Wiesen zu sehn, und alle Rinder waren schon
drauen, grasten fromm der untergehenden Sonne nach, oder standen still
an einer Planke, einem Graben, den sie im Vorsichhinweiden erreichten,
hrten mit Kuen auf und sahen nach dem schwarzen Ungetm, in dem ich,
hoch sitzend, dahinrollte; lange Schatten warfen sie, wie alles umher.

Unterwegs griff ich noch Jason auf; mit einmal sah ich ihn ein paar
hundert Meter vor mir am Rande der weien Strae dahinwandern, ein wenig
krumm und die Hnde auf dem Rcken. So luft er, dacht ich, um die ganze
Welt frba in seinem schwarzen Anzug, da hielt auch schon der Wagen
neben ihm still, es war wie Zauberei, als ob er es befohlen und ihn mit
dem Rcken gesehn htte, -- aber Reinhold, der ihn kannte, hielt
natrlich von selber. Dann sa er zufrieden in seiner Wagenecke, blickte
stolz umher und sagte: Der gute Mensch trifft immer Wagen, die ihn zu
schnen Orten tragen.

Wo er so lange gewesen sei, fragte ich ihn, denn ich hatte ihn beinah
drei Wochen nicht gesehn. In Schleswig, sagte er, bei der Familie des
Kreisphysikus Liegel, Odysseus Liegel, ja, so heie er richtig. Eine
zahlreiche Familie sei das, vier Shne, drei Tchter, Eltern, Gromutter
und Urgromutter, in einem kleinen Hause Alle beisammen, und sie
frchteten sich samt und sonders vor spitzen Gegenstnden, besonders die
Urgromutter, die knnte berhaupt nichts Spitzes sehn, ohne furchtbare
Zustnde zu kriegen, bei den Andern sei es verschieden, der eine
reagiere nur auf Taschenmesser, ein andrer auf Nhnadeln, wieder eine
habe Angst vor Lffelstielen oder Hutnadeln, und sie rgerten sich Alle
fortwhrend gegenseitig damit, das heit zum Spa, sie meinten es nicht
bse, und nur der Vater freilich, der sei immun, auf den wrde berhaupt
nicht geachtet. Eigentlich sei er wohl immer leise betrunken von
hollndischem Likr, das dufte gar nicht so unangenehm, und meist sitze
er ja in seinem Zimmer oder machte Krankenbesuche, wo er dann immer
zwei, drei kleine Schnpse trinke, das mache schon ein paar Dutzend am
Tag. Die Shne aber seien groe Kerle, blond und brtig, der eine
Lloydoffizier, einer Kaufmann, und zwei Studenten; die htten die ganze
Kraft der Familie an sich gerissen, gingen schallend umher und schubsten
alles beiseite; Gott sei Dank seien selten mehr als einer oder zwei
anwesend. Die Tchter seien alle Drei ein bischen welk und kmmerlich,
mit viel Heiratsplnen behangen und sehr arbeitsam. Ja, die Mutter sei
das Tchtigste dieser Familie. Ganz klein sei sie, habe ein Gesicht wie
eine Backbirne und eine lahme Hfte, oder eigentlich seien es zwei; kein
Mensch wisse, wie sie es eigentlich fertigbringe, zu gehn, sie gehe
aber, und zwar immer ganz schnell. Als sie alt genug gewesen war, zu
heiraten, hatte sie es darauf angelegt, diesen Odysseus Liegel zu
heiraten, und es gelang ihr auch. Darauf grndete sie ihm eine Praxis,
in der sie viele Jahre immer am Hungertuche her lebten; auch jetzt hnge
es noch immer in einer Ecke und verstaubte niemals gnzlich. Eines Tages
hatte sie von einer Freundin gehrt, da es in gewissen kleinen Stdten
Stipendien, Legate gbe, ausgesetzt von verstorbenen Wohlttern fr
Knaben, in der Stadt geborene, um ihnen ein Studium zu ermglichen, und
die brave Frau soll es fertigbekommen haben, durch Herumreisen in diesen
Stdten zur Zeit, wenn sie ein Kind erwartete, dreien ihrer Shne je ein
Legat zuzuschieben. Oh es sei eine ganz herrliche Familie, sagte Jason.
Die Mutter wrde verherrlicht von Allen, sie wre ganz ungeheuer geizig,
sie hatte immer nur einen einzigen Groschen auf der Tischkante liegen
sehn, und wenn man ihr etwas mitbrchte, drfe man nie unterlassen, zu
sagen, was es koste, denn erst wenn sie das wisse, knnte sie sich
freun. Aber nur Kleinigkeiten drften es sein. Was ist das? sagte sie
dann wohl, mit braunen Fingern und kurzsichtigen Augen zugreifend, eine
Banane? Oh herrlich! Was kost die? Zehn Pfennig. Nun sieh mal einer,
zehn Pfennig fr solch eine herrliche Frucht. Und dann wollte jedes von
ihren zehn Kindern die Banane haben ... Zehn, Jason? -- Sie machten noch
fr viel mehr Lrm, sagte er vergnglich, du solltest sie einmal hren.
--

Auf dem Weg durch den Gemsegarten kam uns die kleine Nora entgegen,
Dora Vehms Tochter, langsam und ernsthaft wie immer, nur mit den
vergrerten Augen sich freuend, nicht im geringsten mich, sondern ganz
allein Jason unerschtterlich anblickend. Als der aber fragte: Wo ist
denn dein Vater? -- sagte sie mit ihrer tiefen, langsamen Stimme: Der
sitzt auf dem Klosett. -- Wie peinlich fr ihn! sagte Jason, nun wollen
wir blo nicht nach ihrer Mutter fragen. Da kam Irene, blond und
lieblich wie immer, uns auf dem Gartensteig entgegen, so entzckend
anzusehn, da mir das Herz lachte: wie eine versehrte Blume, nmlich in
einer engen grnen Taille, Filetguipure am Halsausschnitt und den halben
rmeln, kleine Falten quer ber der Brust und mit vier spitzen Schen,
vorn, hinten und ber den Hften, gleich den grnen Kelchblttern einer
Blume, aus denen die groe schwarze Tulpenglocke des seidenen Rockes
nach unten schwoll und abstand, -- und whrend so ihr Kleid und Krper
eine Blume darstellte, war es ihr ganz glhend rosiges und von Haar
goldenes Gesicht, das blhte. Sie erzhlte, es sei gerade ein Freund
ihrer Schwgerin gekommen, ein Dr. gidi aus Stuttgart, Journalist, den
ihr Mann durch Doras Vermittelung fr seine neue Zeitschrift gewonnen
habe. Da die Beiden sich jahrelang nicht gesehen hatten und jetzt in der
Halle saen, gingen wir in die >Hecke< und trafen dort Georg, der im
Grase lag und mit Doras Pallu spielte. Eigentlich heit er Paul, aber
das konnte er nicht sagen und taufte sich Pallu.

Wir aen dann oben in Irenens Zimmer zu Abend, ein wenig eng in der Ecke
neben dem Kamin, zu eng vor allem, wie mir schien, fr die Stimmung
unter uns. Irene war vllig geistesabwesend; sie hat es sich ja nun so
angewhnt, sich zu erlauben, was ihr gefllt. Ich merkte aber, da diese
Abgekehrtheit irgendwie mit ihrer Schwgerin und mit Dr. gidi
zusammenhngen mute, die mir auch wieder heier und rter schienen, als
selbst ein Wiedersehn nach zwei Jahren -- -- doch was geht das
eigentlich mich an? Ja, insofern wohl, als eben diese Stimmung auch mich
ergriff und mich, ngstlich, unsicher und sonderbar, wie ich Onkels
wegen an sich schon bin, mit dunklen Empfindungen bewegte. Es wre
vielleicht noch sonderbarer gewesen ohne Jason, der wohl alles haargenau
wute, freilich keine Miene verzog und keine Geste zeigte, sondern nur
viel sprach, in dieser unendlich hinflieenden Art, und so sehr jeden,
den er anblickt, mit Augen fesselnd, da man selber zu reden glaubt, --
nun, ich werde das nie beschreiben knnen. brigens war Doras Mann nicht
anwesend; er hat ein Darmleiden, und zudem ist er noch lungenkrank und
schon halb auf dem Wege nach Arosa.

Schn, dunkel und funkelnd sah diese Dora aus (und brigens in einer
prchtigen Tunika, die ich mir merken mu, aus einem dunkelblauen,
lockern Seidenstoff mit eingewebtem, gleichfarbigem Blumen- und
Rankenmuster, die sie ber den Kopf gezogen hatte; braune Pelzstreifen
an den offenen rmeln und am Halsausschnitt). Ihre tgliche
Arbeitsleistung, von der Georg mir erzhlte, ist ja erstaunlich. Ich
glaube wohl, sie mchte noch viel mehr Kinder haben. Ihr Mann sah auf
einer Photographie still, fremd, abgeschlossen aus; ein sehr zartes
Gesicht mit tiefen Augen, sehr spitzem Kinn und einem seltsam
bertriebenen dunklen Schnurrbart wie der Nietzsches, doch tiefer
hngend. -- Wenn ich sie ansehe, mu ich sie fr eine schlechterdings
glckliche Frau halten. Aber ob sie nicht mich ebenfalls -- --? Was
wissen wir?

Ich wollte mir doch einiges von dem merken, was gesprochen wurde? Ach,
nein, die Geschichte, die Jason der kleinen Nora erzhlte, als sie im
Bett lag, mu ich doch wieder zusammenbringen. Sie hie, glaube ich: Der
liebe Gott und das kmmerliche Telephon, oder so hnlich und fing an:

Prrrrr! machte das Telephon. Kruzitrken, sagte der liebe Gott und nahm
den Hrer auf, was ist denn das schon wieder! Hat man denn keinen
Augenblick Ruhe? -- Du, Onkel Jason, sagte Pallu von gegenber her, der
liebe Gott flucht aber wst. -- Trken, versicherte Jason, wren Heiden
und darum wrden sie geflucht. Da hrte der liebe Gott ein kleines
Mdchen ganz unten auf der Erde ins Telephon piepen: Hier ist das
Knasterlein und hat so furchtbare Bauchschmerzen. (Das Knasterlein soll
zu allem gut sein in Jasons smtlichen Geschichten.) Ha, da hat sie
Zwetschenkuchen gegessen, dachte der liebe Gott und sagte: Aber liebes
Kind, du mut doch nun nicht bei jeder Kleinigkeit ... Sprechen Sie
noch? sagte das Frulein am Amt. Pallu stellte sich auf den Kopf und
sagte: Kruzitrken, die kommt mmer dazwischen, mmer. -- Jawohl,
Frulein, ich spreche noch, sagte der liebe Gott, -- ja, da hast du wohl
zu viel Zwetschenkuchen gegessen? -- Ja, sagte das Knasterlein. -- Ist
denn der Doktor schon dagewesen? -- Och, lieber Gott, mein Papa ist doch
selber Doktor! -- Hier entspann sich, glaube ich, ein groer Streit
zwischen Nora, ihrer Mutter und Jason wegen der ungenauen Kenntnis des
lieben Gottes, wobei er sich, frcht ich, damit ausredete, der liebe
Gott habe das verwechselt. Also der Doktor war jedenfalls dagewesen, und
der liebe Gott war sehr erstaunt, was Knasterlein denn nun noch von ihm
wollte. Was zum Einschlafen, sagte es, es knnte doch nicht schlafen.
Das wollen wir gleich haben, sagte der liebe Gott und murmelte: Abadra,
kadrabra, maleborus, maleborus, widdewiddewitt fi--na--le! -- Sprechen
Sie noch? fragte das Amt. Scht! machte der liebe Gott und legte ganz
leise den Hrer hin, worauf sich denn Knasterlein in Nora verwandelte,
die sich mit tief ernstem Gehorsam umdrehte, die Decke bis an die Augen
zog und nach einem groen Seufzer und unerschtterlich auf Jason
gerichtetem Blick sich augenblicks einzuschlafen bemhte. -- --

Wovon sprachen wir noch beim Essen? Richtig, Jason, -- da er alle
Menschen kennt, so kannte er auch gidi, von irgendeiner Universitt her
--, nein, zuerst war ja von Herzbruchs' Zeitschrift die Rede, von der
Sozialdemokratie und -- ich wei nicht mehr, wie das so kam, --
jedenfalls uerte Jason gleich eine Meinung, die dann zu einer ganzen
Rede wurde. Die Sozialdemokratie, sagte er, htte zwei Fehler, und der
eine sei die mangelnde Schulbildung. Wenn ich zum Beispiel, fuhr er
munter fort, einen Reichstagsbericht lese, was fllt mir auf? Ein groer
Mangel an Lebensart, nicht etwa bei der Sozialdemokratie allein, nein,
bei den Angehrigen smtlicher Parteien ganz gleichmig. Nun aber ist
die sozialdemokratische Partei die einzige, bei deren Vertretern dieser
Mangel sich auf den genannten, nmlich die fehlende Schulbildung
zurckschieben lt, was denn jedenfalls fleiig von allen andern Seiten
gebt wird, und hinwieder kann man den andern Parteien bei gutem
Gewissen diesen Vorwurf nicht machen, da sie ja alle ber eine ganz
vortreffliche Schulbildung verfgen. Also, sagte er, die
Sozialdemokraten htten somit nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als
sich diese Schulbildung zu erwerben, womit sie ja gleichzeitig alle
brigen Parteien auch an Lebensart bertreffen mten, oder das
Gegenteil wrde der eben aufgestellten und bewiesenen Behauptung vor den
Kopf stoen, da eben in der mangelnden Schulbildung ... Hier legte ihm
wohl Herzbruch die Hand auf den Arm und veranlate ihn wohlwollend, zu
dem zweiten Mangel berzugehn. Ja, das sei nun wieder ein berflu, fing
er frisch an, nmlich ein nicht hoch genug zu veranschlagender berflu
an Sanftmut. Drei Mittel nmlich, erklrte er, htte die Internationale
an der Hand, um ihre Ziele durchzusetzen, ohne doch nur ein einziges zur
Anwendung zu bringen, nmlich erstens das ein wenig veraltete des
allgemeinen und gleichen Revolutionierens, mit Barrikaden, Kopfab und
allen Schikanen, aber, was ihn angehe, so schalte bei seiner angeborenen
Abneigung gegen alles Blutvergieen dieses Mittel fr ihn aus. Das
nchste sei der Generalstreik natrlich, wogegen er wenig mehr
einzuwenden habe, als da ihm das dritte Mittel besser gefalle, zudem
auch dem angedeuteten sanftmtigen Charakter dieses Menschenschlages am
meisten zu entsprechen scheine ... nmlich die passive Sabotage. --

Denkt euch, sagte er, einen nach dem andern von uns mit berredenden
Blicken ins Auge fassend, denkt, welche Zeit anbrechen wrde. Passive
Sabotage ohne Generalstreik. Alle Arbeiter wrden in der Arbeit bleiben,
und vielleicht sogar ein wenig berstunden machen. Alsbald wrden sich
die Erzeugnisse der Industrie und Waren aller Art in den Speichern, den
Fabriken und Silos hufen, sie bis zum Rande fllen und berquellen, und
die Lebensmittel wrden zu erstaunlichen Preisen herabsteigen, ja
womglich verschenkt werden, und man knnte sich wohl denken, da
jemand, der ein Ei kaufen wolle, eine Dreschmaschine oder ein Karussell
als Zugabe erhielte. Und nun aber, bei allgemeiner Einigkeit und
Zufriedenheit, welche Stille in Stadt und Land! Vom festgesetzten
Uhrenschlage an verlie kein Schiff die Rheede, kein Brief den Kasten,
kein Telegramm den Drahtkorb des Beamten, kein Postwagen die Remise,
kein Eisenbahnzug den Bahnhof. Auf den von Automobilen, Geschftsrdern,
Autobussen und Trambahnen herrlich leeren, breiten, befreiten Straen
ergsse sich eine festlich gekleidete Menge, von deren heiteren
Antlitzen jede Spur des alten Hastens und Jagens miteins verschwunden
sei. Frhliche Scharen von Post- und Telegraphenbeamten mit ihren
munteren, rotgestreiften Mtzen veranstalteten singende Umzge unter
Entfaltung ihrer schn gestickten Innungsfahnen, und die Straenkehrer
hingen unter Absingung frhlicher und patriotischer Lieder ihre Besen
und Gummirechen an den Kreuzen lngst erloschener Laternen auf. Was sei
aber all dies gegen die wunderbare Stille drauen im lndlichen Land. Da
wandre sichs leicht, die mitgenommenen Butterstullen in die letzte
Zeitung eingeschlagen, auf der unverlierbaren Linie der mit sanftem
Grase berwachsenen Bahndmme, wo die Wrter vor ihren Huschen mit Frau
und Tabakspfeife behaglich feierten, wo die Weichengestelle bald unter
ppig wucherndem Ginster verschwanden, die Schlagbume und Signalmaste
schon vom weiten den munteren Wallern ihre bunten Fahnen von
Hopfenranken und blhenden Glyzinien entgegenschwenkten, whrend zu
beiden Seiten aller Straen Eppich, Crimsonrosen, Bohnenblte und
rankende Winde aus den Telegraphenstangen und ihren Drhten farbige
Triumphgirlanden, gleichsam ber Nacht, geschaffen htten; an den
Straen brigens, auf den die wieder hervorgeholten schnen alten
Planwagen, mit welchen die burische Bevlkerung die mhelosen
Erzeugnisse ihres Bodens zur Stadt fhrten, um sie gegen geringes
Entgelt einzutauschen, -- auf ihnen erzhle nur selten die bereits
berrankte und moosbewachsene Ruine eines Opel- oder Horchwagens vom
bestraften Frevelmut seines Besitzers, der ohne Mechaniker eine
verzweifelte Geschftsreise zu unternehmen gewagt habe. Und schlielich,
da inzwischen auch die Arbeit aus berflu an allen Dingen eingestellt
sei, so hetze sich nunmehr niemand ab, als einzig an ihren
Schreibtischen die nimmermden Erfinder, emsig bemht, Ideen zu
entwickeln zur Ausntzung des berflssigen, also zum Beispiel ein
Verfahren, aus schlecht gewordenem Schweinefleisch gut sitzende Anzge
zu verfertigen ...

Mitternacht. Leichtfig erschreckte Renate der silberne Schlag der
kleinen Uhr hinter ihr im stillen Zimmer. Sie wandte sich halb, warf
einen Blick ber ihre Schulter in die dmmrige Tiefe der Wnde und
verhaltenen Mbel und schrieb weiter:

Ich mute mich umsehn, die Stille gewahren in diesem sanften Raum, in
diesem ganzen, schlafenden Hause. Ach, es tat wohl, einmal drauen,
einmal weit weg gewesen zu sein, im immer wieder zauberhaften
Menschenwald, wo auf den stillsten Lichtungen -- groe Spinnen in den
Silberrdern ihrer Netze -- die Geschicke weben, ach, zum Heil oder
Unheil, ich wills nicht wissen, denn jedes, jedes, das wei ich, ist
besser als nichts. Aber wei ich denn, ob nicht das meine schon lngst
ber mir schwebt, mich zu umschlingen und zu binden, ob ich nicht lngst
schon ergriffen vielleicht, gehalten und -- abgetan bin? Denn vom Himmel
-- wir wissen es doch -- vom Himmel strzt kein jhlichster Blitz, der
nicht in einem kleinen Korn auf Erden gest und draus aufgegangen wre,
und der Schlag, der heute das Haupt trifft, zu ihm war ausgeholt, als
noch unsre Mutter nicht von uns trumte.

Wacher und wacher sehe ich in die vergangenen Stunden zurck. Wieder um
den runden Tisch sehe ich uns sitzen, enge beisammen in der Ecke am
Kamin, sehe an der Hngelampe vorber das tief und tiefere, seltsame
Blau der Dmmerung drauen, die nur im Vorfrhling so leuchtet, sehe die
bleichen Vorhnge sacht auffliegen und empfinde die leichten Atemste
des hereingeneigten Windes. Unsre beleuchteten Gesichter kann ich sehn,
das hbsche, schmale, blasse des Doktor gidi mit kleinem, kurzem und
schwarzem Schnurrbart, das selten aufsieht zu dem unaufhaltsam
pltschernden Jason; rechts von ihm das Doras, brunlich, gertet, mit
starken Brauen und feurigem Auge, und Herzbruchs Hornbrille daneben,
hinter der hervor er ab und an auf Irene oder sonst jemand einen
unbestimmt und halb abwesenden Blick schiet, und sein massives
Gelehrtengesicht kraust sich hufig und hufiger im verhohlenen Ghnen
zusammen; und dort Irenens ganz rosiges Gesicht, und dort das schlanke,
beraus ehrliche Georgs, der von Allen allein ganz bei der Sache
scheint, lacht und auf Jason schaut, whrend die Augen aller brigen
meist auf den Teller gesenkt sind. Herzbruch nur aus Mdigkeit, aber
Alle waren sie froh ber Jasons Phantasmagorien, und als er schwieg,
lachten sie wohl ein wenig, waren aber dann smtlich still. Auch mir
fiel nicht gleich etwas ein, ich verga die brigen, glaubte wohl im
weiten Lande drauen Fragmente von Jasons bunter Vision unterm Hauche
des Abends dahingleiten und entleuchten zu sehn, und ich wei nicht
mehr, ob ich selber es war, die ihn nun fragte, er habe vorhin auch die
Ziele der Sozialdemokratie erwhnt, ob er nicht auch davon eine hnliche
Rede halten mchte, aber er winkte ab. Nein, das will ich nicht, sagte
er, ich habe so schon gidis Neigung verscherzt, freilich aus
Miverstand, da ich doch nicht seine Partei, sondern im Gegenteil die
Anwesenden ganz sanft verspottet habe. -- Wieso denn das? fragte Irene
laut und verstndnislos, aber er sagte erst nach einer Weile, und
nachdem er eine ganze Sprotte gehutet und zerlegt hatte, und mit einem
fast kalten Ernst auf einmal: Taucht nur immer euer allabendliches
Butterbrot in Trnenwasser vom Tartaros; es kommt einmal der Tag, wo die
es euch nicht gedenken werden, die unter Brckenbogen der Themse
schlafen, die in verfaulten Speichern ihre Kinder zur Welt bringen, die
zwischen Betten der Liebeskrankheit aufwachsen, und die, Stck fr Stck
ihres ausgemergelten Leibes, zwischen den Zhnen der Maschine aufgezehrt
werden. Nicht gedenken werden sie es euch, da ihre Seele zersprang wie
ein schlechter Topf, derweil ihr plaudertet von ihren Zielen. --

Irene fuhr rot, zornig und verlegen auf mit einem zerdrckten: Man kann
doch reden ... Wir andern schwiegen, Herzbruch brummte zustimmend, und
Dora und gidi -- -- sahen nach den Fenstern, als shen sie sich an.

Es gebe ja aber andre Sachen in Hlle und Flle, von denen zu reden
wre, fing Jason wieder an, und wie wre es zum Beispiel mit einem
Vortrag von Irene ber den Vorzug des Einzelschlafzimmers vor dem
gemeinsamen? Statt des Tellers, wie sie gern gemocht htte, warf sie ihm
nun ihre Serviette an den Kopf, sprang auf und stammelte, wir wren wohl
fertig mit Essen. -- --

Nun werde ich doch ein wenig mde. -- Aber ich will nun nicht aufhren,
ehe ich auch das Letzte von diesem Abend geschrieben habe, denn solange
ich schreibe, glnzen mir seine Farben noch reich; dann wird es wieder
fr lange still und eintnig werden ...

Spter war Jason auf einmal verschwunden, Herzbruch mit gidi im
Rauchzimmer nebenan, um sich geschftlich mit ihm zu besprechen, Dora
hinunter zu ihrem Mann. Ich hatte am groen Vogelbauer der armen Esther
das bergehngte Tuch gelftet, um darunter zu schaun, und sah, wieder
fortblickend, Irene unter den Blumenstcken des breiten Fensters auf dem
schwarzen Rohaarsofa sitzen. In ihrem ausgebreiteten schwarzen
Faltenrock, das heie, rote Gesicht in die Hand gesttzt, den Ellbogen
auf dem Knie, sah sie wieder so fein und lieblich aus, da ich zu ihr
ging, ihr Gesicht in die Hnde nahm und sagte: Du bist heut so unwirsch,
Irene! Sie sah mich verloren an, streifte meine Hnde weg, ihren Rock
glatt und sagte endlich -- es klang recht komisch bei ihrer
Ernsthaftigkeit --: Es ist alles so symbolisch ... Ich antwortete
nichts, dachte, sie wrde schon von selber anfangen, und setzte mich in
die Sofaecke. Richtig fing sie nach einer Weile an.

Am Nachmittag sei gidi gekommen. Eine halbe Stunde vorher, da sie
selber gerade auf der Treppe gewesen sei, habe sie ihre Schwgerin aus
der Stadt kommen hren und sei, um sie zu erschrecken, mit einem Schrei
ins Zimmer gesprungen, Dora sei aber ganz ruhig geblieben, denn sie habe
sie im Spiegel kommen sehn. -- Das fand ich schon so symbolisch, --
weit du -- ich sagte es auch Dora --. Man sollte immer solch einen
Spiegel bei sich haben, -- alles trifft einen immer so schrecklich
unvorbereitet, -- ja, ich dachte das nun mal, und eine Zeit spter, als
wir schon von ganz andern Sachen geredet hatten, sagte Dora, es sei viel
tchtiger, unvorbereitet und doch beschirmt zu sein, den Panzer
zusammenzureien im Augenblick, sagte sie, glaub ich. Ja, und nun -- --
gerade bevor du kamst -- gidi war ja nun da -- war ich so beim
Herumschlendern im Garten halb die Treppe der kleinen Vorhalle
hinaufgeraten, von wo man durchs Fenster in die groe Halle sehn kann,
und da sah ich die Beiden. Dora sa, und er auf der Lehne ihres Stuhls
hielt ihre Hand, und so sprachen sie, und -- nun jedenfalls: es _war_
etwas in ihrer Haltung, das andere als -- ja. Du weit wohl gar nicht,
-- sie waren Freunde, sonst nichts, ich wei es bestimmt von Dora, die
nicht lgt, -- sie haben sich kaum einmal im Leben gesehn, aber
jahrelang in fast tglichen Briefen zusammen gelebt, und ob nun das
Wiedersehn, -- jedenfalls -- -- Irene brach hier ab, stand auf und
sagte: Einen Augenblick, bevor wir Alle zum Essen hinaufgingen, war ich
allein mit ihr. Ich hielts fr aufrichtig, ihr zu sagen, da ich sie
gesehn hatte, und: Was war denn das? fragte ich. Sie schwieg eine ganze
Weile, sagte dann sehr ernst: Ich glaube, -- das war unvorbereitet.
Sonst nichts, und das -- gengt ja wohl auch. --

Wie sie nun im Zimmer stand, die Hnde gefaltet, nachdenklich und so
anmutig, war es wieder die alte Irene, die drauen am Zaun stand und
meine Orgel hrte und symbolische Trume trumte. -- Sie setzte sich
dann zu mir und fing an, von ihrer Schwgerin zu erzhlen, was sie von
Otto Herzbruch gehrt hatte, ber ihre Verheiratung: da niemand
begriffen habe, warum das reiche, krftige, schne Mdchen den
krnklichen, seltsamen, ein wenig kmmerlich scheinenden Mann genommen
habe, was er nun freilich nicht sei, vielmehr erflle ihn eine ganz
unsgliche Gte, er sei der zarteste Arzt, und sicher beklagten es
Viele, da er sich an den Tuberkulosebetten seiner Kassenpraxis
infiziert hatte. Doch durch mehrere Jahre hatte sie seine wiederholten
Antrge abgelehnt, schlielich mute sie wohl doch einmal heiraten, es
war Zeit, das Mitleid mit ihm kam hinzu, und dann hatte sie ihn mit der
Zeit gewi sehr liebgewonnen.

Warum aber, fragte Irene nun, warum glaubst du, ist ihr Leben so
angefllt mit hundert guten, fleiigen, wertvollen Dingen, hundert
Dingen, die sie fr sich allein, an denen ihr Mann keinen Teil hat! --
Irene nannte den Namen einer bekannten Arztfrau, die ihren Mann zuerst
mit Handreichungen, bei Narkosen, bei Mandeloperationen der Kinder und
dergleichen untersttzt, und die mit der Zeit so viel bei ihm gelernt
habe, da sie nun selber ihr Examen gemacht und eine Frauenpraxis
ausbe. Keine Frau, sagte sie heftig, die Verstand hat und sich bemht,
braucht eine Beschftigung auerm Hause zu suchen, und jeder Mann
braucht und hat gern eine Hlfe, zumal an einer Frau, und zumal wenn sie
klug ist ...

Ich sagte kein Wort, wartete stillschweigend, da sie selber stutzen und
sich sagen wrde, wie sehr sie, _anti domum_, wie man wohl sagen kann,
gesprochen hatte, aber siehe da, mein Herz Irene merkte nicht das
geringste -- ja, wie sehr befangen in sich selber mu sie sein! --
sondern war zu Doras Kindern bergegangen, die in Wahrheit, trotz
Volksspeisungen und Gesang und Frauenverein, ihr tiefes und einziges
Glck seien. --

Nun fallen mir die Augen zu. Ein wenig spter kam auch Dora, dann wurde
Irene schlfrig, und ich fuhr heim. gidi nahm ich mit in die Stadt,
doch sprachen wir nur ber Literatur und dergleichen. Ein Zug in seinem
Gesicht schien mir -- nun was soll das? -- -- -- --

Die Augen schlieend und wieder ffnend, nahm Renate in diesem
Augenblick das kleine, auf seinem schmalen Halse wie eine zarte Blte
vorgestreckte Antlitz von weiem Gips, ber ihr auf seinem Pfeiler im
Winkel, wahr. Verzaubert, als she sie es zum ersten Mal, liebenden
Auges, fast schmerzlich geffneten Mundes, nahm sie, ohne hinzusehn, die
Feder auf und schrieb, ohne hinzusehn, regellos ber das Blatt, die
Lippen bewegend, weit offnen Herzens:

Da aber gehst du wiederum ber mir auf, schnes, ewiges weies Antlitz
des Sonnenknigs; da meines mde ruhen will, Ech-en-Aton, mein weiser
Freund, zeigst du mir das deine, emporgewendet unermdlich zu dem
unermdlichen Gestirn, das nur fortging zu fremden Vlkern, nicht
unterging, um zu ruhn. Deine Tempel und deine Stadt, die du zum Dienst
der Sonne errichtest, sind lange, lange in ungestalteten Staub
zerfallen, du aber lebst immer, immer! Unerschpflich deine unsterbliche
Seele glht in unendlichen Verwandlungen, immer sehnsuchtsvoller nur,
immer eifriger nur, der einen, unaufhrlichen Flamme des Himmels zu, die
Ewigkeit kostet dein sehnschtig immer kssend gewlbter Mund, meine
Augen hngen an ihm, von selber findet die Feder ihren Weg, dein Antlitz
wandelt sich magisch in der tiefen Nacht, atmet nicht schon die samtige
Haut, rtet sie sich nicht unter der Berhrung der gelben Strahlen?
Unbeweglich steht dein Auge, steht das Auge deiner Seele, ganz in
Flammen, ganz in Inbrunst, durch Jahrtausend um Jahrtausend,
unverrckbar, unverbrchlich, selig, seliger, vor dem Ziel.


                         Fnftes Kapitel: Juni


                                 Emmaus

Georg, geblendet, schwer schlaftrunken, ri die Augen auf und kniff sie
heftig wieder zu. Groe rote Flecken sausten heran, schwebten, hielten
still, dazwischen flackerte brennend Grnes, grne Bltter, Baumwipfel,
und Himmelblaues. Er rieb die Augen, merkte, da er in der Hngematte
lag, die Lider fielen ihm schwer wieder zu, in allen Gliedern knackte,
sauste und prickelte der jhlings abgebrochene Schlaf, der verdampfte.
Ringsum brodelte der Juni, und da, seltsam fern, mitten im Sommer,
schnem Schatten, Baumstmmen und Sonnenlichtern und herein leuchtendem
Himmelsblau stand Egon mit seinem schwarzen Haarwisch in der Stirn und
lchelte. Georg ghnte wie ein Lwe und kaute hervor, wie spt es sei?
Durch eine Wand von Schlaftrunkenheit hrte er Egons Stimme: Gleich fnf
Uhr. Und Herr Bogner sei eben gekommen, und auch ein Telegramm. -- Georg
brachte die Augen nicht auf im Ghnen, streckte die Hand aus und dachte:
Ach, Bogner, -- richtig, er brachte das Bild, fr Helene ... Er zerrte
die Fe aus den Maschen der Hngematte, sa da, krmmte die Arme
gewaltig, dann den Rcken, reckte und dehnte sich, da es krachte.
Schlielich hockte er im Netz, den Kopf schwer vornber hangend, in dem
es kribbelte und summte; die Schlfen brannten, die linke Wange war wie
Feuer von Jucken, und er kratzte sich wtend; eine Mcke mute ihn im
Schlaf gestochen haben. Was trumte ich nur? dachte er. Das war ja sehr
sonderbar! Ich ging mit Bogner im Walde, und auf einmal war noch jemand
da, ein groer, blasser Fremder, mit dem Bogner eifrig sprach, und ich
blieb zurck, es war dmmrig im Walde und sehr grn, und dann, -- dann
war da, glaub ich, Saint-Georges, den fragte ich: Wer ist denn das
eigentlich? und er sagte erstaunt: Das wissen Sie nicht? Es ist doch
Christus. -- Ja, das war, weil Bogners Bild den Gang nach Emmaus
darstellen soll. Und dann gingen wir weiter, und ich dachte, wenn wir
jetzt aus dem Walde kommen, mu gleich links Helenenruh sein, aber
Helenenruh kam nicht, sondern ein fremdes dunkles Tal, und Bogner und --
der Andre entwichen schon fern drben zwischen den Stmmen, und gleich
rechts stieg Renate ganz einsam den steilen Hang hinauf. Aber als ich
ganz froh und zitternd zu ihr kam, wandte sie das Gesicht her, und da
war es -- Helene, -- ja, und sie hatte das seltsame Antlitz wie auf
Bogners Bild ... Sonderbar, wie so alles durcheinanderging, Bogners Bild
und Helenenruh, wohin ich -- ach, bald -- bald fahre, zu Renate, die
dort ist ...

Immer noch sehr dumpf, und schwer imstande, die Augen ganz zu ffnen,
brach er nun das Telegramm auf und las mhsam die Maschinenschrift von
dem sonneflimmernden Blatt: Lieber Georg, Ihre Mutter ist eben sehr
schwer erkrankt, Sie mssen sofort kommen und auf alles gefat sein. In
Liebe Renate.

Gott im Himmel, Gott im Himmel, Gott im Himmel ... Das Blatt wurde
blutrot vor Georgs Augen, die Schriftbnder verbogen sich und zerfielen.
Braun und leuchtend stand da der Kiefernstamm, schwarzfleckig; hoch oben
breiteten die grnbehangenen ste sich ins flammende Blau. Schwer
erkrankt ... auf alles gefat sein ... In Liebe ... Das hie? In Liebe
... Tot, dachte er, tot, -- -- sie ist tot. In Liebe htte sie nicht in
ein Telegramm geschrieben, sondern es hie: in Mitleid. Georg bewegte
schwer im Mund die klebrige Zunge; die Augenwinkel schmerzten, langsam
ward es um ihn klar, er stand auf und ging auf schwachen Fen, wankend
davon, auf das Haus zu. Da war die weie Tr, Bogners Gesicht. Georg
blieb stehn, schnob ein verchtliches Lachen durch die Nase und dachte
unter furchtbar aufsteigender Angst: Das Bild, das Mutter zum Geburtstag
haben ... Sein Kinn zitterte, im Halse wrgt' es, seine Augen wurden
feucht, beizend. -- Da stand er vor Bogner, streckte ihm wortlos das
Telegramm hin, fiel auf einen Stuhl und schluchzte zwei, dreimal trocken
und wrgend.

Aber wenn sie doch noch lebte?! Besinnungslos sprang er auf, taumelte
erst, denn es war alles rot umher, und vom Schreibtisch, den Fenstern,
der Lampe gab es nur fliegende Bruchstcke. Dann entdeckte er den
Telephonapparat, strzte darauf zu, nahm den Hrer ans Ohr, hrte die
weibliche Stimme, wute im Augenblick die Nummer nicht, erhaschte sie
dann, sagte heiser: Achtundneunzig -- achtundneunzig bitte! und wartete.
Eine schnarrende Stimme schrie ihn an: Hier Adlerwerke! -- Nun stammelte
er zusammen, er habe neulich schon ein Automobil gehabt, ob er wieder
einen solchen Wagen ... oder besser einen schnelleren, einen Rennwagen,
jedenfalls den schnellsten, der da wre ... Dazwischen nannte er seinen
Namen, hrte dann, da ein Wagen geschickt wrde, er bat noch um einen
guten Fahrer und um Benzin fr sieben, acht Stunden. --

Sieben, acht Stunden, dachte er stumpf, am Schreibtisch hockend. Ohne zu
denken, ffnete er die Schieblade und nahm einen Plan auf Leinwand
heraus. Da fahr ich wieder zu einem Toten, murmelte er hlflos. Wenn sie
nur noch lebte, nur noch ... Auf ein Ruspern hinter seinem Rcken
wandte er sich um und sah Bogner dasitzen, das Telegramm in der Hand,
das er nun langsam zusammenlegte. Dann blickte er auf, sah ihn ruhig an
und sagte:

Sie knnen trotzdem mein Bild ansehn. Ich will es hereinholen.

Er sah Bogner aufstehn, zur Tr und auf den Flur treten, wo an der Wand
das Bild lehnte, mit einem Tuch verhangen, so hoch wie Bogners Schulter.
Er trug es herein, lste die Tcher ab, -- es hatte noch keinen Rahmen,
-- und lehnte es schrg gegen den Pfosten der Schlafzimmertr.

Georg schauderte leise. Da war Nacht, tiefes Dunkel, braun, grnlich,
das herunterhing; ganz tief unten zur Linken war Helle und ganz kleine
Gestalten. Die Hhe des Raumes schien ungeheuer, er stieg oben in die
Nacht auf, undeutlich waren Pfeiler sichtbar, ganz fern, aber kein
Gewlbe, nur Nacht und ein, zwei weiliche, gelbliche Flecken von
Sternen. Unten links war eine Fensterffnung, durch die breit ein
Lichtstrom hereinschwoll und zerstubte an einer stehenden Gestalt in
der Mitte des Bildes, die einen Arm, vom Schreck betroffen, nach links
von sich streckte. Unterm Fenster, im vollen Licht war ein Tisch
gedeckt, dahinter, geduckt vor Schrecken, ein Mensch. Und links daneben,
hochangelehnt, die Arme leicht ausgebreitet, die flachen Hnde auf der
Tischplatte, ganz golden von Licht, -- der Christ.

Emmaus ... zog es fern durch Georgs Staunen. Oh diese ungeheure Nacht!
Und Nachtstille und Geschehn. Das Gttliche blhte schweigend aus dem
Lichtstrahl auf und sah sich um. In der Nacht drauen war die ganze
Welt, Sterne, Raum, Ebene, Getier, das Meer, die Finsternis, in
unendlicher Stille.

Von der Gartentr her sagte der Maler:

Ich sah dies in einer Kirche in Venedig. Die Wlbungen waren nicht so
hoch, es war dunkel, nur in einem fernen Seitenschiff ein Lichtschein.
Als ich hinging, saen dort ein paar Priester und spielten Karten. Das
alles hat sich im Laufe der Jahre sehr verndert.

Nach einer Weile hrte Georg des Malers Stimme wieder:

Und als ich eines Tages zufllig Conrad Ferdinand Meyers Gedicht zu
lesen bekam, >die tote Liebe< heit es, glaube ich, Sie werden es kennen
... Georg hrte die Eingangsverse: Entgegen wandeln wir -- Dem Dorf im
Sonnenku -- Fast wie das Jngerpaar -- Nach Emmaus ... Und den Schlu:
Da ward die Weggesellin -- Von uns erkannt -- Da hat uns wie den Jngern
-- Das Herz gebrannt ... und dazwischen die Stimme des Malers weiter:
Da traf mich dies einmal: Da hat uns wie den Jngern -- Das Herz
gebrannt ... Denn -- -- es ist so, da wir wie die Blinden daherwandern,
und die Augen gehen uns auf, wenn es zu spt ist, immer hinterdrein, und
-- wir wissen es nie gut; wir wissen es immer nur besser.

Da hat uns wie den Jngern das Herz gebrannt ... Immer wieder schlugen
die Worte an. Wir wissen es nie gut, -- wir wissen es immer nur besser
... Und nun war Helene tot, die -- Mutter tot, -- Mutter, -- nicht
meine, dachte Georg ratlos und konnte nichts anfangen mit dem Gedanken.
Gott sei Dank, sie hat es nie gewut! mute er aufatmen. Aber wenn sie
doch noch lebte? -- In Liebe Renate. Ach, aus diesem Grunde schrieb sie:
in Liebe! Georg bi sich auf die Lippen, jagte den Gedanken davon und
fragte sich: Warum hat Magda nicht telegraphiert? Warum hat sie nicht
telephoniert? Weil sie mich neulich schon zu einem Toten rief. --

Und -- ach du mein Gott -- nun schon wieder fort von Cordelia! Sein Herz
verbitterte sich! Ist man einmal glcklich, so kommt was dazwischen! Ja,
dann mu ich alles verschieben, jetzt lnger in Helenenruh bleiben und
mit Renate, -- aber wie kann ich es recht anfangen mit ihr, wenn
Trauerzeit ist? Schne Gedanken, mein Georg, schne Gedanken! -- Er bi
sich auf die Lippen. --

Sieben Stunden dauerte die Fahrt wenigstens, -- oh diese Ungewiheit! --
Georg schwankte, ob er nicht in Helenenruh anrufen sollte, -- oder in
Trassenberg, aber bis die Verbindung hergestellt war, konnte eine Stunde
vergehn. Nein, nein, lieber die Ungewiheit! -- Er erhob sich und
klingelte. Zu Egon, der alsbald eintrat, sagte er, er msse gleich nach
Helenenruh, er habe schon einen Wagen bestellt, seine Mutter ... Egon
sollte mit den Koffern im nchsten Zuge fahren. --

Unterdes hatte Bogner die grne Stoffhlle vom Boden aufgenommen. Georg
trat auf ihn zu, fate seine Hand und brachte heiser hervor, der Maler
mchte das Bild dalassen, er wisse nicht, was er ihm dafr geben knne,
-- und da der Maler freundlich und abwesend lchelte, so lchelte auch
Georg und meinte:

Ich hoffe, Sie schenken es mir, -- ich werde sehn, -- ich finde schon,
was ich Ihnen als Gegengeschenk -- -- wenn erst alles ...

Der Maler nickte und sagte: Ich wei ja ...

Georg blickte noch einmal auf das Bild. Ja, -- Christus war tot und
mute wieder kommen, damit sie alle glaubten. Eine hielt ihn fr den
Grtner, die andern gingen, sprachen, aen mit ihm, -- dann erkannten
sie ihn, und -- ihnen brannte das Herz. -- Er fhlte sein Gesicht
glhend, schttelte sich frierend und wandte sich ab.

Minuten spter stand er vor einem flachen grauen Wagen, mit Radreifen
und Benzintanks beladen, und hrte zu, wie ein Mensch ihm dies und jenes
erklrte. Dann sa er am Steuer, ri den Hebel an, der Wagen stie von
unten, brauste auf, rollte, er drehte das Steuer, der Wagen, gehorsam,
wandte sich mit ihm um und rollte die weie Strae hinab in den grnen
Sommer. Bald lag schon das heftig durchkreuzte Getmmel der Stadt,
Pltze, Lrm und Getse, Menschen, Automobile und Pferde hinter ihm, vor
ihm, schnurgerade, die Chaussee, zwei Baumreihen, in der Ferne
zusammenschmelzend, unterm glhenden Himmel, und der Wagen schnurrte
darberhin, da Georgs Krper und sein Herz erzitterten. Verschwommen
kreisten die Flchen der Haide, braun, dann Moore, wieder Haide, die
Strae senkte sich und stieg so schnell, da es kaum zu sehn war,
wundervoll ruhig tuckte der Motor im Innern, Georg sah in der Glasrhre
neben seinem linken Fu das schwrzliche l langsam tropfen und
undeutlich den beweglichen Zeiger des Manometers; sein Gesicht khlte
sich wohlig im eisigen Wind, ihn packte die Lust, hinzustrmen ber die
sich drehende Erdkugel, schnarrend wie ein Uhrwerk. Automatisch, wenn
ein Pferd, ein Wagen fern sichtbar wurde, sah er die Hand des
Mechanikers nach unten greifen und den Auspuff schlieen. In der Ferne
drhnte hin und wieder die eigene Hupe. Ehern, rein blau, feurig blieb
das Gewlbe des Himmels. Gehfte unter Eichen, beschnittene Hecken,
Hoftore, Eggen, Dmmerblicke in Kuhstlle, Geranien vor Fenstern,
heranlaufende Kinder, mitflchtende, endlich querber jagende
schneeweie Gnse, flatternde Hhnerscharen, locker vorbeischwebende,
riesige fahrende Heuberge, der fliegende blaue Schleier einer vermummten
Frau in einem Automobil, das berholt wurde, -- all das flackte und
spritzte in Fetzen auf und herum, und verflchtigte sich in Augenblicken
immer wieder in den stabgraden weien Strich der Chaussee, die niemals
endete, im Endlosen immer wieder aufgebrochen wurde, soviel sie in der
Ferne zusammenzulaufen schien. Als die Flchen umher sich abendlich
beschatteten, berlie Georg das Steuer dem Mechaniker, setzte sich in
den Wagen und schlo die Augen.

Er verfiel alsbald in einen unruhigen Halbschlaf. Der Mckenstich auf
seiner Wange brannte und juckte wiederum, er rieb und kratzte ihn und
trumte dazwischen, so leicht, da er selber wute, er trumte. Er
trumte, da er im Automobil fuhr und in Helenenruh ankam, aber es kam
nicht ganz dazu, er wachte wieder auf, schlief wieder ein und fuhr
wieder, gelangte auch nach Helenenruh, aber es war alles dunkel, kein
Mensch zeigte sich, und das Haus war ein ungeheurer, niedriger Langbau,
an dessen Fenstern zu ebener Erde er hinunterging; hinter einem von
ihnen sah er Menschen in einem Zimmer, die ihm etwas Liegendes
verdeckten, und er dachte: Sie wollen es mir nur verbergen ... Seine
Wange juckte wieder, er war wach, scheuerte sich und sah, da es dunkel
war, und da die Chausseebume, von den Scheinwerfern weithin
beleuchtet, vorauseilten, kalkbleiche Gestalten zu Hunderten; dann
tauchten drei Radfahrer auf und glitten dicht an ihm vorbei, zuletzt
eine Frau in roter Bluse, die halbumgedreht einem kleinen weien Hunde
etwas zuschrie, der klffend gegen den Wagen ansprang.

Georg ging nun an einer langen Mauer hinunter, er wollte zum Begrbnis
seiner Mutter, es war schon spt, und er konnte den Eingang zum Friedhof
nicht finden, der hinter der Mauer lag. Auf einmal kamen dunkel
gekleidete, ernste Leute von allen Seiten, die sonderbare Gegenstnde,
unentrtselbare, in den Hnden hielten, und er dachte bei sich: es sind
die Leid Tragenden. Dabei merkte er, da er selber nichts hatte, er
mute seines zu Hause vergessen haben, suchte vergebens und mit groer
Verzweiflung an sich, aber es war nicht zu finden, -- es zu holen, war
es viel zu spt, er war auch schon mitten unter den Leuten und hielt
sich beschmt dicht hinter den vor ihm Gehenden, immer besorgt und
beklommen, da es gemerkt wrde. Nun sah er aber, da sie gar nicht Alle
etwas hatten, -- nein, es hatte berhaupt niemand etwas, er atmete auf
und schalt sich, da er sich eingebildet hatte, man msse etwas haben,
und indem verschwanden die Letzten durch ein kleines Mauerpfrtchen. Als
er dort anlangte, kam gerade Benno von der andern Seite, unbegreiflich
gekleidet, und fragte ernst: Willst du auch zum Grabe? -- Ganz
erleichtert wute Georg nun, da nicht seine Mutter tot war, sondern
Christus, aber das war schon lange her, und hier war sein Grab zu sehn,
es war in Jerusalem. Als sie nun durch einen groen Garten gingen, wo
unter weitstehenden, mchtigen Bumen hohe, gelbe Narzissen, einzeln und
in Gruppen, aus dem niedrigen Grase ragten, sagte er zu Benno:
Sonderbar! so hatte ich mir Palstina gar nicht vorgestellt. -- Ja, so
ist es in Okrodia, sagte Benno, und Georg verstand nun alles, nur war es
jetzt nicht Benno, mit dem er ging, sondern einer der beiden Jnger von
Emmaus, und er selber war der andre. -- Nun war da vom weiten ein
Gebsch zu sehn, groe, dichte Hgel von blhendem Rhododendron, rot und
auch etwas wei, und daneben kniete Maria Magdalena, Menschen in langen
Kleidern standen um sie herum, auch andre in Gruppen anderwrts, und
durch diese hindurch sah Georg die Tr des Grabes an einer Felswand
offen, und Benno sagte: Das Begrbnis ist doch schon vorber, wir knnen
aber hineinsehn. -- Georg geriet im Weitergehn an eine Gruppe von
Menschen, die sich unterhielten, er dachte: sie beratschlagen wegen
Pilatus, aber als er zuhren wollte, sprachen sie gar nicht, sondern
standen blo da, und keiner sah ihn an, er stand bei ihnen und schwieg
und dachte: Das dauert ja endlos ... Zwischen den Beinen der Leute wurde
Maria sichtbar, es war Cordelia, sie kniete und suchte auf der Erde,
weinte heftig und sagte: sie haben ihn fortgetragen ... Ja, wei sie
denn nicht, da er auferstanden ist? dachte Georg verwundert und wollte
es ihr sagen, aber nun war er am Grabe und sah hinein. Stufen fhrten
hinunter, ein groer, fremder Mann lehnte halb sitzend unten an einem
Tisch, vor ihm stand Bogner und sprach unaufhrlich, und der Fremde war
Josef von Montfort. Georg dachte enttuscht: so habe ich es mir nicht
vorgestellt! und ging an der andern Seite zur Tr hinaus, wo er Magda
und Renate ganz eilig in ein kleines, dunkles Tal hinuntergehn sah; er
folgte ihnen, indem er dachte: Sie wissen den Weg ja gar nicht, nach
Emmaus geht es doch auf der andern Seite! aber er konnte sie nicht
einholen, da seine Knie sich nicht bewegen lieen, er blieb immer auf
der selben Stelle, sthnte und chzte verzweifelt, konnte endlich die
Fe einen um den andern sehr langsam vorbringen, aber nun waren die
Beiden verschwunden, ihm war sehr beklommen, da er sie hatte falsch
gehen lassen, er bewegte sich mit qualvoller Anstrengung weiter, wute,
da er viel zu spt kommen wrde, sah aber nun ein helles Licht aus der
Ferne nahn, einen Menschen, der einen strahlenden Silberkelch vor sich
trug. Das Gesicht war das seines Vaters, aber der Mensch war sein Vater
nicht, es war Christus, und Georg brach in Trnen aus vor unsglichem
Glck, da er ihm hier entgegenkam, er legte den Kopf an jene Brust und
weinte endlos lange, in namenloser Wonne, zu weinen.

Als Georg erwachte, war ihm die ganze Brust noch so voll von Trnen und
Schmerzensglck, da er die Trockenheit seiner Augen nicht begriff. Es
war Nacht, der Fahrtwind umsauste kalt sein Gesicht, im mchtigen Licht
der Scheinwerfer bog sich die Doppelreihe schimmernder Stmme vor ihm
auseinander und gleichfalls die Doppelreihe von hohen und aufrechten,
kalkweien Steinen, hnlich Leichensteinen, die zwischen den Bumen am
Grabenrand standen; dahinter war die erst dmmrige, dann dunkle Grotte
der Wipfel, auf die der Wagen zuscho, ohne sie je zu erreichen.

Georg suchte nach seinem Traum, aber es zerstob alles vor ihm, nur das
sonderbare Wort, das Benno gesagt hatte, schwebte noch eine Weile vor
ihm, hie aber dann richtig Arkadien, worauf ihm einfiel, da sein
Korpsbruder Schwalbe ihm einmal die Birken seiner Heimat so beschrieben
hatte. Seltsam, da auch Montfort, dieser Trumedeuter, hineingeraten
war ... Und so blieb ihm schlielich nur sein Weinen unvergelich. Ach,
dachte er, wo gbe es eine Brust, an der sich so weinen liee! --
Renates gedachte er, nun wrde er sie sehn, aber wie war alles anders!
Er wrde wohl fr eine Weile mit seinem Vater nach Trassenberg gehn
mssen, wenn der nicht etwa in Helenenruh blieb, aber seine Mutter wrde
doch jedenfalls in Trassenberg beigesetzt. -- Da merkte er, wohin seine
Gedanken voraufgeeilt waren, schalt sich erbittert, der Vers fiel ihm
ein: Da hat uns wie den Jngern das Herz gebrannt ... aber das seine
brannte nicht, ihm war kalt vom Winde und heftiger Erregung vor dem
Kommenden. Frierend zog er seinen Mantel an, hockte vorgebeugt und trieb
innerlich mit wilder Ungeduld Fahrer und Motor an, schalt halblaut, wenn
immer wieder gebremst wurde, da ein Dorf durchkreuzt werden oder der
Fahrer eine Wegtafel lesen mute. Gottseidank! er erhaschte von einem
Wegweiser das Wort Bhne und die Buchstaben km, aber die Zahl entging
ihm. Nun wartete er in immer klterer Erregtheit, endlich tauchten die
ersten Huser von Bhne auf; der Wagen rauschte laut und langsam durch
dunkle Straen mit wenig Laternen, an erleuchteten, groen und
gardinenverhangenen Scheiben der Restaurants vorber, ber den schrg
ansteigenden Marktplatz, wo innerhalb der Lorbeerbume und Efeuhecken in
Ksten vor dem erleuchteten Ratskeller noch Menschen saen, dann in enge
Gassen hinein, um eine Ecke, wo Georg durch eine offene Tr mit
geriffelten Glsern ber drei Stufen die Ecke eines Holztisches sah,
einen Kutscher in blauem Fuhrhemd vor der Theke, dahinter die blanken
Messingkrahnen und unter einem bunten ldruck der Kaiserin den Wirt, ein
rotes Gesicht, der von drei Glsern mit hellem Bier mit einem kleinen
Brett den Schaum niederstreifte. Nun ber die Brcke, das Wasser war von
schwarzen Bumen und Zweigen verhangen, der Wagen warf sich hin und her
auf dem Kopfsteinpflaster der Gartenstrae, wo in der Tiefe der Grten,
hinter Bumen und Gebschen die weien Landhuser schliefen, und nun
endlos die Eisenbahnstrae neben dem Plankenzaun hinunter; eine
Rangiermaschine schnaufte roten Funkenregen, da flog der gelbe, hliche
Bahnhof mit erleuchtetem Zifferblatt links vorbei, sie waren auf der
Landstrae, der Wagen ruckte an und scho davon wieder in die Nacht,
zwischen den Stmmen der schwertragenden Apfelbume auf die dunkle
Laubgrotte der Ferne zu.

Noch fnf Minuten, sagte Georg. Eigentlich mute es eine schne Fahrt
sein durch die Nacht, aber er empfand es nicht, sa eiskalt und
zitternd, die Uhr, deren Zeiger er nicht sehn konnte, in der Hand, an
der Aufziehkurbel drehend, ganz hei war die Uhr. Pltzlich tauchten
Rampe und Fensterreihen und der vorderste weie Turm von Helenenruh aus
der Nacht, hell sichtbar im Scheinwerferlicht, es ging die Rampe empor,
der Wagen stand vor dem erleuchteten Portal, aus dem ein Diener eilte,
der den Schlag aufri, und Georg sah Magda im Innern ber der
Stufenreihe, bla und viel verweinter, als nach dem Tode ihres Vaters.
Sie kam herunter, Georg verwickelte sich mit den Fen im Aussteigen in
die Reisedecke, strauchelte und fiel Magda in die Arme; er atmete den
wohlbekannten Duft ihres Haares, als sie die Stirn an seine Schulter
drckte, stammelnd unter heftigem Schluchzen: Alle -- -- Alle -- gehn
fort! Esther, -- und Papa, und nun --

Also tot ... tot ...

Ja, es war furchtbar fr sie, furchtbar ... Georg streichelte ihren
Rcken, sie machte sich los, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und
fhrte ihn ber die Treppen in den Klaviersaal, wo ihm Renate
entgegenkam, schwarz gekleidet und mit verweinten Augen. Er warf den
hellen Mantel ab und ging in seiner kalten, schrecklichen Beklemmung
durch all die hellerleuchteten, fremd anmutenden Zimmer, voll steifer
Mbel und groer, reicher Schrnke mit Schnitzwerk oder Einlegearbeit,
bis zum Zimmer seiner Mutter. In der Tr blieb er stehn.

Es roch stark nach Rosen. Der groe und hohe Raum war mit Nacht gefllt,
in der Tiefe brannten zwei silberne Armleuchter mit vielen, rtlich
strahlenden Kerzen; unter ihnen war ein weies Lager, davor Rcken und
Hinterkopf von Georgs Vater, der gebckt sa. Im Schatten hinter den
Lichtern sah Georg die runden Wipfel von Lorbeerbumen. Zu seiner
Rechten sah er an einem, vor langer Zeit einmal erblickten, dunklen
Empireschreibtisch unten die vergoldeten Lwenfe schimmern, aus denen
die Sulen wuchsen, dann auch das Gold an Eckenbeschlgen und den
Knufen kleiner Schiebladen; rtlich glnzte die Politur. -- Georg stand
furchtsam, hlflos, traurig und gelhmt. Endlich zwang er sich vorwrts
zu gehn.

Sein Vater bewegte sich nicht. Georg blieb hinter ihm stehn, -- es ist
ja nicht meine Mutter, dachte er verstrt und sah ber einer goldenen
Decke zwei steife, gelbliche Hnde mit den Fingerspitzen gegeneinander
gelegt; darunter kam ein Lilienkelch hervor. Dann steifes Leinen und
Spitzen, eine Halskrause, und nun ein Gesicht, ganz klein, gelblich mit
sehr hagrer und gebogner Nase, -- mein Gott, wer ist das? -- fragte
Georg sich tief erschreckt und gewahrte nun die groe, dunkle Locke, die
unter der Ohrmuschel hervorquellend vorn auf den Spitzen am Halse lag,
und sie erinnerte ihn an seine Mutter. Aber das Haar war in der Mitte
gescheitelt, -- nein, es war ein ganz fremdes Gesicht! und wie war
dieser Mundwinkel seltsam gebogen! wie -- hlflos ...

Georg sah und konnte es nicht verstehn. Es ist, sagte er sich, es ist --
ja, -- es ist ein Gebilde, was ist es nur? Es lebt ja nicht, Gott, es
ist ein Mensch, aber sie lebt ja nicht! Es kann sich nicht bewegen, und
wie gelb es ist, -- es ist ja gar nicht wie -- wie von Natur, es ist --
-- erstarrt, aber -- -- das giebt es doch nicht ... Ein Leichnam ...
dachte er schwer und fhlte sich fast erleichtert, da die Tote nichts
wahrnehmen konnte. Oh Gott, dachte er zerknirscht, dies ist ja nur zum
Begraben, was soll man damit, wo ist denn die Seele? --

Vater -- sagte er leise.

Der Herzog bewegte sich, nahm das Gesicht aus den Hnden und wandte es.
Undeutlich sah Georg die vom Licht abgekehrten Zge, Augen, einen
starrenden Bart und darber, vom Licht durchsickert, das zerrttete
Haar. Eine Hand ergriff seine Linke und prete sie schmerzhaft, dann
stand er dicht vor der Toten, hrte eine rauhe Kehle etwas hervorstoen
und sich ruspern, dann die Worte: Wohl ist ihr -- -- wohl -- -- und
--

Es brach ab; Georg sah, wie sein Vater den Kopf in die Hnde stie und
sich schttelte und so malos schluchzte, da ihm selber die Trnen in
die Augen stiegen, und er legte zaghaft eine Hand auf die Schulter unter
ihm.

Wie sie Alle weinen, dachte er bekmmert und fremd. -- Ach, sie weinten
ber das, was sie verloren hatten, -- ja, freilich, -- ich habe nichts
verloren, dachte er bitter und vorwurfsvoll gegen sich selber. -- Irgend
etwas ward ihm pltzlich zuviel, er drehte sich um und ging leise wieder
hinaus.

Im Klaviersaal fand er Renate und Magda am Harmonium. Renate sa, Magda
lehnte mde, halb sitzend am Deckel. Sie sahen sich schweigend an, dann
fragte Renate etwas leise, das er nicht verstand. Unfhig gegenzufragen,
sagte er:

Wie, wie kam es denn?

Gestern, sagte Renate, zu Magda aufsehend, ging es ihr so viel
besser, nicht wahr? sie sagte noch, sie fhlte sich ordentlich jung. Den
ganzen Nachmittag und Abend war sie mit uns zusammen. Heut morgen kam
sie auf einmal zum Frhstck herein, -- ich sehe sie noch, in ihrem
gelblichen Morgenkleid, ich stand am Fenster, du warst noch nicht im
Zimmer. Dann -- dann frhstckten wir zudritt, und auf einmal -- sah sie
uns gro an und sagte -- ihr wrde so sonderbar ... Renate schwieg.
Ganz leise sagte sie dann: Pltzlich -- -- pltzlich sagte sie: Ich
glaube, ich --, senkte den Kopf und legte die Stirn auf den Tisch. Und
dann -- -- dann fiel der eine Arm herunter.

Renate schluchzte pltzlich auf und stammelte, das Gesicht im
Taschentuch.

Georg htte gern den Arm um sie gelegt, verbot es sich heftig und
dachte: Darber weint sie nun? Seltsam, worber Frauen weinen.

Er ging wieder durch die Zimmer zurck zu seinem Vater und fragte ihn
leise, ob er sich nicht niederlegen wolle, er selber wrde wach bleiben
die Nacht. -- Eine Zeitlang blieb sein Vater unbeweglich, erhob sich
dann, Georg reichte ihm seine Stcke und fhlte sich pltzlich von ihm
an die Brust gerissen und heftig gekt. -- Nun hat er nur noch mich,
dachte er beschmt und angstvoll. -- Er sah seinen Vater hinaushumpeln,
stand noch eine Weile, ging dann durch die Zimmer zum Klaviersaal,
lschte dort und zurckkehrend berall das Licht und setzte sich auf den
Stuhl neben die Tote; aber bald schon stand er behutsam auf, fhlte
Mdigkeit und ging zum Schreibtisch seiner Mutter. Im Stehen zog er
diese und jene kleine Lade auf, sah Briefbndel darin, ein Medaillon,
kleine Ste alter Photographien, und ffnete endlich die breite
Schieblade unter der Platte. Sie war unordentlich gefllt mit
hineingeschobenen Briefen, mit und ohne Umschlag, zusammengefalteten und
ausgebreiteten Blttern. Obenauf lag eine Mappe, mit einem alten
Brokatstoff berzogen. Georg nahm sie heraus, die Bnder hingen offen,
er schlug die Deckel auseinander und sah, da es die Verse waren, die er
seiner Mutter zu Weihnachten abgeschrieben hatte, mehrere groe Bogen
ineinander. Auf der Titelseite stand in gemalter Lateinschrift der alte
Sonnenuhrspruch: _Vulnerant omnes, ultima necat._ -- Alle verwunden, die
letzte ttet. Georg bersetzte es sich, an den Anfang eines Gedichts
erinnert, das er nach dem Uhrspruch gemacht hatte. -- Darunter stand:
einige Gedichte fr meine Mutter zu Weihnachten von Georg. --

Er setzte sich nun traurigen Herzens und dachte, die Gedichte zu lesen,
warf einen Blick, halb andchtig, halb bittend auf die Tote zurck und
las das erste Gedicht:

   Jetzt bin ich jung, und es lt mir der sanftere Abend
   Oft die Beruhigung schmeichelnder Lieder zurck.
   Sonst die Gedanken in alternder Schwermut begrabend,
   Find ich in ihnen ein seltsam befremdendes Glck.

   Werde ich alt sein, so mcht ich das Wunder am Morgen
   Gerne erfahren, wenn Rosen das Zwielicht durchsprhn.
   Da mir doch einmal aus Feldern der kindlichen Sorgen
   Lchelnd durch Trnen die Blumen der Freude erblhn.

Er sah noch eine Weile auf die stark geschwungenen, sehr ornamental
gezogenen Buchstabenreihen und wagte nicht recht, eine Meinung von dem
Gedicht zu haben, da er es gleichsam wie ein Totenopfer las. Er schlug
die Seite um, -- da sah er auf der, von ihm leer gelassenen Rckseite
des Blattes Schriftzeilen von der Hand seiner Mutter, ein Gedicht, und
es war dasselbe, das er eben gelesen hatte. Er schlug die nchste Seite
um und hatte denselben Anblick, nur da dort: Elegie stand, die
berschrift des zweiten Gedichts, und so fort durch die Bltter bis ans
Ende, alle die Gedichte hatte sie sich abgeschrieben, sie hatte ja
zuweilen ber die Schwierigkeit geklagt, seine Handschrift zu lesen, --
jetzt krampfte Georgs Herz sich zusammen, er dachte noch, welche Mhe
das Abschreiben sie gekostet hatte, -- sie, die berhaupt nur eine
Stunde am Tage zu solcher Arbeit fhig war -- denn sie hatte die
Abschrift immer auf die Rckseite des Gedichts geschrieben, hatte also
fortwhrend hin und her blttern mssen ... Georg fhlte seine Kehle
zugeschnrt, es jagte ihm glhendhei in die Augen, -- so hat sie mich
geliebt! dachte er noch, schlug die Hnde vor das Gesicht, und im
Bemhen, nicht laut zu sein vor der Toten, erstickte er fast vor
Schluchzen in seinen Hnden, rang mit sich, warf Kopf und Arme ber die
Schreibtischplatte, schluchzte laut, stand auf, wankte blindlings zu der
Toten hin und fiel bei ihr nieder, stammelte, verbrennend in Scham:
Vergieb mir, o vergieb mir doch, Mutter, da ich so schlecht -- und
fand kein Ende mit Weinen, immer wieder von innen sich mit Anklagen und
Vorstellungen ihrer Liebe, ihrer Einsamkeit, ihrer unsglichen
Verlassenheit und Armut emporstoend, bis er erschpft, hei berstrmt
und aufgelst in Schmerz sich im Stuhl wieder fand, am Schreibtisch, und
begann weiter zu lesen. Er las die Schrift seiner Mutter, zuerst die
Elegie und in ihr zuerst die mit Bleistift unterstrichenen Worte:
Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- und tiefer die ebenfalls
unterstrichenen:

   Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Fen
   Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt ...

-- die ihn wieder zittern machten vor Mitleid, da sie ihm wie fr sie
geschrieben schienen. -- Einige Zeilen unterhalb dieser Worte hatte sie
eines nicht lesen knnen und eine Lcke gelassen; >sicher< mute es
heien; er wre fast wieder in Trnen ausgebrochen bei dem Gedanken, da
sie immer eine Lcke hatte lesen mssen ... Dann sammelte er sich und
las:

   Einer vergnglichen Welt entsprot und seit alters leibeigen,
      Seh ich entgleiten die Zeit, Sand in verrieselnden Sand.
   Was ich empfange als Gold in die mhsamen Hnde, es rinnt als
      Staub, unfruchtbarer Staub auf den entfliehenden Weg.
   Vor mir leuchtet der Pfad und erreichbar himmlische Landschaft,
      Stdte und Wlder, der Strom, Berge zum ther getrmt,
   Berge, beladen mit Wolken gleich Ballen voll gttlicher Schtze,
      Hinter mir dmmert aus Nacht trostlos zerfallende Welt.
   Finster im Zwielicht der Sterne, der ruhigen, khlen, erheben
      Sich die Ruinen, einsam, Mauern, ein Baum oder Turm.
   Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- ach, und mich frstelt!
      Stets auf der Wandrung, wie gern mchte zurck man, das Haupt
   In dem Vergangenen ruhn, in bekannte, erleuchtete Rume
      Treten, wo Wand auch und Bild grt und ist freundlich gesinnt.
   Wo vor dem Schlafengehn man sicher sich fhlt und erleichtert
      Nickt zu den Sternen hinauf, gtiger Mdigkeit froh.
   Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Fen
      Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt.
   Ja, auch das Fremde ist gut; das Weib auf eigener Schwelle
      Schenkt von dem berflu liebreicher Mienen auch uns.
   Freundliches Wort gedeiht ja auf Erden, -- die Zge auch Fremder
      Scheinen nicht achtlos, und nur innen ist jeder fr sich.
   Innen tnt immer die Mhle, die eherne, welche die Krner
      Mahlt der strzenden Zeit: Immer gefllt von dem Schwall,
   Stehen wir tnend und rauschend im Ewigen, mahlende Mhlen,
      Schwarz auf den dmmrigen Kreis der Horizonte gestellt.

An Lornsens Mhle dachte ich dabei, erinnerte Georg sich dumpf und
drehte langsam das Blatt um. >Klage< las er; in diesem Gedicht war
nichts angestrichen.

   Wir sind heimatlos, wie sind heimatlos,
   Unsre Welt ist viel zu gro.
   Unsere Lampen brennen viel zu grell,
   Alle Wege enden schnell.

   Dunkel schumt in uns das Blut und luft,
   Sehnsucht, die nach innen truft,
   Hebt mit Geisterhnden aus der Bucht
   Schwer empor des Lebens Frucht.

   Oft -- verfinstert sich ein Nachmittag --
   Harren wir gewitterzag,
   Schwle drckt an unsrer Stirnen Rand,
   Hei und hastig seufzt das Land.

Doch, hier waren zwei kleine Striche seitwrts neben >Rand<. Seine
Mutter hatte das Gedicht zuweit rechts angefangen, nun kam sie mit dem
Raum nicht aus, -- Georg betrachtete wehmtig ihre ein wenig englisch
aussehende, sehr vorwrts flchtende Schrift, mit langen, darber
fliegenden t-Balken, d-Haken und u-Strichen, die sehr weit und flach
hingezogenen Verbindungsstriche zwischen den kleinen Buchstaben, die dem
Ganzen einen Schein von straffer Flchtigkeit gaben, und diese Art, die
letzten Worte der Zeile, wenn der Raum nicht reichte, umzubiegen nach
unten, so da in diesem Gedicht fast alle Zeilen wie mit Haken am
Seitenrand festgekrallt hingen. -- Nun las er weiter:

   Doch es wird nur Nacht und tot und dicht,
   Fortgezogner Wetter Licht
   Zeigt die Flur, ein bleiches Nachtgesicht,
   Das umdunkelt und verweint
   Fremd wie eine ferne Heimat scheint.

Neben den ersten beiden Strophen des folgenden Gedichts waren starke und
lange Bleistiftstriche; Georg las:

   O schwarzer Himmel in mir! und giebt es nichts
   Denn, nichts, zu schmelzen mich? keine funkelnden
      Azure glhender Sommer? und die
         Bume und Quellen und Vogelstimmen

   Sind ganz umsonst? nur tiefer im feurigen
   Gewoge voller Strahlen bewahrst du die
      Furchtbare Starrheit und die Schwere
         Schwrzer und drohender mir im Herzen ...

-- und erschrak, so sehr brannte sich jedes Wort, als sei es fr sie
geschrieben, in sein Herz, aber er hatte an sie nicht gedacht, nicht
einmal, als er dies abschrieb fr sie, hatte den Gram seiner so leichten
Seele dahingesungen, und sie fhlte, ja, sie fhlte den schwarzen
Schmerz im eigenen Kopf und die Blindheit und -- -- Verzweifelt und mit
umdunkelten Augen las Georg weiter, fast aufschreiend, als er eine
zitternde Linie, voraufeilend mit dem Blick unter den Worten: gekhlten
Windes Balsam -- fand:

   O Gott der sen Frchte und Amselschlags,
   Der sanften Regen trufelt und schmelzenden,
      Gekhlten Windes Balsam schttet
         In die geduldigen Vlker der hren:

   O senke einen khlenden Strahl, nur ein
   Aufkssend Suseln ber mein Heimatland.
      Und tausend Ernten duften, tausend
         Lerchen entschwirren, geblhten, feuchten

   Gefieders, Tau und Schimmer und Bltenstaub
   Dir auszuteilen, singendes Blau der Welt,
      Und an die ewige Erde pre ich
         Schluchzend den Mund und die Brust und weine.

Georg eilte hastig zur nchsten Seite, oh es war grausam, hier fand er
die Worte unterstrichen: der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht
drckt ihn zurck, -- zu meiner Strafe! knirschte er sich an und las:

   Aus dumpfen Wolken taucht der trbe Mond
   Wie eines Kranken Antlitz aus den Kissen,
   Die er schon viele Jahre lang gewohnt,

   Mit mdem Blick, der nur begehrt zu wissen,
   Ob noch im Nachbarhaus der Kranke wohnt,
   Der nher schon als er den Finsternissen,
   Da ihn sein Anblick trstet und belohnt.

   Im Hause drben glimmt herauf ein Licht,
   Das wie mit Fingern, fahlen, leichenblassen,
   Zitternd durch dunkle Fensterscheiben bricht.

   Der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht
   Drckt ihn zurck. Er seufzt und wei es nicht,
   Da dort der Schimmer in der Nacht der Gassen
   Nur Widerschein vom eigenen Gesicht.

Angstvoll schlug Georg die letzte Seite um. Nur noch ein Gedicht, --
nein, hier war nichts unterstrichen, und er las, immer noch argwhnisch:

                            Tod und Zweifel

   Aus dem Haus der Freude ausgeschlossen
   Jag ich mit den beiden schwarzen Rossen
   Durch die finster schweigenden Alleen
   Tief hinunter, wo kein Ende dmmert.

   Auf den beiden nassen Rossensrcken
   Stehend wie auf schwanken Nachenbrcken,
   Hr ich ihren Atem schnaufend gehn
   Und den Hufschlag, welcher drhnt und hmmert.

   Niemals kommt ein Ruf aus meinem Munde,
   Bleich und stumm und traurig ist die Stunde,
   Wo kein Stern und keine Lampe flmmert,
   Nur die Ebnen seh ich, die sich drehn.

   Pltzlich stehn sie keuchend still und zittern,
   Und statt ihrer rauscht der nchtige Regen.
   Einem Morgenrot, das sie nur wittern,
   Schreien ihre Hupter dumpf entgegen.

Georg starrte auf die letzten Zeilen. Freilich --, etwas, das sie damals
auf sich passend finden konnte, stand nicht darin, aber wie hrte er den
dumpfen Schrei in dieser Nacht, aus der ganzen langen Lebensnacht seiner
Mutter! -- -- Aber da standen ja noch Gedichtzeilen mit Bleistift auf
einem Blatt, das unter die langen Heftfden geschoben war, mit denen der
Stoff des Umschlags innen zusammengehalten war, eine rohe und hlflose
Arbeit, die sie selbst gemacht zu haben schien. Georg zog das Blatt
hervor, es waren auch Verse, er las:

   Mein Sohn war klein,
   Mit schwacher Hand,
   Warf alles um
   Und nichts verstand.

   Nun ist er gro
   Und wei genau.
   Ich blieb im Haus,
   Ich lahme Frau ...

Ja, so sprach sie von sich, so sprach sie ...

   Doch wei er wohl,
   Wie's um mich steht!
   Er giebt mirs zart,
   Macht zu --

Vor Georgs Augen verschwamm alles, es wrgte ihn im Halse, er lie das
Buch fallen, sagte stumpf das letzte Wort der Zeile -- und geht, stand
auf und ging durch die finstern Zimmer hinaus, trat an ein Fenster im
dmmerhellen Klaviersaal, sah die Mondsichel glimmend und undeutlich
ber den Parkbumen, glitt langsam auf die Erde nieder, schlug die Stirn
gegen die Wand und sthnte: Emmaus! -- Er lag stundenlang am Boden bis
zum Morgengrauen, aufbrennend in entsetzlicher Scham, in Verzweiflung,
in Ohnmacht, bis er todmde wurde, sich erhob, in das Sterbezimmer ging
und, ohne einen Blick auf die lchelnde Tote zu wagen, sich auf ein
Ruhebett ausstreckte und entschlief.


                               Rubinglas

Georg, als wre brennendes Feuer hinter ihm, jagte aus Helenenruh
zurck, wie er hingekommen. Langausgestreckt im Fahrsitz, das Steuerrad
auf der Brust, die verengten Augen hinter den Brillenglsern stur
gradaus gerichtet, vor sich her einschlingend das stabgerade oder eifrig
sich windende Band der weien Strae, konnte er doch keine Minute lang
in dieser Lage aushalten, mute sich aufsetzen, die Fe heranziehn, sie
wieder von sich strecken, wieder liegen, -- lag und chzte leise vor
sich hin, den Chauffeur neben sich vergessend, auf unertrgliche Weise
gefoltert von dem einen Wort Renate, das in ihm herumrannte wie eine
Quecksilberkugel im Spielzeug.

Oh lieber sterben, lieber sterben, als noch einen Tag, eine Stunde
lnger den Wahnsinn ihrer Gegenwart ertragen! Was das ist mit meinem
Blut, wei ich nicht, aber es mu wohl vergiftet sein, oder habe ich sie
nicht vor einem Jahr fast tglich gesehn und sie ertragen? War ich blind
damals? Geblendet von Esther? Warum ists denn jetzt, als wre sie eine
lohe Fackel von Wollust und Wrde -- oh satanisches Gemisch! -- und ich
griffe bestndig hinein und brennte? Renate, ah -- oh Renate! -- In
ihrem weien Kleid, die lange schwarze Kette um den Hals, aber an Hals
und Wangen, den schon brunlich sich dunkelnden, in den blauen
Lebensfeuern ihrer Augen, in dem unsterblichen Haar von zaubrischem
Braun, in ihrer ganzen, von Se, von Anmut, von Seligkeit, von
hundertfach ausschmelzendem Dasein leuchtenden Gestalt -- nichts von
Trauer, -- so war sie berall, erscheinend, im Grn der Wiesen, im
Dmmergrn des Parks, als doppele Phryne gespiegelt im Teich, auf der
Terrasse, im Saal, bei Tafel, gegenber zum -- oh zum Sterben, zum
Sterben! -- Und dazu Magda, bla, schwarz, ganz Jammer und Stille, und
dazu Tod und Begrbnis und die Erinnerung an die Stunde der Scham, die
Nacht und die hlflose Tote mit dem verzogenen Mundwinkel, jener Stelle,
wo alles, was ohnmchtig, verzweifelt und ratlos in ihr gewesen sein
mochte, entwichen war und seine Spur hinterlassen hatte ... Es war mehr,
als ein Mensch ertragen kann.

Cordelia, se, gute, nun hilf mir du, ja, nun mut du helfen! Ich
verspreche dir, an keine andere will ich denken bei deinem Leib, -- oh
verdammt will ich sein, wenn ichs tu! -- Sein Fleisch zuckte wtend nach
Umarmung. Das runde, bleiche Antlitz im dster braunen Haar -- wie einer
elfenbeinenen Nonne in Eichenholz -- die dunkelbraunen Augen in sen
Verwandlungen, die sie spielte mit ihrer zierlichen Kunst, lockten ihn
unleugbar trotz des Feuers hinter ihm dieses -- ah, dieses Dmons. --
Nein, Georg, sthnte er, nein, so wre das nicht gegangen, wie du's
dachtest. Dein Plan war ganz unsinnig. Giebs zu, Georg: was stelltest du
denn vor -- in ihren Augen? Ein halbes Nichts von einem jungen Mann, mit
dem sich geistreich plaudern lie. Eh du nicht mindestens etwas
vorstellst, das innere Leistung zu verbrgen scheint -- ist nicht an sie
zu denken. Ja, aber nun bin ich fest. So gehrtet bin ich in diesem
Glutofen immerhin, da mich nun nichts mehr anbrckeln kann, und --
innen umschlie ich mein Ziel. Das erreicht, dann -- Platz da, der
Heuwagen! Oh Teufel, diese Bauern sitzen auf ihren Ohren! Wollt ihr euch
zum Henker scheren auf die andere Seite, ihr Sch--

Der Wagen jedoch, haushoch beladen mit Heu unter Leinwand, wich und
wankte nicht. Die Hupe brllte, Georg schumte vor Wut, aber sein
eigener Wagen kam fast zum Stillstand, eh der Berg vor ihm sich zur
rechten Seite der schmalen Strae hinber bewegte. Aufschnarchend nahm
der Motor die frhere Geschwindigkeit wieder auf, die Landstrae krmmte
sich wie getreten, Fahrtwind brauste eiskalt, und zu beiden Seiten
fcherte sich gelassen die schne Weite des grnen Landes aus, sich
ziehend und dehnend unter der groen Schattenbewegung des wolkengrauen
Himmels, im khlen Licht, von Sonnenbalken selten zu berraschender
Lieblichkeit unterbrochen. Die Obstbume an den Grabenrndern, vom
seitlichen Windesansturm getroffen, taumelten und berbrausten sich,
allmhlich ward Georg ergriffen von der gierigen Lust des
Vorwrtsstrmens, dem herzlichen Beben im Zwerchfell beim Lauschen auf
die so innerlich ruhige, ehrenfeste Arbeit der vernnftigen Maschine,
und dem geschmeidigen Freudegefhl am Mitwinden der Straenbeugen im
unmerklichen Drehen des Lenkrads. Sein Herz begann wieder ruhigen
Schlag, er atmete eben und tief, schwermutvoller ward sein Empfinden
zurck, zrtlicher, hufiger das Zucken voraus in der Vorstellung der
Liebenden, im immer hastiger zerdrckten Gedanken der kommenden Lste,
denen er sich vergrert zustrzen sah wie einen rdrigen Riesen von
Metall. Wenn sie blo im Hause ist! dachte er bnglich. Und also stob er
dahin, vom Magneten schienenglatt hingezogen, gewaltig im Wagen, als
wlze er selber sich den Weg, Drfer spaltend, da es krachte, Wlder
zerfurchend, Drfer wieder, und wieder hinknatternd ber das endlose
Band, das unter ihm hervorfliehend sich windende, aufseufzende Band der
Straen. Da sprangen Takte in ihm auf. Worte alsbald.

   Strme an den Wldern hin,
   Donnre bers Brckenjoch ...

Was war das? Ihm erschien, entgegenkommend auf hohem Damm, die Maschine
eines Schnellzugs, vornbergeneigt in kolossaler Rstigkeit, stmmig,
ein Kentaur:

   Eisenro, das Morgen roch,
   Mitten schon im Morgen drin ...

Morgen? woher der Morgen? Ah, es war nicht der Anfang des Gedichts.
Weiter:

   Eisenhengst im Radgestampf ...

Nein, so: Rase ... Ja, mit hellem a-Aufklang:

   Rase durch das Morgenland,
   Eisenhengst im Radgestampf,
   Glutgefllt und lustentbrannt ...

Ich vergesse den ersten Vers! Also -- wie wars? Donnre -- nein:

   Strme an den Wldern hin,
   Donnre bers Brckenjoch,
   Eisenro, das Morgen roch,
   Mitten schon im Morgen drin.

Nun der Anfang ... Doch indem klangen andre Worte:

   Feld und Wiesen farbig lohn,
   Hgel wandern -- Hgel spenden blauen Rauch ...
   Hgel wandern blau im Rauch,
   Silberblitzend winkt dir schon
   Weidorn und ...strauch.

Ja, aber der Anfang, wie war ...?

   Rase durch den ...

Und richtig: nach der zweiten Strophe umarmte der uere Reim den
innern, also:

   Rase durch das Morgenland,
   Jage durch den Nebeldampf,
   Eisenhengst im Radgestampf,
   Glutgefllt und lustentbrannt.

   Strme ...

Georg befand sich mitten in einer kleinen Stadt, die er fr Altwedel
hielt, bei langsamer Fahrt ber Kopfsteinen. Vorbergehende, die sich
umdrehend stehen blieben, Kinder, sah er noch glasig und verstndnislos
durch die inneren Gesichte, dann deutlicher dstere Lden, eine enge,
aber augenscheinlich die Hauptstrae, jetzt zur Rechten ein Ungetm von
alter, gotischer Backsteinkirche, nur plumpes Schiff mit Dachreiter, --
und indem gab es hinter ihm einen scharfen Knall. Ein Reifen war
geplatzt.

Georg lenkte den Wagen an den Gossenrand und hielt, der Chauffeur sprang
ab. Also Mittagspause, die ohnehin einmal htte gemacht werden mssen.
Da ich blo meine Verse nicht vergesse! -- Eisenhengst im ... Welcher
ists, Dietrich? Der Linke? Also eine halbe Stunde dauerts wohl?

Kalt und ein wenig zittrig kletterte Georg aus dem Verschlag in einen
Haufen schon vorhandener Kinder, lste den Halsschal und ging auf der
Suche nach Speisegelegenheit, aber bei innerer Beschftigtheit ohne
etwas zu sehn, die Strae hinunter. Vor einem Schaufenster stehen
bleibend, dachte er, abirrend pltzlich:

Es ist doch wundersam: alles ist nur Rhythmus. Wie mute ich bei meinen
Gedanken und Gefhlen vorher auf diese Verse verfallen? Der Rhythmus
stanzte die Worte heraus. Und vor allem dies: da man, ob das Gedicht
nun schwermtig sei oder heiter, solange es sich hervorarbeitet, weder
das eine sein kann noch das andere, denn da ist fr kein eigenes
Empfinden mehr Raum, nur die Form wirkt sich, dehnt sich und glht und
bewirkt in dem Stoff, in meinem Dasein, meinem ganzen Ich -- dies
absonderliche Gefhl von Angst -- ob ich es richtig mache --, von
Qulerei und etwas Lust, Angstlustqulerei ... absonderlich ...

Ratskeller, las Georg, den Kopf auf die linke Schulter geneigt, in
schrger Schrift von unten nach oben jenseits eines rechteckigen, von
Kugellinden umsumten Platzes, auf dem Trpfeiler eines Kellereingangs.
Ja, das getnchte Haus mit Sulen war vermutlich das Rathaus. Also
wanderte er zum Wagen zurck, wies den Chauffeur an, ihn nach getaner
Arbeit dort aufzusuchen, wo er Essen bekommen wrde, und fand sich
gleich darauf, nach zerstreuter Bestellung von irgendetwas an einen
Kellner, wieder bei seiner Arbeit an einem runden Tisch, jetzt
schreibend auf einem Blatt aus seinem Checkbuch, weiter hastend,
zitternd im Schwung:

   Immer riesiger flammt der Tag,
   Tobend, jauchzend, hingerafft,
   Spaltest du mit Gtterkraft
   Eichenwald und Tannenschlag.

   Wirfst die Drfer hart zur Seit,
   Und die Ebne staunt und schwillt,
   Wie dein Atem heiser schreit
   Und du lrmst durch das Gefild.

Worauf er unverzglich anfing, das Ganze von vorn durchzuarbeiten, jedes
Wort aufzuheben, umzudrehn und wieder hinein zu prfen, andre
einzuwechseln, streichend, wieder streichend, hineinklammernd, endlich
das Ganze noch einmal schreibend und nach mehrmaligem Streichen ein
drittes Mal, worauf er, zum ersten Entwurf zurckkehrend, lauter
Unwhlbarkeiten fand und, erschpft ins Leere aufschauend, nach einer
Weile bemerkte, da Schsseln mit Essen vor ihm standen. Er a, aber die
Versworte, freiwillig gegeneinander weiter hadernd und sich verfitzend,
lieen nicht ab, ihn zu peinigen, er stand endlich auf, whrend eben der
Chauffeur hereinkam, bestellte eine Mahlzeit fr ihn und trat wieder ins
Freie.

Ein leichter Regen wehte nieder. Die Kirche war protestantisch und daher
geschlossen. Um sie herumgehend, fand er eine gebogene kleine Gasse, in
deren Hintergrund er etwas wie die Auslage eines Antiquittenhndlers zu
entdecken glaubte und hinzuging.

In der Tat -- es sollte etwas dergleichen sein, jedoch enthielt ein, das
Schaufenster fllendes Regal fast nur Sachen von heute.

Ja -- fiel ihm ein -- und gesetzt, es wre so, das einzige Empfinden
eines Dichters beim Bilden des Gedichts wre ein solches Mischgefhl von
gequlter Lust und verzckter Qual -- was wre die Folge fr das
Gedicht, seine Farbe, die sogenannte Stimmung? Ein wahrhaft reines
Gedicht knnte, das wrs, weder die Farbe der Trauer noch der Freude
haben, sondern -- sondern? Ein Mittel zwischen beiden, oder -- mit einem
Worte: Ernst. Und das wrde -- klassisch sein, weil harmonisch; das
andre, das Zwiespltige dagegen wre romantisch, -- haben wir nicht
einmal darber gesprochen, Benno und Sigurd? -- Ja, wo ist wohl Sigurd?

ltliche Stehlampen sah Georg, schlechte Gipsvasen mit herausragenden
Italienerkpfen, blindes Silberzeug in verstaubten Ksten -- dick mit
Staub berzogen voll Fingerabdrcke war alles --, ein paar Zinnteller,
Steinkrge, die bliche Perlentasche, ein Bndel Pfeifen mit
Porzellankpfen und schlechte Figrchen, ausgestopfte, ruppige Vgel,
Pistolen und derlei Zeug, -- und als er ins dunkle Innre sphte, lie
sich zwischen Tischen, Schrnken und Kommoden aus den achtziger und
neunziger Jahren noch eine hbsche Kirschvitrine bemerken, die
unerkennbare Dinge enthielt.

Georg trat unter einem wimmernden Glockenlaut der Tre ein und erhielt
Mue, sich umzusehn, bis aus dem hinteren Dster weiche Schritte hrbar
wurden und aus einer niedrigen Tr eine bleiche und dunkelugige Frau
trat, ein Tuch um den Kopf, die Hnde in der Schrze trocknend. Ein
kleiner Junge, der an ihr hing, hatte das ganze Gesicht mit einem
ekelhaften roten Schorf voll gelber Eiterrnder bedeckt und wurde hart
fortgejagt.

Einen Anfall von Ekel unterdrckend, fragte Georg nach der Perltasche,
entdeckte, whrend die Frau dorthin ging, hinter dem Porzellangeschirr
und den Tafelglsern der Vitrine im untersten Fach etwas Dunkelrotes,
ffnete und holte, freudig erstaunt, ein rotes Glas hervor, das ein
wahrhaftig echtes Rubinglas war, ein grader Becher mit Fu, ohne
Verzierung, dick, hart und schwer wie Stein, nur wenig angeschrammt am
Fu, -- ein Fund. Ja, war nicht etwa ein echtes Rubinglas das Kostbarste
von der Welt? Und wie er nun ans Licht vortrat, den Becher hochhielt und
das helle Blutrot im dunkleren, schwrzlichen aufglhte, inbrnstig,
mchtig, wie der dsterrote Blick der ewigen Lampe im schwarzen
Kircheninnern -- er atmete den Weihrauch --, hatte er sonderbarerweise
die starke Empfindung, so und nicht anders msse Cordelias Blut sein.

Ich nehme es ihr mit, -- oh -- ah ja! aus diesem Kelch will ich dein
ses Blut trinken, dachte er begierig und berlegte, an den kranken
Knaben erinnert, vor sich die rmliche und verbitterte Frau, die ihr
Kopftuch vor der Brust kreuzte, was ein Rubinglas fr Cordelia wohl wert
sein drfte. Auf seine hingeworfene Frage, wie denn ein solches Geschft
ginge an diesem Ort, fing die Frau heftig an zu klagen, -- er htte ja
wohl gesehn, was mit dem Jungen sei, der Vater sei seiner Wege gegangen
und nicht aufzutreiben, das Geschft habe sie geerbt, im Sommer ginge es
ja wohl -- Altwedel wre doch Kurort --, aber im Winter komme fast
niemand, sie verstehe auch nicht viel von den Sachen, und mehr
dergleichen, was Georg zu peinlichem Mitgefhl und der Erwgung bewog,
da hundert oder tausend Mark fr ihn dasselbe, tausend jedenfalls fr
ein Rubinglas Cordelias ein Preis sei.

Mantel und Rock aufknpfend, um sein Checkbuch und den Fllhalter
hervorzuziehn, murmelte er etwas beschmt, er habe zwar kaum so viel bei
sich, wie er fr das Glas zahlen mchte, aber sie wrde ja wohl ... und
begann ein Blatt auszufllen, was die Frau stumm abwartend geschehen
lie. Als sie dann den Zettel in Empfang genommen und gelesen hatte,
fuhr sie los: Ja, das wre sowas! Sone Checks, da ist schon mancher
drauf reingefallen! Und denn gleich Prinz, nee, da bilden Sie sich bei
mir man nichts ein! Nee, mein Herr -- Sie nahm ihm das Glas aus der
Hand und stellte es hin -- das Glas kost fuffzehn Mark, wenn Sie nich
zahlen knnen, denn lassen Se's ebent, denn bleibt das Glas hier.

Aber -- aber mein -- Georg stand verdonnert, kmmerlich, und fing vor
Aufregung wunderlich an zu zittern, whrend die Frau ihm seinen Schein
in die Hand drckte. Nein, sie war gar nicht nett, die Frau, sondern sie
war gemein. -- Georg holte zitternd das Gold, das er bei sich zu tragen
pflegte, aus der Hosentasche, legte ein Stck davon neben das Glas, nahm
das an sich und ging hastig zur Tr, dieweil die Frau, die sein Gold in
der Hand wohl bemerkt hatte, sich nun auf ihren Irrtum verbi, erst
murmelnd, dann lauter hinter ihm her schimpfte: Wolln Se Ihre fnf
Groschen denn nich raus haben? Son Schwindel! Erst wolln se einen
beschuppen, un denn haben se'n ganzen Sack voll. Na wenn Se nich wollen
... Die Tr fiel wimmernd zu.

Schade! dachte Georg und erreichte, alles weitere Denken, aber nicht
dies sonderbare Zittern unterdrckend, seinen Wagen. Alles war in
Ordnung, er stieg ein und fuhr ab.

Ach so, dachte er dann, ich bin ja auch kein Prinz!

Und dann: Komisch! wie sie das gleich gemerkt hat!

Aber er kam nicht los von der Szene, sah sie immer wieder von vorn, und
es fiel ihm auch ein, da es vielleicht besser gewesen wre, er htte
sie nicht beschmt mit seinem Gold, sondern ganz im ersten Glauben
gelassen, indem er sie nun sah, wie sie sich zwar keine Vorwrfe machte,
wie aber ihr Gemt noch verbitterter wurde, und der Junge --, Georg sah
ihn gegen eine Schrankecke fliegen und ...

Mit dem Gedanken an den Becher in seiner Tasche trstete Georg sich
langsam, der kalte Fahrtwind khlte sein erhitztes Gesicht. Es wird mich
doch ewig verfolgen! seufzte er hhnisch. Aber Cordelia -- ihr sage ichs
heute. Es mu einmal sein.

Sogleich sah er mit angeregter Phantasie sich im Wohnzimmer auf dem
Rohaarsofa sitzen, sie am Fenster, wie sie gern sa, den Ellenbogen
zwischen den Blumenstcken auf der weien Bank. Er hrte sich: Ich
wollte dir schon immer etwas sagen, Cordelia, hre einmal zu ... Ihre
Antwort blieb undeutlich, etwas zu erfinden gelang ihm nicht gleich, --
sie lachte wohl und sagte: Ich hre, mein Prinz. -- Ja, und nun sagte
er: Eben das ists, Cordelia, du sagst und du glaubst: Prinz, aber -- du
mut wissen -- ich bin das gar nicht. Ich bin ...

Wie unglubig war ihr Gesicht! Natrlich hielt sie es fr einen Scherz,
lchelte und -- aber da, auf einmal, sah er ihr Gesicht deutlich, auf
dem das Lcheln erlosch! Sie wollte das verhindern, allein -- wieder sah
ers: das Erlschen der Freude, das Schwinden des Besitzes, den sie mit
solcher Andacht umfat hatte, die Armut, die Traurigkeit ... Sollte er
sie wirklich berauben drfen, sie, die an Glck doch wohl -- was wute
er? -- sehr arm gewesen war?

Aus den innern Gesichten aufblickend, fand Georg die Breiten der
Viehweiden, ein nahes Gehft, gelbe Haferstreifen und entfernte Wldchen
sonnevergoldet unter wimmelnden Schatten des Nachmittags. Der weite
Himmel war ein leicht durchbrochenes Getmmel von Blau und weiem und
grauem Gewlk. Wie schn! der Abend wrde klar sein ...

Ach, nun wieder das! Nun will wieder Mitleid mich stren und hindern,
und schon wei ich nicht mehr: Soll ich -- soll ich nicht? Und: wenn
ichs lasse, lasse ichs wirklich aus Gefhl fr sie oder aus Furcht fr
mich?

Man mte es auf die Gelegenheit ankommen lassen, vielmehr auf eine
Gelegenheit passen. Warum so pltzlich erschrecken? Es kam eine ernste
Stunde, ein Gesprch der bekmmerten Seelen, wo die schmerzlichen, aber
auch die schnen Tiefen des Daseins sich ffneten und zur natrlichen
Form des Lebens wurden, -- wie wog dieses dann leicht, Gestndnis und
Sache selbst ging auf im groen Strome der Leiden, auf im schwesterlich
natrlichen Verstehn, und lie ein solches Gesprch sich nicht
herbeifhren, leichter als leicht, mit ihr, der Bereitwilligsten, der so
unsglich Wandelbaren?

Ach, wenn ich sie nur erst habe! -- Sein Mund sank ein in den weichen
Marmor ihrer immer khlen Brste, seine Hand tastete nach dem Sesten,
seine Augen ... Er ri sie krampfhaft auf, starrte durch Schleier auf
ferne Punkte von Menschen oder Wagen zwischen den Baumzeilen, hrte den
Motor donnern, setzte sich auf und schnob: Glutgefllt und wutentbrannt!
mu es natrlich heien, nicht lustentbrannt ...

Und es erschienen die Trme und der dunstige Huserberg von Altenrepen
...

                   *       *       *       *       *

Als Georg, eiskalt am ganzen Leibe, steif und zittrig dem Wagen
entstiegen, durch das Gittertor sphte, gewahrte er gleich Hesekiel;
Hesekiel mit seinem Hcker in einer wunderschnen, glnzend rot- und
schwarzgestreiften Dienerweste, der sicherlich wieder etwas Merkwrdiges
vorhatte. Er stand im gelben Kies oben auf dem Hgel vor dem Hause,
einen langen roten Wasserschlauch zwischen den Beinen, und bemhte sich,
die Betunien, die ber der halbkreisfrmigen kleinen Vorhalle vom Balkon
hingen, von unten zu sprengen, was sehr schwierig war, denn der
verfluchte Strahl ging immer darber hinaus gegen die Wand und die
oberen Hlften von Glastr und Fenster, und die Blumen selber, wenn sie
getroffen wurden, warfen sich so gewaltig und wild nach oben, da es
schrecklich anzusehn war. Georg, der mittlerweile den Hgel mit seinem
schnen, grnsamtenen Rasenbelag, mit Rosenstcken, Gebschgruppen und
einer prachtvollen Blutbuche zur Hlfte erstiegen hatte, blieb stehn und
rief: Hesekiel, was machst du denn da?

Ach Gott, das htte ich nun wieder nicht tun sollen, dachte er dann,
denn nun geriet Hesekiel, sein verkmmertes, spitzes und heies Gesicht
mit der wehmtigen Mundschnirre herwendend, in abscheuliche Verwirrung.
Ach, der Herr Doktor! -- es war unbekannt, ob Hesekiel sich diesen
Titel ersonnen hatte oder vielleicht berhaupt nur Doktoren kannte --
lchelte er freudig -- allein was nun? Die Spritze hinlegen, deren
Strahl sich triumphierend ber ihm in die Lfte bohrte, und zur
Begrung hergerannt kommen, wie's ihm gelehrt worden war? Oder den
Strahl erst abdrehn? oder zur Meldung ins Haus davonlaufen? -- Das war
zuviel fr ihn, und so tat er von jedem den Anfang in wirrem
Durcheinander; tastete nach der Schraube, lief ein paar Schritte gegen
Georg vor, streckte die Hand mit der Messingtrompete gegen die Erde aus,
wollte davonlaufen, ehe sie lag, und blieb endlich zwischen allem,
geduckt, erschpft und ratlos sich selber verlchelnd stehn.

Na komm, Hesekiel, sagte Georg, dem der Strahl jetzt knatternd
entgegensprang, leg mal die Spritze hin. Hesekiel tats gehorsam und
erleichtert. So ists schn! Und nun kommst du und giebst mir die Hand.
Hesekiel kam glcklich und verklrt. Ist die gndige Frau denn zu
Hause? Hesekiel nickte und deutete mit dem Daumen. Ja, sag mal, wie
kommst du denn auf die Idee, die Blumen da oben zu sprengen?

I wollt halt so gern der gn Frau -- gn Frau bissl Arbeit
erleichtern.

Das ist brav, Hesekiel, denn man weiter! Georg verlie den eifrigen
Bediener der Natur und ging leise, nach den Fenstern sphend, zur
Rckseite des Hauses, dessen grauer Stein und rotes Dach hei glhte im
starken Abendlicht, dieweil er dachte: Ach, Hesekiel! du hast eine
schne, dienende Seele im Hcker, -- kannst du mir vielleicht sagen,
warum die Frau so gemein war? Ach ja -- ach! -- du kennst nur Doktoren
und weder Prinzen noch Nichtprinzen ...

Georg blickte zu dem breiten Schiebefenster empor, hinter dem drinnen
sein Bett stand, und siehe da, zwischen den weien Geranien, die im
grnen Gitterwerk drunter hingen, erschien die lange Tlle einer kleinen
grnen Giekanne mit gelben Reifen, und gleich darauf Cordelias Hand,
Stirn und die beschftigten Augen, die nach den Blumen sphten, und --

Na? sagte Georg

Sie warf vor Schreck die Giekanne herunter. Dann war sie verschwunden.
Georg hrte ihre Abstze drinnen auf der Treppe und wartete glckselig,
bis sie ums Haus gelaufen kam, aber zehn Schritte vor ihm anhielt, die
Hand gegen die Hausecke sttzte und ihn tief und inbrnstig anblickte.

Wie schn sie ist! dachte er stumm in diesem Blick. Das Kleid, das sie
trug, von dunkelvioletter Seide, war auf unkenntliche Weise ihrem Krper
umgewunden; es war eine Art Empire, jedoch fast geschlossen um die Fe,
und eine ganz kurze Schleppe lag am Boden. Der schne Busen atmete
sichtbar mit beiden Wlbungen und hob auf der bloen Brust das goldne
Medaillon, in dem sein Bild und Haar war.

Im nchsten Augenblick hielt er sie umschlungen, ihr Gesicht an sich
pressend, den Mund in ihrem Haar, flsternd in flutender Erlstheit: Da
bin ich wieder! Ach, ich konnte nicht mehr!

Ja, bist denn meinetwillen gekommen, Georg, wirklich meinetwillen?

Ja doch, Cordelia, warum denn sonst?

Aber -- dein Vater?

Sie sah ihn an durch Trnen unsglicher Liebe und konnte nur die Lippen
bewegen. Endlich fragte sie dann nach seinem Befinden; ob er nicht Ruhe
brauche.

Ja, ich wrde mich gern etwas hinlegen. Und -- sag mal -- hast du was
zu essen?

Ich werd schaun. Eier sind da. Und Salat. I werd halt schaun.

Also wanderten sie umschlungen ums Haus, Cordelia verschwand in die
Kche, Georg stieg ins obere Stockwerk hinauf. --

Die weie Tre ffnend, mute er den Atem anhalten, so erschreckend
trafen ihn Glanz und Feierlichkeit, die der niedrige, kleine Raum vor
ihm auftat.

Die tiefstehende Sonne flutete in vollem, glhendem Strom zu den
Fenstern herein; Georg konnte zwischen den lodernden Gardinen und grnen
Fuchsienstcken -- diese waren wie aus grnem Golde gehmmert -- ihre
brennend goldene Scheibe sehn. Der Raum, von gldener Woge erfllt,
glitzerte, funkelte und glnzte berall, die tiefe Lebendigkeit seines
Alters, seine vielgentzte Wrde und den Stolz der kunstvollen Erzeugung
hier leise, hier vernehmlicher ansagend. An der rechten Wand, in den
sehr dunklen Spiegelscheiben des hollndischen Kastenschranks, der bis
an die schweren Balken der weigetnchten Decke reichte -- Messinggriffe
und Schlsser an den Schubladen blitzten wie reines Gold -- dort war
alles noch einmal, vertieft und dunkler zu sehn, geheimnisvoller: Sofa
und Sofatisch gegenber unter den Silhouetten in glnzenden Goldrhmchen
und verblichenen Kreideportrten, von denen die dunkelblaugemusterte
Tapete fast zugedeckt war, und daneben am Fenster -- Georg wandte den
Blick vom Gespiegelten hin und folgte dann selber hinber -- dieser
Glanz war erstaunlich! Das flssige Feuer lief in den vergoldeten
Bltterleisten des hohen Spiegels, aus dessen Oberstck die arkadische
Landschaft blulich schimmerte, und, ein wenig vorgeneigt in der
verschleierten Spiegelung des alten Glases wiederholte sich stiller, was
auf der kleinen, goldhellen Platte des dnnbeinigen Birkentisches davor
stand: der Abendmahlskelch, eifrmig aus dunkelblauem Glase, in silberne
Rispen gefat, nach oben verlaufend vom Fu wie die langhrig
ausgezogenen Henkel, zwischen denen der flache Deckel ruhte; dazu links
und rechts von ihm starke, dunkelgelbe Kerzen in Messingleuchtern, --
was alles flammte in seiner Ruhe und Heiligkeit.

Georg drehte sich um. Da berragte in seiner Ecke drben der schmale
weie Ofen -- stiller als alles brige, weil vom vollen Leuchten nicht
mehr erreicht -- den Ofenschirm, dessen quadratischen Grund eine satte
Schicht von grnem Feuer berzog um die roten und blauen Flgel seiner
flatternden Papageien.

Georg blieb auf der Sofalehne hocken, fast schwermtig gestimmt; wovon?
Von soviel Anmut, Lauterkeit und feurigem Leben? Womit habe ich das doch
verdient? fragte er sich still.

Der Saum weier Stifte, von dem die schwarze Rohaarbespannung des Sofas
gehalten wurde, war ebenso vergilbt wie an den breiten Sthlen, die den
Tisch umgaben. Am kleinen Sekretr mit schrger, eingelegter Platte
zwischen den Fenstern war die Fournierung hier und da gesprungen, eine
Kante gesplittert, das Schlo war locker, ein Griff fehlte an einer der
unteren Laden. All das gehrte sich so; es waren ehrsame Narben. Hatte
Jason al Manach nicht einmal von den ererbten Dingen gesprochen? Georg
wute die Worte nicht mehr, allein hier redeten sie ja selber ihre
gedmpfte, aber wie vernehmliche Sprache: da sie hervorgegangen waren,
einzeln wie die Knige aus einzelner Hand, die einsam von Grund aus sie
gefertigt, liebevoll, verstndnisvoll fr ihr Ganzes, fr unendliche
Zeiten bestimmt zu dauern; und da waren sie wie damals, gealtert, viel
gentzt und unverbraucht, nur stattlicher in ihrer alten Erinnerung,
ihrem Bewahrtsein, in der schlichten Gebrde, mit der sie um sich den
Hintergrund schrieben, der zerfallen war: Menschen und Geschicke.

Ja, -- und ich? dachte Georg.

Glnzend mit mchtigem Antlitz von Messing in ihrem die Decke
berhrenden Haupte stand die lteste neben der weien Tr, die
standfeste Riesin, die englische Dielenuhr, die auch die Monate zu
zeigen verstand; sie schlug langsam, wie im Geburtsjahr 1757, den selben
gemessenen Pendelschlag, auf den hinhorchend Georg fr lange Sekunden
sich verlor. Sie tickt den Schritt der Sekunde, sagte er sich dann; das
macht es so geruhig und wohltuend. Und wie vornehm, wie zurckhaltend
war das gedmpfte Rcken im Gehus! Ja sie war die lteste.

Georg lchelte bitter. -- Eigentlich sollte ja ich es sein. Ich, der
sich einmal einbildete, mit Friedrich Barbarossa vor Akkon gelegen, bei
Benevent fr deutsche Sehnsucht gefochten und vielleicht das Leben
verloren zu haben ... Ihm zogen Georges Verse aus den Romfahrern durch
den Sinn:

>Freut euch, da nie euch fremdes Land geworden ...

   ... Wie einst die Ahnen, denen drftig schien
   Die kalte Treue vor dem Frstenstuhle:
   Wunder der Welt und Snger Konradin!

   Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil
   An froher Flucht der silbernen Galeeren,
   Und selig zitternd werfet ihr das Seil
   Vor Knigshallen an den Azurmeeren.<

Durch euer Sehnen ... Georg zitterte, er glhte von der triumphierenden
Schnheit der Strophen. Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil ...

Ja, sein Teil war das. Sehnen -- nach was? Nach oben doch, nach -- nach
sich selber zu immer hherer Geburt, besser zu werden, reiner zu werden,
edler, tchtiger, wissender ... Was wollte er denn auf einem Thron?

Bin ich nicht glcklich hier? Hilfst du mir nicht, se, teure Seele,
mein Auge immer wieder nach innen zu lenken? Wohnt nicht vielleicht doch
ein Gott dort innen und pocht ein ewiges Werk, pocht bei mir und wirkt
bei dir in immer strahlenderen Farben das Gewebe unsglicher Liebe? Habe
ich nicht genug, ernst zu sein, unruhig zu sein im unaufhrlichen
Verlangen nach Besserem? Wenn es denn schon keinen Gott giebt, das Ahnen
des Gttlichen, den Zwang des Gttlichen, den Hauch von Jenseits in der
Brust? Habe -- ja, habe ich nicht etwas Neues fr mich allein, dachte er
erleichtert in der Erinnerung an seine eigenen Verse, Neues -- nein,
sondern Uraltes, Anfngliches, lter und edler und reicher sogar an
Ahnen, abertausend Ahnen in unablssig geistiger Beugung? Und mag mein
eigenes Handeln als Brgschaft solchen Ahnentums noch so bescheiden
sein: der alte Geist hat doch Leben in mir und Bewutsein. -- Da stieg
strahlende Heerschar vor seinen sinkenden Augen auf, Heroe gereiht an
Heroe, Erzengel an Erzengel, unbersehbar, von George hinab zu Dante, zu
Pindar, zu Homer, und wieder herauf im gewaltigen Schwung ber
unsterbliche Hupterschar zu Hlderlin, zu Novalis, zu George.

Georg legte nicht ohne Demut in der gedmpften Bewegung seinen Mantel
ab, denn es trieb ihn, bei aller Abgespanntheit, seine Verse jetzt nicht
unvollkommen zu lassen. Dabei schlug ein schwerer Gegenstand in einer
Tasche gegen die Stuhllehne, er fate, im Innern schon murmelnd und sich
erinnernd: Hgel wandern blau im Rauch, -- danach und holte
geistesabwesend das Rubinglas hervor, lchelte flchtig und wute vor
geistiger Abwesenheit, gleichzeitig nach Schreibpapier ausblickend,
lngere Zeit nicht, wohin er damit sollte. Endlich hatte er die Platte
des Sekretrs herunter und auf die ausgezogenen Leisten gelegt, stellte
das Glas nun ins Innere vor die kleinen Laden, ffnete Cordelias
Schreibmappe, fand zum Glck einen Briefbogen, holte seine Niederschrift
hervor und begann, das Ganze sorgfltig durchprfend noch einmal zu
bilden. Im Schreiben der letzten Zeile hrte er hinter sich die Tr gehn
und sah im zerstreuten Sichwenden Cordelia, die ganz erschrocken schien,
ihn nicht schlafend zu sehn.

Komm nur, ich lese dir was vor, sagte er. -- Wie du nur aussiehst!
erwiderte sie nher kommend, ganz berwacht!

Schadt nichts, setz dich nur! Sie blieb stehn, an den Kastenschrank
zurcktretend, und er las, krftig Takte herausfrdernd und Reime:

                           An den Schnellzug

   Rase durch das Morgenland,
   Durch den weien Nebeldampf,
   Eisenhengst im Radgestampf,
   Glutgefllt und wutentbrannt.

   Strme an den Wldern hin,
   Donnre bers Brckenjoch,
   Eisenro, das Morgen roch,
   Mitten schon im Morgen drin.

   Feld und Wiesen golden lohn,
   Hgel opfern blau im Rauch,
   Silberblitzend winkt dir schon
   Hagedorn und Holderstrauch.

   Immer voller flammt der Tag,
   Tobend, wiehernd, fortgerafft,
   Spaltest du mit Riesenkraft
   Eichenhain und Fichtenschlag.

   Schleuderst Drfer hart beiseit,
   Wo die Ebne staunend schwillt:
   Wie dein Atem eisern schreit,
   Wie du rasselst im Gefild.

Das ist ja groartig, Georg! Beschmt lie er sie ihm um den Hals
fallen. Wirklich, Georg, das gefllt mir! Das ist wieder gesund und
beflgelt, nicht so wie die letzten, die warn auch schn, aber so wie
kranke Blumen, weit. Ja, nun mut du schlafen, pascholl! -- Aber was
ist denn das hier? -- Sie sah das Glas.

Ach, dein Glas, Cordelia, da hab ichs hingestellt! Hier, das hab ich
dir mitgebracht.

Still, whrend er sich entzog und zwischen Stuhl und Tisch hindurch sich
ins Sofa zwngte, nahm sie das Glas an, trat zum Fenster und hielt es
empor, so da es augenblicks aufloderte wie ein Juwel, blutrot.

Ach, Georg ist das schn!

Dein Herz, Cordelia, sagte er, pltzlich taumelnd von Schlafverlangen,
dein Herz -- mut ich denken ...

Er hrte nicht mehr, was sie sagte. Noch vernahm er Schritte, leise,
dann das Niederrollen der Rulos, Schritte, das leise Zudrcken einer
Tr. Die Augen noch einmal ffnend, sah er, da es dunkler im Zimmer
war, goldbraune Luft, und da vor ihm das rote Glas stand. Eine
zrtliche Wallung verging, kaum sich regend, im schweren Rieseln der
Umnachtung.


                         Sechstes Kapitel: Juli


                                Requiem

Renate, an einem offenen Flurfenster im ersten Stockwerk des Nordflgels
von Helenenruh stehend, als es eben Nacht geworden war, hrte Magdas
singende Stimme, die im Klaviersaal die Gruppe aus dem Tartarus begann.
Ein Fenster war dort offen und matt erleuchtet. Renates Augen ruhten
halbgeschlossen im ungewissen Dunkel, das leise vom fallenden Regen
rauschte und sich zu bewegen schien. Ein Tropfen spritzte hier und da
herein, ihre Hand treffend, ihre Stirn; es war khl. Am Himmel oben ber
den beweglichen, finsteren Massen der Baumwipfel war ein wenig Licht
hinter gelblichem, dahinflchtendem Gewlk. Bleich gegenber schimmerte
die Wand des Sdflgels. Ohne hinzusehn konnte sie in dem erhellten
Saalfenster zur Linken den Lichtschein der unsichtbaren Lampe gewahren,
die in der Mitte auf einem Tisch stehen mute, und, schrg durch den
Raum hin, die hohe weie Mitteltr samt ihrem flachen Giebeldreieck und
dem fast schwarzen Portrt im Goldrahmen darber, dicht unter der
Zimmerdecke. Zu sehn war niemand.

Die Musik des Harmoniums kam sanft und wehend, -- schn, klar und
krftig kamen die dunklen Tne der singenden Stimme durch den Regenfall.
Ein heftiges Aufschaudern der windgetroffenen Baumkronen berrauschte
jetzt alles, es ward still, leiser der Gesang, in einer Dachrenne
pltscherte hrbar die Regenflut, es klapperte, -- oder wars auf der
Terrasse? -- Da strzte mit mchtigem Aufbruch, ja wie ein groes,
schwarzes Panthertier strzte die groe, tiefe Stimme mit Ewigkeit!
Ewigkeit! Bricht die Sense des Saturns entzwei! in das Finstre, warf
sich durch den Nachtstrom empor, triumphierte, senkte sich, stie ein
zweites Mal siegreich vor und schwand im Allgemeinen der Musik,
untertauchend wie ein Schwan, und in den verworrenen Stimmen der
Regennacht.

Renate bebte leise, frierend von Nachtkhle und dem Gesang. Lauter toste
der Regen. Oh dies gewaltig gebliebene Herz in der singenden Brust! Aber
oh, wie waren die Toten einsam und ganz im Freien, ausgesetzt aller
windigen Geschftigkeit der Nacht und der wimmelnden Erde! -- Da sah sie
den Katafalk der Herzogin mitten in der Nacht stehn, schwarz, die groen
Kandelaber, flatternd im Winde Flre und Kerzen, das groe,
starkriechende Geprnge der Blumen, Schleifen, Palmwedel, umher die
Schauer gedrngter Menschen, und inmitten das seltsam kleine, kaum
wahrnehmbare tote Antlitz der aufgebahrten Gestalt, in weien Kissen,
gerader und viel steifer, als sonst ein Mensch liegt. Daneben war der
Rcken des Herzogs, gebeugt, sein Hinterkopf, der kein Auge von der
Schlferin wandte.

Aber dies verschwand, und im lichten Morgenkleide kam die Herzogin zu
einer Tr herein, zu ihr, die an einem Fenster stand, einen Morgengru
hinnickend, und setzte sich an den Frhstckstisch. Sie sagte mit
leichter Stimme etwas, aber Renate konnte es nun nicht mehr hren,
besann sich vergeblich auf Worte, fhlte, da sie traurig war und das
schreckliche Entgleiten eines Toten, der uns nicht sehr nahe stand, ins
Ungewisse. Da war das Gesicht des Herzogs, wie es langsam aus dem
Wagenschlag kam, die heien Augen, die herumfuhren, zu ihr empor, und
sie wollte die Stufen hinunter; sein ganzes Gesicht war gestrubt von
Bart, dann kamen unten die Stcke zum Vorschein, er zwngte sich heraus,
stand, und an Renate vorber eilte Magdas schwarzgekleidete Gestalt zu
ihm, und dann schien etwas ihn zu durchbrausen, und er hing ber ...

Wollte Magda nicht wieder anfangen? Das Harmonium war sehr gedmpft
hrbar, lange Zeit. Renate setzte sich auf die Fensterbank, den Rcken
gegen den Rahmen gelehnt, vom Schlosse weg ins Dunkel der Parkwiese
blickend. Gleich darauf ward es am Ende des Flurs hell; die
Wendeltreppe, aus der Tiefe beleuchtet, ward weigetncht sichtbar, und
von unten heraufsteigend erschien ein Diener in Frack und Kniehosen; er
griff nach der Wand, die Lampe unter der Decke glhte hell auf, kam auf
sie zu und bat sie, in den Saal zu kommen. Sie fragte, ob auch die
Frstin Schwester dort sei, und er bejahte.

Wenig spter stand Renate vor der Saaltr und hrte von drinnen das
Harmonium im sachten Vorspiel zu >Du bist die Ruh<. Sie zauderte,
wartete dann einen Augenblick ab, wo der Gesang schwoll, ffnete
behutsam und trat ein. An der Tr blieb sie stehn.

Auf dem ovalen Tisch in der Saalmitte stand eine Petroleumlampe von
glnzendem Messing mit geradem, grnem Schirm. Aha, die selbe Lampe,
welche die alte Frstin stets auf Reisen mit sich zu fhren pflegte,
ergrimmt auf das elektrische Licht. Da sa sie, rechts am Tisch, und
strickte, sah nicht auf, denn sie zhlte gerade, die Maschen mit dem
linken Daumennagel zusammenschiebend; das in Falten hngende Kinn --
Festons hatte Georg gesagt, und einen Augenblick kam Renate sein Gesicht
dazwischen, verdunkelt von der schwarzen Kleidung und verlegen, weil er
gescherzt hatte mitten in seiner Trauer -- gegen die Brust gedrckt, sah
sie von oben schrg auf ihre Hnde; eine kleine eiserne Brille hing ganz
vorn auf der Nasenspitze wie ein windiges Gelnder. Diese sparsame Alte
trug eine gestrickte schwarze Mantille um die Schultern, aber die Hnde,
die aus schwarzen Pulswrmern kamen, waren ber und ber beladen mit
funkelnden Ringen. Jetzt sah sie gegen Renate auf, dunkelugig, rckte
an ihrer Brille, musterte sie scharf, fuhr mit flacher Nadel ber die
aufgestrubten Bltter eines vor ihr liegenden Buches -- sie dehnten
sich gleich wieder empor --, blickte hinein, blickte wieder auf und
verneigte sich mit dem Oberkrper, freundlich lchelnd und nickend,
whrend Renate zu Boden sank. Dann hielt sie ihr Strickzeug weit von
sich ab, fuhr mit gewaltigem Sto der linken Nadel hinein und rasselte
darauflos, nicht ohne schrg von oben gegen die emporstehende Buchseite
zu blicken. -- Renate lchelte in sich hinein, denn da die Frstin auer
ihren beiden Beschftigungen auch wohl noch auf den Gesang hrte, so
schien ihr dies eine gewinnschtige, aber geschickte Alte.

Links am Tisch sah Renate nun den breiten roten Rcken eines Sessels mit
vergoldeter Umrahmung auf ganz kurzen Beinen. Darber war der Hinterkopf
des Herzogs, wie ein Strudel: eine tonsurhafte kahle Stelle mitten im
Wirbel des groen, runden Haarschdels im Schatten der Lampe. Renates
Eintreten hatte er scheinbar nicht gehrt.

Und da rechts in der Ecke, halb im weien Vorhang des offenen Fensters,
war noch etwas Lebendiges, nmlich ein kleiner Greis mit glattem,
rosigem Gesicht, aus dem zwei freundliche kleine Augen Renate unbeirrt
anstarrten, whrend ihm ein rosenroter Papagei ber die Hnde im Scho
an der Weste hinaufkletterte, sehr mhselig, mit Schnabel und Krallen
sich abwechselnd einhakend und festkrallend.

Daneben war die dunkle Trffnung zu den Zimmern der Toten. Stand sie
vielleicht darin, auch zuhrend, die Augen im sanften Licht,
erleichtert? -- Aber Magda blickte vom Harmonium herber, nickte und
lchelte whrend des Zwischenspiels. Renate lehnte sich gegen die Tr,
folgte den langsamen und kunstlosen Griffen und Vernderungen der
schmalen Hnde auf der Klaviatur, selber fern in unbewuten Gedanken,
kaum hrend, da jemand sang. Dann war es still im Raum.

Der kleine Greis, augenscheinlich der Mann der Frstin, klopfte seinem
Papagei auf den Kopf und erhob sich. Die Frstin sah auf, rusperte sich
stark zum Herzog hinber, zog, da er sich nicht bewegte, eine Nadel aus
dem Strumpf, zeigte damit auf Renate und sagte: Nun sie!

Magda erhob sich. Jetzt bewegte sich der Kopf des Herzogs, einen
Augenblick wurden seine Stirn und Augen ber der Sesselwand sichtbar,
dann stand er schwer auf und sagte heiser: Guten Abend. Und zu den
Andern: Bitte, dies ist Frulein von Montfort.

Der kleine Frst kam zierlich und ein wenig schlotternd im Gehrock
herbei, den Papagei an die Brust gedrckt, und verneigte sich sehr tief.

Setz dich nur! schrie die Frstin. Er machte mit der rechten Hand eine
Muschel am Ohr und hielt es ihr hin, aber sie sah es nicht, und whrend
er sich, Renate zulchelnd und kopfschttelnd, zurckzog, sagte sie zum
Herzog, kaltbltig auf franzsisch, dies wre ein sublimer Mensch,
worauf sie in derselben Sprache zu Renate fortfuhr, sie habe das auf
franzsisch gesagt, um die Schmeichelei nicht so geradezu
herauszuschmettern. Freundlich und auf deutsch bat sie dann etwas zu
spielen. Aber nichts Modernes! sagte sie.

Renate setzte sich, aber nun fiel ihr nicht das geringste ein. Endlich
fand sie die kleine Ballettmusik zu den Gluckschen Gefilden der Seligen
und fing damit an, gleich darauf sich erschreckt fragend, ob wohl auer
Magda jemand den unpassenden Titel der Musik kannte; die war freilich
sanft und lieblich genug. Als sie geendet hatte, sagte die Frstin, das
wre Kleinkindermusik. So begann sie denn das Orgelkonzert von
Friedemann Bach, indem sie dachte: ich will dirs heimzahlen. Bald aber
erschrak sie heftiger, denn sie fhlte pltzlich eine Hand auf ihrer
Schulter. Die Frstin neben sich gewahrend, wollte sie schon die Hnde
von den Tasten nehmen, weil aber weiter nichts erfolgte, spielte sie
fort, die Frstin blieb so neben ihr, und nun jagte sie die achttaktige
Fuge in ihr groes Rasen hinein, da es in den Fugen des Instrumentes
krachte. Am Ende des ersten Satzes sagte die Frstin nur: Weiter!
Zweiten Satz! Sie schien mchtig aufgeregt, und so ging auch dies
endlos scheinende Gigantengehmmer des nchsten Satzes ohrbetubend
vorber, ohne da die alte Dame ihre Stellung verndert htte. Am Ende
atmete sie gewaltig auf, packte Renates Gesicht, kte sie unter
pltzlich strmenden Trnen und rief: Heldenhaft! Heldenhaft! Dann
erklrte sie, da sie gern so neben einem Spielenden stnde; das ginge
ihr dann gewaltig durch Mark und Bein. -- Als Renate sich im Sessel
umdrehte, blickte sie gerade gegen die gerteten Augen des Herzogs, die
sie starr anschauten. Seine Schwester trocknete sich die Augen und das
Kinn, ber das ihr vor Eifer ein wenig Mundfeuchte heruntergelaufen war.
Dann ri sie ihren groen Pompadur auf, fuhr tief hinein und brachte
einen Kake zum Vorschein; den schenkte sie Renate; er war nicht mehr
ganz heil. Es war eine kriegrische alte Frau.

Am Tische sitzend nahm sie ihren Strumpf wieder auf, setzte die Brille
auf, kratzte sich dann nachdenklich mit einer Nadel den Kopf und sagte:

Weit du, Woldemar, an wen dies Spiel mich erinnert? An meinen
Kardinal. Kardinal Massi. Er war nur ein drrer Mensch, erklrte sie
Renate, aber er hatte allmchtige Pranken und eine hllische Seele. Er
war ein gottloser alter Heide, aber vor jeder Musik, die er machte,
sagte er die Worte: >Im Namen des allbarmherzigen Gottes ...<

Der Herzog lchelte und meinte, so fingen die Koransuren an.

Die was? fragte seine Schwester.

Die Gebete im Trkenkoran.

Er wird sich den Teufel um Suren kmmern, wenn ihm einer auf goldenen
Wolken zufliegt, der Herrgott, versetzte sie stramm, nahm ihr Buch vor
und fing trotzig zu lesen an.

Es war nun still. Renate sah zu Magda empor, die hinter ihr an der Wand
lehnte; sie blickte mit weit offenen Augen ins Leere. Renate sah die
Gestalt der Toten in diesem Blick und wandte ihr Gesicht vorsichtig dem
Herzog zu. Der sa tief vornbergebeugt im Stuhl. Jetzt lste sich fern
drben zwischen den Klavieren eine Gestalt aus dem Dunkel, Dr. Birnbaum,
der auf den Zehen herkam, eine dicke Zigarre vorsichtig in der
ausgestreckten Hand, von der er ein groes weies Aschenstck in eine
Bronzeschale auf dem Tisch legte. Er entfernte sich ebenso leise und
ohne die Augen zu erheben. Ganz hinten auf einem Stuhl an der Wand
zwischen zwei Klavieren setzte er sich nieder. Aber dem Herzog mute der
Vorgang doch bewut geworden sein, denn nun richtete er sich auf, zog
ein Zigarrenetui aus der Brusttasche, nahm eine heraus, die Augen mit
ungewissem Blick gegen die Lampe gerichtet, bi die Spitze ab, nahm sie
von den Lippen, legte sie auf die Aschenschale, ergriff die
Streichhlzer und schien dann all dies zu vergessen. Er bewegte sich
nicht mehr. Endlich kam Magda zum Tisch vor, nahm die Schachtel aus
seiner Hand, strich ein Hlzchen an und hielt es ihm hin. Aufblickend
nahm er es aus ihren Fingern, nickte sehr eifrig dankend, rauchte an und
sagte: Ihr macht eine schne Musik ... Dann blies er das Streichholz
aus und legte es hin.

Indem sagte eine ganz ferne, lippenlose, vernckerte Stimme, leise
warnend: Heinrich, der Wagen bricht! --

Magda, der Herzog, Renate, alle Drei sahen nach dem Papagei in der Ecke,
der sorglos vom Fuboden am Vorhang hinaufstieg. Der Herzog blies eine
starke Qualmwolke, lehnte sich grade zurck und sagte mit Gleichmut vor
sich hin: Nein, Herr, der Wagen nicht! Und schwieg. Die Frstin hatte
nicht aufgesehn.

Da erst fhlte Renate die Bengstigung des Raumes und der Stille. Die
Tote war berall zugegen; jede Bewegung bog um sie aus, jedes Wort hielt
sich vor ihr zurck, jeder Blick glitt erst von ihr ab, ehe er zu
jemandem hinging. Oh, gegenwrtiger war sie nun als jemals, da sie ja
kaum sichtbar gewesen war am langen Tag; oder war es gerade dies, da
Alle, die sie gekannt hatten, immer nur eine Abwesende in ihr besaen?
Und wenn sie jetzt erschiene, -- wrden sie erschrecken? Sie war doch
immer so selten gekommen! -- Dumpf polternd fiel der Papagei zu Boden,
der Vorhang bauschte sich, hrbar war der Regen, und Renate zerbrach
sich den Kopf um etwas, das sie sagen knnte, aber die unsichtbare tote
Seele hatte auf alle Dinge umher die Hand gelegt und Schweigen geboten.
Dazu qulte es Renate, da sie sich instndig mit dem Herzog
beschftigen mute, ohne im geringsten wissen zu knnen, welcherlei Art
das war, das in ihm vorging, und so folgte sie stumm und wie gebannt den
Bewegungen seiner Schwester, die jetzt ihr Buch zuklappte, die Brille
abnahm, ins Futteral steckte, dann Brille und Buch in ihren Pompadur,
und aufstand. Gleichzeitig erhob sich ihr Mann in der Ecke. Sie ging um
den Tisch, blieb vor ihrem Bruder stehn, der in die Lampe sah, und
fragte ihn in vershnlichem Ton und schonend: Glaubst du vielleicht ans
Jenseits, Woldemar?

Er blickte sie kurz an, sah wieder fort, schien lange zu zaudern mit der
Antwort und sagte endlich: Ich wei nicht ...

Nein, Woldemar, sagte sie entschieden, nein, das verstehe ich nicht.
Denn erstens wirst du sehn, da es unrecht ist, spter, denn dann hast
du sie fortgeschickt, nach da oben hin -- Sie trat eilig an den Tisch,
strich mit beiden Hnden die Falten der Decke glatt und fuhr fort: --
und dann wirst du sehn, wie schrecklich es ist, wenn ihre Seele in allem
abstirbt, was sie hier unten hatte, und auch in dir. Zweitens aber --
Sie, klein und zierlich, kreuzte die Arme unter ihrer Mantille und
sprach ber die Lampe hinweg zu Renate hinber -- -- zweitens sind wir
allerdings von Natur ungengsam, und sollens auch sein; das mit dem
Jenseits aber, das sollten wir doch wohl den Armen lassen. Es sind schon
so viel, da das ganze Jenseits davon voll wird. Sollen sie gar nichts
fr sich allein haben?

Der Herzog sah zu ihr auf, aber Renate konnte sein Gesicht nicht sehn.
Nach einer Weile fuhr die Frstin fort, das Gesicht wieder auf die Lampe
senkend, und als rede sie mit sich selber: Mehr als dreitausend Mark im
Jahr fr sich haben und dann noch an ein Jenseits glauben, -- das ist
ruchlos.

Sie leben, unterbrach der Herzog mit rauher Stimme, auch mit
dreitausend Mark wie in einem irdenen Topf.

Die meine ich nicht, versetzte sie fest, du weit wohl, wie ich es
meine. Ihr habt, sprach sie nun leiser fort, ihr habt eine Seele, mit
der ihr die ganze Erde bedecken knnt; ihr habt eine Phantasie, mit der
ihr die ganze Welt mit Gttern, Christussen, Heiligen und Helden
bevlkern knnt; ihr habt eine Liebe, die euch das Fernste so nah machen
kann wie Kleid und Haar, -- was habt ihr nicht? Und ihr wollt doch noch
ein Jenseits, damit es gar niemals aufhrt? Seid froh, wenn ihr endlich
schlafen knnt.

Du warst immer eine harte Frau, sagte der Herzog.

Ich dachte, du wolltest sagen, eine harte alte Frau, erwiderte sie
nicht ungtig, aber das wrde nicht gestimmt haben, wenn ich auch
zwanzig Jahre lter bin als du.

Zwanzig Jahre, sagte der Herzog ruhig, ist sie da im Dunkeln auf
ihrem Teppichstreifen hin und her gegangen, und du sagst: >da es nur
niemals aufhrt<.

Renate, die das selbe gedacht hatte, sah auf einmal Magdas Augen, die
noch am Tische stand, die Hnde auf der Platte, sehr dunkel im
erbleichten Gesicht auf sich gerichtet. Sie schien etwas sagen zu
wollen, die Frstin ebenfalls, aber dann sahen Beide sich an und
schwiegen. Dann kam etwas Weinerliches in die verwelkten Zge der alten
Frau, sie machte ein paar heftige Kaubewegungen, nickte irgendwohin und
sagte: Also, gute Nacht! -- Ihr Mann folgte ihr nach tiefer Verbeugung
vor Renate mit leicht verwirrtem Gesicht hinaus.

Jetzt fegten die Sommerstrme durch den Park hin, warfen sich gegen das
Haus und schtteten Regen, da es rauschte. Die Lden krachten und
klapperten, am offenen Fenster wehte der Vorhang, Magda ging hin und
schlo die Flgel. Der Herzog warf sich pltzlich im Stuhl herum und
fragte hastig: Sie bleiben doch noch?

Renate nickte erregt und hlflos, fragte sich, ob sie noch spielen
sollte, wandte sich dann zu Magda hinber, aber die war nicht mehr am
Fenster. Noch zauderte Renate, erhob sich dann aber leise, schritt bis
zur Trffnung und ging dann, da sie fern einen leisen Lichtschein
bemerkte, durch die dunklen Zimmer Magda nach.

In dem groen, dstern Gemach sa Magda am kleinen Rokokoschreibtisch
der Herzogin bei einem Licht vor den matt glnzenden
Goldbronzebeschlgen der vielen kleinen Schubksten des Aufsatzes, unter
dem Bilde des Herzogs, die Unterarme auf der Tischplatte. Renate legte,
zu ihr tretend, die Hand auf ihre Schulter, und sie sagte:

Ich kann nicht mehr; ich mchte zu Bett gehn. La ihn noch nicht
allein. Starke Mnner wie er sind so hlflos. Es wre gut, wenn er
weinen knnte. Was schenkst du mir vorm Schlafengehn? fragte sie, zu
ihr aufblickend.

Sie schwiegen Beide, Beide an die Genfer Zeit denkend, wo Renate Magda
allabendlich einen Spruch schenken mute, und Renate schauderte vorm
Schwinden der Zeit. Lange fiel ihr nichts ein, doch dann kamen die Worte
Hlderlins zum Vorschein, die sie leise ber Magdas Scheitel vor sich
nieder sagte:

   Gleich dem Gewlke dort geh ich dahin, und du
      Ruhst und glnzest in deiner
         Schne wieder, du ses Licht.

Als sie zusammen in den Saal zurckkehrten, stand der Doktor Birnbaum
neben dem Herzog, an seiner Zigarre wickelnd, den Kopf gesenkt; der
Herzog hielt den seinen in der linken Hand, die er auf das Knie gesttzt
hatte. Pltzlich machte der Doktor einen kleinen Ruck von Verbeugung und
schlich leise hinaus. Magda hatte sich von Renate losgelst, stand einen
Augenblick frei im Raum, schien zu schwanken, aber dann lie sie die
Hnde fallen und ging eilig zur Tr und verschwand. Renate blieb stehn,
schaudernd vor Ratlosigkeit. Der Sturm whlte heftiger um das Gebude;
am ganzen Haus schienen klappernde Dinge locker zu sein, die sich
losreien wollten. Auf einmal schlug irgendwo in der Tiefe eine ferne
Tr laut hallend zu. Der Herzog lie die Hand sinken, richtete sich auf
und sah Renate in seiner Nhe. Augenblicks mute er lcheln, und sie sah
deutlich den Ausdruck eines Menschen, der leidet und dem ein Andrer eine
schne Sache hingeschoben hat, ber die er sich freuen mu, -- aber dies
erlosch, er senkte langsam den Kopf und sagte, scheinbar aus frheren
Gedanken und sehr verzweifelt: Wissen Sie denn vielleicht einen
Spruch? -- Sie erschrak.

Aber sie dachte nicht weiter, suchte umher, aber nun war sie durch die
Verse vorhin an Hlderlin gefesselt, ihr fiel ein: >Wie so selig doch
auch mitten im Leide mir ist<, und das sinnlose Wort lie sich lange
nicht abschtteln, bis sie endlich wieder jenes erste erhaschen konnte,
und im dunklen Gefhl, da es irgendeinen Sinn habe, sagte sie leise das
Ganze auf:

   Heilig Wesen! gestrt hab ich die goldene
   Gtterruhe dir oft, und der geheimeren
      Tieferen Schmerzen des Lebens
         Hast du manche gelernt von mir.

   O vergi es, vergieb! gleich dem Gewlke dort
   Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du
      Ruhst und glnzest in deiner
         Schne wieder, du ses Licht!

Sie hatte nach der Lampe gesehen, solange sie sprach, und nun, ohne erst
mit Augen zu fragen, wute sie, da sie zu ihm hinzugehn hatte, aber
jetzt war es der Erasmus, dem sie die Hand auf die Schulter legte.
Whrend vor ihren verdunkelten Augen die Wnde der Kapelle sichtbar
wurden, die Pfeifen der Orgel, die Fensters, hrte sie das aufsteigende
Schluchzen in der Brust des Mannes, das er noch bezwingen wollte, dann
fhlte sie ihre linke, herabhngende Hand heftig ergriffen, und diese an
seine Schlfe pressend, da es sie schmerzte, weinte er, und sie hielt
still, bis er genug hatte. Einmal, wie ein Knabe, der glaubt, sich
entschuldigen zu mssen, brachte er hervor, ungeschickt und klglich:
Sie war doch nie da, und nun ist sie ganz fort. Renate bi die Zhne
zusammen; langsam hrte er auf. Um ihn ja nicht zu beschmen, ging sie
eilfertig hinaus.

In ihrem Zimmer sa Renate lange auf einem Stuhl, bi ins Taschentuch
und dachte, es sei nicht anders, und sie msse dem Erasmus nun
schreiben, da er sie haben knne. Sie fhlte mit furchtbarem Reiz den
Zwang, irgend etwas zu tun, als sei da ein Strom des Leidens, ber den
ein einzig Mal und in diesem Augenblick der Damm einer Tat geworfen
werden msse, und wenns eine Untat war. Der Erasmus hatte niemand, und
ihm stand sie doch nah, und der reiche Mann hier, der Herzog, der hatte
gleich jemanden bei der Hand. Ihr quoll das Herz von Elend, die Zunge
ward ihr bitter im Mund, sie sprang auf, lief zur Tr, auf den dunklen
Flur und an ein Fenster. Aber es war kein Licht mehr im Saal. Im Dunkel
gestrubte Gestalten von Bumen schttelten sich, wankten, schlugen mit
sten; schwer go der Regen, und die Dachpfannen lrmten. Einmal, dachte
Renate sinnlos, sind wir ja alle tot. -- Als aber jetzt ein
Geisterscheinen durch die Nacht ging, hielt sie es fr die abgeschiedene
Seele, die in Sturm und Nchtelrm auch noch nicht wute wohin,
herumwehend, nach Seufzern der Lebenden haschend und langsam, langsam
sich verlierend in das Allgemeine der dmmrigen Welt.

Sie trat zurck vom Fenster, ging in ihr Zimmer, entkleidete sich mde,
legte sich und verlor in Blde Sinne und Herz in dem den Dmmerland der
zerflieenden Trume.


                                 Sommer

Renate sa auf dem Rand des Deiches im Schatten des hinter ihr stehenden
Sonnenschirmes, lie die Fe nach unten hngen, hielt die Hnde ber
Buch, Briefblock und Bleistift im Scho gefaltet und betrachtete die
hellblaue, sonnenglitzernde Wasserflche vor ihr mit tiefem Behagen. Als
sie sich satt gesehen zu haben glaubte, legte sie das Buch neben sich
ins Gras, klappte den Lschblattdeckel des Briefblocks um, setzte die
Feder an und schrieb:

Lieber Josef!

An meinem Geburtstage kam ich diesmal leider nicht --, wollte sie
fortfahren, allein das war nicht mglich. Es gab nichts zu schreiben.
Sie wollte sich besinnen, weshalb das so war, fand aber keinen Grund,
worauf sie das Blatt lostrennte, es erst zusammenfalten wollte, dann
aber wie es war aus der Hand fliegen lie. Es stolperte mhselig, vom
Luftzug unbeholfen gesttzt, die grne Deichwand hinunter bis unten, wo
es gro und wei haften blieb. Wenn ich nun wte, ob Flut oder Ebbe
ist, dachte Renate geringschtzig, knnte ich ja noch warten, bis es in
See sticht. Ein schnes weies Blatt mit Wasserlinien und Lieber Josef!
darauf drfte gengen. Sie wartete wirklich ein Weilchen, sah eine, zwei
Wellenzungen -- trge, als ob es die Mhe nicht lohnte, nach dem Blatt
emporlecken, dann hatte sie genug, sah auf das neue Blatt auf ihren
Knien, setzte wieder an und schrieb in einem Zuge:

Ach, Georges ...

Ein ganz kleiner Wind mchte gar zu gern den unteren Rand des Blattes
hochheben, auf dem ich schreibe, immer wieder versucht ers, seine
unsichtbare, kleine weiche Hand drunter zu schieben, bis ich ihm einen
Klaps gebe, dann ist er fr Augenblicke still. Auf dem Papier liegt
Schatten, und links unter mir liegt ein unfrmliches Ungetm von
Schatten die Grasbschung hinunter, das bin ich mit dem hinter mir
stehenden Sonnenschirm; rundum aber ist alles Licht, schwellendes,
singendes, funkelndes, flimmerndes, tanzendes Sommerlicht, aber was mir
im Ohre, im Blute rauscht, leise rauscht, anschlagend immerfort, immer
wieder, ununterbrochen, das ist die See, die See dicht mir zu Fen am
Deich, auf dem ich im Grase sitze, die See, die, wie mir scheint, in die
hchste Flut gestiegen ist, die beim Landwind nicht brandet, sondern nur
anschlgt, immer wieder, ein kleiner Schlag, und wieder -- ein leichter
Schlag, und so fernhin zur Linken, und fernhin zur Rechten am Ufer die
leise Bewegung des weien Bandes, das zurckgezogen wird und wieder
angeworfen, so leicht, so leicht ... Aber wenn ich die Augen hebe, liegt
sie still und gewaltig da, nicht eben unermelich, der Horizont ist ganz
nah, es ist nur ein kurzes Stck Wasser, das ich sehe, aber es ist doch
unermelich, denn es endet nirgends, und es bewegt sich so
geheimnisvoll, es ist wie eine ungeheure Masse von Wesen, Tierwesen,
Gtterwesen, gestaltlos aufgelst und doch wesenhaft, als knnte jeden
Augenblick Gebrde und Blick und Leib deutlich herausspringen und sich
zeigen, aber schon versinkt es wieder und ist so beklemmend allgemein,
Heerscharen, nur Heerscharen heranstrmender Seelen, die niemals
nherkommen. Und khl ist es dabei, wonnig khl und glitzernd und wrig
dunkelblau und unsagbar ruhig unter der groen Sonne am Himmel.

Ich hab die burgunderrote Seidenjacke an, Georges, es wre mir aber
nicht unlieb, wenn Du Dir den hinter mir stehenden gelblichen
Leinenschirm weg dchtest und an seiner statt -- Septentrio, sanftesten
Seewind, einen kiefernbraunen Gtterjngling, der mit ebenhlzernem
Kamme -- -- soweit. --

Lieber guter Georges, als ich zuerst eben Deinen Namen schreiben
wollte, htte ich fast mit einem S angefangen und Schorsch geschrieben
oder auch Schorschl. Siehst Du, so wohl ist mir! Nicht ganz christlich
wohl, denn wir haben ja vor kaum acht Tagen die arme Helene zur Ruhe
gelegt auf der kleinen Insel im Swasserteich. Am Rande einer kleinen
Lichtung liegt sie, wie sie es gewnscht hatte, unter einer Blutbuche.
Kein Grashgel ist zu sehn, nur flacher, grner Rasen, und am Baumstamm
ist eine eherne Tafel, von weitem kaum sichtbar, auf der steht nur

                                _Helene_
                                Herzogin

Der Herzog war fast drei Wochen fort; ich sehe ihn nun zuweilen von
weitem im Park sitzen. Georg ist wieder fort ins Semester.

Lieber Freund, es ist ein Wintertag gewesen, und an diesem Wintertage
verlor sich diese Renate Montfort und sagte zu Georges, weil er etwas
gesagt hatte, das ihr nicht gefiel: Geh hinaus. Da ist er aufgestanden
und hinausgegangen, und sie sa bse da und zerri ihr Taschentchlein
wie so eine Hysterische, bis er wieder hereinkam und sagte, es htte
aufgehrt mit Regnen. Da ist sie aufgestanden und vor ihn hingetreten,
hat aber nur ihr rechtes Handgelenk auf seine linke Schulter gelegt und
ist so einen Augenblick dagestanden und hat den Kopf gesenkt gehalten
und ist hinausgegangen. Ich habe eben versucht herauszubekommen, was ich
gedacht haben mag in jenen Augenblicken, aber es mu feststehn, da ich
wirklich nichts gedacht habe, nur etwas empfunden. Ich glaube, bei
Mnnern ist das unmglich, und ich sage gleich, da sie es deshalb
besser haben, denn sie wissen sich immer zu helfen mit einem obstinaten
Gedanken, wir aber sind uns selber preisgegeben, mssen aus solchen
Pausen des Nichtseins nachher handeln, und alles wird verkehrt. Sonst
habe ich ja diesen ganzen, traurigen Winter lang nichts getan als
herumgegrbelt, es war entsetzlich, ich wei nun erst, wie meiner armen
Magda ums Herz gewesen sein mu in dem Winter vor zwei Jahren.

Sage, Georges, ist es wahr, da in der Gntherstrae die Sonne nicht
mehr scheint? Oft, so oft, wenn ich mittags am Fenster stand und den
alten Mann in seinem schwarzen Mantel, gebckt und schneewei auf dem
Weg um die Sonnenuhr wandern sah, so dachte ich, da er den Schatten von
der Uhr fortgenommen habe und selber der Schatten sei, der in
furchtbarer Schnelle herumkreise und die ganzen Sonnenstunden des Tages
abwirble, und wenn er pltzlich fort war, war auch keine Zeit mehr im
Garten und im Hause, und alles stand still.

Es war immer Schlackerschnee und Regen, solange ich diesen Winter
zurckdenken kann, nur einmal erinnere ich mich eines Vorfrhlingstages,
da fuhr ich zu Irene, und die Sonne schien, aber siehst Du: in der
Gntherstrae war das nicht. Und ich krnkelte immerfort -- wann wre
ich frher krank gewesen! -- und oh wie mir am ganzen Leibe zumute war,
das kannst Du ja gar nicht ahnen, und ich kanns nicht beschreiben.

Aufblickend dachte Renate, da aus den zwei Tagen, die sie allmonatlich
zu ruhen pflegte, mit der Zeit fnf geworden waren, wo sie sich kaum zu
regen vermochte, wo sie kaum ein Stck Kleidung am Krper ertragen
konnte und immer nur auf dem blauen Sofa lag, halb oder ganz entkleidet,
stundenlang manchmal vor sich hin weinend vor Gram und Hlflosigkeit
ber sich selbst, aber das konnte sie ihm nicht gut schreiben, und sie
fuhr fort:

Tagelang, wochenlang drckte mich jedes Band, jede Falte auf der Haut,
ich kam mir neidlos vor wie die berchtigte Prinzessin auf der Erbse,
und wieder tagelang und wochenlang war ich so schlampig, da ich vor
reiner, oder vielmehr unreiner Trgheit manchmal des Morgens nicht
gebadet habe, sondern blo abends. Ich wei nicht, woher ich so war,
denn das kann ich doch nicht auf mein Herzeleid wegen Onkel Augustins
schieben. -- Was es auch gewesen sein mag, so bitte ich Dich jedenfalls
heute herzlich um Verzeihung wegen jeder Laune und Unwirschheit, wobei
mir albernerweise einfllt, da ich noch nie einen Menschen habe sagen
hren, er sei wirsch, aber nun bin ich wirsch.

Da ist der Bleistift abgeschrieben, und ich habe kein Messer, um ihn
anzuspitzen, und Georges ist nicht da, der ein Messer haben wrde, und
ich denke, wenn mans wagen knnte, so wrde ich mich jetzt
splinterfaselnackt ausziehn und von oben ins Wasser springen, da wo es
am tiefsten ist. Leider konnten wir noch nicht in der See baden, es ist
noch zu kalt. Ich hole das letzte Bichen Graphit aus dem Bleistift
heraus, sende Dir viele schne Gre und anbefehle, da Du sptestens am
fnfzehnten Juli in Helenenruh zu erscheinen hast. Helenenruh gehrt
nmlich jetzt Magda, und da sogar der Herzog sich als ihr Gast
betrachtet, so wirst Du kaum herzoglicher als der Herzog sein wollen.
Gr Gott, Georges, und mach, da Du kommst! Stets Deine alte Renate.

Renate legte die Bltter zusammen und in das Buch, auf dem sie
geschrieben hatte, legte es ins Gras und streckte sich lang aus. So lag
sie eine halbe Stunde, oder eine ganze, sie wute es nicht, die Hnde
unterm Kopf, friedlich aufgelst in Sonnenschein, Himmel und Gerusch
der See. Dann stand sie auf, klappte den leinenen Sonnenschirm zu,
klemmte ihr Buch unter den Arm und schlenderte langsam ber die Wiesen
hin, im Gehen einen lockern Strau von gelben Sternblumen und Grsern
sammelnd. So geriet sie in den Schatten des Parks, wanderte hindurch und
geriet an den Teich, ging zur Bank, die dort stand, und setzte sich,
machte ihr Buch auf und las ein Stck im Groen Kriege der Ricarda Huch,
merkte aber, da es sich nicht gut las im Freien und in der Sonne. Ja,
dachte sie aufsehend, wie kann man im Sonnenschein lesen: Graues Gewlke
bedeckte den Novemberhimmel, oder dergleichen? Aber sonderbar, da nur
das knstliche Licht abprallt -- denn dabei gehts doch! -- aber die
Sonne lt ihrer nicht spotten ...

Das Stck des Weihers vor ihr war glatt und schwarz, Himmelsblau und
Wolken erfllten die Tiefe, vielmals tiefer als der Weiher selber war,
zur Rechten war alles grn, eine rasenhafte Flche von Entenflott, ja
dort war wohl Magda hineingeritten und hatte Jason herausgeholt. Wie war
das zu verstehn? Jason, der herumging wie eine sonderbare Abart des
lieben Gottes, der sollte hier -- --? Magda freilich, -- ihre Tat war
eher zu verstehn heute. Nur dunkel tauchte in Renate eine sonderbare
Prophezeiung auf, -- ach lngst erledigt und abgetan! -- Renate sah nach
links hinber zu den Baumkronen der Insel in einiger Entfernung.
Sonderbar, die kleine Brcke, die dort hinberfhrte, stand ja schrg
empor? Richtig, sie erinnerte sich, da ein Gewinde daran war, um sie
durch einen Knopfdruck, wenn man auf der Insel war, steigen zu lassen,
so da niemand herber konnte, denn es war ja einmal ein Liebespavillon
auf der Insel gewesen, die Trmmer waren erst jetzt fortgerumt, denn
nun war es ein Friedhof; und nun hatte der Herzog wohl auch das
durchgerostete Hebewerk erneuern lassen. Renate dachte an Stckelschuh
unter breiten Seidenrcken, an zierliche Krummstbe, Bnder und
schferliche Hte, die einmal ber diese Brcke geglitten waren.
Schwerer trug sich ein Sarg von Ebenholz mit silbernen Beschlgen an dem
traurigen Tag der Fackeln und Flre, seltsam flatternd in krftigem
Seewind und hellem Sonnenschein.

Indem bewegte sich etwas auf der Insel, ein Mensch, schwarzgekleidet,
kam auf die Brcke zu, von einem andern, kleineren begleitet, der Herzog
auf seinen Stcken. An der Brcke blieb er stehn und schien
herberzublicken. Dann ging er ber den Steg, blieb stehn, und nun
entfernte sich der Andre, Dr. Birnbaum wars, nach dem Schlo hin. Der
Herzog kam auf dem Uferwege auf ihre Bank zu, langsam, Stock um Stock
und Fu um Fu vorwrtssetzend, vornbergebeugt, -- Renate blickte fort,
um es nicht mit anzusehn. Als sie seine Schritte nahe hrte, stand sie
auf, er versuchte eiliger zu gehn und bat sie schon, sitzen zu bleiben.
Bald darauf sa er neben ihr, erhitzt von der Anstrengung, sein Keuchen
unterdrckend, die Stcke zwischen den Schenkeln, barhaupt. Renate fand
ihn stiller, die Augen freilich hatten sich noch nicht gnzlich wieder
in der Gewalt, und ein Blick von sonderbarer ngstlichkeit kam dann und
wann zum Vorschein. Verquer dazwischen fuhr dann ein gewaltsamer
Ausdruck von Verchtlichkeit, am Munde im Bart verzuckend. So sa er
eine Weile still, ber den See hinblickend, sah dann zur Seite, sah
Renates Buch auf der Bank, rhrte mit der Hand daran und sagte, er habe
sie hoffentlich nicht gestrt. Renate, schon zufrieden, da er sich
wieder an einen Menschen gemacht hatte, dachte, da er nun einen Anfang
gefunden habe, und lchelte nur verneinend; da er aber wieder schwieg,
sagte sie ihm, was sie eben gedacht hatte vom Lesen im Sonnenschein. Er
hrte zu und schwieg weiter, sagte dann, einen Schweitropfen mit der
Hand von der Stirn wischend: Ein hbscher Gedanke, ja, sehr hbscher
Gedanke. Meine Frau las viel, auch die letzten Jahre wieder konnte sie
sich doch vorlesen lassen, ja, sehen Sie, das mu man doch sagen, ja,
das mu man doch sagen, da es, solange ein Mensch lebt, solange er
leben mu, nichts Unertrgliches gibt. Ihr Kopfschmerz war so, immer
durch Tage, ja durch Wochen hin so, da sie in den ersten Jahren mit
Gewalt am Leben gehalten werden mute. Ja, und dann hat es sich doch
gegeben, oder vielmehr sie ist es gewohnt geworden. Mitunter waren ja
auch Tage, zwei Tage, drei Tage, wo der Schmerz nur ganz leicht war. An
den schweren Tagen soll es so gewesen sein, als ob -- also wie diese
mittelalterlichen Mundbirnen -- als ob ihr die Knochen des Kopfes von
einer ungeheuer langsamen Gewalt auseinandergetrieben wrden, aber das
waren nur die Nerven, ja nur die Nerven. Sehen Sie, und das dauerte nun
bald zwanzig Jahr.

Er hatte langsam, aber doch leicht und ruhig, beinah trocken vor sich
hingesprochen. Jetzt drehte er sich zu Renate herum, legte die Hand auf
das Buch und sagte:

Die Weisheit des Herrn ist unvergnglich, und seine Gte whret
ewiglich. Dies Wort ging so in mir herum, und sehen Sie, ich finde es
doch erstaunlich, wie die Menschen solche Worte aufgestellt haben. Man
kann fast nicht daran rtteln, es steht so da wie ein Turm, und wenn es
sich auch nicht denken lt, so lt es sich doch sehn, nicht einsehn,
aber sehn, jawohl ...

Nun schwieg er wieder und sah vor sich hin. Renate dachte, da dieser
Mensch wahrscheinlich niemals geschwiegen habe. Er konnte alles sagen;
was er wollte und wie ers wollte. Immer waren Menschen da, die es
anhren muten und darauf eingehn. Und vielleicht gerade, weil er gegen
seine Frau zum Schweigen verurteilt war, hatte dies ihn um so
leichtherziger gemacht im Aussprechen seiner Gedanken gegen die Andern,
gegen seinen Sekretr vor allem, der ihm durch den Tag hin anhing wie
ein Schatten. Denn das Eigentliche war es doch nie, was er sagen konnte,
oder wenn es schon das Eigentliche war, so konnte ers doch nicht auf die
rechte und innerst gewnschte Weise hervorbringen, und es war -- aber in
diesem Augenblick hrte Renate ihn wieder sprechen und merkte betroffen,
da er eben das, was sie zu denken im Begriff war, aussprach, indem er
anfing:

Ich will Ihnen sagen -- es ist nun schon so, da ich den Mund nicht
halten kann, unterbrach er sich lchelnd -- ich will Ihnen sagen, da
ich eigentlich jahrelang, zwanzig Jahre lang in einer fremden Sprache
geredet habe. Ich habe nicht wenig geredet, es war ja immer wer zum
Zuhren da, aber immer habe ich meine Gedanken erst so bersetzen
mssen; in die Fremdsprache. In der eigentlichen schwieg ich mich aus,
in der htte ich mit Helene reden knnen, aber nun war das ja
zugeschttet. Haben Sie, fragte er, sich unterbrechend, meine
Schwester kennen gelernt? Richtig, Sie spielten uns ja vor neulich
abend! Ja, mit der Frstin habe ich wohl auch hier und da ein Wort in
unsrer Muttersprache gesprochen, aber es war doch nicht die richtige,
nein, es war nicht die richtige.

Er fate sich mit der Hand nach den Augen, als gebe es etwas
wegzustreifen, und sagte:

Es ist mir doch fortwhrend, als wre sie selber wie ein Schleier vor
mir weggenommen, und ich kann sie nun erst sehn, wie sie wirklich war,
und was ich -- nie besa, und was ich nun endgltig verloren habe.

Er hielt inne, und Renate merkte wohl, da dies auch nicht die rechte
Sprache war, und wie er herumtastete, hlflos genug, und nach um so
gemeineren, allgemeineren Worten griff, je heftiger ihn nach
eigentmlichen verlangte. Hastig sprach er schon weiter, auf einmal von
seinem Malheur, an das er nun immer denken msse, dies merkwrdige
Zusammentreffen mit dem Krankheitsbeginn seiner Frau, und er erzhlte,
wie das gewesen sei: zwei Stockwerke hoch sei die Planke des Baugerstes
gebrochen, und er habe schwankend und um sich greifend sich noch gesagt:
springen und -- vornberfallen, sonst ist das Rckgrat zum -- da lag er
unten, die beiden Fe waren einfach ab. Anfnglich habe er, als es mit
dem Gehen nichts wurde, geheult wie ein Dorfkter an der Kette, -- er
lachte gutmtig und zeigte Renate eine Narbe am Handgelenk, die sei vom
Einschlagen der Glasscheibe am Gewehrschrank, den sie zugeschlossen
hatten, ja, damals sei er ganz auer Rand und Band gewesen. Wie sich
denn aber das Leiden seiner Frau so hartnckig erwiesen habe wie seine
Gehunfhigkeit, da habe er nachgegeben und um so leichter verzichtet.
Vielleicht, meinte er, htte ich sogar gehen gelernt, der Arzt sagte
sowas von ein paar Jahren, dann wrde alles wieder zurechtgewachsen sein
...

Aber sehen Sie, hrte Renate ihn wieder deutlicher reden, da sie sich
aus den Vorstellungen und Bildern, die seine Worte erzeugten, losmachte,
da wollte ichs denn auch nicht mehr, wenn Sie vielleicht eine Ahnung
haben, was Warten ist, Warten, wie sie und ich auf ihre Heilung, auf
Linderung gewartet haben, erst Wochen, sechs Wochen, neun Wochen, zwlf
Wochen, und auf einmal warens Monate, drei Monate, fnf Monate, acht
Monate, und nun -- Jahre, ein Jahr, drei Jahre, vier Jahre, fnf Jahre,
sechs Jahre und am Ende -- alles umsonst.

Er schlug die Handballen gegen die Stirn, krmmte und wand sich
innerlich. Gleich aber ermannte er sich wieder, setzte sich gerade,
fate seine Stcke und sagte:

Ja, sehen Sie, dabei bin ich nun das hier geworden. Sie glauben
vielleicht, ich wre als Junge so was gewesen wie Georg. Ha, der Junge
denkt in einer halben Stunde soviel wie sein Vater nicht im halben
Jahr! Er lachte. Ich sage nicht, da ich mit ihm zufrieden wre, man
mu ihn schon lassen, da lt sich nichts ndern, brigens ist er die
Monate jetzt in Trassenberg stramm hinter der Arbeit gewesen, mein
Sekretr bezeugts, also ist es wahr. Ein komischer Bursch. Ja, hren Sie
mal, wir machten eine kleine Reise zusammen, gehen in einen Laden, und
ich kaufe was fr Helene, da habe ich kein Geld bei mir und sage ihm, er
solls auslegen. Ja, er htte kein Geld bei sich, sagt er. Nun, das kann
vorkommen, aber ein paar Tage spter passiert dieselbe Geschichte, und
da erzhlt er mir denn, er htte berhaupt niemals Geld und zeigt mir so
zwei, drei Goldstcke, das sei alles, die brauche er hin und wieder zum
Verschenken, und zeigt mir ein Scheckbuch und sagt: >Ich schreibe
immerzu meinen Namen.< Unbegrenzten Kredit _haben_, ist gro, sagt er,
ihn bentzen kann nur kleiner sein, -- oder so hnlich. Nein, da war ich
ein Windhund gegen ihn. >Hchstes Glck der Erde,< wie der Dichter
singt, >heit der Adelsspruch, liegt auf dem Rcken der Pferde< und so
weiter. Ja, das waren auch Zeiten! Er sah an Renate vorber weit weg in
die Erinnerung.

Eines Tages, begann er wieder mit leiserer Stimme, eines Tages sagte
eine junge Dame zu mir, weil ich irgendwas nicht gewut hatte: >Wie kann
man so dumm sein!< Das hatte ich noch nie gehrt, und nun von solch
einem Wesen mit groen Augen und braunen Haaren! Die Sache war schon
abgekartet, sie war Hofdame und wrde nicht viel haben, aber doch gerade
so ein Stck Land, das meinem Vater zur Abrundung fehlte, sie war
reichsunmittelbar, und so pate alles, blo ich habe ihr ganz und gar
nicht gepat. Wir verlobten uns allerdings, und ich war heftig verliebt,
sie aber schickte mich auf Reisen. Mein Vater hatte nichts dagegen, und
so reiste ich, ja, ich reiste nicht allein, ich hatte eine Geliebte, die
nahm ich mit, ich war trotzig auf meine Braut, so fuhr ich um die halbe
Welt, aber ich kam wohl nicht viel anders wieder, als ich ausgefahren
war. Ja, nun hren Sie, wie es mir erging. Ich hatte doch gedacht, meine
Braut wrde das nicht merken mit meiner Reisebegleiterin, aber weit
gefehlt, denn sie hatte mich auf der ganzen Reise von einem Freund
beobachten lassen -- dies gestand sie mir erst Jahre spter --; und
also, wie ich wieder vor sie hin trete, sagt sie: Wo bist du gewesen? --
Es ging mir durch und durch, wie sie mich ansah, dermaen kaltbltige
Augen machte sie, und ich fing an zu stottern. Bisher, sagte sie da, ich
hre es noch heute, bisher habe ich dir wenig gentzt; nun kannst du
noch mal andersherum um die Welt fahren, dann werden wir weiter sehn. --
Diesmal aber gab sie mir einen Freund mit, einen kleinen Juden, den ihr
Vater als Bocherknaben aufgegriffen und erzogen hatte. Er hatte alles
gelernt, was es in der Welt zu lernen giebt, sprach viele Sprachen, war
so unauffllig wie eine Katze, so bescheiden wie ein wohlerzogener Hund
und so klug wie Rabbi Lw, nun, Sie kennen ihn, er hat sich seitdem
verndert, es ist mein Doktor Birnbaum, der ging also mit, und da gingen
mir die Augen auf. Als ich dann wieder kam, -- nun, was mich selber
angeht, ich hatte einen Eckstein zu mir gelegt, und sie fiel mir damals
um den Hals und sagte, sie wre gestorben, wenn sie mich nicht gekriegt
htte. Sie htte mich ja nicht gewollt, grollte ich da. Dummes Zeug,
sagte sie, ich --

berdem gingen ihm die Worte aus, seine Augen verdunkelten sich, es
rauschte im See, er drehte sich heftig um, der schwarze Artaxerxes
kletterte von der Insel ins Wasser, schlug mit dem lebendigen Flgel und
glitt schaukelnd davon.

Ein Jahr, sagte der Herzog vor sich hin, neun Monate lang war sie
jung und schn und zierlich; ihre Hnde griffen krftig zu, und so
packte sie mein Herz, sie lie ihrer nicht spotten, ja, und nun ist sie
ja tot ...

Der Schwan hatte einen Bogen geschlagen, kam nun in schnurgerader Bahn
auf die beiden Sitzenden zugeschwommen, hin und wieder den Kopf drehend,
ein wenig emporfahrend bei jedem Sto des ruhig treibenden Fues.
Gleichzeitig wurden Schritte hrbar, Doktor Birnbaum erschien, langsam
am Ufer hergehend. Der Herzog wandte sich nach ihm um, nickte und sagte,
wieder zu Renate gedreht, trbherzig spottend: Der Arzt mit der
mahnenden Arzneiflasche Arbeit.

Der Doktor nahm ein Stck Brot aus der Tasche, brach Brocken ab und
streckte die Hand aus; der Schwan schwamm ans Ufer, stieg herauf, der
lahme Flgel hing kahl und ergraut zu Boden, er streckte den Hals, nahm
den Brocken und verschluckte ihn; dabei sah er mit dem roten,
stirnartigen Wulst ber dem Schnabel und den rotgernderten Augen nicht
klger und nicht stolzer aus als ein huslicher Hhnervogel. Der Herzog
seufzte leicht und stand auf.

Doktor Birnbaum, sehen Sie, hat auch den Schwan repariert, sagte er,
schon benimmt er sich wieder zahm und manierlich.

Er nahm die Stcke in die linke Hand, streckte Renate die rechte hin und
bat, ihm nicht zu zrnen ... Sie konnte ihn nur herzlich ansehen und ihm
die Hand drcken. Er drehte sich weg, reichte dem Doktor einen Stock und
fate seinen Arm. Renate wandte sich ab.

Auf dem grnen Uferstreif hockte der Schwan und putzte mit dem Schnabel
an dem vertrockneten Flgel. Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn
herunter, dann kam Magda, um sie zum Frhstck zu holen, aber sie schien
dem Schwan nicht zu gefallen, er fauchte, machte sich auf, stieg ins
Wasser und zog mit unwilligen Kopfbewegungen davon. Magda lchelte und
meinte, er habe es ihr nicht vergessen, da sie ihn berflog, -- fragte
dann, ob Renate mit dem Herzog gesprochen habe. Renate versuchte,
whrend sie auf das Haus zugingen, einiges von dem, was er gesprochen
hatte, wiederzugeben, gewahrte aber jetzt, als habe Gewlk sie bisher
verdunkelt, die Sonne wieder, den juligrnen Garten, atmete auf, brach
einen Satz inmitten ab, legte einen Arm um die Freundin und sagte:

Ich mchte dich an der Hand fassen, wie meinen Vater als Kind, wenn ich
>blind< mit ihm spielte, und so mit geschlossenen Augen durch den Wind
und den Sommer hingehn.

Sie blieb stehn, schlo die Augen, streckte die Arme ein wenig rechts
und links und rief leidenschaftlich: Ach, ein Unsichtbarer hat uns ja
doch immer an der Hand und fhrt uns durch Winter und Sommer, wohin er
will.


                       Siebentes Kapitel: August


                                 Frhe

Georg erwachte im Finstern und hrte den Donner rollen, blieb aber so
sehr in der Verschttung des Schlafs, da er sich einbildete, er trume,
nur aufseufzte und sich streckte. Dann war aber ein Mensch im Zimmer,
und mit gelindem Erschrecken erschien ihm in einem schwachen
Blitzleuchten Cordelias weies Gesicht und das glnzende Schwarz ihres
Mantels. Indem er noch murmelte, was sie denn wolle, fhlte er ihre Hand
auf seinen Augen, die sie zudrckte, und am Einsinken der Matratze, da
sie neben ihm kniete. Dann hrte er sie den festen Laden, ber ihn
hingebeugt, zart umlegen und verriegeln, endlich auch das Schiebefenster
langsam, fast geruschlos herabziehn. Im Begriff, etwas Dankbares zu
murmeln, schlief er wieder ein.

Als er dann wieder zu sich kam, war es dmmrig, fast noch dunkel im
Raum, doch hingen unmittelbar ber ihm an seiner Linken Lichtfden im
Laden, und schon hellwach und frisch sich zurcklegend, sah er die
beiden ausgeschnittenen Herzen im Holz oben matt leuchtend schweben. --
Es regnet wohl, dachte er, schade! in schwacher Erinnerung an ein
Gewitter bei Nacht. Ach, sieh an, wie wundervoll ich jetzt schlafe,
selbst bei Donner und Blitz! -- Und die Arme mit geballten Fusten
ausstoend und beugend, fhlte er sich krachen und strotzen von grner
Gesundheit.

Aber ich hab mir doch ber etwas klar werden sollen ber Nacht, fiel ihm
ein, und im Augenblick auch schon der homerische Vers: [Griechisch:
Polla d'ho g'en] ... der dritte der Odyssee, ber den sie gehadert
hatten miteinander, bis ihnen die Augen zufielen, weil Cordelia gesagt
hatte, es sei der prachtvollste Vers aller Dichter und Vlker, worauf
aber er sich anheischig gemacht hatte, ihn nichtsdestoweniger in sein
geliebtes Deutsch zu bertragen, aber war sie vielleicht
zufriedenzustellen? Nun, er selber wars auch nicht, aber nun wollte er
es gleich noch einmal versuchen ..

_Polla d'ho g'en ponto pathen algea hon kata thymon ..._

Ah nein, was waren es auch fr Worte, was war es fr ein Rollen und
Knattern, eine strotzende Vollheit im Wohlklang der wechselnden O- und
A-Laute, und hinter dem kstlich geschmeidigen _algea_ das schroff
gesetzte _hon_, dann das kalt schmetternde _kata_ und endlich -- ihre
ganze Wonne -- nach all den dunkelklaren und grooffenen Lauten das
tiefe, hinziehend glhende: _thymon_ ...

Voll des Grames da ward vom Meere die Seele des Khnen ...

Nein, sie hatte recht, es war nichts. Khnen hatte sie freilich als
schn erfunden zugeben mssen, da _thymos_ ja nicht nur Seele hie
sondern auch Mut, -- aber wo waren die vielen O und A? Den Ersatz durch
die zwei prachtvollen E-en konnte Georg jetzt auch nicht mehr
aufrechterhalten und begann, nach As und Os zu suchen, wlzte sich umher
und bekam endlich nach vieler Mhe zusammen:

Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Khne.

Freilich zu wenig A-en waren es immer noch, aber es klang doch sehr
schn: Zornvoll, gramesvoll ward ... Wie spt war es eigentlich? schon
fnf und Zeit zum Aufstehn? -- Aber die Uhr vom Nachttisch ertastend,
erkannte er, da es noch nicht halb fnf war. Ah dann konnte er einmal
die Sonne aufgehn sehen!

Das kaum fuhoch ber seiner Matratze eingesetzte Fenster hochgeschoben,
den Laden auseinandergeschlagen, empfing Georg den erstaunlichen Anblick
einer dunklen Welt, in der es schon Tag war. Nicht Tag, -- es war
seltsam verhangen, aber schon hell, die Sonne noch nicht aufgegangen.
Kein Vogellaut lie sich hren, Totenstille war umher, der Himmel oben
grau, aber siehe da -- gerade drben berm unermelich dmmernden Land,
blitzend in gldener Weie, stand der Morgenstern in klarem Raum, einsam
in unendlicher Khle. Nun begriff Georg auch den Schauer der Stille im
eigenen Herzen, die von dem groen Stern ausging. Heilig stand er, ein
silberner Erzengel, gebieterisch, ein Herold des Ewigen, nicht frstlich
bei aller Hoheit, ein Diener des Frstlichen, und hinter ihm -- das
undurchdringliche Fernengrau der Leere, die dmmernd bluliche
Unendlichkeit voller Straen, die sich, alle zusammenlaufend, ins
Unermeliche verloren: Alle diese bleiben euch unzugnglich, sagte er
ernst. -- Georg konnte die Augen nicht wegwenden von der strahlenden
Hoheit, und als er es endlich wagte und in den Garten hinabsah, war es
ihm, als brenne der Stern seinen Blick durchdringend auf seine Stirne
ein.

Stille unter ihm lag die halbkreisfrmige kleine Plattform aus gelbem
Kies, von der, unter der Rosenhecke hinweg, der grne Rasen nach allen
Seiten abflo; still in der Mitte die roh gefgte Steintreppe, von
Moosen und Staudengewchsen und schnen Glsern bedrngt, ruhig
hinabsteigend zum groen, rechteckigen Becken grndurchwachsenen
Wassers, das kaum glnzte, die gemauerten Rnder berwuchert von Binsen,
Schilf und _Iris sibirica_. Seitlich stiegen die Bschungen sacht an zum
wagrechten Wiesenboden, der sich unter Buschwerk und Bume verlor, an
unzhlbaren Stellen besetzt mit den groen weien und farbigen Flecken
der Blumen und Staudengewchse, die, jetzt matt scheinend, alle
berleuchtet wurden von den mannshohen Pfeilern des Edelrittersporns,
bekleidet rundum mit dem kalten und tiefen Blau der groen Blten. Wie
aber war die ganze Senke eingeschlossen in regungslose, betrachtende
Erwartung des kommenden Lichts! Wie unsglich stille verhielten sich die
bebltterten Ranken der Crimsonrose mit schweren Bltenbscheln, die
jenseits des Wasservierecks vom pfeilergetragenen Balken hingen! und
ringsumher wagte kein Hauch sich zu regen in den Struchern, den Hgeln
der groen Aspiren, den umschlieenden alten Bumen, durch deren breite
Lcke und ber die hinweg Georgs Blick nun mit Andacht hinauswanderte in
das stille Morgenland, ber die Weideflchen seiner Ebene im farblosen
Licht, bis hin zu den Schatten der Wlder.

Wieder ausgestreckt, auf den linken Ellenbogen gesttzt, erwartete auch
Georg den Tag.

Langsam erst jetzt, unmerklich vorquellend, drang die Morgenfrische zu
ihm herein, so unbeweglich war die Luft. Georg schlo die Augen und lie
es rieseln um sein Gesicht. -- Sie schlief wohl noch unter ihm, die arme
Seele. Arme Seele -- wie sie sich in ihren Briefen, auch im kindlichen
Geplauder mitunter nannte -- und die reicher war, tausendmal reicher als
er. War sie nicht wieder im Zimmer gewesen diese Nacht? Freilich -- das
Gewitter -- sie hatte es nahen hren und war gekommen, sein Fenster zu
schlieen. Aber schon frher einmal hatte er, erwachend, sie neben sich
kniend gefunden, dem Fenster zugewandt. Was sagte sie noch? Ich gab mir
doch Mhe, es zu bewahren, aber wer behlt all ihre Einflle? man mte
Jasons Gedchtnis haben. -- Richtig: was machst du denn da? fragte ich,
und sie sagte, den Finger hebend, andchtig: Da zhl ich die Sterne. Ja,
da zhl ich und zhl ich, und immer verzhl ich mich. Sprachs und legte
sich enge zu ihm, und das war wohl ihr Nachtgebet, die Sterne ber ihm
zu zhlen ... Aber dann erzhlte sie noch etwas, ja, er hrte sie leise
lachen und sagen: Rbezahl, das war aber ein dummer Geist, der wo die
Rbsen hat zhlen sollen und net knnen. Na, so eine Dummheit, die ollen
Rbsen zhlen und sich verzhlen. Nein, weit, einer war -- der hat
>Sternezahl< geheien, auch so ein dumms Luder von an himmlischen Engel,
der wo gsagt hat zum Herrgott: die Stern, und die zhlt er ihm schon
lang auf, so vll sans denn do net! Hats aber net knnen. Sondern hat
dagstanden eine ganze Ewigkeit lang und gezhlt und gezhlt und hat sich
verzhln mssen olleweil. Weils halt -- zu -- viel san. Da is er trauri
geworn, schlo sie kleinlaut. --

Aber weit -- sie freute sich wieder -- den lob i mir, i! Net den dummen
... Sprachs, sagte: schlaf wohl! und war verschwunden.

Georg atmete dankbarlich auf und ffnete die Augen. Der helle Stern war
tiefer gesunken und verblat, der Himmel sanft blulich geworden und
wei, ein Wolkenrand, ein Hauch kleiner, silberweier Bogen war lieblich
hingemalt auf die khle, schon leuchtende Wand. Da krhte ferne ein
Hahn. Es wurde immer feierlicher umher; Georg schlug das Herz. Nichts,
das sich regte, -- doch -- im Wasser unten gluckste es, ein Ring zeigte
sich und dehnte sich blinkend aus; es ward heller. Auf einmal wehte ein
khler Atem so lebendig Georg an, so menschenhaft, da es ihn berlief.
Pltzlich hatten die Bltter der groen Akazie dort hinten sich bewegt,
erwachend, nur an einem groen Ast, und berall knisterte es nun leise,
Hupter bewegten sich, Schlfer, die ihre Lage wechseln wollten, wachten
auf, Zweige rauschten sanft, die hohen Knigskerzen bewegten sich
gemessen, Binsen beugten sich und rauschten, unbeweglich standen die
Irisstauden am Wasserrand scharenweis. Und nun wartete alles in
Ergebenheit.

Georg erschrak. Was war das? Etwas Fremdes war ber die Erde gekommen!
Lautlos wie ein Geist war der rote Rand einer gewaltigen Kuppel in der
Nebelferne erschienen.

Georg kniete im Bett. Die Hnde willenlos zusammenlegend, sah er, ganz
nah, die Gewaltige heraufsteigen, die rote, gttliche Riesin,
unleuchtend, stumm, ungeheuerlich, unnahbar einsam, so erhob sie das
mchtige Haupt und sah in die erschrockene Welt. -- Er mute die Stirn
auf den Rahmen des Fensters vor ihm legen, sprachlos, quellenden
Herzens.

Als er wieder aufzusehn wagte, war es Tag. Die Ebene hatte sich mit
ziehenden Schwaden von Nebel bedeckt, die sichtbar ber die glhende
rote Scheibe wogten, die jetzt an einzelnen Stellen golden zu brennen
begann. Von hundert Orten umher zwitscherte es nun und zirpte, in den
Lften flog Gold, ah und wie schwer hing alles Laubwerk und blitzte vom
Gu des Gewitters! Schon entstieg zarter Dampf, kleine, weie
Rauchsulen erhoben sich schwebend ber der Wasserflche, alles
leuchtete und lie sich besonnen.

Georg sprang aus dem Bett, ffnete die merkwrdige Luke am Boden, die
Cordelia fr ihn hatte machen lassen, und stieg die Leitertreppe
hinunter ins Badezimmer.

Von dort erfrischt und sauber zurckgekehrt, kleidete er sich eilig in
ein wunderbares Hemd von gelber Rohseide mit offenem Halskragen, weiche,
vom Ledergurt gehaltene Flanellbeinkleider, Strmpfe von der Hemdfarbe,
und schlich, die braunen Schuh in der Hand, die noch dunkle Treppe
hinunter ins Freie, dann an der Hinterseite des Hauses, so leise er
konnte, an Cordelias offenen Fenstern vorbei ber den Kies -- ah wie die
Rosen dufteten am Rande! -- setzte sich auf die Treppe oben und zog
seine Schuhe an. Langsam schlenderte er darauf von Stufe zu Stufe,
tauchte die Hand in den tropfenbesten Hgel der weien Aspiren und
lchelte, den ganzen Blumenflor berschauend, von dessen tausend Namen
er jeden Tag ein paar hatte lernen mssen, -- nun war alles lngst
unrettbar durcheinander in ihm. Das da hinten an der Bschung war
Schleierkraut, aber wie hie es lateinisch? Und daneben die brennende
Liebe? _Lychnis_ -- ja, _Lychnis chalzedonia_ und mit _robusta_ noch
etwas ... Volksversammlungen der handtellergroen Margueriten blickten
nach ihm hin, merkwrdig, wie die Menschen auf alten Bildern.
_Leucanthemum maximum_ -- das war der Name. Georg balancierte behutsam
auf dem Mauerstreifen um das Becken zwischen Trollius und Schwertlilien.
Die ansteigende Wiesenbschung zu seiner Rechten war mit prangenden
gelben und blauen Farben bedeckt, groe Beete des Phlox, blaue, rote,
weie Blten flammten oben, und dort standen, regungslos, die kostbaren,
die Knigskerzen, ganze Bume mit aufstrebenden sten, mit den
scheibenartigen Blten, isabellengelb, zartlila und goldenbla, -- wie
hieen sie? _Delfinum_ -- ah nein, das war ja der erstaunliche
Edelrittersporn, drben von der andern Seite flammten die groen
schwarzblauen Blten, _Delfinum hybridum_ -- ists richtig, Cordelia? Die
Knigskerze aber hie -- hie -- _Verbascum_, jawohl, _Verbascum
vernale_, ein glnzender Name! -- Es war ein Paradiesgarten und sie der
Grtnerengel darin!

Georg rauschte im Vorjahrlaub die kleine Bschung durch das
Birkenwldchen hinunter und glitt unten ins schon trockne und
sonnenwarme Gras, wo er die Aussicht ber die ganze grne Ebene frei
hatte, ber die Landstrae, Haidestreifen, kleine Birken- und
Tannenschlge -- ins Unendliche hinein, ber dem die goldene, brennend
brodelnde Sonne kochte im Wolkenlosen.

Sanft ist sie, dachte er, auf den Rcken gestreckt, ins Blaue nach oben
schauend, sanft wie die Sonne am Morgen und doch feurig. Das ist das
Wundervolle an ihr. Alle schnen Frauen mten so sein, so -- sanft;
nicht weich, hlflos, ohne Feste, sondern im Gegenteil -- fest, aber
zart, glhend innen, seelenvoll ...

Sanft halt, wrde sie selber gesagt haben.

Georg setzte sich auf. Die Grashalme neben ihm verschwammen vor seinen
Augen, so bedrngte, fast angstvoll, ihn ein unsinniges Glcksempfinden.
Nun bist du ja gesund, Georg, murmelte er, und glcklich. Sag dirs,
Georg, da du's weit, da du's behltst und nicht vergit: glcklich,
ganz glcklich, und wenn du dich fragst, wem dankst du all dies,
Gesundheit, Freude, Arbeitskraft, Unermdlichkeit --, alles, alles, dem
seltsamen, dem erstaunlichen Wesen, das dich in Liebe hllt, wie -- wie
...

Sich zurckwerfend wieder, die Augen schlieend, fhlte er sich
umschlossen von ihr mit einer noch nie so lauteren, so klaren Lust, die
ihn von ihr trumen lie. Er sah sich am Sptnachmittag den Hgel zum
Hause hinansteigen, und dann erschien sie schon unter der kleinen
Vorhalle, entweder in kstlich phantastischen Kleidern oder meist ruhte
nur ihr dunkler, brauner Kopf ber der mchtigen Glocke des rmellosen
Mantels von schwarzer schwerer Seide, in dessen weitem Faltenwurf es
grnlich und brunlich glnzte. Dann warf sie ihn auseinander, dann
stand sie darunter, eine schlanke, gerundete Leibesform in trkisblauem
Trikot, oder in feuerfarbenem, oder an den heien Tagen in gar keinem
marmorwei, -- ach, die Erstaunliche! Und es begann der Abend! begannen
die langen Stunden stiller Wanderung im Garten umher, in den
zierlichsten oder tiefsinnigsten Gesprchen, denn -- oh sie war
wandelbar wie die Natur selber durch Tages- und Jahreszeiten, sie blhte
morgendlich heiter, sie verschattete sich ernst, sie rauschte, leicht
windbewegt, sie konnte gewitterhaft flammen, und lcheln, lcheln immer
wieder, und nie erlosch am Grund ihres Wesens die reine Farbe, der tiefe
Glanz der Heiterkeit, aus der Zaubervgel ihres Lchelns in immer neuen
Flgen, einzeln und scharenweis, Se und Himmelsinnigkeit herber
trugen. Kam das Abendbrot, so fand es immer wo anders statt, nur bei
schlechtem oder kaltem Wetter im kleinen Ezimmer, sonst auf dem
winzigen Viertelkreis des Balkons, auf der Plattform hinterm Hause oder
in irgendeinem Dickicht, an der Erde, und Hesekiel mute rennen und
verlor zwanzigmal die Stelle aus dem Gedchtnis. Sie essen zu sehn, war
allein die Mahlzeit wert. Sie liebte es, mit aufgesttzten Ellenbogen zu
sitzen, irgend etwas zwischen den Fingern, Brot, das sie zerbrckelte
und das nachher suberlich aufgescharrt wurde fr die Spatzen, plaudernd
unaufhrlich, zwischenhinein irgend etwas vertilgend, was kaum gesehen
verschwunden war. Oh sie war eine Schauspielerin, natrlich, das wute
er ja, -- ach, von denen vielleicht eine, die im Leben alles und doch
nichts Rechtes knnen auf der Bhne, weil es ihrem Knnen -- vielleicht
am Letzten -- vielleicht nur an einem Tropfen richtigen Theaterbluts
fehlt, an der Wonne zu verkrpern, Fremdes darzustellen vor fremden
Augen; sie haben die Gabe, sich zu steigern, alles aus sich zutage zu
frdern, aber sie knnen sich nicht zu anderm vervielfltigen und
bleiben stets sie selber. Immer spielte sie ja, aber es war doch so, da
diese Kunst ihr nur dienen durfte, Vorhandenes vollkommen zu gestalten,
ohne leeres Spiel zu sein, sondern Feuer nur und Schwung im treibenden
Rade des Herzens. Ihre Einflle waren unzhlbar, sie schien sich geladen
zu haben tagsber mit Schnurren und Geschichten wie der vom Sternezahl,
sie holte eine Anekdote aus der Giekanne und Legenden aus Bumen und
Sternen. Dann kamen die Abende, in denen langsam die Liebesstunde sich
vorbereitete, in denen, je dunkler die Stunde, ihr Herz und ihr
befeuerter Geist um so hheres Leuchten begannen, und sie schpfte das
Fllhorn ihrer Brust aus nach Weisheit und Gedichten aller Zeiten und
Sprachen, bis es stiller und stiller wurde, bis zuletzt immer der
gleiche Augenblick da war, in dem sie, dastehend allein, den Mantel von
sich gleiten lie, ernst wie ein Gebilde ...

Die Nchte, oh diese Nchte! Den seltsamen Marmor ihrer Brust mit
tausend Kssen immer wieder zum Glhen zu bringen -- welch
unerschpfliche Wonne! Dann war sie miteins zur lohen Fackel geworden,
und sie -- oh sie umtanzte seinen Leib mit flammendem Reigen ihrer
Liebkosungen und Umschlingungen, bis --

Georg setzte sich trunken auf, blinzelte geblendet, von innen und auen
glhend erhitzt, in das sprhende Gold und versuchte, instndig zu
denken: Hab ich nicht einmal behauptet, man liebte nicht im Augenblick
der Liebe? -- Ist das wahr? Sie -- ich liebe sie vielleicht nicht
einmal, nicht mit ganzem Dasein jedenfalls, oh -- es ist ja
gleichgltig, aber doch -- ich fhlte Liebe zu ihr auch in der uersten
Verzckung; und wenn ich nun wahrhaftig liebte, mte es nicht geschehn,
da es aus der seelischen Glut auch in die leibliche Flamme berstrmte
zu tieferem Lodern?

Er sank wieder zurck und lchelte. Arme Seele, ich liebe dich
wahrhaftig, so sehr ich kann, und ich bin dir dankbar, oh dankbar! Du
Verzaubernde! -- Die Abendfahrten ber Land fielen ihm ein, im
Automobil, wo es immer paradiesische Entdeckungen gab, Stcke
Landschaft, Haidhgel mit Wacholder, ein namenloses Dorf, zu dem sie
Geschichten erfand, und wars nur eine trbsinnige Henne in einer
schmutzigen Kate, -- und wie sie mit den Menschen hantierte, mit einer
Herzlichkeit und Frische, die den hrtesten Bauernschdel knackte, jeden
Augenblick Miene und Sprache wechselnd, aus dem Hochdeutschen ins
Oberbayrische fallend oder in ihren Mischmasch aus beidem ... Ihm lachte
das Herz, als ihm der blinde Leierkastenmann mit seiner schwarzen
Brille, der Orgel auf dem Rcken, ins Gedchtnis kam, der sich am
Straengraben hinstocherte mit seinem schmierigen Spitz und nun
aufgeladen wurde in den kniglichen Rcksitz allein, und wie sich dann
wei Gott wie herausstellte, da der Kerl sah! Herr du meines Lebens,
das Ungewitter! Wie sie im Sitz neben mir kniete, im flatternden Haar
wie ein Windgott, und ber die Brstung mit geballten Fusten auf die
Kanaille im Rcksitz loswetterte, und ich davonraste und pltzlich
anhielt, und sie ber die Lehne weg wie ein Pardel, und der Kerl aus dem
Wagen wie der exorzisierte Satan. -- Gott im Himmel, Georg, wann wirst
du jemals wieder so glcklich sein!

Er sprang auf und blickte auf die Uhr. Es war schon dreiviertel sechs,
Zeit zum Frhstck. Um sechs sa er doch sonst immer an der Arbeit.
Wieviel Stunden Ferienkurs waren heut? Zwei wie meist, dann noch zwei
Stunden Arbeit von zehn bis zwlf, dann Schlaf, Essen und wieder Arbeit
bis Zwlf oder Elf. Jeden Tag beisammen zu sein, verbot das Gesetz der
Liebe ...

Noch ein mal sich reckend, die Arme mit geballten Fusten ausstoend und
sich dehnend, da es krachte, klomm er die Bschung wieder hinan, ein
wenig beschwert in der Brust, denn -- sagte er sich -- kann man ein
solches Kleinod jemals aus den Hnden lassen? Eine Prinzessin von
solcher Art wie diese halbe Kroatin aus Oberbayern gab es freilich
nicht, welch ein Jammer!

Aber Renate. Renate mute -- bei aller Hoheit gegen Fremde -- ihr doch
hnlich sein, wenn -- wenn sie liebte. Nun, Renate -- es machte
Schwierigkeit, an sie zu denken in dieser glorreichen Epoche seines
Lebens. Jedenfalls aber -- -- noch ein halbes Jahr vielleicht, dann kam
-- der Vertrag, kamen tausend, kam die eine Pflicht; kam auch Renate,
das stand fest.

Auf der Plattform hinter dem Hause angelangt, hrte Georg bereits das
Badewasser im Innern rauschen und entglitt freudig dem geistigen
Labyrinth. Hesekiel erschien, den Frhstckstisch vor den Leib geklemmt,
und Georg half ihm, ihn zur Plattform zu tragen, was den Guten uerst
verwirrte und zu tausend Segnungen bewog, worauf Georg die kleine Diele
im Innern betrat, an der Tr des Badezimmers klopfte und den Kopf durch
den Spalt steckte. Natrlich, der Raum war undurchsichtig von
Wasserdampf, Cordelias Kopf war kaum zu sehn ber der eingelassenen
Wanne im Boden, und Georg unterlie nicht, ihr zum hundertsten Male
bedeutende Vorhaltungen zu machen.

Ja, was willst denn berhaupt? Zu seiner Zeit a jeds, hrst, das ist
berhaupt unschicklich, da herein zu kommen! Geh, Georg, sei stad, ich
komm gleich!

Ja, ich geh ja schon! brigens, was ich sagen wollte: ich hab den Vers
jetzt!

Na?

Es heit: Gramvoll -- nein! Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der
Wogen der Khne.

Sie schlug die Hnde berm Kopf zusammen. Ach, Georg, was bist du fr
ein Klabautermann! Zornvoll, gramesvoll ward -- sie bauschte die Worte
im Munde -- ja, und wie heit es im Griechischen? -- Viel -- im Meer --
litt er Schmerzen im Gemt -- die allersimpelsten Worte, -- geh, mach,
da d' weiter kimmst mit dein' Bombast, mit dein' Donner der Wogen!

Georg klappte die Tr zu vor einem triefend nassen Badeschwamm, der
herberflog, und stieg in uerster Kmmernis ber seine Dummheit ins
kleine Wohnzimmer hinauf, wo ihm in der Ecke des Sofas alsbald
glckselig die Augen zufielen.


                       Achtes Kapitel: September


                                 Regen

Georg verlor an einem Regennachmittag im September die Lust an der
Arbeit so gnzlich ber dem Verlangen, in den Regen hineinzugehn, da
er, kaum gedacht, in festen Schuhen, Gummimantel und Mtze vor der Tre
stand, mit weitoffenen Nstern die kalte, frische Feuchte der Luft in
die Lungen ziehend.

Wundervoll war die Leere des verschleierten Parks. Georg ging; der Regen
fiel mit fast lieblicher, mit liebkosender Leichte, hinwehend ber die
Lichtungen der Wiesen, hingebungsvoll sich mitunter ganz in Seele, in
nebelnde Feuchte auflsend, in Schleiern sich einsenkend in die ruhig
duldenden Wipfel. Die aufgeweichten Wege schienen noch nie betreten.
Noch war alles Laub tiefgrn, hier und da zart gelb gesprenkelt; nur wo
Nubume standen, leuchtete das nasse Gelb. Die Gruppen der Bume und
Gebsche, von der Regenumschlingung zusammengeschlossen, schienen
schner aufgeteilt. Gleichmig rieselte die Stille mit dem Suseln der
Feuchte; alles bewahrte Ruh im Empfangen der Erquickung.

In linden Gedanken sich selber umschweifend, gelangte Georg an den
grauen, dampfenden Spiegel des Teichs, an die Bank, wo vor langem Sigurd
den Kaddosch gesprochen. Esther, kleine Esther -- was war aus ihr
geworden am Grunde der groen Wasser? -- Ein Regentag, gewaltsamer als
dieser, wars, da kamen die Beiden herein, triefend und lustig, und es
gab Verkleidungen und Gelchter.

Matt, sehr verblat glnzten die Farben der Erinnerung durch den
Nebelregen der Jahre.

Ist es nicht doch besser geworden? dachte Georg; und ernster? >Ein guter
Geist hlt ber mir die Wage ...< Ich wei noch: hier sa ich, wie ich
Balto-Borusse geworden war, und fragte mich, welches Gewicht einmal dies
Erlebnis haben wrde. Um richtig wgen zu knnen, drfte wohl noch nicht
gengend Zeit verstrichen sein, aber ich denke doch: ber die letzten
Folgen bin ich hinaus. Ein leichter Herzfehler, Meidung alkoholischer
Getrnke, die Erinnerung an Tozzi, an Schwalbe --, das ist wohl alles,
soweit ich sehe, und nicht eben viel.

Georg wanderte weiter in einer pltzlichen Sehnsucht nach seinem Vater.
-- Ich knnte doch eigentlich viel mehr von ihm haben, stellte er fest,
und deshalb ist es doch schade, da er nie schreibt. Nein, fr
Gedankenaustausch ist er nicht zu haben -- gesetzt, ich htte was zu
tauschen --; sein Leben beschrnkt sich auf Leistung. -- berdem fiel
ihm eine Andeutung aus Magdas letztem Brief ein, als ob sein Vater es
wieder mit dem Gehen versuchte; er hielt das wohl geheim oder lie
merken, da es unbeachtet bleiben sollte, solange kein Erfolg sich
zeigte. Sonderbarer Mensch, der er doch war! Sollte er wirklich der
kranken Frau wegen sich freiwillig diese Fessel an den Fu gelegt haben?
Und weshalb wollte er nun los? Freilich war er jnger, als man seine
Vter sich so denkt, drei-, vierundvierzig, und konnte noch bald
ebensoviel vor sich haben ...

Georg war im weiten Bogen zum Ende der Lindenalleen gelangt und ertappte
sich in der Richtung zu Cordelias Hause. Auf die Uhr blickend, fand er,
da sieben nahe bevorstand. Vielleicht war sie da, -- sie pflegte ja
allabendlich die Blumenstcke zu gieen und den Vasenblumen frisches
Wasser zu geben. Und wenn sie nicht kam, -- konnte es nicht einmal ganz
schn sein, ohne sie in ihrem Duftkreis zu weilen?

Alsbald, die stille Alleestrae zwischen Grten und Landhusern bergan
geschlendert, ffnete Georg das Gittertor und stieg den gewundenen Weg
hinan zum Hause, das nun ganz in einen Kranz von Dahlien eingefat war,
schwarzroten, eigelben, weien und feuerfarbenen, alle Hupter berst
mit metallblanken Tropfen. Unter der Vorhalle aber sa, ganz still und
so vertieft, da er nichts umher sah noch hrte, ein kleines Buch vor
den Augen, Hesekiel. Auf Georgs Anruf kehrte er erschrocken in sich
selbst zurck, dienerte heftig und lief herbei, wehmutvollen Mundes,
aber heiterer Augen. Georg fragte, was er denn lese; er brachte das
Buch, ein Neues Testament.

Ob er denn auch verstnde, was er lese.

Gn Frau hat mirs angestrichen, was i lesen derf. Sehr schn is, sehr
schne Sprch.

Richtig fand Georg hier und da ein paar Zeilen, einen Absatz dick mit
Bleistift eingerahmt. I solls auswendig lernen, erklrte Hesekiel
diensteifrig, sie hrt mirs dann ab.

Na dann sag mir doch auch mal einen Vers! Einen, den du gern hast, --
oder vielleicht die gndige Frau ...

Hesekiel zog die Stirn in Falten, schwer sich besinnend. Es sind halt
so viele, uerte er bedenklich, fing aber im nchsten Augenblick an zu
sprechen und brachte stotternd, aber ganz richtig zusammen:

Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben
wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn,
darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn, den Spruch hat gn
Frau so schn gefunden.

Sehr schn, Hesekiel! Er lchelte mhselig. Verstehst du's denn
auch?

I woa net so gnau. I denk mir schon was. Mir san katholisch, mir zwa,
erklrte er pltzlich.

Ah, du und die gndige Frau?

Ja, mir san katholisch.

Georg wute nun nichts mehr, gab dem armen Teufel sein Buch wieder und
ging ins Haus.

Sanft grend empfing ihn das kleine Wohnzimmer, dmmrig, enger als
sonst. Georg trat ans Fenster, und ihm kam, da er jenseit des ums Haus
fhrenden Kiesweges groe Sonnenblumen stehen sah, die Hupter gesenkt,
schwer von Regenperlen, -- wieder Magdas Brief ins Gedchtnis: er hatte
so in Trnen gestanden, so gebeugt in Wehmut um die Gestorbene. -- Georg
hatte ihr gesagt, unfhig falscher Gefhle zu scheinen vor ihr, da ihm
keine Mutter gestorben war, und dies hatte ihren Schmerz fast vertieft.

Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber ...
Georg fand, da er die ganze Stelle im Gedchtnis behalten hatte, so
hing eines im andern. -- Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Auch in
diesen Worten war eine Erinnerung an Magdas sanfte Gestalt. -- Darum wir
leben oder sterben, so sind wir des Herrn. -- Es klang sehr trstlich;
klang nach Hnden, die nichts entgleiten lassen.

Georg hatte Lust, ihren Brief zu beantworten; nicht zu beantworten, --
was gbe es zu antworten auf Schmerz? -- aber zu schreiben. Allein wie
anfangen?

Jetzt, vor dem Sekretr sitzend, gewahrte Georg sich selber zur Linken
hinter dem blulichen Glasschleier des Spiegels, ein wenig sonderbar
nicht nur durch die prunkvolle Umrahmung von Leisten und Gespiegeltem,
den Kerzen und der mattblauen Vase, die heute dort stand, den Rand
berhngt von gelben Rosenkpfen, sondern durch die Verschleierung vor
allem, die ihn sich selber wie in einem andern Zimmer erscheinen lie,
dasitzend einsam, ohne Stunde, ohne Zeit, nicht vergehend. So einsam
also sieht man immer aus, wenn man allein ist, dachte er. Es war
beklemmend hinzusehn, er wollte sich schon wegwenden, entdeckte jedoch
nun in seinen, brigens wie immer scheinenden Zgen etwas Neues, eine
kleine, neben dem linken Mundwinkel eingegrabene Falte, deren Herkunft
er nicht begriff, bis er, unbemerkt den Mund verziehend, sprte, da
diese Mundbewegung etwas wie -- Verachtung ausdrckte. -- Dazu, sagte
er, entschlossen sich abwendend, scheint mir denn doch wenig Ursache. --
Es sei denn Verachtung deiner selbst, fuhr eine andre Stimme in ihm
fort, die er indes berhrte, in Cordelias Schreibmappe nach Briefpapier
suchend.

Er fand aber zuerst einen Brief mit seiner Adresse von ihrer Hand
darauf, schn, gro, rund, klar in Lateinschrift geschrieben, drehte ihn
herum -- er war offen --, dachte, es sei vermutlich solch einer, wie er
ab und zu bekommen hatte, sei's weil sie ihm einmal absagen mute, sei's
aus keinem triftigeren Grunde als dem, ein Zeichen zu senden, einen
zrtlichen Gedanken, einen kleinen Vers, -- und richtig, als er den
Bogen erwartungsvoll herauszog und entfaltete, las er Verse:

   O komme, Geliebter, es freun sich die Fluren,
   Der Storch und der Star und verwandte Naturen.
   Wei schimmern die Birken auf grnender Trift,
   Da ich schreib in die Rinde mit brennendem Stift:
   O komme, Geliebter, zu festlichen Stunden,
   Wir wollen uns trnken, wir wollen uns munden!

                                                       Die arme Seele.

Nun da bin ich ja! freute sich Georg, aber wo bleibst du? -- Wie
lieblich sie das wieder zusammengeleimt hatte, gar nicht empfindsam,
klein und frisch wie ein Veilchenstrau! Sie war ein Juwel.

Aber er wollte doch an Magda schreiben, und damit lie sich nicht
anfangen. Indem geriet ihm, als er mit einem verlorenen Blick hinter
sich die Bcherregale streifte, die im Eck neben dem Sofa
zusammenstieen, Irene in den Sinn, nach der Magda gefragt und die er
gestern wieder einmal mit einem Detektivroman im Arbeitskorb gefunden
hatte. Und im selben Augenblick hatte er eine so schne Hohnrede ber
sie, mit soviel aparten und glatten Wendungen im Kopf, da er hastig ein
paar frische Bogen aus der Mappe fingerte, seinen Halter zog und zu
schreiben begann.

Liebe Magda:

Dies also, dies ist Irene Herzbruch! Dein Wunsch, von ihr zu hren,
umarmt den meinen, von ihr zu reden. Gut, fangen wir an, liefern wir
eine Beschreibung.

Da sie mit ihrem Mann vor ein paar Monaten ihre Langenhagener
Sommerwohnung bezogen hat, weit Du, vermutlich auch, da sie diese
Wohnung -- eine Photographie bekommst Du -- mit Herzbruchs Schwester,
Dora Vehm und deren Mann teilen. Nachdem ich dreimal ganze und halbe
Tage drauen gewesen bin, habe ich die Mnner brigens noch kaum zu
Gesicht bekommen. Dr. V. hat seine Praxis und Sprechstunden in der
Stadt, H. dito seinen Verlag. Dora Vehms erinnerst Du Dich vielleicht
von Irenens Hochzeit: prachtvoll anzusehn, mit dunkler Haut, schwarzem
Haar, schwarzen, glnzenden Augen und einer schnen, sicheren und freien
Haltung. Die Stimme manchmal etwas schrill, zum Beispiel, wenn sie sagt:
Nein, das ist ja rasend komisch! -- (N. b. da sich doch alle Frauen im
gesellschaftlichen Umgang solche bertriebenheitsworte angewhnen
mssen, wie rasend, oder himmlisch oder reizend.) Diese tchtige Frau
ist Urheberin einer Volksspeiseanstalt, wo Arbeiter und Frauen fr 40
oder 50 Pfennige ein nahrhaftes Mittagbrot bekommen, und diese Anstalt
leitet sie ganz allein, teilt sogar nicht unhufig selber das Essen aus;
ferner ist sie Vorsitzende irgendeines Frauenvereins; ferner leitet sie
ihren Haushalt; ferner hat sie Freunde, denen sie lange Briefe schreibt;
ferner singt sie, und gar nicht schlecht; ferner geht sie in viele
Konzerte, Theater, Vortrge, Vorlesungen; ferner ist sie in der schnen
Literatur verblffend bewandert, und auf ihrem Tisch liegen Knoop,
Kierkegaard, Hamsun und die Geschichte des Dr. Brgers von Hans Carossa;
und schlielich hat sie zwei entzckende Kinder von drei und fnf
Jahren, Knaben und Mdchen, mit denen sie, ungelogen, niemals weniger
als eine volle Hlfte des Tages zusammen ist. Da soll einer sich ein
Beispiel nehmen. Und nicht etwa, da dieses Ganze ein verfitzter
Rattenknig oder Schlangenballen wre, aus dem all diese
unterschiedlichen Verrichtungen mal dieses mal jenes Haupt zngelten, um
was zu verschlucken, sondern ohne Unrast, ohne Fahrigkeit, auf einer
einzigen, sanft und ebenen Linie rollt ein solcher Tageslauf einer
solchen Frau ab, sie ist heiter, gelassen und frhlich, und hat immer,
immer noch fr ein Dreizehntes Zeit in der zwlften Stunde.

Ach so, ich wollte von Irene schreiben. Du merkst, da ich diese Frau
anbete und verehre. Von dem Denkmal, das ich ihr in meinem Herzen
gesetzt habe, war dies eben ein freilich sehr kmmerlicher Abdruck. Ein
Hurra allen wackeren Frauen, wrde Bernhard Kellermann sagen. Also nun
Irene.

Als ich das erstemal zu ihr kam, -- ja, also das Haus siehst du sehr
schn auf einem Hgel liegen, der von der Chaussee langsam flach
ansteigt: zu unterst sind Gemsefelder, dann kommt ein Blumengarten --
alles noch neu und sehr sprlich, zumal um diese Jahreszeit, dann Wiesen
mit dem Haus in der Mitte; die rckwrtige Seite ist mit der >Hecke<
bewachsen, wie man das hier nennt, das heit also Buschwerk und
Unterholz, Haselstauden, Eschen, Weiden, auch Tannengestrpp, ein wahres
Dickicht, Wassertmpel und zuletzt ein kleiner, abgenutzter Steinbruch.
Ja, also da fand ich Irene, ihrer Stimme folgend, die von weither
gellend hrbar war: Sie! Sie haben ja ihren Fusel noch dick in den
Augen! Was Sie sind? Sie sind weiter gar nichts als ein besoffenes
Schwein, wissen Sie das? Gehn Sie mal nach Hause und schlafen Ihren
Rausch aus -- und so weiter. Ja, da stand sie breitbeinig im Bohnenbeet,
einen Spaten schwingend, aber der so beschimpfte Grtner war wirklich
uerst betrunken und gerade dabei, ttlich zu werden. Ein andermal fand
ich sie mittags auf dem Rasen im Dickicht mit einem Roman von
Skowronnek. Und das drittemal trug sie mit der Forke von einem kleinen
Handwagen den Kompost und verteilte ihn ber die Melonenbeete.

Dies wre Irene? Freilich, freilich! Und was wre viel dagegen zu sagen,
wenn nicht -- ja, wie soll ich das beschreiben?

Sieh mal, wenn die Frau eines Rittergutspchters, dessen Dasein reineweg
von seinen ckern, Beeten und Stllen abhngt, sich so gehabte, da wre
das trefflich, obzwar auch dann noch zu fragen wre, ob hierzu der Weg
ber ein Kloster vonnten gewesen wre. Was ist alte, lteste mnnliche
Forderung an eine Frau? Da sie das Notwendige mit Anmut tue. Was heit
Anmut? Eben jene Leichtigkeit und Gelassenheit der Gebrde, jene
Unscheinbarkeit, ja Unsichtbarkeit des Tuns, jenes Darberschwebende des
Ganges, so da von allem Krfteaufwand nichts eigentlich vor andern
Augen erscheint, als der berschu und die Freiheit zu andern Dingen,
eben jene Anmut Dora Vehms, welche genau die des Trapezknstlers ist,
der nach jeder Vorfhrung, ein Lcheln auf den Lippen und mit
ausgebreiteten Armen vortnzelnd, dem Zuschauer vorzuspiegeln hat, da
seine Leistung Kinderspiel sei, abgetan zwischen zwei kleinen Atemzgen.
Sie aber geht in diesen Dingen bis zur Selbstvernichtung auf. Wenn sie
morgens frh um fnfe ihre Hhner fttern mu, so schlft sie natrlich
Glock neune ein. All dies, um im Winter selbst eingeweckten Spargel und
selber eingekochtes Pflaumenmus essen zu knnen. Und das Ganze, hren
wir meinen Vater sagen, ist denn wie an die Wand --, usw. Langsam
umnachtet sich ihr Geist. Bcher liest sie keine, auer den oben
angezeigten. Fr derbe Worte und Redensarten hatte sie immer eine
Vorliebe; Rhinozeros ist ihr Lieblingswort, das sie ja freilich am
frhlichsten an sich selber verschwendet. Siehe sie dastehn: in einem
lachsfarbenen Morgenrock, Rschen an Hals und rmeln wie immer, mit
ihren sanft und lnglich gerundeten Hften -- noch sind sie's -- tausend
goldne Lockenwirbel ums krebsrote Gesicht, indem sie sich mit dem
Zeigefinger vor die Stirn tippt und sagt: Ich Rhinozeros!

Schlielich wei man ja nicht, wie lange sie's treiben wird. Ferner ist
auch die Abwesenheit ihres Mannes in Erwgung zu ziehn, aber wiederum --
die sozialwissenschaftliche Hauptabteilung seines Verlags, und die neue
Zeitschrift gleichen Charakters, die er jetzt zu grnden im Begriff ist,
knnten ihr genug Gelegenheit bieten, mit ihm zusammen ein gemeinsames
Leben ernster und wrdiger, wirkender und fortwirkender Ttigkeit zu
fhren, anstatt da sie sich Sommers abrackert, um Winters essen zu
knnen. Sauwohl fhlte sie sich, sagt sie, und berhaupt sei dies die
wahre Bestimmung des Menschen, zu essen und zu trinken und dafr zu
sorgen, da man zu essen und zu trinken habe. Ihre Geige, wenn du danach
fragen solltest, ist seit Monaten vergessen. Gewi: Bau und Einrichtung
von Haus und Garten mute sie so ziemlich allein bewerkstelligen, und es
ist ja auch reizend geworden, aber wozu? Sie wohnt ja nicht, sie hat ja
immer blo zu tun. Ihre Kleider sind entzckend, sie macht sie selbst,
Renate auch, aber ich habe Renate nie am Schneidertisch gesehn.

Ja, wren nicht die Kinder -- du weit, ich liebe Kinder -- und Dora
Vehm, so wrde ich diesen Verkehr vermutlich aufgeben. Manchmal ist ja
auch H. abends anwesend, und auch der Doktor ist ein feiner, freilich
sehr stiller, in sich gekehrter Mensch, aber da braucht man nur
irgendeine Sache unterm Himmel zu berhren, so giebt es ein schnes,
ernstes Gesprch, man fhlt einen feinen Keim in die Brust fallen, und
die Stunde war nicht umsonst.

Ehrlich, Magda: Im Gastbuch unseres Korps fand ich die folgenden,
sonderbaren Verse meines Papas, soviel ich wei die einzigen, die er je
gemacht hat, frei nach Storm:

   Habe niemals eine Meinung!
   Innerstes bleibt stets verborgen.
   Was am Nachbarn du bedauerst,
   Tust du heute, tust du morgen.

So wrde ich mir auch nicht diese Meinungsuerung ber die gute Irene
erlaubt haben, wenn ich nicht selber whrend der Trassenberger Monate
ernstlich an mir selber gefeilt und mich besonnen htte, was ich war,
und wer ich sein soll. Ich habe auch ganz tchtig gearbeitet, denn das
abgebrochene Altenrepener Semester drckte krftig genug, und wenn auch
Greifbares nur wenig dabei herausgekommen sein mag -- ein berblick,
flchtig genug, ber das gesamte, ber dies ungeheuerlich horrende
Besitz- und Arbeitsfeld Papas -- so habe ich doch Arbeitslust und
Zukunftseifer in reichlichem Mae davongetragen. Froh bin ich dabei --
darf ich das einmal sagen? -- da Du, immer Gtige und Verstehende,
meinem Wege treu geblieben bist, und mit mir hoffst, und mit mir
vertraust. Denn das tust Du doch, nicht wahr? Deine Briefe taten mir so
wohl! Wirst Du nicht bald einmal wieder nach A. kommen, damit ich Dich
singen hren kann? Oder ist die Stimme noch immer nicht so weit? Nein,
nein, rede mir Du in deiner Bescheidenheit das nicht aus: Dein Gesang
ist besser als Irenens Einmacheglser. Weiland Josef Montfort schenkte
mir einmal -- der Gromtige! -- ein Wort; es ist von Salomo und lautet:
Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben. Aus dem Herzen
kommt Deine Stimme, aus einem allwissenden Herzen, Magda, ich mu es
sagen, und ist Leben und mu Leben wirken.

Irene hat ihr Herz eingeweckt; mge sie sich im Winter ihres
Mivergngens daran laben. --

Georg hielt inne. Der Nachsatz, fand er, hatte den Abschlu verdorben;
nun konnte er so nicht enden, und ein bergang war schwer zu finden.
Auch schien ihm noch etwas zu fehlen, ja, die Hauptsache war mit den
wenigen Worten gegen Ende doch noch nicht ausgesagt, sein dankbares
Gefhl fr sie und ...

Er stand auf, trat ans Fenster, merkte, da der Regen strker
niederrauschte, und schlo es. Sogleich dmpfte sich der Lrm, aber
Georg gewahrte auch, da es dunkler geworden war mittlerweil, er mute
zum Ende kommen. Da verschleierte sich der Raum langsam vor seinen
Augen, er sah noch vom Sofatisch her etwas Rotes dunkel glimmen, das
Rubinglas, das er einmal mitgebracht hatte. Es quoll undeutlich in ihm,
er sah wieder den fr Magda bestimmten Brief liegen, setzte sich davor
und schrieb:

Ich mute eben die Feder hinlegen und lange am Fenster stehn. Es ist
dmmrig, der Regen schlgt an die Scheiben. Esthers Volire fand ich bei
Irene, wo ist Esther? -- Wie sind wir Alle auseinander gewirbelt! Da
wir immer wohl dies und jenes unternehmen knnen, aber halten lt sich
nichts davon. Wer hielte sein eigenes Herz, geschweige denn fremde?
Unwiderstehlich angezogen treiben wir zu immer neuen Wirbeln hin, und
schaurig ist, da, was am wildesten glhte, am eiligsten erkaltet.
Ferne, liebe Freundin, ich wei nichts von Dir, aber wie den guten,
immer gleichen Benno hier -- natrlich verga ich den Allzubescheidenen
zu nennen, als ich eben die Hiergebliebenen zhlte -- so sehe ich Dich
dort: ein Bleibendes im Getmmel, eine sanfte Sule im Kreisen, einen
immer steten, leisen, aber in jeder Stille um so geheimnisvoller
vernehmbaren Ton, und ich denke: tausend Saiten des aufgeregten Daseins
schwirren und rasseln ihr verworrenes und bezauberndes Spiel: eine Saite
ruht immer und tnt tagein, tagaus, jahrein, jahraus immer den gleichen,
himmlisch einfachen, und o so trstlichen Klang!

                                              In Dankbarkeit der Deine

Im Begriffe, seinen Namen zu schreiben, hielt Georg ein. -- Was ist denn
das? sagt er schwer aufatmend, was hast du denn da gemacht? Du hast ja
gelogen. An sie hast du nicht gedacht, sondern hast Cordelia empfunden,
und das Gefhl nur ein wenig umgewandelt, da es pate ...

Aber wenn es pat, mute er sich widerlegen, so hats doch seine
Gltigkeit irgendwie. Eben war es so, da ich nicht an Magda denken
konnte, wenn ich es aber wirklich tue, ernstlich, so empfinde ich auch,
wie ich schrieb, und -- ja, und das vor allem wars, was ich empfand: sie
wird immer bleiben, immer --

Und Cordelia? Ist es denkbar, je ohne sie zu sein?

Jetzt hre ich auf zu denken fr mindestens drei Stunden, dachte er
rgerlich lachend, unterschrieb, faltete und schlo den Brief in einen
Umschlag, den er adressierte, worauf er sich erhob, um in der Sofaecke
nun ganz die Dmmerung zu genieen und die Erinnerung an die
Zrtlichste, die Einzige ...

Im Niederlassen jedoch merkte er, da er sich auf etwas Hartes,
Buchartiges setzte, und zog unter sich ein groes Heft im Aktenformat
mit blauen Pappdeckeln hervor, schlug es auf und las im Zwielicht das
gro und geschwungen -- als Titel -- von Cordelias Hand geschriebene
Wort: Theodosis; darunter, kleiner: Tragdie.

War das eine Rolle? Er hatte noch nie den Namen gehrt. Auch schien ihm
jetzt, als er das Blatt umschlug und Verse fand, die Handschrift
Cordelias anders als jetzt, nicht so ausgeschrieben, jugendlicher; und
schon im Begriffe, das oben stehende Personenverzeichnis zu lesen --
Pelagios, Thespesios hatte er schon erhascht -- hielt er sich zurck,
von einer Art Duft oder Hauch berhrt, der ihm Einhalt bot; schlug das
Heft wieder zu und legte es auf den Tisch.

Und dann hrte er deutlich durch das Regengerusch das Nahen eines
Automobils; es ward lauter, kam ganz nahe und verstummte dann. Das mute
sie sein. Georg war im Nu durchs Zimmers, die Treppe hinunter, trat
unter die Sulen vor der Tr, als sie eben den Weg heraufkam, ohne Hut,
im grnen Regenmantel, und hielt sie im nchsten Augenblick in den
Armen.

Im Zimmer oben zog er sie eifrig zum Sofa, als sie das Heft bemerkte und
-- zum erstenmal glaubte er diese Bewegung zu sehn -- die Augen
feindlich zusammenzog. -- Hast des gfunden? fragte sie.

Es lag in der Sofaecke. Sollt ichs nicht sehn?

Warum net gar? Die alte Sach. Damit hatte sie's aufgenommen, ging zum
Kastenschrank, zog unten eine Lade auf und legte es hinein. Im
Zuschieben mit Hnden und Knien schien sie sich zu verlieren, richtete
sich langsam wieder auf und trat an das Fenster.

Erinnerungen, dachte Georg; sie ist traurig geworden. -- Nein, diesmal
will ich nicht, wie man immer tut, Zartgefhl nur durch Schweigen
beweisen. Erinnerung will gelst sein, nicht zerdrckt -- und er ging
leise zu ihr, zog sie an sich und fragte behutsam, ber ihr Haar
streichelnd: Warum hast du's fortgelegt? -- Sie schwieg. Wie ihr Haar
duftete! Sie atmete stark.

Mchtest du mirs nicht vorlesen? fragte er wieder, da er ein leises
Nachgeben in ihren Schultern zu spren meinte. Oder spielen? setzte
er, noch leiser, hinzu.

Eine lange Weile blieb sie still. Dann, heftiger atmend, fragte sie
weich: Woher weit denn, da ich spielen kann?

Nun hielt ers fr das beste, zu schweigen. Immer tiefer und schwerer
wogte ihre Brust.

Mchtest du's denn gern? flsterte sie kaum hrbar und rusperte sich.
-- Er drckte sie an sich. Wart ein Weilchen, sagte sie schnell,
drckte sich um ihn herum, lief durchs Zimmer und verschwand.

Es war ganz dunkel geworden. Georg, am Fenster stehend, dachte: Ich
sollte nie fragen! sagte sie im Anfang -- und nun kommt es doch, ganz
von selber. So ist es im Leben. Eine wirkliche Elsa htte auch nicht
geradezu gefragt: Wer bist du? Wo kommst du her? -- Eines Tages htte es
sich von selber ergeben, und dann wre es auch vermutlich nicht halb so
schlimm gewesen, wie der Lohengrin ankndigte ...

Er mute jedoch lange warten, bis sie wieder kam. Still und ernst, auf
unhrbaren Fen erschien sie im dunklen Raum, dunkel selber im Haar und
dem schweren, schwarzen Mantel; nur ihr Gesicht schimmerte sehr wei.

Setz dich ins Sofa, bat sie, und er tats. Sie blieb vor dem
Kastenschrank stehn, legte still eine Hand in die andre und sprach, das
Gesicht zum Fenster gewandt, erst nach langer Zeit:

Theodosis war eine arme Seele. Sie war stumm geboren und blind. Dennoch
fand sich ein Mensch, der sie liebte, dem sie vermhlt wurde, und der
von einem Nebenbuhler erschlagen ward in der selben Nacht. Nun kommt ihr
alter Lehrer Thespesios, der sie als Kind lehrte, den Druck seiner
Finger in ihrer Hand zu verstehn und zu erwidern, und sagt ihr, was
geschehn ist. Der Schrecken durchbrennt sie, sie lodert auf, sie kann
sprechen.

Cordelia schwieg. Georg, in seltsam tiefer Erregung, da er ihre Stimme
noch nie so gehrt hatte, so tief und tnend, so voll aufkeimender
Musik, sah ihre Augen durch den Raum wandern, mit fernem Blick,
unsglich ernst, bis zu ihm, doch sah sie ihn nicht an.

Auf einmal glitt von ihren Schultern der Mantel -- ihr Leib glnzte fast
metallisch auf in der Dunkelheit --, glitt bis zu den Hften, wo ihre
linke Hand ihn hielt; die Rechte streckte sich ein wenig vor, steif, als
wrde sie von einer andern gefat. Sie hielt den Kopf lauschend
vorgesenkt; dann entflog irgendwo ein gurgelnder Laut: Weh ber mich!

Die Rechte noch in derselben Haltung, fuhr die Linke zum Munde, in ihrem
Blick war Entsetzen, der Mantel war am Boden, aber jetzt -- kaum da
Georg noch Worte vernahm, so flutete eine malose Stimme durch den Raum,
wie ein Engel in tosenden Flgeln --

   Mein Mund! was ist mit meinem Mund? er brennt!
   Wehe, ich brenne! eine Flamme schlug
   Aus meinem Mund, und alles steht in Brand.
   Was ist? ich hre eine schreckliche
   Entstellte Stimme. Meine Stimme ists!
   Ich konnte sie nicht halten ...

Sie war still: sie stand noch immer wie zuerst. Georg bebte am ganzen
Leib. Diese nie gekannte Stimme! Diese singende Kraft, diese
schwelgrische, ppige Musik, und Verse, die sie schwang wie Fackeln und
Dolche, lodernd, triumphierend, in seine Brust. Und nun -- nur die Arme
ein wenig zu einer hlflosen Gebrde des Umarmens ausgestreckt, tiefer
gebeugten Leibes -- sang sie weiter:

   O Stein an meinem Mund, o kalte Sule!
   O Mund, ich schliee dich an diesen Stein,
   So stumm warst du, so eisig diese Nacht,
   Da ber dir ein andrer Mund verglhte,
   In dich hineindrang, aber du warst Stein ...

Sie warf die Hnde empor und rckwrts zum Genick, empor das Gesicht:

   Nun schrei, zerborstner Stein, nun gell es aus,
   Da ich nur hre diese grauenvolle,
   Verworfne Stimme, die nur ward zum Schrei
   Erschaffen, nur zum Schrei!

Wieder vornber sinkend, faltete sie die Hnde in der Hhe der Brust,
sie wand sich zart, Georg sah jetzt ihr Gesicht, entfremdet, die Augen
geschlossen, schmal geworden; sie lchelte Gram:

   O meine Kindheit!
   O meine Sehnsucht, s und schmerzenvoll!
   Da alle Welt voll Lieder war und klang,
   Wie tnte jedes Ding, wie sprach von Liebe
   Das kleinste auch, dran meine Hnde rhrten,
   Du Becher, draus ich trank, du Ring, du Vase,
   Glcklich beredt, und lchelte mich an,
   Da ich euch liebte tief aus meinen Schmerzen.
   Dann manchmal schiens, als sei doch einmal alles
   Verstummt, und kein Gerusch als in den letzten,
   Versteinerten Tiefen, dunkel in mir murmelnd,
   Die Stimme, meine Stimme, die vergrabne,
   Arbeitende ... Ich konnte ihr nicht helfen.

War das denn Spiel? bermannte sie jetzt wirklicher Schmerz? Aber da
wich schon die Qual, sie lchelte wieder, doch fielen die Hnde
auseinander, fielen ab, unwissend geschlossen bis zu ihren Schenkeln, wo
sie haften blieben, und sie stand nun, eine hlflos gekrmmte Figur ...

   Wie sollte sie
   Einst ser tnen! ach, wie sollte sie
   Liebkosen! all die stummen Herzen sollten
   Von ihr gestillt und frhlich sein. Es wrden
   Die alten, gttlichen, unsichtbaren Flgel
   An ihren Schultern wieder sichtbar werden,
   In Himmel tragen, die entgegenschweben ...

Ihre Stimme, zu innigster Innigkeit verst, verhauchte im Geflster der
brnstigsten Sehnsucht:

   Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern
   Sollten sie stehn und horchen: Hrt, es klingt
   Die Erde, ja die Erde klingt, die alte.
   Alles wird klingen, alles ist voll Liebe,
   Wir Menschen sind geliebt, wir sind geliebt,
   Denn eine Blinde baut uns goldne Brcken,
   Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...

Mein Gott, sie sprach ja von sich selbst! Das war ja sie, sie, und
stockte nun, besann sich, sagte stumpf: Nun schreit sie blo! und flog
pltzlich in ihren Armen empor in den Raum, stand langausgestreckt nach
oben, schmerzausjauchzend wie eine knatternde Flamme:

   Ach, was aus mir
   Jetzt Worte schleudert, nennt ihr Sprache, ach,
   Nur meine Stummheit ists, die reden lernte
   Und alles berschreit! O da ich snge!
   Eindrnge in die Seelen mit Gefhl,
   Die Namen stammelnd, Namen, blhend, Kinder,
   Im Welken Himmlische, und Worte, Worte ...

War es denn zu Ende? Georg wagte nicht, sich zu bewegen. Sie stand immer
noch wie zuletzt, die Augen geschlossen. Dann schien sie zu wanken.
Georg sprang auf und kam eben rechtzeitig, sie aufzufangen. Sie fiel
abgebrochen gegen ihn wie eine Sule. Er fhlte sie schweibedeckt und
eiskalt am ganzen Leib, aber sie war nicht ohnmchtig, sie zitterte, er
raffte den Mantel vom Boden, selber zitternd, und hllte sie hinein,
whrend Gedanken in ihm schwirrten wie Funken. Sie an sich drckend,
flsterte er stumm: Ich wei ja, ich wei ja nun alles. rmste, du hast
nie spielen drfen, was du konntest, du hattest -- ach, was wei ich,
wie es war, aber nun ... Komm, sagte er sanft, komm, leg dich hin,
komm, es ist ja nun gut! ich wei ja nun ...

Da horchte sie auf. Was weit du nun? hauchte sie.

Ach -- alles; was dir fehlt, wer du bist. Aber das hat nun ein Ende.
Ich kann ja alles fr dich tun, ich --

Was willst du tun? fragte sie, seltsam schmelzend und ergeben.

Ach ... Du weit doch: das Theater ist doch nichts ohne meinen Vater,
und ich selber ... man hat doch alles fr Geld. O die Schurken, nun wei
ich alles! Was soll ich tun, Herz? Soll ich morgen zum Intendanten gehn?
Willst du hier bleiben? Willst du nach Berlin? Sag doch, Herz, du
bekommst ja!

Zum -- -- In--ten--danten? sagte sie vergehend. Ihm schmolz das Herz
in der Brust. Mein Gott, warum hatte sie denn nur geschwiegen, immer
geschwiegen!

Da merkte er, da sie weinte. Und dann war sie auch schon in ein
Schluchzen ausgebrochen, da ihm das Herz stillstand vor Grauen. Sie
schttelte sich minutenlang wie ein rasendes Tier, dann brllte es aus
ihr heraus, sie fiel vornber so schwer, da sie ihn mitri, er mute
knien, um sie zu halten, sie lag halb am Boden, er richtete sie auf, sie
wimmerte, er sah ihr Gesicht, aus den geschlossenen Lidern schossen
stromweis die Trnen, whrend der Mund sich verzerrte, und sie fiel
wieder um, er richtete sie mit Mhe auf, sie fiel ihm ber den andern
Arm, lag am Boden, schluchzte, schluchzte, schluchzte, sie schttete
Schmerz aus, wimmernd aus keuchender Brust, als wrden eiserne Stcke in
ihr zerbrochen, und es nahm kein Ende.

Georg konnte nur noch neben ihr sitzen und ihre Hand festhalten, selber
wie erfroren vor Mitgefhl, bis der Ausbruch langsam zu erlschen
begann, das Weinen leiser wurde, das furchtbare Zittern aufhrte; bis er
es dann wagte, sie aufzurichten und zum Sofa zu fhren, wo sie sich
hinbetten lie und dann still wurde. Er trocknete ihr geschwollenes
Gesicht, die immer noch flieenden Augen mit seinem Tuch, doch nahm sie
es nun fort, schob sich ein wenig hher in den Kissen, ffnete die Augen
und sah ihn an. Ihren Blick -- dunkel, kaum sichtbar im Dunkeln, da sein
Schatten noch ber ihr lag -- verstand er nicht, auch schlo sie die
Lider bald, lag still und sagte leise:

Weit du, Georg -- wir wollen noch ein wenig warten ...

Ach, nun wieder warten!

Ja, Georg. Sieh mal: -- -- es ist doch nun alles anders geworden, als
ich dachte. Ich mu mich ja nun ganz -- herumdrehn. Ich -- ich mchte
aber nicht, da du in -- in dies hineingertst, was ich jetzt bin. Sie
sah ihn nun wieder an und schien zu lcheln. Sein Stolz hat halt a
jeds. Ich mcht auch schon net hier bleiben, wenns einmal anders werden
soll. Da mach ich erst hier ein End, und dann -- in Berlin -- da bin ich
ganz frei, da hast mich dann ganz fr dich und kannst mit mir machen.
Mchtst das net? Georg?

Georg wand sich und war gar nicht einverstanden.

Na, Georg, du mut das doch einsehn! I kann doch net so auf einmal!
Sagn mir halt: Berlin. Is recht, Georg?

Georg gab nach fr den Augenblick. Es ist ja noch ein Monat Zeit,
einerseits -- und vielleicht hat sie ja auch recht. Wenn schon berhaupt
anfangen, dann ganz oben, dachte er, kte sie dann zrtlich und lie
sich von ihr das Haar gltten.

Aber Cordelia, mute er nun gestehn, was kannst du alles! Es ist ja
unerhrt!

Ich kann schon was, meinte sie mtterlich. Und dann fr dich ...

Wie du nur dastandest! Hast du wirklich die ganze Zeit mit
geschlossenen Fen gestanden? Alles mit den Armen gemacht und mit der
Stimme? Kind, was hast du fr eine Stimme!

Sie lchelte sanft, schlo die Augen, seufzte und streckte sich aus.

So ist gut, Georg. So liegen ist gut. Und nimmer viel reden, weit! Ich
ruh mich ein wenig. Wir haben ja noch die ganze Nacht.

Die ganze Nacht ... Er deckte sie sorgfltig mit dem Mantel zu bis ans
Kinn, tastete nach ihrer Hand darunter und hielt sie. Ein wenig wandte
sich ihr Gesicht herber. Sie lag still. Und so sa er bei ihr,
glcklich, dankbar, gut sein zu drfen, hlfreich. Der Herbstregen
schlug schwer gegen die Scheiben. Er hrte den Gang der Pendeluhr durch
das Gerusch der Wassers, langsam, seelenruhig, und sein Innres ebnete
sich, hinschwellend durch die immer sanftere Stunde, der verhangenen
Ebene gleich, zu den zaubrischen Wldern der Zukunft.


                              Wiederkunft

Renate, mit Saint-Georges und Magda, die vor ihrer Rckkehr nach Berlin
noch einige Zeit bei ihr bleiben wollte, aus Helenenruh heimgekehrt,
suchte ihr Zimmer auf, um sich umzukleiden.

Die Fenster im Wohnzimmer standen weit offen; es war wie im Freien, der
Septembernachmittag drinnen wie drauen leicht, blulich und
durchgoldet. Auf ihrem Schreibtisch fand Renate eine kleine Druckschrift
-- Feruccio Busoni: Entwurf einer neuen sthetik der Tonkunst -- aus der
ein kleiner Zettel fiel; von Ulrikas Hand stand darauf gekritzelt: Ich
bin in der Kapelle. Bogner sitzt im Garten.

Das Mdchen trug mit dem Chauffeur Koffer und Hutschachteln herein.
Renate legte Jacke und Hut ab, auf einmal ein wenig wehmtig, ohne
erkennen zu knnen, weshalb. Ob es schon die Luft des Hauses war, die
sie wieder bedrngte? -- Sie trat ans Fenster und verga fr Augenblicke
die trbe Wallung ber dem Anblick weier, goldiger Wolkenstreifen im
Blau ber den noch schweren und dichtgrnen Massen der Gartenbume.

Und siehe da: Bogner sa -- natrlich drehte er ihr den Rcken zu! --
auf einem Feldsthlchen vor einem roten Busch, ein groes Skizzenbuch
auf den Knien, aber die rechte Hand, die Renate sichtbar war, lag vllig
still; er betrachtete nur.

Und dort zur Linken -- ja, da sa der Onkel, nicht anders scheinend als
ein friedlicher Patriarch, kahlhuptig und weibrtig, auf der weien
Bank in der Grotte von Buschwerk, neben der ein Birkenbaum, goldgelb im
Laub, leichte Wache hielt, vor sich den Rasenplatz. Gedmpft aus der
Kapelle ward die Orgel hrbar -- alles war wie zuvor, nicht leichter,
nicht schwerer, aber -- da es wieder neu war -- schwerer lie es sich
auch wieder an.

Renate ging ins Schlafzimmer, zog eilig Rock und Bluse aus, wusch sich
im Badezimmer, legte dunkelblaue Seidenstrmpfe, die ihr grad in die
Finger gerieten, an, kleine blaue Schuh und irgendein weies Kleid,
locker und schlicht von oben bis unten, beim Zuhaken bemerkend, da es
einen hohen, anschlieenden Kragen hatte, mit kleiner Rsche, in
Wellenform geschweift unter Kinn und Ohren. Als sie ihre Schatztruhe
ffnete, berkam sie Erinnerung. Der freie Raum darin, den die
aufgeschichteten Lederksten lieen, war angefllt mit dem bunten,
glitzernden Gewirr des Alltagschmucks; sie griff hinein und zog ein
Bndel langer Ketten heraus in allen Farben, blaugrn, rosenfarben,
wei, gelb und gelbgrn; ein mattgoldner Armreif fiel zurck, und sie
lie das Ganze wieder sinken, legte die Hand auf einen der Ksten und
dachte an ihr erstes Halbjahr im Hause, wo der Onkel und Josef
allwchentlich gewetteifert hatten in Geschenken, die dann sie, immer
eines bis zum nchsten, tragen mute, abwechselnd einen Tag um den
andern. Kleine Verse hatten sie dazu gemacht --

   Eine Chatelaine --
   Perlen nennt man Trnen.
   Trnen sind aus Salz --
   Schling sie um den Hals.

Ihre Augen verschleierten sich; sie lste eine lange Kette von
fingernagelgroen, lnglichen Perlen aus Lapislazuli, hartblau mit
goldenen Spuren, aus den brigen, legte sie ber den Nacken und lie sie
vorn bis zum Scho herunter fallen. So ging sie, Ulrikas Heft an sich
nehmend, hinunter.

In der Halle jedoch hielt ihr lebensgroes Spiegelbild sie auf. -- Wie
seh ich denn aus? fragte sie sich erstaunt, ich bin ja ganz fremd
geworden! -- Aus dem weien Kleidhals mit der blauen Kette stieg ihr
Gesicht, fast so braun wie ihr Haar; die Wangen glhten rter als sonst,
auch der Mund, und die Augen, tiefer liegend, schienen in dunklerem
Feuer zu stehn. Pltzlich fhlte sie sich so angeprahlt von den eigenen
Farben und Gluten, da ihr das Blut in die Wangen scho und sie sich
abwandte. -- Wofr denn nun all das, wofr? Was soll denn ich damit, und
ich brauchte es ebensowenig mehr zu tragen wie den Schmuckberg da oben,
der bald zwei Jahre im Finstern liegt. --

berdem fiel ein Schatten von drauen herein, der Onkel erschien in der
Tr. Auch seine Stirn, die kahle, schngewlbte, war gebrunt, die
heitern Augen hatten keinen Blick, fast verhangen vom Wei des Bartes.
Seltsam hoch und spitz -- fast wie bei einem heiligen Antonius eines
alten Bildes -- war sein kahler Kopf. -- So ging er vorber und hinaus.
Die Hnde gefaltet sah Renate ihm nach.

Eine Weile spter stand sie ein paar Schritt hinter Bogner. Auf dem
Blatt war ein Durcheinander, von allen vier Rndern ins Weie
gezeichnet, Bltter, Zweige, ganze Stcke des Busches, einzelne Bltter
haargenau, ihre Drehung, Schattung, Glanz und Zahnung, Ansatz am
Stengel, Verknotung im Ast, alles hundertmal lebendiger geworden im
Durchgang durch seine Augen, als die Augen Renates es am wirklichen
Gewchs wahrnehmen konnten. -- Ach, hier war Leben, hier wars! --

Leise ging sie wieder davon, setzte sich auf die Bank, auf der sie zuvor
ihren Onkel gesehn hatte, und versuchte, sich in die Zeit der
Friedliebenden Gesellschaft zurckzuversetzen, indem sie nicht zu Ulrika
ging, da die Zeit zur Begrung von selber herankommen wrde. Sie
ffnete die Druckschrift, sah zu Bogner hinber, sah empor und erblickte
das Gesicht von Saint-Georges' Bruder zart und rosig an seinem Fenster,
nickte ihm zu und winkte. Er, tief errtend wie stets, sprach ins Zimmer
hinein, und gleich darauf erschienen Magdas Gesicht und
schwarzbekleidete Schultern, die nickte und lchelte, dann auch
Saint-Georges. -- Sie zogen sich wieder zurck. Renate bltterte zum
Anfang des Buches, hier und da einen Blick hinein stechend, blieb haften
mit einem und las:

>Und was kann schlielich die Darstellung eines kleinen Vorgangs auf
Erden, der Bericht ber einen rgerlichen Nachbar -- gleichviel ob in
der angrenzenden Stube oder im angrenzenden Weltteile -- mit jener
Musik, die durch das Weltall zieht, gemeinsam haben?<

Hineinsinnend in das knigliche Wort hob Renate die Augen. Auf der
Veranda stand Magda, schmal, im hngenden schwarzen Kleid, aber schn
brunlich von Antlitz. Bogner hatte wohl ein Gerusch gehrt, drehte
sich um, sah Magda, winkte ihr zu und erhob sich. Bogner war braun wie
ein Affe, an den seine Augenhhlen jetzt mehr als frher erinnerten;
hier war Einer immer brauner als der Andre. Jetzt entdeckte er auch
Renate, lchelte, warf sein Buch zu einigen andern in den Rasen, kam und
streckte ihr die Hand hin. Sie mchte nur entschuldigen, er se schon
ein paar Wochen jeden Tag hier und studierte, ja, er wollte nun die
ganze Friedliebende Gesellschaft malen, ein bei ein, sechs Meter lang,
fnf Meter hoch. Nein, sitzen brauche ihm niemand, antwortete er auf
Renates Frage, wre alles schon fertig von damals her.

Indem kam Ulrika von der Kapelle her, gelbwei gekleidet, und war
richtig auch so braun wie ein Mulatte, nein, eher kupfern, und sie sagte
gleich tief beschmt, ihr Haar sei nun glcklich bergeflossen. Das Heft
auf der Bank neben Renate entdeckend, raffte sie's auf und sagte, sie
mte Renate eine Stelle vorlesen. Whrend sie noch suchte, kamen Magda
und Saint-Georges, es gab ein langes Hndegeschttel, dann hatte Ulrika
gefunden und las:

>Wohl ist es der Musik gegeben, die menschlichen Gemtszustnde
schwingen zu lassen: Angst, Beklemmung, Erstarkung, Weichheit,
Aufregung, das berraschende< und so weiter -- sagte Ulrika -- >ebenso
den inneren Widerklang uerer Ereignisse, die in jenen Gemtsstimmungen
enthalten sind. Nicht aber den Beweggrund jener Seelenregungen< -- und
so weiter! Nun: >Ebenso vergeblich ist es, moralische Eigenschaften,
Eitelkeit, Klugheit in Tne umzusetzen, oder gar abstrakte Begriffe wie
Wahrheit und Gerechtigkeit ... Knnte man denken, wie ein armer, doch
zufriedener Mensch in Musik wiederzugeben wre? Die Zufriedenheit, der
seelische Teil, kann zu Musik werden; wo bleibt aber die Armut, das
ethische Problem, das hier wichtig war: zwar arm, jedoch zufrieden. Das
kommt daher, da arm eine Form irdischer und gesellschaftlicher
Zustnde ausdrckt, die in der ewigen Harmonie nicht zu finden ist.<

Ulrika sah sich triumphierend um. Renate aber hrte weder ihre Worte,
noch was die Andern sagten, ganz gefangen in ihren Blick, der von ihr,
die allein sa, ber die vor ihr Beisammenstehenden glitt, gefesselt von
den Gesichtern, Ulrikas lebhaftem, Magdas im Zuhren uerlich
abwesendem, und Georges' gelassenem, leicht ein wenig sarkastischem.
Lnger haftend an seinem, dem gyptischen Knig in diesem Augenblick, wo
es sich glttete und der Blick aus lichten Augen nach oben ging,
hnlicher als jemals scheinenden Gesicht -- hrte sie auch ein paar
seiner Worte -- vom verrterischen Glanz des Bestrickenden an der
schnen Form -- und wute auf einmal, weshalb sie wehmtig geworden war
beim Anblick von Ulrikas Zettel oben, den sie wieder vor sich sah. Ja,
damals, als es die Friedliebende Gesellschaft gab, lag in der Halle
wohl, oder auf der Sonnenuhr, oder sonst irgendwo, solch ein
Papierschnitz mit einem Namen, dem er galt, und einem Ort in Haus oder
Garten, und nur die Handschrift zeigte an, wer ihn hingelegt hatte. In
ihrer Schreibmappe muten noch ein paar zu finden sein.

Aber wir sind ja Alle wieder da! Magda, Bogner, Ulrika, Georges! Irene,
Jason, Georg, Benno sind irgendwo in der Stadt -- ja, warum ist es nicht
wie frher? wer fehlt denn? Ach Gott, Esther, hab ich dich wirklich so
vergessen? Und Sigurd ... wo mochte der sein? -- Knnte es nicht doch
werden wie damals?

Da sah sie die Andern wieder vor sich stehn, schweigsam jetzt, jeder
nachsinnend ber etwas, wie es schien, sonderbar still, jeder fr sich
mit seiner inneren Welt, umgeben vom Grn, von der warmen, herbstlichen
Luft -- und doch alle von Nachdenklichkeit eigentmlich vereint. Es war
so traumhaft ...

Nein, das war gewesen! Und das hier -- das waren die Schatten davon, die
zusammen kamen, um den alten Ort anzusehn. Es war --

Renate stand auf, die Andern lsten sich, und Ulrika legte den Arm um
sie, fragte dies und das, erzhlte, doch kam der Maler alsbald, seine
Bcher unterm Arm, und nahm sie mit fort, denn er wollte durch den Wald
laufen, und sie wollte mit. Ulrika immerhin schien froher und offner als
jemals.

Auf einmal war Renate allein mit Saint-Georges; auch Magda war gegangen.

Ach Georges, sagte sie, ich mu mich ins Gras legen, glaubst du, da
es was schadet?

Nein, er glaubte es nicht. Also streckte sie sich lngelangs in den
hohen Halmen und verdorrten Blumenstauden auf dem Rcken aus, blinzelte
gegen den immer goldeneren Himmel und fhlte wonnig an Schultern und
Rcken, Fen, Waden und Kniekehlen berall die andrngende, mchtig
tragende Feste der Erde, auf der sie -- die Augen schlieend, fhlte sie
es mit Macht -- in ungeheurer Sicherheit, vom riesigsten Rcken
getragen, durch Helles und Dunkles, Tage und Nchte, jahrlang durch
gewaltige Rume umrollend dahingetragen wurde. Ja, einen Augenblick
glaubte sie zu spren, wie es hinter ihr, im Westen stieg, wie sie
selber nicht lag, sondern stand, ausgebreiteter Arme, wie angenagelt an
die immer sonnenaufgangwrts umrollende Kugel, selig gekreuzigt,
schmerzlos im Herbsttag, gefllt mit goldenen Adern von himmlischer
Luft, nur ein leichtes Gewebe selbst, im Gras ausgebreitet, von
purpurnen und goldenen Fden und Maschen, in dem das wunschlos pochende
Kleinod schwebte, liebevoll, ihr Herz.

So lag sie lange Zeit, still, die Augen zu, vor dem verschlossenen Blick
das leise Brennen der unsichtbaren Helle; hoch ber ihr rauschte es
selten einmal und ward wieder still, schauderte etwas leicht auf und
beruhigte sich wieder, eine khle Welle lief ber ihr Gesicht, ein Haar
oder zwei wehten kitzelnd ber Nase und Wange, ein Tier kroch juckend
ber ihre Hand, rings wehte kaum vernehmbar das Gras, die gedmpfte
Natur krachte unhrbar leise im Saft, sie ruhte, Renate ruhte.

Aber jetzt mute sie den Kopf heben, die Lider halb ffnen und
Saint-Georges ansehn, ber ihre Fe hinaus sphend; er sa in der
Bankecke, einen Arm auf der Rckenlehne, ein Bein auf dem Sitz, und
schaute schrg in die Hhe; seinem Blick folgend, sah Renate zwischen
den Steinfiguren auf dem Dach, die hell besonnt im Lichten standen, zwei
farbige Tauben laufen; es blitzte Wei in der fernen Blue auf, eine
dritte schwang sich zu den andern.

Georges, sagte sie, sich wieder legend, seit langem ist es mir dann
und wann, als ob ich warte; oder ungeduldig bin; oder -- -- ist Warten
gut, Georges, oder nicht?

Einige Zeit verging, bis sie ihn sprechen hrte. Jeder Mensch, sagte
er, dessen Geist Augen hat, zu sehen, bekommt von Anbeginn die Richtung
zuerteilt, in der sie sein Leben lang stehn: ins Heute, ins Gestern, ins
Morgen gerichtet. Das sind die drei Temperamente; vier giebt es nicht.
Wer allzutief ins Gestern blickt, dem verfrbt es das Morgen, wie Rot
das Weie grn frbt; wer allzuscharf nach Morgen spht, der erblindet
frs Heut, der wird unruhig, vielleicht unselig. Wer nur aufs Heute
schaut, wird leicht bodenlos -- ohne Gestern -- und erbarmungslos --
ohne Morgen. Die Menge blickt halben Auges verschwommen -- nach allen
drei Seiten. Der groe Einsame blickt ganzen Auges tief und klar -- nach
allen drei Seiten.

Ach, sagte Renate dankbar, eine Antwort hast du mir glaub ich nicht
gegeben, aber es ist wunderbar, auf dem Rcken zu liegen und nach
Schmetterlingen zu gucken.

Herbstschmetterlinge, Renate, hrte sie ihn antworten, die Flgel
grau, von Weisheit verstaubt. --

Sage mir, Georges, fing sie nach einer Weile wieder an, wenn ich denn
schon unruhig bin, warum rhre ich mich nicht mehr?

Wir lesen, sagte er langsam, im Leben der Bienen von Maeterlinck ber
die Bienenknigin: sie bleibt gleichgltig, regt sich nie auf und nimmt
sich Zeit.

Alsbald ri Renate die Staude aus, die sie gerade in der rechten Hand
hielt, und warf sie nach ihm hin, jedoch mehr zum Schein, denn sie
machte die Augen deshalb nicht auf. Auf einmal kam ihr auf dem Weg ber
Bogner Cornelia Ring ins Gedchtnis, sie fragte nach ihr, hrte Georges
etwas antworten und sagte, verloren in Gedanken: Josef wurde ihretwegen
in vielen Husern nicht eingeladen ...

Ja, das geht auch nicht, meinte Saint-Georges. Die Augen geffnet, sah
sie das Skurrile in seinem Gesicht.

Htte ers heimlich tun sollen?

Heimlich, Renate? Was ist heimlich? Alle tun, was er tat, nur meist in
mehr sporadischer und ebenfalls mehr widerwrtiger Form. Aber sie tun es
mit allerhchster Erlaubnis ihrer Frauen, Mtter und Schwestern -- ich
nehme die Brute aus, denn sonderbarer- oder auch rhrenderweise gilt
Brautzeit gemeinhin als Schonzeit, und dann ist es natrlich auch so,
da jede Mutter, jede Frau immer im eignen Sohn oder Mann eine Ausnahme
sieht. Also sie tun es, mit der Erlaubnis, es heimlich zu tun; z. B.
nachts, wenn die Gesellschaften zu Ende sind, in die Bars und Bordelle
zu fahren, wie das hier und wohl in allen Stdten blich ist. Die
Gesellschaft -- aber ich wei nicht, ob du --

Nur zu, Georges, sagte Renate, ich sagte es ja schon: es ist
wunderbar, im Grase zu liegen und von der Gesellschaft reden zu hren.
Sprich von der Gesellschaft, wir haben ja schon davon angefangen, vorhin
bei Busonis Wort.

Die Gesellschaft, redete Saint-Georges, hat durchaus nichts gegen
Unmoralitt, sondern braucht sie im Gegenteil notwendig als Wrze und
als Hintergrund, wie gewisse Dinge nur wei aussehn, wenn man sie auf
was Schwarzes legt. Die Gesellschaft, wenn du das etwa glauben solltest,
hat -- wovon das Wort herkommt: von _mores_ und _mos_ gleich Gewohnheit
-- kaum Moral, sondern sie hat Sitten, und giebt danach Gesetze,
bestraft daher nicht die Sittenlosigkeit, sondern allein die
Sittenwidrigkeit. Sie wird daher ferner immer das Geheime dulden; was
sie nicht duldet, ist die Ausnahme. Zum Beispiel Bogner. Sie kennt
keine Dirnen -- als Dame -- aber uneheliche Mtter -- als
Frsorgevereinsmitglied. Sie hat Verbote ntig, um sich Grenzen zu
ziehn, nicht Gesetze, um das bel zu tilgen. Sie berwacht nicht
tuberkulse Vter _in spe_, sondern versucht, tuberkulse Kinder zu
heilen. _Dito_ Geschlechtskranke, Trunkschtige und dergleichen. Sie
verurteilt die Prostitution -- als Gatte -- und unterhlt Bordelle --
als Gemeinderatsmitglied. In diesen wieder berwacht sie die Insassen,
aber nicht die Gste. Sie ist gegen die Trunksucht, weil sie die
Gesundheit untergrbt, und verachtet den Abstinenten, weil er ihre
Gesundheiten nicht ausbringen will. Sie erlaubt einer Dienstmagd von
vier Sonntagen zweie zum Ausgang, um sich zu vergngen, und jagt sie zum
Teufel, wenn sie guter Hoffnung ist. Sie hat den Frauen nacheinander das
Tanzen, Reiten, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Radfahren, Studieren
verboten und wieder erlaubt. Sie erlaubt dem Ehebrecher, den Ehemann zu
tten, und sie ttet den Ehemann, der sich ans Gesetz wendet. Sie
erlaubt, die Ehe zu brechen, aber sie erlaubt nicht, sie zu zerbrechen.
Sie verabscheut das Laster, aber sie fllt die Gerichtsverhandlungen.
Die Gesellschaft wei nichts von Logik, sondern nur von Gewohnheit, hlt
fr schdlich nicht das Zerstrende, sondern das Neue, will nicht
verbessern, sondern verdecken, will nicht bestrafen, sondern sich
schtzen, sie verbannt nicht, sondern lt verhungern. Sie hat ein
Gutes: gar kein Gedchtnis. Sie gleicht der Fliege vollkommen. Sie setzt
sich auf alles; sie ist vllig geschmacklos.

Ach, wie angenehm das pltschert, dachte Renate und fragte, warum er
Bogner erwhnt habe. Saint-Georges lachte mit Behagen.

Bogner? sagte er. Bogner lief als Knabe weg und kam wieder als Mann.
Er machte Besuche, in einen sehr schnen Schorock gekleidet, mit einer
lichten Weste, anstatt in Samtjacke und Schlapphut daher zu kommen, oder
wie es jetzt Mode ist, in Wickelgamaschen und Joppe. Das war schon
gefhrlich. Er zeigte sich weder geistreich noch boshaft, weder
unmanierlich noch bldsinnig, er war artig. Das war schon sehr
gefhrlich. Er lie aber seine Augen im Zimmer umherwandern, und siehe
da, alle Schande ward ihm offenbar. Weder die unmoderne Einrichtung mit
Sofaumbau, die lngst hatte ersetzt werden sollen, noch die Sofaschoner
-- Antimakassars, sagte man frher dazu --; weder das Loch im Teppich,
noch der zerbrochene Glhstrumpf, weder die schmutzigen Gardinen, noch
die ungewaschenen Fenster, nichts sahen sie seinen Augen entgehn. Ich
kenne Leute, die Leute kennen, die ... und die sagten es mir. Natrlich
sah er gar nichts dergleichen, aber die ihn sahn, muten es glauben,
denn was kann man denn anders sehn, wenn man so sieht wie er, als
Schden, Flecke, Lcher. Furcht voreinander ist der erste Eckstein der
Gesellschaft, Renate. Aber weiter. Er bersah das lstilleben von der
Tochter des Hauses und fragte nach der Miniature eines lngst begrabenen
Urgrovaters, der nichts hatte erben lassen. Er legte die Photographie
des Schwiegersohns wortlos fort und nahm einen alten, grnen
Porzellanmops in die Hand, unter dessen Hinterteil er zwei gekreuzte
blaue Schwerter entdeckte, die noch nie ein Mensch gesehn hatte. Er
machte auf einen schief hngenden Starenkasten aufmerksam, der sein
Dasein verfehlte, aber seit Jahren schon so hing und das Bild des
Gartens vervollstndigte. Er nannte eine gemeine weie Rose: welch
schne Clara Watson! und verachtete das verblffende Wachstum der
Araukarie. Er bat um die Erlaubnis, eine Skizze vom Kohlenkeller machen
zu drfen, in dem doch alle leeren Boonekampkrge der Hausfrau
aufgestapelt waren, und er malte keineswegs das Portrt der Braut in
Pastell. Er schickte kein Bild zur Ausstellung der heimischen
Kunstgenossenschaftler, und als er einmal daselbst betroffen wurde, bat
er gerade den Kustos um ein Glas Wasser, weil er vor einer Landschaft
des Stadtmalermeisters an einem Lachkrampf erstickte. Er --

Ach, Georges, das ist doch nicht wahr!

Nein, natrlich ist es nicht wahr, rief er aus einem Gelchter, aber
ist es nicht glnzend erfunden? Htte er doch von der Musik der
Farbgebung, dem Rhythmus der Flchen und der seelischen Dynamik des
Pinselstrichs geredet, so wre es gegangen. Er aber sagte berhaupt gar
nichts. Welch ungeheure Boshaftigkeiten also mute er verschweigen. Er
htte auch die frchterlichsten Lsterungen, Frivolitten und
Frevelmeinungen uern drfen, denn mit dergleichen verhlt es sich seit
alters so, da der Bourgeois sie verdammt und verabscheut, wenn sie in
Bchern stehn, wenn aber jemand sie uert, so heit es: das sagt er nur
so! Der Bourgeois glaubt nicht nur nicht, was ein Andrer sagt, wenn es
fremd und erschreckend klingt, sondern glaubt nicht einmal, da der
Andre selber es glaubt. Wre er aufrichtig, fr welch schaurige Lgner
mte er alle Sonderlinge und Eigengnger halten. Frher wurde von einem
Manne verlangt, da er tut, was er denkt. Milder Denkende rieten
spterhin, es genge, zu sagen, was man denkt. Heute giebts schon
niemand mehr, der denkt, was er denkt. Und von Bogner sagen sie ja nun:
er hat sffisante Augen.

Ach, rief Renate, sich aufrichtend, nun wei ich, da du die Wahrheit
sagst! Da auf der Bank habe ich gesessen und dies Wort in einem Briefe
von Magda gelesen; ihr Vater brauchte es gegen Bogner. Ach, wie lange,
wie lange ist das her!

Sie wollte eben das Gesicht gegen die Knie senken, als sie zu ihrer
Rechten hinter den Bschen etwas Menschliches zu sehn glaubte, eine
Bewegung, ein Gesicht. -- Vielleicht war jemand am Zaun drauen
vorbergegangen. Sie wollte sich wieder legen, sah aber nun, da der
Garten schon tief im Abendschatten lag; nur zu ihren Hupten, hoch in
den Wipfeln, hing noch das scheidende Licht, und noch flossen warme
Spuren und goldne Hauche ber den weitoffnen Himmel. Sie sprang auf,
schttelte ihr Kleid und rief Saint-Georges zu, er solle schnell seinen
Bruder herunterholen, damit er noch an die Luft komme, -- und da stand
auch schon Magda wieder in der Veranda und fragte herber, ob es nicht
Zeit sei, den Gelhmten zu holen. Saint-Georges folgte, Renate rief ihm
noch zu, sie ginge in die Kapelle. Der Lahme liebte es sehr, die Orgel
am Abend zu hren, wenn er umhergefahren wurde.

Den Weg zwischen den Gebschen hinunter, gegen den Zaun zu gehend,
gewahrte Renate jetzt deutlich ein Gesicht drauen hinter dem Gezweige.
Nherkommend sah sie die Bltter sich bewegen, eine Hand teilte sie;
Josefs Gesicht war drauen, seitwrts gedreht; er sah sie nicht an.

Josef! stie sie hervor. Ihr Herz tanzte. War sie erschrocken? Ihr
Herz kmmerte sich um gar nichts und war auer sich. -- Nun drehte er
langsam das Gesicht her. Seltsam ... wie starr das Auge war! und die
ganze Hlfte des Gesichts, die rechte, war -- ja, sie war nicht da,
etwas Schwarzes war da, aber die Dmmerung ... Nun lief sie hin, trat
ins Buschwerk auf den Rasen, da war der Zaun, da stand er, schwarz, fein
gekleidet, unbeschreiblich duftend, wie immer.

Wirklich, ich bins, Renate, sagte sein halber Mund, das halbe,
lchelnde Gesicht, willst du herauskommen?

Nun stand sie ganz dicht vor ihm, hrte, da er atmete, sah das schwarze
Tuch, das vor der rechten Gesichtshlfte war, nein -- der ganze Kopf war
damit verhllt, nur vom linken Ohr bis zur Nase, in senkrechter Linie
ber die Stirn, neben der Nase, ber den Mund und das Kinn herunter
abgegrenzt war sein Gesicht zu sehn, wie ein Viertelmond, brunlich
bleich und schn wie je, nur das Auge starrer, doch verging auch dies,
nun sie tiefer hineinsah.

Josef, was ist mit deinem Gesicht?

Komm heraus, komm heraus, o du schne Braut! lockte er, dann sollst
du alles erfahren! ging zwei Schritte am Zaun hin und ffnete die Tr;
sie schob sich unter dem Strauchwerk her dorthin, ging durch die Tr,
wollte fragen, warum er denn nicht hereinkomme, lie es aber, stand vor
ihm, furchtsam vor seinem Aussehn, aber doch innig froh im Herzen. Sie
legte die Hnde auf seine Schultern und lie zu, da er die seinen auf
ihre Hften legte. Da du nur da bist! sagte sie glcklich. Ich merke
nun, wie oft am Tage ich dich in meinem Herzen unterschlagen habe. Ich
kann ja nicht sagen, wie ich mich freue. Ja, ich bin sehr erstaunt
darber.

Er lchelte fortwhrend, zuckend mit Mund und Augenwinkel. Wenn du mir
einen Ku gbest, sagte er, wie wre das?

Sie hob sich ein wenig auf den Zehen und kte ihn unter das linke Auge.
Danach mute sie freilich mit dem Fu aufstampfen, mit der Faust in die
Handflche schlagen und sich verschwren, da es ein Elend sei, da die
Ungeratenen, was sie nur wollten, erhielten, whrend die Guten ohne Ende
darben mten.

Ich frchte, sagte Josef, es liegt nicht an den Bsen und an den
Guten, sondern allein an dem menschlichen Herzen. Du goldnes Mdchen!
sagte er pltzlich erschttert und schien gewillt, auf die Knie zu
sinken. Er bckte sich bis tief auf ihre herunterhngende Hand, fate
und kte sie gewaltsam. Sie legte die Hand auf seinen Kopf, merkte, da
sie fast standen wie damals beim Scheiden, Josefs Vater wanderte fremd,
sinnlos heiter vorber, es war dmmrig, feuchte Schleier hingen vor
einer fremden Mauer, ein Dach darber ... ihre Kapelle wars. Sie fhlte
seltsam das schwarze Zeug unter ihrer Hand, fate jhlings, von
unverstndlichem Zorn ergriffen, zu, zerrte und ri es herab. Er
richtete sich auf, so hoch er war, der Lappen hing schwarz an seinem
Hals, Renate prallte zurck und schauderte vor seinem rechten Gesicht,
das fehlte, das nur dunkelrote Haut war, nach innen gedrckt, ohne Spur
von Zgen, kein Kinn, keine Augenwlbung, nur ein Loch, zugekniffen,
kein Backenknochen, der Mundwinkel hineingewischt. -- Sie schlug die
Hnde vors Gesicht. Als sie wieder aufsah -- ach, es war wohl doch ein
Traum, das Ganze! Denn nun war sein schnes Gesicht wieder da, eine
Hlfte davon, unverstellt und unverndert wie vor zwei und einem halben
Jahr, ja, so edel und bedeutend, da schon das Spukbild eben ausgetilgt
war und nichts mehr galt als dies. Dies Gesicht lchelte nun, sie folgte
mit Mund und Augen und sagte: Verzeih, ich war ungeschickt! Ich habe
nichts gesehn. Und nun komm ins Haus.

Josef bckte sich, hob einen Stock, einen leichten grauen Hut mit
schwarzem Band und ein kleines Paket vom Boden, setzte den Hut auf und
sagte: Ins Haus nicht. Wir gehn zu der Schaukel dort unter den Bumen,
da kannst du sitzen.

Damit ging er vorauf. Sie folgte zgernd.

Es war eine groe, wohl zwei Meter lange Schaukel mit eisernem Gelnder,
die in einem Eisengestnge an vier starken Pfosten hing. Josef bot ihr
die Hand, sie stieg auf das Bohlenbrett und setzte sich auf das
Gelnder. Sie sah sich um. Seit den Tagen der Friedliebenden
Gesellschaft war sie nicht hierhergekommen. Damals hatten sie einmal
Alle in der Schaukel gestanden, Irene, Ulrika, Esther, Georg, Benno, und
hatten sich geschaukelt und gesungen dazu im Kanon: Oh wie wohl ist mir
am Abend ... Die Schaukel knarrte. Josef, am andern Ende stehend,
setzte sie leise in Bewegung; das sanfte Wiegen tat Renate wohl. Wo
warst du? fragte sie.

An das Gelnder der Schaukel gelehnt, den Kopf gesenkt, stand er und
schwieg. Einmal zuckte sein Mundwinkel. Renate sah eine feurigrosige
Wolke sehr langsam ber das Dach der Kapelle hinfahren; leicht sitzend
auf dem friedlich schwankenden Boden, erinnerte sie sich, wie sie im
Rasen lag eben zuvor, Saint-Georges plauderte, die Welt war eng und
angenehm und still, -- da stieg dieser Mensch aus dem Rasen herauf, im
glitzernden Behang eines riesigen Hintergrunds, der Fremde, der -- nie
war sie so davon durchdrungen wie jetzt! -- im Leben nichts gewut hatte
von Gesellschaft und Gewohnheit; der in ihr so gut war wie ein Jaguar,
der sich zahm stellt, in einem Geflgelhof. Ja, so stand er, wieder
zahm, strmend aber wilden, atemraubenden Dunst; und hinter sich,
pomps, das Porta der Welt.

Zu fragen, woher einer komme, hrte sie ihn sagen, das liegt freilich
nahe fr den Weilenden, aber dem Kommenden, das kannst du mir glauben,
liegt es wirklich reichlich fern. Guter Gott, wie schn du doch bist!
Ist denn all die Zeit hier einer gewesen, der dir das gesagt hat? Ja,
sieh da, er traf den Nagel, wie immer, auf den Kopf. Setze mich wie ein
Siegel auf deinen Arm und wie ein Siegel auf dein Herz, sagte er. Denn
Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hlle. Ihre
Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn, da auch viele Wasser nicht
mgen die Liebe auslschen, noch die Strme sie ertrnken. Wenn einer
alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so glte es alles
nichts.

Ihr Gesicht stand in Flammen, sie geno das Funkeln seines Auges, atmete
tiefer und dachte mhsam: Einmal wird einer noch andre Worte haben, er
braucht sie nicht von Salomo borgen, und sie werden mich doch
verbrennen, wo ich diese nur brennen sehn kann.

Du hast mich angehrt, fuhr er khler fort, in der letzten Stunde, du
hrst mich wieder an in dieser, ich mu reden, es ntzt mir nichts, und
wenn ich alle sechzig Minuten dieser Stunde zusammenpressen knnte in
eine, sie wrde doch nicht so glhen, um dich zu durchbrennen. Ich wei,
es liegt nicht an dir, wie es nicht an mir liegt, es liegt an der
Einrichtung allein. Ich sehe dir an, da niemand zu dir kam, seit ich
fort bin, dein Hals ist der alte Turm von Elfenbein --

Sie zuckte, er hob die Hand gegen sie, lchelte kurz und sagte: Hab
keine Angst, ich fahre nicht fort in der salomonischen Beschreibung.
Wahrhaftig: hufig habe ich nicht an dich gedacht, aber eines Tages hats
mich doch bermannt, da kam ich gleich. Wie braun du bist! Das Feuer
deiner Augen brennt kalt wie der Edelstein in meiner Tasche, aber dein
Mund ist hundert und tausendmal ser geworden.

Renates Augenlider wankten, sie fhlte, da ihr Kopf hintenber wollte,
und dachte sekundenlang: ... ich wrde mich nicht wehren ... Heute
nacht, dachte sie, wird es mich zerreien vor Pein nach -- nach wem
denn? Sie ffnete die Augen und freute sich, da er viel zu hoffrtig
war, um mehr zu nehmen als ihr Weichwerden und ihr Dmmern.

Sage nun, bat sie mit verschleierter Stimme, wo du warst, und wo
blieb -- dein Gesicht!

Er setzte sich auf das Schaukelbrett vor ihre Fe; in der tieferen
Dmmerung unter den Bumen sah sie jetzt nur seinen schwarzverhllten
Kopf, seine Nase und ab und an den Schein seines Gesichts und das
auffunkelnde Auge; er hielt den Hut in den Hnden, die Ellenbogen auf
den Knien.

Drei Viertelstunden hast du noch, sagte sie, dann ist Abendbrotzeit,
und wir mssen hinein. Er schwieg noch ein Weilchen, dann hrte sie
seine Stimme.

Zu sagen, wo ich war, lohnt sich nicht, aber du bist ja nun neugierig.
brigens ist die Welt viel kleiner, als man gemeinhin denkt, wenn man
die wilden Erdteile ausnimmt: dort war ich nicht, auf Forschungsreisen
zu gehn, hab ich fr spter vorbehalten, ich wollte ja erst Menschen
sehn. Ich bin ja nun einmal Idealist und ging daher aus, einen zweiten
zu suchen.

Was ist ein Idealist? fragte Renate.

Ach, unterbrich mich lieber nicht, sonst mu ich zuviel nachdenken, ob
du auch verstehst, was ich sage; ein Idealist ist ein Mensch, der sich
in einen Kochtopf voll Wasser setzt, denselben ans Feuer rckt und nicht
heraus steigt, ehe er ganz und gar drin verkocht und verbrannt ist. Der
Kochtopf kann ja denn Liebe, Tibet, Goldmachen, Verseschreiben,
Marxismus oder sonstwie heien.

Fandest du solch einen?

Zwei! sagte er, in Amerika. Den einen traf ich im Polizeigefngnis in
Ohio --

Im Poli--?

Ich sage ja, du sollst mich nicht unterbrechen, denn sonst geraten wir
ins Uferlose, ja, ich sa darin wegen einer groen Minensache, es war
eine so groe Schiebung, da whrend des Verfahrens die halbe Welt
hineinverstrickt wurde, und da mute es niedergeschlagen werden. Der
Idealist war ein vielfach rckflliger und bestrafter schwerer
Tresoreinbrecher, der mir durch Klopfsprache seine Entrstung mitteilte,
da er immer wieder bestraft wrde, whrend er doch von einem kleinen
Kapital ein bescheidenes und ordentliches Leben und die Einbrche nur
ausfhrte, um das erlangte Geld sofort an Bedrftige auszuteilen, das
heit, in Wahrheit war er nicht hierber so entrstet, sondern weil es
nicht gelingen wollte, den Richtern zu beweisen, da er berhaupt nicht
stahl; denn was er stahl, sei ja nicht fort, sondern sei da, er hatte
immer die Belege bei der Hand, Reverse der Banken ber Einzahlungen auf
diesen und jenen Namen -- frage nicht, das Geld war den Leuten absolut
sicher -- also sei es durchaus nicht gestohlen, sondern habe nur den
Liegeort gewechselt. Dies war ein Amerikaner. -- Den andren Idealisten
fand ich auf einem englischen Leuchtturm eines winzigen Eilands, ich
darf nicht sagen, wo, irgendwo an der Kste. Er war kein Englnder, galt
aber fr einen, war ein deutscher, verabschiedeter Offizier und hatte
bereits an die dreiig Jahre seines Lebens in dieser Einde damit
verbracht, auf den Augenblick zu warten, wo zwischen Deutschland und
England der Krieg ausbrechen wrde, um alsdann seine Lichter auszupusten
und gehngt zu werden. Nun mchtest du wohl wissen, was ich und wo ich
noch war. Die Vereinigten Staaten sind das Grauenhafteste auf der ganzen
Welt, ich war auch im Westen, war Minengrber, Goldwscher und Viehhirt,
es war fr eine Weile ganz lustig, aber ich konnte es auf die Dauer
nicht ertragen, wie sie ihre Pferde mihandeln.

Da er eine Pause machte, fragte Renate, nichts als zuhrend: Aber das
Mihandeln von Menschen, das konntest du --?

Denn der Mensch, sagte er, kann sich wehren, das Tier nicht. Das Tier
kann beien und ausschlagen, aber das hilft ihm nichts, denn es mu
dableiben; der Mensch kann weggehn. Er geht in ein andres Land oder geht
aus dem Leben. Das Tier kann nicht aus dem Leben, wie es nicht aus
seiner Haut kann. Ferner war ich Agent. Agenturen giebt es fr alles,
zumal in Amerika. Agenturen fr Politik, fr Minen, fr Geldgeschfte,
fr Doktordiplome, fr Mdchenhandel, fr Bestechung, Spionage, An- und
Verkauf deutschen Adels an reiche Mdchen, fr Schmuggel, Grndungen und
fr Mord. Einige werde ich wohl ausgelassen haben. In Colorado Springs
war ich auch Falschspieler, du weit, ich kann die Karten nicht leiden,
aber Falschspiel ist reizend, solange man sich einbilden kann, der
einzige am Tisch zu sein, der betrgt, und das gelingt ja wohl eine
Weile. Dort wars, wo ich mein Gesicht verlor, es stahl natrlich eine
Frau, beschreiben mchte ich es dir lieber nicht. Ich habe ja auf Frauen
immer eine gewisse Anziehungskraft ausgebt; dort, wo man weniger
empfindet und denkt, sondern gemeinhin tut, was man empfindet oder
denkt, war es fast unertrglich, und so war ich nicht sehr bse ber den
Verlust; leider stellte sich dann heraus, da die Halbierung die
Anziehungskraft nicht unbedeutend gesteigert hatte. Ach, Kind,
unterbrach er sich, ist es nicht genug? Ich knnte niemals fort gewesen
sein und das gleiche erzhlen, du wrdest nicht besser wissen, ob du mir
trauen darfst oder nicht.

Er sah trbe zu ihr auf. Renate dachte gelhmten Herzens nur: Josef --
und lgen, um sich einen Hintergrund zu geben? -- Aber ich habe dir
Gre auszurichten, sagte er nun. Ein gewisser Sigurd Birnbaum,
weiland Cellospieler Renates, trug sie mir auf, mit dem ich gewisse
Operationen auszufhren hatte, um einen gewissen Geheimbundsfreund in
Tscheliabinsk aus der Katorga zu befrein.

Mein Gott, Sigurd, sagte Renate, was ist aus ihm geworden?

Dort, erklrte Josef sehr ernst, indem er sich langsam erhob, dort
giebt es Idealisten. Aus Frankreich -- es lebt sich dort angenehm, wenn
man es versteht, fr einen Franzosen gehalten zu werden, jedoch -- aber
das fhrt zu weit -- jedenfalls kam ich von dort nach Russland und
schlo mich der revolutionren Bewegung an. Dort verbrodeln die Menschen
freiwillig und mit Gesang. Ich will dir etwas erzhlen.

Er setzte sich wieder hin. Was wird nur Onkel sagen? dachte Renate. Wird
er ihn erkennen? Sie merkte, da sie zitterte. Sie begann sich zu
frchten und hrte Josefs Stimme aus der Ferne, die langsam Satz um Satz
hinsagte.

Ein jdischer Knabe war vierzehn Jahre alt, als er seine Eltern und
deren ganzes, sehr groes Vermgen durch ein Pogrom verlor. Er ernhrte
sich selber, besuchte das Gymnasium weiter und wollte Apotheker
studieren. Mit sechzehn Jahren wurde er bei einer Massendemonstration
verhaftet, in Bausch und Bogen mit verurteilt und kam ins Gefngnis.
Dort wurde er mit den sozialistischen Ideen bekannt, eignete sich das
theoretische Wissen an und verlie das Gefngnis als Sozialist. Er
verdiente Geld durch Unterricht, studierte, erreichte in der Bewegung
bald eine fhrende Stellung, las viel und hungerte mehr. Als Redner bei
einer Demonstration wurde er wieder verhaftet und kam fr zwei Monate
ins Gefngnis. Er und seine Arbeit waren fr die Bewegung wichtig; daher
lie eine Studentin, mit der er zusammen gelebt hatte, sich jede Nacht
in einem, dem Gefngnis benachbarten Holzlager einschlieen, kletterte,
obgleich auf sie geschossen wurde, zu seinem Fenster an der Mauer hinauf
und tauschte Zeitungen und Berichte mit ihm aus. Er sa in Einzelhaft,
durfte weder rauchen, noch lesen, noch irgend etwas tun. Er durfte eine
einzige Stunde am Tage spazieren gehn und erhielt so Verbindung mit den
sogenannten Kriminellen, das sind die wirklichen Verbrecher, unter denen
er sozialistische Propaganda betrieb durch Reden und Broschren, ihnen
Verteidigungsreden anfertigte und sie vorbereitete. All dies durch die
Klopfsprache, deren System ich dir ein andermal erklre; man kann nach
vier Seiten, oben, unten, links und rechts klopfen. Er organisierte
unter anderm einen Hungerstreik wegen der Verurteilung von Leuten, die
nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Er war ein Idealist. Als er das
Gefngnis wieder verlassen hatte, half er bei der Vorbereitung einer
Revolution, reiste als Provisor, arbeitete in kleinen Orten, benutzte
die Nchte zur Propaganda, zur Verbreitung gefhrlicher Druckschriften,
bernahm selbst deren Ausarbeitung und Druck, arbeitete zum Beispiel
vier Wochen in einem Keller, um halb im Dunkeln eine Anzahl Broschren
mit der Handpresse zu drucken. Die Revolution brach aus, die Regierung
organisierte eine Gegenrevolution, wie das da blich ist, der Pbel
machte Pogrome, die Soldaten beteiligten sich an der Plnderung, die
Sozialisten organisierten eine Miliz zum Schutz der Unbeschtzten, und
er wurde Hauptfhrer des Bundes jdischer Sozialisten. Die Juden sind
dort, wo er war, Fabrikarbeiter. Er wurde verhaftet und fr lebenslang
nach Sibirien verschickt. Nun ist in Ruland alles organisiert, auch die
Bestechung; die Sozialisten haben eine eigne Gesellschaft gewissermaen,
auch eine Kasse, zur Befreiung der Militanten oder politischen
Verbrecher. Er entkam whrend des Transportes mit einem Andern, sie
fuhren sechzehn Tage auf der sibirischen Bahn als blinde Passagiere
unter den Bnken der Waggons, verlieen wenige Tagereisen vor Petersburg
den Zug, hngten sich unter einen Wagen, um bei Nacht abzuspringen, aber
der Freund hatte Angst, er mute mit dem Revolver auf ihn schieen, sie
sprangen ab und schrften sich die Haut. Die Organisation befrderte sie
an die Grenze, er bekam einen falschen Pa, einen Verkehrspa fr
Galizien, den dort jeder haben mu, darin stand leider, er sei ein alter
Mann mit grauem Bart. Er wurde wieder verhaftet, brach allein aus,
verschaffte sich Bauernkleidung, wanderte als Landarbeiter von Ort zu
Ort, kam ber die Grenze und durch Rumnien, Ungarn, sterreich, die
Schweiz nach Frankreich. Als Auslnder wurde er an der Sorbonne nicht
zugelassen, er arbeitete in einer kleinen Maschinenfabrik und
organisierte dort einen Streik wegen schlechter Lhne. Seine letzte
Kraftleistung war, den Fabrikbesitzer aus dem Fenster zu werfen; er
arbeitete weiter in seinen Betrieben, als Buchbinder, lebte von dreiig
Franken monatlich, aber seine Energie war zu Ende. Da kam aus Ruland
jenes Mdchen, das ich erwhnte, die Studentin, sie brachte ihn in eine
Apotheke als Laufburschen, wo er sich die franzsischen Namen der
Medizinen aneignete. Er studierte wieder, es gelang ihm spter, an der
Sorbonne zugelassen zu werden, er studiert nun weiter. Die Examina sind
dort in Pharmazie zahlreich und sehr schwer, er ist jetzt Provisor, um
Geld zu verdienen, mu noch das Abiturientenexamen und Staatsexamen
machen, um die Erlaubnis zum Besitz einer Apotheke zu bekommen. Ich
lernte ihn kennen, da ich jenen Sozialisten, dem ich mit Sigurd zur
Flucht verhalf, nach Frankreich brachte, wo er in Paris unter den
Sozialisten eine bedeutende Stellung einnimmt.

Nun hast du wohl, sagte Josef, einen Begriff, wie andernorts Menschen
leben. Im Vergleich zu ihnen -- ich nannte eben absichtlich seinen
Namen, denn es giebt mehr als einen solchen -- lohnt es sich natrlich
nicht, von mir zu reden. Ich nahm ja an alledem auch nur teil wegen der
Bewegtheit, nicht wegen der Ziele. Sigurd Birnbaum brigens studiert in
Odessa, ist Assistent in einem Krankenhaus und der gute Heiland aller
kranken Kindlein; brigens -- war er immer so finster? Er soll an
Schwermut leiden und -- ja, nun mut du wohl zum Essen hinein. Er holte
einen Zettel aus der Tasche. Hier ist eine Adresse, sagte er, wenn du
Verlangen nach mir haben solltest, bin ich durch sie immer zu
erreichen.

Renate nahm das Blatt nicht, das er ihr hinstreckte, sah ihn nur an und
sagte: Josef!

Nein! versetzte er gebieterisch. Bitte nicht, fordre nicht, es ist
unmglich. Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich bin nicht erst seit
heute in dieser Stadt, ich wei alles, was sich whrend meiner
Abwesenheit in diesem Hause zugetragen hat, ich wei auch alles von dir,
was sich durch dritte Hand wissen lt. Vorlufig bleibe ich, ich bedarf
etwas Ruhe. Er erfate ihre Hand, drckte den Zettel hinein und schlo
sie darber. Willst du Grnde? Ein andermal wird Zeit dafr sein.
Immerhin: ein Wort! Sein eines Auge starrte bedeutsam, whrend er
schlo: Erasmus; ich gedenke noch zu leben.

Er zog die Uhr, hielt sie empor, um das Zifferblatt zu erkennen, und
sagte: Es ist hohe Zeit fr dich. Da du von mir schweigst, halte ich
fr selbstverstndlich; es knnte sonst Unheil geben. Nun genug. Lebe
wohl! auf Wiedersehn. Er bot ihr die Hand.

Renate erhob sich, legte die Hand auf seine Schulter und sprang von der
Schaukel auf die Erde. Nun versuchte sie es noch einmal, richtete durch
die Dunkelheit ihre Augen auf das seine und bewegte die Lippen.
Angezogen, kam er ganz nahe, legte den Arm um ihre Schulter und, den
Mund dicht vor ihrem, sagte er: Was -- --?

Renate fhlte ihr Blut gerinnen. Alles -- sagte sie lautlos; und nach
einem Augenblick: -- fr deinen Vater.

Er fuhr zurck, sein Auge starrte wtend, er stie hervor: Bist du denn
wahnsinnig geworden? Drehte sich um und ging in Eile unter den Bumen
weg. Sie sah ihm fassungslos nach. Weiter unterhalb, wo es heller war
ber den Wiesen, kam noch einmal sein Schatten zum Vorschein. Sie fhlte
den Zettel in der Hand, ffnete ihn und las trotz der Dunkelheit leicht
das einsame Wort: Jason. -- Sie sah etwas Weies auf der Erde, bckte
sich und fand das Paket, das er bei sich gehabt hatte; sein Stock lag
darber. Sie nahm beides und ging langsam in den Garten zurck, in die
Kapelle, legte die Sachen auf einen Stuhl, ging hinaus, verschlo die
Tr und ging durch den Garten ins Haus.

Vor der Tr des Ezimmers hrte Renate von drinnen lautes
Durcheinandersprechen und Gelchter; sie glaubte Ulrikas Stimme zu
hren, legte die Handrcken gegen die Wangen und fhlte, da sie
glhten; die Hnde waren eiskalt. Sie trat ein; ja, Ulrika war da, auch
Bogner; Alle, Erasmus, Saint-Georges, sein Bruder und Magda saen
bereits essend um den Tisch. Renate blieb an der Tr stehn, klatschte,
ihr Zusptkommen und ihre Erregung zu verbergen, in die Hnde und rief
lustig: Ach, sieh, der Maler mit den sffisanten Augen ist wieder da!
Die Andern lachten, Ulrika rief, sie sollte sich schnell hinsetzen, sie
kriegte sonst nichts mehr zu essen, fragte, was das heien sollte:
sffisante Augen, erklrte dann aber erst, da sie und Bogner im Walde
im Kreis gelaufen und wieder hergekommen seien. Nun bestand Bogner auf
Erklrung seiner sffisanten Augen, aber Renate, in pltzlicher
Mattigkeit, verwies ihn an Saint-Georges. Sie sah eine Tomate auf ihrem
Teller, die dampfte, nahm die Gabel, lste den Deckel ab und zwang sich
zu essen. Wie drhnten denn die Stimmen? Selbst die ruhige von
Saint-Georges summte bohrend in ihr Gehr.

Dieser berhmte Maler, sagte Saint-Georges, pflegt die Dinge
vereinfacht zu sehn, um nicht zu sagen, abstrahierend; er scheidet das
Gewohnte aus und sieht, was fehlt, oder aber was da sein knnte, oder
was zuviel ist, und was den Andern mifllt, das gefllt ihm gerade,
weil es krumm ist.

Ach, sagte Bogner heiter, nun fllt mir ein, da einmal jemand zu mir
sagte, wenn ich ihn anshe --

Bitte, unterbrach ihn Saint-Georges, das hat er sicher nicht gesagt.
Er hat gesagt: Wenn Sie einen ansehn -- nicht >mich<, nicht wahr? Die
Gesellschaft ist >man<, Renate, nicht >ich<, das ist auch ein Eckstein
davon.

Renate sah seine Augen von drben auf sich gerichtet; es kam ihr vor,
als ob er alles wte. Sie nickte und senkte das Gesicht. Der Maler fuhr
fort:

Also, wenn ich einen anshe, sagte er, htte man immer das Gefhl, ein
Westenknopf wre offen, oder der Schlips se schief, oder es wre ein
Fleck am Kragen, und man mte immer an sich herumfummeln.

Siehst du, sagte Ulrika, warum willst du auch niemals lachen! Du
machst immer blo so krumme Mundwinkel, und das sieht denn so
heimtckisch aus.

Und dann vor allem, begann wieder Saint-Georges, diese raffiniert
sokratische Methode, alle Augenblicke zu sagen: Davon verstehe ich
nichts.

Renate zuckte zusammen; mein Gott, wie laut lachten sie denn, das
prasselte ja nur so auf ihren Kopf herunter!

Meinen Sie, da Ihnen das einer glaubt, wirklich? Deshalb hlt man Sie
doch blo fr -- entweder teilnahmslos -- um nicht zu sagen:
interesselos, oder hochfahrend, oder faul, oder fr einen verkappten
Anarchisten, Atheisten oder so.

Pltzlich drhnte Erasmus' tiefe Stimme in das Gelchter, -- aber nein,
er sa ja ganz still da und sagte ruhig: Wre die Welt so undankbar,
wie es nach Ihnen scheinen sollte?

Ach, Erasmus war ein guter Mensch, und sein Bruder stob wie ein Windhund
durch die Welt ... Renate griff nach der Tasse, um die aufsteigenden
Trnen mit dem Tee herunterschlucken zu knnen, aber nun war der Tee so
hei, da sie mit einem kleinen Schrei die Tasse wieder hinsetzte; sie
lachte verlegen, die Andern verlachten sie, sie khlte die Zungenspitze
an der Serviette und war froh ber ihr Ungeschick. -- Magdas Stimme
klang wohltuend leise:

Ja, Erasmus, wenn man jemand so sprechen hrt wie Saint-Georges, klingt
alles so fremd, sieht so zerbrochen, so zerstckt aus, hoffnungslos, und
die Menschen so ungtig. Ich kenne ja eine Menge Menschen, in Berlin,
meinen Lehrer und hnliche. Ja, sie lgen viel und beschwatzen sich, sie
knnen ja niemals, wie sie wollen, sie hngen Alle voneinander ab, sie
mchten gerne anders, ein jeder, aber -- Sie stockte.

Ulrika hob die Achseln und meinte, die Knstler seien freilich die
schlimmsten, nicht die Schaffenden, sondern die Darstellenden, die
Virtuosen, denn da herrsche ber alles der Agent.

Renate schlug nur das letzte Wort mit wildem Sinn ins Ohr, sie fuhr
erschrocken auf und stie hervor: _Was_ sagst du?

Ulrika lachte. Warum erschrickst du denn so? Renate wute nichts zu
antworten, hrte nichts mehr, nur Stimmengewirr, raffte sich endlich auf
und sah, da es Zeit sei, von Tische aufzustehn. Jhliche Todesangst im
Herzen, zog sie Magda einen Augenblick an sich, strich ihr bers Haar,
ging hinaus und trat ber den Flur vor das Zimmer ihres Onkels. Sie
glaubte, ihn nicht ansehn zu knnen, fhlte sich gleichwohl gezwungen,
dies sofort zu versuchen, hinter ihr wurde die Tr geffnet, sie drckte
eilig die Klinke nieder und trat ein.

Der Schattenri des alten Mannes war vor dem einen Fenster; er schien
auf die Strae zu blicken; in den Fenstern stand das blaue Zwielicht.
Gleich darauf fiel heller gelber Schein von unten herauf durchs Zimmer;
die Laterne war drauen angezndet. Schritte waren hrbar und entfernten
sich.

Onkel! flsterte sie. Er drehte sich langsam um, sie sah im
Lichtschein seine Augen, einen Augenblick fast gedankenvoll. Schnell
ging sie auf ihn zu, legte die Stirn an seine Schulter, umfate ihn an
den Armen, hoffte inbrnstig, er mchte ihrem Leib anfhlen, was sie
wute. Sie zitterte, als sie seine Hand auf ihrem Rcken fhlte; Gott
sei gelobt, dachte sie, er ist ruhiger geworden, er mu etwas empfunden
haben, ja vielleicht wute er es schon eher als ich! -- Leise versuchend
hob sie das Gesicht. Er sah wieder auf die Strae.

Aber nun schob er sie sanft von sich, sie trat zurck, er ging an ihr
vorber, legte die Hnde auf den Rcken und begann im Zimmer auf und
nieder zu gehn. Da fiel ihr ein, da sie schon seit einigen Tagen seinen
Schritt im Zimmer gehrt hatte -- ach, es war sicher, er -- nein,
ruhiger war er nicht geworden, das war ja Unsinn, er war ja immer die
Ruhe selbst gewesen! Unruhig war er geworden, er ging umher, er sah auf
die Strae, wartete, lauschte, suchte.

Im Augenblick berfiel sie gewaltig die Ahnung, die Gewiheit, da Josef
nicht fortgegangen oder da er inzwischen wiedergekommen war, da sie
ihn finden konnte ... Aufgeregt schritt sie zur Tr und hinaus, lief die
Treppe hinunter -- seltsam, es war alles leer! wo waren denn die Andern?
-- Nun durch den Garten, den Weg hinab durch die Bsche; am Pfrtchen
lehnte ein Mensch, es war Georges. Ihr Herz sprang verzweifelt auf und
strzte. Georges! rief sie halb weinend, bist du allein? Sie mute
sich von ihm halten lassen, bebte an allen Gliedern und weinte. Ich
habe ihm alles versprochen, schluchzte sie, was soll ich denn tun,
mein Gott, was soll ich denn?

Langsam fhlte sie sich wieder geborgen, ermannte sich, trat zurck und
trocknete ihr Gesicht.

War Josef da? fragte er leise. Sie nickte.

Wenn er zurckgekommen ist, fuhr er begtigend fort, wird er auch
eines Tages ins Haus treten. Ich kenne ihn nicht, aber -- er hat wohl
kein Verbrechen begangen, aber das verwirrte Herz seines Vaters wird ihn
doch herumtreiben und anziehn.

Ach, Georges, klagte Renate, was hat er denn getan? Du weit ja, was
ich dir von seinem Vater erzhlte, und da siehst du wieder: was ein
Mensch tut, das allein macht das Unheil nicht aus; das Unheil, weit du
nicht mehr, damals sagtest du es selber, ja, Georges, du hast es mir
erklrt: das Unheil bildet sich im Herzen. Josef ging nur fort, was war
auch dabei? aber sein Vater nahm es als Strafe vom Himmel fr eigenes
Verschulden.

Saint-Georges antwortete nicht. Sie standen schon wieder auf dem
Gartenweg, Renate ging langsam zum Haus zurck. Beim Anblick der
Kapellentr fielen Josefs Paket und Stock ihr ein, sie sagte
Saint-Georges davon und bat ihn, die Sachen an sich zu nehmen,
vielleicht in seines Bruders Zimmer zu bringen.

Sie gingen in die Kapelle, er machte Licht, Renate nahm das Paket auf.

Vielleicht braucht er es aber, sagte sie, streifte nach kurzem Zaudern
die Hlle ab und hielt einen Lederkasten in der Hand, wie eine flache
Zigarrenkiste gro. Am Ende ists etwas fr mich! dachte sie und ffnete
den Deckel, hatte aber kaum hineingesehn, als sie entsetzt alles fallen
lie, und was da am Boden lag, war Josefs halbes Gesicht; es sprang und
rollte wie aus Kautschuk und lag still, eine halbe Maske. Saint-Georges
hob sie auf.

Sei ganz ruhig, sagte er, es ist nichts Schreckliches, eine Maske.

Sie trat voll Furcht und Abscheu nher, er drehte das Ding in den
Hnden, ja, es war ein halbes Gesicht, dem Josefs so hnlich in der
Tnung, Kinn, Wange, Stirnansatz und ein furchtbar blickendes schwarzes
Auge, da es sie durchschauderte. Sie stammelte ein paar erklrende
Worte von Josefs Aussehn.

Elfenbein, sagte Saint-Georges, zwei Bnder durch die Hand gleiten
lassend, die an der Stirn hingen; am Halsstck war eine, fast zum Kreis
gebogene Spange aus Elfenbein, die wohl den Hals umschlieen sollte.
Saint-Georges entdeckte und wies ihr chinesische Schriftzeichen an der
Innenseite und meinte, wenn es mit Josefs Gesicht so sei, wie sie sagte,
so knnte die Halbmaske wohl in der Dmmrung oder bei halber Beleuchtung
ein ganzes Gesicht vortuschen; es sei kostbare Arbeit, nur ein Chinese
knnte dergleichen anfertigen, ohne Zweifel wrde sie ausgezeichnet
schmiegsam passen. Seine Erklrung beruhigte Renate nicht; die Maske ihm
aus der Hand nehmend, wieder schaudernd, dachte sie: die andre
Gesichtshlfte von ihm habe ich nun in der Hand -- und kann kein Ganzes
daraus zusammensetzen. -- Dann berlie sie Saint-Georges die Maske, der
sie wieder verpackte.

Aber danach, zur Ausgangstr vorgehend, glttete sich ihr Empfinden.
Fast, fhlte sie, htte er mich hineingerissen in seine Fremde. Wie
toste es schon, Meerflut, Inseln und fliegende Sterne, allein -- wie
hatte doch Georges gesagt? >Sie bleibt gleichgltig, regt sich nie auf
und nimmt sich Zeit.<

Indem sah sie ihn selber neben sich in der Tre stehn, die Blicke durch
das Dunkel ruhig in die ihren senkend, und sie lchelte, die Augen
schlieend, ohne zu wissen warum.

Als sie dann ins Freie traten, fhlte Renate erquickend den vollen Strom
der herbstlichen Nachtluft, und siehe da, ber den Bumen -- ach, wie
lange hatte sie es nicht gesehn! -- schwebte Josefs Fenster in der
Nacht, schne, sanfte, grne, gotische Flche. Magda, oder auch Ulrika
und Bogner muten dort oben sein. Sie konnte die Augen nicht abwenden
von dem trstlichen Schein, folgte endlich Saint-Georges, der
voraufgegangen war, minder verzagt und hoffenden Herzens.


                        Neuntes Kapitel: Oktober


                                Cordelia

Georg, aus seinem Schlafzimmer am Abend hervortretend, wo er die Koffer
fr Berlin geschlossen hatte, erschreckte sich vor einer geduckten
kleinen Gestalt, die im Geisterlicht der Sphre am Treppenfu stand:
Hesekiel. rgerlich auf Egon, der trotz hufigen Tadels wieder einmal zu
faul gewesen war, nur die Stufen hinunter zu gehn, um die Kurbel der
Hngelampe zu drehn, fragte er: Nun, was ist denn, Hesekiel? noch ein
Brief? indem er die Schreibtischlampe aufflammen lie. Ja, Hesekiel
hatte einen Brief, einen groen, sonderbar dicken Brief. Als Georg, im
Stuhl sitzend, ihn aufschnitt, kam ein ganzer Pack beschriebener Bltter
zum Vorschein, um den ein gleichfalls beschriebener Briefbogen
geschlagen war; alles Cordelias Schrift. Georg klappte den Briefbogen
auseinander und las:

   Die arme Seele sendet ihrem Gebieter diesen letzten Gru.

   Glck und Segen! Es ist alles gekommen, wie es beschlossen ward
   in dem himmlischen Rat, so wird auch das letzte bald geschehen
   sein. Glck und Segen! das Bett ist gemacht, bereit steht der
   Becher, bereit ist die arme Seele. Glck und Segen ber das
   heilige Leben dessen, der dies liest.

Georg flimmerten die Augen. Esthers dunkelfarbiger Schmetterlingskranz
um die Kuppel der Lampe zuckte leuchtend und tanzte. Das Herz vom
Angstkrampf zusammengezogen, starrte Georg. Das Ende, sagte er, das Ende
... Cordelia war ... war ...

Er nahm das Blatt wieder vor, seine Hnde flackerten, er mute es auf
die Tischplatte legen, er las:

   Glck und Segen, die arme Seele ist nun nicht mehr da. Wo bist
   Du, Geliebter? Glck und Segen, ich bin schon den kleinen Flu
   hinuntergeschwommen, schon rauscht der ewige Strom, ich hebe noch
   einmal die wieder verarmte Hand, es rauscht -- horch, es
   rauscht ...

   Glck und Segen, Glck und Segen!

   Im groen, dunklen Meerstrom sind alle Wellen einander gleich.
   Was macht so dunkel den Strom, so gro, und die Wellen so gleich?
   Das ist die ewige Liebe. -- Doch einmal, wenn Abend ist ber der
   schweren See, die Rose, die himmlische, entfaltet ist an der
   unsterblichen Brust, so blinkt eine Welle auf ganz fern, die
   Du kennst, eine lchelnde Welle, die Dich erinnert an: Einmal ...
   Und Du sinnst: arme Seele, bist du's?

   Und so gehn die Jahre, so wandert die Zeit. Ist auch Dein Herz
   nun alt geworden, geliebte Jugend, Dein Haar ergraut, faltig Dein
   Mund? Die Berge stehn dunkel, so ernst sind die Sterne, nicht
   mehr lang ist der Weg, schon hrst Du den Strom.

   Glck und Segen, das Leben war schn! Sang es der Wind, klang es
   der dunkelnde Baum? O mein sinkender Freund, es war die arme
   Seele! --

   Viele Menschen kommen herein und stehn um einen Schlfer in
   friedlichem Schlaf. Da kommt auch die arme Seele mit ihrer Blume
   und ihrem Dank. Sie hatte einmal die Hnde voll Gold -- es ist
   alle geworden. Nun legt sie die kleine Blume auf die erstorbene
   Brust, ihr Amt ist nun aus, sie wandert ins Meer und vergeht.
   Wo bist Du, Geliebter?

   Gute Nacht, schlafe wohl! Es mu wohl sein. In meiner Brust sitzt
   eine goldene Schlange, die will seit ewig hinaus, aus der
   himmlischen Schale zu trinken. Gott ist allzeit gut.

   Ich liebe Dich, Geliebter, auch dort, wo Du mich nicht mehr
   siehst. Das Blatt ist aus, aus ist das Licht, aus ist das Leben.
   Gekt tausendmal! Abschied -- ich kann nicht mehr -- alles gut.

                                                            Cordelia.

Georgs Kopf sank langsam vornber auf das Blatt und lag fest. Als die
Umnachtung wieder gewichen war, sprang er auf, ri alle Kraft, die zu
erreichen war, zusammen in das Jagen seines Herzens, sah Hesekiel stehn
und sagte: Weit du, was geschehen ist, Hesekiel?

Is ein Unglck geschehn, Herr Doktor?

Es -- es scheint so, Hesekiel. Sage mir jetzt -- kannst du mirs genau
sagen: warst du allein im Haus, als du gingst?

War ganz allein, Herr Doktor, sell kann i --

Wann bekamst du diesen Brief?

Gestern abend, Herr Doktor. Gn Frau gab ihn mir. Gestern abend wars,
so um halber acht herum.

Und was sagte sie?

Sehr lieb und gut war s', wie halt immer. Gab mir den Brief und sagte,
da ich ihn bringen soll, heint, wenn dunkel wr. Ach, Herr Doktor, is
am End gar g'storm, gn Frau? Hesekiel fing an zu weinen.

Georg legte ihm bewutlos die Hand auf die Schulter. -- Ich mu sie
sehn, fuhr er dann auf, ich mu wissen, mu -- Hesekiel, sage mir --
besinne dich, sage mir: weit du die -- die andre Wohnung von gn Frau?

Sell wei i net, Herr Doktor. Georg sah es wieder dunkel werden. Man
knnt am End -- am End knnt ma nachschlagen im Adrebuch ...

Natrlich, mein Gott! das gabs ja, Adrebuch ... Georg lief ins
Ankleidezimmer, whlte Mtze und Mantel hervor, dann stand er wieder vor
Hesekiel, sah gleichzeitig den Sto Bltter noch ungelesen auf dem Tisch
liegen, raffte ihn samt dem Brief auf und steckte ihn in die Tasche.
Hesekiel nahm er mit sich ins Freie und schickte ihn mit irgendwelchen
Worten nach Haus.

Cordelia nicht mehr da! Nicht mehr da, mehr da, mehr da ... Das Ende ...
das Ende ... Georg jagte die Allee hinab, ber den Platz, auf ein
erleuchtetes Schild >Schlowende< zu, stand dann vor einer Theke, eine
Frau gab ihm ein Adrebuch, er bltterte, suchte, er fand endlich:
Severin, Karl, Tischler; Severin, Doktor; Severin -- pltzlich,
furchtbar deutlich: Severin, V., Privatiere, und C., Schauspielerin,
Inselbrckstrae 9, Hinterhaus 2 Treppen.

Georg lief wieder durch schwarze, nasse Straen mit Laternen.
Inselbrckstrae -- ganz in der Nhe -- Gerberstrae -- Inselbrcke --
da war die Hartwigstrae, er bog ein ... Severin, V., Privatiere ... O,
sie hatte eine Schwester! -- Georg mute an einer Laterne stehen bleiben
und den Schwei von der Stirn trocknen. Er merkte pltzlich, da er sich
frchtete. Inselbrckstrae, eine verrufene Gegend ... Er schttelte den
Kopf und ging weiter mit lahmen Fen, dann wieder schneller durch die
enge Buchbinderstrae, wo es fast finster war. Er hrte Schritte hinter
sich, lngere Zeit, pltzlich eine Stimme, die seinen Namen sagte, blieb
stehn und drehte sich um. Ein groer, breitschultriger Mensch zog den
Hut, es war -- war? -- Josef von Montfort. Merkwrdig sah sein Gesicht
aus ...

Aufs hchste entzckt, lieber Prinz! Sie erinnern sich doch meiner?
Der fast schmerzhafte Hndedruck brachte Georg zu sich. Ja, da streift
man so herum durch abenteuerliche Gegend, und da findet man die
Erlauchten. Aber -- mein Gott, Prinz, wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?

Georg fhlte, da sich ein Arm um seine Schulter legte, da er
weitergefhrt wurde, und verga sein Erstaunen ber die Begegnung vor
groer Erleichterung.

Ich verstehe, ich verstehe schon, hrte er begtigend hinter sich
sprechen. Ein Unglck, ein Schmerz, eine Tote vielleicht? Kopf hoch,
mein Junge, nur ruhig, nur ruhig! Wohin geht der Weg?

Georg sagte: Zur Inselbrckstrae. Ich bekam einen Brief. Ich -- jemand
wohnt dort, der ... Ich war nie dort ... Ich wre dankbar ...

Gewi, aber gewi! Nun nur ruhig! Wir werden alles an uns herankommen
lassen. Inselbrckstrae -- eine bse Gegend. Und die Nummer? Sehen Sie,
da ist die Brcke schon!

Die Brcke, berragt von eisernen Trgern und Balken, lag schwarz im
Schein ferner Laternen, umrieselt von leuchtendem Nebel. Georg nannte
die Hausnummer. Als sie fast hinber waren, sah er zu seiner Linken, am
gemauerten Fluufer hinunter die Inselbrckstrae, Laternen, dampfend,
dunkle Huser und helle Fenster. Montfort, der die Hand unter seinen Arm
geschoben hatte, schwieg. Gestalten kamen, nicht als ob sie gingen,
sondern wehten, weibliche, in Pelzen und riesigen Hten, ein Mann
schlich an der Hauswand, zwei weibliche blieben stehen, Georg sah ihre
gefrbten Gesichter deutlich im Vorbeigehn. Er hrte Montfort etwas
murmeln, fhlte sich angehalten und blieb stehn. Nun bekam er sich
wieder fest, las von einem, viereckig um eine Lichtkugel gebogenen
Glasstreifen >Unionkino< in roten Lettern und sah eine transparente
Glaswand darunter leuchten von Schrift und gemalten Indianern. Daneben
war ein schmaler Hausflur und daneben eine groe, dunkle Torfahrt mit
geschnitzter Tr, ber der in einem kleinen blauen Oval deutlich eine
goldene Neun erschien. Montfort erfate den Drcker und bewegte ihn, die
Tr war zu.

Das war zu denken, sagte er. Und dies Haus --

Indem lehnte sich zu einem offenen Parterrefenster neben der Torfahrt
ein fettes Weib heraus, rief: Man Geduld, meine Herren, ich komme
sofort! und verschwand.

Um Gottes willen, das ist ein Bordell!

Ja, da wollen wir nicht hinein. Kommen Sie, es wird sich anders machen
lassen. Montfort zog ihn zu dem Hausflur, in dem Georg jetzt einen
Billettschalter entdeckte. Montfort bezahlte, empfing zwei rote
Billetts, sie traten auf einen Vorhang zu, der den Flur versperrte, doch
wurde er im selben Augenblick von drinnen zurckgeschlagen. Erster
Platz! rief eine weibliche Stimme, ein Mann lie sie eintreten, Georg
sah Finsternis, dann einen Lichtkegel, der aus dem Hintergrund breit
nach vorn flutete, darunter eine Menge beleuchteter Gesichter,
ebensolche gerade vor sich, etwas hher, Stehende, die nun vor ihnen
bereitwillig auseinander wichen, da der Mann sie den Gang hinunter
fhrte. Sein Gesicht war Georg pltzlich ganz nahe, indem er sagte:
Einen Augenblick, meine Herren, es wird gleich hell. Dann ging er
wieder nach vorn.

Eine Weile standen sie, und Georg sah das Flimmern und Zucken der
schwrzlichen Bildfetzen auf der Leinwand. Dann fhlte er sich an der
Hand ergriffen, Montfort zog ihn zu einer Tr, ber der ein Licht war
und auf einem Pappdeckel >Erfrischungsraum< zu lesen stand. Nun war da
ein kleiner Flur mit Tren links und rechts und schrg gegenber. Auf
der linken stand wieder >Erfrischungsraum<, ber der rechten >Toilette<,
Montfort trat zu der gegenberliegenden -- ein rotes Licht neben der
Aufschrift >Notausgang< brannte darber --, ffnete sie, sie standen in
einem dunklen Hof. In der Nachthhe hier und da schwebte ein leuchtendes
Fenster. In der Rckseite des Vorderhauses waren viele groe Fenster
hell, und Georg konnte durch ein offenes in einem erleuchteten Raum
einen Mann sehn, der sich ein wollenes Hemd ber den Kopf streifte,
worauf ein gelber Vorhang davorfiel.

Und nun fiel ihm ein, da er hier Cordelia suchte ...

Im Finstern hinten waren zwei wandgroe ffnungen, in denen es grulich
dmmerte. Montfort murmelte etwas von Speichern und dem Flu, whrend
Georg hinter ihm ber das glitschige Pflaster ging. Eine Trffnung war
da, ein Flur, ein Treppenhaus, und auf einmal ein kleiner Lichtkegel,
der umher tastete. Wieviel Treppen? fragte Montfort; Georg erwiderte:
Zwei! Sie tasteten sich vorwrts, stolperten ber Stufen, dann sah
Georg im Lichtschein der kleinen Taschenlaterne das Gelnder und die
Stufen der Treppe und folgte Montfort hinan, krampfhaft bemht, zu
vergessen, was bevorstand. Das Steigen dauerte endlos, die Hand am
Gelnder. Endlich stand Montfort vor einer Tre still und sagte: Wir
sind oben.

Sie muten unter dem Dach sein. Der Lichtkegel schpfte aus der Tr ein
Porzellanschild heraus, auf dem klar und leserlich der Name >Severin<
stand. An der glatt braun gestrichenen Trflche war nur ein metallener
Knopf. Indem erlosch das Licht.

Das dauerte wieder endlos ... Anklopfen -- Warten -- Anklopfen, lauter.
Die Schlge drhnten durch das Haus. -- Wir mssen ffnen, sagte
Montfort. Das Licht blitzte wieder auf und erlosch, Georg hrte rtteln;
gleich darauf flog die Tr gegen seine Stirn, da er zurckfuhr.

Nun bitte ruhig sein, flsterte Montfort, ich werde vorangehn. Aber
da ist ja Licht! Er zauderte.

Undeutlich quoll das rtliche Leuchten aus dem Hintergrund, wie es
schien, ber eine Wand empor, die halbhoch war. Im wiederaufleuchtenden
Laternenschein gewahrte Georg Schrnke, einen Stuhl, ein Sofa an den
Wnden eines kleinen Korridors, dann erlosch das Licht wieder, und
Montfort sagte leise: Ich habe etwas gesehn, warten Sie, worauf Georg
ihn nach links hinber gehn sah.

Dort -- er zuckte zusammen -- stand ein Mensch, stand ganz gerade und
still; nur den Kopf hielt er tief gesenkt. Darber war das bleiche
Quadrat eines schrgen Fensters im Dach.

Nein, hrte er Montfort laut und langsam sagen, das kann sie nicht
sein, und trat zitternd nher. Machen Sie doch Licht, sagte er.

Man mu nicht alles beleuchten.

Und nun sah Georg, da das Dunkel sich aufhellte, einen Kopf mit
weilichem Haar, das Genick und eine Schnur, die nach oben verlief. Arme
standen seitlich ab. Alle Kraft zusammennehmend, zischte er wtend:
Machen Sie doch Licht! -- Aber er fuhr doch gepeitscht zurck, als er
die kleine, in Kleidern schlottrige Figur mit abstehenden Armen und
hngendem Kopf dastehen sah, die zwischen Zahnreihen hervorstehende
Zungenspitze, das Zahnfleisch, zurckgeraffte Lippen, die lange spitze
Nase im weien Gesicht und nun auch das Weie in halboffenen Augen, aus
denen ein schiefer, listiger Blick zu ihm sprang. Dennoch fiel eine
Berglast von seiner Brust. Das Gespenst, flsterte er heiser. Und
dann, erklrend: Ihre Schwester.

So, so. Aber was hat sie denn da? Indem machte der Arm des Leichnams
einen Ruck und hielt Georg einen langen Papierstreifen hin. Montfort
lenkte den Lichtkegel darauf, fate das Handgelenk und drehte es herum,
fing dann an zu lesen:

Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben
wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn,
darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

Er hatte schn und ruhig gelesen, und als Georg jetzt hinzutrat, konnte
er sehn, da es Cordelias Schrift war. In pltzlicher Klte und
Gelassenheit drehte er sich darauf um, ffnete eine lose kleine
Tapetentr und fand sich in einem groen Raum mit zur Hlfte schrgem
Dach, in dessen Hintergrund auf einem Tisch ein schner messingner
Tempelleuchter mit einigen halb herabgeschmolzenen Kerzen brannte.
Darunter funkelte etwas Blutrotes, ein Glas, und dahinter, an der Wand,
stand ein Bett, ber das Cordelias schwarzer Seidenmantel gebreitet war,
weit, bis auf den Fuboden herab.

Lange Zeit kam Georg nun nicht weiter. In seine Augen brannte der rote
Becher, und dahinter zeigten sich unbekannte Erscheinungen: eine Frau in
einem dunklen Laden mit einem Kopftuch, ein Schaufenster voller Lampen
und Geschirr auf Regalen, ein altes, plumpes Kirchenschiff, -- bis er
pltzlich, weit rechts von dem Glase, am Ende des Bettes, zwei weie
Fe gewahrte, die gegeneinander gewinkelt emporstanden. Und jetzt zog
Cordelias Antlitz wehend vorber in einem schmerzlichen Gefhl. Er trat
nher an das Bett, es waren Umrisse eines Krpers unter den schwarzen
Seidenfalten zu erkennen, die stark glnzten. Hier sollte Cordelia
liegen ... Und dies waren ihre Fe ...

Und nun sollte der Mantel von oben aufgehoben werden, dann wrde etwas
-- da -- sein ...

Georg wute nicht, wie, doch nun hatte er den Mantel aufgeschlagen, und
dort lag ein Gesicht und -- es schien Cordelias Gesicht.

Er beugte sich darber und sah von oben auf zwei festgeschlossene
Augenlider unter einer fremden, sehr reinen Stirn, von der das braune
Haar zur Seite gestrichen war. Aber dann -- ein Schauder, nie gekannt,
rieselte durch seinen ganzen Leib -- sah er das Lcheln eines Mundes,
das ausstrmte, mit einem namenlosen Triumph, gegen sein Herz.

Pltzlich war alles in ihm ausgelscht und vernichtet. Nur das Lcheln
noch strmte sich unaufhrlich aus. Das ganze, weie, weiche, sanft
gerundete Antlitz unter ihm schwieg in tiefem Schlaf; schwieg sich in
Ewigkeit aus, schwieg, leuchtete ihn an mit grenzenlosem Schweigen. Und
auch das Lcheln schwieg, schwieg und gebot Schweigen. Da war nur dieser
Mund, der sein Lcheln festhielt; festhielt mit beiden hochgebogenen
Winkeln, um nicht aufzuhren mit Lcheln, nicht auf-, nicht aufzuhren
mit Lcheln.

Und dies war jenseits; jenseits von allem, von jedem Ahnen und jedem
Wort. Sie lag und wute; wute, da sie schlief; lchelte, lag,
lchelte, weil sie wute, alles wute, alles, alles ...

Georg wandte sich langsam fort. Hier war nichts mehr. Kein Tod, kein
Schmerz, kein Verlust. Nur -- Ende. Sie war drben.

Aber, unwollend die Hnde in die Manteltaschen senkend, fhlte er
Papiere in der einen und erkannte beim Herausziehn Cordelias Schrift.
Lngere Zeit verging, whrend es ihm einfach schien, die Bltter in eine
der Kerzenflammen zu halten, allein das Gefhl: Cordelia, jene, die
Andre, habe sie geschrieben und fr ihn bestimmt, hielt ihn zurck. Nach
einem Stuhl umherblickend, hrte er ein leises Gerusch; in der
rtlichen Lichterdmmerung des Raumes stand die hohe und dunkle Gestalt
Josef von Montforts, der zum Bett hinsah -- seltsam, mit einem
lebendigen und einem starren Auge, und wie der Lnge nach mittwrts
gespalten schien sein Gesicht. Georg winkte ihm, nherzukommen, sah ihn
herzutreten und vor das Bett, worauf er nach einem Blick auf das Antlitz
berrascht zurckfuhr, dann wieder sich berbeugte und in dieser Haltung
verblieb, so lange, da Georg, einen Stuhl entdeckend, ihn herbeitrug.
Nun stand Montfort wieder aufrecht, den Blick in die Leuchterflammen
geheftet, und sagte nach einer Weile wie zu sich selber langsam: Das
war ja fast zum Frchten ... Dann wandte er sich zu Georg.

Sie wollen etwas lesen? fragte er mit Zartgefhl gedmpft. Ich werde
nicht stren. Sie werden mir aber erlauben, da ich Sie nicht allein
lasse in diesem Hause.

Er neigte ernst den Kopf, und Georg sah ihn auf den Fuspitzen durch den
Raum zurckgehn und hinter der kleinen Tr verschwinden, -- wobei er
sich nun des abscheulichen Leichnams erinnern mute, der dort hing, doch
hinderte ein Streifblick auf den unwandelbar lchelnden Mund alle
weiteren Gedanken. Er stellte den Stuhl neben das Bett, setzte sich so,
da er das schlafende Antlitz mit jedem Blick ber den Rand des Papiers
erreichen konnte, faltete die Bogen auf und las.

In der Haide; im April

Ein ganzer Monat fast ist vergangen, seit ich Dich zum erstenmal sah,
und zu einem Entschlu bin ich nicht gekommen. So bin ich hierher
gefahren in den kleinen Haideort, dessen wunderlicher Name Canano
lieblich an Kindheit und die geheimnisvollen Khne der Indianer
erinnert, die man Kanoee nannte. Es ist khl, windig, der Himmel bewegt
-- zum Abschied, zum Willkommen? -- er selber wei es kaum, wie es
scheint, ob es Herbst ist oder April hier unten in der Welt. Meine
Fenster zu ebener Erde im kleinen Bauernhaus gehen auf den Obstgarten
hinaus, der noch ganz kahl ist, und ich kann beim Schreiben durch den
Raum hinten die braune, kahle Haide zu Hgeln mit schwarzen
Wacholderstauden ansteigen sehn, und dahinter den blauen Himmel, in den
kleine und grere Wolkenballen lichtwei unaufhrlich hineinquellen ...
Und unaufhrlich wechseln Sonnenschein und Beschattung. Zu hren ist
nichts als der Wind und fernes Schnattern von Enten.

Und so will ich denn einmal mein ganzen Leben ausbreiten vor mir und vor
Dir, denn ich ahne wohl, da Du einmal diese Zeilen lesen wirst.
Ausbreiten wie ein elendes Gewand, an dem alles und alles zerrissen ist.
Und mu wohl anfangen mit dem Anfang. Wie soll der Anfang heien? -- Es
war eine arme Seele.

(Denn sie war ein paar Jahre im Paradiese der Kindheit und dann immer im
Fegefeuer.)

Das Haus, in dem sie geboren wurde, htte seinem Namen nach das
allerheiterste sein mssen, und fr die arme Seele, die sieben
Kinderjahre darin verlebte, war es das auch. Viele schne, blondhaarige
und schwarzhaarige Wesen in himmelblauen und rosenfarbenen Gewndern
waren im Wachen und Trumen um sie her, pflegten sie, badeten und
liebkosten sie und lachten bestndig, und als sie erst so alt war, da
sie Mrchenbcher lesen konnte, wute sie ganz genau, da es Feen waren,
und sie ein Knigskind, alldieweil nur solch eines Feen und Elfen zu
Dienerinnen haben konnte, alle Tage Schokolade trinken und Zuckerwerk
essen, soviel sie mochte. Dazu gab es allezeit, besonders aber am Abend,
eine himmlische, geheimnisvolle Musik zu hren, auch des Nachts, wenn
sie einmal aufwachte, Musik und Gesang, Gelchter und Glserklirren aus
den schnen Zimmern und Slen voller Spiegel und Lampen und kostbarer
Teppiche. Und von Allen wurde sie liebgehabt, wurde gekt und gedrckt,
war immer die einzige ihrer Art und fhrte das wunderbarste Leben. Du
verstehst wohl, da es ein Freudenhaus war. -- Ihre Mama, eine groe,
dunkle Frau mit blitzenden Steinen in den Ohren, war die Herrin, der all
die Schnen dienten und zuweilen bse von ihr gescholten wurden. Dann
legte die arme Seele sich ins Mittel, es gab Gelchter, und alles war in
Ordnung.

Diese herrlichen Tage dauerten, bis die arme Seele sieben Jahre alt war.
Da kam auf einmal ein groer Jammer und Aufruhr, die Mama lag ganz
bleich zwischen Kerzen und grnen Bumen, Alle weinten, obschon es sehr
feierlich war und nicht traurig, also weinte sie auch. Dann kam ein
groer, starker Mann mit einem schwarzen Schnurrbart, der schon manchmal
die arme Seele auf seine Knie genommen hatte, wenn er einmal da war, und
gesagt, er wre ihr Papa. Er gefiel ihr nicht besonders; bse schien er
nicht zu sein, aber er roch hlich und nahm die arme Seele mit fort.

Nun wurde es beinahe noch herrlicher. Die Feen waren zwar weg, aber
dafr kamen die Tiere. Alle Tiere aus den Bilderbchern kamen, waren
ganz zahm und fraen aus der Hand, Pferde, ganze Reihen und in allen
Farben, schwarze, braune und weie, die buntesten Katzen, Hunde aller
Arten, vom kleinsten Rehpinscher bis zum riesigen Neufundlnder, Affen
in bunten Soldatenjacken, ein groes Schwein, eine Menge Gnse, Ziegen
und Esel und die ernsten Kamele, und vor allem zwei ungeheure, graue
Elefanten. O und auch wilde gab es, die einen durchdringenden, ganz
betubenden Geruch ausstrmten und nur durch Eisenstangen gesehen werden
konnten, Lwen, Tiger, Jaguare und Leoparden, und das war mit das
herrlichste, ganz klein im Dunkel zu stehn und in dem wilden, starken
Geruch und sie hinter den Gittern am Boden liegen zu sehn, ganz schlaff
wie Hute, aber sie atmeten heftig, und auf einmal, wenn sie den Kopf
hoben, erschienen ihre gelben Augen, die eine Weile Ausschau hielten in
weite Ferne ...

Die Menschen dahier waren mit der armen Seele stets lustig und
freundlich, jedenfalls die Mnner, die frchterlich stark waren oder
frchterlich gelenkig; sie meinten es gewi gut, wenn sie die arme Seele
mit einer Hand an die Decke schwangen, aber ihr Geruch war schwer zu
ertragen. Die Frauen hier kmmerten sich weniger um die arme Seele,
gingen bei Tage grau und mrrisch umher und strahlten erst am Abend,
wenn die Vorstellung kam und alles anfing zu glnzen.

Und alle paar Tage gabs eine andre Stadt zu sehn und dazwischen
wundersame Reisen in der langen Wagenkolonne. Sind denn alle Wandertage
durch das flache Land Sommer- und Sonnentage gewesen? Die wenigsten
waren es wohl, aber nun ist da nur ein unendliches Lerchengetriller,
unendliches Himmelsblau, sind die gelben Wnde der Kornfelder, aus denen
man mit vorsichtigen Armen groe rote Mohnblumen und blaue Cyanen
herausholen durfte, sind die weien Landstraen mit den vielen Schatten
der grnen Wagen und der Pferde, die kurzen, wunderlichen Schatten, die
unter einem fortzogen, wenn man sich abmhte, darauf zu treten, und sind
die schmalen grnen Streifen zwischen Strae und Grabenrand, auf denen
man sich immer wieder lange, lange bis zum Schreien und Winken der ganz
klein gewordenen Kolonne vergessen konnte, im Suchen nach einem
Vierblatt unter den aberhundert kleinen grnen Blttern des Klees.

Ein komischer alter Mann war da, der immer kaute, ganz vertrocknet im
Gesicht, schief, mit einem Holzbein, ein gewesener Clown, dem einer von
den Lwen das fleischerne zerrissen haben sollte, der war ihr Lehrer. Er
mu viel mehr Kenntnisse gehabt haben, als die arme Seele damals ahnte;
viel spter merkte sie erst, was alles sie gelernt hatte, ohne je in
eine Schule gegangen zu sein.

Im Zirkus zu arbeiten brauchte sie nicht. Sie hatte sich gleich beim
ersten Versuch etwas gebrochen, wobei sich herausstellte, da ihre
Knchlein zu zart waren fr diese gefhrliche Arbeit. So wars ein
glckliches Leben, und das >Schnste< darin ist noch nicht einmal
beschrieben.

Spter aber wurde alles immer blasser und farbloser, sie wuchs heran,
und eines Tages starb auch ihr Vater. Sie und ihre Schwester kamen
damals zu einem Onkel ins Haus, der sie ungern nahm, sich aber spter
mit der armen Seele ganz gut vertrug, ein strenger, trockner Mann,
knochig und wortkarg, der einen kleinen Weiwarenladen hatte in einer
sddeutschen Stadt und Guttempler war. Hier ging die arme Seele auch
eine Zeitlang in eine richtige Schule, aber dann kam eine bse Zeit
endloser Kmpfe und Schmerzen, denn sie wollte nun Schauspielerin
werden. Sie hatte schon im Zirkus alle mglichen Dichter und Stcke
gelesen, und schon als sie noch klein war, angefangen, die Leute dadurch
zu belustigen, da sie ihnen vormachte, wie sie waren, worin sie es mit
den Jahren zu groer Fertigkeit brachte. Und die Kmpfe gingen vorber,
die arme Seele bekam einen Lehrer, und einen andern Lehrer, sie kam in
eine andre Stadt, lernte und lernte, und das Leben bestand nur noch aus
Lernen und Theater und Theaterleuten, und eines Tages hatte sie
ausgelernt, und jeder prophezeite ihr eine glnzende Zukunft. Sie hatte
auch schon einen schnen groen Vertrag mit einer guten Bhne in der
Tasche, und die lange, lange Qual fing an.

Ja, wie ist das? Man meint, man hat eine feurige Sonne in der Brust, und
nun wird nur der Vorhang hochgezogen, und die Sonne strahlt, da alle
Bhnenlampen erblinden mssen. Und wie ist das? Ein Theater ist da, da
soll man spielen. Aber da sind Viele, die spielen wollen, fr jede Rolle
bald zwei und drei, man mu warten, o man hat ja Geduld, die Sonne
brennt, es tut weh, aber sie brennt, und man wartet. So spielt man die
kleinen Rollen, kommt in ein Zimmer, verneigt sich, giebt die Hand, wie
mans gelernt hat, und man wartet und hat viel Zeit, weiter zu lernen und
-- da sind nun die Mnner. Man mag sie nicht, sie riechen schlecht und
haben bse Augen und -- man wartet vielleicht auf einen, denn -- man ist
eine arme Seele, die nicht viel wei von der Welt.

Da geht man zum Feind, der der Direktor ist, und bittet um eine Rolle.
O, ja, gewi, die Rolle ist da, sie wartet schon, der Direktor ist
einfach und khl, und man mchte sterben vor Schreck und Beseligung: die
groe Rolle!

Da kommen nun die Proben, und es geht ja nicht? Was ist nur, warum es
nicht geht? Es ist alles schlecht und verkehrt, was man sich in den
langen, langen Nchten ausgedacht und geprobt hat und so sicher wute,
und es sind ja nun auf einmal lauter Feinde da, die lachen und kaum noch
antworten, und kaum noch nicken, wenn man grt. Der Regisseur ist da,
ein Feind, der gert ganz auer sich ber das unmgliche Spiel. Wo ist
denn die Kraft geblieben? Wartet nur bis zum Abend, Geduld, es wird
besser werden, die Sonne brennt, -- aber sie ist so klein geworden,
tglich wird sie kleiner und schwcher, sie sieht einer Sonne gar nicht
mehr hnlich, vielleicht war es gar keine? Alle lachten und sehen, wie
klein sie ist, Alles und Alle sind kalt, und die Sonne erlischt, man hat
die Rolle nicht mehr, man steht auf der Strae.

Oder war es vielleicht nicht so? Vielleicht war es ganz anders? Es ist
lange her ...

Da ist eine andre Bhne. Da ist ein Freund, ein guter Mensch, nun wird
alles gut werden. Eine Rolle ist da, nicht so gro, aber gut genug, um
zu zeigen, wieviel heller die Sonne brennt, und es geht ja vorzglich,
der Freund hilft, Alle staunen. Ein Tag kommt, da ist der gute Freund
nicht mehr der Freund, er riecht, er ist ein Feind geworden, aber was
schadets? Die Sonne ist da, die Sonne gengt.

Der Abend ist da, die Sonne kann nicht ihre ganze Kraft brauchen, aber
man sieht sie hell genug, und da sie heller sein knnte. Man ist
zufrieden, man schlft wieder einmal, man hofft -- aber was steht denn
in den Zeitungen? Es war nichts, es war alles so bertrieben, kein
Verstndnis fr den Umfang der Rolle, in ganz verkehrten Hnden, eine
Anfngerin, die bescheidener sein sollte ...

Sinds denn schon Jahre geworden? War es denn so? War es nicht ganz
anders? viel mehr? Wie gingen denn die Jahre? Ging man denn immer
spazieren im Park, im Feld, in den Straen? Nhte man die alten Kleider
immer noch einmal um? -- sie lachen schon lange im Salonstck, so geht
es nicht weiter, mein Frulein! -- Aber meine Gage ...

Gage liegt auf den Straen reichlich genug zum Aufheben. Die arme Seele
will die Gage von der Strae nicht, sie wartet, sie hat ja Geduld, sie
steht Tag fr Tag im hlichen Zimmer und lernt, fr spter, die Sonne
brennt, sie vertausendfacht ihre Kraft in tausend Gestalten, Alle haben
die Sonne in der Brust, sie sehnt sich, sie lernt, sie lernt, sie
hungert, sie weint lngst nicht mehr ...

Ach, kann man das schreiben? Es war ja nicht so, es war ja alles ganz
anders. War die Welt etwa schlecht? Warfen sie sich Alle ber die eine
arme Seele her und wollten sie zerdrcken? Die Welt ist nicht schlecht,
die Menschen sinds nicht, es will, sagt der kluge Georg, ein jeder nur
das Seine und will sich nicht hindern lassen dabei, aber -- die arme
Seele hatte kein Glck.

Kein Glck? Es sind Jahre geworden, aber nun ist das Glck da, der Tag
ist da, der -- Tag ist. Eine Rolle ist da, und alles geht sehr schnell,
eine Aushilfe, der Direktor zuckt die Achseln, aber man kann ja die
Rolle, im Schlaf kann man sie, und man spielt, und die Sonne brennt und
strmt aus Augen und Kehle, aus den Gliedern und dann -- am Morgen nach
dem glckseligen Abend, wo sie Alle ihr um den Hals fielen, der armen
Seele, und sie kten und weinten, und sie kaum schlief vor Trunkenheit
-- was steht in den Zeitungen der kleinen Stadt? O welche Emprung! War
das nicht Babel? War das nicht abscheuliche Realistik? (Und war doch nur
Stil gewesen, nur Stil, so dumm ist die kleine Stadt!) Die Welt war
nicht gut am Morgen, die Menschen hatten alles vergessen, was die arme
Seele fr unvergelich gehalten, in den Zeitungen stand, da man es
vergessen mte, der Direktor war ja nicht unfreundlich, es tat ihm
leid, aber -- Sie sehen, Severin, Sie sind nicht fr hier ...

Aber die Sonne, ein Widerglanz ganz klein sa er doch in einer
Zeitungsspalte, ein Keim, der aufging, und da war man in einer andern
Stadt und spielte sich aus, das Glck war da, die Sonne brannte, brannte
sehr schn im klassischen Stck. Aber im klassischen Stck war das
Parkett leer, im Salonstck saen die Offiziere und Damen, -- die
Toiletten der Severin waren unmglich, und waren doch so schn, wie die
grere Gage erlaubte, die Sonne brannte ...

Warens schon viele Jahre?

O der wahn--witzige Durst! O die wtende Sehnsucht! O die Verzweiflung!
All die vergebene Arbeit und Mh! Man ging wieder spazieren. O brennende
Nchte, Flei, Flei, Flei, und Darben, die arme Seele wurde mager und
hlich, was schadete das, sie wartete auf den Tag, sie hatte keine
Sorge mehr um Hunger, um Scham und Verzweiflung, wenn eine Rolle kam und
ihr wurde ein Hemd angezogen, das reichte kaum zu den Knien, und die
Stimme des alten Feindes sagte: Sie mssen wohl selber sagen, Severin,
mit den Beinen ... Tage und Nchte. Alle Bcher gelesen, alle Rollen
studiert, alle Werke, Geschichte, Kostmkunde, Biographien, die Sonne
brannte, ein Morgen kam, grau, grau, sie war allein, kein Licht mehr.

Schon viele Jahre ...

Da kam ein Mensch. O zart, o schn und ganz sanft wie ein Engel. Sein
Blick durchbohrte die arme Seele, er war rein. Verkndigung, dachte sie,
o Engel, bist du's? Ein Dichter, er hatte ein Stck geschrieben,
Theodosis, das wurde aufgefhrt, die arme Seele sollte spielen, sollte
sagen:

   Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern
   Sollten sie stehn und horchen: Hrt, es klingt
   Die Erde, ja die Erde klingt, die alte.
   Wir sind geliebt, wir Menschen sind geliebt,
   Denn eine Blinde baut uns goldne Brcken,
   Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...

Und da -- gndiger Gott! -- war die Erwartung zu gro? Wars schon
zuviel? Da erkannte die arme Seele, da sie all die Zeit noch ein andres
Leben mit sich getragen hatte, geheim, von dem niemand wissen durfte,
aber Er, Er mute es wissen, er wrde nicht richten, sie dachte: du bist
rein, alles ist rein vor dir, auch dies Leben. Er war rein, aber er war
zart. Er ertrug nicht den Anblick, er ging fort. Keiner erfuhr, wohin.
Als Jahre dahin waren, konnte die arme Seele in einem Zeitungsblatt
lesen, da im Walde eine Leiche gefunden war.

So furchtbar war ihr andres Leben ... Ich zeige es auch Dir.

Erlosch die Sonne? Das Stck ward nicht gespielt, die arme Seele brach
durch.

Nein, es kam ja das Glck. Wie hatte der groe Mann von ihr gehrt, in
der kniglichen Stadt, vor dem die Knige spielten und in Gold und Seide
gingen? Wie konnte denn das Firmament sich neigen wollen? Die arme Seele
sollte dort hinauf, die Sonne sollte vor Allen brennen, der groe Mann
wollte es. Die Seele war nicht gebrochen.

Die Sonne brannte, es war ein alter Vertrag, in dem stand: noch ein
halbes Jahr, die arme Seele wollte ihn halten. Weshalb? Sie hatte zuviel
Geduld gehabt. Der groe Mann wrde warten, noch ein halbes Jahr, die
Sonne brannte, der groe Mann wartete nicht.

Aus wars mit der armen Seele. Abend und Nacht und Morgen, die Sonne war
aus, aus war das Leben.

Nun, wie war es denn? Warum sa die arme Seele im Theater wieder wie
jeden Abend? Freilich, sie war nun zufrieden mit allem, sie wute, lange
dauerte es nicht, die Menschen waren ganz fern, der armen Seele war
leicht, die Menschen hatten sie glcklich geqult.

Sie hatten mich glcklich geqult, Georg, und an diesem Abend kamst Du.

Deine Augen sagten: bist du's? Deine Augen sagten: steh auf! Deine Augen
sagten: geh voran, ich komme.

Eine Brcke. Wo warst Du, Georg? Glck und Segen, dachte die arme Seele,
er kommt, etwas soll noch sein. Und kommt er nicht, so ist hier die
Brcke, das Wasser ist unten, es geht ja schnell.

Glck und Segen, geliebter Herr, und hre nun von dem anderen Leben!

                   *       *       *       *       *

Georg -- sein ganzes Blut lag ihm im Innern, zu einem glhend kochenden
Klumpen geballt -- sah sich jetzt aufstehn, zur Wand gehn, die Arme
dagegen legen und den Kopf auf die Arme und -- -- nein. Nahe vor ihm lag
ein schlafendes Gesicht, die Augen fest geschlossen, aber der Mund
lchelte vor sich hin, hatte nicht aufgehrt zu lcheln, schwelgte im
Lcheln und wute, wute ...

Er sah auf das Blatt. Da war wieder der siedende Katarakt, an dem er
eben gestanden hatte, war diese Feuersbrunst von Leiden, die in seinen
Ohren leiblich getost hatte, dies Gigantengehmmer der Qual. All dies in
Cordelias Brust, seiner Cordelia, der immer heitern, immer kindlichen,
seligen, immer -- nein, einmal war der Schmerz ausgebrochen, das Untier,
aufbrllend, alles zerfetzend mit dem Hieb seiner Pranken, einmal ...
Einmal ist nichts, und hier war das Lcheln.

Georg nahm die Bltter wieder vor und las weiter.

Du hast gesehen, Georg, da die arme Seele eine Schwester hatte, und
hast sie wohl abstoend gefunden. Da die arme Seele selber sie kannte
vom ersten Blick des Lebens, war sie die Hliche immer gewohnt. Und
diese Hliche hatte ja auch das >Schnste<. Das >Schnste< war vom
ersten Bewutsein des Lebens an, spter erst lernte sie, da die
Schwester es hatte, da es sich von ihr immer bekommen lie, und noch
spter, da es sich nur von ihr bekommen lie, und da niemand sonst
davon wissen durfte; und noch viel spter endlich, da es kein
>Schnstes< war, sondern ...

Wenn die arme Seele kaum in ihrem Bett lag am Abend, das Licht gelscht
war und Alle gegangen, die beim Auskleiden und Waschen geholfen,
gescherzt und gelacht hatten, dann ging leise die Tr, die viel ltere
Schwester kam herein und stieg zu ihr ins Gitterbett, und dann ...

La, Georg, la! la doch los, Georg, ich kann ja nicht!

                   *       *       *       *       *

Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon
auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und
Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und pltzlich
ist alles verwandelt. Ich wei so viel, alles glaube ich zu wissen, ich
glaube, ich darf ...

Es ist fast, als htte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du
bist ein Mann -- Mnner verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar
nicht meinte, also hast Du verstanden.

Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber --, -- er
wute nicht weiter. Er las.

Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich wei es, und doch -- ich glaube,
ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange
gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester
berwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr lt. Ein halbes Jahr,
das gengt, und mehr ist unmglich.

Ein halbes Jahr Glck. Mir ist eingefallen, da ich ja die Sonne habe.
Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, da sie nur vor Vielen brennt,
aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.

Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? da man sagt:
spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glcklich, bins schon, ich brauche
nichts zu erfinden, nur die Lge mu ich verbergen, nur dazu ein wenig
Spiel; und ein wenig, wenn es -- wenn es einmal schwer ist, zu spielen.
Oh ja, nun werde ich spielen!

Georg fhlte die Glut auf der eigenen Stirn. -- Also das wars? Sie hat
gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei
gelobt, da ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich htte ihr am Ende noch
das Letzte zerstrt.

Er suchte die Zeile, wo er aufgehrt hatte, wieder und las:

Ein halbes Jahr -- und dann der Tod. Ein halbes Jahr lgen und dann die
Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glnzt; und ich sehe die Stunde,
wo Du dies liest. Weit Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme,
Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte
und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzhlen auf
das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weit Du
noch den Anfang, vor einem Monat, weit Du nun, warum Du mich gar nicht
verstehen konntest? Weit Du, wie ich in Deine Tr kam und vor Staunen
verging?

Georg sah und wute alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit,
und wie sie am Boden kniete und sagte: Ich bin dein eigen ... Und
dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den
Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und
weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie
einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, -- und er hatte nichts
gewut. Sie hatte die Hlle unter ihre Fe gestampft und stieg herauf,
wie ein Engel rein, sie ... Georg fate behutsam den Mantel und zog ihn
ber ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die
weie, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie
gekannt, legte den Mantel wieder darber, das Lcheln ihres Mundes
scheuchte ihn ganz zurck, er gewahrte die Bltter in seiner Hand und
las, entschlossen, zu Ende zu kommen.

Genug, Georg, genug. Ich wei nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst
Du jetzt, ich htte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar
nicht, denkst, ich htte es versuchen sollen, htte den Tag herankommen
lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wre und ausgeschrien
htte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, da ich dem
Vampir so habe erliegen knnen, so in seiner Gewalt blieb ... Ach,
fnfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit -- und nichts ist mehr zu
retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ...
wozu? Tten -- nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah fr
den Fernen, aber ich wei, da man dazu geboren wird oder anders nicht
dazu kommt -- vor dem eigenen Tod.

Ich komme, Georg.

So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brcke, als sie
auf Dich wartete und dachte: entweder -- oder. Nur ein wenig
hinausgerckt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu knnen fr ein
halbes Jahr.

Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?

Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, wei ich, ist alles gut, ist
alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod
und Leben ganz gleich, nur ntig das Leben, weil es lebt. --

Ich bin mde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese
Bltter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mut. Ich sehe
die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust,
und da sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.

                   *       *       *       *       *

Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal
ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht
mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist
Abschied.

Glck und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glck und Segen, die
arme Seele ist nicht sehr betrbt, obgleich es schwer ist, von Dir zu
gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht
mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglttet, all
das viele Leid ...

Es ist doch alles nur Liebe gewesen. --

Und vielleicht -- auch wenn ich aus dem roten Becher getrunken habe --
nimmt es noch kein Ende mit ihr.

Dann werd ichs wissen.

Erhalte mir Dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben!

                                                                bittet
                                                        die arme Seele
                                                            Cordelia.

Georg legte die Bltter leise zusammen und erhob sich. Es war still. Er
suchte in sich, die tiefgebrannten Flammen der Kerzen im Blick. Er
versuchte, zu begreifen, da hier Tod war, und was das war: Tod? Aber er
fand nur eine unerkennbare Fremdheit. Nicht Angst, nicht Grausen, nicht
Schmerz, -- nur eine feierliche Schwere, die nicht drckte. Er heftete
noch einmal die Augen auf das Lcheln der Toten, zog schnell den Mantel
darber hoch, nahm das rote Glas an sich, lschte dann eine nach der
andern die Flammen und ging leise durch den Raum auf den Lichtspalt der
Tre zu, jetzt merkend, da von dorther der Geruch des brennenden Tabaks
kam, den er schon lngere Zeit unbewut wahrgenommen hatte.

Josef Montfort wandte sich im Stuhl um, in dem er, den Rcken der Tr
zugewandt, in der Nhe eines Sofas sa, das an der Wand stand. Er
rauchte, an der Erde stand eine Kerze im Blechleuchter, ein Wasserglas
mit rtlichem Bodensatz und eine Flasche Wein. Es htte behaglich
ausgesehn, wenn nicht auf dem Sofa der weibliche Krper gelegen htte;
allein als Georg, Ekel und Schauder, die heftig in ihm aufstiegen,
berwindend, hinzutrat, war auch hier nichts Abscheuliches mehr.
Montfort hatte der Toten die Hnde zusammengelegt, sie lag grade, die
Augenlider waren geschlossen, die Zungenspitze verschwunden, der Mund
geschlossen, sie sah mde, friedfertig und gut aus. Montfort zeigte ihm
alles deutlich, indem er die Kerze hochhielt und leuchtete. Dann gab er
ihm auch den Zettel in die Hand, den die Tote gehalten hatte, und Georg
steckte ihn in die Tasche zu dem brigen. --

Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Dem Herrn? dem Herrn? Nun gleich,
das Wort enthielt ja wohl alles, und wenn Cordelia es fr die Schwester
geschrieben hatte, so war auch hier alles geschehn.

Wollen wir gehn? fragte er Montfort. Der nickte, lie ihn voran bis
zur Tr und lschte das Licht.

Die Taschenlaterne leuchtete ihnen nach unten. Im Hof fiel es Georg ein,
da sie kaum wrden aus dem Hause kommen knnen, doch zeigte Montfort,
ehe er etwas sagen konnte, einen Schlssel, lchelte ein wenig mit einem
Auge und sagte: Ich sorge fr alles.

Auf der Strae, berm Flu brauten Nebel und nchtliche Dmmerung. Die
Laternen waren erloschen. Montfort warf das Ende seiner Zigarre ber das
Gelnder, die rote Flugbahn erlosch, er sagte, Georg unter den Arm
nehmend:

Ich mu Sie um einiges bitten, lieber Freund. Erstlich, zu vergessen,
da Sie mich hier sahn, jedenfalls vor jedem, der mich kennt. Ich weile
unbekannt hier. Zweitens sich nicht weiter zu wundern, da Sie mich
trafen. Es drfte Ihnen ja kaum unangenehm gewesen sein. Mich selbst
wundert es durchaus nicht, da ich seit Kindesbeinen, mchte ich sagen,
die Gewohnheit habe, an Stellen aufzutauchen, wo sich das Frchten
lernen lt. Gelernt habe ich es leider nie. Das Unglck meines Lebens.
Nun -- ich hoffe, wir plaudern ein ander Mal darber. Sehen Sie, da sind
wir ber die Brcke. brigens -- mit Ihrer Erlaubnis wrde ich nichts
dagegen einzuwenden haben, wenn Sie mir ein Bett anbten fr die Nacht;
bis zu dem meinen wre es verteufelt weit in Anbetracht der Stunde. --
Ja, noch etwas: mein Gesicht. Sie haben vermutlich bemerkt, da etwas
damit nicht in Ordnung ist. Nun -- auch darber werden wir plaudern,
wenn uns das Leben wieder zusammenfhren sollte, was, wie ich hoffe, in
fr Sie weniger schwerer Stunde der Fall sein wird.

Georg, willenlos bergossen von der pltschernden Suada, blieb nun
stehn, da sie bei der ersten Laterne angelangt waren, blickte Montfort
an, blickte zu dem Glaskfig auf, in dem der Glhstrumpf atmete, und
dachte: Habe ich denn nun alldas getrumt? Wann stand ich denn schon
einmal neben einer solchen Laterne? War das nicht -- als ich Renate zum
ersten Mal sah? -- Er zuckte zusammen. Seine linke Hand fhlte die
Papiere in der Tasche, seine rechte das warme Glas. Kein Traum. Cordelia
war tot. Aber auch kein Schmerz kam hoch in seiner Brust; im Dunkel
wehte es auf, lchelte tief, und entschwand. Georg ging weiter.

Allein! sagte jemand tonlos in seiner Nhe; allein, allein, allein.


      Hier enden des fnften Buches neun Kapitel oder ebenso viele
                                Monate.




                             Sechstes Buch.
               Fragmente aus den halkyonischen Jahren III
                                  oder
                              Die Schleuse


                        Erstes Kapitel: November


                                 Berlin

Georg sah, als er eines Nachmittags den dunklen Gang in seiner Berliner
Wohnung hinunterging, einen Brief hinter der Korridortr liegen,
augenscheinlich durch den Postschlitz geworfen, und erkannte im Aufheben
mit Verwunderung und Verdru nicht nur seinen Berliner Pseudonymen,
sondern auch Bennos Handschrift: die Universitt, an die adressiert war,
hatte den Brief nachgeschickt. uerst migestimmt gegen Benno, der sein
nachdrckliches Verbot des Schreibens bertreten hatte, stopfte er ihn
in seine Manteltasche, und erst, als er im vollbesetzten Stadtbahnabteil
an der Tre lehnte, gab er der Reizung des Verschlossenen in seiner
Tasche nach -- dazu dem Verlangen nach einer Beschftigung, das von dem
stumpfen, gerttelten Beisammensein mit den ereignislosen Gesichtern der
Mitfahrenden hervorgerufen wurde -- und ffnete, sehr widerstrebend, den
Brief. Nur mit den Augen zu berfliegen und wieder fortzustecken
willens, las er:

                                               Altenrepen, den 26. 11.

Ja, mein Georg, so siehst Du mich Dein strenges Gebot bertreten. Aber
Du kannst, nein, Du kannst nicht verlangen, da ich es halte, da ich
weiter in dieser alltglichen und -- ach mehr noch! -- allnchtlichen
Sorge und Ungewiheit um Dein Ergehen hinlebe. Ich bitte Dich, gieb mir
ein Lebenszeichen! Wenn ich an Dich denke, sehe ich Dich in diesem
entsetzlichen Berlin wie in einem Mahlstrom umgetrieben, es flimmert mir
vor den Augen, Dich, allem Schnen, Reinen, Edlen so hingegeben und nun
so zu Boden gedrckt durch das furchtbare Erlebnis, in der Einde zu
denken, die der Name Berlin vor meinen Augen entstehen lt. Georg, die
Nacht, wo Du mir von Cordelia sprachest, die Tote selbst, ihr Lcheln,
der schauerliche de Raum unter dem Dach -- unzhlige Bilder, die nicht
vor meinen Augen weichen, werde ich im ganzen Leben nicht vergessen. Ich
trume davon, es lt mir keine Ruhe, auch ist ja niemand da, mit dem
ich darber sprechen knnte. Elfriede -- ich versucht' es, aber -- was
kann sie davon verstehn, die nichts sah, noch mein Empfinden fr Dich
teilen kann; ihr mu es ein fremdes schauerliches Mrchen bleiben, und
von vielem darin htte ich kaum einmal gewut, wie es ihr sagen. Ich bin
manchmal recht allein, Du fehlst mir tglich, ich spreche mit Hesekiel
von Dir, aber -- der Sprachschatz des Armen ist recht beschrnkt, --
ach, unsre schnen Gesprche! Wird all das jemals wieder kommen? Auch
Magda ist fort, -- willst Du sie wirklich nicht aufsuchen? Sie wrde
doch sicherlich ein gutes heilsames Wort, ein linderndes Mitschweigen
fr Dich haben. Genug, ich sehe lngst Deine Unzufriedenheit, und
vielleicht -- ich hoffe es ja -- sind all das auch nur Einbildungen von
mir.

Ich bin fleiig, Elfriede ist heiter und engelhaft wie je, und mein
Leben knnte das glcklichste von der Welt sein, ohne -- Du weit, wie
ichs meine.

                                                   In Treue Dein alter
                                                                 Benno

Kmmerlich, dachte Georg, sehr kmmerlich ist das! indem er den Bogen
faltete und in das widerspenstige gelbe Seidenpapierfutter des
Umschlages pfropfte. Guter Benno, deine Sorge ist ebenso rhrend schn
-- fr dich, wie herzbeleidigend fr mich. Auerdem geht mirs glnzend,
und alles was du schreibst, ist Unsinn. Du -- -- berdem wurde die Tr
hinter Georg aufgerissen, drei und mehr Menschen drngten herein und ihn
bis zur gegenberliegenden Tr -- sehr rgerlich! denn was hatten sie
auf diesem winzigen Tiergartenbahnhof, wo berhaupt niemand einzusteigen
pflegte und deshalb auch niemand einzusteigen hatte, obendrein in seinem
Abteil zu wollen? giftete er sich. -- Eingezwngt stehend, eine Hand am
Gepcknetz, lie er seine Verstimmtheit gegen den Freund weitertosen.
Wie er mich blo so falsch verstehen konnte! Als ob nicht mein ganzer
Jammer eben darin bestanden htte und bestnde, da sie -- da sie tot
ist, nichts als das, fort mit allem, jenseits, zugedeckt mit diesem
Lcheln, das mich verfolgt ...

Georg verlor seine Gedanken ber dem Anblick der Leute in seiner Nhe,
die ihn zu nichtswrdiger Beschftigung mit ihren gebndelten Zgen,
hlichen Hnden, Hten und dergleichen zwangen; die Fahrt des langsam
dahin trabenden Zuges schien in alle Ewigkeit whren zu sollen, er
geriet am Ende wieder an den Brief. Ich bin sehr allein ... hatte er das
nicht geschrieben? Und berhaupt die ganze Stelle mit Elfriede klang
doch sehr merkwrdig und -- ah natrlich! das war der wahre Grund des
Schreibens! Armer Benno, fngt es nun an? Der erste Argwohn, das
gescheuerte Gold sei -- am Ende doch Messing? -- Georg wurde, so sehr er
Benno bemitleiden mute, warm und wohler ums Herz, er verlie im Bahnhof
der Friedrichstrae aufatmend den Zug, eilte durch die schon dmmernden,
nebelgrauen Straen und sa alsbald in seiner abgelegenen Ecke der
Seminarbibliothek an seinem Tischplatz, unsichtbar auer fr den, der
ein Buch in der Bcherwand hinter seinem Rcken suchte, eine andre
Bcherwand vor sich, zur Linken das Fenster. Allein kaum, da er die
dritte Seite in Gerlachs Abhandlung ber die deutsch-dnischen
Handelsbeziehungen gelesen hatte, empfand er, da er gestrt war, mute
sich anders setzen, das Buch anders legen, erst einen, dann mehrere
Stze doppelt lesen und lehnte sich pltzlich aufseufzend im Stuhl
zurck. Gedankenleer zum Fenster hinausgewandt, sah er drben die
kahlschwarzen Kastanien des Wldchens, flatternd von letzten braunen
Blattfetzen, die Baracke fr Vortrge ber Kunst darin, kahl, nchtern
und unfreundlich, dahinter die Rckfront der Universitt. Ein paar
Gestalten, frostig anzusehn, wandelten im Garten. Auf der Strae davor
flammte grnbleich die erste Laterne auf.

Ja, da ist es wieder, das Alte, dachte Georg im Empfinden des Drucks,
der Beklommenheit, der Angst in der Brust. Nun ist alles wieder drohend
und ungewi. Sie schlft, sie lchelt, sie ist drben. Ich bin allein.
Wie lang ist es her? Fnf Wochen!

Mein Gott! -- ihm ward hei -- wie ist es denn mglich? Hin, alles hin,
ganz und gar wie ein Traum, wie ein Sonntag, alles, alles fort! -- Er
zwang sich, er sah sie, ihren glnzenden Leib, in der Nachthelle, in
einem Gartendickicht, auf dem Schwarz des Mantels -- Sterne bewegten
sich im Laub. Auf dem Bett unterm Fenster, ber ihre strmenden Glieder
hinaus, tauchte sein Auge in die helle Nacht, die dunklere Ferne, die
Ebene endlos -- und darber die zahllosen Augen der Sterne. -- Dies
erlosch, im rtlichen Schein der Kerzen funkelte das rote Glas, das
schlafende Antlitz lchelte vor sich hin, -- im Schwinden sah er noch
Montfort, den Hut aus der Stirn gerckt, vor der verschlossenen Tre
stehn, eine Hand ber sich aufgesttzt, die Fe gekreuzt, in der
herabhngenden Linken die kleine Taschenlampe, aus der er von Sekunde zu
Sekunde den Lichtkegel zu Boden fallen lie, in dessen Schein er selber
vor Georg erschien, ein Bild, das sich wie kaum ein andres ihm
eingebrannt. -- Georg versuchte es wieder, er sah sie unter der Vorhalle
des Hauses, ihm entgegenschmelzenden Gesichts ... Was sich jetzt regte
in ihm, war sein Geschlecht, die Entbehrung, er rckte unruhig im Stuhl,
fhlte sein Sitzfleisch zerdrckt von Beinkleidfalten, -- die alte
Qulerei war wieder da, der ewige Durst, der sich so wenig berwinden
noch betrgen lie wie das Bedrfnis des Leibes nach Feuchte, nach
Kohle, nach Eiwei, -- ach armer Benno, das Leben ist so schauerlich
anders, als du meinst!

berdem empfand Georg eine fast unlusthnliche Lust, ihm zu schreiben.
Er trennte nach einigem Widerstreben ein paar Bogen aus seinem Heft,
setzte an und brachte es pltzlich nicht fertig, die gewohnte Schrift zu
schreiben, worauf er aus dem Punkt des angesetzten L den kleinen Bogen
des stenographischen Zeichens dafr zog und langsam zu malen begann.

Lieber Benno: Ich hoffe, Du kannst dies noch lesen. Vergieb schon, aber
es scheint mir das von Cordelias Brief zurckgeblieben, da ich -- nun,
es ist wie ein Grauen vor offener Schrift. So eine Art Hysterie
vermutlich. Und die weich geschwungenen Zeichen malen sich so angenehm
aus der Hand.

Habe Dank fr Deinen rhrend liebevollen Brief. Scheinbar weit Du,
Halunke, da ich es liebe, gerhrt zu werden, und wenn nicht alle
Empfindungen des Vermissens in dieser Beziehung von Dir beschlagnahmt
wren, so knnte ich wohl Hesekiel vermissen, seine immerrhrende Figur
und rhrenden Sprche.

Was mich angeht aber keinerlei Sorge! Wenn ich mich auch nicht eben
wohlbefinde, so ist das aus keinem der Grnde der Fall, die Deine
Einbildungskraft Dir vorspiegelt. Berlin ist freilich der Mahlstrom, als
den Du es Dir vorstellst, allein -- einerseits war es ja meine volle
Absicht, mich hineinzustrzen -- ich hoffe, Du hast beim wohlwollenden
bertreten meines Schreibverbots das nicht gleich mitvergessen --, und
andrerseits stehe ich vorlufig noch ganz am Rande und lasse michs
schwindeln. Im Vertrauen: mir schwant, da ich trotz aller Absperrung
vom bisher Gewohnten, trotz scheinbaren Untertauchens durch Pseudonym,
Inkognito und die vorgebliche Lebensfhrung eines von hunderttausend
Studenten, Bureauschreibern, Literaten, Referendaren _et cetera_ --
gleichwohl nicht in den Strom gelangen werde, aber -- vielleicht ist der
Schwindel am Rande, wenn dauernd, das frchterlichere.

Die Stadt ist furchtbar. Ich meine damit nicht Berlin im Gegensatz zu
andern Grostdten des Erdballs. Ich meine die Grostadt an sich, als
Lebensform, als Weltteil, als Schicksal; meine den Fluch der Anhufung
von Dasein und Geschick. Ah genug, wir werden sehn, brigens wie singt
der Poet?

   Allein die Stdte wollen nur das Ihre
   Und brauchen viele Vlker brennend auf,
   Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere ...

und so weiter, im Stundenbuch nachzulesen. Dennoch giebt es die
merkwrdigsten Oasen mitten in der Meereswste, deren Ntigkeit sich
kaum begreifen lt, wie etwa jene Schchte in farbige Jahrhunderte und
Jahrtausende hinunter, die sich Nationalgalerie, Vlkermuseum nennen.
Nein, da bin ich gestern unvermutet an einem der seltsamsten Eilande
gelandet und will Dir davon erzhlen. --

Georg hielt inne. Wozu das eigentlich? dachte er unwirsch. Aber die
wieder aufgetauchten Bilder des gestrigen Abends, Hardenberg, der stille
Plauderer, Dachgarten, die kranke Frau, die Bilder -- bewegten sich in
ihm, wie die Samentierchen zum Eileiter, zur Gestaltung, und er fuhr
fort:

Im Tiergarten traf ich unlngst auf Hardenberg. Du erinnerst Dich seiner
vom Leseverein in Prima. Wir sprachen uns an, gingen zusammen, wir kamen
ins Gesprch, ich machte meinem rger Luft ber das Gemisch von Stangen
und Statuen, das in meinen Augen der Tiergarten war, und hrte bald
herzlich erfreut das wohlbekannte, leicht altenrepensch gefrbte: Ich
mu doch s--gen ... mit dem er die Absicht einer kleinen Abhandlung
anzukndigen pflegt, und siehe da -- wie ein Mandelbaum aus den Fingern
des zaubrischen Chinesen entfaltete sich alsbald ein Sommertiergarten,
ein grnes Idyll der Behaglichkeit und des Friedens. Und aus dem einen,
dem Tiergartenpark entfcherte er die Parke der Stadt, wie sie alle
heien: Kleistpark, Preuenpark, Schneberger Stadtpark, Steglitzer,
Dahlemer, beschrieb die Findigkeit ihrer Anlage in der Ausntzung der
Bodenverhltnisse, beschrieb ihre Sommerabende nach dem Regen, ihre
Verschwiegenheit, ihre erfrischten, leuchtenden Wege, die umdampften,
schweren Gruppen der Bume, auf dem Hgel den weien Pavillon, den
Goldregenbaum, die Fliederstruche und pltzlich lchelnd am Wege das
zarte Wunder der lila Akazie, ihre bebenden Trauben haltend wie eine
Tnzerin mit zierlichsten Fingern, -- das Herz lachte im Hren und
Sehen! -- Es ward ein ganzes Lob auf Berlin, die Stadt der Blumen und
Parke, wie er sie nannte. Wahrhaftig hat er recht. Ich selber wei von
frher, da in keiner andern Stadt Europas fast alle, auch die
steinernsten Riesenstraen im Sommer Alleen sind, in keiner so viel
Vorgartenstreifen vor den Husern liegen, in keiner die Straenfronten
so liniiert sind mit den buntfarbigen Zeilen der blumengeschmckten
Balkons, und da in kaum einer Blumenlden zu finden sind -- von den
erlesenen der vornehmen Viertel ganz zu schweigen --, wie man sie hier
noch in den finstersten Stadtteilen finden kann. Und von dieser >Kultur
der Blume< kamen wir dann bald auf den Begriff der Kultur im
allgemeinen, den er schlechtweg als deutsch bezeichnete, da fr die
Begriffe andrer Nationen Zivilisation genge. Kultur, sagte er, knne
nicht sein, was man in Frankreich sehe einerseits -- als Blte einer
einzigen kleinen Oberschicht, Geschmack, Esprit und Eleganz von Louis
XIV. bis Louis XVI. --, noch was in England andrerseits als Steigerung
der gesellschaftlichen Formen. Dergleichen Dinge seien nichts als
Schpfungen eines Volkes, wie ein andres vielleicht geistige Genies, ein
andres Erfindungen, ein andres Strategen hervorbringen knnte. Sondern
der Begriff der Kultur msse mitumfassen ein vollkommenes Durchdringen
des gesamten Volksstoffes, eine Essenz, die an hundert der
verschiedenartigsten Stellen anzutreffen sei, und die hchste Vollendung
in Kunstdingen etwa ebenso mit einschliee wie soziale Pflege der
rmsten, Leibl und Ehrlich, George und Bodelschwingh. Kultur nicht
denkbar ohne Geist, nicht denkbar ohne Liebe. Nicht denkbar ohne
Gewissen, ohne Verantwortlichkeitsgefhl des Einzelnen fr das Ganze.
Die >Kultur< also des Franzosen ist ein Erzeugnis von Eitelkeit und
innerhalb dieser von Ruhmsucht und einem ganz krperlich innesitzenden
Verlangen nach und Gefhl fr das Anmutige, Schmckende und -- in diesem
Betracht -- dann auch Schne. Kultur jedoch verlangt nicht nach
Schnheit; aber in ihr begriffen sein wird auch das Schne, und sie wird
es wirken, weil sie fr jeden Wrde des Daseins, fr jeden ein Bestes
verlangt. -- Aber brigens: in welchem Volk giebts das eigentlich?

Georg stockte mit der Feder vorm nchsten Absatz. Ja, wohin gerate ich
denn? Nachsehend fand er bereits drei Seiten mit den stenographischen
Zeichen gefllt, aber, erregt von der Geistesarbeit und Phantasie,
dachte er: Nun, um so mehr freut sich Benno, es wird ja auch das einzige
Mal sein, und nun werd ich mich kurz fassen. -- Er fuhr fort:

Bezaubert wie ich war von der beraus zierlich und leicht wachsenden Art
seines Plauderns und in meiner angeborenen Hflichkeit konnte ich dann
nicht widerstehn, als er mich einlud, und bin gestern nachmittag
hinausgefahren. Beim Abschied erschreckte er mich noch durch zweierlei,
nmlich erstens seine Adresse: Hasenheide und eine dreistellige
Hausnummer, die ich nun verga (ich sah in der Hasenheide bisher eine
Einde und Exerzierpltze wie Tempelhoferfeld, kein Ding mit
Hausnummern), sodann durch die Mitteilung, er sei verheiratet, seine
Frau allerdings schwer leidend. -- Nun, Du weit, da Hardenberg
homosexuell ist. -- Sollte die Anlage -- stark war sie wohl nie, dacht
ich -- geschwunden sein? Dann, mu ich zu meiner Schande gestehn, wurde
mir einen Augenblick schwl um die Brust, und ich geriet von meinem
lieben, sanften, allgtigen Hardenberg auf -- Stawrogin! Stawrogin, Du
erinnerst Dich, in den Dmonen, der vor Entartung aller Gefhle zur
Erlebnisform einer Heirat mit einer Schwachsinnigen greifen mute, der
Marja Timofejewna, -- doch befinden wir uns ja in Norddeutschland,
Hasenheide usw. Ich fuhr mit der elektrischen Bahn hinaus.

Unsglich! Unsagbar! Straen, Straen, Straen! Prachtstraen gegen
London, Palste gegen Paris, riesige Offenheit und Breite gegen die
Steinschluchten Wiens, allein -- das Getmmel, das Hinundwiederstrmen,
der Anblick der tausend und tausend Fenster, Zimmer, Wohnungen,
Schicksale ohne Ende -- -- es htte mich umgestrzt vor Schwindel, htte
nicht das Staunen noch die Wage gehalten. Wie leben die Menschen hier?
wie knnen sie leben? warum leben sie hier und so? Es ist ja sinnlos,
aber: aus dem heftigen Gefhl, da mir selber Alles und Alle fremd, in
Weg und Hantierung, Ziel, Seele, Beschftigung, Beruf, in allem vllig
fremd und unbegreiflich waren, mute mir die Vorstellung entstehn, da
von ihnen auch jeder dem Andern, dem Nchsten ebenso fremd und
unbegreiflich sei, da es nur zehntausend Wege waren, die sich kreuzten,
jeder ganz in sich abgeschlossen und vom nchsten, von all den
durchkreuzenden nicht mehr wissend als ntig war, Zusammenste zu
vermeiden, und so wards um mich ein eisernes Geklirr, Metallstcke,
leblos, gegen Metall, ohrenbetubend, herzlhmend.

Die Hasenheide enttuschte freilich angenehm als eine Riesenstrae alter
Bume, fast durchweg eingebettet in Biergrten, ein bei ein, richtige
Grten mit schnen, mchtigen Bumen, jetzt kahl und Durchsicht lassend
weithin. In Hardenbergs Hause dann schwenkte mich der Lift bis unter das
Dach, ich wurde in ein gerumiges helles Zimmer -- denke Dir ein
sogenanntes >Gelehrtenzimmer< -- gefhrt, dessen breites Fenster und
Glastr einen jetzt leider kahlen, aber wunderschnen Dachgarten mit
Pergola und Aussicht ber das Dchermeer vermutlich in die Tiefe der
Grten boten. Die Stille war fast vollkommen.

Hardenberg erschien und bald auch seine Frau.

Du wirst nun mein Entsetzen mitfhlen knnen, mit dem ich in der
aufgehenden Tre erscheinen sah -- das Gespenst. (Ja, Gespenster
begegnen uns gern und verdoppeln sich gar!) Ich frchte, ich verga vor
Betubtheit aufzustehn, -- bis ich denn sah, da hier das Haar nicht
fischwei war wie bei Cordelias Schwester, sondern brandig rot, -- doch
wars auf die nmliche Weise in die Stirne gekmmt; die Augen darunter
waren so blablau mit viel sichtbarem Wei -- wie dort --, das Gesicht
so milchhaft, die Nase schien ebenso spitz ... ich erholte mich wohl am
Mund, der wundervoll war, gro, tiefrot und von der kstlichen, tief
geschwungenen Bogenform, worauf ich dann von neuem erschrak, denn der
bloe Hals -- stark, von vorne gesehen so breit wie das Gesicht -- war
--

Georg stockte mit der Feder. Ein Klumpen ballte sich oben in seiner
Brust und zwngte sich zur Kehle; er sah gradaus, seine Augen brannten,
dann zitterte sein Kinn; er schttelte den Kopf, versuchte zu lcheln,
sah wieder auf das Papier, mute pltzlich die Stirn auf die Tischkante
legen und schluchzte zweimal, dreimal trnenlos. Als er aber bemerkte,
da er da um sich selber weinte wie ein Knabe, setzte er sich wieder
grade, erkannte dabei, da es dunkel geworden war, lie die grne
Schirmlampe aufleuchten und schrieb weiter: -- Cordelias Hals.

Hardenberg hatte mich schon auf den Anblick vorbereitet, den ich bekam,
als das arme Wesen jetzt vorwrts ging. Sie hat seit ihrer Kindheit ein
Leiden (d. h. als Hauptleiden von etlichen andern, an denen sie alle
paar Monate schwer darnieder liegt), infolgedessen ihr das Gleichgewicht
fehlt im Stehn und Gehn. So kam sie hastig tastend, bevor er
aufspringend zu ihr gelangt war, um sie zu geleiten, und ihre Beine und
Arme schlotterten und zuckten dabei vllig unbeherrscht in den Gelenken.
Auch ihre Sprache, als sie nun sa und die Hnde -- wundersam lang und
geschmeidig, gesalbt von Schmerzen -- im Schoe still lagen, kam
stoweise, rauh, manchmal hart wie gestoene Steine; ihr Gelchter --
sie lachte viel und gern -- war ein Gebell. Kostbar war ihr Profil, das
ich lange sah, dazu der Hals von der Seite, nicht senkrecht aufgesetzt,
sondern schrge nach vorn, geschwungen ...

Ja, dies. Und als wir dann eine Weile spter ins Atelier hinbergingen
(denn dies Wesen ist Malerin und hat studiert wie eine jede, z. B.
Aktstudien gemacht, stundenlang stehend mit einer Stuhllehne als
Sttze), so entfaltete sich aus Mappe um Mappe ein Zaubernebel von
Farben und weichem Geleucht. Ihre Kunst ist beschrnkt, aber in der
Beschrnkung reich und reizvoll. Wasserfarbe, Linoleumschnitt und der
Buntstift. Aber sie zaubert mit dem Buntstift. Sieh ein Straenstck --
zu Dutzenden gabs --, Regendmmrung, Nsse, Abend, in der Tiefe
abschlieend ein graugrnliches Gebude, rechts ein rotes, eine rote
Mauer, ein Baum darber, novemberschwarz gespenstisch, auf der Strae
Undeutliches, ein Wagen, ein Mensch -- und all das aufgelst in tausend
farbige Striche, das mattglitzernde Pflaster in Wirklichkeit so bunt wie
ein Kolibri, desgleichen der quellende Himmel, und nirgends die Farbe --
das rote, das graue Haus --, die Du zu sehen meinst, sondern jede zur
Hlfte bewirkt durch die andre. Oder -- von der Brcke gesehn -- ein
Stck Isarbach im Englischen Garten in Mnchen, milchiges Grn, bewegt,
bewegt, kristallenes Blau, Schneeufer, Bume, gestrubt im Nebel, die
Tiefe Schneedunst, und alles scheint wei, und alles Weie kam aus dem
blauen Stift, und welch ein Duft von Lften, von Ferne, von Ahnungen!

Du warst nie im Berliner Aquarium, Benno. Denke Dir, da Du in dunkle
Korridore trittst mit vielen und groen Rechtecken, starkleuchtenden in
gelblichem, grnlichem Licht: die Glasscheiben der Wasserbehlter in der
Wand, hinter denen sich das Leben der Tiefe bewegt, sprachlos, in
leuchtenden Farben. Fische, durchsichtig aus Perlmutter gemacht, die
Augen wie leuchtende Kugeln, die sich drehn, die Leiber dnn scheinend
wie Pappe durch die Brechung des Wassers. Fische, gemacht wie aus weiem
und gelblichem Sandgekrn, flach wie ausgeschnittene Papiere, die sich
wellenfrmig im weien Sandboden fortbewegen, wo sie schwinden, wenn sie
liegen. Fische, feuerfarben, Leiber wie senkrecht flach gedrckte Eier,
an die seitlich und hinten lange, schlagende, faltige Schleier angesetzt
sind, und dieselben in Schwarz wie in Trauer. Fische, blaugrau wie aus
frischgefallenem Samt, Scharen, stille, die eine Handbreit ber dem
Grundsande hinweidend sich bewegen wie die Weidetiere unserer Ebenen ...

Und von diesem zog sie den farbigen Abglanz in kostbar stilisierten
Umrissen, ins Geschwungene gelst, in die Faltenregung der Wasser, zog
sie das Unheimliche der Tiefe, die ewige Sprachlosigkeit, die Dmmerung
und die unendliche Stille. --

Beim Zurckfahren am Abend nahm ich eine Bahn zum Potsdamer Platz -- das
abendlich reiend geschwollene schwarze Getmmel nur wahrnehmend wie
einen donnernden Strom, ber den ich hinglitt in der Muschel meines
Herzens --, von wo ich mich zu Fu zum Schachte der Untergrundbahn vor
der Wertheimarkade durchzwngte.

Ja, da ragte es, ernst, mit umdunkelter Stirn, das Heim der
Wertlosigkeiten, mit dem Aussehn eines ehrfurchtgebietenden Heiligtums.
O, ihr Deutschen! Da wolltet ihr ein Kaufhaus bauen, eine Gelegenheit,
wo euch das Kaufen, das Geldvergeuden ein glitzerndes Vergngen sein
soll, und anstatt eine lustige Menagerie hinzustellen, errichtet ihr
eine dstre, alle Eitelkeit des Irdischen verneinende Kathedrale: Ziehe
deine Schuhe aus ... und nennts den neuen Warenhausstil. Die einzige
Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts ...

Wie ich mich aber dann umdrehte, unter die Pfeiler mich rettend, drben
aus der Nachthhe rings um den Platz die bunten, feurigen Rder
umliefen, gigantische Schriftbnder vorstieen, Pfeile, Sonnen sich
ausstrahlten, und am Grunde dieses Nachtgewssers der Strom sich ergo,
in den tausendfachen Skandal verdonnernd, eiserne Wagen an Wagen,
erleuchtet, bis zum Rande voll stehender, sitzender Schicksale ohne
Hupter, und die Kanle der Fugnger, unerschpflich; wie ichs
hervorquellen sah aus den tausend sich schwingenden, umwirbelnden Tren,
und dahinter wimmelnde Treppenhuser, senkrecht strzende, senkrecht
entfliegende Frderkrbe voll von Wimmelndem, und wimmelnde Sle,
wimmelnde Zimmer bis unters Dach, zehntausend Fupaare, zehntausend
Schicksale sich hinabstrzend zum Grunde und im Ebenen hingerissen in
eisernen Gleisen ihres Lebens, ein wieherndes Toben der Mhseligkeit,
der Beladenheit, des Genusses, zum Schaudern ameisenhaft ganz und gar --
-- sieh, da wars wieder dasselbe Bild, das ich sah: ein einziger Strom
des Lebens, der wahrhaften, gttlichen Lebensessenz um den Erdball
ergossen, aus dem ein jeder schpfen mag fr sein Dasein, wo er steht.
Und an solchen Stellen wie dieser, wo Hunderttausende trinken wollen --
wieviel kommen da Tropfen in jeden der schnappenden Fischmunde? Sie
ersetzen durch Luft, was fehlt an Essenz, durch Betriebsamkeit den
Lebenstrieb, und das giebt dann -- Sekt --, was Wein sein sollte --, das
Gttliche versetzt mit Kohlensure, Schaum fr Kristall.

Dann aber, mein Benno, erschienen sie mir dort oben, im Dunkel der
Berge, am Ursprung des heiligen Quells, die Beiden, die Gechteten so
oder so, die Ausgeschlossenen von dem, was man >das Leben< nennt: an den
Hnden sich haltend mit Zartheit, die stillen, beredsamen Augen in
Eintracht hinabgeneigt zum dunklen Kristalle des ewig Reinen, und
herausholend vom Grund -- wie der Tiefseeforscher im Perlkranz der
Wassertropfen den farbig leuchtenden Schleier der Infusorien, der
Zauberformen, der Rtselkristalle, der Rdertierchen und mikroskopischen
Algen -- so heraufholend diesen zartesten Schleier ihrer Knste, sie
auszubreiten ber Gebrechlichkeit und den unendlichen Schmerz. -- --

Georg schob die Bltter zusammen. Ich schliee ein andermal, dachte er
matt, jetzt finde ich weder zu mir noch zu ihm den bergang, und -- ich
schrieb es ja wohl auch nur fr mich.

Die Hnde lasch auf den Blttern, vor den Augen noch Tumult und Vision,
entkrftet im Herzen, lehnte er sich zurck, die Blicke aufwrts
richtend in das Dunkel, wo die schweigsamen Fronten der Bcher sich in
Stockwerken reihten.

Und du, Cordelia, dachte er vereinsamt, was tatest du? Fnfunddreiig
Jahre Nacht, Nacht, Qual, Qual. Endlich die farbige Wonne, der kleine
Schleier eines Halbjahrs. Und endlich -- die Stille -- der Triumph --
das Lcheln fr immer. Das war ein Leben?

Ist das das Leben? Ist dies der Strom: Leiden? Giebts keine andre
Essenz, die das Leben verleiht? -- Dann, dachte Georg, den alten
Angstdruck aufkeimen fhlend in der Brust, dann komme ich wohl langsam
nher ...

Nahm seine Sachen zusammen, lschte die Lampe und ging.


                       Zweites Kapitel: Dezember


                               Sylvester

Georg, zerdrckt, zersetzt und migefrbt, wie er sich aus Berlin
mitgebracht hatte, wanderte gegen halb zwlf Uhr in der Neujahrsnacht
vor der Reihe der sechs vom Erdboden aufsteigenden Fenster des langen
Saales in Trassenberg auf und nieder. Dabei hatte er auerhalb der
Fenster das schwarze Nichts, die Nacht mit einem oder zwei roten
Lichtern im unsichtbaren Grunde des Landes; innerhalb den
langgestreckten Saal, aus dessen drei Wnden, aus den drei Steinkaminen
der Flammenschein herausschlug. Die Kamindcher hingen steil und dster
wie gewaltige Brauen ber den Feueraugen, deren Flackerblick die beiden
mannsdicken, in der Hhe versteten Holzpfeiler im Schatten lieen,
welche, ein paar Schritt weit voneinander entfernt, die Saaldecke
trugen. In der Dunkelheit der Wnde oben lie sich von Georgs irrendem
Blick hier und dort aus den verblichenen und verruten Wandmalereien
eine Gestalt ergreifen, steif in Umrilinien und Falten des zwlften
Jahrhunderts, ein Schwert, ein verhangenes Ro oder die seltsam
verschobene Figur einer Frau, hintenbergezogen vom spitzen Kopfputz und
hangenden Schleier.

Georg blickte auf die Uhr, ohne die Zeit zu sehn, und erwartete seinen
Vater. Ihn frstelte; deutlicher empfand er die beiden Toten in der
Nhe, Cordelias ewig triumphierendes Lcheln und die Gestalt seiner
Mutter; diese manchmal hinter sich, an einem der Fenster, vereinsamt
dastehend wie eine Verbannte, -- und dann versprte er wieder ihren
Kopfschmerz, als knne der noch immer nicht vergangen sein ...

Diese Mutter ... Er zwang sich, zu vergessen, da sie nicht die seine
war, sich zu erinnern, wie es hier frher in dieser Nacht gewesen. Dann
saen erst er und sein Vater dort beim Punsch vor dem mittleren Kamin.
Zehn Minuten vor Mitternacht erschien die Helene, Diener mit
Windlichtern, die ein paar Fenster und die Glastr zum kleinen Altan
ffneten -- dem Einzug des neuen Jahrs. Sie sagte ein paar heitere
Worte. Dann gingen sie zusammen zur Altantr und standen dort im kalten
Atem der Winternacht und erwarteten den Glockenschlag. Er kam,
feierlicher als jeder Stundenschlag im ganzen Jahr. Dann wurde in der
Tiefe, vor der Kirche im Dorf der Holzsto entzndet; sie sahen von hoch
oben den roten Flammenschein, Gestalten, Portal und weie Wand des
Kirchturms im Schein, und im Kreis um das Feuer die Blser mit ihren
Messinginstrumenten. Nun luteten die Glocken, der Choral stieg
vernehmlich zu ihnen empor: Bis hierher hat mich Gott gebracht ... Beim
zweiten Vers traten sie in den Saal zurck und ...

Jahrein -- jahraus -- zehn, elf Male hatte er das erlebt. Immer eine
feierlich leichte, schne Stunde ... Mein Gott, ist es anders geworden!
Sie ist nicht mehr dabei, und ich selber bin --, nein, ich soll ...
soll? Hier ein Fremder sein, ein Eindringling ...

Ratlos auf den nchsten Pfeiler zutretend, wie im Verlangen nach einer
Sttze, fhlte Georg unter der tastenden Hand die Hunderte der Kerben,
die den Stamm bedeckten. Hier hatten sie sich eingeschnitten, die einmal
die Seinen waren, bei jedem Bankett, jeder Jagdtafel, sie und ihre
Gste, burggesene, erb- und schlogesene Herren, spter Grafen,
Markgrafen, Herzge ... Auf einem der Bden muten noch mehr solche
Stmme liegen, nachdem die ersten vollgeschrieben waren bis obenhin, --
es war wohl mehr als ein Arm gebrochen, wenn sie Sthle auf Tische
setzten in ihrer Berauschtheit, um hher hinaufzulangen, und an einem
Pfeiler oben stand: Heint hab ich, Hugo Remmele, den -- soundso -- fast
zu Tode gestochen, sintmal ich b'soffen von oben strzte mit dem Sufang
... Oder so hnlich ... Als Junge, sann Georg, konnte ich stundenlang um
die Stmme rutschen, um die Namen zu entziffern, die Wahlsprche und das
Lateinische. Drei Kreuze, dacht ich, bedeuteten Tote ... Merkwrdig viel
Kreuze ...

Georg sah aus Knabenkleinheit, in die er sich versetzt, geisterhaft
umher. Die drei Kyklopenaugen glotzten, die Flammen zngelten in
Buchenkloben, es war still ... Nein! nein! er nicht dazu gehren? Nein,
davon empfand nie und nimmer etwas sein Herz! Nur unsglich traurig war
alles geworden. Traurig? Warum nur, warum? Nun hatte die Zeit auch
Cordelias Lcheln fast getilgt, dies allzutriumphierende Lcheln ...

Georg, lngst wieder am Fenster stehend, die erst kalte Scheibe warm
geworden an seiner Stirn, hrte ein Gerusch und wandte sich. Ein Flgel
der Tr zur Linken in der langen Wand war aufgeschlagen, und daneben
stand im Schein des Armleuchters, den er selber hochhielt, Egloffstein,
schwarz in Frack und Kniehosen, das faltige Gesicht unterm weien Haar
schief geneigt wie immer. Die Schritte und die Stcke des Herzogs wurden
hrbar, er kam zum Vorschein, im Frack, -- ja, das war nun auch anders,
denn er ging, er ging ganz gut, schon ziemlich grade, machte richtige
Schritte, -- erstaunlich, was sein Wille in ein paar Monaten zustande
gebracht hatte! -- Georg ging ihm entgegen, nur mit einem ernsten,
schnellen Blick von ihm ins Auge gefat. Hinter ihm Leopold und Egbert
in ihren blauen Livreen trugen, der eine das Brett mit dem Bowlengef
und Glsern, der andre eine kleine Truhe, und setzten beides auf den
alten Holztisch vor dem Mittelkamin. Georg hrte Egloffstein seinen
Vater etwas fragen und Halb eins aus der Antwort, whrend er Egbert
zusah, der den Fu eines Baumstamms zum Feuer trug und hineinlegte; die
Flammen duckten sich, leckten mit krperlosen Zungen daran empor,
unterhalb knisterten dunkelrote Funken in der schneller anglimmenden
Rinde. Georg gingen die Augen ber im Hinsehn, bis ein leises Klirren
ihn veranlate, sich umzudrehn. Sein Vater, jetzt allein, stellte eben
den Lffel in die Bowle zurck, reichte dann Georg sein Glas. Ach, du
trinkst ja wohl nicht ... sagte er, sich erinnernd, und lchelte. Georg
antwortete mit einem Lcheln und setzte sich am andern Ende des Tisches
den Fenstern gegenber. In dem Glase dampfte der goldenbraune Punsch,
Schwaden zogen sich um die Flammen des Leuchters. Ja -- dies war wie
immer ... Auch dies, wie sein Vater das Glas gegen die Lichter hob, dann
kostete. Auch Georg nahm einen Schluck; die flssige Glut verschlug ihm
den Atem, er mute hsteln.

Und dann folgte er mit den Augen den langsamen Bewegungen seines Vaters,
mit denen er seine Zigarrentasche hervorholte, eine herausnahm, nachdem
er mehrere hinter den Klappen gelpft und gedreht, sie auf den Tisch
legte, die Tasche schlo, dann wieder aufklappte und Georg mit einem
Lcheln hinhielt. Dir zu Gefallen, sagte Georg, eine nehmend, bi wie
sein Vater die Spitze ab, aber das milang natrlich, er mute das
Deckblatt festlecken und verga darber, seinem Vater den Leuchter zu
reichen. Pltzlich sah er ihn aufrecht dasitzen, eine Hand auf der
Tischplatte, die Zigarre im Munde, den Leuchter erwartend ...

Er hatte sich aber noch kaum nach den ersten Zgen zurckgelehnt, als
die kleine, stets Minuten vorgehende Uhr auf dem Kaminsims zum Schlag
aushob. Sie nickten sich zu, der Herzog hob seine Stcke, sie gingen zur
Glastr, Georg ffnete, eisig schlug die Nachtluft ber sie hinweg. Da
-- in der Tiefe rechts brannte schon der Holzsto, Schatten bewegten
sich umher, die Blser stellten sich im Kreis, Messing blitzte, die
Drfler drngten sich herum, beleuchtete Gesichter waren zu sehn. Dann
klang der erste Glockenschlag, die Mitternacht schwebte vernehmlich in
klaren Tnen herauf, der Choral setzte ein. Georg sprte auf seiner
Schulter eine schwere Last, die Hand seines Vaters.

Zudritt mit der Unsichtbaren standen sie in der nchtigen Hhe. Georgs
Herz schlug schwer, -- er sah das Vorjahr, die Vorjahre ... sah sie und
ihn und sich selber wieder in den Saal zurckgekehrt ... Doktor Birnbaum
war schon da mit seiner groen Truhe auf einem Stuhl und Frulein von
Rabenau mit ihrem Arm voll weier Narzissen. Die Saaltren standen weit
offen. Sie waren lustig. Drauen war der Rcken des Kantors sichtbar,
taktschlagend mit beiden Armen, und der Kinderchor klang. Dann kamen sie
herein, der Kantor, die Kinder, dahinter das ganze Gesinde, von
Egloffstein gefhrt, bis hinunter zum letzten Stallknecht und
Htejungen, Knechte, Mgde und die Dienerschaft. Zogen vorbei, und jeder
bekam dreierlei: vom Herzog einen goldenen Hndedruck aus der Truhe, von
Georg einen einfachen, von Helene eine Narzisse. Und hundert Stimmen,
tief und hoch, heiser und hell -- der Neujahrswunsch. Seit er stehen
konnte, im weien Kleidchen, hatte er seine kleine Hand hinhalten
mssen, seinen Diener gemacht und in die groen fremden Zge ber ihm
gesehn ... Die Mgde machten heilige Gesichter, wenn sie ihre Narzisse
hatten, trugen sie hinaus wie ein Altarlicht, und manche weinten trotz
strengen Verbots. Und Mama ... Manchmal war sie am Umsinken vor
Schmerzen. Dann stand sie, die Augen fielen ihr zu, die Finger der
Linken preten die Schlfenader, nahm eine Blume nach der andern aus der
Hand des alten Fruleins, reichte sie hin und lchelte dazu. Jeder bekam
seine Blume und sein Lcheln. Dann hauchte sie Gutenacht und lief
hinaus.

Georg brannte der Kopf. War dies nicht schon der dritte Vers des
Chorals? -- Da wute er, da sein Vater sich frchtete -- wie er selber
-- vor dem Sichumdrehn und dem, was hinter ihnen war ... Aber im
nchsten Augenblick fhlte er sich von der Hand auf seiner Schulter
herumgedreht, sein Blick streifte dabei ber das angespannte,
entgeisterte Gesicht seines Vaters. Da war der leere Saal ...

Heiser hrte Georg ihn fragen:

Und nun, Georg, wie ist es: fhlst du dich -- zu Hause?

Georg verstand, senkte den Kopf, hob ihn wieder und sagte in den Saal
hinein: Es ist nicht wie frher. Es -- -- mir ist glaub ich so wie
einem, der sich jahrelang herumgetrieben hat und -- als htte er nun
kein Recht mehr ... so ungefhr.

Armer Junge, hrte er murmeln. Sein Vater drckte ihn liebevoll an
sich; er blickte in seine Augen und murmelte, seine Hand suchend,
schamvoll: Wenn ich nur dich habe ... Sein Vater drckte die seine
kurz und hart, ging dann durch den Saal zum Tisch, ffnete den Deckel
der Truhe und nahm ein zusammengefaltetes Papier hervor, aus dem an
seiner Schnur ein groes Wachssiegel herausfiel. -- Georg wute, was es
war, und begann im Augenblick heftig zu zittern.

Dies, sagte sein Vater, den Bogen langsam aufschlagend und
hineinsehend, dies ist der Vertrag.

Er legte ihn wieder zusammen und in den Kasten zurck, den er schlo.

Du kannst ihn an dich nehmen und Gebrauch davon machen. Spter -- wenn
du meiner Hlfe bedrfen solltest ...

Er brach ab, nickte ein paar Male vor sich hin, setzte sich dann.

Georg sprte die hinter ihm hereinstrmende Klte, wandte sich, warf das
bitter schmeckende Ende seiner Zigarre hinaus und schlo die Tr. Dann
zndete er sich eine Zigarette an und begann, alles umher vergessend,
wieder vor den Fenstern auf und ab zu gehn.

Jetzt, whrend alle Gedanken in ihm, dem Kommenden zustrebend, doch
angstvoll vor unsichtbaren Widerstnden zurckprallten, tastete seine
angereizte Phantasie nach der Schmerzgestalt der Mutter; die aber entzog
sich, schwand, und statt ihrer sah er zum ersten Male Cordelia.

Alles sah er. Ein Zimmer. Auf einem ovalen Tisch eine brennende
Petroleumlampe; davor einen Berg Wsche; und daneben -- sie, an einem
glnzenden Kleide nhend, das ber ihren Scho hin lag, und sie trug ein
niegesehenes, loses, morgenrockartiges Kleid, unordentlich; und vor dem
Wscheberg lag ein aufgeschlagenes, vom Zusammenrollen verbogenes Heft,
aus dem sie lernte, -- ja, er sahs, alles, und nur eins sah er nicht,
obgleich er sich bemhte: ihr Gesicht, -- nur das Braun vom Haar,
undeutlich. Aus der Erscheinung aber glhte es ihn an, da ihm hei
wurde und heier: ihr Leben, ihre Tage und Nchte, der endlose Kampf,
die brennende Sehnsucht, die Hlflosigkeit am Abend, immer wieder
Unverzagtheit am Morgen, immer Hoffnung, Hoffnung, Erwartung, heute,
wieder heute, hundert, tausend Heute der gleichen Mhsal, und immer
Enttuschung, immer Entsagung, Verzweiflung, Ratlosigkeit, neue Kraft,
neuer Wille, und wieder umsonst, und Arbeit, Arbeit, nchtelanger Flei,
die ganze unselige Inbrunst, die rasende Erwartung, das
Nichtmehrwartenknnen, das verzweifelte Weinen, der Jammer grenzenlos.
Er sah ihre zerbrochene Seele, daliegend entstellt wie eine ausgerissene
Pflanze. Alles einst Strahlende, innerst immer noch mit wtender Glut
sich Wehrende, in trostlosen Zimmern zerstampft, verschttet, -- ein
ewig whrender Schmerz in der Brust, wie die Andre ihn im Kopfe trug,
wandelnd Beide mit feuergefllten Becken im lebendigen Fleisch ... Und
wieder sah er sie eintreten in das schne Tor, in das leuchtende Schlo,
betubt von Ehrfurcht, zum Kinde geworden vor unsglichem Staunen, --
doch schob sich selbstwillig ein andres Bild dazwischen, das sich nicht
verdrngen lie: die erste Nacht, ihre fast unheimliche Scheu, die dann
jhlings umschlug in berschwngliche Wonne, Trnen der Wonne --
weshalb? Er wute es nun, verstand nun die Verzweiflung der jahrelang
verflschten Lust, die zum ersten Mal doch endlich sie selber sein
durfte, hinstrmend in der Umarmung des Geliebten. -- Der Brief, ihr
Brief mit ihrem Leben brannte auf seiner Brust, und pltzlich, alles
Denken fortkrampfend, ri er ihn heraus, ging auf seinen Vater zu, sah
ihn ihm entgegenblicken und blieb zaudernd stehn.

Nun, mein Junge, was hast du? fragte er weich.

Ich? -- Ich, Vater, ich hatte -- zwei Tote in diesem Jahr. Und -- --
wenn du dies vielleicht lesen mchtest ... Er gab ihm die Briefe, den
kurzen und den lebenslangen, setzte den Leuchter nher herzu, warf sich
dann selber in den Sessel am Ende des Tisches, legte den Kopf in die
Hand und schlo die Augen.

Er wollte nicht denken. Er lie Wortgebilde, Begriffe, Stze, Bildstcke
in sich herumlaufen, sinnlos und leer, immer wieder zurckprallend mit
der inneren Woge von den Briefblttern, die er hin und wieder leise
knistern hrte, immer wieder hineingezogen, zu dieser Stelle, zu jener,
an welcher sein Vater jetzt halten mochte ...

Sie war glcklich das Halbjahr, dachte er, und doch hatte sie noch eine
Hoffnung ber das Glck hinaus, mute noch immer hoffen -- hoffte,
fruchtbar zu sein -- ein Kind ... War es diese Sehnsucht, die sie
dermaen befeuerte, die Nchte so glhend machte, Nchte -- jede wie
eine Traube, und jede Beere eine Zelle von Rubin, in der sich Gtter
umarmten, da die ganze Traube erdrhnte ... Ach, nein, ihre Hoffnung
war leise, blhte auf in den stillsten Stunden des Einsamseins, war ein
Duft, ein Glck ber dem Glck, denn nur _das_ Glck ist ganz s durch
und durch, ber dem noch ein andres Glck schwebt ...

Georg wartete noch, wartete, wieder leer, ertrug es endlich nicht mehr
und sah nach seinem Vater. Der sa gro, aufrecht zurckgelehnt. Die
Bltter lagen auf dem Tisch. Nun kam sein Blick herber, Georg sah die
nahstehenden Augen, verschleiert, sehr weich, und der Blick durchschmolz
seine Brust, so da er sich pltzlich schmte und die Augen abwandte.

Sie ist tot? hrte er fragen.

Georg nickte. Ich habe sie gesehn, sagte er dann. Sie lchelte. Es
lt sich nicht sagen. Aber -- sie war ganz drben -- und wute --
alles.

Es war still.

So ist es berall das gleiche, sagte der Herzog langsam. Abgrund.
Dich dachte ich nicht so nahe daran. Aber -- du hast es berstanden?

Georg konnte nur den Kopf neigen, wieder und tiefer beschmt, als werde
er belohnt fr eine Leistung, die ein Andrer ihm abgenommen hatte ...
Ich habe ja nichts getan! dachte er.

Indem vernahm er wieder die Stimme seines Vaters.

Siehst du, -- einmal ... du warst noch ganz klein -- standen wir dort,
zu Zweien, in der Neujahrsnacht. Und da -- Er stockte, rusperte sich,
hustete und fuhr fort: Hast du je empfinden knnen, was sie gelitten
hat? Spter wurde es ja wohl besser, das Dunkel tat wohl, die Gewohnheit
... Aber dies Dasein! Ihr Geist, ihre vielen Gaben -- so verurteilt!
Aber -- der Anfang! Sie schlo sich ein des Nachts. Ich konnte nicht zu
ihr. Da habe ich -- nchtelang -- vor ihrer Tr gelegen und gehorcht.
Und sie wimmerte, sie -- kannst du dir das -- denken? Ich glaubte, ich
knnte ihre Zhne aufeinander schlagen hren. Ich hrte sie hin und her
irren und leise jammern, minutenlang, Worte stammeln, schnell, immer
schneller, bis es immer lauter wurde und sie aufweinte. Dann wurde es
wieder leiser, hrte ganz auf. Und dann fing es wieder an. Und endlos.
Heulen hab ich sie gehrt. Sie, diese --, sie ...

Und dann -- einmal -- standen wir dort. Der Vorbeizug war vorber, sie
taumelte auf mich zu, wir waren allein, sie bohrte ihre Stirn gegen mich
und schrie: Ich kann nicht mehr! -- Dann ri sie sich los und lief auf
den Altan. Ich wei nicht, wie ich sie noch einholen konnte, und dann,
-- dann wollten wir Beide hinunter. Ich -- ich war jung, und gelhmt,
und dazu sie ... Ich wollte auch nicht mehr knnen. Pltzlich sah sie
mich an, ihr verzerrtes Gesicht glttete sich sonderbar. Sie sagte:
Merkwrdig ... nun ist es weg. -- So stand sie lange, lauschte und
wartete, schttelte den Kopf und wiederholte: der Schmerz sei weg. Wir
weinten wohl zusammen und dachten eine Weile, er sei wirklich und fr
immer verschwunden. Ich wei noch: sie lchelte wieder und meinte, es
wre wohl wie beim Zahnarzt: wenn man die Treppe zu ihm hinaufstiege,
sei der Schmerz fort. Ich hielt sie noch, und dann merkte ich auf
einmal, da sie schlief. Ich hab bei ihr gesessen, sie schlief bis zum
Morgen. Da war der Schmerz wieder da ...

Georg hatte zugehrt, in Siedehitze getaucht vom Kopf zu den Fen;
seine Hand war feucht, als er sie von der Stirn lste, doch hrte er nun
ein Gerusch, wandte sich und sah Egloffstein gedmpft hereinkommen und
sich dem Herzog zeigen, worauf er wieder verschwand. Sie erhoben sich
Beide, der Herzog murmelte, es sei Zeit fr ihn, -- ob er noch sitzen
bleiben wolle ... drckte Georg nur heftig die Hand und ging hinaus.

Als Georg dann wieder im Stuhle sa, sah er die Zukunft vor sich stehn,
unentrinnbar. Er fhlte, da nichts sich hatte ndern lassen, er hatte
weiter und weiter gehen mssen auf diesem Weg, nun nur noch wenig
Schritte, und das Ziel war da. Trotz der Angst aber, die es ihm
einflte -- oder war das nicht es? -- schien ihm alles sehr leer, oder
leicht, oder -- sinnlos. Das Wirkliche, dachte er, ist doch ganz wo
anders. Dies gehrt zum Dasein, jenem, in dem man sich kleidet und it,
arbeitet, einen Beruf hat, Umgang mit Andern, Pflichten. Es ist nicht
das Leben.

Und da war es ihm, als befnde er selber sich weder hier noch dort. Er
lchelte; sa er nicht in der einsamen Nacht zwischen dem ersten Tag des
neuen und dem letzten des alten Jahrs? -- Er mute eine Bewegung mit den
Hnden machen, wie um nach rechts zu tasten und links, das Dasein zu
fhlen, dort, und hier das Leben. Da war aber nirgend etwas. Nur die
Luft. Es ward totenstill. Und in der Leere konnte er sein Herz sehn wie
einen schwarzen Klppel, der ohne Glocke hing, sinnlos, im Schwarzen der
Nacht.


                        Drittes Kapitel: Januar


                                Neujahr

Renate, beide Handflchen gegen die pltzlich entflammenden Wangen
pressend, im Sessel vorgeneigt, rief: Das mchte ich nun einmal wissen,
warum du und ich am Neujahrssonntag hier sitzen!

Saint-Georges, tief im Sessel ihr gegenber, die Ellbogen in den weichen
Lehnen, die Hnde flach unterm Kinn gefaltet, blinzelte in die losen
Flammen im Kamin; dann sah sie langsam ein immer freudigeres Lcheln um
seine Lippen und in den Augen aufquellen, bis es den Mund ffnete und er
sagte:

Nun, das liee sich am Ende noch beantworten. Was meinst du: stnden
wir Beide in einer Geschichte, so wrde die Antwort vermutlich lauten:
weil es der Autor so will. bersetze das lateinische Wort, und was kommt
heraus? der Willen des gttlichen Urhebers.

Renate, unwirsch ber und ber, warf sich zurck, strich mit der Rechten
die dunkelblauen Falten aus ihrem Scho, blickte unter gesenkten Lidern
bse zu ihm hin und mute noch einmal ausbrechen:

Georges! Ich frage! ich will deutlicher fragen: Warum mute -- ich mu
es wissen! -- warum mute das Weltgeschehen diesen Verlauf nehmen, zu
dieser Stelle, an der wir nun als diese Menschen in dieser Weise sitzen
und miteinander reden und schweigen!

Eine Frau, erwiderte Saint-Georges freundlich, fragt mehr, als zehn
Mnner beantworten knnen.

Renate lachte verdrossen. Ist dir denn nie dieser Gedanke gekommen? und
wie ungeheuerlich er ist? Da man hervorging, hervorgehen mute aus
dieser riesenhaften Weltgewalt?

Du denkst viel, sagte er leise.

Renate erhob sich, machte sich einen Augenblick an Teekessel, Tassen und
Dosen auf dem Rolltisch neben ihr zu schaffen, ging dann ins Zimmer
hinein und, erst langsam, dann rascher auf und ab. Ihre Erregung, ihr
selber unfabar, begreiflich nur so weit, da sie entstanden sein mute
vor Jahren schon und gewachsen war seither und wachsen wrde -- machte
sie schwindlig im Sitzen. Pltzlich sah sie Josef. Seit sie ihn in der
Stadt wute, fhlte sie sich umkreist von ihm, wo sie ging und stand,
und wohin ihr Gesicht gerichtet stand, da stand er.

Mir wre besser, sagte sie bewutlos vor sich hin, ich se in einer
Dachkammer an der Nhmaschine. Armut, find ich, pat soviel besser zum
Leben.

Gut, Renate. Gehe hin und tue desgleichen.

Sie blieb stehn. Was heit das, Georges, warum kann ich nicht fort,
warum kann man nicht heraus?

Richtig, versetzte er, da du >man< sagst, nicht: ich. Im brigen
knnte man ja den Vetter Josef kommen lassen, um zu erfahren, ob er
herausgekommen ist.

Da kam er auch mit Josef! -- Das wre eine Antwort?

Also einfach, erklrte er, Fahnenflucht ist keine Kunst. Jeder
verbleibe an seinem Platze. Einmal stellt sich doch immer heraus, da es
ein Posten war, auf den uns die Zukunft stellte. Wollen die Vgel auch
schwimmen knnen?

Haus, Garten, gut Essen und schne Kleider, sagte sie, sind freilich
kein Verdienst.

Er lie die Hnde fallen und suchte in der Rocktasche. Sie sind der
Einzige, sagte er dann glatt. Alle Menschen verdienten dergleichen.

Und wenn die Vgel nicht schwimmen wollen, fuhr sie heftig fort, will
der Mensch doch fliegen.

Und dann? fragte er blo. Sie murmelte, den Kopf hngend: Fortschritt
...

Daran zu glauben, halte ich nun fr ganz verfehlt, meinte er sorglos.

Und was glaubst du? Sie stellte sich hinter dem Tisch gegen ihn auf.

An das Rad, sagte er aufblickend. Dann, da sie weiter fragte, mit den
Augen ergriffen von der Festigkeit seines Blicks, fuhr er, leis
lchelnd, fort: Das Rad weder des guten Lamas im Kim, noch den Roman
von Jensen meine ich damit, sondern --

Renate, mhsam sich zu Ruhigkeit zwingend, glitt wieder in ihren Sessel
und hrte zu, anfnglich gefesselt von dem Wohlklang seiner Stimme.

Stelle dir, fing er an, ein Rad vor, wie Homer es malte, einen
Radreifen mit vier Speichen, erzbeschlagen, und ein Rad, wie ein
Heutiger es malt, eine flimmernde Scheibe von konzentrischen Kreisen;
darin haben wir den Unterschied. Weiter: lege eine glhende Kohle auf
die Erde, das ist der Anfang: ein glhender Kern, der Strahlen
versandte, erst einen, mehr, immer mehr, die sich an unserm Horizont der
kreisfrmig andrngenden Ewigkeit umbiegen und ihren Stoff dort ablagern
zu -- Geschichte, dem Radband um unsere Zeit. Die Strahlen, immer
dichter sich drngend, fllen schon den Kreis; nun wird abgespalten. Zum
Beispiel: Malerei. Sie begann mit dem Bildnis, ging ber zum Zimmer, zur
Kleidung, zum Nackten, zog die Landschaft hinein, ging zur Landschaft
hinaus, und es begannen die Techniken, Helldunkel, begannen die
Charaktere, die Italiener, Hollnder, kamen Holzschnitt, Radierung,
Kreide, kamen Impressionismus, Expressionismus, Futurismus. Zehntausend
Mannigfaltigkeiten und doch von Giotto bis Kokoschka ein einziger
Glutkern: das Genie, die wahre Kunst, die Techniken und Programme und
Richtungen nur benutzt, aber nicht von ihnen abhngt. Oder:
Wissenschaft. Zuerst gab es die sieben freien Knste, die in einer
einzigen Hand liegen konnten zu Anfang, die anschwollen, da fr jede
eine besondere Hand notwendig wurde, ein besonderer Kopf, und wieder
jede allein anschwollen, da sie gespaltet werden muten, und wieder
gespaltet und aber wieder, bis wir heute zum Beispiel unzhlbare Fcher
der Naturwissenschaften, und so viele Spezialrzte haben wie Organe oder
gar Krankheiten. Und siehst du die Abspaltung hier, so sieh die
Zusammenfassung auf der andern Seite: Columbus, Luther, Giordano Bruno,
Spinoza, Kant, Goethe, Bismarck, Darwin, die Bndel von Strahlen zur
Garbe banden. Und immer die Ablagerung auf dem Kreisring, die Erfahrung,
die Geschichte. Es wird immer anders, -- das ist der >Fortschritt<.
Kannst du glauben, da, wenn es je ein >Schn< gegeben hat, es heute ein
>Schner< geben knne? Oder ein >gut< oder >wahr< oder >edel<, das heut
besser wre, wahrer, edler? Ja, einen Gott, der heute gttlicher wre
oder minder gttlich? -- Kannst du glauben, da du dich an einem
Zeitpunkt befindest, tausendsiebenhundert Zeitmeilen entfernt von einem
>Anfang<? Kannst du dir vorstellen, da du dich an einem Rande
befindest? Mu nicht jedes, all und jedes, was ist, seinen Ursprung in
der Mitte des Alls haben, in der Mitte sein? Alles, was ist, ist im
Kern. Pascal -- falls du nach einem Kronzeugen verlangen solltest --
nannte das Weltall eine Kugel, deren Mittelpunkt berall, deren Umfang
nirgend sei. -- Wir strahlen ein jeder noch immer aus dem ersten und
einzigen Kern, haben um uns den Rand, sind selber das Rad.

Renate, die schlecht und kaum willig zugehrt hatte, murmelte vor sich
hin: Nichts ist, was dich bewegt, du selbsten bist das Rad, das aus
sich selber luft und keine Ruhe hat ... Das war Bogners Zeichen unter
seinen Bildern. Und keine Ruhe hat ... und keine Ruhe hat ...

Sie merkte, da es schon lange still im Raum geworden war. Saint-Georges
bckte sich, nahm den Blasebalg von der Erde und begann langsam die
Flammen anzublasen, so lange, da sie das anhaltende Gleichma der
Lustseufzer kaum noch zu ertragen glaubte und ihm eben Einhalt tun
wollte, als das Stubenmdchen erschien und meldete: Frau Tregiorni.

Als ob sie gesagt htte: ein Engel! dachte Renate, erlst aufspringend
und zur Tr eilend, die sie ffnete. Sie umarmten sich und
beglckwnschten sich zum Fest, -- aber Ulrika sah keineswegs gut aus,
bla, das Haar schien die Stirn zu bedrcken und sa nicht vorteilhaft,
die Nase trat scharf hervor, die Augen lagen tief. Nachdem sie auch
Saint-Georges begrt, sagte sie, in einen Stuhl gleitend, die Augen
niedergeschlagen und mit tonloser Stimme, wie sie beides mitunter an
sich hatte: sie sei eigentlich gekommen, Renate um Vinzent van Goghs
Briefe aus Josefs Besitz zu bitten, um -- Renate verstand den Grund
nicht, indem sie schon zur Tr ging, um das Buch zu holen, woran wieder
Georges sie hindern wollte. Dann bemerkte Ulrika gleichgltig, sie knne
ja mitkommen, sie sei ohnehin lange nicht oben gewesen, und er merkte
wie auch Renate, da Ulrika mit ihr allein sein wollte, worauf sie sich
bei ihm entschuldigten und gingen.

Aber es war kalt im Zimmer oben, die Heizung nicht angestellt. Renate
tats, suchte dann das Buch im Halblicht des violetten Lampenumhangs und
trug es zum Tisch. Ulrika schien verschwunden in der dunklen Nische des
groen Fensters, sie wechselten ein paar Worte wegen der Klte, -- dann
setzte sich Renate doch, da die Freundin bleiben zu wollen schien. Das
weie Buch leuchtete still auf der leeren grnen Tischdecke. Und wieder
erschien Josefs Gestalt, die Strae heraufkommend, auf eine Laterne zu
... Renate frstelte und wnschte sich einen Schal. Ob sie das Buch
kenne, fragte sie Ulrika. Die schien zu verneinen in ihrem Dunkel und zu
fragen, wie es sei, worauf Renate allerlei hinsprach, da es fast
langweilig zu lesen, nur vom Malen die Rede sei, von Bildern, an denen
er male, oder die er malen mchte, oder gemalt habe, und da man doch
nicht loskommen knne vom Anfang bis zum Ende ... Ulrika war derweil
herangekommen, stand, den linken Arm hinterm Rcken gefat mit der
andern Hand, nieder blickend auf das Buch.

Was mag ihr sein? fragte sich Renate. Da war die Freundin wieder die
Fremde, die Umschlossene, die alles verschwieg. Wollte sie sprechen?

Glut und Eifer, sagte Ulrika ohne Ton, ersetzen ja manches. Und wenn
eine Lebendigkeit tief und gewaltig erscheint, so glaubt man wohl, an
die ganze offene Welt angeschlossen zu sein, alle Stimmen zu hren,
alles Weben zu sehn, denn man sieht -- Sie hob den Blick schweifend
ber Renate weg, die bei sich dachte: Nun ist sie ja schon dort, wohin
sie wohl kommen wollte ...

Immer noch gesenkter Lider glitt sie nun in den Sessel, der hinter ihr
stand, legte ein Knie ber das andre, zog den Kleidrock nach unten und
faltete die Hnde darber.

Hast du, fragte sie aufblickend an Renate vorber, dich je gefragt,
wie man im Traume sieht? Man sieht durch die schlafgeschlossenen Lider,
deshalb ist immer alles so -- unklar, wie durch Wasser gesehn. So wars
all die Monate mit mir, und nun -- Sie schwieg.

Ist es anders geworden? wagte Renate leise zu fragen.

Eifer und Glut, Wollen und Glauben, sagte Ulrika wie zu sich selber,
die gengen ja nicht.

Weil sonst jeder etwas Groes werden knnte, meinst du, der es sich nur
ernstlich vornhme, und eben das nur diejenigen knnen, die auch -- die
Gabe haben?

Auch nicht die Gabe, versetzte Ulrika ernst. Auch die lt sich
haben, so mancher hat sie; aber deshalb hat er noch nicht -- -- das
Leben, schlo sie unsicher.

Renate mute das Wort Liebe denken und sagte es leise, doch nun fielen
Ulrikas Hnde auseinander. Auch nicht, sagte sie emporblickend, nein.
Das gengt alles nicht. So jedenfalls nicht, wie man das Wort versteht.
Was tut er denn, dieser Maler, lchelte sie flchtig auf, glaubst du
vielleicht, er liebt die Kunst, so wie wir, du, ich sie lieben? Sie
sprach eilig weiter. Nein, was tut er, was tat dieser van Gogh? Sie
atmen Kunst ein, und sie atmen sie aus. Sie leben -- weiter nichts. Ihr
Leben ist Kunst, sie haben das Leben. Sie denken ja nicht nach, oder
wenn sie nachdenken, ists doch wieder etwas fr sich, ist kein Malen,
kein Leben. Ach, all das ist so schwer zu denken und zu sagen! Sie
stand mutlos auf.

Renate, nun ganz ruhig und sanft, fragte liebevoll hinber: Mu mans
denn denken und sagen?

Ulrika blickte wieder auf das Buch und gab ihm, das Ende des
heraushngenden Lesezeichens fassend, eine kleine Drehung. Man mu
wohl, sagte sie schwach lchelnd.

Sie sind eben die Seltenen, diese, fuhr sie wieder fort. Man kann
ihnen in keiner Weise gleichen. Was tun sie denn nur? Sie grbelte
angestrengt nach. Ich glaube, sie tun nichts, als da -- ja, da sie
sich selber schaffen jeden Tag. Und dadurch schaffen sie Welt. Ja, wie?
Ihr Schaffen ist -- ist --, die Welt sichtbar zu machen, Sichtbares und
Unsichtbares erst sichtbar zu machen. Denke dir Kunst fort aus der Welt
-- es ist ja nichts mehr vorhanden. Keiner wte, wo er stnde, keiner
-- sie lchelte hell, zum Zeichen, da sie Bogner zitierte -- wte,
wie Baum und Sonne und er selber ausshe, wenn nicht eines Tages einer
angefangen htte zu malen. Hier sind doch neue Gesetze, begreifst du?
Nicht unsre, gar nicht die Naturgesetze, ganz eigne.

Wie leuchtete nun ihr erhitztes Gesicht! Ja -- -- du bist ja aber
glcklich, Ulrika! sagte Renate ergriffen. Die hellen Augen erloschen
augenblicks hinter fallenden Lidern.

Ich sollte es ja sein, erwiderte sie dann ruhig. Pltzlich trat sie
zurck in den Raum, blickte funkelnd und hei und sagte: Ich war es ja,
war es ja bis heut! Sie war ja schon Lebenskraft geworden -- meine
Musik. Kannst du's denn verstehn? Wie soll ichs nur erklren? Das Leben
haben, sagt' ich, nun -- und was ist das? Allwissend sein, wissend um
alles Werden, alle Entfaltung, alle Geschichte, die Leiden kranker
Kinder, die Not geplagter Eltern, die Trbsal der Gebrochenen, das Elend
der unentrinnbar Verstrickten, und die Wonne des Sommerabends, die Augen
der Sterne -- dies alles wissen und -- hochheben im Werk, zeigen im
Werk, sich als dessen Durchgang, dessen Werksttte fhlen, wo es
umgeschmolzen, umgewirkt wird zu Ordnung, zu Klarheit, zu Gesetz, aus
dem es dann alles wieder strmt --: verwandelt, so da wirs empfinden.
Nun, und ich -- ich war wohl noch weit davon, aber -- ja, wie sage ich
es denn nur?

Verzweifelt umherblickend, trat sie an das nchste Bcherregal, legte
die gefalteten Hnde gegen seine Kante, die Stirne darauf und sagte wie
herausbetend: Da es eben nicht Musik war, was ich spielte! nicht
Noten, Quinten, Synkopen und Fugen, Sonaten, Konzerte, sondern --
Menschenwerk, Menschenleben, Weltleben, Weltwerke. Formen allen Seins
und allen Leidens, Erzeugnisse einer unendlichen Liebeskraft und einer
unendlichen Daseinsnot, nicht Musik -- nein, Liebe und Leiden, und nicht
Allegro, nicht Andante, sondern -- Kindheit und Wachstum und
lterwerden, Schmerzen eines Knaben, Zweifel eines Mannes, Hoffnung auf
weiche Hnde, Enttuschung, ach -- und das Aufstehn frhmorgens, die
Schwermut am Abend -- alles all, was ist, was wir Alle sind.

Und nun nicht mehr? fragte Renate, ganz hei durchstrmt von dem
Brand.

Ulrika richtete sich auf, und wie sie nun wieder zu ihrem Sitz ging und
sich hinlie, war sie wieder die Abwesende, die wohl preisgeben wollte
und es doch nicht vermochte, in sich gefangen. Sie sagte bedrckt:

Die Worte machen ja alles so anders. Nichts war ja so, wie ich sagte,
ich lebte ja nur, ich fhlte mich auf die eine Weise, bis er kam, und
nun auf andre Weise. Aber die erste ist doch nun nicht mehr, also ist es
auch nicht anders, -- kannst du denn herabsehn auf dein Leben? Man steht
doch immer darin, man fliet mit, und alles ist unentrinnbar. Ach, wenn
man nur fhlen knnte! Dann wre kein Mord eine Untat. Sage das Wort
nicht -- was ist dann?

Renate verlor die Worte im Hren, ohne sie begriffen zu haben. Eine
Weile danach kam sie zu sich, unwissend woher, und erkannte, da Ulrika
von einem Bilde sprach -- ja, einem Bilde, an dem Bogner malte, wieder
malte, nachdem er es schon als Knabe geplant: der Kampf um Troja,
Achilleus auf dem Wall, wie er um Patroklos schreit so gewaltig, da die
ganze Schlacht zurckrollt gegen die Stadt ... Ja, kann man denn
Schreien malen? fragte sie ungewollt.

Ich sagt' es ja eben, erwiderte Ulrika, er selber behauptete, es sei
unmglich, ganz sinnlos, und doch mu er an diesem Bild schon bald
zwanzig Jahre sitzen ... Wieder vergelich, versunken ins Anschaun
dessen, wovon Ulrika sprach, der hundert Studien, Leiber, verrenkter
Gliedmaen, Verwundeter, Sterbender, Arme, Beine, schreiender Mnder,
dann auch eines Eisenbahnunglcks, das Bogner mitgemacht habe, und
dessen Schmerzensausdrcke bei den Verletzten er spter bei den
Aktstudien aus der Erinnerung noch habe bertragen knnen, hrte sie
langsam die etwas klagende Stimme der Freundin wieder deutlich werden:

Und wie ich dastand in dem den Raum, der ganz voll war von diesem
wilden Leben, Rossen und Wagen, Kampf und Verzerrung, immer wieder
dieselbe Gebrde des Grauens sah, dazwischen Entwrfe zu einem schwarzen
Sonnenuntergang, in dem der Heros ganz klein stehen sollte, whrend
vorne die zurckflutende Schlacht sich bumt, -- o Gott, all dies
Stckwerk zu sehn, Rstungen, Schienen, Fuste, immer wieder Fuste mit
abgebrochenen Schwertstcken, Beine, nackt, verdreht, Rippen, von Armen
herausgepret -- und zwischen all dem er, so unbekmmert, bei aller
Zweifelei so im Triumph seiner Ganzheit, in der die tausend Stcke
einmal aufgehen wrden, -- da -- ja, da trat ich glaub ich ans Fenster,
ganz mutlos und hoffte nichts, als da -- nun was? Aber ich sagte etwas
wie: >Wenn ich dir helfen knnte ...< Da legte er seine Hnde auf meine
Schultern, zwang mich ihn anzusehn und sagte ganz leicht, ich hlfe ihm
ja -- nun, noch dies und jenes, was ich nicht mehr wei, was lag auch an
den Worten! -- Mir ward leicht, ganz leicht.

Und nun? mute Renate endlich fragen, da sie vor sich niederblickend
schwieg.

Nun siehst du's ja: ich bin hier. Ich kam heim, ich sa bei Mama, dann
legte sie sich bald, sie krnkelt ja immer mehr, dann kam eine Schwester
von ihr -- da wurde ich auf einmal unruhig und ging hierher. Unterwegs
--

Renate horchte auf, da sie Schritte im Treppenhaus hrte; auch Ulrika
schien sie zu hren, denn sie brach ab, erhob sich, nahm das Buch und
sagte: Es ist ja auch nichts weiter zu sagen. Sie trat auf Renate zu,
die sich erhob, schlo sie in die Arme und meinte, es wrde wohl alles
wieder anders werden, wer knne wissen ... und dergleichen, whrend
schon Saint-Georges den Kopf ins Zimmer steckte und erklrte, dies gehe
zu weit! Dreiviertel Stunden sitze er allein, am Neujahrsabend!

Wie er doch den rechten Augenblick abgepat hat -- fr Ulrika, dachte
Renate, obschon selber ratlos, was das Ganze nun bedeuten sollte. -- Als
sie einen Augenblick spter hinter den Beiden, die miteinander sprachen
und lachten, die Treppe hinabstieg, empfand sie bekmmert die Linderung,
die aus Ulrikas Unruhe ihre eigene durchflossen hatte.

Es ist am Ende nur, da ich zuviel allein bin, dachte sie dann; man
hngt sich selber zu sehr nach, und -- die Andern sind immer warm und
wrmen; ist man dann allein, mu man sich doppelt kleiden und einspinnen
ins eigene Fhlen und Grbeln, aber ... aber ...

Renate wute nicht weiter. Sie waren unten angelangt.


                        Viertes Kapitel: Februar


                                Wirrnis

Georg sa und schrieb:

Ein junger Mensch kam an einem Oktobertage mit dem Eilzuge von A. auf
dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin an, ohne Koffer noch Tasche,
gut gekleidet, in einem schwarzen Herbstmantel und kleinem grauen Hut,
stieg die Treppen hinunter und ging wie ein Miggnger die
Joachimsthalerstrae hinunter, aber er suchte sich eine Wohnung. Er bog
in die Kantstrae ein und ging sie hinunter bis ber den Savignyplatz
hinaus, whrenddem er wohl achtmal, von dem Schilde: >Mbliertes
Zimmer!< angerufen, in einem Hause verschwand, um jedoch ...

Georg strich die letzten zwei Worte unwirsch aus und schrieb statt
dessen:

... kam aber alsbald, jedesmal ein wenig erschpfter, wieder heraus, und
zwar bald auf der linken, bald auf der rechten Seite der breiten Strae.
Schlielich strandete er vor einem Damenhutladen auf der linken Seite,
in dessen Fenster das >Mbliertes Zimmer!< wiederum auf einer Papptafel
zu sehn war. Whrend er noch zgerte, wurde drinnen im Schaufenster eine
Milchglasscheibe geffnet, es kam ein Frauenarm mit einem Hut auf der
Hand hervor, dann auch ein Gesicht, dunkelugig, dunkelhaarig, ltlich,
versorgt und gutherzig. Gleich trat er in den Laden, die Frau zog sich
gerade wieder nach innen aus dem Fenster zurck, war ziemlich gro und
sah wirklich sehr freundlich aus, ohne etwa ein besonders freundliches
Gesicht zu machen. Er sagte: Hier ist ein Zimmer zu vermieten? Die
Frau antwortete in einem ihm unbekannten Dialekt (statt mssen sagte sie
missen), zurckhaltend, es sei aber nur klein, bat ihn dann,
mitzukommen, und er folgte durch ein groes Zimmer, in dem vor einem
breiten Fenster zur Rechten zwei junge Mdchen saen, mit dem Garnieren
von Hten beschftigt. Die Frau stieg drben ein paar Stufen zu einer
Tr empor -- sie ging schlrfend in Filzschuhn, schwerfllig; ebenso
schwerfllig schlich ein alter schwarzer Pudel, der von einem
verschossenen, grngelbbraunen Samtsofa sprang, auf den jungen Menschen
zu und berhrte ihn vorsichtig mit der Schnauze -- ffnete sie und ging
weiter -- der Mensch ihr nach -- in einen schmalen, dmmrigen Gang
hinein, mit Tren auf der rechten Seite, durch deren Milchglasscheiben
in der oberen Hlfte sprliches Licht hereinsickerte, und von denen die
zweite -- die erste war nach dem Briefschlitz darin die Korridortr --
halb angelehnt in die Kche hineinsehn lie. Vor der dritten blieb die
Frau stehn, stie sie auf und lie den Mieter ins Zimmer sehn.

Es sei gleich gesagt, da dies Zimmer gemietet wurde. Es war keine vier
Meter lang und kaum zwei breit; an der Tr gleich rechts stand ein
gewhnlicher, rotbrauner Kleiderschrank, daran stie das Fuende des
Bettes, und dahinter stand dasjenige Mbel, dem das Zimmer seinen neuen
Bewohner verdankte, nmlich ein alter Bcherschrank -- wie sein neuer
Besitzer ihn nannte -- aus braungelber Birke, unten Kommode, darber
Schrank mit sechs Fensterscheiben, von grnem Taft innen verhangen,
bedeckt mit flachem Giebeldreieck; gutes Biedermeier. Gleich hinter ihm
-- er stand halb davor -- war das Fenster mit sehr breiter Bank, die
Heizung war drunter. Gegenber dem Bcherschrank war eine kleine braune
Tr, die in einen winzigen Verschlag fhrte; drin stand ein alter,
hlzerner Waschtisch mit einem blechernen Becken, einer blauen Karaffe
und einem weien Seifennapf; ein Bort aus zwei Brettern, die an
rotbraunen Kordeln hingen, schwebte schief an einem Krampen darber. Dem
Bett gegenber an der andern Wand -- keinen Meter breit war der
Zwischenraum, den ein kleiner Tisch unter einer lang herunterhngenden,
brunlichgelb gemusterten, mehrfach gestopften Decke ausfllte -- stand
ein altes, gemeines Sofa, das gleichwohl Vertrauen erweckte. Zwischen
seinem Kopfende und der Tr zum Verschlage hing ein kleiner, alter
Spiegel mit ungeschliffnem, in der Mitte geteiltem Glase, ebenfalls aus
gelber Kirsche und ebenfalls mit einem Giebeldreieck. -- ber dem Bett
hing eine schmutzigdunkelrote Steppdecke, und auf dem Schrank stand eine
Lampe aus weiem Glase, in deren Bassin gelb das Petroleum schimmerte.
Vor dem Fenster waren alte, aber sehr saubere gelbweie und geraffte
Gardinen. Dies alles zusammen kostete den jungen Menschen achtundzwanzig
Mark im Monat, wofr er auch die Heizung, die Lampe und noch eine Tasse
Kaffee des Morgens nebst einer gestrichenen Schrippe haben sollte.

Georg, der whrend des Schreibens unablssig Zigaretten geraucht hatte,
sah auf, murmelte: Es wird zu lang, aber die Beschreibung gengt ja nun,
und er sah sich um, ob auch nichts vergessen war. Richtig, die Tapete!
-- Indem empfand er, da er zu tief im Sofa sa, stand auf, fate den
Tisch an beiden Schmalseiten und trug ihn vor den Bcherschrank. Es war
glhendhei im Zimmer, er tastete nach der Kurbel im Heizkrper, fand
sie und drehte sie herum. Dann blickte er durch die Gardinen auf den
Hof, und gerade kam langsamen Schrittes aus dem Portal zur Rechten der
Brieftrger und ging vorber. Georg fluchte leise: Wieder nicht!
beruhigte sich, zog sich zurck, nahm eine neue Zigarette aus der
Schachtel, schob die Bltter auf dem Lschblatt zusammen und schrieb
weiter:

Der junge Mensch hie Topf, und so sei er genannt. Diesen Namen hatte er
der Zimmervermieterin mitgeteilt, und sie zweifelte nicht an ihm; auch
die Polizei nahm ihn gutglubig hin. Herr Topf also besuchte an
Vormittagen die Universitt in verschiedenen Hrslen, und zwar genau
bis zum siebenzehnten Dezember des Jahres. Lngst von einem allgemeinen
Widerwillen gegen die Nhe vieler -- und so zusammenhangloser --
menschlicher Gesichter erfllt, wurde ihm insbesondere die Ausdnstung
des studentischen Proletariats, welches die Publika besuchte, vermischt
mit der fast unleidlicheren, aus Schweigeruch und Parfm
zusammengesetzten der weiblichen Studierenden unertrglich, aber erst am
genannten Tage ward ihm klar, da er Stunden um Stunden versa, um nicht
mehr als Fingerzeige fr eigene Wege zu erhalten, da er besser tue,
sich auf die Schriften selber, die groen Arsenale zu beschrnken, und
schlielich und vor allem, da sein Mitschreiben und Ausarbeiten des
Gehrten zwar Flei sei, jedoch nur um der Fleiigkeit willen von ihm
betrieben wurde, nicht wegen des Stoffes und der Kenntnisse.

Herr Topf -- dies war der einzige, wahre und echte Grund, den wir heute
aufzudecken in der Lage sind -- begann am Winter, an der Stadt Berlin,
an sich selber zu krnkeln. Er erhob sich ziemlich spt am Morgen,
kleidete sich in immer den gleichen, nmlich einzigen Anzug, blo da er
lederne Reiseschuh an die Fe tat, und begab sich nach vorne in das
groe Zimmer, wo bereits an ihrem langen Tisch am breiten Fenster die
beiden Mdchen saen, die groe, magere, bleiche, blonde, und die
kleine, dicke, rote, braune, mit bunten Bndern, Zeugen, Hutmodellen aus
Draht und Gaze, ganzen und fertigen Kapottehten und andern Dingen
beschftigt. Dort sank er in einen tiefen alten Sessel, bekam alsbald
seine Schrippe, seine Butter und seine groe Tasse voll heien, aber
dnnen Kaffees vorgesetzt, sah in die Zeitung, gestattete dem alten,
halbblinden und sehr ruppigen Pudel Valentin, sich an seinen
Schienbeinen zu scheuern, sprach ein paar Worte mit den Mdchen oder mit
der Wirtin, Frau Wisch, die mit versorgter Stimme und in magdeburgischem
Dialekt, wie inzwischen offenbar geworden war, von ihrer Tochter
erzhlte, als welche in Stolberg am Harz mit einem Grtner verheiratet
war und ein Kind erwartete. Spter sa Herr Topf in seinem Zimmer und
las in einem Buche, oder er schrieb einen Brief, oder er sa in der
Sofaecke und rauchte, oder er lag auf dem Sofa und starrte auf die weie
Glaslampe auf der Schrankecke, oder wenn er anders herumlag, durch die
Gardinen, ber den Hof gegen die Brandmauer eines Schuppens, oder eines
Bildhauerateliers ...

Georg sah aufblickend hin, murmelte: Ich wei es nicht -- und schrieb
weiter:

... durch die kahlen, meist nassen Wipfel eines Baumes nach dem meist
bewlkten grauen Himmel. Mittags ging er in ein kleines Restaurant in
der Nhe zum Essen, legte, zurckgekehrt, sich auf das Sofa und schlief
eine Stunde oder schlief auch nicht. Meist aber blieb er liegen, bis es
dunkel wurde und lnger, denn mit fortschreitendem Winter wurde es
frher und frher dunkel, zu schweigen von den Tagen, an denen es gar
nicht hell wurde. Er empfand in diesen Stunden wenig, auer der Wrme
der Heizung, aber er dachte viel, und nicht selten dachte er ein
Gedicht, das er dann beim guten Licht der herabgeholten weien Lampe
aufschrieb. Um die Zeit des Dunkelwerdens jedenfalls, heute frher,
morgen spter, zog er Stiefel und Mantel an und ging auf die Strae. Nun
konnte er verschiedenes unternehmen.

Er konnte sich in den Grunewald hinausbegeben -- von dem er beilufig
nie mehr kennen lernte als den Teil vom Bahnhof Grunewald bis zum
Restaurant Hubertus mit den beiden Seen, dem Jagdschlo und den zhlbar
scheinenden, gleichmig kahlstmmigen Kiefern -- und dort konnte sich
wohl die de Kahlheit des winterlichen Gehlzes, das vielfltige
Schweigen und das unsichtbare Auge der Einsamkeit zwischen den tausend
nackten Stmmen hervor, konnten die grauen Flchen der schlecht
berfrorenen Seen, der seltsam beklemmende Hauch des dunkelgrauen
Winterhimmels, und spter, im Dunkeln, die Spiegelungen der
Laternenlichter im Eis und ihr Durchscheinen des schwarzen Zaunes von
Baumstmmen auf dem gegenberliegenden Ufer --, all dies konnte sich zu
einem schauerlichen Schwellen und Tnen in seinem Innern vereinen.

An gewhnlichen Abenden aber war sein Weg, der Weg des Herrn Studenten
Topf, fast immer der gleiche, wenigstens anfnglich: die lange, graue
Zeile der Kantstrae, unter der schwebenden Schnur der fleischroten
Bogenlampen, zwischen den Wandungen spiegelnder Lden voll feurig
beleuchteter und funkelnder Gegenstnde --

Georg, sich erinnernd, schweifte mit dem Auge die Strae hinab und sah:
Margarinefsser, Pfirsiche, Melonen in gefcherten Ksten, Tomatenhgel,
Schaufenster voll stehender Spazierstcke und Schirme, Buchlden voller
gelber, roter, grner, blauer Rcken von ungebundenen Broschren,
rotblutige, zerteilte Tierstcke auf Marmorplatten, dazwischen grne
Blattpflanzen, Herrenmodenauslagen, Kragen, Hemden, Krawatten, alles
herrlich beleuchtet, kostbar und erfreulich, aber er schrieb es nicht
auf --

... hinunter (fuhr er fort) bis zur Gedchtniskirche. Kurz vor ihr
konnte er zum Zoologischen Garten abschwenken und durch den Tiergarten,
die Charlottenburger Chaussee, die Linden, die Friedrichstrae hinab zum
Bahnhof gelangen, im blauweikarierten Aschinger zu Abend essen und mit
der Stadtbahn heimfahren. Manchmal gefiel es ihm auch wohl, am
Zoologischen Garten im Schacht der Untergrundbahn zu verschwinden, einem
Lcheln, dem Schein einer verschleierten Wange, auch einem ganz
deutlichen Augenwink nachfolgend, denn die unablssig lauernde Begierde
seines Geschlechts lie ihn immer wieder hoffen, dasjenige weibliche
Geschpf doch eines Tages zu treffen, dem er sich gesellen knne, --
doch wagte er es nie, aus Furcht vor Krankheit bei jener Art von
deutlich winkenden Geschpfen, aus Scheu vor der Anknpfung dort, und
manchmal noch im letzten Augenblick aus Furcht vor der Langeweile, die
jedes von diesen Wesen bei lngerem Zusammensein ihm bereiten wrde.
Vornehmlich ergtzte ihn der Reiz, das Gefhl, nicht vllig ziellos,
einer schmeichelnden, sen, ach, immer wieder kostbaren, seltenen,
verfhrerischen Sache anzuhangen, die in seiner Nhe ihm gegenber sa,
in ihrer nie zu begreifenden weiblichen Sicherheit, ausgesetzt nach
allen Seiten hin, sich besessen fhlend von Blicken in jeder Bewegung,
dem Ausstrecken des Fues, Drehen des Absatzes und Blick danach, dem
Dehnen des Schleiers mit dem Kinn, Rcken am Hutrand, pltzlichem ffnen
der groen Ledertasche, aus dem ein Tschchen von Silbermaschen, ein
Spiegel, Bleistift, mehrere Trambahnbilletts und endlich ein Brief
hervorkommt, -- an allem diesem teilzunehmen, immer tastend, hebend mit
dem Blick an den Augenlidern, drehend an dem zarten Kopf, bis endlich
die erwnschte Wendung, der erhitzende Blick herberflog, -- und
whrenddem war er vielleicht angelangt auf der Hochbahnstrecke ber den
Eisenbahngleisen, wo die erleuchtete Wagenreihe wie eine Raupe von
glnzendem Meteor ber dem untern Sternhimmel der weien, grnen und
roten Signallichter auf dem schwarzen Tuch des weitausgebreiteten
Bahnkrpers dahinzog, -- und manchmal fuhr er bis zum Warschauer Tor,
freilich selten, denn alle holden Geschpfe hatten die gleiche
Gewohnheit, schon bei der zweiten oder dritten Haltestelle zu
entschweben, alte, dicke, geschwtzige Weiber dagegen, denen die
Korsettstbe vorn unter der Bluse abstanden, die erfllten den Wagen mit
ihrem, beim Lrm des Wagens unverstndlichem Gerede und stiegen niemals
aus, bevor er selber sich rhrte. Schn und befriedigend war es dann --
wenn er bis zum Warschauer Tor fuhr --, die leer gewordenen Wagen bis
zum letzten durchschauen zu knnen, wo auf den befreiten, teilnahmlos
hlzernen Bnken oder roten Ledersofas nur hier und da ein einsamer
Zeitungsleser hinter seinem papiernen Schild sa oder ein Ladenfrulein
(welches dann pltzlich seine Handtasche ffnete, um darin zu kramen,
als sei dies gerade jetzt unumgnglich ntig geworden) ...

Georg dachte: Hier habe ich mich wiederholt, aber diese letzte Wendung
mute ich doch noch anbringen.

... Von einer leisen und melancholischen Art Romantik angefeuchtet,
fhlte er sich in dieser Verlassenheit behaglich, ihren leisesten
Schauern im Aufziehn und Entschwinden nachlauschend, zumal jenem: Wenn
es bei aller Menschenflle im Wagen vllig still ward, im Wagen, der mit
tastender Vorsicht, immer langsamer, die Hhe des schwarzen Bahngerstes
erklomm, bis fast zum Stillstand, wo nur das emsige Tucken des Motors
hrbar war, unendlich langsam die kleinen Lampen drauen heran- und
vorberglitten, indes der Zug vor der abenteuerlichen Kurve wartete oder
sie mit sorgfltigster Langsamkeit umkroch, und der Blick unterweil fiel
tief hinunter in die Hfe der Kohlenlager oder Stapelpltze, in denen
verlassen aussehende Laternen Teile von Schuppen, stille Geschftswagen,
Plakate und Wandinschriften beleuchteten, eine Menge Dinge, die zu
betrachten gerade genug Mue war, wenn auch nicht kenntlich wurde, was
dem alten, braun und weien Pferde fehlte, um das ein paar Menschen
standen, und das den einen Vorderfu hob und zuckte.

Georg unterbrach sich, da er merken mute, da es ganz dunkel im Zimmer
war; das bleiche Viereck des Papiers leuchtete blulich wei; jetzt
konnte er auch das eben Geschriebene nicht mehr entziffern, holte eilig
die Lampe und zndete sie an. Vor Aufregung des Weiterschreibens irrte
er Augenblicke lang zwischen der Absicht, eine Zigarette, Streichhlzer,
den Aschenbecher, die Feder zu ergreifen und nach der Kurbel der Heizung
zu fassen, da es wieder kalt geworden war; endlich gelang es ihm, alles,
was er wollte, der Reihe nach zu tun, er schrieb weiter:

Und wie sonderbar traf m-- (dies m strich Georg durch, suchte
Augenblicke und schrieb nicht ganz zufrieden, hastig, weiterzukommen --)
einen dann die schweifende Stille der groen Hinterfronten mit
Riesenfenstern von geriffeltem Glas, hinter denen in hellen Riesenrumen
die Schatten von unverstndlichen Wesen herankamen oder sich handelnd
entfernten; oder auch die Fenster waren klar und zeigten mchtige Sle,
gefllt mit eilig, aber lautlos sich bewegendem Personal, Packern,
Schreibern. Und nun die Verschwiegenheit der kleinen Stationen der
Hochbahn, wo er wartete mit andern Wartenden, die mantelumhllt in der
Klte den Rcken in den Wind hielten, den Kopf schief und die Gesichter
verkniffen, oder vor Plakatwnden standen, angeschrien, ohne es
scheinbar zu beachten, von gemalten Grotesken; vielmehr ghnten sie
hufig und spuckten verchtlich aus. Zu warten auf solch einem Bahnhof,
mit der schaurigen Aussicht nach links und rechts auf die schnurgerade
in die Nacht enteilenden, matt glimmenden Geleise, zwischen denen, wie
im Nichts gehend, aus der Ferne ein Mann im Mantel mit einer unterhalb
schwingenden Laterne, der sich zuweilen bckt, so langsam heranwandert,
als htte er Jahre Zeit; oder mit dem Blick in die Tiefe, wo ber die
traurigen, schwarzen, nassen, spiegelnden Pltze und Nebenstraen ein
trber Omnibus voll stiller, sitzender Menschen hergezottelt kommt und
mit lauterem Rasseln, an Geleisen ruckend und geschttelt, unter der
berfhrung schwindet, -- und wie totenstill kann es dann sein! -- Oh,
und das Auftauchen aus dem unterirdischen Schlund jhlings zu mchtig
strahlenden Lampen, in groe Freiheit und Aussicht, zu Spiegelscheiben,
Litfasulen und der erstaunlichen Majestt einer Theaterfront
emporgerissen, vor deren umnachtetem Giebeldreieck Bronzewagenlenker
Panthergespanne sorglos in die Luft hineinzgeln.

Am trostlosesten aber war es in der windigsten der Dezembernchte auf
einem der kleinen Vorortbahnhfe, Wilmersdorf, Zehlendorf, Friedenau.
Dort schien dem Wartenden die Zeit still zu stehn und niemand sich darum
zu bekmmern, ob sie weiterging, aber auf einmal trat ein Manteltrger
aus einer Tr an ein Eisengerst, und dort war oben auf einem weien
Schild das Wort >Sdring< in groen Lettern starrblickend zu sehn, ward
aber im selben Augenblick mitten in seiner Bedeutung abgeknickt, und
statt dessen erschien, gro und bedeutungsvoll, >auf allen Seiten
Hintergrund<: >Potsdam< in der Nacht. Dort dem endlosen, unaufhrlichen
Vorberrollen eines Gterzuges zuzuschauen, Wagen, Wagen und Wagen,
dunkel alle, flache, kistenartige und solche mit Gersten, eine Menge
voll langer, hinten berstehender Baumstmme, und solche, auf denen
Mbelwagen mit riesigen Namenszgen standen, und geheimnisvoll
verschlossene gleich fahrbaren Folterkammern, und andre, aus deren
Innern das vertraute Stampfen und Klirren eingesperrter Pferde an
Kindheit und Abende in warmen, dmmrigen Stllen erinnerte -- in den
Boxen die Hinterbeine, deckenverhangen, treten hin und her vor den
schlagenden Schweifen --, -- und ganze Stdte zogen vorber in den
Wageninschriften: Bromberg, Hannover, Kattowitz, Posen, Danzig, Bochum,
Lhne, Altenbeken, Stettin und Stralsund, und immer noch Wagen und
Wagen, dahingerissen, unsichtbar von wem, aber zusammengekettet und
fortgerissen, schon springend, dahin tanzend, und wieder beruhigt,
verrollend, in einem eisernen Strombett von Getse, das in jeder Minute
den Takt wechselte, bis der letzte der dahingeschleppten Strflinge
unvorhergesehn pltzlich dem versunkenen Betrachter das dunkle Antlitz
eines schweigsamen Geistes zuwandte, der ohne rechte Begriffe seines
Daseins, stumm, nchtig, gehorsam der dunklen Nachtferne rckwrts
zuschwebte, winkend mit einer grnen Laterne. Und wie er dann in die
grauen Kissen seines Abteils versank, das ein schnes, behagliches
Zimmer war, voller Luft von Menschen! Und noch zu genieen war vom
Bahndamm im Entgleiten die hell erleuchtete Ferne des Bahnkrpers, wo
lichte Huserfronten, Balkone und hoch oben beschattete Giebel und
Dcher in weiter Runde eine rtlich umrauchte Bogenlampe umstanden, und
darunter arbeitete eine kleine Rangiermaschine sich, als ob sie
festse, unaufhrlich den weien, durchrteten, fortfliegenden Qualm
ausstoend, hin und her.

O Anschaun, o gedankenlose Empfindung, o Vergelichkeit! o kleiner
Wartesaal dritter Klasse, mit dem glhenden Kanonenofen, dem Plakatbilde
von Freienwalde, das seine Fichtenwlder anpreist, oder von einer
Hygieneausstellung, oder von einer Gewerbeausstellung; mit der Tafel:
Nicht auf den Boden spucken! mit dem zrtlichen Liebespaar im Winkel,
ewig wie Bahnhof und Wartesaal ... Und nun wieder das Getse, der groe
Wasserfall, das tausendfltig brandende Gerusch der breit aufklaffenden
Straen, das gewundene Gewirr, und das Gefunkel, und die Lichter, die
hunderttausend Schilder, die alle schreien, etwas wollen, die Rufe, die
Trompetenste, das vielstimmige Klingeln, die Gerusche der Sohlen,
Pferdehufe, schreienden Geleise, Motoren, Achsen, die strahlenden
Schaufenster wieder, die verheiungsvollen Korsettgeschfte, das fromm
aussehende, tiefernste, niemals bewegte Ungetm des kirchenhaften
Warenhauses, die Schlachterlden, die Gossenrnder, die Blumenfrauen
hinter Krben und Stnden mit kleinen Spritzen am Mund, die
Zeitungsrufer, und hinter den Glasscheiben Aschingers der Tresen mit
Messinghhnen, der Glaskfig mit Stockwerken voll leckerer Brtchen, mit
der ganzen, eiligen, schlingenden Gefrigkeit der Menschen, die im
Stehen kauen, mit rckwrts gedrehten Augen wie die Hunde, -- und hoch
ber all dem, hoch in der braunen Nacht -- der Tausendfu, der
brontosaurische Gigant, der blinde, der am ganzen Leibe unaufhrlich
zitternd seinen elektrisch geladenen Leib an den Trmen, an den Essen,
an Schloten, Firsten, Giebeln, Balkonen, Fenstern und Drhten der
brllenden, rasenden, taumelnden, kreisenden, winselnden Stadt scheuert
...

Georg, glhend im Gesicht, obwohl innerlich kalt und verhrtet von
Anspannung, legte den Federhalter hin, fate langsam mit der linken das
Gelenk der rechten Hand und spreizte deren verkrampfte Finger mehrere
Male, indem er sich mit dem Gesicht auf das Geschriebene neigte. Er
berlas ein paar Zeilen, da widerstand ihm das Schreiben, er dachte: Das
ist wieder so ein lyrischer Anlauf! -- Aber es mte einem doch
gelingen, erwiderte er sich, in hundert Druckseiten diese ganze Stadt
nach Eindrcken abzuwandeln ... Er stand auf, ging zum Sofa und streckte
sich aus, aber die darstellende Ttigkeit hatte sich verkrampft, er
schrieb in Gedanken liegend weiter:

Begab er sich nun nicht in eines der vierhundert Kinematographentheater,
fr die er eine herzliche und kindliche Zuneigung gefat hatte, so
pflegte er noch einige Nachtstunden ... sich unterbrechend fiel Georg
ein: Tpfer! und Tante Henriette, aber er setzte den begonnenen Satz
fort: -- hnlich zu verbringen wie schon die meisten des Tages, lesend,
rauchend, oder mit Trumen, Grbeln und Melancholie auf dem Sofa,
gewhnlich so lange, bis die angesammelte geistige Atmosphre ihren
Niederschlag in irgendeiner Erinnerung an eine Beobachtung; ein Erlebnis
-- wie er es nannte -- des Tages fand, dessen Schilderung nebst daran
geknpfter oder daraus erwachsender Betrachtung ber gewisse, sich
wiederholende und trbe Seelenzustnde einen melodischen Ausdruck im
Umfange von vierzehn Verszeilen fand. -- Richtig, es ist erstaunlich,
dachte Georg, wie genau ausreichend das Ma des Sonetts zur Aufnahme von
seelischen Entladungen ist. -- Jetzt packte ihn wiederum der
Schreibezwang, er sprang auf, ergriff eine Zigarette, entzndete sie
ber der Lampe, nahm die Feder auf und schrieb:

So mute ihm jeder Tag schlielich zum Erlebnis werden; es qulte ihn
automatisch, blieb einer ohne Gedicht; ein Gedicht war Frucht, war
greifbar, bleibend, behielt seine Nahrung und wrde ihm nach Jahren ...
Vorwrtshastend bildete Georg den Rest des Satzes aus Strichen und fuhr
fort: Und was etwa konnte nicht zum Erlebnis werden? Nur halbwach mute
man gehn, in sich selber locker schaukelnd, schwingend stndig gewrtig,
Schwung aufzunehmen. Dann, in die Finsternis der desten Gassen des
Nordens verloren, dann konnte er wohl, von einer Dirne aufgescheucht,
mit jhlings erwachendem, verwandtschaftlichem Grauen vor einem
Laternenarm erschrecken, Arm, den tief im Verlie der toten Sackgasse
ein Eingemauerter aus der Wand streckte, verurteilt, dies traurige, ihm
selber unsichtbare, bleich grne Licht zu halten, das sich frchtet,
allein seit hundert Jahren mit dem Eingemauerten und mit seinem
Spiegelbild in der Pftze auf dem Pflaster. Und -- so schlo das Sonett:
Darunter steht das Weib, das nach dir winkt. -- Andermals: welch
sonderbares Empfinden, von der Eisenbahnbrcke herab auf dem schwarzen
Sumpf das Gewimmel von Lichtern zu durchforschen und zu verfolgen,
Rubingehnge, dazwischen bleiche Trkise, gelbe Lichter wie Totenkerzen
und runde, grne, erfrischende, regungslos allesamt: dazwischen aber,
aus einer schnell geffneten Tre der Nachtferne, kriechen Ketten und
funkelnde Bnder und leuchtende Schlangen, und auf einmal ist nahe
darber ein schwchlicheres Licht zu gewahren, der Mond, der nichts zu
sagen wei, als da wohl auch dem Oben Beleuchtung gebhre. Zrtlicher,
wehmutsvoller, verwandter berhrte freilich die Begegnung mit jener
Birke, die im abgestorbnen Garten vorm Haus pltzlich als bleicher
Nebelstreif erschien, als ob sie zu sich her winkte, und dann, als sei
es nun so weit, ihr letztes Blatt fallen lie.

Georg stockte; er sah sich in Zwielicht und Dster unbekannter
Straenstollen herumgehn, ohne Ausblick, im undurchdringlichen Nebel; wo
er die Kirche vermutete, da war nichts, nur Nebelqualm rollte wie --
also wie aus einem Fa, und Lichter schwammen darin, farbige, blasse,
opalene, schwer und aufgequollen, hochoben grere Lampen, prahlend,
dicht unterm festen Verschlu von braunem Rauch, aber dann barst die
Mauer, er atmete auf, starrte jhlings und geblendet in das breite
Blenden einer Riesenstrae von Lden und leuchtenden Schildern. berdem
fiel ihm der umgestrzte Kolo von Zementscherben ein, verklebt mit
buntem Papier, der ihm den trostlosen Aphorismus zuseufzte: Hier liege
ich, die Sule eurer Kultur, die Litfasule! -- Und er erinnerte sich
erbittert, an ihrer einer den seraphischen Namen Jean Pauls in
halbmeterlangen Lettern gelesen zu haben, aber als er neugierig nher
trat, so wars die Ankndigung eines Coupletsngers im Apollotheater ...

Die Kultur, dachte Georg, im Stuhl zurckgelehnt, kommt bald ab, und das
Gefhl, glaube ich, wird auch bald abkommen. Man sieht es ja an der
Kunst, die kommt schon ab, ihre Zge haben sich bereits erschreckend
gewandelt wie die von einem, der in den letzten Zgen liegt, blo
burlesker. Aus dem Drama ward das Theater und zuletzt der Kientopf, aus
dem Gedicht das Couplet, aus dem Maler der Futurist, aus der Musik das
Grammophon. Und wie ist es mit dem Kunstgewerbe? Da soll nun auf einmal
alles geschmackvoll sein, und was kostet das fr Mhe! Der Grieche, wenn
er etwas machte, das ihm wohlgefiel, siehe da, so wurde es schn; wir
aber wollen immerzu etwas Schnes machen, und dann gefllts keinem. Wenn
ich aber gar einen individuellen Trklopfer sehe, so wird mir vor meiner
Gotthnlichkeit bange. Georg raffte sich auf, tauchte die Feder ein und
schrieb:

Zuweilen verbrachte Herr Topf die Abende in einem behaglichen Zimmer von
schwerflligem Reichtum; auf dem Sofatisch brannte eine verstellbare
Lampe aus Messing mit grnem Schirm, und daneben sa die Tante von Herrn
Topf, die er Tante Henriette nannte, und strickte oder hkelte, whrend
sie sich von ihrem Neffen ein modernes Buch vorlesen lie, Strindberg
oder Sternheim, ber den sie sich wtend rgerte, aber das mochte sie
gern. Die kleine Eisenbrille mit dicken Glsern sa ihr vorn auf der
Nasenspitze, zuweilen blickte sie darber hinweg in die dunkle
Zimmerecke, wo ein kleiner weihaariger Mann in hellgrauen Beinkleidern,
sehr soigniert, mit einem rosenfarbenen Papageien im Scho sa oder auch
am Kanarienvogelbauer herumbusselte und seinen grngelben Bewohner mit
dem Taschentuch leise qulte. Oder aber er ging zum Ende seines
Korridors, klopfte an die Tr und wurde von einem ganz hellen: Herein!
in das groe, kahle Zimmer, dmmrig im Schein der Petroleumlampe auf dem
Schreibtisch am Fenster, gerufen, wo (unter den riesigen Bildern Kaiser
Wilhelms und seiner Gemahlin auf der roten Tapete) der Komparativus von
Herrn Topf sa oder vielmehr eilig aufsprang, ganz klein und zierlich,
aber mit schnem, dichtem Vollbart um das rtliche Gesicht, hocherfreut
und lchelnd: Herr Tpfer, Schriftsteller und radikaler Sozialist ...
Georg schrak auf; eine Tr ging fern, langsam kamen weiche Schritte
Stufen herauf, schlrften auf dem Gang. War der Brieftrger gekommen?
Nein, die Schritte endeten in der Kche, ein Topf auf dem Herde wurde
hrbar gerckt. Georg legte die Feder hin und begab sich auf das Sofa.

Wozu schreibe ich das? dachte er mimutig.

Denn immer und immer wieder, fuhr die Kette von Worten und
Gedankenbildern in seinem Gehirn hartnckig fort, kehrte er aus alledem
zur ewig gleichen trben Tiefe des eigenen Daseins zurck. Dort suchte
er am Grunde, aber das Gewesene, das er fand, machte ihn hlflos, er
hielts und konnte es nicht verstehn, er hatte kein Gedchtnis, keine
Erinnerung, die Vergangenheit rhrte nicht mehr, das Bewutsein, da es
einmal gewesen, Bedeutung, Lebendigkeit, Glanz, Farben gehabt hatte,
oder da am Ende er zu schwchlich war, sein Leben nur eine genietete
Kette von Augenblicken -- deren einzelne unsinnig und monstrs in ihrer
bertriebenen Verzerrung des Stillstandes aussahen wie losgetrennte,
sekundenkurze Bilder eines Films, und von der im Zusammenhang stets nur
drei oder vier Glieder sichtbar waren, indem das letzte schon
wegschmolz, whrend das neueste kaum erst keimte --, da da nur ein
Zusammenhngen war, kein Wachstum, ein Gleiten, kein Aufbau, da er
dergestalt, auf einen winzigen Raum von Gegenwart angewiesen und
zusammengedrckt, sich erhalten sollte, Jahrtausende, ungeheuer und
drohend, hinter sich, eine nachtfinstre Zukunft, drohend und ungeheuer
vor sich: das erfllte ihn mit einer groen Verdrielichkeit, die, das
wute er wohl, kein Leiden war, kein Schmerzerdulden, die zuzeiten aber
doch zu lebhaften Angstzustnden, ja manchmal in ein Schrankenloses der
Beklemmung wuchs.

Georg schttelte den Krampf der sich schreibenden Stze erbittert von
sich, setzte sich auf, legte die Ellbogen auf die Knie, starrte in die
Lampe und dachte, er habe wohl den Teufel zitiert, denn nun stieg die
Angst wie Spinnen von allen Wnden herunter. Ich habe mich, dachte er
verkniffen, vor mir selbst ins Papier gerettet, da liegt nun mein
Abklatsch, nichts als ekelhaftes, absurdes, vor sich hinlallendes: Ich!
ich! ich! Wozu sitze ich denn hier? Wozu hab ich seit drei Monaten ein
und denselben Anzug am Leibe und nenne mich Topf? Was habe ich in diesen
Topf gefllt? Die schwarze Regentraufe von den Dchern ist
hineingelaufen, aber von keiner Menschenseele ein Tropfen. Kommt es
nicht auf die Menschen an? Ich kenne sie nicht. Tpfer kenne ich, der
ist eine kleine Welt fr sich, Frau Wisch, nun ja. Alle andern sind mir
eklig. Wenn ich sie in der Elektrischen sitzen sehe, zusammengepfercht,
viertelstundenlang still, vor sich hinblickend jeder in sein eignes,
verrammeltes Ich aus ihren Bndeln von Gesichtszgen, die so notdrftig
von da und dort her zusammengerupft und verknotet sind, da man es kaum
begreift, so schttelt mich der Abscheu. Jeder ist jedes Feind. Mein
Feind ist der Kellner, der nicht im Augenblick fliegt, wenn ich
eintrete, mein Feind der Schaffner, der geflissentlich meine Hand mit
dem Groschen bersieht und zu andern Fahrgsten geht, mein Feind der
Beamte am Postschalter, der sein Geld zhlt, sortiert und Pckchen
huft, oder Zahlen addiert, anstatt mir meine Fnfpfennigmarke zu geben,
mein Feind die Verkuferin, die mich warten lt, und die fnf oder drei
Frauen und Mnner im Laden, die mich zwingen, Minuten meines Lebens
wegzuwerfen, die nicht so viel wert sind wie das Einwickelpapier um die
Butter, -- die ich mir aber um keinen Preis entreien lasse. Alle hassen
Alle, was soll daraus werden? Und nur um der Ungeduld willen. Ungeduld
schreit aus jeder Bewegung, aus den Augen des Chauffeurs, dem ich nicht
rechtzeitig ausweiche, aus -- aus jedem Auge! Ich aber, nur ich, ich
hnge berm chaotischen Abgrund einer Seele, meiner Seele, und wei, da
ich einsam bin, und da Alle es sind wie ich. Das ist meine Angst, das
ist die Angst, das ist die Angst der Stadt.

Nein, du lgst ja, sagte etwas in ihm. Er horchte hin, legte das Gesicht
in die Hnde und gab es zu. Aber gleichviel, woher die Angst! Sie ist
da, und Angst ist Angst. Ich frchte mich vor der Zukunft. Ich
unternehme Dinge, die -- deren Ablauf mir unbekannt ist, ich klage einen
Vertrag ein, der mich auf einen Thron bringen soll, und ich wei nicht,
was das heit, was all damit verbunden ist, und wie ich die ntige
Sicherheit in mir selber erlangen soll, da ich, da ich -- auf diesen
Thron nicht gehre. Und ber all das hin braust das unendliche
Hunnengeschwader meiner Gedanken, die ich nur fliegen lassen kann, nicht
halten.

Georg empfand, da ihn hungerte; auf die Uhr blickend, fand er, da es
kurz vor halb acht war. Er rumte die Bltter flchtig auf das Bett,
ffnete dann die Tr des Verschlages und holte nacheinander von der
Fensterbank eine glserne Dose mit Butter und einen Teller mit einem
Stck Hollnder Kse, von dem Bort berm Waschtisch einen Viertellaib
Brot, einen Teller, ein Messer, zwei Eier aus einem Kasten, eine Tte
mit Zucker und sein blaues Wasserglas, brachte alles auf dem kleinen
Tisch unter, schlug die Eier ins Glas, tat Zucker dazu, rhrte um und
trank, dann erst setzte er sich, strich zwei starke Scheiben, belegte
sie mit Kse, schnitt sie in Wrfel und fing an zu essen. Appetitlos
kauend und schluckend, folgte er Gedanken, die sich rastlos erneuerten.

Ein belstand der Zeit ist es vermutlich, da wir uns Kenntnisse --
nicht Wissen -- mit so ungeheuerlicher, hexenhafter Geschwindigkeit
aneignen; und mit dieser, durch Jahrhunderte entwickelten Leichtigkeit,
Selbstverstndlichkeit der Erfahrung kennen wir, was wir nie erfuhren.
Was wir kaum sahen, dessen erinnern wir uns schon wie an hundertmal
Erlebtes; mit der gesammelten Erfahrung unsrer Vorfahren geboren, ohne
sie erworben zu haben, sind wir blo Erben, -- ja, wir, sage ich da
recht literarisch, aber wre ich wirklich allein so? Ich kenne ja
niemand, aber ich glaube es nicht. Nichts pflegt einmalig zu sein. Wir
leben zu schnell, wahnwitzig schnell, und da heit es denn -- er
lchelte krnklich --: In den Ozean schifft mit tausend Masten der
Jngling. Bald auf gerettetem Boot treibt er zum Hafen als Greis.

Aber mir, nein, mir blieb keine andre Wahl, in dieser Zeit nicht. Ich
war bislang ein Kind, ein Erzeugnis meines Vaters; der berrumpelte
mich; und ich war ein Kind, ein Erzeugnis meiner Zeit. Ich allein htte
mich damals in Altenrepen vielleicht anders entschlossen, wenn ich nicht
-- wie wir eben Alle -- mit den alltglichen Dingen des Straenlebens,
des Lebens berhaupt so verwachsen wre, da ich mich ihrer
Beeinflussung nicht entziehen konnte. Wie sollte ich mich zurechtfinden,
damals? Zwischen elektrischen Bahnen, am Telephon, zwischen Lden,
Kellnern, den Gesichtern, Anzgen, Hten von heute, die doch nicht nur
auen um mich herum sind, sondern organisch wesenhaft in mir, Formen
meines Denkens, Empfindens, meines Seins, -- ja zwischen all dem, was
sollte ich anfangen mit diesem unzeitgemen Erlebnis? Es ist
Kolportage, auf Hintertreppen war ich nicht eingestellt. Vor zwei,
dreihundert Jahren, da htte es gepat, zwischen Butzenscheiben und alte
Sprche an den Hausbalken, verschnrkelte Giebel, seidene Schrpen und
nchtliche Straengefechte, Serenaden und Entfhrungen. Das Schicksal
drckte mirs in die Hand, -- ich lie es fallen.

Helene, dachte er. Der Bissen quoll ihm im Munde, er schluckte heftig,
stand auf, griff hinter sich nach der Karaffe auf dem Waschtisch, setzte
sie an den Mund, trank einen tiefen Schluck und stellte sie fort. -- Sie
war mir so fremd, immer so fremd, ich wute nicht, weshalb, -- von
welcher Mutter bin ich nun geboren? Vielleicht hat sie vor Jahrhunderten
schon gelebt.

Gedankenlos und mde a er die letzten Brocken und dachte: Was nun?

Pltzlich ekelte es ihn vor dem Sofa. Ich will zu Tpfer gehn, sagte er
sich trbe, vielleicht -- --. Also lschte er die Lampe, trat auf den
Korridor, hrte aber, als er auf die erleuchtete Milchglasscheibe am
Flurende zuschritt, Stimmen drinnen, und nun fiel ihm ein, da er am
Nachmittag jemand zu Tpfer hatte gehen hren. Nun gleich, dachte er
nachlssig, ich habe nichts gehrt, klopfte an, hrte das helle: Herein!
und trat ein.

Die Gaslampe am verbogenen Arm unter der Decke strahlte kalte Helle. Ja,
da sprang der zierliche, kleine Mensch vom Stuhl am Sofatisch auf -- er
und ein andrer Mensch saen essend daran --, stellte sich mit
geschlossenen Fen hinter seinen Stuhl, die Lehne fassend und sang in
seinen hellsten Tnen, den Kopf tief zurcklegend: Ah, der Herr Positiv
tritt herein! wie beraus angenehm! und dergleichen mehr, whrend
Georg, den Fremden ins Auge fassend, der sich hinter dem Tisch vom Sofa
erhob, auf ihn zuging. Teller mit Wurst, Butter, Kse, Milchglser
standen auf der ungedeckten Platte. Der Fremde blickte Georg aus einem
zartbrunlich und rosigen Gesicht mit weichem, schwarzem Spitzbart aus
herzgewinnend liebenswrdigen, groen Augen an und bot Georg die Hand,
whrend Herr Tpfer weiter sang, dies sei der Herr Topf, der den
Berliner Roman schreibe, und das sei der Herr Levite aus Warschau.

Ein Nihilist, dachte Georg, indem er wegen der Strung des Speisens um
Entschuldigung bat, aber Herr Levite versicherte mit angenehm weicher
und tiefer Stimme, sie seien schon fertig, setzte eine offene Holzdose
mit russischen Zigaretten ber den Tisch vor Georg und zndete, da Georg
eine nahm, gleich ein Streichholz an und reichte es ihm. Georg setzte
sich, ungemein angezogen, und versicherte, mit dem Roman sei es nichts.
Herr Tpfer, der wieder Platz genommen hatte, wiegte herzlich bedauernd
den Kopf und meinte, gleich begtigend, er mache ja auch so wunderschne
Gedichte ... Hellaufsingend schraubte die Stimme sich empor. Die dunkle
und weiche fragte sehr ruhig: Glauben Sie damit der Menschheit zu
ntzen?

Georg, erschreckt von der geraden Anrede, wehrte hastig ab: Nein, nein,
Gott bewahre, ich finde mich selber --, ich bin froh, wenn ich mir
selber keinen Schaden zufge!

Unser alter Streit, klagte Herr Tpfer bedauernd und herzlich. Sollen
denn nun die armen Dichter wirklich aus dem Staat heraus? Lieben Sie
nicht Ihren Dostojewski ber alles? Und -- da wir guten Deutschen --
jubelte er hoch hinaus -- wenn wir von uns selber reden, stets Goethe
als Beispiel heranziehn, so sagte Goethe --

Allein der Pole schlug ihn sanftugig nieder, whrend er noch an dem
Zitat sammelte: Goe--the sagt alles.

Bestrickend war diese Stimme und die Aussprache des Deutschen! Die
Silben kamen einzeln, rein und weich umhllt, die S- und auch die
Z-laute summten zart, die Vokale wurden um einen Hauch gedehnt, die
Konsonanten um einen Hauch gedrngt, -- es klang entzckend, kein
Deutscher konnte die Sprache so zierlich handhaben wie dieser Pole.

Ich liebe ihn, sagte die ruhige, nachdenkliche Stimme nun, und ich
verstehe ihn su lesen; fr andre ist er -- das Gift. Ich mu sugebben,
fuhr er langsam fort, die Augen zu Georg aufschlagend -- whrend er mit
der Zigarette im Aschbecher rhrte --, so da Georg das Herz zitterte
vor Hingezogenheit und liebevoller Umfangenheit von diesen guten Augen
-- ich mu sugebben, da die deutschen Dichter etwas voraushaben. Denn
sie sind niemals reine Dichter. Wie andere als die grosen Vertreter
Englands un Frankreichs, als Dickens und Flaubert oder Balzac gehen die
Ihren vor. Jene wollen das Leben darstellen, sie wollen weiter nichts
als das: Sie lieben -- der Mensch, da steht -- der Mensch, Sie sehen
ihn, Sie fhlen ihn, er iist so warm, Sie verstehen -- sein Leid, und er
iist so, Sie heben an ihm, und Sie heben alle Fden der Wurzeln, er iist
fest in seinen Zusammenhngen, das ist so grose Kunst. Wenn dies die
Menschen lesen, so vergessen sie sich, es ist -- Su--ro--gat, aber es
macht sie nicht froh an ihrem Teil, sie schmhen es, sie schmecken es
nicht mehr so, sie gehen ihre Treppe nicht gern, ihr graues Haus macht
sie Angst, ihre Frau ist schlecht un hlich, der Hauswirt ist sehr
bse, all dies ist nicht in Dickens, dort ist alles schn, der Schmutz
ist schn, die Menschen sind schn un bse; sie haben Gewalt, sie
scheinen anders lebbend, und dies ist, was ich sage: Gift. Ich kenne
nicht viele deutschen Schrift--stellers, aber ich kenne Goethe, ich
kenne auch ein wenig Keller und mit dem franzsischen Namen -- -- er ist
sehr schwer! -- Jean Paul, und sie sinnd sehr nachdenklich. Sie wollen
nicht darstellen: der Mensch, sie wollen immer sagen: das Lebben, die
Welt, der Gott. Ihre Menschen, sie fragen immer: Warum? Sie kmmern sich
so viel um sich selber und um der Welt ...

Da er innehielt, nach Worten suchend, sagte Georg: Ja, gewi, aber ist
das nicht noch strker der Fall bei den Russen? Ich meine --

Der schne, rote Mund im schwarzen Bart nahm ihm freundlich lchelnd die
Rede ab:

Sie saggen, was ich wollte. Auch der Rus--se, er denkt; er denkt an
Rusland. Alles ist Rusland, nur ist Rusland, und ist Rusenwesen,
Rusenleben. Nicht aber der Deutsche! Der Deutsche, er rechfertik sich,
da er ist. Er sieht die Welt: Wie kam er herein? Was tut er? Was fngt
er an mit sich? Und er fragt: bin ich gut? Er hat viel Sennsuch nach
sich selber, der deutsche Mensch. Immer denkt er auf Besserung. Und er
mu immer vorher viel denken, ehe etwas kann geschehn. Sehen Sie, fuhr
er eifriger und gtiger fort, ich glaube an der deutsche Land, -- er
lchelte, was nicht heien soll, ich glaube an der deutsche Staat. Sie
gennen Ihre Geschichte. Es hat gegebben ein Reich, Rmisches Reich
deutscher Nation, das haben gemacht -- die Kaiser, gemacht hat es: die
Person. Nunn es gieb wieder ein Deutsches Reich seit viersig Jahr, das
hat gemacht der Gedanke, es hat selber gemacht: das Land. Fnfhundert
Jahre der Gedanke hat gedacht: Deutschland, und es mute kommen Napoleon
und ihm sagen: Endlich fange an! und so fing es an, ein wenik, und es
dachte wieder nach, das Land, sechsig Jahr, da gab es ein kleines
Deutsches Reich. Ich hoffe sehr, lchelte er erst Georg, dann Herrn
Tpfer an, es wird immer denken lang--sam weiter bis in ein deutsches
Reich europischer Nation, wenn es dann giebt nich mehr Sar, un Gaiser,
un Gnig.

Georg, die Arme untergeschlagen, sa still da, so sehr untertauchend in
das warme, schmeichelnde, dunkle Wallen dieser Stimme und die
Lieblichkeit, mit der die Gedanken darin zum Vorschein kamen, da lange
Zeit verstrichen war, ehe er die Stille im Zimmer bemerkte. Er wute
nichts zu sagen. Ein leises Gefhl -- wie Scham -- bohrte in seiner
Herzensgrube. Tpfer hatte sich mit heftig um einander gewundenen Beinen
seitwrts im Stuhl gedreht und hielt, die Stuhllehne unter der Achsel,
das Gesicht nahe darber in den Schatten. Georg hrte den Levite wieder
und sah ihn auf dem Sofa sitzen, das Gesicht tief gesenkt, die Arme
unter dem Tisch, anmutig lchelnd:

Mir fllt ein: ein Freund von mir machte dies Gleichnis: Legen Sie hin
vor einen Englnder, einen Deutschen, einen Russen, einen Franzosen,
geschrieben das Wort Ich, und er soll dahinterschreiben ein -- wie heit
es? -- ein Verb, was werden diese schreiben? Der Englnder, -- er wird
schreiben, serr einfach: Ich bin. Der Franzose, gleich -- schreibt: Ich
lie--be! Der Russe, er schreibt, -- er besinnt sich, er schreibt: Ich
sn--di--ge ... Der Deutsche, -- nun, Sie wissen serr genau, was er
schreibt, wenn er nicht sagt: Ich werde gehen und denken, was ich werde
schreiben ...

Sie lachten sich an und freuten sich miteinander. In das Gelchter
scholl ein leises Pochen an der Tr, Georg drehte sich im Stuhl und sah
Frau Wisch mit einem Brief in der Hand, den sie ihm hinstreckte: Sie
missen unterschreiben, Herr Topf, -- ein Brief fr Sie!

Georgs Herz schlug wild, er nahm das Papier und einen Tintenstift, den
sie ihm reichte, unterschrieb auf dem Tisch, bat dann die Herren, ihn zu
entschuldigen, und ging hinter Frau Wisch her, in sein Zimmer. Lange
mute er nach den Streichhlzern tasten, bis er sie auf dem Absatz des
Bcherschranks fand. Endlich brannte die Lampe, er ri den Brief auf,
ein Schreiben fiel heraus, er entfaltete den groen Aktenbogen, sah
schn geschwungene Schriftzge, Unterschrift -- das Hofmarschallamt, ein
unleserlicher Name, er klaubte eilfertig Worte heraus:

   ... gndigstes Schreiben ... ehrerbietigst zu beantworten ...
   Kenntnis genommen ... Nachsuchen in den Archiven so lange
   verzgert ... allerdings gefunden ... drfte aber von einer Art
   scheinen, da die Verwirklichung sich nicht ohne Bruch der
   Reichsverfassung durchfhren liee ... und infolgedessen rtlich
   sein, da Euer Durchlaucht sich vielleicht gleich an die hierfr
   zustndige Stelle ...

Was war das fr ein Unsinn? -- War das Hohn? Was hie das?

Er legte den Bogen zusammen, entfaltete ihn wieder, las, fand keinen
Rat. Sollte der Vertrag ungltig sein? Aber sein Vater ...! Nun versteh
ich die Welt nicht mehr, murmelte er und sah sich dastehen wie Meister
Anton bei Hebbel ...

Nicht ohne Bruch der Reichsverfassung ...? Er dachte an Tpfer. Aber wie
sage ichs ihm? Sein Herz klopfte heftiger. Sagen wir ihnen, wer wir
sind, dachte er hochfahrend und ging zur Tr. Er mute pltzlich die
Stirn daran lehnen. Er suchte nach Gedanken, dabei fiel ihm ein, da es
besser sei, ihm den Vertrag selbst zu zeigen, ging wieder zum
Bcherschrank, ffnete und fuhr zusammen, da Cordelias Rubinglas ihm
entgegenfunkelte -- -- drohend. Sich zusammennehmend, griff er in die
Tiefe hinter dem noch verschlossenen Trflgel, ffnete den Truhendeckel
und holte den Vertrag heraus, schlo die Tr -- mit dem Gefhl, er
schlsse eine Tr vor einem Menschen -- das Glas noch dahinter sehend
--, richtete sich auf, ging hinaus und klopfte bei Tpfer.

Drinnen gab er ihm den Vertrag und bat ihn: sich das mal anzusehn. Kalt
und zitternd setzte er sich, nahm eine Zigarette und steckte sie an.
Tpfer las stillschweigend, es dauerte endlos. Aber er sah doch einmal
auf, lchelte hocherfreut zu Georg, dann auch zu dem Levite hin und
sang:

Ein sehr interessantes Dokument, das Sie da haben! Ist es echt? Aber
fabelhaft interessant! Also -- oder mu ich schweigen?

Da Georg nickte, fuhr er zu dem Polen fort: Herr Topf, denken Sie,
giebt mir hier einen Vertrag zwischen dem ehemaligen Herzogtum
Trassenberg und dem jetzigen Groherzogtum Beuglenburg, aus dem Anfange
des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde Trassenberg wie so viele andre
kleine Staaten mediatisiert und kam an Beuglenburg. In einem
Geheimvertrag aber, diesem, den Sie hier sahen, wurde beschlossen, da
dies nur fr hundert Jahre der Fall sein, da danach Trassenberg wieder
selbstndig ...

Er brach ab, whrend in seinen Zgen das gleiche Lcheln aufbrach wie im
Gesicht des Polen. Der streckte die Hand mit einer kleinen Verneigung
gegen Georg, nahm den Vertrag, sagte auch, immer lchelnd und den Kopf
wiegend: Sehr interessant! las da und dort und gab Georg das Papier
zurck.

Ich habe gehrt, sagte er, von diesem Herzog Traberg. Man nennt ihn:
der Genosse, es ist ein Scherz, aber er ist ein kluger Mensch, ein guter
Mensch. Wenn wren alle Frsten ihm gleich, wir htten lngst -- der
soziale Staat.

Ja, und nun, sagte Georg ungeduldig, was meinen Sie eigentlich von so
einem Vertrag? Sich verwirrend, da es ihm widerstrebte, noch von seinem
Vater wie von einem Fremden zu sprechen, fuhr er fort: Ich meine: gilt
er heutzutage oder ...?

Die Beiden lchelten wieder, und Tpfer sang hoch auf:

Da Sie, verehrter Herr Topf, dies Papier in den Hnden haben, so sehen
Sie ja, was es wert sein mag! Georg, zornig, als knnte er ihm doch das
Gegenteil beweisen, nahm das Schreiben des Hofmarschallamtes aus der
Tasche und gabs hin. Tpfer entfaltete es achtsam, las die berschrift,
stutzte, las weiter, blickte auf und fragte mit den Augen. Georg,
lchelnd wider Willen: Na ja, also ich bin der da!

Tpfer sprang auf, schlug die Hnde zusammen, merkte aber alsbald die
Unordnung seiner radikalen Gefhle, ward hochrot und krhte:

Ja, da sage man nun gar nichts mehr! Herr Levite, der Herr Topf hier
ist der Prinz Trassenberg!

Der Pole lchelte hocherfreut, streckte Georg die Hand hin und
versicherte ihm seine Freude, ihn kennen gelernt zu haben.

Also Sie haben diesen Vertrag eingeklagt? verwunderte Herr Tpfer sich
hchlich. Aber da wundert es mich doch sehr, da Ihr Herr Vater Ihnen
nicht abgeraten hat! Ja, nun sehen Sie mal an! Ein neuer Staat in
Deutschland -- bedeutet das nicht ein neues Mitglied des Bundesrats? O
lieber Herr Top-- verzeihen Sie nur! -- Herr -- glauben Sie, da
Preuen, da irgendein anderer Staat einwilligen wrde, da eine
Gegenstimme in den Bundesrat gert? Da mten denn doch schon sehr
schwerwiegende Grnde, sehr schwerwiegende, das heit im Sinne der
Frstenversammlung schwerwiegende Grnde vorliegen, wenn etwas
Derartiges ... Die Stimme berschlug sich und zwang ihn, still zu
schweigen.

Georg sagte: So! Er sprang auf und lief im Zimmer hin und her.

Ja, nun sagen Sie aber blo, sang hinter ihm Herr Tpfer, warum
wollen Sie denn nun gerade Herzog werden? Nun, nun, Sie sind ja noch
jung und denken sich das so.

Da Georg keine Antwort fand, lange Erklrungen scheute, so begtigte
Tpfer sich selber, indem er meinte, es gebe ja viele gute Dinge im
Leben zu verrichten ... Er schien nun doch verlegen, der Levite schwieg
gnzlich, so raffte denn Georg seine Papiere wieder zusammen und bat,
leutseliger, als er sein wollte, erbittert auf sich selber, die Herren,
ihn zu entschuldigen, reichte jedem die Hand und wollte gehn. Der Pole
aber hielt seine Hand fest, legte auch die linke darauf und sagte, Georg
ganz einhllend in die tiefe Wrme und Gutherzigkeit seiner Augen:

Ich sehe, Sie sind ein Aris--tograt, ich habe gern Aristograten des
Herzens, aber das will sein sehr gelernt. Gehen Sie su Ihrem Herrn
Vater, junger Prinz, grsen Sie ihn, er gennt meinen Namen wohl, er ist
nicht su stolz bei meinem Gru, sagen Sie ihm, da er Sie soll lernen zu
sein gans Aristograt, so werden Sie gutt lebben, und es wird geben Glck
und Segen fr eine Menge Volk. Leben Sie wohl! Er drckte ihm innig die
Hand, und Georg ging. --

Ein breites, dunkelrotes Band schlug qualmend aus dem Lampenzylinder
nach oben; voll von schwarzem weichem Flockenfall war die Luft, so da
Georg mit der Hand danach schlug. Er schraubte die Lampe tiefer und ri
das Fenster auf, atmete mit Heftigkeit die hereindringende Klte, aber
der Ruflockenregen war unertrglich, er lschte die Lampe, ging hinaus,
nahm den berzieher, den Hut vom Haken und ging auf die Strae.

>... als nicht existent im Eigensinn -- brgerlicher Konvention -- in
und aus ...< Was war das? Von Morgenstern. >An die Bezirksbehrde in
...< Es ging ihm schon lange im Kopf herum. Er glitt im Gehen aus, sah
den Brgersteig mit einer pelzigen Schicht von Regenschnee bedeckt, von
Fuspuren zersetzt. Regentropfen wehten ihm kalt gegen das erhitzte
Gesicht. Oben schaukelten die Bogenlampen an den Drhten. >Untig
angefertigte Person -- -- als nicht existent im Eigensinn ...< Georg sah
den Polen und den Radikalen unter der Gaslampe sitzen, die Rede vom
Aristokraten klang ihm im Ohr, die weichgesummten S-laute, die reinen
Vokale und Konsonanten, die langsame Sprechart und wieder das Wort
Aristokrat, bei dem der Nihilist in seiner fremden Sprache wohl etwas
ganz anderes empfand als ... >als nicht existent im Eigensinn ...< Georg
kam nicht los von dem Unsinn ... >brgerlicher Konvention<, redete es in
ihm fort. >Untig angefertigte Person, tief bedauernd nebigen Betreff
...< Er wollte nun die Teile zusammensuchen, aber es gelang ihm nicht,
immer wieder kam nur: als nicht existent im Eigensinn, Eigensinn,
Eigensinn! Endlich machte er einen Strich, strengte sich an, den
Vertrag, die Herren im Zimmer zu sehn, und hrte Tpfer sagen: -- da
Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten. -- >Untig angefertigte ...< Ein
Rtsel, ein reines Rtsel. Das Gegenteil hatte sein Vater getan! --
Georg glitt wieder aus, fand sich vor einer Querstrae, fand sich
unfhig, hinberzugehn, frstelte, drehte sich im Winde und machte
kehrt. Schwer mit dem Winde kmpfend, ging er zurck.

Der dunkle Korridor lag warm und still; an seinem Ende die Mattscheibe
in der Tr leuchtete nicht unbehaglich. Die da saen, waren gute
Menschen, ihre Herzen waren die weichsten, und sie waren doch Radikale
und Nihilisten. Ja, weshalb auch nicht? dachte Georg ermattet, indem er
sein Zimmer betrat. Kalt wars drin, aber in der Gegend der Heizung
glhte noch immer die Luft. Er schlo das Fenster, machte Licht, fand,
da Tisch, Bett, Papier, alles mit Ru bedeckt war, und streckte sich
auf dem Sofa aus.

Also es war nichts mit den Sternen ...

>Korff erhielt vom Polizeibro< --, fuhr es hell durch ihn hin. Er gab
nach und fuhr fort: >-- ein geharnischt Formular -- Wer er sei, und wie,
und wo.< -- Da ri es wieder ab; er tastete ... >Ob ihm berhaupt
erlaubt, hier zu wohnen ...<

>Wieviel Geld er hat, und was er glaubt.< --

Wieder zu Ende.

                   >... und
   Drunter stand: Borwosky, Heck.
   Korff erwidert schlicht und rund ...
   ... meldet laut persnlichem Befund
   Untig angefertigte Person
   Als nicht existent im Eigensinn
   Brgerlicher Konvention ...

   ... vor und aus und zeichnet, wennschonhin
   Tief bedauernd nebigen Betreff ...<

Nein, jetzt kam:

   >... vor und aus. An die Bezirksbehrde in --.
   Staunend liests der anbetroffne Chef.<

Georg schnaubte ein Lachen durch die Nase, das er nicht empfand. >Als
nicht exist-- --< na, nun wars schon genug! -- Pltzlich fuhr er hoch
und rieb sich die Augen. Er war am Einschlafen gewesen. -- Ich verstehe
Vater nicht, dachte er kopfschttelnd. Was hat er dabei gedacht? Er hat
ihn mir doch selber gegeben? -- Ach, gleichviel, gleichviel, es war aus,
und damit gut, gut, gut!

Georg glaubte zu verkommen an berdru ber sich selbst. Zum Weinen
verbittert gedachte er Renates. Erst vernachlssigte ich sie ber
Esther. (Ach, ich glaube, ich htte Esther heiraten sollen!) Dann
bildete ich mir ein, ich wei nicht mehr, weshalb, ich drfte erst
wagen, Renate in meine Kreise zu ziehn, wenn alles gesichert sei. Ich
wollte ihr ja das Herzogtum zu Fen legen. So gehrte sichs. Ah, dazu
fhrten nun meine nationalkonomischen Studien! Keine Ahnung, da ein
Vertrag nach hundert Jahren noch einer ist. Ach, ich bin mde und will
schlafen, dachte er, sich ergebend, knpfte die Weste auf und trat an
den Tisch, um den Inhalt seiner Taschen darauf zu legen, Uhr und Kette,
Feuerzeug, Brieftasche, Schlsselbund, Taschentuch. Da lagen die Bltter
ber die Zustnde von Herrn Topf auf dem Bett. Er nahm sie, stopfte sie
in die Lade. Da mute er sich im Zimmer umsehn. Ja, hier lebte er seit
ein paar Monaten und hatte sich, von allem Tiefsten abgesehn, ganz wohl
darin befunden. Gegen frher war nichts verndert. Er ghnte, dachte an
Helenenruh, an grne Wiesen, an gackernde Hennen. Ach, die ersten
Ferientage der Kindheit, das fremde Erwachen in Helenenruh, Sonne im
Zimmer, drauen das ganz sonnige Gackern der Hennen, der krhende Hahn,
ganz fern die jungen Hhne im Dorf, und dann der erste Blick aus dem
Fenster, damals, als ich noch im Nordflgel wohnte, auf die Felder
hinaus, die leise wogten, und mitten drin die Dcher vom Dorf, der
Kirchturm, und unten vorm Fenster schritten die gesprenkelten Hennen,
scharrten mit dem Fu, sahen links und rechts und gingen weiter ...

Und da alles dies eigentlich gar nicht mir gehrt ...

Er hielt die ausgezogenen Hosen in der Hand, ging nun zum Schrank und
hngte sie hinein, nahm Rock und Weste vom Sofa und hngte sie fort,
setzte sich und begann, die Stiefel auszuziehn. Den ersten
niedersetzend, erinnerte er sich Magdas, ganz sehnschtig. Vielleicht
liebte ich doch sie am meisten, besann er sich trbe. Er zog den zweiten
Stiefel vom Fu, setzte beide unters Bett, zog die Steppdecke zurck und
holte das Nachthemd hervor. Nun kann ich ja also zu meinen rohseidenen
Schlafanzgen zurckkehren, dachte er verloren. Ich glaube, morgen fahre
ich nach Altenrepen. Vielleicht kommt auch morgen ein Brief vom Vater.
Da durchkreuzte sich dies Wort mit dem Gedanken, da sein Vater nicht
sein Vater sei, die Galle stieg ihm hoch, er schleuderte das Taghemd von
sich, streifte das Nachthemd ber, blies hastig die Lampe aus, merkte,
da er noch in Unterhosen und Strmpfen war, streifte sie ab, warf sie
aufs Sofa, legte sich ins Bett und schlief gleich darauf ein.


                         Fnftes Kapitel: Mrz


                               Wiedersehn

Georg, in einem dumpfen, verbitterten Traumzustand seit Tagen, jetzt
durchbohrt von Ungeduld, in andre Kleider und zu Renate zu kommen,
verlie den Berliner Schnellzug und schob sich durch vielerlei
Reisemenschen die Treppe hinunter und durch den Tunnel in die groe
Halle, doch heimatlich berhrt vom Altenrepener Gesicht. Er trat in
eines der Portale, sah nachmittglichen Sonnenschein auf dem alten
Platz, es war warm und roch nach Mrz. Da! Esther! durchfuhrs ihn, --
aber sie war ja tot ... Aber die da vor ihm im Wagen sa, nein, Esther
war es ganz und gar nicht, nur ihr Mund wars mit dem sen,
schwrzlichen Flaum an den Winkeln; das Gesicht war hnlich bla und
zart, wie es hufig das Esthers gewesen war. Diese sa im Rcksitz des
weiten Kaleschwagens -- ein groes schwarzes Pferd stand stmmig und
ruhig davor -- tief hineingelehnt, in schwarzem glatten Pelzwerk; die
Spitze ihrer Nase war zarter und hochmtiger gekrmmt als Esthers Nase;
sie trug einen schwarzen Hut aus Filz mit hochgebogener Krempe,
postillionartig, und vor ihr, einen Fu auf dem Wagentritt, stand ein
Herr im Pelz und sprach mit ihr. Nun bewegte sie das Gesicht her, und
Georg sah in dem kleinen Dreieck erschreckend gro die Augen mit sehr
langen Wimpern von --? -- Gott, wie hie sie denn noch? -- Schley, Virgo
Schley! -- Ein Trger, Taschen unter dem Arm, einen Koffer auf der
Schulter, schob sich dazwischen, aber ihre Augen kamen unverndert
hervor, unverndert in der Richtung auf die seinen, ohne Erkennung
darin, -- und nun er selber, er dachte nichts mehr, fhlte nur und
erwiderte ein wunderbares, tiefes Anschaun, das dauerte -- -- dauerte --
--. Jetzt wandte der Herr sich um -- war er ihrem Blick gefolgt? --
Georg sah undeutlich sein Gesicht, es schien ihm bekannt, es war Schley.
-- Der nahm den Zylinder ab, trat auf ihn zu und sagte: Georg, lieber
Junge, seh ich dich wieder?

berrascht und erfreut sah Georg das Einglas aus dem langnasigen Gesicht
tropfen. Sie schttelten sich die Hnde. Die Frau im Wagen hatte sich
aufgerichtet und sah herber.

Ja, wie ist es denn mit dir? fragte Georg, du mut entschuldigen, ich
wei nichts Rechtes, ich habe so fr mich gelebt ...

Der Adel sei dahin, sagte der Freiherr, sonst nichts; er habe ihn seinem
guten alten Papa mit in den Sarg gegeben.

Ja, und nun bist du Abgeordneter, nicht wahr?

Jawohl, jawohl, fr den Fortschritt, vorlufig, jetzt will ich eben
nach Berlin, es ist noch Zeit, komm, ich stelle dich -- ah, du kennst ja
meine Frau!

Er zog Georg zum Wagen und sagte: Hier ist der Prinz Trassenberg, du
erinnerst dich wohl? Ja, hr mal, Georg --

Sie reichte ihm die Hand. Lachte leicht und sagte:

Damals sahen Sie aber hbscher aus, -- was haben Sie denn fr Falten
bekommen? Da wir Brderschaft getrunken haben, hab ich aber vergessen!

Hatten sie Brderschaft getrunken? -- Schade, meinte Georg, aber ich
verdiene es wohl nicht -- fr damals.

Georg hrte Schley lachen und von jenem Abend reden. -- Wie seltsam
ngstlich ihre Augen waren. -- Ihr Mann blickte auf die Uhr, meinte, es
wrde Zeit fr ihn, und kte seiner Frau die Hand, ermahnte sie, guten
Mutes zu sein, drckte Georg die Hand und ging. Nun stand Georg nher
vor ihr, sah auf sie herab, aber sie sah ihn nicht an, sondern nach
drben hinaus. Endlich blickte sie auf: ob es ihm recht wre, sie habe
ein Stck die Allee hinunterfahren wollen. Oh, das sei reizend, meinte
Georg, da wohne er ja. Er setzte sich in die andre Ecke des Rcksitzes,
der Kutscher sah sich um, der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

Georg vermied es, sie anzusehn: sie hielt das kleine Gesicht gesenkt,
drckte zuweilen den kleinen schwarzen Muff dagegen, sprach kein Wort.
Auch wars allzu lrmend herum, der Verkehr drngte fast in den weit
offnen flachen Wagen, vorber- oder mitfahrende Radler sahen zu ihnen
herein, eine lange Zeit blickte vom Hinterperron einer Trambahn ein
Halbdutzend Augenpaare auf sie herunter, nun waren sie ber den Platz am
Caf und rollten leichter die breite Strae hinab, pltzlich blendend
berflutet vom Untergang der Sonne, in die sie gerade hineinfuhren, die
alles umher glhend frbte und Georg zwang, sich im Wagen auf und
vornber in den Schatten des Vordersitzes zu setzen.

Virgo Schley, dachte Georg. Eine Waise, hatte er gehrt, die
Adoptivmutter eine sondre, alte Frau, -- der Vater des Freiherrn hatte
sich vor kaum drei Jahren erst den Adel gekauft, der war freilich nicht
viel wert. Langsam kehrte ihr erster Blick in ihm wieder, wie war der
doch geschwisterlich gewesen, heimatlich ... Da lenkte der Wagen auf die
andre Straenseite und hielt gleich darauf.

Ach, hrte er sie leise sagen, hier ist ja der Obstladen ... ich
wollte ... bitte, helfen Sie mir heraus.

Georg sprang eilfertig auf den Brgersteig und hielt ihr die Hand hin,
sie streifte, als koste es sie die schwerste Anstrengung, die Decke von
den Knien, erhob sich, -- und Georg konnte nun die leichte Schwellung
ihres Leibes sehn, wie der Kleidrock sich, von der Decke unten gehalten,
straffte: sie war guter Hoffnung. Schwer auf seinen Arm sich sttzend,
stieg sie mit unendlich langsamer Vorsicht aus. Im Laden kaufte sie
unter hundert Zweifeln, Zurcknahmen und nderungen eine Menge Trauben,
Ananas und Birnen, so schne, gelbe, da Georg, auch aus Mitleid mit der
Verkuferin, fr sich einige von ihnen kaufte. Als sie wieder im Wagen
saen, war sie vllig erschpft, lachte aber nun ein wenig ber sich
selbst und fing an zu plaudern, fragte, ob Georg noch studiere, ob er
Berlin nicht hasse, und Georg wurde redseliger und versuchte, ihr diese
und jene absonderliche Schnheit von Berlin zu beschreiben, so einen
Frhlingsabend, wie er ihn eben noch gesehn, wenn in den Krben der
Verkuferinnen in den schon grauen Straen die Blumenberge leuchteten,
gelb von Primeln und Narzissen, feuergolden von Tulpen und blaurot von
Rivieraveilchen, und dann die gewaltigen Schattenmassen der Huserblocks
mit ihren Schloten und Trmen in einer brandigen, schwrzlichen Rte,
die ins sanft Klare rauschte, in durchsichtig weies Gold, und ber
allem der grne Himmel, locker bemalt mit vergehenden silbernen Rndern
von unsichtbaren Wolken, hher hinauf so blau wie das Meer auf
japanischen Holzschnitten.

Sie rollten schon auf dem Fahrweg neben der kahlen Allee; angenehm
trabten durch die Stille die groen, ebenmigen Hufschritte. -- Da bist
du nun ... hatten ihre Augen gesagt -- da bist du nun -- da bist du nun
... Ein s beklemmendes Mitleid bedrngte sein Herz. Bereitete sich
hier der Frhling vor, den er eben beschrieb? Nacktschwarz und wie
hineingesteckt standen die Gestruche auf dem graugrnen Rasen, der
Himmel war rein und leer; Georgs Gesicht wurde im Fahren durch
entgegenschwimmende laue und khlere Wellen gezogen. Schwere Krhen, wie
aus Metall gemacht, schritten im weichen Grasboden, spreizten die
Fittiche auf, grn schillernd im Schwarzen, sprangen ab, schwebten zwei
Schritte berm Boden ein Stck, landeten hart und in kurzen Sprngen.
Ach, nicht denken, stammelte Georg innerlich, nichts denken! Einfach
hinnehmen! Wie entsetzlich war dieser Winter! -- Ich will sie in mein
Haus tragen, sie ist ja wie ein verkmmerter Vogel. -- Er sah sie wieder
an und sagte sich: Ich werde sie lieben -- so wie Esther --, ich kann
nicht anders, mein Herz folgt einmal jedem Stern, um so lieber, je
zarter und hlfloser er scheint, ich mu immer brderlich sein und
beschtzen. Nun, der Wagen rollte von selber den Weg durch die Anlagen
hinunter, schrg auf die Sternwarte zu. Georgs Herz fing an zu pochen,
sie kamen nher, das Schlchen wurde sichtbar, da standen die
Kandelaber, Gott sei Dank, er war wieder zu Hause.

Bitte, halten Sie, sagte er zum Kutscher, als sie in der Nhe der
kleinen Tr waren, und fate sich ein Herz. Ach, bitte, kommen Sie nun
mit, ich zeige Ihnen meinen Garten ...

O, wie gerne! sagte sie gleich, kindlich erfreut, und siehe da, es
ging durchaus leichter diesmal mit dem Aussteigen, und sie lief mit
kleinen, leichten Schritten neben ihm her. --

Lchelnd erschien der blasse Egon. -- Das Zimmer war vorbereitet, Blumen
in allen Vasen -- alles war wie einst. -- Sie sah sich neugierig um, den
Kopf drehend. Wie hbsch ist es hier! meinte sie; sonderbar, das hatte
doch noch niemand gesagt! -- Die Menge Bcher! Lesen Sie so viel? --
Spter werden Sie mir vorlesen, mgen Sie gern Verse? Ich mag nur
Verse.

Ach, da war nun ein Mensch, der nicht das geringste von ihm wute, und
er von ihr -- -- ja, was war da wohl viel zu wissen. Sie war ganz dicht
zu ihm getreten und sah zutraulich zu ihm auf; ganz rasend berfiel ihn
das Verlangen, sie in die Arme zu schlieen, er sah, da sie einen
Handschuh ausgezogen hatte, ergriff ihre Hand und zog sie zum Munde
empor. Da sie nicht wieder fortgezogen wurde, kte er sie langsam von
allen Seiten -- o wie war sie glatt und warm und weich und lebendig,
ohne Ring, ohne alles! -- kte den Rcken, das Gelenk, die Finger
einzeln, den kleinen, weichgekrmmten Daumen, der ein kleines, runzliges
Gesicht hatte.

Ja, was machen Sie denn? hrte er sie nach einer Weile fragen. Klein
stand sie vor ihm, den Arm hochhaltend, die Brauen ein wenig gerunzelt,
aber der Mund lchelte -- lchelte atemberaubend.

Soll ich nicht? fragte er.

Ach, warum nicht, meinte sie achselzuckend, wenn es Freude macht.
Aber nun mu ich sitzen.

Georg mute ihr einen Sessel vor die Gartentr schieben, dort versank
sie, zog auch den andern Handschuh aus, aus dem ein locker sitzender
Reifen von Gold zum Vorschein kam, den sie gleich abzog und ihm gab. Er
sollte ihn auf den Tisch legen, er sei ihr immer zu schwer. Aber nicht
vergessen nachher, da ich ihn mitnehme! rief sie leicht und lachte in
sich hinein.

Georg war ratlos. Sie war ja ein Kind -- und Mutter -- -- und hie
Virgo? -- Sie legte die Handflchen gegeneinander ber dem Muff im
Scho, neigte das Gesicht und sah nach oben, gegen den verblaten
Himmel, groen, glubigen Auges. Bald darauf nestelte sie den Hut los --
es sei ihr alles zu schwer --, fuhr mit den Hnden ins braune Haar, das
kurzgeschnitten war und lockig um das kleine dreieckige Gesicht stand;
im Nacken war sie vllig ein Knabe. Sie sah wieder gradaus; Georg, nicht
weit hinter ihr an der Schreibtischkante lehnend, konnte die Augen nun
nicht mehr wegwenden von ihrem Gesicht, und bald kamen die ihren langsam
herbei. Die Nasenflgel blhten sich ganz leise auf, Georg sah es
deutlich, -- es erinnerte ihn an -- an ein Kind, das sich im Schlaf
bewegt, aufatmet und tiefer schlft.

Heien Sie wirklich Virgo? fragte er. Sie nickte lchelnd.

Komisch, nicht? Ernster dann, und mit seltsam tiefer Stimme, und doch
nicht ohne -- ohne etwas Verlockendes in Blick und Stimme, sagte sie:
Denken Sie nur! Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, eine alte Frau
nahm mich zu sich, die nannte mich Virgo.

Pflegt sie nicht in Hosen zu gehn? fragte Georg, sich dunkel
erinnernd, und Pfeife zu rauchen?

Virgo lachte. Sie wre selber immer in Hosen gegangen, es sei herrlich,
und ihre Stiefmutter sei um die Wette mit ihr geritten und habe Hurra
geschrien, Georg sollte sie kennen lernen. Nach einem Schweigen sagte
sie s und ganz langsam: Georg ist ein schner Name! --

Georgs Herz fiel in Stcken auseinander. Cordelias Worte ... Himmel,
diese Wiederholungen! -- Schwer sich bewegend, nahm er einen Stuhl, er
glaubte, sie nicht mehr ansehn zu knnen, setzte ihn neben ihren Sessel
und lie sich nieder. Ein Weilchen spter legte er seinen Arm auf das
weiche Lederpolster der Lehne ihres Sessels, und es dauerte nicht lange,
so glitt eine leichte, warme Flocke darauf, ihre Hand; ihre Finger
schoben sich in die seinen, sie sagte ganz leise wieder:

Ich habe mich immer -- jetzt ward ihre Stimme ganz tief -- so
namenlos gefrchtet vor -- dem Kind. Am meisten vor Wolfgang -- Die
Stimme wechselte wieder und tnte hell: -- nun bei Ihnen ist es gut,
und ich kann alles vergessen.

Georg rhrte sich nicht. Ihm war sonderbar zufrieden zumut, ja,
glcklich. Dies Kind eine Weile zu schtzen, das war sehr gut. Er
glaubte, getrost den Arm um ihre Schulter legen zu knnen, obwohl er es
seinetwegen tun mute, nicht ihretwegen, aber kam es nicht allein darauf
an, wie sie es empfand? -- So lste er die Hand aus der ihren, legte
dafr die andre hinein und den Arm um ihre Schulter. Als sie sich gleich
tiefer hineinlehnte, mute er sich sagen: Sie trgt ja ein Kind -- wie
kann sie mich empfinden? -- So saen sie schweigsam zusammen, sahen die
Schar der qualmenden Fabrikessen in der Ferne langsam undeutlicher
werden in der sinkenden Dmmerung, fhlten warm ihre Hnde und waren
jeder -- Georg sprach es sich aus -- in einem Reich fr sich -- aber
doch hielten sie einander und sprten Wohltat. -- Als es fast dunkel im
Zimmer war, machte sie ihre Hand frei und flsterte, sie msse gehn, sie
wrde erwartet. Sie erhob sich dann, Georg reichte ihr den Hut, sie
setzte ihn auf, nahm Handschuh und Muff aus seiner Hand, stand noch ein
Weilchen und sah sich um. Dann ging sie leicht hinaus.

Aus dem Wagen die Hand streckend, sagte sie nur: Ich komme bald
wieder.

Morgen? fragte Georg.

Sie lachte hell und kindlich: Morgen frh! Los, Krischan! rief sie dem
Kutscher zu. Hinter dem davonrollenden Wagen erschien im Dunkel der
Bume langsam das kleine, blliche Dreieck ihres Gesichts fast wie ein
leerer Wappenschild, in dem dann langsam die beiden Augen aufgingen.
Georg suchte schwereren, aber nur von ser Ratlosigkeit und Hoffnung
schweren Herzens sein Zimmer wieder auf, setzte sich an den
Schreibtisch, und etwas fiel zu Boden, rollte und blieb klirrend liegen.
So --! Ihr Ring -- natrlich hatten sie ihn vergessen. Er suchte, fand
ihn nicht, machte Licht und sah ihn vor der Bcherwand liegen,
glnzenden Auges wie ein erwischter Igel. Er hob ihn auf, trat zur
Lampe, lie sie aufflammen und suchte nach einer Schrift im Innern des
Reifens. Wolfgang Theodor stand darin, 24. Mai. -- Georg wog den Ring in
der Hand, schob ihn dann in die Westentasche, dachte: Ich will ihn ihr
bringen, dann seh ich sie gleich -- --, aber er entschlug sich des
Wunsches. Da lag die Tte mit Birnen auf dem Tisch. Ja, Birnen! dachte
er erfreut, drehte den Sessel, in dem sie gesessen hatte, gegen das
Licht, holte eine Birne hervor, ri durstig den Stiel aus und bi von
oben hinein wie als Junge. Der Saft tropfte, er verschlang sie mit
Stumpf und Stiel atemlos und griff nach einer zweiten. Indem er sie in
der Hand wog, hrte er sagen: Das sind so Sexualitten. -- Er lachte
schnaufend durch die Nase. Wo hatte er das --? Richtig, in jenem
Tanzsaal in Halensee, zwei solche Handlungsgehlfen standen zusammen,
und als zwei Mdchen vorbeitanzten, fragte der Eine: Was sind das fr
welche? Ach, das sind so Sexualitten, sagte der Andre. -- Georg zertrat
den Gedanken ergrimmt. Sie ist Mutter, dachte er, ja, wie ist das zu
glauben? Da war ihr knabenhafter Nacken, ja, so mute Marias Nacken
gewesen sein und so geneigt, als der Engel eintrat und die Lilie gegen
sie neigte, und sie konnte nichts begreifen ...

Nein, keine Birne mehr! sagte er. Die erste war unbertrefflich, eine
Birne ist besser als zwei Birnen, das ist klar, Wiederholung wirkt
tdlich. Oh, und nun wird es womglich eine Wiederholung Esthers geben.
-- Die Frucht in der Hand, die langsam warm wurde, sah er ins Licht und
dachte: Liebe Esther! Es war ihm, als hielte er eine Hand umschlossen,
langsam begann es in ihm zu wogen, auf einmal hielt er die Worte: Wer
noch so jung ist wie du ... Weiter ... Wie weiter? -- Wer noch so jung
ist wie du -- Fhlt noch der Schmerzen Gewalt ... Behutsam stand er auf,
legte die Birne fort, setzte sich vor den Schreibtisch, nahm Bleistift
und den Notizblock und schrieb:

   Wer noch so jung ist wie du,
   Fhlt noch der Schmerzen Gewalt;
   Spter wird alles gelinde,
   Gram und die Lust und der Tod.

   Geh auf die Flamme nur zu ...

Wie nun? Sollte auf die ersten Zeilen gereimt werden? Er fand:

   Blasse, geliebte Gestalt.
   Flamme verzehrt nur ...

Er suchte ... Not, Rot, blinde, Binde, Gewinde, umloht, bedroht ... Ja!
Und er schrieb:

   Flamme verzehrt nur die Rinde,
   Aber du bleibst unbedroht.

Damit war es aus. La ihr die goldenen Schuh ... fing er noch wieder an,
aber er merkte, es war nichts mehr, und dann warf er wtend den Stift
hin und htte sich mit Entzcken selber auf den Kopf gespien. Das
verfluchte Sieb ist es ja nur! verschwor er sich, das verfluchte
Berliner Sieb, durch das man seine Empfindungen rhrt; unten tropfen die
Verse heraus, und in der Brust bleibt nichts zurck als Schale und Satz,
und man ist so kalt, so schlaff und so traurig wie nach dem
Liebeskrampf. Herrgott, Herrgott im Himmel, was soll blo aus mir
werden! --

Aus seiner verzweifelten Erstarrung weckte ihn das Gerusch des blassen
Egon im Ezimmer, der den Tisch fr den Abend deckte. Er sprang auf,
trat zur Gartentr, ffnete sie und tat zwei Schritte in den Garten. In
der kalten Stille stand das Gestruch und das Gest der Bume
regungslos, kaum sichtbar; sichtbar nur oben, wo weie Sterne waren.

Kommt nun wieder das Frhjahr, wieder die alte, seltene Lust, die immer
neue, die nie bekannte? Kommen wieder die Schwalben und wecken das Herz,
lieblich tnend im leichten Raum, und kommt das groe Sprieen ber die
Erde und das Buschwerk, in dem Vogelstimmen laut werden, als wren sie
gewachsen im Gezweig? Kommt wieder ber das empfindungslose Herz der
allgemeine Schauder, kommen wieder Winde und Gewlk, die Musik der
Halmefelder, und kommt auch wieder, wieder das alte Hoffen?

>Und so verbrgt es die Form der Sonnenblume<, hrte er tonlos sagen.
Ihn fror leicht. Er ging ins Zimmer zurck, trat an die Bcherwand und
suchte Carossas Doktor Brger. >Und so verbrgt es die Form der
Sonnenblume<, das war der Ausgang des Satzes, aber wie hie es ganz? Das
Buch war nicht zu finden, vielleicht hatte Benno es genommen. Da stand
Egon in der Tr.

Wei Herr Prager, da ich zurck bin? Egon zuckte die Achseln. Er habe
fr ihn gedeckt. -- Georg ging nach nebenan, hrte aber jetzt das
Telephon anwecken, ging wieder zurck, hob den Hrer auf und sagte:
Georg Trassenberg.

Eine kleine, fremde Stimme fragte: Georg?

Wer war denn das? Ach, um Gottes willen ... Virgo? fragte er.

Er hrte sie leise lachen. Wie gehts Ihnen denn? fragte sie.

Ach, wunderbar! versicherte er, wunderbar!

Eine Weile wars still, er wollte eben fragen, ob er nicht kommen drfe,
da hrte er sie sagen: Lieber guter Georg, ich konnte es eben gar nicht
sagen, ich wollte ... Sie verstummte.

Was denn? fragte er liebevoll.

Ich habe die ganze Zeit denken mssen, wir haben doch Brderschaft ...

Ja, Est--, brach es aus seiner Brust auf, -- ja, Schwesterchen, ja,
ich habe es auch immer gedacht.

Wie schn! sagte sie aufatmend. Da werd ich einmal gut schlafen
heut.

Ja, das mut du auch, bekrftigte er snftlich.

Dann, gute Nacht!

Gute Nacht, kleine Schwester!

Georg legte den Hrer hin, sttzte die Knchel auf die
Schreibtischplatte, starrte vor sich hin.

So ist es gut, murmelte er tonlos, so ist es gut -- so -- ist -- es --
gut -- --


                              Neuigkeiten

Georg sah beim Betreten des Arbeitszimmers, links nahe der Treppe, zu
seiner Begrung zurechtgestellt, einen langen Gehrock, davor eine Hand,
die einen umflorten Zylinder hielt, und darber eine goldene Brille,
streckte die Hand aus und sagte: Herr Hofkammerrat?

Der verbeugte sich, nicht eben sonderlich tief. Unterhalb der Brille
erschien jetzt das nach unten zurckfallende Kinn; kein Bart, ein
ltliches Gesicht mit rtlichen, kleinen, scharfen Augen ohne Brauen und
Wimpern, vielleicht -- jesuitisch. Im Zimmer klang es trocken:

Durchlaucht -- --, ich komme vom Beuglenburger Hofe, -- mit einer
Trauernachricht.

Georg zuckte zusammen. Beuglenburg ... Trauer ...? Er war am
Hofkammerrat vorber zum Schreibtisch gegangen, drehte sich nun langsam
herum, hrte:

Ich bin berbringer der traurigen Nachricht vom Ableben Seiner Hoheit
des Erbprinzen Adolf Emil; er verschied gestern abend gegen sieben Uhr
nach langem schwerem und mit unsglicher Geduld ertragenem Leiden.

Die ruhige und trockne Stimme erlosch. Georg glhte auf am ganzen Leibe
und zitterte ber und ber, -- warum blo? Was war -- --? Da hrte er
sich schon sagen: Mein tiefempfundenes Beileid, Herr Hofkammerrat, das
ich auch Seiner kniglichen Hoheit auszusprechen bitte. Er setzte sich,
machte eine Handbewegung und drehte den Schreibstuhl herum gegen seinen
Besuch. -- Der Hofkammerrat setzte den Zylinder fort, sank in den tiefen
Sessel, lehnte sich zurck, schlug die Beine bereinander und fing an,
die Handschuhe auszuziehn. Es sauste Georg in den Ohren, er wute, da
er etwas sagen mute, er dachte, ohne es zu verstehn: Erbprinz,
Groherzog, Sigune. Eine dnne englische Stimme rief ganz fern durch
einen Garten: Gunny! Gun--ny! -- Mit aller Gewalt nahm Georg sich
zusammen, setzte sich grade, da verlieen ihn alle Gedanken, er sah den
Grafen gelassen, tiefer als er, im Sessel sitzen; nun hob er die linke
Hand, wei und flach, klopfte mit den Fingerspitzen gegen den Mund und
rusperte sich. Eine Redewendung scho Georg auf, die er gleich
hersagte: er zweifle gleichwohl nicht, da die bermittelung dieser
Nachricht nicht der Grund sei fr das persnliche Kommen ... Und nun
hatte er sich einigermaen wieder.

Die Stimme des Hofkammerrats war wieder hrbar, trocken und leicht
hinbewegt, fast herablassend. Er erklrte, es sei dem Prinzen
voraussichtlich bekannt, da nunmehr von drei Kindern dem verwitweten
Groherzog noch eine Tochter Sigune, nunmehr im neunzehnten Lebensjahre
stehend, verblieben sei; als bekannt drfe er wohl auch voraussetzen,
da nach Zinnaschem Hausgesetz die Regierung erblich sei im Mannesstamm
des Hauses Siegen-Zinna nach dem Rechte der Erstgeburt bis zum letzten
Grade nachweisbarer Verwandtschaft mit der Linie, und da die weibliche
Linie auch nach dem Erlschen des Mannesstammes von der Erbfolge
ausgeschlossen bleibe.

Georg hatte kein Wort verstanden. Er dachte verzweifelt nach. Der
Erbprinz ... Tuberkeln -- -- immer krank, richtig. Mein Vertrag, mein
Vertrag -- mein Vertrag -- -- Ihm war eiskalt. Wie bin ich denn verwandt
mit ...? Er glaubte, dunkel zu wissen, da auer ihm noch ein Verwandter
... Derweilen fuhr der Hofkammerrat fort, vom Groherzog zu reden und
ihn einen armen, kranken, gequlten, der Geschfte und des Lebens mden
Mann zu nennen, durch den Tod des Sohnes vllig gebrochen und gewillt,
schon jetzt zugunsten eines Verwandten auf die Regierung zu verzichten.
-- Nun komme ich, nun komme ich! schrie da etwas in Georg. Ja, -- der
Groherzog, -- magenleidend, von Kind an grmlich, trbsinnig, --
sexuelle Anormalitt ... verheimlicht ... Seine Frau machte einen
Fluchtversuch vor der Heirat ... armes Geschpf! -- -- Erster Sohn kam
tot ... Sie starb ... Herzschlag -- -- oder -- freiwillig? --

Auf einmal hatte Georg das Gefhl, als ob ihn dieser Mensch unablssig
beobachte. Er zog sich im Stuhl zurck, kreuzte die Beine, lie die
Mundwinkel fallen und sagte, da der Graf schwieg: Bitte, reden Sie
weiter. Der setzte die Ellbogen leicht auf, lehnte die Fingerspitzen
beider Hnde zu einem Dach gegeneinander und sprach; seine Augen blieben
Georg unsichtbar hinter den zwei scharfen, weien Ovalen der
Brillenglser; die Spiegelung der Fenster, auch Gest waren darin
erkennbar.

Er sprach nun von dem Vertrage, bedauerte obenhin die Unerfllbarkeit,
meinte aber, es wrde sich vielleicht ein andrer Weg finden zur
Verwirklichung von Georgs Hoffnungen. Dann sprach er von der
Verwandtschaft des Zinnaschen Hauses, nannte Georgs Vater, -- der habe
bereits frher aus einem gewissen Anla seine bekannten Grundstze
offiziell betont, die ihm die bernahme der Regierung unmglich machten
... Ferner den regierenden Grafen Beuglenburg-Lipsch, Georg Egon, -- und
schlielich Georg selbst; der Grad der Verwandtschaft Beider mit dem
Hause Zinna sei genau der gleiche; immerhin sei der Graf bereits in
hheren Jahren, sei zudem zwar verwitwet, aber katholischen
Bekenntnisses und katholisch getraut gewesen, so da eine neue Ehe
folglich ausgeschlossen sein drfte ... Georg dachte noch, da auch die
Zinnas katholisch seien, da schlug ihm das Satzende erst aufs Herz. --
Ich soll Sigune heiraten! dachte er, bewegte gleichzeitig die Lippen und
hrte sich fremdartig sagen: Ich bitte Sie nun, Herr Hofkammerrat, sich
Ihres vollkommenen Auftrages zu entledigen.

Nun lie der seine Hnde fallen, setzte sich im Sessel vor, fate
flchtig nach den Brillenstben, entschlo sich dann, die Brille ganz
abzunehmen, kniff mit zwei Fingern den rotgesattelten Nasenrcken und
sagte, die goldene Brille ganz leise in der Linken hin und her bewegend,
-- er hat ganz gute Augen, dachte Georg, nun, wo er mich grade ansieht
--:

Mein kniglicher Herr, der Groherzog, hat den innigen Wunsch, seine
Tochter als Ihre Gemahlin, Durchlaucht, zu sehn und damit Sie selber,
Durchlaucht, unter der Krone, -- unter einer Krone, welche die beiden
Lande, Beuglenburg und Trassenberg, vereinigen wrde. Sollte Ihnen,
Durchlaucht, wie ich wohl annehmen darf, besonders an dem Titel eines
Herzogs von Trassenberg liegen, so -- schlo er ganz schnell und
oberflchlich, wrde sich das ja leicht ermglichen lassen.

Georg mute sich zusammennehmen, nicht durch die Nase zu blasen, und
glaubte, vor Wut zu explodieren. So. Nun kam es. Erst verzichtete man,
fand sich ab, fand sich hinein, ging seiner Wege, -- ja, erst hatte man
den schnsten Plan, arbeitete dran Jahre lang, rstete sich, freute
sich, kam nher, und dann -- wars nichts. Dann -- fand man sich ab, war
schon ganz wo anders, und jetzt -- -- fing es wieder an, aber: zum
Nichtwiedererkennen abscheulich entstellt! Und -- und warum hat Papa nur
geschwiegen? Fast zehn Tage geschwiegen? -- Dumpf, hinter unbeweglichem
Gesicht die Zhne zusammenbeiend, hob er die linke Hand gegen das
Gesicht, betrachtete sie aufmerksam, konnte endlich fragen:

Bitte, -- ehe wir weitergehn, haben Sie vielleicht die Gte, mir zu
sagen, wie Prinze Sigune selber sich zu dem Wunsche ihres Vaters
verhlt. Mn -- dachte er, das war ein _Faux pas_, da ich auf den
vterlichen Wunsch gar nicht eingegangen bin, aber das ist mir -- Wurst!

Der Hofkammerrat lchelte. Ja, er lchelte ganz freundlich und sagte:
Die Prinzessin hat selbstverstndlich keine andern Wnsche als ihr
Vater.

Georg sah dies Mdchen, mager, eckig, unschn, allzublond, schrecklich
schchtern, -- neun Jahre war sie damals. O lieber Gott, nein, diese
ganze kranke Familie! Sicher war sie mondschtig. -- Der Kammerrat
derweil sprach ganz freundlich weiter:

Die Prinzessin ist leider ein krperlich nicht besonders starkes Kind;
was aber die Natur hier versagte, das, kann ich wohl sagen, hat sie
durch eine reiche, innere Flle, an geistigen, ganz besonders aber an
seelischen, an Herzensgaben ausgeglichen. Dies wei vielleicht, ja ich
mchte ruhig sagen: dies wei sicherlich niemand so gut wie ich, da sie
mir in langen Jahren ihrer -- leider -- allzueinsamen Jugend fast wie
ein eignes Kind geworden ist. Ich bin freilich eine -- ich mchte sagen,
philologische Natur, andre wrden es auch nennen: lehrhaft, -- immerhin
-- die Prinzessin, -- er bog pltzlich ab und fuhr fort: Ich selber
habe die Prinzessin von diesem sie betreffenden Ereignis in Kenntnis
gesetzt. Die Antwort, -- obwohl, wie ich der Wahrheit halber gestehen
mu, nicht leicht zu erlangen, war derart, wie ich -- nun, wie ich sie
erwarten durfte. Und meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit werden
Durchlaucht bereits erraten haben. Er hatte seine Brille wieder
aufgesetzt, stand auf, griff nach seinem Zylinder und sagte: Ich habe
den Auftrag, Euer Durchlaucht eine Bedenkzeit von einigen Tagen zu
berlassen. Der Tod des Erbprinzen, so sehr er die Entschlieungen
meines kniglichen Herrn beschleunigte, bedingt einigen Aufschub.
Immerhin, sollten Euer Durchlaucht willig sein, auf die Ideen des
Groherzogs einzugehn, so mchte ich mir gleich erlauben, einen Besuch
Euer Durchlaucht in Zinna etwa nach Ablauf von drei oder vier Wochen in
Vorschlag zu bringen.

Georg hatte sich erhoben, sttzte die Hnde auf die Schreibtischplatte
und blickte angestrengt aus dem Fenster. Er fhlte die Wut verraucht und
sich kraftlos und mde. Ich knnte ihn gleich wegschicken, dachte er
gleichgltig. Ohne seine Stellung zu verndern, drehte er Schultern und
Gesicht nach dem Dastehenden herum und sagte mglichst ruhig und nicht
unfreundlich:

Ich mchte Ihnen keine allzugroen Hoffnungen machen. Sie kennen mich
nicht, Graf, Sie haben vielleicht von mir gehrt, jedenfalls -- ich bin
kein Mensch -- hier fiel ihm ein, da gewi schon Viele, in der selben
Lage wie er, die gleichen Worte gebraucht hatten -- der sich -- er
wollte sagen: auf den Befehl eines alten Trottels, sagte jedoch kurz
abschlieend: auf Wunsch verheiratet.

Danach wandte er das Gesicht nach dem Fenster. Der Graf rusperte sich
hinter ihm. Er mchte nicht denken, hrte Georg ihn sagen, da er eine
von dieser sehr verschiedene Antwort erwartet habe. Immerhin gebe es ja
noch andre Wege fr den Groherzog, und Georg drfe glauben, da dieser
Weg kaum beschritten worden wre, ohne Georgs eigne, vorangegangene
Initiative, die seine Absichten, zur Regierung zu gelangen, offenbart
htten. -- Ja, also nun bin ich noch selber schuld! -- dachte Georg
gekrnkt.

Also bitte, sagte er, sich umdrehend und locker die Hand hinhaltend,
kommen Sie morgen wieder.

Er fhlte seine Hand kurz ergriffen und wieder losgelassen. Der Graf
wich zur Treppe zurck, Georg folgte mit zwei Schritten empor und
ffnete, drauen stand Egon und ffnete die Haustr, Georg sagte Adieu,
schlo die Tr und blieb stehn. Das Gefhl, niesen zu mssen, lie ihn
das Taschentuch ziehn, er schneuzte sich, nieste dann ein paar Mal
heftig, die Augen trnten ihm, er dachte: ich habe mich im Saal
erkltet. Nun fhlte er auch Schmerzen im Rcken, wnschte, sich
auszustrecken, aber es war kein Sofa da. Langsam ging er in sein
Schlafzimmer und legte sich auf das Bett. Im Fenster war der traurige
Mrzhimmel und Gest; er lag fast wie in Berlin.

Sie kann ja einen Andern heiraten, und der kann Regent werden. Oder der
Beuglenburger Lipsch kriegt einen Konsens und heiratet sie. Ach, was
geht das mich an! Nein, ich bin diese Sache nun mde. Merkwrdig! fuhr
es durch ihn hin, habe ich eben wohl nur einen Augenblick bedacht, da
ich der gar nicht bin, fr den er mich hielt? Genug, genug mit dem
Ganzen! -- Er warf sich herum, fhlte seine Nase dumpf und verschlossen,
legte sich auf die Seite, das Gesicht nach der Wand und zog heftig Atem.
Langsam erleichterte sich das rechte Nasenloch und wurde frei. Ob Papa
dies alles wohl gewut hat? -- fragte er sich pltzlich. Der Erbprinz
war ja immer krank gewesen. Oder wei er vielleicht einen andern Weg?
Und wenn ich nein sage, was dann? -- Sein Kopf glhte, er sttzte sich
auf den Ellbogen, die Nase war wieder fest verschlossen, die Mundhhle
klebrig, und er drehte sich herum und sah nach dem Fenster; das
blendete, ah, kam doch die Sonne? Aufspringend, lief er zum Fenster und
sah nach oben. Ja, eine silberne, weiliche Quelle bewegte sich da oben
im Grau, Gewlk wurde sichtbar, die Bume regten sich, nun fiel ein
blasser, gelber Streifen. Ach, wie sah auf einmal alles anders aus! --
Ich bin so grlich nervs geworden, dachte Georg, so wie die Sonne
wechselt, fhle ich mich froh oder trbe. --

Er ging nun wieder ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch,
nieste heftig, schneuzte sich, -- die Sonne war wieder fort. Man knnte
es als ein Opfer ansehn, dachte er schwer. Renate, -- das war noch eine
Versung; und -- es war zuviel, ein Doppeltes an Gewinst, -- es soll
aber das eine sein, das reine Ziel. Ach, wie schn, wie schn htte es
werden knnen! Beuglenburg obendrein -- was gab es da nicht alles zu
tun! Sigune -- --? Wer wei, was sie heute fr ein Wesen ist? Zart,
gutherzig wrde sie jedenfalls sein, lenksam, willenlos. Freiheit genug
wrde ihm bleiben. Und Renate -- sie konnte ja auch nicht wollen. --
Vielleicht sehe ich sie mir einmal an; wenn sie gar zu schlimm ist, bin
ich stark genug, auch rcksichtslos zu sein. Mglich auch, -- ich sage
ihnen dann, wer ich in Wahrheit bin! -- Da sah er schon die ganze Szene,
Minister, Hofkammerrat, denen er schlichte aber klirrende Worte hinwarf.

Aufstehend setzte er sich auf den Schreibtisch, streckte absichtslos die
Hand nach dem Telephon aus, und da er dies getan, nahm er auch den Hrer
auf und bat den Hausmeister, ihn mit Benno zu verbinden. Gleich darauf
hrte er Bennos Klavier, es brach ab, Schritte kamen, er sagte: Benno?
--

Ja, hier bin ich, antwortete Bennos Stimme. Georg sprach matt und
langsam weiter:

Ich soll heiraten, Benno, die Beuglenburgsche Prinzessin, ja. Und
Groherzog werden, -- ja. Na, was meinst du?

Benno, mit unterdrckter Stimme vor Erregung, sagte: Ich bin auer mir!
Georg! das kannst du nicht! Das ist Gewalt!

Ach, der gute Benno, dachte Georg und wiegte sich, so ist die Sache denn
doch nicht in Frstenhusern.

Ja, lieber Benno, du drckst das ein bichen stark aus. Wer was
erreichen will, mu Opfer bringen. Neigungsheiraten, weit du, sind an
Frstenhfen sowieso verpnt. Denke, ich knnte Knig von Holland werden
oder dergleichen, -- und die Prinzessin ist vielleicht sehr nett.

Ist sie schn? fragte Benno.

Ich wei nicht, ich glaube nicht; aber sie soll sehr gut sein. Ich kann
sie ja denn wenden lassen.

Du bist ja gar nicht so zynisch, wie du tust, Georg!

Ach, der Teufel, schrie Georg, soll da nicht zynisch werden! Na,
danke schn, Benno, ich wollte blo mal hren ... Also du rtst ab?

Benno stammelte etwas, Georg lachte, er sollts schon gut sein lassen,
und legte den Hrer hin. Die Nase juckte ihm wst, er bearbeitete sie
mit dem Taschentuch, indem er spttisch dachte: Alles ist immer so
einfach fr die Unwissenden. Ich glaube, ich werde doch mal hinfahren.
Ach, wenn man blo nicht so allein wre! Wer hilft einem denn? Aber
nein, nein, nein, gut so, dies mu ich allein ausfhren. Ich will schon
fertig werden!

Er dehnte sich, und jetzt schwoll ihm die Brust vor unbestimmtem
Verlangen nach Thronen und Frstendasein. Er sah sich in stiller Arbeit,
stiller, freundschaftlicher Gemeinschaft mit einem stillen weiblichen
Wesen, das ihn liebte, das er gern sah und das er beschtzte. Es knnte
doch recht -- schn -- werden --, sagte er sich leise. Ach, man fhlt
doch wieder, da man lebt! Ziele sind da, Wege, Kreuzungen, Widerstnde!
-- Er fate nach seinem schmerzenden Rcken, dachte: Vorlufig werde ich
wohl Influenza kriegen, und wnschte sich zu Virgo. Er ging auf den
Flur, klingelte nach Egon, lie sich den Mantel anziehn und verlie das
Haus.


                             Flut und Ebbe

Renate trat aus der Kapelle, schlo die Tr, zog den grnen Schal fester
um die Schultern und blickte eine Weile in den kahlen Garten. Es
dunkelte schon; hinter den schwrzlichen Maschen des Buschwerks und der
Bume lag das Haus, stumm und lichtlos, grau, kalt. Frierend lief sie
durch den Garten, die Stufen zur Veranda empor und schlpfte in die
angelehnte Tr. Whrend sie zuriegelte, wurde hinter ihr die Tr zum
Flur geffnet; dann kam vornbergebeugt, auf einen Stock gesttzt, ein
groer Mann herein, den sie im Halbdunkel nicht erkennen konnte. Drei
Schritte kam er vor, die Fe absonderlich hochhebend, die Augen im
groen, rasierten Gesicht fest auf sie gerichtet, lachte leicht auf, und
-- Herzog! rief Renate und schlug die Hnde zusammen. Er richtete sich
auf und hob den Stock hoch.

Was sagen Sie nu? rief er stolz.

Ist es die Mglichkeit! sagte Renate und ging eilig auf ihn zu. Er
nahm ihre Hand in seine Linke, sie merkte, da sie selber es war, die
ihre Hand fast gegen seinen Mund drckte.

Es ist zwar, sagte er, sie kssend, unschicklich in Norddeutschland,
einer unverheirateten Frau die Hand zu kssen, aber das macht nichts.

Sie gehen! Sie knnen gehen! Nein, wie mich das freut! Renate legte
die Hnde wieder zusammen und meinte, sie knnte schon ihre Freude recht
deutlich werden lassen. Und so verschnt, so verschnt! Welche Ehre mir
da widerfhrt!

Sie ging zu einem der Sessel in der Nhe des Kamins und zeigte ihm einen
andern. Nicht unbeholfen ging er draufzu und setzte sich. Zwischen
Beiden kniete das Hausmdchen und machte Feuer unter den Holzscheiten.
Recht so, sagte der Herzog, mich friert ausdermaen. Setzen Sie sich
schnell zu mir, ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann geht mein Zug,
ich mu nach Beuglenburg, es giebt die grten Umwlzungen, unterwegs
hat mein Chauffeur mich umgeworfen, vielmehr gegen einen Baum gefahren,
weil der Bauer nicht so wollte wie er, da bin ich mit dem Zuge
gekommen.

Das Mdchen ging, Renate setzte sich. Er reichte ihr noch einmal die
Hand. Sie mute sich Mhe geben, sein ihr bekanntes Gesicht
wiederzufinden. Die Oberlippe war sehr schmal, der Mund schien grer
und krftiger, das Kinn war erstaunlich gro und stmmig. -- Sehr ernst
sagte er:

Ich wollte Ihnen vor allem danken. Wenn mir etwas geholfen hat, waren
es Ihre Briefe. Sie sind ein guter Kamerad, ich will dafr sorgen, da
Sie's bleiben. Ja, da habe ich gehen gelernt. So wie's gewesen ist,
wirds ja nicht wieder werden, nicht einmal so, wie es htte werden
knnen, wenn ich gleich damals angefangen htte, sagt der Arzt, aber --
er setzte sich fest, man mu zufrieden sein. Nun sagen Sie -- wie geht
es Ihnen denn? Ich frchte, Sie sahen besser aus im Sommer.

Renate lchelte nur und war froh. Wollen Sie mir nun nicht erzhlen,
was das fr Umwlzungen sind?

Der Herzog sah auf die Uhr. Blo noch sechzehn Minuten, sagte er,
vielleicht knnt ich doch einen andern Wagen mieten, ich bin im
allgemeinen kein Verschwender.

Ja, so nehmen Sie doch meinen! rief Renate und sprang auf.

Augenblicklich! sagte der Herzog, wenn Sie mit mir kommen. Sie knnen
in zwei guten Stunden zurck sein!

Renate, schon an der Tr, klingelte, versicherte, sie komme gerne mit,
trug dem Mdchen auf, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, und setzte sich
wieder. Die Scheite im Kamin glommen langsam und widerwillig auf. Renate
kreuzte behaglich die Arme und sah den Herzog erwartend an.

Also, sagte er, mein Sohn will Groherzog werden. Es ist eine
hundsfttische Angelegenheit, mit Erlaubnis! Vor drei Tagen ist der
Beuglenburger Erbprinz gestorben. Er hatte Tuberkeln, seit Jahren schon
wurde sein Ende erwartet, ja, vor drei Jahren gaben sie ihn schon auf,
aber er erholte sich wieder. Sein Vater ist -- also -- nur noch eine
Masse. Erbschaftsberechtigt sind: erstens ich hier, mein Sohn und ein
schon bejahrter Graf Beuglenburg-Lipsch, der gerne mchte. Ich falle
aus, fr mich ist das nichts. Mein Sohn -- ja, was meinen Sie
eigentlich? Sie kennen ihn doch ...

Renate sagte: Ich schrieb Ihnen ja ... Kenne ich Georg? Ich mag ihn
gern, er ist klug, sehr fein und bescheiden. Freilich, was heit das
...!

Nun, lassen Sie mich erst weiter erklren, unterbrach er. Auer dem
verstorbenen Sohn ist da noch eine Tochter Sigune, neunzehnjhrig, eine
gute Seele, glaub ich, sehr fromm vermutlich, die Beuglenburgs sind
katholisch, die Kleine war und ist -- was ich leider nicht wute -- ganz
in den Hnden ihres Erziehers, der Hofkammerrat am Hof ist und nicht nur
sie, sondern den ganzen Hof beherrscht. Jesuitisch erzogen brigens. Die
Entwicklung wre daher die, da die Beiden heiraten, mein Sohn und die
Sigune. Und das scheint mir bedenklich. Georg hat Sptlingsnerven, hat
gar kein Talent zur Brutalitt, denkt von auen nach innen und ist noch
sehr jung. Der Gedanke, da er erbt, hat ja nun fr mich alles
Bestrickende. Trassenberg war bis ber Achtzehnhundert hinaus
selbstndig, kam dann zu Beuglenburg. Aber Trassenberg gehrt mir.
Solange der alte Groherzog regierte, hatte ich keinerlei
Schwierigkeiten. Alle Beamtenstellen in Trassenberg besetzte ich. Kommt
der Beuglenburger Graf zur Regierung, so habe ich die Jesuiten im Land,
und es giebt den ungeheuerlichsten Schlamassel; in jeder Beziehung. Das
brauche ich nicht zu erklren. Ich knnte freilich selber regieren, ich
bin der nchste, aber -- ich will einmal nicht. Doktor Birnbaum ist zwar
dagegen, stabiliert nach wie vor sein heiligstes Menschenrecht, nmlich
das, jeden Augenblick seine Meinung ndern zu knnen, aber -- ich habe
mich an diese Meinung zu sehr gewhnt, bin auch zu alt zu Neuerungen.
Er lachte kurz und griff nach einem imaginren Bart.

Indem trat der Chauffeur ein und meldete, der Wagen sei bereit. Der
Herzog stand auf. Fahren wir nur, sagte er, ich bin so schon
ungeduldig genug.

Eine Weile spter sa Renate unterm schwarzen Pelz in der Wagenecke, der
Herzog in der andern, der rechten, die er sich ausbedungen hatte, da er
auf dem rechten Ohre taub sei. Wie Bogner! fiel es Renate ein, wo war
Bogner? Oh dies war auch ein Mensch, dieser nicht regierende Herzog! Das
Automobil bog gleich in den Wald ein, die Lampe unter der Decke glhte
auf, das Gesicht des Herzogs erschien rtlich; eng und warm war der Raum
um sie, die Scheiben beschlugen schnell.

Der Herzog war pltzlich verstummt. Renate mochte ihn nicht stren, da
er sicherlich viel im Kopfe hatte, auch gengte ihr vollkommen die
Wohltat der Fahrt und das Dasein des fremden, immerhin doch -- kaum
bekannten Menschen. Sie glaubte, in sich versunken, wohl eine
Viertelstunde bereits im Fahren zu sein, als sie ihn sprechen hrte,
ohne da er sie ansah.

Sehen Sie, sagte er, man tut doch immer zu wenig. Oder man ist immer
nach einer Seite hin geblendet, und aus den wunderlichsten Ursachen.
Jahrelang, jahrzehntelang lag diese Sache nun vor mir, ward sie geplant,
beleuchtet -- und -- den Gedanken an diese Heirat habe ich ebensowenig
mit kalkuliert, wie ich einen starken Einflu des Hofkammerrats, an
dieser Stelle, ahnte. Es ist bei Gott, als ob er sich versteckt htte.
Denn nun hat der Gedanke: Georg und Sigune, die verteufeltste
hnlichkeit mit dem Kolumbusei: solange ungedacht -- ists eben nichts --
und sobald gedacht das einzig Naheliegende und Natrliche ...

Nun wars wieder still, lange Minuten, bis auf das Rauschen der Fahrt.

Ich habe das eben so obenhin gesagt, fing der Herzog wieder an, das
mit dem Altsein, aber ich meinte es nicht. Nein, ich bin nicht alt. Er
beugte sich mit einem Ruck vor, fate seinen Stock und schlug damit auf
seine Stiefelspitzen unter der Decke. Absichtlich habe ich diese
Kraftanstrengung gemacht mit dem Gehenlernen. Ich -- ich glaube, es war
die Ungeduld von zwei Jahrzehnten, die auf einmal losbrach, und da habe
ich denn nachzuholen versucht, was meine Frau in denselben zwanzig
Jahren in ihrem Kfig hat abwandern mssen. Nun denke ich mir alles sehr
schn. Mein Sohn und ich waren immer gute Kameraden, Birnbaum ist auch
da und liebt Georg wie der ihn, es knnte ein Triumvirat, es knnte
sehr, sehr gut werden.

Er schien Renate noch erregter, als sie nach seinen Worten allein
erkennen konnte. Sie sagte, es sei sicher viel Gutes in Georg, er
beobachte vielleicht ein wenig zuviel sich selbst, aber -- Nun ja,
murmelte der Herzog, in diesen Jahren, da ist sich ja jeder ein
Labyrinth und sieht an jeder Straenecke den Minotaurus das Bein
hochheben. Ja, entschuldigen Sie nur, ich denke immer noch, ich rede mit
Birnbaum wie in all den Jahren. Nun, sehen Sie, so ist Georg. Ich sagte
Ihnen, glaub ich, schon einmal, da ich ihm unbegrenzten Kredit gab. Sie
wissen, was das ist. Renate schttelte den Kopf. Nun, das schadet
nichts, es heit jedenfalls so viel, da er Geld verbrauchen konnte,
soviel er wollte. Es war ein Risiko von mir, eine Probe, bankerott
machen konnte er mich ja nicht, und so dachte ich: versuchs lieber auf
die Weise, als da er dich hintergeht, Schulden macht und den Namen
versaut. Schulden kann ich auf den Tod nicht leiden. Was tut Georg?
Braucht -- im Verhltnis -- berhaupt nichts. Nun wrde das an sich
nichts heien, wenn er ein -- also von Natur ein Asket wre, ein
Einsiedler, ein zarter, scheuer Mensch, dem das Bunte der Welt nichts
bedeutet. Er aber ging ganz frisch in die Welt hinein, machte
Dummheiten, ruinierte ums Haar seine Gesundheit. Aber -- --! Was htte
er nicht -- --? er htte einen Rennstall halten knnen, drei Rennstlle,
unermelich pokern, Mtressen, Automobile, Palste, Jachten, was wei
ich, halten knnen. Nichts davon. Was er am Grunde seines Lebens sucht,
ist ihm wahrscheinlich so geheim wie mir selber, und wenn er heute
Groherzog sein will, so will er vielleicht morgen Dichter sein -- nun,
es giebt schlimmere Schwankungen. Einmal, das will ich gestehn, war ich
mitrauisch. Ich hatte ihm eines Tages eine -- ja, eine schwierige
Erffnung zu machen; er hatte sich zu entschlieen. Ich schickte ihn ins
Freie, sa und wartete auf ihn. Es ward dunkel; da kam er. Ich dachte:
Er braucht sich nicht entschlossen haben, es eilt nicht, aber, dacht
ich: Was wird sein erstes Wort sein? Man hat seine aberglubischen
Momente, und ich lag selber im Graben. Soll ich Licht machen? fragte er.
Ich wei nicht, das schien mir nicht sehr vielversprechend. Er htte
Licht machen sollen -- nun -- aber -- ich bin wieder davon abgekommen.
-- Und nun mcht ich rauchen, bat er, seine Zigarrentasche schon in der
Hand. Renate nickte, freute sich, die groe Zigarre von Helenenruh
wieder zu erkennen, und atmete nicht unbehaglich den zarten Geruch der
ersten Wolke. Man mu ihn reden lassen, dachte sie weich.

Der Herzog sa weit vorgebeugt, wischte zuweilen mit der Hand an der
Scheibe und sah hinaus, whrend er sprach. Jetzt blickte er wieder eine
lange Zeit schweigsam hinaus, setzte sich dann zurck, drckte den
Rcken fest, sah Renate krftig forschend an, dann wurden seine Zge
weicher, er sagte:

Gute Freundin! Ich habe nie Gelegenheit gehabt im Leben, unaufrichtig
gegen einen Menschen zu sein, diesen und jenen Halsabschneider
ausgenommen, gegen einen nahen Menschen also, deshalb mchte ich es auch
gegen Sie nicht sein. Da ich Sie also einmal mit dieser Angelegenheit
behelligt habe -- und es tut mir aufrichtig wohl, da ichs durfte --, so
sollen Sie auch den Rest wissen. Georg ist nicht mein Sohn. Er ist --
aber das ist gleich, das wrde viel zu weit fhren, und es gengt ja,
wenn Sie die Tatsache wissen. Nun -- was sagen Sie dazu?

Renate wollte heftig erschrocken abwehren: Nein, nein, lassen Sie mich
nichts dazu sagen! besann sich aber rechtzeitig mit der Erinnerung an
sein Vertrauen, schlug die Augen gegen ihn auf und sah ihn dasitzen, das
Kinn auf die Brust gedrckt, die Oberlippe zwischen den Zhnen, unter
der geneigten Stirn aufblickend, nun doch zweiflerisch vor ihrer
Antwort. Sie machte ihren Blick herzlich, murmelte fr sich: Einen
Menschen sollst du messen ... und sagte leise:

Von meinem Freund schrieb ich Ihnen hier und da, Saint-Georges, den ich
immer zu fragen pflege, wenn ich etwas nicht wei. Der schenkte mir
einmal den Spruch: Einen Menschen sollst du messen -- Wenn du in seiner
Haut gesessen. -- Und, fuhr sie, die Hnde faltend und mit wrmerem
Lcheln in seine Augen blickend, fort: Wenn Sie geglaubt haben, da
trotz dieser Tatsache er als Ihr Sohn gelten solle, dann habe ich kein
Recht, anders zu urteilen.

Danke schn, sagte er und nickte. Ich mu noch hinzufgen, erklrte
er dann, da erst vor zwei Jahren auch mir dies mitgeteilt wurde, ja,
brigens spielte der Vater unsrer Magda dabei eine verfluchte Rolle, na,
der ist nun auch tot. Und dies war die Erffnung, von der ich eben
sprach, die ich ihm zu machen hatte. Mein Sohn und ich -- wir haben also
alles beim alten gelassen. Sie haben nicht in meiner Haut gesessen,
nein, und ich nicht in der seinen, denn schlielich ist er hier ja
derjenige, auf den es allein ankommt, aber -- ich glaube doch: wir haben
alle drei recht.

Renate sann hin und her, aber das Ganze war ihr allzu fremd, als da sie
sich in solcher Schnelle, wenn berhaupt je, htte hineinfinden knnen
...

Und nun, hrte sie den Herzog sagen, knnen Sie sich immerhin denken,
wie dies Geschehnis auf mich wirken mute. Nicht wahr: Ich hatte ihn
verloren, als Sohn, -- Sohn meiner Helene; ich behielt ihn aber, ich
hatte also -- gesetzt, dies sei mglich -- noch einmal so vterlich um
ihn zu sorgen, als ob er mein echter Sohn sei. Ob mglich oder nicht:
dies war mein Gefhl, dies hatte es zu sein.

Und nun diese Heirat, fuhr der Herzog nach einer Pause fort, wie? was
ist? unterbrach er sich. Renate, die bemerkt hatte, da der Wagen, wie
bereits mehrere Male, ganz langsam fuhr, reinigte die beschlagene
Fensterscheibe mit dem Handschuh und blickte hinaus. Schwarze Nacht
wars; der Wagen stand still. Sie lie das Fenster ein Stck weit nieder,
eiskalt drang die Luft ein. Sich hinausneigend sah sie vorn den
mchtigen Schattenri des wulstigen Rades, drohend berwlbt vom
Schutzblech, die metallene Halbkugel der Wagenlampe dicht darber, aus
der ein Strahlenkegel weit in die Nacht fiel, schwarz den sargartigen
Khler und blinkende Tropfen an der Glasscheibe vor dem Fahrer. Kalkwei
stand ein gestrubter Chausseebaum im Licht. Gleich darauf tauchte ein
zottiger Hund neben einer Weibsgestalt auf, ein Handwagen dahinter; sie
hrte den Chauffeur etwas fragen, der Handwagen zog weiter, ein groer
Kerl, hinterdrein stolpernd, wandte sich halb im Gehen, schwang die Arme
und rief etwas in unverstndlichem Plattdeutsch; der Wagen ruckte an,
der Motor rauschte, sie rollten.

Noch zehn Minuten hchstens, sagte der Herzog, aber nun mssen Sie
das Ganze hren. Sie haben sich wahrscheinlich bereits gefragt, wie
Georg zu der ganzen Sache steht. Ich wills Ihnen sagen. Es fngt mit
meinem Urgrovater an. Der war sehr sonderbar; Astrolog; nicht Astronom,
sondern Astrolog. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde Trassenberg
mediatisiert, aber mein Urgrovater schlo mit Beuglenburg einen
Geheimvertrag, nach dem Trassenberg zwar an Beuglenburg kam, jedoch nur
auf hundert Jahre, kndbar. Warum dies, ist unbekannt. Er hatte die
merkwrdigsten mystischen Neigungen! In seinem Nachla fand sich unter
vielen andern Seltsamkeiten, Horoskopen, Prophezeiungen eine
Vorhersagung: Im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts wrden beide
Huser, Trassenberg und Beuglenburg, oder Zinna, auf zwei Augen stehn;
von diesen Augen wrde es abhngen, ob die Stimmen beider Gewalt im Rate
der deutschen Vlker erlangen oder fr immer verstummen wrden, -- die
Weissagung besteht aus lateinischen Distichen, astrologische Wendungen,
die Gestirne, Venus, Jupiter spielen eine unverstndliche Rolle darin.
Weissagung und Vertrag haben beide sich in unserm Geschlecht
vererbt, und zwar wars blich, da diese Erbschaft am Tage der
Mndigkeitserklrung vom Erstgeborenen angetreten wurde. Nun konnte es
sich nur noch um Georg handeln, aber jetzt lag die Sache folgendermaen
...

Der Zinnasche Erbprinz, Bruder eines Totgeborenen und einer
schwchlichen Schwester, selber nur mit Mhe und aller Kunst von Geburt
an am Leben gehalten, war fr mich allezeit -- nicht dasjenige
Augenpaar, auf dem die Schicksale der beiden Lnder ruhen sollten -- das
heit: ich fge meine Ausdrucksweise nach der Prophezeiung, die fr mich
keinen bedenklichen Wert hat noch hatte. Nun: im Sommer werden es drei
Jahre sein, Georg zog zur Universitt, trat ins Leben, ich hielt es fr
an der Zeit, ihn wissen zu lassen, was ihn in Zukunft erwartete, um so
mehr -- bei seinem Hange zur Dichterei und dergleichen schnen, aber
wenig weltlichen Dingen. Nun griff eins ins andre. Nmlich: ihn
spekulieren zu machen auf den Tod eines noch Lebenden, das widerstrebte
mir. Ich hatte aber den Vertrag, der heutzutage -- das verga ich zu
erwhnen -- ich will zwar nicht sagen: keine, aber doch keine
nennenswerte Gltigkeit -- an sich -- hat, wenn der Andre nicht will.
Wollt ich ihn durchsetzen, so handelte es sich schlielich nur um die
Geneigtheit des Bundesrats, und da von den drei Stimmen, die Beuglenburg
und Trassenberg gemeinsam drin haben, zwei schon immer in meiner Hand
waren, so -- nun, Sie verstehn. Also war zu kalkulieren: ist der
Erbprinz einmal tot, soll dann weiter geerbt werden im Mannesstamm, so
kommt zuerst Georg in Frage, und der Vertrag liegt da als Fundament, als
Sttze, wie man will. Also ... wo blieb ich stehn? -- So -- ich benutzte
also Georgs politische Unkenntnisse (sie hielten lnger vor, als ich
damals ahnte) und sprach ihm damals schon, drei Jahre frher als blich,
von dem Vertrage und seinen Mglichkeiten in bezug auf ihn. Er war
daher, bis vor zehn Tagen etwa, war er in dem Glauben, in der
Zuversicht: Herzog von Trassenberg werden zu knnen. Nun vor allem: das
Ganze wre ums Haar schon vor zwei Jahren zum Klappen gekommen, da der
arme Junge Adolf Emil sich bereits zum Sterben anschickte, aber wieder
-- ich argwhne sehr -- gegen seinen Willen daran verhindert wurde, fr
mich ein Beweis, wie richtig ich gegen Georg verfahren war. Hopla!
sagte der Herzog, denn der Wagen war aufs Pflaster gerollt und
schttelte erbrmlich. Durch das trbe Glas der Wagenfenster fiel gelbes
Licht herein zu dem rtlichen Inneren, Laternen, Schaufenster,
Menschenschatten, ein Wagen zogen vorber. Gleich darauf stand der Wagen
still.

Ja, nun mu ich doch abbrechen, bedauerte der Herzog, oder bringen
Sie mich noch bis oben, eine kleine Viertelstunde, sagte er verlockend.

Renate nickte, der Herzog ergriff das Sprachrohr und befahl dem
Chauffeur sich nach dem Schlo hinauf weiter zu fragen. Bald darauf
rollte der Wagen weiter, durch Straen, Pflaster und Asphalt, hin und
her, whrenddem sie schwiegen, Renate gespannt, als lse sie Balzac.
Kaum rollte der Wagen wieder sanfter dahin, begann auch der Herzog:

Also weiter. Zu Neujahr gab ich Georg den Vertrag; zwei Tage vorher
nmlich schreibt mein Agent, aus Zinna: der Erbprinz liegt im Sterben,
diesmal ists sicher! (War aber wieder gelogen, er hat noch zehn Wochen
gelebt, es war ein Jammer!) Georg geht hin und klagt den Vertrag ein,
und -- nun kam die Enttuschung fr uns Beide: bekam eine schlichte, ja
schnde Abweisung. Nun, was weiter --

Er schreibt mir, er steht vor einem Rtsel ... Ich tu's selber, ich
schreibe nach Zinna, es giebt ein unverstndliches Hin und Her, endlich
kommts denn zu Tage: Georg heiratet Sigune.

Ich fahre selber nach Beuglenburg. Der Groherzog, wie ich immer wute,
ist eine Null, vor der dieser oder jener seiner Umgebung, am hufigsten
sein Hofkammerrat, ein halber oder ganzer Jesuit, zusammenleg- und
entfaltbar, jede beliebige Ziffer von zehn bis neunzig formiert. Mit ihm
selber ist nichts anzufangen, seine Umgebung schwrt: er reagiert nur
auf Fremde nicht, beinah htten sie gesagt: in ihren Hnden sei er
Wachs, denn das ist er. Ihrer Aussage nach also besteht er auf seinem
Willen, das Erlschen seines Namens um jeden Preis zu verhindern. Na,
nun giebt es ja allerlei Mglichkeiten. Der alte Beuglenburger Lipsch
kann ppstlichen Konsens erhalten, um wieder zu heiraten. Immerhin --
dies ist des Hofkammerrats Vorzugswort -- immerhin scheint er -- der
Hofkammerrat -- fr seine Sigune -- er hat sie erzogen, und da sie aufs
uerste an ihm hngt, mu er wohl auch seine guten Seiten haben; wem
fehlen die schlielich nicht? -- er scheint also dem jngeren Georg doch
den Vorzug vor dem alten Lipsch zu geben, sagt sich vielleicht auch, da
aus Alter und Krankheit kein brauchbarer Nachwuchs zu hoffen ist und das
Erlschen Zinnas blo aufgeschoben, nicht -gehoben. Schlielich sind
auch Erbschaftsgesetze nichts Unabnderliches, das heit: die Sigune
kann irgendeinen andern von fnfzig gut katholischen Prinzen heiraten,
dessen Sohn erbschaftsberechtigt wird. Wir mssen gleich da sein, der
Wagen steigt schon mchtig, merken Sie die Serpentinen? Sehen Sie, da
liegt das alte Nest!

Hinausblickend sah Renate das rtliche, qualmende Lichtertal der Stadt
unter sich, ein altes Stadttor, den schwarzen, rtlichen Flu, dahinter
Nacht und den braunen Himmel.

Ich bin ja auch nun am Ende, sagte der Herzog. Georg hat man
inzwischen Mitteilung von seiner Heirat gemacht, hinter meinem Rcken,
die Schurken! Bei alledem ist das Unglck, da der Groherzog darauf
besteht, noch morgen, am liebsten schon heute abzudanken, also seine
Tochter so stracks wie mglich zu verheiraten, wobei ich ahnungslos bin,
wiederum, ob das sein Wille oder der seines Hofkammerrats ist. Georg
schreibt mir einen verzweifelten Brief nach dem andern: Was denn das
heie, er begriffe nicht -- er hte sich natrlich vor jeder Kritik --
aber er begriffe nicht, was ich mir je gedacht htte, er knnte doch das
kranke Mdchen nicht heiraten und so weiter.

Und was schrieben Sie? fragte Renate, da er schwieg. Er sah sie mit
ein wenig verqueren Augen an und zuckte die Achseln. Er htte
geschrieben, Georg drfe schon vertrauen, da alles mit rechten Dingen
zugegangen sei, es sei jetzt keine Zeit zu Erklrungen, die er jeden
Augenblick spter erhalten knne, er selber stehe ihm sofort zur
Aussprache, zur Beratung zur Verfgung, vielleicht jedoch ziehe er es
vor, allein seinen Weg zu finden. Glauben Sie nicht, da er alt genug
ist, um zu wissen, wie er zu handeln hat? Ich selber, schrieb ich ihm
noch, wrde eigenhndig einen Versuch machen ... Und dabei bin ich ja
nun. Ich will --

Er unterbrach sich; der Wagen rollte ber eine Brcke, durch ein Tor,
machte eine Schwenkung und stand still.

Zinna, murmelte der Herzog verdutzt, aber nun will ich ausreden.

Renate sah durch die klaren Fingerstreifen im Belag des Fensters neben
dem Herzog ein erleuchtetes Tor ber Stufen, Schatten und bunte Stcke
von Hin- und Hereilenden.

Ich will, sagte der Herzog, doch meine Meinung ndern; ich bin der
nchste Erbe und --

Indem wurde der Wagenschlag aufgerissen. Wollt ihr zulassen! schrie
der Herzog, zog die Tr am Riemen zurck, klappte und riegelte sie zu.
Hundsftter! murmelte er und setzte seinen Hut auf, einen groen alten
Schlapphut, aber er sprach nicht weiter. Nach einer Weile sagte er
leise:

Helene -- ja, nun fehlt uns Helene. Wenn ich die Regierung bernehme,
so ist die Heirat damit ja immer nur aufgeschoben; der Hofkammerrat
wei, da ich nur Fisematenten mache und in einem halben oder ganzen
Jahr zu Georgs Gunsten verzichte. Also mu ich Sigune ... sie hat die
harte Stirn der Zinnas; wenn ich sie herumkriege, so bleibt sie mir
sicher, aber wie ich das mache ...? Er seufzte.

Lieber Freund, sagte Renate, und wie wre es denn nun eigentlich,
wenn Sie alle Beide verzichteten?

Wer?

Sie und Georg.

Nicht um die Welt, sagte der Herzog. Die Jesuiten kommen ins Land.

Knnen Sie sich nicht wehren?

Erstens gegen Jesuiten! murrte er unwirsch, und auerdem habe ich
Besseres zu tun. In einem Kriege kann Wunderbares an Kraft und Taten
geleistet werden, aber ich wre ja ein Hundsfott, wenn ich nicht den
Krieg vermiede, um eben dies Wunderbare fr meinen Frieden zu
gebrauchen.

Renate, hartnckig zu ihrem eignen Erstaunen, bohrte tiefer: Sie denken
an Ihr Land und vergessen Ihren Sohn. Wie sehr vterlich glauben Sie,
da dies gedacht ist?

Der Herzog blickte sie grade und schwer an. Mir, sagte Renate beinah
spttisch, -- mir scheint es nun doch, als ob die beiden Augen Ihrer
Weissagung -- mich jetzt ansehn.

Er machte eine abwehrende Handbewegung und schlug die Decke von den
Fen zurck. Sie stren mich ja, mein Kind, anstatt mir zu helfen.

Renate sah auf die Uhr im Armband: Nachdem ich Ihnen anderthalb Stunden
zugehrt habe, ohne das geringste Widerwort.

Der Herzog lachte und murmelte, um so gefhrlicher sei sie, habe nun
alles angesammelt, destilliert und spritze das feinste Gift. brigens
knne sie ja nicht wissen, was fr ihn auf dem Spiel stehe. Er tastete
mit der Rechten nach dem Trgriff, drehte ihn, drehte ihn zurck und
sagte kurz lachend: Nun denken Sie, ich will ausreien.

Es ist wirklich Zeit, warnte sie lchelnd.

Gut, sagte er und bot ihr die Hand, ich werde die Nacht zum berlegen
verwenden. Er kte ihre Hand. Haben Sie Dank, vielen Dank! Ich bin
morgen wieder in Trassenberg. Wenn Ihnen etwas Gutes einfllt,
unterlassen Sie nicht, mirs zu schreiben. Gute Heimfahrt! Auf
Wiedersehn! Leben Sie wohl! Adieu!

Er hatte sich nach auen gezwngt, stand, von rckwrts beleuchtet und
nahm den Hut ab; stmmig und wacker stand er da, Haar und Oberkopf
schimmerten im Licht, die Zge waren von Renate nicht zu erkennen, da
sie gegen das Licht sah, auch wurde die Tr nun geschlossen, der Motor
brauste auf, der Wagen drehte langsam, rollte ber den Hof, durch die
Einfahrt und ber die Brcke in die Nacht zurck.

Renate setzte sich tiefer in den Polstern, lehnte sich an, hllte die
Decke fester um sich und zog sie gegen die Brust; sie nahm die groe
Muffe, die sie neben sich gelegt hatte, wieder und senkte die Arme bis
an die Ellenbogen hinein; es schien ihr klter im Wagen geworden. Sie
lchelte. Da hatte sie ihn nun ratlos gemacht, das tat ihm gut. Wieder
lchelnd, empfand sie, da dies Lcheln schon lange in ihrem Gesicht
feststand. Sie glaubte, den Abdruck zu spren, dieser Mensch mute es
mitgebracht und festgeschraubt haben, sie konnte es nicht loswerden, da
war es schon wieder, sie fuhr mit der Hand ber Augen, Nase und Mund,
aber es kam unverwischbar drunter wie neu hervor, oder lchelte sie
diesmal nur, weil sie es hatte fortwischen wollen? Da habe ich die ganze
Zeit ber gelchelt, dachte sie nun unwillig, und es ging um die
ernstesten Dinge. -- Wie, schon wieder die Stadt? Vom Schtteln der
Fahrt in ihren Gedanken unterbrochen, sah sie durchs Fenster in die
erleuchteten oder dmmrigen und finsteren Straen voller Menschen und
elektrischer Bahnen, solange bis die Chaussee wieder erreicht war.
Unterweil war sie nachdenklich geworden, beugte sich vor, sttzte das
Kinn auf die Fingerknchel und blickte durch die graue Scheibe in die
Finsternis.

Das war ja ein Wassersturz von klirrenden, schillernden und fremden
Dingen gewesen. Sie versuchte, sich zu besinnen. Immer sah sie ein
kaltes, bleiches, augenloses Gesicht unter einem Jesuitenhut, wie
unsinnig! Sigune -- Schionatulanders Geliebte, ein schner, trauriger
Name. Krnklich war sie, blond, mit einer harten Stirn, und dieser
Jesuit war ihr Lehrer und einziger Freund. Der kranke Bruder -- und
dieser Vater ... Pltzlich erschien der Herzog wie ein Riese dazwischen
und fegte alles ber Seite. Renate lchelte wieder, verfinsterte aber
dann ihr Gesicht und sagte: Bogner -- so htte er einmal kommen sollen!
Aber damals -- wie wrde ich mich vielleicht gewehrt haben! Heut mittag
noch war mein Dasein ein blauer Teich mit kmmerlichen Wasserrosen; da
warf sich dieser unbekmmerte Schratt hinein, blo um drin zu
pltschern.

Im kalten Wagen empfand sie sich auf einmal hei. Diesen Gedanken, sagte
sie, an der Lippe nagend, htte ich noch vor Jahren den Zutritt nicht
erlaubt. Blo um zu pltschern? Aber es giebt mehr Teiche. Aber er
fackelt nicht und greift zu, wenn es ihm pat, erwiderte jemand aus der
Wagenecke. Sie sah flchtig dorthin, wo der Herzog gesessen hatte. Auf
einmal kann er wieder gehn, es ist wie im Mrchen, freilich, es war bald
ein Jahr her, da die Herzogin starb und er ... Wieder kam die tote
Herzogin zur Tre herein, lebend, bewegte sich leicht zum Tisch,
lchelte und neigte den Kopf, indem sie sich setzte. Seltsam, welch
belanglose Erscheinungen am sichersten in uns haften bleiben! Ihr
Gesicht, so entstellt, als ihr die Augen brachen, war nicht mehr zu
sehn. Hatte er sie schon ganz vergessen? Sie hrte ihn seufzen: Helene
-- ja, nun fehlt sie uns! Uns ... Freilich: er mute seines Weges
weiter.

Fnfundzwanzig Jahr ist er lter als ich, dachte Renate und herrschte
sich an: Genug jetzt! ein fr allemal!

Und nun das -- mit Georg! -- Man kann es nicht einmal nennen, wie soll
ichs begreifen? Georg? Wer war denn Georg? -- Georg sa mit Esther oben
in Josefs Fenster, oder mit Esther im Garten bei der Sonnenuhr. Wenn er
kein Prinz ist, so sieht er doch einem solchen zum Verwechseln hnlich.
Nun wundert michs doch, da -- eigentlich er mich auch nie beachtet hat.
Aber das war wohl Scheu wegen Magdas. Zwischen ihm und Esther -- was war
da gewesen? -- Sie hrte Sigurds Stimme, wtend im Schmerz, aber sie
fand die Worte nicht mehr.

Bogner und der Herzog, welch ein Gegensatz! Wars wirklich einer? Schien
ihr die Kalt-- ja, die Kaltherzigkeit des Herzogs nicht nur deshalb so
viel heftiger als Bogners stillere Krftigkeit, weil eben Bogner keine
Kraftuerung kannte als gegen sich selbst und in seinem Werk? Der
Herzog war das Hantieren mit Menschen gewohnt, das war sein Leben und
sein Werk.

Renate schlo die Augen und schauerte seltsam angenehm zusammen. Indem
fielen zwei starke peitschenartige Knalle schnell hintereinander, sie
fuhr empor, horchte erschreckt, gleich darauf rollte der Wagen
langsamer, auch anders, wie ihr schien, und stand still. Ach, ein Reifen
war geplatzt oder gar zwei! Nun kam schon der Schatten Reinholds von
vorn am Fenster vorber, sie ffnete es, frstelte im Luftzug und sah,
da die Strae wei war; es hatte geschneit. Reinhold kam zurck: die
beiden Hinterreifen wren geplatzt. -- Renate ffnete die Tr und stieg
aus. Reinhold bemerkte in seiner Berliner Mundart: Das ha 'k mir jleich
jedacht, wo der Wagen so lange in der Garage gestanden hat. Er ging in
seinem groen Pelz unwirsch um den Wagen, stellte den gehorsam
stampfenden Motor ab, klappte einen Kasten auf, nahm Werkzeuge heraus,
ffnete einen andern Kasten unterm Sitz und whlte darin. Die beiden
grellen Lichtkegel aus den Laternen fielen weithin ber die weie
Chaussee und breiteten sich ber die nchtigen Felder aus; grellwei
angeschienen standen die Chausseebume wie gestrubte Zuschauer da,
andre weiterhin, schattenhafter. Wei wehte Renate der Atem vom Munde,
sie trat in den dnnen Schuhen langsam hin und her, fhlte die
hartgefrorenen Rillen des Schlammbodens unter der Schneedecke, fror und
wollte wieder in ihren Wagen kriechen. Wie lange dauert es denn?
fragte sie.

Der Chauffeur, die Riemen an einem der festgeschnallten Rder mit
aufmontierten Reifen lockernd, murrte kaum verstndlich und mit der
Abgeneigtheit seines Menschenschlags gegen Zeitangaben, es knnte auch
'ne Stunde dauern, -- bei die Klte! --

Armer Reinhold! sagte Renate und war unglcklich, so lange im Wagen
still sitzen zu mssen. Wo sie denn eigentlich wren, fragte sie. Da wo
die Herzbruchsche Villa stnde, da mten sie dicht bei sein. Renate
zuckte. Sie ging zum Chausseerand und suchte in der Nacht. Richtig,
links ber den Feldern war ein roter Punkt in der Nacht. -- Wenn man
wte, wie weit es ist ... sagte sie zgernd. Nun stellte Reinhold sich
neben sie und meinte, nach dem Licht sphend, es knnte keine zehn
Minuten sein. -- Und der Weg? -- Die Chaussee hinunter, dann mte
gleich nach ein paar Minuten eine kleinere Chaussee links abbiegen, an
der lge das Haus; die groe Chaussee mache einen Bogen weit rechts und
treffe nachher die schmale wieder. Ob Renate sich nicht erinnere, damals
bei der Hinfahrt zum Herzbruchschen Hause, da sie auf eine kleine
Chaussee rechts abgebogen seien da, wo wir doch den Herrn Almanach
getroffen haben. Renate zgerte kaum noch.

Irene erwartete sie ja lngst. Wie lange hatten sie sich nicht gesehn?
Lieber Gott, war das schon seit -- Mai -- oder Juni? Ja, im Mai war ich
einmal drauen, und noch zweimal im Juni. Dann ging ich nach Helenenruh,
und eh ich wieder hier war, kam >die groe Verjngung< ber sie, Masern
und Scharlach hintereinander, -- wie ein Kind so dnn und wei wie eine
Kellerpflanze sollte sie ja wieder zum Vorschein gekommen sein, --
Renate seufzte noch einmal, sagte Reinhold etwas Ermutigendes, bat ihn,
wenn er fertig wre, zur Herzbruchschen Villa zu fahren, und machte sich
auf den Weg, nun schon ganz in freudiger Neugier, wie Irene aus Italien
zurckgekehrt sein mochte ... Auch die Fahrt mit dem Herzog war in ihrer
Erinnerung jetzt eitel Freude, die ihren Gang beschwingte. -- Auf die
Uhr blickend, fand sie, da es eben halb acht Uhr gewesen war, und sie
ging am Rande der Chaussee unter den Bumen fort, dankbar fr die
Wohltat der Stille in der Frostnacht nach dem langen Getose des Motors
und dem Hinschnarren der Gummirder ber den harten Boden.

Stehen bleibend dort, wo die Lichtkegel der Laternen zerstubten,
vergrub sie die Unterarme tief in die Muffe, behaglich, denn sie fror
nicht, nur an der Kopfhaut merkte sie, da sie keinen Hut trug, ein wenig
Klte. Die Chausseebume, bleiche Stauden, wurden im Finstern kenntlich
und neben ihnen in der Grabenbschung die weien Steine. Eilfig lief
sie den Weg hinunter, aber die kleine Chaussee lie auf sich warten,
dafr machte aber die groe einen immer strkeren Bogen nach rechts.
Sieh, aber da waren ja Sterne in der Nacht, unendlich fern, winzige,
weiliche Punkte, und kaum da sie diese gesehn, zogen mehr, rechts oben
von den ersten, ihr Auge an, das an neuen Sternen nun die unsichtbare
Wlbung emporglitt und den groen Wagen erkannte; undeutlich, matt
blinzelnd, war jeder Stern nur sichtbar, wenn sie ihn einzeln ins Auge
fate, aber er war es doch! Sie sah sich um im Gehn und gewahrte fern
die Laternenkegel, strahlend mitten im Felde der Nacht, dahinter den
ungetmen Schattenri des schwarzen Wagens, ganz ein glotzendes Tier.
Sie ging weiter und hatte sich bald so ans Gehen und unbestimmte vor
sich hin Sinnen gewhnt, da sie pltzlich die Nebenchaussee merkte, die
sie halb berlaufen hatte. Abbiegend und aufsehend, sah sie auch schon
deutlich zur Linken ein erleuchtetes Fensterviereck, wenn auch klein,
aber da kam pltzlich der Schatten eines Menschen von rechts aus der
Nacht auf die Landstrae zu, und leicht erschreckt eilte sie weiter,
whrend der Mann nher kam; wenige Schritte hinter ihr mute er die
Strae betreten haben, dann hrte sie ihn ihr nachgehn, ging eiliger,
ihr Herz klopfte heftig, die Schritte hrten nicht auf, jetzt kamen sie
vielmehr nher, sie blieb Atem holend stehen, der Fremde auch.

Sie sah ihn an; seine Zge waren nicht zu unterscheiden, er hatte eine
dunkle, englische Mtze auf dem Kopf und trug einen dunklen Havelock.
Schon wandte sie sich entsetzt, um zu fliehn, als der Fremde -- nun
erkannte sie auch den glimmenden Blick seiner Augen -- die Mtze abnahm
und mit anstndiger, leiser Stimme sagte, er bte um Entschuldigung, er
habe sie verwechselt. Sie atmete ein wenig auf und sagte rasch und
munter, es befnde sich wohl selten um diese Zeit eine Dame in dieser
Gegend, noch dazu ohne Hut. Sein Gesicht vernderte sich nicht, whrend
er erwiderte: sie mchte nochmals entschuldigen, zumal er wohl richtig
vermute, da sie zu dem Landhaus -- dort -- wolle. Sie bejahte, bereits
im Weitergehn, er ging schweigend mit, ein wenig voraus. Das Fenster
ward langsam grer, sie erkannte die Umrisse des Hauses, des Daches und
des Hgels. Der Fremde machte eine Bewegung zurck und fragte leise: Zu
wem gehn Sie denn? zu Herzbruchs oder --?

Zu Herzbruchs.

So, sagte er und war wieder voraus. Drei Schritte weiter wandte er
sich abermal und fragte, wieder ganz leise: Aber -- Sie kennen --
vermutlich auch die -- andre Dame?

Verwundert sagte sie: Frau Vehm, meinen Sie, ja, ich kenne sie.

Und die Kinder, -- nicht wahr? die Kinder kennen Sie auch.

Die Kinder --, -- nun erst fiel Renate ein, da jetzt Doras Kinder beide
an den Masern krank lagen. Sie haben die Masern, murmelte sie vor sich
hin; ihre Schritte wurden langsamer, denn sie frchtete sich nun vor der
Krankheit; bei ihrem Alter war sie gefhrlich. Der Fremde war
zurckgeblieben, holte jetzt aber wieder auf und ging eilfertig weiter.
Nun sah sie auch an der Rckseite des Hauses einen Lichtschein; dort lag
die Diele, daneben war der Eingang ins Haus. Sehr unentschlossen hin und
her berlegend, ging sie doch weiter, sah die Gartenbume, jetzt wurde
das dnne Geflecht des Drahtzauns neben der Chaussee sichtbar, und da
war die Tr; der Fremde stand dort. Pltzlich war ihr sehr unheimlich
und beklommen zu Sinne. Fu fr Fu ging sie bis zur Tr, immer noch
schwankend, ob sie nicht lieber umkehrte, aber sie fror nun auch, die
dnnen Sohlen der Hausschuh lieen allzusehr die Klte durch, hastig
entschlossen drckte sie die Klinke der Drahttr nieder und sagte:
Guten Abend!

Der Fremde, die Augen, wie es schien, gegen das helle Fenster gerichtet,
blieb stumm. Renate ging langsam durch den Garten hinauf, am Hause
vorber; erfreulich war das Licht in der kleinen Vorhalle, sie ging die
Stufen empor, stampfte den Schnee von den Fen und betrat die Diele.

Gleich vorn zur Linken, mit dem Rcken nach ihr hin, stand ein Herr, ein
Buch, in dem er las, in die Nhe der Stehlampe haltend, die auf Dora
Vehms Schreibtisch brannte. Erst jetzt drehte er sich schnell herum,
klappte das Buch zu und legte es hin; es sah wie ein Tagebuch aus, und
der Herr war jener Doktor gidi, den sie vor einem Jahr hier kennen
gelernt hatte. Sie gab ihm die Hand, fragte nach Irene, die Luft kam ihr
schon peinlich dumpf vor, nebenan wohnten die Kinder; so ging sie hastig
durch den Raum und traf im Flur mit Irene zusammen, die sie mit
leidenschaftlichem Entzcken begrte. Trotzdem schien Renate die
Wallung rascher vorberzugehen, als ihr verstndlich war. -- Noch im
Treppensteigen erklrte sie ihr Kommen, der Herzog schien auch Irene
einige Teilnahme zu entlocken, sie ging in ihrem Zimmer, whrend Renate
sich unter dem Fenster auf das Sofa setzte, hin und her, in ein groes,
schngesticktes weies Tuch mit langen Fransen gewickelt. Die Heizung
funktioniere wieder einmal nicht, klagte sie, Renate solle nur ihre
Pelzsachen smtlich am Leibe behalten. Das Mdchen kam herein und fuhr
fort den Tisch zu decken, sagte dann im Hinausgehn, Herr Almanach -- sie
betonte den Namen wie alle Dienstleute auf der ersten Silbe -- sei
gekommen.

Der Tisch wird berlaufen! rief Irene und erklrte, da sie Besuch
erwarteten, einen Freund ihres Mannes, sie laure schon den ganzen
Nachmittag auf ihn, nun wrde ihr Mann ihn wohl aus der Stadt
mitbringen.

Er wird doch nicht drauen am Zaun stehn? fragte Renate mit halbem
Lachen.

Hat denn wer am Zaun gestanden?

Renate fragte, gleichzeitig mit Irene, wie ihr Besuch denn aussehe. Du
kennst ihn ja selber, antwortete Irene, er heit Klemens, er war auf
meiner Hochzeit, seitdem kann er sich allerdings verndert haben.

Dann war ers glaub ich nicht, sagte Renate, dieser hatte keinen Bart
oder einen ganz blonden, soviel ich sah, und Klemens war doch --

Einen blonden? fragte Irene erschreckt und blieb stehn, dann war es
wohl ... Wie sah er denn aus, was hatte er an?

Einen Havelock und eine englische --

Albert! schrie Irene, mein Schwager wars! Er ist verschwunden vor
acht Tagen! Aber das ist ja --! Entschuldige, bitte, ich mu sofort zu
-- Am Zaun blieb er stehn, sagtest du? Ach, das ist ja -- damit war sie
fliegend hinaus.

Also das wars, dachte Renate. Und gidi ist unten im Zimmer. Albert Vehm
war doch erst vor kurzem aus Arosa zurckgekommen. Wie er nach den
Kindern fragte ... Ich will doch lieber gehn! dachte sie und stand auf.
berdem wurde die Tr geffnet und Herzbruch trat ein, trotz des Winters
in seinem hellen Anzug, breit und stmmig und frhlich, mit funkelnden
Brillenglsern. Wo denn Irene sei, fragte er gleich, und ob Klemens --
sie kenne ja wohl seinen Freund Klemens, nicht da sei. Renate verneinte
und erzhlte noch einmal ihre Begegnung mit seinem Schwager, whrend
jetzt Herzbruch im Zimmer auf und nieder ging, die Hnde auf dem Rcken,
zuweilen am Tisch stehen bleibend und drauf nieder blickend, als zhle
er die Gedecke; als das Mdchen wieder eintrat, fragte er, welche Herde
denn da zur Krippe gehn solle, und da das Mdchen Almanach stammelte,
legte er ihr vernichtend die Hand auf die Schulter und sagte, es heie
Manach, Manach, und sie knnte ruhig noch mal so laut reden. Das Mdchen
wurde glhend rot und entlief, -- zu Renate sagte er nur: Das sind
alles schwere Sachen, aber auf meine Schwester kann ich mich verlassen;
was sie tut, unterschreib ich.

Im Augenblick danach trat sie zur Tr herein, Irene hinter ihr, dann
gidi. Es ist ja genau wie damals, dachte Renate, nur alles viel
deutlicher und noch bnger. Dora Vehm freilich schien, wohl durch
strkeren Zwang als damals, gelassener, warnte mit ihrer hellen Stimme
Renate vor den Masern; Alle setzten sich wie von selber wie damals um
den Tisch; nur Georg fehlte; auch damals war Jason spter gekommen.
Irene war still, auch gidi. Dora berichtete Renate einiges von den
Kindern, es gehe schon besser, sie seien munter, Jason sei noch bei
ihnen. -- Renate tat eine Frage nach Klemens, und Herzbruch antwortete
unbedenklich, ja, der habe seine eignen Methoden, komme oder komme
nicht, vielleicht sei er erst bei seiner Schwester, er komme aus Irland.
-- Renate erinnerte sich der kleinen Virgo, die jetzt ein Kind erwarten
sollte ...

Nun sagte niemand mehr etwas, die Schsseln gingen umher, dann ffnete
sich die Tr, Herzbruch sah auf und sagte: Da ist der Kalender.

Jason kam herein, gab Allen leise kopfschttelnd die Hand, setzte sich
und fing an zu essen. Nach einer Weile blickte Herzbruch auf.

Also, Kalender, sagte er, knnen Sie nicht etwas anregend wirken?
Stellen Sie doch einmal einen Satz auf.

Jason erwiderte hflich: Gewi, gern. Indem ich den Anblick zweier
essender Ehepaare geniee, mu ich den Satz aufstellen ...

Zweie? Herzbruch lie den Mund still stehn und sah ihn mitrauisch von
der Seite durch die Brille an. Sie haben ja 'n Vogel!

Das sagen Sie so, erwiderte Jason, derweil Renate den Blick auf Dora
vermeiden mute, aber mein Satz beruht eben darauf. Ich gedachte
nmlich zu behaupten, da man zwischen hundert Ehepaaren beliebig viel
Vertauschungen vornehmen kann, und kein einziger der Betroffenen vermag
es zu bemerken.

gidi fragte: Sag mal, -- bist du immer so?

Nicht immer. Er sei verschieden, meinte Jason.

Frher sei er weniger nervs gewesen, bemerkte gidi.

Oh, er sei nicht nervs. gidi meine das Kopfschtteln. Das sei
pathologisch.

Irene erklrte, er habe damals den Schiffsuntergang mitgemacht, blieb
aber stecken und rief heftig trnenden Auges: Wir haben Alle Esther
schon vergessen! so da Renate erschrak.

Die Zeit vergeht, sagte Jason ruhig, die Zeit ist sehr gut. Es giebt
nicht annhernd so Gutes. Sie wird mir auch mein Kopfschtteln wieder
nehmen. Ja, das Schiff war sehr gro und ging doch unter. Andre wurden
wahnsinnig, ich habe das Kopfschtteln.

Die Stille sa unheimlich und sich blhend vor Klemens' leerem Teller.
Renate war weit fort, sah Esther in ihrem Garten, in Josefs Zimmer,
immer bla, gern lchelnd, arbeitsam, still. Sie hrte Jason durch
Schleier sprechen, dann Irene, die zu erzhlen schien, wie sie ihren
Mann bekommen hatte. Herzbruchs Stimme ertnte schwer und gewichtig
dazwischen, nun sah sie wieder den Herzog im Schlohof stehn, barhaupt,
mit einem Heiligenschein, und -- -- sieh, da war ihr Lcheln wieder da!
Renate stand auf, da die Andern aufstanden, Dora ging gleich darauf aus
dem Zimmer, das Mdchen deckte den Tisch ab, Renate fing an, auf und ab
zu wandern, nahm ihre Muffe vom Sofa und wrmte sich. Jason hatte sich
vor Irenes Vitrine gesetzt, ffnete sie, nahm dies und jenes hervor und
betrachtete es; Renate blieb hinter ihm stehn und sah zu, ohne etwas zu
sehn. Noch eben war Wageninneres, und der Herzog und hundert bewegte
Gestalten, auftretend und schwindend, -- dann nur Stille der
Winternacht, ihre Schritte, und im Dunkel, am Gartenzaun, der dunkle,
wartende, einsame Mensch ... Wie war doch alles wirr! Nun Dora Vehm, und
jemand ward erwartet, gidi kam und ging, Alle trugen etwas, und jeder
sagte: Nichts ... ich trage nichts ...

Renate schreckte auf, da sie sich auf dem Sofa fand; mitten im Zimmer
stand Irene, wieder in ihrem weien Tuch, und sagte: Aber Jason, was
machst du denn da?

Renate folgte ihrem Blick, sah links in ihrer Nhe das Ende des Flgels,
sah ihn schrg ins Zimmer ragen, aus der Ecke, wo unter der hohen Figur
des delphischen Wagenlenkers, die tief im Schatten stand, Jason sa, die
Lider gesenkt, die Arme hin und her bewegend, als ob er spiele, aber er
brachte keinen Ton her. Renate sah ihn schweigend an, nichts erfolgte,
Jason bewegte hin und wieder das Gesicht, als folge er seinen Hnden in
Ba und Diskant, dann hoben sich langsam seine Lider, Renate fand seine
Augen leise glnzend auf sich gerichtet, er sagte -- und im selben
Augenblick hrte Renate deutlich -- und doch gab es keinen Laut im
Zimmer als Jasons Stimme -- die Tne, die langsam sich hinzhlenden,
unendlich beruhigenden Sechszehntel des ersten Prludiums aus dem
Wohltemperierten Klavier, und Jasons Stimme sagte darber: Ich wei,
was du denkst.

Und nach einer Weile, whrend die Sextolen ruhig weiter perlten:

Das Leben ist nicht wie in Schriften und Bchern der groen und kleinen
Autoren. Es ist wie auf Triften dort klar und erkoren, wie Springen der
Lmmer, wie Singen von fern, wie des Hirten Schalmei, nicht im Dmmer
der Unzahl verloren. Es lst sich ein Schicksal wie Duft aus den Poren
der Blumen, du atmest und riechst es dabei, und da glht es und scheint
dir, und Lippe, die redet, und Lippe, die weint, ist dir alles vertraut
und benennbar und gar nicht unsglich, auch jenes, das dumpf und
ergraut, -- denn es waltet nur eines zur Zeit, und das Leid und das
Licht, und die Nacht des Geweines, der Tag voll Verzicht und die Treue
des Steines, sie wechseln und ruhn, sie verwechseln sich nicht, und hat
jedes sein Wort und Gesicht und besonderes Tun, und du siehst es sich
klren. -- -- Du aber gehst mit gebundenen Hnden und kannst dich nicht
wehren, du wanderst und stehst, und bist niemals allein, und hast keine
Erfahrung. Wie Farben im Staube der Wasser sich bilden, ohne Gewicht,
ohne Odem und irdische Nahrung, so siehst du die wilden, die niemals
erkannten, verwandten Geschicke sich wlben am Weg, und wanderst vorber
mit gnzlich verzaubertem Blicke, dir selber in Farben und Lichtern wie
seltsame Stdte mit vielen Gebuden und Angesichtern unkenntlich
erscheinend; und nichts ist bestimmt, und wo etwas beginnt erst, da
scheint dir ein Ende, und wo es verschwimmt, scheint dir alles
versteint, und lautere Rufe und bunteres Leuchten verschlingen dein
Eigentum, -- dunkel die Stufe, so dunkel das Zimmer und dunkel dein Auge
ins Dunkel hinein, und nur von deinem Blut der rote Schimmer, wenn die
Stunde kam, die eine, deine Stunde, -- und du bist allein.

Es tropfte hei auf Renates Hand. Sie bat Jason mit einem Blick, ihre
Augen loszulassen, und gleich senkte er die Lider ber die seinen.
Seltsam gro und schn, aber wie in weiter Ferne, schwebte der
mattleuchtende violette Umhang der Lampe ber dem Etisch; davor stand
Irene unter ihrem Tuch, Renate den Rcken wendend. Mein Gott, sie weinte
ja, -- was war denn zu weinen? Leise klappte der Klavierdeckel, Jason
stand auf, ging zu Irene, legte die rechte Hand auf ihre Schulter, und
hielt seine Hand gegen das Licht, so da Renate ihren Schattenri sah,
und sagte:

Siehst du wohl, da drinnen sitzt die ganze Musik, Bach, Berlioz und
alles. Manchmal, wenn ich so in der Dmmerung sitze, kann ich die
kleinen Notenfunken herausspritzen sehn, und wenn ich sie blo auf einer
Tischplatte die Griffe machen lasse, hre ich die herrlichste Musik.
Kein Mensch wei, wieviel zu hren wre, wenn es nur einmal ordentlich
still sein drfte. Aber ihr habt euch ja nun einmal das Lrmen
angewhnt. Wie ist es, Renate, fragte er, sich umwendend, ich kann
Reinhold wohl sagen, da er noch etwas warten soll? sprachs, nickte
winkend und ging hinaus.

Vor Renates Augen senkten sich Schleier um Schleier; immer ferner
schwebte das sanfte Licht, das nun Jasons Stimme seltsam verschwistert
war. Auch Irene war nicht mehr da, es war nichts mehr, die Zeit war
hinausgegangen, nur noch die Stille webte im Raum, fast konnte sie die
Fden sausen und Maschen fallen hren, und langsam schwebte der
schattiggrne delphische Lenker herab; starr, wie die Kannelren einer
Sule flossen die Falten seines Rockes zu Boden, er hielt die Zgel ganz
leicht, matt glnzte das Gold seiner Stirnbinde, ruhig blickte das Auge
gradaus, der volle, wie zum Pfeifen gespitzte Mund blieb stumm, und
unsichtbar in den Zgelriemen bumten sich die Geschicke.

Es war wieder heller; eine Stimme, Irenes Stimme sagte von drben, vom
Kamin her, -- ihr Tuch schimmerte dort:

Dieser Mensch geht nun ein und aus bei dir und mir und trgt das
Jenseits in der Hand wie einen kleinen Vogel. Kannst du denn noch
wissen, wenn du ihn recht ansiehst, was Gut und Bse ist? Ist er denn
gestorben? Und nimmt er an uns und allem nur Anteil, weil er noch mit
unsrer Gestalt bekleidet ist und nicht ganz zur Ruhe kommen kann?

Ich glaube, er hat, noch eh wir ihn kannten, so viel menschlichen
Jammer mitgelitten, da er sich hat dran gewhnen mssen, und das
Schrecklichste ist ihm nun das Einfache; wie gutartig und leicht mssen
da wir ihm --

Sie brach ab. Tief und deutlich fragte Herzbruchs Stimme durch den
Vorhang aus dem Nebenzimmer: Bitte, wie spt ists?

Irene antwortete nach einer Weile: Dreiviertel zehn, und im Augenblick
danach schlug die schwere Pranke der Standuhrglocke in Herzbruchs Zimmer
dreimal summend auf. Als sei nun alles wieder in Bewegung -- so schien
es Renate --, fiel neben ihr Irenens wei und gelber Angorakater von der
Fensterlehne auf das Sofa, duckte sich, kroch dann auf ihren Scho.
Lazarus hie er, weil er so gern in Schen sa. Da trat auch Jason
wieder ein. Renate hatte das Gefhl, gehen zu mssen, aber nun hatte
Jason ja gerade dem Chauffeur aufgetragen, zu warten. Einige Minuten
lang sprach niemand ein Wort im Zimmer; nebenan wurde ein Stuhlrcken
hrbar, Herzbruchs Schritte machten den Boden leise beben, er setzte
sich wieder. Jason sagte:

Ich hab vergessen: gidi lt sich entschuldigen, er ist fort. Dafr
kommt ja nun Klemens.

Heut abend noch? fragte Irene. Das ist ja Unsinn!

Jason erwiderte nichts. Renate dachte an das, was er eben vom Klavier
aus gesprochen hatte, konnte sich aber nur auf den Anfang besinnen: Das
Leben ist nicht wie in Bchern und Schriften der groen ... Nun schien
es noch stiller zu werden. Jason sa am Etisch, ganz grade, die
Unterarme auf der Decke. Einmal griff er nach dem Umhang, hob ihn und
blickte, die Augen halb schlieend, nach den Glhbirnen; ein Lichtstreif
fiel dabei ins Zimmer. Ganz hell schrillte die Hausglocke. Renate zuckte
zusammen, Irene richtete sich im Sessel auf und sa still und grade.
Wieder gingen Minuten, Schritte wurden auf der Treppe, auf dem Flur
hrbar, das Mdchen trat ein und meldete: Ein Herr wnsche Herrn Doktor
zu sprechen. Irene stand auf, murmelte etwas Unverstndliches, rief:
Otto! kaum laut genug, da er es hren konnte.

Das Mdchen wich zurck, wieder kamen Schritte, in der offenen Tr
erschien eine untersetzte krftige Gestalt in dunklem Anzug, den
Rockkragen hochgeschlagen, und Renate erkannte Klemens' schwarze
Bartfrse, die dicken Brauen und die schwere Nase. Er verbeugte sich mit
dem Rcken statt mit dem Nacken und sagte: Guten Abend.

Jason stand auf und gab ihm die Hand, Irene lief pltzlich zur
Vorhangtr und rief hindurch: Otto! kannst du denn nicht hren?

Der erschien gleich darauf in der Tr, blieb stehn, sah, wie er pflegte,
durch die obere Hlfte der Brillenglser umher, sah Klemens und war mit
zwei gewaltigen Schritten bei ihm, schttelte ihm die Hand und sagte
weiter nichts als: Na, da bist du ja! Klemens lchelte nur.

Hier ist meine Frau, du kennst sie ja noch, sagte Herzbruch, und das
ist Frulein von Montfort.

Nun ging er zu Irene und gab ihr die Hand, ebenso Renate.

Jetzt essen! meinte Herzbruch, Irene, er will essen.

Klemens dankte, er habe ...

Keine Widerworte, sagte Herzbruch, du --

Nein, wenn ich doch sage, versicherte Klemens, ich hab anderthalb
Pfund Bananen ge--

Bananen? Ob das Essen wre! Nichts da, sagte Herzbruch, Klemens aber
beharrte: Na, Hllenelement, ich will aber nichts fressen!

Oh la la -- sagte Irene wie zu einem Kutschpferd, schreit er immer
so, Otto?

Herzbruch drehte sich halb nach ihr um, sagte dann: Ja. Darauf zu
Klemens: Sag mal, hast du eigentlich keinen Mantel? Hr mal, du bist ja
klatschna! es schneit wohl wieder?

Klemens lachte und erklrte, seinen Mantel htten sie ihm unterwegs
weggenommen. Da war so ein Knabe, weit du, sagte er, kam aus Kiew,
war ausgewiesen, wollte nach England und lie sich so von einer
jdischen Gemeinde zur andern bugsieren, war aber leider das Frieren
nicht gewohnt wie ich.

Irene, die den Mnnern den Rcken zudrehte, sagte halblaut zu Renate,
die vor ihr stand: Der ganze heilige Martin auf Ottos Kosten, und
drehte sich weg. Herzbruch zog seinen Freund in einen der Sessel am
Kamin und setzte sich zu ihm. Ja, nun also schlafen, riet er, Irene
--

Das wrde kaum gehn, sagte sie obenhin, Jason bliebe doch natrlich hier
bei dem Wetter, wie immer, und im andern Zimmer hinge Doras Kinderwsche
zum Trocknen. Herzbruch sagte, dann wrde die eben abgenommen.

Das Mdchen sei schon schlafen gegangen, es wre zehn Uhr.

Klemens lehnte sich derweil hintenber und wollte sich lautlos
ausschtten vor Lachen, als ginge der Streit gar nicht ihn an. Herzbruch
schwieg eine Weile, sah seine Frau mitrauisch an, bemerkte dann kurz:
Also sorge bitte fr eine Decke fr mich, er schlft in meinem Bett.
Bring auch was zum Trinken mit.

Wein oder Bier? sagte Irene.

Danke, keins von beiden, ich --

Denn nicht, sagte Irene und ging hinaus. Klemens sprang auf, lief zur
Tr, machte sie auf und rief: Ich trinke nur Wasser, Rebekka, klares,
biblisches Brunnenwasser! und lachte.

Herzbruch, wider Willen mitlachend, sagte: Sie heit nicht Rebekka,
worauf Klemens meinte, sie schiene ihn jedenfalls fr ein Dromedar zu
halten. Dabei sah er den Wagenlenker in der Ecke, ging daraufzu, fate
ihn ins Auge und sagte: Ah! -- Das ist schn! Wer ist das?

Jason, in der Vorhangtr neben ihm, erklrte, es sei der sogenannte
delphische Wagenlenker. Klemens lie ihn nicht ausreden und beklagte den
fehlenden Arm. Aber man knnte doch sehn, wie die Zgelriemen aus den
Hnden flssen! Und dieser achtsame, unbeeinflubare Blick, dieser
pfeifende Mund! ber das Klavier gebeugt, sphte er nach den Fen und
pfiff durch die Zhne.

Wetter noch mal, sagte er, wie die Fe dastehn! aufgesetzt,
festgesaugt, und der Faltenfall des Rocks, dieser Reichtum, wie das
niedergiet! Er hat ja Lorbeern im Gehirn. Ja, der wei, was es heit,
dastehn im Tumult der Begeisterten, im Toben, im Gelchter, das sich
berschlgt, und tausend winkende Hnde, Kopftcher, Zweige, Tumult ...
In Marseille, sagte er zu Herzbruch hinber, weit du noch? Jean
Jaurs, der hatte sie so an den Hnden, mehr als zwei glatte Gule,
zehntausend, zehntausend Kpfe, zehntausend Herzen, aus seinem Herzen
gelenkt, da sie schreien muten, atemlos und lachend vor Erschpftheit
...

Renate hatte schon vor einer Weile Dora Vehm in der Tr erscheinen sehn
und hrte nun ihre helle Stimme -- wie hei und schwarz doch ihre Augen
waren und das ganze dunkle Gesicht leuchtend durch und durch von Leben
und Seele! --: Aber Klemens, das knnen Sie doch auch! Wissen Sie nicht
mehr: Jena ...?

Klemens drehte sich um, streckte die Hand nach ihr aus und freute sich:
Dora Vehm, sagte er, alter Kamrad, was macht denn die Kche?

Jason trat leise neben ihn, klopfte ihn auf die Schulter und sagte:
Sie! Ich bin auch ein Redner. Ich knnte auch eine Rede halten, aber
Irene hat heut abend keinen Sinn mehr dafr.

Irene stand mit einem Glas Wasser auf einem Teller, das sie
augenscheinlich Jason an den Kopf werfen wollte. Der fuhr indessen fort:

Sehen Sie, da hat der Delphier nun jahrelang in seinem Winkel
gestanden, kein Mensch wei wozu, und nun kommen endlich Sie und
benutzen ihn, um Ihre schne Seele zu offenbaren. Sehen Sie nicht auch,
Dora, da es kein Wagenlenker, sondern ein Redner ist? Wenn Naumann den
Rock anhtte --

Gut, Herr Adrebuch, sagte Klemens, Sie haben es vortrefflich
ausgedrckt.

Jason schien darauf gekrnkt und meinte, er drcke alles vortrefflich
aus, und ob das vielleicht jemand fr ein Vergngen halte, worauf er
sich abwandte.

Irene stand steif wie aus Gips mit ihrem Teller. Eben noch versunken in
Jasons >schne Seele<, dachte Renate, und nun ist sie zur Spinne
geworden. -- Da sah Klemens das Glas, ging hin, ergriff, tranks aus,
setzte es wieder auf den Teller und bedankte sich.

Renate war froh, da Herzbruch ihn nun mit sich in sein Arbeitszimmer
zog; sie sa auf dem Sofa, ungeduldig fortzukommen. Klemens gefiel ihr,
aber wie laut war es auf einmal geworden! All die hellen und dunklen
Stimmen, Irenes, Herzbruchs, Doras, Klemens', drhnten durcheinander;
sie sehnte sich wieder nach dem Schweigen ihres Zimmers, ja fast nach
dem Schweigen des ganzen Hauses. Da flog auf einmal Irenes Teller neben
ihr aufs Sofa, sie gewahrte nachtrglich die schlenkernde Handbewegung,
mit der Irene, jetzt mitten im Zimmer stehend, den Teller geworfen
hatte. Jetzt raffte sie mit zwei flgelhaften Bewegungen der Ellbogen
ihr Tuch, das ber den Rcken herabgesunken war, wieder um die
Schultern, warf den Kopf nach hinten gegen das Nebenzimmer zurck und
sagte nachdrcklich: Pfui Deubel!

Dora trat neben sie und mahnte: Na, na, Kind!

Mich friert, sagte Irene tief und hart. Ich glaube, vor dem frcht
ich mich. Man kann seine Augen nicht sehn. Hat er Augen, Dora? Renate!
Dann mssen sie durchsichtig sein, und nichts ist dahinter.

Richtig! Sehr gut! lobte Jason. Er hat Seefahreraugen. Auf allen
Seiten das Meer.

Und sein Mund, fuhr Dora fort, da du's weit, ist wie der des
Delphiers.

Auch das noch, murrte Irene. Wenn er auch sein Kinn htte, wr mir
der Delphier ganz verekelt.

Renate stand auf; sie hatte genug. Auch Doras Gesicht schien ihr jetzt
verfallen und welk. Sie ginge mit ihr hinunter, sagte sie zu Renate; zu
Irene dann: La uns schlafen gehn, Kind, der Tag war voll genug. La
uns schlafen und geduldig sein.

Sie umarmten sich, gingen zum Vorhang, winkten hinein und riefen: Gute
Nacht, ihr Mnner! Irene kte Renate flchtig, die mit Dora zur Tr
ging, aber sie waren noch nicht hinaus, als Renate Irene fast ngstlich
rufen hrte: Dora! -- -- Dora! was wird aus uns werden?

Dora wandte sich nach ihr um. Mit tieferer Stimme sagte sie ruhig: Was
fragst du mich? Ich will standhalten. Das andre findet sich. Sei nicht
tricht, Irene! Und mach dir keine Sorge um mich. Ich habe meine Kinder.
Solange ich die habe --

Sie verstummte, strich hastig mit der Hand bers Gesicht, lchelte
Renate fremd zu und fhrte sie hinaus.

Auf den Treppen und dem Weg zum Automobil sprach weder Renate noch Dora
ein Wort, -- aber als sie ffnete, sa bereits Jason darin, pfiffig im
Dunkeln. Sie fuhren, ohne Licht gemacht zu haben. Bald berfiel Renate
von neuem die Unrast, sie kam nicht schnell genug vorwrts und in ihr
Zimmer, und sie prete unter der Pelzdecke die Finger ineinander, bis
sie Jasons Hand fhlte, die er auf die ihren legte, die sich nun
leichter zusammenschlossen. Und es dauerte keine Minute, so ward sie
ruhig und ruhiger, ihr war, als ob ihr ganzes Wesen schmelze ins
Allgemeine und Sanfte, und da zogen langsam von links nach rechts die
Gesichter des Tages vorber, das des Herzogs, Doras, gidis, Irenes und
ihres Mannes, und das von Klemens, und nicht nur diese, sondern auch die
nicht gesehenen Georgs, der fremden Sigune und ihres Lehrers, zwar diese
kaum sichtbar, aber sie wute, da sie es waren, und das Schwinden eines
jeden fgte eine neue Erleichterung zu der alten. Wie leicht rollte der
Wagen durch die Nacht! Sie freute sich auf ihr Zimmer, dachte, da von
allen verworrenen und unkenntlichen Schicksalen keines zu ihm Zutritt
habe als das ihre, ja vielleicht nicht einmal das, und berdem fielen
Jasons Worte ihr wieder tropfend ins Herz: Das Leben ist nicht wie in
Schriften und Bchern ... Sie suchte den Weitergang, aber die rechten
Worte fand sie nicht, glaubte jedoch nun erst zu verstehn, was sie erst
nur als Musik und Wohltat empfunden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist
wirklich das viele und frhe Lesen schuld an so mancher Wirrnis, mancher
Ungeduld, und wieder hrte sie's tnen: Das Leben ist nicht ...

Wie hie es doch, fragte sie leise nach dem unsichtbaren Jason
hinber: Das Leben ist nicht wie in Bchern und Schriften, denn dort
... Ich verstehe es nicht mehr ...

Dort, hrte sie seine Stimme gedmpft, dort scheint es dir, als
shest und hrtest du alles zum ersten Mal, was geschieht, was sie
sagen, dieser und diese, jener und jene, was sie denken, was sie tun und
erleben. Dir aber ist alles angefllt mit der Erinnerung, weit du es
nicht? berall tnts dir entgegen: Erinnerung ... Erinnre dich nur!
erinnre, erinnre dich! Und: Erinnerung! denkst du versunken und siehst
von allem nichts, wie es ist, sondern immer in allem nur das, woran es
dich erinnert ...

Und dies auch, sagte sie fragend, da dort immer Gestalt um Gestalt
so sichtlich und klar sich erhebt; und so kenntlich und gesondert in
Farbe und Erscheinung bildet sich aus Schicksal und Anteil ein leichtes
Geflecht, -- ist es nicht so, Jason?

Und eines hat soviel Gewicht wie ein andres, vollendete er, alles ist
abgewogen und schwer befunden. Wenn aber ein Mensch erscheint, und nur
einer ist vor ihm da, so glaubst du schon viel zu wissen, und was auch
sich ergiebt und ereignet, es scheint, als httest du es geahnt.

Am Ende aber, begann Renate von neuem, am Ende lst sich alles doch
irgendwie, ob im Guten oder im Bsen; wie ein lngst erwarteter Gast so
einfach kommt der hufige Tod, und wenn es denn aus ist, so ist auch
immer alles gnzlich und ein fr allemal zu Ende.

Ja, sagte Jason, ja, da erwartest du denn auch in deiner eignen Welt
dergleichen und bist erbittert womglich, gekrnkt und schon ungeduldig,
wenn jenes nicht kommt, und dieses ganz andere erscheint, und --

So brchig, Jason, nicht wahr, ohne Weiche, nchtern, ohne Absicht,
ohne bergang, ohne alle Musik, ohne Klang und Gesang --

Da in Bchern, fuhr er ruhig fort, doch alles gesungen scheint ...

Ach, aber in Wirklichkeit, Jason, ist nichts unterschieden vom andern,
nichts ist zu ahnen, nichts wird kenntlich, es wirbelt alles und
versitzt sich, Stimmen schallen fern und nah, berschallen, bekriegen
sich fassungslos --

-- und jedes, bekrftigte er geduldig, _scheint_, es scheint so oder
so und ist doch anders, ganz anders in Wahrheit, tiefer das Flache,
schwerer das Leichte, unertrglich das Schwere, unendlich das
Unertrgliche, und du siehst: es trgt sich doch. Nichts wird dir
zugewogen, es strzt ber dich herein, Fremdes, Verwandtes, Bittres,
Unbekanntes, Lustiges, Trbes, Buntes, Klagendes, Weinendes, alles ist
dir ein Unsal von Gewalt, und zu jedem kommst du viel zu spt, denn es
ist lngst bei dir, wenn du dich aufmachst nach ihm ...

-- und nichts nimmt nirgends ein Ende ...

Aber dennoch, Kind, sagte er beschlieend, wenn du allein bist mit
deinem Bett, deiner Wand, deiner Lampe, so hat dich auch alles
verlassen, denn da Bild und Erscheinung alle fern sind, woran kannst du
dich erinnern, um dein eigenes Schicksal zu erkennen? -- Du siehst dich
selber kaum, die Nacht steht fremd dabei, und vor dem Fenster rauscht
der alte Baum, und dich umrauschts, und jemand sagt: Verzeih ...

Renate erkannte im Dunkel die Laternen und Vorgrten der Gntherstrae.
Jasons Hand lste sich, sie schlang hastig die Arme um seine Schulter
und kte seine Wange. -- Zu Reinhold sagte sie, er mchte Jason nach
seiner Wohnung fahren.

Dann schien sie sich aus dem Wagen ohne bergang in ihr Zimmer geraten,
unsichtbare Hnde nahmen ihr die Kleider ab, sanfte Mdigkeit nahm ihr
auch die Glieder, rauschte es in der Nacht? Zweige oder Flgel? In
weiter Ferne zeigte sich ein ernstes Gesicht. -- Ich warte! sagte sie.

Dann schlief sie ein.


                        Sechstes Kapitel: April


                                 Zinna
                            (Georg an Benno)

                                                 xten April, im Fahren

Mein guter Benno:

Fahrt durch Land Beuglenburg. Das Wagenverdeck ist hoch, es hat eben
aufgehrt zu regnen, oder vielmehr ist Nebel aus dem Regen geworden.
Links, rechts, vor mir, hinter mir: Moorlandschaft, de Ebenen, auf
denen die Nebel eines ewigen Februars zu stehn scheinen. Schwarze
Bohrtrme auf dem Horizont machen keinen ermutigenden Eindruck. Ich
rolle dahin, ich flchte ber diese rollende Kugel Erde, auf der wir ein
kleines, flach scheinendes Stck kennen. O Polykrates, o Schiller, o
idealische Gefhle! Ich sage nicht, da alles kuflich sei, ich bin
milde gelaunt, obschon trostlos, und sage, da alles gekauft sein will.
Erzhlte ich Dir nicht einmal von einem sonderbaren Traum, von einem
Filmfestzug, in den ich nicht hineingelangte? Weiland Josef Montfort
prophezeite: so erginge es mir im Leben. Meine Gedanken, die es an sich
haben, immer merkwrdig leichtfig zu bleiben, tragen mich eben in
Hauffs Geschichte des jungen Said. Er mute in Balsora Teppiche und
Schleier feilbieten, obgleich er das Patenkind einer Fee und im Besitze
ihrer Gabe, einer kleinen Pfeife war, die ihre Hlfe in jeder Milage
seines Lebens herbeizaubern wrde, -- nicht jedoch --: vor seinem
einundzwanzigsten Lebensjahre. Vielleicht hab ich auch eine Flte, eine
Fee, einen Ablauftag des Unschicksals, und dies vielleicht, dies
Mdchen, diese Heirat -- ich kehre ins obere Gleichnis zurck -- ist der
letzte, endgltige Preis, mit dem ich mich zum Handelnden in den Film
einkaufe, so da ich mein eigen Bildnis im Schwarm der Schreitenden,
Triumphierenden irdischen Gttern gleich werde dahinfliegen sehn. --

Aus der Ebene, ber den Nebel steigt ein schwarzer Kegel, Trme einer
kleinen Stadt werden an seinem Fue sichtbar, jetzt auch Trme auf dem
Kegel: Schlo Zinna. Dort oben haust das andre Opfer, die arme Braut,
und macht sich von dem Kommenden die sonderbarsten Vorstellungen. --
Herrgott, ist dies ein Land! Um diesen Morast auszubessern, werde ich
ganz Trassenberg hineinschtten mssen. Hinter der Grenze war mit einem
Schlage alles anders. Dieser Tag ist so trostlos, da er Einden und
Paradiese einander hnlich machen knnte, aber bei Beuglenburg und
Trassenberg brachte ers nicht zustande. Ich kam durch Landstdte, so
langweilig wie Speisekammern, in denen alles aufs Geratewohl irgendwo
hingestellt ist. Die Drfer armselig, verfallen, schmutzig, an keinem
Fenster mehr eine Blume, die Kinder schmierig, dickschdlig, dnnbeinig,
ekelhaft selbst die keifenden Hunde. Dann die Moorkanle, schwarze
Lineale, entseelte Grben; auf den breiteren, ber die ich hinjagte, --
da kommt wieder einer! diesmal lt sich sogar ein Segel drauf sehn, ein
braunes, welkes Blatt -- diese langen Khne, die vorwrtsgestakt werden.
Nun, wozu schreib ich das? Schlo Zinna wird sichtbar, es scheint ein
getnchtes Kloster, lange Fronten mit unzhlbaren, kleinen Fenstern,
stumpfe, runde und eckige Trme. Meine Hupe wird ihnen wie ein
Gjallarhorn drhnen, wenn ich in die eremitischen Hfe fahre.

Guter Benno, Du bist einer der wenigen, die meine Geschichte von Anfang
kennen, ich glaube sogar der Einzige, der sie berhaupt kennt. Erinnerst
Du Dich noch der ersten Stunde im Schlchen, wo ich von Napoleon
erzhlte? Ob ich gegen Sterne kmpfe oder mit ihnen, -- wer wei es? Ich
bin den Weg weitergegangen, der -- hoppla, das war ein Sprung auf die
Brcke! Dies mu der Styx gewesen sein, so sah er aus, trotz eines
Motorbootes, das an der Brcke lag. Vor mir liegt ein Stadttor, ganz
mittelalterlich. Spter weiter.

                                                                Nachts

Ich fahre einfach fort:

Durch schaurige Straen von Kopfsteinen, ber einen ganz netten
Marktplatz mit Kugellinden, wieder zur Stadt hinaus, durch eine alte
Allee zerfallender Kastanien -- braune Vorjahrsbltter an schwarzen
sten und auf dem schwarzen Boden -- brauchte der Wagen auf endlosen
Schlangenwegen fast eine Stunde hinauf; oben zeigte sich wenigstens
schner Fichten- und Birkenbestand, aber die Hecken im franzsischen
Park -- durch die Gittertore sah ich hinein -- schienen seit hundert
Jahren nicht beschnitten, die Einfassungen der Teiche zerfielen an der
Luft, die Sandsteinfiguren fehlten auf den Postamenten -- wie enthauptet
standen sie da --, die Becken lagen voll modernden Laubes. Dann der
Schlohof, himmelhohe Mauern im Rhombus mit violetten blassen Fenstern,
die drei Fische im Wappen berm Tor nicht mehr zu erkennen, im
Jahrhundertregen, der hier fllt, davongeschwommen, die Helmzier mit
Taubendreck besudelt, -- ja, es gab Tauben; da sie liefen und nicht
sprangen, knnen es keine Dohlen gewesen sein. Drinnen stand Eisesklte,
standen erfrorene Menschen mit einem steifen Spruchband vorm Mund, --
eine Klte brigens, die in meinem Blut die letzte Wrme prickeln lie,
so da ich mich vermutlich mit jovialer Munterkeit benommen habe ...

Ich sitze nun an einem von diesen hundert Fenstern im lngsten Bau; es
ist Nacht, aber der Mond ist da, eine kmmerliche Sichel, die sich
schwermtig durch unablssig flutendes Gewlk dahinwhlt, und wenn ich
mich hinausbeuge, kann ich diese hundert Fenster leise blitzen sehn,
flach auf die Mauer geklebt, als wre nichts dahinter. Die Nacht ist
khl, aber ich glhe, von Wein, Rhrung und Mimut, habe so viel
geschwiegen, da ich mich nun sehr geschwtzig fhle, die drei Kerzen im
silbernen Leuchter schneuze und von der Schreibeschrift in die
Stenographie bergehe -- ach, Benno, wann war das, als wir Primaner,
Sekundaner waren und unsre Ferienbriefe stenographierten, teils wegen
Lernens, teils wegen berschwnglich viel zu sagender Dinge! Kannst Du
denn immer noch lesen, guter Benno? Also lies:

Bei den erfrornen Menschen blieb ich stehn -- vielmehr wurde ich von
ihrer einem, seines Zeichens persnlicher Adjutant, zur Disposition
gestellter Jgermajor, ber Treppen und Galerien in ein stockdustres
Gemach gefhrt, in dem jemand zu sitzen schien. Nach einer Weile
erkannte ich einen Kopf, der einem riesigen, gekochten weien
Fischaugapfel glich (wir polkten sie als Kinder aus den Augen der
Schellfische!). Ich hrte ein Gemurmel, murmelte ebenfalls, der Adjutant
murmelte, noch ein Mensch -- der Hofkammerrat -- murmelte, wir
verbeugten uns Alle, ich stand wieder drauen. Das war der Groherzog,
knigliche Hoheit.

Ich folgte von neuem beiden Erfrorenen und kam in einen Saal; groe
dunkle Gemlde an den Wnden, ein Tisch und fnf Sessel, drei um den
Tisch konstelliert, zwei an den Tren. Durch deren eine erschienen zwei
so vllig schwarze Gestalten, wie ich sie nicht fr mglich gehalten
htte, eine groe, hagre, alte mit einem schauderhaft trichten Gesicht;
die kleinere, andre, zitterte am ganzen Leib, war todbla, hatte jedoch
wider meine Erinnrung nicht gar so blasse, ein wenig vorquellende Augen;
der Mund war nur angedeutet, ein blasser Streif, die Nase anmutig, ja,
das Ganze -- im Augenblick nichts als Angst -- war nicht ohne
Lieblichkeit, nur entstellt durch Magerkeit und unglaublich sitzende
Kleidung. Dazu war das ganz hellblonde Haar so ungnstig angeordnet, da
die breite Stirn mit zwei leichten Buckeln wie ein Felsen aussah. Dies
war Sigune, und drei Minuten war ich mit ihr allein.

Lieber Freund Benno, Du kannst mir glauben, ich dachte nicht daran, da
dies meine Frau werden sollte. Ihre Hlflosigkeit war unsglich rhrend,
ihre bebenden Hnde wollten sich in den schwarzen Kleidfalten
verstecken, -- nie im Leben bin ich mir so robust vorgekommen. Ja, was
machte ich mit ihr? Ich holte die Hnde beide hervor, nahm sie in die
Linke, klopfte mit der Rechten vterlich darauf und sprach ihr zu, so
gut ich konnte: Aber man mu doch nicht bange sein! Aber man mu sich
doch nicht vor mir frchten ... und dergleichen mehr, und da -- ach,
dies Geschpf! -- nachdem seine erst flehenden Augen sich gleichsam
aufseufzend an den meinen beruhigt hatten, machte sie eine Hand aus der
meinen los, legte sie um meine Hand und kte sie ganz schnell. So
demtig war sie -- lieber Gott! Sie sagte nichts, ihr Haar duftete ganz
leise. Ich brauchte wohl eine Weile, um mich zu sammeln, fragte dann --
und ahnte nicht, wie gut ich fragte --: Ruft man dich denn noch Gunny
wie vor acht Jahren? Das wissen Sie noch? fragte sie hastig, errtete
leidenschaftlich, brach dann aber in einen gequlten Husten aus. Ich
mute zurcktreten, Hofdame, Kammerherr und Adjutant erschienen, gleich
hinter ihnen der Majordomus mit umflortem Stabe, der auf franzsisch
verkndete, da angerichtet sei. Es waren noch einige stumme Personen
bei Tisch. Ich trank Sigune zweimal zu, was wahrscheinlich ein
Etikettefehler, sicher aber ein schnes Mittel war, sie zum Errten und
Lcheln zu bringen. Am Nachmittag gab es bei verbesserter Witterung
einen Spaziergang, bei dem ich Sigune mit sanfter Gewalt ntigte,
englisch mit mir zu sprechen, nachdem ich herausbekam, da die Hofdame
es nicht verstand. Ich warf ein paar Angeln nach ihrer Bildung aus.
Schiller, Uhland, Krner, Rckert, Geibel, Freytags Ahnen und --
Hlderlin. Bei diesem Namen ging sie auf eine wunderbare Weise leicht in
Flammen auf -- wie eine weie Papierrose. Ob sie den auch im Unterricht
kennen gelernt habe? -- Nicht im Unterricht selbst, aber doch von ihrem
Lehrer. Wer denn das sei? -- Sie zgerte eine Weile, versuchte einen
Blick zurck nach der hinter uns verbliebenen Hofdame, errtete und
sagte ganz leise, und als sprche sie das kostbarste Geheimnis aus, das
Wort: Trstherzeleid. -- Oh, Benno, wenn Du es gehrt httest! ich
glaube, Du httest geweint. Ja, und nun -- -- ich erschrak im Herzen,
und als ich fragte, wer denn das sei, was kam heraus? Der Hofkammerrat
war es, eben jener Graf Leunstein von Badenbach, Exzellenz, der als
erster dieser Beuglenburgschen Zunft vor mir in Erscheinung trat. Der
Name, mit dem sie ihn nannte, erzhlt wohl genug. Ich fragte auch nicht
mehr. Es stellte sich noch heraus, da sie mir in Philosophie weit
berlegen ist, Kant und Leibniz, Spinoza und Stirner, Platons Staat und
Ciceros philosophische Schriften im Urtext gelesen hatte -- armer Kopf,
armer Kopf! Dies Mdchen kennt nur zwei Menschen: ihre Hofdame und ihren
Lehrer, -- und dann war noch eine armselige Erinnerung an eine
liebevolle junge Englnderin, die Gunny gerufen hatte und frh an der
Schwindsucht gestorben war. Wie schlecht der kleine Trauerhut mit den
Kreppschleifen sa! Und diese Jacke, und dieser Rock und diese Schuh!
Alles vom Bazar in Stadt Zinna. Aber die Fe waren schmal und traten
zierlich auf.

Die Kerzen weinen Strme von Trnen -- Benno, sollt ich nicht weinen?
Ich stand am Fenster, beugte mich in die Nacht, suchte den Mond, er war
fort, nur noch eine rinnende Quelle von feuchtem Glanz in der Nacht,
ber die es sich faltig verschob; in der Tiefe -- Nachttiefe allein,
unsichtbares Land, aus dem es dampfte, kalt und feucht, ein rotes
Bahnlicht fern, mir zu Fen nur schwarze Leere, denn hier ist die
Rckseite des Bergs, Felsen fallen steil ab. Ein Gefhl, als knnte --
denk nicht, ich meinte es komisch, obwohl es so klingen mag -- als
knnte die kleine Sigune jetzt an einem offenen Fenster sitzen und
Okarina blasen. Ich habe sie Augenblicke lang deutlich gehrt, simple,
klagende Noten, wie Fischmunde winzig im willkrlichen Strome der Nacht
hinschwimmend, -- und da sitze ich, male langsam die sonderbaren
Schnrkel auf das Papier, und meine eignen Gedanken scheinen mir wie die
Siegel einer Geheimschrift, die zu schnell vorbergleitet, als da ich
sie lesen knnte. Hinter den Wolken sind die Sterne, steht, wie
allnchtlich, ihre feierlich glhende Schrift, die groen Siegel
leuchten, wir drfen sie berhren mit der Stirn, wir erbrechen sie
nicht, sie schweigen uns an.

Und so will ich nicht weiter denken und das Kommende nur erwgen, wenn
es sich stellt.

Ein letzter Funke im Gehirn glht auf, und ich schreibe, schreibe in
offener Schrift: Wenn ich denn lge, eine Abkunft heuchelnd, die nicht
besteht, so ist dies doch ein Opfer. Ein sinnloses -- wohl! denn hier
zwingen die Alten und Kranken, die Furchtsamen und Beharrenden, sie
zwingen die Jungen und in ngstlichkeit Tapferen in ihren Willen. Wer
aber wei, welchen Sinn all dies hat? Haben diese Kerzen sich
ausgeweint, so wird auch eine offene Sonne wieder scheinen ber dies
traurige Land, das ich wieder zu ermuntern gedenke.

Lebe wohl, Benno! auch ich beabsichtige, wohl zu leben.

                                                   Stets treulich Dein
                                                                Georg.


                         Siebentes Kapitel: Mai


                                Klemens

Renate hatte mit Saint-Georges in der Kapelle musiziert; whrend sie die
Noten zusammenlegte, Saint-Georges seine Geige verpackte, meldete das
Mdchen Doktor Klemens; Renate dachte, ihm Bogners Engel zu zeigen, und
bat, ihn herzufhren. -- Saint-Georges putzte bedchtig die Kerzen vor
der Orgel und an seinem Notenpult eine nach der andern, damit es hell
genug sei. Dann erschien Klemens, blickte sich um, noch dicht an der
Tr, verneigte sich, so tief er konnte, und sprach sie an: Holder
Geist! Welch unschtzbare Gnade fr mich, Sie in Ihrem eigensten Reich
begren zu drfen!

Bitte, reden Sie weiter, lud Renate ihn munter ein, Sie sind ja ein
Redner!

Klemens fuhr heiter fort: Was ich sehe, erstaunt mich ungemein, und ich
whne mich im Traum oder verzaubert. Streitbare Engel sehen mich an oder
schreiten auf mich zu, Musikinstrumente wie himmlische Waffen in den
Hnden. Kerzen! Rtliche Dmmrung! Und vor einer auserwhlten Schar
Gepanzerter in goldnen Harnischen erscheint mir die himmlische Peri
selber, in dunkelrote Seide gekleidet wie in eine runde Glocke aus
Abendhimmel. Alles ist uerst erstaunlich!

Blo von mir, bemerkte Saint-Georges, wei er gar nichts zu sagen und
unterschlgt mich schlechtweg. Guten Abend, Meister, was macht die
Internationale, schlft sie oder wacht sie?

Klemens kam nun herbei, reichte Renate und Saint-Georges die Hand, sagte
drohend: _Noli turbare ...!_ stellte sich vor den nchsten Engel und
versank in Schweigen.

Nun hab ich so oft von der berhmten Internationale gehrt und gelesen
und sehe zum erstenmal ein lebendiges Stck von ihr, sagte Renate, aber
er schien es nicht zu hren. Nach einer Weile sagte er, tief Atem
holend:

Sechs sind es, wie ich sehe, und schon einer berwltigt. Ja, wer htte
das gedacht, als es eines Tages im Lyzeum hie: Bob Bogner kommt nicht
wieder, der ist weggelaufen. Internationale, sagten Sie? Ach, meinte er
abwehrend, es giebt so viele, in diesem Augenblick wei ich wirklich
nicht, welche Sie meinen.

Renate verlangte eine Erklrung, allein, in langen Pausen von einem der
Engel zum andern gehend, schwieg er sich nach Krften aus; beim vierten
sagte er, die letzten zwei msse er sich auf das nchste Mal versparen,
setzte sich auf einen der Klaviersessel und fing halblaut an zu
sprechen:

Die Internationalen ... Eine Vielzahl konzentrischer Kreise, und hier
sehen Sie den uersten. Die Internationale der groen, rasenden Kunst,
ungeheuren Einmuts auf der Spur des alleinigen Gottes in aller Herren
Lnder, wetteifernd seit ewig im geheiligten Kriege, Engelscharen,
Geniescharen, Heroenscharen, friedlich sich bekmpfend zum Ruhme Gottes,
den zu mehren, den jhrlich tiefer zu entflammen die einzig fruchtbare
Schlacht seit tausend und tausend Jahren ohne Ende ber die Erde
drhnt.

Er stand auf. Die Internationale der menschlichen Hoheit, deren Namen
ich nicht wage auszusprechen vor ihrem erlauchten Antlitz, das ich
sehe. Sein Blick stand in so gerader Flamme gegen Renate, da es sie
mit seltsamem Schauder durchbohrte, und sie errtete noch tiefer, als
schon seine Worte sie errten machten. Dann nahm er ihr Lcheln auf,
wandte sich zu Saint-Georges und fuhr fort:

Damit er sich nicht wieder beklagt, begre ich in diesem schlichten
Manne die herrliche Internationale des Geistes, der Wissenschaft, die
Internationale der wundervoll friedlichen Eroberer in allen Rumen
dieser Welt, zu Lande, zu Wasser, im Feuer und im Sturm, im Vogel und im
Fisch und im ruhlos schweifenden Atom, Anfller der unerschpflichen
Arsenale, Herolde, Propheten und Poeten, einmtig heiligen Zornes im
unablssigen Grbeln ber den Rtseln der unbekannten und der bekannten
Welt, rzte, Heilmacher des wunden Geistes, der kranken Seele vom
Weltgift. -- Ich gre, sagte er mit einer kreisenden Handbewegung nach
oben, im unbekannten Erbauer dieses Raumes die nchste Internationale,
vom Prsidenten Plutus regiert, auf deutsch: das Kapital, eine
Internationale von ganz besonderer Einmtigkeit, also da zum Beispiel,
gesetzt es gbe Krieg, smtliche Angehrigen dieser Internationale in
allen beteiligten Lndern wie ein Mann, Agrarier, Schwerindustrie und
Banken, Dampf in allen Kesseln, sich abmhen wrden zur berwltigung
des -- Friedens.

Er lachte lautlos. Renate dachte an ihren Onkel, kniff leicht die Augen
zu und hrte ihn weiter reden, nachdem er zu der weien Sule des Ofens
in der Ecke gegangen war, dem er die Hand auflegte, whrend er sprach:

Und ich begre Mittelkreis und Kern aller Internationalen in diesem
Ofen und seiner Glut. Ich gre die Kohle. Ich gre den Mann im nassen
Stollen, den Mann im sausenden Frderstuhl, den Mann in der
explodierenden Nacht. Alle Mann gr ich am bezwungenen Feuer, den Mann
am Ambo, den Mann am Schalter, den Mann am offenen Feuerrachen mitten
im ruhig fahrenden Schiff, mitten im Ozean, den Mann an der
Setzmaschine, den Mann am Geblse, den Mann am Webstuhl, am Strickstuhl,
am Spinnstuhl, den Mann an der Nhmaschine, den ein und tausend Mann,
der, schmorend als Kohle im feurigen Ofen, das Lied von der einen,
meinen singt: Die Internationale! --

Er schwieg. Das war schn, sagte Renate langsam. Vielleicht denken
Sie, ich sollte nun etwas andres sagen, aber -- sie wandte sich
unschlssig zu Saint-Georges um und schlo: -- ich wei nichts andres
als das. -- Ich wei, fuhr sie, da Klemens den Mund ffnete, fort, da
viele Tausend Mangel leiden, damit ich -- sie strich mit den Hnden
ber die Falten ihres Kleidrockes.

Nein, um Gottes willen, welche Verwechselung, sagte Saint-Georges. Er
lie die Vorderbeine des Stuhles, auf dessen Lehne er im Stehen die Arme
gekreuzt hatte, sich zu Boden senken, drehte ihn um seine Achse und
setzte sich reitend darauf.

Niemand, Renate, sagte er, das Kinn auf die Lehne legend, niemand
will, da du nicht bist, weil Andre in Not sind, sondern im Gegenteil
bist du und dein Haus die Erfllung all ihrer zartesten und tiefsten
Trume und Wnsche, und sie wollen nichts weiter, als da sie, wenn ein
Haus voller Engel an ihrem Wege steht, hineingehn knnen, wann der
Wunsch sie dazu treibt, und da, wenn es Gott gefiel, eine Schale voll
Musik ber die Erde auszuleeren, der irdene Topf so geeignet sei, um sie
aufzufangen wie der goldene Becher.

Ich glaube, sagte Renate unbedenklich widersprechend, Doktor Klemens
sprach doch von denen, die Not leiden und --

Nein, sagte Klemens, ihr Freund hat recht. Ich fragte einmal einen
Bierfahrer in Camberwell, ob er schon die Sterne gesehn habe, und dieser
Bierfahrer sagte, er wollte verdammt sein, wenn ers getan htte seit
Sarah Pedgewoods Tode, denn er htte keinen Tropfen Ale gesehn seitdem.
Aber sehn Sie, doch geht dieser Bierfahrer auf nur zwei Gliedmaen
aufrecht, und da er es tut, das ist der Beweis, da er die Sterne sehn
mchte, wenn er nur einen Sinn damit zu verbinden wte. Die
Notleidenden? Nein, verehrtes Frulein, die gehen mich nichts an. Not
wird gelitten zu Lande und zu Wasser, zu Leibe und zu Seele, und wegen
Essens, Trinkens und der Liebe brauchten wir keine Internationale zu
grnden, sondern das bringt die Welt ganz von selber in Ordnung. Sie
leiden nicht Not, sie, die ich meine, sagte er hart und schlug leicht
mit der Faust gegen den Ofen.

Was dann, Georges? fragte Renate.

Ungerechtigkeit leiden sie, sagte Klemens. Knechtschaft, das ists,
was sie leiden. Sie leiden, da sie verbraucht werden in den guten
Jahren, so da sie darben mssen im Alter. Sie leiden, weil zehn
Menschen in der Welt je tausend cker haben, und ihrer zehntausend haben
zusammen einen. Sie leiden nicht, weil jener sich Gemlde kauft und
dieser jeden Tag eine Frau, weil jener die Zigarre mit drei Mark bezahlt
und dieser im Sommer nach Japan reist, sondern sie leiden, sie leiden
unauslschlichen Gram, weil sie keine Zeit haben, um Gemlde zu sehn und
um an einem Sommertag im Grase zu liegen, denn weiter wollen sie nichts.
Sie wollen und sollen nicht zehn Stunden am Tage arbeiten, auch nicht
neun oder sieben, sondern allerhchstens sechs, und ich sage, da es
dazu kommen wird, wenn nicht heute, dann morgen.

Renate hatte, da er schwieg, Zeit ber seine Worte nachzudenken und
sagte nach einer Weile: Mein Vetter, Erasmus, den Sie kennen, und Ihr
Freund Herzbruch und Bogner, Ihr Schulkamerad, wie lange glauben Sie
arbeiten die am Tage?

Klemens lachte, kam bis dicht zu ihr, schttelte den Kopf und sagte:
Der Geist, Verehrungswrdige, hrten Sie nie vom Geist? Nie, da er es
eben ist, der frei ist allein, und da ich eben sagte: sie leiden
Knechtschaft, sie wollen freien Geistes sein? Und brigens: wenn ein
Fabrikant sich durch seine geistige Arbeit zugrunde richtet, so ist das
seine Schuld und geht niemanden etwas an. Sonst hat geistige Arbeit mit
der schwersten krperlichen das Erhaltende gemein. Der Arm des Pflgers,
des Holzfllers, das Auge des Bergsteigers, der Fu des Matrosen sind
mit siebenzig Jahren noch so scharf und sicher und krftig wie mit
zwanzig, und das Hirn des Forschers, des Erfinders ist es nicht minder.
Was zermrbt, ist nicht die Anstrengung; was zermrbt, ist allein die
Maschine. Das ist mein Gesetz: Wer eine Maschine bedient, soll dies
sechs Stunden im Tag tun und nicht lnger, soll es vierzig Jahre seines
Lebens tun und nicht lnger! Nur der Geist ist frei, und sobald ein
Dichter nicht mehr das Recht haben soll, freiwillig zu verhungern oder
wahnsinnig zu werden, und sie Gewerkschaften grnden zum Schutz ihres
Geistes, sobald kann denn das Ganze zum Teufel gehn. Sie sagen
vielleicht, ein Dichter, ein Weiser mu deshalb hungern, weil er zu frh
geboren wurde, weil die Welt noch nicht reif sei fr seine Werke, seine
Erfindungen, seine Lehren. Ach, wie she es denn aus in der Welt, wenn
jeder kme zur rechten Zeit, wenn alles grade sich einpate, wo ein Loch
wre, auch der Pfropfen, wo ein Geber, auch der Nehmer, das wre so
langweilig erstens wie Schwarzer Peter spielen, und zweitens mchte man
dann ja wohl anfangen zu verlangen, da auch Sonnenschein und Regen
gleichzeitig auf den Acker fallen, und doch wrde das dem Acker gar
nichts ntzen, sondern es ist wohlweise eingerichtet, da der Nil nur
einmal im Jahre steigt -- wenn auch auf Kosten von einem Jahr unter
zehnen, wo er gar nicht steigt, und einem, wo er zu hoch geht. Glauben
Sie, da ich die Welt verndern will? Glauben Sie es, Saint-Georges?
Sie lachten Beide, und Klemens lachte mit. Er war aber sehr erregt und
fing gleich wieder an, hin und her gehend im Raum:

brigens -- Ihnen kann ichs sagen -- bin ich nicht in dem Ausma
international, wie Sie denken, bin ein Deutscher am Ende und sehe, da
die Not hierzulande nicht im entferntesten die Ausmessungen hat wie in
andern, in England, in Frankreich. Und was heit denn Not? Es giebt doch
nur Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Arbeitsscheu ist eine Krankheit,
oder Anormalitt, was Sie wollen, wie Trunksucht. Ausbeutung und
Arbeitsmangel bleiben bestehn. Arbeitsscheu und Trunksucht gehren mit
Mrdern und dergleichen in die Heilhuser und Arbeitsanstalten; niemand
gehrt ins Zuchthaus noch aufs Schafott. All das wird nicht heute
gendert, aber es wird gendert werden, dafr brge ich. Tun Sie mir die
Liebe und denken einen Augenblick nach. Wann fing das Unheil an? Im
Mittelalter gab es keine Armen; es gab Sieche, alte Weiber, Krppel und
Soldaten, in denen sich die gesetzmig geregelte Arbeitsscheu
verkrperte. Wer arbeiten wollte, hatte immer zu essen. Das Unheil
begann mit der bervlkerung und mit der Maschine. Wie alt ist die
Maschine? Knapp hundert Jahr. Nun sehen Sie blo mal an, seit einem
halben Hundert Jahren fing man an, diese Not zu erkennen und zu
studieren, seitdem sich alles mit reiender Zeit doch nur verbsert hat,
und dabei knnen wir frhlich und getrost sein, wenn in tausend Jahren
das Blatt sich gewendet hat, dann, wenn man auch im Rcher seiner Ehre,
im Totschlger, im Wstling so wenig mehr einen Verbrecher sieht wie
heute im Geschlechtskranken, der Frau und Generationen vergiftet, und im
Sufer, der dasselbe tut. Ein Glied fat ins andre, und keines von den
kranken lt sich fr sich allein heilen, sie mssen alle schon im einen
ihre Gesundung beginnen.

Er hrte auf und stand wieder bei seinem Ofen still. Renate,
hocherfreut, ihn reden zu hren, fragte, ihn weiter zu stoen, was er
aber damit habe sagen wollen, da er ein Deutscher sei.

Ganz einfach, sagte Klemens, ganz einfach!

In Frankreich, sehen Sie, wenn ich da eine Rede halten will, mu ich
anfangen: _La gloire!_ -- In Deutschland, wie mu ich da anfangen? Ich
mu mit der Faust aufs Pult haun. Er lachte: Ha, ha, ha! und freute
sich kniglich. Was ich dann sage, ist schon gleich, ich mu erst mit
der Faust aufs Pult haun. Deshalb nun, sagte er verschmitzt, deshalb
wre es nun doch ein Fehler, anzunehmen, da in Frankreich der Geist
herrsche und in Deutschland nicht. Sondern das Gegenteil ist der Fall.
In keinem Lande der Welt ist noch der schbigste Bierfahrer so
durchdrungen vom Geist wie in diesem sonderbaren Land. Er hat die
fremdartigsten Formen. Er geht in Potsdamer Grenadierstiefeln sehr
hufig, bertrieben hufig. Aber er waltet, unsichtbar, jedoch er
waltet. Vielleicht nicht die Kultur, aber der Geist ist tiefer
hierzuland als anderswo. Deshalb, sehen Sie, beschrnke ich mich auf
dies Land. Wer schaffen will, kann seine Kreise nicht eng genug ziehen.
Mitrauen Sie meiner Behauptung? Soll ich Ihnen den Geist der
Gewerkschaften nennen, noch einmal nennen? Die Internationale, das ist
ihr Geist. Der Geist der Geistlosen. Der Geist der Geistigarmen. Und
dies ist ihr ganzer, strahlender Reichtum; die Internationale ist ihr
Reichtum. Ausgeschlossen vom Nabob, von den Betten der Reichen, trumt
jeder sich weich im Arme einer Heerschar von Brdern, sich reich im
Bewutsein seiner ungeheuren Kraft, im Gefhle, im Glauben, in der
Erwartung der Stunde, wo der Riesenarm aus hunderttausend Armen zum
Schlage ausholt. Die Internationale ist die groe Romantische, die
Cherubsarmee, der selbsteigene Trost, die dauernde Zuflucht, das groe
Asyl aller Obdachlosen, strahlend und gewaltig wie das Junifirmament
ber eine nackte Erde gewlbt.

Eine Weile blieb es still im Raum; Klemens stand, die Hand gegen den
Ofen gesttzt, den Kopf gesenkt. Ja, sagte er aufschreckend, ich mu
nun aber fort, es wird hchste Zeit, ich mu noch zu meiner Schwester,
heut abend geht mein Zug.

Renate wollte eben verwundert fragen, ob er sie denn wirklich nur, um
sich zu verabschieden, besucht habe, als Irene in Pelzjacke und Barett
in der Tr erschien, whrend Klemens durch die Kapelle zum Podium kam,
wo sie sich vom Stuhl erhoben hatte.

Irene verwurzelte sich im Eingang mit einem solchen Blick auf Klemens,
da Renate den Ausruf ihres Namens unterschlug. Klemens schttelte ihr
krftig die Hand, indem er umherdeutend sagte: Sonderbare Reden, die
wir hier gehalten haben.

Indem drehte er sich zu Saint-Georges um, sah Irene und fuhr mit den
Schultern zurck. Dann bi er sich auf die Lippen, sagte: Guten Abend,
Frau Herzbruch! und gab Saint-Georges die Hand.

Er ging zur Tr, Irene wich nun zur Seite und neigte den Kopf grend.
Er blieb stehn. Sie wuten vielleicht nicht, da ich Otto bat, mich bei
meiner Schwester zu treffen? fragte er.

Doch, ich wute es, sagte sie.

Entschuldigen Sie nur, rief er leicht, ich dachte, Sie wren aus
Zartgefhl hergekommen. Und ging hinaus.

Irene nahm eine Hand aus dem Muff und schob den Schleier hoch, ohne
etwas zu sagen.

Guten Abend, Irene! rief Renate, whrend Saint-Georges zu ihr ging. Da
stampfte sie pltzlich mit dem Fu auf und schrie: Gott sei Dank! Gott
sei Dank, da er weg ist! Lange genug hats ja gedauert!

Unter der dreieckigen, fest um den Kopf gezogenen Mtze sahen ihre Augen
diamantschwarz unter den Schleierfalten hervor. Sie ging mit harten
Schritten zum nchsten der beiden Flgel, warf ihren Muff darauf, zerrte
den Knoten ihres Schleiers am Hinterkopf auseinander, warf den Schleier
auf den Flgel, ri die Pelzkappe ab und warf sie dazu und fuhr sich mit
den Hnden in die festgedrckten Locken, um sie aufzurichten; danach
lie sie die Arme fallen, machte einen Schritt, sttzte die Hnde auf
die Hften und blieb so stehn, mit hngendem Kopf, an der Unterlippe
nagend. Renate sah alles mit an. Irene warf den Kopf zurck, trat
rckwrts an den Flgel, legte eine Hand auf die Platte, trommelte mit
den Fingern, sagte endlich:

Ja, Renate, jetzt ists also aus. Nun hats eine Ende mit Schrecken
genommen, das soll nicht schaden. Gott sei Dank, ich habe durchgekmpft
und brauche mir keine Vorwrfe zu machen.

Was aus sei, fragte Renate unzufrieden.

Na was! das mit Klemens! Oh, Renate sollte schon wissen, wie sie
gekmpft und sich erniedrigt habe! Erst sollte es eine Probezeit auf
acht Tage sein, damals --

Was sollte? fragte Renate kurz, gestrt von dem unverstndlichen Hin
und Her.

Da er im Hause blieb! Dann ist ein Monat draus geworden, aber hassen
habe ich ihn gelernt, ach gehat habe ich ihn vom ersten Augenblick an,
diesen Zerstrer, diesen Schnredner, diesen -- Tanzenden! Herrgott, wie
er mich verwundet hat, wie ich hab frieren mssen! Ich mchte wohl
wissen, wie er gegen dich gewesen ist, eben! Auch so hhnisch und so
metallen? Hat er das wohl gewagt?

Georges hat Hunger, sagte Renate, komm, wir wollen zum Essen gehn.

Irene nahm wortlos ihre Pelzsachen auf, whrend Renate die Kerzen
lschte, brauchte eine halbe Minute, um ihren Schleier zusammen zu
raffen, folgte dann Renate, whrend Saint-Georges schon an der Kurbel
der kleinen Glhlampe stand, die den Raum jetzt erhellte.

                   *       *       *       *       *

Whrend des Abendessens verhielt Renate sich schweigsam, innerlich
unfriedlich, da der gestrte Nachhall von Klemens sich in ihr kreuzte
mit Irenens drohender Entladung. Irene verhielt sich schweigsam,
innerlich vermutlich bemht, der vollen Schale ihrer Verdrielichkeit,
oder was es nun sein mochte, jeden Tropfen zu erhalten. Saint-Georges
und sein Bruder schwiegen aus Zartgefhl; Erasmus schwieg wie immer.
Jasons Kommen unterbrach die Stille nicht weiter, als da die
Begrungsworte laut wurden; er kannte ja kein eigentlich selbstndiges
Verhalten, stets entsprach nur das seine dem der Andern, und auch wenn
er etwas Mitgebrachtes allsogleich hervorzog und dartat, schien es wie
etwas Erwartetes so natrlich. Nur als Renate eben den Mund auftun
wollte, um die Tafel aufzuheben, ffnete er den seinen, schttelte
unmerklich den Kopf und sagte, die stillen, glnzenden Augen auf Renate
gerichtet:

Weit du, Irene, was Cervantes sagt? Und nach einem flchtig und
leidend fragenden Blick Irenens, fuhr er fort: Cervantes in seinem
berhmten Buche Don Quichote de la Mancha, gemeinhin der Donkischott
genannt, sagt: Ein Mensch ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht
mehr tut wie ein andrer. -- Es fiel mir grade so ein, als ich euch Alle
so schn um den Tisch sitzen sah.

Erasmus sah ihn an, wie Renate bemerkte, mit dem sonderbar heftig
nachdenklichen Blick, den Jason ihm fters entlockte. Sie hatten, soviel
Renate sich erinnerte, noch nie miteinander gesprochen, doch schien
Erasmus eine gewisse Ehrfurcht vor ihm zu haben. Jetzt blieb er an der
Tr stehn, die Stirn wie immer leicht gesenkt und fragte zurck: Wie
sagten Sie? Ein Mensch ist nicht mehr --

-- wie ein andrer, fuhr Jason fort, wenn er nicht mehr tut wie ein
andrer. Sie sagen aber besser >als< statt >wie<, ich habe die
bersetzung zitiert, und dann sagte ich es eigentlich nicht zu Ihnen.

Erasmus nickte und ging hinaus. Die Andern standen still hinter ihren
Sthlen, lsten sich nun, Saint-Georges sagte, er brchte seinen Bruder
auf sein Zimmer und ginge dann nach Hause. Sie verabschiedeten sich, und
Irene, Renate und Jason gingen in die Halle hinunter.

Der Kamin brannte hell, niemand machte Licht. Renate setzte sich ans
Feuer und wartete ab; auch Jason setzte sich, nahm den Blasebalg, hielt
ihn gegen die Flammen und lie ab und an einen kleinen Seufzer in die
Glut sthnen. Irene, die hinter seinem Stuhl stehn geblieben war, schien
nach einigen Minuten von der Wiederholung dieses Verfahrens nervs zu
werden und sagte: Aber Jason, was machst du denn?

Jason versetzte still: Ich unterhalte das Feuer.

Renate lachte leise. Irene drehte sich um und fing an, im Dunkel des
Hintergrundes auf und nieder zu gehn. Endlich trat sie hinter Renates
Stuhl und sagte halblaut:

Weit du noch, wie ich frher zu dir gekommen bin und mein Herz
verglichen hab an deinem? Meins war Angst und Sorge und deines Flle und
Sicherheit. Nun ja, wenn man so schn ist wie du ... Seitdem bin ich
lange ausgeblieben, und nun bin ich wieder da.

Ein Mensch, sagte Jason, ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht
mehr tut wie ein andrer.

Renate sah zu Irene auf; ihr rtliches Gesicht, eben noch vom
Feuerschein erreicht, blickte mit durchsichtigen Augen ratlos gegen die
Flammen. Renate sagte:

Kind! Ich finde es ja sehr lieb von dir, da du wieder zu mir kommst
--

Jag mich nur wieder weg, murmelte Irene.

Ich dchte aber eigentlich: du hast doch nun einen Mann; oder kommst du
vielleicht seinetwegen?

Nach einer Weile wurde Irenes Stimme wieder aus dem Hintergrunde hrbar,
tonlos: Auch.

Dann wars wieder still. Renate war des ziellosen Herumredens und Stehens
schon ziemlich mde, aber Irene fing nun zu sprechen an, so da Renate
schon am ersten Wort merkte, sie wrde so bald nicht wieder aufhren.

Er nimmt mir meinen Mann weg, sagte sie. Ja das ist nun so. Hastig
redete sie weiter. Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein,
denn -- ich sagte Otto gleich noch am ersten Abend, -- ach, es war alles
so sonderbar! -- Sie schwieg, fing aber nach Sekunden von neuem an.
Ich lag noch nicht im Bett, am ersten Abend, da hrte ich, wie die
Beiden sich an den Kamin setzten und dann an zu reden fingen. Und nun
dauerte das Stunden. Immer in Pausen. Viertelstundenlang sprachen sie
unaufhrlich, am meisten Klemens. Dann wurde es still, ich wollte
einschlafen, -- da fings wieder an. Schlielich redeten sie immer
weniger, Minuten und Minuten konnte ich sie frmlich schweigen hren und
lag und wartete und wartete, und richtig: da fingen sie wieder an. Es
war zum Verrcktwerden. Endlich macht ich Licht und sa mit der Uhr in
der Hand, eine geschlagene halbe Stunde war kein Laut zu hren, ich
dachte, am Ende sind sie doch leise weggegangen. Da zog ich meinen
Kimono an, ging zur Tr und ffnete leise. Richtig waren sie noch da.
Das Feuer brannte kaum noch, aber ich sah Ottos hellen Anzug, er lag
lngelangs im Sessel, hrte mich nicht, und auf dem Sofa lag Klemens.
Nun fragt ich denn, was sie blo machten, und warum sie nicht schlafen
gingen, und Otto, halb im Schlaf, sagte glaub ich, er hrte zu, wie
Klemens sein Bart wchse, oder so was. -- Aber nun ging Klemens doch,
und -- ja, dann stellte Otto mich zur Rede. Es war herrlich, er stellte
mich --! Er htte ihn doch jahrelang nicht gesehn --

Renate dachte: Was erzhlt sie mir da? Sie hat eine Nacht nicht schlafen
knnen und -- Irene hastete weiter, klagend und eintnig:

-- und -- ja, ich wei heut auch nicht mehr, was er sagte, und ich
entschuldigte mich auch, denn ich wei ja, ich bin im Unrecht, er ist
sein Freund, und sie kennen sich lange, und sie sind Mnner, und ich bin
nur eine Frau, und ich kann nur sagen: ich mag ihn nicht!

Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer, sagte Jason ruhig, wenn er
nicht mehr tut als ein andrer.

Hab ich denn nicht mehr ein Recht zu sein, wie ich will? begehrte
Irene auf. Hab ich kein Recht als deine Frau? sag ich zu Otto. Und da,
-- ich sprach grade noch von seinem rodomontierenden Wesen, seinem
breiten Bart, und wie er die Worte setzt, alles, was mir so -- so -- ich
wei nicht! -- und seine unsichtbaren Augen ... Auf einmal steht er
wieder in der Tr und mu wohl gehorcht haben, es war ja auch nur der
Vorhang dazwischen und sagt, -- ja, was sagte er doch noch ...

Ein Mensch, sagte Jason, ist nicht mehr wie ein andrer.

Jason! -- Er sagte: weil ich von Rechten geredet htte ... Er wollte
auch von Rechten reden. Meine Ehe, die wre eine Jammerleistung, ich
htte nicht mal Kinder, und sie wren zwanzig Jahre Freunde, und ich
blo zwei Jahr verheiratet. Ja, und es wre zum Tollwerden, sagte er,
und ich sollte doch erst mal lernen, was eine Ehe ist, ehe ich mich an
einen Mann hngte. Oh, es ist uner--, unerhrt ist es!

Renate hrte sie aufgeregt hin und her laufen. Jason hatte es sich im
Sessel bequem gemacht, die Hnde vor dem Magen gefaltet und schien jetzt
aufmerksam zu lauschen.

Wie gings nun weiter, Irene? fragte er, du erzhlst sehr anschaulich.
Was hat Otto denn nun wohl gesagt? Sagte er nicht, da Klemens weder
Vater noch Mutter gehabt habe und nicht einmal wte, wer sein Vater
ist, ein Student zum Beispiel, oder ein Groherzog? Sicher hat er etwas
hnliches gesagt und wahrscheinlich auch, da Klemens gehungert htte
fr drei und gearbeitet fr zehn. Nun, ein Mensch ist nicht mehr als ein
andrer.

Renate sah Irene hinten auf einer Sessellehne sitzen und die Achseln
zucken. Jason wte ja alles, sagte sie, es sei schon so gewesen. Ja,
sie htte auch gesagt, da sie ihn, Otto, nicht so lieben knnte, wenn
Klemens daneben stnde, aber sie sei schon mde gewesen, und da habe er
denn diese Probezeit von acht Tagen verlangt, aus denen dann Wochen
geworden wren, und sie htte ihn ja auch wenig gesehn, nur bei den
Mahlzeiten, da er sonst im Zimmer ihres Schwagers gearbeitet htte ...

Ja, Albert Vehm, sagte Jason, sich aufrichtend, gut, da du den Namen
nennst. Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer, aber was ist mit ihm?

Er ist weg. Wir wissen jetzt, wo er haust; bei einem Bauern aus seiner
Praxis, aber niemand bekommt ihn zu sehn.

Da sah Renate ihn wieder am Zaun stehn und hrte ihn fragen: Und die
Kinder ...? Renate schreckte leicht auf, da Irenes Stimme auf einmal
dicht ber ihr fragte: Bist du aberglubisch?

Nun ja, wie man so ist, gestand sie halb lachend, Katzen und
Sternschnuppen und Spinnen, und wenn das Streichholz nicht anbrennen
will, da man sich sagt: das und das wird geschehn, wenn ... aber --

Ja, so hnlich, sagte Irene, jedenfalls hab ich mir ausgedacht, da
in diesen acht Tagen irgend etwas geschehn sollte, das mich bestrkte
oder vernderte gegen ihn, aber natrlich ist nichts geschehn, blo da
er mir immer unangenehmer geworden ist, und dann hab ichs eben langsam
immer weiter ertragen, und --

Was war denn nun zu ertragen? fragte Renate khl.

Gott, Renate, da _ihr_ Beide gegen mich seid, das wei ich ja lngst,
und wie soll man denn das auch beschreiben? Die Worte machens doch
nicht, das macht doch das Gesicht und die Haltung und die Tonart und
alles, oder meinst du, man kann sich da irren, und ich htte mir blo
eingebildet, da er es frmlich drauf anlegte, mich aufzubringen und zu
empren und --

Oh das kann ich mir sehr gut vorstellen, sagte Jason. Wenn einer so
in die allgemeinsten Dinge eine Spitze hineinsteckt, und man kann nichts
sagen, denn da ist gar nichts zu sehn, aber innerlich mchte man
aufschrein, nicht wahr, Irene? Und dann so dies: obenhin ... Wenn man
sich grade so schn vorgenommen hat, geduldig und artig zu sein, und tut
eine bescheidene Frage und kriegt auch eine Antwort, aber was fr eine!
-- So nach einer Weile, als ob sie erst abgeleckt wre von allen Seiten,
so aus dem Mund geholt wie ein Matrosenpriem und auf die Tischkante
gelegt zum Trocknen, ja, das kenne ich ausgezeichnet. Wirklich, ein
Mensch tut nichts andres als ein andrer.

Irene antwortete nicht, aber Renate fing an, sich ernstlich zu sorgen,
da sie immer geschwinder und wilder durch den Raum hin und her fuhr, die
Hnde geballt und mit verwirrten, weggeschleuderten Blicken.

Wenn Otto mir sagte, rief sie hart anhaltend, Klemens knnte keinen
Widerspruch vertragen, es sei berhaupt alles Beherrschung an ihm, auer
man wre sachlich oder schlich, -- was wei ich, ich bin weiblich! --
-- was blieb mir denn brig als stille zu schweigen?

Gut, Irene, ausgezeichnet! lobte Jason, damit trafst du das
Richtige.

Schweig, Jason! Und immer hackte er auf meiner Kinderlosigkeit herum!
Nein, hre, da fllt mir etwas andres ein, was er sagte. Einmal konnt
ichs nicht lassen und fragte, was das denn eigentlich fr eine
Freundschaft wre, wo einer sich um den andern jahrelang nicht kmmerte.
-- Das wre das Feine dran, sagte er. So, sage ich zu Otto, und wenn ich
mich jetzt zwei Jahre Gott wei wo herumtreibe, dann ists dir
wahrscheinlich auch egal. -- Darber habe ich noch nicht nachgedacht,
sagt er. Ist das nun vielleicht eine Antwort?

Glhugig stand sie da und blickte Renate an. Jason machte erstaunte
Augen.

Ich hatte gedacht, sagte er, whrend Renate ein Lcheln verbi, du
wolltest von Klemens reden? Nun, sagte er und zog sich befriedigt
zurck, du hast ja recht: ein Mensch ist nicht mehr wie --

Ja, nun verwechsle ich sie schon, murmelte Irene, kniff den Mund zu
und sagte bse: Einer ist mir so fremd wie der andre.

Hre mal brigens, fing Jason an, du hast das wohl auch verwechselt.
Klemens redete von Freundschaft, und du von Ehe.

Ah, sieh, Jason! hhnte Irene spitzig, du hast wohl auch seine
Meinungen ber Liebe und Ehe und so.

Wenn du mir die seinen vielleicht sagen mchtest ... meinte Jason.

Also, einmal frage ich ihn ganz bescheiden, ich htte eigentlich noch
immer etwas Zeit brig, namentlich im Winter, ob er nicht auch meinte,
da ich mich frsorgerisch bettigen sollte. In meinem Staat, sagt er,
gewi nicht. Er bemhe sich seit zehn Jahren, das Recht auf Kindersegen
fr jede Frau durchzusetzen, und ich prtendierte das Recht auf
Kinderlosigkeit. In seinem Staat, und so weiter, und ob ich eigentlich
wte, wieviel Frauen ich die eigentliche Vollendung ihres Daseins
wegnhme. Ja, weit du, warum? Weil ich einen Mann fr mich beanspruche,
von dem andre Kinder haben knnten. Und damit -- ihre Stimme wurde
heiser und berschlug sich, kletterte er im Handumdrehn zu der
Behaup-- Ihre Stimme versagte, sie mute husten und hrte lange Zeit
nicht auf.

Das sei aber mal nichts Besondres, meinte Jason enttuscht; nein, das
fnde er nun uerst natrlich und wahrheitsgem geredet. Ob er denn
sonst nichts gesagt htte?

Sie htte es wohl vergessen, murmelte Irene matt, es sei ja auch gleich.

Renate sagte, damit knnte sie wohl recht haben, denn sie htte wohl
gleich gemerkt, da es sich hier wie immer nicht um das Was handle,
sondern um das Wie, und Irene habe sich ja auf unbegreifliche Weise
haerfllt und abgeneigt von vornherein gegen Klemens gezeigt ... Sie
brach ab, da sie Irene in ihrem Sessel hinten, ohne hinzuhren, sich nur
angestrengt besinnen sah. Gleich darauf fing sie auch an: Lieben, htte
er einmal gesagt, lieben knnte man doch nur, was einem fremd sei. Wie?
frage ich. -- Zum Beispiel: Gott, sagt er. -- Gott? frage ich erstaunt,
und da fllt mir natrlich Otto ein, und ich frage, ob er vielleicht
behaupten wollte, da Otto mir fremd wre. -- Er wre berzeugt,
unterbricht er mich, da es nichts gbe, was einander fremder wre als
zwei Menschen, Mann und Weib. Jason spitzte die Ohren. Mein Mann ist
mir lieb, nicht fremd, sage ich. -- Abgesehn, sagt er, von der Logik,
was meine Ehe denn fr eine Kunst wre. -- Liebe, sage ich, nicht Ehe.
-- Ah, sagt er da und tut hocherstaunt, Sie wissen also doch sehr gut,
da Liebe und Ehe nicht das geringste miteinander zu tun haben. -- Ich
falle aus allen Wolken und sage: Was? -- Denn Liebe, doziert er so recht
pedantisch, Liebe ist ein Gefhl, und Ehe ist eine Einrichtung.

Nun, da haben wirs, sagte Jason entzckt. Ein Mensch kann nicht mehr
tun als ein andrer, aber dies war ja nun sehr ausgezeichnet, ein ganz
ausgezeichnet wahres Wort! Ich mchte fast glauben, da er es mir
abgelauscht hat. Immer und immer habe ich das gesagt: Liebe und Ehe, die
beiden haben miteinander genau so viel und so wenig gemein wie das Leben
und der Tod. In der Ehe nmlich herrscht das Gesetz, ja bis in die
allerkleinste Wallung und Verrichtung des alltglichen Ehelebens hinein
waltet der Geist der Vertrglichkeit auf Grund des Vertrages. Was aber
tut das Gesetz? Es ttet. Es ttet ab, es erstarrt. Die Ehe ist recht
eigentlich die Idee aller starren Systeme, aber nun, wie es im Liede
heit: Media in vita -- mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.
Mitten im Leben der Liebe vom Tode der Ehe umfangen und dennoch hchst
lebendig, wohlwollend, vertrglich, hlfreich und gut zueinander sein,
-- das wre die Kunst der Ehe. Sprachs und glitt zufrieden wieder in
seinen Sessel zurck. Irene sagte nichts.

Wie rauh und schwchlich, aber auch wie traurig hatte Irenes Stimme doch
geklungen; Renate hrte es nun erst, wo sie erloschen war. Sie htte
gern etwas Trstliches geuert, aber alles, was sie hrte, brachte
keine Begriffe in ihr hervor; es war wie das Pltschern eines Wassers,
dem Wehmut und Abgeschiedenheit anzuhren ist, doch bleibt es die
betrbte Stimme eines Bachs, eine fremde, nicht zu unterbrechen oder zu
enden mit Zusprache oder Streicheln.

Und nun hat er ja recht behalten, kam ihre Stimme wieder zum
Vorschein, erloschen und trostlos. Otto ist mir fremd geworden.
Vielleicht ist ers immer gewesen, ich wei ja nun gar nichts mehr.
Frher glaubt ich all seine Gedanken zu sehn, jetzt mu ich oft seine
Stirn ansehn und denken: Was ist dahinter? habe ich etwas damit zu tun?
-- -- Wie einfach, wie natrlich war nicht alles! Es war nicht gro, du
lieber Gott, es war keine _Kunst_! aber es pate doch zu uns, und ich
wars zufrieden. Nun heits: es ist keine Kunst, und ich mu ber die
schwierigsten Sachen nachgrbeln. Manchmal ist mirs schon gewesen, als
sei es ganz gleichgltig, ob Otto und ich zusammenleben oder irgend zwei
Andre.

Jason lchelte hier still und friedlich vor sich hin. Renate mute
denken: Er scheint es ja recht leicht zu nehmen ... Irene stand auf,
hielt den Kopf gesenkt und zerrte an ihrem Taschentuch.

Ich wei ja, ihr wollt mir nicht helfen, sagte sie, Trnen dick in der
Stimme.

Jason erhob sich. Ich gewi nicht, Irene, sagte er aufrichtig,
obgleich ich nicht wei, was dir eigentlich fehlt. Nein, ich freue mich
im Gegenteil, dich in einer derartigen Verwirrung zu sehn. Verwirrungen
erhhen die Lebhaftigkeit des Daseins und machen die Ruhe angenehm.
Nichts ist ser, als auf dem Sofa liegen nach einem schnen
Schwindelanfall. Dir kann ich noch nicht helfen.

Noch? was das heien solle, noch?

Oh nichts so Bestimmtes, meinte Jason. Ich wollte blo zum Ausdruck
bringen, da ich nichts anzufangen wei mit Leuten, die dastehn und
schreien, sie fielen um. Wenn einer an der Erde liegt, so will ich ihn
aufrichten; ja, dazu mache ich mich anheischig.

Pltzlich stampfte Irene mit dem Absatz auf und schrie: Herrgott, warum
mu denn nur alles so verkehrt kommen! Warum liebt ihr euch denn nicht,
Klemens und du, statt da -- Sie brach verwirrt ab. Nein, wir hassen
uns ja ... Sie schien vllig den Faden verloren zu haben, schttelte
sich auf einmal, kam auf Renate zugeflogen, warf sich vor ihr an den
Boden, umschlang sie und schluchzte jammervoll:

Ach, ach, ich mu dirs ja gestehn, ich hab mich nur so herumgeredet, es
ist ja so eine furchtbare Schande, aber ich mu -- sie schttelte sich
krampfhaft -- ich mu es dir sagen, er hat -- er hat mich -- er hat
mich ja so wahnsinnig gedemtigt! Ach, angeschrien hat er mich wie ein
Sinnloser, niedergedonnert hat er mich -- ach, Otto! Otto!

Wie, Otto hat ... fragte Jason.

Irene sprang auf und flammte ihn an. Otto, bist du ganz rasend? Er, er,
er, Klemens! Auf einmal ist er ganz blau im Gesicht geworden, ich wei
nicht, ich mu ihn wohl gereizt haben, und dann hat er gelrmt ...! Was
das fr eine Schande mit mir wre, dies kindische Wesen, und alles Alte
hat er wieder aufs Tapet gebracht, und ich gnnte ihm seinen Freund
nicht, und den Mund sollte ich halten und --

Ihre Stimme erstickte wieder. Renate konnte es nicht mit ansehn, wie sie
dastand und sich erniedrigte, schttelte den Kopf, mute sich aber nun
doch sagen, da an allem schlielich etwas Wahres sein msse, nicht
alles allein Irenens Schuld sein knne; sie konnte sich aber in der
Erinnerung an den Nachmittag mit Klemens ihn in keiner ungebhrlichen
Haltung vorstellen.

Wie du dich erniedrigst, Irene! entfuhrs ihr unbedacht. Irene zischte
wieder empor.

Ich will mich erniedrigen! schrie sie wtend. Und was er schaffte,
das sei mehr wert ... brllte er, und eine Stimme hat er gehabt, da
alles Glas nur so klirrte, und die Wnde haben gezittert, und ich sa da
wie versteinert. Das in meinem Haus! Fliegend, jauchzend, zitternd,
frohlockte sie: Wahnsinnig hasse ich ihn, wahnsinnig! o ich hasse ihn,
ich hasse, ich hasse ihn. Kme er nur, kme er nur noch einmal und ...
ach, ich wollte, er tte es noch einmal!

Das knnte sie haben, meinte Jason gefllig, er hrte Klemens eben
drauen klingeln.

Renate vernahm seine Worte nur halb, mit den Augen an Irene hngend, die
wie eine Eumenide vor ihr wogte, die Arme schleudernd, als stken Dolche
in den Hnden, und alle Locken hatten sich aufgerichtet um ihren Kopf
und bebten und zrnten mit.

Wit ihr, was er getan hat? zischte sie. Mit funkelnden Augen von
Renate zu Jason und zurck, hob und krmmte sie den rechten Arm, hob die
Hand und machte eine klappende Bewegung damit. Verstehst du, Renate?
Renate verstand und reckte sich innerlich. Verstehst du, Jason? Ja,
nicht wahr, das habt ihr doch nicht gedacht, das habt ihr -- Ihre
Stimme und sie selber schwankte.

In der Tr stand das Hausmdchen und sagte: Gndiges Frulein -- Herr
Doktor Klemens.

Renate geriet in Schrecken. Was wollte das werden? Irene war nicht
anzusehn, ob sie die Meldung gehrt hatte oder nicht, sie sphte mit
einem sonderbar wirren Blick im Zimmer umher, entdeckte pltzlich
zwischen Korridortr und Kamin das Telephon und strzte darauf zu. --
Renate hrte das Mdchen etwas fragen, nickte nur, und gleich darauf
flammte das Licht in der Krone blendend auf und bergo alles. Irene
schrie: Otto! dann Einundsiebzig einundsechzig!

Klemens erschien in der Tr, verbeugte sich gegen Renate, blickte dann
scheinbar abwartend auf Irene, die ihm den Rcken wandte, ber das
Tischchen mit dem Fernsprecher gebeugt.

Bitte, schalten Sie um! sagte Irene. Gleich darauf: Ja, umschalten
sollen Sie, zum Oberstock, Himmeldonnerwetter, verstehn Sie denn nicht?
Um -- -- Ach, der Teufel soll dich holen! schluchzte sie, warf den
Hrer hin und fiel in den Sessel, aus dem Jason eben aufgestanden war.

Der ergriff nun den Hrer, fragte: Bitte, sind Sie noch dort? horchte
und sagte: Ach, Sie sind selber am Telephon! Bitte, einen Augenblick!
-- Dein Mann ist am Telephon, Irene, sagte er zu ihr, es war bereits
umgeschaltet. Soll ich ihm was sagen, oder willst du --

Irene unterbrach ihr Weinen und schluchzte mhsam, sie wolle ihn nicht
sprechen, er -- sie habe nur hren wollen, ob er zu Hause sei, und sie
kme auch gleich.

Jason fhrte das aus und legte den Hrer hin, dann drehte er sich um und
sagte zu Klemens:

Das ist schn, da Sie grade kommen. Wir sprachen von Ihnen, und da
mchte ich Sie gleich fragen: Haben Sie meiner Freundin Irene wirklich
eine Ohrfeige gegeben?

Irene zuckte nur, als sie merkte, da er mit Klemens sprach, behielt
aber das Gesicht im Taschentuch, richtete sich langsam auf und trocknete
ihre Augen. Klemens sagte leutselig zu Jason:

Junger Mann ... Das heit, unterbrach er sich, hat Frau Herzbruch
dies vielleicht behauptet?

Also nicht? rief Renate erleichtert.

Keine Idee! Ich habe blo so getan, verteidigte er sich.

So getan? sagte Jason. Das ist glnzend. Zufriedengestellt, wie es
schien, drehte er sich ab, ging in den Hintergrund und sagte wie zur
Erklrung: Ein Mensch ist nicht mehr als der andre, wenn er nicht mehr
tut als der andre.

Klemens sah ihm mitrauisch nach, uerte dann zu Renate: Ich kann
Ihnen das leider nicht vormachen. Nun wandte er sich zu Irene, die
langsam aufgestanden war und zu schwanken schien, ob sie ihn ansehn
sollte, und sagte:

Ja, also Frau Irene, ich bin noch einmal gekommen, -- es wird mir nicht
leicht, und ich habe wohl auch eigentlich --

Er wollte auf sie zugehn, aber Irene, einen Augenblick geduckt, ging ihm
pltzlich entgegen, streckte ihm die Hand hin und murmelte:

Ich bitte Sie um Verzeihung, Klemens, ich hatte Sie wohl zu sehr
gereizt, und -- ich bitte Sie um Gottes willen ...

Klemens ergriff tief erstaunt ihre Hand und brachte kaum den Mund zu.
Irene lie wieder los, ging wie geistesabwesend zur Flurtr, murmelte:
Wohin will ... wohin soll ich denn nun? Ach so, nach -- nach Hause ...
Dann schluchzte sie tief und furchtbar auf.

Renate lief hastig um die Sessel und zu ihr hin, erreichte sie in der
Tr, legte den Arm um ihre Schulter und ging mit ihr hinaus. Sie wagte
jetzt kein Wort, Irene raffte sich auch wieder zusammen, ging gefat in
die Kleiderablage, lie sich von Renate in die Jacke helfen, setzte die
Mtze auf, knllte den Schleier zusammen und steckte ihn ein. Nach einem
Blick in den Spiegel holte sie ihn wieder hervor und band ihn mit
zitternden Fingern um; Renate half ihr.

Gute Nacht, sagte sie leise. Renate wollte sie an sich ziehn, aber sie
schttelte trbe den Kopf und ging hinaus. Renate blieb ratlos zurck.

Wieder ins Zimmer kommend, hrte sie Jason eben sagen: Seelische
Fallsucht ist ein vortrefflicher Ausdruck! worauf er sich zu Renate
umdrehte, mitten im Zimmer, schmal und kleiner als sonst neben Klemens
scheinend, den Kopf ein wenig schrg haltend, und erfreut zu Renate
erklrte:

Herr Klemens sagt, er htte die seelische Fallsucht. Jahrelang ginge es
ihm sehr gut, und dann, auf einmal, wre die Fallsucht wieder da; es
geht ihm also genau wie mir. Ich habe ja mehr die Zitatenfallsucht, aber
sie ist ja nun auch im Schwinden, unberufen, und eine Zeitlang hatte ich
das Kopfschtteln, aber das ist, glaube ich, auch schon wieder im
Schwinden. Er schttelte den Kopf. Nein, da ist es wieder, sagte er
enttuscht, ich habe es berufen, nun will ich lieber gehn und Irene
noch an der Haltestelle treffen. Gute Nacht, Herr Klemens. Er reichte
ihm die Hand. Gute Nacht, Renate. Er reichte ihr die Hand, lchelte
und ging sacht hinaus.

Renate setzte sich schweigsam in einen Sessel, hielt sich grade, rieb
die Hnde leicht im Scho und blickte ins niedergebrannte Feuer. Aber
beim Anblick des Blasebalges fiel ihr Jasons Bemerkung ein: er
unterhalte das Feuer; sie mute lcheln, sah zu Klemens auf, sah ihn in
sich gekehrt im Schatten stehn und sagte: Ein groer Wirrwarr, wie es
scheint! Wollen Sie so gut sein und den Blasebalg etwas in Ttigkeit
setzen?

Klemens fuhr auf. Blasebalg? rief er, meinen Sie mich oder den da?
Er lachte, setzte sich, ergriff das Instrument, drehte eins der
Holzscheite mit ihm um, setzte ihn dann bedchtig in Ttigkeit. Als das
Feuer wieder hell brannte, legte er den Blasebalg fort, setzte sich
zurck und sagte:

Kluge Jungfrau! auch Ihnen wird, nehme ich an, bekannt sein, was
gemeinhin nicht viele wissen, ich aber wei es: Nichts fngt da an, wo
es anzufangen scheint. Auch diese armen Trnen, welche Sie sahen, auch
die -- ich schwre es! -- nicht nur Ihnen imaginr gebliebene Ohrfeige
haben ihre Wurzel nicht im heutigen, sondern in Frau Irenens
Hochzeitstage. Ich kam nicht zur Trauung, damit fing es an. Ich habe nun
eine Abneigung gegen Schwurformeln im allgemeinen, und im besondern,
wenn der, welcher sie aufsagt, nicht daran glaubt, und erschien deshalb
erst bei der Tafel. Das Ehepaar brach, wie Sie sich erinnern werden,
frh auf, so bekam ich Ottos Frau kaum zu sehn, aber was ich bekam zu
sehn, das war nicht hoffnungsvoll. Ich dagegen war so hoffnungsvoll, zu
glauben, dies werde in zwei Jahren vergessen sein, aber weit gefehlt!
Ja, ich dachte es mir ganz schn, ich hatte vor, ein Buch zu schreiben
--

Ein Buch? fragte Renate, aber er winkte gromtig ab:

O blo so ein Buch! wie halt a jeder! Und da dachte ich, dies bei mehr
Behaglichkeit und Ruhe in Herzbruchs Hause als in so einem mblierten
Zimmer tun zu knnen, denn meine eigne Wohnung hab ich vor ein paar
Jahren aufgegeben, und meine Schwester hatte keinen Platz bisher.
Natrlich, ich htte nach der ersten Nacht verschwinden sollen, aber --
ja, was ist da zu sagen? Otto bat mich, ich hoffte weiter, ja, Otto, das
mu ich sagen, zwang mich gewissermaen, indem er meine Stiefel
versteckte, und als moralischen Grund gab er vor, seine Frau mte
aufgemuntert werden, sie wrde zu dick. Alles gut und schn, aber -- na,
ich blieb doch, und Herzbruch, der hetzte ja denn nach Krften, er fand
es herrlich, wenn wir uns die geschliffenen Partisanen gegen den Kopf
rannten, und sagte, sie wre nicht wiederzuerkennen, und ich wre ein
General-Stabsarzt.

Renate sprang auf und lief ins Zimmer hinein. Ach, hren Sie lieber
auf, bat sie zwischen Lachen und Weinen, das ist ja nicht auszuhalten!
Erst kommen Sie am Nachmittag, und ich freue mich, denke, ich kenne Sie,
und wie Irene mir stundenlang etwas vorjammert, bleibe ich bei meiner
Auffassung von der Sache, bis es mir denn doch zu ernst wird, und ich
denke: was Wahres mu doch dran sein, und dieser Klemens ist kein
solcher Cherub, als welcher er sich gehabt. Danke! nickte Klemens.
Ach, nichts zu danken, denn nun kommen wieder Sie, und nun sieht die
Sache wieder noch ganz anders aus, und nun ist Otto eigentlich derjenige
welcher. Was ist denn nun das Richtige?

Klemens kratzte sich mit schief offnem Munde den Kinnrand im Bart und
meinte: er wt es nicht, er reiste ja nun ab. Da der Zweck seines
Daseins im Hause Herzbruch vollkommen erreicht sei, das wollte er
schwren. Nun ginge er acht Tage auf Reisen, dann wrde er bei seiner
Schwester wohnen und --

Ach, papperlapapp, unterbrach Renate ihn lachend und rgerlich, was
ist das mit der Ohrfeige gewesen?

Klemens wiegte verdrielich den Kopf. Die Ohrfeige, sagte er, hat
nicht stattgefunden.

Pltzlich wurde er dunkelrot, Renate erschrak und dachte: nun kommts!
aber die Fallsucht schien auszubleiben, er ergriff den Blasebalg, warf
ihn auf die andre Seite des Kamins, machte bse Augen, schob das Kinn
vor und sagte endlich:

Da man von unechter Abkunft sei, braucht man sich nicht sagen zu
lassen, meine Teuerste. Ich habe in Zeitungen geschrieben und mich mit
mehr als einem Prebengel herumgeschlagen, und da ich wei, wie und wo
die giftigsten Spitzen anzubringen und abzuschleudern sind, das kann
Frau Herzbruch freilich bezeugen. Meine Abkunft jedoch hat der
schmutzigste Schmock, obgleich ich nie ein Hehl daraus gemacht habe, nie
angetastet, denn auch so einer hat Kenntnis von gewissen Usancen. Ich
bin, wenn Sie es wissen wollen, sagte er aufstehend, ich bin darauf
auf sie zugegangen, so! Er trat dicht vor Renate, und hab die Hand
gehoben, so! Und da hat sie sich geduckt, hat kein Wort gesagt und ist
zur Tr geschlichen. Ottos Schwester, auch dies mgen Sie erfahren, war
die erste und einzige bisher, der ich es mitgeteilt habe.

Genug, sagte Renate reuevoll, verzeihen Sie nur! genug!

Ich habe ja nichts gegen Sie, lachte er nun, aber, schlo er wieder
ernst und mit Wrde: wenn ich auch Proletarier bin, bin ich deshalb
kein Prolet, sondern reiner Geist; ich stabiliere mich als solchen.
Nein, sehen Sie, fuhr er leichter fort, zu Irene sagte ich, nachdem
ich -- Sie wissen schon! --: ja, da knnte sie nun sehen, wie verdorben
sie wre, da sie wahrhaftig glaubte, ich wollte sie ohrfeigen, und wei
Gott, es ist etwas daran, und was soll dieser Otto mit einer Frau
machen, die glaubt, ihre Ehe geht in Stcke, blo weil einer zusieht,
den sie nicht leiden kann? Ja, bitte, was sagen denn Sie dazu? Sie sind
doch ihre Freundin, Sie kennen auch Frau Vehm -- ja, du lieber Gott, ist
das ein Unterschied zwischen den Beiden! Er atmete auf.

Ein Mensch, dachte Renate, ist nicht mehr wie der andre, wenn er nicht
mehr tut wie der andre. Es war nicht gerade viel, was Irene zu tun
pflegte, zumal im Schatten ihrer Schwgerin betrachtet.

Der Mann ist ein Sonderling und verkriecht sich, hrte sie Klemens
wieder sagen, die Frau ist oft stundenlang, tages und nchtens, bei
Wind und Wetter unterwegs, um ihn zu finden, und was sie selber im
Herzen zu schleppen hat, das wird ja wohl auch Ihnen nicht unbekannt
geblieben sein; aber deshalb weicht sie doch keinen Schritt von ihrem
Wege und neigt das dunkle Haupt auch keinen Nagelbreit unter ihrer
aufgetrmten Last, sondern steht da, lchelnden Mundes, heller Stimme,
sichrer Hand und krftigen Herzens, schne, edle Karyatide unter dem
sthnenden Geblk ihres Daseins. Ach, man mchte singen und verzweifeln
um solch eine Frau, und Irene daneben, was tut sie? Sie glauben
vielleicht, sie sei Ottos Frau gewesen, aber weit gefehlt! Bis vor drei
oder vier Wochen war sie's nicht, sie wollte ja keine Kinder haben,
qult einen Mann zu Tode mit ihrer -- Daseinsunwissenheit und wirft sich
ihm endlich in die Arme an dem Tage, wo ein Mensch ins Haus kommt mit
unsichtbaren Augen.

Er lief mit groen Schritten zornig im Zimmer hin und her, warf die
Ellenbogen vor und schlug die Hnde zusammen. Ob denn das zum Blasen
sei? fragte er. Na, aber nun hat er sie ja wenigstens, und so wird denn
wohl alles in der Ordnung sein, murrte er, kam auf Renate zu, hielt ihr
die Hand hin und bat, gehen zu drfen.

Renate sah ihn durch Schleier an. Seltsam erinnerte sie sich Ulrikas.
Ohne sie wte sie heute kaum, was das bedeutete, was Klemens ihr eben
verraten hatte, bedeuten mute fr einen Mann wie Herzbruch.

Ich frchte, lieber Herr Klemens, sagte sie leise, so einfach wird es
nicht sein, wie Sie denken, aber -- wir knnen ja hoffen. Sie vergessen
doch nicht dies Haus, wenn Sie wieder in der Stadt sind, nicht wahr? Ich
wrde gern noch mehr mit Ihnen sprechen, aber ich bin nun auch recht
mde geworden von allem. Also auf Wiedersehn!

Ja, sagte er, als fiele etwas ihm ein, und wissen Sie denn
eigentlich, warum ich noch einmal zurckgekommen bin?

Renate schttelte den Kopf.

Weil ... Ich verstehe es nicht, murmelte er, den Kopf senkend. --
Weil, fuhr der dann erklrend fort, mich unterwegs die Reue ergriff;
weil ich dachte, ich wre vielleicht doch im Unrecht, und -- da man
gleich tun soll, was man tun will und kann, so drehte ich wieder um, und
-- -- was geschieht? Sie sahns ja, sie tat, was ich tun wollte, sie bat
mich am Verzeihung!

Auf dies hin wute Renate nichts. Sie standen noch eine Weile
schweigend, dann verbeugte er sich und ging.

Renate nickte ihm noch lchelnd zu, als er aus der Tr grte, dann
fielen die Schleier wieder ber alles, langsam erlahmte ihr Denken, rot
glimmte die sinkende Glut vor ihren verdunkelten Augen, sie ging zur
Tr, lschte das Licht und ging schlfrig und abgespannt auf ihr Zimmer.


                               Schrecken

Renate hob den Kopf aus dem Schlaf, weil sie jemand an die Tr klopfen
hrte; sie glaubte, nur wenige Stunden geschlafen zu haben, aber es war
schon Tag. In der Tr erschien die Kchin, ngstlich, und sagte: Frau
Herzbruch habe angerufen, das gndige Frulein mchte doch gleich ans
Telephon kommen, es sei etwas ganz Schreckliches passiert. Renate war
schon mit den Fen aus dem Bett. -- Es betreffe aber nicht Frau
Herzbruch selbst, sollte sie sagen. -- Renate war schon in den
Pantoffeln, rannte durch die Zimmer hinaus und treppab in die Halle. Es
mute mit Vehm ... Sie nahm den Hrer auf, atemlos, und sagte: Irene?

Eine Weile war nichts zu hren als das Sausen und Knistern im Apparat,
dann kam Irenes Stimme leise und mhsam aus der Ferne: Renate ...? du
wirst -- sehr erschrecken. Es ist -- Wieder war alles still. Mein
Schwager Vehm, hrte Renate, ist -- -- tot. Und -- und --

Dora! schrie Renate entsetzt.

Nein, nicht Dora, hrte sie nach Sekunden. Die Kinder.

Renate zitterten die Knie. Sie glaubte, einen ungeheuren Schlag gegen
die Brust erhalten zu haben, rang nach Atem, fhlte lange Zeit nichts,
tastete endlich hinter sich nach dem Stuhl und sank auf ihn hin. Dann
hrte sie ihr Herz schlagen -- es mute Sekunden ausgesetzt haben.

Irene fragte aus der Ferne: Bist du noch dort?

Sie wrgte einen Laut hervor, brachte dann heraus, was das bedeute?

Lange Zeit antwortete Irene nicht, endlich sagte sie langsam: Er war
gestern wieder da -- als ich aus der Stadt kam. -- Und -- auch gidi. --
Sie waren Alle in der Diele. Albert sah ganz -- verwirrt aus, aber --
nachher kam Dora und sagte, er habe ziemlich ruhig gesprochen und gesagt
-- er -- er knnte es nicht ndern, die Kinder wren sein, und deshalb
mte auch die Mutter bei ihnen bleiben, oder -- so hnlich, und -- er
ist dann gegangen, aber wiedergekommen nach einer Weile und hat gesagt,
er htte sich besonnen -- ja, ich kann das alles nicht so sagen -- -- --
jedenfalls, er wollte gehn, und sie sollte die Kinder behalten. Dann ist
er fortgegangen, er hat sich nicht halten lassen. Irene schwieg wieder.

La es genug sein, Renate, bat sie dann. Er mu nachts ins Haus
gekommen sein, ohne da wer von uns es hrte. Dann hat er im
Kinderzimmer erst den beiden -- Irenes Stimme brach schluchzend ab.

Renate legte den Hrer hin und sah, noch die Hand daran haltend, das
schwarze und metallene Ding, seltsam fremd und erschreckend, als wre es
ein gefhrliches Instrument. Durch es hatte Irene gesprochen, sie hatte
Irene nicht gesehn, Irene war vielleicht gar nicht auf der Welt, es war
nur ihre Stimme gewesen, Renate glaubte pltzlich zu sehn, wie eine
finstre Gewalt Irene vom Telephon in die Nacht hineinri, schwarze
Flocken regneten vor ihren Augen, aber dann sah sie in einem hellen
Sonnenschein einen kleinen Jungen im Kreise herumgehn, derweil er eine
Blumentopfscherbe und einen alten Kochtopfdeckel zusammenschlug und, die
groen Augen immerfort auf sie gerichtet, sang: Wenn ein Vorrat geht zu
Ende, zieh den Schieber mit die Hnde! -- Immer dieselben zwei
verdrehten Zeilen, von denen spter Dora sagte -- was? -- Ja, Renate sah
in der Montfortschen Kche so eine blauweie Tafel hngen, um die
fehlenden Vorrte anzuzeigen, und darunter stand: Zieh den Schieber vor
behende ...

Warum bin ich denn so wahnsinnig erschrocken? dachte sie und war
sekundenlang ganz ruhig. Langsam stand sie auf, konnte aber zuerst kaum
die Fe aufsetzen. Danach ging es besser, sie schlich die Treppen
hinauf und in ihr Zimmer, wo sie langsam ein paar Schlucke Wasser trank.
Sie frstelte davon, legte sich wieder ins Bett, war auf einmal ganz
schwach und deckte sich zu. Die Gedanken verschwammen, sie wollte sich
besinnen, was denn eigentlich gewesen sei, und dmmerte ein. Da befand
sie sich pltzlich in einem groen Saal mit hohen grauen Wnden aus
Quadern und ohne Fenster. Nach oben blickend, gewahrte sie an Stelle des
Dachs einen rein blauen Sommerhimmel, den eine einzige Wolke von
schimmernder Weie sehnschtig verschnte. Wieder die Augen senkend,
entdeckte sie, da der Boden ein Wasser war, das sich in kleinen
Windungen und Strudeln emsig bewegte wie eine Menge Getier, und
zugleich, da sie in der Spitze eines Nachens stand. Und jetzt sah sie
die Schmalwand des Raumes vor sich geffnet; ein Tor wars, und durch den
Spalt scho strudelnd ein dunkles Gewsser herein. Der Nachen bewegte
sich unter ihr, schwankte, stieg mit den lautlos steigenden Fluten, und
nun wute sie, da sie in einer Schleuse war.

Darber mute sie tief aufatmen, ja seufzen aus einem von Erleichterung
und Beklommenheit angsthaft gemischten Gefhl. -- Nun wird die Fahrt
frei werden! murmelte sie, sich beruhigend, und erkannte, wieder nach
oben schauend, in der Wolke einen weit fernen Engel, der von ihr
abgewandt und in einer seltsamen Verkrzung hinter sich tretend,
strmisch in die Blue hineinjagte. Bleibe! schrie sie in pltzlicher
Fassungslosigkeit, o bleibe! -- Aber er war schon verschwunden, und sie
erwachte mit heftig klopfendem Herzen.

Jhlings und mit furchtbarem Erschrecken fuhr sie dann hoch, da sie eine
unhrbare Stimme traurig sagen hrte: Schpfe, schpfe, mde Danaide ...
Aber nicht das hatte sie hren wollen, sondern ein Wort von Klemens --
wie hie es? ja, wie hie es denn? -- Schne edle Karyatide ...

Kaum gedacht, brach ein Strom von Trnen aus Renates Augen, ihr Herz
flatterte entsetzt auf mit tausend gestaltlosen Ahnungen, Befrchtungen,
ngsten eigenen Schicksals, sie whlte das Antlitz in die Kissen und
weinte, wie sie noch nie im Leben geweint hatte.


                          Achtes Kapitel: Juni


                                 Krank

Georg wachte des Morgens auf und dachte: Ach, nun bin ich auch krank! --
Stirn und Schlfen schmerzten, er fror; er schluckte, und es tat ihm
weh. Auf den Ellenbogen sich aufrichtend, fhlte er sich zerschlagen und
mde, blinzelte gegen den Fenstervorhang, die Sonne schien drauen zu
sein, aber dies Drauen, der Garten und alles war merkwrdig weit weg
und als ob er nicht dazugehrte, sein Gehr schien dumpf und legte etwas
Entfremdendes zwischen ihn und die Welt. Ich kann nicht nach Zinna
fahren, murmelte er bitter, vielleicht gehts mit ihr heut zu Ende, aber
ich kann nicht. Und er dachte, wie glcklich er sein wrde, wenn es
wirklich zu Ende ... Glcklich, -- ja, er ertappte sich, aber es war so,
und wider Willen fgte er schon hinzu: Wenn sie nur strbe! Wenn sie nur
strbe! -- Er zog die Decke ber die Ohren, glhte und schauderte
frostig ineins, wlzte sich herum, lag minutenlang halb dmmernd. Dann
rief ein Gerusch ihn zu sich, der Diener mute eingetreten sein, er
drehte sich um und sah einen menschlichen Schatten in der Dmmrung zum
Fenster gehn.

Lassen Sie zu, Egon! sagte er, ich stehe nicht auf, ich bin krank.

Der Diener kam leise ans Bett, Georg richtete sich auf. Die dunklen
Augen, das blasse Gesicht des jungen Burschen sahen ngstlich auf ihn
herunter.

Keine Angst, Egon, sagte er lchelnd, es ist nur ein bichen
Halsentzndung, oder Influenza, er rusperte sich, es tat scheulich
weh, aber ich will einen Doktor haben. Kranksein ist gemein, Egon, ich
will sofort wieder gesund werden, wissen Sie einen Doktor? Egon wute
keinen. Ich auch nicht, dann fragen Sie, -- rufen Sie bei -- Er besann
sich. Es braucht ja keiner zu wissen, da ich krank bin, -- also rufen
Sie gegen neun bei Dr. Herzbruch an, im Verlag, und wenn er einen Doktor
wei, -- der wird ja Telephon haben, -- dann rufen Sie auch gleich an
und bitten ihn herzukommen. So, gehn Sie aber erst ins Badezimmer und
lassen Warmwasser in die Wanne, und wenn ich drin bin, machen Sie hier
Durchzug.

Der Diener ging. Bald darauf zog Georg die Fe unter der Decke hervor,
sa einen Augenblick frierend auf dem Bettrand und fhlte sich aus der
Welt herausgenommen und in Krankheit gekleidet. Drauen war alles leicht
und natrlich, aber sein Wesen entstellt, verfremdet und peinlich. Er
schlrfte hinber, splte sich Krper und Mund und war froh, im Zimmer
wieder unter was Warmes kriechen zu knnen. Ach, dachte er, so war es
damals genau, als ich die Masern kriegte! Mitten im Tag fings an, ich
wurde ins Bett geschickt, und wie ich da auf dem Bettrand sa und fror
und alles so weit weg war und Altelinda mir die Stiefel auszog und ich
so schwer war am ganzen Leib und unbeschreiblich sehnschtig, ins Bett
zu kommen und den dumpfen Kopf ganz tief ins Kissen zu stecken, -- ja
all das war genau wie jetzt; eigentlich war es herrlich. Ach, wie
geborgen war man in seinem Bett als Kind! Ist noch was, Egon?
Frhstck? Nein, ich mag nichts, aber die Post, nein, keine Post, aber
die Zeitung, ja, und dann -- rufen Sie auch gleich, oder -- wie spt ist
es denn? Halb acht? Also rufen Sie in einer Stunde bei Frau Dr. Schley
an: ich htte, -- ach, warten Sie damit, bis der Doktor dagewesen ist!
Egon entfernte sich, Georg rief ihm nach, er sollte die Tr halb offen
lassen.

Nun lag er still auf der linken Seite und blinzelte durch die Trffnung
ins Nebenzimmer. Da war ein Stck vom Schreibtisch, mit Aktensten, und
das Fenster, und die Falten der Vorhnge, und drauen die Sonne und das
Sommerliche, ein Stck Teppich unten, und all das so anders als sonst,
so ganz fr sich und ohne ihn. Er hrte Schritte auf dem Flur, Tren, im
Ezimmer eine Schranktr, deutlich alles und doch ganz dumpf und immer
vermischt mit seinem Frostschaudern und Fiebern und dem Herben in der
Nase und der Stirnhhle, und das Ganze wiederum doch nicht unbehaglich.
Die Tr ging leise, eine schwere Frauenfigur kam ans Bett und stand
still, er ffnete die Augen und lchelte. Oltsche, sagte er, ich
sterbe, mit mir hats nun ein Ende, Sie stehen im Testament.

Die Hausmeisterin schlug die Hnde zusammen und sagte: Nein, sowas! Und
wo unsre Prinzessin auch schon -- Georgs Husten bertnte das brige,
die aufgeregte Alte klopfte ihm die Kissen zurecht, er streckte sich aus
und bat sie, ihm die Zeitung zu geben. Sie ging und kam wieder mit
dumpfen, weichen Schritten, fragte noch, ob er denn gar nichts essen
wollte, und war leise hinaus. Georg setzte sich auf und ri die Zeitung
auseinander. Es war fast zu dunkel zum Lesen, er hielt die gedruckte
Seite zum Licht hin, fand die fettgedruckte Zeile: Das Befinden der
Prinzessin Sigune, -- die Buchstabenketten fielen auseinander, er raffte
sie herzklopfend zusammen und las:

Im Befinden der Prinzessin ist seit gestern keine nderung eingetreten.
Eine persnliche Anfrage unsrer Redaktion bei Herrn Professor Dr. Bosse
besttigte uns die traurige Gewiheit, da es sich nicht um die
hufigere Art Meningitis, sondern um tuberkulse Gehirnhautentzndung
handelt. Das Bewutsein ist seit fnf Tagen nicht wiedergekehrt, die
Nackensteife ... Georg konnte nicht weiterlesen. -- Sie mu sterben,
sie mu sterben, vielleicht ist sie schon tot, sagte er unaufhrlich,
krampfhaft bemht, dabei nichts zu empfinden und Mitleid hervorkommen zu
lassen, und er erzwang das Mitleid durch den Gedanken, da sie
frchterliche Kopfschmerzen gelitten hatte und nun aus irrem Dunkel ins
tiefere hinberschlafen wrde. Er sah sie im Bett liegen, steif, das
Gesicht hintenbergebogen, bleich und ohne die Augen schon gar nicht
mehr kenntlich fr ihn, der sie kaum kannte. -- Nun lie er die Zeitung
an die Erde gleiten, wickelte sich bis an die Ohren in die Decke, fhlte
die glatte Trockenheit und Hitze seiner Beine und zwang sich, nichts zu
denken.

Stand jemand am Bett? Egon sagte, er habe im Herzbruchschen Bro
angefragt --. Ja, wie spt ists denn schon? -- Es sei gleich zehn Uhr.
-- Ach, er hatte geschlafen. -- Der Arzt heie Dr. Birnbaum, am
Theaterplatz, er wrde gegen Mittag kommen. -- Birnbaum? Aber Onkel Salm
-- Sigurd --, sie hatten doch keine Verwandten in der Stadt ... Haben
Sie Herrn Prager Bescheid gesagt? Ja, und er liee fragen, ob er
herberkommen sollte. Ja, Georg liee bitten. -- Egon nahm die Zeitung
und trug sie weg.

Benno kam und benahm sich genau wie die Menschen an Krankenbetten,
lchelte, tat hoch erstaunt und sagte, was Georg fr Geschichten machte;
er war fremd und irgendwie kalt und frisch. Georg bat ihn, sich mit
Zinna verbinden zu lassen und anzufragen, wie es stnde. Er hrte ihn
nebenan sich mit dem Telephon beschftigen, ohne Worte zu verstehn,
durch das ferne Klingen und Summen in seinem Gehr. Dann setzte Benno
sich still neben Georgs Bett und schwieg sich teilnahmsvoll aus. Als er
gerade etwas zu sagen anfing, schrillte das Telephon laut auf, Benno
ging hin, Georg wollte nichts Unverstndliches hren und verschlo die
Ohren. Wenn sie schon tot ist, -- wenn sie schon tot ist ... dachte er.
Endlich kam Benno. Es stnde sehr schlimm, sagte er bekmmert, sonst sei
nichts zu sagen.

Ach, Benno, fing Georg nach einer Weile an, wie war es doch schn,
wenn man krank war als Junge!

Ja, sagte Benno begeistert, wie gut sie gleich Alle waren! Jeder kam
herein und machte einen Scherz, mittags kam Vater, legte einem seine
groe, kalte Hand um die Wange, fate mit sonderbar harten Fingern nach
dem Puls und sagte, es wrde schon werden.

Hattest du je Masern, Benno?

Masern? Bennos Stimme berschlug sich, es war herrlich, ganz
herrlich! Man war ganz gesund, blo im Bett mute man sitzen, und ich
lag mit meiner Schwester in einem Zimmer, die hatte sie natrlich auch,
und es war herrlich. Kleine, gebratene Tauben bekamen wir zu essen und
alle Tage Apfelmus, so ganz seimig, und eine herrliche Bouillonsuppe,
die war aus Sago und ganz goldklar, das war die Krankensuppe, Gott, den
Geschmack kann ich jetzt noch spren und den winzigen Knochensplitter,
der drin war.

Und die Stille, Benno, weit du noch? und wie es sang in der Stille,
und wie man stundenlang lag und das Muster der Tapete verfolgte, und die
alltglichen Gerusche drauen, die so anders klangen und so weit
entfernt, auf der Treppe und nebenan, und man kannte sie doch nicht ...

Und dann bekam man die herrlichsten Spiele mitgebracht, oh Georg,
Geduldspiele aus ganz blanken Kltzen, unbeschreiblich neu und glnzend,
grne Wrfel und rote und -- nein, das war ja alles gar nichts gegen die
Flechtarbeiten! Hast du nie Flechtarbeiten gemacht? Ich will es dir
erklren: Erst kam Glanzpapier, das mute auf der Rckseite liniiert
werden und in schmale Streifen geschnitten, aus denen wurde das Muster
geflochten, aber dies Glanzpapier, das vergesse ich nie! Es gab
silbernes und goldnes, aber das war nicht das Schnste. Das Schnste war
tiefdunkelrot, wie Samt, aber dabei war es so himmlisch glatt und
knitternd, obgleich es ganz dick aussah; das Hellgelbe war auch schn,
aber eigentlich unangenehm; es gab hellblaues und dunkelblaues, das rosa
war so beiend, herrlich war auch das Dunkelgrne; das war wie ein
ganzer Tannenwald ... Bennos Stimme verhauchte hingebungsvoll.

Nein, das hatte ich nicht, sagte Georg, aber ich hatte ein Reibrett
...

Ein Reibrett? jauchzte Benno, ich hatte auch ein Reibrett, weit du
noch --

Wie es ganz hart war, Benno, und eckig, wenn es in die weichen Kissen
gedrckt wurde, ber den Schenkeln und gegen den Unterleib, fhlst du
das noch?

Und wie man nicht dran dachte, und es ganz schief wurde, wenn man die
Knie anzog, und alles rutschte herunter!

Und der Suppenteller, die Suppe flo ber, und das war so klebrig und
warm ... Oh mein Reibrett hatte Onkel Salm erfunden, der schleppte es
an, es war in Trassenberg, er sa immer bei mir und baute Zinnsoldaten
auf, mein Vater hat eine riesige Sammlung, zwanzigtausend sind es, glaub
ich, die Schlacht bei Ltzen konnte man machen, und die Schlacht bei St.
Privat und bei Waterloo.

Benno lchelte beseligt mit Georg. Ich hatte auch Zinnsoldaten,
flsterte er, jede Weihnachten bekam ich eine Schachtel, sie waren oval
und aus Span, auf dem Deckel war ein weiblaues, rechteckiges Etikett,
und beim Auf- und Zumachen schnurpste der Deckel wundervoll!

Und drinnen, Benno, drinnen lagen sie ganz still und blank, die
Fubretter am Rand, die Gewehre und Fahnen nach innen, ganz kostbar,
immer nur drei oder vier in einer Schicht und dazwischen ovale Blttchen
aus so einem Papier ... einem Papier ...

Ein herrliches Papier! hauchte Benno, es war wie Lschblatt, aber
dnner und fester und ganz weich ...

Ja, ganz weich, sagte Georg vor sich hin und sah die blitzenden,
unbemalten Sbel und Bajonette und die glnzenden braunen, schwarzen und
weien Pferde, die blauen, roten und grnen Lackfarben der Monturen zum
Vorschein kommen. Trommler gingen voran und Fahnentrger, schrg nach
vorn geneigt, die Fahne hoch in der Hand, die reitenden Trompeter
bliesen immer nach rckwrts, sie bliesen das Signal zum Vorgehn, ja,
Onkel Salm machte es mit dem Munde, es war vllig natrlich, und es
klang so aufreizend: Tttt, tttt, tttt ... Und dann wurden
sie aufgestellt nach dem Lineal, in der vordersten Reihe die Knieenden,
dann die Chargierenden, damals sagte man noch chargieren, genau >auf
Luke<, und im dritten Gliede die stehend Schieenden. Bei jedem Regiment
war ein Gefallener und einer, der grade hintenberfiel. Oh es gab
Schotten in roten Rcken und mit schottischen Unterrcken, mit
Dudelsackblsern, -- die Artillerie war immer etwas unangenehm, weil sie
im Schritt ritt, die Kavallerie galoppierte mit geschwungenen Sbeln,
die Ulanen mit eingelegten Lanzen, und wie war nur alles kostbar und
selten, und wenn sie alle aufgestellt waren, mute man von der Seite
gegen die festgeschlossenen Formierungen sehn, und Beine und Gewehre und
Arme und Kpfe waren in einer Linie ...

Sie sprachen nicht mehr, sie trumten ... Abends kam die Lampe, wie sah
man sie zum ersten Mal, ihr stilles Licht, sie stand anders im Zimmer
als sonst, weit fort von einem, und alles lag im Schatten; das Muster
der Tapeten sah wieder anders aus, dann kam die Abendsuppe, die mute
der gute Doktor immer selber machen, Wassersuppe von Sago wars, ganz
klar und schn sanft grau. Dann entkorkte er feierlich die Weinflasche,
hielt einen silbernen Lffel ber den Teller und go den roten Wein
darauf, bis er berflo in die Suppe, und dann lief das dunkle Rot im
Grau aus, es gab einen wunderbaren purpurnen Fleck, dann wurde gerhrt,
und die Suppe war herrlich rot. Der Lffel war kleiner als ein
Erwachsenenlffel, hatte eine punktierte Linie am Rande des Stiels und
hie: der Kinderlffel. Georgs Kinderlffel. Jeden Tag kam Mama fr zehn
Minuten und erzhlte etwas Lustiges ...

Die lange schwere Locke an ihrem Hals, -- ich durfte sie ganz vorsichtig
anfassen. Ich wunderte mich im stillen, wie khl ihr Hals war, aber die
Locke war doch das Schnste auf der ganzen Welt. Magda hatte Puppen,
deren Locken fate ich auch an, aber es war nichts damit. Ja, diese
Locke war lebendig; sie ringelte sich um den Finger, und man mute
unendlich vorsichtig sein, da man ja nicht daran zog, und doch durfte
man es. Mama erzhlte vom Hhnchen und Hhnchen, vom Ei und der
Stecknadel. Wie schn war Mama! -- --

Georg fhlte, da sein Kinn zitterte, und da es ihm dick im Halse
wurde. Damals war ich glcklich, dachte er, und seitdem nie wieder.
Damals wute ich nicht, und heute wei ich alles, alles.

Da sa Bennos Schattenri, nah, dunkel und hoch vor der gelblichen Helle
des Fenstervorhangs. Georg schob sich tiefer im Bett, steckte die kalt
gewordenen Arme unter die Decke, zog sie frstelnd hoch; sein Kopf
schmerzte heftig, er wollte sich einwickeln und eindmmern wie als Kind.
-- Als er nach einer Weile die Augen ffnete, sah er Benno auf den Zehen
an der Tr, ihm fiel ein, seinem Vater Bescheid sagen zu lassen, da er
heute nichts ... Sei so gut, Benno, und sage in Trassenberg Bescheid.
Du kannst dich ja vom Hausmeister verbinden lassen. Dr. Birnbaum sollte
heut nicht kommen. Ich knnte heut nichts Geschftliches besprechen,
wenn Unterschriften wren, knnten sie vielleicht mit einem Kurier
geschickt werden, und sonst auch was Wichtiges ...

Nun war alles still. Vom Schreibtisch her tickte die Uhr sachtsam vor
sich hin. Gunny, sagte die Uhr, Gunny, Gunny ... Jetzt starb sie
vielleicht. Kein Mensch wute mehr, was in ihr war.

Ein helles Klingen sprang in seinem Ohr auf, er fhlte, da er
geschlafen hatte, dann merkte er, da nebenan die Korridortr geffnet
und jemand die Stufen herabkam, der aber nicht sichtbar wurde. Dort
waren jetzt die Vorhnge geschlossen, eine Wand von Sonnenstubchen
stand golden vor dem Schreibtisch, darin erschien Egon und meldete:
Herr Doktor Birnbaum.

Georg setzte sich auf, lie sich Kamm und Brste geben, ordnete sein
Haar und lie den Doktor hereinbitten. Da fhlte er wieder dies Andre:
im Bett zu liegen am hellen Tage und jemand von drauen hereinkommen zu
sehn, frisch und lustig und kalt, den Doktor, der ein kleiner zierlicher
Mann war mit rundlichem Kopf. Als er vor Georg stand, zeigte er ihm ein
rechtes Arztgesicht mit einem kleinen borstigen Schnurrbart, etwas
quellenden, gelblichen Augen hinter einem goldenen Kneifer und dnnem,
gescheiteltem Haar, an der gebogenen Nase als Jude kenntlich, und wenn
er sprach und lachte, wurde sein Gesicht ein wenig eulenhaft. Hin und
wieder kniff er nervs die Augen zusammen, freundlich sprechend, ein
bichen witzelnd, er freue sich ja sehr ber Georgs Krankheit, nun wrde
seine Praxis noch mal so gro aufblhn, denn sterben wrde er ihm ja
wohl nicht. Georg lachte, er htte nicht die Absicht. Na, denn wolln
wir mal sehn, sagte der Doktor, Egon mute den Fenstervorhang ffnen
und einen Lffel besorgen. Der Doktor fhlte den Puls, sagte: Zwischen
acht- und neununddreiig, lie sich von Georg sagen, wo er Schmerzen
habe, dann kam der Lffel, Georg mute den Mund aufsperren, der
Lffelstiel fuhr kalt und bitter schmeckend hinein, Georg krchzte: Oh
oder Ah! Der Doktor kratzte mit dem Lffel im Hals, Georg konnte sich
wieder hinlegen und zudecken.

Ja, es wre eine kleine Mandelentzndung, ganz ungefhrlich,
Diphtheritis sei nicht zu erwarten, der Belag sei leicht zu entfernen,
in ein paar Tagen knnte es schon vorbei sein. Ob das Herz in Ordnung
sei? -- Da Georg verneinte, verlangte der grndliche Doktor, da er die
Jacke auszge, und klopfte ihn mit grter Sorgfalt ab. Es wre alles
halb so schlimm, meinte er dann, aber er sollte doch lieber nur eine
Aspirintablette nehmen, dreimal tglich. Tscha, und einen Strumpf um den
Hals, wenigstens nachts und mit Wasserstoffsuperoxyd gurgeln. Da Georg
betonte, da er so schnell wie mglich gesund werden mte, meinte er,
das hinge ganz von ihm ab; Ruhe, wenig essen, leichte Sachen --
Sagosuppe mit Wein, sagte Georg -- ja, auch Gebratenes -- kleine Tauben,
dachte Georg -- und solange er sich krank fhlte, sei er eben krank, und
wenn er sich gesund fhle, sei er wieder gesund. Egon stand all die Zeit
daneben, seine dunkle widerspenstige Haarwelle in der Stirn, und sah
alles besorgt und genau mit an.

Das war erledigt. Um noch etwas zu sagen, fragte Georg den Doktor, ob er
vielleicht mit dem Studenten Sigurd Birnbaum verwandt sei. Der Doktor
lachte, da sein Schnurrbart zitterte, kniff die Augen zusammen und
sagte:

Pirnbaum, Durchlaucht, Pirn, mit hartem P, nein, mit Sigurd bin ich
nicht verwandt, aber ich kannte die Beiden schon als kleine Kinder. --
Ja, die arme Esther, das war ein bses Ende! Ob er von Sigurd noch
hrte. -- Jetzt seit langem nicht; er sei in Ruland, in Odessa.

Der Doktor schien zum Gehn bereit, sagte dann aber: Darf ich noch was
fragen? Ja, aber bitte! Ach, Sie haben so eine wunderschne, so eine
wunderschne Miniatre auf dem Schreibtisch, wenn ich die einmal sehn
drfte?

Georg winkte Egon. -- Aber gerne! ob er sich dafr interessierte? -- Der
Doktor rckte an seinem Kneifer und lchelte, -- Georg dachte: als htte
ich ihn gefragt, ob er was von Diphtheritis versteht. -- Egon brachte
die Miniatre von Georgs Mutter. Der Doktor nahm den Kneifer ab, rieb
die etwas geschwollenen Lider, brachte die runden Augpfel ganz dicht an
das kleine Bildnis und betrachtete es ungemein sorgfltig.

Es ist meine Mutter, sagte Georg, als junges Mdchen.

Das sei wunderschn, ausgezeichnet gemalt, wie man es gar nicht mehr zu
sehn bekomme. Er habe eine kleine Sammlung von Miniatren, so
hundertundfnfzig Stck, ja, er sei ein Kenner davon, lachte er.

Miniatren, sagte Georg, knnte ich auch sammeln, es ist eine
wundervolle Art Kunst und wieviel schner, im Grunde doch wieviel
lebensvoller als unsre farblose Photographie trotz des Reizes des
Augenblicks. Aber so ein Bild kann ich immer ansehn, es hlt den Blick
so ruhig aus, und sehen Sie nur die feine, durchsichtige Spitze auf der
Brust, und die Locke, wie sie gemalt ist!

Der Doktor sagte, er habe eine ganz hnliche aus dem Anfang des
neunzehnten Jahrhunderts, deshalb sei ihm diese auch aufgefallen. --
Georg hrte ihn noch einiges sagen, jedoch von fern, ohne zu verstehn;
sein Traum regte sich in ihm, er fhlte sich wieder weinen mit Cordelia
-- oder war es Esther gewesen? --, sah die sonderbaren dunklen Zimmer
voller Menschen und dann Renate, nein, Dora Vehm, aber auch deren
Gesicht war nicht ganz das Doras, sondern fremde Zge waren darin ... Da
sah er den Doktor sich vom Stuhl erheben, reichte ihm die Hand, bedankte
sich und bat ihn zu erlauben, da er sich einmal seine Sammlung ansehe,
spter, jetzt sei ja ...

Ach, ja der Prinzessin gehe es ja so schlecht, aber es sei wohl noch
nicht alle Hoffnung verloren ... Georg murmelte irgend etwas, der Arzt
ging.

Hatte sie nicht diese Locke gehabt im Traum? Aber wie seltsam sein Herz
erregt war von dieser Frau! Ich mu sie geliebt haben im Traum, ich
empfinde noch ganz diese Se ... Die Trume machen aus uns, was sie
wollen, murmelte er und verkroch sich frierend.

Egon erschien mit Fragen wegen des Essens. Er sagte ihm Bescheid, trug
ihm dann auf, bei Frau Dr. Schley anzurufen, zu sagen, da er mit einer
leichten Mandelentzndung zu Bett liege, und zu fragen, ob sie nicht
kommen knnte.

Die Augen fielen ihm wieder zu, aber im Eindmmern strte ihn Egon mit
der Meldung, es tte der gndigen Frau ganz schrecklich leid, aber Herr
Doktor kme am Nachmittag aus Berlin, und sie wrde nicht vor fnf, halb
sechs da sein knnen. -- Ach, das war elend! Schlafen, dachte Georg,
schlafen! Seine Schlfen glhten, die Gedanken fingen an, rasend zu
arbeiten, er trumte oder phantasierte, er war an hundert Orten, sah
Menschen ber Menschen, Gesichter, die er nie gesehn, schwebten auf ihn
zu, bewegten, verzerrten sich, manchmal nur Gebrden, Begriffe von
Gebrden, ein wstes Wirrsal, aus dem er in ein andres von Versen,
Versstcken und Gedichten strzte, erhitzten Gehirns, stumpf daliegend,
aber aus diesem erlste ihn pltzlich Jason al Manachs freundliche
Gestalt. Wie er ihn einmal am Abend im Park getroffen hatte, sah er ihn
wieder: er sa, einsamer anzusehn als andre Menschen und doch nicht so
verschlossen in sich, nicht so belastet mit Einsamkeit, sondern ganz
leicht, auf der Bank auf der kleinen Anhhe, ber die niedre Bschung
und die Hecke zu seinen Fen in die Wiesengegend hinber schauend, aus
denen Abend dunkel und Nebel weilich aufstiegen. Und auf Georgs
gedankenlose Frage, was er tue, hatte er wieder gefragt, ob er Libussa
von Grillparzer kenne, und da Georg verneinte, fing er gleich den
wundervollen Eingang des Stckes an, -- Georg entsann sich wieder:

   Ihr Gtter! ist es denn wahr und wirklich so?
   Da ich im Walde ging ... am Giebach ...
   Und nun ein Schrei in meine Ohren fllt,
   Und eines Weibes leuchtende Gewande,
   Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken.
   Ich eile ... und trage ...
   Die Beute, kalte Tropfen regnend,
   ... und ich lse
   Von ihren Fen selbst die goldnen Schuhe,
   Und breite aus den schwergesognen Schleier,
   Und ...

Ach! Jason! sieh! da sa er ja auf dem Stuhl am Bett und sah khl und
angenehm aus. Eben dachte ich noch an Sie, sagte Georg erfreut --
erinnern Sie sich noch, wie Sie mir einmal Libussa vorgesprochen haben?
Wir haben uns lange nicht gesehn, wo kommen Sie her?

Jason, die schwarzen Augen mit groer Ruhe auf ihn gerichtet, sagte:

   Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat,
   Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung;
   Das Schwerste dieser Welt ist der Entschlu.
   Mit eins die tausend Fden zu zerreien,
   An denen Zufall und Gewohnheit fhrt,
   Und, aus dem Kreise dunkler Fgung tretend,
   Sein eigner Schpfer zeichnen sich sein Los.

Im nchsten Augenblick war er vllig verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Georg erwachte. Der warmen, sonnigen Dmmerung nach mute es schon
Nachmittag sein; er fhlte sich leichter und freier und sah zu seiner
Verwunderung auf dem Nachtschrank eine Medizinflasche und eine Glasrhre
mit Aspirintabletten liegen, in der beim Nachsehn eine fehlte; da auch
die wasserhelle Flssigkeit in der Flasche angebrochen war, mute er
gegurgelt und Aspirin genommen haben, konnte sich aber durchaus nicht
entsinnen. Auf sein Klingeln erschien statt Egons Frau Vgelein,
mtterlich verhaltenes Zufriedenheitslcheln in den Augenwinkeln, weil
er so gut geschlafen habe; es sei schon drei Uhr durch, ob er denn nun
etwas essen mchte. -- Georg mochte, und richtig bekam er zwar seine
ganze Taube, aber die fein zerlegten Bestandteile davon, Keulen, Flgel
und zarte, weie Brustschnitzel; er htte viel um ein Reibrett gegeben,
-- der Stuhl, von dem er essen mute, war recht kmmerlich.

Danach lie er von Egon und dem Hausmeister sein Bett ins Arbeitszimmer
stellen, an die Wand des Schlafzimmers, das Fuende an dessen Tr
entlang, die ausgehngt werden mute. Das war nun sehr angenehm. Der
groe Vorhang konnte ein wenig gerafft werden, er sah den sinnenden
Borgia dunkel sitzen, sah die nachmittgliche, sonnige Juniwrme im
Garten, hrte die Spatzen lrmen und fhlte sich uerst behaglich in
der leichten Dumpfheit seines Gehirns.

   Das Schwerste dieser Welt ist der Entschlu ...

Woher stammte das? Hatte das Jason gesagt? -- Sie hatten von Libussa
gesprochen, richtig -- vielleicht war die Zeile aus Libussa. Da fiel ihm
ein, wie er vor langer Zeit einmal in Musus' Volksmrchen Libussa
nachgelesen hatte, Renates wegen, und -- jetzt hab ichs! frohlockte er,
jetzt hab ich meinen Festzug und das Spiel! Er dachte, wie er sich den
Kopf zerbrochen hatte, um fr den blichen historischen Festzug am Tage
der Regierungsbernahme etwas Andres zu erfinden; Renate mute dabei,
mute Glanz und Zentralsonne des Ganzen sein. Also Libussa! Nun schossen
Szenen und Ideen von allen Seiten herbei. Libussas Wahl zur Herzogin von
Bhmen, dann die Aussendung des weien Rosses, ich werde Primislaw --
nein, das wird nicht gut gehn, ein Schauspieler mu ihn in meiner Maske
darstellen, zuletzt werde ich an seine Stelle treten und mit Renate
zusammen die Huldigung des Volkes an uns vorberziehn lassen, Gilden,
Znfte, Wagen, Sldner, oder Ritter -- ja, welche Zeit war denn das
eigentlich? Um tausend oder so -- und wo sollten die Szenen gespielt
werden? Ein altes Schlo konnte auf dem Gehrdener oder Benter Berge
leicht gebaut werden, -- herrlich, wenn das weie Pferd ber die
Sommerwiesen bergauf kommt, zwei Reiter mssen es an langen purpurnen
Riemen unmerklich lenken, -- dann Renate, auf hohem Festwagen, an der
Spitze des Zuges in die Stadt hineinrollend, und die Huldigung -- vom
Schlo aus -- unmglich, es hat keine Terrassen, das Theater hat eine
schne, aber die Anlagen davor -- --, die werden beseitigt -- und es
sieht ja wie ein griechischer Tempel aus -- dorische Sulen -- ah, die
werden mit Rabitzmauern verbaut und in ein Schlo verwandelt, und Renate
-- -- und Sigune?

Sigune lag im Sterben. Sie mute sterben, jeder sagte es ja, wenn auch
nicht mit Worten. Lie sich denn leugnen, da es gut sei, fr sie und
fr ihn? Konnte sie je glcklich, je zufrieden werden neben ihm? Mute
sie ihn nicht tglich ... ach, wozu, wozu das denken? Sie blieb leben,
dann mute es ertragen werden, oder sie starb -- sie starb ...

Und recht behielten die Sterne ...

Georg fuhr zusammen, dicht ber ihm, noch ihm ungewohnt, wurde die Tr
geffnet, Egon kam eilig die Stufen herab und flsterte: Seine
Durchlaucht ... Georg warf sich im Bett herum und schrie: Halloh!

Wahrhaftig, da kam sein Vater den Gang herauf, er ging ja immer
aufrechter und leichter! -- stand gleich darauf riesengro und hoch ber
Georg in der Tr, lachte und sagte: Was sind denn das fr Geschichten?
Er war auch schn frisch und khl und hatte pikfeine, hellgelbe
Schwedenhandschuhe angezogen. Georg schimpfte nun aus Leibeskrften, der
Herzog wurde ganz verlegen und entschuldigte sich vielmals. Es sei ja
aber ein Katzensprung im Automobil herber ... Georg versicherte, wie
glnzend es ihm schon wieder ginge, blo das Schlucken tte noch weh,
und berdies sei es kstlich im Bett zu liegen. Heute morgen, sagte
er, habe ich mir mit Benno erzhlt, wie es war, wenn wir als Jungens
krank waren, er hatte Flechtpapier, und ich hatte Zinnsoldaten, aber ein
Reibrett hatten wir Beide, und das war das Schnste. Nein, das
Schnste -- Georg stockte innerlich -- war Helenes Locke, nein, die
werde ich nie, nie vergessen ...

Die arme Helene ... sagte der Herzog.

Sie schwiegen und sahen aneinander vorber. Aber Georg wute, sie
brauchten sich nicht anzusehn, ihrer beider Hnde lagen wie an einem
dehnbaren, festen Reifen an dem gleichen unnennbaren Gedanken, und -- so
war alles gut.

Und Sigune? fragte der Herzog. Georg, innerlich die Zhne
zusammenbeiend, sah seinem Vater in die Augen und sagte: Ich frchte
-- es geht zu Ende.

Der Vater antwortete nicht; aber was sie dachten, war wohl wieder das
gleiche ...

Und wie ist es ... giebts etwas Neues, Papa? begann Georg nach einer
Weile.

Von Wichtigkeit nichts Besonderes, meinte sein Vater. Von der guten
alten Beuglenburgschen Sippe habe nun auch der Letzte sich entfernt, der
gute, uralte Amtshauptmann Wahrendorff; er habe ihm selber, da sie sich
ja lange konnten, geschrieben, da er sein Entlassungsgesuch eingereicht
habe. Im ganzen handle es sich nun also um fnf neue Mnner, die zu
beschaffen wren, denn Kultus und Landwirtschaft mten ja nun vom alten
Ministerium des Innern abgespalten werden.

Birnbaum bernimmt die Finanzen, ich will es so, sagte der Herzog,
ein Strohmann, der den Titel und die Orden umhertrgt, findet sich
berall.

Ob er schon fr den Amtshauptmann jemand in Aussicht habe? Sein Vater
meinte, er htte genug, immerhin sei die Auswahl schwierig. Georg lachte
pltzlich und meinte:

Wer wird denn nun eigentlich hier der Groherzog und wer der Strohmann
mit Orden und Titel und so? Ich sehe mich schon in den Krankenhusern
und bei Grundsteinlegungen umherfahren und verbindlich lcheln, whrend
im Hintergrunde der Papa >am sichern Schreibtisch sitzend Opus hinter
Opus aufs Papier wirft<, wie unser Morgenstern so herrlich sagt.

Ich verbrge mich dir, schwor der Herzog, nach sptestens einem Jahr
ziehe ich mich nach Lesum zurck und veredle Schafe und Hhner. Georg
lachte, bis er heiser wurde. -- Jawohl, Georg wrde schon sehn, wie ihm
im Beuglenburgschen Saustall Nase und Atem vergingen. Ob er schon irgend
etwas von Kalibohrung verstnde! Ob er eine Ahnung htte, wie die
Kalifrderung in Wiedehopf und Zainhammer sich wieder hochbringen liee?
Wie viele neue Eisenbahnlinien er -- etwa -- im Auge habe. Und was er
von Eisen-, Kopfstein- oder Holzpflasterung denke fr Beuglenburg? Wie
viele und welche Kanle er zu ziehen gedenke? Und die Deiche, die alten,
hundertmal geflickten Deiche? Und Raschwege, das Gestt, das einmal
berhmt war?

Georg lie alles frhlich ber sich ergehn und sagte, er wte einen
Amtshauptmann. Schley heit er, das heit seit gestern; vorgestern hie
er Freiherr von Schley-Schleyenburg, sein Vater hatte eine Wagen- und
Pumpenfabrik und kaufte den Adel von Beuglenburg fr eine
Kleinkinderbewahranstalt oder dergleichen. Es ist ein Korpsbruder von
mir, hat den Adel fortgelegt, war Assessor und ist jetzt
fortschrittlicher Abgeordneter. Wir haben uns seit einiger Zeit sehr
angefreundet, das heit, eigentlich bin ich mit seiner Frau befreundet,
aber wir haben uns in endlosen Nachtgesprchen ungemein schtzen und
kennen gelernt. Ich war auch einmal auf die Drfer mit ihm zu einer
Wahlversammlung, und da habe ich das gesehn, weshalb ich ihn dir
vorschlage, nmlich die wundervolle Art, wie er mit den Leuten umzugehn
wei; weder leutselig, noch so grob auf du und du, sondern fein
teilnehmend und -- nun, das lt sich eben nicht beschreiben; er hat die
Gabe -- du hast sie ja auch --, aus jedem Menschen gleich das Beste
herauszuholen, und ist berhaupt unwiderstehlich. Gengt das? Den
Reichstag hat er satt, also --? Sein Vater stand auf und setzte sich an
den Schreibtisch, um Namen und Daten aufzuschreiben.

Georg blickte vertrumt ins Freie hinaus. Dort, in greifbarer Ferne, lag
sein Groherzogtum, so fest, so schwer und massig wie hier der Rcken
und Kopf seines Vaters am Schreibtisch, und es wrde eine herrliche Zeit
anbrechen. Keine Trume brauchte es mehr zu geben, zwischen allen
Fingern sprte er schon das Gewimmel der tausend groen beweglichen
Gegenstnde, -- wie der Odem eines Tieres, hei und wild, schnob ihn der
neue Atem gesammelter Handlungen an, Land brodelte, im unterirdischen
Raum stampfte die geheizte Maschine, durch ihren unsichtbaren Dampf
blickten die gesicherten Sterne, einverstanden und wohlgefllig ...

Wenn aber Virgo kommt, mu Papa fort sein, durchfuhrs Georg. Ich will
ihn zu Renate schicken, er scheint sie ja sehr zu lieben und kann dort
eine schne Rede auf mich halten. Ja, wie ist es nun, Papa, sagte er,
als sein Vater sich mit dem Stuhl herumsetzte, glaubst du nicht an die
Mglichkeit, da du mir jetzt im Wege sein knntest?

Der Herzog kniff das linke Auge zu. Eine Dame, sagte er und nickte
langsam und voll Verstndnis mit dem Kopfe. Ich verschwinde, sagte er,
und gehe zu Frulein von Montfort.

Georg sagte, das htte er sich im stillen schon gedacht, er wrde dort
vermutlich eine schne Rede auf ihn halten. -- Sein Vater stand eilig
auf, humpelte zum Bett und ergriff seine Handschuh. Ich komme nachher
noch einmal herein. Leb wohl, mein Junge, sagte er pltzlich sehr warm
und legte ihm die Hand auf den Kopf. Georg, die Augen schlieend, fhlte
die warme Schwere, fhlte sich kindlicher als in allen Erinnerungen des
Morgens, wohl beschtzt und recht frohen Mutes ...

Als sein Vater hinaus war, rief er Egon und lie den Vorhang wieder
schlieen, legte sich auf die Seite, schlo die Augen und verirrte sich
liebevoll in bunte Szenen und farbige Trachten. Da Virgo nicht wrde
dabei sein knnen, betrbte ihn, aber um jene Zeit erwartete sie ihr
Kind. Virgo, meine liebe, kleine Schwester, dachte er zrtlich, und ohne
sein Zutun schlossen sich die Worte an: Weit du noch, wie wir uns
Blumen brachten? Und die lieben, kleinen Vogelnester, die das Herz so
zittern machten, und ... und im Park der Teich im runden Rahmen gelber
Iris, blank wie ... Mond ... Und ... und wie klangen, wenn wir riefen,
unsre Namen, durch die Stille ungewohnt? ... Er fing an, die
Unregelmigkeiten in den Zeilen auszufllen, neue kamen hinzu, er
sammelte und legte fort, langsam schlo Strophe sich an Strophe, um
nichts zu vergessen, sagte er sie sich unaufhrlich wieder vor und
schlief allmhlich darber ein.

Die Augen ffnend, wute er, da jemand vor ihm stand; er fhlte sich
wieder heier, es war tiefe Dmmrung und nahe ber ihm etwas Groes,
Weies; auf seiner Stirn lag etwas Khles, eine Hand, er schlo die
Augen wieder und dachte, noch halb im Schlaf: Sie ist da ... Ganz leise
lief hoch ber ihm ihr Lachen silberflssig durch dunkle Luft. Er schlug
die Augen auf und sah die ihren, gro und schwarz unter den dicken
Brauen, ihr kleines Gesicht, ganz wei auf dem kleinen, leichten Hals;
sie hielt einen riesigen Armvoll weier Narzissen an die Brust gedrckt
und lie sie nun, sich berbeugend, auf sein Bett, auf sein Gesicht
fallen, na, khl, feierlich duftend.

Ja, was machst denn du fr Geschichten, Schorse? fragte sie. Sie
liebte ja nun diese jungenhaften Ausdrcke.

Jeder einzelne, sagte Georg, der hereinkommt, fragt, was ich fr
Geschichten mache. Nun setz dich aber! Er drckte auf die Klingel. Sie
raffte ihre Blumen vorsichtig wieder zusammen, Egon kam und holte eine
Vase, die allergrte, einen dunkelgrnen Topf; er wurde auf den
Schreibtisch gestellt, das war kostbar anzusehn.

Wolfgang lt vielmals gren, berichtete sie. Halbtot sei er
angekommen und habe gebrllt, da die Wnde gezittert und der
Kanarienvogel gezetert htte. Er wollte lieber sterben, als sich noch
ein einziges Mal mit einem Agrarier boxen. Da der Teufel ein Agrarier
sei, das stehe felsenfest.

Er soll nun Amtshauptmann in Beuglenburg werden, sagte Georg, Papa
war da, wir haben es schon abgemacht.

Virgo war hochentzckt, aber nun mute Georg auf das genaueste erzhlen,
was und wo es ihm fehle, wie er den Tag verbracht habe, was er haben
wollte, -- wobei Georg das Gedicht einfiel, das er vor dem Einschlafen
zustande gebracht hatte, und sie mute sich auf den Bettrand nahe zu ihm
setzen, er nahm ihre Hnde und sagte leise und langsam, den dichten,
weien Strau der zarten Sterne mit rtlichem Herzen vor Augen:

   Virgo, meine liebe kleine Schwester!
   Weit du noch, wie wir uns Blumen brachten,
   Und die lieben, kleinen Vogelnester,
   Die etwas in uns so zittern machten,
   S und gar so ngstlich, da sich fester
   Unsre Hnde schlossen im Betrachten?

   Und im Park den Teich im starren Rahmen
   Gelber Iris, rund, ein blanker Mond,
   Wenn wir durch den stillen Mittag kamen
   In den Kleidern, die wir sehr geschont ...
   Und wie klangen rufend unsre Namen
   Durch die Stille fremd und ungewohnt ...

   Kleines Schwesterlein, es ging so bald ...
   Ach, wie kam es, Se, Traute, sage,
   Da so frh sein Stimmlein ist verhallt?
   Und wie kommt es, da ich um es klage,
   Da es doch -- o Armut meiner Tage! --
   Niemals Odem hatte und Gestalt.

Sie strich leise mit der Hand ber seine Stirn. Nun haben wir uns ja
doch gefunden ... sagte sie mit ihrer tiefen Stimme.

Und denken, wie es htte gewesen sein knnen ...

Ich war so sehr allein, sagte sie ganz wenig klagend. Meine Mutter
lie mich so herumlaufen, das war nicht bs gemeint, im Gegenteil, sie
sagte es mir auch spter, ich htte vor allem Freiheit haben sollen, und
sie war doch damals schon eine alte Frau ...

Wenn ich an deine Kindheit denke, sagte Georg, sehe ich immer dein
kleines blasses Gesicht mit den bergroen Augen an eine Fensterscheibe
gedrckt, eben dicht ber dem Rahmen, und du standest vielleicht auf den
Zehen an einer Verandatr, drcktest die kleine Nase platt am Glas und
sahst ganz still auf der Terrasse die Spatzen sich um ein paar Krumen
zanken.

Ja, das mag wohl gewesen sein, lchelte sie, wie schn du das
beschreiben kannst! nun seh ich es auch, und es sieht gar nicht so
traurig aus.

Erzhl mir doch, wie warst du als Kind! bat Georg. Benno Prager und
ich haben uns heute morgen vorerzhlt, wie es war, wenn wir krank waren
als Jungens. Da Georg von Flechtpapier und Zinnsoldaten schon seinem
Vater erzhlt hatte, fuhr er fort: Er bekam eine Bouillonsuppe, und ich
Sagosuppe mit Rotwein: herrlich war das, wenn der rote Wein im grauen
Sago zerflo!

Sie lchelte und sagte, unaufhrlich mit den Fingern durch sein
Stirnhaar streifend:

Wenn ich krank war, wurde mein Bett in das Zimmer meiner Mutter
gestellt, das war ziemlich bengstigend. Sie schlief in einem Saal mit
vielen Fenstern und in einem riesigen, uralten Himmelbett mit
geschnitzten und so gewundenen Sulen, an denen kleine Tiere liefen,
Eidechsen oder Molche, und ganz unten, als Fu, hockte ein Igel und
machte listige Augen. Wenn ich fieberte, liefen die Tiere auf meinem
Bette herum, und meine Mutter mute immer hinter ihnen her sein. Wenn
mirs wieder besser ging, setzte sie eine Brille auf, und wir spielten
Leben und Tod zusammen mit ganz alten deutschen Karten, so gro wie
Postkarten. Dabei hatte sie so putzige Ausdrcke, die mich begeisterten,
und ich machte sie krftig nach. Spielte sie Coeur aus, sagte sie: Coeur
du dir an gar nichts! Pika war ein Kettenhund, hie es, und: Trefflich
schn singt unser Kster! Wenn aber eine Neun kam, unterlie sie nie, zu
murmeln: Neun mal neun sind einundachtzig ... Kannst du dir vorstellen,
wie ich so ganz klein im Bett sa mit meinen groen Karten und die alte
Frau betrachtete?

Ach, erzhl mehr, bat Georg, wie bist du sonst gewesen, was hast du
gespielt?

Ein Spiel, sagte sie nachdenklich, das wei ich noch, spielte ich,
wenn ich schon im Bett lag. Dann stieg ich wieder heraus, zog mein Hemd
aus, faltete es schn zusammen und kniete ganz nackt und klein auf dem
Bettvorleger hin. Dann war ich ein ganz armes Kind, das gar nichts mehr
hatte, aber nach einer Weile kam eine mitleidige Person, die schenkte
mir ein Kleid, das war das Hemd, das durft ich nun wieder anziehn, da
war mir schon wrmer, und dann kam meine Mutter in einer goldenen
Kutsche vorbeigefahren und nahm mich mit auf ihr Schlo, da durft ich
wieder ins Bett steigen und mich ganz warm einmummen, o das war
herrlich! Ja, da hatt ich nun ein ganzes Zimmer voll Spielsachen, aber
diese selbsterfundenen waren die schnsten. Und einmal wei ich, da
hatte ich mir das Schaukeln verboten. Ich hatte irgend etwas Strafbares
getan, keiner wute es aber, und da bestrafte ich mich selbst und sagte:
nun darfst du einen ganzen Tag lang nicht schaukeln. Was das fr Qualen
waren, kannst du dir gar nicht vorstellen! Alle halbe Stunde ging ich
ganz langsam zur Schaukel und fate sie an, oder ich strich mit der Hand
ber das Sitzbrett und stand und sah nach dem Balken oben -- ja, und
dann, als ich am andern Tag wieder schaukeln wollte, da mocht ich nicht
mehr. Weit du, es ging einfach nicht! ich hab nie mehr geschaukelt
seitdem.

Sie schwiegen Beide. Es war dunkler geworden, Georg fhlte sich wieder
fiebrischer, die Dinge entfremdeten sich von neuem, Virgos Dasein
verschwamm und wurde traumhaft, er warf sich hin und her, fhlte bald
ihre Hand auf seiner Stirn, aber alles verwirrte sich, sein Vater war
wieder da und auch nicht da, Virgo war fort, Dora Vehm, Benno, Magda und
Andre gesellten sich zusammen und fhrten unvorstellbare Dinge aus, er
ermannte sich am Ende, richtete sich im Bett auf und sah wie in weiter
Ferne den Schattenri von Virgos Schultern, Hals und Profil im Dunkel.
Von ihrer tief tnenden Stimme hrte er seinen Namen, dann deutlicher:
Georg ist solch ein schner Name ... Ihr Profil verschwand, er sah die
dunklen Flecke ihrer Augen, wollte etwas sagen, rusperte sich und
schluckte und sprte heftige Schmerzen im Hals. Du bist so gut, Georg,
flsterte Virgo.

Er erschrak, lachte rauh und krchzte: Um Gottes willen! was fr ein
Unsinn, wollte er sagen, mute aber husten, fhlte, wie sie seine Hand
ergriff und an die Wange drckte, und hrte sie sagen: Du hast ja
wieder Fieber!

Nun, das kommt so abends, meinte er, aber sie erregte sich, schalt
ber sich selbst und ber ihn, er habe weder gegurgelt, noch Aspirin
genommen, klingelte nach Egon und drckte ihn in die Kissen zurck.
Georg schlo die Augen, verlor pltzlich den Zusammenhang mit sich und
Allem, fhlte eine Berhrung und sah vor sich einen Elffel, dann
Virgo, die ihn hielt und seinem Mund nherte; er schluckte den Inhalt
hinunter, trank Wasser und setzte sich auf. Nun mute er auch gurgeln,
Egon stand mit einem Waschbecken, Virgo hielt das Glas, und er gurgelte
ein paarmal. Er sah eine Platte mit Weibrotschnitten und einem Ei
dastehn, mochte aber nichts essen. Gerusche und Stimmen waren schon
unendlich fern und unhaltbar; ihm schien, als sei Virgo jetzt in seinem
Schlafzimmer, jedenfalls hrte er sie fragen, wo seine Strmpfe seien,
und nach einer Weile aus ferner Tiefe seltsam sagen: Seide! alles Seide!
-- so da er lcheln mute. Einen Augenblick spter fhlte er ihre Hnde
an seinem Hals, frstelte, als sie den Halskragen ffnete, -- und wie
kalt waren ihre Fingerspitzen! -- sein Kopf schmerzte wst, etwas Warmes
wurde um seinen Hals geschlungen.

Schmetterlinge ... bunte ... Georg hrte sich laut sagen: Sieh doch mal
die Schmetterlinge! -- Sie schwebten durch das Zimmer, leuchtende,
dunkle Farben, einer nach dem andern; pltzlich verkleinerten sie sich
und hingen still im Kreis, ein leuchtender Ring wars, wunderbar
anzusehn. Sieh, da saen Esther und sein Vater in einer dunklen
Zimmerecke zusammen und sprachen, er wollte zu ihnen gehn, konnte es
aber nicht, und merkte, da er, an allen Gliedern gelhmt, auf einem
Bett lag, sonderbar verkrmmt und verzerrt, die Arme ausgebreitet, das
linke Knie hochgezogen, es war qualvoll, sein Vater lachte und scherzte
mit Esther, von nebenan tnte Glserklirren, Stimmengewirr und Lachen,
es war auf einem Dampfer, sie fuhren, er hrte das Rauschen der
Schaufelrder, nun trat sein Vater zu ihm, Georg beklagte sich heftig,
da man ihn festgebunden htte, aber sein Vater sagte, ob er denn nicht
wte, das sei doch Mamas wegen, sie drfe nicht so viel gehn. Georg
murmelte etwas rgerliches, und dies hrte er pltzlich, merkte auch
seinen Mund, den er bewegte, wie etwas Fremdes und sonderbar gro, und
ffnete die Augen. Fern im Dunkel schimmerte die flache grne Kuppel der
Schreibtischlampe, darunter hngend leuchtete tief Esthers
Schmetterlingskranz, den sie ihm gearbeitet hatte, auf lichtem, grnem
Streifen ein dunkelroter, ein gelber und ein ganz bunter Falter. An
seinem Bett standen zwei Gestalten, eine sehr groe, sein Vater, und
eine kleine, Esther; nein, Virgo wars. Er versuchte zu lcheln und
setzte sich auf, fragte: Bist du schon lange da, Papa? Entschuldige,
da ich dich nicht vorgestellt habe ...

Sein Vater lachte und beugte sich zu ihm; indem sah Georg und sah auch
sein Vater, scheinbar erst jetzt, die mtterliche Rundung von Virgos
Leib. Seinen Vater schien das zu verwundern; sie senkte unter seinem
Blick langsam die Stirn und sagte unsicher: Ich bin eine Mutter ...

Georg rhrte das sehr, und es schien ihm natrlich, da sein Vater auf
einmal ihr Gesicht vorsichtig in die Hnde nahm und sie auf die Stirn
kte.

Nun war eine sehr lange Zeit alles fort. Pltzlich fuhr Georg empor;
sein Vater sa, ein breiter Schatten, im Stuhl, den Rcken am
Schreibtisch; es war undeutliche Bewegung im Zimmer, dann stand da ein
Mensch, Georg erkannte den Grafen Badenbach, dachte: Ach, richtig, er
kommt wegen der Verlobung! -- und fhlte frstelnd die beruhigende
Anwesenheit seines Vaters. -- Aber wie still es war!

Georg setzte sich mit einem Ruck auf und starrte den Kammerherrn an. Der
stand da in seiner Nhe, die Hnde zusammengelegt, wie -- wie an einer
Bahre; sein Gesicht war sehr bleich mit roten Flecken, aber er sah sehr
wrdig aus.

Ist sie tot? fragte Georg entsetzt.

Der Kammerrat neigte zweimal langsam das Haupt. Georg nahm alle Kraft
zusammen und setzte sich grade aufrecht. Sein Kopf wollte schwer nach
vorn berhangen, er bezwang sich, dachte: Gott sei Dank! Gott sei Dank!
und ein leises Mitleid mischte sich flchtig in die Erleichterung, die
er aber nicht nur fr sich, sondern auch fr die Tote mit empfinden
konnte. Eine hauchende Stimme sagte: Trstherzeleid ... Er hrte den
Grafen sprechen.

Sie ist erlst, ihr ist wohl. Aber sie litt unsgliche Qualen zuvor.
Die Schuld daran trifft zunchst mich. Ich werde --

Und wen auerdem? fragte der Herzog mit gedmpfter Stimme.

Auerdem den Fragenden, versetzte der Kammerrat ruhig. Den Eingriff
in die zarteste, verletzlichste aller Seelen Ihnen, durchlauchtiger
Frst, zum Vorwurf zu machen, habe ich kein Recht. Die Folge liegt
sichtbar vor Augen. Die Sonnenblume dreht sich zur Sonne unabnderlich,
so stand ihre Seele zu mir gerichtet, und Sie griffen zu, um sie
herumzudrehn. Sie blieb bei der Richtung, die ihr gelehrt, die ihr
innerster Sinn und eigentliches Leben war, aber sie litt unsagbar, sie
verzehrte sich, sie ward schwach, und eine Ohnmacht verursachte dem
armen Hirn die Erschtterung, der sie nun erlag. Die ganze Gre der
Schuld ist aber mein.

Die Worte drhnten und rauschten stromhaft durch Georgs kranken Kopf,
und jeder Satz brannte in lichter Flamme hoch, ehe er einem neuen wich.

Zu meiner Verteidigung, fuhr er fort, habe ich nichts fr mich selbst
und vor Gott als die Vasallenpflicht, die mir gebot, das Geschlecht
meines kniglichen Herrn zu erhalten. Nun es erlosch, bin ich frei,
diese dumpfe und traurige Welt mit einer stilleren zu vertauschen, wo
sich meine sndige Seele unter unablssigen Kasteiungen und inniger Reue
...

Wenn er noch etwas sagte, so vernahm Georg es doch nicht mehr. Er
fhlte, da irgend jemand zu ihm trat, er wurde aufgehoben, fortgetragen
und sehr tief niedergelegt. Dann war dichte Finsternis, in die er
verlschend hineinglitt.

                   *       *       *       *       *

Im Finstern wachte Georg auf und fhlte sich schwach, jedoch klar im
Kopf. Ganz fern schien ein winziges Lmpchen zu brennen. Er lag wohl in
seinem Bett, konnte es jedoch nicht mit Sicherheit feststellen. Er fate
nach seinem Puls, bekam ein glhend heies Handgelenk von ungeheurer
Gre zu fassen und wute gleich darauf schon nicht mehr, ob er trume
oder schlafe. Er hatte Angst, der Kammerrat knnte kommen, und auf
einmal wute er, da Sigune tot sei. Ja, sie war tot, und er selber
konnte sterben. Sterben war schrecklich. Er sah, ohne deutliche
Vorstellung, aber er fhlte sich irgendwo unter der Erde liegen, und die
ganze Welt ging ihren Gang weiter. Das war das Schreckliche, das war
unertrglich. Da war der Platz am Caf, Trambahnen fuhren, Menschen
eilten hin und her, aus dem Gewhl kam Renate und ging an den Lden
hinunter, blickte seitwrts gegen eine Spiegelscheibe und fate nach
ihrem Hut. Er aber lag begraben, und alles dies hrte keinen Augenblick
auf, oh, es war entsetzlich! -- Da fhlte er, wie das Fieber in ihm
schwoll, er wehrte sich, er wollte es nicht, lag, glhendhei
bergossen, und sthnte schnaufend: O dies entsetzlich Pausenlose! -- An
dieses schlossen sich deutlich die Worte an: Knnte man doch, knnte man
einmal nur, fr keinen Tag, fr keine Stunde, ach, fr Augenblicke nur
befreit von diesem Dasein sein! Nichts sein als Aufatmen! Und da man
hinziehn knnte einmal nur, Betrachtung nur und Geist und Seelenfriede!
Erleichterung der Brust, Bewutsein nur des unzerteilten Seins, leicht
wie ein sommerliches Rauschen in den Bumen, wie Blumen leicht, wie
Wiesenhalme, die im Winde stehn, jedoch es wissen, wunschlos wissen,
reuelos es wissen, -- ach, sodann verlre wohl der Tod den Stachel, mit
welchem Ernst, mit welcher Ruhe wrden wir von neuem alles Dasein auf
uns nehmen, wieviel wrden wir gebter, williger und tapferer sein! O
dies entsetzlich Pausenlose! Marter, Kette dieser Tage, dieser Stunden,
dieser Atemzge, wo nicht eine, eine Lcke, keine Leere, keine Leere,
kein Sichausruhn uns begtigt, Schlaf selbst Unrast nur und Traum und
Fieber, nirgend Aufenthalt, kein kleinster Stillstand, Neues immer,
Neues immer, hingerissen, fortgeschoben, ohne Ende, -- sondern ewig,
ewiglich, schon vor uns lngst im Gang, und durch uns weiter, weiter
drhnt das pausenlose Pochen der Sekunden ...

Ihm stand der Angstschwei auf der Stirn. Die Worte fingen von vorn an,
wickelten sich wie Stricke umeinander, schallten stets von neuem auf,
nicht niederzudrcken, so schnellten sie empor, nicht abzuschneiden, sie
wuchsen geradewegs weiter, -- er rchelte, sein Hals glhte, er fate
danach und ritzte sich an einer Nadel. Nachfhlend, glaubte er eine
Brosche zu fassen, die er unter unsglicher Mhe aufmachte, dann fate
er das Heie, das um seinen Hals lag, zerrte daran, es war lang, -- ein
Strumpf, ein langer Strumpf, -- endlich war sein Hals frei, er lie ihn
wonnig die Khle atmen und fhlte sich erleichtert. Jetzt den Strumpf
abtastend, wute er pltzlich, da es ein Strumpf von Virgo war. Er
lchelte erst, -- dann hob er ihn an den Mund, fhlte den weichen Flor,
prete ihn wtend an die Lippen, grub sie und Stirn und Augen in das
glhende Kissen, schluchzte herzbrechend auf und stammelte weinend und
unaufhrlich: Ich liebe dich doch! ich liebe dich, ich liebe dich! --

Danach kam Dunkel, kam Schlaf, kamen andre Trume.


                         Neuntes Kapitel: Juli


                                Legende

Renate bekam an ihrem Geburtstage ein groes Schreiben mit Jasons ganz
kleiner, schwarzer und beraus zierlicher Schrift, aus dem ein kleiner
Brief und mehrere beschriebene Bogen herausfielen. Der Brief lautete:

   Liebe Renate:

   Den Menschen Jason bekmmert es, nicht an Deinem diesjhrigen
   Geburtstagsfeste, sich beglckwnschend, erscheinen zu knnen,
   also mu er schreiben. Auf der Suche nach einer Gabe erinnerte er
   sich eines Wunsches von Renate, eine der Geschichten, die er in
   den Zeiten der Friedliebenden Gesellschaft erzhlte --
   insbesondere eine von ihr nicht gehrte -- aufgeschrieben zu
   bekommen. Dies tut er gerne. Es freute ihn dabei, auch einiges
   von den Menschenwesen, die sich an der Erzhlung gewissermaen
   beteiligten -- wie Du sehen wirst -- mit festhalten zu knnen:
   sein Gedchtnis erwies sich noch jugendfrisch und in Anbetracht
   des guten Zweckes also einmal erfreulich. Einiges ist wohl
   trotzdem erfunden worden, und es wird dann nicht das Schlechtere
   sein, sintemal nur in sehr wenig Menschen das nicht zu sein
   pflegt, was man in ihnen vermutet, auch wenn sie es nicht uern.

                                                Herzliche Gre sendet
                                                                 Jason

Renate, die noch am Frhstckstisch dies gelesen hatte, nahm den Brief
zusammen, wollte in ihr Zimmer hinauf, stieg aber versehentlich hher
und betrat das Josefs. Dort im Sessel sitzend und die Bltter mit Jasons
Geschichte aufschlagend, merkte sie dann freilich gleich, aus welchem
Grunde sie hier zu lesen hatte und nirgend anders. Sie las:

                         Orest und die Eumenide
                        (eine Legende im Rahmen)

Sie saen zusammen im Erker des gotischen Fensters, whrend es Abend
wurde, Esther, Magda, der Maler Bogner und Jason, der zuletzt kam.
Zuerst war es Esther allein gewesen, die dicht neben der groen, fast
bis zur Erde reichenden, grnlichen Glaswand sa, hoch ber sich die
schne Wlbung des spitzen Bogens, das kleine, schwarze Chinahaupt, die
reine Stirn, die dunkel brennenden Augen unter den runden Brauen ber
ihre buntfarbene Stickerei gebeugt, in der Faden um Faden unter den
hurtigen Schritten der Stiche aufging, whrend hin und wieder ein Hauch
der Sommerabendluft die kleine, lose Haarstrhne ber ihrer Stirn aufhob
und sanft zauste, hereinwehend aus einem der kleinen Vierecke, die
wahllos ber die Flche der Scheibe verteilt, alle offen standen, so da
jedes ein Quadratstck der Landschaft in der Tiefe enthielt, dieses nur
Wiesengrn, jenes einen Ausschnitt vom Bahndamm, jenes ein paar Trme
der Stadt weit hinten, und dieses die still und geruhig rauchenden
Schlote der Zuckerfabrik ganz rechts. Magda, die dann herausgekommen
war, hatte sich nach ein paar freundlichen Worten ans Fenster gestellt,
gro, schmal und bla von Antlitz und Haar, hinausblickend durch das
Viereck, das sie gerade vor Augen hatte, in dem nur der Abendhimmel war,
licht und von jenseit zart golden durchleuchtet, aber sie hatte nun die
ganze Abendgegend unter sich, die Weiden, die dunstige Stadt mit Kuppeln
und Trmen, das Wehr und den Flu zur Linken, und dahinter das Blau der
Hgelrcken; und so fand sie der Maler. Aber sein immer graues und
bartloses Gesicht hatte sich nur eine Minute, whrend er seine kurze
Pfeife stopfte, ber Esther und ihre Arbeit geneigt, und er war in
seiner sachten Art wieder im schon dmmerigen Hintergrund verschwunden,
wo er vor den Bcherregalen sa; da er nicht hinausgegangen war,
merkten sie im Fenster nur an dem slichen Geruch des Qualms, der ab
und zu vorber wehte und ins Freie zog. Schlielich erschien dann Jason
al Manachs Gestalt, der, in den Sessel Esther gegenber versinkend,
gleich sagte, er wre im Museum gewesen. Danach machte er eine Pause,
aber der Maler schwieg natrlich, Esther hatte gerade ein paar
Seidenstrhnen von hnlichem Grn ber ein halb gesticktes Blatt gelegt
und betrachtete das mit kleinen, prfenden Grimassen der Brauen und der
Zungenspitze und so versuchte die immer Gtige, Magda, ein wenig sich
hinberwendend, ein leises: Nun, und?

Da traf ich den jungen Stupitzka, den Archologen, und er erklrte mir
alles. Die Archologen sind doch die freundlichsten Menschen, sagte
Jason. Esther blickte ihn schnell an, ein bichen unglubig, um nicht zu
sagen spttisch, und was sie meinen mochte, drckte dann Magda aus: es
gbe wohl keine Menschenart, von der er, Jason, nicht, wenn die Rede
darauf kme, versicherte, da sie die freundlichsten seien. Und nun, --
was gab es Besonderes zu sehen? --

Jason, zu ihr, die wieder hinausblickte, aufsehend, indem er still fr
sich die Spuren der langen Krankheit, der Schlaflosigkeit und der
Schmerzen auf ihrem in sich vergehenden Gesicht zhlte, sagte:

Etwas Einziges. Den Kopf eines schlafenden Mdchens, das unserer Ulrika
hnlich sah, -- wit ihr, wenn sie anfangen will zu spielen, die Brauen
sich heben, steiler scheinen und ein ernster Schatten ber ihr zartes
Gesicht fllt. -- Sie war nun freilich berlebensgro, graugelb getnter
Gips, aber dennoch ...

Er fuhr fort, eine Abbildung msse in einer der Mappen auf dem Schrank
sein, und gleich ging Magda, bereit, jederzeit einen Auftrag zu hren
und ihn auf sich zu beziehn, hinber und schleppte die Mappen her, legte
sie neben Jason auf die Erde, und der hatte bald gefunden.

Seht ihr, das ist sie! sagte er erfreut. (Esther entschlo sich, einen
Augenblick aufzuhren mit Sticheln und Fadenabschneiden.) Sie schlft.
Seht ihr hier das Ohr unter den Wellen des Haares, wie einen Eingang in
geheimnisvolle Tiefen? Sie schlft, was mag hier eindringen? Es ist
recht ernst, dies Profil, -- die Brauen ... Wie schn es im Schlaf auf
die Seite gesunken ist! Er sah zu Magdas und Bogners -- der war
hinzugetreten -- Gesichtern auf, lchelte und fragte: Was meint ihr,
wer ist es?

Mu es jemand sein? fragte der Maler.

Ja, erwiderte Jason, diese Griechen machten immer etwas, das etwas
war.

Also vielleicht die Gorgo, schlug Bogner vor. -- Esther, die den Kopf
nur umgekehrt, von oben, gesehen hatte, sagte, wieder zu ihrer Arbeit
zurckkehrend, die Gorgo wre doch wohl wild und hlich.

Nun, nun, meinte Jason, du vergit ja die Rondanische. Denke auch an
das schne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer. Ja, es knnte die Meduse
sein; sie war ein geheimnisvolles Wesen, sie war nicht hlich, ihr
Anblick versteinte, das war ein Fluch, sie konnte nichts dafr; wenn sie
schlief, war sie unschuldig, dann knnte sie so ausgesehen haben. Ich
will es euch sagen, fuhr er fort, denn ich selber hielt sie fr die
Gorgo, aber der junge Stupitzka hat mir gesagt, da es eine Eumenide
ist. Sie verfolgten den Orest, der seine Mutter erschlagen hatte, das
wit ihr ja, und als er sich eines Nachts in einen Tempel geflchtet
hatte, wohin ihm die Dmonen nicht folgen durften, lagerten sie sich
drauen auf den Stufen und schliefen auch. Dies ist eine von ihnen.

Es war nun eine Weile still, nachdem die dunkle und melodische Stimme
verhallt war. Sie hrten den kleinen Schrei einer Lokomotive fern, und
Magda, die wieder an ihrem Ausguck stand, und auch der Maler, der an
ihrem Kopf vorber hinaussah, bemerkten den kleinen Zug, wie er sich
ber die schnurgerade Linie des Bahndammes bewegte, und die weien
Rauchballen, die ber die Weideflchen leicht davonsprangen, sich
auflsend in die goldene Luft.

Das finde ich nun schn, sagte Jason leiser: auch die Erinnye schlft
einmal. Was uns verfolgt und qult, einmal lt es uns ruhen; auch das
Qulende bedarf des Schlafs.

Esther hatte einen lichtblauen Faden zwischen den Zhnen, zog ihn mit
beiden Hnden langsam hin und her, whrend sie irgendwohin blickte, in
das verschwommene Grn der Wipfel hinter dem Grn des Glases, bis der
Faden mit einem kleinen Ruck zerri, und sie sagte eilfertig, von oben
auf die Abbildung herunterblickend, wie ein Schwan auf sein Spiegelbild:

Das ist -- --, wenn ich so deine Worte hre: Auch die Erinnye schlft
... und dies Gesicht dabei sehe, dann steigt etwas daraus auf wie --
Sie stockte und blickte erst zu Bogner auf, der noch immer betrachtete
aus seiner Hhe, dann in Jasons Gesicht. Whrend ein Lcheln und das
Errten zugleich auf ihren Wangen langsam aufschwebte, war es ihr, als
ob er magisch aus ihr herauszge, was er sagte:

Wie Legende, nicht wahr? Als gbe es etwas zu erzhlen. Da nickte sie
zufriedengestellt, als wrde er flugs anfangen, und begann einzufdeln.

Das sagst du so, meinte Jason, da ich nun erzhlen soll. Freilich
ist da etwas, aber nun ist es blo ein Anfang, und alles brige fehlt.
Nun, vielleicht findet ihr selber es nachher, also setzt euch.

Er winkte zu Magda und Bogner, und whrend dieser sich wieder in sein
Dunkel zurckzog, setzte sie sich auf die weiche Lehne von Esthers
Ledersessel. Jason, aus den vielfarbigen Seidendocken auf dem Tischchen
neben Esther eine dunkelrote ergreifend, die er langsam durch die Finger
gleiten lie, fing an.

                   *       *       *       *       *

Am siebenten Abend nach dem Beginn der Verfolgung, nachdem er ohne
Unterla bei Tage hinter sich die Schritte und das Rauschen der Kleider,
das Zischen der Nattern und die halblauten, hhnischen und gehssigen
Gesprche der drei Schwestern gehrt -- er hrte sie nur, sie waren
fort, wenn er sich wandte --, bei Nacht aber, wenn er sich wie ein
Bndel irgendwo hingeworfen, ihre Dolche in seiner Brust, ihre Vipern um
seinen Hals, ihren giftigen Atem ber seinem Gesicht gesprt hatte,
schlaflos bis zum Morgengraun, wo sie schwanden, -- am siebenten Abend
taumelte Orest eine Treppe hinauf und brach oben an etwas Kaltem und
Steinernem zusammen. Als er nach langer Zeit wieder zu sich kam,
gewahrte er, da er im Eingange eines Tempels lag, eines groen,
dmmrigen Raums hinter einer Sulenreihe, der wie eine leere Hhle, wie
eine Lichtung in Wldern von unzhlbaren, grauweien Sulen lag,
zwischen denen Gnge erschienen; Sulen, riesige, breite, stumme,
bedrohliche, ernste berall, aber in der Mitte der hohen Halle, auf
einem schlichten Postament, stand einsam die kleine Statue des Gottes
aus dunklem Silber, der ein junger Mann in einer knappen Tunika war.
Sein Antlitz war im Dunkel dort nicht mehr zu erkennen, deutlich jedoch
die beiden kleinen Vogelflgel an seinen Schlfen. Es war der Gott des
Schlafs.

Orest, Atem schpfend, sah jetzt nach drauen aus dem breiten Tor, an
dessen Pfeiler er lag. Dreimal vier lang hingestreckte und flache Stufen
fhrten hinunter; drunten aber war nichts als die Ebene, die kahl war,
baumlos, hgellos, glatt und grau bis zum Rauch des dstern, gerteten
Abendhimmels. Aus dem Dunst der traurigen Ferne aber lste sich alsbald
eine graue Gestalt, gertet, wie in Blut getaucht, und schien zu kommen.
Sie kam, und hinter ihr ein grauroter Schatten, der ersten gleich, und
ein dritter hinter der zweiten. Es waren die Schwestern, die so durch
die schweigsame Abendebene heranzogen, die an diesem Nachmittage der
Wirbel seiner rasenden Fe hinter sich gelassen hatte, und er sthnte
leise, stand auf, und ihm fiel ein, da hier eine Zuflucht sei, wie er
es wute aus den Legenden von belttern, die er in seiner Kindheit
gehrt, -- nun war er selber solch einer. Er sah, da seine Fe blutig
waren, und schlich mhselig bis zur Statue des Gottes, sah die blauen
Augen aus Edelstein in dem dunklen, freundlichen, kleinen Silbergesicht,
legte die Hnde zusammen und bewegte die Lippen. Darauf schlrfte er
eilig zur Tre zurck, und es gelang ihm mit seiner letzten Kraft, die
groen Bronzeflgel einen nach dem andern zu bewegen und
zusammenzuschlagen.

Nun stand er im Finstern, schwankend auf unertrglich brennenden Fen,
todmde, lechzend, sich irgendwo niederzulegen zwischen den Sulen. Im
selben Augenblick jedoch, als er die schon zugefallenen Lider noch
einmal ffnete, gewahrte er zu seiner Linken ganz fern einen Lichtschein
im Dunkel. Wie es langsam heller wurde, sah er den Lichtkreis eines
Lmpchens, den Schatten einer gehenden Gestalt, sah die ersten, dunkel
droben aus dem Schatten der Wlbung auftauchenden Hupter der Sulen und
sah bei aller Mdigkeit doch, wie schn und feierlich das war, da links
und rechts Sulenpaar um Sulenpaar aus der Nacht sichtbar wurde und
hervortrat, dunkle Riesen erst, die alsbald rein und leuchtend wurden
wie in weien Gewndern, whrend schon neue Sulen dunkelten, bereit,
hervorzutreten, und auch diese erglhten und strahlten, alle ernsthaft
von droben herunterblickend auf die kleine weie, daherwandelnde
Gestalt, die zierliche Silberlampe in der linken, eine Schale von
gleichem Metall leise blitzend in der rechten Hand.

Jetzt, nahe dem letzten Sulenpaar drben, blieb sie stehn, erhob die
Hand mit der Leuchte, blickte zu ihm herber und fragte -- es war ein
Mdchen -- mit sanfter Stimme: Ist jemand hier? --

Er machte ein paar Schritte, fast schreiend vor Schmerz, da die Sohlen
am Boden klebten, und stie ein paar rauhe Worte hervor. Das Mdchen
zauderte, glitt dann herbei, hielt, da sie kleiner war als er, die Lampe
gegen sein Gesicht empor, und er sah, welch mitleidige Augen sie machte.
Du suchtest wohl Obdach? -- fragte sie freundlich. -- Er bemerkte seine
aus dem zerrissenen Mantel vorgestreckten Hnde, die sie gerade
betrachtete, die grau und gelb waren und schrecklich anzusehn,
habgierig, und: Was fr Hnde! sagte sie ergriffen, und dein Gesicht ist
auch so! und das schwarze Haar, wie verwirrt und zottig! Du mut
entsetzlich mde sein, und es ist noch so weit zur Stadt, fuhr sie fort,
aber hier bist du ja recht im Hause des Schlafs. Ich bin eine Dienerin
von ihm, erklrte sie errtend, hier hab ich die Milch fr die
Schlangen. Es sauste ihm in den Ohren, er hrte nichts und strzte zu
Boden. Gleich kauerte sie neben ihm, setzte das Licht auf den
spiegelnden Estrich, ri Streifen von seinem Mantel, lste die Riemen
der zerfetzten Sandalen, wusch die Fe nach kurzem Zgern mit der
heiligen Milch und verband sie. Schlielich nahm sie den Mantel unter
ihm fort, rollte ihn zusammen und schob ihn unter seinen Nacken.

Er richtete sich nun auf, starrte mit blden Augen in das Licht, lachte
ein wenig und fing an, sie zu sehn. Weit du, wer ich bin? -- fragte er
pltzlich. -- Nun, gleich, sagte sie, wenn ich dir nur helfen kann; du
bist ein Armer jedenfalls, sagte sie. Er mute in ihr ernstes, ruhiges
Gesicht blicken, bemerkte, da die Augen schn braun waren und auch das
Haar, wollte sich wieder legen und hrte im gleichen Augenblick drauen
Gerusch von Fen und Stimmengewirr. Er sprang auf.

Auch sie war aufgestanden und sah erschreckt, wie er dastand,
gespannten Nackens, wtend, mit geballten Fusten, wartend, lauschend
mit Augen, Ohren, mit dem ganzen Leib. Dumpfe Schlge fielen gegen das
Erz des Tors, er keuchte, Blut stieg ins Weie seiner Augen, das Mdchen
wich langsam, an seine Augen gefesselt, gegen die Tr zurck mit von
sich gestreckten Armen und wiederholte mehrmals, angstvoll und eifrig
versichernd: Niemand kommt herein! Niemand kommt herein! -- Ist das
gewi? schrie er laut. Wie willst du's denn wissen? Weit du denn, wer
ich bin? Ich bin Orest! Weit du, wer die drauen sind? Weit du, was
sie halten, sahst du ihre Dolche, ihre Fackeln, ihre Vipern? -- Er
brllte. Herein! Kommt doch herein, ihr, wenn ihr knnt! Hrt doch, ich
bin drin! Ich, Orest, ich, der seine Mutter erschlug, ich! -- Drauen
erscholl Geschrei, die ehernen Flgel zitterten und bewegten sich, es
krachte im Geblk. Vor der im Lichtschein glhenden Erzwand stand das
Mdchen, bleich, hinter sich ihren Schatten hochaufgereckt bis ins
Dunkel, da die Lampe noch dicht neben den Fen des Flchtlings auf den
Flieen stand. Auf einmal kam er mit stampfenden Schritten gegen die Tr
vor, knirschend: Geh! sie sollen herein! ich bin das satt! ich will sie
jetzt packen, ich will hier mit ihnen die Treppe hinunterkollern wie ein
Knuel von Panthern und Schlangen! -- Das Mdchen packte seine Hnde und
rang mit ihm, er schleuderte sie weg, doch sie kam wieder, warf sich an
ihn, umschlang ihn, sie keuchten, schlielich erlahmte der Mann und fiel
langsam zusammen, whrend sie mit fliegenden Gliedern zur Tr
zurckjagte, sich gegen die Fuge in der Mitte prete, schlank wie ein
Baum, als wollte sie hinein, sie zu verstopfen. So glitt sie langsam
auch zu Boden und hockte dort, grougig.

Nur die Ste seines Atems waren hrbar, auch drauen war es still.
Ruhig stieg die vorher hin und her gescheuchte Flamme der silbernen
Leuchte. Pltzlich aber sank sie in sich zusammen, wie auf Befehl, zu
einem roten, glimmenden Funken, und whrend ein unendlich leises
Flgelrauschen durch die Finsternis hinzuschweben schien, sank von hoch
oben eine ernste, klare, langmtige Stimme hernieder und verhallte in
alle Fernen des Hauses:

   Schlaf, Mensch, so schlaf! Auch die Verfolgerin,
   Auch die Erinnye schlft.

Wieder war alles still. Orestes lag ausgestreckt, so lang er war, die
Arme berm Kopf fortgeworfen. Da schien das Tor sich zu bewegen, das
Mdchen sprang auf und eilte zu ihrer Lampe, die einige Pulsschlge lang
wieder in ihrer frheren Gre aufgerichtet stand, aber nun langsam
erblate, denn die Torflgel falteten sich langsam auseinander, und
drauen war das Mondlicht. Da war die Treppe, breit und schneewei, die
Ebene, schattenlos, dunkel und doch erhellt vom unsichtbaren Mond in der
Hhe, und jetzt sah Orest, das Haupt erhebend, da neben der ersten
Sule der Vorhalle ber den Stufen eine dunkle Gestalt im Schatten
hockte, ganz still; und als er hinunterblickte, entdeckte er eine zweite
mitten auf der Treppe, ruhend wie eine Schlafende, ganz unten aber die
dritte, hell im vollen Licht, in sich gesunken, im Schlaf.

Orest sttzte sich auf die Arme und stand auf. Sein Gesicht zuckte, als
ob es in Weinen zerbrechen sollte, sein Haupt schwankte, er ging mit
schweren Schritten zur Statue des Gottes und sank dort hin, den Rcken
gegen das Postament gelehnt. Stracks durchdrang unbeschreibliche
Mdigkeit magisch seine Glieder; sie lsten sich auf in Wonne der
Schlaftrunkenheit, ein sanftes Prickeln bedeckte seine Seele wie ein
vergehender Schaum, -- so verging sein Leib. Er schluchzte tief, er sank
tiefer in sich, er ffnete noch einmal die Lider, als msse irgendwo
etwas sein, nach dem noch hinzublicken sei, doch sah er nichts mehr als
einen nchtigen Lichtschein, dann -- ging ein Schritt, rauschte Gewand?
-- nur noch Finsternis, aus der eine Schattengestalt von fernher
zwischen dunklen Wnden nahte und stillhielt. Er erkannte zwei
dunkelsilberne Fittiche, zwischen ihnen den Schatten eines braunen
Antlitzes und ein bluliches Lcheln von Augen. Da fielen ihm die seinen
zu, und er schlief.

                   *       *       *       *       *

Jason schwieg. Im Zimmer stand jetzt die Dunkelheit, nur im hchsten der
offenen Vierecke war der noch helle Himmel zu sehn; die Bume rauschten
im Dunkel unsichtbar; vor dem Fenster waren die lichten Gesichter der
Drei, ganz wei das Jasons mit den schwarzen Flecken der Augen, ein
wenig dunkler das Esthers, Magdas ganz matt, kaum sichtbar ber den
andern. Wie Jasons Hnde im Scho ausruhten, so auch Esthers linke,
whrend ihre rechte die Hand der Freundin gefat hielt, die ber ihre
Schulter herabhing. --

Soll ich Licht machen? fragte Magda nach langer Zeit. Niemand
antwortete. Aus dem Hintergrund scholl ein leichtes Pochen; der Maler
klopfte seine Pfeife aus. --

Es ist doch nicht zu Ende? fragte Esther.

Ich wei nicht. Jasons Schultern bewegten sich. Das Antlitz der
Eumenide erzhlt eigentlich nicht mehr. Oder doch?

Und wie kam das Mdchen in deine Geschichte?

Der Maler sagte aus dem Dunkel: Sie haben von Schlangen gesprochen.
Verwechseln Sie das nicht mit Asklepios?

Vielleicht, erwiderte Jason leicht, obgleich ich persnlich berzeugt
bin, da die Schlange auch dem Schlaf heilig ist wegen seiner heilenden
Kraft. berdies ist die Schlange dasjenige Tier, das fast immer schlft,
und schlielich dachte ich mir auch etwas Besondres dabei. Wie geht es
aber weiter?

Ich sehe noch etwas, fuhr er leise fort. Ich sehe dies Marmorhaupt
der Schlferin. Wer hat es gesehn? Der es gemacht hat, mu es gesehn
haben, oder einer hat es ihm beschrieben. Orest vielleicht? Wann sah
denn er es? Esther schlug vor: Morgens frh, als er weiterging.

Sieh, Esther, was fr richtige Sachen du denkst! Ja, da mu er es
gesehen haben. Er erwachte vor Sonnenaufgang, erquickt und gestrkt. Die
Ebene lag unter weien Nebeln wie eine stille See, und -- Und das
Mdchen, die Priesterin? fragte Magda. Sie ist fortgegangen. Orest
will nun gehn, spricht sein Gebet, da sieht er beim Hinaustreten, da
die Erinnyen noch dort sind und schlafen. Eilig will er
vorberschleichen und tuts, an der ersten, der zweiten, aber wie er
unten bei der dritten angelangt ist, da ging inzwischen die Sonne auf,
und er sieht ihr Gesicht, und da sie braunes Haar hat, das ihn an
andres Haar erinnert. Da bleibt er nun stehn und sieht ihr leise
glnzendes Gesicht, wie ernst es ist, kaum lieblich und doch schn, die
Brauen streng und gro, und da sie unschuldig ist, wenn sie schlft,
trotz der erloschenen Fackel neben ihrem Fu, trotz des Dolches, den sie
an die Brust drckt, und er kann sich nicht abwenden und redet leise
Worte in die Hhlung ihres Ohrs, in den seltsamen Eingang zu der
schlafenden, inneren Welt, indem er sich fragt, ob sein Flstern wohl
eindringe und drinnen zur Gestalt eines Traumes wird, die leuchtet, so
da die Wnde der dunkelgoldenen Seelenhalle davon glnzen, oder
vielleicht wie die freundliche Silberfigur des Gottes auf der Lichtung
inmitten des dmmerweien Sulenhains. Pltzlich -- was erschrickst du?

Esther, die leicht zusammengeschaudert war, schttelte abwehrend den
Kopf und sagte: Nur die Fledermaus ... nur weiter!

Pltzlich, fuhr Jason fort, erblickt er den kleinen Kopf einer Viper,
die, ins Haar versteckt, auch dort schlief die Nacht und nun hervorkommt
bei der Wrme des Tages. Er wendet sich eilig und flieht.

Und dann? fragte Esther.

Dann bleibt er nach ein paar Schritten noch einmal stehn und dreht sich
zurck und sieht, da sie sich aufgesetzt hat. Sie hebt die Arme und
lchelt zu ihm; ihre Augen, erst noch geschlossen, ffnen sich
schlaftrunken, sie stammelt, ihr Gesicht glht ber und ber vom
Sonnenaufgang, er starrt hin, da sinkt sie wieder zusammen, frstelt,
tastet nach einem Gewandzipfel und entschlft.

Es schien nun still bleiben zu wollen im Raum. Magda erhob sich, trat an
ihren Ausguck und sah im Dunkel den Horizont besteckt mit den Lichtern
der Stadt, darber die ersten, weilichen Sterne im Raum. Vernehmlich
rauschte das Wehr in der Ferne.

Esther hatte ihre zusammengefaltete Stickerei wieder auseinander
genommen, die Farben leuchteten noch matt im Finstern, sie strich
glttend mit dieser und jener Hand darber und sagte endlich:

Ich sehe noch etwas. Da ist solch ein Wiesental, so bunt wie dies hier
am Tage ist, und -- ich kann das nicht beschreiben, es ist etwa so wie
auf Bcklins Bild, eine kleine blaue Quelle, die sich durch die
Blumenbschungen schlngelt, herab von einem Hgel unter groen,
schattigen Bumen. Und dort liegt Orest und -- sie stockte.

Nun? mahnte Jason in guter Langmut, was tut er dort? Ja, das weit du
nicht? Vielleicht meinst du, er wartet. Ja, am Ende wartet er.

Oder auch nur, weil es so schn dort ist ... sagte Esther mit einem
kleinen Seufzer.

ber ihnen klang Magdas immer noch ein wenig matte Stimme, doch sehr
gtig: Als ich von den Toten wiederkam, die ich doch schon so nahe
gesehn, durfte ich auch wieder in den Garten, nach all den schlaflosen
Nchten, und das war gut. Freilich, setzte sie mit dunklerer Stimme
hinzu, sie stehn immer hinter uns. Und fast hart: Sie sind ja die
Unentrinnbaren.

Eine Weile wars wiederum still, dann begann Jason:

Ich glaube, da er wartet. Er hat sich des Lchelns der Einen erinnert
und beschlossen, sie zu erwarten. Er will sich zu ihren Fen hinwerfen
und bitten, da sie ihn manchmal schlafen lassen. Er denkt, da sie das
nicht werden abschlagen knnen. Er fhlt sich so neu, krftig und zu
allem bereit, wenn nur etwas Hoffnung da ist.

Und dann kommen sie nun. Ihm gegenber ist der Tannenwald, aus dem der
Weg hervorkommt, dem sie nahen, und die Jngste geht voran. Er hlt sich
hinter einem Felsblock verborgen und sieht, wie sie nacheinander
hervortreten und erfreut scheinen von der anmutigen Gegend. Zwei von
ihnen legen sich im Tannenschatten ins Gras, aber die eine kommt bis zum
Bach, kniet hin, legt Fackel und Dolch neben sich, bespiegelt sich und
lchelt sich an. Da bermannt es ihn, und er tritt hervor.

Wie er herabkommt, sieht sie auf und erschrickt. Sie greift nach ihren
Waffen und erhascht den Dolch und springt auf, sieht ihn an, und da
erkennt sie ihn nun; ihn, den sie ja zuvor nie, nur in jenem Augenblick
des halben Wachens oder im Traum gesehn hat. Er sieht wohl schrecklich
aus, in seinem grauen, zerfetzten Mantel, mit dem wirren, schwarzen Haar
und dem gelben, eingeschrumpften Gesicht, aber seine Augen strahlen
seltsam, und sie mu lcheln und streckt wieder die Arme aus, seufzt und
stammelt etwas, und -- was geschieht nun?

Jetzt sieht er auf einmal alles schwarz umher werden. Schwarz jede
Blume, schwarz das Gras, schwarz die Tannenwand, schwarz wie Marmor den
Quell und schwarz den Himmel. Aus der Erde schauert es eisigkalt, und es
durchschaudert sie. Sie windet sich seltsam, als werde sie unsichtbar
ergriffen und nach unten gezerrt, ihr Lcheln, wie etwas Erdrosseltes,
stirbt, sie ffnet die Lippen, will schreien, da fhlt sie, da sie
hinunter mu, sie verzweifelt, sie zuckt, da erblickt sie ihren Dolch,
sie ringt sich noch ein Lcheln ab, erfat eine Strhne ihres braunen
Haares, sie schneidet zu, sie trennt die Locke, sie wirft sie gegen sein
Gesicht hin, das ihr noch glnzt. Langsam nun, bla und blsser, wie ein
farbloser Regenschauer, gleitet sie hinunter in den schwarzen Quell;
ihre Fe, ihre Hften, ihre Schultern verschwinden, noch schwebt ihr
schmerzliches Gesicht, lchelnd mit einer spten Qual ber dem
Schwarzen, und erlischt darin.

Hades rief sie hinunter. Sie hatte vergessen, wer sie war, vergessen
den Ha und Tartaros, ihren Ursprung; da zog er sie zu sich herab. Und
er --

Er warf sich ber die Stelle hin, wo sie versunken war, griff in die
Flut und -- nun, Esther?

Er fate -- er erfate die groen Bschel schwarzer Iris, die rund
herum aufgeschossen waren, und --

Und es ward langsam wieder hell um ihn, alles ward wie vorher, dort
aber, wo der Weg in die Tannenwand schwindet, haben sich die beiden
Schwestern aufgestellt, gleichmtig, gegrtet, abwartend.

Er aber, schwer aufstehend, gewahrt einen braunen Falter, rostrot
glnzend im Sonnenlicht, der gegen ihn fliegt, seinen Mund berhrt und
zurckbebt und davon und wieder heran und ber seine Stirn hin und
wieder fort und noch einmal heran, einen Kreis windend um seine
ausgestreckte Hand und jetzt fort, auf und nieder, hierhin und dorthin
schaukelnd, den Weg hinab und zwischen den Tannen fort. Er aber, wie an
einem goldenen Faden nachgezogen, folgt, ein wenig staunend, ein wenig
lchelnd, sich vergessend. Er sieht die Schwestern dastehn, er will
zwischen ihnen hindurch, er erschrickt, es stehen da zwei schweigsame
Fichten links und rechts vom Wege, ernsthaft, auf ihn heruntersehend,
dieweil vor ihm das rostrote Blatt in der Sonne im Tannengang leuchtet,
und er folgt.

Obwohl Jason schwieg, schien es den Andern, als halte er nur inne und
bedenke die kommenden Worte. Schlielich fragte die Stimme des Malers
aus dem Finstern: Ist das alles?

Die Erinnyen sind ja fort, sagte Jason, whrend gleichzeitig Esther
ein tief unglubiges Oh nein! hervorstie.

Jason schwieg und sagte nach einer Weile leise: Kinder! Was denkt ihr
denn nun?

Esthers Gesicht, der weie Schein davon, war verschwunden; an ihrer
Stimme konnten die Andern hren, da ihre Hnde davor waren; sie bat:

Mach ihn heil, Jason! Die Wunden von ihren Dolchen werden wieder
aufbrechen, und das Gift ... Mach ihn ganz heil!

Und auch Magda erklrte mitleidvoll: Er war doch unschuldig. Da er die
Mrderin seines Vaters erschlug, das war fromm, und die Gtter wollten
es. Ich meine -- sie rang mit den Worten, es giebt Snde und Shne,
Bs und Gut, aber es ist nichts einzeln davon, Eines wohnt immer im
Andern, und Orestes bte lange und wurde schlielich befreit -- wenn
ich mich recht erinnere ... schlo sie zaudernd.

Es kommt vor, hrten sie den Maler von fern, wenn ich ein Bild machen
will, da ich meine, es mten zwei gemalt werden. Nicht wegen der
Stimmung in der Natur oder so, sondern --, etwa, wenn ich einen Kranken
malen wollte, so mte ich auch einen Gesunden machen, damit man sieht,
was all das heit. Allerdings, setzte er, sich ruspernd, hinzu, das
darf nicht sein, obgleich ich mich einmal nur schwer entschlieen
konnte, denn, schlo er bedachtsam, Kunst ist fr sich und giebt
Gesetze.

Orest kam nun, fuhr Jason fort, nachdem er Bescheid erhalten, Orest
kam nun, dem Schmetterling folgend, am neuen Abend wieder zu einer
Treppe und zu einem Tempel. Schn leuchteten sie beide von weit, Stufen,
Sulenreihn und farbiges Dach, aber der Weg war nicht gut gewesen, alle
Wunden brannten wieder, auch die Fe, und oft mute er stehen bleiben,
wenn er hinter sich das alte Zischeln und Raunen zu hren glaubte, auch
begriff er nicht, weshalb er hinter diesem schaukelnden Blatt
einherging. Nun aber sah er die Treppe und erkannte sie gleich, auch das
Mdchen, das auf der untersten Stufe sa, gebckt, als betrachte sie
etwas in ihrem Schoe. Wie er nher kam, schaute sie auf, und da sah er
den Falter mit Heftigkeit gegen ihre Lippen fliegen, worauf er
augenblicklich in ihrem Haar verschwand. So ging er auf sie zu, die
still sa und ganz wenig lchelte.

Was tust du hier? fragte er, indem er bemerkte, da sie ihre
Silberschale voll Milch mit beiden Hnden im Scho hielt. Still! sagte
sie, bleib ruhig stehn! Sie mssen gleich kommen. Und sie pfiff ganz
leise zwischen den Zhnen. Alsbald raschelte es im Gebsch neben dem
linken Treppenkopf, und zwei Schlangen, so lang wie ein Arm jede, die
eine dunkelbraun, die andre dunkelblau schillernd, kamen hervor, glitten
herbei, kletterten links und rechts von der Sitzenden die Stufen empor
und begannen von der Milch zu schlrfen. Erklre mir dieses! sagte
Orest.

Dies, erklrte das Mdchen, sind die heiligen Schlangen. Zwei
Schlangen trgt der Gott des Schlafs, eine giftige und eine gute. Die
giftige trufelt bsen Seim auf das Herz der Bsen, die gute aber
ringelt sich ber dem Herzen der Guten zusammen und macht es khl.

Oh, sagte er enttuscht, so giebt es doch Bse und Gute!

Jeder, sagte sie leise, jeder ist jedes zu dieser und jener Zeit.

Und eine von diesen ist also giftig? fragte er.

Diese nicht, sagte sie lchelnd, sie stellt ja nur eine giftige vor.
Orestes beugte sich, um die braune zu streicheln, da zckte ihr Kopf
empor, und schon hing sie an seiner Hand. Schnell packte er mit der
Linken in das Haar des Mdchens, bog ihren Kopf zurck und schrie:
Jetzt erkenne ich dich! Du bist -- Da er einhielt, sagte sie leise,
den Kopf zurckbiegend, um seinen Griff zu erleichtern: Wer soll ich
denn sein? Und whrend er noch, heftig atmend, die Zhne in der Lippe,
in dies Antlitz starrte, das ihm gar zu hnlich dem andern schien, das
versank, hrte er sie, auf die Schlange deutend, flstern: Sieh doch,
sie saugt ja! Pltzlich fhlte er eine rieselnde Erleichterung durch
seine Glieder strmen; wonnig aufgelst stand er und blickte auf das
Tier herab, das von seiner Hand hing wie ein brauner Riemen, glaubte zu
sehn, wie die Wunden seiner Fe sich schlossen, seine Brust sich
schlo, und stammelte endlich, halb lachend, halb schluchzend, seine
Worte von vorhin: Erklre mir dieses, Kind!

Sie nahm seine Hand aus ihrem Haar, gab sie ihm zurck und sprach:

Zwei Schlangen, Gastfreund, eine giftige, eine gute. Hast du nie
gehrt, da alle Dinge verschwistert sind? Vielleicht war ich selbst
eine Schwester und habs nicht gewut. Ja, vielleicht bin ich eine
Schwester von der, die du -- sieh! unterbrach sie sich.

Die Schlange, auf die ihre Augen wiesen, war heruntergefallen, lag einen
Augenblick still, ringelte sich ein paar Schritte hinweg, rollte sich
zusammen und lag in der Sonne, blinzelnd. Die andre aber schlich herbei
und legte sich schn darber, so lang wie sie war.

Ich glaube, schlo Jason mit Bedacht, Orest konnte jetzt zu der
Gottheit hineingehn, um zu zeigen, da er rein war.

                   *       *       *       *       *

Lange Zeit saen sie schweigsam. Dann hrten sie, da der Maler aufstand
und gegen etwas im Dunkel stie. Und dann hrten wohl nur Magda und
Esther Jason sprechen, kaum vernehmbar leise:

Wenn wir jetzt Licht machen, und jemand, der vielleicht unten steht, so
ein Orest, sieht den sanften grnen Schein unseres Fensters hier oben,
der wei nichts von den drei Gesichtern und von den Leben und den
Schicksalen, die wir sind. Der denkt nur: Dort oben mu es schn sein
...

Seine Stimme erlosch, und als sie ihn gleich darauf wieder sprechen
hrten, schienen es ihnen Verse zu sein, doch vernahmen sie, ein jeder
in sich selber versunken, nicht mehr davon als eine ferne Musik ohne
Worte. Bald darauf stand Magda auf, ging zwischen Esther und Jason
hindurch zur Wand und drehte die Kurbel fr das Licht; als es
aufflammte, kniffen sie Alle geblendet die Augen zu, und Esther sagte,
die Handrcken gegen die Lider drckend: Aber Jason, nun sind es doch
vier Schwestern gewesen, davon drei bse und nur eine gut! Indem ging
Magda schon durch das Zimmer, ffnete die Tr, wandte sich noch einmal,
grte mde und gtig und verschwand. Auch Jason schien zu lcheln,
sagte aber nichts, und so trat denn Maler Bogner, der lter war als sie
Alle, auf das Mdchen zu, legte eine Hand auf ihren Kopf und sagte
freundlich:

Das Gute, Esther, ist doch immer in der Minderzahl.

Sprachs, nickte und ging hinaus. Esther folgte still, als letzter Jason,
der das Licht wieder lschte.

                   *       *       *       *       *

Die Verse aber, die er gesprochen hatte, lauteten folgendermaen:

   O Nacht! O Tiefe! Drunten auf den Stufen,
   Du weit es, schlft die Eumenide nun ...
   Noch ist die Gottheit leise anzurufen,
   So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.

   Die Sule klingt; die dunkle Wlbung schwindet;
   Gestirne wandern ber Wldern fort. --
   Blick hin: Er steht schon lngst im Dunkel dort,
   Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.

Renate, die Augen hebend vom letzten Wort, verwunderte sich, keine
Dunkelheit, sondern nur die Dmmerung um sich her zu finden, die vom
ohnehin trben Tage durch das verschleierte Glas bewirkt wurde. Whrend
ihre Lider sich zusammenzogen, sah sie immer grer den fernen gotischen
Bogen ragen, und nun war es ein Tor; es schien ausgefllt vom
unendlichen Grn einer Ebene, und winzig klein auf ihr erschien eine
schwarze Gestalt -- Josef --, die mit rasender Geschwindigkeit
daherfuhr, ohne jedoch grer zu werden, und Renate empfand, da die
Gestalt nicht mehr an die Zeit gebunden war, sondern auerhalb ihrer
dahinjagte wie ein Gestirn. Alsbald aber sprte sie, da sie an ihrem
eigenen Blick hing, da der an ihr zog, und sie zwang ihn zu Kraft und
Willen, zog mit ganzem Dasein, -- allein die Gestalt blieb so klein, wie
sie war, und auf einmal war da das Fenster.

War es wieder da? fragte Renate sich betubt. Aber so war es doch nie?
War doch immer nur -- Erscheinung? Wann htte ich je selber
hineingegriffen? -- Der Gedanke aber, Josef stehe unten und warte, da
sie ihn einlasse, berfiel sie mit solcher Gewalt, da sie sich kaum
halten konnte im Stuhl, geqult vom Reiz, das Fenster zu ffnen, was ja
nicht mglich war, da nur die kleinen Quadrate sich auftun lieen.

Warum denn nur, mein Gott, warum kann ich ihn nicht rufen?

Nein, fuhr sie auf, nein! Er soll nicht meinetwegen kommen! Wenn er denn
kein Herz hat fr den Vater, -- was knnte dann auch sein Kommen
auswirken? -- Und sich zur Ruhe zwingend, lenkte sie die Augen wieder
auf den Schlu der Legende, ber den sie schon, ganz im Gedanken an
Josef, nur hingeglitten war, und las noch einmal: >Das Gute ist doch
stets in der Minderzahl< und dann die Verszeilen:

   >Gestirne wandern ber Wldern fort. --
   Blick hin: Er steht schon lngst im Dunkel dort ...<

Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zur Tr herum, zitterte und
strauchelte im Stehn. Da war nichts. Ihr Herz jagte. Nach endlosem
Warten hrte sie Schritte im Treppenhaus, trat, unfhig lnger
auszuhalten, zur Tr und ffnete. Unten, wo die Treppe sich wendete,
erschien die weie Tolle des Hausmdchens, dann sie selber ganz im rosa
Waschkleid und weier Schrze, blieb Renate erkennend stehn, lchelte
und sagte: Frau Tregiorni ist gekommen. Und Herr Saint-Georges ist
schon lange da.

Ich komme, erwiderte Renate heiser und zog die Tr zu, nur um zu
verbergen, da sie nicht aufrecht bleiben konnte. Minuten spter hatte
sie sich wieder gewonnen und verlie den Raum.


     Hier enden des sechsten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
                                Monate.




                                 Inhalt



                             Viertes Buch

                          Erstes Kapitel: Mai
                  Heimweh                           7
                  Magda                            23
                  Bei Saint-Georges                30
                  Balto-Borussia                   44
                  Kaddisch                         64

                         Zweites Kapitel: Juni
                  Begegnung                        77
                  Erasmus                          89
                  Mensur                           96
                  Esther                          105

                         Drittes Kapitel: Juli
                  Die Friedliebende Gesellschaft  112
                  Schatten                        129
                  Drei Gesprche: Das erste       147
                  Drei Gesprche: Das zweite      158
                  Drei Gesprche: Das dritte      176

                        Viertes Kapitel: August
                  Hora                            192

                      Fnftes Kapitel: September
                  Vergangenheit                   205

                       Sechstes Kapitel: Oktober
                  Abschied                        222
                  Sonnenblume                     244

                      Siebentes Kapitel: November
                  Renate an Saint-Georges         255
                  Erschpfung                     282

                       Achtes Kapitel: Dezember
                  Renate an Magda                 288
                  Heiliger Abend                  292

                        Neuntes Kapitel: Januar
                  Georg an Benno                  305

                             Fnftes Buch

                        Erstes Kapitel: Februar
                  Ulrika                          313

                         Zweites Kapitel: Mrz
                  Leda                            331
                  Renate                          347

                        Drittes Kapitel: April
                  Tandem                          361
                  Cora                            374
                  berraschungen                  383

                         Viertes Kapitel: Mai
                  Haus Herzbruch                  397

                         Fnftes Kapitel: Juni
                  Emmaus                          414
                  Rubinglas                       440

                        Sechstes Kapitel: Juli
                  Requiem                         462
                  Sommer                          476

                       Siebentes Kapitel: August
                  Frhe                           492

                       Achtes Kapitel: September
                  Regen                           506
                  Wiederkunft                     528

                       Neuntes Kapitel: Oktober
                  Cordelia                        563

                             Sechstes Buch

                       Erstes Kapitel: November
                  Berlin                          597

                       Zweites Kapitel: Dezember
                  Sylvester                       614

                        Drittes Kapitel: Januar
                  Neujahr                         627

                       Viertes Kapitel: Februar
                  Wirrnis                         639

                         Fnftes Kapitel: Mrz
                  Wiedersehn                      675
                  Neuigkeiten                     688
                  Flut und Ebbe                   698

                        Sechstes Kapitel: April
                  Zinna                           741

                        Siebentes Kapitel: Mai
                  Klemens                         749
                  Schrecken                       782

                         Achtes Kapitel: Juni
                  Krank                           787

                         Neuntes Kapitel: Juli
                  Legende                         820


                         Druck der Spamerschen
                        Buchdruckerei in Leipzig


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 171]:
   ... Es mu etwas anders sein. Sie nehmen die Dinge ...
   ... Es mu etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ...

   [S. 253]:
   ... langsam in dasselbe verwandeln. So glaubten Heilige, ...
   ... langsam in dasselbe verwandeln.< So glaubten Heilige, ...

   [S. 305]:
   ... im Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg ...
   ... am Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg ...

   [S. 491]:
   ... Lange blinkte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann ...
   ... Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann ...






End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 2, by Albrecht Schaeffer

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Foundation as set forth in Section 3 below.

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     http://www.gutenberg.org

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